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Transition & Evolution 2.0
AndroSF 91
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© dieser Ausgabe: Juni 2018
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Lothar Bauer
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi
Lektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda, Xlendi
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 135 8
In Erinnerung an Verlust und Neubeginn.
Mein besonderer Dank gilt dem
Letterratten-Team
Florian Tietgen
und meiner Lebenspartnerin
Uta Siefert
Teil I: Dali
eins
Zuerst war es nur eine Ahnung von etwas Störendem, ein Reiz, der sich lästig und beharrlich bohrend bemerkbar machte. Das Gefühl sickerte tröpfelnd durch die Schichten seines Bewusstseins, bis er das grelle Licht bemerkte, dem er ausgesetzt war. Zorn wallte in ihm auf. Das Licht war quälend und stieß ihn nach und nach aus der traumlosen Dunkelheit. Er kniff die geschlossenen Augenlider noch fester zusammen und versuchte in die Realität zurückzufinden. Seltsamerweise lieferte ihm sein Gedächtnis nicht den geringsten Anhaltspunkt. Er drehte sich auf die Seite und stöhnte vor Schmerzen auf. Es dauerte eine Weile, bis er begriff, warum seine Muskeln ihn so peinigten. Ein Muskelkater erstreckte sich über die meisten Körperpartien.
Das Licht erschien ihm jetzt weniger intensiv. Er öffnete die Augen einen Spalt weit, und sein Blick traf auf eine mit winzigen Kondenstropfen überzogene Fläche, die sich über seinem Kopf wölbte. Milchiges Glas, durch das man den dahinter liegenden Raum nur erahnen konnte.
Plötzlich war ihm die Erinnerung an einen Öffnungsmechanismus präsent – ein seltsam bezugsfreies Gedankenfragment, unwirklich und fremd. Dennoch wusste er jetzt, dass sich direkt neben seiner linken Hand ein Schalter befinden musste. Er tastete mit den Fingern vorsichtig danach und traf schließlich auf eine kleine, feste Ausbuchtung. Wie von selbst löste er die Sicherungsverriegelung und berührte den freigelegten Sensor.
Ein Ruck und die Glasfläche fuhr mit leisem Summen in einen Spalt ein. Augenblicklich drang eisige Kälte an seine Haut. Reflexartig krümmte er sich zusammen, bevor heftiges, nicht zu unterdrückendes Zittern seinen Körper erfasste und die Kälte unerträglich wurde.
Er setzte sich auf,
Ein kaum wahrnehmbares Geräusch. Ein leises Knacken und Rascheln. »Herzlich willkommen, Oliver Murray.«
Die warme weibliche Stimme umspülte ihn wie das zarte Plätschern eines Bachs. »Du befindest dich an Bord des Kolonistenschiffs Dali und bist soeben aus der Sprungschlafphase, in die du während des Wieckel-Rhien-Raumsprungs versetzt wurdest, erwacht.«
Während die Stimme weiterredete, machte ein stumpfer Schmerz in seinem Kopf auf sich aufmerksam. Das dumpfe Pochen ähnelte den Migräneanfällen, unter denen er gelegentlich litt.
Die Erwähnung der Dali reaktivierte Olivers Erinnerungen. Er hatte sofort das majestätisch im Vakuum schwebende Raumschiff vor Augen, das viele Jahre lang direkt im Weltraum aus unzähligen vormontierten Modulkörpern zusammengebaut worden war.
Er erinnerte sich auch an die verschwommenen, grobpixeligen Fernsehbilder des neu entdeckten Planeten. Auf den schlecht aufgelösten Bilddaten sah er der Erde zum Verwechseln ähnlich. Automatische Sonden hatten mehr als zehn Jahre vor dem Start der Dali die verblüffenden Informationen über das sonnennahe Doppelsternsystem zur Erde gesandt. Prokyon A und B besaßen sechs Planeten, zwei umkreisten Prokyon A, und einer von ihnen war ein unberührter erdähnlicher Himmelskörper mit viel Wasser und einer auch für menschliche Lungen geeigneten Atmosphärenzusammensetzung.
Da ihn die Bord-KI geweckt hatte, schien das Schiff seinen Zielpunkt erreicht zu haben. Er befand sich demzufolge jetzt ganze zwölf Lichtjahre von der heimischen Sonne entfernt, genau im Orbit jenes erdähnlichen Planeten um Prokyon A. Leichter Schwindel erfasste ihn. Er schloss einen Moment die Augen und atmete in langsamem, gleichmäßigem Rhythmus. Konnte das wirklich sein?
Er erinnerte sich an ausführliche Lagebesprechungen und riesige Mengen von Informationsmaterial. Das meiste davon betraf den Planungsablauf während der ersten Wochen der Aufbauphase. Schon Monate, bevor die Schiffsbesatzung aus dem Kälteschlaf geholt wurde, sollten automatische Einheiten damit beginnen, ein großes Basismodul auf dem fremden Planeten zu errichten. In den integrierten Wohneinheiten konnten die Pioniere die ersten Wochen verbringen und die Besiedlung ihrer neuen Heimat vorbereiten.
Unter Schmerzen erhob sich Oliver und blickte sich um. Seltsam, sämtliche Cryokammern waren ausgefahren, die Liegen leer. Eigentlich hätte die gesamte Besatzung zur selben Zeit geweckt werden müssen. Er ging zur nebenstehenden Liege und berührte den Bezug. Das Material war kalt und wies keine Eindruckstellen auf. Er fuhr leicht mit der Handfläche darüber und zuckte zurück, als schwache Entladungen seine Fingerspitzen trafen.
Kira. Die Erinnerung an sie wischte augenblicklich alle anderen Empfindungen und Gedanken beiseite, und ein Gefühl der Wärme durchströmte ihn. Ihr Gesicht erschien vor seinem innerem Auge: ihr wacher, oft herausfordernder Blick, die eine Spur zu groß geratene Nase und der meist zu einem frechen Lächeln verzogene Mund. Aber in ihren Zügen standen auch Traurigkeit und Melancholie.
Sie hatten sich damals beide für den Flug ins Unbekannte entschieden, um dem sterbenden Lebensraum Erde zu entfliehen. Schon früh während des Studiums hatten sie sich kennengelernt, und es dauerte einige Zeit, bis er mit ihrer bisweilen unsensiblen Direktheit umgehen konnte. Nach dem Studium hatte Kira einen Job in der Forschung bekommen und konnte sich mit ihrem Lieblingsthema – autarken biologischen Systemen – beschäftigen. Das alles schien eine Ewigkeit her zu sein.
Oliver suchte sein Kleiderfach. Ein kleines Display über einem der grauen Schließfächer zeigte unruhig flackernd seinen Namen. Eine Berührung mit dem Finger entriegelte das codierte Schloss. Hose, Shirt, Unterwäsche und Strümpfe lagen sauber übereinandergestapelt. Das quälende Ziehen seiner Muskeln ignorierend, zog er sich an. Erst Minuten später und nachdem er monoton hin und her gelaufen war, ließ das Gefühl der Kälte langsam nach. Es dauerte noch fast eine halbe Stunde, bis sein Körper nicht mehr unkontrolliert zitterte.
Mit flauem Magen stellte er sich vor die Tür zum Hauptgang, und nahezu geräuschlos fuhr die Türplatte in den Spalt der Seitenwand ein. Er trat auf den Flur hinaus, hielt jedoch gleich darauf in seiner Bewegung inne. Der Gang war nur dürftig beleuchtet. Der größte Teil der Lichtquellen war ausgefallen und der Boden mit unzähligen Splittern übersät. Einen Moment lang kehrte das Zittern in seinen Körper zurück, und seine Füße drohten wegzurutschen. Mit leisem Rasseln schloss sich die Tür hinter ihm. Jetzt war der Korridor noch dunkler als zuvor.
Oliver verharrte einige Sekunden. Es war still, nirgendwo gab es eine Bewegung. Er zwang sich zu langsamen und tiefen Atemzügen und wartete, bis er der Kraft in seinen Beinen wieder vertraute. Dann ging er widerstrebend weiter, die Anspannung wie ein fester Knoten in der Brust.
Unter einer flackernden Lichtröhre bemerkte er einen großen dunklen Fleck auf dem Boden, und nach ein paar Schritten erkannte er eine getrocknete Blutlache. An einer Seite war das Blut der Länge nach verschmiert, als hätte man einen leblosen Körper über den Gang gezogen.
Die Tür zum Kontrollraum stand offen, und heraus drang furchtbarer Gestank. Oliver wurde augenblicklich übel, sodass er sich an der Wand abstützen musste und blassrosa Schleim erbrach.
∞
Er bedeckte die Leiche mit einem Tuch. Bei dem Toten handelte es sich um Ian, einen der vier Piloten. Er hatte den Namen von der ID-Card abgelesen. Der Schädel zeigte deutliche Spuren von Gewalteinwirkung, und anhand des Gesichts hätte er den hageren Piloten nicht wiedererkannt: verwüstet und aufgequollen, jedes individuelle Merkmal daraus verschwunden. Sein Tod musste schon vor Tagen eingetreten sein. Er würde die Leiche hier nicht so liegen lassen können, im Moment war er jedoch nicht in der Lage, sich darüber den Kopf zu zerbrechen.
Ian war relativ spät zum Auswahlteam gestoßen. Jetzt erinnerte er sich an weitere Gesichter von Mannschaftsmitgliedern, und plötzlich schoss es heiß durch seinen Körper. Was, wenn sie ihn hier allein zurückgelassen hatten? Wenn die Mannschaft Hals über Kopf geflüchtet war und ihn in seiner Cryokammer vergessen hatte?
∞
Oliver setzte sich vor eine Konsole, die ihm Zugang zum Schiffsbewusstsein ermöglichte, und aktivierte die Verbindung. Sein Blick wurde weiß überblendet, und sofort fand er sich im virtuellen Kontrollbereich wieder. Schnell hangelte er sich durch das Adergeflecht der Schiffskontrollen und stieß auf einen Teil stillgelegter Segmente. Entweder war das gesamte Antriebssystem außer Betrieb oder die Verbindung zum Schiffsbewusstsein fehlerhaft.
»Kommunikationskanal aktiv?«, fragte er.
»Positiv«, antwortete die weibliche Stimme des Schiffs. Sie wirkte warm und nicht wie die einer KI.
»Wie viele überlebende Besatzungsmitglieder sind an Bord?«
»Unbekannt. Keine Informationen.«
»Was ist mit dem Schiff passiert?«
»Frage bitte detaillierter.«
»Wodurch wurde ein Teil der Besatzungsmitglieder getötet?«
»Kollision mit Fremdkörper«, kam es nach einem kurzen Zögern. »Zu wenige Informationen …«
»Aktuelle Positionsbestimmung.«
Es folgten eine Reihe von Zahlen, aus denen er schlussfolgern konnte, dass die Dali ihr Ziel nicht erreicht hatte. Kalt und stechend drang diese Erkenntnis in sein Bewusstsein. Ein solch unerwarteter Zwischenstopp bedeutete das Ende der Expedition. Die Treibstoffreserven waren ausreichend für einen vollen Beschleunigungsvorgang, kleine Kurskorrekturen und den Bremsvorgang, mehr Spielraum gab es nicht. Möglicherweise trieb das Schiff antriebslos und Lichtjahre vom nächsten Stern entfernt durchs All. Für die Besatzung würde das eine ereignislose Existenz bis ans Ende ihrer Tage bedeuten.
»Gibt es weitere Lebenszeichen an Bord?«
»Zwei Impulse, Lebewesen Stufe eins, aus der Biozone; ein Impuls, Lebewesen Stufe drei, aus der Laborzone.«
»Bitte genauere Informationen zu Lebewesen Stufe drei.«
»Informationsbeschaffung nicht möglich. Lebensformen unbekannt.«
»Videoüberwachung in Laborzone aktivieren.«
»Videoüberwachung offline. Reparatur wegen Ausfall eines Teils der Regenerationssysteme nicht möglich.«
»Kommunikationskanal exit.«
Es folgte eine weitere Überblendung, und Oliver fand sich vor der Konsole wieder. Er lehnte sich zurück. Bei Lebewesen Stufe eins müsste es sich um Menschen handeln, aber was befand sich noch in der Laborzone? Dort waren allenfalls Organismen der Stufe sechs untergebracht. Von denen gab es jedoch keine Signatur. Kopfzerbrechen bereitete ihm besonders die Information über die Kollision mit einem Fremdkörper. Ein kleiner Meteorit konnte dem Schiff nur wenig anhaben, und ein größerer hätte es in seine Bestandteile zerlegt. Beides erklärte darüber hinaus weder die Abwesenheit der Besatzung noch den Toten.
Oliver stand auf, betrachtete die abgedeckte Leiche und musste unwillkürlich an Kira denken. Die Möglichkeit, sie könnte gestorben sein, nahm ihm den Atem. Er sackte zu Boden, starrte an die Wand und betrachtete die Unebenheit des Lacks, in dem sich kleine Bläschen abzeichneten, während es in seinem Kopf wütete. Die unerträgliche Vorstellung, Kira wäre für immer aus der Welt genommen, drang brutal in sein Bewusstsein. Wie mochte es ihr ergangen sein? Hatte sie Schmerz erleiden müssen? Aber diese Gedanken waren vorschnell: Er wusste rein gar nichts.
Es dauerte dennoch einige Minuten, bis er sich wieder beruhigt hatte. Er beugte sich nach vorn und blickte zu Boden. Ein heftiges Stechen malträtierte seinen Hinterkopf, begleitet von leichter Übelkeit. Er musste in die Biozone gelangen. Dort hatte das Schiffsbewusstsein Menschen ausgemacht, und er musste einen Weg zu ihnen finden.
∞
Ohne Appetit aß er die rehydrierte Gemüsemasse, kaute und schluckte mechanisch. Als er fertig war, stellte er den Teller in den Reiniger und lief zum Hauptgang. Bisher war er auf keinen weiteren Toten gestoßen. Irgendwo musste sich jedoch die zweihundertköpfige Besatzung befinden.
Er gelangte zum äußeren Transporterring und betätigte den Rufer.
»Verbindung zu den Sektoren drei, fünf und acht unterbrochen«, meldete der Schiffscomputer mit weicher, aber emotionsloser Stimme.
»Verdammt!«, rief er und schlug mit der Faust gegen die Tür. In Sektor fünf befand sich die Biozone, und er konnte sie ohne den Aufzug nur über das Notschleusensystem erreichen. Er ging zurück, um sich aus dem Ausrüstungsraum einen leichten Raumanzug zu holen. Als er den Ausrüstungsbereich betrat, fielen ihm sofort die vielen leeren Raumanzugfächer auf. Auch fehlten jede Menge Werkzeugtaschen und andere technische Ausrüstung.
Ein erster Hinweis …
Er schlüpfte in den ultraleichten Stoff und benötigte allein fast zwanzig Minuten, um die Verschlüsse zu sichern und die Kontrollaggregate auf seinen Körper abzustimmen. Das Display über seinem rechten Auge gab abwechselnd verschiedene Körperwerte wieder, und die Anzeige leuchtete beruhigend grün.
Auf dem Weg zum Schleusennotsystem fiel die Beleuchtung aus, und Oliver befand sich plötzlich in absoluter Dunkelheit. Erst jetzt wurde er auf ein leises Brummen aufmerksam, das von allen Seiten zu kommen schien. Er lauschte und beruhigte sich wieder. Vermutlich das Umwälzsystem für den Luftaustausch. Hin und wieder drang auch ein Rascheln oder Knacken an seine Ohren. Er bekam eine Ahnung davon, wie sich ein Blinder fühlen musste: die ganze Welt eine Blackbox, ständiges Auswendiglernen der Umgebung, direkte Konfrontation mit allen Hindernissen und jede Veränderung bedeutete Gefahr.
Als nichts weiter geschah, bewegte er sich langsam und mit ausgestreckten Händen voran. Nach wenigen Metern trat er gegen einen herumliegenden Gegenstand, der knirschend zur Seite rollte. Schließlich stieß er mit den Fingern schmerzhaft gegen die Wandverkleidung. Das Schiff erschien ihm unwirklich und fremd. Vielleicht war das alles ja nur ein Traum und er würde jeden Augenblick schweißgebadet aus seiner Koje hochschrecken. Er wollte raus aus dieser Situation. Er hatte genug davon.
Ein tiefes Rumoren drang durch die Schiffswände, während schwache Erschütterungen den Boden vibrieren ließen. Die Vibration erfasste seinen Körper und drang tief in seine Eingeweide, ein Gefühl, das zusammen mit der Dunkelheit die Energie aus seinem Körper zu pressen schien und alles rationale und klare Denken beiseite wischte.
»Scheiße«, schimpfte er mit kehliger Stimme, als er an den Scheinwerfer seines Anzugs dachte. Er hatte ihn einfach vergessen. Tiefschlafkoller … Er tippte zweimal kurz auf einen Sensor vor der Brust, und ein schmaler Lichtstrahl fegte die Dunkelheit vor ihm beiseite. Sein Körper entspannte sich wieder.
Trotz des Lichts wirkte der Gang düster und kalt. Oliver wagte zögernd einen Schritt nach vorn, aber da erzitterte der Boden erneut unter seinen Füßen, stärker als zuvor. Das Schiff schien massive Beschädigungen davongetragen zu haben. Was war hier passiert? Was hatte die Dali in einen solch verheerenden Zustand versetzt? Im selben Augenblick setzte sich eine beunruhigende Vorstellung in ihm fest. Was, wenn die Lebenserhaltungssysteme ausfielen? Er würde einige Tage, vielleicht sogar Wochen überleben, später aber jämmerlich krepieren, wenn der Sauerstoffgehalt in der Atemluft immer weiter abnahm. Vielleicht würde er vorher auch erfrieren. Das hing allein von der funktionierenden Energieversorgung ab. Vielleicht konnte er auch keine Speisen mehr zubereiten. Die Möglichkeiten zu sterben waren vielfältig. Kurz flackerten die Lichtelemente auf, dann wurde es wieder hell.
∞
Die Durchgänge des Schleusensystems waren so niedrig, dass er sich ducken musste. Hinter ihm schloss sich laut zischend und polternd die Tür. Erst jetzt war es möglich, den Durchgang zur nächsten Zelle zu öffnen. Die dritte Kabine war rot erleuchtet. Oliver aktivierte einen Schalter. »Einen Augenblick Geduld, Druckausgleich wird hergestellt«, vernahm er eine automatisch abgespielte Aufzeichnung. Das Fauchen entweichender Luft klang ihm in den Ohren, und einige Augenblicke später öffnete sich die Tür zur nächsten Zelle. Er zuckte zurück, als etwas Dunkles von der Decke fiel. Ein dumpfer Aufschlag, dann Stille.
Er verharrte einen Augenblick, schließlich betrat er vorsichtig den Raum. Über die linke Seite zog sich ein anderthalb Meter langer Riss, an dessen Rändern Brandspuren zu erkennen waren. Die Wände waren großflächig mit Ruß überzogen. Er näherte sich dem schwarzen Klumpen und stieß mit dem Fuß dagegen. Der Körper verrutschte ein wenig und hinterließ eine schmierige Spur. Es schien sich um den Kadaver eines Lebewesens zu handeln. Der verbrannte Körper war etwa so groß wie der einer ausgewachsenen Katze, aber die starken Verbrennungen machten eine genaue Identifikation unmöglich. Es war ihm ein Rätsel, wie das Tier an diesen Ort hatte geraten können, denn sämtliche Versuchstiere befanden sich in der Laborzone und hatten normalerweise nichts außerhalb dieses Bereichs verloren.
Er schaute sich den Riss genauer an. Nach den Ruß- und Schmelzspuren zu urteilen, war die Öffnung mit einem großen Laser erzeugt wurden. Sein Blick wanderte über verbrannte Kabelstränge und die glasige Schicht von verflüssigtem und wieder erstarrtem Oberflächenmaterial. Aus einer Schlaufe des Ausrüstungsgürtels zog er einen kleinen Hammer und klopfte gegen die schwarz glänzenden Ränder. Das Material war hart und spröde.
Oliver stützte sich an der Wand ab, als der Boden unter seinen Füßen ein weiteres Mal bebte. Diesmal waren die Erschütterungen so stark, als würden die Triebwerke der Dali gezündet. Der losbrechende Alarm sprengte fast seine Trommelfelle.
»Alarmstufe drei. Akute Explosionsgefahr«, meldete die Stimme des Schiffsbewusstseins in stoischer Unaufgeregtheit. »Notfallprogramm eingeleitet. Absprengung von Sektion sieben in sechzig Sekunden ab jetzt.«
Oliver legte sich auf den Boden und wartete.
»… achtundzwanzig … siebenundzwanzig … sechsundzwanzig …«
Ohrenbetäubendes Kreischen von Metall. Die Bodenplatten unter seinem Körper schwangen heftig auf und ab, sodass er mit dem Kopf mehrfach dagegen schlug. Ohne Halt wurde er einige Zentimeter in die Höhe geworfen, um dann umso heftiger auf den Boden zurückzustürzen. Sein Gesicht und seine Knie brannten und ließen seltsamerweise Erinnerungen an seine Kindheit wach werden.
Es war sein siebter Geburtstag. Er hatte ein wunderschönes blaues Fahrrad geschenkt bekommen und konnte es kaum erwarten, das neue Spielzeug auszuprobieren. Übermütig radelte er los und rutschte eine halbe Stunde später mit voller Geschwindigkeit in einem trockenen Sandloch aus, überschlug sich und brach sich dabei Schienbein und Nase.
»… acht … sieben …«
Kurzes Innehalten.
Lautlosigkeit.
»… zwei … eins … null …«
Ein kräftiger Stoß, während metallisches Ächzen durch die dünne Luft der Kabine atmete, dann kehrte die Ruhe zurück.
Oliver lag am Boden, in seinem Kopf ein dumpfes Rauschen. Aus nebelverhangener Tiefe pochte es blutrot gegen seine Stirn. Langsam und sich an der Wand abstützend erhob er sich. Seine Beine zitterten, und das linke Knie war taub. Er versuchte, es ganz durchzudrücken, und spürte sogleich ein Stechen, das stärker wurde, je gerader er das Bein streckte. Einige Minuten blieb er stehen und lauschte auf die Geräusche des Schiffs. Es knarzte und knirschte nur noch vereinzelt.
Einige Minuten später hatte er wieder genügend Kraft, um problemlos weiterzumachen. Langsam ging er ans andere Ende der Kabine, betätigte einen auffällig rot markierten Hebel und entriegelte die Tür zum Kabelschacht. Winzige Lampen, in einem Abstand von etwas mehr als einem Meter angebracht, erhellten die Dunkelheit. Über die grauen Kunststoffsprossen konnte man, ohne einen Aufzug benutzen zu müssen, auf die anderen Stationsebenen gelangen.
Oliver verband die kurze Sicherheitsleine mit seinem Anzug und stieg nach oben. Je weiter er kam, umso geringer wurde die durch Rotation erzeugte künstliche Schwerkraft, bis sie schließlich ganz nachließ. In der Beinaheschwerelosigkeit drehte er sich so, dass seine Füße jetzt dort standen, wo sich vorher sein Kopf befunden hatte. Einen Augenblick lang erlag er der Illusion, wieder hinabzusteigen.
An einigen Stellen war die Schachtummantelung verformt, und Rinnsale einer schmierigen schwarzen Flüssigkeit liefen über das mattblaue Metall. Ein Kurzschluss oder extreme Hitzeeinwirkung hatte einige Lampen platzen lassen.
Kurz vor dem Ende rutschte Oliver mit dem Fuß von der letzten Stufe und kam hart auf dem Boden auf. Glassplitter knirschten, und sein Knie sandte einen kurzen Schmerzimpuls ans Gehirn.
Die Schleusentür vor ihm war so stark eingedellt, als hätte jemand von der anderen Seite mit einem Rammbock dagegen geschlagen. Großflächig ausgetretenes Maschinenöl glänzte im Licht des Helmscheinwerfers. Er öffnete eine kleine Abdeckung an der Seite, hinter der sich die manuelle Entriegelungsvorrichtung befand, und versuchte den Hebel umzulegen. Verklemmt. Das Teil bewegte sich keinen Millimeter. Die Tür hatte sich so sehr verzogen, dass es unmöglich war, sie mit reiner Körperkraft zu öffnen.
zwei
Oliver bemühte sich nun seit mehreren Stunden, einen Weg zu finden, um Ians sterbliche Überreste aus dem beschädigten Schiff zu schaffen. Er empfand es als unerträglich, die Leiche irgendwo wegzuschließen, und der Weg zu den Kühlräumen war ihm im Moment ohnehin verwehrt. Schließlich begann er nach Alternativen zu suchen, um die Leiche loszuwerden. Widerstrebend fasste er schließlich den Entschluss, den leblosen Körper einzuäschern und über die Abfalleinrichtung aus dem Schiff zu befördern – die Karikatur einer Weltraumbestattung.
Er hatte Zugang zu einem Ofen, in dem man Proben für Experimente verbrennen konnte. Um vor dem entsetzlichen Gestank des verwesenden Körpers geschützt zu sein, zog er sich erneut den Raumanzug über, spritzte sich danach eine hohe Dosis Beruhigungsmittel und verfrachtete den Körper in einen blickdichten grauen Transportsack. So musste er bei dem mühevollen Transport nicht Ians verwüstetes Gesicht ertragen. Nach einem kurzen Innehalten schleifte er die Leiche schließlich in die Verbrennungsanlage.
Er versuchte die Arbeit emotionslos und nahezu maschinell zu erledigen, aber noch, während er die Leiche auf den rot markierten Verbrennungsbereich zerrte, drangen Bilder von Ian an die Oberfläche seines Bewusstseins. Ein so direkter Kontakt mit einem Toten ließ ihn an die eigene Sterblichkeit denken, und immer wieder drängte sich mit lähmender Kälte eine Vorstellung in sein vom Beruhigungsmittel betäubtes Denken: Das, was er hier fein säuberlich über den Branddüsen platzierte, war vor nicht allzu langer Zeit ein fühlendes und denkendes Lebewesen gewesen, eine einzigartige Persönlichkeit, die jetzt für alle Zeit ausgelöscht war. Ian hatte zwar nicht zu seinem engeren Freundeskreis gezählt, dennoch hatte er ihn in den Wochen vor der Tiefschlafphase als umgängliches und intelligentes Besatzungsmitglied erlebt.
Er verließ die Brennkammer, stellte über die Konsole die Temperatur ein und startete den Prozess. Sofort flutete helles Licht den Raum. Er konnte und wollte nicht ins Feuer schauen. Fünf Minuten später war die Leiche vollständig verbrannt. Die Absauganlage brummte, und er wusste die in einem Kunststoffbehälter versiegelte Asche auf dem Weg in den Weltraum.
Er holte Reinigungs- und Desinfektionsmittel aus dem Lager und säuberte Ians Tiefschlafkammer. Danach fühlte er sich wie von einer schweren Last befreit und war zum Umfallen müde. Obwohl es ihm schwerfiel, die Augen offenzuhalten – das Beruhigungsmittel kreiste noch immer durch seine Arterien –, legte er sich nicht in das für ihn vorgesehene Bett in den Gemeinschaftskabinen, denn ihm war nicht wohl dabei. Stattdessen breitete er in der schmalen Wäschekammer ein paar Decken auf dem Boden aus, verschloss die Tür und ließ sich auf das provisorische Lager nieder.
Es dauerte nur wenige Augenblicke, und er war fest eingeschlafen.
∞
Neun Stunden später erwachte er. Sein Kopf war sofort überraschend klar, und auch sein Knie ließ sich nahezu schmerzfrei belasten. Bei einem kurzen Frühstück mit Toast, Marmelade und bitterem Kaffee (Milch verweigerte der Automat) legte er sich die nächsten Schritte zurecht.
Der einzige verbliebene Weg zur Biozone führte an der Außenhülle des Schiffs entlang. Über den Schiffscomputer rief er die Detailpläne der Dali ab und übertrug die Daten zur Sicherheit in den Raumanzugcomputer. Möglicherweise würde er den Kontakt zur Schiffs-KI verlieren, sobald er die mehrschichtige Schutzhaut der Dali verließ.
Er studierte die Pläne. Die Dali verfügte über eine ganze Reihe von Schleusensystemen, eine Sicherheitsmaßnahme für Havariefälle. Eines dieser Notsysteme befand sich auch im Bereich der Biozone.
Oliver zog sich erneut den Raumanzug über. Da er nicht wusste, welche Überraschungen dort auf ihn warteten, bewaffnete er sich mit einem Laserskalpell. Zur Waffenkammer bekam er keinen Zutritt, da ihm der Zugangscode und auch die Berechtigungsfreigabe, die mittels Netzhautscan autorisiert wurde, fehlten. Er justierte das Laserskalpell auf Höchstleistung und begann mit dem Ausstieg.
∞
Das äußere Schleusenschott fuhr zur Seite und gab den Blick frei auf die sternenfunkelnde Schwärze des Weltraums. Oliver klammerte sich unwillkürlich an die Griffmulden, die rechts und links von ihm angebracht waren, denn das lähmende Gefühl, hinaus in die Leere gesogen zu werden, beherrschte augenblicklich sein gesamtes Denken und Fühlen. Vor sich hatte er ein gähnendes und grenzenloses Nichts, das alles in sich aufzusaugen schien. Die rotierende Signalanlage der Schleusenbeleuchtung tauchte die Kammer in periodisch ab- und anschwellendes rotes Licht. Beim Blick in den Weltraum verlor er jegliches Gefühl für Entfernungen, es gab nur diese grenzenlose, unbegreifliche Weite und eine unerbittliche, bis in die Eingeweide dringende Kälte.
Mit zitternden Fingern aktivierte er die Magnetschuhe und stieg langsam und mit unsicheren Schritten über die dunkle und schartig zerkratzte Schleusenmulde hinweg zur Außenhülle der Dali.
Über ihm spannte sich ein riesiger, funkelnder Abgrund – entsetzliche Bodenlosigkeit, der er nichts entgegenzusetzen hatte. Unter ihm war eine glatte dunkle Fläche, die sich scheinbar endlos in alle Richtungen erstreckte, ein mächtiger metallener Fels, dessen schützendes Inneres er soeben verlassen hatte. Sein Herz raste, und sein Atem ging in kurzen, heftigen Intervallen. Er krümmte sich zusammen und wollte sich an die Schiffshülle schmiegen, Halt finden, doch es gab hier keinen sicheren Ort. Da war nur der endlose Abgrund, der ihn mit kalten Fingern vom Schiff zu pflücken versuchte. Er spritzte sich erneut etwas Beruhigungsmittel.
Das Mittel wirkte schnell. Knapp zehn Minuten später – und mit einer zusätzlichen Portion künstlicher Gelassenheit – setzte er seinen Weg fort. Die Fliehkraft war an dieser Stelle des Schiffs kaum zu spüren, und er stellte die Leistung der Magnetschuhe auf den kleinstmöglichen Wert ein. So fiel das Laufen leichter. Er bewegte sich sehr vorsichtig, um ja nicht den Kontakt zur Schiffshülle zu verlieren. Da er sich nicht mit einem Seil gesichert hatte (dazu benötigte man eine zweite Person), würde jeder Fehltritt mit einem langsamen, einsamen Tod bestraft werden.
Er erinnerte sich noch sehr genau an die Trainingsphase vor dem Abflug der Dali aus dem Marsorbit. Aus rund dreihunderttausend Bewerbern weltweit hatte man siebenhundert Personen herausgefiltert, die für einen solchen Raumflug überhaupt infrage kamen. Drei Jahre hatten die Auserwählten Zeit, in einer Vielzahl von Übungseinsätzen zu beweisen, dass die in sie gesetzten Erwartungen berechtigt waren. Eine dieser Übungen bestand darin, an der noch im Bau befindlichen Dali einen Weltraumspaziergang durchzuführen. Die sonst immer zu Späßen aufgelegte Gruppe, der Oliver zugeteilt war, verhielt sich schon vor dem Betreten des Shuttles sehr schweigsam. Die Anspannung war jedem Einzelnen vom Gesicht abzulesen. Als sie in die Weite des Alls entlassen wurden, begann die schlimmste Stunde seines Lebens. Virtuell hatte er schon Hunderte von Weltraumspaziergängen erfolgreich abgeschlossen und war daher umso überraschter, eine so extreme körperliche Reaktion zu erleben. Das Gefühl war vergleichbar mit einer ins Unerträgliche gesteigerten Höhenangst. Er verlor die Kontrolle über seinen Körper, jede seiner Bewegungen war geprägt von Unsicherheit und der panischen Angst, den Halt zu verlieren und ins All davonzutreiben, schutzlos in die Unendlichkeit zu stürzen. Ringsherum war nur Leere, die ihn sich einzuverleiben drohte, eine Ahnung vom Sterben. Die Empfindung war so stark, dass er sich – von klobigen Magnetschuhen gehalten – zusammenkauerte, während er dem übermächtigen Drang widerstand, zurück ins Shuttleschiff zu kriechen. Mit großer Überwindung gelang es ihm dennoch, den anderen auf dem Weg über die dunkle Schiffshülle zu folgen. Wie er später erfuhr, hatten sich einige andere Mitglieder des Teams während des Außeneinsatzes wie in einem Rausch der Befreiung gefühlt.
Jetzt stand er erneut vor diesem fürchterlichen Abgrund und kämpfte mit seiner Angst. Er bewegte sich langsam vorwärts und hörte dabei nur die gleichmäßigen Geräusche der lebenserhaltenden Anlagen des Raumanzugs und seinen eigenen, übermäßig lauten Atem. Von außen erreichte ihn nicht der geringste Ton. Ein Display übermittelte ihm eine halbtransparente Darstellung der Dali und seinen aktuellen Standort. Der Zielpunkt war weiß hervorgehoben, und ein Richtungspfeil wies ihm den Weg. Er musste fast dreihundert Meter zurücklegen und bewegte sich dabei so langsam, dass er den Eindruck gewann, überhaupt nicht voranzukommen. Er durfte auf diesem kleinen Stück Weg auf keinen Fall in Panik geraten.
Er blickte starr nach unten und setzte sorgsam einen Fuß vor den anderen. Obwohl er sich dabei lächerlich vorkam, zählte er laut jeden seiner Schritte, bis er auf ein Hindernis stieß. Vor ihm ragte ein unförmiger schwarzer Klumpen über einen Meter in die Höhe. Es sah aus, als hätte jemand ein gewaltiges Stück Holzkohle durch den Schiffsrumpf getrieben. Der Übergang zwischen der Dali und dem Fremdkörper verlief in wulstigen Formen, ein Anzeichen extremer Hitzeeinwirkung. Das Material des Brockens schien keinerlei Licht zu reflektieren und wirkte absolut schwarz. Oliver zog einen schmalen Automatikschrauber aus der Werkzeugtasche des Raumanzugs und hieb damit auf das seltsame Material. Die Spitze des Schraubers drang fast ohne Widerstand in den schwarzen Riesenklumpen. Zumindest die äußere Schicht des Objekts schien also porös zu sein. Fasziniert beobachtete er die kleinen Brocken, die sich von der schwarzen Masse lösten und träge nach oben schwebten. Er erhöhte den Druck und drang mit dem Werkzeug noch tiefer in das schwarze Etwas, und plötzlich traf die Spitze des Schraubers auf festeres Material. Oliver stockte, und der Schrauber vibrierte heftig. Der Helmlautsprecher gab ein unerträglich lautes Kreischen von sich, bevor er mit einem spitzen Knall verstummte. Die Anzeigen in seinem Display spielten verrückt, und für einen Augenblick schienen auch die lebenserhaltenden Systeme auszusetzen.
Oliver löste seine Hand von dem heftig hin und her schlagenden Werkzeug, der Griff begann zu glühen, um einen Augenblick später grell aufzulodern und lautlos in einer kleinen Explosion zu zerplatzen, während Oliver einen kurzen, aber heftigen Schlag gegen seinen Oberarm verspürte. Ein kleiner Kringel sofort härtenden Dichtungsmaterials trat an der Aufprallstelle des Raumanzugs aus. Erst Sekunden später spürte er einen stechenden Schmerz.
In seinen Ohren rauschte es, und Panik drang durch den zähen Dunst des Beruhigungsmittels. Schweißtropfen liefen ihm über die Stirn und gerieten ihm in die Augen. Es brannte, Tränen flossen, sein Atem ging wieder stoßweise.
»Entspann dich, verdammt noch mal.«
Er hielt einen Augenblick inne, atmete langsam ein und aus. Das Display schien wieder zu funktionieren und zeigte die vertrauten Anzeigen. Unruhig sah er auf die Zahlen. Bis auf die erhöhten Stresswerte ging es ihm gut. Echte Verletzungen hatte er nicht davongetragen. Er war gesund, körperlich unversehrt. Sein Atem ging jedoch noch immer zu schnell. Er musste es langsam angehen. Für den Weg hatte er schließlich Zeit im Überfluss. Er schloss die Augen und konzentrierte sich auf sein nächstes Ziel.
Wenige Minuten später fühlte er sich wieder kräftig genug, um den Weg fortzusetzen. Vorsichtshalber machte er einen Bogen um das seltsame Objekt und orientierte sich wieder am Richtungspfeil auf seinem Helmdisplay.
Schneller als erwartet hatte er die Hälfte der Strecke zurückgelegt, aber dann stockte er unvermittelt in seiner gleichmäßigen Bewegung. Von irgendwoher schien blaues Licht. Er schaute auf, ließ den Blick langsam über die grau schimmernde, an einigen Stellen von klobigen Aufbauten unterbrochene Außenhülle der Dali wandern, die die Welt wie ein metallener Horizont in Oben und Unten zerteilte. Über dieser Trennlinie erhob sich jetzt der Leib eines riesigen Gasplaneten, der Stück für Stück höher stieg. Riesige Wolkenwirbel zogen durch seine Atmosphäre und flossen in zarten Blautönen ineinander. Als etwa zwei Drittel des Planeten zu sehen waren, stieg ein weiterer Himmelskörper über den künstlichen Horizont: ein gelb leuchtender und tief zerfurchter Ball, der einen harten Kontrast zur riesigen Fläche des Gasplaneten abgab. Es konnte sich eigentlich nur um einen Mond des Riesenplaneten handeln. Er befand sich so nah an der Dali, dass Oliver sogar Einzelheiten auf der Oberfläche ausmachen konnte. Am auffälligsten war ein gewaltiger, an den Rändern fransig auslaufender dunkler Fleck. Auf der Schattenseite waren winzige Lichter zu erkennen, möglicherweise aktive Vulkane.
Dies war zweifellos nicht der Planet, auf dem die Kolonisten der Dali landen sollten. Von »erdähnlich« konnte keine Rede sein.
Zumindest war das Schiff nicht irgendwo im sternenleeren Raum gestrandet.
Das ließ Oliver neue Hoffnung schöpfen.
∞
Das äußere Schleusentor zur Biozone war unversehrt. Er klappte die Verkleidung für den Öffnungsmechanismus zur Seite, zog den Entriegelungsgriff heraus und drückte auf den roten Sensor. Es dauerte einige Sekunden, bis die Tür mit einer weichen Bewegung in die Schiffswand glitt und Oliver die rot ausgeleuchtete Kabine betreten konnte. Nachdem er den Druckausgleich hinter sich gebracht hatte, schlüpfte er sofort aus dem Anzug. Auf seinem rechten Oberarm hatte sich ein dunkelblauer, im Zentrum blutverschorfter Fleck gebildet. Erst jetzt begriff er sein unglaubliches Glück. Hätte der Splitter das Gewebe des Raumanzugs komplett durchschlagen, wäre er nicht so glimpflich davongekommen. Was auch immer sich da in die Schiffshülle gebohrt hatte, schien hochenergetisch zu sein. Oliver beschloss, vorerst die Finger davon zu lassen.
Er betrat den Bürokomplex der Biozone. Die Energieversorgung war zumindest so weit intakt, dass sich die Deckenbeleuchtung einschaltete, sobald er den Hauptgang betrat. Hier herrschte noch größeres Durcheinander als in den Mannschaftsunterkünften. Der Boden war von zerbrochenen Glasampullen und zertrümmerten Gerätschaften bedeckt. In einer Ecke häuften sich Hunderte handbeschrifteter Speicherkarten, entweder in der Mitte zerschnitten oder durchgebrochen.
Oliver war mit der Anordnung der Räumlichkeiten in der Biozone nicht allzu vertraut. Als Kybernetiker war er eher im Technikbereich zu Hause. Er betätigte den Sensor für den Zugang zur Forschungsabteilung, zeitgleich durchlief eine heftige Erschütterung das Schiff. Er stützte sich an der Wand ab und wartete, bis alles vorüber war. Eine lose Platte der Deckenverkleidung stürzte auf die Glasscherben und ließ die Splitter in alle Richtungen durch den Gang springen. Das Licht flackerte kurz, erlosch aber nicht.
»Achtung! Die Lagerbereiche drei und vier wurden aus Sicherheitsgründen abgeriegelt. Zugang unterbrochen«, meldete die Schiffs-KI.
Oliver betätigte noch einmal den Sensor, aber die Tür blieb verschlossen. »Dali 001«, rief er und aktivierte so die Stimmkommunikation mit der Schiffs-KI.
»Kommunikation aktiv«, vernahm er die kybernetische Seele des Schiffs.
»Tür 475 entriegeln.«
Er vernahm ein kurzes Klicken. »Tür 475 entriegelt«, meldete die Schiffs-KI.
Er zwängte seine Finger in den Türspalt und drückte die beiden Türhälften auseinander. Im Bürokomplex funktionierte immerhin noch die Notbeleuchtung und tauchte die Umgebung in gedämpftes rotes Licht. Eine beschädigte Computerkonsole brummte laut, die Displayscheibe war nach hinten gebogen und flimmerte nur noch blau. Oliver zog den Handcomputer aus der Gürtelhalterung und rief den Grundriss der Umgebung auf das Display. Die Signale, die Lebensformen anzeigten, stammten aus der Forschungssektion. Der Weg dorthin war nicht mehr weit: er durchquerte zwei weitere Räume, nahm den rechten Gang und betrat das erste Labor rechts.
Im nächsten Raum musste er über umgestürzte Arbeitstische und Stühle steigen, und obwohl ein ganzes Bündel Kabel aus der Decke hing, schien die Interfacekonsole am Ende des Zimmers zu funktionieren.
Der Anblick des silbern schimmernden Apparats weckte sofort die Erinnerung an Kira. Seltsame Unruhe stieg in ihm auf, und er fuhr sich mit der Zunge über die plötzlich trockenen Lippen. Ein wenig fürchtete er sich davor, das Gerät zu benutzen. Kira hatte mit Sicherheit den Kontakt zu ihrem Avatar aufrechterhalten. Vielleicht konnte er mithilfe der Avatars etwas über den schrecklichen Zustand des Schiffs erfahren.
Er nahm vor der Konsole Platz, verband die losen Kabelenden mit seiner Implantatschnittstelle und nahm Kontakt zu seinem Avatar auf.
Die Verbindung schloss sich.
∞
Er stürzte ins Nichts.
Und in Dunkelheit.
Sein Cybermodul glich in Sekundenbruchteilen die gespeicherten Erlebnisdaten mit seinem virtuellen Stellvertreter ab, und einen Augenblick später befand er sich in einem leeren Wartesaal. Er saß auf einem der Stühle, die die Wände säumten.
Das, was ihnen in der Dali als virtuelle Parallelwelt zur Verfügung stand, war nur eine Miniaturausgabe des virtuellen Subuniversums der Erde. Die Datennetze des Blauen Planeten durchdrang ein stetig wachsendes Avataruniversum mit unzähligen Illusionswelten, das von aktiven und halbaktiven Avatars bevölkert wurde. Aktive Avatare agierten weitestgehend autark, sodass man nie genau wissen konnte, ob ihre Realpersönlichkeit noch lebte oder allein ihre digitale Kopie weiterexistierte. Solange Geld floss – aus welchen Quellen auch immer –, blieb auch der Avatar aktiv. Einige Avatars besaßen sogar die Berechtigung, als virtuelle Stellvertreter Geschäfte abzuschließen.
Auf der Dali hatte man ein von der Erde unabhängiges Avataruniversum – von den Entwicklern Oz genannt – installiert, das die Besatzungsmitglieder ganz nach ihren persönlichen Bedürfnissen weiterentwickeln konnten. Es war offener und flexibler als das Avataruniversum der Erde.
Oliver erhob sich und ging zu der Tür mit der Aufschrift Kira Adams. Er drückte seine Handfläche gegen den blau leuchtenden Sensor in Augenhöhe, die Tür verblasste und gab den Blick frei auf das Postkartenklischee einer maritimen Landschaft. Er schaute über ein von Wellenkämmen gezeichnetes Meer. Darüber ein tiefblauer Himmel. Die Sonne warf lange Streifen glitzernden Lichts auf das Wasser.
Er betrat Kiras virtuelles Heim, seine nackten Füße berührten warmen, sandigen Untergrund. Milde, nach Salzwasser riechende Luft umspülte seinen Körper und füllte seine Lungen. Der intensive Geruch machte ihn trunken.
Seine Füße versanken fast bis zu den Knöcheln im heißen Sand, als er auf die kleine Hütte zulief. Er drehte sich kurz um: Die Tür, durch die er gekommen war – ein bizarrer Fremdkörper auf dem Strand – warf einen kurzen, scharf umrissenen Schatten.
Wie immer war er von der perfekten Illusion der virtuellen Umgebung fasziniert. Obwohl er wusste, dass das alles nur in seinem Kopf Gestalt annahm, erlag er sofort der alle Sinne umfassenden Täuschung.
Er erreichte die Hütte und öffnete die Tür. Es roch leicht süßlich nach Kirschbaumholz. Darinnen befanden sich ein runder Tisch, drei kleine Hocker und ein körperloses Licht, das direkt unter der Decke schwebte. Kira stand am Fenster und schaute hinaus aufs Meer.
»Hallo, Oliver«, sagte sie und drehte sich zu ihm um. »Ich habe lange auf dich gewartet.«
Verunsichert betrachtete er ihr Abbild, das so nah und lebensecht vor ihm stand. Doch er war nicht nur unsicher, sondern auch traurig und wütend über die Hilflosigkeit und die Ohnmacht, die jeden seiner Schritte begleiteten.
Kira strich sich eine Strähne ihres halblangen schwarzen Haars aus dem schmalen Gesicht. Ihr Mund war leicht geöffnet – wie immer, wenn sie auf eine Antwort wartete. Sie trug ein weißes ärmelloses Oberteil und einen halblangen hellen Rock, mit einem Muster aus japanisch anmutenden Schriftzeichen.
Oliver schaute in ihre großen, grünlich schimmernden Augen und musste sich zusammenreißen, sich nicht an sie zu drängen, sie zu umarmen und zu küssen. Es gab auf der Erde genügend Avatars, die nur deshalb noch existierten, weil sie den Platz eines verstorbenen oder verlorenen Partners eingenommen hatten. Er wusste nicht, ob er ein solches Leben führen könnte. Außerdem hoffte er, dass Kira noch am Leben war.
»Schön, dich zu sehen«, erwiderte er kühl. »Ich brauche deine Hilfe.«
»Gib mir zuerst einen Kuss«, verlangte der Avatar.
Oliver zögerte einen Augenblick, bevor er nachgab. Es war ein kurzer, flüchtiger Kuss, und Kira blickte ihn daraufhin verwirrt an. Er schaute in ihr trauriges Gesicht und umfasste ihre Schultern.
»Kira, bitte hör mir genau zu. Auf der Dali hat sich eine Katastrophe ereignet. Ich bin auf mich allein gestellt, und das Schiff ist in einem schlimmen Zustand. Bisher habe ich nur die Leiche von Ian – er gehörte zum Pilotenteam – gefunden. Seine Verletzungen sahen so aus, als hätte man ihn niedergeschlagen. Von dir und den anderen Besatzungsmitgliedern fehlt jede Spur. Hast du eine Ahnung, was passiert sein könnte?«
Er hoffte, den Avatar damit nicht zu überfordern.
Kira stand einige Sekunden erstarrt vor ihm, als würde sie intensiv nachdenken. Er konnte ihren warmen Körper unter seinen Händen spüren und den schwachen Hauch ihres Atems auf seiner Haut.
Schließlich antwortete sie: »Die Sensoren der Dali empfingen vor einigen Wochen ein auffällig gepulstes Signal. Es schien künstlichen Ursprungs zu sein und wurde von einem sich bewegenden Objekt abgestrahlt. Die Schiffs-KI entschied sich daraufhin, die im Notfallprotokoll hinterlegten Maßnahmen einzuleiten. Die Sprungschlafphase einiger ausgewählter Besatzungsmitglieder wurde unterbrochen, während das Schiff die Lebenserhaltungssysteme hochfuhr.
Später überprüften die reanimierten Besatzungsmitglieder das Datenmaterial. Nach umfangreichen Tests waren sie sich schließlich einig: Die empfangenen Daten entstammten keiner natürlichen Quelle. Das Signal wies zudem eine extrem hohe Informationsdichte auf. Eine Entschlüsselung, sofern überhaupt möglich, würde wohl Jahre in Anspruch nehmen.
Wegen der besonderen Situation – und vor allem wegen der unmittelbaren Nähe der Dali zur Signalquelle – fasste die Gruppe den Entschluss, den Raumsprung der Dali zu unterbrechen. Ein gewagtes und energieintensives Vorhaben, doch vielleicht war dieses Signal der lang erwartete Beweis für außerirdisches Leben im Universum. Diese einmalige Chance wollte man sich nicht entgehen lassen.«
Kiras Avatar stockte einen Augenblick. Sie wirkte so ruhig und unaufgeregt, als hätte sie gerade übers Wetter gesprochen.
»Mehr Informationen habe ich nicht. Das ist alles, was ich weiß. Bist du jetzt glücklich?«
Oliver trat einen Schritt zurück. Ein Kribbeln lief ihm über den Rücken bis zum Schädel hinauf. Es war Wahnsinn, was ihm der Avatar gerade anvertraut hatte.
»Weißt du, wo genau sich die Dali jetzt befindet?«
»Nein, dazu kann ich dir nichts sagen. Die Signalquelle befand sich jedenfalls in der Nähe eines anderen Sonnensystems. Ich besitze leider nur rudimentäre astronomische Kenntnisse. Vielleicht kann einer der anderen Avatars diese Frage beantworten.
Wichtig ist möglicherweise noch eine andere Entdeckung. Nach den Routineüberprüfungen stellte man schnell eine Kursabweichung der Dali fest. Die Untersuchungen über die Gründe und darüber, weshalb kein Alarm gegeben wurde, verschob man auf später. Möglicherweise gab es einen Versuch, das Schiff zu sabotieren.«
»Wann hattest du deinen letzten Datenabgleich mit Kira?«, fragte Oliver.
»Vor zweihundertzwölf Stunden und acht Minuten.«
Er wandte sich abrupt ab und verließ ihr digitales Zuhause. Er konnte die Situation nicht länger ertragen.
»Glaubst du, Kira ist tot?«, hörte er ihre Stimme dünn aus der Hütte dringen, aber er lief ohne Antwort zu der einsam auf dem Strand stehenden Tür.
∞
Im Wartesaal setzte er sich erneut auf einen der weich gepolsterten Stühle und lehnte sich zurück. Welcher Avatar war am ehesten in der Lage, ihm Antworten auf seine Fragen zu geben? Sebastian vielleicht? Er war Astrophysiker und konnte ihm zumindest konkretere Auskünfte über den Standort der Dali geben. Leider hatte sich Captain Randall keinen Avatar einrichten lassen. Er hätte sicher die meisten Fragen beantworten können.
Er erhob sich und näherte sich dem Zugang zu Sebastians Reich: ein klobiges Monster von Metalltür mit oben abgerundetem eisenbeschlagenen Rahmen und dicken grauen Eisennieten, die die ganze Konstruktion zusammenhielten. Diese Tür hätte in der Nautilus, Jules Vernes fantastischem Unterseeboot, Verwendung finden können.
Er durchschritt sie und wechselte mit dem leisen Plop eines kleinen Luftwirbels in Sebastians Welt.
Dort herrschten Dunkelheit und eisige Kälte.
Er schloss die Tür und fühlte sich plötzlich spürbar leichter. Sein virtuelles Ich stand auf einem riesigen Felsfragment, das in der Dunkelheit des Weltalls schwebte. Nicht weit von ihm entfernt trieben weitere Bruchstücke aus Gestein und funkelndem Kristall durch den Raum, einige ähnelten gigantischen, abgebrochenen Eiszapfen. Einige Meter von ihm entfernt entdeckte er ein leuchtendes grünes Kreuz auf dem Boden. Er lief darauf zu, und als er kurz davor stand, rutschte das Kreuz von ihm weg. Oliver hatte schon einiges über Sebastians Späße gehört und bisher vermieden, seinen Avatar aufzusuchen. Zu einer anderen Zeit hätte er sich sicherlich köstlich amüsiert, einem grünen Markierungszeichen hinterherhetzen zu müssen, doch jetzt ärgerte es ihn. Nach einem wüsten Zickzackkurs und kurz bevor er seinen Entschluss in die Tat umsetzen konnte, aus diesem Unfuguniversum zu verschwinden, verharrte das Kreuz am Boden.
Oliver trat auf die grüne Markierung, und unter seinen Füßen öffnete sich ein dunkler Schlund. Er stürzte mit rasender Geschwindigkeit in die Tiefe und stand Augenblicke später in einem Irrgarten unzähliger riesiger Spiegel. Statt seines eigenen Gesichts erblickte er überall Sebastians Antlitz.
»Komm zu mir!«, flüsterten die Spiegelsebastians von allen Seiten, dann wurden sie durchsichtig und gaben den Blick auf eine endlose graue Ebene frei, die sich völlig flach bis zum Horizont erstreckte, überspannt von einer gelben, konturlosen Kuppel als Himmel, die sanftes, warmes Licht abstrahlte.
»Setz dich«, forderte Sebastian ihn auf. Sein Avatar saß auf einer altmodischen roten Ledercouch, rechts von ihm befand sich ein winziger dunkelbrauner Tisch mit einem Grammofon darauf, und ihm gegenüber stand eine zweite Couch. Oliver setzte sich auf den angebotenen Platz. Ihre Blicke trafen sich.
»Ich warte schon ziemlich lange auf Besuch«, begann Sebastian das Gespräch. »Genau wie die anderen. Was ist da draußen bei euch los?«
»Ich hatte eigentlich gehofft, von dir eine Antwort darauf zu erhalten«, erwiderte Oliver. »Die Dali ist ein Geisterschiff. Als ich aus der Sprungschlafphase erwachte, waren die anderen Liegen leer. Keine Spur von der restlichen Besatzung. Kurz darauf stieß ich auf die verstümmelte Leiche von Ian. Ich nahm sofort Kontakt zum Schiffsbewusstsein auf. Die KI berichtete von schweren Beschädigungen an Bord. Einige Sektionen wurden abgeriegelt, andere sogar abgesprengt. Als sie mich auf Lebensformen in der Biozone aufmerksam machte, hatte ich endlich ein Ziel, das ich angehen konnte.
Wegen starker Beschädigungen am Schiff war der direkte Weg dahin jedoch versperrt. Ich musste eine alternative Route über die Schiffshülle suchen. Bei meinem Spaziergang über die Außenhülle entdeckte ich einen Fremdkörper, der sich in die Schiffshülle geschmolzen hatte. Ich war so unvorsichtig und stocherte an dem Teil herum, dabei löste ich eine Art Miniexplosion aus. Glücklicherweise kam ich mit dem Schrecken davon. Ich erreichte schließlich den Zugang zur Biozone, und bei meiner Suche stieß ich auf ein intaktes Cyberterminal. Ich überlegte nicht lange und loggte mich ein. Zuerst besuchte ich Kiras Avatar, und jetzt bin bei dir. Was hat all das zu bedeuten?«
Sebastian legte die Beine übereinander, wie es auch der lebende Sebastian getan hätte. Sein rundliches Gesicht mit der gewaltigen Nase wirkte mit einem Mal angespannt.
»Da du noch nichts über den Kontakt mit dem fremden Schiff erfahren hast und völlig allein auf der Dali erwacht bist, scheint tatsächlich etwas Unerwartetes vorgefallen zu sein.
Ich versuche die Geschehnisse – soweit sie mir bekannt sind – für dich zu rekonstruieren. Dass die Dali aufgrund eines fremden Funksignals ihren Flug unterbrochen hat, weißt du ja schon. Den Ausgangspunkt des Signals lokalisierte man in der Nähe von Wolf 28. Der Sender trieb langsam aus dem Einflussbereich des Sterns. Als die Dali die Signalquelle erreichte, fanden die Wissenschaftler ein fremdes Raumschiff.«
Sebastian machte eine kurze Bewegung mit der Hand, und zwischen ihnen manifestierte sich ein Hologramm des Raumschiffs.
»Der fremde Flugkörper besteht aus Hunderten unterschiedlich dicker und miteinander verbundener, parallel verlaufender Röhren. Manche von ihnen besitzen einen Durchmesser von bis zu zehn und eine Länge von zweihundertfünfzig Metern. Sie verlaufen an einem Ende des Schiffs geradeaus, knicken am anderen Ende kreisförmig von der Mittelachse weg und erscheinen wie ein halb geöffneter Blütenkelch. Einige Stellen des Schiffs weisen großflächige Beschädigungen auf.
Die Forscher entdeckten im Rumpf eine ganze Reihe Lecks, um die das Oberflächenmaterial verformt und geschmolzen war.
Inzwischen machten sie auch bei der Entschlüsselung des empfangenen Signals Fortschritte. Ein winziger und separat gehaltener Teil erwies sich als wesentlich simpler strukturiert als der Rest des Datenmaterials. Sie identifizierten es im Laufe der Untersuchungen als eine Art Notruf. Alle hundertachtunddreißig Minuten sandte das Schiff diese zweiunddreißig Sekunden lange Botschaft immer gleichen Inhalts in den Raum. Nachdem sie vergeblich versucht hatten, über Funk- und Lichtsignale Kontakt mit dem fremden Schiff aufzunehmen, entschieden sie sich schließlich dafür, ein Einsatzteam direkt hineinzuschicken. Vielleicht kämpften dort ja fremde Lebewesen ums Überleben.
Die Dali manövrierte bis auf wenige Meter an das beschädigte Raumschiff heran, sodass sich eine der stationären Ausstiegsschleusen und eines der Löcher im Rumpf des fremden Schiffs direkt gegenüberlagen. Beide Schiffe wurden mit einem flexiblen Schlauchmodul verbunden, und ein Team von Wissenschaftlern machte sich auf den Weg in das Alienschiff.«
Sebastian verstummte einen Augenblick. Es schien, als würde er selbst über das soeben Geschilderte nachgrübeln. Dann lächelte er fast entschuldigend.
»Das sind die letzten Informationen, über die ich verfüge.«
Oliver war völlig überfordert. Allein der Kontakt der Dali mit einem fremden Raumschiff versetzte ihn in eine Art Rausch. Doch möglicherweise verbarg sich dort etwas furchtbar Schreckliches, etwas, das zu einer tödlichen Bedrohung für die Besatzung der Dali geworden war.
»Kannst du mir sagen, ob die Dali noch an dem fremden Schiff angedockt ist, und wenn ja, an welcher Stelle?«
»Da musst du die Schiffs-KI fragen«, erwiderte Sebastian.
»Dali 001«, rief Oliver und vernahm sofort die Bereitschaftsmeldung des Schiffsbewusstseins. »Befindet sich die Dali noch in Kontakt mit dem außerirdischen Raumschiff?«, fragte er.
»Positiv. Seit hundertvierundneunzig Stunden besteht über einen provisorischen Tunnel eine direkte Verbindung zwischen der Dali und einem nicht katalogisierten Raumschiff.«
»An welcher Stelle wurde der Verbindungstunnel errichtet?«
»Triebwerkssektion, Schleusenbereich drei.«
Damit hatte er fast schon gerechnet. Die Triebwerkssektion war eine rotationsfreie Zone und daher ohne künstliche Schwerkraft. Der Weg dorthin würde beschwerlich werden, da sich der Bereich genau am anderen Ende des Schiffs befand. Doch das hatte Zeit. Zuerst wollte er den Signalen aus der Biozone nachgehen. Vielleicht befand sich ja noch jemand von der Besatzung an Bord.
»Danke«, sagte er und unterbrach die Verbindung.
Sein Blick verschwamm. Die Welt um ihn herum schien auseinanderzudriften, und er war in die Rolle eines stillen Beobachters gezwungen. Die Störung dauerte nur wenige Sekunden, einen Augenblick lang, dann normalisierte sich alles wieder.
Sebastians Avatar schien den Vorgang bemerkt zu haben und schaute ihm irritiert in die Augen.
»Wir sehen uns später«, rief ihm Oliver hastig zu und loggte sich aus.
drei
Oliver stieß auf die kleine Projektilwaffe, als er in den Lagerräumen nach Lebensmitteln suchte. Das Teil lag wie weggeworfen auf dem Boden. Er hatte nie begriffen, weshalb man an Bord eines Kolonistenraumschiffs Pistolen oder Energiewerfer benötigte. Befürchtete man aggressive Tierarten auf dem neuen Planeten, oder vermutete man sogar, dass die Schiffsbesatzung selbst sich in die Haare kriegte? Für ihn bedeuteten Waffen eher erhöhtes Risiko als größere Sicherheit.
Er war in seiner Jugend in der Friedensbewegung aktiv gewesen, vertrat auch später eine pazifistische Weltanschauung und hatte es daher immer vermieden, sich mit der Handhabung von Waffen vertraut zu machen. Von einigen Besatzungsmitgliedern wurde er deswegen belächelt; viele schienen ein regelrechtes Faible für alle Arten von Waffen zu entwickeln. Sie verhielten sich wie kleine Kinder, denen man ein neues Spielzeug in die Hände gegeben hatte. Die Gefährlichkeit des Spielzeugs verlieh ihnen dabei einen zusätzlichen Kick.
Trotz seiner Vorbehalte kam er sich jetzt, mit dieser altmodisch anmutenden Pistole in der Hand, sicherer vor. Er ahnte jedoch, dass dieser Eindruck trog. Immerhin: Er hatte in der dreijährigen Trainingsphase vor dem Start der Dali lernen müssen, mit einfachen Schusswaffen umzugehen – diese Ausbildung war Pflicht. Er hatte die Trainingseinheiten zähneknirschend absolviert, aber jetzt könnten sie sich auszahlen.
Seiner pazifistischen Überzeugungen wegen wäre er damals fast aus der Auswahlmannschaft geflogen. Die Raumfahrt war streng militärisch organisiert und duldete keine potenziellen Befehlsverweigerer.
Oliver überprüfte die Waffe. Es befanden sich fünf Patronen im Magazin, und anhand der grünen Markierungen erkannte er, dass es sich um Betäubungsgeschosse handelte – ein möglicherweise völlig wirkungsloses Verteidigungsmittel gegen feindliche Aliens. Er steckte die Pistole in eine Aufhängung seines Werkzeuggürtels und zog die Schlaufe fest.
∞
Erneut stand er vor einer verriegelten Sicherheitstür, die den Zugang in die hinteren Bereiche der Biozone versperrte. Diesmal erhielt er jedoch keinen Zugang zum Schiffsbewusstsein, um sich die Tür auf einfache Art öffnen zu lassen. Die KI reagierte nicht auf seine Kommunikationsanweisung.
Den Sicherheitsvorschriften entsprechend bestand die Tür aus einem ultraleichten Spezialkunststoff, der als außergewöhnlich hitzebeständig galt und auch extremen Kräfteeinwirkungen widerstand. Das mitgenommene Laserskalpell hätte gegen dieses Material in etwa die gleiche Wirkung gehabt wie ein Faustschlag gegen eine mehre Zentimeter dicke Stahlwand.
Mit einem großen Schraubendreher hebelte Oliver die direkt neben der Tür befindlichen Abdeckplatten aus der Wandverkleidung. Die Platten waren mit einfachen Adhäsionsverschlüssen befestigt und ließen sich problemlos entfernen. Hinter ihnen befand sich das leicht gewölbte, eigroße Verteilermodul. Er musste unwillkürlich lächeln: endlich eine Aufgabe, die sich mit seinem Fachgebiet deckte. Für einen ausgebildeten Kybernetiker war das ein Kinderspiel. Er zog einen kreditkartenähnlichen Metallstreifen aus seiner Schutzhülle und führte ihn in den schmalen Schlitz unter dem Verteiler ein. Danach verband er sein immer mitgeführtes Babydisplay (wie der Miniaturmonitor unter Kollegen genannt wurde) und das Verteilermodul mit einem Intmatkontaktband, das er wie einen Klebestreifen von einer Rolle riss. Das Display zeigte blau leuchtend Bereitschaft an.
Er hatte Glück. Seine Back-up-Daten im Hauptspeicher des Schiffs waren unversehrt, und er hatte Zugriff auf alle Daten und Programme. Er aktivierte ein winziges, uraltes Programm, das er als junger Programmierer entwickelt hatte, und ließ die Software ihre Arbeit tun. Das konnte eine Weile dauern.
Die offengelegte Wand erinnerte ihn an seine erste Begehung der Dali. Das Schiff war ihm damals riesig erschienen, aber das bezog sich nur auf die Gesamtgröße. Der Bereich für die Mannschaft beschränkte sich in Wirklichkeit auf das Notwendigste. Den größten Teil der Dali machte das Antriebssystem aus, das zylinderförmige Mittelteil, um das die Wohn-, Freizeit- und Forschungssegmente rotierten.
Es erschien ihm noch heute wie ein Wunder, dass die Menschheit nach den großen Einbrüchen in der nichtkommerziellen Raumfahrt ein so gewaltiges Raumfahrtprojekt auf die Beine gestellt hatte, und das, obwohl ein absehbarer Gewinn der beteiligten Länder und Konzerne – soweit überhaupt gegeben – in weiter Ferne lag. Entgegen der kühnen Träume vieler Science-Fiction-Autoren hatte die Besiedlung des sonnennahen Weltraums lange auf sich warten lassen. Auf dem Mars existierten bisher nur sieben winzige Kolonien, die sich fast ausschließlich mit Forschungen im Bereich Terraforming beschäftigten. Die Venus hatte man aufgegeben, denn ihre extremen atmosphärischen Bedingungen machten ein Überleben ohne gigantischen und unbezahlbaren technologischen Mehraufwand unmöglich. Nur ein paar einsame Satelliten drehten ihre Bahnen um den wolkenverhangenen Planeten.
Beim letzten größeren Raumfahrtprojekt war es um die Errichtung einer bemannten Station auf dem Saturnmond Titan gegangen, und es war, anders als die Marskolonien, allein aus europäischen und chinesischen Mitteln finanziert worden. Die Ansiedlungen auf dem Mond zählten nicht, denn sie dienten allein den elitären Reisevergnügungen der Superreichen.
Oliver zuckte zusammen, als sich die Sicherheitstür leise fauchend öffnete. Der Gang dahinter war bis auf ein trübes rotes Blinklicht im Hintergrund stockdunkel. Ein übler Geruch schlug ihm entgegen. Er schaltete seine Taschenlampe ein, zog die Pistole aus der Halterung und entsicherte sie.
Er kam sich vor, als wäre er in eines dieser virtuellen Rollenspiele geraten, die er eine Zeit lang mitentwickelt hatte, um als Studierender seine Finanzen aufzubessern. Sehr populär gewesen waren zu dieser Zeit Rollenspiele, die sich mit der Besiedlung des Mars beschäftigten, aber die Cyberspaceabenteuer waren von der Wirklichkeit meilenweit entfernt. Die Spieler verlangten nach Piratenabenteuern mit Überfällen, korrupten Megakonzernen, verbotenen militärischen Forschungen und bösen Außerirdischen, die alles kurz und klein blasterten. Oliver hatte eine ganze Reihe von Schauplätzen für solche Spiele entworfen und die KI einiger virtueller Protagonisten optimiert. Eine Spielwelt war nur so gut wie ihre komplexe Erfahrbarkeit. Dazu zählten ein glaubhafter Weltentwurf, überzeugende KI-Protagonisten und eine spannende, in sich verschachtelte Spielgeschichte mit möglichst offenem Finale.
Er ließ den Lichtkegel über die dunklen, rutschfesten Bodenplatten wandern, auf denen vereinzelt Glassplitter glitzerten, und leuchtete tiefer in den Gang hinein. Alle Leuchtelemente an der Decke waren beschädigt. Die dunkel verfärbten Ränder rund um die Einschusslöcher wiesen auf die Entladungen von Energiewaffen hin. Langsam und nahezu geräuschlos ging er den Gang entlang, der Lichtfleck seiner Lampe tanzte unruhig über die zum Teil rußgeschwärzten Seitenwände. Das Bodenmaterial war an einigen Stellen geschmolzen und ließ den metallischen Untergrund durchschimmern. Je weiter er kam, umso lauter wurde ein durchdringendes, hochfrequentes Geräusch, das ihm schmerzhaft bis in die Zähne drang. Der Gestank nahm ebenfalls an Intensität zu, sodass er nur widerstrebend weiterging. Als er die Hälfte der Wegstrecke bis zur nächsten Tür zurückgelegt hatte, traf ein kühler Luftzug seine Stirn. Er führte den Lichtkegel der Lampe nach oben und erkannte hinter einer aufgebrochenen Verkleidung einen Lüftungsschacht, der ins Dunkel führte.
Er zuckte zurück, als etwas Kaltes auf sein Gesicht tropfte. Er wischte sich hektisch über die Stirn und streckte die Hand ins Licht. Seine Finger waren von einer klebrigen Substanz benetzt, an den Fingerspitzen glänzte es schwarz. Angewidert wischte er die Hände an den Hosenbeinen ab und ging schnell weiter.
Nach einigen Metern kam er zu einem umgestürzten Schrank. Zerbrochene Laborflaschen lagen am Boden, der Inhalt über die Platten verteilt. Eine der Flüssigkeiten hatte winzige Bläschen gebildet und wirkte wie erstarrt. Oliver verzichtete darauf, die Konsistenz zu prüfen. Hier erschien ihm der Gestank am intensivsten, er stammte höchstwahrscheinlich von einer ausgelaufenen Chemikalie.
Sein Körper entspannte sich. Da er den Geruch mit weiteren Leichen in Verbindung gebracht hatte, durchströmte ihn nun ein Gefühl der Erleichterung. Er bewegte sich an der fast die gesamte Breite des Gangs einnehmenden Chemikalienlache und den klebrig glänzenden Scherben vorbei und ging weiter auf das rote Signallicht zu. Am Ende des Gangs fiel ihm ein klaffender Spalt in der rechten Wandverkleidung auf. Die Risskanten waren derart verformt, als hätte man die Öffnung mit einem überdimensionalen Büchsenöffner in die Wand getrieben. Der Riss zog sich bis durch die zweite Wandverschalung und ermöglichte den Blick auf glänzende Rohrsysteme und vielfarbige Kabelstränge.
Am Ende des Gangs erreichte er eine weitere verschlossene Sicherheitstür. Das rote Licht erwies sich als leuchtender Schriftzug direkt über einem Sensorfeld, das man zur Eingabe des Zugangscodes benötigte.
Türmechanik blockiert. Bitte Servicepersonal anfordern.
Hier kam er selbst mit seinen kybernetischen Spielereien nicht weiter. Rechts von ihm war die Wandverkleidung besonders tief aufgeschlitzt. Nahe am Boden klaffte ein Loch, dessen Öffnung groß genug war, um sich dort problemlos hindurchzuzwängen. Er bückte sich und lenkte den Lichtkegel der Lampe in die Dunkelheit. Das Licht traf etwas tiefer auf eine weitere Wand, und er vermutete einen der unzähligen Schächte für die Reparaturspinnen, die sich auf diese Weise in die Eingeweide des Schiffs vorarbeiten konnten, um Wartungsarbeiten vorzunehmen oder technische Störungen zu beseitigen.
Er aktivierte seinen Handcomputer und ließ sich eine Übersicht der Instandhaltungstunnel in diesem Sektor anzeigen. Mit etwas Glück konnte er über einen der Reparaturschächte zum Forschungsbereich gelangen. Kurz entschlossen legte er sich auf den Boden und kroch in das Loch. Der Rand der Öffnung bestand aus einem Wulst geschmolzenen Metalls. Der Schacht ermöglichte gerade so viel Bewegungsfreiheit, dass er langsam vorankriechen konnte. Er passierte zwei Abzweigungen und zwängte sich in die nächste nach rechts. Trotz der Kälte tropfte ihm der Schweiß von der Stirn.
Er schreckte auf: ein lautes Knacken in unmittelbarer Nähe. Er hob den Kopf und stieß hart gegen einen Vorsprung. »Verdammter Dreck …«
Seine Lampe flackerte kurz, brannte dann aber ohne auszufallen weiter. Kam ihm da etwas entgegen? Er musste schnell hier raus, denn lange hielt er diese Enge nicht mehr aus. Er hoffte inständig, dass der anvisierte Ausgang nicht durch ein Hindernis blockiert wurde. Schnell wischte er den Gedanken beiseite. Er konnte ja nicht nur Pech haben.
Er erreichte eine neue Abzweigung. Wieder dieses Geräusch, ein hektisches, metallisches Klicken, das schnell näherkam. Die Metallverschalung unter seinem Körper vibrierte, dann sah er sie: eine Reparaturspinne, die mit wild zuckenden Metallfüßen auf ihn zujagte. Oliver ließ die Lampe fallen und versuchte nach seiner Waffe zu greifen, aber noch, bevor er sie überhaupt berührte, hatte die Spinne ihn erreicht. Etwas Scharfkantiges zuckte an seinen Augen vorbei, grelles Licht blendete ihn. Eine kurze, fast schon sanfte Berührung strich über sein Gesicht, während er wie erstarrt vor der Spinne lag und keine Bewegung wagte. Es vergingen einige zähe Sekunden, in denen der Reparaturroboter regungslos vor ihm verharrte. Schließlich gab er ein leises Brummen von sich, das Licht erlosch, und die Maschine krabbelte mit lauten klackenden Geräuschen den Gang zurück. Das hektische Klicken der Metallbeine und das Summen der Gelenkmotoren wurde schnell leiser.
Eine Weile blieb Oliver reglos liegen, bevor er wieder nach der Lampe griff. Obwohl er Reparaturspinnen schon öfter bei der Arbeit beobachtet hatte und wusste, wie gut sie zwischen einem leblosen Hindernis und einem Menschen unterscheiden konnten, hatte er Respekt vor diesen gelenkigen Kleinrobotern. Sein Wissen als Kybernetiker hatte nur wenig Einfluss auf sein Empfinden, so unlogisch ihm das auch vorkam.
Vorsichtig kroch er weiter. Nach wenigen Metern gelangte er zu einer weiteren Abzweigung und wechselte dort hinein. Er war kaum einige Meter weit vorangerobbt, als er schon wieder innehielt. Das Metall unter seinen Knien und Händen fühlte sich ungewöhnlich warm an. Der enge Tunnel, durch den er sich bewegte, war zudem von einer glänzenden Schleimschicht überzogen. Das Licht der Lampe zuckte über schmierige Metallflächen und verlor sich in den Tiefen des Schachts. Er schnüffelte an seinen Fingerspitzen: ein bitterer, stechender Geruch. Er wollte gar nicht darüber nachdenken, mit welcher Substanz er es hier zu tun hatte, und kroch weiter. Er musste bald einen Ausgang finden, denn seine Kraft ließ spürbar nach. Der klebrige Schleim erschwerte das Vorankommen zusätzlich.
Nach einer Weile wurde er auf kleine schwarze Punkte am Boden und an den Wänden aufmerksam und richtete die Lampe darauf. Es waren tote Insekten, die an der schmierigen Substanz festklebten. Es schien sich dabei ausschließlich um kleine Fliegen zu handeln. Es war ihm ein Rätsel, weshalb die hier im Reparaturschacht klebten.
Zehn Minuten und knappe dreißig Meter später war der Boden wieder trocken und sauber. Er hob die Lampe: das Ende des Schachts. Mit einem Gefühl der Erlösung berührte er die graue Verschlussklappe. Rechts und links davon befand sich je eine Griffmulde. Aufgedruckte Pfeile wiesen darauf hin, in welche Richtung man die versenkten Griffe drücken musste. Der linke Hebel ließ sich sofort lösen, am rechten musste er zuerst kräftig rütteln, bevor dieser nachgab. Die Verschlussklappe kippte nach unten weg, und er blickte in einen vom Notlicht dürftig ausgeleuchteten Raum, dem enge, tiefschwarze Schatten werfende Regalreihen etwas Beklemmendes verliehen. Vorsichtig rutschte er aus dem Reparaturschacht und blieb erschöpft am Boden liegen. Trotz der unbequemen Lage und der unsicheren Situation hätte er auf der Stelle einschlafen können.
Nach ein paar Minuten Entspannung richtete er sich auf und ließ sich über den Computer seine aktuelle Position anzeigen. Er hatte Glück. Der einzige Ausgang führte auf jenen Gang, der von der blockierten Sicherheitstür versperrt wurde. Oliver schaute sich um. Der Raum wurde zur Lagerung von Medikamenten und medizinischem Zubehör genutzt. Trotz der Enge herrschte in den Regalen penible Ordnung.
Humpelnd ging er zur Tür, seine strapazierten Knie schmerzten bei jedem Schritt. Das Ohr an den kalten Kunststoff gedrückt, lauschte er. Kein Geräusch. Er wartete einige Sekunden und aktivierte dann den Öffnungsmechanismus. Stickige, nach verbranntem Gummi riechende Luft schlug ihm entgegen, und auch hier lieferte trübes Notlicht die einzige Beleuchtung. Von einem verbogenen Abdeckblech abgesehen, das zusammen mit einigen Glasscherben am Boden lag, machte der Gang einen unversehrten Eindruck. Er tat ein paar Schritte nach vorn, da ließ ihn heftiges Rumpeln in der Deckenverkleidung zusammenzucken. Das Geräusch entfernte sich schnell – wie ein Tier, das in Todesangst durch den Lüftungsschacht hetzte. Er verharrte einige Sekunden, aber das Geräusch kehrte nicht zurück.
Er warf einen Blick auf seinen Handcomputer. Die Quelle der Biosignale befand sich keine zehn Meter von ihm entfernt. Er ging auf das Signal zu und stand schließlich vor einer verriegelten Tür. Am Boden erkannte er einen eingetrockneten, breit verschmierten Blutfleck.
Er legte die Handfläche auf den Sensor und staunte, wie plötzlich sich die Tür öffnete. Im selben Augenblick traf ihn ein harter Schlag auf die Brust und löschte jeden weiteren Gedanken aus.
vier
»Oliver! Wach auf!«
Die Stimme kam aus weiter Ferne, ein dünnes und brüchiges Band fasriger Wörter, in Auflösung begriffen. Es erreichte ihn kaum. Das war gut so, denn hier war er sicher, frei von Schmerz und Angst.
Dennoch gab es etwas, das ihn warnte, die Stimme völlig zu ignorieren. Ein windgepeitschter Ozean tobte in seinen Ohren, ein an- und abschwellendes Rauschen.
Langsam wurde er sich undeutlicher Formen bewusst, Kleckse aus Licht und Dunkelheit, unscharfe Wolkengebilde, die sich mal zusammenballten und an anderer Stelle wieder auseinanderflossen.
»Schau … die Augenlider.« Eine männliche Stimme, die sich kaum vom Rauschen abhob. »Die Augäpfel bewegen sich … sein Atem kommt kräftiger. Er stabilisiert sich.«
»Du hättest nicht sofort schießen dürfen.« Eine leise Frauenstimme. »Er wäre beinahe gestorben.«
»Ich konnte doch nicht ahnen, dass außer diesen Viechern noch jemand da draußen ist.«
Die männliche Stimme konnte Oliver inzwischen dem Astrophysiker Kirill zuordnen. Er war bisher nur selten mit dem schlanken, ehrgeizigen Mann in Kontakt gekommen, denn er hielt ihn für einen Fachidioten und Angeber, der nur durch Beziehungen den Zugang in die engere Auswahl geschafft hatte. Er glaubte gern diese vagen kleinen Gerüchte, die sich um Kirills Aufnahme in die Mannschaft rankten.
Er öffnete die Augen und blickte in das blasse, schmale Gesicht von Pia, Biologin und stellvertretende Ärztin. Ihre Augen wirkten müde, das brünette Haar war zerzaust.
»… schönes Gefühl … Menschen um … zu haben.« Das war seine Stimme, gedämpft und stockend. »Aber …? Was habt … mit mir angestellt?«
»Kirill hat eine Betäubungsladung aus dem Schockwerfer auf dich abgefeuert.« Pias Gesicht strahlte vor Freude und Erleichterung über seine offensichtlichen Lebenszeichen. »Eine unglückliche Reflexreaktion. Wir dachten, eines dieser Biester hätte es auf uns abgesehen.«
Mit ungewohntem Kraftaufwand bemühte sich Oliver in eine sitzende Position. Sogleich stach ein heftiger Schmerz durch seine Brust. Er benötigte einige Augenblicke, bis er seinen Körper endlich aufgerichtet hatte, und verharrte einige Sekunden. Der Schmerz ließ langsam nach, nur ein schwacher Druck und Benommenheit blieben.
Pia schwieg, während er die Umgebung musterte. Er saß auf einer flachen Schaumstoffmatratze, bis zur Brust bedeckt von einer dünnen Silberfolie. Der kleine Raum, in dem sie sich befanden, war von Regalen gesäumt. Die engen Reihen waren mit Konserven, Getränketornistern und anderen konservierten Lebensmitteln bestückt. Auf einem Arbeitstisch in seiner Nähe stand eine Stableuchte, die warmes gelbes Licht abstrahlte.
»Was für Biester meint ihr?«, unterbrach er die Stille. Seine Stimme klang spröde und kratzig. »Und was um Gottes willen ist mit der Dali passiert?«
»Die Lebensformen stammen aus dem fremden Schiff«, antwortete Kirill von weiter hinten. Er stellte sich mit einer Apparatur, die einem Sensorstift ähnelte, in der Hand neben Pia. »Wir kennen bisher zwei Arten. Die gefährlichere Spezies erinnert an eine riesige, fast einen Meter lange Kellerassel. Diese Wesen sind unglaublich flink, können über Wände krabbeln und machen Jagd auf alles, was sich bewegt. Hat dich eines der Viecher erwischt, pumpt es dich mit einem hochgiftigen Sekret voll, und wenige Minuten später ist dein Blut zäher Sirup. Die andere Lebensform kriecht als über anderthalb Meter langer, rot glänzender Wurm durch die Gänge. Diese Kreaturen sind eigentlich harmlos, hinterlassen aber überall faustgroße gelbe Bälle, die platzen und braunes Pulver zerstäuben, wenn man sich ihnen nähert. Seltsamerweise werden auch die Würmer von den Riesenkellerasseln gejagt.«
»Aber warum?«, fragte Oliver dazwischen. »Wie konnte es zu einer solchen Katastrophe kommen? Wie sind diese Viecher auf das Schiff gelangt?«
»Wir wissen leider auch nicht allzu viel«, gestand Pia. »Gleich, nachdem das Schiffsbewusstsein die fremden Signale aufgezeichnet und analysiert hatte, wurde die Notfallmannschaft aus der Kälteschlafphase geholt. Dieses kleine Team organisierte die ersten Kontaktversuche mit dem fremden Schiff und installierte dann den Austauschtunnel zwischen der Dali und dem Alienschiff. Kurz darauf brach das Chaos aus. Die restlichen Mannschaftsmitglieder wurden reaktiviert, während diese Riesenkellerasseln und Würmer das gesamte Schiff eroberten.
Wir standen eine Zeit lang mit einer Gruppe in Verbindung, die versuchte, in das außerirdische Raumschiff einzudringen. Durch einen Teilausfall des Kommunikationssystems verloren wir jedoch den Kontakt. Gleich, nachdem sie die Schleuse passiert hatten.«
Oliver schaute an Pia vorbei in den beruhigend wirkenden Lichtkreis der Stableuchte. »Klingt nicht besonders vielversprechend. Habt ihr eine Idee, wie es weitergehen soll?«
Kirill zuckte kaum sichtbar mit den Schultern. Sein Gesicht wirkte verschlossen und resigniert. »Einen wirklichen Plan haben wir nicht. Wir sind schon froh, überlebt zu haben.« Er grübelte. »Ich … vielleicht sollten wir zuerst den Verbindungstunnel zerstören. Danach müssten wir versuchen, die Viecher aus dem Schiff zu vertreiben. Erst wenn wir uns wieder frei auf der Dali bewegen können, lassen sich weitere Schritte planen.«
»Was aber, wenn sich auf dem fremden Schiff noch Crewmitglieder von uns befinden?« warf Pia ein. »Dann schicken wir sie in den sicheren Tod.«
»Wenn da noch Überlebende sind«, rief Kirill wütend, »warum sind sie dann nicht zurückgekommen? Ein ganzes Team! Du glaubst doch selbst nicht, dass da noch jemand am Leben ist!«
»Solange wir sie nicht irgendwo tot auffinden, müssen wir davon ausgehen, dass sie noch leben«, widersprach sie. »Das technische Equipment, das sie zum Überleben benötigen, tragen sie bei sich.«
»Das ist Irrsinn« erwiderte Kirill. »Wir haben doch gar keine Wahl. Je länger wir warten, umso geringer sind unsere Überlebenschancen.«
»Ich werde dem fremden Schiff einen Besuch abstatten«, sagte Oliver, als hätte er dem Gespräch gar nicht zugehört. »Vielleicht ist Kira dort. Ich könnte es mir nie verzeihen.«
Kirill zog deutlich vernehmbar Luft ein. Wut und Verblüffung spiegelten sich in seinem Blick.
Oliver lächelte. Er vermutete, dass es ziemlich kläglich aussah. »Ich mache mich auch allein auf den Weg. Ich brauche nur noch ein paar Stunden Schlaf und danach eine Kleinigkeit für meinen Magen.«
∞
»Kamera okay!«, vernahm Oliver Pias Stimme in seinem Anzughelm. »Hab euch deutlich auf der Anzeige.«
»Schön« gab Kirill zurück. »Wir machen uns jetzt auf den Weg. Zentralachse, wir kommen!«
Oliver spürte das dumpfe Pochen in seine Brust zurückkehren. Das Schmerzmittel, das ihm Pia vor ein paar Stunden verabreicht hatte, ließ langsam nach. Er atmete tief durch und folgte Kirill durch einen engen Schacht in die Tiefen der Schiffseingeweide. Er bewegte sich behutsam, um nicht von den Sprossen abzurutschen. Das glatte Außenmaterial des Raumanzugs machte den Abstieg zur beschwerlichen Geduldsprobe. Je weiter sie nach unten kamen, umso geringer wurde die Schwerkraft, und die letzten Meter ließ er sich ins Zentrum des Austauschmoduls gleiten. Der Raum war von auffällig ovaler Form, als hätte man ihn um ein riesiges Ei herum erbaut. Er driftete schnell zur Seite weg und stieß mit dem Helm gegen die weiche Ummantelung der Schachtöffnung.
»Du musst deine Drehbewegung ausbremsen, um in den rotationsfreien Bereich des Schiffs überwechseln zu können«, kommentierte Kirill die ungeschickte Aktion, während er selbst mit hektischen Bewegungen nach den schwarzen Haltestangen griff.
Für Oliver sah es im Moment so aus, als würde das ihn umlaufende Mittelteil, ein hellgraues und etwa zwei Meter breites Band mit den drei abzweigenden Schachtöffnungen, stillstehen, während die zu schmalen Röhren zulaufenden Enden des Austauschmoduls um seine verlängerte Körperachse rotierten. In Wirklichkeit war es jedoch genau umgekehrt. Man musste schon sehr genau hinsehen, um den schmalen Spalt ober- und unterhalb des grau hervorgehobenen Mittelsegments ausmachen zu können.
Er griff nach einer der Haltestangen, die sich an ihm vorbeibewegten, und erst beim dritten Versuch bekam er eine zu fassen und ließ sich mitziehen. Hinter ihm polterte es laut. Ein harter Luftausstoß von Kirill drang aus dem Helmlautsprecher. Er selbst wurde währenddessen – den Haltegriff in fester Umklammerung – hart gegen die Wand gedrückt und stemmte sich gegen die Fliehkräfte, bis die Muskeln schmerzten. Kurz darauf umfing ihn Schwerelosigkeit. Ein schwaches Prickeln durchperlte seinen Körper, ein Gefühl, als trieben seine Füße nach oben weg.
Mit einer Hand am Haltegriff stieß er sich vorsichtig von der Wand ab. Kirill schwebte rechts von ihm und trieb zielgerichtet auf das verriegelte Schott des Zentralschachts zu. Um seine Bewegung abzubremsen, fasste er kurz vor dem Schott nach einer Haltestange, besaß jedoch zu viel Schwung. Er rutschte ab und stieß mit dem Helm gegen die ovale Türplatte.
»Alles in Ordnung?«, erkundigte sich Oliver.
»Mir geht’s gut.« Kirills dumpfe Stimme wurde von einem plötzlichen Rauschen fast verschluckt. »Der Helm ist gut gepolstert.«
Mithilfe seiner Augensteuerung aktivierte Oliver die Anzeige des Bewegungssensors und scannte den Schacht vor ihnen.
»Hier scheint alles ruhig zu sein«, konstatierte Kirill verhalten. »Ich öffne den Zugang.«
Er zog einen Griff aus der flachen Vertiefung neben der Tür und drehte ihn um hundertachtzig Grad. Vier kurz aufeinander folgende Klickgeräusche zerhackten die Stille, und langsam öffnete sich das Schott in den unbeleuchteten Schacht hinein. Kirills Helmscheinwerfer flammte auf, ein schmal auffächernder Strahl kalten Lichts, in dem winzige Staubpartikel wie kleine Glühwürmer tanzten. Er stieß sich leicht von der Tür ab, trieb langsam in den Raum und hangelte sich an den in regelmäßigen Abständen angebrachten Haltegriffen tiefer in den Schacht hinein. Er folgte Kirill mit einem gewissen Unbehagen. Obwohl sie vor dem Start der Dali einige Tage lang das Leben in Schwerelosigkeit geprobt hatten, fiel es ihm nicht leicht, den Körper im Gleichgewicht zu halten. Kirill dagegen bewegte sich so, als wäre er in einer Raumstation zur Welt gekommen.
»Ich hoffe, euch geht es gut«, drang Pias Stimme, von auf- und abschwellendem Rauschen unterlegt und wie aus weiter Ferne kommend, aus dem Helmlautsprecher. »Die Bildübertragung ist vor drei Minuten ausgefallen. Ich kann den Fehler einfach nicht finden.«
»Uns geht’s gut. Hier läuft alles wunderbar«, antwortete Kirill. »Wir sind kurz davor, den Zentralschacht zu betreten. Leider funktioniert die Beleuchtung nicht, und mein Augenimplantat lässt sich nur noch auf Wärmesignale justieren. Verdammter Biotechkram. Scheint bei der EMP-Entladung doch mehr abbekommen zu haben. Wir müssen uns also mit den Scheinwerfern ins Dunkel vorantasten.«
»Seid vorsichtig und haltet die Waffen bereit«, mahnte Pia. »Ich möchte hier nicht als einzige Überlebende zurückbleiben.«
»Keine Angst«, rief Oliver. »So schnell wirst du uns nicht los. In zwei bis drei Stunden sind wir wieder bei dir. Versprochen!«
Sie drangen weiter in den dunklen Schacht vor. Unruhig zuckten die Lichtkegel der Scheinwerfer über graue Wandverkleidungen, hin und wieder gerieten rote Beschriftungen in den Fokus der Lichtkegel – Hinweise zu Wartungsöffnungen für Reparaturarbeiten.
Nach Kirills Anspielung auf das defekte Augenimplantat fiel Oliver auf, dass er seine teure, kurz vor dem Flug implantierte Bioware sträflich vernachlässigte. Er konnte sich noch gut an die langwierigen und anstrengenden Übungsstunden erinnern, in denen sie den Umgang mit den Wunderwerken der Biotechnik erlernt hatten.
»Habe ich eigentlich schon erzählt, warum ich mich damals für die Aufnahme auf die Dali beworben habe?«, fragte Kirill unvermittelt, die Stimme so weit gesenkt, dass sie vom Hintergrundrauschen kaum zu unterscheiden war. »Immerhin lebte ich acht Jahre lang mit einer wundervollen Frau zusammen.«
Oliver war das unangenehm. Er schwebte allein mit Kirill durch diese menschenleeren, dunklen Schächte und der andere, den er kaum kannte, begann sich in dieser bizarren Situation emotional zu öffnen. Oliver wusste nichts darauf zu sagen. Alles schien irgendwie unpassend, sperrig. Die unerwartete Intimität war ihm peinlich, und ihm stockte die Stimme.
»Alles war da«, fuhr Kirill nach einer kurzen Pause fort. »Eine tiefe Verbundenheit, Vertrauen, Liebe. Trotzdem verbrachten wir immer weniger Zeit miteinander. Ich beschäftigte mich mehr und mehr mit meinen astrophysikalischen Forschungen. Zu Hause saß ich stundenlang vorm Computer und verglich Hunderte von Messdaten, statt mit Lisa ins Konzert oder auch nur gut Essen zu gehen. Wir schliefen immer seltener miteinander …
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