Читать книгу: «Die chinesische Dame»
Gerhard J. Rekel
Die chinesische
| Dame | Ein Roman über Lügen, die verletzen, und Wahrheiten, die töten |

IMPRESSUM
ISBN 9783990401880

© 2013 by Styria Premium
in der Verlagsgruppe Styria GmbH & Co KG Wien · Graz · Klagenfurt
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Lektorat: Rainer Lendl
Buchgestaltung: Bruno Wegscheider
Coverfoto: iStockphoto/Shutter Worx (Stoff) iStockphoto/itsskin (Dame)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
Alle Rechte vorbehalten
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Zitate
Das biblische Versprechen
Der Gang nach Canossa
Schanghai der 1940iger
Der Kannibale
Able bodys
4000 Zeichen
Drunken Sauna Shrimps
Sex & Leidenskreis der Zeitlichkeit
Enklave der Dunkelheit & Rentner-Jazz
Barfußärzte & I Ging
Weiqi & Triestiner Lloyd
Klein Wien & Kaiser Qin
Feuerspeiender Drache & Mandarin-Sauce
Laozi & Lariam
Opossum & Shikumen
Dank
Weitere Bücher

Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.
Darum leget die Lügen ab und redet Wahrheit.
8. Gebot – Epheser 4.25
Die Wahrheit ist eine Waffe, die wie ein Schwert wirkt.
Konfuzius
Das biblische Versprechen
Als Kindsvater wollte Christian bei der Geburt dabei sein. Er saß neben Sonja im Kreißsaal, hielt ihre Hand. Sonjas engelsgleiches Gesicht war blass, unter ihren hellblauen Augen lagen dunkle Schatten. Sie atmete schwer, röchelte, zuckte. Besorgt schauten ein Arzt und eine Schwester auf den EKG-Bildschirm. Plötzlich begann Sonja zu schreien. Immer lauter. Der Arzt zog einen Wagen mit OP-Besteck heran. Zwei Helfer in blauen Kitteln drängten Christian von ihrem Bauch weg. Presswehen. Der Arzt zückte ein Skalpell. Christian rückte zu ihrem Gesicht, wollte ihr nahe sein. Die Blaukittel schoben ihn auf einen Stuhl. Sonja brüllte. Christian sprang hoch. Die Helfer drückten ihn nieder. Sonja bäumte sich auf. Verzweifelt rückte Christian mit dem Stuhl heran, er beugte sich nach vorne, griff nach ihrer Hand. Die Blaukittel stülpten ihm eine Zwangsjacke über, fixierten ihn. Eine Schwester stellte einen Metalleimer zwischen Sonjas Beine. Christian konnte ihre Scham nicht sehen, nur den Eimer. Der Arzt griff zu einem größeren Skalpell. Blut spritzte. Auf die Kittel. Auf den Boden. Auf Christians Füße. Sonja hechelte, stöhnte, verstummte. Das EKG zeigte einen Strich und piepte. Sofort wollte Christian zu ihr, doch die Zwangsjacke fesselte ihn. Je mehr er zuckte, umso fester. Sonja atmete nicht, ihre Augen starrten zur Decke, leblos. Da bemerkte Christian: Etwas kam aus ihrem Bauch, flutschte in den Metalleimer. Es war klein und bewegte sich. Schwarz. Oval. Faltig. Mit dünnen Beinen. Und langen Fühlern. Eine Kakerlake. Und noch eine. Sie fielen in den Eimer. Wenn ihr Panzer am Metallboden auftraf, hörte Christian ein „Klong“. Jedes Mal. „Klong, klong, klong.“ Bis ihm die Schwester den vollen Eimer brachte. Brutal riss der größere Blaukittel Christians Kiefer auf. Jetzt erst sah Christian das Gesicht des Mannes: Es war sein Vater. Im kleineren Blaukittel erkannte er die Gesichtszüge seiner Mutter. Sie klemmte Christian einen Metallspreizer in den Mund. Über seinem geöffneten Schlund ließ die Mutter eine Kakerlake zappeln. Der Vater grinste ihn verächtlich an: „Mörder!“ Die Schabe fiel auf Christians Zunge. Er spürte, wie sie in seinen Hals krabbelte, ihm den Atem nahm, in seine Arterie eindrang, sein Herz fraß.
Nacht für Nacht quälte Christian diese Szene. Und jedes Mal starb Sonja! Seit Wochen war er mit dem Albtraum aufgewacht. Zumeist gegen drei Uhr früh. Schweißgebadet wälzte er sich dann im Bett.
Neben ihr.
Einmal bemerkte Sonja sein Zittern, sein Hochfahren, seine nasse Stirn. Besorgt fragte sie, was los sei.
Christian konnte es nicht erzählen, wollte sie nicht kränken, niemals. Er hatte sich vor wenigen Monaten mit ihr verlobt, wollte sein Leben mit ihr verbringen. Schließlich hielt er es nicht mehr aus und ging zu einer Psychotherapeutin: Was hat der Albtraum zu bedeuten, warum diese Qual jede Nacht?
Die Frau residierte in einer Villa im noblen Grinzing am Rande Wiens. Die fünfzigjährige Dame war ihm nicht sympathisch; zu schrill ihre Stimme, zu unverblümt ihre Neugierde, der Habitus eines Kindes im Körper einer reifen Frau. Sie appellierte: Er müsse Geduld haben, eine schnelle Lösung sei unwahrscheinlich.
Christian aber hoffte zumindest auf eine Linderung, auf längere Abstände zwischen den Albträumen, auf ein Verblassen der Bilder. Und eine Antwort, warum ihn gerade jetzt, im Alter von 37 Jahren, nach abgeschlossenem Architekturstudium, mit sicherem Einkommen in der väterlichen Firma und mit einer wunderbaren Frau an seiner Seite, eine solche nicht enden wollende Albtraumserie überfiel.
Die Therapeutin erforschte mit ihm innerhalb einiger Wochen das vermutlich ursächliche Erlebnis: Vor einem Jahr hatte er sich in einer Hautklinik ein Muttermal entfernen lassen. Die Voruntersuchung seines HIV-Tests war positiv. Christian konnte es nicht fassen: Ja, er hatte Sonja einmal mit einer Praktikantin betrogen. Ein Fehler, für den er sich tags darauf schämte. Die hübsche Neunzehnjährige galt als schüchtern, war alles andere als promiskuitiv. Christians Vater hatte eingeladen zum 30-jährigen Firmenjubiläum, die Mitarbeiter machten den Abend zu einem bacchantischen Fest. Christians höflich-galante Art, sein jugendliches Aussehen und seine Position als Sohn des Patriarchen halfen ihm, schnell die Sympathien der Gäste zu gewinnen. Spätnachts musste er die Praktikantin nach Hause fahren. Vor ihrer Wohnung fragte sie, ob er noch mit auf einen Espresso komme: „Nach so einer Party kann ich Alleinsein einfach nicht ertragen … verstehen Sie doch, oder?“ Verschämt lächelte sie, weiße Zähne blitzten, an ihren Ohren baumelten rote Perlen, tiefschwarze Augen strahlten ihn an.
In Christian tobte ein Kampf. Er versuchte, ihr Begehren abzuschmettern. „Ich glaube, meine Verlobte würde das nicht so gut finden“, sagte er lachend.
Doch in der Art, wie er sie dabei ansah, und in der Stille, die darauf folgte, musste sie seine Zweifel geahnt haben.
Hatte Christian sich bei ihr angesteckt?
Der Arzt beruhigte, die Analyse sei nicht hundertprozentig, eine weitere Blutabnahme nötig. Das Ergebnis würde in zwei Tagen vorliegen.
An diesem Abend kam Sonja von einem philosophischen Seminar aus Salzburg zurück, die beiden hatten einander vier Wochen nicht gesehen. Ihre Sehnsucht war groß, sie konnte Alleinsein kaum ertragen, wollte mit ihm schlafen. Er gab vor, Kopfschmerzen zu haben. Sie versuchte ihn zu trösten, liebkoste und verführte ihn. Christian gelang es nicht sie abzuweisen. Im letzten Moment griff er zu einem Präservativ, obwohl er wusste, dass sie den Geruch des Gummis nicht mochte und die beiden seit ihrer Verlobung auf Kondome verzichtet hatten.
„Warum plötzlich?“, fragte Sonja lauernd, „hast du mich betrogen? … Oder glaubst du gar, ich war dir in Salzburg nicht treu?“ Er schüttelte den Kopf.
„Na dann …“ Sie schob das Kondom zur Seite.
Er schaffte es nicht, ihr die Wahrheit zu sagen. Schlief mit ihr. Dachte an seine Lüge. Mühte sich ab. Kam ins Schwitzen. Zwang sich durchzuhalten. Ertrug es kaum. Verdammt, warum hatte er bloß bei der Praktikantin nicht nein gesagt? Er quälte sich, bis sie endlich kam. Und hasste sich dafür.
Am nächsten Tag zitterte er dem Kliniktermin entgegen. Der Arzt lächelte, der HIV-Kontrolltest war negativ. Auch davon erzählte er Sonja nichts.
Die Therapeutin aber meinte: Christians Problem liege tiefer, er sei nicht ehrlich. Mit sich und anderen. Er habe ein zu schwaches Selbstwertgefühl. Mitten in der Sitzung durchflutete ihn eine unangenehme Hitze, sein Herz pochte.
Später las er, wie die meisten Psychologen ihre Behandlungen strukturieren: Erst zeigen sie Empathie, dann werden sie normativ. Die Therapeutin mit der kindlichen Mimik sah Christian in die Augen: „Sie sind zu nett, Herr Selikowsky!“
Der Satz ärgerte ihn. Einen Moment lang wollte er die Therapie abbrechen, doch noch mehr ärgerte ihn, dass sie Recht hatte: Er war tatsächlich zu nett. Zu seiner Familie, zu seinen Freunden, ja sogar zu Praktikantinnen. Manchmal verleugnete er sich, bloß um im Moment zu gefallen. Wäre er tatsächlich mit Aids infiziert gewesen, hätte er aus Angst vor der Wahrheit in dieser Nacht seine Verlobte angesteckt. Seine Lüge hätte ihn zum Mörder gemacht!
Vielleicht war es ein Wink des Schicksals, ein Schuss vor den Bug. Deshalb legte er in der letzten Therapiesitzung ein Versprechen ab: Er verinnerlichte das achte Gebot und nahm sich vor, nach der Wahrheit zu leben, sich von Lügen fernzuhalten, den eigenen und den fremden.
Doch dieses Versprechen beruhte auf einem Irrglauben. Einem fatalen.
˘ ˘ ˘
Der Gang nach Canossa
Mit eingeschäumten Wangen stand Christian vor dem Spiegel. Die Rasierklinge schuf glatte Bahnen. Je mehr er sich vom Schaum befreite, umso zweifelnder betrachtete er sein Gesicht: Ja, seine schlanke Nase, seine blauen Augen und sein schwarzer Wuschelkopf gaben ihm einen jugendlich-verspielten Charme, doch an den Koteletten entdeckte er Silberfäden und seine wilden Locken verschleierten kleine Geheimratsecken.
Als er am späten Morgen über den Stephansplatz schlenderte, wehte ihm der kalte Märzwind entgegen. Er stellte den Kragen seines Wolljacketts hoch und wickelte den roten Kaschmirschal fester um den Hals. Weil die Espressomaschine im Büro gerade in der Reparatur war, steuerte er auf ein Café zu. Gleichzeitig mit ihm kamen drei chinesische Touristinnen ins Geschäft. Einer fiel das Halstuch zu Boden. Reflexartig beugte sich Christian danach und zögerte mitten in der Bewegung: War er schon wieder zu nett? In diesem Moment griff auch die Chinesin nach dem Tuch – die beiden stießen ums Haar zusammen. Die junge Frau kicherte, die beiden anderen Chinesinnen lächelten; schüchtern, verlegen, naiv. Irgendwie alle nett. Nicht nett sein, konnte doch unmöglich bedeuten, wie ein Rüpel durchs Leben zu trampeln. Nein, er wollte nett im Stil und ehrlich in der Sache sein, das war’s!
Er ließ sich zwei Becher mit Cappuccino geben, querte den Stephansplatz und ging auf das Haas-Haus zu, auf dessen Glasfassade sich die Morgensonne über mehrere Etagen spiegelte. Im sechsten Stock betrat er das Büro mit der Aufschrift Selikowsky – Abteilung Marketing & Werbung. Seine Sekretärin stand von ihm abgewandt am Fenster und telefonierte. Jenny bemerkte ihn nicht, lachte, flirtete, plauderte. Ihrer bequemen Haltung nach zu schließen schon sehr lange.
Sollte er einfach in sein Büro huschen und ihr Privatgespräch ignorieren? Das wäre nett. Und verlogen!
Sollte er sich räuspern und dezent auf ihren Schreibtisch voller unerledigter Akten deuten? Das wäre nett. Und pädagogisch! Sollte er ihr Arbeitspensum aufzählen? Mit Kündigung drohen? Sie zusammenschimpfen? Nicht seine Art.
Schließlich schlich er sich an und stellte den Cappuccino auf ihren Schreibtisch. Kaum erreichte Jenny der Duft des Kaffees, drehte sich die hagere Blondine um – und wurde rot. Doch Christian war schon in seinem Zimmer verschwunden und nahm vor seinem Computer Platz.
Er hatte mit Jenny nicht das übliche Chef-Sekretärinnen-Verhältnis. Sie erinnerte ihn, wann er wo zu sein hatte, versorgte ihn mit Interna aus der Tiroler Firmenzentrale und brachte seine Hemden zur Putzerei. Im Gegenzug sah er großzügig darüber hinweg, dass sie jeden zweiten Tag zu spät und unausgeschlafen zur Arbeit erschien. Trotz des lockeren Umgangs redeten sie nie über private Dinge und siezten einander.
Das Büro war in die Jahre gekommen, der graue Teppichboden abgestoßen, Christians Stuhl quietschte, die Neonröhren blendeten. Am Computer stellte er einen neuen Werbekatalog zusammen: Fotos von Teddybären, Lodenmänteln und Filzhüten lagen auf seinem Schreibtisch. Christian sollte für die Tiroler Firma seines Vaters die Werbemaßnahmen für Filzprodukte gestalten. Sein Brotjob. Doch wie er die Bilder von Filzhüten, Teddys und Trachtenmänteln auch anordnete, er war wenig begeistert, musste sich zur Arbeit zwingen. Schließlich starrte er verzweifelt aus dem Fenster, sein Blick flüchtete zum Stephansdom, immer wieder schossen ihm die Worte der Therapeutin durch den Kopf: „Sie sind zu nett, Herr Selikowsky!“
Genervt schob er die Katalogbilder zur Seite, griff zu einem Zeichenstift und skizzierte mit wenigen Strichen ein würfelförmig verschachteltes Gebäude. Christians Stimmung hellte sich auf, der Stift flog geradezu über das Papier, neue Räume, Formen und Perspektiven entstanden, er machte, was er am liebsten tat: zeichnen, entwerfen, skizzieren. Allzu gerne würde er sich nur der Architektur widmen.
Von hinten hörte er Jennys Stimme: „Herr Selikowsky? Ihr Vater hat gestern Abend noch angerufen und gefragt, wann er endlich das Layout für den neuen Werbekatalog anschauen kann. Er hätt’ gern einen Termin für eine Videokonferenz!“ Sie stand an der Tür und wartete auf eine Antwort.
„Sagen Sie ihm, ich bin so gut wie fertig“, raunte Christian.
Besorgt betrachtete Jenny das Chaos auf Christians Schreibtisch und seinem Bildschirm.
In diesem Moment wurde Christian klar: Er war im Begriff, sein Versprechen zu brechen: „Nein, sagen Sie ihm, nichts ist fertig. Gar nichts. Überhaupt nichts!“
Verwundert sah Jenny ihn an.
˘ ˘ ˘
Eine Woche nach dem Ende der Therapie hatte Christian bereits begonnen, sein Versprechen peu á peu umzusetzen. Schon am übernächsten Tag saß er mit Sonja im Großraumwaggon. Die Sonnenstrahlen wurden von vorbeiziehenden Strommasten gebrochen und ließen den winzigen Glasstein an Sonjas Nasenflügel schillern. Er liebte ihr warmes Lächeln, ihren Humor und ihre Marotte, zwanzigmal am Tag das lange, rote Haar aufzustecken und wieder zu öffnen.
Der Intercity würde sie in sieben Stunden in seine Tiroler Heimat bringen. Er wollte seinem Vater nicht nur persönlich die Fragmente des nächsten Werbekatalogs präsentieren, sondern ihm vor allem Sonja vorstellen. Weil sie so gar nicht zu seiner erzkonservativen Familie passte, hatte er zu Hause nichts von ihr erzählt, obwohl er sie schon seit vier Jahren kannte und fast zwei mit ihr zusammenlebte.
Schnell noch hatte er Sonja ein graues Kostüm und neue Stiefel spendiert. Die Entscheidung war natürlich schwierig gewesen: schwarze Stiefletten oder violette Overknees? Vor die Wahl gestellt zwischen stundenlangem Probieren oder dem Ziehen der Scheckkarte, hatte sich Christian für Letzteres entschieden. Ein schwarzes Lackkäppi musste auch noch mit, schließlich passte es zu ihrem grünen Lack-Anorak – Sonja liebte schrille Klamotten.
Er nahm sich vor, dem Vater die geplante Hochzeit als wohlüberlegte Entscheidung zu präsentieren. Auch wenn ihm das gelingen sollte, würde Vater auf einen Ehevertrag pochen. Das Wohl der Firma war ihm heilig. Mochte eine solche Regelung durchaus sinnvoll sein, so würde für Sonja der Vertragstext jegliche Romantik und alles Grenzenlose zerschmettern. Müsste sich Christian mit ihr vor einen Rechtsanwalt setzen und die finanziellen Optionen im Falle einer Scheidung erörtern, wäre das eine Katastrophe. Für Sonja bedeutete Liebe Fliegen.
Rechtsanwälte verhandeln Abstürze.
Christian hatte Sonja viel von seinem Vater erzählt: Der fünfundsechzigjährige Alfred war dank seiner Firma ein bekannter Mann in Tirol. Er galt als fleißig, leidenschaftlich und cholerisch. Was sie über den Senior erfahren hatte, verunsicherte Sonja. Sie griff nach den Keksen, die Christian mitgenommen hatte, und versuchte sich abzulenken. Süßes beruhigte sie. Immer.
Die Klimaanlage im Waggon funktionierte nicht, Christian kam ins Schwitzen. Weil es in Innsbruck im März normalerweise noch ziemlich kalt war, hatte er sein erdfarbenes Harris Tweed-Jackett, einen dicken Rollkragen und statt seiner üblichen Jeans eine Cordhose angezogen.
Im Speisewagen besorgte er sich Wasser. Mit jedem Schluck, mit jedem Kilometer, mit jedem Gedanken, der ihn näher nach Hause brachte, sah er seinen Vater deutlicher vor sich: ein energischer, herzkranker Mann, der sich leicht echauffierte. Besonders bei familiären Konflikten.
Schon jetzt fühlte er Vaters Zorn. Und sein Schweigen. Minutenlang. Tagelang. Wochenlang. Bis Mutter versuchen würde, den Familienfrieden zu retten. Er wusste, sie würde ihn abends zur Seite nehmen und auf ihn einreden: Sonja ist doch über zehn Jahre jünger als du. Die muss sich doch erst einmal ausleben, wer weiß, ob die wirklich für immer bei dir bleibt. Und ihr Studium! Philosophie konveniert ja gar nicht mit der Familie. Was wird die später einmal arbeiten? Du wirst sie dein Leben lang durchfüttern müssen, hast du dir das überlegt? Denk nach, du hast ja noch so viel Zeit.
Hatte er nicht. Seine private, empirische Untersuchung brachte ein ernüchterndes Ergebnis: Die begehrtesten Frauen in seinem Alter waren bereits vergeben! Er hatte Sonja vor vier Jahren beim Squash kennengelernt. Trotz ihres leichten Übergewichts war sie eine starke Spielerin: Geschmeidig, direkt und impulsiv. Obwohl er fast täglich joggte, hatte er Mühe, mit ihrem Spieltempo mitzuhalten. Manchmal zeigte sie eine Schwäche, die er zu nutzen versuchte, die sich aber oft als Finte herausstellte. Lang anhaltende Harmonie konnte sie nicht ertragen, da schon lieber mal eine Krise, heftige Emotionen, eskalierender Streit und leidenschaftliche Versöhnung – Letzteren war er verfallen. Ein wenig war sie eine Drama-Queen, sie hatte begonnen, Französisch, Japanologie und Geschichte zu studieren, hatte alles nach weniger als einem Semester wieder abgebrochen, um sich schließlich für Philosophie zu entscheiden. Weil sie sich da nicht auf ein spezielles Gebiet begrenzen musste, sondern durch die Art ihrer Fragestellungen mit allen Lebensbereichen beschäftigen konnte. Trotz ihres Wankelmuts mochte er ihre spontane Art, ihren Witz und ihren festen, wohlgeformten Körper.
Als er sie ein paarmal zum Squashen getroffen hatte, rammte sie nach dem Spiel mit ihrem Fahrrad eine Absperrung. Unterschenkelbruch. Heftige Schmerzen. Komplizierte Heilung. Ein Marknagel musste ihr zur Stabilisierung eingesetzt werden. Für 18 Monate. Ihren Restaurantjob, mit dem sie ihr Studium finanziert hatte, konnte sie nicht mehr wahrnehmen. Verzweifelt wollte sie ihr Studium hinschmeißen. Doch Christian munterte sie auf und pflegte sie gesund. Vor allem aber bezahlte er ihr den Studienabschluss, denn er bewunderte ihr Talent, Fragen zu stellen und Thesen zu entwickeln. Dafür war sie ihm unendlich dankbar.
Hoffte er zumindest.
Das Treffen in Vaters Büro hatte Christian für 15:30 Uhr vereinbart. Danach erst wollte er mit seiner Familie über die Hochzeit sprechen. Am Innsbrucker Bahnhof stieg er mit Sonja ins Taxi. Er nannte das Fahrziel.
„Selikowsky, die Filzfabrik?“, fragte der Fahrer.
Christian nickte und blieb mit seinem roten Schal an der Autotür hängen. Rasch zog er ihn zurück und stopfte ihn in seine braune Daunenjacke.
„Schöne Mäntel machen die da“, setzte der Mann im blauen Holzfällerhemd nach, „tolle Qualität.“
„Und?“, fragte Sonja, „haben Sie einen?“
Er lenkte den Wagen vom Bahnhofsplatz und schüttelte abfällig den Kopf: „Können sich nur Gschtopfte leisten!“ Sonja sah zu Christian, er glaubte einen Vorwurf in ihrem Ausdruck zu erkennen und zuckte die Schultern: „Für die Preise bin ich nicht verantwortlich!“
Sie erreichten das Werksgelände am Rande Innsbrucks. Die steilen Gipfel des Patscherkofels legten einen breiten Schatten über das Werkstor. Arbeiter und Angestellte strömten aus zwei großen Backsteinbauten. Christian blickte auf seine Armbanduhr: Freitag, kurz nach vier. Feierabend. Sie waren zu spät.
„Beeil dich“, raunte er zu Sonja, schulterte ihren Rucksack und zog raschen Schrittes seinen Trolley hinterher. „Manno, komm ja schon …“
Sonjas Stiefelabsätze klapperten die alte Holztreppe empor, in der gründerzeitlichen Firmenvilla befanden sich nur Büros. Christian schob Sonja auf eine Glastür im ersten Stock mit der Aufschrift Geschäftsführung Alfred Selikowsky zu. Er ärgerte sich: Der Zug hatte über eine Stunde Verspätung gehabt, er konnte nichts dafür, aber es passte wieder mal genau zu Vaters Bild von ihm – immer zu spät, immer ein wenig chaotisch. Er gab sich einen Ruck und öffnete die Tür.
Eine fünfzigjährige Frau saß hinter einem Flachbildschirm, sie hatte ein feines, ebenmäßiges Gesicht, ihre brünetten Haare waren zu einem Knoten hochgesteckt. Sie trug einen beigefarbenen Pullover und einen langen, braunen Rock. Auf ihrem Schreibtisch herrschte penible Ordnung. Eine in silber gefasste Brille umrandete ihre blaugrünen Augen. Freundlich sah sie die Besucher an: „Guten Tag, Christian. Wir haben Sie schon erwartet.“
„Tut mir leid, Frau Armbrust, der Zug hatte …“
„Kein Problem“, unterbrach sie ihn, „Ihr Vater hat noch Besuch. Wenn Sie bitte kurz Platz nehmen.“
Frau Armbrust deutete auf ein rotes Sofa im Besucherbereich. Christian zögerte: Warum empfing Vater gerade jetzt jemand anderen? Warum ließ er ihn warten? Wollte er ihn wegen der Verspätung bloßstellen?
„Schön, dass Sie uns wieder mal beehren“, setzte Frau Armbrust nach. Christian verstand die leise Kritik, er reiste ungern nach Innsbruck, ein- bis zweimal im Jahr vielleicht, wenn überhaupt. Was ihm seine Eltern übel nahmen. Offensichtlich vertrat Frau Armbrust nicht nur die beruflichen Ansichten seines Vaters. Lächelnd streckte sie Christians Begleiterin die Hand entgegen: „Bettina Armbrust, ich bin die persönliche Assistentin des Chefs.“
„Sonja Baldur.“
Frau Armbrust musterte Sonja neugierig. Christian vermutete, dass sie eine Erklärung erwartete, in welcher Funktion Sonja ihn begleitete, doch er sagte nichts.
Indes bemerkte Sonja im Besucherbereich eine Vitrine – darin Filzprodukte: Hüte, Teddybären und Modellpuppen mit Lodenmänteln. Darunter stand in rot-weiß-roten Lettern: Seit fünf Jahrzehnten Qualität aus Österreich.
Über der Vitrine hing hinter Glas der Artikel einer renommierten Wirtschaftszeitung. Eine Fotostrecke zeigte den Patriarchen stolz in seinem holzvertäfelten Büro. Sonja überflog ein Interview: Ich führe zweimal wöchentlich Krieg, erzählte Alfred Selikowsky. Dann schlage ich Teddybären ins Gesicht, zerre an ihren Knöpfen, versenke Filzhüte im Wasser und grille sie unter UV-Licht! Ich schütte Rotwein auf Hüte und kokle mit meinem Feuerzug die Ärmel von Lodenmänteln an. Nur wenn unsere Produkte alles schadlos überstehen, genehmige ich persönlich die Auslieferung. Deshalb ist in unserer Firma eine Tradition besonders wichtig: Seit Jahrzehnten produzieren wir ausschließlich in Österreich! Das erst ermöglicht uns die lückenlose Kontrolle! Danach wetterte der Patriarch gegen die asiatische Billigkonkurrenz.
Als Sonja merkte, wie Christian sie beim Lesen beobachtete, witzelte sie: „Was für ein patriotischer Österreicher, dein Herr Papa.“ Für einen Moment glaubte sie, in Christians Gesicht einen Hauch von Stolz zu erkennen, doch sie war nicht ganz sicher.
Abrupt wurde die Tür neben Vaters Büro aufgerissen. Ein Mann im dunkelblauen Zweireiher kam auf die beiden zu; er sah Christian ähnlich, war aber korpulenter und einige Jahre älter. Rasch knöpfte er sein elegantes Jackett zu, das seinen Schmerbauch verdeckte. Der feine Zwirn, die sparsame Mimik und eine rahmenlose Kunststoffbrille deuteten darauf hin, dass dem Mann eine mondäne Wirkung wichtig war.
„Hallo Brüderchen!“
„Hallo Lutz.“
Christians Bruder hielt ein Smartphone in der Hand; er hatte es ständig im Blick, als würde er auf eine dringende Nachricht warten.
„Na, wirst du diesmal Papa dein Werbekatalogerl persönlich präsentieren? Nix Videokonferenzerl, wie sonst immer?“ Lutz’ Verkleinerungsformen nervten Christian. Er hatte sich vorgenommen, jeden Streit zu vermeiden und mit Lutz nur das Nötigste zu bereden. Christians Werbeabteilung in Wien war unterbesetzt, aber vermutlich würde der Junior-Direktor – wie sich Lutz gerne nannte – dafür kein Verständnis aufbringen. „Reiß dir einfach mehr dein Arscherl auf, Brüderchen, wir sind nicht auf der Uni!“, war seine Lieblingsantwort. Ein oft benützter Seitenhieb, denn Christian durfte sechs Jahre Architektur studieren, während Lutz nur eine dreijährige Handelsschule absolviert hatte und in Innsbruck die Stellung halten musste. Dass Christian seit über fünf Jahren vergeblich einen Job als Architekt suchte und keine einzige Bauausschreibung gewann, war ein Joker in einem Bruderkampf, der Christian immer wieder verletzte. Vater erfand schließlich für Christian die Werbeabteilung in Wien, „um die Familie zusammenzuhalten und weil der Christian ja so ein Kreativer ist, da kann er sich mit den Katalogen austoben“. Lutz war nicht begeistert, aber er fügte sich dem Patriarchen. Wie fast immer.
Lutz’ Blick fiel auf Sonja: „Und die hübsche Dame ist deine neue Praktikantin?“ Er streckte ihr die Hand hin.
Bevor Christian antworten konnte, sagte Sonja schnell: „Wir sind verlobt.“ Sie schüttelte Lutz die Hand.
„Ach, du willst heiraten?“
„In drei Wochen“, präzisierte Christian.
Lutz fixierte seinen Bruder: „Schön, dass die Familie auch davon erfährt!“
„Deshalb sind wir ja hier!“
„Herzlichen Glückwunsch. Mama und Papa werden sich bestimmt freuen!“ Lutz lächelte erst Christian zynisch, dann Sonja charmant an. Schließlich wandte er sich zu Christian: „Und ich freu mich auf dein Katalogerl. Wart schon seit zehn Tagen drauf!“ Das war eine Lüge, denn Lutz kümmerte sich nie um die Werbung, die Information hatte er von Frau Armbrust und er ließ keine Gelegenheit aus, Christian runterzumachen.
„Dann darf ich deiner Liebsten ja mal das Werk zeigen“, setze Lutz nach, „damit die zukünftigte Frau Selikowsky selbst sieht, auf welchen Club sie sich da einlässt.“ Grinsend verbeugte er sich vor Sonja und bat sie, ihm zu folgen. Im Rausgehen raunte er gerade so laut, dass es Christian noch hören konnte: „Und wovon mein lieber Herr Bruder sein schickes Wiener Penthouserl bezahlt!“
Christian fühlte eine Mauer zwischen sich und seinem Bruder. Obwohl sich Lutz immer gerne cool gab, hegte Christian den Verdacht, als stünde er permanent unter Spannung, was auch seine leicht geröteten Wangen bestätigten. Fast ein Jahr hatte er Lutz nicht mehr gesehen und nun fiel ihm auf, wie stark sein Bruder zugenommen hatte: Ein Doppelkinn hatte sich herausgebildet, seine Wangen waren fleischig geworden und ein leichter Stiernacken hob sich ab. Einen Moment überlegte Christian, analog seines Ehrlichkeitsversprechens, Lutz zu sagen, wie fett er geworden war. Doch sofort wurde ihm klar: Absolute Ehrlichkeit ist immer an der Grenze zur Einfältigkeit. Vor allem, wenn man Leute damit konfrontiert, wie dumm oder hässlich sie sind. Er sollte Lutz besser mal fragen, was mit ihm los war, wie es ihm wirklich ginge.
Christian musste sein Versprechen präzisieren: Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten konnte nicht bedeuten, in jedem Moment zu sagen, was man denkt – nicht die absolute Wahrheit oder die absolute Ehrlichkeit waren seine Ziele, sondern Wahrhaftigkeit. Er musste einen wahrhaftigen Zugang zu sich selbst und anderen finden, fern von gesellschaftlichen Erwartungen und Fremdbestimmung. Nur dann ergab sein Versprechen Sinn.
Als Christian an das Fenster trat, beobachtete er, wie Sonja mit seinem Bruder über den Hof schlenderte. Im Gehen fingerte Lutz mit der einen Hand an seinem Smartphone herum, die andere deutete mit großer Geste zu den Fabrikhallen. Mit stämmigen Schritten folgte Sonja in ihrem grünen Lack-Anorak seinem Bruder. Sie drehte sich um, sah einen Moment zu Christian hoch, dann forderte Lutz ihre Aufmerksamkeit.
Ein leiser Summton unterbrach die Stille im Büro. Frau Armbrust sprang auf und verschwand in Vaters Arbeitszimmer. Zurück kam sie mit einer chinesische Dame im schwarzen Businesskostüm. Christian versuchte ihr Alter zu schätzen: Ende Zwanzig. Nein, Fünfundreißig. Vielleicht sogar Vierzig. Ein zeitlos schönes Gesicht, eingerahmt von schwarzen, halblangen Haaren. Braune Augen, der Mund fein geschnitten, ihre Lippen dunkelrot, die Nase vielleicht eine Spur zu klein, doch sie hatte eine solch anmutige Form, dass die Kleinheit den Reiz nur verstärkte. Über ihrer Schulter hing eine Notebooktasche. Frau Armbrust reichte ihr vom Kleiderständer einen schwarzen Wollmantel. Dankend lächelte die Dame. Doch es war nicht dieses naiv-kindliche Lächeln, das Christian von vielen Chinesinnen kannte. Sie lächelte anders: dezent, selbstbewusst, kühl.
Er wartete, ob sie zu ihm sah. Doch sie schien ihn nicht bemerkt zu haben.
Sie griff zu ihrem Smartphone und wählte eine Nummer: „Guten Tag. Können Sie mich bitte mit der South-China-Bank in Frankfurt verbinden … danke.“
Christian war beeindruckt von ihrem akzentfreien Deutsch. Er gab vor, in seinem Katalog zu lesen. Bis er sie neuerlich hörte.
„Hello, … speaking.“ Ihren Namen konnte er nicht verstehen. „May I talk to Doctor Wang Chen, please. He’s waiting for my call.“
Bestes Oxford-Englisch. Seltsamerweise hatte Christian das Gefühl, diese Frau zu kennen. Woher bloß? Schließlich hörte er sie ins Smartphone Chinesisch sprechen. Nach einigen Sätzen sprach sie schneller, ihr Ausdruck veränderte sich; für eine Sekunde glaubte Christian, unter ihrer harten Oberfläche etwas Warmes, Zerbrechliches zu erkennen, aber vielleicht bildete er sich das auch nur ein.
Frau Armbrust langte nach ihrem Lodenmantel: „Ich bring unseren Gast ins Hotel – und mach dann Feierabend. Ihr Vater hat gebeten, dass Sie ihn noch fertig telefonieren lassen. Ein dringendes Gespräch! Er kommt dann selbst raus, nicht wahr?“
Ob es wahr ist, musste sie doch selbst wissen, durchfuhr es Christian. Diese in Tirol weitverbreitete Floskel kam ihm angesichts seines Versprechens völlig absurd vor.
Frau Armbrust führte die chinesische Dame zur Tür, drehte sich noch mal zu Christian. In der Eile verfiel sie in Dialekt: „Der Herr Vata isch glei soweit!“
Beim Rausgehen traf ihn der Blick der Chinesin. Sie lächelte nicht, schaute ihn nur kurz an: freundlich, bestimmt, durchdringend. Lag es an der ungewöhnlich schlanken Gesichtsphysiognomie, dass Christian die Frau bekannt vorkam? Was machte sie bei Vater, wer war sie?
Durch das Fenster sah er, wie sie in ihrem eleganten Wollmantel aus der Bürovilla kam, nein, sie schritt nicht wie Sonja über den Hof, sie schwebte. Gingen Chinesinnen immer leichter, geschmeidiger, graziler; hatten sie alle in der Schule gelernt, wie man über einen Platz schwebt? Seine Augen hafteten an ihr, bis sie hinter dem Werkstor in Frau Armbrusts blauem Polo verschwand.
Plötzlich war es vollkommen ruhig im Büro. Er betrachtete die Industriegebäude, niemand schien mehr zu arbeiten. Wo blieb eigentlich Sonja mit seinem Bruder, was sahen sich die beiden überhaupt an?
Ihm stach an der Hallenwand gegenüber ein Plakat ins Auge: Ein männliches Modell posierte mit Tiroler Filzhut und Lodenmantel. Erotisch verspielt warf der junge Mann einen Teddybären in die Luft. Darunter stand: Selikowsky – only made in Austria!
Vor einem Jahr hatte Christian seinem Vater vorgeschlagen, neben der Folklore eine moderne Kollektion zu kreieren. Er bat junge Couturiers um Ideen für eine neue Modelinie. Viel Geld und Zeit wurden verbraten. Schließlich lehnte der Patriarch alle neuen Entwürfe kategorisch ab, einzig das jüngere Modell auf dem Plakat durfte Christian realisieren. Er empfand die Absage als Demütigung, sogar sein Bruder war damals auf seiner Seite, doch auch das half nicht.
Da hörte Christian ein Geräusch. Als ob leise eine schwere Tür geschlossen würde oder ein dumpfer Gegenstand umfiele. Er konnte aber keine Tür sehen, die geöffnet oder geschlossen wurde – weder hinter ihm die Empfangstür noch gegenüber der Zugang zu Vaters Büro. Offiziell war außer Vater niemand mehr auf der Etage. Das Geräusch kam am ehesten aus dem Zimmer neben Vaters Büro. Jetzt erst fiel ihm auf, dass an dieser Tür das Schild Konferenzraum durch eines mit Vice Lutz Selikowsky ersetzt worden war. Vice was? Vicepräsident? Vice versa? Miami Vice? War Lutz jetzt größenwahnsinnig geworden?
Sein Bruder hatte also den Raum neben seinem Vater bezogen. Offensichtlich wollte Vater seinen Ältesten in Griffweite haben. Wenn es nach dem Patriarchen ginge, hatte Lutz immer richtig entschieden: richtige Berufswahl, richtige Stadt, richtige Ehefrau. Lutz hatte vor zwei Jahren eine Mitarbeiterin aus der hauseigenen Buchhaltung geheiratet. Die Tochter eines Finanzbeamten. Vater hatte gejubelt, denn mit dieser Schwiegertochter hatte er einen direkten Draht zu den Steuerprüfern. Vor einem Jahr hatte sie Lutz Zwillinge geschenkt.
Christian aber wollte sich nicht instrumentalisieren lassen und wie Lutz eine Hochzeit im Trachtenkostüm mit Blaskapelle und halber Firmenbelegschaft feiern. Er hatte Sonja versprochen, in Wien zu heiraten. Eine stille Hochzeit. Sechs Personen. Höchstens. Danach hatten sie geplant, nach Italien zu reisen.
Vorsichtig näherte sich Christian der Tür von Vaters Büro. Warum kam der alte Herr nicht endlich raus? Christian hatte mit ihm schließlich einen Termin. Vater hielt sich immer an Abmachungen. Warum ließ er ihn nun warten, warum telefonierte er so lange, wollte er ihn wegen seiner Verspätung demütigen?
Christian ging zur Toilette. Als er zurückkam, war die Tür zu Vaters Büro noch immer verschlossen. Genervt schaute er auf die Uhr und lauschte. Kein Telefonieren. Kein Geräusch. Nichts. Er sah sich um und fluchte leise: Diese Warterei war Schikane! Seine Familie schikanierte ihn immer, wie lächerlich! Da bemerkte er, wie am Ende des Flurs Sonja auftauchte. Vor ihr empfand er diese Schikane noch unerträglicher – er riss die Bürotür auf. Der wuchtige, braune Lederchefstuhl war leer. Christian machte ein paar Schritte in den dunkel möblierten Raum und entdeckte hinter dem Schreibtisch seinen Vater: auf dem Boden liegend, bewegungslos, mit Blut an der Schläfe. Seine dicke Brille lag neben ihm. Christian hockte sich hin, suchte Vaters Puls – kein Schlag. Er strich über seine Wange, berührte die Falte unter dem Auge, auf die er als kleiner Junge immer gesehen hatte, wenn Vater wütend war. Vaters Haut fühlte sich kühl an. Zu kühl. Christian schrie nach Hilfe, nach einem Arzt. Er hörte, wie Sonja an der Telefonanlage von Frau Armbrust hantierte. Panisch öffnete er Vaters Krawatte. Er legte seine Handballen zwischen Herz und Lunge, presste den Brustkorb seines Vaters nieder. Lange und kräftig. Nach zehn Stößen wollte er Vater beatmen, doch er zögerte, denn aus den Augenwinkeln bemerkte er Lutz an der Tür. Statt zu helfen, griff Lutz zu seinem Smartphone und begann zu plappern. Christian drückte weiter. Warum kam Lutz nicht näher, warum unterstützte er Christian nicht, warum telefonierte er? Christian verstand seinen Bruder nicht. Hatte ihn nie verstanden. Schweiß brach aus ihm heraus. Er presste und ließ los. Immer schneller, immer fester, immer verzweifelter.
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Schanghai der 1940iger
Der Strahl der Taschenlampe traf die Pupille. Neben Alfred Selikowsky kniete ein Notarzt. Er zog Alfreds Augenlied hoch. Die Pupille war weit und lichtstarr. Der Mann im Rotkreuzoverall knöpfte das hellblaue Hemd des Patriarchen auf, drückte ihm das Stethoskop an die Brust und horchte.
Christian bemerkte eine Träne auf Lutz’ Wange. Er konnte sich nicht erinnern, wann er seinen Bruder zum letzten Mal hatte weinen sehen. Immer noch stand Lutz mit dem Smartphone in der Hand an der Tür und starrte den Arzt an. Entschuldigend schüttelte der Mediziner den Kopf, er schloss Vaters Augen und zog ein Formular aus seinem Koffer: den vorläufigen Totenschein. Schweigend begann er ihn auszufüllen.
Christian lehnte am Fenster. Obwohl er immer ein angespanntes Verhältnis zu Vater hatte, saß die Traurigkeit wie ein Kloß in seinem Hals. Er wollte sich auf den Boden werfen, auf die Erde einschlagen, immer fester. Seinen Schmerz rausschreien. Losheulen. Er konnte es nicht. So viel hätte er mit Vater noch zu besprechen gehabt: die Hochzeit, seine Zukunft, seine Ideen, warum hatte er es nicht schon früher getan? Warum hatte er bloß so lange im Empfangsraum gewartet? Warum nicht früher die Tür aufgerissen? Wäre er weniger nett gewesen und hätte sich nicht an die „Der Herr Vata isch glei soweit“ – Anweisung von Frau Armbrust gehalten, hätte er früher die Rettung alarmieren können und Vater würde vielleicht noch leben. Vielleicht, hätte, wäre. Trotzdem fühlte er sich schuldig.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er Sonja im Vorraum, er ging zu ihr. Sanft strich sie über sein Haar, drückte ihn an sich. Ihre Wärme fühlend, schoss ihm ein afrikanisches Gedicht durch den Kopf, es hatte ihn tief beeindruckt. Die Therapeutin hatte es im Warteraum an der Wand hängen: Als Gott die Menschen schuf, pflügten die Frauen zuerst die Erde. Sie sind es, die essen bereiten, die sich um kleine Jungs kümmern, um junge Männer, um Gebrechliche und Sterbende. Und schließlich kümmern sie sich sogar um die Toten. Sie sind immer da. Aber man sieht sie nicht.
Sein Vater musste alleine sterben. Christians Augen wurden feucht. Er hörte einen weiteren Wagen mit Martinshorn näher kommen. Kurz darauf schob sich ein dicker, uniformierter Polizist an ihm vorbei: „Griasch di Krischtian!“
Er kannte Bernd Weirather seit seiner Kindheit. Der Mann mit dem teigigen Gesicht, der Vollglatze und dem gepflegten, weißen Schnurrbart nickte Christian freundlich zu und eilte ins Büro seines Vaters. Ein junger Kollege folgte ihm.
„Um Gottes wülln, da Fredi“, hörte Christian den alten Polizisten sagen. Er machte ein paar Schritte zur Tür und beobachtete, wie Weirather mit dem Notarzt sprach.
„Isch gar a Herzkasperl?“, fragte Weirather vorsichtig und musterte den Toten. Er wirkte nervös; bei Alfred Selikowsky handelte es sich um den reichsten Mann in der Region, er hatte sichtlich Angst, etwas falsch zu machen.
Der Mann im roten Overall unterzeichnete den vorläufigen Totenschein und sagte leise: „Verdacht auf Herzversagen bei terminaler Herzinsuffizienz.“
Bei einem natürlichen Tod reichte vermutlich ein kurzes Protokoll – Christian konnte sehen, wie Weirather aufatmete. Paralysiert stand er hinter den Männern. Er konnte es nicht fassen: Erst vor ein paar Monaten hatte Mutter ihm am Telefon erzählt, dass Vater ein neues Medikament verschrieben bekommen hatte. Und es exzellent vertrug. Sogar Jagen und Reiten konnte er wieder. Vaters Blut- und EKG-Werte waren wie vor 10 Jahren. Und jetzt plötzlich ein Infarkt?
Christian beugte sich zu den beiden Männern und flüsterte: „Herzinfarkt kann doch durch alles Mögliche verursacht werden! Woher stammt denn die Wunde an der Schläfe?“
Der alte Polizist überlegte einen Moment und hob den Zeigefinger: „Schau her, Bua!“ Schnaufend rückte er mit seinem jungen Kollegen die Leiche zur Seite, warf beinahe eine Teeschale und einen Teller mit chinesischen Glückskeksen um und setzte sich auf Vaters Stuhl. Er gab vor, zusammenzubrechen, ließ sich vom Sessel fallen, streifte mit dem Schädel vorsichtig an der scharfen Regalkante an und sah erwartungsvoll zum Notarzt: „So war’sch doch, Herr Dokta, nit wahr?“
Der Arzt untersuchte ein zweites Mal die Wunde an der Schläfe. „Auf jeden Fall ziemlich oberflächlich.“ Er zupfte mit einer Pinzette an der Blutkruste und nickte: „Sehr unwahrscheinlich, dass die Abschürfung letal war.“
Weirather zückte sein Handy und erstattete Meldung bei seinem Vorgesetzten; für ihn schien der Fall erledigt.
Sprachlos stand Christian am Fenster. Er verstand Vaters Tod nicht. Überhaupt nicht. Da bemerkte er in der dunklen Holzvertäfelung eine Tür, Christian hatte sie noch nie zuvor bewusst wahrgenommen. Er drückte die Klinke runter. Unversperrt. Sie führte ins Büro des Vice. Christian sah sich im Zimmer von Lutz um: Sein Bruder hatte sich eine neue Ausstattung gegönnt. Glas und Metall. Alles vom Feinsten. Was Christian allerdings erstaunte: In Lutz’ Büro gab es drei Türen; eine zum Empfangsraum, eine zu Vaters Büro, eine direkt zum Flur, von dem Christian nun unbemerkt ins Treppenhaus gelangte.
Vorhin, beim Warten auf Vater, hatte Christian Geräusche aus dem Büro von Lutz gehört: Hatte jemand Lutz’ Zimmer als Durchgang zu Vaters Büro benützt und war auf diese Weise unbemerkt zu Alfred gelangt?
Bevor Christian darüber nachdenken konnte, hörte er aus dem Flur ein Schluchzen. Seine Mutter! Er ging auf sie zu. In der einen Hand hielt sie ein gehäkeltes Stofftaschentuch, in der anderen einen Stock. Lutz stützte sie. Die kleine Frau hatte nach ihrem fünfzigsten Geburtstag jedes Jahr ein Kilo zugelegt, was von ihrem schweren, grünen Lodenmantel ein wenig kaschiert wurde. Sie trug ein rosafarbenes Dirndlkleid, ihre weißen Haare hatte sie zu einem Dutt hochgesteckt. Wie ein Schutzschild schirmte eine Hornbrille mit dicken Gläsern ihre Augen ab.
Als sie einen Schritt in Vaters Büro machte, verstummten alle. Niemand wollte etwas Falsches sagen. Schließlich wandte sich Mutter mit heiserer Stimme zum Notarzt: „Des kann do nit sein … vor zwei Stunden hat mich Alfred no angrufen … hat gsagt, dass er sich nit wohl fühlt … sein Puls war so niedrig … ich hab ihn gfragt, ob er auch all seine Medikamente gnommen hat …“
„Und?“ fragte der Arzt.
„Er hat ja gesagt.“ Die blasse Frau zitterte. „Angfleht hab ich ihn, dass er sofort den Arzt holn soll, wenn’s ihm nit glei besser geht.“ Ihr Schluchzen wurde heftiger. „Warum hat er’s nit tan? Warum?“
Christian beobachtete, wie Mutter ihren Kopf an Lutz’ Schulter lehnte, seine Hand umklammerte. Lutz hatte immer das bessere Verhältnis zu ihr. Vielleicht weil er auf den ersten Blick verletzlicher wirkte. Schon in der Schule hatte sich Lutz schwerer getan. Um eine Seite Vokabeln zu lernen, musste Christian das Blatt nur dreimal durchlesen, während sich sein älterer Bruder stundenlang abmühte. Lutz quälte sich von einem Jahrgang zum nächsten, erhielt jedes Jahr Abmahnungen und musste eine Klasse wiederholen. Oft traf ihn die Wut des Vaters: „Schau dir doch den Christian an, der kann’s ja auch!“
„Aber der ist doch …“, hatte Lutz zu protestieren versucht.
„Musst dich halt mehr anstrengen!“
Dann heulte Lutz, Mutter tröstete ihn und versuchte zu vermitteln; sie wollte Lutz vor der bösen Welt und den Ansprüchen ihres Ehemannes schützen. Doch Vater ließ keinen Zweifel aufkommen: Der intelligentere Sohn sollte die Firma übernehmen. Lutz war für ihn bloß ein guter Handwerker, höchstens Buchhalter. Worunter Lutz elendig gelitten hatte. Erst als Christian sich entschieden hatte, in Wien Architektur zu studieren, und Lutz in Innsbruck die Handelsschule absolvierte, änderte Vater seine Haltung. Widerwillig nahm er zur Kenntnis, dass Lutz vielleicht nicht der bessere, aber sicherlich der reibungslosere Nachfolger war. Seitdem entwickelte Lutz noch mehr Ehrgeiz. Mutter aber fühlte sich in ihrem ausgleichenden Verhalten bestätigt, sie hatte ihre Liebe richtig investiert.
Der Arzt wandte sich zu Christian, nahm ihn zur Seite und flüsterte: „Hatte Ihr Vater schon einmal einen Infarkt?“
Christian nickte.
„Wenn er seine Blutdruck senkenden Medikamente nicht pünktlich oder in ausreichender Menge genommen hat, wäre das eine Erklärung für den neuerlichen Infarkt.“
„Siehscht Krischtian“, versuchte Weirather zu kalmieren, „isch alles mit natürlichen Dingen zuagangen.“
Christian fühlte sich unwohl, es entsprach nicht seinem Naturell, unbequeme Fragen zu stellen. Doch er dachte an sein Versprechen, ging neben Alfreds Kopf in die Hocke und zeigte auf Vaters Wange: zarte Spuren eines roten Streifens. „Und das?“
Keuchend beugte sich Weirather zu ihm: „Bluat … vielleicht, von da Schläfn.“
Mit dem Zeigefinger tippte Christian auf Vaters Wange und verschmierte ein wenig Rot: „Eher Lippenstift!“
„Wenscht Zweifel hascht, bitte … dokumentier ich’s halt!“, erwiderte Weirather. Er zückte eine Digitalkamera und fotografierte den Toten von allen Seiten.
Aufgewühlt schaute sich Christian im Raum um: „Wo sind denn überhaupt Vaters Herzmedikamente?“
Der Arzt, Lutz und Christian suchten Tisch, Regal und Boden ab. Vergeblich. Christian betrachtete die beiden Teetassen auf dem Schreibtisch: Nur in der von Vaters Besucherin befand sich noch ein wenig grüner Tee. Und am oberen Tassenrand entdeckte er zarte Reste eines Lippenstifts. Dasselbe Rot wie auf Vaters Wange. Kaum war Weirather mit dem Fotografieren fertig, nickte der Notarzt zwei Männern in schwarzen Anzügen zu, die schon an der Tür warteten. Sie hoben die Leiche in einen blechernen Sarg. Als die Bestatter den Toten aus dem Büro trugen, wurde Christian bewusst, dass er die wachen Augen seines Vaters nie wieder sehen würde. Nie mehr seine tiefe Stimme hören. Nie mehr seinen Zorn erleben. Nie mehr sich über sein versöhnliches Schmunzeln freuen. Nie mehr sein Lachen erleben. Nie mehr.
Der Arzt, Lutz und Mutter waren den Bestattern gefolgt. Christian fiel auf, wie merkwürdig aufgeräumt Vaters Büro aussah, plötzlich kam ein bizarres Gefühl in ihm hoch: Er hatte den Eindruck, Vater hatte es eilig gehabt – als wäre alles Weitere für ihn nur noch Bürde gewesen, als wollte er nur schnell weg, irgendwohin.
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Die Familie stand im Hof und beobachtete, wie die Bestatter den Sarg in den schwarzen Combi schoben. Christian roch den Schweiß der Männer, hörte das Quietschen des Metallsargs auf den Schienen der Ladefläche, das Zuklappen der Wagentür, das Starten, vorbei.
Die Mutter hielt sich an Lutz fest und ließ sich von ihm zu seinem Volvo führen. Christian zückte sein Handy, wollte ein Taxi rufen, da sah er vor dem Tor des Firmengeländes einen blauen Polo mit einer Person am Steuer. Er bat Sonja, im Empfangsraum zu warten. Rasch ging er auf den Polo zu. Er klopfte an der Beifahrertür und setzte sich zu Frau Armbrust. Mit Tränen in den Augen starrte sie dem Leichenwagen hinterher. Christian musterte sie fragend.
„Lutz hat mich angerufen und es mir gesagt“, rang sie um Worte, „aber ich hab’s nicht geschafft, ins Büro zu gehen … konnte einfach nicht! Wir haben über 30 Jahre zusammen gearbeitet … warum muss das gerade ihm passieren?“ Sie trocknete die Tränen mit einem Stofftuch, es war durchnässt. „Ich hätte nicht Feierabend machen dürfen … bevor ich gegangen bin, hab ich ihn gefragt, ob er noch was braucht … aber er hat mich nur gebeten, die chinesische Besucherin ins Hotel zu fahren. Er wollte nicht, dass ich noch mal zurückkomme, nicht wahr!“
Warum sagt sie diese Floskel, fragte sich Christian und setzte nach: „Frau Armbrust, ich war schon immer beeindruckt, wie fürsorglich Sie Vater betreut haben. Er hat mir ein paarmal stolz erzählt, dass er mit Ihnen die beste Assistentin der Welt hat …“
Der Hauch eines Lächelns huschte über ihr Gesicht.
„… die ihn sogar auf das Einnehmen seiner Herz-Medikamente aufmerksam macht.“
Verunsichert schaute sie zu Christian – und wieder weg.
„Es ist kein Geheimnis“, sagte er, „und bis auf meine Mutter wissen es in der Firma fast alle: Sie haben sich um Vater mehr als nur beruflich gekümmert.“
Ihre Tränen versiegten, einen Moment zögerte sie, dann widerstand sie seinem Blick: „Ja, wir haben uns gut verstanden, nicht wahr. Er hat mich oft auf Geschäftsreisen mitgenommen. Doch vor etwa einem Jahr haben wir uns privat getrennt. Ich habe seither einen neuen Lebenspartner und meine Beziehung zu Ihrem Vater war nur noch professioneller Natur. Früher habe ich mich auch um seine Medikamente gekümmert, das stimmt, doch seit einem Jahr hat das Herr Selikowsky wieder selbst getan!“
„Er hatte doch immer seine Medikamente dabei, oder?“
„Ja, in seiner Schreibtischlade. Aber die hat er versperrt, die war für alle tabu!“
„Hatten Sie einen Schlüssel dafür?“
„Nein.“
„Was wollte denn die Chinesin von Vater?“
„Irgendwelche Geschäfte. Herr Selikowsky mochte mit niemandem darüber reden. Auch mit mir nicht.“
„Wie haben sich die Besuche auf Vater ausgewirkt? Ist Ihnen da eine Veränderung aufgefallen?“
Sie machte eine indifferente Kopfbewegung.
„Mir ist, als hätte ich die Dame schon mal wo gesehen … aber wo?“ Frau Armbrust wich seinem Blick aus: „Da kann ich Ihnen leider nicht helfen.“
„Was mich verwundert: Warum spricht die Chinesin fast perfekt Deutsch?“
„Habe ich sie auch gefragt. Sie hat zwei Jahre in Hannover studiert.“
„Und wo ist sie jetzt?“
„Im Hotel Tirolerhof. Da habe ich sie jedenfalls hingebracht.“ „Wie oft hat sie Vater schon besucht?“
„Vielleicht zwei-, dreimal.“ Frau Armbrust kämpfte neuerlich gegen Tränen.
„Glauben Sie, dass die chinesische Dame etwas mit Vaters Tod zu tun hat?“
Sie zuckte die Schultern und verlor ihren Kampf. Christian reichte ihr ein Taschentuch.
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Das Rot des Sonnenuntergangs spiegelte sich im Schellack der dunklen Wandvertäfelung. Christian setzte sich an den Schreibtisch von Vater und versuchte, seine schwere Holzschublade zu öffnen. Versperrt.
„Ich fühl mich hier nicht wohl. Lass uns bitte gehen“, sagte Sonja. Sie lehnte an der Tür und kramte in ihren Taschen. Christians Blick fiel auf die Teetassen, aus denen offensichtlich Vater und seine chinesische Besucherin getrunken hatten. Der Teller, auf dem zuvor die chinesischen Glückskekse gelegen hatten, war leer. Nur ein paar Krümel befanden sich noch darauf. Hatte die Kekse jemand aufgegessen? Oder etwa verschwinden lassen?
Mit aller Kraft zog Christian noch mal an der Schublade. Sie bewegte sich nicht. Keinen Millimeter.
„Was willst du noch hier?“, fragte Sonja und entdeckte in ihrer Anoraktasche eine Packung Schokopastillen.
„Ich suche einen Schlüssel: groß, plump, Messing!“
„Groß, plump, Messing“, wiederholte Sonja und half suchen, doch sie fanden den Schlüssel nicht. Die Pastillen kauend wandte sich Sonja zur Tür und wollte gehen. Er spürte: Es wäre jetzt angenehmer, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber er musste immer wieder an sein Versprechen denken, an seine Albtraumserie, die vielleicht nur eine Warnung gewesen war, ein Schuss vor den Bug. Sollte er die Lade aufbrechen? Oder die Polizei bitten, sie zu öffnen? So wie Weirather ihn zuvor behandelt hatte, würde der alte Bulle die Angelegenheit nur neuerlich mit ein paar beschönigenden Sätzen abtun. Erst wenn Christian einen handfesten Beweis hatte, dass mit Vaters Tod etwas nicht stimmte, konnte er mit polizeilicher Hilfe rechnen.
Er schob die Teetassen zur Seite, griff zu einem schweren Bronze-Brieföffner und brach die Tischlade mit Gewalt auf. Darin eine Packung Betablocker und eine Schachtel ACE-Hemmer. Christian öffnete beide – in jeder waren noch Blister mit einigen Pillen. Er war verblüfft: Vater hatte also ausreichend Medizin gehabt! Hatte ihn jemand daran gehindert, sie einzunehmen?
Christian verschloss die Packungen und schob sie zurück. Daneben lag Vaters Pass. Und ein abgegriffenes Sachbuch über das Schanghai der 1940iger Jahre. An einige Seiten hatte jemand kleine, gelbe Haftnotizen geklebt. Auf jeder erkannte Christian die Schrift des Vaters: A7, J2, L5. Möglicherweise Quadrantenzahlen, die Orten auf dem Stadtplan von Schanghai entsprachen. Was wollte Vater damit?
Nun wurde Sonja doch neugierig und kam näher. Christian war das plötzlich unangenehm: „Wo bist du eigentlich mit Lutz gewesen?“
„Er hat mir die Werksgebäude erklärt.“
„So lange?“
Sie schüttelte den Kopf, öffnete ihr Haar und steckte sich eine weitere Schokopastille in den Mund: „Einen Stock tiefer hat er mir ein Video über die Firmengeschichte gezeigt.“ „War er die ganze Zeit dabei?“
„Die ersten paar Minuten. Warum fragst du?“
Christian antwortete nicht. Er musste an das komische Geräusch aus dem Büro von Lutz denken und an die Verbindungstür zwischen den beiden Zimmern – die Idee, sein Bruder könnte etwas mit Vaters Tod zu tun haben, schreckte ihn. Aber noch wichtiger erschien ihm jetzt, Gewissheit zu erlangen – was war tatsächlich passiert?
Die Sonne ging unter, das dunkle Holz der Wände fraß die letzten Lichtstrahlen. Er schaltete die Schreibtischlampe an. Im hinteren Teil der Lade fand Christian Unterlagen zu einem chinesischen Sprachkurs für Fortgeschrittene, ein chinesisch-deutsches Wörterbuch sowie zahlreiche Restaurant- und Hotelrechnungen aus Schanghai – ausgestellt auf Alfred Selikowsky. Vater hatte also Schanghai im letzten Jahr besucht. Mehrmals. Christian fragte sich, wer aller davon wusste. War Vater nur bei ihm so schweigsam, weil er für Vater immer als schwarzes Schaf gegolten hatte und wegen seiner künstlerischen Ambitionen von allen belächelt wurde? Nie mehr würde er mit Vater darüber reden können. Christian kämpfte gegen Tränen.
„Und dann?“, fragte er Sonja.
„Ist Lutz gegangen. Er hat gesagt, er muss noch dringend telefonieren … wegen irgendeines Golfturniers.“
Nur zu gut hatte Christian miterlebt, wie sehr Lutz die Veranstaltungen des Tiroler Geldadels liebte; er ließ sich gerne auf Charity-Events blicken und versuchte auf Golfturnieren im Schatten der Alpen zu glänzen. Ein paarmal hatte ihn Lutz zu solchen Veranstaltungen mitgeschleppt, doch Christian fühlte sich in dem geltungssüchtigen Umfeld nie wohl.
„Und er kam nicht zurück, bis der Notarztwagen aufgetaucht ist?“
Sie nickte und steckte ihre Haare wieder hoch. Unter den Teetassen entdeckte Christian das Kuvert einer Innsbrucker Reiseagentur; er schob Tassen und Keksteller zur Seite und öffnete es. „Lass uns jetzt endlich gehen, bitte!“, flehte Sonja und schritt zur Tür.
„Gleich.“
Christian zog aus dem Kuvert ein Flugticket. Ausgestellt auf Vaters Namen. Abflug in drei Tagen. Flugziel: Schanghai.
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Das Licht des Vollmondes erhellte die Straße. Christian bat den Taxifahrer, das Hotel Tirolerhof anzusteuern. Erst danach wollte er mit Sonja zum Haus seiner Eltern gebracht werden. Der Tirolerhof war ein kleines, aber nobles Hotel. Vielleicht 20 Zimmer.
An der Rezeption fragte er nach der chinesischen Dame. Abgereist. Vor drei Stunden. Wohin, konnte oder wollte ihm die Frau an der Rezeption nicht sagen. Sie erinnerte sich nur, dass die Chinesin von einer Mitarbeiterin der Firma Selikowsky begleitet wurde, die auch die Rechnung beglichen hatte – vermutlich Frau Armbrust.
Christian ging zurück zum Taxi. Warum war die chinesische Besucherin so schnell verschwunden? Oder war es normal, dass Geschäftspartner noch am selben Abend nach China zurückreisen?
Mit Sonja erreichte er kurz darauf das zweistöckige Bauernhaus seiner Eltern, idyllisch gelegen an einem Hang des Patscherkofels. Wuchtige Mauern, tiefe Fensterfluchten, großzügige Holzbalkone und ein mit Schindeln gedecktes Satteldach verrieten Wohlstand. Christians Vater hatte das Gebäude liebevoll renovieren lassen. Nur in einem Raum brannte noch Licht. Die Haustür war nicht abgeschlossen. Als Christian mit Sonja den Flur betrat, hörte er seinen Bruder telefonieren. Lutz saß in der Stube neben dem Kachelofen und starrte auf sein Notebook, während er sein Smartphone am Ohr hielt und alle paar Sekunden ein mäßig interessiertes „Ja“ oder „Ja, mach ich“ murrte.
Christian hatte den Eindruck: Seit Lutz verheiratet war, stand sein Bruder noch stärker unter Druck; Lutz’ Ehefrau war nach der Geburt der Zwillinge zu Hause geblieben. Sie dirigierte ihren Mann via Handy wie einen Bediensteten: Nahezu jede Stunde rief sie auf seinem Smartphone an und gab ihm neue Anweisungen; wann er nach Hause kommen solle, was er mitbringen müsse, was noch zu organisieren sei.
Sonja setzte sich an den Couchtisch.
„Wo ist denn Mama?“, fragte Christian.
Lutz deutete nach oben.
Christian schritt die Treppe hoch, kam an den Schlafräumen vorbei und stieß überall auf Vater: An der Wand hing ein Glasbild mit dem Sand einer Wanderdüne aus Arcachon, wo Christian als Dreizehnjähriger mit Vater den Urlaub verbracht hatte; in einer Vitrine hatte Vater eine H0-Dampflokomotive mit historischen Waggons aufgereiht, die er Christian im Alter von Acht geschenkt hatte; auf einem rustikalen Sekretär stand ein buntes Kamel aus Ton, das Christian mit Fünf für Vaters Geburtstag modelliert hatte. Lange betrachtete Christian die Objekte; plötzlich bekamen sie eine andere Bedeutung, wurden zu Beweisen einer Vater-Sohn-Beziehung, die er oft als problematisch empfunden hatte. Aber vielleicht hatte Vater auf diese Art versucht, gemeinsame Momente zu bewahren – oder redete sich Christian das jetzt nur ein, weil er durch Vaters Tod so aufgewühlt war?
Er klopfte an die Tür des elterlichen Schlafzimmers. Keine Antwort. Zaghaft trat er ein. Mutter lag mit voller Kleidung auf dem Ehebett und weinte. Als sie Christian bemerkte, riss sie sich zusammen, wischte die Tränen weg. Er setzte sich zu ihr, griff zärtlich nach ihrer Hand. Eine Weile schwiegen beide.
„Bischt’d allein kommen?“, fragte sie schließlich.
„Sonja sitzt unten.“
„Is sie aus Wien?“
Christian nickte.
„Dann isch dei Gascht sicha hungrig!“
Einen hungrigen Gast im eigenen Haus konnte sie nicht ertragen. Sie ging sich ihr Gesicht waschen, wechselte vom Dirndl zu einer schwarzen, hochgeschlossenen Bluse und schwarzem Rock und begann, in der Küche eine Brettljause zu richten. Christian wollte helfen, doch sie lehnte ab und bat alle, sich an den rustikalen Küchentisch zu setzen. In die Mitte stellte sie mehrere Teller mit Schweinernem, Wurst und Käse. Sie hinkte zwischen Tisch und Kühlschrank hin und her. Auch Lutz hatte nun einen schwarzen Pullover und eine dunkle Hose angezogen. Lange fiel kein Wort.
Von draußen war der raue Wind zu hören.
Lustlos am Schweinernen kauend, ohne aufzusehen, fragte Lutz: „Christian, willst du Mama nicht den Grund für deinen überraschenden Besuch erzählen?“
Ein unangenehmes Schweigen erfüllte den Raum. Dann griff Christian zu Sonjas Hand und sagte feierlich: „Mama, wir wollen heiraten!“
Kurz bemerkte er in Mutters Gesicht eine tiefe Ratlosigkeit – auf Ansagen dieser Art war es immer Vater, der zuerst reagierte. Wichtige Entscheidungen überließ sie gerne ihm. Nicht nur wichtige. Für so vieles hatte sie Verständnis. Für Vaters Abwesenheit, für seine Zornausbrüche, für sein Schweigen; aber auch für die Schwächen von Lutz und für die Zurückgezogenheit Christians. Für fast alles. Und fast jeden. Außer für sich selbst. Als kleiner Junge hatte Christian seine Mutter abgöttisch geliebt, viel mehr als den strengen Vater. In der Pubertät dagegen empfand er sie oft als mühsam. Und je älter er geworden war, umso komplizierter hatte sich seine Beziehung zu ihr entwickelt. Manchmal konnte er ihre grenzenlose Diplomatie nicht ertragen, weil er nie wusste, was sie wirklich wollte, wofür sie stand, welche Wahrheit ihre eigene war. Oft tat sie ihm leid, doch tiefes Mitleid fiel ihm schwer, schließlich hatte sie alle Freiheiten der Welt. Dachte er jedenfalls.
Mutter rang sich ein Lächeln ab, schien sich über die Hochzeit zu freuen: „Gratulier Euch! Aber jetzt müss’ma erst einmal die Beerdigung organisieren.“
Im Laufe des Essens drängte sie Christian, die Heirat wegen Vaters Tod auf keinen Fall abzusagen. Sie behauptete, die Hochzeit wäre sicherlich in Vaters Sinne gewesen. Geradezu liebevoll bemühte sie sich um Sonja.
Es war Christian jetzt unangenehm, doch er musste ein paar Fragen stellen, die ganze Zeit kreisten seine Gedanken darum: „Mama, noch was Wichtiges … in der Schreibtischschublade vom Papa sind ausreichend Betablocker und ACE-Hemmer gewesen. Warum nur hat er die Medikamente heute nicht genommen?“
Die Mutter zuckte die Schultern.
Verärgert hielt Lutz im Kauen inne: „Du hast in Papas privater Schublade gestirlt?“
Christian holte aus seiner Jackentasche das Buch über Schanghai aus den 1940igern heraus und legte es auf den Tisch. „Das habe ich in seiner Tischlade gefunden. Papa hat doch so gut wie nie Bücher gelesen. Schon gar keine Sachbücher. Warum hat er sich plötzlich für China interessiert?“
Unwillig betrachtete Mutter das Buch und seufzte.
„Vor allem für China im 2. Weltkrieg?“, setzte Christian nach.
Es fiel der alten Frau schwer zu reden, doch spürte sie Christians bohrenden Blick: „Alfred war in seiner Kindheit in Schanghai … fast acht Jahre lang.“
„Was hat er denn da gemacht?“
„Er war mit seim Vater Josef in China“, sie blickte zu Lutz, „eurem Großvater!“
„Und warum?“, fragte Christian erstaunt.
„1938 sind in Österreich doch die Nazis an die Macht kommen! Der Judenhass ist immer schlimmer gworden. Eure Großeltern habn sich kaum noch auf die Straßen traut … bis der Josef eines Tages von der Arbeit nach Haus kommen is und sei jüdische Frau verschwunden war. Einfach weg. Abgholt. Von der SS. Er hat alles versucht, um rauszufinden, wohin man sie verschleppt hat. Vergeblich. Irgendwann is dann ein Brief kommen: Verstorben an Lungenentzündung. Er war verzweifelt. Und weil sein Alfred – damals grad mal acht Jahr alt – für die Nazis ein Halbjude war, hat sich euer Großvater Hals über Kopf entschlossen, mit Alfred zu flüchten. Nach China. Von dort ist Alfred erst nach Kriegsende wieder zurückkehrt.“
„Und weshalb gerade China?“, wollte Christian wissen.
„Kein Land hat 1938 Juden mehr aufgnommen … alle Staaten habn sich hinter irgendwelchen bürokratischen Hürden versteckt. Nur in China warn die Regierenden so zerstritten, dass Flüchtlinge weder ein Visum noch einen Bürgen oder viel Geld braucht haben … Schanghai war der letzte Ausweg.“
„Komisch … Papa hat nie was erzählt davon.“
„Ja“, sie wurde leise und kämpfte gegen Tränen, „es muss furchtbar für ihn gwesen sein … denn 1946 ist euer Großvater in Schanghai an Lungenkrebs gestorben. Für euren Vater – der war da sechzehn – ein Albtraum: Erst wurde seine Mutter deportiert und ist nicht wieder kommen … und dann musste der Bub zuschauen, wie sein Vater elendig zugrunde gangen ist. Das hat Alfred nie richtig überwunden … der Name Josef hat ihn auch später noch jedes Mal zusammenzucken lassen. Über die Jahre in China hat er nie reden wollen. Mit niemand! Selbst mir hat er es nur ein einziges Mal erzählt. Kurz nach unserer Hochzeit.“
„Wie ist er überhaupt zurückgekommen?“
„Ein Onkel hat ihn über das Rote Kreuz gfunden.“
„Und warum hat er sich plötzlich wieder dafür interessiert?“
Mutter wirkte unsicher, sagte nichts.
Alle schwiegen.
Natürlich wusste Christian, dass er eine jüdische Großmutter hatte. Somit war auch sein Vater – irgendwie – Jude. Und damit auch Christian – zumindest ein bißchen. Trotzdem wurde über die jüdischen Wurzeln in der Familie nie geredet. Als Jugendlicher hatte Christian ein paarmal seinen Vater darauf angesprochen. Zwar hatte ihm Alfred von seiner jüdischen Großmutter erzählt, doch rasch auf ein anderes Thema abgelenkt. Vergangenheit und Religion hatten ihn nie interessiert. Christian konnte ja verstehen, dass Vater die Erinnerung an seine ermordete Mutter zu sehr gequält hat, um darüber zu sprechen. Ohnehin fühlte sich Vater nur als Unternehmer lebendig, als Kämpfer im Hier und Jetzt. Zu tief steckten in ihm Existenzängste. Christian kannte ihn fast nur in Sorge um die Firma, rund um die Uhr, auch am Tag des Herrn. Oft begleitete er zwar Christians katholische Mutter in die Kirche, aber nicht, weil ihm der Gottesdienst etwas bedeutete – vielmehr traf er nach der Messe wichtige Leute: den Bürgermeister, Unternehmerkollegen, hohe Beamte. Die Heilige Messe als Netzwerk-Zentrale. In Tirol absolut üblich. Immer schon. Immer noch.
Ein paarmal schon hatte Christian das Bedürfnis verspürt, mit Vater über dessen religiöse Haltung zu reden, doch er wusste, wie schnell Alfred das Thema abbügeln würde – und ließ es sein. Jetzt erst wurde Christian bewusst, wie vorsichtig und diplomatisch er mit Vater umgegangen war.
Sie sind zu nett, Herr Selikowsky!
Christian bereute es, Vater nicht hartnäckiger nach seiner Kindheit befragt zu haben, nun würde es noch schwieriger werden, etwas darüber zu erfahren. Vielleicht war es sogar unmöglich.
„Es könnte auch eine Frage des Alters sein“, unterbrach Sonja vorsichtig das peinliche Schweigen, „vielleicht wollte euer Vater seine eigene Geschichte ergründen … und wissen, wer sein Vater wirklich war.“
Dankbar nickte die Mutter und zwang sich zu einem Lächeln. „Vielleicht.“
Christian fiel die letzte Begegnung mit seinem Vater ein. Vor einem halben Jahr. Sie hatten über Flugzeuge gesprochen. Ob es besser sei, mit einem Airbus oder einer Boeing zu fliegen. Insbesondere die Langstrecke. Oberflächlich betrachtet ein Vater-Sohn-Gespräch über technische Details. In Wirklichkeit aber glaubte Christian damals, in Vaters Augen eine Sehnsucht erkannt zu haben. Eine Sehnsucht nach Ferne, die Christian nur allzu vertraut war. Jene Sehnsucht, die Christian von zu Hause weg nach Wien getrieben hatte und von der er lange überzeugt war, dass sie bei seinem Vater – wenn überhaupt – nur in seiner Jugend vorhanden gewesen war.
„Vater war in diesem Jahr schon einmal in China“, setzte Christian nach, „was könnte er denn da gemacht haben?“
„Wie kommst’n drauf?“ Energisch schüttelte die Mutter den Kopf.
„Und in drei Tagen wollte er wieder nach Schanghai!“
„Da hat er eine Reise nach Frankfurt vorghabt, das weiß ich genau!“
„Ja?“
„Ja!“
Skeptisch sah Christian seine Mutter an. Fahrig sprang Lutz auf und holte sich aus dem Kühlschrank ein Bier.
„Bevor Papa die Firmenleitung endgültig an Lutz übergeben wollt“, sagte die Mutter, „hat er sich vorgnommen, mit dem deutschen Vertriebspartner einen neuen Zwei-Jahresvertrag abzuschließen. Damit Lutz es leichter hat!“
Christian war hin- und hergerissen. Er wollte Mutter nicht kränken, hatte ein schlechtes Gewissen: Ohne sein Versprechen hätte er die Sache jetzt auf sich beruhen lassen, aber er musste immerzu an seinen Albtraum und an die Therapeutin denken. Zögernd schob er das Schanghai-Flugticket rüber. Als die Mutter das Datum und Vaters Namen las, schaute sie Christian konsterniert an. Sagte kein Wort. Sah zu Boden. Lange. Sehr lange. Dann stand sie auf und hinkte zur Tür.
„Vater hatte kurz vor seinem Zusammenbruch Besuch von einer chinesischen Dame“, rief er Mutter nach und verspürte einen starken Widerwillen, jetzt weiter nachzuhaken. Sein Blick raste zwischen Lutz und Mutter hin und her: „Entschuldigt, aber wer von euch beiden kann mir sagen, was diese Frau von Papa wollte? Wer ist diese Chinesin überhaupt?“
„Eine Geschäftspartnerin“, zischte Lutz, „was sonst? Sie war im Büro und nicht auf einer Tretbootfahrt!“
Die Mutter hielt inne. Und warf die Tür hinter sich zu. Erbost sah Lutz seinen Bruder an: „Was soll das? Mama hat’s doch schon schwer genug!“
„Versteh doch“, meinte Christian, „ich will nur die Wahrheit wissen: Was ist bei dem Treffen mit der Chinesin passiert? Warum hat Vater seine Pillen nicht genommen, obwohl sie griffbereit in seiner Tischlade gelegen sind?“
„Vielleicht hat sie Papa ja genommen. Und ist trotzdem gestorben!“ Wortlos erhob sich Lutz und folgte der Mutter.
Sonjas verärgerter Blick traf Christian von der Seite: Musste das jetzt sein?
Christians Herz pochte. Gedanken, Bilder und Fragen tobten in seinem Kopf: Warum mauerte Lutz? Weshalb entzog sich Mutter der Diskussion? Was hat Vater in China gemacht? Die Umstände von Vaters Tod, das Verhalten seiner Familie und der Besuch der chinesischen Dame nährten in Christian einen Verdacht: Weder er noch die Polizei hatten verstanden, was tatsächlich geschehen war. Es war subtiler, tiefer, rätselhafter. Am meisten aber erschütterte ihn, wie wenig er wusste, was seinen Vater wirklich bewegt hatte.
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Der Kannibale
Er ließ sich zur Wachstube fahren. Eine grelle Neonlampe erhellte den Eingang. Christian musste an der Tür läuten, eine Videokamera filmte ihn. Als er seinen Namen nannte, hörte er aus dem Lautsprecher ein unwilliges Murren.
Die Tür sprang auf.
Hinter dem weißen Tresen saß Bernd Weirather, er hatte einen Plastikteller mit Chop Suey vor sich. Auch in Innsbruck gab es inzwischen viele chinesischen Lokale, die billig und nahezu rund um die Uhr ihre Dienste anboten. Mit Stäbchen schob sich der alte Mann behände Gemüse und Reis in den Mund. Ein Bernhardiner rannte verspielt auf Christian zu, als hätte er schon ewig Besuch erwartet. Der Hund roch nach Moder und hatte langes, fettiges Haar. Er sprang hoch, versuchte Christians Finger zu lecken. Im letzten Moment konnte Christian seine Hand zurückziehen.
„Mahlzeit. Ich möchte bittschön einen Antrag stellen. Ich will, dass Vater auf der Gerichtsmedizin untersucht wird!“
„Dei Vata isch scho freigebn“, raunte Weirather.
„Freigegeben?“
„Zur Bstattung!“
„Trotzdem!“
Der Polizist unterbrach die Fingerakrobatik und legte die Stäbchen zur Seite. Seine Backenknochen malten. „Ich versteh ja, dass di des alls ziemli mitnimmt … aber bitte Krischtian, sei jetzt vernünftig!“
„Ich besteh auf eine Obduktion!“
„Geht nit.“
„Warum?“
„Hab’s ja scho gsagt: die Leich isch freigeben!“
„Na und!“
„Krischtian, du kennst di nit aus! Nach aner Freigab isch a Untersuchung so guat wie unmögli.“
„Glaub ich nicht.“
„Da müasstn scho dringende Verdachtsmomente vorliegn. Oda neue Beweise!“
„Gibt’s.“
„Was denn?“
„Vater hat kurz vor seinem Ableben von einer ominösen Chinesin Besuch bekommen. Auf seiner Wange war Lippenstift. Wenige Stunden nach Vaters Tod reist die Chinesin ab. Und niemand aus der Familie will oder kann mir sagen, was die Chinesin wirklich von Vater wollte – das stinkt doch!“
„Sei mir nit bös. Selbst wenn’s so war: Der Besuch aner fremdn Dame und Lippenstift an der Wangen … das stinkt nit nach an Kriminal, des riacht höchstens nach aner Affär! Kloar, dass dir des niemand sagn wüll. Oder wüllst du deina Mama zusätzlich weh tuan?“
„Ich will, dass Vater untersucht wird!“
„Krischtian, wenn die Leich freigebn isch, reichn Vermutungen nit. Glaub mir, ich mach die Hakn hier seit vierzg Jahr!“ Christian fühlte, wie Wut in ihm aufstieg. Ungeheure Wut. Normalerweise wäre er nun gegangen, hätte aufgegeben oder in seiner diplomatischen Art versucht, mit einem Vorgesetzten Weirathers zu reden. Doch er wollte jetzt nicht nett sein.
Er griff nach Weirathers Stäbchen und klopfte auf die Theke. Tok, tok, tok, Sekunden, Minuten, eine gefühlte Viertelstunde – bis Weirather den Kopf schüttelte: „Ich versicha dir: der korrekte Ablauf isch einghaltn wordn. Mach’s nit schlimma, als es isch. Geh nach Haus und schlaf mal drüba. Bitte!“
Tok, tok, tok, immer schneller schlugen die Stäbchen auf den Kunststoff, Christian schaute durch den Mann hindurch, Weirather hielt es nicht mehr aus, hatte Hunger. „Krischtian!“ Angestrengt atmete er durch. „Ich hab selbst mitghört, wie der Notarzt noch mal beim Hausarzt von deim Papa angrufn hat.“ Weirather beugte sich über das chinesische Gemüse. „Du weischt doch, vor 13 Monat hat dei Vata ein’ Herzinfarkt ghabt. Ohne dieses Beta-Zeug war sein Herz nit mehr im Takt. Der hat einfach sei Medizin vergessn … da hat die Pumpen halt ausgesetzt. Tut mir wirkli leid. Aber da kann kana was dafür. Echt nit!“
Die Stäbchen fielen auf die Theke. Weirather hatte den Eindruck, er habe Christian überzeugt. Vorsichtig griff er nach den Esswerkzeugen und zwang sich zu einem Lächeln: „Tschuldigung, mei Essn wird kalt … mei erschtes warmes heut!“
„Siehst, deswegen geht mir die Provinz so auf’n Wecker!“
„Bitte?“
„Aussitzen und wegschauen!“
„Wegschauen?“ Ein müdes Lächeln huschte über das faltige Gesicht des Polizisten. „Kan Schimma hascht du! Waßt du, warum ich den ganzn Tag no nix gessn hab? Ich komm grad vom Patschakofel. Da obn hat auf aner Hüttn a Frau gwohnt. 83 Jahr alt. Mit ihrm Hund. Immer alles in Ordnung. Heut ruft mi der Briefträger an und sagt, dass ihr Postkastel schon ewig lang nit mehr ausgleert worden isch. Fahr ich hin und läut an. Nix. Brich ich die Tür auf. Ein Wahnsinnsgstank. Liegt sie am Bodn. Tot. Sicha scho fünf Wochn. Aber ihr Bernhardina watschelt quietschfidel danebn herum. Hat der sich nämlich an ihrn Eingeweidn delektiert … verstehscht jetzt, warum ich heut noch nix gessn hab?“
„Wie heißt der zuständige Staatsanwalt?“
Weirather ließ die Stäbchen in den Reis sinken, die Frage verdarb ihm endgültig den Appetit. Er deutete auf den Bernhardiner: „Brauchst nit an Hund? Würd zu dir passn. Kannscht glei mitnehmen.“
Winselnd sprang der Bernhardiner an Christian hoch. Sofort zog er seine Hand zurück, aber es war schon zu spät. Überall auf Christians Fingern klebte der Speichel des Menschenfressers.
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Die Mutter hatte ihnen das kleine Gästezimmer im 1. Stock zugewiesen, früher war es Christians Kinderzimmer. Er lag neben Sonja auf einem antiquierten Holzbett, das bei der kleinsten Bewegung quietschte. Lebendigkeit blieb auf diese Weise niemandem verborgen. Obwohl es schon sehr spät war, versuchte Christian vom Handy aus in Innsbruck den zuständigen Staatsanwalt zu erreichen; aus Fernsehkrimis wusste er, dass in jeder Landeshauptstadt mindestens ein Staatsanwalt die ganze Nacht Bereitschaft hatte. Doch Christian wurde von einem Beamten zum nächsten verwiesen.
Sonja zog ein lose gebundenes Manuskript aus dem Rucksack und schlug es auf:
PHILOSOPHISCHE INTERPRETATIONEN DER BEGRIFFE „HIMMEL & HÖLLE“ IN DEN WELTRELIGIONEN.
Diplomarbeit von Sonja Baldur
Fach Philosophie
Sie hatte sich vorgenommen, in den nächsten Wochen die Arbeit zu vollenden. Es fehlte nur mehr ein Kapitel über die Paradiesvorstellungen. Sonja hatte Mühe, sich zu konzentrieren, weil Christian immer leise fluchte, wenn er weiterverbunden wurde oder aus der Leitung flog.
Schließlich entschuldigte sich eine Sekretärin und meinte, der zuständige Staatsanwalt sei heute Nacht nicht mehr zu erreichen, Christian solle doch sein Begehr an die Staatsanwaltschaft faxen. Genervt ließ er sich auf das Bett fallen.
„Vater war trotz seines Alters aufmerksam und wach“, ärgerte er sich, „ich kann mir nicht vorstellen, dass er so ein wichtiges Medikament einfach vergessen hat!“
„Verrennst du dich da nicht?“, fragte sie und griff nach seiner Hand. Die Streicheleinheit sollte ihn beruhigen, aber er wollte jetzt nicht beruhigt werden. Ihre Reaktion machte ihn wütend: Warum interessierte sie sich nicht wirklich für die Dinge, die ihn im Innersten bewegten? Sanft zog sie ihn näher, strich ihm über die Brust, öffnete sein Hemd. Er sträubte sich. Sie knabberte an seiner Brustwarze, küsste ihn auf die Wangen, die Augen, den Mund – sie konnte es so gut: Seine Zweifel durch Berührung vertreiben, ihn vom Abgrund wegziehen, ihn aus dunklen Welten holen. Immer und gerade dann, wenn er sich unverstanden fühlte. Spielend löste sie Begierde aus. Er wusste nicht genau, was es war, doch die Art ihrer Berührungen ließ ihn alles vergessen. Sie überzog ihn mit einem warmen Strom gegen sein latentes Unbehagen – das erst am nächsten Morgen wieder zurückkehrte.
Bereits um sechs Uhr früh schreckte Christian hoch, zu viele Fragen quälten ihn. Als er von unten Geräusche hörte, ging Christian in die Küche. Er bemerkte, wie Lutz sich an einem billigen Plastik-Vollautomaten einen Espresso machte. Daneben stand eine Technika. Christian hatte die Edel-Espresso-Maschine Vater zum Sechzigsten geschenkt. Glänzendes Chrom. Manometer. Elegant geschwungener Siebträger. Wie eine stolze Prinzessin thronte die Maschine auf der Küchenanrichte. Unbenutzt. Stromlos. Mutter trank keinen Kaffee, Vater und Lutz hatten offensichtlich den Plastikautomaten vorgezogen, wollten lieber nur ein Knöpfchen drücken, anstatt frische Bohnen zu mahlen, in den Siebträger zu pressen, das Manometer zu beobachten und die Tropfen des Elixiers zu zählen, bis die duftende Crema den schwarzen See bedeckte. Vater und Lutz hatten die schnelle Befüllung dem genüsslichen Ritual vorgezogen. Enttäuscht blickte Christian seinen Bruder an, während er die Technika ansteckte.
„Wegen einer Tasse muss man das Monstrum wieder putzen“, hielt Lutz entgegen. „Zeit ist Geld.“
„Na klar … je schneller du lebst, umso schneller bist du fertig, hm?“
Mit einem raschen Handgriff schüttete Lutz sich Wodka in den Espresso und ignorierte den Kommentar.
„Du weißt doch, wer diese Chinesin ist?“, setzte Christian nach. „Eine Fondsmanagerin, glaub ich.“
„Glaubst du? Was hat Vater mit ihr besprochen?“
Lutz zuckte die Schultern, die Stimmung zwischen den beiden war gereizt.
„Papa hat sich nicht in alle Karten schauen lassen. Auch von mir nicht“, sagte Lutz. „Von Vaters Plan, in drei Tagen nach Schanghai zu reisen, habe ich nichts gewusst!“
Christian nahm ihm das nicht ab. Überhaupt hatte Christian den Eindruck, alle wüssten über Vater mehr als er. Lutz aber wollte jetzt lieber über den Ablauf des Begräbnisses sprechen: Welches Orchester, wie viele Blumengestecke, was für ein Restaurant für den Leichenschmaus.
„Ich will, dass Vater von der Gerichtsmedizin untersucht wird!“, unterbrach ihn Christian.
Verärgert taxierte Lutz seinen Bruder: „Völlig übertrieben, Papa in die Klinik nach Innsbruck fahren zu lassen.“ Christian sagte nichts. Was natürlich einem Vorwurf gleichkam. „Wozu?“, reagierte Lutz aufgebracht, „eine Untersuchung macht ihn auch nicht wieder lebendig. Wichtiger wär, wenn sich jetzt alle um’s Begräbnis und die Firma kümmern würden. Da gibt’s nämlich genug zu tun!“
Als Christian nicht antwortete, wurde Lutz zornig: „Papa war ein toller Unternehmer. Ein guter Vater. Ein liebevoller Ehemann!“ Seine Wangen glühten. „Er hat immer alles für die Familie getan. Und sich nie teure Privatvergnügen gegönnt. Er war das beste Familienoberhaupt der Welt. Immer gerecht. Bis zu seinem Tod!“
Plötzlich stand die Mutter an der Tür. Mit Tränen in den Augen nickte sie. Doch je mehr seine Familie versuchte, die Ungereimtheiten kleinzureden, umso sicherer wurde Christian: Er musste auf einer gerichtsmedizinischen Untersuchung bestehen. Unbedingt!
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Nach dem Frühstück riss Christian die Tür des Bauernhauses auf und lief den Berg runter. Obwohl bereits Mitte März, war der Schnee unter seinen Füßen hart, es hatte mindestens fünf Grad unter Null. Christian fror trotz seiner dicken Daunenjacke, er sah seinen Atem, rannte vorbei an der Bäckerei, über die Stadteinfahrt, bis ins Zentrum von Innsbruck.
Der mattgrüne Betonbau sah aus wie eine Kaserne aus den 1970ern. Der Portier nannte Christian Zimmer 26. In den breiten Fluren stand vor jeder Tür ein Schirmständer. Neben dem Schild Nr. 27 – Kriminalpolizeilicher Journaldienst lehnte ein edles Mountainbike mit Spikebereifung. Der Besitzer schien auch in der Polizeidirektion niemandem zu trauen, er hatte das Rad mit einem massiven Stahlschloss an ein Heizungsrohr gesperrt.
Christian klopfte. An einem alten Schreibtisch saß eine junge Sekretärin. Über ihrem Arbeitsplatz hing das Porträt des Tiroler Landeshauptmannes, der offensichtlich über ihr Tun wachte. Christian bat sie, den diensthabenden Kripobeamten sprechen zu dürfen.
Die Frau bedeutete ihm, auf einem der sieben abgewetzten Holzstühle Platz zu nehmen; sie standen an der Wand wie stumme Soldaten, die auf Entlassung hofften. Die junge Frau verschwand.
Das Zimmer verfügte nur über ein kleines Fenster, die Neonröhre spiegelte sich in sieben Schwarz-Weiß-Fotos von den Zillertaler Alpen. Warum hingen in öffentlichen Gebäuden so oft Bilder von Bergmassiven fragte sich Christian. Wollte man sich erhöhen, etwas Gewaltiges vorgeben, auf Gipfel verweisen? Dabei verhindern Berge die Sicht auf die Weite, engen den Horizont ein, machen den Betrachter klein. Vielleicht sollte der Besucher voller Demut den Beamten gegenübertreten. Christian hörte, wie im Nebenzimmer gesprochen und telefoniert wurde. Schließlich kam die junge Frau zurück: „Sie können jetzt rein, der Herr Oberinspektor erwartet Sie.“
In dem mit modernen, hellgrauen Büromöbeln ausgestatteten Zimmer streckte ihm ein Mann die Hand entgegen, Christian schätzte ihn auf Ende Vierzig, er hatte schütteres Haar. Eine schmale Lesebrille auf seiner kantigen Nase leitete den Blick zu hellgrünen Augen.
„Grüß Gott. Oberinspektor Klaus Trummer mein Name. Was verschafft mir die Ehre?“
Christian erzählte von seinem Vater. Nach jedem Satz nickte Trummer. Nebenbei tippte er etwas in den Computer. Auf der Anrichte hinter dem Beamten bemerkte Christian eine schwarze Vollvisiermütze mit Augenschlitzen, dicke Sporthandschuhe und einen orangefarbenen Fahrradhelm mit Leuchte.
„Erst mal mein aufrichtiges Beileid“, sagte der Spikebiker, der offensichtlich das winterliche Risiko durch massive Sicherheitsausstattung zu vermindern suchte. „Ich kann gut verstehen, dass Ihnen so ein schwerer Verlust zu schaffen macht. Was aber veranlasst Sie zu glauben, Ihrem Herrn Vater sei tatsächlich etwas angetan worden?“
„Vor mir hat mein Vater Besuch von einer chinesischen Dame gehabt. Er ist mit ihr längere Zeit allein gewesen. Weder mein Bruder noch Vaters Assistentin können mir sagen, was die Frau wirklich bei ihm gewollt hatte. Und als ich eine halbe Stunde später den Raum betreten hab, war er tot!“
Trummer sagte lange nichts, nahm einen Stift zur Hand und machte sich Notizen. Ein klobiger Ehering zierte die rechte Hand des Polizisten.
„Eigenartig ist vor allem“, unterbrach Christian das Schweigen, „nur wenige Stunden später hat die chinesische Dame bereits Österreich verlassen.“ Er beugte sich zu dem Kripomann: „Ich bitte Sie inständig, diese Frau zu befragen! Es gibt doch so etwas wie ein Rechtshilfeabkommen. Sicher auch mit China, oder?“
„Herr Selikowsky“, der Beamte nahm seine Lesebrille von der Nase, „ich kann Ihre Sorge vollkommen nachvollziehen! Glauben Sie, Ihr Vater hatte Feinde?“
Christian registrierte, wie Trummer jede kleinste Regung von ihm aufsog. Er wusste, dass er normalerweise auf den ersten Blick sympathisch wirkte. In Vaters Firma galt er als netter Kerl, den sich jede alte Dame als Schwiegersohn wünscht. Doch Christian war sicher: Sein Aussehen half ihm bei Trummer kein bisschen. Im Gegenteil. Dieser Mann misstraute netten Menschen.
„Weiß ich nicht, aber ich möchte einen Antrag stellen“, setzte Christian nach, „ich will, dass mein Vater obduziert wird!“ „Ja … natürlich“, Trummer sah Christian verständnisvoll an, „erlauben Sie mir vielleicht noch eine Frage.“ Er las einige Zeilen am Flachbildschirm und fuhr sich neuerlich durch sein schütteres Haar: „In dem Protokoll von Kollege Weirather steht, dass Sie als Erster den Toten gefunden haben, richtig?“
Christian nickte.
„Sie waren also zur Zeit, als Ihr Vater starb, der Einzige in der Firmenvilla? Nur ihr Vater. Und Sie. Auch richtig?“ „Ja … nein … ich weiß es nicht … mein Bruder hat meiner Verlobten das Werk gezeigt. Aber nur kurz … dann hat er ihr einen Film vorgespielt. Über die Werksgeschichte. Und ist verschwunden. Sagt sie.“
„Sagt sie?“
Erneut nickte Christian.
„Wie lange kennen Sie denn ihre Verlobte schon?“
„Vier Jahre. Wir wollen demnächst heiraten.“
„Herzlichen Glückwunsch!“
„Danke.“ Christian war verdutzt. „Nur … was hat das mit der chinesischen Dame zu tun?“
Trummer lächelte und setzte seine Lesebrille wieder auf. „Ich möchte bloß den präzisen Ablauf kurz vor dem Tod Ihres Vaters rekonstruieren.“
Aufgekratzt beugte sich Christian näher zu dem Beamten: „Unlogisch ist vor allem: Mein Vater hatte ausreichend Medikamente zur Verfügung. Trotzdem hat er seine Pillen nicht genommen!“
„Woher wissen Sie das?“
„Sonst würde er ja noch leben, oder?“
„Nein, woher wissen Sie, dass er ausreichend Medikamente zur Verfügung hatte?“
„Ich hab nachgeschaut. In seiner Schreibtischlade lagen ACE-Hemmer und Betablocker.“
Der Kripomann runzelte die Stirn und blickte auf den Flachbildschirm: „Herr Selikowsky, was ich mich frage: Warum haben Sie denn überhaupt nichts vom Todeseintritt Ihres Vaters mitbekommen? Sie hatten ja einen realen Abstand von nur zwei bis drei Metern.“
„Da war die Bürotür dazwischen. Ziemlich dick.“
„Laut dem Bericht von Kollege Weirather ist Ihr Vater zusammengebrochen. Und vom Stuhl gefallen. Er hatte sogar eine Verletzung an der Schläfe!“
Christian zuckte die Schultern.
„Haben Sie nichts gehört? Kein Stöhnen, kein Röcheln, keinen Aufschrei?“
„Nur ein dumpfes Geräusch. Kurz darauf bin ich rein.“
„Wie kurz?“
„Weiß nicht … hab nicht auf die Uhr geschaut. Aber wie ich rein bin, war’s schon zu spät … ich wäre Ihnen wirklich dankbar, wenn Sie die Chinesin befragen könnten. Was wollte sie von Vater? Was hat sie bei ihm gemacht?“
Wie schon so oft, nickte der Beamte: „Ich kümmere mich darum. Aber sagen Sie mal, wer erbt eigentlich jetzt die Firma Selikowsky?“
Christian zuckte die Schultern: „Ich nehme an, meine Mutter, mein Bruder und ich.“
„Hat Ihr Vater ein Testament verfasst?“
„Keine Ahnung.“ Christian hatte nie nachgefragt, es war ihm im Moment auch nicht wichtig.
„Eine kleine Bitte habe ich noch … haben Sie einen Ausweis dabei?“
Verunsichert blickte Christian den Polizisten an.
„Reine Formalie.“ Trummer lächelte.
Christian zückte unwillig seinen Führerschein. Der Kriminalbeamte schrieb die Daten ab, legte seine Lesebrille zur Seite und begleitete Christian zur Tür. Trummers Schuhe quietschten erbärmlich; trotz des winterlichen Wetters trug er nagelneue Rennradschuhe.
„Ach ja … und ich möchte Sie bitten, die nächsten 24 Stunden Innsbruck nicht zu verlassen“, sagte er und streckte ihm die Hand hin, „könnte sein, dass ich noch ein paar Fragen habe!“
Christian hatte vor kurzem in einer Reportage gelesen, dass die Bewegungsfreiheit ein Grundrecht war. Nur bei einem Anfangsverdacht darf sie eingeschränkt werden. Verdächtigte ihn Trummer, etwas mit Vaters Tod zu tun zu haben? Absurd! Würde der Mann mit dem Spikebike überhaupt Christians Hinweise ernst nehmen und die chinesische Dame befragen?
„Was ist das jetzt? Eine polizeiliche Anordnung, an die ich mich halten muss?“, wollte Christian wissen.
„Eine freundliche Bitte. An die Sie sich sicher halten werden, weil Sie ein Gentleman sind und der Polizei gerne helfen, oder?“ Trummer grinste. Sein Händedruck war fest, seine Handflächen warm, unangenehm warm. Beim Rausgehen schlug Christian kalter Wind entgegen.
˘ ˘ ˘
Er kämpfte sich durch das verschneite Innsbruck. Schon von draußen hörte Christian den Menschenfresser. Es war kein Bellen, sondern ein Kläffen. Als surrend die Tür zum Wachzimmer aufsprang, stellte sich Christian so, dass der Menschenfresser an ihm vorbeikonnte. Und weg war er. Weirather hatte eine Pizza vor sich, kaute an Spinat und Mozarella: „Bischt narrisch … jetzt isch des Viech furt!“
Christian zuckte grinsend die Schultern: „Tut mir echt leid.“
„Egal. Tierheim isch eh voll. Sonst wollt’ ihn sowieso kaner.“
Christian wurde sofort ernst: „Du, wir kennen uns ja, seit ich ein Bub bin. Ich brauch jetzt wirklich deine …“
„Du hascht gwonna“, unterbrach ihn Weirather. „Bitte?“
„Ich hab ebn mit’m Trummer telefoniert. Ihr müsst’s das Begräbnis bittschön verschiebn, die Leich wird doch obduziert. Dann wiss ma endgültig, wie dei Vater gstorben isch.“
„Wann gibt’s die Ergebnisse?“
„Heute, morgen, übermorgen, ka Ahnung.“
„Und warum jetzt auf einmal?“, fragte Christian.
Weirather kaute an seiner Pizza, ignorierte Christian, als wollte er sich für die neuerliche Unterbrechung beim Essen revanchieren. Erst als Weirather den letzten Bissen verdrückt hatte, sagte er: „Kennscht du die Gschicht von dem amerikanischn Politika, der in die 1970ger radikal gegn die Schwuln vorgangn isch und strengste Strafn durchgsetzt hat?“
Christian schüttelte den Kopf.
„Am End hat sich rausgstellt: Er war selbst homosexuell!“
„Und?“
„Schau mal“, sagte Weirather und griff zu seinem Schweizer Taschenmesser, aus dem er einen Plastik-Zahnstocher herausfädelte, um damit die Spinatreste aus seinen Zahnzwischenräumen zu fischen. „Wenn ma so penetrant jemand verdächtigt wie du, macht ma si erscht amol selbst verdächtig! Jeder Bulle hat das im Psychologieunterricht glernt: Am meistn regn sich d’Leut über Sachn auf, mit denen sie selbst a Problem habn!“
„Das heißt also“, ärgerte sich Christian, „die Polizei bekämpft nicht diejenigen, die das Übel verursachen. Sondern diejenigen, die darauf aufmerksam machen!“
Weirather räumte sein Taschenmesser weg und steckte sich einen Kaugummi in den Mund.
„Wird jetzt wenigstens auch die chinesische Dame befragt?“ „Chinesische Dame? Wer ist das?“ Weirather grinste süffisant. „Name? Wohnort? Adresse?“ Er schüttelte den Kopf. „Hab ich dir scho mal gsagt, dass du ka Ahnung von Polizeiarbeit hascht? Nachreise geht gar nit. Wir könna nur a Rechtshilfeverfahrn beantragn. Dann wird die Lady von eim chinesischn Kollegn befragt. Kann aba dauern … habn wir noch nie gmacht.“
„Wunderbar!“
Weirather hielt im Kauen inne: „Du muascht a den Trummer verstehn. Der macht sein Job seit zwanzg Jahr. Und wenn sich’s – wider aller Wahrscheinlichkeit – tatsächlich um an Mord handelt, isch der Täta zu über neunzg Prozent innerhalb der Familie z’findn.“
„Das ist doch Blödsinn.“
„Des isch Kriminalschtatistik!“
Bedächtig faltete Weirather den leeren Pizzakarton. Christian hörte vor der Tür ein Geräusch. Er öffnete einen Spalt: Der Menschenfresser stand winselnd am Eingang. Treuherzige Augen starrten Christian an. Er ließ den Hund rein und raunte: „Danke für den Generalverdacht.“
Бесплатный фрагмент закончился.
