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Erinnerungen aus galanter Zeit
Erotische Bibliothek
Band 21
Giacomo Casanova
Erinnerungen aus galanter Zeit
Aus dem Italienischen von Christian Kraus 1912
© Lunata Berlin 2019
Inhalt
Vorwort
Zum Geleit
1. Bettina
2. Lucia
3. Annita und Marietta
4. Lukrezia
5. Bellino
6. In Konstantinopel und auf Corfu
7. Christine
8. Fräulein Vesian
9. C. C. und M. M
10. Henrietta
11. Intermezzo
12. Die Frau des Bürgermeisters
13. Meine Tochter
14. Die Theologin
15. Spanien
Über den Autor
Die erotische Bibliothek
Vorwort
Ich habe diese Memoiren nicht für den Teil der Jugend geschrieben, welcher in Unwissenheit erhalten werden muß, um ihn vor dem Falle zu bewahren, sondern für diejenigen, welche viel gelebt haben und dadurch unempfindlich geworden sind, für diejenigen, welche sich viel im Feuer aufgehalten haben und dadurch Salamander geworden sind. Da die wahren Tugenden nur Gewohnheiten sind, so wage ich zu sagen, daß die wahren Tugendhaften diejenigen sind, welche die Tugend ohne die geringste Mühe üben. Diese Leute haben keine Idee von Intoleranz, und für sie habe ich geschrieben.
Giacomo Casanova
Zum Geleit
Drei Mythen gebar das christkatholische Europa, in drei grundverschiedenen Formen schwebte ihm das Bild des Mannes vor: in dem germanischen Faust, dem romanischen Don Juan und dem jüdischen Ahasver. Und es ist seltsam genug, daß der Mann, der der letzte große Lebenskünstler der alten Zeit war, alle drei Typen in sich vereinte: Casanova.
Rastlos war er, wie der ewige Jude. Trieb sich am Bosporus herum wie am Lido, war bei Kaiser Joseph zu Gast wie bei dem großen Friedrich und bei Katharina ›dem‹ Großen, fühlte sich ebenso zu Hause in Holland wie in der Schweiz, in Frankreich wie in Italien und Spanien. Überall hochwillkommen und hochgeehrt und überall zuletzt in irgendeinen Skandal verwickelt und weggejagt: wie Benvenuto Cellini, wie Austin de Bordeaux. Aber von des Florentiners Wirken zeugt sein Perseus, zeugt manches andere intime Kunstwerk; und des genialen Gascogners wildes Leben krönte die Tadj-Mahal, der wundervollste Traum in dem Wunderlande Indien und das herrlichste Werk, das je eines Künstlers Hirn entsprang. Casanova hinterließ kein Werk, das ihm in alle Zukunft bezeugen konnte: dieser Mann hatte ein Recht, anders zu Leben wie die Menge. Hinterließ nichts als – – eben die Geschichte dieses Lebens selbst. Und die Mucker, die immer wieder und in allen Ländern diese Geschichte auf den Index ihrer kleinen Moral setzten, würden recht haben, wenn eben nicht dies Leben in sich ein so vollendetes Kunstwerk gewesen wäre, und dazu eines, in dem sich eine ganze Zeit spiegelte.
Nur der Casanova, der ein Ahasver war, der ruhelos durch die Welt seiner Zeit zog und am letzten Ende nur rastete, um – am Schreibtische – noch einmal die verschlungenen Wege seines wilden Lebens zu durchwandern, konnte ein solcher Brennspiegel werden. Aber auch nur der Casanova, der zu gleicher Zeit ein Faust war und ein Don Juan.
Ein Faust war er. War ein Mensch, dem nichts entging, was dem menschlichen Geist von Interesse sein kann. Theologie, Juristerei und Medizin hatte er ebenso studiert wie Philosophie, und wenn man auch das ›heiße Bemühen‹ ihm dabei gewiß nicht recht glauben will, so bleibt doch bestehen, daß er sich um alle diese und sehr viele andere Dinge, wenn nicht als ein großer Gelehrter, so doch als ein grundgescheiter Dilettant und oft als ein Fachmann eifrig kümmerte. Er war Offizier und Diplomat, Theologe und Jurist, dann wieder Schauspieler und Violinvirtuose. Er war Dichter und Wunderdoktor, Politiker und Bibliophile, Kunstkenner und Altertumsforscher. Er sprach alle europäischen Sprachen, kannte die Systeme aller Philosophen und hat sich selbst sein eigenes zurechtgemacht. Er war Mathematiker, dazu Alchimist und Chemiker und natürlich auch Astrolog, Schatzgräber, Goldmacher und Schwindeldoktor. Und in allem und überall suchte er auf den Ursprung der Dinge zu kommen.
Freilich schürfte er nirgends sehr tief, nahm wenig oder nichts ernst. Ging heran an alles mit heißem Blute und klarem Blicke – warf es dann weg, wenn sich irgendein größerer Widerstand ihm in den Weg stellte oder wenn ein schönes Frauenauge ihn ablockte.
Denn er war auch – und mehr als alles andere – Don Juan Tenorio, war es als Kind seiner Zeit sowohl wie als Kind seiner eigenen Natur.
Das Mittelalter hatte aus der Liebe eine Religion gemacht, das Rokoko machte ein Spiel daraus. Und dieses oft frivole, oft genug tragische Spiel der Liebe hat nie wieder ein anderer Mensch zu solcher Kunst erhoben wie Giacomo Casanova. Was noch roh ist und ungeschliffen bei Benvenuto, dem ungestümen Kraftmenschen der Renaissance, wird bei ihm geistvoll, durchdacht. Jedes kleine Liebesabenteuer Casanovas ist in sich eine Probe seiner Lebenskunst. Wenn man Casanovas Erinnerungen liest und dann die Briefe der Pfalzgräfin Liselotte, so glaubt man, in zwei Welten zu blicken, die durch unendliche Zeit voneinander getrennt sind – und doch sind die beiden kaum zwei Menschenalter voneinander entfernt. Liselotte, die Schwägerin des vierzehnten und die Mutter des fünfzehnten Ludwig, lebte am ersten Hofe der Welt, galt dazu als eine der gescheitesten und mutterwitzigsten Frauen ihrer Zeit. Casanova aber war der Sohn einer verachteten Schauspielerin und der Enkel eines Schusters, begann in den niedrigsten Tiefen des Lebens. Und dennoch ist er der große Weltmann, ist die berühmte Fürstin eine manchmal amüsante, aber doch recht plumpe und brutale Bäuerin neben ihm. Bei beiden spürt man, daß das, was sie erzählen, durchaus der Wahrheit entspricht und nicht, wie bei dem manchmal etwas färbenden Cellini, der hier ein bißchen mehr, dort etwas weniger berichtet als gerade stimmt, geschrieben wurde: ad majorem autoris gloriam. Die Herzogin von Orleans erlebt alles – und was konnte man nicht erleben am Hofe des Sonnenkönigs! – wie eine kräftige Landdirne, die keine Nerven, die Eisendrähte im Leibe hat; erlebt fast wie ein Tier oder ein Phonograph. Unglaublich naiv, selbstverständlich und derb, mißt sie, was auch um sie her geschieht, nach ihrem Maße: zieht es hinab auf ihr Niveau, manchmal ins Lustige und Komische, stets aber ins sehr Bürgerliche und Kleinliche. Casanova dagegen erlebt Novellen und Geschichten, erlebt ein Kapitel und eine Episode nach der andern: schon in seinem Erleben selbst liegt die Kunst. Darum sind seine Memoiren so ungeheuer anziehend, darum wurden sie, selbst ehe noch Brockhaus vor bald einem Jahrhundert das Manuskript herausgab, ein Leckerbissen für die wenigen Künstler und Weltleute, denen das berühmte Leipziger Haus Einsicht darin gestattete. Vom Fürsten von Ligne, dem großen Mäzen aller abenteuernden Lebemänner seiner Zeit, angefangen, bis zu dem pedantischen Hebbel mit seinem allzu bürgerlichen Horizont, erkannte jeder Intellektuelle die überragende Bedeutung dieser Lebenserinnerungen an, tat das um so offener und kräftiger, je mehr immer wieder pfäffische Einflüsse die Bände zu unterdrücken suchten.
In dem ersten Kapitel seiner Erinnerungen erzählt Casanova lang und breit von dem Stammbaum seiner Familie, die aus Spanien stamme und dann nach Venedig kam. Er kennt eine ganze Reihe seiner Vorfahren genau, und sie sind alle gut katholisch, spanische und italienische Christen. Ich aber glaube kein Wort davon. Ich meine vielmehr: in den Adern dieses Mannes rollte in guter Mischung alles Blut, das die Kultur Europas schuf, germanisches, romanisches und jüdisches. Und so ward in ihm der große ›Europäer‹, der Weltmann, der ein rastloser Ahasver war, ein wahrheitssuchender Faust und – vor allem – ein Leben und Liebe schenkender und trinkender Don Juan. Don Juan freilich ist die stärkste Seite in des großen Abenteurers Wesen. Und darum mußte diese gekürzte Ausgabe seiner Erinnerungen sich hauptsächlich mit diesem Casanova beschäftigen. Eine literarisch-amüsante, künstlerisch geschmückte Auslese von Casanovas galanten Abenteuern besteht bis jetzt in deutscher Sprache noch nicht; alle bisherigen Ausgaben der ›Erinnerungen‹, die Anspruch auf literarische Bedeutung haben – so vor allem die vierzehn, bändige ausgezeichnete des Georg Müllerschen Verlags in München –, sind »vollständig«, aber für viele Tausende unerschwinglich. Von dem überflüssigen Ballast historischer Details ist die vorliegende Ausgabe befreit worden, die genußreicher Unterhaltung dienen soll. Dabei ist aber nicht etwa beabsichtigt, Casanova als reinen Erotiker hinzustellen: er zeigt sich hier als der wahrheitsliebende und schönheitsdurstige Sittenschilderer eines Zeitalters, dessen Esprit in ihm seinen glänzendsten Interpreten fanden.
Die Bilder des Marquis von Bayros scheinen mir am besten geeignet, dem Geiste des lebensfrohen Venetianers gerecht zu werden.
Miramar, im Juni 1911
Hanns Heinz Ewers
1
Bettina
Weiß Gott, was die Menschen oft zusammenführt. Hätte ich als Kind nicht an starkem Nasenbluten gelitten, nimmermehr hätte mein Auge Bettina erblickt, Bettina, die dem Knaben die ersten Äußerungen der Liebe entlockte. Dieses Nasenbluten schwächte meinen noch unentwickelten Körper überaus, so daß ich unfähig war, mich mit irgend etwas zu beschäftigen, und ganz blödsinnig aussah. Da auch der Hokuspokus einer Hexe von Murano, zu der mich meine gute Großmutter brachte, nicht imstande war, mich davon zu heilen, hörte endlich meine Mutter und mein Vormund, der Herr Grimani, auf den Rat eines Arztes, welcher eine Heilung meines Übels nur bei Luftveränderung hoffen ließ, und brachten mich nach Padua in Pension. Meine Pensionsmutter war eine alte Slavonierin, deren ganzes Wesen mich, der ich von Schönheit und Höflichkeit doch noch gar keine Ahnung hatte, anwiderte. Aber das wäre noch das wenigste gewesen: nachts fraß mich das Ungeziefer fast lebendigen Leibes, und da sich in der paduanischen Luft mit meiner Gesundheit auch ein derber Hunger einstellte, den die Kost der Slawonierin niemals stillen konnte, magerte ich entsetzlich ab. Wohl wußte ich mir manchmal Eßbares zur Genüge zu verschaffen: durch Beutezüge im Hause meiner Wirtin, die verzweifeln wollte, weil sie den Dieb nicht entdecken konnte. Auch nutzte ich mein Amt als Dekurio der Schule aus, die ich besuchte. Ich war durch Fleiß und Kenntnisse zu diesem Amte gelangt, wobei mir oblag, die Aufgaben meiner dreißig Mitschüler zu prüfen, zu korrigieren und mit der gebührenden Zensur zu übergeben. Nichts lag näher, als daß sich meine Freßlust mit allem Eßbaren von den Faulen bestechen ließ, und auch, daß ich bald mein Amt mit aller Ungerechtigkeit ausübte, was die besseren Schüler bald nicht mehr ertrugen und dem Lehrer anzeigten. Bei der Untersuchung erkannte mein Lehrer den jämmerlichen Zustand meines Unterhalts. Da er mir außerordentlich wohlwollte, setzte er es bei meiner Mutter durch, daß ich der Slawonierin genommen und in sein Haus gegeben wurde. Ach, der gute freundliche Priester Doktor Gozzi! Er liebte mich über alle Maßen und schenkte mir seine ganze Zuneigung, so daß ihn nach einem halben Jahre alle seine Schüler verließen. Er beschloß dann, ein kleines Kollegium zu errichten und junge Schüler in Pension zu nehmen. Aber erst in zwei Jahren brachte er es darin zu etwas, in der Zwischenzeit widmete er sich ganz mir, lehrte mich alles, was er wußte; auch das Violinspiel lernte ich bei ihm, welches mich später einmal in größter Not über Wasser halten sollte. Als ich nach zwei Jahren etwa, es war in der Fastenzeit des Jahres Siebzehnhundertsechsunddreißig, mit meinem Lehrer der Mutter einen Besuch abstattete, erregte ich, den alle vorher für blödsinnig gehalten hatten, durch meine Kenntnisse und Fertigkeiten, darunter nicht zuletzt meine poetischen Leistungen, die Bewunderung des ganzen Kreises meiner Angehörigen und ihrer Freunde, und der Doktor freute sich kindisch, als er sah, daß ihm das Verdienst dieser Umwandlung zugesprochen wurde. Unangenehm aber fiel meiner Mutter meine helle, blonde Perücke auf, welche in krassem Widerspruch stand mit meinem braunen Gesicht, den schwarzen Augen und Brauen. Sie fragte den Doktor, warum er mich nicht frisieren lasse? Als er antwortete, die Perücke erleichtere seiner Schwester meine Reinhaltung, erregte diese naive Ansicht allgemeines Gelächter, welches sich noch verdoppelte, als ich auf die Frage, ob seine Schwester verheiratet sei, statt seiner antwortete, Bettina sei das schönste Mädchen des ganzen Viertels und erst vierzehn Jahre alt. Da versprach meine Mutter dem Mädchen ein schönes Geschenk, wenn es mich in meinem wirklichen Haar gehen lasse, worauf der gute Doktor beteuerte, dies solle von jetzt ab geschehen. Ja, Bettina war reizend, heiter und eine große Romanleserin. Vater und Mutter waren unzufrieden mit ihr, weil sie sich zu viel am Fenster sehen ließ, und der Doktor wegen ihrer Neigung zum Lesen. Das Mädchen gefiel mir von Anfang an, ohne daß ich wußte weshalb, und sie war es, welche in mein Herz die ersten Funken einer Leidenschaft schleuderte, die später jede andere überwog. Die fünf Ellen Seidenzeug und das Dutzend Handschuhe, das Geschenk, welches meine Mutter der Kleinen sandte, weckten in ihr eine außerordentliche Zuneigung für mich, und sie nahm sich so sehr meiner Haare an, daß ich in noch nicht einem halben Jahre meine Perücke ablegen konnte. Sie kämmte mich alle Tage, und oft sogar im Bette, da sie, wie sie sagte, nicht Zeit hatte, abzuwarten, bis ich aufgestanden wäre. Sie wusch mir das Gesicht, den Hals, die Brust und erwies mir kindliche Liebkosungen, die ich für unschuldig hielt, und die mich gegen mich selbst aufbrachten, weil sie mich reizten. Ich war drei Jahre jünger als sie, so schien es mir, daß sie mich nicht ernsthaft lieben könne, und das verstimmte mich. Saß sie auf meinem Bette und sagte zu mir, ich würde fetter, wobei sie sich mit ihren Händen davon überzeugte, so versetzte sie mich in die höchste Aufregung, aber ich ließ sie ruhig machen, damit sie meine Gefühlserregung nicht gewahr würde, und wenn sie mir sagte, ich hätte eine sanfte Haut, so nötigte mich ihr Kitzeln, mich zurückzuziehen; ich war dann ärgerlich, daß ich nicht dasselbe gegen sie zu tun wagte, aber doch erfreut, daß sie nicht ahne, wie große Lust ich dazu habe. War ich angekleidet, gab sie mir die süßesten Küsse und nannte mich ihr liebes Kind; aber wie gern ich auch ihrem Beispiel folgen mochte, ich war doch noch nicht kühn genug dazu. Als später freilich meine Schüchternheit mich lächerlich machte, faßte ich Mut und gab ihr kräftigere zurück, als sie mir gegeben; aber doch hielt ich immer an, sobald ich die Lust verspürte, weiter zu gehn; ich wendete den Kopf um, indem ich tat, als ob ich etwas suchte, und sie entfernte sich. Dann aber geriet ich in Verzweiflung, daß ich nicht dem Zuge meiner Natur gefolgt war; und verwundert, daß Bettina mit mir ohne weitere Folgen machen konnte, was sie wollte, während ich mich nur mit der größten Mühe enthalten konnte, weiter zu gehen, gelobte ich mir jedesmal, mich anders zu benehmen. Da bekam im Anfange des Herbstes der Doktor drei neue Pensionäre, von denen sich der eine, ein Junge von fünfzehn Jahren, in noch nicht einem Monate sehr gut mit Bettina zu stehen schien. Diese Beobachtung brachte in mir eine Empfindung hervor, von welcher ich bis dahin keine Idee gehabt und die ich erst einige Jahre später zu analysieren vermochte. Es war weder Eifersucht noch Unwille, sondern eine edle Verachtung, welche ich nicht unterdrücken zu dürfen glaubte, denn Cordiani, der unwissend, geistlos, ohne gesellschaftliche Erziehung der Sohn eines einfachen Pächters und ganz unfähig war, sich mit mir zu messen, und der keinen andern Vorzug hatte, als den des reiferen Alters, schien mir nicht geeignet, mir vorgezogen zu werden. Eine Empfindung des Stolzes, gemischt mit Verachtung, überkam mich gegen Bettina, die ich liebte, ohne es zu wissen. An der Art, wie ich ihre Liebkosungen aufnahm, als sie mich in meinem Bette kämmen wollte, wurde sie dies gewahr: ich stieß ihre Hände zurück und erwiderte ihre Küsse nicht. Gereizt, weil ich ihr auf Befragen keinen Grund ihres Benehmens angab, sagte sie zu mir mit mitleidiger Miene, ich sei eifersüchtig auf Cordiani. Ich sagte zu ihr, ich hielte Cordiani ihrer würdig, wenn sie es seiner wäre. Sie entfernte sich lachend. Sie sann auf einen Plan, der sie allein rächen konnte, dazu sah sie sich genötigt, mich eifersüchtig zu machen. Da sie aber ihren Zweck nicht erreichen konnte, ohne mich verliebt zu machen, so ging sie dabei auf folgende Weise vor: eines Morgens kam sie an mein Bett mit einem Paar weißer Strümpfe, die sie mir gestrickt hatte. Nachdem sie mir die Haare gekämmt, sagte sie, sie müsse mir die Strümpfe selbst anprobieren, um zu sehen, ob sie Fehler gemacht, damit sie sich künftig danach richten könne. Der Doktor war zur Messe gegangen. Als sie dabei war, mir die Strümpfe anzuziehen, sagte sie, meine Beine seien schmutzig, und ohne mich um Erlaubnis zu fragen, schickte sie sich an, sie mir zu waschen. Ich würde mich geschämt haben, Verlegenheit zu zeigen; ich ließ sie also machen, ohne zu ahnen, was dabei herauskommen mußte. Bettina, die auf meinem Bette saß, trieb den Eifer für die Reinlichkeit zu weit, und ihre Neugierde verschaffte mir ein so lebhaftes Vergnügen, daß diese nicht eher aufhörte, als bis sie nicht weiter getrieben werden konnte. Als ich wieder ruhig geworden war, hielt ich mich für schuldig und für verpflichtet, sie um Verzeihung zu bitten. Sie hatte dies schwerlich erwartet, dachte einen Augenblick nach, und sagte dann mit dem Tone der Nachsicht, sie sei die Schuldige, aber so etwas soll ihr nicht wieder begegnen. Hieraus entfernte sie sich und überließ mich meinen Betrachtungen. Sie waren grausam. Es kam mir vor, als ob ich sie entehrt, das Vertrauen der Familie gemißbraucht, daß ich ein schreckliches Verbrechen begangen, welches ich nur durch eine Heirat wieder gutmachen könne. Eine Schwermut kam über mich, die immer größer wurde, da Bettina nicht mehr an mein Bett kam, und sie wäre allmählich zur vollkommensten Liebe geworden, wenn nicht ihr Benehmen Cordiani gegenüber das Gift der Eifersucht in meine Seele geträufelt hätte, obwohl ich weit entfernt war, zu glauben, sie habe mit diesem dasselbe Verbrechen begangen wie mit mir. Da ich mir sagte, sie habe doch aus freien Stücken gehandelt, und nur die Reue halte sie ab, wiederzukommen, so schmeichelte sich meine Eigenliebe: sie sei verliebt, und in meiner Einfalt beschloß ich, sie schriftlich zu ermuntern. Ich schrieb einen kurzen Brief, der sie aber hinreichend beruhigen konnte. Mein Brief schien mir ein Meisterwerk und durchaus geeignet, mir ihre höchste Liebe zu erringen und mir den Vorzug vor Cordiani zu verschaffen, dessen Persönlichkeit mir nicht so beschaffen schien, daß sie zwischen ihm und mir hätte schwanken können. Eine halbe Stunde, nachdem sie meinen Brief empfangen, antwortete sie mir mündlich, sie werde übermorgen wieder, wie vor unserer Szene, auf mein Zimmer kommen; aber ich erwartete sie vergeblich, worüber ich sehr aufgebracht war. Aber mein Erstaunen, als sie mich bei Tische fragte, ob ich wolle, daß sie mich zu dem Balle, den einer unserer Nachbarn fünf oder sechs Tage später gab, als Mädchen ankleiden solle! Da alle diesem Vorschlag Beifall gaben, so willigte ich ein. Mir schien dies eine gute Gelegenheit, uns zu erklären, uns gegenseitig zu rechtfertigen, und um geschützt gegen alle Überraschungen der Sinne wieder als gute Freunde zu leben. Ein Ereignis jedoch verhinderte die Ausführung und führte eine wahre Tragikomödie herbei. Ein alter und wohlhabender Pate des Doktor Gozzi, welcher auf dem Lande wohnte, schickte diesem, als er sich nach einer langen Krankheit seinem Ende nahe glaubte, einen Wagen und ließ ihn bitten, ohne Zaudern nebst seinem Vater zu ihm zu kommen, um bei seinem Tode zugegen zu sein und seine Seele Gott anzuempfehlen. Der alte Schuhmacher, der Vater Gozzis, welcher nur nach einigen Gläsern Wein Sprache und Vernunft fand, leerte eine Flasche, zog seinen Sonntagsanzug an und machte sich mit seinem Sohne auf den Weg. Da ich die Gelegenheit für günstig hielt und sie benutzen wollte, da überdies die Ballnacht für meine Ungeduld zu entfernt war, so sagte ich Bettina, ich würde meine nach dem Flur hinausgehende Tür offen lassen und sie, sobald alles im Hause sich zu Bett gelegt hätte, erwarten. Sie versprach mir zu kommen. Sie schlief zu ebener Erde in einem Kabinett, welches nur durch eine dünne Wand vom Schlafzimmer ihres Vaters getrennt war. Da der Doktor abwesend, schlief ich allein in dem großen Gemach. Die drei Pensionäre wohnten in einem abseits liegenden Raume, ich hatte also keine Störung zu fürchten. Ich war entzückt, daß der ersehnte Augenblick herannahte. Kaum war ich in mein Zimmer zurückgekehrt, als ich auch die Tür verriegelte und die nach dem Flur hinausgehende aufschloß, so daß Bettina sie bloß aufzumachen brauchte; dann löschte ich mein Licht, blieb jedoch angekleidet. In einem Roman scheinen solche Situationen übertrieben; sie sind es nicht, und was Ariost von Ruggiero sagt, der auf Alcina wartet, ist ein gutes naturgetreues Bild. Ich wartete bis Mitternacht, ohne mich zu beunruhigen; als aber die zweite, dritte, vierte Stunde vorüberging und sie noch nicht erschien, entflammte sich mein Blut und ich wurde wütend. Es fiel starker Schnee, aber ich litt noch mehr vor Wut als vor Kälte. Eine Stunde vor Tagesanbruch, als ich meine Ungeduld nicht mehr beherrschen konnte, beschloß ich, auf den Strümpfen, um den Hund nicht zu wecken, ins untere Stockwerk zu schleichen und mich unten an der Treppe, vier Schritte von Bettinas Tür, zu postieren, die hätte offen sein müssen, wenn sie hinausgegangen wäre. Als ich hinkam, fand ich sie verschlossen, und da sie nur von innen abgeschlossen werden konnte, dachte ich, Bettina sei eingeschlafen. Ich wollte klopfen, aber die Furcht, der Hund werde bellen, hielt mich ab, Lärm zu machen. Von dieser Tür bis zu der ihres Kabinetts waren es noch zehn bis zwölf Schritte. Gänzlich niedergeschlagen und unfähig, einen Entschluß zu fassen, setzte ich mich auf die unterste Stufe; aber gegen Tagesanbruch, erkältet, erstarrt vor Frost klappernd, und fürchtend, die Magd könnte mich finden und für toll halten, entschloß ich mich, wieder auf mein Zimmer zu gehen. Ich stehe auf, aber in demselben Augenblicke höre ich Lärm in Bettinas Zimmer. Überzeugt, daß sie kommen werde, und neugestärkt durch die Hoffnung, nähere ich mich der Tür: sie öffnet sich; aber statt Bettinas erscheint Cordiani, der mich mit einem furchtbaren Fußstoße vor den Bauch weit weg in den Schnee schleudert. Ohne zu verweilen begibt sich Cordiani in den Raum, wo er mit den beiden Feltrinis, seinen Kameraden, schlief. Ich stehe rasch auf, um mich an Bettina zu rächen, welche in diesem Augenblicke meiner Wut nicht entgangen wäre. Ich finde ihre Türe geschlossen und bearbeite sie mit kräftigen Fußtritten; der Hund fängt an zu bellen, und ich eile auf mein Zimmer, wo ich mich einschließe, um mich seelisch und körperlich zu erholen, denn ich war mehr als tot. Betrogen, gedemütigt, mißhandelt, ein Gegenstand der Verachtung für den glücklichen und triumphierenden Cordiani, beschäftigte ich mich drei Stunden lang mit den schwärzesten Racheplänen. In diesem schrecklichen und unglückseligen Augenblick schien es mir noch zu wenig, sie alle zu vergiften. Von diesem Plane ging ich zu dem ebenso unsinnigen wie niederträchtigen über, mich augenblicklich zu ihrem Bruder zu begeben und ihm alles zu erzählen. In dieser Verfassung war ich, als die rauhe Stimme von Bettinas Mutter mich rief, ich möchte doch herunterkommen, ihre Tochter liege im Sterben. Ärgerlich, ihr Tod möchte sie meiner Rache entziehen, begebe ich mich in ihr Zimmer, wo ich die ganze Familie um ihr Bett fand. Sie lag in schrecklichen Krämpfen. Ihr halbbekleideter Körper krümmte sich bald rechts, bald links, blindlings stieß sie mit Händen und Füßen um sich, daß niemand sie halten konnte. Ich wußte nicht, was ich denken sollte. Ich kannte weder die Natur noch die List des Weibes, und ich wunderte mich, daß ich kalter Zuschauer bleiben und in Gegenwart zweier Personen, von denen ich die eine töten, die andere entehren wollte, die Gewalt über mich behaupten konnte. Nach Verlauf einer Stunde schlief Bettina ein. Hebamme und Doktor, welche gerufen wurden, konnten sich über die Krankheit nicht einigen. Meinerseits lachte ich innerlich über beide, denn ich wußte oder glaubte zu wissen, daß die Krankheit des Mädchens mit ihren nächtlichen Beschäftigungen oder mit ihrer Angst wegen meiner Begegnung mit Cordiani zusammenhing. Aber ich beschloß, meine Rache bis zur Ankunft ihres Bruders zu vertagen. Da ich, um in mein Zimmer zu gelangen, durch Bettinas Kabinett hindurchgehen mußte und ihre Tasche auf dem Bette liegen sah, kam ich auf die Idee, sie zu durchsuchen. Ich fand ein Billett, und da ich die Handschrift Cordianis erkannte, nahm ich es mit, um es in Ruhe auf meinem Zimmer zu lesen. Ich war erstaunt über die Unbesonnenheit des Mädchens, denn ihre Mutter hätte das Billett finden können, und, des Lesens unkundig, ihrem Sohne, dem Doktor, zeigen können. Ich konnte mir nichts anderes denken, als daß sie den Kopf verloren habe; aber man male sich aus, was ich empfinden mußte, als ich folgende Worte las: ›Da Dein Vater verreist, so brauchst Du nicht, wie sonst, die Türe offen zu lassen. Wenn wir von Tische aufstehen, werde ich mich in Dein Kabinett begeben; dort wirst Du mich finden.‹ Nach einem Augenblicke der Erstarrung und des Nachdenkens überfiel mich die Lust zu lachen, und da ich sah, wie sehr ich angeführt worden war, so hielt ich mich für gänzlich geheilt von meiner Liebe. Ich wünschte mir Glück, daß ich eine so ausgezeichnete Lehre für mein künftiges Leben erhalten hatte. Ich fand nun sogar, daß Bettina recht gehabt, mir den Cordiani vorzuziehen, da dieser fünfzehn Jahre alt und ich nur ein Kind war. Trotz meiner Geneigtheit, zu vergessen, konnte ich Cordianis Fußtritt nicht vergessen und blieb ihm noch böse. Als wir zur Mittagszeit in der Küche bei Tische saßen, fing Bettinas Geschrei von neuem an. Alle eilten zu ihr, ich ausgenommen, der ruhig sein Mittagessen beendete und dann an seine Studien ging. Als ich abends zum Essen kam, sah ich Bettinas Bett neben dem ihrer Mutter stehn; aber ich blieb gleichgültig dagegen, wie gegen den Lärm in der Nacht. Trotzdem sich das Geschrei Bettinas und der Lärm um sie immer wieder erneuerte, blieb ich vollkommen gleichgültig dagegen, ich gab auch meinen Racheplan auf, als der Doktor zurückkehrte, denn die skandalöse Geschichte zu erzählen, konnte mir nur im Augenblick der höchsten Wut einkommen. Am folgenden Tage redete die Mutter dem Doktor ein, Bettina sei behext, und wußte allerlei anzugeben, so daß der Verdacht der Urheberschaft auf die Magd fiel. Sogleich unternahm es Doktor Gozzi selbst, seine Schwester zu exorzisieren; ich sah mir dies Mysterium an: alle schienen mir toll oder schwachköpfig, denn nicht ohne Lachen konnte ich an den Teufel in Bettinas Leib denken. Als hernach der Doktor wieder auf sein Zimmer gegangen war und ich mich mit Bettina allein sah, flüsterte ich ihr ins Ohr: »Fasse Mut, werde gesund und vertraue meiner Verschwiegenheit.«
Sie wandte, ohne mir zu antworten, den Kopf auf die andere Seite; aber den Rest des Tages blieb sie ohne Krämpfe. Ich hielt sie für geheilt, aber am folgenden Tage stieg ihr die Krankheit zum Gehirn und ihr Wahnsinn sprach einen solchen Wirrwarr, daß kein Mensch mehr an ihrer Besessenheit zweifelte. Sofort ließ ihre Mutter den berühmtesten Teufelsbanner von Padua kommen, einen häßlichen Kapuziner, dem das Mädchen einen solchen Spuk machte, derartige Beleidigungen an den Kopf warf, daß er sich nicht mehr anders zu helfen wußte, als dadurch, daß er mir die Schuld beimaß, weil ich ungläubig sei. Ich mußte mich entfernen, aber Bettina warf ihm nun gar ein Glas mit schwarzer Medizin an den Kopf, und mit großem Vergnügen vernahm ich, daß auch Cordiani sein Teil abbekam. Da gab's der Pater auf. Am Abend überraschte uns Bettina, als sie ruhig und gesittet bei Tisch erschien; sie wandte sich im Laufe des Gesprächs an mich, sie werde mich zu dem Balle morgen als Mädchen ankleiden. Ich dankte und riet ihr, sie möchte sich doch noch schonen. Sie begab sich darauf bald wieder zu Bett. Später fand ich in meiner Nachtmütze ein Billett: ›Du kommst als Mädchen verkleidet mit mir auf den Ball oder ich führe ein Schauspiel auf, über welches Du weinen wirst.‹ Als der Doktor eingeschlafen war, schrieb ich ihr als Antwort, ich wollte jede Gelegenheit mit ihr allein zu sein vermeiden, ich bäte sie, mein Herz zu schonen, das ihr wie einer Schwester gehöre. ›Ich habe Dir verziehn, teure Bettina, und will alles vergessen. Hier ist ein Billett, das Du gewiß gern wieder in Händen hättest. Sieh, was Du wagtest, als Du es auf dem Bette liegen ließest, und erkenne meine Freundschaft daran, daß ich es Dir zurückgebe.‹ Um sie also zu beruhigen, daß ich um ihr Geheimnis wußte, übergab ich am Morgen das Billett und meine Antwort. Das Mädchen hatte durch seinen Geist meine Achtung gewonnen; ich sah nur noch ein durch Temperament verführtes Mädchen in ihr. Sie liebte den Mann und war nur der Folgen wegen zu beklagen. So resignierte ich als vernünftiger Mensch und unglücklicher Liebhaber. Während des ganzen Tages spiegelte Bettina Heiterkeit vor, gegen Abend aber mußte sie wieder ihres Befindens wegen das Bett aufsuchen, worüber das ganze Haus in Aufregung geriet. Ich wußte alles, und so machte ich mich auf neue, noch traurigere Szenen gefaßt, denn ihre Eigenliebe konnte die Überlegenheit nicht dulden, die ich über sie erlangt hatte. Ach, ich bekenne trotz der guten Schule, die ich schon vor meiner Jünglingszeit durchgemacht, die mir als Schutz für die Zukunft hätte dienen können, bin ich mein ganzes Leben lang von Frauen betrogen worden. Ohne meinen Schutzgeist hätte ich vor zwölf Jahren in Wien noch ein leichtsinniges junges Mädchen geheiratet. Jetzt, wo ich zweiundsiebzig Jahre alt bin, glaube ich mich gegen solche Torheiten gewaffnet; aber leider betrübt mich das sehr. Am nächsten Tage tobte Bettina so, daß auch der Doktor meinte, sie müsse besessen sein, weshalb er beschloß, sie dem Pater Mancia anzuvertrauen. Als dieser an das Bett Bettinas geführt wurde, war ich ganz außer mir, nicht ohne Grund: sein Wuchs war groß und majestätisch, sein Alter etwa dreißig Jahre. Er hatte blonde Haare und blaue Augen. Seine Gesichtszüge glichen denen des Apollo von Belvedere, nur daß in ihnen weder Triumph noch Anmaßung zu finden war. Er war von blendender Weiße und bleich, aber diese Blässe schien nur dazu bestimmt zu sein, um seine korallenroten Lippen, die beim Öffnen zwei Reihen Perlen sehen ließen, desto schärfer hervortreten zu lassen. Die Traurigkeit seiner Züge verstärkte den sanften Ausdruck des Gesichts. Bettina stellte sich schlafend. Als er sie aber mit geweihtem Wasser benetzte, öffnete sie die Augen, sah sich den Exorzisten genauer an, legte sich dann auf den Rücken, ließ die Arme sinken, und, den Kopf graziös geneigt, überließ sie sich einem Schlafe, der den süßesten Anblick bot. Der Pater machte seine Zeremonien, und als nichts damit erreicht wurde, versprach er, andern Tags wiederzukommen. Entzückend erschien am nächsten Morgen Bettina. Sie begann mit den ausschweifendsten Reden, die ein Dichter nur ersinnen kann, und unterbrach diese auch nicht, als der schöne Exorzist kam; er ließ sie sich eine Viertelstunde lang gefallen, worauf er sich mit seinem ganzen Apparate wappnete und uns bat, uns zu entfernen. Wir gehorchten augenblicklich, und die Tür blieb offen; aber was tat dies, da niemand gewagt hätte, einzutreten. Während dreier langer Stunden herrschte das tiefste Schweigen. Gegen Mittag rief uns der Mönch und wir traten ein. Bettina lag traurig und ruhig da, während der Mönch sich zum Fortgang rüstete. Er entfernte sich mit der Versicherung, daß er gute Hoffnung habe, und bat den Doktor, ihm Nachricht zukommen zu lassen. Bettina speiste zu Mittag in ihrem Bette, kam abends an unseren Tisch und war am folgenden Tage vernünftig; aber folgender Umstand bestärkte mich in dem Glauben, daß sie weder toll noch besessen sei. Der Doktor bestimmte, daß wir unsere nächste Beichte bei Pater Mancia ablegen sollten. Cordiani und die Feltrinis waren bereit, ich aber wollte den Plan hintertreiben, denn ich glaubte an die Heiligkeit der Beichte und wollte nimmermehr dem Pater Mancia mein Erlebnis mit einem Mädchen anvertrauen, da er sofort Bettina erkannt hätte. Am folgenden Morgen gab mir Bettina ein Billett: ›Hasse mein Leben, aber schone meine Ehre. Keiner von euch darf morgen beim Pater Mancia beichten. Du allein kannst den Plan verhindern. Ich werde daran sehen, ob Du wirklich Freundschaft für mich fühlst.‹ Ich antwortete, daß ich wohl selbst entschlossen sei, ihrer Bitte zu genügen, aber über Cordiani vermöchte ich nichts, sie müßte sich selbst an ihren Liebhaber wenden. Sofort schrieb sie mir: ›Mit Cordiani habe ich seit jener unseligen Nacht, die mich unglücklich gemacht, nicht mehr gesprochen, und ich werde nicht mehr mit ihm sprechen. Dir allein will ich mein Leben und meine Ehre schuldig sein.‹ Sie trieb ein freches Spiel mit mir, das fühlte ich. Sie wußte sich des Erfolges sicher; aber in welcher Schule hatte sie wohl das menschliche Herz studiert? In Romanen? Es ist möglich. – Ich war entschlossen, ihrer Bitte nachzukommen. Beim Zubettgehen sagte ich meinem Lehrer, mein Gewissen nötige mich, nicht bei Pater Mancia zu beichten. Und da der gute Doktor meine Gründe ehrte, versprach er, uns alle nach einer andren Kirche zur Beichte zu führen. Als dies geschah, mußte ich einer Fußverletzung wegen das Bett hüten und war so mit Bettina allein zu Hause. Unter irgendeinem Vorwand kam sie auf mein Zimmer; da ich dies erwartet hatte und endlich den Augenblick einer Erklärung gekommen sah, empfing ich sie sehr erfreut. Sie setzte sich auf mein Bett, und nachdem ich ihr meine augenblicklichen Gefühle gegen sie auseinandergesetzt, daß meine Liebe in jener Nacht in Haß umgeschlagen, daß ich aber jetzt wegen des Geistes, den sie gezeigt, alle Achtung, ja Freundschaft für sie hege, bat ich sie, mir mit gleicher Aufrichtigkeit entgegenzukommen, alle Liebe beiseite zu lassen, meinetwegen nicht mit Cordiani zu brechen, den sie vielleicht mit denselben Mitteln eingefangen wie mich und der nun unglücklich sei. Sie antwortete: meine Ansichten beruhten auf einem falschen Schein, und erzählte mir nun eine lange Geschichte von Cordiani, der sie durch die Drohung, alles ihrem Bruder zu verraten, was sie mit mir getrieben, das er durch ein Loch in der Decke meines Zimmers, über welchem er schlief, hätte beobachten können. Sie habe ihn wohl in gebührenden Schranken halten können, aber doch sei sie gezwungen gewesen, ihm zuliebe nicht mehr an mein Bett zu kommen, ihn selbst aber öfters in ihrem Kabinett zu empfangen. So sei es auch in jener Nacht gewesen, als sie auf mein Zimmer hätte kommen wollen. Sie habe immer gehofft, Cordiani werde sie bald verlassen, und nach Mitternacht könne sie ihrem mir gegebenen Versprechen doch noch nachkommen. Aber Cordiani habe sie aufgehalten mit einem Plane, wonach er in der Karwoche mit ihr zu einem Onkel nach Ferrara fliehen wollte, wo sie sich so lange aufhalten könnten, bis sein Vater Vernunft annehme und ihr Lebensglück billige.
»Mein Herz blutete«, fuhr sie fort, »wenn ich an dich dachte; aber ich habe mir keinen Vorwurf zu machen, und es ist nichts vorgekommen, was mich deiner Achtung unwert machen könnte. Hätte ich mich zu Opfern, welche nur der Liebe gebracht werden dürfen, entschließen wollen, so wäre es leicht gewesen, den Verräter nach einer Stunde aus meinem Kabinett zu entfernen; aber eher als dieses schreckliche Mittel hätte ich den Tod gewählt. Konnte ich mir denken, daß du draußen dem Winde und Schnee ausgesetzt seist? Wir waren beide zu beklagen, aber ich mehr als du. Es war so im Himmel beschlossen, um mich um meinen Verstand zu bringen, dessen ich mich nur noch in Zwischenräumen erfreue, und ich bin keineswegs sicher, nicht wieder von Krämpfen befallen zu werden. Man behauptet, ich sei besessen und ein böser Geist sei in mich gefahren; ich weiß davon nichts, wenn es aber wahr ist, bin ich die elendste Person auf der Erde.«
Bettina schwieg und ließ ihren Tränen, ihrem Schluchzen und Seufzen freien Lauf. Ich war tief bewegt, obwohl ich fühlte, daß alles, was sie gesagt, zwar wahr sein könne, aber nicht glaubhaft sei: Forse era ver, mà non pero credibile a chi del senso suo fosse signore (Vielleicht war es wahr, aber dennoch nicht glaubhaft für jemand, der im Besitze seines Verstandes war). Nachdem ich ihre Tränen getrocknet, ließ sie ihre schönen Augen in den meinen ruhen, in denen sie die sichtlichen Spuren ihres Sieges zu entdecken glaubte; aber ich überraschte sie, indem ich auf einen Punkt kam, den sie aus List in ihrer Verteidigung unberührt gelassen hatte. Die Rhetorik gebraucht die Geheimnisse der Natur, gerade wie die Maler, die dieser nachzuahmen suchen. Das Schönste, was sie geben, ist falsch. Der verschmitzte Geist dieses Mädchens, der durch kein Studium gebildet war, gewährte ihr den Vorteil, für rein und kunstlos gehalten zu werden; sie wußte dies und verstand diese Kenntnis zu benutzen; aber mir hatte sie eine zu hohe Meinung von ihrer Geschicklichkeit beigebracht. Ich fragte sie, wie ich ihre graziöse Besessenheit, welche sich zur rechten Zeit einstellte, wohl für natürlich halten könnte. Da sah sie mich fest an, senkte dann die Augen und weinte. Das wurde mir lästig und ich fragte, was ich für sie tun könnte. – Wenn das mein Herz nicht sagte, so hätte sie nichts zu fordern. Später würde ich schon einmal bereuen, ihre Leiden, deren Ursache doch ich sei, für erdichtet gehalten zu haben. Mit diesen Worten erhob sie sich, um wegzugehn. Ich rief sie zurück, um ihr zu sagen, das einzige Mittel, meine Zärtlichkeit wiederzugewinnen, bestände darin, daß sie einen Monat keine Krämpfe bekomme und die Notwendigkeit, den schönen Pater Mancia zu rufen, vermeide.
»Das«, sagte sie, »hängt nicht von mir ab; aber warum nennst du den Jakobiner schön? Solltest du argwöhnen?«
»Durchaus nicht; ich argwöhne nichts, denn um etwas zu argwöhnen, müßte ich eifersüchtig sein; aber ich muß dir doch sagen, daß der Vorzug, den deine bösen Geister den Beschwörungen des schönen Mönchs vor denen des häßlichen Kapuziners gaben, zu Auslegungen Anlaß gibt, welche dir nicht zur Ehre gereichen. Halte es übrigens wie du willst.«
Hierauf entfernte sie sich, und nach einer Viertelstunde kehrten die andern heim. Nach dem Abendbrote sagte mir die Magd, ohne daß ich sie befragte, daß Bettina sich mit einem starken Fieberschauer zu Bette gelegt und ihr Bett in die Küche neben das ihrer Mutter habe stellen lassen. Dieses Fieber konnte natürlich sein, aber ich zweifelte daran. Ich war überzeugt, daß sie sich nie entschließen würde, gesund zu sein, denn sie wurde mir dadurch einen zu starken Grund gegeben haben, auch ihre angebliche Schuldlosigkeit gegen Cordiani für falsch zu halten. Daß sie ihr Bett in die Küche neben das ihrer Mutter hatte stellen lassen, hielt ich ebenfalls für eine List. Aber andren Tags nahm das Fieber zu, sie begann wirklich irre zu reden, und am vierten Tage bekam sie die Pocken. Cordiani und die beiden Feltrini, welche diese Krankheit noch nicht gehabt hatten, wurden unverzüglich entfernt; aber ich, der nichts davon zu fürchten hatte, durfte bleiben. Das arme Mädchen wurde so sehr von dieser Pest befallen, daß am sechsten Tage kein Teil des Körpers ihre Haut sehen ließ. Ihre Augen schlossen sich. Mund und Kehle füllten sich so sehr mit Geschwüren, daß nur noch einige Tropfen Honig in ihre Speiseröhre gebracht werden konnten. Das Atmen war sie einzige Bewegung, welche noch an ihr wahrgenommen werden konnte. Ihre Mutter entfernte sich nie von ihrem Bette, und man fand mein Benehmen bewundernswürdig, als ich mit meinem Tisch und meinen Heften mich bei ihrem Bett niederließ. Das arme Mädchen gewährte einen schrecklichen Anblick; ihr Kopf war um ein Dritteil dicker geworden, von der Nase war nichts mehr zu sehen, und es war zu fürchten, daß sie die Augen verlieren würde, selbst wenn sie mit dem Leben davonkommen sollte. Was mich am meisten belästigte, was ich aber dennoch zu ertragen entschlossen war, das war der Geruch ihrer Ausdünstung. Am neunten Tage gab ihr der Pfarrer die Absolution, salbte sie mit dem heiligen Öl und sagte, daß er ihr Geschick in die Hände Gottes lege. Ihr Zustand verschlimmerte sich von Tag zu Tag, und trotz aller Scheußlichkeit verließ ich sie nicht. Das Herz des Menschen ist ein Abgrund, denn wer würde es wohl glauben: Bettina bezeigte mir in diesem schrecklichen Zustand die ganze Zärtlichkeit, die ich ihr nach ihrer Heilung einflößte. Als am dreizehnten Tage das Fieber aufhörte, machte ihr ein unausstehliches Jucken viel zu schaffen; kein Heilmittel hätte dies in dem Grade stillen können, nur die mächtigen Worte, die ich ihr unaufhörlich zurief: »Bettina, bedenke, daß du bald gesund werden wirst; wenn du dich aber kratzest, wirst du so häßlich bleiben, daß dich niemand mehr lieben wird.«
Ich möchte alle Ärzte der Welt herausfordern, ein mächtigeres Mittel gegen das Jucken eines Mädchens aufzufinden, welches sich bewußt war, schön gewesen zu sein, und welches fürchten mußte, durch seine eigene Schuld häßlich zu werden, sobald es sich kratze. Endlich öffnete sie wieder ihre schönen Augen; aber sie mußte bis nach Ostern das Bett hüten. Ich bekam von ihr einige Pocken, von denen drei auf meinem Angesicht unauslöschliche Spuren zurückgelassen haben; aber diese gereichten mir bei ihr zur Ehre, denn sie waren ein Beweis meiner Teilnahme, und sie überzeugte sich, daß ich allein ihre Zärtlichkeit verdiene. Auch liebte sie mich in der Folge ohne alle Täuschung und ich liebte sie ebenso zärtlich, ohne daß ich daran gedacht hätte, die Blume zu pflücken, welche das Schicksal, unterstützt vom Vorurteil, der Ehe aufbewahrte. Aber welche jammervolle Ehe! Bettina heiratete später einen Schuhmacher namens Pigozzi, der sie so arm und unglücklich machte, daß ihr Bruder sie von ihm wegnehmen und für sie sorgen mußte. Als der gute Doktor fünfzehn Jahre später zum Erzpriester von Sankt Georg im Thale gewählt wurde, nahm er sie mit sich, und vor achtzehn Jahren besuchte ich sie; ich fand Bettina alt, krank und im Sterben. Sie hauchte unter meinen Augen ihren Geist aus im Jahre Siebzehnhundertsechsundsiebzig, vierundzwanzig Stunden nach meiner Ankunft.
2
Lucia
Nachdem ich meine Studien auf der Universität in Padua beendet hatte, es war ein rechtes Sauf- und Raufleben, wie es die Studenten führen, kam ich nach Venedig zurück, wo ich auf Beitreiben meines Vormundes die vier ersten Weihen erhielt und so nun als junger Abbé in die beste Gesellschaft geführt wurde, besonders durch einen alten Senator, den Herrn von Malpiero. Dies war ein Greis, der keinen Zahn mehr im Munde hatte, weshalb er wegen seiner langsamen Eßweise stets allein aß, bis ich ihm riet, sich doch eine angenehme Tischgesellschaft dadurch zu verschaffen, daß er sich solche Personen auswähle, die für zwei äßen. Da er auch sonst Gefallen an meinen Gesprächen fand und ich ihm bewies, daß ich, wie er langsam, viel aß, zog er mich täglich zu seiner Tafel. Trotz seines Alters und seiner Gicht konnte er auf die Liebe nicht verzichten; er hatte es in seinem Leben auf zwanzig Mätressen gebracht. Damals liebte er die Tochter eines Komödianten, Therese Imer. Diese besuchte ihn täglich, aber stets in Begleitung ihrer Mutter, welche sich zwar um ihres Seelenheiles willen von der Bühne zurückgezogen hatte, aber doch noch die Interessen des Himmels mit den Werken dieser Welt vermitteln wollte. Täglich mußte ihre Tochter zur Messe und wöchentlich zur Beichte, nachmittags aber führte sie das Mädchen dem verliebten Greis zu, dessen Wut mich in Schrecken setzte, wenn sie ihm einen Kuß verweigerte, weil sie am Morgen ihre Andacht verrichtet habe und den Gott, den sie noch in sich habe, nicht beleidigen wollte. Ich, ein Fünfzehnjähriger, war der einzige Zeuge dieser erotischen Szenen. Da ich bei allen Damen, die zur Gesellschaft des Herrn Malpiero gehörten, meiner Neigung zur Eleganz wegen außerordentlich freundlich aufgenommen wurde, so daß ich sie begleiten durfte, wenn sie ihre Töchter in den klösterlichen Pensionen besuchte, fragte mich Herr von Malpiero einmal, welche Vorteile diese Bekanntschaften mir gebracht und ohne meine Antwort abzuwarten, sagte er, diese Damen seien alle die Tugend selbst und jeder würde von mir eine schlechte Meinung fassen, wenn ich etwas gegen ihren guten Ruf sagen würde. So brachte er mir die weise Lehre der Verschwiegenheit bei. Meine Eleganz brachte aber den Pfarrer auf, zu dessen Kirche ich gehörte, und er drohte mir die Exkommunikation an, wenn ich die Haare nicht anders tragen würde. Da ich aber darauf nicht hörte, schlich er sich eines Morgens mit Hilfe meiner Großmutter in mein Zimmer und schnitt mir alle Haare des Vorderkopfes ab, von einem Ohr bis zum andern. Aber er erreichte das Gegenteil dadurch: Herr von Malpiero schickte mir einen ausgezeichneten Friseur, welcher mein Haar so kunstvoll anordnete, daß ich noch zufriedener mit meinem Aussehen wurde. Ich wollte mich zwar rächen, das Gericht anrufen, vor allem aber mich einem anderen Pfarrer unterstellen, aber nach einiger Zeit bestimmte Herr von Malpiero mich zum Redner für den Panegyrikus auf das heilige Sakrament, was er als Präsident der Brüderschaft zu übertragen hatte. Ich war entzückt und machte mich gleich an die Arbeit, für die ich das Thema dem Horaz entnahm: Floravere suis non respondere favorem speratum meritis (Sie beklagten sich, daß die gehoffte Gunst nicht ihren Verdiensten entspräche). Als ich fertig, begab ich mich zum Pfarrer; da er abwesend und ich ihn erwarten wollte, so näherte ich mich seiner Nichte Angela und verliebte mich in sie. Am Stickrahmen saß sie, stickte, und als ich mich neben sie gesetzt, sagte sie, sie wünschte mich kennen zu lernen und werde sich freuen, wenn ich ihr erzählen wollte, wie mir ihr Onkel mein Toupet abgeschnitten. Diese Liebe wurde mir verhängnisvoll. Als der Pfarrer nach Hause kam, schien ihm meine Bekanntschaft mit seiner Nichte gar nicht unangenehm. Er nahm meine Predigt, las sie und meinte, es sei eine recht hübsche akademische Abhandlung, aber keine Predigt. Er wollte mir dann eine von seinen geben, die ich vortragen solle, aber ich lehnte es ab. Wir stritten nun einige Tage, bis ich mich, Herrn Malpiero zuliebe, unterwarf. Meine Predigt wurde mit Begeisterung aufgenommen, und alle weissagten mir, ich sei berufen, der erste Prediger des Jahrhunderts zu werden. Der Klingelbeutel brachte mir fünfzig Zechinen und mehrere Liebesbriefe, worüber die Frommen empört waren. Diese reiche Ernte ließ mich den Entschluß fassen, Prediger zu werden, was ich dem Pfarrer mitteilte. Da ich um seine Unterstützung bat, erhielt ich das Recht, ihn täglich zu besuchen; dies benutzte ich, um Angela zu sehen, in welche ich mich immer heftiger verliebte. Aber Angela war tugendhaft, sie wollte wohl, daß ich sie liebe, aber sie wollte auch, daß ich den geistlichen Stand aufgäbe und sie heirate. Trotz meiner Zuneigung zu ihr konnte ich mich dazu nicht entschließen, und dennoch besuchte ich sie fortwährend, weil ich ihr andre Ansichten beizubringen hoffte. Doch ein Geschick sollte mich in meinen höchsten Träumen tödlich treffen. Der Pfarrer fand Geschmack an meiner Predigt und beauftragte mich mit einer andern zum Sankt Josephstag. Als ich ihm diese vorlas, war er voller Enthusiasmus dafür. Jung und eingebildet, wie ich damals war, glaubte ich, ich hätte nicht nötig, das Manuskript auswendig zu lernen; wenn ich mir nur den Gedankengang merkte, so hoffte ich, der noch niemals in irgendeiner Gesellschaft um ein Wort verlegen war, mich leicht aus dem Stegreif weiterzubringen, wenn mich das Gedächtnis einmal verlassen sollte. Dieser Leichtsinn schlug mir zum Übel aus. Man holte mich von einem Essen in die Kirche; mit vollem Magen, erhitztem Kopfe bestieg ich die Kanzel. Zu Anfang ging alles gut, dann aber versagten mir die Gedanken vollkommen, ich stotterte dies und jenes, und die Unruhe der Gemeinde, aus der einige Male ein Gelächter an mein Ohr klang, verwirrte mich vollends. Kam nun wirklich eine Ohnmacht über mich oder rettete ich mich absichtlich hinein; ich weiß es nicht mehr, ich ließ mich umsinken und wurde so von den Kirchendienern in die Sakristei gebracht. Ohne etwas zu sagen, nahm ich Mantel und Hut, eilte nach Hause, packte mein Köfferchen und reiste nach Padua, um dort mein drittes Examen abzulegen. Nach Ostern kehrte ich als Doktor nach Venedig zurück. Es dachte niemand mehr an mein Mißgeschick, und vom Predigerberuf war keine Rede mehr. Den ganzen Sommer schwärmte ich Angela an, deren außerordentliche Zurückhaltung mich aufregte, so daß meine Liebe schon zur Qual wurde. Mein glühendes Naturell verlangte nach einer Geliebten von Bettinas Art, sie sollte meine Liebe befriedigen, aber nicht löschen. Ich war selbst noch rein, in gewissem Sinne, daher schenkte ich dem Mädchen die größte Verehrung. Höchst abweisend behandelte sie mich, so daß mich die Leidenschaft fast verzehrte. Dagegen wirkten meine glühenden Reden auf zwei Schwestern, ihre Freundinnen, welche mit ihr dieselbe Sticklehrerin besuchten, und hätten meine Blicke nicht ausschließlich an der Grausamen gehangen, ich hätte ohne Zweifel gemerkt, daß die beiden schöner und gefühlvoller waren. Aber ich war geblendet. Auf alle meine Bitten antwortete Angela höchstens, sie wolle meine Frau werden, und wenn sie einmal gestand, sie leide genau so sehr wie ich, so schien es ihr die höchste Gnade. In diesem Gemütszustand nahm ich eine Einladung der Gräfin Monte Reale nach Paseano an, wo ich bei ihr die glänzendste Gesellschaft treffen sollte, zu deren Vergnügen ich auch einen guten Teil beisteuerte. Dort vergaß ich für einige Zeit meine hartherzige Angela. In dem Schlosse war mir im Erdgeschoß ein hübsches Zimmer angewiesen worden, welches nach dem Garten hinausging. Als ich am Morgen nach meiner Ankunft aufwachte, wurden meine Augen entzückt durch den Anblick des reizenden Wesens, welches mir den Kaffee brachte. Es war ein ganz junges Mädchen, aber entwickelt wie eine Siebzehnjährige; sie war erst vierzehn Jahre alt. Ihre Haut wie Alabaster, ihre Haare wie Ebenholz, ihre schwarzen, feurigen und unschuldigen Augen, die hübsche Art, ihr Haar zu tragen, die Kleidung, die nur in einem Hemde und einem kurzen Unterrocke bestand und schöngeformte Beine und die niedlichsten Füße sehen ließ: alles dies ließ sie in meinen Augen als eine einzigartige und vollkommene Schönheit erscheinen. Ich betrachtete sie mit dem größten Interesse und ihr Auge ruhte auf mir, als ob wir alte Bekannte wären.
»Sind Sie mit Ihrem Bette zufrieden?«, fragte sie mich.
»Sehr zufrieden; ich bin sicher, Sie haben es gemacht. Wer sind Sie?«
»Ich bin Lucia, Tochter des Hausmeisters. Ich freue mich, daß sie keinen Bedienten haben; ich werde Sie bedienen und bin überzeugt, Sie werden mit mir zufrieden sein.«
Entzückt über diesen Anfang richte ich mich im Bette auf und sie hilft mir beim Anziehen des Schlafrockes, wobei sie allerlei Sachen spricht, die ich nicht verstehe. Ich fange nun an, meinen Kaffee zu trinken, ebenso verlegen, wie sie sicher ist, und geblendet von einer Schönheit, gegen die man unmöglich gleichgültig bleiben konnte. Sie hatte sich am Fuße des Bettes gesetzt und rechtfertigte die Freiheit, welche sie sich nahm, nur durch ein Lächeln, das alles sagte. Ich trank noch meinen Kaffee, als Lucias Vater und Mutter eintraten. Sie verließ ihren Platz nicht und ihre Blicke schienen einen gewissen Stolz zu verkünden. Diese guten Leute machten ihr sanfte Vorwürfe, baten mich ihretwegen um Verzeihung, worauf sich Lucia entfernte, um ihren Geschäften nachzugehen. Als sie weggegangen, sagten ihr Vater und ihre Mutter mir tausend Artigkeiten und lobten ihre Tochter.
»Sie ist«, sagten sie, »unser einziges Kind, ein liebes Mädchen, die Hoffnung unseres Alters. Sie liebt uns, gehorcht uns und fürchtet Gott: sie ist gesund wie ein Fisch und hat unsers Wissens nur einen einzigen Fehler.«
»Worin besteht dieser?«
»Sie ist zu jung.«
»Ein reizender Fehler, der sich mit der Zeit bessern wird.«
Ich konnte mich bald überzeugen, daß die Redlichkeit, die Wahrheit, die häuslichen Tugenden und das wahre Glück bei diesen Leuten zu Hause waren. Während mich diese Vorstellung auf eine angenehme Weise beschäftigte, kam Lucia wieder, lustig wie ein Vogel, gewaschen, angezogen, frisiert nach ihrer Weise und mit guten Schuhen, und nachdem sie mir eine Verbeugung gemacht, wie sie auf dem Lande üblich, küßte sie ihren Vater und ihre Mutter und setze sich dann auf die Knie des braven Mannes. Ich sagte zu ihr, sie möchte sich auf mein Bett setzen; aber sie erwiderte, diese Ehre stehe ihr nicht zu, wenn sie angekleidet sei. Die Einfachheit und Unschuld, welche sich in der Antwort aussprachen, entzückten mich und ließen mich lächeln. Ich untersuchte, ob sie in ihrer kleinen Toilette niedlicher aussehe als in ihrem Negligé, und ich entschied mich für das letzte. Mit einem Wort, ich gab Lucia den Vorzug nicht nur vor Angela, sondern auch vor Bettina. Als der Friseur kam, verließ mich die ehrbare und einfache Familie, und nachdem ich meine Toilette beendet, begab ich mich zur Gräfin und ihrer liebenswürdigen Tochter. Der Tag wurde sehr heiter verlebt, wie gewöhnlich auf dem Lande, wenn man sich in gewählter Gesellschaft befindet. Am folgenden Morgen, als ich aufgewacht, klingle ich, und siehe da, Lucia erscheint einfach und natürlich wie am vorigen Tage, und setzt mich durch ihre Reden und durch ihr Benehmen wieder in Erstaunen. Der Reiz der Unbefangenheit und Unschuld schmückte ihr ganzes Wesen. Ich konnte nicht begreifen, wie sie als tugendhaftes, ehrbares und keineswegs dummes Mädchen so vertraulich und ohne die Furcht, mich zu entzünden, zu mir kommen konnte. Sie muß, sagte ich mir, auf kleine Schäkereien keinen Wert legen und deshalb nicht ängstlich sein; ich beschloß deshalb, ihr den Beweis zu geben, daß ich ihr Gerechtigkeit widerfahren lasse. Gegen ihre Eltern, welche ich für ebenso sorglos hielt, glaubte ich mir keine Vorwürfe machen zu müssen; ich fürchtete ebensowenig, daß ich zuerst einen Angriff auf die schöne Unschuld machen und das dunkle Licht des Bösen in ihrer Seele entzünden würde: da ich mich also weder von meinem Gefühle täuschen lassen, noch ihm zuwiderhandeln wollte, so beschloß ich mich aufzuklären. Ich strecke verwegen die Hand nach ihr aus, und unwillkürlich bebt sie zurück und wird rot; ihre Heiterkeit verschwindet, und den Kopf umdrehend, als ob sie etwas suche, wartet sie, bis ihre Verwirrung vorüber ist. Alles dies war das Werk einer Minute. Sie näherte sich mir von neuem; sie schien sich zu schämen, daß sie ungefällig gegen mich gewesen war, und zu fürchten, daß sie eine Handlung, die unschuldig oder feine Sitte sein konnte, schlecht gedeutet. Ihr natürliches Lachen kehrte bald zurück, und da ich in einem Augenblick alles was ich eben geschildert, in ihrer Seele gelesen, so beeilte ich mich, sie zu beruhigen; und da ich einsah, daß ich mit der Tat zu weit gegangen war, beschloß ich, am folgenden Morgen nur mit ihr zu plaudern. Am folgenden Morgen griff ich, meinem Plane gemäß, eine Äußerung von ihr auf und sagte zu ihr, es sei kalt und sie werde die Kälte nicht fühlen, wenn sie neben mir liege.
»Aber werde ich Sie nicht inkommodieren?«
»Nein; aber deine Mutter könnte böse werden, wenn sie dazu käme.«
»Sie wird nichts Böses denken.«
»Komm also. Aber weißt du auch, welcher Gefahr du dich aussetzest.«
»Gewiß; aber Sie sind artig und was mehr sagen will, Abbé.«
»Komm also; aber vorher schließe die Tür.«
»Nein, nein, denn man könnte wer weiß was denken.«
Endlich legte sie sich an meine Seite, schwatzte fortwährend, ohne daß ich verstand, was sie sagte; denn da das sonderbare Mädchen meine Wünsche nicht erhören wollte, so hatte ich das Ansehen des unbehilflichsten Menschen. Die Sorglosigkeit dieses Mädchens, welche sicherlich nicht erkünstelt war, imponierte mir so sehr, daß ich mich geschämt haben würde, ihr Vertrauen zu täuschen. Sie sagte endlich, es hätte zehn Uhr geschlagen, und wenn der alte Graf Antonio käme und uns in der Lage fände, würde er Späße machen, die ihr unangenehm wären.
»Wenn ich diesen Mann nur sehe«, sagte sie, »so laufe ich davon.«
Hierauf verließ sie ihren Platz und entfernte sich. Ich blieb lange unbeweglich auf derselben Stelle liegen in stumpfsinniger Betäubung und dem Sturme meiner aufgeregten Sinne und meiner Gedanken preisgegeben. Da ich am folgenden Tage meine Ruhe behalten wollte, so ließ ich sie auf meinem Bette sitzen, und die Reden, zu welchen ich sie veranlaßte, überzeugten mich endlich, daß sie mit Recht der Abgott ihrer Eltern sei und daß die Freiheit ihres Geistes und ihr unbefangenes Benehmen nur aus ihrer Unschuld und Seelenreinheit entspringe. Ihre Naivität, ihre Lebendigkeit, ihre Neugierde und die Schamröte, welche ihr schönes Gesicht überzog, wenn die komischen Sachen, die sie sagte und bei denen sie sich nichts Böses dachte, mich zum Lachen brachten: alles dies zeigte mir, daß sie ein Engel, der unfehlbar die Beute des ersten besten Lüstlings, der sie verführen wolle, werden würde. Ich fühlte mich stark genug, um mir keine Vorwürfe gegen sie machen zu dürfen. Schon der bloße Gedanke daran ließ mich schaudern, und meine Eigenliebe verbürgte Lucias Ehre ihren guten Eltern, deren gute Meinung von meiner Sittlichkeit sie mir anvertraute. Es kam mir vor, als ob ich mich in meinen eigenen Augen verächtlich machen müßte, wenn ich das in mich gesetzte Vertrauen täuschen wollte. Ich beschloß also, mich zu beherrschen, und da ich sicher war, immer den Sieg zu behaupten, begann ich den Kampf gegen mich selbst und betrachtete ihre bloße Gegenwart als den Lohn meiner Anstrengungen. Ich kannte noch nicht den Satz, daß, solange der Kampf dauere, der Sieg ungewiß sei. Der Instinkt gab mir ein, zu sagen, sie würde mir einen Gefallen tun, wenn sie am folgenden Tage früher kommen und mich sogar wecken wollte, wenn ich noch schlafen sollte, und um meiner Bitte mehr Nachdruck zu geben, fügte ich hinzu: je weniger ich schlafe, desto besser ich mich befände; ich fand hierin das Mittel, unsre Unterhaltungen statt zwei Stunden drei dauern zu lassen, obwohl dieser Kunstgriff nicht hindern konnte, daß die Zeit wie ein Blitz entfloh. Ihre Mutter kam zuweilen dazu, während wir schwatzten, und wenn diese gute Frau sie auf meinem Bette sitzen sah, so glaubte sie ihr nichts mehr sagen zu dürfen, sondern begnügte sich, meine Güte zu bewundern. Lucia gab ihr hundert Küsse, und die gute Frau bat mich, sie in allem Guten zu unterweisen und an der Bildung ihres Geistes zu arbeiten; wenn sie sich entfernt hatte, betrachtete Lucia sich nicht als freier und behielt ohne alle Veränderung den alten Ton bei. Die Gesellschaft dieses Engels verursachte mir die grausamsten Qualen, während sie mir zugleich das größte Entzücken bereitete. Oft, wenn ihre Wangen nur zwei Finger breit von meinem Munde entfernt waren, bemächtigte sich meiner der Wunsch, sie mit Küssen zu bedecken, und mein Blut entflammte sich, wenn ich sie sagen hörte, sie hätte meine Schwester sein mögen. Aber ich besaß Zurückhaltung genug, um die geringste Berührung zu vermeiden, denn ich fühlte, daß ein einziger Kuß der Funke gewesen sein würde, der das ganze Gebäude in die Luft gesprengt hätte. Wenn sie weggegangen staunte ich, daß ich den Sieg hatte davontragen können, aber nach neuen Lorbeeren verlangend, sah ich seufzend dem folgenden Tage entgegen, um diesen süßen und gefährlichen Kampf zu erneuern. Die kleinen Wünsche sind es besonders, welche einen jungen Mann kühn machen; die großen zehren seine Kraft auf und halten ihn in Schranken. Da ich mich nach zehn oder zwölf Tagen in die Notwendigkeit versetzt sah, entweder mit der Sache ein Ende zu machen oder Verbrecher zu werden, so entschloß ich mich um so eher für das erste, als ich des Erfolgs im andern Falle keineswegs sicher war; denn Lucia wäre, wenn ich sie genötigt hätte, sich zu verteidigen, eine Heldin geworden, und da die Zimmertür offen war, so hätte ich Schande und nutzlose Reue zu fürchten gehabt, und diese Idee erschreckte mich. Aber ich konnte nicht länger einer Schönheit widerstehen, welche mit Tagesanbruch und kaum bekleidet fröhlichen Mutes an mein Bett kam, mich fragte, ob ich gut geschlafen, sich vertraulich meinem Gesichte näherte und gewissermaßen ihre Worte auf meine Lippen legte. In einem so gefährlichen Augenblicke wendete ich den Kopf ab, und sie warf mir mit ihrem unschuldigen Tone vor, daß ich Furcht habe, während sie sich durchaus sicher fühle, und wenn ich ihr lächerlicherweise antwortete, sie habe unrecht, zu glauben, daß ich ein Kind fürchten könne, so entgegnete sie, der Unterschied von zwei Jahren habe nichts zu bedeuten. Da ich dies nicht mehr aushalten konnte, und da das Feuer, welches mich verzehrte, sich immer heftiger entflammte, so beschloß ich, sie zu bitten, mich nicht mehr zu besuchen, und dieser Entschluß schien mir großartig und von unfehlbarer Wirkung; da ich aber die Ausführung auf den folgenden Tag verschob, so verbrachte ich eine schwer zu beschreibende Nacht; bestürmt vom Bilde Lucias wie von der Idee, daß ich sie am nächsten Tage zum letzten Male sehen würde. Ich bildete mir ein, daß Lucia nicht nur auf meinen Plan eingehen, sondern auch für ihre ganze übrige Lebenszeit die höchste Achtung gegen mich fassen würde. Kaum war am nächsten Tage der Morgen angebrochen, als Lucia mit strahlendem Gesicht, mit dem Lächeln des Glücks auf ihrem schönen Munde und mit ihrem schönen in der reizendsten Unordnung niederwallenden Haar auf mein Bett zueilt; aber plötzlich bleibt sie stehen, ihre Züge nehmen den Ausdruck der Traurigkeit und Besorgnis an, und da sie mich bleich, eingefallen und betrübt sieht, so fragt sie teilnahmsvoll: »Was fehlt Ihnen?«
»Ich habe die Nacht nicht schlafen können.«
»Und warum nicht?«
»Weil ich gesonnen bin, Ihnen einen Plan mitzuteilen, der für mich sehr betrübend ist, von dem ich aber hoffe, daß er mir Ihre Achtung verschaffen wird.«
»Wenn er Ihnen meine Achtung verschaffen soll, so muß er Sie vielmehr heiter stimmen. Aber sagen Sie mir, Herr Abbé, warum Sie mich heute wie eine Dame behandeln, während Sie mich noch gestern geduzt haben. Was habe ich Ihnen getan? Ich werde Ihnen Ihren Kaffee holen; und wenn Sie ihn getrunken, sollen Sie mir alles sagen.«
Sie entfernt sich und kommt wieder; ich trinke meinen Kaffee, und da sie mich immer noch ernst sieht, sucht sie mich zu erheitern, bringt mich zum Lachen und freut sich darüber. Nachdem sie alles wieder an seinen Platz gesetzt, schloß sie die Tür, weil es windig war, und da sie kein Wort von dem, was ich ihr sagen würde, verlieren wollte, bat sie mich sehr naiv, ihr ein Plätzchen an meiner Seite einzuräumen. Ich tat, was sie wollte, denn ich fühlte fast kein Leben mehr in mir. Nachdem ich ihr einen getreuen Bericht meines Zustandes gegeben, in welchen mich ihre Reize versetzt, und ihr alle Schmerzen geschildert, welche mir der Widerstand gegen den lebhaften Wunsch, ihr Beweise meiner Liebe zu geben, verursacht, stellte ich ihr vor, daß ich meine Qualen nicht mehr ertragen könne und mich zu der Bitte an sie genötigt sehe, sich nicht mehr vor meinen Augen zu zeigen. Der Wert, welchen ich auf diese Sache legte, die Wahrheit meiner Leidenschaft, der Wunsch, daß das von mir gewählte Mittel ihr als die großartige Anstrengung einer vollkommenen Liebe erscheinen möge, alles dies verlieh mir eine besondere Beredsamkeit. Ich suchte ihr besonders begreiflich zu machen, welche schrecklichen Folgen ein anderes als das von mir vorgeschlagene Betragen haben könnte und wie unglücklich wir beide dann sein würden. Als ich meine lange Rede beendet und Lucia meine Augen von Tränen benetzt sah, entblößte sie sich, um mir diese zu trocknen, ohne zu bedenken, daß sie dadurch zwei Halbkugeln ans Licht brachte, deren Schönheit imstande war, auch den erfahrensten Piloten Schiffbruch leiden zu lassen. Nach einigen Augenblicken einer stummen Szene sagte das reizende Mädchen mit traurigem Tone, meine Tränen betrübten sie und sie hätte nie geglaubt, daß ich ihretwegen welche vergießen würde.
»Alles, was Sie mir sagen, fügte sie hinzu, beweist mir, daß Sie mich sehr lieben; aber ich weiß nicht, weshalb Sie dies so trüb stimmt, während Ihre Liebe mir ein unendliches Vergnügen macht. Sie wollten mich aus Ihrer Gegenwart verbannen, weil Sie Ihre Liebe fürchten. Was würden Sie dann aber tun, wenn Sie mich haßten? Trifft mich eine Schuld, weil ich Ihnen gefalle? Und wenn die Liebe, die ich Ihnen eingeflößt, ein Verbrechen ist, so versichere ich Ihnen, daß ich nicht die Absicht gehabt, eins zu begehen, und daher können Sie mich mit gutem Gewissen auch nicht strafen. Ich kann Ihnen auch nicht verschweigen, daß ich mich sehr darüber freue, daß Sie mich lieben. Können wir den Gefahren, die ich wohl kenne, nicht trotzen? Ich wundere mich, daß dies mir unwissenden Person nicht schwer erscheint, während Sie, der, wie alle sagen, so gelehrt ist, sich so sehr davor fürchten. Ich wundere mich, daß die Liebe, die doch keine Krankheit ist, Sie krank machen kann und auf mich aber eine ganz entgegengesetzte Wirkung hervorbringt. Oder sollte ich mich täuschen und das, was ich für Sie fühle, etwas andres als Liebe sein? Als ich heute morgen zu Ihnen kam, war ich so heiter, wie Sie mich noch nie gesehen, weil ich die ganze Nacht von Ihnen geträumt; das hat mich jedoch nicht gehindert zu schlafen; nur bin ich fünf- oder sechsmal aufgewacht, um mich zu überzeugen, ob mein Traum wahr sei, denn ich träumte, daß ich bei Ihnen wäre; wenn ich sah, daß dies nicht der Fall, schlief ich rasch wieder ein, um wieder zu meinem Traume zu gelangen, und dies gelang mir auch. Hatte ich also heute morgen nicht Grund, heiter zu sein? Wenn, mein lieber Abbé, für Sie die Liebe eine Qual ist, so tut es mir leid; oder sollten Sie vielleicht bestimmt sein, nicht zu lieben? Ich werde alles tun, was Sie befehlen, nur werde ich, sollte auch Ihre Heilung davon abhängen, nicht aufhören, Sie zu lieben, weil dies nicht möglich ist. Wenn Sie aber, um gesund zu werden, mich nicht mehr lieben dürfen, so tun Sie, was in Ihrer Macht steht, denn ich will lieber, daß Sie leben und nicht lieben, als daß Sie vor zu großer Liebe sterben. Aber sehen Sie erst zu, ob Sie nicht ein andres Mittel finden, denn das, welches Sie mir vorgeschlagen haben, betrübt mich. Bedenken Sie sich, vielleicht gelingt es Ihnen, ein weniger schmerzliches zu finden. Geben Sie mir ein ausführbares an die Hand und vertrauen Sie auf Lucia.«
Diese wahre, naive und natürliche Rede überzeugte mich, wie sehr die Beredsamkeit der Natur der der philosophischen Bildung überlegen ist. Ich drückte das himmlische Mädchen zum ersten Male in meine Arme und sagte: »Ja, teure Lucia, du kannst dem Leiden, welches mich verzehrt, die süßeste Erleichterung bringen; gib deinen göttlichen Mund, welcher mir versichert, daß du mich liebst, meinen glühenden Küssen hin.«
So verbrachten wir eine Stunde in einem köstlichen Schweigen, welches nur durch die von Lucia von Zeit zu Zeit wiederholten Worte: »O mein Gott, ist es wahr, daß ich nicht träume?« unterbrochen wurde.
Ich hörte nicht auf, ihre Unschuld zu achten, und vielleicht gerade deshalb, weil sie sich ganz und ohne den geringsten Widerstand hingab. Endlich aber, sich sanft aus meinen Armen losmachend, sagte sie mit dem Ausdruck der Unruhe: »Mein Herz fängt an zu sprechen, ich muß gehen«, und stand augenblicklich auf.
Als sie sich etwas in Ordnung gebracht, setzte sie sich, und einige Augenblicke später kam ihre Mutter, welche mir über mein gutes Aussehen und meine frische Farbe Komplimente machte und sodann zu ihrer Tochter sagte, sie möchte sich zur Messe ankleiden. Nach einer Stunde kam Lucia wieder und sagte, das Wunder, welches sie bewerkstelligt, mache sie ganz glücklich und sie sei stolz darauf; denn mein jetziger Zustand der Gesundheit überzeuge sie mehr von meiner Liebe als der erbarmenswerte, in welchem sie mich heute morgen gefunden.
»Wenn dein vollkommenes Glück«, fügte sie hinzu, »nur von mir abhängt, so genieße, ich habe dir nichts abzuschlagen.«
Als sie mich zwischen Trunkenheit und Furcht schwankend verlassen hatte, bedachte ich, daß ich am Rande eines Abgrundes stände und daß ich einer übernatürlichen Kraft bedürfte, um nicht in ihn hineinzufallen. Ich blieb während des ganzen Septembers in Pasean, und die elf oder zwölf letzten Nächte meines dortigen Aufenthalts brachte ich im ruhigen und freien Besitze Lucias zu, die, nachdem sie sich überzeugt, daß ihre Mutter schlafe, zu mir kam und in meinen Armen die köstlichsten Stunden verbrachte. Meine Glut, weit entfernt, abzunehmen, vermehrte sich durch meine Enthaltsamkeit, die zu bekämpfen sie alles mögliche tat. Sie konnte, so schien es mir, die Süßigkeit der verbotenen seltenen Frucht nur dann recht kosten, wenn sie diese nicht völlig pflücken ließ, und die Wirkung einer beständigen Berührung war zu stark, als daß ein junges Mädchen zu widerstehen vermocht hätte. Auch tat Lucia alles mögliche, um mich auf falsche Fährte zu führen, indem sie mir sagte, ich hätte schon die äußersten Gunstbezeigungen genossen, und ich erreichte das Ende meines dortigen Aufenthalts, ohne so süßen Versuchungen gänzlich zu unterliegen. Bei meiner Abreise von Pasean versprach ich ihr, im nächsten Frühjahr wiederzukommen. Als ich aber später wiederkam, hörte ich zu meinem Schrecken, daß Lucia mit dem Läufer des Grafen entflohen, nachdem durch ihre Körperbeschaffenheit ihre Verführung offenbar. Ich war nicht mehr stolz auf meine Selbstbeherrschung, sondern schämte mich ihrer. Untröstlich machte mich der Gedanke, daß ich das Mädchen vielleicht ins Elend gejagt. Erst nach einundzwanzig Jahren sollte ich sehen, was ich angerichtet: Als ich mich in Amsterdam aufhielt, besuchte ich eines Tages eine Musikhalle. Mein Begleiter nannte einmal laut meinen Namen, da stellte sich eines jener unseligen Geschöpfe vor mich hin, rief mich mit trauriger Stimme an, und trotz des schlechten Lichtes erkannte ich Lucia: sie war zur gemeinen Matrosendirne geworden, verdorben durch Laster und Krankheit, ein Gegenstand des Ekels.
3
Annita und Marietta
Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Venedig schwärmte ich wieder um Angela, mit welcher ich so weit zu kommen hoffte, wie mit Lucia. Ihre beiden Freundinnen, mit denen zusammen sie die Sticklehrerin besuchte, waren in all ihre Geheimnisse eingeweiht, und da sie die Strenge Angelas tadelten, klagte ich ihnen mein Leid und offenbarte ihnen das verzehrende Feuer meiner Liebe, was ich in Angelas Gegenwart nicht zu tun wagte. Wahre Liebe flößt immer Zurückhaltung ein; man fürchtet, übertrieben zu erscheinen, wenn man alles sagt, der bescheidene Liebhaber sagt aus Furcht, zu viel zu sagen, oft zu wenig. Die Sticklehrerin, eine alte Frömmlerin, machte den Onkel Angelas auf meine Besuche aufmerksam, so daß mir der eines Tages bedeutete, diese könnten dem Rufe seiner Nichte schaden. Das traf mich wie ein Donnerschlag. Aber die Freundinnen wußten meiner Liebe Rat. Sie waren Waisen und lebten im Hause ihrer Tante, Madame Orio, welche zwar aus gutem Hause stammte, aber nicht besonders reich war. Diese Dame wünschte nun in die Liste der adligen Damen eingetragen zu werden, welche sich um die Gnadenbewilligungen der Brüderschaft des heiligen Sakramentes bewarben. Da Angela, welche jeden Sonntag bei Madame Orio zu Besuch weilte, nun der Dame mitteilte, ich unterhielte die besten Beziehungen mit dem Präsidenten, Herrn von Malpiero, glaubte Madame Orio nichts gefährliches darin zu sehen, wenn sie mich in ihr Haus einlud, trotz meiner Liebe zu einer ihrer Nichten, was Angela ihr eingeredet hatte. Ich wurde also mit Madame Orio und ihrem alten Freunde, dem Prokurator Rosa, bekannt. Mit Hilfe der Therese Imer erlangte ich von meinem Gönner Genehmigung des Gesuchs der Madame Orio, und als ich damit ins Haus trete, übergibt mir Annita ein Billett mit der Bitte, ich möchte es noch lesen, bevor ich das Haus verließe. Nachdem mir Madame ihren Dank durch Gewährung zweier Küsse abgestattet – sie erlaubte sich dies, da man nichts einwenden könnte: sei sie doch dreißig Jahre älter als ich, sie hätte ruhig fünfundvierzig sagen können – suchte ich einen geheimen Ort auf, um das Briefchen zu lesen. Da hieß es: ›Meine Tante wird Sie zum Essen einladen; nehmen Sie die Einladung nicht an. Entfernen Sie sich, wenn wir uns zu Tische setzen, und Marietta wird Ihnen bis zur Straßentür leuchten; aber gehen Sie nicht aus dem Hause. Wenn die Türe wieder geschlossen ist und man Sie weggegangen glaubt, so schleichen Sie sich leise bis zum dritten Stockwerk hinauf, wo Sie uns erwarten. Wir kommen, sobald Herr Rosa weggegangen und unsre Tante sich zu Bette gelegt hat. Es wird nun von Angela abhängen, Ihnen während der Nacht ein Tete-a-tete zu bewilligen, zu welchem ich Ihnen Glück wünsche.‹ Welche Freude! Als ich in den Salon zurückgekehrt war, sagte Madame Orio, nachdem sie mir nochmals gedankt, ich würde mich in Zukunft aller Rechte eines Hausfreundes zu erfreuen haben. Als die Zeit des Abendessens gekommen war, wußte ich so gute Entschuldigungen vorzubringen, daß Madame Orio sie gelten lassen mußte. Marietta nahm nun das Licht, um zu leuchten; da aber die Tante Annita für die von mir Begünstigte hielt, so gab sie dieser so gebieterisch den Befehl, daß sie gehorchen mußte. Diese steigt rasch die Treppe hinunter, öffnet die Tür, welche sie mit Geräusch wieder zuschlägt, löscht das Licht aus und geht wieder hinauf, mich in der Dunkelheit zurücklassend. Ich steige leise hinauf bis ins dritte Stockwerk, trete in das Zimmer der Damen, setze mich auf ein Sofa und erwarte die glückliche Schäferstunde. Ich saß hier ungefähr eine Stunde, versunken in die süßesten Träumereien; endlich höre ich die Straßentüre öffnen und wieder schließen, und einige Minuten nachher sehe ich die beiden Schwestern und Angela eintreten. Ich ziehe sie an mich und nur sie sehend, spreche ich zwei volle Stunden mit ihr. Es schlägt Mitternacht: man bedauert mich, daß ich nicht zu Abend gegessen, aber ihr Mitleid verletzt mich und ich antworte, daß ich mich im Schoße des Glücks durch kein Bedürfnis beunruhigt fühlen könne. Man antwortet mir, ich sei Gefangener, da der Schlüssel zur Haustür sich unter dem Kopfkissen der Tante befinde, welche nicht eher öffne, als bis sie zur ersten Messe gehe. Ich bezeigte ihnen mein Erstaunen darüber, daß sie glauben könnten, ich hielte diese Nachricht für eine schlechte; ich freue mich vielmehr, daß ich fünf Stunden vor mir habe, die ich mit meiner Angebeteten zubringen dürfe. Eine Stunde später fing Annita an zu lachen; Angela wollte den Grund wissen, und nachdem ihr diese ihn ins Ohr gesagt, fing auch Marietta an zu lachen. Gereizt darüber wollte ich nun auch die Veranlassung ihrer Heiterkeit erfahren, und Annita, welche eine betrübte Miene annahm, machte die Mitteilung, daß sie weiter kein Licht hätten und daß wir in einigen Augenblicken im Dunkel sitzen würden. Diese Nachricht erfüllte mich mit Freude; aber ich ließ sie nicht merken und sagte, es täte mir um ihretwillen leid. Ich machte ihnen nun den Vorschlag, sich zu Bette zu legen und ruhig zu schlafen, da sie auf meine Bescheidenheit rechnen dürften. Dieser Vorschlag brachte sie zum Lachen.
»Was werden wir im Dunkeln anfangen?«
»Wir werden plaudern.«
Wir waren unserer vier; schon drei Stunden lang sprachen wir und ich war der Held des Stücks; die Liebe ist ein großer Dichter; ihr Stoff ist unerschöpflich, aber wenn das Ziel, nach welchem sie strebt, nie erreicht wird, so ermüdet und verstummt sie. Meine Angela hörte zu; da sie aber nicht sehr gesprächig war, so antwortete sie nur selten und zeigte viel mehr gesunden Menschenverstand als Geist. Um meine Gründe zu bekämpfen, tat sie oft weiter nichts, als mir ein Sprichwort, gewissermaßen wie mit einem Katapult, zuzuschleudern. Entweder wich sie zurück, oder stieß mit der unangenehmsten Sanftmut meine armen Hände zurück, wenn der Liebesgott sie mir zu Hilfe rief. Nichtsdestoweniger fuhr ich fort zu sprechen und zu gestikulieren, ohne den Mut zu verlieren; aber ich geriet in Verzweiflung, wenn ich sah, daß meine so fein gesponnenen Gründe sie betäubten, anstatt sie zu überzeugen und anstatt ihr Herz zu rühren, es nur erschütterten. Andrerseits war ich höchst erstaunt, auf dem Gesicht der beiden Schwestern die Wirkung der Pfeile, welche ich gegen Angela abschleuderte, wahrzunehmen. Meine Lage war der Art, daß ich trotz der Jahreszeit dicke Tropfen schwitzte. Da endlich das Licht zu verlöschen drohte, so stand Annita auf und trug es fort. Sobald es dunkel geworden, streckte ich natürlich meine Arme aus, um den Gegenstand, der für meine damalige Stimmung ein Bedürfnis war, zu erfassen, da ich aber nichts fand, so fing ich an darüber zu lachen, daß Angela noch die Gelegenheit benutzt hatte, um sich in Sicherheit zu bringen. Eine ganze Stunde lang sagte ich ihr das Heiterste und Zärtlichste, was die Liebe nur eingeben konnte, um sie zur Rückkehr an ihren früheren Platz zu bewegen. Ich konnte ihr Benehmen unmöglich für etwas anderes als einen Scherz halten. Endlich fing ich denn doch an ungeduldig zu werden.
»Dieser Spaß«, sagte ich, »dauert zu lange, er ist unnatürlich, da ich Ihnen nicht nachlaufen kann, und ich wundere mich, daß Sie lachen, denn bei einem so seltsamen Benehmen kann ich nur annehmen, daß Sie sich über mich lustig machen. Setzen Sie sich also, und da ich mit Ihnen sprechen muß, ohne Sie zu sehen, so sollen mich meine Hände wenigstens überzeugen, daß ich nicht in die Luft spreche.«
»Beruhigen Sie sich nur: ich höre jedes Wort, was Sie sagen, aber Sie müssen doch einsehen, daß ich in dieser Dunkelheit anständigerweise nicht neben Ihnen sitzen kann.«
»Sie wollen also, daß ich bis Tagesanbruch hier sitzen bleiben soll?«
»Legen Sie sich aufs Bett und schlafen Sie.«
»Ich bewundere Sie, daß Sie dies für möglich und für vereinbar mit meinem Feuer halten: doch wohlan, ich will mir einbilden, daß wir Blindekuh spielen.«
Und nun aufstehend, tappte ich auf und ab, aber vergeblich. Wenn ich jemand faßte, so war es immer Annita oder Marietta, die sich aus Eigenliebe augenblicklich nannten und ich törichter Don Quixote ließ sie augenblicklich los. Die Liebe und das Vorurteil hinderten mich einzusehen, wie lächerlich diese Schonung war. Ich hatte die Anekdoten Ludwigs des Achten, Königs von Frankreich, noch nicht gelesen; aber ich hatte Boccaccio gelesen. Ich fuhr fort, ihr nachzujagen, machte ihr Vorwürfe und stellte ihr vor, daß sie sich am Ende doch werde finden lassen müssen; worauf sie erwiderte, daß es ihr ebenso schwer werde, mich zu finden. Das Zimmer war nicht groß, und ich war wütend, daß ich sie nicht ertappen konnte. Weniger ermüdet als gelangweilt setzte ich mich und plauderte eine Stunde mit Annita. Dann hatte ich immer noch eine Stunde vor mir, und wir durften nicht bis zum Tage warten, da Madame Orio lieber gestorben sein würde, ehe sie die Messe versäumt hätte. Ich brachte also diese letzte Stunde im Zwiegespräch mit Angela zu, um sie zu überreden und sodann sie zu überzeugen, daß sie sich neben mich setzen solle. Meine Seele geriet förmlich in Glühhitze. Nachdem ich die überzeugendsten Gründe erschöpft, ging ich zu Bitten und endlich zu Tränen über; da ich aber sah, daß alles vergeblich, so gab ich mich jenem edlen Unwillen hin, welcher den Zorn adelt. Ich hätte mich entschließen können, das stolze Ungeheuer zu schlagen, welches mich fünf Stunden lang die grausamsten Qualen hatte ausstehen lassen, wenn ich mich nicht in der Dunkelheit befunden hätte. Ich sagte ihr alle Schmähungen, welche verschmähte Liebe einem erbitterten Sinne eingeben kann. Ich überhäufte sie mit wütenden Verwünschungen, ich schwur ihr, daß alle meine Liebe sich in Haß verwandelt, und sagte ihr endlich, sie möge sich vor mir hüten, denn ich würde sie töten, sobald sie sich meinen Augen zeige. Meine Schmähungen hörten mit der Dunkelheit auf. Beim Schimmer der ersten Lichtstrahlen und beim Geräusche des großen Schlüssels und des Riegels, als Madame Orio die Tür öffnete, um ihrer Seele die Ruhe, deren sie täglich bedurfte, zu verschaffen, rüstete ich mich zur Abreise und nahm meinen Mantel und Hut. Wie soll ich die Bestürzung schildern, welche sich meiner Seele bemächtigte, als ich meinen Blick auf die drei jungen Personen fallen ließ und sie in Tränen zerfließen sah! In meiner Scham und Verzweiflung fühlte ich einen Augenblick Lust, mich zu vernichten, und mich von neuem setzend, dachte ich über meine Roheit nach und warf mir vor, daß ich diese drei reizenden Personen zu Tränen gebracht. Es war mir unmöglich ein Wort hervorzubringen, mein Gefühl erstickte mich; die Tränen kamen mir zu Hilfe, und ich überließ mich ihnen mit Wollust. Da Annita mir gesagt hatte, daß ihre Tante bald zurückkehren werde, trocknete ich meine Augen, und ohne sie anzusehen, ohne etwas zu sagen, machte ich mich davon und legte mich ins Bett, jedoch ohne schlafen zu können. Ich ging eine Zeitlang nicht mehr zu Madame Orio, bis mich ein Billett von ihr wieder einlud. Um Angela nicht dort zu treffen, ging ich noch am selben Abend hin, und die beiden liebenswürdigen Schwestern verscheuchten durch ihre Heiterkeit die Scham, welche ich darüber empfand, daß ich erst nach zwei Monaten vor ihnen erschien. Als ich mich entfernte, steckte mir Annita einen Brief zu, in welchem folgendes Billett von Angela enthalten war: ›Wenn Sie den Mut haben, noch eine Nacht bei mir zuzubringen, so sollen Sie sich nicht mehr beklagen, denn ich liebe Sie und ich wünsche, aus Ihrem Munde zu hören, ob Sie noch ferner mich geliebt haben würden, wenn ich darein gewilligt hätte, mich verächtlich zu machen.‹
Annitas Brief aber hatte allein Geist, er lautete: ›Angela ist über Ihren Verlust in Verzweiflung. Die Nacht welche Sie bei uns zugebracht, war grausam, ich gebe es zu; aber, wie es mir scheint, dürfen Sie deshalb nicht den Beschluß fassen, auch Madame Orio nicht mehr zu besuchen. Ich rate Ihnen, wenn Sie Angela lieben, noch einmal eine Nacht die Probe zu machen. Sie wird sich rechtfertigen und Sie werden zufrieden weggehen. Kommen Sie also. Leben Sie wohl.‹ Diese beiden Briefe machten mir Vergnügen, denn ich sah das Glück, mich an Angela durch die kälteste Verachtung zu rächen. Ich begab mich also am ersten Festtage mit zwei Flaschen Cyperwein und einer geräucherten Zunge zu den Damen; aber ich war sehr erstaunt, meine Grausame nicht zu finden. Annita, welche das Gespräch auf sie brachte, meldete, Angela habe ihr in der Kirche gesagt, daß sie erst zur Zeit des Abendessens kommen könne. Hierauf rechnete ich, und ehe sie sich zu Tische setzten, entfernte ich mich wie das erstemal und begab mich nach dem verabredeten Orte. Ich sehnte mich danach, die Rolle zu spielen, welche ich mir ausgesonnen, denn ich war überzeugt, wenn Angela sich auch zu einer Änderung des Systems entschlossen hätte, sie würde mir doch nur leichte Gunstbezeigungen bewilligen, und diese wollte ich nicht mehr; mich beherrschte nur noch ein heftiger Rachedurst. Dreiviertel Stunden später hörte ich die Haustür schließen, und bald sah ich Annita und Marietta vor mir erscheinen. »Wo ist denn Angela?« fragte ich.
»Sie konnte wohl weder kommen, noch es uns sagen lassen.«
»Sie glaubt mich gefangen zu haben, und in der Tat erwartete ich dies nicht. Übrigens kennen Sie sie jetzt. Sie macht sich über mich lustig; sie triumphiert. Sie hat Sie benutzt, um mich in die Schlinge zu locken, und sie mag sich dessen freuen; denn wenn sie gekommen wäre, würde ich mich über sie lustig gemacht haben.«
»Oh, was das betrifft, so erlauben sie mir zu zweifeln.«
»Zweifeln Sie nicht, schöne Annita, und die angenehme Nacht, welche wir ohne sie zubringen werden, wird Ihnen den Beweis geben.«
»Als Mann von Geist wollen Sie sich in die Umstände schicken; aber Sie werden hier schlafen und wir auf dem Kanapee im andern Zimmer.«
In einem reizenden Zwiegespräche wußte ich sie zu bestimmen, daß sie mein Abendbrot, das ich mitgebracht, teilten. Sie brachten drei Kuverts, holten Brot, Parmesan-Käse und Wasser, lachten dazu und wir machten uns sodann ans Werk. Der Cyperwein, an welchen sie nicht gewöhnt waren, stieg ihnen zu Kopfe, und ihre Heiterkeit wurde köstlich. Als ich sie so sah, wunderte ich mich, daß ich ihre Vorzüge nicht früher erkannt. Nach unserm kleinen Abendessen, welches ganz köstlich war, setzte ich mich zwischen beide, und, ihre Hände ergreifend, welche ich an meine Lippen führte, fragte ich sie, ob sie meine wahren Freundinnen wären und ob sie die unwürdige Weise, wie Angela mich behandelt, billigten. Sie antworteten beide, daß ich sie bis zu Tränen gerührt.
»Erlauben Sie also«, fuhr ich fort, »daß ich die Zärtlichkeit eines Bruders für Sie habe, und erwidern Sie diese, als ob Sie meine Schwestern wären: geben wir uns in der Unschuld unserer Herzen ein Unterpfand und schwören wir uns ewige Treue.«
Der erste Kuß, den ich ihren gab, ging weder aus einer verliebten Empfindung, noch aus dem Wunsche, sie zu verführen, hervor, und auch sie versicherten mir einige Tage später, daß sie ihn nur erwidert hätten, um mich zu überzeugen, daß sie meine ehrbaren brüderlichen Gefühle teilten. Aber diese unschuldigen Küsse wurden bald zur Flamme und entzündeten in uns einen Brand, der uns sehr in Erstaunen setzte, denn wir hielten einige Augenblicke inne und betrachteten uns mit erstaunter und ernster Miene. Beide standen hierauf ohne Affektation auf, und ich blieb mit meinen Gedanken allein. Es war nicht zu verwundern, daß ich mich in diese beiden liebenswürdigen Mädchen sterblich verliebte. Sie waren hübscher als Angela und waren ihr bei weitem überlegen, Annita durch ihren Geist, wie Marietta durch ihren sanften und naiven Charakter. Ich war nicht eitel genug, um zu glauben, sie liebten mich; aber ich konnte annehmen, daß meine Küsse auf sie denselben Eindruck gemacht hatten, wie die ihrigen auf mich, und ich war überzeugt, daß, wenn ich List und feine Künste, deren Wirkung ihnen noch unbekannt sein mußte, anwenden wollte, ich sie zu Gefälligkeiten bewegen würde, die für sie sehr entscheidende Folgen haben konnten. Dieser Gedanke flößte mir Abscheu ein und ich legte mir das strenge Gesetz auf, sie zu schonen, ohne im mindesten daran zu zweifeln, daß ich auch die dazu nötige Kraft haben würde. Als sie wiederkamen, sah ich auf ihren Zügen den Charakter der Sorglosigkeit und der Zufriedenheit ausgeprägt, und ich gab mir rasch dasselbe Aussehen, fest entschlossen, mich nicht mehr der Glut ihrer Küsse auszusetzen. Wir verbrachten eine Stunde, indem wir von Angela sprachen, und ich sagte zu ihnen, ich wäre entschlossen, sie nicht mehr zu sehen.
»Sie liebt Sie«, sagte die naive Marietta, »und ich bin davon überzeugt.«
Ich fragte, wie sie das wissen könne.
»Ich bin dessen ganz sicher«, sagte Marietta, »und bei der brüderlichen Freundschaft, die wir uns versprochen haben, kann ich Ihnen auch wohl sagen weshalb. Wenn Angela bei uns schläft, umarmt sie mich zärtlich und nennt mich ihren lieben Abbé.«
Bei diesen Worten fing Annita an zu lachen und legte ihrer Schwester die Hand auf den Mund; aber diese Naivität regte mich so sehr auf, daß es mir äußerst schwer wurde, an mich zu halten. Ich bewahrte meinen Ernst, lobte ihre Aufrichtigkeit und sagte ihnen allerlei hübsche Dinge von ihrer Schönheit und Liebenswürdigkeit und tat allmählich so, als ob ich Lust zum Schlafen bekommen hätte. Annita, welche dies zuerst gewahr wurde, sagte zu mir: »Machen Sie keine Umstände, legen Sie sich ins Bett; wir werden uns ins andere Zimmer auf ein Kanapee legen.«
»Ich würde«, antwortete ich, »mich für den gemeinsten Menschen halten, wenn ich dies tun könnte: unterhalten wir uns; die Lust zum Schlafen wird schon wieder vergehen. Legen Sie sich schlafen, und ich, meine teuren Freundinnen, werde ins andere Zimmer gehen. Wenn Sie Furcht vor mir haben, schließen Sie sich ein; aber Sie würden Unrecht tun, denn ich liebe Sie nur mit dem Herzen eines Bruders.«
»Das werden wir unter keiner Bedingung tun, sagte Annita; aber lassen Sie sich überreden; schlafen Sie hier.«
»Angekleidet kann ich nicht schlafen.«
»Entkleiden Sie sich; wir wollen nicht hinsehen.«
»Davor habe ich keine Furcht; aber ich könnte nie einschlafen, wenn ich mit ansehen sollte, wie Sie meinetwegen wachen müßten.«
»Aber wir«, sagte Marietta, »werden uns auch zu Bette legen, nur angekleidet.«
»Dies ist ein Mißtrauen, welches meine Redlichkeit beleidigt. Sagen Sie mir Annita, ob Sie mich für einen ehrlichen Mann halten?«
»Ja, sicherlich.«
»Sehr wohl; aber Sie müssen mir den Beweis liefern, und deshalb legen Sie sich ganz entkleidet an meine Seite und rechnen Sie auf mein Ehrenwort, Sie nicht zu berühren. Übrigens sind Sie zwei gegen einen. Mit einem Worte, wenn Sie mir dieses Zeichen des Vertrauens nicht wenigstens sobald ich eingeschlafen sein werde geben wollen, so lege ich mich nicht zu Bett.«
Damit hörte ich auf zu sprechen und tat so, als ob ich einschliefe. Nachdem sie sich einen Augenblick leise miteinander unterhalten, sagte Marietta zu mir, ich sollte mich zu Bett legen und sie würden mir folgen, so bald sie mich eingeschlafen sähen. Als Annita dies Versprechen bestätigt hatte, drehte ich ihnen den Rücken zu, entkleidete mich und legte mich ins Bett, nachdem ich ihnen eine gute Nacht gewünscht. Sobald ich im Bette, tat ich so, als ob ich schliefe; aber bald schlief ich wirklich ein und erwachte erst wieder, als sie sich ins Bett legten. Ich drehte mich wie zum Wiedereinschlafen um, blieb ruhig liegen, bis ich sie für eingeschlafen halten konnte, und wenn sie es auch nicht waren, so stand es ja doch in ihrer Macht, so zu tun. Sie hatten mir den Rücken zugedreht und das Licht war erloschen; ich überließ mich also dem Zufalle und spendete meine Huldigungen der zur Rechten liegenden, ohne zu wissen, ob es Annita oder Marietta war. Ich fand sie zusammengekauert und eingehüllt in das einzige Kleidungsstück, welches sie bewahrt hatte. Ich übereilte nichts und um ihre Scham zu schonen, brachte ich sie allmählich in die Lage, sich besiegt zu erklären, und sie schien überzeugt, daß sie nichts besseres tun könne, als auch ferner sich schlafend zu stellen. Ebenso tat die zweite Schöne, als ich mich ihr zuwandte. An ihren glühenden Küssen glaubte ich Annita zu erkennen und sagte es ihr.
»Ja, ich bin es«, sagte sie »und erkläre mich und meine Schwester für glücklich, wenn Sie redlich und treu sind.«
»Bis zum Tode, meine Engel, und da alles, was wir getan, ein Werk der Liebe gewesen, so möge von Angela nie mehr die Rede sein.«
Ich bat sie dann aufzustehen und Licht anzuzünden; aber die gefällige Marietta stand sogleich auf und ließ uns allein. Als ich Annita, belebt vom Feuer der Liebe, in meinen Armen liegen und Marietta, welche uns durch ihre Blicke der Undankbarkeit anzuklagen schien, daß wir mit ihr nicht sprächen, während sie sich doch zuerst meinen Liebkosungen ergeben und dadurch ihre Schwester zur Nachahmung ermuntert, mit dem Lichte vor mir stehen sah, da fühlte ich mein ganzes Glück.
»Stehen wir auf, meine Freundinnen, sagte ich zu ihnen, und schwören wir uns ewige Freundschaft.«
Sobald wir aufgestanden waren, verspeisten wir im Kostüme des goldenen Zeitalters, was von unserm Abendbrote übriggeblieben war. Nachdem wir uns in der Trunkenheit unserer Sinne hunderterlei Sachen gesagt, deren Deutung nur der Liebe zusteht, verging die köstlichste Nacht uns unter gegenseitigen Bezeigungen unserer Glut. Am nächstnächsten Tage stattete ich Madame Orio einen Besuch ab, und da Angela nicht da war, blieb ich zum Abendessen und entfernte mich zu gleicher Zeit mit Herrn Rosa. Während meines Besuches fand Annita Gelegenheit, mir einen Brief und ein kleines Paket zu übergeben. Das Paket enthielt ein Stück Wachs, auf welchem ein Schlüssel abgedrückt war, und der Brief forderte mich auf, den Schlüssel machen zu lassen und alle Nächte, wann ich Lust hätte, bei ihnen zuzubringen. Es wurde mir ferner darin mitgeteilt, daß Angela am folgenden Tage die Nacht bei ihnen geblieben und daß diese bei dem Verhältnisse, worin sie zueinander standen, alles was vorgegangen, erraten, daß sie dies zugestanden und ihr die Schuld beigemessen. Angela habe ihnen hierauf die gröbsten Schmähungen gesagt und ihnen verheißen, nie wieder einen Fuß in ihr Haus zu setzen; ihnen wäre dies aber sehr gleichgültig. Es war gut so, ich verbrachte nun jede Woche eine Nacht bei den reizenden Schwestern und auch später, so oft ich von meinen Reisen nach Venedig zurückkehrte, galt mein Besuch zuerst ihnen.
4
Lukrezia
Diese Liebe, meine erste, gab mir fast gar keine Belehrung für die Welt, denn sie war vollkommen glücklich und wurde durch keine Störung unterbrochen, durch kein Interesse befleckt. Aber mein Glück sollte bald einen großen Umschwung erleiden. Nach einiger Zeit starb meine Großmutter. Daraufhin erhielt ich einen Brief meiner Mutter aus Warschau, wo sie gerade am Theater auftrat. Sie teilte mir mit, daß sie das Haus in Venedig aufgeben müsse, unser Vormund werde für mich und meine Geschwister eine gute Pension besorgen. Was mich beträfe, so habe sie hier einen Kalabreser Mönch kennen gelernt, der durch ihre Bitten bei der Königin von Polen, welche eine Schwester der Königin von Neapel, Bischof geworden sei von Martorano in Kalabrien. In einem halbe Jahre etwa käme der Bischof nach Venedig, von wo er mich mitnähme, um mich auf die geistliche Bahn zu führen. Beigeschlossen war diesem ein salbungsvoller Brief des Bischofs. Also: leb wohl, Venedig! Die Zeit der Eitelkeit ist vorüber, und nur das Große und Gediegene soll mein künftig Lebensziel sein. Da die Wohnung aufgegeben werden sollte, so begann ich einzelne Möbelstücke zu verkaufen, um mir Geld zu verschaffen. Das brachte mir bald in böse Konflikte mit dem Vormund, dem Herrn Grimani, welche damit endeten, daß ich in ein Priesterseminar gesteckt, und da man mich dort wegen eines Streiches auf dem Schlafsaal, der unter jungen Leuten allgemein ist, nicht behalten wollte, die Zeit bis zur Ankunft des Bischofs auf dem Sankt Andreasfort interniert wurde. Dort erfuhr ich zum erstenmal, daß unter den Rosen auch die Schlangen verborgen liegen. Eine Griechin war's, die Frau eines Fähnrichs. Sie behauptete, ihr Mann werde deshalb nicht Leutnant, weil sie sich dem Kapitän nicht hingebe. Mich bat sie, eine Beschwerdeschrift aufzusetzen, und fügte zu meinem Erstaunen gleich hinzu, da sie arm, so wolle sie mich mit ihrem Herzen belohnen. Ich nahm dies an, aber ich hatte nachher eine sechswöchige Kur durchzumachen. Als ich wieder frei wurde und der Bischof endlich ankam, gab es eine neue Enttäuschung. Der Bischof konnte mich nicht sofort mitnehmen, ich sollte erst einige Zeit später über Ankona, Rom, Neapel ihm nachgereist kommen, für welche Reise ich in Ankona das Geld vorfinden würde. Diese Reise wurde zu einer rechten Abenteurerfahrt, die ich zuletzt in Begleitung eines Bettelmönches machte, der stets die Kutte mit den delikatesten Sachen vollgepfropft hatte, die er sich allenthalben zusammenbettelte, so daß er auf die bequemste und faulste Art leben konnte. Der Schluß dieser Reise gelang mir überhaupt nur durch ein Taschenspielerstück, das ich mir mit einem Weinhändler leistete, indem ich ihm ein Geheimnis verkaufte, seinen Muskat zu vermehren. Der Betrug ist ein Laster, aber die anständige List kann als Klugheit gelten. So kam ich zu meinem Bischof, um ihn in einem ganz armseligen Zustand zu finden. Weder Gesellschaft noch eine Bibliothek war in Martorano. Was sollte ich hier tun? Am nächsten Tag bat ich schon den Bischof um seinen Segen, forderte ihn auf, mit mir zu gehn, denn überall könnten wir unser Glück machen. Er lachte wohl darüber, aber er ließ mich allein reisen und adressierte mich an einen Bürger in Neapel, der mir sechzig Dukaten di rigno auszahlen sollte. In Neapel kam ich in die beste Gesellschaft und genoß dort das Leben, nicht zum wenigsten auf Kosten eines Herrn, den ich in der Gesellschaft kennen lernte und der sich als ein Abkömmling eines anderen Zweigs der Casanova entpuppte und sich außerordentlich freute, in mir einen Verwandten begrüßen zu können. Mit schwerem Herzen trennte ich mich von Neapel, um nach Rom zu reisen. Ich war so beschäftigt, meine Tränen zu trocknen, daß ich erst, als wir die Stadt verließen, meine Reisegefährten im Postwagen musterte. Zunächst sah ich an meiner Seite einen Mann von vierzig bis fünfzig Jahren, von angenehmem Äußern und geweckter Miene; aber mir gegenüber fesselten zwei reizende Gestalten meine Blicke, zwei junge und hübsche Damen, sehr gut gekleidet und von offenem und anständigem Aussehen. Diese Entdeckung war mir sehr angenehm; aber mein Herz war schwer und Schweigen notwendig für mich. Wir langten in Aversa an, ohne daß von irgendeiner Seite ein Wort gesprochen worden wäre, und da uns der Fuhrmann sagte, er wolle nur seine Maultiere füttern, so stiegen wir nicht aus. Von Aversa bis Capua plauderten meine Gefährten fast ununterbrochen, und unglaublich genug, ich öffnete fast nicht ein einziges Mal den Mund. Ich freute mich über die neapolitanische Mundart meines Reisegefährten und die hübsche Sprache der beiden Damen, welche Römerinnen waren. Von meiner Seite war es eine wahre Kraftanstrengung, zwei reizenden Frauen fünf Stunden lang gegenüber zu sitzen, ohne ein einziges Mal das Wort oder das geringste Kompliment an sie zu richten. In Capua angelangt, stiegen wir in einem Gasthause ab, wo man uns ein Zimmer mit zwei Betten gab, in Italien etwas sehr Gewöhnliches. Hier redete mich der Neapolitaner an: »Ich werde also die Ehre haben, bei dem Herrn Abbé zu schlafen.«
Ich antwortete mit sehr ernster Miene, das es ihm freistehe zu wählen und auch andre Anordnungen zu treffen. Diese Antwort brachte die eine Dame zum Lachen, gerade die, welche mir am besten gefiel, und ich hielt dies für eine gute Vorbedeutung. In den gleichgültigen Gesprächen, welche beim Abendessen geführt wurden, fand ich Anstand, Geist und feine Sitte. Das machte mich neugierig. Nach dem Abendessen begab ich mich hinunter und fragte unsern Fuhrmann, wer die Reisenden wären. Der Herr, sagte er, ist Advokat, und die eine der beiden Damen ist seine Gemahlin, aber ich weiß nicht welche. Als ich wieder zurückgekehrt war, hatte ich die Höflichkeit, mich zuerst zu Bett zu legen, um den Damen die Freiheit zu lassen, sich bequem auskleiden zu können, und am Morgen stand ich zuerst auf, ging weg und kam erst wieder, als ich zum Frühstück gerufen wurde. Wir hatten ausgezeichneten Kaffee, welchen ich sehr rühmte, und die hübscheste versprach mir ebensolchen für die ganze Reise. Nach dem Frühstück kam ein Barbier, und der Advokat ließ sich rasieren; der Schalk bot auch mir seine Dienste an, ich aber sagte ihm, daß ich seiner nicht bedürfe, worauf er sich mit der Bemerkung entfernte, daß der Bart eine Unreinlichkeit sei. Als wir im Wagen saßen, äußerte der Advokat, fast alle Barbiere wären frech.
»Es fragt sich«, sagte die Schöne, »ob der Bart eine Unreinlichkeit sei oder nicht.«
»Ja«, sagte der Advokat, »denn er ist ein Exkrement.«
»Das ist möglich«, versetzte ich, »aber man betrachtet ihn nicht als solches. Nennt man die Haare welche man so sehr pflegt und welche derselben Art sind, wohl ein Exkrement? Im Gegenteil, man bewundert ihre Schönheit und Länge.«
»Also«, sagte die Zwischenrednerin, »ist der Barbier ein einfältiger Mensch.«
»Aber«, fragte ich, »habe ich denn einen Bart?«
»Ich glaubte es«, erwiderte sie.
»In diesem Falle werde ich mich in Rom rasieren lassen, denn es ist das erstemal, daß mir dieser Vorwurf gemacht wird.«
»Nein, liebe Frau«, sagte der Advokat, »du hättest schweigen sollen, denn es ist möglich, daß der Herr nach Rom geht, um Kapuziner zu werden.«
Dieser Einfall brachte mich zum Lachen; da ich ihm aber nicht die Antwort schuldig bleiben wollte, so sagte ich, er habe recht, aber die Lust sei mir vergangen, seitdem ich Madame gesehen.
»Sie haben unrecht«, entgegnete der muntere Neapolitaner, »denn meine Frau liebt sehr die Kapuziner, und wenn Sie ihr gefallen wollen, brauchen Sie Ihren Beruf nicht zu ändern.«
Da diese spaßhaften Plaudereien zu vielen andern Anlaß gaben, so verging uns der Tag auf eine angenehme Weise, und am Abend entschädigte uns eine mannigfaltige und geistreiche Unterhaltung für das schlechte Abendessen, welches man uns in Garillano vorsetzte. Meine entstehende Neigung wuchs durch die zuvorkommenden Manieren derer, die sie hervorgerufen hatten. Am folgenden Tage fragte mich die liebenswürdige Dame, sobald wir den Wagen bestiegen hatten, ob ich mich vor der Rückkehr einige Zeit in Rom aufzuhalten gedächte. Ich antwortete ihr, daß ich mich zu langweilen fürchtete, da ich niemand kenne.
»Man liebt in Rom die Fremden, und ich bin sicher, daß Sie sich daselbst gefallen werden.«
»Ich darf also hoffen, Madame, daß Sie mir erlauben werden, Ihnen die Cour zu machen.«
»Sie würden uns eine Ehre erweisen«, sagte der Advokat. Meine Augen waren auf seine reizende Frau gerichtet, und ich sah sie erröten, tat aber so, als ob ich es nicht merkte. Unter fortwährendem Geplauder verging uns dieser Tag auf eine ebenso angenehme Weise wie der vorige. Wir übernachteten in Terracina, wo man uns ein Zimmer mit drei Betten gab, zwei engen und einem breiteren in der Mitte. Es war natürlich, daß die beiden Schwestern zusammen schliefen und sich in das große Bett legten, während der Advokat und ich ihnen den Rücken zudrehten und weiter plauderten. Sobald die Damen sich zu Bette gelegt hatten, begab sich auch der Advokat in sein Bett, auf welchem er seine Nachtmütze liegen sah, und ich mich in das andere, welches nur einen Fuß breit von dem großen Bette entfernt war. Ich sah, daß der Gegenstand, der mich schon fesselte, auf meiner Seite lag, und ich glaubte mir ohne Eitelkeit einbilden zu können, daß der Zufall allein dies nicht so gefügt hätte. Ich löschte das Licht aus und legte mich nieder, in meinem Kopfe einen Plan herumwälzend, welchen ich weder zu befolgen noch zu verwerfen wagte. Vergeblich rief ich den Schlaf herbei. Ein sehr schwacher Lichtschimmer, welcher mir das Bett, in welchem das reizende Weib lag, zu sehen erlaubte, zwang mich, die Augen offen zu halten. Wer weiß, wozu ich mich entschlossen haben würde, denn ich kämpfte seit einer Stunde, als ich sie aufrichten, sachte aus ihrem Bette schlüpfen, um dieses herumgehen, und sich in das Bett ihres Mannes legen sah, der ohne Zweifel ruhig weiterschlief, denn ich hörte keinen Lärm mehr. Von Ärger und Ekel erfüllt, rief ich den Schlaf mit allen Kräften herbei und wachte erst am Morgen auf. Da ich die schöne Nachtwandlerin in ihrem Bette sah, stand ich auf, und nachdem ich mich schnell angekleidet, ging ich hinaus, während die andern alle noch in tiefem Schlafe lagen. Erst im Augenblicke der Abreise und als der Advokat und die Damen schon im Wagen saßen, kehrte ich ins Gasthaus zurück. Meine schöne Dame beklagte sich mit sanfter und zuvorkommender Miene, daß ich ihren Kaffee nicht getrunken, ich entschuldigte mich damit, daß ich das Bedürfnis, spazieren zu gehen, gefühlt, und hütete mich, sie mit einem einzigen Blicke zu beehren; und unter dem Scheine, Zahnschmerzen zu haben, überließ ich mich meiner üblen Laune und dem Schweigen. Als wir in Piperno ankamen, fand sie Gelegenheit, mir zu sagen, daß meine Zahnschmerzen bestellt wären, und dieser Vorwurf war mir angenehm, denn er ließ mich eine Erklärung ahnen, die zu wünschen ich mich trotz meiner Verstimmung nicht enthalten konnte. Am Nachmittage war ich wie am Morgen düster und schweigend bis Sermoneta, wo wir schlafen sollten. Wir kamen frühzeitig an, und da der Tag schön war, so sagte Madame, sie würde gern noch eine Promenade machen, und bat mich um meinen Arm. Ich gab ihr den Arm um so eher, als die Höflichkeit mir nicht gestattete, ihn zu verweigern. Ich war in übler Stimmung, nur eine Erklärung konnte den früheren Zustand wieder herbeiführen, aber ich wußte nicht, wie ich dazu gelangen sollte. Ihr Mann folgte uns mit ihrer Schwester, aber in ziemlicher Entfernung. Sobald wir von diesen ziemlich entfernt waren, faßte ich mir den Mut, sie zu fragen, weshalb sie meine Zahnschmerzen für bestellt gehalten hätte.
»Ich bin offen«, sagte sie, »wegen des zu deutlichen Unterschiedes im Benehmen, und weil Sie sich ersichtliche Mühe gegeben, mich im Laufe des Tages nicht einmal anzusehen. Da die Zahnschmerzen Sie nicht hindern konnten, höflich zu sein, habe ich Sie für affektiert halten müssen. Übrigens weiß ich nicht, wer von uns Ihnen Ursache gegeben, so plötzlich Ihre Laune zu ändern.«
»Dennoch muß eine Veranlassung dazu vorhanden sein, und Sie, Madame, sind nur halb aufrichtig.«
»Sie täuschen sich, mein Herr, ich bin es ganz, und wenn ich Ihnen einen Grund gegeben, so kenne ich ihn nicht oder darf ihn nicht kennen. Haben Sie die Güte, mir zu sagen, worin ich mich gegen Sie vergangen habe?«
»In nichts, denn ich habe kein Recht, Ansprüche zu machen.«
»Allerdings haben Sie Rechte, dieselben wie ich, mit einem Worte diejenigen, welche die gute Gesellschaft allen ihren Mitgliedern zugesteht. Sprechen Sie und seien Sie offen.«
»Sie dürfen den Grund nicht kennen oder müssen vielmehr so tun, als ob sie ihn nicht kennen, das ist richtig, aber Sie werden auch zugeben, daß meine Pflicht mir verbietet, Ihnen den rechten zu nennen.«
»Nun wohl. Jetzt ist alles gesagt; wenn aber Ihre Pflicht Sie nötigt, mir den Grund Ihrer veränderten Laune nicht zu sagen, so fordert sie ebenso gebieterisch, daß Sie nichts davon sehen lassen. Das Zartgefühl verpflichtet zuweilen den höflichen Mann, gewisse Gefühle, welche kompromittieren können, zu verbergen. Es ist ein Zwang, den sich der Geist auferlegen muß, aber er hat seinen Wert, da er dazu beiträgt, denjenigen, welcher sich ihn auferlegt, liebenswürdiger zu machen.«
Ein mit solcher Stärke vorgebrachtes Räsonnement ließ mich vor Scham erröten, und ich drückte meine Lippen auf ihre schöne Hand, indem ich mein Anrecht eingestand.
»Sie würden mich«, sagte ich, »es zu Ihren Füßen abbüßen sehen, wenn ich es könnte, ohne Sie bloßzustellen.«
»Sprechen wir also nicht mehr davon«, sagte sie; und gerührt von meiner raschen Reue betrachtete sie mich mit einer Miene, in welcher die Verzeihung so deutlich zu lesen war, daß ich meine Schuld nicht zu vergrößern glaubte, als ich meine Lippen von ihrer Hand wegnahm, um sie aus ihren halbgeöffneten und lachenden Mund zu drücken. Trunken von Glück ging ich von Traurigkeit zur Freude über, und dieser Übergang war so schnell, daß der Advokat während des Abendessens hundert Späße über meine Zahnschmerzen und den Spaziergang, der mich geheilt, machte. Am folgenden Tage speisten wir in Velletri und schliefen in Marino, wo wir zwei kleine Zimmer und ein sehr gutes Abendessen fanden. Ich war mit meiner liebenswürdigen Römerin so gut daran, wie ich nur wünschen konnte, obwohl ich nur ein flüchtiges, aber so wahres, so zärtliches Unterpfand empfangen. Im Wagen sagten sich unsere Augen nicht viel; da wir uns aber gegenübersaßen, so wurde die Unterhaltung der Füße mit großer Beredsamkeit zwischen uns geführt. Der Advokat hatte mir gesagt, daß er sich wegen einer geistlichen Sache nach Rom begäbe und daß er bei seiner Schwiegermutter wohnen würde, welche seine Frau zu sehen wünschte, da sie diese seit den zwei Jahren, wo sie verheiratet wären, nie gesehen hätte, und daß ihre Schwester dort zu bleiben hoffte, da sie einen Beamten an der Bank des heiligen Geistes heirate. Da ich ihre Adresse hatte und zum Besuche bei ihnen eingeladen wurde, so versprach ich, ihnen die Zeit, welche mir meine Geschäfte übrig lassen würden, zu widmen. Wir waren beim Dessert, als meine Schöne, welche meine Dose bewunderte, zu ihrem Manne sagte, daß sie wohl eine ähnliche wünschte.
»Ich werde sie dir kaufen, meine Teure.«
»Kaufen Sie diese, sagte ich, ich gebe sie Ihnen für zwanzig Unzen und Sie werden sie an den Überbringer einer Anweisung, die Sie mir ausstellen, zahlen. Ich bin«, fügte ich hinzu, »diese Summe einem Engländer schuldig, und es würde mir lieb sein, wenn ich gegen ihn quitt werden könnte.«
»Ihre Dose, Herr Abbé, ist zwanzig Unzen wert; aber ich werde sie Ihnen nur unter der Bedingung abkaufen, daß ich sie Ihnen auf der Stelle ausbezahlen darf; es würde mir lieb sein, sie in den Händen meiner Frau zu sehen, welche dadurch an Sie erinnert werden würde.«
Da seine Frau sah, daß ich diesen Vorschlag nicht annahm, sagte sie, ihr würde es nicht dar auf ankommen, mir die gewünschte Anweisung zu geben.
»Aber«, fiel der Advokat ein, »siehst Du denn nicht, daß der Engländer nur in der Phantasie existiert. Er würde nie zum Vorschein kommen, und wir würden die Dose umsonst erhalten. Mißtraue, meine Teure, diesem Abbé, er ist ein großer Betrüger.«
»Ich glaubte nicht«, sagte seine Frau, mich ansehend, »daß Betrüger so aussehen«, und ich nahm eine traurige Miene an und sagte, ich wünschte wohl, reich genug zu sein, um oft solche Betrügereien zu begehen. Wenn man verliebt ist, so genügt ein Nichts, um in Verzweiflung oder in das größte Entzücken zu versetzen. In dem Zimmer, in welchem wir zu Abend speisten, stand das eine Bett und ein zweites in einem anliegenden Alkoven ohne Tür. Die Damen wählten natürlicherweise das Kabinett, und der Advokat legte sich vor mir in das Bett, in welchem wir gemeinschaftlich schlafen sollten. Ich wünschte den Damen, sobald sie sich schlafen gelegt, eine gute Nacht; ich sah meinen Abgott und legte mich mit der Absicht nieder, die ganze Nacht zu schlafen. Aber man denke sich meinen Zorn, als ich beim Schlafengehen ein Knarren der Bretter hörte, welches einen Toten hätte erwecken können. Ich rühre mich nicht, bis mein Bettgefährte fest eingeschlafen, und sobald ein gewisses Geräusch mir anzeigt, daß er ganz unter dem Einflüsse des Morpheus steht, suche ich aus dem Bette zu entschlüpfen; aber der Lärm, welchen die geringste Bewegung macht, weckt meinen Gefährten, welcher seine Hand nach mir ausstreckt. Da er fühlt, daß ich da, schläft er wieder ein. Nach einer halben Stunde mache ich denselben Versuch, stoße aber auf dasselbe Hindernis und gebe nun den Plan ganz auf. Der Liebesgott ist der schelmischste Gott; die Widerwärtigkeiten scheinen das Element zu sein, in welchem er sich bewegt. Da aber seine Existenz von der Befriedigung derjenigen Wesen abhängt, welche ihm einen eifrigen Kultus widmen, so läßt der kleine klarsehende Blinde alles in dem Augenblicke gelingen, wo jede Hoffnung verschwunden scheint. Ich fing schon an einzuschlafen, weil ich jede Hoffnung aufgegeben hatte, als plötzlich ein gräßlicher Lärm ertönte. In der Straße fielen Flintenschüsse, durchdringendes Geschrei, man lief die Treppen herauf und hinunter, und endlich klopfte man mit heftigen Schlägen an unsre Tür. Der Advokat fragt mich erschrocken, was das sein möchte; ich spiele den Gleichgültigen und sage, da ich es nicht wissen könnte, möchte er mich schlafen lassen. Aber die erschreckten Damen baten uns, Licht zu verschaffen. Ich tue gerade nicht sehr eilig; der Advokat steht auf, um Licht zu holen; ich stehe nach ihm auf, und indem ich die Tür wieder zumachen will, schlage ich sie ein wenig zu stark zu, so daß der Drücker einspringt und ich sie nicht mehr öffnen kann, ohne den Schlüssel zu haben. Ich nähere mich den Damen, um sie zu beruhigen; ich sage, daß der Advokat bald wiederkommen würde und daß wir dann die Ursache dieses Tumults erfahren würden; aber zugleich verliere ich nicht die kostbare Zeit, sondern mache um so mehr alle nur möglichen Einleitungen, als ich durch die Schwäche des Widerstandes aufgemuntert werde. Trotz meiner Vorsicht bricht das Bett zusammen, und nun liegen wir alle drei durcheinander. Der Advokat kommt zurück und klopft; die Schwester steht auf; auf Bitten meiner liebenswürdigen Freundin tappe ich zur Tür und sage dem Advokaten, daß wir ihn ohne Schlüssel nicht einlassen könnten. Die beiden Schwestern standen hinter mir; ich strecke die Hand aus; da ich aber heftig zurückgestoßen werde, so schließe ich daraus, daß es die Schwester ist, und ich wende mich mit mehr Erfolg an die andre Seite. Als hierauf der Mann zurückgekehrt war und das Geräusch eines Schlüssels uns benachrichtigt hatte, daß die Tür sich sogleich öffnen würde eilten wir in unsere Betten. Sobald die Tür geöffnet, eilt der Advokat an das Bett der beiden erschreckten Frauen, um sie zu beruhigen, aber er bricht in lautes Lachen aus, als er sie in dem zusammengestürzten Bette begraben sieht. Er ruft mich, um sie mir zu zeigen, aber ich bin zu bescheiden, um darauf einzugehn. Hierauf erzählte er mir, daß der Lärm davon herrühre, daß eine deutsche Abteilung die spanischen Truppen überfallen, welche tiraillierend abzögen. Eine Viertelstunde später hörte man nichts mehr, und die vollkommenste Ruhe trat wieder ein. Nachdem er mir über meine unverwüstliche Ruhe ein Kompliment gemacht, legte er sich wieder nieder und schlief bald ein. Ich aber schloß kein Auge mehr, und als ich den Tag anbrechen sah, stand ich auf. Zum Frühstück kehrte ich zurück, und während wir den köstlichen Kaffee tranken, er schien mir besser zu sein als gewöhnlich, bemerkte ich, daß ihre Schwester mir schmollte. Was wollte aber der Eindruck ihrer üblen Laune gegen das Entzücken besagen, welches die fröhliche Miene und die zufriedenen Augen meiner Lucrezia durch alle meine Sinne rollen ließen! In Rom langten wir sehr früh an. In la Torre waren wir zum Frühstuck geblieben, und da der Advokat gut gelaunt war, so versetzte ich mich in dieselbe Stimmung, und unter vielen verbindlichen Reden prophezeite ich ihm die Geburt eines Sohnes, indem ich durch eine komische Wendung seine Frau dazu brachte, ihm einen solchen zu versprechen. Ich vergaß die Schwester meiner angebeteten Lucrezia nicht, und um sie gegen mich umzustimmen, sagte ich ihr so viele Artigkeiten und zeigte ihr ein so freundschaftliches Interesse, daß sie sich gezwungen sah, mir den Zusammensturz des Bettes zu verzeihen. Als wir uns verließen, versprach ich ihnen einen Besuch für den folgenden Tag bei Donna Cäcilia, der Mutter meiner Schönen. Kaum hatte ich mich in Rom umgesehen, als ich mich ganz römisch kleidete, ließ mich rasieren und überraschte so die Damen und den Advokaten. Ich suchte einen möglichst günstigen Eindruck auf Donna Cäcilia zu machen, und erreichte es auch, daß mir beim Weggehen der Advokat mitteilte, seine Schwiegermutter wünsche, daß ich Hausfreund bei ihnen würde. In Rom gewann ich mir bald die besten Beziehungen im hohen Klerus, und besonders leutselig nahm sich der Kardinal Acquariva meiner an. In dem Pater Georgi fand ich einen ausgezeichneten Mentor, der mir die sichersten Wege wies, mich durch die Intrigen und Gefahren des römischen Hofes durchzufinden. Überrascht war ich, als er von meinem Besuche bei Donna Cäcilia ganz genau unterrichtet war und mich belehrte, daß ich dies Haus nicht zu häufig besuchen dürfe. Da ich seufzte setzte er hinzu: »Bedenken Sie, daß die Vernunft keinen größeren Feind hat als das Herz.«
Ich war fast zu Tode getroffen, denn ich liebte Lucrezia. An einem der nächsten Tage ging ich abends zu ihr. Man wußte alles und wünsche mir Glück. Sie sagte mir, ich schiene traurig, und ich antwortete ihr, ich feierte das Begräbnis meiner Zeit, deren Herr ich nicht mehr wäre. Ihr immer spaßhafter Mann sagte, ich wäre verliebt in sie, und seine Schwiegermutter riet ihm, nicht so sehr den Unerschrockenen zu spielen. Nachdem ich eine einzige Stunde im Kreise dieser liebenswürdigen Familie zugebracht, entfernte ich mich, die Luft mit der mich verzehrenden Glut entflammend. Als ich nach Hause gekommen war, beschäftigte ich mich mit Schreiben, und in der Nacht dichtete ich eine Ode, welche ich am folgenden Morgen an den Advokaten schickte, da ich sicher sein konnte, daß er sie seiner Frau geben würde, weil diese die Poesie sehr liebte und nicht wußte, daß dies meine Leidenschaft. Am Morgen sah ich den ehrlichen Advokaten in mein Zimmer treten, welcher mir sagte, ich würde mich täuschen, wenn ich ihm durch das Einstellen meiner Besuche zu beweisen glaubte, ich wäre nicht in seine Frau verliebt, und er lud mich für den folgenden Tag zum Frühstück mit der ganzen Familie in Testaccio ein.
»Meine Frau«, fügte er hinzu, »weiß Ihre Ode auswendig; sie hat sie dem Bräutigam Angelicas hergesagt, welcher vor Sehnsucht stirbt, Sie kennen zu lernen.«
Ich versprach ihm, am bezeichneten Tage mit einem zweisitzigen Wagen zu kommen. Wohl kam ich beim Heimweg von diesem Ausflug mit meiner angebeteten Lucrezia allein in einem Wagen zu sitzen, aber da wir nur eine halbe Stunde zu fahren hatten, so konnte sich unsere Zärtlichkeit kaum ergehen, als wir schon zu Hause waren. Um nun dieses Glück ganz auskosten zu können, lud ich die Gesellschaft zu einem Ausflug ein, den ich bestreiten wollte, und zwar nach Fraskati. Wir verabredeten einen nahen Tag, und um sieben Uhr fand ich mich bei Donna Cäcilia ein. Mein Phaeton und mein zweisitziger Wagen, ein so weicher und in so guten Federn hängender Visavis, daß Donna Cäcilia ihn lobte, standen vor der Tür.
»An mich«, sagte Donna Lucretia, »kommt die Reihe bei der Rückfahrt nach Rom.«
Ich machte ihr eine Verbeugung, wie um sie beim Worte zu halten. So forderte sie den Argwohn heraus, um ihn zu zerstreuen. Da ich sicher war, glücklich zu werden, überließ ich mich meiner ganzen natürlichen Heiterkeit. Nachdem ich ein gewähltes Mittagessen bestellt, begaben wir uns nach der Villa Ludovisi, und da es möglich war, daß wir uns verirren konnten, gaben wir uns ein Stelldichein um ein Uhr im Gasthofe. Die rücksichtsvolle Witwe nahm den Arm ihres Schwiegersohns, Angelica den ihres Zukünftigen, und Lucrezia wurde mein köstlicher Anteil. Ursula, die kleine Schwester und ihr Bruder jagten sich, und in weniger als einer Viertelstunde war ich allein mit meiner Schönen.
»Hast Du gehört«, sagte sie, »mit welcher Unbefangenheit ich mir zwei Stunden eines süßen vis-à-vis mit dir gesichert habe?«
»Ja, meine angebetete Freundin, die Liebe hat unsere Geister zu einem einzigen verschmolzen. Ich bete dich an und ich lebe so viele lange Tage, ohne dich zu sehen, nur um mich des Genusses eines einzigen desto besser zu versichern.«
»Ich hielt es nicht für möglich: du, mein Freund, hast alles gemacht; du bist so klug für dein Alter!«
»Vor einem Monat, meine Freundin, war ich nur ein unwissender Mensch, und du bist die erste Frau, welche mich in die wahren Geheimnisse der Liebe eingeweiht hat. Deine Abreise, Lucrezia, wird mich unglücklich machen, denn Italien kann nicht noch eine Frau besitzen, welche dir gleicht.«
»Wie! Ich bin deine erste Liebe! Ach, Unglücklicher, dann wirst du nie davon geheilt werden. Warum gehöre ich nicht dir an! Auch du bist die erste Liebe meines Herzens und wirst gewiß die letzte sein. Glücklich die, welche du nach mir lieben wirst! Ich werde nicht eifersüchtig auf sie sein, aber es wird mich schmerzen, wenn ich erfahre, daß sie nicht ein Herz hat wie ich.«
Als Lucrezia meine Augen feucht von Tränen sah, ließ sie auch den ihrigen freien Lauf; und nachdem wir uns auf den Rasen gesetzt, saugten unsere Lippen den Nektar der süßesten Küsse. Wie süß sind die Tränen der Liebe, welche unter den Ergüssen gegenseitiger Zärtlichkeit fließen! Ich habe die ganze Süße dieser köstlichen Tränen gekostet. Als ich in einem Augenblick der Ruhe ihre reizende Unordnung betrachtete, sagte ich, wir könnten überrascht werden.
»Fürchte das nicht, uns beschützen unsere Genien«, antwortete sie, und nach einer Weile, während der wir still beieinander ruhten: »Sieh, mein Herz, habe ich es dir nicht gesagt? Ja, unsere Genien behüten uns! Ach, wie er uns betrachtet! Sein Blick sucht uns zu beruhigen. Sieh diesen kleinen Dämon. Nichts geheimnisvolleres lebt in der Natur. Bewundere ihn. Gewiß ist dein Genius oder der meinige.«
Ich hielt sie für wahnsinnig.
»Was sagst du, mein Herz? Ich begreife dich nicht, was soll ich bewundern?«
»Du siehst nicht die schöne Schlange mit gestreifter Haut, welche uns mit erhobenem Haupt anzublicken scheint?« Ich folge ihrem Finger und sehe eine Schlange mit wechselnden Farben wohl eine Elle lang, und wirklich: sie betrachtet uns. Dieser Anblick machte mir kein Vergnügen, aber ich wollte mich nicht weniger unerschrocken als sie zeigen.
»Wie kann«, sagte ich, »die Schlange dich nicht erschrecken?«
»Ihr Anblick entzückt mich, und ich bin überzeugt, daß sie eine Gottheit ist, welche nur die Form oder vielmehr nur den Schein einer Schlange hat.«
»Und wenn sie auf dem Rasen hingleitend und zischend auf dich loskäme?«
»Ich würde dich fester an meinen Busen pressen und sie herausfordern, mir etwas zuleide zu tun. Lucrezia ist in deinen Armen für keine Furcht empfänglich. Siehe, sie entfernt sich. Schnell, schnell! durch ihre Flucht verkündet sie uns die Ankunft eines Ungeweihten und sagt uns, daß wir einen andern Zufluchtsort suchen sollen, um unsre Freuden zu erneuern.«
Kaum sind wir aufgestanden und schreiten langsam vorwärts, als wir aus einer nahen Allee Donna Cäcilia mit dem Advokaten kommen sehen. Wir weichen ihnen nicht aus und beeilen uns auch nicht, als ob es sehr natürlich wäre, daß wir ihnen begegneten, und ich frage Donna Cäcilia, ob ihre Tochter die Schlangen fürchte.«
»Trotz ihres Geistes«, antwortet diese, »fürchtet sie den Donner so sehr, daß sie ohnmächtig wird, und beim Anblick der kleinsten Schlange schreit sie laut aus. Es gibt deren hier, aber sie sind nicht giftig.«
Vor Verwunderung sträubten sich mir die Haare auf dem Kopfe, denn ich war Zeuge eines wahren Wunders der Liebe gewesen. In diesem Augenblicke kamen auch die Kinder, und ohne Umstände trennten wir uns wieder von ihnen.
»Sage mir, erstaunliches Wesen, entzückendes Weib, was würdest du gemacht haben, wenn statt der Schlange dein Mann und deine Mutter erschienen wären?«
»Nichts. Weißt du nicht, daß in solchen feierlichen Augenblicken Liebende nur der Liebe angehören? Solltest du bezweifeln, daß du mich ganz besessen?«
Indem Lucrezia so sprach, dichtete sie nicht eine Ode: keine Dichtung, die Wahrheit lag sowohl in ihrem Blicke, wie im Tone ihrer Stimme!
»Glaubst du«, sagte ich, »daß niemand uns in Verdacht hat?«
»Mein Mann hält uns entweder nicht für verliebt oder legt keinen Wert auf gewisse Kleinigkeiten, welche die Jugend sich gewöhnlich gestattet. Meine Mutter hat Geist und denkt sich vielleicht die Wahrheit; aber sie weiß, daß diese Sachen sie nichts mehr angehen. Meine Schwester muß alles wissen, denn wie hätte sie wohl das zusammengebrochene Bett vergessen können; aber sie ist klug und hat sich überdies darauf gelegt, mich zu beklagen. Sie hat keine Idee von der Natur meiner Empfindungen für dich. Ohne dich, mein Freund, wurde ich wahrscheinlich das Leben durchwandert haben, ohne von diesem Gefühle eine genaue Vorstellung zu erhalten, denn was ich für meinen Mann empfinde ... ich habe für ihn die Gefälligkeit, welche mein Stand mir auferlegt.«
»Er ist dennoch sehr glücklich, und ich beneide sein Glück! Er kann wenn er es wünscht, dein ganzes Wesen in seine Arme drücken; kein lästiger Schleier legt sich zwischen euch, um ihm einen Teil deiner Reize zu entziehen.«
»Wo bist du, teure Schlange? Komm und schütze mich vor ungeweihten Blicken, und ich werde augenblicklich die Wünsche meines Angebeteten erfüllen.«
Während des ganzen Morgens hörten wir nicht auf, uns zu sagen, daß wir uns liebten und uns wiederholte Beweise davon zu geben. Wir hatten ein feines Mittagessen, und während des ganzen Mittags überhäufte ich die liebenswürdige Cäcilia mit Aufmerksamkeiten. Meine niedliche Schildpattdose mit vortrefflichem Tabak gefüllt, wanderte oft um den Tisch herum. In einem Augenblicke, wo sie sich in den Händen Lucrezias befand, welche zu meiner Linken saß, sagte ihr Mann zu ihr, sie könnte meine Tabaksdose gegen ihren Ring eintauschen. Da ich glauben konnte, der Ring sei weniger wert als die Dose, so beeilte ich mich, ihr zu sagen, daß ich sie beim Worte fasse; der Ring war indes mehr wert. Donna Lucrezia wollte nicht Vernunft annehmen, sondern steckte die Dose in die Tasche, und ich mußte den Ring nehmen. Wir tranken den Kaffee, ich bezahlte den Wirt und wir verloren uns sodann in den Labyrinthen der Villa Aldobrandini. Wie viele süße Erinnerungen haben mir diese Orte hinterlassen! Mir schien es, als ob ich meine Lucrezia zum ersten Male sähe. Unsre Blicke waren flammend, unsre Herzen schlugen mit einem Schlage der zärtlichsten Sehnsucht und unser Instinkt leitete uns zu dem einsamsten Asyle, welches die Hand der Liebe geschaffen zu haben schien, um die Mysterien ihres Geheimkultes zu feiern. Hier erhob sich inmitten einer langen Allee und unter einem grünen Laubdache eine geräumige Rasenbank, welche an dichtes Gehölz gelehnt war; vor uns schweiften unsere Augen über eine unermeßliche Ebene und unsere Blicke übersahen die Allee zur Rechten und zur Linken in einer Ausdehnung, welche uns vor jeder Überraschung sicherte. Wir hatten nicht nötig miteinander zu sprechen; unsre Herzen verstanden sich. Ohne zu sprechen und einer vor dem andern stehend, entfernten wir mit geschickten Händen bald alle Hindernisse und gaben der Natur alle Reize zurück, welche die lästigen Hüllen ihr entziehen. Nach zwei Stunden wanderten wir langsamen Schrittes zu unserm Wagen zurück und erheiterten uns auf dem Wege durch die zärtlichsten Mitteilungen. Meine Lucrezia sagte mir, der Bräutigam ihrer Schwester sei reich und besitze ein schönes Haus in Tivoli; wahrscheinlich würde er uns daher einladen, eine Partie dahin zu machen und die Nacht daselbst zuzubringen.
»Ich beschwöre die Liebe«, fügte sie hinzu, »mir ein Mittel an die Hand zu geben, daß wir diese Nacht ebenso ungestört wie den heutigen glücklichen Tag verleben können.«
Hierauf einen traurigen Ton annehmend, sagte sie: »Die geistliche Angelegenheit, welche meinen Mann hierher geführt, ordnet sich leider sehr glücklich und ich fürchte, daß er die Sentenz sehr bald erhalten wird.«
Wir brauchten zur Rückfahrt in unserm Visavis zwei Stunden, und wir belästigten gewissermaßen die Natur, indem wir von ihr mehr forderten, als sie geben konnte. Bei unserer Ankunft waren wir genötigt, ehe noch das Drama, welches wir zur großen Befriedigung der Schauspieler gespielt, beendet war, den Vorhang fallen zu lassen. – Wir hatten noch einige Male Gelegenheit unsere Liebe zu kosten, aber nicht lange und ihr Gemahl erhielt das Urteil. Er kündigte mir unter vielen Freundschaftsbezeugungen seine Abreise auf den nächstnächsten Tag an. Ich brachte die beiden Abende bei Lucrezia und in der Familie zu, und am Tage der Abreise eilte ich ihnen voraus, um ihnen eine angenehme Überraschung zu verschaffen, und begab mich an den Ort, wo sie die Nacht zubringen mußten. Da aber der Advokat, durch verschiedene unvermutete Hindernisse zurückgehalten, erst vier Stunden später als er beabsichtigt, aufbrechen konnte, so kamen sie erst am folgenden Tage zum Mittagessen an. Nach dieser Mahlzeit sagten wir uns ein schmerzliches Lebewohl; sie setzten ihren Weg fort, und ich kehrte nach Rom zurück.
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Bellino
Ich war im glücklichsten Schwunge meines Lebens: beliebt bei Seiner Eminenz, beliebt bei den Damen und Herren der hohen römischen Gesellschaft; es konnte mir jedermann die sicherste Laufbahn zu allen Würden voraussagen. Aber leider ist das Geschick unerbittlich. Die Tochter meines Lehrers, bei dem ich Französisch lernte, hatte mich gebeten, einige Nachrichten an ihren Geliebten zu übermitteln, von dem sie durch ihren überaus strengen Vater ferngehalten wurde. Ich tat's einige Male, wenn auch ungern, und dieser kleine Liebesdienst ließ das Mädchen in mir einen wohlwollenden Freund sehen. Das wurde verhängnisvoll für mich. Die beiden Liebenden hatten sich zur Flucht verabredet. In der Nacht aber, als sie zur Ausführung schritten, lauerten Sbirren dem Pärchen auf; sie faßten aber nur die alte Magd, während das Mädchen, in der Kleidung eines Abbés, sich in den spanischen Palast, in mein Zimmer rettete. Sie blieb die Nacht bei mir, und obwohl wir zusammen in einem Bett schliefen, erfuhr ich hier: das Mitleid vermag auch die ungestümste Begierde zum Schweigen zu bringen, trotz des Anblicks aller Reize, welche sie zum höchsten Grade der Erregung steigern können. Es gelang mir. das Mädchen am andern Morgen, auf die listigste Weise, ohne daß jemand etwas merkte, unter den Schutz des Kardinals zu bringen, der sich ihrer aufs freundlichste annahm und sie in ein Kloster bringen ließ. Aber es war bekannt geworden, daß ich mit ihr und dem Entführer, einem jungen Doktor, in Verbindung stand, und so vermutete jeder, ich habe an der Intrige teilgenommen. Es war eine Verleumdung, und so sichere Beweise ich dagegen brachte: man will nicht das wissen, was die Verleumdung zerstört, sondern das vielmehr, was sie befestigt, denn man liebt sie in der heiligen Stadt. Kurz, dadurch wurde mein weiterer Aufenthalt in Rom unmöglich, bei allem Wohlwollen mußte mir der Kardinal eröffnen, daß ich ihn und Rom verlassen müsse, als Zeichen seiner Achtung aber verspreche er mir, zu jedermann zu sagen, ich sei in einem wichtigen Auftrage verreist; ich konnte mir das Land aussuchen, wohin ich wollte, überallhin könne er mir die besten Empfehlungen mitgeben. Ich war so verärgert, daß ich Seiner Eminenz am andern Tag Konstantinopel angab, wohin ich geschickt sein wollte. Der Kardinal lächelte fein und ließ mir bei meiner Abreise einen Paß nach Venedig übergeben und einen versiegelten Brief an Osman Bonneval, Pascha von Karamanien, in Konstantinopel. Wenn ich auch allen die Adresse zeigte, es glaubte mir niemand, daß ich nach Konstantinopel ginge. Außerdem erhielt ich noch siebenhundert Zechinen, so daß ich mit etwa tausend im ganzen aufbrach, um meiner Vaterstadt zuzueilen. Als ich in Ankona anlangte, müde in einem Gasthause abstieg, wurde ich durch einen Disput mit dem Wirte mit einem Kastilianer Sancio Pico bekannt. Im Laufe des Gesprächs sagte er mir, wenn ich gute Musik hören wolle, möchte ich ihm ins benachbarte Zimmer folgen, wo die erste Sängerin wohne. Das Wort Sängerin interessiert mich, und ich folge ihm. Ich sehe an einem Tische eine Frau von einem gewissen Alter mit zwei jungen Mädchen und zwei Knaben sitzen, aber ich suche vergeblich die Sängerin, welche Don Sancio Pico mir vorstellt, indem er mir einen der beiden Knaben zeigt, der von entzückender Schönheit war und höchstens siebzehn Jahre alt sein konnte. Ich glaubte, es wäre ein Kastrat, der, wie in Rom, alle Funktionen einer ersten Sängerin versähe. Die Mutter stellte mir ihren anderen, ebenfalls sehr niedlichen Sohn vor, der männlicher war als der Kastrat, obwohl er jünger war, er hieß Petron. Dieser stellte in weiterer Fortsetzung der Umwandlung die erste Tänzerin vor. Das älteste der beiden Mädchen, welche mir die Mutter ebenfalls vorstellte, hieß Cäcilie und lernte die Musik, sie war noch sehr jung; ihre jüngere Schwester, namens Marina, war aber kräftiger als sie, und war wie ihr Bruder dem Dienste Terpsichorens geweiht; beide waren sehr hübsch. Diese Familie war aus Bologna und lebte von den Früchten ihrer Talente; die Gefälligkeit und die Heiterkeit ersetzten ihnen den Reichtum. Bellino, so hieß der Kastrat, gab den dringenden Bitten Don Sancios nach, stand vom Tische auf, setzte sich an sein Klavier und sang mit einer Engelsstimme und mit bezaubernder Grazie. Der Kastilianer hörte mit geschlossenen Augen und in einer Art Exstase zu; aber ich war weit entfernt, die Augen zu schließen, sondern bewunderte vielmehr die Bellinos, welche schwarz und feurig Funken zu schleudern schienen, von denen ich mich entzündet fühlte. Ich entdeckte an ihm mehrere Züge Lucrezias und alles an ihm ließ mich auf ein schönes Weib schließen, denn sein Mannesanzug verbarg sehr schlecht die schöne Brust; trotz der mir gemachten Mitteilung setzte ich mir daher auch in den Kopf, daß der angebliche Bellino eine verkleidete Schönheit wäre und da meine Phantasie den höchsten Schwung nahm, wurde ich ganz in ihn verliebt. Nachdem ich zwei köstliche Stunden verlebt, entfernte ich mich mit dem Kastilianer, welcher mich in mein Zimmer begleitete und mir beim Abschied sagte, er reise in der Früh, komme aber übermorgen zum Abendessen wieder zurück. Ich wünschte ihm eine glückliche Reise und sagte, wir würden uns wohl unterwegs begegnen, denn ich würde wohl übermorgen abreisen, sobald ich meinem Bankier einen Besuch abgestattet. Ich legte mich nieder, erfüllt von dem Eindrucke, den Billino auf mich gemacht; ich bedauerte, abreisen zu müssen, ohne ihm den Beweis liefern zu können, daß ich mich nicht durch eine Erdichtung habe täuschen lassen. Bei dieser Stimmung mußte ich mich sehr angenehm überrascht finden, als ich ihn am Morgen, sobald ich meine Tür geöffnet, bei mir eintreten sah. Er bot mir seinen jungen Bruder zur Bedienung während meines Aufenthaltes an. Ich willigte gern ein und schickte den Knaben sogleich Kaffee für die ganze Familie holen. Ich lasse Bellino sich auf mein Bett setzen, um ihm Schmeicheleien zu sagen und ihn als Mädchen zu behandeln, aber da kommen die beiden Schwestern und stürzen auf mich zu: das störte meine Pläne. Indes bildete das Trio vor meinen Augen ein Tableau, welches mir nicht mißfallen konnte; es war die Schönheit ohne Schminke und die naive natürliche Fröhlichkeit in drei verschiedenen Formen; sanfte Vertraulichkeit, theatralischer Charakter, hübsche Scherze und die kleinen Bologneser Grimassen, welche ich noch nicht kannte. Dies war alles reizend und geeignet, in gute Laune zu versetzen, wenn das für mich nötig gewesen wäre. Cäcilie und Marina waren zwei niedliche Rosenknöspchen, welche, um sich zu öffnen, nur den Hauch, nicht des Zephirs, sondern Amors erwarteten, und gewiß würde ich ihnen den Vorzug vor Bellino gegeben haben, wenn ich in diesem nur einen elenden Auswurf der Menschheit oder vielmehr nur ein beklagenswertes Opfer priesterlicher Grausamkeit gesehen hätte; denn trotz ihrer Jugend trugen diese beiden liebenswürdigen Mädchen auf ihrem entstehenden hübschen Busen das Bild früher Reife. Bald kam auch Petron zurück, ich gab ihm eine Zechine, um den Kaffee zu bezahlen, den Rest schenkte ich ihm, wofür er mir mit einem Kuß dankte, woran ich sofort den Buhlknaben erkannte. Ich enttäuschte ihn aber in seiner Erwartung, ohne daß er gedemütigt schien. Sobald ich imstande war, mich zu zeigen, glaubte ich der gefälligen Mutter einen guten Morgen wünschen zu müssen. Ich ging in ihr Zimmer und machte ihr Komplimente über ihre Kinder. Sie dankte mir für das Geschenk, welches ich ihrem Sohne gemacht, und begann mir ihre Not zu klagen.
»Der Theaterunternehmer«, sagte sie, »ist ein Barbar, welcher mir für den ganzen Karneval nur fünfzig römische Taler hat geben wollen. Wir haben sie für unseren Lebensunterhalt aufgebraucht und können nun zu Fuße und bettelnd nach Bologna zurückkehren.«
Diese Mitteilung rührte mich; ich zog aus meiner Börse einen goldenen Quadrupel und gab ihn ihr, worüber sie Tränen der Dankbarkeit weinte.
»Ich verspreche Ihnen einen andern, Madame, für eine Mitteilung«, sagte ich; »gestehen Sie, daß Bellino ein verkleidetes hübsches Weib ist.«
»Seien Sie überzeugt, daß er es nicht ist, aber er sieht so aus.«
»Er hat das Aussehen und den Ton, Madame, denn ich verstehe mich darauf.«
»Er ist so wahr ein Knabe, daß er sich hat untersuchen lassen müssen, um auf dem Theater spielen zu dürfen.«
»Und durch wen?«
»Durch Seine Ehrwürden den Beichtvater Monsignores des Erzbischofs.«
»Durch einen Beichtvater?«
»Und Sie können sich davon überzeugen, wenn Sie ihn fragen wollen.«
»Ich werde mich nur für überzeugt halten, wenn ich ihn selbst untersucht habe.«
»Tun Sie das, wenn er einwilligt; aber mein Gewissen gestattet mir nicht, mich dareinzumischen, denn ich kenne Ihre Absichten nicht.«
»Es sind ganz natürliche.«
Ich gehe auf mein Zimmer und lasse durch Petron eine Flasche Cyperwein holen. Er richtete den Auftrag aus und brachte mir von einer Dublone, welche ich ihm gegeben, sieben Zechinen zurück. Ich verteilte diese unter Bellino, Cäcilie und Marina, und bat die beiden jungen Mädchen, mich mit ihrem Bruder allein zu lassen.
»Bellino, ich bin sicher, daß Ihre Körperbildung von der meinigen verschieden ist; meine Teure, Sie sind ein Mädchen.«
»Ich bin ein Mann, aber ein Kastrat; man hat mich untersucht.«
»Erlauben Sie mir, Sie zu untersuchen, und ich schenke Ihnen eine Dublone.«
»Ich darf es nicht, denn es ist klar, daß Sie mich lieben, und die Religion verbietet mir es.«
»Mit dem Beichtvater des Bischofs haben Sie solche Umstände nicht gemacht.«
»Dieser war ein alter Priester, und er hat auch nur im Vorbeigehen einen Blick darauf geworfen.«
Mit Gewalt wollte ich mich überzeugen, aber er stößt mich zurück und steht auf. Diese Hartnäckigkeit ärgert mich, denn ich hatte schon fünfzehn oder sechzehn Zechinen ausgegeben, um meine Neugier zu befriedigen. Ich setzte mich mit verdrießlicher Miene zu Tisch; aber der vortreffliche Appetit meiner jungen Gäste gab mir meine gute Laune wieder, und ich war der Ansicht, daß, genau besehen, Fröhlichkeit besser wäre als Schmollen, und in dieser Stimmung beschloß ich, mich an den beiden reizenden jüngern Schwestern schadlos zu halten, welche Spaß zu verstehen schienen. Wir saßen, Maronen essend, welche wir mit Cyperwein befeuchteten, vor einem gutem Feuer, und ich fing an, einige unschuldige Küsse zur Rechten und zur Linken zu verteilen und trieb mein Spiel, woran Cäcilie und Marina Gefallen fanden. Da Bellino lächelt, so umarme ich ihn ebenfalls, und da sein halbgeöffnetes Jabot meine Hand herauszufordern scheint, so gehe ich drauf los und dringe ohne Widerstand ein.
»Nie hat der Meißel des Praxiteles einen so schönen Busen geschaffen! Dieses Zeichen, sage ich nun, läßt mich nicht zweifeln, daß Sie ein vollendetes Weib sind.«
»Diesen Mangel«, sagte sie, »haben alle meinesgleichen.«
»Nein, es ist die Vollkommenheit aller Ihresgleichen. Bellino, glaube mir, ich bin hinlänglich unterrichtet, um den unförmlichen Busen eines Kastraten von dem eines schönen Weibes unterscheiden zu können; und dieser Alabasterbusen gehört einer jungen siebzehnjährigen Schönheit.«
Wer wüßte nicht, daß die Liebe, entflammt durch alles, was sie reizen kann, nicht eher innehält, als bis sie befriedigt ist, und daß eine errungene Gunst nur reizt, nach einer größern Gunst zu streben? Ich war auf gutem Wege, ich wollte weiter gehen und was meine Hand verzehrte, mit glühenden Küssen bedecken; aber der falsche Bellino steht auf und entflieht, als wäre er erst in diesem Augenblick das unerlaubte Vergnügen, welches ich genoß, gewahr geworden. Der Zorn verbindet sich mit der Liebe, und da ich ihn unmöglich verachten konnte, sonst hätte ich zuerst mich selbst verachten müssen, da ich das Bedürfnis fühlte, mich zu beruhigen, indem ich meine Glut befriedigte oder sie verdampfen ließ, bat ich Cäcilie, welche seine Schülerin war, mir einige neapolitanische Arien vorzusingen. Ich ging hierauf zum Bankier, wo ich meinen Wechsel auf ihn mit einem Wechsel auf Bologna vertauschte. Nach meiner Rückkehr nahm ich mit diesen beiden jungen Mädchen ein leichtes Abendessen ein und schickte mich hierauf an, zu Bett zu gehen, nachdem ich Petron befohlen, mir mit Tagesanbruch einen Wagen zu besorgen. Als ich die Tür schließen wollte, erschien Cäcilie halb entkleidet und sagte mir, Bellino lasse mich fragen, ob ich ihn nach Rimini mitnehmen wolle, wo er für die nach Ostern aufzuführende Oper engagiert sei.
»Sage ihm, mein kleiner Engel, daß ich ihm sehr gern diese Gefälligkeit erweisen werde, wenn er in deiner Gegenwart tun will, was ich wünsche; ich will bestimmt wissen, ob er ein Mädchen oder ein Knabe ist.«
Sie entfernt sich und kehrt einen Augenblick darauf zurück, um mir zu sagen, daß er im Bett liege, daß, wenn ich aber meine Abreise um einen einzigen Tag aufschieben wolle, er verspreche, meine Neugier am folgenden Tage zu befriedigen.
»Sage mir die Wahrheit, Cäcilie, und ich schenke dir sechs Zechinen.«
»Ich kann sie nicht verdienen, denn ich habe ihn nie ganz nackt gesehen und kann nicht beschwören, ob er ein Mädchen ist. Aber er muß wohl ein Knabe sein, sonst hätte er hier nicht auf dem Theater auftreten können.«
»Wohl, ich werde erst übermorgen abreisen, wenn du mir diese Nacht Gesellschaft leisten willst.«
»Sie lieben mich also sehr?«
»Sehr, wenn du mir gut sein willst.«
»Sehr gut, denn ich liebe Sie sehr. Ich will es meiner Mutter sagen.«
»Du hast gewiß einen Liebhaber?«
»Ich habe nie einen gehabt.«
Sie ging weg und kehrte einen Augenblick darauf sehr fröhlich zurück, indem sie sagte, ihre Mutter halte mich für einen ehrenwerten Mann. Ohne Zweifel hielt sie mich nur für großmütig. Cäcilie schloß die Tür und warf sich in meine Arme, indem sie mich umarmte. Sie war niedlich, reizend; aber ich war nicht in sie verliebt und konnte nicht zu ihr wie zu Lucrezia sagen: du hast mich glücklich gemacht; aber sie sagte es zu mir, ohne daß ich mich dadurch sehr geschmeichelt fühlte, obwohl ich so tat, als ob ich es glaube. Als ich erwachte, wünschte ich ihr einen zärtlichen guten Morgen, und nachdem ich ihr drei Dublonen geschenkt, welche die Mutter ohne Zweifel erfreuten, schickte ich sie weg. Nachdem ich gefrühstückt, ließ ich den Wirt kommen und bestellte ein sehr gutes Abendessen für fünf Personen, da ich überzeugt war, daß Don Sancio, der am Abend zurückkommen wollte, mir die Ehre, mit mir zu speisen, nicht abschlagen würde. Nachdem ich Bellino hatte rufen lassen, forderte ich ihn auf, sein Versprechen zu erfüllen, aber er antwortete mir lachend, der Tag wäre noch nicht vorüber, und er wäre sicher, mit mir zu reisen.
»Ich sage Ihnen, daß das nicht der Fall sein wird, wenn Sie mich nicht vollständig befriedigen.«
»Ich werde es tun.«
»Wollen Sie, daß wir zusammen einen Spaziergang machen?«
»Recht gern; ich werde mich ankleiden.«
Während ich auf ihn wartete, kam Marina und fragte mich mit kummervoller Miene, wodurch sie meine Verachtung verdiene.
»Cäcilie hat bei Ihnen die Nacht geschlafen, morgen reisen Sie mit Bellino; ich bin am allerunglücklichsten.«
»Willst du Geld haben?«
»Nein, denn ich liebe Sie.«
»Aber, Marina, du bist zu jung.«
»Ich bin stärker als meine Schwester.«
»Aber es ist auch möglich, daß du einen Liebhaber hast.«
»Oh, durchaus nicht.«
»Sehr wohl, wir wollen heute Abend sehen.«
Ich spazierte mit Bellino nach dem Hafen, wo ich auf einem türkischen Schiff eine griechische Sklavin wiedersah, mit der ich aus meiner Reise von Venedig nach Martorano ein reizendes Liebesspiel von Balkon zu Balkon hatte, ohne daß wir zum höchsten Genuß gekommen wären. Sie erkennt mich sofort, weiß durch eine List ihren Herrn auf einen Augenblick zu entfernen, den wir benutzen, um alle Wonnen der Liebe auszutauschen, in Gegenwart Bellinos, der starr vor Staunen dastand und wie Espenlaub zitterte. Ich kaufte eine Kleinigkeit, als der Türke zurückkam, und begab mich mit Bellino wieder ans Land. Dieser sprach mit mir über das Geschehene, welches meinen Charakter in einem eigentümlichen Lichte zeige. Die Griechin verstehe er nun vollends gar nicht, er nannte sie sehr unglücklich.
»Glauben Sie denn, fragte ich, daß die Koketten glücklicher sind?«
»Nein, aber ich will, daß eine Frau, wenn sie sich aufrichtig der Liebe hingibt, sich erst nach einem Kampfe mit sich selbst hingibt; und ich will nicht, daß sie der ersten Regung einer schlüpfrigen Begierde weicht, sich dem ersten besten Gegenstand, der ihr gefällt, preisgibt, wie ein Tier, welches nur der Macht der Sinne gehorcht. Gestehen Sie, diese Griechin gab Ihnen ein sicheres Zeichen, daß Sie ihr gefallen; aber sie hat Ihnen ein ebenso sicheres Zeichen ihrer Roheit und einer Schamlosigkeit gegeben, welches sie der Schande, zurückgewiesen zu werden, aussetzte, denn sie konnte nicht wissen, ob Sie zu ihr ebenso galant sein würden, wie sie zu Ihnen. Mich hat die Sache in eine Verwirrung gestürzt, von welcher ich mich noch nicht erholt habe.«
Ich hätte die Zweifel Bellinos aufklären und ihr falsches Räsonnement berichtigen können; aber eine derartige Mitteilung würde nicht zum Vorteile meiner Eigenliebe ausgefallen sein, und ich schwieg deshalb. Wir kehrten nach Hause zurück, und als ich abends den Wagen Don Sancios in den Hof fahren hörte, ging ich ihm entgegen: ich hätte darauf gerechnet, daß er mir die Ehre erweisen würde, mit mir und Bellino zu speisen. Der Spanier hob mit Würde und Höflichkeit das Vergnügen hervor, das ihm zu bereiten ich die Aufmerksamkeit gehabt, und nahm meine Einladung an. Die ausgesuchtesten Gerichte, die besten spanischen Weine und mehr als das alles, die Fröhlichkeit und die entzückenden Stimmen Bellinos und Cäciliens, bereiteten dem Kastilianer fünf köstliche Stunden. Er verließ mich um Mitternacht mit der Erklärung, daß er sie erst dann wahrhaft zufrieden erklären könne, wenn ich ihm verspräche, mit derselben Gesellschaft am folgenden Abend auf seinem Zimmer zu speisen. Ich mußte also meine Abreise noch um einen Tag verschieben; ich nahm die Einladung an. Sobald Sancio weggegangen war, forderte ich Bellino auf, sein Versprechen zu erfüllen; er aber sagte mir, Marina warte auf mich, und da ich noch den folgenden Tag bliebe, würde er Gelegenheit finden, mich zu befriedigen. Damit wünschte er mir eine gute Nacht und entfernte sich. Marinette kam, und obschon ein Jahr jünger als Cäcilie, fand ich sie doch ausgebildeter, und sie bewies mir, daß sie keine Novize mehr in dem Mysterium. Am andern Morgen ging ich aus, um Geld bei meinem Bankier zu holen, da ich nicht wissen konnte, was mir unterwegs begegnen würde; denn ich hatte genossen, aber zu viel ausgegeben, auch blieb mir noch Bellino, gegen den ich nicht weniger großmütig sein konnte als gegen seine Schwestern, wenn er ein Mädchen war. Das mußte sich im Laufe des Tages entscheiden, und ich glaubte des Resultates sicher sein zu können. Zur Zeit des Abendessens begab ich mich zu Don Sancio, welcher eine prächtige Wohnung hatte. Seine Tafel war mit massivem Tafelgeschirr gedeckt, und seine Bedienten waren in großer Livree. Er war allein; aber bald nach ihm kamen Cäcilie, Marina und Bellino, welcher aus Lust oder Laune weibliche Kleidung angezogen hatte. Die beiden Schwestern, welche gut angezogen waren, waren reizend; aber Bellino stach sie in seiner Frauenkleidung so sehr aus, daß mir nicht mehr der geringste Zweifel blieb.
»Sind Sie«, sagte sie zu Don Sancio, »überzeugt, daß Bellino kein Mädchen ist?«
»Mag er Knabe oder Mädchen sein, mir ist nichts daran gelegen. Ich halte ihn für einen hübschen Kastraten und ich habe schon ebenso hübsche gesehn.«
»Sind Sie aber Ihrer Sache sicher?«
»Valgame Dios!« erwiderte der ernste Kastilianer, »ich habe keine Lust, mir Sicherheit zu verschaffen.«
Wie verschieden dachten wir! Da ich aber in ihm die Weisheit achtete, welche mir fehlte, so gestattete ich mir keine indiskrete Frage mehr. Aber bei Tische konnten sich meine Augen nicht von diesem entzückenden Wesen losmachen, meine lasterhafte Natur fand eine süße Wollust darin, ihm ein Geschlecht beizulegen, dessen es für mich bedurfte. Nach einem lukullischen Mahle sang Bellino mit einer Stimme, welche geeignet war, uns um das bißchen Vernunft zu bringen, welches die vortrefflichen Weine uns noch gelassen hatten. Ihre Gesten, der Ausdruck ihres Blickes, ihre Manieren, ihr Auftreten, ihre Haltung, ihre Physiognomie, ihre Stimme und besonders mein Instinkt, der mir für einen Kastraten nicht das Gefühl eingeben konnte, welches ich für sie empfand, alles dies bestätigte meine Hoffnung; aber ich wollte mich doch mit meinen Augen vergewissern. Nach tausend Komplimenten und tausend Danksagungen verließen wir den prachtliebenden Spanier und begaben uns auf mein Zimmer, wo das Mysterium endlich enthüllt werden sollte. Ich forderte Bellino auf, sein Wort zu halten, oder ich würde am nächsten Tage allein abreisen. Ich nehme Bellino bei der Hand und wir setzen uns zusammen am Kamine nieder. Ich schicke Cäcilie und Marina weg und sage: »Bellino, alles hat ein Ende; Sie haben mir Ihr Versprechen gegeben: die Sache wird bald abgemacht sein. Sind Sie das, was Sie sagen, so werde ich Sie bitten, auf Ihr Zimmer zu gehen; sind Sie das, was ich glaube, und wollen Sie bei mir bleiben, so gebe ich Ihnen morgen hundert Zechinen und wir reisen zusammen.«
»Sie werden allein reisen und meiner Schwäche verzeihen, wenn ich Ihnen nicht Wort halten kann. Ich bin, was ich Ihnen gesagt, und kann mich nicht entschließen, Sie zum Zeugen meiner Schande zu machen, noch mich den schrecklichen Folgen aussetzen, welche diese Aufklärung haben könnte.«
»Sie kann durchaus keine haben, denn sobald ich mich überzeugt, daß Sie das Unglück haben, das zu sein, was ich von Ihnen glaube, ist alles abgemacht, es wird keine Rede mehr davon sein, wir reisen morgen zusammen, und ich setze Sie in Rimini ab.«
»Nein, ich bin fest entschlossen; ich kann Ihre Neugierde nicht befriedigen.«
Als ich diese Antwort vernahm, wollte ich wieder Gewalt anwenden; im entscheidenden Augenblick stößt er mich weg, aber doch glaubte ich einen Mann erkannt zu haben. Voller Ekel und Bestürzung und beinahe über mich selbst errötend, schicke ich ihn weg. Seine Schwestern kommen zu mir, ich schicke sie weg mit dem Auftrage, ihrem Bruder zu sagen, daß er mit mir reisen könne und daß er meine Zudringlichkeit nicht mehr zu fürchten habe. Trotz der Überzeugung, welche ich erlangt zu haben glaubte, beschäftigte Bellino, wie ich ihn mir gedacht, noch immer meine Gedanken; ich wußte nicht, was ich denken sollte. Am folgenden Morgen reiste ich mit ihm ab, betrübt durch die Tränen der beiden reizenden Schwestern, und überschüttet mit den Segnungen der Mutter, welche mit dem Rosenkranze in der Hand das Paternoster betete. So war ich also unterwegs mit Bellino, der mich für enttäuscht hielt und nicht glauben konnte, daß ich noch neugierig auf ihn wäre; aber es dauerte nicht eine Viertelstunde, bis er sich überzeugte, daß er sich getäuscht; denn ich konnte meine Blicke nicht auf seinen schönen Augen ruhen lassen, ohne mich von einer Glut entzündet zu fühlen, welche der Anblick eines Mannes bei mir nicht hätte hervorbringen können.
»Bellino«, sagte ich, »der Eindruck, den Sie auf mich machen, eine Art Magnetismus, der Venusbusen, welchen Sie meiner gierigen Hand preisgegeben haben, bekräftigen mich in der Überzeugung, daß Sie von anderem Geschlechte sind als ich. Erlauben Sie mir, mich davon zu überzeugen, und wenn ich mich nicht täusche, so rechnen Sie auf meine Liebe; wenn ich dagegen des Irrtums überführt werde, so rechnen Sie auf meine Freundschaft. Wenn Sie sich noch länger sträuben, so muß ich glauben, daß Sie ein grausames Studium daraus machen, mich zu quälen, und daß Sie ein ausgezeichneter Naturforscher sind und in den vermaledeitesten alten Schulen gelernt haben, daß das wahre Mittel, einem jungen Manne die Heilung von einer verliebten Leidenschaft unmöglich zu machen, darin besteht, ihn unaufhörlich zu reizen; Sie werden aber zugeben, daß Sie diese Tyrannei nur dann ausüben können, wenn Sie die Person, auf welche diese wirkt, hassen: und da die Sache sich so verhält, so müßte ich meine Vernunft zusammennehmen, um Sie ebenfalls zu hassen.«
Ich sprach lang in diesem Tone weiter, ohne daß er ein Wort erwiderte, aber er sah sehr bewegt aus. Als ich ihm zuletzt sagte, daß ich in dem Zustande, in welchen mich sein Widerstreben gesetzt, genötigt sein würde, ihn ohne Schonung zu behandeln, um mir eine Gewißheit zu verschaffen, welche ich nur durch Gewalt erlangen könnte, erwiderte er mit Nachdruck: »Bedenken Sie, daß Sie nicht mein Herr sind, daß ich auf Treu und Glauben in Ihren Händen bin, und daß Sie sich eines Meuchelmordes schuldig machen würden, wenn Sie mir Gewalt antun wollten. Sagen Sie dem Postillon, daß er anhalte; ich werde absteigen und mich gegen niemand beklagen.«
Auf diese kurze Rede folgte ein Strom von Tränen, und diesem Mittel habe ich nie zu widerstehen vermocht. Ich fühlte mich bis auf den Grund der Seele erschüttert und war beinahe davon überzeugt, daß ich im Unrecht. Ich sage beinahe, denn wäre ich überzeugt gewesen, so würde ich mich ihm zu Füßen geworfen haben, um ihn um Verzeihung zu bitten, so aber verschanzte ich mich hinter einem finstern Schweigen und war ausdauernd genug, bis eine halbe Station vor Sinigaglia, wo ich essen und schlafen wollte, kein Wort zu sprechen. Nachdem ich lange mit mir gekämpft, sagte ich endlich: »Hätten Sie für mich einige Freundschaft gehabt, so hätten wir in Rimini als gute Freunde ausruhen können, denn mit einiger Freundschaft hätten Sie mich von meiner Leidenschaft geheilt.«
»Sie würden nicht geheilt worden sein«, antwortete Bellino mutig, aber mit einem Tone der Milde, welcher mich überraschte; »nein, Sie würden nicht geheilt worden sein, mag ich nun Mädchen oder Knabe sein, denn Sie sind in mich, unabhängig von meinem Geschlechte, verliebt, und die Gewißheit, die Sie erlangten, würde Sie wütend machen. Wenn Sie mich in diesem Zustande unbarmherzig gefunden hätten, so hätten Sie gewiß Ausschweifungen begangen, über welche Sie später vergeblich Tränen vergossen haben würden.«
»Sie hoffen mich durch diese schöne Auseinandersetzung zu dem Geständnisse zu bringen, daß Ihre Hartnäckigkeit vernünftig ist; aber Sie sind in völligem Irrtum, denn ich fühle, daß ich durchaus ruhig bleiben, und daß Ihre Gefälligkeit Ihnen meine Freundschaft erwerben würde.«
»Sie wurden wütend werden, sage ich Ihnen.«
»Bellino, was mich wütend gemacht hat, das ist die Zurschaustellung Ihrer zu wirklichen oder zu trügerischen Reize, deren Wirkung Ihnen gewiß nicht unbekannt sein kann. Damals haben Sie meine verliebte Wut nicht gefürchtet; wie soll ich also glauben, daß Sie sie jetzt fürchten, da ich Sie nur bitte, mich eine Sache berühren zu lassen, die geeignet, mir Ekel einzuflößen.«
»Ach, Ihnen Ekel einzuflößen! Ich bin vom Gegenteil überzeugt. Hören Sie mich. Wäre ich ein Mädchen, so würde es nicht in meiner Macht stehen, Sie nicht zu lieben, das fühle ich, da ich aber ein Knabe bin, so ist es meine Pflicht, nicht die Gefälligkeit zu haben, welche Sie wünschen.«
Als wir bei finstrer Nacht in Sinigaglia ankamen, stieg ich im besten Gasthofe ab. Nachdem ich mir ein gutes Zimmer gemietet, bestellte ich ein Abendessen. Da in dem Zimmer nur ein Bett war, so fragte ich Bellino mit der ruhigsten Miene, ob er sich in einem andern Zimmer heizen lassen wolle; aber man denke sich mein Erstaunen, als er mir sehr milde antwortete, er trage kein Bedenken, in demselben Bett zu schlafen. Ich bedurfte dieser Antwort, auf welche ich nichts weniger als gefaßt war, um die trübe Laune, welche mich störte, zu zerstreuen. Ich sah, daß ich der Lösung des Knotens entgegenging, aber in der Ungewißheit, ob sie eine günstige oder ungünstige sein würde, hütete ich mich wohl, mir schon Glück zu wünschen; ich empfand aber doch ein wirkliches Vergnügen über meinen Sieg, da ich sicher war, einen vollständigen über mich davonzutragen, wenn meine Sinne und mein Instinkt mich getäuscht haben sollten, das heißt ihn zu achten, wenn er Mann wäre. Im entgegengesetzten Falle glaubte ich die süßesten Gunstbewilligungen erwarten zu dürfen. Wir setzten uns einander gegenüber bei Tische, und während des Essens ließen mich seine Reden, seine Mienen, der Ausdruck seiner schönen Augen, ein süßes und wollüstiges Lächeln ahnen, daß er müde sei, eine Rolle zu spielen, welche ihm ebenso lästig hatte werden müssen, wie mir selbst. Ich fühlte mich von einer großen Last erleichtert und kürzte das Essen soviel wie möglich ab. Sobald wir vom Tisch ausgestanden, ließ mein liebenswürdiger Gefährte eine Nachtlampe bringen, und nachdem er sich entkleidet, legte er sich ins Bett. Ich folgte ihm sogleich, und ein Weib war es, welches sich mir näherte, als ich mich niedergelegt hatte. Wir sprachen nicht, aber unsere Küsse verschmolzen, und ich gelangte auf den Gipfel des Genusses, ehe ich noch Zeit gehabt, ihn zu suchen. Was hätte es auch wohl, nachdem ich den vollständigen Sieg errungen, meinen Augen und meinen Fingern genutzt, Untersuchungen anzustellen, welche mir doch keine größere Gewißheit mehr verschaffen konnten, als ich schon hatte. Ich ließ meine Blicke auf diesem schönen Gesichte schweifen, welches die zärtlichste Liebe mit dem lebhaftesten und natürlichsten Feuer beseelte. Nach einem Augenblicke der Ekstase entzündete ein neues Feuer eine neue Feuersbrunst unsrer Sinne und wir löschten auch diese in einem Meere neuer Entzückungen. Als unsre Sinne der Ruhe bedurften, wir still nebeneinander lagen und ich das reizende Wesen bat, mir doch zu sagen, wodurch sie denn veranlaßt worden, jene schreckliche Mißbildung zu tragen, die ich doch bei ihr gemerkt, vernahm ich eine seltsame Geschichte von Therese, denn dies war ihr richtiger Name. Der berühmte Musiker, der Kastrat Salimberi, hatte sie zu sich genommen, um ihre Stimme, von der er das höchste hoffte, auszubilden. Hatte dieser Mann auch durch seine Verstümmelung lange nicht die Überlegenheit andrer Männer, so entfesselte doch seine Schönheit, sein Geist und sein Benehmen ihre Liebe, daß sie ihm ganz zu Willen war. Nach einiger Zeit starb ihr Vater, und da Salimberi nach Rom mußte, brachte er Therese nach Rimini in dieselbe Pension, in welcher von ihm auch ein Knabe unterhalten wurde, den sein Vater, ein armer Musiklehrer, als er sich dem Tode nahefühlte, zum Kastraten bestimmte, damit er so seine zahlreichen Geschwister ernähren könne. Als Salimberi in diese Pension kam, war der Knabe, Bellino geheißen, gerade gestorben. Da er den Schmerz bedachte, welcher die arme Witwe befallen mußte, kam er auf den Gedanken, sie, Therese, sollte sich als den jungen Kastraten ausgeben, als solchen wolle er sie bei dessen Mutter in Pension bringen, die für das Geld, das sie sich dadurch erwürbe, sicher Schweigen bewahren würde. Wäre sie dann vollends ausgebildet, so würde er sie an das Hoftheater nach Dresden bringen, wo auch er weilte, und dort könnten sie dann ohne Hindernis zusammen leben. Ihr Busen würde ihr, wenn er sich entwickelte, nichts schaden, denn auch Kastraten zeigten öfters einen solchen. Da aber Untersuchungen zu erwarten waren, so hatte er ihr ein Instrument gegeben, welches sie an ihrem Körper befestigen mußte, um äußerlich einen männlichen Eindruck hervorzurufen. Leider starb Salimberi vor einem Jahre, und nun mußte sie ihr Talent nutzbar machen. Ihre sogenannte Mutter riet ihr, sich auch weiterhin als Kastraten auszugeben. Sie tat es wohl, aber sie litt darunter und nicht zum wenigsten durch die Nachstellungen, denen sie ausgesetzt; und in die bittenden Worte brach sie aus: »Nach Salimberi bist du der einzige Mann, den ich gekannt. Aus Mitleiden, mein Engel, sei großmütig, wenn du mich liebst, entziehe mich diesem Zustande der Schmach und Verworfenheit. Nimm mich mit dir. Ich mache keinen Anspruch darauf, deine Frau zu werden, das möchte zu viel Glück sein; laß mich nur deine Freundin sein, wie ich die Salimberis gewesen sein würde: mein Herz ist rein, ich fühle, daß ich gemacht bin, um mein Leben durch Treue gegen meinen Liebhaber zu ehren. Verlaß mich nicht. Die Zärtlichkeit, die du mir eingeflößt, ist eine wahrhafte; die, die ich für Salimberi hegte, war unschuldig und entsprang aus meiner Jugend und Dankbarkeit, und ich halte mich erst für ein Weib, seitdem ich es durch dich geworden bin.«
Ihre rührenden Worte, die mit Überzeugung von ihren Lippen strömten, waren wie ein Zauber und ließen mich Tränen zärtlicher Teilnahme vergießen. Ich vermischte sie mit denen, die ihren schönen Augen entflossen, und, lebhaft ergriffen, versprach ich ihr aufrichtig, sie nicht zu verlassen. Nachdem ich midi überzeugt, daß ich wirklich in Ankona ihre wahrhafte Neigung wachgerufen, daß sie qualvoll gelitten unter den Beleidigungen, die ich ihrem Herzen durch mein Verhältnis zu ihren Schwestern zufügen mußte, faßte ich den Entschluß, sie mit meinem Schicksale zu verknüpfen, wie dieses sich auch gestalten mochte, oder mich mit dem ihrigen, denn unsere Lage war so ziemlich dieselbe, dieser Verbindung aber auch die Weihe der Gesetze und der Religion zu geben, sie förmlich zu heiraten; denn nach meinen damaligen Ideen konnte eine Heirat unsere Zärtlichkeit nur inniger machen, unsere gegenseitige Achtung nur vermehren. Da ich mir aber sagte, daß es bei meinen damaligen Verhältnissen dahin kommen könnte, daß ihr Talent mich ernähren müsse, und sie mir dann die größten Demütigungen zufügen könnte, beschloß ich, sie zu prüfen. Ich gestand ihr, nachdem ich sie gehörig auf meine Wahrhaftigkeit vorbereitet, ein, daß ich nicht reich, daß ich, wenn meine Börse geleert, nichts mehr mein eigen nennen könne, daß ich nicht von Adel, sondern von gleicher Geburt wie sie; daß kein einträgliches Talent und keine Stellung mir sichere Existenz gäbe, kurz, daß meine ganze Habe bestehe aus: Jugend, Gesundheit, Mut, etwas Geist, Ehr- und Rechtlichkeitsgefühl, und in einiger Kenntnis der guten Literatur. Außerdem sei ich der Verschwendung sehr zugeneigt. Sie antwortete darauf, daß sie mir buchstäblich glauben müsse, denn eine Ahnung habe ihr das schon vorhergesagt. Aber sie freue sich, denn nun könne sie gewiß sein, daß ich ihr Geschenk annehmen würde.
»Dies Geschenk besteht in mir, wie ich bin und mit allen meinen Fähigkeiten. Ich gebe mich dir ohne jede Bedingung hin; ich gehöre dir und werde für dich sorgen. Denke in Zukunft nur daran, mich zu lieben, aber liebe mich allein. Von diesem Augenblicke bin ich nicht mehr Bellino. Gehen wir nach Venedig, wo mein Talent uns beide ernähren wird, oder wohin du willst.«
»Ich muß nach Konstantinopel reisen.«
»Gehen wir dorthin. Wenn du mich durch Unbeständigkeit zu verlieren fürchtest, so heirate mich, und deine Anrechte an mich werden durch die Gesetze befestigt. Ich werde dich darum nicht zärtlicher lieben; aber der Name deiner Gattin wird mir angenehm sein.«
»Ich habe diese Absicht und freue mich, daß du meine Ansicht teilst. Übermorgen, und keinen Tag später, sollst du mein Gelübde in Bologna am Fuße des Altars empfangen, wie ich es hier in den Armen der Liebe ablege. Ich will, daß du mein seiest und daß wir beide durch alle nur erdenkbaren Bande vereinigt werden.«
Wir waren auf dem Gipfel des Glücks. Am folgenden Tage machten wir uns auf den Weg, und blieben zum Frühstück in Pesaro. Als wir im Begriff sind, in den Wagen zu steigen, erscheint ein Unteroffizier mit zwei Füsilieren und fragt uns nach unsern Namen und unsern Pässen. Bellino gibt den seinigen, aber ich suche vergeblich den meinigen, ich finde ihn nicht. Der Korporal befiehlt dem Postillon zu warten und stattet seinen Bericht ab. Eine Stunde darauf kehrt er mit dem Passe Bellinos und der Meldung zurück, er könne Weiterreisen, während ich zum Kommandanten geführt wurde, wo ich mich auswies, soweit ich konnte, aber zugestehen mußte, daß mein Paß verloren gegangen sei. Ich wurde nun festgehalten, bis ein Paß aus Rom wieder für mich ankäme. Ich war untröstlich, besonders Theresens wegen, welche weiterreisen mußte, und es blieb uns nur die Hoffnung, daß wir uns in zehn Tagen wiedersehn würden, um uns nicht mehr zu verlassen. Das Schicksal hat es anders gewollt. Ich war auf Sankt Maria untergebracht, wo ich bald bekannt war und frei herumspazieren konnte. Da begegnete mir eines Tags der sonderbarste Zufall meines Lebens. Es war sechs Uhr morgens. Ich ging etwa hundert Schritt von der Schildwache spazieren, als ein Offizier in meiner Nähe vom Pferde stieg, ihm den Zügel über den Hals warf und sich entfernte, um ein Bedürfnis zu verrichten. Ich bewundere die Gelehrigkeit des Pferdes, welches wie ein getreuer Diener, dem sein Herr zu warten befohlen, dastand, nähere mich ihm, ergreife ohne alle Absicht die Zügel, setze den Fuß in den Bügel und sitze nun im Sattel. Zum erstenmal in meinem Leben hatte ich ein Pferd bestiegen. Ich weiß nicht, ob ich es mit meinem Stocke oder meinem Absatze berührte, plötzlich geht das Tier mit mir durch; ich drücke es mit meinen Absätzen, und nachdem mein rechter Fuß den Steigbügel verloren und da das Pferd sich fortwährend gedrückt fühlt, so läuft es immer schneller und schneller. Der letzte vorgeschobene Posten ruft mir Halt zu; ich kann dem Befehle nicht willfahren, da das Pferd immer schneller läuft: ich höre Kugeln um mich herum pfeifen, welche meinem unfreiwilligen Gehorsam nachgeschickt werden. Endlich beim ersten vorgeschobenen Posten der Österreicher hält man mein Pferd an, und ich danke Gott, daß ich absteigen darf. Ein Husarenoffizier fragt mich, wo ich so schnell hin will, und mein Wort, welches meinen Gedanken voranläuft, antwortet ohne mein Wissen, daß ich es nur dem Fürsten Lobkowitz sagen könne, welcher die Armee befehligte und dessen Hauptquartier in Rimini war. Nachdem ich dies gesagt, befiehlt der Offizier zwei Husaren, zu Pferde zu steigen, und nachdem man mich auf ein drittes gesetzt, führt man mich im Galopp nach Rimini, wo der wachthabende Offizier mich sogleich zum Fürsten bringen läßt. Ich fand Seine Hoheit allein und erzählte ihm einfach, was mir begegnet. Meine Erzählung brachte ihn zum Lachen, doch äußerte er, daß sie nicht glaublich wäre. Aber er gab den Auftrag, mich vor das Tor nach Cesena zu bringen, von wo ich mich überall hin wenden könnte, nur dürfte ich mich nicht wieder ohne Paß unter seiner Armee zeigen. Ein Offizier begleitete mich; auf dem Wege begegnete uns Petron, dem ich befahl, so zu tun, als kenne er mich nicht. Vor dem Tor verließ mich der Offizier. Da es regnete, stellte ich mich unter einen Torweg, und um nicht als Abbé erkannt zu werden, kehrte ich meinen Überrock um. Während ich so warte, kommt eine Maultierherde vorbei, mechanisch lege ich die Hand auf den Hals eines der Tiere und folge dem langsamen Schritte der Herde, und so kehre ich nach Rimini zurück, ohne daß der Treiber noch sonst jemand etwas von mir merkte. Ich gelangte bis zur Wohnung Theresens, wo ich die ganze Familie versammelt fand. Als Therese von meinem Abenteuer hörte, riet sie mir dringend, nach Bologna zurückzukehren, um mir einen Paß zu beschaffen. Von einem Offizier, dem Baron Vais, der zufällig derselbe war, welcher mich vor das Tor gebracht hatte und der schon von ihr mein Mißgeschick kannte, hatte sie gehört, wie gefährlich mein Aufenthalt ohne diesen sein würde. Sie selbst hatte sich dem Direktor des Theaters als Mädchen vorgestellt, und da in Rimini Frauen auftreten dürfen, stand nichts ihrem Engagement entgegen. Ihr Gastspiel daure nur bis Mai, dann wolle sie mich aufsuchen, wo ich es bestimme. Den ganzen Tag blieb ich in der Gesellschaft meiner Geliebten und entdeckte immer neue Reize in ihr. Gegen Abend kam der Baron Vais; sie ließ mich allein im Dunkeln, aber so, daß ich alles sehen konnte. Mit vollendeter Grazie empfing sie jenen, hörte seinen Bericht über mich an, blieb auch ruhig, als er erwähnte, daß er mir geraten, mir meinen Paß in Bologna zu verschaffen. Er blieb eine Stunde bei ihr, und Theresens Benehmen gab mir nicht den geringsten Grund zur Eifersucht. Durch Petron erfuhr ich die Gelegenheit, daß ich am andern Morgen als Maultiertreiber mit einer Herde aus der Stadt gelangen könnte. In der Frühe nahm ich herzlichen Abschied und gelangte auf die angegebene Weise aus der Stadt. Sobald es möglich, nahm ich Post nach Bologna. Als ich dort ankam und bedachte, daß ich mir wohl neue Kleider machen lassen müßte, entschloß ich mich nach einer reiflichen Überlegung, deren Ende war, daß der geistliche Beruf nichts für mich, das Kleid eines Abbés auszuziehen und das eines Offiziers anzulegen. Ich ließ mir also eine Fantasieuniform machen und gab mich als Offizier aus, der augenblicklich ohne Dienst. Ein Zufall wollte es, daß in derselben Zeit die Zeitung von Pesaro meldete: Herr Casanova, Offizier im Regiment der Königin, sei desertiert, nachdem er seinen Hauptmann im Duell getötet. Fragern gegenüber schwieg ich und nährte somit die Idee, daß ich dieser Offizier sei. Da ich hoffte, daraufhin in Venedig mit Ehren empfangen zu werden, außerdem auch dort meine Therese bequemer erwarten könne, wollte ich mich nach meiner Vaterstadt begeben. Vor meiner Abreise erhielt ich einen dicken Brief von Therese, welche mir in den zärtlichsten Ausdrücken mitteilte, sie habe ein Anerbieten nach Neapel mit tausend Unzen jährlicher Bezahlung und Erstattung der Reisekosten. Sie legte einen Vertragsentwurf bei, den sie nur unterschreibe, wenn ich damit einverstanden; außerdem sandte sie mir noch eine förmliche Verpflichtung, ihr ganzes Leben lang in meinen Diensten zu bleiben. Wenn ich mit nach dieser Stadt wollte; würde sie mich überall abholen; hegte ich aber Abneigung gegen Neapel, so werde sie sich ganz meinen Wünschen fügen. Es war das erstemal, daß ich nachdenken mußte, ernstlich: Eigenliebe und Liebe zu Therese hielten sich die Wagschale. Wie sollte ich jetzt als der Mann einer Sängerin in Neapel auftreten, in einer Gesellschaft, von der ich mich erst vor einigen Monaten mit allen Ehrenbezeigungen getrennt hatte? Und dann sollte ich auf das glänzende Los verzichten, für das ich mich geboren glaubte? Wäre Theresens Brief eine Woche früher gekommen: sie wäre nicht nach Neapel gegangen, jetzt aber mußte mein Verstand über das Herz siegen: auch in der Liebe ist die Zeit eine mächtige Herrin. Ich schrieb also Therese, sie möchte annehmen; wenn ich von Konstantinopel zurückkäme, würde ich sie sofort aufsuchen. Es war eine Ausflucht. Nach einigen Tagen schrieb sie mir: sie habe eine Kammerfrau genommen und werde im Mai nach Neapel reisen, um dort so lange auf mich zu warten, bis ich ihr anzeige, daß ich sie nicht mehr liebe. Erst nach Jahren sollte ich dies liebe Wesen wiedersehn.
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In Konstantinopel und auf Corfu
Als ich in der Uniform vor Herrn Grimani, meinem Vormund, erschien, schrie er vor Verwunderung auf, nicht weniger erstaunten meine andern Bekannten, unter denen ich besonders Madame Orio begrüßte, welche die Freundlichkeit hatte, mir ein Zimmer für die Zeit meines Aufenthalts zu vermieten; da dies neben dem ihrer Nichten lag, so kann man sich denken, welch köstliche Nächte das Trio verbrachte. Alle Zweifel, die sich an meine Existenz als Offizier doch wohl anhängen konnten, schlug ich mit eins nieder: durch ein forsches Betragen einem Herrn gegenüber, welcher meine Auskunft unwahr nannte, daß ich, ohne Quarantäne zu halten, über die Grenze gekommen sei. Ein Freund bestimmte mich, Dienste bei dem Heer der Republik zu nehmen, und so trat ich denn als Fähnrich ein ins Regiment Bala auf Korfu, wohin ich am fünften Mai eingeschifft wurde. Außerdem hatte ich mich bemüht, mit dem Bailo bei der ottomanischen Pforte, welcher in spätestens zwei Monaten abgehen sollte, die Fahrt nach Konstantinopel machen zu dürfen, was mir auch zugestanden wurde. Auf der Fahrt nach Korfu machten wir in Orsera Station, wo ich auch bei meiner Fahrt nach Ankona an Land gegangen war. Ich spazierte auch diesmal am Lande, als mich ein Mensch von gutem Aussehen ansprach: es konnte kein Gläubiger sein, so ließ ich mich in ein Gespräch mit ihm ein. Da er mich aber fragte, ob ich nicht vor einiger Zeit in geistlichem Gewand hier gewesen, wurde ich ungehalten, worauf er um Verzeihung bat, aber er sei mir zum größten Dank verpflichtet. Verwundert fragte ich, wieso? Und mußte nun erfahren, er sei Chirurgus, und hätte er früher mit Schröpfen und Schrammenverbinden gerade seinen Lebensunterhalt erworben, so sei er jetzt so weit, daß er sein Geld anlegen könne und nur dadurch sei er zur Wohlhabenheit gelangt, daß ich der Haushälterin des Don Hieronymus bei meinem Aufenthalt ein verliebtes Andenken hinterlassen, welches diese einem Freunde mitteilte, der es schleunigst seiner Frau übertrug. Diese, um nicht zurückzubleiben, gab es einem Wüstling, welcher so damit hauste, daß der Chirurgus in einem Monat fünfzig Kunden mehr zählen konnte.
»Ich habe noch einige Kunden, aber in einem Monate werde ich keinen mehr haben, denn die Krankheit ist nicht mehr vorhanden. Sie können sich jetzt denken, welche Freude ich gehabt, als ich Ihnen begegnet. Diese Begegnung ist mir als eine gute Vorbedeutung erschienen. Darf ich mir schmeicheln, daß Sie wenige Tage hierbleiben werden, um die Quelle meines Glückes wieder aufzufrischen?«
Ich lachte, aber ihn betrübte ich, als ich ihm sagte, ich befände mich äußerst wohl. Er gab mir zum Abschied noch einige gute Mahnungen, denn das Land, wohin ich ginge, sei voll verdorbener Ware. – Nach einer stürmischen Fahrt kamen wir nach Korfu, wo ich während der Zeit, in welcher ich den Bailo erwartete, mich nur im Kaffeehaus herumtrieb; dort saß ich so oft an der Pharaobank, daß ich all mein Geld verlor und die Ankunft des Bailo freudig begrüßte. Ich wurde als Adjutant des Bailo, eines Ritters Venier, mit einem halbjährigen Urlaub versehen und dem glänzenden Gefolge eingereiht. Gleich nach unsrer Ankunft in Konstantinopel meldete ich mich beim Pascha von Karamanien, der früher Graf Bonnival hieß, eines Abenteurers, der am Türkischen Hofe sein Glück gemacht hatte. Mit aller Zuvorkommenheit wurde ich von ihm aufgenommen. Das Bedeutungsvollste meines Aufenthaltes war aber die Bekanntschaft mit Jussuf-Ali, einem Manne von sechzig Jahren, den ich bald regelmäßig in seinem Hause besuchte, wobei wir die tiefsten philosophischen Gespräche führten, welche meist von Religion handelten, bis wir eines Tages auf die Liebe kamen. Gegen Ende dieses Gesprächs machte mir Jussuf folgenden Vorschlag: »Ich habe«, sagte er, »eine Tochter, welche nach meinem Tode alles, was ich besitze, erhalten wird, und ich bin auch imstande, das Glück desjenigen, der sie heiratet, bei meinen Lebzeiten zu begründen. Vor fünf Jahren habe ich ein junges Weib genommen, aber sie hat mir keine Nachkommenschaft gegeben, und ich bin sicher, daß sie mir keine geben wird. Zelmi, meine Tochter, ist fünfzehn Jahre alt; sie ist schön, hat schwarze und glänzende Augen, die schönsten schwarzen Haare, eine Alabasterhaut, ist groß, schön gewachsen und von sanftem Charakter; ich habe ihr eine Erziehung gegeben, welche sie würdig machen würde, das Herz unsers Herrn zu besitzen. Sie spricht geläufig Griechisch und Italienisch; sie singt entzückend und begleitet sich mit der Harfe; sie zeichnet, stickt und lebt immer in heiterster Laune. Es gibt keinen Menschen, der sich rühmen könnte, je ihre Figur gesehen zu haben, und sie liebt mich so sehr, daß sie keinen andern Willen als den meinigen hat. Dieses Mädchen ist ein Schatz, und ich biete sie dir an, wenn du ein Jahr bei einem meiner Verwandten wohnen willst, um unsre Sprache, Religion und Sitten zu lernen. Nach Verlauf eines Jahres kommst du wieder, und sobald du dich als Muselmann erklärt, wird meine Tochter deine Frau. Du wirst ein eingerichtetes Haus und Sklaven, deren Herr du sein wirst, sowie eine Rente, vermittels welcher du im Überflusse leben kannst, erhalten. So ist die Sache. Du brauchst mir nicht heute oder morgen oder an einem bestimmten Tage zu antworten. Du sollst mir antworten, wenn dein Geist dich dazu treibt, und deine Antwort wird die Annahme meines Anerbietens sein; denn wenn du es nicht annimmst, brauchen wir nicht weiter davon zu sprechen. Denk auch nicht daran, denn von dem Augenblicke an, wo ich den Samen in deine Seele gestreut, wird es nicht mehr in deiner Macht stehen, die Erfüllung zu wollen oder dich ihr zu widersetzen. Ohne dich zu übereilen, ohne zu zögern, ohne dich zu beunruhigen, wirst du nur den Willen Gottes tun, nur dem unwiderruflichen Beschlusse seiner Vorsehung folgen. Wie ich dich kenne, brauchst du nur die Gesellschaft Zelmis, um glücklich zu werden, und ich sehe voraus, daß du eine Säule des Türkischen Reiches werden wirst.«
Als Jussuf geendet, drückte er mich gegen sein Herz, und um mir nicht Zeit zur Antwort zu lassen, ging er weg. Als ich mich entfernte, war mein Geist von allem, was ich gehört, so sehr eingenommen, daß ich nach Hause kam, ohne es gewahr zu werden. Die Bailis fanden mich nachdenkend und fragten mich um den Grund; aber man kann sich wohl denken, daß ich ihre Neugier nicht befriedigte. Ich fand, was Jussuf mir gesagt, nur zu wahr; die Sache war von so großer Wichtigkeit, daß ich sie nicht nur niemand mitteilen, sondern auch selbst nicht daran denken durfte, bis ich ruhig genug geworden, um sicher zu sein, daß kein fremder Einfluß sich in die Wagschale legte, in welcher mein Entschluß abgewogen werden sollte. Alle meine Leidenschaften mußten schweigen; die Befangenheiten, Vorurteile, die Liebe und selbst das persönliche Interesse mußte in der Ruhe der vollständigsten Untätigkeit bleiben. Am folgenden Tage, nachdem ich erwacht und oberflächlich an die Sache gedacht, sah ich wohl, daß nichts meinem Entschlusse mehr hinderlich werden könne als das Denken daran, und daß der Entschluß in dieser Sache mir wie durch Eingebung und ohne Nachdenken kommen müsse. Ich war in der Lage, das sequere Deum der Stoiker auf mich anzuwenden. Ich brachte vier Tage hin, ohne Jussuf zu besuchen, und als ich am fünften zu ihm kam, plauderten wir heiter, ohne von der Sache zu sprechen, obschon wir unmöglich nicht daran denken konnten. So lebten wir vierzehn Tage, ohne über das, was uns am meisten beschäftigte, eine Silbe verlauten zu lassen; aber da unser Schweigen nicht aus Verstellung oder einem der Achtung und Freundschaft entgegengesetzten Gefühle entsprang, sagte er eines Tages zu mir, er glaube, daß ich einem Weisen seinen Vorschlag mitgeteilt, um mich mit einem guten Rate auszurüsten. Ich versicherte ihm das Gegenteil, indem ich zu ihm sagte, ich glaube in einer so zarten Sache dem Rate keines Fremden folgen zu dürfen.
»Ich habe mich Gott übergeben, mein teurer Jussuf, und da ich zu diesem volles Vertrauen habe, so bin ich sicher, einen guten Entschluß zu fassen, sei es, daß ich mich entschließe, dein Sohn zu werden, oder daß ich bleibe, was ich bin.«
Unterdes beschäftigt der Gedanke an diese Sache meine Seele morgens und abends, in den Augenblicken, wo ich mir gegenüber ruhig bin und sie still und gesammelt ist.
»Wenn ich mich entschlossen, werde ich dir, dir allein die Nachricht bringen, und von diesem Augenblicke an wirst du über mich die Gewalt eines Vaters haben.«
Bei diesen Worten legte der tugendhafte Jussuf, dem die Tränen in den Augen standen, seine linke Hand auf mein Haupt und die beiden ersten Finger der rechten Hand auf meine Stirn und sprach: »Fahre so fort, mein teurer Sohn, und sei überzeugt, daß du dich nicht täuschen wirst.«
»Aber«, sagte ich, »könnte es nicht der Fall sein, daß Zelmi mich nicht nach ihrem Sinn fände?«
»Beruhige dich darüber. Meine Tochter liebt dich, sie hat dich gesehen; sie, sowie meine Frau und ihre Gouvernante sehen dich, so oft wir zusammen sprechen, und sie hört dir mit Vergnügen zu.«
»Aber sie weiß nicht, daß du sie mir zur Frau geben willst?«
»Sie weiß, daß ich wünsche, du möchtest ein Gläubiger werden, damit du dein Geschick mit dem ihrigen vereinigst.«
»Ich freue mich, daß du sie mir nicht zeigen darfst, denn sie könnte mich blenden, und dann würde die Leidenschaft den Ausschlag geben; ich dürfte mir nicht mehr schmeicheln, mich aus reiner Seele entschieden zu haben.«
Jussufs Freude, als er mich so reden hörte, war außerordentlich, und ich war wirklich aufrichtig. Die bloße Idee, Zelmi zu sehen, erfüllte mich mit Schauer. Ich fühlte, daß wenn ich mich in sie verliebte, ich Muselmann werden würde, um sie zu besitzen, und ich würde das gewiß bereut haben. Ich gab etwas auf die Achtung der angesehenen Personen, welchen ich bekannt war, und ich wollte mich ihrer nicht unwürdig machen. Übrigens war ich auch von dem Wunsche beseelt, mich unter den gebildeten Nationen berühmt zu machen, entweder in den schönen Künsten oder in der Literatur, oder in jeder andern ehrenvollen Laufbahn, und ich konnte mich nicht entschließen, andern die Triumphe zu überlassen, welche mir vorbehalten sein konnten. Was mich vorzüglich zurückschreckte, war die Idee, ein Jahr in Adrianopel leben zu müssen, um eine barbarische Sprache zu lernen, gegen welche ich eine Abneigung fühlte, und welche ich also schlecht gelernt haben würde. Wie sollte ich in meinem Alter auf das der Eigenliebe so schmeichelhafte Vorrecht, ein guter Redner zu sein, verzichten! Und überall, wo man mich kannte, hatte ich diesen Ruf. Wenige Tage nachher frühstückte ich mit Bonneval bei Ismail, zu dem ich nicht mehr allein ging, da er mir einmal allzu zärtliche Beweise seiner Freundschaft geben wollte, welche dem Türken nicht schändlich, mir aber wider den Geschmack gehen. Wir sahen eine Pantomime von neapolitanischen Sklaven aufgeführt, wodurch das Gespräch auf die Forlana, einen venetianischen Tanz, kam, den Ismail brennend gern sehen wollte. Ich spielte auf einer Violine die Melodie, aber ich konnte nicht zugleich tanzen. Ismail stand plötzlich auf, sprach mit einem Eunuchen, welcher hinausging, zu mir aber sagte er, eine Tänzerin sei gefunden, worauf ich erwiderte, man könne einen Violinspieler sicher aus dem venetianischen Palast erhalten. Es wurde hingeschickt, und bald darauf kam ein tüchtiger Violinspieler. Kaum hatte der mit dem Tanz begonnen, öffnet sich eine Tür und eine schöne Frau, deren Gesicht mit einer schwarzen Maske, in Venedig moretta geheißen, bedeckt war, erscheint. Die ganzen Gesellschaft war entzückt, denn es war unmöglich, sich vollkommenere Formen vorzustellen, sowohl an Schönheit dessen, was man von ihrer Figur sehen konnte, wie an Eleganz der Formen, an Liebreiz ihres Wuchses, an wollüstiger Weichheit der Umrisse und an ausgezeichnetem Geschmack des Anzugs. Die Nymphe stellt sich auf, ich folge ihr, und wir tanzen sechs Tänze hintereinander. Ich war ganz Feuer und völlig außer Atem, denn es gibt keinen ungestümeren Nationaltanz; aber die Schöne hielt stand, sie kein Zeichen der Ermüdung sehen und schien mich herauszufordern. Bei der Balletronde, welche das Schwierigste ist, schien sie zu schweben. Ich war außer mir vor Erstaunen, denn ich erinnerte mich nicht, diesen Tanz selbst in Venedig so gut tanzen gesehen zu haben. Nach einigen Minuten der Ruhe trat ich einigermaßen beschämt über meine Ermattung an sie heran und sagte: Ancora sei, e poi basta, se non volete vedermi a morir (Noch sechs und dann genug, wenn Sie mich nicht sterben sehen wollen). Sie würde geantwortet haben, aber sie trug eine jener grausamen Masken, mit welcher man kein einziges Wort sprechen kann. In Ermangelung des Worts ließ mich ein Händedruck, den niemand gewahr werden konnte, alles erraten. Sobald die sechs Forlanen zu Ende waren, öffnete ein Eunuche die Tür, und meine schöne Partnerin verschwand. Ismail erschöpfte sich in Danksagungen, und doch war ich ihm Dank schuldig, denn dies war das einzige wahre Vergnügen, welches ich in Konstantinopel hatte. Ich fragte ihn, ob die Dame Venetianerin wäre, er aber antwortete mir mit einem bedeutungsvollen Lächeln. Wir trennten uns gegen Abend.
»Dieser brave Mann«, sagte Bonneval als wir uns entfernten, »ist das Opfer seiner Prachtliebe geworden, und ich bin sicher, daß er das, was er getan, schon bereut: seine schöne Sklavin mit Ihnen tanzen zu lassen. Nach dem Vorurteile des Landes schadet er dadurch seinem Rufe; denn es ist unmöglich, daß Sie dies arme Mädchen nicht entflammt haben sollten. Ich rate Ihnen, mißtrauisch und auf Ihrer Hut zu sein; denn sie wird eine Intrige mit Ihnen anzuknüpfen suchen, und infolge der Sitten dieses Landes sind diese Intrigen immer gefährlich.«
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