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Gottfried Senf/John U. Sommer

BRIEFGESCHICHTE(N)

Briefwechsel zwischen John U. Sommer, Kanada, und Gottfried Senf, Geithainer Heimatverein e.V.

1990 bis 2012

Teil 2

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2017) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte bei John U. Sommer und Dr. Gottfried Senf

Alle im Buch verwendeten Bilder stammen aus den Privatarchiven der beiden Verfasser.

Anschriften der Verfasser:

John U. Sommer, Gallery House Sol, 45 Charles Str.,

Georgetown, Ontario, Canada

Dr. Gottfried Senf, Robert- Koch- Str.21, 04643 Geithain,

senfg@aol.com

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

13. Januar 1998

12. Februar 1998

24. Oktober 1998

08. November 1998

14. Januar 1999

02. Februar 1999

26. Mai 1999

17. Juni 1999

01. November 1999

10. Januar 2000

06. Februar 2000

25. Februar 2000

14. März 2000

04. Mai 2000

30. Juni 2000

12. August 2000

15. September 2000

18. Februar 2001

2. April 2001

11. Oktober 2001

23. November 2001

18. Februar 2002

14. Juni 2002

15. August 2002

30. Oktober 2002

11. November 2002

18. Februar 2003

30. März 2003

26. April 2003

10. Juni 2003

12. August 2003

30. August 2003

2. November 2003

28. November 2003

14. Januar 2004

15. Februar 2004

28. Februar 2004

20. Juli 2004

12. Dezember 2004

18. Januar 2005

4. April 2005

12. Mai 2005

12. August 2005

24. September 2005

16. Dezember 2005

28. März 2006

4. Mai 2006

12. August 2006

4. Oktober 2006

2. Dezember 2006

8. Juli 2007

2. November 2007

Beilage 2: Weihnachtsbrief des GHVe.V.-Vorstandes, 2007

Beilage 3

2. Januar 2008

22. Januar 2008

18. Mai 2009

10. Dezember 2009

11. April 2010

1. August 2010

28. November 2010

5. Januar 2011

22. April 2011

8. August 2011

10. Dezember 2011

14. Juli 2012

3. August 2012

30. November 2012

Nachwort

Unser besonderer Dank gilt

Bisher sind zur Zeitgeschichte der Geithainer Region erschienen

Vorwort

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

nun liegt Ihnen der zweite Teil der „Briefgeschichte(n)“ vor. Der Entschluss, auch die Briefe aus den Jahren 1999 bis 2012 zu veröffentlichen, resultierte hauptsächlich aus der Reaktion vieler Leserinnen und Leser auf den ersten Teil (Briefe von 1990 bis 1998). In Briefen, E-Mails, Telefonaten und vielen spontanen Gesprächen - in der Stadt, beim Einkaufen oder im Wartezimmer Geithainer Ärzte - erfuhr ich fast durchweg zustimmende Lesermeinungen. Offenbar war es so, wie auch bei meinen anderen Geithain-Büchern, dass das Buch oft an Freunde, Verwandte und Bekannte, die einstmals in Geithain lebten, verschickt wurde. Erfreulich ist das zunehmende Interesse an stadtgeschichtlichen Dingen bei der mittleren Altersgeneration. Die zwei Jahrzehnte von 1990 bis 2010 waren mit Ereignissen, Erlebnissen und neuen Erfahrungen mehr als dicht besetzt. Die heute „Ab 55jährigen“ finden offenbar jetzt Zeit zum Rückschauen auf diese bewegten Jahre, auf die Zeit, als der berufliche Alltag sie noch voll in Anspruch nahm. Zur Leserschaft zählen, natürlich in geringerem Maße, auch Personen ohne unmittelbare Beziehungen zur Geithainer Region und ihrer Geschichte. Dr. Schubert (TU Chemnitz) schreibt beispielsweise: „Es ist in so vielerlei Hinsicht ein interessantes Buch. Einerseits sind es die vielen zeithistorischen Aspekte, andererseits ist es das Persönliche und Emotionale. Wie schön, dass diese Briefpartner zueinander gefunden und ihre Brieffreundschaft mit bewundernswerter Ausdauer gepflegt haben. … Mit Herrn Sommer haben Sie nicht nur ein kluges und verständnisvolles Gegenüber, ich bin besonders von seiner Neugier und seinem ungebrochenen Interesse an Deutschland fasziniert. Bringen Sie den zweiten Band, unbedingt!“

Auch dieser zweite Teil des Briefwechsels geht oft über städtische und regionale Bereiche hinaus. Der Meinungsaustausch berührt nicht selten jeweils aktuelle weltpolitische Themen und begründet damit die Aussage, die Briefe stellten eine Art Zeitdokument dar. Beim Lesen der damaligen Meinungen und Kommentare der Briefpartner zu Ereignissen wie den Terroranschlägen vom 11. September 2001 oder dem dritten Golfkrieg 2003, zur Entwicklung der Verhältnisse zwischen dem „Reichen Norden“ und dem „Armen Süden“ zwängen sich Parallelen zur Gegenwart geradezu auf. Das Ursachenspektrum für die gegenwärtigen Weltprobleme (u. a. Flüchtlinge, Umwelt) enthält mit Sicherheit auch weit zurückliegende Fakten, Entscheidungen und Prozesse! Das Ausmaß und die Härte waren nicht vorhersehbar, die Grundproblematik kommt aber keineswegs „aus heiterem Himmel“!

Es bleiben noch einige redaktionelle Bemerkungen. Das im Band 1 gewählte Maß der Veröffentlichung rein persönlicher Dinge (Familie, Reisen, Krankheiten, Tod) ist beibehalten worden. Eine Frage der Abwägung waren etwaige Wiederholungen in den originalen Briefen. Überwiegend Zustimmung fand die Entscheidung, die natürlich sich sehr ähnelnden Anrede- und Abschlussformulierungen in den Briefen nicht wegzulassen. Inhaltliche Wiederholungen rigoros aus den Originalbriefen zu streichen, barg ebenfalls die Gefahr einer Art „Verstümmelung“. Zwei Anmerkungen erscheinen uns abermals wichtig. Wie im Vorwort zum ersten Teil gilt:

-Der Briefwechsel stellt in großen Teilen einen Austausch von Meinungen dar, Meinungen der Briefpartner zum Zeitpunkt des Schreibens!

-Namensnennung erfolgt bei Personen des öffentlichen Lebens (Bürgermeister, Stadt- und Kreisräte, Schulleiter, Pfarrer u.a.). In allen anderen Fällen werden Kürzel statt der Personennamen angegeben.

Wir wünschen allen Leserinnen und Lesern Entspannung sowie Anregungen zum eigenen Erinnern und Nachdenken.

Geithain/ Sachsen und Georgetown/Kanada

Dezember 2015

Gottfried Senf/John U. Sommer

13. Januar 1998

Lieber Gottfried, Dein langer Brief vom Neujahrstag kam schon am 12. Januar hier an. Wir bedanken uns sehr für diesen, wie immer ungeheuer anschaulichen Brief. Doch erst einmal wünschen wir Deinem Schwager baldige Besserung. Man soll da die Hoffnung nicht aufgeben, denn es ist doch erstaunlich, mit welchen Heilungen die Ärzte heute aufwarten können.

Ich bin dabei, eine kurze Geschichte unseres Hofes und unserer Familie zu verfassen, doch will ich Dir schnell antworten auf einige Dinge, die Du zur Sprache bringst oder die in den beigelegten Bodenreformpapieren erwähnt werden.

- Zu den Bewohnern des Terrains „Sommerhof“ nach dem Geithainer Adressbuch von 1925: „Hainich, Arthur, Verwalter, Rätzer, Alfred, Schweizer (Melker), Sommer, Kurt, Gutsverwalter, Stein, Hermann, Landwirt, Wüstner, Paul, Kutscher“. Herr Stein, ein gelernter Landwirt, war damals bei uns untergekommen. Wenn ich mich recht erinnere war er der „Bursche“ meines Vaters aus dem 1. Weltkrieg. Offiziere hatten „Burschen“, Soldaten, die ihnen die Uniform und Waffen in Ordnung hielten. Herr Stein erkrankte in noch jungen Jahren an Asthma und war ein Invalide für den Rest seines Lebens. Ich erinnere mich an ihn, ein geduldiger Mensch, der immer nach Luft rang und sich kaum bewegen konnte. Damals gab es keine Mittel für diese Krankheit. Er hatte eine Frau und einen Sohn, der etwa 5 oder 6 Jahre jünger als ich war. Sie lebten in einer unserer Wohnungen. Frau Stein war eine tüchtige Frau. Sie arbeitete auf dem Hof und an Waschtagen im Haus. Ihr Mann hatte eine Rente. Was wohl aus dem Jungen geworden ist? Herr Wüstner ist natürlich unser späterer Hofmeister, eine Seele von einem Menschen, durch und durch anständig. Alfred Rätzer, den Schweizer, habe ich nicht gekannt. In den späten dreißiger Jahren war Herr Uhlmann unser Schweizer, der Vater von Frau Anneliese Weissinger, die in Geithain wohnt und uns mit ihrem Mann Klaus im August d. J. hier besucht hat. Ja, der Sommerhof entstand aus zwei Bauernhöfen, dem der Familie Bauch und dem der Familie Götze. Der Letztere steht noch, halbwegs zwischen dem Sommerhof und der Tautenhainer Straße.

- Die Broschüre von Paul Hammer zur Geschichte der Geithainer Schule habe ich gelesen und ich schicke sie demnächst mit Bemerkungen zurück.

- Die sächsischen Herrscher von August dem Starken an (wenn ich mich nicht irre): August der Starke, Kurfürst von Sachsen, König von Polen/August III, Kurfürst von Sachsen, König von Polen/ Friedrich August I, König von Sachsen, von Napoleons Gnaden und Großherzog von Warschau, Anton I, König von Sachsen/ Friedrich August II, König von Sachsen/ Johann I, König von Sachsen, bedeutender Dante-Übersetzer/ Albert, König von Sachsen/ Georg, König von Sachsen – beide sind Söhne von Johann Friedrich August III, König von Sachsen. Er dankte, wie alle deutschen Fürsten, 1918 ab. Mein Großvater Ferdinand Sommer war ein „natürlicher Sohn“ (ein besseres Wort für „unehelich“) von Albert, der mit seiner Frau, einer Prinzessin aus dem Hause Wasa, keine Kinder hatte. Mein Großvater(s. Bild 1) war intelligent und ruhelos, aller paar Jahre tat er etwas anderes. Vor 1900 hatte er ein Hotel in Joketa, das „Hotel zur vogtländischen Schweiz“, er baute es aus und machte aus Joketa einen Luftkurort. Er war Ehrenbürger von Joketa und eine Straße ist heute noch nach ihm benannt. Um die Jahrhundertwende kaufte er Rittergut Lauterbach bei Oelsnitz. 1912 oder 1913 zog er nach Leipzig und im ersten Weltkrieg nach Geithain. Sie wohnten in der Villa am Bahnhof, die später der Zahnarzt Dr. Waurick kaufte. 1929 zogen meine Großeltern zurück in ihre Villa in Joketa. Er starb 1931 und meine Großmutter 1937. Er wollte, dass seine 3 Söhne Offiziere würden. Einer wurde General. Paul, der Jüngste, war Kampfflieger in der Richthofen-Staffel. Mein Vater Kurt wollte zunächst Landwirt werden und wurde auf der Landwirtschaftlichen Schule in Döbeln ausgebildet. 1904 meldete er sich freiwillig zur Schutztruppe in Süd-West-Afrika. Er war dort acht Jahre. 1912 kam er, an Malaria leidend, nach Deutschland zurück. 1914 meldete er sich bei Kriegsbeginn in Borna beim Karabiner-Regiment. Er war als Offizier in Kurland und Ungarn. 1919 traf er meine Mutter in Leipzig.

- In Verbindung mit den Bodenreformbeilagen: der Sommerhof, 68 ha groß, lag damit unter der Grenze (100ha) der zu enteignenden Güter. Wie ich in meinen Erinnerungen zum Jahr 1945 geschrieben habe, hatten wir der Kommandantur (etwa 40 Soldaten und mindestens 10 Offiziere der sowjetischen Armee) in der Bahnhofstraße Lebensmittel zu liefern. Die Soldaten schliefen im Festsaal bzw. der Aula der ehemaligen Schule und des späteren Rates des Kreises. Die Offiziere hatten Privatunterkünfte. Auf dem Sommerhof war ein junger Soldat einquartiert, der die Lebensmittellieferungen zur Kommandantur überwachte. Im September ging es los mit der Enteignung. Wir, meine Mutter und ich, bekamen am 22. Oktober den Befehl, das Haus innerhalb von 24 Stunden zu verlassen. Mein Vater war schon seit August in Bautzen inhaftiert. (s. Bild 11)

- Zum Rittergut in Ottenhain: Dieses Gut, sowie Rittergut Strellen bei Halle, war im Besitz der Familie Kopp. Herr Anger heiratete, so etwa um 1908 herum, die einzige Kopp-Tochter Gertrud. Sie hatten 4 Kinder: Konstantin, der als Offizier im 2. Weltkrieg gefallen ist. Adolf, der etwa vor 6 Jahren in der Nähe von Köln gestorben ist. Christa, die Rolf Schellenberg heiratete und Gut Ottenhain in die Ehe brachte. Adolf hatte Rittergut Strellen bekommen. Charlotte heiratete im November 1946 Andreas Wallmen. „Bauer“ waren die Kopps, Angers, Schellenbergs nicht. Die Schellenbergs bewirtschafteten ein Gut mit einem herrlichen Wasserschloss in der Nähe von Altenburg. Das waren wohlhabende Leute, sehr tüchtig als Landwirte, mit vielen Dienstboten und einem glücklichen Familienleben. Bei Angers in Ottenhain lief alles wie am Schnürchen, und, ja, sie waren sehr beliebt bei ihren Leuten, was den Kommunisten natürlich gar nicht recht war. Christa und Rolf Schellenberg hatten 9 Kinder. Sie leben in Hamburg und Spanien. Adolf und seine Frau hatten 5 Kinder, beide waren vorher verheiratet mit je einem Kind, 3 kamen in ihrer zweiten Ehe. Charlotte hat keine Kinder.

- Die Enteignung wurde natürlich auf Befehl Stalins vorangetrieben. Eine „Reform“ im wirklichen Sinne war das nicht. Es war der Anfang einer großen und fortschreitenden Ent-Demokratisierung. Es gab ja gar keine „Junker“ in Sachsen. Das ist ein preußischer Begriff. Und so riesig waren die Güter auch nicht, 29 Hektar in Ottenhain! Doch musste man sich natürlich irgendwie mit der Nazivergangenheit auseinandersetzen. In der russischen Zone tat man es auf diese Weise.

Alles erdenkliche Gute wünschen wir Euch, lieber Gottfried und liebe Karin. Bald mehr von John & Gisela

12. Februar 1998

Lieber Gottfried, mit gleicher Post geht die Broschüre von Herrn Hammer an Dich zurück. Ich habe mit Bleistift meine Bemerkungen hineingeschrieben. Hoffentlich stören die nicht. Wenn ja, dann radiere sie heraus. Beiliegend auch einige Laserkopien von winzigen alten Photographien. Möglicherweise sind die von Interesse für den Heimatverein.

Wie geht es im schönen Geithain? Herr Diederichs schickte mir einen wunderbaren Kalender mit Farbfotos aus dem Kohrener Land. Es wurde mir übrigens beim Lesen von Hammers Bericht bewusst, dass ich mir bei meinen bisherigen Besuchen nie die Schule in Geithain-West angesehen habe. Vielleicht klappt das doch einmal.

Die herzlichsten Grüße und besten Wünsche Dir und Karin von John & Gisela

24. Oktober 1998

Lieber Gottfried, liebe Karin, ich möchte mich einmal herzlich bedanken für Deine Artikel im Sachsen-Telegraph. Herbert Straßburger schickte mir No. 1, 2, 4, 5 und 6, und ich habe die mit großem Vergnügen gelesen. Gottfried, Du hast die Artikel aus allem, was ich Dir geschickt habe, sehr hübsch zusammengestellt. Nur No. 3 habe ich nicht bekommen. Könnte ich davon bitte eine Kopie haben? Sind denn die Leute an diesen alten Geschichten interessiert? Es gibt doch sicherlich kaum noch jemand in Geithain, der sich an die Zeit vor dem Kriege erinnern kann. Auch wenn sich keiner daran erfreuen sollte, mir haben sie große Freude gemacht. Für einen Augenblick nahm es mir den Atem, diese alten Photos von meinem Bruder, dem Vetter Amadeus und Gottfried Wüstner in einem Zeitungsartikel zu sehen. Alle drei Jungs verloren ihr Leben im Kriege!

Nach einem sehr heißen Sommer haben wir nun einen herrlichen Herbst. Die Welt strahlt von diesen vielen orangefarbenen Ahornblättern. In zwei Monaten ist Weihnachten. Bis dahin wünschen wir alles Gute und Schöne. Was gibt es Neues in Geithain? Kam meine Reisebeschreibung an?

Lasst Euch umarmen

von Ulrich & Gisela

08. November 1998

Lieber Gottfried, die Wahlergebnisse in Deutschland verleiten mich dazu, noch einmal über die Ereignisse der letzten 9 Jahre nachzudenken. Man nennt Kohl zu Recht den „Architekten der Wiedervereinigung“, doch andererseits ist es sicher nicht falsch, wenn man in ihm den mit allen Wassern gewaschenen Politiker sieht, der sich den Wind zu Nutze machte, der ihm in den Rücken blies („Wir sind ein Volk!“). Möglicherweise wäre es besser für Ost-Deutschland gewesen, wenn das Zusammenkommen ein Jahr später stattgefunden hätte, nachdem sich die Ost-Deutschen eine demokratische Nachfolgeregierung gewählt hätten, die mit Bonn ebenbürtig hätte verhandeln können. Denn wir wissen es jetzt: Bonn hatte keinerlei Pläne ausgearbeitet für eine eines Tages kommende Wiedervereinigung und was da schnell und sozusagen aus dem Stegreif zusammengenagelt wurde, verdient den Namen „Architektur“ nicht. Die Wiedervereinigung war eine Vereinnahmung und die starke westdeutsche Wirtschaft diktierte mehr oder weniger die Richtung, in der marschiert wurde. Noch schlimmer ist es, dass viele West-Deutsche keinen Respekt oder Sympathie für die Ost-Deutschen haben. Die bösartigste Bemerkung, die mir begegnet ist, ist diese: DDR – Der Doofe Rest. Mit einiger Berechtigung jedoch gilt diese Bezeichnung für die „Eliten“, die Ost-Deutschland 40 Jahre lang regierten. Ursprünglich überlebten diese den Stalin-Terror in Russland, entweder weil sie zu blöde waren, um Stalin gefährlich zu werden, oder weil sie sich dazu hergaben, ihre Kameraden zu denunzieren. Dann wurden sie von der Siegermacht als Regierende eingesetzt und bekämpften das eigene Volk 40 Jahre lang, ohne etwas dazuzulernen. Solchen Leuten kann man nicht helfen. Die waren längst überfällig, als sie in diesem Moment vor 9 Jahren von Euch entmachtet wurden. Das sollen Euch die West-Deutschen erst mal nachmachen.

Leider habt ihr dann den „Modrows“ zu sehr vertraut. Das Heft hättet ihr nicht so schnell wieder aus der Hand geben sollen. Hinterher ist man klüger, und überhaupt musst Du mir diese Betrachtungen eines „Ausländers“ nicht übel nehmen. Bitte korrigiere mich, wenn ich falsch liege. Ich habe in den vergangenen Tagen noch einmal das dicke Buch durchstudiert, das Du uns vor zwei Jahren geschenkt hattest: „Burgen, Schlösser, Gutshäuser in Sachsen“. Hast Du das Buch selbst? Es ist ein erschütterndes Buch. Es war mir beim ersten Lesen gar nicht so bewusst wie diesmal, wie diese vertriebenen, ehemalig sächsischen Familien sich danach sehnten, wieder in ihre Heimat zurückzukehren, um beim Aufbau der Wirtschaft zu helfen. Ich hatte nie diesen Wunsch. Für mich ist das unvergesslich, wie wir im Herbst 45 zu Volksfeinden abgestempelt wurden und wie viele unserer früheren Nachbarn (um die eigene Haut zu retten) sich gegen uns stellten. Da wurde es mir bewusst, wie es den deutschen Juden zumute gewesen sein musste, als sich ihr Heimatland gegen sie wendete und kaum einer ihnen zu Hilfe kam. Natürlich wollte ich mir Geithain und den Sommerhof ansehen, weshalb wir im Mai 1990 in Geithain waren, aber dort bleiben? Nie und nimmer. Ohne Deinen Brief damals, im Herbst 90, wäre ich nie wieder nach Geithain gekommen. Aber dann wollte ich Dich kennenlernen, so kamen wir wieder, und unterdessen denke ich an Geithain und seine Menschen ohne Bitterkeit. Ihr habt so viel verloren, wir waren nur die Ersten, denen die Kommunisten an den Kragen gingen, aber dann kamen andere Teile der Bevölkerung, und schließlich (1953) wurden auch die Arbeiter zu Feinden erklärt, denen man nicht trauen konnte! Wozu brauchte man diese Mengen von Stasi-Informanten? Mir wurde bewusst, dass es unwürdig wäre, wenn ich mich für immer beklagen wollte. Die, die uns damals ausstießen, sind ja nun auch alt oder schon längst tot. Wenn ich schreibe, dass ihr viel verloren habt, so meine ich damit das, was in vielen Jahrhunderten gewachsen war, die Land- und Stadtbevölkerung verschiedenster Stände, die Struktur der Landwirtschaft und Landschaft. Besonders die Landschaft hat viel von ihrer Schönheit verloren. Da gab es einmal Hecken und kleine Gehölze und ein farbiges Mosaik von Feldern unterschiedlichster Größe, wo jetzt die riesigen Ackerflächen sich strecken, ununterbrochen bis zum Horizont. Übrigens fühle ich mich auch nicht in West-Deutschland als „zu Hause“. Deutschland ist Reiseland. Zu Hause bin ich hier in Kanada.

Dir und Karin wünschen wir eine frohe Vor-Weihnachtszeit. Bei euch treten die Flüsse über die Ufer und hier ist es so trocken wie noch nie. Seit Mai hat es kaum geregnet.

Mit herzlichen Grüßen, von John & Gisela

14. Januar 1999

Lieber Gottfried, liebe Karin,

herzlich bedanken wir uns für die Grüße zum Jahreswechsel auf der Ansichtskarte aus Teneriffa. Hier haben wir unterdessen einen halben Meter Schnee und weitere 20 Zentimeter sind uns angekündigt worden. So eine Stadt wie Toronto kommt durch diese Schneemassen fast zum Stillstand, aber hier in Georgetown ist es, für Leute wie uns, die nicht zur Arbeit gehen müssen, eigentlich ganz gemütlich. Wir sitzen am Kamin und lesen uns durch Berge von Büchern hindurch. Eines der Bücher waren die Erinnerungen des „Man without a Face“ (so ist das Buch im Englischen betitelt) von Markus Wolf. Die Welt der Spione, die einer gewissen Komik nicht entbehrt! Wie sich da die verschiedenen Länder, mittels ihrer Meisterspione, gegenseitig über´s Ohr hauen, reizt zum Lachen. Hervorragend ist der erste Band einer neuen Hitler-Biografie des englischen Historikers Ian Kershaw. Der Band beschreibt das Leben dieses schrecklichen Menschen von 1889 – 1936. Ein 2. Band soll folgen. Diese Lektüre brachte mich wieder einmal zu den Briefen meines Bruders, von denen ich Kopien einiger Seiten beilege. Man merkt denen natürlich an, dass sie von einem noch nicht 20jährigen geschrieben wurden. Den schmalzigen Leander-Film „Es war eine berauschende Ballnacht“ findet er großartig, der „totale Krieg“ kann selbstverständlich nur „siegreich“ enden, usw. usw. Man vermisst, aus heutiger Sicht, die Skepsis. Vielleicht interessieren Euch diese Beschreibungen aus dem Herbst 1939. Wäre das Archiv des Heimatvereins an Kopien dieser Briefe interessiert? Es sind 123 Schreibmaschinenseiten plus 19 Seiten Fußnoten von mir.

Herbert Strassburger schickte mir die letzten Fortsetzungen Deiner „Sommerhof“-Artikel. Wir danken dir für Deine Mühe. Was gibt es sonst an Neuigkeiten? Ist eine weitere Nordamerikareise eingeplant? Gute Wünsche und herzliche Grüße von John und Gisela

02. Februar 1999

Lieber Gottfried, liebe Karin, heute kam der große Umschlag (mit Brief, Zeitungsausschnitten, Prora-Broschüre etc.), der also genau 3 Monate unterwegs war, am 1.11.98 geschrieben, am 2.11. abgestempelt. Eine beachtliche Leistung der modernen Post. Der Umschlag hat natürlich irgendwo herumgelegen. In 10 Jahren gibt es diese Art der Postbeförderung möglicherweise gar nicht mehr. Man merkt schon jetzt, dass die Post an diesen Sendungen wenig interessiert ist. Trotzdem herzlichsten Dank. Wir freuen uns sehr, besonders über den langen Brief.

Du schreibst “dass die Zeit für die Aufarbeitung der DDR-Geschichte erst noch kommen wird“. So war das auch nach 1945 in West-Deutschland. Mit den Alten konnte man über die Nazizeit nicht reden, sie wollten diese Jahre vergessen, weil sie selbst mitgespielt hatten oder ihnen in dieser Zeit übel mitgespielt wurde. Das ist auch durchaus menschlich. Die, die bei den Nazis oder den Kommunisten (in der DDR) in diesen Weltanschauungen ein Ideal gefunden hatten, standen nun vor den Trümmern ihres Lebens. Die Enttäuschung machte sie stumm oder bockbeinig. Und die, die ahnten, wohin diese Ideologien führen würden (in das Verbrechen und die Zerstörung der Gesellschaft), und deshalb von Anfang an abseits standen und nicht mitmachten, die waren im Grunde zu vornehm, um nun, da alles so gekommen war, wie sie es vorausgesagt hatten, es ständig den „Ideologen“ vorzuwerfen und sie anzuklagen. Eigentlich fing es mit dem „Aufarbeiten der Nazizeit“ erst in den 1960er Jahren an, und die, die „aufarbeiteten“, waren Leute, die nach 1935 zur Welt kamen und die Hitlerzeit hauptsächlich aus Dokumenten kannten. Selbst für meine Generation ist die Nazizeit ein heißes Eisen. Wir haben deutsche Freunde hier, in meinem Alter, wenn wir die treffen und die Sprache kommt auf die Nazizeit, dann dauert es nicht lange bis jemand ins „Fettnäpfchen“ tritt, also etwas sagt, was beweist, dass er noch immer dieser längst vergangenen Zeit verhaftet ist. Wie das so schön witzig Maxim Biller in beigelegter Kolumne beschreibt. Und vielleicht bin ja auch ich von dieser Zeit geprägt und nicht so frei, wie ich mir das einbilde. Es hilft natürlich, dass ich seit über 40 Jahren in Kanada gelebt habe. Da habe ich mir angewöhnt, nicht so schnell zu urteilen und zu verurteilen. Deshalb bin ich so gegen die Veröffentlichung der Stasiakten. Nur wirkliche Verbrechen hätte man mit Hilfe dieser Akten bearbeiten sollen. Aber all diese Treuebrüche und Spitzeleien, dieser unsagbare Klatsch, der Neid, das Kämpfen um kleine Vorteile, all das hätte man vergraben sollen. Nun vergiftet es das Leben von Menschen, die unter den Dienern Moskaus nun wirklich kein Zuckerbrot zu essen hatten.

Zu unserer „Verbannung“ auf die Insel Rügen. Ja, Prora stand im Herbst 1945 im Rohbau fertig da. Es war schon toll, allein die Ausdehnung der Anlage. Vier Kilometer entlang der Biegung des Strandes. Dazu musst Du Dir Herbstwetter vorstellen. Der Wind wehte und die Wellen der Ostsee machten einen Heidenlärm. Schon war Sand in die Gebäude geweht worden. Die Berge von Badewannen und Klobecken warteten darauf, installiert zu werden. In meiner Erinnerung wurde diese Riesenruine zum Zeichen des Größenwahns der Hitlerzeit, dieser unsäglich brutalen Angeberei. (s. Bild 12) Werde ich noch einmal nach Rügen kommen? Es ist sicherlich besser, nicht an diesen Ort zurückzukehren. Auch vor Dresden scheue ich zurück. Es war eine so völlig einmalige Stadt vor der Zerstörung. Soll man sich diese Erinnerungen durch das neue Dresden verderben?

Zum Regierungsumzug von Bonn nach Berlin: Ich glaube schon, dass Bonn die sogenannte Demokratie in Deutschland heimisch gemacht hat. Bonn hatte etwas angenehm Bescheidenes, das hoffentlich den Umzug nach Berlin überlebt. Aber nun ist ja Deutschland in die europäische Gemeinschaft eingebettet, und wenn erst einmal Ost-Europa auch noch eingegliedert worden ist, dann kommt hoffentlich Europa zur Ruhe.

Dass sich bei Euch viele nach „der guten alten Zeit“ sehnen, ist verständlich. Im Augenblick kann einem der fast unkontrollierte Kapitalismus schon Angst machen. Die Reichen, und damit Mächtigen, müssen lernen, dass die Welt nicht nur für sie da ist, sondern für uns alle. Ein System, dass nur auf Ausbeutung beruht, kann nicht von Dauer sein und trägt den Keim der Zerstörung mit sich herum.

„Die Zeit“: Es gibt leider seit einem Jahr keine nordamerikanische Ausgabe mehr und die deutsche Ausgabe kostet jetzt statt $ 80 schon fast $ 400 im Jahr! Das wollte ich natürlich nicht ausgeben. Doch schenkte mir ein lieber Freund „Die Zeit“ für ein Jahr. Seit Weihnachten erscheint sie hier im Haus jede Woche. Nun bin ich also wieder so einigermaßen über Deutschland informiert. Nach wie vor ist „Die Zeit“ Spitze. Wie da nach allen Seiten debattiert wird! Weniger schön finde ich, dass man Honecker zu Reklamezwecken in der Beilage „Zeit Magazin“ benutzt. Doch ist dieses Photo des ehemaligen DDR–Chefs interessant. Diese zweifelnden Augen. Zweifelt er an seiner Macht? War er sich seiner totalen Abhängigkeit von Russland bewusst? Eigentlich wirkt er sympathisch, wie ein Oberlehrer oder Bankdirektor in einer mittelgroßen Stadt. Von Brutalität keine Spur. Wie intelligent war er? Warum stellte er sich nicht, spätestens in den achtziger Jahren, an die Spitze einer reformierten DDR, die sich der Welt öffnete? Warum glitt ihm das Heft aus der Hand? Möglicherweise misstraute er dem Volk, das er anführte. Warum sonst diese tolle Bespitzelung praktisch aller durch die STASI? Ein Rätsel! Man würde sich gern einmal mit ihm unterhalten und ihm diese Fragen stellen. Leider ist es dazu zu spät. Der Mann ist nicht mehr am Leben. Diese Erinnerungen wären interessant gewesen.

Wie schön, dass Ihr nun bald im Ruhestand seid. Dann müsst Ihr noch einmal nach Nordamerika kommen. Ende April werden wir für drei Wochen nach England reisen. Wir hoffen, auch Virginia wieder zu sehen. Für den Rest des Jahres bleiben wir zu Hause. Wir bedanken uns sehr und wünschen Euch alles Gute und Schöne. Schreibt bald einmal wieder. Alles Neue aus Geithain und Sachsen interessiert mich.

Herzlichst John und Gisela

Geithain, 07.03.99

Liebe Gisela, lieber John, nun muss es aber nach langer Zeit wieder einmal einen Brief aus Geithain geben. Inzwischen sind schon einige Briefe von Dir hier eingetroffen. Ich werde diesen Brief per Luftpost senden, damit er nicht wieder so lange wie mein letzter unterwegs ist. Ab nächster Woche habe ich meinen neuen Computer und könnte auch eine E-Mail senden. Bisher nutzte ich immer die Möglichkeit in der Schule, um mit meinen Radfreunden von den Irland-Touren in Kontakt zu treten. Es ist schon faszinierend, wenn man so in einer Freistunde schnell ein paar Zeilen auf dem Computer schreibt, dann kurz auf "Senden" klickt und ab geht es nach Los Angeles oder wohin auch in der Welt. Wenn der Adressat in seiner mailbox rechtzeitig nachschaut, kann man in einer Stunde schon wieder Antwort erhalten. Das alles kostet ein paar Pfennige! Voriges Jahr waren in der Irland-Truppe vorwiegend Radfans aus den USA und alle gaben mir ihre E-Mail- Adresse.

Nun aber erst einmal vielen Dank für Deine Briefe bzw. Päckchen mit den Briefen. Einen Teil der Briefe Deines Bruders hatte ich ja schon damals bei Euch, so vor dem Schlafen, gelesen. Nun noch einmal, und die Wirkung ist die gleiche wie damals. Welche Gefühls- und Gedankenwelt offenbart sich! Wenn immer wieder gefragt wird, wie konnten die Deutschen der Naziideologie nur so lange und so gläubig folgen, dann helfen persönliche Briefe aus der damaligen Zeit mitunter mehr als hochwissenschaftliche historische Darstellungen, um Antworten zu finden. Die Briefe Deines Bruders und meines Schwiegervaters (gefallen 1941 vor Moskau) ähneln sich sehr. Meine Schwiegermutter gab mir alle Briefe kurz vor ihrem Tod. Der Schwiegervater war im Gegensatz zu Deinem Bruder (20 Jahre) ein gestandener Familienvater mit Frau und zwei kleinen Kindern, aber immer noch diese "Lust am Dienen", diese Freude "am straffen Dienst", diese Siegeszuversicht, die Selbstverständlichkeit und absolute Zweifelsfreiheit an allem, was geschah. Es ist kein Wunder, dass sich ganz normale Deutsche im Laufe der nächsten Kriegsjahre an heute unvorstellbaren Verbrechen beteiligt haben. Solche Briefe (ohne Namensnennung) in geeigneter Weise publik zu machen, wäre meiner Ansicht nach schon wichtig. Aber dann taucht stets die Frage auf, lesen es die, die es wirklich lesen sollten? Manche wollen nicht aus der Vergangenheit lernen und fühlen sich mit ihren Scheuklappen und dem Brett vor dem Kopf ganz wohl.

Gegenwärtig gibt es bei mir überhaupt keine Möglichkeit für geruhsames Lesen und Aufschreiben von Gedanken. Das zweite Halbjahr ab Februar ist in der Schule immer anstrengender als das erste. Nun bin ich dieses Jahr noch einmal mit fast allen Wochenstunden in den 12. Klassen eingesetzt und damit geht es von Woche zu Woche näher auf das Abitur zu. In den 10. Klassen bin ich für die Vorbereitung des Kurssystems der kommenden Schuljahre verantwortlich, das bedeutet auch viele Befragungen, Belegpläne, Gespräche mit Schülern und Elternversammlungen. Karins Fächer (Deutsch und Musik) erfordern einen ziemlich hohen Korrekturaufwand. Das ist bei mir zwar nicht der Fall, dafür kommen immer mehr Kinder und Jugendliche aus Verwandtschaft und Bekanntschaft, um Nachhilfe in Mathematik und Physik zu erhalten. Wenn es Frühling wird, gibt es draußen in Tautenhain auf den 2500 qm auch zu tun. Jetzt spüre ich deutlich meinen Muskelkater, denn gestern bin ich auf den Bäumen herumgeklettert und habe viel altes Astwerk herausgesägt. Das ist alles auch ganz schön und die Arbeit an frischer Luft tut gut - wenn aber die Zeit dafür nur „weggemaust“ wird, macht alles weniger Spaß. Der neue Computer - mit den vielen neuen Möglichkeiten des Internets, des Scanners, der E-mail - wird zunächst auch eine Menge Zeit der Einarbeitung beanspruchen. Andererseits sind diese vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten so faszinierend. Das gewöhnliche Fernsehen tritt immer mehr in den Hintergrund. Je mehr Programme ausgestrahlt werden, um so größer ist der Anteil an billigem Mist.

Dich interessiert immer wieder, wie sich in Deutschland bzw. in Sachsen alles entwickelt. Ich lege aus der heutigen Leipziger Volkszeitung etwas bei. Was allein im Norden von Leipzig mit dem neuen Flughafen, der Neuen Messe, an Straßen- und Eisenbahnbauten entstanden ist und laufend entsteht, ist beeindruckend nur einmal. Den Umbau des Hauptbahnhofes hast Du ja letztens mitbekommen. Aber auch in Geithain tut sich Vieles. Das Bürgerhaus, die frühere Filmbühne aus den 1950er Jahren, ist fertig. Gleiches gilt für eine ganz tolle, moderne Turnhalle in Geithain-West. Am Alten Rathaus wird tüchtig gearbeitet und sicher wird es nach Fertigstellung ein Schmuckstück für Geithain. Die Baracken gegenüber der Paul-Guenther-Schule sind längst verschwunden und auf dem Gelände sind fünf tadellose Häuser für Betreutes Wohnen entstanden. Elektro-Löffler in der Chemnitzer Straße hat sich gewaltig vergrößert: Kauf des Bauerngutes an der Ecke Bruchheimer/Dresdener Straße und Umbau zu Lager- und Produktionsräumen, Kauf der ehemaligen Fleischerei Irmscher mit dem Gelände bis hinunter zur Stadtmauer. In dem Gebäude ist ein großer Laden für Elektrobedarf und Haushaltsgeräte (vom Fön bis zu den größten Gefrierschränken und Waschautomaten in einer Riesenauswahl) entstanden. Überall wird gebaut, andererseits sind arbeitslose Bauarbeiter mit einem großen Prozentsatz vertreten und Meldungen über Konkurse von Baubetrieben findet man immer wieder in der Zeitung. Es ist mitunter irgendwie verwirrend. Alles schimpft - in letzter Zeit besonders die Bauern, die wegen Europa Einbußen erwarten - aber andererseits hat man den Eindruck, dass es vielen Leuten wirklich immer besser geht. Die Reiseagenturen verbuchten in der Wintersaison Maximalumsätze. Meine zwei jungen Physikkollegen an der Schule (26 und 32 Jahre alt) werden in diesem Jahr mit ihrem Hausbau fertig, eine andere junge Kollegin erzählt begeistert von ihrem Besuch der Internationalen Immobilienmesse in Chemnitz. Sie liebäugeln in der Tat mit einem "Haus in der Provence". ---- Das alles 10 Jahre nach dem Fall der Mauer!! --- Und dann noch so eine Seltsamkeit: Keiner will ernstlich wieder DDR-Verhältnisse, aber die PDS hat Zulauf! Ich bin mir zur Zeit wirklich nicht darüber klar, wer im gegenwärtigen SPD-Streit recht hat: Die einen wollen sie ausgrenzen und lehnen jegliche Koalitionen mit der PDS ab, die anderen erhoffen durch eine Regierungsbeteiligung (wie in Mecklenburg-Vorpommern) eine Zügelung der PDS, ein Nachlassen ihrer Anziehungskraft, wenn sie erst einmal in der Verantwortung steht.

Noch einmal zurück zu den alten Briefen Deines Bruders und meines Schwiegervaters. Vieles ist für uns heute nur schwer nachvollziehbar. Es ist schließlich alles vor über 50 Jahren geschehen. Für uns liegt die DDR- Zeit gerade mal 10 Jahre hinter uns. Ich frage mich heute auch manchmal, wieso man die geistige Einengung und die räumliche Einmauerung damals nicht stärker empfunden hat. Es will einem nicht mehr in den Kopf, dass beispielsweise ein Kontakt über Telefon, Post oder E-mail schon mit Menschen oder Institutionen in Westdeutschland schwer, mit Europa oder Amerika gänzlich ausgeschlossen war. An das Reisen dorthin gar nicht zu denken. Die Irlandtouren sind für mich immer wieder das Musterbeispiel. E-mail an Irish Cycling Safari in Dublin, Bezahlung über Credit-Card, Flugticket telefonisch reservieren, ein Reisebüro ist schon gar nicht mehr nötig. Oder unsere Reise mit dem Auto im Sommer nach Südfrankreich: Kenntnisnahme der vielen Anzeigen im Reiseteil der "Zeit", Anruf bei den französischen Adressen, Prospekte schicken lassen, auswählen - fertig. Oder der Umgang mit den Presseerzeugnissen, die Kunst des Auswählens, Herausfinden der für sich richtigen Zeitung, das Kennenlernen verschiedener Meinungen zu einer Sache - Du hast mich damals mit der "Zeit" sehr gut beraten! Ich möchte sie keinesfalls mehr missen und komme jetzt auch ganz gut mit ihrem Umfang zurecht. Inzwischen ist es dagegen in Kanada schwieriger geworden, "Die Zeit" zu erhalten, wie Du letztens schriebst?

Damit soll es aber für heute genug sein. Herzliche Grüße von Geithain nach Kanada! Eure Geithainer Karin und Gottfried

26. Mai 1999

Lieber Gottfried, ich las vor kurzem ein Essay von Günter Grass in der „Zeit“ mit dem Titel „Der lernende Lehrer“. Darin geht es auch um das „Prinzip Zweifel“: Ich vermisste es so in dem Bericht von Paul Hammer, des Leiters der Paul-Günther-Schule. Du hattest mir die Broschüre vor einiger Zeit geschickt. Nie in den vielen Jahren, in denen er die Schule leitete, sind ihm Zweifel aufgekommen über die Richtigkeit dessen, was die Schüler in seiner Schule lernten. Es war doch einiges schief gegangen mit dem Sozialismus in der DDR, sonst hätte man die Mauer nicht gebraucht. Grass zweifelt an den „Segnungen des Marktes“, er erhebt den Zweifel zum Prinzip, er meint, dass wir niemals uns sicher fühlen sollten über die Richtigkeit unseres Handelns. Und dann erwähnt er Hartmut von Hentig, dessen Bücher ich gern lesen würde: „Wir müssen uns entscheiden, damit fängt alle Pädagogik an. Wollen wir eine Homepage-Öffentlichkeit, in der jeder sich an jeden wendet und sich in die Folgenlosigkeit einübt, in das Nichtverantworten-Müssen dessen, was man in die Welt gesetzt hat? Wollen wir die ständige Beschleunigung, die fortgesetzte Entsinnlichung, die Preisgabe der Unmittelbarkeit, der multa statt multum? Wollen wir digitale Vernetzung mit immer mehr Unbekannten statt Verbindung und Auseinandersetzung mit denen, die uns angehen und die wir angehen? Wollen wir das Untergehen der Aufmerksamkeit im großen Geräusch und der ständigen Überblendung? Wollen wir die Zunahme von „Schein“, die Verdrängung der erfahrbaren Wirklichkeit durch die „virtuelle“, des Kostbaren und Widerständigen durch das Verfügbare und Geläufige.... Mit diesen weder rhetorischen noch ironischen Fragen sind nicht die neuen Medien angeklagt, sondern unsere Willenlosigkeit, unser Zauberlehrlingsübermut, unser Opportunismus und unsere in ihm gründende Unfähigkeit zu erziehen.“

Dieser Absatz beschreibt sehr gut, dass wir uns nicht in jedes neue technische Abenteuer stürzen müssen. Keiner kann mich davon überzeugen, dass schneller und schneller, mehr und mehr, lauter und lauter auch besser und besser ist. Vielleicht findest Du die Zeit, mit mir über dieses als „Lehrer“ ins Gespräch zu kommen.

Zu dem Bild (s. Bild 8 und 9) von uns, aufgenommen vor fast 40 Jahren: Du weißt, dass wir 1954 nach Kanada ausgewandert sind. Im Herbst 1959 erhielten wir die Kanadische Staatsbürgerschaft. Wir wohnten damals auf einem Gut in der Nähe von Richmond Hill, nördlich von Toronto. Eine Dame kam von der Lokalzeitung, um uns zu gratulieren und zu „interviewen“. Sie machte diese Aufnahme in unserem damaligen Wohnzimmer und schrieb einen langen Artikel mit unserer Geschichte.

Für heute sei das genug. Wir wünschen Euch alles erdenkliche Gute und Schöne. Greetings and much love, from John & Gisela

Geithain, 04.06.99

Lieber John, herzlichen Dank für Deine Briefe mit den Fotos. Ich habe alles erhalten und stehe wieder einmal in Deiner Schuld. Mein letzter Brief, ich sehe ihn hier auf dem Computer vor mir, war Anfang März! Ich hoffe, Du hast unsere Karte von Teneriffa sowie inzwischen auch die von England (Partnerschule in Eastbourne) erhalten. Seit Sonnabend bin ich zurück und es gab, Gott sei Dank, keine Unfälle oder andere besondere Vorkommnisse mit unseren 30 Schülern. Es war ziemlich anstrengend, andererseits aber auch überaus interessant. Die zwei Exkursionen nach London, dann je eine nach Brighton und Hevercastle (das Schloss der Astors, den Gründern der Waldorf-Astoria-Hotels) boten eine Menge an Sehenswürdigkeiten. Das eigentlich Neue aber für mich war das Kennenlernen des englischen Schulalltags: die Kinder sind von 9 Uhr am Morgen bis abends 18 Uhr, zweimal in der Woche sogar bis 19.30 Uhr, in der Schule. Auf den Sportplätzen herrschte ununterbrochen Betrieb und immer spielten welche Kricket, Basket- oder Volleyball! Neben Sport gab es eine schier unübersehbare Zahl von anderen "activities", vom Kochen über künstlerisch-musische Arbeitsgemeinschaften bis zu Computerübungen war alles vertreten und die Ergebnisse konnte man im Schulhaus an Bildern, Berichten und Ausstellungen in Ruhe betrachten. Insgesamt eine gute Atmosphäre und ein entspanntes Verhältnis der Schüler untereinander bzw. zwischen Lehrern und Schülern. Ich habe mir viel Informationsmaterial beschafft und werde in der Schule meines Enkels in Erfurt etwas Reklame machen. Ich glaube, die 14 Tage waren für unsere Peniger Schüler ganz wichtig und es hat ihnen, nach kurzer Eingewöhnungszeit, auch gut gefallen. Die St. Bedes-School in Eastbourne beherbergt das ganze Jahr über für jeweils 14 Tage Schüler aus sächsischen Gymnasien. Vielleicht klappt es noch einmal, dass ich, zwar nicht als aktiver Lehrer, aber als Rentner-Opa eine Erfurter Klasse begleiten kann. Eastbourne ist ja auch ein sehr beliebtes Seebad in England. Ein englischer Kollege lieh mir sein Fahrrad, so konnte ich an zwei Vormittagen die herrliche Gegend von Sussex bzw. West-Kent genießen! Alles gut, einerseits, aber zur Zeit bin ich krankgeschrieben. Drei Tage vor Reiseantritt zeigten sich Anzeichen einer Grippe, ich ging aber nicht zum Arzt in der Hoffnung, das Seeklima würde schon helfen. Husten und Schnupfen blieben leider, mit dem Husten wurde es sogar noch schlimmer. Nun setze ich ein paar Tage in der Schule aus - damit bleibt etwas Zeit zum Schreiben! Im Juli wird die Irland-Rad-Woche wieder Gelegenheit für das Englisch-Sprechen geben ---- English learning by cycling! Viele werden wieder aus USA kommen und fast alle kennen kein deutsches Wort! Übrigens haben die Deutschlehrer an der englischen Schule das gleiche Problem wie Frau Shuler damals in Dover: nur noch wenige Schüler lernen Deutsch!

Ehe ich es vergesse, hier erst einmal ein paar praktische Dinge aus Deinen Briefen:

a) Eine Kopie Deines Aufnahmeantrages für den Geithainer Heimatverein e.V. liegt diesem Brief bei. Ich bekam sie von Herrn Bessert, unserem Kassierer und Schriftführer. Dein Beitrag ist mit Deinem Scheck für die Jahre 1999 bis 2001 (3 x 36 DM) damit bezahlt. Bist Du so einverstanden?

b) Ein Meßtischblatt (MB) zur Umgebung von Stünzheim bei Ehrenberg in Thüringen will ich für Deine Bekannten gern besorgen. Es gibt dabei nur die Qual der Wahl. Herr Diederichs brachte mir heute einige Prospekte, die von den Vermessungsämtern herausgegeben werden, allerdings nur Sachsen betreffend. Für Thüringen gibt es sie aber analog: Eine riesige Auswahl an aktuellen, historischen, geologischen, "mundartlichen" Karten und Atlanten werden von den Ämtern angeboten. Ich habe nur gestaunt, was man sich so alles bestellen kann. Egal, woher die Bestellung kommt, die liefern das Gewünschte per Nachnahme! Herr von Larisch könnte sich doch auch an den Bürgermeister der Gemeinde Stünzheim (Postleitzahl 04603) wenden, um Bildmaterial oder Texte zu erhalten. Auf jeden Fall würde ich ihm zu einem Schreiben an das thüringische Vermessungsamt raten. Es gibt aber auch spezielle historische Karten! Ich werde in der nächsten Zeit versuchen, die homepage von Ehrenberg im INTERNET zu finden. Ich vermute, dass Stünzhain eingemeindet wurde. Die homepages sind ja eine feine Sache! Letztens fand ich im "Briefkasten" der Geithainer homepage eine Leserzuschrift aus den USA vom Enkel des Herrn Persecke. Er hat über INTERNET mit großem Interesse die Informationen über Geithain (mit vielen schönen Farbbildern) gelesen. Die Persecke & Wienand GmbH war der Nährmittelbetrieb draußen an der Wickershainer Kirche, von den Geithainern "Haferflockenbude" genannt. Vielleicht erinnerst Du Dich?

c) Meinen Briefwechsel (per E-Mail) mit der Stelle in Dresden wegen einer eventuellen Veröffentlichung Deiner "Erinnerungen 1945" findest Du ebenfalls hier als Beilage. Schreibe mir bitte, wie wir weiter verfahren wollen. Die in dem Schreiben angeführte Internetadresse muss ich mir bei Gelegenheit auch einmal anschauen.

Den Artikel von Grass in der "Zeit" vom 20. Mai d. J. habe ich noch nicht gelesen. Ich war ja in der Woche unterwegs und der "Zeit"-Stapel ist in den vergangenen Wochen bedenklich gewachsen. Demnächst ist radikales Sortieren angesagt und nur die wichtigsten Beiträge werden zum Lesen aufgehoben. Du kennst sicher auch den Artikel der Gräfin Dönhoff zum 50. Jahrestag der Bundesrepublik. Ich glaube, er erschien in der Ausgabe vom 27.05.99. Ein Genuss, ihn zu lesen, und man freut sich, wenn man seine eigenen Vorstellungen und Meinungen fast vollständig bestätigt findet. Gleichzeitig ärgert man sich, sie nicht selbst so klar und sprachlich angenehm formulieren zu können. Ihre Darlegungen zum Demokratieverständnis und zur Demokratiefähigkeit der Deutschen treffen den Kern. Sie ist insgesamt optimistisch und schließt Rückfälle in Richtung Nationalismus oder gar in totalitäre politische Strukturen absolut aus. Hoffentlich hat sie Recht. Ich bin mir darüber nach wie vor nicht so sicher. Du kennst meine Meinung, wonach obrigkeitsstaatliches Denken, Fühlen und Gebaren in Deutschland zu tief sitzen. Ich finde das zu oft im Alltag, besonders hier in Ostdeutschland, bestätigt. Hier schließt sich wohl auch der Kreis zu Deiner Meinung über Paul Hammers Buch zur Schulgeschichte von 1949 bis 1989 in Geithain: Das Absolute, das Nichterwähnen von möglichen anderen Sichtweisen oder anderen Entscheidungen, das unkritische Zurückschauen. Ich schrieb Dir schon einmal, was ich in dem Buch von Hammer ganz besonders vermisse: wenigstens einen Hauch einer Andeutung in der Richtung, dass er und seine ganze Altersgruppe in ihrem Leben gleich zweimal auf Ideologie und politische Propaganda hereingefallen sind. Und warum? Eben auch deshalb, weil sie in der jeweiligen Zeit sich und anderen ein Hinterfragen, ein Zweifeln, eine umfassendere Sicht nicht erlaubt hatten bzw. glaubten, sich das nicht erlauben zu können.

Zu einigen anderen Stichworten in Deinem Zitat aus Grass` Artikel: Homepageöffentlichkeit, Verdrängung der erfahrbaren Wirklichkeit durch eine virtuelle Welt, Preisgabe der Unmittelbarkeit, Zauberlehrlingsübermut ... Ja, es gibt bei mir auch Zeiten, wo ich die Gefahren der neuen Medien überbewerte gegenüber deren Nutzen und Faszination. Gegenwärtig - seit März habe ich die neue Computeranlage - überwiegt wohl eher das zweite. Davon aber einmal abgesehen, glaube ich, dass der ständige Umgang mit jungen Leuten davor schützt, zu schwarz zu sehen. Wenn ich täglich erlebe, wie selbstverständlich sie mit dem Computer umgehen, frage ich mich manchmal: War es nicht zu allen Zeiten so, dass die Alten gegenüber allem Neuen, Unbekannten vorsichtiger und auch ängstlicher reagierten als junge Leute? Ist dieser unser Punkt auf dem Zeitstrahl der Menschheitsentwicklung nun ein „stinknormaler“ Punkt oder doch irgendwie ausgezeichnet? Liegt er näher am Ende oder geht es von ihm aus in Zeitrichtung auch wieder unendlich weiter? Ist es nicht möglich, dass ein alter Mensch seinen persönlichen Endzeitpunkt instinktiv mit einem allgemeinen Ende gleichsetzt? Es ist keine Frage, dass die neuen Medien, die ganze neue Technik überhaupt (s. Möglichkeiten der Medizin, Gentechnik, Raumfahrt u.a.) Gefahren in sich birgt und dass ihre richtige Anwendung erlernt, erkannt, erfahren werden muss. Und dass sich Moralauffassungen immer geändert haben, dass alte Menschen Verhaltensweisen als unmoralisch, dekadent empfanden/empfinden, die für die Jungen, auch wenn diese dann selbst zu den Alten gehören, ganz selbstverständlich waren/sind - warum sollte es heute anders sein als zu allen Zeiten?

Kosovo!? NATO-Offiziere treffen in Belgrad mit Milosevic zusammen. "Schon morgen könnten die Bombardierungen aufhören!"--- Wenn es gelingt, dass die Flüchtlinge, beschützt durch UNO/NATO-Soldaten bis zum Winter zurückkehren und das serbische Militär aus dem Kosovo heraus ist - dann haben die vielen Opfer vielleicht doch noch einen Sinn: Ein bis heute grundlegendes völkerrechtliches Prinzip der "Nichteinmischung in innere Angelegenheiten eines Staates" ist relativiert. Ein potentieller Diktator kann nicht mehr machen, was er will! Hoffentlich geht alles gut. Du sagtest einmal in einem Telefongespräch, Du würdest Dich zerrissen fühlen angesichts der NATO- Bomben auf Serbien. Es war ja auch diffizil: In Leuten wie Blair oder Fischer konnte man ja nun wahrlich keine kriegslüsternen Ungeheuer sehen, von Scharping gar nicht zu reden. Ich neige zwar nach wie vor dazu, dass politisch/ diplomatische Möglichkeiten noch nicht ausgeschöpft waren, den Krieg zu vermeiden. Gewöhnlich sagt man, die Geschichte wird erst zeigen, ob die Entscheidung richtig war. Zweifel sind dabei auch sicher angesagt:

-Wann hätten die Westmächte nach 1933 Hitler wirksam stoppen sollen?

-Hätte Westdeutschland am 17.Juni 1953 aktiv eingreifen müssen?

-Hat sich die NATO am 13.August 1961 richtig entschieden?

Die Gräfin äußert sich in dem bewussten Artikel im Rückblick auf die letzten 50 Jahre zu einer ganzen Reihe von politischen Entscheidungen in der Deutschlandpolitik.

------- Bin gerade zurück aus Tautenhain: Gras mähen mit Sense und Wetzstein, dörfliche Sonntagsruhe mit Glockengeläut von der Jacobus-Kirche, Kuckuckrufe neben dem vielfältigen anderen Vogelgezwitscher, schweißtreibende Arbeit ja, aber angenehme Erschöpfung danach! Das Mähgeräusch rief bei mir Kindheitserinnerungen wach: Schreibweise und Aussprache des "f" führte unser Lehrer Krummbiegel in der 1. Klasse ganz geschickt ein als Sensenbaum und eben Geräusch beim Mähen mit der Sense! In solchen Stunden draußen in Tautenhain oder auf einer Radtour durch die herrliche Gegend z.B. des Muldentals sind Fernseher und Computer ganz weit weg, da "geht die Aufmerksamkeit nicht im großen Geräusch und der ständigen Überblendung unter, ....". Das Genießen des Unmittelbaren, die Naturverbundenheit und die Freude an körperlicher Betätigung, auch die Gespräche mit dem Gartennachbar - das zählt mehr als die virtuelle Computerwelt. Für unsere Generation! Der Enkel wird das ganz anders sehen, jetzt schon und erst recht, wenn er älter ist.

Nun habe ich doch eine weitere Seite angefangen. Vielleicht beende ich den Brief, um Dir meinen ehemaligen Tautenhainer Gartennachbarn etwas vorzustellen. Leider ist er voriges Jahr verstorben. Weiske Günter, Spitzname "Whisky-Weiske", aber das ist übertrieben! Eine Seele von Mensch! Er war viele Jahre Hofmeister bei der BHG (Bäuerliche Handelsgesellschaft) in Tautenhain, an der Frankenhainer Straße gelegen. Früher sagten wir ganz einfach "auf der Halle", heute ist es der Raiffeisenmarkt. Günter hat unser Gartenhäuschen 1979 gebaut. Durch ihn wurde das Riesenproblem der DDR- Wirtschaft, die Baustoffbeschaffung, für uns etwas gemindert. Günter war in praktischen Dingen sehr geschickt und er hat mir sehr oft geholfen. Mit dem Sprechen hatte er es weniger. Alles kam langsam und bedächtig, natürlich in breitestem Sächsisch, heraus. Trotzdem haben wir beide da draußen sehr oft politisiert und philosophiert - und ich habe mich oft über seine deftigen, aber treffenden Vergleiche amüsiert.

Hier ein Beispiel aus der Zeit, als alle mal wieder über bestimmte Preisregelungen der DDR-Regierung nur den Kopf schüttelten. Die Kleingärtner erhielten, wenn sie ihr Obst und Gemüse bei den zentralen Ablieferungsstellen verkauften, pro Einheit viel mehr als die Verbraucher in den Geschäften dafür zahlen mussten. Kuriose Folge: Manche klapperten alle Gemüsegeschäfte der näheren und weiteren Umgebung ab, kauften dort und verkauften es dann wieder an den Ablieferungsstellen. Das war aber nur ein Fall von unzähligen anderen Beispielen einer oft widersinnigen sozialistischen Markt- und Preispolitik. Günter verallgemeinerte das auf seine Art, als er einmal, mit dem Spaten, zu mir herüberkam:

"Guttfried, gucke, das is ä Spaten."

P a u s e - Günter nimmt den Spaten.

"Den packt mor so an!"

P a u s e - Er nimmt Arbeitshaltung mit dem Spaten ein.

" Dor Kummenismus, der saacht, du musst den so anpacken!

P a u s e - Er fasst den Spaten am Spatenblatt und tritt auf den Griff. (s. Bild 14)

So, jetzt muss ich aber wirklich den Brief beenden!

Teile mir bitte mit, ob ich selbst eine entsprechende Karte besorgen soll oder ob Herr von Larisch andere Möglichkeiten nutzen will.

Ganz herzliche Grüße auch von Karin an Euch beide! Sie muss ja in den nächsten Jahren noch arbeiten, während ich in wenigen Wochen Rentner bin! Wir wünschen Euch ein paar schöne Sommerwochen und - bleibt gesund! Euer Gottfried

17. Juni 1999

Lieber Gottfried, vielen Dank für Deinen Brief und für die Bemühungen um die gewünschten Landkarten für Wolfgang von Larisch. In zwei Tagen kommt unsere Tochter mit Günter. Sie wollen sich hier Häuser ansehen. Angelika bekommt möglicherweise eine Stelle bei „Schenker“ in Toronto (jetzt ist sie bei „Schenker“ in Hamburg angestellt). Sie haben ihre Grundstücke in Ochsenwerder verkauft und wollen nun zurück nach Kanada kommen. Angelika hat ja noch ihre kanadische Staatsangehörigkeit, und Günter (den sie im vorigen Herbst heiratete) bekommt als Ehemann die Einreiseerlaubnis. Sie bleiben genau zwei Wochen. Danach kommt ein Vetter von mir mit Frau für eine Woche. Deshalb beantworte ich Deinen Brief sofort, denn wenn der Besuch erst hier ist, wird nichts daraus.

Ich danke Dir sehr, dass Du meine „Erinnerungen 1945“ in einer LVZ-Fortsetzungsreihe publik machst. Wie Du das alles schaffst ist doch erstaunlich: Deine Lehrtätigkeit, Deine Reisen, sowohl mit Schülern, als auch privat. Deine Tätigkeit im Heimatverein, Dein Radwandern, Haus und Garten in Tautenhain! Wie machst Du (und Karin, of course) das, ohne überfordert zu sein? Dank für die Tautenhain-Photos. Was für ein hübsches Grundstück!

Zu Deinem letzten Brief: „Die Zeit“ ist voller hochinteressanter Artikel über Kosovo. Da kommt jeder zu Wort. Ich habe den Eindruck, dass das Eingreifen der Nato, trotz aller Ungeregeltheiten, einmal als ein Schritt zur Befriedung der Welt gesehen werden wird. Auch ist es richtig, dass Russland mit dabei ist. Irgendwann, hoffentlich bald, muss Russland der Nato beitreten. Dieses große Land darf nicht vor den Türen Europas stehenbleiben, man muss es herein lassen. Wie lange soll oder darf man mit Diktatoren verhandeln? Im Zeitalter der Atomwaffen muss man da vorsichtiger sein als vor 60 Jahren. Hitler hätte man ein Ultimatum stellen sollen, als er ins Rheinland einmarschierte: entweder bist Du morgen wieder raus mit Deinen Truppen oder Du hast einen Krieg am Hals. Das hätte die ganze Hitlerei zerplatzen lassen. Heute ist das schwieriger. Doch kann man letzten Endes nur mit Ehrenmännern (und Frauen) verhandeln, und Milosevic ist keiner. Ein Eingreifen Westdeutschlands am 17. Juni 1953? Das wäre sicherlich schief gegangen. Ich fand es besser, dass sich das russische Imperium quasi selbst aufgelöst hat. Gorbatschow war die große Ausnahme und das Gegenteil von unbelehrbaren Leuten. Er sah, dass das System, das ihn selbst groß gemacht hatte, nicht mehr zu halten war. Er wollte es reformieren, doch gibt es Systeme, die nicht zu reformieren sind. Denke doch nur an den französischen Absolutismus am Ende des 18. Jahrhunderts, oder an Russland unter Kerenski. Wenn so ein nur auf Bespitzelung gegründetes Staatsgebäude ins Wanken kommt, ist kein Halten mehr. Die Gräfin Dönhoff bezeichnet Gorbatschow als großen Staatsmann und Menschen, und sie hat Recht damit. Die größten Menschen sind die, die über ihren Schatten springen können. Kannst Du Dir einen amerikanischen Präsidenten vorstellen, der dem mitleidlosen Kapitalismus den Kampf ansagt?

Die „Spaten“- Geschichte zur Preis- und Geldpolitik in der DDR ist köstlich. Herr Weiske verkörpert die Stimme des Volkes!

Also, Schluss für heute. Gisela und ich wünschen Karin und Dir alles Schöne und Gute für den Sommer. Mit herzlichsten Grüßen und „much love“ from John

Geithain, 01.10.99

Liebe Gisela, lieber John, herzlichen Dank für den Brief vom 17. Juni. Nach meinem Brief vom 04.06. erhielt ich von Dir fast postwendend Antwort.

Während ich seit August in Rente bin, hat Karin seit Schulbeginn wieder viel Arbeit und wenig Zeit. In Erfurt gibt es bei der Tochter wahrscheinlich mit der Arbeit in der nächsten Zeit Probleme. Sie ist beim zweitgrößten deutschen Baukonzern Philipp Holtzmann AG als Bauingenieurin angestellt. Hier stehen Entlassungen in Größenordnungen an! Mal sehen, wie die Sache ausgehen wird. Es müssen in der Führungsetage in Frankfurt schlimme Dinge gelaufen sein, aber auch insgesamt sieht es zur Zeit in der Baubranche nicht so gut aus! Ich lege einen Zeitungsausschnitt bei. Die andere Beilage zum Handwerk in unserer Region wird Dich vielleicht auch interessieren.

Unsere Woche in Bad Birnbach war großartig! Die Werbung spricht vom "ländlichen Bad" und hat alles gehalten: eine herrliche Ruhe, schöne Fahrten mit eigenem Auto oder mit Bus nach Salzburg, Passau und zu dem einmaligen Museumsdorf im Bayerischen Wald, die meiste Zeit jedoch Erholung in den Thermalbädern des Ortes, mit Sauna, Kneippbad, Unterwassermassage ... Alles wirklich sehr angenehm - Hotel mit Bademantelgang zu den Bädern - und trotzdem preiswert! Wir haben für die Winterferien im Februar schon wieder eine Woche gebucht.

Viel Zeit habe ich in den letzten Wochen gebraucht, um die Paul-Guenther-Materialien erst einmal - nach langer Pause - wieder zu sichten und etwas weiterzuführen. Auch Deinen Briefwechsel zur Suche nach Virginia habe ich mir noch einmal genau angesehen. Es war eine aufwendige Arbeit damals für Dich! Da machen sich viele gar keine Vorstellung und für manchen sind allein die Spendengelder relevant! Nun ja, es gibt eben solche und solche!

Neulich erhielt ich die Trauerrede des Geithainer Pfarrers von 1912 zur Beerdigung von Bruno Guenther. Er starb am 23.5.1912 nach langer, schwerer Krankheit. Elf Jahre war er gelähmt, Folge eines Unfalls beim Obstpflücken. Es verwundert schon etwas, dass der einzige Sohn weder zur Goldenen Hochzeit seiner Eltern im Jahre 1909 noch zum Tode seines Vaters 1912 nach Geithain gekommen ist. In diesen Jahren war Paul Guenther doch schon sehr reich und finanzielle Gründe dürften es sicher nicht gewesen sein, die eine Reise von USA nach Deutschland im Wege standen. War er im Betrieb zu sehr eingespannt? War es die lange Reisezeit? Unmittelbar nach dem Tod der Mutter (18.11.1918) reiste Paul Guenther nach Geithain und errichtete die "Bruno-und Therese-Guenther-Stiftung". Ein zweiter und letzter Besuch in Geithain erfolgte 1929, als er sich zu einer Kur in Deutschland aufhielt. Ob die Auswanderung in die USA mit oder ohne Wissen der Eltern geschah, ob mit oder ohne deren Billigung – zu all dem kann man eben zum jetzigen Zeitpunkt nur Vermutungen anstellen. Es muss natürlich weiter geforscht werden.

Nächste Woche nehme ich an einer Veranstaltung des Heimatvereins in Limbach teil. Ich hoffe ja immer noch, die Schülerlisten der Wirkereischule aus den 1870er Jahren irgendwann einmal zu bekommen. Auch mit Thalheim und dem Amtsgericht Chemnitz (Grundbuchamt, das im Testament erwähnte Grundstück in Neukirchen betreffend) wurde Verbindung aufgenommen bzw. weitergeführt. Übrigens, warum ist von der Spende Guenthers an die Universität in Princeton - habe ich alles noch einmal in Deinem Briefwechsel gelesen - an der Uni selbst nichts bekannt? Es stand doch nicht nur im Testament, sondern wurde auch in verschiedenen Zeitungen veröffentlicht. Und noch etwas: Ich habe mit Frau Shuler in Dover wieder Verbindung aufgenommen und erwarte von ihr nicht nur ihre Email- und Fax-Adresse, sondern auch die von der Bibliothek in Dover, vom Schulamt und anderen Stellen! -

-- Es ist gerade mal 10 Jahre her, als die Welt außerhalb der DDR für uns wirklich "eine andere, geradezu außerirdische, uns nicht zugängliche Welt" darstellte!

Die vielen Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag des Mauerfalls, die Fernsehfilme, Debatten und Talkshows, die Flut von Zeitungsartikeln und Rundfunkberichten ebben nun langsam ab. Es gab viel Gutes und Interessantes, aber ebensoviel Schrott!! Und wie schnell vergessen die Leute! Manche Diskussion bewegte sich ähnlich wie in Hammers Buch über das Leben an der Juri-Gagarin-Schule! Unbeteiligte müssten sich fragen: Warum ist eigentlich die DDR untergegangen? Es war doch alles so gut geregelt!? --- Vielleicht sollte ich doch nicht nur in der Biografie Guenthers etwas weitermachen, sondern aus meiner Sicht einige Aspekte des Schullebens in der DDR darstellen. Mich ärgert schon die abermals einseitige Betrachtung und überhaupt die ganze kleinliche Ossi-Wessi-Klagerei! Ein Titel einer Fernsehdiskussion in der letzten Woche gefiel mir besonders:

"Deutschland einig Jammerland!"

Das ist auch eine Erfahrung meiner Irland- Wochen: Fast nur mit Leuten aus USA, Kanada und Westeuropa zusammen, immer nur höchstens drei bis vier Deutsche und davon ich stets als einziger Ostdeutscher --- einhelliger Tenor: Was wollt Ihr Deutschen bloß? Sind Eure Probleme wirklich echte Probleme? --------

Ich setze den Brief heute fort. Gestern Abend wurde es dann doch zu spät. Wir sind gerade von einem Winterspaziergang zurück. Heute ist Totensonntag und wir waren am Grab unserer Oma auf dem Geithainer Friedhof. Herrliches Winterwetter. Wir sind an der Damm-Mühle und der Stadtmauer die Promenade entlang, dann durch die Pforte wieder in die Stadt und durch die Laachgasse, am Pulverturm vorbei, nach Hause gegangen. Geithain ist schon eine sehr schöne alte Stadt! Das sagen mir meine E-mail-Partner aus USA und Kanada immer, obwohl sie nur die Homepage von Geithain im Internet kennen. Dort sind sehr schöne Farbbilder von Geithain zu sehen, leider z. Zt. alles nur in Deutsch beschrieben. Ich werde bei der Redaktion einen "link" vorschlagen, damit die Erklärungen in Englisch abrufbar sind.

Zum Schluss noch eine kleine Bitte an Dich. Es ist eigentlich mehr ein Spaß. Die hier sehr beliebte Popgruppe "Die Prinzen" (alles ehemalige Thomanerchor-Mitglieder!) sind mit einem frechen Song zum Radfahren in aller Munde. Unser Enkel hat die CD von den „Prinzen“ und kann alles auswendig. Daher kenne ich den Text. Die Norweger von der letzten Irlandwoche verstehen etwas Deutsch. Aber den Amerikanern sagt er absolut nichts. Es wäre ein Gaudi, wenn ich in den nächsten mails ihnen den Text in Englisch schicken könnte. Für mich ist die Übersetzung zu schwer. Hilfst Du? Vielleicht lässt sich manches gar nicht übersetzen. Mal sehen, wie gesagt, es ist mehr ein "joke"! Füll` einfach nach Deinem Ermessen die Zeilen in dem beiliegenden Blatt aus.

Herzlichst Eure Geithainer

01. November 1999

Lieber Gottfried, liebe Karin,

wir danken sehr herzlich für den langen Brief mit Bildbeilagen vom 1. Oktober. Auch gratulieren wir zum Rentnerleben. Wann ist Karin ebenfalls soweit? Ich bin es seit 10 Jahren und das waren, in mehr als einer Beziehung, schöne und ereignisreiche Jahre, die uns, zum Beispiel, die Freundschaft mit Euch einbrachten, und nicht einen Moment von langer Weile! Ich glaube nicht, dass Dir die Umstellung schwerfallen wird. Dafür bist Du zu interessiert und neugierig an allem, was Dir in den Weg kommt. Wer sich in dieser aufregenden Zeit, in der wir leben, langweilt, muss schon etwas beschränkt sein. Leider sind das nicht wenige.

Auch wir hatten einen „richtigen“ Sommer, wie Du sagst. Sehr heiß und sehr trocken. Unbedingt erfreulich ist das nicht. Ich denke da an den „Greenhouse Effect“. Doch ist es schön, wenn man auf Reisen ist. Frankreich ist schon ein außerordentliches Land. Es zieht uns dort immer wieder hin. Ob wir`s noch einmal schaffen? Wir hatten eine herrliche Woche in Neufundland, aber darüber schrieb ich sicherlich schon.

Angelika und Günter sind seit dem 17. September hier. Sie kauften ein Haus in Georgetown, zu Fuß 20 Minuten von uns, 10 Minuten mit dem Rad, 2-5 Minuten mit dem Auto. Natürlich mussten sich die beiden sogleich ein Auto zulegen. Nun steht das die meiste Zeit herum. Auf Arbeitssuche geht Angelika demnächst. Bisher hatten sie zu viel damit zu tun, sich einzurichten. Wir sehen sie fast jeden Tag, und das ist natürlich sehr schön. 31 Jahre lang war sie in Deutschland.

Ich fand beim Umräumen ein kleines vergilbtes Heft und las es wieder. Es enthielt die rasante Rede, die der große Sozialdemokrat Kurt Schumacher auf dem ersten Nachkriegs–Parteitag der SPD gehalten hat. Ein klarer, unbestechlicher Geist, der sofort erkannte – schon 1946! - in welche Sackgasse die SED führen würde. Diese Rede machte 1946 einen großen Eindruck auf mich und sie tut es, beim Wiederlesen, noch. Kein Wunder, dass die „Aufarbeitung der SED-Vergangenheit“ vielen in Ost und West Schwierigkeiten macht. Eins ist klar, ohne die Macht der Russen im Rücken hätten sich Ulbricht und Genossen und Nachfolger nicht 40 Jahre lang halten können. Möglicherweise wäre das Regime der SED schon 1953 zu Ende gegangen. Interessant finde ich auch die 89/99 -Artikelfolge in der „Zeit“. Es wird noch mindestens 20 Jahre dauern, bis die zwei Deutschland wieder gemeinsame Erinnerungen haben, auf die sie stolz sind.

Zu Guenthers Testament von 1932 nehme ich an: Paul Guenther verkaufte seine Fabriken im Jahre 1927. Olga lebte seit Anfang der zwanziger Jahre nicht mehr in Dover. Möglicherweise war Guenther 1927 schon leidend. Der Verkauf der Fabriken muss ihm einen schönen Batzen Geld eingebracht haben. Den hat er natürlich nicht zu Hause rumliegen lassen, sondern hat dafür Wertpapiere (Aktien) gekauft. Zwei Jahre später kam der Börsenkrach, der die Stagnation der dreißiger Jahre zur Folge hatte. Ich bin sicher, dass Guenther damals einen großen Teil seines Vermögens verloren hat. Auf jeden Fall war nach seinem Tode nicht genug Geld da, um alle im Testament vermerkten Spenden auch auszuzahlen. Princeton bekam nichts. Olga lebte in einem Apartment am Central Park in New York, der teuersten Gegend der Stadt. Sie hatte ein Auto mit Chauffeur und reiste mit denen (per Schiff) nach Europa, und das nicht nur einmal. Als wir einmal mit Virginia und Robert zusammensaßen, fragte ich Virginia, wo sie war, als 1939 der Krieg ausbrach. „Da waren wir in Garmisch. Den ganzen Sommer 39, einem herrlichen Sommer mit schönstem Wetter, reiste ich mit meiner Großmutter im Auto durch Deutschland. Als der Krieg ausbrach, fuhren wir von Garmisch nach Amsterdam, um dort per Schiff nach den Staaten zu kommen. Doch mussten wir zwei Wochen in Amsterdam warten, ehe wir auf einen Dampfer kamen, der auch das Auto mitnahm.“ Virginia weiß von ihrer Großmutter viel mehr als von ihrem Großvater. Deshalb freut sie sich über unsere Forschungen zur Biografie Paul Guenthers. . …Alles erdenklich Gute wünschen wir Euch. Kommt einmal wieder her. Much love from John + Gisela

10. Januar 2000

Lieber Gottfried,

hier ist noch einmal eine „verbesserte“ Übersetzung des Biker-Songs der „Prinzen“. Ich hatte hier einigen Erfolg damit. Aber einige leidenschaftliche Autofahrer sind etwas pikiert, wenn ihnen der Refrain („Jeder Popel fährt nen OPEL …“ vorgesetzt wird.

Die „Affäre Kohl“ ist ein starkes Stück, aber überrascht bin ich nicht. Der Mann ist m.E. ein Schwindler und über das „Ehrenwort“, das er seinen geheimen Bestechern gegeben hat, kann man nur lachen. Der „große Kanzler der Wende“ war ein Geschöpf der Medien. Auch „Die Zeit“ hat an dieser Stilisierung mitgearbeitet. Ich kann es nicht oft genug sagen: die CDU faselt ständig vom Rechtsstaat und vom Recht auf Eigentum, aber in ihren „Handlungen“ handelte die Partei unter Kohl diktatorisch: Wie da in Ostdeutschland mit enteignetem Besitz umgegangen wurde (nach der Wende!) ist ein Skandal, der vielleicht eines Tages auch für die Medien interessant werden wird. „Gorbatschow machte es zu Bedingung, dass die „Bodenreform“ unangetastet bleiben muss“. Der Mann stellte diese „Bedingung“ nie. Er überließ es den ost– und westdeutschen Regierungen, das auszuhandeln, und die hatten nichts anderes als ihren Vorteil im Sinn. Früher oder später kommen solche Machenschaften ans Licht. Man wundert sich, warum solche Tricks immer wieder versucht werden. Das, was Schaden erleidet bei solchem Handeln, ist die Demokratie, und das sind letzten Endes wir alle.

Das neue Jahr hat weder Hoffnungen noch Befürchtungen erfüllt. Es geht alles so weiter wie bisher. Der große Computer-Crash zur Jahrtausend-Wende ist nicht eingetreten und ein „Weltenende“ erst recht nicht! Ist es nicht merkwürdig, dass sich gewisse Leute so sehr nach dem „Ende“ sehnen, dabei gehört unser Planet doch zu einem riesigen System sich untereinander bedingender Himmelskörper. Unser Gottbegriff dreht sich um so kleine Einheiten. In Wirklichkeit ist alles viel größer und mächtiger und auch ferner von unseren persönlichen Wünschen und Leiden. Dir und Karin wünschen wir alles Gute und Schöne. Habt ihr vor, einmal wieder nach Nordamerika zu kommen? Herzliche Grüße von John + Gisela

06. Februar 2000

Lieber Gottfried, liebe Karin,

vielen Dank für die durch Angelika vermittelten interessanten Nachrichten. Die Buchstaben ä, ö, ü, werden von der Fax- oder E-Mail-Maschine nicht übermittelt. An dieser Stelle setzt die Maschine ein Fragezeichen. Abgesehen von diesen kleinen Schönheitsfehlern haben mich Deine Forschungsergebnisse natürlich gefesselt. Leider sind auch die Photos nicht übermittelt worden. Unsere Tochter hat dafür nicht das richtige Gerät.

Die „Lässigkeit der amerikanischen Soldaten“, wie wir sie 1945 erlebten, war wirklich eine große Überraschung für uns Deutsche! Wir kannten die krachende Zackigkeit des Militärs und der SS. Ich war einmal mit meiner Mutter beim Kommandanten, der ein kleines Büro hatte neben dem Büro des damaligen Bürgermeisters Müller (dem Stiefvater von Frau Thiemann). Das war wohl im Mai 45. Ein Soldat kam ins Büro und setzte sich mit einer Hinterbacke gemütlich auf den Schreibtisch des Kommandanten und unterhielt sich mit ihm. Wir waren natürlich sehr erstaunt. Vor amerikanischen Krankenhäusern und Kasernen standen Schilderhäuschen, aber die Wachhabenden saßen meist daneben auf einem zurück gekippten Stuhl und sahen sich Comicbooks an. Es geht also auch anders. Bei den Russen ging es dann wieder zackig zu. In allen Diktaturen herrscht „Ordnung“, auch besteht in denen ein mächtiges Rangsystem. Es ist doch sehr merkwürdig, dass im Arbeiter- und Bauernstaat DDR, viel mehr aber in der Sowjetarmee, diese erstaunlichen Rangunterschiede bestanden zwischen Offizieren und Mannschaften. Es gibt ja immer noch Leute, die das vergangene Russische System als „links“ bezeichnen. Die Russen unter Stalin (und später) lebten - wie die Deutschen unter Hitler - in einem Staatskapitalismus, waren also „rechts“. Da kamen die zwei schlimmsten Sachen, Diktatur und Kapitalismus, zusammen! Unser Kapitalismus braucht die Demokratie, um halbwegs erträglich zu sein.

Zur Affäre Kohl, die unterdessen auch eine Affäre der CDU geworden ist: „Die Zeit“ vom 27. Januar hat eine hoch interessante Artikelserie darüber: „Parteichef Helmut Kohl“ (Roger de Weck), „Schaden, Freude“ (Christoph Dieckmann), „Was heißt eigentlich Ehre?“ (Marion Gräfin Dönhoff), „Immer noch schlimmer“ (Tobias Dürr), „Alles in bar“ (Jochen Buchsteiner). … Es ist zum Weinen. Andererseits wären diese Machenschaften eines Politikers, der viel zu lange an der Macht war, in einer Diktatur in Geheimarchiven verschwunden. Ich hoffe, dass der jetzt beginnende Reinigungsprozess die zwei Deutschland näher zusammenbringt, zumal wenn Biedenkopf zum Zuge kommen sollte.

Was in Österreich (Jörg Haider) vor sich geht, ist nicht schön, doch ist es ironisch, dass ausgerechnet die Amerikaner so scharf reagieren. Ich denke da an den vom amerikanischen Geheimdienst unterstützten Putsch gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Allende in Chile, der den grässlichen Faschisten Pinochet zur Macht brachte und Tausenden das Leben kostete. Im Garten des Kalten Krieges wuchsen merkwürdige und schrecklich aussehende Blüten!

Zum Antisemitismus: Ich bin immer noch der Meinung, dass ein katholisches Milieu diesen in der Vergangenheit mit verursacht hat. Die Protestanten hatten immerhin eine innerkirchliche Bewegung (die „Bekennende Kirche“), die sich Hitler und seinen Lehren entgegenstemmte. In Rom gab es, abgesehen von einzelnen Priestern und Katholiken hier und da, keinen Widerstand gegen die Nazis. Mit der Lehre, dass Juden den „Heiland“ ermordeten, fängt das Unheil an.

Hoffentlich ist dieser schnell geschriebene Brief leserlich. Im April werden wir wohl für drei Wochen nach England fliegen, Ende August vielleicht nach Deutschland. Doch ist das noch unbestimmt. Alles erdenkliche Gute und Schöne wünschen wir Euch. Mit herzlichen Grüßen von John + Gisela

25. Februar 2000

Lieber Gottfried, liebe Karin, wir bedanken uns sehr für Deinen „Rundgang durch die Geithainer Altstadt“ sowie die neusten Nachrichten Paul Guenther betreffend, und schließlich den ausführlichen Bericht über die unterirdischen Gänge in Geithain. Toll, was Du da alles zusammenträgst. Da wundert es mich nicht, dass Du kaum Zeit zum Briefeverfassen findest. Wir hörten mit Bedauern, dass der nette Herr Griesbach aus Dover/N.J., gestorben ist. Wenn Du an die Lehrerin Ulla Wienhöfer in Dover/N.J. schreibst, dann grüße sie doch bitte von uns. Es ist kaum zu glauben, dass in diesem Sommer vier Jahre seit unserer Reise nach Dover vergangen sind!

Zu Deinem „Rundgang“ kommen mir die Erinnerungen: Da heißt es, dass die Bürgerschule von 1877 bis 1925 als Schule benutzt wurde und bis 1952 die Stadtverwaltung beherbergte. Mir fehlt dort, dass Geithain 1945 in diesem Gebäude erst einmal eine recht bescheidene amerikanische Dienststelle beherbergte und vom Juli 45 an völlig geräumt wurde, um Platz zu machen für die russische Kommandantur. Wie lange die dort war, weiß ich natürlich nicht, doch war die Kommandantur im Sommer und Herbst 45 ein „Prachtbau“, den man nicht übersehen konnte und sogleich das Zentrum der Macht. Um das ganze Gelände zogen die Russen einen mindestens zwei Meter hohen Holzzaun mit hölzernen, zwiebelförmigen Ornamenten auf den Pfosten. Die Bildnisse von Marx, Lenin und Stalin (gemalt vom Geithainer Maler Niederwerfer, wenn ich mich recht an den Namen erinnere), sowie Spruchbänder mit kyrillischen Schriftzeichen, schmückten die Fassade. Auf einem dieser Spruchbänder stand (so wurde es uns übersetzt) “Stalin, unsere Sonne“. Nach dem Sieg über Deutschland war Stalin auf der Höhe des später kritisierten „Personenkults“, und die Auswirkungen dieses Kults in Geithain sind aus historischen Gründen erwähnenswert. Innen sah die Kommandantur wie ein prächtiges Hotel aus. Auf dem Fußboden der Eingangshalle und die Treppe hinan lagen Teppiche. In der Halle standen Sofas unter Palmen und Gummibäumen. Oben im ersten Stock war, in der Mitte, das Zimmer des Kommandanten, tadellos möbliert mit den dunklen, geschnitzten Möbeln (Schreibtisch, Ledersessel, Ledersofa, Rauchtisch etc.), die man aus dem Herrenzimmer von Herrn Magnussen (der kurz vor dem Einmarsch der Russen mit seiner Familie nach Schleswig-Holstein geflohen war) herbeigeschafft hatte. Oben im Festsaal schliefen etwa 40 – 60 russische Soldaten. Die Offiziere hatten sich in Villen an der Robert-Koch-Straße und anderswo einquartiert. Nicht jeder Ort in Sachsen hatte damals eine Kommandantur. Ich war oft in diesem Gebäude, da der Sommerhof diese „Garnison“, wenn du es so nennen willst, mit Nahrungsmitteln versorgen musste. Fast täglich gab es Lieferungen an Milch, Butter, geschlachtetem Federvieh, Eiern, etc.. Ich glaube, Dir davon vor Jahren berichtet zu haben. Auch mussten die Bauern der Umgebung im Büro des Offiziers, der verantwortlich war für die Landwirtschaft, jeden Tag die Direktiven für den nächsten Tag abholen und eingehend über die Tätigkeit des Tages berichten. Also: Wie viele Fuder Heu oder Getreide wir eingefahren hatten, wie viele Acker beerntet oder gepflügt wurden, wie viele Schweine oder Kälber das Licht der Welt erblickten, etc. etc.. Über alles wurden Statistiken aufgestellt.

Darüber habe ich Dir sicherlich schon berichtet. Oder? Einmal, als wir unser „Soll“ nicht erfüllt hatten, wurde ich für eine Nacht in der Kommandantur eingesperrt, in einer sehr ungemütlichen Zelle mit einem winzigen Fenster nach hinten hinaus. Ich glaubte, mein Ende sei gekommen. Aber am nächsten Tag verhörte mich der Kommandant, ein junger, schneidiger, und nicht unmenschlicher Bursche, in seinem Arbeitszimmer, und ließ mich frei. Gibt es denn keine Photos der Kommandantur aus der damaligen Zeit? Ich lege Dir eine schnelle Skizze bei, wie die damals aussah. (Bild 11)

Beiliegend noch eine, und diesmal letzte Leseprobe über den CDU-Skandal in der hiesigen Presse. Auch etwas über Jörg Haider, das Euch vielleicht interessieren könnte. Wir bekamen von Freunden zu Weihnachten ein hochinteressantes Buch über Deutschland: „Deutschland auf Bewährung“ von Ulrich Wickert, Wilhelm Heine Verlag München. Das Buch solltest Du lesen. Ich habe viel daraus gelernt.

Was noch? Sicherlich fällt mir alles mögliche ein, wenn der Brief weggeschickt ist. „Die Zeit“ hält uns recht gut auf dem Laufenden über Ereignisse in Deutschland, und trotzdem möchte man mehr wissen, besonders über das sich langziehende Zusammenwachsen von Ost und West bzw. über die Entwicklung der „Neuen Bundesländer“. Nun war ja der „Regionalismus“ in Deutschland Tradition. „Denn gleich hinter Meißen, pfui Spinne, kommt Preissen“! Die Bayern wären nach 1918 liebend gerne selbstständig geworden. Vielleicht fühlen sich alle besser, wenn Deutschland und alle seine verschiedenen Länder eines Tages völlig in einem vereinigten Europa aufgegangen sind.

Die Wahlen zum Präsidenten in den USA ziehen sich, wie aller vier Jahre, endlos hin. Ein ganzes Jahr Wahlkampf, da will man schließlich gar nicht mehr hinhören. Bush hat schon 52 Millionen Dollar ausgegeben bisher, und die Wahl ist erst im November. Wo kommen diese Summen her? Von den Reichen natürlich, und zum Nutzen der Reichen wird schließlich die Politik sein, die der gewählte Präsident einschlägt. Nicht Demokratie, sondern Oligarchie ist der Name dieses Systems.

Herzliche Grüße den Mitgliedern des Heimatvereins. Du schriebst von Eurem Aufenthalt in Bad Birnbach Wo ist Bad Birnbach und warum seid Ihr dort gewesen? Seid Ihr krank? Wir hoffen sehr, dass Gottfried einmal wieder die Zeit zu einem langen Brief findet. Mir ging es übrigens auch so, als ich mich zur Ruhe setzte. Da hatte ich so viel vor, dass mir die Zeit knapper wurde als vorher. Auch jetzt noch komme ich nicht zu all dem, was ich mir vornehme.

Lieber Gottfried, liebe Karin: wir wünschen Euch ein frohes Osterfest. In diesem Sommer sind schon vier Jahre vergangen, seit Ihr hier wart. Das ist doch kaum zu glauben. Ihr solltet einmal wiederkommen. Mit den besten Grüßen von John + Gisela

Geithain, 06.03.2000

Liebe Gisela, lieber John, vielen Dank für den Brief mit den Beilagen vom 25.02.2000. Es ist richtig, die E-mail-Schreiberei verführt zur kurzen Form, ein richtiger Brief ist doch etwas anderes. Das Schreiben und das Versenden dauert aber länger! Na gut, hier und heute eben mal nach langer Zeit wieder ein konventioneller Brief.

Ich habe in den letzten Wochen tatsächlich ziemlich intensiv an der Geschichte Geithains und speziell an der Guenther-Sache gearbeitet. Die Beiträge "Unterirdische Gänge" und "Stadtrundgang" sind da nur ein Teil. Dann stehe ich mit einigen Radfreunden von den Irlandtouren in ständiger E-Mail-Verbindung. Gestern gerade erhielt ich von Tina aus Nova Scotia 15 herrliche Farbfotos von der vorjährigen Tour. Terry aus L.A. ist ebenfalls eine ganz fleißige Schreiberin und kommt vielleicht in diesem Sommer nach Deutschland. Zwei ehemalige Schülerinnen vom Gymnasium Penig (eine in Mexico, die andere in Denver/Colorado) erzählen ausführlich über ihre Arbeit und ihr Leben dort und wollen natürlich auch wissen, wie es in Penig und Sachsen zugeht. Es ist schon eine herrliche Sache mit den neuen Medien, bei allem Schund, der natürlich auch im INTERNET vorkommt!

Demnächst erwarte ich Antwort vom HEO (Historic Emigration Office) in Hamburg: Ist Paul Guenther 1890 von Hamburg aus nach USA gegangen oder nicht? Wenn ja, wann genau und mit welchem Schiff? Und--- ganz wichtig---wie lautete seine letzte Wohnanschrift in Chemnitz? Von 1879 bis 1884 wohnte er in Thalheim, am Eisenhammer. Danach ging er nach Chemnitz. Von da an fehlt uns die Adresse. In Thalheim war er Pate bei einer Familie Hahn. Die Gebrüder Hahn tauchen ja dann auch in Dover auf! Du weißt, sie hatten die Erfindung zum Fersenstricken gemacht (der sogenannte "Pointexheel"). Eine Familie Reinhardt (Guenther borgte sich dort in Dover etwas Geld für den Neuanfang) taucht in den umfangreichen Auswanderungslisten ebenfalls auf. Herr Hofmann, Heimatforscher aus Thalheim, von dem ich die Auskünfte erhielt, hat die Verbindung mit Archibald Nicolas (sein Vorfahr war ein Herr Rößler aus Thalheim) und George Coulthardt, dem Heimatforscher in Dover/N.J., aufgenommen. Ich gab ihm die Adressen, die ich damals von Dir bekommen habe. Herr Hofmann hat inzwischen über 200 Thalheimer mit Namen und anderen Daten, die von 1900 bis 1930 nach Dover ausgewandert sind. Ich glaube, viele der heutigen Einwohner von Dover können in Thalheim ziemlich detailliert Auskunft über ihre Vorfahren erhalten. Ich finde das alles wirklich toll! Die homepage vom HEO zu lesen, ist äußerst interessant. Unzählige Amerikaner bedanken sich dort, weil sie auf der Suche nach ihren Vorfahren dank HEO Erfolg hatten.

Ich habe Dir ein vorläufiges Inhaltsverzeichnis von der ganzen Sache, mit der ich mich jetzt beschäftige, beigelegt. Du kennst natürlich vieles schon. Ich möchte eben alles, was bisher mehr oder weniger unabhängig voneinander entstanden ist, einmal zusammenstellen. Ob und wann dann etwas Richtiges daraus wird, weiß ich noch nicht. Der Titel allein wäre schon ein Problem. Kommt Zeit, kommt Rat! Im Frühling und Sommer werde ich ohnehin daran nicht wesentlich weiterarbeiten. Da gibt es so viel anderes zu tun. Bei den Kapiteln "Schulleben 1925-33“ und „…1933-1945“ stieß ich auf Kurt Klein, einen ehemaligen Lehrer an der Paul-Guenther-Schule, der Dich interessieren könnte. Klein war nach 1945 in den Kreisen Borna und Geithain geradezu eine Institution in Sachen Kultur und Lehrerweiterbildung. Er stand Jahrzehnte in brieflicher Verbindung mit seinem Pflegesohn aus Hamburg. Dieser Pflegesohn lebte von 1932 bis 1939 in Geithain bei Kleins an der Wickershainer Kirche. Klein war dort auch Kantor. Der Pflegesohn hieß Rudolf Walter Leonhardt. Als langjähriger ZEIT-Leser ist Dir vielleicht der Name bekannt.

Leonhardt soll viele Jahre das Feuilleton in der ZEIT geleitet haben. In den 1960er Jahren interessierte sich die Stasi für Klein. Alles ist nachzulesen in dem äußerst interessanten Buch:

Kurt Klein, Von Deutschland nach Deutschland, Briefe aus der "Ostzone" 1947- 1985, an Rudolf Walter Leonhardt.

Du bekommst es bald zugeschickt. Das werde ich vom Heimatverein aus veranlassen. Du hast uns bei den Nachforschungen zu Guenther so geholfen. Da ist es nur recht und billig, hier etwas Dank zu sagen. Im Übrigen ist die ganze Guenther-Forschung so eine Sache. Ich habe wohl schon einmal angedeutet: Die vielen Stunden der Beschäftigung mit dem Thema Guenther, die vielen Briefe, die Telefonate, die Recherchen in Archiven und im Internet und alles andere – es ergäbe ein „hübsches Sümmchen“, wenn man alles berechnen würde!! Aber egal, es macht mir Freude! Manche Geithainer können das nicht verstehen und begreifen wohl auch nicht, welche Arbeit dahintersteckt. Sie sehen allein die Tatsache, dass von den Nachfahren Guenthers seit 1995 Geld an die Schule gespendet wird. Das LVZ-Interview des Schulleiters Neuhaus liegt nunmehr zwar schon drei Jahre zurück, die dort genannten 70.000 $ haben offenbar manchen Geithainer erst auf die Paul-Guenther-Forschung aufmerksam gemacht.

Deine Schilderung zum Gebäude des Landratsamtes in der Bahnhofstraße kannte ich schon aus Deinen "Erinnerungen 1945". Ich werde einen Hinweis im "Stadtrundgang" natürlich aufnehmen, denke aber eher an einen Extraartikel in der LVZ zur Geschichte dieses Hauses mit einem Aufruf zu noch vorhandenen Bildern. Kürzlich erhielt ich ein Bild von der Bahnhofstraße (Blick von Haus Altenburg nach Norden) aus dem Jahr 1895! Mehrere Häuser in unserer Robert-Koch-Str. stehen zu dieser Zeit noch nicht.

Ähnliches schwebt mir zum Markt vor. Ich las letztens die ausführlichen Berichte im "Geithainer Wochenblatt" zum Besuch König Johanns von Sachsen 1870 in Geithain. Ich kann nur sagen K ö s t l i c h !! Die superdevote Haltung unserer braven Geithainer und ihrer Stadtoberen gegenüber dem gnädigen König! Ein Wort fiel mir besonders auf: "Unverbrüchlich" Natürlich haben sich die Formen untertänigen und obrigkeitsstaatlichen Verhaltens im Laufe der Jahrzehnte geändert. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich nach analogem Material zu Veranstaltungen auf dem Geithainer Markt suchen: in der Kaiserzeit, von 1933- 45, und dann natürlich die zahlreichen "machtvollen Kundgebungen" nach 1945 mit der wiederholten Bekundung der "unverbrüchlichen Freundschaft" mit den sowjetischen Genossen, mit der Sowjetarmee, mit dem großen Stalin, mit dem Heimatland des Sozialismus ... Und nach der Wende von 1989/90? Beides, das ehrfurchtsvolle Hinaufsehen zur Macht und das entsprechende Herabsehen der Mächtigen andererseits, ist noch vorhanden, im Osten weit mehr als im Westen! Du kennst meine Meinung, das steckt irgendwie auch heute noch in den Deutschen. Zur CDU-Krise und zu Kohls Regierungsgebaren hörte ich letztens im Fernsehen eine interessante Meinung: War das nun wirklich das letzte Mal, dass die Deutschen der Macht so gläubig vertraut haben? Es gibt in der Tat schon Parallelen zu den letzten Tagen der DDR, als unglaubliche Meldungen über die Arroganz und Ignoranz der Mächtigen bekannt wurden. Auch jetzt fragen sich manche Kohlbewunderer, warum sie solange mitgemacht haben. Seit Wochen geht es in Presse und Fernsehen ausschließlich um diese Skandale. Man kann es fast nicht mehr hören. Die Gefahr ist, dass bei vielen Leuten der Wunsch nach "dem Ausmisten des Saustalles" und der Ruf nach dem „Starken Mann“ bis hin zur Verachtung "dieser Demokratie" riesengroß ist und dann natürlich ein Haider Gehör findet. Ich freue mich aber, dass Angela Merkel von der CDU und Wolfgang Thierse von der SPD als ehemalige Ostler so schön an Profil gewonnen haben. Irgendwie glaube ich schon, dass der blöde Ossi-Wessi-Knatsch abnimmt. Bei den jungen Leuten ist das meiner Ansicht nach schon weitgehend geschehen. In gewisser Weise haben die Westdeutschen mit den aktuellen Skandalen eben auch ihre Wende mit der Notwendigkeit eines Neuanfangs. Vielleicht hat alles auch eine positive Seite! Im letzten Brief zitierte ich wohl den Titel einer Fernsehsendung: „Deutschland einig Jammerland“ Da ist nach wie vor etwas daran.

Jetzt sollen einige Tausend Software-Spezialisten die "Greencard" für Deutschland erhalten. Für die niedrigen Arbeiten (Erntehelfer, Reinigungsarbeiten) sind trotz hoher Arbeitslosigkeit keine Deutschen zu gewinnen. Da sind sich die Deutschen zu fein. Und für die Arbeit in den modernen Bereichen sind viele offenbar zu faul. Die jahrelange Missachtung der Naturwissenschaft und die Technikverachtung der Grünen rächen sich jetzt. Von meinen Schülern wollte in den letzten Jahren fast keiner mehr Ingenieur- oder Naturwissenschaften studieren! Deutschland hat die ältesten Studenten, die jüngsten Vorrentner und die wenigsten Kinder! Nein, Nein, da ist schon etwas faul und das übertriebene Streben nach" fun", nach leichter Zerstreuung und Vergnügen jedweder Art, diese Oberflächlichkeiten immer und überall, das geht auf die Dauer nicht gut.

Der Lehrerin in Dover, Frau Shuler, habe ich vor Weihnachten einen langen Brief geschrieben. Leider erhielt ich noch keine Antwort. Ich fürchte, dass wieder mal ein Brief verschütt gegangen ist oder übermäßig lange unterwegs war. Das trat doch in unserem Briefwechsel auch einmal auf, jedenfalls auf dem Weg von Deutschland nach drüben. Sie hat doch bestimmt eine E-mail-Adresse. Gunter Neuhaus, der in den letzten Jahren auch mit ihr in Verbindung stand, wusste ebenfalls nichts Neues. Schade. Mit Virginia gibt es ab und zu ein FAX. Letztens schrieb sie, am liebsten würde sie mich mit "Gottfried" anreden. "Warum nicht?" konnte ich nur antworten. Jetzt scheinen sie aber wieder unterwegs zu sein, obwohl es ihrem Mann Robert gesundheitlich nicht gut gehen soll. Weißt Du etwas Näheres? Beide sind ja nun auch nicht mehr die Jüngsten.

Unsere Woche in Bad Birnbach, die zweite nun schon, verlief wieder ganz nach unseren Erwartungen. Birnbach liegt bei Passau und wirbt mit dem Slogan "Das ländliche Bad". Deine Befürchtung, wir seien krank, trifft nicht zu! Uns bekommt das Thermalbaden sehr gut. Wir bezahlen alles selbst, Arzt und Krankenkasse haben gar nichts mit diesem "Kurlaub" zu tun. Karin hat sich inzwischen auch an die Sauna gewöhnt. Viel Spazierengehen und Kneippbaden, Schwimmen – alles in sehr angenehmer ruhiger Atmosphäre. An einem Tag in der Woche nehmen wir uns eine Sehenswürdigkeit vor, z.B. Passau (Dom mit der größten Orgel Europas), Salzburg (Kommentar überflüssig), das Museumsdorf im Bayerischen Wald. Dieses Jahr waren wir auf dem Obersalzberg. Seit Herbst 1999 gibt es dort ein ausgezeichnetes Dokumentationszentrum, wirklich gut gemacht und zwar so, dass etwaige Nostalgie-Touristen, die nach irgendwelchen "Spuren des Führers" süchtig sind, ernüchtert werden. Nach dem Besuch der Ausstellung fragt man sich wieder einmal: 12 Jahre - so eine winzige Zeitspanne und welche Wirkungen! Welch eine Begeisterung und welch ein "Anhimmeln" der Masse gegenüber einer Clique von Machthabern! Zahlreiche Bergbauern mussten von 1933 bis 39 ihre Höfe aufgeben, wurden "umgesiedelt", damit Bonzen wie Göring, Goebbels, Bormann dort ihre "Hütten" errichten konnten.

Zu Ostern ist eine Woche Fuerteventura mit dem Enkelsohn angesagt. Leider ist der Hinflug zeitlich äußerst ungünstig. Start 5.00 Uhr in Dresden! Thüringen und Sachsen haben gerade einmal gleichzeitig Ferien. Allerdings muss der Enkel bis dahin noch tüchtig in der Schule arbeiten. Unsere Tochter hat so einige Probleme mit ihm. Er geht in die 6. Klasse des Gymnasiums und es fehlt an der nötigen Ausdauer und Hartnäckigkeit----- siehe oben: FUN-Gesellschaft, Fernsehen, Computerspiele, CD .... Aber die Schule hat ebenfalls ein Teil der Schuld: sehr viel Ausfall, eine erschreckende Gleichgültigkeit einiger Lehrer, fast fehlender Kontakt zwischen Schule und Eltern.

Was gibt es sonst noch?

Wenn das Wetter besser wird, gibt es draußen in Tautenhain im Garten eine Menge zu tun. Zur Zeit ist es recht unangenehm, kein richtiger Winter, aber nass und kalt, windig und schmuddelig. Das Radfahren kam sehr kurz und ich merke es am Bauch! Das viele Sitzen am Computer macht sich bemerkbar. Karin hat mit der Schule vollauf zu tun. Aber die Woche in Bad Birnbach hat ihr gut getan. Ich gebe nebenbei (im Rahmen meiner Hinzuverdienstgrenze) an einigen Tagen der Woche Unterricht in Mathematik und Physik an einer Privatschule bzw. mit einigen Schülern bei mir zu Hause. Über Langeweile kann ich wirklich nicht klagen. In Geithain geht alles so seinen Gang. In der Stadtverwaltung scheint Kontinuität eingetreten zu sein. Mir ist der Bürgermeister Galisch eigentlich ganz sympathisch, obwohl immer mal in der Zeitung Gegenstimmen zu Wort kommen. Das Eckhaus Risse mit dem Nachbarhaus "Ratskeller" wurde vor einigen Wochen restlos abgebrochen, inzwischen sind die Konturen eines neuen Wohn- und Geschäftshauses bereits erkennbar. (Bild 13a,b) Das Porphyrportal und die Wand zum Markt hin werden erhalten, insgesamt scheint die Ecke recht gut zu werden. Von Risses Haus war ja schon seit Mitte der 1980er nichts mehr vorhanden. Die Terrasse mit den stilisierten Stadtmauerstücken diente in den letzten Jahren lediglich der Präsentation einiger Geithainer mit ihren Hunden und Trinkutensilien!!

Damit soll es für heute genug sein. Wir wünschen Euch ebenfalls ein schönes Osterfest und sonst natürlich Gesundheit und Wohlergehen! Schön wäre es, wenn wir uns in Georgetown einmal wiedersehen könnten. Aber in diesem Jahr ist so etwas rein zeitlich leider nicht möglich. Und wie ist es bei Euch? Kommt Ihr dieses Jahr nach Deutschland, vielleicht auch zur Weltausstellung in Hannover?

Viele liebe Grüße und alle guten Wünsche von Geithain nach Georgetown von Karin und Gottfried

14. März 2000

Lieber Gottfried, liebe Karin, gestern war großer Empfangstag: Zum Lunch kam Dein geradezu sagenhaft langer Brief vom 06. März mit Einlage. Nach dem Abendessen brachte uns unsere Tochter den Ausdruck des Anhangs Deiner E-Mail an sie mit dem interessanten Artikel des Herrn Holz aus der Leipziger Volkszeitung. Sehr vielen Dank für diesen Briefsegen. Ich will auch gleich antworten, sonst lassen mir die Vorbereitungen unserer Englandreise (4. April) keine Zeit mehr. Alles, was Du berichtest über Deine Geschichtsforschungen, ist faszinierend und natürlich kommt Dir da Dein Fenster zum Internet zugute. Mit Deinen Interessen lohnt es sich, modern zu sein. Das „Historic Emigration Center“ - toll, dass es so etwas gibt. Da erscheinen wir möglicherweise auch. Inhaltsverzeichnis? Wird das ein Buch, das man kaufen kann? Ein Titel? Es gibt ein schönes Buch von Fontane, „Wanderungen in der Mark“. Wie wäre es mit „Erkundungen im Geithainer Land“?

Kurt Klein: Was hat der wohl unterrichtet an der Paul-Günther-Schule in den 1930er Jahren? Ich kann mich nicht an ihn erinnern. Aber Rudolf Walter Leonhardt ist mir natürlich durch „Die Zeit“ sehr gut bekannt. Da las ich gerade (in „Die Zeit“) eine Besprechung der Erinnerungen des DDR-Historikers Fritz Klein. Ein Verwandter von Kurt Klein? Es ist toll, dass Leonhardt in Geithain aufgewachsen ist. Die Welt ist klein!

Ich finde, wenn Sachen interessant sind, dann sind sie um ihrer selbst willen wert, erforscht zu werden. Um geldlichen Lohn sorgt man sich da nicht. Durch Guenther bin ich auch meiner Heimatstadt näher gekommen. Das ist ein schönes Ergebnis. Auf das Buch von Kurt Klein freue ich mich.

„Unverbrüchlich“. Da musste ich lachen. Das hat etwas damit zu tun, dass wir (wir Menschen) sentimental und leicht zu Tränen gerührt sind. Ich würde es nicht nur den Deutschen zur Last legen, wenn sie sich von Leuten an der Macht beschwatzen und hereinlegen lassen. Das ist universal. Wie lange ist es her, dass ein amerikanischer Präsident wirkliches Format hatte? Roosevelt, Truman, Eisenhower. Die waren, jeder in seiner Art, von einer gewissen Größe. Kennedy? Da bin ich mir nicht so sicher. Nach ihm? Einige furchtbare Nieten, einige guter Durchschnitt, keiner sehr bedeutend. In derselben Zeit hatte Deutschland keinen richtigen Versager und mehrere Große, was nicht heißt, dass man unbedingt mit ihnen übereinstimmte. Aber Adenauer, Brandt, Schmidt, auch Kohl – trotz seiner Verfehlungen - die waren schon was. Amerika sieht sich gern als das „Land der Freien“. Inwieweit stimmt das? Es stimmt überhaupt nicht. Die Amerikaner sind die Opfer ihrer eigenen Legenden. Sie sitzen sozusagen im Gefängnis ihrer selbst fabrizierten Spinnereien. Irgendwann geht das schief, so wie es in Deutschland schief ging. Hitler hat uns nicht hintergangen. Er hat genau das gesagt, was wir hören wollten und uns mit unseren falschen Ideen von unserer Größe und Einmaligkeit besoffen gemacht. Dass hinterher keiner etwas gewusst haben wollte, war nichts als schlechtes Gewissen. Da wollte man sich vor der Verantwortung drücken. Der Papst? Wie schwer auf ihm die Geschichte der Kirche lastet! Ich beneide ihn nicht. Wenn er die Wahrheit sagen würde, dass das Ergebnis der Verteufelung der Juden als Gottesmörder durch die Kirche schließlich der Versuch der Ausrottung der Juden war, wenn er das zugeben würde, wäre es mit der Kirche aus. Das ist das wirklich Furchtbare an Auschwitz: dieser Ort ist die Grabstätte des Christentums. Was einmal so wunderbar anfing (mit dem Juden Jesus, der Mitleid und Liebe und Toleranz predigte) endete in der totalen Pleite, weil die machthungrigen Beamten der Kirche weder Mitleid noch Toleranz noch Liebe aufbrachten, sondern Verfolgung und Ausrottung Andersdenkender auf ihren Schild schrieben. Die christlichen Kirchen werden natürlich weiter bestehen und Leute werden sonntags zur Andacht gehen, aber als Gewissen der Menschheit hat dieser Verein ausgedient.

Das Unglück Ostdeutschlands war, wenn ich das richtig sehe, dass sie den eigenen Popanz (Hitler) für einen anderen Popanz eintauschten (Stalin), gezwungenermaßen natürlich. Dadurch bewegten sie sich von einer Illusion zur anderen. Damit kann man nicht so schnell klarkommen, besonders wenn man „geglaubt“ hat. Westdeutschland ist da keine Hilfe. Die haben vergessen, wie schwer sie sich taten mit der „Vergangenheit“. Es ist auf jeden Fall gut und heilsam für die Westdeutschen, dass sich Kohl und die CDU (und FDP) so selbst bekleckert haben und nun erst einmal Jahre der Aufarbeitung brauchen. Das Debakel wird sie bescheidener machen, auch gegen die Verfehlungen anderer.

Fun: Meiner Ansicht nach kommt der „fun“ erst, nachdem man etwas mächtig geübt hat. Schule sollte kurz und schmerzlich sein. Mit 16 alle raus aus der Schule und ins praktische Leben für ein paar Jahre. Danach können dann die, die den Geist dafür haben, „studieren“. Die Universität als Ausbildungsstätte für beinahe jeden ist Blödsinn. In der Fabrik waren die besten Manager die, die einmal selbst gearbeitet hatten. Solche Menschen, die, bis sie fast 30 Jahre alt waren, nur ihr Leben in Schulen und Universitäten verbracht hatten, waren (als Menschen) unansprechbar, hatten Angst vor uns Arbeitern und verschanzten sich hinter angelernten (nicht „erfahrenen“) theoretischen Weisheiten.

Interessiert hat uns Dein Bericht vom Besuch zum Obersalzberg, einstmals ein Schrein der Nation (mit dem „Braunen Haus“ in München und der „Neuen Reichskanzlei“ in Berlin).

Neues in Geithain. Ob wir noch einmal dorthin kommen werden? Und nun der Artikel des Herrn Holz. Wir (meine Mutter und ich) waren nicht lange genug auf der Insel Rügen, um von den Kleinst-Siedlerstellen dort zu erfahren. Drei Transporte vom Lager bei Dresden zur Insel Rügen gab es. Wir waren im ersten Transport mit 547 Vertriebenen, nicht 800, wie ich damals schrieb. Auch bei der Zahl der Waggons hat mich meine Erinnerung völlig fehl geleitet. Herr Holz scheint mir hier die richtige Erinnerung zu haben. Da waren also 55 Personen in jedem Waggon. Schön eng! Nach Herrn Holz waren wir sechs Tage unterwegs. Mir kam es länger vor. Wenn er aber berichtet, dass der Zug über den Rügendamm nach Prora weitergeleitet wurde, dann muss ich dem widersprechen. Wir liefen über den Damm und wurden an der anderen Seite wieder in einen Zug gepfercht, der uns nach Prora brachte. Es stimmt, dass weitere Transporte am 10. November 1945 in Stralsund eintrafen. Mit denen kamen die Hopfgartner Einsiedels, denen wir kurz nach unserer Flucht über den Damm im Hafen begegneten. Herr Holz erwähnt nicht die Plakate, die gegen Ende November in Leipzig die Bevölkerung aufforderten, von Rügen geflohene „Junker“ den Behörden anzuzeigen. Ich habe solche Aufrufe damals in Leipzig gesehen. Wer ist dieser Herr Holz? War er selbst mit bei einem der Transporte oder sind diese Berichte das Ergebnis seiner Nachforschungen? Es kommt also doch mehr und mehr darüber heraus. Das freut mich, denn wenn es sich um einen so kleinen Teil der Bevölkerung handelt, dann vergisst die Geschichtsforschung leicht solche „Lappalien“, die sich natürlich gegen die ganz großen Verbrechen dieser Jahre recht unbedeutend ausnehmen.

Wir wünschen Euch ein frohes Ostern. Nochmals herzlichsten Dank für die vielen Nachrichten. Leider hörten auch wir nichts von den Schulers in Dover, nachdem wir ihnen zur Geburt des Sohnes gratulierten. Ein Besuch im nächsten Jahr wäre großartig. Wir freuen uns schon jetzt. Alles Gute und Schöne wünschen Euch John + Gisela

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Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
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329 стр. 32 иллюстрации
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9783961450459
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