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Larissas Geheimnis
Impressum
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
Über die Autorin
Gisela Garnschröder
Larissas Geheimnis
Kriminalroman
Impressum
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
Print-ISBN: 978-3-96752-179-5
E-Book-ISBN: 978-3-96752-679-0
Copyright (2020) XOXO Verlag
Umschlaggestaltung: Grit Richter, XOXO Verlag unter Verwendung folgender Bilder von Shutterstock.com: 1679674735
Buchsatz: Grit Richter, XOXO Verlag
Hergestellt in Bremen, Germany (EU)
XOXO Verlag
ein IMPRINT der EISERMANN MEDIA GMBH
Gröpelinger Heerstr. 149, 28237 Bremen
Alle Personen und Namen innerhalb dieses Buches sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
I
Aufgebracht knallte Frauke die Tür hinter sich zu und stürmte die Treppe hinunter. Bleierne Hitze lag über der Stadt, und schon nach wenigen Minuten auf dem Gehweg Richtung Innenstadt war sie vollkommen durchgeschwitzt, was allerdings zum Teil an ihrem schnellen Schritt lag, mit dem sie zur Belustigung anderer Passanten den Bürgersteig hinunter stapfte.
Sie hatte alles genau geplant, die Route ab Wilhelmshaven immer am Wasser entlang, über den Deich, durch angrenzende Orte, immer wieder kurze Zwischenstopps eingefügt zum Picknicken, Muschelsammeln und Ausruhen am Deich, und des Abends zur Pension nach Hooksiel zurück. Andreas hatte sie entsetzt angeblickt, dann den Kopf geschüttelt und ihren Plan schlichtweg abgelehnt.
»Nicht mit mir!«, hatte er gebrüllt. »Im letzten Jahr auf Sylt hat es die ganze Zeit Bindfäden geregnet!«
»Für das Wetter kann man doch nichts«, hatte sie gefrustet eingewendet, woraufhin er höhnisch erwiderte:
»Oh doch! Ich fliege in den Süden! Da ist Sonne garantiert.«
»Du weißt genau, dass ich Fliegen nicht vertrage!«
Sie war laut geworden und Tränen der Wut standen in ihren Augen.
»Weil du dich strikt weigerst, etwas dagegen zu tun!«
»Radfahren macht mehr Spaß, und außerdem habe ich schon gebucht!«
Er war so verblüfft, dass er nach Luft schnappte, bevor er empört antwortete: »Ohne mich zu fragen? Spinnst du?«
Das war zu viel, sie war hinausgestürmt, ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren. Nun rannte sie durch die Stadt, an den Läden vorbei, schob sich durch die Menschenmengen, sah weder die Pärchen, die Hand in Hand einher schlenderten, noch die Kinder, die Eis leckend vorübergingen, spürte nur die Wut auf Andreas und ein wenig auf sich selbst und stand irgendwann nach Stunden wieder vor ihrer Wohnungstür. Andreas war nicht mehr da. Auf dem Küchentisch lag ein Zettel.
»Fahre zu meinen Eltern. Einen schönen Urlaub. Andreas.«
Wütend zerriss sie den Zettel, warf ihn in den Mülleimer und packte ihren Koffer. Tags darauf stand sie gegen acht Uhr morgens auf dem Deich von Wilhelmshaven und blickte begeistert über das Watt und den langen Strand, der zu dieser frühen Stunde noch fast leer war. Nur ein einsamer Jogger drehte seine Runden. Es war Ebbe und die Sonne ließ den feuchten Schlick sanft aufleuchten. Frauke spürte den Wind in ihren Haaren, schnupperte diese wunderbare Mischung aus Salz, Schlick, Teer und Öl, die den Geruch ihrer Heimatstadt ausmachte.
»Meine Heimat am Jadebusen«, dachte sie und seufzte vernehmlich.
Wie konnte Andreas nur annehmen, dass sie noch einmal im Urlaub darauf verzichten würde? Seit sie als Zwölfjährige von Tante Larissa aus der kleinen Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter gewohnt hatte, abgeholt worden war, hatte sie Heimweh nach diesem Geruch, nach dem weißen Sand in den Dünen, in denen sie als Kind gespielt hatte, nach dem Strand und nicht zuletzt dem Wind, der ihr Haar zerzauste. Tränen traten ihr in die Augen, sie hatte die letzten Worte ihrer Mutter noch im Ohr:
»Tante Larissa wird gut für dich sorgen.«
Es war mehr ein Flüstern gewesen. Sie hatte sich weinend auf die Sterbende gestürzt und konnte tagelang vor Schmerz nichts essen. Die Mutter starb tags darauf im Krankenhaus und wurde neben dem Vater, der ein Jahr zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen war, beigesetzt. Tante Larissa nahm Frauke mit zu sich nach Bielefeld, versorgte sie liebevoll und bewahrte die wenigen Sachen, die von ihren Eltern geblieben waren, gut auf. Frauke lernte neue Freunde kennen und lebte sich langsam ein, aber das Heimweh nagte an ihrer Seele, und ihre Tante fuhr jedes Jahr in den Ferien mit ihr an die Küste, aber niemals nach Wilhelmshaven, sooft Frauke auch bat.
»Nach Wilhelmshaven fahre ich nicht, und du solltest es auch nicht tun«, erklärte Tante Larissa bestimmt und dann wurde nicht mehr darüber gesprochen. Trotzdem war für Frauke jeder Urlaub an der Küste fast wie Heimkommen, doch jetzt war das Gefühl stärker, hier war sie wirklich daheim. Es ließ den Ärger mit Andreas völlig verblassen. Unterwegs hatte sie sich gefragt, wie es mit ihnen weiter gehen soll, aber das Hochgefühl, welches sich bei ihr einstellte während sie auf der Autobahn Richtung Norden fuhr, ließ keinen Platz für solche Gedanken, und als die ersten Möwen am blauen Himmel auftauchten, hatte sie allen Ärger und sogar Andreas komplett vergessen.
Sie ging die Stufen des Deichs hinunter über das Gras, zog Schuhe und Strümpfe aus und trat auf den kühlen Sand. Langsam, jeden Schritt spürend, ging sie an dem schmalen Dünenstreifen entlang, ließ den Blick gleiten bis hin zu den Tanks auf der anderen Seite, spürte den Sand zwischen ihren Zehen, bückte sich nach einem Büschel Strandhafer und erstarrte. Eine Frau mittleren Alters hatte es sich in einer Mulde auf einer karierten Decke bequem gemacht. Sie trug einen hellblauen Jogginganzug mit weißen Paspeln und lag mit geschlossenen Augen bewegungslos da. Fraukes Herz klopfte bis zum Hals, sie wollte weitergehen, damit die Frau sie nicht bemerkte, aber ihre Beine waren wie festgewachsen. Sie wusste, dass ihre Mutter tot war. Sie hatte sie noch am Tag vor ihrer letzten Stunde gesehen, war auf ihrer Beerdigung gewesen und nun lag sie dort und schlief. Das rötliche Haar leicht gewellt und halblang, das schmale, blasse Gesicht mit den Sommersprossen auf der Nase, die schmalen Lippen und die langen, kupfernen Wimpern, so ganz anders als ihre, die dicht und schwarz ihre grauen Augen umrandeten. Fraukes Mund war trocken, das Herz klopfte bis zum Hals. Das konnte nur ein Irrtum sein, ein Trugbild, sie schloss die Augen, um diesem Irrsinn zu entgehen, öffnete sie wieder und wurde unfreundlich angepfiffen:
»He, verschwinden Sie, Sie nehmen mir die Sonne weg.«
Die Frau verstummte und sah sie wie versteinert an. Endlich löste sich die Starre und Frauke wich zurück:
»Entschuldigung«, murmelte sie und ging zögernd weiter, die Blicke der anderen im Rücken.
Die Frau hatte sogar die Stimme ihrer Mutter und die gleichen Augen, hellbraun mit einem grünlichen Rand.
Wie in Trance entfernte sich Frauke von dem Platz, ging langsam durch den Schlick zum Wasser; die Flut hatte eingesetzt, stetig rollten die Wellen näher zum Strand, und ihre Füße spürten das kühle Nass. Ihr Blick glitt über die graue, stählern schimmernde Fläche bis zum Horizont hinaus, als könne sie das Gesicht ihrer Mutter heraufbeschwören, um einen Vergleich zu finden, ändern würde das nichts. Plötzlich trat sie auf eine Muschel, der Schnitt brannte und sie humpelte zurück, sah ihre Schuhe weit hinten liegen, einer hier, einer dort. Sie hatte sie verloren ohne es zu bemerken, sammelte sie wieder ein und setzte sich am Rand des Deichs ins Gras, um sich ihre Schnittwunde anzuschauen, welche leicht blutete. Sie rieb die Stelle mit ihrem Taschentuch ab und schlüpfte wieder in ihre Schuhe. Den schwachen Schmerz ignorierend, ging sie noch einmal zu der Stelle, an der die Frau gelegen hatte. Sie war weg. Suchend glitten Fraukes Augen umher, aber sie war wie vom Erdboden verschluckt. Langsam ging Frauke über den Deich zum Parkplatz zurück und stieg in ihren Wagen. Auf dem Weg nach Hooksiel grübelte sie über die Frau in den Dünen nach und nahm sich fest vor, gleich am nächsten Tag die Gegend gründlich nach ihr abzusuchen. So in Gedanken hätte sie fast eine Ampel übersehen, sie riss sich zusammen und sah plötzlich ein Stück Papier unter ihrem linken Scheibenwischer, welches sie beim Einsteigen nicht bemerkt hatte. Bei Grün fuhr sie ein Stück die Straße hinunter und hielt an, um den Zettel zu entfernen. Es war eine handgeschriebene Mitteilung auf einem Blatt von einem Abreißblock.
»Verschwinde!«
Der Zettel fiel zu Boden und flog mit dem Wind davon, Frauke lief hinterher und hätte beinahe einen jungen Mann umgerannt, braun gebrannt, groß schlank, blond. Er fing die Nachricht auf.
»Das klingt nicht gerade liebenswürdig. Was haben Sie verbrochen?«
Er hatte ein umwerfendes Lachen und wunderschön gerade Zähne. Frauke wurde rot und griff nach dem Zettel.
»Keine Ahnung«, antwortete sie knapp und lief zu ihrem Auto.
»He, warten Sie doch.«
Er stellte sich vor ihren Wagen und strahlte sie an.
»Sie werden das doch nicht erst nehmen? Ich wollte Sie gerade zum Abendessen einladen.«
Ein nervöses Lächeln huschte über ihr Gesicht.
»Ich kenne Sie doch gar nicht.«
Er zog sein Gesicht in bedauernde Falten wie ein Hund, der um Vergebung bettelt, reichte ihr die Hand und stellte sich vor.
»Friedrich Lust, meine Freunde nennen mich Fried.«
»Frauke Thomas«, stammelte sie, öffnete die Autotür, sprang hinein, startete und fuhr davon.
Verblüfft sprang er zur Seite und rief ihr nach:
»Wir haben noch keinen Treffpunkt ausgemacht!«
Sie hob die Hand als Gruß und schoss davon. In ihrem Kopf hämmerte es. Kannte jemand sie hier oder hatte die unbekannte Frau ihr den Zettel unter den Scheibenwischer geklemmt? Sicher, wer sollte es sonst gewesen sein? Aber warum? Und woher diese Ähnlichkeit? Vielleicht war die Unbekannte eine entfernte Verwandte ihre Mutter. Bis sie bei ihrer Pension ankam, grübelte Frauke nach, wurde immer verwirrter und fasste den Entschluss, nach dem Auspacken Larissa anzurufen.
Ihr Zimmer war klein, aber hübsch eingerichtet, mit hellen Eichenmöbeln und karierten Gardinen am Fenster. Die Zimmerwirtin, eine nette, rundliche Dame, servierte ihr, obwohl es bereits elf Uhr war, zur Feier ihrer Ankunft ein opulentes Frühstück und danach fühlte Frauke sich gleich besser, was sich schlagartig änderte, als sie ihre Tante anrief.
»Du solltest Wilhelmshaven meiden, Frauke. Es ist eine so öde Stadt.«
»Tante Larissa, bitte sag mir, ob du eine Frau kennst, die Mutti wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht?«
Fraukes Stimme hatte fast flehentlich geklungen, aber am anderen Ende war Stille.
»Larissa?«
Die Tante hatte aufgelegt. Mehrmalige Versuche sie zu erreichen blieben erfolglos. Frauke packte eilig ein paar Sachen, lieh sich bei der Wirtin ein Fahrrad und fuhr durch den Sonnenschein zum Deich.
Sie fuhr schnell, war in wenigen Minuten da, stellte ihr Rad ab und setzte sich oben auf der Deichkrone auf eine Bank. Die Fahrt hatte sie beruhigt und sie atmete tief die salzige Luft ein. Sie dachte an Andreas, der in den Süden fliegen wollte und sie hier allein in diesem Schlamassel sitzen ließ. Gerechterweise musste sie sich eingestehen, dass es allein ihre Entscheidung war, hierher zu kommen. Sie musste herausfinden, was die fremde Frau mit ihr und ihrer Mutter zu tun hatte, denn dass der Zettel von dieser Frau stammte, war so gut wie sicher. Umständlich kramte sie ihn aus der Hosentasche und las ihn noch einmal, was ihre Unruhe nicht beseitigte, denn selbst die Schrift kam ihr vertraut vor. Seufzend stand sie auf und ging hin und her. Ein Jogger kam über den Deich auf sie zu, und sie wich zur Seite. Er trug eine blaue Kappe, und sein Gesicht war nicht zu erkennen. Gerade als er vorbei war, drehte er sich um und rief erstaunt aus:
»Sie sind es, ich dachte schon, ich sehe Sie nie wieder.«
Er war verschwitzt, sein T-Shirt hatte dunkle Flecken, und als er nun die Kappe abnahm, strahlte sein Gesicht unter klebrigen, nassen Haaren.
Frauke wollte eine schnippische Antwort geben, aber plötzlich war sie froh, dass er da war, und hörte sich sagen:
»Die Welt ist klein.«
Im selben Moment kam ihr dieser abgedroschene Spruch so dumm vor, dass sie verlegen errötete. Er lachte.
»Unten bei der Pizzeria gibt es ein gutes Pils, wie wär‘s mit heute Abend.«
»Abgemacht.«
Frauke lächelte ebenfalls. Er stülpte seine Kappe wieder auf, trottete davon, drehte sich noch einmal um und rief:
»Um acht! Nicht vergessen!«
Langsam ging Frauke den Deich hinunter über die Steine und hielt die Hände ins Wasser. Lange saß sie da, beobachtete die Wellen, die sanft ans Ufer klatschten, die kleinen Fische, die zwischen den Steinen hin und her flitzten, fühlte die Sonne auf ihrer Haut, sah oben einige Möwen ziehen und weit hinten auf dem Meer einen Kutter Kurs auf den Hafen nehmen. Wie sehr hatte sie den Urlaub herbeigesehnt, doch nun fühlte sie sich leer, schutzlos, ungewollt in eine Zwickmühle geraten, aus der es kein Entrinnen gab. Nach Stunden erst machte sie sich auf den Weg zu ihrer Pension, leicht getröstet von dem Gedanken, dass sie den Abend nicht allein verbringen musste.
Sie sah den Wagen schon von Weitem. In ihrem Bekanntenkreis gab es niemanden, der einen Chevrolet fuhr, außer Tante Larissa. Beunruhigt stellte Frauke ihr Fahrrad ab. Kaum hatte sie die Eingangstür erreicht, wurde diese von Larissa Norten aufgerissen.
»Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht«, empfing sie ihre Nichte.
Frauke betrachtete die Tante, sah die Furcht in ihren Augen und meinte knapp:
»Fein, dass du sofort gekommen bist, Larissa. Komm, wir gehen auf mein Zimmer.«
Kaum hatte Frauke die Tür hinter sich geschlossen, ließ Larissa sich in einen Sessel fallen und sagte:
»Du darfst nicht nach Wilhelmshaven, ich habe es deiner Mutter versprochen.« Frauke lachte.
»Ich bin erwachsen, du kannst mir nicht verbieten dorthin zu gehen. Es ist meine Heimat. Außerdem habe ich dir zuliebe extra hier in Hooksiel gebucht.«
Larissa Norton lachte gequält:
»Das Wangerland ist für dich genauso gefährlich«, antwortete sie und knetete unruhig ihre Hände, als müsse sie ein Wischtuch auswringen, bevor sie leise weiter sprach:
»Deine Mutter hatte eine Zwillingsschwester.«
»Ach! Das erfahre ich jetzt, nach so vielen Jahren!«, fauchte Frauke böse.
Larissa nickte.
»Ich weiß es war nicht richtig, aber deine Mutter wollte auf keinen Fall, dass du es erfährst, ich habe es ihr versprochen.«
»Mach dich nicht lächerlich, Larissa!«, schnaubte Frauke verärgert.
»Seit deinem Anruf habe ich keine Ruhe mehr gehabt, solche Sorgen habe ich mir um dich gemacht.«
Frauke sah wieder die Angst in den Augen ihrer Tante, schüttelte ärgerlich den Kopf und schaute aus dem Fenster.
»Glaubst du etwa, ich breche zusammen, wenn ich es erfahre?«
Larissa Norten lächelte nervös.
»Daran habe ich eigentlich weniger gedacht.«
Frauke wirbelte herum.
»Verdammt, sprich nicht in Rätseln, darauf habe ich jetzt wirklich keine Lust.« Larissa erhob sich und ging zur Tür.
»Ich habe dir etwas mitgebracht. Deine Mutter hat bestimmt, dass du es erst an deinem fünfundzwanzigsten Geburtstag bekommst. So lange können wir nicht warten.«
Frauke schaute ihrer Tante nach, die vorsichtig die Tür öffnete und erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass niemand davor stand, hinaus ging. Belustigt folgte sie Larissa, die ihr unten im Eingang schon wieder entgegenkam, einen kleinen, braunen Lederkoffer in der Hand. Eilig schob Larissa ihre Nichte ins Zimmer und gab ihr das Köfferchen.
»Diesen Koffer sollte ich dir geben, sobald du fünfundzwanzig bist, aber ich glaube, dann ist es zu spät.«
Frauke nahm den Koffer auf den Schoß und versuchte die eingerosteten Schlösser zu öffnen.
»Gibt es einen Schlüssel?«
Larissa schüttelte den Kopf:
»Nein.«
Frauke holte ihr Taschenmesser, ein Geschenk von Andreas, und schon nach wenigen Minuten gaben die Schlösser nach. Briefe und alte Fotos fielen heraus. Ein Foto zeigte zwei Mädchen mit Zöpfen, lachend auf einem Pferd, sie glichen sich wie ein Ei dem anderen.
»Waltraud und Verena verstanden sich sehr gut, sie waren immer zusammen, bis Verena vor gut fünfundzwanzig Jahren den Kaufmann Karsten Thilo Bornfeld heiratete.«
»Mutter ist tot. Was hat sie gegen mich, deine Schwester?«
Larissa hatte unentschlossen herumgestanden, schrak bei Fraukes Worten auf und sagte:
»Das musst du schon selbst herausfinden. Ich muss zurück.«
Frauke ließ den Koffer fallen, sprang auf und umarmte ihre Tante.
»Tante Larissa, warum bleibst du nicht einfach hier? Wir gehen heute Abend essen und machen uns ein schönes Wochenende.«
Larissa wehrte ab.
»Ich muss noch heute zurück. Versprich mir, dass du nicht mehr nach Wilhelmshaven fährst.«
Sie beschwor ihre Nichte eindringlich, was Frauke dazu veranlasste, lächelnd zu nicken.
»Keine Sorge. Gute Heimfahrt!«
Mit gemischten Gefühlen ließ Larissa die junge Frau zurück und stieg in ihren Wagen. Sie war kaum hundert Meter gefahren, als sich plötzlich in ihrem Rücken eine Stimme erhob, die das Blut in ihren Adern erstarren ließ.
»Du hast unsere Abmachung verletzt, Larissa.«
Larissa schwieg und steuerte einen Parkplatz an.
Frauke betrachtete eine Zeit lang die Fotos, die fast immer die beiden Schwestern, manchmal mit, manchmal ohne Larissa zeigten, dann stellte sie den Koffer zur Seite, um sich zurechtzumachen. Keinesfalls wollte sie den Abend allein verbringen, nicht weil sie durch das ängstliche Getue ihrer Tante abgeschreckt worden war, sondern hauptsächlich, weil sie sich über Andreas geärgert hatte.
Die Pizzeria war klein und gemütlich. Schon am Eingang kam ihr Fried mit strahlendem Lächeln entgegen.
»Fein, dass Sie da sind«, begrüßte er sie fröhlich, und Frauke fühlte sich zum ersten Mal an diesem Tag wohl. Die Pizza war lecker, und sie tranken Pils dazu. Fried plauderte ununterbrochen über seine Urlaubsaktivitäten und lud sie für den nächsten Tag zu einer Wattwanderung ein.
»Eigentlich wollte ich nach Wilhelmshaven, meine Tante besuchen«, erklärte sie, denn sie hatte sich vorgenommen, Larissas Warnungen zum Trotz, der unbekannten Schwester ihrer Mutter einen Besuch abzustatten.
»Das können wir vorher machen. Wir fahren mit dem Rad vorbei«, bot Fried an und sie lachte kopfschüttelnd.
»Der Besuch kann warten, ich komme morgen mit.«
Sie verließen die Pizzeria kurz vor Mitternacht zu Fuß. Als sie einen Parkplatz passierten, wollte Fried einen parallel verlaufenden Fußweg benutzen, aber Frauke steuerte direkt auf eines der Autos zu und rief überrascht aus:
»Schau nur, der Chevrolet meiner Tante! Mir hat sie gesagt, sie müsse sofort nach Hause.«
Der Wagen stand etwas schief, erst beim Näherkommen sahen sie, dass die Tür nur angelehnt war. Fraukes Herz klopfte plötzlich unruhig, und sie griff unwillkürlich nach Frieds Hand, während er die Autotür öffnete. Die Frau hatte ihren Kopf auf das Lenkrad gelegt, ihre Hände hingen verkrampft hinunter. Sie schlief nicht, sie war tot.
»Nein!«
Fraukes Schrei gellte durch die Nacht, und dann sank sie in sich zusammen. Friedrich Lust griff nach seinem Handy, wenige Minuten später waren Polizei und Notarzt zur Stelle. Der Parkplatz wurde durch Scheinwerfer hell erleuchtet und nun erst sah man das Blut, welches aus der Fahrzeugtür nach außen sickerte. Larissa Norton lag mit durchschnittener Kehle auf dem Fahrersitz. Frauke war ohnmächtig geworden, sie erwachte im Krankenwagen, und ein junger Arzt sprach beruhigend auf sie ein. Sie setzte sich abrupt auf.
»Larissa? Ist sie tot?«
Der Arzt nickte und erkundigte sich:
»Ist sie eine Verwandte von Ihnen?«
Frauke nickte stumm. Eine ältere Dame lugte durch die Tür der Ambulanz und musterte Frauke. Ihr blondes Haar trug sie hochgesteckt und ein kurzes Lächeln huschte über ihr blasses, übermüdetes Gesicht, in dem hellblaue Augen kurz aufblitzten, als sie sich vorstellte.
»Wiedemann, Kripo Wilhelmshaven.«
Ihre Stimme war rau.
»Raucherin«, dachte Frauke und sah den gelben Zeigefinger auf dem Dienstausweis in der rechten Hand. Die Kommissarin nahm Fraukes Personalien auf und stellte ihr Fragen, die Frauke so gut es ging beantwortete.
»Hatte Ihre Tante Feinde? Kannte sie jemanden hier?«
Frauke seufzte.
»Ich weiß es nicht. Sie hatte Angst, aber ich weiß nicht warum.«
Sie kletterte, ohne auf den Protest des Notarztes zu achten, aus dem Krankenwagen. Eine Mannschaft der Spurensicherung schwirrte um den Wagen ihrer Tante herum, und Fried stand ratlos, die Hände in den Hosentaschen vergraben, dabei. Die Kommissarin blies hastig einige Rauchkringel in die Luft, bevor sie sich wieder an Frauke wandte.
»Sie sollten nach Hause gehen.«
Sie reichte ihr noch eine Visitenkarte mit ihrer Telefonnummer und ging schnellen Schrittes zu ihren Kollegen. Fried kam, drückte stumm ihre Hand. Er hatte eine Taxe gerufen und brachte sie zu ihrer Pension zurück.
Sie hatte entsetzlich geträumt. Die Sonne schien ins Zimmer, als sie erwachte, mit einem Blick zur Uhr sprang sie auf und wäre fast über einen Koffer gestolpert. Im selben Moment fiel ihr der vergangene Abend wieder ein, und sie sank zurück auf ihr Bett.
»Die Briefe.«
So plötzlich, wie ihr der Einfall kam, so sehr wünschte sie, dass dort die Lösung lag. Sie stellte den kleinen Lederkoffer neben sich auf das Bett und begann mit zitternden Fingern darin herumzuwühlen. Sie ließ sich das Frühstück aufs Zimmer bringen und begann mit den Fotos. Ihre Mutter mit Larissa und der Zwillingsschwester in allen möglichen Situationen, Familienbilder eben, nichts Besonderes.
Das Frühstück kam, und obwohl sie geglaubt hatte, sie würde nichts hinunter bekommen, hatte sie plötzlich Hunger. Nachdem sie sich gestärkt hatte, befasste sie sich mit den Briefen. Es waren Liebesbriefe ihrer Mutter an ihren Vater, zumindest sah es so aus. Alle Briefe begannen mit:
»Mein Liebster.«
Manchmal hatte sie mit V. und manchmal mit W, unterschrieben und es dauerte eine Weile, bis Frauke begriff, dass nicht alle Briefe von ihrer Mutter stammten, einige waren von deren Zwillingsschwester Verena, also hatten beide demselben Mann geschrieben. Nach einiger Zeit gewahrte Frauke auch Unterschiede im Schriftbild, ihre Mutter schrieb ordentlich, fast pedantisch sauber und korrekt, die Schwester flüchtiger, die Buchstaben ineinander gezogen, hin und wieder fehlerhaft. Frauke machte zwei Päckchen und begann erst die Briefe ihrer Mutter zu lesen. Plötzlich klingelte das Telefon, Frauke erschrak, meldete sich dann mit klopfendem Herzen. Es war die Rezeption, die Kommissarin war erschienen und stand wenige Minuten später im Zimmer. Verlegen schob Frauke die Briefe in den Koffer und erkundigte sich:
»Haben Sie schon etwas heraus gefunden?«
Mira Wiedemann schüttelte den Kopf.
»Ich denke, Sie helfen mir.«
»Ich?«
Frauke stand vom Bett auf, bot der Kommissarin einen Sessel an und setzte sich ihr gegenüber auf einen Stuhl.
»Was wollte Ihre Tante hier? Warum hat sie diesen Parkplatz angefahren?«
Die Beamtin sah Frauke prüfend an und diese übergab ihr den mysteriösen Zettel, erzählte von ihrer Begegnung mit der Fremden und berichtete, dass ihre Tante nur deshalb hergekommen war.
»Sie haben die Zwillingsschwester Ihrer Mutter noch nie zuvor gesehen?«
»Ich habe gar nicht von ihr gewusst. Larissa hat mir nur gesagt, dass ich Wilhelmshaven meiden soll.«
Bei dem Gedanken an den Tod ihrer Tante kamen Frauke erneut die Tränen.
»Sie hängen an Ihrer Tante, nicht wahr?«
Frau Wiedemann hatte ihr Haar diesmal zu einem Pferdeschwanz gebunden, was sie nicht ganz so unnahbar erscheinen ließ. Frauke kramte umständlich ein Taschentuch hervor.
»Sie ist meine einzige Verwandte.«
Kaum waren die Worte heraus, schluchzte sie auf.
»Kann es sein, dass die andere, -- ich meine, es ist doch auch Larissas Schwester.« Die Kommissarin schaute durch das Fenster in den blauen Himmel, wo die Möwen ihre Kreise zogen.
»Ja«, sagte sie, »so etwas kommt vor.«
Frauke schnäuzte sich heftig.
»Ich habe Briefe und Fotos, Tante Larissa hat sie mitgebracht - gestern.«
Interessiert betrachtete Frau Wiedemann die Fotos und Briefe, die Frauke nun auf den Tisch packte.
»Sie sagten, Ihre Mutter starb, als Sie zwölf waren, haben Sie auch als Kind nie deren Zwillingsschwester gesehen?«
»Gestern Morgen am Strand sah ich sie zum ersten Mal in meinem Leben. Ich war völlig durcheinander und habe anschließend Tante Larissa angerufen.«
»Was hat sie gesagt?«
Frauke seufzte.
»Nicht viel, sie hat gleich aufgelegt.«
Die blauen Augen der Beamtin funkelten ungeduldig.
»Was genau? Jeder Hinweis ist wichtig.«
Frauke kamen erneut die Tränen, und sie wischte sie mit dem Handballen weg.
»Geh nicht nach Wilhelmshaven, deine Mutter wollte nicht, dass du es erfährst. Dann hat sie aufgelegt, und ich bin mit dem Fahrrad raus. Als ich zurückkam, war sie hier und brachte den Koffer mit.«
»Haben Sie die Briefe gelesen?«
»Dazu hatte ich keine Zeit.«
»Dann fangen Sie jetzt damit an.«
Die Kommissarin wandte sich zum Gehen.
»Geben Sie mir sofort Bescheid, wenn Sie etwas Wichtiges erfahren.«
Schon an der Tür erkundigte sie sich:
»Seit wann kennen Sie Herrn Lust?«
»Seit gestern, Zufallsbekanntschaft«, antwortete Frauke.
»Einige Zufälle zu viel, wenn Sie mich fragen«, kommentierte die Kommissarin knapp und schloss die Tür hinter sich.
Frauke schaute ihr irritiert nach. Kalt lief es ihr über den Rücken, Angst kroch in ihr hoch, ein schlummerndes Tier, welches, einmal aufgewacht, sich ihrer bemächtigte und ihr fast den Atem nahm. Zitternd und schluchzend begann sie, die Briefe ihrer Mutter zu lesen.
»Ruhe in Frieden!«
Der Pfarrer segnete das Grab, drückte Frauke die Hand und entfernte sich langsam. Es waren nur wenige Freunde und Nachbarn, die an diesem regnerischen Nachmittag mit Frauke am Grab von Larissa Norton standen. Andreas war nicht dabei. Frauke hatte ihn nicht erreichen können. Drei Tage nach dem Mord war die Leiche freigegeben worden, und Frauke hatte die Überführung nach Bielefeld veranlasst. Von dem Mörder keine Spur, die Briefe ihrer Mutter gaben keinen Anhaltspunkt, sie hatte sie Kommissarin Wiedemann zur Prüfung übergeben, die Fotos in den Koffer gepackt und mit genommen. Am nächsten Tag hatte sie einen Termin beim Notar, danach wollte sie wieder zurück ins Wangerland, schließlich hatte sie noch eine Woche Urlaub gebucht. Friedrich Lust hatte sich bei ihr nicht mehr gemeldet.
Die Wohnung von Larissa Norton sah aus, als sei die Besitzerin nur für wenige Minuten abwesend, in der Dusche lag der Duft ihres Shampoos, Fernseher und Stereoanlage waren stand-by geschaltet, in der Küche stand benutztes Geschirr, neben der Spüle lag eine Zeitung aufgeschlagen auf dem Tisch, und im Wohnzimmer blinkte der Anrufbeantworter. Frauke hatte den Briefkasten geleert, legte seinen Inhalt ungelesen auf den Couchtisch im Wohnzimmer und setzte sich in den gemütlichen Fernsehsessel. Larissas Gegenwart war so heftig zu spüren, dass ihr die Tränen kamen. Zum dritten Mal im Leben hatte sie einen geliebten Menschen verloren und diesmal auf eine grausame Art. Larissa war ihr Freundin und Mutter zugleich gewesen, wenn auch die spröde, manchmal herrische Art ihrer Tante so ganz anders war, als die ihrer Mutter. Frauke vermisste sie, und die Tatsache, dass sie ihr diese schöne Eigentumswohnung hinterlassen hatte und auch noch einiges an Erspartem, trug noch mehr dazu bei. Langsam begann sie, die Post durchzusehen. Ein Brief fiel auf durch seine Handschrift, etwas eckig, weil Druckbuchstaben verwendet wurden, aber gut leserlich. Es war der Brief eines Mannes, relativ förmlich erkundigte er sich nach ihrem Befinden und nach Frauke. Überrascht drehte Frauke den Brief mehrmals um, kein Absender, der Name abgekürzt, ein Stempel aus Bremen auf dem Umschlag. Wen kannte Larissa in Bremen? Nie hatte Frauke sie mit einem Mann in Verbindung gebracht. Der Text war kurz, fast geschäftsmäßig abgefasst, wenn auch mit der Hand geschrieben. Der Schreiber, ein gewisser Herr B. berichtete, dass es ihm und der Familie gut ginge. Fraukes Herz klopfte aufgeregt, denn B. konnte niemand anders sein als ihr Onkel, der Mann von Mutters Zwillingsschwester. Aus dem Brief schloss Frauke, dass er regelmäßig Kontakt zu Larissa gehalten hatte. Fast zehn Jahre hatte sie mit ihrer Tante zusammengewohnt und nichts davon mitbekommen. Seufzend erhob sich Frauke und schaute sich in der Wohnung um, in der Hoffnung, mehr zu entdecken. Stunden vergingen, sie hatte sich eine Pizza kommen lassen, bis sie endlich im Schlafzimmer der Tante in der Rückwand des Kleiderschranks eine kleine Schiebetür fand, die einen Wandtresor zum Vorschein brachte. Er war durch einen Code gesichert. Gerade in diesem Moment ging das Telefon. Mit klopfendem Herzen lief sie hin, die Nummer war ihr unbekannt. Sie nahm ab.
»Hallo, mit wem spreche ich?« erkundigte sich die Stimme am anderen Ende.
Als hätte sie sich verbrannt, fiel ihr das Telefon aus der Hand, sie keuchte. Die Stimme ihrer Mutter! Als sie sich beruhigt hatte, hob sie das schnurlose Telefon wieder auf, lauschte und setzte es in die Ladestation zurück. Erschöpft ließ sie sich in einen Sessel fallen, als ihr Blick auf den großen Umschlag fiel, den der Notar ihr mitgegeben hatte.
»Alle Unterlagen komplett, auch ein persönlicher Brief Ihrer Tante ist dabei.«
Sie sprang auf und schüttete den Inhalt des Umschlags auf den Tisch. Das Testament ihrer Tante und ein schmaler Umschlag mit ihrem Namen. Mit zitternden Fingern öffnete sie ihn.
Geliebte Frauke, mein Kind.
Tränen rannen Frauke über das Gesicht, die Worte verschwammen vor ihren Augen, und sie wischte sich energisch durchs Gesicht, bevor sie weiterlas.
Sei nicht traurig, ich werde immer bei dir sein. Als ich dich mit nach Bielefeld nahm, war es der Wunsch deiner Mutter und meine Pflicht, aber du bist mir ans Herz gewachsen, mehr als ich je geglaubt habe, bleib‘ wie du bist und lass dich niemals irremachen in deinen Vorstellungen.
Für immer Larissa, die auch deine Mutter war. Gott schütze dich.
Am Ende des Briefes war ein Nachsatz.
‚Deine Mutter hat ihr Geheimnis nie verraten, aber ich finde, du musst die Wahrheit wissen. ‚
Darunter standen eine Zahlenkombination und der Hinweis auf den Safe.
Frauke hatte plötzlich das Gefühl beobachtet zu werden. Die Wohnung lag im Parterre, sie trat ans Terrassenfenster und spähte hinaus. Nichts zu sehen, nur die Silhouette der Sparrenburg hob sich über den hohen Bäumen ab, die die Wohnanlage umsäumten, trotzdem ließ sie die Rollläden hinunter. Die Unterlagen des Notars packte sie wieder in den Umschlag und verstaute sie in ihrer Handtasche, den Brief der Tante steckte sie in ihre Hosentasche.
Bevor sie die Wohnung verließ, räumte sie ordentlich auf. Der Tresor ließ sich mit dem Code leicht öffnen. Er enthielt ein Familienbuch, Fotos, mehrere ordentlich gebündelte Briefe und einen länglichen, braunen Umschlag. Frauke nahm alles an sich, verschloss den Safe sorgfältig und verließ, sich vorsichtig umschauend, die Wohnung.
Hauptkommissarin Mira Wiedemann saß an ihrem Schreibtisch in dem kleinen Büro in Hooksiel, wo das Kommissariat während der Umbauarbeiten in Wilhelmshaven ein freudloses Dasein fristete. Alle Kollegen waren in Urlaub und ausgerechnet jetzt, wo sie sich auf eine ruhige Zeit bis zu ihrer Pensionierung eingerichtet hatte, musste sich eine Fremde umbringen lassen. Missmutig betrachtete sie die Fotos des Polizeifotografen vom Tatort und sog dabei heftig an ihrer Zigarette, als läge die Erkenntnis im Tabakrauch. Es klopfte. Ihr Mitstreiter, Thorben Weller, kam zur Tür herein und warf ihr einen Stapel Briefe auf den Schreibtisch, was ihre Laune nicht unbedingt hob.
»Ich habe sie alle gelesen, keine Anhaltspunkte, nur so‘n süßlicher Liebesquatsch. Außerdem sind die Briefe uralt.«
»Noch lange kein Grund sie mir auf den Schreibtisch zu werfen«, zischte Mira und drückte ihre Zigarette aus.
»Haben Sie die Kollegen in Bielefeld kontaktiert?«
Thorben nickte.
»Fehlanzeige. Ein unbeschriebenes Blatt, diese Larissa Norton. Lehrerin, ledig, keine Kinder, einzige Angehörige die Nichte Frauke Thomas. Hat übrigens die Wohnung der Alten geerbt, dahinter sollten wir uns klemmen.«
»Dummes Zeug, sie war in der Pizzeria mit diesem Friedrich Lust, das Alibi steht.«
Thorben holte tief Luft und überlegte, ob er nicht einfach am nächsten Tag blaumachen sollte. Die Zusammenarbeit mit der Wiedemann entwickelte sich zu einem echten Horrortrip, so hatte er sich die Praxisanleitung während der Ausbildung nicht vorgestellt. Sein Gedankengang war noch nicht zu Ende, als Mira Wiedemann sich erkundigte:
»Haben Sie Lust schon überprüft?«
»Ich denke, äh, Sie wollten das übernehmen.«
»Das könnte Ihnen so passen, hier den lauen Lenz zu schieben«, schnaubte Mira. »Wir haben einen Mordfall, vergessen Sie das nicht. In einer Stunde will ich das Ergebnis.«
Er war schon in der Tür, als sie ihn zurückrief:
»Recherchieren Sie gründlich, nicht so schlecht wie bei der Norton.«
»Wieso?«
Verdattert sah er sie an.
»Die Norton hat noch eine Schwester. Ist Ihnen beim Lesen der Briefe nicht aufgefallen, dass sie von zwei verschiedenen Personen geschrieben wurden?« Thorben kam zurück.
»Aber, ich dachte ...«
Mira schnitt ihm das Wort ab.
»Sie sollen nicht denken, sondern ordentlich recherchieren, verdammt.«
Thorben sah ihre blauen Augen, die ihn durchbohrten wie giftige Pfeile und verschwand wortlos. Empört blickte sie ihm nach und griff erneut zu ihrer Zigarettenschachtel. Ausgerechnet diesen Anwärter hatte man ihr aufs Auge gedrückt.
Sie dachte den Tag ihres sechzigsten Geburtstages. Der Polizeidirektor hatte ihr mit einem Blumenstrauß gratuliert und gemeint:
»In Hooksiel haben wir extra für Sie ein kleines Kommissariat eingerichtet, da werden Sie von den Bauarbeiten nicht gestört und können jeden Mittag einen schönen Strandbummel machen.«
Alle Kollegen hatten gelacht und waren kurz darauf in Urlaub gefahren. Nicht, dass es ihr etwas ausgemacht hätte, allein zu sein, aber mit einem Mord hatte sie nicht gerechnet, noch weniger mit einem Anwärter, der sich mehr als dumm anstellte. Gefrustet befasste sich Mira wieder mit den Tatortfotos und dem Bericht der Spurensicherung. Bisher gab es keinerlei Erkenntnisse auf den Mörder, da war nur die Aussage der Nichte, die davon sprach, ihre Tante habe Angst gehabt. Dann noch die ominöse Schwester, Zwillingsschwester der verstorbenen Mutter von Frauke Thomas, Verena Norton, die irgendwo in der Gegend wohnen sollte. Mira drückte ihre halb aufgerauchte Zigarette aus, stand auf und verließ das Büro.
Frauke hatte eine unruhige, von Träumen gequälte Nacht verbracht, trotz mehrmaliger Versuche konnte sie Andreas in seinem Urlaubsort auf Mallorca nicht erreichen, war weiterhin allein auf sich gestellt und schwor sich, mit ihm Schluss zu machen und so bald als möglich die gemeinsame Wohnung zu verlassen, wenn auch momentan andere Dinge anstanden. Sie packte frische Sachen in ihren Koffer und suchte verzweifelt nach ihrer Wetterjacke, bis ihr einfiel, dass sie das gute Stück in Larissas Wohnung zurückgelassen hatte. Eine Nachbarin ihrer Tante empfing sie am Eingang des Hauses, drückte Frauke ihr Beileid aus und überfiel sie mit solcher Redseligkeit, dass es eine Weile dauerte, bis Frauke endlich die Tür zur Wohnung aufschloss und ein Schrei des Entsetzens über ihre Lippen kam. Diesmal war sie froh, dass die Nachbarin neugierig hinzukam und aufgeregt ausrief:
»Um Gottes Willen! Wie sieht es denn hier aus?«
Die Wohnung glich einem Trümmerhaufen. Schränke waren umgestoßen, Vasen lagen zersplittert am Boden und Frauke sank schluchzend in einen Sessel, der seitlich mit dem Messer aufgeschlitzt worden war.
Die Polizisten waren endlich wieder weg. Frauke fand nach langem Suchen ihren Friesennerz unter einem Kleiderstapel im Flur und flüchtete aus der demolierten Wohnung. Die Polizei hatte weder Fingerabdrücke noch Einbruchsspuren an den Türen oder Fenstern finden können. Stundenlang waren Beamte damit beschäftigt gewesen, alles durchzuchecken. Frauke begann, grob aufzuräumen, unterstützt von der Nachbarin, die eifrig hin und her lief, Kaffee kochte und Frauke half.
Die beiden Frauen hatten einen großen Berg im Wohnzimmer aufgeschichtet, die Sachen waren nicht mehr zu gebrauchen. Die wertvollen Gegenstände, wie der Schmuck der Tante, der auf dem Boden verstreut war, wurden sorgfältig wieder zurückgelegt. Es war Frauke ein Rätsel, warum jemand eine ganze Wohnung auf den Kopf stellte und alles Wertvolle, sogar etwa vierhundert Euro Bargeld, zurückließ. Einzig den Tresor hatten die Einbrecher nicht gefunden.
Es war später Nachmittag, als Frauke Richtung Norden aufbrach, das Geld der Tante hatte sie sicherheitshalber eingesteckt, um den Rest ihres Urlaubs in Friesland zu verbringen.
Das Fax spuckte eine Mitteilung aus, die Mira Wiedemann wieder einmal bestätigte, dass ihr Anwärter schusselig gearbeitet hatte. Die Beamten aus Bielefeld meldeten einen Einbruch in die Eigentumswohnung von Larissa Norton. Fingerabdrücke, Einbruchspuren: Fehlanzeige, und das Merkwürdigste, Geld und Schmuck waren unangetastet geblieben. Es wurde höchste Zeit, die Schwester der Norton aufzusuchen. Mira hatte im Standesamt die Geburtsurkunden überprüft und festgestellt, dass die Nortonzwillinge 1958 am dritten August geboren waren und Waltraud Norton im Jahre 1982 den Biologen Werner Thomas geheiratet hatte. Verena Norton hatte im selben Jahr den Kaufmann Karsten Thilo Bornfeld geehelicht. Nach ihren Ermittlungen wohnten die Bornfelds in einer Villa am Stadtrand von Wilhelmshaven und hatten eine Tochter. Bornfeld galt als wohlhabend, womit er sein Geld verdiente, war ihr nicht bekannt.
Zwei Stunden später stand sie mit Thorben Weller vor einem eisernen Tor und betätigte die Klingel. Aus der Gegensprechanlage ertönte eine weibliche Stimme: »Sie wünschen, bitte?«
»Kripo Wilhelmshaven, können wir Herrn Bornfeld sprechen?«
Das Tor öffnete sich fast lautlos und der Hausherr erschien, im eleganten Nadelstreifen mit passender Krawatte zum hellblauen Hemd. Mira zeigte ihren Ausweis und erklärte:
»In der letzten Woche wurde in Hooksiel eine Larissa Norton mit durchschnittener Kehle aufgefunden. Kennen Sie die Frau, Herr Bornfeld?«
Bornfeld, schlank, fast hager, mit für sein Alter dichtem, mittelblondem Haar, welches von einigen Silberfäden durchzogen war, wurde bleich:
»Larissa? Tot? Wie entsetzlich!«
»Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen.« Mira lugte durch den Türspalt und fuhr fort: »Können wir hereinkommen?«
Bornfeld zögerte einen kurzen Moment, bevor er antwortete:
»Natürlich, kommen Sie.«
Die Beamten traten in eine Halle mit stuckverzierter Decke und dem Charme einer vergangenen Epoche. ‚Die Restaurierung dieser Halle muss ein Vermögen gekostet haben‘, dachte Mira und nahm in einem Sessel Platz, der in der Ecke unterhalb einer geschwungenen Treppe stand.
»Rita«, rief der Hausherr. Wie von Geisterhand schwang eine Tür auf. Eine junge Frau in einem adretten Westenkostüm mit weißer Bluse erschien knicksend:
»Haben Sie einen Wunsch, Herr Bornfeld?«
»Bringen Sie bitte etwas zu trinken. Wasser?«
Ein fragender Blick, Mira nickte zustimmend.
»Also Wasser für die Herrschaften, mir bringen Sie bitte einen Bourbon.«
Sie hatten sich nur kurz aufgehalten. Bornfeld berichtete von einem Zerwürfnis der Schwestern, konnte allerdings den Grund nicht angeben. Seine Frau befand sich außer Haus und so blieb den Polizeibeamten nichts anderes übrig, als sich für einen späteren Zeitpunkt anzumelden.
»Irgendwo habe ich den Mann schon gesehen«, erklärte Mira, als sie wieder im Wagen saßen. Thorben Weller zuckte gleichgültig mit den Schultern.
»Wie ein Mörder sah er jedenfalls nicht aus.«
Mira warf ihm einen verständnislosen Blick zu und bog in die nächste Seitenstraße ein.
Die Wirtin hatte das Zimmer für sie frei gehalten, und Frauke packte schnell ihren Koffer aus, lieh sich ein Rad, fuhr an den Strand und mietete sich einen Strandkorb. Sie hatte den Umschlag mitgenommen, den sie im Safe der Tante gefunden hatte. Das Familienbuch hatte sie zurückgelassen. Es enthielt die Heiratsurkunde der Eltern ihrer Mutter und die Geburtsurkunden der Zwillingsschwestern und von Larissa. In dem Umschlag befanden sich Zeitungsausschnitte, das Foto ihrer Mutter und einige Unterlagen, alte Rechnungen, handgeschriebene Notizen, die zu sichten längere Zeit in Anspruch nehmen würde. Die Zeitung war gut dreizehn Jahre alt und zeigte das verbeulte Auto, mit dem ihr Vater tödlich verunglückt war. In dem Artikel wurde die Unfallursache mit Bremsversagen angegeben. Da es sich um einen fabrikneuen Wagen handelte, war laut Polizeibericht von einer Manipulation am Fahrzeug ausgegangen worden, diese Vermutung konnte aber trotz gründlicher Untersuchung nicht belegt werden. Frauke las den Artikel zweimal. Niemals hatte ihre Tante davon gesprochen, dass ihr Vater einem Anschlag zum Opfer gefallen war. Und wenn es so war? Wer steckte dahinter? Und warum? Hatte der Einbrecher in Larissas Wohnung diese Unterlagen gesucht?
Kalt lief es Frauke über den Rücken, und sie spürte die Gefahr fast körperlich. Vorsichtig lugte sie aus dem Strandkorb hervor, nur wenige Menschen, hauptsächlich Familien mit Kleinkindern waren am Strand, die Ferien hatten noch nicht begonnen, und nur vereinzelt waren die Strandkörbe besetzt. Kinder liefen zum Wasser, die Flut hatte eingesetzt, besorgte Eltern liefen ihren Sprösslingen nach, Lachen und Schreien gingen unter im stetigen Auf und Ab der Wellen. Frauke wäre so gern hinausgelaufen mit dem Wind um die Wette, aber die Unterlagen brannten in ihrer Hand und verlangten ihre ganze Aufmerksamkeit. Ihre Angst war schnell wieder verschwunden, eingekuschelt in die windgeschützte Wärme des Strandkorbs fühlte sie sich vollkommen sicher. Ihre schwarzen, sorgfältig gezupften Brauen zusammengezogen, saß sie da mit angewinkelten Knien und vertiefte sich immer mehr in die Geschichte ihrer Familie.
Eine sanfte Brise wehte ins Kommissariat, Mira Wiedemann holte tief Luft und trat ans Fenster, just in dem Moment stürmte Thorben Weller herein, und der Fensterflügel donnerte gegen ihren Kopf.
»Autsch, verdammt!«
Stöhnend rieb sie sich die schmerzende Stelle und fauchte:
»Können Sie nicht vorsichtiger hereinkommen?«
Weller grinste frech, schloss die Tür und hielt ihr ein Schriftstück unter die Nase.
»Sie wollten umgehend informiert werden, Frau Wiedemann. Ein aktuelles Fax der Kollegen aus Bielefeld.«
Seufzend nahm Mira das Schriftstück entgegen. Ein Einbruch in die Wohnung von Larissa Norton, keinerlei Hinweise auf den Täter, und nach Aussage der Nichte war nichts entwendet worden, Schmuck und Bargeld blieben unangetastet.
»Interessant! Aber das gleiche Fax habe ich schon vorher bekommen. Nur nicht so ausführlich.«
Mira rieb nachdenklich an ihrer Beule.
»Es muss in dieser Familie etwas geben, was einen Mord rechtfertigt«, sinnierte Weller und Mira pflichtete ihm bei.
»Nur, was?«
Weller hatte sich in den Sessel gegenüber von Miras Schreibtisch geworfen und kritzelte auf seinem Stenoblock herum.
»Wir müssen diese Frauke Thomas noch einmal vernehmen.«
»Ist sie nicht in Bielefeld, ihre Tante beerdigen?«
Weller schüttelte den Kopf.
»Die Kollegen in Bielefeld haben mitgeteilt, dass sie gestern Nachmittag wieder an die Nordsee gefahren ist.«
Mira blickte ihn anerkennend an.
»Wie haben Sie denn das so schnell herausgefunden?«
»Gut recherchiert.«
Er grinste.
»Sie wohnt in Hooksiel, in derselben Pension wie vorher.«
Mira überlegte nur kurz.
»Diesmal fahren Sie.«
Weller grinste.
»Meinen Sie, das ist eine gute Idee?«
Mira funkelte ihn böse an.
»Ein wenig Übung im Aushorchen tut Ihnen ganz gut.«
»So schlecht bin ich auch nicht«, maulte Weller beleidigt und fuhr fort, »Ich habe mir die Briefe noch einmal angesehen. Hat die Thomas Ihnen gesagt, woher sie stammen?«
Mira runzelte unwillig die Stirn.
»Sagte ich das nicht bereits? Die Tante hat sie ihr mitgebracht.«
»Woher hat die Tante sie?«
»Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«
Weller setzte sich aufrecht, und Mira hatte zum ersten Mal das Gefühl, dass er sich einer Sache wirklich widmen konnte.
»Die Briefe sind an einen Mann gerichtet, warum hat er seine Briefe nicht einfach vernichtet, warum übergab er sie Larissa Norton?«
»Von der Seite habe ich die Sache noch gar nicht betrachtet, aber Sie haben recht.«
Mira sah ihn anerkennend an und Thorben schloss weiter:
»Vielleicht hat die Norton diese Briefe entwendet, um die Schwestern gegeneinander auszuspielen.«
Mira verfolgte die Idee weiter.
»Weil beide denselben Mann liebten, gerieten sie in Streit, der bis heute anhält.«
Nach kurzem Nachdenken schüttelte Mira den Kopf.
»Unmöglich, da muss es etwas anderes geben. Beide Schwestern haben geheiratet und ein Kind vom ihrem Mann, da bringt man sich doch nicht gegenseitig um.«
»Und wenn doch?«
»Fahren Sie raus und vernehmen Sie die Thomas noch einmal. Ich werde versuchen diese Frau Bornfeld zu erreichen.«
Ein Schatten fiel über den Eingang des Strandkorbs, ein blanker Gegenstand blinkte in der Sonne, und Frauke schrak auf.
»He, Sie da! Was machen Sie da?«
Eine herrische Stimme erscholl, jemand lief davon, und ein bärtiges Gesicht über einer blaugelben Wetterjacke lugte in ihren Strandkorb. »Ist Ihnen nicht kalt, Frollein?«
Die gutmütige Stimme des Strandwächters verscheuchte die Angst aus ihrem Gesicht, und sie lächelte.
»Ich packe schon zusammen.«
»Was wollte denn der junge Mann von Ihnen?«, erkundigte sich ihr Retter.
»Ich weiß nicht, Sie haben ihn verscheucht.«
Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass jemand sich unbemerkt ihrem Strandkorb genähert hatte.
»Is och man gut so, Frollein.«
Ohne ein weiteres Wort packte Frauke ihre Sachen und radelte davon. An ihrer Pension wurde sie von einem Beamten der Kripo erwartet, der sie noch einmal zu dem Tod ihrer Tante vernahm. Um den neugierigen Augen der Wirtin zu entgehen, bat sie ihn auf ihr Zimmer.
»Hier sind wir ungestört. Gibt es neue Erkenntnisse?«
Sie sah Thorben Weller fragend an. Weller wurde rot, er hatte sich die junge Frau ganz anders vorgestellt, nicht so attraktiv, und diese dunklen Haare mit den großen, grauen Augen machten ihn nervös.
»Wir sind noch in den Ermittlungen«, erklärte er und erkundigte sich: »Hatte Ihre Tante Feinde?«
Unwillig riss Frauke die Augen auf.
»Das hat Ihre Kollegin mich schon gefragt, nein.«
»Sie haben uns Briefe überlassen. Wie kam Ihre Tante in deren Besitz?«
»Es waren Briefe meiner Mutter. Fotos waren auch dabei, die habe ich mitgenommen. Sie sind noch im Auto.«
»Könnte ich sie mir ansehen?«
Weller beobachtete sie bei diesen Worten genau, aber sie willigte sofort ein.
»Ich hole sie.«
Ohne zu zögern stürmte sie davon und kam Sekunden später etwas außer Atem zurück, ein kleines Lederköfferchen in der Hand.
»Hier ist alles drin.«
Der Koffer war leer bis auf die erwähnten Fotos. Weller blätterte sie durch und legte sie zur Seite.
»Darf ich mir den Koffer einmal ansehen?«
»Warum nicht«, antwortete sie gleichgültig und holte eine Mineralwasserflasche aus dem Kühlschrank.
»Möchten Sie auch ein Glas?«
Weller nickte, ohne sie anzusehen, und glitt mit seinen Händen über das Leder des Koffers. In seinem Innern stiegen Bilder von Geheimfächern und doppelten Böden auf, er war fasziniert von dem geschmeidig glatten, hellbraunen Leder, und seine Gedanken arbeiteten fieberhaft. Frauke schaute erstaunt zu, wie er plötzlich eines der Schnappschlösser drehte und sich der Deckel an der Seite anhob und nach Drehung des zweiten Schlosses ganz aufzuklappen war. Ein großer, brauner Umschlag kam zum Vorschein. Frauke hatte seine Untersuchung mit Misstrauen verfolgt und entriss ihm den Umschlag, bevor er auch nur einen Blick darauf werfen konnte.
»Dieser Umschlag geht Sie nichts an!«, giftete sie, insgeheim dankbar, aber das musste er nicht wissen.
»Wie Sie wünschen«, ergab sich Weller frostig in das Unvermeidliche.
Frauke überlegte mit gerunzelter Stirn, wie sie ihn loswerden konnte.
»Ich denke, ich habe alles gesagt. Sollte sich für die Polizei etwas Neues ergeben, werde ich mich umgehend bei Ihnen melden, Herr Kommissar.«
Notgedrungen erhob sich Weller und verabschiedete sich.
Kaum hatte er das Zimmer verlassen, verschloss Frauke die Tür und öffnete den Umschlag.
II
Vergeblich hatte Hauptkommissarin Wiedemann versucht, Verena Bornfeld zu erreichen, auch Herr Bornfeld war in Deckung gegangen und ließ durch sein Hausmädchen melden, dass er verreist sei. Verärgert sprang Mira in ihren Wagen und wollte gerade das Grundstück verlassen, als ein kleines sportliches Auto an ihr vorbeizischte, dass der Kies knallende Geräusche an ihrem Lack verursachte. Wutschnaubend setzte sie zurück, direkt hinter den Verursacher, sprang aus dem Wagen und schrie:
»Was fällt Ihnen ein, hier solch ein Tempo vorzulegen? Sie haben meinen Lack beschädigt!«
Die rothaarige Fahrerin stieg betont lässig aus, was Mira erst recht zum Kochen brachte, nahm ihre Sonnenbrille ab, warf einen abschätzenden Blick auf den Golf und erklärte hochnäsig:
»Bei der alten Karre ist ohnehin ein neuer Anstrich fällig, außerdem befinden Sie sich hier auf einem Privatgrundstück!«
Mira Wiedemann blieb vor Empörung die Stimme weg, und als sie sich endlich gefasst hatte, war die junge Frau schon im Haus verschwunden. Verärgert klingelte sie Sturm; als das Hausmädchen erschien, schob sie es zur Seite und stürmte in die Halle. Stella Bornfeld wollte gerade mit Schwung die Treppe nehmen, als sie den Tumult an der Haustür mitbekam und Frau Wiedemann hereinkommen sah. Augenblicklich drehte sie sich um und schrie:
»Was fällt Ihnen ein!«
Die Beamtin hatte ihre Fassung wieder gefunden.
»Wiedemann, Kripo, ich habe ein paar Fragen an Sie!«
Überrascht kam Stella Bornfeld zurück.
»Sie wollen mich doch wegen dieser Lächerlichkeit nicht verhaften?«
»Es geht um ihre Tante. Sie sind doch die Tochter von Verena Bornfeld, nicht wahr?«
»Sie haben es erraten, ich heiße Stella. Tante? Welche Tante?«
»Larissa Norton, eine Schwester Ihrer Mutter.«
Stella kräuselte die Stirn, dann lächelte sie.
»Ach die, sie wohnt in Bielefeld, nicht wahr. Was ist mit ihr?«
»Sie wurde nur wenige Kilometer von hier ermordet aufgefunden. Hat Ihr Vater nichts gesagt?«
Sichtlich geschockt schüttelte Stella den Kopf.
»Wie entsetzlich. Wissen Sie, wer es war?«
Mira verneinte.
»Es gibt keine verwertbaren Spuren des Täters. Vielleicht können Sie mir sagen, ob Ihre Tante jemanden in Hooksiel, dort wurde sie ermordet, oder in Wilhelmshaven aufsuchen wollte.« Stella war blass.
»Ich habe meine Tante noch nie gesehen, wie soll ich da etwas wissen? Wir hatten keinen Kontakt zu ihr. »
»Ihr Vater soll ihr regelmäßig geschrieben haben, das jedenfalls hat Frauke Thomas ausgesagt, Ihre Cousine.«
»Meine was? Ich habe keine Cousine! », empörte sich Stella Bornfeld.
»Das hat Frau Thomas auch gedacht. Sie ist die Tochter der Zwillingsschwester Ihrer Mutter.«
Stella sprang auf.
»Meine Mutter hat nur eine Schwester, und das ist - war Larissa Norton.«
Mira zog eines der Fotos aus der Tasche, welche die drei Schwestern vor etwa dreißig Jahren zeigten, und hielt es ihr hin.
»Ihre Cousine hat es mir freundlicherweise zur Verfügung gestellt.«
Stella wurde abwechselnd rot und blass.
»Sie müssen mir glauben, ich habe nichts davon gewusst«, stotterte sie.
Mira nahm ihr das Bild wieder ab und verabschiedete sich.
»Können Sie mir sagen, wo sich Ihre Mutter aufhält? Ich muss sie dringend sprechen.«
Stella hatte sich in einen Sessel geworfen und schüttelte wortlos den Kopf.
Der Umschlag enthielt den Befund eines Krankenhauses, mit dem Frauke nichts anzufangen wusste. Gefrustet steckte sie das Blatt wieder zurück und untersuchte das Geheimfach des Koffers noch einmal gründlich. Nichts. Sie faltete den Umschlag zusammen und steckte ihn wieder in das Fach. In diesem Moment klopfte es und ohne ihr »Herein« abzuwarten, stand Friedrich Lust im Zimmer.
»Hallo, wie geht es dir?«
Sie verstaute den Koffer im Schrank und lächelte.
»Gut, ich habe nur auf einen Kavalier gewartet, der mich an den Strand begleitet.«
Hauptkommissarin Mira Wiedemann war es endlich gelungen mit Verena Bornfeld telefonisch Kontakt aufzunehmen. Die Dame hatte sich bereit erklärt, das Kommissariat persönlich aufzusuchen. Sie kam des Nachmittags im goldgelben Porsche vorgefahren, in einem eleganten zartgrünen Kostüm, welches hervorragend zu ihren rötlichen Haaren passte und ihre schönen Beine zeigte, die in zum Kostüm passenden Pumps steckten. Als sie gegenüber von ihrem Schreibtisch Platz nahm, konnte Mira trotz des gut deckenden Make-ups die vielen kleinen Sommersprossen auf ihrer Nase sehen, welche die Ähnlichkeit mit ihrer Tochter deutlich hervorhoben.
»Ist es wahr, dass meine Schwester Larissa ermordet wurde?«
Ihre hellbraunen Augen musterten Mira interessiert.
»Sie wurde mit durchschnittener Kehle aufgefunden.«
»Wie entsetzlich!«
Verena Bornfeld riss die Augen auf und spielte nervös mit ihrem Autoschlüssel.
»Wissen Sie, ob Ihre Schwester hier mit jemandem in Kontakt stand? Alte Freunde, Schulkameraden?«
Verena seufzte vernehmlich.
»Woher soll ich das wissen? Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen.«
»Warum nicht?«
Zum ersten Mal hatte Mira das Gefühl, Frau Bornfeld aus dem Konzept gebracht zu haben. Ihre Wimpern flackerten verräterisch, und es dauerte einige Sekunden, bis ihre Antwort kam.
»Es hat Streit gegeben, wir hatten nichts Gemeinsames. Larissa war so pedantisch, wie soll ich sagen - Lehrerin eben!«
Mira lächelte und stellte leise, ihre Augen fest auf Verena gerichtet, die nächste Frage.
»War Ihre Zwillingsschwester auch Lehrerin?«
Verena beugte sich vor, die Augen zu kleinen Schlitzen verengt.
»Was fällt Ihnen ein?«, fauchte sie. »Meine Zwillingsschwester ist tot. Mehr möchte ich dazu nicht sagen!«
Mira Wiedemann setzte zur nächsten Frage an.
»Wo waren Sie am Samstagabend zwischen zehn Uhr und Mitternacht?«
Verena Bornfeld starrte die Beamtin empört an, stand auf, fasste ihre Handtasche mit festem Griff und antwortete:
»Im Wellnesscenter an der Bremer Straße.« Dann wandte sie sich zur Tür und erklärte bestimmt: »Ich bin in Eile, wenn Sie weitere Fragen haben, wenden Sie sich bitte an meinen Anwalt!«
Sie warf eine Visitenkarte auf den Schreibtisch und verließ ohne ein weiteres Wort den Raum. Mira Wiedemann blickte ihr empört nach und nahm den Telefonhörer zu Hand.
Wenige Sekunden später öffnete sich die Tür erneut, und Thorben Weller ließ sich schnaubend vor Wut auf den Stuhl fallen, den Frau Bornfeld gerade geräumt hatte.
»Dieses Miststück! Sie weiß mehr als sie sagt!«
Er war rot im Gesicht und bemerkte in seinem Ärger nicht, dass seine Kollegin nicht eben begeistert über sein Benehmen war.
»Was fällt Ihnen ein, hier so hereinzuplatzen? Sehen Sie nicht, dass ich telefoniere?«
Erst jetzt sah er ihr zornrotes Gesicht und duckte sich automatisch in seinem Stuhl, als befürchte er einen tätlichen Angriff.
Mira warf den Hörer auf die Gabel und fauchte:
»Polizeiarbeit ist kein Zuckerschlecken, wenn Sie dafür zu sensibel sind, sollten Sie die Ausbildung abbrechen!«
Weller stotterte eine Entschuldigung und erklärte, nun ruhiger:
»Diese Frauke Thomas hat mich praktisch hinausgeworfen, nachdem ich ihr geholfen habe, aus einem Geheimfach ihres Koffers einen Umschlag zu bergen.«
Seine Schilderung ließ Miras Zorn verblassen.
»Diese Familie hat so viele Geheimnisse, dass ich fest überzeugt bin, dass der Mörder im familiären Umfeld zu suchen ist. Diese Verena Bornfeld war vor wenigen Minuten hier, keine vernünftige Aussage, aber die Visitenkarte ihres Anwalts hat sie hinterlassen.«
Weller war froh, dass Mira sich wieder dem Fall zuwandte und steuerte einen weiteren Aspekt hinzu.
»Frau Thomas hat auch einen Gewinn durch den Tod der Norton, sie hat nicht nur eine Wohnung, sondern auch etliches an Geld geerbt, das hat sie mir gesagt.«
»Für die Tat hat sie ein bombensicheres Alibi«, warf Mira ein und fuhr fort: »Da muss es noch andere Gründe geben, die einen Mord rechtfertigen.«
»Wir müssen an den Umschlag kommen, den die Kleine so schnell vor mir versteckt hat, sicher wusste sie, was drin war.«
Weller war noch immer verärgert, dass er mit so wenig in der Hand bei seiner Hauptkommissarin erschienen war. Mira schüttelte den Kopf.
»Für eine Hausdurchsuchung haben wir keinerlei Handhabe.«
»Es muss etwas geben, was sie verbirgt«, ereiferte sich Weller, »völlig ohne Grund wird niemand umgebracht.«
Mira schmunzelte.
»Ihren Eifer in Ehren, aber ich glaube nicht, dass die Nichte mit dem Mord zu tun hat. Sie schien mir völlig glaubwürdig, als sie von den Ängsten der Ermordeten sprach. Wir müssen herausfinden, vor wem diese Frau Angst hatte. Ich tippe da eher auf einen Erpresser.«
»Warum soll man eine Lehrerin erpressen?«
Thorben Weller seufzte und gab sich selbst die Antwort:
»Es muss ein Geheimnis geben, was so brisant ist, dass es einen Mord rechtfertigt.«
Die Hauptkommissarin pflichtete ihm bei.
»Gehen Sie der Sache auf den Grund, versuchen Sie etwas über den Umschlag zu erfahren. Heute Abend ist die Dame sicher im Hotel.«
Wenig begeistert machte sich Weller des Abends erneut auf den Weg zu Frauke Thomas und traf sie im Garten der Pension beim Abendessen.
»Sie schon wieder?«
Frauke war verärgert, am Nachmittag mit Fried hatte sie die schrecklichen Ereignisse fast vergessen und nun brachte dieser Kripobeamte alles wieder zum Vorschein. Weller bestellte sich eine Schorle, wartete, bis sie ihre Mahlzeit beendet hatte, und befragte sie nach dem Umschlag aus dem Koffer.
»Es war nichts Wichtiges, ein Krankenblatt aus einer Klinik. Ich habe es gleich wieder weggelegt. Ich zeige es Ihnen.«
»Merkwürdig, dass es im Geheimfach des Koffers war, finden Sie nicht?«
Sie waren auf dem Weg in Fraukes Zimmer, sie nickte zustimmend, schloss auf und ging zu dem Koffer, um es ihm zu zeigen.
»Es ist weg.«
Hastig schüttete sie den Inhalt des Köfferchens auf das Bett. Es waren nur noch die Fotos vorhanden.
»Komisch, ich habe es zu den Fotos gelegt.«
Sie durchsuchten noch einmal den Koffer und das ganze Zimmer, der Brief war verschwunden.
»Es war vielleicht wichtiger, als Sie angenommen haben.«
Weller war verärgert und Frauke schockiert von dem Gedanken, dass während ihrer Abwesenheit jemand ihr Zimmer durchsucht hatte.
»Sagten Sie nicht, in der Wohnung Ihrer Tante hätten Einbrecher alles durchwühlt, aber nichts mitgenommen?«
Frauke sah Weller verwundert an.
»Sie glauben, es gibt einen Zusammenhang?«
Weller nickte.
»Fassen wir doch einmal zusammen: Sie haben die Zwillingsschwester Ihrer Mutter am Strand gesehen, anschließend fanden Sie einen Zettel mit einer Drohung an Ihrem Wagen. Larissa Norton eilt herbei, um Sie zu warnen, bringt Ihnen den Koffer, in dem sich besagter Umschlag befindet, und wird noch am selben Tag umgebracht. Später wird deren Wohnung in Bielefeld durchsucht, und nun ist der Umschlag weg. Also muss dieses Krankenblatt, wie Sie es bezeichnen, eine mehr als brisante Information enthalten.«
Frauke war bleich geworden und hatte sich auf ihr Bett gesetzt. Zum ersten Mal betrachtete Thorben Weller sie genau und plötzlich wusste er, woran sie ihn erinnerte, und noch etwas wurde ihm schlagartig klar:
»Sie müssen hier weg, und zwar schnell.«
»Aber wo soll ich denn hin? Außerdem habe ich die Wohnung noch für diese Woche bezahlt«, jammerte Frauke.
»Wir werden schon etwas finden. Packen Sie Ihren Kram zusammen. Ich nehme Sie mit.«
Thorben Weller war normalerweise kein Mensch schneller Entschlüsse, fühlte sich aber auf ihm unerklärliche Weise zum Handeln gedrängt. Wie er seine eigenmächtige Vorgehensweise seiner Dienststellenleiterin erklären sollte, musste er sich noch überlegen. Er zumindest hatte keine Lust, schon wieder eine Leiche zu begutachten. Wenig später tauchte er mit Frauke im Schlepptau bei seiner Schwester auf, die etwa drei Kilometer entfernt direkt am Wasser einen kleinen Bungalow besaß.
Mira Wiedemann hatte noch einmal gründlich alle Briefe kontrolliert, die Frauke Thomas ihr zur Verfügung gestellt hatte, auch die Unterlagen der Spurensicherung, alle Protokolle der aussagenden Personen, und die Tatortfotos hatte sie gründlich geprüft. Negativ. Dann ließ sie sich Unterlagen des Unfalls von Fraukes Vater vor zwölf Jahren kommen. Werner Thomas war auf der Autobahn Richtung Bremen aus ungeklärter Ursache ins Schleudern geraten und in die Leitplanken geknallt. Er war sofort tot. Die Untersuchung des Unfallfahrzeugs ergab plötzliches Bremsversagen durch ausgetretene Bremsflüssigkeit. Eine Manipulation an der Bremsleitung konnte nicht eindeutig nachgewiesen werden.
Mira hatte gerade die Möglichkeit in Erwägung gezogen, dass auch dieser Unfall ein Mord sein könnte, als Thorben Weller hereingestürmt kam.
»Ich habe Frau Thomas bei meiner Schwester untergebracht. Irgendjemand hat ein Schriftstück aus ihrem Hotelzimmer gestohlen.«
Er war außer Atem und sein Gesicht war gerötet. Mira warf ihm einen skeptischen Blick zu.
»Halten Sie die junge Frau für so gefährdet?«
Weller, überrascht ernst genommen zu werden, antwortete erleichtert:
»Auf jeden Fall. Ihre Erbschaftsunterlagen, Briefe ihrer Eltern und auch Geld wurden nicht angetastet, nur ein brauner Umschlag ist entwendet worden.«
Mira nickte zustimmend.
»Vielleicht ist es besser, sie verschwindet einige Zeit. Ihr Vater scheint auch keinen normalen Unfall gehabt zu haben. Was enthielt denn der Umschlag?«
Weller zuckte die Schultern.
»Sie sprach von einem Krankenblatt. Sie konnte nichts damit anfangen. Dann kam dieser Friedrich Lust, der vor Kurzem schon bei ihr war, und hat mit ihr einen Strandspaziergang gemacht.«
»Wir müssen ihn dringend vernehmen. Er taucht immer auf, wenn etwas passiert, finden Sie nicht?«
Weller nickte und nach kurzem Überlegen erbot er sich, Lust aufzusuchen.
Das Zimmer im Hause Meier war einfach, aber sauber. Die Familie Meier hatte zwei Kinder im Vorschulalter, die für die vorübergehende Unterbringung von Frauke in das Spielzimmer umgezogen waren. Elke Meier war freundlich und nett und Frauke machte es Spaß, ihr bei der Beaufsichtigung der beiden drei und fünf Jahre alten Jungen zu helfen. Nach dem neuerlichen Vorfall traute sie sich nicht mehr allein hinaus, hier würde weder Friedrich Lust noch sonst jemand sie vermuten. Nach diesem turbulenten Tag hatte sie sich noch einmal die Unterlagen vorgenommen, die sie in Larissas Tresor gefunden hatte. Mittlerweile ging sie davon aus, dass ihre Mutter und ihre Tante Verena mit demselben Mann ein Verhältnis hatten. Warum der Streit der Schwestern auch nach deren Eheschließung weiter anhielt, war für Frauke noch immer ein Rätsel. Die Unterlagen gaben darauf keine Hinweise, außerdem handelte es sich größtenteils um Bankberichte und Investitionsunterlagen, deren Bedeutung sie später mit ihrem Anwalt klären wollte.
Von der Polizei hatte sie erfahren, dass ihr Onkel, Karsten Thilo Bornfeld, regelmäßig mit Larissa brieflichen Kontakt hatte, was ihre Annahme bestätigte, nachdem sie den letzten Brief von Bornfeld in Larissas Wohnung gefunden hatte. Es blieb ihr wohl nichts anderes übrig, als diesen Onkel aufzusuchen. Auf Anraten von Kommissar Weller hatte sie ihren Wagen vor der Pension in Hooksiel stehen lassen, für die letzten Urlaubstage beschaffte sie sich einen Leihwagen, was ihr durch das Geld, welches sie in Larissas Wohnung gefunden hatte, nicht schwerfiel. Am nächsten Tag half sie Elke Meier, die Kinder in den Kindergarten zu bringen und fuhr anschließend nach Wilhelmshaven. Zuerst machte sie an einem Friedhof halt. Sie wusste nicht, wo das Grab ihrer Eltern war, aber sie musste es finden. Langsam ging sie zwischen den Gräberreihen hindurch, las Inschrift um Inschrift, aber den Namen ihrer Eltern entdeckte sie nicht.
Fast eine Stunde lief sie zwischen den Gräberreihen hin und her, wurde immer unglücklicher und beschloss dann, erst ihre Verwandten aufzusuchen. Später wollte sie im Einwohnermeldeamt erfragen, auf welchem Friedhof ihre Eltern begraben lagen. Sie war damals erst zwölf Jahre alt gewesen und konnte sich nicht mehr erinnern, wo ihre Mutter beerdigt wurde. Seufzend stieg sie in ihren Wagen und machte sich auf die Suche nach ihrer Tante. Der Polizeibeamte hatte ihr zum Glück die Anschrift gegeben. Das Anwesen lag in einer gepflegten Straße und war durch ein Tor mit Sprechanlage gesichert. Auf ihre Frage nach Herrn Bornfeld wurde ihr vom Hausmädchen mitgeteilt, der Herr befinde sich nicht im Hause, eine weitere Auskunft erhielt sie nicht. Enttäuscht fuhr sie eine Runde um die Siedlung, parkte drei Häuser weiter und hatte Glück. Ein Mercedes kam langsam angerollt, das Tor glitt zur Seite, Frauke startete und fuhr hinterher, allerdings nicht schnell genug, das Tor war schon wieder zu. Verärgert sprang sie aus dem Wagen, klammerte ihre Hände an die Eisenstäbe des Tores und sah einen Herrn aussteigen, der zu ihr hinüber schaute. Er zögerte einen Moment, kam dann mit großen Schritten auf sie zu.
Friedrich Lust hatte sein Fahrrad geputzt und wollte gerade zu seiner üblichen Abendtour aufbrechen, als er Besuch bekam. Sofort erkannte er diesen Grünling von der Kripo, der beim Auffinden der ermordeten Larissa Norton fast in Ohnmacht gefallen wäre.
»Haben Sie den Mörder schon gefunden, Herr Kommissar?«, frotzelte er.
Thorben Weller grinste.
»Ich bin auf dem besten Wege. Wo waren Sie gestern Nachmittag?«
»Wieso? Gibt es schon wieder eine Leiche?«
Weller lachte jetzt laut auf.
»Nicht, dass ich wüsste. Sie haben mir meine Frage nicht beantwortet.«
»Ich war mit Frau Thomas unterwegs.«
»Woher kennen Sie Frau Thomas?«
»Ich habe sie vor zwei Wochen zufällig auf der Straße getroffen, das habe ich Ihrer Kollegin schon gesagt.«
Langsam wurde Lust ärgerlich. Dieser Anwärter auf einen Beamtenposten konnte einem ganz schön auf die Nerven gehen.
»Vorher haben Sie Frau Thomas nie gesehen? Oder ihre Tante?«
»Nein, verdammt noch mal! Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?«
»Reine Routine. Ist Ihnen an Frau Thomas etwas aufgefallen?«
Jetzt wurde es Friedrich Lust zu viel.
»Was soll mir aufgefallen sein? Dass sie traurig war, weil ihre Tante ermordet wurde? Das ist doch normal, oder?«
Er drehte sich demonstrativ um und begann, wie wild an seinem Fahrrad herumzuputzen. Weller ließ sich nicht aus der Ruhe bringen.
»Als Sie gestern mit Ihr unterwegs waren, ist Ihnen da etwas aufgefallen?
Hat Sie jemand beobachtet oder verfolgt?«
Lust drehte sich um und schaute erstaunt in dieses rote Gesicht mit den blassen Glupschaugen.
»Nein. Ist Frauke was passiert?«
Weller verneinte und Lust schimpfte.
»Wollen Sie mit mir Ihre Zeit totschlagen, oder was soll die Fragerei?«
Weller zückte ungerührt seinen Notizblock, kritzelte etwas hinein und verabschiedete sich. Friedrich Lust schaute ihm verärgert nach.
Kurz darauf fuhr er mit seinem Fahrrad bei der Pension vor, um Frauke von dem Besuch des Beamten zu erzählen. Ihr Wagen stand draußen, aber auf seine Frage antwortete die Wirtin, sie sei ausgegangen. Weit konnte sie nicht sein, da war er sicher, also fuhr er eine Stunde durch die Gegend und erschien kurz vor Einbruch der Dunkelheit erneut in der Pension. Sie war noch immer nicht zurück, und Lust fuhr nachdenklich heim, ohne zu merken, dass er beobachtet wurde.
Thorben Weller war davon gefahren und hatte seinen Wagen gut einen Kilometer weiter vor einem Imbiss abgestellt. Er hatte Feierabend, aber seine Ermittlungen waren auf einem absoluten Tiefpunkt. Es ärgerte ihn, ohne jedes konkrete Ergebnis am nächsten Tag zum Dienst zu erscheinen. Hauptkommissarin Wiedemann würde kaum begeistert sein. Nachdem er sich gestärkt hatte, machte er sich zu Fuß auf den Weg zu der Pension. Er hatte das Gefühl, etwas übersehen zu haben. In der Einfahrt eines Nachbargebäudes stand eine Bank, die einen guten Blick auf den Eingang der Pension bot, er ließ sich darauf nieder und vertiefte sich in eine Zeitung, die er für alle Fälle eingesteckt hatte. Eine ältere Dame kam vorbei, musterte ihn skeptisch und ging vor sich hin brummelnd davon. Er musste nicht allzu lange warten, Friedrich Lust kam mit seinem Rennrad vorgefahren, verschwand für wenige Minuten in der Pension und fuhr anschließend langsam wieder davon. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erschien er erneut und war abermals recht schnell verschwunden. Weller wollte gerade zu seinem Wagen zurück, als er plötzlich stutzte. Eine Dame mit rötlichen Haaren betrat die Pension. Als sie nach einer Stunde noch immer nicht zurück war, ging er hinüber und erkundigte sich an der Rezeption.
»Sie meinen sicher die Mutter von Frau Thomas«, erklärte die Wirtin lächelnd, »sie wollte deren restliche Sachen holen.«
Weller wusste, dass Frauke alle ihre Sachen mitgenommen hatte, und forschte weiter:
»Ist die Dame noch in Frau Thomas Zimmer?«
»Ich glaube, ja.«
Weller ging hinauf und fand das Zimmer wie erwartet. Alle Schubläden und Schranktüren waren geöffnet, aber von der Rothaarigen keine Spur.
»Sie können das Zimmer jetzt aufräumen und neu vermieten«, erklärte Weller kurz darauf der sprachlosen Wirtin. »Frau Thomas Mutter ist übrigens seit zwölf Jahren tot.«
Nach der Beschreibung, die ihm die Wirtin gab, handelte es sich wahrscheinlich um Verena Bornfeld. Weller notierte sich Uhrzeit und Beschreibung und machte sich gefrustet auf den Heimweg. Am nächsten Morgen wurde er, wie erwartet, von seiner Vorgesetzten mit säuerlicher Miene empfangen.
»Es ist neun Uhr! Wo haben Sie die ganze Zeit gesteckt? Ich habe x- mal angerufen, Ihr Handy war ausgeschaltet!«
»Ich habe Friedrich Lust vernommen und später die Wirtin der Pension, in der die Thomas gewohnt hat. War übrigens ganz interessant, eine rothaarige Dame...« Hier wurde er von Mira Wiedemann grob unterbrochen.
»Sparen Sie sich den Rest. Ihre Schwester hat angerufen, Frauke Thomas ist verschwunden.«
»Was? Davon weiß ich doch gar nichts!«, erregte sich Weller.
»Weil Sie in der Welt herumgondeln ohne Plan.«
»Ich hatte Feierabend«, knurrte Weller trotzig. Da hatte er sich den ganzen Abend um die Ohren geschlagen, die Pension beobachtet und nun wollte seine Kollegin nicht einmal hören, was er ermittelt hatte.
»Egal, Sie sollten sich bei mir melden. Lassen Sie demnächst Ihr Handy an!«, fauchte Mira und fuhr fort: »Nun machen Sie sich auf die Socken, und wir fahren zu diesen Bornfelds.«
»Frau Bornfeld war gestern in der Pension.«
Mira schaute Weller ungläubig an.
»Wieso? Ich verstehe nicht!«
Thorben Weller winkte ab.
»Vergessen Sie‘s!«
Mira sprang auf und schnappte sich ihre Jacke.
»Kommen Sie, und auf dem Weg berichten Sie mir von gestern Abend.«
Die Tür fiel ins Schloss, der Schlüssel drehte sich hörbar und Frauke fand sich in einem riesigen Zimmer wieder. Empört donnerte sie mit den Fäusten gegen die Tür, keine Reaktion. Wütend stampfte sie mit dem Fuß auf und ließ sich wenig später erschöpft in einen Sessel fallen. Erst jetzt sah sie sich im Zimmer um. Es war mit hellen Buchenmöbeln ausgestattet, in der hinteren Ecke stand ein Bett.
Angst überkam sie, verdrängte die Wut, mit klopfendem Herzen stand sie auf und sah durch die hohen, langen Fenster in den parkähnlichen Garten hinunter.
‚Ich will hier raus‘, dachte sie und versuchte einen der Fensterflügel zu öffnen, was ihr auch gelang.
Frische Luft drang herein, aber als sie sich hinausbeugte, stellte sie fest, dass sie sich mindestens im dritten Stock befand und ein Hinunterklettern unmöglich war. Seufzend ging sie weiter bis zu der Tür am anderen Ende. Sie führte in ein luxuriöses Bad, in dem es an nichts fehlte. Sie benutzte die Toilette, warf einen Blick in den Spiegel und überlegte, was zu tun sei.
Ihr Onkel, Herr Bornfeld, hatte sie freundlich empfangen, aber darauf bestanden, dass sie den Wagen weit entfernt vom Haus vor einem Kaufhaus abstellte. Schon dabei hätte ihr ein Licht aufgehen müssen, aber sie war so beeindruckt von dem Mann mit den dichten, blonden Haaren und den freundlichen, grauen Augen, dass sie alle Vorsicht vergessen hatte. Wieder im Haus zurück, war er nach einem kurzen Gespräch in der Eingangshalle mit ihr in den Fahrstuhl gestiegen und hatte sie gebeten, in diesem Zimmer auf ihn zu warten. Erst das Geräusch des Schlüssels brachte sie wieder auf den Boden der Tatsachen. Was zum Donnerwetter wollte der Typ von ihr? Würde er sie umbringen, wie ihre Tante? Sie lief aus dem Bad wieder in das Zimmer zurück und donnerte erneut an die Tür bis ihre Fäuste blaue Flecken hatten, nichts rührte sich. Dann ging sie ans Fenster und schrie hinaus:
»Hilfe! Hilfe!«
Keine Reaktion.
Mira Wiedemann jagte über die Straße, dass es Thorben Weller ganz schwindelig wurde.
»Müssen Sie so rasen? Wir sind in der Innenstadt.«
Mira beachtete seinen Einwurf nicht, fuhr unbeirrt weiter und hielt kurz darauf mit quietschenden Reifen vor dem Tor der Bornfelds. Sie sprang aus dem Wagen und bellte in die Sprechanlage, dass es jeden rechtschaffenen Bürger kalt überlaufen musste, was seine Wirkung nicht verfehlte. Das Tor öffnete sich augenblicklich, Mira schwang sich wieder hinter das Steuer und fuhr grinsend, als habe sie eine Schlacht gewonnen, hindurch. Der Hausherr erwartete sie bereits am Eingang, elegant wie zuvor, und begrüßte sie lächelnd.
»Frau Hauptkommissarin, was kann ich für Sie tun?«
»Wo ist Frauke Thomas?«
Herr Bornfeld wollte gerade zu einer Entgegnung ansetzen, als aus dem Haus eine empörte Stimme erklang und Sekunden später Verena Bornfeld an der Haustür erschien.
»Verschwinden Sie von unserem Grundstück!«, schnauzte sie, doch ihr Mann beschwichtigte sie mit sanften Worten.
»Die Herrschaften sind von der Polizei, Liebes. Sie suchen unsere Nichte, Frauke Thomas.«
So den Wind aus den Segeln genommen, schluckte Verena einmal kräftig und meinte noch immer leicht empört:
»Da kommen Sie zu uns! Ich habe sie seit Jahren nicht gesehen.«
»Falsch!«, fuhr Weller dazwischen.
»Frau Thomas behauptet Sie in den Dünen am Strand gesehen zu haben.« Schnippisch zuckte Verena mit den Schultern.
»In den Dünen? Ich war seit Jahren nicht dort. Das kann nur ein Irrtum sein.«
Sie schaute von einem zum anderen, nickte ihrem Mann zu und verschwand mit schnellen Schritten im Haus. Bornfeld malte ein undefinierbares Bild mit der Schuhspitze in den Kies, zuckte mit den Schultern und seufzte:
»Wir können Ihnen leider nicht weiterhelfen.«
Ohne sich weiter um die Beamten zu kümmern, ging auch er hinein und warf die Tür hinter sich zu.
»Eine Unverschämtheit ist das!«, schnaubte Mira.
Weller stieg ohne ein Wort in den Wagen; nach kurzem Zögern tat sie desgleichen und fuhr langsam davon. Kaum im Wagen piepte Wellers Handy. Seine Schwester war am Apparat und erklärte aufgeregt, sie habe den Leihwagen von Frau Thomas vor einem Einkaufsmarkt gesehen. Wenig später standen die Beamten etwas ratlos vor dem Fahrzeug. Mira Wiedemann beäugte es von allen Seiten und informierte die Spurensicherung sowie den Autovermieter.
Sie war fest eingeschlafen, ein leises Geräusch an der Tür ließ sie erschreckt auffahren und augenblicklich wusste sie wieder, wo sie sich befand. Unhörbar setzte sie sich auf und starrte in den Raum. Es war dunkel, das Fenster zeichnete sich schwach vom Weiß der Wand ab.
Nur wenige Sekunden und ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt. Ein Schatten bewegte sich auf sie zu, instinktiv rollte sie sich zur Seite. Eine Taschenlampe flammte auf, irritiert blickte sie in den hellen Lichtkegel.
»Komm«, flüsterte der Mann, »schnell.«
Er schärfte ihr ein, leise zu sein, zog sie an der Hand zur Tür. Sie wich zurück, griff ihre Tasche, die sie neben sich aufs Bett gelegt hatte, und folgte ihm hinaus. Diesmal nahmen sie nicht den Fahrstuhl, sondern die Treppe. Fast geräuschlos glitten sie hinunter. Erst als er die schwere Haustür sanft hinter sich ins Schloss zog, atmete er auf und flüsterte:
»Ich bringe dich zu mir.«
Jetzt erst erkannte sie Friedrich Lust und blieb erstaunt stehen.
»Wie kommst du denn hierher?«
Ohne ihre Frage zu beantworten, griff er ihren Arm und raunte:
»Die Gefahr ist noch nicht vorüber.«
In diesem Moment ertönte ein Alarm. Ohne sie loszulassen, rannte er durch das Gebüsch bis zu der hohen Mauer, fasste ein Seil und kommandierte.
»Da hoch, schnell.«
Überall gingen Scheinwerfer an und tauchten den Garten in helles Licht. Sie wurden nur durch ein Gebüsch geschützt. Frauke zögerte eine Sekunde, krallte dann ihre Hände in das Seil und schwang sich mit Frieds Hilfe auf die Mauer. Er folgte ihr, und kaum waren beide oben, knallten Schüsse durch das Gebüsch. Ohne nachzudenken rutschten sie an der anderen Seite der Mauer hinunter auf die Straße. Fraukes Hände bluteten, ihre Hose hatte einen Riss, doch Fried zog sie mitleidslos weiter an einem Wagen vorbei in die nächste Seitenstraße. Jetzt erklang Hundegebell, noch im selben Moment hielt Fried ihr die Tür seines Wagens auf, und kaum eingestiegen, fuhr er mit quietschenden Reifen davon. Im Rückspiegel sah er, wie ein schwarzer Hund wild kläffend am Tor der Bornfelds emporsprang. Frauke hatte sich tief in den Beifahrersitz geduckt und schluchzte leise vor sich hin.
»Ist doch gut gegangen«, beruhigte er sie.
»Wie hast du mich gefunden?«
Er antwortete nicht und konzentrierte sich ganz auf den Straßenverkehr. Eine Stunde lang fuhren sie durch die Nacht, dann hielt er an einem kleinen Holzhaus. Beim Aussteigen hörte Frauke das Meer rauschen und sah, wie das Mondlicht die See in silbriges Licht tauchte.
»Wo sind wir hier?«, flüsterte sie.
»In Sicherheit.«
Er öffnete eine Holztür und machte Licht. Sie befanden sich in einem kleinen Wohnraum und Frauke betrachtete die liebevoll zusammengestellten Möbel aus hellem Holz.
»Möchtest du etwas essen?«
Sie schüttelte den Kopf. Er holte zwei Flaschen Bier, schüttete ihr ein Glas ein und trank selbst aus der Flasche.
»Ich kann auch aus der Flasche trinken. Meine Freunde haben bei unseren Partys draußen immer aus der Flasche getrunken.«
Sie lächelte ihn an. Ein dunkles, dankbares Lächeln. Nachdem sie beide den Durst gelöscht hatten, zeigte er ihr das Schlafzimmer. Sie zögerte.
»Wo schläfst du?«
»Im Wohnzimmer, auf der Couch.«
In einer plötzlichen Eingebung legte sie ihm die Hände in den Nacken, zog seinen Kopf zu sich heran und küsste ihn. Ein kühler Schauer fuhr durch seine Glieder, er fasste um ihre Taille und erwiderte den Kuss, dass es ihr den Atem nahm. Frauke ließ ihn gewähren, drängte sich an ihn. Seine Nähe, seine Wärme, sie brauchte das jetzt. Langsam mit zitternden Fingern fuhr sie unter sein T-Shirt.
Der Mond schien durch die Sprossenfenster auf das Bett und die beiden jungen Menschen vergaßen alles um sich herum.
Der Anrufbeantworter blinkte, als Mira Wiedemann gähnend ins Büro kam.
»Frauke Thomas ist in Sicherheit!«
Mehr war auf dem Band nicht drauf. Fluchend steckte Mira sich eine Zigarette an und warf sie gleich wieder in den Ascher. Der Arzt hatte ihr dringend geraten, sich das Rauchen abzugewöhnen. Momentan fiel es ihr besonders schwer. Vor sich hin brummelnd sank sie in ihren Drehstuhl und wählte die Nummer ihres Assistenten. Thorben Weller meldete sich verschlafen, war aber sofort hellwach, als sie ihn mit den neuesten Ereignissen konfrontierte und stand kaum eine halbe Stunde später vor ihrem Schreibtisch.
»Wer hat die Info abgegeben«, erkundigte er sich aufgeregt.
»Kein Name angegeben. Ich denke, das ist eine schöne Aufgabe für Sie.«
Weller, der sich persönlich für Frauke Thomas verantwortlich fühlte, seit er sie bei seiner Schwester untergebracht hatte, machte sich gleich an die Arbeit, und schon nach einer Stunde hatte er den Sprecher ermittelt.
»Die Handynummer gehört zu Friedrich Lust. Er muss die Thomas entführt haben.«
»Konnten Sie feststellen, von wo er angerufen hat?«
Weller schüttelte den Kopf.
»Trotzdem bin ich sicher, dass wir sie bald finden, denn Lust besitzt ein Wochenendhaus im Vogelschutzgebiet.«
»Ach.« Mira staunte nicht schlecht. »Woher wissen Sie das?«
»Alte Geschichte. Stand vor zwei, drei Jahren in der Zeitung. Er hatte das Grundstück geerbt und man wollte die Hütte abbrechen lassen, er hat sich gerichtlich dagegen gewehrt und Recht bekommen.«
Mira schüttelte den Kopf.
»Manche kriegen einfach alles hin.«
Thorben winkte ab.
»Er hat, so viel ich weiß, strenge Auflagen bekommen. Keine Partys, keine laute Musik und keinerlei Störung der Vögel während der Brutzeit.«
»Interessant! Das haben Sie herausbekommen?«
Mira steckte sich erneut eine Zigarette an, was Thorben mit einem empörten Blick registrierte.
»Ich bin im Naturschutzbund, außerdem habe ich ihn vor Kurzem gefragt.«
»Na, denn fahren Sie mal hinaus, um zu sehen, ob das Vögelchen dort ist.«
»Und ob ich das tue. Dann will ich wissen, welches Interesse er an der Puppe hat.«
Mira lächelte.
»Sie haben doch nicht etwa auch ein Auge auf sie geworfen?«
»Blödsinn!«
Sie hätte ihm geglaubt, wäre da nicht dieser rote Schimmer gewesen, der sein Gesicht augenblicklich überzog. Noch als er fort war, musste sie lächeln, rief sich aber sogleich zur Ordnung und befasste sich mit dem Verkehrsunfall, der schon über zehn Jahre zurücklag.
Es war nur eine Vermutung, die sich nach dem Durcharbeiten der Unterlagen nach wie vor bei ihr hielt. Der Vater von Frauke Thomas war bei dem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, weil eine defekte Benzinleitung Feuer gefangen hatte. Es handelte sich um einen Neuwagen, vierzehn Tage nach Übergabe, für den Sachverständigen völlig unverständlich, da die Leitung eingerissen und nicht eingeschnitten war. Da aber für einen Anschlag keinerlei Hinweise vorlagen, ging man von einem bedauerlichen Unfall durch Materialschwäche aus. Mira war fast sicher, dass jemand nachgeholfen hatte, aber beweisen konnte sie es nicht. Plötzlich stieß sie auf eine Randnotiz ihres Vorgängers, Hauptkommissar Franz, der vor sieben Jahren in den Ruhestand gegangen war.
»Warum reißt ein nagelneuer Schlauch?«, war an den Rand gekritzelt worden. Mira überlegte einen Moment, kopierte die Seite und verließ mit eiligen Schritten das Büro.
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