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Gerald Netsch

DAS AKKORDEONSPIEL

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Gedanken zum Buch

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

Die Handlung des Buches beruht auf wahren Begebenheiten. Namen und Personen sind jedoch frei erfunden und die Orte des Geschehens wurden verändert. Jede Ähnlichkeit mit lebenden und verstorbenen Personen ist zufällig und nicht beabsichtigt.

Quellennachweis:

Die Ausführung zur Thematik Hirntrauma erfolgten unter Zuhilfenahme von

https://de.wikipedia.org/​wiki/​Schädel-Hirn-Trauma.

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

www.engelsdorfer-verlag.de

Gedanken zum Buch

Am Anfang des Wagnisses ein Buch zu schreiben stand mein Burnout-Syndrom und mit ihm kam zugleich die Erkenntnis: Ich muss mein Leben radikal ändern.

Um zu verstehen, warum ich so bin, wie ich bin, entschloss ich mich zu der psychotherapeutischen Maßnahme, in die Tiefen meines Lebens hinabzusteigen und meine Kindheit zu Papier zu bringen.

Kaum hatte ich die ersten Erinnerungen hervorgekramt, flossen die Gedanken und Ereignisse ohne Halt aus mir heraus, schneller oft, als ich schreiben konnte.

Am Ende lag ein dicker Stapel Papier vor mir und ich wusste, das war mehr geworden, als ich es beabsichtigt hatte. In meinen kühnsten Träumen hatte nicht der entfernteste Gedanke Platz, dieses, mein zum Buch gewordenes Werk, zu veröffentlichen.

Dennoch, oder gerade deshalb, unternahm ich das tollkühne Wagnis, einen Verlag zu finden, der mit mir auf Augenhöhe das Bündnis eingeht und zu fairen Bedingungen die Publikation ermöglicht.

An dieser Stelle sei Herrn Tino Hemmann mit seinem Engelsdorfer Verlagsteam Dank gesagt, ebenso geht mein Dank an Frau Heike Deschle, die das Lektorat und die Korrektur mit Leidenschaft vornahm. Meiner Frau habe ich schon mehrfach gedankt und tue es hiermit noch einmal, denn ohne sie wäre das Buch nie entstanden.

Dezember 2015

Gerald Netsch

1. Kapitel

Grau. Alles um mich herum ist grau. Neugierig geworden öffne ich die Augen. Grelles Licht blendet mich. Am liebsten will ich wieder in das beruhigende gefahrlose Nichts hinübergleiten. Aber zu neugierig ist mein Wille. Langsam, ganz langsam wird es klar um mich herum, nimmt mich die Wirklichkeit in Anspruch. Da sind die grauen Häuserfassaden gegenüber, mit den trostlosen verdreckten Fenstern der Wohnungen, die nicht mehr bewohnbar sind. Fäulnis und Taubenkot haben in ihrem Inneren Besitz ergriffen. Einige der wenigen sauberen Fenster, die teils bunte Gardinen zieren, gehören zu Wohnungen, die von einfachen Menschen mit wenig Geld gemietet sind, solchen, wie wir es sind. Hier hat man sich so gut wie möglich eingerichtet. Teils getauschte, teils vom Mund abgesparte Möbel lassen einen kleinen Wohlstand erkennen, der so wichtig ist nach der langen Zeit des Verzichtes.

Eine Frau am offenen Fenster mit gelbem Pullover, gelockten blonden Haaren und einer aus dem Dekolleté herausquellenden Brust ruft mit rauchiger tiefer Stimme:

„Hallo, Annemarie, hab dich lange nicht gesehen. Warst du krank? Oder etwa im Urlaub?“

„Ne, mein Alter hält mich an der kurzen Leine, seitdem wir das letzte Mal in der ‚Libelle‘ waren. Er fand es nicht standesgemäß, dass ich als Frau allein tanzen geh. Ich kann ja schließlich nichts dafür, wenn er so ein Muffel ist.“

„Recht haste! Den Männern muss man es richtig zeigen. Wir waren viel zu lange unterm Pantoffel. Ich habe meinen gleich nach dem Krieg, als er ’45 aus der Gefangenschaft kam, zum Teufel gejagt.“

Ein gelber Schmetterling setzt sich sacht auf meinen Mützenrand. Ich finde das Gelb von der dort im Fenster viel leuchtender und sauge mich mit den Augen an den riesigen Titten fest. Meine Mama, Annemarie, jagt mit einer Handbewegung den kleinen Gast auf meiner Mütze weg und damit auch meine kindlichen Gedanken an Brust, Brustwarzen, wohlige Wärme, weiche Haut und süßlich schmeckende Muttermilch. Mit meinen gut zwei Jahren halten sich die sexuellen Ausbrüche meiner Fantasie in klar abgesteckten Grenzen. Etwas schmollend, da des Einblickes beraubt – sie hat mich mit dem Kinderwagen einfach zur Straße gedreht – presse ich mich in mein weiches Lager und widme mich anderen, wenn auch weniger interessanten Dingen. Der böige Wind spielt mit den Tausenden von Staubkörnchen, jagt sie in die Luft, lässt sie im Kreis umherschwirren, zu Boden sinken, um sie im gleichen Moment wieder wie Langstreckenläufer davonzujagen, den Bordstein entlang. Der Himmel hat inzwischen sein leuchtendes Blau eingetauscht gegen graublaue fast schwarze Wolken. Es wird ein Gewitter geben mit Blitz und Donner und der Chance, mich bei Mama einzukuscheln, Geborgenheit zu fühlen, die Angst vor dem Grollen des bösen Gottes zu vergessen. Das schrille Pfeifen der Schwalben schreckt mich auf. Sie jagen tief zwischen den Häusern nach Insekten. Ihre Eile, ihr unsteter Zickzackflug geben den Anschein, als würden sie schnell noch Vorrat schaffen, bevor die Welt gänzlich untergeht. Die rauchige tiefe Stimme der Frau im Fenster fordert meine ganze Aufmerksamkeit.

„Bring doch einfach am Wochenende deinen Mann mit zu mir. Wir feiern meinen Geburtstag nach.“

„Oh entschuldige, Eva, nachträglich noch alles Gute. Wie alt bist du denn geworden?“

„Es sind 26 Jahre, die ich auf Erden verweile.“

„Toll, dann bist du ja auch Jahrgang 1929, wie ich. Bist du in Chemnitz geboren, oder kommst du von woanders her?“

„Ich stamme von Leipzig, bin aber schon vor dem Krieg hierhergezogen. Hab Glück gehabt. Das ist noch die Wohnung von meinen Eltern, mit allem drin, sind ja nicht ausgebombt gewesen. Nachdem sie gestorben sind, bin ich einfach in der großen Wohnung geblieben. Man kann ja nie wissen, vielleicht kommt mal noch ein fescher General, der mich vom Fleck weg heiratet und mir ein Halbdutzend oder mehr Kinder macht. Ich hab das auch der Behörde gesagt, weil die mir doch eine Flüchtlingsfamilie unterschieben wollten. Kein Stück an Möbeln werde ich rücken und auch keinen Zentimeter Wohnung freiwillig hergeben, hab ich denen gesagt. Ich habe den Bürohengst gut eine Stunde vollgegeifert, bis er von dannen gezogen ist. Und weißt du, Annemarie, dann treffe ich den doch vor einigen Monaten im ‚Ballhaus Mollinger‘. So wie zufällig schiebe ich mich mit meinem Vorgarten an ihm vorbei, bleib natürlich stehen und frag, wie es geht. Lädt der Kerl mich doch zu einem Glas an der Theke ein und nach gut drei Stunden lieg ich mit ihm in der Kiste. Einfach so. Hab seitdem nie wieder etwas von dem gehört oder gesehen. Der war bestimmt verheiratet und hat jetzt ein schlechtes Gewissen.“

Ein langes rauchiges, von Hustenanfällen unterbrochenes Lachen, laut und von tief innen heraus, schallt durch die Häuserzeile. Zwei Frauen auf der anderen Seite der Straße schauen erschrocken herüber. Dann stimmt auch Mama wie ein Weihnachtsglöckchen in den Lachgesang ein. Schließlich ebbt das Lachen allmählich ab, wie die Glocken in der Kirche nach dem Gottesdienst. Gerade noch rechtzeitig fange ich den Gesprächsfaden wieder auf.

„Also bis Samstag um acht. Ich bring eine Erdbeerbohle mit. Hab die Früchte gestern von den Schwiegereltern gekriegt, die haben einen Garten.“

Die rauchige Stimme mit einem Schuss Bronchialhusten erwidert:

„Dann können wir ja deinen Walter mal so richtig aufheizen. Vielleicht wird es dann doch noch etwas mit dem Tanzengehen.“

Das schrille Weihnachtsglöckchen kichert.

„Wir werden dran arbeiten. Ich freu mich, bis dann.“

Rappelnd setzt sich mein fahrbarer Untersatz in Bewegung. Mama hält das Ding in allen Ehren, es soll viel Geld gekostet haben mit seinem geflochtenen Korb, den gummibereiften Rädern, die dann und wann laut quietschen. Nicht zu vergessen die geklöppelte Spitze rundherum, an der sich so herrlich zupfen lässt. Langsam wird es grau. Alles um mich herum ist grau. Die Stimmen verstummen. Ich falle tief, immer tiefer und tiefer. In mir dreht sich alles. Mein Kopf will sich auseinandersprengen, Beine, Brust und Arme sind ohne Gefühl. Wie bei einem Plüschteddybär schlägt alles an mir herum. Nein, ich will nicht auseinanderfallen. Bitte lass mich leben, leben, leben …

2. Kapitel

Der endlose Fall und seine kaum zu ertragenden Drehbewegungen verlangsamen sich allmählich. Ich fühle mich eingeschnürt wie ein Paket, unfähig, aus dieser Hülle herauszukommen. Ich höre um mich herum Stimmen. Kurze klare Kommandos. Armee? – bin ich wieder bei der Armee? Ist Krieg? Bin ich verwundet? Vielleicht fehlen mir Arme und Beine? – weggesprengt? Oder mein Kopf sieht aus wie ein Kürbis, den man mit einem Stein auseinander geschlagen hat? Was ist das? Warum sagt mir keiner etwas, redet doch mit mir – bitte. Ich flehe euch an, tut mir nichts. Ich will leben, leben …

In der Notaufnahme des Klinikums herrscht Hektik. Jeder der Ärzte und Schwestern weiß, was zu tun ist, der Ablauf ist hundertfach erprobt, nach strengen Ablaufschemas eingeteilt und abzuarbeiten.

Der erste Diagnosebericht des Notarztes am Ort des Unfallereignisses ist typisch für Verkehrsunfälle dieser Schwere: „Offene Beinfraktur linker Unterschenkel, Hautschädigungen an Händen, der linken Schulter und im Gesicht, Schädel-Hirn-Trauma mittleren bis schweren Grades verursacht durch Aufschlag der linken Kopfhälfte auf die Fahrgastzelle, seitlich wie auch frontal. Der Patient ist ohne Bewusstsein aufgefunden und reanimiert worden.“ Die Anspannung des Notaufnahmeteams ist deutlich zu spüren.

Der Unfall birgt potenzielle lebensbedrohliche Mehrfachverletzungen, bei denen erst jetzt nicht erkennbare weitere schwere Verletzungen, meist im Brust- und Bauchbereich, offensichtlich werden. Der alles entscheidende Faktor Zeit bestimmt die Prioritäten der Notfalleingriffe. Es ist der Kampf um Leben oder Tod des Patienten. Übel hat es ihn erwischt. Trotz der nur 120 Stundenkilometer auf der Autobahn Richtung Rosenheim hatte er keine Chance gegen den Geisterfahrer, der ihm an der Anschlussstelle Brannenburg wie aus dem Nichts entgegen kam. Aus – für den Einen die Erfüllung seines Wunsches, tot zu sein, für den Anderen der seidene Faden, an dem sein Leben jetzt zu hängen scheint. Es ist ein Stunden währender Kampf. Aufbäumend und an Stärke zunehmend ist die Kraft des Sensenmannes, der diese Schlacht für sich zu gewinnen sucht. Eisern und unerbittlich die Gegenwehr, das Ringen, dieses Leben den Krallen des Todes zu entreißen. Nach einer vierstündigen Notoperation, stabilisierenden Schrauben, Platten und Stiften, die aus dem Körper wieder einen Körper machen sollen, ist das Schlimmste des sichtbaren Schadens versorgt und der Patient stabilisiert.

Ihm, Karl Nebel, konnten die Ärzte das Leben erhalten, doch die speziellen Untersuchungen haben das schwere Schädel-Hirn-Trauma bestätigt. Die operative Entlastung des Hirndrucks und die Verödung von Blutungen im Schädel waren erforderlich. Alles ist soweit erfolgreich verlaufen. Doch niemand weiß, ob dieser Karl Nebel je wieder aus dem Koma erwacht, und wenn, ob es ein Leben, ein lebenswertes Leben dann sein wird.

Von der schlimmen Nachricht informiert, versuchen seine Frau Susanne sowie die Töchter Veronika und Liesa vom leitenden Oberarzt das zu erfahren, worauf sie am meisten hoffen: Ja – es gibt Hoffnung. Dazu wird sich aber Dr. Meissner nicht verleiten lassen. Zu umfassend ist sein Wissen in solchen Fällen, zu unterschiedlich die Verläufe, zu ungewiss deren Ausgang. Die Medizin kann vieles tun, jedoch keine Wunder vollbringen. So bleibt den Dreien nichts weiter übrig als zu warten, zu hoffen, und ja, auch heimlich zu beten. Erst gemeinsam, dann nach Tagen, auf Anraten des Arztes, nur noch Susanne. Immer ist die Hoffnung präsent: Es wird ein eindeutiges Zeichen geben für den Weg zurück ins Leben, ins lebenswerte Leben.

Susanne sitzt weinend, in sich zusammengesunken an seinem Bett. Sie scheint in den wenigen Stunden seit der Nachricht um Jahre gealtert. Tiefe dunkle Schatten haben sich unter den Augen gebildet. Lidschatten und Wimperntusche haben vom vielen Weinen eine breite Spur auf die Wangen gezeichnet und sich auf der weißen Bluse verewigt. Sanft hält sie Karls Hand, streicht ab und zu über seinen Handrücken in der Hoffnung, wenigstens ein kleines Zucken zu spüren. Reglos liegt er im Krankenbett, aufgebart wie für den letzten Gang hinüber in die Ewigkeit.

„Bitte verlasse mich nicht“, flüstert Susanne leise und verzweifelt. „Wir haben doch erst jetzt richtig angefangen zu leben. Wir haben noch so vieles Gemeinsames vor. Wir wollten mit der Transsibirischen Eisenbahn fahren, eine Reise nach Südafrika unternehmen. Du hast es mir fest versprochen. Hörst du? Hör doch! Das kannst du doch nicht machen, dich so einfach aus unserem Leben stehlen. Ich liebe dich doch. Wach bitte auf, bitte, bitte!“

Ein herbeieilender Pfleger zieht Susanne sanft zurück.

„Frau Nebel, das hat keinen Sinn. Er wird so nicht aufwachen. Geben Sie ihm Zeit. Reden Sie mit ihm über die schönen Dinge, die Sie gemeinsam erlebt haben. Geben Sie ihm das Gefühl, dass Sie für ihn da sind, dass Sie auf ihn warten, da sein werden, wenn er zurückkommt.“

„Ich will ja geduldig sein. Es ist nur so furchtbar schwer.“

„Ich weiß, viele Komapatienten und deren Angehörige habe ich hier erlebt. Schicksale, die unterschiedlich endeten. Eines kann ich Ihnen aber versichern, es gab sehr viel mehr Komapatienten, die den Weg zurückfanden. Sie brauchen Mut, Frau Nebel, an das mögliche Wunder zu glauben. Teilen Sie sich ihre Kräfte ein, nutzen Sie Verschnaufpausen, um neue Kraft zu tanken. Wenn Sie Angehörige haben, die diesen Weg begleiten können, so nehmen Sie deren Angebot an. Ich werde für Sie und Ihren Mann beten.“

Susanne ist wieder mit Karl allein. Lange denkt sie über die Worte des Pflegers nach. Er will uns in seine Gebete einbeziehen? Uns, die wir nie an Gott geglaubt haben! Vorsichtig beugt sie sich über das Gesicht von Karl, streichelt es behutsam, liebkost die Stirn, die Augen, den Mund. Sie spürt den salzigen Geschmack der Haut, die Wärme der Lippen. Sie nimmt wahr, dass Leben in ihm ist. Ein fast unmerkliches Lächeln huscht über ihr Gesicht.

„Ich habe den Mut, an das Wunder zu glauben“, flüstert sie ihm ins Ohr.

Ganz vorsichtig legt sie ihren Oberkörper auf den seinen. Sie will ihm nah sein, so nah wie nur möglich. „Ich darf ihm nicht wehtun“, ermahnt sie sich.

3. Kapitel

Es ist so schön warm in der Sonne. Der gelbe Schmetterling wärmt seine Flügel an ihren Strahlen, der Wind spielt mit den tanzenden Staubkörnern, die verweht werden so wie das Leben. Nein, Leben verweht nicht. Leben lebt, pulsiert, ist spürbar. Ich spüre nichts. Lebe ich? Was ist mit mir? Grau. Alles um mich herum ist grau. Da ist es wieder, dieses absurde Gefühl, die kindlichen Gedanken an Brust, Brustwarzen, wohlige Wärme, weiche Haut und süßlich schmeckende Muttermilch. Ich suche die Geborgenheit in meinem Reich, begrenzt von geklöppelter Spitze, weicher Decke, einem Kopfkissen mit echten Daunen und der Festungsmauer aus geflochtenem Korb. Hier bin ich sicher, hier ist mein Reich. Abrupt werde ich aus meinen Gedanken gerissen. Mama hebt mich heraus aus meinem Reich, klemmt mich unsanft unter den Arm und steigt die Treppen bis ins vierte Obergeschoss hinauf. Ich fühle mich unwohl. Wo ist die Wärme und Geborgenheit hin? Warum schmiegt sie mich nicht an ihre weiche kleine Brust? Ich beginne zu weinen, will ihr sagen:

„Drück mich an dich, an deine Brust – hab mich lieb.“

In der Wohnung werde ich im Kinderbett zwischengeparkt. Mir selbst überlassen weine ich leise vor mich hin. Mama soll nichts mitbekommen von meiner Traurigkeit, sie nicht. Ein männliches Gesicht, leicht verschmutzt, mit vereinzelten Bartstoppeln, die zu einem gescheiten Bart nie reichen werden, beugt sich über mich, lächelt kurz und verkrampft. Eine ebenso schmutzige, nach Maschinenöl riechende Hand streicht über mein Haar. Ende der Zärtlichkeit. Der alltägliche Zank um Kind, Geld, Arbeit und dem Sinn des Lebens mit all den nie in Anspruch genommenen Annehmlichkeiten wie Geselligkeit, Vergnügen, ausgelebtem Sex geht in die erste Runde. Zur Unterstützung der Argumente werden Zimmertüren lautstark ins Schloss geworfen, Stimmen heben sich wie beim Marktschreier, wenn er seine Waren feilbietet. Stille. Mama schluchzt. Eine Kanonade von Schimpfwörtern aller Art und Deftigkeit pfeift durch Raum und Zeit. Wie so häufig beendet der mit den Bartstoppeln im Gesicht und den ölverschmierten Händen den Disput auf seine Art: schlagkräftig und durchgreifend. Nach einer geraumen Zeit erinnert man sich daran, dass ich nur zwischengeparkt bin, noch zu essen brauche, gebadet und gewindelt werden muss und schließlich ins Bett, das für den heutigen Tag die Endstation ist. Insgeheim freue ich mich, dass ich rein durch meine Anwesenheit – oder anders, durch mein Sein – zur Unterbrechung des Zwistes beigetragen habe. Waffenstillstand!

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, wie sich ein solcher Abend in der Familie im Weiteren gestaltet. Kriegt man die Kurve und die handgreiflichen Auseinandersetzungen werden für beendet erklärt, dann kann es schon noch richtig nett werden. Gewöhnlich genehmigt man sich eine Flasche ‚Lockwitzer Mehrfruchtwein‘ für 2,75 Mark. Nach dem ersten, spätestens dem zweiten Glas fällt man übereinander her, anders als zuvor beim Streit. Nach kurzem Kraftaufwand, man hat schließlich den ganzen Tag gearbeitet, lässt man voneinanderab. Der mit den Stoppeln im Gesicht und den ölverschmierten Händen setzt sich in der Küche Wasser auf, um sich, zumindest oberflächlich, zu waschen. Ab ins Bett. Ein Blick ins Kinderbett ist nicht mehr notwendig, denn ich schlafe ja schon, denken sie. Mama, die noch lange nicht schläft, denn sie hat auch nicht den ganzen Tag gearbeitet, sitzt zusammengekauert, die Beine ans Kinn gezogen, auf dem Sofa, wippt sanft hin und her. Wie eine Schlange, die ihre Beute fixiert und zum Fliehen unfähig macht, haftet ihr Blick am ‚Lockwitzer‘, der noch einen kleinen Rest zum Genuss bietet. Mit dem Glas, das noch zur Hälfte gefüllt ist, lässt Annemarie die letzte halbe Stunde, die mit dem Sex, Revue passieren. Verbitterung breitet sich in ihren Gesichtszügen aus. War es das mit 26 Jahren? Soll das alles gewesen sein – Kind, Mann, Sex, wenn er es will oder ich es mir hole?

Ihre Gedanken gehen auf Zeitreise. Es ist das Jahr 1947, sie ist 18 Jahre jung, frisch verliebt in einen starken gutaussehenden Mann, braungebrannt, mit einem bestimmten Charisma, eben der Frauenkenner. Harald, Bauingenieur, von der Front verschont, da er wichtige Aufgaben im deutschen Hinterland zu erfüllen hatte. Ein Bild von einem Mann. Es dauert keine zwei Monate, bis ein schöner goldener Ehering ihre rechte Hand schmückt. Sie hat es ihm nicht einfach gemacht. Sie, die so kindlich wirkt, mit den kaum vorhandenen Brüsten, den unschuldigen Lenden, den straffen Schenkeln, den schlanken Waden und den langen, pechschwarzen lockigen Haaren. Eine Kindfrau wird sie genannt. Stolz zieht sie mit ihrem Harald durch die Bars, lässt sich zuprosten, saugt die geilen Blicke anderer in sich hinein. Sie fühlt sich stark in diesen Männerrunden, in denen sie, nur sie der Mittelpunkt ist. Sie kokettiert, wirft gierigen Mannsbildern, die sie mit den Augen ihrer Hüllen berauben, verstohlene Blicke zu. Blicke, die so manchem Kerl das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen, das als Sabber aus den Mundwinkeln tropft. Aber eins ist klar: Außer Harald darf sie keiner anfassen. Seht her, ihr Neider, das ist mein Harald, mein Mann, der gehört mir, mir allein – hämmert es in ihren Gedanken.

Ihn, Harald, schert das wenig. Wollüstig leckt er der einen oder anderen Dame beim Tanz den Hals entlang, beißt sie ins Ohr, drückt ihren Schoß an seinen Freudenspender, der deutlich durch die Hose zu spüren ist. Sein Verhalten hat Methode. Es klappt bei fast allen Frauen, zumindest bei allen, die sich in solchen Bars herumtreiben und denen auf der Stirn geschrieben steht: „Ich will Abenteuer – ich bin heiß vor Verlangen.“

Annemarie fühlt sich zur gleichen Zeit durch den Genuss ihres Ruhmes im Umgang mit Männern berauscht. Sie ist so auf ihr Tun fixiert, dass alles andere um sie herum unwichtig wird. Auch, dass Harald mit dem Barkeeper seit Langem ein stillschweigendes Abkommen hat, für das er ihn gut bezahlt, damit er im Gegenzug das als Liebesnest umfunktionierte Büro im hinteren Trakt nutzen kann. Wenn Harald diesen Rückzugsort mit einer neuen Eroberung in Anspruch nimmt, genügt ein kurzes Zeichen, ein Blickkontakt mit dem Barkeeper, der sodann dafür sorgt, dass Annemaries Sektschale nie leer wird.

An vielen solchen Abenden mit immer diesem Ritual auf allen Seiten ist bisher alles glatt gelaufen. Hat Harald sein „Geschäft“ erledigt und kehrt befriedigt an die Bar zurück, nimmt er Annemarie in den Arm, drückt ihr einen leidenschaftlichen Kuss auf den Mund und erklärt den Herren drum herum, dass es nun Zeit ist, mit seiner Frau nach Hause zu gehen. Nur am 16. August 1947 ist alles anders, erinnert sich Annemarie mit Tränen in den Augen und der Film läuft ab, so, als würde es gerade jetzt passieren.

An diesem Tag, er hat sich in ihre Seele tief eingebrannt, lässt sie sich vorerst wie immer von der Männerwelt betören. Einer der Kerle, den sie von Anfang an nicht leiden kann und der sie ständig eklig anmacht, greift ihr auf dem Barhocker unverhofft zwischen die gespreizten Schenkel, am Slip vorbei, mitten rein in die nasse Vagina. Das geschieht so schnell, dass Annemarie im ersten Moment nicht reagieren kann. Mit seinen Fingern fährt er die Schamlippen entlang und massierte sie. Dann zieht er die Hand zurück, so schnell wie sie zuvor auf Erkundung gegangen ist. Er leckt sich mit der Zunge die Lippen, feuchtet sie an, um im gleichen Moment seine bösen Finger dazwischen verschwinden zu lassen. Wie berauscht scheint er sich am Liebessaft zu erlaben. Das ist zu viel für Annemarie. Mit ihrer kleinen Faust schlägt sie ihm eine Gerade mitten zwischen die Augen, ohne zu überlegen, nur dem Impuls folgend. Man hat sie zutiefst gekränkt, nicht durch die Tat an sich, sondern weil sie es nicht bestimmen durfte. Ihr Gegenüber fällt wie ein nasser Sack vom Barhocker und bleibt regungslos am Boden liegen. Daraufhin erfasst sie Panik. Nur schnell weg hier. „Harald, wo bist du?“, denkt sie noch, als sie mit starrem Blick in Richtung Wirtschaftstrakt läuft. Dort angelangt und vermeintlich in Sicherheit, reißt sie eine der letzten Türen auf, um sich zu verstecken. Unvermittelt steht sie in einem spärlich beleuchteten Raum, der neben einer dürftigen Büroausstattung noch mit einem riesigen Bett versehen ist. In Gedanken wundert sie sich noch über diese eigenartige Konstellation: Was nun, Büro oder Schlafzimmer? Mehr an Gedanken lässt ihr Gehirn nicht zu. Jetzt hat sie die beiden nackten, in sich verschlungenen Körper bemerkt.

„Harald, nein, das darf nicht sein!“, bricht es aus ihr heraus.

Er liegt auf seiner Gespielin, hat die Lippen in ihr vergraben. Sie verbirgt ihren Kopf zwischen seinen Beinen, scheint das dazwischen Befindliche förmlich zu verschlingen. Durch Annemaries Aufschrei lässt er kurz von seinem Tun ab, blickt auf und schreit sie mit erregter Stimme an.

„Hab dich nicht so, bist doch sonst nicht so prüde, komm her und mach mit oder verschwinde.“

Langsam dreht sich Annemarie um, geht auf den Gang hinaus, schließt ganz behutsam und leise hinter sich die Tür.

Sie hat Harald immer geliebt, hat ihm bedingungslos ihre Liebe zu Füßen gelegt, hat mit sich willig alles machen lassen. Sie war unerfahren in Liebesdingen und dankbar für jede Minute, die Harald sie begehrte. An diesem Tag bricht für sie eine Welt zusammen. Nichts ist mehr wie zuvor. „Aus, es ist aus, das Leben ist nicht mehr lebenswert“, denkt Annemarie und schleppt sich zutiefst gekränkt nach Hause. Sie weiß nicht mehr weiter, nur eins ist ihr klar: Sie will nicht mehr leben. Ihr Ausweg sind die vier Griffe am Gasherd.

Sie erinnert sich nicht mehr, wie lange sie mit dem Kopf in der Backröhre kauert. Eine feste, starke Hand ergreift ihr Haar, zerrt sie über den Fußboden hin zum Ausguss. Harald reißt den Körper hoch, drückt den Kopf in das Becken und lässt mit vollem Strahl kaltes Wasser über den Kopf laufen. Der Abfluss schafft den Wasserschwall nicht so schnell wie neues zuläuft. Immer höher steigt der Pegel. Annemaries Gesicht ist unter ihm verschwunden. Mit letzter Kraft ringt sie um Luft zum Atmen. Ihre Lebensgeister kommen langsam wieder. Harald dreht das Wasser ab, lässt sie auf den Boden sacken.

„Ich lasse mich scheiden“, sind seine letzten Worte, bevor er die Wohnung verlässt.

Wenige Tage später erfährt Annemarie, dass sie im dritten Monat schwanger ist. Wieder erfasst sie Panik. Harald hat sich seit ihrem Suizidversuch nicht mehr sehen lassen. In Verzweiflung, weil sie mit einem Kind vollkommen überfordert ist, so meint sie, bleibt ihr nur der Abort, ein Kindsabtrieb. Sie weiß aus dem Elternhaus, wie ihre Mutter das mehrfach erfolgreich angestellt hat. Fest entschlossen, nicht noch ein Kind zu bekommen, trifft sie alle Vorkehrungen. Aber weder heißer Rotwein mit Nelken noch Sprünge vom Küchentisch oder eine Klistierspritze, die sie sich bis zum Gebärmuttermund schiebt, zeigen Wirkung. Auch ein Gesprächsversuch mit Harald ändert nichts an der verfahrenen Situation. Er habe die Scheidung bereits eingereicht, das Kind sei ihm wurscht, so sagte er, Alimente würde er zahlen, aber eine verbotene Abtreibung zu arrangieren, käme für ihn nicht infrage. Er ließe sich sein Leben nicht verpfuschen. Sie solle selber sehen, wie sie zurechtkäme, aber ohne ihn. Schließlich gibt sie den Versuch auf, sich gegen die Natur zu stemmen. Vier Tage zu früh gebärt sie einen gesunden Sohn, Wolfgang nennt sie ihn, und ist nun alleinerziehende Mutter. Die Scheidung ist durch, sie erhält fünfundvierzig Mark monatlichen Unterhalt, und das Leben geht weiter.

Tränen rinnen über ihre Wangen. Längst hat sie auch die eiserne Reserve „Lockwitzer“ zur Hälfte in sich hineingeschüttet. Verbitterung hat sie in Besitz genommen, beeinflusst sie, macht sie zum willenlosen Spielball ihrer Gefühle. Sie denkt an ihre Eltern, an ihre Kindheit. Sie, das ungewollte Kind, zur Welt gekommen mit pechschwarzen Haaren, hellbrauner Haut und dunklen großen Augen. Der Vater hatte sich von der Wiege abgewandt und vor sich hingesagt „Zigeunerkind“. Das war das Brandmal auf der Haut ihrer Seele. Das ungeliebte Kind, zum Achtel abstammend vom Ururgroßvater, Italiener, Zigeuner.

Durch all die Jahre der Kindheit hat sie dieser Makel begleitet. Die Brüder werden vom Vater hochgehalten. Die dürfen so gut wie alles. Die Mädchen, und insbesondere Annemarie, stehen hinten an. Sie ist die Drittälteste der Geschwister und das erste Mädchen in der Großfamilie. Vielleicht deshalb war die Enttäuschung beim Vater so groß, die Verachtung so spürbar. Sollte es doch der dritte Junge werden, und dann das: eine Zigeunergöre. Insgesamt siebenmal probt er noch die Zeugungsfähigkeit, einmal war es eine Totgeburt. Seine Frau hat schon immer Angst, wenn es mit ihm mal wieder durchgeht. Dann hängt Vaters Unterhose über dem Bettende und sie muss fügsam sein, gehorsam und willig. Im Geheimen hofft sie von Monat zu Monat, dass der Kelch an ihr vorübergeht, sie nicht schon wieder schwanger ist. Einige Male muss sie zur „Kräuter-Erna“ gehen, mit Brot, Wurst und Eiern, was doch zuhause kaum entbehrlich ist. Sich krümmend vor Schmerz kommt sie dann am späten Abend zurück mit blutverschmierten Schenkeln. Das sind im Leben der Großfamilie die einzigen Tage, an denen der Vater sich um die Kinder kümmert, sie versorgt und ins Bett bringt. Still, ohne Worte funktioniert die Verständigung zwischen den Eheleuten.

Annemarie wird mit 14 Jahren aufs Land verschickt. Zur Entlastung der deutschen Mutter, deren Mann an der Ostfront kämpft. Das sind zwei gute Jahre. Die Bauern sind freundliche Ersatzeltern, kinderlos, mit kleiner Wirtschaft. Ein Dutzend Hühner, drei Gänse, zwei Schafe und die Milchkuh „Paula“, so hat Annemarie sie heimlich getauft. Sie geht den beiden zur Hand so gut es geht. Sie putzt das Haus, füttert die Kleintiere und zieht mit auf das Feld, um Rüben zu stechen. Zu essen gibt es reichlich, man ist Selbstversorger. Alles, was die Wirtschaft nicht hergibt, wird getauscht, gehandelt oder erworben, indem Familienschmuck, Möbel oder Gerätschaften den Besitzer wechseln. Kurz vor Kriegsende, als die Amerikaner immer näher rücken, muss Annemarie mit einem der letzten Züge zurück nach Chemnitz. Dort wird sie wieder in die Familie aufgenommen, ohne Frage, wie es ihr ergangen ist. Sie spürt die Blicke der Geschwister, die nun das wenige Essen auch noch mit ihr teilen müssen. Sie ist unerwünscht, ungeliebt von der Mutter, vom Vater, der weit weg ist. Vielleicht ist es aber auch die Zeit, die Umstände, das Leben selbst, wovon man nicht so viel erhoffen kann, in den Jahren der Not, stets umgeben vom Tod, dem täglichen Kampf ums Überleben. Was kann man da schon erwarten? Annemarie fügt sich ihrem Schicksal und hofft sehnsüchtig auf bessere Zeiten. In Gedanken ist schon alles vorgezeichnet. Sie will ausbrechen aus diesem düsteren, stinkenden Milieu, begehrt werden von Männern, auf Händen getragen werden. Vermögend, ja, das wäre gut. Ein Ehemann, der erfolgreich ist, sie liebt, verwöhnt, ihr schöne Sachen kauft, mit Schmuck beschenkt. Kinder – nein! Sie will keine Kinder. Das ist Ballast. Das ist eine Last, die sie nicht zu tragen gewillt ist. Tief im Inneren spürt Annemarie wieder die Verachtung, die ihr die Kindheit zur Hölle machte. Sie ist stumpf, ohne Gefühl, verbittert, ausgegrenzt aus dieser Welt. Ja, eine Ausgestoßene, das trifft es.

Mit letzter Kraft setzt sie das Glas an die Lippen, schluckt hastig. Wie eine Verdurstende schlingt sie den Rest „Lockwitzer“ in sich hinein. Dann fällt das Glas zu Boden, hinterlässt auf dem Teppich einen dunklen Fleck, der sich rötlich in die vorhandene Fleckenlandschaft einfügt. Annemarie ist nicht mehr fähig, sich in ihrem Schicksal zu bemitleiden. Die Kraft ist ausgegangen. Heute will sie nicht mehr kämpfen, sich nicht mehr im Streit mit ihrem Ehemann behaupten. Sie will nur noch ihre Ruhe finden, sie, das Zigeunerkind.

4. Kapitel

Irgendetwas flackert vor meinen fest geschlossenen Augen. Die Grautöne verändern sich. Ich will mich darauf konzentrieren, aber es funktioniert nicht. Je intensiver ich versuche, das Geschehen zu deuten, desto mehr sacke ich ab in den unendlichen Raum, beginnt mein Körper zu kreisen. Immer schneller werden die Bewegungen um meine eigene Achse. Mal kopfüber, dann seitlich mit schlapp herabhängenden Gliedern, einem gefühllosen Rumpf, so geht es immer weiter in den endlosen Abgrund. Ich kann nichts aufhalten, nichts beeinflussen. Ich bin schutzlos ausgeliefert. Ich ergebe mich dem Schicksal.

Grelles Licht blitzt auf, die warme Augustsonne brennt auf der Haut. Ich fühle das Leinenhemdchen auf dem Oberkörper, spüre, wie die Hitze sich darunter breitmacht. Aus meiner Festung heraus, umgeben von geklöppelter Spitze, beginne ich zu erkunden. Mama sitzt auf einer Bank, neben ihr die rauchige Stimme mit dem Bronchialhusten.

„Stell dir vor, Anni, hat mich doch gestern ein Kerl angesprochen und nach dir gefragt“, informiert Eva geheimnisvoll.

„Und weiter?“, fragt Annemarie neugierig.

„Na, er würde dich gern treffen. Er hat uns letzte Woche gemeinsam gesehen. Er ist so abgefahren auf dich, Wahnsinn, eben Südländer. Sieht übrigens aufregend aus, schwarze gelockte Haare und Augen, sag ich dir, wie ein Stier.“

Mit den Fingern bildet Eva Kreise um die Augen, schaut hindurch und ein Lachen, begleitet von kleinen Hustern, deutet die Zwiespältigkeit ihrer Aussage an. Annemarie hat verstanden, denkt: „Ich bin verheiratet, habe zwei Kinder. Das geht nicht.“

„Hast du ihm gesagt, dass ich gebunden bin und Kinder habe?“, fragt sie mit einer Prise Entrüstung.

„Dass du verheiratet bist, schon. Dass du Kinder hast, muss er ja nicht unbedingt wissen. Also, organisieren wir ein Stelldichein oder nicht?“

„Ist ja gut“, gibt Annemarie zurück, „und wie soll das abgehen?“

„Ganz einfach. Du triffst dich mit ihm in der ‚Libelle‘ am Samstag, nachdem wir deinen Mann k. o. gesetzt haben. Du hast selbst gesagt, er verträgt wenig. Wenn er genügend intus hat, schlummert er friedlich ein und wird durch nichts mehr wach.“

„Das stimmt schon, aber ‚Libelle‘ scheidet aus. Da bin ich bekannt wie eine Straßennutte. Dort bringt mich keiner mehr rein“, resümiert Annemarie mit einem keuschen Augenaufschlag.

„War ja nur ein Vorschlag. Pass auf, ich hab’s“, sprudelt es aus Eva heraus. „Wir drehen die Party einfach um. Ich komme zu euch, bring vorsichtshalber noch Hochprozentiges mit, und wenn dein Mann in die ewigen Jagdgründe entschwunden ist, gehen wir einfach zu mir“, triumphiert Eva, sie ist sich sicher, den perfekten Plan entworfen zu haben.

„Und was ist mit den Kindern?“, fragt Annemarie besorgt.

„Und was ist, wenn der Topf aber nun ein Loch hat, lieber Heinrich, lieber Heinrich?“, äfft Eva sie nach.

„Tut mir leid, aber ich hab so etwas noch nie gemacht, ehrlich“, rechtfertigt sich Annemarie. „Ich habe noch nie einen Mann betrogen.“

„Hattest ja nur zwei, oder hast du mir was verschwiegen?“

„Nein, nein, ich hatte wirklich nur zwei“, erwidert Annemarie kleinlaut.

„Da wird es aber Zeit, mein Mädel, sonst wachsen dir noch Spinngewebe an deiner Muschi“, lästert Eva.

„So ist es nun auch nicht. Paul besorgt es mir schon, wenn auch nur ab und zu. Aber mir reicht das“, verteidigt sich Annemarie und merkt im selben Moment, dass sie sich soeben belogen hat.

Wie oft lag sie heiß zwischen den Beinen neben ihm, hat ihn berührt, dort, wo es bei jedem Mann sofort funkt. Aber da passierte nichts, außer seinem Kommentar, dass er müde wäre und schließlich zeitig raus müsse. Mit Harald war es anders gewesen. Der hatte sie richtig genommen, von allen Seiten, hatte ihr förmlich die Seele aus dem Leib gestoßen. Oh, oh, hatte sie da schlimme Sachen mit sich machen lassen. Dafür schämte sie sich heute noch, erkennt Annemarie in Erinnerung versunken.

„Hörst du mir überhaupt zu?“, fragt Eva und rüttelt sie kräftig am Arm.

„Du tust mir weh“, wehrt Annemarie ab, weil sie sich ertappt fühlt.

„Also noch einmal: Wir feiern bei euch, füllen Paul ab, und wenn er schläft, gehst du zu mir rüber. Ich bleibe bei euch, wegen der Kinder. Wenn Paul wach wird, sag ich ihm, dass du dich über seine Besoffenheit geärgert hast und für ein Weilchen das Tanzbein schwingst. Dagegen kann er nichts machen, das hat er sich doch selber eingebrockt. Wenn ich den Typen treffe, vereinbare ich euch für Samstag ab elf Uhr in der Nacht. Ist das ein Wort, mein Mädel?“

Ohne eine Gegenwehr zuzulassen, redet Eva sofort weiter auf ihr Patenkind ein. Sie ist sich sicher, Anni jetzt am richtigen Nerv gepackt zu haben. Gleichwohl fühlt sie sich wie die Meisterin, die der hörigen Schülerin die Flötentöne beibringt.

„Lass es dir doch mal gut gehen. Glaube mir, die Männer verdienen es nicht anders. Hast doch selbst deine Erfahrungen gemacht, mit Harald, meine ich, und wie er dich betrogen hat. Zahl es der Männerbagage heim, die verdienen es nicht anders“, ereifert sich Eva.

Sie merkt, wie der Widerstand stückchenweise bricht.

„Komm, Anni, lass es uns wenigstens ausprobieren. Wenn’s dir nicht taugt, lässt du es eben. Aber einmal musst du das erleben, mein Schätzchen, so richtig fremdgevögelt zu werden – das ist knorke.“

„Ich habe Angst, dass etwas schief geht. Ich würde mir ein Leben lang Vorwürfe machen“, wimmert Anni leise.

In Innersten brennt aber bereits das Feuer. Lichterloh schlagen die Flammen der Begierde, der Lust am Verbotenen in ihr auf. Wie in Trance wendet sie sich Eva zu und küsst sie zärtlich auf den Mund. Erschrocken fährt sie zurück, tut, als ob nichts geschehen wäre. Aber Eva hat den Impuls sofort erkannt. Ihr Mädel ist reif, sie ist nur noch zu pflücken. „Das wird eine schöne Zeit“, denkt sie und gibt Annemarie ein Freundschaftsküsschen auf die Wange zurück.

Mit der Verabschiedung werde ich aus meiner Entdeckertour gerissen. Ich habe wohl gehört aber natürlich nicht begriffen, doch irgendetwas Geheimnisvolles, Schönes musste es sein. Ich sehe es deutlich an dem Gesichtsausdruck von Mama, so strahlend, in den Augen leuchtend habe ich sie noch nie gesehen. Etwas ganz Großes bahnt sich an. Was nur hat eine solche Veränderung in Mama bewirkt? Im Hausflur nimmt sie mich behutsam aus meiner Festung mit dem geklöppelten Spitzenrand. Sie drückt mich an ihre kleine Brust, gibt mir einen Kuss auf die Stirn, streicht mir mit der freien Hand sachte über den Kopf. Ich verspüre Angst. Was ist nur geschehen? Ich empfinde plötzlich ihre Zärtlichkeit als Schmerz, als ein tief von innen kommendes Brennen. Sie liebkost nicht mich, sondern die Erwartung auf das Unheimliche, das Geheimnisvolle, das Große. Vor Beklemmung beginne ich zu weinen, laut, angstvoll, in Verzweiflung dessen, was geschehen wird, von dem ich weiß, es ist außergewöhnlich, noch nie da gewesen, etwas, was meine Vorstellungskraft übersteigt. Was nur ist das Unabwendbare, Zerstörerische, vor dem ich eine solche unsagbare Angst habe?

Ich spüre, dass heute die Zeit sein muss, da das Unvermeidbare geschehen wird. Mama ist aufgeregt, mit den Gedanken weit fort. Der mit den Bartstoppeln und den ölverschmierten Händen hat sich gebadet, in der Blechwanne in der Küche, mit in großen Töpfen auf dem Gasherd erwärmtem Wasser. Ich habe mit ihm gemeinsam gebadet. Nachdem die Haut aufgeweicht ist, hat er die ölverschmierten Hände mit einer Bürste und viel Seife geschrubbt. Danach, vor dem Spiegel, geht es den Bartstoppeln an den Kragen. Mit Schaum und einer scharfen Klinge haben sie keine Chance. Nun passt die Bezeichnung nicht mehr: „der mit den Bartstoppeln und den ölverschmierten Händen“. Ich erinnerte mich, dass meine Mama öfters Paul oder auch Papa zu ihm gesagt hat. Also ab sofort Papa, zumindest so lange, bis wieder Bartstoppel und ölverschmierte Hände zutreffender sind. Mama nimmt in dem Rest Warmwasser ihr Bad, wäscht sich gründlich und in Gedanken versunken, reibt sich mit dem Waschlappen ihre kleine Brust, den Bauch, die Lenden. Langsam und intensiv gleitet die Hand mit dem Lappen zwischen die Beine, über die straffen Schenkel, fährt über die Pobacken, die prall und rund geformt sind. Sie genießt das Bad. Dabei ist es ihr vollkommen gleich, dass ihr siebenjähriger Sohn Wolfgang das Treiben mit tiefrotem Gesicht und Stielaugen, die man mit der Hitsche abschlagen könnte, beobachtet. Sie ist weit weg, in einer anderen Welt, die voller Erfüllung, bunt schillernd und ohne Sorgen und Probleme ist.

Wir werden zeitig zu Bett gebracht. Mama singt uns ein Schlaflied vom Schaf, was sie noch nie getan hat, Papa, der ohne Bartstoppeln und ölverschmierte Hände, steht im Türrahmen und sieht irgendwie anders aus. Er lächelt, macht Bewegungen so ausladend wie ein Dirigent vor einem hundertköpfigen Orchester. Behutsam schließt sich die Tür und es zieht Ruhe ein.

In der Nacht erwache ich. Mein Bruder schnarcht leise vor sich hin und ich lausche auf das, was im Nebenzimmer, der Wohnstube, zu hören ist. Die mit der rauchigen Stimme, heute ohne Bronchialhusten, dominiert die Runde bestehend aus ihr, meiner Mama und, ah ja – Papa.

„Ich finde es super, wie ihr euch eingerichtet habt. In so kurzer Zeit. Ihr seid ja erst, wenn ich richtig gerechnet habe, knapp drei Jahre verheiratet. Respekt – tolle Leistung“, lobt Eva.

„Darauf müssen wir einen trinken. Prost, Paul, ich heiße Eva, lass uns Brüderschaft anstoßen.“

Ein Klirren, dann Stille. Bis das Gespräch wieder aufgenommen wird.

„He, lass von Eva ab. Du sollst sie nicht gleich verschlingen. Musst ihr keinen Zungenkuss geben“, höre ich meine Mama sagen.

„Jetzt hab dich nicht so, Anni. Einen Kuss in Ehren kann keiner verwehren. Ich will außerdem nur testen, ob dein Mann wirklich so ein flotter Feger ist, wie du immer sagst“, kontert Eva.

„Hab ich nie gesagt.“

„Doch, hast du gesagt.“

„Nein, hab ich nicht gesagt“, frotzeln die Frauen miteinander.

Sie wissen genau, was das Ziel dieses Disputes ist. Paul schwillt der Kamm. Er fühlt sich als Hahn im Korb und lässt sich von den Damen unbemerkt abfüllen. Zuletzt, bevor er ins Alkoholkoma fällt, knutscht er beide Frauen abwechselnd, jedoch mit nachlassender Intensität. Der Alkohol hat seinen Dienst erbracht. Mit einem Turm in der Hose ist er an den prallen Brüsten von Eva eingeschlafen, tief und fest.

Jetzt ist die Zeit für Annemarie gekommen. Ihr Herz pocht bis zum Hals. Sie hat feuchte Hände vor Aufregung. Im Kopf fahren die Gedanken Karussell. Sie will das alles nicht, sie will nur Paul, eine gute Mutter sein, treu, ergeben, aufopferungsvoll, leidenschaftlich. Nein, sie will nicht mehr willig sein, bereitwillig, wenn es dem Mann danach ist. Sie will ab sofort selbst bestimmen, was geht und was nicht geht. Sie mag nicht mehr nur ein williges Stück Fleisch sein, dem Willen des Anderen ausgeliefert. Ab sofort will sie beherrschen, die Richtung bestimmen. Sie wird sich von keinem mehr in ihr Leben hineinreden lassen.

Annemarie bündelt alle Kraft, fasst das letzte Quäntchen Mut, um den Sprung über den Graben, den inneren Schweinehund zu schaffen. Sie schafft ihn. Von sich selbst gelobt über den Mut schreitet sie zur Tat. Jetzt ist es nicht mehr schwierig, jetzt sind alle Skrupel beseitigt. Nur noch frei sein. Selbst bestimmen, das Leben in vollen Zügen genießen, das ist wichtig.

Mit schnellen Schritten erreicht sie die gegenüberliegende Häuserzeile. Den Schlüssel fest umklammert, voller Erwartung dessen, was da kommen wird, eilt sie zum Hauseingang. Ein leiser Pfiff gibt ihr die Richtung. Ihr Auserwählter, der alles Verändernde steht bereit. Es bedarf keiner Begrüßung. Lautlos überwinden die beiden die wenigen Meter bis zum Himmel, oder besser bis zur Hölle. Wie wilde Tiere fallen sie über sich her, reißen sich die Sachen vom Leib. Annemarie denkt im Moment nicht daran, dass sie es wird erklären müssen, wenn sie mit einem Kleid ohne Knöpfe zurückkehrt. Wichtig ist ihr nur noch der Moment. Sie spürt seine Umarmung, die Liebkosung vom Hals abwärts bis ganz nach unten. Sie vibriert, verbiegt sich unter der Last der Gefühle, die sie so intensiv noch nie erlebt hat. Sie schwebt auf einer Wolke aus Wollust. Gierig gleitet sie an ihm herab, ihm Gleiches bereitend. „Komm, nimm mich“, gibt sie ihm zu erkennen. Mit brachialer Gewalt, ungestüm und von dem Drang besessen, den finalen Schuss zu setzen, dringt er in sie ein. Ihr Leib bäumt sich auf, ein Schrei der Begierde löst sich aus ihr. Im Rhythmus der Stöße gibt sie laute Schreie von sich. Er hält ihr den Mund zu, presst sie an seinen Körper, stößt immer fester zu, bis ihr Schreien verstummt und nur noch ein Beben zu verspüren ist. Zum zweiten Mal strömt der Liebessaft tief in sie hinein. Keine Verhütung kann den Strom verhindern. Annemarie ist es egal. Sie genießt das berauschende Spiel der Gefühle. Selbst Harald war ein Anfänger im Vergleich zu diesem Mann. Jetzt erst, etwas abgeklungen, merkt sie, dass sie nicht einmal seinen Namen weiß. Von nun an, so beschließt sie, soll er Herkules heißen. Die griechische Sage kennt sie nicht, aber sie ist sicher, er muss es sein, der mit dem riesigen Glied.

Als es hell wird, räumen sie das Liebesnest. Höflich verabschieden sie sich mit dem Versprechen, in Verbindung zu bleiben. Annemarie ist klar, dass es kein zweites Mal geben wird. Die Gefahr entdeckt zu werden ist einfach zu groß.

Irgendetwas tut sich nebenan. Gedämpftes Licht breitet sich im Wohnzimmer aus. Paul liegt auf dem Sofa, hat die Augen halb geschlossen, und ergibt sich dem Tun von Eva. Ihr ist es zu langweilig geworden, nur darauf zu achten, ob eines der Kinder wach wird. Vielmehr hat sie Interesse, Paul wach zu bekommen. Nur so ist es ihr möglich, sich von ihm zu nehmen, wonach sie Verlangen hat. Ihre prallen Brüste sind entblößt, sie reibt sie auf Pauls nacktem Bauch. Von meiner plötzlichen Anwesenheit aufgeschreckt, lässt sie von dem willigen Opfer ab, ergreift mich derb am Arm und bringt mich dorthin, wo ich hergekommen bin – ins Bett. Leise, aber doch sehr deutlich zischt sie:

„Unterstehe dich, noch mal rauszukommen. Ich dreh dir den Hals um.“

Ich begreife zwar nicht, was sie damit meint, aber ich empfinde es als sehr bedrohlich. Deshalb bleib ich, wo ich bin und vernehme nur aus der Ferne, was geschieht, als Mama in das Geschehen eingreift.

„Was ist denn hier los?“, höre ich Mama empört fragen.

„Ihr Schweine, müsst ihr hier rumvögeln? Das glaube ich nicht. Von dir, Eva, als meine beste Freundin, hätte ich etwas anderes erwartet. Schäm dich. Und du Bock, sieh zu, dass du wegkommst, sonst erschlage ich dich.“

Annemarie spielt die Rolle perfekt und glaubwürdig. Aber ist es überhaupt Spiel, ist es nicht doch ehrliche Entrüstung über die Entgleisung der beiden? Ist sie zurückgekehrt zu ihrer Moral, eine gute Mutter zu sein, treu und ergeben, aufopferungsvoll, leidenschaftlich und brav?

„Lass es gut sein. War’s denn wenigstens schön?“, höre ich die rauchige Stimme sagen.

„Raus, raus alle beide!“, schreit Mama, dann wird es still.

Nach einer Weile setzt ein Wimmern ein, leise, dann lauter. Schluchzen, Schreie, ein Dröhnen und Poltern. Markerschütternd, und bedrohlich zugleich. Meine Neugierde treibt mich wieder aus dem Bett. Vorsichtig öffne ich die Tür zur Wohnstube. Mama sitzt auf dem Sofa, trommelt mit ihren kleinen Fäusten auf die Tischplatte, hat soeben den Leuchter vom Tisch gefegt, der in die Ecke unter dem Fenster kullert, als wollte er sich aus dem Schlachtfeld stehlen. Mit leerem Blick und tränenüberströmt schaut sie zu der offenen Tür. Beide Arme strecken sich in die Richtung aus. Für mich die eindeutige Aufforderung, zu ihr zu kommen. Langsam, verängstigt und unsicher überwinde ich den kurzen Weg. Mama schlägt die Arme um meinen Körper, lässt sich zur Seite fallen und bedeckt mich mit ihrem Leib. Wie eine Wölfin das Junge, so hält sie mich fest, drückt mich an ihre bebende schluchzende Brust.

5. Kapitel

Nein, ich will diese Nähe nicht! Lass mich los, gib mich frei, du tust mir weh! Mein Körper ist regungslos, wie in Beton gegossen. Ich kann mich dieser Nähe nicht entziehen. Warum hilft mir keiner? Hilfe, Hilfe, Hilfe …

Ein besorgter Pfleger der Intensivstation blickt auf die Geräte, die Karl Nebel umgeben. Er regelt etwas nach, wendet sich Susanne zu und gibt ihr durch ein kurzes Nicken zu verstehen, dass alles in Ordnung ist. Am Bett sitzend wischt sie sich die Tränen aus dem Gesicht. Soeben hat sie begonnen, Karl die Geschichte ihres Kennenlernens zu erzählen.

„Weißt du noch, wie wir uns das erste Mal im Hausflur begegnet sind. Ich war mit meiner Familie von Sachsen-Anhalt nach Sachsen umgezogen, in die kleine Zweizimmerwohnung, obwohl die Tochter schon acht Jahre alt war. ‚Eine Wohnung mit Kinderzimmer haben wir nicht, müsst halt so zurechtkommen‘, hatte der Oberleutnant vom Stab gesagt, der für die Wohnraumvergabe verantwortlich war. Du warst seit mehreren Monaten gegenüber beschäftigt, so hatte ich gehört, Löcher in die Wände zu bohren. Ich konnte nicht begreifen, warum die Dreizimmerwohnung nutzlos leer stand und wir nebenan eingepfercht waren. Na gut, ich erfuhr später, dass deine Frau ihre Tochter mitgebracht hatte. Aber ungerecht war es trotzdem. Ich stehe also so vor der Tür, du gegenüber, bewaffnet mit Schrubber und Eimer, im Begriff die Treppe zu wischen. Weißt du noch, was du geantwortet hast, als ich dir meine Hilfe bei der Hausordnung anbot? Ja, mein Lieber, ohne mich anzusehen kam: ‚Das kann ich selber‘, mehr nicht. Was für ein kotzüberheblicher Heini, habe ich damals gedacht. Das habe ich dir aber auch schon ein paar Mal erzählt.“

Susanne hält inne, als warte sie darauf, dass Karl ihr antwortet. Aber er liegt noch immer im Koma und die Ärzte geben keine Prognose. Dass es dauern könne, hat sie nur erfahren, als sie besorgt nachgefragt hat.

Wieder wischt sie sich Tränen vom Gesicht. Sie kann einfach diesen ständigen Fluss nicht unterdrücken. Nach Tagen hat sie es aufgegeben, ihre Weinanfälle zu bekämpfen. Irgendwie erleichtert das auch.

„Ach ja – warst du damals arrogant. ‚Guten Tag‘, das war alles, was man aus dir herausbekam. Es reizte mich schon, dich Muffel umzukrempeln, aber dazu war ich noch nicht bereit. Ja, ich weiß, was du sagen willst: ‚Hast andere Kerle im Kopf gehabt, später jedenfalls.‘ Nein, mein Lieber, da war nichts, ich war brav wie ein Rehkitz. Ich musste mich um eine Arbeit kümmern, in dem Nest, dem trostlosen Dorf. In der Heimatstadt hatte ich eine Stelle bei der Reichsbahndirektion gehabt. Und dann ziehe ich mit meinem Mann und Töchterchen Liesa in dieses Kaff, weil er von der Dienststelle einen Zivilposten in der Kfz-Werkstatt bekommen hatte. Oh, war ich damals doof. Aber etwas Gutes hatte es sonst hätte ich dich, mein Schatz, nie kennengelernt.“

Ein flüchtiges Lächeln huscht über ihr Gesicht.

„Nach einigen Wochen seid ihr dann eingezogen. Mit deiner Frau kam ich sofort ins Gespräch. Manchmal saßen wir auf der Bank vor der Tür, im Schatten der kleinen Birke, weißt du, und sie erzählte mir, wie fleißig du als Hauptfeldwebel warst. Um alles hast du dich kümmern müssen, bis spät in die Nacht hinein, du warst die ‚Mutter der Kompanie‘, erzählte sie immer sehr stolz. Ja, mein Lieber, sie hat dir geglaubt, hat ein unendliches Vertrauen gehabt. Dabei, du Mistkerl, bist du da schon meterweise fremdgegangen. Jeder im Haus wusste es, oder argwöhnte es zumindest. Deine Frau war ahnungslos. Ein guter Schauspieler warst du ja, darauf kannst du dir was einbilden. Nach außen immer der liebe, fürsorgliche Ehemann. Da fällt mir ein, auch deine Schwiegermutter hatte dich in den höchsten Tönen gelobt. Deshalb kam sie auch jeden Früh, euch zu wecken. Ich habe das nie begriffen, dass diese Frau morgens mit dem Fahrrad zu euch geradelt kam, um ans Schlafzimmerfenster zu klopfen, bis drin das Licht anging. Ich hätte euch schlafen lassen. Spätestens nach dem dritten, vierten Mal Zuspätkommen hätten sie dich in der Kaserne behalten. Wie hieß das bei euch, ‚Kasernenarrest‘?“

Susanne hält inne, horcht auf einen Widerspruch aus dem Bett, eine kleine Regung wenigstens. Nichts. Die Apparate summen monoton vor sich hin. Die Kurven auf den Displays sind gleichmäßig. Auch ohne den prüfenden Blick des Pflegers weiß sie, es ist alles in Ordnung. „Nein, in Ordnung ist nichts“, widerspricht sie sich in Gedanken selbst. „Was soll ich tun?“, grübelt sie. „Es ist so schön in letzter Zeit gewesen. Endlich bist du zur Ruhe gekommen, hast deine ständige Hektik abgelegt, dich auf uns, auf mich, die Kinder und Enkelkinder konzentriert. Hast begonnen, zu dir selbst zu finden, nachdem du diesen verfluchten Job gekündigt hast. Ich war so stolz auf dich. Endlich war der Teufelskreis aus Arbeit, Firma, Arbeit, Firma und ganz zum Schluss wir, durchbrochen. Endlich hast du das Wichtigste voran gestellt: deine Familie. Du kannst dich nicht so einfach davonschleichen!“, schreit sie Karl lautlos an. „Du hast gefälligst zu leben. Hast du verstanden? Zu leben!“

Erschrocken zieht sie ihre Hand von seinem Arm zurück. Sie hat ihn geschüttelt, hat ihre Fingernägel tief in das reglose, gefühllose Fleisch vergraben. Wie zur Wiedergutmachung streicht sie ihm zärtlich über die vom Zugriff gekennzeichnete Stelle. „Du darfst uns nicht wegsterben“, signalisieren ihre weichen Fingerspitzen. Nach einer Weile wiederholt sie diese Prozedur, dann tut ihr der Arm weh. Leise steht sie auf, geht zum Fenster. Es hat angefangen zu regnen. Der Wind, der die Regentropfen an die Scheibe drückt, hat sich zu gleicher Zeit auch die große Buche gegenüber dem Fahrweg vorgenommen. Mit ungebändigter Kraft rüttelt er an den Ästen. Bricht hier und da ein Zweiglein ab, kann aber dem Baum nichts antun. Mit ihrem starken Stamm steht sie da, die sturmerprobte Buche, und trotzt dem Spiel der Natur. Susanne nickt unbewusst mit dem Kopf, sie hat Karl mit diesem Baum verglichen. „Bleib standhaft, widersetze dich dem Gevatter Tod. Du schaffst es, da bin ich mir sicher“, beschwört sie ihn lautlos.

Jetzt ruhiger geworden geht sie im Zimmer auf und ab, langsam vom Bett zum Fenster, von da zur Tür, am Geräteturm vorbei und wieder zum Bett. Sie umrundet es und beginnt den Weg erneut. Unzählige Runden vollzieht sie. Es ist inzwischen fast dunkel geworden, die Gegenstände im Zimmer beginnen, ihre Position nur noch schemenhaft preiszugeben. Sie entschließt sich, für heute den Besuch bei ihrem geliebten Mann zu beenden. Die Müdigkeit ergreift Besitz von ihr. Ihre Beine werden schwer. Flüchtig verabschiedet sie sich von Karl, gibt ihm einen zärtlichen Kuss auf seine Stirn und dreht sich in Richtung Tür. Es ist nur ein Abschied für einen kleinen Moment, denn morgen, ja, morgen wird sie ausgeruht wieder zu ihm kommen.

Susanne hat sich am nächsten Tag ihren Lieblingsrock, den weiten braunen aus Italien, und darüber eine leichte rote Leinenbluse, lässig geschnitten, angezogen. Sie liebt diese Art von Bekleidung. Sie mag keine engen Röcke und Blusen mehr, auch keine Schuhe mit hohen Absätzen. Die Zeit ist vorbei.

Im Zug nach Rosenheim hat sie Zeit, darüber nachzudenken: Wie hat sie doch die engen, figurbetonten kurzen Röcke und die etwas keuschen Blusen geliebt. Aber auch lange Kleider, meist ohne Halter um die Brust, dafür breite Gürtel aus Lackleder. Dazu hohe Schuhe, die Haare als Pagenschnitt und blond gefärbt. „Das waren noch Zeiten“, denkt sie vor sich hin und kann ein Lächeln nicht verbergen. „Damals, als ich bei der Stadt angefangen habe, konnte ich mich erstmals richtig ausprobieren, immer der Mode etwas voraus. Ich habe ja gut verdient und mein damaliger Mann brauchte wenig, lief sowieso meist in Schlossersachen herum.“

Susanne wird aus ihren Gedanken gerissen. Der Zug fährt ein und um ein Haar hätte sie das Aussteigen verpasst. Schnell greift sie die, wie immer zu große, Handtasche und den Beutel mit gewaschenen Schlafanzügen und eilt zur Tür. Kaum steht sie sicher auf dem Bahnsteig, schließen sich die Türen und der Zug fährt Richtung München weiter. Es ist noch viel zu zeitig für den Krankenhausbesuch. Sie schlendert durch die Bahnhofshalle, schaut am Zeitungsstand nach einer Illustrierten, um sich nach kurzer Zeit wieder abzuwenden von der schillernden Prominentenwelt, die so gar nicht ihr Interesse weckt. „Kaffee trinken, hier nebenan, das ist eine Idee“, denkt sie und läuft entschlossen in die Richtung.

Am Tisch nimmt sie zwei kleine Schlucke von dem frisch gebrühten Getränk. Ihre Hand gleitet in den Beutel mit den Pyjamas und nach einigem Hin und Her zwischen den Wäschestücken fördert sie das Gesuchte heraus. Sie legt den kleinen Stoffteddy mit dem Verband am Kopf und dem Hemd mit der Aufschrift „Komm bald wieder heim“ vor sich auf den Tisch. Sie hat sich heute früh an dieses Ding erinnert, was seit langer Zeit am Kleiderständer im Wirtschaftsraum sein Dasein fristete. Genau den Teddy hatte Karl vor fast vier Jahren in der Klinik von den Enkelkindern geschenkt bekommen.

Damals hatte er schon einmal auf der Schippe des Todes gesessen. Bei ihm hatten die Ärzte ein Prostatakarzinom diagnostiziert. Viel Zeit wäre ihm nicht mehr geblieben, wenn er nicht sofort operiert worden wäre. Mit aller Kraft hatte er damals den Weg ins Leben zurückgefunden, hatte eisern an seiner Genesung gearbeitet. „Er wird es auch diesmal schaffen“, denkt Susanne und ist sich dessen ganz sicher. Sie umschließt den Teddy mit der Hand, drückt ihn, als wollte sie prüfen, ob er weich genug ist. Sie gibt ihm einen Stups auf die Nase und schaut ihn prüfend an. In Gedanken verabschiedet sie sich von ihm: „Bitte mach deine Sache gut“‚ und legt ihn lächelnd zurück in den Beutel.

Sie lässt sich Zeit für den Weg ins Klinikum, macht noch einen Umweg über den Friedhof. Sie geht zielsicher die Wege zwischen den Grabreihen entlang, biegt um die Mauer mit den Wandgräbern und weiter bis zu dem einen Grab. Hier liegt er, der ehemalige Seniorchef von Karls letzter Firma. Er hatte aus dem Nichts die Firma aufgebaut, sie durch Höhen und Tiefen geführt bis zu seinem Tod mit 89 Jahren. Unermüdlich hatte er gewirkt. Er war stets ein Vorbild für Karl gewesen. Karl hatte ihn gemocht, auch wenn der alte Herr oft keine andere Meinung hatte gelten lassen. Dafür war er Chef gewesen, hatte die Verantwortung für das Ganze getragen. Susanne blickt auf das Bild auf der Grabplatte und leise spricht sie das Abbild an:

„Bitte helfen Sie Karl von da oben, wo Sie jetzt sind. Ich bin so verzweifelt. Tun Sie etwas.“

Eine Weile steht sie vor dem Grab, als warte sie auf eine Antwort von ihm. Ein Spatz setzt sich auf das hölzerne Kreuz vor der Mauer, hüpft aufgeregt auf dem Balken hin und her. Dann hält er inne, legt sein Köpfchen zur Seite und zirpst ein paar Mal. Soll vielleicht heißen: „Hab Mut, es wird alles gut“, redet sich Susanne insgeheim ein. Sie ist in die Realität zurückgekehrt. Mit festem Schritt eilt sie nun den Weg entlang, nimmt direkt Kurs auf die Klinik.

In den verwinkelten Gängen mit den roten, grünen, gelben und blauen Richtungslinien kennt sie sich inzwischen aus. Jede Linie steht für ein bestimmtes Haus, eine bestimmte Station. Einer folgend, mit dem Aufzug zwei Etagen bewältigend, kommt sie leicht außer Atem am Ziel an. Sie muss sich erst konzentrieren auf die Situation, wie sie ihr nun wieder vor Augen treten wird. Da hinter der Glastür mit der Ziffer 312 liegt er, ihr geliebter Mann, nachdem er vor einer Woche innerhalb der Intensivstation hierher verlegt wurde. Nachdem sie sich ein wenig gesammelt hat, geht sie das letzte kleine Stück und öffnet leise die Tür zum Zimmer mit dem Bett von Karl und rundherum den Gerätetürmen, die monoton die Signale in die Welt abgeben. So wie sie das auf den ersten Blick erkennen kann, scheint alles in Ordnung.

Als hätte der Pfleger hinter der großen Glasscheibe, die die Trennung zum Nachbarraum darstellt, ihren Gedanken erraten, hebt er die rechte Hand und gibt mit dem nach oben gerichteten Daumen das Zeichen „alles in Ordnung“.

„Da bin ich. Geht es dir gut? Heute siehst du schon viel besser aus. Schau an, rasiert hat man dich. Wohl extra schmuck gemacht für mich“, spöttelt Susanne und küsst ihn auf Wange, Mund und Stirn.

Sie fühlt, dass sie heute gut drauf ist und bemerkt erst jetzt, dass noch keine einzige Träne ihren Augen entwichen ist. „Na bitte, geht doch“, lobt sie sich.

„Ich habe dir etwas mitgebracht. Du erinnerst dich doch an deine Prostataoperation? Die beiden Zwerge hatten dir einen Teddybären geschenkt, mit einem Verband am Kopf. Hier ist er.“

Stolz zieht sie das kleine Ding aus dem Beutel und legt ihn sacht an das Gesicht von Karl. Er soll ihn spüren, sich erinnern, mit ihr gemeinsam darüber lachen, wie er damals den Tod besiegt hat. Eine Siegesfeier sollte es jetzt werden, aber Karl zeigt keine Reaktion. Reglos liegt er im Bett, die Augen fest geschlossen, Atemgeräte ersetzen seine Lunge. Ein und aus, ein und aus …

„Ich war vorhin bei deinem ehemaligen Chef. Hab ihn gegrüßt von dir, da oben, wo er jetzt ist. Weißt du, was er mir gesagt hat? Du sollst ihm vom Halse bleiben, deine Zeit wäre noch lange nicht gekommen. Also, mein Lieber, halte dich dran und höre auf den Chef. Er meint es gut mit dir, wie immer.“

Jetzt rollt Susanne die erste Träne des heutigen Tages über die Wange und kennzeichnet mit Wimperntusche schon mal den Weg für die Brüder und Schwestern, die ihr folgen werden.

6. Kapitel

Ich spüre den festen Griff, die Umklammerung, aus der es kein Entrinnen gibt. Ich beginne meinen Körper hin und her zu drehen, versuche, mich unter dem Leib von Mama herauszudrängen. Keine Chance, je mehr ich mich winde, desto fester wird ihr Griff. Ich will deine Mutterliebe nicht. Sie ist falsch, unaufrichtig. Sie ist erschaffen aus Selbstmitleid. Lass mich los. Ich will nicht von dir, von deiner Seele infiziert werden. Nein, du tust mir weh, es schmerzt so sehr, lass mich, lass mich endlich, ich will nicht, will nicht …

Die Strahlen der frühen Morgensonne spielen mit den aufgewirbelten Staubpartikeln in der Luft, die zwischen Sofa und Fenster schweben. Auf und ab, hin und her fliegen sie, bleiben für Bruchteile eines Momentes still und regungslos in der Luft stehen, um dann umso schneller wieder in Bewegung, zu einem anderen Ort zu hasten. Ich beobachte dieses Schauspiel fasziniert. Das möchte ich auch, einfach dahinschweben, weg von dem einen bösen Ort zu einem nächsten, bunten, warmen, friedlichen Ort. Ich will fliegen. Aber so sehr ich mich auch anstrenge, es gelingt mir nicht. Ich schaffe es zumindest, meine missliche Lage etwas zu verbessern. In einem Augenblick der Unachtsamkeit drehe ich blitzschnell meinen Körper auf die andere Seite, bevor der Würgegriff wieder einsetzt. Jetzt schaue ich Mama ins Gesicht. Sie macht einen so friedlichen, schon fast glücklichen Eindruck. Ihr Atem geht leicht, die Fältchen an den Außenseiten der Augen deuten darauf hin, dass sie einst viel gelacht haben muss. Ich betaste mit meinen Fingern die Lachfältchen, streiche über sie hinweg, um jede einzelne dieser kleinen Rillen zu spüren.

„Lass mich in Ruhe“, raunzt Mama mich an.

Erschrocken ziehe ich die Hand zurück. „Ich hab es doch lieb gemeint“, protestiere ich tief im Inneren. Ruhig bleibe ich fortan liegen, um sie nicht noch einmal zu stören.

Vor mir tauchen Bäume auf, grüne Hecken. Vögel zwitschern vergnügt, geben sich Signale, versuchen, sich singend gegenseitig zu überbieten. Auf meiner Augenhöhe, direkt über dem Festungsrand mit der geklöppelten Spitze, kann ich durch die eine oder andere Lücke der Hecke schauen. Ich sehe Menschen in bunten Kleidern und Röcken oder graublauen Arbeitshosen, die sich mit all dem beschäftigten, was in und aus der Erde wächst, in Reihen, Zeilen oder Büschen. Ich erspähe Blumen in unendlicher Farbenpracht, hochgewachsen die einen, die sogar die Heckenreihen überragen, kurz gehalten andere, die im Rasen sich verstecken. Alles duftet berauschend. Ich liebe den Garten meiner Großeltern und Tante Hedel, die Schwester von Oma. Hier fühle ich mich wohl, laufe bunten Schmetterlingen hinterher oder krieche auf allen Vieren, das geht schneller. Opa stellt mir eine große Waschschüssel mit Wasser hin, gibt mir Stöckchen in die Hand, die ich als Boote über den riesigen Ozean auf Reisen schicke. Damit kann ich mich stundenlang beschäftigen. Ich glaube, Opa weiß genau, warum er mich öfters damit ausstattet. Ich bin neugierig und liebend gern auf Entdeckungstour zwischen den Beeten. Erdbeeren oder andere an stachligen Sträuchern hängende grüne, gelbe, rote oder schwarze Beeren sind vor mir kaum sicher. Dabei ist es mir einerlei, ob ich noch im Garten der Großeltern bin oder schon in dem des Nachbarn. Schnell habe ich erkannt, dass da, wo ich nicht hin soll, die besten Früchte locken. Die Versuchung ist groß. Meist holt mich Oma aus dem fremden Paradies, gibt mir einen leichten Klaps auf den Hosenboden und winkt mit erhobenem Zeigefinger. Wenig später bekomme ich stets die Belohnung für die Entdeckertour: eine Kompottschüssel voller leckerer, bunter Beeren, überdeckt mit vielen Zuckerkörnchen. Bei so viel Fürsorge braucht sie sich nicht wundern, wenn ich dauernd ausrücke. Ich nutzte es schamlos aus, jedes Mal mit prickelnder Freude im Bauch.

Die am Wochenende stattfindenden Besuche in der Gartenkolonie sind der Höhepunkt der Woche. Dann vergesse ich sogar, dass sich meine Eltern am Vortag oder direkt vor dem langen Spazierweg oder währenddessen bis zum Ziel mehr oder weniger heftig streiten. Angekommen in dem kleinen Paradies sind sie dann ein Herz und eine Seele. Sie können beide gut schauspielern, aber nicht so gut, dass es Oma nicht durchschauen würde. Als Erstes nach der Begrüßung nimmt sie mich hoch, drückt meinen zierlichen Körper an ihre warme Brust und gibt mir einen langen, lieben Kuss auf die Stirn. Dann werde ich weitergereicht zu Opa, der sofort alles stehen und liegen lässt, um mich unter den Armen zu fassen, in die Höhe zu werfen und mit einem tiefen Knicks kurz vor dem Boden wieder abzubremsen. Das Gefühl im Bauch ist wunderschön und er muss es ein Dutzend Mal wiederholen. Zum Schluss im Begrüßungsreigen ist Tante Hedel dran. Sie nimmt mich meist auf den Schoss, streichelt mir übers Haar und entlässt mich zurück auf den Boden, damit ich Entdecker sein kann. Sie ist etwas eigenartig, das spüre ich an ihren Berührungen. Ich glaube, sie kann mit Kindern nicht so gut, da sie selbst nie welche hatte. Ich würde am liebsten immer hier bleiben. Hier fühle ich mich geborgen, geliebt und wortlos verstanden. Aber mein Wunsch zerplatzt jedes Mal wie eine Seifenblase, wenn es nach einigen Stunden wieder auf den Heimweg geht. Da helfen auch keine Körbe mit leckeren Beeren und verschiedenem Gemüse, auch keine Sträuße aus bunten Blumen. Am liebsten hat Mama Margeriten, und Pfingstrosen, die so gut riechen. Mich macht der Abschied traurig. Oma drückt mich dann nochmals herzlich, blickt mir fest in die Augen und sagt:

„Wird schon, mein Junge.“

Am Tag danach beginnt der graue Alltag. Ich werde von Mama schlafend aus dem Bett gehoben, erschrecke, wenn ich auf Füßen stehend plötzlich erwache. Zeit zum Nachdenken gibt es kaum. Immer wieder wird geschubst, gezogen, gezerrt.

„Beeile dich, ich muss los. Ich darf nicht zu spät kommen“, ermahnt mich Mama ärgerlich.

Der Weg zum betriebseigenen Kindergarten des Schlachthofes scheint unendlich. Oft weine ich aus lauter Verzweiflung, weil ich müde bin, lieber noch schlafen würde, mich wieder nicht von meinem einzigen Freund, dem zerzausten Teddy, verabschieden durfte.

Ich will in keinen blöden Kindergarten, hämmert es in meinem Kopf. Mit Händen und Füßen trete ich um mich, schreie wie am Spieß, spucke den Frauen mit den weißen Schürzen Flecke auf den Stoff. Werfe mich auf den Boden und strampele wie ein Marienkäfer, der auf dem Rücken liegt. Hier in dem grauen, kahlen, kalten Haus will ich nicht bleiben. In meiner Seele brennt ein Feuer, lodert Hoffnung, mit meinem Aufbegehren hier wegzukommen. Ich bin an keinem der trostlosen Tage zu beruhigen. Daheim geht es weiter. Jähzornig stoße ich am Abend meinen Teller vom Tisch. Der Pudding bildet einen kleinen Berg auf dem Dielenboden, der langsam breiter wird.

„Spinnst wohl, du Mistbalg“, ruft Mama erzürnt.

Mit der gleichen Schnelligkeit wie sie sich vom Herd herumdreht saust ihre Hand auch schon in meine Richtung und schlägt schmerzhaft auf den Mund ein. Blut läuft mir aus der Nase, tropft tiefrot auf den gelben Puddingberg. Ich bekomme einen nassen Geschirrlappen ins Gesicht gedrückt. Flüchtig wischt Mama das Blut fort, zieht mich in Windeseile aus und genauso rasch das Schlafzeug an. Ohne Blickkontakt steckt sie mich ins Bett und feuert die Tür vom Schlafzimmer zu. Spät abends, ich kann vor Traurigkeit über mein Schicksal keinen Schlaf finden, höre ich die beiden streiten.

„So geht das nicht weiter, der Balg ist eine rechte Plage. Ich weiß mir keinen Rat, was ich mit ihm noch anstellen soll“, schimpft Mama lautstark auf das Gegenüber ein.

Papa, nach Tagen seines Wegbleibens wieder da, saugt hilflos am Bier und faucht zurück:

„Das ist doch nicht meine Aufgabe, dem Kleinen Manieren beizubringen. Dafür bist du zuständig. Ich schufte von früh bis abends, mache noch Überstunden, damit Geld ins Haus kommt. Und du, statt dich um die Gören zu kümmern, gehst du schwofen. Kein Wunder, wenn ich mal einen übern Durst trinke und nach einer anderen Frau schiele. Hab ja sonst kein Vergnügen.“

„Mit mir kannst du vögeln, nicht mit der Eva. Hattest leichtes Spiel bei der, was? Bei mir hättest du dich schon anstrengen müssen. Dafür ist der Herr sich aber zu bequem. Liebt die schnelle Nummer. Was hast du denn gemacht, die zwei Tage, als du weg warst? Hast dir anderswo dein Vergnügen geholt. Und womöglich noch eine Menge Geld auf den Kopf gehauen mit irgendeinem Flittchen. Gib’s doch zu, du geiler Bock“, schreit Mama aus vollem Halse.

Weitere Worte bleiben ihr dort stecken. Dem Geräusch nach bekommt Mama nun eine Tracht Prügel, wie so oft in letzter Zeit.

„Du Schwein, lass mich in Ruhe. Ich schlag zurück, wenn du nicht aufhörst“, stößt sie hervor.

„Versuchs doch, du Schlampe, wenn du das Echo verträgst“, höhnt er.

Mama setzt sich, dem Geräusch nach, festen Willens zur Wehr. Es dringen nur noch Wortfetzen durch die geschlossene Tür. Immer wieder knallen Schläge auf schwitzende, nasse Körper ein, klatschen Handflächen auf blanke Haut. Mama schreit um Hilfe, spuckt um sich, beschimpft ihren überlegenen Gegner, handelt sich dafür weitere Prügel ein.

Ich ziehe mir die Zudecke bis über die Ohren. Will nichts mehr hören. Die Neugierde ist erloschen. Leise, damit keiner es hört, weine ich vor mich hin. Meine Decke wird mit einem Schwung heruntergezogen.

„Halt die Schnauze und schlaf endlich“, faucht mich mein Bruder an, der im Bett hinter mir schläft.

Warum ist er nicht hinausgegangen, er, der ältere und größere? Warum hat er die beiden Streithähne nicht auseinandergebracht? Ich bin dazu noch zu klein. Aber, das nehme ich mir ganz fest vor, wenn ich groß bin, dann gehe ich dazwischen. Die sollen sich nicht mehr streiten. Ich will das nicht.

Mein täglicher Kampf gegen den Kindergarten hat keinen Sinn. Ich füge mich einmal mehr dem unausweichlichen Schicksal und gehe Hand in Hand jeden Morgen mit Mama zum verhassten Kindergarten. Das Handhalten ist eine wohlbedachte Sicherheitsmaßnahme von Mama. Sie traut dem Braten nicht. Irgendetwas muss dieser kleine Knopf doch im Schilde führen. Nichts habe ich im Sinn. Mir ist es einfach langweilig geworden, jeden früh das gleiche Spiel zu spielen. So zieht langsam Ruhe ein. Ab und an gefällt mir sogar der Kindergarten. Immer dann, wenn wir auf die kleine Wiese gehen, oberhalb vom Schlachtbereich, dort kann ich Kühe und Schweine hören, wie sie brüllen, quicken, und dann den letzten Schuss erhalten. Einmal ist ein Bulle mit dem ganzen Gitter auf den Hörnern losmarschiert, hat einen Mann an die Hauswand gedrückt, bis er brüllend vor Schmerz zu Boden fiel und von anderen Leuten weggezogen wurde. Ich bewunderte den Bullen, der hatte sich gewehrt, hatte nicht das Schlimme mit sich machen lassen. „Ich will auch mal so werden wie der Bulle und mir nichts gefallen lassen“, präge ich mir ein.

Einige Wochen später holt mich Mama wie immer vom Kindergarten ab und geht aber nicht durch das Werktor an der Freibank, sondern läuft mit mir quer durch den Gebäudekomplex zum Haupteingang.

„Heute fahren wir mit dem Auto nach Hause. Es steht da vorn. Das ist aber unser Geheimnis. Versprichst du mir das?“, fragt sie und wartet auf die richtige Antwort.

„Ja“, gebe ich brav zurück.

Ich darf hinten einsteigen, Mama neben dem Fahrer, einem jungen braungebrannten Mann mit lockigen schwarzen Haaren. Mama ermahnt mich, artig sitzen zu bleiben und nicht in die Mitte der Sitzbank zu rutschen. Wir fahren die Straßen entlang, bis wir an einen leeren Platz kommen, wo weit und breit kein Mensch zu sehen ist, und halten dort an. Von Anfang an habe ich mich nicht angefreundet mit der Position ohne Aussicht hinter dem Vordersitz. Ich suche im vorderen Teil des Wagens etwas zu erspähen, was interessanter ist als der Stoffbezug vor mir mit den kleinen gelben Blumen. Das, was ich sehe, ist die Hand des Fahrers unter dem Rock von Mama und ihre Hand auf seiner Hose. Sie knetet den Hosenstoff, als wollte sie mit Teig Brot backen. Ihre Gesichter treffen sich und ihre Zungen lecken an den Lippen. Gerade will ich noch etwas in die Mitte rücken, um besser schauen zu können, da hat Mama mein Treiben erkannt und gibt mir mit der flachen Hand eine Backpfeife. Ich schnelle zurück, verkrieche mich auf den Platz, den sie mir zugewiesen hat.

„Ach nein, das wird nichts. Der Junge ist mir zu neugierig. Wir machen demnächst was Gescheites aus, versprochen“, höre ich sie flüstern.

Der Motor springt an, wir fahren auf direktem Wege nach Hause und steigen etwas oberhalb unseres Einganges aus.

„Wehe dem, du verpetzt mich bei Papa. Du hast es versprochen“, ermahnt mich Mama nochmals ausdrücklich.

Ich nicke. Vor dem Haus steht die mit den prallen Brüsten und der rauchigen Stimme. Sie hat ein knallrotes Kleid mit einem breiten, glänzenden schwarzen Gürtel an.

„Ich will mich bei dir entschuldigen, Annemarie. Ich weiß nicht, was mit mir los war. Der viele Alkohol, unsere kleinen Spielchen mit deinem Mann, als ich dann mit ihm allein war, ging es einfach durch mit mir. Ich mache mir seitdem solche Vorwürfe. Du bist doch meine beste Freundin. Sei wieder lieb mit mir, Anni, ich tue das nicht mehr, versprochen“, fleht Eva mit einem übertriebenen Augenaufschlag, den Kopf demütig zur Seite geneigt.

Das Spiel zeigt Wirkung. Eigentlich hat Annemarie den Vorfall schon abgehakt. Es interessiert sie nicht mehr. Mit Paul hat sie abgeschlossen. „Wegen mir“, denkt sie für sich, „kann sie sich den Paul auf ihre großen Brüste schnallen. Mir egal.“ Der Akt des Verzeihens ist kurz und bündig.

„Schon gut, vergessen die Geschichte. Das wird unsere Freundschaft auf keinen Fall zerstören“, sagt sie mit geschwellter Brust, die sie nicht hat, und gibt Eva einen versöhnenden Kuss auf die Wange.

„Kannst dich ja gelegentlich revanchieren bei mir“, schießt sie noch nach.

„Verstehe! Der mit dem Auto und den lockigen schwarzen Haaren. Kannst nicht lassen von ihm, gell? Sag Bescheid, wenn du meine sturmfreie Bude brachst. Mach ich doch gern für dich, Anni“, haucht Eva verschwörerisch.

„Und du halt mir bloß deinen Schnabel. Hast du mich verstanden?!“, trichtert mir Mama nochmals ein.

Wieder nicke ich brav und steige mit ihr die Stufen hinauf bis nach ganz oben. Falsch! Ganz oben ist es ja nicht. Über uns wohnen die mit dem großen Hund. Meine Mama ist öfters bei denen. Ich bin froh, wenn ich nicht mit muss, der Hund flößt mir Angst ein.

An diesem Tag verschwindet Mama auch wieder nach oben, als sie mich in der Wohnung eingeparkt und meinen Bruder zum Aufpassen verdonnert hat. Kaum ist die Wohnungstür hinter ihr geschlossen, bekomme ich ein Buch an den Kopf. Der Große, so wird er von den Eltern genannt, hat überhaupt keine Lust, auf mich aufzupassen und seine eigene Art, mir das zu demonstrieren. Natürlich schreie ich sofort wie am Spieß, werfe mich auf den Boden und halte den Kopf. Damit habe ich ihn noch mehr aus der Reserve gelockt. Er zerrt mich hoch, schleift mich am Arm ins Schlafzimmer und gibt mir noch einen kräftigen Tritt mit dem Fuß, sodass ich auf Knien bis zum Schrank rutsche.

„Halts Maul und geh mir nicht auf die Nerven“, zischt er böse. Ich sitze da wie ein Häufchen Unglück und schwöre mir, ihm alles irgendwann, wenn ich groß bin, heimzuzahlen. Mein Gefängnis verlasse ich, als die Stimme von Papa ertönt.

„Wo ist Mutter?“, fragt er schroff meinen Bruder.

„Weiß ich doch nicht, wo sie abgeblieben ist“, versucht der genauso zu antworten.

Klatsch, hat er eine sitzen. Danach folgt die Erklärung.

„So redest du nicht mit mir, merk dir das“, belehrt er den Großen, der genau sieht, wie ich ihn schadenfroh angrinse.

„Weißt du, wo Mutti ist?“, kommt nun die Frage an mich.

„Ja, weiß ich, Papa. Da oben ist sie“, antworte ich besonders lieb und zeige mit dem Finger zur Decke.

Aus den Augenwinkeln heraus blicke ich zu meinem Bruder, der mir mit erhobener, geballter Faust Prügel ankündigt.

„Wolfgang hat mir sein Buch an den Kopf geworfen und mich danach auch noch gehauen“, petze ich.

„Warum machst du das?“, geht die Frage an den Übeltäter. Der zuckt mit den Schultern. Ihm fällt dazu nichts ein. Papa allerdings schon. Klatsch, gibt es die nächste Kopfnuss. „Das haste davon“, denke ich ketzerisch.

„Hol die runter“, befiehlt er Wolfgang, der auch gleich losrennt.

Nach einer Weile erscheint der Rest der Familie aus der oberen Wohnung. Mama hat einen leicht gläsernen Blick, die Wangen sind tiefrot eingefärbt und mit der Sprache holpert es.

„Hast wieder gesoffen bei Meiers?“, schnauzt Papa vorwurfsvoll.

„Na und, wenn schon, du machst auch, was du willst.“

„Hast dich um die Kinder zu kümmern. Wann begreifst du das endlich? Ich rackere mich ab und du säufst am hellerlichten Tag rum, statt die Familie zu versorgen. Und wie es in der Bude aussieht. Kannst auch mal wieder den Wischlappen schwingen!“, steigert sich Papa immer weiter hinein.

„Den Wischlappen hau ich dir gleich in deine dämliche Fresse. Du denkst wohl, ich dreh den ganzen Tag Däumchen?“, wirft sie erregt zurück. „Ich gehe auch arbeiten, solltest du das vergessen haben. Die ganze Woche von sechs bis drei. Ich steck mit den Händen im kalten Wasser, wasche Därme aus, damit du am Abend Wurst fressen kannst, so sieht es aus, du Blödmann. Kannst ja auch mal etwas im Haushalt machen. Warum muss das alles auf meinen Schultern lasten?“, keift sie und weiter: „Hast du deine Mutter nun endlich gefragt, ob sie den Kleinen nehmen? Die sitzt den ganzen Tag zu Hause und könnte uns mal helfen. Der ist doch sowieso lieber bei denen.“

Ein kurzer Blick von ihr trifft mich wie ein Blitz. „Die wollen mich weggeben, einfach so“, hämmert es in meinem Kopf. „Was hab ich denn getan? Der Große haut mich doch immer. Warum geben sie den nicht weg? Ist doch auch nicht der Sohn vom Papa“, schießt es mir durch mein Gehirn. Verzweifelt schaue ich abwechselnd zu den beiden. Mein Blick schwenkt im Raum wie das Licht vom „dicken gelben Leuchtturm“ aus meinem Lieblingsbuch. Ich bekomme keine Antworten. Traurig kauere ich mich auf dem Sofa zusammen. Ich habe mit der Welt abgeschlossen, denn niemand mag mich.

7. Kapitel

Susanne hat die Decke auf dem Bett etwas zur Seite gezogen. Sie will Karl näher sein als auf dem Stuhl neben dem Bett. Wieder und immer wieder küsst sie seine Stirn, die Wangen, die trockenen Lippen. Sachte streicht sie ihm die Haare hinter das Ohr. „Ganz schön lang geworden“, denkt sie.

„Du musst mal wieder zum Friseur, siehst ja schlimm aus. Nun beeil dich, dass du hier raus kommst aus dem Bett“, appelliert sie.

Natürlich ist klar, dass keine Reaktion zu erwarten ist. Schon gar nicht, dass Karl plötzlich aus dem Bett springt und zum Friseur rennt. „Aber ich kann es ihm mal sagen, vielleicht hilft es“, redet sie sich ein.

„Deinen Chef habe ich richtig gemocht. Wenn der einen so ansah, mit den kleinen fröhlichen Augen, wenn er sich wieder etwas ausgedacht hatte, um die Frauen zu beschenken. Er war schon lieb. Einmal, weißt du noch, hatte er die großen Einkaufsbeutel aus Italien verteilt, und erst die Regenschirme! Da ist er extra hoch in sein Zimmer gegangen, hat fünf Stück heruntergebracht zur Auswahl. Ein Gentleman war er, ganz von der alten Schule, immer höflich, aufmerksam, sprühend vor Komplimenten. Er hat ein gutes Leben gelebt, denke ich, und hat sich für seine Firma aufgeopfert. Du auch, nur hast du nichts davon gehabt. Hast geackert von früh bis spät, dir noch Arbeit mit nach Hause genommen, als gehöre dir die Firma. Andere haben Dienst nach Vorschrift gemacht, nur der Karl war 24 Stunden erreichbar. ‚Das musst du verstehen‘, hast du mir immer gesagt. ‚Das ist wichtig für die Firma, das macht es aus im Vergleich zu anderen.‘ Ich habe das nie begriffen. Aber, mein Lieber, reden darüber war zwecklos. Du warst so überzeugt vom Dienst an der Sache, wie du schon immer gewesen bist. Wenn du nicht gerade mal fremdgegangen bist. Oh, entschuldige, das war unfair. Ja, wieso eigentlich? Bist doch ständig fremdgegangen. Na gut, während unserer Zeit nicht mehr so viel, aber es war trotzdem noch eine ganze Menge. Und vor meiner Zeit, das war ja schon krankhaft. Keine Frau war vor dir sicher, die nicht bei drei auf den Bäumen war. Ja, das willst du nicht hören. Das war aber so. Denke nur an unser Haus. Zu Sieglinde bist du ein paar Mal in der Woche gekrochen. Ich habe es meistens mitbekommen, wenn du so sachte an ihre Wohnungstür geklopft hast.

Deiner Frau hast du weisgemacht, ein Melder wäre gekommen, um dich zu benachrichtigen. Sie hat dir das auch abgekauft, hat dir noch Schnittchen geschmiert und mitgegeben. Du hast dein Fahrrad genommen, bist losgeradelt, als würdest du die Friedensfahrt gewinnen wollen. Bis zur nächsten Ecke, wo du außer Sichtweite warst, dann bist du auf der Hofseite zur Waschhaustreppe zurück, das Fahrrad ab in den Keller. Auf Socken hast du dich ins Treppenhaus geschlichen, vorbei an deiner Wohnung hoch zu Sieglinde. Das habe ich nie kapiert, wie abgebrüht du gewesen bist. Weißt du noch, der Hausfasching im Waschhaus? Du als Mönch bist zu Conni als Nonne und ihr an die Wäsche gegangen. Als das nicht klappte, hast du es bei mir versucht. Hast aber auf Granit gebissen, genauso wie eines Abends, als du bei Sieglinde nicht gelandet bist. ‚Ich zerre dich an den Haaren zu deiner Frau runter und schmeiße dich ihr vor die Füße‘, habe ich dir wütend durch die Tür gerufen. Schleunigst verzogen hast du dich. Ich hab mich immer gefragt, ob du dich nicht geschämt hast für das Niederträchtige, was du deiner Frau, aber auch vielen anderen angetan hast? Einige Male saßen wir auf der Bank vorm Haus, wenn unten im Keller gefeiert wurde. Unterhalten konnten wir uns hervorragend. Das hat wirklich Spaß gemacht. Oft war es tiefgründig, wir haben versucht, die Ehen zu analysieren. Da hattest du mir das erste Mal gesagt, dass das mit den Frauen ein Trieb sei, den du dir nicht erklären könntest. Oft würdest du gar nicht wollen, könntest aber nicht anders. Das Verlangen nach Frauen, Sex oder nur Zärtlichkeit wäre stärker als die Vernunft. Ich habe es damals nicht begriffen, außer dass ich es unwillkürlich mit einer ständigen Jagd nach Trophäen, mit Inbesitznahme verglich, was aber auch keinen Sinn ergab.“

Susanne unterbricht ihren Monolog über die lange zurückliegende Zeit. Sie macht sich Gedanken über den Sinn dieser einseitigen Unterhaltung. „Was soll ich denn noch erzählen, was wir nicht schon wissen?“, spricht sie insgeheim zu sich. „Die gemeinsamen 34 Jahre waren wahrlich schwierig. Da hat es große Enttäuschung gegeben, Verletzungen, Kränkungen, die tiefe Risse in der Ehe hinterließen, die zwangsläufig zur Scheidung führen mussten. Warum sind wir trotz alledem noch zusammen, was ist das Besondere, was das Band unserer Ehe zusammengehalten hat?“, beginnt Susanne zu grübeln. „Nein, heute will ich nicht darüber nachdenken. Ich habe genügend Schmerz in den letzten Wochen durchlebt. Ich bin noch unwillig, dieses Lebensbuch und seine Kapitel aufzuschlagen“, bricht sie endgültig den Gedankengang ab.

Ein Ruck geht durch ihren Körper. Sie strafft die Schultern, setzt sich ganz gerade auf die Bettkante und streicht über Karls Hand. Geraume Zeit bleibt sie so sitzen. Längst tun ihr Hand, Arm und Rücken weh. Eine Weile hat sie den Schmerz verdrängt, nicht wahrgenommen, war zu sehr darauf konzentriert, ihren Lebensimpuls von der einen auf die andere Hand zu übertragen.

Gerade will sie sich aus dieser körperlichen Zwangslage befreien, als Dr. Meissner hereinschaut. Er muss sie durch die große Glasscheibe vom Nachbarzimmer aus gesehen haben.

„Wie geht es Ihnen, Frau Nebel?“, fragt er, nicht hoffend auf eine ehrliche Antwort.

Zu gut kennt er solche Situationen, wenn ein schwer Verunglückter, ein lieber Angehöriger, oft der Lebenspartner, hilflos im Bett liegt. Viel Leid hat er schon gesehen, solange er auf dieser Station tätig ist.

„Es geht so“, antwortet Susanne kraftlos. „Herr Doktor, wie geht es meinem Mann, gibt es etwas Hoffnungsvolles, hat er Fortschritte gemacht?“, fragt sie mit zunehmender Aufregung in der Stimme.

Sie wünschte sich so sehnsüchtig, endlich Positives zu erfahren. Zu hören, dass es aufwärts geht. Besserung zu erwarten ist.

Dr. Meissner kann ihren Wunsch an den Augen ablesen, erkennt den Funken Hoffnung auf dem Gesicht, doch er kann keine positive Nachricht geben. Nichts hat sich verändert. Keiner der Werte deutet auf eine Aufwachphase hin. Und wie so oft bleiben ihm nur die Standardphrasen, das Allgemeine, das nicht taugt als Strohhalm, daran sich klammern zu können.

„Nein, Frau Nebel, es gibt nichts, was uns aus medizinischer Sicht Hoffnung macht. Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma lässt sich nicht von heut auf morgen kurieren. Da ist viel Geduld nötig. Ihr unermüdlicher Beistand am Krankenbett ist aber ein sehr wichtiger Baustein auf dem Weg zurück ins Leben. Die Hoffnung müssen Sie sich bewahren, täglich neu aufbauen und niemals aufgeben. Vertrauen Sie mir, Frau Nebel, bestimmt wird der Tag kommen, an dem Sie Ihren Mann wieder wach in die Arme schließen können. Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, doch hier in der Klinik sind uns Grenzen gesetzt. Wir wollen Herrn Nebel nach Bad Aibling verlegen. Dort, in der großen neurologischen Spezialklinik, können Fachärzte für Neurologie in Zusammenarbeit mit Internisten und Intensivmedizinern alle bekannten neurologischen Krankheitsbilder behandeln“, erklärt er ihr einfühlsam und mit Betonung auf jedem Wort, um nicht noch zusätzliche Ängste zu wecken.

Jetzt rinnen sie wieder, die Tränen, ungestüm in einem Strom aus salzigem Wasser, vermischt mit der zuvor sorgsam aufgetragenen Wimperntusche. Voller Dankbarkeit drückt sie die Hand von Dr. Meissner als wäre er der Papst. Nein, als wäre er Gott. Er erwidert den festen Händedruck seinerseits ganz sacht. Susanne wischt sich mit dem Ärmel die Tränen aus den Augen. Es ist ihr egal, dass der Stoff der roten Leinenbluse jetzt hässliche schwarzgraue Streifen aufweist. Noch einmal streicht sie Karl über die Stirn, gibt ihm einen flüchtigen Kuss auf die Lippen, denn sie wird ja wiederkommen. Gleich morgen. Voller Kraft, mit einer riesigen Portion Hoffnung und Zuversicht.

Abends, da ist sie sicher, wird ihr Akku leer sein, wenn sie sich nach Hause schleppt und wach im Bett liegt, Tränen auffängt, bevor sie das Kopfkissen erreichen. Das nasse Taschentuch wird sie wie immer in ihrer Faust fest umschlossen halten und so auch am nächsten Tag erwachen.

8. Kapitel

Es ist ein unheimlicher Tag. Mama räumt seit Stunden in meinen Kleidungsstücken herum. Nimmt einen Stapel, sortiert einige Teile aus, legt sie in extra Häufchen auf das Bett, den Rest zurück in den Schrank. Ein großer brauner Koffer steht in der Ecke. Ich kann mich erinnern, dass Mama dieses Ungetüm gestern mitbrachte, als sie von oben kam. Ich habe es noch nie gesehen. Papa ist mit dem Großen zum Fußball gegangen. Zuvor hat er mich an der Tür noch kurz an sich gedrückt und mir über die Haare gestrichen. Es war nur ein winziger Moment dessen, was ich mir so sehnlichst immer wünsche, Zärtlichkeit und Geborgenheit. Aber gleichsam durchzuckte mich ein Schlag wie ein Stromstoß am Weidezaun, wenn man dagegen pinkelt. Irgendetwas würde geschehen. Ich fühle es, kann es aber nicht deuten.

Noch immer ist Mama vertieft in ihr Tun. Sie eilt zwischendurch in die Wohnstube, von da in die Küche und wieder zurück. Sie trägt Handtücher, Seife und Butter zusammen. Was will sie mit der Butter, diesem gelben weichen, so lecker Schmeckendem auf frischem Brot? Die brauchen wir doch, die kann sie doch nicht weggeben?

Weggeben, weggeben – hämmert es plötzlich im Kopf. Das ist wegen mir, die wollen mich loswerden.

Wie bei einem ausbrechenden Vulkan schießen Tränen über mein Gesicht, beginnt mein Körper zu beben. Der Rotz läuft den Tränen hinterher und vermischt sich am Kinn zu einem schlierigen Brei, der in Fäden auf das Hemd herabtropft. Mama hat keine Zeit für Sentimentalitäten.

„Hör auf zu flennen, wir fahren zu Oma und Opa, ist doch nur für ein paar Tage“, zischt sie zwischen Kofferdeckel und Kleiderhaufen hervor. „Kannst mir lieber helfen, bring die Sandalen und die braunen Schuhe her, die müssen noch mit“, befiehlt sie.

Wie angewurzelt stehe ich da. Ich will nicht helfen. Ich will doch nicht weg.

„Los, bewege deinen Arsch, sonst gibt es was drauf“, fordert sie energisch. Widerwillig bringe ich die Schuhe und stehe dann da, neben meiner Mama, hilflos, traurig, hoffend auf ein tröstendes Wort.

„Wasch dir das Gesicht und zieh die Popelinehose und das Matrosenhemd an, wir müssen los“, bellt sie.

Mit hängenden Armen, dem Schicksal ergeben, erledige ich die Handgriffe.

Wir stehen abmarschbereit. Mama mit dem großen Koffer und ihrer Handtasche, ich mit einem Beutel voller Spielsachen. Viele sind es nicht. Meinen kleinen zerrupften Teddy erkenne ich, Bauklötze unterschiedlicher Farbe lugen an der Seite hervor, und das Feuerwehrauto. Das hatte Papa mir in die Hand gedrückt, nachdem er zwei Tage weg gewesen war. Stolz drückte ich es damals an meine Brust und stellte es, als wäre das rote Ding der größte Schatz aller Zeiten, bedachtsam neben mein Bett. Jetzt ist das Auto für mich wertlos. Das Band zwischen mir und Papa ist zerrissen.

Mit der Straßenbahn fahren Mama und ich bis zur Zentralhaltestelle. Dort müssen wir umsteigen, Richtung Bernsdorf bis zur Endstelle. Zur anderen Bahn geht es über Gleise, rennend, wenn eine Straßenbahn einfährt, oder wartend, wenn eine andere anrollt zur Weiterfahrt. Ich werde gezerrt und gestoßen. Ich werde fast erdrückt zwischen den hektisch hin und her eilenden Menschen. „Sollen sie mich doch zerdrücken, mich von der Hand meiner Mama wegreißen“, denke ich und spinne in Gedanken die Geschichte weiter. „Ja, da kannst du schauen, Mama, dein Kleiner ist weggerissen, verschwunden zwischen all den Menschen. Du findest ihn nicht mehr. Ja, weine ruhig. Mich kümmert es nicht. Dich hat es auch nicht gekümmert, als ich traurig war, geweint habe, der Schmerz meine Brust zerriss. Jetzt hast du keinen Sohn mehr“, spreche ich in Gedanken den dramatischen Text.

„Komm endlich. Lass dich nicht so ziehen, sonst verlier ich dich noch“, ihre Hand klammert die meine fest wie ein Schraubstock.

Nach einer mir unendlich vorkommenden Fahrt erreichen wir die Endstation. Es beginnt bereits zu dunkeln. Ich habe Not, den großen raschen Schritten meiner Mama zu folgen. Nachdem sie an der Haustür geklingelt hat und wir die ersten Stufen im Treppenhaus hinaufgestiegen sind, kommt Opa uns entgegen. Wortlos nimmt er den großen Koffer aus der Hand von Mama, geht uns voran, die vielen Stufen hinauf bis zum vierten Obergeschoss.

Oma steht zur Begrüßung in der Wohnungstür, breitet die Arme weit aus und ich renne, so schnell ich kann auf die bunte Schürze zu, werfe mich an ihren Leib und klammere mich an, so fest ich kann.

„Ist schon gut, mein Kleiner, kommt rein, wir haben Abendbrot gemacht. Heute gibt es etwas ganz Leckeres. Makkaroni mit Tomatensoße und Jägerschnitzel. Das isst du doch so gerne“, sagt sie ganz ruhig zu mir, streicht mit beiden Händen über den Kopf, wischt, damit es keiner merken soll, meine Tränen mit der einen Hand aus dem Gesicht und mit der anderen berührt sie vorsichtig meine Schulter, um mir die Richtung in die Wohnung zu deuten.

Ohne Widerstand, doch schluchzend, gehe ich neben Oma her bis in die Küche. Da steht Tante Hedel am Herd und rührt bedächtig in einem blau emaillierten Topf, aus dem weißer Dampf aufsteigt. Es riecht lecker nach Tomatensoße und gebratener Wurst. Erst jetzt merke ich, dass mein Magen knurrt, ich habe seit heute früh nichts mehr gegessen. Tante Hedel kommt mit einem großen Schritt auf mich zu, den Kochlöffel mit der Hand fest umschlossen. Es sieht bedrohlich aus, als wollte sie mir eine gehörige Tracht Prügel verabreichen. Ich weiß, dass sie ganz lieb ist, wenn auch mit einer rauen Schale und oft verbittert blickend.

„Na, Kleiner, siehst ja richtig hungrig aus. Da kann es sofort losgehen“, spricht sie und ihr Kopf neigt sich zu meinem.

Ihr Mund gibt mir einen flüchtigen Kuss, der sich in diesem Moment angenehm warm anfühlt.

„Ab mit dir auf die Couch neben Opa und streitet euch nicht“, frotzelt sie liebevoll und widmet sich wieder den Makkaroni.

Ich sause unter dem Küchentisch hindurch auf die andere Seite, drängle mich durch den Spalt zwischen Unterkante Tischplatte und der Sitzfläche dieses Polstermonsters. Stolz nehme ich neben Opa Platz, rücke noch etwas näher an ihn heran, weil ich mich von ihm beschützt fühle.

„Da ist dein Platz. Ich brauche auch einen Fleck zum Essen“, ruft er mir augenzwinkernd zu und schiebt mich samt Sitzkissen ein Stück von sich weg.

Ich lasse die Unterlippe hängen, verschränke aus Protest die Arme über der Brust und ziehe nun auch noch die Mundwinkel nach unten.

„Komm auf meinen Schoß, bis das Essen auf dem Tisch steht“, lädt er mich versöhnend ein.

Wie ein Wiesel drehe ich mich herum, klettere auf seine Schenkel, kuschele mich an den dicken weichen Bauch. So ist es gut, spüre ich und schließe zufrieden und entzückt die Augen. Ich denke nach über dieses eigenartige Dreiergespann: Oma, Opa und Tante Hedel. Sie waren nach dem Krieg von Breslau geflohen, hatten alles stehen- und liegenlassen müssen. Mit einem Handwagenvoll des Nötigsten waren sie in Chemnitz angekommen, zuerst in einer Villa einquartiert und dann in diese Wohnung eingewiesen worden. Tante Hedel immer als Anhängsel mit. So hatte es mir Oma vor einiger Zeit erklärt. Tante Hedel wohnt in dem großen Zimmer ganz hinten rechts, neben dem Schlafzimmer von Oma und Opa. Das habe ich bei meinen Besuchen hier bereits erkundet. Auch das kleine schmale Zimmer links neben dem Schafzimmer habe ich schon gesehen. Da stehen ein Schrank mit Glasscheiben in den Türen, ein eckiger Tisch mit zwei Stühlen und ein tiefes, etwas durchgesessenes Sofa mit Blümchenstoff und geschnitzten Füßen. Der kleine schwarze Ofen in der Ecke wird nicht geheizt, das hatte Oma mir gesagt, weil sich dort sowieso keiner aufhält. Der lange Flur, für mein Empfinden unendlich lang, lässt sich gut nutzen, um auf der Hitsche sitzend Pferd zu spielen. Dazu halte ich den vorderen Teil des Hockers fest, stoße mich mit den Schenkeln ab und hüpfte, wie beim Sackhüpfen im Kindergarten, nach vorn. Das letzte Mal, als ich auf Ausritt war, steckte mir Tante Hedel eins von ihren selbstgenähten Kissen unter meinen Po.

„Da hast du einen schönen weichen Sattel“, sagte sie, „damit dir dein Porzellanpopochen nicht wehtut.“

Mit dem Polster galoppierte ich noch wilder und lauter den Flur entlang.

„Ein bisschen leiser, du Indianerhäuptling“, hat mich Oma auf Höhe der Küchentür damals gemahnt.

Das Essen ist fertig, Opa braucht jetzt Platz für sich. Bereitwillig gebe ich meinem großen Beschützer den Raum, den er beansprucht. Beide Hände auf der Tischplatte, so hat es mir Tante Hedel gezeigt, die neben mir auf dem Stuhl mit dem Rücken zum Fenster sitzt. Ich warte ungeduldig auf meinen Teller, der nur für mich ist, denn er zeigt auf dem Tellerboden einen Teddybär mit seinen zwei Kindern. Aber nur, wenn ich aufesse, sonst bleibt das Bild mit dem verdeckt, was sich noch auf dem Teller befindet. Ich will immer diese lustige Teddybärfamilie sehen, die so glücklich aussieht.

Nach dem Essen bereitet Oma Pflaumenkompott vor. Mama sagt sehr deutlich zu allen, sie müsse mal aufs Klo. Ich beobachte, wie sie in den Flur geht. Bevor sie außer Sichtweite am Schrank entlang Richtung Wohnungstür gerät, greift sie blitzschnell nach ihrer Handtasche, die an der Garderobe hängt, und verschwindet augenblicklich aus der Wohnung.

„Mama, bleib hier!“, schreie ich.

Ebenso schnell wie ich auf die Couch gekommen war, bin ich nun runter, durch die Beine derer, die wie erstarrt am Tisch sitzen. Weit komme ich nicht. Geistesgegenwärtig hält mich Oma am Arm fest, drückt mich an sich und sagt beschwörend:

„Mama kommt bald wieder und holt dich ab. Es ist nur für ein paar Tage.“

Ich reiße mich mit aller Kraft frei, werfe mich auf den Boden, trommle mit meinen Fäusten auf den Gummibelag, schreie und quicke. Ich verliere die Beherrschung. „Wie gemein die sind, stecken mit Mama unter einer Decke. Die haben genau gewusst, dass sie mich loswerden will. Die haben dieses böse Spiel mitgespielt!“

„Ich hasse euch“, schreie ich so laut ich nur kann. „Ich hasse euch, ich hasse euch“, schreie ich unaufhörlich.

„Jetzt ist es aber gut“, sagt Oma zornig. „Du hast keinen Grund, hier so ein Theater aufzuführen, schäm dich.“

„Ich hasse euch, ich hasse euch“, tobe ich weiter.

Ein fester Griff um meinen rechten Arm lässt mich kurz innehalten. Oma zieht mich nach oben, stellt mich auf die Füße und schiebt meinen wutbebenden Körper in die dunkle, kalte Speisekammer, die sich neben dem Fenster befindet. Als es dunkel um mich ist, beginne ich, wie wild an die Tür zu trommeln. Ich verstärke noch das Geschrei, brülle mir die Seele aus dem Hals. Es hilft nichts. Ich versuche mit letzter Kraft, nochmals die Lautstärke meines Klagegesangs zu erhöhen. Da höre ich den Schlüssel im Schloss. Es wird hell um mich, obwohl die Tür nur so weit offen steht, dass gerade eine kräftige, beharrte Hand hindurchpasst. Blitzschnell schnappt diese Männerhand zu, direkt an meiner Brust, da, wo der weiße Kragen des Matrosenhemdes am unteren Rand des Ausschnittes endet. So wie die Tür sich weiter öffnet, so entferne ich mich vom Boden, schwebe wie eine Feder an dieser großen behaarten Männerhand. Zwei stechende Augen durchbohren mich. In gleicher Augenhöhe erkenne ich das zornige Gesicht von Opa. All die Freundlichkeit ist aus seinen Gesichtszügen entwichen. Ich spüre den Luftzug im Gesicht, als er mit knirschenden Zähnen ausatmet. Er setzt mich unsanft auf meinem Popo ab.

Ich starre ihn mit aufgerissenen Augen an. Kein einziger Pips entweicht aus mir. Wie versteinert sitze ich da und weiß nicht, wie mir geschieht. Oma nimmt mich Häufchen Unglück vom Boden auf, drückt meinen zitternden Körper an ihre weiche Brust, an der ich mich sofort vor Scham verberge. Ich zittere noch immer. Das tränennasse Gesicht mit dem Rotz an der Backe bis runter zum Kinn vergrabe ich fest im Blusenstoff. Ich habe nur noch ein Bedürfnis – das Bett. Oma hat auch ohne Worte den Wunsch verstanden, sie knöpft mir die Hosenträger ab auf dem Weg ins kleine Zimmer, wo nie einer ist und wo jetzt die Couch mit Bettwäsche überzogen ist. Meiner Sachen entledigt und in den frisch gewaschenen, nach Kernseife riechenden Schlafanzug gesteckt, lasse ich mich in das neue Nest betten, welches die liebe Oma hergerichtet hat.

„Schlaf gut, morgen ist wieder ein schöner Tag, versprochen“, sagt sie und gibt mir einen Kuss auf die Stirn, der sich auf meiner Haut warm anfühlt.

„Guten Morgen, du Langschläfer. Aufgewacht, die Sonne lacht“, ruft Oma mit verhaltener Stimme.

Sie will mich nicht erschrecken. Mit dem Zeigefinger tippt sie mehrfach auf meine Nasenspitze.

„Schau, die warmen Strahlen kitzeln dich auf der Haut“, lächelt sie.

Langsam öffne ich die Augen. Blinzelnd, mit verklebten Wimpern vom vielen Schlafsand, blicke ich in ihr gütiges Gesicht. Ihre grauen, streng nach hinten zum Zopf geflochtenen Haare verstärken den Ausdruck der typischen Oma, der Märchenerzählerin, der Eierkuchenbäckerin, der Frau, die die Betten schüttelt, damit es auf der Erde schneit. Ich werfe die Decke von mir und springe hoch, klammere mich Oma fest um den Hals. Ganz eng sind wir aneinander geschweißt, eins geworden. Mit mir als Halskette steht sie auf, verschränkt die Arme um mich und trägt mich in die Küche. Es duftet angenehm mit einem Hauch von Weihnachten, obwohl erst Herbst ist.

Ich darf wieder auf meinen Thron auf der Couch neben Opa steigen, der aber längst zur Arbeit ist. Auch Tante Hedels Platz am Fenster vor der Speisekammer, an deren Inneres ich mich nicht gern erinnere, ist frei geblieben. Oma muss meinen suchenden Blick erkannt haben, denn sie klärt mich auf.

„Hedel ist in der Näherei, sie sitzt an einer ganz großen Nähmaschine und näht Überzüge für Polstermöbel, so wie hier bei der Couch der Stoff. Opa arbeitet in einer Fabrik, fast ganz am anderen Ende der Stadt. Er fährt jeden Tag fast über eine Stunde mit dem Fahrrad auf Arbeit. Er ist Spitzenbohrer. Er bohrt Löcher in Platten. Winzige, in unzähligen Reihen und genau ausgerichtet. Er muss sehr gut aufpassen, dass er alles richtig macht. In der Woche sind die beiden sehr fleißig und können sich nur an ihrem freien Tag ausruhen. Das ist der Sonntag. Da arbeitet niemand, da kann man all die Dinge machen, zu denen sonst keine Zeit ist.“

„Und was macht man da, Oma?“, frage ich neugierig.

„Man geht in den Garten oder wandert irgendwohin, wo es schön ist. Und wenn es regnet oder das Wetter nicht so schön, dass man rausgehen kann, dann bleibt man zu Hause, macht es sich gemütlich und spielt Karten oder hört Musik. Man kann sich auch unterhalten, erzählen, was es Neues gibt.“

„Muss man sich dann auch anschreien?“

„Natürlich nicht. Jeder soll ganz normal mit dem anderen reden, so wie wir beide. Wie kommst du darauf?“

„Na ja, zu Hause schreien sich Mama und Papa immer an und sagen lauter böse Dinge zueinander.“

„Nein, so ist das nicht bei uns. Musst einfach drauf achten, wie man richtig miteinander spricht. Das ist für dich, wenn du mal groß bist, auch sehr wichtig“, teilt Oma mir ihre erste Lebensregel mit.

Das Frühstück in meiner neuen bekannten Umgebung ist lecker. Oma ist eine richtige Zauberin. Aus Schalen von Kakaobohnen hat sie Tee gekocht und ganz viel Milch reingetan. Das Brot bestreicht sie mit Quark und obenauf selbstgemachter Marmelade. Oma hat die Scheibe in kleine Stücke geschnitten. Ich schaufle eins nach dem anderen in mich hinein. Danach schält sie extra für mich einen Apfel, schneidet ihn auf und entfernt das Kerngehäuse. Er schmeckt genau so lecker wie alles, was ich schon in mich hineingestopft habe.

„Der ist noch von der letzten Ernte, vom vorigen Jahr. Wir legen die Äpfel im Keller in Stiegen, da bleiben sie lange frisch und man kann welche essen, wenn noch keine neuen am Baum reif sind“, teilt Oma mir ihre zweite Lebensregel mit.

Mit halb geöffnetem Mund strahle ich sie an. „Toll, was sie alles weiß“, denke ich.

Der Tag vergeht wie im Fluge. Mittags kocht Oma, wieder extra für mich, Vanillepudding mit einem kleinen Stückchen gute Butter drin. Das verfeinert den Geschmack, flüstert sie geheimnisvoll und hält den Zeigefinger an den Mund, so als dürfte das keiner erfahren, unser großes Geheimnis.

Den Mittagsschlaf finde ich doof. Jetzt, wo es so viel Neues zu entdecken gibt, kann ich doch keinesfalls die Zeit mit Schlafen verbringen. Da habe ich allerdings nicht mit meiner schlauen Oma gerechnet. Sie setzt sich in den großen Sessel, der in Tante Hedels Zimmer steht, nimmt sich die „Wochenpost“, die Lesestoff für viele Tage bietet. Da sitzt sie nun, wieder streng wie Frau Holle, und wacht über meinen Schlaf. Bei jeder kleinen Bewegung und wenn es nur die Finger sind, die mit der Decke spielen wollen, kommt ihr ermahnendes „Pss“. Schon liege ich wieder ganz ruhig und traue mich nicht, mich zu rühren. Natürlich schlafe ich fest ein und werde von Oma wachgeküsst, so wie Dornröschen vom Prinzen.

Gegen fünf Uhr kommt Tante Hedel. Ich stehe mit Oma vor der Haustür und sehe sie von Weitem langsam näherkommen. Als sie an der Post vorbei ist und keine einmündende Straße mehr eine Gefahr für mich darstellt, darf ich ihr entgegen rennen. Ich renne so schnell ich nur kann, stolpere fast über meine eigenen Füße. Tante Hedel setzt ihre Tasche und den dicken Beutel ab, die sie beide in der rechten Hand trägt. Auf dem letzten kleinen Stück, welches uns noch trennt, gibt sie mit ausgebreiteten Armen die Richtung meiner Landung an. Ich bremse kurz ab, laufe aber trotzdem ziemlich ungestüm in sie hinein. Durch den Aufprall macht sie einen Schritt rückwärts und hat zu tun, die Balance zu halten.

„Nicht so wild, kleiner Mann. Wirfst mich ja um“, sagt sie scheinbar vorwurfsvoll, beugt sich aber gleichzeitig zu mir herunter, um ein Küsschen auf meine Wange zu setzen.

Hand in Hand gehen wir die letzten Meter zur Haustür gemeinsam. Ich darf den dicken Beutel tragen. Schwer ist er nicht, denn es befindet sich nur ein Kopfkissen für mich darin, wie Tante Hedel mir verriet. Leider sind die Henkel fast so lang wie ich, sodass ich meine Mühe beim Tragen habe. „Ich bin kräftig und ich werde diesen Riesen besiegen“, denke ich voller Heldenmut.

Als Opa von der Arbeit kommt, sitzen wir drei schon in der Küche. Es klingelt und Oma schickt mich, die Tür zu öffnen. Ich flitze um die Ecke. In dem Moment, als ich zur Türklinke greife, stoppt plötzlich die Hand. Dort hinter der Tür steht der, der mich auf meinen Popo gesetzt hat. Soll ich ihn wirklich hereinlassen? Was, wenn er es wieder tut? Die Hand wartet nicht auf Antworten. Die Finger drücken die Klinke herunter und die Tür springt auf. Erschrocken will ich zurückweichen. Aber zu spät. Diesmal haben mich zwei große behaarte Hände fest unter den Achseln gefasst und in die Höhe katapultiert. Fast waagerecht hänge ich in der Luft, bin plötzlich über Opa hinausgewachsen, denn er hält mich mit ausgestreckten Armen über seinem Kopf.

„Na, Hosenscheißerchen, alles wieder in Ordnung? Warst du lieb?“, fragt er und lässt mich noch immer in der Luft zappeln.

Ich nicke nur heftig mit dem Kopf. Mir hat es in dieser luftigen Höhe die Sprache verschlagen. Ganz geheuer ist es mir auch nicht. Opa lässt mich ein Stück herab, klemmt mich wie eine Zeitung unter den Arm, schließt mit der freien Hand hinter sich die Tür und marschiert mit mir in die Küche ein.

„Guten Abend, miteinander. Ich hab euch ein kleines Hosenscheißerchen mitgebracht. Da ist es“, und zeigt mich den beiden Damen in voller Pracht.

„Lass ihn sofort runter“, schimpft Oma und nimmt mich vorsichtshalber selbst aus den Fängen dieses kräftigen Bären.

Mit der frei gewordenen Hand zerzaust er mir noch die Haare, die jetzt wild nach allen Seiten stehen.

„Nicht doch, habe ihn extra hübsch gemacht für dich“, murrt Oma.

„Bist auch so schmuck genug, stimmt’s?“, fragt mich Opa schmunzelnd.

Wieder nicke ich mehrfach und quetsche mir ein undeutliches „Ja“ heraus. Ich husche unter der Tischplatte hindurch, drängele mich durch den Spalt zwischen Unterkante Tisch und der Sofasitzfläche und gelange so auf meinen Thron, gebaut aus einem extra dicken Sofakissen. Vorsichtshalber halte ich respektvoll Abstand zu dem Platz neben mir. Sicher ist sicher.

Es gibt Suppe mit grünen Bohnen, Kartoffelstücken und Rauchfleisch, das wir erst nach dem Mittagsschlaf beim Fleischer geholt haben.

„Bitte mit Schwarte“, hatte meine Oma der Verkäuferin gesagt.

Ich sah, dass sie nach dem Wiegen, bevor sie das Stück in Papier einwickelte, noch einen Streifen dazu legte.

„Danke schön“, hatte Oma freudig dazu gesagt.

Jetzt war das Rauchfleisch in kleine Happen geschnitten, wie auch ein Teil der Schwarte. Nur der Extrastreifen ist ganz geblieben und wird feierlich auf Opas Teller gelegt.

Nach dem Essen fragt mich Opa, ob ich „Händehaschen“ kenne. Er zeigt mir, wie mit der flachen Hand dem anderen auf die Handfläche geschlagen wird, wenn der seine nicht schnell genug vor dem Schlag wegzieht. Es macht einen Heidenspaß. Vielmehr treffe ich Opas Handteller als er meine. Ich schaffe es immer wieder, rechtzeitig wegzuziehen. Oder schlägt Opa etwa absichtlich langsamer? Da bin ich am Zweifeln. Egal, ich bin der Sieger.

Heute war ein guter Tag, denke ich, als mich alle drei ans Bett begleiten. Tante Hedel und Opa winken mir von der Tür aus zu, denn alle drei haben ja nicht Platz an meinem Bett. Oma singt „Schlaf, Kindchen, schlaf …“ Mir wird warm ums Herz.

„Morgen wird wieder ein schöner Tag“, flüstert mir Oma ins Ohr, bevor sie mir die Zudecke bis ans Kinn zieht, die Seiten unter die Beine steckt und prüfend schaut, dass auch meine Füße fest mit der Decke umschlossen sind.

9. Kapitel

Mir ist warm. Ich schwitze. Nehmt mir die Decken weg. Was ist das? Ich bin getrennt vom Körper, sehe mich aus dieser Hülle von Fleisch und Blut treten. Ich schwebe durch das Zimmer. Es ist dunkel, ganz dunkel. Aber ich kann alles erkennen. Die vielen Menschen um mich herum, die mit ihren nassen heißen Händen nach mir greifen. „Fasst mich nicht an!“, schreie ich, ohne dass der Schall an mein Ohr dringt. Lautlos brülle ich: „Lasst mich los, fasst mich nicht an!“ Näher kommen mir diese vielen Hände. Sie werden immer mehr. Von überall tasten sie nach mir. Hände, die aus der Zimmerdecke heraushängen, mit knochigen Fingern und Fingernägeln, die sich vor Länge kringeln. Kräftige behaarte Pranken, schnellen wie aus dem Nichts plötzlich aus dem Fußboden – wie die Hand, die mich in der Speisekammer griff –, umklammern Füße und Beine. Nach allen Seiten ziehen und zerren diese schrecklichen Hände. Immer neue versuchen, noch ein Stückchen meines Ichs zu erhaschen. Jeder Zipfel an mir schmerzt. Das auf dem Bett, aus dem ich herausgetreten bin, haben die Monsterpfoten schon in kleine Fetzen gerissen. Nur ein winziges Stück Schwarte bleibt unangerührt auf der ausgestreckten Handfläche eines der vielen Monsterhände liegen. Verzweifelt versuche ich dahin zu gelangen. Aber Hunderte von ihnen zerren und ziehen an mir.

Es wird ganz dunkel. Langsam verschwindet alles um mich herum. Auch die grässlichen Hände. Nur der unsagbare Schmerz bleibt.

Im Zimmer von Karl Nebel hat sich Aufregung breitgemacht. Der Stationsarzt, Krankenschwestern und nun auch der herbeigerufene Oberarzt, Dr. Meissner, hantieren mit Routine, trotzdem hektisch und sich hin und wieder Order zurufend. Einige der Geräte, die um das Bett gruppiert sind, gaben alarmierende Signale ab. Ein Halbdutzend Lampen blinkten rot.

Auf den angespannten Gesichtern der Beteiligten ist deutlich zu erkennen, dass sie um Karl Nebels Leben ringen. Sie haben sich, stellvertretend für Karl, dem Kampf gegen Gevatter Tod gestellt. Unerbittlich wird an der alles entscheidenden Front gekämpft. Kein noch so kleines Stückchen Leben ist man gewillt, sich entreißen zu lassen. Lange dauert der Kampf, das Ringen der gegensätzlichen Kräfte. Der feste Wille, der Macht des Todes die Stirn zu bieten, gibt den Ausschlag.

Langsam, ganz langsam wird die Gegenwehr des Sensenmannes schwächer, lässt er ab vom Auserwählten. Aber er wird wiederkommen, sobald sich auch nur ein kleines Fünkchen Hoffnung auf Erfolg für sein Ansinnen zeigt.

Susanne hat aus der Ferne dieses hektische Treiben beobachten müssen. Die Stationsschwester ließ sie auf der Bank des langen Flurs Platz nehmen, weit genug entfernt, um nicht in das Geschehen eingreifen zu können, ihrem Karl zu Hilfe zu eilen.

Jetzt zieht wieder Ruhe ein. Ärzte und Krankenschwestern verlassen nach und nach das Krankenzimmer. Als letzter tritt Dr. Meissner auf den Flur und kommt direkt auf Susanne zu.

„Heute war es sehr ernst. Er hatte einen Epilepsieanfall“, teilt er ihr bereits im Herantreten mit.

Schweißperlen stehen auf seiner Stirn, die er, vielleicht auch symbolisch für die hinter ihm liegende Anstrengung, schwungvoll mit dem Ärmel abwischt.

„Wir haben ihn stabilisieren können. Die Werte sind fast wieder normal. Es könnte durchaus ein gutes Zeichen gewesen sein, er hat sehr starke körperliche Reaktionen gezeigt, als würde er mit jemandem kämpfen. Möglicherweise ein letzte Aufbäumen gegen den Sensenmann?“, lächelt er zuversichtlich.

Den Ausdruck Sensenmann benutzt er dann und wann, denn das Gleichnis „noch mal von der Schippe gesprungen“ findet er recht dumm. Jetzt ergreift er die schon entgegengestreckte Hand von Susanne und drückt sie kräftig.

„Entschuldigung, erst einmal guten Tag. Ich war mit den Gedanken noch da drin“, er macht eine leichte Kopfbewegung in Richtung des Kampfplatzes.

Mit einer Handbewegung deutet er an, sie möge sich doch wieder setzen. Er nimmt ebenfalls Platz.

„Manchmal wehrt sich der Körper auch gegen das Weiterleben, weil es ihm zu beschwerlich ist, die Schmerzen zu ertragen oder die Erinnerung an das Ereignis selbst, welches dazu geführt hat. Die Wissenschaft steht erst am Anfang herauszufinden, ob und wenn ja, was ein Mensch im Koma denkt und fühlt. Patienten, die länger das Koma erlebt haben, berichten oft von einer Zeitreise durch die Vergangenheit, oder einer Reise zu einem früheren Sein, falls es so etwas geben sollte. Ich glaube zwar nicht daran, aber einige Komapatienten erzählten davon, dass sie mehrere Leben hätten und sich nunmehr in einem dieser befänden, genauso gut aber auch als Schmetterling, Löwe, Fisch oder Vogel leben könnten oder bereits gelebt hätten oder später leben würden. Dies und vieles andere, was Komapatienten berichten, klingt zumindest plausibel. Sei es, wie es sei, da liegt noch ein langer Weg der Forschung vor uns. Auf jeden Fall, Frau Nebel, ist es sehr wichtig, dass Sie immer wieder mit Ihrem Mann reden. Ihm erzählen, was er, Sie oder beide erlebt haben. Ich bin überzeugt, dass die Worte Reaktionen im Bewusstsein auslösen können, im Unterbewusstsein Prozesse in Gang gesetzt werden, die vielleicht nichts, oder nur wenig, mit dem Gesagten gemeinsam haben, aber Gehirnströme aktivieren, die für den Genesungsverlauf positiv sind. Lassen Sie es mich etwas salopp sagen: Es ist egal, ob Sie ihm von Ihrer ersten gemeinsamen Begegnung erzählen, vom letzten Urlaub oder eine lustige Geschichte. Wenn er währenddessen etwas völlig anderes erlebt – und seien es Momente mit irgendeiner nackten Frau –, was aber sein Gehirn aktiviert, dann ist es gut. Wichtig ist, dass er die Zeit unbeschadet übersteht und zurück ins Leben findet“, schließt der Arzt.

„Na ja, es muss nicht gerade irgendeine nackte Frau sein. Es wäre schön, wenn er mich vor Augen hätte. Aber ich verstehe Sie schon, Hauptsache er findet zurück und wird gesund“, erwidert sie und ist sich ziemlich sicher, dass das mit der nackten Frau ziemlich weit hergeholt ist und der Arzt nicht weiß, was Karl für ein Luftikus war.

Dr. Meissner steht auf und verabschiedet sich von ihr. Susanne bleibt, rutscht unruhig auf der Bank hin und her, blickt unaufhörlich in Richtung des Schwesternbereiches, wartet auf das erlösende „Sie können zu Ihrem Mann“. Die Stationsschwester hatte ausdrücklich gesagt, sie müsse warten, bis der Besuch gestattet wird. Sie hält sich daran, mit der Krankenschwester darf man es sich nicht verderben, ist ihr noch aus eigenen Krankenhausaufenthalten bewusst. Nach einer unendlich erscheinenden Zeit, die sie auf der Bank sitzt, kommt das erlösende Signal. Sie darf zu ihrem Karl, endlich.

„Hast mir ja einen gehörigen Schreck eingejagt. Das könnte dir so gefallen, dich einfach davonzustehlen. Du bleibst schön hier, bei mir“, appelliert sie zur Begrüßung an Karl.

Ganz vorsichtig, als sei er sehr zerbrechlich, gibt sie ihm einen Begrüßungskuss auf den Mund, fährt mit den Lippen Kuss an Kuss setzend auf seiner Wange entlang. Sie spürt die salzige Haut, in der Leben steckt.

„Dr. Meissner hat mir empfohlen, dir von fremden nackten Frauen zu erzählen, dann würdest du mit Sicherheit an mich denken. Machst du doch, oder? Oder war es genau andersherum? Ich erzähle von mir und du denkst an fremde nackte Frauen? Egal, von mir aus denk ruhig an alle deine vielen Weiber, wegen mir können sie auch alle splitternackt sein. Hauptsache das Gehirn arbeitet und es hilf. Nicht war, mein Schatz?“, flunkert sie.

Sie spürt die sich lösende Verspannung der letzten Stunden. Ein riesiger Stein ist von ihrer Brust gefallen. Sie zieht sich den Stuhl neben das Bett, legt die Hand, die noch immer etwas zittrig und eiskalt ist, auf die Fingerspitzen von Karl. Sie befürchtet, dass er sich erschrecken könnte, wenn sie mit der kalten Hand ihn berührt. Im Moment, als sie den Gedanken zu Ende gebracht hat, bemerkt sie dessen Unsinnigkeit. Korrigierend umfasst sie nun seine gesamte Hand, presst sie sachte und vereint sie zu einem Ganzen. Angenehme Wärme strömt durch die Handfläche. Ihr scheint, sie könne den Puls spüren, den das Herz von Karl als Signal sendet. Sie verbessert ihre Sitzposition, zieht den Stuhl noch etwas näher an das Bett heran und legt den Kopf auf seine Brust. Den Atem anhaltend hört sie auf die regelmäßigen Schläge unter ihr. „Gut so“, denkt sie, „immer zu, klopf laut, dass dich jeder hören kann, du liebes Herz. Hör bitte nie auf zu schlagen. Bitte versprich es mir.“

Sie kann nicht einschätzen, wie lange sie regungslos auf der Brust von Karl verharrt. Sie merkt nur, dass ihr Rücken schmerzt und die linke Hand eingeschlafen ist. Sie hat in ihr kein Gefühl mehr. Von unzähligen Nadeln gepiekt erwacht die Haut zögerlich. Sie muss aufstehen, ihre Glieder ausschütteln und sich wieder in Form bringen. Langsam geht sie zum Fenster, ordnet die Haare. Sie schaut tief in das reflektierende Glas, um sich besser sehen zu können. „Soweit alles in Ordnung“, versichert sie sich und kehrt ans Bett zurück. Bevor sie sich wieder setzt, betrachtet sie Karl eine Weile.

Bilder ziehen vor ihren Augen auf. Sie hat ihn schon einmal so liegen sehen. Das war 1988 nach seiner Bandscheibenoperation. Sie studierte damals in Dresden, war beschäftigt mit Vorlesungen, Seminaren und Paul, der verbotenen Liebe, die sie damals förmlich überrollt hat. War sie ihr wichtiger gewesen als die gemeinsamen Stunden vor der Operation und unmittelbar danach? Sie hatte Karl ohne Beistand unter das Messer gegeben, hatte ihn in dem Moment, wo er sie nötig gebraucht hätte, alleingelassen mit seinem Schicksal. Sie machte sich noch Jahre später immer wieder Vorwürfe.

Tränen rinnen ihr am Kinn entlang, tropfen auf den Pullover, durchnässen den Rand vom Ausschnitt. Ihr ist es egal, denn sie sind unaufhaltbar. Das hat sie über Wochen einsehen müssen. Sie dreht sich von Karl weg, geht ans Fenster und schaut in die Dunkelheit hinter dem Glas. Sie braucht Zeit, um sich zu fangen. Es ist plötzlich in ihr wieder hochgestiegen, was sie über Jahre geflissentlich vergraben hatte, als ihr Geheimnis zu verbergen suchte. Sie erinnert sich, dass sie später noch zwei Mal sich bemühte, mit Liesa über das Geschehene zu sprechen. Jedes Mal hatte die abgeblockt.

„Hättest damals reagieren müssen und mich nicht über zwei Jahre in dieser beschissenen Wohnung gemeinsam mit Karl zurücklassen sollen. Jetzt gibt es kein Verzeihen mehr, niemandem gegenüber. Ihr beide habt mich um einen Teil meiner Jugend gebracht. Du hast mich für deine Karriere geopfert. Karl hat meine Seele getötet. Auch wenn ihr euch nun gut versteht, ich kann und werde euch nicht verzeihen. Leben muss ich damit, so gut ich kann.“

So war es von Liesa fast wörtlich ihr vorgeworfen worden.

„Sie hat durch uns beide gelitten. Ich habe es zu spät begriffen“, gesteht sich Susanne ein, wie schon so viele Male, wenn sie an dieses schwarze Kapitel der Ehejahre mit Karl zurückdachte.

10. Kapitel

Die Dunkelheit wird plötzlich von einem grellen Licht, das durch einen Spalt fällt, durchbrochen. Als öffnete jemand langsam eine Tür zu einem finsteren Raum, so scheint es jetzt, als mehr und mehr Helligkeit das Dunkel durchströmt. Eine blühende Wiese mit Bäumen bietet sich dem Auge. Vögel streiten sich um die besten Brutplätze, ringen um die Gunst paarungswilliger Weibchen. Bunte Schmetterlinge tanzen fröhlich zwischen den Blumen hin und her, scheinen miteinander zu spielen.

Ich stehe mit meiner neuen hellbraunen Popelinehose und dem Matrosenhemd abmarschbereit am Handwagen, den Tante Hedel und Opa mit allem beladen haben, was für einen langen Sonntag an frischer Gartenluft erforderlich ist. Prüfend tasten sich meine Hände in die prall gefüllte Tasche, die besonders die Neugier erweckt hat. Vielleicht ist etwas für mich darin? Bonbons, Schokolade, Kekse oder ein Stück Kuchen? In die Suche vertieft, merke ich nicht, dass mich Opa schon eine ganze Weile beobachtet. Ein Klaps auf den Hinterkopf erinnert mich daran, dass Opa mir den Platz an der Handwagendeichsel zugewiesen hat. Mit einem kurzen Satz springe ich dorthin, erfasse das Stück Holz und wie ein Pferd, welches eben vor den Wagen gespannt ist, beginne ich loszumarschieren. Tante Hedel und Opa folgen mir mit wenigen Schritten Abstand. Oma, so haben mir beide gesagt, komme später nach, sie räume noch die Wohnung auf und könne später allein und langsamer gehen. Da sie es mit der Hüfte hat, hinkt sie und braucht länger für den Weg.

Nach der Post, als ich rechts in die „Heppe“ einbiege, einem Versorgungsweg, der steil hinaufführt bis zu der großen breiten Straße, die ans Ende der Welt führt, übernimmt Opa das Kommando. Er, als ganz starkes Pferd, zieht mühelos den Wagen hinter sich her. Tante Hedel hat mich an die Hand genommen und findet es lustig, dass ich so ausgelassen neben ihr her hüpfe. Auch sie sieht merkwürdig heiter aus, denke ich und erinnere mich, dass ja heute Sonntag ist. Daran muss es liegen, stelle ich fest.

Im Garten angekommen, bringen wir gemeinsam unsere Schätze in die dunkle Gartenlaube. Heiß ist es darin. Die Sonne hat in der kurzen Zeit, seit sie am Himmel steht, das Innere zu einem Brutkasten für Küken aufgeheizt. Ich ziehe mir meine geliebte Popelinehose und das Matrosenhemd aus und begebe mich auf Entdeckertour.

Opa und Tante Hedel verschwinden in der Gartenlaube. Quietschend schließt sich die Tür hinter ihnen. Das Geräusch ist mir nicht entgangen, weckt jedoch nicht mein Interesse, denn ich bin auf der Suche nach dem Maulwurf, der zwischen den Radieschen einen Erdhaufen aufgeschüttet hat. Ich grabe und grabe, kann ihn aber nicht ausfindig machen. „Hier muss schweres Gerät ran“, denke ich und eile auf die Rückseite der Gartenlaube, wo die Spielgeräte lagern. Genau das, was ich brauche, ist spurlos verschwunden. Die Schaufel ist unauffindbar.

Dafür wecken seltsame Geräusche meine Neugier, die aus dem Inneren der Gartenlaube dringen. Ich höre deutlich Tante Hedel stöhnen, ab und zu schreit sie halblaut auf. Zwischendurch stimmt Opa mit einem Schnaufen ein, als hätte er gerade einen Dauerlauf hinter sich. Erstaunt, was dort wohl geschieht, eile ich zu der Laubentür und öffnete sie einen Spalt.

„Tür zu!“, schreit Opa markerschütternd, sodass ich vor Schreck die Tür zuknalle.

Etwas habe ich schon gesehen, doch keine Erklärung dafür – nämlich Opas Popo. Tante Hedel stand ganz nah bei ihm. Eingeschüchtert verziehe ich mich zu meinen Spielsachen hinter der Laube. Viel leiser als zuvor dringen Stöhnen und Schreien noch zu mir. Nur das Opas Schnaufen ist verstummt. „Wohl weil er seinen Dauerlauf beendet hat“, rede ich mir selbst ein. Nach einer Weile biegt Opa um die Ecke. Er ist schweißüberströmt, baut sich vor mir auf und belehrt mich.

„Wenn einer von uns, auch Oma, in der Gartenlaube ist und die Tür hinter sich schließt, dann ist das für dich Tabu. Dann ziehen wir uns nämlich um und da hast du nichts zu gaffen. Verstanden?“, knurrt er mich ärgerlich an.

Ich zucke zusammen, blicke reumütig an dem Riesen entlang nach oben und wimmere halb schluchzend:

„Ich mach das nie wieder, Opa, versprochen.“

„Das will ich hoffen. Verstanden? Und zu Oma kein Wort. Ist das klar?“, fragt er noch strenger als zuvor.

Kleinlaut presse ich ein „Ja“ hervor, meine Augen füllen sich mit Tränen.

„Dann ab, geh spielen“, sagt Opa, nun schon versöhnlicher.

Ich flitzte um die Ecke, laufe schnurstracks zum Maulwurfhügel und grabe mit den bloßen Händen weiter, als wenn ich mich selbst eingraben wollte. Ich schäme mich für die Neugierde und das erhöht mein Buddeltempo. Der Maulwurf hat sich längst verkrochen, nach einer Weile gebe ich auf. Ich stelle mich zur Abwechslung auf die Fußbank an der Regentonne, beginne ausgiebig meine schmutzigen Hände zu waschen.

Tante Hedel gesellt sich zu mir. Auch sie war vorhin schweißüberströmt und puterrot im Gesicht. „Das Umziehen muss sie sehr angestrengt haben“, denke ich mit einem mitleidigen Blick.

„Bist doch ein ganz lieber Junge“, lobt sie mich, wieder mit diesem merkwürdig fröhlichen Lächeln.

Im nächsten Moment ist ihr Kopf in der Regentonne bis zum Halsansatz im Wasser verschwunden. Luftblasen blubbern an den Ohren vorbei an die Oberfläche. Kurz bevor sie wieder auftaucht, prustet sie die restliche Luft gluckernd aus ihrer Lunge. Dann wirft sie den Kopf in den Nacken und schüttelt so einen Teil des Wassers ab. Mit den Händen nimmt sie eine Portion kühlende Erfrischung aus dem Fass und bespritzt damit gehörig mein Gesicht.

„So, das war für deine Neugierde, mein Kleiner“, lacht sie.

Ich versuche, sie ebenfalls vollzuspritzen, aber sie ist schon kichernd zwischen den Beeten davon.

Ich vertiefe mich wieder in meine Jagd nach dem Maulwurf. Mit einem Stock bohre ich noch tiefer in den ehemaligen Erdhaufen, an dessen Stelle durch mein Graben ein beachtliches Loch entstanden ist. Ich stochere darin herum, nehme Erde heraus und werfe sie auf die Seite.

„Das machst du gleich wieder zu“, ordnet Opa an, der jetzt plötzlich hinter mir steht.

„Was soll das eigentlich werden, gräbst du nach Gold? Da wirst du hier keines finden“, fragt er neugierig nach.

„Ich suche den Maulwurf. Vorhin war er noch hier, in diesem Haufen war er, wo ich mit dem Stock reinsteche. Ich find ihn aber nicht“, maule ich.

„Pass mal auf, du Maulwurfjäger, du wirst damit keinen Erfolg haben, auch wenn du den ganzen Garten umgräbst“, klärt mich Opa auf. „Maulwürfe sind sehr schlaue Tiere, die haben unter der Erde Gänge gegraben und wenn du hier gräbst, ist er vielleicht schon da oder dort oder dort.“

Opa umschreibt mit seinem Arm einen weiten Bogen, vom Gartentor bis zur Laube.

„Da nützt dir dein Gebuddel gar nichts, mach das Loch wieder zu, sonst lacht er dich noch aus, wenn er dir von da vorne zuschaut.“

Tante Hedel tritt an ihn heran und flüstert, sodass ich es nicht hören soll:

„Maulwürfe sind blind.“

„Das weiß ich, aber er glaubt es“, er nickt in meine Richtung.

„Egal, ob er sehen kann“, murre ich lautlos und werfe das Loch enttäuscht wieder zu. Die Jagdlust ist erloschen. Ich versuche es jetzt als Sammler. An den Sträuchern entlang der Grenze zum Nachbarn, wo die Erdbeeren wachsen, hängen jede Menge rote, gelbe, schwarze und weiße Früchte. Nur die Hand ist zu klein oder der Appetit zu riesig. Mit ein paar Beeren in der Hand gehe ich zu Tante Hedel, damit sie mir hilft, am besten mit einer großen Schüssel. Aber ich werde schon wieder gebremst in meinem Tatendrang.

„Bevor du Beeren anfasst, wasch dir die Hände, die sind ja schwarz vor Dreck“, weist mich Tante Hedel an.

Ich mustere sie, finde sie überhaupt nicht dreckig, gehe trotzdem zum Regenfass, stecke aber erst die saftigen Schätze in den Mund. Ich halte beide Arme in das Wasser, schwenke sie ein paar Mal im Kreis und fertig ist die Wascherei. „Die werden sowieso wieder dreckig“, denke ich. Tante Hedel hat ihren Willen, ich bekomme die Schüssel und los geht’s. Von jedem Strauch pflücke ich mir ein paar Beeren. Schnell ist die Schale voll.

„Tante Hedel, wäschst du mir die Früchte und tust Zucker drauf?“, rufe ich in ihre Richtung. Sie reagiert nicht.

„Tante Heeeedel“, rufe ich lauter, „wäschst du mir die Beeren und tust Zucker drauf?“

Wieder keine Reaktion. Sie muss mich doch aber gehört haben?

„Versuch es doch mal mit ‚bitte‘“, flüstert mir Opa im Vorbeigehen zu.

Mit dem Wort „bitte“ voran wiederhole ich das Ganze nun noch einmal.

„Na siehst du, es geht doch“, schmunzelt Tante Hedel und kommt endlich zu mir. Nach so viel Arbeit muss ich mich nun ausruhen. Mit der Schüssel voller Beeren und dem Zucker darüber setze ich mich in den Liegestuhl, den Opa für Oma aufgebaut hat.

„Na, wer futtert denn schon wieder?“, ruft Oma fröhlich und schließt soeben das Gartentor hinter sich.

„Oma, Oma“, freudig springe ich auf, ohne an die Schüssel mit dem Rest Beeren und dem Zucker darüber zu denken. Nun liegt alles im Liegestuhl.

„Das ist ja eine Sauerei, die du da gemacht hast. Da klebe ich ja fest, wenn ich mich reinsetze“, sagt Oma vorwurfsvoll.

„Musst du halt erst abwischen“, gebe ich ihr zur Antwort und klaube die Beeren vom Liegestuhl. Ich brauche eine ganze Weile, bis ich alle aufgelesen habe. Mit meiner leeren Schüssel gehe ich zu Oma, halte sie ihr stolz hin:

„Alles aufgegessen, und auf deinem Liegestuhl liegt auch nichts mehr.“

„Na, da gehe ich doch lieber erst einmal nachschauen, ob das auch stimmt, was du mir da erzählst“, sagt sie mit einem Lächeln im Gesicht und dem Lappen in der Hand.

Ich freue mich, wie schön es hier im Garten ist und dass ich Mama und Papa eigentlich gar nicht vermisse. In diesem Moment stellt sich Traurigkeit ein. Ich laufe ums Gartenhaus, setze mich in die Spielecke, unschlüssig, was ich mit mir und der Welt anfangen soll. Dann nehme ich den kleinen Metalleimer ohne Henkel und fülle Sand hinein. Als er voll ist, klopfe ich mit der Schaufel den Sand fest und stülpte den Eimer um. Oma hat mir gezeigt, wie man Sandkuchen backt. Genauso, wie ich es jetzt mache. Ich ziehe die Form vorsichtig nach oben weg und betrachte mein Kunstwerk, welches keines geworden ist. Wutentbrannt schlage ich auf den Sandberg ein, mache in platt. Immer wieder schlägt die Schaufel auf den kümmerlichen Sandhaufen.

„Der Sand kann aber nichts dafür, wenn dir eine Laus über die Leber gelaufen ist“, spricht Oma ganz ruhig, tritt an mich heran, kauert sich zu mir.

Einen Moment schaut sie mir ins Gesicht, nimmt mich dann kurz entschlossen auf den Schenkel und drückt meinen bebenden Körper an ihre weiche warme Brust.

„Weine ruhig, das erleichtert, das vertreibt die bösen Gedanken“, flüstert sie mir ins Ohr und streichelt mir über den Kopf.

Sie hat den Kummer, der mich so fest gepackt hat, erahnt. Nach einer Weile beruhige ich mich. Sie dreht mein Gesicht zu ihrem Mund und ein dicker Kuss landet auf der Stirn.

„Musst nicht traurig sein, Mama und Papa sind doch immer für dich da. Sie haben nur gerade so viel zu tun, müssen lange arbeiten und Geld verdienen, deshalb dachten sie, dass du eine Weile bei uns wohnst. Dir gefällt es doch bei uns. Brauchst in keinen Kindergarten mehr, musst nicht so zeitig aufstehen, kannst in Ruhe frühstücken. Das ist doch fein. Oder?“, fragt sie, obwohl sie die Antwort kennt.

„Hab dich lieb, ich hab euch alle lieb. Bei euch ist es so schön“, schluchze ich und drücke Oma so fest ich kann.

„Weiß ich doch, wir dich auch“, sie gibt mir nochmals einen Kuss.

„Jetzt muss ich aber hoch, mir tut das Bein weh“, stöhnt sie und rubbelt meine Haare, aus denen ein paar Sandkörner rieseln.

„Kannst mir helfen beim Mittagessen machen“, bietet sie mir an.

Bereitwillig folge ich ihr in die Gartenlaube. Dort steht bereits Tante Hedel, prüft die Kartoffel im Topf, ob sie schon weich sind.

„Müssen noch ein Weilchen“, sagt sie laut zu sich selbst.

Ich darf das Kompottglas aus der Tasche herausnehmen. „Mm, Pflaumen, lecker“, stelle ich für mich fest. Oma setzt das Eisen des Glasöffners am Gummiring an und ich darf ganz sachte den großen Hebel nach unten drücken. Der Ring gibt nach und der Deckel springt vom Glas. Zur Belohnung, weil ich das so gut gemacht habe, fischt mir Oma eine Pflaume aus dem Glas.

„Mund auf“, befiehlt sie und lässt das Stück im großen Bogen in meinen weit geöffneten Mund fliegen.

Dann helfe ich, die gefüllten Kompottschüsseln zum Tisch zu tragen und zu verteilen, wobei ich sehr genau darauf achte, dass die vollste Schüssel bei mir steht. Wieder komme ich in die Küche und nehme die Kartoffelschüssel. Vorsichtig, als würde ich rohe Eier auf Löffeln tragen, bringe ich die gute Porzellanschale hinaus. Oma hat derweil das Fleisch geschnitten und auf eine Platte gelegt, Tante Hedel gießt die Soße in ein Kännchen.

„Ab auf deinen Platz und Füße stillhalten“, kommandiert Oma.

Also sause ich los, rutsche auf der Bank bis zu meinem Ende und nehme dort eine erwartungsvolle Position ein. Nachdem wir alle sitzen, geht das große Essen los. Ich bekomme natürlich die besten Stücke, danach Opa und den Rest teilen sich die beiden Frauen. So ist es immer, wenn wir gemeinsam speisen. Noch besser ist es allerdings, wenn Tante Hedel ihr Eigenes gekocht oder Salat anders zubereitet hat. Dann bekomme ich von sowohl Oma als auch von Tante Hedel das beste Stück und noch eine doppelte Portion vom Salat. Schließlich muss ich von allem kosten. Ich bin der Verkoster. Nach dem Essen, wenn ich alles in mich hineingestopft habe, machen Opa und ich Bauchmessen, wer den größten und dicksten Bauch hat. Ich drücke meinen raus, halte ihn stolz Opa entgegen, der seinen ebenfalls anspannt. Gewinnen tue ich nie, Opas Bauch ist immer größer und dicker. Heimlich schwöre ich mir jedes Mal, dass ich, wenn ich groß bin, Opa mit meinem noch viel größeren Bauch besiegen werde. Als wenn Opa die Gedanken erraten hätte, streicht er über die kleine Kugel und meint spöttisch:

„Da musst du dich schon noch ein bisschen anstrengen.“

11. Kapitel

Susanne wischt sich das Gesicht ab. Blickt prüfend in die Scheibe vor ihr. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden und so kann sie sich deutlich wie in einem Spiegel betrachten. Gealtert ist sie in diesen paar Wochen, hat tiefe Augenringe und eingefallene Wangen bekommen, stellt sie am Ebenbild fest. Sie gibt sich einen Ruck und holt die Gegenwart zurück. Sie will heute keine traurigen Gedanken mehr haben. „Ich will Karl etwas Schönes erzählen, worüber er sich freuen kann.“ Ihre Hände fahren an der Kleidung nach unten, als würde sie den richtigen Sitz prüfen. Sie tritt ans Bett. Karl liegt regungslos und unverändert, umschlungen von der Decke, die sie bis zum Hals hinauf gezogen hat. „Was sollte sich denn verändert haben? Karl ist noch immer im Koma“, erklärt sie sich selbst die Situation.

„Damals die Hausfeten oder die Badeausflügen mit deinem Sohn und meiner Tochter, das waren schon lustige Erlebnisse. Du hattest panische Angst, wenn ich mit dem 500er Trabi die Landstraße zum Baggersee langbretterte. Festgeklammert hast du dich im Sitz, mich ermahnt, langsamer zu fahren. Ich bin meist barfuß gefahren, weil es bequemer war als mit den hohen Absätzen. Warst immer froh, wenn wir heil am See angekommen sind. Ich wäre ja lieber auf die FKK-Seite gegangen, aber das wollte ich dir und deinem Kleinen, dem Detlef, nicht zumuten. Und natürlich deiner Frau, die das sicher erfahren und Tobsuchtsanfälle bekommen hätte. Ihr wart ja immer so prüde. Hab damals gedacht: ‚Da geht der Kerl ständig fremd und hat sich so albern, sich nackt zu zeigen.‘ Später hast du es ja eingesehen, dass am Nacktbaden nichts auszusetzen ist. Einmal hatte ich das lange rote Leinenkleid an mit den großen weißen Punkten. Mann, hast du gestarrt, als ich das Kleid am Strand auszog, weil ich keinen BH drunter trug. Ich habe selten einen BH getragen, so kleine Körbchen gab es kaum. Außerdem fand ich es so viel schöner. Hat dir ja auch gefallen, hast du mir später gesagt. Da warst du eigentlich schon mein heimlicher Favorit, obwohl ich mich noch lange gesträubt habe. Erst als du mit dem Rotwein ‚Rosentaler Kadarka‘ kamst, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen. Da hat es dann begonnen, da schmolz das Eis zwischen uns. Den Rest hat es mir gegeben, als ich aus eurer Wohnung ‚Milva‘ hörte. Da war ich hin und weg. Hast es ja auch ausgenutzt, als ich mir die Platte ausborgen wollte. Ich musste dich zum Wein einladen, heimlich versteht sich. Tagelang hab ich mich damals darüber geärgert, dass ich dich reinließ. Das war wie ein Freifahrtschein für dich gewesen, hattest gedacht: ‚So bekomm ich die Kleine ins Bett.‘ Zwei Knöpfe hast du mir vom Kleid gerissen, wolltest mich unbedingt ins Bett tragen. Hab dich aber nicht gelassen. Paar Wochen später sind wir dann doch im Bett gelandet miteinander. Im Kinderzimmer, Liesa war bei den Großeltern, hast du mir deine ganze Pracht präsentiert. Ich meine deine rote Turnhose, die Kniestrümpfe mit Sockenhaltern und das gelbe Armeeunterhemd. Toll sahst du aus. Ich hätte mich biegen können vor lachen. Und gestaunt habe ich, denn so prickelnd warst du gar nicht im Bett, zumindest anfangs. Habe dir erst einmal beibringen müssen, dass die Frau auch oben sitzen kann, wenn sie Genuss wünscht. Du kanntest nur das Hausbackene, Frau unten, Mann obendrauf. Aber mit mir nicht. Das hast du schnell gemerkt und dich auch angestrengt. Konntest mich dann richtig wahnsinnig machen, du kleiner Mistkerl“, amüsiert sich Susanne über ihr eigenes Geschwafel. „Es ist schon seltsam. Da liegt der Mann im Koma vor mir und ich erzähle über Sex und diese ganzen Dinge“, denkt sie bei sich und streicht Karl über die Hand, drückt sie und spürt die feuchte, warme Haut. Sie wünscht sich so sehr, dass Karl sie in die Arme nimmt, sie an sich drückt, liebkost. Nur ein wenig Zärtlichkeit, mehr will sie doch gar nicht.

Sie lässt den Gedanken, ihren Gefühlen wieder freien Lauf, macht einen Zeitsprung fast in die Gegenwart. „Die Prostataoperation war der Wendepunkt in unserer Ehe“, gesteht sie sich ein. „Bis dahin war ich mir deiner Treue nie sicher gewesen, habe mehrfach mit dem Gedanken gespielt, mich von dir zu trennen. Aus der Beziehung war die Luft raus. Immer nur Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Für alle warst du erreichbar, versuchtest es jedem recht zu machen und hast mich dabei total vergessen. Die Stunden konnte ich zählen, in denen du bei mir, bei uns warst. – Der Sex war mir nicht mehr wichtig, war froh, dass es nicht mehr sein musste. Irgendwann will die Frau nicht mehr, hat keinen Bock mehr auf diese Sachen“, beschwichtigt sie sich selbst. Fast klingt es wie eine Entschuldigung, dass ihr das Verlangen abhandengekommen ist. „Mit fast 60 Jahren brauch ich keinen Sex mehr, will nur noch zärtlich in den Arm genommen werden, mich abends im Bett vor dem Einschlafen ankuscheln. Mehr nicht“, zieht sie Resümee.

„Für dich war es bis zur OP sehr wichtig gewesen, dich sexuell zu beweisen. Als du die furchtbare Diagnose erhieltest, merkte ich, dass für dich eine Welt zusammenbrach. Trotzdem war es deine größte Hoffnung, vom Krebs befreit zu werden, dein Leben zu verlängern, das nicht auf zwei Drittel des Weges ein Ende haben sollte. Billigend nahmst du in Kauf, impotent zu werden, keine Erektion mehr zu haben, nicht mehr zeugen zu können als Folge des Eingriffs, auch wenn du das aus den Gedanken verdrängt hast. Die Operation verlief erfolgreich, die Reha schlug an und Weihnachten 2010 saßest du, mein Karl, unter dem Weihnachtsbaum, gemeinsam mit den Enkelkindern. Doch kaum hatte das neue Jahr begonnen, ließest du dich gesundschreiben und gingst wieder arbeiten, getreu der Devise: ‚Ohne mich geht nichts.‘ Nur Tage später begann die Bestrahlung. Fast vierzig Mal, immer die gleiche Prozedur: Mal eben kurz vom Büro zum Bestrahlungstermin und genauso fix wieder an den geliebten Schreibtisch zurück und weitergemacht unter Volldampf. Unermüdlich. Lange schon warst du über den Zenit, hattest deine Kraftreserven verbraucht. Du wolltest es nicht wahrhaben. Wie ein Flugzeug, dem der Treibstoff ausgegangen ist, rastest du auf die Katastrophe zu. Anfang April 2011 ging es nicht mehr, du heultest nur noch, zittertest am ganzen Körper. Schluss. Aus. Burnout.“

Susanne blickt versonnen aus dem Fenster. Dr. Meissner betritt das Zimmer, begrüßt sie freudig und kommt sofort auf den Punkt.

„Frau Nebel, es gibt gute Nachricht. Wir haben heute eine Reihe ergänzender Untersuchungen durchgeführt, es spricht nichts dagegen, mit der Frührehabilitation zu beginnen. Ich drücke die Daumen, dass die Maßnahmen Erfolg zeigen und wünsche Ihnen und Ihrem Mann alles Gute für die Zukunft“, spricht er Susanne Mut zu.

„Das ist doch mal was, Karl. Jetzt aber hopp, wach werden. Hast dich lange genug ausgeruht“, säuselt sie ihm mahnend ins Ohr.

12. Kapitel

Es ist angenehm warm. Mein ganzer Körper ist erfüllt von einem Kribbeln unter der Haut. Wie eine Katze, die sich in der Sonne rekelt, sich auf den Rücken legt, mit ihren Tatzen Mäuse aus Luft fängt, so möchte auch ich mich rekeln. Ich habe das Bedürfnis, mich ganz lang zu strecken, die Arme hoch über mir, die Beine zum Spagat gespreizt. Aber eine feste riesige Hand hält mich umschlungen, lässt mir gerade noch so viel Beweglichkeit, dass ich atmen kann. Ich will endlich raus aus dieser Umklammerung, mit nackten Füßen über eine mit Morgentau benetzte Wiese laufen, Schmetterlingen hinterherspringen, mich an ihrem ausgelassenen Treiben erfreuen. Sie umschwirren meinen Kopf, vollführen im Flug ein stetes Auf und Ab, eine Berg- und Talfahrt, als wollten sie mir zurufen: „Komm, spiel mit uns“, so klingt ihr leiser, zarter Flügelschlag. Es ist so angenehm warm …

Ich liege im Bett, das eigentlich ein Sofa ist, habe seit geraumer Zeit die Augen offen und bin mir nicht schlüssig, ob ich Oma rufen soll. Ich weiß, dass Opa ihr früh, bevor er zur Arbeit fährt, die Zeitung in den Korb steckt, den sie vom Küchenfenster aus hinabgelassen hat und an einer langen Schnur wieder heraufzieht. Jeden Morgen ist das so, am Donnerstag legt er ihr zusätzlich die „Wochenpost“ hinein. Also störe ich sie lieber nicht, beschließe ich und suche nach einer Beschäftigung. Die Holzwand hinter mir, von dem Schrank mit den Glastüren, hat Opa mit farblosem Lack gestrichen, den er für zwei Gurken und eine Handvoll Tomaten von einem Bekannten bekommen hatte. Dieser Lack hat es mir angetan. Schon am ersten Tag, als ich von meinem neuen Reich, dem kleinen Zimmer, Besitz ergriffen hatte, waren mir die Lackbläschen, die sich auf der Oberfläche gebildet hatten, aufgefallen. Ich fummelte an ihnen herum und stellte fest, dass sie sich wie Kaugummi abziehen ließen, wenn sie erst einmal eingerissen waren.

Es macht eine Menge Arbeit, jedes dieser Bläschen sorgsam aufzukratzen, ein Eckchen zu fassen und es langsam abzuziehen. Für die letzten muss ich sogar auf die Sofalehne steigen, damit ich sie erreiche. In diesem Moment wird mein Popo plötzlich von einem Schlag getroffen und gleich darauf von einem zweiten.

„Das gibt es doch nicht“, ruft Oma bestürzt, „was ist dir denn in den Kopf gekommen? Schau, wie das aussieht. Opa hatte sich so viel Mühe gegeben, nur weil der Lack alt war, hat er Blasen geschlagen. Trotzdem muss man die doch nicht abpopeln. Da wird Opa aber traurig sein, mein Lieber. Kannst ihm das heute Abend, wenn er von Arbeit kommt, selber beichten. Genau, das wirst du machen“, bestätigt sie den genialen Gedanken.

Ich beginne zu schwitzen am Rücken, die Hände werden feucht, ebenso wie meine Augen. Ich habe Angst. Opa wird sicher mit mir schimpfen, mir vielleicht auch eine gehörige Kopfnuss geben. Egal, was passieren wird, ich schäme mich schon jetzt.

„Ich mache es nie wieder. Ich verspreche es dir, Oma“, versuche ich mich zumindest bei ihr einzukratzen.

„Du machst mir Spaß. Das kannst du auch nie mehr tun. Hast ja alle Bläschen abgepopelt“, erinnert sie mich an meine Schandtat und sofort schäme ich mich noch mehr.

„Da nützt kein Versprechen, das musst du nun ausbaden. Und nun raus aus dem Bett und ab in die Küche, du kleiner Tunichtgut“, ruft Oma schon etwas verträglicher. Ich glaube, dass sie mir nicht mehr böse ist, denn sie hat mir Kräutertee gekocht und Brot mit Quark und einer dicken Schicht Zucker zubereitet. Die Welt ist zumindest bis heute Abend wieder in Ordnung, beruhige ich mich.

„Ich habe gestern mit Papa telefoniert“, beginnt Oma geheimnisvoll. „Er will dich jetzt immer am Samstag nach Feierabend abholen und dich übers Wochenende mit nach Hause nehmen. Am Sonntagabend bringt er dich für die Wochentage zu uns zurück. Ist das nicht toll?“, fragt sie mich prüfend.

Ich antwortete nicht darauf. Ich bin ein wenig traurig. Gerade am Wochenende ist es immer so schön im Garten.

Die Beichte bei Opa überstehe ich glimpflich, obwohl mir vor Angst fast das Herz in die Hose gerutscht ist. Gutmütig nimmt er meine Entschuldigung an und wir sind wieder Freunde. Nun warten wir auf Papa, doch nichts passiert.

„Wird bestimmt etwas dazwischen gekommen sein, vielleicht musste er länger arbeiten. Ich rufe ihn Montag an, versprochen“, versucht Oma zu trösten.

Tief im Inneren hatte ich mich doch gefreut, mit Mama und Papa zusammen zu sein, denn ich habe sie schon einige Wochen nicht gesehen. Nach meinem Bruder verlangt mich nicht so sehr. Er ärgert mich sowieso immer und prügelt mich bei jeder Gelegenheit. Darauf kann ich getrost verzichten.

Am Montag gehen Oma und ich gleich nach dem Frühstück hinunter in den Konsumladen und Oma telefoniert von dort mit meinem Papa. Ganz aufgelöst kommt sie von hinten wieder vor und zieht mich hinaus ins Freie.

„Zu Hause ist etwas Schlimmes passiert. Der Ofen im Wohnzimmer ist durchgebrannt. Die Feuerwehr musste ihn löschen und abtragen, er wäre fast nach unten durchgefallen. Nun ist alles verrußt und ihr bekommt eine andere Wohnung. Die müssen Mama und Papa jetzt herrichten“, erklärt mir Oma.

Schade, finde ich, das war bestimmt spannend, die Feuerwehr und der Brand und so. Aber eine neue Wohnung ist auch nicht übel. Vielleicht bekomme ich ein eigenes Kinderzimmer, weg von meinem Bruder, dem Ekel. „Dann baue ich die Tür zu mit dem Bett und er erwischt mich nicht mehr“, schmiede ich Pläne, meine Festung gegen den Feind zu verteidigen.

Zum Trost werde ich am Abend von Tante Hedel mit besonders leckeren Eierkuchen belohnt. Zu den Eiern, immer zwei mehr als bei Oma, gießt sie zum Schluss, wenn sie alles verrührt hat, noch einen Schluck Selterswasser dazu. „Das macht sie ganz luftig“, hat sie mir ins Ohr geflüstert, damit es Oma und Opa nicht hören sollen. Ich bleibe verschwiegen wie ein Grab und verrate keinem das Geheimnis, auch nicht, als Opa mich auskitzelt.

Wochen vergehen ohne Lebenszeichen von Mama und Papa. Aber dann ist es so weit. Papa holt mich ab, mit Handwagen. Opa hat von Herrn Schuster, von der Wohnung gegenüber, ein fast neues Bett für mich bekommen, geschenkt, und einen Metallbaukasten. Mit dem spiele er sowieso nicht mehr, er sei aus dem Alter raus, hatte Herr Schuster gesagt.

Stolz trage ich den Schatz mit den unzähligen Metallstreben, Schrauben und Muttern nach unten. Oma hat um den Pappkarton einen großen Gummi gemacht, damit ich unterwegs nichts verliere. Das Bett auf dem Handwagen festgezurrt, meinen Karton sicher verstaut, ich als Kutscher obenauf und Papa als Zugpferd an der Deichsel, so geht es durch die ganze Stadt. Endlich kommen wir an dem Haus mit der neuen Wohnung an.

„Hurra“, freue ich mich, als Mama von dem extra Kinderzimmer berichtet.

Als ich drin bin, in dem vermeintlich eigenen Raum, ist die Freude vorbei. Am Fenster steht schon das Bett vom Ekel, das mich, auf dem Kopfkissen sitzend, angrinst und mir die geballte Faust zeigt. Ich begrabe alle meine Pläne und beschließe, mich für seine Gemeinheiten zu revanchieren. Stolz trage ich den Metallbaukasten in die neue Wohnung, stelle ihn auf das gerade errichtete Bett, welches meines ist, und zeige überschwänglich auf die Errungenschaft.

„Das blöde Bett kannst du behalten. Aber für den Baukasten bist du noch viel zu klein und zu doof. Kannst noch nicht mal mit Schraubenzieher und Mutterschlüssel umgehen“, erklärt er großkotzig und greift nach dem Schatz.

Für nichts in der Welt gebe ich den her. Ich trete dem Ekel kräftig gegen das Schienbein, so wie er es schon öfters bei mir gemacht hat. Schmerzverzerrt zieht sich sein Gesicht in Falten. Mit dem Karton im Arm nehme ich Reißaus, komme aber nur bis zur Kinderzimmertür. Wolfgang, dieses Ekel, ergreift meine Haare und zieht mich daran zu Boden. Ich beginne zu schreien, mit Händen und Füßen zu schlagen und zu treten. Der Baukasten hat bereits den Besitzer gewechselt. So schnell gebe ich aber nicht auf. Ich springe ihn von hinten an, klammere mich mit aller Kraft um seinen Hals und beiße ihm wutentbrannt in die Schulter und danach ins Ohr. Jetzt schreit auch er. Ich will gerade zum zweiten Angriff übergehen und ihm das Ohr einfach abbeißen, da reißt mich Mama von ihm weg, gibt mir links und rechts eine Ohrfeige und stößt mich auf das Bett. Mein Bruder wird von ihr begutachtet, beruhigt und über den Kopf gestreichelt, nur ich liege weggestoßen und verachtet auf dem Bett, keiner tröstete mich, im Gegenteil.

„Der Baukasten gehört ab jetzt Wolfgang. Für so etwas bist du noch zu klein. Außerdem seid ihr Brüder und sollt teilen. Also: Du bekommst das neue Bett und er den Metallbaukasten. Kein Wort will ich mehr hören. Aus!“, schreit sie mich an und zerstört das letzte kleine Stück heile Welt.

Ich vergrabe das Gesicht im Kopfkissen, Tränen durchtränken den Bezug. „Ich will tot sein und begraben in der Erde. Mama ist nie mehr meine Mama. Sie ist nun die Mutter, die mich nicht verdient hat. Sie wird am Grab sitzen und weinen, wie ich jetzt, und niemand wird sie trösten. Ihr Karl liegt da unten und kommt nie wieder, nie mehr“, denke ich voller ohnmächtiger Wut. – Nur, wie ist man tot? Darauf finde ich keine Antwort.

13. Kapitel

Susanne hat das Krankenhaus verlassen. Sie hasst den Geruch von Desinfektionsmittel, der im Inneren dominiert. Dieses Sterile, die furchteinflößende Stille, das unheimliche düstere Licht, die unendlichen Gänge, all das legt sich auf Susannes Gemüt. Sie muss auf andere Gedanken kommen, jetzt endlich, da es doch einen Schimmer von Hoffnung gibt. Sie geht nicht direkt Richtung Bahnhof, sondern läuft einen Umweg durch die Stadt mit den Einkaufspassagen, den bunten Läden und schillernden Schaufenstern. Endlich, nach vielen Tagen und Wochen nimmt sie sich Zeit, ihr Umfeld wieder bewusst wahrzunehmen. Bisher war sie wie von Geisterhand gesteuert zwischen Bahnhof und Krankenhaus gependelt, keinen Zentimeter vom Weg abweichend. Sie erschrickt über das schrille Lachen von drei Mädchen, die ausgelassen an ihr vorbeilaufen. Sich nach ihnen umblickend stößt sie unvermittelt gegen eine alte kleine Frau mit Gehstock.

„Kannst nicht aufpassen, rennst mich ja um?“, ruft sie Susanne zu, die erschrickt und wortlos, jetzt den Schritt beschleunigend, weiter eilt. „Nur schnell weg von hier, raus aus dem Trubel, zurück in meine traurige Welt“, denkt sie. Susanne wird plötzlich bewusst, dass sie noch nicht reif ist für diese mit Leben und Freude erfüllte Welt. Es ist noch eine andere ihre Welt, so einsam sie ist, ohne Karl, in der Ungewissheit lebend, ob alles wieder so wird, wie es war.

Abends sitzt sie im großen Sessel, den sie gemeinsam kauften, der aber nur von ihr genutzt werden darf. Sie hat seit Jahren von ihm Besitz ergriffen. Er ist ihr Rückzugspunkt. Jetzt liegt auf dem Schoß ein Ordner mit der Beschriftung „Karl privat“. Ihr ist er hinter der Tür nie so ins Auge gestochen. Aber nun, wo Karl nicht da ist, will sie ein Stück von ihm in den Händen halten. Nie war sie neugierig auf den Inhalt dieses Ordners „Karl privat“, hat ihn wie selbstverständlich über die Jahre wahrgenommen, wie er so dastand in Reih und Glied mit den anderen, die im Inneren akkurat abgeheftet Antworten geben zu Auto, Versicherungen, Energie und Telefon. Sie schlägt den prallen Ordner auf, der, mit Einlegern gekennzeichnet, einen Überblick bietet über die monatlichen Lohn- und Gehaltsabrechnungen der verschiedenen Arbeitsstellen von Karl. Ein Lächeln huscht ihr über das Gesicht und für einen kurzen Moment spürt sie die Wärme im Inneren. Sie denkt an den Seniorchef, den Patriarchen, den liebenswerten aber auch unduldsamen und herrschsüchtigen Mann. Sie hatte ihn gemocht, so wie er war, mit all seinen Ecken und Kanten.

Hinter dem nächsten Einleger kommt das Zeugnis der IHK München und Oberbayern zum Vorschein. Auf dem Prüfungszeugnis steht, dass er mit „Befriedigend“ die Ausbildung zum Industriekaufmann bestanden hat. „Ja, da hat er sich wahrlich nicht angestrengt, hat die drei Jahre auf einer Arschbacke abgesessen“, denkt Susanne und grinst, „aber er hat bestanden.“ Wie doch ein solches Papier eine ganze Lebensgeschichte erzählen kann.

Sie will weiteren Gedanken keine Chance lassen, hat bereits den nächsten Einleger umgeblättert. Ah ja, die Bayerische Staatsgemäldesammlung, auch eine kurze Station im Berufsleben, eigentlich eine Zwischenstation für ein Jahr. Die Stelle hatte er sich aus den Stellenanzeigen der Süddeutschen Zeitung herausgeschnitten, damals, als sie von Sachsen nach Bayern gezogen waren und er den zweiten Monat arbeitslos war. „Von Bildern habe ich keine Ahnung, dort kann ich bestimmt etwas dazulernen“, hatte er seine Bewerbung begründet und war als Aufsichts- und Sicherheitskraft eingestellt worden.

Jetzt kommt die wilde Zeit in Sachsen, an die sie sich lieber nicht erinnern will. Flüchtig überblättert sie die einzelnen Abschnitte bis hin zur Armeezeit, die auch so ein Kapitel für sich war. „Während dieser Zeit haben wir uns kennengelernt, haben schöne aber auch schmerzhafte Momente erlebt“, ihr Blick verschwimmt, bevor ihr die Tränen in den Augen schießen, hat sie schnell bis zum letzten Einleger umgeschlagen. Vorn auf sieht sie das Urteil im Namen des Volkes in der Scheidungssache Karl und Ilse Nebel. „Kenne ich“, denkt sie und blättert weiter in den verbleibenden Seiten.

„Das gibt es doch nicht“, ruft Susanne plötzlich aus und ist erschrocken, ihre eigene Stimme zu hören, „die Rede der Standesbeamtin zu unserer Eheschließung“, ergänzt sie etwas leiser. Das Manuskript hatte sie nach der Zeremonie auf Bitten von Karl ihm überlassen. Noch immer überrascht von dem Fund überfliegt sie die vier Seiten und beschließt, sie morgen mitzunehmen zu Karl ins Krankenhaus. „Das wird ihn bestimmt freuen und vielleicht erwacht er vor lauter Freude.“ Susanne lächelt vor sich hin und die Vorfreude auf den morgigen Tag lässt ihre Bauchmuskeln vibrieren. Mit zitternden Händen heftet sie die Seiten aus. Als sie den Spanner des Ordners wieder schließt, entdeckt sie die vergilbten Blätter kleinkarierten Papiers, die sich hinter der Rede verborgen hatten. Die Überschrift auf der ersten Seite in der Handschrift, die eindeutig Karls ist, lässt ihren Atem stocken. „Versuch der Analyse einer gescheiterten Ehe“ datiert vom 2. 4. 1989. Sofort kommen ihr wieder Tränen. Sie wollte nicht mehr an diese verfluchte Zeit erinnert werden, hat sich mit allen Kräften dagegen gewehrt. Und nun hält sie genau das, zu Papier gewordene, Stück schmerzlicher Vergangenheit in den Händen. Ihr Atem wird schwer, ihre Brust presst sich zusammen als lägen tonnenschwere Gewichte auf ihr, das Blut scheint ihr in den Adern zu erstarren. Lange kann sie sich aus dieser Starre nicht befreien. Langsam tief ein- und ausatmend bleibt sie im Sessel sitzen, bis sie sicher ist, dass der Schmerz in ihrem Körper nicht zurückkehrt.

Sie war überzeugt gewesen, dass er das Geschriebene, das seinen alkoholbenebelten Gedanken entsprungen war und von Selbstmitleid zerfressen, beseitigt hatte. Wütend heftet sie die Zettel aus, deren Inhalt sie damals schon mit Entsetzen zur Kenntnis genommen und später lange, sehr lange mit Karl diskutiert hatte. Nein, sie wird sich das nicht noch einmal antun. Sie wird nicht nochmals zweifeln, dass so viel Schuld bei ihr gelegen haben soll. So war es einfach nicht und die Zeit danach hatte es ja bestätigt. Aus beider Blickwinkel, dem von Karl und von ihr, hatten sie die schlimme Zeit analysiert, geklärt, was richtig und was falsch gewesen war. Nur aus der Erkenntnis heraus, dass es ein gemeinsames Vorwärts geben muss und dass Geschehenes eben geschehen war und nicht ungeschehen gemacht werden konnte, war ihnen der Neuanfang gelungen. Sie legt sowohl den Ordner als auch die kleinkarierten Blätter zur Seite, steht auf und geht ins Bad, um Dutzende Hände eiskalten Wassers über ihr Gesicht zu schütten. Ihre Sinne kehren zurück. Behutsam tupft sie die nasse Haut ab, um die wohltuende Kälte weiter zu spüren.

Entschlossen nimmt sie die vergilbten kleinkarierten Blätter, geht ins Arbeitszimmer und lässt sie nacheinander in den Aktenvernichter gleiten. „Es ist, wie es ist“, sagt ihre innere Stimme und ihre Körperhaltung strafft sich. Sie geht zurück zum Sessel, der ihr, so glaubt sie, nun wieder Geborgenheit gibt.

Am nächsten Tag steht Susanne zeitiger auf als sonst. Sie will sich heute besonders schön machen, nicht nur weil die Sonne scheint und der Himmel wolkenlos im tiefen Blau erstrahlt, sondern weil sie ihren Karl mitnehmen will auf eine Zeitreise zurück zu dem Tag der Eheschließung. Doch nichts wird sie sagen zu dem Anderen, den vergilbten kleinkarierten Blättern.

Sie erkundigt sich wie jeden Tag bei Dr. Meissner, ob es Neuigkeiten gibt, ob der Zustand von Karl sich verbessert hat, ob er vielleicht schon zu Bewusstsein gekommen ist, genau wissend, dass sie nicht die so sehnlichst gewünschte Antwort erhalten wird. Karl sieht zufrieden aus, im frischen Nachthemd, rasiert und leicht duftend nach einer milden Gesichtscreme. Susanne streicht ihm über das Haar, senkt sich herab und küsst, diesmal zärtlicher und inniger als sonst, das Gesicht, die Lippen, die Stirn. Doch will sie sich nicht lange aufhalten, sie hat heute eine wichtige Mission, Karl mitzunehmen auf eine Zeitreise zum Beginn ihrer Ehe.

Susanne zieht den Stuhl ans Bett, setzt sich so weit wie möglich in die Nähe von Karls Ohr, damit er es auch richtig hören kann. Sie hat die Situation heute Morgen förmlich einstudiert, genau festgelegt, wie sie ihn auf der Reise begleiten will. Ganz wichtig erscheint ihr, dass sie seine Hand hält, genauso wie damals, als sie vor Aufregung und Freude zitterte, ihre kalte Handfläche auf Karls Handrücken wärmte. Ja, nicht er hatte ihre Hand gehalten, sondern sie die seine, das weiß sie noch ganz genau.

„Lieber Karl“, begann sie, „ich habe gestern zufällig in dem privaten Ordner von dir unsere Hochzeitsrede gefunden. Die hattest du der Standesbeamtin abgeschwatzt. Erst wollte sie nicht, aber dein Charme war stärker, wie immer bei Frauen. Ich habe die Rede mitgebracht und möchte uns zurückversetzen zu dem Tag, an dem das gemeinsame, amtliche Leben begann, frei von Heimlichkeiten, frei vom Versteckspiel und Notlügen. Ich werde deine Hand halten, wie damals, und den Text vortragen, wie es die Standesbeamtin tat.“

Susanne rutscht nochmals auf dem Stuhl, um die beste Sitzhaltung zu finden, ergreift die Hand von Karl, umschließt seinen Handrücken kräftig, damit er spüren soll, wie schön es ist. Langsam beginnt sie ihren Vortrag.

Sie liest über Beruf, Freizeit, Weiterbildung, Haushaltführung und Erziehungder Kinder. Es ist die Rede von Vertrauen, Liebe, Kameradschaft. Susanne liest über die Vorzüge der Gesellschaft, in der das Brautpaar eingebettet ist, aus der es Kraft schöpfen kann. Susanne bringt es zu Ende, merkt, dass vieles davon Floskeln sind, Bausteine, aus denen die Rede einer damaligen Eheschließung bestand.

Dann blickt sie Karl lange ins Gesicht, hoffend, dort eine winzige Reaktion auf das von ihr Vorgetragene zu entdecken. Aber er liegt ruhig auf dem Kissen, die Geräte pulsieren gleichmäßig. Trotzdem, so redet sie sich ein, hat er bestimmt diesen glücklichen Moment, der vor vielen Jahren stattgefunden hat, in sich wahrgenommen.

„Sehr schön und so persönlich hat sie das gemacht. Findest du nicht auch?“

Als sie keine Antwort erhält, wandert ihr Blick wehmütig zum Fenster, wo am Himmel schwarze Wolken aufziehen.

Ihre Verabschiedung von Karl gestaltet sich heute sehr kurz und bündig. Vielleicht liegt es an dem heranziehenden Gewitter, eventuell aber auch an der Enttäuschung, dass das bis ins Detail eingeübte Szenario keine Wirkung bei Karl gezeigt hat.

14. Kapitel

„Ich will tot sein und begraben in der Erde. Mama ist nie mehr meine Mama. Sie ist nun die Mutter, die mich nicht verdient hat. Sie wird am Grab sitzen und weinen, wie ich jetzt, und niemand wird sie trösten. Ihr Karl liegt da unten und kommt nie wieder, nie mehr“, denke ich voller ohnmächtiger Wut. – Nur, wie ist man tot? Darauf finde ich keine Antwort, auch wenn ich zum zweiten Mal das Szenario abspiele.

Auch wenn ich ohne Erklärung bleibe, so geht doch das Leben weiter, und wie es weitergeht. An diesem selben Tag, an dem ich die Niederlage hinnehmen muss und den herben Verlust des Metallbaukastens, brodelt und rumort es zwischen Mutter und Papa unaufhörlich wie vor dem Ausbruch des Ätna auf Sizilien. Indirekt geht es um meinen Metallbaukasten, direkt ist die Auseinandersetzung zwischen den beiden bereits auf einer völlig anderen Ebene.

„Kannst dem Seppel nicht einfach den Kasten wegnehmen, schließlich hat er ihn von Vater geschenkt bekommen“, eröffnet sich der Streit.

„Beruhige dich bloß, was kann Wolfgang dafür, dass deine Eltern ihn ständig ignorieren, nur weil es mein Sohn ist. Die haben ihm noch nie etwas geschenkt, für die ist er Luft. Aber das ist ja typisch bei Nebels, ihr Sohn ist der Beste, nur ich bin die Verruchte, die mit einem Kind dahergekommen ist, die ihrem anständigen Paul den Kopf verdreht hat und sich schwängern ließ, um ein Dach übern Kopf zu haben“, faucht Mutter.

Der erste Lavastrom ist ausgebrochen. Wir werden ins Bett gejagt, damit man sich so ungestört weiterstreiten kann. Mitten in der Nacht rüttelt jemand an meinem Arm. Verschlafen drehe ich mich im Bett herum. Als ich Wolfgang mit noch halb geschlossenen Augen erkenne, raunze ich ihn an:

„Lass mich schlafen, du Arsch.“

Zu spät. Der Lärm, der aus zwei Zimmern Entfernung in das Ohr dringt, lässt mich vollends erwachen. Wie von einer fremden Macht gesteuert, verlasse ich das Bett, wandere barfuß durch das Schlafzimmer bis hin zu der Tür, hinter der sich meine Eltern prügeln.

„Lass mich los, du Schwein, ich kratz dir die Augen aus“, brüllt Mutter.

Darauf folgt ein Spuckgeräusch.

„Du alte Sau“, schreit Papa. „Ich lass mich von dir nicht bespucken.“

Ich höre das Geräusch zweier rasch aufeinander folgender Ohrfeigen. Meine Mutter schreit, heult, stößt gegen die Wand, fällt zu Boden, krümmt sich vor Schmerz, um sodann wieder aufzuspringen, mit den Füßen nach Papa zu treten, den sie wohl auch zwischen den Beinen erwischt. All das entgeht meinem ans Schlüsselloch geheftete Auge nicht. Auch nicht, dass Papa mit schmerzverzerrtem Gesicht zum Gegenschlag ausholt. Seine Faust trifft auf Zähne, die Lippen reißen auf und im Nu sind Mutters Gesichtshälften blutverschmiert. Wie eine Katze springt sie noch wilder schreiend auf den Rücken von Papa, zerrt ihn mit aller Kraft an den Haaren, ich sehe ein Büschel aus ihrer Hand auf den Boden fallen. Kurz darauf liegt Mutter wieder auf dem Boden. Nun kommt sie nicht mehr hoch, denn Papa kauert über ihr und schlägt mit den Fäusten auf sie ein. Das ist zu viel, denke ich. Auch wenn sie mir meinen Baukasten weggenommen hat, jetzt tut sie mir doch leid. Ich drehe mich um, ich weiß, was zu tun ist. Unvermittelt steht Wolfgang von mir, mit halb offenem Mund und, obwohl fünf Jahre älter, scheinbar unfähig zu einer Reaktion. Ich suche etwas zum Schlagen, sehe aus den Augenwinkeln den Kleiderbügel auf dem Bett und hole ihn. Fest umschlossen mit meiner Hand schwinge ich ihn wie eine Keule über dem Kopf.

„Was willst du denn damit?“, Wolfgang steht wie angewurzelt noch immer am selben Fleck.

„Ich gehe jetzt rein und prügle die auseinander“, antworte ich voller Mut.

Aber ich bin kein bisschen mutig, mir schlackern die Knie, ich zittere am ganzen Leib. Tränen laufen mir wie Sturzbäche über mein Gesicht.

„Lass es, du kannst nichts machen, irgendwann hören die wieder auf. War doch immer so“, beruhigt mich Wolfgang, dieser Feigling, flüstern.

Trotzdem bin ich ihm dankbar, dass er mir den Bügel aus der Hand nimmt. Ich bin froh, dass ich nicht hineingehen muss in den schrecklichen Raum. Kein Schlag austeilen muss. „Ich bin noch zu klein“, denke ich bedauernd. Wolfgang zieht mich ins Kinderzimmer, wir schließen die Tür und jeder geht zurück in sein Bett, als wäre nichts gewesen. Lange liege ich unter der Decke, weine mir die Seele aus dem Leib, heimlich, damit keiner etwas hört.

Ich bin müde, unausgeschlafen, meine Glieder sind schwer wie Blei, als ich mich in die Küche schleppe. Mutter liegt im Bett, hat die Decke fast über den Kopf gezogen. Neben ihren Hausschuhen liegt ein nasses Handtuch voller Blut. Links steht der Zinkeimer, der nachts zum Pinkeln genutzt wird. Jedes Mal ekelt es mich, aber auch immer muss ich unwillkürlich hineinsehen. Diesmal ist rotes Wasser drin, vermischt mit Watteklumpen, die mit tiefrotem Blut versetzt sind. Als mein Blick zu Mutters Bett schweift, sehe ich die Blutstropfen, die, vom hereinfallenden Sonnenlicht angestrahlt, sich deutlich von den rotbraun gestrichenen Dielen abheben. Ein Schreck durchzuckt meinen Körper. „Sie wird doch nicht etwa tot sein?“, schießt es mir durch den Kopf. Genau in diesem Moment streckt sich ihr Kopf unter der Decke hervor. Ich sehe ihr aufgequollenes rot und blau verfärbtes Gesicht, ihre blutverschmierten aufgeplatzten Lippen, ihr wirres verklebtes Haar. Sie lebt, sie atmet. Kann sie nicht aufstehen, mich in den Arm nehmen, drücken und trösten? „Entschuldige, mein Schatz, Mama und Papa vertragen sich zukünftig und sind jetzt immer ganz lieb zueinander.“ Keines von alldem passiert. Mutter hält die Augen geschlossen und schläft weiter. Papa sitzt allein am Küchentisch, trinkt den letzten Schluck des Kaffees, den er sich selbst gebrüht hat. Wenn wir sonst sonntags dasitzen und Papa endlich, nachdem er im Wohnzimmer gesaugt und Staub gewischt hat – alles noch im Schlafanzug –, auf seinem Stuhl Platz genommen hat, haben wir oft gelacht, weil er nicht bemerkte, dass wir den Bohnenkaffee gegen Malzkaffee ausgetauscht haben. Erst wenn die Tasse fast ausgetrunken war, flog der Schwindel auf. Heute passiert das nicht, denn er sitzt allein, zusammengekauert und leichenblass am Tisch. Ohne ein Wort zu sagen, holt er die Kanne mit kaltem Malzkaffee, schneidet zwei Semmeln in Würfel, füllt sie in eine Tasse und gießt den Kaffee darauf, fügt drei Löffel Zucker dazu, rührt um und schiebt das Gemisch mir hin.

„Iss“, sagt er schroff, steht auf und räumt sein Geschirr weg.

Da sitze ich nun mit meinem Sonntagsfrühstück, was sich so deutlich von dem unterscheidet, welches mir Oma jeden Tag zubereitet. Ich stochere in den zu Pampe gewordenen Semmelwürfeln herum und habe keinen Hunger. Aber das bleibt bei Papa ohne Bedeutung.

„Das wird aufgegessen, bis zum letzten Krümel. Was anderes gibt es nicht und beeil dich“, faucht er mich im Vorbeigehen an.

Ich versuche an mit Quark und Marmelade bestrichene Brotscheiben zu denken, an duftenden warmen Kakaoschalentee mit Milch. Ich zwinge mir den Brei hinunter, den letzten Rest spüle ich schnell im Küchenausguss aus, hoffend, dass Papa nichts merkt. Nach dem Frühstück und herausgeputzt mit Popelinehose, braunem Pullover und den an der Seite aufgerissenen Halbschuhen, nimmt mich Papa am Arm, an der Hand will er mich wohl nicht anfassen, und marschiert wortlos in Richtung Lessingplatz, weiter zur Markuskirche, den Berg hinunter, dann wieder hinauf, an der Lutherkirche entlang, über die große, breite Straße und endlich einbiegend in meine Heppe, den Gartenweg, den ich schon so viele Male gelaufen bin. An der Haustür drückt Papa den Klingelknopf auf dem glänzenden Blech, bis von oben Opas Stimme ertönt.

„Ich bringe Karl heute früher, muss noch arbeiten“, brüllt Papa ins Treppenhaus.

Ehe Opa die vielen Stufen nach unten kommt, werde ich ins Haus geschubst. Papa bläut mir noch ein:

„Du hältst den Mund, wehe du erzählst vom Streit. Verstanden?“

Ich nuschle Undeutliches, drehe mich auf dem Absatz um und renne los, direkt in die Arme von Opa. Ganz fest klammere ich mich, als wollte ich ihn nie mehr loslassen, meinen Beschützer, sodass er mit mir am Hals die vielen Stufen wieder hinaufsteigt. Oben schnaufend angekommen übergibt er mich.

„Ich kann nicht mehr“, lamentiert er erschöpft.

Oma, mit ihrem alles durchleuchtenden Blick, hat die Situation sofort erkannt.

„Na, dann komm mal, Junge, ich mache dir einen schönen Kakao.

“ Ich erstarre. Mit einem markerschütternden Schrei klammere ich mich heulend an Oma fest. Meine Knie versagen ihren Dienst, ich knicke vor Oma ein und wäre sicherlich auf den kalten Steinboden gefallen, wenn mich Opa nicht abgefangen und hochgenommen hätte. Schnell schließt Oma die Wohnungstür hinter uns, in der Küche schaut mich Tante Hedel entsetzt an.

„Was ist denn los mit dem Jungen, der ist ja vollkommen fertig?“

Keiner gibt Antwort. Nur Oma macht einen kurzen Wink mit der Hand in Richtung Tante Hedel, die daraufhin, sich nochmals umdrehend, schleunigst die Küche verlässt. Auch Opa tut plötzlich sehr geschäftig und macht hinter sich die Tür zu. Sein Schatten, der durch die milchige Türscheibe erkennbar ist, geht in Richtung der Bodenkammer. Oma hat den Küchentisch mit dem Fuß etwas zur Seite geschoben, denn mit den Händen muss sie mich ja halten. Sie setzt mich auf das Sofa, nimmt ganz nah neben mir Platz, drückt meinen Kopf an ihre weiche Brust.

„Weine ruhig, das ist gut, das befreit, wenn du möchtest, berichtest du mir danach, was passiert ist. Wenn du nicht willst oder es dir verboten ist, dann erzähl es mir einfach später. Wir beide haben Zeit.“

Ich nicke, weine weiter, bis sich der Krampf löst. Schluchzend schnaube ich in das große Taschentuch, das Oma irgendwoher gezaubert hat. Langsam hat mich die Welt wieder. Oma streichelt mir über den Kopf, wie sie das schon so oft getan und es mir immer geholfen hat. Wenig später nippe ich an dem köstlichen Kakao, der diesmal aus richtigem Pulver und nicht aus Schalen gekocht ist. Vor mir steht ein Teller mit Marmeladenbrot, Oma schält einen Apfel, schneidet ihn für mich in mundgerechte Stücke. Mit Heißhunger putzte ich in Windeseile alles weg. Oma unterlässt es heute, mich zu ermahnen, nicht zu schlingen. Als ich fertig bin, treffen sich unsere Blicke. In Omas Augen erkenne ich die Frage, was gewesen ist. Da sprudelt alles aus mir heraus, beginnend beim Verlust meines Baukastens, den Beschimpfungen von Papa und Mutter und von der Prügelei, dem vielen Blut und den anderen schlimmen Dingen. Über eines erzähle ich allerdings nichts. Meine Feigheit bleibt unerwähnt, mit schwingendem Kleiderbügel auf keinen der beiden losgegangen zu sein. Dafür schäme ich mich zu sehr. Oma versteht auch ohne weitere Worte, dass noch mehr gewesen ist, was mein Herz bedrückt, aber heute noch nicht heraus will.

Am nächsten Tag teilt Oma mir mit, dass sie mit Papa telefoniert hat und ich jetzt erst einmal eine gewisse Zeit hier bleibe, auch an den Wochenenden. Ich falle Oma vor Freude um die Hüfte, drücke sie ganz fest, so lange, bis sie sich zu mir herunterbeugt, damit ich ihr ein Küsschen geben kann. Meine Welt ist wieder in Ordnung. Ich habe überhaupt kein Verlangen nach Mutter und Papa und nach dem Ekel schon gar nicht. Ich werde fortan von allen Seiten verwöhnt. Oma gibt mir tagsüber Leckereien zwischendurch, bei Tante Hedel darf ich die Sandmännchen im Radio anhören, erst den einen, und wenn das Gutenachtlied erklingt, noch den zweiten Sandmann. Tante Hedel muss in der Nähe bleiben und auf mein Kommando den anderen Sender einstellen, was tadellos klappt. Für Opa ist es schwierig mit dem Verwöhnen, denn er kommt als letzter und hat den ganzen Tag schwer gearbeitet. Meistens stehe ich zu der Zeit, wenn er mit dem Fahrrad kommen muss, an der Haustür und schaue die Straße hinunter in der Hoffnung, den Radfahrer mit der orangefarbenen Jacke als Erster erkennen zu können. Oma sagt mir jedes Mal, dass es noch zu früh ist, vor die Tür zu gehen, aber ich weiß immer eine Antwort:

„Vielleicht ist Opa heute schneller gefahren oder hatte Rückenwind“, bettle ich mit flehenden Augen, dass Oma die Wohnungstür aufschließt.

Sobald ich mich auf dem Hosenboden rutschend von Stufe zu Stufe hinabbewege, spüre ich das Kribbeln im Bauch, welches ankündigt, gleich ist es so weit. Dann wird Opa seine blecherne Brotbüchse aus der Ledertasche holen, sie öffnen und mir den Inhalt anbieten – mein Hasenbrot. Mit der anderen Hand helfe ich Opa, das Fahrrad in den Keller zu bringen. Mich strengt das Tragen am Gepäckträger gar nicht an, denn ich bin so stark geworden von dem Hasenbrot, dessen letzter Bissen schon vor der Kellertreppe in meinen Mund verschwunden ist. Manchmal, wenn die Brotbüchse leer ist, weil Opa selbst großen Hunger hatte, schenkt er mir kleine Pappkarten, die beschriftet und wie bei Fahrkarten der Eisenbahn an unterschiedlicher Stelle gelocht sind.

Das weiß ich deshalb so genau, weil ich mit Oma, Opa und Tante Hedel vor einiger Zeit nach Dresden gefahren bin. Da gab es diese Fahrkarten, die ich einstecken durfte und die jetzt zu meinem am meist gehüteten Schatz gehören. Die Fahrt war wunderschön gewesen.

Opa hatte zwei Tage Urlaub genommen und Tante Hedel eine ganze Woche. Oma hat ja immer frei, sie hatte alles geplant. Frühmorgens, es war noch dunkel gewesen, waren wir mit der Straßenbahn zur Zentralhaltestelle in der Stadt gefahren, dort umgestiegen in die, die uns zum Bahnhof brachte. Hier gingen wir zu einem langen Zug. Ich hatte selbstverständlich am Fenster sitzen dürfen und während der Fahrt hinaus in das Wunderland gestarrt, auf die Bäume, die Häuser und Flüsse, auf die Autos, die an Bahnübergängen warten mussten. Jedes noch so kleine Detail hatte ich lautstark mitteilen müssen, bis mir Oma ihre Hand vor den Mund gehalten und so meinen Mitteilungsdrang unterbrochen hatte. In Dresden war es sehr warm gewesen, wir waren als erstes in den Zoo gefahren. So viele Tiere, kleine und vor allem große, hatte ich noch nie gesehen. Ich lachte über die Affen, die sich so lustig bewegten. Und staunte über die Elefanten mit ihren riesigen Rüsseln. Wir beobachteten eine Mäusefamilie, die in einem richtigen Brot lebte, in das sie Löcher gefressen hatte, aus denen sie wie aus Fenstern herausschaute. Ich bekam sogar ein Eis spendiert von Opa und später noch eins von Tante Hedel, denn sie war sozusagen eine andere Familie, eine Ein-Personenfamilie, wie Oma mir mal gesagt hatte, als ich sie fragte, warum Tante Hedel immer ihr eigenes Essen kocht.

Nach dem Zoobesuch gingen wir zur Schiffanlegestelle an der Elbe. So ein riesiges Schiff mit so gewaltigen Rädern hatte ich noch nie gesehen. Mehrmals ging ich mit Opa zu den Rädern, die während der Fahrt das Wasser von einer Seite auf die andere schaufelten. Bis spät abends verbrachten wir auf dem riesigen Dampfer, aßen Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen, Opa trank Bier, wir anderen nippten an leckerer Fassbrause, die rot war wie Himbeeren. Nachdem wir das Schiff verlassen hatten, wollte ich auf der Stelle einschlafen. Doch Oma sagte mir, dass es nur noch ein kurzer Weg zu dem Zimmer sei, in dem wir übernachten wollten. Also versuchte ich, wach zu bleiben. Ein Glück auch, denn sonst hätte ich die kleinen grünen Lichter, die um uns herum schwirrten, nicht gesehen. Glühwürmchen, erklärte mir Oma, die auch darüber staunte. Wir schliefen alle in einem Zimmer, Oma und Opa in einem Bett, Tante Hedel in dem schmalen Bett am Fenster und ich auf einem Feldbett, wie die Soldaten im Krieg sie nutzen, hatte Opa gemeint. Ich hatte mich zur Wand drehen müssen, damit ich nicht sah, wenn sie das Schlafzeug überstreiften. Das war auch nicht wichtig für mich. Außerdem hatte ich Tante Hedel und Opa beim Umziehen in der Gartenlaube gesehen, und Oma hatte auch schon nackt voller Seifenschaum in der Waschschüssel in der Küche gestanden, als ich die Küchentür geöffnet hatte. Wichtig war mir nur, in einem richtigen Feldbett zu liegen, das die Soldaten im Krieg benutzten, und schon war ich mittendrin im Gefecht.

… Ich höre den Donner der explodierenden Granaten, sehe die Lichtblitze um mich herum. Immer näher kommt die alles vernichtende Walze aus Feuer und Sturm. Ich spüre die Hitze auf der Haut, wie sie Besitz von mir ergreift. Erst meine schützende Kleidung und dann mich selbst entzündet. Der Orkan facht die Flammen weiter an, nährt sie mit Sauerstoff, der mir zum Atmen fehlt. Beißender Rauch füllt die Lunge, lässt mich qualvoll ersticken. Ich schlage um mich, versuche verzweifelt, das tödliche Gemisch aus Feuer und giftigem Qualm von mir abzuhalten. Meine Gegenwehr erlischt wie das Leben.

15. Kapitel

Als Susanne das Krankenhaus verlässt, fallen die ersten Regentropfen auf ihr Haar, bilden auf der Kleidung größer werdende dunkle Flecken. Sie hat beschlossen, nicht sofort nach Hause zu fahren, wo sie sowieso keiner erwartet. Sie wird ihre Tochter besuchen, die Frage klären, ob sie tatsächlich so gelitten hat, wie es Karl in seiner Analyse behauptete. Sie ist fest entschlossen, die dunklen Flecke der Ehe mit Karl aufzuarbeiten, auch auf die Gefahr hin, dass es ihr weh tut. Sie ist völlig durchnässt, als sie schließlich vor der Tür steht.

„Entschuldige, ich brauche jemanden zum Schwatzen. Mir fällt zu Hause die Decke auf den Kopf“, erklärt sie ihr unerwartetes Erscheinen.

„Komm rein, setz dich, oder zieh erst mal die nassen Sachen aus. Kannst dir von mir den Bademantel nehmen“, freut sich Veronika.

Nachdem alle Neuigkeiten ausgetauscht sind, Karls Gesundheitszustand betreffend, die Aussicht auf Besserung und die Themen Kinder, Arbeit, allgemeine Gesundheit erläutert, entsteht zwischen beiden eine Gesprächspause. Veronika weiß, dass ihre Mutter mit einem bestimmten Anliegen gekommen ist, sie spürt es in jeder Geste. Nur kann sie die Richtung, den Inhalt nicht deuten. Um die Kunstpause zu beenden, wagt sie sich vor.

„Schieß schon los. Wo klemmt der Schuh? Ich merke doch, dass dich etwas bedrückt. Komm, lass uns drüber reden“, bittet sie.

Eigentlich hätte Susanne nun doch lieber das Thema vermieden, aber sie sitzt in der Falle, jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Ihre Tochter ist wie sie, durchschauend, klar und geradezu, ohne Schnörkel, wenn es darum geht, eine Aussage zu treffen. „Ach, was soll’s“, denkt Susanne und ist im gleichen Moment auch froh, mit ihr darüber zu sprechen, was sie bereits begraben hatte. Sie versucht, die passenden Worte zu finden, holt weit aus, um dann über viele Ecken zu dem Eigentlichen, für sie sehr Unangenehmen zu kommen. Mittendrin, in ihrem Hin und Her, unterbricht sie Veronika.

„Jetzt eire nicht so rum, komm mal auf den Punkt. Ich verstehe nur eins, es betrifft uns, mich, Papa und dich.“

„Weißt du“, beginnt Susanne zögerlich, „ich habe eine Art Abschiedsbrief von Papa von 1989 zufällig in die Hände bekommen, als ich seinen Aktenordner durchgesehen habe. Da ging es auch um die Zeit in Dresden. Er schrieb, dass du sehr traurig warst und nicht verstanden hast, dass ich mich in Paul verliebt hatte und sogar die Ehe mit Papa aufgegeben hätte, wenn es nach mir gegangen wäre. Ich weiß, dass ich damals einen Fehler gemacht habe und hoffte immer, drüber hinweg zu sein. Aber nun ist alles wieder hochgekommen, zurückgekehrt aus meiner Vergangenheit. Ich habe dich nie nach deinen Gefühlen gefragt, habe nie erfahren wollen, was du empfunden hast. Ich möchte es gern heute hören, auch um zu wissen, was ich damals falsch gemacht habe. Bitte, hilf mir dabei. Erzähl mir, wie es dir ergangen ist“, appelliert Susanne, ringend, den Tränen nicht freien Lauf zu lassen.

„Na gut, wie du willst“, schreitet Veronika zur Tat, „aber zuvor hole ich uns einen Wein, damit es nicht zu trocken wird“, versucht sie die Situation, die ihr selbst unangenehm ist nach so langer Zeit, zu entkrampfen.

Mit zwei gefüllten Gläsern kommt sie aus der Küche zurück, übergibt eines an ihre Mutter und prostet ihr zu.

„Grundsätzlich“, beginnt Veronika, „weiß ich selbstverständlich, dass Papa kein Kostverächter war. Ich weiß auch, dass er dir seelisch sehr wehgetan hat mit seinem dauernden Fremdgehen. Aber darum geht es ja nicht. Ich habe mich als kleines Mädchen zu Hause sehr wohl gefühlt. Besonders die Kinder in der Umgebung und die im Kindergarten sind mir sehr wichtig gewesen. Heute verstehe ich, dass es vernünftiger war, mich mit nach Dresden zu nehmen. Papa hätte es nicht geschafft, alles unter einen Hut zu bekommen, auch wenn er es gewollt hätte. Sein unregelmäßiger Dienst, Bereitschaft rund um die Uhr und dann noch uns zwei Gören am Hals, das wäre nicht gut gegangen. Damals habe ich es allerdings nicht verstanden. Zum einen, dass du überhaupt nach Dresden gegangen bist und zum anderen, dass ich aus dem geliebten Kindergarten gerissen wurde. Das, das kannst du mir glauben, saß wie ein dicker Stachel in der Brust und hat richtig wehgetan. Von alledem hast du nichts mitbekommen. Voller Elan hast du in Dresden losgelegt mit deinem Studium, hast dich bemüht, nachmittags Zeit für mich zu haben, nur für mich, wir beide allein gegen die böse Welt um uns herum. Ich musste in diesen doofen Kindergarten gehen, in dem ich von der ersten Minute an gemobbt wurde. Die Erzieherinnen, aber auch die anderen Kinder, ließen mich sehr deutlich spüren, dass ich nicht dazugehörte. Jetzt weiß ich auch, warum. Ich habe den Platz beansprucht – als Tochter einer überzeugten Genossin, die parteigetreu auf Linie war, hatte ich den Vorrang – und eine andere alleinerziehende Mutter aus dem Kiez war leer ausgegangen. Spießruten bin ich gelaufen. Ständig ließ man mich den Unterschied der Herkunft spüren. Es hat natürlich keiner zugegeben, das war in diesem, von dir so hochgepriesenen System nicht angesagt. Und ich wollte das gut funktionierende Kind sein, nach Vorbild der Mutter, immer bereit, Entbehrungen auf sich zu nehmen und kämpferisch zu sein“, beendet Veronika zornig den Exkurs in die Vergangenheit.

„Sie verlangt Vergebung für das, was sie bewusst oder auch unbewusst dem Rest der Familie angetan hat“, denkt sie verbittert.

Eine Weile herrscht Stille zwischen Susanne und ihrer Tochter. Sie kämpfen gegen die Tränen, den Kloß im Hals. Beide müssen sich erst einmal sammeln.

„Entschuldige, Mama, wenn ich so hart über dich gesprochen habe, aber so war nun mal die Empfindung für mich mit vier Jahren.“

„Schon gut. Ich will ja wissen, was in dir vorging. Bitte erzähle weiter, ungeschminkt, offen und ehrlich. Ich will es begreifen. Gib mir eine Chance“, fleht sie förmlich ihre Tochter an.

„Dann lass mich mal den Wein nachschenken, denn es kommt noch schlimmer. Das kannst du mir glauben“, gibt Veronika den Einstand zur zweiten Runde. „Wirklich schlimm für mich war, Papa und Liesa die ganze Woche nicht sehen zu können. Ich hatte solche Sehnsucht nach ihnen. Bei jedem Telefonat mit den beiden wurde das Heimweh größer, brannte in meiner Brust und machte mich unendlich traurig“, nun verliert auch Veronika ihre Beherrschung, die Tränen treten ihr in die Augen. „Nein, ich will doch das alles nicht noch einmal hervorholen. Ich war froh, dass ich drüber hinweggekommen bin und nun ist es wieder da“, schluchzt sie in ihr Taschentuch.

Susanne sitzt wie ein Häufchen Unglück auf der Sesselkante, hält das nunmehr leere Glas fest umklammert, so fest, dass, als sie es bemerkt, sie vorsichtig den Druck verringert, damit es nicht zerspringt. Sie steht auf, um auf die Couch zu wechseln, ganz nah an ihre Tochter heranzurücken und sie zu umarmen, sie an ihre Schulter anzulehnen. Bereitwillig lässt Veronika diese lange vermisste Zärtlichkeit der Mutter zu.

„Ich verstehe deine Verbitterung“, versucht Susanne Trost zu spenden. „Es war damals eine schwierige Zeit. Papa hat oft Alkohol getrunken, viel, sehr viel. Und er hat sich mit anderen Frauen vergnügt. Wir haben uns dann ausgesprochen, abgerechnet mit dem Gewesenen, mit dem Verwerflichen – ja, auf beiden Seiten. Wir haben uns gegenseitig eine Chance gegeben, uns versprochen, ehrlich miteinander umzugehen. Das Zusammenbleiben hat funktioniert, das Aufrichtig-zueinander-sein allerdings auf Seiten von Papa nicht. Er ist trotzdem weiter fremdgegangen, hat mich weiter betrogen. Aber gut, sei es, wie es sei, ich und Papa, wir sind heute noch zusammen und haben, so bin ich jedenfalls überzeugt, ein Stück von Ehrlichkeit zurückgewonnen“, endet Susanne mit deutlichem Stolz in der Stimme.

„Ich glaube dir, dass ihr zueinander zurückgefunden habt. Aber wir sind noch nicht fertig mit unserer Wahrheitsfindung. Es fehlt noch die Zeit danach, beginnend mit dem Schulanfang. Die Klassenkameraden und auch die Lehrer wussten, dass ihr beide bei der Stadtverwaltung wart. Parteibonzen nannte man euch. Natürlich nicht direkt. Ich bekam den Unmut darüber von den Lehrern immer wieder zu spüren. Aber die eigentliche Misere war, dass ich auch hier keine Freunde hatte. Keiner wollte sich mit mir abgeben. Euch hat das nicht interessiert. Ihr hattet eure Arbeit, die Verpflichtung, Familie und Gesellschaft unter einen Hut zu bringen. Da war es sehr bequem, eine funktionierende Tochter zu haben, die so pflegeleicht ist, sich immer unterordnet, genügsam ist. Liesa war da anders. Sie ist oft ausgebrochen, hat sich quer gestellt, hat rebelliert, ihre Meinung gesagt, auch wenn die unbequem war. Das fand ich gut. Liesa war nicht nur meine große Schwester, sondern auch heimliches Vorbild. So wollte ich sein, streitbar, aufmüpfig und selbstentscheidend. Nur war ich eben ein kleines Mauerblümchen, weit entfernt von meinem Idol. Ich musste immer pünktlich zu Hause sein, noch bevor es so richtig losging. Ich hätte so gern mal eine Fete mitgemacht, auch mal einen Zug von der Zigarette genommen, einen Schluck aus der Pulle. Heilfroh war ich, als Papa bei der Stadt aufgehört und in Leipzig mit den Immobilien anfing. Da sind wir in die Stadtvilla umgezogen, ich hatte endlich mein eigenes Zimmer, vorn in der Ecke, mit den großen Fenstern. Ich habe oft auf der Kommode gesessen und hab die Vögel auf den Bäumen beobachtet. Da habe ich mich wohl gefühlt. Wenn ihr euch nur nicht ständig gestritten hättet, meist, wie ich dachte, wegen der Arbeit. Heute würde ich meinen, es ging um Papas dauerndes Fremdgehen. Und dieser viele Alkohol, nicht nur den, den Papa sich hineinschüttete, sondern auch du. Ihr habt beide ganz schön zugelangt, zwei bis drei Mal die Woche. Ich habe in dieser Zeit oft darüber nachgedacht, wegzugehen, so wie es Liesa getan hat, nach Bayern … Und dann kommt ihr eines Tages auf mich zu und verkündet, dass ihr in die Nähe von Liesa nach Bayern ziehen wollt. Ich bin damals aus allen Wolken gefallen, habe gegrübelt, wie ihr auf meine geheimsten Wünsche gekommen seid“, schließt Veronika den Rückblick ab und ihre fragenden Augen richten sich auf Susanne.

Die begreift sofort, dass sie jetzt dran ist, eine Erklärung für das zu liefern, was sie und Karl damals unter den Teppich kehrten, dass sie die Flucht nach vorn antraten, dass dieser Schritt für beide die letzte und wirklich letzte Chance gewesen war, einen Neustart hinzubekommen. Sie hatten sich hinter dem heimlichen Wunsch ihrer Tochter versteckt. Dass die so sehnsüchtig zu ihrer großen Schwester ziehen wollte, hatten sie als Legende genutzt. Natürlich konnte Susanne nicht eingestehen, dass sie das Tagebuch von Veronika gelesen hatte, was mit der Aussage begann „Ich will zu meiner Schwester“.

„Wir wussten doch, dass du gern bei Liesa sein wolltest. Also sind wir deinem Wunsch nachgekommen. Aber du hast recht, dies war nicht das einzig Ausschlaggebende für den Entschluss. Du hast Papa ganz richtig eingeschätzt als … nun ja, Hurenbock, und Alkoholiker, denn das war er, und von seiner Arbeit, der Karriere besessen. All das bestimmte unser Familienleben. Natürlich war es angenehm, dass er ordentlich Geld verdiente als Immobilienmakler. Jedes neue Auto war eine Nummer größer als das vorhergehende. Urlaub konnten wir uns leisten jedes Jahr im Ausland, warst ja ein paar Mal mit. Das alles war angenehm und so hätte es bleiben können, wenn da nicht so einiges Unangenehmes gewesen wäre. Papa war eigentlich nicht der Typ für einen Immobilienmakler. Wenn er auch viele Abschlüsse machte, so fiel es ihm doch zunehmend schwerer, seine Skrupel zu ignorieren. Als Makler musst du gewissenlos sein, darfst dich nicht drum kümmern, ob der Käufer in ein paar Jahren noch die Rate bezahlen kann. Hauptsache die Provision stimmt. Papa hat es innerlich zerfressen. ‚Mit Alkohol lässt sich vieles vergessen, oder zumindest leichter ertragen‘, meinte er. Er ist frühmorgens, wenn gewisse Kneipen öffneten, schon vom Büro aus losgezogen. Wenn er die richtige Dröhnung hatte, konnte er mit Kunden telefonieren und Abschlüsse vorbereiten. Wenn der Alkohol die Wirkung verlor, ist er zu Außenterminen, Besichtigungen oder Verkaufsgesprächen und war danach auf Wolke sieben, im Rausch seines Erfolges oder dessen Anbahnung. Es gab immer einen Grund für ein gemeinsames Abendessen beim Griechen, unserem zweiten Wohnzimmer. Hatte er keinen beruflichen Erfolg, brauchte er einen Ausgleich. Ihm war völlig egal, was für eine oder wessen Frau es war. Wenn auch das nicht klappte, blieb noch die Videothek am Chemiewerk, wo er sich Pornofilme holte, die immer extremer wurden und bei deren Blick auf das Cover ich mich schon ekelte. Die zog er sich dann rein, wenn ich ins Bett bin, um ‚einen Moment auszutrudeln‘“, die Erinnerung schnürt ihr die Kehle ab, sie schluckt. „Das war nicht mehr der, den ich geheiratet und geliebt hatte. Uns verband nichts mehr, kein Geld, nicht die Kinder, die Datsche noch wer weiß was. Ich wollte nicht mehr, keinesfalls so. Ich hätte mich von Papa getrennt, die Koffer gepackt und mit dir irgendwohin, vielleicht auch zu Liesa. Hauptsache weg aus diesem elenden, verlogenen und verdorbenen Leben an der Seite eines Mannes, den ich irgendwann abgöttisch geliebt hatte“, schluchzt Susanne ganz in der Erinnerung gefangen.

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23 декабря 2023
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520 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783960083252
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