Читать книгу: «Der Bierzauberer»
Günther Thömmes
Der Bierzauberer
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Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlagbild: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart unter Verwendung des Bildes von Simone Martini: Fresken in Assisi: Begräbnis des hl. Martin (Detail)
ISBN 978-3-8392-3066-4
Zitat und Widmung
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.
Hermann Hesse (»Stufen«)
Für Linus, meinen kleinen Sonnenschein
Das zweite Gottesurteil
So saß er an seinem letzten Abend in Köln in seinem beinahe leeren Haus.
An dem kleinen Tisch, den Kopf zwischen den Händen vergraben, dachte er nach, warum alles so gekommen war, wie es gekommen war.
Bei der Tür standen zwei gepackte Kisten, das war alles, was er mit nach Urbrach nehmen wollte.
Es klopfte an der Tür.
»Kommt herein, wer immer Ihr seid! Die Türe ist offen.«
Die Tür schwang auf, ein kalter Luftzug wehte durch die Stube.
Aus den Augenwinkeln sah Niklas das grobe Leinen einer Mönchskutte.
Er drehte sich nicht einmal um.
»Du hast meine Existenz zerstört, Bernard. Alles, was mir lieb und teuer war. Hast du immer noch nicht genug?«
Niklas erhob sich und lachte heiser.
»Willst du auch mein Leben? Das wirst du nicht so leicht bekommen.«
Bernard sagte kein Wort und setzte sich auf einen der beiden verbliebenen Stühle. Erst jetzt sah Niklas, dass Bernard einen Beutel mit sich führte, in dem irgendetwas klapperte.
»Setz dich her!«, herrschte Bernard ihn an. »Wir sind noch nicht am Ende.«
Niklas setzte sich ihm gegenüber.
Bernard verbreitete einen aufdringlichen, käsigen Geruch. Es war lange her, dass er sich zuletzt gewaschen hatte. Seinem Gesicht sah man den Mangel an Schlaf deutlich an. Seine Augen lagen tief in den Höhlen und versprühten eine Aura von Irrsinn.
Er nahm zwei gleich aussehende Krüge aus seinem Beutel und stellte sie auf den Tisch.
»Erinnerst du dich an das Gottesurteil, das dich damals in Urbrach gerettet hat?«
Niklas nickte stumm.
»Lass uns hier und heute mit einem weiteren Gottesurteil unsere Feindschaft ein für alle Male beenden. In einem dieser beiden Krüge ist ein gesundes, frisches Bier, in dem anderen ein Teufelsbier, gewürzt mit Bilsenkraut, Tollkirsche und Fingerhut. Aber beide sind mit deinem geliebten Hopfen gekocht worden, wodurch sie beinahe gleich bitter riechen und schmecken.«
Niklas ahnte bereits, was da kommen sollte. Er war plötzlich bereit, die Auseinandersetzung mit Bernard, obwohl er unschuldig war, bis zu diesem tödlichen Ende mitzuspielen.
Bernard nahm die Krüge.
»Wähle dir einen aus. Dann trinken wir gleichzeitig die Krüge bis zur Neige leer. Und einer von uns beiden geht zum Teufel.«
Niklas nahm den linken der Krüge, die Bernard ihm entgegenhielt, und sah Bernard direkt in die Augen.
In beiden Augenpaaren sah man nichts als Hass.
»Auf Nimmerwiedersehen, du Alptraum meines Lebens! Egal, wie es ausgeht.« Er verzichtete darauf, mit Bernard anzustoßen, setzte den Krug an und trank ihn aus. Er sah noch, dass Bernard nur zögerlich so tat, als tränke er, bevor er zu Boden stürzte.
Sein Gesicht wurde rot, die Augen verdrehten sich und quollen langsam aus den Höhlen, Speichel tropfte aus seinem Mund, ein paar Zuckungen mit beiden Armen und beiden Beinen, dann lag er still am Boden.
Bernard stand auf, hob den Krug und sagte:
»Mögest du in der Hölle schmoren, du ›Reiner Teufelsbrauer‹ Niklas!«
Dann leerte er den Krug.
Die Jagd war vorbei.
Eine sensationelle Entdeckung
Dieses Geschehnis steht so in einem Buch aus dem 13. Jahrhundert, in dem die Lebensgeschichte eines Brauers niedergeschrieben ist. Sie werden sich zu Recht fragen, wie ein normaler Mensch wie ich in den Besitz eines solchen Buches kommen kann. Noch dazu eines solch wertvollen, interessanten Buches. Es ist etwa 125 Jahre älter als die Gutenberg-Bibel! Jedes Museum der Welt würde sich glücklich schätzen, einen solchen Schatz besitzen zu dürfen, jeder Historiker würde zu gerne einmal mehr als nur einen Blick hineinwerfen.
Zumal das Buch ja auch noch von Geheimnissen umgeben ist, die mit einigen der berühmtesten Brauereidynastien Deutschlands zu tun haben.
Dies ist aber nicht nur die Geschichte von der Entdeckung eines der unglaublichsten Bücher aller Zeiten, sondern dies ist die lange Geschichte des Buches selbst!
Die Art, wie ich zu dem Buch kam, war eigentlich einerseits zu banal für ein solches Fundstück, andererseits, wo sollte man ein wirklich antikes Buch über Bier finden, wenn nicht im Umfeld seiner Produktion?
Im Rahmen meiner Ausbildung zum Brauer und Mälzer verbrachte ich im Sommer des Jahres 1985 einige Wochen in einer Mälzerei in Andernach am Rhein. Die Mälzerei war in der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden und stellte ein Konglomerat aus alten Gebäuden dar, die nach und nach errichtet worden waren, sodass sie sich über die Jahrzehnte in ein regelrechtes Labyrinth verwandelt hatten.
Es gab ungezählte Gänge, Treppenhäuser, Getreideaufzüge und -förderbänder, die die diversen Keimkästen, Darren, Silos, Büros und Arbeitsräume miteinander verbanden. Viele waren staubig und verdreckt und offensichtlich schon seit Längerem nicht mehr benutzt worden.
Es dauerte eine Weile, bis wir, die neuen Auszubildenden, uns halbwegs zurechtfanden. Ich streifte gerne alleine durch die Gemäuer und hoffte immer, etwas Neues zu entdecken. Am besten ging es, wenn ich zum Silofegen abbestellt wurde.
Eigentlich war das todlangweilig, aber man konnte sich schnell und ungesehen im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Staub machen. Deshalb war dies, neben dem Entladen der Getreideschiffe auf dem Rhein am frühen Morgen, meine Lieblingstätigkeit.
Und eines Tages gab es sogar die ideale Arbeitseinteilung: Fünf Uhr morgens Schiffe entladen, wenn ich gegen elf Uhr mit dem großen Absaugschlauch fertig sein würde, sollte ich noch etwa zwei Stunden auf dem Siloboden fegen und saubermachen, dann wäre Feierabend.
Das Entladen ging schneller als erwartet, um zehn Uhr fand ich mich bereits auf dem Dach wieder, das die hohen Getreidesilos bedeckte und das nebenbei auch eine traumhafte Aussicht über den Rhein bot. Nach der harten Arbeit beim Entladen hatte ich verständlicherweise keine Lust mehr auf öde Fegerei.
Ich hatte mir schon ein abgelegenes Treppenhaus mit einigen Seitentüren ausgesucht, in dem ich mich einmal etwas genauer umsehen wollte. Umso größer war meine Enttäuschung, als ich alle Türen verschlossen fand. Ich wollte gerade zurück zu den Silos gehen, um meine Sachen zu packen und ins Wochenende zu fahren, als ich noch eine kleine Seitentür erblickte.
Ich ging hin, sie war nicht verschlossen! Die Tür klemmte ein wenig, mit einem kräftigen Stoß konnte ich sie öffnen. Schnell ging ich hinein und machte die Tür hinter mir zu.
Es war stockdunkel und die Luft roch abgestanden und leicht modrig. Nach einer Weile hatte ich einen Lichtschalter gefunden. Ich stand in einem kleinen Raum, der wohl einmal als Büro gedient haben mochte. Ein kleiner, alter Schreibtisch aus dunklem Holz, dazu ein passender Stuhl, alles voller Staub und Spinnweben. Ein Kalender an der Wand deutete mir an, dass dieses Büro zuletzt im Jahr 1928 benutzt worden war.
Ich konnte meine Neugierde kaum zurückhalten!
Besonders faszinierte mich von Anfang an das dritte Möbelstück im Raum, ein kleiner, hölzerner Bücherschrank mit einer Glastür. Der Schlüssel steckte, und ich sah eine Reihe Bücher, fast genauso verstaubt, aber ansonsten in gutem Zustand.
Ich nahm einen Stapel heraus und legte ihn auf den Tisch. Die ersten waren Rechnungsbücher, von der Buchhaltung der Mälzerei aus früheren Jahren. Getreideeinkauf, Betriebskosten, Personal, alles war hier verzeichnet.
Als ich den ersten Stapel zurück in den Schrank legte, fiel mir ein Buch ins Auge, welches aus der Reihe herausragte, in Material und Größe war es nicht wie die anderen.
Ein schwerer Ledereinband, der wirklich alt aussah. Ein großes, umständliches Format, wie ein altertümliches Rezeptbuch. Auf dem Ledereinband prangte ein großer Stern. Ein Stern, wie ich ihn ansonsten als »Davidstern« kannte.
Ich überflog das Buch oberflächlich. Es war ein handschriftliches Manuskript, geschrieben in einem, wie ich fand, beinahe unmöglich zu entziffernden, sehr altmodischen Deutsch, aber einige wenige Passagen waren mit etwas Anstrengung durchaus lesbar.
Einen Teil des fein säuberlich und mit wenig Schnörkeln geschriebenen Textes konnte ich als Latein entziffern. Die Qualität des Papiers war, obwohl völlig vergilbt, bemerkenswert gut. Ich hatte keine Ahnung, wie alt es wirklich war, spürte jedoch schon, dass dies etwas Besonderes sein musste.
Bestimmt das älteste Buch, das ich jemals in der Hand gehalten hatte. Während ich durch das Buch blätterte, fielen einige einzelne Blätter heraus. Helleres Papier, in einer anderen Qualität, Papier neueren Datums.
Ich hob sie auf, legte sie auf die Seite und schlug das Buch vorne auf.
›Dies sind die Aufzeichnungen über die Profession der hohen Braukunst des Praxators Niklas Hahnfurt, geboren im Jahre des Herrn 1248.‹
Konnte das wahr sein? Ein Buch aus dem Mittelalter, hier in der Mälzerei!
Und sogar, wenn es tatsächlich echt war, wie war es hierhin gekommen?
Daher nahm ich das Buch mit nach Hause und legte es einem Freund vor, der an der Universität Trier Mediävistik lehrt und daher in alten Sprachen und Schriften sehr bewandert ist. Er schlug es hinten auf und überflog einige der letzten Sätze:
›Mein unstetes Leben neigt sich dem Ende zu, ich glaube nicht, dass ich das Ende des Jahres Anno Domini 1326 noch erleben werde. Ich habe, seit ich nach Urbrach zurückgekommen war, meine Erlebnisse, Bierrezepturen und alles, was mir aus meinem Leben erinnernswert erschien, in dieses Buch eingetragen. Ich weiß nicht, ob mein Leben es wert war, aufgezeichnet zu werden, aber ich war gottesfürchtig und habe doch viel gesehen und erlebt.‹
Mein Sprachforscher war begeistert.
Wir versuchten, vorne weiterzulesen:
›Ich schreibe dies alles auf diesen wunderbaren Stoff, den Du, lieber Leser, in Deinen Händen hältst. Es handelt sich dabei um eine Neuigkeit, die ich als junger Mann in der neuen Mühle zu Ravensburg bekommen habe. Es sieht aus wie Papyrus, ist jedoch feiner und haltbarer. Die Feder lässt sich besser führen als auf unserem alten Pergament und man kann es besser zu Büchern binden. Du, wer auch immer Du bist, hältst eines der ersten Bücher in der Hand, das jemals in unseren Landen aus diesem neuen Stoff hergestellt wurde.
Ich habe es mehr als 50 Jahre lang mit mir getragen. Nun ist die Zeit gekommen, es zu beschreiben mit dem, was ich zu berichten habe. Über mein Leben, über die hohe Kunst des Bierbrauens, doch auch über die
Bestie in Menschengestalt, die mich mein halbes Leben lang gejagt hat.‹
Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Schrecken legten wir das Buch weg und nahmen die losen Seiten zur Hand, die gleich zu Beginn aus dem Buch gefallen waren. Das erste Blatt war ebenfalls von Hand beschrieben.
›Dieses Buch ist im Moment in meinem Besitz. Wie es dahin kam, ist eine lange Geschichte, die ich vielleicht niemals erzählen werde. Sollten Sie, der Sie dies lesen, nicht zu denen gehören, für die dieses Buch bestimmt ist, legen Sie es bitte an seinen Platz zurück. Andernach, im Jahre des Herrn 1878, Theobald Simon aus Bitburg.‹
Donnerwetter, das wurde ja immer besser! Theobald Simon war der wichtigste Brauer aus der Dynastie der Bitburger Brauerei, einer der größten und erfolgreichsten Brauereien des Landes. Ich beschloss, mir seine Geschichte noch etwas aufzuheben, und sah das nächste Blatt an.
Schon die Unterschrift darauf reichte, um mich endgültig davon zu überzeugen, hier in ein ganz besonderes, fast schon mystisches Geheimnis hineingeraten zu sein.
Das Blatt endete mit den Worten:
›Und hiermit lasse ich dieses wunderbare Buch dort, wo es am besten von jemand aufzufinden ist, der es zu nutzen weiß. Gabriel Sedlmayr, Anno Domini 1819.‹
Gabriel Sedlmayr, einer der Ahnherren der Spaten-Brauerei in München, gleichfalls eine der ganz großen Gestalten in der deutschen Biergeschichte, hatte dieses Buch ebenfalls besessen.
Aber was sollte dieser mysteriöse Hinweis, er lasse das Buch dort, wo jemand es finden soll, der es zu nutzen weiß? Welches Geheimnis verbarg sich in diesem Buch? Wir beschlossen, uns ans Lesen beziehungsweise Dechiffrieren dieses dicken Manuskripts zu machen.
In den folgenden Wochen verbrachte ich jede freie Minute und darüber hinaus jede Minute, die ich mir bei der Arbeit ›frei machen‹ konnte, mit diesem alten Buch. Und während ich nach und nach entdeckte, welcher Schatz sich darin verbarg, versuchte ich, neben dem Lesen eine lesbarere Version mitzuschreiben. Dies war jedoch nicht so leicht, wie ich es mir vorstellte.
Daher nahm ich das Buch am Ende meiner Ausbildungszeit mit nach Hause. Immer legte ich die Teile davon, die für mich unleserlich waren – und das waren nicht wenige, meinem etymologisch bewanderten Freund vor.
Langsam kam ich hinter das Geheimnis des Buches. Doch dazu wollen wir gemeinsam zurück zum Anfang gehen.
Wir werden eine Zeitreise ins 13. und frühe 14. Jahrhundert unternehmen. Geführt von einem einfachen Bauernsohn aus Franken, der in seinem langen Leben in verschiedenen Klöstern lebte und die Kunst des Bierbrauens lernte, in der Stadt die Anfänge des professionellen, handwerklichen Brauens mitmachte und der dafür mehr als einmal im Gefängnis saß. Der im Krieg mitkämpfte, große Teile der damals bekannten Welt bereiste und doch meist einen tödlichen, gefährlichen Feind im Nacken sitzen hatte. Dem großes Elend und große Erfolge gleichermaßen widerfuhren und dem doch am Ende beinahe nichts blieb.
Ich lade Sie herzlich ein, mitzukommen!
Des Buches erster Teil: Brauen ist halt Weibersach’

1
Der Hieb auf den Rücken tat höllisch weh. Niklas tat einen leisen Schrei und war mit einem Schlag hellwach. Er drehte sich auf seinem Bett herum – seine Schlafstelle ›Bett‹ zu nennen war schmeichelhaft – und blickte nach oben.
Über ihm baute sich drohend die große, ungeschlachte Gestalt seines Vaters auf. Breite Schultern, Hände, die harte Arbeit auf dem Feld gewohnt waren, Beine wie Keulen, so stand er vor ihm. Ein kantiges Gesicht mit wulstigen Augenbrauen und einer fleischigen Nase sah ihn missbilligend an.
»Steh schon auf, du Bengel, oder willst du deiner Mutter nicht zur Hand gehen?«
Die Stimme dröhnte laut und tief durch den ganzen Raum.
Plötzlich erinnerte er sich: Heute war Brautag. Der wichtigste Tag der Woche!
»Natürlich, Vater«, erwiderte er leise und erhob sich von seiner Strohmatte. Der frische Geruch des Morgens, vermischt mit Stallgeruch, hing in der Luft. Niklas liebte diese Mixtur, besonders heute. Er war auch nicht zornig über die Härte seines Vaters, er war halt so, meinte es aber nicht böse.
Sein Vater verließ den Raum und begab sich an sein Tagewerk, 15 harte Stunden auf dem Acker, keine sehr beneidenswerte Arbeit. Es dämmerte gerade, Niklas ging in die Küche. Schon beim Hereinkommen roch er das Brot; das süß-malzige Aroma des gerösteten Getreides stieg ihm in die Nase.
Seine Mutter stand am großen, klobigen Holztisch, den Rücken ihm zugekehrt. Ihre dunkelbraunen Haare waren zu einem Dutt zusammengesteckt, darüber hatte sie ein Kopftuch gebunden. Während Niklas jetzt näher kam, konnte er nur die Nase seiner Mutter sehen, die aus dem Rahmen des Kopftuchs herausstach, das ganze hagere Gesicht sah er erst, als sie es drehte.
»Guten Morgen, Mutter!«
Sie lächelte ihn an.
»Da bist du ja, fein, dann können wir ja anfangen.«
Sie hatte natürlich bereits längst begonnen, war, wie schon seit jeher, eine Stunde vor allen anderen aufgestanden.
Die Reihenfolge war immer dieselbe: Erst Mutter, dann Vater, dann Niklas als Ältester; seine vier jüngeren Geschwister mussten erst aufstehen, wenn der Vater bereits auf dem Feld war. Er war im morgendlichen Gewimmel recht reizbar. Niemand hatte Lust, am frühen Morgen bereits Prügel oder wenigstens Schläge zu beziehen.
Eigentlich war der heutige Tag nicht nur Brau-, sondern auch Backtag. Das Backen war aber so alltäglich, dass man nur vom Brauen sprach.
Schnell hatte Niklas eine Portion Gerstenbrei mit Milch verschlungen. Mutter hatte schon alle Zutaten bereitgestellt. Am Vortag war Niklas mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Matthias zur Mühle gelaufen, was den ganzen Tag lang gedauert hatte. Der gemahlene halbe Scheffel Gerste sollte ausreichen, um genügend Bier und Brot für zwei Wochen herzustellen.
Das Bier vom letzten Mal war bereits verdorben, und in sechs Tagen war St. Michaelis. Wenn sein Vater an seinem Namenstag kein Bier im Hause hatte, würde er bestimmt tobsüchtig. Es war, Gott sei Dank, bisher noch nicht vorgekommen.
Natürlich hatten sie beim Bierbrauen des öfteren Fehlschläge erlitten, aber das war gut so, denn das hatte jeder. Ständige Erfolge beim Bierbrauen waren verdächtig, diese Leute waren mit dem Bösen oder dem Übersinnlichen im Bunde, man ging ihnen aus dem Weg. Nur für Michaelis musste es klappen, Ende September war die Arbeit auf dem Feld fast getan, da musste ein gutes Bier her.
Die Mutter hatte bereits Wasser in den großen hölzernen Zuber gefüllt. Der jahrelange Gebrauch hatte dessen Farbe ausgelaugt und den Boden mürbe gemacht. Schon bald würden sie einen neuen Zuber brauchen.
Jetzt leerten sie gemeinsam einen Sack zerstoßene Gerste ins Wasser.
Niklas ergriff einen hölzernen Prügel und begann, mit diesem das Mehl zu verrühren. Dieser Teil war für ihn immer am mühsamsten. Während seine Mutter am glühenden Ofen hantierte und Feuerholz nachlegte, rührte er mit der ganzen Kraft seiner elf Lebensjahre in dem Zuber.
Nach ein paar Minuten Rühren kam seine Mutter und begutachtete seine Arbeit, wie sie es jedes Mal tat. Dann nahm sie, wie immer, einen ersten Klumpen Teig und formte ihn mit geübten Handgriffen zu einem Laib. Zuerst buken sie immer das Brot, im Anschluss daran machten sie Bier. Der erste Laib verschwand im Ofen, die Mutter formte bereits den nächsten. Die gesamte Menge des Getreides musste für ungefähr 15 Laibe Brot reichen. Sieben zum Essen, acht zum Bierbrauen. Wenn etwas übrig blieb, wurde gegen Ende noch ein letztes Brot gebacken. Das wurde dann zum Kloster geschickt, für die Armen. Obwohl Niklas’ Familie ebenfalls arm war, hatten sie doch stets etwas übrig für die noch Ärmeren.
Außerdem wussten die Klosterherren sehr gut Bescheid über die Güte der Ernten und erwarteten als selbstverständlichen christlichen Obolus mindestens ihren Zehnten.
Der erste Laib war fertig. Außen schwarz verkohlt, kam er aus dem Ofen, um Platz für den nächsten zu machen. Die Mutter wusste genau, wie schwarz ein Brot sein musste, um innen genau richtig gebacken zu sein. Niklas liebte es, die schwarze Kruste abzuschaben, um von dem noch warmen Brot ein großes Stück abzubeißen.
Getreide und Wasser waren ihre Hauptnahrungsmittel. Für die Jüngeren gab es manchmal Milch, für die Größeren Bier. Fleisch oder Geflügel kam so gut wie nie auf den Tisch, bisweilen ein Huhn zu Weihnachten. Stattdessen gab es viel Brei oder Suppe aus Gerste, Hirse, Hafer, je nachdem, was gerade geerntet wurde, meist eine Mischung aus Verschiedenem. Selten mal mit etwas Gemüse oder Rüben darin.
Gerade wegen dieser Eintönigkeit liebte Niklas die Back- und Brautage, da gab es frisches Brot, und er saß an der Quelle!
Bis das siebente Brot im Ofen verschwand, hatte Niklas mit seiner Mutter gemeinsam die anderen acht Laibe vorgeformt. Ein wenig Teig war übrig geblieben und schon hatten sie eine weitere, etwas kleinere Kugel geformt. Niklas fegte schnell den Boden, sammelte die Körner auf, die heruntergefallen waren, und verklebte sie mit diesem Rest.
Seine Mutter hatte zeitig das Feuer unter dem großen Wasserkessel angefacht, den Niklas nun geschwind auffüllen musste. Die ›Bierbrote‹ wurden nicht schwarz gebacken. Sobald der erste Laib hellbraun war, nahm die Mutter das Brot aus dem Ofen.
Niklas nahm den heißen Brotlaib und riss ihn der Länge nach auf. Innen war ein matschiger, unfertig gebackener Teig, den Niklas jetzt in den Zuber zurückschüttete. Die immer noch weiche Kruste zerrieb er in kleine Stücke und warf sie dazu.
Der heiße Teig hatte ihm beim ersten Mal an den Händen gebrannt und ziemlich wehgetan, aber nach ein paar Brautagen hatte es ihm nichts mehr ausgemacht.
Als nach etwa eineinhalb Stunden alle acht Brote wieder auf diese Weise in den Zuber zurückgekehrt waren, nahm seine Mutter den Wasserkessel und schüttete das heiße Wasser zu den matschigen Broten. Niklas fing erneut an zu rühren, bis er seine Arme nicht mehr spürte.
In der Zwischenzeit füllte seine Mutter wieder etwas Wasser in den Kessel und gab einige Kräuter hinzu. Was sie genau hinzugab, verriet sie niemandem, aber Niklas wusste, dass es eine Mischung aus Wacholder, Eichenlaub und Laub und Rinde der Esche war.
Einige Zutaten erklärte sie, obwohl Niklas das meiste nicht verstand:
»Wacholder treibt den Harn und reinigt das Blut. Das Laub der Eiche hilft der Verdauung. Die Esche mildert Leiden an Gicht und Rheuma oder Frauenleiden, verzehrt das böse Phlegma im Menschen und erweicht die Milz.«
Jedes Haus hatte sein ganz eigenes Rezept. Sein Vater jedenfalls lobte ›sein‹ Bier immer ganz besonders. Die Rezepte konnten in besonderen Fällen tüchtig abgewandelt werden. Bier und die Kräuter darin wurden gegen fast alle Krankheiten eingesetzt. Nachdem die Kräuter, die die Mutter in den Topf gegeben hatte, kurz aufgekocht waren, wurden sie zum Sud dazugegeben.
Nun vermischte sich der herbwürzige, loheartige Geruch der Kräuter mit dem süßen, aromatischen Duft des Brotes.
Ein letztes Umrühren, dann war die Arbeit getan; jetzt halfen nur noch Glück und Beten.
Es hatte in der späten Nacht ein Gewitter gegeben, das galt schon als gutes Omen. Niklas’ Mutter legte außerdem immer ein Brot auf den Zuber, nachdem dieser erkaltet und abgedeckt worden war. Dieser Glücksbringer hatte sich in vielen Fällen bewährt.
Bis jetzt hatten sie gerade so viel schlechtes Sauerbier produziert, um nicht aufzufallen.
Warum ein Bier einmal gut geriet, ein andermal hingegen sauer wurde, davon hatte Niklas, genau wie seine Eltern, keine Ahnung.
Ebenso wenig aber konnte er ahnen, dass kaum 30 Jahre später wahrscheinlich kein anderer Mensch auf der ganzen Welt so viel vom Bierbrauen verstand wie er, der kleine, arme Bauernsohn aus dem Fränkischen, der bis dahin ein wohlhabender Mann geworden war.
Das Michaelisbier gelang übrigens vortrefflich, und Niklas war mit seiner Mutter sehr stolz darauf. Am stolzesten jedoch war sein Vater auf ›sein‹ Bier.
2
Mit dem Tod Friedrichs II. im Jahre 1250 endete die 200-jährige Herrschaft der Staufer. Die Stauferzeit hinterließ eine vielfältige und großartige Kultur, im Deutschen Reich wie im übrigen Europa.
In Paris und Bologna öffneten die ersten Universitäten. Franz von Assisi und Dominikus gründeten bedeutende Orden.
Nach Friedrich II. führte der schon lange andauernde Kampf zwischen Papst und Kaiser zu einer Schwächung beider Ämter und zum sogenannten ›Interregnum‹, der kaiserlosen Zeit, von 1256 bis 1273. Danach wurde Rudolf von Habsburg deutscher König.
Zunächst entfaltete das Papsttum nach dem Ende der Staufer im Glauben an den Sieg über alle weltlichen Gewalten seine allumfassende Machtfülle. Dem Reichtum der Kirche stand jedoch in weiten Teilen Europas eine unvorstellbare Armut des einfachen Volkes gegenüber.
In dieser Zeit des Wandels und des Aufbruchs wurde im Jahre 1248 in dem kleinen fränkischen Dorf Hahnfurt, etwa 40 Kilometer von Nürnberg entfernt, der kleine Niklas als Sohn des unfreien Bauern Michael geboren. Weder Michael noch seine Frau, die Bauerntochter Elisabeth, nahmen von den politischen und kulturellen Umwälzungen sonderlich Kenntnis. Seit die Hohenzollern im Jahre 1192 Burggrafen von Nürnberg geworden waren, hatte lediglich der Herr gewechselt, die Umstände der einfachen Leute waren gleich geblieben. Hart war das Leben, der ständige Kampf ums tägliche Brot, die Abgaben an Obrigkeit und Klerus.
Die andauernden Bemühungen, die Familie zu ernähren, ließen die Menschen vorzeitig altern. Niklas’ Vater sah mit 34 Jahren aus wie ein alter Mann, der Rücken gebeugt, das Gesicht voller Sorgenfalten. Auch die Mutter hatte innerhalb von zwölf Jahren viel von dem verloren, weshalb Michael damals um ihre Hand angehalten hatte. Die einstmals vollen, rosigen Backen hatten schon einiges von ihrer Frische verloren. Und schmaler waren sie ebenfalls geworden.
Sieben Geburten, die beiden Erstgeborenen überlebten das erste Jahr nicht, hatten nicht nur im Gesicht Spuren hinterlassen.
Niklas’ Geburt war von Vorzeichen umwölkt, die Sonne verfinsterte sich zur Zeit der Niederkunft seiner Mutter; die plötzliche Dunkelheit drinnen, dazu Blitze, Sturm und Donner draußen vor der Tür, verwandelten die Stube, in der Elisabeth das Kind zur Welt bringen sollte, in ein mitternächtliches Panoptikum, obwohl es heller Tag war. Und auch er machte nicht den kräftigsten Eindruck, als seine Mutter ihn nach der Geburt und nachdem die Sonne wieder schien, auf den Arm nahm.
Michael hatte befürchtet, dass schon wieder eine schnelle Nottaufe, mit Wasser anstatt mit Milch oder Bier, fällig würde, jedoch Elisabeth gab ihm den Jungen und flüsterte mit mütterlicher Intuition:
»Ich glaube an diese Vorzeichen. Der Junge kommt durch, er soll Niklas heißen. Ich möchte, dass er in einer Woche getauft wird.«
Kinder wurden schnell, innerhalb von zehn Tagen nach der Geburt, getauft, um sie von der Sünde der Erbschuld zu befreien. Und Elisabeth und Michael glaubten, dass getaufte Kinder bessere Überlebenschancen hatten als ungetaufte. Sollten die Feen doch andere neugeborene, ungetaufte, noch namenlose Kinder rauben; aber nicht ihren Niklas.
Elisabeth sollte recht behalten, und nach kurzer Zeit war klar, dass der Junge kräftig genug war, um zu überleben. Als wäre mit Niklas’ Geburt der Bann gebrochen worden, gab es bei den nächsten Entbindungen keine Nottaufen mehr. Regelmäßig kam so jedes zweite Jahr ein gesundes Kind zur Welt: Matthias, Elisabeth, Ruth und Adelheid.
Niklas wuchs die ersten sechs Jahre in einem Elternhaus auf, das ihn so gut behütete, wie es möglich war. Einerseits die Angst der Eltern, dass ihnen das erste Kind, das überlebt hatte, durch Unfall oder Krankheit wieder genommen werden würde.
Auf der anderen Seite waren die Eltern viel zu sehr mit dem täglichen Existenzkampf beschäftigt. Michael und Elisabeth mühten sich nach Kräften, die ständig hungrigen Mäuler zu stopfen. Da boten sich Niklas natürlich viele Gelegenheiten zu Streichen und Abenteuern, kleinen Schlägereien mit anderen Jungen und allerlei sonstigen Unternehmungen.
Diese unbeschwerte Zeit fand mit Niklas’ sechstem Geburtstag ein Ende. Um diese Zeit war aus dem schmächtigen, um ein Haar notgetauften Kind ein aufgeweckter Junge geworden. Er war zwar nicht der Größte und Kräftigste, hatte sich aber durch zahllose Raufereien mit anderen Kindern eine Zähigkeit zugelegt, die den anderen Respekt einflößte.
Und seine wachen Augen, seine Stupsnase, seine verstrubbelten Haare signalisierten jedem: Bitte nicht unterschätzen!
Da die Mutter gerade das dritte Kind zur Welt gebracht hatte und diesmal sehr schwach auf den Beinen war, musste Niklas im Haushalt mit anfassen und der Mutter alle Arbeiten abnehmen, die er erledigen konnte.
Sobald dabei der Reiz des Neuen verschwunden war, was nicht lange dauerte, langweilte er sich schnell. Dann empfand er alle Arbeiten als mühsam und er fiel jeden Abend nur noch todmüde ins Bett. Die für einen kleinen Jungen sehr anstrengende Arbeit, die vielen Handreichungen für die Mutter hatten ihm schnell jeden Gedanken an Unsinn ausgetrieben.
Sein größter Trost in dieser Zeit war, dass er zu klein war, um mit dem Vater aufs Feld zu gehen. Insgeheim graute ihm schon vor diesem Tag, den sein Vater auf seinen zwölften Geburtstag datiert hatte. Nicht nur, weil dann der Ernst des Lebens beginnen würde.
Es war auch Brauch, dass die Väter ihre Söhne am zwölften Geburtstag hinaus aufs Feld führten. Dort zeigten sie ihnen die Begrenzungssteine der Felder, damit die Jungen sich den Standort merkten. Denn immer wieder versuchten die Bauern, sich gegenseitig die Steine zu versetzen und so ihr Land unrechtmäßig zu vergrößern.
Und damit der Sohn den Standort niemals vergaß, gab es anscheinend nur ein probates Mittel: Er wurde dort nach Strich und Faden verdroschen. Man erinnerte sich an den Ort einer Tracht Prügel besser als an einen einfachen Begrenzungsstein!
Die einzigen echten Abwechslungen, auf die er sich im Alltag freuen konnte, waren die Brautage. Seit ihn seine Mutter zum ersten Mal zum Backen und Brauen eingespannt hatte, waren dies immer seine liebsten Tage.
Niklas empfand das Brauen stets als eine Art Belohnung, da er im Gegensatz zu seinen Geschwistern schon richtig arbeiten musste. Vom ersten Zuschauen bis jetzt, fünf Jahre später, hatte ihn seine Mutter mehr und mehr Anteil nehmen lassen an der Bierherstellung.
Zuletzt durfte er alles Mehl, das er und sein Bruder von der Mühle zurückbrachten, sogar allein messen, er durfte den Teig anrühren und den Ofen heizen. Das Schönste war aber immer, die frischen, heißen Brotlaibe aus dem Ofen zu holen.
Nur das Formen der Laibe und das Mischen und Kochen der Bierkräuter ließ sich die Mutter nicht nehmen. Niklas war sicher, nach fünf Jahren ›Brau-Erfahrung‹ schon alles viel besser als seine Mutter zu wissen.
Er redete sich immer heimlich ein, dass er allein ein noch viel besseres Bier brauen könnte, wenn man ihn nur ließe. Sogar die Bierkräuter würde er anders und ohne Frage besser komponieren. Doch, so machte er sich Mut, seine Zeit würde kommen. Wenn da nur nicht die Drohung wäre, bald mit aufs Feld gehen zu müssen. Nur noch ein Jahr, dann war Schluss mit der Hausarbeit, dann freilich auch mit den Brautagen.
Dann würde es ernst werden mit der Arbeit, die sie zusätzlich für ihren Gutsherrn verrichten mussten: Dung ausbringen, Schafställe bauen und decken, den Mühlenteich reinigen, Zäune errichten, Waschen und Scheren der Schafe, Pflügen, Eggen und vieles mehr.
Dazu kam die Arbeit am eigenen Garten, am windschiefen Haus und auf dem kleinen, ihnen gehörenden Feld.
Gegen Ende des Herbstes bekamen sie vom Gutsherrn immer ausreichend Holz gestellt, um Haus und Zäune zu reparieren und damit auf den Winter vorzubereiten. Der Rest wurde als Brennholz eingelagert. Es gab also das ganze Jahr über zu tun.
Matthias, sein jüngerer Bruder, kümmerte sich mit der Mutter seit drei Jahren um den ärmlichen, kleinen Gemüsegarten, die paar Hühner darin sowie das Schwein, das sie sich leisten konnten und mit Essensabfällen, Nüssen und Eicheln ernährten.
Da auch er später mit aufs Feld sollte, hatte Michael schon bestimmt, dass Elisabeth, die jetzt acht Jahre alt war, im nächsten Jahr Niklas als Brauhelfer ablösen und dann ebenfalls irgendwann die Mutter beim Backen und Brauen einmal ganz ersetzen sollte. Diese Tätigkeiten waren seit eh und je Frauensache, die Männer kümmerten sich um die richtige Arbeit.
Anteil an der Bierherstellung nahmen sie lediglich, wenn die Resultate schlecht oder sauer waren, und dann auch nur in Form von Wutausbrüchen.
Dass Niklas überhaupt beim Brauen helfen durfte, war nur der körperlichen Schwäche seiner Mutter zuzuschreiben. Anfangs hatten ihn die anderen Kinder, sogar sein kleiner Bruder, verspottet, weil er Mädchenarbeit verrichten musste. Allerdings, je mehr ihm die Arbeit Spaß machte, desto mehr ignorierte er die hämischen Bemerkungen der anderen.
Er als Ältester würde eines Tages die Arbeiten des Vaters komplett übernehmen müssen, so war es vorgesehen. Insgeheim hoffte er noch auf einen Ausweg, tatsächlich waren die Chancen aber mehr als schlecht. Schließlich wusste jeder, dass Männer kein Bier brauten und es in Zukunft auch nicht tun würden. Wenn es das geben sollte, hätten seine Mutter oder sein Vater ihm bestimmt schon davon erzählt.
3
Eines Tages spielte Niklas mit ein paar anderen Kindern Steine werfen im Dorf. Niklas war niemals der, der am weitesten werfen konnte, aber es machte trotzdem Spaß. Während er dem Größten und Kräftigsten von ihnen, der Veit hieß und alle Anlagen hatte, als Dorftrottel zu enden, beim Werfen zusah, bemerkte er, dass ein Mann durch ihr Dorf kam, der ihm völlig unbekannt war. Er wirkte ärmlich, trotz des Esels, den er mit sich führte. Neben dem Esel ging ein kleiner Junge, etwa so groß und so alt wie Niklas. Im Dorf machten beide Rast, setzten sich auf den Boden, aßen etwas Brot und teilten sich eine Rübe.
Niklas entfernte sich von seinen Spielkameraden und kam näher. Schüchtern betrachtete er das Paar. Er hatte schon mehrmals Botengänge in der Gegend gemacht, war aber zu keiner Zeit völlig Fremden begegnet.
Hahnfurt lag etwas abseits, selten verirrten sich Auswärtige hierher; Niklas war, wie alle seine Geschwister, noch niemals weiter als zehn Kilometer von zu Hause weg gewesen. Er ging daher zu Recht davon aus, dass es draußen in der Welt genauso aussah wie hier im Dorf. Sogar das entfernte Nürnberg, von dem Vater einmal erzählt hatte, war für ihn nichts anderes als ein größeres Dorf.
Wenn nichts weiter passierte in Niklas’ Leben, würde er für den Rest seines Daseins über Hahnfurt und Umgebung nicht hinauskommen.
Und er würde weiterhin die neuesten Nachrichten von auswärts nur über die Hillebillen erfahren, Bretter aus hartem Holz, gegen die man mit Knüppeln schlug, um Nachrichten weiterzutragen.
Nach einer Weile sah Niklas den Jungen an und der schaute, nicht einmal unfreundlich, zurück. Das machte ihn mutig, er kam näher.
Als er die beiden musterte, fiel ihm die große Ähnlichkeit zwischen dem Mann mit Kind und seinem eigenen Vater und ihm auf. Nicht, dass sie sich wirklich ähnlich gesehen hätten, dazu hatte der Junge zu schiefe Zähne und zu blasse Haut, so als wäre er immer im Keller eingesperrt gewesen. Aber es war unverkennbar, dass beide arme Bauern waren, die den gleichen Kampf ums tägliche Brot ausfochten.
Dieses gleichzeitige Erkennen desselben Schicksals machte sie einander sympathisch. Niklas lächelte, der fremde Junge lächelte mit seinen schiefen Zähnen zurück. Niklas kam näher.
»Woher kommt ihr?«, fragte er.
»Aus Dauerling bei Regensburg«, gab der Junge zur Antwort.
»Wo ist das?«
»Zwei Tagereisen von hier.«
»So weit weg! Und wo wollt ihr hin?«
Niklas platzte bald vor Neugierde.
»Ich weiß nicht genau, es sind aber angeblich noch einmal zwei Tagereisen«, sagte der fremde Junge.
Nun meldete sich der Vater zu Wort.
»Der Bub kommt ins Kloster, damit er was lernt und niemals hungern muss. Ich bringe ihn jetzt nach Urbrach und dort bleibt er dann. Nicht jeder Junge hat so viel Glück, dass die Mönche ihn aufnehmen. Wir hatten letztes Jahr endlich mal eine gute Ernte, da fiel genug fürs Kloster ab. Da hat der Bruder Prior mir versprochen, aus dem Buben einen tüchtigen Mönch zu machen. Dort soll er dann arbeiten, studieren und seinen Eltern keine Schande machen.«
Er klopfte seinem Sohn auf die Schultern.
»Du brauchst dir keine Sorgen mehr ums Überleben zu machen, ihr habts eigene Ställe, eigenes Vieh, Felder, ja sogar gutes, eigenes Bier habts dort.«
Beim Wort ›Bier‹ merkte Niklas auf.
Bei dem wenigen, das seine Eltern ihm gegenüber von Klöstern und Mönchen erwähnt hatten, war immer nur von Männern die Rede. Michael und Elisabeth waren fromme Leute, jedoch nur so fromm, wie das harte Leben es zuließ.
Daher hatte Niklas auch nur die normale Alltagsfrömmigkeit erlebt, ein Gebet vor jeder Mahlzeit und vor dem Schlafengehen, sonntags die heilige Messe in der kleinen Dorfkirche und an hohen Feiertagen zusätzliche Gebete, diese allerdings verbunden mit dem besseren Essen.
An Brautagen gab man ein Brot mit zum Kloster, das war die Regel. Darüber hinaus wurde zu Hause nie viel gesprochen, schon gar nicht über Klöster und Mönche.
»Wer macht denn das Bier im Kloster?«, fragte er keck, »da gibts doch nur Männer. Und Brauen ist doch Weibersache.«
Der Junge und sein Vater fingen an, laut zu lachen.
»Die Mönche machen ihr Bier natürlich selber«, sagte der Vater, »und sogar ein sehr gutes dazu.«
»Muss man Mönch sein, um im Kloster Bier zu machen?«, fragte Niklas, der sich durch das Lachen nicht verunsichern ließ.
»Ja freilich, das ist ein Grund, warum viele Menschen ins Kloster gehen, nie mehr Hunger oder Durst haben, das ist doch schon was.«
In diesem Moment fasste Niklas einen folgenschweren Entschluss.
Dann war die Rast beendet, Vater und Sohn standen auf und machten Anstalten, weiterzuziehen. Niklas wünschte ihnen eine gute Reise und machte sich auf den Heimweg.
Nachdem er fast zu Hause war, fiel ihm ein, dass er nicht mal die Namen des Jungen und seines Vaters wusste, die sein Leben so verändern sollten. Wie sehr sie es wirklich verändert hatten, wurde Niklas erst im Lauf der nächsten Jahre bewusst, sobald er gelegentlich an diesen Tag und diese zufällige Begegnung zurückdachte.
Für den Rest des Tages war er nicht mehr ansprechbar. Ruhig und in Gedanken versunken erledigte er seine Arbeiten. Er wollte erst überlegen, wie er es seinen Eltern sagen sollte, nur nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen.
Wie der Vater des Jungen gesagt hatte, nahmen die Klöster nicht jeden. Und scheinbar dauerte es auch eine Weile. Aber bald wurde er zwölf, was tun? Viel Zeit blieb ihm nicht mehr.
4
Im zehnten und elften Jahrhundert gab es in Franken eine Reihe von Klostergründungen. Als Ableger eines größeren Klosters der Zisterzienser war im Jahre 1076 das Kloster Urbrach gegründet worden, hatte sich aber schnell eigenständig entwickelt. Durch den guten Ackerboden der Umgebung und die Umsicht der ersten Äbte wurde Urbrach sehr schnell sehr wohlhabend.
Besonders bekannt waren die Weine des Klosters, die sich nicht nur bei allen Ordensbrüdern großer Beliebtheit erfreuten. Nachdem im Jahre 1185 der Grundstein zu einer großen Kapelle gelegt worden war, die später zu einer der größten frühgotischen Kirchenbauten überhaupt ausgebaut wurde, entwickelte sich Urbrach auch über die direkte Umgebung hinaus zu einem religiösen und wirtschaftlichen Mittelpunkt. Das erfolgreiche Kloster konnte es sich leisten, sich nur den besten, talentiertesten oder zahlungskräftigsten Nachwuchs auszusuchen.
Bis jenseits von Nürnberg, sogar aus Regensburg, brachten die Väter ihre Söhne zur Erziehung nach Urbrach, immer mit der Gewissheit, dass es dem Jungen dort viel besser ergehen würde als dem Rest der Familie; zudem gab es dann einen Esser weniger im Haus.
In der Tat war es so: Wer bereit war, sich dem unerbittlich exakten Tagesablauf des Klosters zu unterwerfen, das fromme und arbeitsame Leben eines Mönches zu führen und die Klosterdisziplin niemals infrage zu stellen, der durfte sich wenigstens einer Sache sicher sein: Nie mehr Hunger oder Durst zu leiden!
Wenngleich Niklas’ Eltern niemals über das Mönchsleben Worte verloren hatten, so wussten sie doch darüber Bescheid.
Insgeheim wünschten sie beide sogar, dass einer ihrer Jungen das Glück hätte, ins Kloster zu gehen. Da Niklas’ Schicksal als Ältester bereits vorherbestimmt war, galten diese Hoffnungen Matthias. Einfache Leute, die sie waren, hatten sie keine Hoffnung darauf. Gelegentlich ein Brot für die ganz Armen war bestimmt nicht genug, um eine solche Belohnung zu erhalten.
Und zu mehr reichte es einfach nicht, das wussten beide, also sprachen sie nicht darüber. Niklas hatte sich einige Tage lang überlegt, wie er es am klügsten angehen sollte, kam jedoch auf keine Lösung. Da half ihm der Zufall: Der Abt von Urbrach war vor Kurzem verstorben.
Dies allein sprach sich jedoch nicht herum bis zu dem zwei Tagereisen vom Kloster entfernten Hahnfurt. Erst als der neue Abt Kilian beschloss, zur Feier seiner Ernennung die Bruderschaft des Klosters Urbrach um 50 Novizen zu vergrößern und dies überall im Umkreis bekannt machte, wurde es auch in Hahnfurt zum Gesprächsthema. Niklas schnappte es auf der Straße auf, und abends sagte sogar der sonst so schweigsame Vater etwas zum Thema.
»Wir sollten doch einmal versuchen, einen von unseren Buben nach Urbrach zu bringen.«
Die daraufhin leuchtenden Augen von Niklas übersah er und fuhr fort:
»Ich denke, dass der Matthias einen tüchtigen Mönch abgeben würde. Er kennt sich schon aus im Garten und Gartenarbeit ist im Kloster das Wichtigste. Der Niklas hilft mir dann auf dem Feld und Elisabeth, Ruth und Adelheid bewirtschaften den Garten mit dir. Bis wir sie verheiratet haben.«
»Im Kloster wird aber auch Bier gemacht«, warf Niklas zaghaft ein, »bitte lass mich ins Kloster gehen, Vater!«
Zuerst war Michael erzürnt über Niklas, dass er ihm vor der ganzen Familie widersprach. Er erinnerte ihn an seine Verantwortung, die er als Ältester für die Zukunft des Hofes trage. Dann sah er die Begeisterung in seinen Augen und versprach ihm:
»Ich werde es mir überlegen.«
Drei Wochen später war es tatsächlich so weit. Die Ernte war eingebracht und Michael konnte die Familie für ein paar Tage allein lassen. Der frühmorgendliche Abschied von der Mutter und den Geschwistern fiel überraschend schwer, obwohl alle annahmen, dass Niklas mit dem Vater wiederkäme. Niklas fühlte auf einmal zwei Seelen in seiner kleinen Brust. Neben dem unbändigen Verlangen danach, im Kloster Bier zu brauen, fühlte er doch so etwas wie Heimweh, obwohl sie noch nicht einmal abgereist waren. Was, wenn sie ihn im Kloster annehmen würden? Seine Sippe, seine Freunde, der kleine elterliche Hof in Hahnfurt wären dann außer Reichweite. Alles das, was bislang seine Welt war, sein kleiner, überschaubarer Niklas-Kosmos, wäre mit einem Mal verschwunden. Und mit einer Träne im Auge machte sich Niklas mit seinem Vater auf den Weg nach Urbrach.
Sie gingen zügig, der Vater mochte den Hof nicht zu lange unbemannt lassen. Niklas hatte Mühe, mit dem Vater Schritt zu halten. Doch Aufregung und Vorfreude ließen ihn alle Anstrengung leichter ertragen. Die Wege waren gut ausgetreten, relativ sicher, und »uns armen Leuten kann man sowieso nichts rauben«, wie Michael mehrfach betonte. Sie übernachteten unterwegs in einer Scheune, ein Gasthaus konnten sie sich nicht leisten.
Gegessen wurde, was Mutter ihnen mitgegeben hatte: Brot, Wurzelgemüse und Rüben. Wasser gab es in jedem Dorf, durch das sie wanderten. Es war teilweise abgestanden und brackig, also nahmen sie nur das Nötigste. Schon am Mittag des nächsten Tages standen sie an der Pforte des Klosters Urbrach. Sie baten um Einlass und erklärten ihr Anliegen, Niklas dem neuen Abt als Novizen anzubieten.
Der Bruder an der Pforte öffnete, und als sie im Hof des Klosters standen, fühlte sich Niklas wie in einer neuen Welt. Außer der kleinen Hahnfurter Dorfkirche hatte er noch niemals ein Gebäude aus Stein gesehen. Alle Häuser, die er kannte, waren aus Holz, Lehm und Stroh notdürftig zusammengeflickt. Dass es eine solche Pracht überhaupt gab, hätte er sich niemals vorstellen können.
Dabei hatte das Kloster nicht einmal den Gipfel seines Reichtums erreicht, auch die große Kapelle war nach fast 100 Jahren Bauzeit immer noch nicht ganz fertiggestellt. Dennoch war das, was im Klosterhof zu sehen war, für die Augen einfacher Menschen beeindruckend.
Mit einer in Franken neuen Bauweise hatte man die Hauptgebäude des Klosters errichtet. Kräftige senkrechte, hölzerne Balken sorgten für die aufrechte Stärke der Gebäude. Waagerechte Hölzer lagen als Riegel dazwischen, um der ganzen Konstruktion die nötige Stabilität zu verleihen. Die Gefache zwischen Ständern und Riegeln waren fein und weiß verputzt, was den Eindruck von Reichtum und Sauberkeit noch unterstrich.
An einer Stelle eines Gebäudes wurde gearbeitet, und so sah Niklas, dass die Gefache vor dem Verputzen mit Ziegeln gefüllt wurden. Das Hauptgebäude war am prächtigsten. Hier war das Untergeschoss aus festem, behauenem Stein, darauf hatte man eine neue, Fachwerk genannte Bauweise gesetzt.
Vom Hof aus sah man reges Treiben, im Garten arbeitete eine Gruppe Mönche, und man konnte sogar in den Weinberg sehen, in dem ein paar Brüder mit Hacken den Boden bearbeiteten. Einen der Mönche sah Niklas mit einer großen, leeren Schüssel zu einem großen Bienenhaus eilen.
In der Mitte des Klosterhofs stand ein gewaltiger Lindenbaum, der größte, den Niklas und Michael jemals gesehen hatten.
»Der ist ja fast so groß wie der Weltenbaum«, flüsterte Michael ergriffen. »Schau einmal, der geht beinah bis in den Himmel.«
Und dann kam aus einem der Nebengebäude ein Geruch, der Niklas nur zu vertraut vorkam: Dort roch es warm, süßlich und würzig nach Maische, dort wurde Bier gebraut!
Vor Aufregung wäre er beinahe über seine eigenen Beine gestolpert und in eine große Pfütze gefallen. Nur die schnelle Reaktion seines Vaters verhinderte, dass er seine einzige gute Hose und sein einziges gutes Hemd total verdreckte.
»Nun pass doch auf, Niklas, und sag jetzt nur noch was, wenn du gefragt wirst!«
Nachdem sie etwa eine Stunde gewartet hatten, wurden sie zum Abt geführt. In dem Raum, den sie jetzt betraten, fiel zuerst der ungeheuer große Tisch ins Auge. An einer Längsseite saßen fünf Ordensbrüder, in der Mitte thronte ein Mann, der unschwer als der Abt zu erkennen war. Nachdem Michael sich und Niklas vorgestellt und seine Bitte vorgetragen hatte, durfte Michael sich setzen, Niklas musste stehen bleiben.
Der Abt Kilian musterte die Besucher. Er war für einen Abt, dazu der eines nicht unbedeutenden Klosters, erstaunlich jung. Weder Michael noch Niklas hatten jemals zuvor einen Abt gesehen, aber in der Vorstellung war die Würde des Amtes dennoch immer mit Alter verbunden gewesen.
Nun schaute sie ein hagerer, schmaler Mann von etwa 40 Jahren mit intelligenten, lebhaften Augen an. Obwohl er sich noch nicht von seinem prachtvoll geschnitzten Stuhl erhoben hatte, konnte man sehen, dass er groß gewachsen war. Auch ohne Tonsur waren ihm nur wenige Haare geblieben, sodass das ganze Gesicht von den Adleraugen dominiert wurde.
»So, Michael aus Hahnfurt, dann erkläre mir bitte einmal, warum dein Sohn Niklas in unsere Klostergemeinschaft aufgenommen werden soll. Du weißt sicher, dass wir nicht jeden dahergelaufenen Bauernsohn als würdig befinden; warum soll dein Sohn also würdig sein?«
Michael erzählte zuerst von sich und seiner Familie, von der harten täglichen Arbeit, den fünf lebenden Kindern, verschwieg nicht die toten, betonte aber auch die Gottesfürchtigkeit ihres Lebens und dass sie es ohne Bitterkeit ertrügen.
Dann wendete er sich zu Niklas und erzählte von dessen bisherigem Leben, er sei fleißig und aufgeweckt und habe der Mutter schon seit fünf Jahren regelmäßig viel Arbeit abgenommen.
Jetzt blickte Kilian zu Niklas und fragte ihn:
»Du weißt bestimmt, dass neben der Arbeit für Gott ein jeder Bruder auch eine Arbeit für die Gemeinschaft übernimmt. Um eine Arbeit gut zu machen, muss man sie aber gerne machen. Gesetzt den Fall, wir würden dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen, was ist die Arbeit, die du am liebsten für deine Brüder oder mit deinen Brüdern machen würdest?«
Niklas schaute auf seinen Vater, um Zustimmung zum Antworten zu erhalten. Der Vater nickte und Niklas sagte schüchtern nur vier Worte: »Bier brauen, ehrwürdiger Abt.«
Zuerst fiel ihm auf, dass hier im Kloster niemand lachte, als er seine Liebe zum Brauen erklärte. Er schaute verlegen zu Kilian und sah ein Lächeln in dessen Gesicht.
»Ich glaube, Bruder Thomas könnte noch einen tüchtigen Lehrjungen brauchen«, sagte der Abt zu dem Bruder, der neben ihm saß.
Dann, wieder an Michael gewandt:
»Wir werden es mit Niklas versuchen. Wenn der Junge so fleißig und folgsam ist, wie du sagst, dann wird es ihm hier gut gehen. Sollten wir ihn ungeeignet finden, werden wir ihn jedoch bald in dein Dorf zurückschicken. Du kannst wieder zurückkehren nach Hahnfurt, der Junge soll hierbleiben.«
Michael und Niklas gingen zurück in den Hof, dort nahm Niklas kurz Abschied von seinem Vater, den er lange nicht mehr sehen sollte. Der Vater verließ den Klosterhof durch die Pforte, Niklas war allein. Sein erstes Ziel hatte er erreicht. Was würde die nächste Zeit bringen?
Des Buches zweiter Teil: Klosterbier oder ›Flüssiges bricht das Fasten nicht‹

1
Die nächsten Monate waren für Niklas ausgefüllter, als er es sich jemals hatte vorstellen können. Niemals hätte er gedacht, dass man an einem Tag so viel arbeiten konnte.
Seine Einführung in das Klosterleben brachte er mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Aufregung hinter sich. Er lernte viel Interessantes über die Anfänge des Klosterlebens, erfuhr von Benedikt und Monte Cassino, St. Gallen, Bonifatius, Cluny, der Abtei Prüm und dem Reformkloster Hirsau. Er hatte Glück. Sein Lehrmeister, Bruder Thomas, war tolerant den anderen Orden gegenüber.
Er sagte immer wieder:
»Wir alle kämpfen für die gleiche Sache, nur mit anderen Mitteln. Wenn du älter bist, wirst du dir selbst ein Bild machen können. Wir sind hier nicht so streng wie in Cluny, wo die Brüder immer mit dem Kopf nicken müssen, wenn der Prior in der Nähe ist, um ihm zu zeigen, dass sie nicht schlafen. Bei uns ist auch während des Gebets ein Nickerchen erlaubt, wenn man vorher seine Arbeit gut gemacht hat.«
Und die Aufgaben im Kloster waren weiß Gott vielfältig, jeder hatte seinen Teil zu leisten: Äcker bestellen, Gärten pflegen, Bücher kopieren, Kunstwerke malen, alles Werkzeug dazu wurde in den eigenen Werkstätten hergestellt, dazu noch backen, brauen, melken, schlachten. Besucher und Kranke mussten versorgt werden. Und schließlich war die Führung des Klosters auch außerhalb der Mauern politisch und wirtschaftlich eine Macht.
An der Spitze des Klosters Urbrach stand der Abt Kilian. Er vertrat das Kloster nach außen hin, schloss Kauf- und Pachtverträge ab, empfing die Gäste des Klosters und speiste mit ihnen an einem besonderen Tisch. Er hatte, da er über den Klosterregeln stand, eine eigene, reich und behaglich ausgestattete Wohnung und eine besondere Küche. Er leitete die kirchlichen Verrichtungen und stand im Rang eines Bischofs. Als Zeichen seiner Würde trug er bei offiziellen Anlässen einen gekrümmten Stab.
Kilian zur Seite stand der Prior Karlmann, der ihn in seiner Abwesenheit vertrat. Er leitete alle Übungen und Arbeiten der Mönche, nahm ihnen die Beichte ab, erlegte ihnen Bußen auf und überwachte die Einhaltung der Ordensvorschriften. Während alle Brüder untereinander sich mit ›Du‹ anredeten, gebrauchten sie Kilian und Karlmann gegenüber das ›Ihr‹.
Dem Provinzenmeister war die Aufsicht über die neu eintretenden Klosterbrüder anvertraut, solange sie noch nicht das Mönchsgelübde abgelegt hatten.
Der Sakristan oder Kustos hatte die äußere Ordnung des Gottesdienstes zu besorgen, zur Kirche zu läuten und alles, was zum Gottesdienst gehörte, wie Wachskerzen, Altarbekleidung, Abendmahlgeräte, in seine Obhut zu nehmen.
Der Singmeister oder Kantor leitete den Gesang in der Kirche, überwachte das Abschreiben der Bücher und hielt die Bibliothek in Verwahrung. Er hatte die größten Ohren, die Niklas jemals gesehen hatte.
Der Kellermeister Otto und Niklas’ Lehrmeister, der Brauer Thomas, waren wichtige Persönlichkeiten im Kloster und hatten mehrere Gehilfen zur Besorgung ihrer umfangreichen Ämter unter sich. Unter Ottos Aufsicht standen die Ackerhöfe des Klosters; er sorgte dafür, dass die nötigen Vorräte in die Küche und in den Keller geschafft wurden und führte die Schlüssel zu den Vorratsräumen. Sowohl Otto als auch Thomas sah man an, dass sie die geistigen Getränke verwalteten. Beide trugen einen Kugelbauch vor sich her, die roten Knollennasen und die Tonsur ließen die Männer als gemütliche, fröhliche Naturen erscheinen. Otto schien ein paar Jahre älter zu sein als Thomas, dafür war Thomas der Größere von beiden.
Der Leiter der Backstube, Ansgar, war Otto untergeordnet.
Der Bruder Pförtner saß am Eingang des Klosters in einer besonderen Zelle. Wenn ein Fremder Einlass begehrte, meldete er ihn beim Abt und führte ihn nach erteilter Erlaubnis hinein. Die Klöster boten Pilgern und Reisenden gern gastfreundliche Herberge. An vorbeikommende Arme verteilte der Pförtner Brot und Reste vom Tisch. Amtspersonen untergeordneter Art waren der Kleidermeister, der die Schneider, Schuhmacher, Gerber und Weber beaufsichtigte, der Werkmeister, der den Bauleuten vorgesetzt war, und der Siechenmeister, der die Aufsicht über das Krankenhaus führte.
Niklas lernte unter Anleitung seiner Mitbrüder lesen und schreiben und dazu das unentbehrliche Latein. Er war so beschäftigt, dass er überhaupt nicht an Hahnfurt dachte und daran, dass er unter Umständen jahrelang nicht mehr nach Hause kommen würde.
Er wurde unterwiesen in Disziplin, Zucht und Bescheidenheit. Wer damit nicht zurechtkam, dem drohte die Klosterordnung mit schweren Strafen. Fasten, Ausschluss vom Gottesdienst, Kasteiung bis aufs Blut, mitunter sogar Verurteilung zum Hungertod und zur Einmauerung waren Strafen für Mönche, die sich Vergehen zuschulden kommen ließen.
Diese drakonischen Strafen wurden äußerst selten exekutiert und dienten mehr der Stärkung der Disziplin durch Abschreckung.
Die Novizenzeit dauerte ein ganzes Jahr lang, doch durften und mussten die Novizen schon bald wie die anderen Mönche leben und mitarbeiten. Nur trugen sie nicht die Ordenstracht. Bewährten sie sich, so erfolgte die Einkleidung als Klosterbruder. Nach dem Schwören des Ordensgelübdes wurde ihnen das Haar geschoren, das Novizenkleid abgenommen und die Mönchskutte angezogen.
Nach diesem Jahr gehörte Niklas ganz dem Kloster.
Das Leben im Kloster machte ihm Freude. Die Brüder waren ein bunter Haufen. Manche waren als Findelkinder vor der Tür gefunden worden, andere kamen aus gutem Hause, waren jedoch nur Zweit- oder gar Drittgeborene. Einige wurden als Waisen aufgenommen, andere wiederum aufgrund ihres hellwachen Verstandes.
Niklas durfte nicht gleich vom ersten Tag an mit Thomas in der Brauerei arbeiten. Er wurde zuerst einmal zwei Wochen lang zusammen mit drei anderen Anwärtern im Gästehaus einquartiert. Während dieser Zeit wurden sie geprüft, ob ihre Motive, Absichten und Zukunftspläne zum Mönch passten. Abt Kilian hatte Thomas einmal erzählt, wie viele unglücklich verliebte Männer sich zum Kloster berufen fühlen würden, dies jedoch immer nur für eine kurze Zeit.
»Sobald der Weltschmerz vorbei ist, wollen sie wieder gehen. Deswegen akzeptieren wir grundsätzlich keine Anwärter mit Liebeskummer mehr«, erzählte er Niklas später lachend weiter.
Nach zwei Wochen zog Niklas um ins Novizenquartier. Dort blieb er zwei Monate unter Aufsicht eines alten, grantigen Provinzenmeisters, der nicht nur entsetzlich aus dem Mund stank, sondern auch immer eine Fahne säuerlichen Schweißes hinter sich herzog. Dieser las mit ihm jeden Abend die Klosterregeln, bis er sie auswendig konnte. Er schätzte diese Zeit nicht, wollte er doch an den Braukessel.
Die Vorfreude darauf machte ihm vieles leichter.
Er war froh, dass ihn der stinkende Bruder ansonsten in Ruhe ließ, hatte er immerhin von anderen Anwärtern schon über unsittliche und widernatürliche Versuche älterer Brüder gehört. Und trotz harter Strafen bis hin zum Auspeitschen gab es immer wieder Vorfälle.
Und eines Tages waren auch diese zwei Monate um und Bruder Thomas holte ihn ab, um ihm sein neues Reich zu zeigen.
Ab sofort trug er eine Art Tunika aus Leinen oder Wolle, darüber einen Schulterumhang. Für die Arbeit draußen gab es lange Mäntel aus haarigem Stoff mit Kapuze, die schützten sowohl gegen Kälte als auch gegen Sonne. Weiterhin erhielt er zwei Hemden, Strümpfe, Gamaschen und Pantoffeln und für den Winter ein Schaffell.
2
Vorbei war ab jetzt die Zeit, in der ein Brautag ein außergewöhnliches Ereignis war. Die Brüder im Kloster waren durstig und Bier war ihr hauptsächlicher Durstlöscher. Dreimal in der Woche wurde hier gebraut und an den anderen Tagen musste Niklas sauber machen oder die Vorräte auffüllen.
Und als wäre dies alles nicht genug, wurde er zudem regelmäßig zur Aushilfe zu anderen Brüdern geschickt.
Unter anderem erfuhr er etwas über die verschiedenen Zeiten für die Aussaat von Getreide. Sein Vater hatte eigentlich Jahr für Jahr das gleiche Getreide angebaut und ein Drittel des Ackers immer brach liegen lassen. Hier lernte er, dass es sowohl Sommergetreide als auch Wintergetreide gab.
Im Frühjahr säte man aus, was als Pferdefutter und zur Bierherstellung verwendet wurde: Hafer und Gerste vor allem.
Und im Herbst säten die Brüder Roggen und Weizen, das waren die ›Brotsorten‹.
Nebenbei wurden kleinere Mengen Hirse und Emmer angebaut.
Die wenigen Male, die er mit draußen auf den Feldern war, dachte Niklas an zu Hause und er wurde etwas wehmütig. Aber das ging schnell vorbei.
Denn er hatte es gut getroffen. Bruder Thomas war ein erfahrener Brauer und zudem ein gemütvoller, demütiger Mensch. Er wurde selten wütend, sogar wenn Niklas einen groben Fehler machte. Gleichzeitig zeigte er Niklas eine ganze Menge Tricks und Kniffe, auf die er niemals von allein gekommen wäre.
Er kannte verschiedene einfache Handgriffe, mit denen man über einen Hebel einen Bottich in einen anderen ausleeren konnte, sodass es fast keine Arbeit war.
Er verwendete mehr verschiedene Kräuter als seine Mutter und wusste auch besser über deren Wirkungen Bescheid.
Zuweilen zeigte er ihm einige Kräuter etwas genauer und sagte Sachen wie:
»Dies wird Wermut genannt; wenn du es dem Bier beigibst, tötet es Würmer, vertreibt die Verstopfung, stärkt den Magen und bekämpft Gelbsucht und Wassersucht. Und schlafen kann man danach wie ein Bär im Winter.«
Thomas zerrieb ein Stück einer Rispe zwischen seinen Fingern und ließ Niklas daran riechen und schmecken. Der aromatische Geruch passte überhaupt nicht zu dem extrem bitteren Geschmack. Der Wermut brannte Niklas auf der Zunge und er wandte sich schaudernd ab.
Thomas lachte und sagte:
»Im Bier entfalten viele Kräuter ein anderes Aroma, als wenn du es direkt mit der Zunge schmeckst. Lass dich einmal überraschen.«
Zu jedem dieser Kräuter hatte er ein Sprüchlein parat, die Niklas teilweise von seiner Mutter her kannte.
»Wacholder zum Beispiel, das hängst du in einem Säcklein ins Bier, wenn es schon vergoren ist; er macht das Bier sehr gesund, vertreibt die Steine aus dem Körper und ist gut bei Leiden an Niere und Blase. Er wirkt auch gut wider Vergiftungen.«
Der würzig-süßliche Geruch erinnerte Niklas an daheim und er musste schlucken, weil ihn so etwas wie Heimweh überkam.
Thomas warnte ihn eindringlich davor, eine Zutat ohne weitere Prüfung zum Bier zu geben, nur weil sie vielleicht gut roch.
»Es gibt eine Menge Kräuter, welche die Sinne verwirren, den Rausch verstärken oder den Körper richtig vergiften. Also sei vorsichtig mit dem, was du zum Bier dazugibst! Wenn du lange genug bei mir bleibst, werde ich dir noch so einiges zeigen.«
Auch beim Essen erzählte er gerne über Kräuter und Pflanzen.
»Die Kräuter hingegen, die uns der Herrgott zum Essen geschenkt hat, wie Zwiebeln, Lauch, Knoblauch, Senf oder Petersilie, die lass in jedem Falle raus aus dem Bier! Es wäre eine Sünde, sie für einen anderen Zweck zu entfremden.«
Niklas beschloss bald, so schnell wie möglich alles über Kräuter und ihre guten und schlechten Wirkungen zu lernen.
Aber was wohl das Interessanteste am Brauen mit Bruder Thomas war: Hier wurden keine Laibe mehr gebacken, um den ›Bierteig‹ herzustellen. Bruder Thomas mischte das Getreide direkt mit dem Wasser. Es wurde nur vorher zerstoßen, in einem großen Mörser, den er nach einiger Übung zu bedienen lernte.
Als Niklas beim ersten Mal vorlaut anmerkte, das könnte nach seiner Erfahrung nicht funktionieren und sauer werden, da lachte sein Meister und sagte:
»Lassen wir es doch einfach darauf ankommen.«
Es klappte nicht nur vorzüglich, das Bier war sogar sehr viel besser als alles, was sich Niklas vorher hatte vorstellen können. Es war nicht mehr so trüb und matschig wie das Bier, das er von zu Hause her kannte. Im Vergleich zu diesem hier hatte das Bier seiner Mutter regelrecht erdig-muffig gerochen und geschmeckt.
Dunkelbraun, aromatisch-süß duftend, stand es hier im Bottich und roch einfach verlockend.
Obwohl das Aufreißen der Brotlaibe entfiel, lernte er, dass man als Brauer letzten Endes immer mit Hitze zu tun hat und deswegen gelegentlich verbrannt wird. Die heiße Maische lief ihm manchmal über die Hand oder die Hose; besonders beim Umfüllen von einem Bottich in den nächsten passierte dies häufig. Nach ein paar Monaten hatte Niklas Hornhaut und dicke Schwielen an den Händen. Eine Folge sowohl der Verbrennungen als auch der harten körperlichen Arbeit.
Im Lauf der ersten Wochen erkannte Niklas dann, dass das Getreide keine einfache Gerste war. Es sah aus wie Gerste, nur etwas dunkler, roch wie Gerste, jedoch war etwas anders.
Dann fiel ihm auf, dass der Zugang zum Getreideboden immer abgesperrt war. Was mochte dort Geheimnisvolles vorgehen? Auf sein Fragen und Drängen wich Bruder Thomas immer aus:
»Der Tag kommt noch früh genug, an dem ich dich darin einweihen werde.«
Wann dieser Tag kommen würde, darüber schwieg er sich aus.
So vergingen die ersten Monate und der erste Winter ging vorbei. Die Mönche tranken fleißig Bier und gelegentlich schaute einer von ihnen im Brauhaus vorbei und sprach ein Lob aus.
Das konnte allerdings daher rühren, dass das Bier zur Fastenzeit und zur Vorweihnachtszeit stärker eingebraut wurde, da im Kloster die Fastenregeln nur für feste Nahrung galten.
Thomas war auch hier nicht um Antwort verlegen:
»Eine der ältesten Regeln unseres Klosterlebens ist ›Liquida non frangunt ieuneum – Flüssiges bricht das Fasten nicht‹. Das hat uns Brauer immer beliebt gemacht.«
Und gefastet wurde viel im Kloster. Zu den regelmäßigen Fasttagen kamen noch außerordentliche Fastenzeiten hinzu, die vom Abt angekündigt wurden. Bestimmte Heiligentage oder ein Gedenken an einen Märtyrer. Niemand durfte bis nach der Messe essen oder trinken, Fleischgenuss war auf jeden Fall untersagt, auf den Feldern und in den Gärten durfte nicht gearbeitet werden.
Es gab harte Bußen für Vergehen gegen die Fastenregeln, die schlimmsten waren jahre- oder sogar lebenslange Abstinenz von aller Nahrung außer Wasser und Brot. Die Abstinenz von Bier aber wäre für die meisten Mönche am tragischsten gewesen. Daher schlug nur selten einer über die Stränge.
Thomas wusste, dass dies nicht überall so war.
»Aber glaube mir, draußen auf dem Land und in den Städten, sogar in anderen Klöstern, geht es in der Fastenzeit nicht so ruhig zu wie bei uns. Der Erzbischof und Kurfürst von Trier hat erst kürzlich verlautbaren lassen: ›Ist ein Priester so betrunken, dass er die Psalmen nur noch lallt, soll er zwölf Tage von Brot und Wasser leben. Ist ein Mönch so voll, dass er speit, soll er 30 Tage Buße tun. Ist ein Bischof so besoffen, dass er in die Hostie kotzt, muss er 90 Tage büßen.‹ Dieser Spruch hat schnell die Runde durch das ganze Reich gemacht. Und da ist etwas dran!«
In dieser Zeit geschah es zum ersten Mal, dass Niklas einen Krug zu viel trank. Sie hatten den ganzen Tag hart gearbeitet und am Ende einen Sud zur Gärung bereitgestellt. Erschöpft saßen sie im Brauhaus. Niklas griff aus alter Gewohnheit, so alt eine Gewohnheit bei einem Zwölfjährigen sein kann, nach einem Krug Bier und stürzte ihn in einem Zug herunter. Gleich noch einen zweiten. Er hatte nur vergessen, dass das Bier viel stärker war als das, was er normalerweise trank.
Innerhalb von wenigen Minuten fing alles an, sich zu drehen, er konnte nicht mehr richtig sprechen und sein Kopf schien zu explodieren. Bruder Thomas sah richtig besorgt aus. Er brachte ihn sogleich in die Schlafkammer.
Am nächsten Tag ging es Niklas nicht gut und noch einige Tage lang musste er mit Thomas’ mildem Spott leben.
Der Winter war lang und kalt und ideal zum Bierlagern. Es gab Eis in Hülle und Fülle und im Bierkeller des Klosters wurde nicht ein Eimer Bier sauer.
Niklas fühlte sich im Brauhaus wie zu Hause.
Dann kam das erste Frühjahr. So langsam musste sich Niklas damit vertraut machen, dass nun die problematische Zeit für die Brauer kam. Je wärmer der Sommer, desto schwieriger wurde die Lagerung des Bieres. In einem normalen Haushalt war es kein Problem, kleinere Mengen herzustellen und kühl zu lagern. Im Kloster wurden jedoch solche Mengen gefordert, dass sich Niklas beim besten Willen nicht vorstellen konnte, wie sie dies im Sommer bewerkstelligen sollten. Bruder Thomas war mit diesem Problem natürlich längst vertraut.
Es hatte schon Jahre gegeben, da war das Bier so schnell sauer geworden, dass sein eigener Ruf ernsthaft darunter gelitten hatte. Mittlerweile war er jedoch erfahren und angesehen genug, dass er lieber gar keines als ein saueres Bier ausschenken ließ.
Als die Tage wärmer wurden und eine neue Fastenzeit vor der Tür stand, wurde wieder mal ein starkes Bier gebraut. Dieses Mal lag es nicht nur in der Fastenzeit begründet. Es war schon lange bekannt, dass ein stärkeres Bier besser haltbar ist als dünnes. Warum, das wusste niemand, dennoch wurde das Wissen genutzt, um die warme Jahreszeit so gut als möglich zu überbrücken.
Bis in den Juni hinein konnte das Bier manchmal reichen, dann gab es schlimmstenfalls drei Monate ohne Bier. Dieses Mal wurden gleich fünf Bottiche hintereinander gebraut, weil es vorläufig das letzte Bier war und noch vergären sollte, bevor es zu warm wurde.
Bruder Thomas mischte für jeden der fünf Bottiche eine andere Kräutermischung zurecht. Auch er wollte manchmal etwas Neues ausprobieren.
»Hier, riech einmal daran!«, forderte er Niklas auf.
Niklas öffnete das Säcklein, das er ihm hinhielt, und nahm ein paar Kräuter heraus. Sie hatten einen sehr intensiven, aromatischen Geruch und einen harzigen, leicht bitteren Geschmack, der ihn an Weihrauch erinnerte.
»Wieso tust du Weihrauchkraut ins Bier?«, fragte Niklas erstaunt.
»Es riecht nur so ähnlich wie unser Weihrauch, ist aber tatsächlich nur einfacher Rosmarin«, erwiderte Thomas. »In den ersten Bottich hängen wir ein Säcklein davon. Ein Bier, damit versetzt, stärkt Herz und Hirn, erquickt die Lebensgeister. Ich habe festgestellt, dass viele unserer Brüder, wenn sie melancholisch werden, nach einem Trunk Rosmarinbier schnell wieder voller Tatendrang sind.«
Niklas roch an den Zutaten für den nächsten Sud.
Eigentümlich und kampferartig, zugleich blumig, konnte er sich nicht entscheiden, ob er diesen Geruch mochte oder nicht.
»Den zweiten Bottich versetzen wir mit Lavendel, dieser wird anders auch Schwindelkraut genannt. Diese Pflanze kennst du wahrscheinlich nicht, sie kommt aus dem fernen Andalusien zu uns. Sie stärkt das Haupt, das Mark im Rücken und die Nieren. Es ergibt ein köstliches Bier und beugt vor gegen Schlag, Gicht und Lähmungen. Es beruhigt und fördert den Schlaf.«
Das nächste Kraut kam Niklas bekannt vor. Das starke und entfernt an Thymian erinnernde Aroma liebte er, ebenso den leicht brennenden, süßlichen Geschmack.
»Majoran kam aus dem fernen Indien und wir haben es von den Arabern bekommen. Mittlerweile pflanzen wir es in unserem Gewürzgarten an. Das geben wir zum dritten Bottich. Majoran vertreibt Schwindel und macht ein gutes Gedächtnis, außerdem hilft es bei Beschwerden von Galle und Milz.«
Der vierte Bottich wurde mit Schlehen versetzt, mit der Begründung, dass ein erfrischendes Schlehenbier in der Hitze des Sommers den Durst am allerbesten lösche.
Niklas konnte sich nicht vorstellen, wie der frische, zarte, mandelartige Duft der Schlehen zu dem süßen Bier passen würde; auf der anderen Seite hatte Thomas bislang immer recht behalten.
Aber bevor er alle Kräuter dazugab, rief er Niklas hinzu und zeigte ihm ein Kraut, welches dieser noch niemals gesehen hatte.
Es war ein kleiner, grüner Zapfen, mit kleinen Blättern, die wie Dachziegel angeordnet waren.
Bruder Thomas erklärte, was es mit der Pflanze auf sich hatte:
»Diese Pflanze hat mir letzten Monat einer unserer Händler mitgebracht. Ich glaube, es ist die gleiche Pflanze, über deren Wirkungen vor einigen Jahren die berühmte Hildegard von Bingen bereits geschrieben hat. Sie soll, wenn mitgekocht, eine beruhigende Wirkung haben und bei vielen verschiedenen Leiden vortrefflich wirken. Riech nur einmal an der Dolde.«
Niklas roch und war zuerst erschrocken über die harsche, intensive Bittere, die dieser Pflanze entströmte, Minuten später hatte er das Aroma noch in der Nase, empfand es dann aber als angenehm.
»Hildegard von Bingen nannte dieses Kraut Hoppho. Lass uns den fünften unserer Bottiche mit diesem Hopphokraut versetzen. Wenn es Gutes bewirkt, dann werde ich mehr davon beschaffen.«
Alle Bottiche wurden fertiggestellt und vergoren. Dann kamen sie in den auch um diese Jahreszeit kühlen Keller. Zuerst waren die Mitbrüder von dem Getränk mit der neuen, seltsamen Bittere nicht angetan. Aber Bruder Thomas hatte ihnen schon des Öfteren neue Rezepturen mit Erfolg schmackhaft gemacht.
Nach einer Weile tranken sie es genauso viel wie das Altbekannte. Der Sommer kam schneller als erwartet und der Keller wärmte sich entsprechend rasch auf. Eines Tages stellte Niklas fest, dass das erste Bier aus den fünf Bottichen verdorben war.
Das zweite folgte gleich danach. Bruder Thomas gab bekannt, dass die Biersaison fürs Erste beendet war und wies Niklas an, den Inhalt aller Bottiche wegzuschütten.
»Aber ein Bottich ist noch nicht verdorben«, sagte er.
Bruder Thomas wollte nichts hören und beharrte darauf, dass Niklas alles Bier wegschütten sollte. Erst als Niklas seinen Einwand wiederholte, schauten sie beide genauer hin. Ein Bottich war einwandfrei, kein Sauergeschmack, kein Belag obenauf. Bruder Thomas war sichtlich verwirrt.
»Ich habe keine Erklärung dafür. Außer, dass unser Herrgott uns etwas länger unser gutes Bier gönnt. Welcher Bottich ist denn dieser?«
Niklas schaute nach und sagte:
»Es ist der mit dem Hopphokraut.«
3
Nach dieser interessanten und ungewöhnlichen Entdeckung konnten beide Brauer den Herbst nur mehr mit Ungeduld erwarten. In der Zwischenzeit brachte ein Händler weitere dieser Hopphopflanzen zum Kloster mit. Als die Brauzeit im Spätsommer endlich losging, brauten die beiden praktisch ausschließlich mit Hopfen, wie sie die Pflanze nannten.
Beinahe alle der Mitbrüder wollten gar nichts anderes mehr trinken, und sie lobten neben dem Geschmack des Hopfenbiers besonders dessen Bekömmlichkeit. Nicht, dass die bisherigen Biere nicht bekömmlich gewesen wären, aber der Hopfen machte die Zugabe anderer Kräuter und Wurzeln, die bisweilen seltsame Nebenwirkungen hervorgerufen hatten, überflüssig.
Einige wenige wünschten sich die althergebrachten Biere zurück, die einmal nach Lorbeer, ein andermal dafür eigentümlich nach Kümmel geschmeckt hatten. Nicht so sehr wegen des Geschmacks, sondern aus Furcht vor Veränderung.
»Wir sind ein Ort der Aufbewahrung. Und dazu gehört unter anderem, dass wir nicht immer neue Speisen und Getränke verkosten möchten. Lasst uns bitte beim Althergebrachten bleiben«, sagte zum Beispiel der Prior Karlmann gerne.
Doch sogar die ›Bewahrer‹ beugten sich bald der Mehrheit der Hopfen-Biertrinker.
Nur einmal ermahnte Abt Kilian seine Brauer, nicht zu viel Bier auszuschenken, da einige Brüder das morgendliche Gebet verschlafen hatten. Dies musste Bruder Thomas dann zum Leidwesen seiner Mitbrüder befolgen.
Dadurch, dass das Bier nun länger haltbar war, konnten sich die Brauer die Arbeit ganz neu einteilen. Mussten sie bis dahin immer dann Bier brauen, wenn ein Ende der Bestände in Sicht war, konnten sie jetzt in einem regelmäßigen Ablauf Bier herstellen, sogar etwas auf Vorrat produzieren, unabhängig davon, ob viel oder wenig getrunken wurde; dadurch geschah es nie wieder, dass kein Bier zur Verfügung stand. Das ganze Klosterpersonal war von dieser neuen Entwicklung sehr angetan.
Bis auf Bruder Ansgar von der Backstube. Er wurde von den Brauern immer mit ›Zeug‹ versorgt, das am Ende der Gärung im Bottich liegen blieb. Mit diesem Zeug konnte er die Brote auf bessere Art backen als ohne. Nachdem Bruder Thomas und Niklas jedoch mehr und mehr mit Hopfen brauten, beschwerte sich Bruder Ansgar darüber, dass er das Zeug nicht mehr zum Backen verwenden könne, weil es so bitter sei.
Äußerlich eher das Gegenteil von Thomas, überragte Ansgar Thomas um Kopfeslänge. Die Größe kam allerdings nur von den langen Beinen, sein Rumpf war eigentlich gedrungen. Die Kutte verhüllte dies aber gnädig. Ansgar war kräftig, ohne dick zu sein, sein kurzer, dicker Hals ließ den Kopf wie direkt auf die breiten Schultern aufgesetzt erscheinen. Niklas hatte das Gefühl, dass Ansgar immer an ihm vorbeisah. Seine eng beieinander sitzenden Augen schielten nämlich leicht. Er mochte ihn von Anfang an nicht.
Als Ansgar sich zum ersten Mal beschweren kam, brachte er einen seiner Gehilfen mit. Niklas stellte erfreut fest, dass es der Junge mit den schiefen Zähnen war, den er damals in Hahnfurt getroffen hatte und der ihm, wenn auch nicht bewusst, den Weg nach Urbrach gewiesen hatte. Seine Blässe hatte er immer noch nicht abgelegt, in der dunklen Kutte der Novizen wirkte er wie ein kleines Gespenst.
»Ich bin Niklas, erkennst du mich wieder?«, fragte er verlegen.
Der Junge schüttelte zuerst den Kopf, dann besann er sich und grinste:
»Mein Name ist Bernard. Ich bin der Bäckergehilfe.«
»Und ich der Brauergehilfe«, erwiderte Niklas stolz.
»Hört auf, hier Reden zu schwingen«, fuhr Ansgar dazwischen, »ich habe ein ernstes Wort mit Thomas zu reden.«
Thomas ließ sich jedoch schnell überzeugen, dass die Brote wirklich nicht so gut schmeckten, und versprach Ansgar, in Zukunft gelegentlich einen Bottich nach alter Machart zu brauen.
Für dieses Bier verwendeten sie aber lediglich die bereits ausgelaugten Treber eines normalen Bieres anstatt frisches Getreide. Dadurch wurde das Bier dünn, farblos und labberig.
»Anderswo nennt man dieses Bier Convent, das ist für die Armen und Pilger«, lachte Thomas. »Zum Brotbacken hingegen ist das Zeug daraus genau richtig.«
Niklas hoffte in den kommenden Wochen, Bernard ab und zu einmal zu treffen, jedoch der volle Tagesablauf und die viele Arbeit ließen das nicht zu. Nur beim gemeinsamen Gebet sah man sich gelegentlich.
Das hopfenlose Bier nannten sie Gruit. Diesen Namen hatte Thomas einmal einen reisenden Mönch sagen hören, der zu Besuch im Kloster weilte. Erst später sollte Niklas lernen, dass man unter Gruit in jeder Region etwas anderes verstand. In jeder Region wuchsen andere Kräuter, die sich als Bierwürze eigneten, und so hatte jeder Brauer, wie schon seine Mutter, sein eigenes Gemisch. Eines freilich war allen Gruitbieren gemeinsam: Sie wurden nach alter Machart, ohne Hopfen, hergestellt.
Eines Tages sagte Niklas zu Bruder Thomas:
»Wenn ich einmal größer bin, in ein paar Jahren, dann werde ich diese Hildegard von Bingen besuchen. Sie scheint viel zu wissen, was uns nutzen kann. Ist es weit nach Bingen?«
Thomas fing an zu lachen und erwiderte:
»Es ist nicht nur weit bis nach Bingen, etwa zehn Tagereisen, sondern du kämst auch viel zu spät. Die edle Hildegard ist schon lange tot. Die Menschen verehren sie dennoch fast wie eine Heilige.«
Niklas bat um ein paar Geschichten aus dem Leben von Hildegard. Thomas erzählte, was er wusste. Und das war nicht wenig.
»Wir haben in unserer Bibliothek ein paar Aufzeichnungen und Briefe über sie. Hildegard wurde sehr alt, über 80 Jahre. Sie war Leiterin des Klosters auf dem Rupertsberg bei Bingen und gründete weitere Klöster. Sie schrieb viel, ihre Werke sind sehr bedeutend nicht nur für die Kirche, sondern auch für die Wissenschaft und die Medizin. Sie schrieb neben Gesängen und Visionen auch über die Heilkraft von Pflanzen, Tieren und Steinen. Ihre Bücher ›Physica‹ und ›Causae et Curae‹ sind in jedem Kloster vorhanden. Zum Fasten hatte sie eine gänzlich andere Einstellung als einige unserer Brüder; obwohl sie gelegentlich gerne Bier trank, schätzte sie das Fasten, weil es ›Türen nach innen öffnet‹.
Was für uns Brauer interessant ist, ist die Tatsache, dass sie als eine der Ersten über diese Hopphopflanze geschrieben hat, der sie diesen Namen gegeben hat. Sie starb nach einem großen Leben im Jahre 1179, also vor 82 Jahren. So, das sollte reichen. Mehr weiß ich im Moment nicht. Wenn du mehr wissen willst, schau in unserer Bibliothek nach.«
Niklas nahm sich das fest vor, kam allerdings in den nächsten Wochen nicht mehr dazu. Das Thema Hopfen beschäftigte ihn nicht weiter; der Gebrauch dieser Pflanze wurde zur Selbstverständlichkeit. Dies sollte noch einige Jahre so bleiben, zumindest, solange er in Urbrach war.
4
Die neue Regelmäßigkeit beim Brauen erlaubte es Niklas, weit schneller und weit mehr, als bis dahin für einen Lehrjungen üblich, zu lernen. Die wiederkehrenden Abläufe des Schrotens mit dem Mörser und des Maischens erledigte er bald schon mit einer Routine, die Bruder Thomas staunen ließ.
Und eines Tages nahm er Niklas mit auf den geheimnisvollen Getreideboden.
Dort angekommen, forderte er Niklas auf:
»Beschreibe mir einmal, was du hier siehst!«
Niklas erkannte einen großen Haufen frischer Gerste, daneben einen zweiten mit der etwas anderen, dunkleren Gerste. Außerdem stand auf dem Boden ein großer Waschzuber und in einer anderen Ecke lag eine Fuhre nasser Gerste, deren etwas modriger und erdiger Duft in seine Nase stieg.
Im Nebenraum sah Niklas einen großen Verschlag, der ein wenig wie ein Ofen aussah und auch ein wenig rauchig, brenzlig roch, jedoch größer war. Auf diesem Ofen befand sich eine Art Plattform. All das teilte Niklas seinem Lehrmeister mit und fragte erstaunt:
»Was geht hier vor, Bruder Thomas?«
Dieser zeigte auf die frische Gerste und meinte:
»Ich nehme hier nur vorweg, was du früher mit deiner Mutter beim Brotbacken mit der Gerste getan hast. Ich weiche die Gerste in Wasser ein und lege sie hier auf den Boden, der auch Tenne genannt wird; daraufhin fangen die Körner an zu leben und zu wachsen. Das Korn wird weich, genau wie beim Backen. Man muss die nasse Gerste nur regelmäßig durch und durch wenden, so wie jetzt«, er nahm eine große Schaufel und wendete die Gerste einmal kräftig von unten nach oben, »sonst wird sie schlecht.«
Danach fuhr er fort: »Nach ein paar Tagen wird die nasse, belebte Gerste auf diesem Ofen getrocknet, den wir Darre nennen. Dadurch wird die Gerste wieder haltbar und ist zum Bierbrauen bestens geeignet. Hier, koste mal davon.«
Er reichte seinem Lehrjungen einige Körner und der erkannte sofort, dass sie süßer schmeckten als normale Gerste.
»Die Körner werden beim Backen süßer und dunkler, dem Bier ähnlich. Und das Gleiche passiert hier, wir können jedoch alles Getreide verwenden und müssen nichts erst außen anbrennen lassen, um das Innere zu nutzen. Außerdem werden die Körner erheblich haltbarer. Ich kann sie noch nach Monaten verwenden!«
Niklas erkannte gleich die große Bedeutung dessen, was Thomas ihm hier gezeigt hatte.
Im zweiten Jahr, als Niklas in Urbrach war, beschlossen die Brüder, eine neue Mühle zu bauen. Die alte Mühle war eine Reibmühle mit zwei runden Steinen. Einer der Brüder hatte auf einer Wallfahrt einen neuen Mühlentyp gesehen und sich Notizen darüber gemacht. Nach dieser Vorlage sollte jetzt gebaut werden. Es dauerte einige Wochen, den mächtigen Ständer mit seinen Kreuzstreben und Kreuzschwellen zu errichten. Die großen Windflügel waren danach aber schon von Weitem zu sehen. Nach Abschluss der Bauarbeiten durfte auch Niklas die neue Mühle besichtigen. Thomas führte ihn herum.
»Hier siehst du den Bodenstein mit dem Zapfen, der daraus hervorschaut. Auf diesem Zapfen hängt jetzt der Läuferstein. Der kann nun frei pendeln und dadurch viel besser mahlen. Man nennt diesen neuen Typus Schwenkmühle. Aber die größte Neuerung ist, dass der ganze Raum, in dem wir stehen, dieser Mühlenkasten, sich im Wind mitdreht. Dadurch kann unser Molinarius die Mühle immer in den Wind stellen und ist nicht länger auf die Windrichtung angewiesen.«
Auch hier dachte sich Niklas, dass diese Neuerung ihm in Zukunft in der Brauerei behilflich sein könnte.
Drei Jahre gingen vorbei. Niklas war immer noch mit Leib und Seele Bierbrauer. Die klösterlichen Pflichten verrichtete er mehr schlecht als recht, gerade so, um nicht aufzufallen, er zeigte aber keine übermäßige Begeisterung.
Im Jahre 1264 beschloss Abt Kilian, die Brauerei zu vergrößern und teilweise neu zu bauen. Bei dieser Gelegenheit bat er die Brüder Thomas und Niklas zum Gespräch.
»Ich bin sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie ihr beide die Brauerei betreibt. Aber vergesst ihr nicht manchmal die Dinge der Kirche und des Glaubens? Etwas mehr Freude, Demut und Gottesfurcht hierbei stünde auch euch beiden gut zu Gesicht!«
Die Angesprochenen blickten betroffen zu Boden, entschuldigten sich und versprachen Besserung. Sie wussten, dass ihre Arbeit für das Kloster unabdingbar war und Kilian sie unmöglich aus der Brauerei versetzen konnte. Die Gelegenheit, die Brauerei nach ihren Vorstellungen zu erweitern, musste genutzt werden.
Kilian fragte die Brüder nach ihren Ideen und besonders Niklas vergaß alle Demut und sprudelte nur so über:
Er würde die großen Maischbottiche einen über den anderen stellen, aber trotzdem nebeneinander.
»So, dass wir den oberen noch leichter über einen Hebel umkippen könnten zum Ausleeren in den niedrigeren. Vielleicht finden wir auch einen Weg, um das Abseihen der Maische mit den Weidenkörben zu erleichtern.«
Außerdem würde er einen festen, gemauerten Ofen unter dem niedrigeren Bottich bauen, »damit man gleich gut einheizen kann und nicht immer mit heißem Wasser aufgießen muss«.
Daraufhin staunte Kilian nur und sagte:
»Und wie willst du den Boden machen, wenn auf der unteren Seite das Feuer ist und darüber unsere Maische? Es gibt noch keine Methode, so große Töpfe aus Eisen zu bauen, wie wir sie hier benötigen. Zumindest keine Töpfe, die dicht sind. Wie wir das Abseihen erleichtern wollen, das könnt ihr euch ja in nächster Zeit überlegen. Deine Vorschläge sind gut, aber zu viele Neuerungen erwecken Misstrauen bei unseren Mitbrüdern. Lasst uns daher nur die wichtigsten umsetzen.«
Und so wurde die neue Brauerei nur mit teilweisen Verbesserungen gebaut.
Jedoch besonders die neue Anordnung der Maischbottiche zeigte große Vorteile. Bei den Mengen, die sie mittlerweile produzierten, wäre es nicht mehr so leicht gewesen, einen Bottich in den nächsten umzufüllen, wenn die beiden auf gleicher Ebene gestanden hätten. So aber war es recht einfach.
Nur das Zubrühen mit kochend heißem Wasser war nach wie vor mühsam. Da hatten sie trotz vieler Überlegungen noch keinen anderen Weg gefunden.
Niklas machte sich weiterhin Gedanken, wie man die festen und flüssigen Bestandteile voneinander trennen könnte. Sie und eigentlich alle anderen Brauer fischten mit Körben die festen Bestandteile der Körner aus der heißen Flüssigkeit heraus. Das war nicht nur mühsam, sondern ließ immer viel zu viele Körner in dem Sud zurück.
Als sie mit dem Maischen wieder einmal so weit fertig waren, dass der Bottich praktisch leer war und nur die letzten Reste der festen Bestandteile darin lagen, lehnte sich Niklas wie immer ganz tief in den Bottich, in der Hand einen kleinen Abseihkorb.
Während er mit dem Korb hantierte, blieb sein Blick plötzlich an einem Zeichen hängen, das in den Bottichboden eingebrannt war. Es war ihm vorher noch niemals aufgefallen. Er hielt das Zeichen zuerst für den Stempel des Tischlers, der den Bottich gezimmert hatte.
Aber dann müsste er es schon des Öfteren gesehen haben, da alle Tische, Stühle und Schränke vom gleichen Tischler gemacht waren. Das seltsame Zeichen bestand aus zwei Dreiecken, die so ineinander gelegt waren, dass sie einen sechszackigen Stern bildeten.
Niklas erinnerte sich plötzlich, dass er dieses Zeichen bereits zweimal gesehen hatte. Einmal zu Hause in Hahnfurt, dort hatte seine Mutter eines Tages einen derartigen Stern, aus Holz geschnitzt, über die Tür gehängt. Zum zweiten Mal war ihm dieses Symbol aufgefallen, als er mit seinem Vater nach Urbrach unterwegs gewesen war. Sein Vater hatte auf das Schild gezeigt und gemurmelt: »Dort wohnt ein Geldverleiher, ein Jude, ein Christusmörder.«
Wie kam dieses Zeichen hierher in die Brauerei? Wie passte es zu seiner Mutter? Und wieso deutete es auf einen jüdischen Geldverleiher?
Niklas’ Gedanken schwirrten umher, er wollte nach Antworten suchen.
Aber wo?

Der ›Pyrprew Herrtel‹ aus der Chronik von Konrad Mendel (1388) ist die älteste Darstellung eines deutschen Bierbrauers. Man beachte den Stern links oben.
5
Eine günstige Gelegenheit zum Fragen ergab sich am nächsten Brautag. Niklas ging wie immer zum Maischbottich, um die zerkleinerten Malzkörner hineinzuschütten. Er tat so, als entdecke er das Zeichen zum ersten Mal, und fragte Thomas ganz arglos:
»Wer war denn eigentlich der Zimmermann, der als Zeichen seiner Arbeit hier drin den sechszackigen Stern hinterlassen hat?«
Thomas schaute ernst, zu ernst, wie Niklas fand, und sagte:
»Ich weiß nicht, ob ich dir das schon sagen kann. Es kann sein, dass du bereit bist, aber ich muss noch einmal darüber schlafen. Wenn ich über Nacht zu dem Entschluss komme, dich in dieses Symbol einzuweihen, musst du mir ewiges Stillschweigen versprechen.«
Niklas spürte, wie sein Herz bebte!
Noch ein Geheimnis!
Er antwortete sofort, ohne lange nachzudenken:
»Sicher doch. Was immer das Geheimnis ist, bei mir ist es gut aufgehoben.«
Er schlief unruhig in dieser Nacht und dachte voller Hoffnung an den nächsten Tag.
Sie trafen frühmorgens im Brauhaus ein, doch Thomas nahm ihn gleich mit in die Bibliothek.
»Hier können wir zur Not nachlesen, falls dir nicht ausreicht, was ich dir an Wissenswertem zu diesem Zeichen erklären kann. Aber nun sag mir bitte, ob du ein solches Hexagramm, wie der sechszackige Stern auch heißt, schon einmal gesehen hast?«
Niklas erzählte von seiner Mutter und von dem jüdischen Geldverleiher.
Thomas hielt die Hände vor seinen Bauch, dessen Konturen durch die Kutte gut zu erkennen waren, dann wackelte er mit seinem fast kahlen Kopf hin und her.
»Ich glaube, du hast da etwas verwechselt. Bist du sicher, dass der Stern von deiner Mutter sechs Zacken hatte? Ich vermute, dass sie einen Fünfzack, ein Pentagramm, über die Tür gehängt hat. Dieses Pentagramm ist ein Zeichen des Aberglaubens, eines der ältesten überhaupt. Andere Namen dafür sind Drudenfuß, Nornenstapfe oder Maarfuß. Wenn du später einmal die Namen Signum Sanitatis oder Pentakel hören solltest, auch die sind gleichbedeutend mit dem Pentagramm. Damit du nicht denkst, ich wüsste dies alles auswendig: Die Frist von einer Nacht habe ich gebraucht, um noch einmal alles nachzulesen, was ich dir heute erzählen möchte.«
Er holte tief Luft und fuhr fort:
»Das Pentagramm war bei den alten Griechen ein Symbol für Gesundheit und Kraft, später zusätzlich für Vernunft, Denken und den Wahrheit suchenden Geist.
Die fünf Zacken stehen für die fünf Elemente: Feuer, Wasser, Luft, Erde und Geist.
Auf dem Kopf stehend, war es jedoch immer ein Symbol für Schwarze Magie und Hexerei.
Und hier hat sich wahrscheinlich deine leichtgläubige Mutter zu einem Aberglauben verleiten lassen.
Sie glaubte wohl, damit böse Geister von eurem Haus fernhalten zu können. Diese dummen Aberglauben sind sogar in heutigen, christlichen Zeiten leider noch weit verbreitet.
Aber in jedem Falle ist das Pentagramm kein Symbol Gottes und der Kirche, im schlimmsten Falle ist es ein Zeichen des Teufels. Also, halte dich davon fern und achte genau darauf, es nicht zu verwechseln.«
Bruder Thomas legte eine kurze Pause ein, trank einen Schluck Bier aus dem Krug, den er mitgebracht hatte, und fuhr weiter fort:
»Das Zeichen, bei welchem dein Vater wohl abfällig ›Jude‹ gesagt hat, ist dieser Sechszack. Lass mich dir erklären, welche Verbindung das Judentum mit unserem Maischbottich hat.
Dieses Zeichen ist uralt, wahrscheinlich älter als das Pentagramm. Es wurde überliefert von den Stämmen der Semiten, aus deren Reihen ja der König David hervorging.
Daher wird das Hexagramm auch Davidstern genannt. Überliefert ist ebenso, dass der Stern im Siegelring König Salomos eingeschnitten gewesen war. Die zwölf Stämme Israels werden durch die zwölf äußeren Ecken des Sterns symbolisiert.«
Niklas gähnte verstohlen, er verstand nicht, was hier so geheimnisvoll sein sollte. Er wollte keine Bibelstunde, er wollte ein großes Geheimnis erfahren – und nun dies!
»Gedulde dich noch kurz, bald wirst du den Zusammenhang verstehen«, versprach Thomas.
»Im Laufe der Jahrhunderte wurde der Davidstern zum Zeichen des jüdischen Glaubens. Da die Juden bestimmte Berufe ausüben dürfen, die Christenmenschen verboten sind, ist es einfach, dies mit dem Davidstern anzuzeigen. Zu diesen Berufen gehört unter anderem, Geld gegen Zinsen zu verleihen, was guten Christenmenschen zum Glück untersagt ist. Solltest du also einmal Geld brauchen, was Gott verhüten möge, musst du lediglich nach diesem Stern suchen.«
Niklas stand die Ungeduld ins Gesicht geschrieben.
»Warte, gleich bin ich so weit«, sagte Thomas. »Das Hexagramm wird ebenfalls seit langer Zeit als Symbol gegen böse Dämonen verwendet. Dies ist natürlich genauso Aberglauben, aber immerhin keine schwarze Magie. Und damit wären wir am Ende der ersten Lektion. Die diente eigentlich nur dazu, dir zu zeigen, was das Hexagramm in der Brauerei n i c h t ist. Verstehst du?«
Niklas schüttelte enttäuscht den Kopf. Er verstand überhaupt nichts. Nicht mit einem Wort hatte Bruder Thomas ihm erklärt, wie das Zeichen in den Bottich gekommen war, und nichts von dieser Lektion hatte nach einem Geheimnis geklungen.
Thomas lachte und sagte:
»Sei nicht unglücklich, wir sind ja noch nicht fertig. Jetzt kommt der spannende Teil:
Vor etwa 400 Jahren wurde in den ersten Klöstern zum ersten Male Bier gebraut. Was diese Brüder ›Bier brauen‹ nannten, unterschied sich stark von allem, was bis dato als Bier bekannt war.
Und natürlich gab es auch damals schon gute und schlechte Brauer. Ebenso gab es Brauer, die ihr Wissen aus eigenem Antrieb erweiterten, und Brauer, die ihr Wissen lieber von anderen stahlen. Innerhalb weniger Jahre entstand ein Zirkel von Klosterbrauern, die untereinander neue Erkenntnisse, Erfahrungen und Erfindungen austauschten und die sich mit einem Eid vor dem allmächtigen Gott verpflichtet hatten, immer nur das bestmögliche Bier zu brauen und niemals Bier mit neuen Kräutern oder Wurzeln zu versetzen, ohne dass man sie vorher an der eigenen Person ausprobiert hatte.
Auf diese Weise wollte man sich von denen absondern, die Bier als vulgäres, billiges Gesöff betrachteten oder deren Bier so schlecht war, dass die Brauer eine Gefahr für die Menschen darstellten.
Und damit man erkannte, wer zum Zirkel dieser ›Reinen Brauer‹ gehört, brauchte es ein geheimes Zeichen. Aus irgendeinem Grund, frag mich bitte nicht warum, fiel die Wahl auf das Hexagramm.
Ich habe sagen hören, der Stern stehe für unsere wichtigen Brau-Elemente: Die Erde, auf der wir beim Brauen stehen, das Wasser, welches ein wichtiger Teil des Bieres ist, die Luft, die das Bier gären macht und das Feuer, das uns die Würze kocht. Die beiden anderen Zacken symbolisieren angeblich unsere beiden Rohstoffe:
Das Korn, aus dem die Essenz des Bieres kommt, und die Kräuter, beziehungsweise heute der Hopfen, der dem Bier die Würze gibt.
Ich weiß nicht, ob es stimmt. Aber an diesem Stern kannst du erkennen, ob ein Brauer unserem Ethos verpflichtet ist.
Solltest du später in deinem Leben einmal andere Brauhäuser besuchen, schau im Maischbottich nach, ob du das Hexagramm findest.«
Dann sah er Niklas mit feierlicher Miene an und nahm ihm das Gelöbnis ab, zu den ›Reinen Brauern‹ zu gehören.
»Dieser Eid bindet dich ein Leben lang.«
Niklas versprach, immer fest zu dieser Verpflichtung zu stehen, obwohl er nicht ahnen konnte, auf wie viele Proben diese Standfestigkeit in seinem weiteren Leben noch gestellt werden würde.
6
An einem Morgen Anfang März 1265 verzögerte sich das Maischen um eine Weile. In der Regel teilten sie die Arbeit so ein, dass sie beide während des Brauens eine Pause einlegen konnten, um zu Tisch zu gehen. Während Niklas noch mit dem Mörser hantierte, hatte Thomas seinen Teil der Arbeit schon erledigt.
»Ich gehe zu Tisch«, sagte er, »du kommst dann nach.«
Bis Niklas zum Essen erschien, hatten die anderen ihre Mahlzeit bereits beendet und Thomas kehrte ins Brauhaus zurück. Niklas aß allein, ging dann wieder ins Brauhaus, konnte aber Bruder Thomas nicht finden.
Niklas rief nach ihm und lief umher, um ihn zu suchen. Noch nie hatte er seine Arbeit mittendrin verlassen; das heiße Wasser hätte längst aufgegossen werden sollen! Schließlich lief er zum Maischbottich, da erblickte er ihn. Es sah aus wie ein Bild aus der Hölle!
Thomas war anscheinend auf dem Podest gestolpert und mit dem heißen Kessel in den Händen in den Bottich gefallen.
Seine Augen starrten leblos aus dem roten, verbrühten Gesicht. Von den Knien an aufwärts lag er im Bottich mit der heißen Maische, nur seine Füße ragten über den Rand. Kein Zweifel, er war tot!
Der verdrehte Oberkörper und die am Bottichrand festgekrallten Hände zeigten Niklas, dass sein tapferer Lehrmeister noch um sein Leben gekämpft hatte, bevor die Verbrühungen ihm so zugesetzt hatten, dass er aufgab.
Da das neue Brauhaus großzügig bemessen worden war, lag es etwas abseits. Bestimmt hatte Bruder Thomas nach Hilfe gebrüllt und gerade da war er, Niklas, nicht da gewesen.
Unfähig, einen klaren Gedanken zu fassen, stand er da und bemerkte, wie ihm die Tränen die Backen hinabliefen.
Er wusste nicht mehr, wie lange er so dagestanden hatte. Schließlich riss er sich zusammen und ging näher an die Leiche heran. Er überlegte, ob er sie allein aus dem Bottich ziehen könnte oder ob er Hilfe holen sollte.
Während er so davor stand und mit sich rang, betrat plötzlich Bernard von Dauerling das Brauhaus. Voller Schrecken erfasste er schnell die Situation und lief los, um Ansgar und andere Helfer herbeizuholen.
Mit vier Mann hievten sie den heißen, verbrühten Körper aus dem Bottich heraus und legten ihn auf den Boden.
»Weißt du, wie das passiert ist?«, herrschte Ansgar Niklas an. »Oder warst es am Ende du, der ihm einen heimtückischen Stoß versetzt hat? Du kannst wohl nicht schnell genug Vorsteher der Brauerei werden?«
Die älteren Männer befragten auch Bernard, ob er etwas gesehen habe, was dieser verneinte. Er gab Niklas mit der Hand ein kurzes Zeichen und grinste ihn mit seinen schiefen Zähnen an, was Niklas so verstand, dass Bernard ihm helfen wollte.
Niklas stand den Vorwürfen völlig fassungslos gegenüber. Er hätte niemals nur im Traum daran gedacht, dass ihm so etwas passieren könnte. Alles, was er die letzten sechs Jahre gelernt hatte, erschien ihm mit einem Mal bedeutungslos.
Erstaunlicherweise fühlte er sich mitschuldig am Tod seines Lehrers.
Am nächsten Tag kamen alle Bewohner des Klosters zusammen. Abt Kilian betrauerte den Tod von Bruder Thomas, lobte seinen Charakter, seinen Glauben und seine Brauerkenntnisse und verkündete die Vorkehrungen zu seinem Begräbnis.
Dann wandte er sich vor dem versammelten Kapitel an Niklas:
»Niklas, du bist jetzt einige Jahre bei uns hier in Urbrach. Niemals hast du dir etwas zuschulden kommen lassen. Einige unserer Brüder«, mit einem kurzen Seitenblick auf Ansgar, »behaupten, dass du an dem Unfall nicht ganz unschuldig gewesen seist. Ich meine zu sehen, dass deine Trauer echt ist, und glaube dir, dass dich an diesem grauenhaften Unfall keine Schuld trifft. Dennoch gibt es Regeln hier im Kloster. Und eine davon besagt, dass im Fall einer unbewiesenen Anschuldigung ein Gottesurteil zur Anwendung kommt. Diese Vorschrift ist sehr alt und sehr unüblich, und ein Gottesurteil wurde hier bei uns in Urbrach noch niemals ausgeführt. Trotzdem frage ich dich: Wirst du dich diesem Urteil stellen, egal, wie es aussieht und wie es ausgeht? Du solltest wissen, dass aufgrund eines Gottesurteils niemand verurteilt werden kann. Eine Schuldaussage in diesem Falle gilt lediglich innerhalb unseres Ordens. Das Schlimmste, was dir geschehen kann, ist die Verbannung aus Urbrach.«
Niklas zögerte kurz.
»Wenn es Euer Wunsch ist und ich dadurch meine Unschuld beweisen kann, werde ich jedes Gottesurteil annehmen.«
Kilian fuhr fort:
»Wir werden morgen nach der Vesper zusammenkommen, um das Urteil zu vollstrecken.«
Damit war die Versammlung beendet und Niklas verbrachte eine schlaflose Nacht. Er hatte schon von Gottesurteilen gehört, aber nie geglaubt, dass es einmal ihn treffen würde. Es gab zum Beispiel die Methode, jemanden in den Teich zu werfen. Schwamm man oben, war er oder sie schuldig; ging er oder sie unter, galt es als Zeichen der Unschuld.
Niklas hoffte nur, dass Kilian sich ein Gottesurteil ausdachte, bei dem er eine Möglichkeit hatte, mit heiler Haut herauszukommen.
Der nachfolgende Tag tröpfelte für Niklas zäh dahin. Er wünschte sich nichts sehnlicher, als die kommende Herausforderung schon abgeschlossen zu haben.
Schließlich war es so weit.
Kilian und fünf ausgesuchte Brüder kamen, um ihn abzuholen. Rainald, der Prior Karlmann, ein anderer Kilian, Otto und Michael waren gemeinsam mit dem Abt die ältesten und klügsten Mönche.
Sie gingen zusammen in die Brauerei, in der trotz der aus diesem Anlass verhängten Braupause alle Öfen brannten.
Kilian stellte sich vor Niklas:
»Wir haben lange überlegt, welches Gottesurteil wir dir zukommen lassen. Dabei sind wir zu dem Entschluss gelangt, dass es etwas mit dem Vergehen zu tun haben sollte, dessen man dich bezichtigt. Bruder Thomas ist in der Maische verbrannt, daher wollen wir sehen, ob du der Hitze besser standhalten kannst.«
Niklas fuhr der Schreck in alle Glieder und er konnte einen Schrei gerade noch unterdrücken.
»Wir werden gleich einen heißen, glühenden Stein aus dem Ofen holen und in deine Hand legen. Hältst du den Stein so lange fest, wie diese Sanduhr hier läuft, hat Gott dich diese Prüfung bestehen lassen. Lässt du ihn fallen, musst du uns verlassen.«
Niklas nickte mit dem Kopf, holte tief Luft und versuchte, sich gegen den überwältigenden Schmerz zu wappnen, der ihn gleich erwartete. Einer der Brüder ging zum Ofen, holte mit der Zange einen faustgroßen Stein heraus und kam näher.
Die Sanduhr wurde umgedreht.
Dann setzte der Schmerz ein!
Niklas schrie auf und versuchte mit allen Mitteln, seine Beherrschung zu behalten und den Stein nicht fallen zu lassen.
Und genauso plötzlich, wie der Schmerz gekommen war, war er auch schon wieder vorbei.
Mit einem Mal erkannte Niklas, dass dies nicht viel schlimmer war als dutzende Male vorher, wenn die heiße Maische über seine Hand lief.
Die Hornhaut, die sich über die Jahre auf seiner Hand gebildet hatte, war ihm endlich von Nutzen: Es schmerzte, jedoch nicht so, dass er es nicht aushalten konnte.
Die Sanduhr lief schneller leer, als er dachte. Die sechs Brüder, die im Halbkreis um ihn standen, sahen ihn mit Verwunderung an, unter die sich Achtung mischte.
Kilian entnahm den abgekühlten Stein aus Niklas’ Hand. Ein anderer Bruder schüttete kaltes Wasser über die Hand, legte einige kühlende, minzeartig duftende Kräuter darauf und wickelte ein Tuch darum.
Kilian meinte:
»Ich weiß nicht, wie du es geschafft hast, doch es ist deutlich, dass du den Gottesbeweis eindeutig für dich entschieden hast. Von heute an bist du der Vorsteher unserer Kloster-Brauerei. Und unserem Bruder Ansgar wird ein wenig Eremitendasein gut tun. Vier Wochen lang soll er fasten und beten. Bernard soll in dieser Zeit unsere Brote allein backen.«
7
Niklas bemühte sich in den folgenden Wochen mit unglaublichem Arbeitseinsatz in der Brauerei, das Geschehene vergessen zu machen. Sein Bier war besser als je zuvor, die meisten Brüder lobten ihn auch dafür.
Aber immer wieder gab es Sticheleien und hinterhältige Bemerkungen. Besonders Ansgar, den der Monat verordneter Klausur nicht geläutert hatte, bewegte sich mit seinen Sprüchen oft am Rande der Beleidigung.
Wenn es ihn in die Brauerei verschlug, um Hefe oder anderes abzuholen, ging er nie zu Niklas, sondern fragte immer zuerst einen der zwei neuen Brauernovizen, die Niklas mittlerweile zugeteilt worden waren.
Musste er durch die Brauerei gehen, machte er demonstrativ einen großen Bogen um die Maischbottiche, so als fürchte er, hineingestoßen zu werden.
War Niklas in der Nähe, machte Ansgar vor den Brauerjungen Bemerkungen wie »Pass doch auf mit der Maische, fast hättest du mich verbrüht!« oder »Sieh dich vor, dass du niemals alleine mit deinem Meister hier bist!«.
Ab und zu gerieten die beiden aneinander, standen sich gegenüber und rempelten sich wie junge Hirsche an, zu Gewalttätigkeiten oder Schlägereien kam es zum Glück aber nie. Zu sehr respektierten beide die Klosterordnung, die solches nicht toleriert hätte.
Wenn Niklas einmal mit Bernard zusammentraf, was selten genug vorkam, lästerten sie beide über Ansgar, wenngleich aus unterschiedlichen Gründen. Für Bernard war Ansgar ein harter Lehrmeister, der sogar vor Schlägen nicht zurückschreckte. Bernard ließ niemals durchblicken, ob er Niklas um Thomas beneidet hatte. Eigentlich war Niklas als Vorsteher der Brauerei schon weiter als Bernard, der sich Ansgar unterordnen musste.
Da beide das Interesse an Getreide und dem, was man daraus machen konnte, teilten, gab es immer etwas zu reden. Bei einer dieser Gelegenheiten erzählte er Bernard von den ›Reinen Brauern‹ und fragte, ob es so etwas wie die ›Reinen Bäcker‹ gäbe. Bernard lachte, konnte ihm darauf jedoch keine Antwort geben.
»Da, wo man das Brot verkauft, wird ganz sicher immer betrogen und gelogen. Bei uns hingegen nicht, da wir nur unser eigenes Getreide verbacken und wir nur unserer Brüderschaft verpflichtet sind.«
Er versprach Niklas dennoch, einmal auf Zeichen zu achten, die auf einen Geheimbund der Bäcker hindeuten könnten.
Niklas war zwar nicht auf Streit mit Ansgar aus, vernachlässigte jedoch mit Absicht die Pflege des Gruit-Zeugs, welches Ansgar dringend für sein Brot benötigte. Da Ansgar es nicht wagte, Niklas offen anzugreifen, war dies eine gute Möglichkeit für Niklas, es ihm heimzuzahlen.
Tatsächlich wurde das Hefebrot immer schlechter und schlechter. Anfangs suchten die Brüder Ersatz, indem sie mehr Bier tranken.
Eines Tages aber wurde es Kilian zu viel. Er ließ die beiden Streithähne zu sich kommen und gab ihnen eine Woche Zeit, ihre Probleme zu schlichten. Sollte bis dahin keine Einigung erzielt sein, würde er eine Entscheidung treffen.
Niklas aber hatte bereits heimlich begonnen, sich nach einer neuen Brauerei und somit einem neuen Kloster umzuhören.
Er war die täglichen Grabenkämpfe und Sticheleien leid. Auch wenn er fühlte, dass die Mehrheit der Brüder im Kloster Urbrach auf seiner Seite war und sein Bier sehr schätzte, war dennoch keiner stark genug, Ansgar die Stirn zu bieten und ihm vor versammelter Gemeinschaft entgegenzutreten. Sogar auf Bernard konnte er hierbei nicht zählen, der war selber zu jung und ohne Einfluss auf Ansgar. Außerdem, so vermutete Niklas, war sogar Bernard als Bäcker mittlerweile wütend auf ihn wegen der Qualität des Zeugs. Nur, wie sollte er einen Abschied inszenieren, bei dem er in Würde gehen konnte? Wie konnte er Kilian überzeugen, dass er ungern ginge, es aber für das Kloster das Beste wäre? Er wollte einfach nur hören, dass ihn jemand vermissen würde, wenn er wegginge; und sei es nur um seines Bieres willen.
Nach einigen durchwachten Nächten, in denen er wie im Fieber dalag und über seine Zukunft nachdachte, suchte er schließlich ein Gespräch mit seinem Abt. Niklas beichtete Kilian sein Unbehagen in Urbrach in der letzten Zeit und bat darum, das Kloster verlassen zu dürfen. Kilian bedauerte den Entschluss und fragte, ob er denn die Brauer, die mittlerweile angelernt waren, für ausreichend fähig halte.
»Ich traue beiden zu, die Brauerei gut zu führen. Zwei Jahre mit mir und Thomas sollten genügen.«
»Nun denn, mein lieber Niklas, ich denke, man sollte nicht zu leicht aufgeben, wenn man von einer Sache überzeugt ist. Aber ich sehe dein jugendliches Feuer und deine Ungeduld. Vielleicht kommst du später zu dem Entschluss, dass deine Entscheidung, uns zu verlassen, ein Fehler war. Dann bist du jederzeit wieder in unserer Mitte willkommen. Wir werden dich im Herzen behalten und hoffen, dass du deinen Weg finden wirst.«
Kilian machte eine kurze Pause und sah Niklas fragend an:
»Weißt du denn schon, wohin du gehen möchtest? Unser Orden hat einige andere Klöster, die sicherlich froh wären, einen Brauer wie dich zu haben. Wenn du dich ein paar Wochen geduldest, kann ich Boten aussenden und zusehen, wo du am besten unterkommst.
In der Nähe von Bamberg gibt es das Kloster Ebrach, weiterhin könnte ich dich nach Fürstenfeld vermitteln. Dort gibt es ein recht neues Kloster, das der Regent Ludwig der Zweite, den sie auch den Strengen nennen, vor etwa 20 Jahren gegründet hat.
Dort suchen unsere Mitbrüder immer tüchtige Mönche. Als Drittes könnte ich dir noch meine Vermittlung zum Kloster Heilsbronn in der Nähe von Eichstätt anbieten. Dieses wurde bereits vor über 100 Jahren gegründet, von dem berühmten Bischof Otto von Bamberg. Was sagst du?«
Niklas hörte jedoch eigentlich nur mit halbem Ohr hin, weil er seine Entscheidung bereits getroffen hatte.
»Ich möchte nach Freising gehen. Dort gibt es auf dem Nährberg das Kloster Weihenstephan. Das ist gerade dabei, sich durch sein Bier bekannt zu machen. Es sind zwar Benediktiner, ich hoffe dennoch, dass sie mich aufnehmen werden.«
Kilian war überrascht, als er vor diese vollendeten Tatsachen gestellt wurde. Dann bemerkte er, dass sich Niklas die Sache schon vorher wohl überlegt hatte, und ein Grinsen ging über sein Gesicht.
»Ich hätte mir die lange Rede sparen können. Wie auch immer, ich werde dir einen Brief mitgeben, der dir hoffentlich ein paar Türen öffnet. Wann möchtest du uns verlassen?«
»In zwei Tagen sollte ich reisefertig sein.«
»Geh noch beim Hofmeister vorbei und lass dir ein paar Pfennige für die Reise geben. Der Weg nach Freising ist lang und du wirst nicht immer in anderen Klöstern übernachten können. Ich werde außerdem eine Nachricht an deine Eltern schicken, damit sie Bescheid wissen.«
Niklas bedankte sich und ging.
Am übernächsten Tag war es so weit: Ein kleines Bündel, verschnürt auf dem Rücken, war Niklas’ ganzes Gepäck. In einem kleinen Lederbeutel klimperten ein paar Kupferstücke, die Luft war erfüllt von Abschiedsstimmung.
Einige der ihm wohlgesinnten Brüder hatten sich beim Tor versammelt, als er nach fast sechs Jahren das Kloster Urbrach verließ. Bernard war natürlich dabei und drückte ihm zum Abschied die Hand.
»Hoffentlich sehen wir uns einmal wieder«, das waren die einzigen Worte, die er zu hören bekam.
Die anderen Brüder winkten ihm zum Abschied, sagten aber nichts.
Dass Ansgar fehlte, hatte er erwartet.
In dem Moment, wo er die Pforte zur Außenwelt durchschritt, erkannte Niklas plötzlich, dass er zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt Geld besaß. Und dass er gerade 18 Jahre alt geworden war.
8
Der Weg nach Freising verlief einfach und ohne Schwierigkeiten. Zuerst hielt er sich auf der alten Handelsstraße von Nürnberg in Richtung Wien. In Neumarkt wandte er sich nach Süden und überquerte die Altmühl bei Bilingriez (Beilngries).
Es war April, die gute Reisezeit hatte angefangen. Die Strafen für Räuber, die sich an Geistlichen oder Ordensmitgliedern vergriffen, waren erheblich höher als jene für Überfälle auf einfache Leute. Somit konnte man sich in einer Kutte ziemlich sicher fühlen, zumal bekannt war, dass die Ordensbrüder immer mit wenig Geld und ansonsten nur mit dem Notwendigsten unterwegs waren.
Die weitere Strecke führte durch das ziemlich sichere Gebiet der Grafen von Moosburg.
Nach fünf Tagen klopfte er an die Pforte des Klosters Weihenstephan, übergab den Brief von Abt Kilian und fragte nach dem Vorsteher. Man ließ ihn ein paar Stunden warten, ehe er eintreten durfte.
Als er dem Abt endlich gegenüberstand, wusste er, dass sehr viel von dieser ersten Begegnung abhing. Der Abt war ungefähr doppelt so dick wie Kilian, nur etwas kleiner. Die wenigen kurzen, blonden Haare, die ihm die Tonsur gelassen hatte, fielen fast gar nicht auf, sodass er beinahe glatzköpfig wirkte. Aber eine dicke, fleischige Nase und ein großer Mund mit erstaunlich vielen und weißen Zähnen verrieten eine gewisse Lebensfreude. Der Mann, wiewohl Abt, schien gerne zu lachen.
Er stellte sich vor mit dem Namen Arnold, »wie der Abt Arnold, der dem Bischof Engilbert von Freising seinerzeit das Brau- und Schankrecht abgehandelt hat. Wir hier im Kloster Weihenstephan haben bereits seit über 200 Jahren die Erlaubnis zum Bierbrauen!«
Arnold hielt den Brief in der Hand.
»Sag mir bitte, warum du zu uns gekommen bist!«
Niklas erzählte seine Geschichte und vom Tode Thomas’. Zusätzlich betonte er noch seine eigene Liebe zum Bierbrauen sowie den guten Ruf, den sich das Kloster Weihenstephan in den letzten 200 Jahren erworben hatte.
»Weißt du, dass wir bei den Benediktinern nach etwas anderen Regeln leben als bei den Zisterziensern? Die Unterschiede sind zwar gering, dennoch sollte dir bewusst sein, dass wir eine andere Ordensgemeinschaft sind.«
Niklas bejahte und gab wieder, was er über die Benediktiner wusste. Das meiste hatte ihm Thomas beigebracht, als er in den Anfängen seiner Zeit in Urbrach stand.
Arnold holte aus:
»Wir Benediktiner haben einige der ältesten und berühmtesten Klöster im ganzen Land gegründet. Klöster wie Benediktbeuren oder Tegernsee sind schon 500 Jahre alt. Es gibt jedoch auch neuere Gründungen wie das Schottenkloster in Würzburg.
Wir Weihenstephaner gehen eigentlich auf den heiligen Korbinian zurück. Das war ein Wanderbischof, der im Jahre 720 auf den Nährberg kam und dort eine Mönchszelle neben der Stephanuskirche errichtete.«
Er lächelte und ergänzte:
»Was unser Korbinian neben seinen heiligen Taten für Tollkühnheiten vollbrachte, erfährst du vielleicht ein andermal.«
Dann fuhr er fort:
»100 Jahre später gründete dann Bischof Hitto unser Kloster. Benediktiner sind erst seit 1021 hier in Weihenstephan. Die Mönche, die vorher hier waren, haben damals alles mitgenommen und wir haben praktisch wieder ganz von vorne angefangen.«
Weiter erklärte er Niklas:
»Nur die Brautradition, nach der du hier in Weihenstephan suchst, ist älter als die Benediktiner. Sogar unsere Vorgänger, die Kanoniker, hatten, aller Askese zum Trotz, bereits Bier hergestellt und gar kein schlechtes, wie uns überliefert wurde.«
Jetzt wedelte Arnold mit dem Brief in der Hand.
»Nun zu dir. Ich habe vorab, bevor ich deinen Brief gelesen habe, von Bruder Thomas’ Unfall und den Schuldvorwürfen gegen dich gehört. Ebenso von diesem fragwürdigen Gottesurteil und wie du daraus hervorgegangen bist. Ich verlasse mich dennoch lieber auf meinen persönlichen Eindruck als auf diese Art von Urteil. Und mein erster Eindruck ist, dass du kein Mörder bist. Außerdem sollst du ein guter Brauer sein.
Ich denke, wir werden dich in unserer Mitte willkommen heißen. Du weißt, dass unser Kloster nicht so von Glück gesegnet ist wie Urbrach. Unsere Mauern sind immerhin bereits zweimal abgebrannt.
Die Klostergebäude wurden von den Ungarn im zehnten Jahrhundert zweimal komplett zerstört. Und wir haben aufgrund von Missernten und Hungersnot mehrmals nicht brauen können.
Zudem ist unser Bruder Joachim, der zusammen mit Bruder Peter für die Brauerei zuständig war, am Schwarzen Tod gestorben. Es war schon die zweite Seuche in der Gegend in den letzten 20 Jahren. Bruder Joachim hatte wohl in Freising die Seuche bekommen.
Er war unser Botengänger zum Hof des Herzogs. Nachdem wir ihn aber schnell isoliert und keine weiteren Opfer zu beklagen hatten, hoffen wir, dass Gott mit uns wieder versöhnt ist. Du kannst also versuchen, Bruder Joachims Posten zu übernehmen. Ich hoffe, dass es dir auch sonst gelingt, dich in unseren Tagesablauf einzufügen. Du wirst bei uns erst zwei Wochen in Klausur gehen müssen, bevor wir dich in unsere Gemeinschaft aufnehmen.«
Die Klausur verging rasch, weil die Brüder auf ihn warteten und er immer wieder Besuch von ihnen bekam. Er unterhielt sich dabei mit ihnen durch die geschlossene Tür.
Einer hieß Leonhard und war laut eigener Aussage der Kellermeister. Er erzählte gerne und viel von der Geschichte des Klosters und kannte viele Anekdoten über Bier und Wein. Er machte Niklas mit der Legende vertraut, dass der heilige Korbinian vor langer Zeit einen Bären, der sein Saumross vor dem Pflug gerissen hatte, mit eigener Hand bändigte, ins Zaumzeug einspannte und mit ihm weiterpflügte.
»Wenn du später einmal im Hospiz vorbeischaust, da hängt eine Steinfigur von Korbinian mit dem Bären von der Decke«, erzählte Leonhard, lachte aber und ergänzte:
»Was der wohl für ein stärkendes Bier getrunken hatte und wie viel davon?«
Niklas stimmte ins Lachen ein und sagte: »Ich will mein Bestes geben, um uns alle mit stärkendem Trunk zu versorgen.«
So kannte Niklas schon einige Namen, als die Tür sich endlich für ihn öffnete.
Er fügte sich schnell in die Gemeinschaft ein, die Mitbrüder waren freundlich und halfen Niklas immer, wenn er etwas wissen musste.
Einige Brüder lästerten sogar über Bruder Peter und sagten, vielleicht könne er, Niklas, ja endlich einmal für trinkbares Bier sorgen. Die Biere von Peter schmeckten zumeist entweder verbrannt oder zu süß und dann bekamen alle Durchfall.
Niklas erkannte wieder einmal, wie die Qualität eines Bieres wirklich wichtig sein konnte für den Tagesablauf einer größeren Gemeinschaft.
Er hatte es mit Bruder Thomas in Urbrach gleich zu Beginn so gut getroffen, dass ihm niemals der Gedanke gekommen war, es könnte anderswo schlechter gehen. So trat er zum ersten Arbeitstag in der Brauerei mit Hintergedanken über Bruder Peter an, die nicht freundlich waren.
Es sollte zunächst ganz anders kommen.
Peter begrüßte ihn freundlich. Er war von durchschnittlicher Statur, seine Tonsur zeigte Reste von roten Haaren und im Gesicht zeigten sich Sommersprossen. Als er den Mund öffnete, waren einige Zahnlücken sowie zwei völlig schwarze Zähne zu sehen. Niklas erschrak, wurde durch die freundlichen Worte jedoch schnell wieder abgelenkt.
Beim ersten gemeinsamen Brauen von Niklas mit Bruder Peter nahm dieser aus einem Korb ein paar Dolden und setzte sie dem Sud zu. Niklas stockte der Atem. »Woher kennst du das Geheimnis der Hopfenpflanze?«, fragte er Peter.
Dieser lachte und sagte: »Da ist hier kein Geheimnis hinter. Wir Brauer von Weihenstephan verwenden Hopfen seit fast 500 Jahren. Sogar zu einer Zeit, als das Kloster noch gar kein Braurecht hatte, wurde in einem Garten in der Nähe des Klosters Hopfen angebaut. Der Besitzer bringt uns seither den Zehnten und den Rest kauft das Kloster zum Bierbrauen.
Ich persönlich mag den Hopfen allerdings nicht so, er macht das Bier bitter. Daher braue ich immer einen Sud nach der alten Gruitart und für die Brüder, die es bitter mögen, einen Hopfensud. So haben wir es immer hier gehalten. Es gibt einige Kräuter, die ich viel lieber im Bier mag. Diese Hopfenpflanze hat keine Zukunft beim Bierbrauen.«
Niklas wollte widersprechen, besann sich jedoch eines Besseren. Eines Tages, dachte er bei sich, werde ich dir zeigen, wie man ein perfektes Bier macht.
Zuerst musste er jedoch lernen, sich in Weihenstephan einzuleben. Die Zahl der Gebäude nahm beinah wöchentlich zu; sich da als Neuling zurechtzufinden, war gar nicht einfach. Die Brauerei war nicht so neu und komfortabel wie die in Urbrach.
Das kann ja noch werden, dachte sich Niklas. Wenn ich erst einmal lange genug hier bin, werde ich zeigen, was ich gelernt habe.
Besonders angetan hatte es ihm die Buchmalerwerkstatt, die über die Grenzen des Landes hinaus bekannt war. Immer wieder, wenn er den Mönchen zusah, wie sie, über die Buchdeckel gebeugt, wundervolle Malereien erzeugten, war er fasziniert von der Exaktheit der Zeichnungen, der Fülle der Farben und der Stärke des Ausdrucks.
Wäre ich kein Brauer, wäre das meine Berufung, dachte er sich gelegentlich.
Danach schimpfte er mit sich selber:
»Dummkopf, du hast den schönsten Beruf auf der ganzen Welt. Was willst du noch mehr?«
Sogar die Geschichte Weihenstephans musste er lernen.
Er erfuhr, dass das Kloster seit 1145 seinen Abt frei wählen konnte, nachdem Papst Eugen ihnen das Recht dazu verschafft hatte. Auch die wechselseitigen Besitzverhältnisse waren interessant. Über die Grafen von Scheuern war das Kloster in die Hände der Wittelsbacher gelangt. 1255 hatten diese es jedoch an die Landshuter Herzöge verkauft und dadurch dem Zugriff des Freisinger Bischofs entzogen. Abt Arnold und seine Mitbrüder wurden nicht müde, diese ungewöhnliche Unabhängigkeit immer wieder zu betonen.
Innerhalb kürzester Zeit fühlte sich Niklas sehr wohl in der Weihenstephaner Klostergemeinschaft. Er bemerkte schnell, dass er den Habitus der älteren Mönche annahm, ja sogar nachahmte und in Gesten und Sprache schon bald ein bis dahin nicht gespürtes Selbstbewusstsein an den Tag legte.
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