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Paul Guenther
und seine
Schule
in
Geithain
von Gottfried Senf
Herausgeber:
Förderverein der Paul-Guenther-Schule
Geithain e. V.
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
| Titel: | Paul Guenther und seine Schule in Geithain |
| Auflage: | 500 |
| Autorenrechte: | Dr. Gottfried Senf |
| Herausgeber: | Förderverein |
| der Paul-Guenther-Schule Geithain e.V. |
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de

Bild 1: Dr. h. c. Paul Guenther
Die Liebe zur Heimat, die Güte,
Sie stiftete dieses Haus,
Die heiligsten Güter es hüte,
Die Jugend, die eingeht und aus.
Sinnspruch an der Nordseite des Turmes der Paul-Guenther-Schule. Er stellt eine Strophe des Gedichtes dar, welches am Sonnabend, dem 20. Dezember 1924, im Saal des Schützenhauses in Geithain aus Anlass des Hebefestes rezitiert wurde.
Verfasserinitialen „B.Cl.“
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitat
Vorwort
Grußwort von Virginia Vanderbilt
1. Das Leben des Schulstifters
1.1 Kindheit in Geithain
1.2 Ausbildung in Limbach
1.3 Arbeitsjahre in Thalheim und Chemnitz
1.4 Die Auswanderung nach Amerika
1.5 Die ersten Jahre in Dover/N.J
1.6 Aufstieg zum größten Strumpfproduzenten der USA-Ostküste
1.7 Guenthers soziale Leistungen
1.8 Der Mensch Paul Guenther
1.9 Besuche in der Heimatstadt
1.10 Nachhaltige Beziehungen zu Thalheim
1.11 Die Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung
1.12 Eindrucksvolle Trauerfeiern in Dover/N.J. und Geithain
1.13 Probleme mit Geithains amerikanischer Erbschaft
1.14 Guenthers verlässliche Mitarbeiter in der Heimat
2. Die Paul-Guenther-Schule in Geithain
2.1 Zur Vorgeschichte
2.2 Geithains zweites Wahrzeichen entsteht
2.3 Künstlerische Gestaltungselemente
2.4 Die Weihefeier 1925
2.5 Schule und Schulgebäude im Wandel der Zeit
2.5.1 Einführung
2.5.2 Die ersten fünfzehn Jahre
2.5.3 Krieg und Nachkriegszeit
2.5.4 Letzte Ehrung 1950
2.5.5 Die namenlose Schule
2.5.6 Juri-Gagarin-Schule Geithain
2.5.7 Paul Hammer – 38 Jahre Schuldirektor
2.5.8 Wiedereinführung des alten Schulnamens
2.5.9 Die Suche nach der Enkelin
2.5.10 Das 70. Weihejubiläum der Schule im Jahre 1995
2.5.11 Schulentwicklung 1995 bis 2016
3. Legenden, Anekdoten, Erinnerungen
3.1 Der defekte Rolls Royce
3.2 Ein Rasierbecher – na und?
3.3 Wieso kennt der GI die Geithainer Schule?
3.4 Wider den tierischen Ernst
3.5 Vermeintlich Sensationelles
3.6 Kleinstädtische Gerüchteküche
3.7 Unsere gute Babka
3.8 „Hauspascha“ Petermann wurde belehrt
3.9 Kenntnis – Erkenntnis – Bekenntnis
3.10 Das Tor zur Welt
3.11 Das Schöne und Gute setzt sich irgendwann durch!
3.12 Der Schulturm stand Pate
3.13 Revolutionäre Wachsamkeit
3.14 Schüler Oliver – ein kleiner Schwejk?
3.15 Sie sorgten für Sauberkeit im Schulgebäude
Nachwort
Anhang
A1 Quellenverzeichnis (Text)
A2 Quellenverzeichnis (Bilder)
A3 Kurzbiografie Paul Guenther
A4 Zeittafel Schulwesen in Geithain 1795–1925
A5 Zeittafel Bau der Paul-Guenther-Schule in Geithain
A6 Ablauf der Feierlichkeiten zur Weihe der Paul-Guenther-Schule Geithain
A7 Zeittafel Geschichte der Paul-Guenther-Schule
A8 Schule in NS-Zeit
1. Erinnerungen von Rudolf Bessert (24)
2. Erinnerungen von Wolfgang Bönitz (68)
A9 Nachruf auf Petermann
A10 Kassenbuch von Hugo Clauß
A11 Zum Autor
Vorwort
Neben der Nikolaikirche prägt die Geithainer Paul-Guenther-Schule die Silhouette der Stadt. In diesem Jahr 2016 blicken Schule und Stadt Geithain auf 100 Jahre ununterbrochene Spenden- und Stiftungstradition der Familien Paul Guenther & Nachfahren zurück. Das war ein Anlass, die vorliegende Schrift herauszugeben.
Die Schrift zum 70. Weihejubiläum der Schule im Jahre 1995 war lediglich ein Anfang, Leben und Werk des Schulstifters öffentlich bekannt zu machen. Der Kenntnisstand wuchs in den Folgejahren stetig. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Biografie Guenthers und zur Geschichte der Schule erfolgten verstreut in verschiedenen Publikationen. Eine Zusammenfassung all dieser Beiträge, ergänzt durch jüngste Quellen, in einem repräsentativen Buch zu Leben und Werk Paul Guenthers sowie zur Geschichte seiner Schule vorzustellen, war ein zweites Motiv.
Frau Virginia Vanderbilt, die Enkelin des Schulstifters, äußerte bereits vor einigen Jahren den Wunsch auf Herausgabe einer zusammenfassenden Publikation. Auch aus Anlass des im vorigen Jahr begangenen 90. Weihejubiläums der Schule entschloss sich der Förderverein Anfang 2016 zur Herausgabe der vorliegenden Schrift. Frau Vanderbilts Bitte und ihre finanzielle Unterstützung bilden den dritten Grund, das Buch noch in diesem Jahr herauszubringen.
In der Festschrift zur 800-Jahr-Feier Geithains im Jahre 1986 wurden auf den 80 Seiten der Schulbau 1925 und der Name Paul Guenthers mit keinem Wort erwähnt! Seit 1989/90 fielen nicht nur ideologische Einschränkungen weg! Auch der danach ungehinderte Zugang zu wichtigen Quellen ermöglichte die über 25 Jahre währende Forschungsarbeit zu Leben und Werk des Schulstifters. Die einseitige und ideologisch verbrämte Darstellung historischer Fakten und Zusammenhänge in DDR-Zeiten ist vielen Älteren noch sehr gegenwärtig. Passte es nicht in das offizielle Geschichtsbild, wurde es entweder entstellt oder überhaupt nicht erwähnt. Seit den 1950er Jahren tat man im Grunde so, als hätte es Paul Guenther und seine Schule gar nicht gegeben. 1976 wurde sie sogar umbenannt in „Juri-Gagarin-Schule“. Erst 1990 erhielt sie wieder ihren alten Namen. In dem Maße, wie sich seit 1990 die Persönlichkeit Paul Guenthers durch neues Quellenmaterial immer besser erschloss, wurde die Ungerechtigkeit, die diesem Mann durch das Verschweigen seines Namens und Werkes widerfuhr, ersichtlich. Deshalb sahen der Autor und mit ihm der Geithainer Heimatverein e. V. die Forschungen zu Paul Guenther stets als eine sehr wichtige Vereinsaufgabe. Ein vierter Grund für die Herausgabe des Buches ist, ein lange währendes Unrecht zu mildern.
Dem Titel des Buches entsprechend bilden die Biografie des Schulstifters und die Geschichte der Schule den Hauptteil. Zu einer Schulgeschichte gehören die Geschichte des Gebäudes, die Geschichte der darin agierenden Menschen und das Schulleben mit seinem Schulalltag, und das alles über einen Zeitraum von mehr als neunzig Jahren. Es geht um die Geschichte der Schule in einer sächsischen Kleinstadt in den letzten neunzig Jahren. Weder Schule noch Stadt entwickelten sich in dieser Zeit unabhängig und unbeeinflusst von der allgemeinen deutschen Geschichte mit ihren drei großen Umbrüchen 1933, 1945 und 1989/90. Die Geschichte der Paul-Guenther-Schule Geithain von 1925 bis zur Gegenwart ist ein Teil der Zeitgeschichte, und „Zeitgeschichte ist Streitgeschichte“, wie Zeithistoriker Prof. Norbert Frei formulierte. Im vorliegenden Buch werden Verhältnisse, Umstände und Personen benannt, beschrieben und beurteilt, die bis heute durchaus umstritten sind. Verfasser und Herausgeber erwarten keinesfalls Einhelligkeit und allgemeine Zustimmung, sehen in künftigen Diskussionen eher Chancen zur jeweils eigenen Auseinandersetzung mit der Schulgeschichte. Bezogen auf oben genannte Gründe ist das die fünfte Motivation für die Buchherausgabe.
Legenden, Anekdoten und Erinnerungen wurden als dritter Teil in das Buch aufgenommen. Nach Meinung von Fachleuten vermitteln Legenden in bildhafter oder szenischer Erzählform den Kern eines Faktums oder den Sinn eines Geschehens. Die Anekdote gilt als literarisches Genre und hat eine bemerkenswerte oder charakteristische Begebenheit, meist im Leben einer Person, zur Grundlage. Leserinnen und Leser mögen beurteilen, ob die in das Buch aufgenommenen Geschichten den hier genannten Kriterien entsprechen.
Autor und Herausgeber haben sich darüber geeinigt, dass der Autor das Leben Paul Guenthers und die Schulgeschichte bis zum Jahr 1995 behandelt. Wichtige Ereignisse und Prozesse der Schulentwicklung nach 1995 bis 2016 sind von Schuldirektor Gunter Neuhaus verfasst und im Abschnitt 2.5.11 in das Buch aufgenommen worden. Quellenangaben zu Texten und Bildern sind extra für diesen Abschnitt genannt und unabhängig vom eigentlichen Quellenverzeichnis zu sehen. Dort sind Textquellen an der in Klammern gesetzten Nummer erkennbar, die Bilder sind durchnummeriert.
Ein Dank an alle, die durch eigene Erinnerungen, durch Bilder und Texte zum Gelingen beitrugen.
Geithain, im September 2016
Dr. Gottfried Senf
Grußwort von Virginia Vanderbilt

Ich freue mich sehr über die Herausgabe des Buches zur Biografie meines Großvaters und zur Geschichte der Paul-Guenther-Schule. Autor und Herausgeber möchte ich herzlich dafür danken.
Ich war noch ein Kind, als Paul Guenther 1932 starb. Die Erinnerungen an meine Großeltern in Dover/ New Jersey sind daher lückenhaft. Die Zeit in Dover hat aber Spuren hinterlassen, die mein ganzes Leben mitbestimmt haben. Die Liebe zur Natur hat ihren Ursprung im Park um die „Villa Margarethe“ in der herrlichen, grünen Umgebung von Dover. Ich kann mich an Opa mit seinen Schäferhunden und an den Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer mit den vielen Büchern erinnern. Auch die Liebe zur klassischen Musik ist in diesem Haus geweckt worden. Ich erinnere mich, dass dort viele Schallplatten der 1920er Jahre vorhanden waren. Noch heute gehe ich jeden Sonntag zur Wigmore Hall, um Konzerte zu genießen. Dieses Konzertgebäude wurde 1901 errichtet und hieß bis 1917 Bechstein Hall. Natur, Bücher und Musik haben in meinem Leben immer eine große Rolle gespielt. Ich war glücklich, dass mein Ehemann Robert diese Interessen mit mir teilte. Die Jahre in unserer Buchhandlung in New York gehören zu unseren schönsten Jahren.
Ich wünsche dem Buch eine gute Aufnahme durch eine interessierte Leserschaft.
Virginia Vanderbilt
London, im August 2016
1. Das Leben des Schulstifters
1.1 Kindheit in Geithain
Besucher der Geithainer Stadtbibliothek haben es sicher schon festgestellt: Der Blick aus den Fenstern des oberen Stockwerkes hinunter auf die Grünanlagen zwischen Leipziger und Nikolaistraße mit Kirche und Stadttor im Hintergrund ist beeindruckend. Und das nicht nur im Mai, wenn die Magnolienbäume blühen, oder am Vormittag, wenn die Morgensonne die Geithainer Unterstadt in ihr Licht taucht.
„Geithain – das sächsische Rothenburg o. d. Tauber“ – so wurde in den 1930er Jahren auf einer Ansichtskarte für unsere Stadt geworben! Ist man heutzutage gegenüber Werbeslogans auch skeptisch, der Winkel unten am Stadttor mit Kantorgasse, Kirchtürmen und Kirchhof hat seine Romantik bewahrt!
Hier „an der Heiste“, im Haus Leipziger Straße 23, wurde Paul Guenther am frühen Morgen des 13. Mai 1860 geboren. Warum im Geburtsregister von Sankt Nikolai ursprünglich der 12. Mai eingetragen war, wissen wir nicht. Auf Antrag von Vater Bruno Guenther wurde wenige Tage später die Änderung auf den 13. Mai vorgenommen. Sohn Paul war das erste Kind der Guenthers und blieb ihr einziges. (6)
Bruno Guenther und die junge Mutter Therese, aber auch die Paten und andere Gäste der Kindstaufe am 27. Mai, waren typische Vertreter der Ackerbürgerstadt Geithain. Der Handwerker hatte meist noch ein kleines Stück Land in Bewirtschaftung. Vielleicht deshalb wird in amerikanischen Quellen oft „Farmer“ als Beruf des Vaters von Paul Guenther angegeben. „Weber“ ist sicher treffender. Und diese Zunft war in Geithain seit vielen Jahrhunderten weit verbreitet. Auch in der Familie Guenther hatte der Beruf des Webers über drei Generationen seine Tradition. Da ist der Onkel und Taufpate Gottlob Guenther, Webermeister in Geithain; andere Familienwurzeln führen in die „Textilgegend“ um Lunzenau und Burgstädt. In diesem Beruf und in dieser Gegend liegen aber auch die Wurzeln für den späteren Werdegang unseres neuen Erdenbürgers Johannes Paul Guenther. Vater Bruno hatte den Weberberuf gelernt, übte ihn aber in seinen letzten Arbeitsjahren nicht mehr aus. In einem kirchlichen Dokument aus dem Jahr 1900 (25) ist „Bretthändler“ als Tätigkeit angegeben. Es ist ebenfalls ein Hinweis auf den Niedergang der Weberei in Geithain.
Kindheit im damaligen Geithain! Die Straße vor der Tür, ein paar Schritte stadteinwärts die „Entenpfütze“, ein kleiner Tümpel, und hinterm Stadttor der Hospitalteich – was für ein Spielparadies! Das Verfüllen der Entenpfütze, die Einweihung des Kriegerdenkmals und das Entstehen der Anlagen in der Unterstadt erlebte der zehn- bis zwölfjährige Paul Guenther. Es spielte sich ja alles vor seiner Haustür ab. Aber noch eine andere, viel aufregendere Sache passierte: Die neue Eisenbahnstrecke von Leipzig über Borna nach Chemnitz berührte Geithain. Draußen auf dem „Pflanzberge“ entstand der Bahnhof. Eine neue Straße führte von dort in die Stadt. Der Sumpf dazwischen wurde mit einem hohen Damm aufgefüllt. Ein völlig neuer Stadtteil entstand im Norden. Später nannte man diese Zeit in Deutschland die „Gründerjahre“. Der aufgeweckte Knabe Paul Guenther nahm mit seinen Schul- und Spielkameraden das alles mehr oder weniger bewusst auf. Er besuchte die Schule von der ersten bis zur achten Klasse und wurde 1874 in St. Nikolai konfirmiert. Im Konfirmandenbuch „K2, Jahrgang 1874“ steht zu Paul Guenther: „Konfirmiert, Zensuren Sitte 2, Katechismus 2a“. Zur Geithainer Schule gehörten seit 1847 neben den Räumen in der Kantorgasse auch zwei Lehrzimmer mit einer Lehrerwohnung in der Chemnitzer Straße, im Haus des heutigen Elektrogeschäftes Löffler. (17) Als 1877 die wegen Schulraumnot neu gebaute „Bürgerschule“ (später Rathaus bzw. Rat des Kreises, Landratsamt) eingeweiht wurde, war Paul Guenther schon ein junger Bursche von 17 Jahren. Er ahnte nicht, dass ihn 45 Jahre später ein Brief aus seiner alten Heimat erreichen würde, in dem von großer Schulraumnot in Geithain die Rede war, denn 1922 war das Gebäude für die gestiegene Schülerzahl abermals zu klein!
Tischlermeister Martin Diebler, in Tautenhain geboren und heute in der Region Geithain durch seine „Erinnerungen“ bekannt, lernte in den 1920er Jahren in Geithain bei Meister Rudolph das Stellmacherhandwerk. Der Nachbar, Schmiedemeister Lohse, erzählte besonders in der Zeit des Schulbaus von Paul Guenther. Louis Lohse kannte ihn als Schulkamerad aus der Kindheit. Lohse beschrieb den Schüler Paul Guenther als einen sehr aufgeweckten Burschen, der „im Gaupeln“ (damals ein Ausdruck für „etwas aushandeln, verkaufen oder tauschen“) ganz groß war. An Selbstbewusstsein mangelte es dem Knaben keinesfalls. Details über Paul Guenthers Kinder- und Schuljahre konnten bis dato in den Quellen leider nicht gefunden werden. Umso bedeutender ist es, dass ein Kinderbild des Schulstifters auch heute noch existiert (s. S. 16).
1.2 Ausbildung in Limbach
Der Sohn trat in die Fußstapfen von Vater und Großvater und wollte ebenfalls in der Textilbranche arbeiten. Aber Geithains große Zeiten, da die Stadt ein Zentrum der sächsischen Leinwandproduktion war und über die Leipziger Messe Geithainer Leinwand bis nach Spanien und Italien exportiert wurde, lagen lange zurück. In der Chemnitzer Gegend werden die Ausbildungsmöglichkeiten besser gewesen sein. Auch die Chancen, später Arbeit zu finden, waren dort wesentlich größer. Textilindustrie und Textilmaschinenbau, insbesondere auch die Strumpfwarenproduktion, entwickelten sich in rasanter Weise. Kein Wunder, dass der Vater den Sohn dorthin zur Ausbildung gab. Ein Unterkommen bei Verwandten war auch gesichert.
So besuchte Paul Guenther nach seiner Konfirmation von 1874 bis 1878 die Strumpfwirkerschule in Limbach. Wahrscheinlich hatte es sich bis Geithain herumgesprochen oder die Verwandten der Guenthers in der Chemnitzer Gegend übermittelten die Nachricht: Am 6. April 1869 wurde die Wirkschule Limbach unter Leitung von Professor Willkomm eröffnet. Die Eltern Paul Guenthers hatten eine ausgezeichnete Ausbildungsstätte für ihren Sohn gewählt. Die Schule in Limbach war weltweit die erste Fachschule für Strumpfwirkerei. „Man hatte damit (mit Direktor Willkomm, G.S.) eine gute Wahl getroffen, denn in zäher und emsiger Arbeit … schuf er einen neuen Wissenschaftszweig der Textiltechnologie, die Technologie der Wirkerei. … Die Einrichtung wuchs über Limbachs Grenzen hinaus. Sie wurde in aller Welt bekannt. So besuchten Schüler aus Amerika, Frankreich, Russland, England, der Schweiz und anderer Länder die Schule.“ (23)
Bild 2: Paul Guenther als Kind im Alter von 9 oder 10 Jahren neben seinem Vater, aufgenommen um 1870. Das Bild dürfte zu den ersten und ganz wenigen Fotografien gehören, die überhaupt damals in Geithain entstanden sind. Wir verdanken es Herrn Werner Pechstein aus Geithain, Großcousin mütterlicherseits von Paul Guenther.
Bild 3: Gebäude der ehemaligen Wirkschule Limbach, um 1995
Bild 4: Gedenktafel für Prof. Willkomm
Bild 5: Historische Aufnahme „Höhere Wirkschule“ Limbach
Zur Geschichte der Wirkschule ist vom Heimatverein Limbach-Oberfrohna viel Informationsmaterial herausgegeben worden. Die vier Ausbildungsjahre Paul Guenthers können anhand von Lehrplänen, Stundentafeln, Angaben zur Ausstattung der Schule für den theoretischen Unterricht und der praktischen Ausbildung an Maschinen gut nachvollzogen werden. Es haben sich auch eine Reihe von Schülerlisten erhalten, leider nicht die aus den 1870er Jahren.
Das hohe Ausbildungsniveau und die Forderungen bezüglich Gründlichkeit und Disziplin während der Lehrzeit waren mit Sicherheit auch für Paul Guenther gute Voraussetzungen für die sich anschließende Tätigkeit in der Chemnitzer Region, aber ebenso entscheidend für sein späteres erfolgreiches Wirken in den USA. Wir dürfen annehmen, dass die Jahre in Limbach Impulse gaben für die 1890 erfolgte Auswanderung. In den vorhandenen Schülerlisten ist der hohe Anteil ausländischer Schüler bemerkenswert. Bereits im Gründungsjahrgang 1869/70 waren es 8 von 23 Schülern! Das ist einerseits erstaunlich, andererseits sind die Attraktivität und der gute Ruf deutscher Technikerschulen im Ausland für die damalige Zeit typisch.
Sicherlich lernte Paul Guenther in seiner Ausbildungszeit ausländische Mitschüler kennen, vielleicht sogar einen jungen Amerikaner?
1.3 Arbeitsjahre in Thalheim und Chemnitz

Bild 6: Mutter Therese Guenther (r), Paul Guenther (2. v. l.) vor dem Geburtshaus „an der Heiste“ in Geithain, um 1885
Guenther blieb auch nach den Limbacher Jahren in der Gegend. Die Großstadt Chemnitz bot vielen Arbeit und manchen jungen Mann zog es zu dieser Zeit vom Land oder der Kleinstadt in die großen Industriezentren. Über die Lebensjahre Paul Guenthers von 1878 bis 1890 war lange Zeit praktisch nichts bekannt. Im Vorwort der Stiftungsurkunde schreibt er lediglich: „Nach gründlicher theoretischer und praktischer Ausbildung auf der Wirkschule in Limbach und in den hervorragenden Chemnitzer Strumpffabriken wanderte ich 1890 nach Amerika aus.“ (18) Eher zufällig und über private Kontakte ergab sich im Jahr 2000 eine Verbindung zu Herrn Rudi Hofmann, Heimatforscher aus Hohenstein-Ernstthal. Seinen Forschungen, insbesondere den Hinweisen auf Quellen im Chemnitzer Stadtarchiv (26), verdanken wir die folgende fast lückenlose Auflistung der Wohnanschriften Paul Guenthers bis zum entscheidenden Jahr 1890. Er besuchte die Eltern und damit Geithain gelegentlich, Lebensmittelpunkt war aber die Gegend Chemnitz/Thalheim. Das Bild 6 gehört wieder zu den Seltenheiten und stammt abermals von Werner Pechstein.
1874 wohnte Paul Guenther zunächst bei einem Onkel in Burgstädt. Ab November 1875 finden sich im Chemnitzer Meldebuch (26) verschiedene Adressen, jeweils mit Angabe der Familie, bei der der junge Mann „in Logis“ wohnte. Wichtig erscheint die folgende Eintragung: „16. August 1880 Abmeldung nach Geithain“. Doch schon kurze Zeit danach war er ab 15. November 1880 in Thalheim gemeldet. Der „Eisenhammer“ in Thalheim (heute Zwönitztalstraße 29) war bereits seit längerer Zeit stillgelegt, als sich 1880 einige Thalheimer Strumpfwirker selbstständig machten, hier Räume mieteten und auf schon veralteten Paget-Maschinen Strümpfe herstellten. (27) Diese Maschinen waren Wirkstühle, deren erste Form Arthur Paget 1857 erfunden hatte.
Bild 7: Der „Eisenhammer“ in Thalheim, historische Aufnahme
Bild 8: Gasthof Alter Eisenhammer, um 2005
Bild 9: Paget-Wirkstuhl, um 1860
Quelle: www.KulturBüro, 10.02.2016
Schödel/Reutlingen
Guenther erfuhr über Freunde, was sich dort im Thalheimer Eisenhammer tat, und nahm die Arbeitsgelegenheit wahr. In Geithain hätte er in seinem Fach nie Arbeit gefunden. Offenbar lebte er sich in Thalheim schnell ein. So wurde er beispielsweise 1882 Taufpate des Carl Richard Hahn. Zu diesem Zeitpunkt ahnte Guenther sicher nicht, dass dieser Junge mit 18 Jahren in die USA auswandern und bei ihm in Dover Arbeit finden würde. Vier Jahre lebte und arbeitete Paul Guenther in Thalheim. Dann meldet er sich abermals in Chemnitz an. Mehrere Jahre bis zu seiner Auswanderung wohnte er im Hause seines Arbeitgebers, dem Maschinenbauer Türke in der Zwickauer Straße 74 III. Die Verbindungen zum nahe gelegenen Thalheim rissen nie ab und wirkten Jahrzehnte lang (s. S. 50). Erwähnenswert ist, dass mehrere Thalheimer vor Jahren schon in die USA ausgewandert waren und sich in Dover/N.J. niedergelassen hatten, darunter auch Verwandte seines Patensohnes! Hier finden wir wieder einen Anhaltspunkt für den Entschluss Guenthers, auszuwandern.
1.4 Die Auswanderung nach Amerika
Paul Guenther wanderte 1890 in die USA aus. Das Jahr seiner Auswanderung kannten die Geithainer von Anfang an. Warum er sich dazu entschloss, wann und wie die Auswanderung erfolgte und weitere Details waren aber über lange Zeit in Geithain völlig unbekannt. In den fast 30 Jahren bis zu seinem (mutmaßlichen) ersten Geithain-Besuch 1919 entstanden in der Kleinstadt abenteuerliche Gerüchte. Er habe Deutschland als blinder Passagier auf einem Schiff verlassen und er sei ohne das Wissen seiner Eltern heimlich aus Chemnitz verschwunden. Das war alles noch relativ harmlos. Man munkelte jedoch auch in Richtung strafrechtlicher Gründe. Die Gerüchte verstummten in den Jahren nach 1925. Guenther wurde als Schulstifter gefeiert, und Fragen zu stellen zu Details seiner Chemnitzer/Thalheimer Jahre oder zur Auswanderung galt als nicht opportun. In den 45 Jahren nach 1945 sollte bekanntlich der Name des Schulstifters ganz aus der Stadtöffentlichkeit verschwinden, was schließlich auch fast gelang. Ernsthafte Nachforschungen konnten erst nach 1990 beginnen. Eine Anfrage beim Historic Emigration Center in Hamburg ergab, dass im Jahr 1890 in den vollständig erhaltenen Passagierlisten der Name Paul Guenther nicht vertreten war. Blieb noch Bremerhaven. Dort wurden jedoch bei Bombenangriffen am Ende des Zweiten Weltkrieges alle Unterlagen, auch die zu 1890, vernichtet. Die oben schon erwähnten Verbindungen zu einem Heimatforscher in Hohenstein-Ernstthal brachten schließlich die entscheidenden Ergebnisse: alle Wohnanschriften Guenthers in Thalheim und Chemnitz! Das Wichtigste jedoch war die Entdeckung eines Eintrags im Meldebuch der Stadt Chemnitz vom 4. Februar 1890 zum „Kaufmann Paul Guenther, Chemnitz, Zwickauer Straße 74 III: Abgemeldet nach New York, Paß erhalten.“ (26) Dem Gerücht vom heimlichen oder gar fluchtartigen Verlassen seiner Heimat war damit der Boden entzogen. Im Februar oder März 1890 und wahrscheinlich von Bremerhaven aus reiste er in die USA aus. Das war der Kenntnisstand bis zum Jahr 2013. Seitdem wissen wir es ganz genau: Er ist am 20. Februar 1890 von Bremerhaven aus auf dem Schnelldampfer „SMS Saale“ nach New York in die USA ausgewandert. Das wird durch die Abschrift eines Dokuments (offensichtlich Antrag auf Erteilung eines Reisepasses) nachgewiesen. (28) Wir verdanken diese Kopie Herrn Ralf Niemann. In seiner Arbeit als Kirchner von Sankt Nikolai ergaben sich mit Besuchern des Kirchenarchivs gelegentlich Gespräche. Herrn Niemanns „historisches Gespür“ führte schließlich bei einer Besucherin zum oben genannten Erfolg.
Was waren die Motive des Dreißigjährigen, diesen lebenswichtigen Schritt zu gehen? Zu allen Zeiten sind Deutsche in die USA ausgewandert. „Mehr als fünf Millionen Deutsche brachen allein zu Zeiten der Massenauswanderung zwischen 1820 und 1920 in die USA auf, um ein neues Leben zu beginnen.“
(www.zeit.de/zeit-geschichte/massenauswanderung, 02.02.2016)
Die Zahl der deutschen Auswanderer war in Notzeiten besonders hoch. Die Statistik der Auswanderungszahlen weist in den 1880/90er Jahren ein Minimum aus. So gesehen ist die Auswanderung Paul Guenthers keinesfalls dem Trend entsprechend. Nach der Reichsgründung 1871, in der Zeit, da Deutschland und insbesondere auch Sachsen einem Höhepunkt in der Entwicklung von Wirtschaft, Naturwissenschaft und Technik zustrebten, wanderten relativ wenig Deutsche in die USA aus.
Bild 10a: Von Bremerhaven auf Schnelldampfer SAALE – Baujahr 1886, Besatzung: 190, Passagiere: 974 – nach New York
Ob die Auswanderung ein spontaner oder lange vorbereiteter Schritt war, ob die Eltern die Pläne des Sohnes kannten, ob sie überrascht wurden, ob und wie sie ihn beraten haben – auch diese Fragen sind im Detail noch offen. Ein Hans Bauer (2) schreibt 1925: „Besonders gut kam Paul Guenther in Geithain nicht voran. Und als seine Neigung zum weiblichen Geschlecht eine sogenannte Jugendsünde im Gefolge hatte, wurde er in der kleinen Stadt scheel angesehen. Seine Eltern hielten es für das Beste, wenn der Junge Geithain den Rücken kehrte und versuchte, jenseits des Ozeans ein neues Leben zu beginnen.“ An anderer Stelle heißt es bei Bauer: „Vater und Mutter Guenther konnten zunächst nichts Gutes berichten. Paul hat tüchtig zu kämpfen. Immer von Neuem will er Geld hinübergeschickt haben. Es wird ihm nichts geschenkt. Vielleicht war es doch ein Fehler, dass wir ihn gehen ließen.“ Ob die „scheelen Blicke“ ein Grund für die Auswanderung waren, ist sehr zweifelhaft.
Wahrscheinlicher klingt schon das zweite Zitat, jedenfalls für die allererste Zeit in Dover. Ohne Kenntnis der Landessprache und mit einfacher Volksschulbildung ist der Anfang in völlig neuer Umgebung für niemanden leicht und gleicht in vielem einem „Herumtappen im Nebel“.
Auf der Basis des gegenwärtigen Wissens lassen sich aber einige Gründe angeben, die zusammengenommen letztlich zum Auswanderungsentschluss geführt haben:
1 Guenther war acht Jahre alt, als ein Gotthelf Fischer aus dem Nachbarhaus (später Fleischerei Gleisberg) nach Amerika auswanderte. (29) Zwischen Haus- und Wohnungsnachbarn gab es damals eine wesentlich bessere Kommunikation als heutzutage. Mit Sicherheit tauschte man sich über die Briefe Gotthelfs an die Eltern Fischer aus. Es gab einen relativ häufigen Briefverkehr. Eine Geithainer Verwandte der Fischers (Frieda Berkhan, geb. Fischer) wanderte als junges Mädchen mit ihrer Mutter 1916 zu ihrem Onkel Gotthelf in die USA aus. (30)
2 Auf den hohen Anteil ausländischer Schüler in Limbach, darunter auch aus den USA, wurde oben schon hingewiesen. Das war, zumal für einen Jugendlichen aus der Kleinstadt Geithain, durchaus nichts Selbstverständliches! Offen und neugierig war der Schüler Guenther. Das gemeinsame Lernen mit ausländischen Schülern trug ein Übriges dazu bei, Interesse am Ausland, insbesondere an Amerika, wachzurufen.
3 Die letzten Jahre vor seiner Auswanderung arbeitete Guenther nicht mehr als einfacher Strumpfwirker direkt an der Maschine. Die Bezeichnung „Kaufmann“ im Vermerk des Chemnitzer Meldeamtes (26) sowie die unmittelbare Verbindung zum Textilmaschinenbau (er wohnte im Hause seines Arbeitgebers, des Maschinenbauers Türke) machen seine berufliche Höherentwicklung deutlich. Gut möglich, dass er viele Verkaufsgespräche mit Exporteuren sächsischer Textilmaschinen geführt hatte. Mit 30 Jahren besaß er nach solider Ausbildung auch vielfältige praktische Erfahrungen. Nun fühlte er sich wohl auch sicher für größere Herausforderungen!
4 Eine letzte, aber keinesfalls weniger wichtige Motivation für die Entscheidung, in Amerika sein Glück zu versuchen, waren aber die vielfältigen Beziehungen der Thalheimer zu ihren bereits ab den 1870er Jahren nach New Jersey ausgewanderten Verwandten. Die Familie seines Patensohnes Carl Richard Hahn steht beispielhaft für viele Thalheimer Familien. Zwei Hahn-Brüder, Max und Otto, Onkel des Patensohnes, lebten schon seit 1875 in Dover/N.J. und galten dort als ausgezeichnete Facharbeiter. Sie werden später mit ihrer Erfindung eine wichtige Rolle als Meister in Paul Guenthers Fabriken in Dover spielen. Carl Richard wandert als Achtzehnjähriger 1900 aus. Mutter Ida Auguste zog 1908, nach dem Tode ihres Mannes, mit fünf Kindern zu ihrem ältesten Sohn nach Dover. (27)
1.5 Die ersten Jahre in Dover/N.J.
Die ersten Jahre in der neuen Heimat nach 1890 waren nicht leicht, obwohl Paul Guenther hier Landsleute aus der Chemnitzer Gegend vorfand. Dover/N.J. war damals eine Kleinstadt mit etwa 6.000 Einwohnern. Inzwischen sind Dover und die Nachbarstadt Rockaway fast zusammengewachsen. In Dover allein leben heute rund 15.000 Menschen. Bis New York sind es ca. 60 Kilometer. (10, 12)
Als Paul Guenther nach Dover kam, mietete er sich ein Zimmer im oberen Stockwerk eines Hauses, in dem der Häusermakler Schwarz sein Büro hatte. Das Gebäude, Haus 28–30 North Sussex Street, steht heute noch, natürlich etwas um- und ausgebaut. Seit nunmehr über 100 Jahren ist es im Besitz der Familie Schwarz. Von dem über 90-jährigen Sydney Schwarz erhielt der in Kanada lebende Herr Sommer bei seinem Besuch 1991 in Dover die historische Aufnahme vom alten „Schwarz-Block“. Der Enkel des ersten Herrn Schwarz betreibt heute in dem Haus ebenfalls eine Immobilienfirma. (12)

Bild 10b: Möbliertes Zimmer im Hause des Maklers Schwarz in Dover/N.J.

Bild 10c: Haus des Häusermaklers Schwarz, Aufnahme 1996
Nicht nur die Unterkunft war gesichert. Paul Guenther fand auch Arbeit in seinem Beruf als Strumpfwirker. Und trotzdem könnte es sein, dass ihm der Anfang nicht leicht gefallen ist, weil „ihm nichts geschenkt wird“, wie die Mutter (s. o.) sich geäußert haben soll. Vielleicht haben ihm die Eltern dann und wann doch etwas „Geld hinübergeschickt“. Sicher hat er die erste Zeit als ganz einfacher Strumpfwirker in verschiedenen Fabriken der Gegend um Dover hart gearbeitet. Unglaubwürdig sind Erzählungen, wonach er die verschiedensten Tätigkeiten einschließlich der des Tellerwäschers ausgeübt hat. Das sind Legenden, die sich nachträglich um Leute ranken, die in ihrem Leben einen ungewöhnlichen Aufstieg nahmen. Die über zehnjährige Berufserfahrung in der deutschen Strumpfwirkerei konnte Paul Guenther nun mit den Methoden und Formen amerikanischer Produktion in der gleichen Branche vergleichen. Und abermals „von der Pike auf“! Kein Wunder, dass später, als er Chef über mehrere Fabriken war, über ihn erzählt wurde: „Es macht ihm gar nichts aus, beim Rundgang durch die Produktionshalle das Jackett auszuziehen, die Ärmel hochzukrempeln und selbst an der Maschine nach dem Defekt zu suchen oder eine Feineinstellung vorzunehmen.“ (10) Er wird sein Fach verstanden, fleißig und zuverlässig gearbeitet haben und bald zum Vorarbeiter bzw. später zum Produktionsleiter befördert worden sein.
Nach sechs Jahren harter Arbeit und Sparen fühlte sich Paul Guenther wohl so weit gesichert, dass die Gründung einer eigenen Familie nicht weiter hinausgeschoben werden musste. Er heiratete 1896 Olga Mechel, eine gebürtige Berlinerin und mit Bruder Richard ebenfalls um 1890 in die USA eingewandert. Beziehungen der jungen Familie Guenther zu der Berliner Verwandtschaft haben mit Sicherheit bestanden. Als nicht zutreffend erwies sich die Annahme, die in Berlin existierende Güntherstraße stünde im Zusammenhang mit der Familie Paul Guenther. 1897 wurde die Tochter Margarethe geboren. Sie blieb das einzige Kind der Guenthers. Das später erbaute große Wohnhaus der Guenthers in Rockaway bei Dover nannte der Hausherr „Villa Margarethe“.

Bild 11: Olga und Paul Guenther, 1898
Mit den amerikanischen Formen des Wirtschaftslebens so einigermaßen vertraut, wagte Guenther 1896 den Schritt zur Selbstständigkeit. In Paterson bei Dover gründete er die erste, ganz kleine Strickerei. Die befreundete Familie Reinhardt aus Dover lieh ihm 400 Dollar. Vielleicht wurde von den Eltern auch ein kleiner Beitrag zum Startkapital geleistet. Ohne Risiko wird es nicht angefangen haben. Aber das Geschäft ließ sich ganz gut an. Bald zog er um in ein größeres Gebäude der Swiss Knitting Co., wo er einige Räume mietete. Mit drei Mitarbeitern und zwei älteren Maschinen wurden Seidenstrümpfe, ein Produkt mit großer Zukunft, produziert. Doch lassen wir an dieser Stelle Paul Guenther selbst zu Wort kommen: „Nachdem ich dort als einfacher Strumpfwirker und sodann als Fabrikationsleiter tätig gewesen bin, gelang es mir, eine kleine Fabrik zu mieten, in der ich mit einigen alten Maschinen den eigenen Betrieb eröffnete. Durch Anschaffung neuer Maschinen wuchs in kurzer Zeit die Leistungsfähigkeit meines Betriebes und dadurch auch mein Kundenkreis so bedeutend, dass ich in der zweiten Hälfte der 1890er Jahre meine erste eigene Fabrik bauen konnte. Diese vergrößerte sich im Laufe der Jahre so, dass sie jetzt (1919, G.S.) mit ihren Beamten- und Arbeiterhäusern einen besonderen Stadtteil von Dover/N.J. bildet.“ (18)
1.6 Aufstieg zum größten Strumpfproduzenten der USA-Ostküste

Bild 12: Modeschlager „Onyx Pointex“
Die weitere rasante Entwicklung des Guentherschen Unternehmens in den folgenden Jahren ist bemerkenswert. „Guenthers Full Fashioned Silk Hosiery“ wurde zu einem Begriff in der Branche! Und wieder spielte Thalheim im Erzgebirge eine Rolle. Zwei seiner Meister, die Brüder Max und Otto Hahn (s. S. 51), erfanden eine neue Methode des Fersenstrickens bei Seidenstrümpfen. Der „Onyx Pointex“, ein langer Zwickel von der Ferse zur Wade hinauf, wurde zu einem Modeschlager, weil er – nach Meinung von Werbefachleuten – das Damenbein schlanker erscheinen ließ! Die amerikanische Textiltechnik entwickelte sich ebenso rasch wie die deutsche bzw. die sächsische. Der Gegend um Chemnitz entsprach in Amerika der Staat New Jersey, in dem traditionell Textilindustrie zu Hause war. Der Handwirkstuhl wurde ab etwa 1860 weltweit mehr und mehr durch die Wirkmaschine, eine Erfindung Cottons, abgelöst. Die Produktivität nahm in der Wirk- und Strickindustrie enorm zu.
Das neue Jahrhundert begann für Paul Guenther sehr verheißungsvoll. Seine Waren waren wegen ihrer Qualität beliebt und am Markt bekannt. Die Nachfrage stieg enorm. Investitionen waren angesagt. Und es wurde gebaut. An der Oakstreet und der Kingstreet in Dover wuchsen in den ersten Jahren nach der Jahrhundertwende Fabrikgebäude empor, der Umsatz und die Zahl der Beschäftigten stiegen rasant. Die Gebäude ähnelten in ihrem Äußeren sehr den Fabriken, wie wir sie aus der Gegend um Burgstädt, Hartmannsdorf und Limbach kennen.
Die Ursachen seines großen Erfolges sind vielgestaltig. Da ist die Persönlichkeit selbst: zielstrebig, ausdauernd, sehr gut entwickelte Kombinations- und Koordinationsfähigkeiten, gründlich und fleißig. Das Verbinden der Erfahrungen aus Deutschland mit denen in Amerika wurde entscheidend. Natürlich war auch die Zeit reif für sein Produkt, die Seidenstrümpfe. Er verstand es, gut ausgebildete Facharbeiter aus der Chemnitzer Gegend zu gewinnen. Die beeindruckende Auswanderungs-„Dynamik“ im Dorf Thalheim wird auf Seite 50 gesondert dargestellt. Die Textilmaschinen aus dem Vogtland (VOMAG Plauen) und der Chemnitzer Region galten damals als Weltspitze und wurden von Guenther importiert. Ein Monteur aus Plauen wurde viel später sein Schwiegersohn. Das Firmenrezept – die besten Seidenstrümpfe aus den besten Rohstoffen mit den besten Maschinen und den besten Arbeitern herzustellen – ging mehr als auf! Qualität und modischer Geschmack bildeten stets eine Einheit.
Die historischen Aufnahmen sowie die Fotos Herrn Sommers aus dem Jahre 1991 vermitteln recht gut, welche Bedeutung Guenther und seine Fabriken für die kleine Stadt Dover hatten.
Bild 13: Kreuzung King-/Elmstreet in Dover/N.J., 1912

Bild 14: Kreuzung King-/Elmstreet in Dover, 1996

Bild 15: Guenther’s Hosiery Factory, Dover/N.J., um 1905

Bild 16: Büroeingang in der Oak-Street, 1991
Parallel zu dem Bau neuer Fabriken nach 1900 erfolgte der Erwerb von Konkurrenzfirmen in der Umgebung von Dover. Das Ursprungs- und Hauptwerk war die Onnyx Hosiery Incorporation. 1912 erwarb er die Wharton Textile Co. in Dover, 1914 kam die Passaic Co. (Seidenstrumpfproduktion) mit 300 Beschäftigten dazu und 1923 kaufte Guenther die Emery & Beeres Co. Inc. in New York. Die Gesamtzahl der Beschäftigten betrug zuletzt über 1.000. 1927 verkaufte er seine Fabriken an den Gotham Konzern in New York. Er beteiligte sich an der Pyramid Hosiery Co. seines ehemaligen Mitarbeiters und Freundes Henry Fischer. Nach 1945 war die Fabrik an der King Street im Besitz der weltbekannten Firma Mc Gregor Sportswear. Sie dient heute in erster Linie als Lagerhaus. Andere ehemalige Guenther-Fabrikgebäude wurden ebenfalls zu Lager- oder Bürogebäuden. Eine Reihe weiterer Häuser wurden im Laufe der Jahrzehnte abgerissen. Die Textilindustrie in Dover und Umgebung verschwand allmählich – ein ähnlicher Prozess, wie er sich später in der Chemnitzer Gegend vollzog. Gutes Management, solide fachlich-technische und betriebswirtschaftliche Arbeit erlaubten Guenther die Herstellung von Waren zu Preisen, die kein anderer unterbieten konnte. (10, 22) So zählte er nach Beginn des 20. Jahrhunderts bald zu den einflussreichsten Wirtschaftsmanagern im amerikanischen Osten. Für die Stadt Dover stellten die Guentherschen Fabriken einen Wirtschaftsfaktor ersten Ranges dar. Aber auch und gerade sein soziales Engagement trug wesentlich dazu bei, dass er in der Stadt und auch weit über deren Region hinaus große Achtung und Verehrung genoss. (10)
1.7 Guenthers soziale Leistungen
Die Ein- und Zweifamilienhäuser in „Germantown“ von Dover, welche von 1900 bis etwa 1920 auf Veranlassung des Fabrikbesitzers Guenther für Arbeiter und Angestellte seiner Betriebe errichtet wurden, stehen fast alle noch und prägen das Stadtbild mit. Sie waren nach modernen Gesichtspunkten, komfortabel und bequem zugleich, gestaltet. Die zunächst vermieteten Häuser konnten von den Bewohnern zu besonders günstigen Bedingungen gekauft werden. Eine Turnhalle mit Räumen für Bowling, Billard, Gymnastik und Tanz entstand ebenfalls in diesen Jahren, wurde sehr lange kommunal genutzt und ist erst in den 1980er Jahren abgerissen worden. Paul Guenther hat die Stadtverwaltung und die Kirche in Dover kontinuierlich finanziell unterstützt. So stellten die Guentherschen Betriebe für die kleine Stadt nicht nur einen wichtigen Wirtschaftsfaktor dar, sondern waren indirekt auch für das kulturelle und gesellschaftliche Leben von Bedeutung. Sein großes Engagement gerade für das Bildungswesen, für religiöse und kulturelle Vereinigungen (z. B. die Deutsche Gesellschaft in New York und die Germanistenvereinigung von Amerika) sowie für Krankenhäuser, z. B. das Dover General Hospital, währte über viele Jahre nach 1900 und endete mit den großzügigen Verfügungen in seinem Testament von 1932. (5, 10, 12)
Das alles war nun keinesfalls selbstverständlich, heute nicht und damals erst recht nicht! Der Unternehmer Paul Guenther in Amerika und seine Art, hartes Management mit sozialem Verantwortungsbewusstsein zu verbinden, ist vielleicht vergleichbar mit dem Wirken von Carl Zeiß und Ernst Abbe in Jena. Natürlich hat es weltweit seit Beginn unseres Jahrhunderts im Verhältnis von Kapital und Arbeit auf den Gebieten Mitbestimmung und Mitbeteiligung sowie bei der sozialen Absicherung der Arbeiter und Angestellten grundlegende Veränderungen gegeben.
Bild 17: Turnhalle für die Angestellten der Guentherschen Fabriken in Dover/N.J., historische Aufnahme
Andererseits bestehen auch heute noch z. B. zwischen Amerika und Deutschland gravierende Unterschiede. Das soziale Netz in Deutschland ist wesentlich enger geknüpft als dort.

Bild 18: Wohnhäuser für die Angestellten, German-District in Dover/N.J., Aufnahme 1996
Kranken- und Arbeitslosenversicherung unter Beteiligung des Arbeitnehmers sind seit Bismarcks Zeiten in Deutschland eine Selbstverständlichkeit. Das gilt für Amerika heute noch nicht – s. Obamas Bemühungen um eine allgemeine Krankenversicherung in den USA – und für die Jahre nach 1900 war es dort völlig undenkbar. Bezeichnend ist auch die Tatsache, dass die Gewerkschaften dort eine andere Entwicklung nahmen und dass es in den USA nie zu einer wirklich handlungsfähigen sozialdemokratischen Partei gekommen ist. Nach wie vor dominiert eine Haltung, jeder könne durch harte Arbeit reich werden und jeder sei seines Glückes Schmied. Die Denkart Paul Guenthers, der ja nun geradezu als Muster des Self-made-Man gelten konnte, ist mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich gewesen. Mit den „Unions“, wie die amerikanischen Gewerkschaften heißen, hatte Paul Guenther nur wenig im Sinn.
Bild 19: Ehemaliger Bürgermeister von Dover, Mr. Willard Hedden mit Gattin, 1991
Bei den Besuchen in Dover 1991 (Herr Sommer) und 1996 (Sommer/Senf) lebten verständlicherweise nur noch ganz wenige Menschen, die Paul Guenther persönlich gekannt hatten. Vom Häusermakler Sidney Schwarz war schon weiter oben die Rede. Der ehemalige Bürgermeister von Dover, Mr. Hedden, 92 Jahre alt, gehörte zu jenen Wenigen. Er überraschte mit der Übergabe des Originalrasierbechers Paul Guenthers (s. S. 176). Auch Mr. Anthony Nazzaro war trotz seines hohen Alters noch recht mobil. Er war als 23-Jähriger bei Guenther beschäftigt gewesen. Über die Begegnung 1991 schreibt Herr Sommer: „Dieser alte Herr hatte mit seinen mehr als 90 Jahren noch so viel Pfeffer, dass ich mir gut vorstellen kann, wie er dem alten Paul Guenther auf die Nerven gegangen ist. Für Guenther waren seine Arbeiter Kinder, für die er vorbildlich sorgte, von denen er aber auch unbedingten Gehorsam verlangte. Nazzaro war einer dieser Menschen, die von ‚Partnerschaft‘ träumten, von Verträgen zwischen freien und gleichberechtigten Menschen. Die Arbeiter der Guentherfabrik in einer ‚Union‘ zu organisieren, war für Nazzaro der erste Schritt zu einer Partnerschaft zwischen Kapital und Arbeit. Für Guenther hingegen war es eine persönliche Beleidigung, als sich seine Arbeiter den jungen Nazzaro zum Vertrauensmann kürten. Er soll in seinem Büro geweint haben.“ (19)
Bild 20: Brief von Anthony Nazzaro vom 28. April 1995
Es ist sehr interessant, wie Herr Nazzaro viele Jahrzehnte nach diesen Ereignissen über seinen damaligen Chef urteilt. Nazzaro hatte sich in den 1930er Jahren selbstständig gemacht und besaß selbst eine Textilfabrik. Achtung und hohe Anerkennung gegenüber seinem einstigen Interessengegner sprechen aus jeder Zeile seines Briefes (22) vom 28. April 1995.
1.8 Der Mensch Paul Guenther
Auch wenn wir heute über Paul Guenthers Leben und Schaffen um ein Vielfaches mehr wissen als noch vor wenigen Jahren, wird keine Beschreibung dieses Menschen je vollständig sein. Eine umfassende und treffende Charakteristik der Person wird erschwert, weil der Wirkungsort so weit entfernt und die Geschehnisse zeitlich so weit zurückliegen. Für die Enkelin Virginia Vanderbilt ist es zwar Familiengeschichte, aber eben zwei Generationen zurückliegend! Frau Vanderbilt war noch ein Kind, als ihr Großvater 1932 starb. Ihre Mutter, Frau Margarethe Guenther, nahm am 4. Juli 1923 an der Grundsteinlegung für die Paul-Guenther-Schule in Geithain teil. Sie starb am 16. April 1973.
Dass der smarte Unternehmer Paul Guenther in seinem Büro geweint habe, als die Arbeiter seines Betriebes den jungen Nazzaro zu ihrem Interessenvertreter wählten, schockiert auf den ersten Blick. Bei näherem Hinsehen wird es jedoch verständlich. Guenther war Mitte der zwanziger Jahre schon über 60 Jahre alt. Spürte er vielleicht in diesem Augenblick, dass er etwas von seiner Macht an einen 23-jährigen Arbeiter abgeben musste? Die Jahrzehnte währende Selbstsicherheit, das Gefühl, durch eigene Anstrengungen viel geschafft und auch anderen Menschen damit geholfen zu haben, wich möglicherweise einer Stimmung in der Art „Undank ist der Welt Lohn“. Die betriebliche Mitbestimmung sowie Tarifverhandlungen zwischen gleichberechtigten Partnern erscheinen heute und hier (Unterschiede zwischen den alten und neuen Bundesländern eingedenk) schon fast selbstverständlich. Ganz anders damals!
Natürlich müssen wir den Menschen und Unternehmer Paul Guenther in seiner Zeit betrachten. Den Typ des Unternehmers, wie er heute etwa in Managerseminaren zur modernen Menschenführung dargestellt wird, gab es früher noch nicht. Autoritäres Auftreten – damals die Regel, heute eher verpönt, weil es bei den Mitarbeitern demotivierend wirkt. Nicht Partnerschaft, sondern vielmehr Patriarchat kennzeichnete das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen. Paul Guenther machte hier sicher keine Ausnahme. Die Forderungen an seine Arbeiter, immer und überall gewissenhaft und zuverlässig zu arbeiten, stellte er auch an sich selbst. Aber wer gute Arbeit leistete, sollte auch entsprechend verdienen. Und in den Guentherschen Fabriken wurde gut verdient. So zahlte beispielsweise um 1920 die Swiss Knitting Mill in Dover 13,50 Dollar, während in den Guentherschen Fabriken die Arbeiter 20 Dollar verdienten, jeweils pro 50-Stunden-Woche. (22) In regionalhistorischen Veröffentlichungen wird wiederholt betont, dass es bei Guenther nie Kurzarbeit und in all den Jahren nur einen Streik gegeben habe. Das ist umso bedeutsamer, da gerade in der Textilindustrie um die Jahrhundertwende in den USA extrem harte Arbeitskämpfe ausgetragen wurden. (10)
Paul Guenther war Mitglied zahlreicher Clubs und Gesellschaften:
- Direktoriumsmitglied von fünf bedeutenden Geldinstituten, darunter die National Union Bank in Dover
- Anerkanntes und geschätztes Mitglied der Presbyterian Church in Dover
- Präsident der Eagle Fire Insurance Co. in Newark
- Mitglied des Hamilton Club in Paterson
- Mitglied des Republican Club of New York
- Mitglied des Union League Club of New York
- Ehrendoktor der Princeton University
Bild 21: „Villa Margarethe“, das Haus der Guenthers in Rockaway, West-Main-Street, bei Dover, erbaut 1905 inmitten eines vom Hausherrn angelegten großen Parks
Bild 22: Die einstige Auffahrt zur Villa, Reste der Grundstückseingrenzung, Aufnahme 1996
Bild 23: Ehemalige Auffahrt zur Villa, oben die auf dem einstigen Villengrundstück in den 1950er Jahren erbaute Morris Hills High School, Aufnahme 1996
Bild 24: Das Haus der Bediensteten befand sich in unmittelbarer Nähe der Villa. Es blieb beim Bau der Schule erhalten. Aufnahme 1996

Bild 25: Paul Guenther im Park seiner Villa, um 1925

Bild 26: Tochter Margarethe und Frau Olga Guenther, Anfang der 1920er Jahre, auf Reisen

Bild 27: Herbert Hoover, 31. Präsident der USA von 1929 bis 1933, befreundet mit Paul Guenther
Hoover betätigte sich zeit seines Lebens karitativ und engagierte sich während und nach beiden Weltkriegen erfolgreich für die millionenfache Lebensmittelversorgung der notleidenden europäischen Bevölkerung, was ihm weltweites Ansehen einbrachte.
(www.wikipedia.de, 22.03.2016)
Eine aktive politische Tätigkeit, so etwa in Wahlfunktionen auf Kommunal- oder Landesebene, ist hingegen nicht nachweisbar. Belegt ist seine Freundschaft mit dem ehemaligen Präsidenten der USA, dem Republikaner Herbert Hoover. Das harmoniert mit Paul Guenthers politischen Anschauungen, die eher denen der Republikaner und weniger denen der Demokraten entsprachen.
Die Quellenlage ist leider zu dürftig, um Meinungen bzw. Haltungen Guenthers zur Entwicklung seines Heimatlandes Deutschland herauszufinden. Da ist die aufstrebende Periode bis zum Ersten Weltkrieg, aber auch die Zeit der Revolution, der Inflation und des Versailler Vertrages, der für viele Deutsche ausschließlich das „Versailler Diktat“ war. Mit großer Wahrscheinlichkeit tendierten Guenthers Sympathien weniger zur neuen deutschen Republik als vielmehr zum untergegangenen Deutschen Kaiserreich. Im breiten politischen Spektrum der Weimarer Republik wäre Paul Guenther wohl am ehesten bei den Deutschnationalen anzusiedeln. Es muss leider bei dieser sehr vagen Einordnung bleiben, weil ganz einfach bis dato zu wenig schriftliche Belege vorliegen. Anlässlich der Einweihung seiner Schule in Geithain ließ Paul Guenther am 29. Oktober 1925 folgende Gedanken übermitteln: „Aus Dankbarkeit gegen meine lieben Eltern … aus Anhänglichkeit an meine ferne Heimat und zur Erinnerung an meine schöne Kindheit habe ich für die heranwachsende Jugend der Stadt Geithain … aus eigenen Mitteln ein Volks- und Berufsschulgebäude errichten lassen. … Das gesamte Schulgebäude … ist vom Tage der Einweihung an rechtmäßiges Eigentum der Stadtgemeinde Geithain. Als Stifter knüpfe ich daran folgende Bestimmungen: … Es ist mein Wille, dass die heranwachsende Jugend Geithains von einer Lehrerschaft erzogen wird, die, selbst von vaterländischem Geist durchdrungen, bemüht ist, die Kinder zu echten Deutschen heranzubilden, zu Männern und Frauen, die ihre Zugehörigkeit zum deutschen Volke als eine Ehre empfinden und jederzeit von nationalem Stolze erfüllt sind, damit das deutsche Volk wieder zu der Stellung gelangt, die es unter den Völkern verdient.“ (2)
Solcherart Bildungs- und Erziehungsziele sind dem verständlich, der sie aus ihrer Zeit heraus erklärt. Werten wir sie als Ausdruck echter Vaterlands- und Heimatliebe. Dass obiges Zitat in den vergangenen 90 Jahren so manchem „in den Kram“ passte, ist leider ebenso einsichtig. Man hört förmlich den örtlichen NS-Gewaltigen, der nach 1933 im Dritten Reich das Vermächtnis Paul Guenthers auch in Geithain verwirklicht sah. Nach 1945 nutzten die Propagandisten der anderen Couleur das Zitat wiederum, natürlich für ihre Zwecke. Es diente mit dazu, das „große Schweigen“ über den Schulstifter bzw. den „amerikanischen Kapitalisten“ zu rechtfertigen. Und heute sind Bedenken, dass Teile des Zitats abermals missbraucht werden könnten, leider keineswegs abwegig.
Paul Guenther wäre falsch charakterisiert, würde man ihn als bloßen „Moneymaker“ sehen. Herr Sommer, der sowohl die Geithainer Paul-Guenther-Schule, das Geithainer Milieu der 1940er Jahre als auch Dover sowie die Mentalität der Amerikaner kennt, schreibt: „Paul Guenther war mehr als ein gerissener Bursche, der zu Geld kam, er war auch so etwas wie ein Künstler. Er baute nicht nur irgendeine Schule, sondern eine Schule, die als Ganzes ein Symbol der ‚Bildung‘ ist, des ‚geformten‘ Menschen, der kraft seines Wissens keines Herren Knecht ist. … Diese Schule war einmal ein erstaunliches Gesamtkunstwerk aus Architektur, Bildhauerei, Malerei und farbigem Glas … und zeugt vom weitsichtigen, kunstverständigen Blick des Stifters. … Die Krönung von Guenthers Lebenswerk ist die Paul-Guenther-Schule in Geithain.“ (19)
Das Quellenmaterial zur Geschichte des Schulbaus belegt, wie exakt und gewissenhaft Paul Guenther trotz der großen Entfernung Geithain – Dover bei der Auswahl etwa des Architekten vorging. Ein umfassender Schriftwechsel, Telegramme und unmittelbare Kontaktaufnahmen zeugen von der ständigen Kommunikation zwischen ihm und seinen Beauftragten, z. B. seinem Vetter Hugo Clauß in Chemnitz und Henry Fischer, einem Freund und Mitarbeiter aus Dover. Dass der weit über Sachsen hinaus bekannte Architekt Emil Ebert aus Chemnitz gewonnen wurde, ist keineswegs ein Zufall. Ebert hatte bereits vor dem Kriege mit bedeutenden Schulbauten (z. B. die Reformschule und das Realgymnasium in Chemnitz) auf sich aufmerksam gemacht. In einer Würdigung Eberts (20) heißt es: „Mit sicherem Instinkt weiß er sich den gegebenen örtlichen Bedingungen anzupassen, dem Charakter der Ortschaft und Landschaft, den Sonderheiten des Materials; immer wird man seine Bauten an ihrer heiteren und gemessenen Kraft erkennen. … Die Paul-Guenther-Schule in Geithain scheint mir eine seiner kennzeichnendsten Arbeiten zu sein.“
Viele Geithainer sind sich des künstlerischen Wertes ihrer Schule gar nicht bewusst. Das ist aber in erster Linie auf die Jahrzehnte währende offizielle Missachtung, Vernachlässigung, ja sogar Beseitigung architektonisch wesentlicher Details zurückzuführen. Eine verständnisvolle Auflistung und Publizierung, verbunden mit entsprechenden Restaurierungs- und Pflegearbeiten, ist in den letzten Jahren erfolgt. Das waren Stadt und Schule dem Stifter und dessen Nachfahren sicher schuldig. Die Haltung Paul Guenthers zu geschaffenen Werten – ein Wertebewusstsein fernab jeglicher Wegwerf-Mentalität der heutigen Zeit – soll ein Zitat aus der Urkunde der Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung aus dem Jahre 1919 verdeutlichen. Die Stiftungsurkunde (s. S. 53) umfasst zehn Paragraphen auf acht DIN-A4-Seiten. Sie enthält Festlegungen bis ins Detail: „Sollte einer der Obstbäume eingehen, so hat der Wohnungsinhaber (gemeint ist das Geburtshaus Paul Guenthers, G.S.) einen anderen Baum von derselben Güte neu anzupflanzen, wofür er aber das Holz des alten für sich verwenden kann.“ (18)
Der Eindruck ist sicher nicht falsch, wenn wir Paul Guenther als Mensch zu denen rechnen, die noch die alten Tugenden von Rechtschaffenheit, Redlichkeit, Fleiß und Sparsamkeit verkörperten. Für manche mag der Vergleich Anna Wimmschneider – Paul Guenther weit hergeholt erscheinen. „Ich bin halt eine vom alten Schlag.“ So bezeichnet sie sich in ihrem Buch „Herbstmilch“. Ohne in falsches Pathos zu verfallen, können wir auch Guenter zu jenen „vom alten Schlag“ zählen.
Es sei aber noch einmal ausdrücklich gesagt: Eine umfassende und treffende Beurteilung des Menschen Paul Guenther ist auch nach Jahren intensiver Forschung nicht möglich. Es gibt Meinungen und Ansichten auf der Grundlage vorhandener und zugänglicher Belege. Unter diesem Gesichtspunkt ist abschließend auch die Meinung Herrn Sommers zu sehen, die er in seinem Brief von Anfang Mai 1996 äußert: „Guenther war in seinem politischen Denken konservativ-patriarchalisch, doch hatte er sonst nichts mit den kommenden Nazis gemein. Wäre er nicht schon 1932 gestorben, hätte er sich sicherlich gegen Hitler und seine Bande ausgesprochen. Sein Leben und Werk zeugt von einer tiefen Menschlichkeit und großer Verantwortung wenigen begabten und begünstigten Menschen gegenüber. Als junger Mensch war er selbst einer, der sich schwer einfügte, und er muss gewusst haben, dass alle bedeutenden Menschen Nonkonformisten sind, die sich in gewisser Beziehung ihre eigenen Gesetze schreiben. Die Grenze zwischen einem verantwortungsbewussten Nonkonformisten und einem wilden und undisziplinierten Abenteurer wie Hitler ist offensichtlich. Da kommt auch Nazzaro (s. S. 36, G.S.) wieder ins Spiel. Guenther erkannte den möglicherweise als sein eigenes jugendliches Selbst. Er weinte, weil Nazzaro ihm als Gegner gegenüberstand und nicht als Freund, die Tragik vieler menschlicher Beziehungen.“ (19)
1.9 Besuche in der Heimatstadt
Über Jahrzehnte hinweg ging man in den verschiedensten regionalen Veröffentlichungen zu Geithain davon aus, dass Paul Guenther nach seiner Auswanderung 1890 erst im Jahre 1919 seine Heimatstadt erstmalig besucht hatte. Mit dem Auffinden eines Dokuments im Kirchenarchiv der Nikolaikirche von Geithain (25) vor wenigen Jahren musste hier eine Korrektur vorgenommen werden.
Im Taufregister von St. Nikolai KB 13, S. 72, steht unter Nummer 46: „Tochter Therese Louise Margarethe, geb. 19. Juni 1896 in Paterson, Staat New Jersey (USA), getauft am 3. Juni 1900 in St. Nikolai
Vater: Paul Guenther, Mutter: Auguste Anna Olga, geb. Mechel von Kirchhein/Niederlausitz
Paten:
1 Bruno Günther, Bretthändler
2 Otto Polster, Kaufmann in Ölsnitz
3 Mimi Mechel, Ehefrau des Kaufmanns Karl Mechel in Milwaukee (USA), vertreten durch Frieda Polster, Näherin hier“
Mimi Mechel ist Frau Olga Guenthers Schwägerin, also eine Tante von Margarethe Guenther. Sie reiste nicht zur Taufe aus den USA nach Geithain, ließ sich aber von Tante Frieda Polster vertreten. Diese ist die Schwester von Otto Polster. Die Mechels wohnten zuletzt, d. h. vor ihrer Auswanderung, zwar in Berlin, stammten offensichtlich aber aus der Niederlausitz. Die Eintragung im Kirchenbuch lässt keinen Zweifel an der Feststellung, dass die Guenthers (beide oder nur Mutter Olga?) mit ihrer vierjährigen Tochter Margarethe im Sommer 1900 die Reise nach Geithain zum Zwecke der Taufe angetreten hatten. Der Wunsch nach einem Wiedersehen und einer Taufe in der alten Heimatkirche, zehn Jahre nach ihrer Auswanderung und vier Jahre nach Geburt der Tochter, ist nachvollziehbar, sowohl bei den Eltern in Amerika als auch bei den Großeltern Bruno und Therese Guenther in Geithain. Wie oben (s. S. 28) dargestellt, erlaubten die materiellen Verhältnisse der jungen Familie durchaus eine solche Reise im Jahr 1900. Der Besuch fand statt, ist aber nicht vergleichbar mit den späteren Besuchen Guenthers in seiner Heimatstadt. Schulfreunde und nähere Bekannte in Geithain werden zwar von dem Aufenthalt gewusst haben, er berührte die Geithainer Öffentlichkeit aber nicht weiter.
Wir befinden uns im Jahr 1900! Die ersten Spenden Guenthers und auch deren Veröffentlichung im Geithainer Wochenblatt erfolgten sechzehn Jahre später! Guenther war ganz einfach im Jahre 1900 für Geithain noch „ein Auswanderer“ und noch nicht der spätere „Wohltäter Geithains“.
Drei Jahre später erlitt Vater Bruno beim Obstpflücken einen schweren Unfall, von dem er sich nie wieder erholte. Mutter Therese pflegte ihn über die lange Leidenszeit hinweg bis zu seinem Tod im Jahre 1912. Pfarrer Wagner würdigte in der Trauerrede (32) Leben und Leiden des Toten. Besonders beeindruckend sind darin die Sätze, welche sich auf den Sohn des Ehepaares Guenther beziehen: „So hast Du mit Deinem nun verewigten Lebensgefährten einen langen Ehestand verbracht, in welchem es an manchem Weh und Ach, an Tränen und Seufzern wohl auch nicht fehlte, dessen größter Schmerz es aber doch wohl war, den einzigen Sohn dauernd in weiter Ferne zu wissen. Es ist ja schön, wenn Eltern aus eigener Erfahrung sagen können: ‚Wohl dem, der Freude an seinen Kindern erlebt!‘ Aber es ist doch betrüblich für solche Väter und Mütter, in der und jener besonderen Stunde ihres Lebens ihr Kind nicht bei sich zu haben … Auch in dieser Stunde fehlt er. Vielleicht träumt er drüben in der neuen Welt gerade jetzt von den Tagen seiner Kindheit und ruft im Traume seinen Vater, wie dieser in seinen letzten Krankheitstagen mehrmals im Traum oder Fieberwahn den Sohn gerufen hat.“
Bild 28: Widmung in der Trauerschrift
Aus heutiger Sicht stellt sich die Frage, warum Paul Guenther die Reise zur Beisetzung seines Vaters nicht angetreten hat. Heute dauert die Reise von New York nach Frankfurt/M. nur wenige Stunden, während damals mit vielen Tagen bis Wochen zu rechnen war. Es muss auch beachtet werden, dass eine Beerdigung nach den damals geltenden Gesetzen innerhalb weniger Tagen nach Eintritt des Todes zu erfolgen hatte. Die Trauerfeier fand am Pfingstsonntag des Jahres 1912 statt. Die Grabrede erschien gedruckt (Druckerei August Wiedner, Geithain) im Juli jenes Jahres mit obiger Widmung.
Therese Guenther lebte noch sieben Jahre lang als Witwe in Geithain. Zwischen ihr und dem Sohn bestanden briefliche Verbindungen. In Geithain lebten viele Verwandte, sowohl eigene als auch Geschwister ihres Mannes mit deren Familien. Sie freute sich an den Erfolgen ihres Sohnes in der Neuen Welt und an den Veröffentlichungen im Geithainer Wochenblatt über seine ersten Spenden für Geithainer Kriegerwitwen und Waisenkinder. Zu gegenseitigen Besuchen kam es, auch durch die vier Jahre Krieg bedingt, nicht. Am 18. November 1918 starb Therese Guenther im Alter von knapp 80 Jahren. Nun, zu Ende des Krieges und in den Wirren der Revolution, wundert es nicht, dass zur Beerdigung zwar viele Verwandte, darunter auch Cousin Oberlehrer Clauß aus Chemnitz (s. S. 67), später die „rechte Hand Guenthers beim Schulbau“, kamen, nicht aber der Sohn aus dem fernen Amerika.
„Sofort nach Wiederaufnahme des unmittelbaren Dampferverkehrs mit Deutschland reiste ich … im November 1919 in meine Heimatstadt.“ (18) Nach Jahren traf er sich mit den vielen Verwandten in Geithain und in der Chemnitzer Gegend. Auch „offizielle“ Treffen mit Geithains Bürgermeister Dr. Focke und Stadträten fanden statt. Man bedankte sich natürlich für die Spenden Guenthers während der Kriegsjahre. Neu aber – und für Stadt, Kirche und Schule von höchster Bedeutung – ist die Mitteilung Guenthers, eine Stiftung zu errichten. „Ich reiste in meine alte Heimat, um meinen Landsleuten Hilfe zu bringen. Diese Hilfe sollte aber keine vorübergehende sein. Ich errichtete deshalb zugunsten meiner Vaterstadt eine Stiftung und bestimme über deren Verfassung und Verwaltung Folgendes: … 1. Die Stiftung führt zum Andenken an meine Eltern den Namen Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung.“ (18, mehr zur Stiftung s. S. 53 ff.). Nach diesem Besuch wurden die Verbindungen zwischen Geithain und Guenther wesentlich intensiver. Mit dem folgenreichen Brief des Schulleiters Petermann vom 22.08.1922 an Guenther begann die noch bedeutsamere Phase der Spenden- und Stiftertätigkeit Paul Guenthers. Der Schulbau wird im Kapitel 2.2 gesondert beschrieben. In diesem Abschnitt stehen die Besuche aus Amerika in Geithain im Mittelpunkt.
Zur Grundsteinlegung der Schule am 4. Juli 1923 reiste Tochter Margarethe nach Geithain, überbrachte die Grüße ihres Vaters und wünschte für die nächsten Monate gutes Gelingen. Alle, sowohl Paul Guenther selbst als auch die Geithainer, rechneten fest damit, dass der Schulstifter an der reichlich zwei Jahre später erfolgten Schulweihe teilnehmen würde. Zum Ablauf der Weihefeier steht in der Weiheschrift (1) u. a. der Satz: „Übergabe des Hauses an den Vertreter der Stadtgemeinde Geithain, Herrn Bürgermeister Dr. Focke, durch Herrn Paul Guenther.“ Die Festschrift zur Feier am 29. Oktober 1925 war natürlich vor diesem Termin gedruckt worden. Es wird Oberlehrer Clauß nicht leicht gefallen sein, bei der Begrüßung der Festversammlung das Telegramm Paul Guenthers „… bedaure unendlich meine Abwesenheit …“ verlesen zu müssen. Dringende geschäftliche Gründe erlaubten keine lange Reise nach Deutschland. Nun musste Clauß auch die laut Programm dem Schulstifter zugeschriebenen Parts stellvertretend übernehmen.
Drei Jahre nach der Schulweihe ist es wieder Tochter Margarethe, inzwischen Frau Margarethe Osgood, die Geithain am 18. Oktober 1928 einen Besuch abstattet und die Ehrungen der Stadt für den Schulstifter entgegennimmt. Über den Ablauf des Besuchstages existiert ein anschaulicher Bericht (33):
„Unsere Paul-Guenther-Schule prangte am Donnerstag im Flaggenschmuck anlässlich des Besuches der Tochter des Schulstifters aus Amerika. Um 11 Uhr fand die Begrüßung von Frau Margarethe Osgood, die von Herrn Oberlehrer Clauß aus Chemnitz, dessen Gemahlin und Schwester begleitet war, im Amtszimmer des Schulleiters statt, wobei Herr Direktor Petermann erwähnte, dass fast 400 Mütter aus Geithain und Umgebung ihre Kinder täglich in diese schöne Schule schickten, in dem Bewusstsein, dass sie in solchen Räumlichkeiten gut aufgehoben seien und dass die Stadt diese herrliche Stiftung der Großherzigkeit ihres Vaters zu verdanken habe. Anschließend erfolgte eine Vorstellung des Lehrerkollegiums im Lehrerzimmer. Ins Gästebuch trug hier Frau Osgood ein: ‚Zur freundlichen Erinnerung an meinen Besuch in der Paul-Guenther-Schule. Ich bin stolz darauf, was mein guter Vater hier geschaffen hat.‘ Alsdann wurden dem Besuch im Festsaal die Kinder vorgestellt. Die Klassenerste der Konfirmandinnen, Ilse Meinel, überreichte dabei einen Blumenstrauß, worauf Herr Kantor Andreas mit seinem Schulchor einige Heimatlieder bot. Nachdem sich Frau Osgood bei den Kindern bedankt hatte, trat sie einen Rundgang durch das Schulhaus an. Besonderes Interesse widmete sie hierbei dem Handarbeitssaal, dem Gesangszimmer und dem Bad. In der Berufsschule besichtigte sie die Schulküche und den Speisesaal und kostete vergnügt von dem Gebäck, das Frau Roppenecker mit ihren Kochschülerinnen in aller Eile, aber wohl gelungen, hergestellt hatte. Nach beendigtem Rundgang erfolgte eine fotografische Aufnahme vor dem Eingang des Schulgebäudes.
Nachmittags vier Uhr trug Konzertsängerin Susanne Petermann in schöner Vollendung den Weihegesang ‚Halleluja‘ von Hummel vor, der zur Schulweihe dargeboten worden ist. Auf allseitigen Wunsch sang sie noch das Lied ‚Der Vogel im Walde‘ von W. Taubert mit Koloraturen, auf dem Flügel begleitet von Herrn Oberlehrer Clauß.
Gegen 6 Uhr stellten sich die Kinder vor der Schule zu einem Lampionumzuge, der unter Klängen einer Musikkapelle (Musikvereinigung Geithain) seinen Weg durch die Eisenbahn- und Bahnhofstraße auf den Markt nahm. Hier hielt Herr Schuldirektor Petermann an Frau Osgood, die auf dem beleuchteten Eckbalkon des Hotels ‚Stadt Altenburg‘ stand, folgende Ansprache:
‚Hochgeehrte gnädige Frau! Die Jugend Geithains huldigt Ihnen. All die brennenden Lichter sind Flammen der Dankbarkeit und Verehrung für das Haus Guenther. Herr Guenther hat uns in seiner Heimatliebe und Herzensgüte das herrliche Schulhaus geschenkt, das wir täglich mit immer neuer Freude betreten. Möge es dem Hause Guenther wohl ergehen! Es lebe hoch!‘
Die Lampions bildeten auf dem Marktplatz ein reizvolles Bild. Am Schluss brachten die Kinder ein dreifaches Hoch auf das Haus Guenther aus, worauf sich der Zug auflöste. Unsere Schuljugend aber wird noch lange von dem ereignisvollen Tag erzählen. Abends halb 10 Uhr fuhr Frau Osgood nach Chemnitz zurück, nachdem sie sich wiederholt über ihren Aufenthalt in Geithain sehr befriedigt ausgesprochen hatte. Sie ist gewillt, im nächsten Jahre mit ihrem Vater Geithain zu besuchen. Die Dame wird sich in einigen Tagen nach Berlin begeben und Anfang November zu ihrem Gatten nach Amerika zurückreisen.“
Der im Bericht angekündigte Besuch Paul Guenthers in Geithain erfolgte tatsächlich ein Jahr später, am 19. September 1929, abermals ein Donnerstag. (6) Nach einem Kuraufenthalt in Deutschland kam er nach Chemnitz und Geithain. Dem Besuch in der Schule schloss sich eine Kutschfahrt durch die Stadt in Begleitung des Bürgermeisters Dr. Rudolf Focke und des Schulleiters Petermann an. „Mit besonderer Rührung las der Auswanderer in den alten Kirchenregistern von seiner Geburt und Konfirmation. Ein eindrucksvolles Ende fand der unvergessliche Tag mit einem gewaltigen Fackelzug von 600 Schulkindern.“ (15) Eine Reihe älterer Geithainer (Werner Pechstein, Elsbeth Ladegast, Frau Rademann, Manfred Wermann u. a.) erinnerten sich in Gesprächen um 1995 an die Rede des Schulstifters vom Balkon des Hotels „Stadt Altenburg“. Dass sowohl die Tochter Margarethe 1928 als auch Paul Guenther ein Jahr später den Besuch in Geithain mit einem Besuch der Verwandten und Bekannten in der Chemnitzer Gegend verbanden, ist sehr verständlich. Hier war von 1878 bis 1890 sein Lebensmittelpunkt.
Bild 29: Gedenktafel am Geburtshaus Paul Guenthers in Geithain
1.10 Nachhaltige Beziehungen zu Thalheim
Ehemalige Thalheimer, die schon mindestens seit den 1870er Jahren in Dover lebten, gaben Impulse für Guenthers Entschluss auszuwandern (s. S. 24). Er selbst und insbesondere seine erfolgreiche Entwicklung nach 1890 waren nun ihrerseits eine Ursache für die beeindruckende Auswanderungsdynamik im Dorf Thalheim bei Chemnitz. In der Zeit von 1908 bis 1928 wanderten 289 Thalheimer in die USA aus! Fast alle siedelten sich in Dover/N.J. an und fanden sofort Arbeit in Guenthers Full Fashioned Silk Hosiery. In Zusammenarbeit mit Heimatforscher Rudi Hofmann liegen von allen 289 Personen die Vor- und Zunamen, der Geburtstag und das Jahr der Auswanderung vor. Nach Zeitabschnitten gegliedert ergibt sich folgende Aufstellung:
| Zeitintervall | Anzahl |
| 1908–1910 | 19 |
| 1911–1915 | 91 |
| 1916–1920 | 44 |
| 1921–1925 | 90 |
| 1926–1928 | 45 |
In der Altersverteilung und an den Namen selbst ist erkennbar, dass sich Familien mit vielen Kindern auf den Weg gemacht hatten. Auch während des Krieges wanderten Leute aus. Im schlimmen „Kohlrübenwinter“ 1916 verließen 38 Thalheimer Deutschland. Kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges gab es nur Einzelne, aber ab 1921 stieg die Zahl rasant. Die wenigen älteren Thalheimer (65 Jahre und älter) zogen als Großeltern zu ihren Enkeln, welche Jahre vorher Fuß gefasst hatten. Die Besuche in Dover 1990 bzw. 1996 brachten zwar erste Hinweise auf den Herkunftsort Thalheim, das wirkliche Ausmaß wurde jedoch erst durch Herrn Hofmanns Nachforschungen Ende der 1990er Jahre deutlich. Bei Gesprächen in Dover wurde oft betont, dass Auswanderer aus Thalheim auf Veranlassung Guenthers bei ihrer Ankunft in New York sofort nach Dover weiterreisen konnten, ohne Zwangsaufenthalt auf Ellis Island. Die Insel war lange Zeit Sitz der Einreisebehörde für den Staat und die Stadt New York und mehr als 30 Jahre lang die zentrale Sammelstelle für Immigranten in die USA. Zwischen 1892 und 1954 durchliefen etwa 12 Millionen Einwanderer die Insel. (www.wikipedia.de, 12.03.2016)
Die Familie Hahn wurde oben (s. S. 28) bereits erwähnt. Sehr interessant war 1996 die Begegnung mit dem Ehepaar Grießbach.
Bild 30: Das Ehepaar Grießbach, links Frau Ulla Wienhöfer-Shuler, Lehrerin an der Dover High School, Aufnahme 1996
Walter Grießbach wurde 1907 in Thalheim geboren. Sein Vater wanderte 1911 nach Amerika aus, doch gefiel es ihm dort nicht, weshalb er bereits 1914 nach Deutschland zurückkehrte. Bei Kriegsbeginn wurde er eingezogen und war für die Dauer des Krieges an der Westfront eingesetzt. 1920 ging er zum zweiten Mal nach Amerika. Drei Jahre später ließ er seine Frau mit Sohn Walter (16 Jahre alt) und Tochter Frieda nachkommen. Alle fanden Arbeit in Guenthers Fabrik. Walter begann dort als Lehrling und blieb als Arbeiter viele Jahre. Der Verdienst betrug nach seiner Erinnerung 75 US-Dollar pro Woche (vgl. Seite 36, Verdienst Anfang des Jahrhunderts, G.S.). Walter Grießbach besuchte sein Heimatdorf 1929 „mit viel Geld in der Tasche“, wie er sich ausdrückte. Bei diesem Besuch lernte er seine zukünftige Frau kennen. 1935 kam diese endlich nach Amerika und sie heirateten. Die Grießbachs konnten 1996 auf eine über 60-jährige glückliche, leider kinderlose Ehe zurückblicken.
1.11 Die Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung
In der nunmehr 95 Jahre umfassenden Geschichte dieser Stiftung spiegeln sich sowohl die großen gesellschaftlichen Umbrüche in Deutschland als auch typisch kleinstädtisch beengte Sichtweisen wider. Das Stiftungsvermögen schwankte in den Vorstellungen der Geithainer zwischen geradezu utopischen Werten und null, d. h., man nahm lange Zeit an, die Stiftung existiere gar nicht mehr. Die Person Paul Guenther war für die einen nur der „Wohltäter Geithains“, für andere nur der „reiche Amerikaner“ oder der „amerikanische Kapitalist“. Die Haltung zu Guenther und seiner Stiftung reichte von überschwänglicher Lobhudelei über Desinteresse an der ganzen Sache bis hin zu politisch bedingter Missachtung des Menschen Paul Guenther und seiner Verdienste für Stadt, Kirche und Schule in Geithain.
Wer sich mit der Geschichte der Stiftung gründlich beschäftigt, wird den entscheidenden Grund für das „Wabern“ unrealistischer Vorstellungen über Jahrzehnte hinweg erkennen. Über einen langen Zeitraum hinweg gab es keine umfassenden sachlichen Informationen zu dem Komplex „Guenther/Stiftung“, teils eindeutig politisch so gewünscht, andererseits aber auch aus reiner Bequemlichkeit! Es handelte sich um eine relativ schwierige Materie, die sowohl der Stadt- und Schulverwaltung als auch interessierten Bürgern etwas an Mühe und Ausdauer abverlangt hätte. Bei den Geithainer Bürgermeistern seit 1989/90 macht hier Rolf Galisch eine rühmliche Ausnahme. Von seinem echten Interesse, mehr über die Stiftung zu erfahren, zeugt sein Brief (37) an den Geithainer Heimatverein mit dem klaren Auftrag an diesen, die Geschichte der Stiftung zu erforschen. Galisch gab auch den Impuls, die längst fällige Neufassung der Stiftungssatzung zu beschließen. Die Information der Öffentlichkeit über die Verwendung der Stiftungserträge erfolgte erstmalig 2006. Im Amtsblatt von Geithain 12/2015 wurde schließlich neben der Verwendung der Stiftungserträge auch über das aktuelle Stiftungsvermögen berichtet. Es wundert nicht, sondern es ist eher eine Bestätigung oben beschriebener Vorstellungen, dass unmittelbar nach Veröffentlichung des Stiftungsvermögens Geithainer ihre Enttäuschung äußerten und abermals zu falschen Schlüssen gelangten: „So klein ist das Stiftungsvermögen? Warum dann um die Verdienste Guenthers so ein Aufhebens machen?“ Das vorliegende Buch soll mithelfen, umfassend, sachlich und unvoreingenommen den Komplex „Guenther/Stiftung“ der Öffentlichkeit darzustellen.
In den Monaten nach Guenthers Besuch Ende 1919 erarbeiteten Beauftragte auf der Grundlage seiner Stiftungsurkunde Vorschläge für eine Stiftungssatzung. Die Beratungen zu diesen Vorschlägen und das Genehmigungsverfahren durch verschiedene Finanz- und Steuerbehörden bis hin zur Anerkennung durch die Stiftungsaufsicht und Eintrag in das Stiftungsregister (in Fachkreisen „Stiftungsgeschäft“ genannt) waren im Herbst 1921 abgeschlossen. Die 14 Monate von November 1921 bis Ende 1922 werden in den Akten als erstes Geschäftsjahr geführt. Im November 1922 überwies Carl H. Fischer aus Chemnitz, Beauftragter des Stifters und Repräsentant der Bank Emery & Beers Comp. Inc. in New York, 50.000 Mark auf das Konto der neuen Stiftung. Im Stadtarchiv von Geithain (35) existieren mehrere dicke Ordner, die lückenlos von 1920 bis zur Gegenwart sowohl die gewissenhafte Arbeit des jeweiligen Stiftungsvorstandes als auch das Wirken der Stiftung für Stadt, Schule und Kirche sehr beeindruckend widerspiegeln.
Ein Kernsatz der Stiftungsurkunde von 1919 lautet: „Sie besteht aus einem Nennwert von 1 Million Mark in 5 prozentiger Deutscher Kriegsanleihe sowie dem Haus- und Gartengrundstück in Geithain, Altenburger Straße 23.“ Petermann verkürzt diesen Satz in der Festschrift von 1925 (1, S. 3): „… und in einem Kapital in Höhe von 1 Million Mark in deutscher Kriegsanleihe.“ In vielen Geithainer Familien wurde dieses Heft über Generationen hinweg aufbewahrt und stellte über Jahrzehnte das einzige Schriftstück dar, aus dem etwas zum Komplex „Guenther/Stiftung/Schule“ zu erfahren war.
Zwei Angaben aus obigem Kernsatz – „1 Million Mark“ und „Kriegsanleihe“ führten in den folgenden Jahrzehnten zu falschen Interpretationen. Wegen fehlender Information wähnte man Stiftungsvermögen und Stiftungserträge viel höher, als sie tatsächlich betrugen. Die von Guenther überwiesenen 50.000 Mark (5 % von 1 Million) bildeten neben dem Hausgrundstück das Stiftungsvermögen! Dem Stichwort „Kriegsanleihe“ zufolge bot sich in DDR-Zeiten an, den „amerikanischen Kapitalist Guenther“ als Mitfinanzierer des Krieges zu diffamieren.
Die Stiftungsurkunde stammt von 1919, also aus der Nachkriegszeit, aber die Begriffe „Kriegsanleihe“ oder „Kriegskredite“ spielten offenbar für Vermögens- oder Nachlassberechnungen noch eine große Rolle. Insbesondere deren Behandlung durch den Rechtsnachfolger des Deutschen Kaiserreiches, die Weimarer Republik, zählt auch für Fachleute zu den äußerst schwierigen finanzhistorischen Themen. Eine Anfrage bei der Deutschen Bundesbank (36) brachte einige Aufklärung. „In den Jahren 1914 bis 1918 hat das Deutsche Reich neun Anleihen begeben, die als Kriegsanleihen bezeichnet wurden. Die Zinsen von 5 % wurden halbjährlich ausgezahlt. … Die Ansprüche aus diesen auf Mark lautenden Schuldverschreibungen sind nach Einführung der Reichsmark im Jahre 1924 im Gesetz über die Ablösung öffentlicher Anleihen vom 16. Juli 1925 geregelt worden. Nach diesem Gesetz konnten die Mark-Schuldverschreibungen unter bestimmten Voraussetzungen in auf Reichsmark lautende Schuldverschreibungen der Anleiheablösungsschuld des Deutschen Reiches von 1925 umgetauscht werden.“ In einem „Merkblatt zur 9. Kriegsanleihe“ vom 10. Januar 1918 werden detailliert die Zeichnungsmodalitäten auf 4 Seiten DIN A4 erläutert. Aus heutiger Sicht erscheint vieles darin unbegreiflich, wenn man bedenkt, dass im Herbst des Jahres 1918 Krieg und Monarchie zu Ende waren. Eine Bestimmung aus dem Merkblatt scheint im Zusammenhang mit Guenthers Stiftung wichtig: „Die Schuldverschreibungen sind wie bei den vorangegangenen Kriegsanleihen bis zum 1. Oktober 1924 seitens des Reiches unkündbar, … ohne dass ein Hindernis bestände, über sie auch schon vor dem 1. Oktober 1924 (Hervorhebung G.S.) … zu verfügen.“ (36) Paul Guenther hat offenbar davon Gebrauch gemacht. Die Frage, ob das „Gesetz zur Ablösung öffentlicher Anleihen“ besondere Bestimmungen für Auslandsdeutsche enthält, blieb bisher offen. Der Brief der Deutschen Bundesbank endet mit dem Satz: „Weitergehende Informationen stehen uns leider nicht zur Verfügung.“ (36)
Nachdenklich in mancher Hinsicht, eben auch aus heutiger Sicht, stimmt der folgende Aufruf am Schluss des erwähnten Merkblattes von Januar 1918: „Durch nichts wird das Vertrauen zu dem glücklichen Ausgang unserer guten Sache (Hervorhebung G.S.) offenkundiger aller Welt vor Augen geführt als durch ein erneutes glänzendes Ergebnis der Kriegsanleihe.“ (36)
Die Meinungen zu „Kriegskrediten“ und damit zur Finanzierung des Krieges reichten bekanntlich schon zu Beginn des Krieges – und nicht nur im Reichstag (s. Karl Liebknecht) – von kategorischer Ablehnung bis zu emphatischer Zustimmung. Millionen Deutsche zeichneten im Laufe des Krieges und eben auch noch im Januar 1918 solche Anleihen! Guenther gehörte mit Sicherheit zu den vielen Menschen, die mit ihrer Anleihezeichnung glaubten, „unsere gute Sache“ zu unterstützen. Die 5 % Zinsen aus seiner Anleihe, die oben erwähnten 50.000 Mark, überwies er 1922 an die gerade errichtete Stiftung in Geithain. Wie sich die Ablösung seiner gezeichneten Million im Detail vollzog, ist nicht bekannt. Sicher ist jedoch, dass die Ablösung zu dem Entschluss, eine Schule in Geithain bauen zu lassen, wesentlich beigetragen hat. Im Nachhinein gesehen wurde aus seiner Anleihe an das Kaiserreich mit dem Bau der Riesenschule eine wirklich „gute Sache“ für Stadt, Kirche und Schule in Geithain!
Es ist schon erstaunlich, dass trotz vieler und drastischer politischer Veränderungen die Grundbestimmungen der Stiftungsurkunde von 1919 in den knapp hundert Jahren bis zur Gegenwart kontinuierlich erfüllt wurden. Natürlich gab es mehrere Neufassungen bzw. Nachträge der Stiftungssatzung. Das Geburtshaus Guenthers, ursprünglich Bestandteil des Stiftungsvermögens und damit hälftig Kirche und Stadt zugehörig, wurde 1928 der Kirche alleinig übereignet. Veränderungen traten ein nach dem Tod Guenthers im Jahre 1932. In seinem Testament hatte er seine Heimatstadt nochmals bedacht, diesmal mit 50.000 US-Dollar, allerdings nicht in bar, sondern in Form von Grundstücken, Hypotheken und Industriepapieren. Die langwierigen Verhandlungen bis zum Antritt des Erbes durch die Stiftung im Jahre 1940 nehmen einen großen Teil der Akten im Stadtarchiv ein und werden ab Seite 62 extra behandelt.
Im Jahr 1941 fand die erste Betriebsprüfung der Stiftung durch das Finanzamt Rochlitz statt. Im Prüfungsbericht wird dem Stiftungsvorstand eine gewissenhafte Arbeit bescheinigt. Er enthält aber auch eine Empfehlung, die im Folgejahr 1942 zu einem aus steuerlichen Gründen vollzogenen Austritt der Kirche aus der Stiftung führte. Der Auseinandersetzungsvertrag vom 13. Februar 1942 (35, Nr. 2227) regelte ausführlich und korrekt die Aufteilung des Stiftungsvermögens. 1942 gab es deshalb eine Änderung der Stiftungssatzung. Die geänderte Satzung galt bis 1947. Die letzte Neufassung der Stiftungssatzung erfolgte im Juni 1999. Sie setzte in § 12 die Fassung von 1947 außer Kraft. Der Genehmigungsbescheid (Freistaat Sachsen, Reg.-Bezirk Leipzig) wurde am 07. Juli 1999 erteilt. Seit 1922 bis dato steht die Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung als eine der ältesten Stiftungen Sachsens im Deutschen Stiftungsverzeichnis. Es handelt sich um eine „rechtsfähige Stiftung des Bürgerlichen Rechts und sie verfolgt ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige und mildtätige Zwecke“.
In den Unterlagen befindet sich eine Vermögensaufstellung (von Ackermann, damals für Finanzen der Stadt Geithain zuständig) per Jahresende 1942, also nach dem Ausscheiden der Kirche und nach Abschluss der Verhandlungen wegen der Erbschaft in Neukirchen bei Chemnitz (s. S. 62). Danach betrug das Stiftungsvermögen 123.439,01 RM. Es setzte sich zusammen aus der Hypothek, den Bareinlagen bei der ADCA bzw. Sparkasse Geithain und diversen Anlagen wie beispielsweise Goldpfandbriefe Hypobank, Deutsche Reichsschätze. Die Währungseinheit Reichsmark galt zunächst auch nach 1945 in Deutschland. 1948 wurden die Deutsche Mark in den drei westlichen Besatzungszonen und die Mark in der sowjetischen Besatzungszone eingeführt. In einer Mitteilung des Landrates an den Bürgermeister vom 26. Juli 1948 steht, „dass durch die Währungsreform in vermögensrechtlicher Hinsicht Veränderungen nicht eingetreten sind. Die Stiftung besteht nach wie vor“. (35, Nr. 2152)
Der besseren Übersicht halber werden diese wichtigen Bezugsdaten inklusive genauer Geldbeträge in einer Tabelle angegeben.
| Stiftungsvermögen per 31.12.1942 | ||
| 1 | Hypothek in Chemnitz | 93.487,50 RM |
| 2 | Bareinlagen bei der ADCA bzw. Sparkasse Geithain | 6.601,51 RM |
| 3 | diverse Anlagen z. B. Goldpfandbriefe der Hypobank, Deutsche Reichsschätze u. a. | 23.350,00 RM |
| Stiftungsvermögen | 123.439,01 RM |
Die Aussage „keine Veränderungen durch die Währungsreform 1948“ trifft auf die Hypothek zu – und nur auf diese! In vielen Dokumenten zur Sache Neukirchen (heute Stadtteil von Chemnitz), beginnend mit 1945 über die 1950er Jahre bis zum Jahr 1990, taucht exakt immer wieder die Zahl 93.487,50 RM (M) auf. Aus einem Brief des Geithainer Bürgermeisters an den Landrat in Borna vom 18. Mai 1948 (35) ist ersichtlich, dass der Stiftungsertrag 4440,66 RM betrug.
Auffällig ist, dass nach 1945 die anderen zwei Bestandteile des Stiftungsvermögens (zusammen 29.951,51 M) in keinem Dokument auftauchen, jedenfalls konnte bisher nichts gefunden werden. Es erscheint in den Dokumenten im Zusammenhang mit Stiftungsvermögen bis 1989 immer nur die Hypothek. Dem oben genannten Stiftungsertrag von 4440,66 RM entspräche ein Zinssatz von 4,75 % bei einem Vermögen von 93.487,50 RM und 3,6 % bei einem Vermögen von 123.439,01 RM. Beides liegt im Bereich des Möglichen und müsste durch genauere Recherchen verifiziert werden. Als Anfang 1990 (vor der Währungsumstellung von DDR-Mark auf DM!) die Hypothek aufgelöst wurde, erhielt die Stadt 93.487,50 DDR-Mark von dem Grundstückseigentümer überwiesen und die monatliche, seit Jahrzehnten erfolgte Zinszahlung, wurde eingestellt. Die Stadt tätigte, aufgerundet auf einen bequemen Betrag, nach Empfang des Geldes eine Festgeldanlage von 100.000 DDR-Mark. Und wieder wird nur die Hypothek als Stiftungsvermögen genannt, obwohl sie doch nach der Aufstellung von 1942 nur einer von drei Bestandteilen war. Nach der Währungsumstellung im Juli 1990 wurden aus den 100.000 DDR-Mark 50.000 DM. Nach der Euro-Einführung waren das 25.000 €. Endlich und erstmalig in der über 90 Jahre währenden Geschichte der Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung erfolgte eine Information der Geithainer Öffentlichkeit im Amtsblatt 12/2015 über Stiftungsvermögen und Verwendung der Erträge: Per 31. Dezember 2014 betrug das Stiftungsvermögen der Bruno-und-Therese-Guenther-Stiftung 26.000 €.
Weil die Stiftung betreffend so viele Jahre lang Unwissenheit und übertriebene Erwartungen vorherrschten, kam es nach Veröffentlichung 2015 zu Reaktionen enttäuschter Geithainer: „Was? So wenig Geld? Warum dann so viel Aufhebens um den Stifter Guenther?“ Ursache dieser Reaktionen sind sowohl die Intransparenz zur Stiftung während der DDR-Zeit und danach als auch die Unkenntnis über die erheblichen Geldbeträge, welche in Fortführung der Spenden- und Stiftertradition ab 1995 flossen! (s. S. 152)
Folgende Fragen sind zurzeit noch offen und erfordern ein weiteres Studium in den Unterlagen bei der Stadt:
1 Was geschah nach 1945 mit den Bestandteilen 2 und 3 aus der Aufstellung von 1942?
2 War nach 1945 alles verfallen oder hat man seitens der Stadtverwaltung diese Anteile im Stadthaushalt geführt und verwendet? Dann hätte man gegen einen Grundsatz der Stiftungssatzung – „Das Stiftungsvermögen ist unantastbar“ – verstoßen!
Ab Seite 62 wird beschrieben, wie und ab wann die Stiftung in den Genuss der Erbschaft in Neukirchen gelangte. Auch dort bleiben am Ende noch einige Fragen offen.
Die Grundaussagen der ursprünglichen Stiftungssatzung von 1922 blieben bei allen folgenden Neufassungen bzw. Nachträgen bis zur Fassung von 1999 unverändert. Sie legen fest, dass das Stiftungsvermögen unangetastet zu erhalten und so anzulegen ist, dass eine spekulative Geldanlage ausgeschlossen und eine angemessene Verzinsung gewährleistet ist. Die jährliche Verwendung der Stiftungserträge war von Anfang an inhaltlich in klarer Form festgelegt. Immer wieder beeindruckend ist, wie genau Paul Guenther die Verwendung der Stiftungserträge festgelegt hatte. Die Sorgfalt des Stifters, sein großes Bemühen um gerechte Verteilung, die besondere Berücksichtigung „bedürftiger und würdiger“ Geithainer und auch sein Sinn für Details oder scheinbar unwichtige Belange wurden bereits auf Seite 53 angedeutet. Zwei weitere Beispiele seien genannt:
1. Bestimmungen für Stadt und Schule
| lfd. Nr. | %-Satz | Verwendungsfestlegung |
| 66,8 | zwei Drittel für städtischen Bedarf | |
| 1. | 54,7 | Geithainer Arme, davon mind. 23 % alte Arme |
| 2. | 1,6 | Weihnachtsbescherung im Armen- und Krankenhaus |
| 3. | 5,2 | Gemeindediakonie |
| 4. | 5,3 | Frauenverein |
| 33,2 | ein Drittel für Schule | |
| 5. | 10,5 | Konfirmanden bei Schulentlassung |
| 6. | 3,2 | Bücherprämien an Schüler, am 13. Mai |
| 7. | 5,3 | Albert-Zweigverein für Geithainer Kinder |
| 8. | 2,1 | Jugendheim |
| 9. | 5,3 | Anschaffung von Lehrmitteln |
| 10. | 4,2 | begabte Schüler armer Eltern zum Besuch einer höheren Schule |
| 11. | 2,6 | für Lehrerbibliothek |
Anmerkung G.S.: Die Anteile werden im Original (1922 und folgende Versionen der Stiftungssatzung) nicht in Hundertstel (also %), sondern als gemeine Brüche mit dem Nenner 190 angegeben.
In der Stiftungssatzung von 1999 lautet die entsprechende Formulierung: „Zwei Drittel der Erträge zur Unterstützung bedürftiger und würdiger Einwohner der Stadt und ein Drittel zur Unterstützung bedürftiger und würdiger Schüler der Paul-Guenther-Schule Geithain.“
2. Ähnlich detaillierte Festlegungen galten für den Kirchenanteil. Dort heißt es u. a.: „3,2 % zur Schmückung und Instandhaltung der Grabstätte der Guentherschen Eheleute.“ Dieser Satz stammte aus der Stiftungssatzung von 1922. Die Geithainer Kirche ist dieser Bestimmung auch nachgekommen bis zu ihrem Austritt aus der Stiftung im Jahre 1942. Leider ist das Grabmal der Guenther-Eltern in den nach 1942 formulierten Stiftungssatzungen – ob bewusst oder unbewusst – nicht aufgenommen worden. Diese Tatsache wurde den Verantwortlichen von Stadt, Kirche und Schule erstmals 2001 bewusst, als eine aufwendige Reparatur des Grabmals notwendig und 2005 abgeschlossen werden konnte.
Bild 31: Grabmal auf dem Geithainer Friedhof, von Guenther 1919 zu Ehren seiner Eltern errichtet, restauriert im Jahr 2005
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