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Friedrich Gerstäcker
Die Flußpiraten des Mississippi
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2021 OK Publishing
EAN 4066338113627
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Vorwort
Inhaltsverzeichnis
Schon in früheren Zeiten, als die westlichen Staaten noch als Territorium der Union galten, Dampfboote die Wasser jener mächtigen Ströme noch nicht aufwühlten und nur unbehilfliche Kiel- und Flatboote – oft auch sehr passend Archen genannt – die Handelsverbindung im Innern unterhielten, hatte sich auf einer der zahlreichen Inseln dieses Stromes, Stack oder Crowsnest Island, oder Nr. Vierundneunzig, wie sie jetzt genannt wird, eine Raubbande organisiert, die nicht allein mordete und plünderte, was in ihren Bereich kam, sondern auch in ihrem Versteck eine Falschmünzerei unterhielt, von wo aus sie mit ihren Banknoten das ganze westliche Land überschwemmte. Die Gesetze waren nicht hinreichend, die Bewohner der Union zu schützen, und die Backwoodsmen mußten sich deshalb selbst helfen. Der damalige ›Navigator‹, oder das Lotsenbuch der westlichen Ströme, sagt folgendes über diese Bande:
»Stack Island, not long since, was famed for a band of counterfeiters, horsethieves, robbers, murderers etc. who made this part of the Mississippi a place of manufacture and deposit. From hence they would sally forth, stop boats, buy horses, flour, whisky etc. and pay for all in fine new notes of the ›first water‹. Their villanies, after many severe losses sustained by innocent good men, unsuspecting the cheat, became notorious, and after several years search and pursuit of the civil, and in some cases the club law, against this band of monsters, they have at length disappeared.«
In späteren Jahren, als die Wachsamkeit der Uferbewohner nachgelassen hatte und man der früheren Insel gar nicht mehr gedachte, sammelten sie sich aber wieder weiter oben, zwischen den Staaten Mississippi und Arkansas, und verübten hier Grausamkeiten ohne Ende. In einem Lande, wo sich der vierte Teil der Bevölkerung stets auf Reisen befindet, ist es aber sehr schwer, ja fast unmöglich, einen Mord zu entdecken, da man, wenn nicht der Zufall dabei tätig ist, selten weitere Beweise hat, als daß der Mann eben fehlt. Die Seinen beweinen ihn nicht einmal, denn daß er tot sein könne, ist ihr letzter Gedanke. Sie vermuten ihn auf irgendeiner Reise nach Texas oder in andere neue Staaten und hoffen, ihn mit der Zeit zurückkehren zu sehen. Jedes Verbrechen hat aber sein Ziel; die Buben wurden durch die ungestrafte Ausübung ihrer Schandtaten nach und nach dreister, ihre Verbindung breitete sich immer mehr aus, und ihre Entdeckung mußte endlich die Folge davon sein. In Arkansas und Texas hatten sich indessen Regulatorenbündnisse gegründet, und so überfielen auch hier die nächsten Nachbarn jene Verbrecherkolonie, die Insel, und übten so fürchterliche Gerechtigkeit an den Schuldigen, daß sie alle, die sie nicht ergriffen und vernichteten, weit hinausjagten in ferne Teile Amerikas. Ein Teil der sogenannten ›Morrelschen Bande‹ stand mit diesen Flußpiraten in Verbindung; Morrel selber wurde gefangen und saß dann, wenn ich nicht irre, im Zuchthaus von Pennsylvanien oder Mississippi; das aber, was den Backwoodsmen unter die Hände fiel, kam in kein Gefängnis. Es war ein blutiger Tag, der jenen Räubereien ein Ende machte.
Den Schauplatz habe ich nach Helena und in dessen nächste Umgebung verlegt, die wirkliche Insel befand sich aber etwas weiter unten als Einundsechzig.
Kapitel 1
Inhaltsverzeichnis
Dort, wo der Wabasch die beiden Bruderstaaten Illinois und Indiana voneinander scheidet und seine klaren Fluten dem Ohio zuführt, wo er sich bald zwischen steilen Felsufern, bald zwischen blühenden Matten und blumigen Prärien oder auch unter dem ernsten Schatten und feierlichen Schweigen des dunklen Urwaldes murmelnd und plätschernd durch tausend stille Buchten drängt, mit dem Schilf und mit einzelnen schwankenden Weidenbüschen spielt und tändelt, hier bald leise und behaglich über runde Kiesel und grüne Rasen flecken dahingleitet, bald wieder plötzlich wie in tollem Mutwillen herausschießt in die Mitte des Bettes und dort, von der Gegenströmung erfaßt, kleine blitzende Wellen schlägt und glitzert und funkelt: da lagen im Frühling des Jahres 184–, die Büchsen neben sich in das schwellende Gras geworfen, zwei Männer auf einer dichtbewaldeten Anhöhe. Im Süden stemmte sich der Bergrücken dem Lauf des Stromes entgegen und zwang ihn, brausend und scheinbar unwillig über die trotzige Hemmung, wieder seitab zu fluten; mußte er doch den starren Gesellen umgehen, der weder durch das leise, schmeichelnde Plätschern der Wellen, noch durch den mächtigen Andrang der zornig aufgeschwellten Wasser hatte bewogen werden können, auch nur einen Zollbreit seines behaupteten Grundgebiets preiszugeben.
Der eine der Männer war noch jung und kräftig, kaum älter als drei- oder vierundzwanzig Jahre, und seine Tracht verriet eher den Bootsmann als den Jäger. Der kleine, runde und niedere Wachstuchhut mit dem breiten, flatternden Band darum saß ihm keck und leicht auf den krausen, blonden Haaren. Die blaue Matrosenjacke umschloß ein Paar Schultern, deren sich ein Herkules nicht hätte zu schämen brauchen, und das rotwollene Hemd wurde von einem schwarzen, seidenen Halstuch, wie die weißen, segeltuchenen Beinkleider von einem schmalen, festgeschnallten Gürtel über den Hüften zusammengehalten. Dieser trug zu gleicher Zeit noch die lederne Scheide mit dem einfachen Schiffsmesser und vollendete den seemännischen Anzug des Fremden.
Daß er aber auch in den Wäldern heimisch war, bewiesen die sauber gearbeiteten Mokassins, mit denen seine Füße bekleidet waren, wie die von seiner Hand erlegte Beute, ein stattlicher junger Bär, der vor ihm ausgestreckt auf dem blutgefärbten Rasen lag. Ein großer, schwarz und grau gestreifter Schweißhund aber saß daneben und hielt die klugen Augen noch immer fest auf das glücklich erjagte Wild geheftet. Die heraushängende Zunge, das schnelle heftige Atmen des Tieres, ja sogar ein nicht unbedeutender Fleischriß an der linken Schulter, von dem die klaren Blutstropfen noch langsam niederfielen, bewiesen, wie schwer ihm die Jagd geworden war und wie teuer er den Sieg über den stärkeren Feind erkauft hatte.
Der zweite Jäger, ein Greis von einigen sechzig Jahren, wurde zwar an Körperkraft und Stärke von seinem jüngeren Begleiter übertroffen, trotzdem sah man aber keiner seiner Bewegungen das vorgerückte Alter an. Seine Augen glühten noch in fast jugendlichem Feuer, und seine Wangen färbte das blühende Rot der Gesundheit. Nach Sitte der Hinterwäldler war er in ein einfaches baumwollenes Jagdhemd, mit eben solchen Fransen besetzt, lederne Leggins und grobe Schuhe gekleidet. In seinem Gürtel stak aber statt des schmalen Matrosenmessers, das sein Gefährte trug, eine breite, schwere Klinge, ein sogenanntes Bowiemesser, und die wollene, fest zusammengerollte Decke hing ihm, mit einem breiten Streifen Bast befestigt, über der Schulter.
Beide hatten sich augenscheinlich hier, wo sie ihr Wild erlegten, nach der Anstrengung für kurze Rast ins Gras geworfen. Der Alte, der sich auf den rechten Ellbogen stützte und der eben hinter den Bäumen versinkenden Sonne nachsah, brach jetzt zuerst das Schweigen.
»Tom«, sagte er, »wir dürfen hier nicht lange liegenbleiben. Die Sonne geht unter, und wer weiß, wie weit es noch zum Fluß ist.«
»Laßt Euch das nicht kümmern, Edgeworth«, antwortete der Jüngere, während er sich dehnend streckte und zu dem blauen, durch die schattigen Zweige auf sie niederlächelnden Himmel emporblickte, »da drüben, wo Ihr die lichten Stellen erkennen könnt, fließt der Wabasch keine tausend Schritt von hier, und das Flatboot kann heute abend mit dem besten Willen von der Welt noch nicht hier vorbeikommen. Sobald es dunkel wird, müssen sie beilegen, denn den Snags und Baumstämmen, mit denen der ganze Fluß gespickt ist, wiche selbst Gott Vater nicht im Dunkeln aus, und wenn er sich mit allen seinen himmlischen Heerscharen ans Steuer stellte. Überdies hatten sie von da, wo wir sie verließen, einen Weg von wenigstens fünfzehn Meilen zu machen, während wir die Biegung des Flusses hier kurz abschnitten.«
»Ihr scheint mit dieser Gegend sehr vertraut«, sagte der Alte.
»Das will ich meinen«, erwiderte jener sinnend, »habe hier zwei Jahre gejagt und kenne jeden Baum und Bach. Es war damals, ehe ich Dickson kennenlernte, mit dessen Schoner ich später nach Brasilien ging. Der arme Teufel hätte auch nicht gedacht, daß er dort solch ein schmähliches Ende nehmen sollte.«
»Das habt Ihr mir noch nicht erzählt.«
»Heute abend vielleicht. – Jetzt, denke ich, schlagen wir ein Lager auf und gehen dann mit Tagesanbruch zum Fluß hinunter, wo wir warten können, bis unser Boot kommt.«
»Wie schaffen wir aber das Wild hinab? Wenn's auch nicht weit ist, werden wir doch tüchtig dran zu schleppen haben.«
»Ei, das lassen wir hier«, rief der Jüngere, während er aufsprang und seinen Gürtel fester schnallte, »wollen die Burschen Bärenfleisch essen, so mögen sie sich's auch selber holen.«
»Wenn sie aber nun vorbeifahren?«
»Denken nicht dran«, sagte Tom; »überdies weiß Bill, der Steuermann, daß er uns hier in der Gegend erwarten muß, falls wir nicht früher eintreffen; also haben wir in der Hinsicht keineswegs zu fürchten, daß wir sitzenbleiben. Wetter noch einmal, das Boot wird doch nicht ohne seinen Kapitän abfahren wollen!«
»Auch gut«, sagte der alte Edgeworth, während er dem Beispiel seines jüngeren Gefährten folgte und sich zum Aufbruch rüstete. »Dann schlage ich aber vor, daß wir die Rippen und sonst noch ein paar gute Stücke herausschneiden, das übrige hier aufhängen und nachher dort links hinuntergehen, wo, dem Aussehen der Bäume nach, ein Bach sein muß. Frisches Wasser möchte ich für die Nacht doch haben.«
Diese Vorsicht war nötig; die Männer gingen schnell an die Arbeit, um die kurze Tageszeit noch auszunutzen. Sie fanden auch den Quell und neben ihm eine ganz ungewöhnliche Menge von dürren Ästen und Zweigen, von denen freilich schon ein großer Teil halb verfault war. Das meiste davon ließ sich aber noch trefflich zum Lagerfeuer benutzen, und an der schnell entzündeten Glut staken bald die Rippenstücke des erlegten Bären, während die Jäger, auf ihren Decken ausgestreckt, der Ruhe pflegten und in die züngelnden Flammen starrten.
Die beiden Männer gehörten, wie auch der Leser schon aus ihrem Gespräch entnommen haben wird, zu einem Flatboot, das von Edgeworths oben am Wabasch liegender Farm mit einer Ladung von Whisky, Zwiebeln, Äpfeln, geräucherten Hirschschinken, getrockneten Pfirsichen und Mais nach New Orleans oder irgendeinem der weiter oben gelegenen Landungsplätze steuerte, wo sie hoffen konnten, ihre Waren gut und vorteilhaft zu verkaufen. Der alte Edgeworth, ein wohlhabender Farmer aus Indiana und Eigentümer des Bootes und der Ladung, führte auch eine ziemlich große Summe baren Geldes bei sich, um in einer der südlichen Städte, vielleicht in New Orleans selbst, Waren einzukaufen und sie mit in seine dem Verkehr etwas entlegene Niederlassung zu schaffen. Er war erst vor zwei Jahren an den Wabasch gezogen; früher hatte er im Staate Ohio, am Miami, gelebt. Dort aber fühlte er sich nicht länger wohl, da die mehr und mehr zunehmende Bevölkerung das Wild verjagte oder vertrieb und der alte Mann doch, ›dann und wann einmal‹, wie er sich ausdrückte, ›eine vernünftige Fährte im Walde sehen wollte, wenn er nicht ganz melancholisch werden sollte‹.
Tom dagegen, ein entfernter Verwandter von ihm und Waise, hatte vor einigen Jahren ebenfalls große Lust gezeigt, sich hier am Wabasch häuslich niederzulassen. Plötzlich aber und ganz unerwartet änderte er seinen Sinn, und als er zufällig den alten Dickson, einen Seemann und früheren Jugendfreund seines Vaters, traf, ging er sogar wieder zur See.
Damals schiffte er sich in Cincinnati an Bord des dort von Dickson gebauten Schoners ein, der eine Ladung nördlicher Erzeugnisse nach New Orleans führte, diese hier verkaufte, Fracht für Havanna einnahm und dann eine Zeitlang die südlichen Küsten Amerikas befuhr, bis ihn in Brasilien, wie Tom schon vorher erwähnt hatte, sein böses Geschick ereilte. Wenn nun auch erst seit kurzem von seinen Kreuz- und Querzügen zurückgekehrt, so schien ihm die Heimat doch wenig zu bieten, was ihn fesseln konnte. Er war wenigstens gern und gleich bereit, den alten Edgeworth wieder auf seiner Fahrt stromab zu begleiten, und bewies eine so gänzliche Gleichgültigkeit gegen alles das, was seinen künftigen Lebenszweck betraf, daß Edgeworth oft den Kopf schüttelte und meinte, es sei hohe Zeit für ihn gewesen, zurückzukommen und ein ehrbarer, ordentlicher Farmer zu werden, er wäre sonst auf der See und zwischen all den sorglos ins Leben hineintaumelnden Kameraden ganz und gar verwildert und verwahrlost.
Um nun aber die Einförmigkeit einer Flatbootfahrt wenigstens ein wenig zu beleben, waren sie hier, wo der Fluß einen bedeutenden Bogen machte, mit ihren Büchsen ans Land gesprungen und hatten auch schon, vom Glück begünstigt, ein vortreffliches Stück Wild erlegt. Das Boot, gezwungen, den Krümmungen des Flusses zu folgen, verfolgte inzwischen unter der Aufsicht von fünf kräftigen Hosiers seine langsame Bahn und trieb mit der Strömung zu Tal.
»So laß ich mir's im Wald gefallen«, sagte endlich Tom nach langer Pause, indem er sich auf sein Lager zurückwarf und zu den von der lodernden Glut beleuchteten Zweigen emporschaute. »So kann man's aushalten; Bärenrippen und trockenes Wetter; etwas Honig fehlt noch. Solch junges Fleisch schmeckt aber auch ohne Honig delikat. Blitz und Tod! Manchmal, wenn ich so auf Deck lag, wie jetzt hier unter den herrlichen Bäumen, zu denselben Sternen in die Höhe schaute und dann das Heimweh bekam, Edgeworth, ich sage Euch, das – Ihr habt wohl nie Heimweh gehabt?«
»Heimweh? Nein«, erwiderte der alte Mann seufzend, während er seine Büchse mit frischem Zündpulver versah, das Schloß mit dem Halstuch bedeckte und sie neben sich legte, »das nicht, aber anderes Weh gerade genug. – Sprechen wir nicht davon, ich will mir den Abend nicht gern verderben. Ihr wolltet mir ja erzählen, was in Brasilien mit Dickson, oder wie er sonst hieß, geschah.«
»Nun, wenn das dazu dienen soll, Euch aufzuheitern«, brummte Tom, »so habt Ihr einen wunderlichen Geschmack. Aber so ist es mit uns Menschen, wir hören lieber Trauriges von anderen als Lustiges von uns selbst. Doch meine Geschichte ist kurz genug. Wir waren in die Mündung eines kleinen Flusses, San José, eingelaufen und gedachten dort, unsere Ladung von Whisky, Mehl, Zwiebeln und Zinnwaren, mit welchen wir einen besonders guten Handel zu machen hofften, an die Eingeborenen und Pflanzer zu verkaufen. Eine bezeichnete Plantage hatten wir aber an dem Abend nicht mehr erreichen können, befestigten unser kleines Fahrzeug deshalb mit einem guten Kabeltau an einem jungen Palmbaum, der nicht weit vom Ufer stand, kochten unsere einfache Mahlzeit, spannten die Moskitonetze auf und legten uns schlafen.
Eine Wache auszustellen oder sonstige Vorsichtsmaßregeln zu treffen, fiel niemandem ein; nur hatten wir das Haltetau etwas lang gelassen, damit der Schoner neben einen im Wasser festliegenden Stamm kam und nicht das Ufer rammen konnte.
Sonst träumten wir von keiner Gefahr und hielten auch wirklich die Gegend für ganz sicher und gefahrlos.
Ich weiß nicht, wie spät es in der Nacht gewesen sein kann, als Dickson, der dicht neben mir lag, mich in die Seite stieß und fragte, ob ich nichts höre.
Halb im Schlafe noch, mochte ich ihm wohl etwas mürrisch geantwortet haben, er solle zum Teufel gehen und andere Leute in Ruhe lassen, da fühlte ich, wie er mich bald darauf zum zweiten Mal, und zwar diesmal ziemlich derb, an der Schulter faßte und leise flüsterte: ›Munter, Tom! Munter! Es ist nicht richtig am Ufer.‹ ›Hallo‹, rief ich und fuhr in die Höhe; denn jetzt kam mir zum ersten Male der Gedanke an die roten Teufel, die ja doch auch dort vielleicht eben solche Liebhabereien haben konnten wie das wilde Volk bei uns. So saßen wir denn nebeneinander, jeder unter seinem langen dünnen Fliegennetz, und lauschten, ob wir irgend etwas Verdächtiges hören konnten. Da rief Dickson auf einmal: ›Hierher, Leute! – Da sind sie – die Schufte!‹ und sprang in die Höhe, während ich schnell nach meinem Messer griff, das verdammte Ding jedoch in aller Eile nicht finden konnte. Dickson aber mußte sich mit den Füßen in dem dünnen Gazestoff, aus dem das Netz bestand, verwickelt haben. Ich hörte einen Fall auf das Deck und sah, als ich mich schnell danach umwandte, zwei dunkle Gestalten, die wie Schatten über den Rand des Bootes glitten und sich auf ihn warfen. In dem Augenblick trat ich auf eine Handspeiche, die wir am vorigen Abend gebraucht hatten, und das war die einzige Waffe, die hier von Nutzen sein konnte. Mit Blitzesschnelle riß ich sie in die Höhe, rief den andern zu – wir hatten noch drei Matrosen und einen Jungen an Bord –, das Tau zu kappen, und schmetterte das schwere Holz auf die Köpfe der beiden dunklen Halunken nieder, die auch im nächsten Augenblick wieder über Bord sprangen oder wahrscheinlicher stürzten; denn meine Keule saß am nächsten Morgen voll Gehirn und Blut.
Während die übrigen Männer noch halb schlaftrunken emportaumelten, hatte der Junge so viel Geistesgegenwart behalten, mit einem glücklicherweise bereitliegenden Handbeil das Tau zu kappen, so daß der Schoner im nächsten Augenblick, von der starken Ebbe mit fortgenommen, stromab trieb.
Meiers und Howitt, zwei von den anderen Matrosen, versicherten mir nachher noch, sie hätten ebenfalls fünf von den Schuften, die am Schiffsrand gehangen, auf die Schädel geklopft; ich weiß freilich nicht, ob es wahr ist. Unser armer Kapitän aber war tot; er hatte einen Lanzenstich durch die Brust und einen Keulenschlag über den Kopf bekommen und lag, als wir endlich am andern Ufer wieder etwas freier Atem schöpften, starr und leblos an Deck.«
»Und was wurde aus der Ladung?«
»Die verkaufte ich noch in derselben Woche, befrachtete dann die ›Charlotte‹, so hieß der Schoner, mit bei uns verkäuflichen Gegenständen und lief vier Monate später gesund und frisch in Charlestown, wo Dicksons Witwe lebte, ein. Die arme Frau trauerte allerdings über den Tod ihres Mannes, das Geld aber, was ich ihr brachte, tröstete sie wohl etwas. Acht Wochen später heiratete sie jedenfalls einen Pflanzer in der Nachbarschaft. Das sind Schicksale.«
»Sie wußte doch wenigstens, wo ihr Mann geblieben war«, flüsterte der alte Mann vor sich hin, »wußte, daß er tot und wie er gestorben war. Wie manche Eltern harren aber Monde, Jahre lang auf ihre Kinder, hoffen in jedem Fremden, der die Straße heraufwandert, in jedem Reisenden, der nachts an ihre Tür klopft, das geliebte Antlitz zu schauen, und – müssen sich am Ende doch selbst gestehen, daß sie tot – lange, lange tot sind und daß Haifisch oder Wolf ihre Leichen zerrissen oder ihre Gebeine benagt haben.«
»Ja, du lieber Gott«, sagte Tom, indem er, um ein etwas lebhafteres Feuer zu erhalten, einen neuen Ast auf die Kohlen warf, »das ist eine sehr alte Geschichte. Wie viele kommen nur in diesen Wäldern um, die auf den Flüssen gar nicht gerechnet, von denen die Familien selten oder nie wieder erfahren, was aus ihnen geworden ist. Wie viele Tausende gehen auf der See zu Grunde! Das läßt sich nicht ändern, und so oft ich auch in Lebensgefahr gewesen bin, daran habe ich nie gedacht.«
»Manchmal kehren sie aber auch wieder zu den Ihren zurück«, sagte der Alte mit etwas freudigerer Stimme. »Wenn diese sie schon lange auf- und verlorengegeben haben, dann klopfen sie plötzlich an das vielleicht heiß ersehnte Vaterhaus, und die Eltern schließen weinend – aber Freudentränen weinend, das liebe, böse Kind in die Arme.«
»Ja«, erwiderte Tom ziemlich gleichgültig, »aber nicht oft. Die Dampfboote fressen jetzt eine unmenschliche Anzahl Leben; bei denen geht's ordentlich schockweise. Das – aber Ihr rückt ja ganz von der Decke herunter«, unterbrach er sich, während er sein Lager wieder einnahm; »die Nacht ist zwar warm, doch auf dem feuchten Grunde zu liegen soll gerade nicht übermäßig gesund sein.«
»Ich bin's gewohnt«, erwiderte der Alte, und zwar, wie es schien, ganz in seine eigenen trüben Gedanken vertieft.
»Und wenn Ihr's auch gewohnt seid, die Decke liegt einmal da, warum sie nicht benutzen!«
»An der Stelle dort, wo ich lag, müssen Wurzeln oder Steine sein; es drückte mich an der Schulter, und ich rückte deshalb aus dem Wege.«
»Nun, danach können wir leicht sehen«, meinte Tom gutmütig; »es wäre überhaupt besser, ein wenig dürres Laub zu einem vernünftigen Lager zusammenzuscharren, als hier auf der harten Erde zu liegen. Steht einen Augenblick auf, und in einer Viertelstunde soll alles hergerichtet sein.«
Edgeworth erhob sich und trat zu der knisternden Flamme, in die er mit dem Fuß einige der durchgebrannten und hinausgefallenen Klötze zurückschob. Tom zog indessen die Decke weg und fühlte nach den darunter verborgenen Wurzeln.
»Hol's der Henker!« lachte er endlich. »Das glaube ich, daß Ihr da nicht liegen konntet. Eine ganze Partie Hirschknochen steckt darunter, aber keine Wurzeln. Daß wir das auch nicht gesehen haben!« Er warf die Knochen auf die Feuerstelle und kratzte nun mit den Füßen und Händen das in der Nähe herumgestreute Laub herbei, bis er ein ziemlich weiches Lager hergestellt hatte. Dann breitete er wieder sorgfaltig die Decke darüber, trug noch einige heruntergebrochene Äste zur Flamme, um in der Nacht wieder nachlegen zu können, zog Jacke und Mokassins aus, deckte sich jene über die Schultern und lag bald darauf lang ausgestreckt auf der Decke, um ein paar Stunden zu schlafen und die Ankunft des Bootes am nächsten Morgen nicht zu versäumen.
Edgeworth dagegen hatte einen der neben ihn hingeworfenen Knochen aufgenommen und betrachtete ihn mit größerer Aufmerksamkeit, als ein so unbedeutender Gegenstand eigentlich zu verdienen schien.
»Nun – seid Ihr nicht müde?« fragte ihn sein Gefahrte endlich, der zu schlafen wünschte. »Laßt doch die Aasknochen und legt Euch nieder! Es wird Tag werden, ehe wir's uns versehen.«
»Das ist kein Hirschknochen, Tom!« sagte der Alte, indem er sich zum Feuer niederbeugte, um das Gebein, das er in der Hand hielt, besser und genauer betrachten zu können.
»Nun, so ist's von Wolf oder Bär«, murmelte Tom, schon halb eingeschlafen, mit schwerer Zunge.
»Bär? Das wäre möglich«, erwiderte nachdenklich der Alte, »ja, ein Bär könnte es sein; ich weiß aber doch nicht, mir kommt's wie ein Menschenknochen vor –«
»Tretet doch den Hund einmal in die Rippen, daß er das verdammte Scharren läßt«, sagte der Matrose ärgerlich. »Menschenknochen, – meinetwegen auch; wie sollten aber Menschenknochen –?« Er fuhr auf einmal schnell und ganz ermuntert von seinem Lager empor, während er scheu und wild zu den Bäumen hinaufschaute, die ihn umstanden.
»Was ist Euch?« fragte Edgeworth erschrocken. »Was habt Ihr auf einmal?«
»Verdammt will ich sein«, sagte Tom sinnend und blickte immer noch ängstlich umher, »wenn ich – nicht glaube –«
»Glaube, was? Was habt Ihr?«
»Ist das wirklich ein Menschenknochen?«
»Mir kommt es so vor. Es muß das Hüftbein eines Mannes gewesen sein; denn für einen Hirsch ist es zu stark und für einen Bären zu lang. Aber was ist Euch?«
Tom war emsig beschäftigt, seine Mokassins wieder anzuziehen, und sprang jetzt auf die Füße.
»Wenn das ein Menschenknochen ist«, rief er, »so kenne ich den, dem er gehörte. Ich habe ihn selbst mit Ästen und Zweigen zugedeckt, als wir ihn fanden. Darum lag also auch hier so viel halbverfaultes Holz auf einem Haufen. Ja, wahrhaftig, das ist der Platz und dieselbe Eiche, unter der wir ihm sein Grab machten; das Kreuz – der Auswuchs hier soll ein Kreuz sein – hieb ich damals mit meinem eigenen Tomahawk in den Stamm. Der arme Teufel –«
»Auf welche Art starb er denn, und wer war er?«
»Wer er war, weiß der liebe Gott, ich nicht; aber er starb auf eine recht niederträchtige, hundsföttische Weise. Ein Bootsmann, dessen Boot gerade da unten am Land lag, wo wir unser Schiff morgen erwarten, schlug ihn tot wie einen Wolf, und das um ein paar lumpiger Dollar willen.«
»Entsetzlich!« sagte der Alte und lehnte sich, den Knochen neben sich legend, auf seine Decke zurück, während Tom ebenfalls seinen so schnell verlassenen Platz wieder einnahm und den Kopf in die Hand stützte.
»Wir jagten hier oben nach Bären«, fuhr Tom, vor sich niederstarrend und ganz in der Erinnerung an die alten Zeiten verloren, fort, »und Bill –«
»Der Bootsmann?« fragte Edgeworth.
»Nein, jener Unglückliche«, sagte Tom.
»Und sein anderer Name?«
»Den nannte er nie; wir waren auch nur vier Tage zusammen, und er gehörte, soviel ich verstanden habe, nach Ohio hinüber. Bill hatte jenen Burschen ein paar Dollar sehen lassen, und der wollte ihn gern abends, als wir am Feuer gelagert waren, zum Spielen reizen. Bill spielte aber nicht, und das erbitterte schon den nichtswürdigen Buben. Ein paar Nächte darauf hatte er's denn auf irgendeine Art und Weise anzustellen gewußt, daß er den armen Jungen von uns fortbekam und die Nacht mit ihm allein lagerte. Wir kampierten an demselben Abend in der Nähe der Schlucht, in welcher wir heute zuerst auf die Bärin schossen; denn von der kleinen Prärie aus waren wir dorthin einem Bärenkurs gefolgt. Am nächsten Tag ließ sich niemand von ihnen sehen, und als wir bei Sonnenuntergang zum Flußufer kamen, war das Boot fort.
Dicht am Ufer übernachteten wir; der alte Sykomorenstamm muß noch dort liegen, wo unser Feuer war; denn der hatte sich fest zwischen zwei Felsen gezwängt und konnte nicht fort, und als wir am nächsten Morgen die Bank erstiegen, wurden wir zuerst durch die Aasgeier aufmerksam gemacht, von denen eine große Menge nach einer Richtung hinzog.
›Gebt acht‹, sagte mein Begleiter, ein Jäger aus Kentucky, mit dem ich damals in Kompagnie jagte, ›gebt acht, der lumpige Flatbooter hat den Kurzfuß kalt gemacht.‹«
»Kurzfuß«, fuhr der Alte erschrocken auf, »warum nannte er ihn Kurzfuß?«
»Sein rechtes Bein war etwas kürzer als das linke, und er hinkte ein wenig, aber nicht viel. Und richtig – als wir auf den Hügel hier kamen – ich vergäße den Anblick nicht, und wenn ich tausend Jahre alt würde, da lag der Körper, und die Aasgeier – aber was ist Euch, Edgeworth, was habt Ihr? Ihr seid –«
»Hatte der – der Kurzfuß oder – Bill, wie Ihr ihn nanntet, eine Narbe über der Stirn?«
»Ja – eine große, rote Narbe; – kanntet Ihr ihn?«
Der alte Mann preßte seine Hände vor die Stirn und sank in stummem Schmerz auf sein Lager zurück.
»Was ist Euch, Edgeworth? Um Gottes willen, Mann – was fehlt Euch?« rief der Matrose, jetzt wirklich erschrocken emporspringend. »Kommt zu Euch! – Wer war jener Unglückliche?«
»Mein Kind – mein Sohn!« schluchzte der Greis und drückte seine eiskalten, leichenartigen Finger fest vor die heißen, trockenen Augenhöhlen.
»Allmächtiger Gott!« sagte Tom erschüttert. »Das ist schrecklich! – Armer – armer – Vater!«
»Und Ihr begrubt ihn nicht!« fragte der Alte endlich nach langer Pause, in der er versucht hatte, sich ein wenig zu sammeln.
»Doch; – er bekam ein Jägergrab«, antwortete leise und mitleidig der junge Mann. »Wir hatten nichts bei uns als unsere kleinen indianischen Tomahawks, und der Boden war dürr und hart da; – aber ich martere Euch mit meinen Worten –«
»Erzählt nur weiter; – bitte, laßt mich alles wissen!« bat flehend der Vater.
»Da legten wir ihn hier unter diese Eiche, trugen von allen Seiten Stangen und Äste herbei, daß kein wildes Tier, wie stark es auch gewesen, ihn erreichen konnte, denn Bären lassen die Leichen zufrieden, und ich hieb mit dem Tomahawk noch zuletzt das einfache Kreuz hier in den Stamm.«
Edgeworth starrte still und leichenblaß vor sich nieder. Nach kurzer, peinlicher Pause richtete er sich aber wieder empor, schaute zitternd und traurig umher und flüsterte:
»Wir liegen hier also auf seinem Grab, – in seinem Grabe, und mein armer, armer William mußte auf solche Weise enden! Doch seine Gebeine dürfen nicht so umhergestreut länger dem Sturm und Wetter preisgegeben bleiben; Ihr helft sie mir begraben, nicht wahr, Tom?«
»Von Herzen gern, nur – wir haben kein Werkzeug.«
»Auf dem Boot sind zwei Spaten und mehrere Hacken; – die Leute müssen helfen. Ich will meinem Sohn, und wenn auch erst nach langen Jahren, die letzte Ehre erweisen; es ist alles, was ich für ihn tun kann.«
»Sollen wir unser Lager lieber auf der anderen Seite des Feuers machen?« fragte Tom.
»Glaubt Ihr, ich scheute mich vor der Stelle, wo mein armes Kind vermoderte?« sagte der Greis. »Es ist ja auch ein Wiedersehen, wenngleich ein gar schmerzliches. Ich glaubte, an seinem Herzen noch einmal liegen zu können, und finde jetzt – seine Gebeine, umhergestreut in der Wildnis. – Aber gute Nacht, Tom! Ihr werdet müde sein von des Tages Anstrenungen; wir wollen ein wenig schlafen. Der anbrechende Tag finde uns erwacht und mit unserer Arbeit beschäftigt.«
Sicherlich nur um den jüngeren Gefährten zu schonen, warf sich der alte Mann auf sein Lager zurück und schloß die Augen. Kein Schlaf senkte sich aber auf seine tränenschweren Lider, und als der kühle Morgenwind durch die rauschenden Wipfel der Kiefern und Eichen säuselte, stand er auf, fachte das jetzt fast niedergebrannte Feuer zu heller, lodernder Flamme an und begann bei dessen Licht die um das Lager herum verstreuten Gebeine zu sammeln. Tom, hierdurch ermuntert, half ihm schweigend bei seiner Arbeit und näherte sich dabei dem Platz, wo Wolf, etwa dreißig Schritt vom Feuer entfernt, zusammengekauert neben einem kleinen Ulmenbusche lag. Obgleich die beiden sonst sehr gute Bekannte waren, empfing ihn der alte Hund doch sehr unfreundlich und knurrte mürrisch und drohend.
»Wolf! Schämst du dich nicht, Alter?« sagte der junge Mann, auf ihn zugehend. »Du träumst wohl, du faules Vieh, – weist mir die Zähne?«
Der Hund beruhigte sich jedoch selbst durch die Anrede nicht und knurrte nur stärker, wedelte aber auch dabei leise mit dem Schwanze, gerade als hätte er sagen wollen: Ich kenne dich recht gut und weiß, daß du ein Freund bist, aber hierher darfst du mir trotzdem nicht.
Tom blieb stehen und sagte zu Edgeworth, der auf ihn zukam: »Seht den Hund an, er hat da etwas unter dem Laub und will mich nicht näher lassen. Was es nur sein mag?«
Edgeworth ging auf ihn zu, schob leise seinen Kopf zur Seite und fand zwischen den Pfoten des treuen Tieres – den Schädel seines Sohnes, wobei Wolf, als jener die Überreste des teueren Hauptes seufzend emporhob, an ihm hinaufsprang und winselte und bellte.
»Das kluge Tier weiß, daß es Menschenknochen sind«, sagte der Matrose.
»Ich glaube, beim ewigen Gott, er kennt die Gebeine!« rief der Greis erschrocken. »Bill hat ihn aufgezogen und ging von dem Augenblick an, wo er laufen konnte, nie einen Schritt ohne ihn in den Wald.«
»Das ist ja nicht möglich; die Gebeine können keinen Geruch behalten haben. – Wie alt ist denn der Hund?«
»Acht Jahre; aber so klug wie je ein Tier einer Fährte folgte«, sagte der Greis. »Wolf – komm hierher!« wandte er sich dann an den Winselnden. »Komm her, mein Hund! – Kennst du Bill noch, deinen alten, guten Herrn?«
Wolf setzte sich nieder, hob den spitzen Kopf hoch empor, sah seinem Herrn treuherzig in die Augen, warf sich mehrere Male unruhig von einem Vorderlauf auf den anderen und stieß plötzlich ein nicht lautes, aber so wehmütig klagendes Geheul aus, daß sich der alte Mann nicht länger halten konnte. Er kniete neben dem Tier nieder, umschlang seinen Hals und machte durch einen heißen, lindernden Tränenstrom seinem gepreßten Herzen Luft. Wolf aber leckte ihm liebkosend die Stirn und Wange und versuchte mehrere Male, die Pfote auf seine Schulter zu legen.
»Unsinn!« sagte Tom, dem bei dem sonderbaren Betragen des Hundes ordentlich unheimlich zumute wurde. »Das Tier wittert menschliche Überreste, und da geht's ihm gerade wie mit Menschenblut. Laßt das die Hunde plötzlich spüren, so heulen sie ebenfalls, als ob ihnen das Herz brechen wollte.«
»Laßt mir den Glauben, Tom!« bat der Alte und richtete sich endlich wehmütig wieder auf. »Es tut mir wohl, selbst in dem Tier das Gedächtnis für einen Freund bewahrt zu sehen, und wir haben ja des Schmerzlichen genug; warum den schwachen Trost noch mutwillig mit eigener Hand zerstören?«
Ein Schuß aus der Richtung, in welcher der Fluß liegen mußte, unterbrach seine Rede.
»Verdammt!« rief Tom. »Ob die Burschen schon mit dem Boot da sind? Die Seehunde müssen nachts gefahren sein; es ist ja kaum Tag.«
»Tut mir den Gefallen und ruft sie her!« bat Edgeworth.
»Mir wär's lieber, wenn Ihr mitgingt«, sagte der junge Mann zögernd, »Ihr quält Euch hier und –«
»Ich bin gefaßt, wenn Ihr kommt, Tom. Tut mir die Liebe und ruft sie.«
Im nächsten Augenblick hatte der junge Mann seine Büchse geschultert und schritt dem Flußufer zu. Edgeworth kniete an dem Fuße der Eiche nieder, die jahrelang ihre Arme schützend über die Überreste seines Kindes ausgebreitet hatte, und lag ernst und still im brünstigen Gebet, bis er die Schritte der Bootsleute hörte. Dann sprang er auf und schritt ihnen fest und ruhig entgegen. Tom hatte die Männer schon unten am Flusse mit dem Vorgegangenen schnell bekanntgemacht, und ernst und schweigend begannen sie, an der engen Gruft zu arbeiten, die des unglücklichen Mannes Gebeine aufnehmen sollte. Dann legten sie sorgsam die gesammelten Überreste hinein, warfen das Grab zu, wölbten den kleinen Hügel darüber und trugen nachher ebenso still und lautlos die Jagdbeute, die ihnen Tom bezeichnete, auf ihren Schultern zum Boot hinunter.
»Hallo!« rief ihnen hier der an Bord gebliebene Steuermann, eine wilde, drohende Gestalt, das Gesicht ganz von Pockennarben zerrissen, die schwarzen langen Haare wild um die Schläfe hängend entgegen. »Bärenfleisch! Bei den sieben Todsünden! – Verdamme meine Augen, wenn das nicht der vernünftigste Streich ist, den unser alter Kapitän in langer Zeit ausgeführt hat. – Macht aber schnell, Burschen, daß wir von hier fortkommen! Wir versäumen die schöne Zeit; das Wasser fällt mit jeder Sekunde.«
»Wir gehen noch einmal hinauf«, sagte der eine von ihnen.
»Was zum Henker ist nun noch oben?«
»Oben ist nichts mehr, wir wollen nur die Backsteine aus unserer Küche hinauftragen und, so gut es geht, einen Grabstein daraus machen.«
»Narren seid ihr«, zürnte der Steuermann, »wie sollen wir nachher kochen?«
»In Vincennes können wir neue bekommen«, sagte Tom.
»Schaden würd's Euch auch nicht, wenn Ihr eine Ladung mit hinauftrügt.«
»Ich bin zum Steuern gemietet und nicht zum Steineschleppen«, brummte der Lange, indem er sich ruhig aufs Verdeck streckte. »Unsinn genug, daß ihr die alten Knochen da oben noch einmal aufrührt; die wären auch ohne euch verfault.«
Die Männer antworteten ihm nicht, luden ihre Last auf und stiegen damit die steile Uferbank empor. An dem Grabe errichteten sie das einfache Denkmal für den ermordeten Jäger, frischten das Kreuz in der Eiche wieder auf und wollten dann langsam den Platz verlassen, auf dem Edgeworth noch immer in Schmerz und Gram vertieft stand. Da fuhr der Alte aus seinen Träumen auf, drückte den Bootsleuten allen freundlich die Hand, schulterte seine Büchse, rief nach dem Hund und ging mit festen, sicheren Schritten voran, dem Boot zu.
Eine halbe Stunde später knarrten und kreischten die schweren Ruder des unbehilflichen Fahrzeugs, mit denen es in die eigentliche Strömung hinausgeschoben wurde. Dann aber drängte es schwerfällig gegen die Mitte des Flusses zu und trieb langsam hinunter seine stille, einförmige Bahn. Wie es aber nur erst einmal in Gang und richtig in der Strömung war, hoben die Bootsleute ihre ›Finnen‹, wie die langen Ruder solcher Boote genannt werden, an Deck und streckten sich selbst nachlässig und behaglich auf den Brettern aus, um die ersten Strahlen der freundlichen Morgensonne zu genießen, die jetzt eben in all ihrer schimmernden Pracht und Herrlichkeit über dem grünen Blättermeer emportauchte.
Edgeworth aber saß, mit dem Hund zwischen seinen Knien, am hintern Rande des Fahrzeugs und schaute still und traurig nach den mehr und mehr in weiter Ferne verschwindenden Bäumen zurück, die das Grab seines Kindes überschatteten.
Kapitel 2
Inhaltsverzeichnis
In Helena herrschte ein ungewöhnlich reges Leben und Treiben, und aus der ganzen Umgegend mußte hier die Bevölkerung zusammengekommen sein. Überall standen Gruppen eifrig unterhaltender Männer, teils in die bunt befransten Jagdhemden der Hinterwäldler, teils in die blauen Jeansfracks der etwas mehr zivilisierten Städter gekleidet, deren heftige Reden und lebhafte Gesten verrieten, daß sie keineswegs alltägliche Gespräche führten.
Vor dem Union-Hotel, dem besten Gasthause der Stadt, schien sich der größte Teil dieser Menschenmasse versammelt zu haben, und der Wirt, eine lange, hagere Gestalt mit blonden Haaren, scharfen Backenknochen, etwas spitzer, vorstehender Nase, aber blauen, gutmütigen Augen, kurz, jeder Zoll ein Yankee, hatte schon eine geraume Zeit dem Drängen und Treiben vor seiner Schwelle mit augenscheinlichem Wohlbehagen zugesehen. Im Innern des Hauses fehlte es allerdings keineswegs an Arbeit, und die tätige Hausfrau hatte, von ihrem Dienstboten und einem Neger unterstützt, alle Hände voll zu tun, die Gäste zu befriedigen und Schlafstellen für die herzurichten, die zu weit entfernt von Helena wohnten. Trotzdem aber verharrte der Wirt in seiner ruhigen Stellung und kümmerte sich nicht im geringsten um das innere Hauswesen.
Da sich die Menschen von dem Hause durch den Wortwechsel und vielleicht auch durch geistige Getränke erhitzt hatten, artete ihre bisher ruhige und friedliche Unterhaltung mehr und mehr aus. Einzelne heftige Flüche und Drohungen überschallten zuerst für Augenblicke das übrige Wortchaos, und plötzlich verkündeten ein scharfer Schrei und ein wildes Drängen, daß es endlich, was der lächelnde Wirt schon lange ersehnt haben mochte, zu Tätlichkeiten gekommen sei.
Mit halb vorgebeugtem Oberkörper, die Hände tief in den Beinkleidertaschen und die rechte Schulter an den Pfosten seiner Tür gelehnt, stand er da, und man sah es ihm ordentlich an, welch Vergnügen ihm ein Kampf machte, dessen Ergebnis so ganz seinen Wünschen entsprochen haben mußte.
Der nämlich, der den ersten Schlag gegeben hatte, war ein kleiner, untersetzter Ire mit brennend roten Haaren und womöglich noch röterem Barte, dazu in Hemdsärmeln, mit offenem Kragen und etwas kurzen, eng anschließenden Nankingbeinkleidern, was seiner Figur einen eigentümlich komischen Anstrich gab. Davon abgesehen war aber Patrick O'Toole nichts weniger als komisch oder auch nur spaßig, sobald er ein paar Tropfen Whisky im Kopfe und irgend Ursache zu einem vernünftigen oder ›räsonablen‹ Streit hatte, wie er es nannte. Wenn auch nicht zänkisch, so war er doch der letzte, der einen Platz verlassen hätte, wo noch die mindeste Aussicht zu einer anständigen Prügelei zu erwarten gewesen wäre.
Sosehr aber Patrick oder Pat, wie er gewöhnlich im Städtchen hieß, diesmal im Recht sein mochte, sosehr fand er sich bald im Nachteil; denn kaum lag sein Gegner vor ihm im Staube, als der größte Teil derer, die bis jetzt wenig oder gar keinen Anteil an dem Zank genommen hatten, auf ihn eindrangen und den Gefallenen rächen wollten.
»Zurück mit euch! – Weg da, ihr Blackguards, ihr – Söhne einer Wölfin!« schrie der Ire und teilte dabei ohne Unterschied der Person nach links und rechts so gewaltige und gut gezielte Stöße aus, daß er die Angreifer blitzschnell in sichere Entfernung zurückscheuchte.
»Ehrlich Spiel hier!« schrie er dabei und streifte sich schnell den immer wieder niederrutschenden Ärmel auf. – »Ehrlich Spiel, ihr Spitzbuben; einer gegen einen, oder auch zwei und drei, aber nicht acht und neun; die Pest über euch! – Ich klopfe euch die Schädel so breiweich wie euer Hirn, ihr hohlköpfigen Halunken ihr!«
»Ehrlich Spiel!« riefen auch einige aus der Menge und suchten die übrigen Kampflustigen zurückzudrängen. Der zu Boden Geschlagene hatte sich aber in diesem Moment ebenfalls wieder aufgerafft, und das eine blau unterlaufene Auge mit der linken Hand bedeckend, riß er mit der rechten ein bis dahin verborgen gehaltenes Messer unter der Weste vor und warf sich mit einem Schrei voll wildem, unbezähmbarem Ingrimm auf den ruhig wartenden Iren.
Dieser jedoch fing, ohne weiter seine Stellung zu verändern, den drohend gegen ihn gerichteten und sicherlich gut gezielten Stoß auf, indem er den Angreifer am Handgelenk packte, zum zweiten Male niederschlug und nun in dem Rechtlichkeitssinn der ihn Umgebenden hinlängliche Bürgschaft zu finden glaubte, daß sie einen andern ähnlichen Überfall verhindern würden. Die Volksmenge schien ihm aber keineswegs geneigt; man entzog zuerst den Besiegten seinen Händen, und dann brach der Sturm in plötzlicher, aber desto verheerender Gewalt über ihn los.
»Zu Boden mit dem irischen Hund! Nieder mit ihm!« tobten sie. »Er hat Hand an einen Bürger der Vereinigten Staaten gelegt! – Was will der Ausländer hier, der übers Wasser Gekommene?«
»Ins Wasser denn mit ihm!« schrie ein breitschultriger, bleicher Geselle, dem sich eine tiefe, noch kaum geheilte Narbe vom linken Mundwinkel bis hinter das Ohr zog, was seinem Gesicht etwas unbeschreiblich Wildes und Unheimliches verlieh. – »Ins Wasser mit ihm! Die irischen und deutschen Halunken verderben armen, ehrlichen Arbeitern ohnedies die Preise. In den Mississippi mit der dünnbeinigen Kanaille, da kann sie mit den Seespinnen Hornpipes tanzen!« Mit diesen Worten und einem nicht sehr lauten, aber ganz eigentümlichen Pfiff warf er sich so plötzlich gegen den überraschten Iren, daß er diesen für den Augenblick zum Wanken brachte. Den geübten Boxer würde er jedoch trotz alledem nicht übermannt haben, wären nicht die ihm zunächst Stehenden und mehrere andere, die sich schnell herzudrängten, rasch zu seiner Hilfe herbeigeeilt. So sah sich O'Toole gleich darauf von mehreren Seiten erfaßt und zu Boden geworfen.
»In den Mississippi mit dem Schuft!« tobte der Haufen. »Bindet ihm die Hände auf den Rücken und laßt ihn schwimmen!« – »Fort nach Irland mit ihm; – er kann sich unterwegs ein Schiff bestellen«, schrie ein anderer. Ein paar friedlicher Gesinnte, die keineswegs wollten, daß ein bloßer Streit ein solch tragisches Ende nehmen sollte, und den Überwältigten zu retten suchten, wurden leicht zurückgehalten, und mit Gebrüll schleppten die Rasenden ihr Opfer dem Flußrande zu.
O'Tooles Lage war höchst mißlich, und er selbst wußte nur zu gut, wie feindlich ein großer Teil der Bewohner von St. Helena gegen ihn gesinnt war, um das Schlimmste zu fürchten. Schwerlich würden ihm aber seine verzweifelten Anstrengungen, mit denen er versuchte, den Mördern Trotz zu bieten, etwas genützt haben. Die Übermacht war zu groß, und die Nähe des Flusses ließ ihnen auch keine Zeit zum Überlegen, sondern schien ihr Vorhaben eher noch zu begünstigen. – Da war es ein einzelner, der sich plötzlich mitten zwischen die Wütenden warf und, den Arm des Iren ergreifend, jeden weiteren Fortschritt hemmte; dieser einzelne aber war niemand anders als unser freundlicher Wirt Jonathan Smart, der hier mit einer Autorität sein »Halt, – das ist genug!« aussprach, als ob er von dem Haufen selber zum Friedens- und Schiedsrichter bestellt gewesen wäre.
Die Menge zeigte indessen nicht die mindeste Lust, das so unerwartete und ungebetene Einschreiten geduldig zu ertragen.
»Zurück, Smart! – Laßt den Mann los und geht zum Teufel!« Ähnliche und gleich freundliche Anreden schallten ihm aus fast jedem Munde entgegen. Smart aber behauptete nichtsdestoweniger seinen Platz und rief nur mit fester Stimme dagegen: »Ich will verdammt sein, wenn ihr ihm ein Haar krümmt!«
»So sei es denn!« schrie der eine seiner Gegner, zog eine kleine Taschenpistole, richtete sie auf den Yankee und drückte ab. Nun versagte zwar zum großen Glück des menschenfreundlichen Retters die Waffe; Jonathan Smart war aber nicht der Mann, der ruhig auf sich zielen ließ. Mit schnellem Griff riß er ein unter seinem Rock verborgenes, wenigstens zwölf Zoll langes Bowiemesser heraus und führte damit schon in der nächsten Sekunde einen so kräftigen, wohlgemeinten Hieb nach dem entsetzt Zurückfahrenden, daß er ihm, wenn jener Stich saß, den Schädel unfehlbar mit dem schweren Stahl gespalten haben müßte. Der aber, dem die jetzt zornfunkelnden Augen des Gereizten nur zu deutlich verrieten, was ihn erwartete, sprang mit lautem Aufschrei zur Seite, und nur die Spitze des Messers traf ihn vorn an der Schulter und riß ihm den Rock bis hinab an den Saum mit einem Hieb auf.
Der Schlag war zu tüchtig geführt gewesen, um an dem vollen Ernst des Mannes nur einen Augenblick zu zweifeln Sein Auge flog auch jetzt mit so dunkelglühendem und herausforderndem Trotz über die anderen hin, daß sie scheu und fast unwillkürlich den Iren losließen. Der aber fühlte seine Glieder kaum wieder frei, als er auch schon rasch empor sprang und nicht übel Lust zu haben schien, den für ihn fast so verderblich gewordenen Kampf an Ort und Stelle zu erneuern. Smart jedoch hielt seinen rechten Arm wie mit eisernem Griff umspannt, und ehe noch die für den Augenblick wie vor den Kopf gestoßenen Männer einen neuen Entschluß fassen oder es über sich gewinnen konnten, dem so herausfordernd gezeigten Stahl zu trotzen, zog der Wirt den kleinen Iren mit sich fort und verschwand gleich darauf im Innern seines Hauses.
»Verdamme meine Augen!« schrie da plötzlich der schon früher erwähnte bleiche Geselle mit der Narbe. – »Sollen wir uns das gefallen lassen? Wer ist denn der langbeinige Schuft von einem Yankee, der hier nach Arkansas kommt und einem ganzen Haufen ordentlicher Kerle vorschreiben will, was er zu tun und zu lassen hat? Ei, so steckt doch dem Halunken das Haus über dem Kopfe an!«
»Bei Gott, das wollen wir! – Kommt, Boys, holt das Feuer aus seiner eigenen Küche!« tobte und wütete die Schar. »Nieder mit der Kneipe; die Bestie will sowieso nichts pumpen!«
Die Masse wandte sich rasch zur Untat entschlossen gegen das bedrohte Haus, und wer weiß, wie weit sie in ihrem augenblicklich und heftig entflammten Grimm gegangen wäre, hätte sich ihr nicht jetzt mit der freundlichsten Gebärde ein Mann entgegengestellt, der sie mit hocherhobenen Armen und lauter Stimme bat, ihm einen Augenblick Gehör zu schenken. Er war hoch und schlank gewachsen, mit offener freier Stirn, dunklen Augen und Haaren und feinen, fast weiblich schön geschnittenen Lippen. Auch in seiner ganzen Haltung lag etwas Gebieterisches und doch wieder Geschmeidiges, und seine Kleidung, die aus feinem schwarzen Tuch und schneeweißer Wäsche bestand, verriet ebenfalls, daß er entweder diesen Kreisen fremd war oder doch eine Stellung bekleidete, die ihn über seine Umgebung erhob. Er war zu gleicher Zeit Advokat und Arzt und seit einem Jahr erst aus den nördlichen Staaten hier eingetroffen, wo er sich seiner Kenntnisse und seines einnehmenden Betragens wegen in kurzer Zeit nicht allein eine bedeutende Praxis erworben hatte, sondern auch in Stadt und County zum Friedensrichter ernannt worden war.
»Gentlemen!« redete der Advokat jetzt die wunderbarerweise rasch Besänftigten an. »Gentlemen, bedenken Sie, was Sie tun wollen. Wir befinden uns unter dem Gesetze der Vereinigten Staaten, und die Gerichte sind wohl bereit, Sie gegen den Angriff anderer wie auch andere gegen Ihren Angriff zu schützen. Mr. Smart hat Sie aber nicht einmal beleidigt, er hat Ihnen im Gegenteil einen Gefallen getan, indem er Sie vor einer Gewalttat bewahrte, die wohl böse Folgen für manche von Ihnen gehabt haben könnte. Sie sollten ihm eher dankbar sein. Mr. Smart ist auch sonst in jeder Hinsicht ein Ehrenmann.«
»Hol' ihn der Teufel!« rief der Kerl, nach dem der Wirt mit seinem Messer gehauen hatte. »Dankbar sein? Ehrenmann? Ein Schuft ist er und hätte mich beinahe gespalten wie eine Apfelsine. In die Hölle mit ihm! Feuer in sein Nest, das ist mein Rat!«
»Gentlemen! Hat Sie Mr. Smart beleidigt«, nahm hier der Richter aufs neue das Wort, »sSo bin ich auch überzeugt, daß er alles versuchen wird, seinen begangenen Fehler wiedergutzumachen; kommen Sie, wir wollen ruhig zu ihm hinaufgehen, und er mag dann mit freundlichem Wort und einer kleinen freiwilligen Spende an Whisky, die wir ihm auferlegen werden, das Geschehene ausgleichen. – Sind Sie damit zufrieden?«
»Ei, hol's der Henker, – ja!« sagte der mit der Narbe. – »Er soll uns traktieren. – Tritt er mir aber wieder einmal in den Weg, so will ich verdammt sein, wenn ich ihm nicht neun Zoll kalten Stahl zu kosten gebe.«
»Hätte nur mein verdammtes Terzerol nicht versagt!« zischte der andere. – »Die Pest über den Krämer, der – so erbärmliche Waren führt.«
»Kommt, Boys, ins Hotel! – Smart mag etwas herausrücken und wenn er's nicht tut, so soll ihm der Böse das Licht halten«, sagte der Narbige.
»Ins Hotel! Ins Hotel!« brüllte die Schar. »Er muß uns freihalten, sonst schlagen wir ihm den ganzen Kram in tausend Stücke!«
In grölendem Chor wälzte sich der zügellose Haufe dem Gasthaus zu, und wer weiß, ob des Advokaten freundlich gemeinte Beilegung des Streites nicht hier zu noch viel ernsthafteren Auftritten geführt hätte. Smart kannte aber seine Leute zu gut und wußte, daß er, sobald er den Schwarm wirklich in sein Haus ließ, gänzlich in den Händen der schon halb Betrunkenen wäre und dann auch jedem ihrer Wünsche willfahren müsse, wollte er sich nicht der größten Gefahr an Leben und Eigentum aussetzen. Als sich daher die Rädelsführer seiner Tür näherten, trat er plötzlich mit gespannter und im Anschlag liegender Büchse ruhig auf die oberste Schwelle und erklärte fest, er werde den ersten niederschießen, der die Stufen seiner Treppe betreten sollte. Smart war als ausgezeichneter Schütze bekannt, und sicherer Tod lag in der ihnen drohend entgegengehaltenen Mündung. Der Advokat trat aber auch hier wieder vermittelnd zwischen den Parteien auf, bedeutete dem Yankee, daß die Männer hier keine Feindseligkeiten weiter gegen ihn nährten, und bat ihn, die Büchse fortzustellen, damit auch das letzte entfernt sei, was auf Streit und Kampf hindeuten könne.
»Gebt den guten Leuten ein paar Quart Whisky«, schloß er dann seine Rede. »Und sie werden auf Eure Gesundheit trinken. Es ist ja doch besser, mit denen, die unsere Nachbarn in Stadt und Haus sind, friedlich und freundlich zu sein, als in immerwährendem Streit und Hader zu leben.«
Der Yankee hatte bei den ruhigen Worten des Advokaten, den er selbst schon seit längerer Zeit als einen ordentlichen und, wenn es galt, auch entschlossenen Mann kannte, den Büchsenkolben gesenkt, ohne jedoch die rechte Hand vom Schloß zu entfernen, und erwiderte jetzt freundlich: »Es ist recht hübsch von Ihnen, Mr. Dayton, daß Sie nach besten Kräften Streit und Blutvergießen verhindert haben. Mancher Ihrer Herren Kollegen hätte das nicht getan. Damit Sie denn auch sehen, daß ich keineswegs geneigt bin, mit den guten Leuten, gegen die ich ja sonst nicht das mindeste habe, wieder auf freundschaftlichen Fuß zu kommen, so bin ich gern erbötig, eine volle Gallone zum besten zu geben; aber ich will sie hinausschicken. Ich habe Ladies hier im Hause, und die Gentlemen draußen werden gewiß selbst damit einverstanden sein, ihren Brandy im Freien zu trinken und sich nicht dabei durch die Gegenwart von Damen gestört zu wissen.«
»Hallo – Brandy?« rief der mit der Narbe. »Wollt Ihr uns wirklich eine Gallone Brandy geben und dabei erklären, daß Euch das Geschehene leid sei?«
»Allerdings will ich das!« erwiderte Jonathan Smart, während ein leicht spöttisches Zucken um seine Mundwinkel spielte. »Und zwar vom vortrefflichsten Pfirsich-Brandy, den ich im Hause habe. – Sind die Herren damit einverstanden?«
»Ei – Bootshaken und Enterbeile – ja!« nahm der Bleiche das Wort. »Heraus mit dem Brandy, wenn Unterröcke drin sitzen, wird's einem ordentlichen Kerl doch nicht so recht behaglich zumute; aber schnell, Smart, Ihr trefft uns heute in verdammt guter Laune und könnt Euch gratulieren; laßt uns deshalb also auch nicht so lange warten.«
Fünf Minuten später erschien ein starker, breitschultriger Neger mit echtem Wollkopf und fast ungewöhnlich streng ausgeprägten äthiopischen Gesichtszügen in der offenen Tür und trug, während er die Versammlung mißtrauisch bald links, bald rechts zu betrachten schien, in dem linken Arm eine große breitbäuchige Steinkruke, in dem andern ein halbes Dutzend Blechbecher. Die Schar empfing ihn aber jubelnd, untersuchte vor allen Dingen das Getränk, ob es auch wirklich der gute, ihnen versprochene Stoff sei, und zog dann jauchzend dem Flusse zu, wo sie an Bord eines dort liegenden Flatbootes gingen und bis in die späte Nacht hinein zechten und tobten.
Dayton dagegen blieb noch eine Weile stehen und blickte den Davontobenden still und anscheinend ernst sinnend nach. Smart aber störte ihn bald aus seinem Nachdenken auf; – er lehnte die Büchse oben an einen Pfosten der Veranda und stieg herunter zu dem Richter, der ihm so freundlich zu Hilfe gekommen war.
»Danke Euch, Sir«, sagte er hier, während er ihm freundlich die Hand entgegenstreckte. »Danke Euch für Euer rechtzeitig eingelegtes Wort! – Ihr hättet zu keiner gelegeneren Zeit dazwischentreten können.«
»Nicht mehr als Bürgerpflicht«, lächelte der Richter. »Die Menge läßt sich gern von einem entschlossenen Mann leiten, und wenn man den richtigen Zeitpunkt trifft, so vermag ein ernstes Wort oft Gewaltiges.«
»Nun, ich weiß nicht«, – meinte Smart kopfschüttelnd, während er einen nichts weniger als freundlichen Seitenblick zum Flusse hinabwarf. »Dergleichen Volk läßt sich sonst nicht leicht zurückschrecken, weder von freundlicher Rede noch feindlicher Waffe. Es sind meistens Leute, die nichts weiter auf der Welt zu verlieren haben als ihr Leben und, da sie das keinen Pfifferling achten, der Gefahr deshalb trotzig entgegengehen. Ich bin übrigens doch froh, so wohlfeilen Kaufes losgekommen zu sein; denn – Blut zu vergießen ist immer eine häßliche Geschichte. Aber so tretet doch einen Augenblick ins Gastzimmer! Ich komme gleich nach, muß nur erst einmal nach meiner Alten in der Küche sehen und alles Nötige bestellen.«
»lch danke Euch«, sagte der Richter. »Ich muß nach Hause gehen. Es sind heute mit dem letzten Dampfboot Briefe angekommen, und vom Flusse herunter habe ich auch mehrerer Geschäftssachen wegen einen Besuch zu erwarten. Wollt Ihr mir aber einen Gefallen tun, so kommt Ihr nachher ein bißchen zu mir herüber. Bringt auch Eure alte Lady mit; – ich habe noch manches mit Euch zu besprechen.«
»Meine Alte wird wohl daheim bleiben müssen«, sagte der Yankee lächelnd. »Wir haben das Haus voll Leute; aber ich selbst – ei nun, ich bin überdies recht lange nicht bei Mrs. Dayton gewesen. Die Burschen werden doch nicht noch einmal kommen?«
»Habt keine Angst«, beruhigte ihn der Richter. »Das Volk ist wild und hitzköpfig, auch wohl ein wenig roh; aber bewußter Schlechtigkeit halte ich sie nicht für fähig. Sie hätten Euch vielleicht im ersten wilden Zorn das Haus über dem Kopfe angesteckt; wenn der aber erst einmal verraucht ist, so wird keiner mehr daran denken, Euch zu belästigen.«
»Desto besser«, sagte Jonathan Smart. »Angst hätte ich übrigens auch nicht. – Mein Scipio hält, wenn ich fort bin, Wacht, und der Hornruf aus dem Fenster kann mich überall in Helena erreichen. – Also auf Wiedersehen! In einem halben Stündchen komme ich hinüber.«
Er trat, während der Richter seiner eigenen Wohnung zuschritt, ins Haus zurück und stand gleich darauf vor seiner ›besseren Hälfte‹, wie sie sich selbst zu nennen pflegte, die er übrigens teils durch die übermäßige Arbeit, teils durch die vorangegangene Szene, in der übelsten Laune von der Welt fand. Mrs. Smart war auch keineswegs die Frau, die irgendeinen Groll lange und heimlich mit sich herumgetragen hätte. Was ihr auf dem Herzen lag, mußte heraus, mochte es sein, was es wollte. So schob sie sich denn, als sie ihren Herrn und Gemahl nahen hörte, den Sonnenbonnet, den sie der Kaminglut wegen auch in der Küche trug, zurück, stemmte beide Arme, in der Rechten noch immer den langen hölzernen Kochlöffel haltend, fest in die Seite und empfing den langsam herbeischlendernden Gatten mit einem scharfen: »So, was hat der Herr denn heute wieder einmal für ganz absonderlich gescheite Streiche angerichtet? Man darf den Rücken nicht mehr wenden, schon ist irgendein Unglück im Anmarsch, und kein Kuchen kann im ganzen Neste gebacken werden, ohne daß Mr. Smart nicht seinen Finger und seine Nase hineinstecken müßte.«
»Mrs. Smart«, sagte Jonathan, der gerade jetzt viel zu guter Laune war, um sie sich durch den Unwillen seiner Gattin verderben zu lassen, »ich habe heute ein Menschenleben gerettet, und das, sollte ich denken –«
»Ach, was da, Menschenleben«, unterbrach ihn in allem Eifer Mrs. Smart. »Menschenleben hin, Menschenleben her; was geht dich das Leben anderer Leute an? An deine Frau sollst du denken, aber die mag sich schinden und quälen, die mag sich mühen und plagen, das ist diesem Herrn der Schöpfung ganz einerlei. Er wirft auch die Gallonen guten Pfirsich-Brandy gerade so auf die Straße hinaus, als ob er sie da draußen gefunden hätte, während ich hier im Schweiße meines Angesichts arbeiten und unser aller Brot verdienen muß –«
– »wäre mit der gehabten Mühe keineswegs zu teuer erkauft gewesen«, fuhr Smart ruhig fort, ohne die Unterbrechung seines Weibes auch nur im mindesten zu beachten.
»Ich sage dir aber, es wäre zu beachten gewesen«, eiferte die hierdurch nur noch mehr erzürnte Frau, »es wäre zu beachten gewesen, wenn du nur so viel Gefühl für dein eigen Fleisch und Blut hättest. Aber Philippchen kann heranwachsen und groß werden, das kümmert dich nicht. Nach deiner Wirtschaft geht alles zugrunde und muß alles zugrunde gehen, und wenn der arme Junge einmal das Alter hat, so wird er wohl nicht einmal eine Stelle haben, wohin er sein Haupt legt. Du Rabenvater.«
»Der Rabenvater hatte auch keine Stelle, wo er sein Haupt hinlegen konnte, als er heranwuchs«, lächelte Mr. Smart gutmütig und rieb sich dabei die Hände. »Mr. Smart senior gab ihm aber allerlei gute Lehren, und die haben denn auch so gute Früchte getragen, daß sich Smart junior nach mehrmaliger Ernte das schönste Gasthaus in ganz Helena bauen konnte. Smart senior ist nun tot, und Smart junior ist Smart senior geworden; wenn also in natürlicher Folge Smart junior jetzt –«
»Nun höre einmal auf mit all dem Unsinn von senior und junior! Gehe an dein Geschäft, besorge die Pferde, die draußen im Stalle stehen, schick mir den Neger her und laß ihn Bohnen von dem Feld bringen! Zum Kaufmann muß er auch hinübergehen, um das Faß Zucker zu holen. – Mann, du wirst mich mit deinem Leichtsinn noch in die Grube bringen.«
»– dem Rate des Smart senior so folgt, wie Smart senior damals dem seines Vaters folgte«, fuhr der unverwüstliche Yankee ruhig und unbekümmert fort, »so ist alle Hoffnung vorhanden, daß auch ohne unser Zutun Smart junior schon seinen Lebensunterhalt auf anständige Weise gewinnen wird.«
»Scipio soll herkommen«, schrie jetzt Mrs. Smart, wirklich zur äußersten Wut getrieben, während sie mit dem Fuß stampfte und den Stiel des Löffels auf den einzigen kleinen Tisch niederstieß. »Hörst du, Jonathan? Scipio soll herkommen, und nun fort mit dir, Mensch, der du meinen Tod willst, oder ich gebrauche, so wahr mich unser lieber Herr Gott erhören soll, mein Küchenrecht1.« – Und mit raschem Griff erfaßte sie den langstieligen, kupfernen Schöpfer und fuhr damit in den Kessel voll siedenden Wassers, der über dem Feuer zischte und sprudelte. Nun wußte Mr. Smart allerdings, daß es zwischen ihnen, trotz des von seiten Madames oft hitzig geführten Zungenkampfes, nie zu Tätlichkeiten kam, denn Madame kannte zu gut den ernsten und festen Sinn ihres Mannes, um so etwas je zu wagen. Um aber auch jedem Wortwechsel ein Ende zu machen und die erzürnte Ehehälfte, die ihm sonst eine brave und treue Gattin war, freundlicher zu stimmen, zog er sich ruhig zur Tür zurück und fragte nur hier, die Klinke in der Hand, »ob Mrs. Smart sonst noch etwas zu bestellen habe, da er ein paar Geschäftswege machen müsse.«
Diesen Rückzug nahm Madame übrigens als ein stillschweigendes Zeichen der Anerkennung ihrer Autorität, und bedeutend milder gestimmt goß sie das kochende Wasser wieder zurück in sein Gefäß, wischte sich mit der Schürze den Schweiß von der geröteten Stirn und sagte in noch halb ärgerlichem, aber doch nicht mehr heftigem Tone: »Nein, Mr. Smart, wenn Sie Ihre Geschäfte außer dem Hause haben, so brauchen Sie sich auch nicht um die meinigen zu kümmern. – So viel sage ich Ihnen aber, die Pferde –«
»Sind sämtlich gefüttert und besorgt«, bemerkte Smart.
»Und das Faß Zucker –«
»Steht in der Bar.«
»Aber die Bohnen –«
»Sind von Scipio schon vor einer halben Stunde gepflückt worden.«
»Und die beiden Zimmer, die noch für die letztgekommenen Gäste geräumt werden sollten –«
»Können jeden Augenblick bezogen werden«, lächelte Jonathan; – »Mr. Smart und Scipio haben das alles besorgt. Sonst noch etwas?«
Madame wurde jetzt wirklich ärgerlich, daß weiter gar nichts zu bemerken war, und arbeitete mit immer größerem Eifer und röter werdendem Gesicht in den Kohlen herum. Schon zweimal hatte sie sich vergebens bemüht, den schweren eisernen Kessel aufs Feuer zu heben. Jonathan, dies bemerkend, sprang rasch hinzu, ergriff die Haken und schwang das mächtige Gefäß mit leichter Mühe auf seinen Ort, wandte sich dann lächelnd nach seiner kaum noch schmollenden Ehehälfte um, drückte ihr einen raschen, aber nichtsdestoweniger derbgemeinten Kuß in das rote, gutmütige Gesicht und schritt im nächsten Augenblick, die Hände tief in den Beinkleidertaschen und aus Leibeskräften den Yankeedoodle pfeifend, rasch zur Tür hinaus ins Freie.
1 Das hier gemeinte und in Nordamerika geltende Küchenrecht, was nicht selten, besonders auf Dampfbooten. seine Anwendung findet, besteht darin, einen Kochlöffel voll siedenden Wassers gerade über dem, den man aus der Küche haben will, an die Decke zu schleudern. so daß, wenn er sich nicht rasch durch die Flucht den Folgen entzieht, die heiße Flut auf ihn hinabträufelt.
Kapitel 3
Inhaltsverzeichnis
Leser, hast Du schon je ein amerikanisches Wirtszimmer gesehen? Nein? Das ist schade; es würde mir die Beschreibung ersparen. Wie die Bahnhöfe auf unseren Eisenbahnen, so haben die Wirtszimmer in der Union eine Familienähnlichkeit, die sich in keinem Staate, weder im Norden noch Süden, verleugnen läßt und in den kostbarsten Austernsalons der östlichen Städte wie in den gewöhnlichen grogshops der Backwoods sichtbar und erkennbar bleibt. Der Schenktisch, mag er nun mit Marmorplatten belegt oder von einem schmutzigen hölzernen Gitter beschützt sein, trägt seine kleinen Fläschchen mit Pfefferminz und Staunton Bitters, damit sich jeder Gast sein Getränk mit einer der beiden scharfen Spirituosen würzen kann, und die dahinter angebrachten Karaffen blitzen und funkeln und laden mit ihrem farbigen Inhalt den Gast ein, sie zu kosten. Apfelsinen und Zitronen füllen die leeren Zwischenräume aus, und bleibehalste Champagnerflaschen sowie süße, mit buntfarbigen Etiketten versehene Liköre prangen in den obersten Regalen. Nie aber wird sich der Reisende in diesen öffentlichen Gebäuden, mögen sie nun ›hotel‹ oder ›inn‹, ›tavern‹ oder ›boardinghouse‹ heißen, wohnlich fühlen. Wie alles in Amerika, einzelne Privatwohnungen ausgenommen, nur für den augenblicklichen Genuß und Nutzen eingerichtet ist und jeder wirklichen Behaglichkeit entbehrt, so ist es auch mit diesen doch eigentlich für die Bequemlichkeit der Reisenden hingestellen Gasthäusern. Schon die ganze Einrichtung beweist das. Nur vor dem Kamin stehen Stühle, und hier sammeln sich selbst im Sommer, wenn kein Feuer darin brennt, aus alter Gewohnheit die Gäste und spritzen ihren Tabakssaft in die liegengebliebene Asche. Keiner setzt sich mit seinem Glas zum Tisch und verplaudert ein halbes Stündchen mit dem Freund; keiner liegt im Stuhl behaglich zurückgelehnt und beobachtet die Kommenden und Gehenden. In Gruppen stehen sie beisammen; das kaum gefüllte Glas wird schnell geleert, höchstens eine Zeitung überflogen, und schon eilt der eben erst eingekehrte Gast wieder seinen Geschäften oder seinem Vergnügen nach.
Das Union-Hotel machte keine Ausnahme von dieser allgemeinen Regel. Der Tür gegenüber befand sich der Schenkstand, hinter dem ein junger Mann kaum Hände genug zu haben schien, die verlangten Gläser zu füllen. Links war der Kamin, rechts führten drei Fenster auf die Elmstreet hinaus, während neben der Tür zwei andere vornheraus eine Aussicht durch die Veranda nach der breiten Frontstreet und zugleich auf die Dampf- und Flatboot-Anlegestelle und den Strom gewährten. In der Mitte des ziemlich großen Raumes stand ein breitfüßiger, viereckiger Tisch, auf dem ein paar Zeitungen, die ›State Gazette‹ der ›Cherokee Advocate‹ und das ›New-Orleans-Bulletin‹, lagen, und ein Dutzend Stühle ein kleiner Nürnberger Spiegel und eine unvermeidliche Yankee-Uhr über dem Kaminsims füllten den übrigen Platz aus.
Interessanter aber waren die Gruppen, die in den verschiedenen Teilen des Zimmers herumstanden. – Nur zwei Leute saßen nämlich, und zwar wie zwei Verzierungen zu beiden Seiten des Kamins: die Rücken der Gesellschaft zugedreht und die Beine hoch oben auf dem Sims neben der Uhr.
Den Mittelpunkt der Gäste bildeten ein junger Advokat aus Helena namens Robins, ein Farmer aus der Nähe von Little Rock, ein junger, grobknochiger Geselle, der trotz des hellblauen Frackes aus Wollenzeug und des schwarzen abgeschabten Filzes etwas unverkennbar Matrosenartiges an sich hatte, und der sogenannte Mailrider, der zu Pferde den ledernen Briefsack zwischen Helena und Strongs Postoffice in der Nähe des St.-Franzis-Flusses hin- und herführte. Das Gespräch drehte sich jetzt um die eben beschriebenen Vorfälle, die sie aus dem Fenster größtenteils mit ansehen konnten, und der Mailrider, ein kleines dürres Männchen von etwa fünfundzwanzig Jahren, war besonders erstaunt, daß sich eine solche Menge kräftiger, trotzig aussehender Burschen erst von einem einzelnen Mann einschüchtern und dann von einem andern in der Ausübung ihrer Rache hatte zurückhalten lassen.
»Gentlemen!« sagte er in der mit Eifer geführten Anrede, wobei er diesen Titel ungewöhnlich häufig anwandte, als ob er seine Zuhörer dadurch ebenfalls mit überzeugen wollte, daß er selbst zu dieser besonderen Menschenklasse gehöre. »Gentlemen, die Männer von Arkansas fangen an, aus der Art zu schlagen; das demokratische Prinzip geht unter. Vom Osten her werden monarchische Grundsätze von Tag zu Tag gefährlicher. Gentlemen, ich fürchte, wir erleben noch die Zeit, wo sie in Washington einen König krönen, und der König – heißt dann – Henry – Clay.«
»Henry Unsinn!« sagte der Farmer verächtlich. »Wenn das geschähe, so sollten sie ihren König auch im Osten behalten; über den Mississippi dürfte er uns nicht kommen, dafür stehe ich. Wetter noch einmal, unsere Väter, die in ihren blutigen Gräbern schlafen und für ihre Kinder fielen, müßten sich ja in Schande und Schmach umdrehen, wenn die Enkel, die zu Millionen angewachsen sind, das nicht einmal mehr behaupten könnten, was sie der Übermacht mit wenigen Tausenden abzwangen. Das sind aber die verrückten Ideen, die nur Ausländer mitbringen. In Schmach und Ketten aufgewachsen, können sie sich nicht denken, daß ein Volk imstande ist zu existieren, wenn es nicht von einem Fürsten am Gängelband geführt wird. – Zum Teufel auch, ich habe da erst neulich in einem Buch gelesen, wie die Hofschranzen über dem großen Wasser drüben in den Städten herumkriechen und schwanzwedeln und die Feinen und Zierlichen spielen. Die Pest über sie! Solch Geschmeiß sollte einmal nach Arkansas kommen; hui , wie wir sie mit Hunden hinaushetzen würden!«
»Hahaha«, lachte der kleine Advokat, »Howitt gerät ordentlich in Jagdeifer. – Mäßigung, wackerer Staatsbürger, Mäßigung! – Gegen solche Gefahr schützt uns unsere Konstitution –«
»Ach was da, Konstitution!« brummte Howitt. »Wenn wir's nicht selber tun, wären die Konstitution und das Advokatenvolk auch nicht dazu imstande. – Die eine würde umgeworfen, und die anderen gingen zur neuen Fahne über, das ist alles schon dagewesen. Nein, der Farmer ist es, der den Kern der Staaten ausmacht; denn sein freies Land wäre gerade das, was unter die Botmäßigkeit einer willkürlichen Regierung fiele. Er müßte das Land kultivieren und mit dazu beitragen, daß sich die Industrie mehr und mehr höbe und die Einkünfte von Jahr zu Jahr wüchsen, und dürfte dann am Ende noch nicht einmal mitreden, wenn es um sein eigenes Wohl und Wehe gälte. Nein, der Farmer oder vielmehr das Volk erhält den Staat, nicht die Konstitution, und ein Land, das kein Volk hat, dem hilft auch die beste Konstitution nichts.«
»Nun ja, das sage ich ja eben«, fiel der Mailrider, der nicht recht verstand, was jener meinte, mit seiner dünnen Stimme ein, »deshalb wundert's mich ja gerade, daß sich das Volk so von einem einzelnen Menschen leiten und einschüchtern läßt. Donnerwetter, ich sollte dazwischen gewesen sein, ich hätte dem Yankee« – und er sah sich um, ob der Wirt nicht etwa im Zimmer sei – »ich hätte dem Yankee schon zeigen wollen, was es heißt, sich an freien amerikanischen Bürgern zu vergreifen.«
»Gerade im Gegenteil«, erwiderte ruhig der Farmer, »mich hat's gefreut, daß die Leute Vernunft annahmen. Was ich früher von Helena gehört habe, ließ mich fast glauben, der ganze Ort bestehe aus lauter – Gesindel. Es ist mir lieb, daß ich jetzt eine andere Meinung davon nach Hause tragen kann; denn daß die Köpfe eines freien, sorglosen Völkchens einmal überschäumen, ei nun, das ist kein Unglück, wenn sie nur immer wieder ins richtige Bett zurückkehren.«
»Verdammt wenig von denen, die heute nacht in einem Bett schlafen!« lachte hier der im blauen Frack dazwischen. »Die lustigen Burschen fangen mit der Gallone Brandy an, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn sie mit einem ganzen Faß aufhörten. Ihr Gejubel und Geschrei schallt ja sogar bis hier herüber.«
»Was ist denn hier eigentlich heute vorgegangen?« fragte jetzt der Farmer, sich an die übrigen wendend. »Ich kam gerade, wie sie den Irländer draußen in der Klemme hatten, und trug dann meine Satteltasche in die Hinterstube. – War denn heute Gerichtstag?«
»Gerichtstag?« fragte der im blauen Frack. »Nein, das weniger, aber etwas ganz anderes. Holk's Haus und Land wurden verauktioniert.«
»Holk's? Des reichen Holk Haus?« rief Howitt verwundert. »Ih, das ist ja gar nicht möglich! – Alle Wetter, vor acht Tagen kam ich erst hier durch, und da war ja noch kein Gedanke daran.«
»Ja, Sachen ändern sich«, lachte der Blaue. »Holk ging, wie ihr wißt, mit einem Flatboot nach New Orleans. Unterwegs muß er aber auf irgendeinen dahintreibenden Baumstamm gelaufen oder sonst zu Unglück gekommen sein, kurz, das ganze Boot ist spurlos verschwunden, und vor fünf Tagen kam Holks Sohn hier an.«
»Hatte denn Holk einen Sohn?« fragte der Farmer. »Er war ja gar nicht verheiratet?«
»Aus früherer Ehe«, erwiderte der Blaue; »mehrere Leute hier kannten die Familie. Der junge Holk wäre auch gern hiergeblieben; er bekam aber schon am zweiten Tag das Fieber und damit zugleich einen solchen Widerwillen gegen das Land selbst, daß er schon am dritten Tag die Versteigerung seines gesamten Grundbesitzes anordnete. Die Auktion fand an diesem Morgen statt, und mit demselben Dampfboot, das heute mittag hier landete, ist der junge Holk wieder hinunter nach Baton Rouge gegangen.«
»Potz Blitz, der hat seine Geschäfte schnell abgemacht! Da ist wohl auch der schöne Besitz um einen Spottpreis weggegangen?« fragte der Mailrider, der ebenfalls erst während des Streites gekommen war.
»Das nicht!« erwiderte der Advokat. »Die Baustellen sind fast die besten in Helena, und es fanden sich mehrere Bewerber; ich selbst habe geboten; Richter Dayton schien auch große Lust zu dem Handel zu haben. Der Wirt hier hat sie aber zuletzt noch erstanden und – was die Bedingung war – gleich bar bezahlt. – Smart muß einen hübschen Batzen Geld in Helena verdient haben.«
»Wunderbar, wunderbar!« murmelte der Farmer vor sich hin. – »Mir hat Holk einmal gesagt, er hätte weder Kind noch Kegel in Amerika und wolle alles das, was er sein eigen nenne, verkaufen und wieder nach Deutschland zurückgehen.«
»Nun ja«, lachte der Blaue, »es war so eine schwache Seite von ihm, noch für einen jungen Mann zu gelten. Er leugnete immer, daß er schon verheiratet gewesen sei. – Ihr kennt doch die junge Witwe drüben – gleich neben Daytons?« Und er verzog dabei, während er mit dem Daumen der Hand über die eigene Schulter deutete, das keineswegs schöne Gesicht zu einem häßlichen, boshaften Lachen.
»Die arme Frau«, sagte ein junger Kaufmann, der eben zu ihnen getreten war und die letzten Worte gehört hatte. »Sie geht herum wie eine Leiche; – sie soll den Holk so gern gehabt haben.«
»Sie waren ja auch schon miteinander versprochen«, fiel hier der Advokat ein. »Wenn er wieder von New Orleans zurückkäme, sollte die Hochzeit sein; aber der Mensch denkt, und das Schicksal lenkt. – Jetzt ist der Mississippi sein Hochzeitsbett und das eigene Flatboot sein Sarg. Puh, es muß ein häßliches Gefühl sein, so tief unten auf dem Grunde des Flusses gegen die Planken eines solchen Kastens gedrückt zu liegen und nun immer leichter und leichter zu werden und doch nicht wieder hinauf zu können an den lichten Tag.«
»Es sind in letzter Zeit recht viel Flatboote verunglückt«, sagte der Farmer nachdenklich. »Ich weiß, daß allein von Little Rock drei abgingen, die nie am Ort ihrer Bestimmung ankamen. Der Staat sollte mehr dafür tun, diese Unmassen von Baumstämmen wenigstens aus der eigentlichen Strömung zu fischen. Guter Gott, was sind nicht schon für Menschen auf solche Art umgekommen, und wie viele Waren hat der unersättliche Mississippi verschlungen!«
»Ei, die Menschen sind aber auch großenteils selber dran schuld!« rief der Blaue ärgerlich. – »Wenn irgendein Bursche, der im Leben den Stiefel nicht von Gottes festem Erdboden weggebracht hat, einmal Waren verschiffen will, so baut er ein neues Flatboot oder kauft ein altes, packt da seine Siebensachen hinein, stellt sich hinten ans Steuer und denkt: Der Strom wird mich schon dahin führen, wohin ich will – wir schwimmen ja den Fluß hinunter. – Jawohl wir schwimmen hinunter, bis wir irgendwo hängenbleiben, und nachher ist's zu spät. Der Mississippi läßt nicht mit sich spaßen, und um die erbärmlichen vierzig oder fünfzig Dollar für einen tüchtigen Lotsen oder Steuermann zu sparen, hat schon mancher Gut und Leben eingebüßt.«
»Bitte um Verzeihung«, sagte der Farmer, »alle, die von Little Rock abgingen, hatten gerade Lotsen an Bord, Leute, die auf ihr Ehrenwort versicherten, den Fluß schon seit zehn und fünfzehn Jahren befahren zu haben, und sie sind dennoch zugrunde gegangen. Solchen Menschen kann man aber auch nicht ins Herz sehen. Es gibt sich mancher für einen Lotsen aus und vertraut nachher seinem guten Glück, das ihn schon sicher stromab führen werde. Im günstigsten Falle lernt er so nach und nach die Strömung kennen und hat dabei sein gutes Gehalt; im ungünstigsten aber kann er vielleicht schwimmen und bringt seine werte Person doch noch sicher wieder ans Ufer.«
»Sie sind vielleicht auch wirklich so lange gefahren«, lachte der Blaue, »aber auf Dampfbooten, als Feuerleute und Deckhands, nicht als Flatbootmänner. Auf Dampfbooten können sie denn auch verdammt wenig lernen, außer als Pilot, und ein Dampfboot-Pilot wird sich hüten, wieder ein Flatboot zu steuern, wo er nicht halb so gute Kost und weit geringeres Gehalt bekommt.«
»Gentlemen reden von dem Piloten, der neulich hier ans Ufer geworfen wurde?« fragte ein kleines ausgetrocknetes Männchen mit schneeweißen Haaren, tief gefurchten Zügen und grauen, blitzenden Augen, das sich jetzt von einer anderen Gruppe zu ihnen gesellte. – »Ja, war ein kapitales Exemplar von Knochenbruch, der rechte Oberschenkel – der linke Unterschenkel – Wadenbein und Hauptröhre – vier Rippen auf der linken Seite, den rechten Arm förmlich zersplittert, daß die Knochenstücke durch den Rock drangen; den Hinterkopf stark verletzt und doch nicht tot. Ich hatte es mir zur Ehrensache gemacht, ihn eine volle Stunde am Leben zu halten; es war aber nicht möglich. Er schrie in einem fort.«
»Großer Gott«, sagte der Farmer und schüttelte sich bei dem Gedanken, »da wäre es ja ein Werk der Barmherzigkeit gewesen, dem armen Teufel eins auf den Kopf zu geben. Was war denn mit ihm geschehen?«
»Dem Dampfboot ›General Brown‹ waren die Kessel geplatzt«, sagte der Advokat; »es sind, glaube ich, fünfzehn Personen dabei ums Leben gekommen.«
»Ja, aber nichts Erhebliches weiter an Verwundungen«, meinte der kleine Doktor, »zwei Negern die Köpfe ab – der eine hing noch an ein paar Sehnen und einem Stück Haut – einer Frau die Brust zerquetscht –«
»Weshalb müssen wir denn das aber eigentlich so genau wissen?« rief der Farmer und wandte sich in Ekel und Unwillen von ihm ab. »Sie verderben einem ja bei Gott das Abendbrot, Doktor.«
»Bitte um Verzeihung«, sagte der kleine Mann, »für die Wissenschaft sind solche Fälle ungemein wichtig, und mir wäre in der Hinsicht auch wirklich kein besserer Platz in der ganzen Welt bekannt, um Beobachtungen an Verwundeten und Leichen zu machen, als gerade das Ufer des Mississippi. Ehe jener interessante Fall am Fourche la Fave vorfiel, wohnte ich etwa drei Wochen in Viktoria, der Mündung des Whiteriver und Montgomerys Point gerade gegenüber, und alle Wochen, ja oft einen Tag um den andern kamen Leichen dort angetrieben. Einmal war ein Leichnam mit dabei, dem hatten sie gerade über dem rechten Hüftknochen –«
»Ei, so hole Euch doch der Teufel!« rief der Blaue ärgerlich dazwischen. »Harpunen und Seelöwen, ich kann auch einen Puff vertragen, und manchen Tropfen Blut habe ich in meinem Leben fließen sehen; wenn man aber das Leiden und Elend so haarklein beschreiben und immer und immer wiederkäuen hört, dann bekommt man's am Ende doch auch satt und ekelt und scheut sich davor.«
»An Menschen, die keinen Sinn für die Wissenschaft haben«, rief der erzürnte kleine Mann, indem er sich den grauen Seidenhut noch fester in die Stirn hineintrieb, »Menschen, die von ihren Mitmenschen bloß die Haut kennen und sich weiter nicht darum bekümmern, ob sie mit Knochen oder Baumwolle ausgestopft sind, an solchen Menschen ist auch jedes wissenschaftliche Wort verloren, und ich sehe nicht ein, weshalb ich meine schöne Zeit hier vergeuden soll, solchen Menschen einen Gefallen zu tun.«
Und ohne weiter eine Antwort abzuwarten oder die übrigen noch eines Blickes zu würdigen, ergriff er einen alten, am nächsten Stuhl lehnenden roten baumwollenen Regenschirm, drückte ihn sich unter den Arm und schritt rasch und dabei immer noch vor sich hingestikulierend zur Tür hinaus. »Gott sei Dank, daß er fort ist! Mir graust's immer in seiner Nähe, und – ich kann mir nun einmal nicht helfen, aber ich möchte stets darauf schwören, es röche nach Leichen, sobald er ins Zimmer tritt«, sagte der Advokat.
»Ist denn der hier praktizierender Arzt?« fragte der Farmer, der ihm erstaunt eine Weile nachgesehen hatte.
»Arzt? Gott bewahre!« lachte der Blaue. »Die Leute nennen ihn hier nur so, weil er von weiter nichts als von Verwundungen, Leichen und chirurgischen Operationen spricht. – Dadurch haben sich aber schon ein paarmal Fremde verleiten lassen, ihn bei wichtigen Krankheitsfällen zu Rate zu ziehen, und das ist ihnen denn auch verdammt schlecht bekommen.«
»Es wird keiner zum zweiten Mal zu ihm gegangen sein«, meinte der Farmer.
Der Blaue brach in lautes Gelächter aus und rief: »Nein, wahrhaftig nicht; kein Lebender kann sich rühmen, von Doktor Monrove behandelt zu sein. Die fünf, die er hier in der Kur gehabt – natürlich lauter Fremde, eben Eingewanderte –, sind schleunigst gestorben und stehen jetzt, in Spiritus und Gott weiß was sonst noch aufbewahrt, teils ganz, teils stückweise in seinem Studierzimmer, wie er's nennt, herum. Keine Haushälterin hat deshalb auch bei ihm aushalten wollen. Selbst die letzte verließ voller Verzweiflung das Haus, als er ihr einmal mitten in der Nacht einen frisch abgeschnittenen menschlichen Kopf ins Zimmer brachte, den er, wie er später gestand, aus dem Grabe eines Reisenden gestohlen hatte. Eine Karawane von Auswanderern war nämlich hier durchgekommen und einer davon am Fieber gestorben, wonach sie ihn gleich an Ort und Stelle begruben und am nächsten Morgen weiterzogen.«
»Das muß ein entsetzliches Vergnügen sein, sich so an lauter Greuelszenen zu weiden«, sagte der Farmer schaudernd.
»Ja, und es ist bei ihm wirklich zur Leidenschaft geworden«, nahm der Advokat das Wort. – »Als er neulich von dem am Fourche la Fave abehaltenen Lynch und dem verbrannten Methodistenprediger hörte, hat er fast ein Pferd totgeritten, um noch zur rechten Zeit dort einzutreffen und die verkohlten Überreste des Mörders an sich zu bringen, – was ihm auch wirklich gelungen sein soll. Seiner Wohnung, die eine kurze Strecke von Helena entfernt im Wald liegt, kommt denn auch niemand zu nahe außer Wölfen und Aasgeiern, und ich muß selbst gestehen, ich wüßte nicht, was mich bewegen könnte, eine so schauerliche Schwelle zu überschreiten.«
»Ich war ein paarmal dort«, sagte der Blaue, »es sieht scheußlich drinnen aus.«
»Hat man denn von den entflohenen Mitschuldigen nie wieder etwas gehört?« fragte der Farmer. »In Little Rock hieß es, Cotton und der Mulatte seien entkommen.«
»Ei, gewiß«, fiel ihm hier der Advokat ins Wort. »Die am Fourche la Fave haben sich freilich nicht weiter um sie bekümmert; denn sie wollten das Gesindel nur los sein; was aus ihnen wurde, war ihnen gleichgültig. Die Flüchtlinge sind aber in der Woche darauf im Hot Spring County gesehen worden, und da Heathcott, der erschlagene Regulatorenführer, früher gerade dort ansässig gewesen war, so hat man sie beide mit einer Wut und einem Eifer verfolgt, die über ihre Absicht nicht den mindesten Zweifel ließen. Cotton ist jedoch ein schlauer Fuchs und wird wohl um diese Zeit schon über dem Mississippi drüben gewesen sein.«
»Hm, ja«, fiel der Blaue ein, »man will ihn schon sogar drüben in Viktoria gesehen haben. Der wird sich nicht wieder in Arkansas blicken lassen.«
»Hat denn der Indianer den Prediger wirklich verbrannt?« fragte der Kaufmann aus Helena immer noch zweifelnd. »Allerdings stand es hier in allen Zeitungen; aber ich habe es nie glauben wollen. Wie hätten die Gesetze nur je so etwas zugelassen!«
»Die Gesetze – pah« – rief der Blaue verächtlich, »was können denn die Gesetze machen, wenn das Volk seinen eigenen Kopf aufsetzt? Die Gesetze sind für alte Weiber und Kinder, die sich von jedem Tintenkleckser ins Bockshorn jagen lassen. Wer sich hier nicht selbst beschützt, dem können die Gesetze auch keinen Pappenstiel helfen.«
»Da bin ich doch ganz anderer Meinung«, sagte der Farmer. »Die Gesetze gerade sind es, die unsere Union auf den Stand gebracht haben, auf dem sie jetzt steht, und jedes guten Bürgers Pflicht ist es, sie aufrechtzuerhalten. Daß es freilich manchmal in der Wildnis Strecken gibt, auf die sie ihren wohltätigen Einfluß noch nicht auszuüben imstande sind, glaube ich auch, und gewaltsame Handlungen erfordern dann gewaltsame Mittel. Sonst aber sollte es für einen Bürger der Union nichts Heiligeres geben als gerade die Gesetze; denn sie allein sind ihm die Bürgen seiner Freiheit. Doch Gentlemen, es wird spät, und ich möchte noch gern vor Dunkelwerden hinauf zu Colbys; – also gute Nacht! – In einigen Tagen komme ich wieder hier vorbei, und dann, Broadly«, wandte er sich an den Kaufmann aus Helena, »können wir auch den Handel abschließen, denke ich. Ich habe nur noch einige alte Schulden dort oben zu bezahlen; so viel Geld bleibt mir aber wahrscheinlich noch. Also good bye!« Mit diesen Worten zahlte er an der Bar seine kleine Rechnung, ließ sich die Satteltasche wieder herausgeben, legte sie über den Sattel seines ungeduldig scharrenden Braunen, stieg auf und trabte, noch einmal herübergrüßend, die Elmstreet hinab in den Wald, der das Städtchen begrenzte.
Kapitel 4
Inhaltsverzeichnis
›Squire oder Doktor Dayton‹ – denn er wurde sowohl das eine wie das andere in Helena genannt – verließ das Union-Hotel und erreichte bald darauf ein kleines, aber zierlich gebautes Haus an der Westseite Helenas, um das herum die gewaltigen Bäume des Urwalds nur eben weit genug niedergehauen waren, um nicht mehr mit ihren Wipfeln das friedliche Dach erreichen zu können. Reinlich weiß angestrichen, stachen die hellgrünen Jalousien um so freundlicher dagegen ab, und der jetzt aufsteigende Mond schien gar hell und klar gegen die blitzenden Spiegelscheiben eines im ersten Stock offen gelassenen Fensters, ein Luxus, der in dem einfachen Westen gar selten angetroffen wurde.
Aber auch das Innere der kleinen Wohnung entsprach vollkommen dem soliden, gemütlichen Ansehen seines Äußern. Allerdings war es nicht prächtig und kostbar eingerichtet, aber die massiven Mahagoni-Möbel, die schneeweißen Vorhänge, die elastischen, mit dunklem Damast überzogenen Ruhesessel und Stühle verkündeten deutlich genug, daß hier Wohlhabenheit, wenn nicht Reichtum herrschte.
Viele andere Kleinigkeiten, wie zierliche Nippesfiguren auf den kleinen Seitentischen, angefangene weibliche Handarbeiten, der Nähtisch am linken Eckfenster mit dem sauber geflochtenen Strickkörbchen an der Seite, gossen dabei jenen Zauber über das stille, wohnliche Zimmer, den nur die Gegenwart holder Frauen einem Gemach, und sei es sonst das prächtigste, zu verleihen imstande ist.
Ein kleiner fröhlicher Kreis hatte sich aber auch um den runden, zum Sofa gerückten Tisch versammelt, auf dem die englischbronzene weitbauchige Teemaschine zischte und qualmte, und fröhliches Lachen tönte dem jetzt eben an die Haustür pochenden Squire entgegen, der seltsamerweise einen ernsten, ja fast traurigen Blick zu den hellerleuchteten Fenstern hinaufwarf.
Da verstummte das Lachen plötzlich oder wurde wenigstens von den rauschenden Tönen eines deutschen Walzers übertäubt, den geübte Finger einem wohlklingenden, kräftig besaiteten Flügel entlockten. Mr. Dayton mußte auch wirklich zur Klingel seine Zuflucht nehmen, um den Dienstboten, die oben auf der Treppe standen und den so gern gehörten Melodien lauschten, seine Gegenwart zu verkünden.
Sobald er ins Haus eingetreten war, schien aber auch seine ganze frühere Heiterkeit zurückgekehrt zu sein, wenigstens blitzte sein Auge freier und fröhlicher. Er flog schnellen Schrittes die Stufen hinauf und stand im nächsten Augenblick bei den Seinen, von all dem Lärmen und Jubel umgeben.
»Endlich – endlich!« rief die Klavierspielerin, sprang auf und eilte, als Mr. Dayton in der Tür erschien, diesem entgegen. »Der gestrenge Herr haben heute unverzeihlich lange auf sich warten lassen.«
»Wirklich?« lächelte der Squire, während er die Anwesenden freundlich grüßte und dann seinem ihm entgegenkommenden Weibe einen leichten Kuß auf die Stirn drückte. »Hat mich meine kleine, wilde Schwägerin heute einmal vermißt?«
»Heute einmal«, lachte das fröhliche Mädchen und warf sich mit schneller Kopfbewegung die langen, dunklen Locken aus der Stirn, »heute nur einmal? Ei, mein liebenswürdiger und gestrenger Friedensrichter muß seiner untertänigsten Dienerin einen sehr schlechten Geschmack zutrauen, wenn er glauben könnte, sie fühlte sich ohne ihn nur einen Augenblick wohl und glücklich. Heute hat die Sache aber noch eine besondere Bewandtnis. – Hier wartet nun Mr. Lively schon eine volle Stunde auf Sie und trägt sicherlich ein schweres, fürchterliches Geheimnis auf dem Herzen; denn keine Silbe ist ihm in dieser unendlich langen Stunde über die Lippen gekommen; – auch Mrs. Breidelford –«
»Bitte um Verzeihung, mein liebwertestes Fräulein«, sagte die Genannte, die bis dahin auf Kohlen gesessen zu haben schien, das Wort zu nehmen, »keineswegs; denn ich glaube doch wirklich nicht, daß Sie sich bei mir über Zungenfaulheit beklagen können; eher vielleicht das Gegenteil. – Ich kenne meine Schwäche, mein Fräulein, und wie der ehrwürdige Mr. Sothorpe so schön sagt, ist das schon ein Schritt zur Besserung, wenn man seine eigenen Schwächen wirklich kennt. Mein seliger Mann freilich – ein Engel von Geduld und Sanftmut – behauptete immer das Gegenteil. Glauben Sie wohl, Squire Dayton, daß das gute Herz mir einreden wollte, ich spräche wirklich nicht zuviel? – Breidelford, sagte ich aber, Breidelford, versündige dich nicht; – ich weiß, wie ich bin; ja, Breidelford, ich kenne meine Schwäche, und wenn ich dir auch nicht zuviel rede, so fühle ich doch selbst recht gut, wie das ein Fehler von mir ist, den ich mir aber, da ich ihn einmal kenne, auch alle Mühe geben werde zu verbessern.«
»Eine Tasse Tee, beste Mrs. Breidelford«, unterbrach hier Mrs. Dayton den allem Anschein nach undämmbaren Zungenschwall, – »bitte, langen Sie zu!« – Adele aber, die augenblickliche Pause benutzend, setzte sich rasch wieder ans Klavier, und ein so rauschender Tanz dröhnte, von den starken Saiten widervibrierend, durch das Gemach, daß jede Fortsetzung von Mrs. Breidelfords begonnener Selbstbiographie dadurch schon im Keime erstickt wurde.
»Ist der Mailrider noch nicht hier gewesen?« fragte Mr. Dayton endlich, als die Ruhe wieder ein wenig hergestellt war.
»Der Mailrider? Nein; aber Mr. Lively hier scheint seinen Auftrag gern ausrichten zu wollen«, sagte Adele und blinzelte schelmisch zu dem jungen Manne hinüber, dem offenbar recht unbehaglich zumute war.
James Lively saß auch wirklich da, als ob er nicht bis drei zählen könnte. Alle Gliedmaßen waren ihm im Wege oder auf irgendeiner falschen Stelle. Bald hatte er das rechte lange Bein hoch oben auf dem linken, daß es weit bis mitten in die Stube hineinragte; bald zog er die Füße fest unter dem Stuhl zusammen, faltete die Hände und hetzte seine Daumen um ihre eigene Achse; dann griff er mit dem rechten Arm hinunter nach dem hintersten rechten Stuhlbein und versuchte eifrig die Politur herunterzukratzen; dann holte er mit der Linken das mächtige seidene Tuch aus der Tasche, um es gleich darauf wieder sorgfältig zurückzuschieben; kurz, James befand sich so wohl wie ein Hecht auf dem Sand oder ein Hase auf dem Eis, und wenn er auch manchmal den Blick scheu zu dem schönen, munteren Mädchen emporwarf, so brauchte er doch nur dem Schelmenauge zu begegnen, gleich senkte sich auch sein Antlitz in prachtvoller gesottener Hummerfarbe wieder nieder. Nachher, wie in einem wilden Fluchtversuch, griff er tief, tief unter den Stuhl, wo früher sein Hut gestanden hatte, den aber später, auf einen Wink Mrs. Daytons, die junge Mulattin weggenommen und hinten auf das Klavier gestellt hatte, und er saß nun in voller Verzweiflung auf dem weich gepolsterten Stuhl wie auf glühenden Kohlen.
James Lively war übrigens sonst keineswegs so verschämt und blöde. Er war im Walde aufgewachsen, und es gab keinen besseren Jäger und Landmann im ganzen County als ihn. Mutig dabei bis zur Tollkühnheit, hatte er vor kurzem erst den Einzelkampf mit einem Panther gewagt und gewonnen und im Boxen die Besten überwunden. Aber im Walde mußte er auch sein, wenn er all diese Fähigkeiten entwickeln sollte. In Damengesellschaft getraute er sich nicht, den Mund zu öffnen, und wenn er auch – wie Mrs. Breidelford – vollkommen seine Schwäche kannte, so wäre es ihm dennoch nicht möglich gewesen, eine Scheu zu überwinden, die ihm Zunge und Glieder lähmte. So auffallend wie heute hatte sich diese Befangenheit übrigens noch nie gezeigt. Sie schien sogar durch Adelens leise Anspielungen ihren höchsten Grad zu erreichen, als sich Squire Dayton ins Mittel schlug, auf den jungen Mann zuging und ihm mit einem freundlichen »Gott zum Gruß, Mr. Lively! Was macht der Vater und wie steht es daheim mit der Farm?« plötzlich wieder Mut und Selbstvertrauen ins Herz legte.
Die Worte, die ganze Anrede, die Beziehung auf die heimische, ihm bekannte Umgebung wirkten wie ein wohltätiger Zauber auf den Waldbewohner. Er sprang auf, holte tief Atem, ergriff schnell die dargebotene Rechte und antwortete, als ob ihm eben eine Zentnerlast von der Brust gewälzt wäre:
»Danke, Squire – alle wohl – so ziemlich wenigstens. Die braune Kuh wurde gestern krank, und darum bin ich eigentlich hierher in die Stadt gekommen; – aber – ich hatte noch etwas Besonderes«, – er warf einen scheuen Seitenblick nach den Frauen, während wieder tiefe Glut sein Gesicht überflog; – »ich – ich weiß nur nicht –«
»Ist es etwas, was mich allein betrifft?« fragte Squire.
»Bitte, junger Herr – genieren Sie sich nicht«, fiel hier ohne weitere vorherige Warnung Mrs. Breidelford wieder ein, – »glauben Sie ja nicht, daß wir, weil wir Ladies sind, etwa ein Geheimnis nicht ebenso sicher und gut bewahren könnten wie Männer. Im Gegenteil, Mr. Lively – gerade im Gegenteil. – Ich zum Beispiel weiß zwar, daß ich ein bißchen viel rede, es ist nun einmal meine Schwäche, und wofür hat uns denn eigentlich der liebe Gott Mund und Zunge gegeben. Was aber Geheimnisse anbetrifft, so hat da schon mein lieber seliger Breidelford immer gesagt, obgleich man sich eigentlich nicht selbst rühmen sollte, doch das liebe Herz liegt da jetzt kalt und starr im Grabe, – Luise, sagte er immer, Luise, du bist zu verschwiegen, du bist wahrhaftig zu verschwiegen. – Zehn Inquisitionen brächten dir das nicht über die Zunge, was du nicht hinüber haben wolltest; – ich glaube, du bissest sie dir eher in Stücke – sagte Mr. Breidelford; aber –«
Ein rauschendes Allegro von Adeles flüchtigen Fingern schnitt wiederum Mrs. Breidelfords Faden ab, und Lively, der bis jetzt vergebens gesucht hatte, Squire Daytons Frage zu beantworten, gewann wenigstens Zeit, Atem zu holen.
»Nein, Squire«, sagte er und schob, da er in diesem Augenblick gar nicht wußte, wohin er mit seinen Händen sollte, diese aus lauter Verzweiflung in die Taschen, riß sie aber, das Unschickliche solchen Betragens wohl fühlend, so schnell wieder heraus, als ob er heiße Kohlen darin gefunden hätte, »nein, Squire, Mutter meinte nur, Vater sagte, ob Sie und und die Ladies dort nicht Lust hätten oder so gut sein wollten, morgen ein bißchen zu uns herauszukommen und so lange Sie wollten und – so lange es Ihnen bei uns gefiele, draußen zu bleiben. Mutter meinte –«
Adele horchte auf; Mrs. Breidelford aber, der diese Einladung wohl keineswegs gegolten hatte, nahm die Beantwortung schnell auf sich, und ohne einem der übrigen Anwesenden auch nur die mindeste Zeit zu lassen, erhob sie sich ein wenig von ihrem Platze und rief, den jungen Mann dabei mit etwas niedergebogenem Kopfe und über die Brillengläser hin ins Auge fassend: »Oh – Mrs. Lively ist gar zu gütig, Sir, gar zu gütig, und wenn sich auch allerdings in jetziger Zeit, wo der Fluß wieder zu steigen anfängt und Waren in Hülle und Fülle stromab kommen, die Geschäfte häufen, so müssen doch schon einmal ein oder zwei Wochen gefunden werden, um die Nachbarn aufzusuchen und mit ihnen im guten, alten Einverständnis zu bleiben. – Mr. Breidelford hatte ganz recht, wenn er sagte, Luise – sagte er, du glaubst gar nicht, wie schön es ist, mit seinen Nachbarn in Frieden und Freundschaft zu wohnen; – Verträglichkeit ist das halbe Leben. Nächste Woche, Montag spätestens, denke ich mir das Vergnügen machen zu können, Mr. Lively; bitte mich Ihrer Frau Mutter bestens zu empfehlen.« – Und nieder setzte sie sich und trank ihre Tasse aus, als ob sie nach solcher Anstrengung der Ruhe und Stärkung bedürfe.
Adele schien aber diesmal vor lauter Erstaunen über Mrs. Breidelfords Bereitwilligkeit ganz ihre musikalische Hilfe vergessen zu haben, und selbst James, der den Ruf kannte, dessen sich Mrs. Breidelford in Helena erfreute, stand ganz verstummt da und wußte kaum, ob er sie wirklich aus Versehen mit eingeladen habe oder nicht. War es übrigens geschehen, so half hier weiter nichts, als gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Was aber seine eigene Mutter dabei von Mrs. Breidelford hielt, hatte er – zu seinem Entsetzen fiel es ihm gerade jetzt wieder ein – erst an diesem Morgen gehört. Wie sie sich also zu Hause über seinen glücklich erlegten Bock freuen würde, ließ sich ungefähr denken.
In aller Angst haftete sein Blick jetzt noch auf Mrs. Daytons sanften Zügen; denn das andere schelmische, immer lachende Ding wagte er gar nicht anzusehen. Jene sagte denn auch freundlich: »Meinen besten Gruß an Ihre liebe Mutter, Sir, und wir werden sicher kommen. – Sie soll sich aber auch in Helena nicht so selten blicken lassen und einmal bei uns einkehren, wenn sie ihr Weg hierher führte. Doch kommen Sie, rücken Sie sich Ihren Stuhl zum Tisch und langen Sie zu – Trinken Sie weiß? Hier – hier steht alles – bedienen Sie sich selbst! – Wie geht es denn Ihrem Vater?«
»Danke, Madame, danke«, sagte James, der jetzt, da er Adele den Rücken zudrehen durfte, freier zu atmen anfing, »es macht sich mit dem Alten. – Wir sind schon wieder zusammen auf der Bärenjagd gewesen, und da können Sie sich wohl denken, daß er nicht mehr sterbenskrank ist; – von so ein wenig Fieber erholt er sich schnell wieder.«
»Geht er denn noch immer barfuß in den Wald?« fragte Adele und glitt in den dicht neben dem Sofa stehenden Sessel, so daß sie dem jungen Hinterwäldler jetzt gerade gegenübersaß. James fing wieder an, unruhig auf seinem Sessel herumzurücken. – Er mußte sich den Rock aufknöpfen; es wurde ihm siedend heiß. Mrs. Breidelford schien übrigens auch diese Antwort übernehmen zu wollen, denn mit einem »Ja, ja, Miß Adele, – was das Barfußgehen anbetrifft«, wandte sie sich an das junge Mädchen. Dayton parierte aber in lobenswertem Mitleid die ihr zugedachte Rede, indem er Mrs. Breidelford selbst in ein Gespräch verknüpfte. Dadurch gewann James Zeit, sich zu sammeln, und weil sich überdies das Gespräch auf sein eigenes heimisches Gebiet zog, so wurde er auch immer unbefangener und zuversichtlicher.
»Die Erkältung des alten Mannes rührte gewiß von der häßlichen Angewohnheit her, weder Schuhe noch Strümpfe zu tragen«, sagte Mrs. Dayton »Mrs. Lively sollte es nur nicht leiden.«
»Ach, das würde nichts helfen«, meinte James; »Vater ist darin ganz obstinat; – was er einmal will, davon bringt ihn kein Mensch ab.«
»Gerade wie mein Seliger, Mr. Lively«, mischte sich hier die unvermeidliche Mrs. Breidelford trotz aller Ableiter wieder ins Gespräch, – »aber ganz so wie mein Seliger. – Breidelford – sagte ich oft – du wirst dich noch ruinieren, das naßkalte Wetter ist dein Tod; ich rate dir, zieh' die wollenen Strümpfe an! Glauben Sie, er hätte es getan? Nicht um die Welt. Luise, sagte er, das verstehst du nicht; menschliche Konstitution ist wie –«
Leider erfuhr die Familie Dayton an diesem Abend nicht, wie menschliche Konstitution eigentlich beschaffen sei; denn gerade hier, und als Adele schon im Begriff war, ihren kaum verlassenen Platz am Piano wieder einzunehmen, riß es auf einmal so stark an der Klingel, daß Mrs. Breidelford mit einem »Jesus, meine Güte« erschrocken emporfuhr und auch Mrs. Dayton und Adele überrascht nach der Tür blickten. Nur Squire Dayton blieb ruhig sitzen und sagte lächelnd: »Es wird Mr. Smart sein, ich bat ihn heute abend noch ein wenig herüberzukommen. – Ja, das ist sein Schritt.«
»Ist das Mr. Smart, der Wirt des Union-Hotels?« rief Adele und sprang an den Glasschrank, um noch eine Tasse für den neuen Gast herbeizuholen.
»Der nämliche«, sagte der Squire; »doch da ist er selbst.« Und herein trat, den Hut, den er ganz in Gedanken auf dem Kopfe behalten, schnell abreißend, Jonathan Smart. Allen im Kreise, Mrs. Breidelford ausgenommen, der er eine stumme Verbeugung machte, reichte er die Hand zum Gruße, die er Squire Dayton und James Lively noch ganz besonders herzlich schüttelte, und hierauf setzte er sich mit einem höchst selbstzufriedenen und behaglichen Lächeln auf den Stuhl, den ihm die Mulattin Nancy schnell hingerückt hatte.
»Well, Ladies und Gentlemen, freut mich ungemein, Sie alle wohl zu sehen«, sagte er dabei. »Danke, Miß, danke; – ich trinke keine Milch, lieber ein bißchen Rum in den Tee.«
Miß Adele hatte ihm die Tasse überreicht, und es war dadurch, daß sich die letzten Worte des Gesprächs gerade auf den Eingetretenen bezogen hatten, eine kleine Pause entstanden. Smart bemerkte das übrigens und wandte sich an Mrs Dayton: »Bitte, Madame, es sollte mir leid tun, wenn ich Ihre Unterhaltung etwa unterbrochen oder gestört hätte; – ich komme auch allerdings etwas spät, aber Squire Dayton –«
»Ganz und gar nicht, Mr. Smart, – ganz und gar nicht«, fiel ihm hier Mrs. Breidelford schnell in die Rede; – »ich sprach nur eben von – ach, du lieber Gott, von was sprach ich denn gleich? – Ja, mein unglückseliges Gedächtnis, Mr. Smart, mein unglückseliges Gedächtnis! – Schon mein lieber seliger Mann sagte immer – Luise, sagte er, du hast deinen Kopf in deiner Jugend zu sehr angestrengt, du hast zuviel gerechnet und gesorgt; – ein allzu straff angezogener Bogen muß am Ende erschlaffen. – Das waren seine eigenen Worte, Mr. Smart. Ach, Breidelford, sagte ich dann, du hast recht; – ich weiß es, ich kenne meine Schwäche; aber das Gedächtnis ist eine Gabe von Gott, und wem der es wieder nimmt, der darf sich nicht beklagen. Das wäre schlecht, Breidelford, sagte ich –«
»– lud mich so freundlich ein, daß ich besonders nach dem, was heute vorgegangen ist, unmöglich nein sagten konnte«, fuhr Mr. Smart, ohne sich weiter irremachen zu lassen, in seiner begonnenen Rede, und zwar gegen Mr. Dayton gewendet, fort.
»Was ist denn heute vorgefallen?« fragte Adele schnell. – »War wieder ein Streit im Ort? – Wir haben das Lärmen und Toben gehört, aber weiter noch nichts darüber erfahren.«
Mrs. Breidelford setzte die schon erhobene Tasse wieder nieder und horchte aufmerksam der jetzt erwarteten Mitteilung.
»Und hat Ihnen Squire Dayton gar nichts erzählt?« fragte der Yankee.
»Nicht das mindeste«, riefen die drei Ladies wie aus einem Munde.
»Nun, er hat mir einen Dienst geleistet«, sagte Jonathan Smart, »wie ihn ein Nachbar dem andern nur –«
»Aber, bester Smart«, lächelte der Squire, – »Ich habe ja nur getan, was meine Pflicht als Friedensrichter dieses Ortes war.«
»– zu leisten imstande ist«, fuhr Jonathan fort, – »er hat mir das Leben gerettet, indem er sich, die eigene Gefahr ganz außer acht lassend –«
»Die Burschen hätten es nie zum Äußersten kommen lassen. – Sie rechnen mir die Sache wirklich zu hoch an.«
»– einer Bande zu allem fähiger Bootsleute gerade entgegenwarf und sie davon zurückhielt, mich umzubringen und mein Haus niederzubrennen. Das ist das Kurze und Lange von der Geschichte.«
Der Richter sah wohl ein, daß er den Wirt ausreden lassen müsse, und ergab sich lächelnd darein. Erst als dieser schwieg, erwiderte er dagegen: »Das aber erwähnen Sie nicht, daß Sie vorher mit wirklicher Lebensgefahr, als sogar einer der Buben schon auf Sie abdrückte, das Leben des armen Iren gerettet haben.«
»Das muß ja heute schrecklich in Helena zugegangen sein« rief Mrs. Dayton entsetzt.
»Heute nicht schlimmer als an vielen anderen Tagen auch« sagte der Wirt achselzuckend. »Helena ist nun einmal in dieser Hinsicht berühmt oder, besser gesagt, berüchtigt.«
»Gerade was mein lieber seliger Mann immer sagte. Mr. Smart, – gerade dasselbe – Luise, sagte er, bleibe nicht in Helena wohnen, wenn ich einmal tot bin – ziehe fort von hier. Du bis zu sanft, du bist zu schwach für solch wildes Leben und Treiben; – du paßt nicht hierher in diese rohe Umgebung. – Der liebe Mann! – Und es ist wahr, ich habe es ihm auch noch auf dem Sterbebett versprochen, ich wollte fort. Breidelford, sagte ich ihm, stirb ruhig, ich gehe in den Norden, wenn du einmal nicht mehr bei mir bist, aber, du lieber Gott, eine arme, alleinstehende Frau, die kann ja nicht, wie sie wohl gern wollte. Man will ja doch leben, und hier, wo ich einmal notdürftig meine Nahrung habe, werde ich wohl bleiben müssen, denn ich sehe nicht ein, ob, wie und womit ich an einem andern Orte wieder beginnen könnte. Fleißig bin ich, das muß mir der Neid lassen. Mein lieber seliger Mann sagte immer, Luise, sagte er, du arbeitest dich noch tot – du bedenkst gar nicht, daß du zum zarten Geschlecht gehörst. Später wirst du es aber auch noch einmal einsehen, sagte er, wenn du deine Gesundheit ruiniert hast, und wenn ich nicht mehr bin. Sie glauben gar nicht, Mrs. Dayton, wie der Mann alles vorausgesehen und gesagt hat, – eine wahre Prophetengabe war es, es könnte einem jetzt beinahe noch die Haut schaudern, wenn man bedenkt, daß so etwas menschenmöglich ist. – Auch was mein Alleinwohnen anbetrifft, denken Sie sich nur, Mrs. Dayton, auch darüber hat er mir, noch eine Stunde vor seinem Tode, – ich sehe das liebe Herz noch mit seinem bleichen, eingefallenen Antlitz und den blauen Lippen vor mir liegen –, vieles gesagt und mich gewarnt, denn, Luise, sagte er –«
»Ich hoffe doch, daß jetzt jemand bei Ihnen zu Hause ist?« fiel hier Mr. Smart schnell und, wie es schien, mit besonderer Teilnahme in die Rede.
»Bei mir?« rief, von dem Ton und der Frage erschreckt, Mrs. Breidelford, während sie schnell von ihrem Sitz emporfuhr, »bei mir, Mr. Smart? Keine Seele ist zu Hause; denn den Deutschen, den ich bis jetzt für die grobe Arbeit bei mir hatte, mußte ich heute fortjagen, weil er einen Ton gegen mich – aber um Gottes willen, Sir, Sie machen ja so ein bedenkliches Gesicht. – Es ist doch nichts bei mir vorge— Mr. Smart, ich beschwöre Sie bei Ihrer männlichen Ehre –«
James Lively und Squire Dayton mußten ihre Stühle rasch zurückschieben, denn Mrs. Breidelford kam mit solcher Allgewalt hinter dem Teetisch vorgefahren, daß sie ihr kaum aus dem Wege rücken konnten. – Mr. Smart blieb jedoch ganz ruhig und sagte: »Ängstigen Sie sich doch nicht nutzlos, Madame, das, was ich gesehen habe, hat ja vielleicht –«
»Was um aller lieben Engel im Himmel willen haben Sie denn gesehen?« rief Mrs. Breidelford, die übrige Gesellschaft kaum mehr beachtend, in Todesangst.
»– gar nicht so viel zu bedeuten, wie Sie gegenwärtig zu glauben scheinen«, fuhr Smart in seiner Rede fort.
»Herr – Mensch, – Sie bringen mich noch zur Verzweiflung!« schrie Mrs. Breidelford mehr als sie rief und ergriff mit der Linken ihr Bonnet, das sie sich in Mißachtung jeder Fasson und Mode auf den Kopf stülpte, während sie mit der Rechten einen Knopf von Mr. Smarts blauem Frack zu erhaschen suchte. Diesem Angriff begegnete er jedoch dadurch, daß er ihre nach ihm ausgestreckte Hand erfaßte und herzlich schüttelte.
»Was haben Sie gesehen? So sprechen Sie doch nur in des Teu— in des lieben Himmels Namen!«
»Eigentlich gar nichts von Bedeutung«, erwiderte Smart, noch immer die einmal gefaßte Rechte der sonderbarerweise so in Eifer geratenen Frau nicht loslassend. – »Als ich vor etwa einer Viertelstunde an Ihrem Hause vorbeiging, stand jemand am hintersten Fensterladen und klopfte dort an. Wie wir uns nun so manchmal, wenn wir weiter nichts zu tun haben –«
»Und was machte der Mann weiter?« fragte Mrs. Breidelford ungeduldig.
»– um allerlei Sachen bekümmern, die uns sonst wenig interessieren würden, so blieb ich einen Augenblick stehen und sah, was dieser jemand, von dem ich übrigens keineswegs gesagt habe, daß es ein Mann gewesen wäre, im Gegenteil, es war eine Frau, – denn eigentlich wollte.«
»Eine Frau?« rief Mrs. Breidelford erstaunt.
»Der Laden blieb verschlossen«, erzählte der Yankee weiter, »und die Dame ging jetzt um das Haus herum, wobei ich mir ebenfalls die Freiheit nahm, ihr zu folgen. – An der Tür angelangt, probierte sie, nachdem sie auch hier einige Male angeklopft hatte, zwei verschiedene Schlüssel.«
»Ei, die Kanaille!« rief Mrs. Breidelford in höchster Entrüstung. »Und schloß sie auf?«
»Es tut mir wirklich leid, Ihnen das nicht genau sagen zu können, Madame. – Ich sah in diesem Augenblick nach meiner Uhr und fand, daß ich schon eine halbe Stunde später hier ankommen würde, als ich dem Squire versprochen hatte, ließ also die Dame bei ihrer, wie ich jetzt allerdings hoffen will, vergeblichen Bemühung.«
»Und Sie haben sie nicht gefaßt und den Gerichten übergeben?« rief Mrs. Breidelford in unbeschreiblicher Entrüstung, während sie in wilder Eile ihren Mantel umwarf, ihre große Arbeitstasche ergriff und überall im Zimmer noch nach einem andern Gegenstand suchte. – »Sie haben nicht nach Hilfe gerufen und die Diebin zu Boden geschlagen, die in friedlicher Leute Häuser bei Nacht und Nebel einbrechen wollte? – Sie haben –«
»Aber, beste Mrs. Breidelford«, fragte Adele besorgt, »was suchen Sie denn noch? – Kann ich Ihnen nicht helfen?«
»Nein, – mein Bonnet, beste Miß, – mein Bonnet«, sagte die Dame, während ihre Blicke von einem Ende des Zimmers zum andern flog.
»Ist auf Ihrem Kopf, – werteste Madame«, sagte mit freundlicher Verbeugung der Yankee.
»Gute Nacht, Mrs. Dayton! Gute Nacht, Mr. Lively! – Ach Squire, wenn Sie mir die Liebe erzeigen wollten, mit mir zu gehen!« – rief jetzt Mrs. Breidelford. – »Sie sind doch hier Friedensrichter, und wenn wirklich Diebe und Mörder –«
Der Richter machte eine Bewegung, als ob er der Bitte Folge leisten wollte, Smart schüttelte aber hinter Mrs. Breidelfords Rücken so angelegentlich und mit so komischem Ernst den Kopf, daß er, wenn das wirklich seine Absicht gewesen wäre, sie aufgab und, um die Dame zu beruhigen, sagte: »Recht gern würde ich mit Ihnen gehen, beste Madame; ich habe aber mit Herrn Lively noch ein wichtiges Geschäft abzumachen, das keinen Aufschub weiter leidet. Mein Bursche soll Sie jedoch begleiten, und wenn es nötig wird, dann rufen Sie doch gleich in meinem Namen den Konstabler und schicken mir jemanden her. – Ich komme dann selbst hinunter.«
Mrs. Breidelford hatte die letzten Worte schon gar nicht mehr gehört, packte nur den unten an der Treppe stehenden Mulattenknaben am Handgelenk fest und zog den Überraschten, der ängstlich nach seinem Master zurückblickte, mit sich fort, der Haustür zu. Mr. Dayton sagte ihm aber lachend, er solle nur getrost folgen, und die beiden verschwanden gleich darauf durch die Haustür, der bedrängten Wohnung einer »armen, verlassenen Witwe« zu Hilfe zu eilen.
»Aber, bester Mr. Smart«, sagte jetzt Mrs. Dayton, während sie ans Fenster trat und der Frau besorgt nachsah, »wenn Sie doch nur wenigstens die Fremde angeredet hätten, die an Mrs. Breidelfords Tür einen Schlüssel probierte.«
»Das wäre allerdings ein schwieriges Stück Arbeit gewesen«, lächelte der Yankee und rieb sich vergnügt die Hände. »Mrs. Breidelford ist auf einer wilden Gänsejagd, das heißt, sie wird sich außerordentliche Mühe geben, jemanden zu finden, der gar nicht existiert.«
»Nicht existiert?« rief Adele verwundert, und James, der den Yankee von früher kannte, lachte laut auf. – »Nicht existiert? Die Frau, die Sie gesehen haben –«
»Ich habe keinen Menschen gesehen«, erwiderte Jonathan, während er seinen verlassenen Sitz einnahm und Mrs. Dayton die geleerte Tasse so ruhig zum Wiederfüllen hinüberreichte, als ob hier nicht das mindeste Außergewöhnliche vorgefallen wäre.
»Und die Frau mit dem Schlüssel?« rief lächelnd Squire Dayton.
»War der beste Einfall, den ich je gehabt habe«, bemerkte der Yankee, ohne eine Miene zu verziehen. »Mrs. Breidelford hätte uns sonst noch den ganzen Abend Selbstbiographien und geschichtliche Abrisse aus dem Leben ihres ›lieben seligen Mannes‹ zum besten gegeben.«
Hätte die arme, in Schweiß fast gebadete Mrs. Luise Breidelford das Gelächter hören können, das in diesem Augenblick die Spiegelfenster des kleinen freundlichen Zimmers erzittern ließ, und die Ursache desselben gewußt, ihr Zorn hätte keine Grenzen gekannt. Unaufhaltsam stürmte sie, den unglücklichen Mulattenknaben im Schlepptau, der eigenen bedroht geglaubten Wohnung zu, und geheimnisvolle, düstere Worte waren es, die sie dabei vor sich hinmurmelte.
Die kleine, jetzt von ihrer lästigen Gegenwart befreite Gesellschaft rückte indessen in der besten Laune von der Welt dichter um den Tisch herum, und selbst James verlor zum großen Teil seine frühere Scheu. Die allgemeine Fröhlichkeit hatte ihn den Frauen nähergebracht, und er gestand nun in aller Unschuld, daß er zu Tode erschrocken sei, als Mrs. Breidelford die Einladung, die doch eigentlich nur den beiden Damen des Hauses gegolten, so ganz ohne weiteres auf sich bezogen und angenommen habe. »Daheim«, sagte er, »werden sie schön schauen, wenn sie ihre Drohung wahr macht; denn böse Geschichten sind es, die über die Frau erzählt werden.«
»Weiß auch der liebe Gott, wie wir zu der Ehre ihres Besuches kommen«, meinte Mrs. Dayton. »Das ist nun schon das dritte Mal, daß sie uns aufgesucht hat und bis spät in die Nacht dableibt, ohne daß wir je einen Fuß über ihre Schwelle gesetzt oder sie auch nur gebeten hätten, ihren Besuch zu wiederholen. Was will ich aber machen? Sie kommt, setzt sich her, quält uns stundenlang mit ihren schrecklichen Erzählungen und borgt beim Weggehen gewöhnlich noch eine Menge Kleinigkeiten, wie Nadeln, Seide, Stückchen Leinenzeug oder Küchengeschirr und sonstige Sachen, die sie ebenso regelmäßig wiederzuschicken vergißt.«
»Ich kann wohl gestehen«, sagte Smart, »daß ich erstaunt war, sie hier in Ihrer Gesellschaft zu finden. Mrs. Breidelford genießt in Helena nicht einmal mehr einen zweideutigen Ruf, und das will viel sagen. Die wirklich wenigen Guten, die noch hier sind, haben sich nicht allein von ihr zurückgezogen, sondern ihr sogar das Haus verboten. Auch Mrs. Smart hatte eines schönen Morgens ein sehr lebhaftes und für Mrs. Breidelford keineswegs schmeichelhaftes Gespräch mit dieser Dame, das seitens meiner Frau von dem oberen, seitens jener Lady von dem unteren Teil der Veranda geführt wurde, zu welchem sie durch den Neger aus dem Hause begleitet worden war. Allerdings behauptete in diesem Zungenkampf Mrs. Breidelford das Feld, denn sie wurde von einem sehr großen und sehr zerlumpten Teil des jungen Helena unterstützt und verblieb noch mit eingestemmten Armen und äußerst roten Gesichtszügen eine ganze Weile auf ihrem eingenommenen Posten, während ich Mrs. Smart, freilich nicht ohne bedeutenden Widerstand, hinterrücks und immer noch nach außen hin eifernd, in das Haus zurückzog. Seit der Zeit hat sie natürlich unsere Wohnung nicht wieder betreten dürfen, scheint aber den Groll darüber keineswegs bis auf mich ausgedehnt zu haben; denn sie war heute abend ungemein, ja fast auffällig freundlich und zuvorkommend gegen mich.«
»Ich glaube, man tut dieser Mrs. Breidelford, so wenig ich sie auch selbst persönlich leiden kann, doch unrecht«, nahm hier der Squire das Wort. »Ich kenne so ziemlich alles, was an Gerüchten über sie im Umlauf ist, und habe sie scharf beobachtet und beobachten lassen. Das einzige jedoch, dessen ich sie in Verdacht habe und was wirklich straffällig wäre, ist der geheime Verkauf von Whisky an Neger. Zeigt sich das als begründet, so werde ich sie auch deshalb, wie es ja als Richter meine Pflicht ist, in Strafe nehmen, und weder ihre Freundschaft noch ihr Haß sollen mich daran hindern. Lieb wäre es übrigens auch mir, wenn sie uns mit ihren Besuchen verschonen wollte; doch – Sie wissen, wie das hier in Arkansas ist. Wollte man es den Leuten förmlich verbieten, die ganze Stadt schriee dann über Stolz und Hochmut. Da unterzieht man sich lieber dem kleineren Übel und hat dafür mit weniger Unannehmlichkeiten und bösem Willen zu kämpfen.«
»Ja, Squire«, sagte James und schämte sich schrecklich, hier vor den beiden Damen das Wort zu nehmen, »das mag ganz gut sein, so lange es sich auf arme, einfache Leute bezieht. Wenn aber bei uns auf dem Lande draußen jemand einmal als schlecht erkannt ist und man gibt sich dann nicht mit ihm ab, dann wirft einem das kein Mensch mehr vor – meine ich.«
»Mr. Lively hat ganz recht, Dayton«, fiel hier Adele lebhaft ein, – »mit solcher Frau würde ich auch keine Umstände weiter machen. – Was kann sie uns denn tun, wenn wir ihr das Haus verbieten? Und wir würden dadurch eine Pein los, die manchmal wirklich kaum zu ertragen ist. Nun, Mr. Lively wird es noch bereuen, uns eingeladen zu haben.«
»Miß Adele –« stotterte James und erfaßte mit beiden Händen fest und krampfhaft den unteren Teil seines Stuhls, als ob er sich einen Zalm ausziehen lassen wollte, – »Mutter wird – Sie können gar nicht glauben, wie – ich wollte sagen – versuchen Sie's nur, kommen Sie nur einmal heraus – und wenn's auch nicht draußen so schöne Blumen gibt wie –« um sein Leben gern hätte er »wie Sie« gesagt, aber es ging nicht – es ging wahrhaftig nicht. Die Worte staken ihm, Harpunen gleich, in der Kehle, und er brachte sie nicht heraus.
»Wie hier, Mr. Lively?« lachte Adele, die das ›wie‹ auf Helena bezog oder ihm doch wenigstens schnell damit in die Rede fiel. – »Wie hier? Ach, du lieber Gott, hier sieht's mit Blumen trüb und traurig aus; denn der Wald in der ganzen Nachbarschaft herum ist zerstampft und zertreten, und selbst den Bäumen scheint der ewige Qualm und Rauch und das wilde, rohe Toben der Menschen nicht zu behagen. – Sie sehen in der Nähe der Stadt häßlich und krank aus, während sie weiter davon entfernt viel frischere, lebendigere Farben, viel würzigeren Duft zu haben scheinen.«
»Ach Miß, Sie sollten nur jetzt einmal sehen, wie schön, wie herrlich es bei uns ist!« rief Lively, dem der Gedanke an seinen Wald frischen Mut gab, wenn er auch nicht wagte, dem jungen Mädchen zu sagen, wen er vorhin mit den Blumen gemeint habe. »Es ist ja nirgends herrlicher in der Welt als im Walde draußen, und ein Morgen, ein Sonnenaufgang unter den frischen, tauigen Blättern wiegt ein ganzes Jahr von dem häßlichen Treiben der Städte auf. Die wilden Tiere und Vögel wissen das auch recht gut. – Dorthin, wo es am heimlichsten, am ungestörtesten ist, dahin flüchten sie sich, und wo kein menschliches Auge sie erreichen kann, da spielt die Hirschkuh mit dem Kalb, und die munteren Sänger schlagen die herrlichsten Triller dazu und singen so lange und so wunderschön, bis die Blätter ordentlich anfangen unruhig zu werden und zu tanzen.«
»Ei, sieh da, Mr. Lively« – lächelte Squire Dayton, während er sich ein schmales Stück Kautabak abschnitt und das übrige an Jonathan Smart hinüberreichte, – »ob er uns am Ende nicht noch poetisch wird! – Haben Sie schon einmal Verse gemacht?«
»Ich?« rief James und sah jetzt erst zu seinem grenzenlosen Entsetzen, daß die Augen der ganzen Gesellschaft auf ihm allein gehaftet hatten, – »ich – nein – im Leben nicht«, und seine Hände griffen vergebens nach ihrem früheren, im Eifer des Gesprächs verschmähten Anhaltepunkt.
»Mr. Smart soll aber schon Verse gemacht haben«, sagte Mrs. Dayton und suchte durch diese Wendung dem armen Burschen aus der Verlegenheit zu helfen.
Jonathan Smart blickte Mrs. Dayton von der Seite an.
»Ein Yankee und Verse machen?« sagte er endlich schmunzelnd und nahm sein linkes Knie zwischen beide Hände. »Prächtige Idee das. Nein, Mrs. Dayton, damit befasse ich mich weniger; Verse bringen nichts ein. Und doch – so komisch Ihnen das auch vorkommen mag, ich habe wirklich einmal ein Gedicht gemacht, und zwar an meine Alte, als wir noch Brautleute waren.«
»O bitte, bitte, Mr. Smart, das Gedicht müssen Sie uns einmal zeigen«, bat Adele. »Ich lese so ungemein gern Gedichte.«
»Und solche besonders«, lächelte der Wirt, »nicht wahr, wo man sich vor Lachen dabei recht ausschütten kann? Ih nun, wenn ich es noch hätte, wäre mir's recht. – Später mußte ich selbst darüber lachen.«
»So haben Sie es vernichtet?«
»O nein, im Gegenteil, das ist in den Händen derjenigen, an die es gerichtet war.«
»In Mrs. Smarts Händen?«
»Zu dienen, und wird jetzt etwa in derselben Art wie die schlecht geschleuderten Wurflanzen der Indianer von der nämlichen Person, den oder die es hätte treffen sollen, als Waffe gegen den Absender gebraucht.«
»Das ist ein Rätsel«, sagte Mrs. Dayton.
»Aber leicht zu lösen«, fuhr der Yankee fort. »Ich machte nämlich in einer ungewöhnlich schwärmerischen Stunde – nicht wahr, Mr. Lively, Sie haben deren auch manchmal? – ein Gedicht auf die damalige Miß Rosalie Heendor. Darin pries ich denn, wie das in solchen Gedichten gewöhnlich geschieht, nicht allein ihre unvergleichliche Schönheit und Liebenswürdigkeit, wobei ich die einzelnen Reize unter den Rubriken Alabaster, Perlen, Elfenbein, Sterne, Sammet, Rosen Veilchen usw. besonders aufführte, sondern ich bekannte auch mit einer wirklich alles hintenansetzenden Bescheidenheit und – Unvorsichtigkeit – meinen eigenen Unwert, ein solches Ideal zu besitzen; hielt aber am Schluß nichtsdestoweniger sehr ernstlich um dessen Hand an. So weit ging die Sache gut; Miß Rosalie war nicht von Stahl und Jonathan Smart damals noch ein ganz reputierlicher junger Bursche, der seine sechs Fuß zwei Zoll in seinen Strümpfen stand. Mehrere Jahre hatten wir auch ruhig und vergnügt miteinander gelebt, und mir war das Gedicht und dessen Inhalt natürlich ganz und gar entfallen. Da geschah –«
»Ein Brief an Squire Dayton«, sagte Nancy, die in diesem Augenblick die Tür öffnete und ein leicht zusammengefaltetes Papier hereinreichte.
»Wer hat es gebracht?« fragte der Squire.
»Der Mailrider«, erwiderte die Mulattin, »er sagte, es hätte Eile!«
Squire Dayton öffnete das Schreiben und drehte sich damit nach dem Licht herum, um es besser lesen zu können; Jonathan aber, der während der Unterbrechung einen Augenblick stillgeschwiegen hatte, fuhr jetzt ruhig in seiner Erzählung fort, und zwar, nach seiner gewöhnlichen Art, gleich mit dem Wort, bei welchem er stehengeblieben war:
»– es einst, daß Mr. und Mrs. Smart, wie das bei Eheleuten wohl manchmal vorfällt, einen kleinen Wortwechsel hatten, in welchem der Gentleman seiner Lady hinsichtlich ihrer persönlichen Eigenschaften einige vielleicht nicht gerade schmeichelhafte Bemerkungen machte. Darauf schien diese übrigens vorbereitet; denn plötzlich und ohne alle vorherige Warnung tauchte jetzt nichts anderes als das längst verjährte Gedicht auf, und mit lauter, ja immer lauterer Stimme, je mehr ich dagegen protestierte, wurde mir der mit meinen gerade gebrauchten Worten allerdings etwas im Widerspruch stehende Inhalt triumphierend vorgelesen. Diese Szene hat sich seitdem einige Male wiederholt, und wenn man nach derartigen Erfahrungen berechtigt ist, die Jugend zu belehren und vor Mißgriffen zu warnen, so möchte ich dem hier anwesenden jungen James Lively allerdings sehr dringend empfehlen, keine Gedichte solchen Inhalts der jungen Dame zu übersenden, die er dereinst als ehrbare Hausfrau heimzuführen gedenkt. Schon gewählt?« Und die Frage traf den, an den sie gerichtet war, so plötzlich, daß er erschrocken auf seinem Stuhl zusammenfuhr. Mr. Dayton selbst ersparte ihm aber diesmal eine Antwort; denn er stand schnell auf, ging zum Fenster und blickte hinaus, sah nach der Uhr und sagte dann: »Liebe Frau, ich bekomme hier eben höchst fatalerweise einen Brief, daß ich heute abend noch einen Schwerkranken besuchen muß.«
»Hier in Helena?« fragte Mrs. Dayton besorgt.
»Nein, leider nicht«, sagte der Squire, »zehn Meilen im Lande drin. Da werde ich denn allerdings vor morgen früh, wenn das überhaupt der Zustand des Patienten erlaubt, nicht wieder hier sein können. Höre, Nancy, sage doch Cäsar, daB er mein Pferd sattelt und aufzäumt.«
Mrs. Dayton seufzte tief auf. »Ach, George«, flüsterte sie traurig, »es ist ja wohl recht gut für dich, daß deine Fähigkeiten so in Anspruch genommen werden, aber ich weiß nicht, ich wollte doch, du könntest ein wenig mehr zu Hause bleiben. Die häufigen Nachtritte müssen ja auch deine eigene Gesundheit ruinieren.«
»Sei unbesorgt«, lächelte der Gatte und zog den Oberrock an, den auf seinen Wink Nancy unterdessen gebracht hatte. »Schaden tut es mir sicher nicht, aber ich bliebe auch lieber bei euch; doch was will ich machen? Soll ich die Kranken, die mir nun einmal vertrauen, in Angst und Sorge liegen lassen, weil ich mich nicht gern in meiner Bequemlichkeit gestört sähe? Mir tun sie leid, die Armen, da ja überhaupt die Heilkunde des ganzen Staates fast nur in den Händen von Quacksalbern ist.«
»Da hat der Squire wohl recht«, sagte Jonathan, »eine Wohltat ist es, für die man nicht genug dankbar sein kann, wenn man imstande ist, einen ordentlichen Arzt zu bekommen. Doch, aufrichtig gesagt, möchte ich der nicht sein, der nie weiß, ob er sich am Abend ruhig in sein Bett legen kann oder nicht. Mit der Bezahlung dafür sieht es nachher auch immer windig genug aus. – Wer ist denn krank?«
»Der Deutsche, der sich erst vor kurzem dort angesiedelt hat«, sagte der Richter, »Brander heißt er, glaube ich.«
»Aha – kaltes Fieber wahrscheinlich; nun, das ist nicht so gefährlich. Doch ich höre das Pferd unten kommen; also, Ladies, ich werde mich jetzt ebenfalls empfehlen. Mr. Lively, gehen Sie auch mit, oder bleiben Sie noch bei den Damen?«
»Nein, bewahre«, – sagte James schnell und erschrak doch auch gleich darauf wieder über die Ungezogenheit. – »Es wird sonst zu spät. – Reiten wir einen Weg, Mr. Dayton?«
»Schwerlich«, erwiderte der Richter, während er sich den linken Sporn anschnallte, – »ich reite den Fußpfad, der nach Bailys hinüberführt. Es ist etwas näher.«
»Da müssen Sie aber durch den Sumpf unten«, sagte James. »Das ist ein Weg, wo man jetzt kaum am hellen Tag durchkommt.«
»Hat nichts zu sagen«, lächelte der Squire, »ich kenne da jeden Zoll Landes und habe mir erst neulich das überhängende Rohr ein bißchen aus der Bahn gehauen. Also gute Nacht, Kinder, gute Nacht. Morgen früh, hoffe ich, trinken wir wieder zusammen Kaffee, und dann kann ich mich ordentlich ausruhen.«
»Ladies«, sagte Lively und machte, ohne Adele dabei auch nur von der Seite her anzusehen, eine tiefe Verbeugung vor Mrs. Dayton, – »darf ich also den Eltern sagen, daß Sie morgen kommen werden?«
»Das und noch viele, viele Grüße an die Mutter«, erwiderte Mrs. Dayton freundlich und reichte dem jungen Mann die Hand. Der drückte sie herzlich, ließ sie aber in aller Verlegenheit auch gar nicht wieder los, da er im Geist jetzt ebenfalls eine Anrede an Miß Adele vorbereitete. Mrs. Dayton mochte jedoch eine Ahnung von dem haben, was in James' Seele vorging, denn sie sagte lächelnd:
»Und darf ich also Adele auch mitbringen?«
James drückte ihr die Hand, daß sie hätte aufschreien mögen, fuhr dann aber schnell zurück und sagte, rot wie Blut:
»Miß Adele wird sich freilich draußen gewaltig langweilen.«
»Dann soll ich vielleicht hier bei Mrs. Breidelford bleiben?« fragte das schelmische Ding.
»Miß! –« stotterte James.
»Nun, wird's, Lively?« rief Smart schon von der Haustür aus; – »Euer Pferd steht auch hier.«
»Wir kommen also beide, Mr. Lively, – bestimmt«, lächelte Mrs. Dayton, und James, dem Nancy indes seinen lang gesuchten Hut gebracht hatte, sprang mit einem fröhlichen »Gute Nacht zusammen!« die Treppe hinab und unten mit einem Satze in den spanischen Sattel des munteren Ponys, das ihn dort freudig wiehernd begrüßte.
Wenige Sekunden später sprengten Dayton und Lively auf zwei verschiedenen Wegen fort. Smart aber drückte sich den Hut fest in die Stirn, schob beide Hände tief, tief in seine Beinkleidertaschen und schritt dann, höchst selbstzufrieden vor sich hinpfeifend, die Straße hinab. Indessen ging er nicht gleich dem eigenen Hause zu, denn die Ruhe der Stadt verbürgte ihm dessen Sicherheit, sondern erst einmal zu der Flatbootanlegestelle des Flusses, wo etwa zwölf oder dreizehn jener langen, unbehilflichen Fahrzeuge angebunden waren. Die Boote hingen nur an Tauen fest, waren aber durch breite Planken mit dem Land verbunden, denn sie dienten auch als schwimmende Kaufläden, in denen die Bewohner der südlichen Staaten die Erzeugnisse des Nordens erwerben konnten.
Kapitel 5
Inhaltsverzeichnis
Der Mond schien hell und freundlich auf die rasch dahinströmende, undurchsichtige Flut herab, während nur dann und wann einzelne dünne Wolken die helle Scheibe für kurze Momente verdüsterten und ihre Schatten über die weite Niederung deckten. Leise gurgelte dabei das Wasser unter den gewichtigen Booten, und die Strömung warf schmutziggelbe Schaumblasen gegen die Planken. Hier und da trieb ein von dem tückischen Nachbarn seinem sichern, jahrhundertelang behaupteten Platze entrissener Baumstamm vorüber und streckte die langen Riesenarme wie Hilfe suchend nach den ruhig neben ihm fortrauschenden Brüdern aus, und der Schrei des Haubentauchers gab manchmal, oft wie spottend, den rohen Jubelruf der Zechenden zurück, der noch immer aus einem der im Innern hell erleuchteten Boote und einem weiter oben gelegenen Trinkhause erscholl. Oft sprang auch ein gewaltiger Catfisch aus seinem kühlen Element empor, und die glatte, silberfarbene Haut blitzte dann im Mondlichte. – Sonst aber lag Ruhe, stille, unheimliche Ruhe auf der breiten Fläche des Stromes, die nur um so schauriger gegen das rohe Jauchzen der wilden, ausgelassenen Gesellen abstach. Smart schritt langsam am Ufer hin und hatte eben den abgebrochenen Stamm einer jungen Sykomore erreicht, der hier von den Flußleuten benutzt wurde, um die Bootstaue daran zu befestigen, als sich ihm die Gestalt eines andern Mannes näherte, den er augenblicklich als den vor wenigen Stunden geretteten Iren erkannte. Langsam kam dieser ihm gerade entgegen am Ufer heraufgeschlendert und schien nur dann und wann einmal die Boote mit einem mißtrauischen Blick zu betrachten.
»Ei, ei, O'Toole«, rief warnend der Yankee, – »juckt Euch das Fell schon wieder und tragt Ihr so absonderliches Verlangen nach kaltem Flußwasser, daß Ihr Euch, alle Vorsicht vergessend, in die Nähe von Leuten wagt, die erst vor ganz kurzer Zeit ein Todesurteil über Euch gefällt hatten? Ich könnte zum zweiten Mal nicht stark genug sein, Euch ihrem Griff zu entreißen.«
»Hol sie der Böse!« murmelte der Ire, der bei der ersten Anrede, ehe er recht unterscheiden konnte, wer zu ihm sprach, schnell nach der Seite gegriffen hatte, wo er wahrscheinlich eine Waffe verborgen hielt. Durch den Anblick des Wirtes beruhigt, fuhr er, immer noch mit verbissenem Ingrimm, fort: »Eine Bande ist's, – eine raubgierige, schurkische Bande von lauter Schuften, die aneinander hängen wie die Kletten. – Smart, – Ihr mögt mir's nun glauben oder nicht, aber St. Patrick soll mich in meiner letzten Stunde verlassen, wenn ich nicht fürchte, hinter den Burschen steckt etwas Schlimmeres, als wir jetzt noch vermuten.«
»Hinter den Bootsleuten?« lächelte der Wirt verächtlich. »Da tut Ihr ihnen wahrlich zu viel Ehre an. – Wildes, rohes Volk ist es, das gedanken- und sittenlos in den Tag hineinlebt und, wie die Matrosen, jeden Dollar verspielt und vertrinkt, den es sich vorher mit saurem Schweiß verdienen mußte.«
»Das ist's nicht allein«, sagte der Ire kopfschüttelnd; – »das ist's bei Gott nicht allein! Die Kerle halten zusammen wie ein Sack voll Nägel und haben auch Zeichen untereinander, darauf wollte ich meinen Hals verwetten. Sobald der eine Halunke pfiff – ich habe mir übrigens den Pfiff gemerkt –, stürmten sie alle miteinander auf mich los wie eine Meute Bracken, wenn sie das Horn hören. Aber wartet – wartet, Kanaillen; ich komme euch noch auf die Spur, darauf könnt ihr euch verlassen, und nachher sei euch Gott gnädig!«
»Dort unten stößt ein Boot ab«, sagte Smart und zeigte den Fluß hinab, wo gerade unter den Flatbooten ein kleines scharfgebautes und jollenartiges Fahrzeug vorschoß, zuerst eine Strecke in den Strom hinein hielt und dann stromab, aber immer noch mit beiden Rudern arbeitend, seine Bahn verfolgte. Ein einzelner Mann saß darin; wer es aber war, konnten sie nicht erkennen.
»Nun, wo will denn der hin?« fragte der Ire und nahm den Hut ab, um sich nicht den Blick durch die Krempe zu verstellen.
»Es wird irgendein Flatbooter sein, der hier wie gewöhnlich seine paar Dollar verspielt hat und nun in aller Eile hinter seinem indessen vorausgegangenen Boot herrudern muß.«
»Dann kommt dort noch die ganze übrige Mannschaft«, sagte der Ire, und zugleich glitt ein großes Segelboot in den Strom, das aber nicht dieselbe Richtung wie die kleine Jolle nahm, sondern den Bug etwas stromauf scharf in den Fluß hinein hielt, als wenn sie die Landung am andern Ufer so hoch wie möglich machen wollten.
»Weathelhope drüben bekommt heute Besuch«, sagte Smart; – »wird sich unmenschlich freuen.«
»Sollten die bei Weathelhope einkehren?«
»Wenn nicht, so haben sie noch wenigstens fünf Meilen heute abend zu marschieren, ehe sie ein anderes Haus erreichen können, und fünf Meilen bei Nacht und Nebel durch den Sumpf zurückzulegen, dafür dankte ich. Lieber bliebe ich die Nacht dicht am Ufer des Stromes; da ließen die Moskitos doch wenigstens noch etwas von mir übrig; in dem Swamp aber drin fräßen sie, glaube ich, einen Menschen bis auf die Knochen auf.«
»Es wäre bei Gott kein Verlust, wenn das den Kanaillen heute passierte«, brummte der Ire. – »Doch, gute Nacht, Smart; es wird spät, ich will mich schlafen legen. Von heute an bin ich übrigens Euer Schuldner, denn ohne Euch läge ich jetzt tief unten in der schmutzigen Flut. – Gebe Gott, daß ich Euch das einmal vergelten kann!«
»Ei, O'Toole«, sagte der Wirt lachend, während er ihm die Hand reichte, – »das war bloß Eigennutz von mir; ich hätte ja sonst einen meiner besten Gäste verloren. – Doch – ohne Spaß –, nehmt Euch vor dem rohen Volk künftig lieber ein wenig mehr in acht. – Es hat niemand Ehre davon, sich mit ihnen einzulassen.«
Die Männer schritten langsam zu ihren Wohnungen in die Stadt zurück. Nur O'Toole blieb noch mehrere Male stehen und lauschte aufmerksam nach den Ruderschlägen des Bootes hinüber, die in immer weiterer und weiterer Ferne verklangen, bis sie endlich ganz plötzlich aufhörten oder ein veränderter Windzug den Laut nicht mehr zum westlichen Ufer trug. Der Ire horchte noch eine Weile und murmelte dann ärgerlich vor sich hin: »Hol sie der Teufel! – Jetzt läßt sich doch nichts mit ihnen anfangen. Aber wartet, – morgen will ich einmal hinüberfahren nach Weathelhope, und dann müßte es ja mit dem Henker zugehen, wenn man nicht auf die Fährte der Schufte kommen könnte.«
Das Boot strebte übrigens keineswegs, wie der Ire vermutet und es, von Helena aus gesehen, den Anschein hatte, dem andern Ufer zu; es hielt nur in gerader Richtung durch den Strom, bis etwa fünfhundert Schritt von seinem scheinbaren Ziel.
»Stop here!« sagte da plötzlich eine rauhe, tiefe Stimme, die vom Heck des Fahrzeugs kam, und die vier Bootsleute hoben gleichzeitig ihre Ruder hoch aus dem Wasser, daß die daranhängenden, glänzenden Tropfen bis zu dem Bootsrande zurückliefen und hier die Ruderlöcher näßten. Es war der Steuermann, der den Befehl gegeben hatte, ein alter Bekannter von uns, der Narbige, der in Helena dem armen Iren bald so gefährlich geworden wäre. Auch die neun Männer an Bord, vier an den Rudern und fünf behaglich zwischen diesen ausgestreckt, bildeten die Mehrzahl derer, die an dem Uferkampf gegen den einzelnen einen so ungerechten Anteil genommen hatten.
Das Boot trieb nicht mehr so schnell durch die Flut, blieb aber noch hinlänglich im Gange, um von dem Steuer stromab regiert zu werden.
»Ich wäre lieber noch ein wenig weiter hinübergefahren«, sagte der eine jetzt, während er den Kopf hob und nach dem noch ziemlich fernen Ufer hinüberschaute.
»Und wozu?« fragte der mit der Narbe. – »Erstlich liefen wir Gefahr, auf den Sand zu rennen, und dann möchten sie auch oben in dem Haus auf uns aufmerksam werden, und das ist beides nicht nötig.«
»Lassen wir die runde Weideninsel links oder rechts liegen?«
»Links.«
»Das ist ja wohl auch das tiefste Wasser?«
»Deshalb nicht, unser kleines Känguruh würde schon über die flachen Stellen fortspringen. So arg ist es übrigens auch gar nicht, wir haben an beiden Seiten der Insel bei jetzigem Wasserstand und an den seichtesten Stellen sechs Fuß und brauchen höchstens anderthalb.«
»Nun, mir recht. – Ich weiß mit dem Fluß nicht Bescheid, aber – wie lange fahren wir denn wohl bis hinunter?«
»Es mögen etwa vierzehn Meilen von Helena sein«, meinte der Narbige. »Eine Meile weiter unten fangen wir wieder an zu rudern, gehen über den Fluß zurück und müssen den Landungsplatz in höchstens anderthalb Stunden erreichen, vielleicht noch eher. Jetzt seid aber ruhig; hier am Ufer stehen einige Häuser, und je weniger Geräusch wir machen, desto besser ist's.«
Das scharfgebaute Fahrzeug trieb noch eine lange Strecke still und schweigend stromab; dann aber ließen die Männer auf ein Zeichen des Führers die bis dahin noch immer emporgehaltenen Ruder von neuem ins Wasser, der Bug kehrte sich wieder dem westlichen Ufer zu, und hin über die Flut schoß nun das Känguruh, daß die kleinen Kräuselwellen vorn hoch emporspritzten und dann in langen wogenden Kreisen seitab strömten.
Die einzelnen Lichter am Ufer blieben weit, weit zurück. Jetzt näherte sich das Boot, der stärkeren Strömung treubleibend, mehr und mehr dem Ufer, ja, glitt so nahe an dem düsteren Urwald hin, daß die funkelnden Glühwürmer sichtbar wurden und der klagende Ton der Nachtvögel zu ihnen herüberschallte.
Hier lag eine Ansiedlung, und um diese jetzt so geräuschlos wie möglich zu passieren, waren die Ruder umwickelt worden; kein Laut wurde gesprochen, und so dicht am Lande glitt das Boot vorüber, daß sie oft die Wipfel der durch Abbrechen des Ufers hineingestürzten Stämme berühren konnten. Da blieb eines der Ruder in einem vorragenden Aste hängen und fiel dem, der es hielt, aus der rasch nachgreifenden Hand. Der Steuermann drückte jedoch das Hinterteil des Bootes schnell dem forttreibenden Holze zu und ergriff es eben noch zur rechten Zeit, konnte jedoch nicht verhindern, daß ein paar der Ruder gegen Bord schlugen und dadurch auf dem stillen Wasser ein unüberhörbares Geräusch verursachten.
Sie befanden sich jetzt gerade unterhalb des einen Hauses. Die Hunde schlugen dort an und liefen dem steilen Uferrande zu, von dem aus sie das vorbeischlüpfende Boot deutlich erkennen konnten.
»Hallo, the boat!« rief eine laute Stimme, die aus der kleinen Lichtung heraustönte. Gleich darauf sprang ein Mann in Hemdsärmeln auf einen halb über die steile Uferbank hinausragenden Sykomorestamm und schwenkte zum Zeichen, daß er mit den Vorbeirudernden reden wolle, ein helles Tuch. Daß sie gesehen waren, ließ sich nicht mehr verkennen, der Steuermann gab auch ohne Zeitverlust und mit ruhiger Stimme sein: »Was soll's?« zurück und ließ dabei den Bug herumschneiden, daß er gegen die Strömung stand. Dabei rief er dem im Vorderteil Sitzenden zu, er solle einen Ast packen und festhalten, bis er mit dem Manne gesprochen hätte.
»Aber zum Teufel, Ned«, flüsterte der Vordermann ängstlich, – »bist du denn gescheit? Du willst es denen am Lande wohl ganz ins Maul –«
»Stille, sage ich«, unterbrach ihn der Steuermann, »laßt mich nur machen! – Wir dürfen keinen Verdacht erregen.«
»Wohin geht das Boot?« rief abermals die Stimme vom Ufer aus.
»Stromab, bis Montgomerys Point.«
»Noch Platz an Bord?«
Der Steuermann zögerte mit der Antwort – »Was zum Teufel mögen sie wollen?« – flüsterte er vor sich hin.
»Noch Platz an Bord für einen Passagier?« wiederholte der erste. »Alle Wetter, – da gibt's was zu angeln!« kicherte der eine der Ruderer. »Sag ja, Ned, – um Gottes willen, sag ja; der Mann hat sicherlich einen vortrefflichen Koffer, den er los sein möchte.«
»Nein!« rief der Steuermann, ohne die Einflüsterungen weiter einer Silbe zu würdigen. »Wir haben schon zu viel hier. Wenn uns ein Dampfboot begegnet, könnte uns ein Unglück zustoßen.« Und ohne eine nochmalige Frage, die durch das Schäumen des Wassers in der neben ihnen angeschwemmten Eiche ohnedies übertäubt wurde, zu beachten, gab er laut den Befehl, vorn loszulassen. – Der Bug fiel gleich darauf wieder ab, und mit dem Worte ›Ruder ein‹ erneute das Känguruh seine so plötzlich und unerwartet unterbrochene Bahn.
»Was in Beelzebubs Namen ist dir denn heute abend in den Kopf gefahren?« zürnte der frühere Sprecher, indem er sich unwillig gegen den Steuernden wandte. »Schickst die Leute selbst zurück, die uns ihre guten Sachen bringen wollen, und betrügst uns förmlich um unseren Gewinn? – Der Kapitän wird schön schimpfen, wenn er's erfährt.«
»Halt' dein ungewaschenes Maul!« knurrte der Narbige.
»Redst, wie du es verstehst. – Wir haben heute genug Unsinn in Helena getrieben; ich sollte denken, wir ließen es dabei bewenden. Wolltest du eines einzigen erbärmlichen Koffers wegen Gefahr laufen, unsern Schlupfwinkel aufgestört zu wissen – he? Willst du hier gleich, uns ganz dicht auf dem Kragen, einen Verdacht erregen, der uns die benachbarten Konstabler in ein paar Wochen auf den Hals hetzen würde? Nein, es war töricht genug, daß wir heute den Streit anfingen, zu dem du ebenfalls wieder den Anlaß gegeben hast. Dabei mag's heute sein Bewenden haben. Fatal ist mir's übrigens, daß uns der Laffe am Ufer gesehen hat. Nun, er weiß doch wenigstens nicht, wohin wir gehören. Aber jetzt greift aus, meine Burschen; denn der Kapitän wird uns erwarten. Ich bin überdies neugierig, was unser nächster Zug sein mag; heute nacht bestimmt er's vielleicht.«
Das Boot flog nun, von den elastischen Rudern getrieben, pfeilschnell über die glatte Stromfläche hin, und nicht lange mehr währte es, bis sich eine dunkle, hoch mit stattlichen Bäumen bewachsene Insel von dem düsteren Hintergrunde klar absonderte, während sie die Männer als das Ziel ihrer nächtlichen Fahrt begrüßten.
Diese Insel, die wie alle übrigen im Mississippi mit Schilf, Weiden und hohen Baumwollholzbäumen am Rande bewachsen war, glich ganz den Schwestern und zeichnete sich auch durch kein besonderes Merkmal weiter aus. Ihre Nummer2, unter der sie die Bootsleute kannten und mit der sie in den Flußkarten verzeichnet stand, war Einundsechzig. Wie die meisten jener kleinen Landstrecken lag sie mitten im Fluß und wurde in letzter Zeit nie mehr von den herabkommenden Booten besucht, da ein Wirbelsturm, wie es heißt, den größten Teil derselben verwüstet habe.
Wirklich starrten auch, und zwar besonders an den Stellen, an denen ein großes Boot bequem hätte landen können, eine solche Menge von weitästigen, knorrigen Baumwipfeln überall empor, daß ein Hinankommen zum Ufer unmöglich wesen wäre. Nur ein Platz, und zwar an der linken Seite der Insel, lag offen und frei da und schien auch in früherer Zeit begangen gewesen. Jetzt aber umgaben ihn einige Snags und Sawyers3, die aus der rasch daran vorbeischießenden Flut hervorschauten, und der Flatbooter, der vor einbrechendem Abend vielleicht gehofft hatte, hier sein Boot zu befestigen, griff mit schnellem, ängstlichem Eifer zu den langen Finnen und trieb in fast verzweifelter Kraftanstrengung das unbehilfliche Boot fort von dem Platz, der ihm Verderben bringen mußte.
Der Steuermann, der an dem langmächtigen Ruder lehnte, das weit hinter dem Boot aus dem Wasser stand, fluchte dann wohl, daß der Staat nicht mehr Fleiß darauf verwende, den Strom von solch gefahrlichen Gesellen zu räumen. Er schwur sich auch vielleicht heimlich, künftig in dem in seinem ›Navigator‹ angegebenen Fahrwasser zu bleiben, das ihn auf die andere Seite der Insel verwies, und entging dadurch unbewußt einer Gefahr, die ihm wie seinem Boot weit verderblicher geworden wäre als alle Snags und Sawyers des Mississippi zusammen. Aus den dichtverworrenen Dickichten des Inselufers aber schauten ihm dann ein Paar höhnisch lachende Augen nach, und eine rauhe Stimme brummte heimlich in den Bart: »Sei froh, Bursche, daß du dich hast warnen lassen, das Land hier zu betreten, du hättest sonst eine ruhigere und längere Nacht gehabt, als du es dir wohl je im Leben träumen ließest.«
Daß jene Snags und Sawyers keineswegs wirklich vom Strom angewaschene Stämme, sondern nur auf künstliche Weise durch Anker und versteckte Bojen hergestellte Blendwerke seien, dachte natürlich niemand. Aus der Ferne sahen sie auch täuschend genug aus, und nur ganz in der Nähe und nach genauer Untersuchung hätte man dem Geheimnis auf die Spur kommen können. Wer von den Schiffern würde aber seine Zeit daran verschwendet haben? Das starre, aus dem Wasser aufragende Holz war ihnen genug, und so weit wie möglich beschrieben sie den Kreis, der sie aus der Nähe solcher ›Bootsvernichter‹ bringen sollte.
Die ziemlich nahe zum linken Ufer gelegene Insel war drei englische Meilen lang, oben recht breit und auf dieser Seite von einer Menge angeschwemmter Stämme förmlich eingezäunt, und lief am unteren Teile spitz zu. Dort hatte sich aber eine ziemlich bedeutende, wohl eine volle Meile stromabgehende Sandbank gebildet, die unter dem Wasser hin zu einem eine halbe Meile tiefer gelegenen Eiland führte. Im ganzen wurde dieses noch mit zu Einundsechzig gezählt, da das Wasser zwischen beiden zu seicht war, um größeren Flatbooten eine Durchfahrt zu gestatten, in Wirklichkeit war es aber von der oberen größeren Insel, selbst beim niedrigsten Wasserstande, vollkommen getrennt und wurde, wenn im Juli das Schneewasser aus den Felsengebirgen herabkamen, oft gänzlich von diesen bedeckt. Die Insulaner nannten das kleine Eiland übrigens, da sie es für den Fall einer Entdeckung als letzte Zuflucht betrachteten, die ›Notröhre‹.
Noch besseren Schutz genoß Nr. Einundsechzig von der West- oder der rechten Seite des Flusses. Hier umgab sie zuerst eine ziemlich hohe Sandbank, die etwa zweihunde Schritte vom Hauptufer der Insel wiederum in einen schmalen, mit Weiden und Baumwollholzsprößlingen dichtbewachsenen Landstreifen auslief. Dieser zog sich fast parallel und in gleicher Länge mit der Insel hin, wurde aber auch seinerseits wieder am rechten Ufer durch eine jedoch nur wenige Klafter breite Sandfläche geschützt.
Demnach konnte man sich dieser Insel nur von der linken oder Ostseite nähern, wo ihr nächstes Ufer der Staat Mississippi war, und hier hielten die getroffenen Vorkehrungen sicherlich jeden vom Landen ab, der dazu früher Lust gehabt haben mochte. Die eigentliche Strömung und das Fahrwasser des Mississippi lag denn auch ganz auf der rechten Seite der Insel, und die Entfernung zwischen jenem schmalen Zwischenstreifen und Arkansas betrug eine englische Meile, der Raum zwischen Einundsechzig und dem Staat Mississippi aber kaum die Hälfte dieser Entfernung.
An den beiden der Insel gegenüberliegenden Ufern standen nun allerdings ein paar niedere Blockhäuser, wie sie die Holzschläger am Mississippi gewöhnlich aufrichten, um die geschlagenen Klaftern an die vorbeifahrenden Dampfschiffe zu verkaufen. Sie waren aber nur selten bewohnt und auch wirklich fast unbewohnbar geworden. Das in Arkansas stehende hatte nicht einmal mehr ein Dach und drohte dem nächsten Sturmwind nachzugeben, der es unfehlbar in den Strom hinabstürzen mußte. Etwas besser erhalten zeigte sich die Wohnung auf der Mississippi-Seite, jedoch glich sie ebenfalls viel eher einem Stall als einem menschlichen Aufenthalt. Zahlreiche Pferdespuren gaben auch Zeugnis, daß sie hierzu oft genug benutzt worden war, und mehrere vielbegangene Pfade führten östlich auf einen Sumpf zu, in dessen schlammigem, fast zehn Monate im Jahre unter Wasser stehendem Boden sie sich verloren.
Wer nun trotz all der getroffenen Vorsichtsmaßregeln zufällig an der Insel gelandet und nicht gleich auf den einzigen gangbaren Pfad gekommen wäre, der hätte seine Bahn mehrere hundert Schritt weit durch den fürchterlichsten Schilfbruch hin suchen müssen, der nur je eine Insel oder ein Festland bedeckte. Dazwischen lagen dann nicht gefällte, sondern mit der Wurzel dem Boden entrissene Stämme so wild und toll durcheinander, daß niemand auch nur hoffen konnte, dieses Pflanzengewirr zu durchdringen, wenn er sich nicht mit Messer und Axt erst Bahn in das Herz der Waldung hieb. Da aber durch solch entsetzliche Arbeit nicht der mindeste Vorteil zu hoffen war, so fiel es natürlich auch gar niemandem ein, Zeit und Mühe daran zu verschwenden. Wer wirklich einmal aus Neugierde oder Langeweile begonnen hätte, einen solchen Weg anzutreten, wäre gar bald bei einem Geschäft ermüdet, das ihm weiter nichts zu vesprechen schien als zerrissene Kleider und Blasen in den Händen.
Dennoch lag hier – so tief versteckt und schlau angelegt, daß sie selbst den scharfen Augen der Jäger entging – eine ganze Ansiedlung verborgen, die aus neun kleinen Blockhütten, einem ziemlich geräumigen Warenhause und fünf dicht aneinandergebauten und verbundenen Pferdeställen bestand. Das Ganze bildete eine Art Hofraum und war nach Art der indianischen Forts so gebaut, daß es gegen einen plötzlichen Angriff, selbst einer Übermacht, recht wohl verteidigt werden konnte. Das Warenhaus und eine der kleinen Blockhütten dicht daran standen in der Mitte, und ringsherum bildeten auf der Ostseite, nach dem Mississippi-Staat zu, die Ställe eine feste, undurchdringliche, aber wohl mit Schießscharten versehene Wand, während auf der westlichen, minder bedrohten Seite nur hohe und doppelte Zäune die einzeln stehenden Gebäude miteinander verbanden. Als besonderen Schutz betrachteten aber die Insulaner eine lange Drehbasse aus Messing, die oben auf dem platten Dache des Warenhauses angebracht war und mit der sie, als letztes Rettungsmittel, Tod und Verderben auf ihre etwaigen Angreifer hinabschleudern konnten.
Der Raum vor dem Warenhaus und der kleinen Blockhütte, in welchem der Kapitän mit seiner Frau wohnte, war frei und jetzt in der Sommerzeit mit großen, buntgestreiften Sonnenzelten bespannt. In den übrigen Häusern aber wohnten – das obere, breit und geräumig gebaute ausgenommen, das zu einer gemeinschaftlichen Junggesellenwirtschaft bestimmt blieb – die ›verheirateten Glieder der Gesellschaft‹. Dieses ›Junggesellenhaus‹, oder ›Bachelors' Hall‹, wie es gewöhnlich genannt wurde, diente denn auch als gemeinsamer Versammlungsort. Nur bei geheimen Beratungen kamen die Führer der Schar in einem kleinen, zu diesem Zweck eingerichteten Kämmerchen des Warenhauses zusammen, um dann erst die gefaßten Beschlüsse später in Bachelors' Hall zur Abstimmung zu bringen.
Der Kapitän übte jedoch eine eigene, fast unbegreifliche Gewalt über diese wilden, gesetzlosen Menschen aus, die sonst nichts auf Erden anerkannten als ihre eigenen Gesetze. Er hatte freilich auch verstanden, sich auf die einzig mögliche Art Achtung zu verschaffen, und zwar durch das Übergewicht seines Geistes, wie auch durch mehrfach bewiesenen persönlichen Mut, der wirklich an Tollkühnheit grenzte. Sie fürchteten ihn deshalb fast so sehr, wie sie ihn ehrten, und Kapitän Kelly war ein Name, der nie in Scherz oder Spott genannt werden durfte.
Nur zwei begangene Wege führten zu diesem durch ein scheinbar natürliches Bollwerk beschützten Zufluchtsorte von Verbrechern. Der eine lief vom Ufer aus, und zwar dicht unter den schon erwähnten künstlichen Snags, zuerst gerade der Mitte der Insel zu, und bog dann, ziemlich betreten, ein klein wenig links ab. Der war aber nur dazu bestimmt, um selbst dann noch den Eindringling irrezuführen, wenn er den Pfad selbst entdeckt hätte; denn er brachte ihn in einen kleinen Sumpf, in dem er unfehlbar versinken mußte, wenn er sich nicht rechtzeitig wieder zurückzog. Der wirkliche Weg dagegen lief, durch darübergeworfene Äste verdeckt, fast in einem rechten Winkel rechts ab und traf das ›Fort‹ gerade unter dem fünften Stall. Eine andere rein gehaltene und ordentlich ausgehauene Straße lief von der Südostseite des Forts an der rechten oder Ostseite des Sumpfes hin und gerade der Südspitze der Insel zu, wo er zu den hier sorgfältig versteckten und für den letzten Notfall aufbewahrten Booten führte. Doch war von hier aus kein Angriff auf das Fort zu fürchten, da ein einziger richtig gefällter Baum jede Bahn vernichtet hätte. Eine Verteidigung des Forts konnte überhaupt nur als verzweifeltes Mittel betrachtet werden, um genügend Zeit zu gewinnen, die Boote zu erreichen. Der Haupt- und alleinige Schutz der Gesellschaft blieb das Geheimnis, in das ihre ganze Existenz gehüllt war, und das zu bewahren mußte auch vor allem übrigen ihr wichtigstes Streben sein.
Fürchterliche Eide verbanden die Genossen, und so weit verzweigt und so innig miteinander verkettet waren die einzelnen Glieder, daß der, der den Bund wirklich hätte verraten wollen, nie wußte, ob der, dem er vertraute – und wenn er Richter oder Rechtsgelehrter war –, nicht selbst mit zur Verbrüderung gehörte und ihn, den Verräter, seiner Strafe überantwortet hätte. Dabei bot die Insel stets dem von den Gerichten Verfolgten einen sicheren Zufluchtsort, und war er einmal dort, blieb jedes Nachforschen der Konstabler vergebens. Es hieß dann gewöhnlich, der Flüchtling sei nach Texas entkommen, während er noch sicher und ruhig innerhalb der Vereinigten Staaten saß. Aber auch ein Preis war klugerweise von dem Oberhaupt dieser Schar dem bewilligt worden, der den Verrat eines Mitgliedes verhinderte und den Täter erschlug. Der Wachsame bekam tausend Dollar in barem Silber ausgezahlt, und eine so bedeutende Prämie blieb an und für sich schon lockend genug, die Aufmerksamkeit der im Lande Verteilten rege zu erhalten, hätte es nicht fast noch mehr die eigene Sicherheit getan.
Der erste Sonnabend jedes Monats war zum Versammlungstag bestimmt, und Kapitän Kelly führte dabei den Vorsitz. Mit dem festen Lande von Arkansas standen sie in geringer, mit Mississippi dagegen in sehr starker Verbindung. Ein Posten, der wie ein Matrose im Mastkorb in den Wipfeln des höchsten Baumes seinen Platz hatte, konnte von dort aus beide Ufer erkennen und wurde dort gehalten, um etwaige Signale zu beobachten oder bedrängten Kameraden, die wohl das Ufer, aber nicht die Insel erreichen konnten, zu Hilfe zu eilen. Zu diesem Zwecke lag auch ein vierrudriges Boot gleich über der Sandbank und an der Nordwestecke der Insel stets zum Auslaufen bereit. Der Pfad aber, der zu diesem führte, konnte nur von genau Eingeweihten gefunden werden; doch lag das Fahrzeug selbst hier ziemlich offen, da das seichte Wasser größere Boote stets eine bedeutende Strecke davon entfernt hielt und deshalb keine Entdeckung zu fürchten war.
Doch genug über die innere Einrichtung eines Raumes, den wir im Laufe der Erzählung überdies noch näher kennenlernen werden. Wir müssen jetzt auch die Bewohner dieser Verbrecher-Republik kennenlernen.
2 Die zahlreichen Inseln des Mississippi würden eine besondere Benennung jeder einzelnen sehr erschweren und den Bootsmann verwirren; sie sind deshalb von den Quellen dieses gewaltigen Stromes an bis zur Mündung des Ohio und von da an wieder bis nach New Orleans numeriert, und nur wenige haben noch, wenn sie sich durch irgend etwas ausgezeichnet oder kenntlich gemacht hatten, besondere Namen erhalten. Von der Mündung des Ohio bis New Orleans (etwa tausend englische Meilen) zählt der Mississippi hundertfünfundzwanzig Inseln.
3 Snags und Sawyers werden die im Grunde der Flüsse festgeschwemmten Baumstämme genannt, die noch über die Oberfläche des Wassers hervorragen; oder, was noch gefährlicher für die Flußleute ist, dicht darunter liegen und ihr Dasein oft nicht einmal durch deutliche Bewegung des Wassers kundgeben. Die Snags, von denen die größeren Äste oder ganze Stämme Planter genannt werden, sitzen fest und unbeweglich, die Sawyers hingegen tauchen in schneller Strömung fortwährend auf und nieder.
Kapitel 6
Inhaltsverzeichnis
In ›Bachelors' Hall‹ ging es gar munter und lebhaft zu. – Um ein großes Feuer, das in dem breitmächtigen Kamin loderte, streckten und dehnten sich etwa ein Dutzend kräftiger Gestalten, und die dampfenden Blechbecher, die sie entweder in Händen hielten oder neben sich stehen hatten, kündeten deutlich genug, wie sie den verflossenen Teil der Nacht verbracht hatten. Ihre Tracht war die gewöhnliche der Bootsleute am Mississippi. Waffen trugen sie keine, wenigstens nicht sichtbar. An den Wänden aber hingen neben den langen amerikanischen Büchsen kurze deutsche Stutzen, französische Schrotgewehre, Pistolen, Bowiemesser, spanische Dolche, Harpunen, Beile und Äxte im Überfluß, und aufgeschlungene Hängematten bewiesen, wie die Insassen dieser modernen Räuberburg sogar einen Teil des früheren Schiffslebens hier fortsetzten und, wenn auch auf festem Lande, dennoch den alten Gewohnheiten nicht ganz entsagen wollten.
Rohe Zech- und Liebeslieder ertönten, doch immer nur mit halblauter Stimme, von den Lippen der meisten, und während einige sich noch außerdem damit beschäftigten, große Stücke Hirsch- und Truthahnfleisch an der Kaminglut zu schmoren, waren andere emsig bemüht, mit Hacken und Zehen den Takt zu den schnellen Tänzen zu schlagen, die ein breitschultriger Neger mit ziemlich geübter Hand einer kreischenden, doch gedämpften Violine entlockte.
Da öffnete sich die Tür.
Eine hohe, kräftige Gestalt, den breitrandigen schwarzen Filzhut tief in die Augen gedrückt, den schlanken Körper mit einer langen Lotsenjacke und weiten Matrosenhosen bekleidet, trat in den Raum und überflog mit prüfendem Blick die Versammelten. Es war Richard Kelly, der Kapitän der Schar, und so wild und trotzig diese dem Gesetz verfemten Männer auch wohl sonst dreinschauen mochten, so hörten sie doch in einem gewissen Grade von Ehrerbietung, vielleicht aus Furcht oder wenigstens Scheu, augenblicklich zu tanzen auf, als sie den Führer erkannten, und sie murrten auch nicht, als er nur mit leichtem Kopfnicken ihren laut gerufenen Gruß erwiderte. Schweigend beobachteten sie, wie er zum Kamin ging und dort erst einige Minuten lang in die knisternde Glut schaute, dann aber, die Hände auf den Rücken gelegt, mit schnellen Schritten auf- und abwanderte. »Ist das Boot von Helena noch nicht zurück?« fragte er endlich einen der Seinen, der gerade in der Tür erschien.
»Noch nicht, Sir«, erwiderte der Mann, »aber ich glaube, ich habe die Ruder gehört, als ich eben an den Snags stand und nach ihnen ausschaute. Ich wollte nur fragen, ob vielleicht etwas nach Mississippi hinüber zu besorgen ist, ehe wir das Boot wieder unten in Sicherheit bringen.«
»Das Boot mag gleich über den Snags unter dem Platanenwipfel liegenbleiben«, sagte Kelly und warf sich auf einen Stuhl, den man für ihn zum Kamin gerückt hatte. »Die Pferde müssen noch heute Nacht von Arkansas kommen, denn Jones hat es uns fest versprochen, und nachher dürfen wir sie keinen Augenblick hier behalten. Drei von euch sollen sie sofort nach Vicksburg schaffen. Das übrige werdet ihr dort vom Konstabler Brooks erfahren.«
»'s ist doch putzig«, lachte der eine der Männer, »wie wir die wohllöblichen Gerichtsbarkeiten an der Nase herumführen. Kaum eine Stadt gibt es hier im ganzen Westen, wo nicht entweder Konstabler oder Gefängniswärter, Advokaten oder selbst Postmeister und Friedensrichter unsere Verbündeten und Kameraden sind. Einen Mann in Mississippi oder Arkansas für ein begangenes Verbrechen ins Zuchthaus zu stecken, ist, wenn er zu uns gehört, geradesogut, als ob man ihn begnadigte. Denkt Euch nur, Kapitän, vor acht Tagen haben sie in Sinkville drüben den Tobi, den Einäugigen, sogar zum Staatsanwalt gemacht. Wenn ich nur einmal eine seiner Reden hören könnte!«
Des Kapitäns Züge überflog ein leichtes Lächeln; dann aber wandte er sich plötzlich an den Sprecher und sagte: »Kommt, Blackfoot, ich habe etwas mit Euch zu bereden.« Und ohne eine Antwort abzuwarten, schritt er rasch voran, dem freien, jetzt vom Mondlicht beschienenen Raume zu, der sich zwischen den Gebäuden ausdehnte und nur von wenigen niederen Bäumen beschattet wurde.
»Ja, Blackfoot«, sagte Kelly und blieb hier stehen, »unsere Geschäfte gehen gut, aber wir sind noch nicht genug auf einen letzten Fall vorbereitet. Zu viele kennen unser Geheimnis, und wenn auch Verrat schwierig und gefährlich sein mag, so ist er doch nicht unmöglich.«
»Ei, zum Henker, was wollen sie uns denn eigentlich anhaben?« hohnlachte der andere. – »Und wenn sie wirklich das ganze Nest entdeckt hätten, den möchte ich sehen, der uns lebendig finge.«
»Ist das alles, was uns bedroht?« fragte der Führer. – »Und wäre das nicht etwa schon Verlust genug? – Ja, ein unersetzlicher Verlust, wenn wir unseres Schlupfwinkels und mit ihm eines Zufluchtsortes beraubt würden, wie ihn die Vereinigten Staaten gar nicht wieder aufweisen können. Das träfe uns schlimmer als Gefangenschaft. Der könnte man sich allenfalls wieder entziehen, aber nie aufs neue die Blicke der Nachbarn von dieser Insel ablenken, wenn sie einmal erst mit dem Innern derselben vertraut geworden wären. Doch wie dem auch sei, es ist unsere Pflicht, den schlimmsten Fall im voraus zu bedenken und jede Vorkehrung zu treffen, die von uns getroffen werden kann.«
»Nun, haben wir nicht die Boote, – nicht die kleine Insel dort unten, – nicht die Hütte im Sumpf drüben, wohin uns sogar niemand folgen kann, wenn er nicht den ganz genauen und fast stets unter Wasser stehenden Pfad kennt?«
»Und dennoch genügt das alles noch nicht«, sagte Kelly, nahm bei diesen Worten den großen, breitrandigen Hut ab und fuhr sich mit den Fingern durch das lange, vom Nachttau feuchte Haar.
Er war eine stattliche Gestalt, dieser Kapitän der Flußpiraten. Die dunklen Locken umflatterten ihm wild die fein und hoch geformte Stirn; die großen schwarzen Augen, jetzt noch von einem kühnen Gedanken belebt, blitzten hell und feurig, und die Oberlippe warf er in Trotz und Hohn empor, während er, fast mehr mit sich selbst redend, als zu dem Gefährten gewandt, nur halblaut vor sich hin murmelte: »Sie sollen die trüben Augen vor Verwunderung aufreißen, sie sollen starren und staunen, wenn sie uns einmal recht fest und sicher zu haben glauben, und nun – hahaha – ich sehe schon die dummen, verblüfften Gesichter – wie sie am Ufer stehen und uns nachstarren und dann alle nur möglichen und erdenklichen Schlußfolgerungen ziehen, wie es hätte werden können, wenn sie nicht ganz so albern und kurzsichtig wie jetzt oder doch überhaupt nur ein klein wenig anders, das heißt gescheiter gehandelt hätten.«
»Aber was für einen Plan habt Ihr? Darf man ihn nicht erfahren?« fragte Blackfoot, ein grobknochiger Kerl, der dem Führer treu ergeben war. »Ich kann mir gar nicht denken, was Euch auf einmal so merkwürdig im Kopfe herumgeht.«
»Was ich habe?« sagte er nach kurzer Pause. »Ihr sollt es wissen: Ich fange an, für unsere Sicherheit besorgt zu werden.«
»Was? – Ist ein Verräter unter uns? – Habt Ihr Verdacht, Kapitän? – Heraus damit! – Wer ist die Kanaille?«
»Nicht doch – nicht doch!« sagte Kelly und blickte lächelnd auf das wilde und doch jetzt so ängstlich zu ihm aufgehobene Antlitz. – »Die Gefahr ist vorüber, aber so gut, wie sie an einem Orte auftaucht, kann sie uns auch unter gleichen Umständen an einem andern bedrohen. Ihr wißt, das Rowson in seiner Todesangst unser Geheimnis enthüllen wollte. Ein Glück war es, daß teils die gänzliche Verdachtlosigkeit der Regulatoren, teils des Indianers Eile seinem Vorhaben entgegenarbeitete, aber – er hatte doch den Willen; es waren doch nur einzelne Umstände, die es verhinderten, daß er ihn auch ausführte. Hätte er es getan, unsere schöne Insel läge jetzt in Schutt und Asche, denn wenn wir selbst auch Zeit behalten hätten, unser eigenes Leben in Sicherheit zu bringen, so wäre das auch das einzige gewesen, was wir hätten retten können, und mit unseren Gütern sähen wir zugleich die Früchte dreijähriger harter Arbeit schwinden. Dem müssen wir begegnen; eine solche Gefahr darf uns nicht wieder bedrohen, ohne uns besser gerüstet zu finden.«
»Aber wie? – Was können wir tun?« fragte Blackfoot sinnend.
»Viel – sehr viel – alles, was in unseren Kräften steht. So dürfen wir von jetzt an das, was wir in New Orleans für errungene Beute lösen, nicht mehr hier heraufschaffen. Wir sammeln am Ende nur für das Pack, das unser Nest aufstöbert. – Wir haben Verbündete in Houston in Texas. Dorthin müssen wir alle erbeuteten Waren senden. – Trifft uns dann hier Verrat, gut, so haben wir nicht allein einen Ort, wo uns der Lohn unserer Arbeit erwartet, sondern auch ein Kapital, mit dem wir wieder neu beginnen können; unternehmende Köpfe finden stets Arbeit. Aber selbst das genügt noch nicht. Schneidet uns der Feind den südlichen Pfad zu den Booten ab oder entdeckt er sie gar, so ist unser Leben bedroht; denn wenn wir uns wirklich im Fort kurze Zeit halten könnten, so müssen wir dennoch bald einer größeren Macht unterliegen.«
»Ja, aber – was läßt sich dagegen tun?« brummte Blackfoot. »Die Geschichte spielt schließlich schon drei Jahre, und es ahnt doch noch keine Katze, weder in Arkansas noch Mississippi, welche Gesellschaft hier ihr freundliches Ruheplätzchen hat.«
»Daß es uns drei Jahre so ruhig hingegangen ist«, sagte der Führer ernst, »sollte uns gerade vorsichtig machen; wir haben die Beispiele an allen anderen Unternehmungen dieser Art erlebt. Außerdem hat unsere Gesellschaft im letzten Jahr eine Verbreitung erhalten, die es fast kaum möglich macht, daß sie noch lange geheim bleiben kann. Unsere Agenten leben in allen Flußstädten der Vereinigten Staaten, und wie viele werden darunter sein, die, wie eben jener Rowson, im äußersten Fall auch zum äußersten Mittel greifen und die eigene Haut zuerst in Sicherheit bringen würden! Dem wollen wir vorbeugen. Noch gibt es eine Art, auf die wir uns jeder etwaigen Verfolgung entziehen, ja sogar spotten können.«
»Und die wäre?« fragte Blackfoot halb ungläubig, halb gespannt.
»Ein Dampfboot«, flüsterte der Führer und beobachtete in den Zügen seines Vertrauten den Eindruck, den solch ein Vorschlag auf ihn machen würde.
»Ein Dampfboot?« wiederholte Blackfoot, von der Kühnheit des Gedankens überrascht. »Ha das wäre nicht so übel! Pulver und Schwefel, da könnte man ja den Mississippi hinauf und direkt in den Golf von Mexiko hineinzischen. Bei Gott, ein Dampfboot wollen wir haben, das ist ein kapitaler Einfall; aber sollen wir es kaufen? Oder auf andere Art an uns bringen? Und wenn wir es haben, wie wird es möglich sein, es stets in unserer Nähe zu halten, was doch mit dem Zwecke seiner Anschaffung unzertrennlich wäre? – Die Sache klingt vortrefflich, aber wenn man sie länger überlegt, weiß ich doch nicht, wie sie ins Werk gesetzt werden kann.«
»Und dennoch ist es möglich«, lachte Kelly. »Blackfoot, Ihr müßt der Kapitän des Dampfbootes werden, und wir machen ein Paketboot daraus, das zwischen Memphis und Napoleon4 laufen mag. Das gibt uns zugleich Gelegenheit, die Leute in Tätigkeit zu halten und mit den Orten, wo die Unseren wohnen, in genauerer Verbindung zu bleiben. Dann bringt es schon unsere Paket-Linie mit sich, daß wir hier fortwährend in der Nähe sind, ja wir können sogar mehrere Tage und Wochen lang vor Anker liegen bleiben, und die vorbeifahrenden Boote werden glauben, wir hätten die Passage an der linken Seite der Insel versuchen wollen und wären auf den Sand gelaufen. Die Bootsleute von Helena haben wohl ihr Fahrzeug gleich unter die Weiden geschafft?« unterbrach er sich plötzlich selbst.
»Ja, – Bolivar ist mit hinuntergegangen; – sie wollen die Fähre zurückbringen, um die Pferde zu transportieren.«
»Ich wollte, Peter würde ein wenig vorsichtiger«, sagte der Kapitän düster. »Er ist sonst brav und brauchbar, sollte aber doch bedenken, daß er sich durch seine Tollheiten selbst noch einmal um den Hals und uns andere in kaum geringere Verlegenheit bringen könnte.«
»Er denkt nicht gern nach«, lachte Blackfoot, »obgleich er Denkzeichen doch wahrhaftig schon genug bekommen hat; der letzte Hieb durchs Gesicht war nicht von Stroh. – Aber um wieder auf unser Dampfboot zu kommen, – wo kaufen wir das am besten, und wird es nicht überhaupt einen zu großen Riß in unsere Kasse machen?«
»In New Orleans, oder noch besser in Cincinnati, glaube ich. – Geld ist genug da«, erwiderte der Kapitän. – »Nach den Briefen bringt auch Teufels Bill, wie Ihr ihn immer nennt, ein reich beladenes Boot aus dem Wabasch heraus, auf dem sich besonders viel bares Geld befindet, und von Pittsburg, Cincinnati, Louisville, Shawneetown, Paduca, St. Louis und Memphis sind heute Briefe gekommen, die alle das baldige Eintreffen herrlicher Beute verkünden. Wir wollen jetzt den Wachtposten abends doppelt ausstellen, daß wir nicht einmal das Signal versäumen. Die Nächte sind kurz, und vor Tage müssen wir das erbeutete Boot stets am linken Ufer und unter den Weiden haben, sonst könnte doch einmal ein vorbeifahrender Flatbooter Verdacht schöpfen.«
»Und wer soll den Ankauf eines Dampfbootes besorgen?« fragte Blackfoot. »Wollt Ihr selbst stromauf gehen und es in einer der nördlichen Städte erhandeln, oder soll das einem unserer Kommissionäre überlassen bleiben?«
»Ich selbst würde gehen«, sagte Kelly, »wenn nicht gerade in diesem Augenblick wichtige Verhältnisse meine Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch nähmen. – Ich werde wahrscheinlich eine kleine Reise in das Innere des Landes machen müssen. Ist von Simrow noch immer keine Antwort eingetroffen?«
»Nein, – sonderbarerweise läßt er kein Wort von sich hören. In Georgia steckt er noch, soviel ich weiß, und das Zeichen, das er uns kürzlich zukommen ließ, lautet günstig, sonst aber kann niemand Auskunft über ihn geben.«
»In Georgia scheint er sehr tätig gewesen zu sein«, erwiderte Kelly. »Seit der Zeit muß er aber wohl glauben, er habe für sich allein gearbeitet und unsere Hilfe nur so lange benutzt, wie er sie brauchte. Aber dagegen gibt es Mittel. Wartet einmal! Unseren kleinen amerikanischen Advokaten Broom kennt er ja wohl noch gar nicht?«
»Nein, ich glaube nicht. – Er kam erst vier Wochen nachdem Broom uns verließ.«
»Gut, der soll hinübergehen; – er mag eines von den Pferden reiten und kann es dort verkaufen. Den Brief, den er mitnehmen wird, will ich Euch morgen einhändigen. Halt, daß ich's nicht vergesse, in den Sumpf müßt Ihr, ehe die Pferde abgehen, einen Boten schicken. Waterford hatte andere Arbeit und könnte sonst nicht daheim sein. Sind die Bretter an die Landung geschafft?«
»Wie Ihr es angabt, – es liegt alles bereit; – aber was ich Euch fragen wollte, wie ist es denn mit dem Verkauf des Grundstücks in Helena gegangen? Ist unser neugebackener Erbe akzeptiert worden?«
»Vortrefflich«, lächelte Kelly. »Wir können das Stück nächstens wiederholen; der Plan war herrlich; – er hat viel Geld eingebracht.«
»Und schöpft man keinen Verdacht? Sind die Leute wirklich freundlich genug zu glauben, daß Holk mit Mann und Maus versunken sei und seinen Tod unseren Sündenböcken, den Snags, zu danken habe?«
»Gewiß denken sie es«, sagte Kelly verächtlich. – »Das Volk drüben wollte ich glauben machen, der Himmel sei nur blau angestrichene Wachsleinwand und die Erde ein Futteral, um darin alte Gebeine aufzubewahren.«
»Hahaha« – lachte der Gauner – »ein göttlicher Spaß. Es soll mich auch wundern, wie wir die drei letzten Boote in New Orleans verkauft haben. – Wir hätten sie übrigens doch anmalen sollen; der Teufel könnte einmal sein Spiel dabei haben.«
»Ja, es soll auch künftig geschehen«, sagte Kelly nachdenklich, »Farbe habe ich schon gestern herüberschaffen lassen. Das nächste jedoch, was wir nehmen, mag, ist die Ladung wertvoll genug, ebenfalls nach New Orleans geschafft werden. – Hier ist die Adresse des Kaufmanns, der die Spedition der Güter besorgt.«
»Wer geht da von unseren Leuten mit?«
»Schickt, wen Ihr wollt, nur den Neger nicht, den können wir hier besser gebrauchen, und halt – noch eins, – in Helena ist gestern ein Mann angekommen, der nach Little Rock will, um das Land zu kaufen, was uns hier gerade gegenüber in Arkansas liegt. Er wird morgen früh von Helena aufbrechen und reitet einen Schimmel –«
»Ist er allein?«
»Nein, – der Mailrider ist bei ihm und wird das übrige besorgen. Bis Strongs Postoffice müssen die beiden aber zusammen reiten. – Der Fremde wird dort nicht übernachten, weil es ihm zu teuer ist; er will noch das drei Meilen von Strongs entfernte Haus erreichen. – Etwa zwei Meilen von Strongs auf der rechten Seite könnte er vielleicht ein Licht sehen. – Ihr versteht mich?«
»Schon gut; ich glaube nicht, daß wir auf dem Lande drüben belästigt werden. – Was soll aber mit dem Mädchen geschehen, das die Burschen gestern eingebracht haben. – Es ist wie von Sinnen. Ich glaube, das Ding ist verrückt geworden.«
»Die Pest! – Wer befahl Euch, die Dirne an Land zu nehmen?« rief Kelly, unwillig dabei mit dem Fuße stampfend. »Gab ich nicht dem Kentuckier ganz bestimmte Befehle, sie beiseite zu schaffen? Der Bursche wird mir zu eigenwillig; ich fürchte –«
»Ich traue ihm auch nicht recht!« flüsterte Blackfoot. »Bolivar hat mich neulich auf ein paar Sachen aufmerksam gemacht, die mir gar nicht recht gefallen – «
»Der Neger hat ein gutes Auge. Er soll schärfer auf ihn acht haben. – Sind die beiden entladenen Boote versenkt?«
»Ja, ich habe sie ein paar Meilen stromab geschickt; es werden sonst zu viel hier in der Nähe.«
»Recht so! – Gut wär es vielleicht, die Trümmer von einem oder zweien dicht an der kleinen Insel hier unten zu zeigen; das schreckt andere vom Landen ab.«
»Von dem Dampfboot sagen wir auf der Insel noch nichts?«
»Wir werden es nicht verheimlichen können«, meinte Kelly nach kurzer Pause. »Es muß gemeinschaftlich bezahlt werden, und da wollen wir uns auch gemeinschaftlich darüber beraten. Wo ist denn das eingebrachte Mädchen jetzt?«
»Es war in Nr. 2, gleich hier oben«, brummte Blackfoot; »aber Mrs. Kelly hatte Mitleid mit dem armen Ding und nahm es zu sich.«
»Was? Georgine hat die Dirne ins Haus genommen?« zürnte der Kapitän. »Ei, Hölle und Teufel! – Sie weiß doch, daß ich das nicht leiden kann. – Sie muß fort, sie muß augenblicklich fort, Blackfoot! Du wirst mir Bolivar herschicken. – Es sind übrigens zu viele Frauen hier. Gibt es etwas, was mich um unsere Sicherheit beben macht, so ist es das. Unsere Gesetze bestimmen sogar, daß nur zwölf Weiber auf der Insel bleiben sollen, und die Gefangene ist die achtzehnte.«
Der Kapitän ging mit festverschlungenen Armen und zusammengebissenen Lippen schnellen Schrittes vor der Tür der Halle hin und her, aus der jetzt die leisen Töne der Violine herausschallten. Seine Aufmerksamkeit wurde aber bald auf die von Helena kommenden Bootsleute gelenkt, die in diesem Augenblick, einer hinter dem andern, den schmalen Pfad herankamen und ihren Führer begrüßten. Der aber, ohne den Gruß mit Wort oder Blick zu erwidern, fragte nur ernst und fast unwillig: »Wo sind die Briefe?«
»Hier, Kapitän«, sagte Peter oder der Narbige, »den Brief hier gab mir der Postmeister noch zwei Minuten bevor wir abfuhren.« Kelly nahm die Papiere an sich und schritt auf seine eigene, dicht am Warenhause liegende Wohnung zu; ehe er sie aber erreichte, blieb er noch einmal stehen und sagte, zu Blackfoot gewandt: »Den Neger schickt Ihr mir, und sollten von Arkansas die Pferde noch in dieser Nacht eintreffen, so laßt sie die Nacht ruhen. Morgen früh aber, sobald sie Kräfte genug haben, eine neue Reise anzutreten, müssen zwei von euch in das Innere gen Osten aufbrechen. Ist Sander nicht mitgekommen?«
Ein junger, schlanker Mann mit langen blonden Haaren und blauen Augen, der, wenn ihn nicht jetzt der schwerfällige, trunkene Blick entstellt hätte, für schön gegolten haben könnte, schwankte vor und sagte lallend: »Kapitän Kelly – jai l'honneur – ich – ich habe die – habe die Ehre –«
»Schon gut, Sander, – leg dich hin und schlaf aus, ich brauche dich morgen früh notwendig – also gute Nacht!« – Und ohne eine Erwiderung seiner Worte abzuwarten, schritt er zum Hause, in dessen Tür er verschwand.
Die übrigen Männer blieben noch eine Weile in dem inneren Hofraume stehen, und Sander, der augenscheinlich an diesem Abend des Guten zuviel getan, murmelte halblaut vor sich hin, während er die Hände tief in die Taschen schob und der ›Bachelors' Hall‹ zuschwankte: »Verdammt kaltblütig das von Kelly – ich brauche dich morgen früh notwendig – so, Kapitän, wirklich?« Er wandte den Kopf und starrte mit seinem glanzlosen, halbtrunkenen Blick nach dem hellen Lichtschein hinüber, der durch jenes dichtverhangene Fenster fiel. »So, Sir, brauchen mich morgen früh notwendig. Oh, jawohl, Sir, soll wohl wieder einem armen, unglücklichen Mädchen – unglücklichen Mädchen den Kopf verdrehen und das Herz brechen? Ah, schöne Beschäftigung das! Außerordentlich schöne Beschäftigung; aber damn me, ich wünschte der Dame erst vorgestellt zu werden, Gentlemen. Es gibt Momente, Gentlemen –«
»Kommt, Sander!« sagte Blackfoot und nahm ihn ohne weitere Umstände beim Arm. – »Wir sind beide müde und wollen zu Bett gehen. – Donnerwetter, Mann, bedenkt, daß Ihr sonst morgen verschlafene und trübe Augen habt und bei den Damen leicht Verdacht erregen könntet, Ihr – hättet geschwärmt.«
»Ah – certainement, mon cher Blackfutt – certainement«, lallte der junge Stutzer, »en avant denn – zu Bett wir – wir Herzensbezwinger wir. – Gott Amor soll leben, Blackfutt! – Gott Amor soll leben und jedes schöne Gesicht – jede Engelsphysiognomie! Aber – du nimmst mir das nicht übel, Blackfoot, wie? à bas mit allen solchen Teufelsfratzen, wie ihr zwei, du und Peter, zwischen euren beiden Ohren herumtragt, – à bas sage ich – möchte nicht aus solchem Angesicht herausgucken, und wenn die Haut Millionen zu verzehren hätte, – möchte bei Gott nicht.«
»Schon gut«, knurrte Blackfoot, und ein boshaftes Lachen zuckte um seine Lippen; – »es können nicht alle solche Liebchen sein wie Ihr. – Aber kommt! – Ich bin müde; wir wollen uns hinlegen; vielleicht gibt es morgen früh wieder Arbeit.« Und ohne weiter eine Antwort des immer noch mit sich selbst Redenden und Gestikulierenden abzuwarten, zog er dessen Arm fest in den seinen und schritt der eigenen Schlafstelle zu. Er wollte den trunkenen Kameraden erst, durch seine eigene Gesellschaft beruhigt, eingeschlafen wissen, damit dieser nicht aufs neue dem Becher zuspräche und für morgen ganz untauglich würde.
4 Memphis, eine der Hauptstädte in Tennessee, an der Mündung des Wolfriver, hundertunddrei englische Meilen oberhalb Nr. ›Einundsechzig‹ – Napoleon, ein kleines Städtchen an der Mündung des Arkansas, siebenundsechzig Meilen unter der Insel.
Kapitel 7
Inhaltsverzeichnis
Ein kleines, wunderliches Gemach!
Hätte ein Mann in diesem Raume nach langem unruhigen Fieberschlaf zuerst die Augen geöffnet und hier vor den erstaunten Blicken eine Menge von Sachen gesehen, wie sie ihm seine Träume nicht abenteuerlicher gebracht, er würde sich von eben solchem Traume geäfft und alles das, was ihn umgab, für neues, noch tolleres Blendwerk als das frühere gehalten haben. Unter keiner Bedingung hätte er sich aber an der Stelle geglaubt, an der er sich wirklich befand: auf einer kleinen, weidenumwachsenen Insel, mitten im Mississippi. Und es war auch wirklich ein wunderlicher Platz.
Alle Zonen, alle Künste schienen sich hier vereinigt zu haben, um einen Raum zu schmücken, den sie mit dem zehnten Teil der Sachen, die er enthielt, in ein Prachtzimmer verwandelt hätten, der aber so, durch Schmuck und Zierat überladen, eher dem Warenlager einer der größten östlichen Städte als dem stillen Aufenthaltsort häuslicher Zurückgezogenheit glich.
Drei Seiten des Zimmers waren von einer prachtvollen seidenen Tapete bedeckt, aber nur an wenigen Stellen ließen sich die glühenden Farben ihrer silber- und azurdurchwirkten Arabesken erkennen; mächtige Spiegel, prachtvolle Ölgemälde, Bronze- und Elfenbein-Figuren, schwere silberne Leuchter und kostbare Waffen bedeckten fast ihre ganze Fläche. Ebenso eigentümlich, ebenso mit Zieraten überladen zeigte sich die vierte, rechte Wand, die, nach alledem, was man von ihr sehen konnte, in dem Geschmacke einer Schiffskajüte hergerichtet sein mußte; die kleinen viereckigen, mit Messingplatten eingefaßten Fenster, mit schmalen Mahagonistreifen dazwischen, verrieten wenigstens etwas Derartiges. – Allerlei indianische Kostbarkeiten, wie Waffenschmuck und Kleidungsstücke, verboten jedoch auch hier jedes weitere Forschen. Breitblättrige Tropengewächse streckten dabei ihre saftigen Kronen bis zur Decke hinan und überschatteten die Fenster, während das blasse Licht, das von einer unter der reich verzierten Decke angebrachten Ampel herabschien, seinen dämmernden Schein über den Raum warf.
Es war ein Reichtum der Ausstattung, der nicht wohltat, eine Überladung mit Schmuck und Pracht, die das Auge, das vergebens einen Ruhepunkt suchte, eher beleidigte als erfreute.
Mitten in all dieser Herrlichkeit lag ein junges Weib in weißen, losen Gewändern, die vollen, schöngeformten Glieder auf den üppigen Diwan gestreckt, der, in wirklich morgenländischer Pracht und mit weichen, schwellenden Kissen bedeckt, von Wand zu Wand lief. Vor ihr aber auf einem niedern Taburett kauerte eine andere Gestalt, die ihr Antlitz in den Händen barg und in tiefem entsetzlichen Schmerz fast aufgelöst schien.
»Er wird wiederkommen, Kind«, tröstete sie die Frau und legte die feingeformte, weiße Hand leicht auf den Scheitel der Weinenden, »er wird wiederkommen, beruhige dich nur, du liebes wunderliches Kind. – Sieh, vielleicht sucht er dich, selbst in diesem Augenblick, allenthalben, und das Echo gibt ihm leider vergebens deinen lieben – ängstlich gerufenen Namen zurück.«
»Wiederkommen?« rief zitternd das junge Mädchen und hob das tränenvolle Angesicht zu der Beschützerin empor. »Wiederkommen? Nie – nie; tief unten im Strom liegt er – von tückischer Kugel getroffen – ich sah ihn stürzen – ich hörte den Fall ins Wasser, und dann – dann vergingen mir die Sinne. Großer, allmächtiger Gott – ich muß wahnsinnig sein, denn wäre das das Wahrheit, was mir dann ein fürchterlicher Traum vorspiegelte, mein armes Hirn hätte es ja nicht ertragen, mein Herz wäre gebrochen in all der Angst, in all der Schmach und Schande.« – Sie barg das lockige Haupt in den weißen Kissen, und ihr ganzer Körper zitterte von innerer Pein und Aufregung. Georgine richtete sich halb in Ungeduld von ihrem Lager empor.
»Komm«, sagte sie und hob leise den Kopf des schönen Kindes, »komm, Marie, erzähle mir alles, was dir begegnet ist; bis jetzt habe ich nur, und zwar erst nach vielem Fragen, deinen Namen erfahren. Seit ich dich aus den Händen jenes rohen Gesellen befreite, hast du fast nichts getan als geweint. Ich interessiere mich für dich. Willst du aber, daß ich dir weiter helfen soll, so sei auch aufrichtig! – Wie kamst du in – in ihre Gewalt?«
»So soll ich denn all den noch frischen, blutenden Schmerz erneuen? Soll die Wunde stacheln, die noch nicht zu brennen aufgehört hat?« sagte mit leister, fast tonloser Stimme die Unglückliche. – »Doch es sei; – du schütztest mich vor der rohen Faust jenes Buben – du sollst in wenigen Worten alles hören, was mich betrifft.
Noch weiß ich nicht, wo ich bin«, flüsterte sie nach kurzer Pause, während ihre Blicke wirr und staunend ihre Umgebung überflogen, »noch ist es mir fast, als ob ein Zauber, ein fürchterlicher Traum mich umnachtet halte; doch ich fühle, wie ich lebe und wache; ich sehe das dämmernde Licht jener Lampe; ich kann den warmen Atem deines Mundes an meiner Wange fühlen; ich bin erwacht; das Erwachen selbst nur war gräßlich. Sich aber auch im vollen Besitze jedes Glücks zu wissen, das uns diese Erde nur zu bieten vermag, und dann auf einmal mit der Schnelle des vernichtenden Strahls alles, alles zu verlieren, das tut weh, das frißt sich tief ins Herz hinein. Doch du wirst ungeduldig, du kannst die kurze Zeit nicht erwarten, die ich brauche, um dir meine Leiden zu erzählen, und ich – ich soll sie ein ganzes Leben mit mir fortschleppen bis zum Grabe. – Aber du hast recht; ich bin nur ein törichtes, unwissendes Kind; ich klage nur über mein Elend und denke nicht daran, daß er – er, für den ich ja nur leben und lieben wollte, meinetwegen starb. – Es sind jetzt wohl sechs Monate, daß er zuerst meines Vaters Haus betrat. Soll ich dir sagen, wie wir uns kennen und lieben lernten? Nein; du würdest mich nicht verstehen; dein eigener Blick schaut so ernst und stolz auf mich nieder; du würdest mich vielleicht gar verspotten. Genug – wir liebten uns. Er schloß sein ganzes treues Herz mir auf und hatte das meine gewonnen, ehe ich nur selbst ahnte, daß er darum warb. Auch die Eltern achteten ihn – sie segneten unsere Verbindung; – ich wurde sein Weib. Inzwischen hatte er meinem Vater von dem schönen und herrlichen Süden erzählt, von dem Plantagenleben in Louisiana. Sie fuhren beide hinab, um das Land zu prüfen, und Eduard erstand am Atchafalaya die Pflanzung eines alten Kreolen, der gesonnen war, den Abend seines Lebens in Philadelphia bei Kindern und Verwandten zuzubringen. Vor wenigen Wochen kehrten die Männer zurück. Unsere Farm wurde verkauft, ja selbst unsere zahlreichen Herden machte mein Vater zu barem Gelde, und auf einem selbsterbauten Flatboot, wozu ihn Eduard eigentlich beredet, schifften wir all unser übriges Eigentum ein, um mit der Strömung des Mississippi unserer neuen schönen Heimat zuzuschwimmen. Mein Vater wollte einen Mann annehmen, der unser Boot den Fluß hinabsteuern sollte; Eduard bestand aber darauf, das selbst zu tun. Er war, wie er sagte, mit jeder Sandbank, mit jedem Snag bekannt, und glücklich führte er uns auch den Wabasch und Ohio hinab und immer weiter den Mississippi nieder. Hier aber mochte ihn das tiefer und gefahrloser werdende Wasser zu unvorsichtig machen; vorgestern abend, nahe einer Insel, lief unser Fahrzeug auf den Sand, und hier – großer, allmächtiger Gott – ich würde wahnsinnig, wenn ich das alles noch einmal überdenken sollte!«
»Und Eduard?« fragte die Frau, während sie von ihrem Lager aufsprang und unruhig im Zimmer auf- und abschritt »Dein Vater – deine Mutter?«
» Tot – alle tot!« – seufzte die Unglückliche.
»Und du?«
»Erbarmen – Erbarmen! Dringe nicht weiter in mich; – laß mir die Nacht, die meine Sinne noch umschlossen hält; – laß mir jene tollen, blutigen Schatten, die mir wild das Blut durchrasen und in ihren sinnverwirrenden Kreisen die Erinnerung ertöten; laß sie mir, und wären sie die Boten des Wahnsinns. Lieber so – lieber tot, als zu denken, daß – hahaha – da vorn ist er wieder, der tückische Kopf, der meinem Eduard gleicht. – Da taucht er wieder empor aus der Flut, und ich ich strecke die Hände nach ihm aus, ich ergreife sein nasses Kleid; – er soll micht retten – retten aus der Hand des Teufels, der mich umschlossen hält, und er – o mein armes Hirn, wie es klopft und schlägt, wie es zuckt und brennt! Ach, daß Eduard fallen mußte und nun sein Weib nicht rächen, nicht schützen kann vor den eigenen entsetzlichen Gedanken und Bildern!«
Marie ließ matt die Arme sinken und neigte das Köpfchen auf die Brust herab; vor ihr aber stand das stolze, schöne Weib, und eine Träne, ein seltener Gast, drängte sich ihr in das große schwarze Auge.
»Du sollst bei mir bleiben, Marie!« flüsterte sie dem armen Kinde leise zu. – »Sie sollen dich nicht von mir fortreißen; er darf es nicht«, wiederholte sie dann leise und mit sich selber redend, – »er darf mir die Bitte nicht versagen, und wenn er es tut, wenn er wirklich schon alles das vergessen haben sollte, was er mir in früheren Zeiten gelobt hat, – gut – der Versuch sei wenigstens gemacht –«
»Ich will schlafen gehen«, sagte die Unglückliche und strich sich die feuchten Locken aus der Stirn, »ich will schlafen gehen; – mein Kopf schmerzt mich; – meine Pulse schlagen fieberhaft; – ich bin wohl krank. – Gute nacht, Georgine.« Marie erhob sich und schritt der Tür zu; Georgine aber, vielleicht von plötzlichem Mitleid oder anderen Gefühlen bewegt, umfaßte das arme Wesen, das sich kaum aufrecht halten konnte, und führte es durch eine in die linke Wand geschnittene und von einem prachtvollen Vorhang bedeckte Tür in ein kleines Gemach, das seiner Bauart nach schon in dem Warenhause lag und nur durch eine dünne Bretterwand von den großen, hier zeitweilig aufgestellten Gütern getrennt wurde. Kaum hatte sich dort die Arme auf ein Lager niedergelassen und mit weichen Decken gegen die kühle Nachtluft geschützt, als sich schon die Tür ihres Wohnzimmers öffnete und Kelly, den Hut in die hohe Stirn gedrückt, eintrat.
Georgine ließ den Vorhang sinken und stand im nächsten Augenblick vor dem Gatten.
»Wo ist die Fremde?« war das erste Wort, das er sprach, und seine Augen durchflogen schnell den kleinen Raum.
»Ist das der ganze Gruß, den Richard heute abend seiner Georgine bringt?« fragte die Frau halb scherzend, halb vorwurfsvoll. – »Suchen meines Richards Augen heute zum ersten Mal ein fremdes Wesen und fliehen den Blick der Gattin?«
»Nein, Georgine«, sagte Kelly, und die ernsten Züge milderten sich zu einem leichten Lächeln, »die Augen sind deine Sklaven wie immer; die Frage galt nur der Fremden«, und er streckte der Geliebten die Hand entgegen und zog sie leise an seine Brust. »Guten Abend, Georgine«, flüsterte er dann und drückte einen Kuß auf ihre Lippen; »aber wo ist die fremde Frau? Du hast nicht recht getan, sie bei dir aufzunehmen.«
»Richard, laß mir das unglückliche Geschöpf!« bat Georgine und schlang den weißen Arm um seinen Nacken. – »Laß sie mir hier! Du weißt, die Mädchen, die auf der Insel hausen, sind nichts für mich; es ist rohes, wüstes Volk, und sie hassen mich, weil ich nicht ihre wilden Freuden teile. Maries ganzes Wesen dagegen verrät einen höheren Grad von Bildung, als man ihn sonst bei solch einfachem Farmerskind vermuten sollte. Ich will sie bei mir behalten; vielleicht kann ich ihr das einigermaßen wieder vergüten, was andere ihr genommen haben.«
»Liebes Kind«, erwiderte Kelly und warf sich nachlässig auf die Ottomane, »das sind Geschäftssachen, und du kennst unsere Gesetze. Sosehr ich das schöne Geschlecht ehre, sosehr muß ich doch auch dagegen protestieren, daß es sich da beteiligt, wo es an Hals und Kragen gehen könnte.«
»Richard«, sagte das schöne Weib und preßte die kleinen Lippen fest zusammen, »du tust mir nie etwas zuliebe; ich mag dich bitten, um was ich will, du hast eine Ausrede. Nicht einmal nach Helena willst du mich bringen.«
»lch habe dir schon gesagt, daß ich mich dort selbst nicht blicken lassen darf«, lächelte der Führer.
»Gut, so gestatte mir wenigstens die Gesellschaft eines einzigen menschlichen Wesens, das ich – ohne Abscheu ansehen darf.«
»Eine große Schmeichelei für mich.«
»Du bist unausstehlich heute.«
»Du bist ärgerlich, Georgine«, sagte der Kapitän freundlicher als vorher; »aber sei vernünftig. – Die Fremde kann nicht hier bleiben, wo ihr Sander gar nicht auszuweichen vermöchte.«
»Also er war jener Bube?«
»Ruhig; – du wirst vorsichtiger und milder in deinen Ausdrücken werden, wenn du erfährst, daß gerade er es ist, der die Ausführung unserer Pläne beschleunigt. Das zuletzt eingebrachte Boot enthielt ein so bedeutendes Kapital in barem Geld, in Gold und Silber, daß ich jetzt entschlossen bin, deinen Bitten nachzugeben. Ich sehe ein, unsere Lage hier muß mit jedem Tage gefährlicher werden. Das Geheimnis ist kaum noch ein Geheimnis, und mir selbst scheint es rätselhaft, wie es so lange verborgen bleiben konnte. Wir wollen nach Houston gehen und von da in das Innere von Mexiko. Halte dich also zu einem schnellen Aufbruch bereit.«
»Und die Insel?«
»Mag unter anderer Leitung fortbestehen.«
»Werden sie dich aber aus deinem Führeramt entlassen?«
»Vielleicht gehen sie mit«, sagte der Kapitän, augenscheinlich zerstreut; »doch – wie dem auch sei, die Dirne darf nicht hier bleiben; Verrat vor der Zeit könnte uns alle verderben.«
»Was wollt ihr mit ihr tun?« fragte Georgine besorgt.
»Bolivar soll sie nach Natchez begleiten. – Bist du nun zufrieden?«
»Du mußt deinen Willen durchsetzen«, murmelte die Frau und zog ärgerlich die schönen, kühn geschnittenen Brauen zusammen. – »Früher war deine Liebe anders – glühender. Du kanntest kein Glück, das ausgenommen, das du an meiner Seite fandest. Ich fürchtete, einen Wunsch auszusprechen; denn du achtetest selbst nicht Todesgefahr, um ihn zu erfüllen. – Jetzt aber –«
»Georgine, sei vernünftig«, bat Kelly und zog sie, ihre Hand erfassend, leise zu sich nieder, »du wirst doch begreifen, daß ich nicht unser aller Sicherheit, unser Leben einer einzigen halb wahnwitzigen Dirne wegen aufs Spiel setzen darf. Könnte ich immer hier sein, gern wollte ich deinem Wunsch willfahren; ich würde selbst über unsere Sicherheit wachen; aber so –«
»Du willst wieder fort?«
»Ich muß; – dringende Geschäfte rufen mich in früher Stunde morgen nach Montgomerys Point, vielleicht nach Vicksburg.«
Georgine legte ihre Hand auf seine Schulter und blickte ihm lange und forschend in das ihr ruhig, ja lächelnd begegnende Auge. »Und weshalb willst du immer fort von mir? Weshalb kannst du jetzt nicht bleiben wie früher? Richard – Richard, – wenn ich wüßte, daß du falsch –«
»Aber, Kind du phantasierst wahrhaftig. – Die Wahnsinnige hat dich angesteckt.«
»Wahnsinnige?« – flüsterte Georgine düster vor sich hin. »Richard, wenn ich wüßte, daß du falsch wärst – du, dem ich mein Leben, – das Leben meiner Eltern geopfert habe, bei allen Geistern der Unterwelt, ich würde dein Teufel. An deine Fersen solltest du mich gebannt sehen, und Rache – Rache, wie sie noch kein Weib genossen hat, müßte ein Verbrechen sühnen, für das die Erde keinen Namen hätte.«
»Georgine«, flüsterte der starke Mann und legte seinen Arm liebkosend um ihre Hüfte, »du bist ein törichtes, eifersüchtiges Kind. Wem zuliebe schaffe und arbeite ich denn jetzt? Wem zuliebe habe ich denn mein Leben dem Gesetze verfemt? Wessen Liebe war die Ursache, daß ich – das erste Blut vergoß? Sieh', deine Eifersucht verzeihe ich dir; sie ist ein Zeichen eben dieser Liebe; aber du bist auch ungerecht. Du darfst mich nicht nach den anderen Menschen beurteilen, wie sie dir täglich im Leben begegnen. – Du weißt, ich bin nicht wie sie. Du wärst mir sonst nicht gefolgt; – aber du mußt mir auch vertrauen, du mußt mir auch glauben, wenn ich dir meine Gründe nenne.«
»Gut«, rief Georgine und sprang auf, »ich will dir vertrauen; aber einmal laß mich erst wieder hinaus in die Welt; einmal laß mich mit den Menschen verkehren, mit denen du verkehrst, dann will ich dir folgen als dein treues Weib, wohin du nur immer begehrst; aber das – das erfülle mir!«
»Und gerade das«, lächelte der Kapitän, »ist etwas, das mehr Schwierigkeiten hat, als du dir wohl träumen läßt.«
»So willst du nicht?« rief Georgine schnell.
»Wer sagt dir das?« fragte Kelly und heftete seinen Blick fest und prüfend auf sie. – »Georgine«, fuhr er nach kurzer Pause leise fort, »du bist mißtrauisch gegen mich geworden. Es ist jemand zwischen uns und unsere Liebe getreten.«
»Richard!« rief Georgine.
»Und wenn es nur ein Schatten wäre«, fuhr der Kapitän fort, ohne die Unterbrechung zu beachten. »Auch du bist nicht mehr wie sonst; was sollte der Mestize neulich am Ufer? Ich begegnete ihm gerade, als er das Land betrat, und sandte ihn zurück. – War er bestimmt, um mich zu bewachen?«
»Und wenn er es wäre?« rief Georgine stolz und heftig.
»Ich dachte es«, lächelte der Kapitän. »Armes Kind, also traust du deinem Richard wirklich nicht mehr? Nun gut, der Gegenbeweis soll dir gebracht werden. – Schicke den Knaben, wann du willst, ans Land; er soll freien Aus- und Eingang haben und mag dir sagen, wie er mich dort gesehen hat. Bis du damit zufrieden?«
»Und die Fremde?«
»Sander begleitet mich«, sagte Kelly sinnend, mit sich selber redend. »Nun gut, sie mag bei dir bleiben, bis Blackfoot zurückkehrt; dann aber widersetze dich auch nicht länger einer Maßregel, die nur zu deinem wie zu unser aller Besten gegeben wurde. Zürnt Georgine nun ihrem Richard noch?«
»Du böser lieber Mann«, rief das schöne Weib und schlang ihren Arm um seinen Nacken, »wer kann dir zürnen, wenn du so freundlich bist?«
»So komm denn, Geliebte!« flüsterte lächelnd der Kapitän. »Komm und laß jeden bösen, jeden unfreundlichen Gedanken in diesem Kusse schwinden! Wir haben von außen drohenden Gefahren zu begegnen, laß uns wenigstens hier innen in Frieden und Liebe leben und Kräfte sammeln zu dem letzten entscheidenden Schritt, zu Sicherheit und Ruhe!«
Vor der Wohnung des Kapitäns standen indessen, in ihre warmen Matrosenjacken gehüllt, Blackfoot und Bolivar, der Neger. »Alle Wetter, Massa«, sagte Bolivar, während er sich der lästig werdenden Moskitos zu erwehren suchte, »ich möchte wissen, ob Massa Kelly noch was besorgt haben will heute abend oder nicht.«
»Hab Geduld, Bursche«, brummte der alte Bootsmann und knöpfte sich fester in seine Überjacke ein, – »wirst doch warten können, wo unsereiner wartet. – Der Kapitän geht dem Weibchen erst ein bißchen um den Bart herum. Mit Frauenzimmern wird man nicht so schnell fertig wie mit Männern. Aber 's ist wahr, es dauert verdammt lange. Wenn ich nur erst wüßte, was er eigentlich wollte, nachher könnte man sich seine Berechnung schon selbst machen.«
»Ja – ja«, lachte der Neger vor sich hin, »Kapitän Kelly läßt Euch auch gerade wissen, was er will. – Bolivar kennt ihn besser. – Wenn er sagt, er geht stromauf, – wette meinen Hals darauf, dann ist er hinunter, und wenn er sagt Arkansas, so wäre Arkansas der letzte Ort, wo ihn Bolivar suchte.«
Blackfoot sah den Neger von der Seite an, schob die Hände in die Taschen und ging langsam auf und nieder.
»Bist du schon einmal mit dem Kapitän in Helena gewesen?« fragte er nach kurzer Pause.
Bolivar zog den breiten Mund von einem Ohr bis zum andern und nickte.
»Und weißt du«, sagte der Bootsmann und trat dem Neger einen Schritt näher, »weißt du, was –«
»Pst, Massa – for God's sake«, flüsterte der Schwarze und streckte ängstlich die Hand gegen den Redenden aus, während er selbst einen scheuen Seitenblick nach der Tür warf; – »Bolivar will lieber, daß er mit gebundenen Händen vor dem Staatsanwalt stände und Massa Blackfoot als Zeugen gegen sich hätte, als hier von Sachen zu reden, die den Kapitän betreffen. Großer Golly, wie er neulich einmal den Spanier bezahlt hat! – Ohren ab – Nase ab – Arme ab und dann gut verbunden, aber sonst nackend in den Sumpf gestellt; brrr, Buckramann ist doch viel grausamer als Neger.«
Oben aus der Eiche, unter der sie standen, tönte ein schriller Pfiff, wie ihn der Nachtfalke ausstößt, wenn er seine Beute zu erfassen glaubte und nun getäuscht wieder hinauf in sein luftiges Reich steigt.
»Pest und Donner!« fluchte der Afrikaner und fuhr schnell empor. »Das fehlt uns auch noch; – jetzt kommen bei Gott die verdammten Pferde von Arkansas. – Nun gibt es Nachtarbeit. Ei, so wollte ich denn doch –«
»Der Kapitän hat sie lange erwartet«, sagte Blackfoot. »Arbeit haben wir weiter nicht damit, unsere Leute sind schon drüben seit Sonnenuntergang.«
»Schaffen wir sie denn gleich nach Mississippi hinüber?« fragte Bolivar.
»Nein – das dürfen wir nicht riskieren. – So wie das Land jetzt mit den verdammten Regulatoren in Aufruhr ist, hieße das, die Schufte da oben selbst mit der Nase auf unsere Fährten stoßen. – Nur die beiden Pferde, die wir notwendig drüben haben müssen, bringen wir durch den Sumpf, daß die Spuren aus dem Lande heraus in die Stadt führen. Das besorgt Mowes, der ist in Meleville bekannt wie ein bunter Hund und erregt keinen Verdacht mehr. Die anderen führer wir zu Wasser nach Vicksburg.«
»Wenn ich nur wüßte, was mit dem fremden Frauenzimmer da drin geschehen soll«, brummte der Neger; – »erst wird man hierher bestellt, und nachher ist es nichts.«
»Drinnen ist alles dunkel geworden«, sagte Blackfoot, »vor morgen früh wirst du auf keinen Fall gebraucht. Geh also bis dahin zu den Snags, und wenn wir die Tiere glücklich gelandet haben, wollen wir uns ein Stündchen hinlegen. Morgen wird es wahrscheinlich verdammt scharfe Arbeit setzen.«
Von dem rechten Ufer der Insel schallten jetzt regelmäßige, aber schnelle Ruderschläge herüber, und deutlich konnten die lauschenden Männer hören, wie das kommende Boot mit aller Macht gegen die dort ziemlich starke Strömung anarbeitete.
»Aha«, nickte Bolivar grinsend, »in dem Boot steuert wieder Mr. Klugrabe, – will immer gescheiter sein als andere Leute und hält jedesmal von Anfang an zu stark auf das Ufer zu; denkt es immer zu erzwingen und muß sich nachher wieder von der Sandbank heraufleiern.«
»Sie müssen bald oben an der Spitze sein«, meine Blackfoot. »Ja – aber mit welcher Arbeit! – Soviel ich weiß – doch wahrhaftig, da kommen sie schon – Wetter noch einmal, müssen die in den Rudern gelegen haben!«
Blackfoot hatte jetzt die Tür von ›Bachelors' Hall‹ geöffnet und die darin überall auf Fellen und Decken gelagerten Zecher geweckt. Nur murrend und höchst unzufrieden mit der keineswegs gelegenen Störung gehorchten sie dem Ruf und taumelten von ihren harten Betten auf, um bei dem Landen der Pferde behilflich zu sein. Dies ging auch schneller vonstatten, als es der rauhe Boden und das ungewisse Mondlicht hätten erwarten lassen. Die Insulaner schienen aber mit solcher Arbeit vertraut, und nach kaum einer Stunde lag das breite Boot wieder wohlverwahrt und gut versteckt neben den übrigen Kähnen, während die Pferde in den Ställen untergebracht und dort von einem jungen Mestizenknaben versorgt und mit Nahrung versehen wurden. Bolivar bereitete ihnen die Streu von weichem Laub. Die armen Tiere aber, so hungrig sie wohl auch sein mochten, schienen zu erschöpft zu sein, um auch nur einen Blick auf das sonst so eifrig begehrte Futter zu werfen. Todmatt fielen sie, wo man sie hinstellte, nieder, und ihr ganzes Aussehen, ihr ganzes Benehmen verriet klar und deutlich, daß sie eben eine Hetze durchgemacht hatten, die sie kaum noch länger ausgehalten hätten.
»Hört einmal, Jones«, sagte Blackfoot, als er in die Stalltür trat und die erschöpften Tiere betrachtete, »ich glaube, Ihr habt die armen Tiere zu Tode gejagt, sie schwitzen ja wie die Braten, und der kalte Luftzug auf dem Mississippi wird ihnen wohl den Rest gegeben haben.«
»Ei, und wenn sie alle der Teufel geholt hätte«, brummte der Angeredete; »besser die als ich. Pest und Donner! – Das sind die letzten, die ich aus Arkansas herausgeschafft habe. Überhaupt gebe ich dem die Erlaubnis, mich bei den Ohren aufzuhängen, der mich noch einmal da drüben erwischt.«
»Sie sollen Euch drüben vor ein paar Wochen die Jacke tüchtig ausgeklopft haben«, lachte Blackfoot.
»Ja, und der, der es getan hat, liegt wohl nicht am Elevenpointsriver mit zerschmettertem Hirn?« zischte der kleine Mann; – »Seine Pferde stehen wohl nicht jetzt hier auf der Insel im Stall?«
»Alle Wetter, dessen Pferde?« rief der Bootsmann verwundert. »Da habt Ihr mehr Courage, als ich Euch zugetraut hätte; – doch wer war denn hinter Euch her?«
»Wer? Der ganze Staat schien auf den Beinen zu sein. – Ich gab mich auch schon verloren; ein wirkliches Wunder allein kann mich gerettet haben. Einmal sah ich meine Verfolger schon; doch glücklich erreichte ich den Sumpf, und hier gelang es mir, die Feinde irrezuführen. Wäre Euer Boot aber nicht schon drüben gewesen, ich hätte bei Gott die Tiere im Stich gelassen und meine eigene Haut in Sicherheit gebracht; denen falle ich nicht noch einmal in die Hände, so viel weiß ich.«
»Schade, daß Rowson so schändlich abgefangen wurde« sagte der Bootsmann. – »Das war ein trefflicher Kunde. Mordelement, ich weiß keinen Menschen in ganz Amerika, den ich lieber bei irgendeinem pfiffigen Unternehmen gehabt hätte als den – «
»Geht mir mit dem Schuft«, brummte Jones, »wäre der Kapitän nicht noch so zur rechten Zeit dazugekommen, die Kanaille hätte uns alle miteinander verraten – pfui Teufel! Ich hätte immer geglaubt, Rowson sei ein Mann, und wie ein heulendes altes Weib hat er sich betragen. Das sollte mir einmal passieren! – Pest noch einmal, die Zunge wollte ich mir eher aus dem Halse reißen, ehe ich ein Wort gestände!«
»Kelly war unter einem fremden Namen oben, nicht wahr?«
»Wharton nannte er sich«, lachte Jones, »und Ihr hättet nur einmal sehen sollen, wie schlau er es anzustellen wußte, daß der meineidige Pfaffe nicht zu Worte kam. Mit dem Indianer war übrigens nicht zu spaßen. – Wer kommt denn dort?«
Die beiden Männer blickten sich rasch nach der von dem Pferdedieb bezeichneten Richtung um und sahen eine in einen dunklen Mantel gehüllte Gestalt auf sich zukommen. – Es war der Kapitän, der, ohne den andern eines Wortes oder Blickes zu würdigen, Blackfoot am Arm ergriff und eine kleine Strecke mit sich fortzog. Als er sich vorher durch einen flüchtig umhergeworfenen Blick überzeugt hatte, daß er unbelauscht sei, flüsterte er leise: »Georgine besteht darauf, den Mestizen ans Ufer zu senden. Bolivar soll ihn also, wenn sie es verlangt, hinüberrudern; er darf aber den festen Boden nicht wieder betreten. Verstehst du mich?«
»Der Mestize?« fragte Blackfoot erstaunt.
Der Kapitän nickte nur einfach und fuhr dann fort: »Sanders Aufträge sind in diesem Brief eingeschlossen; – alles übrige ist dir ebenfalls bekannt.«
»Wann kann denn Teufels Bill hier eintreffen?« fragte der Bootsmann.
»Mit jedem Tage«, erwiderte Kelly; »seiner Rechnung nach hätte er eigentlich schon gestern Helena erreichen müssen. Ihr wißt doch noch sein Zeichen?«
»Ja – er fährt stets vor der Insel vorbei und schießt, wenn er gerade neben den Snags ist. Das Boot läßt er unterhalb auflaufen.«
»Gut! Ist mein Pferd gestern abend hinübergeschafft und gefüttert worden?«
»Ei, versteht sich«, versicherte der Alte. »Das muß tüchtig ausgreifen können; es hat jetzt zwei Tage ruhiggestanden. Was soll aber mit dem Mädchen da drin geschehen?«
»Die – werde ich der Sorgfalt des Negers anvertrauen«, murmelte der Kapitän. – »Ich will ihm morgen früh selbst die nötigen Verhaltungsregeln geben; doch für jetzt gute Nacht, legt Euch auch ein wenig schlafen und – habt gut acht auf den Burschen da! –«
»Auf Jones?«
»Ja; – er darf ohne Schwur die Insel nicht verlassen.«
»Der ist treu«, sagte Blackfoot.
»Gut für ihn«, murmelte der Kapitän und verschwand gleich darauf wieder in seiner Tür.
Kapitel 8
Inhaltsverzeichnis
Die Sonne stand schon anderthalb Stunden hoch, als zwei Männer auf schönen, kräftigen Pferden durch jene fast unwegsame und großenteils unter Wasser stehende Niederung ritten, die den Mississippi an beiden Ufern viele Meilen breit einschließt. An einen Pfad war dabei gar nicht zu denken, nicht einmal ein Zeichen an Busch oder Baum ließ erkennen, daß hier die fleißige Hand der Menschen je gewesen wäre. Nur Rohr und Unterholz gedieh, soweit ihnen das der dichte Schatten der vollbelaubten Stämme erlaubte, nach besten Kräften, und Schlingpflanzen schienen in dieser Umgebung besonders wohl und kräftig zu gedeihen. An wenigen Stellen waren die Strahlen der Sonne durch das Gewirr von Laub und Ästen gedrungen, und wo ihnen das wirklich gelang, da spielte auch sicherlich ein dichter Schwarm schlankhüftiger Moskitos in dem warmen, die feuchten Schwaden der Nachtluft vertreibenden Lichte. Heruntergebrochenes Holz starrte überall vom Boden auf, und an den wenigen Plätzen, die das Auge noch erkennen konnte, gestattete das dichte, hier nie von einem Wind verwehte Laub den einzelnen Grasspitzen kaum, sich Bahn hindurch zum Licht zu brechen.
Die Reiter schienen aber an ihre öde Umgebung gewöhnt zu sein. Keinen Blick warfen sie auf die Wildnis; nur vor sich nieder sahen sie, vor die Hufe ihrer Pferde, um diesen, durch ihre höhere Stellung begünstigt, das Terrain überblicken zu helfen und die beste, das heißt die am wenigsten schlechte Bahn auszusuchen. Sosehr aber auch der Älteste und Stärkste von ihnen in seine ganze Umgebung passen mochte, sosehr stach der zweite, Jüngere, dagegen ab. Ein mit den näheren Verhältnissen nicht Vertrauter hätte auch wahrlich staunen sollen, wenn er die zierliche, schlanke, fast stutzerhaft gekleidete Gestalt auf dem prächtigen und edlen Rosse an einem Ort gefunden hätte, zu dem sich, wie jeder vernünftige Mensch glauben mußte, eigentlich nur ein Bärenjäger verirren konnte.
Er war schlank, ja fast schmächtig gebaut und ganz nach dem modernsten Schnitt der damaligen Pariser Mode in einen leichten, hellbraunen Frack, weißseidene Weste, braunseidenen Schlips und großkarierte Pantalons gekleidet. Den unteren Teil der letzteren hatte er aber, um sich vor dem Bespritzen zu wahren, nach Art der Hinterwäldler mit einem breiten Stück grellroten Flanells umwunden, der sie bis über das Knie hinauf beschützte und auch zugleich den Fuß vollkommen umhüllte. Den Kopf deckte ein feiner, schwarzer Filz, und darunter hervor quollen volle und üppige, seidenweiche blonde Locken. Mit den treublauen Augen hätte man ihn auch wirklich fast für ein verkleidetes schönes Mädchen halten können, wäre nicht der keimende Flaum der Oberlippe gewesen. Nie aber schlug noch in einer menschlichen Brust ein Herz, das eines Teufels würdiger gewesen wäre, als in dieser; nie im Leben trogen Auge und Blick mehr als bei diesem Buben, der sich, einer Schlange gleich, von seinem glatten Äußeren begünstigt, nicht in die Häuser, nein, in die Herzen derer stahl, die er vernichten wollte und über deren Elend er dann frohlockte.
Auf der Insel hatte er sich als Eduard Sander eingeführt und der Bande durch seine Verstellungskunst und teuflische Bosheit schon unendlichen Nutzen gebracht. Über sein früheres Leben wußte aber niemand etwas Genaueres. Da der größte Teil der Gesellschaft, der er nun angehörte, ebensowenig Ursache hatte, mit vergangenen Vorfällen zu prahlen, fragte ihn niemand danach. Er gab sich nur kurz für den Sohn eines georgischen Pflanzers aus und stellte damit seine Umgebung vollkommen zufrieden.
Sein stets verschlossenes Wesen ließ ihn aber auch unter den Kameraden, wenn er einmal für kurze Zeit auf der Insel verweilte, ziemlich allein stehen. Er schloß sich an keinen an und stand nur mit dem Kapitän und dessen Frau in freundschaftlicher Verbindung, was sich freilich auch schon leicht durch den Grad der Bildung erklären ließ, auf dem er gegenüber den Gefährten seiner Verbrechen stand. Der einzige, mit dem er zuzeiten plauderte und zu dem er sich hielt, war Blackfoot, sein jetziger Begleiter, der das Rauben gewissermaßen als Geschäft betrachtete und oft behauptete, es sei bei ihm so zur Leidenschaft geworden wie beim Jäger das Bärenhetzen. Seinem Führer und Kapitän dabei ergeben, war Blackfoot treu und offen, wenigstens gegen die Kameraden.
Sander hatte er aber besonders deshalb liebgewonnen, weil dieser eine ebensolche Aufrichtigkeit gegen ihn heuchelte. In der Tat aber war er weit davon entfernt, ihn mit Sachen bekannt zu machen, die er nicht notgedrungen wissen mußte. Blackfoot ging in die Tracht der Hinterwäldler gekleidet. Er trug Büchse und Bowiemesser und gab sich für einen Ansiedler aus, der sich erst kürzlich dicht am Ufer des Mississippi niedergelassen hätte und nun nicht übel Lust habe, einen Teil seines Vermögens in irgendeiner vorteilhaften Spekulation anzulegen. Beider Ziel war aber jetzt Helena, wohin Sander seine besonderen, allerdings geheimen Instruktionen schickten.
»Die Pest über solches Reiten!« schimpfte er und brach endlich das Schweigen, das sie bis dahin – zu sehr mit der Unebenheit des Bodens beschäftigt – beobachtet hatten. »Hals und Beine könnte man brechen, und das Schlammwasser schlägt einem fast bei jedem Schritt über dem Kopf zusammen. Daß mich auch der Henker diesen Weg führen mußte; ich werde schön aussehen, wenn wir nach Helena kommen. Wo zum Teufel mag denn nur die verdammte Straße liegen? Wir sind am Ende in all diesem Gewirr schon zu weit geritten und ziehen nun gen Westen in irgendeine schöne, noch nicht entdeckte Gegend.«
»Habt keine Angst«, lachte der Pilot in diesem Waldmeer, »die Helenastraße muß wenigstens noch eine Meile weiter vorn liegen. – Bedenkt doch nur, Mann, daß wir auf solcher Bahn haben Schritt für Schritt reiten und oft bedeutende Umwege machen müssen, um nur den Seen und Dickichten auszuweichen, die wir unmöglich durchqueren konnten. Tröstet Euch aber, der Boden wird jetzt ein wenig besser, wir haben das Schlimmste hinter uns und können nun doch zum mindesten nebeneinander hintraben und ein vernünftiges Wort zusammen plaudern.«
Sander schien von diesem einzigen Troste keineswegs sehr erbaut zu sein, denn er murmelte ein paar unverständliche und verdrießliche Worte in den Bart, machte aber endlich gute Miene zum bösen Spiel, preßte die Flanken seines Tieres ein wenig und sprengte an die Seite seines Kameraden, der ihn mit einem halb lächelnden, halb spöttischen Blick betrachtete.
»Ihr seht schön aus«, sagte Blackfoot, und sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen, – »wie eine Forelle oder eine echte Kuba-Zigarre. – Es geschieht Euch aber recht, warum habt Ihr meinen Rat nicht befolgt und die Decke übergehängt.«
»Daß ich die Fasern nachher in einer Woche nicht wieder losgeworden wäre, nicht wahr?« erwiderte Sander mürrisch. »Nein, da bürsten sich die trocken gewordenen Schmutzflecken besser wieder ab. – Aber hol der Böse den Ritt! Erzählt mir lieber das Genauere von dem Dampfboot. Wir wollen also in corpore eins kaufen?«
»Nun ja, ich habe es Euch ja schon einmal gesagt. Das ist der gescheiteste Gedanke, den Kelly je gehabt hat. Potz Seelöwen und Eisbären, was für einen verdammt guten Spaß das gäbe, wenn unsere Nachbarschaft einmal Wind von uns bekäme und nun plötzlich das ganze Nest mit Dampf abfahren sähe! Nicht mit Gold wäre der Witz zu bezahlen.«
»Nein«, murmelte sein Begleiter, »denn der Einsatz dagegen wären unsere Hälfte. Das mit dem Dampfboot ließe sich aber auch noch ausdehnen. Unsere Geschützstücke nähmen wir natürlich mit; ehe wir die mexikanische Küste erreichten, trieben wir ein wenig Seeräuberei. Jetzt im Sommer, wo im Golf fast stets Windstille ist, müßte die Sache herrlich gehen. Was wir an Schonern und kleineren Fahrzeugen fänden, wäre unbedingt unser, ja wer weiß, ob wir nicht auch eins der Vereinigten-Staaten-Dampfboote entern und eine famose Beute machen könnten. Erst müssen wir freilich das Dampfboot haben.«
»Nun, die Sache soll übermorgen, das ist der letzte Sonnabend im Juni, in öffentlicher Sitzung vorgetragen und beschlossen werden. Acht Tage später können wir dann ein Dampfboot an Ort und Stelle haben, und zwei Tage später sind wir imstande, es ganz nach unserem Wunsch nicht allein einzurichten, sondern auch zu stationieren.«
»Es müßte natürlich nur von den Unseren bemannt werden.«
»Das versteht sich, und eben diese Auswahl für die verschiedenen Posten muß ebenfalls zu gleicher Zeit stattfinden, sonst gäbe es nachher Mord und Totschlag. Es würde jeder Kapitän, keiner aber Feuermann und Deckhand sein wollen.«
»Der Kapitän muß jetzt viel bares Geld liegen haben«, sagte Sander nachdenklich; »es sind in letzter Zeit gewaltige Posten eingegangen. Wieviel ist wohl in der Kasse?«
»Ich weiß es nicht«, erwiderte Blackfoot, »wahrscheinlich wird er doch am Sonnabend ebenfalls Rechnung ablegen. Er hat aber wohl viel Geld nach Mexiko geschickt, wo er eine bedeutende Landstrecke für uns gekauft haben soll.«
»Hat ihm denn die Gesellschaft den Auftrag dazu gegeben?« fragte Sander und wandte sich plötzlich nach seinem Begleiter um.
»Ich glaube kaum«, sagte dieser; »doch wozu auch? Wenn er es einmal für gut und nötig hielt, so können wir anderen auch damit zufrieden sein. Aufrichtig gesagt, ist es mir nach der letzten Geschichte am Fourche la Fave und nach den keineswegs tröstlich lautenden Nachrichten gar nicht mehr so geheuer am Mississippi wie früher. Ich denke immer, es könnte uns einmal über kurz oder lang etwas Menschliches begegnen, und – das mag dem Kapitän wohl auch so gehen; der Plan mit dem Dampfboot und dem angekauften Land ist deshalb auch ganz gut.«
»Ja«, sagte Sander, »wenn es von dem Geld angeschafft wird, was der Kapitän in seiner Verwahrung hat, – sonst nicht. Andernfalls erschöpfen wir unsere Privatkassen bis auf den letzten Cent und sind dann immer wieder auf die Gesellschaft oder den Kapitän angewiesen, der uns schon überdies zu sehr unter dem Daumen hält. Nun meinetwegen, ich habe weder Kind noch Kegel, und mein Eigentum ist auch ohne Dampfschiff transportabel; ich werde deshalb also auch keinen Deut dazugeben, ihr anderen könnt natürlich tun, was euch gefällt. – Was mich betrifft so gehe ich meine Bahn.«
»Und worin besteht die diesmal?« fragte Blackfoot. »Ihr habt mir noch gar nicht gesagt, was Ihr eigentlich in Helena wollt.«
»Was ich will!« sagte Sander und zog die Stirn in finstere, ärgerliche Falten. »Fragt lieber, was ich soll. – Ich wollte noch ein paar Tage auf der Insel bleiben, um mich nach den letzten Strapazen auszuruhen. Alle Wetter, es ist keine Kleinigkeit, ein Boot den Wabasch, Ohio und Mississippi herunter bis hierher zu steuern – und nachher die Szenen. Aber nein, ich darf nicht einmal ausschlafen heute morgen und muß Hals über Kopf einen Weg zurücklegen, auf dem mich – Gott soll mich strafen – kein Christenmensch zum zweiten Mal antreffen soll.«
»Aber Euer Zweck in Helena?«
»Ein hübsches junges Mädchen von zu Hause fortzulocken.«
»Ein hübsches junges Mädchen? Kelly wird doch unmöglich eines Liebesabenteuers wegen –«
»Schwerlich«, unterbrach ihn Sander; – »der Preis, den er gesetzt hat, wäre erstlich zu hoch und dann stimmen dazu auch nicht die übrigen Umstände. – Eine zu erlangende Erbschaft wäre wahrscheinlicher.«
»Eine Erbschaft? Von woher?«
»Ja, da fragt Ihr mich zuviel; darüber habe ich mir selber den Kopf schon zerbrochen. Apropos – in welchem Staate war der Kapitän neulich, als er so lange fortblieb?«
»In Georgia. – Glaubt Ihr, das das mit jener Erbschaft etwas zu tun hat?«
»Warum nicht? Ist nicht Simrow ebenfalls dort und steht Kelly nicht mit Georgia in sehr lebhafter Korrespondenz?«
»So? Davon hat er mir noch gar nichts gesagt«, meinte Blackfoot und starrte nachdenklich auf seinen Sattelknopf nieder. »Kennt Ihr denn die Dame schon, bei der Ihr Euch in Helena einführen wollt?«
»Jawohl, von Indiana her«, erwiderte jener noch immer zerstreut.
»So, eine alte Bekanntschaft also; nun, da bedarf es keiner weiteren Empfehlungen; das ist schon halb gewonnenes Spiel. Wie heißt sie denn?«
»Ich habe trotzdem noch eine Empfehlung an einen Verwandten von ihr, in dessen Hause sie lebt, an einen gewissen Mr. Dayton!«
»Mister Dayton ihr Verwandter?« rief Blackfoot in lautem Erstaunen und griff so fest in den Zügel seines Rosses, daß das Tier zurücksprang und sich hoch aufbäumte.
»Ja, der Brief ist für ihn«, sagte Sander, »die Dame aber ein junges Gänschen vom Lande, doch nicht ohne Mutterwitz. Sie kennt mich übrigens, und die Sache hat nicht die mindeste Schwierigkeit.«
»Was kann da nur die Absicht sein?«
»Ei, zum Henker, was kümmert das mich? Ich habe nur den Auftrag, sie womöglich in Güte bis spätestens Sonnabend abend an einen mir genau bezeichneten Ort zu schaffen und das Weitere dann dem Kapitän zu überlassen. Dafür bekomme ich tausend Dollar aus seiner Privatkasse. Aber was wollt denn Ihr oben in Helena? Auch etwa kleine Privatgeschäfte, he? Hört, Blackfoot, Ihr habt Euch heute so stattlich herausgeputzt; ich will doch nicht hoffen –«
»Hoffen? Was?« brummte der Alte. – »Unsinn, Ihr habt weiter nichts als solche albernen Possen im Kopfe. Und dennoch«, schmunzelte er nach kleiner Pause, »gilt mein Auftrag diesmal einer Lady.«
»Hab ich es nicht gedacht?« lachte Sander und beugte sich auf den Hals seines Pferdes nieder. – »Habe ich es nicht gedacht? – Blackfoot auf Damenbesuch – Blackfoot als galant homme in der Stadt; – das ist göttlich – hahaha – das ist kapital!«
»Nun, ich sehe nicht ein, was dabei groß zu grinsen sein könnte, wenn es wirklich der Fall wäre«, brummte Blackfoot. »Übrigens«, fuhr er selber lachend fort, »werdet Ihr Eure Saiten wohl ein wenig tiefer spannen, wenn Ihr erst einmal erfahrt, wer die Dame eigentlich ist, der ich nach Eurer Ansicht den Hof machen soll. – Sie heißt Luise Breidelford.«
»Gott sei uns gnädig«, schrie Sander entsetzt, – »der Drache existiert auch noch in Helena? – Na, dann gnade mir Gott, wenn mich die einmal gewahr wird. Eigentlich ist mir's fatal; sie hat mir einmal in Vicksburg einen Streich ausführen helfen, den ich in Helena gerade nicht während meines dortigen Aufenthalts an die große Glocke geschlagen haben möchte. – Ich war damals noch dazu unter einem falschen Namen in Vicksburg.«
»Habt deshalb keine Angst«, sagte Blackfoot, »die schweigt; denn wenn jemand Ursache hätte, von der Vergangenheit zu schweigen, so wäre es gerade sie. Sollte sie Euch aber dennoch jemals drohen – wer weiß denn, ob sie nicht dadurch gerade etwas von Euch zu erpressen hofft –, so fragt sie nur ganz freundlich, ob sie noch einen kleinen Vorrat von den langen Nägeln hätte, die ihr Mr. Dawling vor einigen Jahren beschaffte. Hört Ihr? Vergeßt den Namen Dawling nicht.«
Sander nahm seine Brieftasche heraus und schrieb sich das Wort auf. »Dawling«, sagte er sinnend, »Dawling; – wo habe ich den Namen schon einmal gehört? Was für eine Bewandtnis hat es denn mit den Nägeln?«
»Das kann Euch gleichgültig sein«, brummte Blackfoot. »Ich gebe Euch die Arznei, fragt nicht, wo sie herkommt, und gebraucht sie, wenn es nötig ist. – Aber hier ist der Weg – so, nun können wir unsere Pferde einmal ordentlich ausgreifen lassen; wir kommen sonst zu spät nach Helena.« Aus diesem Grunde vielleicht, oder um den weiteren Fragen seines Begleiters zu entgehen, drückte er seinem Tier die Hacken in die Seiten und sprengte rasch auf der nach Helena führenden Straße hin, die diesen Ort zu Lande mit der Mündung des Whiteriver und dem darüber gelegenen Montgomerys Point verband. Sander folgte ihm. Während er aber seinem Tier den Zügel ließ, bemühte er sich eifrig, mit einer kleinen Taschenkleiderbürste seinen Anzug von den heraufgespritzten Schmutzflecken zu reinigen, sein langes, weiches Haar zu ordnen und die durch den bösen Ritt total zerstörte Frisur so weit wieder herzustellen, wie ihm das bei der schnellen Bewegung eines galoppierenden Pferdes und nur mit der Hilfe eines kleinen Hohlspiegels möglich war.
Kapitel 9
Inhaltsverzeichnis
Mrs. Dayton hatte, um ihr Versprechen vom Vorabend zu erfüllen, alle nötigen Anstalten getroffen, ein paar Tage auf dem Lande bleiben zu können. Als Mr. Dayton etwas spät am Morgen ziemlich erschöpft von dem langen Ritte zurückkehrte, war auch beschlossen worden, gleich nach Tisch aufzubrechen und Livelys zu besuchen, mit denen Mrs. Dayton schon in früherer Zeit in Indiana befreundet gewesen war.
Die kleine Familie hatte noch nicht lange ihr einfaches Mittagsmahl beendet und der erst vor einigen Stunden zurückgekehrte Squire eben zwei wiederum für ihn eingetroffene Briefe gelesen und in die Brusttasche geschoben, als Pferdegetrappel vor der Tür zu hören war. Adele sprang ans Fenster, um zu sehen, wer vor ihrem Hause anhielte. Kaum hatte sie aber den Blick hinabgeworfen, als sie auch überrascht ausrief: »Mr. Hawes, – bei allem, was da lebendig auf der Erde herumläuft! – Nein, so etwas ist noch gar nicht dagewesen!«
»Und wer ist denn Mr. Hawes?« fragte Squire Dayton lächelnd. »Der ist wirklich noch nicht dagewesen. Da du übrigens den Gentleman so gut zu kennen scheinst, so bist du es auch vielleicht, derentwegen er uns hier aufsucht.«
»Das ist leicht möglich«, sagte Adele unbefangen. – »Seine Frau war meine beste Freundin. Du mußt sie noch von früher her kennen, Hedwig, – Marie Morris, des alten reichen Morris Tochter. Wissen möchte ich aber, was ihn nach Arkansas bringt. Ich glaubte, er wäre schon lange in Louisiana auf seiner Plantage.«
»Nun, da kommt er selbst und wird dir das Rätsel wohl lösen«, sagte Squire Dayton. Wirklich wurden auch im nächsten Augenblick leichte, schnelle Schritte auf der Treppe gehört, und gleich darauf trat, nach kurzem Anklopfen und fast ohne das einladende »Herein« zu erwarten, derselbe junge Mann in die Stube, den wir schon heute morgen, freilich unter einem andern Namen, in der Mississippi-Niederung gefunden haben.
»Miß Adele!« rief er und schritt schnell mit ausgestreckter Hand auf die Dame zu. – »Es freut mich herzlich, Sie so wohl und munter zu finden. Wahrscheinlich habe ich die Ehre, Mister und Mistreß Dayton hier vor mir zu sehen.«
Squire Dayton und Frau verneigten sich, und jener sagte freundlich: »Unsere kleine Freundin hier hat Sie schon von draußen angemeldet, – Mr. Hawes, wenn ich nicht irre; – sie erkannte in Ihnen einen alten Bekannten.«
»Dann hätte es ja kaum der kalten Einführung durch diesen Brief bedurft«, sagte der Betrüger mit einer leisen Verneigung gegen die junge Dame. – »Von Mr. Porrel, jetzigem Staatsanwalt in Sinkville, der so gütig war, nebst einem freundlichen Gruß Ihnen die Meldung zu machen, daß eine so unbedeutende Person wie ich überhaupt existiere.«
»Ach, von Porrel! – Haben Sie ihn erst kürzlich getroffen?« fragte der Squire und nahm den Brief an sich. – »Es ist manches Jahr vergangen, daß wir einander nicht gesehen haben.«
»Und doch spricht er noch mit vieler Liebe und Anhänglichkeit von Ihnen. Er ist vor wenigen Wochen Staatsanwalt geworden und steht sich jetzt ziemlich gut, bekleidet auf jeden Fall einen ganz einträglichen und höchst achtbaren Posten.«
»Aber wie geht es Mistreß Hawes, Sir? Was macht Marie und wo ist sie?« unterbrach ihn hier Adele. »Sie erwähnen ja kein Wort von ihr und ihren Eltern. Ich glaubte Sie auf Ihrer Plantage in Louisiana.«
»Könnte ich dann schon wieder hier sein?« fragte Sander. »Nein, – die Pflanzung in Louisiana haben wir nicht gekauft, denn in Memphis, wo wir glücklicherweise einen Tag liegenblieben, kamen uns so böse und ungünstige Berichte über jene Gegend zu Ohren, daß wir beschlossen, lieber das geringe Draufgeld im Stich zu lassen, als so bedeutende Kapitalien an ein später fast wertloses Grundstück zu wenden. Da hörten wir von dem Verkauf einer Pflanzung bei Sinkville in Mississippi, landeten dort, fanden die Bedingungen mäßig, Land und Gebäude trefflich und wurden noch in derselben Woche handelseinig.«
»Und bei Sinkville wohnt jetzt Marie?« rief Adele freudig. »Oh, wie herrlich! Das liegt ja kaum sechs Meilen von Helena entfernt. – Ach, da besuche ich sie in den nächsten Tagen.«
»Sie darum zu bitten ist eigentlich der Zweck meines Hierseins«, erwiderte Sander; – »nur machen Sie sich dann auf einen etwas längeren Aufenthalt gefaßt, denn so schnell läßt Sie Marie gewiß nicht wieder fort. Mir ist sogar der dringende Auftrag gegeben geworden, Sie – wenn das irgend möglich wäre – gleich mitzubringen. Drüben am andern Ufer steht mein Wagen, und ich habe das Pferd nur deshalb mit herübergebracht, weil ich nicht genau wußte, ob Sie in oder bei Helena Ihren Wohnsitz hätten.«
»Ei, wie wird es dann mit dem Besuch bei Livelys werden?« fragte Mr. Dayton. »Den wirst du am Ende aufschieben müssen.« Adele sah die Schwester an, und ein leichtes Erröten färbte ihre Wangen.
»Nein, das geht unmöglich«, warf aber Mrs. Dayton ein. »Wir haben erst gestern abend durch den jungen Lively unser Kommen auf heute bestimmt ansagen lassen; Mrs. Lively hat sich auch gewiß eine Menge von Umständen gemacht und würde es nun mit Recht sehr übelnehmen, wenn wir unser Wort brächen. Wie wäre es aber, wenn uns Mr. Hawes dorthin begleitete? So kann Adele ganz gut morgen früh und gleich von dort aus mit Ihnen aufbrechen, und Sie haben doch wenigstens den Weg nicht vergebens gemacht.«
»Sie machen mir durch diese Erlaubnis eine große Freude«, erwiderte Sander; »zwar riefen mich eigentlich in einem so neuen Besitztum leicht erklärliche Geschäfte schnell zurück; doch mag Vater einmal auf einen Tag länger meine Stelle versehen. Er ist jetzt, Gott sei Dank, recht kräftig und wohl, und da wird es ihm nicht gleich schaden. Überdies habe ich seit langer Zeit gewünscht, Squire Dayton besser kennenzulernen, von dem ich schon so viel Gutes und Freundliches in Sinkville hörte.«
»Um so mehr muß ich dann bedauern, das Vergnügen Ihrer Gesellschaft, wenigstens für heute, zu entbehren«, sagte der Richter verbindlich; »meine Geschäfte erlauben mir nicht, Helena auf mehrere Tage zu verlassen; ich hoffe jedoch, Sie recht bald einmal, und zwar dann für einen längeren Aufenthalt, bei uns zu sehen. Aber da kommen die Pferde«, unterbrach er sich plötzlich. – »Nun, Mr. Hawes, jetzt werden Sie gleich das Amt eines Ritters und Beschützers übernehmen können, das sonst von der Person meines alten Cäsar hätte ersetzt werden müssen.«
»Ich bin stolz auf das Vertrauen, das Sie schon nach so kurzer Bekanntschaft in mich setzen, und werde versuchen, mich dessen würdig zu zeigen«, sagte Sander. – »Nur eins macht mich besorgt; – der Weg zu den Livelys ist mir fremd; – ich weiß nicht –«
»Den werde ich Ihnen zeigen«, rief Adele schnell und errötete dann, als sie das Lächeln der Schwester über den vielleicht zu großen Eifer bemerkte.
»Einer so schönen Führerin würde ich folgen, und wenn ich wüßte, das Ziel wäre der Tod!« rief Mr. Hawes rasch.
»Ei, ei, Sir«, warnte der Richter, »daß sind gefährliche Äußerungen für einen jungen Ehemann! Wenn das Ihre Frau hörte!«
»Marie und ich wissen, wie das gemeint ist«, sagte Adele freundlich und unbefangen. »Mr. Hawes macht auch manchmal Verse, und den Poeten darf man schon ein wenig Übertreibung gestatten. Doch die Pferde warten; also, Herr Ritter, ich werde Ihre Führerin sein.«
Mit diesen Worten, und während Sander noch von Squire Dayton Abschied nahm, ergriff das schöne Mädchen den Arm der Schwester und zog sie lachend mit die Treppe hinab. Cäsar führte dort Mrs. Daytons Pferd vor, Adele aber lenkte, ehe Sander imstande war, ihr die hilfreiche Hand zu bieten, das kleine, muntere Pony an einen zu diesem Zweck dort hingewälzten Stamm und sprang leicht und sicher in den Sattel. Der vermeintliche Eduard Hawes konnte ihr nur noch den kleinen Pantoffel, der den Steigbügel bildete, unter die zierliche Fußspitze schieben. Dann schwang er sich ebenfalls auf den Rücken seines ungeduldig scharrenden Tieres, und fort sprengte die kleine Kavalkade im kurzen Galopp den schmalen Waldweg am Fuße der Hügel entlang, welcher der etwa sechs bis sieben englische Meilen entfernten Farm des alten Lively zuführte.
Zu derselben Zeit, als die beiden Damen und ihre Begleiter in den dichten Büschen der Waldung verschwanden, kam eines jener mächtigen Flatboote mit der Strömung den Mississippi herab und beabsichtigte allem Anschein nach, in Helena zu landen. Außer den fünf Bootsleuten, die mit äußerster Anstrengung ihrer Kräfte die langen, schweren Finnen handhabten, um das Fahrzeug dem Lande zuzulenken, standen noch zwei Männer neben dem Steuernden am Hinterruder, und zwar recht gute Bekannte von uns: der alte Edgeworth und sein Begleiter Tom Barnwell. Dicht bei ihnen aber saß der alte, graue Schweißhund gar ernsthaft auf seinem Steiß und betrachtete mit unverkennbarem Interesse das Ufer, das, wie das kluge Tier recht gut merkte, jetzt bald wieder einmal nach langer Wasserfahrt betreten werden sollte.
Eine Person an Bord zeigte sich jedoch mit dieser Maßregel keineswegs zufrieden, und das war der Steuermann. Vorher schon hatte er eine Menge von Gründen gegen das Landen vorgebracht, war aber doch zuletzt gezwungen zu gehorchen und stand nun in mürrischem Schweigen an seinem Ruder. Endlich brach sich aber sein verhaltener Ingrimm noch einmal in Worten Bahn, und er sagte, einen bittern Fluch der Rede voranschickend: »Ich will verdammt sein, wenn es nicht barer Unsinn ist, hier in dem Nest anzulaufen. – Arbeiten müssen wir wie das Vieh, um nur wieder aus der Gegenströmung herauszukommen, und nicht die Hälfte von dem bekommen wir hier, was sie uns in Vicksburg oder selbst in Montgomerys Point dafür bezahlen.«
»Ich möchte nur wissen, was Ihr fortwährend mit Eurem Montgomerys Point habt«, erwiderte der alte Edgeworth. – »Das muß ein wahres Muster von Handelsplatz sein, ein Ideal aller Flatboote.«
»Wo liegt es denn eigentlich?« fragte Tom. »Ich bin doch auch früher am Mississippi gewesen, kenne aber den Ort gar nicht.«
»Es wird manchen Ort hier geben, den Ihr nicht kennt«, brummte der Lotse; »in einem Jahre verändert sich hier verdammt viel. – Seht einmal da drüben Helena! – Das waren nur ein paar Häuser, als ich zuerst an den Mississippi kam, und jetzt ist es eine ordentliche Stadt. Montgomery baute vor etwa vier Jahren die erste Hütte, und jetzt ist es der Schlüssel zum ganzen Westen; denn alle stromab kommenden Dampfboote gehen natürlich den näheren Weg, durch den Whiteriver, in den Arkansas, und passieren dort nie ohne anzulegen. Da leben auch Kaufleute, vor denen man Respekt haben muß; uns hat einmal einer – ein einziger – eine ganze Flatbootladung Mehl abgenommen, und das war noch nicht einmal der reichste.«
»Nun, meinetwegen«, sagte der alte Edgeworth; »wenn Ihr solch unendliches Vertrauen zu dem Nest habt, so wollen wir da anlegen; aber erst will ich sehen, wie der Markt hier steht. Ich habe nun einmal meinerseits Vertrauen zu Helena und sehe gar nicht ein, weshalb wir nicht wenigstens versuchen sollten, unsere Ladung hier loszuwerden. Also greift aus Burschen, greift aus! In ein paar Minuten seid ihr am Ufer, und dann mögt ihr euch heute einen vergnügten Abend machen.«
Die Männer legten sich denn auch mit dem besten Willen von der Welt gegen die schweren Finnen, gaben mit scharfem Nachdruck den letzten Stoß und liefen, während der eine das an Bord befindliche Ende niederdrückte und rasch zurückzog, mit schnellen Schritten nach, um keinen Zollbreit Raum zu verlieren. So erreichten sie endlich die stillere, dicht vor der Stadt befindliche Stromfläche. Tom ergriff jetzt das lange Bugtau, trat vorn auf die oberste Spitze des Bootes, und als sie jetzt dicht an den übrigen dort befestigten Fahrzeugen vorbeitrieben, sprang er auf das nächste Boot, lief darüber hin bis ans Ufer und befestigte dort das Tau in einem der zu diesem Zwecke angebrachten eisernen Ringe. Wenige Sekunden später schlug das breite, plumpe Fahrzeug schwerfallig gegen die weiche Schlammbank an, und die schnell heraufgenommenen Ruder oder Finnen wurden an Bord gelegt.
Zwei der Flatbootleute blieben jetzt als Wachen zurück, und die übrigen, der alte Edgeworth und Tom mit dem grauen Schweißhund an der Spitze, schritten in die Stadt hinauf, um das Terrain zu erkunden, die Preise der nördlichen Erzeugnisse zu erfahren und überhaupt herauszufinden, ob und in welcher Art sich hier ein Geschäft anknüpfen lasse.
Nur Bill, der Steuermann, ging nicht mit den übrigen, sondern schlenderte erst scheinbar zwecklos am Ufer hin, bis er die Kameraden aus den Augen verloren hatte. Dann bog er rechts ab, schritt die zum Wasser führende Walnutstreet schnell hinauf und klopfte gleich darauf an ein niedriges alleinstehendes Haus, in dessen oberem Fenster im nächsten Augenblick das liebenswürdige Antlitz der Mrs. Breidelford sichtbar wurde. Die Dame hatte aber kaum einen Blick auf die Straße geworfen und den Besuch erkannt, als sie auch schon wieder mit einem Schrei des Erstaunens, vielleicht der Freude, zurückfuhr. Gleich darauf waren ihre schnellen Schritte zu hören, wie sie die Treppe in fast jugendlicher Eile herabsprang, um den willkommenen Gast einzulassen.
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