Читать книгу: «Rückkehr nach Europa»

Gerhard Deiss
RÜCKKEHR
NACH
EUROPA
Roman

Für Claudia
Inhalt
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel XV
Kapitel XVI
Kapitel XVII
Kapitel XVIII
Kapitel XIX
Kapitel XX
Kapitel XXI
Kapitel XXII
Kapitel XXIII
Kapitel XXIV
Kapitel XXV
I
Die Wellen ergießen sich in gleichmäßigem Rhythmus auf den flachen Strand, doch ist für den, der heimlich lauscht, ein leises, bedrohlich anmutendes Rauschen zu vernehmen, als würde eine riesige Spülung alles unter sich begraben wollen, ein Malstrom vergänglicher Fäkalien … auch wenn wir noch nicht so weit sind.
Und jetzt ein anderer, vielschichtiger Rhythmus, jener der Djemben, der aus dem Rauschen des Meeres emporzusteigen scheint, der aber vom Land kommt. Ein Dorf verabschiedet seine Jugend. Und sind es auch nur acht, wie ich von Badou weiß, sie fahren für alle, und alle haben für die Überfahrt beigesteuert, in der Hoffnung, dass ihnen ein Vielfaches vergolten wird, dann, wenn die Anweisungen eintreffen und die Erträge aus Europa zur Verteilung gelangen.
Die Trommeln in der Nacht verklären die trägen Tage, an denen sich im Dorf wenig bewegt. Mühsal und Plage werden sie gewesen sein, für alle jene, denen der Sinn nach mehr als den Jahreszyklen der Landwirtschaft steht. Mehr als der Perspektive, den Lebensabend unter dem großen Palaverbaum vor der Hütte des Dorfältesten zu verbringen und auf ein erstarrtes Leben zurückzublicken.
Im Dunklen kann ich den Horizont nur erahnen. Doch sehe ich die Silhouette der Ada Bintou, die draußen auf den Wellen schaukelt und am Anker zerrt. Ich soll hier warten, hat mir Badou bedeutet, hier inmitten der Büsche, die das letzte Grün darstellen, bevor der Strand beginnt. Über mir prangen die Sterne in einer Pracht, wie ich sie noch nie gesehen habe, und wie viele Nächte habe ich unter offenem Himmel geschlafen! In Dakar gab es immer Licht, auch wenn der Strom in letzter Zeit wieder häufig ausfiel, doch dann sprangen Hunderte Generatoren an. Und die Solarleuchten verhalfen der Corniche ohnehin zu ständiger Beleuchtung. Hier im Dorf kann man nur vor der Moschee und dem Haus des Dorfältesten die Sonne Afrikas auch in der Nacht scheinen lassen.
Da draußen auf dem Ozean werden uns die Sterne noch viel heller strahlen. Um wie viel leiser wird auch das Schlagen der Wellen gegen den Bootsrand sein als jenes fast wütende Aufklatschen des Wassers auf den Strand, wenn sich festes Land seiner ewig erscheinenden Bewegung entgegenstellt. Aber draußen wird es dann vor allem das Motorengeräusch sein, das nicht nachlassen darf, denn darauf gründet sich unser aller Hoffnung.
Coumba gleitet lautlos aus den Büschen und setzt sich dicht neben mich. Die letzten Tage haben wir wenig miteinander gesprochen, seit sie den Entschluss gefasst hat, die Reise gemeinsam mit mir anzutreten. Wäre ich ohne sie gefahren? Ein sinnloses Unterfangen wäre es gewesen.
Sie zittert leicht, die beginnende Nacht ist kühl. Der Rhythmus der Djemben wird gleichförmig, ruhiger und wird wohl bald zum Verstummen kommen. Der Aufbruch soll noch vor Mitternacht erfolgen, dann, wenn der Mond wieder untergegangen sein wird und die Ebbe einsetzt. Die erste Strecke müssen wir mit geringer Kraft fahren, das volle Motorengeräusch könnte die Aufmerksamkeit der patrouillierenden Küstenwache wecken, denn nur die Schlepperboote, nicht jene der Fischer, fahren um diese Zeit mit voller Kraft.
Badou hatte wegen der Küstenwache keine großen Bedenken. Auch wenn Spanier dabei sind, um Afrikaner noch vor deren eigener Küste abzufangen, ihre Aufmerksamkeit dürfte abgenommen haben, da in den letzten Jahren ohnehin kaum mehr jemand den weiten atlantischen Seeweg wagt, sondern sich lieber den Karawanen nach Algerien und dessen mediterranen Nachbarn anvertraut. Man habe auch genügend Netze zur Tarnung mit, bei Kontrollen sollten sich die Passagiere damit im Rumpf des Bootes bedeckt und versteckt halten. Mir fiel das Gleichnis des Menschenfischers ein; wieso kamen jetzt Erinnerungen aus der Kindheit auf, als mir Religion noch etwas bedeutete? Überhaupt nehme ich eine Wandlung an mir wahr, seit ich erkannt habe, dass ich nur die Wahl zwischen einem langsamen Verkommen in Afrika habe oder diesem einzigen Weg, mit Coumba gemeinsam nach Europa zu gelangen, als sei ich aus einem langen Dämmerschlaf erwacht.
Einzelne Gestalten tauchen aus der Dunkelheit auf. Im schwachen Schein des abnehmenden und untergehenden Mondes besteigen sie eine kleine Piroge. Ich erkenne, dass sie ausgelassen sind, sich auf Europa freuen. Selbst wenn sie flüstern, ist ihre Fröhlichkeit zu erkennen. Was zieht sie weg aus einem Erdteil, wo selbst die Armut von Fröhlichkeit überlagert zu sein scheint? Es sind offenbar nicht die acht Jugendlichen aus dem Dorf, sondern Angehörige einer anderen Ethnie, besonders groß gewachsene Männer, noch größer als die Lebous aus dieser Gegend.
Nach und nach treffen weitere Gruppen ein und lassen sich zur Ada Bintou übersetzen. Ich sehe nur die Umrisse unserer künftigen Schicksalsgenossen. Coumba und ich werden als Letzte an Bord gehen. Badou hat es so angeordnet. Badou ordnet alles an, er ist unser Kapitän und hat das Sagen, auch schon vor der Abfahrt. Er hat auch die Verantwortung, uns heil über das Meer zu bringen, nach Norden hin.
Coumba ist nicht eingeschlafen. Ihr Kopf ruht auf meiner Schulter, ich höre ihr gleichmäßiges Atmen, manchmal durchfährt ein leises Zittern ihren Körper. Dann presse ich sie noch enger an mich und beruhige damit auch mich. Gemeinsam sind wir stärker und gemeinsam werden wir dem, was auf uns zukommt, gelassen entgegentreten, auch wenn wir Außenseiter sind, die auf dem Boot eigentlich nichts verloren hätten.
Abdoulaye steht plötzlich vor uns und brüllt uns an, senkt jedoch gleich wieder die Stimme. Wo wir steckten, man warte nur noch auf uns. Badous Steuermann ist auch sein bedingungsloser Gehilfe. Er liebt es offenbar, herumzukommandieren und sich wichtigzumachen, anders als Badou, der zwar bestimmt auftritt, aber nie lauter spricht als nötig. Ich befühle meinen Seesack von außen und spüre die Umrisse des Pakets. Ich helfe Coumba auf und trage auch ihren Sack zum Boot. Gemeinsam mit Abdoulaye werden wir zur Ada Bintou übergesetzt und klettern an Bord. Die Dunkelheit breitet gnädig einen Mantel über uns aus.
Im Heck haben sich Badou und Abdoulaye einen größeren Platz ausbedungen, nicht nur um von dort aus das Schiff zu lenken und die Bootsinsassen im Blick zu haben, sondern auch um sich abwechselnd ausruhen zu können. Mittschiffs sind die begehrtesten Plätze, die auch schon alle belegt zu sein scheinen, zumindest streiten sich etliche darum. Acht aus Guinea, die der Ethnie der Peul angehören dürften, haben sich dort bereits niedergelassen, da sie als erste das Schiff bestiegen haben, dann kamen aber die acht Lebous aus dem Dorf und wollten ihnen die Plätze streitig machen. Sie hätten diese schon früher bei Abdoulaye reserviert. Die nachfolgenden Passagiere versuchten erst gar nicht, auch dort Platz zu bekommen, so heftig ist der Streit entbrannt, einer hat sogar das Messer gezogen. Derart abgelenkt haben die Passagiere unsere Ankunft mit Abdoulaye gar nicht mitbekommen. Dieser verweist uns mit einer kurzen Handbewegung in den Bug, wo wir uns vor dem halb überdeckten Bereich einigermaßen einrichten können. Neben Coumba befindet sich ein großer Wasserbehälter, auf der anderen Seite ist sie durch mich geschützt. Sie ist die einzige Frau an Bord. Mein Nachbar auf der anderen Seite, ein junger Mann, schläft trotz des Lärms bereits tief und fest. Abdoulaye versucht den Streit zu schlichten – offenbar hat er für etwas kassiert, das er nun nicht erfüllen kann –, aber erst Badous Einschreiten und die Angst, der Lärm könnte zu viel Aufmerksamkeit erwecken, bringen wieder Ruhe.
Badou wirft den Motor an. Nur sehr langsam kommen wir gegen die Flut voran. Ich höre, wie Coumba, die sich halb hinter mir versteckt hat, leise vor sich hin spricht, wohl eine Sure aus dem Koran. Bei all ihrer Weltoffenheit ist die Religion stets ein fester Bestandteil ihres Lebens gewesen, nie lässt sie ein Gebet ausfallen. Jetzt ist es offenbar aber die Angst, sie befindet sich schließlich überhaupt das erste Mal auf dem Meer, und das Auf und Ab des Bootes macht sich besonders im Bug bemerkbar. Hoch in die Luft und wieder hinunter wie auf der Hochschaubahn, jeder Aufprall im Wellental lässt das Boot erzittern. Die meisten anderen sind mit dem Element offensichtlich vertraut und rufen einander durch das Rauschen der Brandung Aufmunterungen und Scherzworte zu. Einige haben begonnen, aus ihrem Gepäck Proviant herauszuholen und verzehren mit Genuss wohl zum letzten Mal für längere Zeit frische mit Fischaufstrich gefüllte Weißbrote. Langsam wird es auch ruhiger. Der Mond ist untergegangen, und das Boot befindet sich mittlerweile schon weit von der Küste entfernt. Die Wellen werden kleiner und das Auf und Ab im Bug wird sanfter. Coumba ist eingeschlafen. Ich lege sie sacht neben mich und wickle sie in unsere gemeinsame Decke. Wir haben nur Platz für eine Decke, Coumba und ich müssen einander wärmen. In meiner Tasche finde ich einen geräucherten Fisch, verzehre ihn mit großem Appetit und fühle mich danach angenehm schläfrig. Ich krieche zu Coumba unter die Decke und suche den Schlaf. Auch die anderen sind zumeist schon eingeschlafen und träumen wohl davon, bereits auf Fuerteventura, beim großen Glück, angekommen zu sein. To sleep, to die … ab morgen kann alles anders sein.
II
Den afrikanischen Namen Mamadou hat mir Aziz gegeben. Aziz lebt von Wertkarten für Mobiltelefone, dort, wo die Corniche in Dakar nach links in das Plateau hineinbiegt und wo jeden Morgen der Verkehr zum Erliegen kommt. Manchmal stehen die Autokolonnen schon einige hundert Meter früher und die Straßenverkäufer müssen die Gunst des Morgenstaus rasch nutzen, um die verschiedensten Waren an den Mann, manchmal auch an die Frau zu bringen, denn wer nicht rasch genug handelt, wird von den wie aus dem Nichts auftauchenden Konkurrenten verdrängt. Sicherer ist das Geschäft jedenfalls vor der ersten Ampel des Boulevards, der das Plateau durchschneidet, wo man sich, aus der Weitläufigkeit der breiten Uferstraße kommend, plötzlich eingeengt fühlt und wo die Polizei öfters auch die Obdachlosen vertreibt.
Zu diesen zählte auch ich, nachdem mein Visum abgelaufen und meine Geldreserven erschöpft waren. Das Visum war bereits mehrmals verlängert worden, da aber mein Aussehen immer mehr dem eines Clochards glich, verwies man mich bei der Fremdenpolizei des Büros. Man wolle arbeitende Ausländer oder Touristen im Land, keine europäischen Aussteiger und Sozialfälle. Würde ich das Land nicht vor Ablauf des Visums verlassen, hätte ich bald Gelegenheit, ein Gefängnis des Landes kennenzulernen. Diese Drohung nahm ich zwar nicht sehr ernst, denn noch nie war man hier eines Ausländers mit illegalem Aufenthalt habhaft geworden, aber allein die Vorstellung ließ mich erschauern, hatte ich doch Fotos gesehen von überbelegten Massenzellen, wo alle seitlich, in dieselbe Richtung gedreht, schlafen müssen. Mir fiel die Geschichte mit der genormten Gurkenkrümmung ein, dieser bekannten bürokratischen Überregulierung in Europa, die eine bessere Verpackungskapazität bewirken sollte.
Nun war ich ein Illegaler in einem Land, das seinerseits selbst einige Illegale in meiner Heimat stellt. Meine Heimat – aber die gab es gar nicht mehr. Ich war von ihr in meiner Erinnerung durch ein dunstartiges Gebilde getrennt, eine Wolke, die mich nicht mehr erkennen ließ, woher ich kam. Und wohin ich wollte – ich wusste es noch weniger. Ich hatte damit aufgehört, über den Augenblick hinaus zu denken.
Dass es eine diplomatische Vertretung meines mir nicht mehr präsenten Heimatlandes in dieser Stadt gab, war mir wegen dieser Wolke konsequenterweise ebenso wenig bewusst.
Ich fing an, die Autokolonnen im Abendstau entlangzugehen und die Insassen um »ein Stück« (une pièce) anzubetteln. Une pièce, dabei handelte es sich um eine Geldmünze, die zwar einen dreistelligen Betrag aufwies, mit der man aber nur etwas mehr als ein halbes Weißbrot zu erstehen vermochte.
Ich erinnere mich noch deutlich an die erstaunten Gesichter und die Frage, warum ein Toubab jetzt anfinge, die Schwarzen anzubetteln. Es gab auch einige weiße Autofahrer – in der Stadt ist eine nicht unbeträchtliche Zahl von Botschaften, internationalen Organisationen, Sekretariaten und sonstigen internationalen Hilfsvereinen angesiedelt, die meist über stattliche Geländeautos verfügen, auch von Weißen chauffiert –, die mich erstaunt, teils teilnahmsvoll, teils verächtlich behandelten. »Ein Weißer, der bei den Schwarzen bettelt – wir verlieren den letzten Rest unseres Ansehens«, hatte mir einmal ein vierschrötiger Typ mit Strohhut vom Volant aus zugerufen und den elektrischen Fensterheber betätigt.
Aziz war am zweiten Tag auf mich aufmerksam geworden, als ich im dichten Verkehr fast unter die Räder gekommen wäre, nachdem ich von einem der ausladenden Außenspiegel umgerissen worden war. Zwei junge Burschen halfen mir auf und brachten mich an den Straßenrand in Sicherheit, ungeachtet des damit verbundenen Umsatzverlusts, denn an diesem Tag waren die Telefonwertkarten wegen einer Sonderaktion (100 Prozent plus!) besonders begehrt, und deren Erwerb hatte den Stau offenbar noch zusätzlich verstärkt. Ich lag neben einem der frisch gepflanzten Bäumchen, die das frühere Ödland zwischen der Corniche und dem Absturz hinunter zum Meer verzieren, seit sich die Stadtverwaltung im Angesicht der bevorstehenden Wahlen die Verschönerung der Küstenlandschaft auf die Fahne heften wollte.
Aziz war Capo der Wertkartenverkäufer. Ein wohl zwei Meter großer Mann mittleren Alters, der etwa ein Dutzend junger Burschen zu koordinieren versuchte. Es blieb wohl beim Versuch, denn die Verkäufer waren alle selbstständig und rechneten direkt mit dem Mobilfunkbetreiber Orange ab. Dennoch lieferten sie Aziz einen Teil ihres bescheidenen Verkaufsgewinns ab, und er sorgte dafür, dass in seinem Abschnitt keine neuen Konkurrenten auftauchten. Als Bettler war ich kein Konkurrent, und so versuchte er auch nicht, mich zu vertreiben. Als er mich im dürftigen Schatten des jungen Bäumchens liegen sah, wurde er zu einem barmherzigen Samariter: »Was musst du dich auch zwischen den Autos herumdrängen, überlass das doch den Jungen – oder den ganz Alten, denen gibt man eher une pièce als einem Weißen, der weder jung noch alt ist, weder besonders verwahrlost noch besonders durchgeistigt oder religiös wirkt.« Er gab mir eines seiner Trinkwassersäckchen, dessen lauwarmen Inhalt ich auf einen Zug leerte. Er hatte recht, damals war meine Kleidung noch nicht sehr zerrissen, Hemd und Hose wirkten recht europäisch, ich hätte mir wohl einen der afrikanischen Boubous umhängen sollen. Aziz brachte mir meinen Sack, der einige hundert Meter von meinem jetzigen Standort lag, so weit hatte sich der Anfang des Staus bereits hinaufverschoben.
»Was machst du eigentlich hier? Du bekommst doch sicher ohnehin von deiner Regierung oder deiner Botschaft Unterstützung? Davon hören wir immer wieder. Bei uns ist es die Familie, die zusammenhält und sich gegenseitig unterstützt. Hast du keine Familie – hier oder zu Hause?«
Ich konnte ihm keine Antwort geben, zu weit weg waren in Zeit und Raum Eltern und Geschwister oder die Frau, deren Namen ich verdrängt und deretwegen ich Europa einst verlassen hatte. Oder war es aus einem anderen Grund gewesen? Ich vermag es nicht mehr eindeutig zu sagen. Alles wollte ich vergessen, und schließlich war es mir auch gelungen, zumindest vorübergehend, damals am Festland, auch wenn jetzt das Schaukeln der Wellen wieder schemenhafte Figuren aufsteigen lässt, die aber von unserem Boot noch weit entfernt sind.
Aziz ließ mich damals am Abend an seinem Reis teilhaben, von dem ich gierig Hände voll herausschaufelte. »Mamadou« – er hatte mir auf einmal selbst einen Namen gegeben, ohne mich nach meinem echten Namen zu fragen, obwohl der Namen üblicherweise als erstes erfragt wird –, »Mamadou, nur mit der rechten Hand essen!«, ermahnte er mich mehrmals. Wir saßen etwas unterhalb der Kante, dort, wo das Plateau zum Meer hinunter abbricht, um nicht von den Polizisten, die abends die Corniche von Obdachlosen freizuhalten versuchten, vertrieben zu werden. Aziz hatte zwar eine Schlafstelle bei seiner Schwester, war aber gerade mit ihr zerstritten, weil er nicht genügend für den gemeinsamen Haushalt beisteuerte, und kam nur selten in ihr Haus, eigentlich einen Bretterverschlag am Rand des HLM-Marktes, um sich etwas zum Anziehen zu holen.
Von nun an war ich als Mamadou bekannt, einer der Unzähligen, die diesen Namen hier tragen, sicher der einzige mit weißer Hautfarbe, aber nichtsdestotrotz einer der vielen Mamadous, die täglich die stauenden Autos auf- und abliefen. Einige Monate vorher war ich fast noch wie ein Aussätziger behandelt worden, obwohl ich damals noch nicht gebettelt, sondern nur die Tage an der Corniche verbracht hatte, vielmehr auf der kahlen unbebauten Stelle hin zum Abbruch. Damals waren die ersten Vorbereitungen für die Verschönerung dieser verwahrlosten Stein- und Sandwüste getroffen worden. Die großen Betonröhren, die schon vor längerer Zeit dort abgeladen worden waren, ohne dass man wusste wozu, dienten mir als Schlafstätte. Diese musste ich oft verteidigen, manchmal sogar tätlich, wenn jemand behauptete, ich hätte ihm seinen angestammten Platz weggenommen und dann lautstark die Hilfe der anderen anforderte. Ich verstand es aber meist, mich durchzusetzen. Ich bin zwar kein Ringer, wie eines dieser Volksidole, doch hatte ich einmal Judo und Selbstverteidigung gelernt, und das reichte meist aus.
Irgendwie geschah es, dass ich vorübergehend bekannt wurde. Angeblich (ich hörte all das nur von einigen meiner täglichen Kontakte auf der Corniche) berichteten sogar mehrere Zeitungen über den europäischen Gestrandeten, den »Gefangenen der Corniche«, obwohl ich die Versuche der Journalisten, mir Aussagen zu entlocken, abwehrte. Sie waren recht zudringlich, einer quetschte sich sogar zu mir in die Betonröhre. Aus seinem Redeschwall war auch das Wort »Diogenes« zu vernehmen, womit er wahrscheinlich seine Bildung unter Beweis stellen wollte. Ich tat so, als ob ich des Französischen nicht mächtig sei und auch nicht des Englischen, als er ein paar Brocken in dieser Sprache anzubringen versuchte. Schließlich gab er es auf und erfand für seinen Artikel eine gute Story. Angeblich sei ich in meiner Heimat verfolgt worden, weil ich mich dort zu sehr für ausländische Flüchtlinge eingesetzt hätte und sei damit meinerseits zu einem Verfolgten geworden. Andere Zeitungen ergingen sich in weniger schmeichelhaften Vermutungen, von einem flüchtigen Betrüger war die Rede, von jemandem, der, da mit einem Fluch behaftet, aus seiner Gesellschaft verstoßen worden sei. Afrikanische Denkweisen wurden auf mich übertragen, die sich sogar zur Mutmaßung verstiegen, ich sei in Wirklichkeit ein heiliger Mann (wobei man nicht so weit ging, mich mit den Marabouts, die in diesem Land Bruderschaften gegründet hatten, zu vergleichen), der Wunder bewerkstelligt und Kranke heilt, wofür er von der europäischen Schulmedizin strengstens verfolgt werde.
Nach einer Woche erlahmte das Interesse, ein besonders grausamer und ungeklärter Mordfall am anderen Ende der Stadt hielt alle in seinem Bann.
Die anderen Okkupanten der Corniche hatten mich nunmehr aber akzeptiert. Mittlerweile hatte ich meine letzten Franc-Scheine aufgebraucht und begann mit dem Betteln. Es kostete mich erst einige Überwindung, die Hand auszustrecken und ein paar Worte auf Wolof, die mir ein alter Bettler beigebracht hatte, zu sagen. Dann merkte ich, es war wirklich ganz einfach, die Hand auszustrecken und Münzen einzusammeln. Einer der Weißen, die mich zur Rede stellten, meinte, diese Methode werde vom ganzen Land angewendet, auch von der Regierung, und da gehe es um mehr als nur um Münzen.
III
Die ersten Sonnenstrahlen fallen schräg ins Boot und beleuchten Coumbas Gesicht. Sie wacht langsam auf und reibt sich die Augen. Ich war zuvor wach geworden, weil ich den allgemeinen Kübel zur Verrichtung der Notdurft benötigte. Die Sonne fällt nun auch auf mich. Ich halte mir die Hand vors Gesicht, aber es ist zu spät. Aufgeregte Stimmen erheben sich, als die anderen Bootsinsassen der zwei Außenseiter ansichtig werden.
»Ein Weißer und eine Frau an Bord – das sind sicher Spione«, rufen die einen, »Sie bringen auf jeden Fall Unglück«, die anderen.
Das Boot gerät ziemlich ins Wanken, als die Passagiere zu unserem Schlafplatz stürzen oder auch fallen, abhängig von den weiterhin starken Schwankungen, denen unser Platz im Bug ausgesetzt ist.
»Spione – sie geben sicher der Küstenwache Signale. Und wenn nicht: Ein Weißer an Bord bringt Unglück, eine Frau noch viel mehr!«
Sie schreien heftig durcheinander. Einer der Lebous schlägt vor, man solle die zwei Eindringlinge dem lokalen Meeresgott opfern. Wenngleich die Muslime in Afrika meist noch über animistische Wurzeln verfügen, geht das den meisten doch zu weit: »Unschädlich machen ja, aber nicht als Opferung. Es gibt keinen Gott außer Allah. Fesselt sie, damit sie nichts anstellen können.«
Der alte Mann, offenbar der Anführer der Gruppe aus Guinea, ist trotz seiner sanften Stimme sehr bestimmt. Man will uns bereits mit den Fischernetzen festbinden, da tritt Badou dazwischen.
»Ich bin hier der Kapitän und bestimme, was geschieht. Coumba und Mamadou haben nicht nur das Doppelte für die Überfahrt bezahlt, sie stehen auch unter meinem persönlichen Schutz. Wehe, jemand rührt sie an.«
Betretenes Schweigen weicht nach einiger Zeit halblautem Gemurmel. Unsere Mitreisenden haben sich mit den Umständen abgefunden. Wenn sie uns auch in der Folge nichts antun, so ignorieren sie uns aber weitgehend und rücken räumlich, soweit es der beschränkte Platz zulässt, von uns ab, was uns immerhin mehr Komfort verschafft. Nur der junge Mann zu meiner Rechten, der während der gesamten Auseinandersetzung nichts gesagt und offenbar weitergeschlafen hat, verbleibt auf seinem Platz, die Decke über den Kopf gezogen und in sich gekrümmt wie ein Embryo im Mutterleib des Bootes liegend. Das nun sanfter werdende Meer tut auch das Seine, um die Gemüter zu beruhigen. Die steigende Sonne und die sanften Wellenschläge gegen die Ada Bintou versetzen die meisten in einen quasi euphorischen Zustand. Es scheint, als mache die Ada Bintou gute Fahrt und als sei es überhaupt nur noch eine Sache von wenigen Stunden, bis wir die Inseln erreichen würden.
Ich stelle mir vor, wir befänden uns an Bord eines großen Ozeandampfers, wie er vor einigen Jahrzehnten noch das gängige Fernreisevehikel war, ehe ihn die Flugzeuge gänzlich verdrängten, als noch nicht die hypertrophen Kreuzfahrtschiffe, hoch wie Wolkenkratzer, nur zu Vergnügungszwecken und ohne ein wirkliches Ziel mit Tausenden vornehmlich älteren und wohlhabenden Weißen auf den Weltmeeren kreuzten. Auch wenn wir hier ein Ziel haben, lassen wir uns von der Sonne bescheinen und sehen den glitzernden Wellenkämmen zu. Schon ist der Aufruhr von zuvor vergessen. Coumba fängt sogar an, mit ihrer schönen Stimme leise einige Lieder vor sich hin zu summen, als wolle sie das sich wiegende Boot wie ein Kind zum Einschlafen bringen. Die Sonne lässt nicht nur die Wellen mit einer silbernen Aura glitzern, auch Coumbas Gesicht erstrahlt darin. Fast verklärt erscheint sie mir, wie sie zurückgelehnt mit halb geschlossenen Augen vor sich hin singt. Ich muss mich beherrschen, nicht ihre langen Wimpern zu küssen, ein derartiger Akt hätte an Bord wieder für Unruhe gesorgt. Aber sie wird ohnehin immer weniger die Frau, die ich begehre und die ich in meine Arme schließen möchte, sondern vielmehr entrückt, fast wie eine Göttin, die zu uns Irdischen in dieses Boot gestiegen ist, um uns mit ihrer Gegenwart zu beglücken. Während ihres Gesanges merke ich an manch verstohlenen Blicken der anderen Bootsinsassen, dass diese beginnen, Ähnliches zu empfinden.
Als die Sonne hoch über dem Horizont steht, ruft einer der Guineer nach längerem Studium seiner Armbanduhr zum Mittagsgebet auf. Verunsichert ist seine Stimme, schließlich ist er es nicht gewohnt, einen Muezzin zu ersetzen. Doch hier gilt es, sich zu behelfen und selbst die Initiative zu ergreifen. Die anderen Guineer wechseln von der sitzenden in eine kniende Position und beten halblaut vor sich hin. Die übrigen Bootsinsassen schließen sich dem nicht an. Erst eine halbe Stunde später ruft ein kleiner Serer mit melodiöser Stimme zum Gebet, offenbar auf Wolof, um von allen verstanden zu werden, jedenfalls nicht auf Arabisch, dazu fehlt ihm wohl die Übung. Jetzt wären die Guineer an der Reihe, sich in ihren Gesprächen zurückzuhalten. Halblaut setzen sie ihre Konversation fort. Nach Ende des Gebets wird ihnen vorgeworfen, gestört zu haben. Wir selbst werden gar nicht wahrgenommen. Coumba hat bereits vor geraumer Zeit mit dem Singen aufgehört, da sie darüber eingeschlafen ist. Ich stelle mir vor, die Gebete werden an sie gerichtet.
IV
Coumba kannte ich noch nicht, als ich auf der Corniche zu betteln begann. Und was hätte sie auch dort gesucht – eine junge Frau mit einer festen Anstellung, die noch dazu am anderen Ende der Stadt wohnte. Ein eigenes Auto hatte sie auch nicht, da sie weder zu den wenigen begüterten Afrikanern zählt noch zu jenen, die sich schwer verschulden, um ein solches ihr Eigen nennen zu können, und sei es auch nur eines der üblichen betagten rostigen Erbschaften aus Europa – wie man ja hier auch sonst eine große Menge Abfall aus Europa erhält.
Coumba wohnte an der Innenseite der wie ein Fischerhaken ins Meer geworfenen Dreiviertelinsel, die sich Dakar nennt, etwas nördlich des Hafens, dort, wo das Meer eine große Bucht mit nur schwachen Strömungen bildet, in die sich die Abwässer der Millionenstadt ergießen und nicht von heftigen Wogen und Strömungen wie an der Nordseite der Stadt weggespült werden, kurz: dort, wo das an feine Sandstrände grenzende Meer sich in eine stinkende Kloake verwandelt. Coumba ist nicht in Dakar aufgewachsen, sondern erst mit sechzehn Jahren aus einem Dorf im entlegenen Süden des Landes hierher zu ihrer Schwester gezogen. Diese ist mit einem Koch verheiratet, der das Glück hat, bei einem ausländischen Diplomaten angestellt zu sein, womit sein Gehalt das sonst übliche beträchtlich übersteigt. Coumba hat von ihrer Mutter das Schneiderhandwerk erlernt, nachdem sie mit vierzehn Jahren die Schule verlassen hat. Dieses in Dakar auszuüben, daran war anfangs nicht zu denken, sie sollte ja vor allem auf die kleinen Kinder ihrer Schwester aufpassen, die ihrerseits auch eine Beschäftigung beim Arbeitgeber ihres Mannes gefunden hatte. Doch nach und nach bekam Coumba wieder die Möglichkeit zum Schneidern, und da sie geschickt und voller Einfälle war, fand sie Arbeit in einer Schneiderwerkstatt unweit der Wohnung, sodass sie ihrerseits ein Mädchen bezahlen konnte, das die Kinderbeaufsichtigung übernahm. Dem Schwager war es anfangs nicht recht, dass sich seine Schwägerin aus ihrer familiären Pflicht wegstahl, noch dazu war das Kindermädchen eine Christin, deren religiösen Einfluss er als gläubiger Muslim fürchtete. Im Lauf der Zeit fand sich die Familie mit der neuen Situation zurecht, was auch dadurch erleichtert wurde, dass Coumba einen großen Teil ihres Lohns an Schwester und Schwager ablieferte und mit dem Rest ihren Ersatz bezahlte. Coumba verdiente sehr rasch besser als ihre Kolleginnen, so sehr war die Chefin vor ihrem Talent begeistert.
Coumba hat mich kennengelernt, ohne dass ich sie bemerken konnte. An einem der schwülheißen Oktobertage, wenn die Luft stillsteht und wie ein dicker Wattebausch die Stadt umfangen hält – eine Beengung, der nur die wenigen glücklichen Besitzer von Klimaanlagen und Generatoren entgehen oder jene, die zumindest die Wächter der immer zahlreicher werdenden modernen Einkaufszentren täuschen, um sich in klimatisierte Hallen einschleichen zu können. Am 1. Oktober, daran erinnere ich mich genau, brach ich auf der Corniche zusammen, zwischen zwei wieder in Bewegung geratenden Autokolonnen. Die Autofenster waren wegen der Hitze meist geschlossen und wurden zum Almosengeben nicht geöffnet, zu lethargisch waren die Insassen selbst trotz der Klimaanlagen. Wie man mir später sagte, lag ich so, dass an mir kein Auto hätte vorbeifahren können. Bei aller Gleichgültigkeit und Erschöpfung wollte man mich aber doch nicht überfahren. So zog man mich an den Straßenrand und ließ mich dort liegen. Die Fahrbahn war wieder frei. Coumba verfolgte die Szene von einem Taxi aus einige Autos weiter hinten. Als schlussendlich ihr Taxi auch wieder hätte weiterfahren können, ließ sie es anhalten, was für einen neuen Stau und ungeduldiges Hupen sorgte. Sie stieg aus, sah mich in der prallen Sonne liegen und konnte den Taxifahrer überreden, ihr zu helfen und mich auf den Rücksitz zu ziehen, wo ich halb bewusstlos vor mich hin dämmerte.
»Aber was fangen wir mit dem an, Mademoiselle, ich will nicht, dass jemand in meinem Taxi stirbt oder es verschmutzt«, protestierte der Fahrer zunächst. Coumba steckte ihm einen 5000-Franc-Schein zu und ließ mich zu der nächsten Klinik fahren. Diese war ein Privatinstitut, wo sich herausstellte, dass ihr Bargeld nicht reichte, um mir den Zutritt zu verschaffen. Schließlich überredete sie den Rezeptionisten, dem sie eine baldige Begleichung der Mindestsumme von 100.000 Franc versprach und dem sie ihr neues Smartphone als Sicherheit hinterließ. Der Arzt schob mich dann etwas widerwillig in eine Röhre, schlecht riechende und zerlumpte Patienten war er offenbar nicht gewohnt. Ich erwachte aus meinem Dämmerzustand, als ich draußen in einem der breiten Fauteuils des Eingangsbereichs lag. In ein Zimmer wollte man mich nicht geben, dazu reichten Coumbas Schmuckstücke, die sie ihnen anbot, nicht aus. Ich weiß nur noch, dass sich anfangs alles um mich herum drehte. Coumba wurde der Befund in die Hand gedrückt, mit dem sie nichts anzufangen wusste. Der Arzt murmelte etwas von Blutung in der rechten Hirnhälfte, die man bald in Europa kontrollieren sollte, sonst könnte es schlecht enden.
»Schicken Sie ihn heim, in Europa zahlt die Sozialversicherung ohnehin alles, so eine Operation können wir hier gar nicht durchführen.«
Coumba drehte ratlos den Kopf zu mir. Da sah ich sie zum ersten Mal ohne den grauen Schleier von vorher. Sie hatte die Haare aufgesteckt, sodass ihre ebenmäßigen Gesichtszüge noch besser zur Geltung kamen. Richtige Zuneigung konnte ich in ihren Augen damals noch nicht erkennen, lediglich schieres Mitleid. Mit ihrer Hilfe konnte ich aufstehen und hinausgehen. Auch ihre Gesten und Bewegung drückten Mitleid aus, das mich wohlig umgab. Das Taxi hatte gewartet, wohl in der Hoffnung auf weiteren Fuhrlohn, denn dass ich nicht in der noblen Klinik verbleiben würde, war dem Fahrer wohl von Anfang an klar gewesen.
»Wohin mit ihm?«
Coumba zögerte etwas.
»Zu Hause habe ich keinen Platz, ich bin selbst nur Bettgeherin bei meiner Schwester. Weißt du etwas?«
Der Fahrer bot ihr an, mich gegen einen gewissen Betrag bei sich zu Hause schlafen zu lassen. Coumba musste ihm dafür als Sicherheit ihre Armbanduhr lassen. Wie sie mir später erzählte, sei sie von ihrer Familie mit Vorwürfen überhäuft worden, wie sie dazu käme, einem Europäer zu helfen. Almosen zu geben, ja, das sei zwar Pflicht jedes Muslims, doch das beschränke sich auf … ja, eben auf une pièce. Das neue Telefon und die Armbanduhr herzugeben, sei verrückt gewesen. Tatsächlich hat Coumba sie auch nicht mehr auslösen können, selbst als sie das nötige Geld zahlen wollte.
Bei Madické, dem Taxifahrer, verbrachte ich fünf Tage. Täglich erschien Coumba abends nach ihrer Arbeit und brachte Essen. Es war wie in der Bibel, auch wenn ich nicht unter die Räuber geraten, sondern den Schwächen des eigenen Körpers erlegen war. Wie gerne wäre ich nach einem Tag schon wieder weggegangen, hinaus aus dem stickigen fensterlosen Raum, der immerhin Platz für zwei Schlafstätten hatte, aber die Beine versagten bei jedem Versuch nach einigen Schritten. Den Himmel sah ich nur, wenn ich mich zum Abort, einem Bretterverschlag draußen am Hof, schleppte. Sobald ich den Raum verließ, starrten mich alle neugierig an, sprachen mich aber, wohl von Madické über meine Lage informiert, nicht an. Von Coumba konnte ich bei ihren Besuchen wegen des Halbdunkels im Zimmer nicht viel erkennen. Anfangs war sie einsilbig, offenbar hatte sie Scheu, einem fremden Mann, der noch dazu halbnackt auf einer Schlafstätte lag, nahe zu sein. Wie es mir gehe, ich müsse mich in Geduld üben, mehr brachte sie nicht aus sich heraus. Doch ihr wohlklingendes gepflegtes Französisch tat mir gut und legte sich wie Balsam auf mein heruntergekommenes Dasein. Am dritten Tag vermeinte ich ein Lächeln in ihrem Gesicht zu erkennen, zumindest sah sie mich offen an und blickte nicht mehr verlegen auf ihre Fußspitzen.
Als ich zwar noch nicht an ihrem Arm, aber in ihrer Begleitung endgültig Madickés Loch verließ, standen die Nachbarn Spalier und überreichten mir kleine Geschenke, ein vergilbtes T-Shirt, sogar einen afrikanischen Boubou, einen Blechnapf, wohl aus Armeebeständen stammend, und einen Sack Reis. Der Älteste des Gevierts wünschte mir alles Gute und schüttelte mir die Hand. Ich bedankte mich so gut es ging, auch bei Madické, der etwas verlegen dabei stand.
»Und was wirst du jetzt machen? Du solltest heimkehren und dich behandeln lassen, hat mir der Arzt gesagt. Nächstes Mal kann es schlecht ausgehen.« Sehr zaghaft war Coumbas Stimme, sie kam gegen den Straßenlärm kaum an. Ich fühlte mich unangenehm an meine Vorvergangenheit erinnert.
»Unsere Botschaft – mit denen will ich nichts zu tun haben, ich habe in Europa nichts verloren.«
Coumba stellte keine Fragen, offenbar wusste sie, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte.
»Wohin gehst du – hast du niemanden, bei dem du bleiben kannst?« Dass sie diese Frage erst jetzt stellte, verwunderte mich.
»Ich wohne auf der Corniche mit Blick aufs Meer und ›pied dans l’eau‹, wie es sich die Touristen immer wünschen.« Tatsächlich hatte ich vor einiger Zeit eine Höhle im Steilabfall zum Meer hinunter entdeckt, die mir ein angenehmes Zuhause geboten und mich vor allen Regengüssen der letzten Wochen geschützt hat. Der Regen hat auch die Polizei davon abgehalten, vereinzelte Razzien an der Küste durchzuführen. Außerdem war meine Höhle gut versteckt und weit von jenen Höhlen entfernt, in denen die Rauschgifthändler und die Prostituierten ihrem jeweiligen Gewerbe nachgehen. »Höhlen innerhalb von Höhlen«, hat mein philosophischer Freund Boubacar, einer der Wertkartenverkäufer und Absolvent des Philosophiestudiums der Universität Bamako, nachdenklich bemerkt, als eines Abends eine erregte Diskussion der Corniche-Bewohner darüber, ob man Prostituierte dort dulden sollte oder nicht, eingesetzt hatte. »Solange die Moscheen weit genug entfernt sind, sollen sie ihre Höhlungen in den Höhlen anbieten«, hat er damals die Diskussion beendet.
An diesem Abend verabschiedete sich Coumba nur mit einem leichten Händedruck von mir. Trotz der schlechten Straßenbeleuchtung – die meisten der Solarlampen waren wegen der verschmutzten Paneele ausgefallen – sah ich in ihrem Gesicht ein Lächeln, das mich innerlich wärmte. Nach der Hitze des Tages fegte plötzlich ein heftiger Wind vom Meer herein.
»Es wird gleich regnen, du musst heim. Und danke für alles.« Mehr brachte ich nicht heraus. Ich sah ihr noch nach, wie sie in einen der öffentlichen Busse stieg und im Abendverkehr verschwand. Die Abenddämmerung war plötzlich von schwarzen Wolken überlagert worden, Sturzbäche brachen mit einem Mal über die Stadt herein. So rasch es mein Zustand erlaubte, eilte ich zu meiner Höhle, die ich nach einer Woche Abwesenheit im selben Zustand wie zuvor antraf. An der hinteren Felswand lag noch gut versteckt mein Bündel, das meinen Hausrat ausmachte. Die mitgebrachten geschenkten Gegenstände legte ich dazu, dann streckte ich mich auf meiner Matte aus, wo ich in den Halbschlaf verfiel, den ich mir in meinem Leben im Freien angeeignet habe, immer bereit, auf mögliche Störungen oder Gefahren reagieren zu können. Doch diesmal war es nicht die Bedrohung, es war die Erinnerung an Coumbas Lächeln und an den Druck ihrer Hand gegen die meine, die von mir Besitz nahm und sie mir von einem Schutzengel zu einer immer mehr begehrten jungen Frau werden ließ.
V
Wir gleiten sanft dahin. Das Meer ist ruhig, die Menschen an Bord sind ruhig, nicht aus Angst, sondern in freudiger Erwartung. Sie denken wohl, es werde die nächsten fünf, schlimmstenfalls sechs Tagen ebenso weitergehen. Treibstoff ist sogar für sieben Tage vorhanden, es gibt einen zweiten Motor, der bereitliegt, um den bisher klaglos und regelmäßig vor sich hin arbeitenden Außenbordmotor im Fall einer Panne zu ersetzen. Fünfhundert Liter Trinkwasser sind auf dem Boot vorhanden, in großen Behältern, eine Menge, die Abdoulaye für ausreichend erklärt hat. Reis, getrocknetes Gemüse, all das wird von Abdoulaye am Abend auf einem Kocher zubereitet werden. Zunächst hat er versucht, Coumba als einziger Frau an Bord diese Aufgabe zu übertragen. Sie lehnte jedoch ab, denn sie hat wohl Angst, von meiner Seite zu weichen. Heute Mittag gelang es den Lebous, mit Ködern an einer einfachen Schnur etliche Fische zu fangen, die Abdoulaye am Abend grillen will. Die Fischernetze seien zur Tarnung mitgenommen worden, man solle sie, so Abdoulaye, noch nicht direkt zum Fischen verwenden.
Nur der Fahrtwind erfrischt uns zurzeit, sonst herrscht Windstille. Badou steht auch jetzt unbeirrbar an der Lenkstange, die er nur selten an Abdoulaye abgibt, etwa, um die Lage des Boots mit seinem GPS-Gerät zu kontrollieren.
»Wir sind etwa zehn Kilometer von der Küste entfernt, abends sollten wir die mauretanischen Gewässer erreichen.«
Mauretanien. Ich erinnere mich, wie ich mit einem gebrechlichen und halb verrosteten Volkswagen – einem roten Passat – am Festland entlang der Passatwinde in die entgegengesetzte Richtung gefahren bin. Damals gab es schon eine asphaltierte Straße von Nord nach Süd, über den Strand wäre mein Fahrzeug wohl nicht weitergekommen.
Warum gerade ich dieses Auto nach Westafrika überstellen sollte – die Reise hätte bis Nigeria gehen sollen –, daran will ich mich gar nicht erinnern. Für derartige Fahrten suchten sich die Ankäufer von europäischen Schrottautos eher unternehmungslustige junge Leute aus, die Freude am Abenteuer haben und die den Heimweg dann mit einem bereits vorausbezahlten Flugticket antreten. Zahlreich waren die Polizeikontrollen auf der Straße zwischen der nordmauretanischen Stadt Nouadhibou und der Hauptstadt Nouakchott, einer staubigen Ansammlung meist eingeschossiger Häuser, die nicht viel mehr bietet als ein paar akzeptable Restaurants und Läden, um Proviant aufzunehmen, die aber doch groß genug ist, um auch auf diesem Außenposten Afrikas veritable Verkehrsstaus vorweisen zu können. Zur Erholung fuhr ich zum nahegelegenen Strand und sah dem regen Treiben der durchwegs dunkelhäutigen Menschen am Fischerhafen zu. Die buntbemalten Pirogen gefielen mir schon damals. Ich hätte aber nie daran gedacht, dass ich einmal in einem derartigen zum Seelenverkäufer verwandelten Fischerboot als einziger Weißer inmitten von Schwarzen die Heimreise nach Europa antreten würde.
Ich war erleichtert, nur noch drei Stunden Fahrt bis zur Grenze des Senegals vor mir zu haben, zu sehr beunruhigten mich die Warnungen, die westliche Botschaftskanzleien an ihre Staatsangehörigen wegen des Risikos der Entführung durch Terroristen richteten.
Öfter fiel mir damals während meiner einsamen Fahrt Antoine de Saint-Exupéry ein, der zwischen den Weltkriegen mit der zu befördernden Post von Frankreich nach dessen westafrikanischen Kolonien dieselbe Route genommen haben musste, in einem anderen Element als ich damals auf der Erde bzw. jetzt auf dem Wasser. Waren es die sternenklaren Nächte am Rand der Sahara, dass er sich eben diesen Sternen nahe fühlte und sie mit seinen eigenen Geschöpfen bevölkerte? Ich selbst wagte es nicht, neben der Straße im Freien zu übernachten, die Angst vor jenen Wüstenbewohnern, die vorzugsweise Europäer zu fangen versuchen, um sie dann an irgendwelche Katibas zwecks Lösegelderpressung oder Freilassung von inhaftierten Terroristen weiterzuverkaufen, die Angst, selbst Sklave zu werden – ein später Treppenwitz der Geschichte, zweihundert Jahre nach Abschaffung des Sklavenhandels und der Sklaverei in Europa –, diese Angst hat während der ganze Zeit Besitz von mir ergriffen. Die knallrote Farbe meines Autos hat ja dabei noch zusätzlich für Auffälligkeit gesorgt. Erst als ich den Senegalfluss überquerte, inmitten von überladenen Lastwagen, Viehherden und zahlreichen Einheimischen, deren Kleider die Pirogen an Buntheit weit übertrafen, fühlte ich mich geborgen. Daran änderte auch der stundenlange Ausfall des Motors der Fähre inmitten des Flusses nichts. Ich war wirklich am schwarzen Kontinent angekommen.
Der junge Mann neben mir ist jetzt wach geworden. Seit Besteigen des Boots ist er unter der Decke gelegen und hat sich kaum bewegt. Er reibt sich die Augen und sieht sich um, verwundert, wie es mir scheint, weniger über meine Hautfarbe als darüber, sich plötzlich in einem Boot auf dem Ozean wiederzufinden. Sehr höflich erkundigt er sich bei mir, wo wir jetzt seien. Er erweckt den Eindruck, als könne er sich gar nicht erinnern, warum er überhaupt an Bord gekommen ist, dabei verfügt er auch über einen Sack mit seinem Gepäck. Ein wenig fahrig sucht er etwas darin und zieht schließlich ein recht modernes Mobiltelefon hervor. Er steht auf und macht einige Fotos vom Boot. Als er eine Nummer eintippt und sich wundert, keine Verbindung zu haben, lachen etliche.
»Hier gibt’s keine Sendemasten, du musst dich gedulden. Vielleicht kannst du Radio hören.«
Etwas verwirrt sucht der Junge nach seinen Kopfhörern und dann nach einem Sender. Er dürfte erfolgreich sein, auf einmal entspannt sich sein Gesicht und er wiegt sich im Rhythmus irgendwelcher von irgendwoher aufgefangenen Musik. Nach zwei Stunden wird er das Ganze enttäuscht wegstecken, wenn der Akku fast leer ist und ihm die prekäre Situation voll zu Bewusstsein gekommen sein wird. Abgesehen von der Djembe, die zu schlagen aber Badou fürs Erste verboten hat, bleibt nur das kleine Zupfinstrument, das einer der Serer bereits am Vormittag hat erklingen lassen, das aber kaum gegen das Motorengeräusch ankommt und bei stärkerem Wind wohl gänzlich im Streit der Elemente gegen den Yamaha-Motor, auf den sich all unsere Hoffnung richtet, untergehen wird. Tritt totale Stille an Bord ein, ist es um uns geschehen. Ich befühle erneut die Konturen meines Seesacks und spüre die Umrisse des kleinen Pakets, das mir Bill Hooper mitgegeben hat. Heute Nacht, wenn außer Badou alle anderen schlafen, werde ich davon Gebrauch machen, und wie einst Saint-Exupéry werde ich mit etwas da oben zwischen den Sternen verbunden sein.
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