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Gerd Lüdemann

Jesus nach 2000 Jahren
Was er wirklich sagte und tat


Vierte, verbesserte Auflage 2014

© 2000 by zu Klampen Verlag, Springe

www.zuklampen.de • info@zuklampen.de

Umschlagentwurf: Groothuis & Consorten, Hamburg

ISBN 978-3-86674-328-1

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ›http://dnb.ddb.de‹ abrufbar.

Dieses Buch ist

James M. Robinson

gewidmet.

Souverän zieht Gerd Lüdemann in »Jesus nach 2000 Jahren« die Bilanz der seit 250 Jahren betriebenen historisch-kritischen Beschäftigung mit den frühchristlichen Schriften. Welche der Jesus zugeschriebenen Worte und Taten müssen als Resultat der früh einsetzenden Legendenbildung betrachtet werden, welche können mit größter Wahrscheinlichkeit als echt gelten?

In dem vorliegenden Buch werden die wichtigsten Jesusüberlieferungen der ersten beiden Jahrhunderte neu übersetzt und dann auf ihre historische Glaubwürdigkeit hin untersucht. Auf diese Weise gelingt es Lüdemann, Orientierung zu bieten angesichts der widersprüchlichen Jesusbilder sowohl in der Flut von populärer und wissenschaftlicher Jesusliteratur der letzten Jahre als auch schon im Neuen Testament selbst.

Gerd Lüdemann, Jahrgang 1946, ist Professor Emeritus für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Universität Göttingen und Visiting Scholar an der Vanderbilt University in Nashville, Tennessee, USA.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Widmung

Über den Autor

Vorwort

Einleitung - Voraussetzungen, Methode und Interesse

Kapitel I - Das Evangelium nach Markus

Kapitel II - Das Evangelium nach Matthäus

Kapitel III - Das Evangelium nach Lukas

Kapitel IV - Das Evangelium nach Thomas

Kapitel V - Kurzvita Jesu

Register aller echten Worte und Taten Jesu

Autorenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Vorwort

Dieses Buch, das ich hiermit in vierter, verbesserter Auflage vorlege, möchte eine Lücke in der theologischen Literatur schließen. Sie ist unter all denen besonders fühlbar, die mit Kirche und Christentum zu tun haben: Geistlichen, Religionslehrern und Religionslehrerinnen sowie vor allem den im steigenden Maße an Jesus Interessierten. Sie alle werden verunsichert von einer widersprüchlichen Fülle von modernen Jesusbüchern, aber auch durch die widersprüchlichen Jesusbilder im Neuen Testament selbst. Dazwischen liegen zwanzig Jahrhunderte, in denen man Jesus in völlig unterschiedlicher Weise verstanden hat.

Die vor rund 250 Jahren entwickelte historisch-kritische Jesusforschung ist zwar zum wissenschaftlichen Standard geworden, konnte aber trotzdem kaum einen allgemeinen Konsens anbahnen. Außerdem haben die letzten zwanzig Jahre, besonders auch aus dem englischsprachigen Bereich, eine Springflut von wissenschaftlicher und populärer Jesusliteratur erlebt, deren Quelle unerschöpflich scheint und sich in die unterschiedlichsten Richtungen ergießt. So erhält der uneingeweihte Leser den Eindruck einer Planlosigkeit, Widersprüchlichkeit und Ausweglosigkeit der Forschung. Sie läßt ihn entweder in Resignation versinken oder um so fester an seinem Glauben festhalten, der über historische Fragen erhaben ist.

Nun sind Resignation oder uninformierter Glaube keine sinnvollen Einstellungen – schon gar nicht in einer Zeit, die einen ungeahnten Schatz an Wissen zu Tage gefördert hat und im gleichen Zuge die eher bescheidene Stellung des Menschen im Kosmos täglich vor Augen führt. Mir scheint es daher überfällig zu sein, die historische Bilanz einer zweihundertfünfzigjährigen kritischen Beschäftigung mit der zentralen Person des Christentums, Jesus von Nazareth, zu ziehen. Dies soll weder themenzentriert noch in einer umfassenden Darstellung von Forschungsergebnissen anderer geschehen, wie sie Albert Schweitzer in seiner klassischen Geschichte der Leben-Jesu-Forschung (6. Auflage, 1951) für das 19. Jahrhundert und Walter P. Weaver (The Historical Jesus in the Twentieth Century 1900-1950, 1999) für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts vorgelegt haben. Auch ist dies keine Biographie Jesu. Es handelt sich vielmehr nur um eine Rekonstruktion der Worte und Taten Jesu als Voraussetzung einer heute noch nicht möglichen Darstellung des Lebens Jesu (vgl. aber immerhin den Versuch in Kapitel V). Ich möchte wichtige erhaltene Jesusüberlieferungen der ersten zwei Jahrhunderte neu übersetzen und sie dann auf ihre historische Glaubwürdigkeit hin untersuchen, und zwar so, daß auch der interessierte Laie den Gedankengang nachvollziehen kann.

Eine wichtige Anregung zu einem solchen Unternehmen haben das von Robert W. Funk ins Leben gerufene Jesusseminar und die von seinen Mitgliedern verfaßten Bände The Five Gospels (1993) und The Acts of Jesus (1998) gegeben, in denen der Grad der Historizität der Worte und Taten Jesu mit verschiedenen Farben markiert wird. Einig mit der Absicht des Jesusseminars, dem ich selbst als »Fellow« angehöre, zu den Worten und Taten des historischen Jesus vorzustoßen, ziehe ich es jedoch vor, auf Farbmarkierungen jeglicher Art zu verzichten, dafür aber die zweifelsfrei auf die jeweiligen Evangelisten zurückgehenden Aussagen in kursiven Buchstaben zu setzen. Denn die Erkenntnis der redaktionellen Bearbeitung in einem ersten Schritt ist die Voraussetzung, um in einem zweiten Schritt die benutzten Überlieferungen zu rekonstruieren und in einem dritten Schritt die mutmaßlich echten Jesusworte und -taten zu erheben. Diese Methode habe ich in einem Werk über die Apostelgeschichte (Gerd Lüdemann: Das frühe Christentum nach den Traditionen der Apostelgeschichte, 1987) erprobt und weiter vertieft in einem Buch über die Auferstehung Jesu (Die Auferstehung Jesu. Historie, Erfahrung, Theologie, 1994, [Neuausgabe Die Auferweckung Jesu von den Toten, 2002]), dessen Analysen der Grabes- und Auferstehungsgeschichten dem vorliegenden Jesusbuch zugrunde liegen.

Die Maßstäbe für diese Untersuchung sind die in der kritischen Bibelwissenschaft der letzten zweihundertfünfzig Jahre entwickelten Methoden, die so lange Gültigkeit behalten, bis neue, bessere an ihre Stelle treten.

Wegen der Fülle der zu behandelnden Texte und des daraus folgenden Gebots der Knappheit habe ich in der Darstellung fast vollständig auf die ausdrückliche Erörterung von Sekundärliteratur verzichtet, aber relativ häufig mit Seitennachweisen in Klammern die Namen von Forschern erwähnt, deren Voten zu bestimmten Fragen ich zitiere oder auf sie verweise. Ich nenne einige mir wichtige Bücher: Walter Bauer: Wörterbuch zum Neuen Testament, 19715; Hans Dieter Betz: Studien zur Bergpredikt, 1985; Rudolf Bultmann: Die Geschichte der synoptischen Tradition, 19799; Hans Conzelmann: Die Mitte der Zeit, 19776; Martin Dibelius: Botschaft und Geschichte I, 1953; Martin Dibelius: Die Formgeschichte des Evangeliums, 19593; Robert W. Funk / Roy W. Hoover: The Five Gospels, 1993; Joachim Gnilka: Das Evangelium nach Markus. 2 Bände, 1978/79; Joachim Gnilka: Das Matthäusevangelium. I. Teil, 1986. II. Teil, 1988; Ernst Haenchen: Der Weg Jesu, 1966; Joachim Jeremias: Die Gleichnisse Jesu, 19657; Adolf Jülicher: Die Gleichnisse Jesu. Zwei Teile in einem Band, 1963; Erich Klostermann: Das Matthäusevangelium, 19714; Erich Klostermann: Das Markusevangelium, 19715; Erich Klostermann: Das Lukasevangelium, 19753; Dieter Lührmann: Das Markusevangelium, 1987; Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. 3 Bände, Mt 1–25, 1985–1997; Adalbert Merx: Die Evangelien des Markus und Lukas, 1909; Gerhard Schneider: Das Evangelium nach Lukas. 2 Bände, 1979; Tim Schramm / Kathrin Löwenstein: Unmoralische Helden. Anstößige Gleichnisse Jesu, 1986; Ethelbert Stauffer: Jesus. Gestalt und Geschichte, 1957; Georg Strecker: Die Bergpredigt, 1984; Gerd Theißen / Annette Merz: Der historische Jesus, 1996; Johannes Weiß: Das Lukas-Evangelium, in: ders.: (Hg.): Die Schriften des Neuen Testaments, neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt von Otto Baumgarten, Wilhelm Bousset (u.a.), 19072. Band 1. Die drei älteren Evangelien. Die Apostelgeschichte, S. 406–525; Julius Wellhausen: Evangelienkommentare, 1987; Paul Wernle: Die synoptische Frage, 1899.

Markierungen der Übersetzungen dienen zur besseren Durchdringung des Textes. Wichtige Zitate aus dem Alten Testament sind rechtsbündig gedruckt und poetische bzw. traditionelle Stücke eingerückt. Die kritische Textausgabe Nestle-Aland, 27. Aufl., liegt der Übersetzung zugrunde.

Zum Aufbau des Werkes ist hier folgendes zu bemerken:

Die Einleitung nennt seine Voraussetzungen und entfaltet Vorgehensweise sowie Methode.

Das erste Kapitel enthält die Übersetzung und Analyse des ältesten Evangeliums, des Evangeliums nach Markus.

Daran schließen sich im zweiten und dritten Kapitel Übersetzung und Analyse der unabhängig voneinander auf das Markusevangelium aufbauenden Evangelien des Matthäus und des Lukas an.

Die Kapitel über das Johannesevangelium und die apokryphen Jesustraditionen, die noch in den ersten beiden Auflagen standen, entfallen. Sie tragen für die Frage nach dem historischen Jesus noch weniger aus, als ich vor einem Jahrzehnt dachte.

Das vierte Kapitel enthält die Übersetzung und Analyse des Thomasevangeliums.

Das fünfte Kapitel bietet eine Kurzvita Jesu. Ich versuche hier, ausgehend von dem sicheren historischen Material, das Leben und Schicksal Jesu von Nazareth nachzuzeichnen. Die Lektüre dieses Abschlußkapitels empfehle ich als Einstieg in das ganze Buch.

Ein Register aller echten Worte und Taten Jesu, ein Autorenverzeichnis sowie ein Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen schließen das Buch ab. Dr. Frank Schleritt möchte ich auch an dieser Stelle für seine freundliche Hilfe bei den ersten beiden Auflagen dieses Buches danken, Ronja Bornemann, Volker Speer und Walter Höfig für ihren unermüdlichen Einsatz bei der vierten Auflage.

Einleitung
Voraussetzungen, Methode und Interesse

Das vorliegende Buch unterzieht die ältesten Jesustraditionen aus den ersten beiden Jahrhunderten einer Analyse und fragt nach ihrer Echtheit. Es ist aus der Überzeugung heraus geschrieben, daß Christen sich zu Jesus in eine glaubwürdige Beziehung setzen müssen, daß aber auch alle anderen Menschen in dem vom christlichen Abendland geprägten Kulturkreis sich der Wurzeln des Christentums in der Person Jesu von Nazareth historisch vergewissern sollten. Für beide Gruppen ist diese Frage zur Bewältigung der eigenen Geschichte und zur Gestaltung der Zukunft wichtig.

Nun besteht nach allgemein anerkanntem Urteil kein Zweifel daran, daß in der frühen Kirche zahlreiche Worte und Taten Jesus erst nach seinem Tod zugeschrieben wurden. Dafür seien hier vorerst nur zwei Beispiele angeführt:

a) Die Selbstaussagen Jesu, der Sohn Gottes zu sein, der für die Sünden der Welt stirbt, sind mit Sicherheit unecht; die frühen Christen haben sie Jesus in den Mund gelegt.

b) Ebenso verhält es sich mit den meisten Wundern. Daß Jesus tatsächlich auf dem See gegangen sei, einen Sturm gestillt, Brot vermehrt, Wasser in Wein verwandelt und Tote auferweckt habe, trifft nicht zu. Diese Taten hat man Jesus vielmehr erst nach seinem Tod bzw. seiner vermeintlichen Auferstehung angedichtet, um seine Bedeutung zu steigern.

Trotzdem haben die frühen Christen dies alles im Rahmen der Kanonisierung als authentisch angesehen, und fortan waren auch unechte Jesusworte und -taten Kernbestand der Heiligen Schrift. Deshalb muß im Blick auf alle Jesusüberlieferungen des frühen Christentums noch einmal rigoros Klarheit geschaffen und geklärt werden, was Jesus denn nun wirklich gesagt und getan hat, was damals wirklich geschehen ist und was eindeutig später hinzugefügt wurde.

Ein solches Vorgehen ist in der Geistesgeschichte der westlichen Kultur begründet und sollte nicht als europäischer Ethnozentrismus verunglimpft werden. Denn abgesehen davon, daß sich die kritische Methode als experimentelle Vorgehensweise auch in allen Gebieten der Naturwissenschaft durchgesetzt und staunenswerte Erfolge vorzuweisen hat, so führte ihre Schwester in den geisteswissenschaftlichen Fächern als philologisch-historische Methode zu einem besseren Verständnis der Vergangenheit. Die Frage nach dem, was wirklich war, und dem, was nicht war, sondern nur behauptet wird, ist unwiderruflich zu einem selbstverständlichen Bestandteil unseres eigenen Lebens geworden. Man mag hier sogar von einer Sittlichkeit des Denkens sprechen, das richtig und falsch, Lüge und Wahrheit nicht nur herausarbeitet, sondern die Unterscheidung zwischen beidem zur öffentlichen Aufgabe macht.

Nun lautet gelegentlich der Vorwurf gegen ein solches Unternehmen der Jesusforschung,

a) es überschätze die eigenen Möglichkeiten, zwischen echt und unecht zu unterscheiden; b) es scheitere daran, daß die Urteile über echt und unecht in der Forschung zum Teil weit auseinander gehen; c) es berücksichtige nicht hinreichend, daß in unechten Jesus-Traditionen durchaus der Geist Jesu enthalten sein könne; d) es sehe von der Rezeptionsgeschichte ab, die unabhängig von der Echtheitsfrage eine Wirkung biblischer Jesustraditionen zeige, von der Milliarden von Menschen in Vergangenheit und Gegenwart zehrten; und e) die Frage nach echt und unecht sei für den Glauben irrelevant, da im geschichtlichen Jesus und im auferstandenen Christus des Glaubens ein und derselbe Herr rede.

Zu a): Diesen Einwand verstehe ich nicht, zumal er nicht in Abrede stellen kann, daß unechte Jesusworte in der Bibel enthalten sind. Dann aber kann, ja muß der Versuch gewagt werden, echte Jesusworte und -taten herauszuarbeiten.

Zu b): Die allerdings vorhandenen unterschiedlichen Rekonstruktionen der Worte und Taten des historischen Jesus sind kein Argument gegen ein solches Unternehmen: Meinungsvielfalt entbindet nicht von der Verpflichtung, sich der historischen Wirklichkeit mit dem Ziel größtmöglicher Objektivität zu nähern.

Zu c): Dies ist nicht zu bestreiten. Um aber den Geist Jesu zu identifizieren, muß zunächst eindeutig geklärt werden, wo denn überhaupt echte Jesustraditionen enthalten sind.

Zu d): Soll etwa die Wirkung von Texten ihren Anspruch einlösen? M.E. kommt man so nicht zum Grund der Dinge. Wenn z.B. Jesus historisch nicht auferstand, dann kann man die urchristlichen Aussagen, die solches behaupten, nicht durch rezeptionsgeschichtliche Überlegungen retten, auch wenn die Wirkung dieser Verkündigung noch so mächtig war und noch so vielen Menschen Trost gespendet hat.

Zu e): Mit diesem theologischen Argument läßt sich jegliche historische Arbeit bekämpfen. Eine historische Vorgehensweise muß die Berufung auf den auferstandenen Christus als außerhalb ihrer Kompetenz befindlich ansehen. Wie soll hier mit nachvollziehbaren Argumenten wahrscheinlich gemacht werden, daß der »Auferstandene« dieses oder jenes gesagt oder gar bestimmte Dinge getan hat? Mit anderen Worten, in diesem Bereich ist für die historische Kritik direkt gar nichts zu gewinnen. Wohl aber mag gefragt werden, ob dieses oder jenes Wort des Auferstandenen auf den geschichtlichen Jesus zurückgeht. Und umgekehrt ist zu prüfen, ob nicht Worte des Auferstandenen zu Worten des historischen Jesus gemacht worden sind. Sollte letzteres der Fall sein, wäre automatisch ein negatives Urteil über ihre Echtheit fällig. Wer den Jesus der Geschichte und den Christus des Glaubens vereinerleit, versucht faktisch, das historische Bewußtsein der Moderne umzukrempeln, das aber nach wie vor Geltung hat. Es ist lebensnotwendig und, nachdem die großen Konfessionen und Religionen versagt haben, allein fähig, Frieden zwischen den Menschen und ihren Ideologien oder Religionen anzubahnen. Das historische Bewußtsein bildet überhaupt einen festen Bestandteil unserer heutigen Welt. Ohne diese Errungenschaft menschlicher Kultur wäre ein vernünftiger Dialog weder in der Politik noch in der Wirtschaft, noch im privaten Bereich möglich. Wie kann es da angehen, daß wir, sobald wir den Bereich der Religion betreten, davon ablassen sollen? Das Ergebnis ist bekannt: eine innere Spaltung bzw. ein Auseinandertreten von Wissenschaft und Religion, das zu Lasten von beiden geht.

Im folgenden seien die Grundlagen und Voraussetzungen meiner Arbeit genannt:

Bezüglich des Verhältnisses der drei ältesten neutestamentlichen Evangelien zueinander liegt den Analysen eine modifizierte Zweiquellentheorie zugrunde. Diese besagt: Das MkEv ist das älteste erhaltene Evangelium und stammt ungefähr aus dem Jahre 70. Mt und Lk benutzten etwa zwanzig Jahre später unabhängig voneinander sowohl das MkEv als auch eine Redenquelle (= Q), die etwa genauso alt wie jenes sein dürfte. Darüber hinaus haben sie jeweils ihre eigenen Sonderüberlieferungen verwendet. Eine Kurzeinleitung auf der Grundlage von Gerd Lüdemann / Frank Schleritt: Arbeitsübersetzung des Neuen Testaments, 2008, ist den Einzelanalysen der Synoptiker jeweils vorangestellt.

Das ThEv aus dem Fund bei Nag Hammadi in Oberägypten im Dezember 1945 gehört unbedingt zu den hier zu untersuchenden Quellenschriften, da es, wie immer deutlicher wird, zum Teil eine gegenüber dem Neuen Testament unabhängige Tradition widerspiegelt (vgl. die Einführung zu Kapitel IV).

Vor der Analyse der Traditionen möchte ich die Kriterien für die Urteile über a) Unechtheit und b) Echtheit von Jesusworten und -taten nennen, die sich mir freilich – das sei hier betont – erst nach der Analyse sämtlicher Texte wie von selbst ergeben haben. Methodenreflexion folgt nämlich organisch arbeitender Methode immer erst nach. Allerdings habe ich nicht zu jeder einzelnen Perikope ausdrücklich gesagt, welches Kriterium mich beim abschließenden Urteil über Echtheit bzw. Unechtheit geleitet hat. Das mag sich der Leser jeweils erschließen.

a) Unechtheitskriterien

Erstens sind solche Worte und Taten unecht, in denen der auferstandene Herr redet und handelt bzw. als Sprecher und Akteur vorausgesetzt wird. Denn Jesus redete und handelte nach seinem Tod nicht mehr selbst. Da aber nicht auszuschließen ist, daß dem »Auferstandenen« Worte oder Taten des historischen Jesus zugeschrieben wurden – historischer Jesus und Christus des Glaubens waren für die frühen Christen identisch –, ist jeweils zu prüfen, ob nicht vielleicht den jeweiligen Worten des Erhöhten ein Wort des Irdischen zugrunde liegt.

Zweitens sind diejenigen Taten unhistorisch, die eine Durchbrechung von Naturgesetzen voraussetzen. Dabei ist es unwichtig, daß die Menschen zur Zeit Jesu diese Gesetze nicht kannten bzw. nicht in naturwissenschaftlichen Kategorien gedacht haben.

Drittens besteht bei sämtlichen Worten Jesu, die Antworten auf Gemeindesituationen einer späteren Zeit geben, ein Verdacht auf Unechtheit.

Viertens – eng mit dem zuletzt genannten Kriterium zusammenhängend – unter dem dringenden Verdacht, unecht zu sein, stehen diejenigen Worte und Taten Jesu, die sich der redaktionellen, d.h. schriftstellerischen Arbeit des Endverfassers der jeweiligen Quelle verdanken.

Fünftens sind diejenigen Worte und Taten unecht, die eine heidnische (und nicht jüdische) Zuhörerschaft voraussetzen. Denn es steht fest, daß Jesus ausschließlich im jüdischen Bereich tätig war.

b) Echtheitskriterien

Erstens dürften viele Worte und Taten Jesu auf der Grundlage des Anstößigkeitskriteriums als echt zu erweisen sein.

Bezüglich der Taten Jesu gehört hierher beispielsweise sein Entschluß, sich von Johannes taufen zu lassen. Die Taufe Jesu war den Christen seit der allerältesten Zeit anstößig, und sie wurde von Anfang an auf verschiedene Weise umgedeutet, vollständig verschwiegen oder von »Jesus« selbst zurückgewiesen.

Bezüglich der Worte Jesu gehören hierher Gleichnisse, in denen »unmoralische Helden« (Schramm / Löwenstein) erscheinen: der Mann, der einen Schatz im Acker findet und das Grundstück kauft, ohne seinen Fund zu melden (Mt 13,44), oder der ungerechte Haushalter, der seinen Rechenschaft fordernden Herrn betrügt, um bei den Schuldnern seines Herrn Unterschlupf zu finden (Lk 16,1b-7). Schließlich handelt Jesus oftmals selbst als unmoralischer Held und pflegt geselligen Verkehr mit Prostituierten und Zöllnern. Auch dies wurde in der jüngeren Tradition verändert bzw. »interpretiert«.

Zweitens ist das Differenzkriterium ein plausibler Weg, echtes Jesusgut zu ermitteln. Bei seiner Anwendung geht es um die Frage, ob Jesusworte und -taten aus den nachösterlichen Gemeinden abgeleitet werden können. Im negativen Fall, bei einer Differenz zwischen den Gemeinden und Jesus, kommt letzterer als Sprecher des jeweiligen Wortes bzw. als Urheber der Tat in Betracht.

Drittens bietet das Wachstumskriterium eine gute Chance, authentisches Jesusgut zu identifizieren. Die Endgestalt bestimmter Texte läßt sich mit einer Zwiebel vergleichen, von der sich eine Haut nach der anderen abziehen läßt. Je älter eine Texteinheit ist, desto stärker ist sie überlagert von jüngerer Überlieferung. Beispiele dafür liegen in den ethischen Radikalismen der Bergpredigt vor.

Viertens sei das Seltenheitskriterium genannt, das sich auf diejenigen Taten und Worte Jesu bezieht, die nur wenige Parallelen im jüdischen Bereich haben.

Fünftens bietet das Kriterium der breiten Bezeugung eine gewisse Gewähr, daß Worte und Taten Jesu echt sind, die unabhängig voneinander mehrfach überliefert wurden.

Sechstens läßt sich zur Eruierung echter Worte Jesu das Kohärenzkriterium verwenden, das jeweils die Frage stellt, ob sich eine bestimmte Aussage oder Tat sicherem Jesusgut nahtlos zuordnen läßt.

Aus all dem wird klar: Wer zu Jesus vordringen will – nicht zu dem Jesus, wie ihn die frühen Christen gezeichnet haben, sondern zu dem Mann aus Nazareth, wie er wirklich war –, muß mit der Schärfe des Verstandes zunächst einmal all das abtragen, was sich nachträglich um die Worte Jesu gelegt hat – in der Hoffnung, so das Urgestein der echten Worte Jesu zu erreichen.

Mit dem Ausdruck »Hoffnung« räume ich ein, daß eine solche Rekonstruktion, wie jede wissenschaftliche Arbeit, immer verbesserungsbedürftig bleibt. Das Bild des Urgesteins macht gleichzeitig deutlich: Nur eine hohe Annäherung an die Worte Jesu ist im günstigsten Fall zu erreichen, nicht aber ihre ursprüngliche Form. Wir stoßen auf das Urgestein, die unmittelbare Nähe, nicht aber auf die Worte Jesu selbst. Das ist ja auch deswegen auszuschließen, weil Jesus aramäisch sprach und seine Worte nur in griechischer Übersetzung erhalten sind.

Gleiches gilt für die Taten Jesu: Auch hier kann es sich, wenn gesagt wird, dies oder jenes sei historisch zutreffend, nur um eine große Nähe zu dem handeln, was damals wirklich geschah. Denn mehr noch als die Überlieferung von Worten zieht die erzählende Wiedergabe von Ereignissen immer eine Veränderung des Ursprünglichen nach sich.

Eine weitere Grenze für das vorliegende Unternehmen ergibt sich daraus, daß Jesu Taten und Worte in einem bestimmten Milieu verwurzelt sind und erst von hierher eigentlich verstanden werden können. Ich trage dem zwar regelmäßig Rechnung und lege partiell Rekonstruktionen dieser Welt Jesu vor. Doch bleibt zweifellos ein beträchtlicher Rest. Gleichzeitig ist darauf zu bestehen, daß in jedem Fall mit der Analyse der Jesustraditionen und nicht mit der Rekonstruktion der Umwelt Jesu zu beginnen ist und daß trotz der genannten Einschränkungen von dieser Analyse ein hoher Grad von Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist.

Alles, was sich über das Gesagte hinausbewegt, betrifft die Frage der religiösen Gewißheit, die nicht Gegenstand dieses Buches ist. Mir ist auch klar, daß die Menschen nicht allein vom Brot der historischen Fakten zu leben vermögen. Wohl aber bin ich der Auffassung, daß die in diesem Werk durchgeführten Analysen und die Rekonstruktionen der historischen Tatsachen wichtige Voraussetzungen für die mit Jesus verbundene religiöse Frage sind.

Dies sei noch kurz angedeutet: Ebenso wie der christliche Glaube in sich zusammenfallen würde, wenn Jesus nie gelebt hätte, so kann er als christlicher Glaube wohl nur weiter existieren, wenn es ihm gelingt, wenigstens in einigen wichtigen Punkten an Jesus anzuknüpfen. Falls dies unmöglich sein sollte, fällt der christliche Glaube zwar nicht automatisch zusammen – kein Glaube wird je durch Argumente widerlegt –, wohl aber müßte er aus Gründen der Redlichkeit auf das Prädikat »christlich« verzichten und sich einen anderen Grund suchen.

Kapitel I
Das Evangelium nach Markus

Dieses Buch, das die altkirchliche Tradition Markus, einem Mitarbeiter des Petrus, zugeschrieben hat, findet sich im Kanon des Neuen Testaments an zweiter Stelle, ist aber das älteste der kanonischen Evangelien. Drei Stücke stehen in unmittelbarem Zusammenhang mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 n.Chr.: die Parabel von den bösen Winzern (12,1–11), die Ankündigung des Greuels der Verwüstung (13,14) und die Notiz über das Zerreißen des Tempelvorhangs (15,38).

Daraus, dass der Autor jüdische Sitten erklärt (vgl. Mk 7,3-4) und aramäische Vokabeln übersetzt (vgl. 5,41; 7,34), ergibt sich, dass er für Christen aus dem heidnischen Bereich schreibt. Er verarbeitet dabei mündliche und schriftliche Quellen (Wundererzählungen, Gleichnisse, Passionsgeschichte u.a.) und legt einen besonderen Akzent auf die „Lehre“ Jesu. In 1,15 faßt er den Inhalt der Predigt Jesu vorab zusammen: Nähe des Reiches Gottes, Umkehrforderung und Aufruf zum Glauben.

Kennzeichnend für Markus ist, dass er die Person und das Wirken Jesu von dessen Kreuzigung und Auferstehung her verstanden wissen will (vgl. 1,34; 3,12; 5,43; 7,36; 8,26.30 und besonders 9,9). Dementsprechend bekennt Jesus sich erst in 14,61f ausdrücklich dazu, der Christus und Gottessohn zu sein.


1,1–8,26 Jesu Wirken in Galiläa und Umgebung
8,27–10,52 Jesu Weg von Galiläa nach Jerusalem
11,1–13,37 Jesu Wirken in Jerusalem
14,1–16,8 Leiden, Tod und Auferstehung Jesu

Mk 1,1-8: Die Wirksamkeit des Täufers

(1) Anfang des Evangeliums Jesu Christi, des Sohnes Gottes. (2) Wie geschrieben ist im Propheten Jesaja:

»›Siehe, ich sende meinen Engel vor deinem Angesicht,

der deinen Weg bereiten wird‹,

[Ex 23,20; Mal 3,1a],

(3) Stimme eines Rufers in der Wüste:

›Bereitet den Weg des Herrn,

macht seine Pfade gerade‹«,

[Jes 40,3 LXX]

(4) trat Johannes der Taufende in der Wüste auf und verkündigte die Taufe der Umkehr zur Vergebung der Sünden.

(5) Und es zog zu ihm das ganze judäische Land und alle Jerusalemer und wurden von ihm im Jordanfluß getauft und bekannten ihre Sünden. (6) Und Johannes war bekleidet mit Kamelhaaren und einem ledernen Gürtel um seine Hüfte und aß Heuschrecken und wilden Honig.

(7) Und er verkündigte und sagte: »Es kommt nach mir der Stärkere, dem ich die Riemen seiner Sandalen gebückt zu lösen nicht würdig bin. (8) Ich taufte euch mit Wasser, er selbst aber wird euch mit heiligem Geist taufen.«

Redaktion und Tradition

Mk bezeichnet mit »Evangelium« noch keine literarische Gattung, auch wenn V. 1 die spätere Ausbildung eines Buchtitels (»Evangelium nach Markus«) begünstigt hat. Vielmehr hat er den Ausdruck der frühchristlichen Unterweisung entnommen (vgl. 1Kor 15,1 mit der in V. 3-5 sich anschließenden vorpaulinischen Formel) und den Konnex mit ihr dadurch ausgedrückt, daß er »Evangelium« jeweils mit einem christologischen Bezug versehen hat: 1,1.14f; 8,35; 10,29; 13,10; 14,9. An sämtlichen angeführten Stellen ist »Evangelium« redaktionell eingesetzt.

V. 1 faßt das ganze MkEv zusammen, das Evangelium von Jesus Christus sein will. Der Ausdruck »Evangelium Jesu Christi« steht in einem Zusammenhang mit dem »Evangelium Gottes« in V. 14, dessen Prediger Jesus selbst ist. Mk geht es um die Verbundenheit des Evangeliums über Jesus Christus (V. 1) mit dem von Jesus gepredigten Evangelium Gottes (V. 14). Damit ist die Einheit von Bericht für und Anrede an seine Leserschaft sichergestellt.

V. 2-4: Das Auftreten des Täufers ist als Anfang des Evangeliums bezeichnet, weil der Täufer Teil von ihm und Mk zufolge – anders als bei Lk – dessen erster Verkündiger (!) ist. (Zum Begriff »verkündigen« vgl. 1,14.38f; 3,14; 6,12 usw.) Das Auftreten des Johannes sei bereits durch das Alte Testament vorausgesagt, und ihm gemäß verhalte er sich. Die Wegbereitung des Johannes besteht in seiner Vorläuferschaft; daher liegt auf V. 2 der Ton, obwohl hier gar kein Jes-Zitat – wie angekündigt –, sondern ein Zitat aus Ex 23,20a und Mal 3,1 steht. Erst in V. 3 folgt das Zitat aus Jes 40,3. V. 4: Die Aussage über die Taufe des Johannes »zur Vergebung der Sünden« ist keineswegs eine Christianisierung, sondern geht ebenso wie die Nachricht über sein Auftreten in der Wüste auf Überlieferung zurück.

V. 5: Dieser Vers ist eine redaktionelle Übertreibung, die aus dem Zitat V. 3 erschlossen ist. Natürlich muß der erste Verkündiger des Evangeliums Zulauf finden.

V. 6: Die Aussagen sind zu spezifisch, um nicht Überlieferung widerzuspiegeln.

V. 7-8: Das Stück ist, abgesehen von der Taufe mit heiligem Geist, eine von Mk eingebaute Überlieferung, die eine Entsprechung in Q (Mt 3,11/Lk 3,16) hat. Die von Mt und Lk bearbeitete Spruchquelle zeigt, daß Johannes hauptsächlich Gerichtsprediger war (vgl. zusammenfassend zu Mt 3,1-12). Mk hat davon wahrscheinlich gewußt, es in V. 8 aber infolge seiner Christianisierung des Johannes unterschlagen.

Historisches

Johannes der Täufer hat am Jordan die Taufe zur Umkehr praktiziert, damit, wie freilich nur aus Q entnommen werden kann, Gott den Täuflingen am unmittelbar bevorstehenden Gerichtstag die Sünden vergebe. Sein Anspruch hat wohl eine Kritik am Tempel mit eingeschlossen, denn dort – nicht am Jordan – wurden im Rahmen der jüdischen Religion Sünden vergeben. Er trat in der Wüste als Asket auf und trug als Wüstenbewohner einen Kamelhaarmantel mit Ledergürtel. Damit wollte er an den Propheten Elia erinnern (2Kön 1,8; vgl. Sach 13,4). Sein Auftreten in der Wüste mag eine prophetische Zeichenhandlung gewesen sein, um das gegenwärtige Israel an Israel in der Wüste zu erinnern. Johannes war in seiner Selbsteinschätzung keinesfalls ein Vorläufer Jesu. Er hatte auch nach seinem Tod eigene Jünger (vgl. 6,29; Apg 19,1-7).

Mk 1,9-11: Jesu Taufe

(9) Und es geschah in jenen Tagen, daß Jesus aus Nazareth in Galiläa kam und im Jordan von Johannes getauft wurde. (10) Und sogleich, als er aus dem Wasser trat, sah er die Himmel geöffnet und den Geist wie eine Taube auf sich herabsteigen. (11) Und eine Stimme erscholl aus den Himmeln: »Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen.«

Redaktion und Tradition

V. 9-11: Die Perikope setzt die Ankündigung von V. 7-8 in Handlung um. Die Näherbestimmung des Stärkeren von V. 7 erfolgt in der Anrede Gottes an Jesus, die die besondere Qualität seiner Person zum Ausdruck bringt: »Du bist mein geliebter Sohn«. Man beachte zusätzlich für den redaktionellen Zusammenhang die Parallelen 9,7 und 15,39, wo jeweils eine Proklamation Jesu als des Sohnes Gottes erfolgt. Innerhalb der Perikope hat Mk »in Galiläa« hinzugefügt. Damit betont er, daß Jesus aus einer anderen Gegend kommt als die zum Täufer hinzutretenden Scharen aus V. 5. An Galiläa liegt ihm viel (vgl. 16,7).

Die Perikope wird auf der Stufe der Tradition formgeschichtlich vielfach als Glaubenslegende klassifiziert, die Jesu Weihe zum Messias erzähle. Jesus werde nämlich in dem Moment, da er die Himmelsstimme (V. 11; vgl. Ps 2,7) höre, zum Sohn Gottes eingesetzt.

Bezüglich der Taufe des Johannes übergeht Mk bei der Erzählung der Taufe Jesu die Tatsache, daß sie zur Vergebung der Sünden geschah. Der Grund dafür ist klar: Eigentlich durfte sich Jesus nicht zur Vergebung der Sünden taufen lassen. Bei Mk wird also zum ersten Mal das urchristliche Bestreben sichtbar, die Taufe Jesu umzudeuten (vgl. später Mt 3,13-15; Lk 3,20f; Joh 1,29-34). Ebenfalls verschweigt Mk die Tatsache, daß Jesus, indem er sich von Johannes taufen ließ, der Gerichtspredigt des Täufers zugestimmt hat. (Freilich hatte er diesen Gerichtsaspekt bereits in V. 8 weggelassen.)

Historisches

V. 9a wirft geschichtlich Licht auf Nazareth als Wohnort Jesu (vgl. noch zu Mt 9,1).

V. 9b: Die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer ist historisch. Jedoch hat Jesus seine Taufe nicht als Einsetzung zum Sohn Gottes angesehen. Das dahinterliegende Konzept stammt aus der Gemeinde, die an Jesus als den Sohn Gottes glaubte (vgl. Gal 2,20; 4,4) und seine Einsetzung zum Sohn Gottes in sein irdisches Leben verlegte. Das war nicht immer so. In der ältesten Zeit meinte man, Jesus sei erst durch seine Auferstehung von den Toten zum Sohn Gottes eingesetzt worden (vgl. Röm 1,4).

Daß Jesu Taufe durch Johannes ein geschichtliches Faktum ist, folgt ferner daraus, daß die christliche Gemeinde damit Schwierigkeiten hatte. So schwächte bereits Mk sie ab, noch stärker dann Mt und erst recht Lk, dem zufolge Johannes gar nicht der Jesus Taufende gewesen sein kann. Das JohEv meint sogar, die Taufe habe überhaupt nicht stattgefunden; ebenso das nicht in den neutestamentlichen Kanon aufgenommene Evangelium der Nazaräer, wo es heißt: »Siehe, die Mutter des Herrn und seine Brüder sagten zu ihm: ›Johannes der Täufer tauft zur Vergebung der Sünden; laßt uns hingehen und uns von ihm taufen lassen!‹ Er aber sprach zu ihnen: ›Was habe ich gesündigt, daß ich hingehe und mich von ihm taufen lasse?‹«.

Mk 1,12-13: Jesu Versuchung

(12) Und sogleich treibt ihn der Geist in die Wüste. (13) Und er war in der Wüste vierzig Tage, versucht durch den Satan, und er war mit den Tieren, und die Engel dienten ihm.

Redaktion und Tradition

V. 12-13: »der Geist« (V. 12) nimmt dasselbe Wort aus V. 10 auf; »die Wüste« (V. 12f) entspricht dem Ort des Auftretens Johannes des Täufers (V. 4). Die Stellung der Geschichte im MkEv – nach Jesu Taufe und nach seiner Proklamation als Sohn Gottes – erklärt sich daher, daß am Anfang der Wirksamkeit von Heiligen im allgemeinen eine erfolgreich durchgestandene Versuchung steht. Dieser Zug geht dann bestimmt auf Mk zurück, falls dieser »versucht durch den Satan« hinzugefügt hat (»Satan« benutzt Mk auch sonst: 3,23.26; 8,33). Vielleicht ist auch noch »40 Tage« redaktionell: Israel war 40 Jahre in der Wüste, Moses 40 Tage auf dem Sinai, Elia wandert ohne Speis und Trank 40 Tage und Nächte durch die Wüste zum Berg Horeb.

Die Überlieferung liegt nur rudimentär vor (vgl. demgegenüber die Tradition in Q: Mt 4,1-11/Lk 4,1-13) und ist im einzelnen nicht mehr rekonstruierbar. Sie will Jesus vielleicht als Gerechten zeichnen, als neuen Adam (vgl. Röm 5,12-21; 1Kor 15,45-49), der den Sohn Gottes verkörpert.

Historisches

Die Tradition ist unhistorisch. Vgl. die Bemerkungen zur Q-Version (Mt 4,1-11/Lk 4,1-13).

Mk 1,14-15: Jesu Predigt

(14) Und nachdem Johannes ausgeliefert worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium Gottes, (15) indem er sagte: »Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen, kehrt um und glaubt an das Evangelium!«

Redaktion und Tradition

Mk gibt eine zusammenfassende lehrhafte Schilderung der Umkehrpredigt Jesu unter dem Einfluß christlicher Missionsterminologie (zu »glaubt an das Evangelium« vgl. 1Kor 15,1-2; Phil 1,27).

V. 14 bezieht sich auf V. 1 zurück. Jesus selbst ist der Prediger des Evangeliums über sich. Jesus kann erst nach dem Ende der Verkündigung Johannes des Täufers auftreten, denn dieser ist nach mk Sicht sein Vorläufer. »Galiläa« ist redaktionell (s. zu V. 9). Jesu Tätigkeit wird ebenso wie die des Täufers und die der Jünger Jesu (6,12) mit »verkündigen« bezeichnet.

V. 15: Die Nähe der Gottesherrschaft ist für Mk der Grund für den Aufruf zur Umkehr und zum Glauben an das Evangelium vom Sohn Gottes (V. 1). Er selbst lebt in der Naherwartung (s. zu Mk 13,30) und glaubt, daß noch in seiner Generation das Ende eintreten wird.

Historisches

Daß Jesu Wirksamkeit in Galiläa ihren Anfang genommen hat, trifft zu, nicht aber, daß Jesus erst nach der Auslieferung, d.h. der Gefangensetzung Johannes des Täufers mit seiner Verkündigung begonnen hat. Dies ist schon deswegen unwahrscheinlich, weil Jesus im Vergleich zum Täufer eine eigene Botschaft ausrichtete. Zu Johannes und Jesus vgl. weiter zu Mt 11,2-11/Lk 7,18-28 und Kap. V dieses Buches.

Mk 1,16-20: Jesu Berufung der ersten Jünger

(16) Und als er am Meer von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder Simons, die Netze im Meer im Bogen auswerfen. Sie waren nämlich Fischer.

(17) Und Jesus sagte ihnen: »Hierher, mir nach! Und ich werde euch zu Menschenfischern machen.« (18) Und sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach.

(19) Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den (Sohn) des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, auch sie im Boot, die Netze herrichten. (20) Und sogleich (be)rief er sie. Und sie verließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und gingen weg, ihm nach.

Redaktion und Tradition

V. 16: »Galiläa« nimmt dieselbe Ortsangabe aus V. 14 auf. Die Namen sind traditionell.

V. 17-18: V. 17a ist mk Einleitung von V. 17b. Der Menschenfischerspruch wurzelt in der Ostersituation, als die Jünger den Missionsauftrag empfingen (ebenso die lk Fassung des Menschenfischerwortes Lk 5,10). Mk paßt das österliche Menschenfischerwort sekundär den Umständen des Lebens Jesu an.

V. 19-20: Diese Verse sind abgesehen von den Namen redaktionell auf der Basis von V. 16-18 komponiert. »Die Aufforderung zündet wie der Blitz. Mit einem Schlage werden die vier Fischer aus ihrem Gewerbe … von einem am See auftauchenden Unbekannten herausgerissen. Die Sache wird sich in Wahrheit wohl etwas anders zugetragen haben« (Wellhausen, 328f).

Historisches

Am Faktum der Anhängerschaft der beiden Brüderpaare an Jesus und ihrem Fischerberuf ist kein Zweifel möglich. Die von Jesus zu seinen Lebzeiten ausgesandten Jünger waren keine Menschenfischer im österlichen Sinne, sondern Sendboten des Königreiches Gottes, die in die galiläischen Orte ausschwärmten (vgl. zu 6,7-13).

Mk 1,21-39: Jesus in Kapernaum

(21) Und sie kommen nach Kapernaum. Und sogleich ging er am Sabbat in die Synagoge und lehrte. (22) Und sie gerieten außer sich über seine Lehre. Denn er lehrte sie mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten.

(23) Und sogleich war in ihrer Synagoge ein Mensch in unreinem Geist, und der schrie auf, (24) indem er sagte: »Was (gibt es zwischen) uns und dir, Jesus, Nazarener? Bist du gekommen, uns zu vernichten? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes!« (25) Und Jesus bedrohte ihn, indem er sagte: »Verstumme und fahre aus ihm aus!« (26) Und der unreine Geist zerrte ihn, und einen lauten Schrei ausstoßend, fuhr er aus ihm aus. (27) Und alle gerieten in Schrecken, so daß sie untereinander Ratschlag hielten und sagten: »Was ist dies? Eine neue Lehre in Vollmacht? Auch den unreinen Geistern gebietet er, und sie gehorchen ihm!« (28) Und die Kunde von ihm verbreitete sich sogleich überall in der ganzen Umgebung Galiläas.

(29) Und sogleich, als sie aus der Synagoge hinausgingen, kamen sie in das Haus des Simon und des Andreas mit Jakobus und Johannes. (30) Die Schwiegermutter des Simon aber lag mit einem Fieber danieder, und sogleich sprechen sie mit ihm über sie. (31) Und er ging hinzu und richtete sie auf, nachdem er sie bei der Hand gefaßt hatte. Und es verließ sie das Fieber. Und sie bediente sie.

(32) Als es aber Abend wurde, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. (33) Und die ganze Stadt war vor der Tür versammelt. (34) Und er heilte viele an mancherlei Krankheiten Leidende. Und viele Dämonen trieb er aus, und er erlaubte den Dämonen nicht zu sprechen, weil sie ihn kannten.

(35) Und sehr früh, noch bei Nacht, stand er auf und ging an einen einsamen Ort und betete dort. (36) Und es verfolgten ihn Simon und die mit ihm waren, (37) und sie fanden ihn und sagen ihm: »Alle suchen dich.« (38) Und er sagt ihnen: »Laßt uns woanders hinziehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkündige. Denn dazu bin ich ausgezogen.« (39) Und er ging und verkündigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.

Redaktion

Mk hat zwecks Zeichnung des ersten Abschnittes von Jesu Wirken die vorliegenden Textblöcke zusammen mit 2,1-12 und 3,1-6 wohl bewußt als Einheit gestaltet (jeweils wird die Zusammengehörigkeit der Vollmacht der Lehre und der Wundertätigkeit Jesu hervorgehoben). Das vorliegende Stück veranschaulicht Jesu Wirksamkeit beispielhaft.

V. 21-28: V. 21-23a und V. 28 sind mk Rahmung. Ein Teil von V. 27 verstärkt das Motiv der vollmächtigen Lehre Jesu.

V. 29a ist eine mk Verknüpfung.

V. 29b: Die Namen jener drei Jünger, deren Präsenz gar nicht nötig ist, stammen aus 1,16-20 und gehen auf Mk zurück, der sich durch den Namen »Simon« hat anregen lassen.

V. 32-34: Das redaktionelle Summarium schildert ebenso wie 3,7-12 und 6,53-56 ausführlich Jesu Heiltätigkeit.

V. 35-39: Die Verse sind eine redaktionelle Bildung und schildern ein dauerndes Wirken Jesu. In dieser Szene erscheint erstmalig das Motiv des Unverständnisses der Jünger (V. 36f), das fortan die Darstellung bestimmen wird. Die Aussage Jesu über seine Verkündigungstätigkeit in V. 38 lenkt auf 1,14 zurück. In V. 39 beachte man die redaktionelle Galiläanotiz (vorher: 1,9.14.16.28).

Tradition

V. 23-27: Die von den redaktionellen Zutaten befreite Erzählung »zeigt die typischen Züge einer Wundergeschichte, speziell einer Dämonenbeschwörung: 1. der Dämon wittert den Beschwörer und sträubt sich, 2. Bedrohung und Gebot des Beschwörers, 3. Ausfahren des Dämons unter Demonstration, 4. Eindruck auf die Zuschauer« (Bultmann, 224). V. 24 enthält eine Abwehrformel des Dämons. Sie erinnert an 1Kön 17,18, wo die Witwe von Sarepta in ähnlicher Weise zu Elia redet und Elia anschließend ihren Sohn heilt.

V. 29-31: Die Geschichte ist ein schlicht erzähltes Heilungswunder, zu dem die magische Handlung (V. 31: »er fasste sie bei der Hand«) und die Veranschaulichung der vollendeten Genesung (V. 31: »sie bediente sie«) passen. Die Erzählung wurde vor allem weiterüberliefert, weil an Simon Petrus ein biographisches Interesse bestand.

Historisches

V. 23-27: Die Tradition ist nicht die genaue Beschreibung eines Wunders Jesu. Wohl aber enthält sie eine allgemeine, zutreffende Erinnerung an Jesu exorzistisches Wirken. Denn die dämonenaustreibende Tätigkeit Jesu gehört zu den sichersten historischen Fakten aus seinem Leben. Vgl. Lk 10,18; 11,20. Doch bleibt festzuhalten: Dämonen gibt es, wissenschaftlich gesehen, nicht. Jesus heilte durch Magie psychosomatisch Kranke im Rahmen seines Weltbildes, das die Existenz von Dämonen voraussetzte. Ob und wie lange die Gesundung anhielt, weiß niemand. Vgl. Gerd Lüdemann: Der echte Jesus, 2013, 26-36.

V. 29-31: Der Bericht von einer Heilung der Schwiegermutter des Petrus dürfte zutreffen. Denn ein Bedürfnis für die Ausbildung einer solchen Erzählung ist schwerlich auszumachen (Differenzkriterium). Die Überlieferung, daß Petrus eine Schwiegermutter hatte, entspricht einer Notiz in den Paulusbriefen, daß Petrus verheiratet war (vgl. 1Kor 9,5).

Mk 1,40-45: Der Aussätzige

(40) Und zu ihm kommt ein Aussätziger, bittet ihn, kniet nieder und sagt ihm: »Wenn du willst, kannst du mich reinigen.«

(41) Und sich erbarmend streckte er seine Hand aus, berührte (ihn) und sagt ihm: »Ich will, sei rein!« (42) Und sogleich verließ ihn die Leprakrankheit und er wurde rein.

(43) Und er fuhr ihn an, warf ihn sofort hinaus (44) und sagt ihm: »Sieh zu, daß du keinem etwas sagst, sondern gehe, zeige dich dem Priester, und bringe ein Opfer für deine Reinigung, das Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis!«

(45) Er (der Geheilte) aber ging hinaus und begann vieles zu verkündigen und das Wort auszubreiten, so daß er (Jesus) nicht mehr öffentlich in eine Stadt hineingehen konnte, sondern er war draußen an einsamen Orten. Und sie kamen zu ihm von überallher.

Redaktion

V. 43-44a: Mk hat dieses Stück ergänzt. Denn es unterbricht den Zusammenhang von V. 42 und V. 44b. V. 44a entspricht zudem der Messiasgeheimnistheorie.

V. 45: Dieser Vers ist an die mit V. 44b abgeschlossene Erzählung redaktionell angefügt. Man vgl. auch noch 1,28 zum mk Interesse daran, daß die Wunder Jesu überall erzählt werden.

Tradition

V. 40-44*: Die Überlieferung wurde stark durch die Geschichte von der Aussätzigenheilung 2Kön 5,1-14 beeinflußt und will zum Ausdruck bringen: Jesus ist der Gottesmann, der die Heilung Naamans durch Elisa noch übertrifft. Das Gebot in V. 44b, daß der (geheilte) Aussätzige sich dem Priester zeigen und ein Opfer bringen solle, entspricht dem Gesetz über die Reinigung von Aussätzigen Lev 14,2-32. Die Genesung soll so – ihnen zum Zeugnis – offensichtlich bestätigt werden.

Historisches

Die Tradition ist als ungeschichtlich zu bezeichnen, da ihre Entstehung und ihr Ziel deutlich geworden sind.

Mk 2,1-12: Die Heilung des Gelähmten

(1) Und als er wiederum nach Kapernaum kam, verbreitete es sich tagelang, daß er im Haus ist. (2) Und es versammelten sich viele, so daß nicht einmal der Platz vor der Tür ausreichte, und er redete zu ihnen das Wort. (3) Und sie kommen und tragen zu ihm einen Gelähmten, der von Vieren getragen wird. (4) Und da sie ihn nicht zu ihm tragen können wegen des Volkes, deckten sie das Dach ab, wo er war, und gruben es auf und lassen die Bahre herab, auf der der Gelähmte lag.

(5) Als Jesus ihren Glauben sah,

sagt er dem Gelähmten: »Kind, deine Sünden sind dir vergeben.« (6) Es saßen dort aber einige der Schriftgelehrten und dachten in ihren Herzen: (7) »Warum redet dieser so? Er lästert! Wer kann Sünden vergeben als Gott allein?« (8) Und sogleich erkannte Jesus in seinem Geist, daß sie so denken, und sagt ihnen: »Warum denkt ihr dies in euren Herzen? (9) Was ist leichter, dem Gelähmten zu sagen: ›Dir sind deine Sünden vergeben oder zu sagen: ›Steh auf und nimm deine Bahre und gehe‹? (10) Damit ihr aber erkennt, daß der Sohn des Menschen die Vollmacht hat, Sünden zu vergeben auf der Erde« –

sagt er dem Gelähmten: (11) »Dir sage ich, steh auf, nimm deine Bahre und geh in dein Haus!« (12) Und er stand auf und nahm sogleich die Bahre und ging vor allen weg, so daß alle außer sich gerieten und Gott priesen, indem sie sagten: »So etwas haben wir noch nie gesehen!«

Redaktion und Tradition

Das Stück enthält zwei erzählerische Spitzen, erstens das Wunder (V. 11–12), zweitens das Wort von der Vergebung der Sünden (V. 10). Letzteres wurde samt der dazugehörigen Szene (V. 6–9) in die Wundererzählung eingefügt. Das Stück V. 5b–10 ist nur im Zusammenhang der Geschichte von der Heilung des Gelähmten verständlich.

V. 1-2: Mk knüpft mit der Ortsangabe in V. 1a an 1,21 an. (Vorher war Jesus »in ganz Galiläa« [1,39] aufgetreten.) Die Überleitung zur nun folgenden Wundererzählung geht auf Mk zurück, einschließlich des Endes von V. 2: »Er redete zu ihnen das Wort« (vgl. 4,33; 8,32). Doch dürfte Mk in V. 1-2 den ursprünglichen Beginn der Erzählung eingeschmolzen haben, da die Anwesenheit Jesu im Haus für das Wunder notwendig ist (vgl. V. 4).

V. 3-5a: In V. 3 wird die ursprüngliche Überlieferung faßbar. V. 3f demonstrieren den Glauben der Träger des Gelähmten. Allerdings vertragen sich in V. 4 »abdecken« und »aufgraben« nicht. Wahrscheinlich hat Mk das Abdecken des Daches eingefügt, weil er an ein mit Ziegeln gedecktes Haus denkt, während das Aufgraben nur bei den palästinischen, aus Lehm gebauten Häusern möglich ist (vgl. weiter zu Lk 5,19).

V. 5b-10a: Wie bereits eingangs bemerkt, stehen innerhalb der Perikope zwei Stücke nebeneinander: eine Wundergeschichte (V. 3-5a.10b-12) und ein Streitgespräch über das Recht des Menschensohnes zur Sündenvergebung (V. 5b-10a). a) V. 3-5a.10b-12: Der große äußere Schwierigkeiten überwindende Glaube der Träger des Gelähmten wirft einen noch größeren Glanz auf den Wundertäter, der diesen Glauben verdient. b) V. 5b-10a: Mit der Bildung dieses Stückes führte die Gemeinde ihr Recht, Sünden zu vergeben, auf Jesus zurück; vgl. Mt 16,19; 18,18 (Bultmann, 13).

V. 10b-12 sind der organische Abschluß der Wundererzählung. Im Zusammenhang mit V. 5b-10a begründet das Wunder die Vollmacht zur Sündenvergebung.

Historisches

V. 3-5a.10b-12: Historisch ist die Heilung des Gelähmten nicht zu nennen. Die Erzählung gehört der Phase der urchristlichen Propaganda an, in der die Gestalt Jesu wie ein Magnet alle möglichen Mirakel an sich zog.

V. 5b-10a: Obwohl die Gestaltung dieses Streitgesprächs sicher erst auf die urchristliche Gemeinde zurückgeht, dürfte der Anspruch Jesu, Sünden an der dafür vorgesehenen jüdischen Instanz vorbei vergeben zu können, historisch sein (vgl. auch Lk 7,36-50). Wer als Jude heilte, wußte auch über den allgemein vorausgesetzten Kausalzusammenhang zwischen Krankheit und Sünde Bescheid (vgl. Joh 5,14; 9,2f; 1Kor 11,30 usw.). Fähigkeit zur Heilung konnte daher direkt zum Anspruch, Sünden zu vergeben, führen, wenn eine zumindest latent antikultische Einstellung wie bei Jesus vorhanden war. Man beachte jedoch, daß Johannes der Täufer Sünden vergeben, aber offenbar keine »Wunder« getan hat.

Mk 2,13-17: Die Berufung des Levi und das Zöllnergastmahl

(13) Und er ging wiederum hinaus am Meer entlang. Und das ganze Volk kam zu ihm, und er lehrte sie. (14) Und als er entlangging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sagt ihm: »Folge mir!« Und er stand auf und folgte ihm.

(15) Und es geschieht, daß er in seinem Haus liegt, und viele Zöllner und Sünder lagen mit Jesus und seinen Jüngern. Denn es waren viele, und sie folgten ihm.

(16) Und die Schriftgelehrten der Pharisäer, als sie sahen, daß er mit den Sündern und Zöllnern ißt, sagten seinen Jüngern: »Mit den Zöllnern und Sündern ißt er?«

(17) Und als Jesus (das) hörte, sagt er ihnen: »Nicht bedürfen die Starken des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.«

Redaktion

V. 13: Dies ist ebenso wie 1,21; 1,39 eine mk Zustandsschilderung. Die Lehre Jesu ist wie 1,14f.21f seinen Taten vorgeordnet.

V. 14: Der Vers bezieht sich auf 1,16-18 zurück und entspricht dieser Stelle z.T. wörtlich. Das zweimal wiederholte Wort »nachfolgen« stammt von Mk.

V. 15-16: Die unvermittelte Nennung der Jünger in V. 15, die hier als eigene Größe bei Mk zum ersten Mal erscheinen, geht auf den Redaktor zurück. Er bereitet damit V. 16 und die Berufung der Zwölf (3,13-19) vor. Die Erwähnung der Schriftgelehrten der Pharisäer verknüpft die vorliegende Perikope mit dem nächsten Abschnitt (2,18-3,6), in dem entweder die Pharisäer allein (2,24) oder zusammen mit anderen Widersachern (2,18; 3,6) gegen Jesus auftreten.

V. 17: Der Satz vom Arzt schärft im Kontext des MkEv der Leserschaft ein, daß Jesus in der Tat Kranke heilt (vgl. 1,23-2,12). Die Verbindung von Sünde und Krankheit war in der vorausgehenden Erzählung (2,1-12) Thema.

Ertrag: Die Perikope verstärkt den Anspruch, der sich bereits in 2,5b-10 zeigte: Jesus ist derjenige, der Sünder ruft und ihnen die Sünden vergibt.

Tradition

Die Perikope enthält zwei Traditionsstücke: a) V. 14: Berufung des Zöllners Levi. b) V. 15-17: ein Streitgespräch mit dem V. 17c überlieferten Logion (»Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder«) als Ursprung. Dabei ist V. 17b (»Nicht bedürfen die Starken des Arztes, sondern die Kranken«) weisheitliche Verallgemeinerung von V. 17c. Die Szene V. 15f, die in sich traditionelles Kolorit hat (Jesus ißt mit Zöllnern und Sündern), wurde nachträglich hinzukomponiert. V. 16, die Frage an die Jünger, mit der Antwort Jesu darauf in V. 17 erweist die Tradition V. 15-17 als Gemeindebildung.

Historisches

V. 14: Die Jüngerschaft des Zöllners Levi ist historisch (doch gelten zur Art und Weise seiner Berufung die gleichen Vorbehalte wie zu Mk 1,16-20).

V. 15-16: Ebenso sind gemeinsame Mahlzeiten Jesu mit Sündern und Zöllnern historisch. Jesus war offenbar oft zu Gast in Häusern, deren Besitzer kein rechtes Verhältnis zur Thora mehr hatten und deswegen nach rechtgläubigem Urteil als gottlos galten.

V. 17b-c: Die Worte V. 17b und V. 17c passen gut in die Situation nach »Ostern« und sind deswegen ungeschichtlich.

Mk 2,18-22: Vom Fasten

(18) Und die Jünger des Johannes und die Pharisäer fasteten. Und sie kommen und sagen ihm: »Warum fasten die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer, deine Jünger aber fasten nicht?«

(19) Und Jesus sagte ihnen: »Können etwa die Hochzeitsgäste, während der Bräutigam bei ihnen ist, fasten? Solange sie den Bräutigam bei sich haben, können sie nicht fasten. (20) Es werden aber Tage kommen, wenn von ihnen der Bräutigam weggenommen wird, und dann werden sie an jenem Tage fasten.

(21) Niemand näht einen Lappen aus neuem Tuch auf ein altes Kleid. Sonst reißt das Füllstück ab, das neue vom alten, und es gibt (nur) einen schlimmeren Riß. (22) Und niemand gießt neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche, und der Wein verdirbt und die Schläuche. Sondern neuen Wein in neue Schläuche!«

Redaktion und Tradition

V. 18a: »Jünger« knüpft an denselben Ausdruck in V. 15f an, »Pharisäer« an dasselbe Wort in V. 16.

V. 18b-20: Mk gibt, abgesehen von dem Zusatz »und die Jünger der Pharisäer«, eine Überlieferung wortgetreu wieder, welche die Zeit Jesu und die Zeit nach seinem Tod unterscheidet. V. 18b*-19a: Die Urtradition, die mit ihrem argumentativen Charakter den Ursprung in einer Debatte zeigt (Bultmann, 17), bestand aus V. 18b*-19a. V. 19b als Verknüpfung zwischen der Lebenszeit Jesu und der nach seinem Tod und V. 20 als Jesus in den Mund gelegte Prophezeiung sind Weiterbildungen nach dem Abscheiden Jesu.

V. 21-22: Die redaktionellen Eingriffe (kursiv) zeigen das mk Verständnis an: Ebenso wie die Lehre Jesu neu ist, so gehört das Evangelium als neuer Wein in eine neue Form, die gegen die Schriftgelehrten und Pharisäer gerichtet ist. Der Doppelspruch – abzüglich der mk Hinzufügungen – hat seinen Ursprung in der Weisheitsliteratur und kann von jedem, der die Wirklichkeit beobachtet, nachvollzogen werden.

Historisches

V. 18b*-19a: Die Tradition setzt voraus, daß Jesus und seine Jünger nicht gefastet haben. Diese Voraussetzung erweist sich durch das Differenzkriterium als historisch zutreffend, denn in der Gemeinde entwickelte sich alsbald das Fasten als Praxis (s. sofort zu V. 19b-20). Die vorliegende Überlieferung ist sicher authentisch und bezeichnet das damalige Zusammensein Jesu mit seinen Jüngern als Hochzeit. Man wird dabei in der Annahme nicht fehlgehen, daß Jesus das mit den Jüngern eingenommene Mahl, zunächst gelegentlich, als Vorwegnahme des himmlischen Mahls gefeiert hat.

V. 19b-20: Diese Worte sind unecht und wurden Jesus erst nach seinem Tod in den Mund gelegt, um die Fastenpraxis der Gemeinde zu begründen. Vgl. die Frömmigkeitsregel des Fastens in Mt 6,16-18. Jesus und seine Jünger haben nicht gefastet (vgl. das gerade erörterte Traditionsstück V. 18b*-19a).

V. 21-22*: Diese Verse können auf Jesus zurückgehen, doch fehlt die dazugehörige Situation. Hinzu kommt die allgemeine Schwierigkeit in der geschichtlichen Beurteilung weisheitlichen Materials. Das Urteil bleibt unentschieden.

Mk 2,23-28: Das Ährenausraufen am Sabbat

(23) Und es geschah, als er am Sabbat durch die Saatfelder ging, da begannen seine Jünger, unterwegs die Ähren auszuraufen. (24) Und die Pharisäer sagten ihm: »Sieh, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist?«

(25) Und er sagt ihnen: »Habt ihr niemals gelesen, was David tat, als er Not litt und hungerte und die mit ihm, (26) wie er in das Haus Gottes zur Zeit des Hohenpriesters Abiathar eintrat und die Schaubrote aß, die zu essen nur den Priestern erlaubt ist, und auch denen, die mit ihm waren, (davon) gab?«

(27) Und er sagte ihnen: »Der Sabbat ist um des Menschen willen gemacht und nicht der Mensch um des Sabbats willen.

(28) Daher ist Herr der Menschensohn auch über den Sabbat.«

Redaktion

Mk hat verschiedene ihm vorliegende Traditionsstücke an dieser Stelle fast unverändert wiedergegeben. Gleichwohl ist der Abschnitt im Kontext des MkEv fest verankert. Auch die folgende Perikope (3,1-6) behandelt Jesu Stellung zum Sabbat. Im vorliegenden Abschnitt geht es ein weiteres Mal um den Konflikt Jesu mit den jüdischen Oberen und ihrem Gesetz, über dem Jesus als Menschensohn steht, vgl. V. 28: Dieser Vers ist traditionell, aber erst von Mk an das Ende der Perikope gestellt worden.

V. 23: »Seine Jünger« nimmt denselben Ausdruck aus V. 15f auf.

V. 24: »Pharisäer« als Gegner Jesu erscheinen vorher V. 16 und V. 18 (zweimal) und später 3,6.

V. 25-26: Vgl. 1Sam 21,2-7. Doch handelt es sich dort nicht um Abiathar, sondern um seinen Vater Ahimelech. Abiathar erscheint vielmehr erst in 1Sam 22,20. Weder Abiathar noch Ahimelech waren Hohepriester.

V. 27: Der Anfang (»und er sagte ihnen«) ist eine typisch mk Überleitungsformel.

Tradition

Die Perikope wird in der Sekundärliteratur auf zweierlei Art analysiert: a) V. 23f.27 gehören zusammen, und V. 25f.28 sind spätere Zusätze; b) V. 23-26 sind eine ursprüngliche Einheit, und V. 27-28 wurden zusammen oder einzeln hinzugefügt. Gegen Möglichkeit a) spricht jedoch, daß im Streitgespräch die Gegenfrage Jesu (V. 25f) stilgemäß ist. Außerdem dürfte der Schriftbeweis in V. 25f »auch ohne den szenischen Rahmen in den Debatten der Urgemeinde eine Rolle gespielt« haben (Bultmann, 14).

Folgende Schichtung der Perikope ist demnach festzustellen: V. 23-26: Streitgespräch; V. 27: Einzelwort; V. 28: christologischer Schluß.

Historisches

V. 23-26: Dieses Stück geht auf die Gemeinde zurück, denn Jesus verteidigt eine Handlung seiner Jünger.

V. 27: Der Vers ist ein jesuanischer Spitzensatz. Dahinter mag die Vorstellung stehen, daß der Sabbat göttliche Schöpfungsordnung ist, aber gerade deswegen in Extremsituationen dem Menschen als Ebenbild Gottes unterzuordnen sei. Vgl. zum jüdischen Denkhorizont von V. 27 auch 2Makk 5,19: »Der Herr (= Gott) hat nicht wegen des Ortes (= des Tempels) das Volk auserwählt, sondern wegen des Volkes den Ort.« Davon abgesehen, interpretiert Jesus die Thora, allgemein gesagt, von der Liebe her, d.h. unter dem Gesichtspunkt, ob sie dem Menschen dient. Dies hat er eines Tages auf die Kampfesformel von 2,27 gebracht. Es ist kein Wunder, daß sowohl Mt als auch Lk diesen Satz auslassen.

V. 28 ist eine nachösterliche Interpretation (wie 2,10). An ihrer Stelle hätte man vom Gedankengang her eigentlich die Folgerung erwartet: Also ist der Mensch Herr über den Sabbat. Eine solche Formulierung wird manchmal auch für ursprünglich gehalten, indem man eine falsche Übersetzung aus dem Aramäischen annimmt: In der aramäischen Muttersprache Jesu bedeute Sohn des Menschen nichts anderes als Mensch. Aber »Sohn des Menschen« ist nun einmal eine Hoheitsbezeichnung Jesu, wie auch aus anderen Stellen als V. 28 hervorgeht (vgl. 2,10).

Mk 3,1-6: Die Heilung am Sabbat

(1) Und er ging wiederum in eine Synagoge. Und es war dort ein Mensch mit einer vertrockneten Hand.

(2) Und sie belauerten ihn, ob er ihn am Sabbat heile, damit sie ihn anklagen könnten.

(3) Und er sagt dem Menschen mit der verdorrten Hand: »Steh auf in die Mitte!«

(4) Und er sagt ihnen: »Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein Leben zu retten oder zu töten?« Sie aber schwiegen.

(5) Und er blickte sie mit Zorn an. Traurig über die Verstockung ihrer Herzen, sagt er dem Menschen: »Strecke die Hand aus!« Und er streckte sie aus, und seine Hand war wiederhergestellt.

(6) Und die Pharisäer gingen hinaus sogleich mit den Herodianern und faßten den Beschluß gegen ihn, damit sie ihn vernichteten.

Redaktion

Die Geschichte steigert im mk Kontext die Feindschaft zwischen den jüdischen Oberen und Jesus. Nach der erfolgten Heilung fassen diese den Beschluß, Jesus zu töten, was in Mk 14-15 auch gelingt.

V. 1: »Wiederum« verknüpft wie in 2,1 und 2,13 die Perikope mit dem Kontext.

V. 2: Die Sabbat-Thematik nimmt auf die vorige Perikope (2,23-28) Bezug. Die Jesus Belauernden sind die Pharisäer aus 2,24.

V. 3: Dadurch, daß der Kranke in die Mitte treten soll, wird ausgedrückt: Es geht um den Menschen (nicht um das Gesetz) – ebenso wie in 2,27.

V. 6: Dieser Vers ist ein redaktioneller Vorausverweis auf die Passion (vgl. später 8,31; 9,31; 10,33f; 12,12; 14-15). Er verrät ein biographisches Interesse, »das den Streit- und Schulgesprächen sonst fremd ist und der Pointe der Geschichte – die prinzipielle Frage nach der Sabbatheilung – nicht entspricht« (Bultmann, 9).

Tradition

Der Ursprung der Tradition ist eine Wundererzählung. Sie hat zahlreiche begriffliche Parallelen mit der in 1Kön 13,1-10 erzählten (Straf-)Wundergeschichte, welche das Verdorren und die Heilung der widergöttlichen Hand des Königs Jerobeams schildert. Diese Wundererzählung ist später zu einem Streitgespräch über die Sabbat-Thematik weiterentwickelt worden.

Zutreffend Bultmann: Das Streitgespräch hat einen geschlossenen Aufbau. »Sie aber schwiegen« (V. 4) und die Heilung (V. 5) bildeten den organischen Abschluß des Streitgesprächs. Das Logion in V. 4 (»Ist es erlaubt, am Sabbat Gutes zu tun oder Böses zu tun, ein [Menschen-]Leben zu retten oder zu töten?«) war nie isoliert, denn die Frageform entspricht als die typische Form des Gegenarguments dem in V. 2 implizit enthaltenen Vorwurf.

Historisches

Das Streitgespräch über die Erlaubnis, am Sabbat heilen zu dürfen, hat nie stattgefunden. Denn es ist deutlich von den Bedürfnissen der Gemeinde geprägt. Gleichwohl liegt dieser Szene das Wissen darüber zugrunde, daß Jesus zuweilen bewußt das Sabbatgebot übertreten hat (vgl. den Grundsatz Mk 2,27).

Das Wunder der spontanen Heilung der vertrockneten Hand erweist sich durch die Parallele in 1Kön 13,4-6 ebenfalls als unhistorisch, ganz abgesehen davon, daß es die Naturgesetze aufheben würde.

Mk 3,7-12: Großer Zulauf des Volkes und Heilungen

(7) Und Jesus zog mit seinen Jüngern zum See, und eine große Menge von Galiläa folgte (ihm) nach und von Judäa (8) und von Jerusalem und von Idumäa und von jenseits des Jordans und aus (der Gegend) um Tyrus und Sidon eine große Menge.

Als sie hörten, was er tat, kamen sie zu ihm.

(9) Und er sagte seinen Jüngern, daß wegen des Volkes ihm ein Boot zur Verfügung stehen solle, damit sie ihn nicht erdrückten.

(10) Viele nämlich heilte er, so daß sie sich auf ihn stürzten, um ihn zu berühren, (alle) die von Krankheit geplagt waren.

(11) Auch die unreinen Geister stürzten, wenn sie ihn erblickten, vor ihm nieder und schrien: »Du bist der Sohn Gottes.«

(12) Und er bedrohte sie vielmals, daß sie ihn nicht offenbar machen sollten.

Redaktion

Der Abschnitt ist ebenso wie 1,32-39; 6,53-56 eine redaktionelle summarische Bildung (und fällt darum als historische Quelle aus). Im Vergleich zu 1,32-34 ist das Interesse der Menschen an Jesus noch gesteigert. Die Dämonen sprechen nur hier das Bekenntnis, Jesus sei der Sohn Gottes (V. 11; s. aber auch 5,7). Vgl. vorher die Anrede Jesu als des »Heiligen Gottes« (1,24) durch einen Kranken mit einem unreinen (= dämonischen) Geist. Der erzählerische Schwerpunkt liegt in diesem Abschnitt mehr auf den Reaktionen auf Jesu Wundertaten als auf den Heilungen (V. 10a) selbst.

Mk 3,13-19: Die Berufung der Zwölf

(13) Und er steigt auf den Berg und ruft diejenigen, die er wollte, und sie gingen zu ihm.

(14) Und er setzte Zwölf ein, damit sie mit ihm seien und damit er sie sende, zu verkündigen (15) und die Vollmacht zu besitzen, die Dämonen auszutreiben.

(16) Und er übertrug dem Simon den Namen Petrus,

(17) und Jakobus, den Sohn des Zebedäus,

und Johannes, den Bruder des Jakobus,

und er übertrug ihnen den Namen Boanerges,

was bedeutet: Söhne des Donners.

(18) Und Andreas

und Philippus

und Bartholomäus

und Matthäus

und Thomas

und Jakobus, den Sohn des Alphäus,

und Thaddäus und Simon, den Kananäer,

(19) und Judas Iskariot, der ihn auch auslieferte.

Redaktion und Tradition

V. 13 ist mk Einleitung. Der Berg hat wie immer bei Mk eine symbolische Bedeutung und bezeichnet den Ort der Epiphanie (vgl. 9,2).

V. 14b-15 sind eine mk Einfügung, mit der Mk die ständige Begleitung Jesu durch die zwölf Jünger sowie deren spätere Aussendung (6,7-13) motiviert. Die Jünger erhalten die gleiche Vollmacht, Dämonen auszutreiben, wie Jesus sie immer wieder unter Beweis gestellt hat. Wie Jesus so die Jünger.

V. 19b ist Vorverweis auf 14,10-11.

Ertrag: Mk hat in die ihm überlieferte Namensliste der Zwölf referierende Zwischenbemerkungen eingefügt und sie mit einem erzählenden Rahmen versehen. Gleichzeitig fügt er in die Namensliste den Sendungs- und Vollmachtsgedanken ein.

Als Tradition schält sich eine Liste von zwölf Jüngern Jesu heraus, aus der sich noch einmal eine Dreierliste ausgliedern läßt. Diese Trias besteht aus Simon, Jakobus und Johannes, wobei die drei durch die ihnen von Jesus gegebenen Spezialnamen ausgezeichnet werden. Dabei fällt auf, daß der Beiname von Johannes und Jakobus auf aramäisch angegeben wird; Simon erhält dagegen einen griechischen Beinamen, Petrus, der die Benennung mit dem aramäischen Namen Kephas voraussetzt. Mit der Zwölferliste sind die anderen bekannten Zwölferlisten zu vergleichen (Mt 10,2-4; Lk 6,14-16; Apg 1,13), die aber keine großen Abweichungen aufweisen.

Simon der Kananäer (V. 18 Ende) heißt Simon der Eiferer (W. Bauer, 38).

Historisches

V. 14: Es ist sehr wahrscheinlich, daß Jesus zu seinen Lebzeiten einen Kreis der Zwölf berufen hat. Würde man diesen Kreis für eine nachösterliche Schaffung halten, so wäre schwer zu erklären, warum er unmittelbar nach seiner Einsetzung wieder eingegangen sein sollte. Denn Paulus hatte in Jerusalem nicht mehr mit dem Zwölferkreis (1Kor 15,5), sondern mit den drei »Säulen« Kontakt (Gal 2,9). Außerdem spricht die Existenz des Judas als eines der Zwölf für die Historizität des Zwölferkreises zu Lebzeiten Jesu. Denn wer hätte die Zugehörigkeit des Auslieferers Judas zum Zwölferkreis erfinden sollen, wenn dieser Kreis nicht geschichtlich gewesen wäre?

V. 16-17a: Die Übertragung des Namens Petrus (= aram. Kephas) ist ebensowenig historisch wie die Einsetzung eines etwaigen Dreierkollegiums Simon, Jakobus, Johannes (vgl. zu 9,2-8 und Gal 2,9). Beides wurde erst in der Urgemeinde ausgebildet (vgl. zu Mt 16,18-19).

V. 17b: Der Beiname der Zebedaiden, Boanerges, wird vielleicht durch Lk 9,54 historisch plausibel. »Den aramäischen Namen Boanerges für die Zebedaiden erwähnt Lc nicht, kennt ihn aber und erklärt ihn hier. Sie wollen selber das Feuer herabkommen lassen, trauen sich also zu, zu können, was der alttestamentliche Donnerer konnte« (Wellhausen, 504). Einer anderen Erklärung zufolge spielt ihre Benennung nicht auf ihren Charakter, sondern auf den Auftrag zu prophetisch-apokalyptischer Verkündigung an (vgl. Offb 6,1; 10,3f; 14,2; 19,6).

Mk 3,20-35: Die Ablehnung Jesu durch eigene Verwandte und durch Schriftgelehrte

(20) Und er (Jesus) kommt in ein Haus. Und das Volk kommt wiederum zusammen, so daß sie nicht einmal Brot essen konnten. (21) Und als es die Seinen hörten, machten sie sich auf, um ihn zu ergreifen; denn sie sagten: »Er ist von Sinnen.«

(22) Und die Schriftgelehrten, die von Jerusalem kamen, sagten: »Er hat den Beelzebul«, und: »Durch den Führer der Dämonen treibt er die Dämonen aus.«

(23) Und er rief sie und sprach in Gleichnissen zu ihnen: »Wie kann Satan Satan austreiben?

(24) Und wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann jenes Reich nicht bestehen.

(25) Und wenn ein Haus in sich gespalten ist, wird jenes Haus nicht bestehen können.

(26) Und wenn Satan gegen sich selbst aufsteht und gespalten ist, kann er nicht bestehen, sondern es hat ein Ende.

(27) Aber keiner kann in das Haus des Stärkeren eindringen und seine Habe ausplündern, wenn er nicht vorher den Starken bindet. Und dann wird er sein Haus ausplündern.

(28) Amen, ich sage euch: Alles wird den Menschenkindern vergeben werden, die Sünden und die Lästerungen, wieviel sie auch lästern werden. (29) Wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, wird keine Vergebung in Ewigkeit haben, sondern ist der ewigen Sünde schuldig.«

(30) Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist.

(31) Und es kommen seine Mutter und seine Brüder und, draußen stehend, schickten zu ihm und ließen ihn rufen. (32) Und um ihn saß das Volk. Und sie sagen ihm: »Siehe, deine Mutter und deine Brüder und deine Schwestern draußen suchen dich.«

(33) Und er antwortet ihnen und sagt: »Wer ist meine Mutter und meine Geschwister?«

(34) Und er sieht ringsum auf die, die um ihn im Kreise sitzen, und sagt: »Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Geschwister! (35) Denn wer Gottes Willen tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.«

Redaktion

Der Abschnitt Mk 3,20-35 weist die für Mk typische Verschachtelungstechnik auf. Man vgl. die große Anzahl von Belegen – die eingeschachtelte Erzählung ist jeweils in Klammern gesetzt: 5,21-43 (V. 25-34); 6,7-30 (V. 14-29); 11,12-24 (V. 15-19); 14,1-11 (V. 3-9); 14,54-72 (V. 55-65). Die anderen Evangelien des Neuen Testaments, die das MkEv ausschreiben, machen die Verschachtelung häufig rückgängig, ein Grund mehr, diese als Stilmittel des Mk aufzufassen, der damit oft eine zusammenhängende Überlieferung auseinandergerissen und in sie, um einen größeren dramatischen Effekt zu erzielen, eine weitere Erzählung eingearbeitet hat.

V. 20 ist aus sprachlichen und inhaltlichen Gründen ganz auf Mk zurückzuführen.

V. 21: Hier beginnt das Überlieferungsstück, das Mk zerrissen hat.

V. 22-30: Jetzt folgt eingeschachtelt eine Geschichte über »Jesus und die bösen Geister«, in der Schriftgelehrte aus Jerusalem gegen Jesus den Vorwurf erheben, er habe den Beelzebul, d.h. er sei besessen (V. 22). Diese Attacke steigert den Vorwurf der Verwandten aus V. 21, Jesus sei von Sinnen, und wird von Mk den Schriftgelehrten in den Mund gelegt. Jerusalem ist für Mk die feindselige Stadt, in der Jesus getötet werden wird und die deshalb dem Untergang geweiht ist. Schriftgelehrte aus Jerusalem sind für Mk also die schlimmsten vorstellbaren Gegner.

Anschließend (3,31-35) setzt sich die in V. 20-21 begonnene Erzählung fort:

V. 31-32: Mk kennzeichnet »die Seinen« aus V. 21 nachträglich als leibliche Familie Jesu. Auf die Nachricht des Volkes hin (V. 32) definiert Jesus im Folgenden seine Familie neu.

V. 33-35: Nur diejenigen können Bruder, Schwester oder Mutter Jesu sein, die den Willen Gottes tun. Auffällig ist dabei das Fehlen des Vaters Jesu. Den Schlüssel zum Verständnis liefert Mk 10,29-30:

(29) »Es sagte Jesus: ›Amen, ich sage euch: Es gibt keinen, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, (30) ohne daß er Hundertfaches empfangen wird: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker – unter Verfolgungen – und im kommenden Äon ewiges Leben‹.«

Beide Stellen spiegeln eine Gemeinschaft der Nachfolge Jesu wider, die keinen Vater jüdisch-patriarchaler Art kennt. Das läßt sich wohl so erklären, daß Jesus zufolge alle denselben himmlischen Vater haben und deshalb keiner irdischen Väter bedürfen, die Machtansprüche erheben (vgl. Mt 23,9: »nennt nicht jemanden unter euch Vater auf der Erde!«).

Tradition

V. 21.31-35: Die von Mk vorgefundene Überlieferung umfaßt den Grundstock von V. 21.31-35. Sie kann als ideale Szene bezeichnet werden, in der sich Jesus über seine wahre Familie äußert.

V. 22b-27: Dieses Stück hat eine Parallele in Q (vgl. Mt 12,22-30/Lk 11,14-23) und setzt sich aus zwei Einheiten zusammen. V. 22b-26: Die Einteilung in Angriff und Antwort als doppelgliedriges Bildwort (gespaltenes Reich und entzweites Haus) entspricht der typischen Form jüdischer Debatte. V. 27: Dieses Bildwort ist ein ursprünglich freies Logion.

V. 28-29 sind ein Gesetzeswort bzw. eine Gemeinderegel, die im jetzigen Kontext etwas in der Luft hängt, weil vorher vom heiligen Geist nicht die Rede war. Zur Lästerung des heiligen Geistes in V. 29 vgl. Lk 12,10 (Q).

V. 30 rundet den Vorwurf gegen Jesus ab (vgl. V. 22).

Historisches

V. 21.31-35: In der idealen Szene sind zwei Traditionskerne enthalten, die auf historisches Urgestein schließen lassen: a) Die Familie Jesu hielt ihn für »von Sinnen« (V. 21) und wollte ihn ergreifen. Eine solche Nachricht ist zu anstößig, als daß sie hätte erfunden werden können (zur weiteren Begründung s. zu Lk 2,7 unter »Historisches«). Zudem lassen Mt und Lk in der Verarbeitung des MkEv diese Notiz ersatzlos aus (vgl. Mt 12,46-50; Lk 8,19-21). Sie streichen sie also. b) Der Satz V. 35 reflektiert die soziale Struktur von Gemeinden in der Nachfolge Jesu nach »Ostern« (vgl. oben zur Redaktion). Der Vers spiegelt die Situation von ortsansässigen Konvertiten wider, die von ihrer Familie verstoßen worden waren (vgl. Lk 14,26/Mt 10,37), und verheißt ihnen eine soziale Ersatzfamilie. Geschichtlich ist dieser Satz aber nicht, denn er ist aus der Gemeinde abzuleiten. Jesus hatte überhaupt keine Ersatzfamilie im Blick, sondern das Reich Gottes, in dem er mit den Zwölfen herrschen und zuvor Israel richten werde (Mt 19,28).

V. 23b-27: Jesus hat die Sätze Mk 3,27 im Gefühl des sicheren Sieges gesprochen und bezieht sich in ihnen auf Satan. Das gleiche gilt für V. 23b-26. Jesus selbst hat offenbar seine Wunder als Zeichen für das Hereinbrechen des Reiches Gottes aufgefaßt (Bultmann, 11); vgl. Lk 11,20.

V. 28-29: Diese Worte sind unecht, denn sie gehen auf die Gemeinde zurück. Interessant ist, daß es eine zweistufige Sanktion gibt: a) Sünden und Lästerungen werden vergeben (vgl. zu Mt 18,15-18); b) Lästerungen gegen den heiligen Geist sind unvergebbar und werden mit der ewigen Verdammnis bestraft. Wahrscheinlich handelt es sich hier um uneinsichtige Übeltäter (vgl. Mt 18,17), die dann aus der Gemeinde ausgestoßen wurden.

Zur Gleichnisauslegung

Gleichnisse bilden die Mitte der Verkündigung Jesu. Die moderne Gleichnisforschung beginnt mit Adolf Jülicher (1857–1938). Er hatte den radikalen Unterschied zwischen Allegorie und Gleichnis herausgearbeitet. Allegorien seien Deutungen der verschiedensten Einzelpunkte eines Gleichnisses, das man nicht mehr verstand, da die Situation, in der es gesprochen wurde, unbekannt war. „Eine Allegorie liegt dort vor, wo ein Redeganzes erst durch Übertragung aller seiner Hauptbegriffe … auf ein anderes Gebiet zum wahren Verständnis gelangt“ (Jülicher I, 59).

Jülicher sieht die allegorischen Deutungen, die Jesus in den Mund gelegt wurden, als spätere Zutaten an. Die Gleichnisse Jesu seien demgegenüber ein Stück wirklichen Lebens und richteten sich an einer Pointe aus. »(Z)wischen der Bildhälfte der Gleichnisse Jesu und ihrer Sachhälfte, d.h. der intendierten Sachaussage, um derentwillen das Bild ersonnen wurde, gibt es nur eine Berührungsstelle, einen Vergleichspunkt, ein tertium comparationis« (Schramm / Löwenstein, 136).

„Vom Gleichnis unterscheidet Jülicher die Parabel, die nicht zwei Sachverhalte nebeneinander stellt, sondern den als Gleichnis dienenden Sachverhalt in Erzählung umsetzt“ (Bultmann, 188). Die Übergänge zwischen Gleichnis und Parabel verschwimmen aber oft, so dass ein Forscher wie Joachim Jeremias (1900–1979) auf eine Differenzierung verzichtet (J. Jeremias, 16). Außerdem macht hebr. maschal / aram. mathla keinen Unterschied zwischen Vergleich, Sprichwort, Parabel, Gleichnis (Wellhausen, 349).

Von Jeremias stammt auch die Kritik an Jülicher, dieser habe versäumt, den historischen Ort der einzelnen Gleichnisse im Leben Jesu zu behandeln. Da Jülicher ferner – so Jeremias – den endzeitlichen Kontext des Reiches Gottes für die Gleichnisauslegung nicht hinreichend berücksichtigte, habe er die Aufgabe nur zur Hälfte erfüllt. Jeremias bilanziert: »(D)ie Hauptarbeit bleibt: es muß versucht werden, den ursprünglichen Sinn der Gleichnisse wiederzugewinnen« (J. Jeremias, 16). Diesem Votum schließe ich mich an, betone aber zugleich, dass diese Forderung nicht immer in die Tat umgesetzt werden kann.

Mk 4,1-20: Das Sämannsgleichnis und seine Deutung

(1) Und wiederum begann er am Meer zu lehren. Und zu ihm kommt eine sehr große Volksmenge, so daß er ins Boot steigt und auf dem Meer sitzt. Und das ganze Volk war beim Meer auf dem Land.

(2) Und er lehrte sie viele (Dinge) in Gleichnissen und sagte ihnen in seiner Lehre:

(3) »Hört! Siehe, es ging ein Sämann aus zu säen. (4) Und es geschah, daß beim Säen das eine auf den Weg fiel, und es kamen die Vögel und fraßen es auf.

(5) Und anderes fiel auf Felsboden, wo es nicht viel Erde hatte, und sofort ging es auf, weil es keine tiefe Erde hatte. (6) Und als die Sonne aufging, verbrannte es und, weil es keine Wurzel hatte, verdorrte es.

(7) Und anderes fiel unter die Dornen, und die Dornen wuchsen empor und erstickten es, und es gab keine Frucht.

(8) Und anderes fiel in die gute Erde und gab Frucht, indem es aufging und wuchs, und trug dreißig- und sechzig- und hundertfach.«

(9) Und er sagte: »Wer Ohren hat zu hören, der höre!«

(10) Und als er allein war, fragten ihn die um ihn waren mit den Zwölfen nach den Gleichnissen. (11) Und er sagte ihnen: »Euch ist das Geheimnis des Reiches Gottes gegeben. Jenen aber draußen geschieht alles in Gleichnissen,

(12) damit sie sehend sehen und doch nicht sehen

und hörend hören und doch nicht verstehen,

damit sie nicht umkehren und ihnen vergeben werde.«

[Jes 6,9-10]

(13) Und er sagt ihnen: »Ihr versteht dieses Gleichnis nicht, und wie werdet ihr alle Gleichnisse verstehen?

(14) Der Sämann sät das Wort.

(15) Diese sind die auf dem Weg. Wo das Wort gesät wird und wenn sie hören, kommt gleich der Satan und nimmt das Wort, das in sie gesät wurde, weg.

(16) Und diese sind die auf den Fels Gesäten, die, wenn sie das Wort hören, es sofort mit Freude aufnehmen (17) und keine Wurzel in sich haben, sondern Augenblicksmenschen sind. Erhebt sich Drangsal oder Verfolgung um des Wortes willen, nehmen sie Anstoß.

(18) Und andere sind die in die Dornen Gesäten. Diese sind die das Wort Hörenden, (19) und die Sorgen der Welt und der Betrug des Reichtums und die auf das andere bezogenen Begierden gehen in sie hinein und ersticken das Wort, und es wird fruchtlos.

(20) Und jene sind die auf die gute Erde Gesäten, die das Wort hören und aufnehmen und Frucht bringen, dreißig- und sechzig- und hundertfach.«

Redaktion

Mk hatte in 1,15 den Inhalt der Predigt Jesu vorab zusammengefasst – Reich Gottes, Umkehrforderung, Aufruf zum Glauben – und die Lehre Jesu betont (1,21-22.27; 2,13). Darauf zurückgreifend führt er nun Jesu Lehre in Gleichnissen als Teil seiner Verkündigung ein (4,1-2) und nennt mehrfach das Reich Gottes (4,11.26.30).

V. 1-2 gehen ganz auf Mk zurück; z.B. knüpft das jetzt als Seekanzel wichtig werdende Boot aus V. 1 an 3,9 an.

V. 3-8: Die redaktionellen Eingriffe sind geringfügig. Der Aufruf zum Hören am Anfang (V. 3) bezieht sich nicht auf das Gleichnis, sondern auf dessen Deutung (s. weiter unten).

V. 9: Der Weckruf ist zwar traditionell, gehört aber wohl nicht ursprünglich zum Gleichnis, da er an viele verschiedene Stoffe angeschlossen werden konnte (vgl. nur Mk 4,23). Er wurde hier wahrscheinlich von Mk selbst hinzugefügt.

V. 10: Die Frage der Jünger nach der Deutung der Gleichnisse im allgemeinen kommt überraschend, da Jesus doch nur ein Gleichnis vorgetragen hat. Der Plural »Gleichnisse« leitet zu V. 11-12 über und geht auf Mk zurück. Von Mk stammt auch die nachklappende Erwähnung der Zwölf.

V. 11-12, ein „sehr altertümliches Logion“ (J. Jeremias, 11), man vgl. in V. 11 nur den antithetischen Parallelismus, hat der zweite Evangelist in die Tradition eingefügt. Lediglich die Anreihungsformel »Und er sagte ihnen« stammt von ihm. Zu V. 12 vgl. Jes 6,10.

V. 11–12 sind im Rahmen des MkEv israelkritisch. Man vgl. den Tötungsbeschluß der Pharisäer und Herodianer in Mk 3,6, die Zeichenforderung der Pharisäer (8,11), die Vollmachtsfrage durch die Hohenpriester und Schriftgelehrten (11,27-33) und die betont herausgestellte Tatsache, daß wegen der Tötung des Sohnes der Weinberg (nämlich durch die Zerstörung Jerusalems im Jahre 70) von Israel genommen werde (Mk 12,1-12). Dagegen kommt die Deutung von »jene(n) draußen« auf die Verwandten Jesu (vgl. 3,31: sie warten draußen) schwerlich in Frage. Denn die Verwandten sind ja bei der Gleichnisrede und beim späteren Wirken Jesu nicht anwesend. Es bleibt also dabei, daß »jene draußen« die Juden bezeichnet, die Jesus Botschaft ablehnen.

Positiv entspricht das Logion V. 11-12 dem Messiasbekenntnis des Petrus (Mk 8,29) und dem Bekenntnis des Hauptmanns unter dem Kreuz, Jesus sei der Sohn Gottes gewesen (Mk 15,39).

V. 13-20 sind von Mk praktisch unverändert wiedergegeben worden (lediglich V. 13b geht auf ihn zurück). Im Zusammenhang des Gleichniskapitels Mk 4 betont Mk durch die Hinzufügung der Gleichnisdeutung V. 13-20 den paränetischen Aspekt – die Hörer von V. 13-20 sollen ihre eigene Rolle als Glaubende überprüfen – und baut ihn später (vgl. V. 24-25) noch aus.

Tradition

V. 3-8.14-20: Hier liegt die Tradition einer Parabel (V. 3-8) vor, die schon auf der vormarkinischen Stufe mit einer Auslegung ausgestattet worden war. Diese Deutung ist sekundär: Erstens enthält sie christliche Terminologie. So wird z.B. »das Wort« als Fachausdruck für das Evangelium verwendet (vgl. den Fettdruck für »Wort« in der Übersetzung). Dies ist erst nach Ostern denkbar: vgl. Gal 6,6; 1Thess 1,6 u.ö.

Zweitens finden sich in der Deutung Begriffe, die in den neutestamentlichen Evangelien nicht erscheinen, dafür aber in der Briefliteratur: »säen« bildlich für »verkündigen« (1Kor 9,11), »Wurzel« bildlich für Standhaftigkeit (Eph 3,17; Kol 2,7).

Drittens hat die Deutung des Gleichnisses keine futurische Ausrichtung mehr, sondern richtet sich an der Psychologie der Konvertiten aus. Sie sollen sich daraufhin prüfen, ob sie weiter Christen sein wollen.

Viertens bestätigt das ThEv (s. sofort), daß das Gleichnis ursprünglich ohne Deutung umlief.

Ertrag: Die Interpretation des Gleichnisses vom Sämann stammt nicht von Jesus, sondern aus der christlichen Gemeinde, die es interpretiert und ihm in den Mund gelegt hat. In der Deutung bezeichnen vier verschiedene Ackertypen Menschen, die ein unterschiedliches Verhältnis zum Wort Gottes entwickelt haben.

Als älteste Tradition schälen sich V. 3-8 heraus, eine Tradition, die eine enge Parallele in Th 9 hat (s. unten, S. 526f). Dort heißt es:

»Jesus sagte: ›Siehe, ein Sämann zog aus, füllte seine Hand und warf die Samen. Einige fielen auf den Weg; die Vögel kamen, sie pickten es auf. Andere fielen auf den Felsen, und sie schlugen keine Wurzeln in der Erde und brachten keine Ähren herauf gen Himmel. Und andere fielen auf die Dornen; sie erstickten die Saat, und der Wurm fraß sie. Und andere fielen auf die gute Erde, und sie gab eine gute Frucht gen Himmel; sie brachte 60 des Maßes und 120 des Maßes‹.«

Der Vergleich zwischen Mk- und Th-Fassung ergibt, daß eine weitgehende Übereinstimmung besteht, mit zwei Ausnahmen: Erstens weicht der Schluß darin ab, daß Mk von dreißigfacher und sechzigfacher und hundertfacher Frucht spricht, Th dagegen von sechzig und hundertzwanzig Maßen. Zweitens schreibt Mk bei der Erwähnung des felsigen Bodens, daß die Saat zunächst sofort aufgegangen sei und daß die aufgehende Sonne zur Verwelkung beigetragen habe (Mk 4,6), während Th hierzu schweigt. Im ganzen wird man die Fassung des ThEv für älter als die des MkEv halten, weil es sich bei ihr um eine schlichtere Form handelt.

V. 10*.13a: Der von Mk vorgefundene Text lautete: »Und als er allein war, fragten ihn die, die um ihn waren, nach dem Gleichnis. Und er sagt ihnen: Versteht ihr dieses Gleichnis nicht?« (Darauf folgte die Deutung des Gleichnisses in V. 14-20.)

Das Wort V. 11-12 spiegelt eine Gemeindesituation wider, die apokalyptische Gedanken aufgenommen hat und von einem elitären Bewußtsein getragen ist (Gnilka, Mk I, 167). Ein Jesuswort ist es auf keinen Fall, denn es charakterisiert die Gleichnisse als Rätsel, während Jesu Worte auf Verständigung und Verständnis zielten. Der Widerspruch von V. 11-12 zu Jesu Absicht könnte nicht größer sein. Während Jesus in Gleichnissen redete, um verstanden zu werden, erklärt der Verfasser von V. 11-12 ganz das Gegenteil: Jesus habe in Gleichnissen gesprochen, um mißverstanden zu werden, um »die das draußen« in die Irre zu führen (= Verstockungstheorie).

Historisches

V. 3-8*: Die Parabel dürfte – mit den oben genannten Einschränkungen – sicher auf Jesus zurückgehen; damit ist – wegen der fehlenden Sachhälfte – allerdings noch nichts über ihren Sinn ausgesagt.

»Ist sie ein Trost für jeden Menschen, wenn nicht alle seine Arbeit Frucht trägt? Ist sie in diesem Sinn gleichsam ein halb resignierter, halb dankbarer Monolog Jesu? Ist sie eine Mahnung an die Hörer des göttlichen Worts? Der Predigt Jesu? … Oder ist in der ursprünglichen Parabel überhaupt nicht auf das Wort reflektiert«? (Bultmann, 216). Oder sind die in die Welt gesäten Menschen gemeint?

Jedenfalls greift das Gleichnis in seinen Bildern auf Erfahrungen eines Bauern in Galiläa zurück. Hier und im übrigen Palästina wurde vor dem Pflügen gesät. Daher schildert das Gleichnis einen Normalfall, in dem Mißerfolge von vornherein »eingeplant« sind. »Der Säemann des Gleichnisses schreitet also über das ungepflügte Stoppelfeld! Nun wird begreiflich, warum er auf den Weg sät. … Absichtlich sät er auf die Dornen, die verdorrt auf dem Brachfeld stehen, weil auch sie mit umgepflügt werden sollen. Und daß Saatkörner auf das Felsige fallen, kann jetzt nicht mehr überraschen … Was dem Abendländer als Ungeschick erscheint, erweist sich für palästinische Verhältnisse als Regel« (J. Jeremias, 7f).

Aber wie lautet der Sinn des Gleichnisses? Mag seine Bildhälfte auch recht einprägsam sein, seine Interpretation ist höchst umstritten. Dies hängt einmal damit zusammen, daß sich die Unkenntnis der ursprünglichen Erzählsituation in diesem Fall besonders nachteilig auswirkt, zum anderen damit, daß man das Gleichnis entweder von seiner Deutung her verstand oder von dieser radikal abtrennte, so daß nur unsichere Anhaltspunkte für die Interpretation zurückblieben. Die Unsicherheit drückt sich schon in der Benennung des Gleichnisses aus. Je nachdem, ob man den Sämann, den Samen oder den Ackerboden in den Vordergrund rückt, nannte man es das Gleichnis vom unverzagten Sämann, vom ausgestreuten Samen oder vom viererlei Acker. Man vgl. Jülicher II, 514-538.

Die von mir aufgrund des Kohärenzkriteriums bevorzugte Möglichkeit des Verständnisses ordnet das Gleichnis der Zukunftserwartung Jesu zu. Dabei reihe ich es in die Reich-Gottes-Gleichnisse ein und gehe von der Kontraststruktur aus. Diese liegt darin, daß das Gleichnis zu Anfang einen anderen Zeitpunkt beschreibt als am Schluß. Während zunächst die Aussaat geschildert wird, stellt der Schlußvers die ausgereiften Ähren vor Augen. Damit wird der Einbruch des Reiches Gottes verglichen. Ihm stehen mannigfaltiger Mißerfolg und Widerstand in der Gegenwart gegenüber. So ruft das Gleichnis zur Zuversicht auf: »Allem Mißerfolg und Widerstand zum Trotz läßt Gott aus den hoffnungslosen Anfängen das herrliche Ende hervorgehen« (J. Jeremias, 150). Als Gleichnis Jesu drückt es dann Jesu Zuversicht aus – eine Zuversicht, die wegen des faktischen Nicht-Eintretens des Reiches Gottes eine Niederlage erlitt.

V. 9 ist als Wort Jesu unecht.

V. 11-12 sind ungeschichtlich.

V. 10*.13a.14-20 sind ungeschichtlich.

Mk 4,21-25: Sprüche von der Lampe und vom Maß

(21) Und er sagte ihnen: »Kommt etwa die Lampe, damit man sie unter den Scheffel stellt oder unter das Bett? Nicht vielmehr, damit sie auf den Leuchter gestellt werde? (22) Nichts nämlich ist verborgen, außer damit es offenbar werde, und nichts ist geheim, außer damit es an den Tag komme.

(23) Wer Ohren hat zu hören, der höre!«

(24) Und er sagte ihnen: »Seht, was ihr hört! In welchem Maß ihr meßt, werdet ihr gemessen, und es wird euch hinzugefügt werden. (25) Wer nämlich hat, dem wird gegeben werden; und wer nicht hat, dem wird auch das, was er hat, weggenommen werden.«

Redaktion

V. 21-22 sind im mk Kontext wohl auf die Übereignung des Geheimnisses des Gottesreiches an die Jünger (V. 11) zu beziehen.

V. 23: Diese Weckformel setzt Mk hier ein und wiederholt damit V. 9, um den ganzen Abschnitt als Einheit verstehen zu lassen.

V. 24-25: Vielleicht erläutern auch diese beiden Sprüche redaktionell das Geheimnis des Gottesreiches.

Tradition

Das Stichwort »Scheffel« V. 21 verbindet den Abschnitt mit dem Sämanns-Gleichnis und hat zur Anfügung des Wortes vom Maß (V. 24a) geführt. Der Satz »es wird euch hinzugefügt werden« (V. 24b) hat das Wort vom Haben und Bekommen (V. 25) nach sich gezogen.

V. 21 ist ein etwas ausgesponnenes einfaches Bildwort, ein Sprichwort profaner Lebensweisheit mit Parallelen in jüdischer Literatur. Vgl. Q (Mt 5,15/Lk 11,33).

V. 22 hat eine Parallele in Q (Mt 10,26b/Lk 12,2).

V. 24 ist eine weisheitliche Maxime (ähnlich Gal 6,7); vgl. Q (Mt 7,2/Lk 6,38c).

V. 25 entspricht Mt 25,29/Lk 19,26 (= Q); vgl. Th 41; 4Esra 7,25: »Eitles diesem Eitlen, dagegen Fülle den Vollkommenen.«

Historisches

V. 21 und V. 22: Diese Worte dürften auf Jesus zurückgehen. Er ist offensichtlich der Meinung, daß das Licht überallhin leuchten muß. Dies steht in glattem Gegensatz zur mk Interpretation 4,11-12. Die von Jesus angesagte Nähe des Gottesreiches soll vielmehr allseits verkündigt werden, ihr Licht an jedem Ort leuchten – dies der Sinn, den Jesus wohl mit dem Spruch verband.

V. 24: Die jüdische Maxime, daß die Menschen das ernten, was sie säen, kann nicht mit Sicherheit auf Jesus zurückgeführt werden.

V. 25: Für dieses weisheitliche Wort gilt das gleiche Urteil wie für V. 24.

Mk 4,26-29: Das Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat

(26) Und er sagte: »So ist es mit dem Reich Gottes, wie wenn ein Mensch den Samen auf das Land wirft (27) und schläft und steht auf Tag und Nacht, und der Same sprießt und geht in die Höhe, er weiß nicht wie. (28) Von selbst trägt die Erde Frucht, zuerst Halm, dann Ähre, dann ausgewachsenen Weizen in der Ähre. (29) Wenn aber die Frucht es gestattet, so läßt er alsbald die Sichel ausgehen, denn die Ernte ist da.«

Redaktion und Tradition

Redaktionelle Eingriffe sind nicht festzustellen. Allerdings wird Mk die Parallelität dieses Gleichnisses mit dem vom Sämann (V. 3-8) bewußt gewesen sein. Auffällig ist, daß es weder bei Mt noch bei Lk erhalten ist. Das darf aber nicht zu dem Schluß verleiten, es sei erst nachmarkinisch hinzugewachsen. (Möglicherweise hat der erste Evangelist das Gleichnis Mt 13,24-30 als Ersatz für das von ihm ausgelassene Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat angesehen.)

Absolutes »Und er sagte« (V. 26) ist wahrscheinlich Bestandteil einer vormk Gleichnissammlung (vgl. V. 30).

Zuweilen wird zwischen V. 26-28 und V. 29 eine Spannung konstatiert. »Der Schluß 4,29 schießt über. Durch den Bauer guckt der Weltrichter hervor, der hier nichts zu tun hat« (Wellhausen, 354). Warum nicht? Das Gericht steht doch vor der Tür (s. sofort).

Das Gleichnis ist am Kontrast zwischen Anfang und Ende orientiert. Seine Pointe steckt in V. 28: Der Same gelangt unter allen Umständen zur Reife – und dies ganz von selbst. Das Reich Gottes, ein Terminus technicus der Verkündigung Jesu, setzt sich durch, und zwar bald, wie das Bild von der Ernte am Schluß anzeigt (vgl. Joel 4,13a: »Greift zur Sichel, denn die Ernte ist reif!«).

Historisches

Das Gleichnis geht auf Jesus zurück, denn er selbst ist nicht Gegenstand des Gleichnisses (Differenzkriterium). Außerdem ist die gleichnishafte Rede vom Reich Gottes typisch für die Verkündigung Jesu (Kohärenzkriterium). Im Gleichnis wird Jesu felsenfestes Vertrauen darauf sichtbar, daß Gott sein Reich, das im Auftreten Jesu bereits gegenwärtig ist, in der unmittelbaren Zukunft endgültig herbeiführen wird.

Mk 4,30-34: Das Gleichnis vom Senfkorn. Abschluß der Gleichnisrede

(30) Und er sagte: »Wie sollen wir das Reich Gottes vergleichen oder in welchem Gleichnis sollen wir es darstellen? (31) Wie mit einem Senfkorn, das, wenn es auf die Erde gesät wird, am kleinsten unter allen Samen auf der Erde ist, (32) und wenn es gesät ist, wächst es empor und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, so daß unter seinem Schatten die Vögel des Himmels Wohnung nehmen können.«

(33) Und in vielen solchen Gleichnissen sagte er ihnen das Wort, wie sie es hören konnten. (34) Ohne Gleichnis aber sagte er ihnen nichts, für sich allein aber löste er den eigenen Jüngern alles auf.

Redaktion und Tradition

V. 30-32 hat Mk an das Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat angefügt oder – was wahrscheinlicher ist – zusammen mit diesem Gleichnis in einer Sammlung vorgefunden. Redaktionelle Eingriffe liegen nicht vor. Erwähnenswert ist, daß Mk zufolge an die Stelle der im Gleichnis vorausgesetzten Völkerwallfahrt zum Zion (s. unten) die aktive Heidenmission treten wird (13,10). Trotzdem läßt er an dieser Stelle die Worte Jesu unverändert.

Die Einleitung des Gleichnisses (»und er sagte«) entspricht der Einleitung des vorigen Gleichnisses (V. 26). Manchmal wird gesagt, der Samen sei nicht mehr das (plötzlich hereinbrechende) Reich Gottes, sondern schon die Kirche, die sich aus winzigen Anfängen auf Erden entwickelt. In diesem Falle würde es sich um ein nachösterliches Gleichnis handeln. Doch spricht das Gleichnis vom Senfkorn davon, daß die Ankunft des Reiches Gottes gewiss und seine Macht schon vorab wahrnehmbar sei. In V. 32 braucht man nicht die Entwicklung der Kirche auf Erden zu sehen, sondern kann hier an das messianische Reich denken. Dann steht am Ende das vollendete Reich Gottes bzw. der Tempel als Ziel der Völkerwallfahrt (vgl. Mt 8,11/Lk 13,29 und Ez 17,23; 31,6; Dan 4,9.18).

V. 33 schließt die vormarkinische Sammlung von Gleichnissen ab.

V. 34 stammt sicher von Mk und entspricht der in V. 11-12 ausgedrückten Theorie zur Gleichnisrede: Gleichnisse werden den Jüngern erklärt, an die draußen ergehen sie zur Verstockung.

Ertrag: Das Gleichnis V. 30-32 betont den Kontrast zwischen Anfang und Ende. Sein Sprecher ist der Überzeugung, daß Gott aus den kümmerlichsten Anfängen sein Reich herbeiführen wird, und dies in der unmittelbaren Zukunft.

Historisches

V. 30-32: Das Gleichnis, das parallel in Q (Mt 13,31-32/Lk 13,18-19) und Th 20 überliefert wird, enthält die gleiche Botschaft wie das Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat (4,26-29) und ist echt (Differenz- und Kohärenzkriterium). Es sei nochmals betont, daß der Ausblick auf die Zukunft ursprünglicher Bestandteil der Botschaft Jesu ist.

Mk 4,35-41: Die Sturmbeschwörung

(35) Und er sagt ihnen an jenem Tag, als es Abend geworden war: »Wir wollen hinüberfahren an das andere Ufer.« (36) Und sie entließen die Volksmenge und nehmen ihn mit, wie er im Boot war. Und andere Boote waren mit ihm.

(37) Und es erhebt sich ein großer Sturm. Und die Wellen schlugen in das Boot, so daß sich das Boot schon füllte. (38) Und er selbst schlief im hinteren Teil auf dem Kopfkissen. Und sie wecken ihn und sagen ihm: »Lehrer, kümmert es dich nicht, daß wir zugrunde gehen?«

(39) Und wach geworden, bedrohte er den Wind und sagte zum Meer: »Schweige, verstumme!«

Und der Wind legte sich, und es geschah eine große Stille. (40) Und er sagte ihnen: »Was seid ihr so furchtsam? Wie habt ihr keinen Glauben?«

(41) Und sie empfanden große Furcht, und sie sagten zueinander: »Wer ist denn dieser, daß auch der Wind und das Meer ihm gehorchen?«

Redaktion und Tradition

Jesus bringt hier mit seinem Wort die Naturgewalten zur Ruhe. Auf die Gegenwart des Reiches Gottes im Wort bzw. in der Lehre Jesu hatte Mk bereits 1,14-15; 4,1-34 abgehoben.

V. 35-36 stellen einen Zusammenhang mit V. 1 her.

V. 37 erinnert an Jona 1,4 (»Es erhob sich ein großes Ungewitter auf dem Meer«).

V. 38: Jesus schläft wie Jona (1,5); zur Frage der Jünger in V. 38c vgl. Jona 1,6.

V. 40 ist vom mk Motiv des Jüngerunverständnisses geprägt. Die Gegenwart Jesu – so will Mk zusätzlich sagen – wird durch den Glauben erfaßt, obgleich die Jünger die Präsenz des Reiches Gottes in Jesu Wort nicht recht begreifen.

Als Tradition liegt eine Naturwundergeschichte vor, welche die typischen Merkmale der Bedrohung durch das Wort (V. 39; vgl. 1,25; 9,25) und der Schilderung des Eindrucks (V. 41) aufweist (vgl. Bultmann, 230). Die Dramatik wird dadurch gesteigert, daß nicht nur eine große Gefahr durch den Sturm besteht, sondern daß ausgerechnet Jesus schläft und nichts tut, obwohl er allein helfen könnte.

Wahrscheinlich wurde eine ursprünglich fremde Wundergeschichte auf Jesus übertragen und zusätzlich mit Verweisen auf die alttestamentliche Jonageschichte ausgestattet. Jedenfalls ist dieser Bezug nicht ursprünglich, da anders als in der Jona-Erzählung die Sturmstillung als Dämonenbannung vollzogen wird. V. 39 setzt nämlich voraus, daß Engel oder Dämonen den Wind steuern (vgl. Jub 2,2: »Engel des Geistes des Windes«; 1Hen 69,22: »Geister des Windes«). Das Ziel der Erzähler dieses Naturwunders ist, Jesu Ebenbürtigkeit mit griechischen Magiern und Schamanen aufzuweisen und – in einem sekundären Stadium – ihn als Erfüller alttestamentlicher Vorbilder plausibel zu machen.

Historisches

Der historische Ertrag ist gleich Null, da die Tradition aus der Gemeinde ableitbar ist und da Naturgesetze auch durch einen Magier nicht aufgehoben werden können. Allerdings macht die exorzistische Seite des historischen Jesus verständlich, warum ihm ein dem Dämonenbann verpflichtetes Naturwunder zugeschrieben werden konnte.

Mk 5,1-20: Der Dämonische von Gerasa

(1) Und sie kamen an das andere Ufer des Meeres in die Landschaft der Gerasener.

(2) Und als er aus dem Boot ausstieg, kam ihm sofort aus den Grabhöhlen ein Mensch mit einem unreinen Geist entgegen, (3) der seine Wohnung in den Höhlen hatte, und keiner konnte ihn mit einer Fessel binden. (4) Denn schon oft war er mit Fußfesseln und Ketten gebunden worden, und die Ketten waren von ihm zerrissen und die Fußfesseln zerrieben worden. Und keiner konnte ihn bändigen. (5) Und ständig, Tag und Nacht in den Grabhöhlen und auf den Bergen schrie er und schlug sich mit Steinen.

(6) Und als er Jesus von weitem sah, lief er und warf sich vor ihm nieder (7) und schrie mit lauter Stimme: »Was habe ich mit dir zu schaffen, Jesus, Sohn des höchsten Gottes? Ich beschwöre dich bei Gott, quäle mich nicht!« (8) Denn er hatte zu ihm gesagt: »Fahre, unreiner Geist, aus dem Menschen!«

(9) Und er fragte ihn: »Was ist dein Name?« Und er sagt ihm: »Legion ist mein Name, denn wir sind viele.« (10) Und er bat ihn inständig, daß er sie nicht aus der Gegend schicke.

(11) Es war dort aber am Berge eine große Herde von Schweinen, die weidete. (12) Und sie baten ihn: »Schicke uns in die Schweine, daß wir in sie einziehen!«

(13) Und er gestattete es ihnen, und die unreinen Geister fuhren aus und zogen in die Schweine ein, und die Herde stürmte den Abhang hinab in das Meer, wohl zweitausend, und sie ertranken im Meer.

(14) Und ihre Hirten flohen und erzählten (davon) in der Stadt und in den Gehöften. Und sie kamen, das Geschehene zu sehen, (15) und gehen zu Jesus und sehen den Dämonischen dasitzen, bekleidet und vernünftig, ihn, der die Legion gehabt hat, und sie fürchteten sich.

(16) Und die Augenzeugen erzählten ihnen, wie dem Besessenen geschehen war und über die Schweine. (17) Und sie begannen ihn zu bitten, aus ihrer Gegend wegzuziehen.

(18) Und als er das Boot betrat, bat ihn der Mann, der besessen gewesen war, er möchte mit ihm sein. (19) Und er ließ ihn nicht, sondern sagt ihm: »Geh in dein Haus zu den Deinigen und erzähle ihnen, was der Herr dir getan hat und (wie er) sich deiner erbarmt hat!«

(20) Und er ging und begann in den zehn Städten laut zu verkünden, was Jesus ihm getan hat, und alle verwunderten sich.

Redaktion

V. 1 geht auf Mk zurück. Die Ankunft am jenseitigen Ufer ist die Verwirklichung des Plans aus 4,35. Der Plural »sie kamen« ist ebenfalls redaktionell, denn die Jünger spielen im Folgenden keine Rolle mehr.

V. 2a: Das Bootsmotiv ist redaktionell (vgl. 4,36; 5,18).

V. 7: Zur Begegnung mit dem Exorzisten vgl. 1,23-24 und 1Kön 17,18 als gemeinsamen Hintergrund.

V. 8 ist wohl redaktionell. Mk liebt Begründungssätze, die eine Nachinformation liefern: 1,38; 2,15; 3,10; 4,22.25; 5,28. Vgl. auch die ähnlichen Nachträge in 3,30; 6,17-29; 15,7.10.

V. 18b: Das Nachfolgemotiv ist redaktionell (vgl. 3,14: »mit ihm sein«).

V. 20: Mk gestaltet den Wunderbericht so, daß die Heilung des Besessenen die Kunde von Jesus erstmalig in die zehn Städte (»Dekapolis«) bringt. Dekapolis ist der Name eines ursprünglich aus zehn Städten bestehenden Bundes mit einem Gebiet östlich des Jordans (ohne Skythopolis). Im Norden war Damaskus, im Süden Philadelphia die Grenze.

Tradition

Die zugrundeliegende Wundergeschichte ist die am ausführlichsten erzählte in den neutestamentlichen Evangelien. Sie entspricht an zahlreichen Stellen der Wundererzählung Mk 1,23-27 und ist ebenfalls als Exorzismus zu bezeichnen.

Die Geschichte zeugt von einer großen Erzählfreude. Diese wird sichtbar in den Verdoppelungen: jeweils zweimal werden der Aufenthalt des Besessenen in den Gräbern (V. 3.5), die Bitte um Schonung (V. 10.12) und die Berichterstattung (V. 14.16) erzählt. Es ist gleichzeitig zu beachten, daß das Motiv vom betrogenen Teufel zugrunde liegt, das nicht ohne Komik ist.

»Wider Erwarten sehen sich die Dämonen nun doch, trotz der Erfüllung ihres Wunsches und gerade dadurch, um das Logis geprellt, und können sehen, wo sie bleiben (Lc 11,24). Das wird mit Behagen erzählt. Ebenso ist den unreinen Tieren das Versaufen gegönnt und ihren heidnischen Besitzern der Verlust: 2000 Stück! Es nimmt Wunder, wie dieser Schwank hat auf Jesus übertragen werden können« (Wellhausen, 359).

Historisches

Der historische Wert der Erzählung ist gleich Null. Sie ist nämlich erst später auf Jesus übertragen worden und spiegelt ein spätes traditionsgeschichtliches Stadium wider. Gleichzeitig bleibt zu beachten, daß auf Jesus eine solche Geschichte problemlos übertragen werden konnte. Das war nur möglich, weil er in der Tat Exorzismen vorgenommen hat (vgl. oben zu Mk 1,23-27 u.ö.).

Mk 5,21-6,1a: Die Heilung der blutflüssigen Frau und die Auferweckung der Tochter des Jairus

(21) Und als Jesus im Boot wiederum zum jenseitigen Ufer hinübergefahren war, versammelte sich bei ihm eine große Volksmenge, und er war am Meer.

(22) Und es kommt zu ihm einer der Synagogenvorsteher, namens Jairus, und als er ihn sieht, fällt er zu seinen Füßen nieder (23) und bittet ihn inständig: »Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg deine Hände auf sie, damit sie gerettet wird und lebt!«

(24) Und er ging mit ihm, und ihm folgte eine große Volksmenge, und sie drängten sich um ihn.

(25) Und da war eine Frau, die zwölf Jahre an Blutfluß litt (26) und viel von vielen Ärzten gelitten hatte und ihr ganzes Vermögen aufgewendet hatte, aber es hatte nichts genützt, sondern es war nur noch schlimmer mit ihr geworden. (27) Als sie von Jesus hörte, kam sie in der Menge von hinten und berührte sein Gewand. (28) Sie sagte nämlich: »Wenn ich auch nur seine Gewänder berühre, werde ich gerettet werden.«

(29) Und sofort versiegte ihr Blutfluß, und sie spürte am ganzen Körper, daß sie von der Plage geheilt war.

(30) Und sogleich erkannte Jesus in sich die von ihm ausfließende Kraft, drehte sich in der Menge um und sagte: »Wer hat meine Gewänder berührt?« (31) Und seine Jünger sagten ihm: »Du siehst, daß das Volk dich bedrängt, und sagst: Wer hat mich berührt?« (32) Und er blickte herum, diejenige zu sehen, die das getan hatte.

(33) Die Frau aber fürchtete sich und zitterte, wissend, was ihr geschehen war, und kam und warf sich vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit.

(34) Er aber sagte ihr: »Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Gehe hin in Frieden und sei gesund von deiner Plage!«

(35) Als er noch spricht, kommen sie vom Synagogenvorsteher und sagen: »Deine Tochter ist gestorben; warum belästigst du den Lehrer noch?« (36) Als aber Jesus das gesprochene Wort hörte, sagt er dem Synagogenvorsteher: »Fürchte dich nicht, glaube nur!« (37) Und er erlaubte niemandem, ihm zu folgen (= ihn zu begleiten) außer Petrus, Jakobus und Johannes, dem Bruder des Jakobus.

(38) Und sie kommen in das Haus des Synagogenvorstehers, und er sieht ein Gewimmel, Weinende und laut Wehklagende. (39) Und als er hineingeht, sagt er ihnen: »Was macht ihr Lärm und weint? Das Kindlein ist nicht gestorben, sondern schläft.«

(40) Und sie lachten ihn aus. Er aber trieb alle fort und nimmt den Vater des Kindes und die Mutter und die Seinigen und geht hinein, wo das Kind war. (41) Und die Hand des Kindes ergreifend, sagt er ihr: »Talitha kum!«, was übersetzt heißt: »Mädchen, dir sage ich, stehe auf!«

(42) Und sogleich stand das Mädchen auf und ging herum. Sie war nämlich zwölf Jahre. Und sie gerieten außer sich in großem Entsetzen.

(43) Und er befahl ihnen streng, daß keiner dies erfahren sollte.

Und er sagte, ihr zu essen zu geben.

(6,1a) Und er ging von dort weg.

Redaktion

Mk hat zwei Geschichten miteinander verschachtelt (zu dieser Technik vgl. zu 3,20-35). Dabei fällt auf, daß Jesus an zwei Frauen Heilungen vollzieht. Man vgl. die Bezeichnung beider Frauen als »Tochter« (V. 34/35).

V. 24 verbindet redaktionell die beiden Geschichten miteinander.

V. 28: Die »Rückblende« geht möglicherweise auf Mk zurück.

V. 31: Das Jüngerunverständnis zieht sich wie ein roter Faden durch das MkEv (vgl. 4,13; 4,40-41; 6,52; 7,18; 8,17-21 u.ö.).

V. 34: Zum Glaubensmotiv vgl. V. 36 und 4,40. Zum Glaubensbegriff in der Verkündigung Jesu vgl. weiter 11,22-23.

V. 35: »Als er noch spricht« ist Verknüpfung (zur Konstruktion vgl. 14,43).

V. 37: Die Dreiergruppe stammt aus 3,16f. Diese Trias bevorzugt Mk auch sonst, vgl. 9,2.

V. 43a: Das Verbot der Weitererzählung fügt Mk auch an anderen Stellen ein (vgl. 7,36; 9,9).

6,1a verknüpft die beiden Wundergeschichten mit dem Folgenden.

Tradition

a) Die Jairusgeschichte (V. 22-23.35-43). Vorbild ist die Elia-Elisa-Erzählung (1Kön 17,17-24; 2Kön 4,25-37). Der Aufbau der Geschichte, die eine Totenerweckung schildert, ist stilgemäß.

»Typisch ist weiter die Entfernung des Publikums V. 40, die Geste und das Zauberwort V. 41, die Plötzlichkeit des Wunders V. 42 und die Altersangabe, die hier an wirksamer Stelle V. 42 nachgebracht wird zugleich mit dem Bericht des Eindrucks des Wunders. Typisch ist endlich die Aufforderung, der Erweckten zu essen zu geben V. 43, die nämlich hier das Motiv der Demonstration bildet« (Bultmann, 229).

b) Die blutflüssige Frau (V. 25-34). Diese Wundergeschichte hebt den Kontrast von vergeblicher Suche nach Heilung und plötzlicher, wunderbarer Heilung durch Jesus hervor. Sie betont den Wunderglauben der Frau gegenüber Jesus, dem Magier (vgl. bes. V. 30), dessen Fähigkeit der unzähliger Ärzte überlegen ist (vgl. V. 26). Der Aufbau ist stilgemäß:

»Typisch ist die Angabe der Krankheitsdauer V. 25 und die Betonung der vergeblichen Bemühungen der Ärzte V. 26, die die Schwere des Leidens und damit die Größe des Wunders hervorheben soll. Typisch ist das hier besonders ausgestaltete Motiv der Berührung V. 27-32, typisch auch die Plötzlichkeit der Heilung V. 29« (Bultmann, 229).

Beide Erzählungen gehen auf missionarisch-werbende Interessen zurück: Jesus ist anderen Heilern überlegen und verdient daher das Vertrauen der Menschen.

Historisches

V. 22-23.35-43: Selbst historische Erinnerungen an eine ähnliche Wundertat Jesu sind unwahrscheinlich, denn sowohl in traditionsgeschichtlicher als auch in medizinischer Hinsicht ergeben sich grundsätzliche Bedenken gegen die Geschichtlichkeit der Totenerweckung.

V. 25-34: Die Geschichte hat keinerlei historischen Wert bezüglich der Frage, ob Jesus die blutflüssige Frau geheilt hat. Zum Thema »Jesus und die Frauen« vgl. zu Lk 7,36-50; 8,1-3.

Mk 6,1b-6: Die Ablehnung Jesu, des Sohnes der Maria, in seiner Vaterstadt

(1b) Und er kommt in seine Vaterstadt, und seine Jünger folgen ihm nach. (2) Und als es Sabbat wurde, begann er in der Synagoge zu lehren, und die vielen, die (zu)hörten, staunten und sagten: »Woher hat dieser das? Und was ist das für eine Weisheit, die diesem gegeben wurde, und derartige Wunder, die durch seine Hände geschehen? (3) Ist dieser nicht der Handwerker, der Sohn der Maria und Bruder von Jakobus und Joses und Judas und Simon? Und sind das nicht hier seine Schwestern bei uns?« Und sie nahmen an ihm Anstoß.

(4) Und Jesus sagte ihnen: »Nirgends gilt der Prophet als ehrlos außer in seiner Vaterstadt und bei seinen Verwandten und in seinem Haus.«

(5) Und er konnte dort kein Wunder tun, außer daß er wenigen Schwachen die Hände auflegte und (sie) heilte.

(6) Und er wunderte sich wegen ihres Unglaubens.

Und er ging rings umher in die Dörfer und lehrte.

Redaktion

V. 1b: Die Erwähnung der Jünger, die im Folgenden keine Rolle spielen, geht auf Mk zurück.

V. 2a: Die Lehre Jesu – ein typisches Motiv der Jesusdarstellung des Mk (vgl. bereits 1,21-28) – versetzt die Synagogenbesucher in Erstaunen.

V. 2b: Die Frage nach Jesu Wundern dürfte wegen der Wundertaten im Kontext (der Abschnitt 4,35-5,43 enthält allein vier massive Wunder) ebenfalls redaktionell sein.

V. 3: Die Frage der Zuhörer streicht heraus, daß es mit Jesus nichts Außergewöhnliches auf sich hat: Er ist doch der Handwerker, den sie alle kennen. Und ebenso sind ja seine Brüder und Schwestern bekannt. Daher nimmt man Anstoß an dem besonderen Anspruch Jesu. Zur ungewöhnlichen Wendung »Sohn der Maria« statt »Sohn des Joseph« vgl. unter Tradition.

V. 4: Die zweite Hälfte geht auf die redaktionelle Verknüpfung von Weisheitssatz und V. 3 zurück.

V. 5: Das Wundermotiv ist redaktionell (s. oben zu V. 2).

V. 6: Mit der Schlußbemerkung V. 6a erscheint die Wortgruppe Glaube/Unglaube zum vierten Mal innerhalb des Großabschnittes 4,35-6,6a.

Das V. 6b erwähnte Lehren Jesu zieht sich wie ein roter Faden durch das MkEv (vgl. 1,21f; 2,13; 4,1) und knüpft an V. 2 an.

Tradition

Es gibt zwei Möglichkeiten, die Entstehungsgeschichte der überlieferten Szene zu rekonstruieren: a) In Mk 6,1-4 liegt ein Musterbeispiel dafür vor, wie aus einem allgemein-weisheitlichen Satz (V. 4a) heraus eine Erzählung gestaltet worden ist. Das für die Komposition der Geschichte ausschlaggebende Stichwort ist »Vaterstadt« (V. 1/V. 4). b) V. 4a, der allgemein-weisheitliche Satz, ist von Mk in eine Geschichte von dem erfolglosen Auftreten Jesu in seinem Heimatort (Nazareth) eingefügt worden. Mk hat sich vom Stichwort »Vaterstadt« anregen lassen, den weisheitlichen Satz anzufügen.

Die zuletzt genannte Möglichkeit dürfte wahrscheinlicher sein, denn die Nachrichten über Jesu Auftreten in seiner Vaterstadt sind sehr konkret. Die Form der überlieferten Erzählung vom erfolglosen Auftreten Jesu in seinem Heimatort ist aber nicht mehr zu bestimmen. Es empfiehlt sich die Annahme, Mk habe aus allgemeinem Wissen geschöpft, aus welcher Quelle oder Erzählung auch immer, und es zur Komposition dieser Szene benutzt. Ich bezeichne dieses Stück als Tradition 1. Gleichzeitig dürfte die separat überlieferte Sentenz V. 4a versuchen, die für die christliche Gemeinde schwer verständliche und anstößige Tatsache einer Erfolglosigkeit Jesu zu verarbeiten. Ich bezeichne sie im folgenden als Tradition 2.

Innerhalb von Tradition 1 sticht als Argument gegen Jesus die Bemerkung heraus, er sei der Sohn der Maria. Dieses Argument entschärft Mk offenbar durch einen neutralen Familienkatalog, der wegen der dort gegebenen Namen auf Überlieferung zurückgehen dürfte. Doch bleibt der Satz »Sohn der Maria« um so ungewöhnlicher, als ein jüdischer Mann normalerweise mit dem Namen seines Vaters verbunden wurde, selbst dann, wenn der Vater schon gestorben war.

Die Wendung »Sohn der Maria« dürfte einer Überlieferung entstammen, die in der allerersten, bald von der Kontroverse um die Vollmacht Jesu geprägten Zeit geläufig war. Einen wesentlichen Grund für die Annahme, »Sohn der Maria« sei polemisch gemeint, liefern nämlich die beiden Seitenreferenten, Mt und Lk, die »Sohn der Maria« in »Sohn des Handwerkers« bzw. »Sohn des Joseph« ändern. Außerdem sei auf die Textüberlieferung des MkEv hingewiesen: Ein (an dieser Stelle leicht beschädigter) Evangelienpapyrus aus dem 3. Jahrhundert bringt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in Mk 6,3 folgende Textkorrektur: »Ist dieser nicht der Sohn des Handwerkers und der Maria?« (Papyrus 45).

Die drei wichtigsten Gründe für die Annahme, der Ausdruck »Sohn der Maria« nehme die fehlende Legitimität Jesu aufs Korn, sind folgende:

1. Die Wendung wird in Jesu Heimatstadt (Nazareth oder Kapernaum) ausgesprochen.

2. Sie erscheint auf den Lippen derjenigen, die Jesus nicht völlig verstanden haben bzw. ihm gegenüber feindlich sind.

3. Mk wiederholt den Satz von Mk 6,3 nicht. Er beantwortet den Vorwurf nicht dadurch, daß er ihn zurückweist, sondern indem er in V. 4b die Verwandten für unwichtig erklärt.

Abschließend sei aufgewiesen, wie Tradition 1 und Tradition 2 zusammengewachsen sein mögen. Es besteht die Möglichkeit, der Vorwurf der Unehrenhaftigkeit in Tradition 2 (Mk 6,4) hänge direkt mit dem Hohnwort »Sohn der Maria« aus Tradition 1 zusammen. Man vgl. Weish 3,16f: (16) »Aber die Kinder der Ehebrecher geraten nicht, und die Nachkommen aus gesetzeswidrigen Ehen werden vertilgt. (17) Denn wenn sie auch lange leben, werden sie doch nichts gelten, und ihr Alter wird zuletzt doch ohne Ehre sein …« Das hieße dann, Jesus sei unehrenhaft, weil er von illegitimer Herkunft ist.

Historisches

Tradition 2: Der Mk 6,4 zugrundeliegende Spruch geht vielleicht auf Jesus zurück. Er könnte Jesus aber auch später in den Mund gelegt worden sein.

Tradition 1: Jesu Erfolg in seiner Heimatstadt war gering. Als historisch ist zu erschließen, daß die Bezeichnung Jesu als »Sohn der Maria« bereits in seinem Heimatort gegen ihn geäußert wurde. Die Wendung ist dann als Hohnwort zu bezeichnen, das den Finger auf einen wunden Punkt der Abstammung Jesu legt. Wenn die aufgebrachten Leute seines Heimatortes ihren Landsmann Jesus als »Sohn der Maria« bezeichnen, so ist das ein arges Schimpfwort. Der Schlüssel für sein Verständnis ist, daß Jesus verächtlich nach seiner Mutter und nicht nach seinem Vater, wie es üblich war, benannt wird. Der Vorwurf bringt also zum Ausdruck: Dieser Bursche, der uns da Predigten halten will, hat keinen richtigen Vater; er ist ein Bastard (vgl. Stauffer, 22-24).

Abschließend gehe ich auf zwei Sichtweisen des Textes ein, deren Zurückweisung die obige Analyse noch bekräftigen wird:

a) Mk habe den Namen Josephs aus der Tradition hinter Mk 6,3 entfernt, weil Joseph einen Ehrenplatz in der Kirche Jerusalems innehatte. Auf diese Weise habe er ein Manifest gegen die rechtliche und lehrhafte Hegemonie der Jerusalemer Kirche geschrieben. Daher das positive Desinteresse an Joseph. Dies ist reine Spekulation.

b) Die Aussage, Jesus sei der Sohn Marias, sei ein indirekter Hinweis auf die Jungfrauengeburt. Denn im anderen Fall wäre zu erwarten gewesen, daß Jesus Josephs Sohn genannt worden wäre. Doch läßt sich das nicht aus dem Text herauslesen, um so weniger, als Mk an keiner Stelle Interesse an der Jungfrauengeburt zeigt.

Noch einmal: Der Vater Jesu wird an dieser Stelle nicht genannt, weil Zweifel darüber besteht, wer sein wirklicher Vater ist. Wäre Jesus ein leiblicher Sohn Josephs gewesen, hätte der Ausdruck »Sohn der Maria« niemals Eingang in einen frühchristlichen Text gefunden. Die Wendung »Sohn der Maria« ist so schockierend, daß nur Mk den Mut hat, sie zu wiederholen.

Mk 6,7-13: Aussendung und Wirken der Zwölf

(7) Und er ruft die Zwölf zusammen und begann, sie jeweils zu zweien auszuschicken, und gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister. (8) Und er trug ihnen auf, daß sie nichts mit auf den Weg nähmen als allein einen Stab, nicht Brot, nicht Tasche, nicht Kupfer im Gürtel, (9) sondern Sandalen an den Füßen, und keine zwei Untergewänder tragen.

(10) Und er sagte ihnen: »Wo immer ihr in ein Haus kommt, bleibt dort, bis ihr wieder von dort fortgeht. (11) Und welcher Ort euch nicht aufnimmt und sie nicht auf euch hören, geht von dort weg und schüttelt den Staub ab, der unter euren Füßen ist, ihnen zum Zeugnis!«

(12) Und sie zogen aus und verkündigten, daß sie umkehren sollten, (13) und sie trieben viele Dämonen aus und salbten mit Öl viele Kranke und heilten (sie).

Redaktion und Tradition

Der Abschnitt hat eine Parallele in Q (Mt 10,5-15/Lk 10,2-12). Man beachte, daß die Tradition bei Mk ganz unapokalyptisch gezeichnet wird, während die frühere Tradition (Lk 10,2-12) die Naherwartung kennt.

V. 7 ist mk Einleitung zur Missionsrede. Man vgl. die wörtlichen Übereinstimmungen mit 3,13-15.

V. 8-9: Stab und Sandalen werden sekundär (vgl. anders Q) zugestanden. Das Verbot, zwei Untergewänder übereinander anzuziehen, wie man das gewöhnlich auf Reisen tat, ist Abschwächung gegenüber Q (Mt 10,10/Lk 9,3). Dort verbietet »Jesus« sogar, mehr als eines zu besitzen. Das Untergewand wurde direkt auf dem Körper getragen.

V. 10-11: Vgl. zu Lk 9,4-5; 10,7-11.

V. 12-13 zeichnen das Ergebnis der Missionsrede (vgl. 3,15).

Historisches

Zu V. 8-9 vgl. zu Mt 10,9-10.

Die historische Frage besteht darin, ob Jesus bereits zu seinen Lebzeiten Jünger ausgesandt hat. Sie ist zu bejahen. Der Auftrag, zu verkündigen (die Nähe der Gottesherrschaft) und zu heilen, ist als echt anzusehen. »Die ›Missionsinstruktionen‹ der Synoptiker basieren auf einem Kern von Logien, die auf Jesus zurückgehen« (Gnilka, Mk I, 241).

Mk 6,14-29: König Herodes und die Enthauptung Johannes des Täufers

(14) Und der König Herodes hörte, denn sein Name wurde offenbar, und sie sagten: »Johannes, der Taufende, ist von den Toten erweckt worden und darum wirken die Kräfte in ihm.« (15) Andere aber sagten: »Er ist Elia«, andere aber sagten: »Ein Prophet, wie einer der Propheten.« (16) Als aber Herodes hörte, sagte er: »Den ich enthauptet habe, Johannes, dieser wurde erweckt.«

(17) Herodes nämlich sandte (einst) aus, ließ Johannes festnehmen und ihn gefesselt in das Gefängnis bringen wegen Herodias, der Frau seines Bruders Philippus, weil er sie geheiratet hatte.

(18) Johannes hatte nämlich Herodes gesagt: »Es ist dir nicht erlaubt, die Frau deines Bruders zu haben.«

(19) Herodias aber trug es ihm nach und wollte ihn töten und konnte es nicht. (20) Herodes nämlich fürchtete Johannes, wissend, daß er ein gerechter und heiliger Mann ist, und er ließ ihn bewachen, und wenn er ihn hörte, geriet er in größte Verlegenheit und hörte ihn gern.

(21) An einem günstigen Tag aber, als Herodes an seinem Geburtstag einmal seinen Edlen und den Offizieren und den Ersten von Galiläa ein Mahl gab (22) und als seine Tochter Herodias eintrat und tanzte, gefiel sie dem Herodes und seinen Mahlgenossen, und der König sagte dem Mädchen: »Verlange von mir, was du willst, und ich will es dir geben.« (23) Und er schwur ihr: »Was immer du mich bitten willst, will ich dir geben bis zur Hälfte meines Reiches.«

(24) Und sie ging hinaus und sagte ihrer Mutter: »Worum soll ich bitten?« Sie aber sagte: »Um das Haupt Johannes des Taufenden.« (25) Und sie ging sogleich mit Eifer hinein zum König und verlangte, indem sie sagte: »Ich will, daß du mir sofort auf einer Schüssel das Haupt Johannes des Täufers gibst.« (26) Und der König wurde sehr betrübt und wollte wegen der Schwüre und der Tischgäste sie nicht abweisen.

(27) Und sogleich schickte der König den Scharfrichter und befahl, sein Haupt zu bringen. Und er ging weg und enthauptete ihn im Gefängnis. (28) Und er brachte sein Haupt auf der Schüssel und gab sie dem Mädchen, und das Mädchen gab sie ihrer Mutter.

(29) Und als seine Jünger davon hörten, kamen sie und nahmen seinen Leichnam und legten ihn in ein Grab.

Redaktion

V. 14-16: Herodes meint Herodes Antipas, den Landesherrn Jesu, der von 4 v.Chr. bis 39 n.Chr. regierte und über Galiläa und Peräa herrschte. Das Stück ist Einleitung zur Überlieferung vom Tode Johannes des Täufers, die Mk ab V. 17 wiedergibt, hat aber auch im Rahmen des gesamten MkEv eine wichtige Bedeutung. V. 16 leitet zur Geschichte (V. 17-29) über, während V. 14b-15 später noch in 8,28 aufgenommen werden. In V. 14b.16 ist Auferweckung als eine Art Wiederbelebung gedacht.

V. 17-29 sind Parenthese (vgl. zu 5,8). Allerdings unterläuft Mk bei diesem ungewöhnlich ausführlichen Nachtrag die Ungeschicklichkeit, daß die Rückkehr der Jünger zu Jesus (6,30) der Grablegung des Täufers zeitlich unmittelbar zu folgen scheint, obwohl die Bestattung doch bereits vor dem in 6,14-16 Erzählten stattgefunden hat.

Die Bestattung des Leichnams Johannes des Täufers (V. 29) stellt eine Parallele zum Schicksal Jesu her (15,42-47). Für Mk, dem zufolge der Täufer vor der Zeit Jesu auftrat, hat das Schicksal des Täufers einen Bezug auf Christus. Der Täufer ebnet mit seinem Schicksal dem Messias den Weg (Gnilka, Mk I, 252).

Tradition

Die Form der von Mk eingearbeiteten Tradition V. 17-29 wird verschieden bestimmt: Manche sprechen von einer volkstümlichen Erzählung, die isoliert überliefert worden sei, andere von einer Legende ohne christlichen Charakter aus hellenistischjüdischen Traditionen oder einer Anekdote über Herodes. Noch andere ziehen den Ausdruck Martyriumsbericht vor. Jedenfalls ist auszuschließen, daß die Geschichte von Jüngern des Täufers erzählt wurde, die Johannes bestatteten (6,29). In diesem Falle wäre nämlich zu erwarten gewesen, daß bestimmte Inhalte der Täuferpredigt, wie z.B. die Gerichtsankündigung oder der Umkehrruf, in der Überlieferung erscheinen.

Historisches

Nach Josephus, einem jüngeren Zeitgenossen des Apostels Paulus, ließ Herodes Antipas den Täufer hinrichten, um einer etwaigen messianischen Bewegung zuvorzukommen. Die Tötung Johannes des Täufers erzählt Josephus in seinem Geschichtswerk »Jüdische Altertümer« XVIII 116-119. Zwar hat auch diese Geschichte eine Tendenz, indem z.B. der endzeitliche Charakter der Predigt des Täufers unterschlagen wird. Doch verdient sie sicher historischen Vorrang vor der Mk-Tradition, deren Unplausibilität durch Josephus nur noch bestärkt wird.

»Was Mc hier erzählt, entspricht nicht den Angaben des Josephus. Nach Josephus wurde Johannes zu Machärus jenseits des Jordans hingerichtet, Mc setzt dagegen voraus, daß es am Königshof in Galiläa geschah … Nach Josephus war das Motiv zu der Tat die Furcht des Antipas vor politischer Gefährlichkeit des Täufers, nach Mc lediglich der Haß der Herodias gegen ihn. Den Ausschlag gibt bei Mc eine Scene, die zwar den Gegensatz des Asceten zu dem leichtfertigen Treiben am Königshof zu packendem Ausdruck bringt, aber eben nur eine Scene ist und an innerer Unwahrscheinlichkeit leidet« (Wellhausen, 367).

Mk 6,30-33: Die Rückkehr der Jünger

(30) Und die Apostel sammeln sich bei Jesus und erzählten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten.

(31) Und er sagt ihnen: »Kommt ihr allein an einen einsamen Ort und ruht ein wenig!« Es waren nämlich viele, die kommen und gehen, und sie hatten nicht einmal Zeit zu essen. (32) Und sie fuhren weg in einem Boot an einen einsamen Ort allein. (33) Und man sah sie abfahren, und viele erkannten sie. Und sie liefen zu Fuß von allen Städten dort zusammen und kamen ihnen zuvor.

Redaktion

V. 30-33: Mk zeigt sich in diesem Abschnitt, einem Summarium, besonders um den erzählerischen Zusammenhang bemüht, denn er bezieht sich hier auf die in 6,7-13 erzählte Aussendung der Jünger zurück. Das Ruhebedürfnis der Jünger dient als Motiv zum Aufsuchen des einsamen Ortes (V. 31f). Die Volksmenge, die für die anschließend erzählte Speisung der 5000 nötig ist, bringt Mk in Position (V. 33). An anderen Orten (1,32-39; 1,45; 3,7-10) findet sich redaktionell ebenfalls ein Sich-Zurückziehen Jesu bei gleichzeitigem Zulauf der Volksmassen.

Mk 6,34-44: Die Speisung der Fünftausend

(34) Und als er ausstieg, sah er eine große Volksmenge, und er hatte Erbarmen mit ihnen, denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben, und er begann, sie vieles zu lehren.

(35) Und als die Stunde schon vorgerückt war, traten seine Jünger zu ihm und sagten: »Einsam ist der Ort und die Stunde schon vorgerückt. (36) Entlasse sie, damit sie in die umliegenden Ortschaften und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen!« (37) Er aber antwortete und sagte ihnen: »Gebt ihr ihnen zu essen!« Und sie sagen ihm: »Sollen wir fortgehen, und für 200 Denare Brote kaufen und ihnen zu essen geben?« (38) Er aber sagte ihnen: »Wieviel Brote habt ihr? Geht, seht!« Und sie stellten es fest und sagen: »Fünf, und zwei Fische.«

(39) Und er gebot ihnen, sich alle in Tischgemeinschaften auf dem grünen Gras zu lagern. (40) Und sie setzten sich, die Gruppen wie Gartenbeete, zu Hundert und zu Fünfzig. (41) Und er nahm die Brote und die zwei Fische und blickte auf zum Himmel, dankte und brach die Brote und gab sie seinen Jüngern, damit sie (sie) ihnen vorlegen, und die zwei Fische teilte er für alle.

(42) Und es aßen alle und wurden satt, (43) und sie nahmen die Brocken, zwölf Körbe voll, auch von den Fischen.

(44) Und es waren fünftausend Männer, die aßen.

Redaktion

V. 34: V. 34a knüpft an V. 32f an. V. 34 Ende beschreibt Jesus ebenso wie vorher 6,6 redaktionell als lehrend.

V. 37: Der Befehl, die Jünger sollten den Leuten zu essen geben, und die Reaktion der Jünger darauf entsprechen dem Motiv des Jüngerunverständnisses (vgl. zu 5,31) und sind wahrscheinlich von Mk eingetragen worden.

V. 41: Mk selbst hat die Speisungserzählung nicht vom Abendmahl her verstanden, denn sonst hätte er 6,41 und 8,6f stärker an 14,22 angeglichen. Es handelt sich für ihn also »nur« um ein Wunder, das er später zwecks Zeichnung des Unverständnisses der Jünger aufgreifen wird (6,52; 8,14-21).

Tradition

V. 34-36.38-44: Die Geschichte erzählt ein Wunder. Sie stellt erstens die Not (hier den Mangel an Nahrungsmitteln) dar (V. 35-38), zweitens die Behebung der Not durch Jesus, der wunderbarerweise mit dem Wenigen, das vorhanden ist, so viele sättigt (V. 39-42). Drittens erfolgt die Bestätigung des Wunders durch den Hinweis auf die übriggebliebenen Brote und Fische (V. 43) – es sind mehr, als am Anfang da waren – und auf die übergroße Zahl der Gespeisten (V. 44).

Wesentliche Elemente der Erzählung verdanken sich 2Kön 4,42-44 (Elisa sättigt hundert Männer mit nur 20 Broten), wobei Jesus in seiner Wundertat Elisa bei weitem überbietet. V. 39-40: Das grüne Gras in der Wüste ist rätselhaft und mag eine Reminiszenz an Ps 23,2 sein. Zur Aufgliederung der Gruppen vgl. Ex 18,25.

Historisches

Die Bildung dieser Geschichte geht auf die Bedürfnisse der Gemeinde zurück. Ihr historischer Wert ist gleich Null. Dabei ist es jedem unbenommen, die Tischgemeinschaft Jesu mit seinen Anhängern als Ausgangspunkt der Entstehung dieser Geschichte anzunehmen. Doch ist das etwas anderes als die Speisung der 5000.

Mk 6,45-56: Jesu Seewandel und Heilung vieler Kranker

(45) Und sogleich drängte er seine Jünger, in das Boot einzusteigen und an das andere Ufer nach Bethsaida vorauszufahren, bis er selbst das Volk entläßt. (46) Und er verabschiedete sich von ihnen und ging auf den Berg zu beten.

(47) Und als es Abend geworden war, war das Boot in der Mitte des Meeres und er allein auf dem Land. (48) Und er sah sie sich abquälen beim Rudern, denn sie hatten Gegenwind, und bei der vierten Nachtwache kommt er zu ihnen wandelnd auf dem Meer. Und er wollte an ihnen vorbeigehen. (49) Als sie ihn aber auf dem Meer wandeln sahen, meinten sie, daß es ein Gespenst sei, und sie schrien auf. (50) Alle nämlich sahen ihn und wurden verwirrt.

Er aber sprach sogleich mit ihnen und sagt ihnen: »Schöpft Mut, ich bin es, fürchtet euch nicht!« (51) Und er trat zu ihnen in das Boot und der Wind legte sich, und sie gerieten innerlich völlig außer sich. (52) Denn sie hatten bei den Broten keine Einsicht gewonnen, sondern ihr Herz war verstockt. (53) Und sie fuhren hinüber zum Land und kamen nach Genezareth und legten an.

(54) Und als sie aus dem Boot herausstiegen, erkannten sie ihn sogleich (55) und liefen umher in der ganzen Gegend und begannen, auf Liegen die Kranken herzutragen, wo sie hörten, daß er es sei. (56) Und wo er Dörfer oder Städte oder Gehöfte betrat, legten sie die Kranken auf die freien Plätze und baten ihn, daß sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren dürften. Und alle, die ihn berührten, wurden gerettet.

Redaktion

V. 45-46: Das Boots-, Volks- und Gebetsmotiv sind redaktionell.

V. 48b: »denn sie hatten Gegenwind« ist ein mk Nachtrag (vgl. zu 5,8).

V. 51-52: Hier wird das mk Jüngerunverständnismotiv besonders deutlich sichtbar; V. 52 bezieht sich auf die Speisungsgeschichte Mk 6,34-44 zurück und stellt deren Interpretation dar. Vgl. später 8,14-21.

V. (53.)54-56: Dieses Stück ist ebenso wie 1,32-39; 3,7-12 eine redaktionelle Bildung, ein Summarium, das ausführlich Jesu Heiltätigkeit schildert und im mk Kontext die Massenszene von 6,30-34 aufnimmt.

Tradition

V. 45-51: Dieses Stück ist, formal betrachtet, eine Epiphaniegeschichte, im Unterschied zu dem Naturwunder 4,37-41. Gelegentlich wird aber gefragt, ob es sich bei beiden Erzählungen nicht um Varianten ein und desselben Archetyps handelt. Dann müßte die Stillung des Sturmes (vgl. V. 48.51) das ursprüngliche Motiv sein, das durch den Seewandel in den Hintergrund gedrängt wurde. Doch zeigt der abgerissene Satz V. 48 (»Er wollte an ihnen vorbeigehen«), daß der Seewandel traditionsgeschichtlich am Anfang steht.

Die Erzählung vom Seewandel Jesu soll dessen Ebenbürtigkeit mit anderen Söhnen Gottes aus der Umwelt des frühen Christentums erweisen, die ebenfalls auf dem See wandeln können. Denn in der Antike galt die Fähigkeit, auf dem Wasser zu gehen, als göttliche Macht. Weiter sind hier aber auch alttestamentliche Parallelen zu berücksichtigen, denen zufolge Gott auf dem Wasser bzw. den Wogen des Meeres wandeln kann (vgl. Hiob 9,8; Ps 77,20).

Möglicherweise ist die Geschichte von Jesu Seewandel eine Ostergeschichte. Hierzu würden auch V. 49f passen, wo die Tatsächlichkeit der Gegenwart Jesu betont und die Furcht der Jünger, ein Gespenst gesehen zu haben, zurückgewiesen wird (vgl. Lk 24,36-43). In einer zweiten Stufe wäre dann diese Ostererzählung um das Motiv der Rettung aus der Seenot erweitert worden.

Historisches

Gegen die Historizität der Erzählung vom Seewandel Jesu sprechen a) die zahlreich vorhandenen Analogien aus der damaligen Umwelt und im Alten Testament, b) der Charakter und die Form der Erzählung und c) ihre mögliche Herkunft aus der Ostersituation.

Mk 7,1-23: Der Streit über Rein und Unrein

(1) Und es versammeln sich bei ihm die Pharisäer und einige der Schriftgelehrten, die aus Jerusalem gekommen waren. (2) Und als sie einige der Jünger sahen, daß sie mit unreinen Händen, das bedeutet ungewaschen, die Brote essen –

(3) denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, wenn sie nicht mit einer Faust die Hände gewaschen haben, und halten so an der Überlieferung der Ältesten fest, (4) und wenn sie vom Markt (kommen), essen sie nur, wenn sie sich (oder: es) besprengt (= gereinigt) haben. Und vieles andere gibt es, was sie übernommen haben, daran festzuhalten: Abspülungen von Bechern und Krügen und Kupfergefäßen.

(5) Und es fragen ihn die Pharisäer und die Schriftgelehrten: »Warum wandeln deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Ältesten, sondern essen mit unreinen Händen das Brot?«

(6) Er aber antwortete ihnen: »Gut hat Jesaja über euch Heuchler prophezeit, wie geschrieben ist:

›Dieses Volk ehrt mich mit Lippen,

ihr Herz aber ist weit von mir entfernt.

(7) Vergeblich verehren sie mich,

indem sie als Lehren Menschengebote lehren.‹

[Jes 29,13 LXX]

(8) Indem ihr das Gebot Gottes fahren laßt, ergreift ihr die Überlieferung der Menschen.«

(9) Und er sagte ihnen: »Gut setzt ihr das Gebot Gottes außer Kraft, damit ihr eure Überlieferung beachtet. (10) Moses nämlich sagte:

›Ehre deinen Vater und deine Mutter‹,

[Ex 20,12; Dtn 5,16]

und:

›Wer Vater und Mutter schmäht, soll des Todes sterben‹.

[Ex 21,17; Lev 20,9]

(11) Ihr aber sagt: ›Wenn ein Mensch zu Vater oder Mutter gesagt hat: ›Korban‹ – was heißt: ›Weihegeschenk sei, was dir von mir geschuldet wird‹ –, (12) dann laßt ihr ihn nichts mehr für den Vater oder die Mutter tun. (13) So hebt ihr das Wort Gottes durch eure Überlieferung auf, die ihr weitergegeben habt. Und dergleichen tut ihr noch viel mehr.«

(14) Und wiederum rief er das Volk und sagte ihnen: »Höret mich alle und begreift! (15) Nichts gibt es, was von außerhalb des Menschen in ihn hineinkommt, das ihn verunreinigen kann; sondern diejenigen Dinge, die aus dem Menschen herauskommen, sind es, die den Menschen verunreinigen.« [V. 16 gehört nicht zum ursprünglichen Text.]

(17) Und als er von der Volksmenge weg in ein Haus hineinging, fragten ihn seine Jünger nach dem Gleichnis. (18) Und er sagt ihnen: »So seid ihr unverständig? Begreift ihr nicht, daß alles, was von außerhalb in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann, (19) weil es nicht in sein Herz geht, sondern in seinen Bauch und in den Abort hinausgeht?«

Damit erklärte er alle Speisen für rein.

(20) Er sagte aber: »Was aus dem Menschen herauskommt, jenes verunreinigt den Menschen. (21) Von innen nämlich, aus dem Herzen der Menschen, kommen die schlimmen Gedanken heraus: Hurereien, Diebstähle, Morde, (22) Ehebrüche, Begehrlichkeiten, Bosheiten, Arglist, Ausschweifung, böser Blick, Lästerung, Hochmut, Unverstand.

(23) Alles dieses Böse kommt von innen heraus und verunreinigt den Menschen.«

Redaktion

Im Kontext des MkEv wirkt 7,1-23 wie ein grober Klotz, da nur wenige »Beziehungen zum Kontext bestehen. Die Auseinandersetzung mit Pharisäern und Schriftgelehrten ist nach hinten nur in 2 locker verbunden über das Motiv ›Brote essen‹, nach vorne ebenso locker durch dasselbe Motiv in 28, inhaltlich vielleicht etwas stärker, insofern die folgende Geschichte vom Glauben einer Heidin im Gegensatz zur Auseinandersetzung mit den Juden (3) erzählt. Insgesamt hat 1-23 die Funktion einer Erinnerung an die Gegner Jesu in Galiläa, die Pharisäer, zu denen hier auch die Schriftgelehrten aus Jerusalem treten« (Lührmann, 129).

Mk dürfte die Parallelität des vorliegenden Abschnitts mit 2,23-28 bewußt gewesen sein. Vgl. die Entsprechungen: a) das Problem (2,23-24/7,1-2.5); b) Schriftbeweis (2,25-26/7,6b-7); c) Worte Jesu (2,27-28/7,9-23).

V. 1-2 sind wahrscheinlich redaktionell. Mk hat diese Einleitung wohl auf der traditionellen Grundlage von V. 5 komponiert.

V. 3-4: »Alle Juden« ist eine mk Generalisierung. Auch Lk schreibt oft so (vgl. Lk 2,1; Apg 8,1; 11,28; 18,2; 21,30). Das Stück ist eine auf Mk zurückgehende Parenthese, in der er seiner heidenchristlichen Leserschaft die jüdische Reinheitspraxis an ausgewählten Beispielen erläutert. »Mit einer Faust« ist kaum verständlich. Entweder ist der Ausdruck versehentlich in den Text geraten, oder man liest mit Hilfe einer leichten Textveränderung »oft«.

Allerdings ist Mk, wie das Folgende zeigt, über die Unterscheidung von Reinheits- und Speisevorschriften nicht informiert. So besteht die Hauptschwierigkeit der Zusammenordnung von V. 1-13 mit V. 15 darin, daß V. 15 Speisegesetze betrifft, V. 1-13 dagegen Reinheitsgesetze. (Daher kann V. 15 historisch nicht Antwort auf das Vorhergehende gewesen sein.) Zudem ist es inkorrekt zu sagen, daß die Pharisäer sich oder gar das Eingekaufte besprengen. Vielmehr nehmen sie nach der Rückkehr vom Markt ein Taufbad. So lauten auch Lesarten zu 7,4, was aber Korrektur der schwierigeren und sachlich falschen Version »(sich) besprengen« ist.

V. 17-18a enthalten das typisch mk Jüngerunverständnismotiv.

V. 19c-23: V. 19c ist mk Schlußfolgerung, V. 20 Wiederholung von V. 15b. Auch V. 21-23 wurden wohl von Mk hinzugefügt: Er interpretiert den Streit über rein und unrein unter dem Gesichtspunkt des Verhaltens (vgl. ähnlich die Einschaltung von V. 6-8 und V. 9-13). V. 21b-22, formgeschichtlich ein Lasterkatalog, stammen aus der Gemeinde des Mk oder von ihm selbst. Die einzelnen Sünden werden kunstvoll je sechs im Plural und im Singular aufgezählt und zeigen das negative Gegenbild zum Ideal der christlichen Lebensführung.

Ertrag: Mk will seinen heidenchristlichen Lesern das für Pharisäer und alle Juden verbindliche Gesetz erläutern und hebt davon das für Christen geltende Gesetz ab, das jedermann einleuchte.

Tradition

V. 5-8: Die Polemik gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten mittels eines Jesajazitates (Jes 29,13) und einer Schlußfolgerung (V. 8) ist der Grundstock der Tradition. Doch bleibt festzuhalten: das Jesajazitat antwortet gar nicht argumentativ auf die Praxis des Essens mit unreinen Händen (V. 5).

V. 9-13: Dies ist ein Stück traditioneller Gemeindepolemik mit der üblichen mk Anreihungsformel »und er sagte ihnen«. Das Stück bringt ein Beispiel dafür, wie sich das in V. 8 genannte Fahren-Lassen des Gebotes Gottes konkretisiert. Vgl. »außer Kraft setzen« (V. 9) und »aufheben« (V. 13) mit »fahren lassen« (V. 8).

Ein weiteres Traditionselement schloß Mk mit V. 15 an. V. 18b-19 entstammen ebenfalls der Tradition.

Historisches

V. 5-8: Das Traditionsstück antwortet auf ein Verhalten der Jünger und ist deswegen nicht geschichtlich.

V. 9-13: Die Überlieferung konkretisiert V. 5-8 und ist deswegen genauso ungeschichtlich wie das Stück V. 5-8 selbst.

V. 15: Das Logion ist rätselhaft, denn es begründet im Kontext des MkEv, warum die Jünger mit unreinen Händen Brot essen dürfen (Mk 7,5). Das ist verwunderlich, da das Wort selbst Speisegesetze kritisiert und nicht Reinheitsgesetze. Reinheitsvorschriften haben, modern gesprochen, mit Hygiene zu tun und betreffen z.B. menstruierende Frauen, Aussätzige sowie Ausfluß am männlichen Geschlechtsorgan (vgl. Lev 12-15). Speisegesetze beziehen sich auf die Ernährung und regeln den Verzehr von reinen und unreinen Tieren (Lev 11). Das Wort Mk 7,15 dürfte daher von Haus aus isoliert überliefert und erst nachträglich von Mk in das Textstück eingefügt worden sein. Er wurde dazu wohl durch die Überlegung veranlaßt, das Essen mit unreinen Händen mache den Pharisäern und Schriftgelehrten zufolge den Menschen ebenfalls unrein, so daß das Logion im weiten Sinn als Kritik auch an den Reinheitsgesetzen gelten könne.

Die Radikalität dieses Wortes ist eng mit der von Mk 2,27 verwandt, insofern es ebenfalls eine trotzige Reduktion des Gesetzes (diesmal des Speisegesetzes) vornimmt. Für die Echtheit des Wortes spricht zunächst das Differenzkriterium, da die Speisegesetze im Urchristentum, wie zahlreiche Belege zeigen (Gal 2,11-15; Apg 10,9-16; Apg 15,20 u.ö.), uneingeschränkt galten. Sodann ist das Seltenheitskriterium zur Stützung der Echtheit des Wortes in Anschlag zu bringen. Da sich auch andere Äußerungen Jesu durch Radikalität auszeichnen, entspricht das Wort zusätzlich dem Kohärenzkriterium.

V. 18b-19: Diese Überlieferung zieht die Konsequenz aus dem echten Wort Jesu in V. 15 und geht vielleicht selbst auf ihn zurück.

Mk 7,24-30: Die Syrophönizierin

(24) Und von dort brach er auf und ging in das Gebiet von Tyrus. Und er kam in ein Haus und wollte, daß es niemand erfährt, und er konnte nicht verborgen bleiben.

(25) Aber sogleich hörte eine Frau von ihm, deren Töchterlein einen unreinen Geist hatte. Sie kam und warf sich zu seinen Füßen. (26) Die Frau aber war Griechin, der Herkunft nach Syrophönizierin. Und sie bat ihn, daß er den Dämon aus ihrer Tochter austreibe. (27) Und er sagte ihr: »Laßt zuerst die Kinder satt werden! Denn es ist nicht gut, den Kindern das Brot zu nehmen und den Hündlein vorzuwerfen.«

(28) Sie aber antwortete und sagt ihm: »Herr, auch die Hündlein unter dem Tisch essen von den Brotkrümeln der Kinder.«

(29) Und er sagte ihr: »Um dieses Wortes willen geh! Ausgefahren aus deiner Tochter ist der Dämon.«

(30) Und sie ging fort in ihr Haus und fand das Kind auf dem Bett liegen und den Dämon ausgefahren.

Redaktion

Vorbemerkung: Die Perikope gehört zusammen mit Mt 8,5-13/Lk 7,1-10 und Lk 17,11-19 zu den Berichten über Fernheilungen an Heiden. Vielleicht entstand die Gattung der Fernheilungsgeschichten, weil Jesus in Wirklichkeit niemals Heiden geheilt hat. In dieser Gattung käme dann zum Ausdruck, daß Jesus erst als der erhöhte Herr Heiden kuriert. Die Gattung »Fernheilung« wäre in diesem Fall der Versuch, das rein jüdische Wunderwirken Jesu mit der alle Menschen umfassenden Wundertätigkeit des erhöhten Herrn auszugleichen.

V. 24: Redaktionell ist die Verknüpfung mit dem Kontext und überhaupt die ganze Tyrus-Reise (vgl. V. 31). Dabei mag die Ortsangabe von Mk aus V. 26 erschlossen worden sein. Die Aussage, Jesus habe, damit ihn niemand erkenne, ein Haus betreten, sei aber trotzdem nicht unbemerkt geblieben, ist typisch markinisch (vgl. 1,45; 5,43; 9,30).

V. 27: Das mk »zuerst« schwächt die Logik von Jesu Argumentation. Denn der nachfolgende Begründungssatz billigt den Hunden überhaupt kein Brot zu. In der Gesamtkonzeption des MkEv deutet sich die Hinwendung der Evangeliumspredigt zu den Heiden an.

V. 28: Die Anrede Jesu als „Herr“ kommt nur hier im MkEv vor und spiegelt Jesu Verehrung in heidenchristlichen Gemeinden wider.

Ertrag: An der Geschichte zeigt Mk, daß die Wunderkraft Jesu auch für heidnische Gemeinden gilt, ja, die Erzählung bekommt – sowohl für die Tradition als auch für Mk selbst (vgl. 13,10) – Paradigmacharakter für die Hinwendung der Gemeinde Jesu zu den Heiden. Die Pointe der Erzählung ist, daß Jesus durch den Glauben der Frau überwunden wird. Zwar wird ihr Glaube nicht explizit so genannt, doch liegt er als Phänomen innerhalb der Geschichte vor.

Tradition

V. 25-30 enthalten die einheitliche Komposition eines mit einem Wunder verbundenen Streitgesprächs. »Das Wunder wird hier ja nicht um seiner selbst willen erzählt, sondern Jesu im Gespräch sich entwickelndes Verhalten ist die Hauptsache. Und zwar liegt eine Art Streitgespräch vor, in dem diesmal aber Jesus – ohne daß dies einen Schatten auf ihn würfe – der Überwundene ist« (Bultmann, 38). Dazu kommen die üblichen Kennzeichen einer Wundergeschichte: Darstellung des Unglücks und Ansuchen um Hilfe (V. 25f), Heilung durch Jesus (V. 29) und Feststellung der Tatsache des Wunders (V. 30). Das Streitgespräch (zwischen Jesus und der Frau) und das Wunder gehören ursprünglich zusammen. Der Dialog ist durch die außergewöhnliche Tatsache bedingt, daß Jesus von einer Heidin um Hilfe gebeten wird.

Der Tradition dürften urgemeindliche Debatten über den Zugang der Heiden zur Gemeinde zugrunde liegen. Aus der Härte der Debatte erklärt sich die scharf ablehnende Antwort Jesu. Doch der Erfolg der Heidenmission innerhalb des frühen Christentums führte schließlich auch zu einem versöhnlichen Schluß innerhalb der Erzählung.

Historisches

Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null, da die Erzählung aus Debatten der frühchristlichen Gemeinde abgeleitet werden muß. Der manchmal unternommene Versuch, einen historischen Rest bzw. einen historischen Kern der Tradition zu retten, besteht zumeist in der Annahme, Jesus habe manchmal eben auch Heiden geheilt (vgl. 5,1-20) und damit letztlich die Offenheit der von ihm begründeten Bewegung auch für Heiden dokumentiert. Doch wo ein Kern vorausgesetzt wird, muß er auch faßbar sein. Das ist jedoch in der vorliegenden Geschichte nirgends der Fall. Vgl. weiter zu Mt 15,21-28.

Mk 7,31-37: Der Taubstumme

(31) Und wieder zog er aus dem Gebiet von Tyrus weg und kam durch Sidon an den See von Galiläa mitten in das Gebiet der Dekapolis.

(32) Und sie bringen zu ihm einen Taubstummen und bitten ihn, daß er ihm die Hand auflege. (33) Und er nahm ihn von der Volksmenge weg abseits und legte seine Finger in seine Ohren, spuckte und berührte seine Zunge. (34) Und indem er hinauf in den Himmel blickte, seufzte er und sagt zu ihm: »Ephata«, was heißt: sei geöffnet. (35) Und seine Ohren öffneten sich, und sogleich wurde die Fessel seiner Zunge gelöst und er redete richtig.

(36) Und er befahl ihnen, daß sie es niemandem sagten. Je mehr er es aber ihnen befahl, desto mehr verkündeten sie es.

(37) Und über die Maßen erregten sie sich und sagten: »Gut hat er alles gemacht, auch die Tauben macht er hören und die Stummen reden.«

Redaktion

V. 31: Dieser Vers gehört eng mit dem redaktionellen V. 24 der vorigen Geschichte zusammen.

V. 34: Wahrscheinlich geht die griechische Übersetzung des Zauberwortes ebenso wie die Übersetzungen an anderen Stellen (vgl. 5,41; 15,22.34) auf Mk zurück.

V. 36 enthält ein typisch mk Geheimhaltungsgebot (vgl. 1,44f; 5,43a), das nur gegeben wird, um übertreten zu werden.

V. 37: Der jubelnde Ausruf der Menge könnte redaktionell sein. Aus dem einmaligen Vorfall macht er ein sich immer wiederholendes Ereignis. Zugleich klingt mit ihm wiederum die Frage nach der Identität Jesu an (vgl. 4,41 und 5,7; 6,3.14b.15.50).

Tradition

V. 32-35: Die vorliegende Geschichte kennt verschiedene Heiltechniken, die von Magie geprägt sind. Typisch dafür ist: a) die Absonderung des Taubstummen vom Volke, b) das Verfahren, die Finger in die Ohren zu legen, c) die Berührung der Zunge mit dem Speichel, d) das Aussprechen eines Zauberworts (ephata).

Gegebenenfalls könnte man auch noch hinter V. 37, der oben als vielleicht redaktionell bezeichnet wurde, einen traditionellen Chorschluß sehen. Zum Hintergrund vgl. noch Gen 1,31; Jes 29,18; 35,5.

Eine Variante der Erzählung findet sich später 8,22-26 (ohne Zauberwort).

Historisches

Zur Frage der Heilung eines Taubstummen ist zunächst ähnliches zu bemerken wie zu den Heilungen Jesu, die sich auf Besessene und dergleichen beziehen. Einzelne Heilungen sind geschehen, jedoch wohl nicht in der Häufigkeit, wie das die neutestamentlichen Evangelien voraussetzen. Allerdings dürfte die vorliegende Erzählung wegen ihrer Detailliertheit einen hohen Anspruch auf Echtheit besitzen.

Mk 8,1-9: Die Speisung der Viertausend

(1) In jenen Tagen, als wiederum eine große Volksmenge anwesend war und sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger und sagt ihnen: (2) »Ich habe Erbarmen mit dem Volk, denn sie harren schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. (3) Und wenn ich sie nüchtern in ihr Haus entlasse, werden sie unterwegs ermatten. Und manche von ihnen sind von weither gekommen.«

(4) Und seine Jünger antworteten ihm: »Wie kann jemand diese hier mit Broten in der Wüste sättigen?« (5) Und er fragte sie: »Wieviel Brote habt ihr?« Sie aber antworteten: »Sieben.«

(6) Und er befiehlt der Volksmenge, sich auf die Erde zu setzen. Und er nahm die sieben Brote, dankte und brach sie und gab sie seinen Jüngern, damit sie sie vorsetzten, und sie gaben (sie) dem Volk. (7) Und sie hatten wenige Fischlein. Und er sprach über sie das Dankgebet und sagte, auch diese vorzusetzen.

(8) Und sie aßen und wurden satt, und sie nahmen die übriggebliebenen Brocken, sieben Körbe.

(9a) Es waren aber ungefähr viertausend.

(9b) Und er entließ sie.

Redaktion

Mk erzählt die Speisungsgeschichte zweimal; die zuerst erzählte in 6,34-44 spielt auf jüdischem, die hier plazierte auf heidnischem Boden. Daraus geht sein Interesse an ihr unzweideutig hervor, sosehr er auch in beiden Fällen im Anschluß an Tradition formuliert. Die wichtigsten Unterschiede der vorliegenden Speisungsgeschichte zur vorigen sind folgende: a) Ihr Stil ist knapper. b) Jesus – nicht die Jünger – wird auf die Not der Massen aufmerksam. c) Die Jünger haben sieben (und nicht fünf) Brote. d) 4000 (und nicht 5000) werden gespeist, und sieben Körbe bleiben übrig (und nicht 12 Körbe). e) Jesus hilft ausschließlich aus der leiblichen Not – das Volk hat seit drei Tagen nichts mehr zu essen, und deswegen erbarmt sich Jesus über es. In der vorigen Geschichte klang demgegenüber in Jesu Erbarmen über die Herde, die keinen Hirten hat, auch die geistliche Not an. f) Die Rolle der Jünger ist blasser geworden.

In 8,17-21 führt Mk dann unter ausdrücklichem Bezug auf die beiden Speisungsgeschichten aus, wie er sie verstanden wissen will.

Tradition

Die beiden Fassungen der Speisungsgeschichte sind nicht zwei selbständige Überlieferungen, sondern Ausgestaltungen einer gemeinsamen Urtradition. Gegenüber der Überlieferung hinter 6,34-44 ist die vorliegende Tradition möglicherweise darin ursprünglicher, daß sie etwas knapper erzählt ist. Beispielsweise fehlt in ihr die Notiz über die Ausführung des Befehls Jesu zum Hinsetzen (vgl. 8,6a mit 6,39-40).

Gleichwohl ist 8,1-9 gegenüber 6,34-44 sekundär; denn die Handlung setzt hier mit der Initiative Jesu (V. 1f) ein; aus der Schilderung »Er hatte Erbarmen« (6,34) ist die direkte Rede »Ich habe Erbarmen« (8,2) und aus dem Verlangen der Jünger (6,36) eine Überlegung Jesu (8,3) geworden.

Historisches

Vgl. die Bemerkungen zu 6,34-44. Der geschichtliche Ertrag ist auch bezüglich dieses Wunders gleich Null.

Mk 8,10-21: Gegen die Zeichenforderung der Pharisäer. Das Unverständnis der Jünger

(10) Und sogleich stieg er in ein Boot mit seinen Jüngern und kam in das Gebiet von Dalmanutha.

(11) Und die Pharisäer zogen aus und begannen mit ihm zu streiten, indem sie von ihm ein Zeichen vom Himmel forderten und ihn versuchten. (12) Und er seufzte in seinem Geist und sagt: »Was fordert dieses Geschlecht ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Keinesfalls wird diesem Geschlecht ein Zeichen gegeben werden.«

(13) Und er ließ sie stehen, stieg wieder ein und fuhr weg an das andere Ufer.

(14) Und sie vergaßen, Brote mitzunehmen, und hatten nur ein einziges Brot mit sich im Boot. (15) Und er schärfte ihnen ein und sagte: »Seht, nehmt euch in acht vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes!«

(16) Und sie überlegten untereinander, daß sie keine Brote hätten. (17) Und er erkennt es und sagt ihnen: »Was überlegt ihr untereinander, daß ihr keine Brote habt? Begreift und versteht ihr nicht? Ihr habt ein verstocktes Herz.

(18) Obwohl ihr Augen habt, seht ihr nicht,

und obwohl ihr Ohren habt, hört ihr nicht.

[Vgl. Jer 5,21]

Und erinnert ihr euch nicht, (19) als ich die fünf Brote für die Fünftausend brach, wieviel Körbe voll Brocken ihr aufgehoben habt?« Sie sagen ihm: »Zwölf«. (20) »Als (ich) die sieben für die Viertausend (brach), wieviel Körbe voll Brocken habt ihr aufgehoben?« Und sie sagen: »Sieben«.

(21) Und er sagte ihnen: »Versteht ihr noch nicht?«

Redaktion

V. 10a ist eine von Mk geschaffene Überleitung, außer der Ortsangabe Dalmanutha. Man beachte, wie der Evangelist wiederum das Bootsmotiv einbringt (vgl. 4,1.36 u.ö.).

V. 11: Die Einleitung der Zeichenforderung ist von Mk gestaltet. Denn die Pharisäer bevorzugt Mk als Gegner Jesu. Zudem verengt Mk mit ihnen den Kreis der Adressaten seiner Antwort: »dieses Geschlecht« (V. 12).

V. 12: „Jesu Antwort wird mit einem Hinweis auf seine Gefühle eingeleitet (vgl. 3,5) und ist dann auch entsprechend emphatisch“ (Lührmann, 136). Man vgl. 7,34.

V. 13 nimmt das Bootsmotiv wieder auf und stammt von Mk (vgl. zu V. 10a).

V. 14-21 sind voller mk Motive und – mit der möglichen Ausnahme von V. 15, dessen Sinn dunkel ist – in toto redaktionell. Das aus der Speisungsgeschichte stammende Brotmotiv durchzieht den ganzen Abschnitt (V. 14.16.17.19). V. 14 nimmt V. 4 auf. V. 15: »die Pharisäer« bezieht sich auf V. 11 zurück. V. 16f: Das Unverständnismotiv durchzieht das MkEv. V. 19 nimmt 6,41-44 auf, desgleichen bezieht sich V. 20 auf 8,6-9 zurück. V. 21 steigert das Unverständnismotiv.

Tradition

V. 11-12 haben eine Parallele in Q (Mt 12,38-42; Lk 11,29-32). Ob die Form in Q, in der dieses Geschlecht auf das Jona-Zeichen hingewiesen wird, eine sekundäre Erweiterung gegenüber Mk ist oder ob umgekehrt Mk 8,11f eine Kürzung darstellt, ist kaum zu entscheiden.

Historisches

V. 12 dürfte auf Jesus zurückgehen, denn das Wort atmet einen charakteristisch-individuellen Geist. Jesus verweigert eine Beglaubigung für sein Auftreten. Offenbar war für Jesus selbst seine Wunderkraft eine evidente Tatsache. Den Beweis dafür hat er aber anderen, die eine Beglaubigung forderten, verweigert. Vgl. weiter zu Lk 11,29-32.

Mk 8,22-26: Der Blinde

(22) Und sie kommen nach Bethsaida.

Und sie bringen ihm einen Blinden und bitten ihn, daß er ihn berühre. (23) Und er nahm die Hand des Blinden und führte ihn aus dem Dorf hinaus und spuckte auf seine Augen, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: »Siehst du etwas?« (24) Und aufsehend sagte er: »Ich sehe die Menschen, denn wie Bäume herumwandelnd schaue ich sie.« (25) Darauf legte er wiederum die Hände auf seine Augen, und er sah scharf und war wiederhergestellt und sah alles deutlich.

(26) Und er schickte ihn in sein Haus und sagte: »Geh nicht in das Dorf hinein!«

Redaktion

Der redaktionelle Sinn ergibt sich vor allem aus der Stellung der Perikope im Gesamtrahmen des MkEv. Sie weist einerseits auf das Verstehen des Jüngers Petrus in 8,29 voraus. Andererseits nimmt sie die von den Jüngern ausgesagte Blindheit (und Taubheit) in 8,18 auf. Wie bereits die Heilung des Taubstummen in 7,31-37 hat auch die Öffnung der Augen des Blinden teilweise symbolische Bedeutung.

Tradition

Mk hat an dieser Stelle eine Erzählung überliefert, die demselben Typ wie die Geschichte vom Taubstummen in Mk 7,32-35 entspricht. Sie enthält ähnliche Merkmale wie die Geschiche vom Taubstummen. a) Man bringt zu Jesus einen Kranken mit der Bitte um Heilung, b) Jesus nimmt ihn von den Zuschauern abseits, c) er heilt ihn mittels Speichel und Handauflegung. Daher ist die Geschichte als Variante von 7,32-35 zu beurteilen. Eigentümlich ist an der Geschichte im Verhältnis zu 7,32-35 nur, daß keine Zauberformel vorkommt and daß die Heilung in Stufen vonstatten geht.

Historisches

Der Wunderbericht Mk 8,22-26 mag auf eine geschichtliche Begebenheit zurückgehen. Die Verwendung von Speichel als Augenheilmittel war bereits zur Zeit Jesu im antiken Judentum üblich. Eine solch abstruse Geschichte wie die vorliegende läßt sich schwerlich aus der Gemeinde ableiten.

Mk 8,27-33: Das Messiasbekenntnis und das Versagen des Petrus

(27) Und Jesus ging weg und seine Jünger in die Dörfer von Cäsarea Philippi. Und auf dem Wege fragte er seine Jünger und sagte ihnen: »Wer, sagen die Menschen, sei ich?« (28) Sie aber sagten ihm und sprachen: »Johannes der Täufer‹, und andere: ›Elia‹, und andere: ›einer der Propheten‹.« (29) Und er fragte sie: »Ihr aber, wer sagt ihr, daß ich sei?« Petrus aber antwortete und sagt ihm: »Du bist der Christus.«

(30) Und er bedrohte sie, daß sie niemandem über ihn erzählen.

(31) Und er begann sie zu lehren: »Der Menschensohn muß viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.« (32) Und mit Freimut sagte er das Wort.

Und Petrus nahm ihn zur Seite und begann ihn zu bedrohen. (33) Er aber wandte sich um, sah seine Jünger und bedrohte Petrus und sagt: »Tritt hinter mich, Satan, denn du hast nicht Gottes Sache im Sinn, sondern des Menschen Sache!«

Redaktion

Mit 8,27 beginnt ein neuer Teil des MkEv. Den Jüngern gegenüber eröffnet Jesus, wer er wirklich ist, korrigiert aber sofort das Mißverständnis des Petrus.

V. 27 ist in seinem ersten Teil ganz von Mk geschaffen; vgl. bes. das Wegmotiv (9,33f; 10,17; 10,32; 10,52).

V. 28 erinnert stark an 6,14f. Dabei ist 6,14f offensichtlich von der vorliegenden Stelle abhängig.

V. 30 enthält das mk Motiv des Messiasgeheimnisses.

V. 31 ist die erste Leidens- und Auferstehungsankündigung, die ebenso wie die zweite (9,31) und dritte (10,32b-34) von Mk eingefügt wurde. Dies ergibt sich zwingend aus ihrem sprachlich überwiegend mk Charakter und ihrer planmäßigen Verteilung auf Mk 8-10.

V. 32a: »Freimut« erscheint nur an dieser Stelle bei den Synoptikern, ist aber beim vierten Evangelisten häufig: 7,13.26; 10,24 u.ö. Vgl. auch Apg 2,29; 4,13.29 u.ö. Gleichwohl dürfte V. 32a redaktionell sein, um so mehr, als er, wie andere mk Stellen auch, die klare Voraussicht Jesu über sein Schicksal zeigt.

V. 32b: Petrus widersetzt sich dem Gedanken, daß der Menschensohn Jesus leiden muß. Doch kann er auch die Aussage der Auferstehung nicht verstehen. Man beachte, daß für Mk »Christus« und »Menschensohn« identisch sind (vgl. zu Mk 14,61-62).

Tradition

Ausgangspunkt der Traditionsanalyse ist, daß die Anrede des Petrus als Satan auf historisch zuverlässige Überlieferung zurückgehen muß. Denn diese »Verteufelung« des angesehenen Jüngers läßt sich nicht aus der Gemeinde ableiten.

Unter Abzug der redaktionellen V. 30-32 ergibt sich ein Anschluß von V. 33 an V. 29. Der Gedankengang der rekonstruierten Tradition verläuft dann wie folgt: Jesus weist die Erwartung, er sei der Messias, die von Petrus an ihn herangetragen wird, als satanische Anfechtung zurück.

Historisches

Die Gründe, die für die historische Wahrscheinlichkeit der Anrede Petri als Satan durch Jesus sprechen, wurden bereits im vorigen Abschnitt genannt. Und auch der Anlaß zu dieser Anrede, die Messiaserwartung Petri, dürfte historisch sein. Eine andere Frage ist natürlich, ob der Zeitpunkt des in der Tradition widergespiegelten Streites zwischen Jesus und seinem ersten Jünger von Mk richtig bestimmt ist. Hier will ich mich nicht festlegen. Jedenfalls fand eine Kontroverse darüber statt, ob Jesus der politische Messias sei (der die Römer aus dem Land jagt und das Reich Davids wiedererrichtet (vgl. Psalmen Salomos 17). Jesus weist diese Erwartung des Petrus entschieden zurück und dämonisiert seinen ersten Jünger. Der Satan, dessen Sturz Jesus bereits geschaut hat (Lk 10,18), kommt ihm ausgerechnet in der Erwartung seines engsten Vertrauten in die Quere. Als Satan redet Jesus Petrus an und belegt ihn mit dem Bann.

Mk 8,34-38: Von der Nachfolge Jesu

(34) Und er rief die Volksmenge mit seinen Jüngern zusammen und sagte ihnen:

»Wenn jemand hinter mir herfolgen, verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. (35) Wer nämlich sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen und um des Evangeliums willen, wird es retten.

(36) Was nützt es nämlich dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und sein Leben einbüßt? (37) Denn was wird ein Mensch als Tausch für sein Leben geben?

(38) Wer sich nämlich meiner und meiner Worte in diesem ehebrecherischen und sündigen Geschlecht schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommt in der Herrlichkeit des Vaters mit den heiligen Engeln.«

Redaktion

Die Stellung der Nachfolgerede im unmittelbaren Anschluß an Jesu Zurückweisung der Einrede Petri läßt bezüglich der Intention des Mk den Schluß zu: Mk gibt seiner Gemeinde eine Belehrung darüber, wie Nachfolge in der Gegenwart aussehen kann. Man vgl. ähnliche Belehrungen im Anschluß an die zweite und dritte Leidensweissagung jeweils nach einem Unverständnis der Jünger (9,32-50; 10,35-45).

V. 34a: Die Einleitung ist redaktionell (vgl. 7,14; 8,1 u.ö.).

V. 35: Mk fügt ähnlich wie in 10,29 »um des Evangeliums willen« hinzu. Das „Evangelium ist der von den Aposteln gepredigte Christus“ (Wellhausen, 387). Vgl. auch oben, S. 19.

Tradition

In diesem Abschnitt sind verschiedene Jesuslogien zusammengestellt:

V. 34b: Dies ist ein Spruch eines nachösterlichen Propheten, denn bei dem Kreuz kann nur an das Kreuz Jesu gedacht werden; die Jünger sollen wie er das Martyrium willig über sich ergehen lassen. Das Kreuz tritt hier schon als Symbol des Christentums auf. Vgl. auch zu Mt 10,38/Lk 14,27.

V. 35: Die Q-Fassung dieses Wortes (Lk 17,33/Mt 10,39) ist älter, da sie in ihrer ursprünglichen Form (Lk) noch nicht den Bezug auf Jesus enthält.

V. 36-37: Hier liegen zwei weisheitlich geprägte Fragen vor, die beide negativ zu beantworten sind. Der Gewinn der ganzen Welt nützt nichts. Vgl. Ps 49,8-10; Koh 1,3; Lk 12,16-20.

V. 38: Dies ist ein Jesuswort, das über die anderen hinaus noch den zukünftigen Menschensohn ins Spiel bringt und eine deutlich apokalyptische Perspektive zeigt. Vgl. die Q-Parallele Lk 12,8f/Mt 10,32f und die zu Lk 12,8f gegebenen Erläuterungen.

Historisches

V. 34b: Dieses Wort ist in der vorliegenden Form, aber auch in der Q-Fassung unecht, da es auf den »Erhöhten« zurückgeht. Daß Jesus selber seiner Kreuzigung im vorhinein einen metaphorischen Sinn abgewonnen habe, scheint abwegig.

V. 35: Die Echtheit dieses profanen Sprichwortes ist auch ohne mk Hinzufügungen und ohne Bezug auf Jesus höchst unsicher.

V. 36-37 tragen weisheitliche Prägung und gehen nur vielleicht auf Jesus zurück.

V. 38 ist unecht.

Mk 9,1-13: Jesu Verklärung und Gespräch beim Abstieg vom Berg

(1) Und er sagte ihnen: »Amen, ich sage euch, es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie das Reich Gottes in Kraft gekommen sehen.«

(2) Und nach sechs Tagen nahm Jesus Petrus und Jakobus und Johannes und führt sie allein beiseite hinauf auf einen hohen Berg. Und er wurde vor ihnen verwandelt. (3) Und seine Kleider wurden ganz glänzend weiß, wie sie kein Walker auf der Erde so weißen kann.

(4) Und ihnen erschien Elia mit Mose, und sie führten ein Gespräch mit Jesus.

(5) Und Petrus antwortete und sagt zu Jesus: »Rabbi, gut ist es für uns, hier zu sein. Und wir wollen drei Hütten bauen, dir eine und Mose eine und Elia eine.« (6) Denn er wußte nicht, was er antwortete, sie waren nämlich von Furcht ergriffen. (7) Und es entstand eine Wolke, die sie überschattete. Und eine Stimme geschah aus der Wolke: »Dieser ist mein geliebter Sohn, hört auf ihn!« (8) Und plötzlich, als sie um sich blickten, sahen sie niemanden mehr außer Jesus allein bei ihnen.

(9) Und als sie vom Berg herabstiegen, befahl er ihnen, daß sie niemandem von dem, was sie gesehen hatten, erzählten, außer wenn der Menschensohn von den Toten auferstanden sei. (10) Und sie griffen das Wort auf und stritten untereinander, was es sei, von den Toten aufzuerstehen. (11) Und sie fragten ihn und sprachen: »Warum sagen die Schriftgelehrten, Elia müsse zuerst kommen?«

(12) Er aber sagte ihnen: »Kommt Elia zuerst, um alles wieder herzustellen? Wieso steht dann geschrieben über den Menschensohn, daß er vieles leiden und verachtet werden wird? (13) Aber ich sage euch: Elia ist gekommen, und sie taten ihm, was sie wollten, wie über ihn geschrieben steht.«

Redaktion

V. 1: Mk kann den überlieferten Satz hier übernehmen, da er selbst, wie 13,30 zeigt, eine zeitlich bestimmte Naherwartung besaß.

Gleichwohl interpretiert die anschließend erzählte Geschichte den traditionellen V. 1. Sie steht, indem sie Jesu Herrlichkeit zeigt, in Kontrast zu 8,27-38, wo das Leiden Jesu und der Jünger behandelt wurde. Gleichzeitig ist die Perikope die göttliche Bestätigung des Petrusbekenntnisses, wenn es recht verstanden wird: Jesus ist der Christus und Menschensohn, muß aber zuvor leiden.

Die Erzählung V. 2-8 ist im Kontext fest verankert. Folgende Motive in der Geschichte sind nämlich bereits aus dem Vorhergehenden bekannt:

V. 2: Bergmotiv (vgl. 3,13; 6,46); die drei Jünger Petrus, Jakobus, Johannes (vgl. 1,16-20; 3,16f; 5,37 – im Anschluß an die Perikope: 13,3; 14,33).

V. 4: Elia (vgl. 8,28 und 9,11).

V. 5: Petrus als Sprecher der Jünger (vgl. unmittelbar vorher 8,29).

V. 6: Zum Unverständnis der Jünger vgl. 4,13; 8,14-21 und im unmittelbaren Kontext 9,10. Zur Formulierung vgl. später 14,40b.

V. 7: Die Proklamation Jesu als Sohn Gottes nimmt 1,11 auf und weist auf 15,39 voraus. (Man vgl. dazu weiter 3,11; 5,7.)

V. 9-13 bestehen aus zwei Szenen:

a) V. 9-10: Hier erscheint der »Menschensohn«, der in der Verklärungsgeschichte nicht vorkam. Das Wort nimmt denselben Ausdruck aus 8,31 auf. V. 9 enthält einen Schweigebefehl an die Jünger, den sie aber mit Unverständnis (V. 10) quittieren. Dieses Schweigegebot ist wegen seiner ausdrücklichen zeitlichen Befristung singulär. Es besagt: Eine Verkündigung dessen, was Jesus wirklich ist, wird erst nach Ostern möglich sein. Diese hermeneutische Richtschnur gilt in gleicher Weise für sämtliche anderen Schweigegebote, und auch in allen drei Leidens- und Auferstehungsvoraussagen (8,31; 9,31; 10,32-34) wird klar, daß das Geheimnis Jesu erst nach seiner Auferstehung gelüftet werden wird.

b) V. 11-13 enthalten eine schriftgelehrte Zuordnung von Elia (äußerer Anlaß ist V. 4) zum Menschensohn. Der Hinweis auf das Leiden des Menschensohnes (V. 12) greift auf 8,31 zurück. Mk sieht in Johannes dem Täufer den wiedergekommenen Elia, der aber bereits getötet wurde (6,14-29).

Tradition

V. 1: Der Vers bezieht sich auf die Erwartung des Weltendes, dem positiv der Anbruch des Reiches Gottes entspricht. Das Wort entstand in der Zeit nach dem Tode und der »Auferstehung« Jesu, als die Erwartung des Kommens Jesu vom Himmel zwar noch lebendig war, etliche seiner Jünger jedoch unverhofft gestorben waren. Den noch lebenden Jüngern sichert das Wort Jesu als Trost zu: Wenigstens ein kleiner Rest der ersten Generation wird den Anbruch des Reiches Gottes noch erleben. Ihr könnt euch darauf verlassen.

Einen Einblick in das Problem der »Parusieverzögerung«, um das es hier geht, liefern die Briefe eines Augenzeugen der ersten urchristlichen Generation, Paulus. 1Kor 15,51 berichtet er von einem ihm widerfahrenen »Geheimnis«, d.h. einem ihm als Propheten zuteil gewordenen Wort des Herrn, das Probleme in der Gemeinde lösen soll. Er schreibt:

»Alle werden wir nicht entschlafen,

alle aber werden wir verwandelt werden.«

Darauf folgt eine Beschreibung des Endes, die seinen plötzlichen Eintritt betont, die Gerichtsposaune hervorhebt und die Totenerweckung konstatiert (1Kor 15,52).

Dieses Wort bewegt sich im Horizont der urchristlichen Erwartung, das Ende der Welt und damit die Ankunft des Herrn Jesus vom Himmel stünden unmittelbar bevor. Der Spruch verändert die Erwartung dahingehend, daß zuvor die meisten sterben würden, einige aber bis zum Ende mit ihrem Überleben rechnen könnten (so auch Mk 9,1).

Eine Vorstufe für diese veränderte Zukunftserwartung finden wir im ältesten Brief des Paulus, dem an die Thessalonicher (1Thess 4,15-17), wo das dem Propheten Paulus zuteil gewordene Wort des »Herrn« wie folgt lautet:

»(15) Denn das sagen wir euch mit einem Wort des Herrn, daß wir, die wir leben und übrigbleiben bis zur Ankunft des Herrn, denen nicht zuvorkommen werden, die entschlafen sind. (16) Denn er selbst, der Herr, wird, wenn der Befehl ertönt, wenn die Stimme des Erzengels und die Posaune Gottes erschallen, herabkommen vom Himmel, und zuerst werden die Toten, die in Christus gestorben sind, auferstehen. (17) Danach werden wir, die wir leben und übrigbleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden auf den Wolken in die Luft, dem Herrn entgegen; und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit.«

Zum Zeitpunkt der Abfassung des ersten Thessalonicherbriefs setzt Paulus offenbar voraus, daß die Mehrheit der Christen, seine Person eingeschlossen, mit einem Überleben bis zur Ankunft Jesu vom Himmel rechnen könne, während eine Minderheit versterbe.

Aus dieser Rekonstruktion folgt, daß Paulus vor der Abfassung des ersten Thessalonicherbriefs davon ausgegangen war, alle Christen würden bis zum Kommen Jesu vom Himmel überleben; und in dieser Erwartung dürfte er die christliche Durchschnittsmeinung der ersten Jahre nach Tod und »Auferstehung« Jesu vertreten haben.

V. 2-8: Die Tradition ist relativ einheitlich. Man beachte aber, daß am Anfang Jesus Subjekt ist, am Ende die Jünger. Die Tradition wurzelt im jüdischen Milieu. Sie hat mancherlei Parallelen mit Ex 24: Mose steigt auf den Berg, begleitet von drei namentlich genannten Männern (V. 9). Eine Wolke bedeckt den Berg (V. 15), und zwar 6 Tage lang, und Gott redet schließlich mit Mose aus ihr (V. 16). Die Tradition begründet, allgemein gesagt, Jesu Legitimität durch seine Entrückung in die himmlische Sphäre selbst.

Die Mk als literarische Einheit vorgegebene Tradition läßt sich in drei Teile gliedern:

1. Verklärung Jesu auf dem Berg und das Erscheinen von Elia und Mose;

2. Vorschlag des Petrus, drei Hütten zu bauen;

3. Wolke und Wolkenstimme (»Inthronisationsformel«) als Pointe.

Man kann die Tradition mit guten Gründen als Ostergeschichte identifizieren, und zwar wegen des Licht- und des Bergmotivs. So sieht Paulus den himmlischen Christus in einem verklärten Lichtleib (1Kor 15,42-49), und der Auferstandene erscheint seinen Jüngern auf dem Berg: Mt 28,16-20. Die Aufnahme der Verklärungsgeschichte in 2Petr 1,16-18 verankert sie offenbar in einem österlichen Kontext.

Die vorliegende Überlieferung mag die aus Gal 2,9 bekannte Trias »Petrus, Jakobus, Johannes« in ihrem Säulenamt legitimiert haben.

Historisches

V. 1: Die Rekonstruktion der Entstehung des Wortes beweist seine Unechtheit. Doch macht es, zusammen mit den angeführten Belegen aus den Briefen des Apostels Paulus, die brennende Naherwartung der ersten christlichen Generation deutlich, die am besten verstehbar ist, wenn Jesus selbst mit dem Kommen des Reiches Gottes in allernächster Zukunft gerechnet hat.

V. 2-8: Ist die Tradition ursprünglich eine Ostergeschichte, scheidet ihre Historizität von vornherein aus.

Mk 9,14-29: Der epileptische Knabe

(14) Und als sie zu den Jüngern kamen, sah er eine große Volksmenge um sie herum und Schriftgelehrte, die mit ihnen stritten. (15) Und sogleich sah ihn das ganze Volk und erschrak und lief herbei, um ihn zu begrüßen. (16) Und er fragte sie: »Was streitet ihr mit ihnen?«

(17) Und es antwortete ihm einer aus dem Volk: »Lehrer, ich brachte meinen Sohn zu dir, der einen stummen Geist hat. (18) Und wenn er ihn packt, wirft er ihn auf den Boden; und er schäumt und knirscht mit den Zähnen und wird starr. Und ich sagte deinen Jüngern, daß sie ihn austrieben, und sie vermochten es nicht.«

(19) Er aber antwortete ihnen und sagt: »Oh ungläubiges Geschlecht, wie lange werde ich noch bei euch sein? Wie lange werde ich euch noch ertragen? Bringt ihn zu mir!« (20) Und sie brachten ihn zu ihm.

Und als der Geist ihn sah, riß er ihn sogleich zusammen, und er fiel auf den Boden und wälzte sich schäumend. (21) Und er fragte seinen Vater: »Wie lange Zeit ist ihm dieses geschehen?« Er aber sagte: »Von Kindheit an. (22) Und oft warf er ihn auch in das Feuer oder in Wasser, damit er ihn vernichte. Aber wenn du kannst, hilf uns und hab Erbarmen über uns.«

(23) Jesus aber sagte ihm: »Was das betrifft, sage ich dir: Alles ist möglich dem, der glaubt.« (24) Sogleich schrie der Vater des Knaben auf und sagte: »Ich glaube, hilf meinem Unglauben!«

(25) Als aber Jesus sah, daß das Volk zusammenläuft, bedrohte er den unreinen Geist, und sagte ihm: »Du stummer und tauber Geist, ich befehle dir: Fahre von ihm aus und kehre nicht mehr in ihn zurück!« (26) Und er schrie, riß ihn heftig zusammen und fuhr aus. Und er war wie tot, so daß viele sagten: »Er starb.« (27) Jesus aber nahm seine Hand und richtete ihn auf, und er stand auf.

(28) Und als er in das Haus eintritt, fragten ihn seine Jünger für sich: »Warum konnten wir ihn nicht austreiben?« (29) Und er sagte ihnen: »Diese Art kann durch nichts anderes ausfahren als durch Gebet.«

Redaktion

V. 14-16 sind redaktionell. Die Rückkehr Jesu und seiner drei Begleiter zu den Jüngern (V. 14) schließt an V. 2 an. »Schriftgelehrte« (V. 14) nimmt dieselbe Gruppe aus V. 11 auf. Wenn sie vorher genannt wurden, ging es immer um die Vollmacht Jesu (vgl. 1,22 u.ö.). Hier diskutieren sie mit den Jüngern.

V. 19 steht innerhalb des MkEv in einer langen Reihe von Stellen, die die Unfähigkeit der Jünger, zu verstehen, schlagend belegen (vgl. vorher 8,16-21).

V. 23-24 tragen das mk Glaubensmotiv ausdrücklich in die Geschichte ein. Der beispielhaft dargestellte Glaube des Vaters steht dabei in einem starken Gegensatz zur hilflosen Haltung der Jünger, die in V. 19 als ungläubiges Geschlecht bezeichnet werden.

V. 28-29 sind gleichfalls markinisch: Durch V. 28b versucht Mk vielleicht das Problem seiner Gemeinde zu bewältigen, daß sie sich der eigenen exorzistischen Fähigkeit unsicher geworden ist.

Tradition

Die doppelte Krankheitsbeschreibung (V. 17b-18; V. 21f) und die Tatsache, daß die Jünger nur am Anfang von Bedeutung sind, lassen darauf schließen, daß die von Mk aufgenommene Erzählung eine sekundäre Kombination zweier einander ähnlicher Wundergeschichten ist. Dabei scheint die zweite (etwa V. 21ff) ganz auf den Exorzismus konzentriert gewesen zu sein, während die Pointe der ersten (etwa V. 17ff) »die Gegenüberstellung des Meisters und der Zauberlehrlinge« war, »deren Unfähigkeit die Folie für die Kraft des Meisters bildet« (Bultmann, 225).

Historisches

Zuweilen wird in der Tradition die historisch zuverlässige Erinnerung an ein Jüngerversagen wiedergefunden. Doch kann man nur deswegen, weil das Jüngerversagen in anderen Wundergeschichten kein Thema ist, schwerlich auf historische Erinnerungen schließen. Zudem mag das Jüngerversagen aus der nachösterlichen Situation eingetragen worden sein, denn für sie ist es an anderen Stellen bezeugt (4,13-20; Lk 22,31f).

Zur Exorzismustätigkeit Jesu sei auch auf die Ausführungen zu Lk 11,20 verwiesen.

Zur Frage, ob das erst von Mk in die Geschichte eingebrachte Glaubensmotiv für Jesus bedeutsam war, vgl. zu 11,23.

Mk 9,30-41: Zweite Leidensweissagung. Rangstreit unter den Jüngern. Der fremde Exorzist

(30) Und von dort gingen sie hinaus und zogen durch Galiläa. Und er wollte nicht, daß es jemand erfährt. (31) Er lehrte nämlich seine Jünger und sagte ihnen: »Der Sohn des Menschen wird in die Hände von Menschen übergeben und sie werden ihn töten und, getötet, wird er nach drei Tagen auferstehen.«

(32) Sie aber verstanden das Wort nicht, und sie fürchteten sich, ihn zu fragen.

(33) Und sie kamen nach Kapernaum, und als er im Haus war, fragte er sie: »Worüber habt ihr auf dem Weg gestritten?« (34) Sie aber schwiegen. Miteinander hatten sie nämlich auf dem Weg überlegt, wer der größte sei.

(35) Und er setzte sich und rief die Zwölf und sagt ihnen: »Wenn jemand erster sein will, soll er letzter von allen und der Diener von allen sein.« (36) Und er nahm ein Kind und stellte es in ihre Mitte, umarmte es und sagte ihnen: (37) »Wer eines von diesen Kindern in meinem Namen aufnimmt, nimmt mich auf. Und wer mich aufnimmt, nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.«

(38) Es sagte zu ihm Johannes: »Lehrer, wir sahen jemanden in deinem Namen Dämonen austreiben und wir haben ihn daran gehindert, weil er uns nicht nachfolgte.« (39) Jesus aber sprach: »Hindert ihn nicht! Denn es gibt keinen, der in meinem Namen ein Wunder tun wird und bald darauf schlecht über mich reden kann. (40) Wer nämlich nicht gegen uns ist, ist für uns. (41) Wer nämlich euch einen Becher Wasser zu trinken gibt im Namen, daß ihr zu Christus gehört, amen, ich sage euch, er wird seinen Lohn nicht einbüßen.«

Redaktion

V. 30-32: Die Leidens- und Auferstehungsvoraussage entspricht 8,31. Das Motiv der Geheimhaltung findet sich auch 5,43. Das Jüngerunverständnis erscheint bereits 8,32 (vgl. 10,32).

V. 33-34 sind mk Einleitung der folgenden Szene.

V. 35: Mk hat die Zwölf in den Text eingetragen.

V. 36-37: Mk hat V. 36 unter Einwirkung von 10,16 fingiert. V. 37 »gibt eine Regel für die Zeit, wo Jesus nicht mehr selber auf Erden weilt, sondern nur vertretungsweise Beweise der Liebe empfangen kann, da sein Name unter seinen Anhängern fortlebt« (Wellhausen, 396).

V. 38-40 ist ein Traditionsstück, das Mk hier anfügte, um den Gedanken vom unverständigen Jünger weiter einzuschärfen. Gleichzeitig mag der Stichwortanschluß »in deinem Namen« (V. 38) an »in meinem Namen« (V. 37) eine Rolle gespielt haben. Das Erscheinen des Johannes in V. 38 dürfte aus 10,35-45 zu erklären sein, wo Johannes (samt seinem Bruder Jakobus) ebenfalls mit einem Anliegen an Jesus herantritt.

Tradition

V. 35b und V. 37: Mk fand beide Sprüche schon in einer sekundären, paränetisch ausgerichteten Fassung vor (zu V. 37 vgl. Lk 10,16/Mt 10,40; Joh 13,20).

V. 38-40: Die Jüngerschaft tritt als eigene Gruppe auf. V. 38 ist ein singulärer Beleg für die Aussage, daß jemand anders den Jüngern nicht nachfolgt. Also geht es um ein Problem der Gemeinde. V. 39-40: Eine profane Parallele zu V. 40 findet sich bei Cicero, Reden 41: »Für uns sind alle Gegner, außer denen, die mit uns sind, für Cäsar sind alle die Seinen, soweit sie nicht gegen ihn sind.«

V. 41 knüpft an V. 37 an und bildete mit ihm vielleicht traditionell eine Einheit.

Historisches

V. 35b und V. 37a: In beiden Sprüchen wird zuweilen der Geist Jesu wiederentdeckt. »Gibt das erste einen Blick frei auf den Geist, der in der Jüngerschaft herrschen soll, so deutet das zweite nur noch die Stellung Jesu zu den sozial schwachen Kindern an« (Gnilka, Mk I, 57). Doch muß das unbefriedigend bleiben.

V. 38-40: Die Episode ist unhistorisch, da eine Gemeindesituation zugrunde liegt. Außerdem erscheint es als ausgeschlossen, daß bereits zu Lebzeiten Jesu Menschen außerhalb seiner Jünger sich auf seinen wundersamen Namen berufen haben könnten. In V. 40 handelt sich überdies um einen Spruch, der nachträglich christianisiert worden ist. Man vgl. als Analogie das Jesus in den Mund gelegte Wort »Geben ist seliger als nehmen« (Apg 20,35), das als persischer Grundsatz bei Thukydides II 97,4 erscheint.

V. 41: Die Zugehörigkeit zu Christus weist auf die Gemeinde und nicht auf das Leben Jesu. Das Wort ist daher unecht.

Mk 9,42-43.45.47-50: Von der Verführung zur Sünde. Sprüche vom Salz

(42) »Und wer einem dieser Kleinen, die glauben, Ärgernis gibt, es wäre besser für ihn, wenn ein Mühlstein um seinen Hals gelegt wird und er ins Meer geworfen würde.

(43) Und wenn dir deine Hand Ärgernis gibt, haue sie ab! Es wäre besser für dich, verstümmelt in das Leben einzugehen als zwei Hände zu haben und in die Gehenna, in das unauslöschliche Feuer, wegzugehen.

(45) Und wenn dir dein Fuß Ärgernis gibt, haue ihn ab! Es wäre besser für dich, lahm in das Leben einzugehen, als mit zwei Füßen in die Gehenna geworfen zu werden.

(47) Und wenn dein Auge dir Ärgernis gibt, reiß es aus! Es wäre besser für dich, einäugig in das Reich Gottes einzugehen, als mit zwei Augen in die Gehenna geworfen zu werden, (48) wo ihr Wurm nicht verendet und das Feuer nicht erlischt.

(49) Denn jeder wird mit Feuer gesalzen werden. (50) Gut ist das Salz. Wenn aber das Salz schal geworden ist, womit würzt ihr es? Habt Salz in euch und bewahrt Frieden untereinander!«

Textkritische Vorbemerkung: V. 44 und V. 46 gehören nicht zum ursprünglichen Text.

Redaktion

V. 42-48: Mk setzt mit dieser aus der Überlieferung geschöpften Spruchfolge die mit V. 33 beginnende Belehrung der Jünger fort. V. 42: »Kleine(n)« nimmt »Kind(er)« in V. 36-37 auf. V. 48 schließt die Einheit mit einem Zitat aus Jes 66,24 ab.

V. 49 ist mk Überleitung zum nächsten Vers.

V. 50: Mit der Aufforderung zum Frieden lenkt Mk zum Ausgangspunkt des Jüngerstreites in V. 33-34 zurück und formuliert den Ertrag des eingeschobenen Traditionsstückes, nämlich Frieden miteinander zu bewahren.

Tradition

»Das Geröll isolierter und paradoxer Aussprüche Jesu in 9,33-50, die sich da ausnehmen wie unverdaute Brocken, ist höchst charakteristisch und ohne allen Zweifel das literarisch Primäre. Wie hätte Mc dazu kommen sollen, dieselben aus dem Zusammenhange zu reißen und dadurch unverständlich zu machen?« (Wellhausen, 397). Zu V. 43 und V. 47 finden sich unabhängig von Mk Parallelen in Mt 5,30 und 5,29.

V. 42-48 dürften Teil eines in 9,33-50 eingeflossenen vormk Gemeindekatechismus sein. V. 42 greift (zusammen mit V. 41) in formaler Hinsicht auf V. 37 zurück. Auf das Stichwort »Ärgernis geben« (V. 42), das hier immer die Verführung zum Abfall vom Christentum bedeutet, folgen in V. 43.45.47f drei parallel gebaute Sätze. Es fällt auf, daß im Nachsatz das Eingehen in das Leben (V. 43.45) bzw. in das Reich Gottes (V. 47) jeweils mit dem Geworfen-Werden in die Gehenna kontrastiert wird. (Die Gehenna ist eine Talschlucht südlich von Jerusalem, in der nach jüdischem Volksglauben das Endgericht stattfinden soll.) Zuvor spricht Jesus in radikaler Weise jeweils die Aufforderung aus, im Falle eines Ärgernisses die dieses verursachenden Körperteile zu zerstören.

Offene Fragen: a) Wie verhält sich »Leben« zu »Reich Gottes«? b) Wie ist die Metaphorik zu deuten? Ich setze voraus, daß die Zerstörung der Ärgernis erregenden Gliedmaßen nicht wörtlich zu nehmen ist. Gehört das zur mk Gemeinde, in der auch andere metaphorische Interpretationen festzustellen sind? S. nur 8,14-21. Vgl. zur Metaphorik noch die Ausführungen zu Mt 5,29-30.

Daß allgemein eine Gemeindesituation zugrunde liegt, belegt eindeutig V. 42, der in technischer Terminologie von den Kleinen, die glauben, spricht.

V. 50: Vgl.Mt 5,13/Lk 14,34f. Die dort vorliegende Q-Fassung des Salzwortes ist traditionsgeschichtlich älter.

Historisches

V. 42-48: Auch der Grundbestand dieser Worte geht nicht auf Jesus zurück. Denn für alle ist eine Gemeindesituation vorauszusetzen. Zur Unechtheit der Worte Jesu in V. 43 und V. 47 vgl. die Ausführungen zu Mt 5,29-30.

Zu V. 50 vgl. das Urteil zu der traditionsgeschichtlich älteren Fassung Mt 5,13/Lk 14,34-35.

Mk 10,1-12: Von der Ehescheidung

(1) Und er bricht von dort auf und kommt in das Gebiet von Judäa und jenseits des Jordans, und es versammeln sich wiederum Volksmassen bei ihm, und wie gewöhnlich lehrte er sie wiederum.

(2) Und es kamen zu ihm Pharisäer und fragten ihn, ob es dem Mann erlaubt sei, die Frau zu entlassen, um ihn zu versuchen. (3) Er aber antwortete und sagte ihnen: »Was hat euch Mose befohlen?« (4) Sie aber sagten: »Mose erlaubte, eine Scheidungsurkunde zu schreiben und zu entlassen.« (5) Jesus aber sagte ihnen: »Um eurer Hartherzigkeit willen schrieb euch Mose dieses Gebot. (6) Vom Schöpfungsbeginn an aber

erschuf er sie als männlich und weiblich.

[Gen 1,27; 5,2]

(7) Deshalb wird ein Mensch seinen Vater und die Mutter verlassen.

(8) Und die zwei werden zu einem einzigen Fleisch werden.

[Gen 2,24 LXX]

Daher sind sie nicht mehr zwei, sondern ein einziges Fleisch. (9) Was also Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen.«

(10) Und im Haus fragten ihn die Jünger wieder darüber.

(11) Und er sagt ihnen: »Wer seine Frau entläßt und eine andere heiratet, begeht an ihr Ehebruch.

(12) Und wenn sie, nachdem sie ihren Mann entlassen hat, einen anderen heiratet, begeht sie Ehebruch.«

Redaktion

V. 1 ist eine mk Bildung, die den Aufbruch nach Jerusalem andeutet und Jesus wiederum lehrend zeigt. Sowohl Lk (9,51) als auch Mt (19,1) heben diesen Aufbruch stärker als Mk hervor. Mk hat ihn jedoch durch die beiden Leidensweissagungen in 8,31 und 9,31 angekündigt und wird ihn später noch einmal in 10,32 ansprechen.

V. 10 ist als typisch mk Jüngerbelehrung im Haus (vgl. vorher 9,33) redaktionelle Überleitung zum ursprünglich isolierten Logion V. 11f, das in Q (Mt 5,32/Lk 16,18) eine Parallele hat. Vgl. das bei Paulus ausdrücklich als Herrenwort eingeführte Logion 1Kor 7,10f.

Tradition

V. 2-9 sind ein Streitgespräch, in dem Jesus auf die Frage der Gegner zunächst eine Gegenfrage stellt und erst später eigentlich antwortet, und zwar in V. 9. Die Reaktion der Gegner darauf wird nicht mehr erzählt. V. 9 ist die älteste Schicht. Nur in V. 9 begegnen die zentralen Verben »zusammenfügen« und »trennen«, während in V. 2-8 für den Scheidungsakt nie »trennen«, wohl aber »entlassen« gebraucht wird.

Das ursprünglich isolierte Stück V. 11-12 präzisiert das abschließende Votum Jesu aus V. 9 inhaltlich dahin, daß auch den Frauen die Scheidung verboten wird. Die darin vorausgesetzte Möglichkeit einer Scheidung von seiten der Frau ist im judenchristlichen Bereich auszuschließen; sie dürfte am ehesten innerhalb der Gemeinde des Mk gegeben sein und entspricht der römischen und griechischen Gesetzgebung, die auch der Frau die Scheidung von ihrem Mann gestatten.

Historisches

V. 9 und V. 11: Beide Logien sind echt, denn die radikale Ablehnung der Ehescheidung durch Jesus ist sowohl in der Q-Tradition (Mt 5,32/Lk 16,18) als auch bei Paulus in 1Kor 7,10-11 belegt. Es ergibt sich, daß Jesus nach den ältesten Texten zur Sache jeweils die Unauflöslichkeit der Ehe betont. In V. 9 erfahren wir die eigentliche theologische Begründung dieser Sicht aus dem Schöpfungswillen Gottes. Vielleicht ergibt sich von hier aus eine Brücke zum Sabbatgebot in 2,27.

Mk 10,13-16: Die Kinder und das Reich Gottes

(13) Und sie brachten zu ihm Kinder, damit er sie berühre, die Jünger aber bedrohten sie. (14) Als das aber Jesus sah, wurde er unwillig und sagte ihnen: »Laßt die Kinder zu mir kommen, hindert sie nicht, solchen nämlich gehört das Reich Gottes.

(15) Amen, ich sage euch, wer nicht das Reich Gottes wie ein Kind annimmt, wird nicht in es hineinkommen.« (16) Und er umarmte sie und segnet (sie), indem er ihnen die Hände auflegte.

Redaktion

Nach dem Thema der Ehe (10,1-12) schließt sich im Rahmen des MkEv hier das Thema der Kinder sinnvoll an (Lührmann, 171). Die Perikope war Vorbild für die Szene 9,36f und weist auf das innergemeindliche, in V. 29f zu behandelnde Problem voraus.

V. 13: Die negative Zeichnung der Jünger in V. 13b dürfte auf Mk zurückgehen.

V. 14: Nur hier ist vom Unwillen Jesu die Rede; vgl. dagegen den Unwillen der Jünger in 10,41 und 14,4. Mt 19,14; Lk 18,16 haben die Notiz über diese Gefühlsregung Jesu unabhängig voneinander ausgelassen.

V. 15: Erst Mk hat den Spruch hier eingefügt (Mt 19,14-15 macht das rückgängig) und damit »Kinder« nicht mehr soziologisch, sondern symbolisch verstanden (ähnlich Th 22,2). Entsprechend bezeichnet der Ausdruck »Reich Gottes« an dieser Stelle eine gegenwärtige Größe. Man soll es »wie ein Kind« annehmen.

Tradition

Ausgangspunkt der Analyse ist die Beobachtung, daß die Pointe des Stückes nach V. 15 eine andere ist als nach V. 14: V. 15 ist ein ursprünglich freies Herrenwort, das in die Szene V. 13-16 eingesetzt wurde – nicht umgekehrt, denn V. 13-16 sind auch ohne V. 15 »ein geschlossenes Apophthegma, das seine Pointe in V. 14 hat« (Bultmann, 32). V. 13-14.16 stellen eine ideale Szene dar, die einen Anhalt in dem jüdischen Brauch der Segnung hat und zum Ausdruck bringt, daß Kinder am Reich Gottes Anteil erhalten (Bultmann, 32).

Als Urheberin des Stückes ist die Gemeinde anzunehmen. Der Anlaß zu seiner Bildung mag eine Diskussion über die Zulässigkeit der Kindertaufe gewesen sein. Jesu allgemeines Verhalten zu Kindern könnte als Erinnerung zugrunde gelegen haben.

Historisches

V. 13-14.16: Dieses Stück ist eine Gemeindebildung und daher unecht.

V. 15: Für die Echtheit spricht die Möglichkeit, dieses Wort nahtlos anderen Jesuslogien zuzuordnen (Kohärenzkriterium). In Mt 6,25-33/Lk 12,22-31 weist Jesus die Sorge um den Lebensunterhalt ab, weil Gott als Vater sich um die Seinen kümmern wird. Auch das Gebet Jesu richtet sich an den »Vater« (Mt 6,9/Lk 11,2).

Mk 10,17-31: Die Frage des Reichen. Der Lohn der Nachfolge

(17) Und als er hinausging auf den Weg, lief einer herzu, fiel vor ihm auf die Knie und fragte ihn: »Guter Lehrer, was soll ich tun, damit ich ewiges Leben erbe?«

(18) Jesus aber sagte ihm: »Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. (19) Die Gebote kennst du:

›Du sollst nicht töten,

du sollst nicht ehebrechen,

du sollst nicht stehlen,

du sollst nicht falsches Zeugnis reden,

du sollst nicht berauben, ehre deinen Vater und deine Mutter!‹«

[Ex 20,12-16]

(20) Er aber sagte ihm: »Lehrer, das alles habe ich seit meiner Jugend beachtet.« (21) Jesus aber blickte ihn an und gewann ihn lieb und sagte ihm: »Eines fehlt dir: Geh; was du hast, verkaufe, und gib es den Armen, und du wirst einen Schatz im Himmel haben, und komm, folge mir nach!« (22) Der aber war betrübt über dieses Wort und ging traurig weg. Er hatte nämlich viele Güter.

(23) Und Jesus blickte um sich und sagt seinen Jüngern: »Wie schwer werden die Begüterten in das Reich Gottes hineinkommen!« (24) Die Jünger aber entsetzten sich über seine Worte. Jesus aber wiederum antwortete und sagt ihnen: »Kinder, wie schwierig ist es, in das Reich Gottes hineinzukommen! (25) Leichter ist es, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt.« (26) Sie aber entsetzten sich und sagten zueinander: »Und wer kann gerettet werden?« (27) Jesus blickte sie an und sagt: »Bei Menschen ist es unmöglich, aber nicht bei Gott. Alles ist nämlich möglich bei Gott.«

(28) Und Petrus begann zu ihm zu sprechen: »Siehe, wir haben alles verlassen und sind dir nachgefolgt.« (29) Es sagte Jesus: »Amen, ich sage euch: Es gibt keinen, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Mutter oder Vater oder Kinder oder Äcker um meinetwillen und um des Evangeliums willen verlassen hat, (30) ohne daß er Hundertfaches empfangen wird: jetzt in dieser Zeit Häuser und Brüder und Schwestern und Mütter und Kinder und Äcker – unter Verfolgungen – und im kommenden Äon ewiges Leben.

(31) Viele Erste aber werden Letzte sein und Letzte Erste.«

Redaktion

»Auf 1–2 (Ehe) und 13–16 (Kinder) folgt ein dritter Abschnitt, der sich mit Blick auf die Nachfolge zunächst mit der Frage des Besitzes beschäftigt (17–27), dann (28–31) grundsätzlich mit der Frage der oikia (= oikos = lat. familia)« (Lührmann, 173).

V. 17-22: Nur V. 17a enthält typisch mk Motive; vgl. zu 8,27.

V. 23-27 sind ein erster mk Anhang zur Gefahr des Reichtums.

V. 28-30 sind ein zweiter Anhang zum Thema »Lohn der Nachfolge«. Der redaktionelle V. 28 knüpft an V. 21 an und bringt unausgesprochen zur Geltung, daß Petrus und den anderen Jüngern eigentlich der Eingang in das Reich Gottes zusteht. Die unausgesprochene Folgerung lautet: »Also haben wir doch Eintritt in das Reich verdient?« Mk hat V. 29-30 als Illustration der Nachfolge angefügt.

V. 31, ein isolierter Spruch, erscheint auch Mt 20,16 und Lk 13,30 und wurde von Mk hier angeschlossen (vgl. bereits 9,35). Er rundet den Abschnitt ab.

Tradition

V. 17b-22: Es handelt sich um eine einheitlich gestaltete Geschichte, in der die Worte Jesu allein mit den Fragen organisch verbunden sind. Die Erzählung hat kein individuelles, sondern ein sachliches Interesse. Beispielsweise erfahren wir weder den Namen des Reichen noch das Motiv, das ihn zu Jesus trieb.

V. 23-27: Dieses Stück ist eine Verarbeitung zweier Einzellogien Jesu über den Reichtum: »Wie schwer werden die Begüterten in das Reich Gottes hineinkommen!« (V. 23b) und »Leichter ist es, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes hineinkommt« (V. 25). Doch vermeidet Jesus bewußt Drohungen gegen die Reichen (so dagegen 1Hen 94-96).

V. 29-30: Zweierlei ist in diesem Wort zusammengekommen. Erstens geht es hier darum, daß einzelne – wie einst Jesus selbst – mit der eigenen Familie gebrochen haben. Zweitens haben manche Christen sich asketisch von allen irdischen Bindungen gelöst. Daraus ergab sich die Frage, wovon sie leben sollten. Antwort: Die Gemeinde wird sie erhalten. Das Wort dürfte ursprünglich aber nur bis »Hundertfaches empfangen wird« gereicht haben. »Was folgt, ist die Unterscheidung eines Lohnes im Diesseits und Jenseits, wobei jener (wohl ganz sekundär) noch wieder spezialisiert wird. Ursprünglich ist die hundertfache Vergeltung zweifellos eine ›jenseitige‹, d.h. sie bedeutet den Lohn im messianischen Reich« (Bultmann, 115).

V. 31: Vgl. Mt 20,16; Lk 13,30.

Historisches

V. 17b-22: Daß der historische Jesus von Gott als gut gesprochen und dieses Gottes-Prädikat von sich abgewehrt hat (V. 18), dürfte historisch zutreffen. V. 21 paßt zur Radikalität des Nachfolgerufes Jesu und zur Seligpreisung der Armen (Lk 6,20b).

V. 23b: Das Kohärenzkriterium macht die jesuanische Herkunft dieses Wortes wahrscheinlich (vgl. zu V. 25).

V. 25 dürfte wegen seiner originellen Hyperbolik auf Jesus zurückgehen (vgl. 11,23).

V. 29-30: Auch die ursprüngliche Form dieses Logions stammt aus der Gemeinde. Historisch bleibt nur zurück Jesus als Modell desjenigen, der mit seiner leiblichen Familie gebrochen hat.

V. 31: Der Spruch kann an verschiedenartigste Geschichten angehängt werden und eignet sich nicht als Gegenstand von Echtheitsurteilen.

Mk 10,32-34: Die dritte Leidens- und Auferstehungsankündigung

(32) Sie waren aber auf dem Wege und gingen nach Jerusalem hinauf. Und Jesus zog ihnen voran, und sie erschraken. Die aber nachfolgten, fürchteten sich.

Und wiederum nahm er die Zwölf (beiseite) und begann zu ihnen zu sprechen über das, was ihm zustoßen werde: (33) »Siehe, wir gehen nach Jerusalem, und der Menschensohn

wird den Hohenpriestern und den Schriftgelehrten ausgeliefert werden.

Und sie werden ihn zum Tode verurteilen

und ihn den Heiden übergeben,

(34) und sie werden ihn verspotten

und ihn anspucken

und ihn auspeitschen

und töten,

und nach drei Tagen wird er auferstehen.«

Redaktion und Tradition

V. 32-34: V. 32 ist redaktionell geprägt; vgl. nur das Jüngerentsetzen, die besondere Haltung Jesu zu den Zwölf (vgl. 3,14 u.ö.) und das Wegmotiv. V. 33-34: Diejenigen Begriffe der Leidensweissagung, die in der Übersetzung unterstrichen sind, schließen sich eng an den mk Passionsbericht an: »verurteilen«: 14,64; »anspucken«: 14,65; 15,19; »verspotten«: 15,20.31; zu »auspeitschen« vgl. 15,15. Auch diese ausführlichste Leidensansage hat Mk selbst formuliert. Er hat ihr als der letzten und längsten großes Gewicht beigemessen, wobei ein besonderer Akzent auf ihrer judenfeindlichen Absicht liegt.

Historisches

Die Behandlung dieser Frage entfällt.

Mk 10,35-45: Die Zebedaidenfrage

(35) Und es kommen zu ihm Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, und sagen ihm: »Lehrer, wir wollen, daß du, was immer wir dich bitten, uns tust.« (36) Er aber sagte ihnen: »Was wollt ihr, daß ich euch tue?« (37) Sie aber sagten ihm: »Gib uns, daß wir einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken in deiner Herrlichkeit sitzen.«

(38) Jesus aber sagte ihnen: »Ihr wißt nicht, was ihr bittet. Könnt ihr den Kelch trinken, den ich trinke, oder mit der Taufe getauft werden, mit der ich getauft werde?« (39) Sie aber sagten ihm: »Wir können es.« Jesus aber sagte ihnen: »Den Kelch, den ich trinke, werdet ihr trinken, und mit der Taufe, mit der ich getauft werde, werdet ihr getauft werden, (40) das Sitzen zu meiner Rechten und zu meiner Linken ist nicht an mir zu vergeben, sondern das ist für die, für die es bereitet ist.«

(41) Und als die Zehn das hörten, begannen sie über Jakobus und Johannes unwillig zu werden. (42) Da rief Jesus sie herbei und sagt ihnen: »Ihr wißt, daß diejenigen, die als Herrscher der Völker gelten, sie unterjochen und ihre Gewaltigen ihre Macht über sie ausüben. (43) Nicht so ist es unter euch, sondern wer groß sein will unter euch, sei euer Diener, (44) und wer unter euch erster sein will, sei aller Knecht.

(45) Denn auch der Menschensohn ist nicht gekommen, bedient zu werden, sondern zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele.«

Redaktion

Kaum hat Jesus die dritte Leidens- und Auferstehungsankündigung beendet, da gibt es schon wieder ein Mißverständnis im Jüngerkreis. Das Brüderpaar der Zebedaiden verhält sich so, als ob es die unmittelbar vorher ausgesprochenen Worte Jesu V. 33-34 nicht gehört hätte. Dieses Unverständnis klärt Jesus. Er zeigt den einem Jünger angemessenen Weg auf (V. 43-44), der in Entsprechung zur Selbsthingabe des Menschensohnes steht (V. 45). Genauso war er schon nach der ersten und zweiten Leidens- und Auferstehungsankündigung verfahren (vgl. 8,34-35; 9,35-37).

V. 38-39 wurden hier von Mk zum Thema „rechte Jüngerschaft“ eingefügt. Aus der Jesus in den Mund gelegten Weissagung, daß die Zebedaiden denselben Weg wie er gehen werden, folgt, daß Mk vom gewaltsamen Tod des Brüderpaars weiß (vgl. Apg 12,1-2 zum Tode des Jakobus).

V. 40 ist vielleicht ein geheimnisvoller Vorverweis auf 15,27.

V. 41-42a sind mk Überleitung zur traditionellen Belehrung Jesu in V. 42b-45.

Tradition

V. 35-37.40: Sachlich verweigert Jesus dem Brüderpaar, was er in Mt 19,28 (vgl. Lk 22,30b) den zwölf Jüngern verheißt. Daher bietet es sich an, die Texteinheit V. 35-37.40 als innergemeindliche Kritik an solchen Erwartungen zu begreifen. Eine Illustration bietet der Apostel Paulus, 1Kor 6,2-3: »Wißt ihr nicht, daß die Heiligen die Welt richten werden? … Wißt ihr nicht, daß wir Engel richten werden?«

V. 38-39: S. unter Redaktion.

V. 42b-45: Das Stück ist, insgesamt gesehen, eine Gemeinderegel, in der der auferstandene bzw. erhöhte Jesus zu seiner Gemeinde redet. (Zu V. 43-44 vgl. bereits 9,35.) Ihr Verhalten hat sich an dem des Menschensohnes Jesus zu orientieren. Allerdings hat V. 45 noch eine Besonderheit:

Die Erlösung »durch den Tod Jesu ragt nur hier in das Evangelium hinein; unmittelbar vorher ist er nicht für die Anderen und an ihrer statt gestorben, sondern ihnen vorgestorben, damit sie ihm nachsterben … Der Schritt vom Bedienen zum Hingeben des Lebens als Lösegeld … erklärt sich vielleicht aus der Diakonie des Abendmahls, wo Jesus mit Brot und Wein sein Fleisch und Blut spendet« (Wellhausen, 405).

Historisches

V. 38-39: Zugrunde liegt das historische Faktum, daß die beiden Zebedaiden das Martyrium erlitten haben. Zum Martyrium des Jakobus vgl. Apg 12,2. Da der Zebedaide Johannes zur Zeit des Apostelkonzils um 48 n.Chr. noch am Leben war (Paulus nennt ihn Gal 2,9 als eine der drei Säulen), kann er das Martyrium nicht gemeinsam mit seinem Bruder erlitten haben, wie zuweilen behauptet wurde.

V. 35-37.40: Die Unechtheit ergibt sich aus der Traditionsanalyse.

V. 42b-45: Die Unechtheit ergibt sich daraus, daß der »Auferstandene« redet. Gleichzeitig sind alle Einzelheiten aus der späteren Gemeindesituation abzuleiten.

Mk 10,46-52: Der blinde Bartimäus

(46) Und sie kommen nach Jericho.

Und als er aus Jericho herauszog und seine Jünger und eine zahlreiche Volksmenge, saß der Sohn des Timäus, Bartimäus, ein blinder Bettler, am Weg. (47) Und als er hörte, daß es Jesus der Nazarener war, begann er zu schreien und zu rufen: »Sohn Davids, Jesus, erbarme dich meiner!« (48) Und viele bedrohten ihn, daß er schweige. Er aber schrie noch mehr: »Sohn Davids, erbarme dich meiner!« (49) Und Jesus blieb stehen und sagte: »Ruft ihn!« Und sie rufen den Blinden und sagen ihm: »Faß Mut, steh auf, er ruft dich!« (50) Er aber warf seinen Mantel ab, sprang auf und kam zu Jesus. (51) Und Jesus antwortete ihm und sagte: »Was willst du, daß ich dir tue?« Der Blinde aber sagte ihm: »Rabbuni: daß ich wieder sehe.« (52) Und Jesus sagte ihm: »Geh, dein Glaube hat dich gerettet.« Und sogleich sah er und folgte ihm auf dem Weg nach.

Redaktion

Die Geschichte von der Blindenheilung erinnert an die Blindenheilung in 8,22-26. Anders als dort ist in der vorliegenden Erzählung das Glaubensmotiv zentral (vgl. V. 52).

V. 46: Die Verdoppelung in der Ortsangabe, die Jesus nach Jericho hineingehen und es gleich wieder verlassen läßt, fällt auf. Sie ist so zu erklären, daß Mk die Reise Jesu nach Jericho in eine nach Jerusalem verwandeln will. Dies entspricht dem redaktionellen Wegmotiv (vgl. zu 8,27), das den Gang Jesu zur Passion in Jerusalem bezeichnet (vgl. V. 52).

V. 47-48: Die zweifache Anrede als Sohn Davids bereitet die anschließend erzählte Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem vor (vgl. 11,10). Sie steht im Widerspruch zu der Anrede als »Rabbuni« in V. 51 (so im Neuen Testament nur noch Joh 20,16). »Rabbuni« ist bedeutungsgleich mit der Anrede »Rabbi«, die im JohEv in Bezug auf Jesus häufiger als in den anderen Evangelien vorkommt. »Rabbi« wird Joh 1,38 ebenso wie »Rabbuni« in Joh 20,16 zutreffend mit »Lehrer« übersetzt.

V. 52: Zum Wegmotiv vgl. zu V. 46.

Tradition

Die Erzählung von Bartimäus mag in Jericho lokalisiert gewesen sein. Ihr fehlen allerdings die meisten Merkmale einer Wundergeschichte. Im auffallenden Unterschied etwa zu 8,23, wo Jesus als wunderkräftiges Mittel Speichel aufträgt, heilt Jesus den Blinden einfach durch sein Wort (V. 52a). Dies setzt spätere Reflexion voraus, denn das wunderkräftige Wort ist das Wort des im Gottesdienst gegenwärtigen Gottessohnes. Auch eine sonst bei Wundergeschichten übliche Reaktion des Volkes wird nicht erzählt, obgleich es anwesend ist (V. 48f). V. 52 biegt die Tradition fast zur Personallegende um. Vielleicht erfahren wir wegen des Interesses der vorliegenden Erzählung an der Person des Bartimäus im Gegensatz zu Mk 8,22-26; Joh 9,1.6f nichts über Heilpraktiken. Außer Jairus (Mk 5,22) ist Bartimäus der einzige Name in den Wundergeschichten der ersten drei Evangelien.

Historisches

Das geschichtliche Urteil über die Überlieferung ist fast gleich Null. Die Ortsangabe Jericho und der Name des Blinden sind zu wenig, um zu einem historischen Kern vorzustoßen.

Mk 11,1-11: Jesu Einzug in Jerusalem

(1) Und als sie in die Nähe von Jerusalem kommen, nach Bethphage und Bethanien am Ölberg, sendet er zwei seiner Jünger aus (2) und sagt ihnen: »Geht in das Dorf vor euch, und sogleich, wenn ihr in es hineinkommt, werdet ihr ein Füllen angebunden finden, auf dem noch kein Mensch gesessen hat. Bindet es los und bringt (es hierher)! (3) Und wenn jemand euch sagt: ›Warum tut ihr dies?‹, antwortet: ›Der Herr bedarf seiner‹, und sogleich schickt er es wieder hierher.«

(4) Und sie gingen weg und fanden ein Füllen angebunden vor der Tür draußen an der Straße. Und sie binden es los.

(5) Und einige der dort Stehenden sagten ihnen: »Warum tut ihr (dies) und bindet das Füllen los?«

(6) Sie aber sagten ihnen, wie ihnen Jesus gesagt hatte,

und sie erlaubten es ihnen.

(7) Und sie bringen das Füllen zu Jesus und legen darauf ihre Kleider.

Und er setzte sich darauf.

(8) Und viele breiteten ihre Kleider auf dem Weg aus, andere aber Büschel, die sie von den Feldern abgeschnitten hatten. (9) Und die Vorangehenden und die Nachfolgenden riefen:

»Hosanna!

Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!

[Ps 118,25f.]

(10) Gepriesen sei das kommende Reich unseres Vaters David,

Hosanna in den Höhen!«

[vgl. Ps 148,1; Hiob 16,19]

(11) Und er kam nach Jerusalem in den Tempel, und sah sich ringsum alles an. Und als schon die Abendstunde hereinbrach, ging er hinaus mit den Zwölfen nach Bethanien.

Redaktion

Die Verknüpfung dieser Szene mit den folgenden, aber auch das Schema von drei Tagen (11,11b.12.19.20) gehen auf Mk zurück. Das gleiche gilt für die immer wieder eingestreuten Notizen über die Mordabsicht von Jesu Gegnern (Mk 3,6; 11,18; 12,12; 14,1f).

V. 1: Die Angabe »Jerusalem« nimmt 10,32 auf. Die Ortsangabe »Bethanien am Ölberg« dürfte ebenfalls auf Mk zurückgehen (vgl. dann V. 11f). Hebr. Bethphage heißt „Feigenhaus“. Doch informiert Mk die Leser nicht darüber, obwohl anschließend die Szene von der Verfluchung des Feigenbaums (V. 12-14) folgt.

V. 2: Der Auftrag Jesu entspricht seiner hellseherischen Fähigkeit. Man vgl. Jesu dreimalige Vorhersage seines Leidens und Sterbens (vgl. 8,31; 9,31; 10,33f), die Ankündigung der Verleugnung des Petrus (14,26-31) und die Voraussage der Auslieferung durch Judas (14,17-21). Bereits der Prophet Samuel richtet an die Adresse Sauls ähnliche Voraussagen (1Sam 10,2ff), die ebenfalls postwendend eintreffen (s. auch zu 14,13-16).

V. 3: Der Ausdruck »der Herr« soll geheimnisvoll klingen. In einem titularen Sinn bezeichnet sich Jesus bei Mk sonst weder selber so, noch wird er von seinen Jüngern oder vom Erzähler so genannt. Wahrscheinlich schlägt aber doch – wie beim lk Gebrauch des Herrentitels für Jesus (vgl. zu Lk 7,19) – eine christologische Dimension durch.

V. 4-7: Die beiden Jünger tun, was Jesus ihnen aufgetragen hat, und finden alles so vor, wie Jesus es ihnen prophezeit hat.

V. 8: »Das Ausbreiten der Kleider gehört zur Stilisierung eines Königsrituals. Die Geschichte findet eine Fortsetzung in der Kreuzigung Jesu als dem König der Juden« (Gnilka, Mk II, 118).

V. 9-10: Die Massen begrüßen in V. 9 Jesus mit dem Ruf »Hosanna« (= »Hilf doch«), der in Israel als ein zur liturgischen Formel gewordener Bittruf allen geläufig war und samt dem folgenden Lobpreis aus Ps 118,25f stammt. V. 10a ist offenbar Kommentar zu diesem Psalmwort. Das »Reich unseres Vaters David« hat bei Mk nichts mit der Predigt Jesu zu tun. Deren Inhalt ist nämlich das „Reich Gottes (vgl. 1,15). Freilich hatte Bartimäus in der vorherigen Geschichte Jesus als Sohn Davids angeredet (10,47-48), doch erweist Jesus in 12,35-37 selber, daß der Christus nicht der Sohn Davids sei. »So zeigt der Ausruf im Sinne des Mk nur ein halbwegs richtiges Verständnis dessen, wer Jesus ist« (Lührmann, 189).

Tradition

Die von Mk benutzte Tradition ist eine Messiaslegende, die im ältesten Christentum entstanden ist. Die Beschaffung des Reittiers ist ebenso wie das Finden des Saales in 14,12-16 ein Märchenmotiv. »Es wird dabei offenbar vorausgesetzt, daß diesem Reittier besondere Bedeutung zukommt. Darum kann es nur vermöge göttlicher Leitung gefunden werden und trägt auch sonst die Merkmale des Besonderen: es ist noch nie geritten worden und steht außen auf der Straße angebunden, als wäre es für die Jünger bereitgehalten.« (Dibelius, Formgeschichte, 118.) In der Legende wurde unter Einfluß von Sach 9,9 der Einzug des Messias in Jerusalem erzählt.

Historisches

Die Tradition ist stark legendarisch. Auch kann der Einzug Jesu in Jerusalem nicht so auffällig gewesen sein, wie es der Text beschreibt. Denn sonst hätten die Römer sofort kurzen Prozeß gemacht. Doch dürfte folgender historischer Kern plausibel sein: Jesus ist mit einer Schar von Festpilgern und Jüngern voll Jubel und Erwartung des bald kommenden Gottesreiches nach Jerusalem gezogen. Unter Einfluß von Sach 9,9 wurde daraus später die von Mk verwendete Messiaslegende, die demnach unecht ist.

Mk 11,12-14.20: Die Verfluchung des Feigenbaums

(12) Und als sie am nächsten Tag von Bethanien weggingen, bekam er Hunger. (13) Und als er einen Feigenbaum von ferne sah, der Blätter hatte, kam er (zu sehen), ob er an ihm etwas finde. Und er trat heran, fand aber nichts außer Blätter. [Es war nämlich nicht die Zeit der Feigen.] (14) Und er antwortete und sagte ihm: »In Ewigkeit soll keiner mehr von dir eine Frucht essen.« Und seine Jünger hörten es … (20) Und als sie am Morgen vorbeikamen, sahen sie den Feigenbaum, verdorrt von den Wurzeln an.

Redaktion

Mk hat eine ihm vorliegende Tradition von der Verfluchung eines Feigenbaums und ihrer Wirkung (V. 20) auseinandergerissen und in der ihm eigenen Schachteltechnik (vgl. zu 3,20-35) verarbeitet.

V. 12: Der Weggang von Bethanien ist redaktionelle Verknüpfung.

V. 13: Die »besserwisserische« Bemerkung am Ende des Verses ist eine Hinzufügung aus der Zeit nach der Abfassung der MkEv, die erklären will, warum Jesus keine Feigen finden konnte. Die gibt es frühestens im Juni. Damals aber ist März. Das Bild des Feigenbaums und seiner Früchte als Symbol für Israel versteht Mk vom Alten Testament her. Man vgl. Mi 7,1: »Wehe mir, es ist mir ergangen wie bei der Obsternte, wie bei der Nachlese zur Weinernte: keine Traube zum Essen, keine Frühfeige, nach der ich begehre.« S. weiter Jer 8,13; Hos 9,10. Israel hat sich Mk zufolge Jesus widersetzt und ist darin nur dem ungehorsamen Israel des Alten Testaments zu vergleichen.

V. 14c und V. 20a führen die Jünger redaktionell ein, denn sie werden als Adressaten der Belehrung über den Glauben in 11,20-24 gebraucht. Zum mk Tagesschema vgl. zu 11,1-11.

Tradition

V. 13-14.20b: Die zugrundeliegende Tradition ist ein Strafwunder. Seine Aussageabsicht auf der Stufe der Tradition entspricht der auf der Ebene der Redaktion: Jesus straft das jüdische Volk, weil es seine Zeit verpaßt hat. Man vgl. als Entsprechung 12,1-12 und die alte Überlieferung 1Thess 2,15-16. Die Erzählung ist die einzige Strafwundererzählung der Jesusüberlieferung im Neuen Testament.

Historisches

Die Perikope verrät kein geschichtliches Wissen. a) Die Fähigkeit, Naturwunder zu vollbringen, wurde Jesus erst von der Gemeinde angedichtet. b) Die radikale Judenfeindschaft hinter der Tradition von der Verfluchung des Feigenbaumes wurzelt in der frühen Kirche und nicht in der Verkündigung Jesu.

Mk 11,15-19: Die Tempelreinigung

(15) Und sie kommen nach Jerusalem. Und als er in den Tempel eintrat, begann er die Verkäufer und Käufer im Tempel hinauszutreiben, und die Tische der Geldwechsler und die Stühle der Taubenverkäufer stieß er um. (16) Und er ließ nicht zu, daß jemand ein Gerät durch den Tempel trug. (17) Und er lehrte und sagte ihnen: »Ist nicht geschrieben:

›Mein Haus wird Haus des Gebetes genannt werden für alle Völker‹?

[Jes 56,7]

Ihr aber habt es gemacht

zu einer Höhle von Räubern.«

[Jer 7,11]

(18) Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten hörten davon und sannen darauf, wie sie ihn vernichten könnten. Sie fürchteten ihn nämlich; denn das ganze Volk war überwältigt von seiner Lehre.

(19) Und als es Abend wurde, gingen sie aus der Stadt hinaus.

Redaktion

V. 17-18: Mk gibt die der Tempelaktion folgende Lehre Jesu (vgl. 1,21f; 2,13 u.ö.) wieder und verkoppelt dabei in V. 17 zwei alttestamentliche Stellen: Jes 56,7 und Jer 7,11. Der Blick auf die Hohenpriester und Schriftgelehrten in V. 18 dürfte ebenfalls redaktionell sein. Ihre Furcht vor Jesus steigert die Dramatik. Denn noch ist das Volk auf der Seite Jesu, was ein sofortiges Eingreifen schwierig machen würde.

V. 19: Hier liegt das mk Tagesschema vor (s. zu 11,1-11).

Ertrag: Mk verzahnt die Erzählung der Tempelreinigung mit der Geschichte von der Verfluchung des Feigenbaums. Gleichzeitig hat für ihn die Reflexion auf die Schrift in V. 17 eine wichtige Aufgabe. Tempel, Jerusalem, Israel spielen fortan keine heilsgeschichtliche Rolle mehr. An die Stelle des Tempels wird etwas Neues treten. Mit dem Ausblick auf alle Völker im Zitat deutet sich das Neue an. Diesen Völkern gilt die Evangeliumspredigt (13,10).

Tradition

Die formgeschichtlich nicht mehr klassifizierbare Überlieferung umfaßte V. 15-16. Sie war wohl Bestandteil eines Geschichtsberichtes, evtl. auch als vorgeschalteter Teil der Leidensgeschichte.

Historisches

Jesu Haltung zum Tempel war wohl der Grund für die jüdische Behörde, ihn den Römern zu übergeben, zumal auch bei Mk der Auftritt Jesu im Tempel in unmittelbarem Zusammenhang mit seiner späteren Hinrichtung steht. Jesu Aktion im Tempel dürfte eine symbolische Handlung gewesen sein, die auf etwas anderes hindeutete.

Vgl. die Zeichenhandlungen der alttestamentlichen Propheten: So zerreißt der Prophet Ahia von Silo seinen neuen Mantel in zwölf Stücke (1Kön 11,29-39), der Prophet Jesaja stellt eine mit dem Namen seines ungeborenen Sohnes, Raubebald-Eilebeute, beschriftete Tafel auf (Jes 8,1-4), und der Prophet Hosea heiratet die Hure Gomer und zeugt Hurenkinder (Hos 1,2-9).

Jesus versuchte, zeichenhaft einem ganz neuen, endzeitlichen Tempel Platz zu verschaffen. Er verband mit dem Umstürzen der Tische und Stühle die Hoffnung auf einen neuen Tempel, wie sie sich im Judentum in verschiedenen Ausprägungen findet (Mi 4,1-2a; Hag 2,6-9 u.ö.).

Ein weiterer Reflex der Tempelkritik Jesu findet sich im Bericht über seinen Prozeß. Man vgl. 14,58: »Wir haben ihn sagen hören: ›Ich werde diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen anderen bauen, der nicht mit Händen gemacht ist‹.« Dieses Wort wird durch 14,57 ausdrücklich als Falschzeugnis bezeichnet (vgl. ebenso Apg 6,13-14), und in der Tat kann es angesichts seines absonderlichen Inhalts nicht von Jesus stammen. Andererseits ist es zu konkret, um eine reine Erfindung der Gegner zu sein.

Daher liegt folgende Vermutung nahe: Das Logion geht auf ein echtes Jesuswort zurück, welches davon handelte, daß Gott den Tempel zerstören und statt dessen einen neuen Tempel errichten werde (vgl. Mk 13,2). Von jüdischer Seite wurde dieses Wort aufgegriffen und in polemischer Absicht entstellt: Jesus habe gesagt, er selbst sei der Zerstörer des alten und der Errichter des neuen Tempels. Des weiteren ist die jesuanische Erwartung des himmlischen Tempels auch insofern plausibel, als die Jerusalemer Urgemeinde sich mit dem Tempel identifizierte. Ihre Mitglieder hielten stets zum Tempel (Apg 2,46; 3,1; 21,26) und erwarteten hier in Einklang mit Jesus das Ende der Zeiten.

Mk 11,20-25: Gebet und Glaube

(20) Und als sie am Morgen vorbeikamen, sahen sie den Feigenbaum, verdorrt von den Wurzeln an. (21) Und Petrus erinnert sich und sagt ihm: »Rabbi, siehe, der Feigenbaum, den du verflucht hast, ist verdorrt.«

(22) Und Jesus antwortete und sagt ihnen: »Habt Glauben an Gott! (23) Amen, ich sage euch: Wer immer diesem Berg sagt: ›Erhebe dich und stürze dich ins Meer!‹ und nicht zweifelt in seinem Herzen, sondern glaubt, daß, was er sagt, geschieht, dem wird (es) zuteil werden.

(24) Darum sage ich euch: Alles, um was ihr betet und bittet, glaubt, daß ihr (es) empfangen habt, und es wird euch zuteil werden. [(25) Und wenn ihr euch hinstellt, um zu beten, vergebt, wenn ihr gegen jemanden etwas habt, damit auch euer Vater in den Himmeln euch eure Übertretungen vergebe.]«

Textkritische Vorbemerkung: V. 25 ist zwar handschriftlich einwandfrei belegt, jedoch sprachlich matthäisch (Parallelen: Mt 5,23f und 6,14; »euer Vater in den Himmeln« nur hier im MkEv). Daher ist Abhängigkeit vom MtEv wahrscheinlich und V. 25 wohl Glosse. V. 26 („Wenn ihr aber nicht vergebt, wird euch euer Vater eure Übertretung nicht vergeben“) ist nach allgemeinem Urteil eine sekundäre Hinzufügung, denn dieser Vers fehlt in den ältesten Handschriften.

Redaktion

V. 20-22: V. 20 setzt redaktionell mit dem Beginn des nächsten Tages neu ein (vgl. bereits V. 12). Mk verwendet ferner den traditionellen Abschluß der Erzählung von der Verfluchung des Feigenbaumes, um eine Jüngerbelehrung anzuschließen. Sie wird durch einen Hinweis des Petrus eingeleitet. V. 22a führt redaktionell die in der Tradition vorgegebenen Aussagen Jesu ein. V. 22b ist dabei die Überschrift über das folgende Stück und beschreibt näher den dort behandelten Glauben als Glauben an Gott.

V. 23-24: Mk will zeigen, was der Glaube kann (vgl. 9,14-29) und welch enge Beziehung er zum Gebet hat.

Tradition

V. 23-24 enthalten zwei ursprünglich einzeln tradierte Sprüche. Zu V. 23 vgl. die Q-Parallele (Mt 17,20/Lk 17,6) und Th 48; 106 sowie 1Kor 13,2. Zu V. 24 vgl. Mt 7,7/Lk 11,9; Joh 16,23. Auch der die zwei Jesusworte einleitende Spruch V. 22b dürfte Mk aus der Tradition vorgegeben gewesen sein. Entweder hat Mk die Einzelsprüche zusammengestellt oder – wahrscheinlicher – als Traditionsstück schon vorgefunden.

V. 23 und V. 24 haben in der zweiten Hälfte eine identische Struktur (vgl. die Unterstreichungen). V. 24 dürfte auf der Basis von V. 23 formuliert worden sein.

Historisches

V. 22b ist zu allgemein, um auf Jesus zurückgeführt werden zu können.

V. 23 enthält ein stark übertreibendes Bildwort (vgl. Mt 17,20/Lk 17,6), wie Jesus es generell gern gebrauchte (vgl. 10,25). Es stellt die Macht, die ein Gott bedingungslos vertrauender Glaube besitzt, heraus und dürfte echt sein.

V. 24 ist ungleich formaler und traditionsgeschichtlich sekundär. Das Wort ist demnach unecht.

Mk 11,27-33: Die Vollmachtsfrage

(27) Und sie kommen wieder nach Jerusalem.

Und als er im Tempel herumgeht, kommen zu ihm die Hohenpriester und Schriftgelehrten und die Ältesten (28) und sagten ihm: »Mit welcher Vollmacht tust du dies? Oder wer hat dir diese Vollmacht gegeben, daß du dieses tust?«

(29) Jesus aber sagte ihnen: »Ich werde euch eine einzige Sache fragen, und antwortet mir, dann werde ich euch sagen, mit welcher Vollmacht ich dies tue: (30) Die Taufe des Johannes, war sie vom Himmel oder von Menschen? Antwortet mir!«

(31) Und sie überlegten untereinander und sagten: »Wenn wir sagen: ›vom Himmel‹, wird er sagen: ›Warum habt ihr ihm nicht geglaubt?‹ (32) Aber wenn wir sagen: ›von Menschen‹« – sie fürchteten das Volk. Alle nämlich meinten, daß Johannes wirklich ein Prophet war.

(33) Und sie antworteten Jesus und sagen: »Wir wissen es nicht.« Und Jesus sagt ihnen: »Dann sage ich euch auch nicht, mit welcher Vollmacht ich es tue.«

Redaktion und Tradition

V. 27: Hier tritt das Gremium auf, das Jesus zum Tode verurteilen wird (14,53.64; vgl. 8,31).

V. 28: Um die Vollmacht Jesu geht es seit Beginn des Evangeliums im Streit mit den Schriftgelehrten (vgl. 1,22; 2,1-12; 3,22-30).

V. 29-30: Die Leser kennen bereits die Antwort auf die Frage Jesu: Die Taufe des Johannes muß vom Himmel gewesen und von Gott angeordnet worden sein, denn sie erfüllt die Schrift (1,2-3). Außerdem ist Johannes der wiedergekommene Elia (9,13).

V. 31-33: Die Antwort auf die Frage Jesu bleibt aus Gründen der Unwahrhaftigkeit aus. Jesus braucht daher die eingangs gestellte Frage nach seiner Vollmacht nicht zu beantworten.

Historisches

Der geschichtliche Wert der Gesamtperikope ist gleich Null. Der Abschnitt geht vollständig auf Mk zurück.

Mk 12,1-12: Die bösen Winzer

(1) Und er begann zu ihnen in Gleichnissen zu reden:

»Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und umgab ihn mit einem Zaun und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Winzer und reiste ab.

(2) Und er sandte zu den Winzern zur gegebenen Zeit einen Knecht, damit er von den Winzern von den Früchten des Weinbergs Anteil empfange. (3) Und sie ergriffen ihn, verprügelten ihn und schickten ihn (mit) leer(en Händen) fort.

(4) Und wiederum sandte er zu ihnen einen anderen Knecht: Auch jenen schlugen sie auf den Kopf und entehrten ihn.

(5) Und er sandte einen anderen. Auch jenen töteten sie, und viele andere, die einen verprügelten sie, die anderen töteten sie.

(6) Noch einen hatte er, den geliebten Sohn. Er sandte ihn als letzten zu ihnen, indem er sagte: ›Meinen Sohn werden sie achten.‹ (7) Jene Winzer sagten zueinander: ›Dieser ist der Erbe. Auf, laßt uns ihn töten, und das Erbe wird uns gehören.‹ (8) Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn aus dem Weinberg hinaus.

(9) Was wird der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Winzer zugrunde richten und den Weinberg anderen geben.

(10) Habt ihr diese Schriftstelle nicht gelesen:

›Der Stein, den die Bauleute verworfen haben,

dieser wurde zum Eckstein.

(11) Durch den Herrn ist das geschehen, und es ist wunderbar in unseren Augen‹?«

[Ps 118, 22-23]

(12) Und sie suchten ihn zu ergreifen, und sie fürchteten das Volk; sie wußten nämlich, daß er mit Blick auf sie das Gleichnis erzählt hatte. Und sie ließen ihn und gingen fort.

Redaktion

V. 1a stammt von Mk. »In Gleichnissen« meint »in Gleichnisweise« (so auch in 4,11). Es folgt nur dieses eine Gleichnis.

V. 1b-11 sind von Mk als Traditionsblock fast unverändert übernommen worden, einschließlich der Anreihungsformel V. 10a, die ähnlich auch 2,25 und 12,26 in der Tradition vorgegeben war. Man beachte aber, daß Mk mit dem Ausdruck »geliebter Sohn« (V. 6) einen großen Bogen zu 1,11 und 9,7 spannt und damit die Legitimierung Jesu klärt.

V. 12 stellt nachdrücklich heraus, wer die in V. 1-11 Angesprochenen sind: die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten aus 11,27f. Diese Dreiergruppe und nicht das positiv gezeichnete (jüdische) Volk, welches das sofortige Einschreiten gegen Jesus verhindert (vgl. 11,32), repräsentiert die nicht christusgläubigen Juden in der Gegenwart des Mk. Als Illustration sei auf die entsprechende Anklage in 1Thess 2,15 verwiesen, wo ebenfalls von der Tötung der Propheten und der Tötung Jesu durch die Juden die Rede ist, und vor allem auf den Passionsbericht im MkEv, in dem die jüdischen Oberen das Volk aufwiegeln, den Tod Jesu zu fordern (vgl. 15,11-14).

Tradition

Der Text ist eine Allegorie, die an das Lied vom Weinberg in Jes 5,1-7 anknüpft. Eine Allegorie liegt dort vor, »wo ein Redeganzes erst durch Übertragung aller seiner Hauptbegriffe … auf ein anderes Gebiet zum wahren Verständnis gelangt« (Jülicher I, 59). Dies ist vollständig im vorliegenden Text nachzuweisen, wo jeder der Hauptbegriffe für etwas anderes steht:

Der Weinberg (V. 1) versinnbildlicht Israel, die Winzer (V. 1) sind seine Führer, der Grundbesitzer (V. 1) ist Gott, die Knechte (V. 2-5) sind die Propheten, der einzige Sohn (V. 6) ist Christus, die Tötung des Sohnes (V. 8) bezieht sich auf die Ermordung Jesu, die Bestrafung der Winzer (V. 9) steht für die Verwerfung Israels, »die anderen« zielt auf die Heidenkirche.

Der Ertrag der Allegorie lautet: Weil die jüdischen Oberen Jesus ermordet haben, werden sie selbst getötet, und Israel wird den Heiden gegeben. Um das per Schriftbeweis zu bekräftigen, ist in V. 10-11 noch ein Zitat (= Ps 118,22f) angefügt worden. Das hier gebrauchte Bildwort vom verworfenen Stein, den Gott zum Eckstein gemacht hat, ist ein in der frühen Kirche beliebter Beweis für die Auferweckung des von den Juden verworfenen Christus (vgl. Apg 4,11)

Historisches

Da die Tradition lückenlos aus der Gemeinde abgeleitet werden kann, ist ihr Echtheitsgrad gleich Null. Vielfach verweist man zugunsten der historischen Echtheit des Stückes aber darauf, daß das Bildmaterial für die Welt Jesu gut belegt sei (z.B. der Aufruhr von Pächtern gegenüber den Besitzern). Aber diese Plausibilität darf nicht zu historischen Schlußfolgerungen verführen. Ebenfalls sind zwei historische Gründe untauglich, die zuweilen zugunsten des historischen Wertes angeführt werden.

a) Im Text töten die als Pächter dargestellten jüdischen Oberen den Sohn, während, historisch gesehen, die Römer Jesus getötet haben. Gegenargument: Urchristlicher Polemik zufolge haben gerade die Juden bzw. ihre Führer Jesus getötet (vgl. Mk 8,31; 1Thess 2,15).

b) In geschichtlicher Hinsicht wurde Jesus außerhalb Jerusalems getötet, während die Pächter in der vorliegenden Erzählung den Sohn innerhalb des Weinbergs umbringen und erst dann hinauswerfen. Gegenargument: Von der Erzählstrategie her gesehen, empfiehlt sich der Weinberg als der Ort der Tötung geradezu, denn dies setzt der Bosheit noch die Krone auf. Die Mordtat erfolgt so ausgerechnet am Ort des Besitzes.

Schließlich sind auch Versuche abzulehnen, die Handlungen der Pächter mit dem gerissenen Verhalten der unmoralischen Helden in jesuanischen Gleichnissen (vgl. z. B. Lk 16,1-7) in Beziehung zu setzen. Denn anders als im Falle der unmoralischen Helden Jesu ändert sich das Ergehen der Winzer durch ihre fortgesetzten, gleichförmigen Gewalttaten nicht zum Positiven.

Mk 12,13-17: Die Frage nach der Steuer für den Kaiser

(13) Und sie senden zu ihm einige von den Pharisäern und den Herodianern, damit sie ihn mit einem Wort fingen.

(14) Und sie kamen und sagen ihm: »Lehrer, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und fragst nach niemandem; denn du schaust nicht auf das Ansehen der Menschen, sondern in Wahrheit lehrst du den Weg Gottes. Ist es recht, dem Kaiser Steuern zu zahlen oder nicht? Sollen wir (sie) zahlen oder nicht zahlen?«

(15) Er aber bemerkte ihre Heuchelei und sagte ihnen: »Was versucht ihr mich? Bringt mir einen Denar, daß ich (ihn) sehe!« (16) Sie aber brachten einen. Und er sagt ihnen: »Wessen Bild ist das und wessen Aufschrift?« Sie aber sagten ihm: »Des Kaisers.«

(17) Jesus aber sagte ihnen: »Was des Kaisers ist, gebt dem Kaiser, und was Gottes ist, Gott!«

Und sie wunderten sich über ihn.

Redaktion

V. 13 erinnert an 3,6. Das Drama der hinterhältigen Angriffe auf Jesus beginnt. Das unbestimmte Subjekt von »sie senden« bezieht sich auf die Hohenpriester, Schriftgelehrten und Ältesten aus 11,27.

V. 14 wirkt überladen: Der Begründungssatz »denn du schaust nicht auf das Ansehen der Menschen … Gottes« ist entbehrlich und dürfte auf Mk zurückgehen.

V. 17: V. 17b lenkt zu V. 13 zurück und stellt das Erstaunen der Gegner Jesu fest.

Tradition

Es liegt ein Schulgespräch vor, dessen entscheidendes Wort am Ende, und zwar als Höhepunkt in V. 17a, steht. Da es um das Problem der Steuer geht, kommt Palästina als Milieu in Frage.

Historisches

V. 17: Das Wort Jesu, auf das hin das Gespräch konzipiert wurde, ist von einer Verschärfung des ersten Gebotes geprägt. Auf die Frage, ob dem Kaiser Steuern zu bezahlen seien, fordert es zwar nicht eine radikale Entscheidung zwischen Kaiser und Gott in allen Bereichen, wie es die damaligen Widerstandskämpfer, die Zeloten, auf ihre Fahnen geschrieben hatten. Aber es schärft ein: Dem irdischen Herrscher schuldet man irdische Dinge wie die Steuer, dem himmlischen Herrscher, Gott, schuldet man himmlische Dinge, d.h. wohl Gehorsam, Dienst und Liebe zu ihm sowie zu dem Nächsten. Was immer jemandes Bild trägt, ist sein Eigentum und ist ihm zurückzugeben: das Geld dem Kaiser und die ganze Person an Gott, denn als dessen Ebenbild wurden die Menschen geschaffen (Gen 1,27; vgl. Gen 9,6).

Das Wort dürfte echt sein, weil es die Tendenz der Gesetzesverschärfung in der Verkündigung Jesu reflektiert (Kohärenzkriterium). Gleichzeitig trifft das Differenzkriterium zu, weil in diesem Wort die Lehre über Christus fehlt, welche die Zeit nach der »Auferstehung« geprägt hat. Man vgl. noch, wie entsprechend in einem anderen echten Wort Jesu Mt 6,24/Lk 16,13 eine Entscheidung zwischen Gottesverehrung und Mammondienst gefordert wird.

Mk 12,18-27: Die Frage nach der Auferstehung

(18) Und Sadduzäer kommen zu ihm, die sagen, es gebe keine Auferstehung. Und sie fragten ihn, indem sie sagten: (19) »Lehrer, Mose hat uns geschrieben:

›Wenn jemandes Bruder stirbt

und eine Frau zurücklässt

und kein Kind hinterläßt,

soll sein Bruder sie zur Frau nehmen

und seinem Bruder Nachkommen erwecken.‹

[vgl Dtn 25,5-6]

(20) Es waren sieben Brüder. Der erste nahm eine Frau; er starb und hinterließ keinen Samen. (21) Und der zweite nahm sie und starb, ohne Samen zu hinterlassen, und der dritte ebenso. (22) Und die Sieben ließen keinen Samen zurück. Als letzte von allen starb die Frau. (23) Bei der Auferstehung, wenn sie auferstehen, wem von ihnen soll die Frau gehören? Denn die Sieben hatten sie zur Frau.«

(24) Jesus sagte ihnen: »Irrt ihr euch deswegen nicht, da ihr weder die Schriften noch die Macht Gottes kennt? (25) Wenn sie nämlich von den Toten auferstehen, werden sie weder heiraten, noch geheiratet werden, sondern sie werden sein wie die Engel in den Himmeln.

(26) Was aber die Toten betrifft, daß sie auferweckt werden: Habt ihr nicht im Buch des Mose gelesen, wie am Dornbusch Gott zu ihm sprach, indem er sagte:

›Ich bin der Gott Abrahams

und der Gott Isaaks

und der Gott Jakobs‹?

[Ex 3,6]

(27) Er ist nicht ein Gott von Toten, sondern von Lebenden. Ihr irrt euch sehr.«

Redaktion

V. 18-27: Außer der Erläuterung in V. 18 (vgl. die analoge Erklärung jüdischer Gesetzespraxis in 7,3-4) und dem Begründungssatz V. 23b lassen sich keine redaktionellen Eingriffe feststellen. Das überlieferte Stück hat Mk an dieser Stelle aus sachlichen Gründen angeschlossen. Erstens sollen die Sadduzäer zurückgewiesen werden, nachdem sich in der vorigen Perikope die Pharisäer vergeblich gegen Jesus gewandt haben. Zweitens mag die Perikope der Vorbereitung der Auferstehungsbotschaft dienen, die der Jüngling im Grabe den Frauen verkündigen wird.

Tradition

Als Überlieferung liegt ein Streitgespräch zugrunde. Voneinander heben sich zwei Stücke ab: a) V. 18-25 als ursprüngliches Streitgespräch; b) V. 26-27 als spätere Ergänzung. Die Ausbildung des Streitgesprächs war nötig, weil infolge von Jesu Auferweckung auch die allgemeine Auferstehung zu begründen war. Dies geschah zweckmäßigerweise im »Dialog« mit den Sadduzäern, die die Auferstehung überhaupt bestritten. Es handelt sich um reine Schriftgelehrsamkeit, da es zur Zeit Jesu die in der Perikope vorausgesetzte Institution der Leviratsehe gar nicht mehr gab.

Die Anfügung V. 26-27 bringt ein zusätzliches Argument zugunsten der Auferstehung. Mit dem Grundsatz, Gott sei nicht ein Gott der Toten, sondern der Lebendigen, ist die Meinung des Alten Testaments zutreffend gezeichnet. Aber daraus folgern alt-testamentliche Fromme, daß sie im Tod von jeder Beziehung zu Gott ausgeschlossen seien. Vgl. Ps 6,6: »Denn im Tode gedenkt man deiner nicht; wer wird dir bei den Toten danken?« V. 26-27 sind also eine Deutung, die ebenso wie das Stück V. 19-25 auf der Grundlage des Glaubens an die Auferstehung Jesu verständlich ist. Es handelt sich in beiden Fällen um eine Gemeindebildung.

Historisches

Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null.

Mk 12,28-34: Die Frage nach dem höchsten Gebot

(28) Und ein Schriftgelehrter kam hinzu, der sie disputieren gehört hatte. Da er wußte, daß Jesus ihnen gut geantwortet hatte, fragte er ihn: »Welches Gebot ist das erste von allen?«

(29) Jesus antwortete: »Das erste ist:

›Höre, Israel,

der Herr, unser Gott, ist der Herr allein,

(30) und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben

mit deinem ganzen Herzen,

mit deinem ganzen Leben,

mit deinem ganzen Denken

und mit deiner ganzen Kraft

‹ [Dtn 6,4-5]

(31) Das zweite ist dies:

›Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.‹

[Lev 19,18]

Größer als diese ist kein anderes Gebot.«

(32) Und der Schriftgelehrte sagte ihm: »Gut, Lehrer, du hast in Wahrheit geredet.

Er ist nur einer,

und es ist kein anderer außer ihm,

[Dtn 4,35],

(33) und ihn zu lieben

mit ganzem Herzen,

mit ganzem Gemüt

und mit ganzer Kraft

[Dtn 6,5]

und den Nächsten zu lieben wie sich selbst,

[Lev 19,18]

(das) ist mehr als alle Brandopfer und Opfergaben.«

(34) Und Jesus, als er sah, daß er verständig geantwortet hatte, sagte er ihm: »Du bist nicht fern vom Reich Gottes«. Und niemand wagte mehr, ihn zu fragen.

Redaktion

Mk gibt die ihm vorliegende Überlieferung unverändert wieder. Nur am Anfang und Ende hat er eingriffen, um den Abschnitt mit dem Kontext zu verklammern.

V. 28a weist auf den Streit 12,18-27 zurück.

V. 34c: Die angesichts des positiv verlaufenen Gesprächs mit dem Schriftgelehrten unerwartete Bemerkung V. 34c leitet zum Abschnitt 12,35-44 über, in dem keine Fragen von Außenstehenden an Jesus gerichtet werden.

Tradition

Die Überlieferung ist ein mit einer Frage eingeleitetes Schulgespräch. Es hebt die Übereinstimmung Jesu mit einem Schriftgelehrten hinsichtlich der Frage nach dem höchsten Gebot hervor, nämlich dem Gebot der Gottes- und Nächstenliebe. (Vgl. Dtn 6,4f, Lev 19,18b.) Man beachte die für katechetische Zwecke erfolgende teilweise Wiederholung bzw. Paraphrasierung dessen, worauf es ankommt (V. 29-31/V. 32-33). Die Überlieferung betont das monotheistische Glaubensbekenntnis (V. 29 und V. 32) und die intellektuelle Dimension der Gottesliebe (V. 30 und V. 33). Damit gehört sie in ein griechischsprachiges Judenchristentum.

Historisches

Der geschichtliche Ertrag der Überlieferung ist gleich Null, denn sie ist fest in der Gemeinde verankert und aus ihren Bedürfnissen abzuleiten. Diese Gemeinde hat sich vom Tempelkult gelöst und begründet dies unter Rekurs auf Jesus.

Mk 12,35-44: Die Frage nach der Davidssohnschaft des Messias. Warnung vor den Schriftgelehrten. Das Opfer der Witwe

(35) Und Jesus antwortete und sagte, als er im Tempel lehrte: »Wieso sagen die Schriftgelehrten, der Christus sei Sohn Davids? (36) David selbst sagte im heiligen Geist:

›Der Herr sagte meinem Herrn:

›Setze dich zu meiner Rechten,

bis ich deine Feinde

unter deine Füße lege!‹‹

[Ps 110,1]

(37) David selbst nennt ihn seinen Herrn. Und woher ist er dann sein Sohn?«

Und alles Volk hörte ihn gern.

(38) Und in seiner Lehre sagte er:

»Hütet euch vor den Schriftgelehrten, die in langen Gewändern einhergehen und Grüße auf dem Markt haben wollen (39) und Ehrensitze in den Synagogen und Ehrenplätze bei den Mahlzeiten. (40) Die die Häuser der Witwen fressen und zum Schein lange beten, diese werden ein um so schärferes Urteil empfangen.«

(41) Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einwirft in den Gotteskasten. Und viele Reiche warfen viel ein. (42) Und es kam eine arme Witwe und warf zwei Lepta ein; das ist ein Quadrans.

(43) Und er rief seine Jünger herbei und sagte ihnen: »Amen, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr als alle in den Gotteskasten geworfen, die etwas eingeworfen haben. (44) Denn alle haben etwas von ihrem Überfluß eingeworfen; diese aber hat von ihrem Mangel alles, was sie hatte, eingeworfen, (nämlich) ihren ganzen Lebensunterhalt.«

Redaktion

V. 35: V. 35a erweist sich durch das mk Vorzugswort »lehren« und durch die Erwähnung des Tempels (vgl. 11,27) als redaktionell.

V. 37: V. 37c leitet zur nächsten Szene über. Das Volk ist weiterhin auf der Seite Jesu, die Furcht der Gegner ist also noch begründet (vgl. 11,18.32; 12,12).

V. 38-40: Mk hebt nach 8,31; 10,33; 11,27ff noch einmal den unüberbrückbaren Gegensatz Jesu zu den Schriftgelehrten hervor. V. 38 knüpft mit dem Motiv der »Lehre« an V. 35a an.

V. 41-44: Mk hat dieses Stück wegen des Stichwortes »Witwe« angereiht. Das Wissen Jesu darum, daß die Witwe ihre ganze Habe verschenkt hat (V. 44), paßt zur mk Sicht der Allwissenheit Jesu (vgl. 2,8 u.ö.).

Tradition

V. 35-37: Das Stück ist eine Bildung der Gemeinde, die mit Bezug auf Ps 110,1 schriftgelehrt nachweisen wollte: Jesus ist mehr als Davids Sohn, nämlich Sohn Gottes.

Vgl. Barn 12,10: »Siehe, wiederum Jesus, nicht Sohn eines Menschen, sondern Gottessohn, als Abbild aber im Fleisch geoffenbart. Da nun zu erwarten ist, daß sie sagen, der Christus sei ein Sohn Davids, prophezeit David selbst …: Es sprach der Herr zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße gemacht habe.«

Das muß nicht der Auffassung widersprechen, daß diesem Stück eine Zweistufenchristologie zugrunde liegt, wie sie in Röm 1,3-4 deutlich wird: Zu Lebzeiten ist Jesus Sohn Davids. Seit der Auferstehung ist er als Sohn Gottes Davids Herr.

V. 38-40: Die Tradition wirkt wie ein Auszug aus der antipharisäischen Rede Mt 23,1-36/Lk 11,37-52 (= Q).

Zu V. 41-44: Die Geschichte stellt eine ideale Szene dar, in der folgender Grundsatz bildhaft dargestellt wird: »(D)er Gottheit (gefällt) das geringe Opfer des Armen besser … als das üppige des Reichen« (Bultmann, 32f). Dieser Grundsatz hat zahlreiche Parallelen in der Antike.

Historisches

V. 35-37: Der geschichtliche Wert der Perikope ist gleich Null, da sie ausschließlich aus Diskussionen in der Gemeinde erklärt werden kann.

V. 38-40: Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null. Die Worte wurzeln in der urchristlichen Polemik.

V. 41-44: Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null. Die Geschichte zeigt, wie ein damals verbreiteter nobler Grundsatz Jesus in den Mund gelegt werden konnte. Dabei sei nicht bestritten, daß der Inhalt des Grundsatzes der Geschichte Affinitäten zur Predigt Jesu hat (vgl. 10,25).

Mk 13: Jesu Rede über die Endzeit

Der Grundbestand von Mk 13 geht wohl auf eine jüdische Urschrift zurück, die entstand, als der römische Kaiser Caligula im Jahre 40 n.Chr. seine Statue im Tempel von Jerusalem errichten lassen wollte und nur durch seinen plötzlichen Tod daran gehindert wurde. Diese Quelle umfaßte etwa V. 7-8.12.14-20.24-27. Angesichts des bedrohlichen Planes Caligulas, auf den V. 14 indirekt verweist, wurde in ihr ein ausdrücklicher Hinweis auf das nahe Ende gegeben, auf die Ankunft des Messias-Menschensohnes, wie dieser im Anschluß an die Aussagen des Danielbuches als Retter des jüdischen Volkes erwartet wurde.

Diese Quelle wurde später einer christlichen Bearbeitung unterzogen. Dazu gehören V. 5b-6.9.11.21-22.28-32.34-36. Diese christliche Bearbeitungsschicht umfaßte nicht nur die Darstellung der Bedrängnisse der Endzeit und des Kommens des Menschensohnes, sondern darüber hinaus Warnungen vor Irrlehren und Ankündigungen von Verfolgungen. Der Evangelist Mk hat diese Überlieferung übernommen und verarbeitet. Als markinisch sind V. 10.13.23.33 und 37 anzusehen.

Die Stellung der Endzeitrede gegen Ende des Evangeliums ist im christlichen Unterricht begründet. Die Belehrung über die Endzeit steht jeweils am Schluß, vgl. 1Thess 4,13-5,11; Did 16; Barn 21,1. Das Stück ist die längste durchgehende Rede Jesu im MkEv und wird beispielsweise nicht durch Überleitungsformeln wie »und er sagte ihnen« oder Zwischenfragen der Jünger unterbrochen (vgl. dagegen Mk 4).

Mk 13,1-4: Die Weissagung der Zerstörung des Tempels

(1) Und als er aus dem Tempel geht, sagt ihm einer seiner Jünger: »Lehrer, siehe, was für Steine und was für Bauten!«

(2) Und Jesus sagte ihm: »Siehst du diese großen Bauten? Nicht ein Stein wird auf dem anderen gelassen werden, der nicht zertrümmert wird.«

(3) Und als er auf dem Ölberg saß gegenüber dem Tempel, fragten ihn allein Petrus und Jakobus und Johannes und Andreas: (4) »Sage uns, wann wird das geschehen? Und was wird das Zeichen sein, wenn sich dieses alles vollenden wird?«

Redaktion und Tradition

V. 1-4: V. 1 leitet redaktionell V. 2 ein. In diesem Vers benutzt Mk ein überliefertes Wort Jesu von der Tempelzerstörung, das eine gewisse Ähnlichkeit mit 14,58 hat. Er komponiert daraus eine Szene und stellt einen Zusammenhang zwischen dem Schicksal des Tempels und dem Weltenende her. Dabei geht es in V. 3-4 um die Deutung dieses Tempelwortes Jesu. Man befindet sich gegenüber dem Tempel auf dem Ölberg, wo Jesus mit drei der hier anwesenden Vertrauten später noch einmal beisammen sein wird, nämlich im Garten Gethsemane (14,26.32f).

Den ersten Teil der Doppelfrage der Jünger (»Wann wird das geschehen?«) beantwortet »Jesus« in V. 5-23, den zweiten Teil (»Was wird das Zeichen sein?«) in V. 24-27.

Historisches

V. 2: Vgl. zu 14,58. Im Rahmen einer Endzeitrede hat Jesus niemals das Wort in V. 2 ausgesprochen.

Mk 13,5-8: Thematik

(5) Jesus begann ihnen zu sagen: »Seht zu, daß euch niemand verführe! (6) Viele werden unter Berufung auf meinen Namen kommen und sagen: ›Ich bin es‹, und sie werden viele verführen. (7) Wenn ihr aber hören werdet von Kriegen und Kriegsgeschrei, so erschreckt nicht! Es muß so geschehen. Aber es ist noch nicht das Ende. (8) Denn es wird sich ein Volk gegen das andere erheben und ein Reich gegen das andere. Es werden Erdbeben geschehen hier und dort, es werden Hungersnöte sein. Das ist der Anfang der Wehen.«

Redaktion und Tradition

V. 5-8 enthalten einen summarischen Überblick, wobei V. 6 die V. 21-22 vorwegnimmt. Zu beachten bleibt, daß V. 6 bei der »Christologie« einsetzt. Viele werden sich fälschlicherweise für den wiedergekommenen Jesus ausgeben, doch sind die in V. 7 und 8 beschriebenen Ereignisse erst der Anfang.

Historisches

Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null. Denn die Worte Jesu müssen aus der Gemeindesituation abgeleitet werden, in der zahlreiche Widersacher aufgetreten sind.

Mk 13,9-13: Die gegenwärtige Lage

(9) »Seht euch aber vor! Sie werden euch den Gerichten überantworten, und in den Synagogen werdet ihr gegeißelt werden, und vor Statthalter und Könige werdet ihr geführt werden um meinetwillen, ihnen zum Zeugnis. (10) Und unter allen Völkern muß das Evangelium zuvor verkündigt werden. (11) Wenn sie euch nun abführen und ausliefern, so sorgt euch nicht vorher, was ihr reden sollt; sondern was euch in jener Stunde gegeben wird, das redet. Denn ihr seid es nicht, die da reden, sondern der heilige Geist. (12) Und Bruder wird (den) Bruder dem Tod ausliefern und der Vater (das) Kind, und Kinder werden sich empören gegen Eltern und werden sie töten. (13) Und ihr werdet gehaßt sein von allen um meines Namens willen. Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird gerettet werden.«

Redaktion und Tradition

V. 9-13: Der Imperativ »Seht!« entspricht dem in V. 5 (vgl. V. 23). Der Abschnitt spiegelt die Erfahrungen der mk Gemeinde wider und beschreibt ihre gegenwärtige Lage mit der Pointe in V. 10. Die Heidenmission ist in vollem Gang, und die Verzögerung der Wiederkunft Jesu, die durch die Heidenmission bedingt ist, geht auf Gottes Plan zurück. V. 9.11 haben eine Parallele in Q (Lk 12,11f; vgl. Mt 10,19f).

Historisches

Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null, da die Worte auf Probleme der Gemeinde zurückgehen und Jesus erst nachträglich in den Mund gelegt wurden.

Mk 13,14-23: Der letzte Abschnitt der Geschichte

(14) »Wenn ihr aber sehen werdet den Greuel der Verwüstung stehen, wo er nicht soll – wer (es) liest, merke auf! –, dann sollen die in Judäa in die Berge fliehen. (15) Der auf dem Dach (ist), soll nicht hinuntersteigen und nicht hineingehen, etwas aus seinem Hause zu holen. (16) Und der auf dem Feld (ist), soll sich nicht umwenden, seinen Mantel zu holen. (17) Weh aber den Schwangeren und den Stillenden in jenen Tagen!

(18) Bittet aber, daß es nicht im Winter geschehe. (19) Denn jene Tage werden eine Bedrängnis sein, wie nie eine derartige gewesen ist seit Anfang der Schöpfung, die Gott geschaffen hat, bis jetzt und auch nicht wieder werden wird. (20) Und wenn der Herr diese Tage nicht verkürzt hätte, würde kein Mensch gerettet werden; aber um der Auserwählten willen, die er auserwählt hat, hat er die Tage verkürzt.

(21) Wenn dann jemand zu euch sagen wird: ›Siehe, hier ist der Christus! Siehe, da ist er!‹, glaubt (es) nicht! (22) Erweckt werden nämlich falsche Christusse und falsche Propheten, und sie werden Zeichen und Wunder tun, um, wenn es möglich wäre, die Auserwählten zu verführen. (23) Ihr aber seht euch vor! Ich habe euch alles zuvor vorausgesagt!«

Redaktion und Tradition

V. 14-20 schildern den Übergang von der Gegenwart zur Zukunft. V. 14 bedeutet einen Schlüssel nicht nur für das Verständnis dieser Rede, sondern für das MkEv überhaupt. V. 14a und V. 19 beziehen sich eindeutig auf das Buch Daniel. Zu V. 14a vgl. Dan 12,11: Aufstellung des Greuels der Verwüstung; zu V. 19 vgl. Dan 12,1: Ankündigung einer Zeit der Bedrängnis. „Jesus“ fordert dazu auf, das bevorstehende Geschehen – nämlich die Aufstellung des Bildnisses des Kaisers Caligula im Jerusalemer Tempel – von diesen Stellen her zu erklären. Damit hat die endzeitliche Bedrängnis begonnen. (Zur Frage des historischen Bezuges in V. 14 vgl. die Einleitung zu Mk 13.) Zu V. 15f vgl. Lk 17,31 (Q).

V. 21-22: Das Stück paßt schlecht an dieser Stelle und entspricht einem ähnlichem Wort in Q (Mt 24,23-27/Lk 17,23f).

V. 23: Der Abschnitt schließt mit einem erneuten Aufruf (»Seht euch vor!«; vgl. V. 9) und dem Hinweis, daß den Jüngern alles vorhergesagt wurde. Jesu Worte können also durch aktuelle Ereignisse nicht überholt werden. Da Jesus alles vorhergewußt (vgl. zu 11,2) und sein Wissen der Gemeinde weitergegeben hat, braucht diese nicht besorgt zu sein.

Historisches

Die Jesus-Worte sind unecht, weil sie sich vollständig aus einer Gemeindesituation ableiten lassen.

Mk 13,24-27: Die Heilswende mit dem Kommen des Menschensohns

(24) »Aber in jenen Tagen, nach jener Bedrängnis, wird die Sonne sich verfinstern, und der Mond wird seinen Schein nicht geben, (25) und die Sterne werden vom Himmel fallen, und die Kräfte in den Himmeln werden ins Wanken gebracht werden. (26) Und dann werden sie den Menschensohn kommen sehen in den Wolken mit viel Kraft und Herrlichkeit. (27) Und dann wird er die Engel senden, und er wird seine Auserwählten zusammenbringen aus den vier Winden, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels.«

Redaktion und Tradition

Der Abschnitt gehört mit V. 8 zusammen: Auch die Ordnung des Himmels gerät aus den Fugen. Die Sonne verfinstert sich, der Mond verliert seinen Schein, die Sterne fallen vom Himmel.

V. 24-25 enthüllen die Zeichen, die untrüglich das Ende der Zeit mit dem heilvollen Kommen des Menschensohns anzeigen. Die Verse erinnern an alttestamentliche Beschreibungen des Tages Jahwes. Man vgl. die beiden folgenden Beispiele:

Jes 13,10: »Denn die Sterne am Himmel und sein Orion (Sternbild) scheinen nicht hell, die Sonne geht finster auf und der Mond gibt keinen Schein.« 34,4: »Und alles Heer des Himmels wird dahinschwinden, und der Himmel wird zusammengerollt werden wie eine Buchrolle...«

V. 26-27: V. 26 ist Zitat aus Dan 7,13 (vgl. 13,14a.19; 14,62). V. 27 schildert die Sammlung der Auserwählten (vgl. 13,20.22).

Historisches

Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null, denn es handelt sich um eine Spekulation der Gemeinde. Jesus hat diese Worte nie gesprochen.

Mk 13,28-37: Feigenbaumgleichnis und Ermahnung zur Wachsamkeit

(28) »An dem Feigenbaum aber lernt das Gleichnis: Wenn sein Zweig schon saftig ist und Blätter herauswachsen, erkennt ihr, daß der Sommer nahe ist. (29) Ebenso auch ihr: Wenn ihr seht, daß dies geschieht, so erkennt, daß er nahe vor der Tür ist. (30) Amen, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. (31) Der Himmel und die Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. (32) Über jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, außer dem Vater.

(33) Seht euch vor, wachet! DENN IHR WISST NICHT, wann die Zeit da ist. (34) Wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten die Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er solle wachen; (35) so wacht nun; DENN IHR WISST NICHT, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, (36) damit er, wenn er plötzlich kommt, euch nicht schlafend finde.

(37) Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!«

Redaktion und Tradition

V. 28-29: Das Gleichnis vom Feigenbaum soll die Gemeinde zur Wachsamkeit angesichts des nahen Endes ermahnen. Ein spezifischer Baum ist nicht gemeint, denn der bestimmte Artikel gehört zum Stil eines Gleichnisses. Das Stück hat keine Beziehung zur Person Jesu.

V. 30: »Das Wort ist in dieser Form schwerlich je selbständig gewesen, könnte aber eine Variante von 9,1 sein, die für den vorliegenden Zusammenhang zurechtgemacht ist« (Bultmann, 130). Der Eintritt des Endes erfolgt dem Spruch zufolge noch vor dem Ableben der ersten Generation, wobei erste Todesfälle die Gemeinde zu einer Modifikation der Naherwartung veranlaßt haben dürften: Die Tatsache, daß mehrere Christen schon gestorben sind, ändert nichts daran, daß die erste Generation das Kommen des Menschensohnes noch erleben wird. Das hier vorliegende Phänomen, daß das Nicht-sterben-Müssen wenigstens von einigen der ersten Generation ausgesagt wird, erklärt sich am plausibelsten so: Ursprünglich herrschte die Erwartung vor, die erste Generation in ihrer Gesamtheit werde das Ende der Zeit erleben.

V. 31 betont die Sicherheit der Weissagung Jesu. »Für die Gemeinde des Mk besaß Jesu Wort schon jene ewige Gültigkeit, die für die jüdische Gemeinde das Gesetz gehabt hatte« (Haenchen, 452). Das Wort ist eine christliche Bildung, die sich nur schlecht mit dem folgenden V. 32 verträgt.

V. 32 ist ursprünglich vielleicht ein jüdisches Wort, abgesehen von dem christlichen Schluß (»auch der Sohn nicht, außer dem Vater«).

V. 33 ist mk Rahmenwort, das aus katechetischen Gründen in V. 37 nochmals aufgegriffen wird.

V. 34-36: Das Gleichnis vom Türhüter in V. 34 mit der darauf folgenden Applikation in V. 35f allegorisiert die Lage der Gemeinde, deren Herr zeitweilig nicht zu Hause ist. »Die Stichwörter des ›Wachens‹ und der ›Unkenntnis‹ verbinden Gleichnis und Anwendung eng mit dem Kontext« (Lührmann, 225).

V. 37 nimmt V. 33a auf und bezieht die Leserschaft des MkEv durch das Wort »alle« ausdrücklich in die Aufforderung zum Wachen mit ein.

Historisches

V. 28: Das Gleichnis ist echt. Es enthält keine Beziehung auf die Person Jesu, paßt zu seiner Naherwartung und kann schwerlich aus der Gemeinde abgeleitet werden.

V. 30: Das Wort spiegelt eine Verzögerung der Endereignisse wider. Jesus hat demgegenüber die endgültige Ankunft des Gottesreiches in der unmittelbaren Zukunft erwartet. Der Spruch ist daher mit Sicherheit unecht.

V. 31: Das Wort stammt aus der Gemeinde und ist unecht.

V. 32: Das Wort ist unecht, denn es setzt die Gottessohnschaft Jesu voraus.

V. 34-36: Die Unechtheit des Stücks wurde bereits im Abschnitt »Redaktion und Tradition« begründet.

Mk 14-15: Die Passionsgeschichte
Mk 14,1-11: Tötungsplan. Salbung in Bethanien. Auslieferung Jesu durch Judas

(1) Es war aber das Passah und die Ungesäuerten (Brote) nach zwei Tagen. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. (2) Denn sie sprachen: »Ja nicht auf dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr des Volkes geben wird!«

(3) Und als er in Bethanien war im Hause Simons des Aussätzigen und zu Tisch lag, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit echter, kostbarer Nardensalbe, und sie zerbrach das Alabastergefäß und goß es auf sein Haupt. (4) Da wurden einige unwillig und sagten untereinander: »Was soll diese Vergeudung des Salböls? (5) Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen und das Geld den Armen geben können.« Und sie fuhren sie an. (6) Jesus aber sagte: »Laßt sie! Was bereitet ihr ihr Mühen? Sie hat ein gutes Werk an mir getan. (7) Denn ihr habt immer die Armen bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen wohltun; mich aber habt ihr nicht immer. (8) Was sie konnte, hat sie getan; sie hat meinen Leib im voraus gesalbt für mein Begräbnis.

(9) Amen, ich sage euch: Wo das Evangelium verkündigt wird in aller Welt, da wird, was sie jetzt getan hat, gesagt werden zu ihrem Gedächtnis.«

(10) Und Judas Iskariot, einer der Zwölf, ging hin zu den Hohenpriestern, daß er ihn ihnen ausliefere. (11) Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld zu geben. Und er suchte, wie er ihn bei guter Gelegenheit ausliefern könne.

Redaktion und Tradition

V. 1-11 bilden den Auftakt der Leidensgeschichte und enthalten einen Vorverweis auf das Begräbnis Jesu sowie die Verkündigung des Evangeliums. Die von Mk verarbeitete Überlieferung liegt V. 3-9 zugrunde. Sie mag, da sie an dem Bild einer bestimmten Frau orientiert ist und auf eine Pointe (V. 6-7) hinausläuft, als biographisches Apophthegma bezeichnet werden.

V. 1: Die Tötungsabsicht der jüdischen Gegner entspricht 3,6; 11,18 und 12,12, wo sie ihren Plan allein aus Furcht vor dem Volk nicht ausführen. Zu den Hohenpriestern und Schriftgelehrten kommen später entsprechend der Voraussage 8,31 noch die Ältesten hinzu (14,43.53; 15,1). Jesu galiläische Opponenten, die Pharisäer, treten in der Passionsgeschichte nicht auf.

V. 2: Die Absicht der Feinde Jesu, mit List zu handeln, hat ähnliche Gründe wie der Verzicht auf ein sofortiges Einschreiten in 12,12 (Rücksichtnahme auf das Volk).

V. 3-5: Die Einwände gegen die Verschwendung sind so formuliert, daß Jesus die Gelegenheit erhält, den Sinn der Handlung der Frau zu erläutern.

V. 6-7: Die Antwort Jesu in V. 8 kennzeichnet redaktionell das gute Werk der Frau als Begräbnisdienst. Auf der Stufe der Tradition, die mit dem Leiden und der Beerdigung Jesu nichts zu tun hat, findet sich in V. 6-7 die Pointe. Sie lautet: Die Absicht, Jesus, wenn er da ist, einen Liebesdienst zu erweisen, steht über dem Geben von Almosen.

V. 8 ist eine Weissagung auf das Begräbnis Jesu in 15,42-47, bei dem keine Salbung vollzogen werden wird.

V. 9 verknüpft redaktionell die Geschichte mit der Evangeliumspredigt. Der Ausdruck »das Evangelium verkündigen« erscheint auch in 1,14 und 13,10. Dabei ist V. 9 der Stelle 13,10 thematisch eng verwandt: Offenbar ist für Mk der Bericht vom Begräbnisdienst jener Frau Bestandteil der Evangeliumspredigt.

V. 10-11 führen redaktionell V. 1-2 weiter. Sie berichten davon, wie die Feinde Jesu einen Bundesgenossen finden, um Jesus zu beseitigen. Die Nachricht von der Auslieferung Jesu durch Judas ist Teil der Judastradition, die in unterschiedlicher Ausmalung breit bezeugt ist (vgl. zu Mt 27,3-10).

Historisches

V. 3-7: Der geschichtliche Ertrag der Tradition ist gleich Null. Doch spiegelt sie die Nähe Jesu zu einer wohl anrüchigen Frau in Galiläa wider (vgl. zu Lk 7,36-50).

V. 10-11: Vgl. zu Mt 27,3-10.

Mk 14,12-25: Vorbereitung des Passahmahls. Weissagung der Auslieferung. Das Abendmahl

(12) Und am ersten Tage der Ungesäuerten (Brote), als man das Passahlamm schlachtete, sagen ihm seine Jünger: »Wo willst du, daß wir hingehen und Vorbereitungen treffen, daß du das Passah(lamm) essen kannst?« (13) Und er sendet zwei seiner Jünger und sagt ihnen: »Geht hin in die Stadt, und es wird euch ein Mensch begegnen, der einen Krug mit Wasser trägt; folgt ihm, (14) und wo er hineingeht, sagt dem Hausherrn: ›Der Lehrer sagt: ›Wo ist mein Raum, in dem ich das Passah(lamm) mit meinen Jüngern essen kann?‹‹ (15) Und er wird euch ein großes Oberzimmer zeigen, das (mit Polstern) ausgelegt und vorbereitet ist. Und dort bereitet es uns vor!« (16) Und die Jünger gingen hin und kamen in die Stadt und fanden (es), wie er ihnen gesagt hatte, und bereiteten das Passah(lamm).

(17) Und am Abend kommt er mit den Zwölfen. (18) Und als sie bei Tisch lagen und aßen, sagte Jesus: »Amen, ich sage euch: Einer unter euch wird mich ausliefern, der mit mir ißt.« (19) Und sie begannen traurig zu werden und ihm zu sagen, einer nach dem anderen: »Bin ich es etwa?« (20) Er aber sagte ihnen: »Einer von den Zwölfen, der mit mir in die Schüssel taucht. (21) Der Menschensohn geht zwar hin, wie von ihm geschrieben steht; weh aber jenem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird. Es wäre besser für ihn, wenn er, jener Mensch, nicht geboren wäre!«

(22) Und als sie aßen, nahm er das Brot, dankte und brach es und gab es ihnen und sagte: »Nehmt, das ist mein Leib.« (23) Und er nahm einen Kelch, dankte und gab ihnen (den); und sie tranken alle daraus. (24) Und er sagte ihnen: »Das ist mein Blut des Bundes, das für viele vergossen wird. (25) Amen, ich sage euch: Ich werde nicht mehr trinken vom Gewächs des Weinstocks bis zu jenem Tag, an dem ich es neu trinke im Reich Gottes.«

Redaktion und Tradition

V. 12: Die an V. 1 anknüpfende Zeitangabe ist äußerst ungenau, denn nach jüdischer Zählung, der zufolge der neue Tag jeweils mit Sonnenuntergang beginnt, wurden die Passahlämmer nicht am ersten Tag des Passahfestes geschlachtet, sondern am Vortag. Der Heidenchrist Mk zeigt sich also über die Differenz zwischen jüdischer und griechischer Tageseinteilung nicht informiert. Abgesehen davon fassen sowohl Mk als auch seine Tradition das in V. 22-25 erzählte Essen irrtümlich als Passahmahlzeit auf, wovon aber angesichts des dort Berichteten keine Rede sein kann.

V. 13-16 sind eine Variante zu 11,1b-6, wobei eine große Übereinstimmung in Aufbau und Wortwahl festzustellen ist. Die Voraussage in V. 13f erinnert an 1Sam 10,2. Unmittelbar vorher wird dort übrigens im Zusammenhang mit der Verheißung Samuels, daß Saul der Fürst Israels sein werde, eine Mk 14,3-9 ähnliche Salbung erzählt: »Und Samuel nahm die Ölflasche und goß sie über seinem Haupt aus« (1Sam 10,1).

V. 17-21: Das Stück verhält sich zu 14,43-46 (Judas liefert Jesus durch einen Kuß aus), wie der nachfolgende Abschnitt 14,26-31 zu 14,66-72 (Petrus verleugnet Jesus).

V. 22-24: Mk gibt die Einsetzungsworte parallel wieder: »das ist mein Leib« (V. 22); »das ist mein Blut« (V. 24). Demgegenüber formuliert Paulus sie in 1Kor 11,24b-25 unsymmetrisch:

(24b) »Das ist mein Leib für euch. Das tut zu meinem Gedächtnis.« (25) … »Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut. Das tut, sooft ihr trinkt, zu meinem Gedächtnis.«

Hier entsprechen Leib und Bund einander. Dies ist die schwierigere Fassung und spiegelt zweifellos eine gegenüber Mk ursprünglichere Traditionsstufe wider.

Sowohl der Text des Mk als auch der des Paulus enthalten jeweils ein Element, das der ursprünglichen Überlieferung erst später hinzugewachsen sein dürfte: 14,25 ist ein endzeitlicher Ausblick Jesu, der mit seiner Gabe von Brot und Wein nichts zu tun hat. Mit 1Kor 11,26 blickt die Gemeinde auf das Kommen des Herrn Jesus vom Himmel.

An anderer Stelle, nämlich beim doppelten Wiederholungsauftrag (»das tut zu meinem Gedächtnis«) in 1Kor 11,24.25 scheint der Paulustext jüngeren Datums zu sein als der des Mk. Denn hier werden liturgische Formeln sichtbar, die erst sekundär hinzugewachsen sein dürften. Im ganzen ist aber der Unterschied zwischen den Einsetzungsworten bei Mk und bei Paulus nicht allzu groß. Ich lege daher beide zugrunde und frage: Wie haben die ersten Leser die Texte 1Kor 11,23-25 und Mk 14,22-24 verstanden? Die Antwort ist eindeutig: Sie fanden in ihnen einen Bericht von der Einsetzung des Abendmahls, das sie allsonntäglich feierten und bei dem sie den Leib und das Blut des Herrn Jesus empfingen. Dieser »Genuß« wurde auf vielfältige Weise gedeutet und im Extremfall wörtlich im Sinne des Verzehrs von realem Fleisch verstanden. Vgl. die Interpretation des Abendmahls in Joh 6,51c-58, besonders V. 54-56, wo Jesus sagt:

(54) »Wer mein Fleisch verzehrt und mein Blut trinkt, hat ewiges Leben, und ich werde ihn auferwecken am letzten Tag. (55) Denn mein Fleisch ist wahre Speise, und mein Blut ist wahrer Trank. (56) Wer mein Fleisch verzehrt und mein Blut trinkt, bleibt in mir und ich in ihm.«

Andere, wie Paulus, deuten den »Genuß« als Verkündigung des Todes Jesu bis zu seinem Kommen vom Himmel (s. oben zu 1Kor 11,26). In jedem Fall steht fest: Der Sinn des Abendmahles war gebunden an die Situation nach Tod und »Auferstehung« Jesu, in der sowohl das eine als auch das andere als Heilsereignis galt.

V. 25: Dieses Wort ist sekundär an den Einsetzungsbericht des Abendmahls angehängt. Jesus drückt in ihm die Erwartung aus, erst im Reich Gottes, dessen Bild als Festessen hier wie in Lk 6,21a zugrunde liegt, wieder Wein zu trinken. Das Wort ist damit zugleich eine Art Todesprophetie, die sich über Jesu zukünftiges Verhältnis zu seinen Jüngern nicht äußert.

Historisches

V. 12b-16: Dieses ursprünglich nicht mit V. 22ff zusammengehörige Stück erweist sich durch seine märchenhaften Motive als unhistorisch.

V. 17-21: Jesus hat die Sätze über die Auslieferung durch Judas nie gesprochen. Vielmehr folgerten frühe Christen aus der Tatsache, daß Jesus ausgeliefert wurde, Jesus müsse dies vorhergewußt und daher prophezeit haben.

V. 22-24: Der Sinn der Worte, die Jesus beim letzten Mahl über Brot und Wein ausgesprochen haben soll, ist an das Verständnis seines Todes als eines Heilsereignisses gebunden. Da aber der Glaube an die Heilsbedeutung seines Todes den Glauben an seine Auferstehung voraussetzt, können diese Worte nicht auf Jesus zurückgehen – ganz abgesehen davon, daß sie die für Juden unerträgliche Vorstellung von Blutgenuß wachgerufen hätten. Demgegenüber gewinnen, wie gezeigt wurde, die Abendmahlstexte ihren Sinn, wenn sie von der liturgischen Praxis der ältesten Gemeinde her gelesen werden, die die Stiftung der von ihr begangenen sakramentalen Handlung ins Leben Jesu zurückprojizierte.

An dieser Stelle sind noch zwei Ansätze kritisch zu referieren: a) Es steht natürlich jedem frei, ein letztes Mahl Jesu mit seinen zwölf Jüngern anzunehmen. Das ist historisch sogar wahrscheinlich, weil Jesus und seine Jünger nach Jerusalem gezogen sind und dort auch gemeinsam gegessen haben werden. Nur: Ein solches Essen hat keine genetische Beziehung zum später kultisch verstandenen Abendmahl. b) Zuweilen wird angenommen, das in V. 22-24 beschriebene Mahl sei ein Passahmahl, das Jesus als frommer Jude seiner Zeit mit seinen Jüngern gefeiert habe. Dagegen sprechen aber das Fehlen jeglicher Passahsymbolik in V. 22-24 selbst und die Beobachtung, daß das Essen erst durch V. 12b-16 ausdrücklich als Passahmahlzeit gezeichnet wird. Das ist aber zu wenig, um historisch in V. 22-24 ein Passahmahl wiederzufinden.

V. 25: Dieses Wort dürfte echt sein. Es ist schwerlich in der frühen Gemeinde entstanden, denn Jesus übt in ihm keine besondere Funktion für die Gläubigen beim unmittelbar bevorstehenden Festessen im Himmel aus. Allein Jesu Erwartung des zukünftigen Reiches Gottes steht im Mittelpunkt, nicht dagegen Jesus als Retter, Richter oder Fürsprecher.

Mk 14,26-31: Die Ankündigung der Verleugnung durch Petrus

(26) Und nachdem sie den Lobgesang gesungen hatten, gingen sie hinaus zum Ölberg. (27) Und Jesus sagt ihnen: »Alle werdet ihr Ärgernis nehmen; denn es steht geschrieben:

›Ich werde den Hirten schlagen, und die Schafe werden sich zerstreuen.‹ [Sach 13,7]

(28) Aber nach meiner Auferweckung werde ich euch vorausziehen nach Galiläa.«

(29) Petrus aber sagte ihm: »Wenn auch alle Ärgernis nehmen, aber nicht ich!«

(30) Und Jesus sagt ihm: »Amen, ich sage dir: Heute, in dieser Nacht, ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.«

(31) Er aber bekräftigte: »Auch wenn ich mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen!« Ebenso sagten aber auch alle.

Redaktion und Tradition

V. 26-31: Diese Szene ist von Mk selbst im Rückblick formuliert worden unter Verarbeitung der später im MkEv breit ausgestalteten Überlieferung, daß Jesus nach seiner Verhaftung von Petrus verleugnet wurde (14,66-72) und nach seinem Tod auferstanden ist (16,1-8; 16,7 verweist ausdrücklich auf 14,28 zurück, woraus der redaktionelle Charakter beider Verse hervorgeht). Jesus als der Gottessohn muß natürlich auch diese beiden zukünftigen Ereignisse im voraus gewußt haben (vgl. die drei Leidens- und Auferstehungsweissagungen sowie die Prophezeiung der Auslieferung Jesu durch Judas). Das gleiche gilt für die Voraussage Jesu, daß alle Jünger an ihm Ärgernis nehmen würden. Sie setzt die später von Mk berichtete Flucht aller Jünger voraus (14,50). Bezeichnenderweise wird sie in V. 27 durch ein Schriftzitat (Sach 13,7) begründet.

Historisches

Die Szene entstammt der Komposition des Mk und ist deswegen mit Sicherheit unhistorisch.

Mk 14,32-42: Jesus in Gethsemane

(32) Und sie kommen zu einem Garten, dessen Name Gethsemane (ist). Und er sagt seinen Jüngern: »Setzt euch hierher, bis ich gebetet habe!« (33) Und er nimmt Petrus und Jakobus und Johannes mit sich und begann zu zittern und zu zagen (34) und sagt ihnen: »Meine Seele ist betrübt bis an den Tod; bleibt hier und wacht!«

(35) Und er ging ein wenig weiter, warf sich auf die Erde und betete, daß, wenn es möglich sei, die Stunde an ihm vorübergehe, (36) und er sagte: »Abba, Vater, alles ist dir möglich; nimm diesen Kelch von mir; doch nicht, was ich will, sondern was du (willst)!«

(37) Und er kommt und findet sie schlafend und sagt zu Petrus: »Simon, schläfst du? Vermochtest du nicht, eine Stunde zu wachen? (38) Wachet und betet, daß ihr nicht in Versuchung fallt! Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.« (39) Und er ging wieder hin und betete und sagte dieselben Worte. (40) Und wiederum kam er und fand sie schlafend; denn ihre Augen waren sehr schwer, und sie wußten nicht, was sie ihm antworten sollten.

(41) Und er kommt zum dritten Mal und sagt ihnen: »Schlaft nur weiter und ruht! Genug, die Stunde ist gekommen. Siehe, der Menschensohn wird ausgeliefert in die Hände der Sünder. (42) Steht auf, laßt uns gehen! Siehe, der mich ausliefert, ist da!«

Redaktion und Tradition

Um den Text recht zu verstehen, muß man von dem Vorurteil Abschied nehmen, hier habe ein sorgfältiger Historiker gearbeitet. Das ist schon deswegen unmöglich, weil dem Bericht selbst zufolge niemand beim Gebetskampf Jesu in Gethsemane anwesend war. Vielmehr will der erbauliche Zweck des Ganzen recht gewürdigt sein. Die Geschichte streicht den Gehorsam des Gottessohnes im Gegensatz zu dem Stumpfsinn der Jünger heraus, denn dieser Gottessohn ist der im Kult der Gemeinde gegenwärtige Herr, auf den man sich verlassen will.

Zugleich zeigt eine Parallelüberlieferung zur Gethsemane-Szene, welcher Denkhorizont ihr zugrunde liegt. In Hebr 5,7 heißt es über Jesus Christus, den Sohn Gottes: »Als der in den Tagen seines Fleisches sowohl Bitten als auch Flehen dem darbrachte, der ihm aus dem Tod retten konnte, mit lautem Geschrei und Tränen und aus seiner Angst erhört wurde, lernte er, obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam.«

Dieser Lehrsatz entspringt der Lektüre von alttestamentlichen Psalmen, die eine wichtige Quelle auch für die Gestaltung der Gethsemane-Szene und der Passionsgeschichte gewesen sind. Vgl. Ps 22,25: Gott »hat nicht verachtet noch verschmäht das Elend des Armen und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen; und als er zu ihm schrie, hörte er es«; Ps 31,23: »Ich sprach wohl in meinem Zagen: Ich bin von deinen Augen verstoßen. Doch du hörtest die Stimme meines Flehens, als ich zu dir schrie«; Ps 69,4: »Ich habe mich müde geschrien, mein Hals ist heiser. Meine Augen sind trübe geworden, weil ich so lange harren muß auf meinen Gott.«

Der Erzähler hat das aus dem Alten Testament erschlossene Motiv vom Gehorsam des Gottessohnes auf der Grundlage des in V. 38 tradierten Jesuswortes zu einer Geschichte komponiert. Auf diese Weise kam das Motiv der Trägheit der Jünger hinzu, das die Ergebung Jesu in Gottes Willen wirkungsvoll kontrastiert.

Die Anzahl der Gebetsgänge in der Perikope (V. 35.39.41) beruht auf dem Prinzip der runden Zahl »drei«. Ebenso hat Jesus die dreimalige Versuchung durch den Teufel bestanden (Mt 4/Lk 4).

V. 33: Zur Bevorzugung der drei Jünger vgl. 5,37; 9,2.

V. 34 enthält Gebetssprache in Anlehnung an Ps 43,5 (LXX: Ps 42,5).

V. 36 entspricht der dritten Bitte des Vaterunsers (Mt 6,10b).

V. 38 ist der überlieferungsgeschichtliche Ausgangspunkt der Gethsemane-Szene.

V. 40b ist in seinem zweiten Teil ebenso wie 9,6a formuliert. Mk liebt nachgeschobene Begründungssätze und streicht hier das Jüngerversagen heraus, ihr dreimaliges Einschlafen.

V. 41: Wie verhält sich »Sünder« zum Topos, daß Jesus gekommen sei, Sünder zu berufen (2,17)? Ist Sünder hier Bild für Heiden? Vgl. Gal 2,15.

Historisches

Der geschichtliche Ertrag ist gleich Null. Das gelegentlich zugunsten der Historizität angeführte Argument, die Perikope sei christologisch zu anstößig, um frei erfunden zu sein, scheitert an dem eingangs beschriebenen erbaulichen Zweck der Geschichte.

Mk 14,43-52: Jesu Gefangennahme

(43) Und sogleich, während er noch redete, kommt herzu Judas, einer der Zwölf, und mit ihm eine Volksmenge mit Schwertern und mit Stangen von den Hohenpriestern und Schriftgelehrten und den Ältesten. (44) Aber der Auslieferer hatte ihnen ein Zeichen angegeben und gesagt: »Welchen ich küssen werde, der ist es; ergreift ihn und führt ihn sicher ab.« (45) Und als er kam, trat er sogleich zu ihm und sagt: »Rabbi!« und küßte ihn. (46) Sie aber legten Hand an ihn und ergriffen ihn.

(47) Einer aber von denen, die dabeistanden, zog sein Schwert und schlug den Knecht des Hohenpriesters und hieb ihm das Ohr ab.

(48) Jesus antwortete und sagte ihnen: »Wie gegen einen Räuber seid ihr ausgezogen mit Schwertern und mit Stangen, mich zu fangen. (49) Täglich war ich bei euch im Tempel zu lehren, doch ihr habt mich nicht ergriffen. Aber damit die Schriften erfüllt werden.«

(50) Da verließen sie ihn, und alle flohen.

(51) Ein Jüngling aber folgte ihm nach (= begleitete ihn), der war mit einem Leinengewand bekleidet auf der NACKTEN (Haut); und sie greifen nach ihm. (52) Er aber ließ das Leinengewand fallen und floh NACKT davon.

Redaktion und Tradition

Der Bericht ist stark legendarisch und z.T. rätselhaft. Eine klare Trennung der Redaktion von der Überlieferung scheint aussichtslos. Mk arbeitet mit einzelnen vorgegebenen Traditionselementen – keinem ausformulierten Bericht – und komponiert daraus die Erzählung von der Gefangennahme Jesu als Voraussetzung der sich anschließenden Verhöre vor dem Hohen Rat und vor Pilatus. Ganz unscheinbar hat er sich selbst eingebracht (V. 51f).

V. 43-46 knüpfen an V. 42 an. Den Bericht über die Auslieferung Jesu durch Judas hatte Mk in V. 10-11 vorbereitet.

V. 47: Die Bezeichnung »Knecht des Hohenpriesters« ist sonst nicht belegt und wohl Analogiebildung zu »Knecht des Königs« (1Sam 29,3).

V. 48-49: V. 48 lenkt auf V. 43 zurück. V. 49 enthält einen Hinweis auf die zu erfüllende Schrift, ohne daß diese angegeben wird (vgl. 1Kor 15,3-5). Die Worte Jesu in diesen Versen klingen nach Apologetik und Dogmatik der christlichen Gemeinde.

V. 50 schildert die Erfüllung von V. 27.

V. 51-52 stehen in Spannung zum vorigen Vers, wo von der Flucht aller berichtet wurde. Der Jüngling ist viel umrätselt. Er folgt Jesus nach bzw. begleitet ihn. In 5,37 bezieht sich das Verb, das wörtlich übersetzt »mitnachfolgen« bedeutet, auf den engsten Jüngerkreis. Wahrscheinlich bringt sich der Vf. des MkEv selbst an dieser Stelle als Nachfolger Jesu ein und erhebt den Anspruch, länger als die geflohenen Nachfolger bei Jesus gewesen zu sein. Die Jünglingsgestalt ähnelt der im Grabe von Jerusalem 16,5 (jeweils griech. neaniskos). In beiden Fällen erscheint der Jüngling völlig unvermittelt und anonym, so daß sein Auftauchen als geheimnisvoll und rätselhaft empfunden wird. Sodann ist bei beiden Jünglingen die Art der Kleidung besonders hervorgehoben.

Historisches

V. 50: Die Historizität der »Jüngerflucht« ist sicher, auch wenn der Vers in Einklang mit Sach 13,7 (14,27) steht und der Mk-Bericht das »Alle«-Motiv betont (14,27.31; vgl. V. 53). Aus historischen Überlegungen folgt, daß die Jünger Jesu sich von ihm abgewandt haben müssen – sonst wären sie selbst gekreuzigt worden.

Mk 14,53-65: Jesus vor dem Hohen Rat

(53) Und sie führten Jesus ab zu dem Hohenpriester; und es versammeln sich alle Hohenpriester und die Ältesten und die Schriftgelehrten. (54) Und Petrus folgte ihm nach von ferne, bis hinein in den Hof des Hohenpriesters, und er saß da bei den Dienern und wärmte sich am Feuer.

(55) Aber die Hohenpriester und der ganze Hohe Rat suchten Zeugnis gegen Jesus, um ihn zu töten, und fanden nichts. (56) Denn viele gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn; und ihre Zeugnisse waren nicht gleich. (57) Und einige standen auf und gaben falsches Zeugnis ab gegen ihn und sagten: (58) »Wir haben ihn sagen hören: ›Ich werde diesen Tempel, der mit Händen gemacht ist, abbrechen und in drei Tagen einen anderen bauen, der nicht mit Händen gemacht ist‹.« (59) Und auch so war ihr Zeugnis nicht gleich.

(60) Und der Hohepriester stand auf in die Mitte und fragte Jesus und sagte: »Antwortest du nichts auf das, was diese gegen dich aussagen?« (61) Er aber schwieg und antwortete nichts. Wiederum fragte ihn der Hohepriester und sagte ihm: »Du bist der Christus, der Sohn des Hochgelobten?« (62) Jesus aber sagte: »Ich bin es; und ihr werdet sehen den Menschensohn sitzen zur Rechten der Kraft und kommen mit den Wolken des Himmels.« (63) Der Hohepriester aber zerriß seine Kleider und sagt: »Was brauchen wir noch Zeugen? (64) Ihr habt die Gotteslästerung gehört. Was scheint euch?« Alle aber verurteilten ihn, des Todes schuldig zu sein.

(65) Da fingen einige an, ihn anzuspucken und sein Angesicht zu verdecken und ihn mit Fäusten zu schlagen und zu ihm zu sagen: »Weissage!« Und die Knechte versetzten ihm Ohrfeigen.

Redaktion und Tradition

Der Mk-Bericht über die Verhandlung und Verurteilung Jesu vor dem Hohen Rat (14,53-65) ist in jedem Fall sekundär und entweder von Mk selbst komponiert oder von einem Vorgänger. Jedenfalls entspricht er Stück für Stück dem Verhör vor Pilatus (15,1-5.15b-20a). Man vgl. die Parallelen:


Jesus vor dem Hohen Rat Jesus vor Pilatus
14,53a 15,1
14,55 15,3
14,60 15,4
14,61a 15,5
14,61b 15,2a
14,62 15,2b
14,64 15,15
14,65 15,16-20a

Daraus folgt, daß das Verhör vor dem Hohen Rat auf der Grundlage der traditionellen Erzählung von dem Verhör vor Pilatus komponiert worden ist und daher als Geschichtsbericht ausfällt. Eine Ausnahme macht das Tempelwort V. 58.

V. 61-62 sind ein Kompendium der mk Auffassung von Jesus als dem Christus, dem Sohn Gottes und dem Menschensohn.

V. 63-64: Der Hohepriester faßt den Anspruch Jesu so auf, wie Mk ihn aufgefaßt sehen will: Jesus ist nicht einfach der jüdische Messias – dies wäre im Judentum indifferent gewesen –, er ist vielmehr der übernatürliche Sohn Gottes und faktisch Gott ähnlich.

Historisches

Aus den Beobachtungen zur Traditionsgeschichte folgt, daß der historische Wert der Perikope abgesehen von V. 58 (vgl. zu 11,15-19) gleich Null ist. Davon zu unterscheiden ist die Frage, was denn nun wirklich den entscheidenden Protest der jüdischen Behörde gegen Jesus hervorrief. Dies wird Jesu Stellung zum Tempel gewesen sein (s. oben zu 11,15-19). Aber davon ist im vorliegenden Stück keine Rede.

Mk 14,(54.)66-72: Die Verleugnung durch Petrus

(54) Und Petrus folgte ihm nach von ferne bis hinein in den Hof des Hohenpriesters, und er saß da bei den Dienern und wärmte sich am Feuer.

(66) Und als Petrus unten im Hof war, kommt eine von den Mägden des Hohenpriesters. (67) Und als sie Petrus sich wärmen sah, schaute sie ihn an und sagt: »Auch du warst mit dem Nazarener, dem Jesus.« (68) Er aber leugnete und sagte: »Weder weiß noch verstehe ich, was du sagst.«

Und er ging hinaus in den Vorhof. (69) Und die Magd sah ihn und begann wiederum, den Dabeistehenden zu sagen: »Dieser ist einer von ihnen.« (70) Und er leugnete wiederum.

Und nach einer kleinen Weile sprachen die Dabeistehenden wiederum zu Petrus: »Wahrhaftig, du bist (einer) von ihnen; denn du bist auch ein Galiläer.« (71) Er aber begann zu fluchen und zu schwören: »Ich kenne den Menschen nicht, von dem ihr redet.«

(72) Und sofort krähte der Hahn zum zweiten Mal. Da erinnerte sich Petrus an das Wort, wie Jesus zu ihm gesagt hatte: »Ehe der Hahn zweimal kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.« Und er warf sich nieder und weinte.

Redaktion und Tradition

V. 54.66-72 beziehen sich auf die Weissagung der Verleugnung des Petrus (V. 30-31) zurück und berichten von ihrer Erfüllung. V. 54, der Beginn der Perikope von der Verleugnung des Petrus, ist von Mk vorgezogen worden, um diese mit der Erzählung von der Verhandlung vor dem Hohen Rat (V. 53.55-65) zu verklammern. V. 66a (»als Petrus unten im Hof war«) nimmt den durch V. 55-65 unterbrochenen Faden wieder auf. Der Sinn der Verknüpfung von Verleugnung und Verhandlung vor dem Hohen Rat ist bei Mk der, das Bekenntnis Jesu (14,62) und die dreifache, also totale Verleugnung durch Petrus zu kontrastieren. Diese Kontrastierung mahnt die Christen, dem Beispiel Jesu im offenen Bekenntnis zu entsprechen.

V. 66-68a: Diese Verse schildern die erste Verleugnung. Petrus ist im Hof, wird von einer Magd des Hohenpriesters erkannt und direkt darauf angesprochen, daß auch er mit dem Nazarener Jesus zusammen war (V. 67b). Darauf Petrus: »Weder weiß noch verstehe ich, was du sagst« (V. 68a). Strenggenommen handelt es sich um eine Verleugnung des Jüngerseins des Petrus und noch nicht um eine Verleugnung Jesu. Doch ist damit die konkrete Verleugnung Jesu in V. 71 vorbereitet.

V. 68b-70a: Der Abschnitt schildert die zweite Verleugnung, die im Vorhof stattfindet. Wiederum sieht die Magd Petrus und sagt nun den Beistehenden, daß Petrus zu den Jesusanhängern gehöre (»Dieser ist einer von ihnen« [V. 69b]). Die Verleugnung wird im Gegensatz zu der ersten nicht ausgemalt, sondern nur konstatiert. Das paßt zu dem Befund, daß die Magd die Beistehenden über Petrus nur »informiert« (und ihn selbst nicht mehr anspricht wie beim ersten Mal).

V. 70b-71: Dieses Stück enthält den Bericht von der dritten Verleugnung. Ihr Ort ist anscheinend derselbe wie bei der zweiten (der Vorhof), doch wird er nicht ausdrücklich genannt. Diesmal ergreifen die »Dabeistehenden«, denen die Magd die Identität des Petrus vor der zweiten Verleugnung mitgeteilt hatte, die Initiative. Die Behauptung der Dabeistehenden stützt sich darauf, daß Petrus (wie Jesus) Galiläer ist. Vorher bekräftigen sie, was die Magd ihnen soeben (V. 69b) gesagt hat, und reden Petrus diesmal ausdrücklich an: »Wahrhaftig, du bist (einer) von ihnen«. Die dritte Verleugnung des Petrus ist durch Fluch und Schwur inhaltlich am stärksten betont. Erst jetzt handelt es sich um eine konkrete Verleugnung Jesu. Damit wird die Verleugnungsansage aus 14,30 erst eigentlich erfüllt.

V. 72: Durch diesen Vers sind die Verleugnung in 14,66-71 und ihre Ansage in 14,30 redaktionell eng miteinander verknüpft. Ebenso wie Jesus im MkEv auf die kommende Verleugnung des Petrus blicken kann, hat er zuvor schon von der Auslieferung durch Judas (14,18-21) und von seinem eigenen Leiden sowie seiner Auferstehung (8,31; 9,31; 10,32-34) im voraus gewußt.

Die Frage, ob die Mk vorliegende Tradition drei-, zwei- oder eingliedrig war, ist kaum zu entscheiden. Fest steht lediglich, daß eine – allerdings nicht sicher auszugrenzende – Tradition vorliegt und daß die Verleugnungstradition einmal isoliert und unabhängig von der Passionsgeschichte umlief, da die Verknüpfung beider sekundär ist. Ferner ist deutlich, daß es sich bei der Dreizahl der Verleugnungen in jedem Fall um eine sekundäre Stilisierung handelt.

Die Verleugnungstradition findet eine Konkurrenz in der Überlieferung von Lk 22,31f, die von einem Abfall der Jünger und von einem Durchhalten des Petrus angesichts der Passion Jesu spricht. Möglicherweise wollte die Tradition Lk 22,31f gerade eine bestehende Verleugnungstradition korrigieren.

Wahrscheinlich wird Petrus selbst von seiner Verleugnung erzählt haben, aber nicht im Zusammenhang einer Darstellung der Leidensgeschichte, sondern in Verbindung mit seiner Ostererfahrung. Als Parallele mag man auf die Art und Weise verweisen, wie über die Vergangenheit des Paulus und seine gegenwärtige Evangeliumspredigt berichtet wurde. Gal 1,23 heißt es: »Der uns einst verfolgte, verkündigt nun den Glauben, den er einst zu zerstören trachtete.« Der Vers ist als mündliche Personaltradition zu kennzeichnen, die in den durch Paulus verfolgten syrischen Gemeinden umlief und die ebenfalls in den von ihm gegründeten Kirchen bekannt gewesen sein dürfte. Paulus verweist ja im Kontext des Gal ausdrücklich auf die Tatsache, daß die Galater von seinem Wandel im Judentum gehört haben (Gal 1,13). Entsprechend wurde im Einst-jetzt-Schema auch von der Verleugnung des Petrus und seiner Ostererfahrung berichtet. In beiden Fällen handelt es sich offenbar um Personaltraditionen mit hoher historischer Plausibilität.

Historisches

Petrus hat sich in Jerusalem nach der Verhaftung Jesu von seinem Meister distanziert, um sein Leben zu retten. Er war hierin seinen Mitjüngern gleich, die schon vorher die Flucht ergriffen hatten (14,50).

Ein anderer Jünger, Judas, hatte sogar bei der Verhaftung Jesu mitgewirkt. Vermutlich bestanden im Jüngerkreis um Jesus beim entscheidenden Gang nach Jerusalem erhebliche Spannungen. Es gärte förmlich. Das Satanswort (8,33), das zu scharf ist, um nicht authentisch zu sein, weist auf Ambivalenzen im Verhältnis zwischen Jesus und seinem »ersten« Jünger hin. Es kam zur Katastrophe, und das Zusammensein wurde durch die Exekution Jesu jäh beendet.

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23 декабря 2023
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9783866743281
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