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Die Erziehung der Gefühle
Geschichte eines jungen Mannes
Gustave Flaubert
Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Impressum
Erster Teil
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Zweiter Teil
1.
2.
3.
4.
5.
6.
Dritter Teil
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
1.
Von »der Ville de Montereau«, die am 15. September 1840 gegen sechs Uhr morgens zur Abfahrt bereit vor dem Quai-Bernard lag, wirbelte dichter Dampf auf.
Atemlos eilten Leute herbei; Fässer, Taue, Wäschekörbe hinderten den Verkehr. Die Matrosen gaben niemand eine Antwort. Man stieß sich; die Gepäckstücke häuften sich zwischen den beiden Luken, und der Lärm verlor sich in dem Zischen des entweichenden Dampfes, der alles in eine weißliche Wolke hüllte, während die Glocke vorn am Bug unablässig läutete.
Endlich stieß das Schiff ab, und die beiden Ufer, durch Lagerhäuser, Werften und Hüttenwerke belebt, glitten vorüber wie zwei breite Bänder, die man aufrollt.
Ein junger Mann von achtzehn Jahren mit langem Haar und einen Album unter dem Arm stand unbeweglich am Steuerrad. Durch den Nebel blickte er auf Kirchtürme und Gebäude, deren Namen er nicht kannte; dann warf er einen letzten Blick auf die Insel Saint-Louis, die Stadt, Notre-Dame, und stieß einen tiefen Seufzer aus, als Paris bald darauf verschwand.
Frédéric Moreau kehrte, nachdem er kürzlich das Baccalaureat erhalten hatte, nach Nogent-sur-Seine zurück, wo er zwei Monate schmachten sollte, ehe er seine Rechtsstudien in Angriff nahm. Seine Mutter hatte ihn, mit den notwendigen Mitteln versehen, zum Besuch eines Oheims nach Havre geschickt, auf dessen Erbschaft sie für ihn hoffte. Er war am vorhergehenden Abend von dort zurückgekehrt; und da er nicht in der Hauptstadt bleiben konnte, entschädigte er sich, indem er auf einem Umwege heimkehrte.
Der Tumult legte sich; alle hatten ihre Plätze eingenommen; einige wärmten sich an der Maschine, und der Schornstein spie mit langsam rhythmischem Stöhnen den schwarzen Rauch aus wie einen Federbusch. Über die Messingbeschläge rannen kleine Tautröpfchen; das Deck erzitterte unter einer leisen inneren Erschütterung, und in rapider Drehung schlugen die beiden Räder das Wasser.
Der Fluß war von flachen, sandigen Ufern begrenzt. Man begegnete Holzflößen, die durch die Wellen des Kielwassers ins Schwanken gerieten, oder einem Boot ohne Segel, in dem ein Mann saß und fischte. Dann zerteilte sich der weichende Nebel, die Sonne kam hervor; die Hügelkette, die sich am rechten Ufer der Seine hinzog, senkte sich allmählich, und eine andere tauchte ganz nah am gegenüberliegenden Ufer auf.
Bäume krönten sie zwischen niedrigen Häusern mit italienischen Dächern. Davor waren abschüssige Gärten, durch neue Mauern voneinander getrennt, mit Eisengittern, Rasenplätzen, Treibhäusern und in regelmäßigen Abständen Geraniumvasen auf Terrassen, wo man sich ausruhen konnte. Beim Anblick dieser koketten, friedlichen Besitzungen ersehnte mehr als einer, ihr Eigentümer zu sein und dort mit einem guten Billard, einem Boot, einer Frau oder sonst einem Traum bis ans Ende seiner Tage zu leben. Das völlig neue Vergnügen einer Wasserfahrt brachte die Leute einander näher. Die Spaßmacher begannen schon mit ihren Possen. Viele sangen; alle waren heiter. Man trank sich gegenseitig zu.
Frédéric dachte an das Zimmer, das er zu Haus bewohnen würde, an den Entwurf eines Dramas, an Sujets für Gemälde, an künftige Liebhabereien. Er fand, daß ein durch die Vortrefflichkeit seines Herzens wohl verdientes Glück allzu lange auf sich warten ließ. Er sprach Verse vor sich hin; er ging mit schnellen Schritten über das Deck, kam bis ans Ende neben die Glocke; – und in einem Kreise von Matrosen und Passagieren sah er einen Herrn, der mit einer Bäuerin schön tat, wobei er das goldene Kreuz auf ihrer Brust berührte. Es war ein lebensfroher Mensch von etwa vierzig Jahren mit krausem Haar. Seine kräftige Gestalt steckte in einer schwarzen Samtjacke, in seinem Batisthemd leuchteten zwei Smaragde, und die langen weißen Beinkleider fielen auf sonderbare rote Stiefel aus Juchtenleder mit blauen Mustern herab.
Die Anwesenheit Frédérics störte ihn nicht. Er zwinkerte ihm mehrmals zu; dann bot er allen Umstehenden Zigarren an. Allein offenbar langweilte ihn diese Gesellschaft und er entfernte sich. Frédéric folgte ihm.
Die Unterhaltung drehte sich anfangs um einige Tabaksorten, dann natürlich um die Frauen. Der Herr in den roten Stiefeln gab dem jungen Mann gute Ratschläge; er entwickelte Theorien, erzählte Anekdoten, stellte sich selbst als Beispiel auf und trug das alles in einem väterlichen Tone, mit der Naivität einer ergötzlichen Verderbtheit vor.
Er war Republikaner, war viel gereist, kannte die Theater, die Restaurants, die Journale, alle berühmten Künstler, die er vertraulich bei ihren Vornamen nannte; Frédéric vertraute ihm bald seine Pläne an und wurde von ihm ermutigt. Allein bald hielt er inne, beobachtete den Schornstein, stellte murmelnd eine lange Berechnung auf, »wieviel jeder Kolbenstoß bei so und so vielen in der Minute kostete und so weiter.« – Und als er die Summe gefunden hatte, bewunderte er eifrig die Landschaft, schätzte sich glücklich, den Geschäften entronnen zu sein.
Frédéric empfand einen gewissen Respekt vor ihm und konnte dem Wunsch nicht widerstehen, seinen Namen zu erfahren. Der Unbekannte erwiderte in einem Atemzuge:
»Jacques Arnoux, Inhaber der Kunsthandlung Boulevard Montmartre.«
Ein Diener mit goldbetreßter Mütze kam, ihn zu fragen:
»Ob der Herr herunterkommen möchte, das kleine Fräulein weine.«
Er verschwand.
Die Kunsthandlung war ein Etablissement, das die Ausgabe einer Kunstzeitschrift mit dem Verkauf von Gemälden verband. Frédéric hatte den Titel öfter in Buchhändlerauslagen seiner Heimat auf ungeheuren Prospekten gesehen, wo der Name Jacques Arnoux sich protzig breit machte.
Die Sonne warf jetzt senkrechte Strahlen, unter denen das Eisen an den Masten, die Platten der Schiffsverschanzung und die Oberfläche des Wassers hell aufleuchteten; am Bug des Schiffes teilte es sich in zwei tiefe Furchen, die sich bis zum Rande der Wiesen hinzogen. Bei jeder Biegung des Flusses erblickte man immer wieder dieselbe Wand bleicher Pappeln. Die Gegend war völlig öde. Am Himmel standen kleine weiße Wolken, – und die Langeweile, die sich verbreitete, schien die Fahrt des Schiffes zu verlangsamen und das Aussehen der Reisenden noch unbedeutender zu machen.
Außer einigen Bürgersleuten waren es meist Arbeiter und kleine Kaufleute mit ihren Frauen und Kindern. Da man sich damals auf Reisen schlecht zu kleiden pflegte, trugen fast alle alte Freiheitsmützen oder verschossene Hüte, schäbige, schwarze, im Bureau abgenutzte Anzüge oder längst ausgediente Überröcke mit durchgescheuerten Knöpfen; hier und da sah man unter einer Tuchweste ein baumwollenes Hemd mit Kaffeeflecken. Unechte Goldnadeln steckten in zerfetzten Kravatten, das Schuhzeug wurde nur noch von den Hosenstegen zusammengehalten; zwei oder drei Strolche, die Bambusstöcke mit Lederschlingen trugen, warfen verdächtige Blicke umher, und Familienväter rissen die Augen auf, wenn sie Fragen stellten. Sie plauderten oder hockten auf ihrem Gepäck, einige schliefen in den Ecken, mehrere im Stehen. Das Deck war schmutzig von Birnen- und Nußschalen, Zigarrenstummeln, Überresten der in Papier mitgebrachten Fleischwaren; drei Kunsttischler in Blusen hatten sich vor der Kantine niedergelassen, ein zerlumpter Harfenspieler ruhte, auf sein Instrument gestützt. In Zwischenräumen vernahm man das Geratter der Steinkohlen in der Maschine, Lärm von Stimmen, ein Lachen; – und der Kapitän wanderte auf der Brücke unaufhörlich von einer Luke zur andern. Frédéric stieß das Gitter zur ersten Klasse auf, um an seinen Platz zu gelangen und belästigte dabei zwei Jäger mit ihren Hunden.
Es war wie eine Erscheinung:
Sie saß mitten auf einer Bank, ganz allein; oder wenigstens konnte er, von dem Anblick geblendet, niemand weiter unterscheiden. In dem Augenblick, als er vorüberging, hob sie den Kopf; unwillkürlich verbeugte er sich; und nachdem er sich in einiger Entfernung an derselben Seite niedergelassen hatte, betrachtete er sie.
Sie trug einen großen Strohhut mit rosa Bändern, die hinter ihr im Winde flatterten. Schwarze Scheitel, die ihr Gesicht bis zu den Spitzen der langen Brauen einrahmten und sehr tief herabfielen, schienen sich zärtlich dem Oval ihres Antlitzes anzuschmiegen. Ihr helles, mit kleinen Tupfen gemustertes Musselinkleid bauschte sich in zahlreichen Falten. Sie war mit einer Stickerei beschäftigt, und ihre gerade Nase, ihr Kinn, ihre ganze Gestalt zeichnete sich scharf von der blauen Luft ab.
Da sie in derselben Stellung verharrte, ging er mehrmals links und rechts vorüber, um seine Absichten zu verbergen, stellte sich darauf dicht neben ihren Sonnenschirm, der an der Bank lehnte, und gab sich den Anschein, als beobachtete er eine Schaluppe auf dem Fluß.
Noch niemals hatte er eine so herrlich braune Hautfarbe gesehen, eine so verführerische Gestalt wie die ihre, noch nie eine solche Zartheit der Finger, durch die das Licht hindurchschimmerte. Mit Staunen, wie etwas Wunderbares, betrachtete er ihren Arbeitskorb. Wie war ihr Name, ihr Wohnort, ihr Leben, ihre Vergangenheit? Er hatte das Verlangen, die Möbel ihres Zimmers zu kennen, alle Kleider, die sie getragen, die Leute, mit denen sie umging; und selbst der Wunsch nach ihrem körperlichen Besitz wich einem viel tieferen Begehren, einer schmerzlichen Neugier, die keine Grenzen kannte.
Eine Negerin in einem seidenen Kopftuch erschien mit einem kleinen Mädchen an der Hand. Das Kind, aus dessen Augen Tränen rollten, war eben erwacht. Sie nahm es auf den Schoß. »Ein Fräulein von bald sieben Jahren und gar nicht artig; Mutter kann es nicht mehr lieb haben, die Launen werden ihm zu oft verziehen.« Und Frédéric bereitete das Anhören dieser Dinge eine Freude, als hätte er eine Entdeckung gemacht, ein Geschenk erhalten.
Er vermutete, daß sie von andalusischer Abkunft, vielleicht Kreolin war; ob sie diese Negerin von den Inseln mitgebracht hatte?
Ein langer Schal mit violetten Streifen lag hinter ihrem Rücken auf der Kupferplanke. Sie mochte sich wohl oftmals auf hoher See, an feuchten Abenden darin eingehüllt, die Füße damit bedeckt, darunter geschlafen haben! Aber von den Fransen heruntergezogen, glitt er allmählich herab, drohte ins Wasser zu fallen. Mit einem Satz fing Frédéric ihn auf.
»Ich danke Ihnen, mein Herr,« sagte sie.
Ihre Blicke begegneten sich.
»Frau, bist du fertig?« rief Arnoux, der unter dem Dach der Treppe erschien.
Die kleine Marthe lief ihm entgegen, umklammerte seinen Hals und zerzauste ihn am Bart. Die Töne einer Harfe erklangen, sie wollte die Musikanten sehen, und bald betrat der Spieler, von der Negerin geführt, das Deck der ersten Klasse. Arnoux erkannte ein altes Modell in ihm; er duzte ihn zur Verwunderung der Umstehenden. Endlich warf der Harfenspieler sein langes Haar über die Schulter zurück, breitete die Arme aus und begann zu spielen.
Es war eine orientalische Romanze, in der von Dolchen, Blumen und Sternen die Rede war. Der Mann in Lumpen sang sie mit schriller Stimme; die Stöße der Maschine unterbrachen die Melodie in falschem Takt, er spielte lauter: die Saiten schwirrten, und ihre metallischen Töne klangen wie ein Schluchzen, wie eine Klage stolzer, besiegter Liebe. Von den beiden Flußufern neigten sich die Wälder bis zum Rande des Wassers; ein frischer Luftzug strich vorüber; Madame Arnoux blickte ungewiß ins Weite. Als die Musik verstummte, hob sie zögernd die Lider, als erwache sie aus einem Traum. Demütig näherte sich der Harfenspieler. Während Arnoux Geld heraussuchte, streckte Frédéric die geschlossene Hand aus, öffnete sie verschämt und legte einen Louisd’or in die Mütze. Nicht Eitelkeit trieb ihn dazu, vor ihr dieses Almosen zu geben, sondern das Verlangen, Wohltaten zu spenden, mit einer fast religiösen Herzensregung verbunden.
Arnoux forderte ihn freundlich auf, mit hinunterzugehen, indem er ihm den Weg zeigte. Frédéric versicherte, er komme eben vom Frühstück, dabei verging er vor Hunger; und er hatte keinen Pfennig mehr in der Börse.
Dann sagte er sich, daß er wie jedermann das Recht hatte, sich im Salon aufzuhalten.
Es wurde an runden Tischen gespeist, ein Kellner ging hin und her; Monsieur und Madame Arnoux saßen rechts im Hintergrund; er setzte sich auf die lange Samtpolsterbank, nachdem er eine Zeitung aufgenommen hatte, die dort lag.
Sie wollten in Montereau die Post nach Châlons nehmen. Ihre Reise in die Schweiz sollte einen Monat währen. Madame Arnoux machte ihrem Gatten Vorwürfe über seine Schwäche gegen das Kind. Er flüsterte ihr etwas ins Ohr, eine Liebenswürdigkeit offenbar, denn sie lächelte. Darauf bemühte er sich, den Fenstervorhang hinter ihr zu schließen.
Die niedrige, ganz weiße Decke warf das Licht grell zurück. Frédéric konnte von gegenüber den Schatten ihrer Wimpern unterscheiden. Sie nippte an ihrem Glase und zerkrümelte Brotkruste zwischen den Fingern; zuweilen schlug das Medaillon von Lapislazuli, das mit einer Goldkette an ihrem Handgelenk befestigt war, gegen ihren Teller. Die anderen alle schienen sie gar nicht zu bemerken.
Zuweilen sah man durch die Fensterluken eine Barke vorübergleiten, die das Schiff anlief, um Reisende aufzunehmen oder abzusetzen. Die Leute an den Tischen neigten sich aus den Öffnungen und nannten die Namen der Ortschaften am Fluß.
Arnoux beklagte sich über die Küche; er beschwerte sich laut über die Rechnung und ließ sie kürzen. Dann führte er den jungen Mann vorn auf das Schiff, um dort Grog zu trinken. Aber Frédéric kehrte bald unter das Zelt zurück, wo Madame Arnoux sich niedergelassen hatte. Sie las in einem winzigen Bändchen in grauem Einband. Ihre beiden Mundwinkel zogen sich mitunter empor, und ein Strahl von Heiterkeit erhellte ihre Stirn. Er war eifersüchtig auf denjenigen, der die Dinge erdacht hatte, mit denen sie beschäftigt schien. Je länger er sie betrachtete, desto mehr empfand er, wie die Kluft zwischen ihm und ihr sich vertiefte. Er dachte daran, daß er sie bald verlassen mußte, unwiderruflich, ohne ihr ein Wort entlockt zu haben, selbst ohne ihr eine Erinnerung zu lassen!
Zur Rechten dehnte sich eine Ebene, links stiegen Weideplätze die Hügel hinan, auf denen man Weingelände, Nußbäume, eine Mühle im Grünen bemerkte, und von dort aus kleine Pfade, die im Zickzack über den weißen Felsen führten, der zum Himmelsrand emporragte. Welch ein Glück mußte es sein, Seite an Seite mit ihr, den Arm um sie geschlungen, dort hinaufzusteigen und, während ihr Kleid über die vergilbten Blätter fegte, unter dem Leuchten ihrer Augen ihrer Stimme zu lauschen! Das Boot konnte anhalten, sie brauchten nur auszusteigen; und dennoch war diese einfache Sache nicht leichter, als die Sonne zu bewegen!
Etwas weiterhin entdeckte man ein Schloß mit spitzem Dach und eckigen Türmen. Ein Blumengarten dehnte sich vor der Fassade; und unter den hohen Linden vertieften die Alleen sich wie dunkle Gewölbe. Er dachte sie sich an der Weißbuchenhecke vorübergehend. In diesem Augenblick sah man eine junge Dame und einen jungen Mann auf dem Altan zwischen den Orangekübeln. Dann verschwand alles.
Das kleine Mädchen spielte neben ihm. Frédéric wollte es küssen. Es verbarg sich hinter seiner Wärterin; und die Mutter schalt, daß es unfreundlich gegen den Herrn sei, der ihren Schal gerettet habe. War das eine indirekte Einleitung?
»Wird sie mich endlich ansprechen?« fragte er sich.
Die Zeit drängte. Wie war eine Einladung zu Arnoux zu erlangen? Ihm fiel nichts Besseres ein, als ihn auf die Farbe des Herbstes aufmerksam zu machen und hinzuzufügen:
»Bald kommt der Winter, die Zeit der Bälle und Diners!«
Arnoux jedoch war vollauf mit seinem Gepäck beschäftigt. Die Küste von Surville wurde sichtbar, die beiden Brücken näherten sich, sie kamen an einer Seilerei vorüber, darauf an einer Reihe niedriger Häuser; weiter unten sah man Teerkessel, Holzspähne und Gassenbuben, die im Sande Rad schlugen. Frédéric erkannte einen Mann in einem Wams und rief ihm zu:
»Beeile dich!«
Sie landeten. Mit Mühe fand er Arnoux in der Menge der Passagiere, und dieser erwiderte, ihm die Hand schüttelnd:
»Viel Vergnügen, mein Lieber!«
Auf dem Quai angelangt, drehte Frédéric sich um. Sie stand dicht am Steuerrad. Er sandte ihr einen Blick, in den er seine ganze Seele zu legen versuchte; sie blieb unbeweglich, als wäre nichts geschehen. Dann rief er, ohne den Gruß seines Dieners zu beachten:
»Warum hast du den Wagen nicht bis hierher gebracht?«
Der Mann entschuldigte sich.
»Welche Ungeschicklichkeit! Gib mir etwas Geld!«
Und er ging in ein Gasthaus, um zu essen. Eine Viertelstunde darauf verspürte er Lust, wie zufällig in den Posthof einzutreten. Ob er sie noch sehen würde?
»Doch wozu?« sagte er sich.
Und der Wagen fuhr mit ihm davon. Die beiden Pferde gehörten nicht seiner Mutter. Sie hatte sie von Monsieur Chambrion, dem Steuereinnehmer, geliehen, um sie dem eignen Wagen vorzuspannen. Isidore, der Tags zuvor aufgebrochen war, hatte bis zum Abend in Bray gerastet und in Montereau übernachtet, so daß die erfrischten Tiere flink dahintrabten.
Abgemähte Felder zogen sich endlos hin. Zwei Reihen Bäume säumten den Weg ein, wo Kieselsteinhaufen sich aneinander reihten; und nach und nach kam er an Villeneuve-Saint-Georges, Ablon, Châtillon, Corbeil und den übrigen Ortschaften vorüber. Seine ganze Reise kam ihm so deutlich wieder in Erinnerung, daß er jetzt ganz neue Details und intimere Einzelheiten entdeckte. Unter dem letzten Volant ihres Kleides lugte ihr Fuß in winzigen, kastanienbraunen Seidenstiefelchen hervor; das Segeltuchzelt bildete einen Baldachin über ihrem Kopf, und die kleinen roten Quasten der Bordüre zitterten unaufhörlich im Winde.
Sie glich den Frauen aus romantischen Büchern. Er hätte ihrer Person nichts zufügen, nichts von ihr fortlassen mögen. Das Weltall hatte sich plötzlich erweitert. Sie war der Glanzpunkt, in dem alle Dinge zusammenflossen; – und von dem Schwanken des Wagens eingewiegt, die Lider halb geschlossen, den Blick in den Wolken, überließ er sich einer träumerischen, schrankenlosen Freude.
In Bray wartete er nicht, bis die Pferde Hafer bekommen hatten, er ging voraus, die Landstraße hinauf, ganz allein. Arnoux hatte sie »Marie!« genannt. Er rief ganz laut »Marie!« Seine Stimme verhallte in der Luft.
Tiefe Purpurfarbe flammte am westlichen Himmel auf. Hohe Kornschober, die sich mitten in den Stoppelfeldern erhoben, warfen riesenhafte Schatten. Fernab in einem Hof fing ein Hund an zu bellen. Von einer grundlosen Unruhe erfaßt, erschauerte er.
Als Isidore ihn eingeholt hatte, setzte er sich auf den Bock, um zu kutschieren. Seine Schwäche war vorüber. Er war fest entschlossen, sich auf irgendeine Art bei Arnoux einzuführen, in Verkehr mit ihnen zu kommen. Sie führten wohl ein angenehmes Haus, ihm gefiel Arnoux; und dann, wer konnte wissen? Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht: seine Schläfen hämmerten, er ließ die Peitsche knallen, riß an den Zügeln und trieb die Pferde zu einer solchen Gangart an, daß der alte Kutscher wiederholt ausrief:
»Langsam! aber langsam! Sie kommen außer Atem!«
Allmählich beruhigte sich Frédéric und hörte dem Plaudern des Dieners zu.
Man erwartete den jungen Herrn mit großer Ungeduld. Mademoiselle Louise hatte geweint, weil sie nicht mitfahren durfte.
»Wer ist Mademoiselle Louise?«
»Die Kleine von Monsieur Roque, Sie wissen doch?«
»Ah! Ich vergaß!« erwiderte Frédéric nachlässig.
Allein die Pferde konnten nicht weiter. Sie hinkten alle beide, und es schlug neun Uhr von Saint-Laurent, als sie auf der Place d’Armes vor dem Hause seiner Mutter anlangten.
Dieses geräumige Haus mit dem nach der Landseite gelegenen Garten erhöhte noch das Ansehen von Madame Moreau, die die geachtetste Persönlichkeit in der Gegend war.
Sie entstammte einer alten, jetzt erloschenen Adelsfamilie. Ihr Mann, ein Bürgerlicher, mit dem ihre Eltern sie verheiratet hatten, war infolge eines Degenstoßes während ihrer Schwangerschaft gestorben und hatte sie in unsicheren Vermögensverhältnissen zurückgelassen. Dreimal wöchentlich empfing sie Gäste und gab von Zeit zu Zeit ein gutes Diner. Doch die Zahl der Kerzen wurde vorher berechnet, und sie erwartete mit Ungeduld ihren Pachtzins. Diese Geldverlegenheiten, die sie wie ein Laster verheimlichte, machten sie ernst. Indessen übte sie Wohltätigkeit ohne jede Bitterkeit. Ihre geringsten Almosen waren wie große Spenden. Man zog sie bei der Wahl der Dienstboten zu Rate, bei der Erziehung der jungen Mädchen der Kunst des Einmachens, und Hochwürden stieg auf seinen bischöflichen Reisen bei ihr ab.
Madame Moreau hegte großen Ehrgeiz für ihren Sohn. In einer Art voraussehender Klugheit liebte sie es nicht, die Regierung tadeln zu hören. Anfangs würde er Protektion brauchen; dann aber dank seiner Fähigkeiten Staatsrat, Botschafter, Minister werden. Seine Erfolge auf dem Gymnasium rechtfertigten diesen Stolz; er hatte den Ehrenpreis davongetragen.
Als er in den Salon trat, erhoben sich alle sehr geräuschvoll; sie umarmten ihn, und dann bildete sich mit Sesseln und Stühlen ein großer Kreis um den Kamin. Monsieur Gamblin fragte ihn sofort um seine Meinung über Madame Lafarge. Dieser Prozeß, die Sensation der damaligen Zeit, verfehlte nicht, eine heftige Diskussion herbeizuführen. Madame Moreau unterbrach sie jedoch zum Bedauern von Monsieur Gamblin; er hielt sie für den jungen Mann in seiner Eigenschaft als zukünftigen Juristen sehr nützlich und verließ gekränkt den Salon.
Von einem Freunde des Vater Roque konnte nichts überraschen! Von diesem übrigens kam die Rede auf Monsieur Dambreuse, der soeben die Domaine de la Fortelle erworben hatte. Aber der Steuereinnehmer hatte Frédéric beiseite gezogen, um zu hören, was er von Monsieur Guizets letztem Werk halte. Alle wünschten Einblick in seine Angelegenheiten; Madame Benoit wandte sich direkt an ihn und erkundigte sich nach seinem Oheim. Wie ging es diesem guten Verwandten? Er ließ nichts mehr von sich hören. Hatte er nicht einen jungen Neffen in Amerika?
Die Köchin meldete, daß das Essen für den jungen Herrn aufgetragen sei. Rücksichtsvoll entfernten sich alle. Als sie allein waren, fragte die Mutter mit leiser Stimme:
»Nun?«
Der alte Mann hatte ihn sehr herzlich empfangen, aber ohne ihm seine Absichten zu offenbaren.
Madame Moreau seufzte.
»Wo mag sie jetzt sein?« träumte er.
Der Postwagen rollte weiter, und in ihren Schal gehüllt, lehnte sie wohl schlummernd ihren schönen Kopf gegen das Wagenpolster.
Als sie in ihr Zimmer hinaufgingen, brachte ein Bursche aus dem Cygne de la Croix ein Billet.
»Von wem ist das?«
»Deslauriers wünscht mich zu sprechen,« sagte er.
»Ah, dein Kamerad!« sagte Madame Moreau mit verächtlichem Lächeln. »Die Stunde ist gut gewählt, wahrlich!«
Frédéric zögerte. Aber die Freundschaft war stärker. Er nahm seinen Hut.
»Bleibe wenigstens nicht lange!« sagte die Mutter.
2.
Charles Deslauriers’ Vater, ein alter, 1818 abgedankter Hauptmann der Linie, war nach Nogent zurückgekommen, um sich zu verheiraten, und hatte die Mitgift dazu, benutzt, das Amt eines Gerichtsvollziehers zu erwerben das kaum für seinen Lebensunterhalt genügte. Verbittert durch lange Ungerechtigkeiten, an seinen alten Wunden leidend und in Trauer um den Kaiser, ließ er seinen Zorn, an dem er zu ersticken drohte, an seiner Umgebung aus. Wenige Kinder wurden mehr geprügelt als sein Sohn. Der Junge fügte sich nicht, trotz der Schläge. Seine Mutter wurde, wenn sie versuchte, sich einzumischen, angefahren wie er. Schließlich steckte er ihn in seine Schreibstube und ließ ihn den lieben langen Tag, über das Pult gebeugt, Akten abschreiben, wodurch seine rechte Schulter sichtlich stärker hervortrat als die linke.
Im Jahre 1833 gab der Hauptmann, der Aufforderung des Präsidenten folgend, sein Amt auf. Seine Frau war am Krebs gestorben. Er siedelte nach Dijon über. Dann ließ er sich als Seelenverkäufer in Troyes nieder, und nachdem er für Charles eine halbe Freistelle erhalten hatte, brachte er ihn auf das Gymnasium zu Sens, wo Frédéric ihn kennen lernte. Aber der eine war zwölf Jahre alt, der andere fünfzehn; über dies trennten sie tausend Verschiedenheiten des Charakters und der Herkunft.
Frédéric besaß in seiner Kommode allerlei Schätze, zum Beispiel ein Toiletten-Necessaire. Er liebte es, morgens lange zu schlafen, die Schwalben zu beobachten, Theaterstücke zu lesen, und ohne die Annehmlichkeiten des Elternhauses fand er das Schulleben hart.
Der Sohn des Beamten fand es schön. Er lernte so gut, daß er bereits am Ende des zweiten Jahres in die dritte Klasse kam. Doch seiner Armut oder seiner Streitsucht wegen waren alle feindlich gegen ihn gesinnt. Als ihn aber ein Diener einmal auf offenem Schulhof einen Betteljungen nannte, sprang er ihm an die Kehle und hätte ihn getötet, wenn nicht drei Lehrer dazugekommen wären. Von Bewunderung hingerissen, schloß Frédéric ihn in die Arme. Von diesem Tage an war die Vertrautheit vollkommen. Die Zuneigung eines Großen schmeichelte dem Kleinen offenbar, und der andere nahm die ihm dargebotene Freundschaft wie ein Glück an.
Sein Vater ließ ihn während der Ferien in der Schule. Eine zufällig offen daliegende Übersetzung des Plato begeisterte ihn. Er vertiefte sich in metaphysische Studien und machte schnelle Fortschritte, denn er widmete sich ihnen mit dem Enthusiasmus der Jugend und einem Verständnis, das ihn stolz machte; Jouffroy, Cousin, Laromiguiére, Malebranche, die Schotten, alles, was die Bibliothek enthielt, kam heran. Er hatte den Schlüssel stehlen müssen, um sich die Bücher zu verschaffen.
Frédérics Zerstreuungen waren nicht so ernster Art. Er zeichnete die Stammtafel Christi, die an einem Pfosten in der Rue Trois-Rois in Holz geschnitzt war, und darauf das Portal der Kathedrale. Von den Dramen des Mittelalters ging er zu den Memoiren über: Froissart, Comines, Pierre d’Estoile, Brantôme.
Die Bilder, die sich seinem Geist durch diese Lektüre aufdrängten beschäftigten ihn so stark, daß er das Bedürfnis empfand, sie wiederzugeben. Er strebte danach einst der Walter Scott Frankreichs zu werden. Deslauriers ersann ein umfassendes System der Philosophie, das die ausgedehnteste Anwendung finden sollte.
Sie plauderten von alledem während der Pausen auf dem Hof, angesichts der gemalten moralischen Inschrift unter der Uhr, flüsterten davon in der Kapelle des heiligen Ludwig mit dem Bart, und träumten davon im Schlafraum. Auf den Spaziergängen richteten sie es so ein, daß sie hinter den andern gingen und redeten ohne Ende.
Sie sprachen von dem, was sie später tun wollten wenn sie das Gymnasium verlassen haben würden. Für das erste nahmen sie sich vor, mit dem Gelde, das Frédéric bei seiner Großjährigkeit von seinem Vermögen erhalten sollte, eine große Reise zu machen, darauf nach Paris zurückzukehren, zusammen zu arbeiten und sich niemals zu trennen; – und zur Erholung von ihrer Arbeit würden sie Liebschaften mit Prinzessinnen in seidenen Boudoirs haben oder glänzende Orgien mit berühmten Kurtisanen feiern. Dem Ungestüm ihrer Hoffnungen folgten Zweifel. Nach Krisen wortreicher Fröhlichkeit verfielen sie in tiefes Schweigen.
An Sommerabenden, nachdem sie lange auf steinigen Wegen am Rande von Weingärten oder auf der Landstraße mitten durchs freie Feld gegangen waren, wenn das Korn in der Sonne wogte, während himmlische Düfte die Luft durchzogen, überfiel sie eine Art Beklemmung, und sie streckten sich trunken, wie betäubt, auf dem Rücken aus. Die anderen turnten in Hemdärmeln am Barren oder ließen Drachen steigen. Der beaufsichtigende Lehrer rief sie heran und sie kehrten zurück, an Gärten vorüber, durch die kleine Bäche rieselten, dann die von alten Gemäuern beschatteten Boulevards entlang; in den öden Straßen hallten ihre Schritte wider; das Gitter öffnete sich, sie stiegen die Treppe hinauf und waren niedergedrückt, wie nach großen Ausschweifungen.
Der Inspektor behauptete, daß sie sich gegenseitig exaltierten. Doch wenn Frédéric in den oberen Klassen arbeitete, so geschah es infolge der Ermahnungen seines Freundes; und in den Ferien 1837 nahm er ihn zu seiner Mutter mit.
Der junge Mann mißfiel Madame Moreau. Er aß außergewöhnlich viel, weigerte sich, Sonntags dem Gottesdienst beizuwohnen, und hielt republikanische Reden; endlich glaubte sie zu wissen, daß er ihren Sohn in verrufene Häuser führte. Ihr Verkehr wurde bewacht. Sie liebten sich infolgedessen umso mehr, und es war ein schmerzlicher Abschied, als Deslauriers im folgenden Jahr das Gymnasium verließ, um in Paris die Rechte zu studieren.
Frédéric rechnete darauf, sich dort wieder mit ihm zu vereinigen. Sie hatten sich seit zwei Jahren nicht gesehen, und nach langer Umarmung gingen sie auf die Brücken, um ungezwungener plaudern zu können.
Der Hauptmann, jetzt Inhaber eines Cafés in Villenauxe, war wütend geworden, als sein Sohn die Vormundschaftsabrechnung verlangte, und hatte ihm einfach jede Unterstützung verweigert. Aber da er sich später um eine Professur an der Hochschule bewerben wollte und kein Geld hatte, nahm Deslauriers die Stelle eines Gehilfen bei einem Anwalt in Troyes an. Durch Einschränkungen wollte er viertausend Francs sparen, und wenn er das mütterliche Erbteil nicht anrührte, würde er immer etwas haben, um drei Jahre frei arbeiten zu können, während er auf eine Anstellung wartete. Sie mußten also ihren alten Plan, in der Hauptstadt zusammen zu leben, für jetzt wenigstens, aufgeben.
Frédéric senkte den Kopf; das war der erste seiner Träume, der zusammenstürzte.
»Tröste dich,« sagte der Sohn des Hauptmanns, »das Leben ist lang, und wir sind jung. Ich komme dir nach! Denke nicht mehr daran.«
Sie schüttelten sich die Hände, und um ihn abzulenken, fragte er ihn nach seiner Reise.
Frédéric hatte nicht viel zu erzählen. Aber bei der Erinnerung an Madame Arnoux schwand sein Kummer. Durch Scheu zurückgehalten, sprach er nicht von ihr. Dagegen breitete er sich weitläufig über Arnoux aus, erzählte von seinen Reden, seinen Manieren, seinen Verbindungen; und Deslauriers riet ihm nachdrücklich, diese Bekanntschaft zu pflegen.
Frédéric hatte in der letzten Zeit nichts geschrieben. Seine literarischen Ansichten hatten sich geändert, er schwärmte jetzt vor allem für die leidenschaftlichen Charaktere; Werther, René, Franck, Lélia, Lara und andere mittelmäßigere begeisterten ihn fast in gleicher Weise. Zuweilen schien ihm die Musik allein im stande, seinen inneren Aufruhr auszudrücken; dann träumte er von Symphonien; oder die äußere Erscheinung der Dinge fesselte ihn, und er wollte malen. Er hatte auch Verse gemacht; Deslauriers fand sie sehr schön, ohne jedoch um eine zweite Probe zu bitten.
Er selbst gab sich nicht mehr mit Metaphysik ab. Nationalökonomie und die französische Revolution nahmen ihn ganz in Anspruch. Er war jetzt ein langer hagerer Bursche von zweiundzwanzig Jahren mit großem Mund und entschlossener Miene. An diesem Abend trug er einen schlechten Lasting-Paletot, und seine Stiefel waren weiß von Staub, denn er hatte den Weg von Villenauxe zu Fuß gemacht, um Frédéric noch zu sehen.
Isidore näherte sich ihnen, Madame lasse den jungen Herrn bitten, nach Haus zu kommen, und in der Furcht, er könne sich erkälten, schicke sie ihm seinen Mantel.
»Bleibe doch!« sagte Deslauriers.
Und sie gingen weiter, von einem Ende zum andern der beiden Brücken, die sich auf die schmale, von dem Kanal und dem Fluß gebildete Insel stützten.
Wenn sie an der Seite von Nogent gingen, hatten sie eine Gruppe von Häusern vor sich; rechts sah man die Kirche hinter den Sägemühlen, deren Schleusen gesperrt waren; und links, längs des Flusses, umsäumten Sträucherhecken die Gärten, die kaum zu unterscheiden waren. Aber nach Paris zu führte die Landstraße abwärts in gerader Linie, und in der Ferne verloren sich die Wiesen im nächtlichen Dunst. Die Nacht war still und von weißlicher Klarheit. Der Geruch feuchten Laubes stieg zu ihnen empor, und nur das Plätschern der Brunnen hundert Schritt weiter war wie das dumpfe Geräusch von Wellen im Dunkeln.
Deslauriers blieb stehen und sagte:
»Wie die guten Leute ruhig schlafen, es ist seltsam! Aber Geduld! Ein neues 89 bereitet sich vor! Man ist der Konstitution, der Verfassungsurkunden, der Spitzfindigkeiten und Lügen müde! Ah! hätte ich ein Blatt oder eine Tribüne, wie wollte ich das alles durcheinanderrütteln! Allein um etwas zu unternehmen, was es auch sei, ist Geld nötig! Es ist ein Fluch, der Sohn eines Schankwirts zu sein und seine Jugend auf der Suche nach Brot zu vergeuden!«
Er senkte den Kopf, biß sich auf die Lippen und zitterte vor Kälte in seinen dünnen Kleidern.
Frédéric warf ihm die Hälfte seines Mantels um die Schultern. Sie wickelten sich beide hinein und wandelten, einander umfassend, Seite an Seite weiter.
»Wie soll ich ohne dich dort leben?« sagte Frédéric, den die Bitterkeit seines Freundes ebenfalls traurig stimmte. »Mit einer Frau, die mich liebt, würde ich etwas erreichen können… Warum lachst du? Die Liebe ist die Nahrung und gleichsam die Atmosphäre des Genies. Außerordentliche Erschütterungen bringen erhabene Werke hervor. Ich verzichte übrigens auf die Mühe, eine nach meinem Geschmack zu suchen! Und wenn ich sie je fände, sie stieße mich zurück! Ich gehöre zu dem Stamme der Enterbten und werde als König oder Bettler enden, was weiß ich.«
Ein Schatten reckte sich auf das Pflaster und gleichzeitig vernahmen sie die Worte:
»Ihr Diener, meine Herren!«
Der sie ansprach, war ein kleiner Mann mit einem weiten braunen Überrock und einer Mütze, unter deren Schirm eine spitze Nase hervorsah.
»Monsieur Roque?« sagte Frédéric.
»Der bin ich,« erwiderte die Stimme.
Er rechtfertigte seine Anwesenheit mit der Bemerkung, daß er von einer Besichtigung seiner Wolfseisen in seinem Garten am Ufer komme.
»Und Sie sind wieder zu uns zurückgekehrt? Sehr schön! ich habe es von meinem Töchterchen gehört. Mit Ihrer Gesundheit geht es gut, hoffe ich? Sie reisen doch noch nicht ab?«
Und er ging, augenscheinlich durch Frédérics Empfang zurückgeschreckt.
Madame Moreau verkehrte allerdings nicht mit ihm; Vater Roque lebte mit seiner Haushälterin im Konkubinat und war wenig geachtet, obwohl er Wahlmann und Verwalter von Monsieur Dambreuse war.
»Des Bankiers in der Rue d’Anjou?« begann Deslauriers wieder, »weißt du, was du tun müßtest, mein Guter?«
Isidore unterbrach sie nochmals. Er hatte den Auftrag, Frédéric endlich mitzubringen. Madame beunruhigte sich wegen seines Ausbleibens.
»Gut! gut! er kommt gleich,« sagte Deslauriers, »er wird nicht draußen schlafen.«
Und nachdem der Diener gegangen war:
»Du solltest den Alten bitten, dich bei Dambreuse einzuführen. Nichts ist nützlicher, als in einem reichen Hause zu verkehren. Da du einen schwarzen Anzug und weiße Handschuhe hast, nutze sie aus! Du mußt zu diesen Leuten gehen! Später führst du mich dann ein! Ein Millionär, bedenke! Sieh zu, ihm zu gefallen und seiner Frau ebenfalls. Werde ihr Geliebter!«
Frédéric wehrte lebhaft ab.
»Aber es gibt klassische Beispiele dafür, sage ich dir. Denke an Rastignac in der Comédie humaine! Du wirst sicher Erfolg haben!«
Frédéric hatte so großes Vertrauen zu Deslauriers, daß er schwankend wurde, und indem er Madame Arnoux vergaß oder sie in die auf die andere gemünzte Prophezeiung miteinschloß, konnte er sich eines Lächelns nicht erwehren.
Der Schreiber fügte hinzu:
»Der letzte Rat: Mache deine Examina! Ein Titel ist immer gut; und geh mir mit deinen katholischen und satanischen Poeten, die in der Philosophie ebenso vorgeschritten sind, wie man im XII. Jahrhundert war. Deine Verzweiflung ist albern. Männer von Bedeutung haben einen schwierigeren Anfang gehabt, um mit Mirabeau zu beginnen. Überdies, unsere Trennung wird nicht so lange dauern. Ich werde meinem Gauner von Vater an die Kehle müssen. Es ist Zeit, daß ich zurückkehre, adieu! Hast du fünf Francs, mein Mittagessen zu bezahlen?«
Frédéric gab ihm zehn Francs, den Rest der am Morgen von Isidore entnommenen Summe.
Zwanzig Schritt hinter den Brücken, am linken Ufer, glänzte in dem Dachstübchen eines niedrigen Hauses Licht.
Deslauriers bemerkte es. Da rief er emphatisch, indem er seinen Hut zog:
»Venus, Himmelskönigin, sei gegrüßt! Aber die Rot ist die Mutter der Weisheit! Hat man uns deswegen nicht genug verlästert, daß Gott erbarm!«
Diese Anspielung auf ein gemeinsames Abenteuer stimmte sie froh! Sie lachten laut auf der Straße.
Dann, nachdem er seine Rechnung im Gasthaus berichtigt hatte, begleitete Deslauriers Frédéric bis zur nächsten Ecke; – und nach einer langen Umarmung trennten sich die Freunde.
3.
Zwei Monate später beschloß Frédéric, der eines Morgens in der Rue Coq-Héron gelandet war, sogleich seinen großen Besuch zu machen.
Der Zufall war ihm günstig gewesen. Vater Roque hatte ihm eine Rolle Papiere gebracht und ihn gebeten, sie selbst bei Monsieur Dambreuse abzugeben; und er fügte der Sendung ein versiegeltes Schreiben bei, in dem er seinen jungen Landsmann empfahl.
Madame Moreau schien dieser Schritt zu überraschen. Frédéric verbarg seine Freude darüber.
Monsieur Dambreuse hieß eigentlich Graf d’Ambreuse; allein, seit 1825, nachdem er mit der Zeit seinen Adel und seine Partei aufgegeben, hatte er sich der Industrie zugewandt; und unterrichtet über alle Ereignisse, beteiligt an allen Unternehmungen, bei allen guten Gelegenheiten auf der Lauer, verschlagen wie ein Grieche und arbeitsam wie ein Auvergnat, hatte er ein Vermögen angesammelt, das beträchtlich sein sollte; außerdem war er Offizier der Ehrenlegion, Mitglied des Generalrats der Aube, Deputierter, nächstens Pair von Frankreich; selbst gern gefällig, ermüdete er den Minister durch seine beständigen Bitten um Beistand, um Orden, um Tabakbüros, und in seiner Abneigung gegen die Regierung zur Linken schloß er sich dem Zentrum an. Seine Frau, die hübsche Madame Dambreuse, die von den Modejournalen genannt wurde, präsidierte bei Wohltätigkeitsvereinen. Indem sie den Herzoginnen schmeichelte, beschwichtigte sie den Groll des vornehmen Faubourg und erweckte den Glauben, daß Monsieur Dambreuse sein Eindringen vielleicht noch bereuen werde und ihm noch einmal Dienste erweisen könnte.
Der junge Mann war erregt, als er zu ihnen ging.
»Ich hätte besser getan, meinen Frack anzuziehen. Sie laden mich gewiß für die nächste Woche zum Ball ein? Was werden sie sagen?«
Die Zuversicht kehrte ihm bei dem Gedanken zurück, daß Monsieur Dambreuse nur ein Bürger war, und verwegen sprang er von seinem Kabriolett auf das Trottoir der Rue d’Anjou.
Nachdem er durch das eine der beiden Einfahrttore gekommen war, überschritt er den Hof, stieg die Freitreppe hinan und trat in ein Vestibül, das mit farbigem Marmor ausgelegt war.
Eine gerade Doppeltreppe mit rotem Teppich und Messingstangen lief die hohe, mit reichem Stuck verzierte Mauer entlang. Am Fuß der Stufen stand ein Bananenbaum, dessen breite Blätter auf die Samtrampe fielen. Zwei Bronzekandelaber trugen Porzellanglocken, die an kleinen Kettchen hingen. Den Luftlöchern der Heizung entströmte eine trockene Hitze; und man vernahm nur das Ticktack einer großen Uhr, die am andern Ende des Vestibüls unter einem Warengestell stand.
Eine Glocke erklang; ein Diener erschien und führte Frédéric in einen kleinen Raum, in dem man zwei Geldschränke mit Fächern voller Mappen gewahrte. Monsieur Dambreuse schrieb in der Mitte an einem Zylinderbüro.
Er las flüchtig den Brief Vater Roques, schnitt mit seinem Taschenmesser die Leinenhülle auf, die die Papiere umschloß, und prüfte sie.
Aus der Entfernung konnte er seiner schmächtigen Gestalt wegen noch jung erscheinen. Aber seine spärlichen weißen Haare, seine kraftlosen Glieder und besonders sein außerordentlich fahles Gesicht verrieten einen zerrütteten Körper. Unerbittliche Energie lag in seinen meergrünen Augen, die kälter waren als Glasaugen. Er hatte vorstehende Backenknochen und Hände mit knochigen Gelenken.
Endlich stand er auf und richtete an den jungen Mann einige Fragen über Personen ihrer Bekanntschaft, über Nogent, über seine Studien; dann verabschiedete er ihn, indem er sich verneinte. Frédéric ging durch einen andern Korridor hinaus und befand sich am unteren Ende des Hofes bei den Stallungen.
Ein blaues Coupé mit einem Rappen vorgespannt stand an der Freitreppe. Der Schlag öffnete sich, eine Dame stieg ein, und der Wagen rollte mit dumpfem Geräusch auf dem Kies davon.
Frédéric langte von der anderen Seite zu gleicher Zeit mit ihr unter der Einfahrt an. Da der Raum nicht groß genug war, sah er sich gezwungen zu warten. Die junge Frau neigte sich aus dem kleinen Schiebefenster und sprach leise mit dem Pförtner. Er konnte nichts weiter sehen als ihren Rücken, den ein violetter Mantel verhüllte. Indessen musterte er das Innere des Wagens, in blauem Rips mit seidenen Passementerien und Fransen gehalten. Die Gewänder der Dame füllten ihn ganz aus; dem kleinen, gepolsterten Kasten entströmte Irisparfüm wie eine Duftwoge weiblicher Eleganz. Der Kutscher lockerte die Zügel, das Pferd streifte ungestüm den Prellstein, und alles verschwand.
Frédéric ging zu Fuß die Boulevards entlang zurück. Er bedauerte, Madame Dambreuse nicht gesehen zu haben.
Etwas hinter der Rue Montmartre veranlaßte ihn eine Wagenstockung, den Kopf zu wenden, und an der andern Seite, gegenüber, las er auf einer Marmorplatte:
Jacques Arnoux.
Warum hatte er nicht früher an sie gedacht? Das war Deslauriers’ Schuld, und er ging auf den Laden zu, trat jedoch nicht ein, in der Erwartung, daß sie sich zeigen könnte.
Durch die hohen, durchsichtigen Spiegelscheiben hatte man den Blick auf eine geschmackvolle Anordnung von Statuetten, Zeichnungen, Gravüren, Katalogen und Nummern der Kunsthandlung; und auf der Tür, in der Mitte mit den Initialen des Herausgebers dekoriert, waren die Preise des Abonnements wiederholt. An den Wänden lehnten große Gemälde, deren Firnis glänzte, und im Hintergrund sah man zwei Truhen mit Porzellan, Bronzen und lockenden Kuriositäten beladen; eine kleine Treppe, oben durch eine Samtportiere geschlossen, trennte sie; und ein alter Meißner Kronleuchter, ein grüner Teppich auf dem Fußboden, sowie ein Tisch mit eingelegter Arbeit gaben diesem Interieur eher das Aussehen eines Salons als eines Ladens.
Frédéric gab sich den Anschein, als mustere er die Zeichnungen. Nach endlosem Zögern trat er ein.
Ein Angestellter hob die Portiere und erwiderte, daß der Chef nicht vor fünf Uhr im Magazin sein werde. Aber wenn der Auftrag sich übermitteln ließe…
»Nein! ich werde wiederkommen,« entgegnete Frédéric freundlich.
Die folgenden Tage wurden angewandt, um eine Wohnung zu suchen; und er entschied sich für ein Zimmer in der zweiten Etage eines Hotel garni in der Rue Saint-Hyacinthe.
Mit nagelneuen Heften unter dem Arm begab er sich zur Eröffnung der Vorlesungen. Dreihundert junge Leute mit bloßen Köpfen füllten ein Amphitheater, in dem ein Greis in roter Robe mit monotoner Stimme vortrug; Federn kratzten auf dem Papier. Er fand in diesem Saal den Staubgeruch der Klasse, ein Katheder in gleicher Form, dieselbe Langeweile wieder! Vierzehn Tage lang ging er hin. Aber man war noch nicht bei Artikel drei, als er das Studium des Bürgerlichen Gesetzbuches im Stich ließ und die Vorlesungen aufgab.
Die Freuden, die er sich versprochen hatte, blieben aus; und als er sich durch ein Lesekabinett durchgearbeitet hatte, die Sammlungen im Louvre durchlaufen und verschiedene Theater besucht hatte, verfiel er völlig dem Müßiggang.
Tausend neue Dinge vermehrten seine Niedergeschlagenheit. Er mußte seine Wäsche zählen und den Hausmeister, einen Grobian mit dem Gebaren eines Krankenwärters, dulden, der nach Alkohol roch und morgens mürrisch sein Bett machte. Sein Zimmer, mit einer Alabasteruhr geschmückt, mißfiel ihm. Die Zwischenwände waren dünn, er hörte die Studenten Punsch bereiten, lachen, singen.
Dieser Einsamkeit müde, suchte er einen seiner Kameraden namens Baptiste Martinon auf, und er entdeckte ihn, über seiner Prozeßordnung büffelnd, vor einem Steinkohlenfeuer, in einer kleinbürgerlichen Pension der Rue Saint-Jacques.
Ihm gegenüber saß ein Mädchen in einem Kattunkleid und stopfte Strümpfe.
Martinon war, was man einen sehr schönen Menschen nennt: groß, voll, mit regelmäßigen Gesichtszügen und bläulichen, schöngeschnittenen Augen. Sein Vater, ein tüchtiger Landwirt, hatte ihn zum Richterstand bestimmt, – und da er schon gesetzt erscheinen wollte, trug er einen Vollbart.
Da Frédérics Verdruß keinen vernünftigen Grund hatte und ein Unglück ihm ausgeschlossen schien, begriff Martinon seine beständige Unzufriedenheit nicht. Er selbst ging täglich zur Universität, machte darauf seinen Spaziergang im Luxembourg, ging abends in ein kleines Café und fühlte sich mit fünfzehnhundert Francs jährlich und der Liebe dieses Mädchens vollkommen glücklich.
»Welch ein Glück!« dachte Frédéric bei sich.
Er hatte auf der Universität eine andere Bekanntschaft gemacht, Monsieur de Cisy, Sohn einer vornehmen Familie und in seinen Manieren anmutig wie ein Mädchen.
Monsieur de Cisy beschäftigte sich mit Zeichnen, namentlich liebte er Gothik. Mehrmals gingen sie zusammen die Heilige Kapelle und Notre-Dame bewundern. Aber die Vornehmheit des jungen Patriziers barg eine höchst dürftige Intelligenz. Alles versetzte ihn in Erstaunen; er lachte laut über den geringsten Scherz und zeigte anfangs eine so vollkommen naive Unschuld, daß Frédéric ihn zuerst für einen Spaßvogel hielt, ihn schließlich aber als Dummkopf betrachtete.
Ein Gedankenaustausch war also mit niemand möglich, und er erwartete immer noch die Einladung der Dambreuse.
Am Neujahrstag sandte er ihnen Visitenkarten, er aber erhielt keine.
Er war nochmals in der Kunsthandlung gewesen.
Er ging ein drittes Mal hin und sah endlich Arnoux, der inmitten von fünf oder sechs Personen disputierte und seinen Gruß kaum erwiderte; das verletzte Frédéric. Doch überlegte er darum nicht weniger, wie er zu ihr gelangen könnte.
Anfangs hatte er die Idee, oft vorzusprechen, um nach Bildern zu fragen. Dann dachte er daran, einige sehr kräftige Artikel in der Zeitung anzubringen, wodurch Beziehungen angeknüpft werden könnten. Vielleicht war es das beste, gerade auf sein Ziel loszugehen und ihr seine Liebe zu erklären. Er verfaßte also einen Brief von zwölf Seiten voll lyrischer Empfindungen und Apostrophen, aber er zerriß ihn, und – in der Furcht vor Mißerfolg tat er nichts und versuchte nichts.
Über dem Laden Arnoux’ befanden sich in der ersten Etage drei Fenster, die jeden Abend erleuchtet waren. Schatten bewegten sich dahinter, besonders einer, das mußte der ihre sein – und er scheute die Mühe nicht, von weit her zu kommen, um diese Fenster zu sehen und diesen Schatten zu betrachten.
Eine Negerin mit einem kleinen Mädchen an der Hand, die in den Tuilerien an ihm vorüberging, erinnerte ihn an die Negerin von Madame Arnoux. Sie mußte wie die andern hierher kommen; jedesmal, wenn er die Tuilerien durchschritt, klopfte sein Herz in der Hoffnung, ihr zu begegnen. An sonnigen Tagen setzte er seinen Spaziergang bis zu den Champs-Elysées fort.
Nachlässig in Kaleschen sitzend, fuhren Damen, deren Schleier im Winde wehten, unter dem festen Tritt ihrer Pferde mit unmerklichem Schwanken, das das lackierte Leder knirschen machte, dicht an ihm vorüber. Die Wagen wurden zahlreicher, und beim Ausgang des Rond-Point langsamer werdend, nahmen sie die ganze Straße ein. Mähne stand dicht an Mähne, Laterne dicht an Laterne; die stählernen Steigbügel, die silbernen Kinnketten, die Kupferschnallen waren hier und dort leuchtende Punkte inmitten der kurzen Hosen, der weißen Handschuhe und dem auf das Wappen der Wagenschläge herabfallenden Pelzwerk. Er fühlte sich wie verloren in einer fernen Welt. Seine Augen irrten über die Frauenköpfe, und vage Ähnlichkeiten brachten ihm Madame Arnoux in Erinnerung. Er stellte sie sich mitten unter den andern vor, in einem dieser kleinen Coupés wie dem von Madame Dambreuse. – Aber die Sonne sank und der kalte Wind wirbelte den Staub empor. Die Kutscher versenkten das Kinn in ihre Krawatten, die Räder fingen an, sich schneller zu drehen, das Pflaster aus zerstoßenem Granit knirschte, und alle Wagen fuhren in schnellem Trabe die lange Avenue hinunter, einander streifend, überholend, ausweichend, um sich dann auf der Place de la Concorde zu zerstreuen. Hinter den Tuilerien nahm der Himmel die Färbung des Schiefers an. Die Bäume des Gartens bildeten zwei enorme, in den Wipfeln veilchenblaue Massen. Die Gaslaternen wurden angezündet und das grünliche Wasser der Seine brach sich an den Brückenpfeilern in Silberwellenlinien.
Er speiste für dreiundvierzig Sous im Abonnement in einem Restaurant in der Rue de la Harpe.
Er betrachtete mit Verachtung das alte Mahagony-Büffet, die fleckigen Tischtücher, das unsaubere Silberzeug und die an der Wand hängenden Hüte. Alle um ihn her waren Studenten wie er. Sie unterhielten sich über ihre Professoren, ihre Geliebten. Was kümmerten ihn die Professoren! Hatte er eine Geliebte? Um ihrer Fröhlichkeit auszuweichen, kam er so spät wie möglich. Speisereste bedeckten alle Tische. Die beiden ermüdeten Kellner schliefen in den Ecken, und der Geruch von Küche, Lampen und Tabak erfüllte den leeren Saal.
Dann ging er langsam wieder die Straße hinauf. Die Laternen schaukelten und ließen auf dem Schmutz lange gelbliche Reflexe zittern. Schatten unter Regenschirmen glitten am Rande des Trottoirs hin. Das Pflaster war schlüpfrig, der Nebel fiel, und ihm war, als senkte die feuchte Dunkelheit sich tief in sein Herz hinab.
Gewissensbisse erfaßten ihn. Er kehrte zu den Vorlesungen zurück. Doch da er nichts von den vorgetragenen Materien wußte, brachten ihn die einfachsten Dinge in Verlegenheit.
Er fing an, einen Roman zu schreiben, mit dem Titel: »Sylvio, der Sohn des Fischers«. Die Geschichte spielte in Venedig. Der Held war er selber, die Heldin Madame Arnoux. Sie hieß Antonia – und um sie zu besitzen, tötete er mehrere Edelleute, brannte einen Teil der Stadt nieder und sang unter ihrem Balkon, wo die roten Damastvorhänge sich wie am Boulevard Montmartre im Winde bewegten. Allein die allzu zahlreichen Reminiszenzen, bei denen er sich ertappte, entmutigten ihn; er gab es auf, und seine Trägheit steigerte sich noch.
Nun bat er Deslauriers, sein Zimmer mit ihm zu teilen. Sie würden sich einrichten, mit seinen zweitausend Francs zu leben; alles sei besser als diese unerträgliche Existenz. Deslauriers konnte Troyes noch nicht verlassen. Er schlug ihm vor, sich zu zerstreuen, Sénécal zu besuchen.
Sénécal war ein Hilfslehrer der Mathematik, ein Mensch von starkem Geist und republikanischen Überzeugungen, ein zukünftiger Saint-Just, wie der Schreiber sagte. Frédéric hatte dreimal seine fünf Stockwerke erstiegen, ohne danach einen Besuch zu erhalten. Er ging nicht wieder hin. Er wollte sich amüsieren. Er ging auf die Opernbälle. Die lärmende Fröhlichkeit stieß ihn schon beim Eintritt ab. Überdies hielt ihn die Furcht vor pekuniären Verlegenheiten zurück, denn er stellte sich ein Souper mit einem Domino als ein sehr kostspieliges Abenteuer vor.
Trotzdem glaubte er, daß er geliebt werden würde. Zuweilen erwachte er mit einem Herzen voll Hoffnung, kleidete sich sorgfältig wie zu einem Rendezvous an und machte endlose Streifzüge durch Paris. Bei jeder Frau, die vor ihm ging oder ihm entgegenkam, sagte er sich: »Das ist sie!« Es war jedesmal eine neue Enttäuschung. Der Gedanke an Madame Arnoux verstärkte seine Begierde. Vielleicht begegnete er ihr auf seinem Wege; und er erdachte, um sie anzusprechen, zufällige Schwierigkeiten, außerordentliche Gefahren, aus denen er sie retten würde.
So gingen die Tage in der Wiederholung derselben Verdrießlichkeiten und angenommenen Gewohnheiten hin. Er durchblätterte die Broschüren unter den Arcaden des Odéon, ging ins Café, die Revue des Deux Mondes zu lesen, trat in einen Saal des Collège de France und hörte eine Stunde lang Chinesisch oder Staatsökonomie. In all diesen Wochen schrieb er ausführlich an Deslauriers, speiste zuweilen mit Martinon und besuchte mitunter Monsieur de Cisy.
Er mietete ein Piano und komponierte deutsche Walzer.
Eines Abends bemerkte er im Theater des Palais-Royal Arnoux neben einer Frau in einer Proszeniumloge. War sie es? Die grüne Taffet-Gardine am Rande der Loge verdeckte ihr Gesicht. Endlich ging der Vorhang auf, die Gardine wurde zurückgeschoben. Es war eine große, verblühte Person von etwa dreißig Jahren, deren volle Lippen beim Lachen prachtvolle Zähne enthüllten. Sie sprach vertraulich mit Arnoux und schlug ihm mit dem Fächer auf die Finger. Später saß ein junges, blondes Mädchen zwischen ihnen, dessen Lider etwas gerötet waren, als hätte es eben geweint. Arnoux blieb von da ab halb über ihre Schulter geneigt und redete auf sie ein, was das Mädchen anhörte, ohne zu antworten.
Frédéric zerbrach sich den Kopf, um den Stand dieser Frauen in bescheidenen dunkeln Kleidern und glatten Umlegekragen zu erraten.
Am Schluß des Schauspiels stürzte er in die Couloirs, die voll von Menschen waren. Vor ihm schritt Arnoux Stufe um Stufe die Treppe hinab, an jedem Arme eine der Frauen.
Plötzlich fiel das Licht einer Gasflamme auf ihn. Er trug Krepp an seinem Hut. War sie vielleicht gestorben? Dieser Gedanke peinigte Frédéric so sehr, daß er am nächsten Morgen in die Kunsthandlung eilte, und indem er schnell eine der Gravuren kaufte, die vor der Uhr ausgelegt waren, fragte er den Verkäufer, wie es Monsieur Arnoux ginge.
Der Mann erwiderte:
»Aber sehr gut!«
Frédéric fügte erbleichend hinzu:
»Und Madame?«
»Madame ebenfalls.«
Frédéric vergaß, seine Gravüre mitzunehmen.
Der Winter ging zu Ende. Im Frühjahr war er weniger schwermütig, begann sich zum Examen vorzubereiten und nachdem er es mittelmäßig bestanden hatte, reiste er nach Nogent.
Er besuchte seinen Freund in Troyes nicht, um den Bemerkungen seiner Mutter auszuweichen. Dann, nach seiner Rückkehr verließ er seine Wohnung und nahm auf dem Quai Napoleon zwei Zimmer, die er möblierte. Die Hoffnung, von Dambreuse eine Einladung zu erhalten, hatte er aufgegeben; seine große Leidenschaft für Madame Arnoux begann zu erlöschen.
4.
Eines Morgens im Monat Dezember glaubte er auf seinem Wege zum Kolleg in der Straße Saint-Jacques mehr Lebhaftigkeit als sonst zu bemerken. Die Studenten kamen aus den Cafés gestürzt oder riefen sich durch die offenen Fenster von einem Hause zum andern zu; die Ladenbesitzer blickten mitten auf dem Trottoir unruhig umher; die Fensterläden wurden geschlossen, und als er in die Rue Soufflot kam, bemerkte er einen großen Auflauf am Panthéon.
Junge Leute in ungleichen Reihen gingen Arm in Arm und schlossen sich größeren, hier und da stationierten Gruppen an; im Hintergrunde des Platzes, am Gitter, hielten Männer in Blusen hochtrabende Reden, während Polizisten, den Dreispitz auf dem Ohr, die Hände auf dem Rücken, an den Häusern entlang eilten, daß es unter ihren schweren Stiefeln auf den Fliesen schallte.
Alle hatten eine geheimnisvolle, verdutzte Miene, man erwartete augenscheinlich etwas; jeder unterdrückte eine Frage, die ihm auf den Lippen lag.
Frédéric stand neben einem jungen blonden Mann von einnehmendem Gesicht, der Schnurr- und Kinnbart wie ein Stutzer aus der Zeit Ludwigs XIII. trug. Er fragte ihn nach der Ursache der Unordnung.
»Ich weiß es nicht,« erwiderte der andere, »und sie ebenfalls nicht! Das ist jetzt so Mode! Ein guter Spaß!«
Und er brach in Lachen aus.
Die Petitionen wegen der Reformen, die man in der Nationalgarde unterzeichnen ließ, vereint mit der Volkszählung Humanns und noch andere Ereignisse, hatten seit sechs Monaten zu unerklärlichen Zusammenrottungen in Paris geführt, die sich so häufig wiederholten, daß die Zeitungen gar nicht mehr davon redeten.
»Es fehlt an Grazie und an Farbe,« fuhr Frédérics Nachbar fort. »Mir deucht, mein Herr, daß wir entartet sind! In dem guten Zeitalter Ludwigs des Elften, ja, selbst Benjamin Constants gab es mehr Meuterei unter den Scholaren. Ich finde sie friedlich wie die Hammel, dumm wie das Rindvieh und tauglich zu Gewürzkrämern, meiner Treu! Und das nennt man die Jugend der Hochschulen!«
Er breitete die Arme weit aus, wie Frédéric Lemaitre in »Robert Macaire«.
»Jugend der Hochschulen, ich segne dich!«
Dann redete er einen Lumpensammler an, der im Rinnstein vor dem Laden eines Weinhändlers in Austernschalen wühlte:
»Gehörst du auch dazu, zu der Jugend der Hochschulen?«
Der Greis hob sein garstiges Gesicht, in dem man inmitten eines grauen Bartes eine rote Nase und zwei stupide, vertrunkene Augen unterschied.
»Nein, du gleichst mir eher einem jener Galgenstricke, die man hier und da mit vollen Händen Gold ausstreuen sieht… O! streue, mein Patriarch, streue es aus! Verführe mich mit den Schätzen Albions! Are you English? Ich weise die Gaben von Artaxerxes nicht zurück! Laß uns ein wenig von der Zollunion reden.«
Frédéric fühlte, daß jemand seine Schulter berührte, und drehte sich um. Es war Martinon, auffallend blaß.
»Sieh!« – rief er mit einem tiefen Seufzer. »Wieder ein Aufruhr!«
Er fürchtete, kompromittiert zu werden, und beklagte sich. Besonders beunruhigten ihn die Männer in Blusen, als gehörten sie einem Geheimbunde an.
»Gibt es denn Geheimbünde?« fragte der junge Mann mit dem Schnurrbart. »Das ist ein alter Kniff der Regierung, um die Bürger zu erschrecken!«
Aus Furcht vor der Polizei forderte Martinon ihn auf, leiser zu sprechen.
»Sie glauben noch an die Polizei? Wie können Sie übrigens wissen, ob ich nicht selber ein Spitzel bin?«
Und er betrachtete ihn in solcher Weise, daß Martinon, sehr erschrocken, zuerst gar nicht den Scherz verstand. Die Menge stieß sie vorwärts, und sie waren alle drei gezwungen, sich auf die kleine Treppe im Gang zu flüchten, die zu dem neuen Hörsaal führte.
Bald teilte sich die Menge, mehrere Köpfe entblößten sich; man begrüßte den berühmten Professor Samuel Rondelot, der, in einen weiten Mantel gehüllt, seine silberne Brille in die Höhe schob und keuchend in seinem Asthma mit ruhigen Schritten daherkam, um seine Vorlesung zu halten. Dieser Mann war einer der Sterne der Jurisprudenz des 19. Jahrhunderts, ein Rivale von Zachariae und Ruhdorff. Die neue Würde eines Pair von Frankreich hatte nichts in seinem Wesen verändert. Man wußte, daß er arm war, und zollte ihm große Ehrfurcht.
Indessen riefen einige hinten vom Platz:
»Nieder mit Guizot!«
»Nieder mit Pritchard!«
»Nieder mit den Verkauften!«
»Nieder mit Louis-Philippe!«
Die Menge drängte sich gegen das geschlossene Tor des Hofes und verhinderte so den Professor am Weitergehen. Er blieb an der Treppe stehen. Bald wurde er auf der letzten der drei Stufen bemerkt. Er sprach; ein Murren übertönte seine Stimme. So sehr man ihn eben noch geliebt hatte, jetzt haßte man ihn, denn er repräsentierte die Obrigkeit. Bei jedem Versuch, sich Gehör zu verschaffen, begannen die Rufe von neuem. Mit einer großen Geberde forderte er die Studenten auf, ihm zu folgen. Allgemeines Geschrei antwortete ihm. Verächtlich zuckte er die Achseln und verschwand in den Gang. Martinon hatte die Gelegenheit benutzt, um gleichzeitig zu verschwinden.
»Dieser Feigling!« sagte Frédéric.
»Er ist vorsichtig!« erwiderte der andere.
Die Menge brach in Beifallsbezeugungen aus, denn dieser Rückzug des Professors war ein Sieg für sie. Aus allen Fenstern schauten Neugierige. Einige stimmten die Marseillaise an; andere machten den Vorschlag, zu Béranger zu gehen.
»Zu Laffite!«
»Zu Chateaubriand!«
»Zu Voltaire!« brüllte der junge Mann mit dem blonden Schnurrbart.
Die Polizisten versuchten einzugreifen, indem sie so sanft wie möglich sagten:
»Gehen Sie, meine Herren, gehen Sie auseinander, ziehen Sie sich zurück!«
Einer schrie: »Nieder mit den Totschlägern!«
Das war seit den September-Unruhen die gewöhnliche Drohung. Alle wiederholten sie. Man verspottete die Wächter der öffentlichen Ordnung und pfiff sie aus; sie entfärbten sich; einer von ihnen konnte nicht widerstehen, einen jungen Mann, der ihm zu nahe kam und ihm ins Gesicht lachte, so grob zurückzustoßen, daß er fünf Schritt weiter vor dem Laden des Weinhändlers auf den Rücken fiel. Alle stoben auseinander; aber fast unmittelbar darauf rollte er ebenfalls, von einem wahren Herkules zu Boden geschlagen, dessen Haarschopf wie ein Bündel Werg unter einer Wachstuchmütze hervorquoll.
Einige Minuten an der Ecke der Rue Saint-Jacques aufgehalten, hatte er sich einer Schachtel, die er trug, schnell entledigt, sich auf den Polizisten gestürzt, und ihn unter sich festhaltend, bearbeitete er sein Gesicht mit heftigen Faustschlägen. Die andern Polizisten eilten herbei, allein der schreckliche Bursche war so stark, daß mindestens vier nötig waren, ihn zu bändigen. Zwei schüttelten ihn am Kragen, zwei andere zogen ihn an den Armen, ein fünfter versetzte ihm Rippenstöße mit dem Knie, und alle nannten ihn Brigant, Mörder, Aufrührer. Mit nackter Brust, die Kleider in Fetzen, beteuerte er seine Unschuld; mit kaltem Blut könne er kein Kind schlagen sehen.
»Ich heiße Dussardier! Bei Gebr. Valinçart, Spitzen- und Modeneuheiten, Rue de Cléry. Wo ist mein Karton?« Er wiederholte: »Dussardier!… Rue de Cléry. Mein Karton!«
Aber er beruhigte sich und ließ sich mit stoischer Miene auf die Wache in der Rue Descartes führen. Eine Flut von Leuten folgte ihm. Frédéric und der junge Mann mit dem Schnurrbart gingen, voll Bewunderung für den Kommis und empört über die Gewalttätigkeit der Obrigkeit, dicht hinter ihm. Je weiter man vorwärts schritt, desto geringer wurde die Menge.
Die Polizisten drehten sich von Zeit zu Zeit wütend um; und da es für die Lärmer nichts mehr zu tun, für die Neugierigen nichts mehr zu sehen gab, entfernten sich nach und nach alle. Passanten, denen man begegnete, betrachteten Dussardier und machten laut boshafte, beleidigende Bemerkungen. Eine alte Frau rief sogar an ihrer Tür, daß er ein Brot gestohlen habe; diese Ungerechtigkeit steigerte die Erbitterung der beiden Freunde. Endlich langte man vor der Wache an. Es waren nur noch etwa zwanzig Personen da. Der Anblick der Soldaten genügte, sie zu zerstreuen.
Frédéric und sein Kamerad forderten kühn die Herausgabe des soeben Verhafteten. Die Schildwache drohte, sie selber einzustecken, wenn sie noch weiter davon redeten. Sie fragten nach dem Wachthauptmann, nannten ihre Namen, stellten sich vor als Studenten der Rechte und beteuerten, daß der Gefangene ihr Kollege sei.
Man ließ sie in einen völlig kahlen Raum eintreten, in dem sich vier Bänke längs der verräucherten, gemauerten Wände hinzogen. Im Hintergrunde öffnete sich ein Schiebefenster. Darauf erschien das robuste Gesicht Dussardiers, der mit seinem zerzausten Haarschopf, den kleinen, freimütigen Augen und der Stumpfnase dunkel an die Physiognomie eines treuen Hundes erinnerte.
»Du erkennst uns nicht?« sagte Hussonnet.
Das war der Name des jungen Mannes mit dem Schnurrbart.
»Aber…,« stammelte Dussardier.
»Stell dich nicht länger einfältig,« entgegnete der andere, »man weiß, daß du wie wir Student der Rechte bist.«
Trotz ihres Augenzwinkerns begriff Dussardier nichts. Er schien sich zu sammeln und rief dann plötzlich:
»Ist mein Karton gefunden?«
Frédéric blickte entmutigt auf. Hussonnet erwiderte:
»Ach, dein Karton, in dem du deine Vorlesungsnotizen aufhebst? Ja, ja, beruhige dich.«
Sie verstärkten ihr Mienenspiel. Dussardier verstand endlich, daß sie gekommen waren, um ihm zu helfen, und er schwieg in der Furcht, sie zu kompromittieren. Überdies empfand er eine Art Scham, sich zum sozialen Rang eines Studenten und zum Gefährten dieser jungen Leute erhoben zu sehen, die so weiße Hände hatten.
»Willst du jemand eine Nachricht geben?« fragte Frédéric.
»Nein, danke, niemand.«
»Aber deiner Familie?«
Er senkte den Kopf, ohne zu antworten; der arme Bursche war ein uneheliches Kind. Die beiden Freunde wunderten sich über sein Schweigen.
»Hast du etwas zu rauchen?« fragte Frédéric.
Er betastete sich und zog dann tief aus seiner Tasche die Bruchstücke einer Pfeife hervor, – einer schönen Meerschaumpfeife mit schwarzem Holzrohr, silbernem Deckel und Bernsteinmundstück.
Seit drei Jähren arbeitete er, daraus ein Meisterstück zu machen. Er hatte den Kopf stets sorgfältig in einem Futteral von Gemsleder bewahrt, so langsam wie möglich daraus geraucht, sie niemals auf Marmor gelegt und sie jeden Abend am Kopfende seines Bettes aufgehängt. Jetzt schüttete er die Stücke in seine Hand, deren Nägel bluteten, und mit gesenktem Kopf, die Augen starr und weit offen, betrachtete er die Trümmer seiner Freude mit einem Blick unaussprechlicher Trauer.
»Ob wir ihm Zigarren geben, wie?« sagte Hussonnet ganz leise und machte Miene, sie herauszunehmen. Frédéric hatte bereits eine gefüllte Zigarrentasche auf den Fensterrand gelegt.
»Nimm doch! Lebwohl, nur Mut!«
Dussardier riß die beiden Hände an sich, die sich ihm entgegenstreckten. Er schüttelte sie ungestüm und rief, von Schluchzen unterbrochen:
»Wie?… für mich!… für mich?«
Die beiden Freunde entzogen sich seiner Dankbarkeit, gingen fort und frühstückten zusammen im Café Tabourey vor dem Luxembourg.
Während er ein Beefsteak verzehrte, teilte Hussonnet seinem Gefährten mit, daß er Mitarbeiter der Mode-Journale sei und Reklamen für die Kunsthandlung anfertige.
»Für Jacques Arnoux,« sagte Frédéric.
»Sie kennen ihn?«
»Ja! nein! – Das heißt, ich habe ihn gesehen, bin ihm begegnet.«
Nachlässig fragte er Hussonnet, ob er seine Frau zuweilen sehe.
»Von Zeit zu Zeit,« erwiderte der Bohémien.
Frédéric wagte nicht mit Fragen fortzufahren; dieser Mensch begann eine übermäßig große Rolle in seinem Leben zu spielen; er bezahlte das Frühstück, ohne daß von seiten des andern Einspruch dagegen erhoben wurde.
Die Sympathie war eine gegenseitige; sie tauschten ihre Adressen aus, und Hussonnet forderte ihn herzlich auf, ihn bis zur Rue de Fleurus zu begleiten.
Sie waren mitten im Garten, als er, den Atem anhaltend, sein Gesicht zu einer abscheulichen Grimasse verzerrte und anfing zu krähen wie ein Hahn. Darauf antworteten ihm alle Hähne in der Umgegend mit einem langgezogenen Kickeriki.
»Das ist ein Signal,« sagte Hussonnet.
Sie blieben neben dem Theater Bobino vor einem Hause stehen, in das man durch einen Gang gelangte. In dem Dachfenster einer Mansarde, zwischen Kapuzinerkresse und Wicken, zeigte sich eine junge Frau mit bloßem Kopf, im Korsett und stützte sich mit beiden Armen auf die Dachrinne.
»Guten Tag, mein Engel, guten Tag, mein Schatz,« rief Hussonnet, ihr Kußhände zuwerfend.
Er stieß die Barriere mit einem Fuß auf und verschwand.
Frédéric erwartete ihn die ganze Woche. Er wagte nicht, zu ihm zu gehen, um nicht ungeduldig zu erscheinen, die Summe für das Frühstück wieder zu erhalten, aber er suchte ihn im ganzen Quartier latin. Und eines Abends traf er ihn und nahm ihn mit auf sein Zimmer auf dem Quai Napoléon.
Die Unterhaltung wurde lang, sie schütteten ihre Herzen aus. Hussonnet strebte nach Ruhm und Theatererfolgen. Er arbeitete an Vaudevilles mit, die niemals angenommen wurden, »hatte eine Menge von Plänen«, drechselte Couplets, von denen er einige sang. Dann, als er auf dem Bücherbrett einen Band von Viktor Hugo und einen andern von Lamartine bemerkte, verhöhnte er die romantische Schule. Diese Dichter hätten weder ein richtiges Urteil noch Sprachgefühl und seien vor allem keine Franzosen. Er rühmte sich, seine Sprache zu kennen, und zerpflückte die schönsten Sätze mit jener bissigen Strenge und jener akademischen Art, die lustigen Leuten eigen ist, wenn sie über ernste Kunst reden.
Frédéric war dadurch in seinem Empfinden verletzt; er hatte Lust, abzubrechen. Warum sollte er nicht gleich das Wort sagen, von dem sein Glück abhing? Er fragte den jungen Literaten, ob er ihn bei Arnoux einführen könne.
Die Sache war sehr einfach, und sie verabredeten sich für den nächsten Tag.
Hussonnet versäumte das Rendezvous, er versäumte auch drei weitere. Eines Samstags gegen vier Uhr erschien er. Aber da er den Wagen ausnutzen wollte, hielt er erst vor dem Theater-Français, um ein Logenbillet zu nehmen, ließ beim Schneider vorfahren, bei einer Putzmacherin, und schrieb bei den Hausmeistern Karten. Endlich langten sie auf dem Boulevard Montmartre an. Frédéric durchschritt den Laden und stieg die Treppe hinauf. Arnoux erkannte ihn in dem Spiegel vor seinem Schreibtisch, fuhr ruhig im Schreiben fort und reichte ihm über die Schulter hinweg die Hand.
Fünf oder sechs Personen standen in dem Zimmer umher, das ein einziges, nach dem Hof gehendes Fenster erhellte; ein Sofa mit braunem Damastbezug nahm das Innere eines Alkovens im Hintergrund zwischen zwei Portieren von gleichem Stoff ein. Auf dem Kamin, der mit Papieren bedeckt war, stand eine Venus aus Bronze, zu beiden Seiten parallel zwei Kandelaber mit rosa Kerzen. Rechts neben einem Mappenständer saß ein Mann in einem Sessel und las mit dem Hut auf dem Kopf die Zeitung; die Wände verschwanden unter den Stichen und Gemälden, den kostbaren Gravüren oder mit Widmungen geschmückten Skizzen zeitgenössischer Meister, die von aufrichtigster Zuneigung für Jacques Arnoux zeugten.
»Geht es Ihnen gut?« fragte er, sich an Frédéric wendend.
Und ohne eine Antwort abzuwarten, fragte er Hussonnet leise:
»Wie heißt Ihr Freund?«
Dann laut:
»Nehmen Sie eine Zigarre, aus der Kiste auf dem Ständer.«
Die Kunsthandlung, im Zentrum von Paris gelegen, war ein bequemer Versammlungsort, ein neutrales Gebiet, wo die Gegner vertraulich miteinander in Berührung kamen. Man sah heute hier Anténor Braive, den Porträtisten von Königen; Jules Burrieu, der die Kriege in Algier durch seine Zeichnungen populär zu machen begann; den Karikaturisten Sombaz, den Bildhauer Vourdat und andere mehr; keiner aber entsprach den Erwartungen des Studenten. Ihre Manieren waren schlecht, ihre Gespräche frei. Der Mystiker Lovarias gab eine Zote zum besten, und der Entdecker der orientalischen Landschaften, der bekannte Dittmer, trug ein gestricktes Kamisol unter seiner Weste und nahm sogar den Omnibus, um nach Haus zu kommen.
Es war zuerst die Rede von einer gewissen Apollonia, einem ehemaligen Modell, das Burrieu in einem Daumont auf dem Boulevard erkannt zu haben behauptete. Hussonnet erklärte diese Metamorphose durch die Anzahl ihrer Liebhaber.
»Wie dieser Schelm die Pariser Mädchen kennt,« sagte Arnoux.
»Nach Ihnen, wenn etwas übrig bleibt, Sire,« entgegnete der Bohémien mit militärischem Gruß, um den Grenadier nachzuahmen, der Napoleon seine Flasche anbot.
Darauf disputierte man über einige Bilder, zu denen Apollonias Kopf benutzt worden war. Abwesende Kollegen wurden kritisiert. Man wunderte sich über die Preise ihrer Werke und alle beklagten sich, daß man nicht mehr genug verdiene, als ein mittelgroßer Mann, der etwas verrückt aussah, mit lebhaften Augen, den Rock nur mit einem Knopf geschlossen, eintrat.
»Was für Spießbürger ihr seid!« sagte er. »Was tut das, mein Gott! Die Alten, die Meisterwerke schufen, kümmerten sich nicht um Millionen. Correggio, Murillo..«
»Fügen Sie noch hinzu: Pellerin,« sagte Sombaz.
Aber ohne den Stich zu beachten, fuhr er fort mit einer solchen Heftigkeit zu reden, daß Arnoux genötigt war, zweimal zu wiederholen:
»Meine Frau erwartet Sie am Donnerstag. Vergessen Sie es nicht.«
Diese Worte leiteten Frédérics Gedanken auf Madame Arnoux. Man gelangte sicherlich durch das Kabinett neben dem Divan zu ihr? Arnoux hatte es eben geöffnet, um ein Taschentuch zu holen, Frédéric hatte im Hintergrunde einen Waschständer bemerkt. Aber eine Art Brummen kam aus der Ecke neben dem Kamin von dem Manne, der im Fauteuil die Zeitung las. Er war fünf Fuß neun Zoll hoch, hatte etwas schlaffe Lider, graues Haar, ein majestätisches Aussehen – sein Name war Regimbart.
»Was gibt’s denn, Citoyen?« fragte Arnoux.
»Wieder eine neue Niederträchtigkeit der Regierung!«
Es handelt sich um die Absetzung eines Schulmeisters; Pellerin nahm seinen Vergleich zwischen Michel-Angelo und Shakespeare wieder auf. Dittmer ging. Arnoux hielt ihn fest, um ihm zwei Banknoten zuzustecken. Darauf sagte Hussonnet, den günstigen Moment wahrnehmend:
»Könnten Sie mir nichts vorschießen, mein Gönner?…«
Aber Arnoux hatte wieder seinen Platz eingenommen und schalt einen Greis von schmutzigem Aussehen mit blauer Brille aus.
»Sie sind gut, Vater Isaac! Drei Werke sind dadurch in Verruf, verloren! Alle Welt macht sich lustig über mich! Man kennt sie jetzt! Was tue ich damit? Ich werde sie nach Kalifornien schicken müssen!… zum Teufel! Schweigen Sie!«
Die Spezialität dieses Biedermannes bestand darin, die Unterschrift alter Meister unter die Bilder zu setzen. Arnoux weigerte sich, ihn zu bezahlen, und verabschiedete ihn barsch. Darauf begrüßte er mit veränderter Miene einen steifen, ordengeschmückten Herrn mit Backenbart und weißer Kravatte.
Den Ellbogen auf den Fensterriegel gestützt, unterhielt er sich lange mit honigsüßer Miene mit ihm. Endlich rief er aus:
»Ach, es fehlt mir nicht an Vermittlern, Herr Graf!«
Nachdem der Mann eingewilligt hatte, zahlte Arnoux ihm fünfundzwanzig Louisdor aus und sagte, als er fort war:
»Wie unerträglich sind doch diese großen Herren!«
»Eine elende Bande, allesamt!« murmelte Regimbart.
Wie die Zeit vorschritt, verdoppelte sich Arnoux’ Tätigkeit; er sah Artikel durch, entsiegelte Briefe, stellte Rechnungen aus, ging, wenn er die Hammerschläge hörte, in den Laden hinaus, um die Verpackung zu überwachen und nahm dann seine Beschäftigung wieder auf; und während seine Stahlfeder über das Papier glitt, ging er schlagfertig auf jeden Scherz ein. Abends wollte er bei seinem Advokaten speisen und am nächsten Morgen nach Belgien reisen.
Die anderen unterhielten sich über Tagesfragen: über das Porträt von Cherubini, das Amphitheater der schönen Künste, die nächste Ausstellung. Pellerin schimpfte auf die Akademie. Klatschereien, Diskussionen kreuzten sich. Der niedrige Raum war so voll, daß man sich nicht rühren konnte, und das Licht der rosa Kerzen leuchtete durch den Tabaksrauch wie Sonnenstrahlen durch den Nebel.
Die Tür neben dem Divan öffnete sich, und eine große, schlanke Dame trat mit ungestümen Bewegungen ein, bei denen alle Berloques ihrer Uhr auf dem schwarzen Taffetkleide aneinander klirrten.
Es war die Dame, die er im letzten Sommer im Palais-Royal gesehen. Einige redeten sie mit ihrem Namen an und wechselten einen Händedruck mit ihr. Hussonnet hatte endlich fünfzig Franken herausgeschlagen; es schlug sieben Uhr und alle gingen.
Arnoux forderte Pellerin auf, zu bleiben und führte Mademoiselle Vatnaz in das Kabinett.
Frédéric hörte nicht, was sie sprachen, sie flüsterten. Doch auf einmal erhob sich die weibliche Stimme:
»Sechs Monate warte ich schon, seit die Sache in Angriff genommen wurde.«
Es folgte ein langes Schweigen, Mademoiselle Vatnaz kam wieder zum Vorschein. Arnoux hatte ihr wohl noch etwas versprochen.
»Später werden wir sehen!«
»Adieu, Sie Glücklicher!« sagte sie, als sie fortging.
Arnoux trat hastig in das Kabinett zurück, wichste seinen Schnurrbart, zog die Hosenträger herauf, um die Stege zu straffen, wusch sich die Hände und sagte:
»Ich brauche also zwei Türgesimse, zu zweihundertfünfzig das Stück, Genre Boucher, abgemacht?«
»Meinetwegen,« sagte der Künstler, der rot geworden war.
»Gut! und vergessen Sie meine Frau nicht!«
Frédéric begleitete Pellerin bis oben an das Faubourg Poissonière und bat ihn um die Erlaubnis, ihn manchmal besuchen zu dürfen, eine Gunst, die ihm freundlichst gewährt wurde.
Pellerin las alle Werke über Ästhetik, um die wahre Theorie des Schönen zu entdecken, überzeugt, wenn er sie gefunden, Meisterwerke schaffen zu können. Er umgab sich mit allen erdenklichen Hilfsmitteln, mit Zeichnungen, Skulpturen, Modellen, Gravüren, er suchte, quälte sich. Er klagte das Wetter, seine Nerven, sein Atelier an, ging aus, um Inspirationen zu finden, zitterte, wenn er sie nahe glaubte, ließ sein Werk dann im Stich und träumte von einem neuen, das viel schöner werden sollte. Von seiner Ruhmbegierde verfolgt, vergeudete er seine Tage in Diskussionen, glaubte an tausend Albernheiten, an Systeme, Kritiken, an die Bedeutung von Gesetzen, einer Reform der technischen Ausdrucksmittel und hatte mit fünfzig Jahren noch nichts weiter als Entwürfe hervorgebracht. Sein unerschütterlicher Stolz bewahrte ihn vor Enttäuschungen, aber er war immer gereizt, und in einer gekünstelten und zugleich natürlichen Erregung, die einen zum Komödianten macht.
Beim Eintritt fiel der Blick auf zwei große Gemälde, auf denen die ersten, hier und da aufgesetzten Töne braune, rote und blaue Flecken auf der weißen Leinwand bildeten. Ein Netz von Kreidelinien spannte sich darüber wie die Maschen eines zwanzigmal ausgebesserten Gewebes; es war ganz unmöglich, etwas davon zu verstehen. Pellerin erklärte den Gegenstand dieser beiden Kompositionen, indem er mit dem Daumen die fehlenden Partien andeutete. Das eine sollte den »Wahnsinn des Nebukadnedzar«, das andere den »Brand Roms unter Nero« darstellen. Frédéric bewunderte sie.
Er bewunderte wüste Frauenakte, Landschaften mit einem Überfluß von sturmgepeitschten Bäumen, und besonders phantastische Federzeichnungen, Erinnerungen an Callot, Rembrandt und Goya, deren Bilder er nicht kannte. Pellerin schätzte diese Jugendarbeiten nicht mehr; jetzt war er für den großen Stil; er dogmatisierte beredt über Phidias und Winckelmann. Die Gegenstände um ihn her verstärkten die Macht seiner Worte: man sah einen Totenschädel auf einem Betpult, einen Yatagan, eine Mönchskutte, die Frédéric anprobierte.
Kam er früh, so traf er ihn in seinem schlechten Gurtenbett, das ein Teppichfetzen bedeckte; denn Pellerin, der regelmäßig die Theater besuchte, ging spät zu Bett. Eine alte Frau in Lumpen bediente ihn, er speiste in einer Garküche und hatte keine Geliebte. Seine bunt zusammengewürfelten Kenntnisse machten seine Paradoxe amüsant. Sein Haß gegen das Gemeine und gegen das Spießbürgerliche ergoß sich in Sarkasmen von so prächtigem Enthusiasmus, und er hatte eine solche Verehrung für die alten Meister, daß sie ihn fast bis zu ihnen emporhob.
Warum aber sprach er niemals von Madame Arnoux? Ihren Mann dagegen nannte er bald einen guten Kerl, bald einen Charlatan. Frédéric erwartete vertrauliche Mitteilungen von ihm.
Als er eines Tages in seinen Mappen blätterte, fand er in dem Porträt einer Zigeunerin etwas von Mademoiselle Vatnaz, und da er sich für ihre Person interessierte, wollte er ihren Stand wissen.
Pellerin glaubte, daß sie früher Erzieherin in der Provinz gewesen war, jetzt gab sie Unterricht und versuchte, für kleine Blätter zu schreiben.
Nach ihrem Benehmen Arnoux gegenüber konnte man sie, Frédérics Meinung nach, für seine Geliebte halten.
»Ach was, er hat andere!«
Da wandte der junge Mann sich, über die eigenen Gedanken errötend, beschämt ab und fügte entschlossen hinzu:
»Seine Frau vergilt es ihm wohl.«
»Durchaus nicht! Sie ist anständig.«
Frédéric hatte Gewissensbisse und zeigte sich häufiger in der Redaktion.
Die großen Buchstaben, die den Namen Arnoux auf der Marmorplatte über dem Laden bildeten, schienen ihm ganz seltsam und voll Bedeutung, wie eine heilige Inschrift. Das breite, abschüssige Trottoir erleichterte ihm das Gehen, die Türen öffneten sich fast von selbst; und der vom Anfassen glatte Türgriff hatte die Weichheit und fast das Wesen einer Hand in der seinen. Unvermerkt wurde er ebenso pünktlich wie Regimbart.
Täglich setzte sich Regimbart an den Kamin in seinen Fauteuil, bemächtigte sich des »National«, gab ihn nicht mehr aus der Hand und drückte seine Gedanken durch Ausrufe oder bloßes Achselzucken aus. Von Zeit zu Zeit trocknete er sich die Stirn mit seinem wurstförmig gerollten Taschentuch, das er auf der Brust zwischen zwei Knöpfen seines grünen Überrocks trug. Er hatte eine Hose an mit Bügelfalte, Stiefeletten, eine lange Krawatte; und ein Hut mit aufgeschlagener Krempe machte ihn schon von weitem kenntlich in der Menge.
Um acht Uhr morgens stieg er die Höhen des Montmartre hinunter, um den Weißwein in der Rue Notre-Dame-des-Victoires zu trinken. Sein Frühstück, dem mehrere Partien Billard folgten, währte bis drei Uhr. Darauf begab er sich nach der Panorama-Passage, um einen Absinth zu nehmen. Nach der Sitzung bei Arnoux ging er in die Wirtschaft Bordelais, um Wermut zu trinken; dann, anstatt zu seiner Frau zurückzukehren, zog er es vor, in einem kleinen Café, Place Gaillan, allein zu speisen, wo er »häusliche Gerichte«, »Hausmannskost« vorgesetzt haben wollte! Endlich suchte er ein anderes Café auf, wo er bis Mitternacht blieb, bis ein Uhr morgens, bis zu dem Moment, wo das Gas ausgelöscht, die Fensterläden geschlossen wurden, und der erschöpfte Wirt ihn beschwor, zu gehen.
Und nicht einmal die Liebe zu Getränken zog Regimbart an diese Orte, sondern nur die alte Gewohnheit, dort über Politik zu sprechen; mit dem Alter hatte seine Begeisterung abgenommen, und nur eine mürrische Schweigsamkeit war ihm geblieben. Beim Anblick seines ernsten Gesichts hätte man glauben können, er wälze die Welt in seinem Kopf. Nichts kam dabei heraus, und niemand, selbst seine besten Freunde, sahen ihn je arbeiten, obwohl er vorgab, ein Geschäftsbüro zu halten.
Arnoux schien ihn unendlich zu schätzen. Er sagte eines Tages zu Frédéric:
»Dieser Mann weiß viel! Er ist ein bedeutender Mensch!«
Ein anderes Mal breitete Regimbart auf seinem Pult Papiere aus, die Kaolin-Minen in der Bretagne betrafen; Arnoux verließ sich auf seine Erfahrung.
Frédéric war Regimbart gegenüber von übertriebener Aufmerksamkeit, – so sehr, daß er ihm mitunter sogar einen Absinth anbot; und obwohl er ihn für beschränkt hielt, blieb er doch oft eine volle Stunde in seiner Gesellschaft, und einzig, weil er der Freund Jacques Arnoux’ war.
Nachdem er zeitgenössischen Meistern zum ersten Erfolg verholfen, hatte dieser Kunsthändler, ein Mann des Fortschritts, immer unter Wahrung der artistischen Allüren versucht, seine pekuniären Vorteile wahrzunehmen. Er trachtete nach Selbständigkeit der Kunst, nach Solidem bei wohlfeilen Preisen. Alle Pariser Luxus-Industrien waren von seinem Einfluß abhängig, der für die kleinen Dinge gut, für die großen verderblich war. Mit seiner Sucht, die Meinung zu beeinflussen, lenkte er die geschickten Künstler von ihren Zielen ab, ruinierte die Starken, beutete die Schwachen aus und machte die Mittelmäßigen berühmt; und dies alles erreichte er durch seine Verbindungen und durch seine Revue. Die Farbenkleckser strebten ehrgeizig danach, ihre Werke in seinem Fenster zu sehen, und die Dekorateure nahmen bei ihm die Modelle für Einrichtungen. Frédéric betrachtete ihn gleichzeitig als Millionär, als Dilettant und als Mann der Tat. Allein vieles setzte ihn in Erstaunen, denn dieser Monsieur Arnoux war ein gewiegter Geschäftsmann.
Er erhielt aus Deutschland oder Italien eine Leinwand, die für fünfzehnhundert Francs in Paris gekauft war, und verkaufte sie dann, indem er eine Rechnung vorlegte, die auf einen Preis von viertausend lautete, aus Gefälligkeit für dreitausendfünfhundert. Einer seiner gewöhnlichen Kniffe mit den Malern war, daß er unter dem Vorwand, eine Gravüre herausgeben zu wollen, eine Verkleinerung ihres Bildes von ihnen verlangte; er verkaufte dann die Verkleinerung, und die Gravüre erschien nie. Denen, die sich beklagten, ausgebeutet zu werden, antwortete er mit einem Klaps auf den Bauch. Im übrigen war er ein vortrefflicher Mensch, verschwendete Zigarren, duzte Unbekannte, und begeisterte er sich für ein Werk oder für einen Menschen, so war er doppelt eifrig in seinem Geschäft mit Korrespondenzen und Reklamen. Er hielt sich für sehr anständig, und in seinem Bedürfnis, sich mitzuteilen, erzählte er naiv seine Schliche.
Um einen Kollegen zu ärgern, der ein anderes Kunstblatt durch ein großes Fest einweihte, bat er Frédéric eines Tages unter seinen Augen, kurz vor Beginn der Feier, Billets zu schreiben, durch die die Gäste wieder ausgeladen werden sollten.
»Es geht nicht gegen die Ehre, wissen Sie!«
Und der junge Mann wagte nicht, ihm diesen Dienst abzuschlagen.
Am nächsten Tage, als er mit Hussonnet in sein Bureau trat, sah Frédéric durch die Tür (oben auf der Treppe) den Saum eines Kleides verschwinden.
»Bitte tausendmal um Entschuldigung!« sagte Hussonnet. »Wenn ich gewußt hätte, daß Damen hier sind…«
»O, das war meine Frau,« erwiderte Arnoux. »Sie kam im Vorübergehen herauf, mir eine kleine Visite zu machen.«
»Wie, hier?« sagte Frédéric.
»Jawohl! sie geht jetzt zurück nach Haus.«
Alles ringsum verlor plötzlich seinen Reiz. Was er eben dunkel empfand, schwand wieder oder war vielmehr niemals gewesen. Er fühlte eine unsagbare Bestürzung, einen Schmerz wie über einen Verrat.
Arnoux, der in seinem Schubfach kramte, lächelte. Machte er sich über ihn lustig? Der Kommis legte ein Paket feuchter Papiere auf den Tisch.
»Ah! Die Plakate!« rief der Kaufmann. »Ich komme heute nicht zu meinem Mittagessen.«
Regimbart nahm seinen Hut.
»Wie, Sie gehen fort?«
»Sieben Uhr!« sagte Regimbart.
Frédéric folgte ihm.
An der Ecke der Rue Montmartre drehte er sich um; er sah die Fenster der ersten Etage und lachte innerlich mitleidig über sich selber, als er sich erinnerte, mit welcher Liebe er sie oft betrachtet hatte! Wo wohnte sie denn? Wie ihr jetzt begegnen? Und stärker denn je empfand er seine Sehnsucht und namenlose Einsamkeit!
»Nehmen Sie einen?« sagte Regimbart.
»Einen Absinth?«
Und seinem Drängen nachgebend, ließ Frédéric sich in die Wirtschaft Bordalais führen. Während er, auf den Ellbogen gestützt, die Karaffe betrachtete, schweiften die Blicke seines Gefährten nach rechts und links. Da bemerkte er das Profil Pellerins auf dem Trottoir, klopfte lebhaft an die Scheibe, und kaum hatte der Maler sich gesetzt, als Regimbart ihn fragte, warum man ihn nicht mehr in der Kunsthandlung sehe.
»Lieber krepieren, als dahin zurückkehren! Das ist ein Vieh, ein Philister, ein Lump, ein Narr!«
Diese Beleidigungen taten Frédérics Zorn wohl und doch verletzen sie ihn, denn ihm schien, daß sie Madame Arnoux ebenfalls trafen.
»Was hat er Ihnen denn getan?« fragte Regimbart.
Pellerin stampfte mit dem Fuß auf den Boden und schnaufte, anstatt zu antworten.
Er ließ sich zu unsauberen Geschäften herbei, wie Porträts in zweierlei Kreide oder Nachahmungen großer Meister für wenig bewanderte Amateure anzufertigen; und da diese Arbeiten ihn demütigten, zog er es gewöhnlich vor, zu schweigen. Aber »der schmutzige Geiz« Arnoux’ erbitterte ihn. Er machte sich Luft.
Einem Auftrag zufolge, dessen Zeuge Frédéric gewesen, hatte er ihm zwei Bilder gebracht, die der Kaufmann sich alsdann erlaubte zu kritisieren! Er hatte die Komposition getadelt, die Farbe, die Zeichnung, vor allem die Zeichnung, kurz, er hatte sie auf keinen Fall gewollt. Allein durch einen fälligen Wechsel gezwungen, hatte Pellerin sie dem Juden Isaac überlassen; und vierzehn Tage später verkaufte Arnoux sie für zweitausend Francs an einen Spanier.
»Nicht einen Sou weniger! Was für eine Gemeinheit; und er verübt noch andere, bei Gott! Wir werden ihn eines Tages vor dem Strafgericht sehen!«
»Wie Sie übertreiben!« sagte Frédéric mit schüchterner Stimme.
»Gut! meinetwegen! ich übertreibe!« schrie der Künstler, mit der Faust heftig auf den Tisch schlagend.
Diese Heftigkeit gab dem jungen Manne seine ganze Sicherheit wieder. »Freilich hätte sich Arnoux besser benehmen können, indessen wenn er diese beiden Bilder…«
»Schlecht fand! Heraus mit dem Wort! Kennen Sie sie? Ist das Ihr Fach? Denn wissen Sie, ich gebe nichts auf Amateure!«
»Ach! die Sache geht mich ja nichts an,« sagte Frédéric.
»Welches Interesse haben Sie denn daran, ihn zu verteidigen?« entgegnete Pellerin kalt.
»Aber… weil ich sein Freund bin.«
»Küssen Sie ihn in meinem Namen! Guten Abend!«
Und wütend ging der Maler hinaus, selbstverständlich ohne an seine Zeche zu denken.
Frédéric hatte, indem er Arnoux verteidigte, sich selbst vergessen. In der Hitze seiner Beredsamkeit ergriff ihn plötzlich eine große Zärtlichkeit für diesen guten, intelligenten Mann, den seine Freunde verleumdeten und der jetzt ganz allein, verlassen bei der Arbeit saß. Er konnte dem lebhaften Bedürfnis, ihn sofort wiederzusehen, nicht widerstehen.
Zehn Minuten später öffnete er die Tür des Ladens.
Arnoux stellte mit seinem Kommis Monstre-Plakate für eine Gemälde-Ausstellung zusammen.
»Nun, was führt Sie zurück?«
Diese so einfache Frage brachte Frédéric in Verlegenheit; und da er nicht wußte, was er darauf antworten sollte, fragte er, ob nicht zufällig seine Brieftasche gefunden worden sei, eine Brieftasche aus blauem Leder.
»In der Sie Ihre Damenbriefe aufbewahren?« sagte Arnoux.
Frédéric verteidigte sich errötend wie ein junges Mädchen gegen eine solche Vermutung.
»Ihre Verse also?« entgegnete Arnoux.
Er nahm die ausgebreiteten Proben in die Hand, besprach ihre Form, die Farbe, die Umrahmung, und Frédéric fühlte sich durch sein gleichgültiges Wesen, vor allem aber durch seine über die Plakate gleitenden Hände – volle, ein wenig weichliche Hände mit flachen Nägeln – immer mehr abgestoßen. Endlich erhob sich Arnoux, und mit einem »Das wäre gemacht!« faßte er ihn ungezwungen unters Kinn. Diese Vertraulichkeit mißfiel Frédéric, er trat etwas zurück, dann überschritt er, zum letztenmal in seinem Leben, wie er glaubte, die Schwelle des Büros. Selbst Madame Arnoux verlor in seinen Augen durch die Gewöhnlichkeit ihres Gatten. –
In derselben Woche erhielt er einen Brief, in dem Deslauriers ihm ankündigte, daß er am nächsten Donnerstag in Paris eintreffen würde. Er warf sich nun mit Leidenschaft auf diese tiefere und ernsthaftere Freundschaft. Ein solcher Mann war mehr wert als alle Frauen. Er brauchte jetzt weder Regimbart noch Pellerin oder Hussonnet, niemand! Um seinen Freund besser unterzubringen, kaufte er ein eisernes Bett, einen zweiten Sessel, teilte sein Bettzeug; und am Donnerstagmorgen kleidete er sich an, um Deslauriers entgegenzugehen, als die Glocke an seiner Tür ertönte und Arnoux eintrat.
»Nur ein Wort! Ich erhielt gestern eine schöne Forelle aus Genf, wir rechnen auf Sie, gleich heute, um sieben Uhr pünktlich… In der Rue Choiseul 24b… Vergessen Sie es nicht!«
Frédéric mußte sich setzen. Seine Knie wankten. Er wiederholte unablässig: »Endlich! endlich!« Dann schrieb er an seinen Schneider, seinen Hutmacher und seinen Schuhmacher, und ließ diese drei Billets von drei verschiedenen Dienstmännern fortbringen. Der Schlüssel drehte sich im Schloß, und der Portier erschien mit einem Koffer auf der Schulter.
Als Frédéric Deslauriers erblickte, fing er an zu zittern wie eine ehebrecherische Frau unter dem Blick ihres Mannes.
»Was hast du?« sagte Deslauriers, »du mußt meinen Brief doch erhalten haben?«
Frédéric hatte nicht die Kraft zu lügen.
Er breitete die Arme aus und warf sich an seine Brust.
Dann erzählte der Schreiber seine Geschichte. Sein Vater hatte die Vormundschaftsrechnung nicht vorlegen wollen, indem er vorgab, daß diese in zehn Jahren verjährt sein würde. Aber Deslauriers, der im Prozeßwesen gut beschlagen war, hatte endlich das ganze Erbteil seiner Mutter, netto siebentausend Francs, herausbekommen, die er hier in einer alten Brieftasche bei sich trug.
»Das ist ein Rückhalt für den Fall der Not. Ich muß sehen, sie anzulegen, und mich selbst morgen früh unterzubringen. Für heute bin ich vollkommen frei und stehe ganz zu deiner Verfügung, alter Junge!«
»O! Geniere dich nicht!« sagte Frédéric. »Wenn du heute abend etwas Wichtiges vorhast…«
»Warum nicht gar! Da wäre ich ja ein schöner Lump!«
Dieses zufällig hingeworfene Epitheton traf Frédéric mitten ins Herz wie eine beleidigende Anspielung.
Der Hausmeister hatte auf den Tisch neben dem Kamin zwei Kotelettes, Geflügel, eine Languste, ein Dessert und zwei Flaschen Burgunder gestellt. Eine so festliche Aufnahme rührte Deslauriers.
»Du behandelst mich wie einen König, auf mein Wort!«
Sie plauderten von ihrer Vergangenheit, von der Zukunft; und von Zeit zu Zeit reichten sie sich über den Tisch die Hände und sahen sich eine Minute mit Rührung an. Aber ein Bote brachte einen neuen Hut. Deslauriers bemerkte laut, wie glänzend der Hutkopf sei.
Darauf brachte der Schneider selbst den Frack, den er noch etwas aufgebügelt hatte.
»Man könnte glauben, du wollest Hochzeit machen,« sagte Deslauriers.
Eine Stunde später erschien unvermutet ein drittes Individuum und zog aus seinem Beutel ein Paar glänzende Lackstiefel. Während Frédéric sie probierte, betrachtete der Schuster schmunzelnd das Schuhwerk des Provinzialen.
»Der Herr braucht nichts?«
»Danke!« erwiderte der Schreiber und zog seine alten Schnürschuhe unter seinen Stuhl zurück.
Diese Demütigung genierte Frédéric. Er hielt mit seinem Geständnis zurück. Plötzlich rief er, wie wenn ihm etwas einfiele:
»Ach, Donnerwetter; ich vergaß!«
»Was denn?«
»Ich bin heute abend zum Diner eingeladen.«
»Bei Dambreuse? Warum sprachst du in deinen Briefen niemals von ihnen?«
»Nicht bei Dambreuse, sondern bei Arnoux.«
»Du hättest mich vorher benachrichtigen sollen!« sagte Deslauriers. »Ich wäre einen Tag später gekommen.«
»Unmöglich!« entgegnete Frédéric barsch. »Ich wurde erst heute morgen eingeladen, soeben.«
Und um sein Vergehen gutzumachen und seinen Freund abzulenken, knüpfte er die verwickelten Schnüre seines Koffers auf und brachte seine Sachen in der Kommode unter. Er wollte ihm sein eigenes Bett abtreten und selbst im Alkoven schlafen. Dann, gegen vier Uhr, begann er mit den Vorbereitungen seiner Toilette.
»Du hast noch lange Zeit!« sagte der andere.
Endlich kleidete er sich an und ging.
»So sind die Reichen!« dachte Deslauriers.
Und er speiste in der Rue Saint-Jacques bei einem kleinen Speisewirt, den er kannte.
Frédéric blieb mehrmals auf der Treppe stehen, so sehr schlug ihm das Herz. Einer seiner zu engen Handschuhe platzte, und während er den Riß unter seiner Hemdmanschette zu verbergen suchte, faßte ihn Arnoux, der hinter ihm heraufkam, beim Arm und ließ ihn eintreten.
In dem chinesisch ausgestatteten Vorzimmer standen Bambusmöbel in den Ecken und von der Decke hing eine gemalte Laterne herab. Als er den Salon durchschritt, stolperte Frédéric über ein Tigerfell. Die Kerzen waren noch nicht angesteckt, aber ganz hinten im Boudoir brannten zwei Lampen.
Die kleine Martha kam, um zu sagen, daß ihre Mutter sich ankleidete. Arnoux hob sie bis zu seinem Munde empor, um sie zu küssen; dann ließ er Frédéric, da er selbst im Keller gewisse Weinflaschen wählen wollte, mit dem Kinde allein.
Sie war seit der Reise nach Montereau sehr gewachsen. Ihr braunes Haar fiel in langen, geringelten Locken auf die nackten Arme herab. Ihr Kleid, bauschiger als das Röckchen einer Tänzerin, ließ ihre rosigen Waden sehen, und das ganze hübsche Persönchen duftete frisch wie ein Bukett. Sie nahm die Komplimente des jungen Mannes mit koketter Miene entgegen, blickte ihn prüfend an und verschwand, sich zwischen den Möbeln durchwindend wie eine Katze.
Er empfand keinerlei Verwirrung mehr. Die mit Papierspitzen verhängten Lampenglocken verbreiteten ein milchiges Licht und milderten den Ton der in malvenfarbener Seide gehaltenen Wände. Durch die Stäbe des Ofenschirms, der einem großen Fächer glich, sah man die Kohlenglut im Kamin; vor der Uhr stand ein Kästchen mit Silberschließen. Hier und dort lagen intime Gegenstände: eine Puppe mitten auf dem Kanapee, ein Tuch auf der Rücklehne eines Stuhls, und auf dem Nähtisch ein baumwollenes Strickzeug, von dem zwei Elfenbeinnadeln mit den Spitzen nach unten herabhingen. Es war alles in allem ein friedlicher, trauter, hübscher Raum.
Arnoux kam wieder herein, und unter der andern Portiere erschien Madame Arnoux. Da der Schatten auf sie fiel, unterschied er anfangs nur ihren Kopf. Sie trug ein Kleid von schwarzem Samt und im Haar ein langes, algerisches Netz aus Maschen von roter Seide, das, um ihren Kamm geschlungen, auf ihre linke Schulter herabfiel.
Arnoux stellte Frédéric vor.
»O! ich erkenne den Herrn wieder,« sagte sie.
Dann kamen alle Gäste fast zu gleicher Zeit. Dittmer, Lovarias, Burrieu, der Komponist Rosenwald, der Dichter Théophile Lorris, zwei Kunstkritiker, Kollegen Hussonnets, ein Papier-Fabrikant, und endlich der berühmte Pierre-Paul Meinsius, der letzte Repräsentant der monumentalen Malerei, der an seinem Ruhm dasselbe Vergnügen hatte wie an seinen achtzig Jahren und seinem dicken Bauch.
Als man ins Speisezimmer ging, nahm Madame Arnoux seinen Arm. Ein Stuhl war für Pellerin leergeblieben. Arnoux mochte ihn gern, obwohl er ihn ausbeutete. Überdies fürchtete er seine scharfe Zunge – so sehr, daß er, um ihn zu besänftigen, in der Kunsthandlung sein Porträt, von den übertriebensten Lobsprüchen begleitet, veröffentlicht hatte; und Pellerin, der empfänglicher für Ruhm war als für Geld, erschien ganz atemlos gegen neun Uhr. Frédéric glaubte sie längst wieder ausgesöhnt.
Die Gesellschaft, die Speisen, alles gefiel ihm. Der Saal, einem mittelalterlichen Raum ähnlich, war in gedämpftem Kupfer gehalten. Eine holländische Etagère stand vor einem Tschibukständer, und die verschiedenen böhmischen Gläser rund um den Tisch wirkten inmitten der Blumen und Früchte wie eine Garten-Illumination.
Er konnte unter zehn Senfsorten wählen. Er aß Daspachio, Curry, Ingwer, Amseln aus Corsika, römische Lerchen; er trank seltene Weine, Lip-fraoli und Tokayer. Arnoux setzte seinen Stolz darein, gut zu bewirten. Mit Rücksicht auf die Delikatessen stellte er sich gut mit allen Postbeamten und stand mit den Köchen großer Häuser in Verbindung, die ihm Saucen lieferten.
Aber besonders gefiel Frédéric die Unterhaltung. Seinem Geschmack an Reisen kam Dittmer entgegen, der vom Orient erzählte; seine Neugierde in Theaterangelegenheiten wurde durch Anhören von Rosenwalds Plaudereien über die Oper befriedigt, und die schreckliche Existenz der Bohème erschien ihm komisch durch Hussonnets Fröhlichkeit, der in pittoresker Weise erzählte, wie er sich einen ganzen Winter nur von Holländer Käse ernährt hatte. Durch eine Diskussion über die florentinische Schule zwischen Lovarias und Burrieu lernte er Meisterwerke kennen; es eröffneten sich ihm neue Horizonte, und er vermochte schwer seine Begeisterung zurückzuhalten, als Pellerin rief:
»Lassen Sie mich in Ruh mit Ihrer abscheulichen Realistik! Was will das sagen, Realistik? Die einen sehen schwarz, die andern blau, die Menge sieht einfältig. Es gibt nichts weniger Realistisches als Michel-Angelo, nichts Gewaltigeres! Die Sorge um die äußere Wahrheit kennzeichnet unsern heutigen Tiefstand, und alle Kunst wird, wenn man so fortfährt, was weiß ich zu welchem Kram, handele es sich um Religion oder Poesie, um Politik oder öffentliche Interessen. Man erreicht ihren Zweck, ja, ihren Zweck! – der darin besteht, uns eine unpersönliche Exaltation zu verschaffen, nicht mit kleinen Werken, trotz aller ihrer Feinheiten in der Ausführung. Da sind zum Beispiel die Bilder von Bassolier: sie sind hübsch, kokett, sauber und nicht plump! Die kann man in die Tasche stecken, auf die Reise mitnehmen! Liebhaber kaufen sie für zwanzigtausend Francs; es sind nicht für einen Groschen Ideen darin; allein ohne Idee nichts Großes, ohne Größe nichts Schönes! Der Olymp ist ein Berg! Das stolzeste Monument werden immer die Pyramiden sein! Üppigkeit ist mehr wert als Geschmack, die Wüste mehr als ein Trottoir und ein Wilder mehr als ein Haarkünstler.«
Frédéric betrachtete Madame Arnoux, während er diese Dinge anhörte. Sie fielen in seine Seele wie Erzstücke in einen Schmelzofen, verstärkten seine Leidenschaft und erweckten seine Liebe.
Er saß drei Plätze weit von ihr, auf derselben Seite. Zuweilen neigte sie sich ein wenig vor, indem sie den Kopf wandte, um einige Worte an ihr Töchterchen zu richten, und wenn sie dabei lächelte, bildete sich ein Grübchen in ihrer Wange, was ihrem Antlitz einen Ausdruck noch zarterer Güte verlieh.
Bei den Likören verschwand sie. Die Unterhaltung wurde sehr frei; Monsieur Arnoux glänzte darin, und Frédéric war erstaunt über den Cynismus dieser Männer. Indessen bildete ihre ausschließliche Beschäftigung mit den Frauen etwas wie einen Ausgleich zwischen ihnen und ihm, und das hob ihn in der eigenen Achtung.
Als er wieder in den Salon zurückgekehrt war, nahm er, um seine Fassung wiederzugewinnen, eins der Alben, die auf dem Tisch lagen. Die großen Künstler der Zeit hatten es mit Zeichnungen geschmückt, hatten Prosa, Verse oder einfach ihren Namenszug hineingeschrieben; unter den berühmten Namen fanden sich viele Unbekannte, und die seltensten Gedanken zeigten sich unter einer Flut von Albernheiten. Alle enthielten eine mehr oder weniger direkte Huldigung für Madame Arnoux. Frédéric hätte sich gescheut, eine Zeile dazuzuschreiben.
Sie ging in ihr Boudoir, um das Kästchen mit den Silberschließen zu holen, das er auf dem Kamin bemerkt hatte. Es war ein Geschenk ihres Mannes, eine Arbeit aus der Zeit der Renaissance. Die Freunde Arnoux’ machten ihm Komplimente, seine Frau dankte ihm; von Rührung ergriffen, gab er ihr vor allen einen Kuß.
Man plauderte in Gruppen, hier und dort; der gute Meinsius saß mit Madame Arnoux in der Nähe des Kamins auf einer Polsterbank; sie neigte sich zu seinem Ohr, wobei ihre Köpfe sich berührten; – und Frédéric hätte für einen berühmten Namen und weiße Haare gern hingenommen, taub, häßlich und hinfällig zu sein, nur, um in die Lage zu kommen, die ihn zu gleicher Intimität berechtigte. Er verwünschte seine Jugend und überließ sich seiner Qual.
Aber dann kam sie in die Ecke des Salons, wo er stand, und fragte ihn, ob er einige der Gäste kenne, ob er die Malerei liebe und wie lange er in Paris studiere. Jedes Wort aus ihrem Munde schien Frédéric etwas Neues, etwas, das ausschließlich zu ihrer Person gehöre. Er betrachtete aufmerksam die Fransen ihres Kopfputzes, die ihre nackten Schultern mit den Spitzen liebkosten, und er wandte seine Augen nicht mehr davon ab, versenkte den Blick in dieses blendende Fleisch, allein er wagte nicht, seine Lider zu heben, um ihr gerade ins Antlitz zu schauen.
Rosenwald unterbrach sie, indem er Madame Arnoux bat, etwas zu singen. Während er präludierte, wartete sie, ihre Lippen öffneten sich und ein weicher, langgezogener Ton stieg empor.
Frédéric verstand nichts von den italienischen Worten. Es begann mit einem ernsten Rhythmus, wie ein Kirchengesang, dann sich crescendo belebend, vermehrten sich die sonoren Töne und verhallten allmählich, und mit getragenem, vollem Klang wiederholte sich die liebliche Melodie.
Sie stand neben dem Klavier, die Arme herabhängend, mit verlorenem Blick. Zuweilen beugte sie sich etwas vor und kniff die Lider für einen Moment zusammen, um die Noten zu lesen. Ihre volle Altstimme nahm in der Tiefe einen düsteren Klang an, der erschütterte, und ihr schöner Kopf mit den langen Brauen neigte sich dann auf die Schulter; ihre Brust hob sich, sie breitete die Arme aus, ihr Hals, dem die Läufe entströmten, bog sich weich wie unter leisen Küssen, zurück; sie schmetterte drei hohe Töne heraus, dem noch ein höherer folgte, und schloß dann nach einer Pause mit einer Fermate.
Rosenwald verließ den Flügel nicht. Er fuhr fort, für sich selber zu spielen. Von Zeit zu Zeit verschwand einer der Gäste. Um elf Uhr, als die letzten sich verabschiedeten, ging Arnoux mit Pellerin, unter dem Vorwand, ihn begleiten zu wollen, fort. Er gehörte zu denen, die sich krank dünken, wenn sie nach Tisch nicht ihren Spaziergang gemacht haben.
Madame Arnoux war in das Vorzimmer getreten. Dittmer und Hussonnet verabschiedeten sich, sie reichte ihnen die Hand. Auch Frédéric reichte sie die Hand, und er fühlte, wie es jede Pore seiner Haut durchströmte.
Er verließ seine Freunde, es drängte ihn, allein zu sein. Sein Herz floß über. Warum diese dargebotene Hand? War es eine unüberlegte Bewegung oder eine Ermutigung? »Dummheit! Ich bin ein Narr!« Was lag übrigens daran, da er sie jetzt ganz nach Belieben besuchen, in ihrer Atmosphäre leben durfte.
Die Straßen waren öde. Zuweilen kam ein schwerer Karren vorüber, der das Pflaster erschütterte. Die Häuser mit ihren grauen Fassaden und geschlossenen Fenstern reihten sich aneinander; und er dachte verächtlich an alle diese menschlichen Wesen, die hinter den Mauern schliefen und existierten, ohne sie zu kennen, von denen nicht einer ahnte, daß sie lebte! Er hatte weder Bewußtsein von Ort noch Raum, noch von irgend etwas; und müßig weiterschlendernd, indem er mit dem Stock die Rolljalousien der Läden streifte, ging er aufs Geratewohl, erregt und überwältigt, immer geradeaus. Eine feuchte Luft hüllte ihn ein, und er fand sich am Rande des Quais.
Die Gaslampen leuchteten unbestimmt in zwei geraden Linien, und lange rote Flammen flackerten in der Tiefe des Wassers. Es hatte die Farbe des Schiefers, während zu beiden Seiten des Flusses der klarere Himmel sich auf große Schattenmassen senkte. Gebäude, die man nicht unterschied, vertieften die Dunkelheit. Ein leuchtender Dunst schwebte über den Dächern drüben; alle Geräusche verloren sich in einem einzigen Gesumm; es wehte ein leiser Wind.
Er war mitten auf dem Pont-Neuf stehen geblieben und atmete mit bloßem Kopf und nackter Brust die Luft ein. Währenddem fühlte er tief in sich ein Unbezwingbares, eine Welle von Zärtlichkeit aufsteigen, die ihn überwältigte wie jene ruhelosen dort unten. Eine Kirchenuhr schlug eins, ganz langsam, wie eine Stimme, die ihn rief.
Da ergriff ihn einer jener seelischen Schauer, die uns in höhere Sphären heben. Er fühlte Fähigkeiten in sich, deren Wesen er noch nicht kannte. Er fragte sich ernsthaft, ob er ein großer Dichter oder ein großer Maler werden solle; – und er entschied sich für die Malerei, da diese ihn Madame Arnoux nähern müsse. Er hatte also seinen Beruf gefunden! Sein Lebensziel war ihm jetzt klar und die Zukunft gewiß.
Als er seine Tür geschlossen hatte, hörte er jemand in dem dunklen Kabinett neben dem Zimmer schnarchen. Es war der andere. Er hatte nicht mehr an ihn gedacht.
Zufällig sah er sein Gesicht im Spiegel. Er fand sich schön; – und er blieb eine Minute stehen, sich zu betrachten.
5.
Am nächsten Vormittag hatte er sich einen Farbenkasten, Pinsel und eine Staffelei gekauft. Pellerin willigte ein, ihm Unterricht zu geben, und Frédéric führte ihn in seine Wohnung, um zu sehen, ob an seinen Mal-Utensilien nichts fehle.
Deslauriers war zurückgekommen. Ein junger Mann saß auf dem zweiten Sessel. Der Schreiber sagte, auf ihn weisend:
»Das ist er! da ist er nun! Sénécal!«
Dieser junge Mensch mißfiel Frédéric… Die Stirn trat unter seinem ganz kurz geschorenen Haar noch mehr hervor. Etwas Hartes, Kaltes stach aus seinen grauen Augen; und sein langer schwarzer Überrock, sein ganzes Kostüm verriet den Pädagogen, den Geistlichen.
Anfangs sprach man über Tagesereignisse, unter anderm von Rossinis Stabat; Sénécal, danach gefragt, erklärte, er gehe niemals ins Theater. Pellerin öffnete den Farbenkasten.
»Ist das alles für dich?« sagte der Schreiber.
»Aber selbstverständlich!«
»Ach was! welch eine Idee!«
Und er neigte sich über den Tisch, wo der Hilfslehrer der Mathematik in einem Bande von Louis Blanc blätterte. Er hatte ihn selber mitgebracht und las mit leiser Stimme Stellen daraus, während Pellerin und Frédéric zusammen die Palette, den Spachtel, die Tuben untersuchten, worauf sie anfingen, sich über das Diner bei Arnoux zu unterhalten.
»Der Kunsthändler?« fragte Sénécal. »Netter Herr, wahrhaftig!«
»Weshalb denn?« sagte Pellerin.
Sénécal erwiderte:
»Ein Mann, der aus politischen Schandtaten Geld herausschlägt!«
Und er fing an von einer bekannten Lithographie zu erzählen, auf der die ganze königliche Familie bei erbaulichen Beschäftigungen dargestellt war: Louis Philippe hielt ein Gesetzbuch, die Königin ein Gebetbuch, die Prinzessinnen stickten, der Herzog von Nemours gürtete sich einen Säbel um; Monsieur de Joinville zeigte seinen jüngeren Brüdern eine Landkarte; im Hintergrund bemerkte man ein zweischläfriges Bett. Dieses Bild, »Eine gute Familie« betitelt, war das Entzücken der Bürger gewesen, aber der Kummer der Patrioten. Pellerin erwiderte in einem ärgerlichen Ton, als wäre er selbst der Urheber, daß doch alle Meinungen von gleichem Wert seien. Sénécal widersprach. Die Kunst sollte ausschließlich die Moralisierung der Massen im Auge haben! Es müßten nur Stoffe wiedergegeben werden, die tugendhafte Handlungen darstellten; die andern wären schädlich.
»Aber das hängt doch von der Ausführung ab!« rief Pellerin aus. »Ich kann Meisterwerke schaffen!«
»Dann um so schlimmer. Man hat nicht das Recht…«
»Wie?«
»Nein, mein Herr, Sie haben nicht das Recht, mich für Dinge zu interessieren, die ich mißbillige! Wozu brauchen wir diese mühseligen Nichtigkeiten, aus denen unmöglich ein Nutzen zu ziehen ist, diese ewige Venus zum Beispiel, mit all euern Landschaften? Ich sehe darin keine Belehrung für das Volk! Zeigt uns dann lieber sein Elend! Begeistert uns für seine Opfer! Ach, mein Gott, an Gegenständen fehlt es nicht: die Felder und Wiesen, die Werkstätte…«
Entrüstet und in dem Glauben, ein Argument gefunden zu haben, stammelte Pellerin:
»Und Molière, lassen Sie den gelten?«
»Meinetwegen,« sagte Sénécal. »Ich bewundere ihn als Vorboten der französischen Revolution.«
»Ah! die Revolution! Welch eine Kunst! Nie gab es eine kläglichere Epoche!«
»Keine größere, mein Herr!«
Pellerin kreuzte die Arme und blickte ihm ins Gesicht:
»Sie sind wohl einer der berühmten Nationalgardisten!«
Sein Gegner, der an Diskussionen gewöhnt war, erwiderte ihm:
»Das nicht! und ich verabscheue sie ebenso wie Sie. Aber mit solchen Prinzipien verdirbt man die Menge! Übrigens aber rechnet die Regierung damit, sie wäre nicht so stark ohne die Mitschuld eines Haufens von Narren wie diese.«
Der Maler übernahm die Verteidigung des Kaufmanns, denn die Ansichten Sénécals brachten ihn auf. Er ging sogar so weit, zu behaupten, daß Jacques Arnoux ein Herz von Gold habe, seinen Freunden ergeben sei und seine Frau zärtlich liebe.
»Wer weiß! Wenn man ihm eine schöne Summe böte, würde er sich nicht weigern, sie als Modell herzugeben.«
Frédéric wurde bleich.
»Er hat Ihnen wohl großes Unrecht getan?«
»Mir? nein! Ich habe ihn nur einmal mit einem Freunde im Café gesehen. Das ist alles!«
Sénécal sprach die Wahrheit. Aber er fühlte sich täglich durch die Reklamen der Kunsthandlung peinlich berührt. Arnoux war für ihn der Repräsentant einer Welt, die er als unheilvoll für die Demokratie betrachtete. Als strenger Republikaner hielt er jede Vornehmheit für verdächtig, da er selber keine Bedürfnisse hatte und von unbeugsamer Gradheit war.
Es war schwer, die Unterhaltung wieder anzubahnen. Der Maler erinnerte sich bald seiner Verabredung, der Lehrer seiner Schüler; und als sie gegangen waren, stellte Deslauriers nach langem Schweigen verschiedene Fragen über Arnoux.
»Du führst mich dort später ein, nicht wahr, alter Junge?«
»Gewiß,« sagte Frédéric.
Darauf berieten sie ihre Einrichtung. Deslauriers hatte ohne Mühe eine Stelle als zweiter Schreiber bei einem Anwalt erhalten, hatte sich bei der Juristischen Fakultät immatrikulieren lassen, unentbehrliche Bücher gekauft – und das Leben, das so lange erträumte, begann.
Es war herrlich, dank der Schönheit ihrer Jugend. Da Deslauriers von einer Übereinkunft in Geldsachen nichts gesagt hatte, sprach Frédéric auch nicht davon. Er bestritt alle Ausgaben, sorgte für Ordnung, nahm sich des Haushalts an; aber wenn der Hausmeister einmal heruntergemacht werden sollte, so nahm der Schreiber es auf sich und fuhr fort, wie auf dem Gymnasium, die Rolle des Beschützers und des Älteren zu spielen.
Den ganzen langen Tag hindurch getrennt, fanden sie sich abends wieder zusammen. Jeder nahm seinen Platz am Kamin ein und setzte sich an seine Arbeit, aber sie zögerten nicht, sie zu unterbrechen. Es kamen Ergüsse ohne Ende, Fröhlichkeit ohne Grund, und zu weilen Streitigkeiten wegen einer Lampe, die qualmte, oder wegen eines verlegten Buches, Zornesausbrüche einer Minute, die unter Lachen verstummten.
Die Tür zu der Kammer blieb offen, und sie plauderten in ihren Betten.
Morgens spazierten sie in Hemdsärmeln auf ihrer Terrasse hin und her, die Sonne ging auf, leichte Nebel wallten über den Fluß, man hörte ein Kreischen vom Blumenmarkt nebenan; – und der Rauch ihrer Pfeifen wirbelte in der reinen Luft, die ihre noch verquollenen Augen erfrischte; sie atmeten sie ein und empfanden eine unermeßliche Hoffnungsfreudigkeit.
Sonntags gingen sie, wenn es nicht regnete, zusammen aus, und schlenderten Arm in Arm durch die Straßen. Fast immer überkam sie gleichzeitig dieselbe Nachdenklichkeit, oder sie plauderten, ohne etwas um sich her zu sehen. Deslauriers strebte nach Reichtum als Mittel zur Macht über die Menschen. Er hätte viele Leute in Bewegung setzen, viel Lärm machen, drei Sekretäre zu seiner Verfügung haben und einmal wöchentlich ein politisches Diner geben mögen. Frédéric richtete sich in Gedanken ein Palais in maurischem Stil ein, um sich, auf Kaschmirdiwans hingestreckt, beim Geplätscher eines Springbrunnens, von Negerpagen bedienen zu lassen; – und diese erträumten Dinge standen schließlich so deutlich vor ihm, daß er untröstlich war, als hätte er sie verloren.
»Wozu von alledem reden,« sagte er, »da wir es doch niemals haben werden.«
»Wer weiß?« sagte Deslauriers.
Trotz seiner demokratischen Ansichten schlug er ihm vor, Dambreuse nochmals zu besuchen. Frédéric wandte seine früheren Versuche ein.
»Ach was! Geh nur wieder hin! Sie laden dich schon ein!«
Gegen Mitte März erhielten sie unter anderen hohen Rechnungen diejenige des Speisewirts, der ihnen ihr Essen schickte. Frédéric, der nicht mehr die genügende Summe hatte, lieh von Deslauriers hundert Taler; vierzehn Tage später wiederholte er dieselbe Bitte, und der Schreiber schalt ihn wegen der Ausgaben, die er bei Arnoux machte.
Er kannte darin tatsächlich kein Maß. Eine Ansicht von Venedig, eine von Neapel und eine andere von Konstantinopel nahmen die Mitte der drei Wände ein, da und dort Reiterstudien von Alfred de Dreux und eine Gruppe von Pradier auf dem Kamin, Nummern der Kunsthandlung auf dem Piano und Mappen in den Ecken und auf dem Boden überfüllten ihre Wohnung derart, daß man kaum Platz hatte, ein Buch fortzulegen und die Arme zu bewegen. Frédéric behauptete, alles das für seine Malerei zu brauchen.
Er arbeitete bei Pellerin. Aber oft war Pellerin unterwegs, – er hatte die Gewohnheit, allen Leichenbegängnissen und Ereignissen, die von den Zeitungen erwähnt wurden, beizuwohnen; – und Frédéric verbrachte ganze Stunden allein im Atelier. Die Ruhe dieses großen Raumes, wo man nur das Rascheln der Mäuse vernahm, das von der Decke herabfallende Licht, ja, selbst das Knistern im Ofen, alles versenkte ihn anfangs in eine Art geistigen Wohlbefindens. Dann schweiften seine Augen, wenn er von der Arbeit aufblickte, über die Wände, die Nippsachen auf der Etagere, die Torsi, auf denen der angesammelte Staub wie Samtfetzen lag; und wie ein Reisender, der sich mitten im Walde verirrt hat, wo alle Wege immer auf denselben Platz zurückführen, fand er auf dem Grunde jedes Gedankens die Erinnerung an Madame Arnoux.
Er bestimmte Tage, an denen er zu ihr gehen wollte; in der zweiten Etage, vor ihrer Tür angelangt, zögerte er zu klingeln. Und näherten sich Schritte, wurde geöffnet, so war es bei den Worten: »Madame ist ausgegangen,« wie eine Befreiung, eine Last war ihm vom Herzen genommen.
Schließlich traf er sie aber doch an. Das erste Mal waren drei Damen bei ihr; an einem Nachmittag kam der Schreiblehrer der kleinen Marthe dazu. Übrigens machten die Herren, die bei Madame Arnoux verkehrten, ihr keine Besuche. Seine Zurückhaltung verbot auch ihm, wieder hinzugehen.
Aber um zu den Donnerstag-Diners eingeladen zu werden, versäumte er nicht, sich regelmäßig jeden Mittwoch in der Kunsthandlung einzufinden; und er blieb länger als alle andern, länger als Regimbart, bis zur letzten Minute, indem er tat, als betrachte er eine Gravüre, als blättere er in einer Zeitung. Schließlich sagte Arnoux zu ihm: – »Sind Sie morgen abend frei?«
Er nahm an, ehe der Satz ausgesprochen war. Arnoux schien Zuneigung zu ihm zu fassen. Er lehrte ihn die Kunst, Weine zu prüfen, Punsch abzubrennen und Schnepfenragout zu bereiten; Frédéric befolgte gelehrig seine Ratschläge, – er liebte alles, was in Zusammenhang mit Madame Arnoux stand, ihre Möbel, ihre Dienstboten, ihr Haus und ihre Straße.
Er sprach nicht viel während dieser Diners; er betrachtete sie nur. Sie hatte rechts, an der Schläfe, ein kleines Schönheitsfleckchen; ihre tiefen Scheitel waren schwärzer als ihr übriges Haar und immer wie ein wenig feucht am Rande; sie strich bisweilen nur mit zwei Fingern darüber hin. Er kannte die Form eines jeden ihrer Nägel, es war ihm ein Genuß, das Rauschen ihres Seidenkleides zu hören, wenn sie durch die Türen schritt, er sog verstohlen den Duft ihres Taschentuchs ein; ihr Kamm, ihre Handschuhe, ihre Ringe waren für ihn merkwürdige Dinge, bedeutend wie Kunstwerke, fast beseelt wie Personen; alles fesselte sein Herz und vermehrte seine Leidenschaft.
Er hatte nicht die Kraft gehabt, sie vor Deslauriers zu verbergen. Wenn er von Madame Arnoux kam, weckte er ihn wie aus Versehen, um von ihr reden zu können.
Deslauriers, der in der kleinen Kammer schlief, gähnte laut. Frédéric setzte sich ans Fußende seines Bettes. Erst sprach er vom Diner, darauf erzählte er tausend unbedeutende Einzelheiten, in denen er Zeichen von Verachtung oder Zuneigung sah. Einmal zum Beispiel hatte sie seinen Arm zurückgewiesen, um den Dittmers’ zu nehmen, und Frédéric war untröstlich.
»Ach! was für Dummheiten!«
Oder sie hatte ihn einmal ihren »Freund« genannt.
»So gehe doch hin und sei vergnügt!«
»Aber ich wage es nicht,« sagte Frédéric.
»Schön, dann denke nicht mehr daran! Gute Nacht!«
Deslauriers kehrte sich zur Wand und schlief ein. Er begriff nichts von dieser Liebe, die er als letzte Jugendtorheit ansah; und da Frédéric seine Freundschaft offenbar nicht mehr genügte, nahm er sich vor, ihre gemeinsamen Freunde einmal in der Woche einzuladen.
Sie kamen am Sonnabend gegen neun Uhr. Die drei algerischen Vorhänge waren sorgfältig vorgezogen; die Lampe und vier Kerzen brannten; mitten auf dem Tisch stand der Tabakskasten voll Pfeifen zwischen Bierflaschen, dem Teegeschirr, einer Flasche Rum und kleinem Gebäck. Man diskutierte über die Unsterblichkeit der Seele, zog Vergleiche zwischen den Professoren.
Hussonnet führte eines Abends einen großen jungen Mann in einem viel zu kurzärmeligen Überrock und verlegener Haltung ein. Es war der Bursche, gegen dessen Verhaftung sie im vorigen Jahre auf der Wache Einspruch erhoben hatten.
Da er seinem Meister den im Getümmel verlorenen Karton mit Spitzen nicht hatte wiedergeben können, hatte dieser ihn des Diebstahls bezichtigt und mit den Gerichten bedroht; jetzt war er Angestellter in einem Fuhrgeschäft. Hussonnet war ihm morgens an einer Straßenecke begegnet und führte ihn her, denn Dussardier wollte aus Dankbarkeit gern den »andern« sehen.
Er reichte Frédéric die noch gefüllte Zigarrentasche, die er, in der Hoffnung, sie wiederzugeben, gewissenhaft bewahrt hatte. Die jungen Leute forderten ihn auf, wiederzukommen. Er versäumte es nicht.
Alle sympathisierten miteinander. Vor allem stand ihr Haß gegen die Regierung als unbestrittenes Dogma obenan. Martinon allein versuchte Louis Philippe zu verteidigen. Man stürmte mit Gemeinplätzen aus den Zeitungen auf ihn ein: die Befestigung von Paris, die Septembergesetze, Pritchard, Lord Guizot – so daß Martinon in der Furcht, jemand zu verletzen, verstummte. In den sieben Jahren auf dem Gymnasium hatte er keine Strafarbeit bekommen, und auf der Universität wußte er den Professoren zu gefallen. Er trug meist einen groben Überrock von Mastixfarbe und Gummischuhe; aber eines Abends erschien er wie zu einer Hochzeit gekleidet in langer Samtweste, weißer Kravatte und Goldkette.
Das Erstaunen verdoppelte sich, als man erfuhr, daß er von Monsieur Dambreuse kam. Die Sache war die, daß der Bankier Dambreuse von dem Vater Martinons einen beträchtlichen Posten Holz gekauft hatte; und als der gute Mann ihm seinen Sohn vorstellte, hatte er sie beide zum Diner eingeladen.
»Gab es viele Trüffeln?« fragte Deslauriers, »und hast du zwischen zwei Türen seine Frau um die Taille gefaßt, sicut decet?«
Dann drehte sich die Unterhaltung um die Frauen. Pellerin bestritt, daß es schöne Frauen gebe, (er zog die Tiger vor); überdies sei der weibliche Mensch ein inferiores Geschöpf in der ästhetischen Rangordnung.
»Was euch betört, ist hauptsächlich das, was sie als Begriff degradiert; ich meine den Busen, das Haar…«
»Indessen,« warf Frédéric ein, »langes schwarzes Haar und große schwarze Augen…«
»Ah! kennt man!« rief Hussonnet. »Genug von Spanien und Kastanien! Das Antike? Ich danke! Denn schließlich, Scherz beiseite! eine Lorette ist amüsanter als die Venus von Milo! Laßt uns doch Gallier sein, zum Donnerwetter, und flott, wenn wir können!
Fließe, guter Wein, ein Lächeln, ihr Frauen!
Man muß von den Braunen zu den Blonden übergehen! – Wie denken Sie darüber, alter Dussardier?«
Dussardier antwortete nicht. Alle drängten ihn, um seinen Geschmack kennen zu lernen.
»Wohlan!« sagte er errötend, »ich, ich würde immer dieselbe lieben!«
Es wurde in solcher Weise gesagt, daß einen Moment Schweigen entstand; die einen waren überrascht von dieser Treuherzigkeit, die anderen entdeckten darin vielleicht das geheime Verlangen ihrer Seele.
Sénécal stellte seinen Bierschoppen auf das Fensterbrett und erklärte lehrhaft, daß, da die Prostitution eine Tyrannei und die Ehe eine Unsittlichkeit sei, die Enthaltsamkeit das beste wäre. Deslauriers betrachtete die Frauen als eine Zerstreuung, nichts weiter. Monsieur de Cisy hatte in bezug auf sie allerlei Befürchtungen.
Unter den Augen einer frommen Großmutter erzogen, fand er die Gesellschaft dieser jungen Leute lockend wie einen verrufenen Ort und lehrreich wie die Sorbonne. Man sparte nicht mit Lehren für ihn, und er zeigte sich voll Eifer, so daß er sogar rauchen wollte trotz der Übelkeit, die ihn regelmäßig danach quälte. Frédéric überhäufte ihn mit Aufmerksamkeiten. Er bewunderte die Nüance seiner Kravatte, das Futter seines Paletots und besonders seine Stiefel, die dünn wie Handschuhe waren und unverschämt sauber und fein; sein Wagen wartete unten auf der Straße.
Eines Abends, als er eben gegangen war und es zu schneien begann, fing Sénécal an, seinen Kutscher zu bemitleiden. Darauf zog er gegen die gelben Handschuhe her, gegen den Jockeyklub. Ein Arbeiter sei mehr wert als diese Herren.
»Ich arbeite wenigstens! ich bin arm!«
»Das sieht man,« sagte Frédéric endlich ungeduldig.
Der Lehrer trug ihm für dieses Wort seinen Groll nach.
Als aber Regimbart einmal sagte, daß er Sénécal ein wenig kenne, und Frédéric einem Freunde Arnoux’ eine Aufmerksamkeit erweisen wollte, bat er ihn, zu den Sonnabend-Vereinigungen zu kommen, und die Begegnung war beiden Patrioten willkommen.
Indessen, ihre Meinungen gingen auseinander.
Sénécal – der ein spitzfindiger Kopf war – zog nur Systeme in Betracht. Regimbart dagegen sah in den Tatsachen nichts als Tatsachen. Was ihn hauptsächlich beunruhigte, war die Rheingrenze. Er behauptete, sich auf Geschütze zu verstehen, und ließ sich seine Anzüge bei dem Schneider der Polytechnischen Hochschule machen.
Am ersten Tage, als ihm Kuchen angeboten wurde, zuckte er verächtlich die Achseln und sagte, daß das etwas für Frauen sei; und er war die folgenden Male nicht viel liebenswürdiger. Sobald die Gedanken sich in einer etwas höheren Sphäre bewegten, brummte er: »Nur keine Utopien, keine Träume!« In Kunstfragen waren seine Ansichten (obwohl er die Ateliers besuchte, wo er zu weilen eine Stunde Fechtunterricht gab) weniger überlegen. Er verglich den Stil von Monsieur Marast mit dem von Voltaire und Mademoiselle Vatnaz mit Madame de Staël, um einer Ode auf Polen willen, »in der Herz war«. Regimbart ärgerte alle, besonders aber Deslauriers, denn der Citoyen war ein Vertrauter Arnoux’. In der Hoffnung, nützliche Bekanntschaften zu machen, strebte der Schreiber jedoch danach, in dessen Haus zu verkehren.
»Wann führst du mich dort ein?« fragte er. Arnoux wäre mit Geschäften überladen, oder er befinde sich auf Reisen, erwiderte Frédéric, darum sei es nicht der Mühe wert, denn die Diners würden jetzt eingestellt.
Wenn er für seinen Freund das Leben hätte aufs Spiel setzen müssen, würde Frédéric es getan haben, aber da ihm daran lag, sich so vorteilhaft wie möglich zu zeigen, er soviel auf seine Sprache, seine Manieren, seine Kleidung gab, daß er immer mit tadellosen Handschuhen in der Kunsthandlung erschien, fürchtete er, daß Deslauriers mit seinem alten, schwarzen Anzug, seiner Haltung eines kleinen Beamten und seinen vermessenen Reden Madame Arnoux mißfallen könnte, was ihn selber kompromittieren und ihn in ihren Augen herabsetzen würde. Er ließ alle anderen gelten, aber gerade er hätte ihn ungemein geniert. Der Schreiber merkte, daß er sein Versprechen nicht halten wollte, und Frédérics Schweigen schien ihm umso beleidigender.
Er wollte ihn unbedingt leiten, ihn sich nach dem Ideal ihrer Jugend entwickeln sehen, und sein Müßiggang empörte ihn wie ein Ungehorsam oder ein Verrat. Außerdem sprach Frédéric, voll von Gedanken an Madame Arnoux, oft von ihrem Mann; und Deslauriers verfiel auf eine unerträgliche Neckerei, die darin bestand, seinen Namen hundertmal des Tages am Schluß jedes Satzes auszusprechen, wie in einer idiotischen Manier. Klopfte es an seine Tür, antwortete er: »Herein, Arnoux!« Im Restaurant forderte er einen Fromage de Brie »à la Arnoux!« und nachts tat er, als ob ein Alb ihn bedrücke und weckte seinen Gefährten mit dem Gebrüll: »Arnoux! Arnoux!« Schließlich sagte Frédéric eines Tages mit kläglicher Stimme:
»Aber laß mich doch in Ruhe mit Arnoux.«
»Niemals,« erwiderte der Schreiber.
»Immer er! immerzu!… Das Bild von Arnoux…«
»So schweige doch!« rief Frédéric und hob die Faust. Dann fuhr er leise fort:
»Es ist mir peinlich, das weißt du doch!«
»O! Pardon, mein Lieber,« erwiderte Deslauriers und verneigte sich sehr tief, »die Nerven von Mademoiselle sollen hinfort geschont werden. Bitte nochmals um Verzeihung; tausendmal um Entschuldigung!«
So nahm der Scherz ein Ende.
Aber drei Wochen später sagte er eines Abends zu ihm:
»Nun habe ich Madame Arnoux aber gesehen.«
»Wo denn?«
»Im Justizpalast, mit Balandard, dem Rechtsanwalt; eine brünette Frau, nicht wahr, von mittelgroßer Figur?«
Frédéric machte ein Zeichen der Zustimmung. Er wartete, daß Deslauriers spreche. Bei dem kleinsten Wort der Bewunderung hätte er sein Herz ganz ausgeschüttet, wäre bereit gewesen, ihn innig zu lieben; der andere schwieg noch immer; schließlich hielt er es nicht mehr aus und fragte ihn, was er von ihr denke.
Deslauriers fand sie »nicht übel, ohne doch etwas Besonderes zu haben«.
»Findest du?« sagte Frédéric.
Es kam der Monat August, die Zeit seines zweiten Examens. Nach der allgemeinen Ansicht sollten vierzehn Tage genügen, um sich dazu vorzubereiten. Frédéric, der an seiner Fähigkeit nicht zweifelte, verschlang gleich im Anfang die vier ersten Bände der Prozeßordnung, die drei ersten des Strafgesetzbuches, mehrere Stücke Strafprozeßordnung und einen Teil des Bürgerlichen Gesetzbuches mit den Erläuterungen von Poncelet. Am Abend vorher ging Deslauriers noch einmal alles mit ihm durch, was sich bis zum Morgen hinzog, und um die letzte Viertelstunde noch auszunutzen, fuhr er fort, unterwegs im Gehen Fragen an ihn zu stellen.
Da gleichzeitig mehrere Prüfungen stattfanden, waren viele Leute anwesend, unter anderen Hussonnet und de Cisy; man versäumte nicht, diesen Prüfungen beizuwohnen, wenn es sich um Kameraden handelte. Frédéric legte die traditionelle schwarze Robe an, darauf trat er, von der Menge gefolgt, mit drei anderen Studenten in einen großen Raum, der von gardinenlosen Fenstern erhellt und mit Bänken längs der Wände ausgestattet war. In der Mitte stand, von Lederstühlen umgeben, ein Tisch, mit grünem Tuch bekleidet. Er trennte die Kandidaten von den Herren Professoren in roten Roben; sie trugen alle Hermelinstreifen auf den Achseln und goldbetreßte Baretts.
Frédéric befand sich als vorletzter in der Reihe, ein schlechter Platz. Bei der ersten Frage über den Unterschied zwischen einer Übereinkunft und einem Kontrakt verwechselte er eins mit dem andern; und der Professor, ein freundlicher Mann, sagte zu ihm: – »Regen Sie sich nicht auf, mein Herr, fassen Sie sich!« dann, nachdem er noch zwei leichte Fragen gestellt hatte, auf die unbestimmte Antworten folgten, ging er endlich zum Vierten über. Frédéric wurde mutlos durch diesen kläglichen Anfang. Deslauriers machte ihm, gegenüber, unter dem Publikum Zeichen, daß noch nicht alles verloren sei; und bei der zweiten Frage über das Strafrecht zeigte er sich leidlich. Allein, nach der dritten, das testamentum mysticum betreffend, verdoppelte sich seine Angst, da der Examinator immer gleich kaltblütig geblieben war und Hussonnet die Hände zusammenlegte, wie um zu applaudieren, während Deslauriers die Achseln zuckte. Endlich kam der Moment, wo er über die Zivilprozeßordnung befragt wurde. Es handelte sich um den Einspruch eines Dritten. Der Professor, entrüstet über Theorien, die den seinen widersprachen, fragte ihn in barschem Ton:
»Und Sie, wie ist Ihre Ansicht darüber? Wie bringen Sie den Grundsatz von Artikel 1351 des Bürgerlichen Gesetzbuches mit diesem außerordentlichen Anklageverfahren in Einklang?«
Frédéric empfand heftiges Kopfweh, da er die Nacht ohne Schlaf verbracht hatte. Ein Sonnenstrahl, der durch die Ritze einer Jalousie fiel, traf sein Gesicht. Hinter seinem Stuhl stehend, wankte er hin und her und drehte an seinem Schnurrbart.
»Ich warte noch immer auf Ihre Antwort!« fing der Mann mit dem Goldbarett wieder an.
Und da Frédérics Geberde ihn offenbar reizte, fuhr er fort:
»In Ihrem Bart werden Sie sie nicht finden.«
Dieser Hohn brachte die Zuhörer zum Lachen; der Professor fühlte sich geschmeichelt und schmunzelte. Er richtete noch zwei Fragen über Vorladung und Zwangsverfahren an ihn und neigte dann den Kopf zum Zeichen der Zustimmung; der öffentliche Akt war beendet. Frédéric trat ins Vestibül zurück.
Während der Diener ihm die Robe abnahm, um sie unmittelbar darauf einem andern anzulegen, umringten ihn seine Freunde, die ihn vollends mit ihren widersprechenden Ansichten über das Resultat des Examens einschüchterten.
Am Eingang des Saals wurde bald mit sonorer Stimme ausgerufen: »Der Dritte ist – zurückgestellt!«
»Futsch!« sagte Hussonnet, »laßt uns gehen!«
Vor der Loge des Hausmeisters trafen sie Martinon, rot, bewegt, mit einem Lächeln in den Augen und dem Nimbus des Triumphs auf der Stirn. Er hatte eben ohne Hindernis sein letztes Examen bestanden. Nun blieb nur noch die Dissertation übrig. In vierzehn Tagen würde er Lizenziat sein. Seine Familie war bekannt mit einem Minister, eine schöne Karriere stand ihm bevor.
»Der übertrifft dich doch,« sagte Deslauriers.
Nichts ist demütigender, als zu sehen, wie Dummköpfen Unternehmungen gelingen, an denen man selber scheitert. Frédéric erwiderte ärgerlich, daß er sich nichts daraus mache. Seine Ansprüche gingen höher; und als Hussonnet Miene machte, zu gehen, nahm er ihn beiseite, um ihm zu sagen:
»Selbstverständlich kein Wort davon bei Arnoux!«
Es war leicht, es geheim zu halten, da Arnoux am nächsten Tage eine Reise nach Deutschland unternahm.
Abends bei seiner Rückkehr fand der Schreiber seinen Freund seltsam verändert: er tänzelte, pfiff, und als Deslauriers sich über diese Laune wunderte, erklärte Frédéric, daß er nicht zu seiner Mutter ginge, sondern die Ferien zum Arbeiten benutzen wolle.
Bei der Nachricht von Arnoux’ Abreise überkam ihn große Freude. Er konnte sich jetzt dort einstellen, ganz nach Belieben und ohne Furcht, bei seinen Besuchen gestört zu werden. Das Bewußtsein einer absoluten Sicherheit würde ihm Mut verleihen. Endlich würde er nicht fern, nicht getrennt von ihr sein! Stärker als durch eine eiserne Kette war er an Paris gefesselt, eine innere Stimme rief ihm zu, zu bleiben.
Hindernisse stellten sich ihm entgegen. Er überwand sie, indem er seiner Mutter schrieb; er gestand ihr zunächst seine Schlappe, die durch Änderungen im Programm verursacht worden – durch einen Zufall, eine Ungerechtigkeit – übrigens wären alle großen Advokaten (er zitierte ihre Namen) im Examen durchgefallen. Aber er hätte die Absicht, sich im November nochmals zu melden. Da er jedoch keine Zeit zu verlieren habe, käme er in diesem Jahre nicht nach Haus und bitte außer um das Quartalsgeld um zweihundertundfünfzig Francs für die sehr nützlichen Repetitionen in der Rechtskunde, – das ganze mit Bedauern, Trauer, Schmeicheleien und Beteuerungen kindlicher Liebe verbrämt.
Madame Moreau, die ihn am nächsten Tage erwartete, war doppelt bekümmert. Sie hielt den Mißerfolg ihres Sohnes geheim und antwortete ihm, er möge dennoch kommen. Frédéric gehorchte nicht. Ein Streit entspann sich. Am Ende der Woche jedoch erhielt er das Quartalsgeld, wie auch die für die Repetitionen bestimmte Summe, die dazu diente, eine perlgraue Hose, einen weißen Filzhut und ein tomatenrotes Spazierstöckchen zu bezahlen.
Als all dieses in seinem Besitz war, dachte er:
»Ich habe da vielleicht eine rechte Friseur-Idee gehabt.«
Und eine große Unerschrockenheit erfaßte ihn.
Um zu wissen, ob er zu Madame Arnoux gehen sollte, warf er dreimal Geldstücke in die Luft. Jedesmal war das Vorzeichen günstig. Also, das Schicksal selbst gebot es. Er nahm eine Droschke und fuhr nach der Rue Choiseul.
Lebhaft stieg er die Treppen hinauf und zog an der Klingelschnur; es läutete nicht; eine leise Schwäche überkam ihn.
Dann riß er wütend an der schweren, roten Seidenquaste. Eine Glocke ertönte, verstummte allmählich, und es war wieder nichts zu hören. Frédéric wurde ängstlich.
Er drückte sein Ohr an die Tür; kein Laut! Er legte das Auge ans Schlüsselloch, bemerkte aber im Vorzimmer nichts als zwei Schilfspitzen zwischen Papierblumen an der Wand. Schließlich wollte er umkehren, besann sich aber eines besseren. Diesmal klingelte er nur ganz leise. Die Tür öffnete sich und auf der Schwelle erschien mit zerzaustem Haar, karmoisinrotem Gesicht und verdrießlicher Miene Arnoux selbst.
»Was, zum Teufel, führt Sie her? Treten Sie ein!«
Er führte ihn hinein, aber nicht in das Boudoir oder sein Zimmer, sondern in den Speisesaal, wo auf dem Tisch eine Champagnerflasche und zwei Gläser standen, und in barschem Ton sagte er:
»Sie wollen mich etwas fragen, lieber Freund?«
»Nein, nichts! nichts!« stotterte der junge Mann und suchte nach einem Vorwand für seinen Besuch.
Schließlich sagte er, daß er gekommen wäre, um von ihm zu hören, da er ihn nach einem Bericht von Hussonnet auf einer Reise in Deutschland wußte.
»Keineswegs!« erwiderte Arnoux. »Welch ein Strohkopf ist dieser Bursche, alles verkehrt zu hören!«
Um seine Unruhe zu verbergen, ging Frédéric von rechts nach links durch den Saal. An den Fuß eines Stuhles stoßend, warf er einen Sonnenschirm herunter, der darauf lag; der Elfenbeingriff zerbrach.
»Mein Gott!« rief er, »wie bedauere ich, Madame Arnoux’ Sonnenschirm zerbrochen zu haben.«
Bei diesen Worten hob der Kaufmann den Kopf mit einem seltsamen Lächeln. Frédéric benutzte die Gelegenheit von ihr zu sprechen und sagte schüchtern:
»Könnt ich sie nicht sehen?«
Sie war in ihrer Heimat, bei ihrer kranken Mutter.
Er wagte nicht, über die Dauer ihrer Abwesenheit Fragen zu stellen. Er erkundigte sich nur, welches die Heimat Madame Arnoux’ war.
»Chartres! Das überrascht Sie?«
»Mich? Nein! Warum? Nicht im geringsten!«
Sie hatten sich nun absolut nichts mehr zu sagen. Arnoux, der sich eine Zigarette gedreht hatte, ging pustend um den Tisch herum. Frédéric stand am Ofen, betrachtete die Wände, die Etagere, das Parkett, und reizende Bilder zogen in seiner Erinnerung, fast an seinen Augen vorüber. Endlich ging er.
Ein Stück Zeitungspapier, zu einer Kugel zusammengeballt, lag im Vorzimmer auf dem Boden. Arnoux nahm es auf, hob sich auf die Zehen und steckte es in die Klingel, um seine unterbrochene Siesta fortzusetzen, wie er erklärte. Dann sagte er mit einem Händeschütteln:
»Sagen Sie, bitte, dem Hausmeister, daß ich nicht hier bin!«
Und heftig schloß er dicht hinter ihm die Tür.
Frédéric stieg Schritt für Schritt die Treppe hinunter. Der Mißerfolg dieses ersten Versuchs entmutigte ihn im voraus für die anderen. Nun begannen drei Monate der Langeweile. Da er keine Arbeit hatte, steigerte der Müßiggang seine Schwermut.
Er verbrachte Stunden damit, von seinem Balkon oben auf den Fluß hinunterzuschauen, der von Ort zu Ort zwischen graufarbigen geschwärzten Quais dahin floß, über die Rinnen der Abflußröhren, einen am Ufer verankerten Wäscherinnenkahn, worin Gassenjungen sich zuweilen damit belustigten, in einer Wanne einen Pudel baden zu lassen. Sein Blick streifte links die Steinbrücke von Notre-Dame, richtete sich aber immer wieder auf den Quai aux Ormes, auf eine Gruppe alter Bäume, die den Linden im Hafen von Montereau glichen. Der Turm Saint-Jacques, das Stadthaus, Saint-Gervais, Saint-Louis, Saint-Paul erhoben sich vor ihm zwischen einem Gewirr von Dächern, – und der Genius der Juli-Säule glänzte im Osten wie ein großer goldener Stern, während an der andern Seite der Dom der Tuilerien seine schwere blaue Masse scharfumrissen auf den Himmel zeichnete. Dahinter, auf dieser Seite mußte das Haus Madame Arnoux’ liegen.
Er trat in sein Zimmer zurück; dann, auf seinen Diwan hingestreckt, überließ er sich einem unklaren Nachdenken über Arbeitspläne, Vorsätzen für sein Verhalten, Zukunftsträumen. Schließlich ging er aus, um sich von all dem zu befreien.
Zufällig kam er durch das sonst so lärmende, zu dieser Zeit aber, da die Studenten zu ihren Familien gereist waren, verödete Quartier latin. Die hohen Mauern der Institute hatten, wie durch die Stille verlängert, ein noch viel düstereres Aussehen. Man vernahm allerlei friedliche Geräusche, Flügelschlag in Vogelkäfigen, das Knarren einer Drehbank, den Hammer eines Schuhflickers; und die Kleiderhändler mitten auf der Straße sandten vergebens fragende Blicke zu jedem Fenster hinauf. Hinten in den einsamen Cafés gähnten die Büffetdamen an der Kasse zwischen ihren gefüllten Flaschen, die Zeitungen blieben geordnet auf dem Tisch der Lesezimmer; in den Plättstuben fröstelte die Wäsche bei den kühlen Windstößen. Zuweilen blieb er vor der Auslage eines Antiquars stehen; ein Omnibus, der im Vorüberfahren das Trottoir streifte, veranlaßte ihn, umzukehren, und vor dem Luxembourg angelangt, ging er nicht weiter.
Einigemal trieb ihn die Hoffnung auf eine Zerstreuung auf die Boulevards. Durch dunkle Gäßchen, die eine feuchte Frische ausdünsteten, gelangte er auf große, öde, von Licht geblendete Plätze, wo die Monumente am Rande des Pflasters schwarzes Schattenzackenwerk zeichneten. Aber die Karren, die Läden kehrten wieder, und die Menge betäubte ihn – zumal des Sonntags – wenn von der Bastille bis zur Madeleine ein ungeheurer Strom inmitten von Staub und ununterbrochenem Getöse auf dem Asphalt dahinflutete; er fühlte sich angewidert von der Gemeinheit der Gesichter, der Albernheit der Gespräche, des einfältigen Behagens, das auf den schweißigen Stirnen stand. Allein das Bewußtsein, mehr zu gelten als diese Menschen, verminderte seine Qual, sie zu sehen.
Er ging täglich in die Kunsthandlung; und um zu erfahren, wann Madame Arnoux zurückkehren werde, erkundigte er sich umständlich nach ihrer Mutter. Die Antwort Arnoux’ blieb immer die gleiche, »die Besserung schreite fort, seine Frau würde mit der Kleinen in der nächsten Woche zurückkommen«. Je länger sie zögerte, heimzukehren, desto mehr Unruhe verriet Frédéric, so daß Arnoux ihn, von soviel Liebe gerührt, fünf- oder sechsmal ins Restaurant zum Essen mitnahm.
Frédéric erkannte in diesen langen Zwiegesprächen, daß der Kunsthändler nicht sehr geistreich war. Doch Arnoux konnte diese Abkühlung bemerken; so benutzte er denn die Gelegenheit, seine Aufmerksamkeiten zu erwidern.
Da er seine Sache sehr gut machen wollte, verkaufte er bei einem Trödler all seine neuen Anzüge für die Summe von achtzig Francs, und nachdem er hundert dazu gelegt hatte, die ihm noch geblieben waren, ging er zu Arnoux, um ihn zum Diner einzuladen. Regimbart war gerade bei ihm, und sie gingen in die Trois-Frères-Provençaux.
Der Citoyen legte seinen Überrock ab, und der Willfährigkeit der beiden anderen gewiß, stellte er den Speisezettel zusammen. Aber obwohl er sich in die Küche begab, um selber mit dem Küchenchef zu sprechen, in den Keller hinunterstieg, wo er jeden Winkel kannte, den Wirt des Etablissements heraufkommen ließ, dem er einen Rüffel gab, war er weder mit den Speisen, den Weinen, noch mit der Bedienung zufrieden! Bei jeder neuen Platte, bei jeder weiteren Flasche ließ er beim ersten Bissen, beim ersten Schluck seine Gabel fallen oder stieß sein Glas weit von sich; dann schrie er, sich mit der ganzen Länge seiner Arme auf das Tischtuch stützend, daß man in Paris nicht mehr dinieren könne! Schließlich bestellte sich Regimbart, der nicht mehr wußte, was er für seinen Gaumen ausdenken sollte, Bohnen in Öl, »ganz einfach«, die ihn, halbwegs gelungen, ein wenig besänftigten. Darauf hatte er mit dem Kellner ein Gespräch, das sich um alte Kellner der »Provençaux« drehte: »Was ist aus Antoine geworden? Und aus einem namens Eugène? Und Théodore, dem Kleinen, der immer unten bediente? Damals war die Kost hier immer ausgezeichnet und es gab Kalbskopf in Burgunder, wie man ihn niemals wiedersehen wird!«
Darauf kam die Rede auf den Wert von Terrains im Vorort, eine unfehlbare Spekulation Arnoux’. Im Abwarten verlor er allerdings seine Zinsen. Da er nicht zu jedem Preis verkaufen wollte, sollte Regimbart ihm jemanden ausfindig machen, und die beiden Herren machten bis zum Ende des Desserts mit einem Bleistift Berechnungen.
Dann gingen sie in die Passage du Saumon, in ein Wirtshaus im Zwischenstock, um den Kaffee zu nehmen. Frédéric wohnte stehend endlosen, von unzähligen Schoppen befeuchteten Billard-Partien bei; – und er blieb bis Mitternacht da, ohne zu wissen warum, aus Feigheit, aus Dummheit, in der dunklen Hoffnung irgendeines seiner Liebe günstigen Ereignisses.
Wann würde er sie wiedersehen? Frédéric war in Verzweiflung. Aber eines Abends, gegen Ende November, sagte Arnoux zu ihm:
»Meine Frau ist gestern zurückgekehrt!«
Am nächsten Tage, um fünf Uhr, trat er bei ihr ein.
Er fing damit an, sie ihrer Mutter wegen zu beglückwünschen, deren Krankheit so ernst gewesen war.
»Aber nein! Wer hat Ihnen das gesagt?«
»Arnoux!«
Ihr entschlüpfte ein kleines »ah«, dann fügte sie hinzu, daß sie anfangs ernste Befürchtungen gehegt, die jetzt geschwunden seien.
Sie saß dicht am Kamin auf dem gestickten Lehnsessel, er mit dem Hut zwischen den Knien auf dem Sofa, und die Unterhaltung war mühsam, sie ließ ihn jede Minute im Stich; er fand nicht die Gelegenheit, seine Gefühle auszudrücken. Aber als er sich beklagte, Rechtsverdrehung studieren zu müssen, erwiderte sie: »Ja… ich verstehe… Geschäfte…!« indem sie, plötzlich in Nachdenken versunken, das Gesicht senkte.
Ihn verlangte danach, ihre Gedanken zu kennen, und er dachte an nichts anderes mehr. Die Dämmerung verdichtete den Schatten um sie her.
Sie erhob sich, da sie einen Gang zu machen hatte, erschien dann wieder in einer Samtkapuze und einem schwarzen, mit Grauwerk verbrämten Mantel. Er wagte, ihr seine Begleitung anzubieten.
Man konnte nicht mehr sehen; das Wetter war kalt, und ein dichter Nebel, der die Fassaden der Häuser verwischte, verpestete die Luft. Frédéric atmete sie mit Wollust, denn er fühlte durch die Wattierung des Mantels die Form ihres Armes; und ihre Hand in einem zweiknöpfigen Wildlederhandschuh, ihre kleine Hand, die er mit Küssen hätte bedecken mögen, stützte sich auf seinen Arm. Auf dem schlüpfrigen Pflaster glitten sie ein wenig aus; ihm war, als würden sie beide inmitten einer Wolke vom Winde gewiegt.
Der Glanz der Lichter auf dem Boulevard versetzte ihn in die Wirklichkeit zurück. Die Gelegenheit war günstig, die Zeit drängte. Er verschob es bis zur Rue de Richelieu, seine Liebe zu erklären. Aber bald darauf blieb sie mit einemmal vor einem Porzellangeschäft stehen, indem sie zu ihm sagte:
»Da sind wir, ich danke Ihnen! Auf Donnerstag, nicht wahr, wie gewöhnlich?«
Die Diners begannen wieder, und je öfter er Madame Arnoux besuchte, desto stärker wurde sein Sehnen.
Der Anblick dieser Frau entnervte ihn wie der Gebrauch eines zu starken Parfüms. Sein ganzes Wesen war davon erfüllt, es wurde fast zu einer Manie, einem neuen Lebensinhalt.
Die Prostituierten, denen er beim Licht der Gasflammen begegnete, die Sängerinnen, die ihre Läufe herausschmetterten, die Reiterinnen auf ihren galoppierenden Pferden, die Bürgerinnen zu Fuß, die Grisetten an ihren Fenstern, alle Frauen erinnerten ihn durch Ähnlichkeiten oder starke Gegensätze an die eine. Er sah sich in den Läden die Kaschmirs, die Spitzen und die Ohrgehänge von Juwelen an, indem er sie sich um ihre Hüften geschlungen, an ihr Mieder genäht, in ihrem schwarzen Haar funkelnd vorstellte. In den Blumenläden entfalteten sich die Blüten nur, um im Vorübergehen von ihr gewählt zu werden. Die kleinen Seidenpantöffelchen, mit Schwanenpelz umrändert, in den Auslagen der Schuhhändler schienen nur auf ihren Fuß zu warten; alle Straßen führten zu ihrem Hause. Die Wagen standen nur auf den Plätzen, um schneller hinzugleiten; ganz Paris bezog sich auf ihre Person, und die große Stadt mit all ihren Stimmen umbrauste wie ein ungeheures Orchester nur sie.
Ging er in den Jardin des Plantes, so versetzte der Anblick einer Palme ihn in ferne Länder. Sie reisten miteinander auf dem Rücken von Dromedaren, unter Zelten, die von Elefanten getragen wurden, in der Kabine einer Yacht durch ein blaues Inselmeer, oder Seite an Seite auf zwei schellentragenden Maultieren, die auf dem Gras über zertrümmerte Säulen stolperten. Zuweilen blieb er im Louvre vor alten Bildern stehen, und da seine Liebe zu ihr selbst entschwundene Jahrhunderte umfaßte, identifizierte er sie mit Personen der Bilder. Mit einem spitzen Frauenkopfputz betete sie auf den Knien hinter in Blei gefaßten Scheiben. Als Edeldame von Kastilien oder Flandern saß sie mit steifer Halskrause und dicken Troddeln an der Schnürbrust da. Dann stieg sie inmitten von Senatoren unter einem Baldachin von Straußenfedern in einem Brokatgewande eine hohe Porphyrtreppe herab. Ein andermal träumte er, wie sie in gelbseidenen Pantalons auf den Polstern eines Harems saß; – und alles Schöne, das Funkeln der Sterne, gewisse Melodien, der Klang eines Satzes, ein Kontur, lenkte unvermittelt und unvermerkt seine Gedanken auf sie hin.
Denn sie zu seiner Geliebten zu machen, war sicher ein vergebliches Bemühen.
Eines Abends küßte sie Dittmer, der gekommen war, auf die Stirn; Lovarias tat es ebenfalls mit den Worten:
»Sie gestatten doch, nicht wahr, in anbetracht des Privilegiums der Freunde?«
Frédéric stammelte:
»Ich denke, wir alle sind Freunde?«
»Nicht alle alte!« erwiderte sie.
Das hieß ihn indirekt von vornherein zurückstoßen.
Aber was sollte er tun? Ihr sagen, daß er sie liebe? Sie würde ihn ohne Zweifel abweisen oder ihn entrüstet aus dem Hause jagen! So zog er der furchtbaren Aussicht, sie nicht mehr zu sehen, alle Qualen vor.
Er beneidete die Pianisten um ihr Talent, die Soldaten um ihre Narben. Er wünschte sich eine gefährliche Krankheit in der Hoffnung, dadurch ihr Interesse zu wecken.
Eines wunderte ihn: daß er nicht eifersüchtig auf Arnoux war; und er konnte sie sich nicht anders als angekleidet vorstellen, – so natürlich schien ihre Schamhaftigkeit, die ihr Geschlecht in ein geheimnisvolles Dunkel hüllte.
Indessen träumte er von dem Glück, mit ihr zu leben, sie zu duzen, mit der Hand langsam über ihre Scheitel zu streichen oder, vor ihr auf der Erde kniend, den Arm um ihre Taille, ihr die Seele aus den Augen zu trinken! Dazu aber hätte er das Schicksal zwingen müssen, und unfähig, etwas zu tun, lästerte er Gott, zieh sich der Feigheit und wand sich in seinem Verlangen, wie der Gefangene in seiner Zelle. Eine beständige Angst erstickte ihn. Stundenlang saß er unbeweglich, oder er brach in Tränen aus; und eines Tages, als er nicht die Kraft hatte, sich zusammenzunehmen, fragte ihn Deslauriers:
»Himmeldonnerwetter! was hast du denn?«
Frédéric schob alles auf seine Nerven. Deslauriers glaubte nicht daran. Vor einem solchen Schmerz fühlte er seine Liebe zu ihm wieder erwachen und er tröstete ihn. Ein Mann wie er sollte verzagen, welche Torheit! Das ginge noch in der Jugend hin, später aber hieße das seine Zeit verlieren.
»Du gehst mir zu Grunde, Frédéric! Sei wieder der alte! Immer dieselbe Geschichte! Früher gefielst du mir besser! Komm, rauche deine Pfeife, alter Junge! Raffe dich auf, du bringst mich zur Verzweiflung!«
»Es ist wahr,« sagte Frédéric, »ich bin ein Narr!«
Der Schreiber fuhr fort:
»Ach, du alter Troubadour, ich weiß wohl, was dich betrübt. Das Herzchen? Gestehe es! Ach was! Eine verloren, vier gewonnen! Über die tugendhaften Frauen tröstet man sich mit den anderen. Willst du, daß ich dich mit Weibern bekannt mache? Du brauchst nur in die Alhambra zu kommen.« (Es war ein kürzlich oben in den Champs-Elysées eröffnetes öffentliches Ballhaus, das durch einen für diese Art von Etablissements verfrühten Luxus schon in der zweiten Saison einging.) »Man amüsiert sich dort, wie es scheint. Laß uns hingehen! Du nimmst deine Freunde mit, wenn du willst; ich gestatte dir selbst Regimbart!«
Frédéric lud den Citoyen jedoch nicht ein. Deslauriers verzichtete auf Sénécal. Sie nahmen nur Hussonnet, de Cisy und Dussardier mit; und dieselbe Droschke setzte alle fünf an der Tür der Alhambra ab.
Zwei maurische Galerien zogen sich parallel nach rechts und links hin. Die Wand eines Hauses nahm den ganzen Hintergrund ein, und die vierte Seite (die des Restaurants) stellte ein gotisches Kloster mit bunten Scheiben dar. Eine Art chinesisches Dach schützte die Estrade, wo die Musikanten spielten; der Boden ringsum war asphaltiert, und an Pfosten hängende venetianische Laternen bildeten, von weitem gesehen, an den vier Abteilungen vielfarbige Lichtkronen. Ein Postament hier und da trug eine Steinschale, aus der ein dünner Wasserstrahl emporstieg. In dem Laubwerk bemerkte man Gips-Statuen, Heben und Cupidos, ganz klebrig von Ölfarbe; und die zahlreichen Alleen, mit sehr gelbem, sorgfältig geharktem Sand bedeckt, ließen den Garten noch größer erscheinen, als er schon war.
Studenten spazierten mit ihren Mädchen; Kommis in Mode-Neuheiten spreizten sich mit einem Stöckchen zwischen den Fingern; Schüler rauchten Regalias; alte Hagestolze strichen behaglich ihre fahlen Bärte mit einem Kamm; man sah dort Engländer, Russen, Südamerikaner, drei Orientalen im Turban. Loretten, Grisetten und Mädchen waren in der Hoffnung gekommen, einen Gönner, einen Liebhaber, ein Goldstück zu finden, oder einfach um des Tanzvergnügens willen; und ihre Kleider mit wassergrünen, blauroten oder violetten Überwürfen bewegten sich, glitten zwischen Ebenholzbäumen und Fliederbüschen vorüber. Fast alle Männer trugen karierte Stoffe, einige weiße Beinkleider trotz der Frische des Abends. Die Gasflammen wurden angezündet.
Hussonnet kannte durch seine Beziehungen zu den Zeitungen und kleineren Theatern viele Damen; er warf ihnen Kußhände zu und verließ von Zeit zu Zeit seine Freunde, um mit ihnen zu plaudern.
Deslauriers wurde eifersüchtig auf dieses Gebaren. Er redete eine große, in Nanking gekleidete Blondine an. Nachdem sie ihn mit mürrischer Miene betrachtet hatte, sagte sie: »Nein, dir trau’ ich nicht, mein Lieber!« und kehrte ihm den Rücken.
Er versuchte es von neuem bei einer vollen Braunen, die offenbar verrückt war, denn sie prallte beim ersten Wort zurück und drohte die Polizei zu holen, wenn er sie weiter belästigte. Deslauriers zwang sich zu lachen; dann forderte er ein junges Mädchen, das er abseits unter einer Gaslaterne sitzen sah, zu einem Kontretanz auf.
Die auf der Estrade wie Affen hockenden Musikanten kratzten und bliesen ungestüm. Der Dirigent schlug stehend in automatenhafter Weise den Takt. Man drängte, amüsierte sich; aufgeknüpfte Hutbänder streiften die Krawatten; Stiefel verirrten sich unter die Röcke; alle hüpften im Takt. Deslauriers drückte das junge Mädchen an sich und bewegte sich, von dem Delirium des Cancans angesteckt, bei der Quadrille wie eine große Marionette. Cisy und Dussardier setzten ihre Promenade fort; der junge Aristokrat lorgnettierte die Mädchen, wagte aber trotz Dussardiers Ermahnungen nicht, sie anzusprechen, da er sich einbildete, daß diese Frauen immer »einen Mann mit einer Pistole bei sich im Schrank verborgen halten, der daraus hervorkommt, um einen zur Unterschrift von Wechseln zu zwingen«.
Sie gingen zu Frédéric zurück; Deslauriers wollte nicht mehr tanzen und alle fragten sich, wie sie den Abend beschließen sollten, als Hussonnet ausrief:
»Seht! die Marquise d’Amaëgui!«
Es war eine blasse Frau mit Stülpnase, bis zum Ellbogen reichenden Halbhandschuhen und langen, schwarzen Locken, die zu beiden Seiten der Wangen wie zwei Pudelohren herabhingen. Hussonnet sagte zu ihr:
»Wir möchten ein kleines Fest bei dir veranstalten, einen orientalischen Rout. Versuche, einige deiner Freundinnen für diese französischen Kavaliere aufzutreiben. Nun, was hält dich davon ab? Erwartest du deinen Hidalgo?«
Die Andalusierin senkte den Kopf, da sie die ein wenig verschwenderischen Gewohnheiten ihres Freundes kannte und fürchtete, für die Bewirtung aufkommen zu müssen. Bei dem von ihr hingeworfenen Worte Geld bot de Cisy endlich fünf Napoleons, seine ganze Börse, an; die Sache war geordnet. Aber Frédéric war nicht mehr da.
Er hatte geglaubt, die Stimme Arnoux’ zu erkennen, hatte einen Frauenhut bemerkt und war schnell in das Bosket nebenbei eingetreten.
Mademoiselle Vatnaz befand sich allein mit Arnoux.
»Verzeihung! Ich störe wohl?«
»Nicht im allergeringsten!« erwiderte der Kaufmann.
Bei den ersten Worten ihrer Unterhaltung begriff Frédéric, daß er in die Alhambra geeilt war, um mit Mademoiselle Vatnaz eine dringende Sache zu besprechen; und Arnoux war offenbar noch nicht ganz beruhigt, denn er sagte mit besorgter Miene zu ihr:
»Sie sind ganz sicher?«
»Ganz sicher! Sie werden geliebt! Ach! welch ein glücklicher Mann!«
Und sie schnitt ihm, ihre vollen, fast blutroten Lippen vorschiebend, ein Gesicht. Aber sie hatte wundervolle, malvenfarbige Augen mit einem Goldpunkt in den Pupillen, voll Geist, Liebe und Sinnlichkeit. Sie erhellten den etwas gelben Teint ihres mageren Gesichts wie eine Flamme. Arnoux schien Gefallen an ihren Mätzchen zu finden.
»Sie sind nett, geben Sie mir einen Kuß.«
Sie nahm ihn bei beiden Ohren und küßte ihn auf die Stirn.
In diesem Augenblick hörte der Tanz auf; und auf dem Platz des Dirigenten erschien fett und wachsbleich ein schöner junger Mann. Er trug langes, nach Christusmanier geordnetes, schwarzes Haar, eine Weste von azurblauem Samt mit goldenen Palmen und sah stolz wie ein Pfau und dumm wie ein Truthahn aus. Als er das Publikum begrüßt hatte, stimmte er ein Lied an, das von einem Dörfler handelte, der seine Reise in die Hauptstadt beschreibt; der Künstler sprach das Platt der Normandie und spielte den Betrunkenen; der Refrain:
Ah! j’ai t’y ri, j’ai t’y ri, dans ce gueusard de Paris!
rief einen Sturm der Begeisterung hervor, und der Charaktersänger Delmas war zu schlau, sie abkühlen zu lassen. Man reichte ihm schnell eine Guitarre, und er säuselte eine Romanze mit dem Titel »der Bruder des Albanesen«. Die Worte erinnerten Frédéric an das Lied, das der zerlumpte Mensch auf dem Dampfboot gesungen hatte. Unwillkürlich hefteten seine Augen sich auf den Saum des Kleides, das vor ihm ausgebreitet lag. Nach jeder Strophe kam eine lange Pause, – und das Rauschen des Windes in den Bäumen glich dem Geräusch der Wellen.
Indem sie Zweige eines Ligusterbusches auseinanderbog, die ihr die Aussicht auf die Estrade verdeckten, betrachtete Mademoiselle Vatnaz mit geblähten Nasenflügeln und zusammengezogenen Brauen unverwandt den Sänger, wie verloren in aufrichtiger Freude.
»Jetzt begreife ich, warum Sie heute abend in der Alhambra sind!« sagte Arnoux. »Delmas gefällt Ihnen, meine Liebe.«
Sie wollte es nicht eingestehen.
»Mein Gott! welche Scheu!«
Und auf Frédéric weisend:
»Ist es seinetwegen? Da tun Sie unrecht. Es gibt keinen diskreteren jungen Mann!«
Ihren Freund zu suchen, kamen die anderen in den Gartensaal. Hussonnet stellte sie vor. Arnoux reichte Zigarren herum und bewirtete die Gesellschaft mit Sorbet.
Mademoiselle Vatnaz war errötet, als sie Dussardier bemerkte. Sie erhob sich sogleich, reichte ihm die Hand und sagte:
»Sie erinnern sich meiner nicht, Monsieur Auguste?«
»Woher kennen Sie sie?« fragte Frédéric.
»Wir arbeiteten zusammen in demselben Hause!« erwiderte er.
Cisy zupfte ihn am Ärmel und sie gingen; kaum waren sie verschwunden, als Mademoiselle Vatnaz eine Lobrede auf Dussardiers Charakter begann. Sie fügte sogar hinzu, daß er das Genie des Herzens habe.
Darauf wurde von Delmas gesprochen, der als Schauspieler Erfolg auf der Bühne haben könnte; und so entspann sich eine Diskussion, in die Shakespeare, die Zensur, der Stil, das Volk, die Einnahmen von Porte-Saint-Martin, Alexandre Dumas, Victor Hugo und Dumersan hineingezogen wurden.
Arnoux hatte mehrere berühmte Schauspielerinnen gekannt, und die jungen Leute neigten sich vor, um ihm zuzuhören. Aber seine Worte wurden von den Musikern erstickt; und sobald die Quadrille oder Polka beendet war, ließen sich alle an Tischen nieder, lachten und riefen nach dem Kellner. Im Gebüsch hörte man Flaschen mit Bier und Brauselimonade knallen. Frauen kreischten wie Hühner; ein paarmal wollten zwei Herren sich schlagen; ein Dieb wurde verhaftet.
Im Galopp stürmten die Tänzer durch die Alleen. Keuchend, lächelnd, mit roten Gesichtern, zogen sie in einem Wirbel vorüber, daß die Kleider und die Rockschöße flogen. Die Posaunen dröhnten stärker; der Tanz wurde immer wilder; hinter dem mittelalterlichen Kloster hörte man es prasseln; Petarden zersprangen, Sonnen drehten sich; der Schein von smaragdgrünem bengalischen Licht erhellte für eine Minute den ganzen Garten; – und bei der letzten Rakete stieg ein tiefes Seufzen aus der Menge auf.
Sie verlief sich langsam. Eine Wolke von Pulver schwebte in der Luft. Frédéric und Deslauriers gingen Schritt vor Schritt mitten durch das Gedränge, als sie plötzlich auf Martinon stießen. Er ließ sich an der Ausgabestelle der Regenschirme Geld wechseln und begleitete darauf eine häßliche Frau in den Fünfzigern, die prachtvoll gekleidet war und von problematischem sozialen Rang zu sein schien.
»Dieser Schelm«, sagte Deslauriers, »ist nicht so schüchtern, wie man annimmt. Aber wo ist denn de Cisy?«
Dussardier zeigte auf das Rauchzimmer, wo sie den Abkömmling tapferer Ritter vor einem Punschglas in Gesellschaft eines rosa Hutes erblickten.
Hussonnet, der für fünf Minuten fortgegangen war, erschien im selben Augenblick.
Ein junges Mädchen stützte sich auf seinen Arm, indem es ihn ganz laut »mein Kätzchen« nannte.
»Nicht doch!« sagte er zu ihr. »Nicht öffentlich! Nenne mich lieber Vicomte! Dabei denkt man an einen Kavalier aus der Zeit Ludwigs XIII. und an Jagdstiefel, die mir gefallen.«
»Ja, meine Lieben, eine alte Flamme! Ist sie nicht nett?« Er faßte sie unters Kinn. – »Ihr Diener, meine Herren! das sind alle Söhne von Pairs von Frankreich! ich verkehre mit ihnen, damit sie mich zum Gesandten ernennen!«
»Wie ausgelassen Sie sind!« seufzte Mademoiselle Vatnaz. Sie bat Dussardier, sie bis zu ihrer Tür zu begleiten.
Arnoux sah sie sich entfernen und wandte sich dann an Frédéric:
»Gefiel Ihnen die Vatnaz? Übrigens sind Sie darin nicht aufrichtig. Ich glaube, Sie verheimlichen Ihre Liebschaften?«
Frédéric wurde bleich und beteuerte, daß er nichts zu verbergen habe.
»Es ist nur, weil man keine Geliebte von Ihnen kennt,« fuhr Arnoux fort.
Frédéric hatte Lust, irgendeinen Namen zu nennen. Aber die Sache konnte ihr wiedererzählt werden. Er erwiderte, daß er tatsächlich keine Geliebte habe.
Der Kaufmann schalt ihn dafür aus.
»Heute abend war eine gute Gelegenheit! Warum machten Sie es nicht wie die anderen, die alle eine Frau mitnahmen?«
»Nun, und Sie?« sagte Frédéric, durch diese Hartnäckigkeit ungeduldig geworden.
»Ach, ich! mein Junge! das ist etwas anderes! Ich kehre zu meiner Frau zurück.«
Er rief ein Kabriolet heran und verschwand.
Die beiden Freunde gingen zu Fuß. Ein Ostwind blies. Weder einer noch der andere sprach. Deslauriers bedauerte, nicht vor einem Zeitung-Redakteur »geglänzt« zu haben, und Frédéric gab sich seinem Schmerze hin. Schließlich sagte er, daß er den ganzen Rummel stumpfsinnig finde.
»Und wer hat Schuld? Wenn du uns nicht um deinen Arnoux im Stich gelassen hättest!«
»Ach was! alles, was ich hätte tun können, wäre nutzlos gewesen!«
Aber der Schreiber hatte Theorien. Um Dinge zu erlangen, genüge es, sie nachdrücklichst zu wünschen.
»Und du selber hast doch eben…«
»Ich mache mir nichts daraus!« entgegnete Deslauriers, der klaren Anspielung ausweichend. »Soll ich mich mit Weibern einlassen?«
Und er zog gegen ihre Ziererei, ihre Dummheiten los; kurz, sie mißfielen ihm.
»Verstelle dich doch nicht!« sagte Frédéric.
Deslauriers schwieg. Dann plötzlich sagte er:
»Willst du hundert Francs wetten, daß ich die erste, die vorübergeht, ›stelle‹?«
»Ja, angenommen!«
Als erste ging eine häßliche Bettlerin vorüber, und sie gaben die Hoffnung auf eine Gelegenheit auf, als sie mitten in der Rue de Rivoli ein großes Mädchen mit einem kleinen Karton in der Hand bemerkten.
Deslauriers sprach sie unter den Arkaden an. Sie wandte sich rasch nach der Seite der Tuilerien, bald hatte sie die Place du Caroussel erreicht und blickte nach allen Seiten. Sie lief hinter einer Droschke her, Deslauriers holte sie ein. Er ging neben ihr und sprach mit ausdrucksvollen Geberden auf sie ein. Endlich nahm sie seinen Arm, und sie gingen am Quai entlang weiter. Dann, auf der Höhe des Châtelet, spazierten sie wenigstens zwanzig Minuten auf dem Trottoir auf und ab wie zwei Seeleute, die Wache haben. Allein plötzlich überschritten sie den Pont au Change, den Blumenmarkt, den Quai Napoléon. Frédéric kam hinter ihnen her. Deslauriers gab ihm zu verstehen, daß er sie stören würde und nur ihrem Beispiel zu folgen brauche.
»Wieviel hast du noch?«
»Zwei Goldstücke und hundert Sous.«
»Das genügt! Gute Nacht!«
Frédéric war erstaunt, wie man es ist, wenn man einen Spaß gelingen sieht: »Er macht sich über mich lustig,« dachte er. »Ob ich hinaufgehe?« Glaubte Deslauriers etwa, daß er ihn um diese Liebe beneide? »Als ob ich nicht eine hätte, eine, die hundertmal seltener, edler, stärker ist!« Eine Art Zorn trieb ihn vorwärts. Er langte vor der Tür von Madame Arnoux an.
Keines der äußeren Fenster gehörte zu ihrer Wohnung. Indessen blieb er stehen, die Augen auf die Fassade geheftet, – als glaube er durch diese Blicke die Mauern zu spalten. Jetzt ruhte sie ohne Zweifel still wie eine schlafende Blume mit ihrem schönen, schwarzen Haar, die Lippen halb geöffnet, das Haupt auf dem Arm, in den Spitzen ihres Kissens.
Er sah Arnoux’ Kopf vor sich. Dieser Vision zu entfliehen, entfernte er sich.
Deslauriers’ Rat kam ihm in Erinnerung; er fürchtete sich davor. Da wanderte er ziellos in den Straßen umher.
Kam ihm ein Fußgänger entgegen, so versuchte er seine Züge zu unterscheiden. Von Zeit zu Zeit fiel ihm ein Lichtstrahl zwischen die Beine und beschrieb einen immensen Viertelkreis am Rande der Straße; und aus dem Dunkel tauchte ein Mann mit seiner Kiepe und Laterne auf. An einigen Stellen rüttelte der Wind an dem Rohr eines Schornsteins; von fern erklangen Töne, die sich mit dem Dröhnen in seinem Kopf mischten, und er glaubte in den Lüften die vagen Klänge des Kontretanzes zu hören. In der Bewegung des Gehens hielt dieser Rausch an; er befand sich auf dem Pont de la Concorde.
Da erinnerte er sich wieder jenes Abends im vergangenen Winter, – wo er zum erstenmal von ihr gekommen war und hier hatte stehen bleiben müssen, so schnell schlug damals das Herz unter dem Bann seiner Hoffnungen. Jetzt waren sie alle tot.
Dunkle Wolken glitten über das Antlitz des Mondes. Er betrachtete sie und dachte an die Unendlichkeit des Raumes, das Elend des Lebens und seine Nichtigkeit. Der Tag erwachte, seine Zähne klapperten, und halb im Schlaf, vom Nebel durchnäßt und nahe am Weinen, fragte er sich: warum nicht ein Ende machen? Nichts als eine Bewegung war nötig! Die schwere Stirn zog ihn nieder, er sah sich als Leichnam auf dem Wasser schwimmen; Frédéric beugte sich hinab. Die Brüstung war ein wenig breit, und nur seine Müdigkeit hinderte ihn, hinunterzuspringen.
Entsetzen ergriff ihn. Er ging auf die Boulevards zurück und sank auf eine Bank. Überzeugt, daß er »gebummelt« hatte, weckten ihn Polizisten.
Er schickte sich wieder an, weiterzugehen. Aber da er großen Hunger verspürte und alle Restaurants geschlossen waren, ging er in eine Kneipe in der Halle, um etwas zu essen. Darauf schlenderte er, da er es noch für zu früh hielt, bis um ein Viertel nach acht in der Umgebung des Stadthauses umher. –
Deslauriers hatte seine Schöne längst verabschiedet und schrieb am Tisch mitten im Zimmer. Gegen vier Uhr kam Cisy zu ihm.
Auf Dussardiers Veranlassung hatte er sich am vorhergehenden Abend mit einer Dame verabredet und sie sogar mit ihrem Mann im Wagen bis an die Schwelle ihres Hauses begleitet, wo sie ein Rendezvous mit ihm verabredet hatte. Er kam daher. Man kannte dort ihren Namen gar nicht.
»Was wollen Sie, daß ich dabei tue?« sagte Frédéric.
Da begann der Junker von allem möglichen zu reden; er sprach von Mademoiselle Vatnaz, der Andalusierin und all den anderen. Schließlich, nach vielen Umschweifen erklärte er den Zweck seines Besuches: im Vertrauen auf die Verschwiegenheit seines Freundes bäte er ihn, ihm in einer Sache beizustehen, in der er sich entschieden als Mann zeigen würde, und Frédéric schlug es ihm nicht ab. Er erzählte dann Deslauriers die Geschichte, ohne zu verraten, was ihn persönlich dabei betraf.
Der Schreiber fand, daß »er sich jetzt ganz gut mache«. Dies Annehmen seiner Ratschläge erhöhte noch seine gute Laune.
Durch diese hatte er Mademoiselle Clémence Daviou, Goldstickerin für Militärausrüstungen, das süßeste Wesen von der Welt und schlank wie ein Schilfrohr, mit großen, immer verwunderten blauen Augen, vom ersten Tage ab bezaubert. Der Schreiber nutzte ihre Arglosigkeit so weit aus, sie glauben zu machen, er sei dekoriert; er schmückte seinen Überrock bei ihren Zusammenkünften mit einem roten Bande, versagte sich aber, es öffentlich zu tun, um seinen Vorgesetzten nicht zu demütigen, wie er sagte. Im übrigen hielt er sie sich fern, ließ sich liebkosen wie ein Pascha und nannte sie lachend »Tochter des Volkes«. Sie brachte ihm jedesmal kleine Veilchensträuße. Frédéric hätte eine solche Liebe nicht gemocht.
Wenn sie aber Arm in Arm ausgingen, um bei Barillon oder Pinson zu essen, empfand er eine seltsame Traurigkeit. Frédéric wußte ja nicht, wie sehr Deslauriers seit einem Jahre jeden Donnerstag gelitten hatte, wenn er sich die Nägel bürstete, ehe er in die Rue Choiseul zum Diner ging.
Eines Abends, als er sie eben von seinem Balkon oben hatte fortgehen sehen, gewahrte er Hussonnet von weitem auf dem Pont d’Arcole. Der Bohémien machte ihm Zeichen, herunterzukommen, und als Frédéric seine fünf Stockwerke herabkam, sagte er:
»Die Sache ist nämlich die! Am nächsten Samstag, dem 24., ist der Namenstag von Madame Arnoux.«
»Aber sie heißt doch Marie?«
»Auch Angèle, was tut das übrigens? Er wird in ihrem Landhaus in Saint-Cloud gefeiert; ich bin beauftragt, Sie davon zu benachrichtigen. Sie finden um drei Uhr ein Fuhrwerk vor der Redaktion! Also abgemacht! Verzeihung, daß ich Sie herunter bemüht habe. Aber ich habe so viele Gänge!«
Kaum hatte Frédéric sich umgewandt, als der Portier ihm einen Brief übergab:
»Monsieur und Madame Dambreuse geben sich die Ehre, Monsieur F. Moreau am Sonnabend, den 24. zum Diner einzuladen. – U.A.w.g.«
»Zu spät,« dachte er.
Nichtsdestoweniger zeigte er Deslauriers den Brief.
»Ah! endlich!« rief dieser aus. »Aber du scheinst nicht zufrieden zu sein. Warum?«
Etwas zögernd sagte Frédéric, daß er für denselben Tag eine andere Einladung habe.
»Tu mir den Gefallen und bleib mir mit der Rue Choiseul vom Halse! Keine Dummheiten! Ich werde für dich antworten, wenn es dir unangenehm ist.«
Und der Schreiber schrieb in der dritten Person eine Zusage.
Da er die Welt nie anders als durch das Fieber seiner Begierden gesehen hatte, stellte er sie sich wie eine künstliche Schöpfung vor, die auf Grund mathematischer Gesetze funktionierte. Eine Einladung zum Diner, die Begegnung mit einem Staatsbeamten, das Lächeln einer hübschen Frau konnte durch eine Reihe aufeinander folgender Handlungen gigantische Folgen haben. Gewisse Pariser Salons waren für ihn wie Maschinen, die den Stoff im Rohzustand aufnehmen und ihn hundertfältig an Wert wiedergeben. Er glaubte an Kourtisanen, die Diplomaten beeinflussen, an reiche Heiraten, die durch Intriguen zustande kommen, an das Genie von Galeerensklaven, die Gefügigkeit des Schicksals unter starken Händen. Kurz, er hielt den Umgang mit den Dambreuses für so nützlich und sprach so gut, daß Frédéric nicht mehr wußte, wozu er sich entschließen sollte.
Da es der Namenstag von Madame Arnoux war, konnte er nicht unterlassen, ihr ein Geschenk zu machen; er dachte natürlich an einen Sonnenschirm, um seine Ungeschicklichkeit wieder gut zu machen. Er entdeckte auch einen Knick-Schirm von taubengrauer Seide mit einem kleinen chinesischen Griff von geschnitztem Elfenbein. Aber er kostete fünfundsiebzig Francs, und er hatte nicht einen Sou, lebte schon auf Kredit des nächsten Quartals. Allein er wollte ihn haben, ihm lag daran, und wenn auch widerwillig nahm er seine Zuflucht zu Deslauriers.
Deslauriers erwiderte ihm, daß er kein Geld habe.
»Aber ich brauche es,« sagte Frédéric, »brauche es sehr notwendig!«
Als der andere dieselbe Entschuldigung mehrmals wiederholt hatte, wurde er hitzig:
»Du könntest wohl bisweilen…«
»Was denn?«
»Nichts!«
Der Schreiber hatte verstanden. Er nahm von seinen Ersparnissen die gewünschte Summe und sagte, als er Stück für Stück hinlegte:
»Ich verlange keine Quittung von dir, da ich auf deine Kosten lebe!«
Frédéric warf sich ihm mit tausend zärtlichen Einwendungen in die Arme, aber Deslauriers blieb kalt. Dann, als er am nächsten Morgen den Schirm auf dem Piano bemerkte, sagte er:
»Ach so! Also war es dafür!«
»Ich schicke ihn vielleicht hin,« sagte Frédéric feige.
Der Zufall half ihm, denn er erhielt abends einen schwarz geränderten Brief, in dem Madame Dambreuse ihm den Verlust eines Oheims anzeigte und sich entschuldigte, das Vergnügen, seine Bekanntschaft zu machen, auf später hinausschieben zu müssen.
Er kam gegen zwei Uhr in das Bureau der Redaktion. Anstatt ihn zu erwarten, um ihn in seinem Wagen mitzunehmen, war Arnoux, der dem Bedürfnis nach frischer Luft nicht widerstehen konnte, schon am Tage vorher hinausgefahren.
Jedes Jahr im ersten Grün brach er, mehrere Tage hintereinander, morgens auf, machte weite Wege durch die Felder, trank auf den Pachthöfen Milch, tändelte mit den Bäuerinnen, erkundigte sich nach den Ernten und brachte in seinem Taschentuch Salatköpfe mit nach Haus. Schließlich hatte er sich, um einen alten Traum zu verwirklichen, ein Landhaus gekauft.
Während Frédéric mit dem Kommis sprach, kam Mademoiselle Vatnaz dazu und war enttäuscht, Arnoux nicht zu treffen. Er würde vielleicht noch zwei Tage fortbleiben. Der Kommis riet ihr, »dorthin« zu fahren, aber sie konnte nicht; oder einen Brief zu schreiben; doch sie hatte Furcht, der Brief könne verloren gehen. Frédéric bot sich an, ihn selbst mitzunehmen. Sie schrieb ihn schnell und beschwor Frédéric, ihn ohne Zeugen abzugeben.
Vierzig Minuten später landete er in Saint-Cloud.
Das Haus lag hundert Schritt hinter der Brücke, auf halber Höhe des Hügels. Die Gartenmauern waren durch zwei Reihen Linden verdeckt, und ein breiter Grasplatz führte bis zum Ufer des Flusses hinunter. Die Gittertür stand offen, Frédéric trat ein.
Arnoux spielte auf dem Rasen ausgestreckt mit einem Wurf kleiner Kätzchen. Diese Zerstreuung schien ihn unendlich zu fesseln. Der Brief von Mademoiselle Vatnaz riß ihn aus seiner Versunkenheit.
»Zum Teufel! den Teufel auch! das ist fatal! Ja, sie hat recht. Ich muß zurück!«
Dann, nachdem er das Schreiben in seine Tasche geschoben hatte, machte er sich das Vergnügen, sein Besitztum zu zeigen. Er zeigte alles, den Stall, den Wagenschuppen, die Küche. Der Salon lag rechts und ging auf der Seite von Paris auf einen von Klematis überrankten Gitter-Vorbau. Von oben, über ihrem Kopfe ertönte ein Triller: Madame Arnoux, die sich allein glaubte, vertrieb sich die Zeit mit Singen. Sie sang Tonleitern, Koloraturen, Glissandi. Lange Töne schienen sich schwebend zu halten, andere fielen, sich überstürzend, wie Tropfen einer Kaskade, und ihre Stimme drang durch die Jalousie, unterbrach die tiefe Stille und stieg zum blauen Himmel empor.
Als Monsieur und Madame Oudry, zwei Nachbarn, sich einfanden, hörte sie plötzlich auf.
Darauf erschien sie oben auf der Freitreppe, und als sie die Stufen hinabschritt, sah er ihren Fuß. Sie trug kleine, niedrige Schuhe aus goldkäferfarbigem Leder mit drei Querspangen, die ein Goldgitterwerk auf ihre Strümpfe zeichneten.
Die Geladenen langten an. Außer Monsieur Lefaucheur, dem Advokaten, waren es die Donnerstag-Gäste. Jeder hatte ein Geschenk mitgebracht. Dittmer eine syrische Schärpe, Rosenwald ein Romanzen-Album, Burrieu ein Aquarell, Sombaz seine eigene Karikatur und Pellerin eine Kohlezeichnung, die eine Art Totentanz darstellte, eine schauderhafte Phantasie in mittelmäßiger Ausführung. Hussonnet hatte kein Geschenk für sie.
Frédéric wartete, um das seine zuletzt anzubieten.
Sie dankte ihm erfreut darüber. Darauf sagte er:
»Aber… es ist fast eine Schuld! Ich war so ärgerlich.«
»Worüber denn?« fragte sie. »Ich verstehe nicht!«
»Zu Tisch!« rief Arnoux, ihn beim Arm fassend, wobei er ihm ins Ohr flüsterte: »Sie sind sehr boshaft!«
Nichts konnte hübscher sein als der Speisesaal, der in seegrüner Farbe gehalten war. An dem einen Ende tauchte eine Nymphe ihre Zehe in ein muschelförmiges Bassin. Durch die geöffneten Fenster sah man den ganzen Garten und den langen Rasenplatz mit einer alten, zum größten Teil kahlen schottischen Kiefer daneben und von ungleichen Blumenbeeten unterbrochen. Und drüben, jenseits des Flusses, dehnte sich in einem weiten Halbkreis das Bois de Boulogne, Neuilly, Sèvres, Meudon. Gegenüber vor dem Gitter lavierte ein Segelboot.
Man sprach zuerst von der Aussicht, die man hier hatte, darauf von der Landschaft im allgemeinen; und die Diskussionen begannen, als Arnoux seinem Diener den Auftrag gab, den Wagen gegen einhalb zehn Uhr anzuspannen. Ein Brief seines Kassierers riefe ihn zurück.
»Willst du, daß ich mit dir zurückkehre?« sagte Madame Arnoux.
»Aber gewiß!« und mit einer tiefen Verbeugung fügte er hinzu: »Sie wissen, Madame, daß man ohne Sie nicht leben kann.«
Alle beglückwünschten sie zu einem solchen Manne.
»Ach, das gilt nicht mir allein!« erwiderte sie sanft, auf ihr Töchterchen weisend.
Dann, als die Unterhaltung auf die Malerei gekommen war, wurde von einem Ruysdaël gesprochen, für den Arnoux eine beträchtliche Summe zu erhalten erwartete; und Pellerin fragte ihn, ob es wahr sei, daß der berühmte Saul Mathias aus London ihm im vorigen Monat dreiundzwanzigtausend Francs dafür geboten habe.
»Nichts ist wahrer!« und zu Frédéric gewendet: »Das ist derselbe Herr, den ich neulich in der Alhambra umherführte, wider meinen Willen, versichere ich Sie, denn diese Engländer sind nicht amüsant.«
Frédéric, der in dem Brief von Mademoiselle Vatnaz eine Weibergeschichte argwöhnte, hatte die Gewandtheit bewundert, mit der Arnoux einen schicklichen Vorwand gefunden, um sich aus dem Staube zu machen; aber seine neue, absolut überflüssige Lüge öffnete ihm die Augen.
Der Kaufmann fügte unbefangen hinzu:
»Wie heißt doch dieser große junge Mann, Ihr Freund?«
»Deslauriers,« sagte Frédéric lebhaft.
Und um das Unrecht wieder gut zu machen, dessen er sich ihm gegenüber schuldig fühlte, rühmte er ihn wie ein höheres Wesen.
»Ach! wirklich? Aber er scheint nicht ein so guter Kerl zu sein wie der andere, der Kommis aus dem Fuhrgeschäft.«
Frédéric verwünschte Dussardier. Sie mußte glauben, daß er mit gewöhnlichen Leuten umgehe.
Darauf war die Rede von Verschönerungen der Hauptstadt, von neuen Stadtteilen, und der gute Oudry nannte Monsieur Dambreuse unter den großen Spekulanten.
Frédéric ergriff die Gelegenheit, sich zur Geltung zu bringen und sagte, daß er ihn kenne. Aber Pellerin fiel in einer stürmischen Rede über die Krämer her, Kerzenhändler oder Geldwechsler, er sah darin keinen Unterschied. Rosenwald und Burrieu unterhielten sich über Porzellan; Arnoux sprach über Gärtnerei mit Madame Oudry; Sombaz, ein Spaßmacher der alten Schule, belustigte sich damit, ihren Gatten aufzuziehen; er nannte ihn Odry, nach dem Schauspieler, erklärte, daß er von d’Oudry, dem Hundemaler, abstammen müsse, denn der Tierhöcker sei auf seiner Stirn sichtbar. Er wollte sogar seinen Schädel betasten, allein der andere weigerte sich wegen seiner Perücke und das Dessert endete unter lautem Lachen.
Nachdem man unter den Linden rauchend den Kaffee getrunken sowie einige Rundgänge im Garten gemacht hatte, wurde ein Spaziergang den Fluß entlang unternommen.
Die Gesellschaft blieb vor einem Fischer stehen, der in einem Fischkasten Aale reinigte. Die kleine Marthe wollte sie sehen. Er leerte seinen Kasten auf den Rasen, und das kleine Mädchen warf sich auf die Knie, um sie zu fangen, lachte vor Vergnügen und schrie zugleich vor Schreck. Sie waren alle fort, Arnoux bezahlte sie.
Dann hatte er die Idee, eine Bootfahrt zu machen.
Eine Seite des Horizonts begann zu verblassen, während sich auf der andern eine tiefe Orange-Farbe weit über den Himmel verbreitete, die sich über den völlig schwarz gewordenen Gipfeln der Hügel mehr purpurn rötete. Madame Arnoux saß mit diesem Feuerschein hinter sich auf einem großen Stein. Die anderen schlenderten umher. Hussonnet warf unten am Ufer Kiesel flach über das Wasser.
Arnoux kam mit einer alten Schaluppe zurück, und trotz aller Vorstellungen der Vorsichtigen packte er seine Gäste hinein. Sie kenterte und es mußte gelandet werden.
In dem dunkelblau tapezierten Salon mit Kristall-Armleuchtern an den Wänden brannten schon alle Kerzen. Mutter Oudry schlummerte sanft in einem Fauteuil, und die anderen hörten Monsieur Lefaucheur zu, der sich über die Zierden der Advokatur ausließ. Madame Arnoux stand allein am Fenster; Frédéric trat zu ihr.
Sie plauderten über allerlei. Sie bewunderte die Redner; er aber zog den Ruhm der Schriftsteller vor. Man müßte, fuhr sie fort, einen viel stärkeren Genuß empfinden, selbst direkt Einfluß auf die Menge auszuüben und die Gefühle der eignen Seele auf sie übertragen zu können. Diese Triumphe lockten Frédéric nicht, der gar keinen Ehrgeiz besaß.
»Ach! warum?« sagte sie. »Man muß ein wenig ehrgeizig sein!«
Sie standen dicht nebeneinander in der Fensternische. Die Nacht vor ihnen spannte sich wie ein ungeheurer, silbergewirkter, dunkler Schleier. Zum erstenmal sprachen sie nicht von nichtssagenden Dingen. Er lernte sogar ihre Antipathie und ihren Geschmack kennen: gewisse Parfüms widerten sie an, Bücher über Geschichte interessierten sie, sie glaubte an Träume.
Er berührte das Kapitel der sentimentalen Abenteuer. Sie beklagte das Unheil der Leidenschaft, war aber empört über schmachvolle Heuchelei. Und diese Geradheit des Geistes stimmte so gut mit der regelmäßigen Schönheit ihres Antlitzes überein, daß sie davon abhängig schien.
Zuweilen lächelte sie, indem sie ihre Augen eine Minute auf ihm weilen ließ. Dann fühlte er ihre Blicke seine Seele durchdringen wie jene starken Sonnenstrahlen, die bis auf den Grund des Wassers hinabtauchen. Er liebte sie ohne Hintergedanken, ohne Hoffnung auf Gegenliebe, unumschränkt; und in dieser stummen Verzückung, die einer lebhaften Dankbarkeit glich, hätte er ihre Stirn mit einer Flut von Küssen bedecken mögen.
Allein eine innere Regung hob ihn über sich selbst hinaus; es war ein Verlangen, sich zu opfern, ein Bedürfnis unmittelbarer Hingabe, die um so stärker war, als er es nicht stillen konnte.
Er ging nicht mit den anderen fort, Hussonnet ebenfalls nicht. Sie sollten mit dem Wagen zurückkehren, und als dieser am Fuß der Freitreppe wartete, ging Arnoux in den Garten hinunter, um Rosen zu pflücken. Dann, nachdem er den Strauß, aus dem die Stiele ungleich hervorragten, mit einem Faden umwunden hatte, suchte er in seiner mit Papieren gefüllten Tasche, nahm aufs Geratewohl eins heraus, umhüllte sie damit, befestigte sein Werk mit einer starken Nadel und bot es seiner Frau mit einer gewissen Gerührtheit an.
»Nimm, meine Liebe, verzeih’, daß ich dich vergessen habe!«
Aber sie stieß einen kleinen Schrei aus; die Nadel, ungeschickt hineingesteckt, hatte sie verwundet, und sie ging in ihr Zimmer hinauf. Es wurde fast eine Viertelstunde auf sie gewartet. Endlich erschien sie wieder, hob Marthe in die Höhe und stieg rasch in den Wagen.
»Und dein Strauß?« sagte Arnoux.
»Ach, es lohnt der Mühe nicht!«
Frédéric lief, um ihn zu holen; sie rief ihm zu:
»Ich will es nicht!«
Aber er brachte ihn doch und sagte, daß er ihn eben wieder in die Hülle getan hätte, da er die Blumen auf der Erde gefunden. Sie steckte sie unter die Lederschutzdecke an dem Sitz, und sie fuhren ab.
Frédéric, der neben ihr saß, bemerkte, daß sie furchtbar zitterte. Dann, als sie die Brücke passiert hatten und Arnoux nach links wendete, rief sie:
»Nicht doch! du irrst dich! dorthin, rechts!«
Sie schien gereizt; alles störte sie. Schließlich, als Marthe die Augen geschlossen hatte, zog sie den Strauß heraus und schleuderte ihn über den Wagenschlag hinaus, faßte darauf Frédéric am Arm und machte ihm dabei ein Zeichen mit der andern Hand, niemals davon zu sprechen.
Darauf drückte sie ihr Taschentuch an die Lippen und regte sich nicht mehr.
Die beiden anderen auf dem Bock unterhielten sich über Druckereien und Abonnenten. Arnoux, der unaufmerksam kutschierte, verirrte sich mitten im Bois de Boulogne. Da mußten sie Nebenwege einschlagen. Das Pferd ging im Schritt; die Zweige der Bäume streiften das Verdeck. Frédéric sah in der Dunkelheit nichts von Madame Arnoux als die beiden Augen; Marthe lag ausgestreckt auf ihren Knien, und er stützte ihr den Kopf.
»Sie belästigt Sie!« sagte die Mutter.
Er erwiderte:
»Nein! O nein!«
Langsam wirbelte der Staub auf; sie kamen durch Auteuil; alle Häuser waren geschlossen; hier und dort erhellte eine Gaslaterne einen Mauerwinkel, dann tauchte man wieder in die Finsternis; einmal bemerkte er, daß sie weinte.
Waren das Gewissensbisse? ein Wunsch? was mochte es sein? Dieser Kummer, den er nicht kannte, interessierte ihn wie etwas, das ihn persönlich betraf; jetzt gab es zwischen ihnen ein neues Band, eine Art Mitschuld; und er sagte mit einer so liebevollen Stimme, wie er konnte:
»Sie leiden?«
»Ja, ein wenig,« erwiderte sie.
Der Wagen rollte weiter, und Geißblatt und Jasmin fluteten über die Gartenzäune und entsandten erschlaffende Düfte in die Nacht. Die zahlreichen Falten ihres Kleides bedeckten seine Füße. Und er fühlte sich mit ihrer ganzen Person im Zusammenhang, weil das Kind zwischen ihnen ausgestreckt lag. Er beugte sich zu dem kleinen Mädchen hinab, und indem er seine hübschen braunen Haare zur Seite schob, küßte er es sanft auf die Stirn.
»Sie sind gut,« sagte Madame Arnoux.
»Warum?«
»Weil Sie Kinder lieben.«
»Nicht alle!«
Er fügte nichts hinzu, streckte aber weitgeöffnet die linke Hand nach ihrer Seite hin aus, – indem er sich einbildete, sie würde es vielleicht machen wie er, und ihre Hand würde die seine berühren. Dann schämte er sich und zog sie wieder zurück.
Bald kamen sie auf die Straße. Der Wagen fuhr schneller, man sah mehr Gaslaternen, es war Paris. Vor dem »Gardes-Meubles« sprang Hussonnet vom Bock herunter. Frédéric wartete mit dem Aussteigen bis sie auf dem Hof waren; dann stellte er sich an der Ecke der Rue Choiseul auf die Lauer und sah Arnoux langsam auf die Boulevards zugehen. –
Vom nächsten Tage an begann er mit aller Kraft zu arbeiten.
Er sah sich vor einem Schwurgericht, an einem Winterabend, am Schluß der Plaidoyers, wo die Geschworenen bleich sind und die atemlose Menge die Schranken im Gerichtssaal einzudrücken droht, sah sich schon seit vier Stunden sprechen, alle seine Beweise kurz zusammenfassen, neue entdecken, und fühlte bei jeder Frage, bei jedem Wort, jeder Geste das hinter ihm schwebende Fallbeil der Guillotine sich heben; dann sah er sich auf der Tribüne in der Kammer als Redner, an dessen Lippen das Heil eines ganzen Volkes hängt, der seine Gegner durch seine zündende Rede überwältigt, mit einer schnellen Antwort, mit dröhnenden Worten oder wohltuendem Klang in der Stimme vernichtet, ironisch, pathetisch, hingerissen, erhaben; und sie würde da sein, irgendwo, mitten unter den anderen, würde die Tränen der Begeisterung unter ihrem Schleier verbergen; dann würden sie sich wiederfinden; – und die Entmutigungen, die Verleumdungen und Beleidigungen würden ihm nichts anhaben, wenn sie ihm mit ihren sanften Händen über die Stirn striche und sagte: »Ah! das war schön!«
Diese Bilder strahlten wie Leitsterne am Horizonte seines Lebens. So angefeuert wurde sein Geist viel freier und stärker. Bis zum August schloß er sich ein und wurde dann zu seinem letzten Examen zugelassen.
Deslauriers, den es soviel Mühe gekostet hatte, ihm Ende Dezember nochmals das zweite und Ende Februar das dritte einzupauken, überraschte sein Eifer. Nun erwachten die alten Hoffnungen wieder. In zehn Jahren würde Frédéric Deputierter sein; in fünfzehn Minister; warum nicht? Mit seinem Erbteil, das ihm bald zur Verfügung stehen würde, konnte er zuerst ein Blatt gründen, als Debut; dann würde man weiter sehen. Was ihn selbst anbetraf, so strebte er immer noch nach einer Professur an der juristischen Fakultät; und er verfocht seine These für das Doktorat in so bemerkenswerter Weise, daß es ihm Komplimente von den Professoren eintrug.
Frédéric machte sein Examen drei Tage später. Ehe er zu den Ferien abreiste, wollte er zum Abschluß der Sonnabend-Vereinigungen ein Picknick veranstalten.
Er war in heiterer Stimmung. Madame Arnoux war jetzt bei ihrer Mutter in Chartres. Aber bald würde er sie wiedersehen und schließlich ihr Geliebter werden.
Deslauriers, der am selben Tage zum Diskutierklub d’Orsay zugelassen worden war, hatte mit vielem Beifall eine Rede gehalten. Obwohl er mäßig war, berauschte er sich und sagte beim Dessert zu Dussardier:
»Du bist ehrlich! Wenn ich reich werde, setze ich dich als Verwalter ein.«
Alle waren glücklich. Cisy wollte sein Rechtsstudium nicht beenden; Martinon seine kommissarische Anstellung in der Provinz beibehalten, wo er zum Substituten ernannt werden sollte; Pellerin arbeitete an einem großen Bilde, »der Geist der Revolution«; Hussonnet sollte dem Direktor der Déclassements den Entwurf zu einem Stück vorlesen, an dessen Erfolg er nicht zweifelte.
»Denn die Bühnengewandtheit des Dramas gesteht man mir zu, Leidenschaften, ich habe mich genug herumgetrieben, um mich darauf zu verstehen, und was den Witz anbetrifft, so ist das mein Metier!«
Er machte einen Sprung, fiel auf beide Hände zurück und marschierte eine Weile mit den Beinen in der Luft um den Tisch herum.
Aber dieser Jungenstreich heiterte Sénécal nicht auf. Er sollte aus seiner Pension verjagt werden, weil er den Sohn eines Aristokraten geschlagen hatte. Da seine Not sich noch verschlimmerte, griff er die soziale Ordnung an, er schmähte die Reichen und schüttete Regimbart, der immer mehr enttäuscht, verbittert, angewidert war, sein Herz aus. Der Citoyen kam jetzt auf Budgetfragen zu sprechen und beschuldigte die Kamarilla, Millionen in Algier zu vergeuden.
Da er nicht schlafen konnte, ohne die Wirtschaft Alexandre aufgesucht zu haben, verschwand er gegen elf Uhr. Die übrigen gingen später, und Frédéric erfuhr, als er sich von Hussonnet verabschiedete, daß Madame Arnoux am vorhergehenden Abend hatte zurückkehren sollen.
Er ging daher zur Post, um seinen Platz für den nächsten Tag einzutauschen, und begab sich zu ihr. Der Hausmeister teilte ihm mit, daß ihre Rückkehr um acht Tage verschoben sei. Frédéric aß allein und schlenderte auf den Boulevards umher.
Rosige Wolken in Gestalt von breiten Bändern dehnten sich über den Dächern; die Sonnenzelte vor den Läden wurden in die Höhe gezogen; Sprengwagen schütteten einen Regen auf den Staub, und eine unerwartete Frische mischte sich mit den Ausdünstungen der Cafés, durch deren offene Türen man zwischen Silbergerät und Vergoldungen Blumensträuße sah, die sich in den hohen Scheiben widerspiegelten. Die Menge schob sich langsam vorwärts, Gruppen von Männern standen plaudernd mitten auf dem Trottoir; und Frauen gingen vorüber mit einer Mattigkeit in den Augen und jenem Kamelien-Teint, den erschlaffende große Leidenschaften weiblichem Fleische verleihen. Etwas Unfaßbares lag über allem, hüllte die Häuser ein. Niemals war ihm Paris so schön erschienen. Er sah in der Zukunft nichts als eine unendliche Reihe von Jahren der Liebe.
Vor dem Theater Porte Saint-Martin blieb er stehen, um die Zettel zu lesen, und nahm aus Langeweile ein Billet.
Es wurde eine alte Zauberposse gegeben. Die Zuschauer waren nur spärlich, und durch die Dachfenster des Olymps fiel das Licht in kleinen, blauen Vierecken, während die Lampen an der Rampe eine einzige Linie von gelben Flammen bildeten. Die Bühne stellte einen Sklavenmarkt zu Peking dar, mit Glockenspiel, Tamtam, Sultanen, spitzen Hüten und Spaßvögeln. Dann, als der Vorhang gefallen war, irrte er einsam in den Foyers umher und bewunderte auf dem Boulevard, am Fuß der Freitreppe, einen grünen Landauer mit zwei Schimmeln davor, die ein Kutscher in Kniehosen hielt.
Als er wieder auf seinem Platz anlangte, traten ein Herr und eine Dame in die Proszeniumsloge des ersten Ranges. Der Mann, von jenem eisigen Aussehen, das den Diplomaten kennzeichnen soll, mit der Rosette der Offiziere der Ehrenlegion, hatte ein blasses, von einem grauen Bart umrahmtes Gesicht.
Seine Frau, die mindestens zwanzig Jahre jünger, weder groß noch klein, weder häßlich noch hübsch war, trug ihr blondes Haar auf englische Art in langen, gedrehten Locken, ein Kleid mit glatter Taille und einen großen, schwarzen Spitzenfächer. Wenn Leute dieser Kreise zu dieser Jahreszeit das Schauspiel besuchten, mußte man annehmen, daß ein Zufall oder die Unlust, ihren Abend im Tête-â-tête zu verbringen, sie dazu veranlaßte. Die Dame nagte an ihrem Fächer und der Mann gähnte. Frédéric konnte sich nicht erinnern, wo er dieses Gesicht schon gesehen hatte.
Im nächsten Zwischenakt, als er einen Gang durchschritt, begegnete er den beiden; bei seinem flüchtigen Gruß erkannte ihn Monsieur Dambreuse, sprach ihn an und entschuldigte sich wegen seiner unverzeihlichen Nachlässigkeit. Das war eine Anspielung auf die zahlreichen Visitenkarten, die er auf den Rat des Schreibers geschickt hatte. Jedoch verrechnete er sich in der Zeit und glaubte, Frédéric stehe erst im zweiten Jahr seines Rechtsstudiums. Er beneidete ihn um seine Reise aufs Land. Auch er habe das Bedürfnis nach Ruhe, aber die Geschäfte hielten ihn in Paris zurück.
Madame Dambreuse neigte, auf seinen Arm gestützt, leicht das Haupt; und die geistvolle Anmut ihres Gesichts stimmte gar nicht mit dem vorher so mürrischen Ausdruck darin überein.
»Man findet hier doch angenehme Zerstreuungen,« sagte sie bei den letzten Worten ihres Gatten. »Wie dumm dieses Stück ist, nicht wahr?« Und alle drei blieben stehen, und sprachen über Theater und neue Stücke.
Frédéric, der an das Gebaren der Provinzdamen gewöhnt war, hatte noch bei keiner Frau eine solche Gewandtheit der Manieren, diese Einfachheit gesehen, die ein Raffinement ist, das naive Leute für den Ausdruck augenblicklicher Sympathie nehmen.
Sie rechneten nach seiner Rückkehr auf ihn; Monsieur Dambreuse trug ihm Grüße für Vater Roque auf. Zu Haus verfehlte Frédéric nicht, Deslauriers von dieser Aufnahme zu erzählen.
»Famos!« erwiderte der Schreiber, »aber laß dich von deiner Mama nicht einschüchtern. Komm sofort zurück.«
Am Morgen nach seiner Ankunft, nach dem Frühstück, führte Madame Moreau ihren Sohn in den Garten.
Sie pries sich glücklich, ihn in einem Beruf zu sehen, denn sie waren nicht so reich wie man annahm; der Boden hatte wenig Ertrag, die Pächter zahlten schlecht; sie war sogar gezwungen, ihren Wagen zu verkaufen. Kurz, sie schilderte ihm ihre Lage. In den ersten Verlegenheiten ihres Witwentums hatte Monsieur Roque, der sehr verschlagen war, ihr Gelddarlehen gewährt, die wider ihren Willen erneuert und prolongiert wurden. Plötzlich war er gekommen, sie zurückzufordern, und sie war auf seine Bedingungen eingegangen, indem sie ihm das Gut Presles zu einem Spottpreise abtrat. Zehn Jahre später sei ihr Kapital bei dem Bankrott eines Bankhauses in Melun verloren gegangen. Als Vater Roque sich von neuem meldete, hatte sie aus Furcht vor Hypotheken und wegen der Zukunft ihres Sohnes den nützlichen äußeren Schein zu wahren, nochmals auf ihn gehört. Doch jetzt wäre sie schuldenfrei und es blieben ihnen etwa zehntausend Francs Rente, wovon zweitausenddreihundert als sein Erbteil ihm gehörten.
»Das ist nicht möglich!« rief Frédéric.
Sie machte eine Kopfbewegung, die andeutete, daß es sehr möglich sei.
Aber sein Oheim würde ihm doch etwas hinterlassen?
Noch war nichts sicher.
Und schweigend machten sie einen Gang durch den Garten. Dann zog sie ihn an ihr Herz und sagte mit tränenerstickter Stimme:
»Ach, mein armer Junge! Ich habe viele Träume aufgeben müssen!«
Er setzte sich auf die Bank im Schatten einer hohen Akazie.
Sie riet ihm, Gehilfe des Anwalts Monsieur Prouharam zu werden, der ihm seine Praxis übergeben würde; wenn er sie dann recht in die Höhe brächte, könnte er sie wieder verkaufen und eine gute Partie machen.
Frédéric hörte nicht mehr zu. Mechanisch blickte er über die Hecke in den andern Garten gegenüber.
Ein kleines rothaariges Mädchen von etwa zwölf Jahren befand sich ganz allein darin. Es hatte sich Ohrringe von Ebereschenbeeren gemacht, sein Leibchen von grauer Leinwand ließ die von der Sonne leise goldig gebräunten Schultern frei, das weiße Röckchen hatte Obstflecke; und über der ganzen Gestalt lag die Anmut eines jungen, wilden, nervösen und zugleich zarten Tieres. Die Gegenwart eines Unbekannten überraschte es offenbar, denn es war mit seiner Gießkanne in der Hand plötzlich stehen geblieben und heftete seine hellen, grünlichblauen Augäpfel auf ihn.
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