Читать книгу: «Augusta und ihr Dichter»

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Gerd Mjø­en Branten­berg

1. Kapitel

Sie hieß Augusta und dachte mit den Augen: Warum sind die Berge in der Ferne blau? Sie saß bei ihrer Großmutter in Waslæggen auf der Fensterbank und schaute. Der kleine Pachthof lag an einem grünen Hang, und sie hatte freie Sicht nach allen Seiten. Die Schafe grasten zwischen den überall aufragenden Steinen. Die Großmutter wollte unten vom Fluß Wasser holen, und Augusta freute sich auf ihre Rückkehr, denn dann würde sie sich zu ihr setzen und erzählen.

Und nun kam sie. Der Hang, die Schafe und die Berge in der Ferne sahen ganz anders aus, denn nun kam die Großmutter, mit den beiden Eimern am Joch, mit ihren weißen Haaren, sie tauchte unten unter den Weiden auf, kam den Hang herauf, wurde immer größer, winkte Augusta zu, lächelte, rief ihren Namen. Augusta sprang von der Fensterbank und lief ihr entgegen. „Du hast aber lange gebraucht!“

Augusta durfte nämlich nie mitkommen, wenn die Großmutter Wasser holen ging. In diesem Sommer hatte es so wenig geregnet, daß der Bach weiter oben ausgetrocknet war und sie ihr Wasser aus dem Fluß holen mußten. Der Fluß war tief und reißend, es gab Wasserfälle und Stromschnellen, das Wasser wirbelte und brauste. Vassleia hieß der Fluß, dem der Hof den Namen verdankte, er hätte Augusta verschlingen und sie nie wieder hergeben können. Deshalb mußte sie auf der Fensterbank warten.

Jetzt holte sie die süßen Fladen und die Schmalzringe und stellte alles draußen auf den Tisch, sie liefen hin und her und plauderten, es war so heiß, die Großmutter füllte im Eimer eine Kelle und trank. „Ahhhh! Wasser!“ stöhnte sie erleichtert. „Es gibt einfach nichts Besseres!“ Augusta zupfte sie ungeduldig am Blusenärmel. „Jetzt erzähl schon, Großmutter!“

Sie setzten sich in die Sonne. Die Gemeinde, in der der Hof lag, hieß Oppdal. Dort gehörten sie hin, der Großvater und seine Familie lebten hier seit dem Tag, an dem die ersten Bewohner über den Gletscher geschaut hatten. Sie hatten sich Höfe gebaut und den Boden urbar gemacht.

Die Großmutter erzählte. Augusta lauschte gespannt. Denn nun kam es bald – das Schreckliche, die Stimme der Großmutter war rauh und fest und ein wenig heller als sonst, und sie erzählte die Geschichte in immer denselben Worten.

Eine große Pest war über das Land gekommen. Sie wurde „der Schwarze Tod“ genannt, sie jagte durch das Land und machte den Kranken blauschwarze Beulen, in dieser Minute war man noch gesund, in der nächsten fiel man um. Es war vorgekommen, daß ein bloßes Niesen ausgereicht hatte, um jemanden zu töten. Damals sagten die Menschen, wenn sie Gäste hatten: „Ich bringe dich noch heil hinaus!“ und begleiteten sie bis zur Türschwelle, denn es konnte durchaus vorkommen, daß die Gäste vor der Tür tot zusammenbrachen.

Als der Schwarze Tod damals das Land verwüstete und zwei Drittel aller Menschen mit sich riß, gehörte Oppland zu den am schlimmsten betroffenen Gemeinden. Es lag sicher daran, daß es so hoch lag, daß sich hier alle Wege begegneten. Reisende aus der Hauptstadt, von der Westküste oder aus Nidaros – alle kamen sie nach Oppland, kehrten in der Herberge ein, wechselten die Pferde, erzählten ihre Geschichten und verbreiteten die Krankheit. So erbarmungslos hatte der Tod in der Gemeinde gewütet, daß am Ende nur noch von drei Dächern Rauch aufgestiegen war. Vom Hof Bø, vom Hof Ørstad und von der Kätnerstelle Vognhildsplassen. Die Menschen, die überlebt hatten, waren das alte Ehepaar auf Bø mit seiner Tochter, einige Landfahrer mit einem neugeborenen kleinen Jungen auf Ørstad und eine Witwe mit ihrem Sohn auf Vognhildsplassen.

Die Großmutter und Augusta konnten diese Höfe sehen, und die Geschichte legte sich zusammen mit dem Sonnenschein über sie und ließ sie aufleuchten.

In der ganzen Gegend gab es nur zwei junge Menschen, und die strebten zueinander und verliebten sich. Aber die Eltern auf Bø wollten nichts davon hören. Obwohl es nur noch fünf Menschen aus der Gemeinde und eine Schar von Umherstreifern gab, hielten sie wie früher auf Sitte und Ordnung, und es schickte sich nun einmal nicht, daß eine Hoferbin einen Kätnersjungen heiratete. Die beiden bettelten und flehten, aber es half alles nichts, und eines Tages waren die beiden jungen Liebenden verschwunden.

Die Eltern auf Bø und die Witwe auf Vognhild machten sich zwar Sorgen, dachten aber, die beiden würden bald zurückkehren. Sie suchten nach ihnen, wachten und horchten, aber die jungen Leute blieben verschwunden. Wochen und Monate vergingen, der Herbst und dann der Winter stellten sich ein, der Schnee machte die Bergpässe unwegsam, und jeden Tag sah die Hausfrau auf Bø übers Tal hinweg.

Nun fürchteten alle, daß die beiden im Gebirge ums Leben gekommen sein könnten, und sie bereuten ihre Unbeugsamkeit und flehten Gott um Erbarmen an.

So vergingen viele Jahre.

Aber eines Tages entdeckte die Hausfrau auf Bø, daß aus einer Almhütte auf dem Almannberg Rauch aufstieg. Offenbar waren dort neue Leute eingezogen. Und nach einigen Tagen konnte sie ihre Neugier nicht länger beherrschen, sie machte sich auf den Weg. Es war ein heißer Sommertag, die Sonne brannte zwischen den Felswänden, die Frau war erschöpft und in Schweiß gebadet, als sie endlich die Hütte erreichte und anklopfte. Eine junge, schöne Frau, die auf dem Arm ein kleines Mädchen und am Rockzipfel einen Jungen hatte, trat in die Türöffnung.

Die Hausfrau wollte ihren Augen nicht trauen. Die junge Frau war ihre Tochter. Die Mutter war so glücklich, daß sie keine Worte fand, die beiden starrten sich schweigend an. Dann öffnete die Tochter die Tür und bat die Mutter ins Haus, sie holte eine Schale mit Wasser. „Etwas anderes kann ich dir nicht anbieten, Mutter.“, sagte sie.

Die Mutter trank das gute, frische Wasser aus dem Gebirgsbach mit großem Genuß und sagte dann: „Etwas Besseres hättest du mir gar nicht geben können. Dieses Wasser schmeckt wie Met!“

Das Wasser stammte aus dem Bach, der direkt aus dem Almannberg entspringt und zu allen Jahreszeiten gleich stark dahinsprudelt. Die Quelle lag oberhalb der Almhütte, deshalb hatten die jungen Leute sich dort niedergelassen. Seither wurde der Bach Mjøakilden, „Metquelle“, genannt, und die Menschen, die hier wohnten, trugen den Namen „Mjøen“.

Augusta seufzte vor Erleichterung und Freude tief auf. Sie sah alles genau vor sich, was die Großmutter erzählt hatte: als habe sie auch hinter ihrer Stirn Augen, die denken konnten. Es war einfach wunderschön. Immer wieder freute Augusta sich auf den Moment, wo die Großmutter diese Worte sagen würde. Und die ganze Zeit sah sie beim Zuhören zum Almannberg hinüber. Manchmal glaubte sie, für eine Sekunde das junge Paar auf der Flucht sehen zu können.

Wenn die Sage erzählt war, blieben sie ein Weilchen schweigend sitzen. Da lag der Almannberg, düster und groß, im Gesicht hatte er deutliche Narben von den großen Lawinen. Die Almhütte war verschwunden. Manchmal ballten sich über seinem Gipfel die Wolken zusammen, und plötzlich war der ganze Berg verschwunden. Bald darauf tauchte er dann wieder auf und funkelte grünlich im Sonnenschein.

Es machte Spaß, einfach nur dazusitzen und Ausschau zu halten. Die blauen Berge hießen Troldtindene, „Trollzinnen“. Warum sie so blau waren? Die Großmutter sagte, weil sie fast bis in den Himmel reichten. Und darüber wohnte Gott. Es war ganz deutlich zu sehen, daß die Großmutter recht haben mußte. Aber seltsam war es trotzdem. Im Norden, Richtung Trondheim, waren die Berge dunkel und bewaldet, in Richtung Ørstadgrenda, wo die Großmutter herstammte, war alles grün an grün. Dort hatten sich nach der Pest die Landfahrer niedergelassen, und später sollten Zigeuner dazugekommen sein, deshalb hatte die Großmutter so weißes Haar und so braune Augen und war eine so gute Erzählerin.

„Ach, Großmutter, kannst du mir deinen Nacken zeigen?“

Die Großmutter lachte, nahm ihr Kopftuch ab, löste ihr Haar und senkte den Kopf. Hinten waren ihre Haare noch immer schwarz. Augusta fuhr mit den Fingern hindurch. Früher einmal hatte ihre Großmutter eine schwarze Mähne gehabt und an Hals und Händen keine Falten. Sie war so klein gewesen wie Augusta.

Eigentlich hieß sie Ingeborg. Augustas Großvater, Hallvard Waslæggen, hatte um sie geworben, als er noch Gehilfe des alten Lensmanns Gøttem gewesen war, damals, als die größte Lawine herabgekommen war. Sie hatten vor den Erdmassen fliehen müssen und wären dabei fast ums Leben gekommen. Aber sie hatten überlebt. Der Großvater war auch ein guter Erzähler. „Und deshalb sitzt du jetzt hier, auf dem Schoß deiner Großmutter“, sagte er immer.

Das war lange her, fast alles auf der Welt war vor Augustas Geburt geschehen.

Hallvard Waslæggen war wie sein Vater Kätner gewesen, hatte aber schon früh beschlossen, aus seinen beiden Söhnen, Even und Jon, selbständige Bauern zu machen, deshalb war er fleißig und sparsam. Im Jahre 1797, als Hallvard achtundzwanzig wurde, wurde der alte Lensmann kränklich und bettlägerig. Er rief Hallvard zu sich und sage: „Jetzt hast du mir zehn Jahre als Bote gedient. Bring diesen Brief dem Amtmann Trampe in Trondheim, dann wirst du sicher zu meinem Nachfolger ernannt.“

Hallvard legte mit Rucksack, Stab und Brief die hundertzehn Kilometer von Oppdal bis Trondheim zu Fuß zurück, obwohl er im Stall eine fette Stute hatte. Die durfte nicht angestrengt werden. Während er an den Höfen am Königsweg vorbeiwanderte und der Fluß still und blank im Sonnengleiß tanzte, dachte er nur an eins – wieder und wieder, wie er später seinen Söhnen erzählte. Und dieses eine war Ingeborg Sivertstochter von Ørstad. Sie war so lebhaft, so schön, er mußte an sie denken, ob sie nun ja oder nein sagte.

Als er von Amtmann Trampe zurückkehrte, machte er Ingeborg einen Antrag – und sie sagte ja. Aber dann wurde Gøttem wieder gesund. Solange er noch aufrecht stehen konnte, wollte er seinen Posten als Lensmann nicht aufgeben. Weder Hallvard noch Ingeborg mochten so lange warten, deshalb wurde ihr Ältester, Even, drei Jahre vor ihrer Hochzeit geboren. Immerhin waren sie verlobt, die Nachbarn fanden es nicht weiter unsittlich, auch wenn der Pastor die beiden tadelte.

Ein Jahr nach der Hochzeit – im Januar 1801 – kam der jüngere Sohn Jon zur Welt.

Während der schweren Kriegsjahre, der Kontinentalsperre und auch im Unglücksjahr 1802 konnten die Leute auf Waslæggen überleben, es gab dort so viele Weidenbäume, mit denen sie das Essen strecken konnten. Außerdem stiegen in der Gegend die Bodenpreise, und Hallvard verkaufte einen Teil seines väterlichen Erbes. Nach dem Tod des alten Gøttem brachte ihm der Lensmannsposten ein gutes Einkommen, und als der alte Exerzierplatz unter dem Almannberg zum Verkauf ausgeschrieben wurde, hatte er genug erspart, um ihn für seine beiden Söhne zu erwerben.

Dort, im Schatten der hohen Berge, lag keiner der großen Höfe. Auch viele Kätnerstellen hatten fast den ganzen Tag Sonne. Aber der Bach unten am Hang war Gold wert, da das Tal so oft mit der Dürre zu kämpfen hatte.

Während Hallvard für seine beiden Söhne Höfe baute, reiste sein Sohn Jon nach Trondheim und trat ins Kontor des Amtmanns Fredrik Graf Trampe ein. In Trampes Haus lernte er feine Manieren und gebildete Sprache, dort gab es immer wieder Feste und gesellige Lustbarkeiten. Trampe gehörte zu den eifrigsten Mitarbeitern der Dramatischen Gesellschaft, die Lustspiele und Tragödien aufführte, und auch der junge Jon wurde in einigen Rollen eingesetzt. Er hatte eine gute Singstimme und fand Auswendiglernen nicht weiter schwer.

Als der Graf Jons Begabung erkannnt hatte, durfte er als Held in Oehlenschlägers „Axel und Valborg“ auftreten. Dieses spannende Stück handelte von zwei jungen Liebenden im Mittelalter, die voneinander getrennt werden und daran sterben. Jungfer Sundt, die im Haus des Grafen lebte, spielte die Valborg. Und nachdem sich die beiden am Ende des Stückes in der herzzerreißenden Sterbeszene umarmt hatten, machten sie auch hinter dem Vorhang noch weiter. Danach reiste Jon nach Hause, um nachzusehen, ob sein neuer Hof am Fuß des Almannberges schon bezugsfertig sei. Das war er nicht, deshalb blieb Jon zunächst zu Hause, um alles für die Hochzeit vorzubereiten.

Eines Tages, als er mit seinem Vater den Gemarkungsweg zum Pfarrhof hinaufstieg, kam der Pastor ihnen entgegen und rief, es sei ein Brief für Jon gekommen. Der Brief stammte von Graf Trampe. Der Graf schrieb, Jungfer Amalie Sundt leide an einer schweren Lungenentzündung. Jon sprang auf sein Pferd und jagte die hundertzehn Kilometer nach Trondheim. Als er die Brücke nach Bakklandet erreicht hatte, kam ihm der Trauerzug entgegen.

Jon war damals dreiundzwanzig. Er verbrachte noch mehrere Jahre bei seinem Vater und lebte nur für seine Besuche an Amalies Grab. Er konnte seine Schwermut nicht abschütteln, fürchtete manchmal um sein Leben und blickte voll Sehnsucht zu den Stromschnellen in der Driva hinüber.

In dieser Zeit besuchte der schwedische Skalde Esaias Tegnér Oppdal, Jon begleitete ihn auf langen Wanderungen und half ihm beim Botanisieren. Tegnér hatte mit einem großen Schmerz zu kämpfen, und es half Jon, wenn sie darüber sprachen, wie traurig beide waren. Als sie sich trennten, schenkte der Dichter Jon eine illustrierte Ausgabe seiner „Frithjofs Saga“. Das Buch wurde zu Jons kostbarstem Besitz.

Bei seinen Besuchen in Trondheim wohnte Jon immer beim Schiffskapitän Øyen. Nach einigen Jahre lernte er hier Jungfer Hauan kennen, eine Schwester von Madame Øyen. Bald stellte er fest, daß er morgens wieder fröhlich aufwachte. Er hatte von ihrem breiten, ruhigen Gesicht geträumt. Er wollte doch nicht sterben. Auf einem Spaziergang freite Jon vor dem Dom um Jungfer Jentine Janette Hauan.

Inzwischen waren die Höfe auf dem Exerzierplatz fertiggestellt, und Jon zog mit seiner Braut und zwei vergoldeten Spiegeln aus Hamburg ein und nannte sich Mjøen, nach der Quelle. Die Spiegel waren Hochzeitsgeschenke von Kapitän Øyen und neben der Saga Jons prachtvollster Besitz. Er lud alle Bekannten ein, den neuen Hof zu bewundern und sich anzusehen, wie er den Bach durch Haus und Stall geführt hatte, so daß ihnen niemals das Wasser ausgehen konnte. Auch ansonsten sollte es ihnen an nichts fehlen. Prost, liebe Gäste! Und dann mußten alle „Geliebtes Frankreich, das Herz wird mir schwer“ oder ein bayerisches Trinklied singen.

Alles war hell. Die Sonne ging auf, die Sonne hieß Tina, so nannte er nämlich seine Jentine, und er dachte: Zu glauben, daß wir nur einmal lieben könnten, ist dasselbe, wie Blau nicht zu sehen, weil wir Rot für eine schöne Farbe halten. Er hatte jetzt zwei. Eine im Himmel, und eine auf Erden. Und die auf der Erde war sein Engel. Fast alles, was sie tat oder sagte, zeigte ihre Zuneigung zu ihm, und manchmal überwältigten seine Gefühle ihn, und er fiel ihr zu Füßen und beteuerte, wie sehr er sie liebte.

Sie lachte dann verlegen und meinte, er sei bestimmt zu lange bei Amtmann Trampe in die Lehre gegangen. Jon war noch jung genug, um zu erröten, denn Tina hatte nicht unrecht. Er sprang wieder auf. „Wenn ich das nicht gemacht hätte, dann würde ich jetzt vielleicht nicht knien“, sagte er. „Aber lieben würde ich dich trotzdem.“

Er war zufrieden mit dieser Antwort, und neun Monate später saß er im Stall und schnitzte Holznägel. Er wollte in der Nähe sein, nicht wie andere Männer in den Wald fliehen.

Die Hebamme Marithe Bryggjom war schon da, zusammen mit seiner Schwägerin Gjørann vom Nachbarhof und den Mägden Guri und Hilda. Dann hörte er Tina schreien. Ihr Schrei füllte den Stall, die Pferde hoben die Köpfe, bissen um sich und traten unruhig von einem Fuß auf den anderen. Dieser Schrei kam aus einer anderen Welt, nicht von einem Tier, sondern von einem fremden Wesen. War das immer so? Er wußte, daß es weh tat – mehr als alles, was ein Mensch sonst ertragen muß, hatte seine Mutter gesagt. Unmenschlich weh tat die Geburt eines Menschen. Aber so? Wieder hörte er sie schreien. Hob einen Nagel auf. Schnitzte ihn so dünn, bis er zerbrach. Dann schrie sie nicht mehr.

Ein wenig später hörte er leises, zartes Kinderweinen. So zart, so weh, so gut. Und ganz weiß. Schneeweiß. Er stürzte zum Haus hinüber. Die Hebamme kam ihm entgegen. Ihr Gesicht war aschgrau. „Jon. Die Tina hat das nicht geschafft.“

Er ging in die Wochenstube, starrte das Bett an. Es war mit Blutflecken besudelt. Und Tina – ein ausgestreckter weißer, bleicher Leichnam mit verzerrtem, leblosem Gesicht. Er blieb stocksteif stehen, so, als stecke ihr Tod auch ihn an. Marithe sagte: „Dein Kind, Jon Mjøen. Es ist ein Mädchen.“

Das Kind, dachte er. Was für ein Kind?

Auf diese Weise mußten in diesem Jahr auf Mjøen Taufe und Beerdigung an einem Tag stattfinden. Das kleine Mädchen wurde an der Bahre der Mutter getauft und erhielt die Namen Jentine Janette. Jon Mjøen stand vor der Kirche und starrte zum Almannberg hoch. Er verfluchte den Berg und sich selber. „Jetzt ragst du mein ganzes Leben dort auf“, sagte er in seinem Herzen. „Willst du denn niemals mein Glück beschützen? Bist du nicht von Gott erschaffen worden?“

In diesem Moment wälzten sich von Süden düstere Wolkenmassen heran, und innerhalb weniger Minuten war der Almannberg verschwunden. Ein Zeichen. Aber was mochte es bedeuten? Nicht alle Zeichen des Herrn waren leicht zu deuten. Jemand berührte seinen Ärmel. Es war seine Mutter. Er sagte: „Jetzt bist du noch einmal Mutter geworden, du.“

Dann brach er in Tränen aus.

So geschah es dann. Die Großmutter auf Waslæggen nahm sich der kleinen Jentine Janette in deren erstem Lebensjahr liebevoll an.

Von ihrem Fenster im Pfarrhof konnte das junge Fräulein Helene Skøyen die beiden da unten beobachten. Sie war ein Jahr zuvor als Gouvernante für Probst Hagerups Kinder nach Oppdal gekommen und hatte schon seit längerem ein Auge auf den Lensmann geworfen, wenn der den Pastor besuchte.

Helene Pederstochter Skøyen kam von einem großen Hof am Randsfjord. Sie stammte von Großbauern ab und hatte früh gelernt, daß auf dieser Welt nur eins entscheidet: Geld. Und in sehr jungen Jahren war ihr auch aufgegangen, daß es für eine Frau fast unmöglich war, zu Vermögen zu gelangen.

Früher war das anders gewesen. Früher hatte der Boden Brot bedeutet, und Mann und Frau waren in guten und in schlechten Jahren ebenbürtig gewesen. Aber seit das Land vom Handel abhängig geworden war, konnte alles innerhalb kürzester Zeit zu Schutt und Asche zerfallen. Heute war man reich, morgen arm, und die Frauen sahen nie etwas von dem Geld, das hin und her wanderte und an allem schuld war.

Ihr Vater war durch die große Krise um 1820 bankrott gegangen. Sein Hof wurde zwangsversteigert, als Helene zehn Jahre alt war, seither hatte die Familie ein unsicheres Dasein von Gnaden wohlhabenderer Verwandter gefristet. Zu diesen Verwandten gehörte Tante Christense in Kristiania, die mit Torstein Mikkelsen, dem Wirt des Gasthauses „Arche Noah“, verheiratet war. Er galt als einer der reichsten Männer Kristianias, er hatte früher mit Holz und Kohle gehandelt. Tante Mikkelsen war groß und üppig und hatte muntere Rosenwangen, Mikkelsen selber war häßlich wie die Nacht. Er trug immer eine Zipfelmütze und sah aus wie ein Gnom. Männer mit Geld konnten sich das eben leisten.

Helene hatte aus all diesen Gründen niemals die Schulbildung erhalten, zu der ihr kluger Kopf sie befähigte, hielt sich aber durch Zeitschriften und Bücher auf dem Laufenden und wußte, was auf der Welt passierte. Bei Tante Mikkelsen beteiligte sie sich oft an Liederabenden und anderen Aufführungen, und sie hatte eine Nummer einstudiert, in der sie als Wahrsagerin auftrat. Das war ein so großer Erfolg, daß sie es schließlich wagte, im Gasthaus aufzutreten. Damit verdiente sie einige Schillinge.

Ihr Onkel, Peder Bjørnson, der Theologie studierte, wohnte ebenfalls im Haus der Mikkelsens. Nach seinem Examen beschloß die Familie, daß Helene ihn und seine junge Frau auf seinen ersten Pfarrhof in Kvikne begleiten sollte. Sie war damals einundzwanzig, und ihr neuer Wohnort erfüllte keine ihrer Erwartungen an das Leben. Die Pfarrstelle war jahrelang nicht besetzt gewesen, aber das war auch kein Wunder. Sie lag in der Einöde, nur selten kam ein Gast vorbei. Die nächsten Nachbarn waren Wolfsrudel und Lappen.

Es war ein arger Kontrast zum Leben in der Hauptstadt. Der Onkel war ein schwieriger Hausgenosse, manchmal stritten sie sich um die Finanzen der Familie, und Helene rutschten Worte heraus, die ihrem Onkel durchaus nicht paßten. Nach einem Jahr besorgte er ihr die Stelle beim Probst in Oppdal, alles wurde brieflich verabredet.

Probst Hagerup und seine Frau waren angenehme und freundliche Menschen, hier wurde Geige gespielt und gesungen, und Helene durfte an allen Festen, im Haus oder bei anderen, teilnehmen. Zu den häufigsten Gästen zählte der junge Lensmann. Er hatte das Amt von seinem Vater übernommen und besprach sich mit Probst Hagerup in allen Fragen, die das Wohl der Gemeinde betrafen. Volksbücherei und Sonntagsschule, Holzdiebstahl und Wolfsjagd. Sie sprachen auch über die Lage im Land und waren oft nicht einer Ansicht. Das Dorf wollte einen jungen Bauern, Emret Sæther, ins Parlament wählen, was dem Probst überhaupt nicht gefiel. Mjøen dagegen hielt es für unerläßlich, daß der Bauernstand nach oben kam und mehr Einfluß gewann.

In dieser Zeit streifte sein brauner Blick oft Helene, und immer wieder mußte sie an ihn denken. Er war ein gutaussehender Mann – mittelgroß mit sorgfältig gestutztem Vollbart und goldbraunem Schopf, der sich wie ein Fragezeichen wellte, als habe die Natur ihn gekrönt, um ihn aus der Menge herauszuheben. Von Frau Hagerup wußte sie, daß er sich hohe Ziele setzte. Er war als Kätnerssohn geboren, aber er hatte Ehrgeiz, sicher würde er irgendwann in die Hauptstadt übersiedeln. Vielleicht könnte er in einem Ministerium oder sogar bei Hof eine Anstellung finden? Oder als Minister enden? Helene versteckte ihre füllige Gestalt hinter dem Vorhang, ließ den jungen Mann aber nicht aus den Augen. Ein Witwer konnte doch nicht so schwer zu erlegen sein!

Aber dann lenkte ein schreckliches Ereignis alle Gedanken von der eigenen Person und ihrer Zukunft ab. Auf Østråt sollte die Verlobung des Neffen der Pastorin mit Fräulein Hornemann aus Trondheim gefeiert werden. Helene und Frau Hagerup machten sich munter auf den Weg. Fräulein Hornemann war lustig und lebhaft, sie lief überall umher und war plötzlich auf den Burgturm gestiegen. Von dort winkte sie den Gästen zu und kletterte dann weiter, so hoch es ging. „Seht mich an!“ rief sie und klatschte in die Hände. Dabei verlor sie die Balance und stürzte auf den gepflasterten Burghof. Sie lebte noch einen Tag. Helene saß die ganze Zeit bei ihr. Ihr Schreien verstummte erst mit ihrem Tod.

Helene und Frau Hagerup standen noch lange unter dem Einfluß dieses Erlebnisses. Zu den Menschen, die ihre Teilnahme zum Ausdruck brachten, gehörte auch der junge Lensmann. Der Fingerzeig Gottes sei sehr deutlich gewesen, meinte er. Jugendlicher Übermut wurde streng bestraft. Und eines Tages stand er vor ihr und machte ihr einen Antrag. Helene fand, daß das Leben endlich einen Sinn hatte.

Am 29. August 1833 traf wieder eine junge Braut auf Mjøen ein. Die Braut glaubte, die Sache mit den Witwern richtig eingeschätzt zu haben. Nur schien der Lensmann nicht glücklich zu sein. Er sang Kirchenlieder, wenn er über die Äcker wanderte, wenn er pflügte, Steine aufklaubte, im Stall arbeitete, überall sang er, und er hatte eine schöne Stimme, aber zu ihr kam er nicht. Helene ging ihrer Arbeit nach und sehnte sich nach ihrem Mann. Hatte er denn nur eine Magd gebraucht? Sie hatte wirklich keine Sekunde damit gerechnet, nicht arbeiten zu müssen. Aber sie hatte doch noch etwas anderes erwartet – von dem sie allerdings nur vage Vorstellungen hatte.

Zwei Monate nach der Hochzeit kam er im Dunkeln zu ihr. Zuerst begriff sie nicht, was passierte. Dann begriff sie und hatte Angst. Und innerhalb weniger Augenblicke kam ihr dann die Erkenntnis: Die Menschen waren wie die Tiere. Sie besaßen die gleiche Wildheit, den gleichen Trieb, der sie nur an eins denken ließ, und war es erst soweit, dann galt sonst nichts mehr, alle Rücksichten waren vergessen, nichts hielt sie auf, wenn sie nur dieses eine tun konnten. Doch ehe sie soweit gedacht hatte, hatte ihr Mann sie schon in das wilde Treiben mitgerissen.

Endlich fand ihr üppiger Leib zu seiner natürlichen Bestimmung, sie merkte, daß ihr Mann sich mehr um sie kümmerte als bisher. Als sie ihm erzählte, wie es um sie stand, verschwanden die düsteren Wolken von seiner Stirn.

Der Lensmann sang wieder seine alten lustigen Lieder, bis er dann an einem frühen Morgen im August voller Angst in den Wald floh. Als er spätnachmittags zurückkehrte, ging er geradewegs in den Stall. Doch die Magd Guri hatte ihn gehört und lief hinterher. Er hatte ein Töchterchen bekommen, und Mutter und Kind ging es gut.

Jon Mjøen weinte vor Freude und segnete den Monat, in dem das Kind geboren war: „Sie soll Augusta heißen!“ In diesem Moment vergoldete die Sonne den Almannberg, und Jon fiel auf die Knie und pries seinen Gott.

Keine in der Gemeinde hieß Augusta. So hieß die Gemahlin des Prinzen Wilhelm von Preußen, wenn die Ehe seines Bruders, des Königs, kinderlos blieb, konnte sie eines Tages dort sogar Königin sein.

„Aber müßte ich sie nicht eigentlich nach meiner Mutter nennen?“ fiel dem Lensmann dann ein.

„Ja, sie soll Ingeborg heißen“, sagte Helene.

Alle hatten damit ihren Willen erhalten, und das Kind wurde Ingeborg Augusta getauft. Das war im Jahre 1834.

2. Kapitel

Das Kind zeigte früh ein freundliches, fügsames Wesen und lernte ungewöhnlich schnell erwachsene Wörter. Schon mit zwei Jahren sagte sie Dinge wie „dementsprechend“ und „vorübergehend“. Ihr Vater fand das sehr witzig und brachte ihr bei, „Amor vincit omnia“ zu sagen. Die Liebe überwindet alles, übersetzte er. Augusta war dunkel und braunäugig wie ihr Vater, sie war mollig und hatte Apfelbäckchen, und schon bald trottete sie hinter ihm her über die Felder, sammelte in ihrer kleinen Schürze Steine und legte sie aufeinander, damit sie weggefahren werden konnten. Sie sangen dabei gern „Des Nordens Berge mit den blauen Gletschern, der Urzeit dunkle Minne“ und andere Lieder zum Preis der Landschaft und Dessen, Der sie erschaffen hatte. Mit anderthalb Jahren bekam sie ein Brüderchen, das nach Großvater und Urgroßvater mütterlicherseits Hans Peter getauft wurde. Zwei Jahre später stellte sich ein weiterer Bruder ein. Der erhielt den Namen Frederik Trampe, nach dem Amtmann in Trondheim, den der Vater auf diese Weise ehren wollte. Die Halbschwester Tina wuchs bei ihrer Tante in Trondheim auf.

Im Dorf gab es viele Kinder, auf dem Nachbarhof wohnten vier Vettern und Kusinen, zu Hause jedoch war Augustas liebster Spielkamerad ein zahmer Wolf, den der Vater einem armen Knaben abgekauft hatte. Der war im Frühjahr mit vier Wolfsjungen, die er im Gebirge gefangen hatte, zum Gericht gekommen. Er hoffte auf eine Prämie. Die gab es zwar nicht, aber der Lensmann kaufte zwei kleine Wölfe, ein Männchen und ein Weibchen, Gerichtsreferendar Richter und Kapitän Knudsen nahmen die beiden anderen.

Der Wolf folgte Augusta überallhin, sie schliefen zusammen und redeten miteinander. Hektor hieß das Tier, und wenn der Lensmann ausritt, lief Hektor wie ein Hund hinterher. Die kleine Wölfin war gestorben, sie hatte die verdünnte Milch nicht vertragen. Das hatte der Vater Augusta erzählt, denn Hektor war älter als sie. Die Mutter wollte keinen Wolf im Haus haben und schlug immer wieder vor, ihn zu einem Pelz zu verarbeiten. Aber auf dem Ohr war der Vater taub.

Auch Hühner zu haben machte Spaß. Sie verstanden nicht so viele Wörter wie Hektor, aber sie redeten ja untereinander. Wenige im Dorf hatten Hühner, sie fanden es seltsam, sich solches Getier zuzulegen. Aber der Vater wollte Neues ausprobieren. Besucher bekamen Eier geschenkt, die Augusta suchen mußte. Sie kannte die Verstecke der Hühner.

Die Hühner liefen frei auf dem Hof umher und drängten sich um Augusta, wenn sie ihnen einen Leckerbissen mitbrachte. Und wenn das nicht der Fall war, begrüßten die Hühner sie trotzdem mit ihrem Gluck-Gluck. Dann scharrten sie im Boden, hin und her, hin und her, immer an derselben Stelle, und in dem so entstandenen Loch hielten sie dann Ausschau nach kleinem Viehzeug. Der Hahn hieß Napoleon.

Eines Tages saß Augusta auf der Scheunentreppe und fütterte die Hühner. Die Magd Guri hatte ihr Brotkrumen zugesteckt, als die Mutter auf den Dachboden gegangen war. Als sie den Hühnern die Krümel hinwarf, hörte sie ein Pferd. Der Vater kam auf dem Hengst Raugubben angeritten, Hektor lief hinterher, sie hatten im Årkelsee Forellen geangelt. Augusta sprang vor Freude auf, sie war immer glücklich, wenn der Vater auftauchte, nachdem er unendlich lange fortgewesen war. In diesem Moment schoß Hektor wie ein Pfeil in die Hühnerschar und schnappte sich Napoleon. Die Hühner jagten nach allen Seiten auseinander, es schneite Federn, der Boden war ganz weiß, der Vater stürzte herbei und brüllte Hektor wütend an: „Loslassen, loslassen!“

Hektor mit dem Hahn in der Schnauze sah ihn an und wollte wegrennen, aber der Vater packte ihn und entrang ihm das Tier. Napoleon war nicht mehr zu retten. Er schleppte sich mit gebrochenem Flügel davon und versteckte sich hinter einem Busch. Der Vater zog ihn hervor und ging mit ihm zum Hackklotz.

Augusta weinte, die Mutter und das Gesinde kamen aus dem Haus gelaufen, um die Ursache des Spektakels zu erfahren. Der Vater hob das Töchterchen hoch und drückte es an sich. Dann erzählte er, daß sie beim Årkelsee auf eine Herde Schafe gestoßen waren. Hektor war hinter den Schafen hergerannt. Als der Vater ihn rief, kam er brav zurück. „Aber sicher steckte ihm der Jagdeifer noch in den Knochen – und dann hat er den Hahn gesehen“, sagte der Vater.

Augusta beruhigte sich ein wenig, während ihr Vater das alles erzählte. Sie betrachtete die vielen Federn, die auf dem Hof lagen. Plötzlich merkte sie, daß die Hühner verschwunden waren. Alle machten sich auf die Suche, und damit waren sie für den Rest des Tages beschäftigt. Sie lockten und schmeichelten, und nach und nach entdeckten sie die Tiere in Ecken und Winkeln, draußen und drinnen, hinter Holzstapeln, unter Büschen, in hohlen Baumstämmen, jedes Huhn hatte der Öffnung den Schwanz zugekehrt und war zum Scharren bereit. „Und da redet man verächtlich von Hühnergehirnen“, meinte die Mutter. Die nächsten Tage legten sie keine Eier. Ihnen fehlte Napoleon. Aber als ein neuer Hahn auf den Hof geholt wurde, legten sie bald wieder. Und Hektor versuchte nie, Napoleon II. etwas zu tun. Augusta sagte ihm jeden Tag, daß er beim ersten Versuch zu Pelz gemacht werden würde. Sie war sicher, daß er das verstand.

Der Lensmannshof lag östlich des alten Königsweges und des Flusses Driva, Reisende sahen sofort, daß hier genug Platz zum Einkehren war. Das Wohnhaus war ein langer, mit Brettern verschalter Holzbau mit drei Schornsteinen, er schaute nach Westen, kehrte dem Dorf die Breit- und Süden und Norden die Längsseiten zu. Hinter der Südwand lugte eine der beiden Scheunen hervor, davor stand ein hohes, schmales Seitengebäude, das als Gästehaus und Altenteil diente. Dicht beim Zaun schließlich befand sich ein halbfertiges Gerichtshaus. Es sollte in einem anderen Stil errichtet werden als die anderen Gebäude, der sogenannte Empire-Stil hatte Norwegen erreicht, alle vier Wände sollten gleich lang sein, dreieckige, flache Dachpartien sollten zu einer kleinen Pyramide aufeinandertreffen. Im Süden lagen die Ställe, hinter dem Haupthaus nach Osten hin gab es Feuerstube, Sauna und einen kleinen Schuppen. Hier schienen die Schieferblöcke aus dem Boden zu wachsen, von hier wanderten sie zum Haus und wurden zu Treppenstufen und Dächern oder zu Bänken und Tischen am Südhang, wo man im Sommer sitzen konnte. Dort befanden sich eine Balancierstange, eine Wippe und ein Sandkasten mit Eimerchen. Zwischen dem Lensmannshof und dem von Even floß der Mjøabach, es gab eine Mauer und ein Birkenwäldchen.

Als Augusta ungefähr vier war, fuhren ein Breit- und ein Langschlitten mit einem Aufbau, der aussah wie ein kleines Haus, durch die Wälder von Oppdal auf den Mjøenhof zu. Es war kurz vor Ostern, die Schneebedingungen waren ideal. Der Pastor von Kvikne war zu seiner neuen Pfarrstelle im Romsdal unterwegs. Er wollte auf dem Lensmannshof Rast machen, denn dort hatte er Verwandte.

Augusta sah die Schlitten, lange bevor sie den Hof erreicht hatten. Jetzt bogen sie unten bei der Posthalterei vom Königsweg ab und fuhren zu ihnen herauf. Schwarze Mähnen tanzten über den Rücken der beiden Pferde. Der Pastor und seine Frau saßen vorn, sie konnte ihre Gesichter noch nicht erkennen. aber wo waren die Kinder? „Haben die ihre Kinder nicht mitgebracht, Mutter?“ fragte sie. Sie hatte gehört, daß drei Kinder kommen würden, und am Vorabend bis zum Einschlafen daran gedacht. Jetzt war sie schrecklich enttäuscht, obwohl sie dieses Wort noch gar nicht kannte. „Die sind bestimmt in dem Häuschen, damit sie nicht frieren“, antwortete die Mutter, die mit Frederik Trampe auf dem Arm neben ihr stand. Augusta trug ein neues Kleid, ihre Zöpfe waren frisch geflochten, der zweijährige Hans Peter lief ebenfalls in neuen Kleidern herum. Vorn auf der Treppe stand der Lensmann in Uniform mit blankgeputzten Messingknöpfen und hohen gelben Stiefeln.

Schließlich zogen die Pferde prustend die Schlitten auf den Hof, doch ehe irgendwer etwas sagen konnte, kam aus dem Aufbau auf dem Langschlitten ein Junge zum Vorschein, sprang in die Luft und landete vor den Füßen der Lensmannsfamilie. „Nein, nein, Junge!“ rief sein Vater und drehte sich auf dem Schlittensitz um. „Was habe ich dir beigebracht?“ Der Junge sah alle der Reihe nach an und streckte dann der Magd Guri seine Hand hin.

„Guten Tag. Ich heiße Bjørnstjerne Bjørnson“, sagte er und verbeugte sich so tief, daß sein Kopf den Schnee berührte. Augusta lachte. Sofort drehte er sich zu ihr um, wurde rot, blickte unsicher zu seinem Vater, dann ging er zu ihr, gab ihr die Hand und verbeugte sich noch einmal bis in den Schnee.

Jetzt lachten alle Erwachsenen. Augusta war erschrocken über dieses plötzliche Lachen. Was war denn so komisch? Sie musterte den Jungen mit ernster Miene. Aber der hatte sich schon wieder umgedreht. Seine Eltern, die beiden kleinen Schwestern Mathilde und Anine und das Kindermädchen stiegen vom Schlitten, alle tauschten Begrüßungen aus, beluden sich mit Gepäck, liefen im Haus ein und aus, vergaßen, worüber sie gelacht hatten, lachten über andere Dinge, das meiste davon verstand Augusta nicht, denn das meiste, was Erwachsene sagten, war nun mal unbegreiflich.

Während der ganzen Zeit mußte Augusta immer wieder die Haare des Jungen anstarren. Sie umstanden seinen Kopf wie Sonnenstrahlen – sie waren feuerrot. Sicher hieß er deshalb Bjørnstjerne, nach dem Sternbild Großer Bär. Sie hatte noch nie einen Menschen mit solcher Haarfarbe gesehen. Er schien zur Hälfte aus Haaren zu bestehen. Jetzt rannte er zwischen den Erwachsenen, die Koffer und Taschen ins Haus trugen, hin und her, und als er zum vierten Mal im Haus verschwand, beschloß Augusta, verschwunden zu sein, wenn er wieder herauskam. Sie jagte um die Hausecke, von wo aus ein Weg zum Vorratshaus freigeschaufelt war. Doch er kam gerade aus dem Haus und sah noch ihren Rockzipfel, ehe sie um die Ecke biegen konnte. Er lief hinter ihr her.

Pastor und Lensmann saßen inzwischen mit einem Glas Punsch im großen Zimmer, während die Damen und Mägde sich um die Schlafzimmer kümmerten. Die Pastorin brauchte Ruhe, sie war mit ihrem vierten Kind hochschwanger. „Ja, Kühe werden nicht die Landstraße entlanggeschleppt, wenn sie kalben sollen, aber für uns Frauenzimmer gelten offenbar andere Regeln“, sagte die Lensmannsfrau. Frau Bjørnson lachte und meinte, Helene solle sich keine Sorgen machen, der Junge würde nicht vor Ende des nächsten Monats auf die Welt kommen, ja, sie spüre, daß es diesmal ein Junge sein würde. Helene seufzte erleichtert. Das Wochenbett würde ihnen also erspart bleiben. „Wie schön für dich, daß du zu Hause niederkommen kannst“, sagte sie nur. „Ja. Weißt du, ich freue mich ja so! Ein Haus am Wasser! Kannst du dir das vorstellen? Ach, das Meer hat mir ja so gefehlt!“ Sie legte sich ins Bett und lobte die bestickte Bettdecke, das wunderschöne Blumendekor mit Girlanden an Türblättern und Gesimsen, den blauen Himmel über dem Bett und die Bilder an den Wänden. Ihr entging nichts. „Und seit dem letzten Mal bist du richtig fein und dick geworden“, rutschte ihr heraus.

Die Männer unterhielten sich derweil über die erbärmliche Kartoffelernte. Im vergangenen Sommer waren die Kartoffeln dreimal im Boden erfroren. Vielerorts herrschte Not. Es hatte viele strenge Winter hintereinander gegeben. In einem Jahr hatte es so heftig geschneit, daß der Schnee noch im Juni mannshoch gelegen hatte, erzählte der Lensmann. Die Bauernfamilien auf den Höfen waren zum Schneeräumen verpflichtet, aber in diesem Jahr hatten sie sich geweigert. Diese Pflicht gelte nur im Winter, behaupteten sie.

„Ja, das ist typisch für die Leute hier“, sagte der Pastor und erzählte, daß er in Kvikne einige anstrengende Jahre verbracht hatte. Eines Tages hatte er den stärksten Mann aus dem Dorf die Treppe hinunterwerfen müssen. Der Mann hatte behauptet, der Pastor sorge nicht dafür, daß die Gemeinde in der Furcht des Herrn lebe. Also mußte der Pastor ihm zeigen, wer der Stärkere war. Und der Dorfriese verlor kein Wort mehr über die Furcht des Herrn. „Das Pfarrbüro liegt nämlich im ersten Stock“, erklärte Bjørnson.

„Aber ich streite mich wirklich nicht gern“, fügte er hinzu und sah dem Lensmann munter in die Augen. „Das Leben ist doch selber schon ein Streit!“ „Ja“, antwortete der Lensmann mit weicher Stimme und schlug die Augen nieder. „Das Leben ist... Kampf und Streit.“

Der Lensmann verlor sich in Gedanken, und Bjørnson verbreitete sich über die Dampflokomotive. Wie er zu diesem Thema übergegangen war, blieb unklar. Er sprach von der gewaltigen Entwicklung in England. „Diese kleine Insel wird noch den ganzen Erdball unterwerfen. Man muß sie bewundern. Denen gelingt wirklich alles. Sie haben Napoleons Heer mit Uniformen versorgt. Stell dir das vor! Sie haben an den Kleidern ihrer Feinde verdient. Sie sind schlau. Und bald werden sie die halbe Welt mit Eisenbahnlinien versorgen.“

Der Lensmann nickte und paffte seine Meerschaumpfeife, während Bjørnsons Worte sich überschlugen. „Ja, in England können sie Eisenbahnlinien bauen, da gibt es ja nur Wiesen und kleine Hügel, aber es wäre bestimmt ein Kampf, eine Bahnlinie durch das Drivatal zu bauen. Ich werde das nicht mehr erleben“, sagte der Lensmann.

Als der Pastor das Wort „Kampf“ nicht aufgriff, sondern sich über die kommunale Selbstverwaltung äußerte, wußte der Lensmann, daß dies ein sprunghaftes Gespräch war, ohne roten Faden, und gastfreundlich sprang er zwischen den tausend Dinge, über die man reden konnte, mit umher.

Bjørnstjerne jagte hinter Augusta her zum Vorratshaus. „Warum rennst du denn so?“ rief er. „Warum rennst du so?“ gab sie zurück. „Du bist so dunkel!“ rief er. „Du bist so hell“, sagte sie. Und dann hatte er sie eingeholt und wollte sie fangen.

Er warf sich im Schnee über sie und packte ihre Ärmchen mit festem Griff, der ein bißchen wehtat. Sie versuchte, sich loszureißen. Er ließ ein wenig locker, aber nicht ganz. „Da, wo ich herkomme, gibt es Wölfe“, sagte er. „Hier auch“, sagte sie. „Wirklich? Wo? Zeig sie mir!“ – „Wir haben einen in der Küche“, sagte sie. Jetzt ließ er sie endlich los. Und schaute ihr in die Augen. „In der Küche? Ihr habt einen Wolf in der Küche?“ – „Ja“, sagte sie.

Der Junge stürzte zum Haus und in die Küche, aber die war leer, und er rannte ins Wohnzimmer weiter und schrie dabei: „Der Wolf! Der Wolf! Onkel Mjøen – hast du den Wolf gesehen?“ Doch ehe Mjøen antworten konnte, hatte der Pastor den Jungen am Ohr gepackt. Der Wicht stellte sich auf die Zehenspitzen, um den Druck zu erleichtern. „Was soll der Unfug? Willst du den Leuten Angst einjagen?“ Augusta, die hinterhergerannt war, starrte ihn und den Jungen an. Faßte sich ans Ohr, als ob es dem Jungen dann weniger wehtäte. Der Vater ließ ihn los. Sofort machte Bjørnstjerne sich wieder über den Lensmann her.

„Stimmt das? Hast du einen Wolf? Wo steckt der?“

„Doch, doch“, war die Antwort. „Sicher habe ich einen Wolf. Kommt, dann zeige ich ihn euch.“ Peder Bjørnson machte große Augen. „Hast du wirklich einen Wolf?“

Alle gingen in den Schuppen, wo Hektor ein Nickerchen machte, und sahen ihn sich an. Er sprang auf und kam schwanzwedelnd auf den Hausvater zu. Der Lensmann streichelte ihn, und Hektor fiepte, leckte ihm die Hand und sprang an ihm hoch.

Als alle nach dem Essen im großen Zimmer saßen, erzählte der Lensmann, wie er an den Wolf gekommen war und wie brav der sich immer verhalten hatte – abgesehen von dem Mal, als er sich den Hahn geschnappt hatte. „Wölfe sind freundliche Tiere“, sagte er. „Ganz anders, als man meinen möchte, wenn man sie im Wald heulen hört. Hektor liebt uns fast noch mehr, als wir uns selber lieben, denn wir sind sein Rudel, und niemand darf uns etwas tun.“ Alle murmelten verwundert und anerkennend vor sich hin. „Wartet nur“, sagte seine Frau. „Der liebt uns so sehr, daß er uns noch alle auffrißt.“ – „Das kann nicht sein“, erwiderte ihr Mann. „Aber der Hahn ist zu Suppe geworden, den haben wir gegessen.“ Da hörten sie ein Schluchzen. Augusta hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen und weinte. „Sie ist immer so traurig, wenn wir erwähnen, daß Napoleon zu Suppe geworden ist“, erklärte der Lensmann. Bjørnstjerne lief zu Augusta, nahm ihre Hände und sagte: „Nicht weinen, Kindchen.“

Wieder lachten die Erwachsenen.

Am nächsten Morgen, noch ehe die anderen aufgestanden waren, liefen die beiden ins halbfertige Gerichtshaus. Sie sprangen von Balken zu Balken, und wieder wollte er sie fangen. Ihr war noch nie ein so ruheloser Junge begegnet. Er redete die ganze Zeit, während er herumtobte. Im neuen Dorf würde er eine neue Hose und einen Hut und einen Mantel bekommen. Sie kannte ein Versteck, von dem er nichts ahnte, und schwupp, war sie verschwunden. Er fand sie in einem Hohlraum zwischen Brettern, kroch zu ihr hinein und lachte. „Mir ist noch nie eine wie du begegnet“, sagte er. Sie sah ihn an. Sie war doch nichts Besonderes? „Aber mir ist überhaupt noch nie ein Mädchen begegnet, da, wo ich herkomme, gab es keine“, fügte er hinzu. „Und auch keine Jungen. Da gab’s nur mich.“ – „Wie heißt du eigentlich richtig?“ – „Das habe ich doch gestern schon gesagt!“ – „Nein, du hast nur Bjørnstjerne gesagt.“ – „Ich heiße Bjørnstjerne“, erklärte er. „Ich bin am 8. Dezember unter dem Sternbild Großer Bär geboren. Aber ich heiße auch noch Martinius.“ – „Ach so“, sagte sie beruhigt. „Ich heiße Ingeborg Augusta. Nach meiner Großmutter auf Waslæggen und einer Prinzessin in einem Land, das Preußen heißt.“ – „Es gibt kein Land, das Preußen heißt“, sagte er. „Doch.“ – „Nein.“ – „Doch.“ – „Naja, vielleicht.“ – „Warum hast du einen Strich auf der Stirn?“ – „Das heißt nicht Strich, das heißt Narbe“, erklärte er stolz. Und dann erzählte er eine lange Geschichte von dem Pferd, das ihn mit dem Huf an der Stirn getroffen hatte, und er hatte so geblutet, daß er am Ende überall rot gewesen war. „Hast du deshalb rote Haare?“ fragte Augusta. Nein, die hatte er immer schon gehabt, meinte er, aber ein bißchen röter waren sie wohl doch geworden.

Gleich darauf hingen beide an einem Balken.

„Ich habe solche Angst vorm Sterben“, sagte er.

Augusta blickte ihn erschrocken an. Sie fühlte sich ganz seltsam und leer. Wie er so mit dem Kopf nach unten neben ihr hing, den Mund verkehrt herum, sah er plötzlich sehr krank aus. Der ganze helle Junge schien erloschen zu sein. „Mußt du sterben?“ fragte sie. „Ja“, sagte er. „Du nicht?“

Der Lensmann stand auf der Treppe und schaute über die verschneiten Felder. Es war am Palmsonntag, ganz früh morgens, er hatte sich auf diesen Besuch gefreut. Reisende aufzunehmen war eine der lichteren Seiten seines Berufs. Und dieses Ehepaar interessierte ihn, das – trotz ihrer heftigen Charaktere – eine so gute Ehe zu führen schien. Oder stritten sie sich im Verborgenen? Mit seiner Frau ließ sich kein Streit verbergen. Er hätte gern unter vier Augen mit Bjørnson darüber gesprochen. Aber man redete nicht über solche Dinge. Er wußte von Helene, daß Bjørnson verlobt gewesen war. Christiane Luise Ambrosia Wessel hatte sie geheißen. Das klang wie ein Gedicht. Sie war kurz nach der Verlobung gestorben. Er hätte den Pastor gern gefragt, was das für ein Gefühl war – eine tote Frau im Herzen zu tragen, wenn man mit einer anderen verheiratet war. War das schon Ehebruch?

Jon Mjøen schaute auf die Felder von Mjøagrenda und die nackten schwarzen Zweige des Birkenwäldchens am Bach und dachte an die vergangenen Jahre. Er dachte an Helene und warum er ihr einen Heiratsantrag gemacht hatte. Sollte er denn immer nur Trauer erleben, hatte er sich gefragt. Dann wollte er lieber zum Herrn eingehen. Aber es gab doch soviel Schönes zu sehen, und er hatte noch soviel zu tun. Er brauchte eine, die zäh und stark war. Eine, die hundert Jahre alt werden konnte. Das schreckliche Unglück auf Østråt hatte ihn auf seltsame Weise beeindruckt. So etwas passierte nicht, wenn Gott damit kein besonderes Ziel verband. Eine Frau, die rund um die Uhr die Todesschreie einer anderen anhören konnte – sie hatte Gott ihm zeigen wollen. Und deshalb hatte er ihr seinen Antrag gemacht.

Er kannte sie damals noch nicht gut, hatte sich aber immer über ihren Witz gefreut. Daß sie von scharfem Verstand war, machte das Leben weniger eintönig. Aber diesen scharfen Verstand benutzte sie auch, wenn sie sich stritten, und das war nicht so angenehm. Und sie stritten sich immer wieder, denn sie war ein schrecklich geiziges Frauenzimmer. Zuerst hatte ihm das gefallen, es war gut und christlich, sparsam zu sein. Aber als sie dem alten Kongsvold einen Viertelliter dünnes Bier und eine ranzige Speckschwarte vorgesetzt hatte, hatte er sie gescholten. „Wir können nicht alle durchfüttern, die du anschleppst“, sagte sie. „Jedenfalls nicht, wenn du selber so gierig zulangen willst“, antwortete er.

Das waren böse Worte. Und er hatte gedacht: Das darf nicht sein. Wir streiten uns. Es war wie ein Sündenfall. Dieser erste Ehekrach tat weh. Und er trug den Keim zu allen zukünftigen Streitigkeiten in sich. Das wußte er jetzt.

Das Seltsame war, daß sie nie mehr auf eine solche Weise zueinander gefunden hatten wie nach diesem Streit. Bei dieser Begegnung in der Dunkelheit wurde alles wieder gut. Hier knauserte sie an nichts und war wunderbar in ihrer Fleischeslust. Er murmelte eine Entschuldigung für seine bösen Worte. Sagte, es sei nicht so gemeint gewesen. Aber das stimmte nicht so ganz.

Nein, aus reinem Herzen würde er sie niemals lieben können. Vor ihrer Hochzeit hatten sie beschlossen, die kleine Jentine in Trondheim aufwachsen zu lassen, und er hatte es eigentlich begreiflich gefunden, daß Helene die Frucht seiner ersten Liebe nicht im Haus haben wollte. Aber im Grunde konnte er ihr diese Entscheidung nicht verzeihen.

Während er sich das alles überlegte, hörte er plötzlich, daß jemand im Gerichtshaus war. Eine entsetzliche Angst nahm ihm den Atem. Augusta! Er jagte über den Hof, und grauenhafte Vorstellungen durchfuhren ihn wie Blitze.

Dann stand er im Gerichtshaus und spürte nur noch gewaltige Erleichterung. Da hingen Augusta und Bjørnstjerne an ihren Balken und lachten. Wütend hob er seine Tochter hoch und schüttelte sie. „Habe ich dir nicht verboten, hier zu spielen?“ Bjørnstjerne sprang erschrocken auf den Boden und versuchte, sich zu verstecken. Jon Mjøen packte ihn. Doch dann sah er die Augen des Jungen und ließ los.

„Ich werde dich nicht schlagen“, sagte er. Seine Wut war schon wieder verraucht. Er erklärte den Kindern ruhig, wie gefährlich ihr Treiben gewesen war und daß sie für den Rest des Lebens Schaden hätten davontragen können. Sie gingen auf den Hof und warteten in der Aprilsonne. „Ist es scheußlich, Lensmann zu sein?“ fragte der Junge. „Nein, wie kommst du auf die Idee?“ – „Mußt du nicht die ganze Zeit böse sein, damit die Leute tun, was du willst?“ – „Ach, meistens tun sie das ohnehin“, antwortete Mjøen. „Und dann hast du ja noch den Pastor, der kann sie von der Kanzel ausschimpfen.“

Der Lensmann blickte verdutzt zu dem Jungen hinunter. Das ist ja vielleicht ein witziger kleiner Bursche, dachte er.

Nach der Kirche wurde der Tisch reich gedeckt – mit Bier und Wein und saftigem Hammelbraten. Nach dem Essen durften die Kinder in der Küche spielen, während die Erwachsenen in der Stube sitzen blieben und sich über die Familie unterhielten. Peder Bjørnson war der Bruder von Helenes Mutter. Er war der einzige Junge in der sechsköpfigen Geschwisterschar und der Jüngste. Sie gingen weit in der Zeit zurück, und Peder Bjørnson führte das große Wort.

Sie stammten vom Gut Schee am Randsfjord und konnten neun Generationen zurückrechnen, bis zum Stammvater Tarald auf Skei, der 1528 als Eigentümer genannt worden war. Sein Enkel, Erland Nilssohn, war 1620 erschlagen worden. Er hatte keine Kinder gehabt. Sein Bruder Knut übernahm das Gut. Der Mord wurde niemals aufgeklärt. Aber eines Nachts suchte Erland seinen Bruder Knut heim und wuchs aus den Bodenbrettern heraus. „Du hast meinen Hof gestohlen, du hast meinen Hof gestohlen. Knut! Knuu-huu-huut! Wo ist mein Hof?“ heulte Peder Bjørnson. „Seither hat er sicher keine friedliche Nacht mehr erlebt, mein Ururururgroßvater. Dein Urururururgroßvater“, sagte er zu Helene.

„Knut hatte im Dorf so große Macht, daß niemand zu behaupten wagte, er habe seinen Bruder umgebracht“, sagte Bjørnson. „Die Leiche hat er im Randsfjord versenkt, da liegt sie noch immer. Der Neid ist die größte Schwäche der Menschen. Und das älteste Thema der biblischen Geschichte.“

Nach Knut war der Hof immer wieder vom Vater auf den Sohn übergegangen. Peders Groß- und Helenes Urgroßvater, Peter Bjørnson Lomsdalen, war so groß und stark gewesen, daß er Bäume mit der Wurzel aus dem Boden reißen konnte. Die Groß- und Urgroßmutter, Mari Øystad, kam aus der Familie Bratten, die von Harald Schönhaar und Snefrid abstammten – einer von Haralds vielen Nebenfrauen neben Königin Gyda. „Ja, der war ein Hurenbock von Rang und Namen, Norwegens erster König“, warf Helene dazwischen. „Aber er kam ja aus der Ynglingesippe, die von den Göttern herstammte.“ – „Ja“, sagte ihr Onkel zufrieden. „Aber vielleicht findest du als Pastor es gar nicht so nett, von heidnischen Göttern abzustammen?“ fragte sie, in einer unklaren Mischung aus Spott und Scherz. „Wir stammen doch alle von Gott ab, auch wenn unser Glaube sich ändert“, antwortete Peder in einem Tonfall, als stehe er auf der Kanzel. „Ach, es gibt genug, die nicht von Gott herstammen, weder mütternoch väterlicherseits“, erwiderte sie.

So ging es weiter. Peder Bjørnson führte sie durch die Zeiten, und Helene begleitete seinen Bericht mit ihren kleinen Sticheleien. Der Lensmann und Frau Bjørnson steuerten interessierte Fragen bei, obwohl sie alles längst wußten. Ingeborg Augusta und Bjørnstjerne Martinius waren hereingekommen und durften unter der Bedingung zuhören, daß sie kein Wort sagten. Sie saßen kerzengerade da.

Aber nun näherte der Bericht sich den Anwesenden. In alten Zeiten können die Vorfahren gern gestohlen und gemordet, gehurt und betrogen haben, ohne daß die Nachkommen das zu verhehlen versuchen – nein, je mehr Geschichten dieser Art, um so besser –, aber je näher wir der eigenen Zeit rücken, um so braver werden die Leute. Jetzt waren sie bei dem berüchtigten Bjørn Schee angekommen – Peders Vater und Helenes Großvater.

Aber Peder Bjørnson verhielt sich eben nicht wie alle anderen. „Die Wahrheit muß ans Licht“, sagte er. Immer bei der Wahrheit bleiben. Und zum Schluß erzählte er, wie das großartige Gut Schee, das zwölf Pachtstellen unter sich gehabt und zweiundsechzig Menschen – achtzehn auf dem Gut und vierundvierzig in den Katen – ernährt hatte, als Peder und seine Schwester dort aufgewachsen waren, wie dieses Gut, mit der wunderbaren Aussicht über den Randsfjord, von seinem Vater heruntergewirtschaftet worden war, denn der hatte getrunken und gefeiert und sich herumgetrieben, immer hatte er Streit vom Zaun gebrochen, und als das gute Leben ihm im Jahr 1818 dann endlich den Hals brach, war der Hof bis unter den Giebel verschuldet. Er hatte seine Lüste nicht im Zaum gehalten und war in der Hölle gelandet, und da saß er sicher heute noch.

Bjørnson verstummte. Er hatte alles so lebendig geschildert. Ein Märchen, in dem am Ende alles schiefging. „Es hört sich bei dir an, als ob du einen Ruinenhaufen übernommen hättest“, sagte Helene.

„Wie meinst du das?“ fragte Peder.

„Wie ich das meine? Ich meine, daß du den Hof geerbt und Mutter und deine anderen Schwestern mit viertausend Speziestalern ausgezahlt hast. Dann hast du den Hof für viertausendfünfhundert verkauft. Das war ein guter Verdienst für ein einziges Jahr, Peder. Mehr als dein Pastorengehalt in Nesset. Das meine ich“, sagte Helene.

„Das war mein Recht!“ rief Peder. Er war aufgesprungen.

„Wenn du den Hof übernommen hättest, ja. Aber du bist für das Geld zum Studium nach Kristiania gegangen, während Mutter und meine Schwestern und ich von Tante Mikkelsens Gnade leben mußten.“

„Ich habe dir doch reichlich abgegeben, soviel ich weiß, Helene. Dir und deiner Mutter. Und du siehst durchaus wohlgenährt aus.“ Bjørnson beugte sich über den Tisch zu seiner Nichte, sein Gesicht war rot angelaufen, er ballte die Fäuste.

„Ja, aber das ist wahrlich nicht dein Verdienst!“

„Habe ich vielleicht nicht...“

„Aa!“ Elise Bjørnson stieß ein lautes Stöhnen aus. Alle schauten zu ihr hinüber. Sie rutschte auf dem Sofa hin und her, faßte sich an den Bauch. Helene beugte sich über sie. „Ich glaube, das waren die ersten Wehen“, sagte Elise.

Jetzt hatten es alle sehr eilig, rannten hin und her, halfen Frau Bjørnson ins Bett, ihre Unterhaltung löste sich ganz einfach auf. Die Kinder wurden hinausgeschickt, und Mjøen und Bjørnson gingen in den Stall.

Die Kinder krabbelten durch den trockenen Schnee in der Geröllhalde. Bjørnstjerne hatte rote Augen. „Weinst du?“ fragte Augusta. „Nein“, sagte er. „Doch, du weinst. Das sehe ich“, sagte sie. „Mein Vater war so wütend!“ sagte er. „Ja, aber meine Mutter auch“, sagte sie.

Augusta erklärte, daß sie im Sommer ihr ganzes Spielzeug herschaffen würden. Ihr Vater hatte kleine Schüsseln und Näpfe aus Holz geschnitzt, darin wollten sie ihr Essen aufbewahren. Und sie bekamen wirklich gut zu essen, sonntags jedenfalls, süße Fladen und Honigkuchen und frischgeseihte Milch, und sie würden die Erwachsenen zum Essen einladen und singen „Des Nordens Berge mit den blauen Gletschern, der Urzeit dunkle Minne“. Und dann müßte er sie wieder besuchen. „Das Lied können wir doch auch jetzt singen?“ meinte Bjørnstjerne.

Und nun setzten sie sich alle hin, die vier Evenkinder, die drei Bjørnsonkinder und Hansemann und Augusta – insgesamt neun Kinder im Alter zwischen zwei und dreizehn Jahren, und ihr Lied konnten alle Kinder auswendig, denn der Lensmann glaubte, es werde einmal „Norwegen, Vaterland der Reisen“ als Nationalhymne ablösen. Er fand es viel würdevoller, sowohl den Text als auch die Melodie. Jetzt erklang es in seiner himmelstrebenden Hochstimmung, gesungen von einem gemischten Kinderchor im Aprilschnee.

Des Nordens Berge mit den blauen Gletschern,

der Urzeit dunkle Minne,

über der Wolken hohem Dach ragt deine hohe Zinne,

in deiner reinen Ätherluft funkelt der Zeiten Blick,

an deinem Fuß im Blumenduft erwächst dir neues Glück.

Sie sangen die fünf Strophen in tiefem Ernst, und obwohl sie nur wenig vom Text verstanden, wußten sie immerhin, daß das Land grün war, die Zinne hoch, und daß sie eines Tages für ihr Land kämpfen und vielleicht sterben müßten. Und dann würde das Blut aus ihnen herausströmen.

Als der Lensmann abends mit seiner Frau im Bett lag, sagte er: „Ab und zu solltest du deine Zunge hüten.“ – „Ich brauche keinen Zungenhüter“, erwiderte sie, und sie habe wirklich keine Lust, zuzuhören, wie die Söhne des Landes sich rosenrote Geschichten aus den Fingern saugten. Und er als Mann und noch dazu als Lensmann sollte sich endlich für eine Änderung des Gesetzes engagieren, das Töchtern nur einen halben Erbteil zubilligte.

„Schon möglich, aber das Gesetz gilt seit den Zeiten Magnus Lagabøters“, sagte Jon. „Ja, der hat sich vermutlich auch auf Kosten seiner Schwestern bereichert“, meinte sie. „Aber du hättest seinen Zorn nicht so anstacheln dürfen.“ – „Wessen Zorn? Den von Magnus Lagabøter?“ Jon mußte lachen. „Nein, den von Bjørnson natürlich.“ – „Ich wüßte ja gern, wie man sich verhalten soll, um seinen Zorn nicht anzustacheln“, sagte sie. „‚Die Wahrheit!‘ sagt er. Aber die will er doch selber gar nicht hören!“ Wieder mußte Jon in die Dunkelheit hineinlächeln. „Nein, wer will das schon?“ seufzte er und streckte die Hand nach ihr aus. Er war müde, und sie war behaglich und warm. Und jetzt wollte er sie, trotz ihrer scharfen Zunge. Oder vielleicht wegen ihrer scharfen Zunge. „Aber den Hof hat er verkauft, weil er sich in eine verliebt hatte, die nur einen Pastor heiraten wollte, und danach hat sie ihn verlassen.“ – „Sie hat ihn verlassen? Ich dachte, sie sei gestorben!“ – „Nein, das war eine andere. Er hat sich doch bei jedem Vollmond verlobt.“ – „Jetzt übertreibst du aber ein bißchen.“ – „Ich übertreibe? Dann frag ihn doch selber!“

Damit endete das Gespräch und ging über in ein wortloses körperliches Beisammensein, in dem keine Mißstimmung zu spüren war.

Frau Bjørnsons Wehen legten sich bald wieder. Deshalb konnten sie unbesorgt ihre Reise nach Nesset wie geplant fortsetzen. Niemand kam noch einmal auf das am Palmsonntag geführte Gespräch zurück, und als die Pastorenfamilie sich am Kardienstag auf den Weg machte, waren alle in bester Laune.

„Das war der Pastor!“ sagte der Schmied unten im Laden, wo er mit einigen anderen Dorfbewohnern stand, obwohl der Laden in der Karwoche geschlossen war. Aber hier, mitten im Ort und an der Wegkreuzung, hatten sie sich immer getroffen, auch ehe es den Laden gegeben hatte, um Neuigkeiten auszutauschen. „Die war ja schon ganz schön weit gediehen, die Pastorin – gut, daß es bergab geht“, sagten sie und grinsten. Aber der Schmied sagte, vorn neben dem Pastor habe nicht die Pastorin gesessen, sondern die Magd.

Darüber mußten sie erst einmal nachdenken. Aber schön rund war sie wirklich, die Magd, das hatten sie gesehen, als sie mit dem Pastor und dem ältesten Sohn im Langschlitten gesessen hatte. „Ja, die kriegen eben immer ihren Willen, die großen Herren“, erklärte der Schmied. Er trank einen kleinen Schluck aus einem Krug, den er mitgebracht hatte, und ließ den Schnaps weiterwandern.

3. Kapitel

Kurz nach diesem Besuch passierte etwas sehr Trauriges. Der kleine Frederik Trampe war abends eingeschlafen, und nichts deutete an, daß ihm etwas fehlen könnte. Sein ganzes kurzes Leben lang war er ein gesunder, munterer Junge gewesen. Aber am nächsten Morgen lag er leblos in seiner Wiege. Marithe Bryggjom wurde geholt. Die Hebamme wußte in solchen Fällen normalerweise Rat. Marithe hob ihn hoch und untersuchte ihn, sie versuchte, seinen kleinen Körper zu massieren, hauchte Atem in seinen Mund, aber alles half nichts. Schließlich mußte sie aufgeben. Aber wie hatte das passieren können? Die anderen konnten es nicht glauben, die Trauer kam erst später.

Doch, das komme vor, erklärte Marithe, auch wenn sie noch nie einen solchen Fall erlebt hatte. Manchmal starben kleine Kinder ohne irgendeine erkennbare Ursache einfach so in der Wiege. Manche meinten, sie hätten vielleicht falsch gelegen und wären dabei erstickt. Andere glaubten, Gott habe sie zu sich geholt – und es handele sich um besonders begünstigte Kinder. Es sei auf jeden Fall ein Zeichen, da war Marithe ganz sicher.

Die anderen konnten das nur schwer hinnehmen. Es war ein Todesfall, der auf irgendeine Weise gar nicht eingetreten war. Und alle machten sich Vorwürfe, weil sie nachts nicht über ihn gewacht hatten. Hatte Gott ein Zeichen gegeben, um sie zu warnen, daß der Kleine in Gefahr schwebte? Sie gingen die vergangenen Tage durch und fanden Omen, die sie nicht gedeutet hatten – einen plötzlichen Windstoß, einen besonders leuchtenden Sonnenuntergang, zwei Raben, die schreiend gen Norden flogen. Die Magd Guri war außer sich. Die Kuh Gullrosa war am Vorabend im Stall so unruhig gewesen. Warum hatte Guri nicht begriffen, daß der Herrgott durch das Tier gesprochen hatte? Alle auf dem Hof weinten. Sogar die Tiere schienen zu trauern, und Hektor fiepte und wollte zu dem Kleinen ins Zimmer.

Augusta stand vor der Wiege und staunte. Sie konnte nicht begreifen, warum er nicht aufwachte, wenn jemand sein Händchen anfaßte. Aber sie sah ja, daß er leblos vor ihr lag. Und dann spürte sie die Arme ihres Vaters. er hob sie hoch und trug sie in die Stube, und dabei sang er langsam und ohne Worte.

„Unser Kleiner kommt jetzt in den Himmel“, flüsterte er. „Wie macht er das?“ fragte sie leise. „Er bekommt kleine Engelsflügel“, erklärte der Vater. „Aber kann er denn schon fliegen? Er hatte doch noch nicht einmal laufen gelernt“, fragte sie überrascht. „Ja, jetzt ist er ein Engel, und er kann fliegen, so klein er auch ist.“ Darüber dachte sie eine Weile nach. „Aber er liegt doch immer noch in seiner Wiege?“ fragte sie dann und wollte vom Schoß ihres Vaters springen und wieder nach ihrem Brüderchen sehen. Der Vater hielt sie zurück. „Ja, er liegt noch immer in der Wiege. Aber das ist nur sein Körper. Seine Seele hat den Körper schon verlassen. Und sie hat jetzt Flügel.“ – „Ach!“, sagte Augusta. „Kann er sich deshalb nicht bewegen?“ – „Ja“, antwortete der Vater.

Er wärmte ihre Füßchen in seinen breiten Händen. Ihre Strümpfe waren feucht, er zog sie ihr aus und rieb ihre bloßen Füße. Dann nahm er ihren großen Zeh und hielt ihn zwischen Daumen und Zeigefinger fest. „Zeh-Zehe“, sagte er. Es kitzelte. Sie keuchte vor Entzücken, zog den Fuß zurück und streckte ihn dann wieder vor. Ihr Vater wandte sich dem nächsten Zeh zu. „Zehzille“, sagte er und kniff hinein. Sie lachte. Wollte seine Hand wegschieben, es kitzelte so, aber es war auch witzig, und deshalb ließ sie ihn weitermachen. „Zählerosa“, sagte er und hatte schon den mittleren Zeh erwischt. Augusta schaute ihre Zehen an. Die sahen aus wie kleine Menschen. So seltsam und unterschiedlich – jeder mit seinen kleinen Gedanken über das, was jetzt passieren würde. Jetzt wartete der Zweitkleinste. Er krümmte sich und freute und gruselte sich zugleich, als der Vater danach griff. „Knöpferosa“, sagte der Vater und schüttelte den Zeh so lange, bis der begriffen hatte, daß er Knöpferosa hieß. Und schon hatte der Vater den kleinen Zeh erwischt und schüttelte ihn herzlich. „Und das kleine Knöpfelchen“, sagte er.

Jetzt lachten sie beide laut. Das war wirklich das Allerwitzigste. Daß der Vater beim kleinen Knöpfelchen ankam. Sie legte ihm die Arme um den Hals und streichelte immer wieder seinen kurzen Kinnbart. Dann kam ihr plötzlich ein Gedanke. „Darf ich das mal bei dir probieren, Vater?“

Der Lensmann zog Stiefel und Strumpf aus und legte sich aufs Sofa. Seine Zehen waren so groß und viel dicker als ihre Finger, aber energisch packte sie den größten, schüttelte ihn gründlich und sagte: „Zeh-Zehe.“ – „Ooooo! Ho, ho, ho“, der Lensmann lachte laut. „Zehzille“, sagte Augusta. „Runter mit dir, Fuß“, befahl sie dann. Der Fuß gehorchte. „Zählerosa“, sagte sie glücklich und streng und schnappte sich den mittleren Zeh. „Knöpferosa! Und das kleine Knöpfelchen!“ rief sie und schüttelte den riesigen kleinen Zeh ihres Vaters aus Leibeskräften. Gleich darauf lag sie in seinen Armen auf dem Sofa, und sie lachten und lachten, weil es so schrecklich gekitzelt hatte. Doch dann trat die Mutter in die Tür. Sie blieb dort stehen und musterte die beiden.

„Ihr lacht?“ fragte sie.

Der Lensmann stellte Augusta auf den Boden und setzte sich auf. Er gab keine Antwort. Die Mutter blieb stehen. Wartete auf Antwort. Augusta wagte nicht, sich zu bewegen.

„So ist die Trauer eben“, sagte der Lensmann leise.

Die Mutter rief: „Erzähl mir bloß nichts über Trauer!“ Dann stürzte sie weinend hinaus und knallte mit der Küchentür.

Verängstigt starrte Augusta die geschlossene Tür an. Dann schaute sie zu ihrem Vater hinüber. Und sah, daß der hinter seinen großen Händen weinte.

Augusta dachte an die Seele des Kleinen. Sie stellte sich diese Seele als eine Art flaches Wölkchen vor, ungefähr von der Form einer Schuhsohle. Alle Menschen hätten eine Seele, hatte ihr Vater gesagt. Nicht nur der kleine Bruder.

Es war nicht so schwer, sich vorzustellen, wie die Seele zum Himmel flog. Das Problem war die Frage, wo die Seele steckte, solange sie noch im Körper war. Saß sie im Kopf oder im Bauch? Augusta überlegte, daß sie vielleicht ein wenig herumschwamm. Sie war bestimmt sehr weich und konnte sich überall hineinstehlen, um das Herz herum und vielleicht auch in den Magen. Aber bis zum Po kam sie sicher nie. Dazu war eine Seele bestimmt zu vornehm.

Es tat gut, über die Seele nachzudenken.

Ein Zeichen? dachte Jon Mjøen. Ein Zeichen, sagte die Hebamme Marithe. Aber was wollte Gott ihnen dadurch mitteilen, daß Er ihnen den Kleinen weggenommen hatte? Ein Kind, das noch nichts Böses getan hatte.

Wenn der Herr als Strafe für unsere Sünden solche Zeichen gab, dann bestrafte er damit doch den Falschen. Ich habe vielleicht den Zorn des Herrn verdient, dachte Jon Mjøen. Ich habe gesündigt. Warum sollte der Kleine an meiner Stelle bestraft werden?

Ja. Vielleicht ist die Trauer so. Die Trauer hat viele Gesichter, dachte Helene. Niemand ahnte, welche Trauer sich hinter dem Gesicht versteckte, das sie in diesen Tagen zeigte. Niemand fragte.

Ach, nein. Sie hatte sich gründlich getäuscht, damals, als sie glaubte, etwas an ihrem Wesen habe ihn gerührt. Und ein Zorn loderte in ihr auf – ein Zorn, den sie während ihrer Kindheit verspürt hatte, seit dem Tag, als sie zehn Jahre alt war und ihr väterlicher Hof zwangsversteigert wurde – manchmal kam es ihr vor, als sei sie mit diesem Zorn geboren worden, und der Zorn liege in ihr auf der Lauer und warte nur darauf, auszubrechen, wenn sie traurig war – die Trauer mochte groß oder klein sein, es reichte schon, wenn ihr irgend etwas wehtat – sie konnte vor Zorn hochgehen – und sie brauchte jemanden, auf den sie diesen Zorn richten konnte, damit der sich beruhigte – und damals hatte sie in den Augen des Lensmanns etwas gesehen und geglaubt...

Augusta schaute sich immer wieder um. Da waren die Häuser und der Hof und dahinter der Berg und der Fluß, da waren die Zimmer und die Möbel mit ihren schönen Mustern und die großen Bilder an der Wand und eine Uhr, da waren Mutter und Vater und Hansemann und der Stallbursche Ivar und die Magd Guri und alle anderen, der Wolf Hektor und die Miezekatze Molly, im Stall die Kühe Børstaros und Lilja und noch vierzehn andere, die mit tiefer Stimme Muh sagten und vor sich hin glotzten, da waren die Pferde Storegut und Raugubben, Perla und Svarten, die vielen Ziegen, manchmal auch Schafe und das mit der Flasche aufgezogene Lamm Alfhilde, die Hühner auf dem Hof und Napoleon II. Sie sah Børstaros mit ihren Hörnern und dem weißen Flecken auf der Stirn, sie sah die ersten Sonnenstrahlen über dem Almannberg, sah ihren großen Vater weinen und die Mutter mit den Türen schlagen und schimpfen. So war das eben.

Doch um alle Dinge gab es noch etwas anderes. Sie waren sie selber, und dann gab es noch etwas anderes. Das, was die Menschen und die Dinge und das Gefühl umgab, sie selber zu sein und alles zu sehen, das war einfach die Welt. Und das wußte nur sie allein.

Und sie wußte, daß der kleine Frederik gestorben war, weil die Eltern sich zerstritten hatten, und sie hätte die ganze Nacht bei ihm sitzen müssen, dann hätte er nicht daran zu sterben brauchen.

Augusta ging mit Guri in den Stall. Sie lernte melken und den Kühen gut zureden und ihnen kleine Geschichten erzählen. Und dann kam in der Regel noch die Miezekatze Molly und hörte ebenfalls zu. Aber wenn sie sich an die Katze wandte und fragte: „Hörst du zu, Molly?“ dann hob die Katze die linke Hinterpfote, kratzte sich heftig hinter dem Ohr und tat, als habe sie kein Wort gehört. Die Tiere waren wie Menschen. Sie sahen nur ein bißchen anders aus.

Als der Lensmann und die Kinder eines Sonntags im Eßzimmer saßen und auf das Essen warteten, hörten sie aus der Küche schrilles Geschrei. Holzgefäße gingen zu Boden, Stühle kippten um, dann ein leises Knurren und blitzschnelle tapsende Schritte. Der Lensmann stürzte, gefolgt von den Kindern, in die Küche, und dort lag die Mutter auf dem Boden.

„Er hat den Braten geholt! Dieses Teufelsbiest!“

Sie liefen durch die Küche und den Flur, die Treppe hinunter und um das Haus herum, und dort sahen sie Hektor, der mit dem sonntäglichen Hammelbraten in der Schnauze davonjagte. Der Lensmann rief. Der Wolf blieb stehen und sah zurück. „Loslassen, Hektor!“

Aber diesmal ließ Hektor sich nicht so leicht zum Gehorsam überreden. Er hatte das saftige Fleisch ja schon probiert. Der Lensmann ging langsam auf ihn zu und redete freundlich auf ihn ein, der Wolf blieb stehen, er gehorchte nicht, lief aber auch nicht weg. Schließlich konnte der Lensmann Hektor im Nackenfell packen und ihm den Sonntagsbraten entreißen. Das Tier jammerte und fiepte, der Lensmann schimpfte. Dann ging er mit einem übel mißhandelten Hammelbraten zurück zu seiner Familie.

Helene bebte vor Aufregung. Sie hatte den Braten zwischen den Händen gehabt, und Hektor war einfach hochgesprungen, sie hatte seinen riesigen Wolfsrachen dicht vor dem Gesicht gehabt. „Oooo! Ich werde den Anblick dieses entsetzliches Tieres nie vergessen!“ Sie weinte.

Der Lensmann legte ihr die Hand auf die Schulter, um sie zu trösten.

Hektor wurde an die Kette genommen. Das gefiel ihm gar nicht. Er stellte sich auf die Hinterbeine und heulte. Wenn zum Essen geläutet wurde, heulte er noch mehr. Er gab einfach keine Ruhe. Hektor war im ganzen Tal zu hören. Nach einigen durchheulten Tagen kam ein Schneehuhnjäger vorbei. Er nahm Hektor mit, und dann hörten sie irgendwo im Wald einen Schuß fallen.

Die Nachricht verbreitete sich im Dorf, und schon bald hieß es, der Knecht Ivar habe gesehen, daß die Lensmannsfrau den Wolf zu sich gelockt habe. Die Dorfbewohner stellten sich vor, wie Frau Mjøen in der Küche Amok lief, Stühle und Bänke und Tische umstieß, sich auf den Boden fallen ließ und schrie, während der Wolf dastand und sie verdutzt anglotzte. Über dieses Bild mußten sie herzlich lachen. Als das Thema ausgiebig durchgekaut und vorwärts und rückwärts und für alle Neuankömmlinge noch einmal beschrieben worden war, als man sich immer wieder ausgeschüttet hatte vor Lachen, fragte jemand, ob nicht die Pastorin das eine oder andere aus ihrem Haus vermißt habe, damals, als Helene sich verlobt hatte? Einen oder zwei silberne Löffel vielleicht? „Einen Tortenheber!“ erklärte der Schmied fest. Und das entschied den Fall. Wenn er es so genau wußte, dann mußte es stimmen. Und fehlten nicht oft ein Wurstende oder ein Stück Speck, wenn die Lensmannsfrau einen Besuch gemacht hatte? Doch, das traf zu. Aber mehr ließ sich darüber nicht sagen. Mehr ließ sich absolut nicht sagen.

Augusta saß weinend hinter dem Schafstall. Es war mehrere Wochen her, daß der Jäger Hektor erschossen hatte, und sie konnte nicht begreifen, wo er jetzt wohl war. Als sie zum Abendessen nicht ins Haus kam, hatte der Vater sie bald gefunden. „Aber Augusta, kleines Knöpfelchen“, sagte er. „Hier sitzt du also?“ Denn er nannte sie „Knöpfelchen“, seit er nach dem Tod des kleinen Bruders das Spiel mit den Zehen angefangen hatte. Er nahm sie auf den Schoß. „Denkst du an Hektor?“ – „Ja“, sagte sie, erleichtert, weil er das verstanden hatte, obwohl sie nicht begreifen konnte, wie er in ihren Kopf hineingeschaut hatte. Er schmiegte seine Wange an ihre. „Weißt du, Hektor ist jetzt im Himmel, zusammen mit Ulfhild, seinem Schwesterchen, das er immer vermißt hat, als er noch hier auf der Erde war.“ – „Wirklich?“ – „Ja.“

Sie saßen eine Weile wortlos zusammen, an diesem stillen Maiabend. Alles um sie her war jetzt so schön. Grüne Keimlinge und ganz kurzes Gras, das aus dem Boden lugte und so gern leben wollte.

„Gibt es einen eigenen Wolfshimmel?“ fragte sie.

Ihr fiel auf, daß er nicht sofort antwortete.

„Nein“, sagte er dann entschieden. „Die Wölfe kommen in denselben Himmel wie wir.“

„Auch Wolfsrudel? Die aus den Bergen?“

„Ja, auch Wolfsrudel. Im Himmel sind sie zahm, verstehst du, genau wie Hektor das war.“

„Aber nur die Seele ist da oben. Sein Fell mußt du als Mantel nehmen.“

„Was?“

„Ja. Du brauchst einen warmen Pelz, wenn du ins Dovregebirge fährst. Das sagt Mutter.“

Er erstarrte. Hektor als Mantel zu nehmen, kam ihm vor, wie aus einem Hund einen Bettvorleger zu machen.

„Meinst du wirklich?“ fragte er.

„O ja!“ sagte sie. „Er wird sich da oben so freuen, wenn er das sieht!“

„Meinst du wirklich, Knöpfelchen?“

„Ja.“

Eine tiefe, unerklärliche Wärme breitete sich in ihm aus. Er drückte das Kind an sich und ließ sein Kinn auf ihrem Köpfchen ruhen. Noch am selben Tag schickte er einen Boten zu dem Schneehuhnjäger, der Hektor noch nicht verkauft hatte, und ließ sich den Pelz mehrerer Tiere bringen, das reichte für einen knöchellangen Wolfsmantel. Auf diese Weise sollte der Wolf Hektor den Lensmann bis an dessen irdisches Ende begleiten.

4. Kapitel

Jon Mjøen spielte mit dem Gedanken, in Kristiania sein juristisches Staatsexamen abzulegen. Bisher hatten alle Examensprüfungen in lateinischer Sprache stattfinden müssen, seit neuestem jedoch war auch Norwegisch erlaubt. Ein neues, liberaleres Strafgesetz wurde ausgearbeitet, große, wichtige Reformen standen bevor, über die er sich informieren mußte. Seine Frau ermunterte ihn zu diesem Entschluß, sie wollte mit ihm in die Hauptstadt gehen. Er behauptete, Zeit für sich zu brauchen, er mußte schließlich büffeln. Ein etwas unangenehmer Wortwechsel endete damit, daß er das erste Jahr dort allein verbringen sollte, im folgenden Herbst würde er seine Familie holen kommen.

„Und dann holst du nicht drei, sondern vier“, sagte Helene. Er starrte sie an. „Bist... bist du in Hoffnung?“ fragte er dumm. „Ja“, antwortete sie. „Und mach jetzt kein Gesicht, als ob du damit nichts zu tun hättest.“ Er machte trotzdem weiterhin ein dummes Gesicht. Er freute sich über die Maßen. „Aber... ich meine... wann ist es denn soweit?“ Sie sagte, vermutlich im September, denn sie glaubte, das Kind um die Weihnachtszeit empfangen zu haben. „Am Heiligen Abend?“ rief er.

Sie tauschten leicht verlegene Blicke. Dann prusteten sie los. Sie wußten noch genau, wie sie die Heilige Nacht begangen hatten, nachdem die Kerzen gelöscht worden waren. Augusta und Hansemann kamen angestürzt. „Warum lacht ihr? Warum lacht ihr?“ Sie erklärten, daß ein neues Kind erwartet werde.

Und das sollte witzig sein? Wunderbar war das. Aber witzig? Wieder lachten die Erwachsenen über etwas sehr, sehr Ernstes. Ein neues Kindchen? Ein Schwesterchen oder ein Brüderchen? Und das war ein Grund zum Grinsen? Augusta mußte fragen. Die Eltern kicherten wie die Backfische und sahen auf ihre Kinder hinab. „Nein, wir haben gelacht... hm... hm, weil... nein... nein, es war am Heiligen Abend, und... nein, das versteht ihr nicht, Kinder, wir erklären es euch, wenn ihr erwachsen seid.“

„Dann müssen wir aber schrecklich lange warten, nur um einmal lachen zu können“, sagte Augusta empört.

Über diese Beschwerde lachten die Erwachsenen noch heftiger. Und zehn Monate später traten alle Bewohner von Oppdal vor ihre Häuser und winkten. Nicht jeden Tag verließen so hochgestellte Personen die Gegend für ein ganzes Jahr. Sie standen am Königsweg und winkten und lächelten. Viele waren von weither gekommen, um sich zu verabschieden. Mjøen war jetzt candidatus juris, und sein Bruder Even vertrat ihn als Lensmann. Alle wünschten ihm eine gute Reise. Die Lensmannsfamilie winkte zurück. Jon Mjøen trug Uniform, die anderen neue Reisekleider. Augusta lächelte allen voller Stolz zu, sie wurde bald sieben, der fünfeinhalbjährige Hansemann saß neben ihr, die neugeborene Fredrikke hatte die Mutter auf dem Schoß. Und alle konnten sehen, daß schon das nächste Kind unterwegs war. Die Rückkehr des Lensmanns um die Weihnachtszeit hatte Früchte getragen.

„Ja, ich habe das ja schon damals zu Frau Bjørnson gesagt, als sie Peter erwartete und fast mitten in der Familiengeschichte niedergekommen wäre, daß schwangeres Vieh geschont wird, aber bei Frauenzimmern es ganz anders zugeht“, sagte Helene. Der Lensmann sagte nichts dazu. Sie hatte ja unbedingt mitkommen wollen. Entweder komme sie mit, hatte sie gesagt, oder er solle sich nicht darauf verlassen, sie bei seiner Rückkehr noch vorzufinden. Wenn er allein fuhr, welche Garantie hatte sie dann, daß er sich nicht nach Amerika absetzte? Das schien unter den Mannsbildern doch die neue Mode zu sein. Auch dazu hatte er nichts gesagt. Tatsache war, daß dieser Gedanke ihm schon gekommen war, es war schließlich so häufig von dem grünen Land dort drüben die Rede, aber natürlich würde er solche Gedanken niemals in die Tat umsetzen. Wie sie ihre Drohung, einfach zu verschwinden, ausführen wollte, blieb unklar. Woher sollte sie die nötigen Mittel nehmen? Manchmal sagte sie wirklich ziemlich wirklichkeitsferne Dinge. Aber er wollte sich nicht mit ihr streiten, schon gar nicht, während sie auf der Hauptstraße durch das Dorf fuhren und alle lächelten.

„Ich kann nur sagen, daß du noch nie so schön warst“, sagte er schließlich.

Das wirkte. „Ich komme mir vor wie eine Kuh in Seenot“, sagte sie geschmeichelt.

Augusta trug eine neue Schürze und neue Schuhe und betrachtete die dunkelgelben Kornfelder. Sie wußte nicht immer, ob die Eltern sich stritten oder scherzten. Wichtig war zumeist der Tonfall, nicht die Worte. Sie verstand jetzt die meisten, und sie konnten entsetzliche Dinge bedeuten, doch der Tonfall konnte ihnen auch einen angenehmen Sinn geben. Wie jetzt, wo von der Kuh in Seenot die Rede war. Sie sah die Kuh vor sich. Sie brüllte verzweifelt in den Wellen, während hinter ihr ein Boot unterging. Kam die Mutter sich wirklich so vor? Sie sagte das mit so munterer Stimme.

Augusta vertiefte sich in den Anblick des Korns. Dieses Jahr stehe eine gute Ernte bevor, hatte Guri gesagt. Eine bessere als seit vielen Jahren. Es war ein warmer Sommer gewesen, sie hatten Mitte April mit Pflügen beginnen können, es war fast schade, das alles verlassen zu müssen. Aber sie freute sich auf Kristiania und stellte sich Schlösser mit hohen Türmen und Paraden von Soldaten in roten Uniformen und Damen in Seidenkleidern und einen König und eine Königin mit Goldkronen auf dem Kopf vor, die funkelten, während die Blasmusik erklang.

Der Lensmann fand für sich und seine Familie Unterkunft auf Jacobsens Koppel, in deren Nähe das neue Schloß gebaut wurde. Sie wohnten auf dem Plateau gegenüber von dem Haus, das Grotte genannt wurde, weil es dort im Felshang eine Grotte gab.

Jacobsens Koppel war ein wunderbarer Ort für Kinder. Es gab Felder und Wiesen, nirgendwo stand ein Lattenzaun, sie konnten überall herumtoben, und Augusta, die bald in die Schule kam, hatte nur einen kurzen Weg, den Hang hinab bis zu Fräulein Osterhaug in der Kongens gade. Es war ein schöner Spaziergang, sie konnte rechts weit, weit über den Fjord hinwegblicken, und vor ihr lag die ganze Stadt mit dem Tivoligarten und der Festung Akershus und dahinter dem dunkelgrünen Berg Ekebergåsen und den vielen Häusern unten an den geraden Straßen. Oben vor dem Schloß mußte sie an einer bestimmten Stelle immer stehenbleiben und schauen. Menschen hasteten vorüber. Niemand kannte sie. Niemand sagte guten Tag. Niemand wußte, daß hier Augusta Mjøen kam, oder fragte, wo sie denn hinwolle, wie das zu Hause gewesen war.

Weiter unten kam sie an großen Grundstücken und Gärten vorbei. Auf einem namens Rosenkrantzgarten befand sich eine Gärtnerei, wo auch Obst und Gemüse verkauft wurden. Gleich dahinter lag die Arche Noah, in der Tante Christense wohnte. Gerade das war übrigens eine Enttäuschung gewesen. Augusta hatte ihr Leben lang von der „Arche Noah“ gehört, in der ihre Mutter als Kind gewohnt hatte, und sie hatte sich ein Schiff vorgestellt. Aber es war nur ein ganz normales altes Haus mit zwei Stockwerken und Laubengängen, wie es hier in der Stadt viele gab. Es war zwar ziemlich groß und lag an einer Ecke, aber auch sein Inhalt entsprach nicht ihren Vorstellungen, es gab dort keine Giraffen oder Nashörner oder andere Tiere, auf die sie sich so sehr gefreut hatte. – „Aber warum heißt es denn Arche Noah?“ hatte sie ihre Mutter gefragt. Die lachte und sagte, weil Mikkelsens eben Zimmer vermieteten, an allerlei seltsame Menschen, Südländer mit auffälligen Kleidern, Betrüger und Barone. Augusta betrachtete einen Mann, der mit seinem Hund aus dem Haus kam, und der sah dermaßen aus wie ein Mann mit einem Hund, und sie begriff das alles nicht. Das war sicher eins der vielen Dinge, die sie erst als Erwachsene verstehen würde.

Der Arche Noah gegenüber lag ein gelbes Häuschen. Dort verkaufte eine Frau Obst und Zigarren und selbstgebackenen Kuchen. Sie saß mit ihren Waren vor dem Haus. Augusta bekam ab und zu ein paar kleine Münzen, um etwas einzukaufen. In der Stadt gab es immer viel zu sehen, immer war etwas los, elegant gekleidete Menschen gingen spazieren, mit Reitpeitschen in der Hand, obwohl weit und breit kein Pferd zu sehen war, ein Mädchen trieb Kühe über die Straße, Händler priesen ihre Waren an, Wagen schepperten. Und überall gab es schrecklich viel Dreck. Bisweilen wurden die weiten Röcke der Damen bespritzt, sie trugen viele Röcke übereinander und drohten, den Kutscher bei der Polizei anzuzeigen, und dann würde er ins Arbeitshaus gesteckt werden, bis er alle Kleider ersetzt hätte.

Fräulein Osterhaugs Schule lag in dem Haus, in dem Frau Bjørnsons Schwester ihren Laden hatte. Sie hieß Frau Jackwitz und verkaufte alle möglichen Gegenstände, die die Häftlinge in Arbeitshaus und Zuchthaus hergestellt hatten. Frau Jackwitz hatte zwei kleine Töchter, Thea und Mina, die mit Augusta die Schule besuchten. Die beiden waren munter und lachten fast immer. Sie lachten schon, wenn sie an einer Straßenecke einen Herrn entdeckten. Augusta lachte dann auch und fand die Stadt plötzlich wunderschön.

In der Schule erhielten sie Tafeln, auf die sie Zahlen und Buchstaben schreiben sollten. Das machte fast soviel Spaß wie Spielen, und Augusta lernte rasch. Daß A – zwei Schrägstriche mit einem kleinen geraden Strich wie ein Brett, damit sie nicht übereinanderpurzelten – dasselbe war wie der Laut, der entstand, wenn sie den Mund weit aufriß, war wirklich seltsam. Die Buchstaben erschienen ihr wie Figuren mit einer eigenen Seele. Und schon nach wenigen Tagen schrieb sie: A – U – G – U – S – T – A. Daß sie selber damit gemeint war, war ein Wunder.

Bald nach ihrem Eintreffen in Kristiania brachte Helene eine Tochter zur Welt. Das Kind wurde in der Arche Noah geboren, weil sie noch keine eigene Wohnung hatten, derweil lärmten die Zecher in der Schankstube, und Tante Mikkelsens drei lustige Töchter unterhielten die restliche Familie mit Klavierspiel und Gesang. Die Kleine war so schwarzhaarig und braunäugig wie ihre Großmutter und hatte eine so lange Nase, wie sie in dieser Familie noch nie gesehen worden war. Sie wurde Josefine Helene getauft, nach der geliebten Gemahlin Josefine des Kronprinzen Oscar, und – auf Wunsch des Gatten – nach ihrer Mutter.

Jon Mjøen war abends oft unterwegs. Er ging zum Bostonspielen in die Grotte oder machte Besuche. Helene wußte nicht immer, wo. Bemerkungen, die Tante Christense fallenließ, ließen jedoch keinen Zweifel daran, daß er sich mit den Damen aus der Arche Noah amüsierte. Dort hatte er im ersten Jahr gewohnt, hatte in fröhlicher Runde den Becher geschwungen und war danach in „Häusern“ gelandet. Er wollte sich über das neue Strafgesetz informieren, hatte er gesagt, aber daß er die Verhältnisse so sorgfältig untersuchen würde, hätte sie nicht erwartet. Das neue Gesetz sah vor, die öffentlichen Frauenzimmer zu kontrollieren. Helene war darüber durchaus orientiert. Es bedeutete, Staat und Polizei sorgten dafür, daß sie nicht an ansteckenden Krankheiten litten, so daß ihre Kunden sich sicher fühlen konnten. Es ging dabei nicht um das Wohl der armen Frauen. Diese neue Maßnahme wurde „Reglementierung“ genannt. Helene fand es abscheulich, aus einem so argen Mißstand eine gesetzestreue Handlung zu machen, aber ihr Mann war offenbar anderer Ansicht. Allerdings hatten sie nie über dieses Thema diskutiert. Andere taten das auch nicht. Die Reglementierung betraf einen Lebensbereich, über den nicht gesprochen wurde.

Helene schwieg und machte sich ihre Gedanken. Sie hatte geglaubt, ihm zu geben, was er brauchte. Aber Hurerei war offenbar ein Bestandteil der männlichen Natur. Die Männer brachen ein Gebot nach dem anderen und baten den Herrn um Vergebung. Aber ob sie wohl je die, an denen sie sich vergangen hatten, um Vergebung baten?

Jon Mjøen lernte konzentriert und informierte sich über die Hintergründe des neuen Strafgesetzes, das bald vom Parlament abgesegnet werden würde. Dieses Gesetz sollte in jeder Hinsicht liberaler sein als das bisherige, die Todesstrafe sollte nur noch in Fällen von Landesverrat ausgesprochen werden können. Er selbst hatte noch niemanden zum Tode verurteilt, und in Zukunft würde ihm das erspart bleiben. Noch waren viele Vergehen mit Todesstrafe belegt, sogar einfacher Diebstahl. Der sogenannte Konventikelerlaß, der öffentliche Ansammlungen verbot, sollte ebenfalls aufgehoben werden. Auch das war eine Erleichterung, er hatte sich schon oft geschämt und Gott für seinen Vater um Verzeihung angefleht, denn der Vater hatte zusammen mit dem alten Lensmann Gøttem im Jahre 1801 – dem Jahr, in dem Jon geboren worden war – den Prediger Hans Nielsen Hauge festgenommen. Der Vater und er selbst waren große Anhänger religiöser Erweckung und hielten den Erlaß deshalb für eine Schande, doch eingehalten werden mußte er nun mal. Und nachher bat man dann Gott um Vergebung. Gott tadelte ihn deshalb oft. Und das machte ihm dermaßen zu schaffen, daß er bisweilen auf die Knie fiel und den Herrn fragte, ob er sein Lensmannsamt nicht lieber aufgeben sollte. Gott antwortete darauf ganz klar, das solle er nicht, er solle sich an seinen gesunden Menschenverstand und sein frommes Gemüt halten, dann würde er auch weiterhin Seine Zeichen richtig deuten.

Aber nun sollte dieser seelische Zwiespalt endlich ein Ende nehmen. Und ein neuer sollte sich einstellen. Was die Reglementierung der Prostitution anging, hatte er doch arge Zweifel. Und darüber konnte er mit niemandem sprechen. Wie der Herr die Sache sah, wußte er. Dieses Gewerbe sollte jetzt wie auch vorher verboten sein, aber die Öffentlichkeit würde keine Anklage mehr erheben dürfen, wenn es nicht von einer empörten Ehefrau verlangt wurde. Wenn ein Mann ins Bordell ging, mußte seine Frau mit ihrer Beschwerde zum Lensmann gehen...

Napoleon hatte die gesundheitliche Kontrolle der öffentlichen Frauenzimmer eingeführt, um die Kampfkraft seiner Truppen und die Gesundheit seiner Soldaten zu schützen. Das war klug von ihm, fand Lensmann Mjøen, und nun wurde diese Ordnung auch in Norwegen eingeführt. Er wußte allerdings nur wenig darüber, wie dieses Gewerbe in der Hauptstadt beschaffen war, obwohl es ihm seit seiner Zeit in Trondheim nicht unbekannt sein konnte. Dort trieben sich vor allem arme, zerlumpte Mädchen mit geringem Verstand auf den Straßen herum und boten sich an, es steckte jedoch keinerlei Organisation dahinter und ging ganz offen vor sich. Ehe er seine Familie geholt hatte, hatte er einige Male ein sogenanntes Haus im Osten der Stadt besucht, um sich umzusehen. Dort herrschte schlimmeres Elend, als er geahnt hatte, überall stank es, die Menschen verrichteten ihre Notdurft, wo es ihnen gerade paßte, Abfälle und schmutziges Wasser wurden aus den Fenstern gekippt, selbst mitten im Winter liefen die Menschen barfuß und in Lumpen umher, und Betrunkene torkelten durch die Gassen und gaben Dinge von sich, die von der Bibel so weit entfernt waren, daß man nur froh sein konnte, wenn man aus dem Norden kam und deshalb nicht alles verstand. Hier schien alles, was Menschen überhaupt tun, sich zu verdichten und zu vermischen, ein einziger Windstoß brachte den Gestank von Heringen und Suppentöpfen und Exkrementen, kein Geruch ließ sich vom anderen trennen.

Er endete in einer Schankstube und hatte bald eine Frau auf den Knien hängen, er wußte, daß jemand sie gestoßen hatte. Sie bat um Entschuldigung, blieb aber sitzen, und als er ihre Wärme und ihren weichen Körper an seinem spürte, erwachte seine Lust, und er ging mit ihr in ein Zimmer oben im Laubengang. Er gehorchte dem Befehl seines Körpers, und alles war gut. Aber als die Frau danach sagte, sie sei achtzehn Jahre alt, schämte er sich. Er hatte sie für über dreißig gehalten, für etwas jünger als sich selber. Sie erzählte ihm ihre Geschichte. Darin kam alles vor, was ein Leben zerstören kann. Ihr Vater war unbekannt, ihre Mutter im Kindbett gestorben. Die Frau war zu einer Tante gegeben worden. Die Tante schlug sie jeden Tag und nannte sie häßlich, weil sie ihrem Vater ähnlich sah. Der Onkel vergewaltigte sie. Sie verliebte sich in einen Jungen vom Nachbarhof und wurde schwanger. Sie waren zwar verlobt, aber der Junge setzte sich ab und ging zur See. Sie mußte vor der Schande davonlaufen, gebar ihr Kind in aller Heimlichkeit, es starb, und nun saß sie hier.

Ich muß dieses Mädchen mit nach Oppdal nehmen, dachte Jon Mjøen. Alles hat seine Geschichte. Alle Menschen haben ihre Geschichte. Manchmal ist es besser, diese Geschichte nicht zu kennen. Sie zerreißt uns sonst das Herz. Elise hieß das Mädchen. Er ging wieder zu ihr. Und sie gewann ihn lieb.

Jon Mjøen bestand sein Examen, noch dazu mit den besten Noten. Jetzt war er fertiger Jurist, und Helene wurde fortan „gnädige Frau“ genannt. Als sie wieder gen Norden aufbrachen, wußte man das schon auf sämtlichen Posthaltereien und Höfen der ganzen Strecke – bei Lensmann Kaasen in Eidsvold, beim alten Gudbrand in Ringebu, in Laurgård, Dovre, Hauen, bei Iver Tofte auf Toftemoen, in Dombås, in der Fokstue, in Hjerkinn und Kongsvoll. Überall wurden sie herzlich aufgenommen und beglückwünscht, nirgends mußten sie bezahlen. Und in einer Bruchbude in einer Gasse, auf der die Abwässer frei herumschwammen, hoffte eine Frau, daß der Trønder mit dem guten Herzen zurückkommen und ihr helfen würde, wie er es versprochen hatte.

5. Kapitel

Eines Tages kamen die Gerüchte, daß im Kielwasser der Lensmannsgattin Gegenstände verschwanden, auch dem Lensmann zu Ohren. Ein Dorftrottel im Laden hatte sich verraten, er hatte einen über den Durst getrunken. Der Lensmann stellte seine Frau sofort zur Rede. Wußte sie, was über sie behauptet wurde? Nein, sie hatte keine Ahnung, sie hatte nie viel mit der Dorfbevölkerung zu tun gehabt, und es interessierte sie auch nicht weiter, was die sich so dachte. Gemocht hatten sie sie ja noch nie. Ihr Mann sagte nichts mehr. Aber eines Tages kaum ein Bauer aus Aune und sagte, aus seiner Truhe seien zehn Taler verschwunden, und zwar just an dem Tag, als Frau Mjøen Eier abgeliefert habe. Gleich neben der Truhe habe man ein mit den Buchstaben „H. P. S.“ besticktes Spitzentaschentuch gefunden. Stand auf so etwas keine Strafe? Das müsse der Lensmann ja am besten wissen, meinte der Bauer. Jon Mjøen war wütend und sagte, er wolle solches Gerede nicht hören, und ein Spitzentaschentuch sei kein Beweis. Sie könne das überall verloren und jemand könne es neben die Truhe gelegt haben. Aber am nächsten Tag suchte er den Bauern auf und gab ihm zehn Taler. Er sagte, er könne auf diese Summe besser verzichten als der Bauer, der jedoch solle im Gegenzug dafür sorgen, daß seine Leute nicht mehr über die Sache sprachen.

Das Gegenteil passierte. Als sich die Nachricht verbreitete, daß der Lensmann bezahlt hatte, war die Stimmung ganz oben. Jetzt konnten alle zugreifen. Sie brauchten dem Lensmann nur jeden Diebstahl zu melden, der sich im Ort zutrug, und schon würde er bezahlen, um seine Frau zu schützen.

Jon merkte schließlich, wie seine Reaktion ausgelegt worden war, und bat Gott, den anderen Erleuchtung zu schenken. Dann ging er zu seiner Frau und sagte: „Ich fürchte, du mußt mir deine Verstecke und Fächer zeigen.“ Er wußte nämlich kaum noch, was er denken sollte. Und er hatte Angst vor ihrem Zorn.

Und das zu Recht. Sie steigerte sich in eine Wut, die ihre Familienähnlichkeit mit Peder Bjørnson mehr als deutlich werden ließ, und sagte, sie hätte nie gedacht, daß es soweit kommen könnte und daß er ihr dermaßen mißtrauen würde. Und übrigens habe er kein Recht, das Wohnhaus zu durchsuchen. „Als dein Mann habe ich das nicht“, erwiderte er. „Als Lensmann wohl.“ Sie preßte die Lippen aufeinander und führte ihn zur Erbtruhe, in der sie ihre Schätze aufbewahrte.

Es war eine alte Eichenholzkiste mit gewölbtem Deckel und Eisenbeschlägen, in die die Jahreszahl 1712 eingestanzt war. Die Truhe hatte zu Helenes Aussteuer gehört, sie stammte von ihrem Großvater. Sie zog die Schlüssel hervor und öffnete. In der Truhe gab es kein Geld.

„Ja, ja, das kann natürlich auch anderswo sein. Vielleicht solltest du im Vorratshaus zwischen den Würsten nachsehen?“ schlug sie vor.

Mehr passierte nicht. Er wußte, daß er ebensogut ein Feuer mit Luft löschen wie versuchen könnte, ein Gerücht zum Verstummen zu bringen. Eine kleine Flamme mochte vielleicht erlöschen, eine große wurde nur noch größer. Und wenn die Gerüchte doch zutrafen? Und wie sah es wohl in Helenes Seele aus? Er fiel auf die Knie und faltete die Hände zum Gebet, aber das Gebet wollte sich nicht einstellen. Ihm fiel ein Bibelwort ein: „Wer von euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ Er schaute in sich hinein.

„Und vergib uns unsere Schuld“ wurde jeden Sonntag in der Kirche gebetet. Es war so leicht, das zu sagen. Schwieriger war es, tiefer zu gehen. Vergib mir, daß ich geschlagen, gestohlen, meine Ehefrau betrogen habe! Das alles hatte er getan, das wußte er, wenn er sein Leben seit seiner Kindheit durchging. Er hatte den Herrn und seine Eltern verflucht und Mordgedanken gehegt. Nein, es gab wirklich kein Gebot, das er nicht gebrochen hatte. Er sagte sie alle auf und betete, und dabei dachte er an seine Sünden. Er hielt inne. „Du sollst nicht falsches Zeugnis geben wider deinen Nächsten.“

Hatte er auch dieses Gebot gebrochen?

Nichts war im Alltag so gegenwärtig, kein Gebot wurde so oft gebrochen, keines verbreitete soviel Gift unter den Menschen. Jon dachte lange nach. Er dachte über sein Leben nach, dachte an seine Schulkameraden beim alten Gemeindepastor Rønnau, an seine Mitkonfirmanden, die Freunde bei Amtmann Trampe, seine Hausgenossen heute. Und er konnte sich nicht erinnern, auch nur ein einziges Mal das achte Gebot gebrochen zu haben. Er hatte niemanden verleumdet. Er hatte keinen unbewiesenen Klatsch weitergetragen. Im Gegenteil, oft hätte er die, die nicht anwesend waren, gern verteidigt. „Danke, lieber Gott, danke, daß du mich davor bewahrt hast, das achte Gebot zu brechen.“

Er hatte vor kurzer Zeit einen neuen Choral gelernt. Probst Wexels in Kristiania hatte die norwegische Fassung geschrieben. Die Melodie war von einer sich wiederholenden, eintönigen Tiefe, und deshalb war es leicht, sich eine Unzahl von anderen Melodien und Rhythmen auszudenken.

Jesu, Jesu komm zu mir,

o wie sehn ich mich nach Dir!

Meiner Seele bester Freund,

wann werd ich mit dir vereint?

Tausendmal begehr ich dein,

Leben ohne dich ist Pein.

Tausendmal ruf ich zu dir:

O Herr Jesu, komm zu mir.

Keine Lust in dieser Welt,

die mein Herz zufriedenstellt;

deine Liebe, Herr, allein

kann mein ganzes Herz erfreun.

Einmal würde er alles verstehen, er würde vor den Herrn treten, niederknien und ohne Schuld leben, ohne Versuchung. Und Gottes Liebe würde sein ganzes Herz erfreuen. Das verhieß das Lied – und seine Klänge enthielten eine Offenbarung.

Darum sehn ich mich nach dir,

eile, Jesu, komm zu mir;

nimm mein ganzes Herz für dich,

und besitz es ewiglich.

Sie würden über alles sprechen, was während des Lebens auf Erden geschehen war, sie würden einander alles anvertrauen. Wenn sie etwas genommen hatte, das ihr nicht zustand, dann würde sie es ihm sagen. Daß er sie in seinem Herzen betrogen, daß er gar Dirnen aufgesucht hatte, würde er zugeben. Alles würde dann so unwichtig sein.

Ach, o Herr, ich bin nicht rein,

daß du kehrest bei mir ein.

Nur ein Wort aus deinem Mund,

und die Seele ist gesund.

Komm, o Jesu, komm geschwind,

mache mich zu Gottes Kind!

Meine Seel bewahre dir,

ewig, ewig bleib bei mir!

Überall, wo er zu tun hatte – im Stall, zwischen den Häusern, auf den Feldern und im Wald, allein mitten im Gebirge – sang er mit schallender Stimme die sechs Strophen des neuen Liedes. Er brachte es auch den Kindern bei. Sie sangen es gemeinsam zu den Klängen des Monochords. Die Kinder, die Kinder, Gott segne die Kinder! Sie waren seine große Freude und seine Hoffnung im Diesseitigen, wenn sie ihm entgegenliefen und jeden Tag schöner wurden.

Im Dorf gab es nur eine Wanderschule, und Augusta hatte sie nach ihrer Rückkehr aus Kristiania besucht. Helene hätte sie gern nach Trondheim geschickt, wo sie feines Benehmen lernen konnte, wie ihre Halbschwester Tina das getan hatte. Aber Jon weigerte sich. Er wollte seine Tochter nicht aus dem Haus geben. Dann wolle er lieber selber eine Schule gründen, sagte er.

Er hatte im Dorf einen Verwandten, Iver Bjerkager, und in Klæbu war vor kurzer Zeit ein Seminar eingerichtet worden. Er versprach Iver, ihm die Ausbildung zu finanzieren, wenn er danach ins Dorf zurückkehren und die Kinder unterrichten würde. Für den jungen, begabten Bjerkager war das eine ungeheure Chance, und schon bald machte er sich auf den Weg nach Klæbu.

An Kindern fehlte es nicht. Zu Beginn des Jahrhunderts hatten in Oppdal um die tausend Seelen gelebt, inzwischen waren es an die dreitausendachthundert. Und während die Wanderschule weitermachte wie bisher, holte der Lensmann so viele Kinder zu sich, wie eine Klasse überhaupt haben durfte. Nämlich vierundzwanzig.

In Klæbu lernte Bjerkager, daß die Kinder Geschichte lernen sollten, indem sie das Gehörte nacherzählten, doch dazu mußte der Lehrer es zuerst drei- oder viermal vortragen. In Erdkunde sollten die Kinder an einer großen Tafel jedes Land mit Flüssen und Städten neu erschaffen, in Musik sollte der Lehrer die zweite Stimme singen, damit es schöner klang, jeder Schultag sollte mit Polka und Springer enden, damit die Kinder sich auch auf den nächsten Tag freuten. Jeden Morgen sollte natürlich ein Choral gesungen werden, doch auswendig sollten die Kinder nur Pontoppidans Glaubenssätze, die biblische Geschichte und den Katechismus lernen. Dieser Teil des Unterrichtsstoffes war nämlich der schwierigste, und gerade das, was man nicht versteht, sollte man auswendig wissen. Dann kann man es von Zeit zu Zeit hervorholen und überprüfen, ob man inzwischen vielleicht mehr versteht.

Geschichte, Erdkunde und Naturkunde sind nicht auf diese Weise unbegreiflich. Dieses Wissen sollten die Kinder sich auf eine Weise aneignen, die es zu einem natürlichen Teil ihrer selbst macht, zu ihren geistigen Armen und Beinen gewissermaßen.

Nach diesen Prinzipien also wurde die kleine Augusta unter Iver Bjerkagers mildem Blick unterrichtet. Er war ein hochgewachsener Mann, dunkel und mit Vollbart, ein lebendiger Erzähler, vielseitig und musikalisch, abends spielte er in der Küche zum Tanz auf.

Während der drei Wintermonate, die der Unterricht dauerte, wohnte Iver Bjerkager auf dem Hof, und abends saß er oft mit dem Lensmann zusammen und diskutierte über die allerwichtigsten Fragen. Ist Gott wirklich allgegenwärtig? Wo ist der Himmel? Wie sieht es dort aus? Was ist mit Sünden, die wir vor unserem Tod nicht mehr bereuen können – werden wir zur ewigen Pein verdammt, wenn uns zum Beispiel eine Lawine mitreißt? Und können wir auch nach dem Tod noch bereuen?

Probst Wexels hatte sich entsprechend geäußert. Er meinte, daß es durchaus möglich sein müsse, in der langen Zeit, die zwischen dem Tod eines Menschen und der Wiederkehr Christi verging, noch zu bereuen. Und Wergeland hatte vor kurzer Zeit erst behauptet, daß er zwar an eine Hölle glaube, aber nicht an eine ewige.

Alle anderen aktuellen Fragen – Straßenbau, der Konventikelerlaß und das neue Strafgesetz – waren Bagatellen im Vergleich zu diesen Dingen, man wußte schließlich, wie kurz das Leben im Vergleich zur endlosen Ewigkeit auf beiden Seiten doch ist.

Iver sagte: „Aber man kann nicht erwarten, daß ein Kind versteht, was Sünde ist und wie unendlich man im Jenseits bestraft oder belohnt wird. Wenn wir jung sind, kommt uns das Leben hier auf Erden ewig lang vor. Eine Unendlichkeit von Tagen und Jahren und Möglichkeiten liegt vor uns. Es kommt uns vor wie ein Meer, dessen anderes Ufer wir nicht sehen können. Ein Kind versteht deshalb nicht so leicht, was die Erwachsenen unter der Ewigkeit nach dem Tod verstehen. Die Ewigkeit ist doch hier! Eine Schulstunde bei einem übellaunigen Lehrer kann eine Ewigkeit voller Qualen sein – wozu braucht man dann noch eine Hölle? Ein Sommertag, an dem man im Sonnenschein Blumen und Beeren pflückt und die vielen Düfte wahrnimmt, kann ziemlich stillestehend wirken – wozu braucht man dann noch ein Paradies? Es steht geschrieben, daß vor Gott tausend Jahre wie ein Tag sind. Aber für ein Kind ist eine Stunde wie hundert Jahre. Das darf man als Schulmeister nicht vergessen.“

Der Eifer des jungen Iver gefiel dem Lensmann. Wenn er Zeit hatte, setzte er sich deshalb selbst mit ins Schulzimmer.

Augusta entdeckte bald, wie sehr ihr das Auswendiglernen lag. Vor allem, wenn es um Choräle und andere Lieder ging. Bjerkager brauchte ein Lied nur ein- oder zweimal zu singen, dann konnte sie es, denn die Wörter fügten sich so natürlich ineinander und paßten zur Melodie. So ähnlich war es mit den Ländern. Wenn man wußte, wo die Gebirge lagen, konnte man sich vorstellen, wo die Flüsse dahinströmten und wo sich in ihren Achselhöhlen und Ausbuchtungen Burgen und Städte gründen mußten. Wenn man dazu sah, wie sich an der Küste Ackerboden und Gebirge verteilten, dann konnte man das Land gleich zeichnen. Auch das war wie ein Lied. Und aus der Tatsache, daß die Menschen die Äcker bestellten und am Fuß der Berge ihre Häuser bauten, daß sie sich den Verhältnissen fügten oder dagegen aufbegehrten, daß sie Lieder über Trauer und Tod sangen und Jubelgedichte auf Geburt und Liebe verfaßten, folgte die Geschichte.

Es war wie ein Rundtanz: Lied – Land – Menschen – Lied. Lied – Land – Menschen – Lied.

Sie war zehn Jahre alt, als an einem Tag im Spätherbst Pastor Bjørnson mit seinem ältesten Sohn vor der Tür stand. Der Pastor hatte im Dorf etwas zu erledigen und wollte den Jungen solange auf dem Hof lassen. Er sei zu unruhig, um den Vater zu begleiten. Bjørnstjerne durfte an Bjerkagers Unterricht teilnehmen. Danach liefen sie zum Spielen in die Geröllhalde hinauf. Bjørnstjerne war seit ihrem Umzug nach Romsdalen mehrere Male mit seinem Vater nach Oppdal gekommen, aber sein letzter Besuch lag schon lange zurück, und jetzt wollte er alles über Kristiania hören. Augusta erzählte von ihrer Wohnung.

„Und Wergeland? Hast du Henrik Wergeland gesehen?“

„Ja, jeden Tag. Er wohnte doch gleich neben uns.“

Sie merkte, wie sie deshalb in seinen Augen wuchs. Sie kletterten immer wieder auf einen hohen, flachen Stein im Birkenwäldchen und sprangen herunter. „Er hatte Totenschädel auf dem Söller“, rief sie einmal im Sprung. „Totenschädel? Du lügst!“ Er sprang hinterher. Aber es stimmte. Bei Wergeland hatte in der Mansarde ein Student gewohnt. Der hatte Arme und Beine, einzelne Knochen und ein ganzes, grinsendes Totengerippe. Er studierte nämlich Medizin.

Hansemann und Augusta waren oft oben gewesen, um das Skelett zu bestaunen. Sie erzählte von den Knochen. Bjørnstjerne wurde nachdenklich, er schien mit seinen Gedanken weit weg zu sein. Hörte er ihr überhaupt noch zu? Dann konnte sie auch etwas anderes sagen. „Er hat seine Dienstmägde geschlagen“, sagte sie, wieder im Sprung. „Was? Geschlagen? Jetzt schwindelst du schon wieder!“ Er setzte sich auf den Stein und wollte nicht springen. „Doch, hat er, aber er hat damit aufgehört, nachdem Vater ihm ins Gewissen geredet hatte.“

Sie erzählte, wie Wergelands Dienstmägde zu ihnen geflohen waren und sich im Keller versteckt hatten. Es reichte, daß sie Frau Wergelands Hemden noch nicht gestärkt hatten, wenn die spazierengehen wollte, oder daß ihnen ein Teller zu Bruch gegangen war, und schon schlug Wergeland los. Weshalb kein Dienstmädchen lange in seinem Haus blieb.

Diesmal hörte Bjørnstjerne interessiert zu. „Aber du hast gesagt, er hat damit aufgehört?“ fragte er. „Er hat es bereut“, sagte sie. Ihr Vater hatte ihm klargemacht, daß ein solches Benehmen nicht zu seinem guten Herzen passe. Wie sollten die Leute ihm dann noch glauben, daß er Tiere und Schmetterlinge und kleine Kinder liebte? Wergeland sagte, er schlage zu, ohne nachzudenken, es passiere immer wieder, es sei zur Gewohnheit geworden. Später brachte er dann ein Gedicht. Es handelte von einem Hund, den er einmal gehabt hatte. Das Gedicht hatte er dem Vater geschenkt. Es gab auch eine Melodie dazu. Ob sie es ihm vorsingen solle?

Nimmer schlag ich meinen Hund,

ich will ihn herzlich streicheln,

will ihm ein lieber Herr sein und

ihn mir zum Freund erweichen.

„Aber Augusta! Du kannst ja singen!“ rief Bjørnstjerne.

Er fürchtete sich immer, wenn Totengerippe erwähnt wurden. Ihre Seelen schmachteten in der Hölle. Flammenzungen beleckten sie Tag und Nacht, es gab kein Ausweichen. Und dort unten waren fast alle Toten, denn nur wenige waren auserwählt, und er glaubte nicht, jemals zu diesen zählen zu können.

Manchmal, wenn sich über den Bergkämmen zu Hause schwarze Wolkenbänke zusammenballten und sie das Unwetter kommen sahen, wenn sie den Donner hörten und die wilden Blitze über den Himmel jagen sahen, hielt er den Jüngsten Tag für gekommen. So mußte der doch aussehen. Was wußte die kleine Augusta Mjøen schon von den Dingen, die ihm durch den Kopf gingen?

Er hatte einmal einen Menschen sterben sehen. Das war jetzt einige Jahre her. Sein Vater hatte ihn zur Hinrichtungsstätte mitgenommen. Ein Mann aus Nesset sollte geköpft werden. Die Nachbarn umstanden ihn im Viereck und schauten zu. Der Mann war noch jung. Er war verurteilt worden, weil er eine Magd ermordet hatte. Aber so sah er wirklich nicht aus. Er legte den Kopf auf den Block. Der Kopf wurde mit einer Axt abgehackt und kullerte ins Gras, das Blut spritzte hoch. Dann wurden Kopf und Rumpf ins Grab geworfen.

Er versuchte immer wieder, dieses Bild zu verdrängen. Das Leben sollte heiter sein. Aber immer wieder tauchte das Bild auf, und alles war schrecklich. Jetzt sang sie. Wergeland litt, weil andere unter ihm leiden mußten. Er hatte geschlagen. Und das verstieß gegen das fünfte Gebot. „Du sollst nicht töten.“ Denn auch wenn wir schlagen, töten wir im anderen etwas. Norwegens größter Dichter war ein Sünder. Und aus der Reue entstand ein Gedicht.

„Erzähl mehr von Wergeland“, bat er.

Sie dachte nach. Mehr gab es eigentlich nicht. Ach, doch. Sie hatte seinem Pferd Zucker geben dürfen. Was noch? – „Er hat gesagt, wir sollen nicht nach Amerika gehen“, sagte sie. „Das weiß ich“, sagte er. „Das meint er, wenn er schreibt: Grüner das Gras kann nirgends sein, mehr voller Blumen gewebt, als bei mir, in der Heimat mein, dem Land, wo die Eltern gelebt. Damit will er uns Kinder vor dem Auswandern warnen.“ – „Wirklich? Dann weißt du mehr als ich.“

„Aber sicher. Ich bin doch ein Junge. Und ich bin älter.“ – „Zwei Jahre.“ – „Ja.“ – „Erzähl mehr.“ – „Oh! Frau Wergeland, weißt du, die hatte so schöne Locken. Die um ihren Hals getanzt sind. Solche will ich auch haben, wenn ich groß bin!“

Verdutzt sah er sie an.

6. Kapitel

Bjørnstjerne besuchte seit einigen Jahren die Schule in Molde. Im Dorf waren böse Gerüchte über seinen Vater in Umlauf, sie gelangten auch in die Stadt, und der Junge mußte sich dagegen wehren, ohne zu wissen, was die Wahrheit war. Sein Vater hatte Streit mit einem Kapitän in Nesset. Die Sache sollte vor Gericht ausgetragen werden, und es hieß, der Vater verbreite Lügen über den Kapitän. Bjørnstjerne glaubte das nicht und mußte sich deshalb mehrmals prügeln.

Auch daß er Bauernsohn sei, wurde ihm vorgehalten. Und er erfuhr, daß die Städter glaubten, alle, die vom Lande kamen, verachten zu dürfen. Die Stadt selber sah so hübsch aus, mit ihren engstehenden kleinen Häusern, man konnte sich von einem Fenster zum anderen unterhalten. Aber das alles war nicht für ihn bestimmt. Bauernjungen waren hier nicht willkommen. Wenn ihnen Stadtbürger auf der Straße begegneten, mußten sie die Mütze abnehmen.

So war es in Molde, und er hatte Heimweh. Aber er mußte in Molde bleiben – und eine langweilige Schule besuchen, wo nie etwas passierte. Er sehnte sich von dieser endlosen Bergkette weg, die jeden Tag dastand wie am Tag zuvor, weg vom Gerede der Leute, weg von... allem. Aber das hatte nicht er zu entscheiden. Er war erst zwölf, und die einzige Fluchtmöglichkeit boten ihm die Bücher. Abenteuerbücher aus fernen Ländern. Kapitän Marryats Erzählungen über die Kinder, die sich vor Oliver Cromwells Mannen, die ihren König enthauptet hatten, im Wald verstecken mußten. Über Napoleon. Über die große französische Revolution, die alles verändert hatte. Nichts mußte bleiben, wie es war.

Als er etwas älter war, überredete er die anderen Jungen zu einem Grußstreik. Sie wollten nicht mehr die Mütze ziehen. Das erschien ihnen als der erste Schritt auf dem Weg in eine bessere Welt. Vor verheirateten Frauen wollten sie weiterhin die Mütze abnehmen, nicht aber vor jungen Mädchen. Sie wurden zur Ordnung gerufen, machten aber weiter. Sie wußten, daß unten in Europa der Aufruhr bereits losgebrochen war. Und eines Tages lief ein Franzose durch die Straßen von Molde und rief: „Vive la république!“ Bald wußte die ganze Stadt, daß die Franzosen ihren König Louis Philippe abgesetzt und die Republik ausgerufen hatten. Die Revolution griff auf andere Länder über. Bjørnstjerne und ein Freund, Erik Lindseth, schrieben für die Zeitung einen Artikel, „Rede der Freiheit an die Moldenser“, darin forderten sie im Namen der Freiheitsgöttin die Stadtbevölkerung auf, am Nationalfeiertag einen Umzug zu veranstalten und für das Vaterland zu sterben. Schließlich war es der Tag, an dem Norwegen seine Verfassung erhalten hatte. Aber das schien niemandem bewußt zu sein.

Der flammende Artikel wurde gedruckt. Nichts passierte. Es gab nicht einmal einen schlaffen Leserbrief. Die Moldenser sahen aus dem Fenster, gossen ihre Rosen, plauderten miteinander und ignorierten die Bauernjungen, ob die nun ihre Mützen aufbehielten oder nicht. Im Jahr darauf wurde die Revolution in Europa niedergeschlagen, das freie Wort verboten, Studenten wurden eingekerkert oder erschossen.

Eines Tages hörte er, daß Lensmann Mjøen und seine älteste Tochter in der Stadt erwartet wurden. Augusta sollte die Schule auf dem Hof der Witwe Lindeman in Daviken besuchen. Sofort traf er seine Vorbereitungen. Er erkundigte sich, welche Schulbücher dort benutzt wurden und was eine junge Dame schicklicherweise lernen sollte. Er wußte, daß die beiden Töchter von Konsul Olsen aus der Stadt, Marie und Elise, einige Zeit auf dieser Schule verbracht hatten. Er suchte den Konsul auf, nahm artig die Mütze ab, als die jungen Damen sich zeigten, und brachte sein Begehr vor. Als Lensmann Mjøen und die bald fünfzehnjährige Augusta am Fjordarm entlangkutschierten, war er bereit.

Sie erkannte ihn nicht sofort. Er war viel größer und ein wenig dünner als bei ihrer letzten Begegnung. Aber als er sie anrief und sie begrüßen wollte, wußte sie, wer da vor ihr stand. Und ihr Vater erklärte mit lauter Stimme: „Nein, du siehst deinem Vater ja vielleicht ähnlich!“

Viel Zeit hatten sie nicht. Das Dampfschiff „Constitutionen“ lag schon bereit. Augusta sah sich staunend um. Es wimmelte von Menschen mit Säcken, Truhen, großen Körben und Koffern. So viele Fremde – und das bei heißem Sonnenschein -, sie hatte das Gefühl, selber gar nicht anwesend zu sein. Und sie fürchtete sich.

Bjørnstjerne redete eifrig mit dem Vater über Frankreich. Der Schriftsteller Lamartine müßte Frankreichs neuer Präsident werden. Er schrieb wunderbare Bücher über die große französische Revolution. Ob Onkel Mjøen die gelesen habe? Die Jungen hatten in der Schule eine Präsidentenwahl veranstaltet, doch dabei hatte Lamartine verloren. Die anderen zogen Napoleons Neffen Napoleon vor. „Aber dann gibt es doch das gleiche Spektakel noch einmal! Und Napoleon der Jüngere hat nicht das Format des großen Korsen, oder was meinst du, Onkel Mjøen?“ fragte Bjørnstjerne. „Ich weiß nicht, ich kenne ihn nicht“, antwortete der Vater. „Nein, ich auch nicht, aber er ist ein Schafskopf“, lachte Bjørnstjerne. Sein Blick streifte Augusta. Er erzählte von seinem Artikel. Von dem hatten sie auch in Oppdal gehört. „Ja, wie hieß der denn noch gleich? Die Stimme der Revolution bei der Bevölkerung von Molde? Hast du da nicht ein bißchen übertrieben?“ – „Nein, nein, nein. Wenn ihr doch nur ein bißchen länger hierbleiben könntet...“ Wieder sah er zu Augusta hinüber, um sie ins Gespräch einzubeziehen. „Dann würde ich ihn euch vorlesen. Er ist gut. Er ist wirklich gut.“ Er lachte kurz, wie um anzudeuten, es sei dumm, sich selber so zu loben, und andererseits doch nicht nur dumm. Augusta mußte lachen. „Lachst du über mich?“ fragte er. „Nein, gar nicht.“ – „Du bleibst ein Jahr lang weg?“ – „Mm.“ Sie schluckte. „Sei nicht traurig, es wird dir sicher gefallen.“ – „Wie lange bist du schon hier?“ fragte sie, um das Gespräch von sich abzulenken. „Im Sommer waren es fünf Jahre. Aber bald ist Schluß. Und dann werde ich wohl in die Hauptstadt gehen.“

Die Zeit verstrich bei dieser Plauderei sehr schnell, und als ihnen aufging, wie spät es war, mußten sie zum Anleger rennen. Im Gewühl verloren sie sich aus den Augen. Bald darauf saß Augusta auf dem Schiffsdeck und war von fremden Menschen umringt. Ihr kamen die Tränen. Sie war zum ersten Mal ganz allein auf der Welt und kam sich sehr verloren vor. Dann stand plötzlich ihr Vater vor ihr. Er bahnte sich einen Weg durch das Gewimmel am Anleger und erzwang sich den Zugang zum Schiff. In der Hand trug er eine große Tüte mit Gebäck. „Die mußte ich einfach noch schnell kaufen“, sagte er und reichte sie ihr. „Ach, Vater!“ rief sie und schlang ihm die Arme um den Hals. Und dann mußte er wieder von Bord, weil die Schiffssirene ertönte.

Jetzt verlor sie ihn nicht mehr aus den Augen. Er stand ganz vorn und schwenkte ein großes Taschentuch und warf ihr mit beiden Händen Kußhände zu. Bjørnstjerne stand neben ihm, er nahm seine Mütze ab, winkte, verbeugte sich und winkte wieder. Unter Tränen mußte sie lachen. Um den Bug schäumte das Wasser auf. Der Streifen Wasser zwischen Boot und Land wurde immer breiter. Die Schaufelräder warfen weiße Gischt hoch. Sie war noch nie auf einem Schiff gewesen. Das war viel erbarmungsloser als Wagen, die sich langsam auf der Straße entfernten. Zwischen ihr und den Menschen im Hafen klaffte plötzlich eine beängstigende Tiefe. Sie blickte zurück und winkte, während ihr die Tränen über die Wangen liefern. Bald konnte sie die beiden nicht mehr von den anderen unterscheiden. Sie war allein.

Die Gegend am Ufer war schön. Eine schönere Landschaft hatte sie noch nie gesehen. Berggipfel in Reih und Glied, die aus dem Wasser aufzuragen schienen. Sie waren so anders als die Berge daheim. So hell. Alles war hell. Endlich befand sie sich mitten in der hellblauen Welt, die sie in Waslæggen vom Schoß ihrer Großmutter aus gesehen hatte.

Der Hof Frimannslund in Daviken lag zwischen Linden an einem langgestreckten, zum Wasser abfallenden Hang, dahinter ragten gewaltige Berge auf. Ein Obstgarten umgab das Hauptgebäude, an der Böschung zum Fjord gab es Obststräucher, in Terrassen angelegte Blumenbeete, Pavillons mit Sitzbänken. Vor einigen Jahren hatte die Witwe des Pastors Jakob Andreas Lindeman das Anwesen gekauft und ihr Pensionat für vierundzwanzig junge Mädchen eingerichtet.

Augusta verließ das Schiff bei Moldøen, wo eine der Lehrerinnen des Pensionats sie erwartete. Sie übernachteten bei Witwe Ravn auf Sæternes, beide Damen waren sehr nett zu ihr, sie durfte im Garten Beeren essen und weinte ansonsten die ganze Zeit. Die Damen gaben ihr Papier, Feder und Tinte, damit sie nach Hause schreiben konnte. Sie schrieb an ihren Vater und erzählte ihm, wie entsetzlich alles sei und wie sehr sie sich nach Oppdal zurücksehne.

Am nächsten Tag ruderten sie vier Stunden lang über den Fjord, bis sie schließlich an einem Anleger abgesetzt wurden und zum Hof Frimannslund hinaufblicken konnten.

Das Gut war bei ihrem Eintreffen wie verwaist. Aber nach und nach füllte sich das Haus mit Mädchen aus allen Ecken des Landes. Die Mädchen brachten Hüte und Seidenbänder, Koffer und feine Kleider mit weiten Ärmeln und Spitzen mit, sie begrüßten einander lauthals auf Französisch, tauschten Umarmungen und lachten, und unter gewaltigem Lärm wurden die Plätze im Schlafsaal verteilt. Viele besuchten das Pensionat seit mehreren Jahren und kannten einander gut, alle mußten erzählen, was sie in den Ferien erlebt hatten, und fanden hoffentlich zumindest eine halbe Zuhörerin, sie hoben gegenseitig die Röcke hoch, lobten die Stoffqualität, klatschten in die Hände und sagten: „Nein, wie reizend!“ Ich komme wirklich aus einem Gebirgskaff, dachte Augusta. Zu Hause war zumeist sie diejenige mit den schönsten Kleidern, und nie kam es vor, daß niemand darauf achtete, daß sie zugegen war. Abends schrieb sie nach Hause und hielt sich für den unglücklichsten Menschen auf der Welt.

Aber schon bald lernte sie die weltgewandten jungen Damen kennen. Und die stellten fest, daß Augusta einiges bereits konnte, was sie noch lernen sollten, und sie reichten ihr unter den Tischen ihre Tafeln, um sich von ihr die Dreisatzaufgaben lösen zu lassen. Wenn drei Tonnen Getreide einen Schilling und drei Ort kosteten, was kosteten dann fünf? Augusta rechnete bereitwillig alles aus und ließ die Tafeln zurückgehen. In Französisch dagegen brillierten die anderen, und Augusta mußte mit leeren Händen anfangen. Eines Tages zeigte in Lehrer Danielsens Erdkundestunde Marie Olsen aus Molde auf und sagte: „Augusta Mjøen kann Frankreich zeichnen.“

Und nun mußte sie an die Tafel. Sie zeichnete das Land so, wie sie es von Iver Bjerkager gelernt hatte, mit Flüssen und Bergen und dem runden Golf von Biskaya. Alle schauten gespannt zu. Als sie fertig war, sagte Danielsen: „Du meine Güte! Kannst du auch noch andere Länder? Italien vielleicht?“ Seine Begeisterung ließ ihre Leistung noch größer erscheinen. Augusta zeichnete den langen, schrägen Stiefel mit dem Apennin in der Mitte, dem Po, dem Tiber und dem Arno, einem Punkt für Rom, Sizilien ganz unten, und sicherheitshalber zeichnete sie auch noch Korsika und Sardinien ein. Alle staunten. „Phantastisch! Das sieht ja ganz echt aus!“ rief Anna Uthus aus Bergen. „Weißt du, wer dort geboren ist?“ fragte Danielsen und tippte mit dem Zeigestock auf Korsika. „Da sind viele geboren, aber Sie meinen sicher Napoleon“, sagte Augusta ernsthaft. Alle lachten. „Aber wie sein Geburtsort heißt, weißt du nicht!“ sagte Danielsen.

„Ajaccio“, sagte Augusta.

An diesem Abend fiel keine Träne auf ihren Brief nach Hause. Und eines Tages tauchte dann die Pensionatsleiterin auf. Sie hatte einen längeren Auslandsaufenthalt hinter sich, kam hereingefegt, schlank und schön, begrüßte alle und hatte für jede ein freundliches Wort. Sie kannte alle Namen, wußte, woher die Schülerinnen kamen, und vor allem mit der Neuen unterhielt sie sich ein Weilchen.

Die vierundzwanzig jungen Mädchen erfuhren von vielen Phänomenen ihrer Zeit und noch mehr aus der Vergangenheit. Sie lernten Französisch, Deutsch, Englisch, Musik und Erdkunde, sie hörten von altnordischen und griechischen Göttern, von Odysseus’ Reise über das Meer, von Ymer, aus dessen Haaren Bäume geworden waren, aus seinem Fleisch Erde, aus den Knochen Berge, aus dem Blut das Meer und aus seinem Schädel der Himmel. Sie machten sich mit dem Römischen Reich vertraut, und einige lernten sogar, den Preis dieser ewigen fünf Tonnen Getreide zu berechnen. Handarbeit hatten sie natürlich auch, aber sie durften niemals einfach nur stricken oder nähen. Eine von ihnen mußte immer die Handlung des Romans erzählen, den sie gerade las, ohne dabei ins Buch schauen zu dürfen. In der Regel lasen sie Romane von Walter Scott und sollten die in eigenen Worten wiedergeben. Die Erzählerin sollte Ivanhoe sein, der als unbekannter Ritter das Turnier gewinnt und die Aufmerksamkeit der schönen Lady Rowena erweckt. Oder sie sollte die arme Jeannie sein, die vor der Königin von England auf die Knie fällt, um ihre Schwester vor dem Schafott zu retten.

Das alles war höchst anregend, und sie machten aus ausgewählten Abschnitten der Bücher kleine Schauspiele. Dadurch lernten sie die einzelnen Schicksale besser kennen, sagte Frau Lindeman. „Sich in andere Menschen hineinversetzen zu können, ist die wichtigste Quelle der Weisheit. Alle verfügen über ein inneres Wissen“, sagte Frau Lindeman. „Das Wissen besteht aus dem, was sie selber hier auf der Welt erlebt haben, aus den Bergen, an deren Fuß sie aufgewachsen sind, den Tieren, die sie gekannt haben, aus Mutter, Vater und Geschwistern und allem, was nur sie gesehen haben, denn nur sie standen in einem bestimmten Moment an einer bestimmten Stelle. Das ist ihr Wissen, das sind ihre inneren Kenntnisse. Lernen bedeutet, dieses Wissen mit den umfassenden Kenntnissen zu verschmelzen, die uns von außen her erreichen – durch Zeitungen, Naturschilderungen, geschichtliche Darstellungen und alles andere, das das äußere Wissen ausmacht. Aber nicht immer stimmen beide Wissensformen miteinander überein. Und dann stimmt zumeist etwas mit dem äußeren Wissen nicht.“

Als Frau Lindeman in Daviken angekommen war, wurde der Hof Frimannslund mit den Bergen und dem blanken, stillen Fjord zu einem Ort. Augusta konnte unten am Hang auf der Treppe zu einem der kleinen Pavillons stehen und zu dem großen weißen Holzhaus mit dem schönen Garten hochblicken und denken: Seltsam – daß das derselbe Ort ist, an dem ich angekommen bin. Er sieht ganz anders aus. Sie versuchte, sich an das Bild zu erinnern, das sie bei ihrer Ankunft gesehen hatte. Es gelang ihr nicht. Sie mußte sich den Anleger in Molde vorstellen, ihren Vater und Bjørnstjerne, die ihr zuwinkten, mußte in Gedanken mit dem Dampfschiff fahren und sich über den Fjord rudern lassen, und erst dann tauchte das erste Bild in ihr auf.

Ich bin derselbe Mensch, dachte sie. Aber ich kann zwei ganz verschiedene Bilder desselben Ortes sehen. Wie sehr muß sich dann das Bild, das ein Mensch von einem Ort hat, von dem eines anderen Menschen unterscheiden. Wie unterschiedlich wir wohl alle möglichen Dinge sehen! Die Bäume dort, sogar den Himmel an einem Tag mit gutem Wetter, wenn man kaum mehr sagen kann, als daß er blau ist, und doch – obwohl alle sagen, gewiß, er ist blau – sehen wir Tausende unterschiedliche blaue Himmel. Über Frimannslund gab es also vierundzwanzig verschiedene blaue Himmel. Und außerdem noch die der Lehrerinnen und Lehrer.

Im Religionsunterricht fragte eines Tages eine Schülerin: „Stimmt es, Frau Lindeman, daß Sie Ihren Mann durch ein Los bekommen haben?“ Daß Anna Uthus es wagte, eine solche Frage zu stellen, ließ allen die Wangen heiß werden. Die Mädchen schlugen die Augen nieder. Frau Lindeman war lieb und freundlich, aber es mußte doch Grenzen geben. Wie dumm, daß Anna einfach so damit herausgeplatzt war, auch wenn sie natürlich darüber getuschelt hatten. Schließlich waren sie nicht mehr sieben Jahre alt. Sie schwiegen lange.

Frau Lindeman trat einen Schritt vor. Sie blickte über die Klasse, dann aus dem Fenster zum Himmel, der sich blau über den Bergkämmen wölbte. „Ja“, sagte sie. „So war es.“

Dann setzte sie sich auf einen Tisch und zog ihre Röcke ein wenig hoch, so daß ihre Knöchel zu sehen waren. Sie legte die Hände übereinander, die rechte über die linke. Die Herrnhuter wollten gern Gottes Willen in Erfahrung bringen, erklärte sie. Wie es sich für gute Christen gehört. Und als junges Mädchen hatte sie mehrere Jahre bei der Brüdergemeinde in Christiansfeld verbracht. Das machten damals wie heute viele junge Mädchen. Und sie lernten, daß sie sich bemühen mußten, um Gottes Gebot zu erkennen. Man konnte nicht ein für allemal wissen, was richtig und was falsch war. Das Leben selber mußte die Menschen vor die Wahl stellen. Gott hatte dem Menschen einen freien Willen gegeben. Und dazu den Verstand, mit gutem Willen vorzugehen. Oder mit bösem. Doch selbst dann war immer noch Gottes Wille vorhanden. Denn Er wollte das Gute. Deshalb wurde bei den Herrnhutern gelost – denn in diesem Leben haben wir ohnehin keine Wahl. Wer entscheidet sich schon für das Paradies? Das hatten nicht einmal Adam und Eva getan. Gott hatte sie hineingesetzt. So war Sein Plan.

„Das alles ist ein Mysterium“, sagte Frau Lindeman. „Ich bin nicht sicher, ob ich es selber verstanden habe. Daß Gott dem Menschen einen freien Willen gegeben hat, damit der Mensch Gottes Willen tut. Das ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich. Er gibt uns den freien Willen, ohne ihn uns zu geben. Er hat einen Plan mit uns – aber wir müssen selber auch einen Plan machen. Nicht alles liegt in Seiner Gewalt, und doch liegt alles in Seiner Gewalt. Und an dieser Stelle wird das Los wichtig. Ich dachte“, sagte sie, „dann kann ich es auch dem Zufall überlassen, wer mein Ehemann werden soll, es ist ja auch ein Zufall, daß ich überhaupt auf diese Welt gekommen bin. Und dann wurde gelost, und das Los fiel auf Pastor Lindeman. – Ich kannte ihn damals noch nicht. Wir verlobten uns, ich fuhr wieder nach Hause und arbeitete eine Zeitlang als Lehrerin, dann heiratete ich Pastor Lindeman und kam hierher nach Daviken, wo er eine Pfarrstelle bekommen hatte. Und als er eines Tages in der Annexkirche war, versagte sein Herz. Ich hörte davon, ruderte sofort hinüber – aber es war zu spät.“

Die Mädchen, die sie angestarrt hatten, während sie das alles erzählte, schlugen die Augen nieder. Sie hörten ein leises Zittern in ihrer Stimme. „Ich war sehr unglücklich.“ Sie räusperte sich. „Erst da begriff ich, wie sehr ich ihn liebte...“

Hier legte sie eine Pause ein. Die Schülerinnen hörten, daß ihre Stimme zu versagen drohte. Einige schluchzten. Aber Frau Lindeman sprach weiter: „Es ist schon seltsam in diesem Leben – daß die stärksten Gefühle oft erst kommen, wenn das, was sie ausgelöst hat, bereits zu Ende ist. Erst jetzt verstand ich den Plan, den Gott bei der Auslosung gehabt hatte. Es war ein klares, starkes Erlebnis, das mich ihm näher brachte. Ich weiß nicht, ob ihr das verstehen könnt... Ich weiß nicht einmal, ob ich es selber verstehe. Aber so war es. Ich betete soviel zu Ihm, versuchte, in meiner Trauer Seinen Willen zu finden. Meine doppelte Trauer – denn ich hatte nichts, wofür ich leben konnte. Was sollte aus mir werden? Der Witwensitz der Pfarre war noch besetzt. Aber es mußte doch Gottes Wille sein, daß ich hier war? Konnte ich nicht das benutzen, was ich gelernt hatte? Ja, war das nicht meine Pflicht? Sollte ich aufgeben, nur weil ich eine Frau war? Hatte Gott mich nicht als Frau erschaffen? Ich hatte doch zusammen mit dem Pastor hier eine Schule gehabt. Warum sollte ich das nicht auch allein schaffen? Ich erkannte, daß das Los auch bedeutete, daß ich eine Schule für vierundzwanzig junge Mädchen eröffnen sollte.“

Sie lächelte. „Damit ihr hier sitzen und mir solche aufdringlichen Fragen stellen könnt“, sagte sie streng.

Alle atmeten erleichtert auf und liebten sie noch mehr als zuvor. Daß ein erwachsener Mensch so offen über sein Leben, über Schmerzen und Freuden sprechen konnte, das hatten die jungen Mädchen noch nie erlebt.

„Es gibt so vieles, das sich für Damen nicht schickt“, sagte Frau Lindeman. „Eigenes Geld sollen sie zum Beispiel nicht verdienen.“ Sie erzählte, daß in Frankreich, das sie vor kurzem besucht hatte, Frauen gegen diese Ansicht rebellierten. Sie verlangten Stimmrecht für Frauen, wollten gleich viel erben wie Männer, studieren und ein Amt ausüben – ja sogar in der Nationalversammlung sitzen. Es sollte kein Privileg der armen Frauen bleiben, sich durch eigene Arbeit zu ernähren, während eine, die eine gute Partie machte, ihren Beruf aufgeben mußte. Das neue wohlhabende Bürgertum verurteilte seine Frauen zu Eleganz und Leere, sagten die Französinnen. Die armen Frauen, die arbeiten gehen mußten, beneideten sie und sahen nur die Eleganz, die Leere sahen sie nicht.

Leere in einem Leben ist ja auch unsichtbar. Die anderen Menschen sehen Glitzern und Geld oder überhaupt nur den Erfolg der anderen. Doch wenn die „Erfolgreiche“ über ihr Unglück spricht, stößt das auf taube Ohren. Aber Frauen – egal ob arm oder reich – müßten endlich einsehen, daß, wie man die Sache auch dreht und wendet, die Männer auf den Geldsäcken sitzen und das nun wirklich keinen Sinn hat.

Die Frauen, die so dachten, nannten sich Feministinnen, erzählte Frau Lindeman. Das war ein ziemlich neues Wort. Ihr Widerstand hingegen war nicht neu. Bei der großen französischen Revolution hatten die Frauen versucht, als Teil des dritten Standes sich am Aufruhr gegen die Adelsherrschaft zu beteiligen, aber die Männer, die sich für Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit einsetzten, hatten ihre Schwestern nicht dabeihaben wollen. Und das wollten sie auch jetzt nicht.

Die Mädchen hörten gespannt zu und machten große Augen. „Meinen Sie, im norwegischen Parlament werden irgendwann auch Frauen sitzen, Frau Lindeman?“

Auch diese Frage stammte von Anna Uthus. Einige Mädchen kicherten. Und redeten drauflos. Wie wäre es mit einer Ministerin? Einer Botschafterin? Einer Admiralin?

„Ihr lacht!“ sagte Frau Lindeman laut und lächelte selbst. „Aber wenn eine Frau Königin sein kann, warum sollte sie nicht zur Admiralin oder Ministerin taugen?“ Wann? Wann? wollten die Mädchen wissen. Ob sie das noch erleben würden? Frau Lindeman überlegte. „Ich werde es wohl nicht mehr erleben, aber vielleicht haltet ihr ja so lange durch...“

Zu Weihnachten sorgte Frau Lindeman dafür, daß sie sich wie zu Hause fühlten. Sie schmückten das Haus und backten, es wurde geschlachtet, alle halfen mit. Nach dem Gottesdienst am Heiligen Abend wollte sie sich an eine Sitte halten, die sie in Deutschland kennengelernt hatte. Alle setzten sich in den dunklen Speisesaal und faßten einander an den Händen. Die Tür zum Weihnachtszimmer war geschlossen. In der Dunkelheit sollten sie Weihnachtslieder singen, während der Weihnachtsmann kam. Der schlich sich in den großen Saal, löschte alle Lampen und zündete die Wachskerzen am Baum an. Dann schlich er sich wieder hinaus. Und sie konnten die Tür öffnen – der Baum leuchtete ihnen entgegen.

Die vierundzwanzig Mädchen und alle Lehrerinnen und Lehrer seufzten tief. Sie wagten sich fast nicht an den Baum heran – so andächtig waren sie bei seinem Anblick geworden. Vorsichtig erhoben sie sich und gingen hinüber, um die weißen Bänder und die roten Äpfel zu bewundern.

„Das ist ein Weihnachtsbaum“, sagte Frau Lindeman.

„Ein Weihnachtsbaum?“ flüsterten die Mädchen.

„Ja. Er soll uns die Geschenke des Himmels zeigen.“

Und dann brachte sie ihnen ein Weihnachtsbaumlied bei.

Der Christbaum ist der schönste Baum,

den wir auf Erden kennen,

wie lieblich blüht der Wunderbaum,

wenn seine Lichter brennen.

Denn sieh, in dieser Winternacht

ist einst der Herr geboren,

der Heiland, der uns selig macht,

hätt’ er den Himmel nicht gebracht,

wär’ alle Welt verloren.

Dann wurden mehrere Stunden lang Geschenke geöffnet, und weil alle vierundzwanzig Mädchen für die anderen dreiundzwanzig ein Geschenk gebastelt hatten, ließ sich ausrechnen, daß das insgesamt fünfhundertzweiundfünfzig Geschenke machte und dazu die für alle Lehrerinnen und Lehrer.

Es sollte das letzte Jahr sein, in dem auf dem Frimannslund-Hof in Daviken eine Mädchenschule existierte. Frau Lindeman hatte eine neue Stellung als Leiterin des Eugenienstifts in Kristiania gefunden, die Schule in Daviken sollte deshalb im Sommer 1850 geschlossen werden. Die Abreise der Mädchen wurde zu einer chaotischen Mischung aus Wehmut und Lachen.

Die „Constitutionen“ hatte im Hafen von Kristiansund angelegt. Jon Mjøen sah sich suchend in der Menschenmenge um, die an Land strömte. Im Hafen war es schwarz vor Menschen, Wiedersehensrufe ertönten, Koffer standen im Weg, und er konnte Augusta nicht finden. Doch da fiel ihm eine junge Frau um den Hals, fast wäre er vor Überraschung umgekippt. Sie weinte und lachte, drückte ihn an sich und lachte wieder. Überwältigt musterte er sie. Ein Mädchen mit einer Kuchentüte hatte ihn vor einem Jahr verlassen. Und jetzt? Es war nicht zu fassen! Ihre dunkelbraunen Haare waren sehr lang geworden und zu einem dicken Zopf geflochten, nicht mehr wie früher zu zweien, und der Zopf hing wie ein Kringel über ihren Nacken. Ihr rundes Gesicht strahlte jetzt erwachsene Ruhe aus, die schrägstehenden braunen Augen leuchteten unter ihren dunklen Brauen, ihr südländischer Teint machte sich stärker bemerkbar und wurde von der kleinen weißen Immortelle an ihrem Ohr noch betont.

„Kleines Knöpfelchen? Ist das wirklich mein kleines Knöpfelchen?“ fragte er. Er drückte sie an sich, und die Tränen strömten nur so.

7. Kapitel

Sie übernachteten in Kristiansund und fuhren am nächsten Tag mit einer gemieteten Kutsche weiter. Augusta erzählte von ihren Mitschülerinnen. Vor allem von einer gewissen Anna Uthus. Sie hatte Lady Rowena gespielt. Charlotte Middelthon war der Jude Isac von York gewesen, Marie Olsen seine schöne Tochter Rebecca. Sie selber hatte Ritter Erbelos alias Ivanhoe gegeben. Sie hatten das Stück gespielt, als alle Obstbäume blühten. „Ach, Vater! Es war wunderbar!“ rief sie. Er sah verstohlen zu ihr hinüber.

Sie machten einen Abstecher, um Pastor Bjørnson in Nesset zu besuchen. Sie würden zwei Tage dort verbringen müssen, sagte der Vater, denn der Pastor hatte Schwierigkeiten, und er hatte versprochen, ihm zu helfen. Augusta wollte wissen, was für Schwierigkeiten das waren, aber der Vater kannte noch nicht alle Einzelheiten. Auf jeden Fall war die Sache ernst. Für Pastor Bjørnson stand seine Stellung auf dem Spiel.

„Seine Stellung steht auf dem Spiel, und du weißt nicht, worum es geht?“ fragte Augusta.

Er drehte sich erstaunt zu ihr um. Neben ihm saß wirklich kein Kind im Wagen. Sondern eine junge Frau von fast sechzehn Jahren. Er mußte sich an diese neue Augusta gewöhnen. Charmant war sie. Hieß es auf Französisch nicht so?

„Doch, doch, das weiß ich natürlich, aber ich kenne den gesamten Handlungsablauf noch nicht... ich... ich meine, ich meine, Augusta, ich glaube nicht, daß es für deine Ohren paßt.“

Dazu schwieg sie erst einmal. Starrte die beiden treuen schwarzen glänzenden Pferderücken und die tanzenden Schwänze an. „Ist Bjørnstjerne zu Hause?“ fragte sie.

Der Vater war sichtlich erleichtert über den Themawechsel und sagte, nein, der besuche in Kristiania das Gymnasium. Eigentlich hatte sie das ja gewußt, aber sie hatte gedacht, er verbrächte die Sommerferien vielleicht zu Hause.

„Was soll ich also nicht wissen?“ fragte sie.

„Ich weiß nicht“, antwortete ihr Vater nach eine Weile. „Ich sehe ja, daß du jetzt groß bist. Und schön bist du geworden. Ich meine, bald mußt du in die Welt hinaus... aber auf der Schattenseite des Lebens passiert so allerlei, der Böse regiert, und es muß jedes Herz kränken, das zu hören.“

Mehr sagte er nicht.

Sie erkundigte sich nach zu Hause. Er erzählte von der Ernte und den Tieren, von ihren Geschwistern und allem, was ihm gerade einfiel. „Und wie geht es Mutter?“ fragte sie dann. Er zuckte zusammen. Seine Frau hatte er noch mit keinem Wort erwähnt.

Es war nicht bei den zehn Talern für den Bauern aus Aune geblieben. Er war danach noch häufiger von Leuten aufgesucht worden, denen Geld oder Silberbesteck fehlte, wenn Frau Mjøen zu Besuch gewesen war. Und ohne Umschweife sagten sie, es sei besser, wenn er gleich bezahlte. Wenn er dann um Beweise bat, sagten sie, naja, sie gingen eben davon aus, etwas Handfestes hatten sie nicht aufzuweisen. Er fragte, ob sie sich wirklich einbildeten, sie könnten zum Lensmann gehen und einen Diebstahl melden, und er würde den Verlust ersetzen? Sie antworteten wahrheitsgemäß, es so verstanden zu haben. Einige behaupteten auch, die Frau des Lensmanns auf frischer Tat ertappt zu haben. Sie drohten mit Klage, und dann würde die Gnädige wohl im Gefängnis landen? In zwei solchen Fällen hatte er bezahlt, obwohl er wußte – nach dem ersten Mal –, daß davon alles nur noch schlimmer wurde. Aber wenn er das Geld überreichte, war sein Gegenüber zuckersüß und sagte, ihm zuliebe würden sie die Sache auf sich beruhen lassen.

Was sollte er tun? Gebete hatten nichts geholfen. Er hatte für ihre Seele gebetet. Aber wenn sie nun gar nichts verbrochen hatte, was sollte der Herr da tun? Er befand sich in einer hoffnungslosen Lage, wo alles falsch war, egal, was er unternahm. Plötzlich überkam ihn der heftige Wunsch, das alles Augusta anzuvertrauen. Seine Last loszuwerden, sie um Rat zu fragen. Diese Möglichkeit erschien ihm fast als Geschenk des Himmels. Er hatte sich das ganze Jahr über solche Sorgen um sie gemacht. Aber der Herr hatte ihm die Tochter wohlerhalten zurückgegeben, und sie war an Körper und Geist gewachsen.

„Ist Mutter denn gesund und munter?“ fragte Augusta. „Im Dorf wird über deine Mutter geredet“, sagte er. „Und was wird geredet? Daß sie schimpft und tadelt und mit allem geizt?“ – „Ja, ja, das auch.“ – „Und was sagst du dazu? Sicher, daß sie vor ihrer eigenen Tür kehren sollen?“ – „Ja. Ja, das sage ich.“ – „Mutter macht es den Leuten eben nicht recht. Sie sagt, was sie denkt. Das gehört sich nicht für eine Dame. Wenn sie ein Mann wäre, wäre sie heute sicher Minister.“ – „Was? Mutter als Minister? Der Herr stehe mir bei!“ – „Ja? Warum nicht?“ – „Nein... nein... warum nicht?“ wiederholte er. Und während sie den langen Tingvollfjord entlangfuhren, erzählte er ihr alles.

Als er verstummte, schmiegte sie sich an ihn an und sagte: „Armer, armer Vater!“ Es fiel schwer, die Tränen zurückzuhalten. „Findest du es falsch von mir, daß ich es dir erzählt habe, Augusta?“ fragte er. „Nein“, sagte sie ohne nachzudenken. „Du hättest es auch schon früher sagen können. Jetzt kann ich mir überlegen, was ich antworten werde, wenn mir das irgendwer ins Gesicht sagt.“

Sie fuhren schweigend weiter. Es war ein gutes Gefühl, daß jetzt alles gesagt war. Eine neue Vertrautheit war entstanden. Er legte seine große Faust auf ihre beiden Hände. „Gott segne dich“, sagte er. „Aber glaubst du, sie stiehlt wirklich Geld?“ Er antwortete wahrheitsgemäß, daß er das nicht wisse, es sehe aber manchmal so aus. „Kannst du sie nicht davon abhalten?“ – „Sie sagt, die anderen lügen.“ – „Vielleicht hat sie recht?“ Wieder blickte er sie überrascht an.

„Ich weiß nicht... Ich habe mir in Daviken so viele Gedanken über Lüge und Wahrheit gemacht und darüber... Frau zu sein.“ Sie schien Anlauf genommen zu haben, um das sagen zu können.

Im Pfarrhof war eine fremde Dame zu Besuch. Pastor Bjørnson stellte sie als Anthonette Seemann vor, es stellte sich heraus, daß sie seit kurzem mit Bjørnstjerne verlobt war. Sie war als Hauslehrerin nach Nesset gekommen, und die Verlobung hatte stattgefunden, ehe Bjørnstjerne nach Kristiania gegangen war, wo er Heibergs Schule besuchen sollte.

Sie blieben zwei Tage dort, und während Bjørnson und Mjøen sich im Pfarrbüro in allerlei Papiere vertieften, fuhr Augusta mit Frau Bjørnson zu einigen Inselchen, um Seevögeleier zu sammeln. „Man muß wissen, wie man die Vorräte ergänzt“, sagte Frau Bjørnson, als sie hinausruderten. „Wenn der Pastor seinen Butterzehnten ausstehen hat, fahre ich durch das Dorf und sammele selber ein. Und ich nehme ein paar Leckerbissen mit und bekomme immer, was mir zusteht, und oft sogar mehr. Begreifst du, warum Bjørnstjerne sich unbedingt verloben wollte?“ fragte sie unvermittelt. „Er ist doch erst siebzehn. Das war zu Weihnachten.“

Augusta wußte nicht, was sie dazu sagen sollte. Aber sie brauchte sich darüber auch keine Gedanken zu machen, denn nun brachte Frau Bjørnson ihre Besorgnis zum Ausdruck, daß Bjørnstjerne in der Hauptstadt vielleicht an die Thrane-Bewegung geraten könnte. Und die wollten doch Revolution. „Begreifst du, wozu diese Revolution gut sein soll?“ Sie erzählte, daß Bjørnstjerne in der Hauptstadt im selben Haus gewohnt hatte wie der dänische Abenteurer Harro Harring, der des Landes verwiesen worden war. Bjørnstjerne hatte im Tivoligarten vor zahlreichen Zuhörern eine flammende Rede gegen den Ausweisungsbescheid gehalten. – „Er hat natürlich recht, er steht auf der Seite der Menschen. Aber es ist sehr gefährlich, recht zu haben.“ Danach sprach sie über die Eier, von denen sie reichliche Mengen fanden.

Jan Mjøen konnte die Veränderung im Gesicht des Pastors deutlich sehen. Sein starker, guter Humor schien verschwunden zu sein. „Ich wußte nicht, daß ich im Dorf so viele Feinde habe“, sagte Bjørnson. Wer den Klatsch hörte, konnte durchaus glauben, er, Bjørnson, sei an allem schuld, nicht der Kapitän. Er hatte gegen den Kapitän ausgesagt und war damit zur eigentlichen Hauptperson der Auseinandersetzung geworden. Die Leute ritten auf allem herum, was sie an ihm nicht leiden konnten. Sie behaupteten, er versuche, sich in jeder Hinsicht zu bereichern, und erzählten, wie seine Frau im Dorf umherzog und die beste Butter an sich riß. In der Zeitung wurde ihm vorgeworfen, seine Konfirmanden bei der Heumahd einzusetzen und „geradezu krankhaft eifrig darauf zu achten, daß keiner sich drückt“. Und auf der Kanzel sei er wie eine schwarze Gewitterwolke, die nur von der höllischen Pein sprach. Die Sorgen und Probleme seiner Pfarrkinder dagegen seien ihm egal.

Das alles behauptete der Klatsch. Aber hatten sie denn wirklich etwas dagegen, daß er mit den grauenhaften Zuständen aufräumte, hätte der Pastor gern gewußt. „Denn vor den grauenhaften Zuständen drücken sie beide Augen zu. Sie haben nichts gesehen und nichts gehört. Der Kapitän ist der mächtigste Mann im Dorf. Und vor der Macht werden die meisten Menschen zu kriechendem Gewürm. Hat dagegen jemand Pech, sind sie mutig wie die Stiere. Dann treten sie die Unglücksvögel in den Staub und rufen noch hurra dabei, auch wenn sie bisher nie ein böses Wort über diese Menschen verloren haben.“

„Aber du bist doch in einer sehr starken Position“, sagte Mjøen. „Das Recht ist auf deiner Seite, wenn du alles korrekt erzählt hast.“ – „Viele haben auf dieser Welt recht gehabt und sind doch auf dem Schafott gelandet“, erwiderte Bjørnson. „Ach, du darfst den Mut nicht verlieren! Diesen Fall kannst du vor Gericht doch unmöglich verlieren. So sehe ich das. Und das Urteil müßte eigentlich im Lauf des Oktober fallen. Schließlich dauert der Streit nun schon drei Jahre.“ – „Meinst du wirklich?“ fragte Bjørnson. Der Lensmann überlegte. „Ja, das meine ich. Aber wenn du meine ehrliche Meinung hören willst, dann hättest du ein wenig vorsichtiger sein müssen.“ – „Vorsichtig!“ brüllte Bjørnson. Und dann zählte er alle Untaten des Kapitäns auf.

Jon Mjøen sah unruhig aus dem Fenster, er glaubte, Augusta und Frau Bjørnson zurückkehren zu hören. Die Vorstellung, daß Augusta Bjørnsons Worte hören könnte, war entsetzlich für ihn.

„Du hast recht“, sagte der Lensmann, als Bjørnson seine Aufzählung beendet hatte. „Aber ich finde, du hättest dich in deiner schriftlichen Darstellung ein wenig vorsichtiger ausdrücken sollen. Vor Gericht solltest du deine Worte auf die Goldwaage legen.“ – „Die einzige Waage, auf der ich meine Worte wiege, ist die des Himmels. Und die verlangt die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“, sagte Bjørnson.

Auf der Heimfahrt erzählte Jon Mjøen Augusta von Pastor Bjørnsons Streit mit Kapitän Lied, ohne jedoch ins Detail zu gehen, und äußerte sich voller Besorgnis über Bjørnsons Zukunft in Nesset.

8. Kapitel

Auf, ein Hoch den frommen Frauen,

die das Fest so schön geschmückt,

die so treu uns ins Auge schauen,

die uns heute hoch beglückt,

die sittsam treten zum Tisch des Herrn,

über holden Frauen wacht Gottes Stern.

Sagt an, was kann denn schöner sein

als eine Jungfrau unschuldsrein,

wo die Rose mit dem Schnee so fein

auf der Wange sich gepaart?

Wenn sie sittsam treten zum Tisch des Herrn,

wacht über den Holden stets Gottes Stern.

Doch bald ist die Unschuld der Jugend dahin,

das Leben der Welt trägt Gefahren im Sinn.

Der Ring sei Symbol dir für ewigen Frieden

und für Ruhe des Herzens im Leben hienieden.

Wenn sie sittsam treten zum Tisch des Herrn,

wacht über den Frommen stets Gottes Stern.

Augusta wurde am 13. Oktober von Pastor Dick in der Kirche von Oppdal konfirmiert, und zu diesem Anlaß hatte ihr Vater dieses Gedicht für sie verfaßt. Er trug es zu Hause mit feierlicher Stimme vor und überreichte ihr einen Goldring mit einer Perle. Sie wurde zusammen mit zweiunddreißig anderen Mädchen und fünfundvierzig Jungen eingesegnet und erhielt im Kirchenbuch als einzige das Prädikat „ausgezeichnet“.

Ihre Mutter hätte sie gern nach Christiansfeld geschickt, wo auch Frau Lindeman, Camilla Wergeland und viele andere bedeutende Damen in ihrer Jugend einige Zeit verbracht hatten. Der Lensman aber wollte sie nicht so weit fort lassen. Schließlich beschlossen die Eltern, daß Augusta nach Weihnachten im Eugenienstift in Kristiania ihre Ausbildung in Musik und Sprachen fortsetzen sollte. Sie sollte außerdem bei dem deutschen Ehepaar Athmer Musikunterricht nehmen. Herr Athmer war Musikprofessor, Frau Athmer Pianistin, sie war eine Nichte des Komponisten Carl Maria von Weber und galt als sehr begabt. „Ich will nicht, daß dein kluger Kopf ebenso brachliegen muß wie meiner“, sagte die Mutter, sie standen in der Küche und spülten das Geschirr vom gestrigen Konfirmationsfest. „Meinst du, daß dein Kopf brachliegen muß, Mutter?“ fragte Augusta. „O ja, ich könnte mir schon vorstellen, ihn zu etwas anderem zu benutzen, als Diebereien im Vorratshaus zu entlarven.“

Die Mutter beschuldigte die Mägde oft, heimlich Wurstenden eingesteckt zu haben, auch wenn die Mädchen dann weinten und ihre Unschuld beteuerten. Augusta mußte daran denken, was im Dorf über die Mutter geklatscht wurde, sie hätte sie gern danach gefragt. Aber was ihr Vater ihr erzählt hatte, schien sie daran zu hindern. Sie sprach selten mit der Mutter über Dinge, die wirklich ihr Herz betrafen. Sie unterhielten sich nur über Alltagsthemen. Über Sesselbezüge, die bestickt, oder Kartoffelmehl, das gemahlen werden mußte, über die Dinge eben, aus denen das Leben sich hauptsächlich zusammensetzte.

Bisher hatte Augusta nicht weiter darüber nachgedacht, warum das so war. Sie vertraute sich ihrem Vater an, ihm hatte sie alle Briefe aus Daviken geschrieben. Natürlich hatte er sie der Mutter laut vorgelesen, das gehörte sich ja so, aber sie waren eben nur an ihn gerichtet gewesen. Jetzt wünschte sie plötzlich, alles sei anders. Aber sie fürchtete, die Mutter würde behaupten, der Vater verbreite die gleichen Lügengeschichten über sie wie die Leute im Dorf, wenn sie den Klatsch zur Sprache brachte. Und das würde zu einer heftigen Szene zwischen den Eltern führen, und nichts im Leben war schwerer zu ertragen als solche Auseinandersetzungen.

Sie wurde aus ihrer Mutter einfach nie schlau. Den Vater verstand sie, sie brauchte ihn nur von hinten zu sehen, und schon hatte sie seine Stimmung erfaßt. Aber die Mutter hatte ihr nie Mitgefühl erwiesen. Hatte sich nicht um sie gekümmert, als Hektor erschossen worden war. Sie rief sich für diese Gedanken zur Ordnung, kaum daß sie sie überhaupt gedacht hatte. Vielleicht litt die Mutter ja unter ihrem Wesen? Auf diese Idee war sie bisher noch nie gekommen.

Augusta antwortete nicht gleich auf die Bemerkung ihrer Mutter. Sie hätte sagen können, daß die Mutter ihren Kopf auch zur Wortklauberei verwandte. Aber sie wollte etwas Versöhnliches sagen, etwas Lichtes, etwas, das die Mutter gern hörte. Sie könnte vielleicht eine der zahllosen Geschichten wiedergeben, die sie auf Frimannslund gehört hatte. Über Schmerzen und Sehnsüchte der Romanfiguren konnte sie mit ihrer Mutter doch sprechen. Die Geschichte der schottischen Jeannie, die durch ganz England wandert, um die englische Königin um Gnade für ihre Schwester anzuflehen, diese Geschichte würde der Mutter gefallen. „Weißt du, was er gekostet hat, der Goldring, den du von Vater bekommen hast?“ fragte die Mutter. „Nein, das weiß ich nicht, und ich will es auch nicht wissen“, antwortete Augusta. „Ich muß schon sagen, du bist wirklich nicht auf den Mund gefallen“, sagte die Mutter. „Nein, das habe ich hier zu Hause so gelernt.“ Ausnahmsweise mußte die Mutter ihr die Antwort schuldig bleiben.

„Bald ist die Unschuld der Jugend dahin, das Leben der Welt trägt Gefahren im Sinn“, dachte Augusta. Welche Gefahren mochten das sein, und welche Schuld würde ihr die Unschuld nehmen? Würde sie ihre Unschuld einfach deshalb verlieren, weil die Zeit verging? Sie begriff das nicht. Sie begriff eigentlich auch nicht, wieso sie plötzlich „erwachsen“ sein sollte. Das war doch von einem Tag auf den anderen gar nicht möglich. Am 12. Oktober Kind, am 14. Oktober erwachsen. Das dauerte doch länger. Oder griff Gott genau an diesem Tag ein und ersetzte das Kinderherz durch ein Erwachsenenherz? Sie hatte so ein Gefühl gehabt, als der Pastor ihr vor dem Altar die Hand auf den Kopf gelegt hatte.

Es war der Tag nach dem häßlichen Wortwechsel mit der Mutter. Nach und nach war das Gespräch in ruhigere Bahnen geglitten. Jetzt saß sie vor dem Haus auf der Treppe und blickte in der Dämmerung über das weite Tal und die Höfe, nach denen sie sich in Daviken so gesehnt hatte. Es war schon kalt, aber noch kein Schnee gefallen. Sie blickte in Richtung Westküste, das hatte sie immer getan, wenn sie hier saß, aber jetzt wußte sie, wie es dort aussah, und deshalb sah auch Oppdal anders aus. Hinter den im Blauen verschwimmenden Berggipfeln wohnten klare Bilder. Eins davon zeigte Fräulein Seemann. Augusta konnte nicht behaupten, sie zu mögen oder nicht zu mögen, Fräulein Seemann war eine hübsche, sympathische Dame. Aber das war es gerade – daß sie eine Dame war! Erwachsen, zwanzig Jahre alt. Und Bjørnstjerne war doch noch ein Knabe. Was mochte zwischen den beiden geschehen sein? Hatte Bjørnstjerne seine Unschuld verloren, oder besaßen nur Mädchen eine „Unschuld“? War er seit ihrer letzten Begegnung zum Mann geworden? Wenn ja, dann grauste sie sich vor der nächsten.

Und was für Gefahren waren im Gedicht ihres Vaters gemeint? Ein bißchen Gefahr konnte doch ganz spannend sein, sie wollte nicht nur davor gewarnt werden, sondern auch selber erleben. Sie sah Frau Lindeman vor sich. Sie sehnte sich nach dem Leben, in das sie erst vor kurzem eingeführt worden war. Sie wollte weiter. Wohin? – Auf Frimannslund hatte sie viele Gedichte auswendig gelernt. Jetzt konnte sie sie jederzeit hervorholen. Die Gedichte brachten neues Wissen, immer neues. Obwohl manchmal behauptet wurde, es gebe nichts Neues unter der Sonne und alles wiederhole sich. Und wenn es stimmte, na und? Ein Gedicht änderte sich jedesmal, wenn es gelesen oder aufgesagt wurde. Da mußte ein neues Gedicht doch etwas ganz anderes sein als ein altes, längst geschriebenes?

Aber es stimmte eben nicht, daß sich alles immer nur wiederholte. Sicher, häufig war das so. Aber ab und an wurden Dinge gesagt, die die Welt veränderten.

Sie selbst fand nicht, daß ihre Worte sich zu Gedichten zusammenfügen ließen. Aber wenn sie sang, konnte sie etwas sagen. Durch die Töne, die Pausen, durch den unterschiedlichen Klang, den ihre Stimme den Tonfolgen gab, hier Stärke, dort fast ein Flüstern, dann wieder gedämpft, plötzlich lebhaft, manchmal wehmütig. In Daviken hatte sie viele Komplimente für ihre Stimme und für ihre natürliche Musikalität, wie Frau Lindeman das nannte, geerntet. Und solche Komplimente versetzten sie in eine seltsame, erregte Stimmung. Sie konnte mit ihrer Stimme Gedichte schreiben.

Sie habe einen lyrischen Sopran, hatte Frau Lindeman gesagt. Auf jeden Fall könnte ihre Stimme bei ausreichendem Training dazu werden. Augusta sprang auf und sang. Ein Gedicht von Goethe, das Schumann mit einer Melodie versehen hatte. Es handelte von einem Knaben, der auf der Heide ein Röslein sah. Das Röslein war schön, bat ihn jedoch, es nicht zu pflücken. Der Knabe achtete nicht darauf, und das Röslein stach ihn. Ob der Knabe diesen Schmerz je vergessen hatte?

Sie sang aus voller Kehle. Vor ihr auf dem Hof standen Menschen mit Zylinderhüten und langen Frackschößen, mit weiten Seidenkleidern und langen Handschuhen, mit hohen Frisuren und Fächern. Und alle applaudierten. Danach wurde die junge Begabung Augusta Mjøen in der Zeitung erwähnt. Ein Naturtalent. Augusta machte vor den Bergen einen tiefen Knicks. Sie freute sich auf Kristiania.

9. Kapitel

Sie sollte bei der gelehrten Demoiselle Stribolt auf dem Egertorv wohnen. Als sie mit dem Parlamentsabgeordneten Sæter in der Kutsche saß und durch das Drivdal fuhr, kam dieser Name ihr abschreckend vor, doch da Frau Lindeman die Dame empfohlen hatte, handelte es sich bestimmt um einen guten, edlen Menschen. Emret Sæter saß hocherhobenen Hauptes da, er war unterwegs zu seiner siebten Legislaturperiode. „Graust du dich?“ fragte er. Sie freute sich über diese Frage. „Vor zwei Monaten habe ich mich gefreut, jetzt grause ich mich“, sagte sie. Er streichelte ihren Arm. „Kristiania ist eine kalte Stadt. Aber denk dran, wenn du Klagen hast, dann komm zu mir. Dafür bin ich doch da.“

Es war Januar. Sie waren in Felle gehüllt und fuhren in der Talsohle über den vereisten Fluß. Sæter zeigte auf die Welt aus Eiszapfen, die sie umgab, und verbreitete sich über die Pläne für ein neues Straßengesetz. Dieses Gesetz war seit sechs Jahren in Behandlung. Die Regierung wolle nur Geld für die Ausbesserung alter Straßen bereitstellen, nicht zum Bau von neuen. Und bei Strecken wie dieser war das fast ein schlechter Witz. Doch wenn das Parlament Geld bewilligte, würde in den nächsten vier Jahren eine Straße durch das Drivdal gebaut werden.

„Kannst du dir das vorstellen, Augusta? Dem da oben nicht mehr ausgesetzt zu sein?“ Er zeigte zu dem Steilhang hoch, der Hesthåggåkleiva genannt wurde, Pferdehufhang. „Aber wo soll die Straße denn verlaufen?“ fragte sie. Allein auf den fünfzig Kilometern zwischen der Drivstue und Kongvoll führten neun Brücken über die Driva. Die Straße ging im Zickzack bald auf dem Ost- und dann wieder auf dem Westufer entlang, mußte steile Böschungen meistern, die ebenso steil zur nächsten Brücke hin abfielen. Sæter streckte die Hand aus und zeigte vorwärts und rückwärts. Am besten wäre es, wenn die Straße die ganze Zeit auf dem Ostufer verlaufen würde. „Aber dann müßte doch entsetzlich viel gesprengt werden?“ – „Ja, es wird einen Höllenlärm geben“, sagte Sæter zufrieden. „Und wird das nicht schrecklich teuer?“ – „Das Geld ist vorhanden. Sie müssen bloß aufhören, es für irgendwelchen Pomp für die Hauptstadt auszugeben.“

Demoiselle Stribolt erwies sich als eine durch und durch unerträgliche Person. Sie spionierte ununterbrochen hinter ihren Mieterinnen her und machte ihnen von Anfang an klar, daß sie sich nur wegen ihrer prekären Finanzlage dazu herablassen mußte, Landpomeranzen ins Haus zu nehmen. Augusta und ihre Mitbewohnerin Susanne aus Arendal wurden in eine Art Verschlag gesteckt. Darin war gerade genug Platz für zwei Feldbetten, sie mußten von der Tür aus direkt hineinklettern, und auch das war nur möglich, weil die Tür sich nach außen öffnete. Jeden Morgen und jeden Abend mußten sie die Feldbetten zwischen Verschlag und Flur hin und herschleppen, tagsüber lehnten sie dort zusammengeklappt an der Wand. Wo sollten die Mieterinnen lernen? Wo ihre Gesangsübungen abhalten? Ihre Hausaufgaben machen?

Susanne weinte jeden Abend hemmungslos und litt unter entsetzlichem Heimweh. Für Augusta war es ein Trost, sie zu trösten. Sie besuchten zusammen an zwei Abenden in der Woche das Eugenienstift, aber sie trauten sich nicht, sich bei Frau Lindeman zu beklagen, denn die hatte Demoiselle Stribolt ja schließlich empfohlen. Sie lagen im finsteren Verschlag auf ihren Feldbetten und tuschelten, ein Talglicht zu benutzen war nicht erlaubt. Sie mußten sich in der Dunkelheit zurechttasten – und es wurde schon gegen vier Uhr nachmittags dunkel und war so unerträglich kalt, daß sie sich unter den Decken gegenseitig wärmen mußten.

Susanne, die schon einige Zeit bei Demoiselle Stribolt wohnte, brach in der Wärme des Bettes zusammen und gestand, daß sie nur deshalb verschwiegen hatte, wie schlimm die Zustände waren, weil sie sich so nach einer Schwester in der Not sehnte. Sie bat Augusta um Verzeihung. Augusta glaubte nicht, die Sünden anderer verzeihen zu können. Susanne sollte lieber Gott darum bitten. Susanne fing sofort an zu beten und weinte. Sie weinten beide und schliefen schließlich dicht aneinandergeschmiegt ein.

So war die Lage. Aber sie schwiegen. Sie waren junge Mädchen, hatten keinerlei Rechte, mußten für alles dankbar sein, was sie bekamen, und manchmal mußten sie auch lachen, wenn sie in der Dunkelheit über Demoiselle Stribolt tuschelten. Die war so gräßlich, daß nur Lästern weiterhalf.

Während ihrer ersten Woche in Kristiania waren Augusta mehr Menschen begegnet als bisher in ihrem ganzen Leben. sie sah sich alle mit großem Interesse an, wie sie das immer getan hatte, auch wenn sie sich wie eine Landpomeranze vorkam, oder, wie es auf Norwegisch hieß, wie „ein Gotteswort vom Lande“. Ein seltsamer Ausdruck. Die Rede war doch von einem Menschen, der keine Ahnung hatte. War Gottes Wort in der Stadt denn ausgerottet?

Die Stadt war seit Augustas erstem Aufenthalt gewachsen. Die Gärtnerei im Rosenkrantzgarten war verschwunden, am Slottsvei wurden mehrstöckige Häuser errichtet. Auf der anderen Straßenseite befand sich noch immer ein großer Garten, an dem entlang sich nun ein elegantes Trottoir bis zum Schloß hinzog. Hier flanierten Damen und Herren wie durch ihren Salon. Das Schloß auf dem Hügel, auf dem Augusta und ihre Familie gewohnt hatten, hatte ein neues flaches Dach bekommen. Früher hatte es vier Türme gehabt.

Überall wurde gebaut und verändert. Aber sie war in diesem Gewimmel von Eindrücken nicht allein. Bald waren Kavaliere zur Stelle. Magister Solberg, Fabrikbesitzer Langaard, Kopist Mogensen und andere – lauter junge Herren, die ihren Vater kannten, weil ihr Vater sie kannte, und der Vater hatte alle Bekanntschaften vor ihrer Abreise gründlich mit ihr durchgesprochen. Sie war informiert über deren Familien, Eltern und Geschwister, ihre Großeltern, deren Metier und Laufbahn. Als sie in der Stadt eintraf, konnte sie die Stammbäume von mindestens zehn Personen, die ihr noch nie begegnet waren, aus dem Ärmel schütteln.

Die Herren luden sie in den Tivoligarten auf dem Klingenberg, zu einer Soirée in der Freimaurerloge oder einem Spaziergang auf dem Festungswall ein. Aber das Wichtigste waren die Bälle. Bälle waren der Höhepunkt des Lebens, das wußte Augusta – die jungen Damen auf Frimannslund hatten die ganze Zeit darüber gesprochen – dort passierte alles, einfach alles... Und obwohl sie dieses ewige Ballgerede überspannt und fremd gefunden hatte, sehnte sie sich doch nach dem Ball, der ein Wort für ihr Gedicht sein könnte. Als ihr eines Tages mitgeteilt wurde, daß auf der Treppe ein Herr auf sie warte, dachte sie, endlich eine Einladung zu einem Ball. Und vor ihr stand ein Junge mit wildem rotem Schopf und war plötzlich zum Mann geworden.

„Aber... aber bist du das wirklich?“ fragte sie.

„Ich habe eben erst gehört, daß du in der Stadt bist.“ Er hielt ihr die Hand hin. Sie nahm seine Hand. Auf dem Flur war es halb dunkel.

Er blickte sich eilig um. Sie öffnete die Tür zum Verschlag einen Spaltbreit, um besser sehen zu können, und fing an zu erzählen. Ehe sie sich’s versah, hatte sie ihm ihr Elend in allen Einzelheiten anvertraut. Demoiselle Stribolt tauchte in der Wohnzimmertür auf: „Noch ein fremdes Mannsbild? Hier trampeln Tag und Nacht die Mannsbilder herum, und nachts wird im Bett noch gekichert“, kläffte sie, während Bjørnstjerne seine bereits ausgestreckte Hand wieder sinken ließ. „Und wer sind Sie, wenn ich fragen darf?“ fragte sie und musterte ihn. Er stellte sich vor. „Ja, auf den Dörfern bekommen die Kinder die seltsamsten Namen, ohne Rücksicht auf Sitte und Brauch, ich wundere mich ja, daß du nicht Dagros heißt, wie eine Kuh!“ meinte Demoiselle Stribolt und machte keinerlei Anzeichen, sie ins Wohnzimmer zu bitten. Augusta überlegte kurz. „Ich bring dich noch runter, ich hole mir nur schnell einen Mantel“, sagte sie zu Bjørnstjerne. „Sie gehen nirgendwo hin, Fräulein Mjøen“, sagte Demoiselle Stribolt. „Ich trage hier für Sie die Verantwortung, und Sie können nicht mit jedem hergelaufenen Schweinehirten losziehen!“ Augusta sah, daß Bjørnstjerne zu einer Entgegnung ansetzte, er holte ziemlich hörbar Atem. Sie brachte ihn mit einem Blick zum Verstummen. Zugleich versuchte sie, ihm zu verstehen zu geben, daß er unten auf sie warten sollte. Sie würde kommen, sowie freie Bahn war.

Augusta sagte: „Ja, dann adieu, Herr Bjørnson. Wir sehen uns bei Kammerherrn Iversen zum Souper.“ Bjørnstjerne ging langsam die Treppe hinunter, und Demoiselle Stribolt knallte die Tür dermaßen fest hinter ihm ins Schloß, daß diese gleich wieder aufsprang und sie sie noch einmal und diesmal etwas sanfter schließen mußte. Augusta schlich sich nach unten. Er wartete auf halber Treppe. Sie hatte nicht gewagt, ihren Mantel zu holen. „Hier kannst du nicht bleiben!“ sagte er. „Ich traue mich nicht, mich über sie zu beklagen“, flüsterte sie. „Ich traue mich bestimmt.“ – „Aber wo denn nur? Das bringt doch nichts!“ – „Nein, nein, nein, ich sehe ja ein, daß wir die Stribolt nicht verändern können“, sagte er. „Sie hat ihren Namen wirklich verdient.“ – „Pst! Wenn sie dich jetzt hört!“ – „Das wäre mir ein Vergnügen.“ – „Bloß nicht. Mach keinen Skandal.“ – „Aber so kann das nicht weitergehen. Sollst du nicht Musik und Gesang studieren? Und feine Manieren? Pustekuchen, sage ich. Hier werden andere Seiten aufgezogen, so wahr ich... Dagros heiße!“

Und ehe sie ihm widersprechen konnte, war er auf dem Weg zur Haustür.

Bjørnstjerne ging zur alten Frau Mikkelsen in der Arche Noah. Sie hatte im Moment nichts frei, meinte aber, daß ihre Tochter Maren, die inzwischen den Schauspieler Martin Spindler geheiratet hatte, vielleicht Rat wüßte. Maren Spindler wohnte am Bankplatz in einer eleganten und geräumigen Wohnung und war sofort bereit, Augusta und einem weiteren Mädchen ein Zimmer zur Verfügung zu stellen. Als Bjørnstjernes Onkel Georg Marcus Nordraak, in dessen Haus in der Kongens gate der junge Mann selber untergekommen war, die Geschichte hörte, wollte auch er helfen, falls Madame Spindler sich die Sache doch noch anders überlegen sollte. Danach begab Bjørnstjerne sich ins Parlament. Nachdem er mit Sæter gesprochen hatte, wollte der sofort losstürzen, aber sie kamen überein, die endgültige Entscheidung liege bei Lensmann Mjøen.

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