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Geri Schnell

Raus aus der Krise

Die Geschichte eins Kämpfers

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Arbeitslos

Urlaub in Ägypten

Das Interview

Der Fall Anita

Die Verteidigerin

Die Webseite

Die Vereinsfeier

Die Hochzeit

Das Beschäftigungsprogramm

Die Tagung

Die Revolution

Der Flugzeugfriedhof

Der 1. Satellit

Der Kongress

Der Deal

Die Flucht

Der Sturm

Die Rache des FWJ

Die Verschwörung

Erfolgreich

Die Suche beginnt

Die Revolte

Aus dem Untergrund

Die Rückkehr

Erinnerung an die Vergangenheit

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Impressum neobooks

Arbeitslos


Raus aus der Krise!

Die Geschichte eines Kämpfers

von Geri Schnell

Frierend vor Kälte, erwacht Max Meier.

Wo bin ich?

Zögernd schaut er sich um. Es ist noch dunkel und er zittert am ganzen Körper. Er beobachtet seine Umgebung und stellt fest, dass er auf einer Bank im Friedhof geschlafen hat, doch nun hat ihn die Kälte aufgeweckt. Sein Kopf brummt, er versucht sich zu erinnern, wie er auf der Friedhofsbank gelandet ist, es gelingt ihm nicht! Langsam erhebt er sich und macht einige Turnübungen, um sich zu erwärmen. Er räumt seine Sachen zusammen, verstaut sie in seiner Tragetasche und schleicht davon. Die Bank ist zu ungemütlich und er macht sich auf den Weg zum Bahnhof. Wenn er sich nicht allzu sehr beeilt, ist das Bahnhofrestaurant schon offen und er kann einen Kaffee mit Schnaps bestellen, danach wird er sicher wieder etwas klarer denken können und vielleicht fällt ihm wieder ein, wie er den gestrigen Abend verbracht hatte.

Um auf die Strasse zu gelangen, muss er über den Zaun klettern, denn der Friedhof ist nachts geschlossen. Durch das noch schlafende Olten, schleicht er zum Bahnhof. Die menschenleeren Strassen wirken unheimlich und er fühlt sich als Störenfried. Wenn er es vermeiden kann, weicht er den wenigen Frühaufstehern aus, welche schon unterwegs sind. Die Meisten sind Bahnarbeiter, welche auf dem Fahrrad, durch die spärlich beleuchteten Strassen, zur Frühschicht fahren.

An der Kirchenuhr kann er erkennen, dass es erst halbsechs Uhr ist. Es dauert also noch einige Zeit, bis er seinen Kaffee mit Schnaps bekommt. Er macht noch einen kleinen Umweg, der Aare entlang.

In den Büschen am Ufer herrscht jetzt im Frühling reger Betrieb. Die Vögel zwitschern um die Wette. Das Singen der Vögel ist sein erstes freundliches Erlebnis an diesem Morgen. Als er noch gearbeitet hatte, konnte er keine solche Morgenstimmung geniessen. Nach dem Aufstehen hetzte er ins Büro und beachtete die Natur kaum.

Sein Kopf brummt immer noch und er hat es aufgegeben, sich an den gestrigen Tag zu erinnern. Wenn sich der Kopf nicht daran erinnern will, so wird er seine Gründe haben. Von weitem hat er die Typen gesehen, die ungeduldig warten, bis der Kellner das Bahnhofrestaurant aufschliesst. Diese ungepflegten Herumtreiber mit ihren Dreitagebärten, sind sehr neugierig und das geht ihm auf die Nerven. Er wartet bis fünf Minuten nach sechs Uhr. Erst dann, wenn die Dreitagebärtigen ihre Plätze eingenommen haben, geht er rein, so kann er sich allein an einen freien Tisch setzen.

Es dauert einige Zeit, bis er bei Roberto seinen Kaffee bestellen kann. Im letzten Moment entschliesst er sich, statt dem Kaffee mit Schnaps, nur ein Cappuccino zu bestellen. Nach dem ersten Schluck bereut er seinen Entschluss, denn langsam erinnert er sich wieder an den gestrigen Tag und diese Erinnerungen haben überhaupt nichts Erfreuliches an sich.

Gestern, am 1. April 2021 wurde die Scheidung rechtskräftig, wie es so schön heisst. Unter Aufsicht seines ehemaligen Schwiegervaters, war er gestern bei seiner Exfrau und durfte die ihm zugesprochenen Sachen abholen. Auch die Einzimmerwohnung, in der er seit der Trennung wohnen durfte, musste er räumen, sie gehörte seinem Schwiegervater. Walter Zingg, der einzige Kollege, der noch zu ihm hält, half ihm die wenigen persönlichen Dinge abzuholen. Viel war es nicht und da Max noch keine Wohnung gefunden hat, gab es zusätzlich das Problem, dass er nicht wusste, wohin er seine armseligen Sachen deponieren soll.

Ein brummender Kopf ist noch das geringere Übel als diese Erinnerungen. Bis jetzt ging es ihm wenigstens finanziell noch gut, doch nun ist auch sein Bankkonto gesperrt, um sicherzustellen, dass er seine Alimente bezahlen kann.

«Was ist denn das für ein vornehmer Herr?», ruft einer vom Tisch der Dreitagebärtigen. Max verbirgt sich tief hinter der Zeitung, welche eben erst aufgelegt wurde und verhält sich so, als hätte er nichts gehört.

Die suchen doch nur einen Dummen, der eine Runde zahlen muss, oder der im Kartenspiel ausgenommen wird, denkt Max.

Ein bisschen Gesellschaft würde ihm guttun, doch Max kann sich noch nicht damit abfinden, dass das sein neues Zuhause ist.

Als Arbeitsloser hat man am frühen Morgen eigentlich viel zu tun. Man muss die Inserate studieren, auch wenn man genau weiss, dass wieder nichts Passendes zu finden ist. Das Stempeln im Arbeitsamt, wird seine erste Tätigkeit sein. Vorher muss er sich noch etwas zurechtmachen. Das letzte Mal, hatte der Beamte in seinem sauberen, mit Krawatte verzierten Hemd gedroht: «Herr Meier, wenn sie nochmals ungewaschen und unrasiert hier auftauchen, dann streichen wir unsere Unterstützung. Sie müssen vermittlungsfähig sein, damit Sie Arbeitslosengeld kassieren dürfen!»

Bevor sich Max in der Toilette zurechtmachen will, hat er noch genügend Zeit, die Zeitung zu lesen. Viel Erfreuliches steht nicht drin. Wenn er richtig zusammengezählt hat, so sind wieder 200 Stellen gestrichen worden. Also, zweihundert neue Berufskollegen. Die Aussichten werden immer schlechter. Was tun die Politiker dagegen? Reden, reden und nochmals reden. Statt über neue Stellen, reden alle vom Sparen, also müssen Stellen abgebaut werden.

Seit der Corona-Krise hat sich die Wirtschaft noch nicht erholt. Alle Staaten sind überschuldet und beginnen zu sparen. Wer hat damit gerechnet, dass als Folge des Corona-Virus die Steuereinnahmen so drastisch einbrechen. Nun muss man sparen.

Das Lesen der Zeitung hat ihn so geärgert, dass er sich einen Zweier Roten bestellt. Nur so ist die ganze Misere zu ertragen. Den ersten Schluck hätte er am liebsten wieder ausgespuckt, doch dann fühlt er sich stark. In Gedanken fällt er über seine Exfrau her. Sie ist an allem Schuld. Sie wollte ihn nicht verstehen. Zuerst arbeitete er sich für das neue Einfamilienhaus fast zu Tode und dann, als er einmal ein Problem hatte, liess sie ihn fallen, wie eine heisse Kartoffel. Zehn Jahre lang, domminierten seine Arbeit und die beiden Buben, den Lebensinhalt. Es ist verdammt hart, wenn man beides innert ein paar Monaten verliert. Max versinkt im endlosen Selbstmitleid.

«Noch einen», ruft Max dem Kellner zu.

Dann grübelt Max wieder über seine verpatzte Ehe nach. Was hat er nur falsch gemacht? Später bestellt er noch einen Zweier.

«Musst du nicht Stempeln gehen?», fragt ihn plötzlich einer vom Tisch der Dreitagebärtigen.

«Oh, verdammt, das habe ich glatt vergessen. Denen werde ich heute gehörig die Meinung sagen. - Zahlen!»

«Macht zwölf vierzig!»

Max legt fünfzehn Franken auf den Tisch.

Der Kellner sucht nach Kleingeld.

«Stimmt so.»

Er hat sich immer noch nicht daran gewöhnt, dass er es sich gar nicht mehr leisten kann, grosszügig zu sein. Schliesslich macht er sich ungewaschen und unrasiert auf den Weg zum Arbeitsamt.

Der Beamte will ihn zuerst gar nicht reinlassen, drückt dann aber beide Augen zu. Es hat heute eine längere Kolonne, vermutlich ist wieder eine Firma geschlossen worden, oder der Beamte kam zu spät. Jeder in der Schlange, schaut sich mitleidig nach Max um. Sie haben sofort bemerkt, dass er grosse Mühe hat, sich auf den Beinen zu halten. Jedem fällt auf, dass sein Outfit dem Beamten garantiert missfallen wir. Nur gut, dass man schon vorher drankommt. Der Beamte wird sicher sauer werden. Das wird ein Theater absetzen.

«Was guckt ihr alle so blöd? Ihr Deppen!», grölt Max, «darf man sich nicht voll laufen lassen, wenn man mit 31 schon geschieden wird? Wenn die eigenen Kinder einem nicht mehr sehen wollen? Wenn man keine Wohnung hat und die Nacht auf einer Friedhofsbank schläft und man an diesem Scheissschalter anstehen muss?»

Beschämt schauen die Kolonnensteher nach vorne. Wie wird der Beamte reagieren? Jeder erwartet, dass er loslegt, doch der Beamte bleibt ruhig.

Max randaliert weiter, schimpft über die unfähigen Politiker, über seine Exfrau und über seinen Exchef, der nach Brasilien verduftet ist. Plötzlich wird die Kolonne schnell kürzer. Der Beamte beeilt sich, die letzten noch Anstehenden so schnell wie möglich abzufertigen. Es sind eh nur noch die hoffnungslosen Fälle. Die sind im Moment nicht zu vermitteln. Max Meier wäre mit seiner Ausbildung noch jemand, den man unterbringen könnte, aber der Beamte sieht ein, dass heute nichts zu machen ist. In dieser Verfassung schickt man ihn besser nicht auf Stellensuche, das wäre kontraproduktiv.

Endlich ist Max an der Reihe, er streckt seine Karte in den Schalter und erwartet, dass der Beamte loslegt. Der drückt aber nur seinen Stempel auf die Karte und gibt sie ihm zurück.

«Und, wo soll ich heute Nacht schlafen?», fragt Max den Beamten, «ich musste meine Wohnung räumen. Ich habe nur diese Plastiktasche.»

«Das ist Ihr Problem, versuchen Sie es bei der Heilsarmee, oder beim Pfarrer», schlägt der Beamte vor und bemüht sich, das Türchen zu schliessen.

Bald darauf steht Max wieder vor dem Arbeitsamt auf der Strasse und weiss nicht wie es weiter gehen soll. Die zwanzig Franken, welche ihm pro Tag zum Verbrauchen bleiben, hat er für heute schon fast ausgegeben. Er wird das Budget überziehen müssen.

«Hast du Probleme? - Ich bin Otto», stellt sich der verlauste Typ vor, «komm doch mit zum Gleisspitz, dort treffen sich viele Obdachlose. Gemeinsam ist es einfacher zu ertragen.»

Max ist diese Einladung nicht unangenehm. Er hat immer noch Probleme mit anderen Leuten zu sprechen. Doch, dank seinem alkoholisierten Zustand überwindet er seine Hemmungen.

«Ich kann ja mal vorbeischauen», antwortet Max.

Auf dem Weg zum Gleisspitz gibt ihm Otto einige nützliche Typs: «Kauf deine Weinflasche im Supermarkt und nicht in der Kneipe, sonst bist du zu schnell pleite. Wenn du das Geld richtig einteilst reicht es weiter, als du denkst.»

Je länger Max mit Otto zusammen ist, umso unheimlicher wird er ihm. Seine Ratschläge haben zwar etwas für sich. Max hatte jedoch zu lange etabliert gelebt, um diese Tagediebe zu verstehen. In seinem jetzigen Zustand ist ihm das egal, es tut ihm gut, wieder mit jemandem zu reden, denn seit der Gerichtsverhandlung hat er nur mit dem Kellner und dem Beamten im Arbeitsamt gesprochen.

Am Gleisspitz ist Max schockiert. So hat er sich immer den Letten in Zürich vorgestellt. Dass es so etwas auch im biederen Olten gibt, überrascht ihn. In kleinen Gruppen hängen die unmöglichsten Typen rum. Max ist sich noch nicht bewusst, dass er gute Aussichten hat, auch so ein Landstreicher zu werden. Normalerweise wäre er sofort umgekehrt und hätte sich aus dem Staub gemacht. Nun trottet er Otto hinterher, der geht auf eine Gruppe zu, die sich im hinteren Teil des Parks, auf zwei Parkbänken ausgebreitet hat. Die Gruppe nimmt von den Neuankömmlingen kaum Notiz.

Otto kramt in seinen Taschen. Nach und nach kommen verschiedene Gegenstände zum Vorschein. Otto legt sie vor sich auf den Parkboden und ist beschäftigt, bis ihm plötzlich einfällt, dass er ja jemand mitgebracht hat.

«Soll ich dir auch einen Schuss beschaffen», fragt er Max, «in deinem Zustand würde ich zwar darauf verzichten, zusammen mit Alkohol gibt es ein Horrortrip. Aber wenn du nur sehr wenig nimmst, dann ginge es schon.»

«Nein danke», erwidert Max, «ich kenne mich in solchen Dingen nicht aus.»

Otto lässt sich nicht weiter stören und macht in seinen Vorbereitungen weiter. Max schaut sich in der Gruppe um, ob er wenigstens einen findet, dem er seine beschissene Lage erklären kann. Die meisten der Gruppe sind auf ihrem Trip und deshalb nicht ansprechbar. Ein etwa neunzehnjähriges Mädchen diskutiert mit einem Jungen über ihre Probleme mit den Freiern. Die Diskussion ist für Max kaum verständlich, fast für jedes Wort haben die einen Ausdruck, welcher er noch nie gehört hat. Der Streit dreht sich um den Unterschied, zwischen der Tätigkeit als Strichjunge und der einer Hure. Der Unterschied liegt vor allem in der Bezahlung, anscheinend verdient der Strichjunge bedeutend mehr, muss aber die verrückteren Dinge über sich ergehen lassen.

Otto ist inzwischen auf seinem Trip. Max kennt das bisher nur vom Fernsehen. Es wird ihm schlecht und er muss sich fast übergeben. Auf jeden Fall reicht es ihm für heute, das ist wirklich nicht sein Umgang. In Zukunft wird er einen grossen Bogen um den Gleisspitz machen.

Wieder auf der Strasse angelangt, merkt er, dass er wieder nüchtern wird. Nach diesem Schock kann er allerdings mit seiner Situation besser umgehen. Verglichen mit denen, geht es ihm richtig gut.

Jeder Schritt, den er der Aare entlang geht, erinnert ihn an seine Buben. Was machen sie jetzt? Sicher gefällt es ihnen bei den Grosseltern, schliesslich können sie dort machen was sie wollen. Ob sie ihn vermissen? Vermutlich nicht, denn in letzter Zeit, war er wirklich unausstehlich. Die belastenden Probleme der Arbeit konnte er zu schlecht verstecken und brachte seine schlechte Laune mit nach Hause.

Bei einer Parkbank, von der man auf die Aare blicken kann, setzt er sich und betrachtet das träge dahinfliessende Wasser. So langsam gehen ihm seine Erinnerungen wieder auf die Nerven, er öffnet eine Weinflasche, welche er im Supermarkt gekauft hat und trinkt in einem Zug, die halbe Flasche aus.

Nun macht er sich Gedanken wie es weiter gehen soll. Er will nicht den ganzen Tag mit seinen schweren Tragetaschen unterwegs sein. Es ist ein kühler Frühlingstag und es sind noch nicht viele Spaziergänger unterwegs. Er nimmt seine Wanderung wieder auf. Nun hat er das Stadtgebiet verlassen und erreicht ein kleines Auenwäldchen. Er erinnert sich an die Zeit, als er noch Mitglied im Fischerclub war. Dieser Club hatte hier eine kleine Hütte. Vielleicht haben die den Schlüssel immer noch am gleichen Ort versteckt, er will nachsehen. Tatsächlich findet er den Schlüssel schnell, er ist nicht mehr am gleichen Ort versteckt, doch das Versteck ist nicht origineller gewählt worden. Er nimmt sich vor, heute Abend hier zu übernachten, am Tag getraut er sich nicht in die Hütte einzudringen, das Risiko ist ihm zu gross. Er deponiert seine Taschen hinter dem kleinen Geräteschuppen unter einem Busch. Dort wird niemand nachsehen und die Sachen sind vom Regen geschützt. Er steckt sich einige Dingen in einen Plastiksack und verlässt sein neues Zuhause wie ein Dieb. Jetzt trägt er nur noch die Weinflasche, das Geld und sein Nachtessen auf sich. Das Handy lässt er zurück, es hat keinen Akku mehr und die SIM-Karte ist beinahe leer.

Erleichtert geht er den Weg zurück in die Stadt. Die Aussicht, dass er heute Nacht nicht im Freien übernachten muss, ist eine grosse Erleichterung für ihn. Am Bahnhof setzt er sich auf eine Bank und beobachtet das emsige Treiben. Nach einem kräftigen Schluck wird er ruhiger und döst auf der Bank ein. Nur jede Stunde wird er aufgeweckt, dann hält der Regionalzug auf diesem Geleise. Aber nach zehn Minuten ist der Spuk vorbei und er hat wieder seine Ruhe. Seine Kleidung ist noch einigermassen ordentlich. Auch sein Bart ist inzwischen so lang geworden, dass er als Bart erkennbar ist und nicht unsauber wirkt. So fällt Max auf dem Bahnhof nicht unangenehm auf, lediglich den Leuten, welche in seine unmittelbare Nähe gelangen, fällt seine Alkoholfahne auf und sie machen entsprechende Bemerkungen.

Langsam wird es dunkel und er riskiert es, in die Fischerhütte einzudringen. Am Anfang getraut er sich nicht Licht zu machen. Im Dunkeln findet er das Sofa, auf welchem er sich ausstreckt und sofort einschläft.

In den frühen Morgenstunden erwacht er. Jetzt getraut er sich das Licht einzuschalten, denn um diese Zeit ist sicher niemand in dieser Gegend unterwegs. Am Anschlagbrett findet er alle Anlässe, welche der Verein im laufenden Monat plant. Er kann genau ablesen, wann er in der Hütte Besuch erwarten muss. Das Vereinsleben der Fischer ist nicht sehr rege, so dass er nicht oft gestört wird. Für die nächste Zeit hat er damit einen Stützpunkt gefunden. Er ist stolz auf sich, dass er eine bessere Bleibe gefunden hat, als mancher langjährige Obdachlose.

Die nächste Zeit vergeht wie im Flug. So langsam hat er einen regelmässigen Tagesablauf. Er hat genug Geld, um jeden Tag zwei Flaschen Wein zu kaufen und ist dauernd betrunken. Er kapselt sich von allen anderen Menschen ab und lebt sein Einsiedlerleben.

Heute liegt Max wieder in der Sonne und versucht sich im Schachspielen. Der Schachcomputer ist eines der wenigen Dinge, die er aus der Ehe mitnehmen konnte, seine Exfrau hatte keine Verwendung für den Computer. In letzter Zeit schafft er es, den Computer wenigstens in der dritten Stufe zu schlagen, so ist er motiviert, sein Gehirn zu gebrauchen.

Er ist ins Spiel vertieft, trotzdem fällt ihm auf, dass er von einem Mädchen beobachtet wird. Lange beachtet er es nicht, mittlerweile ist er es gewohnt, dass ihn Leute anstarren. Das Mädchen beweist grosse Ausdauer. Es hat lange schwarze Haare. Das Mädchen dürfte etwa zehn Jahre alt sein.

Durch den ungebetenen Zuschauer wird er vom Spiel abgelenkt. Er schaut öfters zum Mädchen hinüber. Sie lässt sich aber nicht stören und beobachtet ihn weiter.

«Oh verdammt», flucht Max vor sich hin, «jetzt ist die Dame futsch!»

Einen Augenblick lang ärgert er sich über die Zuschauerin, welche ihn zu dem Fehler verleitet hat.

Ist nicht schlimm, jetzt muss ich kämpfen, wenn ich nicht verlieren will, denkt er für sich und die nächsten paar Züge spielt er stark und erobert wenigstens einen Turm zurück. Als er wieder aufschaut ist das Mädchen verschwunden.

Die nächsten Tage ist er wieder öfter auf der Wiese, doch das Mädchen taucht nicht mehr auf. Wegen dem Mädchen hat er doch tatsächlich seinen Alkoholkonsum eingeschränkt. Nach drei Tagen vergeblichen Hoffens, dass es nochmals auftaucht, greift er wieder zur Flasche und holt nach, was er die letzten drei Tage versäumt hat.

So ist er am nächsten Tag in einem so schlechten Zustand, dass er nicht einmal Schachspielen kann. Den ganzen Nachmittag döst er an seinem Lieblingsplatz dahin und erschrickt, als eine Mädchenstimme ihn fragt: «Spielst du heute nicht Schach?»

Verdutzt schaut er auf und da steht das schwarzhaarige Mädchen und spricht sogar mit ihm. In seiner Überraschung bringt er zuerst kein Wort heraus.

«Ich habe schlecht geschlafen und bin heute nicht gut drauf.»

«Darf ich es versuchen? Du kannst dafür mit meinem Handy, The Muscle Hustle spielen, weisst du wie es geht?», fragt das Mädchen scheu.

«Kannst du Schachspielen?»

«Nicht gut, ich habe meinem Vater zugeschaut, aber er meint, ich sei noch zu klein dazu, ich solle lieber lernen.»

Max stellt dem Mädchen die leichteste Stufe ein.

«Also, versuch es, weisst du wie die Figuren aufgestellt werden?»

Das Mädchen stellt die Figuren auf. Max muss nur den König und die Dame vertauschen, dann kann sie mit dem Spiel beginnen. Nach dem ersten Zug ist er schon versucht, ihr einen anderen Zug vorzuschlagen, lässt es aber bleiben, doch schon nach zehn Minuten hat sie die ersten Probleme.

«Da steht doch gar keine Figur, was will er den mit diesem Zug?»

Max stellt fest, dass sie wohl einen Zug falsch gezogen hatte.

«Da kann ich nicht mehr helfen, du hast einen falschen Zug gemacht, du musst von neuem beginnen», er stellt die Figuren wieder in die Ausgangsstellung.

«Puh!», ruft sie entrüstet, «du stinkst furchtbar nach Alkohol. Lassen das, ich stelle lieber selber auf!»

Max wäre am liebsten im Boden versunken, aber es hat ja Recht, wäre sie doch nur gestern gekommen. Er zieht sich zurück und spielt mit dem Handy. Es ist lange her, dass er das letzte Mal ein Spiel gespielt hat.

Plötzlich bricht das Mädchen in einen Jubelschrei aus: «Jetzt konnte ich ihm die Dame nehmen!», sie freut sich riesig. Die Überlegenheit in den Figuren kann sie allerdings nicht ausnutzen, da sie die Möglichkeiten zum schachmatt setzen, noch nicht genug kennt, Figuren erobern geht schon recht gut, aber es gelingt ihr einfach nicht, zum Ende zu kommen.

«Oh, es ist schon so spät», stellt sie plötzlich fest, «ich muss sofort nach Hause. Danke, dass ich es versuchen durfte.»

Noch bevor er es nach ihrem Namen fragen kann, nimmt das Mädchen ihr Handy und schon ist sie verschwunden. Max fühlt sich bedeutend besser. Die Begegnung mit dem Mädchen wirkt auf ihn wie ein Wunder. Genau genommen waren es nur ein paar Worte, die er mit dem Mädchen gewechselt hatte. Es waren aber die ersten Worte seit langer Zeit, die er mit einem Menschen gesprochen hatte, der ihm etwas bedeutet.

Die nächsten Tage sind für Max die Hölle auf Erden, er will sich nicht noch einmal sagen lassen: «Du stinkst!» Also kauft er keinen Wein mehr. Der Entzug trifft ihn mit voller Wucht und er kann sich vor Schmerzen kaum bewegen. Er weiss selbst nicht, wo er die Kraft hernimmt im Supermarkt am Alkoholgestell vorbei zu gehen, aber er schafft es. Am nächsten Tag fühlt er sich so schlecht, dass er sich den ganzen Vormittag im Wäldchen versteckt. Am Nachmittag hat er einen Termin, er darf sich für eine Stelle bewerben. Max gibt sich Mühe, den Job zu kriegen, doch die Aussichten sind bei vierzig Bewerbern nicht gross.

Es dauert über eine Woche bis Max sich wieder auf seinen Platz wagt. Noch immer kämpft er mit seinen Entzugserscheinungen. Es gibt Zeiten, da geht es ihm schon besser, dann wird er wieder von einem Schüttelfrost geschüttelt, dass er glaubt sterben zu müssen. Die Abstände zwischen den Anfällen werden zum Glück immer länger und vor allem denkt er in seinen guten Phasen, nicht mehr an seine Exfrau und seine Buben, sondern an das schwarzhaarige Mädchen.

«Wie sie wohl heissen mag? Julia, Roberta oder gar Natascha?»

Dann, - er denkt sich gerade einen kniffligen Zug aus und ist in seinen Gedanken versunken, hört er plötzlich die Stimme des Mädchens: «Guten Tag, wie läuft das Spiel?»

Er erschrickt, es hört sich an, als ob ein Engel zu ihm sprechen würde. Ängstlich schaut er auf. Endlich steht sie wieder da und schaut auf ihn herab.

«Schön dich wieder zu sehen. Hast du Lust zu spielen», fragt er, nachdem er sich wieder etwas gefasst hat.

«Eigentlich schon, aber ich sehe, dass du gerade in einer interessanten Partie steckst, ich schaue noch ein bisschen zu, vielleicht kann ich so etwas lernen.»

Sie setzt sich ihm gegenüber auf die Wiese. Er macht seinen nächsten Zug und wartet gespannt, wie der Computer darauf antwortet. Bis der nächste Zug angezeigt wird, hat er Zeit und beobachtet das Mädchen. Sie hat tatsächlich schöne braune Augen. Heute trägt sie ein buntes T-Shirt und blaue Jeans.

«Wie heisst du?», fragt er und ist erleichtert, dass er die Frage endlich gestellt hat.

«Rebekka, aber alle nennen mich Rebi und, - wie heisst du?»

«Ach, ich bin der Max.»

Der Computer zeigt seinen Zug an und der gibt Max zu denken, es steht schlecht um ihn, noch ein solcher Fehlzug von ihm und er kann aufgeben. In dieser Situation würde er um eine oder zwei Stufen herunterstellen, aber jetzt getraut er sich nicht. Doch dann sieht er plötzlich einen guten Ausweg aus der misslichen Lage. Er macht seinen Zug, jetzt muss er lange Warten bis die Antwort des Computers kommt, den diesmal hat der ein Problem.

«Das dauert aber lange», meint Rebi, «da hast du ihm eine harte Nuss zum Knacken aufgegeben.»

Stumm warten die beiden auf die Antwort vom Computer. Max hätte sich die Haare raufen können, aber es fällt ihm nichts ein, was er Fragen könnte, dabei hätte ihn so vieles interessiert, aber er hat Angst, dass sie ihn ebenfalls ausfragt und da kann er nicht gross auftrumpfen. Endlich zeigt der Computer seinen Zug an.

«Aa, er macht den erwarteten Zug», freut sich Max, «er hat es nicht bemerkt.»

Max zieht seinen Zug und das Warten geht wieder los.

«Bist du oft hier?», fragt Rebi.

«In letzter Zeit schon, ich liebe diesen Platz, er ist so ruhig.»

«Ja, es ist sehr ruhig hier», meint sie, dann sitzen sie wieder stumm da.

«Oh, - dieser Mistkerl», schimpft Max, als der nächste Zug angezeigt wird, «jetzt kann ich aufgeben.»

«Darf ich dich etwas fragen?», das Mädchen schaut Max schüchtern an.

«Fragen darf man immer», antwortet Max, «ich weiss nur nicht, ob ich antworten kann. Ich hoffe die Frage ist nicht zu schwer.»

«Weisst du», beginnt Rebi schüchtern mit der Frage, «weisst du, wie Gott aussieht und wo er wohnt?»

Max ist total überrascht, mit so einer Frage hat er überhaupt nicht gerechnet.

«Das ist wirklich eine sehr schwere Frage. Ich weiss nicht, ob ich die richtige Person bin, sie zu beantworten. Was meinen deine Eltern dazu?» versucht er etwas Zeit zu gewinnen.

«Das ist ja mein Problem», beginnt Rebi und nun sprudelt es nur so heraus, «wenn ich meine Eltern etwas frage, sagen sie immer, Gott weiss schon, warum das so ist, du musst nur Gott fragen, der wird dir den rechten Weg zeigen; passe nur auf, Gott sieht schon, wenn du nicht brav bist.

Alles was ich frage, wird im Zusammenhang mit Gott gebracht und deshalb ist es für mich sehr wichtig, zu wissen, wer Gott überhaupt ist. Auf meine Gebete habe ich bis jetzt keine Antwort erhalten.»

«Weisst du Rebi», antwortet Max vorsichtig, «diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, jeder stellt sich da etwas anderes vor. Ich könnte dir jetzt meine Meinung über Gott erklären, aber ob es für dich das Richtige ist, kann ich nicht versprechen, dazu müsste ich dich besser kennen.»

«Aber was hat das mit Gott zu tun?», fragt Rebi verwundert, «wenn Gott alles weiss und kann, so hat das sicher mit mir nichts zu tun.»

«Da irrst du dich. Jeder Mensch kann sich selber seine Gedanken über Gott machen, nur muss er auch damit umgehen können und wenn ich dir jetzt erzähle, wie ich zu Gott stehe, so hilft dir das nicht weiter! Wenn ich dir erklären würde, wie du dir Gott vorzustellen kannst, muss ich auch die Verantwortung dafür übernehmen, dass du damit leben kannst. Das vergessen leider viel Prediger.»

Rebi kann mit der Antwort von Max nicht viel anfangen und sitzt einige Zeit stumm da.

«Warum fragst du nicht deinen Pfarrer?», will Max wissen.

«Ach, für den ist alles so selbstverständlich. Da redet Moses mit Gott, wie mein Vater mit seinem Chef, dann macht er schnell sein Wunder, später ist er wieder zornig und am Schluss vergibt er wieder alles. Nur wie er aussieht, dieser Gott, das darf man ihn nicht fragen, das ist Gotteslästerung! Wie es zu diesen Wundern kam, das ist für den Pfarrer so selbstverständlich, dass man sich dumm vorkommt, wenn man danach fragt und ob die Strafen gerecht, oder ungerecht sind, darf man sich auch nicht fragen, das ist allein die Angelegenheit von Gott.»

In ihren Augen kann Max lesen, wie sehr sie diese Fragen interessiert und dass sie niemanden hat, der ihr darauf eine klare Antwort geben will, oder kann. Ist es seine Sache, sich in ihr Leben einzumischen? Kann sie mit seinen Vorstellungen, die er sich über Gott macht, leben? Ausserdem ist er über seine Ansicht zu Gott selber verunsichert, in letzter Zeit hat er sich zu diesem Thema überhaupt keine Gedanken mehr gemacht. Irgendwie muss er auf ein anderes Thema ablenken, also meint er: «Willst du nochmals eine Partie spielen?»

«Du weichst der Frage auch aus!», stellt sie fest, «eine klare Antwort ist für mich interessanter als Schach spielen, aber eben, niemand will mit mir über solche Sachen reden.»

«Aber Rebi, versteh mich doch, ich habe zur Zeit selber grosse Probleme und weiss nicht, wer in diesen Fragen recht hat, ausserdem habe ich mich schon lange nicht mehr mit solchen Fragen beschäftigt», versucht er sich herauszureden, «wenn du mich für den Anfang etwas Einfacheres, Erklärbares fragen könntest, will ich mich bemühen, eine richtige Antwort zu finden.»

«Was verstehst du unter einer einfachen Frage? Für mich ist jede Frage, die ich mir nicht beantworten kann, gleich schwer?»

«Für mich gibt es schon Unterschiede, ich kann dir zum Beispiel recht gut erklären, wie ein Computer funktioniert, denn davon verstehe ich etwas, das habe ich gelernt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob es dich interessiert und ausserdem, weiss ich nicht, ob ich es einfach erklären kann.»

«Das ist wieder typisch, die Erwachsenen interessieren sich nur für Dinge, mit denen man Geld verdienen, oder die Umwelt kaputt machen kann.»

«Es kann sein, dass du da Recht hast, aber wir haben es halt so gelernt. Während der ganzen Schulzeit wurde immer auf unser Berufsziel hingearbeitet und ich gebe zu, dass ich jahrelang nur für den Beruf gelebt habe. Meine Interessen galten immer technischen Sachen, die Natur wurde in meiner Erziehung vernachlässigt.»

«Da ist es kein Wunder, dass so viele Tiere vom Aussterben bedroht sind. Vielleicht können sie mir diese Frage beantworten, wieso darf der Mensch über das Schicksal von Tieren bestimmen?

«Das ist immer noch eine schwere Frage, aber sie liegt mir doch schon bedeutend näher, als das Problem mit Gott, da weiss ich wenigstens, um was es geht. Ob ich kompetent genug bin, ist nicht sicher.»

«Na, wie ist das jetzt mit den Tieren?»

«Wenn ich mich an meine Jugend erinnere, so war das so! - Am Abend ist man mit dem Vater durch den Garten spaziert, mit Sperberaugen wurde jeder Schädling aufgespürt und gnadenlos vernichtet. Es wurde ganz klar unterschieden, in nützliche und schädliche Tiere. Es war ganz selbstverständlich, dass eine Schnecke sofort getötet wurde. Wehe, wenn eine Laus oder eine Raupe sichtbar wurde. Mein Vater holte noch am selben Tag die Giftspritze und versprühte in grosser Panik das Gift, meistens mit der dreifachen Konzentration, als die, welche eigentlich nötig gewesen wäre.»

«Es ist also wieder das alte Lied, die Erziehung ist an allem schuld, man ist nicht schlecht, man wurde nur falsch erzogen», mit traurigem Blick schaut das Mädchen Max an, «immerhin hast du dich bemüht, eine Antwort zu geben. Ich muss jetzt sowieso nach Hause.»

«Es ist auch nur eine Erklärung aus meiner bescheidenen Sicht, wie ich es erlebt habe, ich hoffe, dass unsere Generation die Jugend etwas besser aufs Leben vorbereitet. Leider kann ich diese Probleme auch nicht lösen, ausserdem habe ich nicht die Macht dazu. Ich kann ja versuchen, mich bis zum nächsten Treffen umfassender zu informieren. Auf solche Fragen bin ich im Moment nicht vorbereitet. Auf jeden Fall war es interessant, mit dir zu reden, ich hoffe, wir sehen uns wieder?»

«Wenn es geht schaue ich wieder vorbei, in einer Woche haben wir Schulferien und da fahre ich zu meiner Grossmutter. Vielleicht kann ich die nächste Woche noch einmal vorbeischauen. Viel Spass beim Schachspielen. Tschüs Max.»

«Tschüs Rebi, - schöne Ferien, wenn wir uns nicht mehr treffen.»

Max schaut dem Mädchen lange nach, bis es hinter einer Biegung verschwunden ist. Er wäre ihm gerne gefolgt. Es hätte ihn interessiert, wo Rebi wohnt. Doch es ist besser, wenn sich die Begegnungen rein zufällig ergeben. Die Diskussion mit Rebi hat ihm sehr gutgetan, sie ist zwar nur ein kleines Mädchen, aber sie ist die erste Person seit mehreren Monaten, mit der er ein ernstes Gespräch geführt hat. Nach Monaten des Alleinseins, ist das wie ein Durchbruch zu einem Neuanfang.

In der Nacht hat er sehr schlecht geschlafen, die Fragen von Rebekka lassen ihm keine Ruhe. Wie wurde dieses Mädchen erzogen? Anscheinend wird alles auf Gott fixiert. Gott sieht alles, Gott bestraft alles, Gott vergibt alles. Eigentlich ist diese Erziehungsmethode veraltet, aber es gibt anscheinend immer noch Eltern, welche den Weg des geringsten Widerstands gehen, es ist viel einfacher zu sagen: Gott hat es so gewollt, als eine vernünftige Erklärung abzugeben.

Am nächsten Tag muss Max wieder zum Arbeitsamt. Die Zahl der Arbeitslosen steigt weiter und niemand unternimmt etwas dagegen. Es ist das letzte Mal vor den Ferien, in den Sommerferien muss man nicht stempeln gehen. Was sicher die Beamten genauso freut, wie die Arbeitslosen. Obwohl die Beamten sehr effizient arbeiten, dauert es lange, bis Max endlich an die Reihe kommt. Danach verlässt er sofort das Arbeitsamt und macht sich auf den Weg zur Bibliothek. Er weiss noch nicht recht, wie er an das Problem mit Gott herangehen soll. Also sucht er zuerst Bücher aus, welche sich einfach mit der Natur und dem Leben von Tieren befassen. Es ist sehr heiss und er zieht sich in den Schatten eines Baumes zurück. Nach langer Zeit beginnt er wieder zu lesen.

Dazwischen beobachtet er immer wieder den Weg, aber Rebi kommt heute nicht. Dafür vertieft er sich immer mehr in sein Buch, der Autor versucht die Zusammenhänge der Natur zu erklären, was ihm teilweise gut, in gewissen Punkten jedoch nur mittelmässig und schwerverständlich gelingt. Trotzdem kommt er schnell vorwärts. Das erste Mal stellt er fest, dass arbeitslos sein, auch seine guten Seiten hat. Dass Rebekka heute nicht kommt, macht ihm gar nicht viel aus, da er sich noch nicht genügend vorbereitet fühlt, um die Diskussion fortzusetzen. Er hofft, dass er bei der nächsten Begegnung ihre Fragen besser beantworten kann.

Im späteren Nachmittag hat er einen grossen Teil des Buches gelesen. Danach legt er sich an seinen Platz und denkt einfach nach. Er muss das Gelesene erst verarbeiten.

Welche Aussichten hat unsere Erde? unsere Erde! Liegt da bereits das Problem? Ist es wirklich unsere Erde? Seit Generationen hat der Mensch das Gefühl, er kann mit der Erde machen was er will.

Als er jung war, wurde nur nach technischem Fortschritt gestrebt. Man erfand Maschinen, man produzierte, man machte Geschäfte, man kaufte und niemand wusste, warum wir diese oder jene Maschine oder diese Geräte brauchten. Wer etwas erfand, das eigentlich niemand brauchen konnte, der organisiert einfach eine intensive Werbekampagne und schon lief das Geschäft. Jeder kaufte das Gerät, auch wenn er es nur ein, zwei Male brauchte. Noch schlimmer war, dass man so billig wie nur irgendwie möglich produzieren musste. Kosten für den Umweltschutz, waren Ausgaben, welche das Produkt nur teuer machten, aber nichts einbrachten. Die Ursache der Umweltprobleme war ihm eigentlich schnell klar, man lebte jahrelang über den Verhältnissen, man verlor das Gefühl für brauchbare und unbrauchbare Dinge und über allfällige Spätfolgen machte man sich gar keine Gedanken. Die Erde war unermesslich gross und der Mensch so unermesslich klein, dass es unmöglich schien, dass der Mensch die Erde in irgendeiner Form beeinflussen konnte. Gott, respektive die Natur ist viel zu mächtig, dass er sich von uns schwachen Menschen ins Handwerk pfuschen lässt.

Das ist alles gut und recht, aber was kann ein Max Meier an der ganzen Sache ändern? Gut, er ist arbeitslos, das heisst, dass er sich an der weiteren Zerstörung der Erde nicht mehr so stark beteiligt, denn auch seine Flaschen müssen hergestellt und entsorgt werden. Aber genügt das? Reicht es aus, wenn eine Person ein bisschen weniger Schmutz produziert? Je mehr er darüber nachdenkt, umso klarer wird ihm, dass er das Problem selber nicht lösen kann. Da könnten vielleicht Politiker etwas ausrichten, aber auch die geraten sehr schnell unter enorme Sachzwänge.

Da ist der Herr Direktor der Firma X, welche gerade der Partei eine grosse Spende hat zukommen lassen, da muss man auf die öffentliche Meinung Rücksicht nehmen, das heisst, man muss sich mit den Journalisten gut stellen, denn die machen die öffentliche Meinung. Für Max gibt es da noch die egoistische Seite, er möchte gerne wieder eine Arbeit haben und die gibt es erst wieder, wenn die Wirtschaft floriert. Und wie soll man das alles einem kleinen Mädchen erklären? Gut so klein ist sie auch nicht mehr, aber die Probleme sind so komplex, dass man sie jemandem, ohne breite Allgemeinbildung nicht so leicht erklären kann. Dann schläft er plötzlich ein. Er träumt wie man die Erde retten könnte, es war alles so einfach und klar, doch als er aufwacht, weiss er leider nicht mehr, was er geträumt hat.

Urlaub in Ägypten

Max steigt aus dem Bus, der ihn vom Flughafen zum Bahnhof gebracht hat. Nun steht er auf diesem belebten Platz und beobachtet skeptisch die vielen Menschen, welche alle in ihrer typisch gemütlichen Art, den Platz bevölkern. Auf der Strasse kämpfen sich Hunderte von Autos durch den Verkehr, jedes sieht aus wie das andere, nur die Nummer auf der Türe ist unterschiedlich. Es sind die berühmten Taxis von Kairo. Max kann es noch gar nicht glauben, aber er steht in Kairo.

Bis zum Aussteigen aus dem Bus ist seine Reise vom Reisebüro organisiert, doch ab diesem Zeitpunkt, muss er sich selbst organisieren. Als Erstes beschafft er sich einen Stadtplan von Kairo, dann hängt er seinen Rucksack um und macht sich auf die Suche nach einem Hotel.

Unschlüssig steht er vor dem Bahnhof, als auch schon ein junger, hochgewachsener Araber, Max in gebrochenem Englisch fragt: «Kann ich dir helfen?»

«Entschuldigung, mit mir kannst du kein Geschäft machen! Ich habe keinen Job und reise günstig», antwortet Max auf englisch.

Max kann seinen nächsten Schritt nicht in aller Ruhe planen. Der arabische Junge weiss genau was er braucht. In seinem gestenreichen Englisch, wird eifrig diskutiert und verhandelt. Nach einiger Zeit schlürft Max hinter Mustafa her. Wenigstens hat der begriffen, dass er nicht wie andere Touristen, im Taxi reisen will, sondern lieber zu Fuss geht. Dieser Umstand schreckt Mustafa in keiner Weise ab, sondern bestärkt ihn nur noch in seiner Überzeugung, dass er genau der richtige Fremdenführer für Max ist.

Voller Zweifel folgt Max seinem neuen Freund. Hat er die richtige Wahl getroffen? Immerhin hat er den erstbesten Jungen, der ihn angesprochen hat, zu seinem privaten Fremdenführer gemacht und nun folgt er ihm durch dieses Menschengewühl, ohne zu wissen, wohin es geht. Lockt er ihn in einen Hinterhalt, um ihn auszurauben? Max ist wachsam. Nebst einer Kreditkarte trägt er einige kleine Dollarscheine auf sich. Zudem musste er bereits am Flughafen, eine grössere Menge ägyptische Pfund wechseln, da er kein Reisearrangement gebucht hat. Schon diese paar Pfund wären vermutlich für diesen Jungen ein Vermögen.

Nach mindestens einer halben Stunde Fussmarsch durch Kairo, hält Mustafa bei einem kleinen Hotel, in dem sonst nur Einheimische absteigen. Mustafa erledigt alle Formalitäten und verabschiedet sich. Max ist froh, dass er seinen Schatten los ist, denn er ist todmüde und will sich ausruhen.

Das Zimmer ist sehr klein und ausser einem Bett und einem Stuhl, bietet es keinen weiteren Luxus. Die Toilette und das Bad befinden sich auf dem Flur. Das Bett ist recht bequem und sauber bezogen. Also legt er sich hin und kann endlich in Ruhe nachdenken.

Bevor Rebekka zu ihren Grosseltern in die Osterferien fuhr, hatte er sie noch einmal getroffen. Sie spielte zusammen eine Partie Schach. Es gab keine allzu grosse Diskussion über Gott. Max fühlte sich noch nicht ausreichend vorbereitet. Er versuchte etwas mehr über das Mädchen zu erfahren. Rebekkas Mutter arbeitet aushilfsweise, in einem Altersheim, allerdings in unregelmässigen Abständen. Ihre Eltern sind sehr religiös und besuchen jeden Sonntag die Versammlung in einer kleinen Kapelle. Die genaue Bezeichnung der Vereinigung kann, oder will sie ihm nicht sagen. Für ihn spielt das keine Rolle, denn er kennt die Grundsätze dieser Gemeinschaft sowieso nicht.

Nach der Abreise von Rebekka, vertrieb sich Max die Zeit mit Lesen. Er war wieder allein und es kam zu ein paar Rückfällen, er vermisste Rebekka und darüber tröstete er sich einige Male, mit einer Flasche Wein aus dem Supermarkt. Es wurde jedoch nie mehr so schlimm, wie vor dem ersten Treffen mit Rebekka. In seiner Hütte konnte er kaum noch schlafen, da im Frühling bis tief in die Nacht Leute unterwegs sind. So war seine Bleibe immer mehr gefährdet. Er beschloss, in die Ferien zu fahren. Das Arbeitsamt bewilligt die Ferien, denn momentan sind die Aussichten auf eine Stelle gering.

Nach langem hin und her, wagte er es, bei einem Reisebüro anzufragen. Eigentlich wäre er gerne nach Israel, dem Land der Bibel, gefahren. Die Angebote waren aber sehr teuer.

Dann stellte er fest, dass ein Last-Minute Ticket nach Kairo keine hundert Franken kostet. Die müssen Touristen aus dem Osterurlaub zurückfliegen und so ist der Flug extrem günstig.

Ägypten hatte letztes Jahr ebenfalls schwer unter dem Corona-Virus zu leiden. Die Krankheit forderte vor allem unter den Strassenhändler und in der Tourismus-Industrie viele Opfer. Besonders Männer erkrankten, die Frauen waren durch den Schleier besser geschützt, was sich später in der Statistik bemerkbar machte.

Nun versuchen die Ägypter, die Tourismus-Industrie langsam wieder in Schwung zu bringen. Wenn er die günstigeren Lebensbedingungen in Kairo einrechnet, müsste ihn der Kairoausflug am Ende günstiger zu stehen kommen, als wenn er in Olten bleibt.

Schliesslich ging alles sehr schnell. Bei Walter Zingg holte er seinen Fotoapparat, stopfte den Schlafsack und den Schachcomputer in den Rucksack und verabschiedet sich von Walter.

Auf der Bank lud er sich einige Dollars, auf eine Kreditkarte, welche nur Kreditkarte heisst, aber nicht überzogen werden kann und schon trampte er per Autostopp nach Kloten. Sein Kairoabenteuer konnte beginnen. In der Flughafentoilette zog er seine besten Kleider an und los ging die Reise. Während er nachdenkt, wie es Rebekka bei ihrer Grossmutter geht, schläft er ein.

Als er wieder aufwacht, stellt er fest, dass er hungrig ist. Er sucht die Toilette auf, um sich etwas frisch zu machen. Sobald er die Toilette betreten hat, bereut er, dass er nicht in einem besseren Hotel abgestiegen ist. Die Einrichtungen sind sehr primitiv und der Geruch ist überwältigend. Natürlich hat es nur kaltes Wasser, das in einem schwachen Rinnsal aus dem Hahn läuft. Auf den Toiletten kann man nur im Stehen.

Kurze Zeit später verlässt er das Hotel und macht sich auf die Suche nach etwas Essbarem. Von einem Strassenhändler kauft er einen Spiess. Danach setzt er sich in eine kleine Strassenkneipe, in welcher Einheimische heftig diskutierten und bestellt einen Pfefferminztee. Dann denkt er über sein Ägyptenabenteuer nach.

«Warum ist er nach Ägypten geflogen?»

Eigentlich weiss er es selber nicht. Er fühlt nur, dass in den Pyramiden, vielleicht die Antwort auf die Frage: «Wer ist Gott?», versteckt sein könnte. Er ist aber nicht so optimistisch, die Antwort zu finden, nachdem vor ihm Tausende von studierten Leuten, keine Antwort darauf gefunden haben. Weiter überlegt er sich, welche Sehenswürdigkeiten er in Ägypten besuchen will. Da steht sicher der Besuch der Pyramiden an erster Stelle, dann das ägyptische Museum, Luxor mit dem Tal der Könige und dem Karnak-Tempel, Abu Simbel und den Assuan Staudamm. Er hat genügend Zeit, sich alles anzusehen, drei Wochen sind eine lange Zeit.

Nach einer Weile gibt ihm das Herumsitzen auf die Nerven, die Versuchung ist zu gross, immer den Männern zuzusehen, wie sie miteinander gestikulieren. Er hat das Gefühl, es sei ihnen unangenehm, wenn er sie dauernd beobachtet. Also kramt er aus seinem Rucksack, den er vorsichtshalber, wenn auch ohne Schlafsack und Kleider, mitgenommen hat, seinen Schachcomputer hervor und beginnt zu spielen. Er wählt eine relativ schwere Stufe, mit der er ziemlich zu kämpfen hat.

Nun ist er so ins Spiel vertieft, dass er seine Umwelt praktisch vergisst. Plötzlich fällt ihm auf, dass der Geräuschpegel in der Kneipe nicht mehr regelmässig ist, sondern zwischen Ruhe und lautem kommentieren wechselt und genau in dem Rhythmus, in welchem er seine Züge zieht. Vor einem Zug herrscht gespannte Ruhe und nach jedem Zug wird lautstark kommentiert. Verlegen schaut sich Max um, jeder hat seinen Stuhl so gestellt, dass er einen Blick aufs Schachbrett werfen kann. Max wird ganz verlegen, aber das anerkennende Nicken der Männer macht ihm Mut, sie halten ihn für einen guten Spieler. Max bereut, dass er nicht eine schwächere Stufe eingestellt hat, denn, wenn man beim Schachspiel beobachtet wird, macht man schnell einen Fehler und auf dieser Stufe darf er sich keinen Fehler erlauben, sonst ist die Partie verloren.

Erfreut stellt Max fest, dass die Leute ihm die Daumen drücken. Wenn er einen Bauer verliert, geht ein enttäuschtes Raunen durch die Kneipe. Als er die Dame erobern kann, kommt es zu einem Sturm der Begeisterung, als wenn in einem Fussballstadion ein Tor fällt. Die Spannung erlebt den Höhepunkt, als seine Dame immer mehr eingekesselt wird und eigentlich keine Aussicht mehr besteht, sie zu retten, doch ein Zug, nachdem er die Dame verloren hat, stösst Max mit seinem Turm auf die Grundlinie vor und die Partie ist beendet. Schachmatt! Das Erstaunen im Lokal ist gross, denn die wenigsten haben diesen Zug gesehen, durch den Abzug des Pferdes, welches ihm die Dame raubte, war die Grundlinie nicht mehr gedeckt.

Nach diesem Sieg wird Max wie ein König gefeiert. Seinen Tee muss er nicht bezahlen und das nächste Glas steht auch schon auf seinem Tisch. Als Max die Figuren neu aufstellen will, kommt der Wirt und zeigt auf seine Uhr, es ist unmissverständlich, das Lokal muss schliessen.

Als Max am nächsten Morgen nach einem überraschend guten Frühstück auf die Strasse tritt, wartet Mustafa bereits auf ihn. Er diskutiert eifrig mit einem Jungen, welcher gestern beim Schachspielen zugeschaut hatte. Sobald sie ihn erblicken, hört die Diskussion auf. Mustafa begrüsst Max freundlich. Auch Aladin, wie der andere Junge heisst, begrüsst ihn wie einen alten Freund. Max muss einsehen, dass er mit zwei Fremdenführern zu den Pyramiden reisen muss. In einer gestenreichen Rede versucht er ihnen klar zu machen, dass er sie nicht bezahlen kann, was sie aber nicht von ihrem Vorhaben abbringen kann.

«Du guter Freund», erklären sie ihm, «was willst du heute sehen?»

Es ist natürlich klar, dass Max am ersten Tag gleich zu den Pyramiden will.

«Wir nehmen die Strassenbahn», schlägt Mustafa vor.

Dies ist allerdings leichter gesagt als getan. Die Strassenbahn ist, hoffnungslos überfüllt. Max ist das erste Mal froh, dass er zwei Führer bei sich hat. Sie schimpfen so mit den Leuten an der Tür, dass sich mindestens fünf Leute aus dem Tram verabschieden und auf das Nächste warten. Eingeklemmt zwischen seinen Führern, die Kamera fest umklammert, zwängt sich Max auf das Trittbrett. Er kommt nicht weit ins Innere des Wagens, doch es reicht, dass er einigermassen sicher nach Gizeh gelangt. Der Geruch ist nicht sehr angenehm und in Gizeh ist er froh, dass ihm nichts gestohlen wurde.

Sogar, dass er zwei Fremdenführer hat, erweist sich als Vorteil, denn Max ist sofort umringt von laut gestikulierenden Jungs, welche sich ebenfalls als Führer anerbieten, es wäre unmöglich gewesen, ohne einen solchen zu den Pyramiden zu kommen. Aber das energische Einschreiten seiner beiden Freunde, gibt ihm die nötige Bewegungsfreiheit. So heftig um den Job gestritten wird, wenn einmal klargestellt ist, wer zu wem schaut, hat man seine Ruhe.

Nach einem kurzen Fussmarsch sieht Max endlich die Spitzen der drei Pyramiden auftauchen und kurze Zeit später, kann er sie in der vollen Grösse betrachten. Er ist überwältigt, wie es wohl jedem Besucher geht, wenn er das erste Mal vor diesen Riesen steht.

Seine beiden Führer zeigen sich von der besten Seite, sie sind echte Profis und es wird ihnen sogar gestattet, sich frei in der Pyramide zu bewegen, ohne dass sie sich einer Gruppe anschliessen müssen, ein grosser Unterschied ist es allerdings nicht, da doch dauernd Gruppen unterwegs sind.

Der ganze Tag ist geprägt von zahlreichen neuen Eindrücken. Am Abend geht es total erschöpft zurück ins Hotel. Aladin macht ihn darauf aufmerksam, dass man ihn heute Abend in der Strassenkneipe erwartet. Er soll schon zum Nachtessen kommen, denn der Wirt will ihm eine Mahlzeit offerieren.

Nachdem Max fünf Tage lang in Kairo von Sehenswürdigkeit zu Sehenswürdigkeit geführt wird, nimmt er sich vor, den heutigen Tag in aller Ruhe zu geniessen. Er fährt am Morgen nochmals zu den Pyramiden, mischt sich diesmal nicht in den Touristenstrom, sondern setzt sich etwa zweihundert Meter von den Pyramiden entfernt, auf einen Stein und denkt darüber nach, was er in dieser Woche alles gesehen hat. Auch heute kommen Mustafa und Aladin mit. Damit er seine Ruhe hat, hat er das Schachspiel dabei und die Zwei spielen gegeneinander. So kann Max in aller Ruhe die Pyramiden betrachten und seine Überlegungen anstellen.

Warum stehen diese Riesen in der Wüste? Wer hat sie gebaut? Was war die Motivation für diese Schinderei? Er versucht sich die tausend Sklaven vorzustellen, wie sie die schweren Steine langsam in die Höhe schleiften. Die Pyramiden seien in zwanzig Jahren gebaut worden, das macht rund 7‘000 Tage. Bei 2.3 Millionen Steinblöcken, mussten an einem Tag mehr als dreihundert Steine gesetzt werden. Das macht in der Stunde immer noch dreissig Stück, was wiederum heisst, dass alle zwei Minuten ein Stein an seinen Ort gebracht wurde. Wenn man berücksichtigt, dass in grosser Höhe langsamer gearbeitet wurde, so musste sicher in der Anfangsphase jede Minute ein Stein gesetzt werden. Eine unglaubliche Leistung, auch vom Organisatorischen her. Wenn man dann noch die wunderbaren Kunstwerke berücksichtigt, welche auch in diesen zwanzig Jahren geschaffen wurden, dann kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Warum wurden diese Bauwerke gebaut? Dachten die Pharaonen schon an die Millionen Touristen, welche ihren Nachkommen zu Arbeit und Brot verhelfen? Wohl kaum? Warum war der Glaube an ein Weiterleben nach dem Tod so stark? Waren es die Überlegungen von einigen wenigen Menschen? Den Priestern und Pharaonen! Oder war es ein Mittel, das Volk zu beherrschen? Waren ausserirdische Besuche daran beteiligt, wie EvD vermutet.

Max hatte eigentlich nie den Eindruck, dass beim Pyramidenbau mit überlegener Technik gearbeitet wurde. Allerdings gibt es nicht viele Darstellungen von Steine schleppenden Sklaven. Dabei müsste doch diese Baustelle so eindrücklich gewesen sein, dass die Künstler dieses Motiv nicht hätten übersehen können. Und doch könnten die ausserirdischen Götter die Motivation für dieses gewaltige Bauvorhaben gewesen sein. Hatten diese Angst vor einem Atomkrieg und wollten sie einige Leute nach der Katastrophe wieder ins Leben zurückholen und mussten diese deshalb an einem sicheren Ort aufbewahrt werden?

Max beginnt sich einige Möglichkeiten auszudenken. Zuerst die klassische mit den diktatorischen Pharaonen. Er versucht sich vorzustellen, wie diese auf die Idee gekommen waren, solche Bauwerke zu erstellen? War es ein Baumeister, der einfach eine Offerte einreichte und dem Pharao einreden wollte, dass er sich mit diesem Bau unsterblich macht?

Max hat doch erhebliche Mühe mit diesem Gedanken. Immerhin waren die Pyramiden nicht kontinuierlich immer grösser geworden, sondern bereits die ersten Pharaonen bauten die grössten Pyramiden. Gut, in Sakkara hat es am Anfang noch nicht richtig geklappt und es kam zu einem Unfall, doch schon die nächsten wurden zu den riesigen Pyramiden. Es waren also die ältesten Kulturen, welche die gewaltigsten Bauten errichteten, ganz im Gegensatz zu der üblichen menschlichen Art, welcher immer grösser zu bauen pflegt.

Später wurden die Bauten wieder einfacher. Zu denken gibt ihm auch, dass der Hauptaufwand in Bauten für die Toten konzentriert wurde und weniger in Palästen für die lebenden Priester und Könige. Die lebten auch in Palästen, aber im Vergleich zum Aufwand für die Toten, blieben die Paläste relativ bescheiden.

Wenn die Pharaonen die treibende Kraft waren, dann muss man sich am Ersten eine Diktatur vorstellen, ähnlich jener des dritten Reichs. Dies ist für Max sehr erstaunlich, dass bereits eine der ersten grossen Kultur, die grösste Diktatur der Geschichte wahren. Daraus müsste man eigentlich ableiten, dass die Diktatur die ursprünglichste Regierungsform ist. Dieser Gedanke entspricht gar nicht dem Geschmack von Max und er sucht nach einer anderen Lösung.

Wieder versetzt er sich in Gedanken zurück in diese Zeit. Diesmal stellt er sich vor, dass Ausserirdische auf der Erde wirken. In ihrem Raumschiff umkreisten sie die Erde. Nur an einigen Stellen der Erde konnten sie landen. Die meiste Zeit verbrachten sie in ihrem Raumschiff, in dem sie angenehme Lebensbedingungen vorfanden. Sie interessierten sich für die Erdbewohner und möchten sie in ihrer Entwicklung voranbringen. In ihrem Raumschiff hatten sie jedoch nicht viele Rohstoffe mitnehmen können, also waren sie darauf angewiesen, dass mit irdischen Baustoffen gebaut wurde. Für den Abbau der Rohstoffe, wurden die Erdbewohner angelernt. Dank ihrer überlegenen Technik konnten sie diese mühelos beherrschen. Sicher wurden auch Versuche gemacht, die Erdbewohner mit den Ausserirdischen zu kreuzen, die späteren Göttersöhne! Warum sie am Nil eine Kultur aufbauten, wissen vermutlich nur die Götter selbst. War es das Klima mit ausreichend Wasser, oder war es die Tatsache, dass das Wetter hier sehr beständig ist und man jederzeit landen konnte? Auf jeden Fall war es ein Punkt, welcher vom Weltraum aus sehr gut gefunden werden konnte und sicher beim Landeanflug weniger Probleme aufgab, als die Orte im südamerikanischen Dschungel.

Max stellt sich vor, wie in der Wüste die Raumschiffe gelandet sind. Waren es die Pharaonen selber oder waren die Pharaonen die Nachkommen der Besucher? Auf jeden Fall würde dadurch ihre enorme Macht verständlich.

Vielleicht waren sie auf der Erde zurückgeblieben und erwarteten, dass sie wieder von einem Raumschiff abgeholt wurden. Ob dieser Aufenthalt freiwillig oder unfreiwillig erfolgte, hätte Max sehr interessiert, aber solche Fragen konnten beim besten Willen nicht beantwortet werden, es bleibt nur die Spekulation. Konnten für den Bau, einige spezielle Baumaschinen eingesetzt werden? oder war es einfach der Überlebenswille der Zurückgebliebenen. Die ihr Leben unbedingt weiter verlängern wollten, dass sie von den wiederkehrenden Astronautenkollegen gefunden und sie später auf ihren Heimatplaneten wieder ins Leben zurückkehren konnten. Ob sie dort effektiv zum Leben erweckt werden sollten, oder ob es nur darum ging, dass sie dort begraben sein wollten, spielt an und für sich keine Rolle. Der Aufwand, mit welchem das Leben nach dem Tod vorbereitet wurde, deutet eher auf eine Wiedererweckung hin.

Wie sahen sie wohl aus? Woher kamen sie? Warum konnten sie nicht mehr zurück? Was machten sie hier? Lauter interessante Fragen, doch die Antworten sind sehr schwer auffindbar. Er hat sich jedoch vorgenommen, Rebekka eine glaubwürdige Erklärung für Gott zu geben. Er will sie nicht mit Standardfloskeln abspeisen, und da muss er zumindest selber sicher sein.

In Gedanken sah er die Pharaonen vor sich, wie sie die Leute anwiesen, was zu tun war. Bei der geringsten Auflehnung wurde nicht lange gefackelt, denn ohne ihre Waffen waren die Einwanderer gegen die Menge machtlos, also mussten sie jede Auflehnung im Keim ersticken. Max schauderte bei dem Gedanken, aber er konnte es sich nicht anders vorstellen, sicher versuchten sie die Ordnung vor allem dank Belohnungen aufrecht zu erhalten, daher ist sicher so häufig die Rede von einem gütigen Gott.

«Hallo, wo bist du?», fragt Aladin.

Sie haben ihre Partie beendet und nun fällt ihnen plötzlich auf, wie weit weg Max in Gedanken ist. Brutal wird Max in die Wirklichkeit zurückgeholt. Er weiss nicht mehr, wie lange er dagesessen und geträumt hat, aber es gefällt ihm, seiner Phantasie freien Lauf zu lassen.

Sie mischen sich wieder unter die Leute und machen sich auf den Weg zur Strassenbahnstation.

Am späteren Nachmittag des nächsten Tages, kämpft sich Max in den Zug nach Luxor. Wie immer ist die dritte Klasse total überfüllt. Max hat von Mustafa einheimische Kleidung erhalten und mit seiner stark gebräunten Haut hätte man ihn glatt für einen Araber halten können.

Das Einsteigen ist für ungeübte nicht einfach, doch dank der Hilfe von Mustafa und Aladin, die ihn zum Bahnhof begleitet haben, gelingt es, durch das Fenster einzusteigen. Mustafa begleitet ihn auch nach Luxor. Einen Sitzplatz ist nicht zu finden. Das Stehen fällt einem allerdings leicht, es herrscht ein solches Gedränge, dass man nicht umfallen könnte.

Die Fahrt wird eine harte Angelegenheit, es dauert vier Stunden, bis sich Max wenigstens auf seinen Rucksack setzen kann. Dann dauert es nochmals einige Stunden, bis er sich endlich hinsetzen kann. Erschwerend kommt der unerträgliche Gestank hinzu, an den sich Europäer wohl nie gewöhnen können. Von der Toilette rinnt ein Bächlein quer durch das Abteil, die Toilette scheint verstopft zu sein.

Max ist total fertig, als er nach zwölf Stunden in Luxor eintrifft. Mustafa scheint das Ganze nichts auszumachen. Frisch, als wäre er erst eingestiegen verlässt Mustafa den Zug und steuert direkt auf eine Pferdekutsche zu. Er begrüsst den Kutscher wie einen alten Bekannten, dann steigt er ein und fordert Max auf, das gleiche zu tun. Max ist müde. Er vergisst, dass er sich einen solchen Luxus gar nicht leisten kann, was soll's, es kostet höchstens ein paar Pfund, in Kairo hat er ja zum Nulltarif gelebt.

Mit der Kutsche fahren sie Nil abwärts und bald liegen die letzten Häuser von Luxor hinter ihnen. Nach gut einem Kilometer biegen sie etwas vom Nil weg und halten bei einem grösseren Haus.

Mustafa wird freudig begrüsst. Es muss ein Verwandter der Familie sein. Die arabische Gastfreundschaft ist schon erstaunlich, so hart sie mit einem Unbekannten feilschen können, mit einem Freund teilen sie wirklich alles und das, ohne an eine Entschädigung zu denken. Im Gegenteil, sie wären beleidigt, wenn man die Gastfreundschaft bezahlen wollte. In der Beziehung können die Europäer von den Arabern einiges lernen.

Ausser den enormen Leistungen der alten Ägypter, hinterlässt auch die Natur im Niltal bei Max einen starken Eindruck. Es ist erstaunlich zu sehen, was alles wächst, sofern Wasser zugeführt wird. Dagegen ist ein Meter weiter nichts mehr als Wüste. Fehlt das Wasser, ist der Boden sandig und steinig. Man gelangt mit einem Schritt vom Paradies in die Wüste. Die Bewässerungsmethode der Ägypter erscheint uns recht primitiv. Mit ihren einfachen Wasserrädern, angetrieben von Ochsen, Dromedaren oder Eseln, bewässern sie ihre Felder. Wir Europäer hätten die Tiere schon längst durch elektrische Pumpen ersetzt. Jeder Bauer würde so viel Wasser wie nur irgendwie möglich, auf seine Felder bringen, mit dem Ergebnis, dass andere nichts mehr bekämen und er selber den Boden überfordert. Man kann nur hoffen, dass die Ägypter bei ihrer Bewässerungsart bleiben und sich nicht von einem eifrigen Pumpenverkäufer animieren lassen, auf elektrische Pumpen umzustellen, sonst könnte ein Paradies sehr schnell zum letzten Mal aufblühen, um dann für immer zu verdorren.

Im Tal der Könige ist Max viel unterwegs. Auch hier findet er keinen direkten Hinweis auf seine Frage: «Wer war Gott?»

Die enormen Leistungen, welche vor viertausend Jahren vollbracht wurden, versetzen uns in Staunen und doch gibt es auch Darstellungen, welche wir heute wohl schöner zeichnen würden. Es gibt auch keine Hinweise auf abstrakte Kunst, was wohl bedeutet, dass das Fotografieren noch nicht bekannt war. Das Ziel war immer noch etwas so darzustellen, wie man es sah. Noch mehr Probleme hat Max mit den Göttern, welche Kreuzungen zwischen verschiedenen Tieren darstellen.

«Welchen Schluss soll man daraus ziehen?», fragt sich Max. Gab es die Götter in dieser Form wirklich? Dies würde einige Hinweise in alten Schriften auf die Sodomie bestätigen. Aber man findet keine Mumien und Skelette von solchen Wesen. Wo sind sie geblieben, wenn sie doch Götter waren, müssten sie zuerst in den Sarkophagen zu finden sein. Man findet sie jedoch nur auf Bildern und in Stein gemeisselt. Waren es die falschen Götter, welche vom Richtigen Gott vernichtet wurden? Oder haben die Erdbewohner Ihre Götter, nie zu Gesicht bekommen, so dass sie, als sie verschwunden waren, in diese wilden Phantasien projiziert wurden? Versuchten die Priester, dem einfachen Volk, nur Eindruck zu machen, indem sie ihnen solche Wesen zeigten? Vor allem früher bewunderten die Menschen, die überlegenen Tiere, welche schneller laufen, länger schwimmen, oder Dürreperioden besser überstehen konnten und meistens auch mehr Nachwuchs zeugenten.

Mit Mustafa hat er eine Woche lang alle Tempel und Ruinen der Umgebung besucht. Mit zwei alten Fahrrädern gelangen sie überall hin, auch wenn es manchmal recht anstrengend ist und oft geschoben werden muss. Besonders die Fahrt nach Abu Simbel war eine harte Angelegenheit, obwohl sie einen grossen Teil der Fahrt auf dem Schiff zurücklegten. Von den Ruinen war Max enttäuscht, irgendwie wollte die Faszination, welche von anderen Orten ausging, dort nicht aufflammen. Vermutlich ist die moderne Technik doch noch zu gegenwärtig. Es fällt ihm auf, dass praktisch keine Touristen Abu Simbel besuchen.

Allmählich erkennt Max, dass die Ägyptenreise sehr interessant verläuft, aber die wesentlichen Fragen nicht beantwortet werden. Mit jeder möglichen Antwort sind neue Fragen verbunden. Er hat genug vom oberen Niltal gesehen und will zurück nach Kairo.

Er besorgt zwei Tickets. Diesmal bucht er die Fahrt nach Kairo, in der zweiten Klasse. Für Mustafa ist das die reinste Verschwendung. Am Anfang der Fahrt fühlen sie sich wie Könige und geniessen es, sich vom Kellner bedienen zu lassen. Herrscht in der dritten Klasse ein unglaubliches Gedränge, so ist es hier die Einsamkeit, welche einem bedrückt.

Erstaunt stellen sie fest, dass kein einziger Europäer im Zug reist. Er wundert sich darüber, denkt sich aber nichts dabei und geniesst die reichliche und qualitativ gute Mahlzeit, welche serviert wird. Danach legen sie sich ins gemachte Bett und schlafen schnell ein.

Max hat noch nicht tief geschlafen, als er plötzlich geweckt wird. Der Zug wird mit einer Vollbremsung gestoppt. Der Schaffner gestikuliert in Panik wie wild vor Max herum. Max realisiert, dass etwas nicht stimmt. Mustafa klärt ihn kurz auf.

«Der Zug wird von religiösen Fanatikern gestoppt. Der Schaffner befürchtet, dass sie es auf die Touristen abgesehen haben. Schnell ziehe deine arabische Kleidung an, wir müssen versuchen zu flüchten!»

Während sich Max schnell umzieht und seine Habseligkeiten im Rucksack verstaut, richtet der Schaffner das Abteil so her, dass man nicht mehr erkennen kann, dass es belegt war. Die Seite im Gästebuch reisst er heraus und wirft sie aus dem Fenster, dann führt er Max und Mustafa in die Küche, wo sich Max im Kasten für den Abfall verstecken muss. Mustafa wird schnell in einen Küchenburschen verwandelt.

Max kauert im Abfallschrank und wagt kaum zu atmen, was auch fast nicht möglich ist, bei dem Gestank, welcher hier herrscht. Max spürt, wie mehrere Leute den Wagen besteigen und einen kriegerischen Lärm verbreiten. Ein lautes Wortgefecht mit dem Schaffner und dem Koch ist zu hören. Jetzt betreten sie offensichtlich die Küche, die Rebellen durchsuchen die Vorräte und sind zufrieden, als sie keinerlei Alkohol und auch kein Schweinefleisch finden. Das Palaver scheint endlos zu dauern und Max erstickt beinahe in seinem Gefängnis. Auch das Verhör von Mustafa verläuft für die ungebetenen Gäste zufrieden stellend. Er kennt sich bestens aus, sowohl über den Koran und die moslemischen Gesetze und nach einer endlosen Zeit, hat die Überprüfung der Küche ein Ende gefunden. Max muss immer noch in seinem Versteck ausharren, aber wenigstens kann Mustafa die Tür einen Spalt öffnen, so dass Max etwas frische Luft bekommt. Noch immer herrscht um den Zug herum grosse Aufregung, ab und zu wird sogar geschossen, es sind aber nur Schüsse, welche in die Luft abgegeben werden. Trotzdem, die Lage bleibt angespannt. Wie sich herausstellt, ist Max der einzige Europäer im Zug, die Reisebüros haben mit solchen Aktionen gerechnet und ihre Gäste schon letzte Woche schnellstens ausgeflogen. Max hat bei seiner Gastfamilie nichts davon mitbekommen. Immer wieder fragt er sich, wie geht es hier weiter? Zu was sind Fanatiker fähig, welche ausser Kontrolle geraten sind? Wenn die merken, wie befriedigend es ist, Macht auszuüben! Wenn man sich mit einem Gewehr in der Hand, stark fühlen kann und erst noch die Überzeugung hat, in den Augen Allahs das Richtige zu tun. Auf alle Fälle ist die Situation, in der sich Max befindet, höchst gefährlich, auch für seinen Freund.

Max hat zurzeit wirklich kein Glück, die Scheidung, arbeitslos und nun ging es ihm endlich besser und jetzt so etwas. Langsam fährt der Zug weiter. Mustafa späht aus dem Zug und beobachtet unauffällig den Gang, in welchem anscheinend immer noch die Zugsbesetzer patrouillieren.

Plötzlich, nach unendlich langer Zeit, flüstert Mustafa: «Komm!», blitzschnell verlässt Max sein Versteck, hastet das kurze Stück durch den Gang zur Tür und springt vom langsam fahrenden Zug, in die Finsternis und landet, für ihn völlig überraschend im Wasser. Er getraut sich fast nicht aufzutauchen, doch langsam geht ihm die Luft aus. Vorsichtig schaut er sich um, er ist offensichtlich im Nil gelandet und der Zug fährt, ohne seine Fahrt zu verlangsamen weiter. Ihre Flucht ist von niemandem bemerkt worden.

In langen Zügen schwimmt er dem Ufer entlang, bis er eine Stelle findet, an der er an Land robben kann. Er hört Mustafa neben sich flüstern, «Geht’s dir gut?»

«Ja und dir?»

Mustafa hat den Sprung ebenfalls unverletzt überstanden. Nun kann ihn Mustafa aufklären. Die Fundamentalisten haben zum Sturz der Regierung aufgerufen. Die Lage ist noch total verworren, niemand weiss, auf welcher Seite das Militär steht, aber das kümmert die Fanatiker nicht, auch wenn es Tote gibt, für eine gerechte Sache lohnt es sich zu sterben.

Max merkt, dass es Mustafa im Prinzip mit den Putschisten hält, doch nun ist er unerwartet auf die falsche Seite geraten, denn einen Freund lässt man nicht aus einer politischen Überzeugung hängen. Max ist erleichtert, dass er endlich weiss, was los ist. Er muss sich so arabisch wie nur irgendwie möglich präsentieren. Das Äussere ist eigentlich kein Problem, sein von der Sonne gebräuntes Gesicht und seine hagere Gestalt machen ihn nicht verdächtig. Schwieriger wird das Sprachproblem sein, auch die Ausweise, welche in solchen Situationen, doch sehr oft gezeigt werden müssen, könnten ihn verraten.

Da auch Mustafa keine Ahnung hat, wo sie sich genau befinden, schleichen sie dem Ufer entlang auf der Suche nach einem Versteck. Wo sind sie sicherer? In der Wüste, oder sollen sie versuchen, in einer Ortschaft in der Menge unterzutauchen?

Bis zum Morgengrauen halten sie ein abgelegenes Versteck für besser, nachts fällt man auch in einer grösseren Ortschaft auf, also verlassen sie das Nilufer und schleichen auf eine Hügelkette zu, welche bereits in der Wüste liegt.

In einer Felsnische setzen sie sich und versuchen abwechslungsweise zu schlafen, was allerdings nicht gelingt. Am Morgen will Mustafa an das Nilufer zurückkehren, um sich besser zu informieren.

Als Mustafa aufbricht, verabschieden sie sich, als ob es für immer wäre. Max gibt ihm ein Teil seines ägyptischen Geldes, damit er Verpflegung kaufen kann. Für den Fall, dass sie durch die Wüste flüchten müssen, soll er versuchen, einen Esel zu beschaffen. Aus seinem Versteck späht Max Mustafa lange nach, bis er hinter einem Felsvorsprung verschwindet. Wird Mustafa wiederkommen? oder rettet er seine eigene Haut und verschwindet mit dem Geld? Max will auf der Hut sein. Er verändert seinen Standort so, dass ihn Mustafa, falls er ihn verraten würde, nicht so leicht findet. Ausserdem will er einen besseren Rundblick, damit er bei Gefahr Zeit zum Reagieren hat. Er klettert deshalb eine steile Wand hinauf. Der Fels ist recht griffig, so dass er leicht vorankommt. Bald ist er mit seinem Standort zufrieden, hoch auf dem Felsen, hat er eine gute Übersicht auf das vor ihm liegende Niltal, er kann sich notfalls in einer Felsspalte so gut verstecken, dass er vom Nil aus nicht gesehen werden kann. Diese Stellung hätte er vermutlich lange verteidigen könne, auch wenn er kein Gewehr hat. Wie bei der Schlacht am Morgarten die Eidgenossen, sucht er sich einige Felsbrocken zusammen und ist vorbereitet, sich zu verteidigen, komme da was wolle. Der schwache Punkt liegt eigentlich nur darin, dass er keine Verpflegung hat, und dass ihm schwindlig wird, wenn er nach unten schaut.

Als am Mittag Mustafa noch immer nicht zurück ist, macht er sich Sorgen. Auf jeden Fall muss er den Abend abwarten, ehe er seine Stellung aufgibt. Er hat grossen Hunger und ist durstig. Doch er kann sich damit abfinden, in solchen Situationen stellt der Körper automatisch auf Notfall um und ist bedeutend weniger anspruchsvoll.

Seine Gedanken durchwandern noch mal sein Leben, als ob das Ende nahe wäre. Seine schönste Zeit hatte er, als er mit seinen drei Freunden die eigene Firma betrieb und auch die ersten Jahre mit seiner Frau waren recht glücklich. War das nun das Ende? Wieso hängt er eigentlich noch so an seinem Leben, wenn er daran denkt, was ihn in Olten erwartet, gibt es eigentlich keinen Grund, Angst zu haben, er hat den Zenit in seinem Leben überschritten. Doch dann denkt er wieder an Rebekka, an die Frage, welche er ihr noch beantworten will und die nach diesen Erlebnissen noch schwerer zu beantworten sind.

Gegen Abend erspäht er eine Gestallt auf einem Esel. Ist es Mustafa, oder jemand der zufällig hier vorbei reitet? Max ist insofern beruhigt, dass die Person allein kommt, denn wenn es die Polizei oder die Revolutionäre wären, dann würde sicher eine ganze Horde von Leuten anmarschieren, so eine Verhaftung ist etwas, bei der man Lorbeeren ernten kann. Da kommt sicher nicht einer allein. Nachdem er den Eseltreiber einige Zeit beobachtet hat, weiss er, dass es sich um Mustafa handelt und er macht sich an den Abstieg.

Sie begrüssen sich hastig und ziehen sich wieder in die Felsnische zurück. Mustafa informiert Max über die Lage. Zurzeit putschen die religiösen Führer, sie wollen Ägypten in einen streng muslimisch geführten Staat verwandeln. Wer in diesem Machtkampf die Oberhand gewinnt, ist zur Stunde noch offen, im Moment ist es für jeden Ausländer, respektive nicht Moslem, gefährlich. Für die religiösen Führer sind die Touristen das Hauptübel für den Sittenverfall im Land.

Mustafa hat herausgefunden, dass sie etwas südlich von Girga aus dem Zug gesprungen sind. Es ist klar, dass Max Ägypten verlassen sollte, nur wie? Der Weg über Kairo ist zu gefährlich, da gibt es viele Kontrollen, ausserdem ist der Flughafen zurzeit geschlossen. Durch die Wüste nach Libyen? Über die Berge zum Roten Meer und dort versuchen ein Schiff zu finden, oder südwärts in den Sudan bis nach Karthum? Aber das sind fast fünfhundert Kilometer.

Das Rote Meer liegt rund hundertfünfzig Kilometer weit weg, man muss aber noch den Nil überqueren. Sich nach Libyen durchschlagen ist sowieso zwecklos. Erstens ist die Wüste lebensfeindlich, zweitens wird die Grenze sehr gut bewacht und drittens herrscht in Libyen Chaos.

Nach gründlichem Abwägen entscheiden sie sich, für das Rote Meer. Mustafa wird sich sofort mit seinem Esel auf den Weg machen und auf einer Fähre versuchen über den Nil zu gelangen. Er übergibt Max einige Datteln, dann verabschiedet er sich von seinem Freund. Bis zum Einbruch der Nacht zieht er sich in sein Versteck zurück.

Vorsichtig, jede Deckung ausnützend, schleicht er an das Ufer des Nils und sondiert die Lage. Es ist niemand zu sehen. Max versucht abzuschätzen, wie stark die Strömung ist und wie weit das andere Ufer entfernt liegt. Bevor er sich in das Wasser wagt, verdrückt er noch die restlichen Datteln, welche ihm Mustafa als Proviant mitgegeben hat. Dann beginnt er zu schwimmen.

Ohne Hast, Zug um Zug schwimmt er los. Die Strömung ist stark. Er muss sich nicht allzu sehr beeilen, denn es dauert lange, bis das nächste Dorf kommt. Er versucht seinen Körper so im Wasser zu halten, dass ihm die Strömung hilft, an das andere Ufer zu treiben.

Der Aufenthalt im Wasser kommt Max endlos vor, dank seinem dosierten Krafteinsatz, hat er keine Konditionsprobleme, das Wasser ist angenehm warm. Nur die Strudel sind eine echte Gefahr. Wenn er aufpasst, kann er sie rechtzeitig erkennen und es gelingt ihm auszuweichen. Endlich steht Max tropfnass am andern Ufer und versteckt sich sofort hinter einem Strauch.

Nach Mitternacht macht er sich auf den Weg zum Eingang der Schlucht. Max wählt nicht den Weg im bewachsenen Teil des Tals, sondern entfernt sich sofort vom Ufer. Der Felswand entlang schleicht er weiter, auch wenn er sich nun schlechter verstecken kann. Er hat Angst, dass er im Landwirtschaftsteil, überraschend auf Häuser treffen könnte. Wenn sich die Bauern Hunde halten, könnten diese angeben und sie verraten.

Vorsichtig schleicht er der Felswand entlang nach Süden. Er ist doch sehr weit nach Norden abgetrieben worden, so dass ein längerer Fussmarsch auf ihn wartet. Er erreicht den Treffpunkt noch vor der Morgendämmerung und ist sehr froh, als er die Stimme von Mustafa flüstern hört. Bis zur Dämmerung können sie sich noch einige Kilometer weit das Tal hinaufkämpfen und finden wieder eine Felsnische, in welcher sie den Tag verbringen wollen.

Abwechselnd wird geschlafen. Das einzige kleine Problem ist der Esel, der einfach nicht schlafen will und einen übermütigen Eindruck macht. Es gibt trotzdem keine Komplikationen, da es sich um eine total verlassene Gegend handelt. Wenn Max Wache schieben muss, mustert er die Umgebung. Für einen Europäer ist die Wüste etwas faszinierendes, diese scheinbare Leblosigkeit, entpuppt sich, bei näherem Hinsehen, als ein wahres Paradies für Lebewesen. welche sich dieser extremen Landschaft ideal angepasst haben.

Gegen Abend ziehen sie schon früh los. In dieser verlassenen Gegend ist das Risiko, dass sie von jemandem entdeckt werden gering. Es wird ein strapaziöser Marsch und Max ist froh, dass sie einen Esel bei sich haben, welcher ihnen wenigstens die Lasten schleppt. Wenn es leicht bergab geht, kann einer reiten, doch das Hinterteil von Max schmerzt ihn so, dass er bald freiwillig darauf verzichtet.

Im Morgengrauen haben sie erhebliche Probleme, ein geeignetes Versteck für den Tag zu finden. Die Gegend ist sehr flach und sie müssen noch weit in den Tag hinein marschieren, bis sie sich in einer Bodensenke wenigstens teilweise unsichtbar machen können.

Das Rote Meer erreichen sie in der vierten Nacht. Weit und breit ist keine Siedlung auszumachen, sie wenden sich nach Süden. Nach weiteren zwei Stunden Marsch taucht hinter einem Felsen eine Stadt auf. Sie ruhen sich nochmals aus, dann will Mustafa sich in der Stadt umsehen und frische Lebensmittel kaufen. Max wartet gespannt auf seine Rückkehr. Ist der Spuk bereits vorbei? So ein Putsch dauert manchmal nur ein paar Stunden, und meistens, nach zwei bis drei Tagen, ist wieder alles ruhig.

«Wir sind in der Nähe der Stadt Marsa Alam», berichtet Mustafa, als er nach mehreren Stunden von seiner Erkundungsreise zurückkehrt.

«Am Besten verstecken wir uns in einem verlassenen Hotel», schlägt Mustafa vor, «die sind alle verwüstet. Einrichtungen die mit dem Tourismus zu tun haben, wurden alle zerstört.»

Max findet die Idee gut, die Hotels sind nicht mehr interessant. Alles ist zerstört, aber es rechnet niemanden damit, dass sich jemand dort verstecken könnte. Alle Touristen sind vertrieben und zum Plündern gibt es auch nichts mehr, das ist bereits am ersten Tag der Revolution geschehen.

Als es dunkel wird, lassen sie den Esel an seinem Pflock angebunden und machen sich auf den Weg zu den Hotels. Man hat sich auf ein zweistöckiges Hotel geeinigt und bezieht im ersten Stock Quartier. Das Hotel hat zwei Treppenhäuser und einen übersichtlichen Vorplatz, so dass man nicht so leicht überrascht werden kann.

Mustafa schafft mit dem Esel die Lebensmittelvorräte zum Hotel. Max richtet sich in der Zwischenzeit ein. Als Mustafa zurückkehrt, hat Max schon die Boote inspiziert, mit welchen die Touristen das Korallenriff besichtigen. Eines scheint noch einen dichten Schiffsrumpf zu haben, allerdings ist die Glasplatte im Bootsboden eingeschlagen. Nach langer Suche findet er eine neue Glasplatte in einem kleinen Lager und er versucht, die Platte auszuwechseln. Noch bevor Mustafa zurückkommt, ist Max klar, dass er noch heute Nacht in See stechen will. Er ist mit der Vorbereitung der Bootsreise beschäftigt, als Mustafa mit den Lebensmittelvorräten auftaucht. Das Boot ist schon mit der neuen Glasplatte bestückt, ausserdem bastelt er aus einem Surfbrett ein Segel, ob der kleine Motor noch funktioniert, wagt er nicht auszuprobieren. Für den Fall, dass es ihm doch noch gelingt den Motor zu starten, sucht er in allen Booten nach Benzin. Die Ausbeute ist gering, er wird den Motor nur kurz einsetzten können. Als Antrieb kommt somit nur Segel und Ruder in Frage.

Mustafa hält ihn für verrückt, als er ihm erklärt, er werde noch heute Nacht allein in See stechen. Mustafa will ihn unbedingt begleiten, nach langer Diskussion sieht er ein, dass er in Ägypten nicht gefährdet ist, dagegen hätte er Probleme, im Ausland als Flüchtling anerkannt zu werden.

Als abgewiesener Flüchtling hätte er sicher mehr Probleme. Bei Diktaturen ist das immer dasselbe, solange man sich in der anonymen Masse versteckt, wird man in Ruhe gelassen, nur wenn man sich in irgendeiner Form verdächtig macht, ist es mit der Ruhe und oft auch mit dem Leben vorbei.

Nach der kurzen, aber heftigen Diskussion gibt sich Mustafa geschlagen und hilft Max, sein Boot so gut wie möglich auszurüsten. Alle Lebensmittelvorräte, die sie haben, werden ins Boot gebracht, Mustafa wird sich mit dem Rest des Geldes morgen neue kaufen. Das Hotel wird nochmals durchsucht, alles was nützlich sein könnte, wird eingesammelt.

Beim Plündern mussten die Plünderer darauf achten, dass nur die Dinge mitgenommen werden, welche für einen Moslem nützlich sind. Die Touristendinge wurden nur zerstört. Es ist natürlich interessanter brauchbare Dinge zu finden, als zu zerstören. So konnten doch noch einige brauchbare Utensilien zusammengetragen werden. Ein Kompass, ein Teil eines Spiegels, Töpfe, mit denen er Wasser Schöpfen kann, einige leere Flaschen, welche sie mit frischem Wasser füllen und sogar eine Angelrute verschwindet im Boot.

Der Esel wird vorgespannt und mit vereinten Kräften wird das Boot ins Wasser gezogen. Die Spannung ist gross, schwimmt es noch? Tatsächlich, es schwimmt.

Jetzt muss alles sehr schnell gehen, Mustafa und Max umarmen sich, wünschen sich viel Glück und Max bedankt sich bei seinem Freund nochmals sehr herzlich für alles. Mustafa verspricht, dass er ihm seine Kamera zuschicken wird, oder mindestens will er ihm die Fotos schicken. Max verspricht, zu schreiben, wenn es die politische Entwicklung erlaubt. Auf einer Karte stellt Max noch fest, dass eine Seereise von fünf bis siebenhundert Kilometer auf ihn wartet.

Es ist schon ein grosses Risiko, auf das er sich einlassen muss. Eine letzte Umarmung und Mustafa stösst in vom Ufer ab. Langsam gleitet das Boot durch den kleinen Hafen auf die Ausfahrt zu. Das Rudern ist nicht einfach, das Boot ist für zwei Ruderer eingerichtet. Max erinnert sich an seine Jugend, als er im Wasserfahrverein mitmachte, dort hatte er gelernt, mit einem Stehruder zu rudern. Er befestigte das Ruder mit Seilen so, dass er im Stehen rudern kann. Einem Gondoliere gleich verschwindet Max aus dem kleinen Hafen.

Auf dem offenen Meer wird es im Boot unruhiger. Vom Berg her weht ein frischer Wind, welcher Max unterstützt. So gelangt er noch vor Anbruch der Morgendämmerung ausser Sichtweite des Ufers. Nun gibt Max das Rudern auf und versucht das Segel des Surfbretts zu setzen, was ihm nach einigen Schwierigkeiten auch gelingt. Mustafa hat ihm noch den Tipp gegeben, mehr auf der saudi-arabischen Seite zu segeln, da es dort eine günstigere Strömung gibt. Im Osten wird es langsam heller und kurz darauf erlebt Max den schönsten Sonnenaufgang, den er in seinem Leben je gesehen hat.

Vom Wind getrieben geht es immer Richtung Osten. Max hat keine Ahnung, wie breit so ein Meer ist, auch wenn es hier verhältnismässig schmal ist. Im Augenblick wartet Max geduldig ab, der herrliche Sonnenaufgang, die unendliche Weite des Meeres und die sanfte Ruhe versetzen Max in eine Stimmung, in welcher er die Welt vergessen möchte.

Die Sonne steht schon etwas höher, als er das Gefühl hat, einen Streifen Land am Horizont zu sehen. Da er keinerlei Risiko eingehen will wechselt er seinen Kurs auf Südost. Nun bläst aber der Wind von der Seite und er hat mit dem Boot ohne Kiel grosse Probleme, beinahe wäre er gekentert, als er vorsichtig die Richtung ändert. Vom Segeln hat er keine Ahnung, vom Physikunterricht sind einige Grundlagen vorhanden. Schliesslich setzt er das Segel quer zum Schiff, so dass es nur etwa ein Meter über den Bootsrumpf hinausragt. Es zeigt sich schnell, dass er so ein stabiles Boot in der Hand hat, welches sich gut steuern lässt. Jetzt baut er sich noch ein kleines Vordach, damit er vor der Sonne geschützt ist und macht es sich so gemütlich, wie nur möglich.

Die Zeit verstreicht nur langsam, aber er glaubt, dass er gut vorankommt. Nur nicht ungeduldig werden, sagt er sich immer wieder. Essen will er nur, wenn er hungrig ist. Durch den Glasboden in seinem Bootes betrachtet er stundenlang, die Fische. Welche ein Unterschied zur Wüste, dieser Überfluss an Leben. Besonders über einem Riff, hatte er das Gefühl, direkt im Paradies zu sein. Die gemächliche Ruhe, in welcher die Lebewesen auf ihre tägliche Nahrungssuche gehen, ist beeindruckend. Man hätte glauben können, die Welt sei noch in Ordnung. Dabei sind nur wenige Kilometer entfernt, Menschen am kämpfen. Ist das nur ein Überlebenskampf, oder geht es einzig um die Macht?

In Ägypten sind die Religionsführer nicht eingeschränkt und schon gar nicht in Gefahr. Jeder akzeptiert ihre Gesetze, ohne zu murren. Es gibt schon solche, welche dem westlichen Luxus frönen, Alkohol konsumieren, ab und zu, auch ein Gebet auslassen und ein Stück Schinken essen, doch die grosse Masse respektiert die Gesetze des Korans. Also, was wollen sie noch mehr? Max vermutet es geht darum, Wehret den Anfängen! Vielleicht stellten sie fest, dass die Einnahmen der Moscheen zurückgegangen sind oder sie registrierten eine Schwäche der Regierung und daraus geschlossen, dass es günstig ist, die eigene Position zu verbessern.

Das Meer wird etwas unruhiger und Max merkt, dass er sich schon lange auf keinem Schiff mehr aufgehalten hat, der Seegang ist nicht sehr hoch, aber Max wird es schlecht. Das wird sicher bald besser werden, hofft er, aber da irrt er sich. Zur Freude der Fische muss er sich übergeben, doch er fühlt sich danach nicht besser. Den ganzen Tag kämpft er gegen die Übelkeit, die Naturschönheiten interessieren ihn im Moment nicht mehr. Bis zum Abend muss er sich noch dreimal übergeben, dann schläft er ein und erwacht erst in der Nacht wieder.

Er verdrängt den Wunsch zu wissen, wo er sich befindet, denn es ist praktisch unmöglich die Position zu bestimmen. Seine Hoffnung, dass ihn eventuell ein Schiff entdecken würde, erfüllt sich nicht. Vermutlich ist der Suezkanal geschlossen, so dass er noch lange vergeblich auf ein Schiff hoffen kann. Vielleicht wird die Chance grösser, wenn er etwas weiter nach Süden vorgestossen ist.

Den zweiten Tag dämmert Max nur so vor sich hin. Seine Übelkeit hat auch den Vorteil, dass seine Lebensmittelvorräte nicht angetastet werden, dafür wird er merklich schwächer. Nur ab und zu gönnt er sich einen Schluck Wasser. Am dritten Tag fühlt er sich besser und nimmt feste Nahrung zu sich, ohne dass er sich gleich übergeben muss. Langsam nimmt er auch seine Umgebung etwas bewusster war und er macht einen ersten Versuch, seine Position zu bestimmen. Er steckt einen Stock durch ein weisses Blatt Papier und macht jede Stunde am Schattenspitz ein Zeichen. Wenn er die Punkte verbindet, entsteht ein gestreckter Bogen. Noch weiss er nicht was er damit anfangen soll. Doch es tut ihm gut, wenn er sich mit etwas beschäftigt. Vermutlich wird er erst nach zwei bis drei Tagen einen Unterschied feststellen können, der ihm dann hilft, seine Position wenigstens ungefähr zu bestimmen.

Am vierten Tag stellt er Abweichungen fest. Ein sicheres Zeichen, dass er seine Position verändert hat. Er kann auch etwas mehr essen und wird aktiver. So versucht er, während Stunden erfolglos einen Fisch zu fangen. Ein grosser Haifisch, der unter seinem Boot auftaucht, versetzt ihm einen Riesenschreck. Sofort zieht er die Angel wieder ein, denn ein solcher Fisch ist ihm doch zu gross und er will ihn mit seinem Köder nicht anlocken.

Am fünften Tag hat er sich bereits gut ans Schaukeln gewöhnt. Heute will er versuchen seine Position zu bestimmen. Er steuert mehr in Richtung Osten, dabei beobachtet er den Horizont, um nach dem Ufer Ausschau zu halten. Bereits nach einer Stunde Ostkurs, sieht er einen schmalen Streifen am Horizont, er bleibt noch einige Zeit auf Ostkurs, bis er Einzelheiten am Ufer erkennen kann. An einer Stelle sieht er die Silos einer Industrieanlage. Das könnte Shoaiba sein. Wenn er jetzt genau auf Südkurs geht, dann muss er Massaua in Eritrea erreichen. Er versucht die zurückgelegte Distanz abzustecken und in Tageskilometer umzurechnen. Wenn er mit gleicher Geschwindigkeit weitersegelt, so müsste er Massaua in etwa fünf bis sieben Tage erreichen.

Er wechselt sofort auf Südkurs und langsam verschwindet der Landstreifen wieder am Horizont.

In den Morgenstunden erlebt Max auch das erste Erfolgserlebnis als Fischer. Auf dem Kocher bereitet er sich die erste selber gefangene Mahlzeit zu.

Die nächsten zwei Tage verlaufen gleich eintönig. Er zählt seine Lebensmittel, wenn er so weiter isst, hat er noch für drei Tage zu essen, es ist also angebracht zu sparen. Das Meer wird auch immer unruhiger.

Inzwischen ist aus der idyllischen Fahrt ein Kampf auf Leben und Tod geworden. Max wird immer schwächer und die Stunden, in denen er nur dahindämmerte werden länger. Wenn er wach liegt, sucht er den Horizont nach Land ab. Er versucht seine Beobachtungen mit seiner Sonnenuhr zu vervollständigen und kontrolliert immer wieder seinen Kurs. Aber der erlösende Landstreifen taucht nicht auf. Er stellt sich immer wieder die Frage, wo ist er? Warum taucht kein Land auf? Ist er etwa schon im Indischen Ozean? Diese Frage kann er zum Glück verneinen, denn mit seinem Südkurs, käme er nicht am Golf von Aden vorbei, sondern würde auf alle Fälle in Somalia landen. Er beschliesst mehr nach Westen zu segeln. Das Ägyptische Festland müsste jetzt hinter ihm liegen. So langsam erachtet er auch eine Landung in Ägypten, als das kleiner Übel. Er kann diese Reise nicht mehr länger durchhalten. Inzwischen verliert er selbst das Gefühl, wie viele Tage er schon unterwegs ist, aber all das wird unwichtiger.

Immer öfter zieht Max auch Bilanz über sein Leben. Realistisch gesehen werden ihn nicht viele Leute vermissen und auch sonst wird nicht viel von ihm übrigbleiben. Vielleicht ein paar Software Programme, aber auch die werden nicht mehr lange laufen. Das Nachdenken über sein Leben ergibt nur wenig positive Aspekte, aber er kann nichts mehr ändern, wenn er nicht überlebt, ist er schnell vergessen. Zum Glück schläft er bald wieder ein.

Durch einen starken Ruck wird Max plötzlich geweckt. Schlaftrunken kämpft er mit dem Gleichgewicht, denn das Boot schwankt sehr stark in der Brandung. Der Strand, den er erreicht, ist menschenleer. Mit letzter Kraft schleppt er sich an Land.

Er entscheidet sich, in südlicher Richtung dem Strand entlang zu marschieren. Das Boot lässt er am Strand zurück und nimmt nur das Nötigste mit, Geld, den Rest des Proviants, leere Flaschen, die Karte und seine Ausweise. Nach einigen hundert Metern erlebt er die erste freudige Überraschung, er überquert einen kleinen Bach, welcher Süsswasser führt. Es ist nicht besonders sauber, aber es schmeckt für ihn wie Champagner. Er beschliesst, an diesem Bach die Mittagshitze abzuwarten und will erst gegen Abend weitermarschieren. Am Strand jagt er mit einem spitzen Stock nochmals Fische und dank einem Feuer schmeckt der Fischbraten köstlich. Zum Dessert gibt es Muscheln. Nach einem kurzen Mittagsschläfchen, wandert er gegen Abend weiter nach Süden.

Mit letzter Kraft schleppt er sich vorwärts. Meter um Meter muss er kämpfen, aber er hat sich entschieden zu Fuss, weiter zu gehen und nicht mit dem Boot der Küste entlang zu fahren, denn er hat genug vom Boot und ausserdem ist die Brandung gefährlich. Nach jeder Klippe hofft er, endlich eine Hütte oder ein Dorf zu entdecken, aber er muss weiter leiden. Wie ist es möglich, dass es auf der Welt, so verlassene Orte gibt? Langsam wird es dunkel und er hofft, dass er irgendwo ein Licht ausmachen kann, doch die einzigen Lichter bleiben die Millionen von Sternen, welche vom Himmel funkelten. Er sucht sich erneut einen Platz, an welchem er die Nacht verbringen kann.

Am nächsten Morgen sucht er den Strand nach Essbarem ab, die Ausbeute ist gering. Er ist zu ungeduldig, er will los. Insgeheim hofft er, dass bereits nach der nächsten Biegung ein schmuckes Dorf liegt. Diese Hoffnung hat er bei jeder Klippe, welche er hinter sich bringt. Gegen Mittag nimmt die Erschöpfung wieder zu und er kommt kaum noch vorwärts.

Dann endlich, er späht um den Felsen und da, er glaubt es kaum. Ein kleines Dorf, vermutlich nur vier, maximal zehn Hütten. Sind sie bewohnt? Nehmen ihn die Leute freundlich auf und helfen sie ihm weiter? Er erlebte die Begrüssung nicht mehr, etwas ausserhalb des Dorfes bricht er zusammen und wird ohnmächtig.

Das Interview

Gespannt sitzt Max im Gartenrestaurant, wer wird ihn ansprechen? Er hasst Begegnungen mit Unbekannten. Man kommt sich vor, wie jemand, der auf ein Heiratsinserat geantwortet hat und nun dem Rendezvous entgegenfiebert. Sein Treffen mit der unbekannten Person hat anscheinend ganz andere Gründe, aber er weiss nicht einmal welche.

Zum Glück muss er nicht lange warten, eine gutgekleidete Dame tritt an seinen Tisch: «Sie sind sicher Max Meier?»

«Ja, und Sie?»

Max ärgert sich, dass er nicht mehr herausbringt, aber er ist es noch nicht gewohnt, sich mit hübschen Frauen zu unterhalten.

«Ich bin eine selbständig arbeitende Journalistin und habe von ihrem Abenteuer in Ägypten erfahren. Wenn sie nichts dagegen haben, möchte ich gerne einen Bericht darüber schreiben», klärt ihn die hübsche Dame auf, «ich heisse übrigens Susanne Walter. Hier ist mein Presseausweis.»

«Und wenn ich etwas dagegen habe?», fragt Max, er hatte mit etwas ganz anderem gerechnet, als auf der Strasse ihm jemand einen Zettel zusteckte, auf welchem stand:

Können wir uns im Erstklass-Restaurant im Bahnhof Olten treffen? Es wird sich für Sie lohnen. Ein gutes Nachtessen liegt auf jeden Fall für Sie drin. Zeit heute 19 Uhr.

So eine Einladung macht einem neugierig und bei seinem Budget, ist ein Gratisnachtessen nicht zu verachten. In einem Erstklass Restaurant hat er schon lange nicht mehr gegessen.

«Warum sollten Sie etwas dagegen haben?», fragt die Reporterin.

«Nun, Erstens habe ich keine Zeit, denn ich muss unbedingt ein Zimmer finden, ich will nicht mehr draussen übernachten und zweitens bin ich an Publizität nicht interessiert, solange ich keine Arbeit habe», entgegnet Max und will mit drittens und viertens weiterfahren.

«Bestellen wir doch zuerst unser Nachtessen», schlägt Frau Walter vor, «dann gehen wir in aller Ruhe die Punkte durch», schliesslich fügt sie noch hinzu, als sie das Gesicht von Max bemerkt, «es geht auf meine Rechnung, auch wenn wir uns nicht einig werden.»

Das ist genau das was Max hören will und er ist zusätzlich erleichtert, dass auch der Kellner wenigstens diesen Satz mitbekommen hat. Also macht er sich daran, die Speisekarte zu studieren. Als er die Preise sieht, hätte er sie am liebsten gefragt, ob sie nicht zusammen zu Mac Donalds umziehen könnten, um sich dann die Differenz auszahlen zu lassen. Er muss sich weit zurück erinnern, wann er das letzte Mal in einer solchen Speisekarte geblättert hatte.

Früher war er nie ein Feinschmecker und hatte nie das Gefühl, dass er das vornehme Getue vermissen würde. Also wählt er ein ganz normales Steak aus, noch längstens nicht das Teuerste, welches auf der Karte zur Auswahl stand.

«Mit Salat? Und was nehmen sie als Vorspeise?»

Max muss unbedingt noch eine Vorspeise aussuchen und als er zum Trinken eine Kola bestellt, schaut ihn die Reporterin einen Moment sprachlos an, bestellt sich dann auch nur ein Mineralwasser. Der Kellner verschwindet und ihr Gespräch von vorhin kann fortgesetzt werden.

«Also, bei der Zimmersuche, da könnte ich ihnen vielleicht helfen. Mit der Arbeitsstelle ist es etwas schwieriger, die sind im Moment leider sehr dünn gesät. Aber vielleicht könnte ein Honorar für die Story, die finanziellen Probleme etwas mildern. Aber es gibt da anscheinend noch andere Punkte?»

«Ja, das ist nicht so einfach. Ich möchte vor allem meine Freunde in Ägypten nicht in Gefahr bringen, wenn jemand erfahren würde, wer und wie ihm geholfen wurde, bringt er sie in Gefahr. Solche Regime sind manchmal recht brutal, wenn sie das Gefühl haben, einen Verräter entlarven zu können. Ich hoffe, das verstehen Sie?»

Max setzt dazu noch ein ernstes Gesicht auf.

«Es freut mich, dass es Ihnen nicht unbedingt darum geht, den Preis in die Höhe zu treiben», antwortet Frau Walter, «aber Sie haben natürlich Recht, ihre Freunde könnten tatsächlich in Gefahr geraten, das müssen wir verhindern. Also, ich verspreche Ihnen, keine Fotos, keine Namen und keine Details, welche den genauen Aufenthaltsort in Ägypten verraten würden.»

Die Reporterin geht sehr behutsam mit Max um, und er ist seinerseits sehr bemüht, sich die Informationen nicht aus der Nase ziehen zu lassen. Sie macht ihm schliesslich ein faires Angebot. Das Honorar, welches sie von den verschiedenen Zeitungen kassieren kann, würde aufgeteilt.

Im weiteren Verlauf des Abends reden sie überraschenderweise mehr über sie. Susanne Walter hatte vor zwei Jahren ihr Studium als Journalistin abgeschlossen. Sie ist gerade 27 Jahre alt geworden und arbeitet freiberuflich für verschiedene Lokalblätter. Susanne ist eine sportliche Erscheinung, etwa einen Meter siebzig gross, hat blaue Augen und mittellange, offene dunkelblonde Haare. Sie träumt wie viele junge Journalisten davon, die grosse Story zu schreiben, mit der sie endlich den Durchbruch schafft.

Max fühlt sich in Susannes Gesellschaft immer wohler, er hat seit Ägypten, keinen so unterhaltsamen Abend mehr gehabt. So langsam gefällt ihm die Art der Reporterin, wie sie ihm aus ihrem Leben erzählt, welches nicht ganz so dramatisch verlief, wie sein Leben in letzter Zeit. Doch auch sie hatte es nicht immer leicht, als freie Journalistin arbeiten heisst, um jede Zeile kämpfen, die man platzieren kann und das heisst in vielen Fällen, dass man unglaublich schnell sein muss. Zum Glück braucht sie nicht viel zum Leben, dank guten Beziehungen, fand sie eine günstige Altbauwohnung und ihr kleiner Fiesta ist eigentlich ihr einziger Luxus, sie braucht ihn unbedingt zur Ausübung ihres Berufs.

Inzwischen wird bereits das Dessert serviert und Frau Walter bemüht sich immer noch, nicht auf das eigentliche Thema zurückzukommen, sie will zuerst das Vertrauen von Max gewinnen. Susanne beginnt sich langsam, nicht nur aus beruflichen Gründen, für Max zu interessieren. Sie muss jedoch feststellen, dass Max ein Mensch ist, der sich nach innen abkapselt und nur sehr schwer zugänglich ist. Ein Mensch auch, der sehr interessante Ansichten hat, die sie immer mehr interessieren, auch wenn sie nicht mehr so sicher ist, dass die Story zustande kommt, die sie sich erwartet hat.

Langsam taut auch Max auf und erzählt, von seiner früheren beruflichen Karriere, welche so schnell zu Ende ging. Dann ging es langsam aufwärts, er fand eine neue Stelle, bis das Corona-Virus ihn erneut arbeitslos machte. Erstmals seit langer Zeit redet er auch mit jemandem über seine Ehe, seine beiden Buben und die Scheidung. Das sind Erlebnisse, welche Max erzählen kann, ohne jemand zu gefährden. Es tut ihm gut darüber zu reden, es ist das erste Mal, dass er ohne Hass an seine Exfrau denkt.

«Nenn mich bitte Max, ich bin den Herr Meier nicht mehr gewöhnt», bittet Max plötzlich und prostet ihr mit der Kaffeetasse zu.

«Danke, es soll gelten, meine Freunde nennen mich Susi», auch sie hebt kurz ihre Kaffeetasse, stellt sie jedoch sofort wieder hin, beugt sich vor und gibt Max zwei Küsse auf die Wangen. Max wird etwas verlegen und sein Gesicht rötet sich. Früher hatte ihm so etwas nichts ausgemacht, da war er den Umgang mit Frauen noch gewohnt, aber seit der Scheidung, war es die erste Berührung mit einer Frau.

«Du hast mir immer noch nicht erzählt, wie du von meiner Ägyptengeschichte gehört hast», fragt Max, «ich habe niemandem davon erzählt.»

«Ich habe da so meine Tricks», entgegnet Susi und lächelt dazu geheimnisvoll, «wo gedenkst du eigentlich die heutige Nacht zu verbringen?»

«Das ist eine ganz andere Geschichte, es ist eine warme Nacht, also werde ich mich irgendwo an der Aare in meinen Schlafsack verkriechen. Ich habe da schon schlimmeres erlebt.»

«Wenn du versprichst, schön brav zu sein, dann könntest du bei mir schlafen», macht Susi den überraschenden Vorschlag, «dann kann ich dir auch mein Geheimnis zeigen.»

«Das kann ich doch nicht annehmen, du hast schon genug Ausgaben gehabt und das mit dem Interview möchte ich mir noch gründlich überlegen, ohne dass ich unter Druck stehe», Max ist verlegen, obwohl er eigentlich gerne von diesem verlockenden Angebot Gebrauch gemacht hätte.

«Das hat doch mit dem Interview nichts zu tun, es war ein schöner und interessanter Abend für mich und ich könnte nicht schlafen, wenn ich wüsste, dass du draussen schlafen musst. Das ist reine Nächstenliebe!»

«Also, dein Angebot ist zu verlockend, aber du sagst es, wenn ich dir auf die Nerven gehe, du kannst mich mitten in der Nacht vor die Türe setzen. In Ägypten war die Gastfreundschaft irgendwie normal, in der Schweiz habe ich damit noch Probleme. Aber versuchen wir es. Danke für die Einladung!»

«Nichts zu danken», antwortet Susi und sucht nach dem Kellner, um die Rechnung zu verlangen.

«Es kostet mich ja nichts.»

Eine Viertelstunde später sitzen sie zusammen in ihrem Fiesta und fahren Richtung Aarburg. Max wird ganz still, denn er ist schnelles Autofahren nicht mehr gewohnt. Susi lässt sich in ihrem Fahrstil nicht beeindrucken und steuert ihren Kleinen, mit viel Gottvertrauen durch den spärlichen Verkehr. Für Max hat es immer noch zu viele Autos. Aber die rasende Fahrt geht gut und mit einem Ruck steht das Auto vor einem älteren Mehrfamilienhaus.

«So da wären wir», Susi löst ihren Sicherheitsgurt, «nicht gerade ein Schloss, aber für mich reicht’s. Komm steige aus, ich fresse dich nicht.»

Max steigt aus und folgt ihr zur Tür. Sie wohnt im zweiten Stock in einer Dreizimmerwohnung, als sie öffnet, wird sie von ihrer Katze freudig begrüsst, welche ihr aufgeregt um die Beine streicht. Ohne einen Unterschied zu machen streicht Schnurrli, wie die Katze heisst, auch um die Beine von Max.

«Ich hab's gewusst, dass sie dich mag», stellt Susi begeistert fest, «das macht sie sonst nur bei Leuten, die sie kennt! - Hier wohne ich also, das ist das Gästezimmer, da kannst du deinen Rucksack verstauen.»

Danach gibt es eine kurze Wohnungsbesichtigung, Küche, Bad, ihr Schlafzimmer und das Wohnzimmer mit einer einfachen Polstergruppe. Neben der Wohnwand steht eine grosse Stereoanlage mit Kopfhörer.

«Das ist mein Geheimnis», Susi weist stolz auf ihre Anlage, «neben der normalen Stereoanlage, ist dieses Gerät auch ein Kurzwellenempfänger von sehr guter Qualität. Damit habe ich vor zwei Wochen einen Funkspruch von einer Rotkreuzequipe aus Eritrea empfangen und die berichteten von einem Schweizer, welcher ihnen in einem Stranddorf übergeben wurde und fragten in der Zentrale nach, was sie mit ihm machen sollen.»

«Da bin ich ja einer richtigen Agentin ins Netz gegangen. Ich wusste gar nicht, dass man da mithören kann.»

«Das ist natürlich eine reine Glückssache, da kommen so viele belanglose Meldungen durch, dass es sehr schwer ist, eine wichtige Meldung herauszufinden. Aber nach dem Putsch in Kairo, habe ich mich auf diese Region spezialisiert und nach der ersten Meldung belauschte ich diese Frequenz dauernd. Aber das erzähle ich dir dann morgen.»

Susi macht noch einen Kaffee, sie zieht sich noch schnell um und trägt jetzt einen Bademantel. Max findet sie sehr verführerisch, aber er getraut sich nicht, irgendwelche Anspielungen in diese Richtung zu machen. Vielleicht hat er auch Angst zu versagen, denn es ist schon lange her, seit er das letzte Mal mit einer Frau geschlafen hatte und ausserdem braucht er zuerst ein Bad, was in einer Mietwohnung nachts um elf Uhr nicht möglich ist.

Sie hören noch etwas Musik und haben sich viel zu erzählen. Susi will alles wissen, nur über sein Ägyptenabenteuer stellt sie keine Fragen. Sie sitzen sich in den Polsterstühlen gegenüber und unterhalten sich wie langjährige Freunde. Schliesslich merkt Susi plötzlich, dass Max müde ist.

«Komm, ich mache dir das Bett, sonst schläfst du mir noch auf der Polstergruppe ein, du hast sicher einen anstrengenden Tag hinter dir», sie begibt sich ins Gästezimmer und kramt aus einem Schrank eine Decke und ein Kissen hervor.

«Geht es so?», fragt sie.

«Sicher, das ist das komfortabelste Bett, das ich seit langem gesehen habe. Du entschuldigst, aber ich kann die Augen nicht mehr offenhalten. Nochmals vielen Dank für alles, dieser Abend ist für mich wie ein Wunder.»

«Ist schon gut», sie steht ganz nahe vor ihm, schaut zu ihm auf und gibt ihm einen Kuss. «du interessierst mich, also bis morgen, - Schlaf gut.»

Schnell dreht sie sich um und verlässt das Zimmer.

Susi kann noch nicht schlafen. Sie stülpt sich den Kopfhörer über und sucht auf den Kurzwellen nach etwas Interessantem. Sie hat heute kein Glück. Gut, sie ist auch nicht richtig bei der Sache, immer wieder geht ihr Max durch den Kopf, er gefällt ihr, sein sehr schlanker braungebrannter Körper und seine interessanten Erzählungen, machen sie neugierig. Gut, - ein Mann mit dieser Vorgeschichte ist auch ein grosses Risiko, auch als Liebhaber ist er nicht das, was sie erwartet hat, sie will aber einen unverbindlichen Versuch wagen. Sie träumt davon, dass er ihr neuer Freund wird. Schliesslich gibt sie den Versuch auf, eine neue Story zu finden, sie hat noch genug mit der Alten zu tun und geht ebenfalls ins Bett, schläft jedoch sehr schlecht.

Als Max erwacht, schläft Susi noch, er geht leise in die Küche, schaut sich ein wenig um und findet was er sucht. Zehn Minuten später hat er den Kaffee fertig, auch ein paar Toastbrote, Käse und Marmelade findet er im Kühlschrank. Möglichst leise deckt er den Tisch in der Essnische und ist nun für das Frühstück bereit. Soll er Susi einfach wecken? Er wartet noch ein paar Minuten, dann geht er zu ihrem Zimmer und klopft sanft an die Tür.

«Frühstück ist fertig», flüstert er leise und öffnet die Tür einen Spalt breit. Sie liegt tief in ihre Decke und Kissen vergraben im Bett und schaut ihn aus grossen Augen an und weiss im ersten Moment gar nicht was los ist.

«Guten morgen Max, das ist aber schön, wenn man so geweckt wird», flüstert sie verschlafen und wühlt sich langsam aus ihren Kissen, «ich komme gleich, in ein paar Sekunden bin ich ansprechbar.»

Max setzt sich an den Tisch, giesst bereits den Kaffee ein und wartet, bis sie aus ihrem Zimmer kommt. Sie flitzt schnell vorbei auf die Toilette.

«Ich muss mich noch etwas frisch machen», ruft sie im Vorbeigehen. Zwei Minuten später kommt Susi frisch frisiert aus dem Badezimmer zurück. Für Max etwas überraschend, trägt sie immer noch das sehr dünne Nachthemd und setzt sich zu ihm an den Tisch, wobei sie ihm im Vorbeigehen noch einen kurzen Kuss auf die Wange drückt.

«Das ist aber eine nette Überraschung. Danke!»

Sie streicht sich ein Toastbrot. Wenn sie sich vorbeugt, muss Max einfach ihre kleinen, aber schönen Brüste mit den dunkeln Brustwarzen bewundern, denn durch den Ausschnitt, hat man freie Sicht bis zum zarten Slip, den sie noch darunter trägt. Sie tut so, als ob sie nicht bemerken würde, dass Max durch den Anblick etwas irritiert wird.

«Hast du gut geschlafen?», fragt sie so beiläufig.

«Ja, es war herrlich, wieder in einem richtigen Bett zu liegen. Ich war gestern von der langen Reise total fertig. Aber jetzt geht es mir blendend.»

Der Rest des Frühstücks verläuft wieder etwas ruhiger, weder Max noch Susi wissen so recht, wie es weitergehen soll. Max langt beim Frühstück tüchtig zu, er hat immer noch einen grossen Nachholbedarf. Wie schwer er vor der Ägyptenreise war, weiss er nicht, aber er hat sicher nochmals fünf Kilo abgenommen und dabei war er vorher schon sehr stark abgemagert.

«Besten Dank, es war ausgezeichnet», Max wischt sich über den Mund, «hast du was dagegen, wenn ich ein Bad nehme, eine Badewanne habe ich schon lange nicht mehr benutzen dürfen.»

«Aber sicher darfst du ein Bad nehmen.»

Für Max ist es ein herrliches Gefühl, wieder einmal zu baden. Er erinnert sich gar nicht mehr daran, wann es das letzte Mal der Fall war, dass er in einer Badewanne gesessen hatte. Nach etwa einer Viertelstunde schaut Susi durch die Tür.

«Ich wollte nur schauen, ob du noch am Leben bist», erklärt sie verlegen, «gefällt dir anscheinend gut. Du kannst ruhig noch länger bleiben, aber ich will mich auch etwas zu recht machen, ich hoffe es stört dich nicht.»

«Nicht im geringsten, ich kann nur keine Garantie abgeben, dass ich genügend cool bleiben kann», erklärt Max und muss immer ihre schöne Figur bewundern, welche sich durch das dünne Hemd im Gegenlicht deutlich abzeichnet, was Max in gewisse Schwierigkeiten bringt, so dass er überall Schaum zusammensuchen muss.

«Soll ich dir den Rücken waschen», fragt Susi und Max wird rot. Ohne seine Antwort abzuwarten, setzt sie sich auf den Rand der Wanne und taucht mit der Hand ins Wasser, um die Seife zu suchen, welche ihr aus der Hand gefallen ist.

«Oh, was ist denn das», fragt sie ganz unschuldig und bleibt mit der Hand zwischen seinen Beinen, «gefällt dir das?»

«Und wie», haucht Max, «von mir aus kannst du weiter machen.»

Das lässt sich Susi nicht zweimal sagen, sie hat auch schon einige Zeit mit keinem Mann mehr gespielt. Für einen festen Freund hat sie einen zu unregelmässigen Lebenswandel und der Redaktor der Tageszeitung hat sehr selten Zeit, zu einem Seitensprung, da seine Frau gut auf ihn aufpasst. Sie befiehlt Max aufzustehen und seift ihn von oben bis unten ein. Sie umarmt ihn und gibt ihm einen langen Zungenkuss, was dazu führt, dass ihr Nachthemd durchsichtig an ihrem Körper klebt. Die Wanne schwappt über, als sie sich eng umschlungen küssen.

«Komm, wir machen im Bett weiter», flüstert sie ihm ins Ohr, «ich glaube, da ist noch viel Leben drin.»

Im Bett geht das Spiel munter weiter.

«Musst du eigentlich nicht arbeiten?»

«Ach weisst du, das ist das Schöne an meinem Job, wenn ich etwas Besseres zu tun habe, kann ich auch mal einen Tag auslassen und am nächsten das Doppelte arbeiten, oder dann verdiene ich halt ein bisschen weniger, aber das ist nicht so schlimm.»

Am Nachmittag sind die Zwei doch noch aus ihrem Liebesrausch erwacht und Susi erklärt Max, wie sie arbeitet. Es fängt meistens damit an, dass sie den Polizeifunk abhört. Wenn irgendwo ein Unfall gemeldet wird, fährt sie mit ihrem Fiesta los und hofft, dass daraus ein brauchbarer Bericht wird. Wenn sie einen solchen hat, so muss der bis um neun Uhr nachts in der Redaktion sein. Je nachdem, wie viele Zeilen in der morgigen Zeitung zu lesen sind, gibt es mehr oder weniger Geld. So einfach ist das, doch mit diesem Job hält sich Susi nur über Wasser. Insgeheim hofft sie immer noch auf ihre grosse Story und die sucht sie eben im Ausland, durch Abhören der Kurzwelle.

Sie legt eine Tonbandkassette ein und spurt sie zurück. Jetzt hört Max die Meldung, über einen Max Meier, der in Eritrea halb verhungert, dem Roten Kreuz übergeben wurde. Sie fragen in der Zentrale nach, was sie mit ihm machen sollen und bitten darum, seine Angehörigen zu informieren, er sei im Moment noch nicht ansprechbar und ausser seinem Namen, ist nur der Wohnort Olten, aber ohne genaue Adresse, bekannt. Vielleicht ist er arbeitslos, wird noch vermutet.

«Das war nun etwas für mich, ich machte mich auf den Weg zum Arbeitsamt, aber da waren alle in den Ferien. Also klapperte ich die Gammlerplätze in Olten ab und horchte mich ein wenig um, aber auch da warst du unbekannt. Doch ich gab nicht so schnell auf und endlich fand ich jemand, welcher sich an dich erinnerte.»

«Aa, der Max, das ist der, welcher einmal auf dem Arbeitsamt randaliert hat. Stock besoffen war er und hatte herumgebrüllt. Er fluchte über seine Exfrau und über seinen Exchef. Ich nahm ihn mit zum Gleisspitz, dort hat es ihm aber nicht gefallen und er ist sofort abgehauen. Ich glaube, er lebt immer an der Aare. Keiner hat je gesehen, wo er schläft, aber am Tag konnte man ihn immer mit einer Flasche Wein an der Aare beobachten. Vor ein paar Wochen hat er sich plötzlich verändert und trinkt nicht mehr, hat aber immer noch keinen festen Wohnsitz.»

«Das ist schon alles, was ich über dich herausgefunden habe. Na gut, es war noch nicht Alles. Ich erkundigte mich auch über deine Scheidung, deine Frau scheint dir nicht besonders nachzutrauern und deine zwei Buben haben schon wieder einen neuen Papa. Stimmt dich das nicht etwas traurig?»

«Wenn ich ehrlich bin, so muss ich sagen, dass ich sie praktisch aus meinem Gedächtnis gestrichen habe, wobei das reiner Selbstschutz ist, es machte mir am Anfang sehr zu schaffen, meine Buben nicht mehr zu sehen. Nun habe ich mich daran gewöhnt, es hätte auch keinen Zweck gehabt, mit ihnen Kontakt aufzunehmen, ich war froh, dass sie mich als Alkoholiker nicht sahen.»

«Das verstehe ich, aber wie bist du den plötzlich vom Alkohol losgekommen?»

«Das ist eine ganz andere Geschichte, aber darüber möchte ich nun wirklich nicht reden, das ist Privatsache.»

«Ich weiss immer noch nicht, wie du in dieses Dorf am Strand gekommen bist, aber das ist vermutlich auch Privatsache? Durch tägliches Abhören der Funker Meldungen hielt ich mich auf dem Laufenden. So erfuhr ich, in welchem Flugzeug du in die Schweiz zurückreisen wirst. Ich wunderte mich selber, dass keine Zeitung etwas über den gestrandeten Schweizer berichtete. In Kloten habe ich dich leider verpasst, da du nicht durch den normalen Zoll gekommen bist. Also musste ich dich in Olten am Bahnhof abfangen lassen, wobei die Aufgabe nicht sehr einfach war, aber mein Komplize, hat es dann doch geschafft, dich zu finden und dir den Zettel zuzustecken.»

«Du bist anscheinend ganz professionell eingerichtet», stellt Max fest.

«Das ist noch nicht alles, ich habe noch einen PC und ein Handy mit unbegrenzter Datenmenge.»

In den folgenden Wochen haben die zwei Spass miteinander. Max stempelt wieder und hat durch die lange Ferienzeit, für die das Taggeld angerechnet wurde, einen schönen Zahltag nach Hause gebracht. Susi vernachlässigt ihren Job anfangs ziemlich stark und ihre Einnahmen sinken beträchtlich.

Nach ein paar Wochen beginnt Max, Susi zu helfen. Er lauscht für sie am Funkgerät, oder er begleitet sie als Fotograf mit seinem neuen Handy mit einer besonders guten Kamera, bei Anlässen und Unfällen, was ihm allerdings gegen das Prinzip geht. Doch solche Bilder werden gut bezahlt und bei ihrer Finanzlage, können sie nicht wählerisch sein. Zudem, wenn sie die Bilder nicht schiessen, dann sieht er sie anderntags, trotzdem in der Zeitung. Also fahren sie bei Unfällen, bei denen sie die Möglichkeit haben, als Erste vor Ort zu sein, hin.

Seine Reportertätigkeit spricht sich schnell bis zum Arbeitsamt um, so dass er nicht mehr als arbeitslos gilt.

Der Fall Anita

In Gedanken versunken schlendert Max der Aare entlang. Susi ist heute Nachmittag in der Redaktion beschäftigt. Sie und Max sind ein gutes Team geworden. Noch immer wohnt er bei ihr und unterstützt sie bei ihrer Arbeit. Er fotografiert, macht die Buchhaltung auf dem PC, sammelt Daten, überwacht das Funkgerät und Telefon, wenn sie weg ist, oder einer ihrer Berichte schreibt. Der Bericht über seine Flucht konnte gut verkauft werden.

Es ist nicht der schöne Sommernachmittag der ihn zum Besuch seiner alten Gegend verleitet hat, den alten Zeiten trauert er nicht nach. Es geht ihm um den Mordfall Anita. Das vierzehnjährige Mädchen wurde vor einer Woche ermordet im Rechen des Kraftwerks angeschwemmt, nachdem es vorher eine Woche lang gesucht wurde. Susi und Max haben im Polizeifunk alles mitgehört und waren die ersten Reporter an der Fundstelle.

Jetzt hofft er, dank seinen Ortskenntnissen zum Mordfall Anita eine Spur zu finden. Er stöbert in den Ufergebüschen herum und betrachtet jeden Gegenstand, der von den Leuten liegengelassen wurde. Bis jetzt hat er nichts Verdächtiges entdeckt, was auch ein Wunder gewesen wäre, denn die Polizei hat die ganze Gegend, genauestens durchgekämmt. Trotzdem hat er das Gefühl, dass er auf etwas Wichtiges stossen könnte, immerhin ist der Tatort bis jetzt noch nicht bekannt. Genauso exakt wie er die Umgebung beobachtet, mustert er die Leute, welche den lauen Nachmittag geniessen.

Plötzlich glaubt er, das Mädchen, welches soeben vom Aareweg abbiegt, könnte Rebekka sein. Seine Gedanken kehren zurück an jene Stelle, wo er sie das erste Mal getroffen hat. Was wäre aus ihm geworden, wenn er sie nicht getroffen hätte? Sofort beschleunigt er seine Schritte, er will sie fragen wie es ihr geht.

Nur, ist es wirklich Rebi?

Obwohl er sehr schnell geht, kann er das Mädchen nicht mehr erreichen, es hat vermutlich den kleinen Park durchquert und bleibt verschwunden. Er eilt durch den Park und schaut die Strasse entlang. Weit kann sie doch noch nicht sein, sie muss in einem der Reihenhäuser verschwunden sein.

Max schlendert den Häuser entlang und schaut sich die Namen an den Briefkästen an. Es hilft ihm nicht weiter, denn er kennt ihren Nachnamen nicht. Er weiss nur, dass sie Rebi heisst. Also, in einem dieser Häuser wohnt sie vermutlich.

Die nächsten Tage richtet es Max so ein, dass er öfters an dieser Strasse vorbei kommt. Er will sich unbedingt bei Rebi bedanken, das ist er ihr schuldig. Jedes schwarzhaarige Mädchen, das er von weitem sieht, versucht er einzuholen, aber entweder erreicht er es nicht mehr, oder es handelt sich nicht um Rebi. So langsam hat er einen richtigen Tick und läuft jedem schwarzhaarigen Mädchen nach. Da in der Strasse auch Asylbewerber untergebracht sind, gibt es viele schwarzhaarige Frauen in dieser Strasse, welche er immer kurz verfolgt.

So geht es nun schon seit zwei Wochen.

Endlich, - diesmal ist sich Max sicher, das Mädchen, welches hundert Meter weiter vorne an der Aare spaziert, dieses Mädchen muss Rebi sein. Es ist ein Mittwochnachmittag, es ist leicht bedeckt und noch nicht so heiss wie an den letzten Tagen. Es sind nicht viele Leute an der Aare unterwegs. Max kommt schnell näher. Als er Rebi bis auf zehn Meter eingeholt hat, verlangsamt er seine Schritte und beobachtet sie noch kurz. Er weiss plötzlich nicht mehr, wie er sie ansprechen soll. Er hat sie zwei Monate nicht mehr gesehen, es ist gar nicht so einfach. Erinnert sie sich überhaupt noch an ihn?

Max nimmt allen Mut zusammen und geht jetzt direkt auf Rebi zu: «Hallo Rebi! - Sieht man dich auch wieder einmal? - Wie geht es dir?»

«Ach sie sind es, - mir geht es gut», stottert Rebi etwas verwirrt. Die Begegnung mit Max hat sie total überrascht. Erstens hat sie ihn nicht sofort erkannt und zweitens fällt ihr sein Name überhaupt nicht mehr ein.

«Bist du auf dem Weg zu unserm Platz?», fragt Max.

«Eigentlich nicht, ich hole eine Freundin ab, dann gehen wir schwimmen», antwortet Rebi und es fällt ihr immer noch nicht ein, wie er heisst.

«Darf ich dich ein Stück begleiten?», fragt Max.

Stumm gehen sie nebeneinander am Ufer entlang, nur noch durch ein kleines Wäldchen, dann sind sie an ihrem Platz.

«Ich war im Frühling in Ägypten», erzählt Max, doch das Gespräch kommt noch nicht richtig in Gang, sie sucht immer noch nach seinem Namen und ist deshalb gehemmt.

«Darf ich ihren Ausweis sehen?», fragt ein Mann und hält Max seinen Polizeiausweis unter die Nase. «Kriminalpolizei!»

Ein zweiter Herr steht inzwischen dicht hinter Max und beobachtet ihn ganz genau. Dann wendet sich einer der Herren an Rebekka: «Kennst du diesen Mann? Wie heisst er?»

«Ja, - ä ich weiss nicht», antwortet Rebekka.

«Was heisst das? Ja oder nein? Wie heisst er?», fragt der Beamte energisch.

«Ich weiss nicht wie der Herr heisst, ich kenne ihn nur flüchtig», stottert Rebi, der Name von Max will ihr jetzt erst recht nicht mehr einfallen, die Beamten haben sie überrumpelt.

«Bitte begleiten sie uns auf das Präsidium. Wir müssen ihnen einige Fragen stellen!»

Max ist noch immer überrascht und weiss nicht wie er sich verhalten soll. Das ist doch die Höhe, kann man nicht einmal spazieren gehen? Was soll er machen, sich zu wehren hat keinen Sinn.

«Sie können nicht einfach Leute vom spazieren weg aufs Präsidium bitten, ich weiss gar nicht, was ich da soll? Ich habe niemandem etwas getan», versucht sich Max herauszureden.

«Doch, wir können», erklärt einer der Beamten, «immerhin sind sie soeben im Begriff, mit einem minderjährigen Mädchen, das sie nur schlecht kennen, in einem Wald zu verschwinden. Ausserdem beobachten wir sie schon länger. Ihre Vorliebe für schwarzhaarige Frauen ist uns schon lange aufgefallen. Das sollten sie uns schon genauer erklären.»

Max sieht ein, dass es das Beste ist, mit den Beamten zusammenzuarbeiten und keine weiteren Verzögerungsmanöver mehr zu versuchen. Je schneller alles über die Bühne geht, um so besser. Auf dem Polizeiposten wird Max das Handy abgenommen und er wird in ein Zimmer geführt.

«Bitte, warten sie hier, wir wollen zuerst mit dem Mädchen reden, damit es wieder nach Hause kann», danach verlässt der Beamte das Zimmer und lassen Max, nachdem sie ihm noch das Handy abgenommen haben, allein.

Die Situation ist schon beschissen, wie soll er das nur Susi erklären? Sicher wartet sie auf ihn. Die Aussicht, dass er bis zwei Uhr zurück ist, wird immer geringer. Er schaut sich im Zimmer um. Die haben doch tatsächlich eine Kamera, mit welcher sie den Raum beobachten können.

Jetzt nur ruhig bleiben, sagt sich Max. Er hat ja nichts Schlechtes getan, es wird sich alles klären. Hoffentlich erzählt Rebekka nichts Falsches. Kennt sie ihn eigentlich noch? Hätte er ihr nur seinen Namen sofort gesagt, sie hätte sich wieder an ihn erinnert. Er weiss auch nicht was er für Rebekka ist? War er jemand, mit dem man seine Spielchen spielen konnte oder war da mehr dahinter? War er für sie nur der Trunkenbold, welcher an der Aare herumhing?

Max muss sich zwingen, diese negativen Gedanken zu verdrängen. Er hat nichts gemacht, also hat er nichts zu befürchten. Das Warten geht ihm allerdings sehr auf die Nerven. Die scheinen sich sehr sicher zu sein, dass sie ihn so lange warten lassen. Er hätte viel darum gegeben, wenn er jetzt beim Verhör von Rebekka dabei sein könnte. Sicher geht bald die Türe auf und der Beamte erklärt ihm, dass alles nur ein Missverständnis war. Er entschuldigt sich für die Unannehmlichkeiten, welche leider nicht zu vermeiden waren. Inzwischen ist Max auch sehr durstig geworden, nicht einmal etwas zu trinken gibt es in dem Laden. Wie soll er dies der Susi erklären?

Als Susi nach Hause kommt wundert sie sich, dass Max nicht da ist. Sie schaltet den Polizeifunk ein. Um diese Zeit ist normalerweise nichts los, aber es ist für sie zur Routine geworden, wenn sie nichts zu tun hat, schaltet sie das Gerät ein.

„... er ist um die Dreissig. Zum Glück konnten wir noch rechtzeitig einschreiten. - Dem Mädchen ist nichts passiert. - Versuchen sie einen Untersuchungsrichter aufzutreiben, wir brauchen einen Haftbefehl.»

Susi glaubt nicht recht zu hören. Da liegt eine Story drin. Wenn nur Max endlich käme. Sie versucht Max anzurufen, doch das Handy ist ausgeschaltet. Sie muss sofort zum Polizeiposten und diesen beobachten. Vielleicht ergibt sich etwas Brauchbares. Inzwischen wird es auf dem Funk ruhig. Nun hält sie es nicht mehr aus, sie schreibt Max eine SMS und informiert ihn über die wichtige Neuigkeit und macht sich auf den Weg.

Kaum zehn Minuten später parkiert sie vor dem Polizeiposten und beobachtet den Eingang. Sie hat Glück, weit und breit kein weiterer Reporter zu sehen. Eine Viertelstunde später ist sie sicher, dass etwas Aussergewöhnliches vor sich geht. Schade, dass sie nicht eine halbe Stunde früher von der Verhaftung erfahren hat, denn dann hätte sie es vielleicht noch geschafft, vom Verhafteten ein Bild zu schiessen.

Nun ist es Zeit, sich ein genaueres Bild zu verschaffen. Sie steigt aus und beginnt direkt vor dem Eingang auf und ab zu spazieren. Ein Beobachter hätte sich gewundert, seit wann Nuten vor dem Polizeirevier patrouillieren? Susi sieht in ihrem kurzen Rock sexy aus?

Endlich kommt ein uniformierter Beamter aus dem Polizeirevier. Offensichtlich hat er verspätet Feierabend und ist froh, dass er nach Hause kann.

«Heute gibt es aber spät Feierabend», spricht ihn Susanne an, «sonst hören sie doch viel früher auf. - Gibt es etwas Besonderes?»

«Wegen diesem Mistkerl, muss ich mein ganzes Programm ändern», entgegnet der Polizist wütend, «aber das geht Sie eigentlich gar nichts an.»

«Was denn für einen Mistkerl?», fragt sie trotzdem weiter.

«Der wollte doch glatt mit einem zwölfjährigen Mädchen im Wald verschwinden, zum Glück haben wir ihn schon einige Zeit beobachtet, bis jetzt ist er den Mädchen nur nachgelaufen, aber heute hat er es gewagt, eines anzusprechen und das dumme Ding wäre tatsächlich mitgegangen. Wenn wir Glück haben ist er der Mörder von Anita. Dann können wir doch noch beruhigt in die Herbstferien fahren.»

«Danke für den Hinweis», freundlich verabschiedet sich Susanne vom Polizisten.

Sofort zückt sie ihr Handy und ruft ihren Redaktor an.

«Hallo Paul, ich bin's, Susi, ich glaube ich habe da eine grosse Story! Heute wurde in Olten ein Mann verhaftet, welcher ein elfjähriges Mädchen vergewaltigen wollte! Man hat den Mann schon einige Zeit beobachtet, wie er Mädchen nachschleicht. Aber jetzt hat man ihn auf frischer Tat ertappt und vermutlich ist er sogar der Mörder von Anita!», Susi ist ganz ausser Atem, so aufgeregt ist sie.

«Hat schon jemand zum Fall offiziell Stellung genommen?», fragt der Redaktor.

«Bis jetzt nicht, die Information habe ich vom Polizeifunk und dann habe ich noch einem Polizisten Informationen aus der Nase gezogen. Aber viel dürfen die natürlich nicht sagen. Ich warte vorerst noch hier, vielleicht kann ich noch ein Foto vom Mädchen schiessen, wenn es aus dem Posten kommt.»

«O.K. bleib am Ball, melde dich jede Stunde. Ich überlege mir inzwischen, wie wir weiter vorgehen, ohne dass wir uns viel Ärger einhandeln. Ausserdem muss ich sondieren, ob wir da nicht eine Exklusivstory bei einer Agentur unterbringen können, für unser Regionalblatt ist die Story fast zu gross. - Also, bis später, Pass auf, lass dir die Butter nur nicht mehr vom Brot nehmen. Tschüss!»

Inzwischen hat die Hektik im Polizeirevier nachgelassen. Lediglich der Staatsanwalt, ein hoher Polizeibeamter und ein Untersuchungsrichter sind im Polizeiposten erschienen. So ganz aus der Luft gegriffen ist die Sache also nicht. Aber neue Informationen kann sie keine beschaffen. Sie will soeben ihren nächsten Zwischenbericht abgeben, als zwei Polizisten das Gebäude verlassen und die Umgebung musterten. Schnell duckt sich Susi und tastet nach der Kamera. Es geht alles sehr schnell, eine Frau verlässt mit einem schwarzhaarigen Mädchen, eilig den Polizeiposten. Susi knipst so viel sie kann, schade dass Max immer noch nicht da ist, solche Fotos sind eigentlich seine Spezialität. Sie ist zufrieden, endlich hat sie etwas Greifbares, etwas Handfestes, damit kann sie weitermachen.

Sobald die vier das Auto erreicht haben, startet auch Susi den Motor und legt das Handy auf den Nebensitz. Mit gebührendem Abstand folgt sie dem Polizeiauto. Die Verfolgung ist nicht schwer und dauert auch nicht lange. Bei einem Wohnblock hält das Auto an und die Frau und das Mädchen steigen aus. Blitzschnell verschwinden sie im Hauseingang. Durch die offenen Fenster im Hausgang kann Susi genau beobachten, in welcher Wohnung Mutter und Kind verschwinden. Nun hat sie vorerst genug gesehen. Sie macht mit ihrem Handy einige Fotos vom Block und schickt sie ihrem Redaktor.

«Na endlich! Du hast Nerven, mich so lange warten zu lassen! Gibt es wenigstens was Neues?»

«Ja, sie haben das Mädchen nach Hause gebracht. Ich weiss jetzt, wo es wohnt und habe bereits Fotos vom Haus und vom Mädchen. Sie ist sehr hübsch und schon recht gut entwickelt, kein Wunder, wenn es da einen packt, so wie die herumläuft. Was glaubst du, können wir die Story schon bringen, oder brauchen wir zuerst eine offizielle Stellungnahme der Polizei?»

«Das ist eine heikle Frage», Paul denkt angestrengt nach, «was haben wir bis jetzt, ein Mann, welcher schon seit Tagen beobachtet wurde und er wollte mit einem Teenager in einem Wald verschwinden. Die Adresse des Mädchens und einige Hinweise für grössere Nervosität auf dem Polizeiposten. Nicht sehr viel, aber auch nicht wenig. Der Name des Täters wäre nicht schlecht, nur das wird schwierig werden. Ein Interview mit dem Mädchen ist rechtlich nicht zulässig, diese Information sollten wir im jetzigen Zeitpunkt noch für uns behalten. Ihr Name wird von der Polizei nicht so ohne weiteres preisgegeben und später können wir mit den Eltern vielleicht ins Geschäft kommen, aber nur, wenn wir die Einzigen sind, welche wissen wo sie wohnt. Aber zuerst muss der Täter einwandfrei feststehen.»

«Ich glaube, das Beste ist, wenn ich den Polizeiposten weiter beobachte, wenn sie ihn heute nicht mehr freilassen, so ist das doch eine recht handfeste Tatsache. Man kann ja nicht jemand über Nacht einbuchten, wenn nichts dahintersteckt. Bis einundzwanzig Uhr haben wir noch Zeit, dann müsste der Bericht geschrieben werden.»

«Also, du gehst zurück zum Posten und beobachtest weiter. Ich setzte inzwischen einen ersten Artikel auf, welchen wir ab zehn Uhr den grossen Zeitungen anbieten, wenn diese noch nicht selber draufgekommen sind. Also, zurück an die Arbeit, du meldest dich weiter jede Stunde zu einem Zwischenbericht. Viel Glück!»

Sie hängt ein und fährt ihr Auto wieder zurück zum Polizeiposten. Am liebsten wäre sie einfach hineingegangen und hätte gefragt, was an der Sache dran ist, aber so etwas verbieten die Spielregeln. Wo bleibt eigentlich Max. Sie ruft ihn an, doch das Handy ist ausgeschaltet, dann ruft sie zuhause an, nichts Max ist nicht erreichbar. Sucht er sie, oder ist er auf eigene Faust am recherchieren? Max ist alles zuzutrauen.

Inzwischen wartet Max immer noch, dass Bewegung in die Sache kommt. Auch wenn er nicht ängstlich ist, so wird er doch nervös und gereizt. Es ist schon eine Frechheit, was die sich mit ihm erlauben. Er sitzt nun sicher schon eine Stunde allein in diesem Zimmer. Dann endlich, nach einer weiteren Viertelstunde, öffnet ein Beamter die Tür: «Kommen sie mit!»

Er wird in ein anderes Zimmer geführt. Am grossen Schreibtisch sitzt ein uniformierter Beamter und weist ihn an, Platz zu nehmen. Er hat seinen Computer vor sich und ist damit beschäftigt, eine Datei zu eröffnen. Endlich beginnt das Verhör, jedoch nicht so, wie es Max erhofft hat.

«Name, Vorname», fragt der Beamte.

«Max Meier.»

«Max ist der Vorname?»

«Ja.»

«Name des Vaters?»

«Hans Meier.»

«Geboren?»

«27. 7. 67».

«Heimatort? Zivilstand?»

«Geschieden.»

«Aa-, geschieden, seit wann», muss der Beamte nachfragen. Das ist wieder ein Minuspunkt, denkt Max für sich.

«Adresse?»

«Max Meier, Postlagernd Olten.»

«Machen sie keine Witze. Wo wohnen Sie.»

«Bei meiner Freundin, Susi, pardon, Susanne Walter.»

Munter geht das Frage- und Antwortspiel weiter. Adresse von Susanne, Telefonnummer, Alter der Freundin, Beruf und so. Später ist Max wieder an der Reihe.

«Beruf?»

«Elektro-Ingenieur HTL.»

«Arbeitgeber?»

«Keiner?»

«Also, arbeitslos, bei welchem Arbeitsamt?»

«Nein, ich bin nicht arbeitslos, ich war arbeitslos, nun verdiene ich als Arbeitsloser zu viel und habe kein Anspruch auf eine Entschädigung.»

Das bringt den Beamten aber ganz schön ins Schwitzen. «Können sie sich nicht genau ausdrücken?»

«Nein, leider ist es ein wenig kompliziert. Ich kann auch nichts dafür, dass ich in etwas komischen Verhältnissen lebe, welche nicht in ihr Formular passen.»

«Bitte werden sie nicht frech, dies ist ein Verhör und ich bin nicht zum Vergnügen hier.»

Also versucht es Max, ihm zu erklären, dass er Susanne bei ihrer journalistischen Tätigkeit unterstützt, ohne dass er irgendwo bei einer Zeitung als Journalist gemeldet ist, alle Einnahmen laufen über Susanne Walter. Nach einer langwierigen Diskussion macht der Beamte bei Beruf seine Eintragung: «Kompliziert, siehe Vernehmungsprotokoll.»

«Darauf kommen wir später zurück, ich weiss nicht, ob sie sich da strafbar gemacht haben, das ist nicht mein Spezialgebiet. Machen wir weiter.»

Jetzt gibt es nur noch einige Fragen über Fahrausweis, letzte Stelle, Schulbildung, Gesundheit, und ob in seiner Familie jemand Geisteskrank sei und ähnliche Fragen. Seit dem Intermezzo mit seinem Beruf und seinen Wohnverhältnissen, ist der Beamte wesentlich unfreundlicher geworden. Man merkt, dass er innerlich überzeugt ist, dass Max ein Verbrecher ist und dass er einen grossen, wenn auch nicht einfachen, Fang gemacht hat.

«Meier, komm mit», kommandiert der Beamte.

«Für sie immer noch, Herr Meier», wehrt sich Max, auch wenn er weiss, dass er sich nicht beliebter macht.

«Also, Herr Meier, folgen sie mir.»

Jetzt muss er sich auf einen Stuhl setzen, ein zweiter Beamter macht die berühmten Verbrecherfotos, von vorn, von der Seite und noch normal. Dann werden noch die Fingerabdrücke abgenommen und seine Grösse genau festgestellt. Die Augen und Haarfarbe werden aufgeschrieben.

Auf die Frage von Max: «Ist das denn nötig, kann ich nicht vorher das ganze Missverständnis aufklären», erhält er die Antwort: «Hier bestimmen wir, was, wann, zu geschehen hat. Ist das klar? Wir haben da unsere Vorschriften. Sie können nachher immer noch einen Antrag stellen, dass ihre Akten im Archiv gelöscht werden müssen, aber ein anständiger Bürger muss eigentlich keine Angst haben, wenn seine Fingerabdrücke registriert sind. Da müssen sie mir doch Recht geben.»

Max gibt es auf, es hat keinen Wert, sich gegen die Behandlung zu wehren, er nimmt sich vor, alles genau in Erinnerung zu behalten und dann, wenn er wieder frei ist, wird er das ganze Prozedere in einem Artikel beschreiben und gross in die Zeitung bringen, er wird es ihnen heimzahlen.

«Darf ich noch kurz jemand anrufen», fragt Max, als das Verhör unterbrochen wird.

«Wollen sie ihren Anwalt anrufen?»

«Eigentlich nicht, ich hoffe nicht, dass ich einen brauche, aber meiner Freundin hätte ich gerne Bescheid gesagt, die macht sich sicher Sorgen.»

«Diese Mühe können sie sich sparen, da haben wir schon versucht anzurufen, aber sie ist nicht zu Hause, es nimmt niemand ab», erklärt ihm der Beamte.

Diese Meldung macht Max stutzig, wieso dürfen die Beamten einfach bei seiner Freundin anrufen, ohne es ihm zu sagen? So langsam wird ihm bewusst, dass er da ein grosses Problem hat. Vielleicht wäre es doch besser einen Anwalt beizuziehen, aber er kennt nur den Anwalt, welcher die Scheidung durchgezogen hatte, aber mit dem will er lieber nichts mehr zu tun haben. Es wird sich schon alles aufklären, wenn er doch nur endlich jemandem erklären dürfte, wieso er Rebekka verfolgt hat. Aber die Beamten wollen Zeit gewinnen, damit sie sich ein besseres Bild von ihm machen können. Keine leichte Aufgabe bei seinem Leben in den letzten zwei Jahren.

Diesmal muss er doch nicht so lange warten.

«Herr Meier, kommen sie mit», befiehlt der Beamte von vorhin. Max läuft hinter ihm her durch einen langen dunklen Gang. In einem hellen Zimmer muss er Platz nehmen. Die Türe geht auf. Ein zivil gekleideter Beamter betritt das Zimmer. Er trägt einen leichten Sommeranzug mit Krawatte.

«Friener!», stellt er sich vor, «Staatsanwalt Friener.»

«Ich wurde mit der Untersuchung beauftragt», er liest kurz das ausgefüllte Protokoll durch und runzelt die Stirn.

«Haben sie etwas dagegen, wenn wir das Gespräch aufzeichnen? Sie wissen, dass sie das Recht haben, die Aussage zu verweigern. Sie müssen sich nicht selber belasten. Also erzählen sie mir, was sie von dem Mädchen wollten?»

Endlich kann Max seine Geschichte loswerden. Der Staatsanwalt lässt ihn tatsächlich reden, ohne zu unterbrechen. Max erzählt wie er Rebekka kennen gelernt hat und welchen guten Einfluss sie auf ihn hatte. Dann berichtet er kurz über Ägypten, ohne jedoch seine Flucht zu erwähnen, erzählt er, wie er Susanne kennen gelernt hat. Danach erklärt er, wie er in letzter Zeit immer wieder versuchte, Rebekka zu finden, um sich bei ihr zu bedanken, denn immerhin hatte sie ihn von seiner Trunksucht gerettet, auch wenn sie es selber vielleicht nicht bemerkt hat.

«So, das wäre also kurz erzählt, warum ich Rebi angesprochen habe. Kann ich nun gehen?», fragt Max.

«Ich hätte da doch noch ein paar Fragen», antwortet der Staatsanwalt. Es wird noch etwas länger dauern. Er zeigt ihm ein Bild von Anita, dem ermordeten Mädchen.

«Kennen sie dieses Mädchen?»

«Ja, das war Anita», meint Max spontan.

«Woher kennen sie es», fragt der Beamte neugierig.

«Nur aus der Zeitung, das ist doch das Mädchen, welches ermordet im Rechen des Kraftwerks angeschwemmt wurde. Sie wurde irgendwo am Aareufer erdrosselt und mit einem Messer ziemlich stark verstümmelt. Der Täter warf es anschliessend in die Aare, beschwert mit einem Backstein um den Hals, welcher an einem Springseil befestigt war, das Seil ist durchgescheuert und die Leiche wurde einige Tage später beim Kraftwerk angeschwemmt.»

«So, so, in welcher Zeitung haben sie das gelesen?»

«Ich lese viele Zeitungen, das gehört zu meinem Job.»

«Dann hätte ich nur noch eine Frage: Wo waren sie am 14. März 2021 am Nachmittag?»

«Das weiss ich nicht, da muss ich zuerst nachdenken. Immerhin ist es mehr als zwei Monate her und ich habe einen unregelmässigen Tagesablauf. Morgen könnte ich ihnen anhand meines Notizbuches etwas besser Auskunft geben. Kann ich jetzt gehen? Es ist schon spät und ich habe langsam Hunger.»

«Herr Meier, es tut mir leid, aber ich muss leider einen Haftbefehl gegen sie ausstellen, sie sind verhaftet. Das Essen kriegen sie zu den normalen Essenszeiten im Untersuchungsgefängnis.»

Max verschlägt es die Sprache, jetzt hat er gedacht, dass er alles aufgeklärt hätte und der Staatsanwalt machte den Eindruck, dass er ihm glaubt, also warum muss er nun doch in Haft bleiben?

«Aber warum», fragt Max, «ich habe doch nichts gemacht?»

«Ja, Herr Meier», der Staatsanwalt antwortet mit einem sorgenvollen Unterton, «sie haben über den Fall “Anita“ Details erzählt, die in keiner Zeitung standen. Aber für heute müssen wir Schluss machen, sonst verpassen sie noch das Nachtessen im Untersuchungsgefängnis und sie haben doch Hunger. Ihre Freundin ist übrigens immer noch nicht erreichbar. Darf ich mich jetzt von ihnen verabschieden, wir sprechen uns morgen wieder. Kommissar Meili wird sie in ihre Zelle bringen. Also, gute Nacht, Herr Meier.»

Herr Friener verlässt das Zimmer und Kommissar Meili fordert ihn auf, ihm zu folgen. Max kann es nicht glauben. Er ist in Untersuchungshaft gelandet! Was wird Susi dazu sagen?

Susi schleicht den ganzen Nachmittag um das Polizeipräsidium, aber der Verhaftete wird noch nicht freigelassen. Zwischendurch versucht sie immer wieder Max anzurufen, aber er meldet sich nicht. Immer wenn man ihn braucht, ist er nicht da. Sie hat Hunger, aber ohne Ablösung will sie die Stellung nicht verlassen.

Endlich gegen sieben Uhr verlässt Herr Staatsanwalt Friener den Polizeiposten. Susi rast über die Strasse und geht direkt auf Herr Friener zu.

«Darf ich sie kurz etwas Fragen? Stimmt es, dass sie einen Verdächtigen im Mordfall Anita verhaftet haben?»

«Ja, es stimmt, aber wir können noch nichts Näheres bekannt geben.»

«Danke. Anscheinend sind die Vorwürfe so gravierend, dass er in Haft behalten wird», hartnäckig hackt Susanne nach.

«Ja, er weiss zum Mordfall Anita Details, welche nur der Mörder wissen kann und ausserdem war er bei der Verhaftung im Begriff, mit einem Mädchen in einen Wald zu gehen. Es sind zwar erst wenige Anhaltspunkte, aber wir wollen alles genau abklären. Er hatte gute Erklärungen, warum er das Mädchen angesprochen hatte, aber bis wir sein Alibi überprüft haben, bleibt er in U-Haft. Ich bitte sie, noch keine Meldung in die Presse zu geben, wenn sie keine Klage wegen übler Nachrede am Hals haben wollen. Gute Nacht.»

Für heute gibt es hier nichts mehr zu tun. Susanne beschliesst nach Hause zu fahren und von dort will sie nochmals Paul anrufen, um das weitere Vorgehen zu besprechen.

Sie ist verwundert, dass Max immer noch nicht zu Hause ist, denn sie muss die Türe aufschliessen. Eilig geht sie durch die Wohnung, um ein Lebenszeichen von Max zu finden, sie findet aber noch alles so vor, wie sie es verlassen hat. Es sieht so aus, als ob Max noch immer nicht nach Hause gekommen ist. So langsam hat sie Angst, ist ihm etwas passiert? Es hat keinen Sinn, sich grosse Gedanken zu machen. Sie gehört nicht zu den Leuten, welche sich Sorgen machen, bevor sie wissen weshalb. Zurzeit hat sie genug zu tun. Sie holt den Ordner mit allen Unterlagen zum Mordfall Anita und beginnt, darin zu blättern. Plötzlich klingelt die Türglocke.

«Hat Max etwa nur die Schlüssel vergessen», fragt sie sich, «der ist er sicher sehr sauer, weil sie den ganzen Nachmittag nicht nach Hause gekommen ist.»

Sie öffnet die Tür und schaut erstaunt auf die beiden Polizisten, welche vor der Türe stehen.

«Was gibt's?», fragt Susanne.

«Bei ihnen wohnt doch Max Meier», fragt einer der Beamten, «wir haben einen Hausdurchsuchungsbefehl, dürfen wir reinkommen?»

«Was habt ihr? Ist etwas mit Max passiert?»

«Herr Meier wurde heute Nachmittag vorläufig festgenommen, dürfen wir jetzt reinkommen?»

In Susannes Kopf beginnt es zu rumoren. Ist Max der geheimnisvolle Täter? Hatte er sie mit diesem schwarzhaarigen Mädchen betrügen wollen? Hatte Max deshalb so viel Interesse am Mordfall Anita? Ging er deshalb so oft am Nachmittag an die Aare? War der Vorwand, allein zu sein, nur eine faule Ausrede? Blitzschnell überlegt sie, ist es möglich, dass Max ein Doppelleben führt? Kennt sie ihn eigentlich gut genug? Wenn sie ehrlich ist, so ist Max für sie immer noch ein Fremder. Will er deshalb keine Publizität, damit man seine Bilder nicht in der Zeitung sehen kann und ihn eventuell auf Grund eines Bildes identifizieren könnte. Alles hält sie für möglich, rasend schnell überlegt sie weiter, wie man sich doch in einem Menschen täuschen kann. Für Susi bricht eine Welt zusammen, sie kann sich gar nicht auf die beiden Polizisten konzentrieren.

«Besten Dank, für ihr Entgegenkommen», hört Susanne einen Beamten sagen, «wir tun nur unsere Pflicht, wir müssen uns nach verdächtigen Utensilien umsehen.»

Als Erstes fällt den Beamten natürlich der Ordner auf, in welchem Susanne gerade geblättert hat und der noch offen auf dem Tisch liegt. Mit Handschuhen wurde der Ordner in einen Plastiksack gesteckt, dann muss sie alle Schuhe von Max aus dem Schuhkasten holen. Auch sämtlich Papiere von Max, muss sie rausrücken, Zeugnisse, Notizbuch, Scheidungsurteil, Versicherungspolicen, überhaupt, alles was Max gehörte. Er besitzt ja nicht sehr viel.

Nach einer Stunde haben die Beamten genug gesehen.

«Wir müssen sie auffordern, uns morgen auf dem Präsidium zu besuchen, wir müssen die Lebensumstände von Herr Meier genauer durchleuchten. Dazu müssen sie eine Aussage machen. Melden sie sich um neun Uhr bei Herr Friener im zweiten Stock. Tut uns leid, dass sie Unannehmlichkeiten haben, aber leider können wir bei einem Mord nicht allzu viel Rücksicht nehmen.»

Die Tür schliesst sich hinter den Beamten. Susi ist wie erschlagen und weiss nicht was sie von der Sache halten soll.

Kann man sich so in einem Menschen täuschen? Wie stark sitzt Max da mit drin? Hat ihn die lange Einsamkeit dazu getrieben? War es die Scheidung, die er nicht verkraftet hat, oder doch eher die ausgestandene Angst in Ägypten?

Jetzt muss sie Paul informieren. Sie ist gespannt, was er zu dieser Entwicklung des Falls sagen wird. Mit zittriger Hand wählt sie die Nummer.

«Na endlich, wo hast du die ganze Zeit gesteckt? Ich weiss immer noch nicht, ob wir nun die Story bringen können oder nicht.»

«Es hat sich da etwas im Fall gewendet, ich bin gespannt, was du dazu meinst», gegen die Tränen ankämpfend erzählt sie Paul alles, was sie in den letzten zwei Stunden erlebt hat.

«Ich kann mir das mit Max einfach nicht vorstellen, aber ich kenne ihn ja nicht so gut wie du! Ich war nie mit ihm im Bett. Entschuldigung, das war geschmacklos», Paul ist immer noch eifersüchtig auf Max, denn seit der bei Susi eingezogen ist, konnte er bei ihr nicht mehr landen. Aber wenn er ehrlich ist, er kann es sich trotzdem nicht vorstellen, dass Max zu so einer Tat fähig wäre. Sicher, er hatte in letzter Zeit viel Pech gehabt und so etwas konnte einen Menschen sehr stark verändern. Er weigert sich trotzdem, so etwas von Max zu denken. Aber langsam beginnt er sich zu ärgern, denn er sieht ein, dass ihm eine tolle Story den Bach hinunter schwimmt, vor seinem Gewissen kann er es einfach nicht verantworten, in dieser Situation über den Fall zu berichten.

«Ich weiss effektiv nicht, was wir machen sollen», fragt Paul, «was meinst du?»

«Wenn ich das wüsste, ich könnte platzen vor Wut, wenn ich daran denke, dass er mich mit diesem jungen Ding betrügen wollte. Ich kann ihn ja verstehen, in diesem Alter sah ich auch noch sehr gut und verführerisch aus. Warum läuft diese Göre auch so sexy rum?»

«Bist du eifersüchtig? Man hört die betrogene Freundin heraus. Pass Morgen bitte auf, dass du ihn nicht zu stark belastest, sonst sitzt er unter Umständen noch lange im Gefängnis. Ich höre aus deinem Gespräch heraus, dass du ihn bereits als schuldig verurteilst. Ich glaube, ich bringe morgen noch nichts in der Zeitung, es ist mir zu riskant, wir können später unsere gute Position immer noch ausspielen, wenn wir sicher sind. Gute Nacht, ich muss jetzt zuerst darüber schlafen.»

Der Gefängnisalltag beginnt für Max mit dem Bezug seiner Zelle im vierten Stock des Polizeigebäudes. Seine wenigen persönlichen Effekten, die er auf sich trägt, werden ihm abgenommen. Er erhält leihweise einen Trainingsanzug für die Nacht. Wenn er länger bleiben muss, darf er seine eigenen Kleider tragen. Doch damit rechnet Max nicht, er ist ja unschuldig.

Die Zelle ist etwa zwei Meter breit und drei Meter lang. Das Fenster liegt etwas erhöht, er muss auf einen Stuhl steigen, wenn er auf die Strasse runter sehen will. Er hat eine schöne Aussicht auf den Jura. In der Nähe des Fensters steht ein Schreibtisch und an der Wand ein normales Bett. Hinter einem Vorhang leicht versteckt, gibt es ein Lavabo und die Toilette. Im Vergleich zu den Hotels in Ägypten ist es direkt komfortabel eingerichtet, vor allem ist es blitzsauber, was ihn etwas positiver stimmt.

Der Wärter, welcher ihn einquartiert und mit der Hausordnung vertraut macht, erklärt nur das Nötigste und zieht sich nach kurzer Zeit zurück.

«In einer halben Stunde gibt es Nachtessen», erklärt er Max bevor er die Türe hinter sich schliesst, «bis dahin würde ich noch die Hausordnung durchlesen, sie liegt in der obersten Schublade des Schreibtisches.»

Nun ist Max allein und beginnt in der Zelle auf und ab zu gehen. Mit so etwas hat er in Ägypten gerechnet, aber dass ihm das in der Schweiz passieren würde, das überrascht ihn doch ziemlich. Er fühlt sich hundemüde und freute sich, auf eine ruhige Nacht, hoffentlich ist das Essen gut.

«Was wird wohl Susi denken, wenn er nicht nach Hause kommt? Herr Friener hat ihm versichert, dass sie über seinen Verbleib informiert wird. Doch wie wird sie reagieren, wenn sie hört, dass er im Gefängnis gelandet ist? Sicher wird sie alle Hebel in Bewegung setzten, dass er wieder freikommt.»

Optimistisch für den nächsten Tag schläft Max ein, er ist überzeugt, dass es die einzige Nacht im Gefängnis sein wird. Er hat eine neue Erfahrung gemacht, welche ihm als Journalist vielleicht zu gute kommen wird. Mit diesen Gedanken schläft er ein, ohne zu ahnen, dass er sich doch irrt.

Als Susi am nächsten Morgen aufsteht, holt sie als erstes die Zeitung aus dem Briefkasten. Sie hat schlecht geschlafen, es ist eigenartig, wie sie sich bereits an Max gewöhnt hat. Sie will heute versuchen, einen Besuchstermin bei Max zu bekommen.

Sie holt die Zeitung aus dem Briefkasten und erschrickt, da steht in grossen Buchstaben:

«Ist der grausame Mörder von Anita endlich gefasst?»

Mit kleineren Buchstaben geht es weiter: «Ist der Verhaftete M. M. der Mörder von Anita? Noch hat er kein Geständnis abgelegt, aber der Verdacht wird immer konkreter. Kein Alibi, er weiss über den Fall Anita Details, welche nur der Täter wissen kann, M. M. hielt sich sehr oft im besagten Gebiet auf, M. M. verfolgte öfters junge Mädchen, die zwölfjährige R. K. hatte riesiges Glück, sie war auf dem Weg mit M. M. in einen Wald, als die Polizei einschritt und M. M. verhaftete. Ist die Verhaftung zu früh erfolgt? Fehlen jetzt die Beweise gegen M. M.? Hätte die Polizei die Zwei nicht besser noch eine Weile beobachtet? Die Staatsanwaltschaft wird es sehr schwer haben, die Tat zu beweisen, im Fall Anita gibt es sehr wenig Spuren.»

Anschliessend wird der ganze Fall Anita neu aufgerollt. Unter dem Motto, sie erinnern sich, können nochmals einige Spalten gefüllt werden.

Susanne kocht vor Wut, jetzt hat doch Paul alles Material, welches sie zusammengetragen hat, gegen ihren Willen veröffentlicht. Schnaubend vor Wut rennt sie die Treppe hoch und greift zu Telefon. Paul ist in der Redaktion nicht anzutreffen, also versucht sie es zu Hause. Pauls Frau nimmt ab und erklärt ihr: «Mein Mann hat die ganze Nacht durchgearbeitet und braucht jetzt Schlaf.»

Susanne ruft in der Zeitung an und verlangt den stellvertretenden Redaktor. Dieser erklärt ihr, dass Paul spät in der Nacht nochmals mit Staatsanwalt Friener gesprochen hat und dass die ziemlich sicher sind, den richtigen Täter verhaftet zu haben. Es steht schlecht um Max. Sie muss sich keine Sorgen machen, denn sie wird an dem Fall tüchtig mitverdienen. Sie ist am jetzigen Artikel finanziell beteiligt.

«Am Besten ist, du machst dich gleich an die Arbeit, eine solche Chance bekommst du nicht so schnell wieder.»

Mit einem gemischten Gefühl geht Susanne zur Einvernahme auf den Polizeiposten. Max ist für sie selber zu einem Rätsel geworden. Irgendwie ist sie eifersüchtig auf Rebekka. Dieses junge Ding nimmt sich einfach heraus, ihr Max wegzunehmen. Aber handelt es sich um ein Wegnehmen? Aber was wollte er sonst von ihr? Macht es ihn einfach unglaublich scharf, ein unverdorbenes Mädchen zu verführen? Gehört er zu den Männern, welche auf solche jungen Mädchen stehen? Denkbar wäre es schon, dass die Scheidung, der Alkohol und die Ereignisse in Afrika, zu einer psychischen Störung führten.

Während der Befragung regt sie sich furchtbar darüber auf, was für intime Details, dieser Beamte alles wissen will. Mehrmals verweigert sie die Aussage unter dem Hinweis, dass ihr Sexualleben nicht zur Diskussion steht. Sie hat nicht die Absicht, einen Seelenstrip hinzulegen und ist auch nicht bereit, den Beamten über ihre Sexpraktiken Auskunft zu geben, damit sich der daran ergötzen kann. Der Beamte treibt sie aber trotzdem ziemlich in die Enge. Seine Drohungen, bezüglich der Illegalität ihrer Beziehung zueinander, sowohl steuertechnisch, wie auch nach den geltenden Arbeitsrechten, verunsichern Susanne sehr. Zum Glück bezieht Max keine Arbeitslosenunterstützung mehr, sonst wäre sie vermutlich noch wegen Beihilfe zum Betrug einvernommen worden. Aus der jetzigen Situation kann nicht mehr nachgewiesen werden, ab wann Max wesentlich zu ihrem Verdienst beisteuert hat.

Nach drei Stunden hat Susanne das Verhör endlich hinter sich gebracht, mit einer Wut im Bauch verlässt sie den Polizeiposten. Es ist schon eine Frechheit, was für Fragen sie den Beamten beantworten musste. Auf Grund des Verhörs ist sie jetzt ziemlich sicher, dass Max der Mörder von Anita sein könnte. Dieser Umstand steigert ihre Wut noch beträchtlich.

«Wie konnte ihr Max das antun?»

Wenn er schuldig ist, dann wird sie sich grausam rächen, denn, so langsam fühlt sie sich auch als Opfer von Max. Sie bekommt Angst, wie sie sich rechtfertigen soll, einen solchen Mann als Freund aufgenommen zu haben, ja sie hat sich ihm ja förmlich aufgedrängt. Womöglich wird sich Max mit dieser aufgedrängten Beziehung sogar noch vor Gericht verteidigen und sie steht als moralische Mittäterin da. Aber sie hat es ja nur gut gemeint mit Max, dass sie von dieser Beziehung profitiert hat, das ist eigentlich normal. So ist es bei jeder Beziehung. Aber eines wird ihr immer mehr bewusst und stimmt sie traurig: «Max und Susi, sind ein eingespieltes Team, aber die grosse Liebe war ihre Beziehung nicht.»

Sie haben viel Spass im Bett, aber genau genommen ist es eben doch nur eine Verbindung, welche zustande kam, weil eben beide profitieren. Susi beschliesst, bei Paul in der Redaktion vorbeizuschauen. Sie muss unbedingt wissen, wieso er schon alles in der Zeitung gebracht hat und bei dieser Aussprache will sie ihm in die Augen sehen. Handelt es sich um einen Racheakt gegen Max, ist er eifersüchtig, oder will er nur gross rauskommen und endlich eine grosse Nummer in der Zeitung sein?

Susi meldet sich unten an der Rezeption an. Paul ist anwesend und wird sie empfangen.

«Hallo Susi!», begrüsst sie Paul, «komm, wir fahren irgendwo hin, wir müssen uns ungestört unterhalten können. Ich nehme meinen Wagen, da bin ich telefonisch erreichbar. So werde ich informiert, wenn meine Frau anruft.»

Paul fährt in Richtung Jura und sie halten in einem kleinen Gartenrestaurant. Die Aussicht auf das Aaretal ist wunderbar. Aber sie sind nicht wegen der Aussicht gekommen, während der Fahrt wurde nicht über den Fall Max gesprochen. Erst als sie im Gartenrestaurant sitzen legt sie los.

«Was hast du dir eigentlich dabei gedacht, den Bericht schon in die Zeitung zu geben?», dabei gibt sie sich keine Mühe ihre Wut zu verbergen.

«Wenn man deinen Bericht gelesen hat, dann ist es schon klar, dass Max ein Mörder ist. Es ist ein Wunder, dass du wenigstens nur M. M. geschrieben hast. Aber sonst hast du alles geschrieben, was ich herausgefunden habe.»

«Ja, du hast ja Recht, aber wir haben da auch unsere Verbindungen zur Polizei und die haben eigentlich keine grossen Zweifel mehr, dass dein Max der Täter ist und in dieser Situation muss man handeln, sonst nimmt dir die Konkurrenz die Butter vom Brot. Heute werden es sowieso schon die Spatzen vom Dach pfeifen. So ist nun mal unser Beruf, dem Zweiten bleiben nur die Brosamen, du musst der Erste sein. Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht.»

Heftig wird hin und her gestritten. Nicht ohne Stolz stellt Susi fest, dass auch eine gehörige Portion Eifersucht mitspielt. Paul scheint ihre gelegentlichen Seitensprünge doch zu vermissen, denn seit Max bei ihr eingezogen ist, hat sie schon gar keine Möglichkeiten mehr, sich mit ihm im Bett zu treffen. Für Susi ist das kein Problem, sie hat ja Max, für Paul ist es ein echter Abbau an Lebensqualität.

«Du bist natürlich finanziell voll mitbeteiligt», erklärt Paul, «ich denke wir teilen zu gleichen Teilen. Du bringst die Informationen aus erster Hand und ich schaue, dass ich möglichst viel herausholen kann. Nur zusammen sind wir stark.»

Sie unterhalten sich noch eine Weile über Max, was für Storys er liefern kann und wann, sie welche, bringen wollen. Susi kommt sich gemein vor, aber Max hat auch nicht an sie gedacht, als er dieser jungen Göre nachlief.

«Kommst du noch mit zu mir», fragt Susi Paul, «ich habe Lust, ich muss mich ein bisschen abreagieren.»

«Bei so einem verlockenden Angebot kann ich nicht nein sagen. - Ober zahlen!»

In ihrer Wohnung stürzen sie sich aufeinander wie zwei Verliebte, die sich fünf Wochen nicht gesehen haben.

Max beginnt den zweiten Tag im Gefängnis optimistisch. Der Kaffee schmeckt ihm gut. Er hat sehr schlecht, aber dafür lange geschlafen. Ohne Eile kann er seine verschiedenen Arbeiten verrichten, welche es an Hand der Hausordnung zu tun gibt. Um acht Uhr ist er zum ersten Verhör bestellt. Herr Friener setzt seine Befragung fort. Er ist jetzt in Besitz des Notizbuchs und Max versucht anhand der Eintragungen die Fragen des Untersuchungsrichters zu beantworten. Es gelingt Max jedoch nur unvollständig zu belegen, wo er sich an den fraglichen Tagen aufgehalten hat. Bei seinen unterschiedlichen Tagesabläufen ist dies nicht verwunderlich, zu dumm für Max, dass ausgerechnet diese Tage sehr schlecht dokumentiert sind. Dies ist für den Staatsanwalt wieder ein Hinweis mehr, der Max verdächtig macht.

«Wir müssen hier die Befragung unterbrechen», meint Herr Friener gegen zehn Uhr, «Herr Doktor Marti, unser Gefängnisarzt, wird sie jetzt noch untersuchen.»

«Aber, wann komme ich nun endlich frei?», regt sich Max auf, «ich habe ja nichts gemacht! Was wollt ihr denn noch von mir? Ich will nicht den Sündenbock für jemand anderes sein. Ich habe diese Anita noch nie vorher gesehen! Das könnt ihr mit mir nicht machen, ich werde sie verklagen!»

Max schreit in seiner Wut immer lauter. Plötzlich kommen zwei uniformierte Polizisten ins Zimmer, nehmen Max in den Polizeigriff und führen ihn aus dem Zimmer. Vergeblich versucht er sich zu wehren. Er wird in ein Untersuchungszimmer geführt, das wie eine Arztpraxis eingerichtet ist.

«Bitte beruhigen sie sich», besänftigt ihn der Arzt, «wenn sie unschuldig sind, wird sich das herausstellen, für die moderne Wissenschaft ist das kein Problem. Ich bin Doktor Marti. Bitte ziehen sie sich aus, ich muss sie untersuchen.»

Max beruhigt sich wenigstens ein bisschen und gibt sich wieder friedlicher, so dass ihn die beiden Beamten loslassen. Doktor Marti setzt seine Bemühungen fort, Max zu beruhigen. Jetzt können die beiden Beamten draussen zu warten.

Er beginnt mit der Untersuchung, Max wird Blut entnommen, dann untersucht er seinen ganzen Körper und Max muss über jeden Kratzer, der an seinem Körper auftaucht Auskunft geben und von seinem Ägyptenabenteuer gab es da doch einige, besonders von den scharfen Korallen am Strand und von seinen Kletterpartien in den Felsen am Nil.

Später werden ihm peinliche Fragen über seine sexuellen Praktiken gestellt. Welche Stellungen er bevorzugt, ob er gerne mit dem Mund befriedigt werde, ob er schon anal verkehrt habe und natürlich, ob ihn junge Mädchen oder sogar Männer, sexuell erregen.

«Nun brauche ich noch ihr Sperma», erklärt der Arzt und man kann ihm ansehen, dass es ihm auch ein wenig peinlich ist, «sie können es in dieser Kabine erledigen. Darf ich sie bitten.»

Es ist schon eine verdammt peinliche Situation für Max, aber unter diesen Bedingungen geht es einfach nicht. Dieser Umstand vermerkt der Arzt mit der Bemerkung: «Leichte Potenzprobleme!» im Protokoll.

«Versuchen sie es damit», er reicht ihm ein Pornoheftchen durch die Kabinentür. Damit soll es eigentlich gehen. Tatsächlich bringt es Max hinter sich, es ist so peinlich.

«Na endlich», brummt der Arzt mürrisch, «warum nicht gleich so.»

Max kocht wieder vor Wut, aber er nimmt sich zusammen und blieb stumm.

«So, wir wären fertig», erklärt der Arzt und ruft einen Beamten herein, «sie können Herr Meier wieder in seine Zelle bringen.»

Kurze Zeit später ist Max wieder allein in seiner Zelle. Dass man sich eine solche Behandlung gefallen lassen muss ist ungeheuerlich. Aber was kann er machen, am liebsten hätte er diesen Doktor Marti umgebracht, «Leichte Potenzprobleme!!», so ein Idiot. Was hat das damit zu tun, wenn man unter solchen Bedingungen nicht kann. Überhaupt war die ganze Untersuchung eine einzige Demütigung für ihn. Er hockt auf seinem Bett und denkt über seine Lage nach, so langsam hat er die Hoffnung aufgegeben, dass er hier schnell wieder rauskommt. Plötzlich bekommt er einen Weinkrampf.

Nach dem recht guten Mittagessen erhält er Besuch vom Pfarrer. Max hat schon lange kein Gespräch mit einem Pfarrer geführt. Er hat Probleme mit Beten, er kann sich einfach nicht vorstellen, dass das etwas helfen soll. Er ist zu der Überzeugung gelangt, dass man sich selber helfen muss. Doch nun ist Max plötzlich in eine Lage geraten, aus der er selber nicht herauskommt. Es wird ihm bewusst, dass er fremde Hilfe braucht, wie damals in Ägypten, als er ohne die Hilfe von Mustafa nicht durchgekommen wäre. Diesmal ist er auf eine andere Form von Hilfe angewiesen, nur weiss er nicht genau, wie die aussehen muss. Der Pfarrer jedenfalls scheint nicht der richtige Partner zu sein.

Der Pfarrer gibt ihm den Rat, sich einen Rechtsanwalt zu suchen. So wie seine Lage zurzeit steht, muss Max einsehen, dass es wohl das Beste ist.

«Können sie mir einen empfehlen», fragt er den Pfarrer, «bis jetzt habe ich nur bei der Scheidung einen gebraucht, aber den möchte ich nicht mehr sehen, das ist für mich abgeschlossen.»

«Ich habe da eine Liste mit allen Rechtsanwälten der Region», erklärt der Pfarrer und nimmt einige Blätter mit Adressen aus der Aktentasche, «ich kenne die Leute auch nicht gut, in ihrer Lage wird es schwer werden, dass wir einen finden, der den Fall übernehmen will. Die sind an Fällen, bei denen es viel Arbeit gibt und nur schlechte Aussichten auf normale Bezahlung besteht, nicht besonders interessiert.»

Max darf mit dem Pfarrer in ein Zimmer mit einem Telefon wechseln und dort rufen sie einige Rechtsanwälte an. Wie der Pfarrer bereits angekündigt hat, sind die meisten zu sehr beschäftigt und wollen vor ihrem Jahresabschluss nicht noch einen neuen Fall übernehmen. Schliesslich finden sie eine Frau Doktor M. Moser, welche sich bereit erklärt, den Fall zu übernehmen. Für heute reicht es allerdings nicht mehr zu einem Besuch. Sie würde versuchen, ihren neuen Mandanten morgen zu besuchen. Vor diesem Gespräch ist nicht sicher, dass sie den Fall übernimmt.

Max muss sich also damit abfinden, dass er noch eine Nacht hier verbringen muss. Dieser Gedanke ist für ihn in seiner heutigen Verfassung fast unerträglich, ausserdem quält ihn, dass er nicht mit Susi sprechen darf. Er hätte ihr gerne alles erklärt, wie das mit der Beziehung zu Rebekka genau war, sicher hätte sie Verständnis für ihn gehabt. Den Pfarrer konnte er mit seiner Geschichte überzeugen, so hat er wenigstens den Eindruck gehabt, doch bei einem Pfarrer weiss man nie so genau, ob sie ihre Meinung äussern, oder er nur das erzählt, was sein Gegenüber hören will.

Max hat auf jeden Fall einen sehr schlechten Nachmittag, wenn er noch gewusst hätte, was in der Zeitung stand, wäre es ihm noch schlechter gegangen. Den endgültigen Tiefschlag erhält er kurz vor dem Nachtessen. Ein uniformierter Polizist bringt ihm seine Koffer. Darin sind alle seine Effekten verstaut. Sie hat gar nichts vergessen. Alles ist im Koffer, sein Schachcomputer, sein Notebook, seine Pyjamas und seine gesamte Wäsche. Viel mehr besitzt er ja immer noch nicht. Durch die Tränen in seinen Augen kann er den kurzen, aber eindeutigen Brief fast nicht lesen, welcher den Koffern beigelegt ist. Darin teilt ihm Susi mit, dass sie von ihm grenzenlos enttäuscht sei, vor allem, dass er hinter jungen Mädchen herschleiche, was ja bewiesen sei, veranlasse sie, ihre Beziehung sofort zu lösen. Sie wünsche, dass er endgültig aus ihrem Leben verschwinde und sie nicht mehr belästige.

Nun ist Max wieder allein. Mit Rebekka kann er sich in nächster Zukunft sicher nicht aussprechen und Susi hat ihn mit diesem Brief so grenzenlos enttäuscht, dass er selber sie gar nicht mehr sehen will. Es wird ihm bewusst, dass ihre Beziehung nicht die grosse Liebe war, sondern doch eher eine zweckmässige Verbindung. Das hiess jedoch und das ist für Max ein schwerer Schlag, er hat soeben, seinen Job, seine Wohnung und seine letzte Bezugsperson verloren. Das Essen rührt er nicht an und hat deshalb mit dem Wärter eine heftige Diskussion, weil das Geschirr noch schmutzig ist, als der es abholen will.

«Ach, leck mich am Arsch», hat er geschrien und es hätte nicht viel gefehlt und er hätte ihm das Geschirr an den Kopf geworfen. Der Beamte hat zum Glück Erfahrung mit solchen Situationen und zieht sich sofort, ohne sich auf eine weitere Diskussion einzulassen, mit dem gefüllten Essgeschirr zurück. Max ist für die Nacht mit seinen Gedanken allein.

«Soll er sich umbringen?», fragt er sich immer wieder, «es hat ja alles keinen Sinn mehr, alles läuft gegen ihn!»

Die Verteidigerin

Am nächsten Morgen wird Max um neun Uhr ins Besuchszimmer geführt. Dort wartet er gespannt auf seine Verteidigerin. Er muss nicht lange warten und die Türe öffnet sich. Eine kleinere, nicht als schlank zu bezeichnende Frau, mit schönen dunkelblonden Haaren betritt das Zimmer. In ihren dunklen Augen erkennt Max einen unsicheren, aber freundlichen Eindruck.

«Ich bin Frau Marina Moser», stellt sie sich vor, «und Sie sind Herr Max Meier? Sehr erfreut.»

Sie geben sich die Hand und sie setzt sich ihm gegenüber an den Tisch. Langsam richtet sie sich ein und meldet sich mit gezücktem Kugelschreiber bereit.

«So, von mir aus kann's losgehen», beginnt sie das Gespräch, «noch kurz zu meiner Person, ich habe mein Studium vor einem Jahr abgeschlossen, meine eigene Kanzlei betreibe ich erst seit einem Monat. Nun erzählen sie mir, wie sie in die Sache rein geraten sind?»

Max erzählt der Reihe nach, wie alles passierte, beginnend bei seiner Entlassung und der Scheidung, über seine abenteuerliche Flucht bis zur verhängnisvollen Suche nach Rebi, welche ihm schliesslich diese Probleme eingebrockt hat.

«Ja, das ist eine schöne Geschichte, die sie mir da erzählen, für mich tönt es sogar glaubwürdig. Wenn ich es allerdings aus der Sicht des Staatsanwalts betrachte, könnte das natürlich ebenso eine sorgfältig vorbereitete Geschichte sein, in dieser Hinsicht verstehe ich den Staatsanwalt, dass er zuerst die Ermittlungen zu Ende führen will.»

«Steht es so schlecht um mich?», fragt Max ängstlich, «das gibt's doch nicht, ich bin wirklich unschuldig. Man kann doch nicht einen unbescholtenen Bürger einfach einsperren.»

«Doch man kann! Allerdings nicht unbeschränkt, wir müssen jetzt schnell versuchen, ihre Unschuld eindeutig zu beweisen. Nur weiss ich im Moment noch nicht, wo wir da anfangen sollen, das muss ich mir zuerst noch genau überlegen. Ihrer Freundin Susanne setzt die Sache mächtig zu. Sie schiesst mit scharfem Geschütz auf sie. Aber das wissen sie vermutlich noch gar nicht, sie durften bis jetzt noch keine Zeitungen lesen.»

Mit einem Griff in die Aktentasche holt sie einige Zeitungen hervor. Die Schlagzeilen sind nicht zu übersehen. In der Ausgabe von gestern ist noch von M. M. die Rede, in der heutigen Ausgabe heisst er schon Max. M. ein geschiedener, arbeitsloser Computerfachmann aus Olten. Wenn das so weiter geht, steht morgen bereits der volle Name mit Bild in der Zeitung.

«Dies müssen wir als erstes verhindern», erklärt Frau Moser kämpferisch, «ihnen Herr Meier, kann ich nur empfehlen, sich auf einen längeren Aufenthalt einzurichten, denn bei dieser Pressekampagne kann sich die Polizei nicht erlauben, sie laufen zu lassen, ohne dass sie von ihrer Unschuld hundertprozentig überzeugt ist. Ich brauche noch etwas Zeit, um mich mit dem Fall vertraut zu machen. Das Beste ist, wir sagen alle Termine beim Staatsanwalt ab, bis wir unser Konzept erstellt haben, es ist manchmal sehr wichtig, dass man nicht alle Karten gleich am Anfang auf den Tisch legt. Ab sofort gibt es keine Befragungen mehr, ohne dass ich anwesend bin.»

«Wenn wir uns nicht zur Vernehmung stellen, dauert es doch noch länger, bis ich meine Unschuld beweisen kann.»

«Da haben sie allerdings Recht, doch solange wir ihnen nicht beweisen können, dass sie es nicht waren, werden sie sicher nicht freigelassen. Wenn wir unsere Trümpfe zu früh auf den Tisch legen, stechen sie vielleicht nicht so gut, wie sie sollten. Sie können doch Schachspielen? Sie können auch auf Komfort verzichten? Eine Stelle haben sie, soweit ich informiert bin, auch keine mehr? Also, sie werden das schon packen, nur Mut. So, nun muss ich mich verabschieden, aber noch etwas muss ich ihnen sagen: Sobald ich nicht mehr von ihrer Unschuld überzeugt bin, werde ich mein Mandat niederlegen und das wäre für sie sehr schlecht. Ich kann sie als Frau nur verteidigen, wenn ich von ihrer Unschuld überzeugt bin. Wenn sie also schuldig sind, unterzeichnen sie diese Vollmacht besser nicht und suchen sich einen Mann als Verteidiger, der kann dafür sorgen, dass die Strafe etwas milder ausfällt. Also, Herr Meier, können sie meine Vollmacht mit ruhigem Gewissen unterzeichnen?»

«Ja, das kann ich ohne Bedenken tun», erklärt Max und setzt die Unterschrift unter die Vollmacht, «ich habe volles Vertrauen zu Ihnen.»

Damit ist die erste Sitzung mit seiner Verteidigerin beendet.

Da alle Termine mit dem Staatsanwalt abgesagt sind, muss Max den ganzen Tag in seiner Zelle verbringen. Er ist sehr deprimiert, denn es besteht keine Aussicht, dass er bald freigelassen wird. Wieso hasst ihn Susi jetzt plötzlich, was hat er ihr getan? Na gut, es war genau gesehen eben doch nur eine Zweckverbindung, die recht gut funktioniert hatte. Die grosse Liebe war es sicher nicht. Aber enttäuscht ist er trotzdem.

Den ganzen Nachmittag versucht er Schach zu spielen, in so einer ruhigen Umgebung hat er noch nie gespielt, trotzdem gelingt es ihm nicht, sich zu konzentrieren. Diese Frau Moser gibt ihm auch Rätsel auf, er weiss nicht, woran er mit ihr ist, von seiner Unschuld ist sie noch nicht ganz überzeugt, das hat er gemerkt.

Sie ist vielleicht etwas mollig, aber ihr Busen ist sehr gut entwickelt und sie wirkt auf ihn sehr sexy. Er mag es, wenn eine Frau, nicht nur aus Haut und Knochen besteht.

Vor dem Einschlafen macht er sich Gedanken über die Menschheit. Sind die Menschen von Natur aus Bestien, welche alles was schwächer ist als sie, unterdrücken? Ist das der natürliche Selbsterhaltungstrieb, schauen, dass das Schwache schwach bleibt, so dass es nicht plötzlich stärker wird? Wenn man die Reaktion der Menschen in den verschiedenen Situationen beobachtet, so muss er einsehen, dass diese Theorie etwas an sich hat. Anderseits darf er jetzt aus dieser verzwickten Situation heraus, nicht zu schlecht über die Menschen denken, es gibt auch gute. Nur hat es ein guter Mensch schwer, sich durchzusetzen. Wenn man nicht die zum Überleben nötige Härte hat, ist man zu einem Schattendasein verurteilt.

Langsam gewöhnt sich Max an den Gefängnisalltag. Er besteht meistens darin, dass er am Morgen mit Frau Moser eine Unterredung hat. Was die schmutzige Pressekampagne betrifft, hält sie ihn auf dem Laufenden. Sie stellen sich auch wieder den Verhören des Staatsanwalts, es ist unmöglich, was die alles wissen wollen, zum Glück ist Frau Moser dabei, die doch viele der persönlichen Fragen zurückweist.

«Das hat nichts mit dem Fall zu tun», stellt sie fest und der Staatsanwalt verzichte auf die Frage, oder formuliert sie anders. Max gewinnt langsam Vertrauen zu Frau Moser, oder Marina, so nennt er sie in seinen Gedanken.

Max hat es jetzt plötzlich nicht mehr eilig, aus dem Gefängnis zu kommen. Er freut sich auf die täglichen Unterredungen mit Frau Moser, welche, wie er inzwischen erfreut festgestellt hat, eigentlich ein Frau Moser ist. Das lange Studium verhinderte bis jetzt, dass sie sich verheiraten konnte. Sie ist auch fest entschlossen, mindestens das Studiengeld wieder hereinzuholen, bevor sie heiraten will. Somit ist sie dazu verurteilt, noch einige Zeit zu praktizieren.

Die Bemühungen von Marina gelten zuerst dem Alibi für die Tatzeit. Da die Tatzeit nie genau festgelegt werden konnte und nach so langer Zeit auch kein lückenloser Zeitplan für den fraglichen Tag gelingt, muss sie diese Bemühungen schlussendlich einstellen. Die Resultate der medizinischen Untersuchung werden vom Staatsanwalt noch unter Verschluss gehalten. Danach setzt sie auf das Protokoll der Befragung von Rebekka. Sie muss damit drohen, dass sie Rebekka selber befragen will, wenn ihr das Protokoll der Befragung nicht ausgehändigt wird. Sie studiert daraufhin die Aussagen des Mädchens. Sie decken sich eigentlich recht gut mit den Aussagen von Max. Nur die Frage, ob sie Angst vor Max gehabt habe, beantwortet sie schlussendlich mit ja und das ist für Max nicht günstig. Es wäre von Vorteil, wenn sie diese Aussage etwas präziser haben könnte, oder wenn sie wüsste, ob sie unter einem gewissen Druck zustande kam. Aber vorerst wird sie auf eine Befragung von Rebekka verzichten, sie allein bringt nicht den Durchbruch. Man muss auf die medizinische Untersuchung warten. Ein grosses Problem sind die sogenannten Insiderinformationen, über welche Max verfügt, die anscheinend nur der Täter wissen konnte. Max beteuert, dass er diese Infos, durch abhören des Polizeifunks erfahren hatte. Eigentlich dürfen Polizeibeamte über solche Dinge nicht am Funk sprechen. Sie muss jemand suchen, der auch denselben Funkspruch empfangen hat. Keine leichte Aufgabe, da es verboten ist, den Polizeifunk abzuhören.

Zu einem sehr grossen Problem werden die Berichte in den Zeitungen. Paul und Susanne drücken tüchtig auf die Tube. Jeden Tag bringen sie neue Einzelheiten über Max M. Heute ist sogar schon ein Bild von Max in der Zeitung, sein Gesicht wird noch unkenntlich gemacht, aber lange wird es nicht dauern und dann sind auch diese Balken verschwunden.

Die Verhöre mit der Staatsanwaltschaft verlaufen für das Duo, Max und Marina nicht besonders erfolgreich. Der Staatsanwalt ist sehr hartnäckig und da das Alibi löchrig bleibt, hat man es schwer, sich erfolgreich zu verteidigen. So wagt es Marina nicht, einen Antrag auf eine Haftentlassung zu stellen. Der Staatsanwalt kommt seinerseits mit der Erstellung der Anklageschrift nicht vorwärts, dabei rücken die Herbstferien immer näher und er hätte gerne den Fall noch vorher abgeschlossen. Alle Versuche, Max zu einem Geständnis zu bewegen, bleiben erfolglos. Die Beamten sind überzeugt, dass daran die Verteidigerin schuld ist, denn sie verhindert, dass man ihn so richtig in die Zange nehmen kann, aber so sind nun einmal die Gesetze.

Max wird wieder in seine Zelle geführt. Er setzt sich so auf seinen Stuhl, dass er zum Fenster hinaus auf den Jura blicken kann. Immer wieder überlegt er sich, was er machen soll, wenn er wieder aus dem Gefängnis raus kommt? Zurück zu Susi kann er nicht, an der Aare schlafen geht erst recht nicht mehr, eine Wohnung zu finden, wird auch nicht sehr einfach werden. Wenn er es realistisch betrachtet, ist es das Beste, wenn er noch eine Weile eingesperrt bleibt, aber das ist natürlich auch nicht das Richtige. Plötzlich klopft es an der Türe.

«Meier, du hast Besuch, in fünf Minuten kommen wir dich holen», ruft der Wärter durch die Türe.

«Das gibt es doch gar nicht», denkt Max, «wer will mich besuchen? Frau Moser kann es nicht sein, das weiss er.»

Er steht auf und macht sich zurecht.

Nach genau fünf Minuten kommt der Wärter zurück und führt ihn in den Besuchsraum. Max traut seinen Augen kaum, als er erkennt, wer ihn besucht. Da sitzt tatsächlich seine Exfrau!

«Wie geht es dir?», fragt sie.

«Ja, wie geht es mir?», antwortet Max, «den Umständen entsprechen gut, ich werde gut behandelt.»

«So, gut geht es dir», stellt seine Exfrau erbost fest, «an uns hast du wohl nicht gedacht, als du dieses Mädchen verfolgt oder gar umgebracht hast. Nun zeigen alle Leute mit dem Finger auf uns und wollen nichts mehr mit uns zu tun haben. Die Buben werden in der Schule ausgelacht und gemieden, deshalb muss ich dich fragen, bist du damit einverstanden, dass die Buben meinen Namen annehmen dürfen? Ich weiss, laut Gerichtsbeschluss müssen sie deinen Namen behalten, aber ich hoffe, du siehst ein, dass das jetzt nicht mehr möglich ist!»

«Bist du jetzt fertig? Erstens kann ich überhaupt nichts dafür, dass ich hier gelandet bin, ich habe nämlich niemandem ein Haar gekrümmt! Zweitens freut es mich ein bisschen, dass du unter mir zu leiden hast! Drittens ist es mir völlig egal, wie meine Kinder heissen, da sie ja nichts mehr vom Vater wissen wollen und ich im Interesse auf ihre Erziehung, darauf verzichte, sie zu besuchen. Leider kann ich ihnen im Moment nichts bieten und viertens möchte ich in Zukunft nichts mehr mit dir zu tun haben, wenn meine Buben nach mir fragen kannst du ihnen mitteilen, dass ich noch viel an sie denke und hoffe, dass es ihnen gut geht. Sie sollen sich an ihrem neuen Papa freuen und ich bin ihm auch dankbar, dass er mich gut vertritt. Aber mit meinem Namen verlieren sie natürlich auch das Recht, mich zu beerben, das siehst du sicher ein? Gibt es sonst noch was? Sonst möchte ich wieder gehen.»

«Ich darf also die Namensänderung beantragen», fragt sie erleichtert, «du wirst unterschreiben?»

«Ja natürlich, sofern die Unterschriften meiner beiden Buben auf dem gleichen Papier stehen und das mit dem Verzicht auf das Erbe, ebenfalls drin steht, werde ich unterzeichnen. Auf Wiedersehen, ich habe hier nichts mehr zu besprechen.»

Max steht auf und verlangt nach dem Wärter.

«Die Zeit ist noch nicht abgelaufen», stellt dieser fest.

«Macht nichts, ich habe hier nichts mehr verloren.»

Max lässt sich in seine Zelle führen. So ist das Leben, sobald man sich eine Schwäche erlaubt, versucht jeder seine Position im Rudel um eine Position zu verbessern, das ist leider ein Instinkt, welcher die Menschen, als sie vom Tier zum Menschen wurden, mitgenommen haben. Diese Tatsache wäre eigentlich der direkte Beweis, dass der Mensch die normale Entwicklung mitgemacht hat und nur der Umstand, dass er nicht schnell genug laufen und klettern konnte, ihn dazu brachte, sein Gehirn etwas mehr einzusetzen. Sonst handelt er immer noch nach den ursprünglichen Naturgesetzen.

Max ist so in Gedanken versunken, dass er fast nicht bemerkt hat, dass er wieder in seiner Zelle angekommen ist. Er verabschiedet sich von seinem Wärter und ist mit seinem Ärger allein.

Am nächsten Morgen erzählt er Frau Moser, dass ihn seine Exfrau besucht hatte und was sie von ihm wollte.

«Hast du, äh, Pardon, haben Sie, das wirklich alles so erlebt», fragt sie und wird bei ihrem Versprecher recht verlegen und errötet leicht.

«Ja, es ist leider genauso passiert», antwortet er mit einem Lächeln, schüchtern fährt er fort: «Ich heisse übrigens Max, wenn man sich so viele persönlichen Dinge erzählen muss, darf man sich eigentlich schon Du, sagen? oder, darf eine Verteidigerin zu seinem Mandanten nicht Du sagen?»

«Die Regel ist es nicht», entgegnet sie und lächelt, «aber man kann da schon ein Auge zudrücken, ich bin die Marina. Aber einen Kuss gibt es erst wenn Sie, ä - du wieder frei bist.»

In seiner Zelle, fühlt er sich viel besser, als noch vor einer Stunde. Bis das Licht gelöscht wird, spielt er Schach. Nachts schläft er schlecht. Immer wieder erscheint ihm Marina im Traum. Sie scheint ihn tatsächlich zu mögen, es ist wie ein Wunder.

«Max, was ist los mit dir», fragt ihn Marina am nächsten Morgen.

«Oh, entschuldige, Marina, ich bin mit meinen Gedanken immer noch am Schachspiel. Wenn man sich drei Tage lang so intensiv mit einem Spiel beschäftigt, vergisst man effektiv alles andere, was um einen herum vorgeht.»

«So langsam werde ich das Gefühl nicht los, dass es dir hier sogar gefällt», meint Marina und lächelt verschmitzt, «soll ich dich hier eigentlich rausholen?»

«Ich hoffe es. Wie geht es eigentlich mit meiner Untersuchungshaft weiter? Ich bin jetzt schon drei Wochen hier, können sie mich noch lange festhalten?»

«Es sieht besser aus, ich glaube, dass sich im Mordfall Anita etwas ergeben hat, das dich entlastet. Vermutlich hängt es mit dem medizinischen Gutachten zusammen. Ist dir nicht aufgefallen, dass du in den letzten Verhören nur zu weiteren Fällen befragt wurdest, zu denen dir keinerlei Verdächtigungen nachgewiesen werden können. Seit zwei Tagen steht auch nichts mehr zu deinem Fall in der Zeitung. Ich vermute, dass sie noch etwas Gras über die Sache wachsen lassen wollen und dann bist du frei.»

«Nächste Woche geht übrigens Herr Staatsanwalt Friener in die Ferien. Wir werden also noch am Donnerstag einen Antrag auf Haftentlassung stellen. Ich glaube der Zeitpunkt ist günstig. Ich werde ihm übrigens vorschlagen, dass du einige Zeit in meiner Wohnung wohnen kannst, das steigert die Aussichten auf Erfolg. Du hast doch nichts dagegen?», fragt sie und blickt ihn verführerisch an.

«Du meinst, ich darf bei dir wohnen, was sagen deine Eltern dazu?», antwortet Max und lächelt verschmitzt zurück. Innerlich ist Max sehr gerührt. Mit einem Schlag sind alle seine Probleme gelöst.

«Ich sage einfach, dass jemand auf dich aufpassen muss, dann geht das schon in Ordnung. Ausserdem bin ich, mit fast dreissig Jahren alt genug und weiss was ich tue.»

«Ich danke dir, denn ehrlich gesagt, ich hatte in letzter Zeit angst, aus dem Gefängnis zu kommen, weil ich effektiv nicht wusste, wie es weiter gehen sollte. Die werden sicher verstehen, dass ich bei dir nicht auf den Gedanken komme, abzuhauen. Ich habe mir übrigens letzte Nacht geschworen, dass ich mich bessern werde. Ich will meiner Exfrau und meinen Buben beweisen, dass man den Namen Meier mit Stolz tragen darf.»

«Dann sind wir uns also einig, wenn das klappen soll, habe ich heute noch sehr viel zu tun, ich werde dich noch einmal deinem Schachspiel übergeben müssen.»

«Nochmals herzlichen Dank für alles, allein schon das Angebot, dass ich bei dir wohnen darf, stellt mich moralisch wieder auf. Von so etwas habe ich nicht einmal zu träumen gewagt. Also, viel Erfolg bei deiner Arbeit, ich kann es brauchen. Auf Wiedersehen bis morgen.»

«Also, bis morgen.»

Max ist das erste Mal seit Wochen so richtig aufgestellt. Natürlich ist er auch gespannt, wie er bei Marina wohnen wird. Wird es überhaupt soweit kommen, werden sie ihn freilassen? Wenn das medizinischen Gutachten, ihn als Mörder von Anita ausschliesst, was eigentlich logisch sein müsste, denn soviel Pech kann er nun wirklich nicht haben, dass der Täter mit seiner Blutgruppe und allen anderen Dingen, welche untersucht werden, übereinstimmt, es muss klappen. Ob sein Verhalten im Zusammenhang mit Rebekka, gegen irgendein Gesetz verstossen hat, ist nicht eindeutig geklärt, aber Marina hat ihm versichert, dass diese Tatbestände höchstens mit einer bedingten Strafe geahndet werden. In diesem Zusammenhang kommt es darauf an, wie stark sich Rebekka bedroht gefühlt hat. Aber aus dem Vernehmungsprotokoll lässt sich entnehmen, dass Rebekka die Angst vor Max eingeredet wurde, worauf sie schlussendlich mit ja geantwortet hat.

Am nächsten Morgen legt ihm Marina nicht ohne Stolz den Haftentlassungsantrag vor. Sie stellt den Staatsanwalt vor die Wahl, endlich eine stichhaltige, nicht nur auf Vermutungen passierende Anklage zu erheben, oder man soll das Verfahren einstellen, bis eine beweisbare Anklage erhoben werden kann.

«Glaubst du, dass du damit durchkommst?»

«Ich bin sehr optimistisch, schliesslich sind noch einige Fakten dazugekommen. Meine Vermutungen mit dem medizinischen Gutachten haben sich bestätigt, das Abhören des Polizeifunks ist damit indirekt bestätigt worden, da du ja Anita nicht umgebracht haben kannst. In den anderen untersuchten Fällen, bist du nicht mehr verdächtig, als jeder andere. Also, ich sehe wirklich keinen Grund, warum der Antrag abgelehnt werden sollte. Im Moment bin ich nur nicht sicher, ob es besser wäre, den Fall doch noch vor einem Gericht verhandeln zu lassen, damit deine Unschuld amtlich wird, oder ob wir mit der Einstellung des Verfahrens zufrieden sein sollen.»

«Also, wenn du mich fragst, möchte ich möglichst schnell von dem ganzen Theater nichts mehr hören, also kein Verfahren, ist das klar. Nur wenn es unbedingt nötig ist», protestiert Max heftig.

«Na, dann wäre das auch geklärt», meint Marina und räumt ihre Sachen zusammen, «ich muss mich beeilen, ich will so schnell wie möglich zum Staatsanwalt, sonst fährt der womöglich noch in die Ferien und lässt dich im Kittchen sitzen. Ich an deiner Stelle würde langsam die Sachen packen, ich bin überzeugt, es haut hin. Bis nachher!»

«Viel Erfolg», ruft ihr Max noch nach.

Zurück in der Zelle beschäftigt sich Max wieder mit Schachspielen. Wie jedes Mal erschrickt er, als der Wärter an die Türe klopft.

«Herr Meier, packen sie ihre Sachen, sie werden heute entlassen! Ich freue mich für sie, sie gehören wirklich nicht hierher, ich entschuldige mich für meine Kollegen.»

Das geht jetzt aber schnell, denkt Max und räumt seine paar Dinge zusammen. Danach zieht er noch das Bett ab und macht einen Knäuel für die Wäscherei, wie er es gelernt hat. Den Rest macht der Reinigungsdienst, erklärt ihm der Wärter, als er noch den Boden wischen will.

«Das ist ja wie im Hotel, kann man hier Ferien buchen? Ich habe mich so an das geregelte Leben gewöhnt. Na, ich hoffe doch, dass sie mich hier nicht mehr wieder sehen werden. So schön war es rückwirkend auch wieder nicht. Ist es möglich, dass sie mir einen Blumenstrauss organisieren können? Ich habe da noch fünfzig Franken.»

«Mal schauen was sich machen lässt.»

Der Wärter nimmt die Note und verschwindet. Nun muss Max auf dem Polizeiposten noch die Austrittsformalitäten erledigen.

«Wo bleibt nur Marina», denkt Max für sich, nun, solange der Blumenstrauss nicht eingetroffen ist, hat es noch Zeit. Max hat soeben mit seiner letzten Unterschrift bestätigt, dass er alle seine Sachen wieder erhalten hat, als der Wärter mit dem Blumenstrauss eintrifft. Ein riesiger Strauss schöner langstieliger roten Rosen.

«Kommen sie, wir nehmen lieber den Hinterausgang. Frau Moser ist eben auf den Parkplatz gefahren, um sie abzuholen. Viel Glück. Herr Staatsanwalt Friener lässt sich entschuldigen, er ist sofort in die Ferien gefahren, nachdem ihr Fall abgeschlossen war.»

Marina hat Tränen in den Augen, als sie Max mit dem riesigen Blumenstrauss auf sich zukommen sieht. Ein Polizist trägt ihm die Koffer, damit er seine Hände frei hat. Sie läuft auf ihn zu und küsst ihn, als ob sie Max schon jahrelang kennen würde.

«Danke Max, das ist eine sehr schöne Überraschung», stammelt sie voller Rührung, «komm, wir müssen verschwinden, bevor die Presse von deiner Freilassung erfährt. Ich will mit diesen Tränen nicht in einer Zeitung erscheinen.»

Sie verstauen die Koffer im Kofferraum ihres Tesla.

«Wenigstens in dieser Beziehung habe ich mich verbessert», denkt Max für sich, ist aber sehr skeptisch: «War es richtig, sich gleich wieder in eine aufgezwungene Zufallsbekanntschaft zu stürzen?»

Auf jeden Fall hat er wieder ein Dach über dem Kopf und mit Marina versteht er sich wirklich gut. Er glaubt auch, dass er ihr nicht gleichgültig ist, das hat er beim Kuss gleich gespürt. Trotzdem, der Anfang in der Freiheit wird nicht einfach werden. Marina ist eine sehr selbstbewusste Frau. Er vermutet, dass sie vor lauter lernen, nur wenig Erfahrung mit Männern sammeln konnte. Einesteils ist das schön, anderseits kann es auch zu einigen Problemen führen. Max nimmt sich vor, die Sache sehr vorsichtig anzugehen. Er will sich Zeit lassen und nicht mit der Türe ins Haus fallen. Auch nimmt er sich vor, die Beziehung sofort zu lösen, wenn er feststellt, dass sie nur auf Mitleid aufgebaut ist.

«Du hast es tatsächlich geschafft, ich danke dir!», stammelt Max, auch er muss gegen die aufkommende Rührung ankämpfen und bekommt ganz wässrige Augen. Dann steigen sie ein und fahren, ohne viel miteinander zu Reden, durch Olten. Max ist gespannt auf sein neues Zuhause. Er weiss nur, dass Marina in einer Eigentumswohnung in Trimbach wohnt, hat aber keine Ahnung wie gross sie ist. Aber das spielt eigentlich keine Rolle. Die Hauptsache ist, dass sich jemand um ihn kümmert.

Später parkiert sie ihr Auto in der Einstellhalle, welche zu einer Terrassenhaussiedlung am sonnigen Hang gehört. Also, gegen die Wohnlage ist schon Mal gar nichts einzuwenden. Vielleicht ein bisschen abgelegen, aber schön und ruhig. Sie geht voraus und meint: «So, da wären wir, ich hoffe es gefällt dir. Etwas mehr Komfort als vorher kann ich dir schon bieten.»

Als Erstes sucht sie eine passende Blumenvase und gibt den Rosen Wasser.

«Die sind so schön, ich hoffe sie bleiben recht lange.»

Max schaut sich inzwischen um. Die Wohnung ist modern eingerichtet. Das Prunkstück ist die Terrasse mit dem abgedeckten Teil, auf welchem man sich auch bei Regenwetter aufhalten kann, aber zwei Drittel der Terrasse liegen unter freiem Himmel, ohne dass irgend jemand von aussen Einsicht haben kann. Dem Rand entlang gibt es grosse Gefässe, in welchen Büsche, Blumen und kleine Bäumchen wachsen. Die eine Ecke bildet ein kleiner Grillplatz, welcher ebenfalls von Pflanzen umgeben ist.

«Das ist ja ein richtiges Paradies», meint Max, als Marina mit der Vase zurückkommt, «ich weiss gar nicht, womit ich so etwas verdient habe.»

«Na, wenn man schwer arbeitet, hat man auch das Recht schön zu wohnen. Natürlich haben mir meine Eltern etwas Vorschuss gegeben, aber ich bin sicher, dass ich ihnen alles zurückzahlen kann. Wann spielt eigentlich keine Rolle, die haben sowieso zu viel. Willst du etwas trinken?»

«Ja gern, zum Aufwärmen könnte ich einen Tee vertragen, hast du Münzentee?»

Nach einer kurzen Wohnungsbesichtigung machen sie es sich in einem Liegestuhl auf der Terrasse gemütlich. Max hat das Gefühl, dass es ihm noch nie so gut gegangen ist, wie gerade heute. So lässt sich gut leben. Auch Marina geniesst es, endlich einmal auszuspannen, denn seit sie den Fall Meier übernommen hatte, waren die Stunden der Musse selten geworden. Nach dem erfolgreichen Abschluss will sie auf alle Fälle ein paar Tage Ferien machen und das am liebsten zu Hause.

«Wie wäre es, wenn wir uns ein bisschen gemütlicher anziehen würden», fragt Marina, als sie den Tee serviert, «auf der Terrasse ist es sehr heiss, ich ziehe mich auf jeden Fall um.»

Schnell verschwindet sie in ihrem Schlafzimmer. Max eilt ins eben bezogene Gästezimmer und tauscht seine Jeans gegen die Turnhose ein. Er überlegt, ob er ohne T-Shirt auf die Terrasse gehen soll, doch dann entscheidet er sich, wenigstens das ärmellose Hemd anzuziehen. Als er zurück zum Liegestuhl kommt, liegt Marina bereits ausgestreckt auf ihrer Liege.

«Das fühlt sich gut an», als sich Max neben sie auf den Liegestuhl legt und sie in den Arm nimmt.

Für die zwei Verliebten werden es schöne Ferientage. Sie verlassen ihre Wohnung nur um einzukaufen. Am Morgen joggt Max kurze eine Runde. Sonst liegen sie engumschlungen auf der Terrasse und lassen sich bräunen.

Allmählich erfährt Max, wie Marina gelebt hatte, bevor er bei ihr eingezogen ist. In ihrer Studentenzeit hatte sie einige Liebeleien, welche mehr oder weniger lange dauerten. Gegen Ende der Studienzeit hatte sie aber keine Zeit mehr für eine intensivere Beziehung und dabei blieb es, als sie ihre eigene Kanzlei eröffnete. Sie lebt nicht als Einsiedlerin. Sie hat drei Freundinnen, mit denen sie sich regelmässig trifft. Zwei sind nicht besonders glücklich verheiratet, die Dritte lebt ebenfalls allein.

In unregelmässigen Abständen trifft sich das Kleeblatt zu einem Damenabend. Meistens in der Wohnung von Marina, um sicher zu sein, dass nicht plötzlich einer der Ehemänner auftaucht. An solchen Abenden wird so richtig getratscht, die Ehemänner werden kritisiert, eventuelle mögliche Freunde, werden Marina vorgeschlagen, um sie ihr gleich wieder auszureden.

Max wird den drei Freundinnen bisher vorenthalten, Marina will ihn nicht den Hyänen zum Frass vorwerfen, er bleibt an diesen Abenden in seinem Zimmer.

Marina kommt aus gutem Haus, ihr Vater führt die Niederlassung eines grossen Weltkonzerns in Zürich und ist dauernd überlastet. Ausser kurzen Telefongesprächen hat sie wenig Kontakt mit ihm. Sie ist ein Einzelkind, wenn sie finanzielle Hilfe braucht, muss sie nie lange betteln, da gibt es keine Probleme. Nur wenn sie ein Problem besprechen will, liegt sie bei ihren Eltern völlig falsch. Inzwischen hat sie sich daran gewöhnt, mit ihren Problemen selber fertig zu werden oder sie mit ihren Freundinnen zu besprechen. In der Regel hat sie eigentlich keine Probleme, es geht ihr gut und sie vermisst nichts.

Max hat nie im Gästezimmer übernachtet, schon am ersten Abend schlief er in ihrem breiten Doppelbett. Die Freundschaft harmoniert von der ersten Minute an, jeder nimmt Rücksicht auf den andern. Die Hausarbeiten werden gemeinsam erledigt, wobei sich beide bemühen, dass sie sich auf ein Minimum beschränkt.

Nach einer Woche voller nichts tun, muss sich Marina langsam Gedanken machen, dass sie doch einige Korrespondenz in ihrer Kanzlei erledigen muss. Auch in den Ferien kommen Briefe, die beantwortet werden müssen. Sie stellt ihre Lebensgewohnheiten um und erledigt am frühen Morgen, das heisst für sie, um zehn Uhr, ihre Korrespondenz. Am ersten Tag dauert es rund zwei Stunden, an den darauf folgenden Tagen, ist es nur noch eine Sache von einer halben Stunde. In dieser Zeit verstaut Max bereits das Frühstücksgeschirr in der Abwaschmaschine und räumt die Wohnung auf. Schon hat man wieder Zeit für einander und geniesst die ruhigen Stunden auf der Terrasse.

Wenn Max so im Liegestuhl liegt, denkt er über seine Situation nach: Wie soll es aber weiter gehen, wenn Marina wieder arbeitet?

Wenn es nach Marina ginge, würde er die Rolle des Hausmanns übernehmen und sie schafft das Geld heran. Das ist eigentlich nicht die Art von Job, die sich Max vorgestellt hat, aber immer noch besser, als im Freien zu übernachten und im Arbeitsamt zu stempeln. Sicher könnte er ihr auf dem Computer helfen, ihre Administration zu vereinfachen. Die Hausarbeit wird ihn nicht allzu sehr belasten. Einmal in der Woche putzt eine Putzfrau und die kulinarischen Ansprüche von Marina sind bescheiden, schon wegen ihrer Figur.

Inzwischen hat Max auch seine Postadresse von, postlagernd Olten, zu Marina umgeleitet. Auch seine Schriften deponiert er in Trimbach. Mit der Angabe seines Arbeitgebers und seines Berufs hat er einige Schwierigkeiten.

«So, sie machen Frau Moser den Haushalt», hat der Beamte gefragt, dann stellte er keine weiteren Fragen mehr zu diesem Thema. Man sah ihm aber an, dass er am liebsten Gigolo als Beruf eingetragen hätte. Auf jeden Fall hielt er ihn für einen Schmarotzer. Als Max aus der Gemeindekanzlei trat, hatte er endlich wieder das Gefühl, in geordneten Verhältnissen zu leben.

Je länger die Ferien dauern, umso länger muss jetzt Marina am Morgen ihre Kanzleikorrespondenz erledigen, immer mehr Kunden kommen aus den Ferien zurück und brauchen den Rat ihrer Anwältin. Wegen der Corona-Krise sind auch im rechtlichen Bereich einige Fragen zu klären. Da sie noch neu im Geschäft ist, kann sie es sich nicht leisten, die Anfragen auf ihr Ferienende zu vertrösten. So gehen die Ferien zu Ende, ohne dass sie es richtig bemerkt haben.

«Willst du mein Mitarbeiter werden?», fragt ihn Marina nach dem Mittagessen, «ich habe hier einen Vertrag aufgesetzt, nach welchem du als Computerfachmann und Sekretär in meiner Kanzlei angestellt bist. Lies es einmal durch, danach sagst du mir, ob du damit einverstanden bist.»

Es ist für Max wirklich ein guter Vertrag, er hat ein Gehalt ungefähr in der Höhe seines letzten Jobs, seine Pflichten in der Kanzlei werden genau umschrieben. Botengänge, Büroarbeiten nach ihren Anweisungen, wie buchen, Ablage verwalten, Telefon abnehmen, Terminplan überwachen und Informationen beschaffen. Sogar die Arbeitszeit wird geregelt, wobei sie eine Gleitzeit vorschlägt, die aus einer achtunddreissig Stundenwoche besteht. Alles in allem, ein faires Angebot, Max unterzeichnet, allerdings mit der Auflage, dass er für Kost und Logis einen festen Betrag bezahlen darf, dafür hat er Anrecht auf ein eigenes Zimmer.

«Also, Chef, wann beginnt die Arbeit?», fragt er in heiterer Stimmung.

«Du solltest dir unbedingt angewöhnen, die Verträge zu lesen, bevor du unterschreibst. Das Arbeitsverhältnis beginnt am ersten August, das steht doch auf Seite vier».

«Ja schon, ich möchte mich aber schon vorher nützlich machen, ich habe mich genug erholt.»

«Kommt gar nicht in Frage, sonst muss ich noch Überstunden bezahlen.»

Max freut sich auf seine neue Aufgabe in der Kanzlei und ist optimistisch, dass er ähnlich, wie bei Susi, auch für Marina eine wertvolle Unterstützung sein wird. Ein Sekretär ist für eine Kanzlei auf jeden Fall besser, als ein Telefonbeantworter, wenn auch etwas teurer.

Gegen Ende August ist endgültig klar, dass Max nicht vor einem Gericht erscheinen muss. Die Anklage wird fallengelassen, da sich gar nichts beweisen lässt. Marina kämpft nun für eine angemessene Entschädigung, doch da Max, vor seiner Verhaftung, keine feste Anstellung hatte, kann sie keine grossen Forderungen stellen. Aber die Zeitungen müssen sich in Artikeln entschuldigen und klar feststellen, dass Max M. zu Unrecht als Mörder von Anita beschuldigt wurde, auch eine Belästigung von Rebekka habe nie stattgefunden und sei eine reine Vermutung gewesen. Somit ist Max vollkommen rehabilitiert. Jetzt geht es endlich aufwärts und das mit einer so idealen Partnerin wie Marina.

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9783750237155
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