Читать книгу: «Das sogenannte Alte Testament»
TIMOTHY J. GEDDERT
GERTRUD A. GEDDERT
Das sogenannte Alte Testament
Warum wir nicht darauf verzichten können
Dieses Buch als E-Book:
ISBN 978-3-86256-737-9, Bestell-Nummer 588 674E
Dieses Buch in gedruckter Form:
ISBN 978-3-937896-74-8, Bestell-Nummer 588 674
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische
Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar
Bibelzitate, soweit nicht anders angegeben, wurden der Gute Nachricht Bibel (Revidierte Fassung der »Bibel in heutigem Deutsch«, durchgesehene Ausgabe in neuer Rechtschreibung) entnommen. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagfotos: © ShutterStock®
© 2009 Neufeld Verlag Schwarzenfeld
Die gedruckte Ausgabe erschien in Kooperation mit
dem Bibellesebund e. V., Marienheide
(ISBN 978-3-87982-285-0, Bestell-Nummer 3086)
www.bibellesebund.de
Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,
nur mit Genehmigung des Verlages
www.neufeld-verlag.de / www.neufeld-verlag.ch
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Inhalt
Einführung
Die Bibel – Geschichte als Erzählung
Unser Ziel
Weiterführende Fragen
Kapitel 1: Gott, der treue Schöpfer: 1. Mose 1–2
Am Anfang schuf Gott
Bevölkert die Erde!
Der treue Schöpfer
Herrschen und unterwerfen
Die Herrlichkeit des Schöpfers – die Würde des Menschen
Warum sollten wir die Schöpfungsgeschichte lesen?
Weiterführende Fragen
Kapitel 2: Der Sündenfall – ist alles im Sande verlaufen? 1. Mose 3–11
Von der Schlange betrogen
Was ist schief gelaufen?
Zwei zentrale Fragen
Der Weg zurück
Bildersprache: unter den Füßen
Warum sollten wir 1. Mose 3–11 lesen?
Weiterführende Fragen
Kapitel 3: Gesegnet sein – ein Segen werden: 1. Mose 12–36
Es geht Gott um die Welt
Das neue Kapitel
Versprochen ist versprochen
Von Gott erwählt
Warum sollten wir 1. Mose 12–36 lesen?
Weiterführende Fragen
Kapitel 4: Gott, der treue Erretter: 1. Mose 37 bis 2. Mose 15
Ein nicht gerade vorbildliches Volk
Menschliches Planen und Gottes Plan – Josef
Gerettet, um Retter zu werden – Mose
Der Auszug aus Ägypten
Leiter als Vermittler und Vertreter Gottes
Warum sollten wir 1. Mose 37 bis 2. Mose 15 lesen?
Weiterführende Fragen
Kapitel 5: Treue Bündnispartner: 2. Mose 16–20
Gott ist der Krieger
Alles Gnade – nichts verdient
Gnade vor Gesetz
Die Rolle des Gesetzes
Warum sollten wir 2. Mose 16–20 lesen?
Weiterführende Fragen
Kapitel 6: Vom ethnischen Volk zum Glaubensvolk – das Volk Gottes im Alten und im Neuen Testament
Ein Volk oder zwei Völker?
Zurück in die Wüste
Weiterführende Fragen
Kapitel 7: Gott, der treue Erzieher – von der Geburt Israels zum Erwachsenenalter
Zu den Kapiteln 7 bis 10
Die Geschichte Israels in weniger als 200 Worten
Vom Kind zum Erwachsenen
Fürsorge
Weglaufen
Ausblick
Weiterführende Fragen
Kapitel 8: Schwierige Themen beim Lesen des Alten Testaments
Porträts des wahren Gottes
Andere schwierige Themen
Schwarz-Weiß-Denken (das Belohnungsmuster)
Unglaubliches!
Gott ist immer noch Gott
Weiterführende Fragen
Kapitel 9: Zu viele Kriege und Gesetze? Weitere schwierige Themen
Wie können wir das Alte Testament trotz der vielen Kriege schätzen?
Zu viele Gesetze
Weiterführende Fragen
Kapitel 10: Wie lesen wir das Alte Testament?
Die dreiteilige Bibel
Die umfassende Erzählung
»Im Gesetz«: Die Ausbildung eines Volkes
»Bei den Propheten«: Verkünder der Gerechtigkeit
»In den Psalmen«: Anbetung und Weisheit
»Du, Herr, bist ja bei mir«
Weiterführende Fragen
Kapitel 11: Das Neue Testament – die Fortsetzung
Die Ergänzung der alttestamentlichen Heilsgeschichte
Die Ergänzung des alttestamentlichen Gottesvolkes
Die Ergänzung des alttestamentlichen Missionsauftrages
Die Ergänzung des alttestamentlichen Gottesverständnisses
Die Ergänzung der alttestamentlichen Hoffnung
Weiterführende Fragen
Die Autoren

Einführung
Manche Bücher liest man am besten von vorne nach hinten, manche von hinten nach vorne, und manche so und so. Wir beide schmunzeln, während wir das schreiben, weil wir schon oft darüber diskutierten, ob ein Buch von hinten nach vorne gelesen werden kann. Gertrud beginnt fast immer mit der letzten Seite! Tim dagegen beginnt beim Lesen stets von vorne ...
Tim findet, man mogelt, wenn man mit der letzten Seite beginnt: Wenn ich einer Autorin oder einem Autor nicht ermögliche, mich in ihrem Buch mitzunehmen, wie sie dies möchten, tue ich ihnen doch Unrecht. Der ganze Effekt ist hin, wenn ich zu früh weiß, wie ein Buch endet. Außerdem geht die Spannung verloren, wenn ich den Schluss schon vorher kenne. Und ohne Spannung ist ein Buch nur halb so interessant!
Gertrud steht auf dem Standpunkt, dass sie einem Autor überhaupt nichts schuldig ist: Das Buch gehört mir und ich kann schließlich damit tun, was ich will. Also bestimme ich selbst mein Leseerlebnis und lese, wie ich eben will – vorwärts, rückwärts, diagonal: mein Buch, meine Regeln. Außerdem finde ich, dass zu viel Spannung dem Lesegenuss im Weg stehen kann. Bis jetzt haben wir uns gegenseitig noch nicht von unseren Ansichten überzeugt ...
Die Bibel ist jedoch kein gewöhnliches Buch. Wir sind beide der Meinung, dass manches in der Bibel erst dann sinnvoll verstanden werden kann, wenn wir den Schluss der Geschichte kennen. Vielleicht sollten wir die Bibel am besten von vorne nach hinten und von hinten nach vorne lesen, abwechselnd und immer wieder.
Die Bibel – Geschichte als Erzählung
Jetzt haben wir unsere Karten bereits offengelegt: Wir denken, dass die Bibel in erster Linie eine Geschichte, eine Erzählung ist. Falls sie vor allem ein Buch mit Lehraussagen wäre, dann würde es auch keine große Rolle spielen, wo wir mit dem Lesen beginnen. Dann könnten wir die passenden Stellen zu einem bestimmten Thema einfach nachschlagen. Wäre die Bibel vor allem ein Geschichtsbuch oder ein Nachschlagewerk über Geschehnisse der Welt- oder Heilsgeschichte, könnten wir ausschließlich die Stellen suchen, die das erläutern, was uns gerade interessiert. Falls die Bibel ein Gesetzbuch wäre, müssten wir jeweils nur die gerade relevanten Gebote und Verbote heraussuchen. Die Bibel ist jedoch in erster Linie eine Erzählung, eine spannende Geschichte über Gott und die Welt, über die Menschheit und ihre Abenteuer, über die Zeit und das, was in Zukunft geschehen wird.
Natürlich enthält die Bibel viele historische Bezüge zur Weltgeschichte, vor allem zur Geschichte eines Volkes im Nahen Osten und die Beziehungen dieses Volkes zu seinem Gott und zu seinen Nachbarvölkern. Wo solche Bezüge hergestellt werden, da fungiert die Bibel tatsächlich als zuverlässige Quelle für historische Informationen. Wir finden hier keine Märchen. Aber geschichtliche Bezüge werden in eine Erzählung eingebettet. Einige der alttestamentlichen Bücher nennen wir »Geschichtsbücher« (zum Beispiel Josua, Richter, Rut, die Bücher Samuel, Könige, Chronik usw.). Die Bezeichnung »Geschichtsbücher« ist jedoch unsere Erfindung. Zur Zeit der Bibel hießen manche dieser Bücher »Prophetie« und andere »[literarische] Schriften«. Und diese Bücher, genauso wie alle anderen, sind Teil einer umfangreichen Erzählung.
Natürlich enthält die Bibel tiefe theologische Gedanken. Doch auch diese Theologie ist Teil einer Erzählung. Natürlich enthält die Bibel Gebote und Verbote, und zwar sowohl im Alten als auch im Neuen Testament. In einer Erzählung mit Höhe- und Tiefpunkten, mit Charakteren, Rückblicken und Vorahnungen spielen diese jedoch immer eine untergeordnete Rolle. Die Bibel erzählt, berichtet und prophezeit die Geschichte Gottes mit den Menschen, mehr noch: mit dem ganzen Universum.
Wenn wir die Bibel nicht von vorne nach hinten lesen, dann verstehen wir nicht, wo wir uns in dieser Geschichte befinden. Wenn wir die Bibel jedoch nicht auch von hinten nach vorne lesen, ist die Spannung zu groß: Wie wird die Geschichte ausgehen? Wird Gott tatsächlich seine guten Pläne verwirklichen oder können sie von anderen durchkreuzt werden?
Die Bibel beschreibt in einer spannenden Erzählung den Weg, den Gott mit uns geht, und führt uns das Ziel vor Augen, wohin dieser Weg führt. Wir lesen diese Geschichte nicht nur; wir sind auch Teil dieser Geschichte. Wir selbst sind Charaktere, die die Handlung mit beeinflussen. Gott, der Dirigent, lässt uns viel Freiraum, die Weltgeschichte mitzubestimmen. Und dann greift er tatsächlich manchmal ein, um Kurskorrekturen vorzunehmen. Und Gott ist stets dabei, uns den Weg zu zeigen, uns zu ermutigen und uns neue Visionen zu schenken, damit wir den richtigen Weg erkennen und wählen können.
Unser Ziel
Mit diesem Buch möchten wir unter anderem zeigen, warum wir von Folgendem überzeugt sind: Die Bibel ist vom Anfang bis zum Ende (und umgekehrt) lesenswert, faszinierend und unentbehrlich wichtig. Denn ohne die Bibel wüssten wir fast nichts über den wahren Gott, wenig Zuverlässiges über den Sinn des Lebens und nur allzu wenig darüber, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen sollen – sowohl mit denen, die gemeinsam mit uns den Weg mit Jesus gehen, als auch mit den Menschen, die andere Wege gehen.
Dies alles gilt genauso für das Alte wie für das Neue Testament. Manchmal wird behauptet, dass wir jetzt in der Zeit des Neuen Testaments lebten und nur dieser Teil der Bibel uns gelten würde. Außerdem sei das Alte Testament nur für Juden und nicht für Nichtjuden bestimmt. Das Alte Testament würde hauptsächlich Gesetze enthalten und wir würden in der Zeit der Gnade leben. Das Alte Testament würde nur auf Jesus vorbereiten, aber wir würden ihm jetzt nachfolgen. Warum also sollten wir Christen das Alte Testament überhaupt noch beachten?
Schon der Name »Altes« Testament scheint anzudeuten, es sei weniger wichtig – veraltet, nicht mehr relevant, nicht »unser« Testament. Ich, Tim, bin von Beruf Neutestamentler. Aber je mehr ich versuche, das Neue Testament zu verstehen, desto mehr bin ich davon überzeugt, dass das Alte Testament ganz und gar zu einer Geschichte gehört, die unsere Geschichte ist. Die Bibel muss vorwärts und rückwärts gelesen werden: Ohne das Alte Testament werden wir das Neue Testament oft nur schwer und häufig sogar falsch verstehen. Wenn wir das Alte Testament jedoch mit den Augen des Neuen Testaments lesen, erscheint es uns gar nicht mehr so irrelevant. Aus der Perspektive des Neuen Testaments erkennen wir die wichtige Rolle des Alten Testaments in der ganzen Erzählung.
Mit diesem Buch geht es uns um die folgenden Ziele:
• Die Leserinnen und Leser sollen entdecken, dass die Bibel eine ergreifende Geschichte erzählt, die lebensbeschreibend und lebensverändernd sein will.
• Die Leserinnen und Leser sollen entdecken, dass das Alte Testament einen großen Teil unserer (christlichen) Geschichte erzählt; dass es das Neue Testament erläutert und zugleich selbst vom Neuen Testament erläutert wird.
• Die Leserinnen und Leser sollen den Wert des Alten Testaments neu entdecken.
In jedem Kapitel nehmen wir einen wichtigen Aspekt der biblischen Geschichte unter die Lupe und versuchen aufzuzeigen, wie dieser Teil sich ins Ganze einfügt. Dabei sprechen wir auch heikle oder verwirrende Themen an und versuchen, eine Brücke zwischen dem jeweiligen Abschnitt der Bibel und der ganzen Geschichte zu schlagen. Das übergreifende Thema ist dabei die Treue Gottes. Wenn Gott nicht treu seinem Plan, seiner Schöpfung, seinem Volk und jedem einzelnen Menschen zur Seite stünde, dann gäbe es keine Geschichte mehr zu erzählen – es wäre längst aus mit uns. Doch der treue Gott wird uns nie im Stich lassen, bis er seine Ziele für uns erreicht hat und wir in seiner Gegenwart die ganze Geschichte vom Ende her verstehen und feiern werden.
Timothy J. und Gertrud A. Geddert
Weiterführende Fragen
1. Die Bibel ist in erster Linie eine Erzählung, mehr als ein Geschichtsbuch, mehr als ein Theologiebuch, mehr als ein Gesetzbuch – wie denken Sie über diese Meinung der Autoren?
2. Was ist Ihre erste Reaktion auf den Gedanken, dass das Alte Testament unsere Geschichte – nicht allein die Geschichte eines anderen Volkes – erzählt?

Kapitel 1
Gott, der treue Schöpfer: 1. Mose 1–2
Am Anfang schuf Gott
So fängt die ganze Geschichte an, die Weltgeschichte und die biblische Geschichte. Davor gab es nur Gott, ganz alleine. Wenn wir berücksichtigen, was wir später von Jesus lernen, reden wir besser von »Gott als drei«. Gott als drei, und dennoch alleine Gott. Aber Gott wollte nicht allein bleiben. Und so schuf Gott das, was nicht Gott ist. Aber warum?
Dafür gäbe es absolut keine Erklärung, falls Gott wirklich so wäre, wie es manchmal behauptet wird. Philosophen, Theologen und andere Denker versuchten immer wieder das Wesen Gottes zu erfassen und zu beschreiben. Zu den biblischen Begriffen wie »allmächtig«, »allwissend« und »allgegenwärtig« kommen weitere Beschreibungen hinzu. Manche reden dann von einem Gott, der in sich selbst komplett und restlos zufrieden sei, unveränderlich und leidenschaftslos, in perfekter Harmonie, sich selbst genug.
Aber dies ist ganz und gar kein biblisches Bild. Der lebendige Gott setzt seine schöpferische Kreativität ein und bringt zustande, was zuvor nicht war. Gott sehnte sich nach Beziehungen mit anderen, die nicht Gott waren. Gott hatte Pläne und Wünsche. Und so schuf Gott. Gott schuf das, was anders ist als Gott – das Weltall, die Natur, die Erde, die Sonne und den Mond, die Sterne, Lebewesen aller Art und die Menschheit. Und Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und sah: Es war alles sehr gut (1. Mose 1,31).
1. Mose 1 und 2 erzählen davon, dass Gott ein schöpferischer Gott ist, und sie listen auf, was Gott alles erschuf. Diese Kapitel erzählen vom Beginn allen Lebens, von der Erschaffung von Himmel und Erde. Hier möchte ich unmissverständlich und klar sagen: Die Bibel sagt von Anfang bis Ende, dass Gott alles erschaffen hat. Das Weltall entstand aus nichts als seinem Schöpfungswort, und auch nicht zufällig. Gott wollte eine Schöpfung und erschuf sie. Gott erschuf alles außerhalb sich selbst. Über das »Wie« erfahren wir nur: »und Gott sprach«. Über das »Warum« und »Wozu« können wir viel erfahren, wenn wir diese Kapitel im richtigen Zusammenhang lesen.
Im Verlauf der Jahrhunderte gab es mehrere Theorien darüber, inwieweit 1. Mose 1 und 2 genau festhalten, in welcher Reihenfolge alles erschaffen wurde und auch in welchem Zeitraum. Sind die sechs Schöpfungstage wortwörtlich als sechs Tage zu verstehen? Oder sollen wir die sechs Tage eher als sechs Epochen unterschiedlicher Dauer verstehen, oder gar als sechs Aspekte der Schöpfung Gottes? Oder geht es vielleicht nur um die literarische Form einer Erzählung?
Wenn Gott die Erde und das Weltall in einem kurzen Zeitraum erschaffen wollte, dann war das nicht unmöglich für ihn. Es ist also im Prinzip kein Problem, zu behaupten: Gott sprach, und es geschah – einfach so, aus dem Effeff, wie aus dem Ärmel geschüttelt, entstand alles in sechs mal 24 Stunden. Manche Ausleger meinen jedoch Ungereimtheiten im Text zu erkennen und werten sie als Hinweise darauf, dass diese Kapitel nicht wortwörtlich verstanden werden sollten. Sie fragen sich beispielsweise, warum es schon vor der Erschaffung von Sonne, Mond und Sternen Licht gab oder warum schon zwischen Tag und Nacht unterschieden wurde, ehe es eine Sonne gab.
Die unterschiedlichen Ansätze, den Schöpfungsbericht auszulegen, führten leider oft zu verhärteten Fronten, die es unmöglich machten, die viel wichtigeren Aussagen des Textes zu hören. Wenn wir alle unsere Kräfte in Diskussionen über die Wissenschaftlichkeit des Schöpfungsberichtes investieren, dann besteht die Gefahr, dass wir andere wichtige Gesichtspunkte aus den Augen verlieren. Unseres Erachtens ist die wichtigste Aussage des Textes die, dass wir das Entstehen des Weltalls nicht dem Zufall, sondern einem erschaffenden Gott zu verdanken haben. Es ist wichtig, dass wir Gott nicht als jemanden sehen, der irgendwo unbeteiligt im Hintergrund bleibt, sondern als jemanden, der direkt eingreift, um seinen Willen zu verwirklichen.
Es ist wichtig, dass wir berücksichtigen, in welchem geschichtlichen Kontext diese ersten Kapitel der Bibel geschrieben wurden und wie sie als Wort Gottes zum alttestamentlichen Gottesvolk sprachen. Die theologischen Gegner der damaligen Lehrer, Propheten und Autoren waren keine von Charles Darwin in die Irre geführten atheistischen Wissenschaftler. Es waren auch keine Wissenschaftler, die glaubten, das Weltall sei in Milliarden Jahren entstanden, und deren Zeitvorstellungen deshalb korrigiert werden müssten. Die Gegner des alten Israels waren die Vertreter heidnischer Religionen, die ihre eigenen Entstehungsgeschichten verbreiteten. Die Geschichten dieser Religionen unterschieden sich zutiefst vom biblischen Schöpfungsbericht: Sie sprachen von Göttern und Göttinnen und behaupteten, diese Götter hätten durch Morde und Kriege in der himmlischen Welt den Grundstein für eine ebenso gewalttätige irdische Welt gelegt.
Mose und seine Nachfolger bekämpften solche Vorstellungen und erklärten, dass es ganz anders war: Gott hatte am Anfang der Zeiten keine Gegner. Deshalb sind Mord und Krieg auch kein wesentlicher Bestandteil des Weltalls. Die Schöpfung ist gut. Sie entstand nicht dadurch, dass – wie andere behaupteten – ein Riesentier geschlachtet wurde. Selbst die Biester sind Teil der guten Schöpfung Gottes. Das Leben auf dieser Erde entstand auch nicht – wie wieder andere behaupteten – durch den magischen Einfluss der Sterne. Nein, es ist Gott, der alles erschaffen hat: Erde, Mond und Sonne ... und auch die Sterne, die in 1. Mose 1 fast nebenbei erwähnt werden. Und Gott schuf dies alles durch sein schöpferisches Wort, nicht durch Magie und nicht durch die kriegerische Macht eines Schwertes.
1. Mose 1 und 2 sind nicht als naturwissenschaftliche Abhandlungen zu verstehen. Aber sie stellen dennoch die Grundlage aller Naturwissenschaften dar. Wir erfahren dort, dass die Natur von Gott gewollt und geplant war, von Gott erschaffen und mit der Menschheit geteilt wurde. Gott beauftragte die Menschen, seinen Geschöpfen Namen zu geben. Und er gebot ihnen, den Garten zu pflegen, das heißt, verantwortlich damit umzugehen.
1. Mose 1 und 2 sind aber auch keine bloßen historischen Abhandlungen. Und dennoch stellen diese Kapitel die Grundlage der ganzen Weltgeschichte dar. Wir erfahren, wo alles begann und wozu alles dienen soll. Wir können diesen Kapiteln entnehmen, dass Gott, der Schöpfer, letztendlich für die ganze Geschichte zuständig ist. Er erschuf die Menschen zu seinem Bilde und berief sie zu seinen Mitarbeitern.
Wenn wir diesen Kapiteln gerecht werden wollen, müssen wir neben ihren Beiträgen zu Wissenschaft und Geschichte auch ihre literarische Schönheit entdecken. Dieser Text ist zugleich poetisch und wahr, kunstvoll geschrieben und doch aussagekräftig. Die Entstehungsgeschichte wird in zwei Teilen erzählt. Zuerst werden die sechs Tage aufgezählt, in denen Gott den Himmel und die Erde, die Himmelskörper, das Land und das Meer, die Lebewesen und die Menschen erschuf. Gleich darauf wird berichtet, dass Gott alles für »sehr gut« erklärte und selbst einen Ruhetag hielt. Im zweiten Teil des Textes werden dann Einzelheiten noch einmal besonders aufgegriffen und die Erschaffung von Eva als Adams Gegenüber und Partnerin betont. 1. Mose 1 beschreibt die Menschheit als den krönenden Abschluss der Schöpfung Gottes und betont Gottes Souveränität über und Zufriedenheit mit seiner Schöpfung. 1. Mose 2 betont die Rolle der Menschheit in Gottes guter Welt und vor allem die Notwendigkeit eines Lebens in menschlicher Gemeinschaft als den Kontext eines erfüllten Lebens als Treuhänder Gottes.
Was antworten wir nun Wissenschaftlern, die behaupten, unsere Welt sei Milliarden Jahre alt? Sind Christen verpflichtet, die Behauptung abzulehnen, dass die Galaxien durch einen Urknall in das Weltall hinausgeschleudert wurden? Müssen wir, um bibeltreu zu sein, die Behauptungen von Wissenschaftlern abstreiten, der Mensch stamme von den Primaten ab?
Unseres Erachtens befanden sich Theologen und Wissenschaftler wegen solcher Fragen viel zu lange im Kriegszustand. Tatsache ist, dass Wissenschaftler – Christen wie Atheisten – sich weder einig noch sicher sind, dass sie mit einer einzigen Theorie alles erklären können. Tatsache ist auch, dass sich Theologen unter sich noch weniger einig sind. Einige bekennen sich zu einer wörtlichen Interpretation der biblischen Weltentstehungslehre. Andere meinen, 1. Mose erkläre die Reihenfolge, nicht aber die Zeiträume, in denen Gott schuf. Wieder andere meinen, es gehe hier gar nicht um das Wie und Wann, sondern nur um das Warum und Von-Wem.
Wir möchten gerne die Gefahren beider Extreme dieses Spektrums aufzeigen. Auf der einen Seite ist es wichtig, dass wir als Bibelausleger uns auf das Auslegen der Bibel konzentrieren und nicht versuchen, den Naturwissenschaften hinterherzulaufen, um unsere Überzeugungen den neuesten Theorien anzupassen. Es besteht sonst die Gefahr, dass wir unsere Überzeugungen genauso oft revidieren müssen, wie die Naturwissenschaften es tun. Gott kann schließlich auch mit scheinbarem Alter geschaffen haben. Die noch größere Gefahr ist, dass wir allmählich unsicher werden, ob es überhaupt notwendig ist, an einen Schöpfergott zu glauben, um die Entstehung des Weltalls zu erklären. Wer braucht noch Gott, wenn ein Urknall alles erklärt?
Auf der anderen Seite sehen wir die Gefahr, Angst davor zu haben, Neues zu lernen und unsere Auslegungen zu überdenken. Es besteht die Gefahr, dass wir starr an Theorien festhalten, die dem widersprechen, was die meisten denkenden Menschen aus guten Gründen für sinnvoll halten. Es ist wichtig, die »Galileo-Lektion« zu bedenken. Die Kirche verfolgte damals Wissenschaftler wie Galileo Galilei (1564–1642), die glaubten, beweisen zu können, dass die Erde sich um die Sonne drehe und nicht umgekehrt. Die Kirche bestand darauf, dass die Bibel unmissverständlich ein »geozentrisches« Weltall – dass nämlich die Sonne sich um die Erde drehe – und nicht ein »heliozentrisches« unterstütze, wo die Erde um die Sonne kreist. Mit der Zeit musste die Kirche ihren Fehler einsehen – bis dahin hatten viele Wissenschaftler die damaligen Ausleger längst für unglaubwürdig erklärt.
Auch wenn wir die Ausleger respektieren, die behaupten, die Erde sei erst etwa 6 000 Jahre alt (und auch sie haben durchaus gute Argumente), so meinen wir doch, dass sie in der Gefahr stehen, den gleichen Fehler zu begehen. Wenn wir durch unser Teleskop schauen und Sternensysteme beobachten, die Millionen von Lichtjahren entfernt liegen, dann scheint es uns, als hätte Gott dies alles tatsächlich in großen Zeiträumen erschaffen und nicht erst vor ein paar tausend Jahren. Aus unserer Sicht widerspricht das nicht den Aussagen der Bibel.
Aber wo ist dann das Ende dieser Logik? Wir wissen, dass die Geologen behaupten, dass geologische Aufzeichnungen und Dinosaurierknochen Ähnliches zeigen. Entweder gibt es schon seit Urzeiten Tierleben auf der Erde oder Gott hat sich viel Mühe gegeben, diesen Eindruck zu erwecken.
Das geht natürlich vielen Christen zu weit, und so versuchen sie, die wissenschaftlichen Befunde anders zu erklären. Viele Gläubige halten die »Junge-Erde-Theorie« für zutreffend (wenn auch die Erde ihrer Ansicht nach nicht unbedingt exakt höchstens 6 000 Jahre alt ist); sie werden häufig »Kreationisten« genannt. Andere bekennen sich zu der Vorstellung, dass Gott als »intelligentes Wesen« die Entwicklung des Weltalls aktiv gelenkt und bis ins kleinste Detail vorausbestimmt habe (»Intelligent Design« wird die Theorie genannt, der zufolge bestimmte Merkmale des Universums und Lebens am besten durch eine intelligente Ursache bzw. Absicht erklärt werden können). Wieder andere glauben, Gott habe alles in einem langen Prozess der Entwicklung erschaffen – ohne sich festlegen zu wollen, wie genau dies geschah.
All diese Überzeugungen gehen davon aus, dass Gott der Schöpfer ist. Die Art und Weise, wie Gott die Welt erschuf, wird von den Auslegern unterschiedlich verstanden.
Das letzte Wort dieser Diskussion ist noch nicht gefallen. Aber ein erstes Wort wurde bereits gesprochen: Am Anfang schuf Gott. Gott hatte Pläne und Wünsche. Er wurde kreativ. Gott erschuf eine wunderbare Welt und als Höhepunkt die Menschheit. Diesen Menschen verlieh Gott Kreativität und Freiheit und machte sie so zu seinen »Mitschöpfern«. Menschen wurden zu Mitgestaltern der Geschichte. Obwohl Gott immer noch ein Ziel für die Geschichte hat, obwohl wir wissen können, dass Gott diese Welt nie im Stich lassen wird und sie in seiner großen erfinderischen Treue auch zu diesem Ziel bringen wird, sind wir Menschen doch Mitgestalter dieser Geschichte. In diesem Sinn teilt Gott seine Macht mit der Menschheit. Und er verhindert es meistens nicht, wenn Menschen diese Macht missbrauchen. (Auf diesen Aspekt der Geschichte kommen wir später noch zurück).
Bevölkert die Erde!
Mose beschreibt, dass Gott die Meere mit Fischen, die Himmel mit Vögeln und die Erde mit Tieren aller Arten füllte. Himmel und Erde wimmelten von Lebewesen. Nur Adam und Eva waren alleine, als einzige Vertreter der noch zu entstehenden Menschheit. Und Gott segnete die Menschen und sagte zu ihnen: »Seid fruchtbar und vermehrt euch! Füllt die ganze Erde ...« (1. Mose 1,28). Vielleicht ist dies das einzige Gebot Gottes, das die Menschheit tatsächlich erfüllte.
Jedes Mal, wenn ein Kind geboren wird, entsteht auf der Erde eine weitere Schöpfung Gottes – unter der Mitwirkung von Menschen, den Treuhändern Gottes und Mitgestaltern seiner Geschichte. Und jedes Kind wird, so wie am Anfang Adam und Eva, als Gottes Ebenbild geschaffen, das Gott ähnlich ist (1. Mose 1,26–27). Was für ein Vorrecht und welche Verantwortung!
Der treue Schöpfer
Wer nach Gottes Willen leiden muss, der soll sich nicht davon abbringen lassen, Gutes zu tun und seinem treuen Schöpfer sein Leben anzuvertrauen (1. Petrus 4,19; Hoffnung für alle).
Gott ist der »treue Schöpfer«. Dieser Begriff kommt in der Bibel nur einmal vor und zwar in einem Zusammenhang, in dem deutlich wird, dass es im Leben nicht nur Schönes und Wunderbares gibt. Es gibt auch Leiden und Schmerzen. Es gibt sogar Leiden, die die Folge davon sind, dass Gottes Schöpfung ihrem treuen Schöpfer nicht treu blieb.
Herrschen und unterwerfen
Gottes Welt war noch nicht vollendet, als Gott sie schuf – sündlos, aber nicht vollkommen, nicht fertig. Gott schuf ein Weltall und eine Menschheit mit Potenzial. Gott beabsichtigte, mit dieser Schöpfung einen langen Weg zu gehen, bevor sie vollendet sein würde. Aber auf diesem Weg sollte Gott immer zu seiner Schöpfung stehen und dieser oft abtrünnigen Schöpfung treu sein.
Die Natur kann ohne die Kinder Gottes nicht zum Ziel kommen, schreibt Paulus (Römer 8,18–20). Unsere Rolle ist es, »zu unterwerfen« und »zu herrschen« (so wird 1. Mose 1,28 meistens übersetzt: Seid fruchtbar und vermehrt euch, bevölkert die Erde, unterwerft sie euch und herrscht über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die sich auf dem Land regen; Einheitsübersetzung).
Weil aber diese Begriffe oft schrecklich missverstanden werden und weil die Menschheit eher geneigt ist, die Schöpfung auszubeuten und auszunutzen, sollten wir diesen Auftrag etwas näher betrachten. »Herrschen« (hebräisch: radah) wird oft mit »niedertreten« oder »unterdrücken« übersetzt. Dies ist in Zusammenhängen der Fall, in denen »herrschen« mit Gewalt oder zum Selbstzweck geschieht. Wenn aber »herrschen« dem Willen Gottes entspricht, sieht es anders aus. Es wird dann als »über etwas Aufsicht haben« beschrieben. Wir finden auch oft die Warnung, »nicht mit Gewalt zu zwingen« oder »nicht zu Sklaven zu machen« (3. Mose 25,43.46.53).
»Herrschen« bedeutet Gerechtigkeit und Barmherzigkeit üben, Hilfe und Schutz anbieten, Schalom (dazu gleich mehr) schaffen. Macht soll höchstens eingesetzt werden, um Machtmissbrauch zu verhindern und gerechte und friedliche Beziehungen aufrechtzuerhalten (siehe Psalm 72).
Wenn wir die Schätze dieser Welt selbstsüchtig ausbeuten, wenn wir die zerbrechlichen und gefährdeten Teile der Schöpfung ignorieren oder missachten, wenn wir Stärke missbrauchen und Gerechtigkeit blockieren statt wiederherstellen, dann haben wir »herrschen« nicht im Sinne Gottes verstanden.
Wenn wir »herrschen« so verstehen, wie Gott es meinte, dann können wir auch das andere Wort »unterwerfen« richtig einordnen. Gott sagte: ... unterwerft sie euch und herrscht über ... sie (Einheitsübersetzung). Wenn wir diesen Schöpfungsauftrag im Kontext der ganzen Bibel verstehen, dann gilt es, alles zu unterwerfen, was den Schalom zerstört; alle Wände niederzureißen, die gerechte Beziehungen verhindern; alle Kräfte zu bekämpfen, die die Machtlosen unterdrücken; alle Systeme und Verhaltensweisen infrage zu stellen, die Gottes gute Schöpfung aus den von ihm gewollten Bahnen bringen wollen.
Die Menschheit, Adam und Eva und ihre Nachkommen, ich und du, wir sind die Krone der Schöpfung, Mitgestalter der Geschichte, Gottes Assistenten. Und Gottes Ziel soll auch unser Ziel sein. Durch Liebe und Fürsorge, durch selbstloses Aufopfern und einsichtsvolle Wachsamkeit sollen wir darauf achten, dass niemand und nichts unter die Räder gerät, sondern dass alle sich auf dem Weg zum vollen Schalom Gottes befinden.
Die Herrlichkeit des Schöpfers – die Würde des Menschen
Wir erwähnten bereits mehrmals das Wort Schalom, als wäre es ein ganz gewöhnliches deutsches Wort. In der Tat ist es noch nicht einmal ein gewöhnliches hebräisches Wort: Es ist ein ganz besonderes Wort. Es beschreibt einen Zustand, in dem alles in Ordnung ist, alle Beziehungen intakt und alle Nöte gestillt sind und wo niemand irgendjemandem irgendetwas schuldet. Schalom ist ein Traum und ein Ziel. In 1. Mose 1 wird ein Leben im Schalom beschrieben.
Und dann geschah der Sündenfall. Die Konsequenzen waren gravierend, der Schalom Gottes wurde mehr als nur angeschlagen. Aber das Abbild Gottes im Menschen wurde nicht völlig zerstört, wie manche meinen. Die Menschheit stellt immer noch die Krone der Schöpfung dar, auch wenn sie nun nicht mehr immer mit Gerechtigkeit herrscht. Weil zwei Menschen eine verbotene Frucht aßen, ist seitdem zwar alles beeinträchtigt, wurde aber nicht alles völlig zerstört. Früher sah ich, Tim, das anders. Aber dann änderte sich vor mehr als 30 Jahren in einer unvergesslichen Unterrichtsstunde in einem Seminar über »Alttestamentliche Theologie« meine Meinung. Ich erinnere mich noch genau an die Einzelheiten.
Halb im Spaß gab uns der Professor den Auftrag, alle Geschöpfe Gottes zwischen eins und zehn einzuordnen. Gott sei dabei eine Zehn, denn ihm, dem Allmächtigen gebühre die höchste Ehre. Die niedrigsten Kreaturen, zum Beispiel Würmer, sollten wir mit einer Eins versehen. Vermutlich wollte er keine Null verwenden, da sogar Würmer Teil der guten Schöpfung Gottes sind.
Ich erinnere mich noch genau, wie ein Student wie aus der Pistole geschossen antwortete: »Ich glaube, die Menschen sind bei eineinviertel – höchstens.« (Ich wusste gleich, aus welcher theologischen Ecke dieser Student kam.) Andere widersprachen ihm sofort: »Nein, ich würde die Menschheit bei fünf einstufen.« Irgendjemand nannte sogar die Zahl »sieben«. Nachdem wir nicht ganz ernsthaft debattiert hatten, schlug der Professor vor: »Warum schauen wir nicht einfach in der Bibel nach, wo wir eine ziemlich klare Antwort finden? Schlagt doch bitte Psalm 8 auf.«
Ich kannte diesen Psalm recht gut. Herr, unser Herrscher! Groß und herrlich ist dein Name. Himmel und Erde sind Zeichen deiner Macht (Vers 2; hier jeweils Hoffnung für alle). So fängt David an, der offenbar ganz deutlich ausdrücken will: »Gott ist eine Zehn.« Dann fährt er fort: Aus dem Mund der Kinder erklingt dein Lob. Es ist stärker als das Fluchen deiner Feinde. Erlahmen muss da ihre Rachsucht, beschämt müssen sie verstummen (Vers 3).
Und dann stellt der Psalmdichter die Frage: Ich blicke zum Himmel und sehe, was deine Hände geschaffen haben; den Mond und die Sterne – allen hast du ihre Bahnen vorgezeichnet. Was ist da schon der Mensch, dass du an ihn denkst? (Vers 4–5).
Das hatte ich mich auch schon manches Mal gefragt. Ich erinnere mich, wie wir als Kinder im Dorf meiner Kindheit in Kanada Schlittschuh liefen. Die Eislaufbahn war im Freien und nur mit notdürftigen Lichterketten versehen. Oft schalteten wir sie einfach aus und genossen es, im Kreis zu laufen, beleuchtet von Millionen von Sternen, der Milchstraße und wunderbaren Nordlichtern. Da stellte ich dann auch die Frage: »Ich blicke zum Himmel und sehe, was deine Hände geschaffen haben; den Mond und die Sterne – allen hast du ihre Bahnen vorgezeichnet. Was ist da schon der Mensch, dass du an ihn denkst?« Ich verstand das so: »Gott, kann es wirklich sein, dass du mich kleinen unwichtigen Menschen überhaupt bemerkst? Ich fühle mich so winzig unter all den viel herrlicheren Teilen der Schöpfung, der glanzvollen, prächtigen Sternenwelt.« Angesichts der erwähnten Skala sah ich mich bei Eineinviertel unter einem großen Himmel voller Sechser, Siebener und Achter.
Mir kamen immer sehr schnell die Bibelstellen in den Sinn, wo Menschen »wie nichts« beschrieben werden (zum Beispiel Psalm 144,4), mit Staub oder schnell verwelkenden Blumen verglichen werden (zum Beispiel Psalm 103,14–15). Die Zerbrechlichkeit, Abhängigkeit und Vergänglichkeit des Menschen verstand ich dann als Hinweis darauf, dass wir Menschen in dem großen Plan Gottes eben nur ein sehr unwesentlicher Teil seien.
Doch nun stellte unser Professor Psalm 8 auf den Kopf (oder vielleicht auf die Füße …). Er fragte: »Warum verstehen wir die Frage des Psalmdichters als den verzweifelten Versuch, mit einem Minderwertigkeitskomplex umzugehen? Vielleicht ist es ja auch eine ganze ernsthafte Frage. Was, wenn David tatsächlich fragt: ›Falls Gott eine Zehn ist, was sind wir dann?‹ Und was, wenn der folgende Satz dieses Psalms einfach die Antwort darauf ist: Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt (Vers 6; so die Einheitsübersetzung und alle anderen Übersetzungen, die den Text wörtlich übertragen)?«
Bedeutet das nicht, wir sollten uns vielleicht doch bei »acht« oder sogar bei »neun« einstufen? Und welchen Platz nehmen diese herrlichen Schöpfungswerke Gottes – Sonne, Mond und Sterne – ein? Auch auf diese Frage gibt der Psalmist eine direkte Antwort: »Du hast ihn [den Menschen] als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände« (Vers 7; Einheitsübersetzung). »Das Werk deiner Hände« – dazu gehören der Mond und all die Sterne, die Gott erschaffen hat (Vers 4). Herrlicher als alles, was Gott erschuf – die Sterne, die Milchstraße, die Nordlichter – das ist die Menschheit. Herrscher über alles, was auf dieser Erde lebt, »die Schafe, Ziegen und Rinder, die Wildtiere in Feld und Wald, die Vögel in der Luft und die Fische im Wasser, die kleinen und die großen, alles, was die Meere durchzieht« (Vers 8-9) – das ist die Menschheit. Die Anspielung auf 1. Mose 1,28 ist nicht zu übersehen. Wir könnten uns tatsächlich fast bei »zehn« einstufen. Aber um davor zu warnen, wiederholt der Psalmist am Ende noch einmal, was er zu Beginn gesagt hat: Herr, unser Herrscher, groß ist dein Ruhm auf der ganzen Erde! Nur Gott allein ist eine Zehn. Uns muss es reichen, eine Neun oder vielleicht eine Neuneinhalb zu sein. Die Redakteure der Einheitsübersetzung fanden wirklich die richtige Überschrift für diesen Psalm: »Die Herrlichkeit des Schöpfers – die Würde des Menschen«.
Und jetzt kommt vielleicht das Wichtigste, worauf wir achten sollten: Dieser Psalm wurde nach dem Sündenfall geschrieben. Die Stellung der Menschheit bleibt die gleiche wie in 1. Mose 1 und 2. Unser Auftrag ist es, zu »unterwerfen«, das heißt, genau dort Gerechtigkeit zu schaffen, wo Macht missbraucht wird. Unser Auftrag ist es, zu »herrschen«, um die zerbrechlichsten und am meisten gefährdeten Geschöpfe Gottes zu beschützen. Der Schöpfungsauftrag bleibt weiterhin erhalten.
Was geschah, als Adam und Eva nicht mehr damit zufrieden waren, nur eine Neun zu sein; als sie wie Gott werden wollten? Das nennen wir den Sündenfall. Darum und um seine Auswirkungen geht es im nächsten Kapitel.
Warum sollten wir die Schöpfungsgeschichte lesen?
»Wir sind doch neutestamentliche Christen«, sagen manche Gläubige. »Warum sollen wir das Alte Testament lesen?« Die erste Antwort von vielen: Ohne das Alte Testament wüssten wir fast nichts von unserem wichtigsten Auftrag. Die Schöpfungsgeschichte beschreibt nicht die Geschichte eines anderen Volkes, sondern sie leitet die Geschichte der ganzen Menschheit ein. 1. Mose 1 und 2 zählen zu den wichtigsten Kapiteln der ganzen Bibel.
Weiterführende Fragen
1. In Bezug auf den Ursprung des Weltalls und der Erde: Welche Spannungen gibt es zwischen gängigen Meinungen vieler Wissenschaftler und den Aussagen der Bibel?
2. Wie reagieren Sie auf den Gedanken, dass es im Schöpfungsbericht der Bibel mehr um das Wesen des Schöpfergottes und seine Beziehung zur Schöpfung geht als um Zeiträume und Reihenfolgen?
3. Was bedeutet »herrschen und unterwerfen«? Vergleichen Sie nach Möglichkeit mehrere Bibelübersetzungen.
4. »Herrlicher als alles, was Gott erschuf – die Sterne, die Milchstraße, die Nordlichter – das ist die Menschheit« (Seite 22). Wenn das stimmt, was bedeutet das für unseren Umgang mit anderen Menschen?

Kapitel 2
Der Sündenfall – ist alles im Sande verlaufen? 1. Mose 3–11
Jetzt wissen wir, wer der Feind ist: wir selbst«, lässt der amerikanische Komiker Walter Kelly seine Figur Pogo sagen. Oft ist es tatsächlich so, dass wir selbst unsere schlimmsten Feinde sind. Darum geht es in den folgenden Kapiteln von 1. Mose. Schon in den ersten beiden Kapiteln wird angedeutet, dass in der guten Schöpfung Gottes nicht immer alles eitel Sonnenschein sein wird. Bereits Gottes Gebot, von einem bestimmten Baum nicht zu essen (1. Mose 3,3), weist darauf hin, dass die Menschheit nicht automatisch nach dem Willen Gottes lebt, sondern sich bewusst entscheiden muss. Wenn eine positive Entscheidung möglich ist, ist freilich auch eine negative möglich.
Von der Schlange betrogen
1. Mose 3 berichtet von der Versuchung, der Adam und Eva zu widerstehen hatten. Die Schlange fing an, Fragen zu stellen: »Was hat Gott wirklich gesagt? Was meinte er damit? Seid ihr sicher, dass er es gut mit euch meint? Will er euch vielleicht etwas vorenthalten?« Die verführende Stimme behauptete, es wäre zum Nachteil der beiden, wenn sie Gott gehorsam seien. Die verbotene Frucht sei doch einwandfrei, herrlich und gut. »Gott will euch nur unter seinem Daumen halten; euch vorschreiben, was ihr zu tun und zu lassen habt. Eine Entscheidung gegen den Willen Gottes ist also wirklich nur ein Schritt in die Freiheit, in die Selbstbestimmung …«
So verdrehte die Schlange die Wahrheit. Es stimmt, Gott wollte tatsächlich, dass die Menschen sich frei entscheiden, und dazu gehört ein gewisses Maß an Selbstbestimmung. Aber dass die Menschen direkt gegen Gottes Wort handeln, das hatte Gott zwar ermöglicht, aber keineswegs beabsichtigt. Gott war ein Risiko eingegangen, und das schlimmste, was hatte geschehen können, war tatsächlich eingetreten: Die Menschheit hatte sich entschieden, ihre eigenen Wege zu gehen.
Die Rede der Schlange war überzeugend gewesen. Aber als Eva und dann auch Adam Schritte in die Freiheit wagten, kam alles ganz anders, als die Schlange versprochen hatte. Angeblich würden sie wie Gott werden, doch die ersten Auswirkungen waren nicht sehr verheißungsvoll. Zuvor hatten sie in Harmonie mit ihrem Schöpfer und seiner Schöpfung gelebt. Jetzt wurde diese Harmonie an allen Ecken und Enden angekratzt. Gott suchte wie immer Gemeinschaft mit ihnen, aber nun versteckten sich die Menschen vor ihm (1. Mose 3,8–9). Anstelle der vorherigen intimen Beziehung herrschte jetzt Angst und der Wunsch, sich zu verbergen. Der Mann fing an, der Frau die Schuld zuzuweisen, beide begannen sich zu schämen (1. Mose 3,7.12–13).
Kurz darauf erfahren wir, dass der Auftrag Gottes, die Erde zu bevölkern, nur mit Schmerz erfüllt werden kann, und dass Gottes Auftrag, den Garten zu pflegen, als Überdruss und Kampf erlebt werden wird (1. Mose 3,16–19). Auch der Kampf zwischen dem Nachwuchs der Menschen und der Schlange wird vorausgesagt, ein Kampf, der zu den Hauptthemen der ganzen Bibel gehört. Die Menschheit lebt jetzt in einer Welt, die zwar immer noch Gottes gute Schöpfung darstellt, aber gleichzeitig auch ein Kampfgebiet zwischen Gut und Böse ist. Die Kampflinie scheint oft zwischen Menschen zu liegen, zwischen Feinden oder zwischen Religionen. Aber die Linie führt auch durch das Herz eines jeden Menschen: Wir haben ein zwiespältiges Herz und brauchen Gottes Hilfe, um wieder heil zu werden. Und das gilt nicht nur für uns persönlich, sondern auch für unsere Familien, unsere Gesellschaft, unsere Welt. »Jetzt wissen wir, wer der Feind ist: wir selbst.«
Doch nicht nur wir sind unsere Feinde: Durch die Schlange spricht eine Macht, die sich irgendwie gegen Gott und seine gute Welt stellt. Woher kam das Böse ursprünglich? Mit diesem Thema beschäftigten sich bereits die besten theologischen Köpfe, doch nur wenige Aussagen sind unumstritten. Aus unserer Sicht können wir folgende Ankerpunkte festmachen, die uns bei der Frage nach Gut und Böse weiterhelfen:
• Gott erschuf alles, was außer Gott existiert. Seit Ewigkeiten existiert nur Gott, der Schöpfer des Himmels und der Erde. Das Böse entstand irgendwann einmal und hat daher keinen gesicherten, bleibenden Platz.
• Gott ist absolut gut. Das Böse ist nicht Teil dessen, was Gott selbst ist oder was er will.
Theologische Erklärungsmodelle, die die Vorsehung und Allmacht Gottes zu sehr betonen – und zwar auf Kosten der Freiheit der Menschen und ihrer Verantwortung Gott gegenüber –, haben große Schwierigkeiten, mit den Fragen nach Gut und Böse umzugehen. Bei solchen theologischen Ansätzen sieht es so aus, als sei Gott daran schuld, wenn Böses geschieht.
Theologische Sichtweisen, bei denen die menschliche Freiheit stärker betont wird, betrachten Gott weniger als den alles kontrollierenden Gott, sondern stärker als liebenden, treuen Gott, der uns auch dann nah ist, wenn uns Böses widerfährt. Gott respektiert die Freiheit, die er uns gegeben hat, weil wir ihn nur so aus freien Stücken wiederlieben können.
Am besten errichten wir solche starren theologischen Systeme allerdings gar nicht erst, die es uns unmöglich machen, einfach auf Gottes Wort zu hören.
In 1. Mose 3 lesen wir, wie das erste Menschenpaar eine verbotene Frucht aß. Dies war der erste Schritt weg von Gott und seinem guten Plan. Wenn wir weiterlesen, ist bald von Mord und Rache die Rede (4,8.14.24). Schon im sechsten Kapitel der Bibel wird berichtet, wie das Böse die Oberhand gewann. Und so beschloss Gott, fast alles zu vernichten und neu anzufangen. Wir lesen von der Sintflut und dem Rettungsakt Gottes für Noah, dessen Familie und nur so vielen Vertretern der Tierwelt, wie in ein Schiff passen.
Was ist schief gelaufen?
Ursprünglich war die Welt »gut«, sogar »sehr gut« (1. Mose 1,10.31). Dann wurde durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares vieles zerstört. Das Abbild Gottes wurde verzerrt. Zwischen Mann und Frau, Mensch und Mitmensch, Gärtner und Garten und vor allem zwischen Menschen und Gott bestand jetzt ein Zustand des ständigen Kampfes. Langsam verschlechterte sich die Lage, bis Gott beschloss, durch die Sintflut einen neuen Anfang zu machen. Aber auch das ging nicht lange gut und Gott verwirrte die Sprachen der Menschen, so dass diese in die weite Welt zerstreut wurden (»Babel-Geschichte« – 1. Mose 11).
Sollen wir diese Geschichten alle als historische Berichte lesen? Für manche Ausleger ist nichts wichtiger, als darauf zu bestehen, dass diese Texte wortwörtlich weitergeben, was damals geschah. Andere meinen, es gehe nur um die Bedeutung der Geschichte. Der Text wird dann als eine Erzählung verstanden, deren Geschichtlichkeit nicht wichtig ist. Oft wird behauptet, die Tierwelt führe schon seit Milliarden von Jahren einen Überlebenskampf. Es könne also kaum sein, dass alle im Garten friedlich zusammengelebt hätten, ehe die Menschen von der verbotenen Frucht aßen. Diese Ausleger behaupten, dass die ersten elf Kapitel der Bibel eher als Bildersprache und mythologische »Erklärungsgeschichten« verstanden werden sollten. Die Wahrheiten, die sie vermittelten, seien nicht so sehr »geschichtliche Tatsachen« als vielmehr Hinweise darauf, wie wir das Schicksal der Welt verstehen sollen.
Ist also die Geschichtlichkeit oder die Bedeutung wichtig? Beides! Irgendwie ist die Welt anders geworden, als Gott ursprünglich geplant hatte. Etwas ist im Lauf der Geschichte geschehen, was den Unterschied ausmachte. 1. Mose 3 erklärt, wie das geschehen ist. Aber das Ziel dieses Berichts ist, dass wir die Lektionen der Geschichte lernen und nicht nur an der Frage der Historizität hängen bleiben. Die Geschichten sind nicht erfunden, sondern Tatsachenberichte. Doch sie sind noch mehr als das: Sie erklären, wie die Welt so geworden ist, wie sie ist. Und sie geben uns Hinweise darauf, wie auch wir selbst manchmal von Gottes guten Absichten und Zielen abweichen.
An einigen Bibelstellen können wir sehen, dass die Versuchung aus dem Garten immer wiederkehrt, sogar oft mit drei ähnlichen Elementen. Eva stellte fest, dass es
1. köstlich wäre, von dem Baum zu essen,
2. dass der Baum eine Augenweide war und
3. dazu verlockte, klug zu werden (1. Mose 3,6; Einheitsübersetzung). Spätere Stellen zeigen, dass Israel in der Wüste ähnlichen Versuchungen ausgesetzt war und sie oft nicht bestand. Auch wir werden, parallel dazu, vor allem gewarnt, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz (1. Johannes 2,16; Einheitsübersetzung). Die Versuchung von Jesus in der Wüste zeigt ebenfalls Parallelen: Er wurde versucht, aus Steinen Brot zu machen, Gott auf die Probe zu stellen und durch einen Schritt des Ungehorsams gegen Gott alle Reiche der Welt zu erlangen (Matthäus 4,1–11). So schreibt der Verfasser des Hebräerbriefes: [Jesus] wurde ja genau wie wir auf die Probe gestellt – aber er blieb ohne Sünde (Hebräer 4,15). Jesus wurde genauso versucht wie Adam und Eva, wie das Volk Gottes im Alten Testament und wie die Gläubigen im Neuen Testament.
Es ist wichtig, dass wir aus der Geschichte des Sündenfalls lernen, was dieses Ereignis uns über Gott und seine Welt lehrt (und was nicht).
• Gott schuf eine gute Welt, aber diese Welt blieb nicht gut. Es gibt zwar noch viel Gutes, aber auch Böses und Zerstörendes, das die Güte Gottes blockiert.
• Wir wurden beauftragt, Verwalter Gottes zu sein, Miterschaffende und Mitgestaltende der Geschichte. Diese Texte lehren uns, warum das notwendig ist, und auch, warum es so schwierig ist: Es ist notwendig, weil auf dieser Erde nicht alles im Einklang mit dem Willen Gottes geschieht. Und es ist schwierig, weil auch wir damit zu kämpfen haben, nach seinem Willen zu leben.
• Die Versuchung, den Willen Gottes zu missachten, kam von außerhalb des Menschen. In 1. Mose 3 ist die Rede von einer Schlange. An anderen Stellen lesen wir von einem Drachen, dem Teufel, von Satan dem Ankläger (zum Beispiel Offenbarung 12,8–10). In der Bibel wird deutlich: Die Menschen werden nicht nur von innen, von ihren eigenen Gedanken geleitet. Gott versucht, uns zu führen – ein übernatürlicher Gegner Gottes versucht dasselbe.
• Sünde hat Auswirkungen – gravierende Auswirkungen. Aber es ist nicht alles zu Ende, wenn Menschen den Plan Gottes über den Haufen werfen. Gott ist ein treuer Gott und er baut Brücken für den Weg zurück. Niemals hört er auf, Menschen einzuladen, auf den richtigen Weg zurück zu finden.
Zwei zentrale Fragen
Die ersten Kapitel der Bibel beschreiben einen paradiesischen Zustand. Die Beziehungen sind in alle Richtungen intakt – zwischen den Menschen untereinander, zwischen den Menschen und Gott und zwischen den Menschen und Gottes Schöpfung. Die folgenden Kapitel der Bibel zeigen, wie diese Beziehungen auseinanderbrechen.
In 1. Mose 3,9 stellt Gott Adam die wichtige Frage: »Wo bist du?« Und in 1. Mose 4,9 ergeht eine zweite wichtige Frage an Kain: »Wo ist dein Bruder?« Diese Fragen werden im weiteren Verlauf der Geschichte der Menschheit immer wieder aufgegriffen. Wie ist unsere Beziehung mit Gott und wie kann sie wiederhergestellt werden? Wie ist die Beziehung der Menschen untereinander und wie können angegriffene oder zerstörte Beziehungen wiederhergestellt werden? Die Zehn Gebote, die Gott später gibt, drehen sich um diese Fragen, ebenso wie die beiden höchsten Gebote: Liebt Gott und liebt einander.
Der Weg zurück
Einen Aspekt von 1. Mose 3 haben wir bisher ausgelassen – einen wichtigen, aber häufig falsch verstandenen Aspekt. Es handelt sich um die Verse in 1. Mose 3,14–15, auf die wir jetzt näher eingehen und die wir im Kontext der gesamten Bibel betrachten wollen: Da sagte Gott, der Herr, zu der Schlange: »Verflucht sollst du sein wegen dieser Tat! Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub fressen dein Leben lang – du allein von allen Tieren. Und Feindschaft soll herrschen zwischen dir und der Frau, zwischen deinen Nachkommen und den ihren. Sie werden euch den Kopf zertreten, und ihr werdet sie in die Ferse beißen.«
In diesem Text geht es sich um viel mehr als nur eine bloße Erklärung dafür, warum Schlangen auf dem Boden kriechen. Es geht auch nicht um die Begründung dafür, warum Frauen sich (angeblich) besonders vor Schlangen ekeln würden.
Theologen nennen diesen Text das »Protoevangelium« – den ersten Hinweis darauf, dass Gott einen Weg zurück bahnen wird: Nach der Sünde des ersten Paares ist es nicht aus mit der Menschheit. Sie werden Nachwuchs bekommen. Der Kampf zwischen Gott und der Schlange, dazwischen irgendwie der Mensch, wird sich fortsetzen. Und eines Tages wird es zum Showdown kommen. Die Schlange wird angreifen und dabei die Ferse des Nachwuchses der Frau treffen. Die Schlange wird jedoch nicht siegen. Ihr Kopf wird von der Ferse zertrümmert. Das Böse, der Feind Gottes und des Menschen, wird letzten Endes den Kampf verlieren. Wir werden schlussendlich auf der Seite des Gewinners sein. Das ist wahrhaftig Evangelium, gute Nachricht!
Doch dieser Text wirft auch einige Fragen auf. Wo, wann und wie wird dieser letzte Kampf stattfinden? Was kommt danach? Und vielleicht am wichtigsten: Wer ist der Nachwuchs der Frau, der den entscheidenden Kampf gewinnen wird?
Wir beginnen mit der letzten Frage. Wer besiegt die Schlange? Die »Sonntagsschulantwort« kommt meistens wie aus der Pistole geschossen: Jesus natürlich. Jesus ist der Sieger. Jesus zertritt dem Teufel den Kopf. »Nachwuchs der Frau« könnte vielleicht sogar ein Hinweis auf die jungfräuliche Geburt von Jesus sein, so wird hier und da behauptet.
Es steht uns aber eine Überraschung bevor, wenn wir etwas genauer hinsehen, was die Bibel sagt.
Bildersprache: unter den Füßen
Um dieses Bild ging es bereits im ersten Kapitel: Du hast ihm den Auftrag gegeben, über deine Geschöpfe zu herrschen. Alles hast du ihm zu Füßen gelegt (Psalm 8,7; Hoffnung für alle). Das Bild als solches ist universal. Wir haben ein Foto der Agentur Associated Press. Es wurde am 20. Mai 1997 aufgenommen, als Rebellen in Kinshasa, der Hauptstadt des Kongo (der heutigen Demokratischen Republik Kongo), Regierungstruppen gefangen nahmen. Auf dem Bild sieht man einen Soldat der Rebellen, in der Hand eine Maschinenpistole, den Fuß – genauer gesagt die Ferse – auf dem Kopf eines auf dem Boden liegenden Regierungssoldaten. Die Bildunterschrift lautet »Sieger und Besiegter« (»Victor and Vanquished«). Die Ferse trifft den Kopf. Der Rebelle unternimmt nicht den Versuch, den liegenden Mann mit seiner Ferse zu verletzen. Dafür wäre das Gewehr wesentlich effektiver. Stattdessen schreit die ganze Szene: »Schaut her, wer hier der Sieger ist!« »Ferse auf dem Kopf« heißt also »Sieger«. Und diese Position wird entweder friedlich angenommen (Psalm 8) oder gewalttätig erobert.
Psalm 8 zeichnet ein friedliches Bild, ein Bild, dass berücksichtigt, welche Rolle die Menschheit spielen sollte (1. Mose 1,28) und was es heißt, zu »unterwerfen und zu herrschen« (vgl. Psalm 72). Alles hat die richtige Rangordnung. Gott steht ganz oben (er ist die »Zehn«). Und die Menschheit ist beauftragt, als Gottes Vertreter so zu »herrschen«, dass der Schalom erhalten bleibt, dass die schwächeren Geschöpfe Gottes beschützt werden und die stärkeren daran gehindert, ihre Macht zu missbrauchen.
1. Mose 3,15 bietet ein feindseliges Bild. Die Schlange legt sich nicht freiwillig unter die Füße des Nachwuchses der Frau, sondern sie verliert bei dem vergeblichen Versuch, selbst Sieger zu sein. Es gibt leider nur allzu viele Bilder wie dieses Bild aus Kinshasa. Menschen kämpfen gegen Menschen, mit Maschinenpistolen und noch stärkeren Waffen. Oder aber Menschen beherrschen ihre Mitmenschen mit Angst und Machtmissbrauch und in ungerechten Beziehungen. Das Bild von der Ferse auf dem Kopf ist wahrhaftig universal.
Doch lassen Sie uns einmal genau betrachten, was die Bibel mit diesem Bild macht. Wir beginnen mit dem Text, in dem die Parallele zu 1. Mose 3,15 am deutlichsten wird, und zwar Römer 16,19–20. Paulus schreibt an die Gläubigen in Rom und lobt sie, dass sie durch ihren Gehorsam Gott gegenüber erfolgreich Fortschritte im Kampf zwischen Gut und Böse machen. Und dann kommt die wunderbare Verheißung: Der Gott des Friedens aber wird in kurzem den Satan unter euren Füßen zertreten (Rev. Elberfelder). Unter wessen Füße? Die von Jesus? Nein, unter die Füße der Gläubigen. Doch, der Sieg gehört Gott (Gott wird Satan zertreten), aber die Füße sind unsere! Der Gott des Friedens (des Schalom) gebraucht uns, um seinen Sieg über Satan mit unseren Füßen zu vollbringen.
An anderer Stelle im Neuen Testament lesen wir, wie Jesus seine Jünger aussandte. Auf ihrer Mission bekämpften sie tatsächlich böse Mächte und trieben Dämonen aus. Als sie voller Freude Jesus davon berichteten, antwortete er: Ja, es ist wahr: Ich habe euch Vollmacht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten und die ganze Macht des Feindes zunichte zu machen (Lukas 10,19). Jesus gab ihnen die Vollmacht. Es waren seine Vertreter, die die Schlangen tatsächlich zertraten.
Vielleicht am eindrucksvollsten wird dieses Bild in Offenbarung 12 verwendet. Ab Vers 7 ist von der Niederlage des Feindes Gottes die Rede: Der Drache … konnte nicht standhalten. … Er ist die alte Schlange, die auch Teufel oder Satan genannt wird … Eine himmlische Stimme macht jubelnd bekannt: »Jetzt ist es geschehen: Unser Gott hat gesiegt! Jetzt hat er seine Gewalt gezeigt und seine Herrschaft angetreten! Jetzt liegt die Macht in den Händen des Königs, den er gesalbt und eingesetzt hat!« (Vers 10a). Und was rechtfertigt diese Aussage? »Der Ankläger unserer Brüder und Schwestern ist gestürzt; er, der sie Tag und Nacht vor Gott beschuldigte« (Vers 10b).
Und wer besiegte diese Schlange? Ohne weiterzulesen, würden wir vielleicht annehmen: natürlich Gott und sein Gesalbter. Aber der Schreiber der Offenbarung behauptet etwas anderes: Unsere Brüder und Schwestern haben ihn besiegt, gerade diejenigen, die vom Feind beschuldigt worden waren. Und wie konnten sie das schaffen? Hier kommt der ausschlaggebende Punkt: »Unsere Brüder und Schwestern haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr standhaftes Bekenntnis. Sie waren bereit, dafür ihr Leben zu opfern und den Tod auf sich zu nehmen« (Vers 11). Das Blut des Lammes ermöglichte den Sieg. Nicht sein Schwert, sondern sein Blut. Der Sieg kam nicht dadurch, dass er selbst tötete, sondern indem er selbst getötet wurde. Sie gewannen durch sein Blut. Sie werden nicht nur beschrieben als »unsere Brüder und Schwestern«, sondern auch als Menschen, die bereit waren, ihr eigenes Leben zu geben. Sie waren Nachfolger von Jesus bis in den Tod. Sie lernten von ihm, dass der wahre Sieg nicht durch Schwert und Blutvergießen errungen wird, sondern durch Selbstaufopferung.
Der Jubel, mit dem die himmlische Stimme diese Bekanntmachung begann, wird am Ende wiederholt: »Darum freue dich, Himmel, mit allen, die in dir wohnen! Ihr aber, Land und Meer, müsst zittern, seit der Teufel dort unten bei euch ist! Seine Wut ist ungeheuer groß; denn er weiß, er hat nur noch wenig Zeit!« (Vers 12).
Und so wird klar: Hier wird kein Sieg angekündigt, der erst am Ende der Weltgeschichte stattfindet. Der Sieg wurde bereits errungen – aber auf Erden wird noch gekämpft. Der Theologe Jürgen Moltmann und andere beschreiben es so: »Wir leben zwischen D-Day und V-Day.« Sie beziehen sich dabei auf den Sieg der Alliierten im besetzten Europa des Zweiten Weltkrieges. Nach der erfolgreichen Invasion der alliierten Truppen in der Normandie (D-Day) war der bevorstehende Triumph der Befreiungsmacht bereits sicher. Aber es mussten noch viele Kämpfe ausgefochten, viele Verluste erlebt und viele Leben verloren werden, bevor der V-Day (Victory Day, der Siegestag) gefeiert werden konnte.
Wie es in dem Lied »Die Gott lieben, werden sein wie die Sonne« von Peter Strauch heißt:
Viele Tränen werden noch geweint,
und der Mensch ist noch des Menschen Feind.
Doch weil Jesus für die Feinde starb,
hoffen wir, weil er uns Hoffnung gab.
Krieg und Terror sind noch nicht gebannt,
und das Unrecht nimmt noch überhand.
Doch der Tag, er steht schon vor der Tür.
Herr, du kommst! Wir danken dir dafür.
(Text & Melodie: Peter Strauch,
© 1981 SCM Hänssler, 71087 Holzgerlingen)
Das ist das Bemerkenswerte: Der Sieg in der himmlischen Welt wurde nicht alleine von Gott, nicht alleine durch den Tod von Jesus erlangt. Sie haben den Feind besiegt – sie, die Nachfolger des Lammes. Aber sie gewannen den Sieg keinesfalls alleine. Sie gewannen durch das Blut des Lammes (Offenbarung 12,11). Wir – die Nachfolger von Jesus (eine durch den »Zweiten Adam« erneuerte Menschheit) –, sind gemeinsam mit Gott Mitgestalter der Geschichte, Mitkämpfer im noch endgültig zu gewinnenden Kampf zwischen Gut und Böse, zwischen Gott mit seinem Schalom-Plan und den zerstörerischen Absichten seines Feindes.
In Epheser 1 finden wir eine weitere wichtige Stelle, die wir in diesem Zusammenhang betrachten sollten. Paulus schreibt seinen Lesern, wofür er betet (Epheser 1,17–19): dass Gott ihnen den Geist der Weisheit und Offenbarung gebe, dass er ihre Augen erleuchte, sodass sie unsichtbare Realitäten erkennen. Dazu gehört auch die Tatsache, dass sie zu einer großen Hoffnung berufen sind und dass die Kraft und Stärke Gottes überragend groß ist. Und dann zeigt Paulus, wie die theologischen Themen dieses Textes zusammenpassen:
• Eine große Hoffnung wartet auf uns, auch wenn es gewagt scheint, daran zu glauben;
• unsere geistlichen Augen müssen erleuchtet werden, um dies zu erkennen;
• diese Hoffnung wird nur dann wahr werden, wenn Gott seine große Macht einsetzt;
• aber Gott hat seine Macht schon mitten in der Geschichte gezeigt: Gott hat Jesus von den Toten auferweckt.
Das Faszinierende ist, dass die Auferweckung von Jesus nicht nur ein Zeichen der Macht Gottes darstellt, damit wir auch an diese Macht glauben können. Durch die Auferstehung wurde die Hoffnung auf den endgültigen Sieg Gottes zur Realität. Jesus kam nicht, um seine Feinde mit Gewalt zu vernichten. Er kam als der Friedensstifter, gewaltlos in seiner Treue zu Gott; bereit, sich selbst töten zu lassen; und er tat dies, weil er nie die Hoffnung aufgab, dass Gott sogar die Macht des Todes durchbrechen würde. In dem Film »Der König von Narnia« (»Die Chroniken von Narnia«) erklärt der Löwe Aslan den verwunderten Menschenkindern: »Wenn sich einer, der nichts verbrochen hat, freiwillig für einen Schuldigen opfert, dann … weicht der Tod zurück.«
Paulus schreibt wortgewaltig und beflügelt von der Auferstehung von Jesus und was sie bewirkt. Dabei zeigt er, was dies alles mit unserem Thema zu tun hat – der Frage, wie und wann die Feinde Gottes am Kopf getroffen werden, und wer am Ende als Sieger dasteht, mit den Feinden Gottes unter seinen Füßen.
Ist es doch dieselbe Kraft, mit der er Christus von den Toten auferweckte und ihm den Ehrenplatz an seiner rechten Seite gab! Mit ihr hat Gott ihn zum Herrscher eingesetzt über alle Mächte und Gewalten, über alle Kräfte und Herrschaften dieser und der zukünftigen Welt. Alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt und ihn zum Haupt seiner Gemeinde gemacht (Vers 20–22; Hoffnung für alle).
Die spontane Sonntagsschulantwort ist hier am Ende also doch richtig. Alles hat Gott Jesus zu Füßen gelegt, auch die Feinde Gottes. Gott erringt den Sieg durch Jesus und durch Jesus alleine. So sieht es jedenfalls aus, aber dann werden wir noch einmal überrascht.
Alles hat Gott ihm zu Füßen gelegt und ihn zum Haupt seiner Gemeinde gemacht. Sie ist sein Leib: Der Schöpfer und Vollender aller Dinge lebt in ihr mit seiner ganzen Fülle (Epheser 1,22–23; Hoffnung für alle). »Alles« wird von Jesus beherrscht, wird ihm zu Füßen gelegt – nur wir nicht. Wir, die wir seine Gemeinde darstellen, werden nicht unter seinen Füßen liegen. Wir werden seine Füße sein! Jesus ist »nur« das Haupt. Jesus und seine Gemeinde stellen gemeinsam den Sieger dar. Unter seinen Füßen heißt unter unseren Füßen, denn wir sind sein Körper.
Der Sieg gehört Jesus und deshalb auch uns. Kopf und Körper stellen zusammen den Sieger dar. Und was sind die Waffen unseres Kampfes? Nicht Schwert und Gewalt, sondern die Bereitschaft, uns selbst zu opfern, in der unsterblichen Hoffnung, dass Gott die Macht hat, sogar den Tod zu besiegen.
Das Protoevangelium von 1. Mose 3,15 findet seine Erfüllung in Jesus und in allen, die zu ihm gehören. Sie sind gemeinsam der Nachwuchs der Frau. Dies bedeutet jedoch nicht, die Kirche solle nun mit Gewalt und Macht ihren Vorteil suchen. Das hat sie leider nur allzu oft getan und manchmal tut sie es immer noch. Der Kampf gegen das Böse wird jedoch nur gewonnen, wenn wir, wie Jesus, selbstaufopfernd leben. Manchmal schließt das sogar den Tod mit ein.
Warum sollten wir 1. Mose 3–11 lesen?
Ohne diese Kapitel wüssten wir zu wenig, warum die Welt so ist, wie sie ist, wie Gott seinen Plan trotz des Bösen zum Ziel bringen wird, und welche Rolle wir dabei spielen als Empfänger der großen Gnade Gottes, als Mitkämpfer im noch anhaltenden Krieg der Geschichte, in dieser Zwischenzeit, in der der D-Day bereits hinter uns liegt, der V-Day aber noch aussteht.
Weiterführende Fragen
1. Verstehen Sie den Bericht über den Sündenfall in erster Linie als ein einmaliges Geschehen von Adam und Eva im Garten oder als einen Hinweis darauf, dass alle in Versuchung kommen, Gottes guten Plan für die Menschheit abzulehnen?
2. »Wo bist du?«, »Wo ist dein Bruder?« (Seite 30). Wie werden diese beiden zentralen Fragen in der Bibel aufgegriffen, um uns unsere wichtigsten Verpflichtungen zu zeigen?
3. »Der Sieg gehört Jesus und deshalb auch uns. Kopf und Körper stellen zusammen den Sieger dar. Und was sind die Waffen unseres Kampfes? Nicht Schwert und Gewalt, sondern die Bereitschaft, uns selbst zu opfern, in der unsterblichen Hoffnung, dass Gott die Macht hat, sogar den Tod zu besiegen« (Seite 36f.). Wie reagieren Sie auf diese Aussage der Autoren?

Kapitel 3
Gesegnet sein – ein Segen werden: 1. Mose 12–36
Mit Abraham beginnt ein völlig neues Kapitel in der Weltgeschichte. Hier geht es um einen einzelnen Menschen, um ein Ehepaar, eine sehr langsam wachsende Familie und schlussendlich um ein semitisches Volk – eines der vielen im Nahen Osten. Es geht um einen kleinen Teil der ganzen Welt. Warum konzentriert Gott sich jetzt auf Einzelne … auf einzelne Menschen und auf ein einzelnes Volk? Weil es Gott um die ganze Welt geht. Dieses Paradox ist von größter Wichtigkeit.
Es geht Gott um die Welt
Es geht Gott immer um die ganze Welt. Das zeigt uns schon die Schöpfungsgeschichte (1. Mose 1–2). Die ganze Welt soll gerettet, erneuert und zu ihrem Ziel gebracht werden. Das wird an verschiedenen Stellen deutlich: in der Geschichte des Sündenfalls mit dem Protoevangelium (1. Mose 3), in der Geschichte der wachsenden menschlichen Gesellschaften (1. Mose 4–5), in der Geschichte über Gottes Gericht und den Rettungsakt in der Sintflut (1. Mose 6–8), in der Geschichte über den neuen Bund mit Noah und dessen Nachkommen (also wieder mit der ganzen Menschheit auf der Erde; 1. Mose 9) und im Stammbaum der verschiedenen Nationen (1. Mose 10). Sogar die Geschichte des Turmbaus zu Babel (1. Mose 11) zeigt, dass alle Nationen der Welt sich von Gott abwandten und nicht mehr in Gottes Gegenwart leben (genauso wie Adam und Eva nach ihrem Fall) – und deshalb wieder zu Gott zurückgeführt werden müssen. Die ersten elf Kapitel in 1. Mose berichten immer aus einer Sicht auf die ganze Welt. 1. Mose 12 stellt den Beginn einer neuen Strategie dar, indem Gott sich auf den Einzelnen konzentriert und so seinen Plan erfüllen will, die ganze Welt zurückzugewinnen.
Gott beschloss, ein neues Volk zu schaffen, ein Gottesvolk, das beispielhaft zeigen würde, wie die Menschheit wieder in Beziehung mit Gott leben und zu Verwaltern des treuen Gottes werden kann. Gott verlieh zunächst einem Einzelnen, dann einer Großfamilie und später einem ganzen Volk einen großen Auftrag. Sie sollten der Welt vorleben, was es heißt, zu Gott zu gehören, von Gott gerettet zu werden und wiederum andere zu retten. Die ganze Welt sollte von der Macht des Feindes gerettet werden.
Gott wollte das zurückerobern, was der Feind ihm weggenommen hatte. Er wählte jedoch kein bereits bestehendes Volk aus, sondern bildete ein neues. Volksgruppen (oder Völker) sind oft durch bestimmte Merkmale gekennzeichnet. Sie entstehen, wenn sich durch örtliche Bedingungen wie Geographie, Geschichte oder Verwandtschaften allmählich äußerliche Kennzeichen wie Dialekt und Musik, Kunst und Tanz, Kleidermode und Traditionen entwickeln und so zum Ausdruck bringen, ob jemand zu der einen oder einer anderen Volksgruppe gehört. Keine Volksgruppe konnte als Volksgruppe den Auftrag Gottes erfüllen.
Nein, ein Volk Gottes, das erneut den großen Auftrag, den Gott den Menschen gab, aufgreifen konnte, konnte nur durch ein Wunder, ja nur durch eine Reihe von Wundern, zustande kommen. Dieses Volk musste von anderen Merkmalen gekennzeichnet sein als nur durch die üblichen Äußerlichkeiten ethnischer Gruppen.
Beginnend mit Abram, der später Abraham genannt wurde, wollte Gott ein neues Volk schaffen, das als Volk Gottes den Auftrag erhalten sollte, anders als die übrigen Völker der Welt zu sein. Jedes Mal, wenn dieses Volk später versuchte »wie alle Nachbarvölker« (1. Samuel 8,5) zu sein, wurde es unfähiger, den Auftrag Gottes zu erfüllen. Nur ein Volk, das anders war, konnte die anderen Völker wieder für Gott zurückgewinnen.
Das neue Kapitel
Als mit 1. Mose 12,1–4 ein neues Kapitel der Weltgeschichte begann, wurde dies kaum bemerkt. Es gab damals, ähnlich wie heute, mächtige Imperien und Völker, deren Einflussgebiet über Meere und Berge reichte. An dem Tag, als Gott zu Abram sprach, änderte sich für die meisten Bewohner der Erde nichts. Jahreszeiten kamen und gingen, Produkte wurden vom Feld zum Markt und dann auf den Tisch gebracht. Kriege wurden geführt und Hochzeiten und Beerdigungen gefeiert. Für die meisten blieb alles so, wie es vorher war. Aber in einer kleinen Ecke der Welt hatte Gott begonnen, einen neuen Abschnitt der Weltgeschichte zu schreiben. Wir lesen in 1. Mose 12,1–4:
Da sagte der Herr zu Abram: »Verlass deine Heimat, deine Sippe und die Familie deines Vaters und zieh in das Land, das ich dir zeigen werde! Ich will dich segnen und dich zum Stammvater eines mächtigen Volkes machen. Dein Name soll in aller Welt berühmt sein. An dir soll sichtbar werden, was es bedeutet, wenn ich jemand segne. Alle, die dir und deinen Nachkommen Gutes wünschen, haben auch von mir Gutes zu erwarten. Aber wenn jemand euch Böses wünscht, bringe ich Unglück über ihn. Alle Völker der Erde werden Glück und Segen erlangen, wenn sie dir und deinen Nachkommen wohlgesinnt sind.« Abram folgte dem Befehl des Herrn und brach auf …
An einem Tag lebte Abram mit seiner ganzen Verwandtschaft in der Stadt Haran. Und schon am nächsten Tag bereitete er sich auf eine ziemlich lange und unklare Reise vor – unklar aus seiner Sicht, aber nicht aus der Sicht Gottes. Gott hatte einen Plan, einen ganz neuen Plan.
»Verlass deine Heimat!« Das neue Volk, das Gott entstehen ließ, konnte sogar ein Volk sein, obwohl es landlos war. Es wurde nicht durch Landbesitz und Heimat definiert. Tausende Jahre später fasste ein anonymer Prediger die Geschichte so zusammen:
In solchem Vertrauen gehorchte Abraham, als Gott ihn rief. Er brach auf in das Land, das er als Erbbesitz bekommen sollte, und verließ seine Heimat, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Und in solchem Vertrauen lebte er in dem Land, das Gott ihm zugesagt hatte, als ein Fremder und in Zelten, zusammen mit Isaak und Jakob, die dieselbe Zusage bekommen hatten. Denn er wartete auf die Stadt mit festen Grundmauern, die Gott selbst entworfen und gebaut hat (Hebräer 11,8–10).
»Verlass deine Sippe und die Familie deines Vaters!« Das Volk, das Gott sich erschaffen wollte, sollte wie alle anderen Völker der Erde auch von Vorfahren und Urahnen abstammen. Doch zugleich würde es auch einen Bruch mit der Tradition darstellen. Nicht Abrams Vater Terah würde der Urahn dieser Familie sein, sondern Abrams Vater Gott. Von nun an sollte es im Volk Gottes nicht mehr allein um Blutsverwandtschaft gehen, sondern um Brüder und Schwestern in der Familie Gottes. Jahrtausende später würde Jesus es so formulieren: »Wer sind meine Mutter und meine Brüder?« Er sah auf die Leute, die um ihn herumsaßen, und sagte: »Das hier sind meine Mutter und meine Brüder! Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter!« (Markus 3,33–35).
»Zieh in das Land, das ich dir zeigen werde!« Gott wollte nicht, dass Abram alles genau im Voraus wusste und sich aufgrund dieses Wissens überlegte, ob und inwieweit er bereit war, sich mit Gott auf den Weg zu machen. Abram sollte Gott vertrauen und ihm gewissermaßen einen Blankoscheck ausstellen. Gott wollte von Abram ein uneingeschränktes Ja; die Bereitschaft, Gehorsamsschritte zu wagen, ohne immer genau zu wissen, wohin diese führen würden.
»Ich will dich zum Stammvater eines mächtigen Volkes machen.« Dieses Versprechen sah zunächst nicht sehr verheißungsvoll aus: Abram war bereits 75 Jahre alt und seine Frau Sarai, die später Sara genannt wurde, war fast genauso alt. Sie waren kinderlos und sollten jetzt ein großes Volk gründen. Wie denn?
»An dir soll sichtbar werden, was es bedeutet, wenn ich jemand segne. Alle, die dir und deinen Nachkommen Gutes wünschen, haben auch von mir Gutes zu erwarten.« Schon bei der Erschaffung von Adam und Eva hatte Gott seine neue Schöpfung, die Menschheit, seine Verwalter, gesegnet. Und sofort hatte er ihnen einen Auftrag gegeben. Das macht Gott immer so. Er geht selbst den ersten Schritt und beschenkt uns Menschen mit Zuwendung, Gnade, Segen und unverdienten Zeichen seiner Liebe. Gottes Segen ist jedoch nie Privatbesitz: Er muss weitergegeben werden. Wir werden gesegnet, um für andere zum Segen zu sein.
Gleich zu Beginn hat Gott Abram wissen lassen: Es geht nicht um dich, Abram, sondern um die anderen. Es geht nicht um das Volk, das aus deinen Nachkommen entstehen wird, sondern um alle Völker der Erde. Gott will ein Gottesvolk schaffen, eine Stadt auf dem Berge, die leuchtet, damit andere den Weg zum Licht finden. Später sagte Gott dann zu Abrams Nachkommen, zur treuen Minderheit der Israeliten: »Es ist zu wenig, dass du als mein Bevollmächtigter nur die Stämme Israels wieder zu Ansehen bringst und alle zurückführst, die von den Nachkommen Jakobs übrig geblieben sind. Ich mache dich auch zum Licht für die anderen Völker, damit alle Menschen auf der Erde durch dich meine rettende Hilfe erfahren« (Jesaja 49,6).
Und wieder später sagte Jesus denen, die bereit sind, den Auftrag Gottes aufzugreifen: »Ihr seid das Licht für die Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. ... Genauso muss auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Taten sehen und euren Vater im Himmel preisen« (Matthäus 5,14.16).
»Abram folgte dem Befehl des Herrn und brach auf.« Gott hatte jemanden berufen, mit dem er einen neuen Anfang machen wollte. Und dieser Mann war bereit, sich auf Gott einzulassen. Seine Nachbarn haben sich vermutlich sehr über ihn gewundert. Vielleicht hat ganz Haran ihn zurückhalten wollen. »Du bist verrückt, Abram. Ein Gott will dich wegschicken? Sei vernünftig!« Wir nehmen an, dass Abrams Auszug aus Haran eine Sensation darstellte. Wir nehmen aber auch an, dass niemand wusste, dass dieser Tag im Rettungsplan Gottes für seine Schöpfung einen riesigen Schritt vorwärts darstellte.
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