Читать книгу: «Innozenz»
Gion Mathias Cavelty
Innozenz
Legende

Gion Mathias Cavelty
Innozenz – Legende
lectorbooks
www.lectorbooks.com
Wir danken der Stadt Chur, dem Kanton Graubünden und dem Kanton Zürich für die Unterstützung dieses Buches.

Lektorat / Korrektorat: Patrick Schär
Umschlagkonzept: André Gstettenhofer
Umschlagillustration: Adrian Ochsner, nach einer Idee von Gion Mathias Cavelty
1. Auflage 2020
© 2020, lectorbooks & Gion Mathias Cavelty
Alle Rechte vorbehalten
eISBN 978-3-906913-22-3
*
* * *
* * * * *
Im Anfang war das Wort.
Doch das Wort war eine Lüge.
* * * * *
* * *
*
Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
Kapitel XXVI
Kapitel XXVII
Kapitel XXVIII
Kapitel XXIX
Kapitel XXX
Kapitel XXXI
Kapitel XXXII
Kapitel XXXIII
Kapitel XXXIV
Kapitel XXXV
Kapitel XXXVI
Kapitel XXXVII
Kapitel XXXVIII
Kapitel XXXIX
Kapitel XL
Kapitel XLI
Kapitel XLII
Kapitel XLIII
Kapitel XLIV
Kapitel XLV
Kapitel XLVI
Kapitel XLVII
Kapitel XLVIII
Kapitel XLIX
Kapitel L
Kapitel LI
Kapitel LII
Kapitel LIII
Kapitel LIV
Kapitel LV
Kapitel LVI
Kapitel LVII
Kapitel LVIII
Kapitel LIX
Kapitel LX
Kapitel LXI
Kapitel LXII
Kapitel LXIII
Kapitel LXIV
Kapitel LXV
Kapitel LXVI
Kapitel LXVII
Kapitel LXVIII
Kapitel LXIX
Kapitel LXX
Kapitel LXXI
ZUM AUTOR
I
Kaum sehen wir, lügen wir.
Kaum hören wir, lügen wir.
Kaum riechen wir, lügen wir.
Kaum schmecken wir, lügen wir.
Kaum fühlen wir, lügen wir.
Kaum denken wir, lügen wir.
Kaum sprechen wir, lügen wir.
Kaum schreiben wir, lügen wir.
Kaum lesen wir, lügen wir.
II
Ich bin das Buch, das Dich liest.
In mir steht kein einziges Wort.
Meine Seiten sind weiß wie das weißeste Weiß.
Vor Dir habe ich schon in vielen anderen Köpfen gelesen.
Dabei war der Kopf, der mich am meisten beschäftigte, jener von Innozenz de Innozentis.
Wer dieser Innozenz de Innozentis war? Nun: Man kann ihm nur näherkommen, wenn man sich vergegenwärtigt, was er NICHT war.
Er wurde nicht dann und dann geboren.
Er brauchte keine Luft zum Atmen.
Er brauchte nichts zu essen.
Er brauchte nichts zu trinken.
Er brauchte nicht zu schlafen.
Er brauchte seinen ganzen Körper nicht.
Nichts Weltliches brauchte er.
Sagen wir also: Er war die reine Unschuld. Er war ein Heiliger.
III
Die Bekanntschaft von Innozenz machte ich im päpstlichen Schlafzimmer zu Rom.
Wie ich nach Rom gekommen war? Als schnöde Einlieferung ins Archivum Secretum Apostolicum Vaticanum durch einen beschränkten lombardischen Monsignore. Das konnte man mit mir natürlich nicht machen! Denn ich bin das ursprüngliche, jungfräuliche Buch; niemand hat mich je besudelt, niemand meine Seiten mit eitlem, ödem, niederträchtigem Geschreibsel befleckt.
Ich bin dann abgehauen aus dem elenden Geheimarchiv und nach einem ausgedehnten Streifzug durch den Apostolischen Palast schließlich im erwähnten Schlafgemach gelandet.
Von meinem Versteck hinter einem lammledernen Inquisitorenköfferchen aus hatte ich eine ausgezeichnete Sicht auf alles, was sich im prunkvollen Raum abspielte.
Papst Abundius lag in seinem Bett, in das er sich auf Anraten seiner Ärzte zurückgezogen hatte; im Vatikan kursierte seit einigen Tagen eine Magen-Darm-Grippe. Ein hermelingefütterter Camauro bedeckte seinen Kopf.
Heiliggeistweiß leuchtete die Sonne ins acht Meter hohe Gemach. Durch ein geöffnetes Fenster wehte der Hymnus »Veni Creator Spiritus« herein, den ein Kastratenchor in der Sixtinischen Kapelle gerade zum Besten gab. Auf einem Nachttisch dampfte ein Blumenkohlsüppchen vor sich hin; der Papst war bekannt dafür, ausschließlich weiße Speisen zu sich zu nehmen.
IV
Ein dreifaches Pochen an die Doppelflügeltür verkündete Innozenz’ Ankunft. Er war aus der Abgeschiedenheit seines Klosters am hintersten Ende eines unwegsamen Vogesentals in die Ewige Stadt gekommen; die Ordenstracht der Odilianer kleidete ihn. Sie war so weiß, dass sie den Alabaster, aus dem Wände, Decke und Boden des Schlafzimmers bestanden, in den Schatten stellte.
Sich auf die heilige Odilia berufend, die blind zur Welt gekommen war, wussten die Odilianer genau, dass auf die Augen kein Verlass ist – ja, dass die Augen nur allzu leicht zu Spielbällen des Teufels werden können – und man nur mit einem unbefleckten Herzen gut zu sehen vermag. Wie heißt es doch im bekanntesten Odilia-Gebet:
»O Odilia, selige Jungfrau!
Verleihe, dass wir nach Deinem Beispiele
Unsere Augen abwenden vom eitlen Wahn der Welt
Und das Augenlicht, das Dir
der Vater allen Lichtes geschenkt,
Nicht missbrauchen zur Augenlust.
Amen.«
Tatsächlich verlieh Gott Odilia im Alter von zwölf Jahren bei ihrer Taufe das Augenlicht; dabei wollte sie gar nicht sehen können. Genauso wenig wie hören, riechen, schmecken oder fühlen. Denn selbstredend können nicht nur die Augen, sondern auch die Ohren, die Nase, der Mund und der ganze Rest im Handumdrehen zu Instrumenten des Satans werden.
V
Cubicularius Guazzo führte Innozenz herein.
Innozenz kniete vor dem Bett nieder und küsste den anulus piscatoris, der am Ringfinger der behandschuhten Rechten des Papstes prangte.
»Heiliger Vater, hier bin ich«, sagte Innozenz mit gesenktem Haupt.
»Innozenz, filius meus«, lächelte der Mann im Bett sanft.
»Ihr fühlt Euch unwohl?«, erkundigte sich Innozenz.
»Ein ganz leichtes Zwicken im Magen, nichts Schlimmes«, entgegnete der Papst. »So höre denn: Ich habe dich zu mir rufen lassen, weil mir viel Gutes zu Ohren gekommen ist über dich. Die Zahl an Wundern, die du vollbracht hast, soll Legion sein.«
»Das zu behaupten, wäre übertrieben«, erwiderte Innozenz demütig.
»Du sollst levitieren können«, begann der Papst aufzuzählen.
»Das zu behaupten, wäre wirklich übertrieben«, insistierte Innozenz.
»Du sollst an mehreren Orten zur gleichen Zeit sein können.«
»Man übertreibt.«
»Du sollst mehrfach die schlechten Zähne von Gläubigen geheilt haben. Die Löcher darin sollen über Nacht mit Gold gefüllt gewesen sein.«
»Man übertreibt ganz gewaltig.«
»Durch eine sanfte Wundertat sollst du dein Kloster von Mäusen befreit haben. Dir soll die Muttergottes erschienen sein und dich mit einem Tropfen Milch aus ihrer Brust gelabt haben. Du sollst während einer Messe eine Hostie in einen zuckenden Herzmuskel verwandelt haben, der komplett aus lebenden Zellen bestanden haben soll.«
»Was soll ich dazu bloß sagen, Heiliger Vater?«
»Und auch als Verfolger von Ketzern sollst du erstaunliche Erfolge zu verbuchen haben. Ist es exempli gratia nicht so, dass du die abscheuliche Sekte der Drei- und der Fünfnagler zum Verschwinden gebracht hast, und zwar nur durch die Kraft deines reinen Herzens?«
Damit meinte Abundius jene Sekten, die propagierten, Jesus Christus sei nicht mit vier Nägeln ans Kreuz geschlagen worden, sondern mit deren drei respektive fünf.
VI
Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr der Papst fort:
»Ebenso sollst du die Rechtsseitler beseitigt haben, die behaupteten, Jesus sei am Kreuz mit der Lanze in die rechte und nicht in die linke Seite gestochen worden. Den perfiden Patripassianisten, die sich zu propagieren erdreisteten, Gottvater höchstselbst habe am Kreuz gelitten und sei daran gestorben, sollst du genauso den Garaus gemacht haben wie den abscheulichen Adamiten, die die Wiederherstellung der Unschuld vor dem Sündenfall dadurch zu erreichen versuchten, dass sie splitternackt herumspazierten.«
Beim Aussprechen des Wortes »Adamiten« nahm das sowieso schon recht grüne Gesicht des Pontifex Maximus einen noch grüneren Farbton an.
Nach einer kurzen Würgeattacke flüsterte der Papst eindringlich:
»Innozenz, ich wünsche dich mit einer schwierigen Mission zu betrauen. Es geht um einen Fall von aller schlimmster Ketzerei. Sie trägt sich zu im Dorfe Schwamendingen, zugehörig dem Bistum Konstanz. Es soll dort ein Sektiererbund sein Unwesen treiben, der in seiner Schlechtigkeit alles übertrifft, was mir je an Schilderungen von Schlechtigkeit zugetragen wurde. Im Zentrum seiner blasphemischen Rituale soll nichts anderes als der Schädel des ersten Menschen stehen. Vergegenwärtige dir das, Innozenz: der Schädel des ersten Menschen! Der Schädel des Menschen, der das Abbild des Allerhöchsten war! Das Abbild unseres Vaters im Himmel! Du musst nach Schwamendingen, die Gotteslästerer identifizieren und vernichten und den Schädel hierherbringen.«
Es folgte eine längere Würgeattacke; schließlich fand Abundius die Kraft, Innozenz zuzuraunen:
»Mach dich unverzüglich auf den Weg, mein Sohn. Dein Herz ist das einzige Mittel, das gegen die Düsternis anzukommen vermag. Die Bluthunde aus dem Orden der Dominikaner, die ich sonst auf solche Fälle ansetze, wären chancenlos. Geh inkognito. Tarne dich als ein durch die Lande ziehender Käferforscher. Sag, du wollest hinter die letzten Geheimnisse des Breitrüsslers kommen. Nimm trotzdem das Inquisitorenköfferchen mit, lediglich als Symbol, das dich an deinen Auftrag erinnern soll. Du brauchst das ganze Folterzeug nicht. Und jetzt: Nimm meinen Segen und geh! Benedicat te omnipotens Deus, Pater et Filius et Spiritus Sanctus.«
»Amen«, hauchte Innozenz.
VII
Hier die Liste mit den imaginären, sich rein theoretisch im Inquisitorenkoffer befindenden Folterinstrumenten:
*1 zweizackige Ketzergabel
*1 vierzackige Ketzergabel
*1 Zungenausreißer
*1 Daumenschraube
*1 Schädelschraube
*1 Halsring mit 7 Eisendornen
*1 Alligatorschere
*1 Brustaufreißer
*1 Würgeschraube
*1 gespickter Hase
*1 Mundbirne
*1 Kiefersperre
*1 avilanische Spinne
*1 valencianische Halsgeige
*1 andalusischer Hund
*10 Fingernagelpflöcke
*10 Fußnagelpflöcke
*2 Fußschrauben
*2 galicische Stiefel
*2 Knieschrauben
*1 kastilischer Kitzler
*1 Zwangsgürtel
*1 valladolidischer Kniebrecher
*1 Anusspreizer
*1 Hodenquetsche
*1 Penisgrill
*1 torquemadascher Ausdärmer
VIII
Innozenz tauschte seine fein gewebte Kutte gegen ein Gewand aus grobem grauem Tuch. Es verfügte über eine Kapuze und eine Einstecktasche auf Höhe der linken Brust. Dort hinein kroch ich in einem günstigen Moment unbemerkt; hier würde ich seinem Herzen ganz nah sein.
Ja – dieses Herz zog mich unwiderstehlich an. Es und ich, wir waren gleich. Wir waren Brüder. Und ich wollte nie mehr getrennt von ihm sein.
Innozenz’ Herz war das ursprüngliche Herz, wie ich das ursprüngliche Buch war.
Es pulsierte für alle Welt unsichtbar in einem gar köstlichen Behältnis, ähnlich einem Kokon aus göttlichem Licht, das nichts anderes war als ein Dom der absoluten Unbesudeltheit. Seine Kuppel wurde von drei lodernden Flammen gekrönt. Ein dreifaches Alpha und ein einfaches Omega umkreisten den Sitz der Uridee des reinen Herzens satellitengleich. Lichtintarsien schienen auf und verschwanden wieder; unendliche Variationen von Akanthusblattmotiven, Rosen- und Lorbeerbändern, Kelchen mit Hostien, Tauben mit Olivenzweigen im Schnabel; alles aus Licht. Gestützt wurde der Kokon durch die 144 Säulen der Tugend, bestehend ebenfalls aus Licht.
Ja, genau so las ich es; genau so musste es sein!
Falls mich Innozenz irgendwann entdecken würde, würde ich mich ihm demütig als Inquisitoren-Notizbuch anbieten, im uneingeschränkten Vertrauen, dass er mich nicht verstoßen würde.
IX
Mit dem Inquisitorenköfferchen – offiziell: Käferforscherköfferchen – in der linken und einem Käferfangnetz in der rechten Hand machte sich Innozenz auf den Weg nach Schwamendingen. Sein Schritt war federnd und flott.
Keinem Menschen, keinem Tier und keiner Pflanze fügte er Schaden zu, auch keinem Stein.
So ging das volle vierundzwanzig Stunden lang, bis ich es nicht mehr aushielt. Im Gegensatz zu Innozenz, den der Fußmarsch nicht die geringste Kraft kostete – ja, der dadurch sogar noch erquickt wurde –, setzten mir die Strapazen des abenteuerlichen Unterfangens zunehmend zu. Ich brauchte dringend eine Pause, um frische Luft zu schnappen und mich ein bisschen zu lockern, denn in der Brusttasche war ich schon recht eingeengt.
»Meister«, wandte ich mich an Innozenz, »seid so gut und legt mal einen Halt ein, mir zuliebe, dem Büchlein mit den blütenweißen Blättern, das Eurem Herzen so nahesteht.«
»Was für eine Überraschung«, las ich in ihm seine Antwort. »Ein Lebenszeichen von meinem blinden Passagier. Komm getrost heraus, ich werde keine Eselsohren in deine Seiten machen.«
Ich kletterte aus der Tasche und schwang mich auf seine Schulter.
»Ihr wusstet, dass ich mich bei Euch eingeschmuggelt habe?«, fragte ich erstaunt.
»Schon die ganze Zeit. Wusstest du nicht, dass ich es wusste? Was bist denn du für ein Leser?«
»Ich habe ja erst gerade angefangen, in Euch zu schmökern«, verteidigte ich mich beschämt. »Über die Einführung bin ich noch gar nicht hinaus. Bis ich mich richtig in Euch eingelesen habe, braucht es noch eine Weile. Jeder Kopf ist anders, jeden Kopf muss man anders nehmen. Das erfordert eine gewisse Einarbeitungszeit.«
X
So begann unsere Freundschaft.
Und so begann die vertiefte Auseinandersetzung mit Innozenz’ Gedanken.
Es waren wundervolle Gedanken, die mich in grenzenloses Staunen versetzten.
Einerseits waren es wohlbekannte Gebete, die ich immer und immer wieder lesen durfte; durch die ständige Repetition eine höchst wirkungsvolle Technik, dank der Innozenz geistig ständig in himmlische Sphären transzendierte: »Magnificat anima mea Dominum … magnificat anima mea Dominum … magnificat … magnificat … magnificat … magnificat anima mea Dominum …«
Viele seiner Gedanken waren torusförmig, hatten keinen Anfang und kein Ende, bissen sich gleichsam in den Schwanz. Der Torus schien eine ganz besonders heilige Figur zu sein. Die Tori in Innozenz’ Kopf rotierten, rotierten, rotierten …
Dann waren da die Henochischen Silben, also Silben aus der Sprache, in der Gott mit seinen Engeln kommuniziert; völlig unfassbare Konstruktionen, die mich in ihren Bann zogen; ich konnte sie nicht verstehen, aber sie waren pure Mystik.
Keinen einzigen Schweißtropfen vergoss Innozenz während der Wanderung. Pausen gab es nun regelmäßig; besonders gute Gelegenheiten für Lektüreeinheiten. Zumeist wurden sie auf dem Wipfel eines hohen Baumes abgehalten, inmitten stiller Waldeinsamkeit.
XI
Auf unserem Weg vollbrachte Innozenz ein Wunder nach dem anderen.
Ein Panthertier befreite er von seiner perversen Wollust.
Einen Löwen von seiner unerträglichen Hoffart.
Eine Wölfin von ihrer unfassbaren Habgier.
Einem Luchs war ein gewaltiger Felsbrocken auf seinen Schwanz gefallen; aus eigener Kraft konnte sich das arme Tier nicht aus dieser Falle befreien. Innozenz hob den Stein drei Handbreit in die Luft, allein durch die Kraft seines Herzens, und der Luchs verschwand dankerfüllt im Unterholz. Den Felsen ließ Innozenz danach wieder sacht zu Boden sinken.
Auch einem alten Wildschwein mit düsteren Gedanken konnte Innozenz helfen, ursprünglich gegen den Willen des Keilers; umso dankbarer war er dem heiligen Mann danach, dass er nun wieder lichte Gedanken zu spinnen vermochte. Als Erinnerung an dieses Wunder sollte fortan stets ein goldenes Kreuz über seinem Scheitel schweben.
Und so gab es noch viele, viele Wunder, die Innozenz auf unserem Fußmarsch tat.
Er lud die Würmer und die Vögel zum friedlichen Mahle.
Einer Amsel, die auf seinem Zeigefinger gelandet war und drei himmelblaue Eier auf die Handfläche gelegt hatte, gestattete er, die Eier auszubrüten, und hielt die Hand so lange geöffnet, bis die Vögelchen geschlüpft waren.
Einmal wollte eine Bande von Wegelagerern uns überfallen; Innozenz ließ sein Herz nur ein unhörbares Wort sprechen, und die Strauchdiebe warfen sich vor ihm auf die Erde und bereuten alle ihre Sünden. Alsdann erhoben sie sich und gelobten feierlich, nur noch Gutes zu tun.
XII
Es war tiefste Nacht, als wir Schwamendingen erreichten.
Der Regen peitschte Innozenz ins Gesicht.
In einem Haus brannte noch Licht; »Gasthaus Hirschen« stand auf einem im Sturm schwankenden Holzschild geschrieben.
Durch kniehohen Schlamm bahnte sich Innozenz einen Weg zum benannten Gebäude.
Er stieß die Tür auf; ein niedriger, schummriger Schankraum tat sich vor uns auf; die Bühne für eine ganz eigene Art von Welttheater.
Im flackernden Schein des Herdfeuers zu erkennen: Bauern und Dorfhandwerker mit Nasen groß wie Kartoffeln; leerer Blick; mechanisch einen Becher Wein nach dem anderen in sich hineinschüttend. Den meisten fehlte irgendetwas – ein Finger, eine Hand, ein Arm, ein Bein oder gleich mehrere Finger respektive beide Hände, Arme oder Beine.
An der Decke über dem Feuer baumelnd: Würste; mit Schweinsinnereien gefüllte Monstrositäten, die einen entsetzlichen Gestank verströmten. In Frankreich sind sie als Andouilletten bekannt und berüchtigt.
Trümmlige – wie man in diesen Breitengraden sagt – Schalmeienklänge verseuchten die Atmosphäre zusätzlich; Urheber war ein fahrender Spielmann, offensichtlich ein blutiger Anfänger.
Hinter dem Tresen stand ein plumper, schnauzbärtiger Hüne in einem blutbespritzten weißen Unterhemd; schwer schnaufend traktierte er den vor sich liegenden Kadaver einer Sau mit einem Hackbeil.
Wie alle im Raum Anwesenden ignorierte auch er uns komplett.
Dieser Fleischgeruch in der Luft – nicht auszuhalten!
Ja – das hier war das Reich des Fleisches. Mich schauderte.
Innozenz setzte sich ungerührt an einen Tisch.
Aus dem Nichts erschien ein junges Weibsbild mit bis zu den Waden reichenden feuerroten Locken. Was Innozenz zu konsumieren wünsche? – Die Spezialität des Hauses, erwiderte dieser.
Die Spezialität des Hauses: selbstredend Würste aus Schweinedarm und -magen. Alternativ: Hörnli mit Ghacktem und Auberginenmus.
Innozenz wählte Variante zwei; die er dann schnell mir zuschob, als sie ihm von der Rothaarigen serviert worden war – menschliche Nahrung brauchte er keine. Ich hockte unter dem Tisch und schlang die kleinen, gebogenen Makkaroni gierig hinunter, denn ich hatte schon lange nichts mehr zu futtern gehabt. Natürlich achtete ich penibel darauf, dass meine Seiten keine Flecken davontrugen.
XIII
Nachdem ich fertig gespeist hatte, sah ich mich etwas genauer im Raum um; Innozenz schien an derlei kein Interesse zu verspüren und saß nur abwesend auf seinem Stuhl.
Links der Theke führte eine Treppe in den oberen Stock; dort befanden sich drei Gästezimmer. Eine Tür rechts davon führte in ein Hinterzimmer, in das sich in regelmäßigen Abständen Bauern verzogen. Nach einigen Minuten rhythmischen Stöhnens kam der Betreffende wieder heraus, und ein Neuer ging rein. Der Wirt betrieb offenbar nicht nur ein Gasthaus, sondern auch ein Bordell.
In einem besonders dunklen Winkel, an einem separierten Ecktisch sitzend, machte ich drei Gestalten aus: einen Pfarrer, einen Narren und einen … grünen Dämon! Ja, das war ganz klar ein Dämon, kein Zweifel!
Die drei frönten dem Kartenspiel.
Der Narr, eine abstoßende Kreatur mit Hasenscharte, Segelohren und Buckel, trug ein Kostüm aus notdürftig zusammengenähten Flicken in freudlosen Brauntönen und eine dreizipflige Narrenkappe mit Schellen; die linke Schelle war abgerissen.
Der Pfarrer war der Inbegriff eines Magenkranken; ausgemergelt, gelbgesichtig, schmallippig; spärliches dünnes Haar klebte matt an seinem Schädel.
Der Dämon – und es handelte sich um nichts anderes, das hätte ich beschwören können! – nannte spitze grüne Hörnchen, smaragdgrün funkelnde Schlitzaugen und eine gespaltene grüne Zunge sein Eigen.
Ich wollte mich näher zu ihrem Tisch schleichen, um mitzuhören, worum sich ihre Gespräche drehten, da flog die Tür auf und ein tätowierter Menschenfresser mit einer Walharpune und einem halben Dutzend Schrumpfköpfen schaute herein. Letztere wollte er feilbieten; es fand sich aber kein Interessent, und so trollte sich der Südseeinsulaner grummelnd wieder.
Die Gespräche der Kartenspieler, die mir im Folgenden zu Gehör kommen sollten, versuche ich, so präzis wie möglich wiederzugeben.
XIV
PFARRER: Wisst ihr, wie die Welt entstanden ist? Gott hat sich mit einem Luntenschlossrevolver das Gehirn weggepustet, und aus dem Glibber, der in alle Richtungen gespritzt ist, sind Himmel und Erde und der ganze Rest entstanden, rein zufällig natürlich, ha ha ha. Prost! (Stürzt einen Becher Wein hinunter und rülpst)
DÄMON: Gott existiert nur, wenn ich es will.
NARR: Gott existiert noch gar nicht! Denn Gott ist erst im Werden begriffen! Der Mensch ist das Höchste – und er wird noch viel höher, wird Gott werden! Ich spreche selbstverständlich nur von einem kleinen Teil der Menschheit. Doch dieser wird zu allem fähig sein. Dieser Menschentypus muss alles Menschliche opfern, um mehr zu werden als ein Mensch. Durch Manipulation, Heraufbeschwören von religiösen und politischen Konflikten, Kriegen et cetera. Via die durch die Konflikte der Untermenschen freigesetzte Energie speist der Gott-Mensch seine Programmierung hin zum allerhöchsten Selbst und darüber hinaus. Der Gott-Mensch wird sein Hirn in synthetische, nanometerkleine Strukturen umwandeln und unsterblich werden, sein künstliches Bewusstsein ins All schicken, mit einer Geschwindigkeit, die jene des Lichts übertrifft, und wird andere Planeten besiedeln, die sein eigenes Gehirn sind …
PFARRER: (Fällt dem Narren ins Wort) Was für eine Grütze! Der Mensch ist das Niederste! Er ist Abfall! Er ist Dreck! Pro Minute verliert er 40’000 Hautzellen. Im Laufe seines Lebens verliert er 3000 Kilogramm Haut. Ein Mensch, der 60 Kilogramm wiegt, hat sich bis zum Zeitpunkt seines Todes also quasi 50 Mal vervielfältigt, und das nur aus Hautzellen! Und der Rest? Auch nicht viel schöner. Wisst ihr, wie viele Flüssigkeiten im Menschen wirken? 88! Und diese 88 lassen sich wiederum in 888 Arten unterteilen. So gibt es nur schon vom Speichel 24 verschiedene Arten. Dazu kommen 7 verschiedene Arten Kammerwasser, 18 Arten Smegma, 52 Arten Ohrenschmalz, je 22 Arten Urin, Gallensaft und Eiter, 44 Arten Schweiß, 21 Arten Gelenkschmiere, 66 unterschiedliche Arten von Vaginalsekreten … Das weiß ich alles von unserem Dorfmedicus. Lasst mich eine Zeile eines piktavienischen Dichters zitieren: »Cette gorge est comme une tombe ouverte / Celle langue n’est bonne qu’à tromper.« Sehr zum Wohl! (Rülpst und stürzt einen Becher Wein hinunter)
DÄMON: (Rülpst)
Nach dem den Dialog abschließenden Rülpser des Dämons spielte dieser triumphierend eine Karte aus – die Saturn-Karte, wie ich später erfahren sollte – und gewann das Spiel.
Dann wandte er seinen Kopf langsam in meine Richtung und streckte mir grinsend seine Zunge heraus.
XV
Von Panik ergriffen wetzte ich zurück zu Innozenz.
»Meister! Meister!«, rapportierte ich ihm aufgeregt. »Ihr glaubt nicht, was ich gerade gesehen und gehört habe! Dort drüben sitzt ein Dä… ein Dädä… ein Dä…«
»Ich weiß, mein geliebtes schneeweißes Buch«, las ich in Innozenz. »Ich habe von hier aus alles mitbekommen. Beruhige dich. Diese drei Witzfiguren können uns und unserer Mission nichts anhaben. Bemerkenswert ist einzig, mit welchen Spielkarten sie sich verlustieren. Ist dir das aufgefallen? Es handelt sich um das sogenannte Sola-Busca-Tarot, fabriziert im Auftrag des alten Adelsgeschlechts derer von Este; de facto ist es ein Grimoire für die dunklen Eliten. Die einzelnen Karten enthalten äußerst grausame Motive: Kleinkinder werden geopfert, abgeschlagene Köpfe mit Lanzen durchbohrt, Sexualmagie wird zelebriert, der Mönch Ipeo wird vom Teufel besessen … Die höchste Karte, die XXI, ist die Karte des gnadenlosen Gottes Kronos, auch bekannt als Ba’al Hammon, Moloch und Saturn, den man hinter dem vordergründig abgebildeten Nabuchodenasor erkennen kann. Sie übertrumpft alle anderen. Doch lass uns jetzt um eine Unterkunft für die Nacht besorgt sein.«
Der Wirt des Hirschen, Zollinger mit Namen, zeigte zu Beginn keine Intention, Innozenz ein Zimmer zur Verfügung zu stellen; jäh änderte er seine Meinung und händigte ihm den Schlüssel für Zimmer Nummer 1 aus; seine anschließende Frage, ob der werte Gast eventuell Interesse daran bekunde, einen saftigen Kadaver mit nach oben zu nehmen, ignorierte Innozenz.
Die Rothaarige führte uns nach oben; sie hieß Brigida und war die Tochter von Zollinger.
XVI
Im Zimmer legte sich Innozenz aufs Bett, die Arme hinter dem Kopf verschränkt.
»In diesem Haus gehen Ungeheuerlichkeiten sondergleichen vor«, wandte ich mich an den Heiligen. »Ich spüre es mit jeder Seite meines Körpers. Wollt Ihr nicht unverzüglich Investigationen aufnehmen? Ich habe das starke Gefühl, dass der Schädel des ersten Menschen sich in unmittelbarer Nähe befindet.«
Die Antwort, die ich in ihm las, lautete: »Vergebene Liebesmüh’. Aber mach nur.«
So nahm ich auf eigene Faust Nachforschungen auf.
Leise schlich ich aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Die Schankstube war inzwischen leer, alle Gäste und auch Zollinger und Brigida hatten sich verzogen.
Instinktiv zog es mich in die Küche des Hirschen.
Ein schwarzer Eisenkessel stach mir als Erstes ins Auge; er stand auf drei Füßen, direkt auf dem Boden. Das war kein normaler Kessel zum Kochen, so viel war mir sofort klar. Das war die Brutstätte für unsägliche Abscheulichkeiten. Sie würden hier rausklettern in grässlichster Gestalt und …
Zitternd streckte ich mich, um einen Blick in sein Inneres zu erhaschen, und erschrak: Das Gefäß war bis zum Rand gefüllt mit Erdbrocken, Steinen, Federn, Ästen, Wurzeln, Blättern, Fellfetzen, Haaren, Nägeln … und Splittern eines Schädels!
XVII
Ich raste die Treppe hinauf in unser Zimmer.
»Kommt schnell! Ich muss Euch etwas zeigen!«, keuchte ich.
Innozenz erhob sich ruhig von der Lagerstätte und folgte mir hinunter in die Küche.
»Schaut Euch die Schädelsplitter im Topf an«, sagte ich. »War das der Schädel des ersten Menschen?«
»Nein – die Splitter sind nicht alt, stammen also von einem unlängst Verstorbenen«, las ich in Innozenz.
»Wer hat das fabriziert?«, wollte ich wissen.
»Von der Plumpheit und Brutalität her würde ich sagen: Zollinger. Der Schädel wurde ja richtiggehend zermalmt … Das Ding hier nennt sich Nganga. Der Topf ist eine Art Mikrokosmos, den der Schwarzmagier erschafft und über den er absolute Macht hat. Und wer Macht über den Mikrokosmos hat, beherrscht auch den Makrokosmos. Das hier ist wahrscheinlich Friedhofserde. Und das Teile eines Gehirns. Man füttert den Geist des Kessels mit Substanzen, deren innewohnende Kraft sich auf einen selbst übertragen soll. Wenn ich also gescheiter werden will, füttere ich ihn mit Hirn. Wenn ich stärker werden will, mit Muskeln. Wenn ich mich verjüngen will, mit Blut. Der Magier kann den Geist im Kessel aber auch mit allen möglichen Aufträgen betrauen, die er dann für ihn ausführt. Der Geist soll auch die Kunst beherrschen, Totes wieder zum Leben zu erwecken. Er tut das natürlich nicht gratis, sondern verlangt regelmäßige Opfer … Nsala Malecum! Nein, im Ernst: Mit so etwas Idiotischem sollten wir einfach nicht unsere Zeit verschwenden.«
Бесплатный фрагмент закончился.
