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Gerd Lüdemann

Die ersten drei Jahre Christentum


Gerd Lüdemann ist Professor für Geschichte und Literatur des frühen Christentums an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen. Er dankt Dr. Frank Schleritt, Walter Höfig und Hans Jürgen Uhl für Hilfe und Kritik.

Lüdemanns Aufsatz »The First Three Years of Christianity«, in: Toronto Journal of Theology 25/​1 (2009), enthält eine englische Zusammenfassung des vorliegenden Buches.

© 2009 zu Klampen Verlag · Röse 21 · D-31832 Springe

info@zuklampen.de · www.zuklampen.de

Umschlag: Matthias Vogel (paramikron), Hannover,

Satz: thielenVERLAGSBÜRO, Hannover

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

ISBN 9783866743380

Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über ‹http://dnb.ddb.de› abrufbar.

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

EINLEITUNG Die Erforschung der ersten drei Jahre Christentum als wissenschaftliche Aufgabe

a) Die wichtige Rolle der Apostelgeschichte für die Geschichte des frühen Christentums

b) Kritik am Bild der Apostelgeschichte vom frühen Christentum

c) Programm und Durchführung der vorliegenden Arbeit

KAPITEL 1 Die ersten drei Jahre Christentum in der Apostelgeschichte

a) Apg 1,1–26: Vorwort. Jesu Himmelfahrt und die Ersetzung des Judas durch Matthias

b) Apg 2,1–47: Das Kommen des heiligen Geistes am Pfingsttag und Petruspredigt

c) Apg 3,1–26: Heilung eines Lahmen durch Petrus und Rede des Petrus

d) Apg 4,1–31: Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat und die Reaktion der Gemeinde auf deren Freilassung

e) Apg 4,32–5,16: Das Leben der Gemeinde. Hananias und Saphira. Weitere Ausbreitung des christlichen Glaubens

f) Apg 5,17–42: Festnahme und Befreiung der Apostel

g) Apg 6,1–8,3: Von der Einsetzung der sieben Hellenisten zum Tischdienst bis zur Steinigung des Stephanus und der Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem

h) Apg 8,4–40: Überwindung des Magiers Simon durch Philippus und Bekehrung eines Eunuchen aus Äthiopien

i) Zusammenfassung: Traditionen in Apg 1,1–8,40 und ihr historischer Wert

KAPITEL 2 Die ersten drei Jahre Christentum in den Paulusbriefen

a) Zum Vorgehen

b) Gal 1,11–24: Der Christenverfolger Paulus wird zum Prediger des Evangeliums

c) 1Kor 15,1–11: Ein komprimierter Geschichtsbericht in Bekenntnisform über die ersten drei Jahre Christentum

d) Taufe

e) Herrenmahl

f) Mitarbeiter des Paulus aus Damaskus

g) Jesusworte in der Gemeinde von Damaskus und in den Briefen des Paulus

h) Überlieferungen aus Damaskus: ein Rückblick

i) Überlieferungen aus Jerusalem

j) Überlieferungen aus Antiochien

k) Offene Fragen

KAPITEL 3 Jerusalem und Damaskus–zwei Hauptorte der ersten drei Jahre Christentum

a) Christentum in Jerusalem

b) Christentum in Damaskus

c) Einheit und Verschiedenheit des Christentums in Damaskus und in Jerusalem

ANHANG 1 Der historische Wert der Apostelgeschichte

a) Der Impuls durch Adolf von Harnack

b) Zur Forschungsgeschichte

c) Lukas–ein Paulusbegleiter?

d) Benutzte Lukas Briefe des Paulus?

e) Zu Lukas’ Benutzung von Traditionen

f) Untersuchung von Apg 18,1–17: Paulus in Korinth

g) Untersuchung von Apg 16–18,18–19 und 27: Reisen des Paulus

h) Untersuchung von Apg 21,15–26: Paulus in Jerusalem

i) Folgerungen

ANHANG 2 Zum Missverhältnis zwischen Theologie und Geschichte im lukanischen Doppelwerk und im Alten Testament

a) Zum Problem sachgemäßer Geschichtsschreibung

b) Der Missbrauch von Altem und Neuem Testament als Geschichtsquellen

c) Die erzählenden Bücher des Alten Testaments beruhen auf Fiktionen

d) Die Heilsgeschichte des Lukas ist eine Fiktion

e) Lukas’ Apologetik gegenüber dem Römischen Staat

f) Einlinige und vereinfachende Berichterstattung des Lukas

g) Theologische Voraussetzungen des Lukas und der historische Wert seiner Schriften

h) Anachronistische Kritik an Lukas?

i) Historische Bibelkritik als Abhilfe gegen die Konstruktion des Lukas

ANHANG 3 Abriss einer Pauluschronologie

a) Ein chronologischer Fixpunkt in den Paulusbriefen

b) Zur Methode einer Chronologie des Paulus

c) Chronologische Tabelle

Bibelstellenverzeichnis (Auswahl)

Autorenverzeichnis

Fußnoten

EINLEITUNG Die Erforschung der ersten drei Jahre Christentum als wissenschaftliche Aufgabe

a) Die wichtige Rolle der Apostelgeschichte für die Geschichte des frühen Christentums

Das Lukasevangelium und die Apostelgeschichte enthalten vom Umfang her gut ein Viertel des Neuen Testaments. Sie bieten mehr Text als die echten Paulusbriefe1 und die Johannesschriften2 zusammen. Ihr Autor, den die altkirchliche Tradition irrtümlich mit dem Paulusbegleiter »Lukas« gleichsetzt3, behandelt im zweiten Teil seines Doppelwerks das frühe Christentum und beschreibt die Urkirche von Jerusalem als leuchtendes Vorbild für die Gemeinden seiner Gegenwart. Die Apostelgeschichte galt jahrhundertelang als einzige anerkannte Quelle für die älteste Kirchenhistorie.

b) Kritik am Bild der Apostelgeschichte vom frühen Christentum

Indes bezweifelt die Forschung seit langem den wissenschaftlichen Wert des lukanischen Berichts vom idealen apostolischen Ursprung des Christentums. »Geschichtlich ist eine solche Anfangszeit unmöglich.«4 Damals waren die Christen5 keinesfalls »ein Herz und eine Seele«6, mitnichten »einmütig« beieinander7 und hielten auch nicht an der »Lehre der Apostel«8 fest. Vielmehr traten zur Zeit des Lukas – wie man aus der von diesem komponierten »Abschiedsrede des Paulus« an die Ältesten der Gemeinde von Ephesus9 erschließen kann –, »grausame Wölfe«10 auf, nämlich Männer aus den eigenen Reihen, die »Verkehrtes reden, um die Jünger hinter sich herzuziehen.«11

Angesichts dieser Gefahr ermahnt Lukas in der Form einer idealisierten Erzählung Christen seiner Zeit, am apostolischen Erbe festzuhalten und falschen Propheten zu widerstehen.

Der Altmeister der Lukasforschung, Hans Conzelmann, führt aus, das Gemälde der Apostelgeschichte zeige »große Linien. Es wirkt geschlossen und daher überzeugend. Auch wenn man an Einzelheiten zweifelt, etwa an der Heilkraft des Schattens des Petrus …, bleibt ein starker Eindruck vom Leben der jungen Gemeinschaft. Der Historiker hat aber zu fragen, ob diese Geschlossenheit aus der geschichtlichen Wirklichkeit oder aus der Gestaltungskraft des Autors der Apostelgeschichte entspringt.«12 Conzelmann zieht das Fazit: »Die Erforschung dieses Buches (nämlich der Apostelgeschichte) führt zu dem Ergebnis, daß die Geschichte der Urgemeinde fast unbekannt bleibt. Wohl sind einzelne Ereignisse und – in blassen Umrissen – einige Personen zu erkennen. Aber der Ablauf der Geschichte dieser Gemeinde, ihre Lebensform und Verfassung müssen mühsam und mit nur wenigen sicheren Resultaten rekonstruiert werden.«13

c) Programm und Durchführung der vorliegenden Arbeit

Um den Ablauf der urchristlichen Geschichte geht es im vorliegenden Buch. Es zeigt, was wir über das älteste Christentum – konkret: seine ersten drei Jahre – wirklich wissen. Die Zahl »drei« ergibt sich daraus, dass die Zeit zwischen der Hinrichtung Jesu und der Bekehrung des Paulus ungefähr drei Jahre beträgt.14 Diesen Abschnitt stellt Lukas in Apg 1,1–8,40 dar und lässt ihn mit zwei Geschichten von der erfolgreichen Mission des Philippus außerhalb Jerusalems enden. Davor hatte er von der Flucht des griechischsprachigen Teils der Urgemeinde, den »Hellenisten« um Stephanus, aus Jerusalem berichtet. Paulus war, so Lukas, bei der Steinigung des Stephanus anwesend und mit ihr einverstanden.15 Er wurde anschließend in Jerusalem sogar zum Verfolger16 und reiste im Auftrag des Hohenpriesters nach Damaskus, um dort Christen aufzuspüren.17 Aber kurz vor Erreichen seines Ziels, so Lukas weiter, begegnete ihm der himmlische Jesus.18

Neben der Apostelgeschichte enthalten die echten paulinischen Briefe Nachrichten über die ersten drei Jahre Christentum. Paulus’ Unterweisung im christlichen Glauben beginnt – ungefähr drei Jahre nach Tod und »Auferstehung« Jesu – in Damaskus, dem Ort seiner Verfolgungstätigkeit und Bekehrung. Im Anschluss an seine Bekehrung und einer Reise nach Arabien kehrte er in diese Stadt – Damaskus – zurück, und nicht nach Jerusalem.19 Also hat er in Damaskus Christen verfolgt.

Meine These, dass Paulus in Damaskus in den christlichen Glauben eingeführt worden sei, steht im Gegensatz zu der oft vertretenen Sicht, der ehemalige Verfolger von Christen in Damaskus habe die christliche Lehre erst im syrischen Antiochien näher kennen gelernt.20 Denn dafür fehlt ein Beleg aus den Paulusbriefen.21 Selbst Lukas lässt Paulus erst gegen 40/​41 n. Chr.22, ca. sieben Jahre nach seiner Bekehrung, nach Antiochien reisen und gibt als Dauer seines Aufenthalts nur ein Jahr an.23

Paulus bezieht sich im Ersten Korintherbrief zweimal auf Traditionen, die er an seine Gemeinde weitergegeben hat, und zitiert sie. An anderen Stellen seiner Briefe führt er Überlieferungen an, ohne dies eigens kenntlich zu machen. Diese Traditionen haben historische und theologische Inhalte. Sie bilden die Bausteine für eine neue Sicht der ersten drei Jahre Christentum.

Statt nun, wie weithin üblich, die Angaben der Apostelgeschichte mit denen der Paulusbriefe zu harmonisieren, werde ich die Eigenart dieser Quellen berücksichtigen und beide zunächst für sich untersuchen. Sie enthalten ja, unabhängig voneinander, Informationen über die ersten drei Jahre Christentum.

Kapitel 1 durchleuchtet Apg 1,1–8,40 die eine Quelle für die ersten drei Jahre Christentum, und fragt nach der geschichtlichen Zuverlässigkeit der dort erzählten Begebenheiten. Die historischkritische Bibelauslegung hat erkannt, dass Lukas aus dem Gesichtswinkel einer späteren Zeit schreibt, und auf viel Unhistorisches in der lukanischen Darstellung hingewiesen. Eine sorgfältige Analyse von Apg 1,1–8,40 soll das klären und zugleich ermitteln, an welchen Stellen vielleicht doch historisch brauchbares Material vorliegt.

Kapitel 2 untersucht ausgewählte Abschnitte aus den Paulusbriefen, der anderen Quelle für die ersten drei Jahre Christentum. Hier ist die Ausgangslage anders als bei der Apostelgeschichte, denn Paulus war über weite Strecken selbst Augenzeuge und hatte persönlichen Umgang mit zahlreichen anderen Augenzeugen. Seine Bemerkungen über die ersten drei Jahre Christentum sind daher näher am zu beschreibenden Objekt als die des Lukas. Dieser gibt zwar u. a. »Augenzeugen« als Quellen an24, lässt sich aber in der Darstellung, abgesehen vom zeitlichen Abstand zum Geschehen, nachweislich stark von seiner eigenen Theologie leiten. Daher besteht von vornherein eine größere Aussicht, auf der Basis der von Paulus zitierten Überlieferungen und seiner eigenen Aussagen Zuverlässiges über die ersten drei Jahren Christentum herauszufinden. Doch ziehe ich ergänzend auch die in Apg 1,1–8,40 als zuverlässig erkannten Traditionen über die ersten drei Jahre Christentum heran und befrage zusätzlich die Evangelien des Neuen Testaments nach Material, das zu dem in den Paulusbriefen passt.

Kapitel 3 stellt unter der Überschrift »Jerusalem und Damaskus – zwei Hauptorte der ersten drei Jahre Christentum« das Ergebnis vor: Zeitgleich gab es am Anfang der Kirche eine christliche Gemeinde in Damaskus und eine in Jerusalem, deren Praxis und Glaube sich deutlich voneinander unterschieden. Vor allem die Paulusbriefe erlauben, wichtige Merkmale dieser beiden Gemeinden herauszuarbeiten, ihr gegenseitiges Verhältnis zu klären und so Grunddaten der ersten drei Jahre Kirchengeschichte zu erheben.

Drei Anhänge vertiefen das Thema des Buches. Anhang 1: »Der historische Wert der Apostelgeschichte« schildert die Geschichte der Erforschung der Apostelgeschichte und untersucht den historischen Wert ausgewählter Texte außerhalb von Apg 1–8. Anhang 2: »Zum Missverhältnis zwischen Theologie und Geschichte im lukanischen Doppelwerk und im Alten Testament« schärft den Blick für die theologischen Interessen, die Lukas bei der Darstellung geleitet haben, und überprüft seinen Anspruch, sachgemäß und historisch genau zu berichten.25 Anhang 3: »Abriss einer Pauluschronologie« erläutert zwei heute übliche Methoden, Lebensdaten des Apostels und Abfassungszeiten seiner Briefe zu errechnen.

KAPITEL 1 Die ersten drei Jahre Christentum in der Apostelgeschichte

Das Folgende unterzieht den Text von Apg 1,1–8,40 – gegliedert in Sinnabschnitte – einer historisch-kritischen Analyse.1

Die Übersetzungen2 habe ich unterschiedlich markiert, um die Textdurchdringung zu erleichtern. Texte mit wörtlichen oder fast wörtlichen Entsprechungen im Alten Testament sind hervorgehoben. In den jeweils beigefügten Stellenangaben verweist der Zusatz »LXX« auf die griechische Übersetzung des Alten Testaments. Der erste Schritt der Exegese besteht darin, den Sinn des jeweiligen Textes ohne Rücksicht auf unsere Vorstellung vom mutmaßlichen Vorgang zu ermitteln.3 Erst danach folgt die historische Frage.

Bei der Entscheidung über den geschichtlichen Wert der Texte aus der Apostelgeschichte leiten mich folgende Kriterien: Ein Text ist historisch wertlos,

a) wenn Lukas ihn aus theologischen Gründen komponiert oder durchgehend gestaltet hat,

b) wenn eine von Lukas verarbeitete Tradition einem späten Stadium der Überlieferungsgeschichte angehört,

c) wenn ein Widerspruch zu Aussagen aus den Briefen des Paulus vorliegt.

Ein Text ist historisch zuverlässig, wenn er sich dem aus den Briefen des Paulus rekonstruierbaren Verlauf einpassen lässt.

Hinsichtlich meines Verständnisses von »Geschichte« und »Wahrheit« verweise ich auf die Norm, die bei Verhandlungen vor Gericht gilt. Es geht darum, durch Befragung von Zeugen, bestimmte Ereignisse und Vorgänge zu rekonstruieren. Das Ergebnis gilt solange als wahr, bis durch neue glaubwürdige Zeugen oder auf andere Art bewiesen wird, dass die frühere Rekonstruktion fehlerhaft war.

a) Apg 1,1–26: Vorwort. Jesu Himmelfahrt und die Ersetzung des Judas durch Matthias

1 Den ersten Bericht, Theophilus, habe ich verfasst über alles, was Jesus tat und lehrte, 2 bis zu dem Tag, an dem er, nachdem er den Aposteln, die er ausgewählt hatte, durch heiligen Geist Aufträge erteilt hatte, (in den Himmel) aufgenommen wurde.

3 Ihnen erwies er sich auch nach seinem Leiden durch viele Beweise lebendig, indem er sich von ihnen vierzig Tage lang sehen ließ und über das sprach, was die Königsherrschaft Gottes (betrifft).

4a Und als er (mit ihnen) zusammen war, 4b befahl er ihnen, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern auf die Verheißung des Vaters zu warten, 4c die ihr (so sagte er) von mir gehört habt. 5 Denn Johannes taufte mit Wasser, ihr aber werdet mit heiligem Geist getauft werden nicht (erst) nach vielen von diesen Tagen.

6 Als sie nun zusammengekommen waren, fragten sie ihn und sagten: Herr, stellst du zu dieser Zeit die Königsherrschaft für Israel wieder her? 7 Er sagte aber zu ihnen: Es ist nicht eure Sache, Zeiten oder Zeitpunkte zu wissen, die der Vater in seiner eigenen Vollmacht festgesetzt hat, 8 sondern ihr werdet Kraft empfangen, wenn der heilige Geist über euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis ans Ende der Erde.

9 Und als er dies gesagt hatte, wurde er, während sie zuschauten, emporgehoben, und eine Wolke NAHM ihn von ihren Augen weg.

10 Und als sie in den Himmel starrten, während er auffuhr, siehe, da standen zwei Männer bei ihnen in weißen Gewändern. 11 Und sie sagten: Galiläische Männer, was steht ihr und schaut in den Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird so kommen, wie ihr ihn in den Himmel habt auffahren sehen.

12 Da kehrten sie nach Jerusalem zurück vom sogenannten Ölberg; der ist nahe bei Jerusalem, einen Sabbatweg entfernt. 13 Und als sie hineinkamen, stiegen sie in das obere Stockwerk hinauf, wo sie sich gewöhnlich aufhielten:

Petrus und Johannes und Jakobus und Andreas,

Philippus und Thomas,

Bartholomäus und Matthäus,

Jakobus, (der Sohn) des Alphäus,

und Simon, der Zelot,

und Judas, (der Sohn) des Jakobus.

14 Diese alle verharrten einmütig beim GEBET mit Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

15 Und in diesen Tagen stand Petrus inmitten der Brüder auf und sagte – es war eine Menge von etwa hundertzwanzig Personen beisammen –:

16 Männer, Brüder, es musste die Schrift(stelle) erfüllt werden, die der heilige Geist durch den Mund Davids über Judas vorhergesagt hat, der zum Führer derer wurde, die Jesus festnahmen, 17 denn er gehörte zu uns und hatte das Los für DIESEN DIENST empfangen.

18 Dieser nun kaufte mit dem Lohn für das Unrecht einen Acker. Und er stürzte vornüber und barst mitten auseinander, und alle seine Eingeweide wurden ausgeschüttet. 19 Und es wurde allen Einwohnern von Jerusalem bekannt, so dass jener Acker in ihrer Sprache ›Hakeldamach‹ genannt wurde, das heißt Blutacker. 20a Denn im Buch der Psalmen ist geschrieben:

Sein Landhaus soll vereinsamen,

und keiner soll da sein, der darin wohne.

[Ps 69,26]

20b Und:

Sein Aufsichtsamt empfange ein anderer.

[Ps 109,8]

21 Es muss nun von den Männern, die uns begleitet haben in der ganzen Zeit, in der der Herr Jesus bei uns ein- und ausgegangen ist, 22 angefangen von der Taufe des Johannes bis zu dem Tag, an dem er (in den Himmel) aufgenommen wurde von uns weg – einer von diesen (muss) mit uns zum Zeugen seiner Auferstehung werden.

23 Und sie stellten zwei auf: Joseph, genannt Barsabbas, der den Beinamen Justus hat, und Matthias. 24 Und sie BETETEN und sagten: Du, HERR, Herzenskenner aller, zeige, wen von diesen beiden du als den einen auserwählt hast, 25 den Ort DIESES DIENSTES und Apostelamts zu übernehmen, von dem Judas abgetreten ist, um an seinen eigenen Ort zu gehen.

26 Und sie gaben ihnen Lose, und das Los fiel auf Matthias. Und er wurde zu den elf Aposteln hinzugefügt.

ANALYSE

1,1–5: Vorwort

Das Vorwort, dem ein klarer Abschluss fehlt, lasse ich dort enden, wo Lukas gegenüber seinem Evangelium neue Informationen gibt.4

Verse 1–2: Dieser Abschnitt bezieht sich ausdrücklich auf das Evangelium, den »ersten Bericht«, dessen Inhalt als Tun und Lehren Jesu bezeichnet wird. Die in V. 2 erwähnte Auswahl der Jünger findet sich Lk 6,13–16. Auf diese Stelle verweist Lukas und bereitet damit auf die Apg 1,13 folgende Liste der Jünger vor. Dass Jesus ihnen vor der Himmelfahrt Aufträge gegeben hat, zeigt das Folgende. Jedoch passt die Erläuterung, dies sei »durch heiligen Geist« erfolgt, nicht recht. Martin Dibelius streicht daher den Ausdruck »durch heiligen Geist« als spätere Hinzufügung.5

Vers 3: Lukas erzählt, dass Jesus sich vierzig Tage lang auf der Erde den Jüngern durch Beweise lebendig erwies und über die »Königsherrschaft Gottes« sprach. Auf der Angabe »vierzig Tage« liegt Gewicht, denn sie verlängert im Vergleich zu Lk 24,51 das Zusammensein Jesu mit den Seinen.

All dies hat einen großen Abstand zu dem, was Paulus über die Anfangszeit der Kirche ausführt. Er berichtet im Anschluss an Traditionen, dass bestimmte Personen den himmlischen Christus »gesehen« haben.6 Dies schließt einen persönlichen Umgang und körperlichen Kontakt, wie ihn Lukas schildert, aus.

Verse 4–5: V. 4a nimmt allgemein auf Lk 24,36–49 Bezug, V. 4b mit dem Befehl, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern auf die Verheißung des Vaters zu warten, knüpft an Lk 24,49b an: Dort hatte Jesus den Jüngern befohlen, in der Stadt zu bleiben, bis sie »mit Kraft aus der Höhe«, nämlich mit heiligem Geist, ausgerüstet würden. V. 4c bezieht sich auf Jesu Ansage in Lk 24,49a, »die Verheißung meines Vaters auf euch zu schicken«. In V. 5 erinnert Jesus an ein zentrales Ereignis aus der Vergangenheit –»Johannes taufte mit Wasser«– und prophezeit, dass die Voraussage des Täufers, die »Taufe« mit heiligem Geist7, von der Apg 2,2–13 berichten wird, bald eintritt. »Petrus« blickt dann in Apg 11,16 auf das Wort Jesu aus Apg 1,5 zurück.

Geschichtlicher Wert

Der Inhalt des in Apg 1,1–5 Erzählten bewegt sich innerhalb der lukanischen Vorstellung von Auferstehung und Kirchengründung. Er unterscheidet sich sehr von dem, was nach dem Tod Jesu tatsächlich geschah.8 Der geschichtliche Wert des Berichts ist gleich Null.

1,6–8: Dialog zwischen Jesus

und den Jüngern vor der Himmelfahrt

Verse 6–7: Das Stück korrigiert eine Naherwartung. »Jesus« verwirft die Frage nach dem unmittelbaren Kommen des endzeitlichen Reiches9, in dem Gott in Israel allein herrschen würde.10 In V. 7 legt Lukas Jesusworte aus Mk 13,32–33, die er in seinem Evangelium ausgelassen hat, dem »Auferstandenen« in den Mund. Die Jünger sollen sich überhaupt nicht nach dem Zeitpunkt des künftigen Heilshandelns Gottes erkundigen.

Vers 8: Jesus weiter: An die Stelle der Königsherrschaft Gottes tritt der Geist, dessen Kommen er in V. 5 vorausgesagt hatte. Unter Anknüpfung an Lk 24,47–48 wirft Jesus einen Blick auf das zukünftige Wirken der Apostel als seiner Zeugen. Diese Tätigkeit sei das Werk des Geistes. Die Predigt der Apostel findet später in der Arbeit der Hellenisten, illustriert an der Verkündigung des Philippus11, und in der Mission des Paulus seine Fortsetzung.12 Die Aussage über das Zeuge-Sein der Apostel sowohl in Jerusalem13 als auch in ganz Judäa14 und Samaria15 und bis ans Ende der Welt16 enthält das Programm, die Disposition und den geographischen Aufriss der Apostelgeschichte.

Geschichtlicher Wert

Jesus trägt lukanische Theologie vor. Dieser Dialog zwischen Jesus und den Jüngern hat nicht stattgefunden.

1,9–11: Jesu Himmelfahrt

Lukas hat den Abschnitt gestaltet. Darauf weist die vierfache Wiederholung von »in den Himmel« hin. Der Ausblick auf das zukünftige Kommen Jesu in V. 11 verknüpft die Geschichte mit V. 6–7. Die in V. 6 ausgesprochene und V. 7 abgewiesene Naherwartung wird zu einer Fernerwartung.

Der Text erzählt die wunderbare Entrückung Jesu. Dazugehörige Motive sind »eine Wolke« und »zwei Männer in weißen Gewändern«17 als Interpreten des Vorgangs. Ein noch intensiver von Lukas bearbeiteter Bericht von der Himmelfahrt Jesu findet sich Lk 24,50–53.

Geschichtlicher Wert

Die Geschichte von der Himmelfahrt entspringt lukanischer Theologie. Sie hat keinen historischen Wert.

1,12–14: Die älteste Gemeinde

Vers 12: Der Vers verbindet die Erzählung mit dem Folgenden. Lukas nennt den Ort der Himmelfahrt, den Ölberg, und die Distanz zwischen ihm und Jerusalem, nämlich einen Sabbatweg; das sind nach damaliger Sicht 880 m. Dies fügt mehrere Aufenthaltsorte der Jünger aneinander, wobei Lukas vor allem das Jerusalem-Motiv wichtig ist: Die Jünger sind Zeugen der Himmelfahrt Jesu an einem Ort nahe bei Jerusalem und kehren darauf nach Jerusalem zurück. In Lk 24,50–53 erfolgt die Himmelfahrt nicht vom Ölberg, sondern von Bethanien aus. Doch liegt kein Widerspruch vor. Lukas weiß aus Mk 11,118, dass der Ölberg und Bethanien geographisch beieinander liegen bzw. als Ortsangaben identisch sind.

Vers 13: Lukas schreibt den Apostelkatalog aus seinem Evangelium19 ab, die Reihenfolge variiert. Der wichtigste Unterschied besteht darin, dass sich Johannes in der Liste des Evangeliums an vierter Stelle befindet, in der Apostelgeschichte aber an zweiter. Die Änderung dürfte darauf zurückgehen, dass Petrus – der an der Spitze aller Apostelverzeichnisse steht – und Johannes in Apg 3–5 zusammen auftreten.

Der Ausdruck »oberes Stockwerk« ist nicht traditionell, sondern redaktionell. Lukas bezeichnet damit an dieser Stelle und anderswo das Obergeschoss eines Hauses.20 Seine Erläuterung, die Gemeinde habe sich hier gewöhnlich aufgehalten, trägt nichts für die Frage aus, ob an dieser Stelle eine »Lokaltradition«21 sichtbar wird.

Vers 14: Der Vers ergänzt das Vorhergehende dahin, dass die elf Apostel nach der Himmelfahrt Jesu nicht allein, sondern zusammen mit Frauen, mit Maria und mit den Brüdern Jesu im Obergeschoß versammelt waren. Bei den Frauen handelt es sich nicht etwa um die Ehefrauen der Apostel, sondern um Anhängerinnen Jesu, die bereits aus dem Evangelium bekannt sind.22 Zur Wendung »im Gebet verharren« vgl. Röm 12,12; Kol 4,2.

Die Erwähnung Marias, der Mutter Jesu, an dieser Stelle überrascht. Maria hatte im Lukasevangelium seit Jesu Taufe eine eher untergeordnete Rolle gespielt.23 Dass sie hier besonders genannt wird, erklärt sich aus dem Bestreben des Lukas, ein erbauliches Bild der Urgemeinde zu zeichnen.24 Passend dazu mussten Jesu Mutter und seine Brüder der Urgemeinde seit Beginn angehört haben. Josephs Fehlen fällt nicht ins Gewicht, denn er war gar nicht der Vater Jesu.25

Wahrscheinlich sind Maria und ihre Söhne bald nach den »Erscheinungen« Jesu in Jerusalem von Galiläa nach Jerusalem gezogen. Zum Berühmtesten von ihnen wurde Jakobus, den Paulus ca. 35 n. Chr. in Jerusalem traf, als er Kephas besuchte.26

Geschichtlicher Wert

Die in diesem Abschnitt geschilderten Begebenheiten fanden nicht statt. Sie entspringen lukanischer Theologie.

1,15–26: Petrusrede. Judas wird durch Matthias ersetzt

Vers 15: Der Vers verbindet die nachfolgende Episode mit der vorhergehenden. Die innere Verknüpfung ergibt sich daraus, dass Lukas soeben von dem einträchtigen Gebet der elf Apostel mit anderen Gemeindegliedern berichtet hatte. Die Angabe »etwa 120 Personen« steigert ihre Zahl gegenüber der in V. 13–14.

Verse 16–17: Der Gedanke der Notwendigkeit eines Geschehens ist allgemein urchristlich und erklärt apologetisch das Leiden Jesu als schriftgemäß, d. h. als den (heiligen) Schriften – dem heutigen Alten Testament – entsprechend.27 Ähnlich fällt in V. 16 die Tat des Judas unter das göttliche Muss28, wobei der heilige Geist durch David darüber eine Voraussage gemacht haben soll. V. 20a nimmt diese Prophezeiung auf. Die Sätze über Judas’ Beteiligung an der Festnahme Jesu beziehen sich auf Lk 22,3–6 und Lk 22,47–48 zurück. Unter Verarbeitung der Markusvorlage29 berichtet Lukas davon, dass Jesus durch Judas an die Hohenpriester und Ältesten ausgeliefert wurde.30

Verse 18–20: Das Stück ist weitgehend traditionell. V. 20b bringt ein Psalmenzitat, in dem von der Neubesetzung eines Amtes die Rede ist. Damit leitet der Vers zur Nachwahl des Matthias über.

Im lukanischen Doppelwerk dient die Judasgestalt zur Ermahnung der Christen. Der Satan hatte nach der Versuchung Jesu31 »bis zu einem (bestimmten) Zeitpunkt«32 von Jesus abgelassen. Dieser »Zeitpunkt« war gekommen, als er in Judas »hineinfuhr«33 und ihn als Instrument gegen Jesus gebrauchte. Indem Lukas am Geschick des Judas zeigt, wie es Werkzeugen des Satans ergeht, schärft er seiner Gemeinde ein, dem Satan keinen Raum zu geben.

Verse 21–22: Die Verse sind wichtig a) für Lukas’ Verständnis der Rolle Johannes des Täufers und b) für Lukas’ Sicht des Apostelamts:

a) In der Apostelgeschichte erscheint Johannes noch an zwei weiteren Stellen, Apg 10,37 und 13,24–25. Beide setzen das Auftreten Johannes des Täufers und das Jesu voneinander ab, so dass der Eindruck entsteht, es handele sich um zwei verschiedene Epochen. Das (unechte) Jesuswort Lk 16,1634 verstärkt diese Impression: Es ordnet Johannes einer Zeit zu, die von der nach ihm beginnenden abgegrenzt wird. Conzelmann zufolge brechen nach Johannes »nicht die Endereignisse aus, sondern eine neue Stufe im Heilsprozeß wird erreicht, und Johannes selbst fällt noch in die frühere der beiden Epochen, die hier zusammentreffen.«35

Diese These lässt sich nicht eindeutig aus den lukanischen Texten ableiten. Denn Apg 1,22 ist ja gerade die Johannestaufe Anfangspunkt des Lebens Jesu, der für die Zeugen wichtig ist, d. h., Johannes gehört hier in die »Jesuszeit« hinein.

b) Als Apostel gilt derjenige, mit dem Jesus von der Johannestaufe36 bis zur Himmelfahrt (ununterbrochen) ein- und ausgegangen ist37 und der Zeuge seiner Auferstehung wird. Die Zahl der Apostel ist offenbar auf »zwölf« festgelegt, und Paulus gehört nicht zu den Zwölfen.38 Die Nachwahl des Matthias füllt noch vor der »Geistausgießung«, die in Apg 2,1–4 erzählt wird, die Zwölfzahl der Apostel wieder auf.

Verse 23–26: Das Gebetsmotiv in V. 24 ist redaktionell. Man vgl. vorher Apg 1,14 und später das Gemeindegebet Apg 4,24–30. V. 25 bezieht sich auf V. 17–18 zurück. V. 26: Lukas hat das Konzept, es müsse 12 Apostel geben. Die Rede von den »elf Aposteln« setzt dies voraus.

Geschichtlicher Wert

Petrus hat diese Rede nicht gehalten; ihr Inhalt entspricht lukanischer Theologie. Die Nachwahl des Matthias fand nicht statt, denn sie basiert auf Lukas’ Konzept der zwölf Apostel. Überdies gilt, a) dass Judas kein Verräter war und b) dass der Bericht über seinen Tod eine Legende ist – es gab also keinen Platz zu besetzen.

Zu a): Alle vier Evangelien des Neuen Testaments erzählen, Judas Iskarioth habe Jesus an die jüdische Führung ausgeliefert.39 Oft wird übersehen, dass die älteste Version von der Auslieferung Jesu sich in einem Brief des Paulus findet. Sie ist Teil einer Überlieferung, die Paulus selbst empfangen und bei der Gründung der Gemeinde an die Korinther weitergegeben hat, 1Kor 11,23–25: (23a) »Ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch auch überliefert habe: (23b) Der Herr Jesus, in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, nahm Brot (24) und dankte, brach es und sagte: ›Dies ist mein Leib für euch; dies tut zur Erinnerung an mich.‹ (25) Ebenso auch den Becher nach dem Mahl und sagte: ›Dieser Becher ist der neue Bund in meinem Blut, dies tut, sooft ihr trinkt, zur Erinnerung an mich‹.«40

Die Theologen, die diese Überlieferung formulierten, dachten nicht an Judas als Auslieferer, sondern daran, was sie im Buch Jesaja über den »Gottesknecht« lasen: »Und der Herr (Gott) lieferte ihn für unsere Sünden aus. … Er selber nahm die Sünden vieler auf sich und um ihrer Sünden willen wurde er ausgeliefert.«41 Die Träger der Tradition von 1Kor 11,23–25 identifizierten demnach »Gottesknecht« und Jesus und bearbeiteten das Herrenmahlsritual entsprechend. »Ausliefern« steht nun in einer engen Verbindung zur Sühneaussage des Brotwortes in V. 24 und drückt – so die ältesten Christen – eine durch den »Gottesknecht« Jesus bewirkte Sühne »für unsere Sünden« aus. Die theologische Spitzenthese lautet: Gott hat Jesus »ausgeliefert«, oder Jesus hat sich selbst »ausgeliefert«. Beide Aussagen finden sich auch sonst bei Paulus42 und ergeben inhaltlich keinen Unterschied. Mit dem Tun eines verräterischen Schurken hat die Auslieferung in diesem Stadium der Überlieferungsgeschichte nichts zu tun.

Teil der Tradition von der Auslieferung Jesu, die Paulus empfangen hatte, war eine Erwähnung des Judas also nicht. Er gehörte vielmehr zum Kreis der Zwölf, zu den Ersten also, denen »Jesus« nach der Kreuzigung erschienen war.43 Spätere Zeugen korrigieren und lassen diese Ersterscheinung harmonisierend nur vor elf Aposteln geschehen sein.44

Gehören Judas und seine Tat nicht zur ältesten Tradition der Passion Jesu, bleibt zu klären, wie denn überhaupt ein Mitglied des Zwölferkreises mit einer so schwerwiegenden Tat belastet werden konnte und warum es gerade Judas war.

Eine Generation nach Paulus war die Welt immer noch nicht an ihr Ende gekommen. Darauf aber hatten die Christen von Anfang an gewartet. So musste sich auch ihr Denken verändern: Bisher hatten sie die Passion Jesu rein theologisch gedeutet, jetzt trat eine historische Darstellung immer mehr in den Vordergrund. Jetzt fragten sie nach dem, der Jesus damals »ausgeliefert« hatte; der musste doch zu identifizieren sein. Die Glaubensformel, dass der »Herr« von Gott zum Heil »ausgeliefert« worden sei, ließ nach dem Ausführer dieser Tat fragen. Man verfiel auf den Jesusjünger Judas aus Karioth im südlichen Juda, denn das jüdische Volk, das die Christen von Beginn an als schuldig an Jesu Tod angesehen45 und sogar als dessen Mörder angeklagt haben46, konnte keiner besser symbolisieren als er (Judas/​Juda/​Juden). Die Auslieferung erhielt zusätzlich eine unheilvolle Seite, denn man legte Jesus auch noch folgendes Wort in den Mund: »Weh aber jenem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird.«47 Dieser Spruch brandmarkt Judas und die Juden dauerhaft als verfluchte Menschen.48

Zu b): Die Erzählung vom Tod des Judas in der Petrusrede geht auf Überlieferung zurück.

Die Matthäus-Fassung49 berichtet von der Reue des Judas; er gibt deshalb das Geld zurück und begeht Selbstmord.50 Demgegenüber schildern Lukas in der Rede des Petrus Apg 1,18–20 und Papias51 seinen grässlichen Tod (Lukas: Aufplatzen des Leibes, Papias: unermessliches Anschwellen des Leibes, des Kopfes und der Augenlider52). Allen drei Fassungen ist die Verbindung des Judas mit einem Grundstück gemeinsam, wobei Matthäus und die Apostelgeschichte das Grundstück »Blutacker« nennen. Papias erzählt, wie Judas auf grausame Art auf seinem eigenen Grundstück stirbt und dass von dort der Gestank seines verfaulenden Leichnams sich überall hin ausbreitet.

Die drei Berichte über den Tod des Judas sind miteinander verwandt. Doch lässt sich keine traditionsgeschichtliche Entwicklung zeichnen. Es ergeben sich nur drei feste Größen: schrecklicher Tod, ein Feld – genannt »Blutacker«– als Ort des Todes, Verweis auf Psalmen.

Für Selbstmord durch Erhängen53 spricht die Nüchternheit der Notiz, doch stammt ihr Inhalt aus dem Alten Testament.54 Außerdem weiß die Paralleltradition vom Tod des Judas in der Apostelgeschichte nichts von einem Selbstmord. Ferner muss der Name »Blutacker« ursprünglich nichts mit Judas zu tun haben. Judas hat daher keine der genannten Todesarten erlitten und ist damals wohl gar nicht gestorben. Man brauchte aber einen Bericht über seinen Tod, um von der Bestrafung des (erfundenen) Verräters erzählen zu können.

b) Apg 2,1–47: Das Kommen des heiligen Geistes am Pfingsttag und Petruspredigt

1 Und als sich der Pfingsttag erfüllte, waren alle an einem Ort beisammen.

2 Und plötzlich kam vom Himmel ein Geräusch, wie (das) eines daherfahrenden starken Windes, und durchdrang das ganze Haus, wo sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen ZUNGEN, die sich zerteilten, wie von Feuer, und es setzte sich auf jeden einzelnen von ihnen.

4 Und sie wurden alle mit heiligem Geist erfüllt, und sie fingen an, in anderen ZUNGEN zu reden, wie der Geist ihnen zu sprechen gab.

5 Es wohnten ABER in Jerusalem JUDEN, fromme Männer aus jedem Volk unter dem Himmel. 6 Als ABER dieses Tosen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verwirrt, denn jeder einzelne hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie ENTSETZTEN SICH ABER und wunderten sich und sagten: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Und wieso HÖREN WIR SIE, ein jeder in unserer eigenen Sprache, in der wir geboren sind?

9 Parther

und Meder

und Elamiter

und die Bewohner

von Mesopotamien

und Judäa

und Kappadozien,

Pontus

und Asien

10 Phrygien

und Pamphylien,

Ägypten

und den Gebieten Libyens, das gegen Kyrene hin (liegt),

und die sich hier aufhaltenden Römer,

11 JUDEN und Proselyten,

Kreter und Araber –

WIR HÖREN SIE in unseren ZUNGEN von den großen Taten GOTTES reden.

12 SIE ENTSETZTEN SICH ABER alle und waren unsicher und sagten einer zum anderen: Was soll das bedeuten?

13 Andere ABER spotteten und sagten: Sie sind voll von Most.

14 Petrus aber stand auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen:

Männer, ihr JUDEN und alle Einwohner Jerusalems, dies sei euch bekannt, und nehmt meine Worte zu Gehör! 15 Denn diese sind nicht, wie ihr annehmt, betrunken; denn es ist die dritte Stunde des Tages.

16 Sondern das ist, was durch den Propheten Joel gesagt ist:

17a Und es wird sein in den letzten Tagen, sagt GOTT,

17b da werde ich von meinem Geist ausgießen auf alles Fleisch,

17c und eure Söhne und eure Töchter werden prophezeien,

17d und eure jungen Männer werden Visionen sehen,

17e und eure Ältesten werden Träume träumen;

18 und sogar auf meine Sklaven und auf meine Sklavinnen werde ich in jenen Tagen

von meinem Geist ausgießen, und sie werden prophezeien.

19 Und ich werde WUNDER geben oben am Himmel und ZEICHEN unten auf der Erde,

Blut und Feuer und rauchigen Dunst;

20 die Sonne wird sich in Finsternis verwandeln und der Mond in Blut,

ehe der große und herrliche Tag des HERRN kommt.

21 Und es wird geschehen:

jeder, der den NAMEN des HERRN anruft, wird gerettet werden.

[vgl. Jo 3,1–5a LXX]

22a Israelitische Männer, hört diese Worte: Jesus, den Nazoräer, einen Mann, 22b der von GOTT bei euch beglaubigt worden ist durch Machttaten und WUNDER und ZEICHEN, die GOTT durch ihn mitten unter euch tat, wie ihr selbst wisst, 23a diesen – preisgegeben nach dem bestimmten Ratschluss und Vorauswissen GOTTES – 23b habt ihr durch die Hand Gesetzloser (ans Kreuz) geheftet und umgebracht; 24 den LIESS GOTT AUFERSTEHEN, nachdem er die Wehen des Todes aufgelöst hatte, wie es denn nicht möglich war, dass er von ihm festgehalten wurde. 25 Denn David sagt über ihn:

Ich sah den HERRN stets vor mir;

denn er ist zu meiner Rechten, damit ich nicht wanke.

26 Darum freute sich mein Herz, und meine Zunge jubelte;

es wird auch noch mein Fleisch hoffnungsvoll wohnen;

27 denn du wirst meine Seele nicht im HADES lassen,

noch geben, dass dein Frommer VERWESUNG sieht.

28 Du hast mir Wege des Lebens bekannt gemacht;

du wirst mich mit Freude erfüllen vor deinem Angesicht.

[Ps 15,8–11 LXX]

29 Männer, Brüder, ich darf mit Freimut zu euch über den Stammvater David reden, dass er starb und begraben wurde, und sein Grab ist bis auf diesen Tag bei uns. 30 Da er nun ein Prophet war und wusste, dass GOTT ihm mit einem Eid geschworen hatte, (einen) von seinen leiblichen Nachkommen auf seinen Thron zu setzen, 31 hat er voraussehend von der AUFERSTEHUNG des Christus geredet, dass er weder im HADES gelassen wurde, noch sein Fleisch VERWESUNG sah. 32 Diesen Jesus LIESS GOTT AUFERSTEHEN, wofür wir alle Zeugen sind. 33 Nachdem er nun zur Rechten GOTTES erhöht worden ist und die Verheißung des heiligen Geistes vom Vater empfangen hat, goss er dies aus, was ihr seht und hört. 34 Denn nicht David stieg in die Himmel hinauf; er sagt aber selbst:

Der HERR sagte meinem HERRN:

Setz dich zu meiner Rechten,

35 bis ich deine Feinde zum Schemel deiner Füße mache.

[Ps 109,1 LXX]

36a Mit Gewissheit nun soll das ganze Haus Israel erkennen, 36b dass GOTT ihn sowohl zum HERRN als auch zum Christus gemacht hat, 36c diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.

37 Als sie es aber hörten, ging ihnen ein Stich durchs Herz, und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Männer, Brüder?

38 Petrus aber (sagte) zu ihnen: Kehrt um, und jeder von euch soll sich TAUFEN lassen auf den NAMEN Jesu Christi zur Vergebung eurer Sünden, und ihr werdet das Geschenk des heiligen Geistes empfangen. 39a Denn euch gilt die Verheißung und euren Kindern 39b und allen in der Ferne, so viele der HERR, unser GOTT, herbeirufen wird.

40 Und mit anderen Worten mehr beschwor und ermahnte er sie und sagte: Lasst euch retten, weg von dieser verkehrten Generation!

41 Die nun, die sein Wort annahmen, wurden GETAUFT; und an jenem Tag wurden etwa dreitausend Seelen hinzugetan.

42 Sie verharrten aber bei der Lehre der Apostel und der Gemeinschaft, dem BROTBRECHEN und den GEBETEN.

43 Es war aber Furcht in jeder Seele, und viele WUNDER und ZEICHEN geschahen durch die Apostel.

44 Alle Glaubenden aber waren an einem Ort beisammen und hatten alles gemeinsam. 45 Und sie verkauften die Güter und den Besitz und verteilten sie an alle, je nachdem einer Bedarf hatte.

46 Und täglich verharrten sie einmütig im Heiligtum und BRACHEN in ihren Häusern BROT, nahmen Speise zu sich mit Jubel und einfältigem Herzen, 47 LOBTEN GOTT und fanden Anerkennung beim ganzen Volk.

Der HERR aber tat täglich die, die gerettet wurden, hinzu.

ANALYSE

2,1–13: Geistausgießung und Sprachenwunder

Das jüdische Pfingstfest wurde am fünfzigsten Tag nach dem Passahfest zur Erinnerung an die Gesetzgebung am Sinai gefeiert. In Apg 20,16 dient es Lukas als Motiv für die Eile des Paulus, der bis zum Pfingsttag in Jerusalem sein will. Auch in Apg 2,1 dürfte Lukas das Datum des Pfingsttages eingefügt haben, denn die damit gegebene Zeitangabe schließt sich an die in Apg 1,3 genannten vierzig Tage an.

Zwei weitere Beobachtungen zu Lukas’ Bearbeitung des vorliegenden Abschnitts:

a) V. 2 und V. 3 sind fast völlig parallel aufgebaut:

2 Und plötzlich kam vom Himmel ein Geräusch,

wie (das) eines daherfahrenden starken Windes, und durchdrang das ganze Haus, wo sie saßen.

3 Und es erschienen ihnen Zungen, die sich zerteilten

wie von Feuer

und es setzte sich auf jeden einzelnen von ihnen.

b) Lukas hat die Ausdrucksweise von Apg 2,2–3 den Schilderungen der Gotteserscheinung auf dem Berg Sinai angeglichen55 und ahmt ebenfalls in V. 3–4 alttestamentliche Sprache nach.56 Der Text läuft auf den Satz in V. 4 hinaus: »Und sie fingen an, in anderen Zungen zu reden, wie der Geist ihnen zu sprechen gab.« Die Wendung »andere Zungen« bedeutet im Kontext, dass die Anwesenden die vom Geist erfüllten Jünger verstehen können; vgl. V. 11: »Wir hören sie in unseren Zungen von den großen Taten Gottes reden.« V. 4 drückt also ein Sprachenwunder aus, das die folgenden Verse ausmalen.

Der Abschnitt Apg 2,5–13 ist mit der vorigen Einheit verknüpft. Apg 2,6 bezieht sich auf V. 2 zurück, wobei das Wort »Tosen« das inhaltlich ähnliche Wort »Geräusch« aufnimmt. Die Verse 6 und 8 und 11 nehmen auf V. 4 Bezug und deuten an, dass es sich um ein Sprachenwunder handelt. Zweimaliges »wir hören« in V. 8 und V. 11 umrahmt innerhalb der Einheit V. 5–13 die Aufzählung der verschiedenen Völker. Die in V. 12–13 unterschiedlich gezeichnete Reaktion der Zuhörer entspricht lukanischem Erzählstil.57

Mit dem Bericht vom Geistempfang der Jünger erfüllt sich die Verheißung Jesu aus Lk 24,49 und Apg 1,8a. Die anschließende Rede des Petrus setzt in V. 17–18 bei dem in der Schrift prophezeiten Empfang des Geistes ein. Dies geschieht – wie sich aus dem Fortgang der Erzählung ergibt – durch die Taufe und ist quasi Ersatz für die zurückliegende »Realpräsenz« Jesu, der sich jetzt im Himmel befindet.58

Die Theologie des Lukas zeigt sich außerdem darin, dass er das Pfingstgeschehen als Sprachenwunder beschreibt. Wenn bereits am Stiftungstag der christlichen Religion der heilige Geist die Mitglieder der neuen Bewegung mit den Sprachen aller anderen Völker ausrüstet, kommt zum Ausdruck: Der christliche Glaube ist für alle Menschen bestimmt. Indes setzt Lukas die universale Evangeliumspredigt an dieser Stelle noch nicht mit der Heidenmission gleich, denn der Text redet von den Zuhörern als von Diasporajuden. Diese repräsentieren die Völker aus aller Welt.

Die Einzeluntersuchung hat die inhaltliche Geschlossenheit des Textes erwiesen. Trotzdem enthält er literarische Brüche. Sie legen es nahe, nach Traditionen zu fragen.

a) Das Apg 2,1–4 geschilderte Geschehen spielt sich V. 2 zufolge in einem Haus ab, das nachfolgende, wie Apg 2,5–13 zeigt, offenbar im Freien.

b) Apg 2,9–11 enthält eine Völkerliste. Sie »soll zeigen, wie viele Sprachen eigentlich gebraucht wurden. Die Liste geht geographisch Ost-Nordwest-Südwest vor und nennt Gegenden, wo Juden wohnten.«59 Lukas nennt viele Länder und ihre Bewohner, um die Aussage von V. 5 zu belegen, dass Jerusalem Heimat von Juden aus allen Völkern war.

Dass Apg 2,5–13 eine andere Herkunft als Apg 2,1–4 hat, zeigt das Folgende: V. 4 spricht davon, dass die Jünger in »anderen Zungen« redeten. Sieht man »anderen« als redaktionell an, so wird aus einem Sprachenwunder ein Reden in Zungen, unverständliches ekstatisches Reden, nämlich Glossolalie, wie wir sie aus den Paulusbriefen kennen.60 Wäre es so, berichtete die Apg 2,1–4 (und Apg 2,13?) erhaltene Tradition von einem ekstatischen Erlebnis in einem Haus im kleinen Jüngerkreis, und erst Lukas hätte diese Tradition im Sinne eines Sprachenwunders interpretiert.

Geschichtlicher Wert

Die Komposition der Gesamtszene geht auf Lukas zurück; sie hat keinen Anspruch auf Historizität. Das Pfingstgeschehen »ist so, wie es erzählt wird, gar nicht vorstellbar. … Einmal befinden sich die Gläubigen in einem Haus, einmal in der Öffentlichkeit. Einerseits hat man den Eindruck einer Massenekstase, vor der die Zuschauer hilflos nach einer Erklärung tasten. Andererseits verstehen sie in wunderbarer Weise, jeder in seiner Sprache, was die Geisterfüllten reden.«61 Lukas beschreibt die Gründung der Kirche als Folge eines übernatürlichen Wirkens. Denn so hat es der »Auferstandene« im Evangelium verheißen: »Ihr sollt in der Stadt bleiben, bis ihr ausgerüstet seid mit Kraft aus der Höhe.«62

Eine Frage verlangt noch nach einer Antwort: Fand am Pfingstfest im Jahr der Kreuzigung Jesu in Jerusalem eine »Geistesausgießung« statt, die sich durch Glossolalie auszeichnete? Auf keinen Fall! Denn das Datum »Pfingsten« stammt von Lukas und Zungenreden wäre in Jerusalem nicht als Geistausgießung, sondern eher als Trunkenheit63 gewertet worden.64

Paulus bezeugt das Phänomen glossolalischer Rede und versteht es als Wirkung des Geistes. Er behauptet in 1Kor 14,18 von sich, mehr in Zungen zu reden als alle Korinther. Seine Aufforderung in 1Thess 5,19: »Den Geist löscht nicht aus!« ermuntert die Neubekehrten in Thessalonich offenbar zu glossolalischer Rede. Lukas beschreibt dreimal Glossolalie: a) in der Pfingsterzählung, wo er sie als Reden in fremden Sprachen interpretiert, b) in der Korneliusgeschichte, wo er sie in Apg 10,46 als Preisen Gottes versteht, c) in der Schilderung der Johannesjünger in Ephesus, wo er sie in Apg 19,6 als Prophezeien deutet. Lukas wählt also Sprachformen, die zur Glossolalie in Spannung stehen. Als Phänomen ist diese ihm fremd.65 Er kennt aber aus den hellenistischen Gemeinden im Umkreis des Paulus den Konnex zwischen Glossolalie und Geistbegabung und verwendet ihn bei der Komposition der Pfingsterzählung.

2,14–36: Petrusrede

In den Ausführungen der Petrusrede fällt auf, dass die drei alttestamentlichen Zitate jeweils durch eine Zitatformel und durch eine erneute Anrede eingerahmt werden66: V. 16/​22; V. 25/​29; V. 34/​36. Das erste Zitat der Rede, V. 17–21, erläutert in V. 17–18 das Pfingstwunder und bereitet in seinem zweiten Teil, V. 19–21, den christologischen Abschnitt, V. 22–23, vor.

Verse 14–15: Einleitend weist Petrus die Annahme (V. 13) zurück, die vom Geist Ergriffenen seien betrunken: Es ist erst die dritte Stunde, d. h. 9 Uhr morgens.

Verse 16–21: Das Joelzitat (3,1–5a) entspricht weitgehend der Fassung der LXX. Drei wichtige Abweichungen sind:

a) V. 17 liest »in den letzten Tagen« statt »nach diesen Dingen«. Damit interpretiert Lukas die Ausgießung des Geistes nur scheinbar als Anbruch der Endzeit, denn der Geist ist vorläufiger »Ersatz für den Besitz des endgültigen Heils; er ermöglicht die Existenz der Gläubigen in der fortdauernden Welt, in der Verfolgung; er schenkt die Kraft zur Mission und zum Durchhalten.«67

b) V. 18 fügt dem Joelzitat hinzu »und sie werden prophezeien«. An dieser Aussage liegt Lukas viel; sie findet sich auch im Joeltext selbst (zitiert in V. 17c). Damit deutet er das Pfingstgeschehen als Befähigung zur Prophetie.68

c) Lukas lässt den auf das Zitat folgenden Halbvers Joel 3,5b (LXX) aus: » … denn auf dem Berge Zion und in Jerusalem wird er gerettet werden, wie der Herr spricht, und es werden die frohe Botschaft hören, die der Herr berufen hat.« Damit stellt Lukas klar, dass alle Menschen das Heil empfangen können.

V. 17–18: Die Kirche ist Lukas zufolge durch den Geist bestimmt. Ihn beschreibt das Zitat aus Joel als Fähigkeit zur Prophetie. Im Kontext der Apostelgeschichte bewirkt der Geist »sofort die wunderbare Kraft der Bekehrungspredigt. … Der Geist schafft in der Gemeinde die ideale Liebesgemeinschaft, die sich im Gottesdienst, in der Einheit der Lehre und in der Gemeinschaft des Besitzes darstellt. … Er wacht über die Reinheit der Kirche: Unheiliges wird ausgemerzt.«69

V. 19–21: Nach einem Ausblick in die Zukunft erreicht V. 21, der wieder die Gegenwart einschließt, die Pointe des Zitats: »Jeder, der den Namen des Herrn (nämlich Jesus) anruft, wird gerettet werden.« Das Heilsangebot ist also universal. Der Zukunftsteil des Joel-Zitats leitet auf den Abschnitt Apg 2,22b–24 über, der Christus und der Verkündigung gewidmet ist. Die Ausdrücke »Zeichen«– das Wort fehlt im LXX-Text–und »Wunder« werden in V. 22b aufgenommen.

Vers 22a: Der Versteil ist nach V. 14 die zweite Anrede.

Vers 22b: Die Nennung der Machttaten, Wunder und Zeichen bezieht sich auf das Lukasevangelium zurück. Dort gelten die Wunder des Propheten Jesus als Beweis für seine Christuswürde.70 Jesu Taten sind das Zeichen für die Heilszeit und demonstrieren die Erfüllung der Schrift.71

Vers 23: Die Passion Jesu erfolgt, lukanischer Theologie gemäß, nach Gottes Plan.

Vers 24: Gott hat die Macht des Todes über Jesus beseitigt. Auf diese Weise kommt Gottes Heilsplan, den die sich anschließenden Verse näher beschreiben, zur Erfüllung.

Verse 25–31: Das Zitat in V. 25–28 entspricht genau der Psalmfassung der LXX. V. 31 nimmt V. 27 auf. Der Sinn: David – der als Verfasser der Psalmen galt und ja gestorben und verwest war – redete nicht von sich, sondern vom zukünftigen Messias Jesus. Wenn Gott David zugesichert hatte, weder werde dessen Seele im Hades bleiben noch sein Fleisch verwesen, hat Gott das nicht eigentlich David versprochen, sondern dem kommenden Messias, nämlich Jesus, einem Nachkommen Davids.72 Damit ist der »Schriftbeweis« für V. 24 erbracht.

Verse 32–33: Daher erweckte Gott ihn von den Toten, wofür die Apostel Zeugen sind, und erhöhte ihn zu seiner Rechten. Von hier aus hat Jesus vom Vater–Gott – die Verheißung des heiligen Geistes empfangen und diesen ausgegossen, wie die Zuhörer des Petrus selbst sehen und hören können. Damit lenkt Lukas zurück zu Apg 1,4–5. Dort hat Jesus den Jüngern befohlen, auf die Erfüllung der Verheißung des Vaters zu warten; das werde die Ausgießung des heiligen Geistes sein. Das Pfingstgeschehen ist nun diese Erfüllung.

Verse 34–35: Die Verse nehmen im gleichen Schema wie bereits V. 25–31 den »Schriftbeweis« auf. Das Schema lautet: Bei David ist die Voraussage nicht erfüllt worden, also ist ein anderer gemeint, die Schrift meint in Wahrheit »Christus«, denn bei ihm erfüllt sich die Voraussage.

Vers 36: Der auf die Hörer bezogene Vers schließt die Rede scheinbar ab, um die Zwischenfrage in V. 37 zu ermöglichen.

Drei Traditionselemente waren Lukas vorgegeben:

Erstens: Die Verwendung von Joel 3,5 (vgl. Apg 2,21). Denn Paulus verwendet dieselbe Stelle in Röm 10,13 und kann die Christen allgemein solche nennen, »die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen« (1Kor 1,2). Wie die selbstverständliche Benutzung jenes Ausdrucks für Christen an der zuletzt genannten Stelle zeigt, setzt Paulus Jo 3,5 in 1Kor 1,2 voraus.

Zweitens: Der Gebrauch von Ps 110 (vgl. Apg 2,34–35), um die Würdestellung Jesu zu begründen.73

Drittens: V. 36 enthält ebenso wie Röm 1,3–474 eine »Adoptionschristologie«; Jesus ist erst seit der Auferstehung Herr und Christus, nicht während seiner Erdenzeit wie sonst bei Lukas.75

Geschichtlicher Wert

Der Text Apg 2,14–36 hat keinen historischen Wert. Lukas hat »Rahmen und Inhalt der ersten Rede des Petrus in Jerusalem mehr oder weniger frei gestaltet.«76

Die ersten beiden traditionellen Redenelemente sind, wie die LXX-Benutzung zeigt, in einem griechischsprachigen Christentum zu Hause. Da Paulus sie voraussetzt, entstammen sie wohl der griechischsprachigen Gemeinde von Damaskus. Das dritte Traditionselement gehört in die Jerusalemer Urgemeinde.77

2,37–41: Reaktion auf die Pfingstpredigt des Petrus

Vers 37: Der Vers benutzt eine Unterbrechung der Petrusrede als literarisches Kunstmittel. Die Frage: »Was sollen wir tun?« steht wie Lk 3,10. 12. 14 im Zusammenhang mit »Buße«.

Vers 38: Die Antwort des Petrus sagt, wie man Lukas zufolge Christ wird, nämlich durch Buße, Taufe auf den Namen Jesu zur Vergebung der Sünden und Empfang des heiligen Geistes.

Vers 39: Der zweite Versteil spielt indirekt auf den in der Rede ausgelassenen Vers Jo 3,5b (LXX) an. »Alle in der Ferne« (vgl. Jes 57,19) bezieht sich wohl auf Juden, die in fernen Ländern leben. Der erneute Rückgriff auf Jo 3 verbindet den Vers mit der Pfingstpredigt des Petrus.

Vers 40: Der Schlussappell: »Lasst euch retten, weg von dieser verkehrten Generation!« knüpft mit dem Verb »retten« an das letzte Wort des Joelzitates in V. 21 an.

Vers 41: Die Zahl »dreitausend« hat Lukas eingesetzt, um die Großartigkeit des Vorgangs zu veranschaulichen. Gegenüber der Angabe in Apg 1,15 (»etwa 120«) ist die Zahl der Christen ungemein angestiegen.

Geschichtlicher Wert

Lukas hat den Abschnitt Apg 2,37–41 weitgehend ohne Traditionsbasis verfasst. Deshalb trägt der Text für den historischen Ablauf nichts aus und darf auch nicht als Beleg für »auffallende Missionserfolge« der Jerusalemer Urgemeinde angesehen werden.78 Überdies hatten nach neueren soziologischen Analysen die christlichen Gemeinden im Jahre 40 n. Chr. insgesamt nur ca. eintausend Mitglieder.79

Allerdings könnte die Aussage des Petrus in Apg 2,38 über die Taufe auf den Namen Jesu Christi zuverlässiger Tradition entstammen. Paulus fragt 1Kor 1,13 ironisch, ob er für die Korinther gekreuzigt wurde und ob sie auf seinen Namen getauft worden seien. Dies setzt zwingend den Taufritus auf den Namen Jesu voraus.

2,42–47: Das Leben der Gemeinde

Die Verse sind ein lukanischer Sammelbericht, der eine Entsprechung in Apg 4,32–35 und 5,11–16 hat.

Am ehesten könnte V. 42 auf Tradition zurückgehen. Der Begriff »Gemeinschaft« erscheint sonst nicht im lukanischen Doppelwerk. Der Inhalt von V. 42 wird teilweise in V. 46 wieder aufgenommen. Eine solche thematische Verdoppelung innerhalb des Sammelberichts ist ungewöhnlich und kommt in den anderen Sammelberichten nicht vor. Lukas verarbeitet demnach eine traditionelle Notiz, die von Gemeinschaft und Gebet der ersten Christen berichtete. Ihre Herkunft ist nicht in Jerusalem zu suchen, sondern in Traditionen aus dem paulinischen Missionsgebiet80, die Lukas auf die Jerusalemer Gemeinde übertrug.

Den Jubel in V. 46 hat Lukas eingezeichnet.81 Er hat nichts mit der »Stimmung eschatologischer Freude«82 in der Jerusalemer Urgemeinde zu tun.

Die Angabe in V. 47, dass die Gemeinde Anerkennung beim ganzen Volk gefunden habe83, ist Schönfärberei.

Geschichtlicher Wert

Der Sammelbericht ist von lukanischer Theologie geprägt und von Traditionen aus dem paulinischen Missionsgebiet. Für die historische Frage wirft er nichts ab. Zudem schildert Lukas den urchristlichen »Kommunismus« nicht einheitlich. So stellt er die Besitzgemeinschaft als allgemeinen Eigentumsverzicht dar84, berichtet dann aber von der besonderen Tat eines Einzelnen, Barnabas, der einen Acker zugunsten der Gemeinde verkaufte.85 »Es ist deutlich: Das Gemälde ist idealisiert. Jene völlige Besitzgemeinschaft gab es so nicht.«86

c) Apg 3,1–26: Heilung eines Lahmen durch Petrus und Rede des Petrus

1 Petrus aber und Johannes gingen in das HEILIGTUM hinauf zur Stunde des Gebets, der neunten.

2 Und ein Mann, der von Mutterleib an lahm war, wurde (herbei)getragen; den setzten sie täglich an das sogenannte Schöne Tor des HEILIGTUMS, um ihn ein Almosen erbitten zu lassen von denen, die in das HEILIGTUM hineingingen. 3 Als der Petrus und Johannes sah, wie sie im Begriff waren, in das HEILIGTUM hineinzugehen, bat er darum, ein Almosen zu bekommen.

4 Petrus aber blickte ihn fest an mit Johannes und sagte: Sieh uns an!

5 Er aber betrachtete sie aufmerksam und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen.

6a Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht; was ich aber habe, das gebe ich dir: 6b Im NAMEN Jesu Christi, des Nazoräers: GEh UMHER

7a Und er fasste ihn bei der rechten Hand und richtete ihn auf.

7b Sofort aber wurden seine Füße und seine Knöchel fest, 8 und er sprang auf, stellte sich hin und GING UMHER. Und er ging mit ihnen in das HEILIGTUM hinein, GING UMHER und sprang und LOBTE GOTT.

9 Und das GANZE VOLK sah ihn UMHERGEHEN und GOTT LOBEN 10. Sie erkannten ihn aber, dass er der war, der wegen des Almosens am Schönen Tor des HEILIGTUMS gesessen hatte. Und sie wurden mit Staunen und Entsetzen erfüllt über das, was sich mit ihm ereignet hatte.

11 Während er aber Petrus und Johannes festhielt, lief das GANZE VOLK bei ihnen zusammen an der sogenannten Halle Salomos (und war) voller Erstaunen.

12a Als Petrus es aber sah, begann er zum VOLK zu sprechen:

12b Israelitische Männer, was verwundert ihr euch über diesen, oder was blickt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass er UMHERGEHT?

13 Der GOTT Abrahams und Isaaks und Jakobs,

der GOTT unserer Väter

[Ex 3,6],

hat SEINEN KNECHT Jesus verherrlicht, den ihr ausgeliefert und vor dem Angesicht des Pilatus verleugnet habt, als jener zum Urteil gekommen war, (ihn) freizugeben. 14 Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten VERLEUGNET und gebeten, dass euch ein Mörder geschenkt werde;

15 den Anführer des Lebens aber habt ihr getötet. Den hat GOTT aus den Toten auferweckt, wofür wir Zeugen sind. 16 Und durch den GLAUBEN an seinen NAMEN hat diesen, den ihr seht und kennt, sein NAME gefestigt; und der durch ihn (gewirkte) GLAUBE hat ihm diese Unversehrtheit gegeben vor euch allen.

17 Und jetzt, Brüder, weiß ich, dass ihr in Unwissenheit gehandelt habt wie auch eure Herrscher. 18 GOTT aber hat das, was er durch den Mund aller Propheten vorher bekannt gemacht hat, dass sein Christus leiden werde, auf diese Weise erfüllt. 19 So kehrt nun um und bekehrt euch, damit eure Sünden ausgelöscht werden, 20 auf dass vom Angesicht des HERRN her Zeiten der Erquickung kommen mögen und er den euch im Voraus bestimmten Christus, (nämlich) Jesus, schicke. 21 Den muss der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von denen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat. 22 Mose hat gesagt:

Einen Propheten wird euch erstehen lassen der Herr, euer GOTT,

aus euren Brüdern, (einen Propheten) wie mich;

auf ihn sollt ihr hören in allem,

wie viel er auch zu euch redet.

23 Es wird aber sein:

jede Seele, die auf jenen Propheten nicht hört,

wird aus dem VOLK ausgerottet werden.

[vgl. Dtn 18,15–20]

24 Aber auch alle Propheten, von Samuel und den folgenden an, so viele geredet haben, haben auch diese Tage verkündet. 25 Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den GOTT für eure Väter eingerichtet hat, als er zu Abraham sagte:

Und in deiner Nachkommenschaft

werden alle Volksstämme der Erde gesegnet werden.

[Gen 22,18; 26,4]

26 Euch zuerst hat GOTT SEINEN KNECHT aufstehen lassen und ihn gesandt, der euch segnet, wenn ihr euch, jeder (einzelne), von euren Bosheiten abkehrt.

ANALYSE

3,1–10: Heilung eines Lahmen durch Petrus

Die Wundererzählung steht nicht zufällig an dieser Stelle. Sie erläutert die vorausgehende Notiz, dass durch die Apostel »viele Wunder und Zeichen« geschahen.87 Die Geschichte hat folgenden stilgemäßen Aufbau: V. 1–2 bilden die Einleitung mit »Schönes Tor« als Ortsangabe. V. 3, das Betteln des Lahmen, leitet V. 4–8, den Hauptteil, ein. Dieser enthält folgende Elemente: Befehl in V. 4, Heilungswort in V. 6b, Heilungsgeste in V. 7a, sofortiges Eintreten der Heilung in V. 7b, Demonstration in V. 8a. V. 9–10 bilden den Schlussteil und schildern die Wirkung auf »das ganze Volk«. Die Wundererzählung ähnelt der von der Heilung eines Gelähmten durch Paulus, Apg 14,8–10, und der von der Heilung eines Gelähmten durch Jesus, Lk 5,17–26.

Zur Interpretation der Wundergeschichte durch Lukas:

Verse 1–3: V. 1 charakterisiert Petrus und Johannes als gesetzestreue Juden, welche die Gebetsstunden einhalten. Das ist Lukas mit Blick auf die Apostel wichtig. Die Erwähnung des Johannes in V. 3 ist wie auch sonst redaktionell.88

Verse 4–5: Dieses Stück geht wohl ganz auf Lukas zurück.

Vers 6: Die Wendung »Silber und Gold besitze ich nicht« weist auf die Apg 2,44–45 geschilderten Besitzverhältnisse zurück89 und bereitet gleichzeitig Apg 4,32–35 vor.

Verse 8–9: Das Loben Gottes durch den Geheilten in V. 8 erinnert an das Gotteslob der Gemeinde in Apg 2,47.

Vers 10: Der Vers nimmt V. 2 auf und rundet die Geschichte ab.

Geschichtlicher Wert

Der vorliegenden Erzählung von der Heilung eines Gelähmten durch Petrus liegt kein historischer Kern zugrunde.

3,11–26: Predigt des Petrus in der Halle Salomos

Vers 11: Der Vers ist eine Überleitung, die die vorige Szene des Wunders mit der Petruspredigt verbindet. Petrus redet in der sogenannten Halle Salomos, die sich Lukas offenbar innerhalb des Tempelbezirkes denkt, zu dem das »Schöne Tor« von V. 2 ein Eingang ist.

Vers 12: V. 12a verknüpft die nachfolgende Rede mit V. 11. Die Anrede »Israelitische Männer« entspricht Apg 2,22a. In V. 12b wird ebenso wie in der Pfingstrede Apg 2,15 ein Missverständnis zurückgewiesen.

Verse 13–15: Der Abschnitt paraphrasiert – unter teilweise wörtlicher Aufnahme der Barabbas-Szene aus dem Evangelium90–Passions- und Auferstehungscredo, verbunden mit der Aussage, die Apostel seien Zeugen.91

Vers 16: Lukas nimmt auf die Wundergeschichte Bezug. Er hebt nachträglich hervor, dass ein Wunder den Glauben an den Namen Jesu voraussetzt. In seinem Namen ist der auferweckte Jesus auf Erden anwesend. Die überladene Formulierung zeigt Lukas’ Schwierigkeiten, der Überlieferung seine Theologie aufzuprägen.92

Vers 17: »Und jetzt« ist Gliederungselement. Das Unwissenheitsmotiv im Zusammenhang der Passion entspricht lukanischer Theologie, vgl. Lk 23,34; Apg 13,27.

Vers 18: Zum Leiden des Christus vgl. Lk 24,26–27. Von Propheten ist auch an anderen Stellen die Rede.93

Verse 19–21: Die Buße – so Lukas – zieht die Sündenvergebung nach sich; vgl. vorher Apg 2,38. Apg 3,20–21 wirkt wie ein Fremdkörper im von Lukas geschaffenen Zusammenhang. Die Verse setzen offenbar – unlukanisch – einen Konnex von Umkehr und Verwirklichung des zukünftigen Heils voraus. Die zukünftige Heilszeit wird durch die Bekehrung der Juden herbeigeführt.

Lukas scheint in V. 21 eine Verzögerung des zukünftigen Kommens Jesu vorauszusetzen. Die Aussage über die Propheten, die V. 18b zufolge das Leiden Christi bzw. die künftigen »Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge« vorausverkündigt haben, umrahmt Bußruf und Ausblick in die Zukunft.

Verse 22–26: Dem Vorausblick, V. 20–21, fügt dieser Abschnitt einen Rückblick auf den geschichtlichen Jesus mit »Schriftbeweis« und Bußmahnung an. V. 22–24 sind eine Einheit. Auch Mose gehört zu den V. 18 und V. 21 genannten Propheten. Ihre Verkündigung ist auf »diese Tage«, V. 24, bezogen. In V. 25 liegt wahrscheinlich Gen 22,18 (LXX) zugrunde. Dabei hat Lukas, von Kleinigkeiten abgesehen, die Wendung »alle Völker der Erde« geändert in »alle Volksstämme der Erde«. Diese Änderung war notwendig, weil die Rede in der Apostelgeschichte sich nur an Juden richtete. Der Begriff »die Völker« meint Heiden. Der Ausdruck »Volksstämme« schließt dagegen Juden mit ein. Ihnen gilt ja, wie das Adverb »zuerst« Apg 3,26 zeigt, in besonderer Weise der Segen. Lukas hat damit das Zitat dem Kontext angepasst, nämlich der Petruspredigt an Juden.

Die in V. 25–26 vollzogene Deutung der Nachkommenschaft Abrahams auf Jesus begegnet bereits Gal 3,16 (»Samen«). Folgende Erklärungen dieses Befundes sind denkbar: a) Paulus und Lukas verwenden unabhängig voneinander eine Tradition. b) Lukas benutzt Gal 3,16. c) Lukas benutzt eine Tradition des paulinischen Missionsbereiches, die auf Gal 3,16 zurückgeht. Jedenfalls ist die auf Christus bezogene Deutung von Gen 22,18 vorlukanisch.

Geschichtlicher Wert

Diese Petrusrede enthält ebenso wie die in Apg 2,14–36 kein historisch verwertbares Material. Sie »ist also keine Zusammenfassung … einer wirklich gehaltenen Ansprache des Petrus, sondern ein Produkt des Autors der Apostelgeschichte.«94 Unter Einbeziehung der Analyse von Apg 2,14–41 ergibt sich daraus der Schluss: Es existiert keine glaubwürdige Quelle darüber, dass Petrus ein erfolgreicher »Missionsprediger« der ersten Stunde war, und in Jerusalem nach der »Auferstehung« Jesu öffentliche Ansprachen gehalten hat. »Lukas macht sich … sein Bild von den Ereignissen der Frühzeit: Er stilisiert Petrus zu einem … vollmächtigen Redner, der in der Lage ist, öffentlich zum Volk zu sprechen und ein gewaltiges Publikum mit seinen Worten zu fesseln … –ganz so wie es die besten Rhetoren seiner Zeit vermochten.«95

d) Apg 4,1–31: Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat und die Reaktion der Gemeinde auf deren Freilassung

1 Während sie aber zu dem VOLK redeten, traten zu ihnen die Priester und der Hauptmann des Heiligtums und die Sadduzäer hinzu 2 und ärgerten sich, weil sie das VOLK lehrten und an (dem Beispiel von) Jesus die Auferstehung aus den Toten verkündigten. 3 Und sie legten Hand an sie und nahmen sie bis zum nächsten Tag in Haft, denn es war schon Abend.

4 Viele aber von denen, die das Wort gehört hatten, kamen zum Glauben; und die Zahl der Männer stieg auf fünftausend.

5 Es geschah aber am nächsten Tag, dass sich ihre Herrscher und Ältesten und Schriftgelehrten in Jerusalem versammelten 6 und (zwar) Hannas, der Hohepriester, und Kaiphas und Johannes und Alexander und alle, die von hohepriesterlicher Abkunft waren. 7 Und sie stellten sie in die Mitte und vernahmen (sie): Durch welche Kraft oder durch welchen NAMEN habt ihr dies getan?

8 Da sagte Petrus, erfüllt mit heiligem Geist, zu ihnen: Herrscher des Volkes und Älteste! 9 Wenn wir heute wegen der Wohltat an einem kranken Menschen verhört werden, wodurch dieser GERETTET worden sei, 10 so sei euch allen und dem ganzen VOLK Israel bekannt: Durch den NAMEN Jesu Christi, des Nazoräers, den ihr gekreuzigt habt, den GOTT aus den Toten auferweckt hat – durch diesen steht dieser gesund vor euch. 11 Dieser ist der Stein, der als der, der von euch, den Baumeistern, verachtet wurde, zum Schlussstein geworden ist.

12 Und es ist in keinem anderen die RETTUNG. Denn unter dem Himmel ist auch kein anderer bei den Menschen gegebener NAME, in dem wir GERETTET werden sollen.

13 Als sie aber den FREIMUT des Petrus und Johannes sahen und erfassten, dass sie ungebildete Menschen und Laien waren, verwunderten sie sich; und sie erkannten, dass sie mit Jesus zusammen gewesen waren. 14 Und da sie den Menschen, der gesund gemacht worden war, bei ihnen stehen sahen, hatten sie nichts zu entgegnen. 15 Sie befahlen ihnen aber, den Hohen Rat zu verlassen, und berieten miteinander:

16 Was sollen wir diesen Menschen tun? Denn dass ein deutliches Zeichen durch sie geschehen ist, ist allen Einwohnern von Jerusalem offenbar, und wir können es nicht leugnen. 17 Aber damit es nicht weiter unter dem VOLK verbreitet werde, wollen wir ihnen drohend gebieten, in diesem NAMEN zu keinem Menschen mehr zu reden.

18 Und sie ließen sie rufen und befahlen ihnen, im NAMEN Jesu überhaupt nicht zu reden und zu lehren.

19 Petrus aber und Johannes antworteten und sagten zu ihnen: Ob es gerecht ist vor GOTT, auf euch mehr zu hören als auf GOTT, (darüber) urteilt (selbst)! 20 Denn wir sind außerstande, das, was wir gesehen und gehört haben, nicht zu sagen.

21 Sie aber drohten nochmals und LIESSEN SIE FREI, da sie nichts fanden, wie sie sie bestrafen könnten, wegen des VOLKES; denn alle priesen GOTT für das, was geschehen war. 22 Denn mehr als vierzig Jahre alt war der Mensch, an dem sich dieses Zeichen der Heilung ereignet hatte.

23 Nachdem sie aber FREIGELASSEN worden waren, kamen sie zu den Ihrigen und berichteten alles, was die Hohenpriester und die Ältesten zu ihnen gesagt hatten.

24a Als die es aber gehört hatten, erhoben sie einmütig (ihre) Stimme zu GOTT und sagten:

Gebieter,

24b der du den Himmel geschaffen hast

und die Erde und das Meer und alles, was darin ist

[Neh 9,6; Ex 20,11; Ps 146,6];

25a der du (durch) den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den heiligen Geist gesagt hast:

25b Warum tobten die Heiden

und sannen die Völker Nichtiges?

26 Es traten auf die Könige der Erde,

und die Herrscher VERSAMMELTEN sich an einem Ort

gegen den HERRN und gegen seinen Gesalbten.

[Ps 2,1–2 LXX]

27 Denn in Wahrheit VERSAMMELTEN sich in dieser Stadt gegen DEINEN heiligen KNECHT Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Völkern Israels, 28 um alles zu tun, was deine Hand und dein Ratschluss zu geschehen vorherbestimmt hatte.

29 Und jetzt, HERR, sieh ihre Drohungen an und gib deinen Sklaven, mit allem FREIMUT dein Wort zu reden, 30 dadurch, dass du deine Hand zur Heilung ausstreckst und Zeichen und WUNDER geschehen lässt durch den NAMEN DEINES heiligen KNECHTES Jesus.

31 Und als sie GEBETET hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren; und sie wurden alle vom heiligen Geist erfüllt und redeten das Wort GOTTES mit FREIMUT.

ANALYSE

4,1–22: Petrus und Johannes vor dem Hohen Rat

Verse 1–3: Die Handlung spitzt sich zu. Nachdem der Lahme geheilt ist und Petrus seine Rede an das Volk gehalten hat, regt sich Widerstand. Petrus und Johannes werden am Abend durch die Priester, den Tempelhauptmann und die Sadduzäer festgesetzt. Der Abschnitt enthält die Exposition für das folgende Verhör.

Vers 4: Der Erzähler flicht ein, dass das Wachstum der Gemeinde sich wunderbar fortsetzt. Sie bestand aus etwa 120 Personen96; dann kamen etwa 3000 dazu97; jetzt steigt die Zahl der gläubigen Männer auf 5000. Als Paulus bei seinem letzten Jerusalembesuch Jakobus begrüßt, gehören noch viel mehr dazu: Zehntausende98.

Verse 5–22: Eine Szene vor dem Hohen Rat schließt sich an.

V. 5–7: Diese Verse leiten das Verhör ein. Ein Rückbezug in V. 7 auf Apg 3,12. 16 (vgl. Apg 3,6), stellt die Frage an die Apostel so, wie sie für die nachfolgende Rede benötigt wird: »Durch welche Kraft oder durch welchen Namen habt ihr dies getan?«

V. 8–12: Eine Petrusrede folgt; sie kombiniert das in Apg 3,1–10 berichtete Wunder mit der Verkündigung über Christus. Mit V. 8 erfüllt sich das Jesuswort Lk 12,12: »Der heilige Geist wird euch in eben der Stunde lehren, was ihr sagen müsst.« V. 9–10 beziehen sich auf die Heilungsgeschichte, V. 11 liefert einen »Schriftbeweis«, der bisher noch nicht vorkam: Ps 118,22. Dort heißt es: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden.« Dieser Satz findet sich auch Lk 20,1799–ein Text, der hier anklingt.

V. 13–22: Dieser Abschnitt gipfelt in der Aussage, dass die Apostel dem Predigtverbot nicht gehorchen können. Es fällt auf, dass die Ankläger erst jetzt das enge Verhältnis der Jünger zu Jesus entdecken. V. 14 verknüpft die Szene mit Apg 3,1–11 und bereitet zugleich die folgende Handlung vor, die der Geheilte sozusagen provoziert. V. 16–17 berät der Hohe Rat noch einmal über seine Reaktion auf die Wunderheilung, und zwar ohne dass wie in V. 15 die Apostel anwesend sind. In V. 16b sieht die jüdische Behörde ein: Durch Petrus und Johannes ist ein für alle Bewohner Jerusalems deutliches Zeichen geschehen. Das Predigtverbot in V. 17–18 wird nur erteilt, um nicht befolgt zu werden.

Die Aufforderung in V. 19, »ob es gerecht ist vor Gott, auf euch mehr zu hören als auf Gott, (darüber) urteilt (selbst)!«100 enthält eine Anspielung auf Sokrates, der in ähnlicher Situation seinen Richtern gesagt hatte: »Gehorchen werde ich dem Gott mehr als euch.«101 Lukas betont, dass die Mission in Jerusalem heilsnotwendig ist, und zeigt seinen griechischen Lesern zugleich die eigene Bildung. V. 21 verstärkt V. 17–18: Zwar will die jüdische Behörde die Evangeliumspredigt unterbinden, ist dazu aber nicht in der Lage. V. 22 rundet die Apg 3,1 begonnene Szene ab und streicht die wunderbare Heilung noch einmal heraus: Der Lahme ist älter als vierzig Jahre, d. h., so lange war er von der Krankheit befallen.

Geschichtlicher Wert

Der Gesamttext entspringt lukanischer Theologie und fällt für die historische Frage aus.102

4,23–31: Gebet der Gemeinde

Verse 23–24a: Das Stück verknüpft die vorige Einheit mit der vorliegenden. V. 24: »Gebieter« ist Gottesanrede, die im Neuen Testament noch Lk 2,29 im Gebet Symeons sowie Jud 4 und Offb 6,10 vorkommt.103 Die Vorstellung von Gott, dem Schöpfer des Himmels und der Erde und des Meeres, stammt aus dem Alten Testament.

Verse 24b–30: Die in der älteren Forschung verschiedentlich vertretene These, V. 24b–28 seien Teil eines alten Gemeindegebetes, scheitert daran, dass hier nicht der Stil des Gebets, sondern der Exegese von Ps 2,1–2 vorherrscht. Damit bestreite ich nicht, dass das Gebet ganz dem Schema in jüdischen und alttestamentlichen Schriften entspricht104 und daher vorlukanische christliche Vorgänger gehabt haben kann.

V. 25b–26: Diese Verse zitieren Ps 2,1–2 (LXX) wörtlich und dürften auf Lukas zurückgehen.

V. 27–28: V. 27 bringt die Deutung des Psalms. Drei der im Zitat genannten vier Gruppen (»Heiden«, »Völker«, »Könige«, »Herrscher«) werden im Lichte der Passionsgeschichte des Lukas wie folgt gedeutet: Herodes Antipas steht stellvertretend für die Könige, Pilatus für die Herrscher, Israel für die Völker. Die römischen Soldaten meinen wohl die Heiden. V. 27 ist Rückbezug auf Lk 23,12: »An eben diesem Tag aber wurden Herodes und Pilatus Freunde.« V. 28: Die Vorstellung vom Plan Gottes ist lukanisch.105

V. 29–30: V. 29 lenkt das Gebet auf die Gegenwart, indem es Gott auf die V. 17 und V. 21 ausgesprochenen Drohungen der jüdischen Behörde hinweist. V. 30 erinnert an die Heilung und die Wundertaten, die im Namen Jesu erfolgten.

Vers 31: Der Vers beschreibt die Gebetserhörung; sie ist als ein Beben des Ortes wahrzunehmen. Die griechisch-römische Antike kennt Berichte darüber, dass die Erde als Antwort auf Gebete bebt.106 V. 31 berichtet zugleich von einer Art zweitem Pfingsten: Alle Christen werden von heiligem Geist erfüllt.

Geschichtlicher Wert

Der Text entspringt lukanischer Theologie und fällt für die historische Frage aus.

e) Apg 4,32–5,16: Das Leben der Gemeinde. Hananias und Saphira. Weitere Ausbreitung des christlichen Glaubens

32a Die Menge der zum Glauben Gekommenen aber war ein Herz und eine Seele; 32b und auch nicht einer sagte, dass etwas von seinem Besitz sein eigen sei, 32c sondern es war ihnen alles gemeinsam. 33a Und mit großer Kraft machten die Apostel die Zeugenaussage von der Auferstehung des HERRN Jesus; 33b und große Gnade war auf ihnen allen. 34a Denn es war auch kein Bedürftiger unter ihnen, 34b denn alle, die Besitzer von Grundstücken oder Häusern waren, VERKAUFTEN sie, brachten die Beträge, (die sie) für das Veräußerte (erhielten), 35 und legten sie den Aposteln zu Füßen; es wurde aber jedem zugeteilt, je nachdem einer Bedarf hatte.

36 Joseph aber, der von den Aposteln den Beinamen Barnabas erhalten hatte – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, Zyprer von Geburt, 37 der einen Acker besaß, VERKAUFTE ihn, brachte das Geld herbei und legte es den Aposteln zu Füßen.

5,1 Ein Mann namens Hananias aber, mit Saphira, seiner Frau, VERKAUFTE ein Gut 2 und SCHAFFTE (etwas) VON DEM BETRAG beiseite wovon auch die Frau wusste; und er brachte einen Teil und legte ihn den Aposteln zu Füßen.

3 Petrus aber sagte: Hananias, warum hat der Satan DEIN HERZ erfüllt, dass du den heiligen Geist belogen und (etwas) VON DEM BETRAG, (den du) für das Grundstück (erhalten hast), BEISEITE GESCHAFFT hast? 4a (Ist es) nicht (so, dass) es, solange es (unverkauft) blieb, dein blieb und (der Ertrag), als es veräußert war, in deiner Verfügung war? 4b Warum hast du in DEINEM HERZEN diese Sache beschlossen? 4c Du hast nicht Menschen belogen, sondern GOTT.

5a Als aber Hananias diese Worte hörte, FIEL ER HIN UND HAUCHTE SEIN LEBEN AUS.

5b Und große Furcht kam über alle, die es hörten.

6 Die Jüngeren aber standen auf und hüllten ihn ein, und sie TRUGEN IHN HINAUS UND BEGRUBEN IHN.

7 Es geschah aber nach Ablauf von ungefähr drei Stunden, da kam seine Frau herein, ohne zu wissen, was geschehen war.

8 Petrus aber redete sie an: Sag mir, habt ihr das Grundstück für so viel hergegeben?

Sie aber sagte: Ja, für so viel.

9a Petrus aber (sagte) zu ihr: Warum bloß wurde von euch vereinbart, den Geist des HERRN zu versuchen? 9b Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, (sind) an der Tür, und sie werden dich hinaustragen.

10 SIE FIEL aber sofort zu seinen Füßen nieder UND HAUCHTE IHR LEBEN AUS.

Als aber die jungen Männer hereinkamen, fanden sie sie tot; und sie TRUGEN SIE HINAUS UND BEGRUBEN SIE bei ihrem Mann.

11 Und große Furcht kam über die ganze Gemeinde und über alle, die dies hörten.

12 Durch die Hände der Apostel aber geschahen viele Zeichen und Wunder im VOLK. Und sie waren alle einmütig in der Säulenhalle Salomos. 13 Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschließen, doch das VOLK pries sie. 14 Umso mehr aber wurden solche, die glaubten, (von) dem HERRN hinzugetan, Mengen von Männern und Frauen.

15a Daher trug man die KRANKEN sogar auf die Straßen hinaus und legte sie auf Betten und Tragen, 15b damit, wenn Petrus kam, wenigstens sein Schatten auf einen von ihnen falle.

16 Es kam aber auch die Menge aus den Städten um Jerusalem zusammen, und sie brachten KRANKE und von unreinen Geistern Geplagte, welche alle gesund gemacht wurden.

ANALYSE

4,32–37: Das Leben der Gemeinde. Geschenk des Barnabas

Vers 32: Der Vers hebt die Einheit der Gemeinde hervor und variiert den Inhalt von Apg 2,44–45: V. 32b setzt Eigentum einzelner Gemeindemitglieder voraus, doch stellen diese es der Gemeinde zur Verfügung, so dass ihnen alles gemeinsam ist.

Zur Zeichnung der Urgemeinde arbeitet Lukas in diesem Vers biblische Ausdrücke (»ein Herz und eine Seele«)107 mit griechischen Idealen darüber zusammen, dass »alles allen gemeinsam« oder »Freundesgut gemeinsam« sei.108

Vers 33: V. 33a unterbricht die Schilderung der Urgemeinde und betont – für Lukas typisch – das Zeugnis der Apostel von der Auferstehung Jesu. Dies sei »mit großer Kraft« geschehen. V. 33b führt aus, dass auf allen Christen eine große Gnade (Gottes) war. Das führt zurück zu der Charakterisierung der Urgemeinde in V. 32 und weiter zu V. 34.

Verse 34–35: Der Satz: »Es war auch kein Bedürftiger unter ihnen« in V. 34a sieht die Aussage von Dtn 15,4109 in der Gemeinde als erfüllt an.

Die in V. 34b–35 gemachten Angaben setzen im Unterschied zu V. 32 scheinbar eine totale Eigentumsaufgabe der Jerusalemer Gemeindeglieder voraus. Sie verkaufen Ländereien oder Häuser und legen den Erlös den Aposteln zu Füßen. Diese geben einem jeden nach seinem Bedarf etwas davon. Doch ist nicht vorausgesetzt, dass die Gemeindeglieder ihr gesamtes Eigentum verkaufen.

Lukas’ Pointe liegt in der Zweckbestimmung V. 35: »je nachdem einer Bedarf hatte«110 und darin, dass sich in der Jerusalemer Gemeinde alttestamentliche und griechische Ideale verwirklichen.111 Das wird noch deutlicher dadurch, dass V. 35 und V. 37 gleich lautend sagen, die Christen bzw. Barnabas hätten das zugunsten der Gemeinde Verkaufte den Aposteln zu Füßen gelegt. Dieselbe Wendung nimmt Lukas im Folgenden Apg 5,2 auf. Die ersten beiden positiven und das dritte negative Beispiel zeigen, worum es geht: um den Verkauf von Eigentum der Begüterten zugunsten der Armen, wobei wie vorher Apg 2,45 den Aposteln die Verteilung obliegt. Eigentümer sollen auf so viel verzichten, dass es in der Gemeinde des Lukas keinen Unterschied mehr zwischen Bedürftigen und Reichen gibt.

Die Regel »je nachdem einer Bedarf hatte« in V. 35b, die wörtlich Apg 2,45c entspricht, soll – so Lukas – in den christlichen Gemeinden seiner Zeit gelten. Dabei überträgt er, was er von der Gemeinde erwartet, in die Urkirche und idealisiert sie.

Verse 36–37: Die Wendung »von den Aposteln« in V. 36 ist sicher redaktionell. Bisher dominiert in der Apostelgeschichte noch eine jerusalemische Perspektive. Der lukanische Ausdruck »den Aposteln zu Füßen legen« in V. 37 erscheint ebenfalls Apg 4,35 und 5,2. In Apg 5,10 wird daraus ein Fallen zu den Füßen des Petrus.

Die Zuordnung des Barnabas zur Jerusalemer Gemeinde an dieser Stelle und später in Apg 9,27; 11,22 geht auf Lukas zurück. Dies wird daran deutlich, dass im unmittelbaren Kontext von Apg 11,23–26, wo von Barnabas’ missionarischem Wirken und seiner Tätigkeit für die Gemeinde von Antiochien die Rede ist, die Sendung durch die Jerusalemer Gemeinde überhaupt nicht erwähnt wird.

Geschichtlicher Wert

Der »Kommunismus« der Urgemeinde entspringt einer Idealisierung des Lukas, die zugleich ermahnen soll. Diese Darstellung kann nicht als sachgemäße Beschreibung der ältesten christlichen Kirche in Jerusalem gelten.112

An der Historizität des Verkaufs eines Ackers durch Barnabas zugunsten einer christlichen Gemeinde ist kein Zweifel möglich. (Begründung: Der lukanische Rahmen verallgemeinert, die Angabe über den Verkauf eines Ackers ist spezifisch und steht zum Rahmen in Spannung.) Indes lässt sich kaum entscheiden, ob der Verkauf des Ackers zugunsten der Jerusalemer Gemeinde getätigt wurde.

Ebenfalls ist die Herkunftsbezeichnung »Zyprer« wohl historisch.113

Entgegen der von Lukas behaupteten Bindung des Barnabas an Jerusalem legen die Paulusbriefe nicht nahe, dass Barnabas aus Jerusalem kommt.114 Paulus nennt ihn zweimal als gleichberechtigten Partner jeweils im Gegenüber zu Jerusalemer Autoritäten.115 In Antiochien wechselt er zur Enttäuschung des Paulus die Seite; er »heuchelt« mit Kephas und anderen Judenchristen und gibt der Forderung der Abgesandten des Jakobus nach, die Tischgemeinschaft mit Heiden aufzukündigen.116 Barnabas ist demnach ein wichtiges Beispiel dafür, dass Lukas Missionare entgegen der historischen Wirklichkeit an Jerusalem bindet. Neben Barnabas ist Paulus der bekannteste Fall117; Johannes Markus118 und Silas119, kommen noch hinzu.

5,1–11: Hananias und Saphira

Verse 1–2: Die Exposition schildert den Verkauf eines Grundstücks durch Hananias und Saphira, die einen Teil des Erlöses zurückbehalten. V. 1, die Angabe »er verkaufte … « lenkt auf Apg 4,37 zurück, wo dasselbe Verb in Verbindung mit Barnabas Ackerverkauf gebraucht wurde. V. 2, die Wendung »den Aposteln zu Füßen legen«, erscheint bereits Apg 4,35. 37.

Verse 3–6: Dieser Abschnitt schildert die Bestrafung des Hananias.

V. 3: Petrus kann Gedanken lesen und spricht Hananias an.

V. 4: Der Vers geht ganz auf Lukas zurück. V. 4a-b fällt als Erläuterung wegen seiner Umständlichkeit aus dem Rahmen. Er sagt: auf Besitz zu verzichten, das Gut zu verkaufen und den Erlös abzuliefern, ist nicht Pflicht, sondern freiwillig. Der Satz V. 4c: »Du hast nicht Menschen belogen, sondern Gott« erinnert überdies an das Petruswort Apg 5,29: »Man muss Gott mehr gehorchen als Menschen« und an den Rat Gamaliels Apg 5,38–39: »Wenn dieses Vorhaben oder dieses Unternehmen von Menschen sein sollte, wird es zunichte werden. Wenn es aber von Gott ist, werdet ihr sie nicht zunichte machen können«. Beide Male geht es wie in V. 4c um eine Bindung an Gott gegenüber der an Menschen. Hananias »meinte, es nur mit Menschen zu tun zu haben; in Wirklichkeit verging er sich aber an Gott, der durch seinen Geist in der Gemeinde präsent ist.«120 V. 5: Das Verb »aushauchen« beschreibt in archaischer Feierlichkeit wie in V. 10 das Gottesgericht an Hananias. Es bewirkt Furcht unter den Hörern.121 Auch Herodes »haucht« später sein Leben auf Befehl Gottes »aus«, weil er diesem nicht die Ehre gegeben hat.122

V. 6: Saphira tritt ein, ohne vom Tod ihres Mannes zu wissen. Dessen Leichnam war vorher weggetragen worden. So entsteht Raum für eine neue Szene.

Verse 7–10: Lukas hat dieses Stück der vorigen Episode nachgebildet, um deren Aussage zu bekräftigen.

V. 8: Petrus fragt, ob der gestiftete Betrag der Gesamterlös gewesen sei. Da er weiß, dass beide nicht identisch sind, streicht er damit – wie in V. 2–3 – den Tatbestand heraus, dass das Ehepaar etwas beiseite geschafft hat.

V. 9: Die Anklage in V. 9a entspricht der in V. 4b. Die Wendung »die Füße derer, die deinen Mann begraben haben« in V. 9b klingt alttestamentlich; vgl. Jes 52,7a: »wie lieblich sind auf den Bergen die Füße der Freudenboten«. Sie soll durch den Gegensatz »Füße, die begraben« und »Füße der Freudenboten« den frommen Schauder der Leser noch verstärken.

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22 декабря 2023
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9783866743380
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