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Gisella Perl

Ich war eine Ärztin in Auschwitz

Aus dem Englischen

von Klaudia Ruschkowski

Herausgegeben von Andrea Rudorff


Inhalt

Einführung in die deutsche Ausgabe

Vorwort

Dr. Capesius

»Ich will mit ihnen gehen …«

Ankunft in Auschwitz

Auschwitz – und ein Tag innerhalb seiner Grenzen

Essen in Auschwitz

Der »Schönheitssalon«

Schatzkammer Auschwitz – Julika Farkas

Charlotte Junger

Der Preis für ein Stück Schnur …

Irma Grese

»Konzert« in Auschwitz

Margarine

Block VII – Die Latrine

Entbindung in Lager C

Das Hospitalpersonal

Der verhängnisvolle Stofffetzen

Der Tod einer Frau

Ein Beutel voll Diamanten

Der lebensrettende Embryo

Die Geschichte von Jeanette

Die Auflösung des Lagers C

Abschied von Auschwitz

Fahrt nach Hamburg

Hamburg – Drägerwerke

Bergen-Belsen

General Glyn Hughes

Abbé Brand

Einführung in die deutsche Ausgabe

Auch wenn inzwischen der Eindruck überwiegt, die Überlebenden der Shoah hätten erst Jahrzehnte nach Kriegsende die Kraft gefunden, über die grausamen Erfahrungen während der Verfolgung und der Lagerhaft zu berichten, so dürfen wir die zahlreichen Jüdinnen und Juden nicht vergessen, die sich unmittelbar nach ihrer Befreiung aus Konzentrationslagern und Verstecken, überall in Europa und in den folgenden Jahren auch an ihren neuen Wohnorten in den USA, Kanada und Australien, an die schwere Aufgabe machten, Zeugnis von den Verbrechen und ihrem persönlichen Erleben abzulegen.

Viele taten dies, weil sie sich den Ermordeten gegenüber verpflichtet fühlten, andere sahen darin eine Möglichkeit, das Geschehene persönlich zu verarbeiten und hofften auf eine innere Befreiung, um abschließen zu können und sich danach mit neuer Kraft dem schwierigen Aufbau eines neuen Lebens nach der Katastrophe zu widmen. In der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre entstanden Hunderte von Publikationen, die damals durchaus Aufmerksamkeit erhielten, aber im Laufe der Jahrzehnte vergessen wurden und heute oftmals nur noch schwer zu beschaffen sind.1 Etliche von ihnen wurden nie in andere Sprachen übersetzt. Die Bedeutung einiger dieser Darstellungen ist erst Jahrzehnte später klar geworden, viele sind in den letzten Jahren durch Neuveröffentlichungen zugänglich gemacht worden.

Zu diesen frühen Berichten gehört auch das Buch von Dr. Gisella Perl (1907–1988), einer jüdischen Gynäkologin aus Sighet, die im Mai 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert und im April 1945 in Bergen-Belsen befreit worden war. Als sie im Jahr 1946 ihre essayhaft angelegten Erinnerungsstücke an die Lagerhaft niederschrieb, tat sie das vor allem aus dem Gefühl der Verantwortung für die Ermordeten. So formulierte sie in ihrem Geleitwort: »Die Toten sprechen hier zu euch. Die Toten, die euch nicht um Rache für sie bitten, sondern nur darum, an sie zu erinnern und darüber zu wachen, dass keine weiteren unschuldigen Opfer deutscher Unmenschlichkeit ihre Reihen füllen …«

Entsprechend dieses Leitsatzes liegt neben der Erzählung ihrer persönlichen Geschichte der Schwerpunkt ihres Berichts darin, hoffnungsvolle, junge, begabte und schöne Frauen zu portraitieren, die in der überwiegenden Mehrzahl nicht überlebt haben. Deutlich wird ihr Anliegen, die Phasen der Depravation dieser Frauen in der Lagerhaft darzustellen, ihren Lebenswillen und Überlebenskampf zu betonen und auf den großen kulturellen Verlust hinzuweisen, der mit der Ermordung dieser Menschen einherging.

Gleichzeitig hatte Gisella Perl durch ihre Arbeit als Häftlingsärztin etwas Besonderes zu erzählen. Häftlinge, die als medizinisches Personal in Konzentrationslagern zum Einsatz kamen, wurden zu außerordentlich wichtigen Zeugen, da sie zentrale Orte für das innere Funktionieren des Lagers – die Krankenreviere – kennengelernt hatten, eine hohe Verantwortung nicht nur für sich, sondern auch für unzählige Mithäftlinge wahrnahmen und dabei permanent mit ethisch herausfordernden Situationen konfrontiert waren. Alle Überlebenden, die sich schreibend mit der Lagerhaft auseinandersetzten, beschäftigten sich mit den moralischen Zumutungen und Grenzsituationen – der wohl bekannteste unter ihnen ist Primo Levi, der den Begriff der »Grauzone« für die menschlichen Dilemmata in einem unmenschlichen System prägte.2

Auch Gisella Perl spart diese Themen nicht aus. Ihr Buch reiht sich ein in die Memoiren ehemaliger Häftlingsärzte und -ärztinnen, die ihr spezielles Wissen zu den Vorgängen in den Krankenrevieren und Experimentierstationen des Lagerkomplexes Auschwitz-Birkenau und die unerträglichen Situationen, die für die Häftlingsärztinnen und -ärzte entstanden, weitergaben. Unermüdlich schrieb der österreichische Lagerarzt Dr. Otto Wolken in den Wochen nach der Befreiung Berichte und Analysen über die Krankenstation im Quarantänelager B II a.3 Der ungarische Pathologe Miklós Nyiszli veröffentlichte bereits 1946 seine Erfahrungen im Sektionsraum des Krematoriums II, wo er im Auftrag von Josef Mengele Leichen sezieren musste.4 Im Jahr 1948 erschienen in London die Erinnerungen der österreichischen Häftlingsärztin Ella Lingens, 1956 die der jüdischen Berliner Ärztin Lucie Adelsberger, die im sogenannten Zigeunerlager in Birkenau eingesetzt war, 1979 eine Abhandlung der Polin Irena Białówna.5 Andere Berichte sind kurz nach der Befreiung verfasst, aber erst später veröffentlicht worden, wie die Berichte der Häftlingsärztinnen Adélaïde Hautval und Sima Vaisman.6 Die Form von Perls Bericht erinnert stark an das ebenfalls 1947 erschienene Buch der slowakischen Häftlingsärztin Margita Schwalbová, die ihre Erfahrungen im Krankenrevier des Frauenkonzentrationslagers mit Portraits von weiblichen Häftlingen verknüpfte.7

In besonders enger Beziehung zu Gisella Perls Buch stehen die Memoiren von Olga Lengyel, die erstmals 1946 in Paris und anschließend in Chicago erschienen sind und bis heute nicht ins Deutsche übersetzt wurden.8 Die beiden Frauen arbeiteten zusammen auf dem Krankenrevier im Teillager B II c. Es ist gut möglich, dass sie beim Verfassen der Berichte miteinander in Kontakt waren, denn beide hielten sich im Jahr 1946 in Paris auf. Teilweise überschneiden sich die Inhalte ihrer Berichte stark, was angesichts des engen Zusammenlebens und -wirkens der beiden in der Krankenstation des Lagers B II c nicht verwundert. Gisella Perl stellt Olga Lengyel im Buch als Olga Schwartz vor und veränderte einige Fakten – möglicherweise aus literarisch-fiktionalen Gründen. Sie bezeichnet Olga Lengyel als ausgebildete Ärztin, während diese selbst immer sehr großen Wert darauf legte, dass sie lediglich eine medizinische Assistentin war, die jedoch viel Praxiserfahrung im Krankenhaus ihres Mannes Dr. Miklós Lengyel gesammelt hatte, der übrigens nicht, wie bei Perl erwähnt, in Bergen-Belsen überlebte, sondern auf dem Todesmarsch von Auschwitz-Monowitz ums Leben kam.9

Es ist anzunehmen, dass Perl die von ihr portraitierten Personen, darunter Olga Schwartz, weniger im Sinne von historischen Biographien angelegt hat, als vielmehr als Allegorien des Daseins im Lagers versteht, die sie zum Anlass nimmt, sich beispielhaft Themen wie Freundschaft, Lebenswillen, Überlebenskampf, Aufopferung, aber auch Verfall, Depression, Illusionen oder auch die Qualen von Müttern nach der Trennung von ihren Kindern anzunehmen.

Einen »connecting link« zwischen Gisella Perl und Olga Lengyel stellt Lujza Salamon dar, die wie Olga Lengyel aus Cluj stammte und ebenfalls als Häftlingspflegerin im Krankenrevier des Lagers B II c eingesetzt war. Sie floh im Januar 1945 gemeinsam mit Olga Lengyel vom Todesmarsch aus Birkenau, schlug sich dann in ihre Heimat durch und berichtete bereits im März 1945, noch vor Kriegsende, im »Haus der Flüchtlinge« in Bukarest von ihren Erfahrungen.10 In ihrem Bericht erwähnte sie Gisella Perl als »Dr. Krauss, die Leiterin der Frauenheilkunde« in B II c. Krauss ist der Name von Gisella Perls Mann und es ist gut möglich, dass sie in Birkenau auch unter diesem Namen bekannt war. Unterlagen der KZ-Verwaltung zu Gisella Perl konnten bisher nicht aufgefunden werden, was aber angesichts der in der letzten Phase nicht mehr durchgängig erfolgten Registrierungen bzw. der Vernichtung von Häftlingsunterlagen in der Endphase des Krieges nicht ungewöhnlich ist. Als »Dr. Gisi Perl« ist sie auf einer Liste von Juden mit rumänischer Staatsbürgerschaft notiert, die in Bergen-Belsen befreit wurden.11

Weibliche Erfahrungen während Verfolgung und Lagerhaft und die Situation von deportierten Jüdinnen in Auschwitz im Frühsommer 1944

Die spezifischen Erfahrungen jüdischer Frauen im nationalsozialistischen Lagersystem sind in den 1980er-Jahren vor allem in den USA auf die wissenschaftliche Agenda geholt worden.12 Schwerpunkt der Diskussionen war – neben der Klärung der Legitimität der Kategorie Gender in der Untersuchung der Judenverfolgung und -vernichtung – die Frage nach geschlechtsspezifischen Überlebensbedingungen und -strategien. Joan Ringelheim stellte fest, dass jüdische Frauen in fast allen Etappen der Verfolgung einer höheren Todesgefahr ausgesetzt waren als jüdische Männer: Einmal aufgrund der gesellschaftlichen Rollenverteilungen, die dazu führten, dass zum Beispiel die kostenintensive Emigration ins Ausland eher männlichen Familienmitgliedern ermöglicht wurde, aber auch aufgrund der NS-Vernichtungspolitik, die vorsah, dass jüdische Frauen, wie Himmler in seiner Posener Rede am 6. Oktober 1943 klar benannte, als Keimzelle des jüdischen Volks möglichst ausnahmslos umzubringen seien.13

Seit den 1990er-Jahren entstanden vor allem im deutschen Sprachraum Arbeiten, die sich mit den spezifischen Bedingungen von weiblichen Häftlingen in einzelnen Lagerkomplexen befassten.14 Dabei fiel auf, dass sowohl jüdische als auch nichtjüdische Frauen in den KZ-Außenlagern der letzten Kriegsphase eine deutlich höhere Überlebensrate als Männer aufwiesen.15 Dies konnte einerseits auf ihre zunehmende Bedeutung als Arbeitskräfte in der NS-Kriegswirtschaft zurückgeführt werden – warf aber gleichzeitig die Frage auf, ob Frauen über sozialisationsbedingte Fähigkeiten verfügten, die ihre Überlebenschancen positiv beeinflussten.

Für die Situation der weiblichen Häftlinge in Auschwitz-Birkenau sind die Forschungen von Irena Strzelecka und Helena Kubica wegweisend.16 Angesichts der verschiedenen Phasen der Lagerentwicklung, der disparaten Funktionen der einzelnen Lagerbereiche und der unterschiedlichen Politik gegenüber einzelnen Häftlingsgruppen muss die Situation weiblicher Häftlinge stark differenziert und in Abhängigkeit von Herkunft, Status, Deportationszeitpunkt und Lagerbereich unterschieden werden. Zu einzelnen Lagerbereichen, wie unter anderem zu der Abteilung B II c, in der Gisella Perl untergebracht war, besteht noch großer Forschungsbedarf.

Gisella Perl wurde 1907 in Máramarossziget (heute Sighetu Marmației in Rumänien) geboren, einer Stadt in Siebenbürgen, die zum Zeitpunkt ihrer Geburt zum Königreich Ungarn, nach dem Ersten Weltkrieg zu Rumänien und nach dem Zweiten Wiener Schiedsspruch 1940 wiederum zu Ungarn gehörte. Nachdem die Deutschen im März 1944 Ungarn besetzt hatten, waren die annektierten Gebiete die ersten, aus denen die jüdische Bevölkerung deportiert wurde. Die Juden von Máramarossziget wurden nach kurzem Aufenthalt in einem ghettoähnlichen Sammellager Ende Mai 1944 nach Auschwitz deportiert. Gisella Perl, die zu diesem Zeitpunkt eine 36-jährige angesehene Gynäkologin und Geburtshelferin war, wurde zusammen mit ihrem Mann, ihrem Sohn, ihren Geschwistern und Eltern nach Auschwitz-Birkenau deportiert. An der Rampe wurde sie von ihnen getrennt. Eltern und Sohn wurden sofort nach Ankunft in der Gaskammer ermordet. Ihr Mann, ihr Bruder und ihre Schwägerin wurden ins Lager aufgenommen, starben aber noch vor der Befreiung. Ihre Tochter Gabriella, die sie in den Memoiren nicht erwähnt, lebte zu diesem Zeitpunkt versteckt bei einer nichtjüdischen Familie.17

Nie waren mehr Menschen in Birkenau eingetroffen als in den Monaten Mai und Juni 1944. Bis Reichsverweser Miklós Horthy im Juli 1944 die Einstellung der Deportationen verfügte, waren rund 438 000 Juden aus Ungarn nach Auschwitz deportiert worden.18 Die eintreffenden Menschen wurden an der Rampe von der Lager-SS unter Aufsicht der Lagerärzte selektiert. Arbeitsfähige Männer und Frauen sollten zum Arbeitseinsatz in die deutsche Rüstungsindustrie gebracht werden, da sich im Laufe des Jahres 1944 der Arbeitskräftemangel dramatisch zugespitzt hatte. In einem ersten Schritt trennte die SS die Deportierten nach Geschlechtern. Kinder wurden der Gruppe der Frauen zugewiesen. In einer weiteren Selektion trennte die SS die beiden Gruppen erneut: Wer alt, krank oder arbeitsunfähig erschien, kam auf eine Seite, wer gesund und kräftig wirkte, auf die andere. Gisella Perl wurde der Gruppe der arbeitsfähigen Frauen zugewiesen. Die Zahl der zur Arbeit selektierten Juden aus den Ungarn-Transporten wird auf 110 000, etwa zum gleichen Anteil Männer und Frauen, geschätzt.

Die zum Arbeitseinsatz ausgewählten Frauen wurden nach der Selektion als sogenannte »Durchgangsjuden« notdürftig in den Abschnitten B II c sowie im noch nicht fertiggestellten Abschnitt B III (genannt »Mexiko«) untergebracht. Gisella Perl wurde dem Lagerbereich B II c zugewiesen. Er diente von Ende Mai bis November 1944 als Quarantäne- und Durchgangslager für bis zu 32 000 weibliche jüdische Deportierte, die zum großen Teil aus Ungarn und den ungarisch besetzten Gebieten stammten und dort Wochen oder Monate verbrachten, bis die SS über ihr weiteres Schicksal entschied. Sie wurden, bis auf Hilfsarbeiten zur Lagerorganisation, nicht zur Arbeit eingesetzt und hatten stattdessen täglich qualvolle, stundenlange Zählappelle zu absolvieren. Die Monate, die Gisella Perl in Birkenau verbrachte, waren eine Zeit, in der sich Birkenau zum größten Umschlagplatz für Häftlingsarbeiterinnen entwickelte, die in das expandierende Außenlagersystem auf Reichsgebiet geschickt wurden. Rüstungsbetriebe, die einen Bedarf an Arbeitskräften anmeldeten, bekamen Gruppen von meist mehreren Hundert Frauen zugewiesen und brachten diese in Fabriknähe in einem Lager unter, das von SS-Wachmannschaften bewacht wurde und als Außenlager vom KZ-System verwaltet wurde. Vom Sommer bis in den späten Herbst 1944 hinein verließen Hunderttausende Häftlinge Birkenau zum Arbeitseinsatz in Richtung Reichsgebiet. Diese Verschickungen ins Reich spielen in Perls Bericht immer wieder eine Rolle. Für die Häftlinge in B II c selbst war nicht immer klar, ob ein Abtransport ihre Situation verbessern oder eher verschlimmern würde. Nach und nach wurde aber immer deutlicher, dass jeder Tag, jede Woche unter den Bedingungen von Birkenau die Gefahr erhöhte, zu erkranken und letztendlich den regelmäßig stattfindenden Selektionen durch die SS-Ärzte zum Opfer zu fallen. Diese dienten dem Ziel, diejenigen auszusortieren und zu ermorden, deren Heilung als nicht erwartbar erschien und die nicht unnötig Platz und Ressourcen verbrauchen sollten. Sie wurden auf Lkws geladen und in die nahegelegenen Gaskammern abtransportiert. De facto waren die Überlebenschancen in einem Außenlager der Rüstungsindustrie insbesondere für Frauen höher als in Birkenau. Auch Perls eigene Überstellung in das Neuengammer Außenlager Hamburg-Wandsbek im Januar 1945 erfolgte in diesem Zusammenhang. Dort hatte die Firma Dräger im Juni 1944 ein Außenlager für 500 Frauen errichtet, die in der Gasmaskenproduktion eingesetzt waren.19 Wenn in einem Außenlager Bedarf nach medizinischem Personal entstand, war es durchaus üblich, dass Häftlingsärztinnen in Einzeltransporten über weite Strecken von Lager zu Lager überstellt wurden, wie es Gisella Perl widerfuhr.

Die Situation von Häftlingsärzten und -ärztinnen in Auschwitz-Birkenau

Die SS hatte schon sehr früh begonnen, in den Konzentrationslagern eine medizinische Minimalversorgung einzurichten; sie diente zunächst vor allem der Seuchenprävention, da die SS sich selbst und die Zivilbevölkerung bedroht sah, wenn unter den Häftlingen ansteckende Krankheiten ungehemmt grassierten. Da seit 1942 die Arbeitskraft der Häftlinge an Bedeutung gewann und die Sterblichkeit in den Konzentrationslagern reduziert werden sollte, setzte die SS zunehmend Häftlinge mit ärztlicher Ausbildung in den Krankenrevieren ein. Diese betreuten die Reviere weitgehend selbstständig, wurden aber regelmäßig durch die zuständigen SS-Ärzte kontrolliert.

Die Krankenreviere waren Orte, wo Häftlinge, für die eine Heilung als aussichtsreich angesehen wurde, eine Chance auf Regeneration erhalten sollten. Trotz ihrer oft armseligen Ausstattung konnten die Häftlingsärztinnen und -ärzte Kranke im Rahmen der begrenzten Möglichkeiten behandeln und pflegen – wenn Medikamente nicht vorhanden waren, dann mit guten Worten und dem Gefühl, dass sich jemand um einen sorgte und kümmerte. Gleichzeitig fanden hier regelmäßig Selektionen der SS-Ärzte statt, auf die Häftlingsärztinnen und -ärzte Einfluss nahmen, indem sie Gefährdete versteckten oder deren Diagnosen manipulierten. Die Rettung Einzelner bedeutete jedoch immer den Tod anderer. Angesichts der menschenunwürdigen Umstände, in denen sie ärztlich agieren mussten, verstießen sie zwangsläufig immer wieder gegen medizinethische Normen und die Grundprinzipien des Hippokratischen Eides. Die meisten Häftlingsärztinnen und -ärzte in Auschwitz-Birkenau und anderen Lagern versuchten trotz der moralischen Dilemmata in der ständigen Gratwanderung zwischen Befehlen der SS und ärztlichen Pflichten das Menschenmögliche zu tun, um möglichst vielen Häftlingen das Leben zu retten oder zu erleichtern.

Als Gisella Perl nach Auschwitz-Birkenau kam, existierte das Stammlager Auschwitz I fast vier Jahre, das weitaus größere Auschwitz II, Birkenau, mehr als zwei Jahre. Im gesamten Lagerkomplex hatte sich in dieser Zeit ein ausgedehntes Netz an Krankenrevieren entwickelt.20 Neben dem großen Krankenrevier im Stammlager, das sich auf mehrere Blöcke verteilte und eine Ambulanz, eine Innere Abteilung, eine Chirurgische Abteilung und einen Schonungsblock umfasste, existierten auch in Birkenau bereits mehrere Häftlingskrankenbauten: seit August 1942 das Krankenrevier im Frauenlager B I a mit zunächst vier Baracken, das später auf das gesamte Lager B I a ausgedehnt wurde, die Reviere im Quarantänelager im Bereich B II a und im sogenannten Zigeunerlager B II e sowie die gesamte Abteilung B II f, die als »Männerhäftlingskrankenbau« fungierte. Über 200 Häftlingsärzte und -ärztinnen waren im Laufe der Jahre im Lagerkomplex Auschwitz-Birkenau eingesetzt.

Im Lager B II c waren ab Ende Mai 1944 junge, gesunde, als arbeitsfähig deklarierte Frauen untergebracht. Die katastrophalen Lebensumstände, die Mangelversorgung und die Gewalt, der die Frauen ausgesetzt waren, führte schon bald zu ersten Krankheitsfällen. Mitte Juli 1944 entschied die SS, im Lagerbereich B II c eine Baracke als Krankenbaracke einzurichten und jüdische Ärztinnen und Pflegerinnen dort einzusetzen, darunter Gisella Perl und Olga Lengyel. Dieses Revier wurde in der Mitte des Lagers, in der Baracke 15, eingerichtet. Olga Lengyel beschrieb sie als eine baufällige Baracke, in die es hineinregnete. Zwei kleine Räume rechts und links des Eingangs seien als Behandlungszimmer und als Apotheke genutzt worden, Licht kam nur aus dem Flur in das Untersuchungszimmer, es gab kein fließendes Wasser, kein Desinfektionsmittel, keine sterilen Instrumente, und selbst der Holzfußboden sei schwer sauber zu halten gewesen. Ständig hätten sie Angst gehabt, dass sich Patienten bei der Behandlung infizierten.21 Etwa 500 Patientinnen wurden dort am Tag versorgt, die in Fünferreihen auf der Lagerstraße anstehen mussten. Hatte das Revier am Anfang ausschließlich die Funktion einer Ambulanz, so war später auch die dauerhafte Unterbringung von 400 bis 500 kranken Frauen am hinteren Ende der Baracke möglich. Die medizinische Versorgung war eine Farce, ein »neuer gespenstischer Nazi-Witz«, wie Gisella Perl es bezeichnete. Es standen kaum Mittel für eine tatsächliche Heilbehandlung zur Verfügung: Die Ausstattung mit Medikamenten oder Verbandsmaterial war miserabel. Jedoch wies Gisella Perl darauf hin, dass vielen Erkrankten allein die Befreiung von den mehrstündigen Appellen schon genug Entlastung bot, um sich zu regenerieren. Um Frauen vor der Selektion zu bewahren, manipulierten sie regelmäßig Diagnosen. Die Unterbringung von Frauen mit Hautausschlägen, Typhus, Malaria oder auch psychischen Krankheiten im Revier war von der SS verboten worden; »erlaubt« waren hingegen Halsentzündungen, Grippe und Lungenentzündungen.

Die Position einer Häftlingsärztin brachte zahlreiche Privilegien mit sich, die ihre Lebensbedingungen verbesserte und die Überlebenschancen erhöhte.22 Das medizinische Personal von Block 15 erhielt eine separate Unterbringung, besseren Zugang zu Nahrung und Kleidung, die sie zu Bestechungszwecken oder aus Dankbarkeit bekamen, sie konnten relativ autonom arbeiten und ihre Zeit ohne eine ständige SS-Aufsicht im Nacken einteilen. Daher waren sie auch mehr vor Misshandlungen geschützt als die gewöhnlichen Häftlinge. Zwar setzten sie sich wegen des fehlenden Arbeitsschutzes zahlreichen Krankheitserregern aus – im Fall von Erkrankung hatten sie aber einen deutlich besseren Zugang zu Medizin und ärztlicher Versorgung durch ihre medizinisch ausgebildeten Mithäftlinge aus dem Krankenrevier. Das Wichtigste jedoch war das Gefühl, gebraucht zu werden, den Menschen Erleichterung verschaffen zu können und in einem stetigen Fachaustausch mit den anderen Ärztinnen und Pflegerinnen zu stehen. Genau dieses Gefühl einer sinnvollen Aufgabe im Kreis von Kolleginnen brachte einen Lebenssinn in das quälende und isolierte Gefangenendasein, das ansonsten schnell in Hoffnungslosigkeit und Apathie umschlug. Dieser Privilegien war sich Gisella Perl bewusst und reflektiert sie in ihrem Buch.

Gegen Ende September 1944 begann die SS, das Lager B II c aufzulösen. Dem forcierten Abtransport von Häftlingsgruppen folgten forcierte Selektionen. Am 4. November 1944 befanden sich noch etwa 1000 Jüdinnen im Lager, die in die als Frauenkonzentrationslager genutzten Bauabschnitte B I a und B I b verlegt wurden. Gisella Perl beschreibt diese Verlegung als Umzug in die Lager »F, K und L«, was sich aus der Abkürzung des Wortes Frauenkonzentrationslager (FKL) ergibt. Dort blieb sie zwei Wochen. Am 17. November 1944 beschloss die SS schließlich, alle männlichen und weiblichen Häftlinge im Lagerabschnitt B II zu sammeln. Bis zum 24. November wurden die arbeitsfähigen Frauen aus B I a und B I b in den Bereich B II d, arbeitsunfähige und kranke Frauen sowie Kinder in den Bereich B II e überstellt. Laut Angaben von Otto Wolken gab es dort folgende Abteilungen: eine Innere Abteilung für jüdische (Block 22), nichtjüdische (Block 16) und reichsdeutsche Häftlinge, Kinder sowie Funktionshäftlinge (Block 24), eine Durchfall-Baracke in Block 18, eine Chirurgie in Block 20, eine Ambulanz in Block 28, den Block 30 für Tuberkulosekranke und den Block 32 für Infektionskrankheiten.23 Gisella Perl arbeitete dort bis zu ihrer Überstellung nach Hamburg-Wandsbek im Januar 1945 auf der Entbindungsstation in Block 19.

Die Situation von schwangeren Frauen in Auschwitz-Birkenau

Unter den nach Auschwitz-Birkenau Deportierten waren schwangere Frauen besonders gefährdet. In den ersten Jahren der Lagerexistenz wurden sie ausnahmslos ermordet. Später modifizierte die SS aufgrund des gestiegenen Arbeitskräftebedarfs das Verfahren. Frauen, die bereits als Häftlinge registriert waren und im Arbeitseinsatz standen, sollten gebären und nach der Entbindung sofort wieder an ihren Arbeitsstellen erscheinen. Die Neugeborenen wurden ermordet. Ab Mitte 1943 wurden nichtjüdische Neugeborene am Leben gelassen und als Häftlinge registriert, auch wenn viele aufgrund der Lebensumstände starben. Im Frauenlager B I a richtete die SS eine Entbindungsstation mit 30 dreistöckigen Pritschen ein, die von der Hebamme Stanisława Leszczyńska geführt wurde.24

Anders war der Umgang mit den jüdischen Frauen, die im Sommer 1944 vor allem aus Ungarn und den von Ungarn besetzten Gebieten nach Birkenau gebracht wurden. Wenn sie erkennbar schwanger waren, wurden sie bereits bei der Eingangsselektion der Gruppe der Arbeitsunfähigen zugeteilt und in der Gaskammer ermordet. Wenn eine Schwangerschaft erst später auffiel, waren die Blockälteste, aber auch die Häftlingsärztinnen verpflichtet, diese zu melden. Außerdem forderte die SS nach jeder Ankunft eines Transports beim Appell Schwangere auf, vorzutreten. Sie würden in ein Lager gebracht, wo bessere Bedingungen herrschten und ihnen eine bessere Ernährung zuteilwürde. Tatsächlich erhielten einige Frauen, die erklärten, schwanger zu sein, in den folgenden Tagen Milch und etwas mehr Suppe. Viele Schwangere ahnten jedoch bereits, dass es sich um eine Täuschung handelte oder waren gewarnt worden. Anna Sussmann, die im Sommer 1944 aus Drancy nach Birkenau deportiert wurde, hatte beispielsweise bei der Eingangsrasur der rasierenden polnischen Häftlingsfrau gesagt, »Du musst aufpassen, ich bekomm’ ein Baby!« Darauf hätte diese geantwortet »Das vergiss! Und sprich unter keinen Umständen darüber. Wenn sie dich zwanzigmal fragen: Das ist aufgedunsen von der Suppe.«25

Gisella Perl schrieb, dass auch sie in der Anfangszeit naiv genug war, den Deutschen zu glauben, bis sie eines Tages zufällig Zeugin wurde, wie Schwangere getreten und von Hunden gehetzt ins Krematorium gebracht wurden. Dieses Erlebnis habe ihr die Kraft gegeben, ihre Aufgabe in Zukunft darin zu sehen, zumindest das Leben der Mütter zu retten, wenn es schon nicht möglich war, dass sie ihre Kinder gesund zur Welt brachten. Solange die SS nichts von der Schwangerschaft erfuhr, hatten die Frauen eine Chance aufs Überleben.

Von nun führte sie nachts heimlich Abtreibungen in den Häftlingsbaracken durch – ohne Licht und sterile Instrumente. Ausführlich schreibt Perl über die Qualen, die diese Tätigkeit für sie bedeutete. Manche Schwangerschaften waren schon sehr fortgeschritten – einige Kinder, deren Geburten sie einleitete, waren lebensfähig. Jedoch konnte sie sich auf das ärztliche Reglement berufen, dass das Leben der Mutter an erster Stelle zu retten ist, wenn Mutter und Kind in Gefahr sind.26

Gisella Perl war nicht die einzige Häftlingsärztin in Birkenau, die Abtreibungen an schwangeren Frauen vornahm. In verschiedenen Abteilungen des Lagers entschlossen sich Ärztinnen zu dieser Maßnahme, um Leben zu retten – zunächst heimlich. Viele Schwangere baten selbst darum, für andere war es eine Katastrophe, als ihnen Mithäftlinge einen Schwangerschaftsabbruch nahelegten. Die Häftlingspflegerin Lujza Salamon schrieb später: »Sie nahmen uns übel, dass wir ihnen damit möglicherweise reichhaltigere Lebensmittelrationen und andere Vorteile vorenthielten. Immer wieder mussten wir ihnen erklären, dass sie nur auf diese Weise überleben würden, und mit der Zeit verstanden sie es.«27

Zu einem nicht geklärten Zeitpunkt, vermutlich im September 1944, gab die SS offiziell den Befehl aus, dass Schwangerschaften abgebrochen werden sollten. Im ehemaligen Schonungsblock im Lagerbereich B I b wurden ab diesem Zeitpunkt Abtreibungen auch gegen den Willen der werdenden Mütter durchgeführt, wie zum Beispiel die überlebenden ungarischen Jüdinnen Ilona Pal und Aranka Schiffer berichten.28 Für Gisella Perl bedeutete es eine Erleichterung, als Mengele anwies, dass Schwangere nicht länger ermordet würden, sondern die Schwangerschaft abgebrochen werden sollte. Von nun an konnte sie unter besseren Bedingungen, im Revier, die Abtreibungen vornehmen und musste nicht mehr »auf dem schmutzigen Boden der dunklen Baracken die Leben der schwangeren Frauen retten«.

Wenn es Frauen doch gelang, ihre Schwangerschaft zu verbergen und im Lager ihr Kind zur Welt zu bringen wie Anna Sussmann im August 1944, wurden die Neugeborenen unmittelbar ermordet – bis zur Einstellung der Gaskammermorde Ende Oktober 1944. Einige Ausnahmen gab es in den Herbstmonaten 1944, als Josef Mengele Experimente an entbundenen Frauen und Neugeborenen vornahm. Er band beispielsweise frisch entbundenen Frauen mit Gips die Brüste ab, um festzustellen, wie lange ein Säugling ohne Nahrung auskommen könne. Frauen wurden mit Typhus infiziert, um zu überprüfen, ob das Kind angesteckt wird. Mengele träufelte Neugeborenen chemische Flüssigkeiten ins Auge, die Augenentzündungen hervorriefen und bis zur Erblindung führen konnten.29 Auch Gisella Perl erlebte solch einen Versuch bei einer ihrer Schützlinge. Eva Benedek aus Budapest brachte im November 1944 einen Jungen zur Welt. Danach sei ihr die Nahrung entzogen worden, sodass sie ihn nicht ausreichend stillen konnte und er nach acht Tagen verhungert war.

Assistenz von Mengele?

Ein drittes Aufgabenfeld von Häftlingsärztinnen und -ärzten in Auschwitz war die Mitwirkung an medizinischen Experimenten. Der Begriff »Pseudomedizin«, der zur Beschreibung dieser Menschenversuche häufig benutzt wurde, um sich von den verbrecherischen Praktiken abzugrenzen, ist in letzter Zeit kritisiert worden, weil er diese vorschnell auf individuelle Grenzüberschreitungen einzelner sadistischer SS-Ärzte reduziert und suggeriert, dass die »seriöse« Wissenschaft damit nichts zu tun gehabt hätte. Etliche in Konzentrationslagern durchgeführte Experimente gingen jedoch von namhaften zivilen Forschungseinrichtungen aus, die damals ganz »seriös« Rasseforschung betrieben. Aufgrund der großen Verfügbarkeit über Menschen unterschiedlicher Herkunft wurde Auschwitz-Birkenau zu einem Zentrum dieser Forschung, bei der sämtliche ethische und ärztliche Gebote außer Kraft gesetzt waren und die für die als Versuchsobjekte eingesetzten Menschen starke Schmerzen und oftmals dauerhafte körperliche Schäden mit sich brachte, in vielen Fällen auch zum Tod führte.30

Ein Schwerpunkt der Experimente an jüdischen Häftlingen in Auschwitz stand im Zusammenhang mit Bemühungen, im Sinn der nationalsozialistischen Bevölkerungspolitik möglichst wirksame und schnelle Sterilisationsmethoden von rassisch oder anders unerwünschten Menschen zu testen. Dr. Horst Schumann erprobte die Massensterilisierung mittels Röntgenstrahlen an mehr als 400 Männern, Dr. Carl Clauberg injizierte Frauen ein Präparat, das die Eileiter entzündete und verklebte, um sie unfruchtbar zu machen.31 Die Versuchsstation von Schumann und Clauberg, die sich anfangs in Birkenau befand, wurde im Frühjahr 1943 aus Angst vor Epidemien in den Block 10 des Stammlagers verlegt. Gisella Perl erfuhr von diesen Experimenten nur vom Hörensagen. Sie berichtete von einer Bekannten, Ibi Hillman, die in einem erschreckenden Zustand von diesen Experimenten zurückkam. Diese selbst habe jedoch nicht gewusst, was genau mit ihr geschehen war.

Stärker konfrontiert war Gisella Perl mit den Experimenten von Josef Mengele, der als 1. Lagerarzt von Birkenau auch für das Häftlingsrevier in B II c zuständig war. Mengele, der seit Mai 1943 in Auschwitz war, nutzte neben seinen Aufgaben als Lagerarzt die Gelegenheit, persönliche wissenschaftliche Obsessionen in Menschenversuchen umzusetzen. Er untersuchte eine Vielzahl von Männern, Frauen und Kindern unterschiedlicher Herkunft nach genetischen Gesichtspunkten, wobei sein Schwerpunkt auf der vergleichenden Zwillingsforschung und der Untersuchung der Kleinwüchsigkeit lag. Mengele hielt sich oft an der Rampe auf, um Versuchsobjekte auszuwählen. Sein Forschungslabor befand sich zunächst im Bereich B II e, danach im Block 15 des Lagers B II f. Mengele versorgte auch seinen ehemaligen akademischen Lehrer, Professor Otmar von Verschuer vom Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin mit Blutproben von Auschwitz-Häftlingen verschiedener geographischer Herkunft. Verschuer beschäftigte sich mit der Feststellung der Rassespezifität von Eiweißkörpern im Blut und wollte davon ausgehend eine naturwissenschaftlich exakte Methode zur Rassenidentifikation entwickeln.32

Gisella Perl hatte aufgrund ihrer Arbeit im Revier täglich Kontakt zu Mengele, der das Revier zu Kontrollen und Selektionen aufsuchte. Sie war jedoch nicht, wie teilweise zu lesen ist, seine Assistentin. In seinen Versuchslaboren arbeitete sie nicht. Eine Zuarbeit zu seinen Experimenten erfolgte insofern, als sie ihm, nachdem die Abtreibungen auf offizielle Anweisung geschahen, Föten zu experimentellen Zwecken zur Verfügung stellen musste.

Nach ihrer Überführung in den Lagerbereich B II e kam sie auch in Kontakt mit speziellen Opfergruppen von Mengele, Zwillingspaaren und Kleinwüchsigen, die sie als »Mengeles Lieblinge« beschrieb.

Die Perspektivität in Perls Memoiren

Die Krematorien von Birkenau und ihre brennenden Schornsteine waren für alle in Birkenau Gefangenen stets präsent. Spätestens einige Tage nach Ankunft war klar, was sie zu bedeuten hatten. Da alle Häftlinge jedoch nur in dem abgegrenzten Gebiet, in dem sie untergebracht bzw. zur Arbeit eingesetzt waren, Erfahrungen sammeln konnten, hatten nur sehr wenige Überlebende die Vorgänge bei der Ermordung der Juden in den vier Krematorien in Birkenau selbst beobachten können. Im verständlichen Wunsch, trotz des unvollständigen Wissens dieses zentrale Geschehen von Birkenau zu dokumentieren und besser ungesichertes Wissen weiterzugeben als gar keins, beschreiben gerade die Autorinnen und Autoren früher Berichte den Massenmord auf Grundlage ihrer damaligen Kenntnisse, die sich oftmals aus dem Hörensagen speisten. Kaum ein Autor, eine Autorin, war in der Lage, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Hermann Langbein, selbst Überlebender von Auschwitz, wies darauf hin, wie viele Gerüchte im Lager kursierten, die dem Wunsch entsprangen, Unerklärliches zu erklären, aber auch durch die Ausschmückung von Dingen den monotonen Alltag zu bereichern.33 Die Darstellungen werden damit gleichsam selbst zu historischen Quellen über den damaligen Kenntnisstand der Gefangenen.

Heute, nach jahrzehntelanger Forschung und vielen gesicherten Kenntnissen zum Mordgeschehen in Birkenau, ist es nötig, sie mit dem aktuellen Wissenstand abzugleichen und offensichtliche Ungenauigkeiten zu korrigieren und einzuordnen. Dies stellt keineswegs die Glaubwürdigkeit der Berichte in Frage. Vielmehr hätten die Autorinnen und Autoren diese Fehler, die nicht aus Verfälschungsabsichten entstanden, sondern weil es schlichtweg keine Möglichkeit gab, sie durch Recherche zu verifizieren, vermutlich selbst richtiggestellt, wenn sie die Chance dazu gehabt hätten.

Auch in Gisella Perls Bericht gibt es einige Ungenauigkeiten über den Mordprozess in den Krematorien. Während ihrer Zeit in Birkenau wurden die meisten eintreffenden Menschen direkt nach ihrer Ankunft von der Ende Mai 1944 eröffneten Rampe im Lager Birkenau in die nahegelegenen Krematorien getrieben.34 Es handelte sich nicht um Holzhäuser, wie sie berichtet, sondern um massive Neubauten, die über eigens zu Mordzwecken eingebaute Gaskammern verfügten. Besonders grausam war es, wenn Kinder durch Launen der SS-Männer aus der Menschengruppe ausgesondert und lebendig auf Scheiterhaufen geworfen wurden, die sich in der Nähe der Krematorien befanden. Es ist jedoch nicht richtig, dass dies mit allen Kindern so geschah, wie Perl mehrfach angibt. Ein Großteil von ihnen starb in den Gaskammern. Auch erwähnt sie, dass aus den Körperfetten der ermordeten Juden Seife hergestellt worden sei. Zwar fand in Birkenau eine systematische Leichenfledderei statt: So wurden die Körper der Ermordeten nach Zahngold und Schmuck abgesucht, die Haare in der Industrie weiterverwertet sowie Asche und Knochenschrot in der Landwirtschaft und im Straßen- und Wegebau verwendet. Dass Seife aus den Körperfetten hergestellt wurde, ist nicht belegt.35

Auch der verständliche Versuch Perls, die Leserinnen und Leser über die strukturgeschichtlichen Hintergründe ihrer Lagerodyssee, den Aufbau des Lagersystems im Deutschen Reich und die Funktion der verschiedenen Lagertypen aufzuklären, konnte nur ungenau enden. Dies lag nicht allein daran, dass den Häftlingen viele Fakten über das Lagersystem, in dem sie sich befanden, von vornherein verschlossen waren, sondern auch am Umstand, dass dieses verflochtene System zu diesem Zeitpunkt wohl kaum jemand überblickte. Erst in den letzten Jahrzehnten ist über das expandierende Außenlagersystem detailliert geforscht worden.36 Perl erklärt: »Die größeren und kleineren Konzentrationslager in Deutschland waren in zwei Kategorien unterteilt. Die erste bestand aus den mit der deutschen Kriegsindustrie verbundenen Arbeitslagern. Bei den Zwangsarbeitern handelte es sich größtenteils um Nichtjuden. In die zweite fielen die Vernichtungslager – Auschwitz, Dachau, Groß-Rosen, Dora, Buchenwald, Ravensbrück und eine Zahl anderer, wo der organisierte Mord die einzige Aktivität war.« Grundsätzlich ist es richtig, dass die Außenlager der Kriegsindustrie, die vor allem in der zweiten Jahreshälfte 1944 überall entstanden, keinen Vernichtungszwecken dienten, obwohl auch dort die Sterblichkeit zum Teil sehr hoch war. Bis Sommer 1943 hatte die SS abgelehnt, Juden als Arbeitskräfte in das Reich zu überstellen. Danach und besonders seit dem Sommer 1944 wurden Juden und Nichtjuden gleichermaßen in die Außenlager geschickt. Die Rolle der erwähnten Stammlager war weitaus komplexer als von Perl dargestellt. Sie vereinten die verschiedenen Funktionen als Arbeitslager, Krankenlager und Umschlagplatz für Häftlingsarbeitskräfte und waren nicht nur reine Tötungsstätten, obwohl an allen diesen Orten auch systematische Mordaktionen stattfanden.

Diese Korrekturen vorzunehmen, ist nicht nur wichtig, damit sich keine falschen Informationen weiterverbreiten, sondern auch, weil Holocaustleugner jegliche Ungenauigkeiten nutzen, um die gesamte Glaubwürdigkeit der Berichtenden durch Verweis auf solche Fehler in Frage zu stellen. Olga Lengyels und Gisella Perls Berichte wurden bereits von Holocaustleugnern gut zugänglich im Internet in Frage gestellt.37 Auch wenn eine ernsthafte Beschäftigung mit revisionistischen Texten nicht ergiebig ist, da sie nicht auf einen auf Argumenten beruhenden Austausch zielen, lohnt es sich zu schauen, welche Punkte dem Autor in diesem Fall als Rechtfertigung dienten, Lengyel und Perl als Lügnerinnen darzustellen. Er beruft sich auf kleinliche Divergenzen eines von beiden beschriebenen Ereignisses – der Abtreibung, die Gisella Perl auf Wunsch der Aufseherin Irma Grese bei dieser vornahm. Gisella Perl beschrieb, dass sie dabei mit Irma Grese allein war, Olga Lengyel hingegen erklärte, sie sei als Krankenschwester hinzugebeten worden. Beide gaben unterschiedliche Uhrzeiten und Orte an sowie einen unterschiedlichen Wortlaut wieder. All diese Erinnerungsdivergenzen liegen völlig im Rahmen dessen, was die Wissenschaft als Verformungsprozesse bezeichnet, denen Erinnerungen auf natürliche Weise unterliegen. Es ist selbstverständlich, dass Erinnerungen kein Abbild einer wie auch immer vorgestellten historischen Wirklichkeit sind, sondern von vielerlei Faktoren geprägte und veränderte Erfahrungssynthesen darstellen, die sozial konstruiert werden. Eine breite Forschung zu diesen Prozessen und dem Umgang mit Überlebendenberichten in der historischen Forschung liegt inzwischen vor.38 Gerade bei der Beschreibung von persönlichem Erleben im Lager, von Erfahrungen, die sich nicht durch zeitgenössische Quellen prüfen lassen können wie Begegnungen und Gespräche, sind etwaige Ungenauigkeiten für die eigentliche Mitteilung völlig irrelevant: Ob Perl bei der Abtreibung allein zugegen war und Lengyel davon berichtet hat, die es als persönliche Erfahrung abspeicherte, oder ob Lengyel tatsächlich mit anwesend war und Perl davon nicht erzählte, weil sie es vergessen hatte oder als unwichtig erachtete, ist für die eigentliche Aussage nicht von Bedeutung. Wesentlich ist die Information, die mit der Geschichte transportiert werden soll: die Beschreibung einer kurzzeitigen Rollenumkehr im Lager, das Gefühl der Genugtuung, dass die ihre Macht rücksichtslos und grausam ausübende Grese nun plötzlich vom Können und Wohlwollen einer Gefangenen abhängig war, und die Erkenntnis, dass gerade dieser Umstand eine Gefahr darstellte, da die Aufseherin solch eine Situation eigentlich nicht zulassen konnte.

Das für uns Wertvolle an den Ereignis- und Alltagsbeschreibungen in den Berichten ist, dass wir etwas erfahren, was uns keine andere Quelle nahebringen kann: die Perspektive der Häftlinge, ihre Wissensstände, Entscheidungsnöte, Erwartungen und Ängste. Nur sie können diese Einblicke in die Lagerwirklichkeit geben und das Zusammenleben der Häftlinge sowie die Interaktionen mit den Aufseherinnen und der SS beschreiben.

Neben der Verformung durch lebensgeschichtliche Sinnkonstruktionen unterliegen Berichte, ohne bewusstes Zutun, auch dem Einfluss von zwischenzeitlich produzierten »master narratives« des Holocaust. Schon in den direkten Nachkriegsjahren wurden Diskurse über das Geschehen geprägt, die sich in Inhalt und Duktus in Perls Memoiren niederschlagen. So hatte Perl aufmerksam die Berichterstattung über den Bergen-Belsen-Prozess verfolgt, insbesondere das Verfahren gegen Irma Grese. Diese war im März 1943 aus Ravensbrück nach Auschwitz versetzt worden, dort im Mai 1944 Rapportführerin im Lager B II c geworden und als solche für die Arbeits- und Zählappelle der Häftlinge zuständig und an Selektionen beteiligt. Den Frauen in B II c ist sie durch ihre gewaltsame und dominante Machtausübung stark in Erinnerung geblieben. Nach der Räumung von Auschwitz gelangte sie nach Bergen-Belsen, wurde dort nach Eintreffen der britischen Armee im April 1945 festgenommen und als eine der Angeklagten im Bergen-Belsen-Prozess im November 1945 zum Tode verurteilt und im Dezember 1945 hingerichtet. Die Literaturwissenschaftlerin Constanze Jaiser hat darauf aufmerksam gemacht, wie problematisch die Darstellung von Irma Grese in dieser Prozessberichterstattung war.39 Hier entstand ein Klischee von Grese als »beautiful beast«, das einen engen Zusammenhang zwischen einer unterstellten sexuellen Perversion und der von ihr entwickelten sadistischen Gewalttätigkeit suggeriert. Dies führte dazu, dass gewalttätiges Verhalten von NS-Täterinnen lange Zeit nur noch mit einer triebhaften Sexualität erklärt wurde und eine Auseinandersetzung mit den tatsächlichen Verbrechen und den Strukturen, in denen sie möglich wurden, in den Hintergrund trat. Perl (und auch Lengyel) folgen dieser Legendenbildung, die bestimmte Funktionen im Nachkriegsdiskurs bediente, da sie eine scheinbare Erklärung für die unerklärlich erscheinende und nicht ins Rollenklischee passende Brutalität einer Frau lieferte. Auch Perl und Lengyel sexualisieren die Gewalttätigkeit Greses und verschenken damit die Chance auf eine tiefergehende Beschäftigung mit der Frage, welche sozialen und strukturellen Verhältnisse dazu beitrugen, dass Grese diese Aggressivität entwickelte.

Aus dem Diskurs der damaligen Zeit stammt auch Perls starke Betonung der Schönheit und Begabung der Opfer als Beweis für den großen Verlust, bei gleichzeitiger Emotionslosigkeit bis hin zu spürbarem Sarkasmus, wenn sie das Schicksal von »hässlichen« und »streitsüchtigen« Menschen wie Jeanette oder den kleinwüchsigen Opfern von Mengeles Experimenten beschreibt. Diese Wertungen werden bei heutiger Lektüre als irritierend empfunden. Ebenfalls befremdlich wirkt die hin und wieder auftauchende Überschätzung ihres Einflusses auf das Lagergeschehen, die möglicherweise Teil ihrer Coping-Strategie in Birkenau war. So sei beispielsweise allein dank ihrer Idee, Margarine als Mittel gegen Hautentzündungen einzusetzen, Margarine zum teuersten Artikel in ganz Auschwitz geworden, und immer wieder habe sie bildlich vor Augen gehabt, wie es sein würde, wenn sie ihre Leidensgenossinnen singend in die Freiheit führen würde – ein Erlebnis, das ihr durch die vorzeitige Überstellung nach Hamburg-Wandsbek genommen wurde. Der Eindruck wird bestätigt durch die Beschreibungen von Olga Lengyel, die über die in ihrem Buch unschwer als Gisella Perl zu erkennende »Dr. G.« in freundschaftlichem Spott schreibt, sie hätte sich in einem »geradezu ungesunden Ausmaß« geweigert, sich mit dem Umstand abzufinden, dass sie nicht mehr ihr altes Leben führte. Sie hätte in einer Traumwelt gelebt und alles getan, um die Illusion eines gepflegten Luxus’ aufrecht zu erhalten, sogar Brot dafür gegeben, um sich und den anderen Reviermitarbeiterinnen das Haar richten zu lassen und stets mehrere »Garderoben« parat gehabt. Aus dem wenigen, was wir über Gisella Perl wissen: Hier wird deutlich, dass es sich um einen starken Charakter handelt. Schon als junges Mädchen hatte sie sich gegen viele Schwierigkeiten und Bedenken durchgesetzt und war Ärztin geworden. Mit ähnlicher Beharrlichkeit schaffte sie es, die grausame Realität in Birkenau für sich und auch für andere zum Positiven zu beeinflussen. Eine der stärksten Szenen im Buch ist daher auch die Beschreibung des Abends, an dem sie beschließt, gegen die in den ersten Wochen alles beherrschende Apathie anzukämpfen und Menschlichkeit in die kleine Gemeinschaft einziehen zu lassen, die sich eine Pritschenkoje zu teilen hatte: »Anstatt wie gewohnt wortlos einzuschlafen, sprach ich leise mit den Frauen, die in meiner Nähe lagen. Ich erzählte ihnen von meinem alten Leben in Máramarossziget, von meiner Arbeit, meinem Mann, meinem Sohn, den Dingen, die wir für gewöhnlich taten, den Büchern, die wir lasen, der Musik, die wir hörten … Zu meiner Überraschung lauschten sie mit andächtiger Aufmerksamkeit, was zeigte, dass auch ihre Seele, ihr Geist nach Austausch hungerte, nach Gemeinschaft, nach Ausdruck ihrer selbst. Eine nach der anderen öffneten sie nun ihre Herzen.«

Nach der Befreiung

Wenige Wochen vor der Räumung von Auschwitz-Birkenau wurde Gisella Perl in das Außenlager Hamburg-Wandsbek überstellt, wo sie zwei Monate lang im Krankenrevier arbeitete. Anfang März 1945 wurde sie von dort nach Bergen-Belsen gebracht und erlebte die apokalyptischen Zustände kurz vor der Befreiung des Lagers am 15. April 1945 durch die britischen Truppen. Im Anschluss arbeitete sie mehrere Monate im Nothospital von Bergen-Belsen. Nachdem sie in Erfahrung gebracht hatte, dass ihr Mann und ihr Sohn nicht überlebt hatten, unternahm sie einen Suizidversuch und wurde daraufhin durch den französischen Gesandten des Vatikans, Charles Amarin Brand, der als Seelsorger in Bergen-Belsen tätig war, in ein Kloster nach Frankreich vermittelt, wo sie sich erholen konnte. Ihren Bericht schrieb sie in der ersten Jahreshälfte 1946. Im März 1947 lud sie die United Jewish Appeal, eine Hilfsorganisation, die überlebende Juden unterstützte, mit einem Stipendium und einem zeitlich begrenzten Visum in die USA ein, um dort Vorträge über Auschwitz zu halten, insbesondere vor Medizinern. »Ich fuhr von Stadt zu Stadt, als Botschafterin der sechs Millionen«, erklärte sie später.40 Laut ihren eigenen Angaben war es Eleanor Roosevelt, die sie ermutigte, wieder als Ärztin zu praktizieren. Ihre Versuche, einen dauerhaften Aufenthalt in den USA zu erhalten, erwiesen sich als schwierig. Zwar hatte Präsident Harry S. Truman im Dezember 1945 die »Truman Directive« erlassen, die es »Displaced Persons« aus Europa ermöglichen sollte, unabhängig von den strengen Einwanderungsquoten eine Aufenthaltserlaubnis für die USA zu erhalten. Sie erwies sich jedoch als wenig wirksam, und erst der Displaced Persons Act vom 25. Juni 1948 und seine Nachbesserung 1950 sorgten dafür, dass sich die Zuzugsmöglichkeiten für Holocaust-Überlebende besserten. Gisela Perls Bemühen um die US-Staatsbürgerschaft lag vor dieser Zeit.

Der Immigration and Naturalization Service der USA hatte die Aufgabe, zu überprüfen, dass Einwanderungswillige keine Nazisympathisanten oder Kollaborateure waren. In dem an Gisella Perls Geschichte angelegten Film Out of the Ashes (Regie: Joseph Sargent, 2003) wird suggeriert, die Behörde sei von Auschwitz-Überlebenden informiert worden, dass Gisella Perl Tausende von jüdischen Babys getötet habe. Im Film muss sie in mehreren Vernehmungen den als ignorant dargestellten Männern der Behörde die Situation in Birkenau erklären und rechtfertigen, wieso sie dort Abtreibungen vorgenommen hat. Es wird die Aufgabe künftiger Forschung sein, anhand der Vernehmungsprotokolle festzustellen, wer genau welche Vorwürfe erhob, und einzuordnen, inwieweit sich Perls Fall von anderen unterschied. Aus der zeitgenössischen Presse erfahren wir lediglich, dass sich der New Yorker Abgeordnete der Demokraten im US-Repräsentantenhaus, Sol Bloom, sehr dafür einsetzte, Perl einen ständigen Aufenthalt in den USA zu ermöglichen. Nach einem Jahr ermüdenden Kampfes bewilligte Präsident Truman schließlich im März 1948 ihre Einbürgerung in die USA. Die New York Times berichtete, dass Perl ansonsten eine Zwangsrückkehr nach Rumänien und dort möglicherweise eine Verfolgung gedroht hätte.41 Welche Beschuldigungen gegen sie erhoben wurden, blieb unerwähnt. Dass es um die Abtreibungen in Auschwitz-Birkenau ging, geht lediglich aus einer kleinen Debatte in den Feuilletons amerikanischer Zeitschriften im September 1948 hervor. So veröffentlichte der Partisan Review, eine kommunistisch orientierte Vierteljahresschrift zu Politik und Literatur, einen Artikel des deutsch-jüdischen Philosophen Hans Meyerhoff, der nach 1933 in die USA ausgewandert war. Er bezieht darin die Position, dass Perl aus einfacher Humanität gehandelt habe und ihre nächtlichen Abtreibungen ein Akt von Zivilcourage waren, die in dieser Situation lebensrettend und daher richtig waren.42 Im Time Magazine wurde unter der Überschrift »Not so simple« widersprochen. Der New Yorker Arzt Dr. David Deutschman wird dort mit den Worten zitiert: »Es kann keine rationale oder moralische Rechtfertigung für die Massenabschlachtung von Kindern geben – egal ob sie von brutalen Nazis oder von einer sentimentalen und gutmeinenden Medizinerin vorgenommen wird.«43

Im Jahr 1948 erschien ihr Buch in New York. Sie begann auf der Entbindungsstation des Mount Sinai Hospitals zu arbeiten und eröffnete 1951 eine Praxis in der Park Avenue in Manhattan. Als Geburtshelferin, Spezialistin für Familienplanung und die Behandlung von Unfruchtbarkeit brachte sie Tausende von Kindern auf den Weg ins Leben. Im Rentenalter ging sie nach Israel, um bei ihrer Tochter zu leben und arbeitete ehrenamtlich in der Frauenabteilung des Shaare Zedek Medical Center in Jerusalem.44 Sie starb 1988.

Bedeutung der Memoiren von Gisella Perl

Die Versuche, Gisella Perls Bericht in verkitschter Überhöhung ihrer Person zu rezipieren, wie es in einigen Essays getan wurde, wo vom »Engel von Auschwitz« und »der Leiterin des Häftlingskrankenbaus in Auschwitz« die Rede ist, sind wenig zielführend. Sie versuchen, Aufmerksamkeit zu erheischen, aber verfehlen durch ihre Schwarz-Weiß-Zeichnung oftmals den Kern des Geschehens. Wie der Theaterkritiker Andrzej Wirth schrieb, verlangt die Wahrheit über den Massenmord im 20. Jahrhundert den Verzicht auf die Dämonisierung der Täter und die Apotheose der Opfer.45 In Auschwitz-Birkenau gab es unzählige Menschen, die vor Entscheidungen gestellt waren, die niemals einem Menschen zugemutet werden dürfen, und diese dennoch so verantwortungsvoll wie möglich trafen. Gisella Perl war kein »Engel«, sondern ein Mensch mit menschlichen moralischen Ansprüchen, die sie wie ihre Mithäftlinge in einem unmenschlichen System auf den Prüfstand gestellt sah. Sie lässt uns an ihren Gedanken, ihrer Wut und ihren Fragen teilhaben und gibt mit ihrem Bericht nicht nur der historischen Forschung wichtige Einblicke in das Innenleben des Lagers. Wir sollten die Berichte der Überlebenden in ihrer menschlichen Größe wahrnehmen und ihre natürliche Begrenztheit anerkennen.

Seit Jahrzehnten wird darüber nachgedacht, wie die Bildungsarbeit zu den Themen der nationalsozialistischen Judenverfolgung und -ermordung angesichts des Aussterbens der Generation der Zeitzeugen und Zeitzeuginnen in zukunftsfähige Formate übertragen werden kann. Neben den zahlreichen Anstrengungen, moderne Kommunikationstechnologien wie Hologrammformate und Videointerviews nutzbar zu machen, kann auch die Relektüre der in Vergessenheit geratenen frühen Berichte einen großen Lerneffekt freisetzen, da ihnen gerade durch ihre Unmittelbarkeit ein hohes Potenzial innewohnt. Die Zugänglichmachung und Übersetzung, Kontextualisierung und Bereitstellung von Hintergrundwissen auf Grundlage der geschichtswissenschaftlichen Forschungsergebnisse sind gute Möglichkeiten, den unverzichtbaren Stimmen der Überlebenden Geltung zu verschaffen, neue Fragen an ihre Berichte zu stellen, Leerstellen zu diskutieren und sie im Dialog und vielstimmigen Akkord mit anderen Texten zu erhellen. In solchen Fällen können uns die frühen, ebenso wie die später entstandenen Berichte noch sehr viel Neues und Unbekanntes vermitteln.

Andrea Rudorff

Vorwort

Heinrich Heine, der große deutsche Dichter, prophezeite vor hundert Jahren die unvermeidliche »Renaissance« des Geistes der Zerstörung, der die deutsche Seele bewohnt. »Das Christentum – und das ist sein schönes Verdienst – hat jene brutale germanische Kampflust einigermaßen besänftigt«, so schrieb er, »konnte sie jedoch nicht zerstören, und wenn einst der zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter so viel singen und sagen … Kommen wird der Tag, wo die alten steinernen Götter sich dann aus dem verschollenen Schutt erheben und sich den tausendjährigen Staub aus den Augen reiben, und Thor mit dem Riesenhammer springt endlich empor und zerschlägt die gotischen Dome.«1

Ja, Heine hatte Recht. Das alte, sadistische Deutsche erstand aus seinem Grab, zog eine SS-Uniform an, erhob sein infernalisches Hakenkreuz zum Hohn auf das Christuskreuz und fuhr fort zu zerstören, zu verbrennen, zu plündern, zu foltern und zu morden. Hitler, dieser degenerierte Faust, und seine Handlanger verwandelten das deutsche Volk in ein williges Instrument zu Eroberung und Gemetzel.

Wir werden niemals verstehen können, wie ein Volk, das Kant, Goethe, Beethoven, Bach, Dürer und viele andere unvergleichliche Genies hervorgebracht hat, so tief in den Morast aus Verdorbenheit, Verbrechen und der Lust an Folter sinken konnte, dass jedes menschliche Wesen, das dies mit ansah, sich schämte, derselben Spezies anzugehören.

Mein Buch ist ein Zeugnis, das an die Ereignisse der Jahre 1940 bis 1945 erinnern soll, an die Bestialität, den Sadismus, die Unmenschlichkeit der Nazis und an den Tod ihrer sechs Millionen schuldlosen jüdischen Opfer. Jede individuelle Geschichte, jedes Bild, jede Beschreibung ist nur ein Stein in diesem Monument, das die Welt für immer an diese schmachvolle Phase der Geschichte erinnert und sie zur Wachsamkeit aufruft, damit sich die Ereignisse dieser Jahre nicht wiederholen.

»L’Allemagne Éternelle«, das sich der skrupellosen Grausamkeit seines Volkes rühmte, zeigt sein wahres Gesicht auf den Seiten dieses Buches. Ihr, die ihr unter dem Schutz der Freiheitsstatue gelebt habt, haltet vor diesem Denkmal inne und lest seine Inschriften. Lest sie, prägt sie in eure Seelen ein und tragt sie als Memento mit euch! Die Toten sprechen hier zu euch. Die Toten, die euch nicht um Rache für sie bitten, sondern nur darum, sie zu erinnern und darüber zu wachen, dass keine weiteren unschuldigen Opfer deutscher Unmenschlichkeit je wieder ihre Reihen füllen …

G.P., Juli 1946

1 Heinrich Heine, Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Drittes Buch, hier zitiert nach: Heinrich Heine, Werke und Briefe in zehn Bänden, Band 5, Berlin und Weimar 1972, S. 305.

Dr. Capesius2

Dezember 1943, Máramarossziget, Siebenbürgen.

Nach Jahren der Angst, des Leids und des unaufhörlichen Kampfes gegen Hoffnungslosigkeit und Resignation waren die Jäger schließlich zu Gejagten geworden. In beständig zunehmendem Ausmaß strömten die nationalsozialistischen »Eroberer« durch unsere Stadt, frierend, hungrig und bestürzt, nach Westen zurückgedrängt durch die unaufhaltsame Wucht der russischen Gegenoffensive. Als wir ihre ausgezehrten Körper erblickten, ihre erfrorenen Hände und in Stofflappen gehüllten Füße, regte sich in unseren Herzen nicht mehr Mitleid als im Herzen des Máramaros-Gebirges mit seinen schneebedeckten Gipfeln, unberührt von den wechselnden Gezeiten der Geschichte. Jeder jüdischen Mutter, Ehefrau und Schwester galt der deutsche Soldat als Symbol allen Übels. Wir hassten ihn mit einem wilden, unauslöschlichen Hass. Er war verantwortlich für das Schicksal unserer Männer, die, eingezogen in Sklavenarbeitsbataillone, in den russischen Winter gehetzt worden waren, um halbverhungert, in Lumpen gekleidet und unbewaffnet Landminen zu entschärfen und den deutschen Armeen den Weg zu ebnen. Wer nicht von explodierenden Minen getötet wurde, erfror, verhungerte oder starb an den brutalen Schlägen, als Lohn für seine Dienstbarkeit. Mit den Armeen auf dem Rückzug kamen jetzt jedoch auch einige der Überlebenden zurück, kaum wiederzuerkennen, mit langen Bärten und durch das Leid gealterten Gesichtern. Doch sie lebten und – zumindest dachten wir das – waren in Sicherheit.

Ich arbeitete damals für drei und ersetzte mehrere Gynäkologen, die mit den Arbeitsbataillonen fortgeschickt worden waren. Ich half jungen Müttern, ihre Kinder auf die Welt zu bringen, linderte ihre Schmerzen, indem ich ihnen lange, optimistische Geschichten von einer friedvollen, sicheren Zukunft erzählte, wo es keine Nazis mehr geben würde, die ihr Leben und das ihrer Kinder bedrohten. Ich war unermüdlich und voller Hoffnung, belebt durch den Wind der Befreiung aus dem Osten und dem Westen.

Eines Nachmittags erschien ein ruhiger, kultivierter Herr in meiner Praxis.

»Ich bin Dr. Capesius«, stellte er sich vor, »medizinischer Handelsvertreter der I.G. Farben. Ich bringe Ihnen hier einige unserer neuesten Präparate, aber das ist – offen gestanden – nur ein Vorwand. Ich interessiere mich nicht für die heutige I. G. Farben. Sie sind ein grundlegender Bestandteil des Nazisystems, und obwohl ich sie immer noch vertrete, ist es mir egal, ob ich ihre Produkte verkaufe oder nicht. Ich bin hier, da ich weiß, dass Sie und Ihr Mann während der Weimarer Republik lange in Berlin gewesen sind. Ich möchte über Deutschland sprechen, wie es zu jener Zeit war und wie es wieder sein wird, wenn der Nationalsozialismus besiegt ist. Ich bitte Sie, mir zu vertrauen … Glauben Sie mir, es gibt viele Menschen in Deutschland, die wie ich nur für den Tag der Befreiung leben …«

Vertrauen konnte ich ihm nicht. Zumindest nicht sofort. Aber indem ich mich zur Raison rief, eine Nation nicht wegen der Verbrechen einiger ihrer Söhne zu verurteilen, auch wenn es sich um die Mehrzahl handeln sollte, lud ich ihn zu uns nach Hause ein, damit er meinen Mann und meinen Sohn kennenlernte.

Der lange Abend, den wir zusammen verbrachten, hebt sich in meiner Erinnerung wie ein farbenfrohes Bild vor einem schwarzen Hintergrund ab. Wir wohnten in einem schönen Haus, das Kornélia Prielle, der großen ungarischen Bühnenkünstlerin französischer Herkunft, gehört hatte. In den Wänden meines grünen Salons, behütet durch die Liebe und Achtung meines Mannes und meines Sohnes, fühlte ich mich glücklich und sicher. Dort sammelte ich jeden Abend die Kraft und den Willen, meine Arbeit, die zunehmend schwieriger wurde, fortzusetzen. Als Dr. Capesius zu Besuch war, sprachen wir über Musik und Literatur, über die künstlerischen und wissenschaftlichen Errungenschaften in Deutschland vor Hitler. Im Laufe des Abends wuchs unser Vertrauen in seine aufrichtige Liebe zur Freiheit und seinen Hass auf die Nazis, bis unsere Träume vom Vorkriegseuropa kühner und kühner wurden. Er teilte alle unsere Ansichten und half, den schönen Stoff weiterzuspinnen, den wir vor seinen Augen ausgebreitet hatten. Als ich Gedichte von Heine und Lessing vortrug, füllten sich seine Augen mit Tränen, und als mein Sohn Stücke aus Hubays Oper »Der Geigenmacher von Cremona« spielte, kannten sein Lob und sein Enthusiasmus keine Grenzen mehr. Über die Maßen dankbar für den wundervollen Abend, den er in einem »Schrein der Kultur in Osteuropa« verbracht hatte, wie er sich ausdrückte, schüttelte er mir warm die Hand, bewunderte meine ausgefallene Armbanduhr und ging, nachdem er nochmals bekräftigt hatte, dass der Tag der Freiheit nah sei. »Behaltet euren Mut«, waren seine letzten Worte an uns.

Fünf Monate später sollte ich ihn wiedersehen, im zweiten Monat meines Aufenthalts in Auschwitz, in der Uniform eines SS-Hauptsturmführers. Er war der Leiter der Lagerapotheke.

»Jüdische Ärzte vortreten!«, befahl Dr. Mengele, der leitende Lagerarzt. »Wir bauen eine Krankenstation auf.«

Mit einigen anderen trat ich vor und sah mich Dr. Capesius, der neben dem Lagerarzt stand, von Angesicht zu Angesicht gegenüber. Ich hatte mich gerade von einem misslungenen Selbstmordversuch erholt. Mein Kopf war rasiert, und die schmutzigen Lumpen, die meinen Körper verhüllten, verbargen meinen bemitleidenswert geschwächten Zustand nicht. Einen Moment lang traute ich meinen Augen kaum. Blitzartig sah ich mein Zuhause, meinen Sohn, die Geige unter dem Kinn, meinen Mann und unseren Gast, die ihm mit gespannter Aufmerksamkeit lauschten. Die Szene drehte sich vor meinen Augen, während sein Gesicht freudlos lächelte, dann wurde alles dunkel. Als ich zu mir kam, lag ich auf dem Fußboden meines Blocks und wurde angewiesen, mich sofort bei Dr. Capesius zu melden.

Er betrachtete mich von Kopf bis Fuß – und lächelte wieder. Als er zu sprechen begann, klang seine Stimme kalt und höhnisch. Meine Abscheu war so groß, dass ich seine Worte zunächst kaum verstehen konnte. Seine Stimme drang jedoch bald bis zu meinem Bewusstsein durch. »Sie werden die Lager-Gynäkologin sein …«, bellte er. »Um Instrumente brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen … Sie werden keine haben. Ihre medizinische Ausrüstung gehört jetzt mir, auch die ausgefallene Armbanduhr, die ich so bewundert habe … Ich habe auch Ihre Papiere, die werden Sie aber nicht brauchen … Sie können gehen.« Ich sah ihn nie wieder.

Doch all dies geschah viel später. Im Januar und Februar 1944 waren wir noch zu Hause, frierend, unterernährt, überarbeitet, doch voller Hoffnung. Es lag eine fast unerträgliche Spannung in der Luft. Die kleine Stadt hielt ihren Atem an, wartete auf den Durchbruch in den Karpaten, der uns vor dem ansonsten unvermeidlichen braunen Tod bewahren würde.

Als der Durchbruch erfolgte, war es zu spät. Am 19. März 1944, einem sonnigen Frühlingssonntag, wurde Ungarn von den Deutschen überrannt. Unser Schicksal war besiegelt. Ununterbrochen, so als wollten sie ihr ganzes bestialisches Programm in die kürzeste Zeitspanne pressen, bombardierten sie uns mit einem Befehl nach dem anderen. Zuerst mussten wir den gelben Davidstern aufnähen … dann folgte die Ausgangssperre … Reisen war verboten … Häuser wurden durchsucht … Menschen interniert … Läden, Geschäfte beschlagnahmt … eine endlose Folge überfallartiger Schrecken. Dann der Befehl, wir dürften unsere Häuser drei Tage lang nicht verlassen. Wir kauerten in unseren Wohnungen, krank vor Angst, warteten auf den nächsten Schlag. Den offiziellen Raubüberfall. Die Polizei brach in ein Haus nach dem anderen ein, forderte Gold, Silber, Juwelen, Wertsachen, Geld. Sie öffnete Schränke, Schubladen, Spinde und nahm alles mit, was sie wollte, ohne Rücksicht auf unsere Gegenwart, als wären wir schon tot.

Nachdem wir unseres ganzen Besitzes beraubt waren, wurden wir ins Ghetto getrieben, auf dem Rücken kleine Bündel mit dem Allernötigsten. Am Ende der Stadt gab es ein paar enge, schmutzige, schlammbedeckte Straßen, gesäumt von heruntergekommenen Schuppen. Acht bis zehn Menschen mussten sich einen Raum teilen. Das Leben war auf das niedrigste Niveau reduziert. Und trotzdem waren wir noch zu Hause. Noch konnten wir die Sonne über unseren Bergen untergehen sehen und in unseren Herzen hoffen, dass unsere Befreier bald über die Berghänge zu uns hinabkämen. Um uns waren Freunde und Verwandte, und ihre Liebe verscheuchte die Angst, die unsere Seelen erfüllte.

Das Ghetto diente nur einem einzigen Zweck. Es machte es unseren Peinigern leichter, uns den letzten mageren Besitz zu rauben. Sie kamen morgens und abends, ließen uns keine Ruhe, durchsuchten unsere Räume, unsere Kleider. Nichts und niemand war vor ihrer unermüdlichen Suche gefeit. Ich erinnere mich, es war ein Samstag, als wir erfuhren, dass wir abermals nach versteckten Schmuckstücken durchsucht würden. Diesmal war es die Gestapo, nicht die örtliche Polizei, die die Operation durchführte. Als sie alles durchwühlt hatten, ohne irgendwelche Wertsachen zu finden, musste ich dabeistehen und zusehen, wie sie eine Frau nach der anderen packten und mit schmutzigen Fingern die Tiefen ihrer Körper nach Schätzen absuchten.

Eines Tages befahl mir der Befehlshaber der Gestapo, im Ghetto ein Hospital und eine Entbindungsstation einzurichten. Von Glück beflügelt, lief ich von Haus zu Haus, bat um ein überschüssiges Bett, ein Laken, ein Handtuch, etwas Baumwolle, Wolle, ein Kissen, was immer man auch nur entbehren konnte, und innerhalb weniger Tage war eine kleine Wohnung in ein sauberes, weißes, fast komfortables kleines Hospital verwandelt worden. Damals begegnete ich zum ersten Mal der deutschen Perversität. Das Einrichten des Hospitals gab uns ein Gefühl der Sicherheit. »Warum sollten sie uns beauftragen, ein Hospital zu organisieren«, sagten wir uns, »wenn sie vorhaben, uns zu deportieren? Vielleicht werden wir doch nicht deportiert … Vielleicht behalten sie uns hier, im Ghetto, bis der Krieg vorbei ist. Vielleicht brauchen sie ihre Züge für den Rücktransport ihrer Armeen, und die russische Gegenoffensive kann uns das Leben retten.«

Nachdem ich meine erste Entbindung auf der neuen Entbindungsstation hinter mich gebracht hatte – eine komplizierte Zangengeburt – erschien der Gestapokommandant mit einigen Windeln als Geschenk für das Neugeborene. Er beglückwünschte mich zu meinem Geschick, bewunderte die Arbeit, die ich beim Aufbau des Hospitals geleistet hatte und zeigte ein entgegenkommendes Interesse für alles, was ich ihm erzählte. Am nächsten Tag traf aus Berlin der Befehl zur Deportation ein, und der Gestapokommandant kam selbst, um die junge Mutter und ihr einen Tag altes Kind in den Viehwaggon zu werfen.

Als wir von dem Deportationsbefehl erfuhren, ging mein Mann, der als Vorsitzender des Judenrats im Ghetto verantwortlich für die Ausführung aller Befehle war, zu ihm und bat ihn um den Gefallen, das gesamte Ghetto auf der Stelle zu exekutieren. Er selbst und seine Familie würden als erste in den Tod gehen, sagte er ihm. Als Antwort erhielt er ein unbändiges Lachen und so heftige Prügel, dass er die Treppen des Hauptquartiers hinabstürzte. Er war bewusstlos, als wir ihn abholten und in unseren Raum zurücktrugen. Im Morgengrauen des folgenden Tages mussten wir nach zwei elenden Wochen das Ghetto verlassen. Zunächst wurden wir in die Synagoge geschickt und dort erneut durchsucht. Man nahm uns unsere Bündel ab. Unsere paar Papiere und Fotografien wurden vernichtet. Wie Vieh trieb man uns dann zum Bahnhof und pferchte uns in Viehwaggons, achtzig bis hundert Menschen zusammengedrängt in jedem Waggon. Vergebens baten unsere Blicke die Berge, die Stadt, die Menschen um Hilfe. Nur der Tod sollte uns von unserem Leid befreien.

2 Victor Capesius (1907–1985), Pharmazeut, seit 1934 rumänischer Handelsvertreter der I.G. Farben, 1943 als Volksdeutscher zur Wehrmacht eingezogen, der Waffen-SS unterstellt und von September 1943 bis Februar 1944 Leiter der Lagerapotheke in Dachau, danach in Auschwitz. Dort für die Beschaffung von Zyklon B zuständig, enge Zusammenarbeit mit Josef Mengele, während der Ungarn-Aktion im Frühsommer 1944 auch zum Rampendienst eingeteilt, 1946/47 in US-Internierung, danach Apotheker in Göppingen, 1965 im 1. Frankfurter Auschwitzprozess wegen der Beteiligung an Kriegsverbrechen zu neun Jahren Zuchthaus verurteilt.

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