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Gerhard Loibelsberger

Schönbrunner Finale

Ein Roman aus dem alten Wien


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Alle Rechte vorbehalten

4. Auflage 2020

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgartunter Verwendung der Bilder von: © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Gustav_Klimt_020.jpg und © https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kolo_Moser_-_Vogel_Bülow_-_1899.jpeg

ISBN 978-3-8392-5612-1

Widmung und Dank

Für Lisa. Danke!

Ein großes Dankeschön auch an Claudia Senghaas, die die Nechyba-Saga von Anfang an begleitet und lektoriert hat, sowie an Zdenka Becker, die alles, was in diesem Buch Tschechisch ist, übersetzte, bearbeitete und korrigierte.

Verzeichnis der
historischen Personen:

Friedrich Adler (1879–1960): Redakteur, Hochschullehrer, Politiker, Kriegsgegner

Viktor Adler (1852–1918): Politiker, Arzt, Journalist

Arthur Arz von Straußenburg (1857–1935): Generaloberst der k. u. k. Armee

Arnold Baral (?–?): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Stephan Graf Burián (1852–1922): k. u. k. Außenminister

Georges Clemenceau (1841–1929): französischer Ministerpräsident

Ottokar Graf Czernin (1872–1932): k. u. k. Außenminister

Julius Deutsch (1884–1968): Unterstaatssekretär der Republik Österreich

Marie Drda (1896–1918): Mordopfer

Wilhelm Eisner-Buba (1875–1926), Oberst, Leiter des k. u. k. Kriegspressequartier

Josef Fischer (1857–?): Mörder der Marie Drda

Edmund Ritter von Gayer (1860–1952): Innenminister

David Lloyd George (1863–1945): britischer Ministerpräsident

Dr. Albin Haberda (1868–1933): Gerichtsmediziner

Johann Haderer (?–?): Onkel von Josefine Selewosky

Regina Herzl (1875–1918): Mordopfer

Friedrich Hexmann (1900–1991): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Josef Graf Hunyadi (1873–1942): Obersthofmeister Kaiser Karls

Karl I. (1887–1922): Kaiser von Österreich, König von Ungarn.

Franziska »Fanny« Kerl (?–1916): Wilhelm Kerls Frau

Wilhelm Kerl (1855–1922): Cafétier des Café Landtmann

Egon Erwin Kisch (1885–1948): Journalist, Revolutionär

Gustav Klimt (1862–1918): österreichischer Maler

Michael Kohn-Eber (?–?): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Franz Koritschoner (1892–1941): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Adolf Kratochwilla (1860–1938): Cafétier des Café Sperl

Karl Anton Kraus (1864–1933): Cafétier des Café Landtmann

Leopold Kulcsar (1900–1938): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Heinrich Lammasch (1853–1920): österreichischer Ministerpräsident

Wladimir Graf Ledóchowski (?–?): Flügeladjutant Kaiser Karls

Tomas Masaryk (1850–1937): Philosoph, Schriftsteller, Politiker

Viktoria Moldaschl (1842–1874): Mordopfer

Vittorio Emanuele Orlando (1860–1952): Präsident des Ministerrats des Königreichs Italien

Leo Pjatigorski (?–?): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Leo Rothziegel (1892–1919): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Edith Schiele (1893–1918): Egon Schieles Frau

Egon Schiele (1890–1918): österreichischer Maler

Dr. Johann Schober (1874–1932): Leiter der Wiener Polizeidirektion, Polizeipräsident

Josefine Selewosky (1896–?): Mörderin der Veronika Wessely

Sidney Sonnino (1847–1922): italienischer Außenminister

Karl Graf Stürgkh (1859–1916): österreichischer Ministerpräsident

Stefan Graf Tisza (1861–1918): ungarischer Politiker

Sándor Wekerle (1848–1921): ungarischer Ministerpräsident

Karl Werkmann (1878–1951): Privatsekretär Kaiser Karls

Johannes Wertheim (1888–1942): Agitator während des Jänner-Streiks 1918

Veronika Wessely (1838–1918): Mordopfer

Friedrich von Wiesner (1871–1951): Diplomat, Gesandter

Wilhelm II. (1859–1941): deutscher Kaiser

Woodrow Wilson (1856–1924): Präsident der USA

Zita von Bourbon-Parma (1892–1989): Gemahlin Kaiser Karls

Prolog I

Oberleutnant Lukáš winkte verärgert mit der Hand. Auf dem Weg zum Lebensmittellager kam ihm der verwegene Gedanke, dass Österreich den Krieg schon allein deswegen nicht gewinnen kann, weil die Soldaten ihren Offizieren die Leberwurstdosen wegfressen.

Zitat aus: Jaroslav Hašek, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk 2, aus dem Tschechischen übersetzt von Zdenka Becker.

14. September 1917

»Kompanie, raustreten!«

Karel Husak kroch aus dem Erdloch, das seiner Kompanie als Unterstand diente. Hinter ihm hörte er Ambrosius Zach fluchen. Mit wackeligen Beinen und knurrendem Magen traten die Soldaten dort an, wo der Schützengraben etwas breiter war. Husak sah sich um und registrierte mit Schrecken, wie wenige sie infolge des italienischen Dauerbeschusses geworden waren. Resigniert schüttelte er den Kopf.

Zach sah diese Geste und brummte:

»Ein Jammer …«

Hasserfüllt maß er Oberleutnant Weissenbacher, der nun ebenfalls aus dem Erdbunker gekrochen kam. Das Schwein hatte tatsächlich noch ordentliche Stiefel an. Zach verfluchte im Geiste seinen Kompaniekommandanten. Er selbst verrichtete seit Wochen nur mehr in notdürftig zusammengebundenen Lederfetzen seinen Dienst im Schützengraben. Ich sollte ihm in der Nacht die Stiefel fladern1. Aber was würde das helfen? Nichts, denn am Morgen würde der feine Herr Oberleutnant mich zur Verantwortung ziehen. Entweder, indem er mich während des ärgsten Feindbeschusses ins Feuer hetzen oder mir auf der Stelle eine Kugel in den Schädel jagen würde. Ich müsste ihn umbringen. Umbringen und mich dann päulisieren2 …

»Soldaten! Männer! Ihr werdet Zeugen eines historischen Ereignisses werden …« Oberleutnant Weissenbacher machte eine kunstvolle Pause, bevor er fortfuhr: »Der Kaiser höchstpersönlich wird an die Front kommen und unser Bataillon visitieren. Davon werdet ihr noch euren Kindern und Enkelkindern erzählen können.«

Wenn uns nicht vorher die Katzelmacher3 überrennen und abkrageln4, schoss es Karel Husak durch den Kopf. Wenig später hellte sich seine Stimmung auf, als er erfuhr, dass eigens für die Kaiservisite ihr Bataillon von der Front abgezogen und durch ein frisch zusammengestelltes Reservebataillon ersetzt werden würde. Endlich weg aus dem Totengraben, dachte Husak, als er plötzlich in der Ferne das Donnern der italienischen Geschütze hörte und der Feldwebel »Alarm!« brüllte. Augenblicke später pfiffen die ersten Granaten durch die Luft. Detonationen, Schrapnelle flogen, Erde stob. Ein Verwundeter brüllte vor Schmerz.

»Husak und Zach, holt’s Munition! Alle anderen auf ihre Gefechtsstellungen! Die Katzelmacher greifen an!«

Dem Befehl des Oberleutnants gehorchend, krochen Zach und Husak zum Munitionsbunker. Detonierende Granaten, Splitter, Dreck, Staub, bebende Erde. Schreie, Gewehrfeuer, Rauch, Inferno. Im Munitionsbunker angekommen, verschnauften beide für einige Augenblicke. Zach musterte Husak und brummte:

»Verkriech ma uns einfach, bis alles vorbei ist?«

»Wird nix helfen. Wenn unsere haben ka Munition, dann werden Katzelmacher uns überrennen. Dann sind ma tot.«

»Und wenn ma jetzt rauskriechen mit den Munitionskisten?«

»Dann sind ma vielleicht auch tot. Aber vielleicht a net. Meglicherweise überleb ma. Und können sehen den Kaiser.«

Zach schnappte eine Munitionskiste und stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor:

»Scheiß auf den Kaiser!«

Das Reservebataillon traf in der Nacht ein. Und so setzten sich unter dem Kommando von Oberleutnant Weissenbacher und Major Novotny die Reste des Bataillons in Richtung Aldeno in Bewegung. Im Morgengrauen des 13. Septembers kamen sie in dem Winzerdorf an, wo sie bereits von einigen Stabsoffizieren nervös erwartet wurden. Hundemüde kampierten sie auf einer Wiese. Zach sah sich um und murmelte:

»Wenn ich mich so umschau, muss ich feststellen, dass wir ein trauriger Haufen sind. Unterernährt, in Lumpen gehüllt und stark dezimiert. Bin gespannt, was der hohe Herr dazu sagen wird.«

Husak nickte müde:

»Recht hast. Schaun wir sehr traurig aus. Vor allem man sieht, dass Bataillon große Verluste gehabt hat. Nur mehr 50 Mann oder weniger haben manche Kompanien.«

»Bestenfalls 50. Manche haben nur mehr 20 …«

Und während Zach und Husak im Gras liegend vor sich hin dösten, marschierten nach und nach kleine Gruppen von Soldaten an. Alles keine Frontsoldaten, sondern Offiziersdiener und Mannschaften aus den Versorgungs- und Nachschubkompanien: Schuster, Schneider, Tragtierführer, Pferdewärter und Köche. Letztere erkannte Zach an ihren Bäuchen. Plötzlich fuhr mit dröhnendem und qualmendem Motor ein Lastkraftwagen vor. Er hielt an, ein Oberst stieg aus, sah sich um und begann zu brüllen:

»Fix Laudon noch einmal! Was ist das hier für eine Sauwirtschaft? Kann keiner mehr grüßen?«

Die am Boden liegenden Soldaten erhoben sich mühsam, der Oberst füllte die Lunge mit Luft und tobte weiter:

»Bagasch5 übereinand. Was glaubt ihr eigentlich, wo ihr seid? Ihr seid im Krieg und nicht auf Sommerfrische! Ihr dreckigen Falotten, ihr! Seine Majestät kommt zur Besichtigung seiner glorreichen Truppen und ihr liegt faul auf der Erd’ umadum6? Unverschämtheit, so was!«

Alle standen stramm. Die Blicke gesenkt. Der Oberst schritt in frisch gebügelter Uniform und mit blank geputzten Stiefeln die Reihe der müden Soldaten ab. Vor der mittlerweile recht großen Gruppe der Neuangekommenen, die durch die Bank besser ernährt aussahen und vor allem nicht in Uniformlumpen gehüllt waren, blieb er stehen und befahl:

»Ihr bildet die ersten beiden Reihen. Ihr schaut einigermaßen respektabel aus.«

Dann machte er auf dem Absatz kehrt und gab den Frontsoldaten folgenden Befehl:

»Ausziehen! Alles ausziehen!«

Die Männer sahen einander verwundert an, gehorchten jedoch. Und während immer mehr von ihnen pudelnackt auf der Wiese standen, holten der Lastwagenfahrer und ein Feldwebel stapelweise neue Uniformwesten und Hosen, Stiefel sowie neue Tschakos aus dem Lastkraftwagen. Nach Größe sortiert, wurden sie in der Wiese aufgestapelt. Dann ertönte der Befehl an die Nackten, neue Uniformen auszufassen. Husak murmelte:

»Da schau her, Majestät schenkt uns neiche Kleider.«

Zachs Blick streifte über Husak und die anderen Nackten. Lauter jämmerliche Krispindln7, ein Krüppelg’spiel neben dem anderen. Von fahler, geschundener Haut überzogene Skelette. Haut, die von Wanzen- und Flohbissen, Schrunden und Krätze gepeinigt wurde. Nervös begann sich Zach zwischen den Arschbacken zu kratzen. Dort hatte er seit Wochen eine Entzündung, die der Bataillonsarzt als »Wolf« diagnostiziert hatte. Wortlos schlüpfte er in passende Uniformteile und schnallte sich den Leibriemen um. Mit vor Freude zitternden Fingern schnürte er die funkelnagelneuen, blitzblank geputzten Stiefel zu. Kaum war er adjustiert, war von Ferne das Geräusch herannahender Automobile zu vernehmen.

»Kompanien, antreten!«

Der Oberst hatte einen blutroten Schädel und brüllte, was das Zeug hielt.

»Marsch, marsch, ihr faules Pack! Bagasch! Gsindl miteinander!«

Just in dem Augenblick, als die Kompanien des Bataillons Aufstellung genommen hatten, erschien die Wagenkolonne des Kaisers. Die Automobile hielten, Generalstabsoffiziere, Adjutanten, Chauffeure wuselten diensteifrig umher. Kaiser Karl stieg aus seinem Wagen. Schlank und rank, in tadellos gebügelter Uniform, an den Händen elegante Lederhandschuhe, an den Füßen blitzblank gewienerte Stiefel. Seine Backen schimmerten rosig, der schmale Oberlippenbart war sorgfältig gestutzt. Der Oberst salutierte und meldete, dass das Bataillon vollständig angetreten sei. Des Kaisers Blick schweifte über die Mannschaft. Er nickte und bemerkte anerkennend:

»Sehr gut. Wie ich sehe, hat das Bataillon während der letzten Gefechte kaum Verluste erlitten. Sehr brav. Weiter so.«

In der kommenden Stunde schritt der Kaiser das Bataillon Zug um Zug ab, blieb vor jedem Mann einige Sekunden stehen und brabbelte in einem fort Floskeln wie:

»Sehr gut! Aha! Sehr brav! Nur weiter so!«

Als er vor Zach stehen blieb und ihn für einen Sekundenbruchteil ansah, hatte Zach das Bedürfnis, ihm ins Gesicht zu spucken. Aber es kam nicht dazu. Als er genügend Spucke in seinem ausgetrockneten Mund gesammelt hatte, war der Kaiser schon ein ganzes Stück weiter. Vor Zach stand gerade ein Generalleutnant mit schiefem Gesicht, geöltem Haar und neckisch auf dem Kopf sitzendem Tschako. Für den lohnt sich die Spucke nicht, dachte Zach und schluckte.

1 stehlen

2 verduften

3 Italiener

4 töten

5 Gesindel

6 herum

7 dünne Menschen

Prolog II

Je länger der Krieg dauerte, desto schwieriger wurde die Lage der Monarchie. Zur großen Sorge ob der wachsenden Feindseligkeit der slawischen Nationen gegen den Staat, kamen die kaum geringeren Besorgnisse über die Haltung der unterernährten, rechtlosen und deshalb immer unzufriedener werdenden Arbeiter in der Kriegsindustrie.

Zitat aus: Julius Deutsch, Ein weiter Weg – Lebenserinnerungen, Amalthea Verlag, Zürich-Leipzig-Wien, 1960.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Amalthea Verlages

10. Jänner 1918

Goldblatt war müde und fühlte sich gar nicht wohl. Im Kriegspressequartier hatte er den Tag damit zugebracht, Artikel zu redigieren, zu überarbeiten und umzuschreiben. Im Prinzip hatte er Schönfärberei des Kriegsverlaufs und der militärischen Erfolge der k. u. k. Armee und ihrer Verbündeten produziert. Eine Lüge nach der anderen, dachte Goldblatt, als er in den Ringwagen einstieg. In der Tramway herrschte ein unglaubliches Gedränge, die Scheiben waren angelaufen und es stank. Er fuhr den Ring vor bis zur Station Babenberger Straße, wo er ausstieg. Das letzte Stück zum Café Sperl legte er zu Fuß zurück. Als er eintrat, sah er sich nach dem Oberinspector um. Der saß nicht auf seinem Stammplatz, sondern einen Tisch weiter.

»Nechyba, ich begrüße Sie!«

Der Angesprochene sah kurz von der Zeitung auf und murmelte:

»Grüß Sie, Goldblatt! Nehmen S’ Platz!«

Goldblatt setzte sich und rief dem vorbeigehenden Ober zu:

»Das Übliche, Herr Franz!«

»Sehr wohl, Herr Leutnant!«

Goldblatt holte seine Tabatiere heraus und zündete sich eine Zigarette an. Seitdem er Soldat war, rauchte er wieder. Nicht manisch, aber ab und zu, wenn er Gusto hatte. So wie jetzt zum Beispiel, um sich zu entspannen und um seine Arbeit, die ihm zutiefst zuwider war, zu vergessen. Das gelang aber nicht, denn Nechyba ließ die Zeitung, es war die ›Neue Freie Presse‹, sinken und klopfte mit dem Zeigefinger auf einen Artikel.

»Ich hab’ mir gerade die 14 Punkte des amerikanischen Präsidenten Wilson angesehen. Die Bedingungen, unter denen er Frieden schließen will. Hier ist genau definiert, wie er sich die Nachkriegsordnung vorstellt.«

»Nechyba, ich bitt’ Sie! Hören S’ mir auf mit der Politik und dem Krieg! Können wir nicht über etwas Privates plaudern?«

Der Ober kam und servierte dem Leutnant seinen Goldblatt8. Der nippte an dem heißen Gebräu, nahm einen Zug von seiner Zigarette und blies eine schlanke Rauchsäule in die Luft. Nechyba beobachtete ihn und dachte sich, jetzt hätte ich Lust auf eine Virginier. Da ihm aber das Rauchen ärztlicherseits streng verboten worden war, unterdrückte er den Impuls.

»Also gut, Goldblatt, erzählen S’ mir was Privates.«

Der Leutnant machte einen langen Zug von der Zigarette und begann dann zu erzählen:

»Wie Sie wissen, ist meine Lebensgefährtin, Judith von Zweytick, Malerin. Und da ich letztes Jahr eine Zeit lang mit dem Kunstmaler Egon Schiele in der Konsumanstalt für die Gagisten9 der Armee im Felde zusammengearbeitet habe, machte ich die beiden miteinander bekannt. Das führte dazu, dass sich eine Freundschaft entspann. Egon Schiele, der derzeit ungeheure Anerkennung von allen Seiten erfährt, entwarf nicht nur das Plakat für die 49. Ausstellung der Secession, die jetzt im Februar stattfindet, sondern stellt dort 29 Gemälde sowie 19 Zeichnungen aus.«

»Da kann man ihn ja nur beglückwünschen. Aber was hat das mit Ihrer Lebensgefährtin zu tun?«

»Nun, dank Egon Schiele wurde sie in die Gemeinschaft der Secessionisten aufgenommen und präsentiert bei dieser Ausstellung erstmals zwei ihrer Ölgemälde der Öffentlichkeit.«

»Na, da gratuliere ich, lieber Goldblatt! Das ist übrigens die erste erfreuliche Nachricht heute.«

»Welche Laus ist Ihnen denn über die Leber gelaufen?«

»Lauter ungute Sachen im Bureau. Aber damit hab’ ich zu leben gelernt. Was mir allerdings wirklich an die Nieren geht, ist das da.«

Neuerlich tippte Nechyba mit dem Zeigefinger auf die Seite 2 der ›Neuen Freien Presse‹.

Goldblatt warf einen Blick auf den Artikel und sagte dann gelangweilt:

»Seit wann interessieren Sie sich für die Politik des amerikanischen Präsidenten?«

»Das kann ich Ihnen schon sagen: Seit Präsident Wilson uns den Krieg erklärt hat und sich massiv in unsere Angelegenheiten einzumischen beginnt.«

»Wie meinen Sie das?«

»Da! Da lesen S’ den Punkt zehn! Bei dem wird mir angst und bang.«

Goldblatt nahm die Zeitung und las besagten Punkt langsam und laut vor:

»Den Völkern Oesterreich-Ungarns, deren Platz unter den Nationen wir geschützt und gesichert zu sehen wünschen, soll die erste Gelegenheit zu autonomer Entwicklung gewährt werden.«

Er ließ die Zeitung sinken, nahm einen Schluck Kaffee und machte einen letzten Zug von seiner Zigarette. Dann murmelte er:

»Das wäre das Ende Österreich-Ungarns.«

Nechyba nickte:

»Das seh’ ich auch so.«

8 schwarzer, kurzer Kaffee mit Trebernschnaps

9 Offiziere

15. Jänner 1918

Was zum Kuckuck war das?

Aurelia war heute schon früher nach Hause gekommen und hatte Abendessen gekocht. Nechyba, der mit einem Bärenhunger an den heimischen Herd zurückgekehrt war, hatte seine Frau liebevoll umarmt und sich einfach nur gefreut: dass Aurelia schon da war, dass es in der Wohnküche wohlig warm war und dass das Abendessen auf dem Herd in einem Reindl10 leise vor sich hin blubberte. Er hatte die Gummigamaschen ausgezogen, war aus seinen knöchelhohen Schnürschuhen heraus- und in die Hauspatschen11 hineingeschlüpft. Sakko und Gilet12 waren auf einem Haken fein säuberlich aufgehängt worden. Danach hatte er sich von der Krawatte und dem steifen Hemdkragen befreit, das Hemd aus- und den bequemen Hausmantel angezogen. Von Aurelia waren inzwischen zwei Teller mit dampfendem Inhalt auf den Küchentisch gestellt worden. Mit einem zufriedenen Lächeln und einem wohligen »Ahhh …« war er auf den Küchensessel geglitten, hatte zum Löffel gegriffen − und dann das!

Was zum Kuckuck hatte Aurelia da gekocht? Skeptisch rührte er mit dem Löffel in der braunen Suppe. Weiße Bohnen schwammen drinnen. Aber wo war die Wurst? Oder vielleicht das eine oder andere Stückchen Fleisch? An dicke, weich gekochte Speckstücke, die sich im Mund so herrlich gallertartig anfühlten und die einen zarten Räuchergeschmack am Gaumen hinterließen, war in Zeiten wie diesen sowieso nicht zu denken. Aber eine Bohnensuppe ohne irgendein Fuzerl13 Fleisch war eine Zumutung.

»Nechyba, was hast denn? Was rührst denn in deinem Teller umadum?«

»Es ist noch sehr heiß …«, log Nechyba.

»Suchst vielleicht a Wurst- oder ein Fleischstückerl?«

Der Oberinspector sah seine Frau wie ein ertappter Lausbub an und grinste beschämt.

»Beides ist in diesem Rezept net vorgesehen.«

»Was is’ denn das für a Rezept?«

»Bohnen mit Paradeis14.«

»Bohnen mit Paradeis? Aha. Woher hast denn dieses Rezept?«

»Aus einem gerade erschienenen Büchl, das, was ›Zeitgemäße Kriegsküche‹ heißt.«

»Zeitgemäße Kriegsküche. So a Topfen15! Weißt, was zeitgemäß wär’?«

Aurelia sah ihren Mann fragend an und schüttelte den Kopf.

»Zeitgemäß oder besser gesagt höchste Zeit wäre es, wenn dieser vermaledeite Krieg aufhören würd’. Der macht alles kaputt. Weißt, was ich heut Abend vor dem Heimgehen erfahren hab’? In Niederösterreich sind Streiks ausgebrochen. Ausgehend von den Daimler-Werken in Wiener Neustadt. Und weißt, warum? Weil die Regierung den Hacklern16 die Mehlquote gekürzt hat. Und weil’s jetzt noch weniger zum Fressen kriegen, verweigern Tausende die Arbeit. Ich versteh’ die Leut’. Der Krieg is’ a Schas!«

»Wem sagst du das?«, seufzte Aurelia und begann, die Bohnen mit Paradeis zu essen. Nechyba saß wie ein trotziges kleines Kind da, sah sie vorwurfsvoll an und brummte:

»Was ist denn da drinnen?«

»Wie der Name schon sagt: Bohnen und Paradeiser. Dazu kommen noch zehn Deka17 gekochte und geriebene Erdäpfel18. Ich hab’ das Ganze mit einem bisserl Thymian, Bohnenkraut und einem Lorbeerblatt verfeinert.«

»Wo hast denn die Paradeiser her?«

»Die hat uns deine Cousine letzten Sommer mitgegeben, als wir sie draußen in ihrer Gärtnerei besucht haben. Daraus hab’ ich a Sauce gekocht und die hab’ i dann eingerext. Als eiserne Reserve. Zwei Gläser hamma noch.«

Nechybas Magen brummte. Er sah verzweifelt auf seinen immer kleiner werdenden Bauch, seufzte voll Resi­gnation, griff zum Löffel und begann mit Todesverachtung die Bohnen mit Paradeis in sich hineinzuschaufeln. Nach etwa der Hälfte hielt er inne und streichelte über Aurelias linke Hand, die schwer und müde auf dem Tisch lag.

»Schmeckt gar nicht so übel. Obwohl ka Fleisch drinnen is’.«

Nun seufzte auch Aurelia.

»Fleisch kriegt man im Moment wirklich kaum mehr. Es is’ a Jammer. Dabei bräuchte ich so dringend eines. Weil, der Herr Hofrat is’ schon ganz rappelig. Er will endlich wieder Fleisch essen. Wurscht19, was es kostet. Geld hat er ja.«

Nechyba aß auf. Und weil es ihm nun doch recht gut geschmeckt hatte, wischte er mit dem Zeigefinger den Teller aus und schleckte ihn anschließend genussvoll ab. Aurelia sah ihm irritiert zu, beschloss aber, ihn nicht zur Ordnung zu rufen. Stattdessen sagte sie mit verzagter Stimme:

»Ich bin verzweifelt. Ich weiß wirklich nicht, wie ich den Appetit meines Dienstgebers auf Fleisch stillen kann.«

Nechyba lehnte sich zurück und ließ einen fahren. Die Bohnen beginnen ihre Wirkung zu entfalten, dachte er. Und als er so entspannt mit leidlich gefülltem Magen dasaß, kam ihm eine Idee:

»Ich könnt’ mit dem Guadn reden …«

»Mit dem Karminsky?«

»Wie du weißt, hat der eine eigene Fleischerei20 und obendrein die besten Beziehungen überallhin.«

10 Kasserolle

11 Hausschuhe

12 Weste

13 kleines Stück

14 Tomaten

15 Blödsinn

16 Arbeiter

17 1 Deka = 10 Gramm

18 Kartoffel

19 egal

20 Metzgerei

19. Jänner 1918

Der Oberinspector genoss mit Bedacht sein Gabelfrühstücksbier, als das Telefon läutete.

»Himmelherrgott!«

Er wischte sich den Bierschaum aus dem mächtigen, aufgezwirbelten Schnurrbart, hob den Hörer ab und brummte:

»Ja?«

»Nechyba, guten Morgen! Schober spricht.«

»Guten Morgen, Herr Doktor.«

»Ich bräuchte Sie dringend bei mir in der Polizeidirektion. Könnten Sie herüberkommen?«

»Wann, Herr Doktor?«

»Sofort. Wenn es sich bei Ihnen einrichten lässt …«

»In zehn Minuten? Ist das in Ordnung?«

»Wunderbar. Bis gleich.«

Nechyba legte den Hörer auf und starrte das Telefon feindselig an. Wenn er irgendwas in dieser Welt ändern könnte, dann würde er zuallererst das Telefon abschaffen. Diese Telefonie war wie eine Krankheit, die sich immer mehr ausbreitete. Monat um Monat gab es mehr Apparate und damit mehr Möglichkeiten zu telefonieren. Diese neumodische Art zu kommunizieren wuchs sich zu einer Manie aus. Krethi und Plethi griffen zum Telefon und tratschten miteinander. Unablässig klingelte der Apparat. Niemals gab er Ruhe. »Abschaffen!«, brummte Nechyba. »Dieser Blödsinn gehört abgeschafft!« Mit zwei langen Zügen trank er das Bier aus und rülpste lautstark. Sofort wurde die Bureautür geöffnet und sein Assistent Pospischil trat ein.

»Darf ich abservieren?«

»Ich muss rüber in die Polizeidirektion. Wahrscheinlich komm ich erst wieder nach Mittag zurück.«

»Jawohl, Herr Oberinspector.«

Nechyba schlüpfte in den schwarzen Überzieher, setzte die Melone auf und verließ seine Arbeitsstätte, während Pospischil hinter ihm leise die Bureautür schloss. Nechybas Magen grummelte. Er hatte das Bier zu schnell getrunken. Noch dazu ohne Gabelfrühstück. Heute hatte die Landerl, die Greislerin, bei der er seit Jahren einkaufte, nicht einmal ein Stückerl Brot oder einen Zipfel Wurst für ihn gehabt. Keinen Käse, keine Russen21, einfach gar nichts. Das hatte er auch noch nie erlebt. Sein Magen knurrte, und Nechyba war grantig. Erstmals seit Jahrzehnten kein Gabelfrühstück. Selbst als junger Sicherheitswachmann hatte er immer ein Gabelfrühstück zu sich genommen. So viel Zeit musste sein. Allerdings: Zeit war ja nicht das Problem. Zeit hatte er im Dienst mehr als genug. Wie das aber mit der Lebensmittelversorgung weitergehen würde, stand in den Sternen. Ganz Wien hungerte. Es war ein Jammer. Mit grimmiger Miene betrat er die Polizeidirektion. Die zwei Uniformierten, die hier Wache hielten und normalerweise alle Eintretenden streng kontrollierten, zuckten zusammen. Einer der beiden zog es vor, schnell in die Gegenrichtung zu schauen und so zu tun, als ob er Nechyba nicht bemerkt hätte. Der andere schlug die Hacken zusammen und salutierte:

»Habe die Ehre, Herr Oberinspector!«

Nechyba nickte brummelnd und ging, ohne eine Erklärung abzugeben, schnurstracks zu der Stiege, die zu Schobers Bureau führte. Keiner der beiden Wachleute hatte sich zu fragen getraut, wohin er wolle. Wenn der Oberinspector diesen Gesichtsausdruck hatte, war es ratsam, auszuweichen oder am besten gar nicht da zu sein. Schließlich hatte er im Polizeikorps den Ruf, ein veritabler Grantscherm22 zu sein. Schnaufend marschierte Nechyba zu den Räumlichkeiten des Polizeipräsidenten. Wer immer ihm auf seinem Weg begegnete, wich ihm aus und war froh, dass er mit dem Oberinspector aus dem benachbarten Polizeiagenteninstitut nichts zu tun hatte. Nechyba trat, ohne anzuklopfen, in das Vorzimmer des Polizeipräsidenten ein. Er grüßte den Adjutanten des Präsidenten mit einem Kopfnicken und brummte:

»Der Herr Dr. Schober hat mich gerufen. Es pressiert.«

Der Adjutant nickte, sprang auf, eilte zur Tür von Schobers Bureau, öffnete diese und sagte:

»Oberinspector Nechyba ist da.«

»Er soll bitte reinkommen!«

Der Adjutant nickte und Nechyba betrat Schobers Bureau. Zu seiner Überraschung war er nicht alleine. Hofrat Dr. Roderich Schmerda war ebenfalls anwesend. Was zum Teufel machte Aurelias Dienstgeber hier?

»Darf ich die Herren einander vorstellen? Hofrat Dr. Schmerda vom Innenministerium. Oberinspector Nechyba vom Polizeiagenteninstitut.«

Schmerda war aufgestanden, winkte ab und raunzte:

»Mein lieber Schober, lassen Sie’s gut sein. Wir kennen einander bereits. Herr Oberinspector, ich begrüße Sie.«

»Meine Hochachtung, Herr Hofrat.«

»Nechyba, nehmen S’ bitte Platz. Ich hab’ Sie hergerufen, weil es um eine äußerst heikle Angelegenheit geht …«

»Heikel ist eine Untertreibung!«, unterbrach Schmerda den Leiter der Wiener Polizei. »Faktum ist, dass es um Wohl und Wehe unserer Armee, der Monarchie und auch unseres geliebten Kaiserhauses geht!«

»Um Gottes willen! Was ist passiert?«

Schmerda lehnte sich in seinem Sessel zurück, schlug die Beine übereinander, holte tief Luft und begann zu dozieren:

»Am Montag dieser Woche hat in Wiener Neustadt um halb acht in der Früh die Belegschaft der Daimler-Motorenwerke die Arbeit niedergelegt und ist geschlossen zum Wiener Neustädter Rathaus marschiert. Diesem Marsch haben sich die Arbeiter der Lokomotivfabrik, der Radiatorenwerke, der Flugzeugfabrik und der Munitionswerke Rath angeschlossen. Bis zum Nachmittag hatten sich 10.000 Demonstranten am Rathausplatz versammelt. Am Dienstag hat sich dieser lokale Streik zu einer politischen Massenbewegung gewandelt. An diesem Morgen legte in Ternitz die Belegschaft der Schoeller-Werke die Arbeit nieder und marschierte ins benachbarte Wimpassing, wo sich ihr die Beschäftigten der Gummifabrik und aller anderen dort ansässigen Unternehmen anschlossen. Der Marsch führte weiter nach Neunkirchen, wo sich ebenfalls sämtliche Betriebe an dem Ausstand beteiligten. Weiters schlossen sich alle Arbeiter in Enzesfeld-Hirtenberg, in Leobersdorf, in Wöllersdorf sowie im ziemlich weit weg liegenden Sankt Pölten dem Streik an. Am Mittwochmorgen erreichte die Streikbewegung Wien. Im Arsenal legten 15.000 Arbeiter die Arbeit nieder, in den Fiat-Werken in Floridsdorf waren es 2.000. Im Laufe des Tages wuchs dann die Zahl der Streikenden auf über 80.000 an. Bemerkenswert war, dass es den Streikenden nun in erster Linie nicht mehr nur um eine bessere Lebensmittelversorgung ging, sondern um ein politisches Ziel …«

Schober nickte und warf ein:

»Nun ging es den Streikkomitees um die Friedensverhandlungen in Brest-Litowsk23.«

Schmerda fügte hinzu:

»In der Brigittenau forderten Kundgebungsteilnehmer, dass die Regierung einer Arbeiterdelegation Zutritt zu den Friedensverhandlungen gewähren sollte.«

Nechybas Magen grummelte laut und vernehmbar. Um diese Geräusche zu übertönen, fragte er:

»Und was sagt Unsere Allerhöchste Majestät dazu?«

Schmerda zog ein Stück Papier aus der Innentasche seines Sakkos und antwortete flüsternd:

»Er ist in höchstem Ausmaß besorgt. Ich zitiere aus einem Telegramm, das Seine Majestät gestern an unseren Außenminister, den Grafen Czernin, in Brest-Litowsk gesandt hat:

Ich muß nochmals eindringlichst versichern, daß das ganze Schicksal der Monarchie und der Dynastie von dem möglichst baldigen Friedensschluß in Brest-Litowsk abhängt …

und ich zitiere weiter:

Kommt der Friede nicht zustande, so ist hier die Revolution, wenn auch noch so viel zu essen ist. Dies ist eine ernste Warnung in ernster Zeit …

Meine Herren, diese Information ist streng vertraulich und bleibt unter uns, gell?«

Nechyba und Schober nickten. Der Hofrat räusperte sich und fuhr mit dem Lagebericht fort:

»Im Laufe des Mittwochs konnte der Parteivorstand der Sozialdemokraten mit Müh und Not einen Streik der Eisenbahner verhindern. Trotzdem befanden sich in Wien und Niederösterreich am Ende des Tages gut und gerne 150.000 Arbeiter im Streik. Es gab unzählige Versammlungen in Arbeiterheimen und Gastwirtschaften, und es kam zu Demonstrationen auf den Straßen. Aus Favoriten sind einige Tausend Arbeiter in Richtung Stadtmitte marschiert und haben den Verkehr zum Stillstand gebracht. Diese Demonstration wurde von berittener Polizei aufgelöst.«

Nechyba bemühte sich, durch eine andere Sitzposition seinen unruhigen Magen zur Ruhe zu bringen. Gleichzeitig bemerkte er:

»Davon hab’ ich gehört. Mir ist auch zugetragen worden, dass sich in den Betrieben Arbeiterräte gebildet haben.«

Schmerda nickte und fuhr fort:

»Zum Glück haben die Funktionäre der Sozialdemokratischen Partei rasch reagiert und waren im Laufe des Donnerstags zu Hunderten von Versammlungen gegangen und haben dort die Situation so weit unter Kontrolle bekommen, dass Bezirksarbeiterräte gewählt wurden. In diesen Räten saßen als kooptierte Mitglieder wiederum gestandene Funktionäre der Sozialdemokraten. Damit wurde versucht, die linksradikale umstürzlerische Grundtendenz der Rätebewegung in den Griff zu bekommen. Am Donnerstagmorgen ist außerdem in der ›Arbeiter-Zeitung‹ eine Erklärung des Parteivorstandes veröffentlicht worden …«

Schober schaltete sich ein:

»… in der vier Forderungen formuliert wurden. Und zwar: Friede, Verbesserung der Ernährungssituation, Demokratisierung des Gemeindewahlrechts sowie Aufhebung der Militarisierung der Betriebe. Darüber will die Parteiführung der Sozialdemokraten mit der kaiserlichen Regierung verhandeln.«

Schmerda nickte und fuhr fort:

»Allerdings weitete sich am Donnerstag die Bewegung neuerlich aus, erstmals wurde auch in einem Kronland, nämlich in Krakau, gestreikt. Donnerstagabend befanden sich in Wien, Niederösterreich und der Steiermark über 200.000 Arbeiter im Ausstand. Gestern hat dann der österreichische Außenminister aus Brest-Litowsk eine Erklärung verlautbaren lassen …«

Schmerda kramte neuerlich in seinen Taschen und zog einen weiteren Zettel heraus, von dem er vorlas:

»Ich hafte und bürge … äh … dafür, daß der Friede unsererseits nicht an Eroberungsabsichten scheitern wird …

und weiter:

… Wir wollen von Rußland weder Gebietsabtretungen noch Kriegsentschädigungen. Wir wollen nur ein freundnachbarliches, auf sicherer Grundlage beruhendes Verhältnis, das von Dauer ist und auf gegenseitigem Vertrauen ruht.«

Nach einer kurzen Pause fuhr Schmerda fort:

»Trotzdem hat sich die Bewegung im Laufe des gestrigen Tages weiter ausgebreitet. Das betraf sowohl Betriebe im Mur- und Mürztal, in Linz und Steyr als auch in Brünn, Mährisch Ostrau, Triest und Budapest.«

Schober runzelte die Stirn und blätterte in den Unterlagen.

»Wir haben leider keine konkreten Zahlen mehr, weil das Ganze nicht mehr überschaubar ist. Unserer Schätzung nach befinden sich allein in Cisleithanien24 derzeit zwischen 700.000 und einer Million Arbeiter im Ausstand.«

Schmerda schnaufte und wischte sich mit einem Taschentuch über die Stirnglatze:

»In Wien hat sich gestern Abend ein 14-köpfiger zentraler Arbeiterrat konstituiert, der die bereits erwähnten vier Forderungen mit der Regierung verhandeln soll. Diese Verhandlungen laufen derzeit. Hoffen wir, dass dabei was Vernünftiges herauskommt.«

Nechybas Magen revoltierte neuerlich und er versuchte, ihn mit lauter Stimme zu übertönen:

»Ich danke recht schön für diesen informativen Überblick. Aber was hat das mit uns, mit dem Polizeiagenteninstitut, zu tun? Faktum ist, dass wir bemüht sind, unsere Leute in die größeren Streikversammlungen einzuschleusen und die linksradikalen Aufwiegler zu identifizieren und vorzumerken. Mehr können wir im Moment nicht tun.«

Schmerda nickte:

»Genau um diese Kräfte geht es. Um die linksextremen Aufwiegler. Ich habe da eine Liste der besonders gefährlichen Agitatoren …«

Er holte einen weiteren Zettel hervor und begann vorzulesen:

»Also, das wären die Herren Baral, Beer, Hexmann, Hübl, Kodanich, Kohn-Eber, Koritschoner, Kulcsar, Pjatiorski, Rothziegel und Wertheim.«

Schober sah Nechyba an und sagte in sanftem Befehlston:

»Diese Herrschaften, Nechyba, werden Sie und Ihre Leute am Montag verhaften. Ausnahmslos. Das ist unser Beitrag zur Deeskalation dieser unerfreulichen Geschichte. Sehen Sie zu, dass Ihre Agenten bei diesen Einsätzen bewaffnet sind. Falls nötig, sorgen Sie für ausreichend Unterstützung durch die Sicherheitswache.«

Nechybas Magen brummte und grummelte. Abrupt stand er auf und sagte laut und deutlich:

»Jawohl, Herr Doktor. Am Montag werden wir die Subversiven aus dem Verkehr ziehen. Herr Hofrat, darf ich Sie um die Liste bitten?«

Schmerda stand ebenfalls auf und übergab den Zettel. Schober erhob sich, schüttelte beiden Männern die Hand und bedankte sich für ihr Kommen.

Auf der Stiege ergriff Hofrat Schmerda plötzlich Nechybas Arm, sodass dieser stehen bleiben musste. Schmerda beugte sich zu dem Inspector und flüsterte:

»Ich hab’ noch a Bitte an Sie: Ihre Frau Gemahlin hat erwähnt, dass Sie … dass Sie Verbindungen hätten … zum Schwarzmarkt. Ich bitt’ Sie, könnten Sie mir net a ordentliches Stück Rindfleisch verschaffen? Einen ganzen Rücken oder einen Haxen. Mit Knochen und allem. Ich hab’ solche Zähne25 auf a Rindfleisch. Ich bitt’ Sie inständig. Ich zahl jeden Preis.«

21 eingelegter, marinierter Hering

22 grantiger Mensch

23 Friedensverhandlungen zwischen der neuen Sowjetführung Russlands und Österreich-Ungarn

24 die österreichischen Kronländer (Transleithanien = die ungarischen Kronländer)

25 ich habe so ein großes Verlangen

22. Jänner 1918

»Ja da schau her! Der Herr Oberinspector. Wollen S’ nicht Platz nehmen?«

Nechyba setzte sich an den Kaffeehaustisch und brummte:

»Das hätt’ i sowieso g’macht. Da brauch’ ich ka Einladung.«

Zygmunt Karminsky sah Nechyba fragend an und fuhr dann etwas verunsichert fort:

»Es ist mir eine Freude, Herr Oberinspector. Wünsche einen guten Tag! Geh, Herr Ober, bringen S’ dem Herrn Oberpolizeirat einen Schwarzen mit einem ordentlichen Schuss Trebern drinnen. Was? Sie haben keinen Trebern? Na gut, dann nehmen S’ halt einen Cogn… äh … einen Weinbrand!«

Nechyba war irritiert. Karminsky kannte seine persönlichen Vorlieben recht gut. Dieser fuhr in leutseligem Tonfall fort:

»Also, wie geht’s denn so immer?«

»Dir bald nicht mehr so gut …«

»Um Himmels willen! Was liegt denn gegen mich vor? Hab’ ich was ang’stellt? Ich bin doch ganz brav.«

»Du bist ein Hurentreiber, ein Strizzi26 und ein Stoßspieler27.«

Karminskys Mund verzog sich zu einem verbindlichen Grinsen:

»Aber Herr Oberinspector, ich bitt’ Sie! Das muss ich doch entschieden in Abrede stellen. Ich bin der Guade, ein Wohltäter. Ich geb’ obdachlosen Mädeln ein Dach über dem Kopf und füttere sie durch. Was bei Gott keine leichte Aufgabe ist in diesen Zeiten. Und was das Spielen betrifft, so tu’ ich halt gern ein bisserl dippln28. Aber das mach’ ich ausschließlich aus Spaß an der Freud’.«

»Ein Schleichhändler bist obendrein.«

»Ich bin a kleiner Gewerbetreibender. Das hab’ ich amtlich mit Brief und Siegel. Wie Sie wissen, gehört mir die Fleischhauerei Trnka. Der Witwe des gefallenen Fleischers hab’ ich einen ordentlichen Batzen Geld gezahlt. Seitdem führt sie das Geschäft für mich und verdient ein anständiges Gehalt. Wenn ich ihr mit meinen Beziehungen und meinem Geld nicht geholfen hätt’, hätt’ sie zusperren müssen und wär’ verhungert. Da sehen Sie, was ich für ein sozialer Mensch bin und warum man mich den Guadn nennt.«

»Vorn im G’schäft verkaufst du das bisserl Fleisch, das dir zugeteilt wird. Und hinten im Hof verkaufst du die Schwarzmarktware, du Falott29, du!«

»Geh bitte! Wer hat jetzt im Krieg nix mit dem Schleichhandel zu tun? Das macht doch a jeder! Ohne Schleichhandel würd’ ma alle verhungern. Also sind S’ nicht so streng, Herr Oberinspector. Außerdem haben Sie ja auch schon öfters von meiner Schwarzmarkttätigkeit profitiert.«

Der Ober servierte Nechyba den Kaffee. Es handelte sich um grauslichen Ersatzkaffee aus Eicheln und Zichorien. Nur dem heißen Weinbrand war es zu verdanken, dass das Gebräu einigermaßen angenehm duftete. Nechyba nahm vorsichtig einen Schluck und achtete darauf, sich nicht die Lippen zu verbrennen.

»Werd net frech. Weil, sonst geht’s dir gleich wirklich nimmer guad. Wennst mich reizt, verhafte ich dich auf der Stelle. Du Pülcher30, du. Also horch zu: Ich brauch’ ein Knöpfel31, und wenn du es auftreiben kannst, auch ein Englisches32.«

Nechyba nahm neuerlich einen Schluck und fuhr ungerührt fort:

»Und zwar gestern. Das Fleisch will ich zerlegt und pariert haben. Die Knochen zerhackt als Zuwaag. Na? Jetzt geht dir der Schmäh aus, was? Jetzt schaust ganz kariert.«

Der Guade nahm einen Schluck Weinbrand und flüsterte:

»Aber das kostet a kleines Vermögen …«

»Hab’ i g’sagt, dass ich was gratis will?«

»Haben S’ Geld unterschlagen oder geerbt?«

»Noch so eine depperte Bemerkung und du verbringst die Nacht in der Liesl33.«

»’tschuldigung. War nicht so gemeint. Also wann ich a Knöpfel auftreiben kann, wird das Kilo beiläufig um die 20 Kronen kosten.«

»Und das Englische?«

»Marantjosef34! Ich weiß net, ob ich des krieg. Aber unter 25 Kronen das Kilo wird sich da nix abspielen.«

»In Ordnung. Wann lieferst?«

»Das Knöpfel können S’ in zwei bis drei Tagen in meiner Fleischerei abholen. Das Englische braucht länger.«

»Ich hol gar nix ab. Übermorgen treff’ ma uns wieder hier im Café. Dann bekommst von mir die Lieferadresse.«

Nechyba trank aus, stand auf und wollte grußlos gehen. Doch der Guade war ebenfalls aufgesprungen und hatte seine Hand gepackt. Er schüttelte sie und versicherte mit treuherzigem Blick:

»Herr Oberinspector, es war mir ein Vergnügen. Auf den Kaffee mit Cogn… äh … Weinbrand sind Sie selbstverständlich eingeladen.«

Nechyba schüttelte dem Ganoven, obwohl ihm das peinlich war, die Hand. Dabei grantelte er:

»Den Kaffee hätt’ i sowieso net zahlt.«

26 Zuhälter

27 Spieler eines illegalen Kartenspiels

28 Karten spielen

29 Lump

30 Verbrecher

31 Knöpfel ist der Name des hinteren Teils des Rindes gemäß der Wiener Teilungsmethode: Schale, Fledermaus, Zapfen, Hieferschwanzel, Hieferscherzel, Tafelspitz, Tafelstück, schwarzes und weißes Scherzel, Gschnatter, hinterer Wadschunken, Bratzel, Ochsenschlepp

32 Lungenbraten, Beiried, Rostbraten

33 Polizeigefangenenhaus an der Elisabethpromenade

34 Maria und Josef!

6. Februar 1918

Schon wieder! Schon wieder läutete das Telefon auf des Oberinspectors Schreibtisch. Dieser hielt nach einem kargen Mittagessen im Gasthaus Zum Rebhuhn gerade sein Mittagsschläfchen. Entsprechend langsam und unwirsch war seine Reaktion.

»Haut’s euch über die Häuser und lasst’s mich in Ruh. Ihr Nebochanten35 …«

Da der Apparat partout keine Ruhe gab und unaufhörlich weiterläutete, hob Nechyba schließlich doch ab und raunzte:

»Ja …«

»Herr Oberinspector, sind Sie das? Bin ich richtig verbunden?«

»Wer spricht?«

»Schmerda hier. Hofrat Schmerda. Ich wollt’ mich nur bei Ihnen bedanken, Herr Oberinspector. Also die Fleischlieferung ist angekommen und Ihre Frau Gemahlin zaubert derzeit wunderbare Sachen in der Küche. Wie in der guten alten Zeit vor dem Krieg …«

»Das freut mich.«

»Als Zeichen meiner Dankbarkeit und Verbundenheit hab’ ich ihr heut beim Mittagessen aufgetragen, dass sie sich Fleischknochen und ein Suppenfleisch mit nach Hause nehmen soll. Es ist nur legitim, lieber Herr Oberinspector, dass Sie auch wieder einmal ein ordentliches Stück Fleisch und ein kräftiges Supperl bekommen.«

Nechyba, vom Schlaf noch immer benommen, war verdattert.

»Da … da … sag ich ein ganz herzliches Dankeschön. Da machen S’ mir eine Mordstrum Freud’.«

»Na, das freut mich dann umso mehr. Übrigens: Die Verhaftung der Aufwiegler haben Sie und Ihre Leute vorbildlich durchgeführt. Jetzt, wo die Rädelsführer alle eing’sperrt sind, ist wieder Ruhe in den Betrieben.«

»Ja, hoffen wir’s, dass es so bleibt. Wenn sich die allgemeine Verpflegungssituation aber nicht bessert, sehe ich schwarz. Da werden die Leut’ auch ohne die linksradikalen Rädelsführer neuerlich streiken. Weil a knurrender Magen ist wie ein bissiger Hund …«

»Korrekt, Nechyba. Das ist absolut korrekt. Hoff’ ma, dass sich alles zum Besseren wendet. Nicht wahr?«

»Hoffen kann man ja …«

»Apropos Hoffnung: Wissen S’, auf was ich hoffen täte? Auf einen schönen saftigen Schweinsbraten, eine Schweinsstelze, geselchte Ripperln, einen fesch durchzogenen Schopfbraten vom Schwein und natürlich auf Schweinsschnitzerln …«

Nechyba schwieg. Es knisterte in der Leitung. Schließlich murmelte er:

»Wer hätt’ das net gerne?«

»Freilich, Nechyba, freilich. Ich bitt’ Sie, denken S’ an mich. Vielleicht fällt Ihnen was ein. Es soll nicht zu Ihrem Schaden sein.«

Nechyba dachte an einen Schweinsbraten mit einer knusprigen Kruste und bekam vor Aufregung feuchte Hände. Der Speichelfluss in seinem Mund war kaum zu bändigen, und er musste zweimal schlucken, bevor er antworten konnte.

»Ich werd’ mich umhören, Herr Hofrat.«

»Ausgezeichnet, Nechyba. Ausgezeichnet. Also bis bald, gell? Beste Grüße, ich empfehle mich.«

Nechyba saß an seinem Schreibtisch und freute sich auf heute Abend. Fleischknochen und ein Suppenfleisch. Mein Gott! Wie lange hatte es das schon nicht mehr in seiner Küche gegeben? Ja, der Herr Hofrat ließ ihn nicht verkommen. Dafür musste er sich natürlich wiederum erkenntlich zeigen und den Guadn kontaktieren. Dass der dem Hofrat möglichst eine halbe Sau liefern würde. Da müsste dann ja auch wieder etwas für ihn selbst abfallen. Dieser Gedanke trieb seinen Blutdruck in die Höhe, sein Herz pochte schneller, und der Speichelfluss wollte weiterhin nicht versiegen. Nechyba sah auf seine Taschenuhr. Es war halb vier Uhr nachmittags. Im Polizeigebäude herrschte Totenstille und der Oberinspector hatte plötzlich Lust auf etwas Gesellschaft. Mit der Faust pumperte36 er an die Wand, sodass es im Nebenzimmer laut und deutlich zu hören war.

Augenblicke später trat sein Adjutant ein, der folgende Instruktionen empfing:

»Pospischil, Er hält die Stellung hier. Falls mein Telefon läutet, hebt Er ab und sagt, dass ich einen Auswärtstermin habe. Falls irgendwer persönlich nach mir fragen sollte, gibt Er die nämliche Auskunft. Anliegen dienstlicher Art werden notiert und mir morgen früh rapportiert. Hat Er verstanden?«

»Jawohl, Herr Oberinspector!«

»Gut. Ich geh jetzt.«

Nechyba setzte seine Melone auf, sein Assistent half ihm, in den Überzieher zu schlüpfen. Dann verließ der Oberinspector eiligen Schrittes seine Dienststätte. Draußen in der kalten Winterluft atmete er einige Male befreit durch und lenkte seine Schritte in Richtung Café Landtmann.

»Der Klimt is’ g’storben.«

»Kenn ich den?«

Leutnant Goldblatt sah seinen Freund Joseph Maria Nechyba irritiert an. Er rückte seine randlose Brille zurecht und replizierte:

»Also den wohl berühmtesten zeitgenössischen Maler werden Sie doch kennen.«

Nechyba gab Zucker in seinen schwarzen Kaffee, rührte um und murmelte:

»Sie meinen den Klimt … den … den … Gustav Klimt?«

Leo Goldblatt nickte und bestellte beim vorbeischlendernden Kellner:

»Gehn S’, bringen S’ mir einen ›Goldblatt‹ ohne Kaffee.«

Der Kellner stutzte, nickte dann und sagte:

»Der Herr Leutnant wünschen einen Trebern. Kommt sofort.«

Nechyba bemerkte amüsiert:

»Noch komplizierter kann man eine Bestellung wirklich net aufgeben.«

»Wieso? Ich hab’ Gusto auf einen ›Goldblatt‹. Da es keinen Bohnenkaffee gibt und der Türkische, der mit Ersatzkaffee zubereitet wird, noch grauslicher schmeckt, als wenn man ihn normal kocht, bestelle ich den ›Goldblatt‹ eben ohne Kaffee.«

»Und was bringt das?«

»Na, dass ich die Illusion hab’, auch in diesen Zeiten einen ›Goldblatt‹ bestellt zu haben.«

»Mein Gott, wann werden wir wieder eine Schale Bohnenkaffee bekommen?«

»Als Mitglied des Kriegspressequartiers antworte ich Ihnen: Sobald unsere glorreiche Armee den Feind besiegt hat. Inoffiziell, als Ihr Freund, sag ich nur: Lang kann das nicht mehr so weitergehen. An allen Ecken und Enden merken wir es jetzt auch bei der Armee. Die Mangelwirtschaft gibt den Ton an. Es ist schrecklich. Einfach nur schrecklich.«

Nechyba rückte ganz nahe zu Goldblatt und murmelte:

»Der Scheißkrieg muss endlich aufhören und …«

Er wurde von einer lauten Stimme unterbrochen:

»Leutnant Goldblatt, na, so eine Überraschung!«

Goldblatt erschrak, stand auf und salutierte.

»Ist schon gut, lieber Freund. Setz’ dich, setz’ dich …«

»Darf ich vorstellen? Oberst Eisner-Bubna, Leiter des Kriegspressequartiers. Oberinspector Nechyba, er arbeitet im Polizeiagenteninstitut.«

»Charmant, charmant! Da sitzen Vertreter der zwei wichtigsten Säulen unseres Staates beisammen: Armee und Polizei. Da setz’ ich mich doch glatt dazu. Meine Herren, was trink ma?«

»Ich hab’ gerade ein Stamperl37 Trebern bestellt.«

»Genial, Goldblatt! Einfach genial. Herr Ober!«

»Der Herr Oberst wünschen?«

»Der Herr Leutnant hat einen Trebern bestellt. Das geht net. Bringen S’ uns die ganze Flasche … und drei Gläser … weil ma da so charmant beisammensitzen, Armee und Polizei.«

Zwei Piccolos38 stellten einen Zusatztisch auf. Darauf kam in einem Eiskübel die Flasche Trebern. Der Oberkellner schenkte den drei Herren mit eleganter Geste ein. Der Oberst erhob sein Glas.

»Also servus, gell. Auf unsere siegreiche Armee und unsere tüchtige Polizei!«

Die drei Herren schütteten den Schnaps hinunter und stellten die Gläser mit klirrendem Geräusch zurück auf die marmorne Platte des Kaffeehaustisches. Der Oberst räusperte sich und sagte:

»Also, wo war ma vorher stehen geblieben? Wo hab’ ich euer Gespräch unterbrochen, meine Herren?«

Nechyba verdrehte die Augen und bemühte sich, keinen roten Kopf zu bekommen. Goldblatt antwortete kühl:

»Bei Klimt. Der is’ nämlich g’storben.«

»Klimt? Muss man den kennen?«

»Er war Präsident der Secession und Star der Kunstausstellungen in den Jahren 1908 und 1909. Sein Bild ›Der Kuss‹ wurde sogar vom Ärar39 erworben.«

»Ich erinner’ mich dunkel … viel Gold … viel Gold, nicht wahr?«

»Touché, Herr Oberst. Klimt liebte es, Gold in seinen Gemälden zu verwenden.«

»Auf das Gold! Auf das Gold dieser Welt trink ma jetzt, prost, meine Herren!«

Wieder kippten Nechyba, Goldblatt und Eisner-Bubna ihre Stamperln hinunter. Danach herrschte ergriffene Stille. Plötzlich kniff der Oberst die Augen zusammen und fragte Goldblatt leise:

»Sag, Herr Leutnant, hat dieser Kimt oder Zimt oder wie er g’heißen hat, hat der nicht auch Nackerte g’malt? Nackerte mit viel Gold?«

»Herr Oberst, du hast ein exzellentes Gedächtnis und einen ausgezeichneten Kunstgeschmack.«

»Jaja … meine Frau Mama hat immer wollen, dass ich Künstler werd’. Aber mein Herr Papa hat mich in die Militärunterrealschule gesteckt. Na ja … fotografieren … nicht wahr … tu’ ich schon gern, da sagt man mir auch ein gewisses Talent nach. Aber dieser Zimt … alle Achtung! Der hat was können, der hat Nackerte gemalt à la bonne heure.«

Der Oberkellner schenkte neuerlich die Stamperln voll. Eisner-Bubna ergriff seines, erhob es und sagte feierlich:

»Auf den alten Zimt und auf die Hunderttausende Braven, die in unserer glorreichen Zeit für Gott, Kaiser und Vaterland ihr Leben geben …«

Er hielt inne und fügte leise hinzu:

»… und auf die feschen nackerten Madln von Wien!«

35 minderwertige Menschen

36 lautstark klopfen

37 Schnapsglas

38 Kellnerlehrlinge

39 Staat

Teil 1 / August 1918

Hätte auch die Monarchie als Ganzes ernährungswirtschaftlich eine Blockade des Auslandes aushalten können – Österreich für sich, dessen Produktion naturgemäß durch den Krieg mit seinen Folgeerscheinungen schwer gelitten hatte, konnte die Blockade des Auslandes und eine Absperrung der Zufuhren seitens Ungarns nicht ertragen. Es mußte in die allermißlichste Ernährungssituation geraten, denn der Ausfall der von Ungarn im Frieden gelieferten Mengen an Nahrungs- und Futtermitteln konnte im Kriege selbst bei bester Verwaltung durch Ersparungs- und Verteilungsmaßnahmen nicht wettgemacht werden.

Zitat aus: Dr. Hans Loewenfeld-Russ, Die Regelung der Volksernährung im Kriege, Hölder-Pichler-Tempsky A.G., Wien 1926.

I/1

Am 9. August 1918 war der Morgen strahlend schön. Stanislaus Gotthelf hatte wie immer lange geschlafen. Er streckte und reckte sich. Dann gähnte er herzhaft. Schließlich tapste er zum Waschtisch, goss etwas Wasser in das Lavoir und wusch sich Gesicht, Hals und Oberkörper. Dann applizierte er Rasierseife auf Wangen, Oberlippe und Hals und begann mit der morgendlichen Rasur. Nachdem er die restliche Seife von den glatten Wangen mit kaltem Wasser abgespült hatte, fühlte er sich erfrischt und für den Tag bestens gerüstet. Er zog sich Hemd und Sakko an, riss den Vorhang zur Seite, hinter dem die beiden Bettgeher auf einem Matratzenlager schnarchten. Er stieß mehrmals mit dem Fuß gegen die Matratzen und weckte Zach und Husak mit folgenden Worten:

»Aufwachen, ihr Faulpelze!«

Husak streckte sich, rammte dabei Zach den Ellbogen in den Bauch, sodass dieser laut fluchte. Gotthelf kommandierte:

»Schaut’s, dass rauskommt’s! Als Bettgeher habt’s ihr tagsüber hier nix verloren.«

Langsam standen die beiden auf und streckten sich. Zach funkelte Gotthelf böse an:

»Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen, hochwohlmögender Herr von Gotthelf!«

»Wennst mich papierln40 willst, kannst heut Nacht auf der Straße schlafen.«

»Is schon gut … is’ ja schon gut. Gehen schon. Alles in Ordnung«, beschwichtigte Husak und zog Zach aus der Gotthelf’schen Hütte, die sich im zweiten Hinterhof eines Hauses befand.

Plötzlich erklang hoch oben in den Lüften ein mächtiges Brummen. Es war der Lärm von Motoren. Husak sah erstaunt empor, Zach lehnte sich vollkommen verschlafen und desinteressiert an die Außenwand der Hütte und zischte:

»Gotthelf, du Oasch!«

Gotthelf riss es. Er überlegte, ob er Zach antworten sollte, doch seine Neugier war größer. Was ging dort oben am Himmel vor? Was war da draußen los? Mit eiligen Schritten durchmaß er die beiden Innenhöfe und trat hinaus auf die Wienzeile. Und – oh Wunder – es schneite! Mitten im Sommer. Tausende bedruckte Zettel segelten im sanften Sommerwind auf den Erdboden nieder. Gotthelf stand mit dem Kopf im Nacken da, schirmte die Augen mit der Handfläche ab und versuchte, die Ursache dieses Wunders zu ergründen. War es ein Mirakel? Nein, es waren Flugzeuge, die da oben am Himmel flogen. Eins, zwei, drei, vier, fünf Flugzeuge. Und dort, dort war noch ein sechstes! Was waren das für Zettel, die sie da abwarfen? Mit nervösem Blick beobachtete Gotthelf die unzähligen Blätter, die, von der sanften Sommerbrise beflügelt, durch die Lüfte und über die Straße und die Gehsteige tanzten. Er eilte ihnen nach − und da! Da hatte er sich endlich einen geschnappt. Aber halt! Dort flog ja ein bunter, der die Farben der italienischen Trikolore trug. Auch den schnappte er sich. Mit dem Fangen der Flugblätter aus der Luft beziehungsweise mit dem Aufheben derselben waren mittlerweile alle auf der Straße befindlichen Leute beschäftigt. Besonders die Straßenjungen machten sich einen Sport daraus, möglichst viele der Zettel zu ergattern. Plötzlich hörte Gotthelf die Trillerpfeife eines Sicherheitswachmanns. Zwei bloßfüßigen Lausbuben riss der Uniformierte die Zettel aus der Hand, und auch von anderen Passanten verlangte er, die aufgesammelten Flugblätter herauszurücken. Gotthelf faltete seine zusammen und steckte sie in die Tasche des Sakkos. Dann spazierte er laut pfeifend durch die zwei Innenhöfe zurück zu seinem Schuppen.

Bereits vor der Tür hatte er einen Zettel auseinandergefaltet. Verwundert blieb er stehen und starrte die italienische Trikolore an, auf die das Wiener Stadtwappen sowie folgender Text gedruckt waren:

Wiener!

Lernt die Italiener kennen!

Wenn wir wollten, wir könnten ganze Tonnen von Bomben auf euere Stadt hinabwerfen, aber wir senden euch nur einen Gruss der Trikolore, der Trikolore der Freiheit.

Wir Italiener führen den Krieg nicht mit Bürgern, Kindern, Greisen und Frauen. Wir führen den Krieg mit euerer Regierung, dem Feinde der nationalen Freiheit, mit euerer blinden, starrköpfigen und grausamen Regierung, die euch weder Brot noch Frieden zu geben vermag und euch nur mit Hass und trügerischen Hoffnungen füttert.

Wiener!

Man sagt von euch, dass ihr intelligent seid, jedoch seitdem ihr die preussische Uniform angezogen habt ihr seid auf das Niveau eines Berliner-Grobians herabgesunken, und die ganze Welt hat sich gegen euch gewandt.

Wollt ihr den Krieg fortführen? Tut es, wenn ihr Selbstmord begehen wollt! Was hofft ihr? Den Entscheidungssieg, den euch die preussischen Generale versprochen haben?

Ihr Entscheidungssieg ist wie das Brot aus der Ukraina: Man erwartet es und stirbt bevor es ankommt.

Bürger Wiens! Bedenkt, was euch erwartet und erwacht!

HOCH LEBE DIE FREIHEIT!

HOCH LEBE ITALIEN!

HOCH LEBE DIE ENTENTE!

Gotthelf betrat seine Bude und runzelte die Stirn. Da er nie ordentlich lesen und schreiben gelernt hatte, war dieser Text äußerst rätselhaft für ihn. Er setzte sich und starrte konzentriert auf das Flugblatt. Da war irgendwas nicht koscher. Gotthelf witterte das! Etwas, das ihn wütend machte. Landesverrat! Alleine schon die italienische Trikolore, die Farben der welschen Verräter, die Österreich-Ungarn und Deutschland in den Rücken gefallen waren, ließen seine Zornadern anschwellen. Und stand da unten nicht »Italien«? Hoo…oo…c…h… le…eb…be I…tal…ien? Hoch lebe Italien. So eine Sauerei!

»Was hast denn da? Was ist das für ein Zettel?«

»Der ist draußen vom Himmel oweg’flogen41 …«

»Was steht drauf? Zeig’ her!«

»Italien, glaub’ ich, steht da g’schrieben …«

»Wart, lass mich lesen!«

»Und was steht da?«

»Ha! Die Wahrheit, nix als die Wahrheit!«

»Was für a Wahrheit?«

»Na, dass unsere Regierung einen vollkommen sinnlosen und grausamen Krieg führt. Und dass der Entscheidungssieg nicht kommen wird. Genauso wenig wie das versprochene Brot und alles, was uns die Großkopferten seit Jahren versprechen, während wir den Kitt aus den Fenstern fressen. Ich scheiß auf den Krieg und auf den Kaiser!«

»Du, pass auf! Du! Sag nix gegen unsern Kaiser! Und nix gegen unsre Regierung und unsre siegreiche Armee! Du Weh42, du!«

»Was? Was hast g’sagt?«

»Dass d’ a Weh bist!«

»I bin ka Weh!«

»A Weh! A Wappler43! A gsöchter44 Aff’ …«

Faustschlag. Mitten ins Gesicht. Stechender Schmerz. Gotthelf wischt mit der Hand über die Nase. Blut. Versucht aufzustehen. Ein Sessel kracht auf seinen Schädel. Trifft ihn am Buckel. Gotthelf stürzt. Alles verschwimmt. Donnernde Schläge auf seinen Schädel. Blut im Mund. Keine Luft! Schläge, Schläge, Schläge.

»Hilfe! Auf … aufhören … bitte … bitte … bitte … Hilfe …«

40 verarschen

41 heruntergeflogen

42 Jammerlappen

43 unfähiger Depp

44 dünner

I/2

»Wir müssen verschwinden!«

»Aber wohin?«

»Was weiß ich?«

»Hast recht. Können nicht bleiben hier. Wenn Polizei sehen Sauerei, sie uns wird verhaften und ausliefern. An Armee. Und wir dann hängen.«

»Hör auf! Verdammt noch einmal. Hör auf, so einen Stuss zu verzapfen. Wir haben es von Italien bis hierher geschafft. Uns werden sie auch jetzt net erwischen.«

»Hast recht. Aber wohin gemma?«

»Rüber zum Naschmarkt.«

»Und nachher?«

»Nix nachher. Am Naschmarkt pass ma die Köchin ab, die mir gestern schöne Augen g’macht hat. Die begleit’ ma heim und schlüpfen bei ihr unter.«

»Das sein Dienstbote. Was wird sagen ihre Herrschaft?«

»Sie hat mir g’steckt45, dass ihre Herrschaft weg is’. Auf Sommerfrische. Irgendwo am Land, wo’s noch was zum Fressen gibt.«

Ambrosius Zach und Karel Husak verließen schleunigst das Haus an der Wienzeile, in dessen zweitem Hinterhof der erschlagene Stanislaus Gotthelf lag. Für ein paar Heller hatte er die beiden als Bettgeher bei sich in der Hinterhofhütte unterschlüpfen lassen. Das war praktisch gewesen. Bei Gotthelf hatten sie keinen Meldezettel ausfüllen und keine unnötigen Fragen beantworten müssen. Das Geld hatten sie vom letzten Einschleichdiebstahl, den sie bei ihrem Marsch nach Wien begangen hatten. Im Schwarzatal hatten sie einen Bauernhof mit offenen Türen und niemandem daheim vorgefunden. Das Geld war unter der Matratze versteckt gewesen. Zusätzlich hatten sie auch Schmalz und Brot aus der Speisekammer sowie neues Gewand aus dem Kasten des Schlafzimmers und frische Wäsche aus der Waschküche entwendet. Kaum mehr als eine halbe Stunde hatten sie gebraucht, um alles zu finden und wieder zu verschwinden. Solche Einschleichdiebstähle hatten sie während dieses Frühjahrs und Sommers zahlreiche verübt. Es war auch zu einfach: Die Männer und Buben im wehrpflichtigen Alter kämpften draußen an der Front. Die Frauen daheim mussten schauen, dass die Felder bestellt, das Heu gemacht und das Vieh gehütet wurde. Da man am Land sowieso nie die Türen versperrte, hatten Zach und Husak als Einschleichdiebe leichtes Spiel gehabt.

Husak ging zwei Schritte hinter Zach. Immer wenn dieser innerlich vor Wut bebte, hielt der Böhme Abstand. Oft genug hatte er schon Zachs Wutanfälle miterlebt. Das war nicht angenehm. Zach hatte die Fäuste in die Taschen seines in der Steiermark gestohlenen Lodenjankers versenkt und schritt voll Anspannung durch die Menschenmenge, die sich am Naschmarkt herumtrieb. Beim Verlassen des Innenhofs hatte er mehrmals gegen die Mauer der Einfahrt getreten und geflucht:

»So a Oaschpartie! Jetzt samma wieder ohne Obdach!«

Erst war ein Tritt gegen eine Seitentür erfolgt, die scheppernd nach innen aufflog.

»Hurerei und Bigamie!«

Zach hatte dann gegen einen Flügel des mächtigen Einfahrtstores getreten und sich dabei die Zehen angehauen. Rasend vor Zorn war er hinaus auf die Wienzeile gehüpft. Dabei hatte er leise vor sich hin geflucht. Husak hatte grinsen müssen. Geschieht ihm recht, hatte er sich gedacht, aber nichts dergleichen gesagt. Dass Zach seinen Zorn an ihm abreagierte, hätte ihm gerade noch gefehlt.

45 verraten

I/3

Ein Lausbub in zerfetzter Kleidung kam ihnen entgegengerannt. Die Menge stob auseinander, der Bub wurde von einem keifenden Marktweib verfolgt.

»Oaschwarz’n46! Gib sofort die Zwetschken her, die du mir g’stohlen hast!«

Der Bub stürmte auf Zach zu. Offensichtlich dachte er, dieser würde so wie alle anderen ausweichen. Doch da hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der Wirt war in diesem Fall Zach, der ihm die Rechnung in Form einer fürchterlichen Tetschn47 servierte. Und nicht nur das! Zach war auch im letzten Augenblick zur Seite gesprungen und hatte dem Lauser ein Bein gestellt. Die Kraft der Watsche48 und der Hebelmoment des gestellten Beins beförderten den Buben aus der Vertikalen in die Horizontale. Mehr hatte der Unglücksrabe nicht gebraucht. Das Marktweib, es war die Naschmarkt-Helli, stürzte sich wie eine Hyäne auf ihn. Sie hob ihren bodenlangen Rock, wobei man ihre von Krampfadern verunstalteten Beine zu sehen bekam, und hockte sich auf ihn. Gerade so, als ob sie einen jungen Hengst zureiten würde. Sie zog allerdings nicht an den Zügeln, sondern prügelte wie wild auf den Buben ein. Husak wandte sich ab. Solche Gewaltorgien erzeugten bei ihm Brechreiz. Zach hingegen sah mit sensationslüsternem Glitzern in den Augen der wüsten Rauferei zu. Die Naschmarkt-Helli war ein kräftiges Weib, das ihr Leben lang schwere Gemüse- und Obstkisten gestemmt hatte. Mit so einer legte man sich normalerweise nicht an. Der Lausbub hingegen war ein verhungertes Zniachtl49. Allein dieser physische Gegensatz zog zahlreiches Publikum an.

»Gemma! Helli, gib’s ihm. Der hat schon öfters g’stohln.«

»Das Gfrastsackel50 kriegt jetzt Dresch …«

»Der arme Bua! Hören S’ auf, Frau Helli! Ich kauf nie wieder was bei Ihnen!«

»Net aufhören! Weitermachen!«

»Helli, hau ihm a Wendeltreppn in Schädel!«

»Brich ihm die Finger! Dem Rotzer51!«

»Wenn S’ net sofort aufhören, kauf i wirklich nie wieder was bei Ihnen.«

Helli hielt kurz inne. Schaute die gnädige Frau böse an und knurrte:

»Hau die über die Häuser, du Schastrommel52!«

Und schon kassierte der Lausbub die nächste Gnackwatschn53.

»So eine Unverschämtheit! Polizei! Wo ist denn die Polizei?«

»Bin eh schon da.«

Ein beleibter Sicherheitswachmann schob sich durch die gaffende Menge. Ohne Umschweife packte er die Fratschlerin54 am Genick und riss sie von ihrem Opfer herunter.

»A Ruh’ is’!«

Die Naschmarkt-Helli schlug windmühlenartig um sich und traf dabei den Helm des Sicherheitswachmanns. Laut schrie sie auf. Der Beamte beutelte sie energisch. Und zwar so lange, bis sie schließlich in sich zusammensackte. Dann fauchte er:

»Narrische Gretl. Willst in Häf’n55?«

Die Fratschlerin schüttelte betreten den Kopf. Der Polizist ließ sie los und knurrte:

»Dann schleich dich! Aber schnell.«

»Danke, Herr Inspector …«

»Kusch.«

Der Sicherheitswachmann wandte sich nun dem Lauser zu. Der saß benommen auf dem Erdboden und heulte vor sich hin.

»Du schleichst dich ebenfalls. Rotzer!«

Das brauchte er dem Buben nicht zweimal zu sagen. Von den unzähligen Schlägen noch ganz benommen, kroch er auf allen vieren davon. Nicht ohne zuvor mit blitzschnellen Griffen die gestohlenen Zwetschken, die aus seiner Hosentasche gerollt waren, wieder einzustecken.

»Jetzt hat sich der G’schissene das g’stohlene Obst behalten.«

»Lassen S’ den armen Buben in Ruhe. Der hat ja nur Hunger.«

»Wer hat das heutzutage net?«

46 Arschwarze

47 Ohrfeige

48 ein weiterer Wiener Ausdruck für eine Ohrfeige

49 kleine, schwache Person

50 Schimpfwort; wird wie »Arschloch« eingesetzt

51 Rotzbub

52 alte Frau, die von Blähungen geplagt wird

53 Schlag in den Nacken

54 Marktweib

55 Gefängnis

I/4

Zach steckte die Hände in die Hosentaschen und schlenderte zufrieden vor sich hin pfeifend über den Markt. Husak folgte ihm. Zahlreiche Stände hatten geschlossen, die, die offen hatten, boten meist Zwetschken und dicke Pflaumen an. Dieses Obst gab es derzeit im Überfluss. Seltener und viel begehrter waren hingegen Salatgurken und Rüben. Trotz der geschmalzenen56 Preise standen Trauben von Menschen an, um sich mit diesen Gemüsen einzudecken. Vor einem Stand, der frische Kürbisse anbot, hatte sich eine elendslange Menschenschlange gebildet. Zach beobachtete, dass Husak einen sehnsüchtigen Blick auf die zu einer Pyramide aufgetürmten Kürbisse warf. Grinsend sagte er:

»Willst dich net auch anstellen?«

»Warum?«

»Weilst genauso a Wappler bist wie die, die was da anstehen. Du lasst dir ja auch alles g’fallen.«

»Gib einen Frieden. Musst nicht mich beleidigen. Hab’ nix dir getan.«

Zach schlug ihm auf die Schulter und brummte:

»War net bös’ gemeint. War nur so ein Gedanke …«

Schweigend schlenderten sie hinunter zum Gasthof Zur Bärenmühle. Zach klopfte Husak gönnerhaft auf die Schulter.

»Weißt was? Trink ma a Krügerl57. Ich lad’ dich ein.«

Husak nickte und die beiden betraten die Gaststätte, in der sich allerlei uniformiertes Volk aufhielt. Feldsoldaten, Urlauber, Verwundete, die alle seltsame zusammengestoppelte Uniformen trugen, die in keiner Adjustierungstabelle für das k. u. k. Heer und die k. k. Landwehr zu finden waren. Wie zum Beispiel ein junger Bursch, der mühsam aus einem viel zu groß geschnittenen, schlotternden Soldatenmantel lugte. Auf seinem Haupt befand sich statt des Militärtschakos eine graue Sportmütze. Oder ein älterer Soldat, der mager wie ein Skelett war und dessen spinnenartigen Arme aus einem viel zu kleinen Waffenrock herausragten, der noch aus Friedenszeiten zu stammen schien. Mein Gott, dachte Husak. Was ist aus der einst so glanzvollen k. u. k. Armee geworden? Elendsgestalten, die in unpassenden, geflickten oder auch zerfetzten Uniformen durch die Reichshaupt- und Residenzstadt geisterten oder in Beisln58 wie diesem hier schweigend bei ihrem Bier saßen. Sie nippten alle nur an den Biergläsern, denn es galt noch immer die Verordnung, dass man als Gast nur ein Bier pro Gaststätte bekam. Husak und Zach setzten sich an einen Fensterplatz, betrachteten das Treiben draußen am Markt und nahmen hin und wieder einen Schluck Bier. Husak döste schließlich ein. Kein Wunder: Es war ein drückend schwüler Sommertag. Der anfangs blaue Himmel war nun von Wolken bedeckt, ohne dass es dadurch merklich abkühlte.

Plötzlich rammte Zach seinem Gefährten den Ellbogen in die Seite.

»Heast, wach auf! Draußen is’ grad die Köchin vorbeigegangen.«

56 teuren

57 großes Bier

58 Kneipen

I/5

Husak war noch immer ganz verschlafen, als er hinter Zach und der Köchin die Treppen hinauf in den zweiten Stock stieg. Zach führte ununterbrochen Schmäh, die Köchin gurrte und lachte. Husak war nicht ganz wohl bei der Sache, doch was sollte er tun? Also stapfte er hinter den beiden Turteltauben her. Er beobachtete, wie die Köchin den Hintern hin und her schwang und kuderte59. Die braucht dringend einen Mann, dachte Husak. So wie sie sich aufführt, fallt die dem Zach in den Schoß. Wie eine reife Frucht. Und so kam es auch. In der herrschaftlichen Wohnung, in die sie die Köchin hereinbat, roch es nach Kampfer und Naphthalin. Die Möbel im Salon und im Esszimmer waren mit Leintüchern abgedeckt, alle Jalousien heruntergelassen. Die Herrschaften, die hier normalerweise wohnten, waren verreist.

»Kommt’s weiter, meine Herren! Die Zimmer lasst ihr in Ruhe, die gehen euch nix an. Ihr könnt euch bei mir in der Küche und in meinem Kammerl aufhalten.«

»Wird das nicht a bisserl eng?«

Die Köchin fuhr dem frech grinsenden Zach durchs ungekämmte Haar und gurrte:

»Was heißt eng? Kuschelig wird’s. Sehr kuschelig.«

Zach klopfte ihr mit der flachen Hand auf den Hintern. Sie quietschte vor Vergnügen. Husak war nun endlich wieder wach und fand das alles geschmacklos. Die Köchin führte die beiden durch ein langes Vorzimmer in ihr Reich. Es bestand aus einer geräumigen Küche, einer Speisekammer und einem Kammerl, in dem ein Bett und ein wackliger Kasten standen.

»So, meine Herren! Das ist mein Herrschaftsbereich. Fühlt euch wie zu Hause.«

Eine Einladung, der Zach ohne zu zögern nachkam. Er stellte den zuvor in im Gasthof Zur Bärenmühle gekauften Doppelliter Wein auf den Küchentisch und begann, in der Tischlade herumzukramen.

»Wennst einen Korkenzieher suchst, dann ist der in der linken Lade der Kredenz60.«

Während Zach sich dorthin wandte, setzte sich die Köchin neben Husak auf die Küchenbank und legte ihre Hand auf seinen Schenkel. Als er infolge der Berührung zurückzuckte, lächelte sie ihn an und sagte:

»Gell, du bist a Ruhiger, a Schüchterner. Net so a Wildsau wie der da.«

Zach wandte sich um und feixte:

»Du hast ja gar keine Ahnung, wie wild i bin.«

Mit dem Korkenzieher und Gläsern in der Hand kehrte er zum Tisch zurück. Mit kundigem Griff entkorkte er den Doppler. Husak war ganz übel bei dem Gedanken, wie teuer der Wein gewesen war. 32 Kronen! Ein Vermögen. Aber Zach war das wurscht. Er hatte vorgehabt, die Köchin unter Alkohol zu setzen, um sie anschließend ins Bett zu bekommen. Eine Investition, die sich als völlig überflüssig herausstellte. Kaum hatte Zach nämlich auf der Eckbank Platz genommen, rückte die Köchin ihm zu Leibe. Er schenkte Wein ein, stieß mit ihr an und kaum, dass er den ersten Schluck unten hatte, küsste die Köchin ihn auf den Mund, worauf die beiden heftig zu schmusen begannen. Husak war das peinlich. Er stand auf und ging hinaus. Da ihm nichts Besseres einfiel, begab er sich auf die Suche nach dem WC. In der geräumigen Wohnung musste er einige Türen öffnen, bevor er das stille Örtchen fand. Hierher zog er sich fürs Erste zurück.

59 kichern

60 (Küchen-)Kasten

I/6

»Erschlagen? Wer is’ erschlagen worden?«

»Der Gotthelf.«

»Wer?«

»Der Stanislaus Gotthelf. Der Planetenverkäufer61.«

Fraczyk, der vor zwei Jahren, nach Nechybas Beförderung zum Oberinspector, dessen Polizeiagentengruppe als Inspector übernommen hatte, kratzte seinen Vollbart und fügte hinzu:

»Den kennen S’ doch. Oder täusch’ ich mich?«

»Der Planetenverkäufer is’ tot …«, murmelte Nechyba betroffen.

»Wie is’ denn das passiert?«

»Genaues wissen wir noch nicht. Gestern in der Früh is’ es passiert. Zeugen gibt’s keine.«

»Wer hat ihn g’funden?«

»Sein Sohn, Josef Gotthelf. Genauer gesagt ist das sein Ziehsohn. 1904 hat er ihn adoptiert.«

»Der hat ihn also g’funden. Und wann?«

»Gestern am Vormittag.«

»Und wo?«

»Na, in seiner Hütte da, im zweiten Hof hinten, in der Rechten Wienzeile.«

Nechyba nickte und starrte vor sich hin. Vor seinem geistigen Auge sah er den Planetenverkäufer, wie er sich am Naschmarkt herumgetrieben und den Hausfrauen, Dienstmädeln und Köchinnen schöne Augen gemacht hatte. Er erinnerte sich, wie er seinerzeit im Zuge der Naschmarkt-Morde den Gotthelf als Verdächtigen verhaftet und wie dieser sich später dann als liebevoller Ziehvater des obdachlosen kleinen Pepi angenommen hatte.

»Sie leiten die Untersuchung?«

Fraczyk nickte.

»Der Oberkommissär Niederschönbichler vom Kommissariat an der Wieden hat uns gebeten, den Fall zu übernehmen.«

Nechyba gab sich einen Ruck und pumperte mit der Faust an die Wand. Augenblicke später klopfte es und sein Assistent betrat das Dienstzimmer.

»Pospischil! Bring’ Er uns zwei Krügeln Bier und zwei Slibowitz vom Wirt unten.«

»Und wenn’s keinen Slibowitz ham?«

»Dann bring’ Er uns einen anderen Schnaps.«

»Einen oder zwei?«

»Wie viele Leute sind hier im Raum?«

»Drei, Herr Oberinspector.«

»Falsch. Es sind nur zwei. Er, Pospischil, zööht öfe62. Also, wie viel Schnaps wird Er bringen?«

»Zwei, Herr Oberinspector.«

»Ausgezeichnet. Er kann gehen.«

Pospischil knallte die Hacken zusammen, salutierte und verschwand. Fraczyk schüttelte den Kopf.

»Macht er das immer noch?«

»Freilich. Um mich zu ärgern. Verbieten nutzt nix.«

»Ich kenn’ das«, seufzte Fraczyk, und Nechyba grinste. Ja, so ist das, dachte er. So ist das, wenn man Vorgesetzter ist.

Fraczyk zog eine silberne Tabatiere hervor, öffnete sie und bot Nechyba eine Zigarette an. Der lehnte dankend ab.

»Nein. Das Rauchen haben mir die Ärzte schon im 14er Jahr verboten.«

Fraczyk zündete sich eine Zigarette an und blies kunstvolle Rauchkringel in die Luft. Nechyba stierte ins Leere. Als Pospischil den beiden Vorgesetzten Bier und Schnaps serviert und sich danach wieder zurückgezogen hatte, erhob Nechyba sein Stamperl.

»Auf den Stanislaus Gotthelf. Der Herr möge seiner Seele gnädig sein.«

61 fliegender Händler, der aus einem Bauchkasten heraus Horoskopzettel verkauft

62 zählt nicht

I/7

Kürbisse! Nechyba stapfte über den Naschmarkt und sah am Stand der Naschmarkt-Roserl eine Pyramide dieser orangefarbenen Feldfrüchte aufgetürmt. Ihm lief das Wasser im Mund zusammen. Auch deshalb, weil sich in dem mit Spagat verschnürten Papierpackerl, das er liebevoll in der Hand heimtransportierte, ein Kranz Knackwürste und ein dickes Stück weißer Bauchspeck befanden. Beides hatte er vor einer Stunde um horrendes Geld dem Guadn, den er wie immer in seinem Stammcafé in der Praterstraße getroffen hatte, abgekauft. Eine Menschenschlange stellte sich vor dem Stand mit den Kürbissen an, um das nicht sonderlich beliebte, aber derzeit immerhin erhältliche Gemüse zu erwerben. Nechyba strich sich über den Schnauzer, überlegte kurz und ging dann zum Hintereingang des Standes. Dort pumperte er mit der Faust an die versperrte Tür. Es dauerte etwas, bis der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde und die Naschmarkt-Roserl durch einen Spalt herauslugte.

»Herr Inspector!«

»Oberinspector.«

»Is was? Hab’ ich was verbrochen?«

»Das musst selber wissen. Komm, lass mich rein.«

»Aber ich hab’ zu tun. Vorm G’schäft steht a elendslange Schlange …«

Eine mächtige Wolkenbank schob sich vor die Sonne. Der Himmel verfinsterte sich und Nechybas Gemüt auch. Er knurrte:

»Lass mich rein!«

»Na gut. Wenn’s sein muss. Was werfen S’ mir vor?«

Der Oberinspector trat ein. Ein Windstoß fegte über den Markt und rüttelte an allem, was nicht niet- und nagelfest war. Von ferne erklang dumpfes Donnergrollen.

»Dass du mich so lang vor der Tür steh’n hast lassen, das werf’ ich dir vor.«

»Ich bitt’ um Entschuldigung.«

»Nur, wenn du mir auf der Stelle einen Kürbis verkaufst.«

»Aber da müssen S’ Ihnen anstellen.«

Nechyba sah die Fratschlerin böse an. Es donnerte, und die ersten fetten Regentropfen klatschten auf das Pflaster. Die Naschmarkt-Roserl huschte nach kurzem Zögern vor zur Kürbispyramide, holte einen und drückte ihn dem Oberinspector in die Hand. Nechyba zahlte und ging grußlos. Da es gerade heftig zu regnen anfing, eilte er schleunigst heim.

Er hatte die nassen Schuhe und die feuchten Socken ausgezogen. Seine dicken Füße standen nackt auf dem kühlen Linoleumfußboden, und er schnaufte. Dieses verdammte feucht-schwüle Wetter machte ihm zu schaffen. Draußen blitzte und donnerte es. Regen rauschte. Seufzend stand Nechyba auf und ging zu dem Holzstoß, der im Eck der Küche gelagert war. Mein Gott! Er war heilfroh, dass er mit dem Hofrat Schmerda auf gutem Fuß stand. Ohne dessen Hilfe hätten er und seine Frau keinerlei Brennmaterial, um den Herd anzuheizen. Ein Kürbisgemüse mit knusprigen Knackwürsten könnte er in diesem Fall vergessen. Tja, wer in diesen lausigen Kriegszeiten keine Verbindungen hatte, der war ein armer Hund. Hofrat Schmerda hatte zum Glück die Schulbank mit Georg Zellner von Zellendorf gedrückt, der nun Oberverwalter des Kaiserlichen Thiergartens in Hietzing war. Da es sich dabei nicht um einen Zoo, sondern um ein riesiges waldreiches Jagdrevier handelte, bezogen der Hofrat Schmerda und seine über alles geschätzte Köchin Aurelia nun schon seit dem Herbst 1916 ihr Brennholz aus dem Kaiserlichen Thiergarten. Als Nechyba massive Buchenscheiter in die Brennkammer des Herdes schichtete, Papier unterschob und Feuer entfachte, war ihm, als ob er Bündel von Geldscheinen anzünden würde. Denn das kostbare Buchenholz hatte einen stolzen Preis.

»Sauteuer …«, murmelte Nechyba, »sauteuer is’ das Holz. Und warum? Weil alles sauteuer is’.«

Am Knistern im Herd merkte Nechyba, dass die Buchenscheiter allmählich Feuer fingen. Fröhlich vor sich hin pfeifend, schnitt er den Bauchspeck in kleine Würfel. Das würde ein wunderbares Schmalz und köstliche Grammeln63 geben. Er griff kurz auf die metallenen Herdplatten, aber die waren noch nicht warm. Er nahm den Kürbis sowie ein großes Messer und schnitt den Plutzer in vier gleiche Teile. Dann kratzte er die Kerne und das sie umgebende faserige Fleisch heraus und überlegte, was er wohl damit machen könnte. Ihm fiel nichts ein. Vielleicht würde seine Frau Aurelia eine Idee haben. Nachdem er die Kürbisviertel geschält hatte, rieb er sie auf der groben Küchenreibe. Dann schnitt er Zwiebeln. Wehmütig erinnerte er sich, wie er sich in früheren Zeiten beim Kochen immer ein Gläschen Wein gegönnt hatte. Aber Wein war mittlerweile ebenfalls Mangelware. Ein Liter kostete 16 Kronen oder mehr. Ein Wahnsinn! Nechyba ging hinaus zur Bassena64 und füllte den Wasserkrug. Er blickte in den heftigen Sommerregen und seufzte. Zurück in der Küche, registrierte er mit Genugtuung, dass die Buchenscheiter nun munter brannten und die Herdplatten sich allmählich erwärmten. Nach einem kräftigen Schluck Wasser holte er die gusseiserne Pfanne hervor, stellte sie auf den Herd und gab die Speckstückchen hinein. Alsbald fingen sie munter zu brutzeln an und ein See von glasklarem Fett bildete sich. Nechyba leckte sich die Lippen. Endlich wieder einmal Schmalz. Wochenlang hatten er und seine Frau darauf verzichten müssen. Vorsichtig schöpfte er die braunen Grammeln aus der Pfanne und platzierte sie liebevoll auf einem runden Porzellanteller. Er griff ins Salzfass, ließ feine weiße Kristalle darüberrieseln und steckte dann voll Gier gleich mehrere hintereinander in den Mund. Grammeln! Wunderbar! Nun verlor er jegliche Beherrschung. Er stapfte zur Speisekammer und holte die vorletzte Flasche Wein heraus, die ganz hinten im kühlen Dunkel lagerte. Grammeln ohne einen Schluck reschen Grünen Veltliner waren nur das halbe Vergnügen. Er entkorkte die Flasche, schenkte sich ein Glaserl ein und nahm einen kräftigen Schluck. Der pfeffrige Wein und der salzige Geschmack der Grammeln verbanden sich auf seinem Gaumen zu einem lange entbehrten Genusserlebnis. Liebevoll fischte er alle Grammeln aus dem Fett, schob dann die Pfanne zur Seite und holte den Schmalztopf, der seit Wochen sauber ausgewaschen und unbenützt in der Kredenz gestanden hatte. Mit ruhiger Hand goss er das flüssige Schmalz in den Topf. Danach nahm er eine der größeren Grammeln in den Mund, zerbiss sie und goss mit einem Schluck Veltliner nach. Mit dem Zeigefinger wischte er nun aus der nicht mehr brennheißen Pfanne die letzten Reste Schmalz heraus und lutschte ihn genussvoll ab. So ließ es sich leben!

63 Grieben

64 gemeinsame Wasserentnahmestelle

I/8

»Das riecht himmlisch!«

Nechyba nahm seine Frau, die abgearbeitet und müde heimgekommen war, in die Arme.

»Heut pfeif ma auf die neue Zeit. Heut ess ma so wie früher.«

»Das sind ja gebratene Knackwürste, und das riecht nach Schmalz. Nechyba, wo hast denn das Schmalz her?«

»Selber ausgelassen.«

»Und woher hast den Speck?«

»Vom Guadn.«

»Hast mit dem Gauner schon wieder Geschäfte gemacht?«

»Auf Anweisung aus dem Innenministerium.«

»Was? Der Herr Hofrat hat schon wieder eine Bestellung aufgegeben?«

Nechyba nickte und schob seiner Frau zwei Grammeln in den Mund. Aurelia schloss die Augen und zerkaute die leicht knusprigen und gleichzeitig cremig milden Fettstücke behutsam. Sie registrierte, dass sie von Nechyba ein klein wenig gesalzen worden waren. Ein wollüstiger Schauer überrieselte sie.

»Komm, trink ein Schluckerl Wein!«

»Aber …«

Sie nippte an dem ihr vor die Nase gehaltenen Weinglas, ließ den Rebensaft über den Gaumen rollen und seufzte dann:

»Ach, Nechyba …«

I/9

Als er über den Naschmarkt stapfte und die Tristesse des mangelhaften Warenangebots sah, erinnerte er sich an das wunderbare Kürbisgemüse, das er gestern zubereitet hatte. War das ein Fest gewesen! Nechyba dachte mit großem Vergnügen an den vergangenen Abend, als er und seine Frau das Kürbisgemüse und in Schmalz herausgebratene Knackwürste verspeist hatten. Die geschnittenen Zwiebeln hatte er im Schmalz glasig angeröstet, danach war in das heiße Fett zischend der fein gerissene Kürbis gekommen. Das Ganze hatte er mit Paprikapulver, Salz und Kümmel gewürzt und mit Hesperiden-Essig65 abgelöscht. Danach hatte er etwas Wasser dazugegossen, sodass der Kürbis leise vor sich hin geköchelt hatte. Früher hätte er als krönenden Abschluss eine Portion Rahm in das Gemüse gerührt, doch Rahm gab es schon lange nicht mehr. Bei seinen Reminiszenzen an den vergangenen Abend lief Nechyba das Wasser im Mund zusammen. Auch die Knackwürste, die er enthäutet, der Länge nach halbiert und kreuzweise eingeschnitten hatte, waren ein Gedicht gewesen. Wie gebratene Igel hatten die knusprigen, etwas eingerollten Würste ausgesehen. Und dazu der Grüne Veltliner! Nechyba seufzte. Er schüttelte den Kopf und konzentrierte sich beim Überqueren der Rechten Wienzeile auf den Verkehr. Dass er jetzt zur Behausung des verblichenen Gotthelf unterwegs war, war ebenfalls ein Ergebnis des gestrigen Abends.

»Tot? Der Gotthelf is’ tot? I glaub’s net.«

Nechyba hatte einen Schluck Wein genommen und traurig genickt.

»Das hat mir der Fraczyk heut erzählt.«

»Und wie is’ er g’storben?«

»Derschlagen. Angeblich is’ er derschlagen worden.«

»Wieso angeblich?«

»Nix Genaues weiß man nicht.«

Aurelia hatte ebenfalls einen Schluck Wein genommen, dann das Glas energisch auf den Tisch gestellt, ihren Mann streng angesehen und gesagt:

»Nechyba, bist du a Kiberer oder a alter Krauderer66?«

Nechyba hatte geschluckt und geschwiegen. Dann war Aurelia mit ihrem Sessel so nah zu ihm hingerückt, dass er die Wärme ihres Körpers gespürt hatte.

»Nechyba, der arme Gotthelf! Dem schuldest du sowieso noch was. Also was wirst du morgen tun?«

»Was?«

»Du wirst morgen mit dem Nachwassern67 beginnen. Und seinen Tod aufklären.«

»Na geh!«

»Nix, na geh. Du gehst morgen gleich in der Früh rüber über den Naschmarkt und fangst mit den Nachforschungen an. Versprichst du mir das?«

Die Wärme ihres Busens und ihres Schenkels hatten in Nechyba Gelüste geweckt. Aber nicht auf ein Streitgespräch. Also hatte er ihr ein dickes Busserl gegeben und gebrummt:

»Versprochen.«

65 Tafelessig

66 alter, unfähiger Kerl

67 hier: ermitteln

I/10

15 Jahre ist es her. Vor 15 Jahren war ich das letzte Mal in diesem Hinterhof. Als das Dienstmädel der Familie Schmerda − wie hieß sie nur? Mizzi, glaub’ ich − als die Mizzi ermordet worden war. Damals hab’ ich den Gotthelf verdächtigt. Jetzt ist er tot. Und nun sitzt mir meine Frau im Genick, dass ich die Sache aufklären soll. Obwohl das überhaupt nicht meine Zuständigkeit ist! Nechyba schüttelte sich vor Unwillen und klopfte an die Tür des Salettls, in dem der Verblichene gewohnt hatte. Zuerst leise, dann lauter, schließlich pumperte der Oberinspector mit seiner Faust gegen das ächzende Holz.

»Was is’ denn das für a Wirbel da? A Ruh is’! Ruheee!«

Nechyba drehte sich um und sah einen fetten alten Kerl, der aus einem Fenster im Erdgeschoss schaute.

»Schreien S’ net umadum. Wenn einer schreit, dann bin i das.«

»Und wer sind Sie?«

»Oberinspector Nechyba. K. k. Polizeiagenteninstitut.«

»Oha! A Großkopferter.«

»Werden S’ net frech, Sie! Wer sind Sie überhaupt?«

»I? I bin der Hausmasta da.«

»Name!«

»Hirnigl. Eusebius Hirnigl.«

»Also Hirnigl, passen S’ auf: Sie bewegen jetzt Ihren Hintern heraus und sperren mir die Behausung vom Herrn Gotthelf auf.«

»Herr Gotthelf? Der Gotthelf is’ ka Herr. Sie sind a Herr. Unser Hausherr is’ a Herr. Aber der Gotthelf war a Pfeifenstierer68.«

»I brauch’ den Schlüssel.«

»I hab’ aber kan Schlüssel.«

»Das gibt’s net!«

»Wann ich Ihnen sag, dass i kan Schlüssel hab’.«

»Und warum net?«

»Weil mir der Pepi Gotthelf, der was der Adoptivsohn vom verblichenen Gotthelf is’, den Schlüssel abgenommen hat.«

»Derf er denn das?«

»Die Hausfrau hat’s ihm erlaubt.«

»Und warum?«

»Weil’s mit ihm unter einer Decke steckt.«

»Und was sagt der Hausherr dazu?«

»Nix. Der is’ an der Front in Italien.«

»Wollen Sie andeuten, dass die Hausfrau a Gspusi mit dem jungen Gotthelf hat?«

»Das haben Sie jetzt gesagt, Herr Oberinspector.«

»Und wo find’ i den jungen Gotthelf?«

»Oben. Bei der Hausfrau. In der Hausherrnwohnung.«

»Die zwei haben also keinen Genierer.«

»Das haben wiederum Sie gesagt, Herr Oberinspector. Von mir hören S’ dazu keinen Ton. Was wollen S’ denn vom Pepi Gotthelf?«

»Befragen will ich ihn. Zum Tod seines Vaters.«

»Da werden S’ net viel erfahren. Den haben die anderen Kiberer schon ausg’fratschelt69. Das bringt nix.«

Nechyba sah Hirnigl nachdenklich an und zupfte dabei an seinem Schnauzbart.

»Und was würde was bringen?«

»Na, wenn S’ zum Beispiel die beiden Bettgeher befragen würden.«

»Was für Bettgeher?«

»Die, die der Gotthelf bei sich einquartiert g’habt hat.«

»Davon weiß i ja nix.«

»Davon weiß niemand was. Das hat der Gotthelf still und heimlich g’macht. Das hat er net an die große Glocke g’hängt.«

»Und wo find’ ich die beiden?«

»Untertags haben sie sich immer am Naschmarkt herumgetrieben.«

»Wissen Sie, wie die heißen?«

»Der eine war a Behm. Der hat den anderen einmal Zach gerufen.«

»Zach?«

»Ja.«

»Und der Behm?«

»Ka Ahnung, wie der heißt.«

»Und warum ham Sie das alles net meinen Kollegen erzählt?«

»Weil s’ mich net g’fragt ham.«

68 langer, dünner Mensch, der nicht viel zählt

69 befragt

I/11

Karel Husak schlenderte die Praterstraße entlang. Ein breiter Boulevard, auf dem an diesem Dienstagmorgen reger Verkehr herrschte. Bimmelnd fuhren Tramway-Garnituren, Pferdefuhrwerke klapperten und ratterten über das Kopfsteinpflaster. Flaneure, Dienstmädeln, Hausfrauen, ein paar Lausbuben sowie einige Männer in Zivil und unzählige in Uniform prägten das Straßenbild. Die Uniformierten bewegten sich wie Schlafwandler, die mit erstaunten Blicken registrierten, dass es jenseits der schmutzstarrenden Schützengräben auch noch Asphalt, Kaufläden, Spiegelflächen, gedeckte Tische und parfümierte Damen gab. Sie schlurften durch die Straßen und rochen nach Schlamm und Karbol. Gekleidet in Uniformen, die nichts mehr mit dem eleganten Hechtgrau der seinerzeitigen k. u. k. Armee-Uniformen gemein hatten, sondern in den Farben Erdgrau, Dreckgrau und Grabesgrau schillerten. Die Wienerinnen und Wiener empfanden die Uniformierten nicht mehr als heldenhafte Vaterlandsverteidiger, sondern als degoutante Pechvögel. Jeder war bemüht, möglichst nicht an diese schmutzstarrenden Bazillenträger anzustreifen.

Husak ließ sich treiben. Da er sich in der fremden Stadt nicht auskannte, hatte er mehrmals Einheimische fragen müssen, wo es denn da zum Wurstelprater ginge. Dieses Wiener Freizeit- und Vergnügungsviertel war sein Ziel. Viel hatte er schon davon gehört, jetzt wollte er es auf eigene Faust erkunden. Ohne Zach. Denn den verstand er im Moment überhaupt nicht. Wie konnte ein Mensch bei seinen Handlungen und seinem Denken so sehr vom Sexualtrieb gesteuert werden? Zach war der Köchin, die ironischerweise Innozenzia hieß, obwohl sie alles andere als ein Unschuldslamm war, völlig verfallen. Er verbrachte die meiste Zeit in ihrem Bett, während Husak in der Küche gesessen und sich fadisiert70 hatte. Wenigstens kochte Zenzi Tschiritsch erstklassig. Und da Zach ihr ausreichend Geld zum Einkaufen gegeben hatte, konnten sich die beiden Kameraden in den letzten Tagen regelmäßig den Bauch vollschlagen. Dazwischen hatte Husak die Zeit mit viel Schlaf, gelegentlichen Spaziergängen über den Naschmarkt sowie Besuchen im Gasthof Zur Bärenmühle verbracht. Er hatte auf der Küchenbank geschlafen, während Zach drinnen in Zenzis Bett nächtigte. Was Zach an der Alten so anziehend fand, war ihm rätselhaft. Wie wild trieben es die beiden zu jeder Tages- und Nachtzeit. Für Husak, der die Vorstellung intimer Berührungen mit der schon etwas überwuzelten Zenzi so verlockend fand wie den Kontakt mit einem eiskalten nassen Waschlappen, ging das in Ordnung. Als sich aber heute Morgen die Zenzi neben ihn auf die Küchenbank gesetzt und ihren vom Nachthemd unverhüllten Schenkel an den seinen gepresst hatte, war er äußerst unangenehm berührt gewesen. Völlig verschlafen hatte er es einfach geschehen lassen. Auch deshalb, weil er sich nicht sicher war, ob es ein Annäherungsversuch oder morgendliche Unbekümmertheit war. Dumpf vor sich hin stierend hatte er seinen Kaffee geschlürft. Plötzlich war sie aufgestanden und zur Brotlade gegangen. Dort hatte sie ein Stück Brot abgeschnitten, es mit Butter bestrichen und vor ihn hingestellt. Dabei hatte sie sich so weit vorgebeugt, dass − bedingt durch den weiten Ausschnitt ihres Nachthemds − ihre Brüste vor seiner Nase baumelten. Und das auf nüchternen Magen! Er war aufgesprungen und hatte gezischt:

»Kannst dir nicht anzieh’n was Anständiges?«

»Wieso, g’fallt dir nicht, was du da siehst?«

»Geh zum Zach!«

»Der Zach muss sich ausruh’n. Drum hab’ ich mir gedacht, dass wir zwei vielleicht ein bisserl …«

»Fahr ab! Mit dir möcht’ i nix zu tun ham!«

»Na geh! Sei net so! Ein bisserl pudern71 hat noch niemandem geschadet.«

Das war das Letzte, was Husak hören wollte. Voll Panik hatte er seine Jacke und seinen Hut gepackt und die Flucht ergriffen.

Er kam auf einen weiten Platz, in dessen Mitte sich eine riesige, mit Schiffen verzierte Säule befand. Auf ihr stand die Skulptur eines Mannes mit Rauschebart und Marschallstab in der Hand. »›Wilhelm von Tegetthoff‹«, las Husak am Sockel und zuckte mit den Achseln. Irgend so ein österreichischer Militär. Hinter dem Tegetthoff-Denkmal erstreckte sich ein gewaltiges Bauwerk im neugotischen Stil. Neugierig ging Husak darauf zu. Es herrschte reges Kommen und Gehen. Plötzlich pfiff eine Lokomotive. War das ein Bahnhof? Husak beschleunigte seinen Schritt. Vielleicht war das ein Wink des Schicksals und es ging ein Zug nach Prag? Seine Hände wurden feucht, und im Laufschritt stürmte er in die riesige Halle. Er erstarrte. Ja, er war am Bahnhof. Am Nordbahnhof, wie er las. Von hier gingen Züge nach Prag. Was seine freudige Erregung aber augenblicklich abwürgte, war die Tatsache, dass sich in der Bahnhofshalle nicht nur zahlreiche Uniformträger, sondern auch eine Gruppe Feldgendarmen aufhielten. Ausgerechnet vor den Kassen! Er beobachtete sie eine Zeit lang, bis ihn plötzlich einer der Feldgendarmen scharf ansah. Husak wendete seinen Blick ab, machte auf dem Absatz kehrt und verließ gemächlichen Schrittes den Nordbahnhof. Sobald er draußen war, begann er zu rennen. Himmel! Herrgott! Hoffentlich verfolgte ihn der Feldgendarm nicht. Im Zickzack hastete er durch die Menschengruppen, die sich am Praterstern aufhielten. Erst bei den Vergnügungsbuden des Wurstelpraters verlangsamte er seinen Schritt. Nicht, ohne sich ständig umzudrehen und zu schauen, ob ihm jemand folgte. Schließlich atmete er tief durch und begann, entspannt zu schlendern. Er hatte gehört, dass es hier eine Dame ohne Unterleib gäbe. »Gehen S’, die gibt es schon lang nicht mehr«, grantelte ein alter Mann, den er fragte. »Die arbeitet jetzt wahrscheinlich in einer Munitionsfabrik.« Auch die berühmt-berüchtigten Ausrufer vor den Praterbuden waren verschwunden. Statt ihrer standen schwächliche, traurige Burlis vor den Attraktionen, denen es weder gelang, das Publikum zu animieren, noch zu unterhalten. Na ja, die Männer, die das einst gemacht haben, befinden sich wahrscheinlich in einem Schützengraben oder bereits im Grab, räsonierte Husak, während er durch einen melancholisch gewordenen Wurstelprater schlenderte. Lärm, Gedränge, Übermut und überschäumende Lebensfreude, von denen er so oft gehört hatte, waren nirgends zu finden. Ziellos wanderte er umher, doch die von ihm gesuchten Lustbarkeiten fand er nicht. Etliche Buden waren geschlossen, eigentlich hatte er sich den Wurstelprater amüsanter vorgestellt. Seine Enttäuschung reagierte er beim Watschenaff’72 ab. Mit voller Kraft verabreichte er ihm ein paar saftige böhmische Ohrfeigen. Dabei dachte er an den Oberleutnant Weissenbacher und den Major Novotny. Schließlich gelangte er zu einem Gastgarten, der rundum von einem Holzzaun umgeben war. Hinter der Abzäunung erklang laute Musik. Zwischen den Holzlatten war an einer Stelle eine Lücke, vor der sich eine Schar zerlumpter Kinder drängte, die neugierig hineinspähte. Na bitte! Musik, Spektakel, Attraktionen. Endlich hatte Husak einen Ort gefunden, wo er sich amüsieren konnte. Er zahlte Eintritt und schlenderte in den weitläufigen Gastgarten, in dem unzählige Holztische mit Bänken standen. Etwa die Hälfte war besetzt. Vor allem vor der Bühne des Etablissements drängten sich die Menschen. Husak suchte sich einen Platz, von dem aus er eine gute Sicht hatte. Auf der Bühne klimperte ein verhungert aussehendes Mädchen auf Klaviertasten herum. Husak bestellte ein Krügel Bier, sie führten hier Pilsner Urquell, und lauschte der Pianistin. Na ja. Er hatte in seinem Leben schon virtuoseres Klavierspiel gehört. Aber nach über vier Jahren Krieg war er mittlerweile gewohnt, sich mit dem zu begnügen, was er vorgesetzt bekam. Das Bier wurde serviert und Husak nahm einen großen Schluck. Nach seiner Flucht aus dem Nordbahnhof, bei der er beträchtlich ins Schwitzen gekommen war, war es ein besonderer Genuss.

Plötzlich überkam ihn Heimweh. Er dachte an Prag und an sein Lieblingsbeisl. Beim Gedanken an das dunkle Prager Bier, das dort gezapft wurde, traten ihm die Tränen in die Augen. Vor allzu großer Sentimentalität bewahrte ihn das Programm, das nun auf der Bühne begann. Es war dumm und derb, aber trotzdem eine willkommene Ablenkung. Husak trank sein Bier aus, und da ja laut Verordnung nur ein Krügel pro Gast ausgeschenkt werden durfte, bestellte er sich nun ein Viertel Wein. Der Wein schmeckte ihm, die Sonne blinzelte durch das Blätterdach der Bäume des Gastgartens, und plötzlich schien alles nicht mehr so schlimm zu sein. Er hatte noch immer genügend Geld in der Tasche und er wusste nun, von wo die Züge nach Prag abfuhren. Seine Gedanken schweiften ab, und er überlegte, wie lang er schon keine Frau mehr gehabt hatte. Er erinnerte sich an seinen letzten Besuch im Feldbordell. Eine ziemlich degoutante Angelegenheit! Und es wurde ihm klar, warum ihn die Zenzi so abstieß. Sie hatte nämlich Ähnlichkeit mit der Hure im Feldbordell. Husak lächelte versonnen. Sein Gehirn spielte ihm seltsame Streiche. Er nahm einen kräftigen Schluck Wein und merkte zu seiner Verwunderung eine gewisse Erregung, die sich bei all diesen Gedanken eingestellt hatte. Vielleicht sollte er doch noch auf Zenzis Angebot eingehen? Augen zu und durch. Nachher würde ihm sicher leichter sein. Er leerte sein Weinglas und bestellte beim Ober ein weiteres. Na servus, der hatte Plattler73! So was hatte er noch nie gesehen. Kein Wunder, dass der Kerl nicht an der Front war. Und während er auf sein Viertel Wein wartete, fiel ihm ein junges Mädel auf, das ganz am Rand alleine an einem Holztisch saß. Vor ihr stand ein Himbeerkracherl, von dem sie aber nicht trank. Ein zartes junges Ding mit blondem Haar und unendlich traurigem Gesicht. Je länger Husak sie beobachtete, desto mehr rührte ihn ihr Anblick. Ein junges Mädel! Sakra! Alleine an einem Tisch in einem Etablissement im Wurstelprater. Wie eine Dirne sah sie nicht aus. Eher wie ein Waisenkind. Ein zartes, elfengleiches Wesen. Kein g’stan­denes Weib, das mit allen Wassern gewaschen war. Diese Mischung aus Unschuld und Weiblichkeit zog ihn an. Als der Ober ihm sein Viertel brachte, bestellte er für sie ebenfalls ein Viertel. Ungeduldig wartete er, bis der Ober es ihr servierte. Sie wehrte zuerst ab. Der Ober erklärte ihr aber, dass das eine Einladung des Herrn sei, der da vis-à-vis sitze. Husak erhob sein Glas und prostete ihr zwinkernd zu. Kurz erhellte ein Lächeln ihr melancholisches Gesicht, sie ergriff das Glas, prostete Husak zu und nahm einen kräftigen Schluck. Als sie das Glas abstellte, lächelte sie neuerlich zu Husak hinüber. Nun konnte ihn nichts mehr halten. Er packte sein Weinglas und spazierte zu ihrem Tisch.

»Gnediges Fräjlein, erlauben Sie, dass ich mich setze zu Ihnen?«

»Bittschön, der Herr. Nehmen S’ ruhig Platz.«

»Sehr zum Wohl, gnediges Fräjlein.«

»Sehr zum Wohl, der Herr.«

»Ich heiß’ Husak, Karel Husak.«

»Und i bin die Josefine Selewosky. Aber alle sagen nur Pepi zu mir.«

»I bin der Karel, servus.«

Sie stießen an, Husak rückte ein Stück näher und sagte dann mit treuherzigem Dackelblick:

»Sag Karel zu mir, scheenes Kind.«

Die Selewosky kicherte und replizierte:

»I bin net schön. Und a Kind bin i a nimmer. I bin schon 22.«

»Geh, Kinderl, 22 is doch ka Alter.«

»Meinen S’?«

»Darfst ruhig du zu mir sagen. So alt bin i ja a no net.«

»Und wie alt san Sie?«

»I bin 32. Drauf trink ma jetzt, ahoj!«

Josefine machte neuerlich einen großen Schluck. Ihr Glas war nun fast leer, auf ihren Wangen schimmerte eine zarte Röte. Husak war zufrieden. Der Alkohol zeigte Wirkung. Er entspannt, macht fröhlich und enthemmt. Hoffentlich, dachte Husak. Denn seine Erregung hatte sich nicht gelegt. Ganz im Gegenteil.

»I bin aus Prag. Und von wo bist du?«

»I bin aus Ottakring. Wissen S’, wo das ist?«

»Na. Ich bin a Behm und nur zu Gast in Wien.«

»Sind Sie auf der Durchreise?«

»Ja, kann man so sagen. Also, wo is’ Ottakring?«

»Ganz weit draußen, am Rand der Stadt.«

»Und warum bist da?«

Josefine zuckte mit den Schultern und trank ihr Glas leer.

»Herr Ober, bringen S’ dem Fräjlein noch ein Glasl Wein!«

Der Plattfuß nickte, und Husak versuchte, die nun wieder melancholisch dreinschauende Pepi Selewosky auf andere Gedanken zu bringen.

»Sprichst du tschechisch? Hast ja behmischen Namen.«

»I bin in Olmütz geboren, aber aufg’wachsen bin i in Ottakring draußen.«

»A echtes Wiener Kind also.«

Josefine nickte mit leisem Lächeln. Husak, dem nun wieder der Sinn nach einem Bier stand, fragte:

»Darf ich mir bestellen auf deinen Namen noch a Bier?«

»Ja sicher. Aber warum auf meinen Namen?«

»Wegen dem Krieg. Weil jedes Etablissement nur ein Bier pro Gast ausschenken darf. Ist Verordnung.«

»Haben Sie schon eins getrunken?«

»Vorhin. Hab’ gehabt großen Durst. War auf eins, zwei, drei weg.«

»Bier schmeckt mir net.«

»Macht nix. Kann ich bestellen zweites.«

Husak tat dies, als der Ober den Wein servierte. Unbeeindruckt nahm dieser die Bestellung auf und servierte es wenig später. Husak und die Selewosky plauderten, vom Alkohol animiert, über dies und das. Der Böhme machte kleine Späße, und die Pepi lachte. Sie tranken anschließend ein weiteres Viertel Wein, was zur Folge hatte, dass sich das Mädel an Husak anlehnte. Im Gegensatz zu der körperlichen Berührung am Morgen war ihm diese äußerst genehm. Und da seine neue Bekanntschaft allmählich zu lallen anfing und er ein starkes Hungergefühl verspürte, bestellte er für sich und das Mädel je ein Paar Würstel. Josefine verzehrte sie heißhungrig und schmiegte sich dann neuerlich an ihn. Er konnte nicht anders und gab ihr ein Busserl. Sie wehrte sich nicht, sondern umarmte ihn. Als Nächstes folgte ein Kuss, den sie heftig erwiderte. Für Husak gab es nun kein Halten mehr. Er zahlte, nahm Josefine bei der Hand und verließ mit ihr das Etablissement. Sie spazierten über den Praterstern, und plötzlich sah Husak das Hinweisschild auf ein Hotel. Ohne zu zögern, lenkte er die Schritte dorthin. Er gab dem Hotelportier ein ordentliches Trinkgeld, sodass dieser auf das Präsentieren von Ausweisen und das Ausfüllen eines Meldezettels verzichtete. In dem engen, aber sauberen Zimmer fiel nicht Husak über die Selewosky her, sondern umgekehrt.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
Объем:
283 стр. 6 иллюстраций
ISBN:
9783839256121
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