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Gernot Zimmermann

Ich bin dann mal nicht weg

320 Kilometer durch Innsbruck

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

VORWORT

NOCH EINE KLEINE VORBEMERKUNG

Tag 1 Mittwoch, 11. März 2020

Tag 2 Donnerstag, 12. März 2020

Tag 3 Freitag, 13. März 2020

Tag 4 Samstag, 14. März 2020

Tag 5 Mittwoch, 18. März 2020

Tag 6 Donnerstag 19. März 2020

Tag 7 Montag, 13. April 2020

Tag 8 Donnerstag, 16. April 2020

Tag 9 Freitag, 17. April 2020

Tag 10 Dienstag, 23. Juni 2020

Tag 11 Mittwoch, 24. Juni 2020

Tag 12 Donnerstag, 25. Juni 2020

Tag 13 Freitag, 26. Juni 2020

Tag 14 Samstag, 27. Juni 2020

Tag 15 Sonntag, 28. Juni 2020

Tag 16 Montag, 29. Juni 2020

Tag 17 Dienstag, 30. Juni 2020

Tag 18 Mittwoch, 1. Juli 2020

Tag 19 Donnerstag, 2. Juli 2020

Tag 20 Freitag, 3. Juli 2020

Tag 21 Samstag, 4. Juli 2020

Tag 22 Sonntag, 5. Juli 2020

Tag 23 Montag, 6. Juli 2020

Tag 24 Dienstag, 7. Juli 2020

Tag 25 Mittwoch, 8. Juli 2020

Tag 26 Donnerstag, 9. Juli 2020

Tag 27 Freitag, 10. Juli 2020

Tag 28 Sonntag, 12. Juli 2020

Tag 29 Montag, 13. Juli 2020

Tag 30 Dienstag, 14. Juli 2020

Tag 31 Mittwoch, 15. Juli 2020

Tag 32 Donnerstag, 16. Juli 2020

Tag 33 Samstag, 18. Juli 2020

Tag 34 Sonntag, 19. Juli 2020

Tag 35 Montag, 20. Juli 2020

Tag 36 Mittwoch, 22. Juli 2020

Gernot Zimmermann

Zum Autor

Liste der Innsbrucker Strassen

Impressum

Weitere E-Books aus dem Haymon Verlag

Gewidmet meiner lieben Ilse – Danke für Alles!

VORWORT

Es wird im April des Vorjahres gewesen sein, als ich im Internet durch Zufall in den Blog eines Wieners geraten bin, der nach Santiago de Compostela gepilgert ist. Der Mann ist von Wien aus einfach losmarschiert, trotz seines erheblichen Übergewichtes und ohne jemals zuvor eine Weitwanderung unternommen zu haben. Ich habe alle seine Tagebucheintragungen auf einmal durchgelesen und das Thema hat mich nicht mehr losgelassen. Pilgern kommt bei mir mangels Gläubigkeit nicht in Frage, aber man könnte ja zum Beispiel zu Fuß nach Wien gehen. Diese Idee habe ich schnell wieder fallen lassen, irgendwie war mir das logistisch zu kompliziert. Aber immerhin habe ich begonnen auszutesten, ob ich, als ausgewiesener Couch-Potato, längere Strecken überhaupt schaffe. So bin ich einmal von Pradl nach Zirl raufmarschiert und gleich am nächsten Tag nach Hall und retour. Passt, 20 Kilometer schaffe ich locker, vielleicht sogar 30, wenn ich mal im Gehen drin bin. Fehlte also nur mehr ein lohnendes Ziel.

Tja – und dann habe ich das Buch von Hape Kerkeling in unserem Regal stehen gesehen und beim Lesen des Titels „Ich bin dann mal weg“ wusste ich augenblicklich, wie mein Buch heißen wird. „Ich bin dann mal nicht weg“. Ich verlasse nämlich Innsbruck gar nicht, sondern werde sämtliche Straßen, Gassen, Wege, Plätze, Steige, Promenaden, Brücken und Stege meiner Heimatstadt zu Fuß abgehen. Dafür muss ich auch keinen großen Aufwand betreiben – gute Wanderschuhe, einen Stadtplan, ein offizielles Adressenverzeichnis, fertig. Angenehmer Nebeneffekt dabei – ich schlafe jeden Tag in meinem eigenen Bett.

Rückblickend wäre es wohl besser gewesen, ich hätte meine Wanderung durch Innsbruck gleich im Juli oder August 2019 gemacht, es wären mir einige Schwierigkeiten erspart geblieben. Aber aus verschiedenen Gründen ist es nicht dazu gekommen und am 11. März 2020 startete ich schließlich meine Tour.

Von Beginn an wurde ich dabei von meiner Frau Ilse begleitet, sie hat während der insgesamt 36 Wandertage über 4.000 Fotos geschossen. Die ersten Tage hat sie mich noch zu Fuß begleitet, aber dann ist plötzlich alles anders geworden. Zuerst hat der Corona-Wahnsinn das ganze Land in Geiselhaft genommen und in vielen Bereichen völlig lahmgelegt. Während der wochenlangen Quarantäne Tirols durften wir nicht einmal mehr in den Nachbarort fahren und nur noch in Ausnahmefällen das Haus verlassen.

Und dann hat sich vor mir unvermittelt ein neuer Gegner aufgebaut – ich habe mir nämlich leider die „Periphere Arterielle Verschlusskrankheit (PAVK)“ eingehandelt. Durch diese de facto unheilbare Durchblutungsstörung kann ich ohne große Schmerzen keine längeren Strecken mehr gehen, 170 Meter sind das absolute Maximum. Die Diagnose bekam ich nach Wandertag 9 gestellt und damit war das Projekt natürlich gestorben. Ich hatte ja bis dahin erst knapp über 100 Straßen hinter mir und wie soll ich denn bitteschön die restlichen 550 Straßen abgehen, bei meinem Radius? Wie soll ich da die Igler Straße bewältigen können oder die Kranebitter Allee? Wie die Gramartstraße mit ihrer „Höll“ oder den Schusterbergweg mit seinen 20 Prozent Gefälle?

Lassen Sie mich vorgreifen – ich habe es trotz meiner Krankheit geschafft, alle Innsbrucker Straßen von Anfang bis zu ihrem Ende zu Fuß zu bewältigen. Das muss natürlich heißen, WIR haben es geschafft. Denn ohne meine Frau Ilse wäre das Projekt „Erstbegehung von Innsbruck“ eine Vision geblieben bzw. gleich zu Beginn gescheitert. Ihr Beitrag ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, im Buch wird aber noch viel davon zu lesen sein.

Wie uns diese gemeinsame „Erstbegehung von Innsbruck“ gelingen konnte? Auf den folgenden Seiten habe ich das niedergeschrieben und ich wünsche gute Unterhaltung beim Lesen.

Gernot Zimmermann

Innsbruck, im Oktober 2020

NOCH EINE KLEINE VORBEMERKUNG

Für meine Wanderung durch Innsbruck habe ich mir ein paar Regeln aufgestellt, damit das Ganze ein bisschen einen Rahmen hat:

Die Grenzen von Innsbruck sind für mich nicht die Ortstafeln, sondern die offiziellen Gemeindegrenzen. Aber ich behalte mir vor, auf die Ortstafeln als Grenze zurückzugreifen, wenn das notwendig wäre.

Ich werde jede Straße in ihrer vollen Länge abgehen und zwar auf einmal. Das heißt, zu verlockenden Nebengassen werde ich nicht abbiegen, bevor die eben begangene Straße noch nicht abgehakt ist.

Prinzipiell werde ich Stadtteil für Stadtteil abhandeln, aber das ist kein Muss. Wenn es mir günstig erscheint, dann werde ich auch in einen anderen Stadtteil „vordringen“, bevor der eine erledigt ist. Ganz davon abgesehen lassen sich Innsbrucks Stadtteile nicht immer klar abgrenzen, es gibt da durchaus unterschiedliche Ansichten und ich will mich in diese ewigen Diskussionen nicht groß einmischen.

Ich werde nicht zu jeder einzelnen Hausnummer bzw. zu jedem einzelnen Haus hingehen. So zweigen etwa von der Höhenstraße gleich mehrere Zufahrten zu Häusern ab, sowohl links als auch rechts. Die werde ich, wie gesagt, auslassen, die Höhenstraße selbst genügt mir. Und weil wir gerade bei der Höhenstraße sind – ich werde natürlich alle ansteigenden Straßen Innsbrucks möglichst bergab bewältigen. Meine Kondition ist schließlich sehr endlich, ich bin nun mal kein Bergläufer.

Das Buch ist als Tagebuch geführt und wenn ich neue Straßen, Gassen, Plätze oder Brücken angehe, schreibe ich in Klammern dazu, nach wem oder was sie benannt wurden. Jeweils ganz kurz nur, eine ausführlichere Beschreibung würde sonst schnell den Umfang des Buches „Innsbrucker Straßennamen“ von Josefine Justic annehmen. Das hat fast 300 Seiten und es war mir bei meiner Tour durch Innsbruck eine wertvolle Hilfe.

So – und jetzt lassen wir es losgehen bzw. lassen wir mich losgehen ...


Tag 1
Mittwoch, 11. März 2020

Auf diesen Tag habe ich mich jetzt wirklich lange genug gefreut, aber heute starte ich endgültig mein Projekt „Erstbegehung von Innsbruck“. Vielleicht ein etwas zu hochtrabender Titel, doch ich gehe schon davon aus, dass noch niemand vor mir alle Straßen Innsbrucks zu Fuß bewältigt hat. Wobei das im Endeffekt eh egal ist, denn um Rekorde oder so geht es mir nicht. Viel an Vorbereitung musste ich in mein Projekt nicht investieren, mit guten Wanderschuhen, einem tauglichen Stadtplan von Innsbruck und dem Ausdrucken des offiziellen Straßenverzeichnisses der Stadt war das rasch erledigt.

An dieser Stelle kann nicht unerwähnt bleiben, dass zurzeit ganz Europa gegen ein heimtückisches Virus ankämpft, das schon ganze Landstriche in Geiselhaft genommen hat. Gestern hat Italien die Grenzen zu allen Nachbarländern geschlossen und sich damit völlig isoliert. Ein ganzes Land unter Quarantäne, wann hat es das in der jüngeren Geschichte je gegeben? In Österreich und in Tirol sind die Infektionszahlen noch nicht besorgniserregend, aber in Innsbruck haben wir schon einzelne Fälle gehabt. Mal schauen, wie sich das weiterentwickelt, doch ein Blick in die Lombardei lässt leider Schlimmes erwarten. Aber vom Start meines Projekts lasse ich mich dadurch nicht abhalten, zumindest vorerst nicht.

Mittlerweile weiß ich ziemlich genau, was mir bevorsteht – es gibt in Innsbruck offiziell 635 Straßen, Gassen, Wege, Plätze, Promenaden und Steige, dazu kommen noch einige Inn- bzw. Sillbrücken und Stege, also deutlich über 650 Adressen insgesamt. Die Gesamtstrecke soll 332 Kilometer lang sein, das wird sich ziehen …

Jede Reise beginnt mit dem ersten Schritt und ich werde diesen Schritt auf einer Tankstelle setzen. Der Grobplan ist, dass ich mit dem Stadtteil anfange, in dem wir wohnen – also mit Pradl. Als Erstes würde ich gerne all jene Straßen abgehen, die Pradl begrenzen und so bringt mich meine Frau Ilse zur Tankstelle am Autobahnzubringer Innsbruck-Ost, zum Ende – bzw. ist es für mich der Anfang – der Amraser-See-Straße (bis um das Jahr 1870 gab es hier einen See).

Das Wetter ist nicht schlecht, aber kurz nach 8 Uhr früh ist es noch empfindlich frisch. Schon nach ein paar Schritten befinde ich mich am Parkplatz des Einkaufzentrums DEZ und beschließe spaßhalber, quer durch den Konsumtempel zu gehen. Konsumtempel passt übrigens ziemlich gut, denn das DEZ wird pro Jahr von weit mehr Menschen besucht als die Pilgerstätte Lourdes. Aber das nur nebenbei … Ich war übrigens als Kind bei der Eröffnung dabei und erinnere mich noch lebhaft an eine große Kanone, mit der Süßigkeiten in die Menschenmenge geschossen wurden. Das war übrigens am 24. September 1970, danke Internet.

Noch bin ich keine 500 Meter weit gegangen und immer noch im DEZ, da meldet sich plötzlich meine linke Wade. Sie protestiert wahrscheinlich gegen mein hohes Tempo, also muss ich da einen besseren Rhythmus finden. Aber ich darf meinen Muskeln auch nicht böse sein, denn seit wir im Dezember von Indien zurückgekommen sind, bin ich nur faul auf der Couch gelegen. Von gelegentlichen Spaziergängen abgesehen. Kein Wunder, dass ich mich erst wieder an Bewegung gewöhnen muss.

Gleich einmal nach dem großen Parkplatz wartet Ilse bei der Fußgängerunterführung auf mich und gemeinsam marschieren wir die Amraser-See-Straße entlang. Sie bildet den östlichsten Teil des Südrings und reicht bis zur Kreuzung mit der Amraser Straße, ab da setzt sich der Südring als Burgenlandstraße (österreichisches Bundesland) fort. Schon nach 30 Metern kommen wir bei einer meiner ehemaligen Arbeitsplätze vorbei, denn hier war einst der „Autoverleih Buchbinder“ angesiedelt. Das wird im 1987er-Jahr gewesen sein. Ich war hauptsächlich als LKW-Fahrer tätig und habe mit einem Autotransporter die Leih-Fahrzeuge zu den Vertragspartnern geführt. Einmal wollte ich gerade einen nagelneuen VW Golf aufladen, der hatte einen Kilometerstand von unter 20. Beim Auffahren brach leider eines der beiden Bleche der Rampe, der Golf kippte sofort nach links und verkeilte sich zwischen LKW und der anderen Auffahrtsrampe. Mir ist nix passiert, aber die Karre war als Leihwagen nicht mehr zu gebrauchen, hatte also äußerst schnell ausgedient. Das haben übrigens alle Anwesenden sehr lustig gefunden und weil es auch den Filialleiter amüsierte, habe ich halt mitgelacht.

Die Burgenlandstraße mündet in den Kreisverkehr beim Tivoli und kommt in westlicher Richtung als Olympiastraße (nach den Winterspielen 1964 und 1976) wieder aus ihm heraus. Diese Straße beherbergt unter anderem das Olympia-Eisstadion, die erst vor ein paar Jahren errichtete „kleine“ Eishalle und führt noch dazu am Tivoli-Schwimmbad vorbei. Auf das „Tivox“ komme ich später noch einmal zurück, jetzt bin ich in Gedanken ganz bei meinem Lieblings-Fußballverein FC Wacker Innsbruck. Denn ziemlich genau da, wo man heute in die Tiefgarage des „Merkur-Marktes“ einfährt, war bis zur Jahrtausendwende der „Eingang Süd“ des alten Wackerstadions. Wie oft ich hier mit dem Wacker mitgefiebert, mitgejubelt und mitgelitten habe – ich weiß es nicht, aber die Zahl meiner Besuche ist mit Sicherheit eine mittlere dreistellige. Ich werde etwa acht Jahre alt gewesen sein, wir waren gerade aus der Innenstadt nach Amras gezogen, da „entdeckte“ ich durch einen Schulfreund, dass man die zweite Halbzeit eines Wacker-Spiels gratis anschauen durfte. Irgendwann in der 46. oder 47. Minute öffnete ein Ordner das große Gittertor und einige Dutzend Zaungäste wurden auch ohne Ticket eingelassen. Ich war dann immer öfter auch mit dabei und mit der Zeit entwickelte ich mich zu einem richtigen Fan. Meinen Eltern habe ich die Stadionbesuche aus Angst vor einem Verbot lange verschwiegen, sie glaubten mich halt im Hof.

Das Rauschen der Sill reißt mich aus meinen Wacker-Gedanken, denn die Olympiastraße ist hier erledigt. Wir biegen rechts ab und gehen zwischen dem Sill-Fluss und der relativ neu errichteten „Wohnanlage Tivoli“ durch. Hier gibt es gleich zwei kurze Straßen, von denen ich noch nie gehört habe – die Josef-Thoman-Straße (Tiroler Politiker, 1923–2003) verläuft in Richtung Osten, die wenige Meter daneben liegende Adele-Obermayr-Straße (Tiroler Politikerin, im NS-Widerstand tätig, 1894–1972) bringt uns danach wieder zurück zum Ufer der Sill. Wir halten uns weiter Richtung Norden und nach dem Sillufer kommen wir bei der Berufsfeuerwehr zur Hunoldstraße (Dichter, 1828–1884). In dieser Straße ist mein Vater aufgewachsen, an die großelterliche Wohnung kann ich mich nur noch schemenhaft erinnern. Aber das Haus steht noch und hat sich in den letzten 55 Jahren nur unwesentlich verändert. Die Hunoldstraße endet für uns an der Amraser Straße, wir überqueren den Leipziger Platz (nach der Völkerschlacht von 1813) und gehen danach die Körnerstraße (Deutscher Schriftsteller, 1791–1813) an. Bis jetzt ist jede Straße in eine andere übergegangen, das ändert sich nun. Denn den südlichen Teil der Körnerstraße müssen wir nach seiner Bewältigung gleich wieder zurück gehen – zum Glück sind das kaum 200 Meter. Aber es sind 200 Extra-Meter, „Schweine-Meter“, wie ich sie genannt habe. Die Körnerstraße geht in den Pradler Platz (umrundet die alte Pradler Pfarrkirche) über, damit ist schon die nächste Adresse abgehakt. Jetzt befinden wir uns auf der Pradler Straße, gehen diese in Richtung Norden und kommen so zum Furterzaunweg (alter Flurname), der links abgeht. Das Mini-Sträßchen ist in kürzester Zeit durchlaufen, da stört es wenig, dass wir auch diesen Weg zweimal gehen müssen. Das ist in der Schmidgasse (nach dem alten Schmidhaus) nicht anders, denn auch sie geht als Sackgasse links von der Pradler Straße ab. Zum Glück ist die Gasse ebenso kurz und wir steuern unser nächstes Ziel an, das Brückenplatzl (neben der Pradler Brücke). Dort befindet sich eine schöne Bank bei einem noch schöneren Baum und das Allerschönste ist der Ausblick auf den Patscherkofel, den man vor hier aus genießen kann. Ich brauche jetzt mal eine längere Pause und meine linke Wade hält das auch für eine super Idee. Ich bin einfach völlig untrainiert, morgen werde ich wahrscheinlich einen ordentlichen Muskelkater haben.

Nach dem feinen Break spazieren wir die Pradler Straße (nach dem ehemaligen Dorf Pradl) hinauf und das im doppelten Wortsinn. Denn die Straße steigt definitiv leicht an, auch wenn man es mit freiem Auge kaum sieht. Aber ich spüre es. Und so muss ich einmal tatsächlich stehenbleiben, damit sich mein überfordertes Bein wieder beruhigen kann. Mühsam. An der Kreuzung mit der Amraser Straße biegen wir links ab und gehen die 50 Meter vor bis zur Lindenstraße (früher standen hier viele Lindenbäume). Die verläuft parallel zur Pradler Straße, also geht sie dankenswerterweise leicht abwärts und ich muss nicht stehenbleiben. Bei der querenden Gumppstraße angekommen, gehen wir diese ein paar Meter in Richtung Osten und verfügen uns bald einmal links in die Gabelsbergerstraße (Erfinder der Stenografie, 1789–1849) hinein, die nach Norden führt.


Ganz am Ende der Gabelsbergerstraße hat Ilse jahrelang als Koch- und Werklehrerin unterrichtet – nomen est omen –, in der „Neuen Mittelschule Gabelsberger“. So weit sind wir aber noch nicht, denn zuerst müssen wir noch durchs sogenannte „Facken-Gassl“, welches fast jeder Innsbrucker kennt, das aber in keinem Stadtplan zu finden ist. Das schmale, an einem Bauernhof samt Stall (daher der Name) vorbeiführende Gässchen reicht von der Amthorstraße bis zur Egerdachstraße, ehe es in den nördlichen Teil der Gabelsbergerstraße übergeht. Aber wahrscheinlich heißt das „Facken-Gassl“ eh auch Gabelsbergerstraße, als Extra-Adresse rechne ich es jedenfalls nicht. Wir sind an der Schule angekommen, halten uns links und nach ein paar Metern auf der Reichenauer Straße finden wir uns in der Schmuckgasse (nach einer Tiroler Beamten- und Handelsfamilie) wieder. Die ist fast schneller absolviert als ein Eichhörnchen mit seinen Ohrhärchen wedeln kann, dafür folgt mit der Egerdachstraße (nach einem ehemaligen Heilbad) gleich die längste Straße bis jetzt. Wir starten beim alten Brunnen an der Ecke zur Pradler Straße und marschieren los.

Die Egerdachstraße hat zwei völlig unterschiedliche Charaktere aufzuweisen. Bis zur Kreuzung mit der Kravoglstraße/Klappholzstraße lässt sie sich ganz normal mit dem Auto befahren, dann biegt sie scharf nach rechts ab und verläuft als reiner Fuß- und Radweg bis vor zum Langen Weg. Das ist wirklich ein breiter Weg bis zum Langen Weg. Unter anderem kommen wir am Dotterbichl vorbei, wo ich als Kind manchmal mit der Rodel oder den Skiern runtergerutscht bin. Und es überrascht mich einigermaßen, dass der sich offenbar nicht in der Reichenau, sondern noch in Pradl befindet. Als alter Reichenauer wäre ich nie draufgekommen, denn für mich gehört der Dotterbichl genauso zur Reichenau wie der Sill-Zwickel – der übrigens in Wahrheit zum Saggen gehört, eventuell noch zum Pradler Saggen ... In unmittelbarer Nähe des Dotterbichls befindet sich der sogenannte Roßsprung. Genau hier hat im 15. Jahrhundert ein Edelknabe mit seinem Pferd einen Wassergraben übersprungen – mit einem 12 Meter weiten Satz! Die damals gesetzten Marksteine sind – nach ihrer Wiederentdeckung 1961 – heute noch zu sehen. Übrigens haben weder Pferd noch Reiter den Sprung überlebt, in die Geschichte Innsbrucks sind sie aber trotzdem (oder vielleicht sogar deswegen) eingegangen. Das Wunderpferd ist später ausgestopft und im Schloss Ambras ausgestellt worden, wo es heute noch in der dortigen Schatzkammer zu bewundern ist. Zumindest das ist dem waghalsigen Jockey erspart geblieben, auch wenn heute niemand mehr seinen Namen kennt.

Entlang der Egerdachstraße befinden sich zahlreiche Bänke, so kann ich mich immer wieder einmal ausrasten, denn schön langsam spüre ich die vielen Kilometer, zehn werden es bis jetzt wohl schon gewesen sein. Aber bald haben wir die erste Tagesetappe eh hinter uns.

Nach der Egerdachstraße geht Ilse schon mal nach Hause, wir wohnen ja um die Ecke. Ich begleite sie noch ein paar Meter und gehe dann von der Kranewitterstraße rechts in die Hans-Sachs-Straße (Meistersinger, 1494–1576). Bei etwas besserer Kondition könnte man diese kurze Straße auf einem Bein durchhüpfen, aber wer will das schon. Am Ende der Straße muss ich nur hundert Meter nach links die Dürerstraße entlang gehen, dann zweigt schon rechts und links die Schwindstraße (Maler, 1804–1871) ab. Zuerst gehe ich den kürzeren Teil in Richtung Norden, dort am Absatz kehrt gemacht und danach wieder hinauf zur Kranewitterstraße. Auch diesen Teil der Straße hüpfe ich nicht einbeinig durch, sondern bin im Gegenteil froh, dass sie so kurz ist. Denn sie geht eindeutig leicht aufwärts und das mag meine beleidigte linke Wade gar nicht. Jetzt bin ich bald daheim, aber am Weg dorthin nehme ich noch zwei Adressen mit. Als Erstes wird die Nordkettenstraße (Gebirgskette des Karwendels) abgehandelt, nach der unsere Siedlung benannt ist. Auch diese Straße steigt ganz leicht an, aber jetzt bin ich wohl schon ein bisschen überempfindlich. Jedenfalls bin ich froh, dass ich mit der östlich der Nordkettenstraße gelegenen und parallel verlaufenden Siegmairstraße (Kampfgenosse Andreas Hofers, 1775–1810) die letzte Adresse für heute vor mir habe. Mit schon ziemlich müden Schritten gehe ich an der Volksschule vorbei, die Ilse übrigens schon als Schülerin gekannt hat, so lange steht die Siegmair-Schule schon unverändert am selben Fleck. Und weil sie denkmalgeschützt ist, wird sie auch noch die nächste Zeit so stehen bleiben. Bis vor zwei, drei Jahren war hier auch ein Polytechnischer Lehrgang untergebracht, der glücklicherweise aufgelassen worden ist. Glücklicherweise deshalb, weil in der warmen Jahreszeit die Jugendlichen gleich im Dreißiger-Pack mit ihren Mopeds angeknattert gekommen sind – 99,9 Prozent der Fahrzeuge waren natürlich auffrisiert und dementsprechend nervtötend laut. Da mussten wir uns dann beim Frühstück manchmal in Zeichensprache unterhalten und das gleichzeitige Wegfahren dutzender Mopeds hat uns oft genug aus dem Mittagsschlaf gerissen. Ich sehe das ja, ganz tief in meinem Innersten, ohnehin nur als gerechte Strafe an. Denn als Teenager habe ich selber Löcher in den Auspuff meines Mofas gebohrt, damit es wenigstens nach irgendwas klingt. Jaja, Karma is a bitch …

Nach der Durchwanderung der Siegmairstraße komme ich zum vierten Mal zu einer Kreuzung mit der Kranewitterstraße, aber das war es dann für heute. Insgesamt kann ich nach meinem ersten Wandertag durch Innsbruck 21 Straßen bzw. Adressen als erledigt abhaken, 21 von über 650, das sind schon fast drei Prozent. Fehlen also eh nur mehr 97 Prozent …

Reim des Tages:

Mit meiner Ilse durch die Stadt zu wandern,

ist mir viel lieber als mit jeder andern …

Tag 2
Donnerstag, 12. März 2020

Erstaunlicherweise spüre ich kaum Nachwirkungen des gestrigen Wandertages, nur in meiner linken Wade macht sich ein ganz leichter Muskelkater bemerkbar. Es zieht nämlich ein bisschen.

Die Corona-Lage wird immer undurchsichtiger und dramatischer, in den unter Quarantäne stehenden Gebieten Italiens darf man nur noch dann spazieren gehen, wenn man einen Hund hat! Sonst muss man zu Hause bleiben, das Militär patrouilliert in Städten und Ortschaften. Bei uns in Österreich steigt die Zahl der Infizierten ebenfalls an, auch hierzulande werden weitere Maßnahmen erwogen. Mal schauen, wo das noch hinführt.

Wir starten heute direkt von daheim aus und als Erstes begeben wir uns ans Ende der Josef-Pöll-Straße (Komponist, 1874–1940), an der Ecke zur Siegmairstraße. Wir spazieren die Josef-Pöll-Straße stadteinwärts, also in Richtung Westen. Viel gibt sie nicht her, kein Geschäft, kein Lokal – beinahe würde ich meinen, die einzige Attraktion sind die Parkautomaten, weil sie im Dunkeln so schön grün leuchten. Aber die Josef-Pöll-Straße ist eine angenehme Wohngegend, hier fährt nur durch, wer hier auch was zu erledigen hat, also herrscht kaum Verkehr. Die Straße geht dann an der Kreuzung mit der Grenzstraße in die Petzoldstraße (Arbeiterdichter, 1882–1923) über und wenn es nach dem „Räumlichen Bezugssystem“ der Gemeinde Innsbruck geht, dann ist das hier die Grenze zwischen Amras und Pradl. Ist es aber nie und nimmer, für welchen Innsbrucker liegt die Siegmair-Schule bitteschön in Amras? Für mich liegt die Grenze zwischen Pradl und Amras in der Mitte der Amraser-See-Straße, aber ich habe ja schon eingangs erwähnt, dass es über die exakten Grenzen der einzelnen Stadtteile Innsbrucks immer schon rege Diskussionen gegeben hat. Die Stadt selber teilt in ihrem „Räumlichen Bezugssystem“ die Gemeinde in Katastralgemeinde, Statistischer Stadtteil und in Statistischer Bezirk ein. Jeweils mit unterschiedlichen Grenzverläufen. Um es noch einfacher zu machen, gibt es auch so etwas wie postalische Einteilungen und dann kommen noch die diversen Sprengel-Regelungen dazu und …

Genug jetzt damit, zurück in die Petzoldstraße. Die ersten Wohnblocks links und rechts brüllen geradezu nach einer Sanierung, hier ist seit der Errichtung im Jahre Schnee (vermutlich Ende der 1950er-Jahre) nie etwas renoviert worden. Zeit wird’s. Die kurze Petzoldstraße ist schnell abgehakt, wir gehen nach links und sind schon nach wenigen Schritten in der Kernstockstraße (Verfasser des „Hakenkreuzliedes“, 1848–1928). In meiner Sturm-und-Drang-Periode habe ich mich den Protesten gegen diese Straßenbezeichnung angeschlossen, die Stadt ist aber unnachgiebig geblieben. Schließlich habe ich, gemeinsam mit einem Freund, das Schild der Kernstockstraße gefunden, bevor es die Stadt überhaupt verloren hat. Es ist jetzt an einem besseren Ort. Natürlich wurden die verloren gegangenen Schilder immer wieder erneuert und seit 2011 ist zumindest ein zusätzlicher Info-Text über Kernstock angefügt. Trotzdem ärgert mich die Sturheit der Stadt in dieser Sache immer noch, denn in fast allen anderen Orten Österreichs sind die Kernstockstraßen umbenannt worden. Hakenkreuz hin oder her, ich kann mich der Kernstockstraße natürlich nicht verweigern und gehe in die vermeintliche Sackgasse hinein. Und siehe da, das ist ja gar keine Sackgasse mehr, denn „die Unaussprechliche“ führt hinüber bis zur Seebergasse. Das habe ich nicht gewusst und dabei ist das keine 400 Meter von mir daheim entfernt …

Die Seebergasse (Priester und Germanist, 1856–1919) ist nur unwesentlich länger als die Gasse davor und wir gehen sie bis zur Amraser Straße. Dann links hinauf die paar Schweine-Meter bis zum Blindenheim und dort scharf nach links in die Grenzstraße (ehemalige Grenze zwischen den Dörfern Amras und Pradl). Wir sind hier öfters auf einem Spaziergang unterwegs und genießen auch heute den Blick auf die gewaltige Nordkette. Das Wetter ist zum Wandern optimal und mit jeder Stunde wird es wärmer. Die Grenzstraße setzt sich dann als Koflerstraße (Tiroler Politiker, 1855–1943) fort und endet erst an der Gumppstraße. Über die Koflerstraße gibt es wenig zu sagen, eine reine Wohngegend mit netten Einfamilien- und Mehrparteienhäusern. Einziger Mangel ist die Infrastruktur, es gibt im Umkreis von 500 Metern kein Lebensmittelgeschäft, aber das ist in ganz Ost-Pradl so.

Wir gehen danach die Gumppstraße ein Stück stadtauswärts bis zur Kreuzung mit der Türingstraße (Erbauer des Goldenen Dachls, gest. 1517), das ist unsere nächste Adresse. Diese Gegend habe ich immer schon gerne gemocht, die einstöckigen Wohnhäuser der sogenannten „Südtiroler-Siedlung“ strahlten für mich immer große Gemütlichkeit aus. Damit ist es jetzt vorbei, seit einiger Zeit wird in der Türingstraße alles abgerissen, was nur ein Stockwerk hat. Eines der Südtiroler-Häuser in dieser Straße steht noch, aber auch sein Schicksal ist längst besiegelt. An der Kreuzung mit der Amthorstraße drehen wir am Absatz um, weil von der Türingstraße noch zwei Querstraßen abgehen. Als Erstes nehmen wir uns Am Rain (Flurname) vor, auch hier stehen noch einige ältere Häuserblocks der Südtirol-Umsiedler und auch die werden wohl nicht mehr lange stehen bleiben. Gleich parallel dazu verläuft Am Roßsprung, die Geschichte dazu habe ich eh gestern schon erzählt. Auch hier dominieren noch die alten Häuser, aber es ist schon erstaunlich, wie rasch sich dieser Teil Innsbrucks in den letzten Jahren verändert hat. Aber durchaus nicht zum Schlechten.

Wir spazieren danach erneut die Türingstraße Richtung Norden runter und kommen wieder zur Amthorstraße (Verleger alpiner Reiseliteratur, 1820–1884). Der folgen wir jetzt stadteinwärts, sie wird uns immerhin bis vor zur Pradler Straße bringen. Wir starten beim Dotterbichl, früher war hier die ganze rechte Straßenseite von Baracken gesäumt. Bis vor zum ehemaligen Kiosk an der Ecke zur Pestalozzistraße. In meinem Taxi-Buch „Eine Million Kilometer durch Innsbruck“ habe ich mich eh ausführlicher mit dieser Sauf-Bude auseinandergesetzt. Genau gegenüber hat sich einer der ersten illegalen Nachtclubs Innsbrucks befunden, im Keller eines ganz normalen Mehrparteienhauses. Die Mieter werden auch einiges mitgemacht haben …

Gehen wir anschließend über die Langstraße, dann kommen wir linksseitig an der ehemaligen Backstube der ebenfalls ehemaligen „Konditorei Schiessling“ vorbei. Ich weiß das deshalb, weil mein Bruder Robert hier eine Lehre begonnen hat und ich ihn ein paar Mal an seinem süßen Arbeitsplatz besucht habe. Auf der gleichen Straßenseite, keine 100 Meter weiter, habe ich einmal ein Erlebnis der besonderen Art gehabt. Ich war zu der Zeit als Fahrer bei der „Spenglerei Auer“ beschäftigt, aber weil ich mich nicht ganz ungeschickt gezeigt habe, durfte ich bald auch kleinere Montagearbeiten durchführen. Und so habe ich, gemeinsam mit einem erfahrenen Kollegen, an einem fünfstöckigen Haus Ablaufrohre angebracht. Das dürfte im Juli 1984 gewesen sein. Jedenfalls hing ich gerade an der Strickleiter in gut 15 Metern Höhe und bohrte mit der schweren Hilti-Maschine Löcher in die Außenmauer. Plötzlich setzte ohne Vorwarnung das heftigste Gewitter ein, das ich je erlebt habe. Sofort nach dem ersten Windstoß prasselte Starkregen auf mich ein, der bald darauf in Hagel überging, die Schloße waren zum Teil so groß wie Tischtennisbälle. Es blitzte und donnerte minutenlang ununterbrochen, mein mich sichernder Kollege war sogleich in den Dachboden geflüchtet und hatte zur Vorsicht die Luke geschlossen. Ich hing also buchstäblich in der Luft, krallte mich an den Sprossen der Strickleiter fest und wurde eine gute Viertelstunde lang von Sturm, Regen und Hagel ordentlich bearbeitet. So etwas vergisst man auch nicht mehr. Übrigens, am nächsten Tag zeigten alle Medien die teils spektakulären Auswirkungen des Unwetters – im Hofgarten etwa war keine einzige Blume heil geblieben und statt der Blütenpracht steckten lediglich nüchterne Hinweisschilder auf das Hagelunwetter in den Beeten.

Die Verlängerung der Amthorstraße ist die Gaswerkstraße (nach dem ehemaligen Innsbrucker Gaswerk), sie wird uns zum Rapoldipark bringen. Die kurze Straße stellt für mich natürlich keine große Herausforderung dar, überhaupt geht es mir körperlich besser als gestern. Klar, den Muskelkater aus der linken Wade werde ich so schnell nicht loswerden, aber sonst ist alles bestens. Trotzdem nützen wir den wunderschönen Stadtpark Rapoldi (Innsbrucker Politiker, 1880–1926) für eine ausführliche Rast, eh die erste heute. Wir pausieren am kleinen See, schauen den Enten beim Schwimmen zu und freuen uns, dass es in der Sonne schon richtig angenehm warm wird.

Um danach zu unserer nächsten Straße zu gelangen, müssen wir ein paar hundert Schweine-Meter machen. Zuerst durch den Rapoldipark durch, dann über den Leipziger Platz und schließlich noch die Hunoldstraße ein Stück rauf. Aber dann befinden wir uns endlich in der Hörmannstraße (nach einem Ehepaar, sie Lyrikerin, 1843–1921, er Volkskundler, 1837–1924), die von hier links abzweigt. Wenn man die schmale Straße entlanggeht, dann kann man sich nicht vorstellen, dass das ein Teil der Rad-WM-Strecke von 2018 gewesen ist und die Profis hier mit einem lockeren 50er durchgeprescht sind. Heute ist weit weniger los, beim Sonnpark drehen wir um und gehen die Hälfte der Hörmannstraße wieder zurück, um zur Knollerstraße (Tiroler Maler, 1725–1804) zu gelangen. Die Knollerstraße hat sich zeit meines Lebens nicht verändert, ich kenne sie nur so. Zu tun hatte ich hier allerdings nie etwas, eigentlich ist die Knollerstraße eine reine Wohnstraße. Sie findet ihr Ende an der Anzengruberstraße, die gehen wir ein paar Meter nach rechts, um danach links in die Purtschellerstraße (Tiroler Alpinist, 1849–1900) einzubiegen. Auch hier habe ich dereinst ein Straßenschild gefunden, schon bevor es die Stadt vermisst hat. Ich habe es meinem Freund Wolfgang geschenkt, er war damals gerade nach Wien übersiedelt und das Schild mit seinem Namen sollte ihn an Innsbruck erinnern. Ganz davon abgesehen, dass es sich bei Ludwig Purtscheller um seinen Großonkel handelte.

Ich liebe diese kleine Straße wirklich, denn hier bin ich immer mit besonderer Vorfreude durchmarschiert. Zum einen hat mich diese Straße zum Haupteingang des Tivoli-Schwimmbads gebracht und zum anderen zur Nordtribüne des alten Tivoli-Fußballstadions. Und von hier aus – und nur von hier aus – haben die Innsbrucker Fans das Stadion betreten, der Südeingang war für die „Zugereisten“ vorgesehen. Ein paar Erinnerungen an die zahlreichen Wacker-Partien möchte ich noch loswerden, als lebenslanger und unheilbarer Fan sei mir das gestattet. Ich war dabei, als Buffy Ettmayer einen Volleyhammer über das Stadiondach bis in den Vergnügungspark hinüber geschossen hat. Ich war beim ersten FC-Wacker-Innsbruck-Match von Bruno Pezzey im Stadion und kann mich noch an den Kommentar eines „Wacker-Fans“ erinnern: „Was meggsch denn mit an Gsiberger?“ Ich habe der ewigen FC-Wacker-Innsbruck-Torwartlegende Friedl Koncilia einen Kaugummi reichen dürfen, ich habe von Kurt Jara ein Autogramm „Für Gernold“ bekommen und als ich einmal Hans Rebele blitzschnell einen ins Out gegangenen Ball zugeworfen habe, sagte er zu mir „Dangeschön, mein Junge“. Ab da wusste ich wenigstens, dass er Deutscher war.

Ich könnte noch seitenlang zum Thema Wacker Innsbruck weiterschreiben, von gleich mehreren Meisterfeiern hintereinander schwärmen, von bitteren Niederlagen ebenso wie von unfassbaren Höhenflügen. So zum Beispiel das Erreichen des Halbfinales im UEFA-Cup durch das 2:1 gegen Torino Calcio. Ich war an diesem denkwürdigen 18. März 1987 einer der 17.000 Zuschauer im ausverkauften Tivoli, Hansi Müller und Peter Pacult schossen die Tore. Beim Torjubel zum 2:0 stürzten vor lauter Euphorie hunderte Menschen die Stufen der Nordtribüne hinunter, meine Mutter, mein Bruder Robert und ich mittendrin. Passiert ist niemanden etwas, man hat sich halt aus dem Menschenknäuel herausgeschält, sich aufgerappelt und ungefähr wieder dort hingestellt, wo man vor Pacults Treffer gestanden ist. Einmal war ich mit meinem kleinen Bruder Helmut bei einem Europacup-Match gegen Ipswich Town, das war 1978. Wir hatten die Tickets im Vorverkauf erstanden, gingen erst knapp vor dem Anpfiff ins Stadion und schafften es tatsächlich nicht mehr auf die Publikumsränge. Zwar waren wir auf dem Stadiongelände, aber die Zuschauer standen im völlig überfüllten Tivoli derart eng beieinander, dass es für uns kein Durchkommen gab. So oft und heftig wir es auch versuchten. Und so haben wir uns das Match durch die Scheiben des ORF-Übertragungswagens angeschaut, wegen der Zeitverzögerung wussten wir anhand der Publikumsreaktionen immer schon vorher, wann im Fernsehen was Interessantes gezeigt wird. Mal eine andere Art, sich ein Fußballspiel anzuschauen …

Ach, der Wacker. Momentan tümpelt der Verein ja in der zweiten Liga vor sich hin, auch heuer hat es wieder nicht für den Aufstieg gereicht. Stört mich aber nicht besonders, ich bin Fan vom Verein und nicht Gloryhunter einer aktuellen Mannschaft.

Gut, lassen wir das mit dem Fußball, nebenan im Tivoli-Schwimmbad ist es ja auch sehr lässig. Als Kinder waren wir sehr oft im „Tivox“, die Eintrittskarten verdienten wir uns mit Müllsammeln. Zwei volle Wagen mit Abfällen ergab ein Ticket im Wert von sechs Schilling. Unvergessen auch das unwiderstehliche Angebot meines Onkel Wolfgangs: „Wer vom Zehner springt, der kriegt ein Cornetto!“ Natürlich haben sich Robert und ich geradezu ein Wettrennen auf den Sprungturm geliefert und sind ohne Zögern runtergesprungen, beide zum ersten Mal.


Aber jetzt verlassen wir endgültig das Tivoli-Areal und setzen unseren Fußmarsch durch Innsbruck fort. Wir gehen die Purtschellerstraße wieder retour, anschließend links ein paar Meter bis zu den Gebäuden der Innsbrucker Berufsfeuerwehr hinauf und starten dort die Begehung der Anzengruberstraße (Schriftsteller, 1839-1889). Die führt an ihrer rechten Seite an der Außenmauer des Schwimmbads vorbei, links ist noch einer der letzten Äcker von Pradl übriggeblieben. Etwas weiter vorne hat einst mein schon erwähnter Onkel Wolfgang gewohnt, der Neubau war damals der modernste, den ich von innen kannte. Noch dazu hat Onkel Wolfi bereits Ende der 1960er-Jahre einen Farbfernseher besessen, seinen Angaben nach eines der ersten Geräte in Innsbruck überhaupt. Der hat damals, so lautet die Familienlegende, 26.000 Schilling gekostet, ich erinnere mich an diese Zahl bis heute. Das werden schon so an die fünf, sechs durchschnittliche Monatsgehälter gewesen sein. Die Anzengruberstraße mündet in die Roseggerstraße (Heimatdichter, 1843–1918), die wir als Nächstes angehen. Dazu müssen wir zuerst an ihren Anfang, aber das sind keine 50 Schweine-Meter. Danach spazieren wir die Straße gemütlich entlang, nach einem kleinen Rechts-links-Knick bei der Pacherstraße zieht sie sich bis zur Burgenlandstraße hinauf.

Nach einer Straße ist für uns vor einer Straße, also marschieren wir die Roseggerstraße ein paar Meter weit retour, um in die Cranachstraße (Maler des berühmten Gnadenbilds Mariahilf, 1472–1533) zu gelangen. Die ist keine 150 Meter lang, eine reine Wohnstraße. Die nächste Straße müssen wir dann zu einem Teil wieder doppelt gehen, denn die Pacherstraße (Maler und Bildschnitzer, 1435–1498) beginnen wir an der Kreuzung mit der Amraser Straße. Also müssen wir danach wieder retour bis zur Kreuzung mit der Dr.-Glatz-Straße latschen, aber dann geht’s eh recht flott dahin. Ziemlich am Ende der Pacherstraße habe ich vor einigen Jahren mitten am Gehsteig einen großen Skorpion liegen gesehen. Im Bereich des letzten Wohnblocks um 5 Uhr früh, ich war auf dem Heimweg von einer Nachtschicht. Natürlich habe ich das gelblich-braune Ding zuerst für ein Plastikspielzeug gehalten, aber es hat irgendwie so echt gewirkt, dass ich genauer nachgeschaut habe. Tatsächlich – ein echter Skorpion, sicher über 20 Zentimeter lang, höchstwahrscheinlich tot. Aber was weiß man schon. Als verantwortungsbewusster Staatsbürger habe ich natürlich sofort 133 gewählt und die Polizei angerufen. Die wollten mir erwartungsgemäß nicht glauben – „Ein Skorpion in Innsbruck? Sind’s vielleicht a bisserl angesoffen? Tun Sie uns nicht pflanzen, der Spaß könnte teuer werden“ –, sind dann aber doch mit einem Streifenwagen angerückt. Nach dem erstaunten „Der ist ja wirklich echt“ eines Beamten habe ich die Bergung des Tiers der Staatsgewalt überantwortet und bin schlafen gegangen.

Die Pacherstraße endet an der Resselstraße – glaubte ich zumindest. Doch zum Glück erkannte ich ein Straßenschild an der Kreuzung mit der Anton-Eder-Straße, bin die 100 Meter vorgegangen und tatsächlich stand am Schild „Pacherstraße“. Das wäre ja was gewesen, wenn ich aus Versehen einen Teil einer Straße ausgelassen hätte. Da müssen wir echt mehr aufpassen. Und ein bisserl mehr aufpassen sollten wir auch bei unserer Routenplanung, denn um zur nächsten Straße zu gelangen, dürfen wir die gesamte Pacherstraße gleich noch einmal durchmarschieren. Das sind viele, viele Extra-Meter, aber sie bringen uns immerhin – nachdem wir die Amraser Straße überquert haben – in die Rudolf-Greinz-Straße (Pradler Schriftsteller, 1866-1942). Das relativ kurze Sträßchen kenne ich schon seit meiner Kindheit, denn es war Teil meines Schulwegs. Und gleich am Anfang der Straße gibt es bis heute ein Geschäft für Modellautos und Spielzeug-Eisenbahnen, da habe ich mir an den Schaufenstern nicht nur einmal die Nase plattgedrückt.

Mit wenigen Schritten haben wir die Rudolf-Greinz-Straße hinter uns gebracht und biegen links in die Kranewitterstraße ein. Die werden wir gleich angehen, vorher kommt aber noch der Eichhof (nach einem ehemaligen Bauernhof) dran. Normalerweise geht man einfach durch eines der Tore in den Innenhof dieser Wohnanlage hinein, momentan wird aber in der Umgebung heftig gebaut, also ist nichts normal. Wir müssen doch glatt über eine massive Holzabsperrung klettern, um in den Hof zu kommen, das artet ja noch in eine Expedition aus. So schlimm war es natürlich nicht und danach stärken wir uns mit einer Jause in der nahegelegenen Metzgerei „Hörtnagl“ in der Amraser Straße.

Mit warmem Fleischkäse und reichlich Cola im Bauch setzen wir bald darauf unsere Wanderung fort, rasch noch einmal die Amraser Straße überquert und schon sind wir in der Kranewitterstraße (Tiroler Dramatiker, 1860–1938). Die ist einige hundert Meter lang und wird uns wieder zurück in unser Wohnviertel bringen. Meine leicht angeschlagene Wade spüre ich kaum mehr, ich dürfte mir den Muskelkater also schon herausgewandert haben.

Auf der Höhe des „Cafe Bambi“ verlässt mich Ilse und biegt zu unserer Wohnung ab, ich werde dann eh gleich nachkommen. Aber vorher mache ich noch die Kranewitterstraße fertig. Dann spaziere ich via Geyrstraße und Lönsstraße zum Domanigweg (Numismatiker und Schriftsteller, 1851–1913) rüber, wo sich die Gebäude der „Lebenshilfe“ befinden. Der Weg endet kurz vor der Amraser-See-Straße als Sackgasse und ich muss ihn gleich wieder retour gehen, denn nur so komme ich zur Mößlgasse (Pfarrer von Hötting, 1863–1942), die sich gleich daneben befindet. Die kleine, aber sehr hübsche Gasse beginnt an der Lönsstraße und führt in einem Halbkreis wieder zu ihr zurück. Hier lässt es sich sehr schön wohnen, ein durchaus privilegiertes Stückchen Pradl und ich genieße jeden Meter dieser Gasse. Danach habe ich fürs Erste genug und gehe die paar Meter nach Hause. Jetzt brauche ich nur mehr einen Kaffee und die Couch.

Nach einer langen und gepflegten Pause habe ich mich dann noch einmal aufgemacht, ein paar Straßen möchte ich heute schon noch absolvieren. Zuerst gehe ich zur Lönsstraße (Deutschnationaler Schriftsteller 1866–1914) und bald schon komme ich an der Tabak Trafik vorbei, wo mich Besitzer Manni seit Jahren mit Grundnahrungsmitteln versorgt. Übrigens, ich habe dem Manni noch jedes meiner Bücher geschenkt, natürlich mit launigen Widmungen versehen. Erst kürzlich hat er mir lachend gestanden, dass er noch keines davon gelesen hat. Wurscht, ich werde ihm selbstverständlich auch dieses Buch wieder signieren und vorbeibringen, vielleicht kommt er ja in der Pension dazu, sie auch zu lesen.

Am Ende der Lönsstraße meldet sich dann unvermittelt meine Wade und will schnellstens nach Hause. Ich habe aber noch was vor, also höre ich nicht so genau hin und gehe stattdessen zum zweiten Mal heute durch die Seebergasse, danach rechts via Amraser Straße rüber zur Köldererstraße (Hofmaler bei Maximilian I., 1465/70–1540). Diese kurze Straße kennt jeder junge Bursche, von Tirol bis in den letzten Winkel Vorarlbergs hinaus, denn hier hat die Stellungskommission des Bundesheeres ihren Sitz. Zu gewissen Zeiten ist die Köldererstraße geradezu übervölkert von jungen Männern, die mit grotesken Hüten am Kopf und mit viel Alkohol im Kopf ihre Musterung abfeiern, bevor sie dann laut grölend in die Innenstadtlokale weiterziehen. Wie heute in den Nachrichten zu hören war, wird die Stellungskommission ab morgen ihren Betrieb vorerst einstellen, die Ansteckungsgefahr mit dem Corona-Virus ist zu groß geworden. Gestern wurde hier noch Fußballstar David Alaba den üblichen militärischen Eignungstests unterzogen, morgen wird hier dicht gemacht. So schnell geht’s, dieses unnötige Virus werden wir so bald nicht wieder loswerden, fürchte ich.

Mittlerweile sendet meine Wade im Minutentakt heftige Schmerzimpulse, allzu lange geht’s heute nimmer, aber nach Hause muss ich sowieso noch. Die Köldererstraße ist zwar nicht besonders lang und führt nur zum Südring hinauf, ich muss sie aber doppelt gehen. Sonst komme ich schlecht in die Bruder-Willram-Straße (Deutschnationaler Kriegslyriker, 1870–1939), meiner für heute letzten Adresse. Auch die Benennung dieser Straße ist umstritten, denn Bruder Willram (eigentlich Anton Müller) war für seine den Kampf verherrlichende Kriegslyrik und die Propagierung deutsch-nationalen Gedankenguts bekannt. Auch hier ist seit 2011 am Straßenschild ein erklärender Text angebracht und es ist wohl kein Zufall, dass sich ausgerechnet die Kernstockstraße und die Bruder-Willram-Straße kreuzen. Aber das passt schon – Hausmaus zu Hausmaus, Feldmaus zu Feldmaus, dem Nazi-Propagandisten Löns seine Straße ist ja auch nur um die Ecke.

Beim ehemaligen Gasthaus Laterne – ich werde nicht der Einzige sein, der den feinen Gastgarten vermisst – biege ich rechts in die Kranewitterstraße ein, ein paar hundert Schritte später bin ich dann endgültig daheim. Das war’s für heute, immerhin sind weitere 27 Straßen erledigt, um fünf mehr als gestern. Passt.

Reim des Tages:

Im Tivoli-Stadion sah ich viele

gute und auch schlechte Spiele.

Tag 3
Freitag, 13. März 2020

Ilse hat heute einiges zu tun, also werde ich alleine unterwegs sein. Aber sie bringt mich immerhin zum Anfang der Langstraße, gestern waren wir eh schon an dieser Ecke Rudolf-Greinz-Straße/Kranewitterstraße. Die Langstraße (Innsbrucker Kaufmann, 1843–1928) ist die Verlängerung der Rudolf-Greinz-Straße und ich wandere los in Richtung Norden. Das Wetter ist wolkenlos, der Jahreszeit entsprechend ziemlich frisch, aber ideal zum Spazierengehen.

Die Langstraße hat mindestens zwei Highlights zu bieten, das eine ist das Lokal „Tiroler Weinstube“. Das an der Ecke zur Gumppstraße gelegene Wirtshaus kenne ich schon mein Leben lang und es lässt sich hier gut essen und trinken. Und vor allem günstig, der Schweinsbraten mit Sauerkraut und Knödel kostet aktuell 7,20 Euro und das Seniorenmenü mit Suppe, Hauptspeise und Salat oder Dessert ist um sensationelle 5,00 Euro zu haben. Vor dem Rauchverbot in der Gastronomie waren wir nicht so oft hier, weil man danach sein komplettes Gewand in den Wäschekorb geben musste. So nach Tschick hat alles gestunken. Jetzt ist die Luft im Lokal so klar wie auf der Seegrube und wir gehen wieder regelmäßiger hin.

Die zweite „Attraktivität“ in der Langstraße ist die Polizeiinspektion. Sie liegt genau gegenüber der Weinstube und der Volksmund sagt heute noch Pradler Wachstube dazu. Meine Erinnerungen an die Pradler Wachstube sind vielfältig, ich war sehr oft da, zehnmal sicher. Aber nicht, weil ich straffällig geworden bin oder so. Mal eine Verlustanzeige gemacht, mal ein Strafmandat bezahlt, mal eine Beschwerde losgeworden, solche Sachen. Ach ja, einmal wurden mein Jugendfreund Ralfi und ich vorübergehend festgenommen, weil wir zu zweit auf einem Fahrrad unterwegs waren. In der Radetzkystraße, wir kamen gerade vom Schwimmen am Baggersee. Natürlich konnten wir uns nicht ausweisen, wir hatten ja nur unsere Badehosen an. Und so mussten wir halt in der Wachstube ausharren, bis unsere Identitäten geklärt waren.

Während meine Gedanken bei Schweinsbraten und Ausweiskontrollen sind, bin ich mit der Langstraße fertig, sie endet an der querenden Amthorstraße. Die gehe ich ein paar Meter rechts hinein, um dann gezielt die links abzweigende Pestalozzistraße (Schweizer Sozialreformer, 1746–1827) anzugehen. Ein kurzes Sträßchen, welches sich aber für mich verdoppelt, weil ich sogleich wieder retour gehen muss. Denn anders komme ich nämlich nicht zum Lindenhof (früher standen hier Lindenbäume), der schräg gegenüber der Pestalozzistraße rechts von der Amthorstraße abgeht. Das ist eine nette Gegend hier, vom Straßenlärm ist kaum etwas zu hören, weil die Wohneinheiten in Blockbauweise angelegt wurden. Der Lindenhof ist schnell durchwandert und dankenswerterweise gibt es an seinem südlichen Ende einen Durchgang, der nach wenigen Schritten zum benachbarten Ahornhof (früher standen hier Ahornbäume) führt. Sehr praktisch, da spare ich mir einige Schweine-Meter. Der Lindenhof und der Ahornhof entstanden im Zuge der Südtiroler Umsiedlungen um das Jahr 1940 und ich fürchte, in nicht allzu ferner Zukunft werden auch diese kleinen Siedlungen zur Diskussion stehen – Stichwort: städtische Wohnraumschaffung und Erhöhung der Baudichte. Hoffentlich täusche ich mich …

Nach den beiden Höfen muss ich zuerst die Amthorstraße vor bis zur Langstraße latschen und dann links abbiegen. Ich bin noch keine zehn Meter in der Langstraße unterwegs, da lacht mich doch glatt eine 10-Cent-Münze an, die es sich am Radweg gemütlich gemacht hat. Natürlich bücke ich mich nach dem Münzfund, denn schließlich ist das Sammeln von verlorenem Kleingeld eines unserer Hobbys. Und wir nehmen das durchaus ernst, in den ersten fünf Sammeljahren haben wir immerhin 376 Münzen gefunden, plus einen 5-Euro- und einen 50(!)-Euro- Schein. Die zweite Sammelperiode starteten wir 2015, im heurigen November sind die fünf Jahre um und wir freuen uns schon auf das Ergebnis. Jaja, so hat halt jeder seine Leidenschaften und Hobbys, aber dieses hier kostet uns wenigstens nix – ganz im Gegenteil …

Nach ein paar Metern in der Langstraße biege ich links in einen Hof ab, der sich Panzing (Flurname) nennt. Auch hierbei handelt es sich um eine Südtiroler-Siedlung und die Häuser sind gleich aufgebaut wie in den Höfen zuvor. Zum Thema Panzing muss ich eine kleine Anekdote loswerden und die Leser meines Taxi-Buches mögen mir verzeihen, dass das jetzt für sie keine Neuigkeit sein wird. Aber die Geschichte ist es wert, ein zweites Mal erzählt zu werden. Also, zu der Zeit, als in den Taxis der Sprechfunk noch offen war, spielte sich eines Abends folgender Dialog ab: Zentrale: „Wagen 78, finden’S leicht Panzing 5 nicht? Der Kunde ist jetzt schon das dritte Mal am Apparat.“ Der Kollege aus Ex-Jugoslawien antwortete zu unserem größten Vergnügen mit: „Tschuldige Zentrale, aber ich nur finden Inzing, Hatting und Polling, aber nix Panzing. Muss noch bissele suchen, bitte.“ Nun, für Nicht-Einheimische sei gesagt, die Dörfer Inzing, Hatting und Polling liegen im Tiroler Oberland und sind mindestens 20 Kilometer von Innsbruck entfernt. Was haben wir gelacht …

Um von Panzing zu meiner nächsten Adresse zu kommen, muss ich lediglich die Langstraße überqueren und bin dann schon in der Defreggerstraße (Tiroler Maler, 1835–1921). Dass mir gleich an der Ecke zur Langstraße eine Straßenbahn entgegenkommt, daran muss ich mich erst noch gewöhnen, denn seit Neuestem fährt die Bim ja bis ins O-Dorf runter. Die Defreggerstraße ist links und rechts von Wohnhäusern gesäumt, führt über die Pradler Straße drüber und mündet letztlich, auf der Höhe des Rapoldiparks, in den Leipziger Platz. In der Defreggerstraße war ich auch schon in fast jedem Haus drin – sei es im Café „Treff 20“, im Chinarestaurant „Kaiser“ oder in dessen Vorgängerlokal, dem Gasthaus „Zum scharfen Eck“. Dann gibt es noch die „Defregger Stuben“ und das rein vegetarische Lokal „Oscar“. Das habe ich allerdings nur für eine Reportage besucht, mein Lieblingsgemüse ist nun mal das Fleisch. Ach ja, und ganz früher war ich das eine oder andere Mal im Gasthaus „Neupradl“, aber das ist beinahe 40 Jahre her.

Ich lasse den Leipziger Platz hinter mir und gehe am Städtischen Hallenbad vorbei. Plötzlich schmerzen meine Oberschenkel, aber nicht vom Wandern, sondern von den Gedanken an ein Erlebnis, das ich einmal in diesem Schwimmbad hatte. Ich werde noch ein Teenager gewesen sein und an diesem Tag hat der Bademeister ausnahmsweise mal wieder den Sprungturm geöffnet. Sofort sind die Mutigsten auf den Fünf-Meter-Turm (oder waren es gar sieben Meter?) geklettert, ich natürlich mit dabei. Der Bademeister hat die Springer mit einem Pfiff aus seiner Trillerpfeife einzeln abgelassen und als ich an der Reihe war, feuerte er mich zusätzlich mit einem „Hopp!“ an. Dummerweise verstand ich „Stopp!“, versuchte zwar noch meinen Anlauf abzubremsen, aber ich stürzte letztlich völlig unkontrolliert ins Wasser. Ich bin komplett flach auf der Oberfläche aufgeschlagen, mit dem Gesicht nach unten. Den größten Aufprallschmerz meldeten meine Hochzeitswerkzeuge, aber am nachhaltigsten zeigten sich die Auswirkungen auf meinen Oberschenkeln. Noch im Schwimmbad verfärbten sie sich tiefblau wie Zwetschken und ich habe sie noch sehr, sehr lange gespürt.

Das Ziehen in den Oberschenkeln ist beim Überqueren der Sill via Friedensbrücke (vorher Gaswerkbrücke) schon wieder verschwunden und entlang der Rhombergpassage begebe ich mich zum Anfang der Amraser Straße (führt zum Stadtteil Amras). Die wird jetzt ein richtiges Stück Arbeit und das nicht nur, weil sie bis zur Friedensbrücke gleich ordentlich ansteigt. Prompt meldet sich deshalb auch meine immer noch leicht beleidigte Wade, aber mit einem kurzen Stehenbleiben zwischendurch kann ich sie wieder besänftigen. Ich komme genau vor dem Nachtlokal „Queens Club“ zu stehen, früher hat es „Queen Anne“ bzw. noch früher „Nachtexpress“ geheißen. Das war damals die erste richtige Disco in Innsbruck, mit fetziger Musik, mit tiefer gelegter Tanzfläche, Glitzerkugeln, bunten Scheinwerfer-Spots und dem zuckenden Stroboskop-Blitzlicht. Ich war als 16-Jähriger zum ersten Mal im „Nachtexpress“, der Blockbuster „Saturday Night Fever“ mit John Travolta war erst ein Jahr zuvor in die Kinos gekommen. Disco war etwas völlig Neues, total aufregend, jeder und jede hat sich besonders schick gemacht. Mädels wie Burschen hatten ihre Flirt-Antennen weithin sichtbar ausgefahren und AIDS war noch kein Thema. Das nenne ich mal die Gnade der Geburt zum richtigen Zeitpunkt …

Noch vor der zweiten Überquerung der Sill fällt mir ein Unfall ein, den ich an dieser Stelle einmal hatte. Ich war mit dem Taxi stadtauswärts unterwegs und auf Höhe der Einfahrt zum Frachtenbahnhof wollte unmittelbar vor mir ein Spinner seinen Wagen mit der Handbremse wenden. Ich bin ihm formlos und mit einem guten 40er in die Seite gekracht, den Fuß noch nicht einmal auf der Bremse. Passiert ist dem Deppen nix, er war natürlich betrunken und somit nicht nur seinen Führerschein los, sondern auch seine Karre. Und wie ich so über diesen Crash nachdenke, fällt mir ein, dass ich auf der Amraser Straße noch drei (!!) weitere Verkehrsunfälle hatte. Einmal wurde ich an der Kreuzung zur Gumppstraße gnadenlos abgeschossen, ein junger Bursche hatte mich übersehen und das schöne Blechkleid meines Mercedes-Taxis ins Unschöne kaltverformt. Ein weiterer Unfall ereignete sich in unmittelbarer Nähe, nämlich gleich gegenüber beim Taxistandplatz Sonnpark. Ein Sattelschlepper hatte sich beim Abbiegen verschätzt, drang mit einer Ecke seines Aufliegers in das hintere Beifahrerfenster meines stehenden Taxis ein, schleifte mich ein paar Meter weit mit, spuckte mein Taxi schließlich wieder aus und fuhr davon. Natürlich erwischte ich den LKW-Fahrer noch, er hatte den Unfall nicht mal bemerkt. Und schließlich war ich an der Kreuzung mit dem Südring in einen mittelschweren Unfall verwickelt, auch mit dem Taxi, da habe ich allerdings die Alleinschuld getragen. Wie das halt so ist, wenn man einem stehenden Fahrzeug hinten auffährt. Eine kleine Unachtsamkeit und ein fescher Reparaturauftrag für die Werkstatt des Vertrauens meines Arbeitgebers. So, das war es dann aber mit meinen Unfällen, zumindest mit denen in der Amraser Straße.

Beim Überqueren des Südrings freue ich mich schon richtig auf den Pradler Friedhof, der nur noch etwa 200 Meter entfernt ist. Denn da weiß ich von einem schönen Bankerl und das brauche ich jetzt dringend. Ich dürfte dem Muskelkater in meiner linken Wade etwas zu wenig Zeit zum Regenerieren gegeben haben, denn ich spüre immer noch dieses Ziehen. Ilse meldet sich am Handy, sie wird mich am Ende der Amraser Straße abholen. Das sind noch 300 Meter, also mache ich mich auf. Meine liebe Frau erwartet mich mit Red Bull und Bounty, das genügt mir als Wegzehrung für mein nächstes Etappenziel.

Ich lass mich doch glatt die vielleicht 100 Meter zur Wiesengasse (alte Wegbezeichnung) mit dem Auto bringen, aber jeder Meter zählt. Als Kind habe ich in Amras gewohnt und die Wiesengasse zählte für mich zum erweiterten Hof. Sie führt mich zuerst am Pradler Friedhof vorbei, heute steht gegenüber dem Südeingang das Krematorium. Auf derselben Seite, aber ein paar hundert Meter weiter, liegt der sogenannte „Alte Wacker-Platz“. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern, an die alten Spielerkabinen aus Holz und an den kleinen Kiosk. Mein Bruder Robert und ich haben hier sogar einmal ein Probetraining zur Aufnahme in den Verein absolviert – Robert haben sie genommen, ich durfte weiter den Ballbuben spielen. Heute ist die gesamte Anlage komplett erneuert und es gibt gleich drei Fußballfelder nebeneinander.

Nach dem alten „Wacker-Platz“ und nach Passieren der Unterführung komme ich an die Rückseite des Tivoli-Stadions. Das ist für mich eine absolute Terra incognita, ich war tatsächlich noch niemals hier. Denn nie im Leben würde ich auf die Idee kommen, das Tivoli-Stadion über den Südeingang zu betreten. Was soll ich da? Etwa gar im rundum eingezäunten Gäste-Sektor Platz nehmen? Nie und nimmer, nicht einmal dann, wenn St. Pauli der Gegner wäre …

Gegenüber des Süd-Eingangs wird gerade das neue Football-Stadion hochgezogen. Zeit wird’s, denke ich, denn die Innsbrucker „Swarco Raiders“ zählen immerhin zu den führenden Teams in Europa.

Nach dem Wacker-Stadion führt die Wiesengasse zwischen grünen Wiesen durch, wird sie also doch noch ihrem Namen gerecht. Plötzlich gerate ich in einen Mückenschwarm, wie ich ihn auch noch nicht erlebt habe. Ich bin regelrecht in eine dunkle Wolke gehüllt und weil ich höchstens zehn von den Mücken in den Mund gekriegt habe, bin ich eh noch halbwegs gut davongekommen. Anderen Spaziergängern ist es mit anderen Mückenschwärmen nicht anders ergangen, das war auch aus der Entfernung deutlich zu sehen.

Schließlich findet auch die lange Wiesengasse ihr Ende, das zumindest haben alle Straße gemeinsam.

Ilse erwartet mich schon und nach einer kleinen Labung bringt sie mich zum Anfang vom Sillufer (nach dem Fluss Sill), dazu müssen wir nur um die Ecke fahren. Diese Straße führt über ihre gesamte Länge der Sill entlang und ist ein wirklich schöner Spazierweg. Auf halber Strecke komme ich an der Stelle vorbei, wo früher das Gasthaus „Tivoli“ gestanden ist. Ich sehe den von mächtigen Kastanienbäumen beschatteten Gastgarten vor mir, rieche förmlich noch die rauchgeschwängerten Stuben und erinnere mich natürlich auch noch an die Kegelbahn. Alles Geschichte, heute steht ein Mehrparteienhaus da …

Nach der Unterführung der Olympiabrücke kenne ich den Weg nur zu gut, denn den bin ich schließlich vorgestern schon gegangen. Gleich nach ein paar Metern passiere ich das ehemalige Innsbrucker Leichtathletik-Stadion, worin auch der „Wacker 1“ Fußballplatz integriert war. „Wacker 1“ deshalb, weil das hier das Heimstadion des FC Wacker war, bevor das inzwischen längst wieder abgerissene Tivoli-Stadion errichtet wurde.

Bei der Berufsfeuerwehr endet das Sillufer schließlich und natürlich steht Ilse zur Abholung bereit. Wir machen für heute Schluss, denn es ist eine weitere Pressekonferenz mit Kanzler Kurz und Co. zur aktuellen Corona-Lage angesagt. Die wollen wir nicht versäumen.

Reim des Tages:

Selbst mit einem wehen Rücken,

würd’ ich mich nach jeder Münze bücken.

Tag 4
Samstag, 14. März 2020

Das Wetter ist wieder wunderbar, um zehn Uhr brechen wir auf. Ilse wird mich heute mit dem Auto begleiten, denn wir haben einiges vor. Und wie uns der Stadtplan zeigt, lassen sich auch bei akribischster Routenplanung unzählige Schweine-Meter nicht vermeiden. Also werde ich als Erstes zu den Sillhöfen (nach einem ehemaligen Großbauernhof) gefahren. Ilse lässt mich am Sillufer aussteigen, neben dem alten und leider ziemlich heruntergewirtschafteten „Tollingerhof“. Durch die Sillhöfe bin ich schnell durch und die Straße setzt sich als Montessoristraße (Pädagogin, erste Ärztin Italiens, 1870–1952) fort. Von dieser Straße wusste ich bis heute gar nichts, dabei führt sie doch direkt an der Nordtribüne des neuen Tivoli-Stadions vorbei. Und sie heißt seit 40 Jahren so. Unglaublich eigentlich. Und wirklich unglaublich ist eine Begebenheit, die sich vor ein paar Jahren genau hier abgespielt hat. Ich erzähle die Geschichte trotzdem. Wir waren zu einem Wacker-Match verabredet, Ilse, Nadja, ihr Lebensgefährte Christian und ich, die Karten hatte ich Tage zuvor im Vorverkauf besorgt. Da meldete sich am Handy unser lieber Freund Matthi, er sei auch vor Ort. Er reihte sich also brav in die Warteschlange vor dem Ticket-Schalter für die Tribüne West ein, irgendwo in unserer Nähe wird schon noch ein Platz frei sein und dann kann man ja eventuell tauschen. Da sehe ich plötzlich eine Karte am Boden liegen, die muss eben jemandem aus der Tasche gerutscht sein. Ich hebe sie auf, sie ist für das heutige Match und jetzt kommt das Unglaubliche: Die Sitzplatznummer der Eintrittskarte ist genau der Platz neben unseren vier Plätzen, kein einziger Sitz liegt dazwischen. Ich halte das immer noch für den absurdesten Zufall in meinem Leben und bin direkt froh, dass ich für diese unglaubliche Story genügend Zeugen habe. Sonst nimmt dir das ja echt kein Mensch ab …

Zu meiner nächsten Station muss ich nicht kutschiert werden, denn die Kaufmannstraße (Innsbrucker Politiker, 1878–1928) beginnt gegenüber dem Tivoli-Stadion. Mit den paar hundert Metern der Kaufmannstraße bin ich gleich einmal fertig, allzu viele Erinnerungen verbinden mich mit diesem Teil Pradls nicht. Als Reichenauer Rattler war diese Gegend ohnehin eine No-go-Area für mich, denn die Kaufmannstraße gehörte noch zu „Stalingrad“. So nannte man früher dieses Viertel, Auswärtige hatten hier nichts verloren, selbst wenn sie nur 100 Meter von der Siedlung entfernt wohnten. Auswärtig bedeutete auswärtig, da kannten die Bewohner kein Pardon und man hat dort eher ungern am Watschenbaum gerüttelt. Aber wenn, dann niemals vergeblich … Ich werde heute übrigens noch alle Straßen von „Stalingrad“ abgehen, so ist zumindest der Plan. Die Kaufmannstraße endet dann gleich einmal nach dem Haupteingang zum Pradler Friedhof. In dessen Aufbahrungshalle bin ich in letzter Zeit auch viel zu oft unter den Trauernden gestanden. Jaja, wenn man bald einmal 60 wird, dann kommen die Einschläge halt näher.

Zur Abwechslung kommen jetzt ein paar kleinere Straße, fangen wir mit der Johann-Strauß-Straße (Walzerkönig, 1825–1899) an. Sie bildet sozusagen die Westgrenze des Pradler Friedhofs und verbindet die Wiesengasse mit der Kaufmannstraße. Viel gibt sie ja nicht her, aber eine Prachtvilla ist mir doch in Erinnerung geblieben. Es ist wirklich fein, dass mich Ilse heute chauffiert, denn so kann sie mich gleich zur Plonergasse (Musikpädagoge, 1894–1955) rüberbringen, die ebenfalls von der Kaufmannstraße abzweigt. Auch sie stellt eine Verbindung zur Wiesengasse dar und hat, außer netten Ein- und Mehrparteienhäusern, nichts Nennenswertes zu bieten.

Danach bringt mich Ilse zum Wetterherrenweg (nach den Wetterheiligen Johannes und Paul), auch diese kurze Straße verbindet die Wiesengasse mit der Kaufmannstraße. Dachte ich, denn der Wetterherrenweg geht leider über sie drüber und setzt sich anschließend als reiner Fußweg bis zum Südring hinaus fort. Mühsam, denn ich muss den ganzen Fußweg gleich wieder zurückgehen. Aber immerhin komme ich dadurch zum zweiten Mal bei einem Balkon vorbei, der zweifelsohne von einem Wacker-Fan dekoriert worden ist. „Wacker Unser“ in der Straße der Wetterheiligen. Das passt doch …


Direkt vom Wetterherrenweg zweigt links die Beda-Weber-Gasse (Schriftsteller und Heimatkundler, 1798–1858) ab, ich gehe sie in Richtung Osten. In dieser Gasse habe ich einmal für zwei, drei Jahre gewohnt – genau gegenüber dem respektlos genannten „Huren-Haus“. Das war zwar kein richtiges Bordell, aber zahlreiche Straßen-Prostituierte hatten sich in diesem Wohnblock kleine Garçonnièren gemietet. Jeder wusste das, in meinem Haus wohnte übrigens auch eine Sexarbeiterin. Aber eben nur eine.

Nach der Beda-Weber-Gasse geht es hinüber nach „Stalingrad“ und ich starte, an der Kreuzung zur Amraser Straße, mit der Premstraße (Schriftsteller, 1853–1920). Die alten Häuser entlang der einstigen Hauptstraße von „Stalingrad“ sind längst durch moderne Neubauten ersetzt worden und heute kann man sich hier auch als Reichenauer frei bewegen. Die Premstraße überrascht mich einigermaßen, denn letzten Endes bringt sie mich erneut bis zum Fußweg-Teil des Wetterherrenwegs.

Nach einer kurzen Rast im Auto werde ich dann zur Schullernstraße (nach einer Innsbrucker Gelehrten-Familie, 19. und 20. Jahrhundert) chauffiert, ich beginne meinen Weg am Südring. Dann gehe ich die kleine Straße hinauf bis zur Kaufmannstraße und ärgere mich unterwegs, dass ich schon wieder nicht darauf geachtet habe, dass der Weg minimal bergauf führt. Das kostet mich mindestens fünf Minuten Pause am Beifahrersitz, aber es gibt Schlimmeres.

Die Rast war auch wirklich notwendig, alleine schon als Vorbereitung für den nun folgenden Paschbergweg (nach dem Amraser Paschberg). Den kannte ich bislang auch nur vom Hörensagen, denn es handelt sich dabei um einen reinen Spazier- und Radweg. Aber er hat es von seiner Länge her in sich, denn er verbindet die Amraser Straße mit dem Sillufer. Zum Glück ist der Paschbergweg gut mit Parkbänken bestückt, dreimal nutze ich das aus. Es ist ein sogenannter „Grüß-Gott-Weg“, denn alle Gassi-Geher, Spaziergänger, Radfahrer und Rollschuhfahrer grüßen sich – es sei denn, sie haben Sound-Stöpsel in den Ohren. Aber die meisten nicken einem auch dann zu … Einmal stürmt ein leinenloser Hund auf mich zu – schwarz, langhaarig und so groß wie eine mittlere Kühltruhe. Er begrüßt mich aber nur freundlich und wedelt dabei so heftig mit seinem Schwanz, dass er dadurch fast das Gleichgewicht verliert. Nett.

Unmittelbar nach dem Paschbergweg absolviere ich die Helblingstraße (nach einer hier ansässigen Familie, 14./15. Jahrhundert), die ist in etwa so kurz wie der Weg davor lang war. Also sehr kurz. Ilse wartet an der Ecke zum Sillufer und ich bin schon wieder dankbar über den feinen Beifahrersitz. Die erholsame Pause verlängert sich dann noch um die Fahrtzeit bis rüber zur Kaufmannstraße, denn ungefähr in deren Mitte entspringt die Dr.-Glatz-Straße (Innsbrucker Gemeinderat und Armenarzt, 1825–1890), die letzte noch ausständige Straße von „Stalingrad“. Ich wandere die Straße in Richtung Norden und kurz vor dem Südring treffe ich beim „Billa“ meinen guten, alten Freund Jörg und seine Frau Dhan. Wir begrüßen uns lachend mit dem „Corona-Shake“, also mit dem Zusammenstoßen unserer Schuhe. Jörgi war einkaufen, der Andrang im Geschäft sei völlig wahnsinnig, klagt er. Viele Regale sind total leergekauft, es gibt kein Obst und kein Gemüse mehr, keine Konserven, kein Stück Brot und die Leute balgen sich um die letzten Packungen Klopapier. Der Corona-Wahnsinn nimmt immer groteskere Formen an, die Menschen bereiten sich offenbar auf eine Art Zombie-Apokalypse vor. Das kommt davon, wenn man sich zu viele drittklassige Seuchen-Filme anschaut, denn so schlimm wird es sicher nicht werden. Ilse und ich vertrauen da ganz auf unseren Hausverstand, übrigens haben wir unseren „Hamsterkauf“ bereits Ende Februar erledigt. Zwar ohne fünf Packungen Klopapier, aber dafür mit Reis, Nudeln, Haltbarmilch und Konserven, was man halt so braucht, falls man mal ein paar Tage nicht aus dem Haus darf.

Die Dr.-Glatz-Straße geht nach dem Südring noch ein ordentliches Stück weiter und erst bei der Amraser Straße ist Schluss.

Jetzt stellt sich die Frage, ob ich die nächste ins Auge gefasste Straße wirklich angehen soll, denn die würde mich bis in die Reichenau hinunterführen. Ich beantworte mir die Frage damit, dass ich mich zum Anfang der Gumppstraße (Innsbrucker Baumeister- und Architektenfamilie, 17./18. Jahrhundert) fahren lasse. Gehe ich halt aus Pradl raus, diese Straße führt nun mal in den Nachbarstadtteil, was soll ich machen?

Nach dem Queren der Langstraße komme ich in den eher ruhigeren Teil der Gumppstraße und ein paar hundert Meter weiter wird es dann noch ruhiger. Denn da befinden wir uns schon im „Fahrverbot, ausgenommen Anrainer und Berechtigte“. Zu denen gehören seit Neuestem übrigens auch wir, denn wir haben hier eine Parkgarage für unser geliebtes Wohnmobil gemietet. Nach Überschreitung der Egerdachstraße ist die Gumppstraße immer noch nicht zu Ende und nach der Andechsstraße auch nicht. Denn sie führt doch tatsächlich vor bis zum Langen Weg – das ist ja nicht nur in der Reichenau, sondern sogar schon eine Außengrenze dieses Stadtteils. Denn auf der anderen Straßenseite des Langen Wegs beginnt schon die Roßau. Puh, die Gumppstraße war wirklich anstrengend und ich genieße die Pause im Auto.

Für die vielen langen Straßen am heutigen Wandertag folgt nun die Belohnung, denn jetzt warten einige wirklich kurze Adressen auf mich. Wir beginnen diese Tour mit der Reithmannstraße (Glückloser Tiroler Erfinder des Vier-Takt-Motors, 1818–1909), die von der Andechsstraße abgeht und an deren Ende das gleichnamige Gymnasium steht. Nadja hat hier am „Europa-Gymnasium“ maturiert, das war damals ein Schulversuch mit den Fremdsprachen Englisch, Französisch, Italienisch und Latein. Der Versuch dürfte sich bewährt haben, denn das „Euro-Gym“ gibt es heute noch.

Gegenüber des Gymnasiums beginnt die Lutterottistraße (Tiroler Dialektdichter, 1793–1872), die ist mit wenigen Schritten abgehakt. Es folgt die Renkstraße (Innsbrucker Dichter, 1871–1906) und da muss ich unbedingt meinen Verleger Markus Renk anrufen und ihm einen Zwischenbericht meiner Wanderung durch Innsbruck durchgeben. Der vielbeschäftigte Markus hebt sofort ab und erzählt mir gleich in kurzen Stichworten den Lebenslauf seines Großonkels Anton Renk, der als der „Dichter von Innsbruck“ in die heimische Literaturgeschichte eingegangen ist. Ich bin schon längst mit der kurzen Straße fertig, da telefonieren wir immer noch.

Die Mitterhoferstraße (Glückloser Südtiroler Erfinder der Schreibmaschine, 1822–1893) verspeise ich als Nächstes, dazu muss ich nur den relativ kurzen Weg von der Reichenauer Straße bis zur Egerdachstraße gehen. Die folgende Straße ist gleich noch kürzer, denn die Maderspergerstraße (Glückloser Tiroler Erfinder der Nähmaschine, 1768–1850) führt überhaupt nur von der Lutterottistraße bis zur Reichenauer Straße, das sind wahrscheinlich nicht einmal 150 Meter. Als letzte Straße in diesem Geviert fehlt mir jetzt nur noch die Kravoglstraße (Erfolgreicher Südtiroler Erfinder, 1823–1889), ein gehtechnisches Freispiel sozusagen. Denn auch diese Straße verbindet die Reichenauer Straße mit der Egerdachstraße, ist also keine 300 Meter lang. Die Kravoglstraße war neun Jahre lang (ups, habe ich jetzt etwa aus Versehen gepetzt?) der letzte Teil von Nadjas Schulweg, denn hier befindet sich der Haupteingang des Reithmann-Gymnasiums.

Jetzt geht’s mit den Straßen aber echt dahin, mal schauen, wie viele ich heute noch zusammenbringe. Also lasse ich mich zur Pembaurstraße (Direktor des Innsbrucker Musikvereins, 1848–1923) bringen, sie ist die Verlängerung der Langstraße in Richtung Norden. Und damit sind wir jetzt beim letzten Teil eines ehemaligen Schulwegs von mir, denn hier befindet sich die Pembaur-Schule. Zu meiner Zeit hat sie noch Renner-Schule geheißen und als sie mein Vater vor 75 Jahren besucht hat, da ging er an dieser Stelle noch in die Schemm-Schule. Das Schulhaus hat sich für mich in all den Jahren um keinen Deut verändert, nur das riesige Zahnrad ist damals noch nicht davor gestanden. Die Pembaurstraße geht über die Reichenauer Straße drüber und endet erst an der Sill, also an der Grenze zum Stadtteil Saggen. Wir fahren dann wieder in unsere eigene Wohngegend, denn da gilt es auch noch ein paar kleinere Straßen zu erledigen. Ich beginne mit der Mitterergasse (Südtiroler Priester, 1824-1899), dieses Mini-Sträßchen werden nicht viele Innsbrucker kennen. Sie stellt eine Verbindung von der Koflerstraße zur Dürerstraße (Nürnberger Maler, 1471–1528) her und die Dürerstraße nehme ich dann sogleich in Angriff. In der gesamten Gegend hier lässt es sich wunderbar wohnen, es herrscht kein nennenswerter Verkehr auf den Straßen und man hört den ganzen Tag die Vöglein zwitschern. Ilse wartet bereits am Ende der Dürerstraße beim Senioren-Wohnheim auf mich, erspare ich mir also die paar Meter bis zur Rilkestraße (österreichischer Lyriker, 1875–1926). Die reicht von der Dürerstraße in Richtung Norden bis zur Gumppstraße und ich hätte sie beinahe übersehen.

Parallel zur Rilkestraße befindet sich etwas weiter westlich die Schretterstraße (Tiroler Portraitmaler, 1856–1909), aber die geht über die Dürerstraße drüber und endet erst an der Kranewitterstraße. Jetzt fehlt nur noch die recht kurze Landseestraße (Innsbrucker Hotelier, 1847–1924), die beginnt praktischerweise an der Kreuzung zur Kranewitterstraße. Ich gehe die Straße bis zu ihrem Finale bei der Gumppstraße durch und das war dann auch das Finale für mich am heutigen Tag. Im Auto überrascht mich Ilse dann mit der freudigen Nachricht, dass mit der Landseestraße der Stadtteil Pradl erledigt ist, alle Straßen, Gassen, Wege und Plätze bin ich in den letzten vier Tagen abgegangen. Na, das ist ja super, immerhin ist Pradl der bevölkerungsreichste Stadtteil Innsbruck, flächenmäßig wird es aber wohl größere geben. Wurscht, in ein paar Wochen weiß ich es genauer.

Daheim hat Ilse dann alle heute begangenen Straßen im Stadtplan ausgestrichen und dabei sind wir draufgekommen, dass wir noch zwei Straßen in Pradl übersehen haben, noch dazu zwei ziemlich wichtige und vor allem ziemlich lange. Also brechen wir unverzüglich auf und Ilse bringt mich noch einmal zum Tivoli-Stadion hinauf, denn genau gegenüber, an der Ecke zur Kaufmannstraße, hat die Resselstraße (Erfinder der Schiffsschraube, 1793–1857) ihren Anfang. Sie geht eh nur hinunter bis zur Anzengruberstraße, kein Vergleich mit der nächsten Straße. Denn die Anton-Eder-Straße (Innsbrucker Bürgermeister, 1868–1952) ist ein ganz anderes Kaliber, sie beginnt, schon nach dem Orts-Ende-Schild von Innsbruck, beim Kreisverkehr Innsbruck-Mitte. Es gibt auf den ersten 200 bis 300 Metern keinen Gehsteig, also gehe ich halb in der Wiese. Der Weg führt mich zum x-ten Mal heute am Tivoli-Stadion vorbei, jetzt habe ich es von allen Seiten umrundet. Da sehe ich plötzlich, dass direkt am Fußballstadion ein braunes Straßenschild angebracht ist. Ich unterbreche also ausnahmsweise eine eben begangene Straße und klettere die steile Wiesenböschung hinunter, um genauer nachzuschauen. Tatsächlich, der kurze Weg am Stadion nennt sich Stadionstraße, der Name ist also nicht wirklich weit hergeholt. Die hätte ich echt um ein Haar übersehen, natürlich absolviere ich sie auf der Stelle. Danach wieder zurück zum Ausgangspunkt und weiter geht’s auf der Anton-Eder-Straße. Nach dem Landessportheim muss ich die Unterführung des Tivoli-Kreisverkehrs benutzen, die Graffitis an den Wänden zeugen von viel künstlerischer Begabung unserer Spraydosen-Freunde. Aber hier dürfen sie das, die Flächen sind von der Stadt ausdrücklich dafür zur Verfügung gestellt worden. So, jetzt muss ich nur noch an der Ostseite des Tivoli-Schwimmbads vorbei und kurz nach dem Sonnpark endet mein heutiger Wandertag an der Amraser Straße.

Insgesamt bin ich heute durch 28 Straßen gewandert – das ist neuer Rekord.

Reim des Tages:

Bin bis jetzt durch 86 Straßen gegangen,

dabei habe ich gerade erst angefangen.

Tag 5
Mittwoch, 18. März 2020

Die Corona-Lage hat sich brutal verschärft, Italien meldet schon über 3.000 Tote, die meisten Menschen sterben in der Lombardei. Das Virus breitet sich auch in Österreich aus, auch hierzulande gibt es bereits Tote. Die Regelungen bezüglich der Ausgangssperren sind ziemlich verwirrend, vorgestern wurden von der Regierung nur vier Gründe genannt, warum man das Haus verlassen darf – Spazierengehen war nicht dabei. In Innsbruck sind alle Promenaden sowie alle Sport- und Spielplätze behördlich gesperrt, die Polizei kontrolliert streng und es hagelt bereits saftige Strafen. Dann hat es wieder geheißen, mit einem Hund darf man spazieren gehen, ohne Hund dürfe man sich lediglich im nahen Umkreis seiner Wohnung die Füße vertreten. Und schließlich wurde gestern verkündet, dass man doch auf die Straße gehen darf, allerdings ist jegliche sportliche Betätigung verboten. Wegen der Verletzungsgefahr, denn Ärzte und Spitäler haben momentan anderes zu tun …

Die Voll-Isolation ist also aufgehoben, das Wetter traumhaft und so steht einer Fortsetzung meiner Wanderung durch Innsbruck nichts mehr im Weg. Ilse begleitet mich heute zu Fuß, wir werden erneut direkt von der Haustür aus starten. Den Stadtteil Pradl habe ich ja schon als erledigt abgehakt, jetzt ist Amras dran.

Wir beginnen unsere Tour mit der Geyrstraße (Letzter Amraser Bürgermeister, 1894–1957), sie ist de facto die Verlängerung der Kranewitterstraße. Wir spazieren Richtung Süden, natürlich können wir nicht über die vierspurige Amraser-See-Straße drüber gehen, dafür ist eine Unterführung vorgesehen. Körperlich geht es mir super, die drei Tage Pause haben mir gutgetan. So macht mir auch der kleine Anstieg nichts, der uns aus der Unterführung herausbringt. Genau an dieser Stelle war früher das Gasthaus „Seewirt“ angesiedelt, mit großem Gastgarten und einem noch größeren Campingplatz. Mit meinem Opa bin ich hier manchmal auf ein Kracherl eingekehrt, auch schon über 50 Jahre her. Heute steht hier ein langgezogener Wohnblock, der bis hinunter zu der Kreuzung reicht, wo man dann links zum Einkaufszentrum „DEZ“ zufahren könnte. Wir halten uns aber geradeaus, denn die Geyrstraße geht noch ein schönes Stück weiter. Zuerst führt mein Weg am Amraser Kindergarten vorbei, danach steigt die Geyrstraße ziemlich an und schau, es meldet sich doch glatt wieder meine linke Wade. Wurscht, nur 100 Meter weiter vorne beim Dorfbrunnen steht eine Bank, das schaffe ich locker. Beim Rasten schaue ich zur Metzgerei „Hölzl“ rüber, die gegenüber liegt. Hier war ich oft einkaufen, als in Amras wohnendes Kind sowieso, später habe ich immer wieder mal auf eine schnelle Fleischkäsesemmel vorbeigeschaut. Das Geschäft ist längst geschlossen und in ein reines Wohnhaus umgebaut worden.

Amras hat sich aber noch einiges von seinem dörflichen Charakter erhalten können, es gibt noch mehrere Bauernhöfe in diesem Stadtteil und der eine oder andere wird bis heute bewirtschaftet. Ein Traktor auf der Straße ist hier kein seltener Anblick.


Nach dem feinen Break sehen wir das Ende der Geyrstraße schon vor uns, denn das Gasthaus „Bierwirt“ ist das letzte Haus. Seit gestern ist der „Bierwirt“ behördlich geschlossen, so wie alle anderen Gastgewerbe- und Handelsbetriebe in ganz Österreich auch. Schon ein völliger Wahnsinn, dieses Virus. Ewig kann das jedenfalls nicht so weitergehen, denn sonst werden die meisten der jetzt geschlossenen Betriebe nie wieder aufsperren. Andererseits ist das Corona-Virus wohl nur durch solch extreme Maßnahmen zu bekämpfen. Es muss auf jeden Fall weg, denn was es anrichten kann, sieht man ja in Italien. Die Leute halten sich jedenfalls gut an die Ausgangsbeschränkungen, es ist kaum wer auf den Straßen unterwegs. Einmal fährt eine Funkstreife an uns vorbei, wir gehören aber offenbar für jedermann sichtbar einem gemeinsamen Haushalt an, deshalb bleiben wir unbehelligt und können unsere Wanderung fortsetzen.

Wir halten uns nach dem „Bierwirt“ rechts, gehen die 100 Meter lange und leicht ansteigende Straße hinauf bis zum Winkelfeldsteig (Flurname). Der ist zu Beginn noch links und rechts von Häusern gesäumt, später geht er in einen reinen Feldweg über. Im Garten eines dieser Häuser, auf der rechten Seite, habe ich als Kind ein großes Schiff stehen gesehen. Das hat sich jemand selber gebaut, irgendwann war es weg. Ich hoffe sehr, dass mir da nicht Traum und Wirklichkeit durcheinanderkommen, denn ich habe ein bisserl recherchiert, aber nichts rausgekriegt. Vielleicht weiß ja ein Leser mehr über dieses Schiff am Winkelfeldsteig …

Normalerweise ist das hier ein vielbegangener Spazierweg, noch dazu bei diesem schönen Wetter. Heute begegnen wir nur einer einzelnen Familie, später kommen uns noch zwei Jogger entgegen. Kurz nach dem Übergang von Asphaltstraße zu Feldweg steigt linkerhand eine steile Böschung zur Autobahn hinauf. Auf diesem „Mini-Berg“ bin ich unzählige Male Ski fahren und rodeln gewesen, wir wohnten ja nur einen Steinwurf (na ja, eher drei Steinwürfe) entfernt in der Philippine-Welser-Straße (Landesfürstin, 1527–1580). Und die machen wir gleich im Anschluss, schließlich verläuft sie parallel zum Winkelfeldsteig. Wir beginnen an der Kreuzung mit der Amraser Straße und natürlich gibt es für mich hier keinen Meter, der nicht mit Erinnerungen gepflastert ist. Gleich einmal am Anfang der Straße liegt rechts die Kirche der Mormonen und da wurden wir als Kinder von unserem Vater in die „Sonntagsschule“ geschickt! Er hatte Besuch von zwei Mormonen bekommen, viele können sich an die paarweise in Anzug und Krawatte durch Innsbruck radelnden, jungen, meist amerikanischen Männer erinnern. Und er konnte dem verlockenden Angebot nicht widerstehen, dass die Mormonen aus seinen Buben anständige Menschen machen würden. Also pilgerten wir halt hin zur „Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage“, so nennen sich die Mormonen in der Langfassung. Der Spaß währte nur kurz, nach der zweiten Session sind wir nicht mehr hingegangen, für derlei Agitation waren wir völlig unempfänglich. Vater war es dann auch egal, das Thema Mormonen wurde nie mehr erwähnt.

Seit wenigen Jahren geht man ja in der ersten Hälfte der Philippine-Welser-Straße den Gleisen der 3er-Linie entlang, die neue Endhaltestelle liegt genau gegenüber der Raika. Gleich dahinter haben wir unsere Wohnung gehabt und vieles in der Gegend schaut noch so aus wie früher. Ab dem ehemaligen Café „Trappschlössl“ sind alle Häuser in der Straße unverändert geblieben, seit ich vor 50 Jahren hier als Kind gewohnt habe. Gut, das kleine Lebensmittelgeschäft der Familie Anranter gibt es nicht mehr, aber das hat schon sehr lange zugesperrt. Über den Anranter – man ist damals „zum Anranter“ gegangen – könnte ich auch seitenlang schreiben, geht nicht, also müssen es Stichworte tun: aufschreiben lassen, Bomben-Semmel, Wurstsemmel mit Katzenwurst.

Wir gehen weiter, kommen am Gasthaus „Kapeller“ vorbei, das war einmal eines der besten Gourmet-Restaurants Innsbrucks, zumindest aber das teuerste. Ich war nie dort. Dann sind wir eh schon bei der Amraser Kirche, in der ich ein paar Mal ministriert habe. Das ist kein sonderlich ergiebiges Kapitel, also überspringe ich es. Nur so viel – ich bin nicht mal zum Klingeln oder Weihrauchbehälter-Schwenken gekommen.

Schon sind wir mit der Philippine-Welser-Straße fertig, drehen um und gehen die paar Meter zur Kirche zurück. Links davon geht der Kirchsteig (nomen est omen) weg, mein ehemaliger Schulweg. Hier habe ich die ersten drei Klassen der Volksschule besucht und ich bin meinen Lehrern noch lange in Erinnerung geblieben. Aber nicht als Rabauke, sondern als erster Erstklässler, der in der Pause Zeitung gelesen hat. Erklärung: Mein Bruder Robert wurde ein Jahr vor mir eingeschult, er hat fleißig seine Hausaufgaben gemacht und ich habe brav zugeschaut. So lernte ich spielerisch das Lesen, konnte bald darauf auch die Druckschrift entziffern und ab da bestand eine Zeitung für mich nicht nur mehr aus Bildern. Mein Vater war so stolz auf mich, dass ich bei Verwandten und Bekannten aus der Zeitung vorlesen musste. Durch das viele Lob wurde mir langsam klar, dass das offenbar etwas Besonderes ist. Und so ist es gekommen, dass ich mir manchmal am Schulweg eine Zeitung aus dem Müll gefischt habe und demonstrativ in der Klasse gelesen habe. Einer meiner Lehrer hat sich jedenfalls auch 30 Jahre später noch kopfschüttelnd daran erinnern können.

So, jetzt sind wir mit dem Kirchsteig schon durch, aber noch nicht mit ihm fertig. Wir gehen ihn nämlich gleich noch einmal retour und danach die Philippine-Welser-Straße in Richtung Westen. Ein Stück nach der Raika drehen wir nach Norden und sind somit in der Wallpachgasse (Innsbrucker Lyriker, 1866–1946) angekommen. Hier hat Ilse als Kind und Jugendliche ein paar Jahre lang gewohnt, übrigens schräg gegenüber von unserem Wohnblock. Wir hätten uns von unseren Fenstern aus zuwinken können!

Die kurze Wallpachgasse ist schnell durchschritten und endet an der Gerhart-Hauptmann-Straße. Die gehen wir ein paar Meter in Richtung Westen und biegen rechts in die Mosengasse (Texter der Tiroler Landeshymne, 1803–1867) ein. Die kleine Gasse beherbergt ein paar hübsche Häuser und zusätzlich eine nette Überraschung. Denn am Ende der Mosengasse befindet sich noch die ganz kleine Vintlergasse (Tiroler Lyriker, 1837–1890). Die geht keine 100 Meter weit links hinein, womit wir gleich zwei Gassen hintereinander als erledigt abhaken können. Super!

Zu unserer nächsten Adresse ist es auch nicht sonderlich weit, zuerst von der Vintlergasse über einen Fußweg hinaus auf die Amraser-See-Straße, gute 300 Meter den Südring entlang Richtung Osten, dann sind wir eh schon bei der Algunderstraße (Gemeinde in Südtirol) angekommen. Obwohl ich ganz in der Nähe gewohnt habe, war ich noch nie in dieser Straße. Den Namen kenne ich auch nur aus der Taxilenkerprüfung, hier habe ich jedenfalls nie einen Auftrag bekommen. Die Algunderstraße bringt uns wieder zur Gerhart-Hauptmann-Straße zurück und wir gehen sie zum zweiten Mal hintereinander in Richtung Westen, ohne dass wir diese Adresse abhaken können. Klingt unlogisch, ist aber strategisch besser. Denn kurz bevor die Gerhart-Hauptmann-Straße endet, geht links die Wolkensteingasse (Minnesänger, 1377–1445) weg. Die ist keine 200 Meter lang und gleich nach Beendigung der kurzen Gasse folgt eine Rechts-rechts-Kombination und zack, sind wir endlich an einem Anfang der Gerhart-Hauptmann-Straße (Deutscher Dramatiker, 1862–1946). Jetzt können wir sie in ihrer ganzen Länge durchwandern, so ist nun mal die Regel. Die paar hundert Meter sind gleich einmal erledigt und nach einem kleinen Stück auf der Geyrstraße kommen wir zur Dr.-Ferdinand-Kogler-Straße (Rechtsgelehrter, 1872–1944). Die führt zu Beginn zwischen dem sogenannten „Ärztehaus“ und dem „DEZ“ hindurch und wir staunen über den nahezu leeren Parkplatz des Einkaufszentrums. Kein Wunder, außer den Lebensmittelgeschäften sind alle Läden geschlossen, was soll man also dort. Wir marschieren weiter die Straße entlang, es herrscht kaum Verkehr, das ist ganz ungewohnt. Schließlich ist die Dr.-Ferdinand-Kogler-Straße nicht nur die wichtigste Zufahrt zum „DEZ“, es gibt auch einen McDonald’s hier und es gehen die Autobahnzufahrten zur A12 und zur A13 von dieser Straße ab. Normalerweise stehen hier die Autos den ganzen Tag über Stoßstange an Stoßstange, heute könnte sogar eine Nacktschnecke gefahrlos die Straße überqueren …

Nach der Unterführung sehen wir schon das Ende der Straße vor uns, bis zur Andechsstraße müssen wir aber schon noch gehen. Mensch die Andechsstraße! Sie wird die erste Straße bei meinem „Projekt im Projekt“ sein – ich möchte nämlich die „Reichenau an einem Tag“ durchwandern, das sollte sich machen lassen. Ich denke schon die ganze Zeit über den perfekten Geh-Plan nach und ziemlich sicher werde ich mit der Andechsstraße anfangen. Aber das ist Zukunftsmusik, wir sind ja noch nicht einmal mit Amras fertig.

So, für den heutigen Tag war es das mal wieder, wir gehen zu Fuß nach Hause. Ach ja – normalerweise wären wir vielleicht bei der OMV-Tankstelle an der Andechsstraße eingekehrt, auf einen heißen Fleischkäse, ein Semmerl und ein Cola. Aber – nix ist mehr normal …

Reim des Tages:

Wir spazieren durch Amras und sind ganz betroffen –

alle Geschäfte sind zu und kein Gasthaus hat offen.

Tag 6
Donnerstag 19. März 2020

Auch wenn ich meine Leserinnen und Leser nur sehr ungern mit diesem ganzen Corona-Wahnwitz belasten möchte, so muss ich doch auf die aktuelle Situation eingehen. Seit gestern, 22 Uhr, steht ganz Tirol unter Quarantäne, man darf seine Gemeinde nicht mehr verlassen. In Tirol haben sich bis jetzt knapp 500 Personen mit dem Virus infiziert, gestorben ist zum Glück noch niemand. Die grüne Verkehrs-Landesrätin Ingrid Felipe dankt (!!!) den Tirolerinnen und Tirolern, dass sie derzeit auf Benutzung der öffentlichen Verkehrsmittel verzichten. Dafür ist jetzt in ganz Innsbruck das Parken gratis, damit man mit dem Auto in die Stadt fährt. Echt verrückte Zeiten …

Wir setzen unser Projekt trotzdem fort. Wenigstens ein paar Straßen von Amras würden ich gerne abgehen, das ist eh nahe an unserer Wohnung und das wird man uns schon durchgehen lassen. Ilse fährt mich zur Hermann-Gmeiner-Straße (Gründer der SOS Kinderdörfer, 1919–1986), die liegt am Weg nach Ampass und beginnt für mich genau an der Ortstafel von Innsbruck. Dieser Teil von Amras trägt den Beinamen „Egerdach“, hier befand sich früher ein Heilbad und ein Erholungsheim, heute erinnert nur noch eine kleine Kapelle an diesen ehemaligen Kurort.

Wer die Hermann-Gmeiner-Straße schon einmal befahren hat, der wird sich garantiert über die unfassbare Menge an Kanal-, Wasser- und sonstigen Eisendeckeln gewundert haben, die den Stoßdämpfern eines Fahrzeugs alles abverlangen. Manche dieser Kanaldeckel, vor allem die ganz großen, haben durchaus die Dimension und die Tiefe eines Kinderplanschbeckens, da rumpelt’s dann ganz schön im Auto – und das alle paar Sekunden. Damit mir beim Gehen nicht langweilig wird, habe ich mir heute den Spaß erlaubt und die Kanaldeckel gezählt. Also – allein schon von der Ortstafel bis zur Hermann-Gmeiner-Akademie sind es 41 Stück. Wohlgemerkt nur die auf der Straße, die am Gehweg zähle ich nicht mit. Nach wenigen hundert Metern geht dann die Hermann-Gmeiner-Straße direkt in die Luigenstraße (Flurname) über, bis hierher zähle ich weitere 112 Kanaldeckel. In der Luigenstraße ist in den letzten Jahren heftig gebaut worden, die Mehrparteienhäuser sind wie die Pilze aus dem Boden geschossen. Ist sicher schön wohnen hier, zum Einkaufen kann man allerdings zu Fuß nirgends hingehen. Die Luigenstraße führt dann unterhalb von Schloss Ambras beim ehemaligen „Schloss-Café“ vorbei, übrigens sind bis dahin weitere 62 Kanal- und sonstige Eisendeckel dazugekommen. Anschließend noch unter der Autobahnunterführung durch und schließlich endet die Luigenstraße an der Geyrstraße, gegenüber dem Gasthaus „Bierwirt“. Genau an dieser Ecke war früher eine Tabaktrafik angesiedelt und manchmal bin ich als Kind den recht weiten Weg bis hierher gegangen, um meiner Mutter Zigaretten aus dem Automaten zu ziehen. Der Lohn dafür war ein Schilling und das Besondere dabei: Die Packung Smart Export hat damals neun Schilling gekostet und weil der Automat nicht wechseln konnte, war ein einzelner Schilling unter das Cellophan der Verpackung geschoben worden. Ein Schilling war 1969 nicht nichts, dafür gab es immerhin zehn Stollwerck oder eine Bombensemmel. Ach ja, im Haus daneben war einmal eine Produktionsstätte für „Recheis-Backerbsen“ untergebracht und meine Mutter war hier eine Zeitlang beschäftigt. Nach der Schule bin ich oft vorbeigekommen und konnte Backerbsen essen, so viel ich wollte. Ein Traum, auch den wunderbaren Geruch werde ich nie mehr vergessen.

Oh, apropos, damit ich es nicht vergesse – vom „Schloss-Café“ bis zum Bierwirt stellen sich den Verkehrsteilnehmern noch einmal 38 eherne Deckel im Asphalt in den Weg, sind es also von der Ortstafel Innsbruck bis hierher exakt 253 Stück Kanal-, Wasser- oder sonstige Metalldeckel. Und das auf einer Strecke von nicht einmal zwei Kilometern. Zum Glück ist das nicht Standard auf Innsbrucks Straßen, man müsste als Autofahrer sonst glatt ein Stoßdämpfer-Abo abschließen …

Ich schaue beinahe traurig zum behördlich geschlossenen „Bierwirt“ rüber, natürlich wäre mir gerade jetzt ein kaltes Bier sehr willkommen … Aber jammern nützt nix, also mache ich eine 180-Grad-Drehung und wende mich damit der Kirchmayrgasse (Amraser Bürgermeister, 1861–1925) zu. Die Sackgasse geht vielleicht 300 Meter in Richtung Nord-Osten, auch hier erinnert noch einiges an das Amras früherer Tage. Vom Kinderspielplatz dringt in diesen Tagen natürlich kein Lachen zu mir herüber, dafür versetze ich versehentlich ein paar Enten in helle Aufregung. Zu nah am Zaun vorbeigegangen, sorry!

Ilse wartet am Ende der Kirchmayrgasse und zum ersten Mal steige ich heute ins Auto. Das war auch noch nicht notwendig, jede der bisherigen Straßen ist in die nächste übergegangen. Das ist beim Bleichenweg (hier wurde früher gebleicht) anders, der beginnt unweit des „Schloss-Cafés“ und das wären doch einige Extra-Meter dorthin gewesen. Wieder gehe ich unter der Autobahn durch, neben mir würden jetzt normalerweise die Boccia-Spieler ihre Matches austragen, aber natürlich sind auch hier alle Luken dichtgemacht. Ich komme dann an der Schrebergarten-Siedlung vorbei, meine Mutter hat sich einmal für eines der Häuschen hier interessiert. Als sie den Preis der geforderten Ablöse gehört hatte, meinte sie: „Um das Geld kann i ja gleich a richtiges Haus bauen.“ Den Schrebergarten-Traum hat sie sich aber trotzdem erfüllt, woanders halt.

Jetzt passiere ich schon die Ostseite des „DEZ“-Geländes, der Bleichenweg findet sein Ende aber erst am Kreisverkehr mit dem Autobahnzubringer. Ilse erwartet mich und ich werde zum Startpunkt meiner letzten Etappe für heute gefahren, den Leopold-Wedl-Weg (Tiroler Kaufmann, 1878–1943). Das ist sozusagen die Hauptstraße des „DEZ“ Areals und sie verbindet den Bleichenweg mit der Geyrstraße. Gegen Ende hin steigt der Leopold-Wedl-Weg ziemlich an und ich bereue rasch, dass ich ihn nicht in die andere Richtung gegangen bin. Nicht so tragisch, das ist eh die letzte Straße heute und danach kann ich ja meine wehe Wade weich betten. Und so ist es dann auch gekommen …

Reim des Tages:

Willst du deine Stoßdämpfer vor Schaden bewahren,

dann darfst du nicht durch Egerdach fahren.

Tag 7
Montag, 13. April 2020

Wir haben das Projekt dreieinhalb Wochen lang unterbrechen müssen. Am Corona-Virus sind mittlerweile fast 400 Menschen in Österreich gestorben, auch in Tirol gab es Tote und viele liegen noch auf den Intensivstationen. Allerdings sind in den letzten zehn Tagen die Zahlen der täglich Neuinfizierten stark gefallen, vor allem das Ausgangsverbot dürfte der Grund dafür sein. Wir haben uns strikt an die Regeln gehalten und sind kaum vor die Tür gegangen. Vorgestern haben wir uns alle vier im Hof von Nadjas Wohnanlage zusammengesetzt, an einen riesigen Tisch und mit gut 2,5 Metern Abstand zueinander. Wir hatten gerade die kleinen Geschenke für das morgige Osterfest übergeben, da ist schon die Polizei gekommen. Ein Nachbar hatte uns angezeigt, die Blockwarte haben gerade Hochsaison. Die Beamten grüßten uns freundlich und mit den Worten „Wir sehen schon von Weitem, dass Sie den Sicherheitsabstand einhalten“. Keine Minute später waren sie schon wieder weg und haben uns ein „Schönen Nachmittag noch“ dagelassen. Aber lassen wir das Thema Corona, es soll nicht mehr Platz kriegen, als unbedingt sein muss.

Nach Aufhebung der Quarantäne trauen auch wir uns wieder auf die Straße und setzen meine „Erstbegehung von Innsbruck“ fort. Spazieren gehen darf man ja.

Wobei, ein Spaziergang ist die erste Straße nicht, wahrlich nicht. Wir wollen heute Amras fertig machen, doch die Aldranser Straße (führt nach Aldrans) macht beinahe mich fertig. Die Gemeindegrenze von Innsbruck reicht nämlich blöderweise bis zum Ortsschild von Aldrans. Schau – dann muss also das unvergessliche Schwimmbad „Schönruh“, bei dem ich schon kurz nach dem Losgehen vorbeikomme, zu Innsbruck gehört haben. Das wusste ich gar nicht.

Die Aldranser Straße geht wenigstens schön abwärts, das kann ich gut gebrauchen, denn schon nach 300 Metern zieht es warnend in meiner linken Wade. Die dreieinhalb Wochen auf der Couch haben mir nicht besonders gutgetan, jetzt muss ich mir meine Gehmuskulatur wieder von vorne aufbauen. Nützt nix. Also hatsche ich weiter und denke an den 30. September 2018 zurück, an die Rad-Weltmeisterschaft. An diesem Finaltag war die Aldranser Straße von zehntausenden Fans belagert, insgesamt säumten an diesem denkwürdigen Tag 275.000 Menschen die Straßen Tirols, die allermeisten davon in Innsbruck und Umgebung. Wir sind an diesem Tag einen Teil der sogenannten „Olympia-Runde“ mit dem Auto abgefahren, da waren die Profis in Kufstein bereits gestartet. Schon zu dem Zeitpunkt standen tausende Menschen entlang der Strecke, die Wiesen oberhalb von Schloss Ambras waren bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und die teilweise verrückt kostümierten Radsportfans feierten in der Folge eine stundenlange Party. Und an den Fernsehapparaten feierten weltweit 150 Millionen Menschen mit.

Die Aldranser Straße endet beim Schloss Ambras, ab da gehe ich die Schloßstraße (nomen est omen) an. Die hat es in sich, endet sie doch erst beim Kreisverkehr Innsbruck-Mitte, das wird wohl deutlich mehr als ein Kilometer sein. Und bis dahin gibt es keinen einzigen Brösel Gehsteig. Das ist aber nicht weiter tragisch, man sieht mich auf der gesamten Strecke schon von Weitem kommen, ich geh eh brav auf der linken Seite, zur Not könnte ich in den danebenliegenden, schmalen Grasstreifen ausweichen. Muss ich aber gar nicht, denn während meines gesamten Marsches, der gute 20 Minuten lang dauert, sind mir nur fünf Autos entgegengekommen.


Übrigens finde ich doch tatsächlich eine Original-Trinkflasche von der Rad-WM. Die liegt seit eineinhalb Jahren da, ist dementsprechend angegammelt, also lasse ich sie weiter da liegen. Mittlerweile lässt mir meine linke Wade im Sekundentakt hochinteressante Schmerzbotschaften zukommen, ich übersetze sie mit „Stopp, du Trottel“. Beleidigen lasse ich mich ungern, also gehe ich weiter. Ich bin sehr, sehr froh, als ich dann schon aus 300 Metern Entfernung Ilse warten sehe. Aber 300 Meter sind grobgerechnet 400 Schritte, jeder einzelne davon quält mich. Doch mit jedem Schritt komme ich der Erholung im Auto näher und schließlich lasse ich mich ziemlich geplättet auf den Beifahrersitz fallen. Dass mich das Gehen heute so mitnimmt …

Ilse bringt mich nach einer kleinen Pause wieder hinauf zum Schloss Ambras, denn bis zum großen Haupteingang reicht der Tummelplatzweg (Tummelplatz der Reitpferde von Schloss Ambras) herauf – ich gehe ihn selbstverständlich abwärts, hinauf bräuchte ich vier Tage. Am Tummelplatzweg herrscht strenges Fahrverbot, Ilse wird dann unten am Ende der Amraser Straße auf mich warten.

Ich muss den Tummelplatzweg eigentlich gar nicht selber gehen, er ist derart steil, dass ich die Schwerkraft für mich arbeiten lasse. Ich muss mich eigentlich nur leicht vornüberbeugen und dann andauernd bremsen. Da kommt mir doch tatsächlich eine junge Frau entgegen, im flotten Lauftempo und wie sie mir ein „Griaß di“ zuruft, höre ich, dass sie noch nicht mal außer Atem ist. „Du bisch aber gut beinand“, lobe ich sie und kriege noch ein „Dank dir schön“ zurück. Manche haben eine Kondition, unglaublich … Dazu gehöre ich nicht, die Leserin und der Leser werden es schon erraten haben. Auch wenn ich durch die Steilheit des Weges nicht einmal rasten muss, bin ich doch happy, wieder im Auto zu sitzen.

Ilse bringt mich anschließend zum dritten Mal hintereinander zum Schloss Ambras und ich gehe den Tummelplatzweg erneut hinunter. Nicht weil ich süchtig nach ihm geworden bin, sondern weil nach 200 Metern rechts der Bichlweg (Flurname) abzweigt. Diese Abzweigung – von einer steilen Straße rechts in eine noch steilere Straße hinein – wollte ich einmal mit dem Taxi nehmen, das wäre eine fesche Abkürzung gewesen. Es wurde aber eine fesche Verlängerung, denn ich bin mit dem Audi 80 derart aufgesessen, dass beide Vorderräder in der Luft waren. Und das ist bei einem Auto mit Frontantrieb leider suboptimal. Ein Kollege hat mich aus meiner misslichen Lage rausgeschleppt und ich war echt froh, dass sich die Karre danach noch ganz normal fahren hat lassen.

Der Bichlweg war einmal eine Straße, in der ich nicht einmal dann gewohnt hätte, wenn man mir dafür 500 Euro im Monat bezahlt hätte. Denn an einigen Häusern führt derart dicht die Autobahn vorbei, dass man sich besser nicht zu weit aus dem Fenster lehnt. Gelehnt hat, muss es heißen. Denn die Autobahn ist zwar keinen Zentimeter weiter weggerückt, aber sie ist vollkommen eingehaust. Und jetzt haben die Bewohner der ehemaligen Lärmhölle grüne Wiese, Bäumchen und einen schönen Spielplatz vor den Fenstern. Das haben sie sich redlich verdient, hoffentlich wohnen noch die gleichen Leute hier.

Ich bin mit dem Bichlweg noch gar nicht fertig, da klingen kurz vor 9 Uhr die Kirchenglocken von Amras zu mir herauf. Es ist Ostermontag und das Geläute zeigt so richtig, was es kann. Es begleitet mich bis zum Ende des Bichlwegs, an dem das Gasthaus „Bierwirt“ steht. Es ist immer noch geschlossen und wird auch in den nächsten Wochen nicht aufsperren dürfen. Diesen wirtschaftlichen Totalausfall musst du auch erst wegstecken …

Natürlich hat Ilse schon beim „Bierwirt“ auf mich gewartet und bringt mich zur letzten Straße, die mir in Ampass noch fehlt – zum Pfaffensteig (diesen Weg benutzten die Ampasser Pfarrer, wenn sie in Amras eine Messe zu lesen hatten). Der würde von der Luigenstraße bis Ampass hinaufführen, ich lass mich von Ilse bis zu den letzten Häusern bringen, beim Fahrverbot stoppen wir. Den steil ansteigenden Waldweg erspar ich mir, der hat mit einer Innsbrucker Straße nichts mehr zu tun, ich bin ja nicht Luis Trenker. Da gehe ich lieber den Pfaffensteig hinunter, er führt zwischen netten Häusern hindurch, oft bin ich hier noch nicht gewesen. An der Kreuzung mit der Luigenstraße werde ich schon erwartet – das Kapitel Amras ist damit erledigt und ich kann nach Pradl den zweiten Stadtteil Innsbrucks aus meiner Liste streichen.

Reim des Tages:

Während der Pfarrer die Messe predigt,

hab ich den Stadtteil Amras erledigt.

Tag 8
Donnerstag, 16. April 2020

Wegen Schlechtwetter musste ich meine Wanderung durch Innsbruck zwei Tage lang unterbrechen, aber heute geht’s weiter. Der nächste Stadtteil steht an, die Roßau. Die befindet sich östlich der Reichenau und ist eigentlich ein reines Gewerbegebiet. Keine Ahnung, wie viele Menschen in der Roßau wohnen, aber ich gehe stark davon aus, dass in keinem Stadtteil weniger Leute zu Hause sind.

Die erste Straße der Roßau beginnt schon an der Geyrstraße und ich weiß auch erst seit dem Studieren des Stadtplans, dass der Grabenweg (Flurname) bis hierher reicht. Der Grabenweg präsentiert sich ab besagter Kreuzung als reiner Fußweg, der nach etwa 200 Metern neben der SB-Tankstelle an der Andechsstraße endet. Vorerst! Der Grabenweg hat nämlich eine Besonderheit zu bieten, denn er besteht aus zwei Teilen, die nicht nur durch eine Kreuzung getrennt sind. Man muss nämlich gute 100 Meter weit der Andechsstraße in Richtung Süden folgen, sie an der Ampel gegen Osten hin überqueren und kommt erst dann zum Grabenweg Teil 2. Das ist wirklich speziell und ich weiß gar nicht, ob es so etwas in Innsbruck noch einmal gibt. Aber ich werde es mit Sicherheit herausfinden ...

Den Grabenweg bin ich oft entlangmarschiert, wenn ich von daheim zu Fuß in die ECHO-Redaktion gegangen bin. Dauert vielleicht eine halbe Stunde und wäre mit dem Fahrrad natürlich schneller gewesen. Aber nach ein paar haarsträubenden Gefahrensituationen – der Grabenweg ist nicht sonderlich breit, im Gewerbegebiet Roßau sind beinahe mehr LKW als PKW unterwegs und wenn sich zwei Brummis begegnen, bleibst du als Radler übrig – habe ich den Drahtesel lieber im Keller gelassen. Übrigens, gleich einmal nach dem „Mediamarkt“ gibt es tatsächlich zwei Wohnhäuser, auf einem der Balkone sehe ich sogar einen Menschen. Ein paar leben also offenbar doch hier …

Körperlich fühle ich mich heute nicht so super, schon von Beginn an zuppelt meine Wade, es ist unglaublich, wie negativ sich zwei Tage Nichtstun auf meine Muskulatur auswirken. Ich muss immer wieder stehen bleiben und nutze jede Gelegenheit, mich mal für eine Minute oder so niederzusetzen, sei es an einer Bushaltestelle oder auf einem Mäuerchen. So komme ich zwar langsam, aber trotzdem voran und schließlich habe ich den verdammt langen Grabenweg hinter mir, der ist sicher die längste Straße der Roßau. Er mündet in den Archenweg (alte Grundbuchbezeichnung), blöderweise ziemlich exakt in dessen Mitte. Weil es von der Strategie her günstiger ist, biege ich nach rechts ab, latsche am Baggersee vorbei und dann den ordentlichen Anstieg zum ehemaligen Müllberg hinauf. Bis weit nach dem Schranken, wo sich halt die unsichtbare Gemeindegrenze von Innsbruck befindet. Und das alles im Bewusstsein, dass ich diesen Weg dann gleich noch einmal in die andere Richtung gehen darf. Scheiß Schweine-Meter, das bequeme Chauffeur-Service von Ilse geht mir in diesem Moment schwer ab. Vor allem der Anstieg hat mich ordentlich mitgenommen, meine Wade hat mich dort immer wieder zum Stehenbleiben gezwungen. Dafür ist es hinunter viel besser gegangen, da bin ich in einem Zug gleich bis zum Baggersee gekommen. Ach, der Baggersee. Die Erinnerungen überfallen mich geradezu, einige davon habe ich ja schon in meinem Buch „Ich war ein Reichenauer Rattler“ erzählt. Den Baggersee kenne ich schon aus meiner frühen Kindheit und wie ich mit meinem Bruder Robert hier als 8-Jähriger – am Weg zu unserem Abenteuerspielplatz Müllberg – vorbeigeradelt bin, da gab es, meiner Erinnerung nach, den See noch gar nicht. Stattdessen eine riesige Baugrube, wo die Firma Katzenberger Schotter abgebaut hat. Dann wurde die Grube irgendwann geflutet und als ich als Teenager mit meinem Jugendfreund Ralfi durch die Roßau strawanzt bin, da hat es neben dem großen noch einen kleinen Baggersee gegeben. Heute ist das eine topmoderne Freizeitanlage und die Innsbrucker nennen den Baggersee liebevoll ihre „Reichenauer Adria“. Das Wasser hat Trinkwasserqualität und es tummeln sich mehrere Fischarten darin. Und offenbar ist der Baggersee im Laufe der Zeit auch immer wieder mal als Entsorgungsstation für exotische Aquariumsbewohner verwendet geworden – anders lassen sich der Amerikanische Sonnenbarsch, die Rotwangenschildkröte oder die Neuseeländische Zwergdeckelschnecke nicht erklären. Was es nicht alles gibt …

Inzwischen habe ich den Baggersee längst hinter mir gelassen und das Schöne am Archenweg ist, dass er sich bruchlos mit der Roßaugasse (alter Flurname) fortsetzt. Auch in dieser Straße ist die ganze linke Seite von Gewerbebetrieben gesäumt, während rechts der Inn fließt, getrennt durch eine schöne Promenade. Da könnte ich auch gehen, aber ich entscheide mich für die Straße.

Ein paar hundert Meter wird die Roßaugasse schon lang sein und es ist inzwischen ziemlich warm geworden. Ich komme zum Recyclinghof der Innsbrucker Kommunalbetriebe (IKB), der ja wieder geöffnet hat. Und ich traue meinen Augen nicht – mindestens 20 Fahrzeuge warten auf der Straße auf die Einfahrt, der letzte steht fünf Meter vor der Kreuzung mit dem Langen Weg. Die Leute dürften die Corona-bedingte Heimquarantäne offensichtlich zum Entrümpeln genutzt haben …

So, die Roßaugasse habe ich hinter mir, auf zu neuen Ufern. Dazu muss ich den Langen Weg ein Stück nach Süden gehen, dann zweigt links die Trientlgasse (Priester und Wanderlehrer, 1817–1898) ab. An der Trientlgasse steht gleich am Anfang ein Flüchtlingsheim, also wohnen doch noch ein paar mehr Menschen in der Roßau. Bis jetzt bin ich nämlich – außer am Grabenweg – noch an keinen Wohnhäusern vorbeigekommen.

Die Trientlgasse geht kerzengeradeaus, das hat der 15-jährige Ralfi dereinst für eine Wahnsinnsfahrt mit einem Motorrad ausgenutzt. Mit mir am Sozius, selbstverständlich beide ohne Helm. Von wem er sich die 1000er Kawasaki ausgeliehen hatte? Ich hab’s vergessen, aber die Raserei ist mir in Erinnerung geblieben. Ralfi hat schlicht und ergreifend den Grasgriff voll aufgedreht und alle Gänge der Reihe nach hochgeschalten. Gleich einmal hat es ihm das Hemd aufgerissen, ich habe die Knöpfe wegspritzen gesehen. Und etwa bei Höchstgeschwindigkeit hat mir der Fahrtwind derart brutal Ralfis Haare ins Gesicht gepeitscht, dass danach zahlreiche kleine Schnittwunden zu sehen waren. Wir haben nur gelacht darüber. Wie heißt es so schön? Unvernunft ist das Privileg der Jugend. Stimmt – und manchmal überlebt man diese Unvernunft sogar …

Ich habe inzwischen die Trientlgasse auch überlebt, jetzt fehlt mir in der Roßau nur noch eine richtig lange Straße, der Rest sind eher kleinere Querverbindungen. Die parallel zur Trientlgasse angelegte Valiergasse (Südtiroler Pionier der Raumfahrt, 1895–1930) wird mich wieder zurück zum Langen Weg bringen und danach werde ich für heute Schluss machen. Meine Wade mag nicht mehr und ich bin es leid, sie alle paar Minuten durch Stehenbleiben besänftigen zu müssen. Da stimmt etwas Gröberes nicht, denn dass sich ein Muskelkater so lange hält, das ist ja nicht normal. Mal schauen, wie das weitergeht, aber jetzt mache ich erst mal die Valiergasse fertig. Die war in meiner Reichenauer Zeit immer mein Heimweg vom Baggersee und ich bin sie sehr oft entlanggegangen. Früher waren hier nur vereinzelt Firmen angesiedelt, das Möbelhaus Pallhuber zum Beispiel ist damals schon dagestanden. Heute wird hier übrigens Autozubehör verkauft. Kurz vor dem Ende der Valiergasse komme ich dann noch beim Schützenheim Reichenau vorbei. Das hat sich in den letzten 40 Jahren überhaupt nicht verändert, auch der Parkplatz davor schaut noch genauso aus wie damals. Ich war ja zwei, drei Jahre lang Mitglied der Reichenauer Schützenkompanie und habe auf diesem Parkplatz das Exerzieren und das Abfeuern der Ehrensalven gelernt. Lang, lang ist’s her.

Gleich nach dem Schützenheim befindet sich der große Parkplatz des „Lidl“-Markts und schon von Weitem sehe ich Ilse im Auto auf mich warten. Geschafft – knapp an die zehn Kilometer waren das heute, sie haben sich aber wie fünfzig angefühlt. Mal schauen, ob es morgen wieder besser funktioniert. Vielleicht muss ich erst wieder richtig ins Gehen reinkommen …

Ach ja, was mir heute aufgefallen ist – es ist liegt eine völlig neue Art von Müll herum: Schutzmasken. Ich habe bis vor ein paar Wochen noch nie in meinem Leben eine Gesichtsmaske am Boden liegen gesehen, jetzt liegen sie zuhauf am Straßenrand und auch auf den Gehsteigen. An einigen Dutzend bin ich in letzter Zeit sicher vorbeigekommen, ein Münzfund wäre mir lieber ...

Reim des Tages:

Mit Vollgas durch die Trientlgasse,

das fanden wir damals richtig klasse.

Tag 9
Freitag, 17. April 2020

Das Wetter ist wieder super, körperlich fühle ich mich ziemlich gut, also machen wir mit der Roßau weiter. Ich möchte es heute nicht übertreiben, aber die Roßau würde ich schon gerne fertig machen. Es fehlen mir in dem Stadtteil eh nur mehr ein paar Straßen, die meisten davon sind angenehm kurz. Ilse bringt mich ganz hinunter zum Ostende des Baggersees, das ist ein gutes Stück nach dem Klärwerk. Bis hierher reicht der Josef-Mayr-Nusser-Weg (Opfer der Nazi-Diktatur, 1910–1945), meine erste Adresse heute. Ich bin noch keine 200 Meter weit gegangen, da fordert mich meine Wade schon energisch zum Stehenbleiben auf. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich muss aber gehorchen, sonst bestraft sie mich wieder mit dem Einzigen, was sie zu bieten hat – mit bösen Schmerzen. Allein schon bis zur Telefonzelle an der Ecke zum Grabenweg muss ich zwei weitere Male stehenbleiben, heute geht’s einfach nicht. Der Josef-Mayr-Nusser-Weg geht nach dem Grabenweg noch weiter und als er am Griesauweg endlich sein Ende findet, habe ich keinen Schritt ohne Schmerzen gehen können. Da passt es wie die Faust aufs Auge, dass ich kurz vor dem Ziel an einem Schrottplatz vorbeikommen – genauso abgewrackt fühle ich mich nämlich momentan auch.


Völlig ausgelaugt von den paar hundert Metern Gehen falle ich auf den Beifahrersitz und in dem Moment wird mir klar: Das ist kein Muskelkater mehr, ich habe was anderes. Hoffentlich keine Thrombose, da schmerzt nämlich auch oft als Erstes die linke Wade. Das habe ich von Dr. Google erfahren, aber weil ich kein ganzer Trottel bin, lasse ich mich natürlich von einem richtigen Doktor untersuchen. Ich kriege dann tatsächlich bereits am kommenden Montag einen Termin, um 15 Uhr werde ich bei Dr. Jörg Schnapka in der Museumstraße auf der Matte stehen. Das Projekt ist natürlich unterbrochen.

Reim des Tages:

Solltest du vor Schmerzen schon die Sterne sehen,

dann musst du dringend zum Doktor gehen.


Tag 10
Dienstag, 23. Juni 2020

Leider ist alles anders geworden. Vor fast sieben Wochen bin ich meine letzte Straße gegangen, es war die 113. auf meiner Liste. Fehlen also noch weit über 500 Straßen, Gassen, Plätze etc.

Seit der Untersuchung durch Dr. Jörg Schnapka weiß ich, dass die Schmerzen in meiner Wade nichts mit Untrainiertheit oder Muskelkater zu tun haben. Kurz zusammengefasst: Das ständige Aua wird von der PAVK verursacht, das ist die „Periphere Arterielle Verschlusskrankheit“. In meinem Fall ist eine Arterie bereits so verstopft, dass der Blutfluss eingeschränkt ist und meine Wade permanent mit Sauerstoff unterversorgt wird. Und dann schreit sie. Im Volksmund nennt man die PAVK auch Schaufensterkrankheit (wo ich doch eh so ungern einkaufen gehe!) und das hat damit zu tun, dass sich die Betroffenen alle 100 oder 200 Meter ausrasten müssen, weil die Schmerzen beim Gehen zu groß sind. Und damit das nicht so auffällt, gehen sie gern in Innenstädten spazieren – bei einem Schaufensterbummel bleibt man schließlich auch immer wieder mal stehen … Meine Krankheit ist unheilbar, theoretisch könnte man zwar einen Stent einsetzen oder einen Bypass legen, aber solche Operationen verlaufen oft nicht nach Wunsch. Dr. Schnapka meint, an ein altes Gefäß kann man halt nur schlecht einen Bypass aus Goretex anschließen. Wenn ich meinen Arzt etwas besser kennengelernt habe, dann frage ich ihn, ob er mir das Ganze in einem kleinen Interview erklärt. Vor allem deshalb, damit ich als medizinischer Laie keinen Blödsinn verzapfe, was meine Krankheit betrifft. Mal schauen …

Mein Geh-Radius liegt aktuell bei 170 Metern schmerzfrei, danach kann ich noch gut 30 bis 50 Meter unter immer heftiger werdenden Schmerzen weiterhumpeln. Danach ist Schluss, rien ne va plus, ich würde umfallen wie ein Sackerl Zement. So kann ich meine „Erstbegehung von Innsbruck“ natürlich nicht mehr fortsetzen, auch wenn ich versuchen möchte, so viele Straßen wie möglich trotzdem zu Fuß zu gehen. Viele Gassen sind ja so kurz, dass ich mit meinem Radius von plus/minus 200 Metern locker durchkommen sollte. Aber wie soll ich von der Hungerburg runterkommen? Die Höhenstraße ist 3,5 Kilometer lang. Oder wie soll ich die „Höll“ in der Gramartstraße bewältigen? Die hat eine 28-prozentige Steigung. Das geht einfach nicht mehr. Auch die Igler Straße, die Haller Straße oder die Kranebitter Alle nicht – von der Länge her ist das vollkommen illusorisch.

Mit der Wagner’schen und dem Universitätsverlag Wagner ist jetzt ausgemacht, dass ich das Projekt trotzdem vollenden soll, die langen Straßen werde ich halt mit der Vespa abfahren. So komme ich auch in jede Gasse und Straße Innsbrucks, wenn auch nicht per pedes. Das ist unendlich schade, ich wäre so gerne weitermarschiert! Hat mich also mein Gefühl doch nicht getäuscht – ich hätte mein „Ich bin dann mal nicht weg“ schon vorigen Sommer durchziehen sollen. Ohne Corona, ohne PAVK – das Buch wäre längst am Markt. Aber – ich war nie ein Hatti-Wari-Typ, die Situation ist jetzt so, wie sie ist, und wird durch Jammern und Selbstbemitleidung keinen Deut besser. Die Motivation ist halt leider weg – mit der Vespa ist das keine richtige Herausforderung mehr, das kann mir ja jeder nachmachen.

Trotzdem setzen wir mein Projekt fort, das Wetter ist perfekt und Ilse bringt mich in die Roßau hinunter. In diesem Stadtteil fehlen mir nur noch wenige Adressen und spontan beschließe ich, die alle noch zu Fuß zu gehen. Dann habe ich wenigstens die ersten drei Stadtteile Innsbrucks „ordnungsgemäß“ erledigt. Die Vespa kommt dann ab morgen zum Einsatz.

Beim Kreisverkehr neben der Jet-Tankstelle steige ich aus, der Griesauweg (alte Grundbuchbezeichnung) ist heute als Erstes dran. Ich habe mir ein Fitnessarmband gekauft und teste gleich aus, wie viele Schritte ich schmerzfrei gehen kann. Es sind selten über 230. Das werden bei meinem Schrittmaß gerade mal 170 Meter sein. Zach! Ilse muss mich am Griesauweg dreimal einsteigen lassen, aber dann ist die letzte längere Straße der Roßau erledigt. Auch hier reiht sich Firma an Firma und als ich beim Autohaus Denzel vorbeikomme, schaue ich, ob er mal wieder einen McLaren-Sportwagen in der Auslage stehen hat. Leider nicht, aber wie als Kompensation fährt ein weißer Audi R8 an mir vorbei, mein Lieblings-Supersportwagen.

Als Nächstes nehmen wir uns die Dr.-Adolf-Hörhager-Straße (Innsbrucker Politiker, 1884–1940) vor, sie verbindet die Roßaugasse mit der Trientlgasse und ist 200 Meter lang. Und wie ich diese kurze Straße so entlangspaziere, trifft mich nach gut 150 Metern plötzlich ein Blitz der Erkenntnis: Wenn ich mich nach meinen 170 bis 200 Metern ins Auto setze, dort eine halbe Minute raste, dann beginnen die nächsten 170 schmerzfreien Meter. Und wieder und wieder und wieder. Immer wieder von vorne. Zwar muss ich mich pro Kilometer fünf- bis sechsmal ausrasten, aber dann bin ich immerhin einen Kilometer weit gekommen. Ob das auch 50 Mal hintereinander möglich wäre? Dann könnte ich ja zehn Kilometer und mehr am Tag schaffen, na das wär’ was …

Ich teste das gleich weiter aus und lasse mich zur Eduard-Bodem-Gasse (Pionier des Flugrettungswesens, 1910–1977) führen. An der Ecke zum Grabenweg gehe ich los und komme gleich einmal bei dem Gebäude vorbei, wo sich früher die Redaktion des Tiroler Nachrichtenmagazins ECHO befunden hat. Ich war als Journalist und Redakteur fast zehn Jahre lang mit an Bord, bis das Monatsmagazin leider eingestellt worden ist. Im Gebäude daneben bin ich auch drei Jahre lang aus- und eingegangen, denn da war das Tirol TV untergebracht und ich war dort Fernsehredakteur. Überhaupt ist das eine richtige Medien-Ecke hier, denn auch das Innsbrucker Stadtblatt hat in der Eduard-Bodem-Gasse seine Redaktionsräumlichkeiten. Die ich auch von innen kenne, denn beim Stadtblatt war ich als Fotoreporter beschäftigt, mein erster Job im Journalismus überhaupt.

Beim Durchmarsch der Eduard-Bodem-Gasse komme ich dann beim Helga-Krismer-Platz (Mitbegründerin des Technologieparks Roßau, 1940–1993) vorbei. Von dem höre ich heute das erste Mal, der dürfte noch nicht lange so heißen. Aber schön, dass ich gleich eine weitere Adresse aus meiner Liste streichen kann. Die Eduard-Bodem-Gasse reicht eh nur bis zur Valiergasse vor, ich bin ohne Pause durchgekommen. Ilse wartet genau an der Ecke, ich steige ins Auto ein und lass meine Frau schon nach 300 Metern wieder anhalten. Schließlich wollen wir nicht an der Etrichgasse (Flugzeugkonstrukteur, 1879–1967) vorbeifahren. Auch diese Straße verbindet die Valiergasse mit dem Grabenweg, also liegt auch sie innerhalb meiner Geh-Weite. Die kurze Pause während der Herfahrt hat meinen „Waden-Akku“ so weit aufgeladen, dass ich die Gasse ohne Pause bewältigen kann. Auch wenn die letzten 30 Meter hart waren. Langsam kriege ich ein Gefühl dafür, wie lange ich jeweils pausieren muss. Länger als eine halbe Minute brauche ich nicht, allerdings nur dann, wenn ich sitzen kann. Im Stehen erhole ich mich erstens langsamer und zweitens schlechter. Da gehen nach einer Pause kaum mehr als 100 Meter schmerzfrei.

Die nächste Adresse geht mitten in der Etrichgasse in Richtung Westen ab und nennt sich Stadlweg (eventuell ein alter Flurname). Gleich links steht die große Tennishalle und als sie erbaut wurde, stellte sie durchaus eine architektonische Subdominante in der Roßau dar. Sie war schon von Weitem zu sehen, doch mit jedem Jahr ist sie mehr und mehr hinter den Neubauten des Gewerbegebiets verschwunden und heute muss man sie schon suchen. Im Winter war die Tennishalle bei uns Taxifahrern gefürchtet, weil die steile Außentreppe oft stark vereist war. Und dann hast du noch einen schwer Angeheiterten stützen und die extrem rutschigen Stufen hinunterbegleiten dürfen – Rupalwand light, sag’ ich nur …

Der Stadlweg macht dann beim Automobilclub ARBÖ eine scharfe Biege nach links, ehe er neben dem OBI Heimwerkermarkt in der Bernhard-Höfel-Straße (Innsbrucker Juwelier und Mäzen, 1862-1943) aufgeht. Das ist für heute meine letzte Straße, Ilse führt mich zur Kreuzung mit dem Langen Weg vor. Die Bernhard-Höfel-Straße wird mich bis zum Grabenweg bringen und während des Gehens bin ich ganz in Gedanken versunken, was die Fortsetzung meines Projekts betrifft. Wie sich heute gezeigt hat, muss ich mich zwar spätestens alle 200 Meter für eine halbe Minute lang niedersetzen, aber das lässt sich doch machen, oder? Ich habe heute nach jeder Pause darauf gewartet, dass sich meine Gehstrecke irgendwann zu verkürzen anfängt. Nix da, wie ein Uhrwerk kann ich meine 220 bis 230 Schritte schmerzfrei abrufen, immer wieder aufs Neue. Wie oft das aber wirklich hintereinander geht – spätestens morgen weiß ich es. Denn ich bin gerade derart euphorisiert von der Möglichkeit, meine „Erstbegehung von Innsbruck“ doch noch zu Fuß zu schaffen, dass ich mir für morgen gleich ein Irrsinns-Programm auferlegt habe. Eh schon wissen, es gilt mein Projekt-im-Projekt umzusetzen, „Die Reichenau an einem Tag“. Wenn ich das schaffe, dann schaffe ich auch alles andere. Und mit diesem schönen Gedanken im Kopf bin ich am Ende der Bernhard-Höfel-Straße angelangt und steige nach dem Hotel „Austrotel“ zu meiner Frau ins Auto. Passt – Stadtteil Nummer 3 ist erledigt, morgen ist die Reichenau dran.

Oh, bevor ich es vergesse: Da war ja noch was mit Corona. Das Virus ist zwar noch nicht verschwunden, wütet aber derzeit anderswo. In Österreich sind fast alle Beschränkungen aufgehoben worden, die Geschäfte und Gastgewerbebetriebe haben wieder geöffnet und der als Abstandsmaß berühmt gewordene Babyelefant hat offenbar ausgedient. Wir werden sehen, ob das gutgeht …

Reim des Tages:

Ich danke Doktor Schnapka von ganzem Herzen,

denn jetzt weiß ich endlich den Grund meiner Schmerzen.

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