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Günther Fetzer

Das Taschenbuch

Geschichte – Verlage – Reihen

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ISBN 978-3-8252-5155-0 (Print)

ISBN 978-3-8463-5155-0 (ePub)

Inhalt

  1 Was ist eigentlich ein Taschenbuch?

  2 Der literarische Markt im 19. Jahrhundert Ausweitung des Lesepublikums Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege Die technische Entwicklung der Buchproduktion

  3 Das serielle Buch im 19. Jahrhundert

  4 Das Taschenbuch im langen 19. Jahrhundert Charakteristik des Taschenbuchs im 19. Jahrhundert Statistik, Typologie und Chronologie Funktionen

  5 Das Taschenbuch zwischen 1914 und 1945 Charakteristik des Taschenbuchs in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen Statistik, Typologie und Chronologie Funktionen

  6 Das Taschenbuch in Großbritannien und den USA Das Taschenbuch in Großbritannien Das Taschenbuch in den USA

  7 Das Taschenbuch nach 1945 Etablierungs- und Konstituierungsphase (1950er und 1960er Jahre) Konsolidierungs- und Ausbauphase (1970er und 1980er Jahre) Auflösung des Systems Taschenbuch (ab Ende der 1980er Jahre) Das Taschenbuch in der DDR

  8 Die aktuelle Situation

 Anhang: TaschenbuchchronologieReihen und Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1939Weitere Reihen und Verlage in Deutschland, Österreich und der Schweiz seit 1946Reihen und Verlage in der DDR

  Literaturverzeichnis

  Register der Verlage

  Register der Reihen

1 Was ist eigentlich ein Taschenbuch?

Was haben das Taschenbuch der Wasserwirtschaft und Der verbotene Liebesbrief gemeinsam? Der erste Titel ist ein gebundenes Buch im Format 17,5 cm x 24,6 cm mit einem Umfang von 1.305 Seiten und ist in der neunten Auflage im wissenschaftlichen Verlag Springer ViewegSpringer Vieweg zum Preis von 99,99 Euro erschienen. Der zweite Titel ist ein Unterhaltungsroman aus dem GoldmannGoldmann-Taschenbuchprogramm im Standardformat 13,2cm x 18,5 cm zum Preis von 10,99 Euro, der einige Zeit auf Platz 1 der Bestsellerliste stand. Auf den ersten Blick wird man die Frage nach der Gemeinsamkeit der beiden Bücher mit „Nichts“ beantworten. Auf den zweiten Blick wird deutlich, dass sich das erste Buch – obwohl gebunden – „Taschenbuch“ nennt, also den Begriff als Titelbegriff führt, dass aber das zweite Buch nach der heutigen Konvention ein Taschenbuch ist, ohne so benannt zu werden.

Damit sind wir beim Kerndilemma, wenn man sich der Frage stellt, was eigentlich ein Taschenbuch sei, denn „Taschenbuch“ hat historisch zwei Bedeutungen, die völlig verschieden sind. Zum einen begegnet uns das Wort als Titelbegriff im Sachtitel von Büchern, zum anderen bezeichnet es einen Buchtyp, der im zweiten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts entstand und der dem heutigen Verständnis von Taschenbuch entspricht, ohne so genannt worden zu sein.

Bereits im 16. Jahrhundert, vor allem aber vom Ende des 18. Jahrhunderts bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts bezeichnet „Taschenbuch“ in der Regel kleinformatige gebundene Bücher – eben für die Tasche. Sie erscheinen einmal pro Jahr – in der Regel zur Herbstmesse – und enthalten Originaltexte verschiedener Autoren. 1774 taucht der Begriff in dieser Verwendung erstmals im Taschenbuch für Dichter und Dichterfreunde (1774–1780) auf. Rasch folgten unter anderen die langlebige Reihe Leipziger Taschenbuch für Frauenzimmer zum Nutzen und Vergnügen (1784–1816), das Taschenbuch für 1798, das Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1798, das Rheinische Taschenbuch (1812) und das Frauentaschenbuch (1814).

Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist diese Form als „literarisches Taschenbuch“ klar definiert; oft wird „Taschenbuch“ synonym mit „Almanach“ und „Kalender“ verwendet. Bücher dieses Typs haben in der Regel einen Umfang von 400 bis 500 Seiten. Exemplarisch dafür steht Wilhelm Gottlieb Becker’s Taschenbuch zum geselligen Vergnügen auf das Jahr 1817. Es enthält bei einem Umfang von 448 Seiten Gedichte, Prosa, dialogisierte Texte und Betrachtungen sowie acht Seiten „Tanztouren“ und 32 Seiten Noten. Zeitweise wurden bis zu 50 Titel dieses Typs im Jahr auf den Markt gebracht. Sie wurden ein „literarischer Modeartikel“ (Mix 1998, S. 185). Hauptzielgruppe waren, worauf manche Titelformulierungen verweisen, Frauen.

Doch der handliche Buchtyp wurde auch sehr schnell mit Nonfiction-Inhalten belegt, so etwa das Militärische Taschenbuch (1780), der Almanach oder Taschen-Buch für Scheidekünstler und Apotheker (1780–1828), das Physikalische Taschenbuch für Freunde der Naturlehre und Künstler (1785) oder das Historische Taschenbuch (1830–1892). Noch 1935 definiert das Deutsche Wörterbuch der Brüder Grimm „Taschenbuch“ ausschließlich in diesem Sinn: „ein jährlich erscheinendes buch in taschenformat mit unterhaltendem oder praktisch belehrendem inhalt, almanach u. dgl.“ (Grimm 1984, Sp. 151).

Das moderne Verständnis von „Taschenbuch“ ist geprägt durch eine Reihe von Merkmalen und verfestigte sich in den Anfangsjahren des Taschenbuchs in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst zu einer normativen Definition, die das System Taschenbuch beschrieb.

Eine Geschichte des Taschenbuchs kann man nicht entlang einer allgemein gültigen und überhistorischen Definition erzählen, sondern es braucht einen historischen Begriff vom Taschenbuch. Dieser wird vom seriellen Buch im 19. Jahrhundert abgeleitet und dient angesichts der übersichtlichen Forschungslage in erster Linie der Materialerschließung. Das gilt für das lange 19. Jahrhundert bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs und weiter bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Danach war die Zahl der Taschenbuchverlage und der Taschenbuchreihen so stark angewachsen, dass für die Zeit zwischen 1945 und der Gegenwart ein historisch-struktureller Zugriff gewählt wurde. Ob daraus „eine verlässliche Gesamtdarstellung der Entwicklung des Taschenbuchs“ geworden ist, die Karl H. Pressler vor mehr als drei Jahrzehnten vermisst hatte (Pressler 1985: 1), möge der Leser entscheiden.

Es wird der Versuch unternommen, die Fülle der Verlage und Reihen nach 1945 in drei Chronologien im Anhang zu erfassen. Die Abbildungen zeigen Umschläge von Taschenbuchreihen, die bislang eher selten oder gar nicht in der Forschung behandelt wurden. Daher ist hier auch die Nr. 1 von Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek, Goethes Faust I, nicht zu finden. Und das bedeutet auch, dass es kaum Doppelungen zu den Abbildungen in dem nicht zu übertreffenden Werk Reihenweise von Reinhard Klimmt und Patrick Rössler gibt (Klimmt/Rössler 2016). Soweit nicht anders angegeben, sind die Originale um 50 Prozent verkleinert.

Allen, die durch Informationen, Hinweise, Kritik und technische Unterstützung zu diesem Buch beigetragen habe, danke ich herzlich.

München, im Mai 2019 Günther Fetzer

2 Der literarische Markt im 19. Jahrhundert

Die bürgerlichen Moderne, die seit Ende des 18. und im Lauf des 19. Jahrhunderts allmählich die traditionale Feudal- und Adelsgesellschaft verdrängte, ist charakterisiert durch „die frühe Industrialisierung, die Aufklärungsphilosophie und die Verwissenschaftlichung, die Entstehung von überregionalen Warenmärkten und kapitalistischen Produktionsstrukturen, die allmähliche Verrechtlichung und Demokratisierung, die Urbanisierung und die Ausbildung des Bürgertums als kulturell tonangebende Klasse“ (Reckwitz 2017: 41f.).

Beginnend um 1830, vor allem aber nach der Mitte des 19. Jahrhunderts entfaltete sich eine Unterhaltungsindustrie, die nicht nur den Printbereich, sondern auch andere Medien und Formen der Massenkultur umfasste. Dazu gehörten Bilderbogen, Bildpostkarten, Fotografie, Sammelbilder, Zirkus etc. (siehe Maase 1970 und Faulstich 2004), gegen Ende des Jahrhunderts Schallplatte und Film. Diese Geschichte des Taschenbuchs konzentriert sich auf den literarischen Markt und die entsprechenden Printprodukte, berücksichtigt also nicht andere Medien als Träger literarischer Unterhaltung und der Information.

Die Entstehung des Taschenbuchs im 19. Jahrhundert setzt einen literarischen Markt voraus, wie er in der zweiten Hälfte des vorangegangenen Jahrhunderts im Zeitalter der Aufklärung entstanden war. Im Rahmen des von Jürgen Habermas beschriebenen Strukturwandels der Öffentlichkeit (Habermas 1990) entstand auf der Produzentenseite der freie Schriftsteller, differenzierten sich Verlage mehr und mehr aus, stieg der Alphabetisierungsgrad in der Bevölkerung, wandelte sich in der ersten Leserevolution die intensive zur extensiven Lektüre: An die Stelle einer mehrfachen Lektüre ein und desselben Lesestoffs trat die Lektüre vieler Lesestoffe (Engelsing 1969). Das führte zu einer erheblichen Ausweitung der Buchproduktion.

Im Anschluss an die Schrift von Friedrich Perthes Der deutsche Buchhandel als Bedingung eines Daseyns einer deutschen Literatur aus dem Jahr 1816 charakterisiert Werner Faulstich diese Entwicklung: „Im 18. Jahrhundert entdeckte das Kapital den Buchmarkt als einen Bereich, den die enorm ansteigende bürgerliche Nachfrage nach Lesestoffen und das wachsende Potenzial an schreibwilligen Autoren als eine lohnende Investition erscheinen ließ, und dieses Engagement beförderte naturgemäß die rasche Marktexpansion und Marktdifferenzierung.“ (Faulstich 2002: 191)

Diesen „spekulativen“ Buchhandel, der auf dem „Markt“ das „Kulturgut“ Buch zur „Ware“ machte, hatte schon Immanuel Kant in seinem zweiten Brief An Herrn Friedrich Nicolai, den Verleger im Jahr 1798 bissig charakterisiert. Er spricht dort von der „Buchmacherei“, einer „Industrie“, die „fabrikmäßig“ betrieben werde (siehe Wittmann 1982a: 361ff. und Fallbacher 1992: 8).

Nach wie vor unübertroffen in der Darstellung der vielfältigen Faktoren der Entwicklung des literarischen Markts ist Kiesel/München 1977. Zusammenfassend Faulstich 2002: 177–224 und Bödeker 2005.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts beschleunigte sich die Entwicklung des literarischen Markts deutlich, sodass man seit der Mitte des Jahrhunderts von einer Unterhaltungsindustrie sprechen kann. Zugleich ist festzuhalten, dass bereits in dieser Phase „die gesamtgesellschaftliche, die kulturelle, die literarische Bedeutung des Mediums Buch […] im Verhältnis zu allen anderen Medien der Epoche, speziell den neu entstehenden elektronischen Medien“ zurückging, obwohl „die traditionellen Strukturen des etablierten Systems Buch weiter institutionalisiert“ wurden (Faulstich 2004: 195). Außerdem wurden die Teilbereiche zunehmend kommerzialisiert.

In der Regel wird für diesen Zeitraum der Begriff der (literarischen) „Unterhaltungsindustrie“ verwendet (zum Beispiel Jäger 1988: 163). Kosch/Nagl machen eine interessante Unterscheidung und sprechen für den Lieferungsroman der Zeit von einer „Unterhaltungsmanufaktur“ (1993: 67). Zum Begriff der „Unterhaltung“ siehe resümierend Faulstich 2006 sowie Hügel 2003 und Hügel 2007. Unterhaltung ist keine anthropologische Konstante, sondern historisch zu verorten: „Unterhaltung setzt die Existenz von Massenmedien voraus, die dominant der Unterhaltung dienen. Solche Medien gibt es in Deutschland erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit den Familienzeitschriften.“ (Hügel 2007: 41, siehe auch 68)

„Kulturindustrie“ (Horkheimer/Adorno 1990 sowie Adorno 1967; zur Kritik zusammenfassend Glasenapp 2006 und Niederauer/Schweppenhäuser 2018) und „Bewusstseinsindustrie“ (Enzensberger 1971) bezeichnen Aggregatzustände des kulturellen und damit literarischen Markts im 20. Jahrhundert.

Zentrale Entwicklungen sind

 die Ausweitung des Lesepublikums,

 die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien,

 die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege

 sowie die technische Entwicklung der Buchproduktion.

Zu diesen Entwicklungen im 19. Jahrhundert siehe Wittmann 1982b, Estermann/Jäger 2001 und Faulstich 2004.

All das vollzieht sich unter Rahmenbedingungen, die hier nur schlagwortartig zusammengefasst werden können:

 die politische Entwicklung von der nachnapoleonischen Zeit und der 1848er Revolution bis zur Reichsgründung und zum Kaiserreich,

 die ökonomische Entwicklung mit den Stichworten industrielle Revolution und Entwicklung des Hochkapitalismus,

 die soziale Entwicklung mit der Ablösung der ständischen Gesellschaftsordnung durch eine nach Schichten/Klassen strukturierte Gesellschaft,

 die juristische Entwicklung mit den in unserem Zusammenhang wichtigen Eckpunkten wie Gewerbefreiheit und Neuregelungen des Urheberrechts.

Ausweitung des Lesepublikums

Die Ausweitung des Lesepublikums ist durch die Stichworte Bevölkerungswachstum, Alphabetisierung, Urbanisierung sowie Industrialisierung und die damit verbundene wachsende Freizeit der Menschen charakterisiert. Die Bevölkerung wuchs auf dem Gebiet des Deutschen Reichs zwischen 1848 und 1880 von 33 Millionen auf 45 Millionen, erhöhte sich also um rund ein Drittel, und wuchs bis 1900 um weitere elf Millionen auf 56 Millionen. Allein durch dieses explosionsartige Wachstum insbesondere seit Mitte der 1870er Jahre sowie die Erhöhung der durchschnittlichen Lebenserwartung von 37 Jahren im Jahr der Reichsgründung auf 47 Jahre dreißig Jahre später stieg die Zahl der potentiellen Leser und Käufer deutlich, gleichgültig, von welchem Alphabetisierungsgrad man ausgeht. Im Allgemeinen dient als Unterscheidung zwischen Alphabeten und Analphabeten die Fähigkeit, den eigenen Namen schreiben und leidlich lesen zu können (Engelsing 1973: 96; insgesamt 96–100), was natürlich noch nicht bedeutet, dass die des Lesens Fähigen auch wirklich Lesestoffe konsumierten. Eine Zusammenschau der regional und national disparaten Daten spricht von einem Alphabetisierungsgrad von 75 Prozent im Jahr 1870 und von 90 Prozent um 1900 (Schenda 1970: 444). Zu bedenken ist auch das Bildungsgefälle zwischen Stadt und Land. Die Zahlen sind empirisch kaum fundiert und sind daher nur in Teilstudien zu verifizieren, aber auch nicht zu widerlegen (Wittmann 1999: 189f.). Durch Urbanisierung (mit zunehmender Bildungsintensität) und Industrialisierung (mit zunehmender Regulierung arbeitsfreier Zeiten) und Volksbildungsbestrebungen wie Arbeiterbibliotheken und Volksbüchereien entstehen Spielräume für kulturelle Aktivitäten, darunter auch Lesen. Jedoch lassen für die Unterschichten die „Existenzbedingungen und soziokulturellen Voraussetzungen […] vermuten, dass Lesen bis weit in die Gründerjahre hinein eine Ausnahme darstellte“ (Wittmann 1982b: 200). Insgesamt gilt, dass die Ablösung des ständischen Gesellschaftsmodells durch ein Stratifikationsmodell von ökonomisch fundierter Oberschicht, neuen Mittelschichten und diversen sozialen Unterschichten enge Relationen zwischen bestimmten Einzelmedien und bestimmten sozialen Gruppierungen nach sich zog (zur Stratifikation der Medien im 19. Jahrhundert siehe Faulstich 2004: 258). Von einer „Homogenisierung des literarischen Geschmacks, die kulturelle Assimilation aller Schichten“ (Wittmann 1999: 294) wird man nicht sprechen können.

Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien

Das 19. Jahrhundert ist durch ein enormes Anschwellen der Lesestoffproduktion charakterisiert. Dazu tragen rein mengenmäßig Zeitschriften jeglicher Art bei. So erschienen allein im Jahrzehnt zwischen 1840 und 1850 rund 1.300 neue Zeitschriften. War im 18. Jahrhundert das neue Medium Zeitschrift mit der zentralen Rolle der Moralischen Wochenschriften „Schlüsselmedium der bürgerlichen Gesellschaft“ (Faulstich 2002, 225), so wurde die Zeitschrift erst durch ihre zunehmende Unterhaltungsfunktion im 19. Jahrhundert zum Massenmedium (Faulstich 2002: 225–251). Dazu trug vor allem ihre Weiterentwicklung zu Familienzeitschriften wie die Gartenlaube bei, die – 1853 gegründet – im Jahr 1875 eine Auflage von 382.000 Exemplaren erreichte. Wie wir noch sehen werden, lassen sich charakteristische Merkmale der Zeitschrift wie Themenzentrierung, Periodizität, Interessenspezifizierung und auch Visualisierung (Faulstich 2002: 225f.) auf das im Entstehen begriffene Taschenbuch übertragen.

Fassen wir Printmedien im engeren Sinn als Herstellung und Verbreitung von herkömmlichen Büchern auf, so ist die Entwicklung weniger spektakulär. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts kamen 4.081 Titel (1805) auf den Markt. Die durch die napoleonischen Kriege ausgelöste Depression erzwang einen Rückgang auf 2.233 im Jahr 1813. Danach steigerte sich die Produktion auf 14.039 Titel im Rekordjahr 1843 – ein Stand, der erst im Kaiserreich wieder erreicht wurde. Diesem vormärzlichen Hoch folgte ein Niedergang bis auf den Tiefstand von 8.346 Titeln im Jahr 1851. Vor allem nach der Reichsgründung (10.669 Titel im Jahr 1871) stieg die Titelproduktion steil an. 1886 lag sie bei 16.253 Titeln – eine Steigerungsrate von über 50 Prozent in eineinhalb Jahrzehnten. Der Titelboom setzte sich ungebremst fort; im Jahr 1900 wurden 24.729 Titel verlegt, was wiederum eine Erhöhung des Titelausstoßes um rund die Hälfte bedeutete. 1913 wurde mit 35.078 Titeln der Höchststand vor dem Ersten Weltkrieg erreicht. Die „schöne Literatur“ (vor allem Klassiker, Romane und Erzählungen) wuchs noch wesentlich stärker, denn von 1871 bis 1890 stieg der Zahl der Neuerscheinungen um fast 90 Prozent (Zahlen nach Bucher u.a. 1981: 167 und Kastner 2003: 301 und 315; sehr detailliert Rarisch 1976).

Diese Zahlen zur Titelproduktion von Büchern sind nur eingeschränkt aussagekräftig. Zum einen wird hier nur die Zahl der publizierten Titel erfasst, ohne dass wir in der Regel Kenntnis von den jeweiligen Druckauflagen haben. Zum anderen ist die wegen der Zensur illegal verbreitete Druckproduktion nicht abzuschätzen. Und schließlich bleiben die populären Lesestoffe, die „Lesestoffe der Kleinen Leute“ (Schenda 1976; detailliert Schenda 1970: 271–324) gänzlich unberücksichtigt. Doch gerade sie sind es, die massenhaft verbreitet waren. Es existiert – abgesehen von kleinen Segmenten – keine Produktionsstatistik dessen, was über den Kolportagebuchhandel vertrieben wurde.

Abb. 1:

Titelproduktion im Deutschen Bund und im Deutschen Reich 1801–1914.

Die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien veränderte auch die Rolle des Literaturproduzenten (zusammenfassend Faulstich 2004: 196f.). Hatte sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das Berufsbild des freien Schriftstellers herausgebildet, der sein Auskommen auf dem literarischen Markt suchen musste und nicht mehr besoldeter Hofpoet war (siehe Haferkorn 1963 und Haferkorn 1974), so verschärfte sich die Markabhängigkeit des Schriftstellers im 19. Jahrhundert deutlich. Ein Zeitgenosse beschrieb die Situation eines solchen Lohnschreibers plastisch: „Heute einen kritischen Artikel, morgen eine Correspondenz für ein Journal verfassen, zwischendurch an einem Roman arbeiten oder seine für Alles zugeschnittene Feder an der Uebersetzung eines ausländischen Buches abnutzen und bald an dieses, bald an jenes Journal wie an einen letzten Rettungsanker sich anklammern.“ (zit. nach Wittmann 1982b: 157) Zeitgenössisch wurde kritisch von der „Vielschreiberey“ gesprochen. Dazu kam die Konkurrenzsituation unter den Autoren. Ihre Zahl wurde gegen Ende des 18. Jahrhunderts mit 7.000 angegeben. Knapp hundert Jahre später betrieben laut der offiziellen Berufsstatistik des deutschen Reichs 19.380 Personen die Schriftstellerei im Hauptberuf. Für die allermeisten bedeutete das „Betreiben der Schriftstellerei als Gewerbe, Erwerbszwang bis zur Käuflichkeit oder zumindest Anpassung an den herrschenden Geschmack“ (Wittmann 1982b: 159).

Rudolf Schenda, der Pionier der Erforschung der populären Lesestoffe, hat regionale und lokale Zahlen für Frankreich hochgerechnet und kommt zu dem Schluss, „dass eine Jahresproduktion in der Größenordnung von 100 Millionen populären Druckwerken – Büchlein, Heftchen und Einzelblättern – pro Jahr zumindest seit der Mitte des 19. Jahrhunderts anzusetzen“ sei. Diese Berechnung umfasse „weder die Menge der nicht für die Kolportage bestimmten, gebundenen Bücher, noch die Masse der Zeitschriften und Zeitungen“ (Schenda 1970: 186). Nach zeitgenössischen Angaben setzte 1899 allein der Berliner Kolportageverlag A. WeichertWeichert circa 25 Millionen Romanhefte ab (Jäger 1988: 164).

Wie immer man diese Zahl einschätzt, Tatsache ist, dass diese massenhaft verbreiteten Lesestoffe nach wie vor unzureichend erforscht sind. Das liegt nicht zuletzt auch an der Sammlungspraxis wissenschaftlicher und öffentlicher Bibliotheken, und so ist es „einer kleinen Gruppe von Sammlern […] überhaupt zu verdanken, dass wir heute wenigstens noch in Umrissen die gesamte Bandbreite der Unterhaltungsliteratur aus der Vergangenheit erahnen können“ (Galle 2006b: 10).

Die Privatiniative zur Erforschung der populären Lesestoffe spiegelt sich auch in den Bibliografien wieder, die zu verschiedenen Publikationsformen und Genres vorliegen, so unter anderen Bloch 2002, 2005, 2006, 2015, Kalbitz/Kästner 2013 und Schädel 2006.

Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege

Das 19. Jahrhundert ist auch durch eine Ausweitung der Zugangsmöglichkeiten für das Publikum zu Lesestoffen der verschiedensten Art gekennzeichnet. Dazu gehört als wichtiger Faktor der sich entwickelnde stationäre Buchhandel, also der Buchhandel mit Ladengeschäften. Dessen Organisationsgefüge „war noch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein sehr weitmaschig“ (Ungern-Sternberg 1987: 383). Um 1800 existierten nur ca. 500 Buchhandlungen, davon ein Zehntel allein in Leipzig. Zwar verdreifachte sich die Zahl bis zur Reichsgründung im Jahr 1870, doch bleiben Regionen wie Bayern und Westfalen unterversorgt (Wittmann 1982b: 118f., Schenda 1970: 174ff.). Angesichts der Tatsache, dass weite Teile der Bevölkerung auf dem Land lebten und die Verstädterung erst nach der Jahrhundertmitte deutlich stieg, ist die Versorgungslücke mit Lesestoffen evident. Die langsame Entwicklung des stationären Buchhandels war bis zur Einführung der Gewerbefreiheit in hohem Maß Folge des Konzessionisierungszwangs, der erst 1868/1869 für den Norddeutschen Bund und 1872 für das gesamte Deutsche Reich abgeschafft wurde.

Zu den Lesestofflieferanten für das Publikum gehörten neben dem stationären Buchhandel die bürgerlichen Lesegesellschaften und die Leihbibliotheken, die seit dem 18. Jahrhundert für größere Lesergruppen eine extensive Lektüre erst erschwinglich gemacht haben. „Der mächtigste Lesestofflieferant zumindest des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn nicht gar der gesamten Buchhandelsgeschichte“ (Schenda 1976: 28) war jedoch der Kolportagebuchhandel, dessen wichtigste Funktion die des „Unterhaltungslieferanten“ (Schenda 1970: 269) war. Zwar war der Kolportagevertrieb von verschiedensten Schriften durch Wanderbuchhändler, auch „Buchführer“ genannt, schon kurz nach Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern durch Gutenberg gebräuchlich, doch bildete sich diese Vertriebsform systematisch erst im 19. Jahrhundert heraus. Dazu trug in den 1820er Jahren vor allem Carl Joseph Meyer wesentlich bei, indem er für seine Bibliothek deutscher Klassiker Reisende anstellte, um Subskribenten zu sammeln. Die Bestellungen wurden an den Sortimentsbuchhandel vor Ort weitergegeben, der dann die Lieferungen ausführte. Diese „Verlagskolportage“ (Scheidt 1994: 138) wurde nach der Mitte des Jahrhunderts durch einen selbständigen Kolportagebuchhandel abgelöst.

Zur Einführung in den Kolportagebuchhandel siehe die farbige, sehr detailreiche Darstellung bei Schenda 1970: 228–270 sowie Scheidt 1994 und Storim 2003.

Zentral für diese Entwicklung waren die Familienzeitschriften im Gefolge der Gartenlaube. Das Sortiment war nicht in der Lage, die höheren Auflagen und die dichte periodische Erscheinungsweise zu ‚verarbeiten’, sodass „ein Vakuum in der Absatzgestaltung“ (Scheidt 1994: 140) entstand. Der Kolportagebuchhandel wurde so zum „Prototyp eines auf das ‚Massenbuch‘ spezialisierten Buchhandelszweiges“, der den „Übergang des Buchhandels zum Massenkommunikationssystem“ markierte (Scheidt 1994: 135). Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts etablierte sich diese Vertriebsform „zumindest in den städtischen Regionen – endgültig als verlagsunabhängiges System selbständiger, ortsfester Kolportagebuchhandlungen, die von Grossisten beliefert wurden“ (Kosch/Nagl 1993: 34). 1894 wurden in einem zeitgenössischen Artikel 3.500 reine Kolportagebuchhandlungen und 4.000 Sortimenter mit Kolportage als Nebenerwerb gezählt (Kosch/Nagl 1993: 23; deutlich geringere Zahlen bei Wittmann 1999: 272.), die Zahl der in der Kolportage beschäftigten Personen wurde auf 26.000 gegenüber 22.000 im übrigen Buchhandel geschätzt (Kosch/Nagl 1993: 23).

Die gesetzlichen Rahmenbedingungen für diese Entwicklung schuf eine neue Gewerbeordnung, die am 8. Juli 1868 als Gesetz für den Norddeutschen Bund verabschiedet wurde (Erlass am 21. Juni 1869) und die für den Kolportagebuchhandel sowie für jeglichen Handel mit Presseerzeugnissen bedeutete, „dass er nicht mehr dem Pressegesetz und damit den ‚direkten‘ Zensurbeschränkungen unterworfen war, sondern als Gewerbe betrachtet und durch die Gewerbeordnung geregelt wurde“, was „einer praktischen Freigabe der Presse gleichkam“ (Scheidt 1994: 142). Das Gesetz stellte den Wanderbuchhandel, den Kolportagebuchhandel und das Sortiment als gleichberechtigte Betriebsformen des Buchhandels nebeneinander.

Im Kolportagebuchhandel vertrieben wurden drei Hauptgruppen von Printmedien. Zum einen Periodika der verschiedensten Art, überwiegend jedoch Familienzeitschriften, zum anderen Werke, die auch im Buchhandel erhältlich waren wie Sammelwerke und Serien, Lexika, Fachliteratur und preiswerte Prachtausgaben, sowie schließlich Artikel, die in hohen Auflagen nur für den Kolportagebuchhandel produziert wurden wie Kalender, klerikale Traktate, Kochbücher, Traumbücher, Erotika, Kriegsschilderungen und politische Agitation bis hin zu medizinischen Ratgebern (Wittmann 1999: 272f.) Eine hochinteressante Übersicht über ‚kolportagefähige’ Werke bietet die Schrift Der Kolportagehandel von Friedrich Streissler aus dem Jahr 1887 (Beilage zu Kosch/Nagl 1993; eine weitere zeitgenössische Quelle bei Scheidt 1994, Anm. 269).

Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurden Zeitschriften aller Art zum Hauptvertriebsobjekt. Lieferungswerke wie die Klassiker, aber auch die Volksromane in Heften à 10 Pfennig traten mehr und mehr in den Hintergrund (Storim 2003: 529f.). Gleichzeitig differenzierten sich Kolportagebuchhandel und Reisebuchhandel/Versandbuchhandel aus: „Der Kolportagebuchhandel entwickelte sich zum Buch- und Zeitschriftenhandel […]. Der ehemalige ‚neue‘ Kolportagebuchhandel wandelte sich zum Reise- bzw. später Reise- und Versandbuchhandel mit einem deutlichen Gewicht auf der zweiten Komponente.“ (Storim 2003: 526)

Insgesamt ist die Bedeutung des Kolporteurs (frz. col: Nacken; porter: tragen), der mit dem Bücherkarren durch Städtchen und Dörfer oder mit der Bücherlade von Haus zu Haus zog, und des Kolportagebuchhandels für die Verbreitung von populären Lesestoffen in breiten Bevölkerungsschichten kaum zu unterschätzen. Gegen Ende des Jahrhunderts vermerkt ein Zeitgenosse, dass „zwei Drittel der gesamten buchhändlerischen Produktion auf dem Wege der Kolportage vertrieben wird“ (Kellen 1899: 82).

Die technische Entwicklung der Buchproduktion

Grundlegende Innovationen in den Bereichen Papier, Satz, Druck und Bindung, in denen die Herstellungstechnik sich seit den Zeiten Gutenbergs substantiell kaum weiterentwickelt hatte, schufen die Voraussetzungen für die massenhafte Verbreitung populärer Lesestoffe im 19. Jahrhundert – nicht zuletzt, weil durch diese „Revolutionierung der Buchherstellung“ (zusammenfassend Stümpel 1987, Fallbacher 1992: 90–108 und Wittmann 1999: 220–223) die Lesestoffe deutlich billiger und damit auch für einkommensschwache Schichten erschwinglicher wurden. Betrug der Preis für den fünften Jahrgang des beliebten Taschenbuchs Penelope aus der C. J. Hinrichschen Buchhandlung im Jahr 1844 noch umgerechnet 50 Silber- oder Neugroschen (Krieg 1953: 32), so kostete eine 600seitige Lessing-Ausgabe im Klassikerjahr 1867 zehn Silber- oder Neugroschen, die Einzelbände von ReclamReclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek nur zwei Silber- oder Neugroschen (Bode 2003: 23).

Im Bereich der Papierherstellung wurde die 1799 patentierte Langsiebpapiermaschine des Franzosen Nicolas Louis Robert so verbessert, dass die 1818 in Berlin installierte erste deutsche Maschine mit Dampfbetrieb die bisherige Tagesproduktion bei besserer Qualität verzehnfachen konnte. Der traditionelle Rohstoff (Hadern und Lumpen) wurde bei steigendem Papierbedarf immer knapper. Dieser Engpass konnte mit der Erfindung des Holzschliffs durch Gottlob Keller im Jahr 1844 Schritt für Schritt beseitigt werden. Allerdings vergilbten und zerfielen die stark holzhaltigen Papiere schnell, was durch die 1863 in Amerika patentierte und 1874 in Deutschland eingeführte Sulfitkochung weitgehend behoben werden konnte. Dabei wurde der Holzschliff chemisch behandelt. Diese Verarbeitung des nun Zellstoff genannten Rohstoffs führte zu Papieren mit hohem Weißegrad und deutlich geringerer Vergilbungsanfälligkeit.

Im Bereich der Satzherstellung brachte die Erfindung der Handgießmaschine im Jahr 1838 durch den Amerikaner David Bruce einen ersten wirklich Fortschritt, konnte doch damit die Arbeitsleistung eines Setzers annähernd verzehnfacht werden. Eine weitere Steigerung erlaubte die automatische Gießmaschine der französischen Firma Foucher Frères aus dem Jahr 1883. Sie lieferte in einem Arbeitsgang gebrauchsfertige Typen. Den wirklichen Durchbruch für einen Mengensatz – vor allem für Zeitungen – schaffte jedoch erst die Setzmaschine, vor allem Otmar Mergenthalers automatisch ausschließende Linotype von 1884, die nicht einzelne Typen, sondern Zeilen produzierte. Sie übertraf die Leistung eines guten Handsetzers um das Dreifache. Kurz vor der Jahrhundertwende entwickelte der Amerikaner Robert Lanston die Monotype, eine automatische Einzeltypen-Setz- und Gießmaschine.

Zum Bereich der Satzherstellung gehört auch das Stereotypie-Verfahren. Dabei wurde das einmal in Blei erstellte Satzbild nach einer Abformung in Gips und später in einer Papiermasse mit Schriftmetall ausgegossen. Der Text war damit „stereotypiert“, und das teure Letternmaterial konnte für andere Satzaufgaben genutzt werden. Dieses Verfahren war etwa seit 1820 für immer wieder gedruckte oder in Massen hergestellte identische Texte allgemein üblich (siehe Wilkes 2010).

Im Bereich des Drucks wurde über Jahrhunderte zwar die Handpresse technisch optimiert, doch eine qualitative Veränderung brachte erst die Zylinder-Schnellpresse, für die Friedrich König 1811 in London ein Patent erhielt. Sie wurde zunächst für den Zeitungsdruck eingesetzt, danach auch immer häufiger für den Buchdruck. Arbeitete die dampfbetriebene Schnellpresse noch mit Papierbogen, so baute der Amerikaner William Bullock 1865 die erste funktionierende Rotationsmaschine. Das Papier wurde hier als Papierbahn von der Rolle zugeführt und in einem Durchlauf von beiden Seiten bedruckt. Als Druckform dienten Rundstereotypie-Platten. Die Maschine lief vollautomatisch und schaffte 10.000 Bogen pro Stunde. Für den Buchdruck blieb bis zum Ende des 19. Jahrhunderts überwiegend die Königsche Schnellpresse im Einsatz. Doch soll bereits 1866 auf der von Bullock konstruierten Maschine ein Buch mit einem Umfang von fast 700 Seiten gedruckt worden sein (Wilkes 2010: 186). 1875 wurde Meyers Konversationslexikon in Leipzig auf einer Rollenrotationsmaschine der Firma MAN hergestellt.

Im Bereich der Bindung war Buchbinden vom 17. Jahrhundert bis etwa 1840 im wörtlichen Sinn ein Hand-Werk ohne technische Hilfsmittel und Maschinen. Einzige Ausnahme war die Stockpresse. Jetzt kamen unter anderen die Schneidemaschine (Frankreich, seit 1837), die Falzmaschine (England, seit 1849), die Drahtheftmaschine (Deutschland, seit 1875) und die Fadenheftmaschine (Deutschland, seit 1884) hinzu, was die buchbinderischen Voraussetzungen für eine massenhafte Produktion schuf.

Die in diesem Kapitel geschilderten Entwicklungen – die Ausweitung des Lesepublikums, die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Printmedien, die Ausdifferenzierung und Ausweitung der Vertriebswege sowie die technische Entwicklung der Buchproduktion – führten zu einer inhaltlichen Bandbreite und Vielfalt des literarischen Markts, auf die im nächsten Kapitel eingegangen wird.

3 Das serielle Buch im 19. Jahrhundert

Man hat von der „serial revolution“ im 19. Jahrhundert gesprochen und dabei nicht nur Periodika mit den verschiedensten Inhalten – ein Beispiel sind die jahrbuchähnlichen Zusammenstellungen wie Meyer’s Volksbibliothek für Länder-, Völker- und Naturkunde (1853–1856) –, sondern auch Reihenveröffentlichungen in selbständigen Teilen bezeichnet (Law/Patten 2009: 144).

Wenn wir „Buch“ als Produkt eines technischen Herstellungsprozesses definieren, wobei dem Träger Papier die zu übermittelnden Sprach- und Bildzeichen appliziert werden, als Buchform die Codexform voraussetzen (Rautenberg 2015: 65) und zugleich die Unesco-Definition mit dem Mindestumfang von 49 Seiten außer Betracht lassen, so spannt sich im 19. Jahrhundert die Produktbreite inhaltlich vom Roman bis zum Ratgeber und zum wissenschaftlichen Buch, formal vom Hardcover bis zur Broschur und zum Heft sowie adressatenspezifisch von Büchern für Erwachsene bis zur Kinder- und Jugendliteratur. Jede einzelne dieser Buchgattungen (zum Begriff siehe Rautenberg 2015: 75) lassen sich Bereitstellungsqualität, Organisiertheit, Funktionalität und Institutionalisiertheit zuschreiben (Saxer 1999). Im Kontext einer Geschichte des Taschenbuchs interessieren dabei die Gattungen, die die folgenden Merkmale erfüllen.

Der Auftritt als Reihe ist das zentrale Kriterium. Den Reihencharakter machen ein übergeordneter Reihentitel – oft mit einer Reihennummer für den einzelnen Band –, das Format, eine weitgehend einheitliche Buchgestaltung, ein niedriger – sehr oft einheitlicher – Ladenpreis bei relativ hoher Auflage und die Periodizität aus. Eine niederschwellige Definition bietet Isabelle Olivero in ihrer Untersuchung zur „paperback revolution in France“ an: „A nineteenth and twentieth century ‚collection‘ is a collectable series of uniform volumes, which brought the same high quality of production of ‚high-end‘ or ‚well produced‘ books to the inexpensive and popular book.“ (Olivero 2011: 72)

Eine Reihenforschung existiert im deutschen Sprachraum so gut wie nicht. Einzig Bry 1917 und Unger 2015 befassen sich mit dem Thema im engeren Sinn. Zusammenfassend Bast 1988 und Rautenberg 2015: 333f. Sehr differenziert und materialreich vor allem für den englischen Sprachraum Spiers 2011, besonders die Einleitungen zu den beiden Bänden. Für den französischen Sprachraum Olivero 1999, zusammenfassend Olivero 2011. Sie sieht die Reihenentwicklung im 19. Jahrhundert als „un phénomène européen“ (Olivero 1999: 13).

Der Reihentitel versucht, die Grundidee der Reihe zu vermitteln, und bindet Einzeltitel verschiedener Urheber zusammen. Dem dient auch die Reihennummer, die zudem den Umfang und damit in der Regel auch die Bedeutung der Reihe signalisiert. Reihentitel reichen von relativ unspezifischen Benennungen wie Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek bis Formulierungen wie Neue JugendbibliothekJugendbibliothek, Neue, die die Zielgruppe eindeutig adressieren.

In den Reihen erscheinen sowohl selbständige und inhaltlich in sich abgeschlossene Publikationen als auch Lieferungen von Werkausgaben (zum Beispiel Walter Scotts Werke bei den Gebrüdern FranckhFranckh in Stuttgart ab 1827 in 150 Bändchen) oder Lieferungen von umfangreichen Werken wie die eines Kolportageromans. Inhaltlich (in ihrem Programm) sind Reihen keineswegs auf Fiction beschränkt, sondern umfassen auch nicht-fiktionale Stoffe. Die Spanne reicht von Enzyklopädien und Nachschlagewerken über Ratgeber und Erbauungsbücher bis zu wissenschaftlicher Literatur, sozusagen von ReclamReclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek über Das große Conversations-Lexicon für die gebildeten Stände von Carl Joseph Meyer bis zur Sammlung GöschenSammlung GöschenGöschen. Werner Faulstich hat die Entwicklung zur Reihe als Publikationsform pointiert charakterisiert: „Der Buchmarkt, soweit er sich zu einem Massenmarkt veränderte, wurde im Prinzip in einen Heftmarkt verwandelt und ging damit in einem allgemeinen Medienmarkt auf.“ (Faulstich 2004: 195) Diese pauschale Feststellung ist sicher zu differenzieren, aber bei der enormen Zahl an Reihen durchaus diskussionswürdig.

Die Reihe erscheint in der Regel in einem einheitlichen Format, das im Publikationsverlauf durchaus wechseln kann. Das Format reicht von der sehr kleinformatigen Etui-Bibliothek der Deutschen ClassikerEtui-Bibliothek der Deutschen Classiker August SchumannSchumanns (8 cm x 9 cm) bis zum Großformat bei Enzyklopädien (ca. 25 cm x 30 cm).

Der Reihencharakter wird auch durch die Buchgestaltung hervorgehoben. So erschienen die Bände von ReclamReclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek 50 Jahre lang im einheitlichen Reihendesign: rötlich-blasser Grundton des Einbands, floristische Elemente im linken Teil der Vorderseite und der Reihenname prominent am Kopf der Seite.

Der Ladenpreis der einzelnen Bücher bzw. Lieferungen war dank der technischen Fortschritte in der Buchproduktion und der relativ hohen Auflagen relativ niedrig. Zeitgenössisch schlug sich das in der Opposition von Kulturbuch vs. Massenbuch nieder (Steinen 1912, siehe auch Jeremias 1938). Massenhaftigkeit ist ein wichtiges Bestimmungsmerkmal des seriellen Buchs.

„Format“ meint im engeren Sinn Papier- oder Buchformat, im erweiterten Sinn ist die Reihe mit ihren Bestimmungselementen ein „Format“. Eine Reihe hat ein Format, sie ist aber zugleich auch ein Format. Michael Niehaus hat den Format-Begriff in seiner perspektivenreichen Abhandlung Was ist ein Format? (Niehaus 2018) entfaltet: „Etwas wird genau dann als ein Format bezeichnet, wenn es als durch von außen gesetzte Formatvorgaben definiert betrachtet werden kann.“ Das Format als formale Institution ist „gewissermaßen zeitlos“, liegt also bereit und kann reaktiviert werden, und stellt „für verschiedene ‚Contents‘ eine Option“ dar (Niehaus 2018: 91). „Denn von sich aus hat das Format keine narrative, sondern nur eine serielle Dimension.“ (82) Pointiert ausgedrückt: „Das Format ist die Botschaft.“ (135) In dieser Betrachtungsweise ist die einzelne Reihe ein „Genre“ (86).

Periodizität grenzt die Reihen des 19. Jahrhunderts gegenüber Formen aus dem Jahrhundert zuvor wie Almanach und „Taschenbuch“ ab. Zwar treffen etliche der oben genannten Merkmale auch für diese beiden Formen zu (Bunzel 1999), doch kann beim einmaligen Erscheinen pro Jahr von einer Periodizität, wie wir sie als Basismerkmal einer Zeitschrift – im 18. Jahrhundert etwa die Moralischen Wochenschriften (siehe Martens 1968 und FischerFischer/Haefs/Mix 1999) – kennen, nicht die Rede sein. Reihen des 19. Jahrhunderts umfassen von wenigen Werken in einer kurzen Lebenszeit der Reihe, etwa die Rheinische Reise-Bibliothek für Dampfschiff und EisenbahnReise-Bibliothek für Dampfschiff und Eisenbahn, Rheinische (2 Bände zwischen 1859 und 1861), bis zu Tausenden von Titeln über Jahrzehnte hinweg wie die Tauchnitz-EditionAlbatross Modern Continental Library, The, in der zwischen dem Start im Jahr 1841 und der Jahrhundertwende 3.400 Nummern verlegt wurden. Das Erscheinen erfolgt im Allgemeinen unregelmäßig, doch gibt es auch Fälle regelmäßigen Erscheinens wie Engelhorns allgemeine Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek (vierzehntäglich) und Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz (wöchentlich).

Nicht alle populären Lesestoffe des 19. Jahrhunderts (zu den Formen und Gattungen siehe Schenda 1970: 271–324 und Galle 2006b) sind in Reihen erschienen. Sowohl in inhaltlicher Hinsicht als auch vom seriellen Charakter und der Frequenz des Erscheinens her sind jedoch vier Gattungen typisch, die „Bibliotheken“ (oft auch unter den Bezeichnungen „Collectionen“ oder „Sammlungen“), die Volksbücher, der Kolportageroman und gegen Ende des Jahrhunderts die Serienhefte und der Heftroman.

Die Collectionen, Bibliotheken oder Sammlungen sind in ihrer Vielfalt kaum zu überblicken. In der derzeit umfangreichsten Materialsammlung nennt Heinz J. Galle rund 200 Reihen (2006b). Diese Klassikerbibliotheken, Familienbibliotheken, Volksbibliotheken, Jugendschriftenreihen etc. wurden von Verlagen auf den Markt gebracht, die teilweise heute kaum mehr bekannt sind. Sie erschienen gebunden, als Broschüre oder als Heft. Nicht immer trifft das Kriterium der massenhaften Verbreitung zu; oft fehlen auch dazu die Informationen.

Das Forschungsinteresse an diesen Bibliotheken ist recht übersichtlich, was nicht zuletzt mit der Materiallage zusammenhängt. Viele dieser Reihen waren für Bibliotheken nicht ‚sammlungswürdig‘. Daher ist es „einer kleinen Gruppe von Sammlern […] überhaupt zu verdanken, dass wir heute wenigstens noch in Umrissen die gesamte Bandbreite der Unterhaltungsliteratur aus der Vergangenheit erahnen können“ (Galle 2006b: 10). Schon seit den Zeiten der frühen Buchhandelshistoriker Friedrich Kapp und Johann Goldfriedrich werden immer wieder nur einige wenige Beispiele genannt; eine detaillierte wissenschaftliche Auseinandersetzung fehlt weitgehend.

In jüngerer Zeit ist Christine Haug mit ihren Arbeiten zu den Reisebibliotheken, einer Sonderform der populären Lesestoffe, eine Ausnahme. „Mit der massenhaften Produktion von Reiselektüre, die Ende der sechziger Jahre einen ersten Höhepunkt erlebte, entwickelte sich eine Gebrauchsliteratur besonderer Art. Bei den ‚Eisenbahn- und Reisebibliotheken‘ handelte es sich um Serien in einheitlicher Ausstattung […]“ (Haug 2003: 595). „Die Reisebibliotheken beinhalten ein vielfältiges und qualitativ stark divergierendes Angebot an Unterhaltungsliteratur und populärwissenschaftlichen Schriften, zum Beispiel Kriminal- und Abenteuergeschichten, Reiseerzählungen, pikante Sensations- und Skandalberichte, aber auch völkerkundliche, geographische und historische Abhandlungen.“ (Haug 2000: A220) Inwiefern hierunter sich Taschenbuchreihen befinden, wie sie im folgenden Kapitel vorgestellt werden, kann angesichts der Begrenzung dieser Untersuchung nicht geklärt werden.

Die erste prototypische Bibliothek erschien bereits im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts. Christian Gottlieb SchmiederSchmieder in Karlsruhe veröffentlichte zwischen 1774 und 1793 die Sammlung der besten deutschen prosaischen Schriftsteller und DichterSammlung der besten deutschen prosaischen Schriftsteller und Dichter in 180 Nummern. Die Nachdrucke waren durch ein kaiserliches Privileg geschützt, was den Verleger aber nicht vor Anfeindungen, beispielsweise durch GöschenGöschen, bewahrte. Basis der Sammlung waren die damaligen Klassiker wie Gellert, Klopstock und Wieland, erweitert später um historische, politische und philosophische Prosa sowie um unterhaltende Literatur der Zeit.

Die meisten der Bibliotheken in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts präsentierten deutsche oder antike Klassiker. Am Anfang standen die Etui-Bibliothek der Deutschen ClassikerEtui-Bibliothek der Deutschen Classiker bei August SchumannSchumann (ab 1810), die Sammlung der vorzüglichsten deutschen ClassikerSammlung der vorzüglichsten deutschen Classiker aus dem Bureau der deutschen ClassikerBureau der deutschen Classiker im C. F. MüllerMüller Verlag (ab 1814) sowie die Kollektionen im Bibliographischen Institut von Carl Joseph Meyer (Miniatur-Bibliothek der Deutschen ClassikerMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker, ab 1824; Cabinets-Bibliothek der Deutschen Classiker, ab 1827; Hand-Bibliothek der Deutschen ClassikerHand-Bibliothek der Deutschen Classiker, 1828; Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle StändeGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände, ab 1850). Antike Klassiker verlegten originalsprachlich Karl TauchnitzTauchnitz (ab 1819) und Benedictus Gotthelf TeubnerTeubner (ab 1824), in deutschen Übersetzungen der MetzlerMetzler Verlag, herausgegeben von Gustav Schwab (ab 1827). Ausländische Autoren veröffentlichten in Übersetzungen die Gebrüder FranckhFranckh (Walter Scotts Werke, ab 1827; Das belletristische AuslandDas belletristische Ausland, ab 1843), in der Originalsprache TauchnitzTauchnitz in seiner Collection of British AuthorsCollection of British Authors (ab 1841).

Von ganz anderem Programmtypus war die von Ignaz Leopold KoberKober in Prag herausgegebene Reihe Album. Bibliothek deutscher Originalromane der beliebtesten SchriftstellerAlbum. Bibliothek deutscher Originalromane der beliebtesten Schriftsteller. Wie der Name sagt, wurden hier keine Klassikernachdrucke veröffentlicht, sondern Originalwerke zeitgenössischer Autoren. Zwischen 1846 und 1862 erschienen in Jahrgängen jeweils 24 Bände, insgesamt 241 Werke in 350 Bänden; die Reihe wurde 1871 eingestellt. 1861 erschien dort unter dem Pseudonym Jakob Corvinus Der heilige Born von Wilhelm Raabe.

Die zweite Jahrhunderthälfte war die Hochzeit der Eisenbahn- und Reisebibliotheken. Es erschienen in rascher Folge die Humoristische Reise- und EisenbahnbibliothekReise- und Eisenbahnbibliothek, Humoristische bei Albert Heinrich HoffmannHoffmann (ab 1853), die Conversations- und ReisebibliothekConversations- und Reisebibliothek (ab 1855) und Lorck’s EisenbahnbibliothekLorck’s Eisenbahnbibliothek (ab 1855) bei Carl Berend LorckLorck sowie die Reisebibliothek für Eisenbahn und DampfschiffeReisebibliothek für Eisenbahn und Dampfschiffe bei Friedrich Arnold BrockhausBrockhaus (ab 1856). Eine der erfolgreichsten Reihen war die Reiselectüre. Sorglose Stunden im Kreise beliebter ErzählerReiselectüre. Sorglose Stunden im Kreise beliebter Erzähler im Verlag Adolf KrönerKröner (ab 1874). In den 1880er und 1890er Jahren hatten Reisebibliotheken oft nur eine kurze Erscheinungsdauer (viele Beispiele bei Haug 1998: 84f.).

Im Klassikerjahr 1867 oder kurz danach starteten Bibliotheken, in denen zum Teil Tausende von Bänden im Lauf von Jahren und Jahrzehnten erschienen – allen voran Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek (ab 1867). Dazu gehören ferner die Nationalbibliothek sämtlicher deutscher ClassikerNationalbibliothek sämtlicher deutscher Classiker von Gustav HempelHempel (ebenfalls ab 1867), die Collection SpemannCollection Spemann aus dem Verlag Wilhelm SpemannSpemann (ab 1881), Engelhorns allgemeine Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek aus dem Verlag Carl EngelhornEngelhorn (ab 1884), die Bibliothek der Gesamtlitteratur des In- und AuslandesBibliothek der Gesamtlitteratur des In- und Auslandes von Otto HendelHendel (ab 1886), Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher aus dem Bibliographischen Institut unter Hermann Julius Meyer (ab 1886) und Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz aus dem Verlag Herrmann HilgerHilger (ab 1897).

Einen informativen Überblick über mehr als 30 Collectionen, Sammlungen und Bibliotheken aus der Sicht eines Zeitgenossen bietet Moldenhauer 1884, der seine mehrteilige Aufsatzfolge mit der Universal-Bibliothek *Universal-Bibliothek von ReclamReclam beginnt.

Hinzu kamen Sammlungen – zunehmend gebunden –, die durch ihren Reihentitel „entweder an ein möglichst breites soziales Spektrum appellierten oder sich auf eine möglichst kleine Zielgruppe beschränkten“ wie die Familienbibliothek fürs deutsche VolkFamilienbibliothek fürs deutsche Volk, Für Palast und HüttePalast und Hütte, Für, Für den FeierabendFeierabend, Für den, Deutsche Volksbibliothek für Leseverereine und HausVolksbibliothek für Leseverereine und Haus, Deutsche oder Deutsche Handwerker-BibliothekHandwerker-Bibliothek, Deutsche (Wittmann 1982b: 131f.).

Auch die literarischen Verlage brachten gegen Ende des Jahrhunderts Reihen mit gemeinfreien Werken oder als Zweitverwertung von bereits veröffentlichten Werken heraus. CottaCotta startete bereits 1882 seine Bibliothek der WeltliteraturBibliothek der Weltliteratur. S. FischerFischer folgte mit der Nordischen BibliothekBibliothek, Nordische (ab 1889), der Collection FischerCollection Fischer (ab 1894) und mit Fischers Bibliothek zeitgenössischer RomaneFischers Bibliothek zeitgenössischer Romane (ab 1910). LangenLangen brachte seine Kleine Bibliothek ab 1897 auf den Markt, Langewiesche-BrandtLangewiesche-Brandt die Bücher der RoseBücher der Rose ab 1909, UllsteinUllstein die Ullstein-BücherUllstein-Bücher ab 1910 und Anton Kippenberg die Insel-BüchereiInsel-Bücherei ab 1912 (Estermann/Füssel 2003: 275–280). Alle diese preisgünstigen Reihen erschienen als kleinformatige Hardcover.

Zu diesen mit wenigen Ausnahmen (etwa den Reisebibliotheken) belletristischen Collectionen erschienen nach der Jahrhundertmitte Reihen mit nonfiktionalen Inhalten verschiedenster Art. Nach dem frühen Vorläufer Unsere Zeit, oder geschichtliche Übersicht der merkwürdigsten Ereignisse von 1789–1830Zeit, oder geschichtliche Übersicht der merkwürdigsten Ereignisse von 1789–1830, Unsere bei Emanuel SchweizerbartSchweizerbart (ab 1826) kamen Meyers Volksbibliothek für Länder- Völker- und NaturkundeMeyers Volksbibliothek für Länder- Völker- und Naturkunde aus dem Bibliographischen Institut (ab 1853) und die Bibliothek der Unterhaltung und des WissensBibliothek der Unterhaltung und des Wissens bei Hermann SchönleinSchönlein (ab 1876) auf den Markt, später im Jahrhundert die Sammlung GöschenSammlung GöschenGöschen in der Göschen’schen Verlagsbuchhandlung (ab 1889) und Aus Natur und GeistesweltNatur und Geisteswelt, Aus im TeubnerTeubner Verlag (ab 1898).

Im nächsten Kapitel wird zu betrachten sein, welche dieser Reihen aufgrund ihrer Strukturmerkmale als Taschenbuchreihen einzuordnen sind.

Neben den Collectionen, Bibliotheken oder Sammlungen sind für das 19. Jahrhundert die Volksbücher als Reihe typisch. Wie bereits gesagt, sind nicht alle populären Lesestoffe des 19. Jahrhunderts in Reihen erschienen. Es geht hier nicht im weiteren Sinn um „‚Volksbücher‘, ‚Bibliothèque BleueBibliothèque Bleue‘, ‚Volksbüchlein‘, ‚Heftchen‘, ‚Broschüren‘ – wie immer mvan diese Gattung nennen mag“, die „im 19. Jahrhundert in großen Teilen Europas den bedeutendsten nichtperiodischen Lesestoff der gesamten lesenden Bevölkerung“ darstellen (Schenda 1970: 305). Zwar trug die im 18. Jahrhundert in Frankreich entstandene Bibliothèque bleueBibliothèque bleue durch ihren blauen Umschlag Reihencharakter, doch diese Lesestoffe, die in England chapbook und in Italien libretto populare hießen, waren nicht nummeriert, erschienen nicht periodisch und hatte keine standardisierte Aufmachung.

Unter diesen populären Lesestoffen, die man besser „Volksbüchlein“ als „Volksbücher“ nennen sollte (Schenda 1968: 137), hatte nach den Romanen – vor allem Ritter- und Liebesromane – das religiöse Schrifttum mit Andachtsbüchern, Liederbüchern, Gebetsbüchern und erbaulichem Schrifttum den größten Anteil (Andries/Bollème 2003: 23). Hinzu kamen Märchen, Fabeln und Sagen, Sammlungen von Witzen und Anekdoten, Traumdeutungsbücher, aber auch praktische Ratgeber für Gesundheit und Haushalt oder für den Landmann. Es handelte sich „um eine massenhaft hergestellte Art von Lesestoffen, um Heftchen von 8 bis 128 Seiten, etwa 14 mal 9 cm groß, um Massenlektüren auf billigstem Papier zu billigstem Verkaufspreis“ (Schenda 1968a: 140). Eine erste Einführung gibt Mandrou 1975; eine rund 1.000seitige Beispielsammlung von Texten der Bibliothèque bleueBibliothèque bleue findet sich bei Andries/Bollème 2003. Schenda 1968b verzeichnet bibliografisch 1.000 französische Volksbüchlein aus dem 19. Jahrhundert. Vergleichbares für den deutschen Sprachraum gibt es nicht. Zu den chapbooks siehe Weiss 1969 und Schöwerling 1980.

In unserem Kontext geht es um die Volksbücher im engeren Sinn, wie sie in Reihen im 19. Jahrhundert auf den Markt gebracht wurden. Ein Schlüsselwerk dabei ist die die Schrift Die teutschen Volksbücher von Joseph Görres aus dem Jahr 1807. Wie der Untertitel des Buchs zeigt, ging es Görres nicht nur um die Tradierung spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Epen: Nähere Würdigung der schönen Historien- Wetter- und Arzneybüchlein, welche theils innerer Werth, theils Zufall, Jahrhunderte hindurch bis auf unsere Zeit erhalten hat. Die beiden bedeutendsten Reihen, die in dieser Tradition entstanden, wurden von dem Philologen Karl Simrock (1802–1876) und dem Autor, Philosophen und Bankier Gotthard Oswald Marbach (1810–1890) herausgegeben.

Karl Simrocks Reihe Die deutschen VolksbücherVolksbücher, Die deutschen erschien zwischen 1838 und 1850 im Verlag Heinrich Ludwig BrönnerBrönner in Frankfurt und umfasste 57 Titel. Neben den ‚klassischen‘ Stoffen wie Die schöne Magelone, Reineke Fuchs, Genoveva und Dr. Johannes Faust erschienen auch Sammlungen von Sprichwörtern, Rätseln, Volksliedern und Weissagungen, aber auch Büttner-Handwerksgewohnheiten und Der Huf- und Waffenschmiede-Gesellen Handwerksgewohnheit. Die broschierten Bände hatten einen Umfang zwischen 50 und über 600 Seiten, sie waren mit Holzschnitten illustriert und hatten ein Format von circa 11 cm x 18 cm.

Am bekanntesten ist wohl die Sammlung Volksbücher von Gotthard Oswald Marbach, die ebenfalls 1838 im Verlag Otto WigandWigand in Leipzig zu erscheinen begann. In der Zusammenstellung gleicht sie weitgehend der Simrockschen Reihe, doch sind das keine Ausgaben, die auch Philologen ansprechen wollten, sondern vor allem auf das Unterhaltungsbedürfnis des Publikums zielten (Rautenberg 1985: 223f.). Von den insgesamt 53 Bänden erschienen bis 1842 vierunddreißig unter der Herausgeberschaft Marbachs, danach bis 1848 weitere 19 Bände, zum Teil durch Oskar Ludwig Bernhard Wolff herausgegeben, einige auch ohne Nennung eines Herausgebers. Zum Erfolg der Reihe hat sicher beigetragen, dass 31 Titel mit Holzschnitten von Ludwig Richter illustriert waren. Die Bände erschienen in Heftform, also ohne festen Einband, und wurden auf billigstem Papier gedruckt. Die Umfänge schwankten zwischen 40 und 250 Seiten; das Format betrug 12,5 cm x 18 cm.

Für den ökonomischen Erfolg beider Reihen sprechen die Tatsachen, dass Simrocks Die deutschen VolksbücherVolksbücher, Die deutschen zwischen 1845 und 1867 in 13 Sammelbänden erneut herausgebracht wurden und dass Marbachs Volksbücher bis zur Jahrhundertwende immer wieder nachgedruckt wurden (Galle 2006b: 19).

Der Begriff „Volksbücher“ erscheint auch – oft in Kombination mit geografischen Bezeichnungen – in vielen anderen Reihennamen wie Münchener VolksbücherVolksbücher, Münchener, Rheinische VolksbücherVolksbücher, Rheinische, Rosenheimer VolksbücherVolksbücher, Rosenheimer, Wiener VolksbücherVolksbücher, Wiener, Wiesbadener VolksbücherVolksbücher, Wiesbadener etc. Wie das Beispiel Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher zeigt, handelt es sich jedoch nicht immer um Volksbücher in dem hier behandelten Sinn. Meyers Volksbücher versammeln vielmehr neben wenigen nichtfiktionalen Titeln vor allem in- und ausländische Klassiker sowie Autoren der Zeit. Mit „Volksbibliotheken“ wiederum wurden vor allem gegen Ende des Jahrhunderts Reihen für Jugendliche bezeichnet (Galle 2006b: 110–133).

Die dritte Gattung, die im oben beschriebenen Sinn für unser Thema wichtig ist, sind die Kolportageromane, oft auch als Lieferungsromane, zeitgenössisch häufig als „Hintertreppenroman“ bezeichnet. Ein Kolportageroman war ein Roman von einigem Umfang, der in Lieferungen portioniert war und über den Kolportagebuchhandel an sein Publikum gelangte. Die Zahl der Lieferungen schwankte zwischen 15 und maximal 200 Heften von zunächst 16 bis 48 Seiten, seit den 1880er Jahren von in der Regel 24 Seiten (Kosch/Nagel 1993: 6) Die einzelnen Hefte wurden in der Anfangszeit im Oktav-Format, später im Klein-Oktav-Format gedruckt, also mit einer Rückenhöhe zwischen 25 cm und 18,5 cm. Die gefalteten Druckbögen waren häufig nicht aufgeschnitten. Zum Lieferungsumfang gehörte auch eine Illustration; diese war teilweise auch mehrfarbig. Die Titelseite war verständlicherweise immer identisch gestaltet, um den Seriencharakter zu unterstreichen. Der Preis pro Lieferung betrug meist zehn Pfennig. Der Verlag stellte häufig Einbanddecken zur Verfügung, sodass der Abonnent die Hefte aufbinden lassen konnte.

Die ersten Hefte wurden kostenlos an die Kolportagebuchhändler abgegeben, denn deren Kolporteure mussten Abonnenten für das jeweilige Lieferungswerk gewinnen, und diese Freistücke stellten einen Teil der Provision der Reisenden dar. Entsprechend hoch waren zunächst die Auflagen. Ein zeitgenössischer Bericht nennt bei einem dieser Werke 2,5 Millionen gedruckte Exemplare für die erste Lieferung, 215.000 für die zweite und 175.000 für die fünfte Lieferung. Ab Heft 6 musste der Abonnent die Lieferungen bezahlen. Nun sank die Zahl der gedruckten Exemplare von 75.000 Exemplare auf 13.000 Exemplare bei der 150. und letzten Lieferung (Kellen 1899: 87f.).

Im Unterschied zum Kolportagebuchhandel ist der deutsche Kolportageroman kaum erforscht. Ausnahmen sind Schenda 1970, 241–248 und 310–314 und vor allem Galle 2006b: 134–177. Die Bibliografie von Kosch/Nagel 1993 verzeichnet über 1.500 Kolportageromane für den Zeitraum von 1842 bis 1960. Siehe dort auch die Einleitung.

Nach Vorbildern in den USA und England begannen in Deutschland die ersten Kolportageromane um die Jahrhundertmitte zu erscheinen. Ihre Blütezeit erlebten sie zwischen 1860 und der Jahrhundertwende. In diesem Zeitraum erschienen rund 1.100 Lieferungsromane (Kosch/Nagel 1993: 1). Zeitgenössisch werden als Beispiele immer wieder genannt Kornblume und Veilchen oder Unser Wilhelm und Unser Fritz. Patriotische Erzählung (1888–1890) von N. J. Anders – ein Pseudonym von Nathan Jacob – im Verlag Werner GroßeGroße, Berlin, und Der Scharfrichter von Berlin. Sensations-Roman nach Acten, Aufzeichnungen und Mitteilungen des Scharfrichters Julius Krautz (1889–1890) von Victor von Falk, – ein Pseudonym von Heinrich Sochaczewsky – im Verlag August WeichertWeichert, Berlin. Kornblume und Veilchen soll in 200 Lieferungen mit insgesamt über 4.800 Seiten erschienen sein; der Scharfrichter hatte einen Umfang von über 3.000 Seiten in 130 Heften zu je zehn Pfennig und fand eine Viertelmillion Käufer (Kellen 1899: 85).

All diese Romane sind heute in Vergessenheit geraten. Am ehesten sind noch die fünf Lieferungsromane im literarischen Bewusstsein geblieben, die Karl May zwischen 1882 und 1887 für den Dresdner Verlag H. G. MünchmeyerMünchmeyer geschrieben hat. Den ersten Roman, Waldröschen oder Die Rächerjagd rund um die Erde mit dem schönen Untertitel Großer Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft, veröffentlichte May unter dem Pseudonym Capitain Ramon Diaz de la Escosura, die weiteren ohne Verfasserangabe. Der Roman erschien in 109 Fortsetzungen von Dezember 1882 bis August 1884 und umfasste 2.612 Seiten.

Von der Form her eng verwandt mit den Lieferungsromanen sind die Serienhefte und der Heftroman. Beiden gemeinsam ist – in der Abgrenzung zum Lieferungsroman –, dass die Hefte zwar auf Fortsetzung angelegt sind, jedoch jeweils eine in sich abgeschlossene Handlung hatten. Im Unterschied zum Serienheft hatte der Heftroman darüber hinaus eine durchgehende Zentral- und Titelfigur. Beide Formen waren vom Umfang her streng normiert, wobei Ausnahmen eher bei den Serienheften möglich waren. Der Vertrieb erfolgte zunächst weitgehend über den Kolportagebuchhandel, doch parallel zu dessen Rückgang wurden Straßenverkäufer, Bahnhofskioske, der Schreibwarenhandel sowie Zigaretten- und Tabakläden immer wichtiger.

Zur Einführung siehe Galle 2006a und 2006b sowie Buck 2010; ein Verzeichnis der zwischen 1900 und 1945 erschienenen Heftromane bei Wanjek 1993.

Serienhefte wie Heftroman hatten ihren Vorläufer in der amerikanischen dime novel (Cox 2012). Als erster Titel der Reihe Beadle’s Dime NovelsBeadle’s Dime Novels erschien 1860 Malaeska. The Indian Wife of the White Hunter von Ann S. Stephens. Diese frühesten dime novels hatten bei einem Preis von zehn Cent (einem „dime“) einen Umfang von 96 Seiten in drei Bogen zu je 32 Seiten; sie waren fadengeheftet. Am Anfang betrug das Format 4 ½ inches x 6 ½ inches (11,4 cm x 16,5 cm); später erschien die Mehrzahl der Hefte im Format 7 inches x 10 inches (17,8 cm x 25,4 cm, also etwas größer als DIN A5). Die Broschuren waren mit einem orangefarbenen Papier derselben Stärke wie der Innenteil umhüllt. Die Vorderseite zierte ein simpler Holzstich, der die Hauptfigur in einer sprechenden Szene zeigte. Erzählt wurden zunächst wahre Geschichten aus der Pionierzeit Amerikas und fiktionale Heldenlegenden. Der in den ersten Jahren konkurrenzlose Verlag BeadleBeadle verkaufte bis 1865 mehr als vier Millionen Exemplare, von Malaeska im Lauf der Jahre wohl eine halbe Million (Schick 1958: 50–54 und Bonn 1982: 29f.). Ab 1874 wurden die wenig attraktiven Umschläge durch grelle, farbige Cover ersetzt. Den Höhepunkt der Verbreitung fanden die dime novels im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts. Nach dem Ersten Weltkrieg verschwanden sie von der Bühne der populären Lesestoffe.

Thematisch erschienen auf dem deutschen Markt neben den Wildwest-, Detektiv- und Abenteuerromanen später sogenannte Sittenromane und Hefte für Jungen und Mädchen (Backfischliteratur), im Ersten Weltkrieg dann viele Reihen mit Kriegsabenteuern. 1908 kam mit Der Luftpirat und sein lenkbares LuftschiffLuftpirat und sein lenkbares Luftschiff, Der die erste Science-Fiction-Serie in Deutschland auf den Markt. Sie brachte es in den wenigen Jahren ihres Erscheinens auf 165 Hefte (Galle 2006a: 92).

Serienhefte gehen im deutschen Sprachraum weiter zurück als die nach der Jahrhundertwende entstehenden Heftromane. Die Themen in den frühen Serienheften sind breit gestreut. Fiktionale Stoffe stehen neben nichtfiktionalen. Umfänge und Formate variieren. Gängige Bezeichnungen sind „Romanbibliothek“, „Bücherschatz“, „10-Pfennig-Bibliothek“ etc. Die Hefte erschienen überwiegend ohne Titelillustration. Das Äußere war nüchtern, einfarbig, wie bei den Wiesbadener VolksbücherVolksbücher, Wiesbadenern oder teilweise bei der Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden BotenVolksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten.

Serienhefte für ein jugendliches Publikum liefen in der Regel unter den Begriffen „Jugendbibliothek“, „Volksbibliothek“ oder vergleichbaren Formulierungen und erschienen ab den 1870er Jahren. Die Hefte waren im Unterschied zu den genannten Bibliotheken strenger normiert; sie hatten in der Regel einen Umfang von 32 oder 64 Seiten, erschienen im Klein-Oktav- oder im Sedezformat und hatten ein farbiges Cover. Zu Beginn dominierten die Indianergeschichten; später kamen Abenteuer- und Seemannsgeschichten hinzu.

Nach dieser Betrachtung des seriellen Buchs im 19. Jahrhundert ist im nächsten Kapitel nach dem Taschenbuch in diesem langen Jahrhundert zu fragen.

4 Das Taschenbuch im langen 19. Jahrhundert

Im vorangegangenen Kapitel haben wir das breite Panorama des seriellen Buchs im 19. Jahrhundert entfaltet. Nun sind Kriterien zu entwickeln, die von einem Taschenbuch im langen 19. Jahrhundert (zum Begriff siehe Bauer 2010) sprechen lassen, wie es unserem modernen Verständnis weitgehend entspricht. Gegenüber den im letzten Kapitel ausführlich beschriebenen Kriterien sind dabei nur wenige Einschränkungen zu machen.

Dabei hilft vor allem eine Reihendefinition vom Anfang des 20. Jahrhunderts. Carl Christian Bry hebt in seiner schmalen Dissertation Buchreihen vor allem auf die abgeschlossene Form der Einzelbände und eine Mehrzahl von Autoren ab: „Von einer Bücherreihe im engeren, modernen Sinne kann jedoch nur dann gesprochen werden, wenn es sich um eine Serie von einheitlichen, abgeschlossenen Bänden verschiedener Verfasser handelt, die durch weitere oder intimere Inhaltszusammengehörigkeit, gleichen Obertitel und gleiche Ausstattung, (ev., in der engsten Form, noch durch gleichen Preis) verbunden, aber doch einzeln käuflich sind.“ (Bry 1917: 14. Hervorhebung im Original) Damit werden umfangreiche Werkausgaben, die in Lieferungen erscheinen, die Einzellieferungen eines Kolportageromans und die schulischen Lesestoffe und Unterrichtshilfen wie die Griechischen und Römischen Prosaiker in neuen ÜbersetzungenProsaiker in neuen Übersetzungen, Römische (seit 1825 fast 750 Bändchen bei MetzlerMetzler) oder Freund’s Schüler-BibliothekFreund’s Schüler-Bibliothek (seit 1859 fast 400 Bändchen im Verlag Wilhelm VioletViolet, Dresden) ausgeschlossen.

Andererseits schließt ein solche Eingrenzung wie die Brys jedoch das (Roman)Heft ein, das wegen des geringen Umfangs oft aus der Betrachtung ausgeklammert wird – nicht aber Romanheftserien mit einer Titelgestalt, etwa die Nick-Carter-HefteNick Carter. Amerika‘s größter Detectiv. Eine sinnvolle Abgrenzung von Taschenbuch und Heft ist nach formalen Kriterien nicht möglich, sondern müsste, wo möglich und notwendig, zum Beispiel über die Vertriebswege erfolgen.

Weiterführend ist eine Eingrenzung des Formats. Natürlich sind unsere heutigen Vorstellungen in dieser Hinsicht vom Taschenbuch seit PenguinPenguin und RowohltRowohlt geprägt, doch zeigt die historische Entwicklung, dass das ‚taschenfähige‘ Format keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist. Die Formate der im Folgenden dargestellten Reihen schwankt zwischen sieben und zwölf Zentimeter in der Breite sowie zwischen neun und 20 Zentimeter in der Höhe.

Das Format ist klein und handlich, ‚in die Tasche passend‘. Das spiegelt sich auch in der Bezeichnung in anderen Sprachen wider: pocket book, livre de poche, libro tascabile. Zwar gab es mit den Gürtelbüchern kleinformatige Bücher schon ab dem 14. Jahrhundert und mit den Klassikerausgaben von Aldus Manutius im 16. Jahrhundert, doch im 18. Jahrhundert vollzog sich eine „äußerliche Anpassung des Buches an die neuen Lesegewohnheiten [der extensiven Lektüre. Der Verf.]. Mehr und mehr wurden kleine Büchlein produziert, und seit der Jahrhundertmitte stiegen Taschenbücher und Almanache unaufhaltsam in der Gunst des Publikums. Der moderne Leser zog das elegante Oktav- oder Duodezbändchen allemal dem pedantischen Folio oder Quart der Gelehrten- und Erbauungsliteratur vor“ (Kiesel/Münch 1977: 171).

Die Frage des Formats lässt sich sicher kontrovers diskutieren. Doch würde man die Kleinformate Sedez und Duodez mit den Rückenhöhen von kleiner als 10 cm beziehungsweise zwischen 10 cm und 15 cm aus der Betrachtung ausschließen, so würde man das auch mit der sicher wirkungsmächtigsten Taschenbuchreihe, nämlich Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek, tun.

Das wichtigste Ausstattungsmerkmal ist – neben billigem Papier – die Broschur. War die Broschur in der Geschichte des Bucheinbands zunächst eine Interimsbindung, die den Buchkorpus bis zur endgültigen Bindung als Hardcover schützte, so wurde sie seit dem 19. Jahrhundert als preisgünstige Alternative zum gebundenen Buch eingesetzt (Rautenberg 2015: 64f.), weil so größere Publikumskreise erreicht werden konnten. Bezeichnend ist ein Sprichwort aus dem späten 18. Jahrhundert, das Johann Goldfriedrich in seiner Geschichte des Deutschen Buchhandels zitiert: „Bücher bilden Gelehrte; Broschüren bilden Menschen.“ (1909: 269)

Dem Argument, die Broschurbindung sei nicht konstituierend für das Taschenbuch der Zeit, „denn in einer Zeit, die das Einbinden eines Buches noch vielfach dem Käufer überließ, war die Broschurenform nichts, was einen Buchtyp definieren könnte“ (Fallbacher 1992: 1), ist schon aus dem Grund zu widersprechen, weil etliche der Reihen oder zumindest Titel daraus von den Verlagen sowohl als Broschur als auch gebunden angeboten wurden, also sehr wohl eine Differenzierung seitens des Verlags vorgenommen wurde. Auch die Verarbeitung, ob Fadenbindung, Leimung oder Heftklammerung, ist kein Definitionsmerkmal.

Zur Abgrenzung des Taschenbuchs von der Broschüre siehe Bandel/Stanizek 2015.

Aus dem kalkulatorischen Zusammenhang von Auflage und Ladenpreis ergibt sich, dass Taschenbücher sich auch durch ihren Verbreitungsgrad, sprich durch ihre verkauften Exemplare, definieren. Daher wird zum Beispiel die literarische Reihe Der jüngste Tag,Tag, Der jüngste die zwischen 1913 und 1921 mit 86 Bänden im Kurt WolffWolff Verlag erschien, nicht hier aufgenommen, obwohl sie geheftet war. Die Verkäufe waren im Vergleich mit anderen Reihen sehr niedrig (Göbel 1977: Sp. 590–592); der Ladenpreis vergleichsweise hoch (Sp. 578).

Wie für alle seriellen Bücher ist die Periodizität entscheidend. Im Allgemeinen erscheinen die Reihen regelmäßig. So bündelte beispielsweise ReclamReclam zehn bis 15 Bände in einer Auslieferung, nicht zuletzt um Vertriebskosten zu sparen. Wichtig ist auch das Erscheinen über einen längeren Zeitraum hinweg. Daher sind hier nur Serien von einigem Umfang aufgenommen. Kurzlebige Reihen wie zum Beispiel die Sammlung FranckhSammlung Franckh, die es in dem Jahrzehnt zwischen 1895 und 1905 auf gerade einmal 36 Nummern brachte (Galle 2006b: 194), bleiben unberücksichtigt.

Die im Folgenden beschriebenen Taschenbuchreihen stehen in chronologischer Reihenfolge.

Etui-Bibliothek der Deutschen ClassikerEtui-Bibliothek der Deutschen Classiker


Abb. 2:

Etui-Bibliothek 26: Alois Blumauer: Gedichte. F. W. Forstmann, Aachen 1816, 143 Seiten. Format 9,7 cm x 11,5 cm. Der Reiheneinband war nicht titelspezifisch gestaltet, sodass erst der Haupttitel Aufschluss über den Inhalt gab.

Der Zwickauer Buchhändler und Verleger August SchumannSchumann (1773–1826) ist wegen seiner „preiswerten broschierten Reihen deutscher und ausländischer Literatur […] zum Urvater des modernen Taschenbuchs“ erklärt worden (Fallbacher 1992: 17). 1814 oder 1815 hat er mit seiner Etui-Bibliothek der Deutschen ClassikerEtui-Bibliothek der Deutschen Classiker begonnen – so die Annahme in der Forschung. Es liegen allerdings Bände mit Gedichten von Schiller, mit Oden von Klopstock, mit Lessings Emila Galotti und mit Gessners Idyllen aus den Jahren 1810 und 1811 vor. Die Produktion von mehreren Bänden pro Jahr setzte dann 1816 ein. Zunächst waren 80 Bände geplant; bei Einstellung der Etui-Bibliothek im Jahr 1826 lagen 100 Bände vor.

Die Reihe präsentierte deutsche Texte vom Nibelungenlied und den Minnesängern über Barock (Opitz) und Aufklärung (Kant, Klopstock, Lessing) bis zu Klassik (Schiller) und Romantik (Novalis). Unangefochtener „Spitzenreiter“ war Schiller mit zehn Bänden. Goethe war nicht vertreten.

Zu August SchumannSchumann und seinen Bibliotheken siehe Fallbacher 1992: 12–17; ein Verzeichnis der Etui-BibliothekEtui-Bibliothek der Deutschen Classiker unter www.miniaturbuch.de.

Die Firma Gebr. SchumannSchumann firmierte nur teilweise auf dem Titel. Zumeist waren angegeben „Aachen, bey F. W. Forstmann“ oder „Mannheim, bey Schwan und Götz“ oder „Heilbronn, bey G. G. Strasser“. Auf den Umschlaginnenseiten ist das Unternehmen teilweise als Kommissionär genannt. Die differierenden Angaben dienten wohl einzig der Verschleierung, dass es sich bei den Ausgaben der durch Privilegien geschützten Autoren um unautorisierte Nachdrucke handelte.

Die braun-grauen Broschuren waren klein und fast quadratisch, der Umschlag einheitlich typografisch gestaltet. Autor und Werktitel gingen daraus nicht hervor, sondern wurden nur im Innentitel genannt. Das uneinheitliche Format schwankte zwischen 8 cm und 10 cm in der Breite und 9,5 cm bis 12 cm in der Höhe. Der Umfang betrug um 160 Seiten, selten über 200 Seiten. Die Bändchen enthielten als Frontispiz ein Bild des Dichters oder der Hauptfigur eines Dramas sowie einen kurzen biografischen Abriss. Broschiert kosteten die Titel in der Subskription neun Groschen, gebunden 12 Groschen. Der Ladenpreis lag um die Hälfte höher.

Der Erfolg der Reihe veranlasste Schumann, ab 1818 die preis- und ausstattungsgleiche Taschenbibliothek der ausländischen KlassikerTaschenbibliothek der ausländischen Klassiker herauszubringen, in der er französische, englische, spanische und italienische Autoren in der Originalsprache veröffentlichte. Vertreten waren neben Shakespeare, Voltaire, Cervantes und Tasso auch der zeitgenössisch außerordentlich beliebte Walter Scott. Die Taschenbibliothek war auf 60 Bändchen angelegt.

1820 kündigte SchumannSchumann in einer „Nachricht“ auf den Umschlaginnenseiten an, neben den Originalen auch Übersetzungen der ausländischen Klassiker herauszubringen. Diese Taschenbibliothek der ausländischen KlassikerTaschenbibliothek der ausländischen Klassiker in neuen Verdeutschungen erschien zwischen 1821 und 1830. Ab 1822 bestand die Reihe zu weiten Teilen aus einer umfangreichen Werkausgabe Scotts. Eine genauere Erforschung sowohl der Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker als auch der Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker in neuen VerdeutschungenTaschenbibliothek der ausländischen Klassiker in neuen Verdeutschungen steht noch aus. 1840 wurde das Unternehmen mit allen Beständen an den MetzlerMetzler Verlag in Stuttgart verkauft, der Neuauflagen der Übersetzungen unter eigenem Namen publizierte.

Miniatur-Bibliothek der Deutschen ClassikerMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker und Cabinets-Bibliothek der Deutschen Classiker

Abb. 3:

Miniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker 54: Göthe’s Genius. Bibliographisches InstitutBibliographisches Institut, Hildburghausen/New York 1829, 80 Seiten. Format 7,2 cm x 11,1 cm. Der Reiheneinband war nicht titelspezifisch gestaltet, sodass erst der Haupttitel Aufschluss über den Inhalt gab.


Wie SchumannSchumann hat man auch Carl Joseph MeyerMeyer (1796–1856) bei seinen Bibliotheken des unrechtmäßigen Nachdrucks von Werken bezichtigt, die durch Privilegien urheberrechtlich geschützt waren. Meyer argumentierte, seine Bände seien „eine Anthologie in Einzellieferungen und die Veröffentlichung eines Bändchens mit einigen wenigen Stücken eines Autors verstoße nicht gegen die Rechte von Autor und Verleger“ (Sarkowski 1976: 24). Zudem hatte er Einfluss auf die Gesetzgebung genommen, als im Jahr 1828 im Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha als erstem deutschen Land der 20jährige Urheberschutz eingeführt worden war. Bezeichnenderweise waren Anthologien nach diesem Gesetz nicht schutzwürdig.

MeyerMeyer hatte den Verlag Bibliographisches InstitutBibliographisches Institut 1826 in Gotha unter dem Namen seiner Frau Minna gegründet; alleiniger Geschäftsführer war er. Zwei Jahre später erfolgte der Umzug nach Hildburghausen, weil der Verlag dort sehr günstige Konditionen für seine Druckerei erhielt, nicht zuletzt weil ihm gestattet war, die Bücher auch im eigenen Haus zu binden, was in anderen (Klein-)Staaten des Reichs wegen der Zunftbestimmungen nicht erlaubt war. Als Ortsangabe verwendete der Verlag neben Gotha auch die Zusätze Philadelphia, New York, Amsterdam, Paris, ohne dass immer ein Nachweis zu erbringen gewesen wäre, dass es dort auch Niederlassungen des Verlagshauses gab.

Am 1. Mai 1827 kündigte MeyerMeyer in einem Prospekt die Cabinets-Bibliothek der Deutschen Classiker; eine rechtmäßige Auswahl des Schönsten und Gediegensten aus ihren sämmtlichen Werken an. Vorgesehen waren wöchentlich vier verschiedene Ausgaben in jeweils eigenem Format, auf unterschiedlichem Papier und jede Ausgabe eigens gesetzt. Realisiert wurden davon die beiden Reihen Miniatur-Bibliothek der Deutschen ClassikerMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker und Cabinets-Bibliothek der deutschen Classiker.

In der Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker erschienen zwischen 1827 und 1834 insgesamt 204 Bände, also etwa zwei Bände pro Monat. Das Format betrug 7,0 cm x 11,5 cm, der Umfang der fadengehefteten Broschuren im Durchschnitt sechs Bogen (96 Seiten), der Preis 2 ½ Silbergroschen. Der Umschlag war wie bei der Schumannschen Etui-Bibliothek als Reihentitel einheitlich gestaltet. Im Innenteil zeigte ein Stahlstich als Frontispiz den auch mit einer Kurzbiografie vorgestellten Autor.

Nicht zuletzt auf Grund der Urheberrechtssituation machten Autoren der Aufklärung einen großen Teil des Programms aus: von Bürger, der die Sammlung eröffnete, und Herder über Kleist und Lessing bis zu Mendelssohn und Knigge. Klopstock war mit elf Titeln am häufigsten vertreten, es folgten Herder und Seume mit acht. Von Goethe wurden sechs Bändchen publiziert. Umfangreiche Werke wie zum Beispiel Wielands Abderiten erschienen in fünf Bänden.

Am umfangreichsten über die hier vorgestellten Meyerschen Bibliotheken informieren Sarkowski 1976: 22–26, bibliografisch 202–207 und 242–249 sowie Fallbacher 1992: 62–77.

Gleichzeitig mit der Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker erschien die Cabinets-Bibliothek der deutschen Classiker. Sie entsprach in der Nummerierung und inhaltlich der Miniatur-Bibliothek, hatte jedoch ein größeres Format (9,0 cm x 14 cm), besseres Papier, einen größeren Schriftgrad und mehr Durchschuss. Dadurch vergrößerte sich der Umfang auf durchschnittlich acht Bogen (128 Seiten); der Preis betrug 5 ½ Silbergroschen.

Aus dem Buchhandel schlug MeyerMeyer heftiger Widerstand entgegen. Vier Wochen nach der Ankündigung der Bibliothek verkündeten vor allem Berliner Buchhändler in einer Zeitungsbeilage, dass sie keine Subskriptionen auf die Reihe in ihren Buchhandlungen annehmen wollten. Dieser Boykottaufruf, aber auch Kapitalknappheit zwangen den Verleger, ungewöhnliche Vertriebsmethoden anzuwenden. Er verlangte Barzahlung; nur bei größeren Umsätzen akzeptierte er Dreimonatswechsel. Die Käufer mussten sich zur Abnahme einer Jahresserie verpflichten, und jeweils ein Bändchen war im Voraus zu bezahlen (Pränumeration).

Der Verlag trieb die Interessenten durch Plakate auf Poststationen, durch große Anzeigen und durch Verteilung von Prospekten in die Buchhandlungen. Zudem verpflichtete er Kolporteure. Aber auch Privatleute lockte er: „Subskriptionssammler erhalten auf 6 Exemplare ein siebtes umsonst. Aufträge von 50 Exemplaren aber genießen alle im Buchhandel gewöhnlichen Vorteile“ – so eine Anzeige von 1828 (nach Sarkowski 1976: 25). Das empfand der Buchhandel natürlich als Affront. Etwas mehr als ein Jahr nach Start der Reihe behauptete Meyer in einer Anzeige, dass von den Titeln der ersten Serie je 40.000 Exemplare verkauft worden seien.

Schon mit der parallelen Publikation der Miniatur-Bibliothek der Deutschen ClassikerMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker und der Cabinets-Bibliothek der deutschen ClassikerCabinets-Bibliothek der deutschen Classiker erwies sich MeyerMeyer als geschickt und effizient in der Wiederverwertung der Substanz, und so legte er folgerichtig in den Jahren 1839 bis 1844 die Neue Miniatur-Bibliothek der deutschen ClassikerMiniatur-Bibliothek der deutschen Classiker, Neue auf. Bei geänderter Nummerierung entsprachen die Nachdrucke in Format und Ausstattung der Miniatur-Bibliothek; mit zwei Silbergroschen war der Preis etwas niedriger.

Zwischen 1841 und 1846 folgte in 130 Bänden die Familien-Bibliothek der Deutschen KlassikerFamilien-Bibliothek der Deutschen Klassiker, basierend auf den vorangegangenen Bibliotheken, aber im wesentlich größeren Format von 12,0 cm x 15,5 cm und daher neu gesetzt. Auch die Familien-Bibliothek wurde wiederverwertet, nämlich in der 1855/1856 aufgelegten National-Bibliothek der Deutschen ClassikerNational-Bibliothek der Deutschen Classiker mit 120 Bänden, dieses Mal jedoch für den bürgerlichen Bücherschrank in Leinenbänden.

Collection of British Authors

Abb. 4:

Collection of British and American AuthorsCollection of British and American Authors 90 (Tauchnitz Edition): Robert Burns: The Poetical Works. Bernhard TauchnitzTauchnitz, Leipzig 1845, 363 Seiten. Format 11,8 cm x 16,4 cm. Der Copyright-Vermerk konnte in der Formulierung leicht abweichen.

In eine ganz andere Richtung ging der Anspruch einer noch viel umfangreicheren Sammlung. Christian Bernhard TauchnitzTauchnitz (1816–1895), der im Alter von noch nicht einmal 21 Jahren 1837 in Leipzig den Verlag Bernh. Tauchnitz jun. gegründet hatte, startete vier Jahre später eine der umfangreichsten Taschenbuchreihen in der Geschichte dieses Buchtyps, die Collection of British Authors, im Folgenden in der Regel Tauchnitz-EditionAlbatross Modern Continental Library, The genannt. Ziel war es, die besten britischen Autoren auf dem Kontinent und vor allem in Deutschland in originalsprachigen (und preiswerten) Ausgaben bekannt zu machen.

Zum damaligen Zeitpunkt gab es kein internationales Urheberrecht, das die britischen Autoren vor einer solchen Publikation geschützt hätte. Gleichwohl sicherte TauchnitzTauchnitz ihnen zum einen ein Honorar zu, und so konnte er die Bände als „Authorized Edition“ deklarieren. Zum anderen verpflichtete er sich in einem Zirkular an die britischen Verleger und Autoren, seine Edition nicht in England oder den Kolonien zu verkaufen (Ausschnitte aus dem englischsprachigen Dokument bei Fallbacher 1992: 83f.). Entsprechend war auf der Vorderseite der Bändchen vermerkt: „This Collection is published with copyright for Continental circulation, but all purchasers are earnestly requested not to introduce the volumes into England or into any British Colony.“

Fünf Faktoren machten die Reihe auch für bekannte britische Autoren attraktiv. Das war erstens der niedrige Preis von einem halben Taler pro Band. Dieser konnte – nicht zuletzt wegen des eingesetzten Gipsstereotypiedrucks – bis 1871 gehalten werden. Zweitens berührte TauchnitzTauchnitz mit seiner Selbstverpflichtung, die Bände nicht in Großbritannien zu verbreiten, nicht die gewachsenen Autor-Verleger-Beziehungen. Drittens verschaffte er den Autoren – engere Beziehungen unterhielt er vor allem zu Charles Dickens, aber auch zu Edward Bulwer-Lytton, William Thackeray und Wilkie Collins – durch die freiwillige Zahlung von Honoraren (auch für Nachauflagen) eine zusätzliche Einnahmequelle. Viertens besaßen die Tauchnitzschen Ausgaben eine sehr gute editorische Qualität, sodass der Verlag einen ‚Finderlohn‘ für denjenigen ausschreiben konnte, der einen Satzfehler in einem der Bände finden würde. Und schließlich verbreitete Tauchnitz die Ausgaben seiner Autoren nicht nur in Deutschland, sondern vor allem auch in Frankreich, Belgien, den Niederlanden und in Italien (siehe Mienert u.a. 2017: 29–34 und 46–51).

Grundlegend für die Beschäftigung mit der Tauchnitz-EditionAlbatross Modern Continental Library, The ist das umfangreiche Werk von Todd/Bowden 2003. Hier werden die Editionsgeschichte auf über 1.000 Seiten dargestellt und alle Bände sorgfältigst bibliografiert. Die jüngste Publikation zu TauchnitzTauchnitz im deutschsprachigen Bereich ist zugleich die umfassendste: Mienert u.a. 2017. Eine erste Einführung bietet Pressler 1978.

Das Format betrug 11,8 cm x 16,4 cm; es wurde bis in das Jahr 1935 (Nr. 5225) konsequent durchgehalten. Danach wählte der Verlag mit 11,2 cm x 18,1 cm ein schlankeres Format. Die weißen Broschuren kosteten einen halben Taler, später viele Jahre 1 Mark 60, dann 1 Mark 80 und in den 1930er Jahren zwei Mark. Originalbroschuren sind heute sehr selten. In Bibliotheken und Sammlungen finden sich zumeist Aufbindungen. Die zahlreichen Abbildungen in Todd/Bowden 2003 zeigen fast ausnahmslos gebundene Ausgaben.

Das Cover blieb mit seinem Linienrahmen mit Ornamenten in den vier Ecken über Jahrzehnte völlig unverändert. Erst 1914 wurde der schlichte, typografisch orientierte Umschlag leicht modifiziert und der Reihentitel auf Collection of British and American AuthorsCollection of British and American Authors erweitert (siehe Todd/Bowden 2003: 608).

Bis 1943 – bis zur kriegsbedingten Einstellung der Produktion – erschienen in der Tauchnitz-EditionAlbatross Modern Continental Library, The 5.372 Bände. Diese Zahl ist jedoch nicht identisch mit den veröffentlichten Werken, da ein Werk oft in zwei oder mehr Bänden erschien. Obwohl mit der Nr. 5 bereits ein Jahr nach dem Start der amerikanische Autor James Fenimore Cooper verlegt wurde, wurde der ursprüngliche Reihentitel Collection of British AuthorsCollection of British Authors erst 1914 um and American ergänzt, was wohl damit zusammenhängt, dass knapp 80 Prozent der insgesamt 714 Autorinnen und Autoren britischer und nur etwa ein Sechstel amerikanischer Nationalität waren. Bis 1934 wurden fast alle Bände in der verlagseigenen Druckerei hergestellt; danach ging die Produktion auf den neuen Eigentümer, die Großdruckerei Oscar Brandstetter in Leipzig, über.

Das Programm der Tauchnitz-EditionAlbatross Modern Continental Library, The war bis auf eine Reihe von Klassikern wie Shakespeare mit einer vollständigen Werkausgabe in den Anfangsjahren und einige Ausflüge in die literarische Moderne auf gediegene Unterhaltung ausgerichtet. Im Grunde gilt für die gesamte Geschichte der Reihe, was der Verlag 1933 in seinem Kleinen Führer durch die gute englische und amerikanische Literatur der neuesten Zeit als bewährte Programmstrategie verlauten ließ: „Die Sammlung bringt Bücher für jeden Geschmack, sowohl die literarisch wertvollen Werke der anerkannt besten und modernsten Autoren der betreffenden Länder, als auch leichte Literatur zur Unterhaltung und Auffrischung der Kenntnisse in der Umgangssprache. Jedoch selbst in der Unterhaltungslektüre wird immer ein gewisser Standard gewahrt und allzu flache Lektüre vermieden.“ (zit. nach Mienert u.a. 2017: 71)

Die Einschätzung des Programms wird durch die Rangliste der 20 Autorinnen und Autoren mit den meisten Bänden in der Reihe bestätigt. Außer Charles Dickens, Henry Rider Haggard, Edward Bulwer-Lytton, Wilkie Collins, H. G. Wells und Arthur Conan Doyle sind hier Verfasser zu finden, die heute nur noch Spezialisten bekannt sein dürften, darunter auch die ‚Spitzenreiterin‘ Mary Elizabeth Braddon, die mit 116 Bänden die Liste vor Dickens (97 Bände) anführte.

Die ersten Titel erschienen im September 1841 mit der Jahresangabe 1842. Unter dieser Jahreszahl erschienen 32 Titel. Auf Edward Bulwer-Lytton folgten als Nr. 2 und Nr. 3 die Pickwick Papers von Charles Dickens, danach etliche Titel von Bulwer-Lytton, eine Werkausgabe von Lord Byron sowie Bücher von James Fenimore Cooper, Captain Marrya und Oliver Goldsmith.

Schon Ende 1843 erschien der 55. Band, und 1850 waren bereits fast 200 Bände auf dem Markt. In den beiden folgenden Jahrzehnten stieg die Produktion kontinuierlich an; 1869 erschien der 1.000. Band. Waren es zu Beginn drei Bücher pro Monat, so verdoppelte sich diese Zahl danach. 1895, im Todesjahr von Christian Bernhard TauchnitzTauchnitz, waren über 3.000 Bände auf dem Markt. Absolutes Spitzenjahr war 1891 mit 105 Novitäten (statistische Angaben nach Todd/Bowden 2003 und Mienert u.a. 2017: 97–111).

Zu den Absatzzahlen finden sich nur punktuell Informationen. Laut einer Verkaufsstatistik der Jahre 1891 bis 1902 wurden in diesem Zeitraum 586 Titel in 809 Bänden veröffentlicht. Davon erreichten sechs Bücher einen Absatz von mehr als 10.000 Exemplaren, neun von mehr als 5.000 Exemplaren und sechs von mehr als 3.000 Exemplaren. 136 Titel verkauften weniger als 3.000 Exemplare, wurden aber lieferbar gehalten, während 429 Bücher so geringen Absatz fanden, dass sie nicht nachgedruckt wurden. Das sind immerhin fast drei Viertel aller Novitäten des Zeitraums. Erfolgreichste Autoren waren Jerome K. Jerome, Rudyard Kipling, Thomas Hardy und Arthur Conan Doyle (Todd/Bowden 2003: 453f.).

Der Verlag spricht 1937, dem Jubiläumsjahr der Verlagsgründung, von 40 Millionen produzierten Exemplaren. Recherchen zum Verhältnis von Erstausgaben zu Nachdrucken sind so gut wie nicht möglich, da der Verlag bis in die 1930er Jahre bis auf wenige Ausnahmen nur das Jahr der Erstpublikation angab, Nachauflagen jedoch nicht kennzeichnete (Pressler 1978: 11). Die Entwicklung der Collection of British and American AuthorsCollection of British and American Authors während des Ersten Weltkriegs und in den Jahren bis 1943 wird im nächsten Kapitel beschrieben.

Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Reutlinger

Eine Reihe, die wohl um die Mitte des 19. Jahrhunderts zu erscheinen begann und die sich gänzlich von den literarischen Bibliotheken mit ihren Klassikern unterscheidet, sind die im 1818 gegründeten Verlag Ensslin und LaiblinEnsslin und Laiblin (siehe Galle 2006b, 122–126 und 191) erschienenen Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Reutlinger. Es liegen nur rudimentäre Erkenntnisse dazu vor. Die Reihe ist ein weiteres Beispiel dafür, dass mangels bibliografischer oder falscher Erfassung eine wissenschaftliche Aufarbeitung sehr schwierig ist. Rudolf Schenda schreibt zu dieser erforschenswerten Serie: Es „erschienen hunderte von verschiedenen Nummern unter dem Reihentitel Reutlinger Volksbücher und rund 500 Nummern in der bis zum ersten Weltkrieg lebendigen Reihe Neue VolksbücherVolksbücher, Neue: jeweils eine wohlausgewogene Mixtur von Oldtimern – Der ewige Jude, Albertus Magnus’ Kräuterbuch, Kaiser Octavianus, Reineke Fuchs –, populären Klassikern des 19. Jahrhunderts – Christoph von Schmid, Wilhelm Bauberger, Ottmar F. H. Schönhuth, Gustav Schwab – und pseudoaktuellen Knüllern – In Kamerun, Soldaten-Liederbuch, Neuester (Liebes-)Briefsteller, Von billiger Nahrung und Arznei. Die Texte wurden umgearbeitet, verkürzt, beschnitten, modernisiert, kurzum: für das Massenpublikum manipuliert, sie waren Konsumware ohne Prätentionen, Unterhaltungsträger ohne Bildungs-Ideologie, Zeitvertreib ohne Zeitbezug, […] Seelentröster für alle Kümmernisse, Ratgeber für Küche und Kolik“ (Schenda 1970: 304). Aus den lückenhaften Bibliotheksbeständen lässt sich schließen, dass die ersten Bände der wohl knapp 400 Titel umfassenden Sammlung in den späten 1840er Jahren, die letzten um 1880 erschienen sind. Die Cover waren typografisch schlicht gestaltet, die Abbildungen eher grobschlächtig. Später verzichtete man auf die Titelillustrationen. Zumindest teilweise waren die Bände mit Holzstichen versehen.

Abb. 5:

Reutlinger Volksbücher 74: Hans Brunner: Hedwig, die Banditenbraut. Ensslin & Laiblin, Reutlingen o.J., 62 Seiten. Format 10,8 cm x 16,6 cm.

Unübersichtlicher wird die Situation dadurch, dass der 1852 gegründete Verlag Robert BardtenschlagerBardtenschlager, der wie Ensslin und LaiblinEnsslin und Laiblin ebenfalls in Reutlingen ansässig war, auch eine Reihe Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Reutlinger herausbrachte (Galle 2006b: 128). Sie erschien wohl zwischen 1874 und 1883. Die wenigen nachgewiesenen Bestände in Bibliotheken lassen darauf schließen, dass wohl weniger als 400 Bändchen veröffentlicht wurden. Sie sind in Format und Aufmachung der Ensslin-und-Laiblin-Konkurrenz zum Verwechseln ähnlich.

Die Neuen VolksbücherVolksbücher, Neue (auch als Neue Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Neue Reutlinger verzeichnet) sind in einem Verlagskatalog aus dem Jahr 1881 mit 233 Bändchen zu zwölf Pfennig dokumentiert und bis zur Nr. 527 (um 1900) nachgewiesen. Das Format betrug 11,5 cm x 17 cm. Auf dem Cover befand sich am Kopf der Seite in kleiner Schrift der Reihentitel. Darunter war bogenförmig der Titel platziert, der sich über eine großflächige vierfarbige Abbildung spannte. Diese illustrierte eine Szene aus dem Roman, die am Fuß des Umschlags textlich wiedergegeben wurde. Eine Autorennennung fehlt.

Diese Umschlaggestaltung wurde für viele vergleichbare Reihen zum Vorbild. Das gilt unter anderen für die Kleinen Volks-ErzählungenVolks-Erzählungen, Kleine (Verlag Julius BagelBagel), für die Volks- und JugenderzählungenVolks- und Jugenderzählungen (Verlag Adolf SpaarmannSpaarmann), für die Kleine Jugend-BibliothekJugend-Bibliothek, Kleine (Adolf Spaarmann), für Die VolksbibliothekVolksbibliothek, Die (Verlag E. BartelsBartels) und für die IndianerbücherIndianerbücher (Verlag E. BartelsBartels). Abbildungen entsprechender Titel finden sich bei Galle 2006b: 279–281 und 283f. Dieser Sektor der Jugendliteratur ist wissenschaftlich überhaupt nicht, durch Sammler wenigstens durch Titelverzeichnisse teilweise erschlossen. Siehe zum Beispiel http://vorkriegscomics.rotfuchs44.bplaced.net/vvk.htm. Die Validität der Angaben ist in diesem Rahmen nicht überprüfbar.

Indianererzählungen prägten vor allem in späteren Jahren das Programm der Neuen VolksbücherVolksbücher, Reutlinger. Doch es erschienen auch Bändchen mit Aktualitätsbezug, wie zum Beispiel zu den Unruhen auf Kuba oder zum Boxeraufstand in China. Gegen Ende der Reihe wurden eher historische Ereignisse wie etwa die Kolonialkriege aufgearbeitet.

Das Format beider Reihen betrug bei leichten Schwankungen 10,5 cm x 16,5 cm, der Umfang 32 bis 64 Seiten. Das außerordentlich erfolgreiche Neue, vollständige Kochbuch für die bürgerliche Küche von Caroline Müller – erschienen nach 1850 – lag 1880 in der 32. Auflage vor und wurde wie andere Erfolgstitel von den Reutlinger Volksbüchern in die Neuen VolksbücherVolksbücher, Neue übernommen.

Meyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle StändeMeyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle StändeGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände


Abb. 6:

MeyerMeyer's Groschenbibliothek der deutschen Classiker für alle Stände 83: Ernst Moritz Arndt: Gedichte. Bibliographisches Institut, Hildburghausen, und Hermann J. Meyer, New York o.J., 92 Seiten. Format 7,0 cm x 11,5 cm.

Die umfangreichste literarische Bibliothek, die das Bibliographische Institut verlegte, war Meyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle StändeGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände. Hier erschienen zwischen 1850 und 1855 insgesamt 365 Bände. Bei wöchentlichem Erscheinen bedeutete das einen Titelausstoß von durchschnittlich fünf pro Monat, eine hohe Periodizität, die moderne Taschenbuchverlage in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg kaum übertrafen. Wie der Name sagt, kosteten die Bändchen einen Groschen, was 1 ¼ Silber- oder Neugroschen bzw. 4 ½ Kreuzer sowie 2 Schilling Courant entsprach. Ganz unbescheiden war auf der Rückseite zu lesen: „Seitdem Bücher gedruckt werden, ist ein solcher Preis noch nicht erdacht worden.“

Die Reihe entsprach in der Aufmachung mit Stahlstichen und biografischen Abrissen sowie im Format (7,0 cm x 11,5 cm) der mehr als zwei Jahrzehnte zuvor begonnenen Miniatur-Bibliothek der Deutschen ClassikerMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker. Deren Bände waren in einen reich mit Ornamenten verzierten Umschlag gehüllt, der nur den Reihentitel und den Verlag nannte. Im Unterschied dazu kam die Groschen-BibliothekGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände sehr spartanisch daher. Der Umschlag bestand aus farbigem Papier, auf dem gestürzt in großen Lettern der Reihentitel, kleiner der Preis und noch unauffälliger der Autor genannt waren. Auf der Rückseite fanden sich ein allgemeiner Text zur Reihe sowie vertriebliche Hinweise.

Die in der Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker verlegten Bände wurden in die Groschen-BibliothekGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände übernommen. Die deutliche zahlenmäßige Aufstockung resultiert in der Aufnahme zahlreicher neuer Autoren, überwiegend mit nur einem Band. Dazu gehörten eine Reihe romantischer Autoren wie die beiden Arnims, Brentano, Chamisso, Eichendorff und Wackenroder. Aber auch ältere Autoren wie Abraham a Santa Clara, Günther, Luther oder Winckelmann sowie Philosophen wie Feuerbach, Fichte, die Humboldt-Brüder, Kant oder Schleiermacher waren nun vertreten. Natürlich tauchten auch etliche Autoren auf, die heute vergessen sind oder kaum noch Beachtung finden. Doch insgesamt bot die Groschen-BibliothekGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände einen repräsentativen Querschnitt durch den Bildungskanon der Zeit.

Auf der Rückseite der einzelnen Bände wurde der Anspruch dieses verlegerischen Unternehmens herausgestrichen: „Meyers Groschenbibliothek enthält das Beste der deutschen classischen Literatur. Sie soll ein Werkzeug werden für die intellektuelle Emanzipation des Volks, – der Masse. – Sie soll es seyn; sie wird es seyn.“ Jeder, „selbst der Allerärmste“, könne „sich in Besitz bringen der reinsten und reichsten Quelle des Wissens, der Unterhaltung und der Erhebung von Herz und Geist“. Hier wird ein volkspädagogischer Anspruch formuliert, der in den kommenden Jahrzehnten immer wieder der Legitimation solcher Reihen dienen wird. Das legendäre Motto der Serie – „Bildung macht frei!“ – war auf dem Haupttitel platziert.

Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek

Die Geschichte des 1828 in Leipzig gegründeten Anton Philipp ReclamReclam Verlags (bis 1837 unter dem Namen Verlag des Literarischen MuseumsVerlag des Literarischen Museums) und seiner Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek ist eingehend dokumentiert und dargestellt worden, sodass es an dieser Stelle genügt, die wichtigsten Aspekte festzuhalten.

Zur Vereinheitlichung der divergierenden Urheberrechtsbestimmungen in den einzelnen deutschen Staaten hatte die Bundesversammlung in Frankfurt am Main am 6. November 1856 beschlossen, dass ab dem 9. November 1867 die Werke aller Autoren, die vor dem 9. November 1837 gestorben waren, gemeinfrei werden sollten. Wie eine Aufstellung der Klassikereditionen in den Jahren 1867 bis 1877 zeigt, arbeiteten viele deutschen Verlage auf diesen Tag hin. Dazu gehörten neben CottaCotta, dem Monopolisten auf diesem Sektor, GöschenGöschen (seit 1838 zu Cotta gehörend) und ReimerReimer als Verleger von Jean Paul auch Verlage, die heute weitgehend unbekannt sind wie GöpelGöpel in Stuttgart, GroteGrote in Berlin und ProchaskaProchaska in Teschen/Böhmen (Sippel-Amon 1974: Sp. 407–412). Neue Player waren neben den gerade Genannten das Bibliographische Institut, Brockhaus, HempelHempel und ReclamReclam.

Anton Philipp ReclamReclam (1807–1896) startete die Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek genau einen Tag, nachdem das neue Urheberrecht in Kraft getreten war. Das Programm wurde in einer ersten Publikumsanzeige beschrieben, die am 4. Februar 1868 in der Leipziger Zeitung veröffentlicht wurde und in der die ersten 40 Titel aufgeführt sind: „Im Verlag von Philipp Reclam jun. in Leipzig erscheint in regelmäßiger Folge unter dem Titel: Universal-Bibliothek eine Sammlung von Einzelausgaben allgemein beliebter Werke. Preis jedes Bandes: 2 Sgr. […] Jeder Band wird einzeln verkauft. […] An der Fortsetzung dieser Sammlung wird unausgesetzt gearbeitet. Ihr Umfang wird von der Aufnahme abhängen, welche dieselbe beim Publicum findet. Das Erscheinen sämmtlicher classischer Werke unserer Literatur, die ein allgemeines Interesse in Anspruch nehmen und deren Umfang es gestattet, wird versprochen. Hierdurch sollen aber keineswegs Werke, denen das Prädicat ‚classisch‘ nicht zukommt, die aber nichts destoweniger sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreuen, ausgeschlossen werden. Manches fast vergessene gute Buch wird wieder ans Tageslicht gezogen werden – andere Werke sollen, in die ‚Universal-Bibliothek‘ eingereiht, zum ersten mal vors Publicum treten. Die besten Werke fremder und todter Literaturen werden in guten deutschen Uebersetzungen in derselben ihren Platz finden.

Da die Bände einzeln käuflich sind, ist Jedermann in den Stand gesetzt, sich eine Bibliothek nach eigenem Geschmack und Bedürfniß zusammen zu stellen, ohne genöthigt zu sein, neben den gewünschten, auch ihm vollkommen gleichgiltige Werke mit in den Kauf nehmen zu müssen.“ (zit. nach Bode 2003: 23–25; Hervorhebungen im Original)

Der Verlag hat hier sehr geschickt die Vorteile seiner neuen Unternehmung herausgestrichen. Es wurde eine Sammlung deutscher Klassiker versprochen, ohne dass der Käufer sich durch eine Subskription zu einer Abnahme von Büchern verpflichtet sähe, die er nicht will. Auch wurden ausländische Autoren, vergessene Werke und Originalausgaben angekündigt, also ein breiter Strauß von Literatur, der über die Klassiker im engeren Sinn – und das waren zu dieser Zeit vor allem Goethe, Schiller, Lessing, Kleist und Klopstock – weit hinausging, eben eine „Universal-Bibliothek“. Damit unterschied sich ReclamReclam von Anfang an deutlich von den Konkurrenten, die mit dem Verlag am neu entstehenden Markt konkurrierten und sich auf die deutschen Klassiker beschränkten: Nationalbibliothek sämmtlicher deutscher ClassikerNationalbibliothek sämmtlicher deutscher Classiker (HempelHempel), Bibliothek der deutschen NationalliteraturBibliothek der deutschen Nationalliteratur (Bibliographisches InstitutBibliographisches Institut), Bibliothek der deutschen Nationalliteratur des 18. und 19. JahrhundertsBibliothek der deutschen Nationalliteratur des 18. und 19. Jahrhunderts (Brockhaus) und Hausbibliothek deutscher ClassikerHausbibliothek deutscher Classiker (GroteGrote).

Es wurde auch Wert darauf gelegt, dass es sich um Einzelausgaben von Werken handelte, dass umfangreichere Bücher also nicht in einzelnen Lieferungen erschienen, dass die Bibliothek offen war, also ohne numerische oder zeitliche Begrenzung, und dass sie regelmäßig erschien, dass also für Nachschub an Lesestoff gesorgt ist. Zudem waren die Bände mit zwei Silbergroschen (später 20 Pfennig) sehr preisgünstig.

Der umfassende Anspruch der Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek, zu deren Vorläufern auch die ab 1838 in Frankreich erschienene Bibliothèque CharpentierBibliothèque Charpentier zu nennen ist (Olivero 1999: 49–88), wurde allerdings bei den ersten 40 Bänden nur zum Teil eingelöst. Goethe eröffnete zwar die Sammlung mit Faust I und Faust II, blieb aber zunächst ohne Folgeband. Lessing mit fünf und Schiller mit vier Werken waren die am häufigsten vertretenen deutschen Klassiker. Ganz vorn aber rangierte Shakspere (in dieser Schreibung) mit neun Dramen. Das lag nicht zuletzt daran, dass ReclamReclam zwischen 1865 und 1867 eine 25 Nummern umfassende Shakespeare-Ausgabe in vergleichbarer Ausstattung und zum gleichen Preis herausgebracht hatte und für die Universal-Bibliothek nun die Stereotypie-Platten verwenden konnte. Dem Zeitgeschmack wurde mit der Aufnahme von Börne, Körner, Iffland und Kotzebue Tribut gezollt. Der spanische Barockdichter Agustin Moreto mit dem Lustspiel Donna Diana, Michael Beer mit dem Trauerspiel Der Paria (1823) und Louis Angely mit der Komödie Die Reise auf gemeinschaftliche Kosten (1836) standen wohl für die Ankündigung, vergessene Werke zugänglich zu machen.

ReclamReclam hatte sich auf den 10. November 1867 gut vorbereitet, und so sollen zu diesem Zeitpunkt 35 Bände ausgedruckt vorgelegen haben. Das „Auflagenbuch“ des Verlags stützt diese Aussage, denn dort ist verzeichnet, dass die jeweils ersten Auflagen von Goethes Faust I und II sowie Lessings Nathan der Weise bereits im Mai bzw. Juli 1867 in Stückzahlen von 5.000 und 3.000 produziert worden waren (Bode 2003: 26).

Die broschierten Bändchen waren kleinformatig (9,5 cm x 15 cm) und geheftet, die Seiten eng bedruckt. Der blassrote Papierumschlag trug am Kopf prominent die Reihenbezeichnung. Auf der linken Seite rankte sich eine Rose noch oben, umgeben von einem Band mit der Aufschrift: „Jeder Band ist einzeln für 2 Sgr. käuflich.“ Umschlaggestaltung und Ladenpreis wurden über fast 50 Jahre hinweg beibehalten – ein beeindruckendes Beispiel einer Markenbildung in der Buchbranche. Der niedrige Ladenpreis war vor allem möglich, weil ReclamReclam in der hauseigenen Druckerei das neue Verfahren der Papierstereotypie, das die Gipsstereotypie ablöste, einsetzte.

Erfahrungen mit Sammlungen und preiswerten Ausgaben hatte ReclamReclam nicht nur mit der genannten Shakespeare-Ausgabe, die die 1858 erschienene zwölfbändige Ausgabe der Sämtlichen dramatischen Werke in 25 Einzelbändchen auflöste, sondern schon weit früher mit der Wohlfeilen Unterhaltungsbibliothek für die gebildete LeseweltUnterhaltungsbibliothek für die gebildete Lesewelt, Wohlfeil gesammelt. Sie erschien zwischen 1844 und 1847 in 61 Bändchen zum Preis von 50 Pfennig. Das Programm wird in der Reclam-Hagiografie etwas verschämt mit „nicht sehr hohem Anspruch“ charakterisiert (Bode 2003: 14). Hier erschienen zum Beispiel die heute längst vergessenen humoristischen Romane der französischen Erfolgsschriftsteller Pigault-Lebrun (1753–1835) und Paul de Kock (1794–1871).

Auffallend ist, dass es über die von ReclamReclam selbst meist anlässlich von Jubiläen herausgegebenen Verlagsgeschichten bzw. Chronologien wie Meiner 1942 (unangenehm ideologisch angepasst) und Meiner 1961, Bode 1978 und 2003 und Max 2003 und 2012 sowie Reclam 2017 hinaus keine Geschichte des Unternehmens aus unabhängiger Sicht gibt. Das gilt auch für den in Leipzig erschienenen Band Marquardt 1967. Thematisch am breitesten ist Bode 1992a angelegt. Zur Geschichte der Umschlaggestaltung siehe Kretschmar 1992 und Forssman 2012.

Die Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek setzte sich schnell am Markt durch, was ebenfalls dem erwähnten „Auflagenbuch“ zu entnehmen ist. Schon im Dezember 1867 wurden die beiden Faust-Bände mit erneut je 5.000 Exemplaren nachgedruckt. Im Februar 1868 folgten weitere je 10.000 Exemplare, und im Mai 1869 produzierte der Verlag 10.000 Bücher von Faust I und im September des Jahrs 5.000 Exemplare von Faust II. Die Unterlagen zeigen, dass ReclamReclam jeweils ungefähr einen Jahresbedarf herstellte. Dieser betrug 1899 bereits 20.000 Exemplare und stieg 1908 auf 50.000 Exemplare.

Die Reihe wurde rasch ausgebaut; ein Jahr nach Erscheinen waren 100 Nummern auf dem Markt. Etwas mehr als die Hälfte davon sind Werke von Shakespeare (25), Schiller (15) und Goethe (11). Bühnenwerke machten mehr als zwei Drittel aus; Lyrik war nur mit vier Bänden vertreten. In den ersten zehn Jahren wurden durchschnittlich 80 Nummern pro Jahr, in den 1880er und 1890er Jahren rund 140 Nummern veröffentlicht. In der Regel brachte der Verlag in dieser Zeit alle vier Wochen zehn Nummern auf den Markt (Meiner 1942: 76). Bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs erschienen rund 3.800 Hefte mit mehr als 5.800 Nummern.

Programmerweiterungen der Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek begannen bereits in den 1870er Jahren mit skandinavischen und in den 1880er Jahren mit russischen Autoren. Sie waren zu dieser Zeit noch gemeinfrei, sodass keine Autorenhonorare zu zahlen waren. Deutsche Autoren wurden in die Sammlung aufgenommen, sobald die Schutzfrist abgelaufen war: Heine 1887, Stifter 1898, Grillparzer 1903, Wagner 1914.

Die Positionierung der Universal-Bibliothek wurde auch und in vermehrtem Maß durch die Aufnahme nichtfiktionaler Texte vorangetrieben. Ab 1877 wurden philosophische Werke, ab 1882 Gesetzessammlungen, ab 1889 Operntextbücher, ab 1905 Erläuterungen zu Meisterwerken der TonkunstErläuterungen zu Meisterwerken der Tonkunst und ab 1908 Bücher der NaturwissenschaftBücher der Naturwissenschaft als Reihen in der Reihe auf den Markt gebracht. 1915 existierten 14 spezialisierte Serien mit 248 Nummern. In der Relation zum Gesamtprogramm, das 1908 bereits 5.000 Nummern und 1917 rund 6.000 Nummern umfasste, war das sehr wenig, doch diese Titel dienten der Profilierung der Reihe (Jäger 1992: 33–37).

Kerngeschäft blieb die schöne Literatur, aber beileibe nicht nur die Klassiker und moderne ausländische Literaten, sondern auch „Hunderte von litterarisch weniger bedeutenden Humoresken- und Novellenbände“, wie 1899 im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel festgestellt wurde (zit. nach Jäger 1992: 37). Man hat die Universal-Bibliothek zeitgenössisch daher auch eine „litterarische Volksküche“ (zit. nach Moldenhauer 1884: 222) genannt.

Diese ‚leichte‘ Literatur war das ideale Vertriebsobjekt für den Kolportagebuchhandel, der in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts seine größte Bedeutung erlangte. Die Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek gehörte daher auch zu den für diesen Vertriebsweg besonders empfohlenen Objekten. Diese Literatur war aber auch der Stoff, den ReclamReclam ab 1912 in seinen Bücherautomaten anbot und sich damit eine neue Verkaufsschiene erschloss. Aufschlussreich ist, dass der Verlag in einem „Verzeichnis der 1. Füllung“ zwar am Kopf der beiden Seiten Schillers Wilhelm Tell, die Reichsverfassung sowie Erläuterungen zur Literatur und zu Musikwerken abbildete, dass jedoch keiner dieser Titel unter den 80 verzeichneten Bänden zu finden ist. Die Liste der Autoren reicht dort von Achleitner und Andrea über Höcker und Holzamer bis zu Wolf und von Zobeltitz (Abbildung bei Jäger 1992: 38f.). Die in den Automaten angebotenen Titel firmierten als Reclams Automaten BücherReclams Automaten Bücher und hatten ein eigenes Umschlagdesign (Abbildung bei Haefs 1992: 221).

Der ReclamReclam-Bücherautomat wurde von Peter Behrens (1868–1940) entworfen, der als Pionier des modernen Industriedesigns gilt. Der Verlag stellte ihn unter anderem auf Bahnhöfen, auf Ozeandampfern, Kasernen und in Kurorten auf. Bis 1917 kamen fast 2.000 Automaten zum Einsatz, in denen jeweils zwölf Titel angeboten wurden. Um 1916 sollen jährlich etwa 1,5 Millionen, zwischen 1913 und 1923 etwa 10 Millionen Exemplare über Automaten verkauft worden sein (Stöckle 1970: 17). Spätestens 1940 wurde diese Art des Vertriebs eingestellt, wohl wegen zu hoher Wartungs- und Reparaturkosten der Automaten.

Wie geschickt Reclams Marketingmaßnahmen waren, zeigt die Tatsache, dass zwischen etwa 1909 und 1918 über 500 Bände der Großen Effka-BibliothekGroße Effka-Bibliothek veröffentlicht wurden. Der Verlag arbeitete hier mit der Firma Effka Eigelb-Pflanzenmargarine zusammen, die jedem Karton ein kostenloses ReclamReclam-Heft als Werbegabe beilegte. Die unter dem Verlagsnamen verbreiteten Broschüren trugen auf der Rückseite den Vermerk „unverkäuflich“ und enthielten auf den letzten Seiten Hinweise auf die Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek. Die Reihe erschien auch als Hardcover, wobei ein Band mehrere Einzelnummern enthielt (Unger 2015: 82–86).

Welche Spannbreite das Programm angenommen hatte, zeigt ein Einhefter im Deutschen Literaturkatalog 1907/08, in dem der Verlag sein Angebot dem Buchhandel anpries: „Der Inhalt der Sammlung ist so vielseitig wie nur irgendeine Bibliothek der Welt. Viel und gut, Berücksichtigung aller berechtigten Geschmacksrichtungen, multa et multum, das ist der oberste Grundsatz des Unternehmens. Da steht die leichtgeschürzte Muse neben der düsteren Tragik, der anspruchslose Plauderer neben dem gewichtigen Philosophen und der schlichte Mann aus dem Volke findet ebenso das Seine wie der literarische Feinschmecker […] – nur der Schund- und Hintertreppenlektüre ist in der Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek keine Freistatt bereitet.“ (Deutscher Literaturkatalog 1907/08, unpaginiert)

Zum Zeitpunkt dieser Selbstbeschreibung war eine Neuorientierung personell bereits eingeleitet, denn 1906 trat Ernst ReclamReclam (1876–1953) neben seinem Bruder Hans Emil Reclam (1881–1943) als Gesellschafter in die Firma ein. Der Enkel des Verlagsgründers vollzog als Programmverantwortlicher in den folgenden Jahren „eine planmäßige Revision und Durchforstung der Universal-Bibliothek. Das Programm, das bislang expansiv entwickelt worden war, hatte einen Ausbauzustand erreicht, der eine Sichtung notwendig machte. Allzu leichte Tagesware, besonders einige Werkchen für die Berufs- und Dilettantenbühnen, werden nun nicht mehr nachgedruckt“ – so die Verlagschronik (Bode 2003: 66).

EngelhornsEngelhorn allgemeine Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek

Abb. 7:

Engelhorns allgemeine Roman-Bibliothek: Ida Boy-Ed: Heimkehrfieber. J. EngelhornEngelhorn, Stuttgart 1904, 158 Seiten. Format 11,5 cm x 17,2 cm.

Zu den umfangreichsten Reihen des 19. Jahrhunderts gehört Engelhorns allgemeine Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek (Bloch 2006). Sie trug den Untertitel Eine Auswahl der besten Romane aller Völker, und hier erschienen zwischen 1884 und 1930 insgesamt 756 Werke in 1.046 Bänden. Die Zählung erfolgte innerhalb der Jahrgänge jeweils neu, und die Bücher wurden vierzehntäglich ausgeliefert; beides war auf dem Umschlag vermerkt. Die Reihe hatte der Sohn des Verlagsgründers, Carl EngelhornEngelhorn (1849–1925), angestoßen, angeregt durch amerikanische Serien, die er bei einem Ausbildungsaufenthalt in den USA kennen gelernt hatte.

Die Bände hatten ein Format von 12 cm x 18 cm sowie einen Umfang zwischen 140 und 160 Seiten; umfangreichere Werke wurden in zwei Bände aufgeteilt. Die Umschläge waren in knalligem Rot gehalten und zeigten neben floraler Ornamentik das Verlagslogo mit dem Engel. Die Titel erschienen sowohl als Broschur zum Preis von 50 Pfennig als auch in rotes Leinen gebunden zu 75 Pfennig. In welchem zahlenmäßigen Verhältnis die beiden Ausgaben zueinander standen, ist unbekannt.

Verlegt wurden bis zum Ersten Weltkrieg vor allem ausländische Unterhaltungsschriftsteller. Am häufigsten war die britische Kolonialautorin Bithia Mary Croker mit 31 Titeln zwischen 1886 und 1921 vertreten, gefolgt von dem französischen Vielschreiber Georges Ohnet mit 21 Titeln zwischen 1884 und 1909; er hatte mit Der Hüttenbesitzer die Roman-Bibliothek eröffnet. Unter den deutschen Autoren waren Richard Voß mit 25 Titeln und die beiden Brüder Hanns und Fedor von Zobeltitz mit zusammen 28 Werken im Programm.

In der langen Liste der Verfasser tauchen nur wenige Autoren von einiger Bedeutung auf. Joseph Conrad und Rudyard Kipling fanden mit deutschen Erstausgaben ihren Platz. Daneben sind noch Werner Bergengruen, Friedrich Spielhagen, Paul Heye und Guy de Maupassant erwähnenswert.

Interessant ist, dass der Verlag sich in einer Anzeige aus dem Jahr 1899 in den Kampf gegen Schmutz und Schund einreihte: „Durch das Engelhornsche Unternehmen ist der Verbreitung jener minderwertigen und schädlichen Litteratur, die sich leider so vielfach in Haus und Familie des deutschen Mittelstandes eingenistet hatte, wirksam entgegengetreten worden. An Stelle jener seichten, abgeschmackten und den Geschmack verderbenden Lektüre gute geistige Kost gesetzt […] zu haben, ist ein großes Verdienst der Engelhornschen Romanbibliothek.“ (zitiert nach Almanach 1960: 6)

Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden BotenVolksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten

Im selben Jahr wie Engelhorns allgemeine Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek begann auch die Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden BotenVolksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten zu erscheinen. Sie wurde vom Verlag Moritz SchauenburgSchauenburg in Lahr veröffentlicht und nutzte die Popularität des 1800 erstmals erschienenen und ungemein erfolgreichen Jahreskalenders Der Lahrer hinkende Bote. Bis 1914 kamen 1.856 Nummern auf den Markt. Da die schmalen Bändchen vor allem über den Kolportage- und den Schreibwarenhandel vertrieben wurden, sind sie nicht nur bibliografisch schlecht erfasst und in Bibliotheken kaum vorhanden, sondern sind auch antiquarisch relativ selten im Angebot.

Abb. 8:

Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten 10–13: M. Barak: Das Schwedenstübchen. Verlag Moritz SchauenburgSchauenburg, Lahr o.J., 45 Seiten. Format 11,3 cm x 16,0 cm.

Das fast ausschließlich belletristische Programm steht ganz in der Tradition der Volksaufklärung und versucht, dem Publikum Literatur in kleinen Portionen nahezubringen. So ist zum Beispiel die von Gustav Schwab herausgegebene Auswahl Die schönsten Sagen des klassischen Altertums (1838–1840 in drei Bänden) in zahlreiche Bändchen aufgesplittet. Auch Volksbücher wie Doktor Faustus, Die schöne Melusine oder Die schöne Magelone erschienen in einer Schwabschen Bearbeitung. Neben diesen volkstümlichen Stoffen und Volksmärchen von Musäus stehen Klassiker wie Goethe, Kleist, Chamisso, Körner und E. T. A. Hoffmann – immer in Einzelausgaben. Auch Christoph von Schmid (1768–1854), der erfolgreichste Jugendbuchautor seiner Zeit, war vertreten. Wegen dieser Programmausrichtung nannte Ernst Schultze in seiner Schrift gegen die Schundliteratur die Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden BotenVolksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten unter den „Sammlungen guter billiger Bücher, mit denen sich die Schundliteratur erfolgreich bekämpfen lässt“ (1925: 165f.).

Die Forschungslage ist hier wie auch in anderen Fällen der populären Lesestoffe sehr dünn. Das fängt bereits bei der Reihenbezeichnung an, die zum Teil mit Volksbibliothek, zum Teil mit Volksbücherei angegeben wird. Ferner wird einerseits die Reihe mit den oben genannten Erscheinungsdaten und Nummern bibliografisch verzeichnet, andererseits führt die Deutsche Nationalbibliothek einen Erzählungsband von Friedrich Gerstäcker mit den Nummern 1829–1845 auf. Bry 1917 nennt einen Einzelpreis pro Heft von zwei Pfennig; an anderer Stelle werden fünf Pfennig genannt.

Das Format betrug 11,3 cm x 16 cm; der Preis pro Nummer – was wohl einem Umfang von 12 Seiten entsprach – lag zunächst bei zwei Pfennig, später bei fünf Pfennig. Die wenigen erhaltenen Exemplare zeigen drei Umschlagvarianten: einen schlichten typografischen Umschlag mit Autor und Titel sowie dem Reihentitel am Fuß der Seite, eine an Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek erinnernde Version mit einer Ranke und dazu einer beschaulichen Illustration und eine großflächige vierfarbige Szene mit dem Titel des Bändchens am Kopf der Seite. Bandnummer(n) und Verlagsname waren hier am Fuß der Seite klein in die Abbildung eingeklinkt; der Reihentitel fehlte. Diese Version ist offensichtlich an die oben beschriebene Umschlaggestaltung der Neuen Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Neue Reutlinger angelehnt.

Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher

Nach dem Abschluss von Meyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle StändeGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände im Jahr 1855 konzentrierte sich die Verlagsarbeit im Bibliographischen Institut vor allem auf Meyer’s Neues Conversations-Lexikon für alle Stände, das nach dem „Ur-Meyer“ 1857 zu erscheinen begann, sowie auf Meyers Reisebücher (ab 1862), Brehms Tierleben (ab 1863) und auf den Duden (ab 1880). Erst 1886 startete das Unternehmen eine Serie, die an die Groschen-Bibliothek anschloss. Das hob der Verlag in einer doppelseitigen Anzeige im Börsenblatt für den deutschen Buchhandel Anfang September des Jahrs explizit hervor: „Ende dieses Monats beginnen wir mit der Ausgabe eines weit angelegten Unternehmens, welche unter dem Titel: Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher den originalen Gedanken, der vor Jahrzehnten von so mächtigen Erfolgen begleiteten „Meyers Groschen-Bibliothek“ wieder aufnimmt und das Beste aller Litteraturen in mustergiltiger Bearbeitung, in vornehmer Gestalt und zu dem beispiellosen Preis von Zehn Pfennig pro Nummer (à 5 Bogen) bringt. In der Sammlung Meyers Volksbücher bieten wir mehr, als damals geboten werden konnte, und mehr als alle Nachahmungen unsrer Groschen-Bibliothek bisher geboten haben.“ (zit. nach Sarkowski 1976: 242; Hervorhebungen im Original) Die Bändchen waren geheftet; annähernd 300 Bände wurden gebunden zum Preis von 50 Pfennig angeboten.

Angekündigt wurden die ersten 14 Bände. Nicht Goethe wie in Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek stand an der Spitze, sondern Lessing mit Minna von Barnhelm, dann Faust I, Schiller mit Wilhelm Tell und Kleist mit dem Käthchen von Heilbronn. Darauf folgten Molière, Shakespeare und Sophokles sowie neun weitere ausländische Autoren, darunter Byron, Defoe und Milton. Die Texte der deutschen Autoren stammten aus dem Fundus der Groschen-BibliothekGroschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände.

Die Reihe entwickelte sich rasch. Schon 1890 lagen 800 Nummern vor, und 1897, also elf Jahre nach dem Start, waren es 1.230 Nummern. Danach erfolgte der Ausbau gemächlicher. Weitere zehn Jahre später war die Zahl auf 1.466 Nummern gestiegen. Bei Einstellung der Volksbücher durch den Verlag im Jahr 1914 lagen 652 Bände mit 1.696 Nummern vor. Unklar bleibt die Angabe, es sei 1915 der letzte Band (Der Ausbruch des Weltkrieges 1914/15 in amtlichen Aktenstücken) mit der Nummer. 1.697/98 erschienen (Sarkowski 1976: 243). In diesem Jahr gingen Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher in das Eigentum des Antiquariats Gustav Fock in Leipzig über. Es sollen über 25 Millionen Exemplare verkauft worden sein.

Wie stiefmütterlich populäre Lesestoffe bibliothekarisch behandelt werden, zeigt der Eintrag „Meyers Volksbücher“ in der Deutschen Nationalbibliothek. Ganze 45 Titel meldet die Trefferliste, darunter etliche Titel, die nicht zu dieser Reihe gehören oder falsch datiert sind.

Schwerpunkte des Programms blieben lange Zeit deutsche und fremdsprachige Klassiker sowie zeitgenössische Unterhaltungsliteratur. Überschlägig dürften mehr als 90 Prozent aller Bände aus diesem Bereich stammen. Eine genauere Analyse ist ein Forschungsdesiderat. Erst in den späteren Ausbaustufen kamen populärwissenschaftliche Texte aus den Enzyklopädien des Hauses hinzu – so zum Beispiel Einzelbände aus Brehms Tierleben ab Nummer. 757 – sowie eine lange Reihe von Gesetzestexten – darunter das Bürgerliche Gesetzbuch für das Deutsche Reich und die Reichsgesetze über das Urheber- und Verlagsrecht vom 19. Juni 1901 – und Duden mit seinem Orthographischen Wörterverzeichnis der deutschen Sprache mit der Nummer. 1.289/90. Es fehlte aber auch nicht das illustrierte Handbuch des gesamten Radfahrwesens (Nummer. 1.271/72) sowie zwei Bände mit Aufsätzen des bereits 1856 verstorbenen Verlagsgründers (Nummer 1.527/28).

Die Bände waren auf holzfreiem Papier gedruckt. Die einfarbigen Umschläge auf hellbraunem Papier und mit klarer Typografie zierten ganz im Stil der Zeit florale Motive. Den Kopf bildete der Reihentitel, darunter Autor und Titel sowie die Verlagsangabe (Beispiele siehe Sarkowski 1976: 345f.). Fast alle antiquarisch angebotenen gebundenen Titel tragen nur Autor und Titel auf dem Deckel.

Bibliothek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes

Abb. 9:

Bibliothek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes Samuel Smiles: Pflicht, erläutert durch Beispiele des Mutes, der Geduld und Ausdauer. Verlag von Otto HendelHendel. Halle a. d. S. [1904]. 393 Seiten. Format 12,0 cm x 17,6 cm.

In demselben Jahr wie Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher startete auch Otto Hendels Bibliothek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes. Zusammen mit Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek (ab 1867), Engelhorns allgemeiner Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek (ab 1884) und Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz (ab 1897) gehört sie zu den umfangreichsten belletristischen Reihen des 19. Jahrhunderts. Von Anfang 1886 bis August 1887 erschienen 150 Nummern in rund 100 Bänden. Diese hohe Frequenz wurde annähernd beibehalten, denn bis Oktober 1894 waren bereits 808 Nummern erschienen, was einer Frequenz von fast 100 Nummern pro Jahr entspricht. Zwischen 1886 und vermutlich 1926 erschienen insgesamt 2.573 Nummern. Über 2.400 Nummern davon hatte der Verlag jedoch bereits 1917 herausgebracht. Die Periodizität war also in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg deutlich heruntergefahren worden.

Das Format betrug 12 cm x 17,6 cm, der Umfang je Nummer in der Regel 64 Seiten. Der Preis für die geheftete Ausgabe lag bei 25 Pfennig je Nummer, für die in Leinen gebundene Ausgabe 50 Pfennig, später 60 Pfennig. Auch Prachtbände wurden vom Verlag zum Preis von einer Mark aufwärts angeboten. So kosteten zum Beispiel Bürgers Gedichte (Nummern 20–22) geheftet 75 Pfennig, gebunden eine Mark und als Prachtband mit Goldschnitt 1 Mark 50.

Die Umschläge waren zunächst ganz im Stil der Gründerzeit mit Säulen, Architrav und Putten gestaltet, später mit vielen Ornamenten versehen, nach der Jahrhundertwende deutlich schlichter mit grafischen Elementen.

Programm war „das Beste von dem Guten, was die Litteraturen der Kulturvölker im engeren und weiteren Sinne aus Vergangenheit und Gegenwart bieten – der nicht-deutschen selbstverständlich in guten Übersetzungen – in schönen und billigen Einzelausgaben dem deutschen Volke zugänglich zu machen“ (Werbetext in dem Band Pflicht von Samuel Smiles, Nr. 809–813, 1894. Hervorhebung im Original).

Die Anfangszeit war stark von den deutschen Klassikern geprägt, doch auch ausländische Autoren wie Andersen, Dickens, Scott und natürlich Shakespeare waren vertreten. Auffallend ist, dass – verglichen mit anderen Reihen – wenige zeitgenössische Unterhaltungsautoren, die heute kaum oder gar nicht mehr bekannt sind, Eingang in die Bibliothek fanden, mit zunehmender Laufdauer der Bibliothek verständlicherweise jedoch mehr.

Nur sehr wenige nicht-belletristische Titel wurden veröffentlicht, vor allem von Anfang bis Mitte der 1890er Jahre. Dazu gehörten Charles Darwins Die Entstehung der Arten (1893), drei Bände mit Reden Bismarcks (1895) und sozialkritische Schriften wie Fortschritt und Armut. Untersuchung über die industriellen Krisen und die Zunahme der Armut inmitten wachsenden Reichtums von H. George (1892) oder Der Socialismus der Gegenwart von E. de Laveleye (1895). Bereits im Jahr der Verabschiedung des Bürgerlichen Gesetzbuchs (1896) erschien der Text in der Bibliothek wie auch andere Gesetzestexte.

Nach dem Tod Otto Hendels im Jahr 1898 wurde der Verlag verkauft und ging später in die Hände des Hermann HillgerHillger Verlags über, der auch Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz verlegte.

Münchener VolksbücherVolksbücher, Münchener

Abb. 10:

Münchner Volksbücher 63: Ludwig Foehse: Die Indianerburg. Münchener Verlags-InstitutMünchener Verlags-Institut, München 1892, 32 Seiten. Format 10,0 cm x 15.2 cm.

Wie die Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Reutlinger gehören auch die Münchener Volksbücher zu jenen Reihen, die gegen Ende des 19. Jahrhunderts unter starken Beschuss durch die Volkspädagogen gerieten und als „Schmutz und Schund“ verdammt wurden. Grundlegend zusammengefasst hat die Argumente Ernst Schultze in seiner erstmals 1909 erschienenen Kampfschrift Die Schundliteratur. Ihr Vordringen. Ihre Folgen. Ihre Bekämpfung. Die dritte Auflage erschien 1925; ein Jahr danach verabschiedete der Reichstag das Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor Schund- und Schmutzschriften. In den unzähligen Schriften, die gegen diese Art von Literatur polemisierten, wurden immer wieder vier zentrale Vorwürfe variiert. „Schmutz und Schund“ zerstöre den Sinn für Wahrheit und Wirklichkeit, untergrabe Autoritäten und verletze Normen, entfessele die Sinnlichkeit und spekuliere auf die niedrigsten Instinkte des Menschen (Jäger 1988: 173–178).

In der Aufmachung lehnten sich die Münchener VolksbücherVolksbücher, Münchener – wie oben bereits erwähnt – sehr stark an die Neuen Reutlinger Volksbücher an. Es fehlte allerdings der Reihenname; nur die fortlaufende Nummer erschien unauffällig in der linken unteren Ecke. Die kleinformatige Reihe (10 cm x 15,2 cm) erschien zwischen 1889 und etwa 1896 im Münchener Verlags-InstitutMünchener Verlags-Institut und umfasste knapp 100 Nummern. Jeder Band hatte 32 Seiten und kostete zehn Pfennig, was jedoch nicht auf dem Umschlag hervorgehoben wurde.

Die „Flut von Heft- und Broschürenreihen“ in diesem Genre (Galle 2006b: 179) kann an dieser Stelle nicht einmal ansatzweise dargestellt werden. Insgesamt ist die Forschungssituation gerade bei diesen populären Lesestoffen sehr überschaubar. In Inhalt und Aufmachung waren wahrscheinlich die Neuen Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Neue Reutlinger stilbildend. Eine der langlebigsten Reihen waren die Kleinen Volks-ErzählungenVolks-Erzählungen, Kleine aus dem Julius BagelBagel Verlag in Düsseldorf, der sich im 19. Jahrhundert auf die Herausgabe populärer Abenteuerromane und von Heftserien spezialisiert hatte. Zwischen 1871 und 1910 erschienen fast 3.000 Hefte mit einem Umfang von in der Regel 64 Seiten zum Preis von 25 Pfennig. Die Formate schwankten zwischen 10 und 11 cm in der Breite und zwischen 15,7 und 16,7 cm in der Höhe (Galle 2006b: 113–116; eine Liste unter http://vorkriegscomics.rotfuchs44.bplaced.net/vvk.htm).

Ähnlich erfolgreich war mit einer vergleichbaren Produktpalette der Adolf SpaarmannSpaarmann Verlag aus Styrum an der Ruhr. Seine Kleine Jugend-BibliothekJugend-Bibliothek, Kleine erschien zwischen 1890 und etwa 1905. Die im Format wechselnden Hefte waren mit 32 Seiten nur halb so dick, mit einem Preis von 10 Pfennig aber auch deutlich günstiger als die Konkurrenz bei Bagel. Hier erschienen rund 2.800 Titel (Galle 2006b: 116f.).

Wie ihr Vorbild, die Neuen Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Neue Reutlinger, war auch diese Reihe stark auf Jugendliche ausgerichtet. Sie begann zwar mit Titeln wie Das Buch zum Todtlachen, Lieder der Liebe, Neuestes Traumbuch oder Briefsteller für Liebende, aber offenkundig fand ein solches Programm wenig Anklang beim Publikum, denn ab Band 11 konzentrierte sich die Auswahl auf Indianer- und Wildwestgeschichten, auf exotische Seegeschichten und auf Reißerisches wie Die Jagd nach Menschenfleisch (Nr. 38) oder Das Mordnest im Böhmerwalde (Nr. 70). Aber auch ein Kochbuch für die bürgerliche Küche (Nr. 34–35) fehlte nicht. Wichtigster Autor war der heute völlig unbekannte Ludwig Foehse (1841 oder 1849–nach 1907), der mit 25 Titeln vertreten war, und zu seinen Lebzeiten für seine Indianergeschichten, vaterländischen Erzählungen und fiktiven Abenteuerberichte aus Deutsch-Ostafrika berühmt war.

Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz

Abb. 11:

Kürschners Bücherschatz 45: Antonie Andrea: Das Mädchenheim. Hermann HillgerHillger Verlag, Berlin/Eisenach/Leipzig o.J., 126 Seiten. Format 11,6 cm x 17,2 cm.

Mehr als ein Jahrzehnt nach Engelhorns allgemeiner Roman-BibliothekEngelhorns allgemeine Roman-Bibliothek startete im Jahr 1897 die Reihe Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz mit dem Untertitel Bibliothek fürs Haus. Eine Sammlung illustrierter Romane und NovellenBibliothek fürs Haus. Eine Sammlung illustrierter Romane und Novellen. Obwohl in Manchem vergleichbar, sind die Unterschiede doch erheblich.

Wichtigster Unterschied ist der verlegerische Schachzug, einen prominenten Herausgeber zu verpflichten, nach dem die Reihe benannt wurde. Es gelang dem jungen Verleger Hermann HilgerHilger (1865–1945), der 1894 seinen Verlag gegründet hatte, einen Herausgeber zu verpflichten, der im zeitgenössischen literarischen Leben eine wichtige Rolle spielte. Joseph Kürschner (1853–1902) war als Herausgeber von periodischen Schriften, lexikalischen Nachschlagewerken, Handbüchern, literarischen Reihen, unter anderen der Kollektion SpeemannKollektion Speemann, und Sammelwerken sowie mit zeitgeschichtlichen Publikationen bekannt geworden. So übernahm er 1883 den Deutschen Literatur-Kalender, der noch heute jährlich als Kürschners Deutscher Literatur-Kalender erscheint. Kürschners verantworte den Bücherschatz, der zwischen 1897 und 1923 in 1.334 Bänden erschien (Bloch 2005), bis zu seinem Tod im Jahr 1902.

Im Vergleich zur Engelhorn-Bibliothek erschienen die Bändchen von Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz doppelt so häufig, das heißt wöchentlich. Dieser Erscheinungsrhythmus wurde auch während des Ersten Weltkriegs durchgehalten; erst 1921 ging die Zahl der jährlich publizierten Titel auf die Hälfte zurück.

Die Ausgaben gab es nur broschiert und zu einem Preis, der um mehr als Hälfte niedriger lag als der von EngelhornEngelhorn, nämlich 20 Pfennig, was – wie auch der Erscheinungsrhythmus – auf dem Umschlag hervorgehoben wurde. Das Format betrug 11,5 cm x 17 cm, war also etwas kleiner als die Konkurrenzbibliothek. Deutlich geringer waren die Umfänge; sie lagen in den ersten Jahren in der Regel bei acht Bogen (128 Seiten). Da es – bis auf sehr wenige Ausnahmen – keine Doppelbände gab, schloss diese Umfangsbegrenzung von vornherein die Aufnahme umfangreicherer Romane aus. Während des Ersten Weltkriegs ging der Umfang auf sieben oder sechs Bogen zurück. Danach umfassten die Broschuren noch 80 Seiten, zum Teil sogar nur 64 Seiten.

Die Ausstattung war stärker autorenbezogen. So war auf dem Umschlag der Autor samt eigenhändiger Unterschrift in einem Medaillon zu sehen. In den ersten Jahren enthielten die Bändchen auch das Faksimile eines handschriftlichen Grußworts des Verfassers. Alle Bände waren bis in die Jahre des Ersten Weltkriegs hinein illustriert, zunächst mit zwölf, später mit acht Abbildungen. Gegen Ende der Reihe entfielen die Innenillustrationen. Hatte EngelhornEngelhorn die Bände sowohl mit Jahrgangs- als auch mit Bandangabe genau deklariert, so findet sich bei Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz nur eine laufende Nummer, jedoch kein Erscheinungs- oder Nachdruckdatum.

Das Programm des Bücherschatzes – „ausschließlich Werke zeitgenössischer Autoren aller Litteraturen“ (so eine Eigenanzeige) – setzte wie die Engelhorn-Bibliothek auf zeitgenössische Unterhaltungsliteratur, unterschied sich aber deutlich von dieser durch den geringen Anteil ausländischer Werke. Hatte Letztere über die gesamte Erscheinungsdauer ein Verhältnis von Übersetzungen zu deutschen Autoren von 55:45, so legte das jüngere Konkurrenzunternehmen den Schwerpunkt auf deutsche Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Von den 1.365 Titeln, die bibliografisch nachgewiesen sind, sind 85 Prozent deutschen Ursprungs.

Das Verzeichnis der rund 250 Autoren liest sich wie eine Liste der Vergessenen. Daran ändern auch Unterhaltungsklassiker wie Mark Twain, Jules Verne oder Gaston Leroux oder Namen wie Dostojewski, Fontane, Maupassant oder Turgenjew nichts, zumal diese Autoren in der Regel nur mit ein oder zwei Titeln präsent waren. Am häufigsten wurden Emma Simon (1848–1934), die unter dem Pseudonym E. Vely veröffentlichte, mit 20 Werken und Reinhold Ortmann (1859–1929) mit 19 Büchern verlegt.

Die Kleine Bibliothek LangenBibliothek Langen, Kleine erschien mit 115 Titeln zwischen 1897 und 1912 im Verlag Albert LangenLangen, München. Die künstlerisch aufgemachten Bände hatten in der Regel einen Umfang von 160 Seiten und wurden broschiert für 1 Mark, gebunden für 1 Mark 50 sowie später mit Ledereinband für 2 Mark 80 angeboten. Literarisch umfasste sie Autoren des In- und Auslandes wie Heinrich Mann, Jakob Wassermann und Ludwig Thoma sowie Knut Hamsun, Maxim Gorki und Émile Zola. Der Reihe fehlt mit einer Startauflage von 3.000 Exemplaren das Merkmal der Massenhaftigkeit, sie wird deshalb hier nur kurz erwähnt (Stark 1999; dort ein Verzeichnis der erschienenen Titel).

Zehn-Pfennig-Miniatur-BibliothekZehn-Pfennig-Miniatur-Bibliothek und Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek

Ebenfalls im Jahr 1897 startete der Verlag für Kunst und WissenschaftVerlag für Kunst und Wissenschaft A. O. Paul in Leipzig eine thematisch neue und von den bisher besprochenen Reihen völlig verschiedene Serie. Unter den unspezifischen Bezeichnungen Zehn-Pfennig-Miniatur-BibliothekZehn-Pfennig-Miniatur-Bibliothek und Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek wurden erstmals Ratgeber im heutigen Sinn in großer Zahl – neben populärwissenschaftlichen Titeln – veröffentlicht. Da dieses Segment wissenschaftlich weitgehend unbearbeitet ist, fehlen auch Studien zu diesen Reihen. So ist man auf eine Analyse der Notierungen im Gesamtverzeichnis alt und Gesamtverzeichnis neu, die Angaben der Deutschen Nationalbibliothek sowie eine Liste privater Sammler (www.miniaturbuch.de) angewiesen.


Abb. 12:

Miniatur-Bibliothek 179: Otto Cato: Sprich richtig! Verlag für Kunst und Wissenschaft, Leipzig o.J., 64 Seiten. Format 7,5 cm x 10,8 cm und Miniatur-Bibliothek 74/75. Wilhelm Schwarzer. Zur Erinnerung. Friedrich M. HörholdHörhold-Verlag, Hildesheim 1955. 77 Seiten. Format 8,0 cm x 11,8 cm. Die Miniatur-Bibliothek im Verlag Kunst und Wissenschaft und im Hörhold Verlag.

Die Reihe bot Ratgeber zu Hobbys und Freizeit, zu Haus und Garten, zu Rechtsfragen und zu Sport. Daneben gab es eine Subreihe von Reiseführern mit beigelegten Karten, ferner Wörter- und Sprachlehrbücher, Werke zur Geschichte und Naturkunde sowie Einführungen in Opern und Operetten.

Noch im Startjahr wurde die Reihe in Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek umbenannt und erschien nun statt im Format 6 cm x 9 cm im Format 8 cm x 12 cm. Der Preis von 10 Pfennig wurde auch nach der Umbenennung beibehalten und war neben der Bandnummer auf dem Umschlag aufgedruckt. Nach dem Ersten Weltkrieg erhöhte sich der Preis auf 20 Pfennig. Die Umfänge lagen in der Regel zwischen 32 und 64 Seiten. Der Umschlag war zunächst in schlichter Typografie gehalten mit dem Reihentitel am Kopf der Seite; später wurde dieser plakativ mehrfarbig hervorgehoben.

1912 waren bereits 1.074 Nummern erschienen (Bry 1917: 30). Die Produktion wurde auch während des Ersten Weltkriegs aufrechterhalten und 1919 verstärkt fortgesetzt. 1921 lagen über 1.500 Nummern vor. Die Bändchen wurden immer wieder neu aufgelegt und bearbeitet.

Im Jahr 1937 wurde die Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek nach Band 1581 vom Verlag Friedrich M. HörholdHörhold in Leipzig übernommen, der später nach Hildesheim übersiedelte. Ungeklärt muss bleiben, ob es sich hier um eine „Arisierung“ handelte. Wohl 1955 erschien mit der Bandnummer 1.666 Verzwicktes und Vertracktes. 60 Aufgaben zum Nachdenken der letzte Band. Die Reihe trug nun den Untertitel Die Kleinbücherei für Jedermann oder Die Taschenbücherei für Jedermann. Bis 1960 folgten noch Nachdrucke alter Nummern.

Für die Beliebtheit und hohe Verbreitung der Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek spricht, dass hier wie in Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek während der Zeit des Nationalsozialismus Tarnschriften erschienen. Unter dem Titel Deutsche Mythologie (Nr. 326–330) veröffentlichte der Schutzverband Deutscher Schriftsteller 1935 die Deutsche Freiheitsbibliothek. Anthologie emigrierter deutscher Schriftsteller. 1937 enthielt der Band Körperzeichnen Heft 3 der Zeitschrift Die Kommunistische Internationale und der Operettenführer Die FledermausFledermaus (Nr. 1501) die Abhandlung Die neue Etappe der Aggression des japanischen Imperialismus und die neue Kampfperiode des chinesischen Volkes.

Aus Natur und GeistesweltNatur und Geisteswelt, Aus

Ab 1898 brachte der Verlag TeubnerTeubner, Leipzig und Berlin, die populärwissenschaftliche Sammlung Aus Natur und GeistesweltNatur und Geisteswelt, Aus. Sammlung wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen heraus. Der Verlag sah die Aufgabe der Reihe „nicht in der Vorführung einer Fülle von Lehrstoffen und Lehrsätzen oder etwa gar unerwiesenen Hypothesen […], sondern darin dem Leser Verständnis dafür zu vermitteln, wie die moderne Wissenschaft erreicht hat, über wichtige Fragen von allgemeinem Interesse Licht zu verbreiten. […] die einzelnen in sich abgeschlossenen Schriften [bieten] gerade dem ‚Laien‘ auf dem betreffenden Gebiete in voller Anschaulichkeit und lebendiger Frische eine gedrängte, aber anregende Übersicht.“ (Deutscher Literaturkatalog 1907/08, Einhefter, unpaginiert)

Die Bände boten Themen aus allen Gebieten des Wissens. Schon die ersten fünf erschienenen Nummern zeigten die Spannweite des Programms: 8 Vorträge aus der Gesundheitslehre von H. Buchner, Soziale Bewegungen und Theorien bis zur modernen Arbeiterbewegung von G. Maier, Schrift-und Buchwesen in alter und neuer Zeit von O. Weise, Luft, Wasser, Licht und Wärme von R. Blochmann sowie Palästina und seine Geschichte von H. von Soden.

Das Format betrug 11,8 cm x 18,0 cm. Die Umfänge waren nicht wie bei anderen Reihen normiert, sondern variierten je nach Thema. Im Allgemeinen lagen sie zwischen 130 und 160 Seiten. Viele Bände waren mit Tafeln illustriert und enthielten in Eigenanzeigen ausführliche Verzeichnisse der bereits erschienenen Bände. Geheftet kosteten die einzeln käuflichen Titel eine Mark, gebunden 1 Mark 25.

Bis 1911 erschienen 348 Bändchen im TeubnerTeubner Verlag, der in jener Zeit der bei weitem produktionsstärkste wissenschaftliche Verlag war, davon mehr als 100 in zwei oder mehr Auflagen. Die Reihe wurde nach dem Ersten Weltkrieg mit gleichem Programmprofil vom Verlag Springer FachmedienSpringer Fachmedien in Wiesbaden fortgeführt; sie endete wohl 1931 nach 1.011 Bänden. Heute stehen 44 Bände digitalisiert zur Verfügung.

Abb. 13:

Aus Natur und Geisteswelt 131: Erich Ziebarth: Kulturbilder aus griechischen Städten. I. B. G. TeubnerTeubner Verlag, Leipzig/Berlin 1919, 72 Seiten. Format 11,8 cm x 18,0 cm.

Wiesbadener VolksbücherVolksbücher, Wiesbadener

Abb. 14:

Wiesbadener Volksbücher 12: Marie von Ebner-Eschenbach: Krambambuli. Der gute Mond. Verlag des Volksbildungsvereins zu WiesbadenVerlag des Volksbildungsvereins zu Wiesbaden, Wiesbaden o.J., 51 Seiten. Format 12,2 cm x 17,6 cm.

Die genannten Bibliotheken von den Meyerschen Unternehmungen bis zu Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek und Kürschners BücherschatzKürschners Bücherschatz waren auf ein bürgerliches Publikum gerichtet, allerdings auf ein weniger zahlungskräftiges als das, das sich die CottaschenCotta Ausgaben oder gar Prachtwerke leisten konnte. Der Impetus für die Wiesbadener VolksbücherVolksbücher, Wiesbadener kam hingegen aus einer anderen Richtung. Sie ordnen sich in die breite Bewegung der Volksbildung ein, wie sie sich im neu entstandenen Deutschen Reich entwickelte. Markstein war die 1871 gegründete Gesellschaft für Verbreitung von Volksbildung. Die als Dachverband gegründete Gesellschaft stand in der Tradition des vom liberalen Bürgertum verfolgten Ansatzes der Verbreitung von Bildung auch in den unteren Schichten des Volks (siehe Otto 1998 und Pöggeler 1998). Einer ihrer Zweigvereine war der 1872 ins Leben gerufene Wiesbadener Volksbildungsverein. Zur Vermittlung guter, möglichst preiswerter Lesestoffe unterhielt er Volksbibliotheken und Lesehallen und gab ab 1900 die Wiesbadener VolksbücherVolksbücher, Wiesbadener heraus. Ernst Schultze zählte die Reihe in seiner bereits erwähnten, Polemik gegen die „Schundliteratur“ ausdrücklich zu den „Sammlungen guter billiger Bücher“, mit denen die „Schundliteratur“ zu bekämpfen sei (Schultze 1925: 165). Bis 1937 erschienen 269 Bände in einer Gesamtauflage von rund 15 Millionen Exemplaren (Garke-Rothbart 2008: 105 und 107).

Schon im September 1933 übernahmen Nationalsozialisten die Führung des Wiesbadener Volksbildungsvereins und richteten – bei wenigen noch veröffentlichten Titeln – das Programm der Reihe neu aus. Der Trägerverein der Reihe wurde 1936 aufgelöst.

Eine detaillierte Darstellung der Wiesbadener Volksbücher findet sich bei Brunn-Steiner 1997; dort auch ein Verzeichnis aller erschienenen Titel.

Die im Format 12 cm x 17 cm produzierten Broschuren, zumeist mit einem Vorwort versehen, trugen in der Anfangszeit – wohl aus Kostengründen – einheitlich eine heraldische Darstellung aus Elementen des Wiesbadener Stadtwappens. Die orange-rötlichen Bände hatten verschiedene Umfänge und kosteten zwischen zehn und 50 Pfennig. Das Programm, das mit Wilhelm Heinrich Riehls Der Stadtpfeifer begann, war durchaus deutsch-national geprägt. Klassiker wie Stifter, Hauff, Keller, Storm und Raabe, später Fontane, Goethe und Kleist waren zahlreich vertreten. Dazu wurden heute so gut wie unbekannte Autoren verlegt, mit betulichen Titeln wie Der arme Geigenmacher und sein Kind, Aus dem Leben eines Schullehrers oder Das Licht im Elendhause, aber durchaus auch dem Zeitgeist entsprechend wie Karl von Raumers Erinnerungen an den Freiheitskrieg 1813–1814, Kriegslieder aus 1914–1915, Kriegskreuze oder Kaiserlieder. Die Zahl der jährlich herausgebrachten Titel betrug zunächst zwischen zwölf und 16; sie ging im Ersten Weltkrieg stark zurück und erreichte auch danach nicht mehr die Zahlen der Vorkriegsjahre.

Moderne Zehn-Pfennig-BibliothekZehn-Pfennig-Bibliothek, Moderne


Abb. 15:

Moderne Zehnpfennig-Bibliothek 234: Josephine Schade-Hädicke: Abseits vom Glück. KlambtKlambt Verlag, Neurode/Hamm/Speyer [1914], 120 Seiten. Format 10,5 cm x 14,5 cm und Hausfreund-BibliothekHausfreund-Bibliothek 116: S. B. Gould-Meister: Die Tochter des Freibeuters. Klambt Verlag, Neurode/Hamm/Speyer [1919], 122 Seiten. Format 10,5 cm x 14,5 cm. Leider waren zwei Ausgaben ein und desselben Werks nicht verfügbar.

Nicht so stark wie den Reutlinger VolksbücherVolksbücher, Reutlingern oder den Münchener Volksbüchern, aber zumindest tendenziell wurde auch der Modernen Zehn-Pfennig-BibliothekKaufmann’s moderne Zehn-Pfennig-Bibliothek aus dem KlambtKlambt Verlag der Vorwurf gemacht, „Schmutz und Schund“ zu verbreiten. Im Programm waren viele Kriminalromane vertreten, aber auch Reißerisches wie Die gelbe Hölle, Die Verdammten oder Vorbestraft und Pseudoerotisches wie Die Nebenbuhler und Der Sturmgesang der Liebe.

Die Reihe startete 1901 mit monatlich einem Band. Die Bände im Kleinoktav-Format waren durchnummeriert. Ab 1909 wurde die Periodizität erhöht, was ein deutlicher Indikator für den Publikumserfolg ist. In diesem Jahr soll die Einzelauflage bei 100.000 Exemplaren gelegen haben, zwei Jahre zuvor habe die Gesamtauflage sieben Millionen betragen (Galle 2006b: 197). Der letzte bibliografisch erfasste Band trug die Nummer. 253 und kam 1915 auf den Markt.

Die für den niedrigen Ladenpreis von zehn Pfennig verkauften Bände waren im Vergleich mit anderen Reihen recht umfangreich (110 bis 170 Seiten). Die auf grauem Papier gedruckten Umschläge zeigten immer eine lesende Dame im vom Jugendstil inspirierten Rahmen.

Was die Reihe besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass es unter der Bezeichnung Kaufmann’s moderne Zehn-Pfennig-BibliothekKaufmann’s moderne Zehn-Pfennig-Bibliothek Parallelausgaben gab, auf deren rein typografischen Umschlägen und im Innenteil Unternehmen für sich und ihre Produkte warben. Ganz oben auf dem Cover wurde dem Werbekunden versprochen: „Garantierte Auflage jedes Bandes über 50.000 Exemplare“. Pro Band waren etwa 30 Anzeigen zu finden, „in denen für Seife, Gummiwaren oder Mittel gegen Magersucht geworben wurde. Maßschneidereien, Ehevermittlungen und Detekteien machten auf sich aufmerksam.“ (Galle 2006b: 196; dort auch eine Abbildung) Wegen der Menge der Werbung – teilweise drei bis vier Annoncen auf einer Doppelseite – ist davon auszugehen, dass diese Bände kostenlos abgegeben wurden. Ob alle oder nur ausgewählte Bände aus den ersten Jahren als Werbeträger fungierten, ist unbekannt. Bibliografisch ist die Reihe im Gesamtverzeichnis alt als Kaufmann’s moderne Zehn-Pfennig-BibliothekKaufmann’s moderne Zehn-Pfennig-Bibliothek, im Gesamtverzeichnis neu dann als Moderne Zehn-Pfennig-BibliothekZehn-Pfennig-Bibliothek, Moderne verzeichnet.

Der KlambtKlambt Verlag, der in Neurode im Eulengebirge (Schlesien) gegründet wurde und 1906 Niederlassungen in Hamm (Westfalen) und Speyer (Pfalz) eröffnete – was für den ökonomischen Erfolg spricht –, hat die Moderne Zehn-Pfennig-BibliothekKaufmann’s moderne Zehn-Pfennig-Bibliothek noch einmal verwertet und sie 1919 mit gleicher Nummerierung und Ausstattung unter dem Namen Hausfreund-BibliothekHausfreund-Bibliothek auf den Markt gebracht. Mit dieser Reihenbezeichnung lehnte man sich an den Titel der Wochenzeitschrift Der Hausfreund an, die der Verlag erfolgreich seit 1843 publizierte.

Cotta’sche HandbibliothekCotta’sche Handbibliothek

Am spätesten in den Klassikermarkt in broschierten preiswerten Ausgaben stieg Cotta ein. Zwar hatte der Verlag bereits zwischen 1853 und 1858 die 150 Bände umfassende Sammlung Volksbibliothek deutscher KlassikerVolksbibliothek deutscher Klassiker, ab den 1860er Jahren die Schulausgaben deutscher KlassikerSchulausgaben deutscher Klassiker und ab 1882 die Cotta’sche Bibliothek der WeltliteraturCotta’sche Bibliothek der Weltliteratur auf den Markt gebracht sowie ab 1889 die frühere Volksbibliothek unter dem Namen Cotta’sche VolksbibliothekCotta’sche Volksbibliothek wieder aufgegriffen, doch das waren jeweils gebundene Ausgaben, zumeist mit teilweise ausführlichen Einleitungen, Kommentaren und Anmerkungen.

1902 eröffnete der Verlag, der sich seit 1889 im Besitz von Adolf und Paul KrönerKröner befand, die Cotta’sche HandbibliothekCotta’sche Handbibliothek mit nicht weniger als 16 Bänden von Franz Grillparzer. Es folgten fünf Bände mit Werken von Nikolaus Lenau, bevor mit Nr. 22 Goethes Egmont und mit Nr. 27 Schillers Wilhelm Tell erschienen. Das Programm war ausgesprochen konventionell. Unter den ersten 100 Titeln waren von ausländischen Autoren nur Homer, Calderon, Molière und der unumgängliche Shakespeare mit je einem Band vertreten. Die Periodizität war zunächst hoch – bis 1905 kamen rund 120 Titel heraus –, doch in den folgenden 20 Jahren wurde gerade einmal diese Zahl erreicht. Mit Band 234 wurde die Reihe wohl 1925 eingestellt.

Das Format betrug 11,5 cm x 17,5 cm; der Preis variierte je nach Umfang der gehefteten Bände zwischen 20 Pfennig und 1 Mark 30. Gebundene Ausgaben kosteten zwischen 75 Pfennig und zwei Mark.


Abb. 16: Cotta'sche Handbibliothek 1: Franz Grillparzer: Das goldene Vliess. CottaCotta’sche Buchhandlung Nachfolger, Stuttgart/Berlin o.J., 124 Seiten. Format 11,7 cm x 18,0 cm.

Nach der Anfangsphase, deren Programm mit klassischen Autoren sich in nichts von den Konkurrenzunternehmen unterschied, verlegte CottaCotta in dieser Reihe zunehmend „neuere Autoren […] deren Verlagsrecht uns ausschließlich zusteht“ (Deutscher Literaturkatalog 1907/08, Einhefter, unpaginiert). Genannt werden unter anderen Rudolf Baumbach, Ernst Eckstein, Pierre Loti, Heinrich Seidel und Adolf Wilbrand. Die offizielle Verlagsgeschichte charakterisiert diese Entwicklung als ein „Gebräu von Forschheit und Sentimentalität, in dem alle korrumpierten Ideale der Epoche zusammengerührt waren“ und konstatiert: „Die ‚Gartenlauben‘- und verwandten Größen unangenehmer Prägung fanden nun Eingang in das vornehmste deutsche Haus: Ida Boy-Ed, Wilhelmine von Hillern, Thea von Harbou und Felicitas Rose, Richard Voß, Rudolf Stratz und, schlimmer als alle, Rudolf Herzog.“ (Lohrer 1959: 152)

Max Hesse‘s VolksbüchereiHesse’s VolksbüchereiMax Hesse’s Volksbücherei

Der 1880 gegründete Verlag Max HesseHesse in Leipzig verlegte zunächst Musikalien und ab 1898 umfangreiche Klassikereditionen unter dem Reihentitel Max Hesse’s Neue Leipziger Klassiker-AusgabenMax Hesse’s Neue Leipziger Klassiker-Ausgaben, darunter Goethes Werke in 44 Bänden. 1905 waren 45 Autoren in 60 verschiedenen Ausgaben im Programm. 1903 kamen die ersten 30 Nummern von Max Hesse’s VolksbüchereiMax Hesse’s VolksbüchereiHesse’s Volksbücherei auf den Markt. Bis 1911 erschienen 587 Nummern unter diesem Label; ab der Nummer. 588 lautete der Reihentitel Hesse’s Volksbücherei. Nach 1.350 Nummern wurde die Reihe 1920 eingestellt.

Die Bände hatten ein Format von 10,7 cm x 16 cm und kosteten broschiert je Nummer. 20 Pfennig. Sie waren auch in Leinen und als Geschenkband erhältlich. Die Umfänge lagen je Nummer bei etwa 80 Seiten.

Wie in der Cotta’schen HandbibliothekCotta’schen Handbibliothek stand auch in Max Hesse’s VolksbüchereiHesse’s Volksbücherei Franz Grillparzer am Beginn. Unter den ersten 30 Bänden, dem Startprogramm, war der österreichische Autor mit 15 Titeln vertreten. Dessen Landsmann Adalbert Stifter erschien in den ersten beiden Jahren ebenfalls mit zahlreichen Werken. Von Goethe wurden nur Hermann und Dorothea sowie Die Leiden des jungen Werthers verlegt, Schiller erst gar nicht in die Sammlung aufgenommen. Dagegen erschien vom erfolgreichen zeitgenössischen Abenteuerschriftsteller Friedrich Gerstäcker (1816–1872) eine Auswahl seiner Erzählungen in nicht weniger als zwölf Bänden. Die Mischung aus Klassikern und Erfolgsschriftstellern der Zeit ist auch charakteristisch für das weitere Programm. So standen Bürger und Droste-Hülshoff, Das Nibelungenlied und Wolfram von Eschenbach neben A. E. Brachvogel und Bret Harte, Hermann Kurz und Anton Perfall.

Hesse’s Volksbücherei, die Fortsetzung von Max Hesse’s VolksbüchereiMax Hesse’s Volksbücherei, war noch deutlich populärer ausgerichtet und präsentierte eine eigenartige Mischung. Neben Guy de Maupassants Erzählungen und Richard Wagners Ring des Nibelungen erschienen auch Titel wie In Herzensnot oder Der Teufel auf der Kirchweihe und andere Humoresken. Während des Ersten Weltkriegs trug der Verlag dem Zeitgeist Rechnung und veröffentlichte viele einschlägige Titel wie Sturmtage von Soissons und andere Kriegserlebnisse, Torpedobootsfahrt und andere Marine-Geschichten oder Die Seeschlacht vor dem Skagerrak. Nach Kriegsende geriet das Programm zu einer kruden Mischung aus Karl Immermann, Theodor Storm und Émile Zola sowie Büchern wie Ein Paar Frankfurter und andere Humoresken, Die deutschen Kolonien in Brasilien und den Romanen von Eugenie Marlitt. Den Abschluss der Serie bildete denn auch mit den Nummern 1.348–1.350 Der Schusterfranzl. Lebens- und Leidensgeschichte eines humorvollen Flickschusters von Richard Plattensteiner.

Abb. 17:

Max Hesse’s Volksbücherei 19: Franz Grillparzer: Der Traum, ein Leben. Max HesseHesse’s Verlag, Leipzig o.J., 80 Seiten. Format 11,3 cm x 16,8 cm.

KosmosKosmos-Bändchen

Abb. 18:

Kosmos Bändchen: H. Dekker: Sehen, Riechen, Schmecken. KosmosKosmos, Gesellschaft der Naturfreunde, Stuttgart o.J., 102 Seiten. Format 13,5 cm x 20,8 cm.

Wie die Reihe Aus Natur und GeistesweltNatur und Geisteswelt, Aus aus dem wissenschaftlichen Verlag TeubnerTeubner sind auch die Kosmos-BändchenKosmos-Bändchen im Kontext der Popularisierung von Wissenschaft und hier insbesondere der Naturwissenschaften zu sehen. Parallel zum sich institutionalisierenden Wissenschaftssystem entstand im gesellschaftlichen Raum das Bedürfnis, wissenschaftliche Erkenntnisse, vor allem naturwissenschaftliche, zu popularisieren. Das bedeutete, „der naturwissenschaftlichen Bildung eine zentrale Rolle zuzuweisen in dem Bestreben, über die Verbreitung von Bildung überhaupt eine fortschrittliche gesellschaftliche Entwicklung voranzutreiben und klassenübergreifend zur geistigen wie sozialen Emanzipation beizutragen“ (Daum 2002: 3). Dabei ging es nicht darum, Geisteswissenschaften und Naturwissenschaften dichotomisch einander gegenüberzustellen, sondern die Naturwissenschaften „in das bestehende kulturelle Gefüge“ (Daum 2002: 12) zu integrieren. Träger der Popularisierung waren in weitem Maß bürgerliche Vereine (vgl. die Liste bei Daum 2002: 169). Im Fall der Kosmos-BändchenKosmos-Bändchen war das die 1903 durch die Franckh’sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart gegründete Gesellschaft der Naturfreunde, kurz: KosmosKosmos-Gesellschaft. Der wegen seiner Nachdruckpolitik im Buchhandel unbeliebte Verlag hatte nach dem Tod der beiden Gründer die Verlagstätigkeit für fast 30 Jahre eingestellt. 1893 übernahmen Euchar Nehmann sen. und Walther Keller das Unternehmen und richteten den Verlag auf den naturwissenschaftlichen Sektor hin aus. Die Kosmos-Gesellschaft weist deutliche Merkmale einer frühen Buchgemeinschaft auf. Die Mitglieder – bereits ein Jahrzehnt nach der Gründung waren es über 100.000 – erhielten für den Jahresbeitrag von 4,80 Mark kostenlos die Zeitschrift Kosmos und fünf gesonderte Veröffentlichungen über naturwissenschaftliche Themen, eben die ab 1904 erscheinenden Kosmos-BändchenKosmos-Bändchen. Diese waren aber auch im Buchhandel zum Preis von einer Mark erhältlich.

Welche Bedeutung populärwissenschaftliche Buchreihen zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und dem Beginn des Ersten Weltkriegs hatten, zeigen die Aufstellungen bei Daum 2002: 324–331, insbesondere 326–328. Die weitaus überwiegende Zahl dieser Serien erschienen allerdings gebunden, wie etwa die Sammlung GöschenSammlung Göschen. Zu den KosmosKosmos-Bändchen siehe auch Kersting 2000.

Sie hatten ein Format von 13,5 cm x 20,5 cm und umfassten selten mehr als 100 Seiten. Als Broschur hatten sie in den Anfangsjahren farbige Titelbilder; die Umschläge der gebundenen Ausgaben wechselten farblich von Jahrgang zu Jahrgang und waren typografisch gestaltet. Die Reihe deckte ein breites Themenspektrum ab. Die Titel waren oft recht metaphorisch formuliert, so zum Beispiel Streifzüge im Wassertropfen, Würger im Pflanzenreich oder Auf Vorposten im Lebenskampf. Von den 54 Bändchen, die bis 1914 erschienen, stammten sieben vom bekanntesten naturkundlichen Populärschriftsteller seiner Zeit, Wilhelm Bölsche (1861–1939). Bis zu seinem Tod 1939 waren es insgesamt 17. Weitere wichtige Autoren waren Max Wilhelm Meyer, der Direktor der Berliner UraniaUrania, sowie der KosmosKosmos-Redakteur Kurt Floericke. 1904 erschien als erster Band Die Abstammung des Menschen von Bölsche. Bereits 1907 waren davon 100.000 Exemplare verkauft, und für 1931 ist die 125. Auflage verzeichnet.

Lehrmeister-BibliothekLehrmeister-Bibliothek

Abb. 19:

Lehrmeister-Bücherei 106: Florentine Gebhardt: Altdeutsche Zierstickerei. Verlag Hachmeister & ThalHachmeister & Thal, Leipzig o.J., 36 Seiten. Format 12,0 cm x 16,8 cm.

Wie die oben beschriebene Reihe Zehn-Pfennig-Miniatur-BibliothekZehn-Pfennig-Miniatur-Bibliothek bzw. Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek ist auch die Lehrmeister-BibliothekLehrmeister-Bibliothek aus dem Leipziger Verlag Hachmeister & ThalHachmeister & Thal eine Sammlung von reinen Ratgebern für den Alltag. Auch für sie gilt, dass das Gesamtverzeichnis alt und das Gesamtverzeichnis neu die einzigen wesentlichen Informationen liefern. Danach startete die Lehrmeister-Bibliothek im Jahr 1910 mit mehr als 50 Titeln. Als Nr. 1 erschien Der Hausgarten von Fritz Saftenberg. Im Folgejahr brachte der Verlag fast 100 weitere Titel auf den Markt. Danach wurde die Jahresproduktion stark zurückgefahren. Bis 1915 sind insgesamt 193 Bändchen in 335 Nummern erschienen.

Das Genre des Ratgebers ist kaum erforscht. Das gilt auch für Oels/Schikowski 2012, wo zwar viel Theoretisches und Medientheoretisches expliziert wird, aber kaum relevante historische Ergebnisse präsentiert werden.

Das Programm war weit gefächert, wie wir das von heutigen großen Ratgeberverlagen kennen. Die Themen der „nützlichen Bücher“, wie man sie in dieser Zeit nannte, umfassten Hobbies, Naturführer, Kochen, Haus und Garten, Heimtiere, Basteln und Elektrotechnik, Sport, Kindererziehung, Wörterbücher und Sprachführer sowie Handbücher zu Geschichte, Sprache, Kunst und Kultur.

Die Umfänge der Bändchen im Format 12 cm x 17 cm betrugen selten mehr als 48 Seiten, in der Regel waren die Titel deutlich dünner. Doch darunter war auch ein Opernführer mit 288 Seiten in fünf Nummern. Die Bändchen kosteten pro Nummer. 20 Pfennig. Die Umschläge waren auf rotem Papier gedruckt. Am Kopf stand prominent der Reihentitel, gefolgt von der Bandnummer sowie Titel und Autor. Auch die Zahl der Abbildungen sowie der Preis waren vermerkt. Ohne aufwendige Recherche lässt sich leider nicht ermitteln, wann die strenge typografische Umschlaggestaltung aufgegeben und durch eine Lösung mit Bildern ersetzt wurde. Vermutlich war das Mitte der 1920er Jahre der Fall.

Die Reihe wurde wohl 1942 mit der Nummer 1.338/1.339 eingestellt, doch erschienen noch Anfang der 1950er Jahre überarbeite Nachauflagen und Neubearbeitungen, so 1948 mit den Nummern 2.027/2.028–2.031/2.032 So arbeiten unsere Röhren von Rolf Wigand, ein Titel, der 1938 erstmals veröffentlicht wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb der Albrecht PhillerPhiller Verlag in Minden Lizenzen von Hachmeister & ThalHachmeister & Thal für die Bundesrepublik, veröffentlichte vor allem Garten- und Kleintierratgeber und führte die Reihe auch mit eigenen Titeln bis 1988 fort.

„Praktische Reihen“ wie die Zehn-Pfennig-Miniatur-BibliothekZehn-Pfennig-Miniatur-Bibliothek bzw. Miniatur-BibliothekMiniatur-Bibliothek und die Lehrmeister-BibliothekLehrmeister-Bibliothek standen in einer Reihenstatistik, die auf dem Jahr 1912 basiert, nach den fachwissenschaftlichen Reihen und der Belletristik an dritter Stelle. Zu dieser Zeit waren 311 Serien mit 10.821 Bänden auf dem Markt. Rechnet man noch die populärwissenschaftlichen Reihen (123 Serien mit 4.224 Bänden) dazu, so sieht man, welches ökonomische Gewicht das nicht-fiktionale Segment in dieser Zeit hatte (Bry 1917: 29 und 32).

Charakteristik des Taschenbuchs im 19. Jahrhundert

Die Entstehung und Entwicklung des Taschenbuchs im langen 19. Jahrhundert sind, wie im Kapitel über den literarischen Markt ausgeführt, im Rahmen der Entwicklung des gesamten Mediensystems zu sehen. Zwar gerieten die Druckmedien bereits ab der ersten Hälfte des Jahrhunderts mehr und mehr in Konkurrenz zu neuen Medien, doch lag „das Hauptgewicht im 19. Jahrhundert gesamtkulturell immer noch“ bei ihnen (Faulstich 2004: 255). Dabei differenzierte sich das Teilsystem Taschenbuch aus, es standardisierte und institutionalisierte sich.

Natürlich lässt sich das lange 19. Jahrhundert, auch was das Taschenbuch angeht, nicht auf einen Begriff bringen. Die Ausdifferenzierungen sind offenkundig. Die zunächst vorherrschende Form der Klassikerbibliothek wurde ergänzt durch zeitgenössische Unterhaltungsliteratur, ferner durch Sachthemen und gegen Ende des Jahrhunderts durch Ratgeber im durchaus heutigen Verständnis. Die Funktionenpalette verbreiterte sich, wobei die literarische Kultur als Unterhaltungskultur mehr und mehr an Boden gewann.

Der Standardisierungsgrad war, nicht zuletzt aus drucktechnischen und ökonomischen Gründen, hoch. Das fängt bei der Umschlaggestaltung an, geht über die Umfänge und die Preissetzung und endet bei typografischen Standards. Wie erwähnt blieben in der Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek von ReclamReclam Umschlaggestaltung und Ladenpreis je Nummer über fast 50 Jahre hinweg unverändert.

Auch der Grad der Institutionalisierung ist offenkundig. So gab es Verlage, die eigens für die Herausgabe einer entsprechenden Reihe gegründet wurden. Jedoch auch Verlage, die bereits eine verlegerische Tradition hatten, institutionalisierten sich als Taschenbuchverlage. Bestes Beispiel dafür ist der ReclamReclam Verlag, der zwar nach dem Start der Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek weiterhin auch gebundene Bücher verlegte, doch ist er nur als Taschenbuchverlag eine „Institution“, was im Übrigen durchaus bis heute gilt. Diese Institutionalisierung wird auch deutlich, wenn man die Akteure in den Blick nimmt. Nicht ein klassischer Verlag wie CottaCotta war es, der die Entwicklung in diesem Sektor vorantrieb, sondern es waren Gründerfiguren, die „nicht selten risikofreudig aus anderen Berufen ins Buchgewerbe wechselten, von Standestraditionen unbelastet“. Sie zeichnete eine „kühne Nutzung der neuen technischen Möglichkeiten, [und eine] Spekulation auf ein Publikum, über das CottaCotta und mit ihm die meisten altväterlichen Verlage hochmütig hinwegsahen“, aus (Wittmann 1986: A409).

Statistik, Typologie und Chronologie

Eine statistische Betrachtung der Taschenbuchreihen in diesem Zeitraum muss auch unter dem Blickwinkel der Entwicklung des Buchmarkts im 19. Jahrhundert stattfinden. Wie im einleitenden Kapitel zum literarischen Markt teilweise dargestellt, verlief diese Entwicklung, was die Gesamtbuchproduktion angeht, nicht kontinuierlich, sondern in zwei Phasen. Stieg in der ersten Hälfte des Jahrhunderts die Zahl der veröffentlichten Titel stetig bis zum Hoch im Jahr 1843 mit 14.039 Titeln an, so fiel sie im Gefolge der Revolutionswirren 1851 auf den Tiefstand von 8.346 Titeln. Nach der Reichsgründung folgte eine erneute Aufschwungphase, aber erst 1879 wurde der Stand von 1.843 wieder erreicht. In den folgenden 30 Jahren beschleunigte sich die Produktion weiter und erreichte 1913 mit 35.078 Titeln den Höchststand. Die „schöne Literatur“ (vor allem Klassiker, Romane und Erzählungen wuchs noch wesentlich stärker. So stieg beispielsweise die Zahl der Neuerscheinungen allein in den zwei Jahrzehnten von der Reichsgründung 1871 bis 1890 um fast 90 Prozent (siehe Kastner 2003).

Eine äußerst komprimierte, sehr lesenswerte Darstellung des literarischen Markts zwischen 1849 und 1914 liefert Wehler 2008, Bd. 3: 429–434 und 1232–1236.

Zwar liegen für die Entwicklung der Taschenbuchreihen keine Zahlen für das ganze 19. Jahrhundert vor, doch hat Carl Christian Bry 1917 in einer Art Momentaufnahme die in den Jahren 1910 bis 1912 auf dem Markt befindlichen Reihen statistisch erfasst. Er zählte 1.773 Reihen mit 70.979 Bänden. Den größten Anteil hatten mit deutlichem Abstand die belletristischen Reihen mit 21.357 Bänden und die fachwissenschaftlichen Reihen mit 20.929 Bänden. An dritter Stelle rangierte die bereits oben genannte „praktische Literatur“ (Lehrmittel, Führer und Ratgeber) mit 10.821 Bänden, also etwa der Hälfte (Bry 1917: 37). Eigentümlicherweise nicht in die Statistik aufgenommen wurden die „populären Klassiker-Bibliotheken“ (33f.). Dadurch hätte sich der Anteil der schönen Literatur noch deutlich erhöht.

Carl Decke hat seiner ein Jahr früher als Bry erschienenen Dissertation Die Bücherreihe im deutschen Buchhandel der letzten Jahre genau das gleiche Material zu Grunde gelegt, nämlich Hinrichs Dreijahrskatalog 1910–1912. Merkwürdigerweise ist dieses Buch im Gegensatz zu dem von Bry in der Forschung so gut wie nicht rezipiert worden.

Die drei umfangreichsten Reihen begannen in den Jahren zwischen 1867 (Reclams Universal-BibliothekUniversal-Bibliothek) und 1886 (Hendels Bibliothek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes sowie Meyers VolksbücherMeyers Volksbücher) zu erscheinen (Bry 1917: 26) und spiegeln damit die dynamische Entwicklung der Gesamtbuchproduktion in dieser Zeit. Die Universal-Bibliothek und Meyers Volksbücher waren zwar prinzipiell thematisch unbegrenzt, doch lag ihr Schwergewicht eindeutig auf der „schönen Literatur“.

Betrachtet man die in diesem Kapitel vorgestellten Taschenbuchreihen im chronologischen Zusammenhang, so wird zweierlei deutlich. Zum einen setzt Mitte der 1880er Jahre ein Gründungsboom ein. Bezeichnenderweise stammt die erwähnte zeitgenössische Studie aus dieser Zeit (Moldenhauer 1884). Zum anderen steht das Jahrzehnt nach der Jahrhundertwende eindeutig im Zeichen von Nonfiction-Reihen.


1810 Etui-Bibliothek der Deutschen Classiker (Gebr. Schumann, 1810–1826, 100 Bände)
1818 Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker (Gebr. Schumann, ab 1818, 60 Bände)
1821 Taschenbibliothek der ausländischen Klassiker in neuen Verdeutschungen (Gebr. Schumann, 1821–1830, 262 Bände)
1827 Miniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker und Cabinets-Bibliothek der Deutschen Classiker (Bibliographisches Institut, 1827–1834)
1839 Neue Miniatur-Bibliothek der Deutschen Classiker (Bibliographisches Institut, 1839–1844, 204 Bände)
1841 Familien-Bibliothek der Deutschen Klassiker (Bibliographisches Institut, 1841–1846, 130 Bände)
1841 Collection of British Authors (*Tauchnitz-Edition; Bernh. Tauchnitz jun., 1841–1943, 5.370 Nummern)
1840er Jahre Reutlinger Volksbücher (Ensslin & Laiblin; späte 1840er Jahre–um 1880, ca. 400 Bände)
1850 Meyer’s Groschen-Bibliothek der Deutschen Classiker für alle Stände (Bibliographisches Institut, 1850–1855, 365 Bände
1867 Universal-Bibliothek (Anton Philipp Reclam Verlag, seit 1867)
1871 Kleine Volks-Erzählungen (Julius Bagel Verlag, 1871–1910, fast 3.000 Nummern)
Um 1880 Neue Volksbücher (auch Neue Reutlinger Volksbücher; Ensslin & Laiblin, um 1880–um 1900, 527 Bände)
1884 Engelhorns allgemeine Roman-Bibliothek (Verlag von J. Engelhorn, 1884–1930, 756 Werke in 1.046 Bänden)
1884 Volksbibliothek des Lahrer Hinkenden Boten (Verlag Moritz Schauenburg, 1884–1914, 1.856 Nummern)
1886 Meyers Volksbücher (Bibliographisches Institut, 1886–1914, 652 Bände mit 1.696 Nummern)
1886 Bibliothek der Gesamt-Litteratur des In- und Auslandes (Verlag von Otto Hendel, 1886–1926, 2.573 Nummern)
1889 Münchener Volksbücher (Münchener Verlags-Institut, 1889–1896, ca. 100 Nummern)
1890 Kleine Jugend-Bibliothek (Verlag Adolf Spaarmann, 1890–1905, rund 2.800 Hefte)
1897 Kürschners Bücherschatz (Hermann Hilger Verlag, 1897–1923, 1.334 Bände)
1897 Zehn-Pfennig-Miniatur-Bibliothek und Miniatur-Bibliothek (Verlag für Kunst und Wissenschaft A. O. Paul, 1897–1955, 1.666 Bände)
1898 Aus Natur und Geisteswelt (Verlag Teubner, 1898–1931, 1.011 Bände)
1900 Wiesbadener Volksbücher (Wiesbadener Volksverein, 1900–1937, 269 Bände)
1901 Moderne Zehnpfennig-Bibliothek (Klambt Verlag, 1901–1915, 253 Bände)
1902 Cotta’sche Handbibliothek (J. G. Cotta’sche Buchhandlung Nachfolger, 1902–1925, 234 Bände)
1903 Max Hesse’s Volksbücherei (Verlag Max Hesse, 1903–1920, 1.350 Nummern)
1904 Kosmos-Bändchen (Gesellschaft der Naturfreunde, (1904–1957, 216 Bände)
1910 Lehrmeister-Bibliothek (Verlag Hachmeister & Thal, 1910–1942, 1.339 Nummern)

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