Читать книгу: «Frei von Angst durch die Heilung der Mitte»
Dr. med. Georg Weidinger
FREI
von ANGST
durch die
Heilung der Mitte

Inhalt
Cover
Titel
VORWORT
EINLEITUNG
Die Ost-Route
Die West-Route
ÜBER DIE MAUER
Angst
Reaktionen auf Angst
Angst hat einen Sinn
Angst will uns beschützen
Angst in unserer Gesellschaft
Ursachen für vermehrte Ängste
Was passiert bei Angst im Körper?
Therapie der Angststörung
NLP
Kognitive Verhaltenstherapie
Medikamentöse Therapie
Phytotherapie Westliche Pflanzenheilkunde
Westliche Teezubereitungen
Hanf, Cannabis und CBD
IN DIE ANDERE RICHTUNG
Die Traditionelle Chinesische Medizin (TCM)
Die fünf Elemente
Wie funktioniert nun unser Körper chinesisch?
Gefühle
Was passiert im Körper, wenn eine Emotion aus dem Gleichgewicht ist?
I. HEILE DIE MITTE
Zehn Punkte, um lieb zu sein zur Mitte
Chinesische Kräuter für die Mitte
II. ENTSPANNE DIE LEBER
Fünf Punkte, um Stress zu vermeiden
Chinesische Kräuter für Leber und Blut
III. KÜMMERE DICH UM DEINEN SHEN!
Wieder auf das eigene Herz hören
Chinesische Kräuter für Herz und Shen
IV. PFLEGE DEINE LUNGE, ATME!
Fünf Atemübungen
Chinesische Kräuter für die Lunge
V. PASS AUF DEINE NIEREN AUF!
Vier Punkte, um lieb zu sein zur Niere
Chinesische Kräuter für die Niere
YOGA
Über Erwartung und Verzicht
Über Angst und Vertrauen
Der Weg, die Übung
DIE PYRAMIDE UND DER NOTFALLKOFFER
Die Pyramide oder: Was bisher geschah
Der Notfallkoffer
SCHLUSSWORT
Index
Impressum


VORWORT
K ennen Sie den Film „Der Club der toten Dichter“ aus dem Jahre 1989? Robin Williams spielt einen Lehrer, der seinen Schülern beibringt, die Welt aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. So schlägt er zum Beispiel vor, auf die Tische zu steigen und alles aus einer geänderten Perspektive zu betrachten. Eine solche neue Sicht möchte ich Ihnen mit diesem Buch auch bieten.
Unser Thema ist die Angst. Die Neurowissenschaft zeigt uns, was im Gehirn genau passiert, wenn man Angst hat. Die Nervenzellen bauen dabei einen Weg, der es Ihnen ermöglicht, diesen bei der nächsten gefährlichen Situation wieder einzuschlagen. So vergeuden Sie keine Zeit mit langem Nachdenken, sondern spüren Ihre Angst sofort. Denken Sie an die Begegnung mit einem freilaufenden Löwen.
Davonlaufen ist in dieser Situation eine sehr gute Idee. Blöd ist aber, dass das Gehirn diesen Weg ebenso vorschlägt, wenn eine Gefahr – vielleicht auch nur ansatzweise irgendwann, sofern alles schiefgeht – drohen könnte. Es ist dabei egal, ob diese Situation jemals wirklich eintritt und ob es überhaupt eine reale Gefahr gibt.

Dieses Lernen im Gehirn schafft fixe Bahnen, die dann ständig eingeschlagen werden. Auf einmal hat man in verschiedensten Situationen Angst. Dabei kann es sein, dass man sich gar nicht mehr an die Begegnung mit dem Löwen erinnern kann. Selbst wenn Sie sich erinnern können, schaffen Sie es willentlich nicht, aus dem Reaktionsmuster auszusteigen. „Ich weiß ja, dass ich keine Angst vor der Katze zu haben brauche, aber die Angst ist einfach da und überwältigt mich.“ Solche Gedanken formuliert Ihr Frontallappen, ein kleiner Teil der Gehirnrinde, der glaubt, durch ebendieses Denken den Rest des Gehirns und auch den ganzen Körper im Griff zu haben.
Hier, beim Denken, setzt die moderne Angstforschung an. So können Sie in einer Psychotherapie in Gedanken zu dem Moment zurückgehen, in dem Sie den Löwen getroffen haben, und lernen, dass dieser Moment nun vorbei ist und keine Gefahr mehr droht.

Sie können das Erlebte also in aller Ruhe, ohne wirkliche Gefahrensituation, neu interpretieren, einen neuen Weg im Gehirn bauen und dann im Alltag üben, diesen Weg immer öfter einzuschlagen.


Wenn Sie also einer Katze begegnen, nutzen Sie Ihr Denken, um die Angst zu vertreiben! Dabei kann Ihnen eine Psychotherapie oder ein Coaching helfen.

Doch manchmal hat man schon „Angst vor der Angst“, weil diese so schlimm ist. Dann hat man nicht die Kraft, sich tagtäglich immer und immer wieder mit der eigenen Angst auseinanderzusetzen. Vielleicht hat die beste Psychotherapie bereits Wunderbares über Ihre eigene Persönlichkeit ans Tageslicht gebracht, doch die Angst ist noch immer da. Manchmal ist die Angst wie eine riesige Mauer, vor der Sie stehen, und Sie haben keine Ahnung, wie Sie es über diese Mauer schaffen sollen.

In so einem Fall sage ich zu meinen Patienten: „Vergessen Sie die Mauer, drehen Sie sich um und gehen Sie in die andere Richtung!“
„Kümmern Sie sich um Ihren Körper“, sage ich weiter. „Kümmern Sie sich um Ihre Mitte, um Ihren Verdauungsapparat, Ihre Gefühle, Ihre Beziehung. Bewegen Sie sich regelmäßig. Machen Sie alles, damit Sie sich so richtig wohl in Ihrem Körper fühlen, und eines Tages werden Sie merken, dass Sie die Mauer schon weit hinter sich gelassen haben.“
Dabei hilft auch ein Perspektivenwechsel, wie anfangs erwähnt.

Unsere erste neue Perspektive ist die Sichtweise der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM). Ergänzend sehen wir uns die Philosophie und die Praxis des Yoga an, um schließlich zu unseren Vorstellungen hier im Westen zurückzukehren. Sie werden erkennen, dass der Westen nicht ständig das Rad neu erfinden muss. In China und Indien wurde eigentlich bereits alles gesagt, und das vor etwa 2.000 Jahren. Wenn wir dann von unserer Reise zurückkehren, werden Sie unsere westliche Medizin neu betrachten können. Sie bietet uns die Möglichkeit, sehr schnell einzugreifen und besonders schlimme Situationen abzuwenden.
Alles hat seine Berechtigung, jede Methode ihre Zeit. Wenn es brennt, muss man löschen. Doch unser aller Aufgabe ist es, zu verhindern, dass es überhaupt brennt.
Ich bin Notarzt und Allgemeinmediziner, und wenn ich nicht gerade im Notarztwagen mitfahre und mit unserer westlichen Medizin Leben rette, sitze ich in meiner „Arztpraxis für komische Krankheiten“ und nütze alles an Medizin, was unsere Welt so zu bieten hat. Dabei habe ich mich vor Jahren auf die Traditionelle Chinesische Medizin spezialisiert. Sie hat mich mit meinem Asthma gerettet und sie hilft und rettet viele Menschen, die aus meiner Praxis oder aus der Praxis derer kommen, die bei mir die Ausbildung in TCM gemacht haben.
„Arztpraxis für komische Krankheiten“ deshalb, weil die Patienten zumeist schon viel ausprobiert, viele ärztliche Kollegen der westlichen Medizin konsultiert haben, bis sie schließlich bei uns, meiner Frau und mir, landen. Darum muss ich zumeist mehr bedenken als meine Kollegen, weil das „Normale“ ohnehin schon probiert wurde. Das Ergebnis finden Sie in diesem Buch. Bei Angst ist das nicht anders. Das „Normale“ finden Sie im ersten Teil dieses Buches. Ab dem zweiten Teil geht es um Ihre Hausaufgaben, um alles, was Sie noch zusätzlich tun können, um Ihren Körper, Ihren Atem und damit Ihre Psyche zu stärken.
Wichtig ist, dass Sie lernen zu verstehen, was Ihnen Ihr Körper mit den Beschwerden, die Sie haben, sagen möchte. Ihr Körper und Ihre Psyche meinen es nie böse mit Ihnen. Wir alle verstehen oft nur deren Sprache nicht mehr. Also übersetze ich Ihnen, was er zu sagen versucht. Sie machen dann die Veränderung, der Körper und Ihre Seele fühlen sich gehört und das Symptom verschwindet. Das ist bei Angst nicht anders als bei anderen Beschwerden. Nur dass Sie die Angst oft so einschränkt, dass es schwieriger ist, Dinge wirklich zu ändern. Aber es wird gehen, vor allem auch in Kombination mit den Möglichkeiten, die wir hier im Westen haben. Oft hilft schon eine Pflanze, die bei uns wächst (siehe Kapitel „Über die Mauer“), im Notfall auch ein Medikament (siehe ebenfalls dort), aber wenn schon, dann das richtige!
Das Ziel ist, dass Sie frei sind in Ihren Entscheidungen und dass Sie all Ihre Gefühle, auch die Angst, nutzen können, um die richtigen Schritte im Leben zu setzen.
In diesem Buch male und kritzle ich Skizzen und Bilder, so wie ich es in meinem Unterricht auf der Tafel oder einem Flipchart ständig mache. Sie sind zumeist künstlerisch von fraglichem Wert, aber es sollte genügen, um ein Bild für Ihre Erinnerung zu schaffen und ein Lächeln auf Ihr Gesicht zu zaubern. Fühlen Sie sich also in eine unterhaltsame Vorlesung über Angst versetzt.
Noch etwas möchte ich Ihnen auf diesem Weg mitgeben: Ich sage oft: „Die Chinesen sagen …“ oder „Chinesisch bedeutet das …“. Damit meine ich: „In der Traditionellen Chinesischen Medizin sagt man …“ beziehungsweise „In der Traditionellen Chinesischen Medizin bedeutet das …“. So spricht es sich leichter, so rede ich auch mit meinen Patienten und Studenten.
Ich wünsche Ihnen mit diesem Buch eine spannende Reise zu sich selbst, viele neue Erkenntnisse sowie unterhaltsame Momente und vor allem viele Anregungen für gesunde Änderungen in Ihrem Leben, damit Sie der Angst ein Lächeln schenken können.
Ihr
Georg Weidinger


EINLEITUNG
„Viele Wege führen nach Rom.“ – Rom ist in unserem Fall die erfolgreiche Behandlung einer Angststörung, einer Angst, die unser Leben, unsere Gesundheit, unseren Alltag und unsere sozialen Kontakte stört.
Manche Wege führen über die Angst-Mauer, andere nicht. Der Ansatz des Westens ist es, gegen die Angst direkt vorzugehen, der Ansatz des Ostens ist es, den Körper und den Geist so zu stärken, dass die Angst verschwindet. Dabei nutzt der Osten die Angst als Wegweiser, um zu verstehen, was Körper und Geist benötigen.

„Der Zweck heiligt die Mittel.“ – Wenn es in Rom brennt und man schnell in die Stadt muss, ist der direkte Weg über die Mauer oft der beste. Wenn die Angst kein einmaliges Ereignis bleibt, auf das man sich einstellen kann, sondern droht, immer und überall aufzutreten und einen wie ein Tintenfisch in die Tiefen des Meeres hinabzuziehen, muss man sie sofort stoppen. Dann ist uns jedes Mittel recht, um zu helfen.

Gott sei Dank sind so schwere Ängste eher selten. Aber auch dafür haben wir Mittel und Wege. So ergibt sich eine Behandlungspyramide. An der Basis nutzen wir die Wege des Ostens. So werden Körper und Geist stabil und bleiben von der Angst verschont. Weiter oben auf der Pyramide befinden sich die Wege des Westens, mit denen wir die Angst bis hin zu einer akuten Panikstörung in den Griff bekommen. Nennen wir die Wege des Ostens unsere Ost-Route, beispielsweise TCM und Yoga. Die Wege des Westens, unsere West-Route, können wir exemplarisch als Psychotherapie und Psychopharmaka bezeichnen.

Natürlich führen noch viele andere Wege nach Rom, sowohl aus Westen und Osten als auch aus Norden und Süden. Unterm Strich soll es einem gut gehen, wenn man dann endlich in Rom ankommt. Dann war die Angst als Mauer sogar ein wunderbares Training und die Angst als Wegweiser ein wichtiger Hinweis, um die richtige Richtung für das eigene Leben zu finden.
Exemplarisch führe ich in diesem Buch jene Wege an, die ich als Arzt für westliche und östliche Medizin in den letzten 33 Jahren kennengelernt und praktiziert habe. Sie werden bald erkennen, dass der westliche und der östliche Weg sich gegenseitig ergänzen und unterstützen.
Stellen Sie sich die Behandlungspyramide einmal als Vulkan vor. Die Angst ist dann die glühende Lava, die oben heraussprudelt und alles verbrennt.
In diesem Fall sind wir froh, dass die westliche Medizin mit Löschflugzeugen und Evakuierungshubschraubern zur Verfügung steht und hilft, das Naturereignis halbwegs unter Kontrolle zu bekommen. Doch Sie wissen, dass die Lava tief in der Erde entsteht und dass ganz viele Faktoren zusammenspielen müssen, damit es schlussendlich zum Ausbruch eines Vulkans kommt.

Die TCM, die Traditionelle Chinesische Medizin, will uns helfen, unsere eigene Natur zu verstehen und in Harmonie mit der Natur um uns zu leben. Ist die Natur in Harmonie, wird kein Vulkan ausbrechen. Yoga zeigt uns als ein jahrtausendealtes erfahrenes und praktiziertes Wissen, wie man leben kann, ohne sich von seinem eigenen Ego ständig ins Unglück stürzen zu lassen. Yoga gibt einen Weg vor, wie man mit Hilfe des Atems den Körper mit der Psyche verbindet.
Je besser wir in unserer eigenen Natur ruhen, desto unwahrscheinlicher wird ein Vulkan-Angst-Ausbruch und wir kommen mit TCM und Yoga ohne westliche Therapie durch. Diese Therapie bleibt dann als Notfallkoffer in einer Ecke griffbereit, aber unangetastet stehen. Doch auch die Psychotherapie kann helfen, in die eigene Mitte zu kommen. Sie sollte aber nicht als reine Angst-Bewältigungstherapie genutzt werden, sondern damit man sich selbst besser kennenlernt und Konflikte aus der Vergangenheit auflösen kann, die im Jetzt noch immer wirken.

Sie sehen also, die Übergänge zwischen West und Ost sind fließend. Beide Systeme lernen voneinander. Am Ende finden wir die Einheit, die wir uns für die Natur in uns und um uns wünschen.
DIE OST-ROUTE
Die Basis der TCM und damit der Pyramide bildet unsere Lebensführung, die Art, wie wir täglich leben:
Wie wir morgens aufstehen, den Tag beginnen, wie viel Zeit wir uns dafür nehmen, wie wir dreimal am Tag essen – wie schnell und was genau – und wie wir den ganzen Tag atmen;
wie viel Stress wir haben und wie wir damit umgehen, wie und wie viel wir uns bewegen, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, mit den Tieren um uns, mit unserer Umwelt, welche Gefühle wir haben und wie wir sie ausleben;
ob wir Freude am Leben haben, Träume und Ziele und ob wir diese leben, wie gut wir am Abend nach unserem Tagwerk abschalten können, wie und wann wir uns ins Bett legen und wie und wie lange wir schlafen.
Am nächsten Tag beginnt es wieder von Neuem: wie wir in der Früh aufwachen, wie viel Energie wir haben und was wir mit dieser Energie anstellen. Die Chinesen sagen: „So wie der Morgen ist, ist der ganze Tag“ und „Eine Stunde am Morgen ist mehr wert als drei Stunden am Abend“. Die Lebensführung macht etwa 80 Prozent der TCM aus. Dazu kommen dann noch zwei ärztliche Methoden, die Akupunktur und die chinesischen Kräuter, zu je 10 Prozent.
Die tägliche Lebensführung ist auch die Basis des Yoga. Die Yoga-Philosophie beschäftigt sich unter anderem mit dem Umgang mit Mitmenschen, Tieren und der Umwelt, mit den eigenen Gefühlen wie Freude und Leid, Vertrauen und Glück, dem Bändigen des eigenen, sich immer wieder in den Vordergrund drängenden Egos und dem Finden des eigenen inneren Selbst. Der Yogaweg bietet außerdem Körperübungen und Werkzeuge für die Atmung, Entspannung und Meditation an, die uns zusätzlich helfen, mit Stress, Angst und den Belastungen unseres Alltags zurechtzukommen. Yoga und TCM ergänzen einander perfekt. All dies integrieren wir in unsere Ost-Route.

Bis auf Akupunktur und chinesische Kräuter gehören alle Punkte zu den Hausaufgaben, die ich meinen Patienten in der Arztpraxis täglich verordne.

Damit das nicht zu lange dauert – weil auch ich ein eher ungeduldiger Westler bin –, nutze ich die Akupunktur vor allem, um Menschen schnellstmöglich seelisch zu helfen, und die chinesischen Kräuter, um eine oftmals bestehende Erschöpfung oder Blockade rasch auszugleichen.
Die Wirkung der Akupunktur können Sie sich folgendermaßen vorstellen: Mit feinen Nadeln mache ich ganz kleine Wunden in Ihren Körper und zwinge ihn dadurch zu einer Wundheilung. Da meine Nadeln sehr klein sind, schafft jeder Körper diese Wundheilung ohne Probleme. Das Besondere an der Akupunktur ist das Wissen dahinter: Jeder Punkt an der Oberfläche des Körpers ist mit einer tieferliegenden Stelle oder einem Organ verbunden. Durch jahrtausendelanges Beobachten und Aufzeichnen kennt man heute die sogenannten Meridiane. Sie sind Verbindungslinien von einzelnen Punkten an der Körperoberfläche zu einem tieferliegenden Organ. Zum Beispiel befindet sich der Lungenmeridian an der Innenseite des Arms und hat eine Verbindung zur Lunge. So kann ich die Lunge behandeln, indem ich dort eine Nadel steche.
Die chinesischen Kräuter sind die traditionellen Medikamente der TCM. Hinter dem Begriff „Kräuter“ verbergen sich pflanzliche, mineralische und tierische Stoffe, wobei wir hier im Westen fast ausschließlich mit den Pflanzenbestandteilen (also echten Kräutern) auskommen. Chinesische Kräuter werden entsprechend einer chinesischen Diagnose, welche durch Befragung, Puls- und Zungenschau gestellt wird, verschrieben. Sie können sich das so vorstellen: Durch die Symptome ist schon gut erkennbar, was der Körper wahrscheinlich braucht. Mit einer zusätzlichen Puls- und Zungenbetrachtung erkennt man noch viel besser, was dem Körper fehlt. Das, was ihm fehlt, wird möglichst perfekt mit den chinesischen Kräutern ersetzt. Der Körper wird sich nur dann alle Nährstoffe aus den Kräutern herausnehmen, wenn er sie wirklich benötigt. Wenn Sie also eine chinesische Kräutermischung zu sich nehmen, die Ihr Körper nicht braucht, wird er sich keine Nährstoffe herausnehmen und es passiert – nichts! Sie werden weder eine Verbesserung noch eine Verschlechterung merken. Die wunderbaren chinesischen Kräuter finden sich dann in Ihren Ausscheidungen wieder, also im Stuhl und Harn, und so manches Bakterium wird sich über diese gesunde Ausscheidung freuen.
In diesem Buch empfehle ich Ihnen die sogenannten W-Mischungen, „Weidinger-Mischungen“ oder „Mischungen für den Westen“. Mit ihnen können Sie praktisch nichts falsch machen. Es sind Erfahrungsmischungen der letzten 25 Jahre aus meiner Arztpraxis. 2014 erschien das Buch „Die chinesische Hausapotheke“ im Goldmann Verlag. In diesem werden die ersten 25 Mischungen, welche die Basis aller weiteren Mischungen sind, aufgelistet und genau erklärt. Alle W-Mischungen finden Sie auf meiner Homepage www.georgweidinger.com unter der Überschrift „W-Mischungen“ genau erklärt. Dort sehen Sie auch, wo man die Kräuter erhält. Prinzipiell erhalten Sie die W-Mischungen in all jenen Apotheken, die chinesische Kräuter führen. Auf der Homepage findet sich eine Liste von Apotheken, die Ihnen die W-Mischungen rezeptfrei – also ohne ärztliche Verordnung – verkaufen. Die Rücksprache mit Ihrem behandelnden Arzt oder Ihrer behandelnden Ärztin ist aber immer sinnvoll und zu empfehlen!
Prinzipiell empfehle ich für die chinesischen Kräuter die Darreichungsform des Granulats, da dieses am einfachsten zu handhaben ist und die Qualitätskontrolle durch die Apotheke erfolgt. Natürlich gibt es auch andere Darreichungsformen: Sie können die Kräuter auch als Rohdrogen verwenden und sich diese entweder selbst kochen oder von der Apotheke kochen lassen. Hydrophile Kräuter-Konzentrate wiederum sind eine geschmacksarme wässrige Darreichungsform für Kinder. Meiner Erfahrung nach funktioniert es bei den meisten Kindern aber auch mit den Granulaten sehr gut. Ihr Apotheker wird Ihnen das angegebene Granulat-Rezept für diese Darreichungsformen gerne umrechnen.
Die W-Mischungen sind so zusammengesetzt, dass sie sicher in der Anwendung sind, wenn Sie ein paar Spielregeln (auch auf meiner Homepage zu finden) beachten:
Das Granulat soll in heißem Wasser aufgelöst und – falls man diesen gut verträgt – mit etwas geriebenem Ingwer versetzt kurz vor den Mahlzeiten eingenommen werden. Zur Dosierung: Für Kinder unter vier Jahren nimmt man zweimal täglich 1 Gramm des Granulats, für Kinder im Alter von vier bis sechs Jahren zweimal täglich 1,5 Gramm, Kinder von sechs bis zwölf Jahren bekommen zweimal täglich 2 Gramm. Erwachsene und Kinder über zwölf Jahre nehmen zwei- bis dreimal täglich 3 Gramm.
Akute Beschwerden werden mit den Kräutern so lange behandelt, bis sie weg sind. Bei chronischen Beschwerden können Sie die Mischung drei Monate durchgehend nehmen. Danach sollten Sie eine Pause von drei Wochen machen, damit sich Ihr Körper nicht zu sehr an die Einzelkräuter gewöhnt. Nach dieser Pause können Sie die Mischung weiternehmen.
Wenn Sie bei der Einnahme der Kräuter unsicher sind oder falls neue Beschwerden auftreten, pausieren Sie sofort mit der Mischung und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker, wie Sie weiter mit dem Granulat verfahren sollen. Aus Erfahrung projiziert man alle Beschwerden, die gerade auftreten, auf eine neue Therapie, die man gerade begonnen hat, so auch bei den Kräutern. Pausieren Sie im Zweifelsfall trotzdem immer, dann warten Sie, ob die Beschwerden wiederkommen, und machen Sie dann eventuell mit einer niedrigeren Dosierung weiter.
Wenn wir all die Methoden der TCM und des Yoga zusammennehmen, können wir damit eine sehr stabile Pyramide errichten. Aus meiner ärztlichen Erfahrung der letzten 25 Jahre darf ich behaupten, dass zwei Drittel aller Angststörungen bei konsequenter Befolgung der Hausaufgaben über unsere Ost-Route zu bewältigen sind.

DIE WEST-ROUTE
Für das restliche Drittel nehmen wir den Weg direkt über die „Angst-Mauer“. Ist die Angst einmal so dominant im Leben, dass man sie gar nicht mehr auszublenden vermag, kann die konsequente Arbeit an der Angstbewältigung in der Psychotherapie oder beim Coaching den Weg nach Rom weisen. Die Methoden hierbei sind heute fast schon unüberschaubar.
Repräsentativ möchte ich zwei davon vorstellen, zumal sie meistens die Basis anderer Methoden bilden und auch von jenen Psychotherapeuten praktiziert werden, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite: das NLP (Neuro-Linguistisches Programmieren) und die kognitive Verhaltenstherapie. In einigen Fällen von Angststörungen kann es sehr sinnvoll sein, westliche Medikamente (sogenannte Psychopharmaka) einzunehmen. Um Ihnen die Angst vor diesen zu nehmen, möchte ich Ihnen ihre Wirkweise erklären.
Als Arzt der Ost-Route sind mir natürlich pflanzliche Medikamente lieber. Daher beschäftige ich mich schon seit Jahren mit unseren westlichen Kräutern und bringe Ihnen hier als Teil der West-Route auch jene Mischungen nahe, mit denen ich bei Angststörungen in den letzten Jahren sehr gute Erfahrungen gemacht habe. Die West-Route hat also ebenfalls Pflanzen zur Verfügung.

Leider gibt es in der Medizin so etwas wie hundert Prozent nicht. Wenn also trotzdem einmal aufgrund der Angst der Hut brennt oder unser Vulkan ausbricht, ist es gut, wenn man weiß, wo der Notfallkoffer steht, an wen man sich wenden kann und wer einem am schnellsten wieder heraushilft. Daher gibt es in diesem Buch nach der West-Route („Über die Mauer“) und der Ost-Route („In die andere Richtung“) auch noch das Kapitel „Die Pyramide und der Notfallkoffer“.


ÜBER die MAUER


ANGST
Angst ist ein Gefühl, welches im limbischen System des Gehirns, genauer gesagt in der Amygdala, dem Mandelkern, entsteht, und uns vor einer bevorstehenden Gefahr warnt.
Beim limbischen System handelt es sich um einen sehr alten Teil des Gehirns, der auch schon bei viel einfacheren Lebewesen als dem Menschen vorhanden war. Die Gefühle gelangen als Nervenimpulse unter anderem zum Hypothalamus, einer Art Schaltstation des Gehirns, und werden dann in der Hypophyse in Hormone übersetzt. Diese gelangen durch das Blut in den gesamten Körper und lösen dort Reaktionen aus. Gefühle wie Angst beeinflussen auch unser Denken, indem sie auf den Großhirnvorderlappen einwirken. Dort findet unser Denken statt.

Angst geht davon aus, dass eine Gefahr auf jeden Fall Wirklichkeit wird. Ist die Gefahr real, so ist die Angst begründet. Befinden wir uns zum Beispiel in einem Haus, das zu brennen beginnt, hilft uns die Angst, so schnell wie möglich aus dem Haus herauszukommen. Es läuft dann ein uraltes, durch die Evolution gesteuertes Programm ab. Erst wenn wir aus der Gefahrenzone entkommen sind, merken wir – noch zittrig am ganzen Körper –, wie schnell unser Herz klopft, wie stark wir geschwitzt haben und wie aufgeregt wir sind. Oft wissen wir gar nicht mehr, wie wir überhaupt aus dem Haus herausgekommen sind.

Ist die Gefahr nicht wirklich vorhanden, so ist die Angst nicht begründet. Rein körperlich empfindet man aber alle Symptome wie bei der realen Angst. Auch geht man davon aus, dass die Gefahr auf jeden Fall real ist. Doch die Gefahr existiert dann einzig in der Fantasie.

Das, was man bei Angst körperlich erlebt, kann sehr vielfältig sein. Das umfasst die reine Stressreaktion mit schnellem Herzschlag, schneller Atmung, starkem Schwitzen und großer Wachheit mit der alleinigen Fokussierung auf „Wegrennen oder Kämpfen“, flight or fight, wie es auf Englisch heißt. Die Angst ermöglicht es uns, fast Übermenschliches zu leisten, um das eigene Leben oder das anderer zu schützen und zu retten. Wenn die Gefahr real ist und die Angst somit gerechtfertigt, ist sie ein geniales Mittel der Evolution, um der Gefahr zu entgehen.
Andere Menschen erleben gleichzeitig mit der Angst eine Vielzahl an Gefühlen, zum Beispiel Aggression und Wut, Trauer und Traurigkeit, Depression und Leere, Unsicherheit und Kontrollzwang sowie viele körperliche Symptome wie etwa die folgenden: Schwindel, Gangunsicherheit, Müdigkeit, Erschöpfung, Engegefühl in der Brust, Herzschmerzen, Herzklopfen, Übelkeit, Heißhunger, Mundtrockenheit, Muskelkrämpfe, Kältegefühl, Zittern, Muskelschmerzen, Kribbelgefühle in Armen und Beinen, schnelle oder erschwerte Atmung, Durchfall, Harndrang, Stuhldrang, Kopfschmerzen, Blähbauch, Magenschmerzen, Rötungen der Haut, Hautjucken oder Infektneigung.

Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. All diese Beschwerden sind unproblematisch, wenn die Gefahr real war, man nicht mehr in der Gefahrenzone ist und wenn sie ebenfalls wieder verschwinden. Wenn. Falls jedoch die Gefahr nicht real war und all diese Beschwerden auftreten, weiß man auch nie bestimmt, ob man außerhalb der Gefahrenzone ist, wann die Beschwerden verschwinden oder wieder auftreten. Dann nämlich handelt es sich um eine Angststörung. Man unterscheidet hier die Angstneurose von der Phobie.
Die Angstneurose (oder generalisierte Angststörung) beschreibt einen Erkrankungszustand, in dem es um eine generelle Angstneigung mit entsprechenden Fantasien, Zwangsgedanken und all den körperlichen Symptomen geht.
Bei den Phobien ist die Angst auf bestimmte Objekte und Situationen gerichtet. Folgende Phobien treten häufig auf: Sozialphobie (Angst in der Gegenwart von Menschen), Agoraphobie (Angst auf großen Plätzen), Klaustrophobie (Angst in engen Räumen), Erythrophobie (Angst vor dem Erröten), Zoophobie (Angst vor verschiedenen Tieren wie Spinnen, Schlangen, Käfern oder Ratten) sowie Prüfungsangst und Flugangst.
Die Angstneurose zählt zu den häufigsten psychischen Erkrankungen in unseren Breiten. Aufgrund der körperlichen Beschwerden landet man damit aber vor allem bei einem Allgemeinmediziner und Internisten. Wenn dann körperlich „nichts herauskommt“, wird man schließlich an einen Psychiater verwiesen, der dann die richtige Diagnose stellt.
Manche Angststörungen treten auch als sogenannte Panikattacke auf. Hier überwiegen die akuten Beschwerden, die sich körperlich wie ein Herzinfarkt oder ein Asthmaanfall anfühlen. Menschen mit Panikattacken haben Todesangst, jetzt sofort zu sterben.
Der Übergang zwischen Angstneurose, Phobie und Panikattacke ist fließend und die Ausprägung der Angststörung kann sich auch über die Zeit verändern.
REAKTIONEN AUF ANGST
Angriff: Da Angst bei Tieren genauso auftritt wie bei Menschen, kann man sie im Tierreich gut studieren. Nehmen Sie zum Beispiel einen Hund. Hat ein Hund Angst und fühlt sich gleichzeitig bedroht, kann er angreifen und zubeißen. Wir nennen ihn dann Angstbeißer.

Flucht: Eine andere Möglichkeit, auf Angst zu reagieren, ist die Flucht. Dabei läuft das Tier – oder beim Menschen: das Tier in uns – so schnell es kann vor der Gefahr davon und dreht sich oft erst dann um, wenn diese schon lange vorbei ist. Lieber länger laufen, dann ist man auf der sicheren Seite …

Erstarren: Man kann der Angst auch mit Erstarren begegnen. Dabei ist die natürliche Reaktion von Fluchttieren, in Gefahr vollkommen still zu verharren und eventuell sogar die Luft anzuhalten. So verschmilzt man am ehesten mit der Umgebung und wird unsichtbar.

Schutzsuche: Tritt eine große Gefahr auf – bei Fluchttieren zum Beispiel der Angriff durch ein Raubtier – führt einen die Angst zurück in die Herde beziehungsweise unter Gleichgesinnte. Tiere und Menschen nehmen Zuflucht bei ranghöheren, stärkeren Artgenossen oder versuchen, in der Menge unterzutauchen.

ANGST HAT EINEN SINN
Beim Tier: Angst ist ein überlebensnotwendiger Instinkt. Durch die Angst bringen sich Tiere bei Gefahr in Sicherheit, angegriffene Tiere mobilisieren all ihre Reserven, um den Kampf des Überlebens zu gewinnen. Angst lehrt das Jungtier, bei der Mutter zu bleiben. Angst hält das Rudel zusammen, weil es Sicherheit gegen Angreifer bietet. Angst bewahrt Tiere davor, einen Kampf zu riskieren, wenn der Gegner offensichtlich viel stärker ist. Angst lehrt von klein auf, allen Gefahren des Lebens aus dem Weg zu gehen und damit das geschlechtsreife Alter zu erreichen. Angst sichert somit das Überleben der Art.

Angst ist beim Tier ein Instinkt, den es als bedrohliches Gefühl erlebt und wodurch es ohne weitere Überlegung handelt. Nach der Handlung ist die Angst vorbei. Der Lehrmeister der Angst ist die Erfahrung.
Beim Menschen: Angst ist ein überlebensnotwendiges Gefühl. Auch beim Menschen ist Angst als Instinkt angelegt und leitet schon kleine Kinder an, nicht unvorsichtig zu sein, die Nähe der Mutter zu suchen, keine Kämpfe zu fechten, wenn der Gegner erschreckend stark zu sein scheint. Doch je älter das Kind wird, desto mehr übernimmt das Denken die Funktion, Lehrmeister der Angst zu sein. Auf einmal tritt Angst nicht nur bei realer Gefahr auf, sondern wird Teil einer erdachten Wirklichkeit. Gedanken, Vorschriften, Lehrsätze und verschiedene andere Gefühle manipulieren die Angst und lassen die Reaktionen unangemessen werden. Die Angst selbst wird zur Gefahr.

Die Angstreaktion ist beim Menschen viel komplexer als beim Tier. Der Mensch denkt über die Angst nach und stellt sie sich auch in anderen Situationen vor. Dadurch kommt er zu dem Schluss, dass man eigentlich immer Angst haben kann. Er erinnert sich vielleicht an den Glaubenssatz des Vaters, der immer schon davor gewarnt hatte, und so dreht sich das Rad der Angst selbstständig weiter. Das, was die Angst am Laufen hält, lässt sich aber auch in der Therapie nützen. Man kann nämlich bewusst das Denken und das Fühlen verändern, um die Reaktion auf die Angst abzuschwächen und auszulöschen. Wie sehr man Angst und die körperlichen Reaktionen darauf positiv besetzen kann, lehren uns die sogenannten Adrenalinjunkies. Diese provozieren bewusst gefährliche, angstbesetzte Situationen, um mit Hilfe der massiven Stressreaktionen im Körper ein „High“, ein emotionales Hoch, zu erleben.

ANGST WILL UNS BESCHÜTZEN
Denken Sie an eine junge Mutter, die noch nie in ihrem Leben Ängste gehabt hat. Jetzt, wo sie die Verantwortung für ein anderes Leben – für ihr Kind – trägt, ist sie auf einmal mit Ängsten wie zum Beispiel Höhenangst oder Flugangst konfrontiert. Damit will der Körper der jungen Mutter sagen: „Bitte riskiere nichts im Leben, was deine junge Familie gefährden könnte!“ Die Angst beschützt. Oder denken Sie an einen sechzigjährigen Mann, der beginnende Gelenkprobleme hat und sich auf einmal nicht mehr traut, Wege auf dem Berg zu gehen, die er schon 40 Jahre lang gegangen ist. Die Angst will ihn beschützen, nicht abzustürzen.
Angst zeigt uns unsere Grenzen auf, in denen wir uns sicher bewegen können. Die Kunst ist es, diese Angst als Wegweiser und Geschenk zu sehen, aber nicht als Bedrohung.

ANGST IN UNSERER GESELLSCHAFT
Angst ist ein sehr klarer Wegweiser, denn sie bedeutet für uns, dass eine Gefahr droht. Jeder will Gefahren vermeiden – außer unseren Adrenalinjunkies. Wer es schafft, eine Gefahr real erscheinen zu lassen, kann sich der Angst der Menschen sicher sein und diese nutzen. Denken Sie an Religionen, die die Angst vor dem Tod und der Hölle nutzen, um ihren Regeln – zum Beispiel den Zehn Geboten des Alten Testaments – Nachdruck zu verleihen. Denken Sie an die Angst vor der Strafe, wenn Sie mit dem Auto zu schnell fahren. Denken Sie an die Angst vor dem Sterben, wenn es gilt, Ihnen eine Therapieform gegen eine Krankheit schmackhaft zu machen. Denken Sie an die Angst vor einer COVID-Infektion, welche Ihnen die Politiker jedes Mal vor Augen halten, wenn es gilt, Maßnahmen wie Gesichtsschutz, Abstandsregeln oder ein Versammlungsverbot durchzusetzen. Angst wirkt. Angst verkauft.
Die Angst vor einer Krankheit kann die Umsätze verschiedenster Firmen steigern. Die Angst vor Verletzung wird Sie eine optimale Schutzkleidung kaufen lassen. Die Angst um Ihre Familie wird Sie alles Menschenmögliche machen und bezahlen lassen. Angst wirkt immer. Alle von uns kennen Sätze wie „Wehe, wenn Sie das nicht tun!“, „Sie müssen das machen, sonst droht Ihnen der Tod!“, „Sie werden schon sehen, was Sie dann haben!“, „Jeder von uns wird bald jemanden kennen, der daran gestorben ist!“, „Du kannst doch dein Kind nicht allein den Schulweg gehen lassen, das ist gefährlich!“ oder „Was da alles passieren kann, wenn …“.
Wir werden nie in einer angstfreien Gesellschaft leben. Leider. Aber wir sollten Angst nicht als legitimes Werkzeug der Politik und der Gesellschaft akzeptieren. Statt Angst zu verbreiten, sollten wir Vertrauen säen, statt Angst zu schüren, sollten wir uns und anderen mehr zutrauen, statt zu bestrafen, sollten wir mehr belohnen und motivieren. Eine moderne Gesellschaft sollte modernere Werkzeuge verwenden, nämlich Aufklärung, Vertrauen, Bestärkung, Motivation und Gemeinschaftssinn. So viel dazu.
URSACHEN FÜR VERMEHRTE ÄNGSTE
Wenn vermehrte Ängste auftreten, kann dies eine rein körperliche Ursache haben oder auch psychisch erlernt worden sein. Rein körperlich bedeutet, dass die Amygdala, der Mandelkern, genetisch bedingt einfach mehr Angstgefühle produzieren kann. Das kann einerseits der Fall sein, wenn im Gehirn erregende Botenstoffe wie Noradrenalin überwiegen, wodurch das Gehirn mehr Stress hat, was wiederum zu Angst führt. Im Gehirn können andererseits auch weniger ausgleichende und stabilisierende Botenstoffe wie Serotonin vorhanden sein. Das Gehirn ist dann depressiv und so kommt es leichter zu Ängstlichkeit und Angst (siehe auch Kapitel „Medikamentöse Therapie“). Die Angststörung kann dann eine Art Erbkrankheit sein wie jede andere ererbte Krankheit auch.
Viel häufiger ist die Angststörung aber angelernt. Man hat herausgefunden, dass Menschen mit vermehrten Ängsten sehr häufig überbehütet aufgewachsen sind. Als Kinder durften sie beim Spielen kein Risiko eingehen und alle Situationen, in denen nur geringste Gefahren lauern hätten können, wurden vermieden. Ängstliche Eltern trauen ihren Kindern weniger zu, weshalb sie dann nur schlecht lernen, Risiken selbst einzuschätzen. Das dürfte aber ein Thema unserer gesamten Gesellschaft sein.
Zu meiner Zeit als Kind haben sich Eltern generell viel weniger Sorgen um ihre Kinder gemacht. Die Kinder sind früher zumeist mit dem Leben der Eltern „einfach mitgelaufen“. Meine Eltern wussten zum Beispiel die meiste Zeit nicht genau, wo ich war. „Spielen mit den Freunden“ war Wissen genug, egal ob ich allein im Wald unterwegs, mit dem Fahrrad oder auf dem Fußballplatz war. Der Schulweg musste ohnehin allein bewältigt werden. Heute ist es für junge Eltern, vor allem in den Städten, oft undenkbar, nicht jede Minute zu wissen, wo ihr Kind gerade ist. Kontrolle ersetzt Vertrauen und fördert damit nicht nur die Ängstlichkeit der Kinder, sondern auch die der Eltern und bringt diese permanent unter Stress und Druck. „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, fällt mir hierzu ein. Heutige Eltern meinen es natürlich sehr gut, wollen alles richtig machen und vergleichen auch permanent, wie es denn andere machen. Das führt jedoch leider auch zu mehr Stress für Eltern und Kinder.
Die Ursache für eine Phobie ist meist ein konkretes Erlebnis. Zum Beispiel erlebt man das Fahren in einem Aufzug einmalig als sehr bedrohlich und entwickelt deshalb eine Klaustrophobie. Wenn man es dann konsequent vermeidet, mit dem Aufzug zu fahren, kann sich dadurch eine Angststörung entwickeln. Die Situation nochmals zu erleben, aber diesmal ohne Angst und ohne körperliche Reaktionen, wäre die Heilung, die man durch diese konsequente Vermeidung aber niemals erlebt.
Allein das Wort „Aufzug“ und die Vorstellung davon bedeuten dann schon Angst und werden mit den empfundenen körperlichen Reaktionen wie Herzklopfen, Beklemmung und Todesangst gleichgesetzt. Durch Verallgemeinerung wird die Angst, die man im Aufzug erlebt hat, in der Fantasie auf alle engen Räume übertragen, vielleicht sogar auf Menschen, die dieses Engegefühl auch auslösen können, wenn sie einem nahekommen. So kann sich die einfache Phobie zu einer Sozialphobie auswachsen und schließlich zu einer allgemeinen Angststörung mit „Angst vor der Angst“. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

WAS PASSIERT BEI ANGST IM KÖRPER?
Eine Angststörung wird meist durch eine konkrete Situation ausgelöst, welche als gefährlich oder bedrohlich wahrgenommen wird. Dabei kann die Gefahr real sein oder nur in der Fantasie existieren. Im Moment der Gefahr läuft der Körper auf Hochtouren, zeigt Symptome einer akuten Stressreaktion mit Herzklopfen, schneller Atmung und Schweißausbruch und bringt sich aus der Gefahrenzone oder kämpft gegen die Gefahr an. Der Kopf rast oder ist leer von Gedanken, die Gefühle fahren Achterbahn. Dann ist die bedrohliche Situation vorbei.

Jetzt geht das Denken erst so richtig los. Gefühle werden durch die Gedanken als „unerträglich“ oder „furchtbar“ bewertet und dieses Gesamtpaket wird nun im Gehirn abgespeichert. Wie praktisch, dass Gedanken mit starker Emotion gleich in der Amygdala gespeichert werden können, dort, wo sich auch der Wohnsitz der Angst befindet.
Von Angststörung spricht man dann, wenn die Angst das eigene Leben dominiert und ein normaler Alltag nur sehr eingeschränkt möglich ist. Das Leben kann dann so ablaufen, dass man täglich alles daransetzt, keinesfalls in eine Situation zu gelangen, die angstbehaftet ist.
Dieser Vermeidungsalltag schränkt die persönliche Freiheit so ein, dass jedes Gefühl, jeder Schritt, jede Handlung und jede Entscheidung von der Angst vor der Gefahr geprägt ist. Wenn man niemanden hat, der einem aus dieser Situation heraushilft, drängt einen die Angst unweigerlich in die soziale Isolation.
Was kann man also tun, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen?

THERAPIE DER ANGSTSTÖRUNG
Wir können an jeder einzelnen Komponente der Angststörung, so wie sie in einem Menschen abläuft, ansetzen: an der Situation, am Denken, an den Gefühlen, am Gedächtnis, am Gehirn als Ganzes und an den körperlichen Symptomen. Dabei sollte das Ziel immer sein, dass man den Alltag wieder bewältigen kann und keine Angst vor einer Situation zu haben braucht, die wieder alte Ängste auslösen kann.
NLP
Alle „Angst-Ratgeber“, die derzeit auf dem Markt sind, beschäftigen sich mit dem Gehirn und der „Neuprogrammierung“ der Gedanken. Durch diese Neuprogrammierung verändert man die eingefahrenen Bahnen des Gehirns und ersetzt sie durch neue, was die moderne Hirnforschung auch nachweisen kann. Um in der Computersprache zu sprechen: Mit Hilfe der Software „Denken“ lässt sich die Hardware „Gehirn“ umbauen.

Alle kursierenden – mit neuen Gewändern versehenen – Theorien gehen auf NLP zurück. Das Neuro-Linguistische Programmieren, kurz NLP, wurde in den 1970er-Jahren von Richard Bandler und John Grinder entwickelt. Dabei sollen Vorgänge im Gehirn („Neuro-“) mit Hilfe von Sprache („Linguistisch“) sowie klaren Handlungs- und Denkanweisungen geändert werden. Typische Anweisungen des NLP, um Angst loszuwerden, können sein:
Stellen Sie sich vor, wie Ihr Leben wäre, wenn Sie keine Angst hätten und es richtig perfekt laufen würde.
Formulieren Sie Ihre Gedanken immer ohne Verneinung. Denken Sie also statt „Mir geht es schlecht“ zum Beispiel „Mir geht es schon besser als gestern“.
Nehmen Sie sich täglich Zeit, um positive Sätze zu formulieren, die Ihnen helfen, sich gut zu fühlen, wie zum Beispiel „Mir geht es gut“, „Ich bin glücklich“ oder „Ich habe alles, was ich brauche“. Wiederholen Sie diese Sätze und spüren Sie die positive Wirkung in Ihrem Körper. Diese Sätze sind Ihre persönlichen Kraftsätze.
Wenn Sie zum Beispiel Angst haben, mit dem Aufzug zu fahren, formulieren Sie einen Satz wie „Ich liebe es, mit dem Aufzug zu fahren und gleich an meinem Ziel anzukommen, ohne all die Stiegen hinaufsteigen zu müssen“.
Machen Sie sich in Ihrem Alltag bewusst, was Sie täglich Wunderbares erleben dürfen, zum Beispiel mit Sätzen wie „Ich koche mir täglich mein Lieblingsessen“, „Abends genieße ich es, bei einem Gläschen Wein ein gutes Buch zu lesen“.
Wenn Sie Angst haben, Menschen zu treffen, machen Sie sich bewusst, dass Sie diesen einen guten Freund, diese eine gute Freundin haben, der oder die immer für Sie da ist und hinter Ihnen steht. Pflegen Sie den Kontakt mit Menschen, die Ihnen guttun.
Machen Sie sich bewusst, was für ein Glück es ist, in diesem wunderbaren Land ohne existenzielle Sorgen leben zu dürfen.
Wenn Sie zum Beispiel in der Arbeit Ängste haben, formulieren Sie für sich den Satz: „Ich habe so ein Glück, Arbeit zu haben und dann auch noch eine, die mir wirklich Spaß macht.“
Die Idee dahinter ist, die Gedanken und damit auch die Gefühle in Richtung einer positiven Lebenseinstellung zu leiten. Wenn man sich im eigenen Leben gedanklich mit Freude und Glück umgibt, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sich Freude und Glück auch tatsächlich einstellen. Dabei ist es wichtig, Sätze nicht einfach zu sagen oder zu denken, sondern sie sich auch vorzustellen, damit das Positive mehr Raum in Ihrem Gehirn bekommt. So kann man mit der Zeit alles, was einem tagtäglich im Leben passiert, als etwas Positives ansehen. Dabei werden angsterfüllte Situationen in der Vorstellung so lange positiv umgedeutet und visualisiert, bis man sich der angstbesetzten Situation stellt und diese ohne Angst bewältigt. Mit den eigenen Kraftsätzen gewappnet, die man sich in Gedanken vorsagt – und am besten in Begleitung eines Vertrauten – lässt sich dieses Ziel gut erreichen. Dann gilt es zu üben, also die Situation immer und immer wieder zu durchleben und sie dabei positiv wahrzunehmen. Damit verändern Sie die Erinnerung und lösen sich von dem einen – bereits vergangenen – angstbesetzten Ereignis.

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