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Informationen zum Buch
Die Frage nach dem historischen Jesus hat nicht nur theologische Konsequenzen, sondern auch politische. In knappen Interventionen geht Gerd Lüdemann dieser Dimension seines Wissensgebiets nach.
Informationen zum Autor
Gerd Lüdemann, Jahrgang 1946, ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Universität Göttingen. Er leitet die Abteilung "Frühchristliche Studien" am Institut für Spezialforschungen sowie das Archiv "Religionsgeschichtliche Schule" der Theologischen Fakultät Göttingen.Ihm wurde als ausgewiesenem Neutestamentler die Bezeichnung seines Lehrstuhls als Lehrstuhl für Neues Testament vom Präsidenten der Universität Göttingen als Folge der Beanstandung seiner Lehre durch die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen verboten, weil er sich in seinen Veröffentlichungen und in seiner wissenschaftlichen Arbeit kritisch mit Fragen des evangelischen Bekenntnisses auseinandergesetzt hat und die Ergebnisse seiner Forschungsarbeit den evangelischen Kirchen in Niedersachsen und der Leitung der Universität Göttingen nicht genehm sind.
Gerd Lüdemann
Wer war Jesus?
Theologisch-politische Interventionen

Impressum
© 2011 zu Klampen Verlag • Röse 21 • D-31832 Springe
info@zuklampen.de • www.zuklampen.de Titelgestaltung: »In Zeiten wie diesen« – Büro für Kommunikation, Konzept & Kreation, Hannover Konvertierung: Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital – die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart
ISBN 978-3-86674-119-5
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Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der
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Daten sind im Internet über ‹http://dnb.d-nb.de› abrufbar.
Inhaltsübersicht
Vorwort
DER GOTT DES ALTEN TESTAMENTS
1. Gott wurde spät erfunden
2. Schwelgen in Ausrottungsphantasien
3. Intolerantes Evangelium
JESUS
4. Wer war Jesus?
5. Als Johannes der Täufer Karriere machte
6. Jede Zeit malte ihr Bild von Jesus
AUFERSTEHUNG
7. Das Grab des Gekreuzigten war nicht leer
8. Die Legende vom heiligen Grab
CHRISTLICHE JUDENFEINDSCHAFT
9. Wer war schuld am Tode Jesu?
10. Das falsche Feindbild von Judas, dem Verräter
11. Pius-Bruderschaft – Keine Zukunft mehr
PAULUS
12. Das Fundament der Kirche war nicht nur männlich
13. Der Gründer des Christentums
LUTHER UND CALVIN
14. Aus dem christologischen Tollhaus befreit
15. Eifern um Gottes Ehre
DER PAPST ALS BIBELAUSLEGER
16. Papst Benedikts Jesus-Buch: »Eine peinliche Entgleisung«
17. Jesus von Nazareth aus der Sicht des Papstes
18. Wider die Mariendogmen
19. Liebe den Gleichgesinnten wie dich selbst
DIE KIRCHEN HEUTE
20. Gott muss Werte erst erlernen
21. Gemeinschaft von Thron und Altar
22. Zwischen Dogma und Wirrwarr
23. Wie viel Zweifel ist erlaubt?
THEOLOGISCHE FAKULTÄTEN
24. Ketten des Dogmas
25. Muss ein Theologieprofessor gläubig sein?
VERSCHIEDENES
26. Der Schmerzensmann
27. Beten nach dem Tode Gottes
28. Glaube und Wissen
VORWORT
Im vorliegenden Band lege ich eine Auswahl von Essays vor, von denen die meisten in deutschen Tages- und Wochenzeitungen erschienen sind. Die Essays behandeln die Bibel und ihre Wirkungsgeschichte, das frühe Christentum und heutige kirchlich-theologische Praxis, das Verhältnis von Glaube und Geschichte. An wenigen Stellen habe ich sie leicht überarbeitet, gelegentliche Überschneidungen indes nicht künstlich ausgeglichen.
Die meisten Texte kreisen um die Frage nach Jesus von Nazareth. Diese Frage hat nicht nur theologische Konsequenzen, sondern auch politische, denn die Kirchen gründen ihre Machtansprüche bis heute auf einen mythischen Jesus, der mit dem historischen Jesus nichts zu tun hat.
Die Gelegenheit, wissenschaftliche Probleme, die mein Spezialgebiet betreffen, vor einem großen Publikum literarisch bearbeiten zu dürfen, ist für mich immer eine große Herausforderung. Ich muss auf zumeist knappem, vorgegebenem Raum präzise formulieren, meine größeren wissenschaftlichen Werke ziehen daraus auch Nutzen.
Charakter und Entstehungsgeschichte der vorgelegten Beiträge bringen es mit sich, dass jeder einzelne kurz, aber für sich verständlich ist. Dies hat den Vorteil, dass der Leser einen raschen Zugang zum Gesamtthema gewinnen kann.
Göttingen, im Januar 2011
Gerd Lüdemann
DER GOTT DES ALTEN TESTAMENTS
1. Gott wurde spät erfunden1
Das Christentum versteht sich seit alters als eine Religion, die auf den Geschichtstaten Gottes ruht, von denen im Alten und im Neuen Testament die Rede ist. In den Satz »Gott hat Israel aus Ägypten geführt und Jesus Christus von den Toten erweckt« konnten bisher die meisten Theologen einstimmen. Nun war die Auferstehung Jesu schon immer Gegenstand der Kritik auch in der Öffentlichkeit, während der Auszug Israels aus Ägypten davon verschont blieb. Doch gerade am Exodus und dem mit ihm verbundenen Thema des vorstaatlichen Israel hat sich, fast unbemerkt, eine wissenschaftliche Revolution vollzogen.
Die historisch-kritische Erforschung des Alten Testaments ist älter als 200 Jahre. Sie führte zu einer Durchforstung aller alttestamentlichen Bücher. Forscher gewannen unter anderem die bis heute verlässliche quellenkritische Erkenntnis, dass am Anfang der Bibel zwei verschiedene Schöpfungsberichte vorliegen. Dennoch hielten sich die Gelehrten an einem Punkt meistens mit der Quellenkritik zurück: Sie sahen in den ersten Büchern der Heiligen Schrift das ideale Bild von Israel, das der Gott Jahwe zu seinem Volk gemacht hat, im Kern als glaubwürdig an.
Israel in Ägypten, Moses Rolle bei dem Empfang der Zehn Gebote und die Einnahme des Gelobten Landes blieben so, bei aller Kritik im Einzelnen, historisch unangetastet. Das Blatt wendete sich aber, als man erkannte: Das in der Bibel entworfene Bild des vorstaatlichen Israel (vor 1000 v. Chr.) entspringt theologischen Fiktionen aus der nachstaatlichen Zeit (ab dem 6. Jahrhundert v. Chr.).
Archäologische Forschungen im Verein mit subtilen textlichen Beobachtungen haben diesem Paradigmenwechsel schnell zum Erfolg verholfen. Erst jetzt wurde evident: Die älteste Erwähnung Israels auf der Sieges-Stele des Pharao Merenptah, die dieser im Jahre 1208 v. Chr. aufrichten ließ, ist ein starkes Argument gegen das bisher geltende biblische Geschichtsbild.
Da die Inschrift Israel nämlich als eine Gruppe von offenbar schon länger in Palästina ansässigen Menschen erwähnt, widerspricht sie dem alttestamentlichen Bild von dem in zwölf Stämmen vereinigten Israel, das nach biblischer Chronologie ungefähr zu derselben Zeit von außen in das Land Kanaan eingedrungen ist.
Überdies beziehen sich ägyptische Dokumente – die für die Zeit, da Israel in Ägypten gewesen sein soll (14. Jahrhundert v. Chr.), reichlich fließen – weder auf Israels Aufenthalt in und Flucht aus Ägypten noch auf Mose, der gemäß biblischer Darstellung Kontakt zum Pharaonischen Königshaus hatte. Aus all dem ergibt sich kurioserweise, dass die Israeliten ursprünglich selber Kanaanäer waren.
Die ältere Forschung meinte, eine Verehrung Jahwes habe es immer nur zusammen mit dem Ersten Gebot gegeben, das die Existenz anderer Götter zwar nicht bestreitet, aber die alleinige Verehrung Jahwes befiehlt. Indes herrscht mittlerweile Konsens: Weder der Exklusivitätsanspruch Jahwes noch gar die Behauptung, außer Jahwe gebe es überhaupt keine anderen Götter, stand am Anfang des Jahwe-Glaubens. Denn für das achte vorchristliche Jahrhundert haben Inschriften in Palästina einen toleranten Jahwe-Kult belegt. Diese erst in den letzten Jahrzehnten entdeckten Quellen erwähnen zahlreiche lokale Jahwe-Götter und belegen so das Phänomen eines Polyjahwismus. Sie nennen weiter das Götterpaar Jahwe und seine Gemahlin Aschera. Demnach war eine exklusive Jahwe-Verehrung im Sinne des biblischen Moses zu dieser Zeit in Israel und Juda noch unbekannt. Erst nach dem Untergang Judas im Jahre 587 v. Chr. ersannen findige theologische Köpfe das Erste Gebot im Zuge der Deutung des Volksgeschicks. Motto: Weil Israel fremden Göttern diente und nicht Jahwe allein, musste es zur Katastrophe kommen.
Spätestens hier entsteht für den christlichen Glauben ein Dilemma. Denn die Kirche betrachtet – weil sie sich als neues Israel auffasst – von Beginn an das im Alten Testament berichtete Handeln Jahwes an Israel als festen Bestandteil der Heilsgeschichte, die zu Jesus Christus führt.
Wenn jedoch der historische Rahmen der Geschichtsbücher des Alten Testaments fiktiv ist und es sich beim biblischen Israel, ja selbst bei dem exklusiven Gott Jahwe um theologische Konstrukte des nachstaatlichen Judentums handelt, dann sind die biblische Frühgeschichte Israels und damit die Vorgeschichte Jesu Christi vollständig entleert. Sie lösen sich in Nebel auf und mit ihnen auch die Auferstehung Jesu, denn das Zentraldatum christlichen Glaubens gilt in der Theologie inzwischen auch als unhistorisch.
Diese Erkenntnisse besiegeln nicht nur den Tod des alttestamentlichen Geschichtsgottes, sondern auch das Ende des Vaters Jesu Christi. Sie nehmen aber auch dem Islam, der sich als Reform der beiden anderen Religionen versteht, sein monotheistisches Fundament.
2. Schwelgen in Ausrottungsphantasien1
Über das Jahr 2006 haben die christlichen Kirchen als Losung ein Wort aus dem Buch Josua gestellt, Kapitel 1, Vers 5. Der Gott Jahwe verspricht dort Josua, dem Nachfolger Moses, vor dem Einzug in das gelobte Land Kanaan: »Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht.«
Die Wahl dieses Spruchs als Jahreslosung lebt förmlich von der Nicht-Berücksichtigung seines biblischen Kontextes: der im Josuabuch von Gott befohlenen Vernichtung der Urbewohner Kanaans. Deren Anfang macht die Zerstörung Jerichos, beschrieben in Kapitel 6, Vers 21: »Sie vollstreckten den Bann aber an allem, was in der Stadt war, mit der Schärfe des Schwerts, an Mann und Frau, jung und alt, Rindern, Schafen und Eseln.« Andere Städte unterliegen derselben gräulichen Maschinerie der Ausrottung. Bei diesen Säuberungsaktionen in Jericho sowie in anderen Städten Kanaans lässt Gott Josua nicht fallen und verlässt ihn nicht.
Der große französische Bibelkritiker Ernest Renan hat seinen Abscheu vor diesen »bluttriefenden Barbarensitten« vor gut einem Jahrhundert so ausgedrückt: »Die menschliche Grausamkeit nahm die Form eines Paktes mit der Göttlichkeit an. Man legte ein feierliches Gelöbnis ab, alles zu töten, und verbot damit sich selbst, der Vernunft oder dem Mitleid Folge zu leisten. Man weihte eine Stadt oder ein Land der Vernichtung und glaubte Gott zu beleidigen, wenn man den gräulichen Eid nicht hielt.«
Immerhin hat der Bann wenig mit Rache, Hass oder Plünderung zu tun. Er ist vielmehr eine rituelle Heiligmachung mit dem Ziel, der Gottheit als Spenderin des Lebens gefangene Menschen und Tiere als Opfergaben zurückzugeben. Wer wie später König Saul den Bann brach und sich an gesundem Vieh bereicherte, wurde daher unverzüglich bestraft.
Nun hat der Heilige Krieg so, wie ihn das Josuabuch beschreibt, niemals stattgefunden. Die neuere Forschung zeigt deutlich: Die biblische Erzählung über den Auszug aus Ägypten und die Eroberung Kanaans ist keine Wiedergabe des historischen Verlaufs. Ihre Verfasser sind vielmehr politisch machtlose Theologen, die im babylonischen Exil mehr als ein halbes Jahrtausend nach dem vermeintlichen Einzug ins Gelobte Land aus Eifer für Gott in Ausrottungsphantasien schwelgen.
Jedoch besteht das Problem für uns heute gar nicht darin, ob die Erzählungen Faktum oder Fiktion sind. Ärgernis erregt, dass die rituelle Zerstörung überhaupt befohlen wird. Die Texte aus dem Josuabuch schildern die totale Abschlachtung der kanaanäischen Bevölkerung, und es gibt keine einzige Passage im Alten Testament, die den Bann kritisiert oder seine Anordnung durch Gott bestreitet. Der Bann hat einen erschreckend grundsätzlichen Charakter: Gott lässt seine Exekutoren nicht fallen und verlässt sie nicht.
Die Jahreslosung für 2006 stammt aus einem der schlimmsten Zeugnisse für die blutige Seite der Bibel, die indes nicht auf das Alte Testament beschränkt ist, wie etwa das letzte Buch der Bibel, die »Offenbarung des Johannes«, zeigt. Die Kirchenführer, die diese Losung auserkoren und aus dem Kontext gerissen haben, sollten sie daher schleunigst wieder aus dem Verkehr ziehen.
3. Intolerantes Evangelium1
Die frühchristliche Botschaft sagt eine von Gott herbeigeführte neue Epoche an. Sie begann mit dem Kommen seines Sohnes in die Welt, fand in der Auferstehung Jesu von den Toten einen vorläufigen Höhepunkt und sollte sich bei dessen Wiederkunft am Ende der Zeit vollenden. Das Evangelium, wörtlich übersetzt »Frohbotschaft«, hat Jesus Christus zur Mitte. Am Glauben daran, dass Gott ihn zum Heiland bestimmt hat, entscheiden sich Heil und Unheil der Menschen. »Wer da glaubt und getauft wird, wird gerettet werden, wer aber nicht glaubt, wird verdammt werden« (Mk 16,16), heißt es griffig am Schluss des ältesten Evangeliums.
Die Frohbotschaft wandelte sich unversehens zur Drohbotschaft, wenn das Angebot zur Rettung verweigert wurde. Kirchenführer setzten bald Rechtgläubigkeit mit Gehorsam gleich. Sie projizierten ein an der Unterdrückung orientiertes soziales Gefüge in den Himmel und zeigten sich von einer Kultur der Unterordnung geprägt. Vor allem der kanonische Status, durch den die Texte des Neuen Testaments zur ewigen Norm für die Kirche erklärt wurden, hat den Blick dafür getrübt, dass die »heiligen Schriften« aus massiven Machtkämpfen hervorgingen und durch sie geprägt sind.
Bis zum Ende des ersten Jahrhunderts – mit begünstigt durch die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 – hatte die Kirche sich über das ganze römischen Reich ausgedehnt, und zweieinhalb Jahrhunderte später war sie bereits Staatsreligion. Den Boden für ihren enormen Erfolg hatte das Judentum bereitet. Ihm verdankte die Kirche die hochstehende Ethik und das Alte Testament. Welch eine Ironie der Geschichte, dass die christliche Religion ihrer jüdischen Mutter keinerlei Dankbarkeit zeigte, sondern sie zusammen mit anderen Widersachern in das Reich der Finsternis verbannte. Doch erwies sie sich auch gerade darin als eine Tochter, die von der Mutter gelernt hatte. Denn Erbe Israels war auch das Bewusstsein der Erwählung und vor allem der exklusive Monotheismus, der alle anderen Formen der Verehrung Gottes oder der Götter als Götzendienst verurteilte.
Bei ihrer Mission führten die Christen die religiöse Intoleranz des Ersten Gebotes (»Ich bin Jahwe, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir«) in die griechisch-römische Welt ein. Kein Wunder, dass die rivalisierenden heidnischen Religionen, die eine große Duldsamkeit auszeichnete, der Kirche kein Paroli zu bieten vermochten. Diese konnte sich fast ungehindert durch den römischen Staat ausbreiten und war Nutznießerin von dessen toleranter Religionspolitik.
Auch hielten sich die Christenverfolgungen in Grenzen. Von der Sehnsucht nach dem Martyrium getrieben, schlugen sich die Christen oft selbst die Köpfe blutig, weil viele römische Statthalter ihnen nicht den Gefallen der Hinrichtung taten. Einmal an der politischen Macht beteiligt, wussten Bischöfe das staatliche Schwert gegen Heiden, Ketzer und Juden in einem Ausmaß zu lenken, das die Intensität bisheriger Religionsverfolgungen weit übertraf. Beidieser Unduldsamkeit blieb es bis an die Schwelle der Neuzeit.
Entgegen der populären These, dass Luthers Freiheitsverständnis von Toleranz geprägt sei, steht die Unduldsamkeit des Reformators gegenüber Katholiken, Juden, Türken, Heiden und evangelischen Ketzern fest. Die Forderung nach Toleranz erhoben Humanisten und christliche Minderheiten zunächst ohne Erfolg. Sie hat sich historisch gegen die christlichen Kirchen durchgesetzt. Und nicht zufällig verlief der Prozess so und nicht anders. Denn die Gesamtrichtung der Heiligen Schrift im Alten und Neuen Testament hat Gott und seine Herrschaft zum Ziel.
Es mag mit dieser gewalttätigen Seite des christlichen Glaubens zusammenhängen, dass im und vom christlichen Abendland aus so viele Kriege geführt wurden, obwohl »Friede« ein Grundbegriff der Heiligen Schrift ist. Indes kommt es darauf an, wie sich »Friede« – der Bibel zufolge – ereignet. Und hier lautet ihre Botschaft, dass der Herr Jesus Christus das Friedensreich durch die Macht, die ihm seit seiner Auferweckung durch Gott zu eigen ist, notfalls mit Zwang durchsetzt. Damit ist für die an ihn Glaubenden ein Gewaltpotential zugänglich gemacht, das sie guten Gewissens gegen Feinde des Evangeliums einsetzen dürfen.
Intoleranz scheint notwendig ein Wesensmerkmal der christlichen Religion zu sein. Das bekennt ein so renommierter Theologe wie Karl Barth auch ganz offen: »Kein gefährlicherer, kein revolutionärerer Satz als dieser: dass Gott Einer, dass Keiner ihm gleich ist! Wird dieser Satz so ausgesprochen, dass er gehört und begriffen wird, dann pflegt es immer gleich 450 Baalspfaffen miteinander an den Leib zu gehen. Gerade das, was die Neuzeit Toleranz nennt, kann dann gar keinen Raum mehr haben.« Es wäre daher verfehlt zu meinen, die Freiheit im allgemeinen und die Religionsfreiheit im besonderen liege in der Konsequenz der christlichen Lehre – auch wenn die »aufgeklärten« Funktionäre der Volkskirche es gern anders hätten, da nur unter dieser Voraussetzung die weitere Mitarbeit der Kirchen im säkularen Staat möglich ist.
Tatsächlich können Theologie und Kirche, welche die Bibel als Richtmaß nehmen, die Religions- und Gewissensfreiheit – Toleranz – ohne taktische Hintergedanken schwerlich gutheißen. Denn Toleranz bedeutet, die Menschenwürde auch ohne ausdrückliche oder stillschweigende Berufung auf Gott unbedingt anzuerkennen. Damit wird sich der eifernde, Gehorsam fordernde Jahwe der Bibel nie abfinden.
JESUS
4. Wer war Jesus?1
Jesus stammt vom Lande. Ein dörfliches Milieu prägt seine Predigt. Sie nennt den Sämann auf dem Acker, den Hirten mit seiner Herde, die Vögel unter dem Himmel oder die Lilien auf dem Felde. Das winzige Senfkorn im Garten wird dem Dorfmenschen Jesus zum Bild für das sichere Kommen des Reiches Gottes – für damalige Juden der zukünftige Vollendungszustand, wenn Gott allein und unbestritten als König herrschen wird.
Aufgewachsen ist Jesus mit mehr als fünf Geschwistern in dem galiläischen Ort Nazareth. Seine Muttersprache war Aramäisch, was nicht ausschließt, dass er einige Brocken Griechisch verstanden hat. Wie die meisten seiner Zeitgenossen konnte Jesus weder lesen noch schreiben. Er arbeitete als Zimmermann. In der heimatlichen Synagoge lernte er Partien aus der Thora auswendig – nicht nur viele Einzelgebote, sondern auch spannende Erzählungen von den Wunderpropheten Elia und Elisa.
Ein Blick auf den Apostel Paulus, der Jesus persönlich niemals begegnet ist, lässt die Grenzen von Jesu Umfeld erkennen. Paulus kam nicht vom Dorf, sondern war Städter. Seine Briefe, die in passablem Griechisch geschrieben sind, spiegeln das Stadtleben wider. In ihnen finden sich Hinweise auf das Rechtsleben, auf Theater und Wettspiele. Jesus dagegen hat wohl niemals ein Theater oder eine Arena gesehen. Dabei war die von griechischer Kultur geprägte Stadt Sepphoris, wo Jesus als Zimmermann Arbeit gefunden hätte, keine fünf Kilometer von Nazareth entfernt. Von Abkunft und Bildung her standen sich in Paulus und Jesus zwei verschiedenen Welten gegenüber. Bei einem Treffen hätte Paulus gegenüber einem solchen Naturburschen wie Jesus nur mit den Achseln gezuckt, dieser aber die spitzfindige theologische Argumentation des Paulus mit Kopfschütteln quittiert.
Indes stimmten trotz aller Unterschiede Jesus und Paulus in wesentlichen Punkten überein. Als Juden glaubten sie an den einen Gott, der Himmel und Erde gemacht und Israel als sein Volk erwählt hatte. Beide lebten in der Gewissheit, Jerusalem sei Mittelpunkt der ganzen Welt. An diesem Ort sollte am Ende der Tage der »Retter« erscheinen; hier befand sich das kultische Zentrum des Judentums, der Tempel. Gleichzeitig hielten die von Gott angeordneten großen Feste wie Passah, Pfingsten und Laubhüttenfest den Zyklus des Jahres zusammen. Dieses Grundgerüst religiöser Überzeugungen teilten Jesus und Paulus mit den meisten Juden ihrer Zeit.
Einen wichtigen Anstoß erhielt Jesus von Johannes dem Täufer, der in der Wüste lebte. Er stand in einer langen Reihe von jüdischen Unheilspropheten, die angesichts des bevorstehenden »Tages Gottes« zur Umkehr mahnten. Zugleich verband er seine Predigt mit der Ansage einer Sündenvergebung, die jenen zuteil werden sollte, die sich von ihm taufen ließen. Damit sei gewährleistet, dass sie dem bevorstehenden Endgericht entgehen könnten. Seine Verkündigung zündete wie der Blitz und führte zahlreiche Juden, darunter Jesus, zu ihm an den Jordan.
Die Mitglieder der Priesteraristokratie in Jerusalem dürften über den Sonderling am Jordan und seine Anhänger irritiert gewesen sein. Hatte Gott nicht ihnen allein den Tempeldienst, der Sühne und Sündenvergebung bewirkte, anvertraut? Für die Machthaber wurde es spätestens dort brenzlig, wo Johannes« Gerichtspredigt auf den politischen Bereich übergriff. Dies bekam der Landesherr Jesu, Herodes Antipas, zu spüren, als Johannes dessen thorawidrige Eheschließung mit einer Verwandten anprangerte. Daraufhin ließ Antipas den Täufer kurzerhand als einen Aufrührer hinrichten.
Wie lange sich Jesus in der Umgebung des Täufers aufgehalten hat, bleibt unklar. Doch zeigt die in den Evangelien sichtbare Rivalität zwischen Jesus- und Johannesjüngern, dass Jesus schon bald nach seiner Taufe durch Johannes eigene Wege gegangen sein muss. Dieser Aufbruch war bei Jesus mit zweierlei verbunden: Ihm behagte auf Dauer die asketische Grundhaltung des Johannes nicht. Ferner entdeckte Jesus in sich die Fähigkeit, Besessene zu heilen. Dies wertete er gegenüber seinen Jüngern als untrüglichen Beweis dafür, dass unter ihnen das Reich Gottes, jene Verwirklichung der reinen Theokratie, vorab präsent sei. O-Ton Jesus: »Wenn ich mit dem Finger Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes zu euch gekommen.«
Jesu Wunderkraft sprach sich in Galiläa bald herum. Die Exorzismen, durch die er psychisch Kranke gesund machte, sind die am besten bezeugten »Wunder« im Neuen Testament. Nerven- und Geisteskrankheiten wurden damals auf die Besessenheit von Dämonen zurückgeführt. Als Oberster dieser bösen Geister galt Satan. Ihn sah Jesus laut eigenem Zeugnis »wie einen Blitz aus dem Himmel fallen«. Damit war die Überwindung Satans, die fromme Juden erst von der Zukunft erwarteten, im Umkreis Jesu bereits gegenwärtige Realität. Jesus heilte Männer, Frauen, Kinder und entriss sie – mythologisch gesprochen – Satans Herrschaft, die keine mehr war.
Das Reich Gottes zeigte sich Jesus zufolge vorab nicht nur in seinen Heilungen – es schlug sich auch in Jesu Gewissheit nieder, am bald eintretenden Ende der Zeiten werde ein von ihm ausgewählter Zwölferkreis von Jüngern als Repräsentant des »wahren« Israel das übrige Israel richten. Diese Erwartung verband sich bei ihm aber nicht mit der Sicht, dass er als Messias oder Menschensohn der kommende Retter sei. Vielmehr ging es ihm darum, dem Reich Gottes den Weg zu bahnen.
Jesu Leben war in seiner entscheidenden Phase geprägt von dem felsenfesten Glauben, im Namen Gottes dessen Gesetz vollgültig auslegen zu müssen. Zu weiten Teilen war seine Thorainterpretation als Verschärfung des Willens Gottes wahrzunehmen. So verbot er die Ehescheidung mit Hinweis auf die gute Schöpfung Gottes, bei der Mann und Frau in der Ehe unwiderruflich ein Fleisch geworden seien. Das Liebesgebot spitzte er auf die Forderung der Feindesliebe zu. Das Schwören verbot er. Ab und zu reduzierte er die Thora und setzte dadurch die Speisegebote faktisch außer Kraft. Aber all das, was nach Autonomie aussah, war gegründet in Theonomie. Jesus konnte diese freien und gleichzeitig radikalen Interpretationen des Gesetzes nur durchführen, weil er meinte, dazu von Gott, den er liebevoll mit »Abba« (= Papa) anredete, die Vollmacht erhalten zu haben.
Exorzist, Gesetzesausleger und Zukunftsprophet war er, gleichzeitig aber auch Dichter und Weisheitslehrer. Jesus erzählte spannende Geschichten von Betrügern und sah in ihrer realistischen Einschätzung der jeweiligen Situation ein Vorbild für sich und seine eigenen Jünger. Das Leben Jesu in dieser Phase ähnelte dem eines unmoralischen Helden. Jesus arbeitete nicht mehr, was für einen jüdischen Lehrer untypisch war, und verlangte von seinen Jüngern, seinem Beispiel zu folgen. Er selbst ließ sich von seinen Verehrern aushalten.
In seine Erzählungen waren Klugheitsregeln eingebettet, die man eher von Philosophen erwartet hätte. In Gleichnissen veranschaulichte er, wie Gott sein Reich herbeiführen werde, nämlich leise und gleichzeitig doch unwiderruflich. Wieder andere Gleichnisse legen schlagend dar, dass Gott das Verlorene sucht. Jesus lieferte in seinem Leben den Kommentar dazu: Er war oft zu Gast bei Zöllnern und Huren. Manchmal bekamen seine Gleichnisse auch einen drohenden Klang: Im endzeitlichen Gericht, unmittelbar vor der Errichtung seines Reiches, vernichte Gott seine Feinde. Dann wende er das Schicksal der Armen, Hungernden und Weinenden zum Guten, zum heilvollen Vollendungszustand, wie die Seligpreisungen der Bergpredigt schlagend darlegen.
Jesus hatte in Galiläa Erfolg. Viele Menschen waren ihm zugetan. Nun zog es ihn nach Jerusalem, um Volk und Führung zur Umkehr aufzurufen. Als er offen Kritik an den im Tempel herrschenden Zuständen äußerte, hatte er in den Augen der jüdischen Führung die Tabugrenze überschritten. Was nun folgte, war nichts im Vergleich zu den Wortwechseln zwischen Jesus und seinen Kritikern in Galiläa. Die Jerusalemer Lokalaristokratie verleumdete Jesus – der doch von Gott allein die Errichtung seines Reiches in naher Zukunft erwartet hatte – als politischen König Israels. Damit war sein Schicksal besiegelt, und Pilatus machte kurzen Prozess. Aber auch Jesu Traum vom Reich Gottes erfüllte sich nicht, sein Leben endete im Fiasko am Kreuz.
An Stelle des Reiches Gottes aber kam die Kirche. Nicht lange nach dem Schock von Karfreitag behaupteten die engsten Jünger, sie hätten Jesus »gesehen«; dieser sei von den Toten erweckt worden und habe auf Petrus (= Stein) seine Kirche gegründet. Als auferstandener Gottessohn erteile er ihnen persönlich Weisungen. Fortan war nicht mehr das Kommen des Gottesreiches zentral; vielmehr rückten die Wiederkunft des auferstandenen Jesus und seine geheimnisvolle Gegenwart bei den Mahlfeiern in den Mittelpunkt. Urplötzlich beanspruchte Jesus Würdetitel, die er zu seinen Lebzeiten abgelehnt hatte: er nannte sich »Herr«, der allen Herren dieser Welt überlegen sei, »Menschensohn«, der auf den Wolken des Himmels zum Endgericht erscheine, »Gesalbter«, der zur Rechten Gottes sitze. Die dogmatische Lehre über Christus (»Christologie«), die alle Vollmachtsansprüche des historischen Jesus deutlich übertraf, war damit geboren. Sie rückte den historischen Jesus, der zwischen sich und Gott deutlich unterschieden hatte (»niemand ist gut außer einem einzigen, nämlich Gott«), in die Nähe Gottes, ja setzte beide gleich (»ich und der Vater sind eins«).
Wusste sich Jesus allein zu seinen jüdischen Zeitgenossen gesandt, so erweiterte sich das Blickfeld der Kirche rasch gewaltig. Zur aramäisch sprechenden Urkirche stießen bald griechischsprachige Juden – die den Mann aus Nazareth nicht einmal persönlich kannten – und trugen die christliche Botschaft zu den Heiden. Ihr berühmtester Schüler und einstiger Verfolger, der Expharisäer Paulus, »sah«, ebenso wie die engsten Jesusjünger vor ihm, den Auferstandenen und fühlte sich von diesem zum Apostel der Heiden berufen. Dieser jüdische Gelehrte gab der Heidenmission den entscheidenden Impuls, indem er sie im großen Stil organisierte und schrifttheologisch begründete. Motto: Die heilige Schrift Israels ist ein rein christliches Buch, die das Kommen Jesu und der Kirche im Voraus angekündigt hat.
War es schon eine Tragödie, dass der historische Jesus in Jerusalem einer politischen Intrige zum Opfer fiel, so gilt das gesteigert von der Art und Weise, wie die ersten Christen Jesu Predigt vom Gottesreich zur Lehre von der Gründung der Kirche durch den »Auferstandenen« verfälschten. Bis heute haben sie darin fromme Nachfolger gefunden.
5. Als Johannes der Täufer Karriere machte1
Johannes der Täufer stand in einer langen Reihe jüdischer Propheten, die zur Umkehr mahnten. Er verband die Bußforderung mit einer Taufe zur Vergebung der Sünden und der Ankündigung, dass nach ihm ein »Stärkerer« zum Gericht kommen werde. Für die Christen war dies Jesus, auf dessen Geburt Johannes nach den Evangelien verwies.
Als Wüstenbewohner trug der Täufer ein Kleid aus rauem Kamelhaar mit einem ledernen Gürtel. Damit erinnerte er an den Gottesmann Elia, dessen endzeitliche Wiederkunft viele Juden erwarteten. Johannes’ Auftreten knüpfte an prophetische Traditionen an, denen zufolge Israels zukünftiges Heil sich in der Wüste verwirklichen sollte. Massen strömten zu ihm an die Ostseite des Jordan, nahe der Einöde am Toten Meer. Auch Jesus von Nazareth und einige seiner späteren Jünger ließen sich taufen.
Das Wirken des Johannes begann demnach vor dem öffentlichen Auftreten Jesu (ca. 30 n. Chr.). Er überlebte seinen berühmtesten Täufling aber auch um etliche Jahre. So berichtet der jüdische Historiker Josephus von der Hinrichtung Johannes des Täufers durch seinen Landesherrn Herodes Antipas in der Festung Machärus östlich des Toten Meers – der Evangelist Markus setzt fälschlich die königliche Residenz in Tiberias in Galiläa als Ort der Exekution voraus – und fügt hinzu, laut jüdischer Volksmeinung habe Gott als Rache für diese Untat das Heer des Antipas durch den Nabatäerkönig Aretas IV. vernichten lassen.
Diese Schlacht fand im Jahr 36 n. Chr. statt. Dann aber lag der Tod des Täufers dazu in unmittelbarer Nähe. Hiergegen kommen die ersten drei Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas) nicht an; ihnen zufolge gehören Johannes’ Gefangennahme und Tod ungefähr ins Jahr 28 n. Chr., also in die Zeit vor dem Auftreten Jesu. Doch hat diese »Chronologie« keine historische Basis und ist allein im theologischen Urteil begründet, dass Johannes der Vorläufer Jesu sei.
Die Johannestaufe schuf im Judentum etwas Neues. Im Unterschied zu den bisher üblichen Waschungen, die nicht Sündenvergebung, sondern kultische Reinheit bewirkten – vor allem nach Berührung mit Totem, nach Ausfluss, Menstruation und Geburt –, war sie ein einmaliger Akt und keine Selbstwaschung; der Täufer vollzog sie persönlich, durch Untertauchen.
Seitdem Jesus durch die »Auferstehung« zur Rechten Gottes erhöht und Mittelpunkt eines Kultes war, mutierte die Johannestaufe zur christlichen Taufe. Sie galt von Anfang an als Aufnahmeritus, obwohl Jesus sie gar nicht befohlen hatte, und wurde fortan auf seinen Namen vollzogen. Die Gemeinden praktizierten sie übereinstimmend, weil Jesus selbst getauft worden war.
Indes bereitete frühen Christen die Taufe Jesu durch Johannes auch Schwierigkeiten. Zum einen geschah die Johannestaufe zur Vergebung der Sünden. Hatte also auch Jesus gesündigt? Da diese Möglichkeit der Überzeugung widersprach, er sei als Sündloser »für unsere Sünden« gestorben, blieb eigentlich nur die Schlussfolgerung übrig, dass seine Taufe überflüssig war.
Zum anderen entstand leicht der Eindruck, dass Johannes einen höheren Rang als der von ihm getaufte Jesus besaß. Auch dies lief dem Glauben der Christen zuwider. Daher gestalteten die Autoren der neutestamentlichen Evangelien die Traditionen von der Taufe Jesu um. Die dabei zu beobachtenden Eingriffe vermitteln aufschlussreiche Einblicke in die christliche Theologie des ersten Jahrhunderts.
Markus, Verfasser des ältesten Evangeliums, das die anderen Evangelisten voraussetzen, stilisiert die Taufe Jesu als Akt der Einsetzung Jesu zum Gottessohn, dessen Kommen Johannes in Übereinstimmung mit der Schrift angekündigt hat.
Matthäus lässt Johannes den Taufwunsch Jesu mit den Worten ablehnen: »Ich habe es nötig, von dir getauft zu werden, und du kommst zu mir?« Doch Jesus beharrt darauf, »alle Gerechtigkeit zu erfüllen.« Damit steht fest, dass Jesus nicht als Sünder, sondern als Gerechter getauft wird.
Lukas erweckt den Eindruck, dass Jesus gar nicht von Johannes getauft wurde, denn zum Zeitpunkt von Jesu Taufe saß dieser bereits im Gefängnis. Damit ist Jesus von Johannes abgegrenzt, und der Verdacht, dass Jesus dem Täufer untergeordnet sei, kommt erst gar nicht auf.
Johannes erzählt gar nicht mehr von einer Taufe Jesu, obwohl er sicher von ihr wusste, und erwähnt auch an keiner Stelle die Bußpredigt Johannes des Täufers. Dieser wird vielmehr zum ersten christlichen Prediger und bezeugt bereits zu Beginn des Johannesevangeliums Jesus als Logos (»Wort«), der von Anfang an bei Gott gewesen sei. Er kündigt Jesus mit den Worten an: »Nach mir kommt ein Mann, der mir voraus ist, denn er war eher als ich.« Wenn der Evangelist hervorhebt, dass nicht Johannes, sondern Jesus das Licht der Welt sei, so ist dies – ähnlich wie die manipulierte Fassung der Täuferlegende im Lukasevangelium – ein Seitenhieb auf Johannesjünger, die solches von ihrem Meister behaupteten.
Die Existenz von Johannesjüngern lässt sich an weiteren Stellen des Neuen Testaments belegen. Sie bestatteten ihren Meister nach dessen Exekution, erzählten von den Einzelheiten seines Martyriums und hielten auch danach feste Gebets- und Fastenzeiten ein. Das Verhältnis zwischen Täufer- und Jesusjüngern verlief anfangs konfliktfrei, umso mehr, als Jesus selbst und einige seiner späteren Jünger vorübergehend dem Täuferkreis angehörten. Durch die Übernahme der Johannestaufe bejahten die ältesten Judenchristen, ebenso wie Jesus zuvor, auch den Inhalt der Verkündigung des Johannes: Naherwartung des letzten Gerichts und Umkehrpredigt.
In der ersten Zeit waren die Übergänge zwischen Jesusbewegung und Johanneskreis fließend, zumal sich beide innerhalb der Glaubenstraditionen der jüdischen Religion bewegten. Dies änderte sich spätestens, als Täuferjünger – wie aus dem Lukas- und Johannesevangelium hervorgeht – ihrem Meister Ehrentitel (»Großer«, »Licht«, »Leben«) zuschrieben, die Christen auch für Jesus in Anspruch nahmen. Ein Bruch war unvermeidlich.
In den sogenannten Pseudoklementinen – einer Reihe von Texten, die vom Leben des heiligen Clemens von Rom handeln – sind gnostische Traditionen aus dem 2. Jahrhundert enthalten. Sie schildern gleichsam die Fortsetzung des Konflikts zwischen Johannes- und Jesusgemeinde und malen Johannes im dunkelsten Schwarz. Er gehöre der auf Eva zurückgehenden weiblichen Falschprophetie zu, Jesus als der wahre Prophet hingegen der auf Adam zurückgehenden männlichen Prophetie.
Die Forschung hat zumeist einen aktuellen Bezug dieser Polemik auf eine Täufergruppe um Johannes abgelehnt. Doch findet sich eine Analogie im gnostischen Traktat »Paraphrase des Seem« aus den Nag-Hammadi-Schriften. Er erzählt von einem erbitterten Kampf zwischen Jesus (= »der Dämon Soldas«), in dem der gnostische Erlöser Derdekeas zeitweise wohnt, und seinem Widersacher Johannes (= »der andere Dämon«). Der gut erhaltene Text, der streckenweise aber nur schwer zu verstehen ist, spiegelt den die Taufe betreffenden Konflikt zwischen zwei Parteien wider und belegt zusammen mit den Pseudoklementinen die Existenz lebendiger sich auf Johannes berufender Täuferkreise im 2. Jahrhundert.
Die Polemik in den genannten Schriften wirkt wie eine Steigerung der Angriffe, die das Johannesevangelium gegen Täuferjünger richtete. Vielleicht hatten die Attacken in der »Paraphrase des Seem« die gnostische Taufbewegung der Mandäer (»die Erkennenden«) im Blick; diese verehrten Johannes den Täufer und lehnten Jesus als Betrüger ab.
Die Mandäer zogen im 2. Jahrhundert aus dem Ostjordanland in das südliche Euphrat-Tigris-Gebiet, wo sich – vor allem in Bagdad und Basra – große Teile von ihnen heute noch aufhalten. Während die Christen den jüdischen Bußprediger Johannes zum Vorläufer Jesu stilisierten, haben die Mandäer den Täufer zum gnostischen Heiligen gemacht.
6. Jede Zeit malte ihr Bild von Jesus1
Dan Browns Roman »Sakrileg« handelt von der Aufdeckung der größten Verschleierungsaktion in der Geschichte. Objekt der Verschwörung ist Jesus, Täterin die katholische Kirche. Sie unterdrückte Dokumente über ihn und seine Familie, aus denen unter anderem hervorgeht, dass er mit seiner Gemahlin Maria Magdalena eine Tochter gezeugt hat.
Mit anderen Worten: Die Figuren im Roman enthüllen allerlei Geheimnisse über Jesus und die frühe Kirche, die, vom Standpunkt der seriösen historischen und theologischen Forschung aus geurteilt, unter die Rubrik »lächerliche Absurditäten« fallen. Dazu gehört, um nur drei weitere Beispiele zu nennen, dass Jesus eine Chronik seines Lebens verfasst haben könnte und Maria Magdalena ein Tagebuch, dass im vierten Jahrhundert Kaiser Konstantin die Evangelien des Neuen Testaments aus mehr als 80 anderen ausgewählt hat und dass sich Jesu Nachkommen im fünften Jahrhundert durch Heirat mit einem französischen Königsgeschlecht vereinten, woraus die Dynastie der Merowinger hervorging.
Diese krude, aber unterhaltsame Geschichte war auch in deutschen Kinos mitzuerleben. Eine hochkarätige Besetzung – mit Tom Hanks in der Titelrolle des Harvard-Professors Robert Langdon, der eher widerstrebend der Wahrheit über Jesus auf die Spur kommt – ließ die Kassen klingeln.
Inzwischen bemühen sich vielerorts Theologen beider großer Kirchen um Schadensbegrenzung und rüsten die Gläubigen gegen die »Verbiegung der biblischen Botschaft«, gegen die »dreiste Erfindung« oder gar gegen den »großen Betrug«, dessen Dan Brown schuldig sei. Dabei kann es nur befremden, dass diese orthodoxen Glaubensrichter die von Brown verfasste fiktive Geschichte – deren Helden freilich viel dummes Zeug erzählen – offenbar nicht von einem betrügerischen oder schlecht recherchierten Sachbuch unterscheiden können. Noch bedenklicher aber ist, dass die christlichen Lehrer, die ihn der Irreführung oder gar des Betrugs zeihen, selbst aus dem Glashaus mit Steinen werfen. Brown erhebt als Autor (zu Recht oder zu Unrecht) lediglich den Anspruch, dass sämtliche in seinem Roman erwähnten Kunst- und Architekturwerke tatsächlich existieren und dass alle Dokumente wahrheitsgetreu wiedergegeben werden, behauptet aber nirgends, dass die Enthüllungen der von ihm erdachten Personen sich auf historisch zuverlässige Fakten beziehen. Wenn rechtgläubige Theologen Brown gleichwohl vorwerfen, historische Ungereimtheiten und Fehler zu verbreiten, sollten sie sich daran erinnern, dass man diesen Vorwurf mit mehr Recht gegen die neutestamentlichen Evangelien erheben kann. Denn deren Verfasser beanspruchen, anders als Brown, durchaus, ein authentisches Jesusbild zu zeichnen.
250 Jahre kritische Bibelwissenschaft haben gezeigt: Die Entwicklung, den Menschen Jesus, seine Worte und Taten zu verfälschen und zu übermalen, begann schon im ältesten Christentum und befindet sich im Neuen Testament bereits in einem fortgeschrittenen Stadium. Die darin enthaltenen Jesustraditionen stehen größtenteils in einem schreienden Gegensatz zu dem, was Jesus wirklich sagte und tat. Historisch geurteilt, haben die frühen Christen sich Jesus so zurechtgemacht, wie er ihren Wünschen und Interessen entsprach und wie er ihnen im Kampf gegen Abweichler und Andersgläubige am nützlichsten zu sein schien. Der charismatische Exorzist Jesus wurde so zum Vollbringer von geradezu monströsen Wundertaten, der jüdische Gleichniserzähler zum missgünstigen Antisemiten, der unstetig umherziehende Wanderprediger zum Weltenherrscher, der einst über Tote und Lebende Gericht halten wird.
Den Kirchenfunktionären, die sich im Fall Dan Brown zu Wort melden, sind diese sicheren Resultate der Forschung keineswegs unbekannt. Dennoch maßregeln sie diejenigen, die daraus in den Kirchen und an den Theologischen Fakultäten die Konsequenzen ziehen, unerbittlich und nehmen in ihrem Übereifer nun sogar die Protagonisten eines Romans und deren absurde Schlussfolgerungen unter Beschuss. Hingegen haben nichtchristliche Juden die ebenso fromme wie skrupellose Verfälschung der Worte und Taten Jesu durch die neutestamentlichen Autoren und ihre Gewährsleute von Anfang an »Betrug« genannt. Sie stellten damit eine weitreichende These auf, die Teil des öffentlichen Gesprächs über Dan Browns Buch und seine Verfilmung werden sollte.
AUFERSTEHUNG
7. Das Grab des Gekreuzigten war nicht leer1
Die Auferstehung Jesu von den Toten ist von der Urkirche bis heute zentraler Inhalt des christlichen Glaubens. Was aber ist unter Auferstehung zu verstehen? Die von ihr handelnden Texte des Neuen Testaments lassen sich in drei Klassen einteilen: Ostererzählungen, die den auferstandenen Jesus in Gegenwart seiner Jünger zeigen; Geschichten vom leeren Grab und Bekenntnisformeln, denen zufolge Jesus von Gott auferweckt wurde oder den Jüngern erschienen ist.
Einem großen wissenschaftlichen Konsens zufolge sind die Erzählungen der Evangelien über den auferstandenen Jesus historisch wertlos. Sie formen nämlich sekundär den Gemeindeglauben aus, der in den Bekenntnisformeln seinen primären Niederschlag gefunden hat.
Jede kritische Beschäftigung mit der Auferstehung Jesu wird daher bei den Bekenntnisformeln einsetzen und von dort aus auch den historischen Wert der Grabesgeschichten prüfen.
Der Apostel Paulus zitiert im ersten Brief an die Korinther, Kapitel 15, Verse 3–5, eine Bekenntnisformel, die er als Teil christlichen Unterrichts in den dreißiger Jahren gelernt hat: »Christus starb für unsere Sünden nach den Schriften und wurde begraben, er ist am dritten Tag auferweckt worden nach den Schriften und erschien dem Kephas (= Petrus), dann den Zwölfen.« Nach der Aufzählung weiterer Auferstehungszeugen betont Paulus, dass Christus auch ihm erschienen sei.
In dieser katechetischen Tradition geht es um einen doppelten »Beweis«: einerseits aus den Schriften, auf die jedoch nur allgemein verwiesen wird, und andererseits aus einer bestätigenden Tatsache. Dabei bekräftigt die Aussage über das Begräbnis Jesu seinen Tod und die Aussage über die Erscheinung vor Kephas die Auferstehung. Die Erscheinung vor Kephas ist offenbar der Grund für das Bekenntnis: »Jesus ist auferweckt worden« beziehungsweise »Gott hat Jesus von den Toten erweckt«.
Das von Paulus zitierte Credo, das in die allererste Zeit der Urkirche hinabreicht, liefert eine wichtige Einsicht: Auslöser des Auferstehungsglaubens war eine Erscheinung, ein »Sichtbar-Werden« Jesu vor Kephas. Das heißt: Kephas hat Jesus in einer Vision gesehen. Eine Vision ist ein Vorgang im menschlichen Geist und Produkt der eigenen Vorstellungskraft, obwohl Visionäre es regelmäßig anders einschätzen. Sie empfangen von außen Bilder, die Vision wirkt auf sie mit der vollen Kraft einer objektiven Tatsache.
Demgegenüber schildern die Grabesgeschichten den Beginn des Ostergeschehens ganz anders: Frauen hätten das Grab Jesu leer aufgefunden. Der älteste Bericht davon steht im Markusevangelium, Kapitel 16, Verse 1–8. Er besteht aus drei Teilen: Die Frauen sind zunächst auf dem Wege zum Grab, dann im Grab, und schließlich fliehen sie vom Grab. Sie hatten im leeren Grab einen engelhaften Jüngling getroffen, dessen Verkündigung den Mittelpunkt der Geschichte bildet: »Ihr sucht Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten; er wurde auferweckt, er ist nicht hier.«
Die Botschaft des Jünglings setzt das Credo der Auferweckung Jesu voraus, das sich bereits bei Paulus findet. Daraus wird nun aber gefolgert, dass Jesus »nicht hier« ist. In dem damit erbrachten Beweis für die körperliche Auferstehung Jesu spiegelt sich die Tatsache wider, dass die Verkündigung der Auferweckung Jesu durch die Jünger die Frage nach dem Verbleib seines Leichnams geradezu provozierte. Das Matthäusevangelium berichtet von dem Gerücht, die Jünger hätten den Leichnam Jesu gestohlen. Auch die älteste Grabesgeschichte ist demnach eine Ausformung des Glaubens an die Auferweckung Jesu und ihm gegenüber chronologisch nachgeordnet.
Es bleibt also dabei: Der Osterglaube wurzelt den ältesten Traditionen zufolge in einer Erscheinung Jesu vom Himmel her und nicht in der Entdeckung eines leeren Grabes oder gar in der Begegnung mit einem wiederbelebten Leichnam, wie ihn die Ostererzählungen der Evangelien zeichnen. In diesen verzehrt Jesus vor den Augen der Jünger Fisch und Brot, fordert sie auf, ihn zu berühren, und kehrt erst 40 Tage nach seiner Auferstehung in den Himmel zurück.
Blicken wir auf die Hinrichtung Jesu zurück, so ist sicher: Der Tod Jesu war ein Schock für die Jünger. In sehnsüchtiger Hoffnung auf das Reich Gottes hatten sie sich gemeinsam mit Jesus nach Jerusalem begeben. Dessen Kreuzigung schien ihre Hoffnungen zu zerstören, durch die Ostererscheinungen wurden sie noch übertroffen. Petrus hatte Jesus lebendig gesehen. Damit war der Inhalt der Vision den anderen vorgegeben. Die Erstvision des Kephas wirkte förmlich ansteckend, ihr folgten unmittelbar weitere, bis schließlich auch Paulus, der Jesus nicht einmal persönlich gekannt hatte, eine Christusvision empfing.
Der älteste Osterglaube begann als Schau des bei Gott befindlichen Jesus. Dieses Phänomen haben wir bereits mehrfach »Vision« genannt, denn Jesus blieb tot. Der auferstandene Jesus existierte nur in den Fantasien seiner Anhänger. Jedoch griff er den Jüngern zufolge unaufhörlich in die Geschichte ein, stattete sie sogar mit dem Mandat zur Sündenvergebung aus und sandte sie in alle Welt. Der Auferstandene besaß eine ungeheure Stärke und teilte seine Allmacht mit den Seinen. Hier reicht der Begriff »Vision« zur Beschreibung nicht mehr. Das zugrunde liegende Phänomen weitet sich zur Halluzination. Und die behauptete Auferweckung Jesu durch Gott wird zum Auferstehungswahn.
Menschen, die ihre fünf Sinne beisammen haben, führt die Einsicht in den ältesten christlichen Auferstehungsglauben unweigerlich zur Kritik an diesem Glauben. Denn Jesus wurde gar nicht von den Toten auferweckt, obwohl Christen es bekennen und die Kirche darauf gebaut ist. 2000 Jahre lang übte der Glaube an die leibliche Auferstehung Jesu eine ungeheure Wirkung aus. Sie erweist sich nun als eine Selbsttäuschung von welthistorischem Ausmaß.
8. Die Legende vom heiligen Grab1
Vor genau 100 Jahren besuchte Kaiser Wilhelm II. das Heilige Land. Viele verlachten und bespöttelten damals seine Jerusalemreise, die vor allem politischen Zielen diente. Der Kaiser wollte nämlich die am Suezkanal stehenden Engländer darauf aufmerksam machen, dass mit ihm und seinem deutschen Reich auch im Nahen Osten fortan zu rechnen sei. Aber er verfolgte mit seiner Wallfahrt auch einen religiösen Zweck. Er empfahl sich nämlich dadurch als Protektor sowohl der evangelischen als auch der römisch-katholischen Kirche. Gleichzeitig wollte Wilhelm mit seiner Palästinareise Sympathie für die jüdische Bevölkerung Jerusalems bekunden. Diese revanchierte sich prompt durch den Bau eines Triumphbogens für den Monarchen, auf dem mit hebräischen und deutschen Buchstaben ein biblischer Psalmvers stand: »Gesegnet sei, der da kommt! Im Namen des Herrn grüßen wir Euch aus dem Hause des Ewigen«. Der Kaiser gedachte aber auch seiner christlich-abendländischen Herkunft und stiftete zwei Kirchen: die katholische Dormitiokirche auf dem Zionsberg, die an der Stelle steht, wo die Jungfrau Maria entschlafen sein soll, und die nahe bei der Grabeskirche gelegene deutsch-lutherische Erlöserkirche, mit deren Konstruktion man bereits 1893 begonnen hatte. Ihr 45 Meter hoher neuromanischer Glockenturm war vom Kaiser selbst entworfen worden. Für eine der Glocken hatte er sogar ein Wort des Propheten Jesaja als Aufschrift ausgewählt: »Tröstet, tröstet mein Volk und redet mit Jerusalem freundlich« (Jes 40,1–2). Die Erlöserkirche wurde am Reformationsfest 1898 feierlich eingeweiht, und Wilhelm II. ritt mit großem Pomp in Jerusalem ein. Ein seidener Kreuzrittermantel bedeckte dabei seine weiße Ulanenuniform.
800 Jahre zuvor hatten sich bereits andere politische Aspiranten als Verteidiger des Heiligen Landes empfohlen. Die Kreuzritter, an deren Beispiel Wilhelm II. erinnern wollte, unternahmen seit Ende des 11. Jahrhunderts zweihundert Jahre lang Kriegszüge ins Heilige Land, um dort christliche Besitzrechte wiederherzustellen. Der erste Kreuzzug wurde ausgelöst durch den Aufruf von Papst Urban II. im Jahre 1095. Er forderte den christlichen Adel auf, Jerusalem von den ungläubigen Muslimen zu erlösen und das Heilige Grab in Jerusalem zu befreien. Etwa 100.000 Menschen – davon ungefähr acht Prozent Adlige und Ritter, der Rest Idealisten, einfaches Volk und zum Teil Kriminelle – zogen in einem beispiellosen Akt höherer Seeräuberei in zwei Schüben ins Heilige Land. Ihr gewaltiges Aufgebot charakterisierte der berühmte englische Historiker Edward Gibbon wie folgt: »Es waren die Dümmsten und Wildesten, die ihre Andacht mit einer brutalen Zügellosigkeit von Plünderung, Prostitution und Trunksucht mischten.« Jerusalem wurde wieder christlich, als das Kreuzfahrerheer es am 15. Juli 1099 eroberte. Das Gemetzel war furchtbar. Leidtragende waren die dort ansässigen Muslime und Juden. Letztere verbrannte man bei lebendigem Leibe in ihren Synagogen. Die christliche Herrschaft über Jerusalem dauerte aber nur knapp 100 Jahre: Sie fand ihr Ende durch den Sultan von Ägypten und Syrien, Saladin, im Jahre 1187. Er war toleranter als die Eroberer und ließ die christliche Bevölkerung in Frieden. Doch befahl er, alle christlichen Spuren auf dem Tempelberg zu verwischen. Fortan blieb der Platz auch nach weiteren vergeblichen Kreuzzügen in muslimischem Besitz. Schon seit dem Jahre 691 ziert ihn der Felsendom, das früheste und bedeutendste islamische Heiligtum in Jerusalem. Es hat die Jahrhunderte fast intakt überstanden.
Die gewaltsame christliche Wiederaneignung von Orten, die von Ungläubigen in Besitz genommen waren, hat eine lange Geschichte. 800 Jahre vor Beginn des ersten Kreuzzugs legte Kaiser Konstantin (306–337 n. Chr.), der sich auf dem Sterbebett christlich taufen ließ, unter maßgeblicher Einwirkung seiner frommen Mutter Helena die eigentliche Grundlage für die Verehrung der heiligen Stätten im Heiligen Land. Zu jener Zeit beschritt man christlicherseits den Weg, heidnische Tempel in Kirchengebäude umzuwandeln, damit der Kern der jeweiligen Städte mit Gotteshäusern angereichert werde. Wie das in Palästina vonstatten ging, schildert der Kirchenvater und Günstling Konstantins, Euseb von Cäsarea (ca. 260–340 n. Chr.). Er erzählt in seiner Schrift »Über das Leben des seligen Kaisers Konstantin«, wie im Jahre 326 n. Chr. unter einem Tempel der Venus das Grab Christi wieder aufgefunden worden sei. Es heißt dort:
Diese Heil bringende Höhle hatten einige Gottlose und Verworfene bei den Menschen gänzlich in Vergessenheit bringen wollen, von dem Wahne geleitet, dadurch wohl die Wahrheit verbergen zu können … (Aber nach der Zerstörung des Venustempels) zeigte sich wider alle Erwartung das hehre und hochheilige Denkmal der Auferstehung (III 26–28).
Daraufhin gab Konstantin unverzüglich den Befehl,
ein gotteswürdiges Bethaus rings um die Grotte des Erlösers, mit reicher, wahrhaft königlicher Pracht, zu bauen (III 29).
Es konnte nicht ausbleiben, dass bald danach weitere Sensationsfunde folgten: Konstantins Mutter Helena entdeckte unter kräftiger Mithilfe des Jerusalemer Bischofs Kyrill das Kreuz, an dem Jesus gestorben war, in unmittelbarer Nähe seines Grabes wieder. Denn – so die Überlieferung – der Heilige Geist gab ihr ein, sich auf die Suche nach dem Kreuzesholz zu begeben. Sie habe drei Kreuze gefunden, ohne dass das echte für sie erkennbar gewesen sei. Aber der Heilige Geist habe sie natürlich nicht im Stich gelassen und ihr auf dem mittleren Kreuz die Kreuzesinschrift geoffenbart, durch die es zweifelsfrei als das Kreuz Jesu identifizierbar war.
Dies alles führte zu einer wahren Springflut von Neuentdeckungen und Wiedererkennungen derjenigen Orte, an denen Jesus während seines letzten Jerusalemaufenthaltes gewesen sein soll. Das Kreuzesholz von Jerusalem vervielfältigte sich sprunghaft, denn Splitter von ihm wurden in alle Welt zerstreut, die, addiert, das Material für Hunderte von Kreuzen liefern würden. Die Wiederentdeckung des Felsens Golgatha, auf dem Jesus nach den Berichten des Neuen Testaments gekreuzigt wurde, schloss sich unmittelbar an; den Felsen verlegte man, unter Bezug auf biblische Hinweise, in die direkte Nähe des Grabes Jesu, so dass er sich bald im Bereich der Grabeskirche befand. Beide Orte, das Grab Jesu und Golgatha, wurden zu Heiligtümern in orientalischem Sinne: Golgatha als Mittelpunkt der Welt, das Grab als eine seit Weltbeginn heilige Stätte, schließlich Tod und Auferstehung als Offenbarung des geheimnisvollen Sinnes beider Orte. Mit dem Bau der Grabeskirche und infolge der mit ihr verbundenen Deutungen nahm der Pilgerstrom nach Jerusalem ungeahnte Ausmaße an und wurde auch durch die muslimische Eroberung Palästinas im 7. Jahrhundert nicht wirklich beeinträchtigt.
Religiöses Bedürfnis verlangte von Anfang an danach, Orte des Heiligen Landes und die in der Bibel erzählte Geschichte miteinander in Beziehung zu setzen. Dabei spielte es keine Rolle, dass diese Identifizierungen in vielen Fällen auf tönernen Füßen standen. So sind z. B. weder der Ort der Himmelfahrt Jesu auf dem Ölberg, wo sich sogar ein Fußabdruck Jesu erhalten haben soll, noch der Ort des Heimgangs der Maria tatsächlich identifizierbar. Der Schwindel mit Reliquien kam hinzu. Ein makabres Beispiel hierfür ist die besondere Vorliebe deutscher Adliger im 15. Jahrhundert, die Überreste derjenigen Säuglinge aufzuspüren, die König Herodes – in der Hoffnung, unter ihnen befinde sich auch das Jesuskind – dem Evangelium nach Matthäus zufolge umgebracht haben soll. Diese Säuglinge waren allerdings schon deshalb nicht auffindbar, weil Herodes den Kindermord von Bethlehem nie begangen hat. Doch boten geschäftstüchtige Händler den gierigen Pilgern Säuglingsleichen zum Kauf an, die in Ägypten einbalsamiert und dann in Mengen nach Jerusalem exportiert wurden.
Irgendwie haben es menschliche Sehnsucht und menschliche Forschungstätigkeit in einer seltsamen Union doch noch geschafft, die beiden wichtigsten heiligen Orte, den der Geburt und den des Begräbnisses Jesu, mit den Angaben der Bibel zu versöhnen. So soll die Geburtskirche in Bethlehem, deren Bau ebenfalls auf die fromme Helena zurückgeht, über der Höhle der Geburt Jesu errichtet worden sein. Doch ist das sicher falsch, da Jesus gar nicht in Bethlehem geboren wurde. Die diesbezüglichen Aussagen der Heiligen Schrift sind Postulate der biblischen Verfasser: Der Messias musste in Bethlehem geboren werden, deshalb wurde er dort auch geboren. Es handelt sich um Prophezeiungen aus dem Alten Testament, deren Erfüllung nachträglich einfach behauptet wurde. Man funktionierte sie also kurzerhand in Geschichte um.
In der Grabeskirche, von orthodoxen Christen »Auferstehungskirche« genannt, verehren christliche Pilger aller Bildungsschichten das ursprüngliche Grab Jesu, auch wenn dieser Lokalisierung zuweilen eine gewisse Konkurrenz durch das von dem Engländer Gordon entdeckte »Gartengrab« erwuchs. Denn dass Jesus in zwei verschiedenen Gräbern bestattet worden sei, das mochte wohl auch der frömmste Pilger nicht glauben. Doch lässt sich gegenüber beiden Fundorten einwenden, dass es zur Zeit Konstantins gar keine jerusalemische Überlieferung über Golgatha und das Grab Jesu gab. Wie der oben angeführte Fundbericht aus der Feder des Kirchenvaters Euseb eindeutig zeigt, war ein Wissen um die Lokalisierung dieses Grabes im 4. Jahrhundert gar nicht mehr vorhanden. Dies ist nicht erstaunlich, wenn man sich die Zeit zwischen dem Leben Jesu und der Hinwendung Konstantins zum Christentum vergegenwärtigt.
Die älteste Quelle zum Grab Jesu, ein Brief des Apostels Paulus an die Korinther aus den fünfziger Jahren des 1. Jahrhunderts, verrät keinerlei Kenntnis seiner Lage. Paulus spricht im Anschluss an Überlieferung davon, Jesus sei nach seinem Tod begraben worden. Diese Aussage bekräftigt die Tatsächlichkeit des Todes Jesu und lässt sich schwerlich dahingehend verwerten, dass den Christen der Ort des Begräbnisses Jesu bekannt gewesen sei.
Außerhalb der paulinischen Briefe finden sich vor dem Jahre 70, dem Datum der Zerstörung Jerusalems, überhaupt keine Hinweise auf das Grab. Der älteste Evangelist, Markus, berichtet davon, dass die Frauen, die das Grab leer fanden, von ihrer Entdeckung niemandem etwas gesagt haben. Das darf dahingehend gedeutet werden, dass Markus seinen Lesern erklärt, warum sie von einem Begräbnis oder einem leeren Grab vorher nichts erfahren haben. Erst die aus der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts stammenden Evangelien nach Matthäus, Lukas und Johannes, die allesamt den Bericht des Markus verarbeiten, sprechen von einer Ausbreitung der Kunde vom leeren Grab Jesu unter den Jüngern. Aber diese Berichte stehen in keinerlei historischem Zusammenhang mit dem, was nach dem Tode Jesu wirklich in Jerusalem geschehen ist.
Auch jegliche Hinweise auf eine Verehrung des Grabes oder auf Wallfahrten nach Jerusalem fehlen für die Zeit bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts. Nach dem ersten jüdischen Aufstand mit der Zerstörung des Tempels im Jahre 70 n. Chr. war nicht nur der jüdischen Gemeinde, sondern auch der jungen Kirche der bisherige Mittelpunkt genommen worden. Angesichts der Entweihung des heiligen Ortes hatte Jerusalem nunmehr wenig zu bieten. Die Situation wurde für Juden und Judenchristen noch schwieriger, als Kaiser Hadrian im Jahre 135 nach dem zweiten jüdischen Aufstand das seit 70 in Trümmern liegende Jerusalem als römische Kolonie namens Aelia Capitolina neu aufbaute und den beschnittenen Juden bei Todesstrafe verbot, sie zu betreten.
Ein erstes sichtbares Interesse für Jerusalem finden wir gegen Mitte des 2. Jahrhunderts bei Bischof Melito von Sardes, der sich auf einer Palästinareise ein Verzeichnis der alttestamentlichen Bücher besorgte. In einer erst vor einigen Jahrzehnten wieder gefundenen Predigt »Vom Passah« klagt er das Volk Israel des Gottesmordes an, geht indes an keiner Stelle auf das Grab Jesu ein. Man hat aus seiner Bemerkung, dass Jesus inmitten von Jerusalem gekreuzigt worden sei, geschlossen, er habe auch dessen Grab besichtigt; die Grabestradition müsse also der Gemeinde bekannt gewesen sein. Aber die Aussage über die Kreuzigung Jesu inmitten Jerusalems darf nicht zu archäologischen Folgerungen missbraucht werden, denn sie ist rhetorisch bedingt: Der Heidenchrist Melito will zeigen, dass die Juden sich nicht einmal gescheut hätten, Jesus inmitten der Stadt umzubringen.
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