Читать книгу: «Gegen das Tabu»
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Copyright der deutschen Ausgabe 2020:
© Börsenmedien AG, Kulmbach
Gestaltung Cover und Herstellung: Daniela Freitag
Satz: Timo Boethelt
Lektorat: Sebastian Politz
Korrektorat: Karla Seedorf
ISBN 978-3-86470-708-7
eISBN 978-3-86470-709-4
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JUST GEORGE
GEGEN DAS
TABU
Ein Erfolgsunternehmer und sein Kampf gegen die DEPRESSION

INHALT
PROLOG
1. FEUER IM KOPF
APRIL 2019
2. WIE ALLES BEGANN
2007 BIS 2016
3. MIT VOLLGAS IN DIE DEPRESSION
ANFANG 2017 BIS APRIL 2019
4. BRANDBESCHLEUNIGER EINER DEPRESSION
APRIL BIS JUNI 2019
5. ENDSTATION PSYCHOKLINIK!
29. JULI 2019 BIS 31. AUGUST 2019
6. MEIN EIGENER JAKOBSWEG
SEPTEMBER 2019
7. PHASE 1: ANKOMMEN IM REALEN LEBEN
8. PHASE 2: ZURECHTKOMMEN IM REALEN LEBEN
9. PHASE 3: VORWÄRTSKOMMEN
EPILOG
WERDE DEIN EIGENER THERAPEUT
PROLOG
Dieses Buch ist meine Geschichte und es ist entstanden, damit wir, die vielen Betroffenen, in Zukunft eine Hand mehr haben, die versucht zu helfen. Warum habe ich dieses Buch geschrieben? Weil mir meine innerste Stimmung dazu geraten hat, in der Zeit, in der ich allein mit mir in einem meiner schwersten Kämpfe war und sah, wie wir Menschen wirklich sein können, an einem Ort, an dem man Hilfe sucht und sie auch bekommt (zumal Menschen dort die Aufgabe und den Zweck in den Vordergrund stellen und nicht andere Dinge, sondern einzig und allein das Ziel, zu helfen) – insgesamt also getreu dem Motto „Schreib das Buch, vertraue dem Leben, es wird Gutes kommen.“ Bei meinen mitarbeitenden Kollegen Jochen Bohle und Stefan Koslowski bedanke ich mich herzlich.
Mein größter Dank geht an all die helfenden Hände, an die Haushälterinnen in der Klinik, die Schwestern, meine Therapeuten, die Mitpatienten und Betroffenen, die ich bis heute kennenlernen durfte. An meine Eltern, die mir ein Leben und eine tolle Kindheit geschenkt haben, die meine Schwester und mich so behütet aufwachsen haben lassen. Dank an meine Schwester, die immer da ist, wenn man sie braucht. Meinen Freunden, auf die man sich immer verlassen kann, die mir immer wieder ihre Zeit schenken und meinen Unfug immer gerne mitmachen. Die mich so nehmen, wie ich bin, mal ein Spaß zu viel am Abend, aber besser als einen zu wenig. Mein Engel auf Erden, meine große Stütze in jedem Sturm, meine Sonnenanbeterin, meine große Liebe, die ich für immer lieben werde, egal was kommt: Danke für alles, was du für mich getan hast, und dass du nach so langer Zeit immer noch mit mir lachen kannst.
Lieben Dank an alle, die an diese Mission glauben und mich immer wieder dazu ermutigen.
Danke für all die tollen Momente, mögen noch viele kommen!
1
FEUER IM KOPF
APRIL 2019
»Wir leben in einer verrückten Zeit:
Immer mehr Vorgetäuschtes
erntet echte Begeisterung«
Dieser Tag fing an wie so viele andere Tage auch und sollte zu einem der dramatischsten meines Lebens werden. Um elf Uhr hatte ich ein Meeting mit meinem Geschäftsführer und dem Leiter des Projektmanagements. Nach einer guten halben Stunde öffnete einer der Kollegen das Fenster des Besprechungsraums im vierten Stock und mir lief es eiskalt den Rücken runter. Ich begann, mich gedankenverloren auf das Fenster zu konzentrieren. Ich spürte, wie mich dunkle Dämonen aufsuchten und sich immer wieder derselbe Gedanke einstellte: „Wenn ich aus dem Fenster fallen würde, wäre ich diese Qual der Depression und diese tiefe innere Verzweiflung endlich los!“
Dass sich Dämonen tagtäglich auf meine Seele legten und versuchten, mich in den Abgrund zu ziehen und mir negative Gedanken einzupflanzen, war mir ja nicht neu. Neu war der Gedanke, dass ich tot wäre, wenn ich jetzt aus dem Fenster fallen würde. Ich spürte, wie sich dieser Gedanke einerseits erschreckend angenehm anfühlte, da es eine Lösung für die täglichen Qualen zu sein und eine ganz andere Perspektive zu eröffnen schien. Man ist so erschöpft, dass man für eine Sekunde bei diesem Gedanken hängen bleibt und für sich mehrfach wiederholt: „Wenn ich da rausfalle, ist es vorbei mit den Qualen. Wäre das nach all den Jahren endlich eine Erlösung? Der ganze Mist hätte endlich ein Ende.“ Andererseits fuhr es mir in der nächsten Sekunde in Kopf und Glieder: „Was für einen Scheiß denkst du denn da gerade?“
Ich war bestimmt einige Minuten des Gesprächs nicht mehr geistig anwesend und konnte mich auch nach der Rückkehr aus diesem Tagtraum schlecht konzentrieren. Aber das war nichts Neues, denn ich konnte mich schon seit gut neun Monaten kaum länger als ein paar Minuten auf eine Sache konzentrieren – außer beim Chillen auf der Couch auf das Netflix-Programm. Hoch konzentriert nichts tun, das ging.
Da mir auch schlecht wurde und sich dieser Gedanke wieder und wieder alle 20 Sekunden in meinem Kopf wiederholte und ich ihn einfach nicht mehr loswurde, sagte ich meinen Kollegen, dass es mir nicht gut gehen und ich nach Hause fahren würde. Meine Kollegen in meiner Digitalagentur wussten schon länger, dass ich nicht so gut drauf war, daher waren sie nicht verwundert, als ich mich dann schnell verabschiedete. Ich erklärte noch, dass ich weiter danach suchen würde, woher meine Erschöpfung käme, und machte mich dann aus dem Staub. Ich rannte die Treppe runter und auch da kam wieder der Gedanke: „Wenn du den Treppenschacht runterfallen würdest, wärst du tot.“ Der Gedanke war für mich auch deswegen so seltsam, weil er wie eine Feststellung in meinen Kopf schoss, nicht wie ein Tun. Einfach eine Feststellung, die zur Konsequenz hätte, dass die Höllenqualen, die mich tagein, tagaus begleiteten, endlich vorbei wären.
Ich lief eilig weiter, nur schnell weg aus dem Treppenhaus, in die Garage zu meinem Auto. Auf dem Weg merkte ich, dass ich etwas ruhiger wurde, da ich auf Straßenebene angekommen war und nicht fallen konnte, außer auf die Schnauze, was nur wehtäte, mich aber nicht umbringen würde. Immer noch von Unruhe getrieben und gedankenverloren fuhr ich nach Hause und war heilfroh, als ich in meinem Wohnzimmer auf dem Sofa ankam, mich hinlegen und etwas zur Ruhe kommen konnte von dem Wahnsinn, den ich gerade erlebt hatte. Nach einigen weiteren Minuten beruhigte ich mich und schlief auf dem Sofa ein.
Bevor ich einschlief, dachte ich mir noch: „Unfassbar, dass sich solche Gedanken in meinem Hirn abspielen!“ Jetzt kann man natürlich der Ansicht sein: Eine Krise, einen Durchhänger oder eine Panikattacke hat schließlich jeder mal und man erholt sich davon auch wieder. Aber jeder hat so eine Attacke irgendwann zum ersten Mal! Ich wusste nicht, wie mir geschah, und war plötzlich in noch größerer Not als vorher. Die nächsten Tage und Wochen sollten für mich noch schlimmer werden.
2
WIE ALLES BEGANN
2007 BIS 2016
»Das Wesen eines Menschen erkennt man erst,
wenn es um Wesentliches geht«
DER 10. NOVEMBER 2009, ROBERT ENKE
Ich war schon einige Wochen daheim, als ich am 10. November 2009 wieder extrem ausgebrannt auf dem Sofa lag, um nur mal wieder ein paar Filme zu schauen. Das ging schon seit Tagen so, ich konnte mich zu nichts aufraffen. Mehr Schlaf als sonst brauchte ich auch. Aber am schlimmsten waren die Tage, an denen ich nicht mehr aus dem Bett kam und an denen eine Stimme im Kopf sagte: „Steh auf, putz die Zähne!“ und die andere Stimme fragte: „Warum?“ Ich wusste einfach nicht, was mit mir los war.
Der 10. November 2009 war ein sonniger Dienstag, und es war genau einer dieser Tage, an denen ich schon mit dem Aufstehen und dem tieferen Sinn des Zähneputzens gekämpft hatte. Plötzlich, als ich so auf dem Sofa lag, kam über den Nachrichtenticker die Meldung, dass ein Spieler der Fußballnationalmannschaft von einem Zug überfahren worden war. Es handelte sich um Robert Enke. Fuck, das war heftig. Ich mochte Robert Enke, war fast schon ein Fan von ihm, weil er auf eine so ruhige und angenehme Weise seinen Weg als Sportler ging. Ich war echt schockiert und saß auf meinem Sofa wie ein Häuflein Elend. Die News lief den ganzen Tag auf jedem TV-Kanal und durchs Internet. Am nächsten Tag dann die bittere Erkenntnis: Es war Selbstmord. Robert Enke litt unter Depressionen und hatte sich vor den Zug geworfen. „Fuck, Depression? Was?“
Zu diesem Zeitpunkt brachte ich meine Erkrankung noch nicht wirklich mit Depressionen in Verbindung, eher mit einem heftigen Burnout. Ich war sicher, meine Kraft würde schon wiederkommen. Hey, ich war 34 Jahre alt, stand mitten im Leben, hatte zwar einige Schicksalsschläge hinter mir, aber ansonsten war doch alles tutti, dachte ich. Ich begann zu recherchieren und merkte immer mehr, dass ich vielleicht doch in einer Depression steckte. Aber so richtig vorstellen konnte ich mir das nicht; damit zu einem normalen Arzt zu gehen, kam mir und meinem Ego nicht in den Sinn. Ich machte den Stress in der Firma und den Druck wegen des Kindes für meine Probleme verantwortlich. Aber der Tod von Robert Enke machte mir doch sehr zu schaffen und ich suchte weiter nach Informationen zu seiner Erkrankung. Material zum Thema Depressionen war damals allerdings bei Weitem noch nicht so gut zu finden wie heute. Woran ich mich noch sehr genau erinnere, ist, welcher Gedanke mir damals in meiner eigenen, vielleicht auch schon depressiven Situation auf dem Sofa durch den Kopf schoss: „Ich kann verstehen, dass man nur noch will, dass es aufhört, wenn man so verzweifelt ist.“
WENN MAN AN ZWEI FRONTEN KÄMPFT, KANN MAN AUCH AN ZWEIEN VERLIEREN
Schon zwei Jahre vorher, 2007, hatte mich das Schicksal von zwei Seiten her gebeutelt – privat und beruflich. Nach dem Verkauf von Anteilen unseres Börsenverlags an einen Investor war kaum Zeit zum Feiern. Es tauchten dunkle Wolken am Horizont unserer Branche auf und die Überhitzung des Finanz- und Bankenmarkts, in der unser Verlag einer der Marktführer war, schickte ihre Vorboten aus.
Wenige Wochen nach dem Deal mit der Firma gab es dann privat eine gute Nachricht: Meine Freundin war schwanger. Wir waren unfassbar glücklich, dass es nach Jahren des Versuchens endlich geklappt hatte. Die Jahre des Kinderwunsches waren nicht spurlos an uns vorübergegangen – das hatten wir bereits bemerkt. Der Arzt der Kinderwunschklinik meinte noch – ich weiß es wie gestern: „Den Champagner können Sie schon mal kalt stellen, Glückwunsch, aber noch nicht trinken!“ Wir freuten uns beide sehr und ich besonders für meine Freundin. Sie ist ein wunderbarer Mensch, der mir immer den Rücken stärkt, für mich da ist, gerade in schwierigen Zeiten. Und sie hat keine Ansprüche, die sie nicht auch selbst erfüllen kann. Dazu kommt, sie ist immer gut gelaunt, mit einem Lächeln für mich und andere auf den Lippen. Zum Glück ist sie schon meine Freundin, sonst würde ich sie mir genau so backen. Da wir auch gerade in unser eigenes Haus gezogen waren, schien unser Glück für einen Moment perfekt. Ein guter Zeitpunkt, meine Idee weiterzuverfolgen, mich aus dem Vorstand der Firma zurückzuziehen. Nach zehn Jahren des heftigen und lehrreichen Schuftens in verschiedenen Firmen jetzt mal den Erfolg und die finanzielle Unabhängigkeit zu genießen, war ein verlockender Gedanke, gerade auch angesichts der geglückten Schwangerschaft. Ein wunderbarer Anlass, mich für einige Zeit auszuklinken, mich mal zu erholen und zu überlegen, was ich in der Zukunft als Nächstes erreichen wollte.
Der Deal mit dem Investor war gerade ein paar Monate alt und der neue Gesellschafter bekam einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Seltsam war: Der Vorgänger, mit dem ich alles eingefädelt hatte, war von einem Tag auf den anderen nicht mehr erreichbar und völlig von der Bildfläche verschwunden. Es wurde dann schnell klar, dass die Stimmung bei unserem neuen Anteilseigner, unter dem neuen Chef, langsam kippte und etwas nicht stimmte. Durch die nahende Bankenkrise war der Markt eh schon in Aufruhr und man spürte größere Probleme auf den Finanzmarkt und die Wirtschaft zukommen. Offenbar wurde auch die Mittelakquise bei unserem Investor schwieriger und er begann, mit Fragen und permanenten Anfragen zu Zahlen in unserer AG herumzustochern. Bekanntlich macht der Ton die Musik und dieser Ton wurde rauer. Ich war darin zur damaligen Zeit auch ab und an nicht der Beste. Ich schiebe es mal auf mein noch junges Alter. Ich mag es einfach nicht, wenn mich jemand von oben herab behandelt. Noch gehörte die Mehrheit an der Firma ja mir und meinem Partner.
Es kam das, was kommen musste. Der neue Vorstandsvorsitzende verklagte uns im Frühjahr 2008 auf Rückabwicklung des Anteilsverkaufs. Zum Glück hatte ich alles wasserdicht durch einen Notar besiegeln lassen. Um alle Eventualitäten zu checken, wollte mein damaliger Partner trotzdem einen Anwalt in München nehmen, um die Verträge zu sichten und die Situation zu besprechen. Auf der Fahrt nach München hatte ich ein komisches Gefühl. Ich war da noch nie so gerne. Die Menschen dort haben so eine Art zu denken, sie seien der Nabel der Welt. Hätte ich damals gewusst, dass dieses Gespräch ein großer Tropfen in mein schon fast volles Fass werden würde, hätte ich mir eventuell die erste Depression sparen können. Hätte, hätte, Fahrradkette.
Da saßen wir dann also bei dem Anwalt in München und nach einigem Vorgeplänkel kam aus dem Nichts die Frage, ob denn die Vollmacht, die mir mein Partner für die Abwicklung des Anteilsverkaufs aus seinem Urlaub in Tokio geschickt hatte, eigentlich rechtlich in Ordnung sei. Die Frage kam so rüber, als hätte man schon darüber nachgedacht, mögliche Probleme einfach mir in die Schuhe zu schieben. Alles wirkte so klar und vorbereitet. Unglaublich, mit mir so umzugehen – demjenigen, der die Firma zu dem gemacht hatte, was sie war. Ich hätte ja auch einfach meine Anteile verkaufen können und wäre ein gemachter Mann gewesen. Stattdessen teilte ich fifty-fifty, wie es sich unter Partnern gehört. Ich muss sagen, mich traf diese Frage und die Art, wie sie vorgebracht wurde, tief. Ich konnte es kaum fassen.
Solche und ähnliche spätere Erlebnisse, die ich moralisch verwerflich finde und die meinen eigenen Wertvorstellungen widersprechen, haben mich in die berufliche Verzweiflung getrieben. Nicht schnell, nicht sichtbar, sondern langsam. Schritt für Schritt ging es bergab.
DER ERBITTERTE KAMPF UM DIE FIRMA UND UNSERE FAMILIENPLANUNG
Nach Wochen des privaten Höhenflugs – wir waren schon dabei, die Farbe des Kinderzimmers auszusuchen – erfuhren wir bei einer Routineuntersuchung, dass der Embryo nicht weitergewachsen war. Fuck! Das zog uns richtig den Boden unter den Füßen weg. Ich will dazu nicht viele Worte verlieren, aber es war eine extrem schwere Zeit. Es zerriss mir das Herz, die Höllenqualen meiner Freundin zu sehen. Wie die ganze Vorfreude auf unsere Familie und ihre Zuversicht aus ihr wichen und sie eine lange Zeit nur ein Schatten ihrer selbst war. Dieser Rückschlag begann an uns und unserer Beziehung zu nagen.
In der Firma war ich sehr enttäuscht und wütend auf meinen Partner, nach allem, was ich für ihn getan und ausgehalten hatte, um unsere Ziele zu erreichen, während der werte Herr lieber das Leben genossen und unserer Firma ständig Steine in den Weg gelegt hatte. Damals dachte ich das erste Mal: „Womit habe ich das verdient?“ und dass sich offenbar einige Menschen mehr nach ihren persönlichen Vorteilen richten und nicht als Erstes nach dem, was gut für die Firma ist. Jung, dumm und naiv, wie ich war, rieb ich mich immer mehr zwischen meinem privaten Familienglück und dem ganzen unnötigen Stress in der Firma auf. Darauf nahm auch keiner Rücksicht.
Die Zeit plätscherte dann so dahin. Das Leiden meiner Freundin zu sehen tat mir in der Seele weh. Und die Stimmung in der Firma war nach dem Anteilsverkauf und dem ganzen Theater drumherum auch nicht mehr die beste. Sonderlich motiviert war ich nicht mehr, zumal jetzt immer mehr Personen nach Wegen suchten, auch was vom Kuchen abzubekommen. Ich kapselte meine Sorgen ein und überlegte krampfhaft, wie ich meine Frau wieder zum Lachen bringen und von ihrem Schmerz ablenken könnte. Am liebsten hätte ich den ganzen Schmerz selbst auf mich genommen.
Doch in schwierigen Zeiten die Flinte gleich ins Korn zu werfen war noch nie unser Ding. Eines Abends keimte in mir die Idee auf: „Wie wäre es denn mit Heiraten?“ Wir wollten eigentlich nie heiraten. Wir waren zu diesem Zeitpunkt gute zehn Jahre zusammen, also lange genug, um uns sicher zu sein. Auch dass wir in 50 Jahren Händchen haltend auf einer Parkbank sitzen und zusammen auf unser Leben zurückschauen würden, hatten wir schon fest ausgemacht. Außerdem waren wir überzeugt davon, dass man durch ein Stück Papier auch keine bessere Beziehung führen würde. Allerdings hatte mir mal eine Freundin den Hinweis gegeben, dass viele Frauen das anders sehen, frei nach dem Motto „Solange der Kerl einem nicht einen Ring an den Finger steckt, ist der Deckel noch nicht drauf.“
Ich musste auch nicht lange überlegen, denn wenn ich jemanden heiraten würde, dann nur sie. Also schmiedete ich einen Plan, um sie mit einem besonders schönen Antrag zu überraschen. Ich reiste für das Einsingen meines Heiratsantrags nach Berlin, zum Tonstudio meines Freunds Nemo von Ghostwriter Entertainments. Dazu muss man sagen: Die 8.000 Knöpfe im Studiopult halfen auch nichts. Der Song „Ich kenne nichts von Xavier Naidoo“ hörte sich nach zehn Stunden Einsingen genauso schlecht an wie beim ersten Versuch. Aber egal, wir pressten meinen gesungenen Antrag auf CD und ich ging einen schönen Verlobungsring aussuchen, der ihr besonders gut stehen sollte. Meine Idee war ein voller Erfolg! Sie nahm meinen Antrag unter Tränen an. Durch die ganzen Hochzeitsvorbereitungen wurde sie wieder ganz die Alte und so gut abgelenkt, dass alle Sorgen wie weggewischt erschienen.
So ließen wir das Jahr 2008 ausklingen, mit der standesamtlichen Trauung inklusive einer wunderbaren Überraschung von Marc, Djuli und zehn weiteren guten Freunden, die uns vor dem Standesamt empfingen, ohne dass wir davon vorher wussten.
So schön das alte Jahr endete, so schwierig begann das neue Jahr 2009. Ich wurde immer unruhiger und fühlte mich in meiner Firma mit dem ewigen Streit und der aufgeheizten Stimmung einfach nicht mehr wohl. Die Idee, meine Firmenanteile teilweise neu zu verteilen und dadurch auch die Verantwortungen neu zu vergeben, fiel auf fruchtbaren Boden. Aber damit weckte ich gleichzeitig Interesse und stieß natürlich ungewollt Dinge an, die ich nicht kontrollieren konnte, aber noch kontrollieren wollte. Da es meine Idee gewesen war, meine Anteile und meinen Vorstandsposten abzugeben, wollte ich auch die Regeln für die Lösung bestimmen, wenn ich es schon günstig für die Kollegen machte.
Doch so einfach ist das Leben manchmal nicht. Es lief überhaupt nichts rund, weder im Job noch privat: In der Firma dauerte alles viel länger, als ich es mir gewünscht hätte, und als die nächsten ICSI (künstliche Befruchtung) schiefgingen, bröckelte es in mir immer mehr. Nur der blanke Wille brachte mich durch die Wochen – mit immer größeren Anzeichen von Erschöpfung, die ich einfach wegdrückte, indem ich mich nur auf die kommenden Aufgaben konzentrierte: die Firma weiter am Laufen zu halten in diesen schwierigen Zeiten vor der nahenden Banken- und Wirtschaftskrise.
In diesen stürmischen Wirtschaftszeiten unsere kirchliche Hochzeit zu planen war da eine schöne Abwechslung. Und auch wenn die nächsten ICSIs leider wieder nichts wurden, freuten wir uns sehr auf die Hochzeit. Unsere Eltern samt Familien sind einfach eine sehr lustige Truppe. Und dass mein Geschäftspartner es nicht für nötig hielt, zu kommen, sagte eigentlich schon alles. Es war ohne ihn eh viel schöner. Das i-Tüpfelchen machen sowieso die wirklichen Freunde aus. So wurde es ein rauschendes Fest, mit über 90 Leuten, obwohl wir es eigentlich kleiner halten wollten, bei strahlendem Sonnenschein und 30 Grad auf einer großen Terrasse in einem tollen Lokal auf dem Land. Absoluter Höhepunkt, die Krönung aller Überraschungen, war das Megafeuerwerk, das mein Freund Helmut organisiert hatte. Es war so hell und bombastisch, dass die Autos an der nahe gelegenen Autobahn extra anhielten.
Einige Tage nach der Hochzeit ging es direkt auf eine Traumreise in unser Lieblingsurlaubsziel Florida und danach zur eigentlichen Hochzeitsreise auf die Bahamas. Es war dort wie immer traumhaft schön. Bei der Gelegenheit kam mir der Gedanke, einen Teil meines Geldes in eine Wohnung am Meer in Miami anzulegen. Wie cool wäre das denn?
Noch vor 14 Jahren saß ich einmal nachts auf einer Bank an der Straße, als ein Audi Coupé an mir vorbeifuhr, und ich fragte mich, ob ich mir jemals so ein Auto würde leisten können. Und jetzt überlegte ich, mir eine Wohnung in Miami zuzulegen. So langsam wurde mir klar, was ich bis dahin alles schon in meinem Leben erreicht hatte. Es gab ja früher durchaus auch Zeiten, in denen ich nicht wusste, wie ich das Essen bezahlen sollte. Der Urlaub war traumhaft, die Rückkehr ins Büro im September 2009 leider nicht. Nach über vier Wochen Hochzeitsreise saß ich in meinem Büro, hatte null Komma null Power und war direkt wieder total ausgelaugt und mit meinen Nerven am Ende. Was war denn bloß los mit mir?
DER 10. NOVEMBER 2009 – EIN SCHWARZER TAG FÜR MEINE SEELE
Nach dem Schock und der tagelangen medialen Berichterstattung über den Tod von Robert Enke war ich kaum ansprechbar. In mir drehte sich alles und ich hatte einen richtigen Nervenzusammenbruch. Meine Verzweiflung wurde so groß, dass ich in mehreren Kliniken anrief und um Hilfe bat. Aber die Antwort war nur: „Wir schicken Ihnen einen 18-seitigen Bogen zu, den Sie bitte ausfüllen.“ Ich hatte dafür keine Kraft, meine Nerven lagen blank. Es war schon kaum zu schaffen, diese Anrufe zu tätigen, und dann noch ein Formular auszufüllen, unmöglich. Wenn ich gesund bin, traue ich mir sogar die Besteigung des Mount Everest ohne Vorbereitung zu. Aber in meiner Situation schien mir selbst das Ausfüllen eines Formulars schwieriger zu sein, als den höchsten Berg der Welt zu bezwingen. Ich schaffte es nicht, meine Frau zu bitten, den Bogen mit mir auszufüllen. Ich wollte ihr auch nicht sagen, wie schlimm es mir ging, und versteckte das daher ziemlich gut vor ihr.
Ich versuchte dann, die Erlebnisse und die Angst der letzten Monate im Rücken, meinen Plan in der Firma umzusetzen, mich teilweise zurückzuziehen. Auch, um mich so aus der Depression rauszuarbeiten. Die Idee war konkret: Einer meiner Mitarbeiter aus dem Vertriebsteam sollte meinen Posten und meine Anteile übernehmen und der Finanzvorstand meine restlichen Anteile. Ich wollte nur noch einfacher Vertriebsmitarbeiter bleiben. Fehlte nur noch, das Ganze in die Tat umzusetzen.
Und das alles spielte sich vor dem Hintergrund ab, dass meine Frau und ich es weiter mit der künstlichen Befruchtung versuchten, was uns natürlich beide sehr belastete. Das Schlimmste war, dass alle in der Firma davon wussten, es den Herren aber egal war und sie lieber auf ihren Vorteil schauten, ohne Rücksicht auf Verluste. Ich hätte alles verzeihen können, aber dass sie das, was dann folgte, ohne Rücksicht auf mich und besonders meine Frau durchzogen, liegt bis heute wie eine Bleikugel in meinem Magen. Leider ist mir die Erfahrung nicht erspart geblieben, mit einer solchen menschlichen Enttäuschung umzugehen und sie zu verarbeiten. In so einem Ausmaß kannte ich das nicht, hatte es nicht erwartet und wusste auch nicht, wie es sich in meine Seele einbrennen und welche katastrophalen Folgen es für mich haben würde.
TAGE DER WAHRHEIT: EHRE ODER WORTBRUCH
Wir waren nach den ganzen ICSIs im ersten Halbjahr 2010 noch mal zwei Wochen zur Erholung in den Urlaub gereist, aber die vergingen zu schnell und ich war wieder in der Wirklichkeit angekommen. Ich wollte nun das Besprochene mit den Kollegen in der Firma durchziehen und über die Bühne bringen. Mein Bauchgefühl sagte mir mal wieder, dass etwas nicht stimmte. Aber das war mir egal, ich war mir sicher, dass ich das Spiel besser könnte als die beiden.
Ich veranlasste sowohl die Erstellung der Unterlagen für die Aufhebung meines Vertrags als auch der Papiere zum Verkauf der Anteile. Meinen neuen Arbeitsvertrag ließ ich mir per E-Mail bestätigen. (Heute reicht mir auch nur ein Wort. So sollte das im Leben sein, wenn jeder sich an sein Wort hält, gibt es keine Probleme.) Tief in mir wusste ich wohl schon, dass sie ihr Wort nicht halten würden. Für den Fall der Fälle war da ja noch die eine Klausel in meinem Vorstandsvertrag – mit einer Abfindung, wenn der Vertrag nicht verlängert würde. Ziehen wollte ich die Klausel nicht, aber zur Not würde ich sie ziehen, wenn mein Partner tatsächlich nicht Wort halten sollte. Ich beschloss, es darauf ankommen zu lassen. Die Unterschriften liefen alle glatt, der Deal war unter Dach und Fach. Im September wollten wir dann meinen neuen Arbeitsvertrag als Vertriebsleiter schließen.
Meine Frau und ich fuhren im August noch mal in den Urlaub nach Miami, um die Sonne zu genießen, aber auch, um zu überlegen, ob wir dort nicht vielleicht sogar ein paar Jahre leben wollten. Unter Palmen am Strand mit einem Cocktail in der Hand – es gibt schlechtere Orte für eine Auszeit. Ich informierte mich, was eine für uns passende Immobilien kosten würde. Da die geplatzte Immobilienblase noch voll im Gange und der Immobilienmarkt in den USA zum Erliegen gekommen war, lag der Dollar bei 1,40 und die Preise für Immobilien waren im Keller. Der Floh in meinem Ohr, Geld in eine Immobilie zu stecken, wurde zu einer konkreten Idee:
a)Das Geld ist gut und sicher in einer Immobilie geparkt.
b)Ein Verlust bei diesem niedrigen Stand und guten Wechselkurs ist unwahrscheinlich.
c)Das Gefühl, sich so einen Traum zu erfüllen, ist unbezahlbar.
d)Reisen und Leben in fernen Ländern bildet.
e)Sonne und Spaß als Rendite reichen mir völlig aus, mehr brauch’ ich nicht.
Und wie es der Zufall so wollte, fanden wir in einem der Türme direkt am Strand eine schnuckelige kleine Neubauwohnung im 33. Stock für den Preis, den man auch für eine normale 3-Zimmer-Wohnung in Deutschland bezahlt. Sieben Pools am Deck im sechsten Stock, 2.000 qm Fitnessstudio, eigener Strand und in erster Meereslinie. Dafür bekam man schon damals in München nur eine 2-Zimmer-Wohnung mit Blick auf das Nachbarhaus.
Sich den Traum von einer Wohnung am Atlantik zu erfüllen wäre einfach nur geil. Doch vom Traum zum Albtraum ist es manchmal nur ein kurzer Weg: Im September stand ja der schriftlich ausgemachte Termin an, um meinen neuen Angestelltenvertrag als Vertriebsleiter zu unterschreiben. Zwei Tage vorher kam eine Mail (!) von meinem ehemaligen Partner, dass man künftig auf meine Dienste in der Firma verzichten werde, ich also nicht Vertriebsleiter werden würde. Dieses Verhalten haute mich um und verletzte mich tief. Ich war zwar darauf vorbereitet, aber dass sie mich so ausschalten wollten, hätte ich einfach nicht gedacht, warum auch? Wieder mal hatten mein gesunder Menschenverstand und mein Bauchgefühl recht behalten. Ich sollte einfach öfter daraufhören.
Das war bis dato mein größter beruflicher Erfolg und gleichzeitig meine schlimmste Erfahrung. Und ich lag ja sowieso schon nach dem Verlust unseres Kindes am Boden. Aber mich mit einem Wortbruch aus der eigenen Firma zu schmeißen war ein heftiges Erlebnis. Mir so das Messer in den Rücken zu stechen war eine bittere Pille, die ich noch Jahre mit mir herumtrug. Und dabei hatte ich ihnen meine Firmenanteile sogar nur zum reinen Kassenwert überlassen. Auf dem freien Markt hätte ich das X-Fache erlösen können.
Wer mich kennt, weiß, ich schmeiße nie den ersten Stein, sondern versuche immer, alles gütlich zu klären. Aber ich stoppe auch nicht nach einer Niederlage oder wenn ich erschöpft bin, sondern erst, wenn ich fertig bin. Und da war ja noch die Klausel aus meinem Vorstandsvertrag …
DER VERSUCH, ALLES HINTER MIR ZU LASSEN UND DIE SEGEL ZU HISSEN
Nach einigen Monaten hatte ich mich psychisch scheinbar einigermaßen stabilisiert. Dafür traten plötzlich verstärkt körperliche Beschwerden auf. Herzrasen, extremes Bruststechen, Tests ohne Befund, Kurzatmigkeit auf der Lunge, EKG ohne Befund, extreme Magenprobleme, Magenspiegelung ohne Befund, Druck auf dem Gehirn, auch ohne Befund. Ich rannte monatelang zu Ärzten, alles ohne ein Ergebnis. Heute weiß ich, dass die Symptome letztlich doch ausschließlich auf meine psychische Schieflage zurückzuführen waren.
Im Februar 2011 musste ich mich entscheiden, die Klausel aus meinem Vorstandsvertrag zu ziehen oder nicht. Mein Anwalt Herr Popp sagte, die Klausel sei nahezu wasserdicht, bemerkte aber auch meine Skrupel, da ich nicht die restlichen Mitarbeiter in der Firma unter dem Fehlverhalten anderer leiden lassen wollte. Ich wusste, dass meine Abfindung so hoch sein würde, dass dadurch die Firma durchaus in Schieflage geraten konnte. Der Anwalt meinte, ich solle einfach schauen, dass ich zu meinem Recht käme und die Sache abschließen, moralisch sei ich sowieso auf der richtigen Seite.
Die Klausel war mein einzig legales Mittel, die Herren in die Schranken zu weisen und mir Genugtuung zu verschaffen. Aber dazu musste ich rechtlich Vollgas geben, ohne den vollen rechtlichen Druck würde es keine gütliche Einigung geben. Ich entschloss mich, mir zu holen, was mir zustand. Da sie ihr Wort gebrochen hatten, musste ich meinen Teil der Abmachung, die Klausel nur im Notfall zu ziehen, mir gegenüber auch einhalten; so würde ich die Herren nicht davonkommen lassen. Gesagt, getan, ich erfand einen Vorwand, um in die Firma zu gehen, und überreichte meinem ehemaligen Mitarbeiter und neuen Herrn Vorstand die Klage persönlich. Das war mein persönliches Highlight 2011: ihm in die Augen zu schauen und ihm die Klage über eine hohe sechsstellige Summe persönlich in die Hand zu drücken. Ich sagte ihm, das habe er nun davon, mich hinterrücks zu hintergehen. Das saß. Ich verließ sein Büro und war gespannt, wie die Reaktionen ausfallen würden.
Zusammen mit meinem Freund und Geschäftspartner Marc, der das Unternehmen eine kurze Zeit vor mir verlassen hatte, startete ich dann eine neue Beratungsfirma „Crossblue Media“. Durch meine guten Kontakte in verschiedene Branchen und meine alte Sales-DNA kamen wir schnell an Aufträge und Einnahmen, am Anfang vor allem im Bereich Marketing. Später wollten wir uns dann weitere spannende neue Projekte suchen.
In den Osterferien verbrachten meine Frau und ich einige Wochen in unserer kleinen, aber feinen Wohnung in Florida. Es war schon ein unbeschreibliches Gefühl, das Aufstehen, den Strand, Sonne und gut gelaunte Leute einfach mal nur zu genießen. Der Abstand zu meiner alten Firma wurde größer und tat mir gut. Und mein neuer Partner Marc sorgte dann letztlich durch seine Vermittlung dafür, dass es nach mehreren Gesprächen mit meinem alten Partner via Skype aus Florida zu einer gütlichen Lösung kam: Wir einigten uns auf eine Summe. Ich war zwar immer noch sauer und hatte überlegt, ob ich nicht doch die Klage durchziehen sollte. Viel hatte nicht gefehlt. Aber man muss loslassen können. So trennten sich unsere erfolgreichen und aufreibenden Wege nach acht Jahren in der gemeinsamen Firma. Als wir uns ein paar Wochen später zufällig auf der Straße trafen, gaben wir uns die Hand und jeder ging seiner Wege.
Mitte 2011, nachdem ich langsam zur Ruhe gekommen war und etwas Abstand von allem gewonnen hatte, dachten wir ernsthaft darüber nach, ganz in die USA auszuwandern, einfach, um einmal etwas Neues zu machen: ein Abenteuer, das einem bestimmt viel bringen würde. Eine Wohnung hatten wir ja schon. Wir hatten nach der fünften gescheiterten ICSI die Kinderplanung mal auf Eis gelegt, da unser Leben relativ stark von dem Thema Nachwuchs bestimmt wurde – was für eine Beziehung auch nicht das Gelbe vom Ei ist, wenn man nach drei Jahren ohne Pille und den anschließenden Versuchen mit der künstlichen Befruchtung immer noch keinen Erfolg hat. Das wird dann anstrengend und man muss aufpassen, dass man sich als Paar nicht darin verliert; wir wollten nicht, dass ein Kind da, aber die Beziehung kaputt ist.
ADOPTION – EINE WEITERE IDEE, UM DOCH EINE FAMILIE ZU GRÜNDEN
Eines Morgens wachte ich auf mit der Idee im Kopf, ob wir nicht ein Kind adoptieren sollten. Meine Frau fand die Idee auch ganz gut, so würden ihr weitere Spritzen und Medikamente erspart bleiben. An einem der nächsten Abende diskutierten wir, wie und wo. Von Freunden wussten wir, dass es in Deutschland mit unserem Durchschnittsalter kaum eine Chance gab. Also fragten wir uns, wo dann? Ich löste die Frage rückwärts und fragte mich, welche Länder nicht infrage kämen: Einige Länder waren aus sprachlicher und rechtlicher Sicht zu anstrengend, wegen der schieren Menge an Papierkram, Verträgen und Reisen.
Am späten Abend meinte ich dann: „Wenn wir adoptieren, kann und soll man das auch sehen! Das stört uns nicht.“ Und da schoss mir der Gedanke an Boto, den kleinen Jungen aus dem Film „Plattfuß am Nil“, durch den Kopf. Ich hielt das für eine gute Idee und meine Frau auf Anhieb auch. Wir wollten uns dann mal anschauen, wie so was in Afrika funktionierte. Meine Art, Dinge anzugehen, Firmen aufzubauen, keine Probleme zu sehen, sondern Lösungen zu suchen, würde mir bestimmt helfen, diese Aufgabe anzugehen, das strukturiert voranzutreiben und damit auch weniger Stress zu haben. So begann ich Anfang 2012 mit der Recherche.
Es lief alles glatt. Wenn ich etwas mache, dann interessiert mich alles, auch das Drumherum. So kam es, dass ich mir den Verein Africa Child e.V. vorher direkt vor Ort in Afrika ansehen wollte, um auf die vielen Aspekte der Adoption gut vorbereitet zu sein. Herr März, der Chef der Adoptionsstation und des Hilfsvereins für Kinder und Mütter in Afrika, begrüßte mein Ansinnen. Gesagt, getan, ich stieg in eine Lufthansa-Maschine (meine Frau hatte keinen Urlaub, und dem Chef zu beichten, wieso sie Sonderurlaub brauchte, ließen wir sein) nach Mombasa. Als ich ankam und aus dem Flughafen raus war, fiel mir auf, dass schon der Flughafen im Dschungel lag und noch dazu auf einer Insel. Herr März holte mich in seinem Bus vom Flughafen ab und wir fuhren direkt zu einer Fähre. Na ja, es war mehr eine schwimmende Plattform, und ich bekam gleich mal den ersten Schreck, wie die andere Welt, die man nur aus dem Fernsehen kannte, plötzlich real und so nah war. Im Radio wurde seit Tagen vermeldet, dass die Taliban angekündigt hatten, die Fährverbindung am Flughafen zu sprengen … Redeten wir über die Fährverbindung, auf der ich gerade im Auto saß? Das waren heftige zehn Minuten auf dem Floß, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen. Die Mutter-Kind-Station war gut zwei Stunden vom Flughafen entfernt, es war alles wie von der Adoptionsstelle in Deutschland beschrieben. Ich blieb dort sechs Tage, kümmerte mich in der Anlage auch um einige Handwerkerarbeiten und hatte viel Spaß mit den Kindern und Müttern, von Fußballspielen bis zum gemeinsamen Singen im kenianischen Busch war alles dabei. Es war eine beeindruckende Zeit, man könnte fast meinen, dass die am einfachsten lebenden Menschen, wenn die moderne Zivilisation sie in Ruhe lassen würde, am glücklichsten leben würden.
WENN DER ANTRIEB IMMER WIEDER STOTTERT
Nach meiner Rückkehr widmete ich mich wieder der Arbeit und befasste mich mit der Idee meines Partners Marc, mir eventuell mal einen Coach zu suchen. Gesagt, getan, so kam ich zu Herrn Dr. Scherer, Coach für Leben und Business, einem ausgebildeten psychologischen Therapeuten. Ich hatte seit meiner Depressionszeit vor drei Jahren zwar den schweren Part überstanden, kam aber seither im Leben irgendwie nicht wieder voll in Tritt und konnte seit längerer Zeit mein Leben nicht mehr genießen. Es fühlte sich zu oft an, als wäre ich lost in space, mir fehlte der Sinn in meinem Tun, besonders natürlich, seitdem wir damals das Kind verloren hatten. Außerdem war es für mich extrem traurig, dass ich meiner Frau und mir diesen Wunsch nicht erfüllen konnte, irgendwie trauerte ich doppelt. Dazu fühlte ich mich beruflich eben nicht ausgefüllt. Und das ging jetzt schon seit Längerem so. Der erste Termin war interessant und aus meiner Sicht mit zu viel Fragebögen gespickt, aber so fängt das wohl immer an. Als Erstes kam der Fragebogen zur Lebenszufriedenheit (für weitere Informationen dazu einfach „FLZ Fragenbogen“ bei Google-Suche eingeben) dran.
Der Therapeut fragte mich dann, was er für mich tun und wie er mir helfen könne. Ich erklärte ihm erst mal, dass ich mit meinem Jobinhalt nicht wirklich glücklich sei. Ich könne damit zwar viel Geld verdienen, aber der Job mache mich eben nicht glücklich und daher auf Dauer wenig Sinn. Ich wolle das ändern und mir sinnvollere Projekte suchen. Meine eigentliche Antwort auf seine Frage war deshalb: „Ich will wieder gut funktionieren, wieder zurück auf meine Schienen, um wieder gut durchs Leben fahren zu können und Kraft für neue Projekte zu haben.“ Schon nach der dritten Sitzung merkte ich, dass es mir deutlich besser ging und der Motor erst mal wieder ansprang, also konnte ich wieder mit mehr Energie loslegen und meine übrigen Ziele angehen.
EINE ZWEITE PLEITE DROHT, DAS ÜBERLEB’ ICH NICHT (BIS MAI 2013)
Unter diesen Umständen hätte das Jahr 2012 normal und gut enden können. Die Firma lief immer besser, daheim war so weit alles okay und mit mir und meinen Gefühlsschwankungen kam ich mal besser und mal schlechter zurecht. Aber das dicke Ende kommt ja bekanntlich zum Schluss, in diesem Jahr Anfang Dezember.
Ich hatte in meiner Jugend mal eine finanzielle Pleite erlebt. Seitdem habe ich mein Geld verdient, indem ich mich immer wieder in Geduld und Demut geübt und zu verzichten gelernt habe. Ich hoffte sehr, dass mir nicht gut 20 Jahre später ein Fehler aus der jüngeren Vergangenheit das Genick brechen würde. Rückblickend war die Jugend-Pleite übrigens eine Erfahrung, ohne die ich nicht da wäre, wo ich heute bin. Ich war damals aus einem mir heute nicht mehr wirklich nachvollziehbaren Grund völlig blank. Meine Eltern waren im Urlaub und mir fiel niemand ein, den ich um ein bisschen Geld bitten konnte. Ich war wohl auch zu stolz dafür. Obwohl ich gut Kohle durch meine Billardturniere und durch Zocken gemacht hatte, war das ganze Geld weg. Gut, die letzten paar Mark hatte ich Idiot beim Kartenspielen verloren. Es gab noch Wasser aus der Leitung in der Wohnung meiner Eltern, aber der Kühlschrank war komplett leer und mein Girokonto mit 2.000 DM bis auf Anschlag im Minus. Meine letzte Idee war, meine Bank zu fragen, ob es möglich sei, doch noch ein paar Mark überziehen zu dürfen. Meine Trumpfkarte: Ich hatte einen gültigen Arbeitsvertrag für eine in sechs Wochen beginnende Berufstätigkeit in der Hand. Der Herr in der Bank kannte mich und wusste, dass normalerweise viel Bewegung auf dem Konto war: Er gab mir 200 DM Gnadenüberziehung! Gott, war ich dankbar! Und bin es noch heute!
Diese Erfahrung hat sich mir tief eingeprägt. Ich war damals ziemlich verzweifelt – das Gefühl, sich durchschnorren zu müssen, kannte ich nicht. Wir hatten nie Geld im Überfluss, aber uns ging es immer gut und ich kann mich nicht erinnern, jemals irgendwas vermisst zu haben. Aber so konnte es nicht weitergehen. Ich ging im Nachgang recht hart mit mir ins Gericht und machte einen Pakt mit mir selbst, an den ich mich in vielen Fällen noch bis heute halte, wenn ich über Geld nachdenke, egal ob privat oder in meiner beruflichen Welt:
1.Damit dir das mit der Pleite nie wieder passiert, lebst du ausschließlich von 50 bis 70 Prozent deiner Einkünfte, der Rest wird jeden Monat gespart, und das für zehn Jahre.
2.Ab sofort kaufst du keine teuren Sachen mehr, wenn du sie nicht wirklich brauchst, außer wenn du dein Geld beim Verkauf wieder zurückbekommst, die Sachen also nicht an Wert verlieren.
3.Du pumpst dir in den nächsten zehn Jahren nie wieder Geld. (Tatsächlich habe ich mir nie wieder Geld geliehen!)
Dieser Pakt war für mich deshalb so wichtig, weil er mir zeigte, wie viel aus einschneidenden Erlebnissen entstehen kann und wie viel ich mit Disziplin erreichen kann. Weil ich mich auch heute noch an diese Regeln halte, konnte ich mir so schöne Dinge leisten – Sportwagen, alte Sportuhren aus den 60er- und 70er-Jahren, ein Feriendomizil in den USA und eines in Spanien. Ich bin sehr dankbar, dass ich die Chance ergreifen konnte, mich aus dem Nichts nach oben zu arbeiten und zu all diesen schönen Sachen und den damit verbunden Erlebnissen zu kommen. Das Wichtigste ist und bleibt für mich, finanzielle Sicherheit zu haben. Ich möchte nicht alles verprassen und dann dumm dastehen, wenn Krisen kommen. Dabei „hilft“ die Angst vor einer nochmaligen Pleite als mein ständiger Begleiter – einerseits ein Vorteil, aber ab und an auch ein Bremsfaktor. Manche Sachen brennen sich einfach in einem ein. Ich kann trotzdem mein Leben genießen und gut mein Geld ausgeben. Denn ich habe mir jeden Euro hart erarbeitet, gespart und erst dann etwas gekauft, wenn es meinen Regeln entsprach. Ich nehme keinen Kredit auf und schließe auch keine Ratenverträge ab, nur damit Smartphone, Auto oder Lifestyle ohne großen Aufwand verfügbar sind. Mir hat es im Übrigen schon immer Spaß gemacht, auf etwas zu sparen und mich dabei genauer und auch länger mit dem Zielobjekt auseinanderzusetzen, wie beispielsweise mit einer Uhr oder einem Sportwagen. Wenn ich damals beim Händler stand, konnte es passieren, dass ich sagte: „Was, das Auto kostet so viel und nach drei Jahren bekomme ich so wenig zurück? Okay, danke, Sie bekommen mein Geld nicht!“ Auf meine erste teure Uhr habe ich zum Beispiel fast zwei Jahre lang gespart. Als ich sie dann für 7.200 DM gekauft hatte, war ich schon stolz, sie zu haben. Aber der eigentliche Spaß war mein Research zu der Uhr. Ich wusste beim Kauf meist mehr als der Verkäufer und gönnte mir vor dem Kauf kleine Dinge wie Bücher und Zeitschriften, um mich einzulesen. Diese Uhr habe ich heute, 20 Jahre später, immer noch und die Preisentwicklung passt. Gut, dass ich damals den Pakt mit mir selbst geschlossen habe.
An diese Pleite aus meiner Jugend musste ich mich erinnern, als mich Anfang Dezember 2012 doch glatt die jüngere Vergangenheit einholte, mit einem echt unangenehmen Gegenüber: dem Finanzamt. Am Anfang dachte ich noch, das klärt sich schnell, da ich ja wusste, um was es ging, und es keine große Sache wäre. Ende November bekam ich Post, man wollte Auskunft über eine notarielle Urkunde aus dem Jahr 2007. Es war der Anteilskauf, nach dem Verkauf der Anteile an den neuen Investor an meiner damaligen Firma, mit der ich ja ein ziemlich unschönes Ende 2010 hatte. Na ja, es wäre wohl eine stressfreie Klärung möglich gewesen. Wir beantragten eine Fristverlängerung – zwischen Steuerberater und Finanzamt ist das wohl so üblich –, die wir auch telefonisch zugesagt bekamen. Ich begann damit, die Unterlagen zu suchen. Zum Glück hatte ich noch alle Ordner und Unterlagen lückenlos im Keller. Am 23.12. bekam ich wieder Post, diesmal mit einem Steuerbescheid über einen siebenstelligen Betrag, zu zahlen innerhalb von 14 Tagen. Das kam einer modernen Exekution gleich. Wie konnten die das so kurz vor Weihnachten abschicken? Eine Frechheit, wie ich noch heute finde. Sie hatten doch die Fristverlängerung mündlich bestätigt. Darauf musste ich mich ja wohl verlassen können, auch beim Finanzamt. Wissen die eigentlich, dass es auch Leute gibt, die vielleicht keinen Fehler gemacht haben, sondern dass vielmehr die Einschätzung der Unterlagen fehlerhaft ist? Meine Einnahme aus dem Verkauf war sechsstellig, vor Steuern, die natürlich schon lange bezahlt waren. Wie konnte dann die angemahnte Steuernachzahlung siebenstellig sein?
Da war die schöne Weihnachtsstimmung dahin, zum Kotzen, so ein Verhalten, das war ein Hirnfick vom Allerfeinsten. Dem Finanzamt würde eine Schulung zum Thema mentale Gesundheit auch nicht schaden, damit die Kolleginnen und Kollegen auf dem Amt mal wüssten, was sie mit ihren Schreiben so anrichten können. Wie ein Tiger im Käfig lief ich Tag und Nacht durchs Haus und konnte mir das alles nicht erklären. Ich setzte zwischen den Feiertagen alle Hebel in Bewegung, um wenigstens Einspruch einzulegen, damit der Bescheid nicht wirksam würde.
Die Lage verschlimmerte sich im Februar noch mehr, als man mir unterstellte, mit dem damaligen Anteilskäufer gemeinsame Sache gemacht zu haben. Da reichte es mir. Ich schaltete mich direkt ein und machte einen persönlichen Termin beim Finanzamt aus, zum Missfallen meiner Steuerberaterin. Aber ich hielt dagegen und sagte, mit einer so weißen Weste wie der meinigen hätte ich da keine Angst. Offenes Visier, wie immer.
Der zuständigen Dame beim Finanzamt sagte ich dann: „Wenn ich hier einen Fehler gemacht habe, dann muss ich zahlen, aber ich verstehe das nicht.“ Ich erklärte, kurz vor einem Nervenzusammenbruch zu stehen, dass ich erst vor Kurzem krank gewesen sei, wir gerade mitten in dem Prozess steckten, ein Kind in Afrika zu adoptieren, und sie mir gerade seelisch, wenn das mit der Steuernachzahlung stimmen sollte, das Genick brechen würde. Außerdem rede sie über Steuern, für die ich ja nie die entsprechend hohe Geldsumme erhalten hätte, wie gehe denn so was? Das Gespräch hatte den gewünschten Effekt – ein erfahrener Mann meinte mal zu mir: „George, du musst immer einen Menschen aus der Sache machen, wenn nicht, bleibt es nur eine Akte.“ Und er hatte recht! Die Lage beruhigte sich langsam, alles wurde nun sachlicher und gütlich geklärt. Sie schlug vor, die Zahlen von damals prüfen zu lassen und ein internes Gutachten im Finanzamt erstellen zu lassen. Da mein Fall in der Revision im Finanzamt lag, musste alles doppelt geprüft werden. Das waren einige Wochen und Monate mit heftigen seelischen Qualen. Ich war jeden Tag immer um drei Uhr morgens wach und studierte meine Steuerunterlagen und den Fall, um die richtigen Erklärungen und Belege dazu zu finden.
Zum Glück ergaben die Gutachten schon mal einen Wert, mit dem ich hätte leben können. Wir trafen uns zu einem Schlichtungsgespräch, in dem man mir gleich erklärte, wir könnten nicht verhandeln, sondern müssten das Angebot vom Finanzamt annehmen oder es lassen. Die Ansage war unerwartet, aber gut. Ich hatte nach der ersten eigenen Analyse der damaligen Zahlen das Gefühl, dass wir hier mit zwei Nullen weniger rausgehen und ansonsten halt vor Gericht ziehen würden, da wurde ich dann auch trotzig. Interessant war, dass das Angebot tatsächlich zwei Nullen weniger hatte als die ursprüngliche Forderung. Es waren um die 32.000 Euro, eine Stange Geld, aber nach den Schockzahlen davor konnte ich damit gut leben. Meine Steuerberaterin erklärte mir dann noch, dass Zinsen draufkämen, aber ich in dem anderen Steuerjahr die Kosten dagegenrechnen dürfe und dadurch am Ende nur noch 17.000 Euro übrigblieben. Immer noch viel, aber gut. Und die kamen zu Beginn mit einer siebenstelligen Summe und einigten sich dann nach ihrer Berechnung auf diese Summe?! Hätten die einen Bescheid über diese Summe geschickt, hätte ich es als eine unvorsichtige Dummheit betrachtet, als Lehrgeld überwiesen und damit hätte sich’s gehabt. So aber gaben sie mir einen echten Schuss vor den Bug, den ich erst mal seelisch verkraften musste. Das waren zermürbende fünf Monate meines Lebens. Wenn die wüssten, wie viele verzweifelte Nächte ich wegen dieser Scheiße hatte.
Ich hatte in den ganzen Jahren auch immer wieder gute Phasen, so war es nicht; aber es war ein ständiges Auf und Ab, und das schon fast sechs Jahre. Ich reiste viel, schaute mich nach neuen Geschäftsideen um, war öfter feiern, war im Kölner Karneval und in unserer neuen Ferienwohnung auf Mallorca, die wir uns gekauft hatten, nachdem wir wegen der anstehenden Adoption die Wohnung in Miami wieder verkauft hatten.
Die Adoption rückte Stück für Stück näher, was auch den seelischen Druck erhöhte. Es begann die Phase, in der wir permanent auf Abruf bereit sein mussten. Sobald mit der Post ein Vorschlag zu einem möglichen Adoptivkind gekommen wäre, hätten wir innerhalb von fünf Tagen annehmen müssen. Danach musste man innerhalb von 14 Tagen ins Land reisen, nach Äthiopien, und die Adoption vor Ort beginnen. Was auch bedeutete, nicht mehr verreisen zu können. Zu unserer Verwunderung bekamen wir kurze Zeit später Post von der Adoptionsstelle mit der Information, dass sich in unserem Adoptionsland Äthiopien einiges an der Bürokratie ändern und verbessern sollte, und sich deswegen alles um sechs Monate verzögern würde. Das störte uns wenig, da wir das Gefühl hatten, nah an unserem Ziel zu sein. Wir warteten ja schon lange, da machten sechs Monate das Kraut auch nicht fett.
Es folgte zum Glück eine Reihe an schönen Momenten, der Junggesellenabschied von Klaus im Hähnchenkostüm, bei dem ich mit meinem langjährigen Freund Ben öfters die Nacht zum Tag machte und erst morgens um sieben Uhr nach Hause kam. Danach ging es zu einem Klitschko-Kampf nach Mannheim, einige Tage wieder nach Mallorca, den Akku aufladen, und dann noch der Geburtstag meiner Schwester im Geiste, Anja, die ich seit sieben Jahren bei ihrem Kampf gegen den Lungenkrebs begleitete, und der leider immer wieder zurückkam. Es war schön, sie an ihrem Geburtstag in Hof so glücklich zu sehen; es war dort wie eine zweite Heimat für mich geworden und ich war immer wieder gerne dort, um Anja und die Familie zu sehen. Das Jahr verging mit viel Arbeit und einigen sorglosen Monaten, im Geschäft wurde es stetig besser und die Fast-Pleite musste ich ja auch erst mal verkraften.
Immer wieder dachte ich mir: „Jetzt hast du mehr Ziele erreicht, als du dir jemals erträumt hast, mehr Geld, mehr Spaß in deinem Leben, alles hart erarbeitet und trotzdem fehlt dir etwas.“ Seit den Nervenzusammenbrüchen und der Antriebslosigkeit in der Depressionszeit 2009 hatte ich immer wieder Phasen, in denen ich lost in space war, in denen mir alles egal war. Auch meine Passion und Leidenschaft für meine Uhren und Oldtimer erfüllte mich irgendwie nicht mehr so wie früher. Da ich ja Karosseriebauer gelernt hatte, war es naheliegend, dass ich mir mal einen Sportwagen holte – dass es eine 1963 Corvette Split Window wurde, hätte ich mir nie träumen lassen. Ich hatte bei der Restauration der Corvette so viel Spaß und erst recht beim Fahren – das war Freiheit und Glückseligkeit. Ich habe eigentlich eine Passion für Technik, aber irgendwie ist mir die im Rausch der Arbeit verloren gegangen und durch die verschiedenen Rückschläge bin ich verwundbar geworden. Eine lange Zeit hatte ich mich wie „bulletproof“ gefühlt, aber das war einmal – wie bei vielen, bei denen es lange sehr gut läuft, bis sie die ersten Treffer abbekommen.
Das Sehnen nach einer erfolgreichen Adoption wurde auch immer größer; es war gefühlt wie so eine Art Rettungsring: Wenn das klappte, dann würde alles besser, dann hätten wir es geschafft. Nur leider wurden wir wieder vertröstet, dass es weitere Änderungen im Adoptionsland gegeben habe und sich der Prozess um weitere sechs Monate verzögern würde. (Ausgerechnet in unserer Zeit wollten die ihre Adoptionsgesetze erneuern, was ja gut war, aber man muss wissen, dass im Vergleich zu afrikanischen Verhältnissen Italien extrem schnell ist.) Das wurmte mich so langsam und ich fragte mal bei der Agentur nach, was los sei. Aber man konnte uns auch nicht mehr sagen als das, was schon in dem Brief stand, also hieß es weiter warten.
NEUES JAHR UND NEUER SCHICKSALSSCHLAG
Mit dem Gefühl eines guten zweiten Halbjahrs wollte ich ins neue Jahr 2014 starten und ich kann mich noch genau erinnern, es fühlte sich tatsächlich gut an, die ersten zwei Monate. Ich fand eine neue Idee für ein gutes Hobby und wollte aus einem Oldtimer einen straßenzugelassenen Rennwagen präparieren, damit meine Frau und ich damit Bergrennen fahren könnten. Gesagt, getan, nach gut vier Wochen fand ich eine Replik eines Ferrari 250 GTO in erbärmlichem Zustand, aber der Motor war gut. Ich plante das Projekt und stieß auch ein paar weitere Ideen an (ja, ich weiß, ich mache zu viel gleichzeitig).
Und dann klingelte eines Montags um 17 Uhr das Telefon und ich wusste schon, als ich die Nummer im Display sah, dass das nichts Gutes bedeuten würde. Woher dieses Gefühl auch kam, es lief nun wie in einem Film ab. Was hatte ich in den letzten Jahren nicht alles versucht, um Anja bei ihrem Kampf gegen den Krebs zu unterstützen. Bald hatte Anja Geburtstag und wünschte sich noch vor ein paar Wochen, dass wir unbedingt kommen und bei ihr auch übernachten sollten. Anja war, seitdem ich 18 Jahre alt war, meine beste Freundin. Wir hatten mit 18 Jahren eine Liebelei, aber das wurde schnell zu einer Top-Freundschaft. Nur leider kämpfte Anja seit nun mehr als acht Jahren gegen ihren Lungenkrebs, der auch streute – was für eine fiese Krankheit. Ich habe in den letzten Jahren bestimmt 40 Tage in der Klinik mit ihr verbracht, nach jeder Lungen-OP, und es waren zwischenzeitlich sieben. Sie hasste mich dafür, dass ich sie unangemeldet in dem Zustand direkt am nächsten Tag nach den OPs sah, aber gleichzeitig war sie froh, dass ich ihr Nein am Telefon nicht akzeptierte. Nach jeder Lungen-OP wurden die Narben mehr und diese Vorstellung belastete sie seelisch sehr.
Aber sie sagte nur: „Besser als sterben“. Ich kenne niemanden wie sie, sie hat das alles so tapfer ertragen. Unglaublich, wie sie das alles so positiv wegsteckte, und wie heftig, so was mitzuerleben. Sie hielt den Kopf immer oben, immer. Nur selten hat sie mal losgelassen und sich bei mir ausgeheult, jeder Moment mit ihr war lustig und locker. Sie rang mir einige Monate vor ihrem Tod das Versprechen ab, dass ich ein Auge auf ihren Bruder und meinen guten Freund haben sollte. „Mach ich, wenn du mit 100 gestorben bist“, antwortete ich damals. Ich vermisse sie sehr, und hätte ich gewusst, dass 2013 ihr letzter Geburtstag sein würde, na ja, was hätte man nicht alles …
Durch meine Sinnsuche und die psychische Unruhe war ich angeschlagener, als ich es mir selbst eingestand, und jetzt noch das. Eine meiner wichtigsten Bezugspersonen in den letzten 20 Jahren war am Ende doch überraschend gegangen. Damit rechnen musste man immer, aber wie so oft im Leben war gerade auch bei ihr in der letzten Zeit viel Antrieb da und anscheinend alles körperlich okay. Es war meine erste Beerdigung von jemandem, der mir so nahestand. Mich bewegte es sehr, wie viele Menschen da waren, bestimmt zwei- bis dreihundert, die in die echt große Kirche in Hof gekommen waren, um Abschied zu nehmen. Es gab eine Andacht und man musste sogar draußen stehen, so voll war es! So viel Liebe war da – jeder, der Anja nur ein bisschen kannte, mochte sie einfach, diese Ausstrahlung, dieses Lächeln und diese Liebe, die sie jedem entgegenbrachte, waren unglaublich. Es war eine schöne Andacht und es freute mich, dass wir bei der Familie saßen und mit ihnen zusammen an Anja denken durften.
Das Jahr wurde eine Achterbahnfahrt. Hans, Anjas Freund, war so nett, mich mit seiner Firma auf eine außergewöhnliche Reise zum Polarkreis einzuladen. So konnten wir nach dem Tod von Anja ein paar Tage zusammen verbringen und gemeinsam trauern. Zum Glück war es aber auch sehr spaßig, über Anja zu sprechen und sich auch an Lustiges zu erinnern, sie hätte es so gewollt. Ich habe noch heute das Gefühl, dass sie immer, wenn ich sie brauche, in meiner Nähe ist, und das ist immer ein gutes Gefühl.
GESCHÄFT GEHT NACH OBEN, SINNSUCHE GEHT NACH UNTEN
Schon verrückt, wie einfach es mir von der Hand ging, die Firma ins Laufen zu bekommen.
Dank meines noch neuen Kollegen Markus und meiner Frau, die immer unschätzbar ruhig und wie ein Mount Everest hinter einem stehen, und dank meiner neuen und alten Freunde hätte alles so gut sein können, und das war es zunächst auch. Aber irgendwie war ich ständig unruhig und rastlos. Die Firma lief immer besser und wir schafften es jedes Jahr, den Umsatz zu verdoppeln, gleichzeitig kamen jedoch immer mehr Symptome hoch, auf die ich hätte hören sollen. Besonders wenn ich in Frankfurt auf Terminen in den großen Türmen war, ist mir immer wieder fast schlecht geworden – immer das Gleiche: „Wir müssen, wir wollen und es wird geil und wir verdienen Geld.“ So langsam entwickelte ich eine allergische Reaktion darauf, auf diese Art mein Geld zu verdienen. Wie man hier damit umging, schien es das Wichtigste zu sein. Ich war auch zunehmend erschöpft, wenn ich dann mit dem Zug nach Hause fuhr. Zwar hatten wir einen neuen Auftrag in der Tasche, aber es befriedigte mich überhaupt nicht. Meine Gedanken schweiften immer wieder ab, was ich mit meinem Leben und mit meiner Zeit tun sollte, und das Schlimme war für mich, dass ich immer sehr gut darin gewesen war, eine Lösung zu finden, nur hier auf keine vernünftige Antwort kam.
Die alten Dämonen und meine Wut auf einiges aus meiner Vergangenheit, mit dem ich doch noch nicht abgeschlossen hatte, tauchten immer wieder auf, auch träumte ich immer wieder davon, wie ich mich an diesen Herren rächen würde. Kein gutes Zeichen, wenn man so aggro wird, dass man nichts Besseres zu tun hat, als sich über solche Dinge Gedanken zu machen. Aber ich konnte mich immer wieder mit den Worten beruhigen: „Karma wird es schon richten, ich brauche nur Geduld, viel Geduld.“ Zum Glück kam Karma irgendwann …
Ungefähr zur gleichen Zeit begann ich, meinen Ideen und Gefühlen zu folgen, und wollte mir einen Nebenjob für vier bis acht Stunden pro Woche im sozialen Umfeld suchen, zumal ich immer mal wieder gedacht hatte, dass ich dort eher gebraucht würde. Also recherchierte ich nach Jobs in diesem Bereich und fand eine Stelle in einem Blindenheim, sogar noch bei mir um die Ecke. Ich rief an und vereinbarte ein Gespräch, eine Besichtigung des Hauses und die Besprechung der Aufgaben. „Das ging ja einfach, für deutsche bürokratische Wege ein bisschen zu einfach“, dachte ich mir noch. Eine Woche später, an einem Freitag, fuhr ich hin und stellte mich bei Frau Mai, der Hausleiterin vor, die mir das Gebäude zeigte. Es ging bei dem Job darum, einmal in der Woche für vier bis sechs Stunden mit den Bewohnern (mehr als 80 an der Zahl) Unternehmungen durchzuführen und sie dabei zu begleiten. Perfekt, dachte ich mir, ist ein bisschen wie im Zivildienst, als ich im Zuhausedienst Kranke und Hilfsbedürftige besuchen durfte und ihnen unter anderem beim Einkaufen und im Haushalt zur Hand ging.
Ich lernte auch gleich ein paar Bewohner kennen; die einen waren von Haus aus blind, die anderen wurden es durch Schicksalsschläge oder aus gesundheitlichen Gründen. Ich fühlte mich dort sehr wohl und konnte mir echt gut vorstellen, dort etwas zu machen. Am Ende wollte ich schon fragen, wann ich denn am ersten Tag kommen sollte, da meinte Frau Mai, dass ich doch mal eine vollständige Bewerbung und eine Begründung schicken solle, warum ich denn der Richtige sei. „Aha, so läuft das also, ich darf mich quasi als Bittsteller um einen unbezahlten Job bewerben, obwohl ich gerade schon persönlich da war, einen Lebenslauf und ein Führungszeugnis dabeihatte.“ So hatte ich mir das nicht vorgestellt, da schien es uns hier doch zu gut zu gehen. Ziemlich ernüchtert vom Ausgang des Besuchs fuhr ich nach Hause und hatte ein nicht so gutes Wochenende.
VIELLEICHT HILFT JA AKTIONISMUS (ANFANG 2015)
Da ich irgendwie keinen Zugang gefunden hatte oder eventuell auch einfach nicht das Richtige bei der Suche nach einer nebenberuflichen Aufgabe dabei war, begann ich eine Art Aktionismus, um in meiner Berufswelt zu experimentieren, um etwas zu finden, was mich abholen und mir Spaß machen würde. Besonders, nachdem meine Frau und ich an einem Freitagabend zusammensaßen und uns die Frage stellten, ob der jeweils andere die Adoption noch wirklich will. Denn ich hatte gemerkt, dass das Thema unsere Beziehung zu belasten begann. Wir hatten natürlich damit gerechnet und für das angestrebte Ziel fanden wir das auch grundsätzlich okay, aber man muss spüren, wenn die Balken in einer Partnerschaft zu stark knacken.
Ich sagte ihr, dass ich mir langsam Angst um unsere Beziehung machen würde, auch wenn wir das Ziel vielleicht sogar schaffen würden. Dieses jahrelange Warten auf den erlösenden Anruf – irgendwie wurde ich den Gedanken nicht mehr los, dass es vielleicht einfach nicht sein sollte. Und als ich das aussprach, meinte auch meine Frau, sie habe langsam Zweifel, ob wir weitermachen sollten. Vielleicht habe das Leben anderes mit uns vor und es solle einfach nicht sein. So verabschiedeten wir uns nach zwei weiteren Tagen Bedenkzeit von unserem Traum, ein Kind zu haben, um uns unser Leben wieder anders einzurichten. Nur wie?
Mein Leben wurde erst mal phasenweise leichter, da ich mich eine Zeit lang gleiten ließ und versuchte, einfach mal zu leben, nicht zu denken, nicht zu hinterfragen, einfach zu genießen.
Gleichzeitig probierte ich neben meiner digitalen Agentur einiges Neues aus, beruflich und auch privat, und ich begann, mich einfach mal für eine gewisse Zeit treiben zu lassen und zu schauen, was so ging. Ich bin ja gut darin, zu wissen, was ich nicht will, aber nicht so gut darin, was ich will. Eventuell will ich auch einfach zu viel gleichzeitig und vielleicht ist mir vieles zu leicht gefallen, vielleicht ging mein Aufstieg zu schnell, vielleicht hatte ich einfach nur Glück. Aber kann man in so verschiedenen Themen und über so lange Zeit nur von Glück leben? Bei dem Lauf, den ich seit meiner Jugend hatte, und bei meiner natürlichen positiven Grundeinstellung hatte ich vielleicht einfach die Bodenhaftung verloren und es lief zu lange zu glatt. Eins ist sicher, ich war nicht mit mir in Balance und durch die tausend Baustellen im Kopf wurde alles noch viel verworrener statt besser.
Die nächsten beiden Jahre waren geprägt von Abenteuern, Reisen, unternehmerischen Neugründungen, weiterem Wachstum in der Firma und neuen Restaurationsprojekten mit meinen Oldtimern. Das machte mir Spaß, ich reiste regelmäßig nach Mallorca, verbrachte Zeit mit meinen Eltern und mehr Zeit mit meinen Freunden, besuchte meine Patenkinder, gewann mit meiner 63er-Corvette mehrere Preise auf Autoshows, flog regelmäßig in die USA, ging häufig mit Freunden gut essen und feiern und besuchte für ein Wochenende meine Tante in Athen. Mit meiner Frau reiste ich nach Paris und wir ließen uns einfach nur durch die Stadt treiben. In Berlin bahnte sich was Spannendes an, ich war drauf und dran, in eine der besten Filmproduktionsfirmen der Hauptstadt einzusteigen. Der Abend beim Deutschen Filmball war echt spannend und was total Neues. Leider dachten die Herren, dass ich mit meiner Firma automatisch ein Goldesel wäre und man einfach so Geld für das Thema Film besorgen könnte. Ich war mir sicher, dass es gehen würde, auch in angedachter Höhe, aber die zeitliche Vorstellung der Damen und Herren war wie immer verrückt. Dazu kam dann noch, dass sich darin keine Wertschätzung widerspiegelte und sie mein Angebot für zehn Prozent an ihrer Firma, die noch nie Gewinn gemacht hatte, ablehnten. Aber es war eine schöne Erfahrung, solange man nicht mit den Künstlern über Kaufmännisches sprechen musste.
Ich setzte danach aber einen meiner Jugendträume um und gründete mit einem Profi aus der Autoindustrie eine Sportwagen-Restaurationsfirma und versorgte sie auch direkt mit vielen Kunden. Eines meiner ersten Projekte in der Firma: die Rekreation eines 300 SL Panamericana auf SLK-Basis, darunter die beste und modernste Technik und am Ende eventuell sogar die Ausstattung mit Hybrid. Diese Art zu leben hätte einfach so weitergehen können.
Doch in mir steckte viel Frust, und die Frage nach dem Sinn dessen, was ich so alles trieb, wurde immer stärker. Dazu stieg in mir immer wieder eine Wut auf die Menschen auf, die mir zugesetzt und mich tief verletzt hatten. Das belastete mich immer gerade in den Momenten, in denen ich zur Ruhe kommen und mich erholen wollte.
Ende 2016 zogen dann zwei Babys bei uns ein, zwei Katzenbabys. Ich habe das zunächst eigentlich nur meiner Frau zuliebe getan. Da ich so viel unterwegs war, dachte ich, das sei eine gute Idee. Doch wie sich dann herausstellte, war es sogar eine sehr gute Entscheidung und ein Glücksfall, die beiden seitdem bei uns zu haben. Mit dem einen gab es zwar gleich etwas Stress, da er zwei Mal operiert werden musste, und ich selbst wusste zunächst auch nicht, ob mir eine solche Verantwortung guttun oder mich doch zu sehr stressen würde. Ich glaube, es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich froh war, nicht alles kontrollieren zu können.
Es macht einen solchen Spaß mit den beiden und bereitet mir eine solche Freude, wenn ich sie sehe, jeden Tag, wirklich jeden Tag – eine bis heute sehr bereichernde Neuerung in unserem Leben.
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MIT VOLLGAS IN DIE DEPRESSION
ANFANG 2017 BIS APRIL 2019
»Eine Schwachstelle vieler Menschen ist,
dass sie keine Schwäche zeigen wollen«
ERST MAL EINEN GROSSEN SCHLUCK BURN-OUT!
Alles begann, als ich es aus irgendeinem bescheuerten Grund im Business noch mal wissen wollte. Ich hatte gleich mehrere neue Ideen gleichzeitig im Kopf. Eine extrem gut laufende Agentur hatte ich ja schon und auch wirklich tolle Mitarbeiter. Und die Tatsache, mit meiner Agentur in meiner Branche keine wirklich große Nummer zu sein, nervte mich überhaupt nicht. Aber ich ließ mich wohl doch von meiner Außenwelt anstacheln oder hatte irgendwie auch Langweile. Wenn man sich darauf einlässt, die Welt zu sehen, wie es andere tun, kommt für einen selbst meistens nichts Gutes dabei heraus. Mein Leben führe ich zu 99 Prozent nach meinen eigenen Maßstäben und versuche, mich stets in meiner Liga, nicht mit den anderen oder besseren, zu vergleichen. Auch ein fünfter Platz ist ein guter Platz, wie ich es schon aus meiner Zeit als Sportler weiß. Das lässt einen aber bei vielen Stammtischgesprächen auch schnell allein dastehen, während andere dem wirtschaftlichen Wahnsinn von „Höher, weiter, schneller“ folgen, um anderen zu suggerieren, dass sie die Welt erobern wollen. Und was hat man dann davon? Eine gute Frage, wie ich finde! Ich fühle mich in meiner Welt mit meinen Werten und Maßstäben wohler, aber manchmal eben auch etwas einsam.
Da packte mich also mit Anfang 40 noch einmal der Rappel und ohne sinnstiftendes Ziel drückte ich das Gaspedal auf der Arbeit mit neuen Projekten wieder durch. Vielleicht spielte auch eine sich anbahnende Midlife-Crisis eine Rolle oder eben einfach nur der Gedanke, es sich und anderen noch einmal beweisen zu müssen. „Im Kopf bin ich ja nach wie vor Mitte 20 und manchmal eben ein Kindskopf“, dachte ich, „lustig, wagemutig und immer bereit, meinen Ansagen auch Taten folgen zu lassen.“ Also holte ich nochmals meine ganze Energie aus mir raus und begann, meine Ideen umzusetzen. Zu der Zeit fand ich dann mit Mike einen weiteren Bruder im Geiste – wie ich mit viel Drive –, den ich zusätzlich zu meinem geschätzten Partner und Mitgeschäftsführer Markus an Bord holte. Mike ist ehemaliger Digitalchef eines großen deutschen Verlags und ein echter Macher; so einen wünscht man sich an Bord, wenn man etwas Außergewöhnliches schaffen möchte!
Unser erstes Projekt: Wir entwarfen ein Konzept für die Domain geld.com, um dem Marktführer von Preisvergleichsportalen Anteile abzunehmen, und legten bei der Suche nach Investoren, die dieses Vorhaben finanzieren sollten, richtig los. Wir bauten mehrere Web-Dummys, erstellten einen Businessplan und stießen mit unserer Idee sofort auf das Interesse großer Banken.
Unser zweites Projekt: Hier kam mir meine über 20-jährige Erfahrung in Sachen alternative Geldanlage zugute, also Geld in Dinge zu stecken, die mir Spaß und Freude machen und an Wert gewinnen, wie beispielsweise Uhren, Autos, Ferienwohnungen und Sneakers. Es war eine meiner besten Ideen überhaupt, in die ich unendlich viel Herzblut gesteckt hatte – und dann noch der coole Name Rocketman. Dazu konzipierten wir ein Hochglanzmagazin und produzierten einen komplett fertigen Dummy (200 Seiten), um mit der gezielten Vermarktung und dem Aufbau des Verlags zu beginnen. Auch Rocketman war ready for take-off!
Und da aller guten Dinge drei sind, hatten wir noch ein drittes Projekt am Start: eine eigene Venturecapital-Firma. Auch hier war nach sechs Monaten alles fertig: Prospekte, Investoren, die BaFin-Genehmigung, einfach alles war startklar. Die ersten Investoren liefen schon warm. Es hätte losgehen können!
Das klingt zwar irgendwie alles locker, doch wenn ich darüber nachdenke, hatte ich da voll einen an der Klatsche, und wie ich das alles trotzdem hingebracht habe, ist mir ein Rätsel. Spaß hatten wir auf jeden Fall trotzdem, das war mir immer wichtig. Auf der anderen Seite muss man sehen, dass wir häufig von 10 Uhr morgens bis 23 Uhr dafür arbeiteten, wobei wir ja auch keine 20 mehr waren. Meiner Meinung nach ist man zwar nur so alt, wie man sich fühlt, doch nur Vollgas schafft wohl auch ein 30-Jähriger nicht. Daneben lief ja noch meine Media-Agentur weiter, die auch noch Aufmerksamkeit brauchte.
Im Nachhinein ist es kein Wunder, dass es so gelaufen ist, wie es dann gelaufen ist. Auch wenn es (nicht nur) für mich hart war, war es letztlich gut so. Heute muss ich sagen, dass ich einfach vor meinen Gedanken davongerannt bin. Diese neuen Geschäftsideen und weiteren Firmen boten so viel Ablenkung, dass ich weiter nur an der Oberfläche des Lebens glitt und nicht in der Tiefe und ohne mir die Frage zu beantworten, ob das meiner Seele und meinen inneren Werten reichen und guttun würde. Natürlich habe ich immer gedacht, dass ich nach diesen Werten lebe. Aber ich hatte bereits vor langer Zeit aufgehört, auf die Warnsignale meiner Seele zu hören, genauso wenig wie auf die körperlichen Signale damals bei meiner ersten Depression.
Mike und ich spornten uns derart an und pushten uns so sehr, dass wir am Ende beide bei der gleichen Krankheit landeten. Der Zeitpunkt und die Ursachen waren sicher unterschiedlich, aber wir schütteten uns wohl beide das Benzin noch gegenseitig ins Feuer. Ich möchte die Zeit mit Mike und meinen Kollegen nicht missen, sie war einfach toll. Am 28. März 2018 wäre der Notartermin gewesen und Mike Geschäftsführer und Gesellschafter der Venture-Firma geworden, die er mit so viel Fleiß und Energie mitaufgebaut hatte. Dabei war ihm wohl schon länger klar, dass er es nicht packen würde, er war genauso wie ich an einer Kreuzung im Leben falsch abgebogen und zu lange in die falsche Richtung gelaufen. Mike bat mich, den Notartermin zu verschieben, denn er wollte nach Hause fahren und sich etwas erholen. Doch ich sah da schon in seinen Augen, dass etwas nicht stimmte, denn da war einerseits Panik, andererseits aber auch eine große Leere zu sehen. Am nächsten Tag meldete er sich mit letzter Kraft und sagte, dass er einen kompletten Nervenzusammenbruch erlitten habe.
Puuuh, das tat mir unendlich leid und ich machte mir gleichermaßen Gedanken und Vorwürfe, dass ich die Vorzeichen nicht hatte lesen können. Heute kann ich das! Er konnte es nicht so richtig erklären, aber ihm ging es sichtlich schlecht und er hatte Panik bekommen, ob das, was wir machen, das Richtige für ihn und seinen Weg sei. Tief in mir drin verstand ich ihn. Er wollte ein paar Tage Bedenkzeit haben. Als er sich verabschiedete, sagte ich ihm noch mal, wie geil die Zeit mit ihm war und dass ich keine Minute missen wollte. Der Mann hat so viel gerissen und ist immer Mensch geblieben – auch heute noch ein wirklich tolles Vorbild für mich. In dem Moment wusste ich aber auch schon, dass er nicht mehr zurückkommen würde. Man sollte öfter auf sein Gefühl hören. Es sollte wohl nicht sein, dass wir in der Businesswelt unser nächstes Level erreichen und uns mit einem Comeback einen Namen machen, in einer Welt, in der wir im Grunde und tief in uns drin gar nicht mehr sein wollten.
Sehen konnte ich das alles damals natürlich nicht. Aber mit dem zeitlichen Abstand denke ich heute, dass ich insgesamt bestimmt Hunderte Signale bekommen habe, die anzeigten, dass ich auf dem falschen Weg war.
Mein Verstand sagte es mir zigmal, ich hörte nicht auf ihn. Ich ging den Weg weiter, den ich kannte und den viele andere auch weitergehen, obwohl er nie wirklich zu einem passte. Aber ich handelte eben nicht danach, obwohl ich mit dem Blindenheim und Africachild diverse alternative Wege versucht hatte. Einfach auf Bauch und Herz hören und man geht den richtigen Weg. Das wäre richtig gewesen. Wenn das alte Weggefährten lesen, werden sie sagen: „Egal was du gesagt hättest, wir hätten gesagt: Unfug! Lass das mal. Läuft doch alles bei dir.“
Wieder mal auf dem falschen Weg taumelte ich die nächsten Monate durch den Alltag. Die Tage, an denen mir die Kraft fehlte, häuften sich leider immer mehr und es entwich immer mehr Energie aus mir. Ich wurde immer leiser und nachdenklicher. Hin und wieder gab es zwar noch kurze Hochs, aber die wurden seltener und seltener. Ich stellte mir immer wieder die Frage nach dem Sinn. Warum machte ich das alles und wohin sollte das alles führen? Mein Kompass kreiselte und meine Koordinaten gingen verloren. Ich kam immer mehr aus dem Tritt. Schon seit Jahren fühlte ich eine innere Zerrissenheit. Vielleicht spielte auch meine Herkunft eine Rolle. Mein Vater Deutscher, meine Mutter Griechin, mehr deutsch aufgewachsen und auch so erzogen worden, trotzdem eben griechisches Blut in mir, das einen ab und an zum Kochen bringt. Ich hatte schon einige Jahre vorher damit zu kämpfen, aber in den letzten zehn Jahren war dieses Hin und Her schlimmer geworden. Wo gehörte man hin und wo wollte man hin?
Wie gesagt, zwischendurch gab es immer mal wieder Highlights. Ich war viel auf Mallorca, in unserer Wohnung, die sich auch immer noch in Ordnung anfühlte, machte große Schritte mit meiner Sportwagenfirma, hatte sogar Spaß und war mit Freunden regelmäßig aus. Ich wurde in die Bundesliga der Day-Drink-Tischtennismeisterschaft aufgenommen, durfte viele Abende die Koch- und Weinkunst meines Freundeskreises bewundern, was ich immer sehr spannend fand, wobei ein Schnitzel und ein Radler auch heute noch schwer zu schlagen sind. Es hat mir schon immer viel gegeben, Neues zu erkunden und viel Zeit mit engen Freunden zu verbringen. Richtig schön ist es dann, wenn man innerlich mit sich zufrieden und im Reinen ist.
Das ist eben auch das Beschissene an einer beginnenden Depression: Ich hatte im Anfangsstadium noch recht viele gute Tage, so um die fünfzig bis sechzig Prozent. Dennoch häufen sich irgendwann die Tage, an denen man lustlos, genervt und antriebslos ist. Die Zeit zieht dahin und man gleitet durch Tage, Wochen und Monate, ohne dass man etwas fühlt. Zumindest hatte ich noch so viele gute Tage, um häufig durch die Weltgeschichte zu reisen. Denn dann ging es mir wenigstens für den Moment einfach besser.
Oder man sucht sich andere sinnfreie Beschäftigungen – wie Shoppen, Alkohol, Partys, Drogen und anderes –, die einen betäuben und ablenken, um sich nicht mit seiner Situation auseinandersetzen zu müssen. Leider muss ich sagen, dass es die Sache nur schlimmer macht. In meinem Fall hab ich eher mehr geshoppt, mich aber über eigentlich so schöne Käufe wie Technik-Gadgets, Uhren und andere Dinge nicht mehr freuen können. Das war extrem schlimm: sich selbst zu sehen und zu spüren, wie freudlos man ist. Ein bisschen, als wenn man sich auflösen würde, neben sich steht und dabei zusieht, wie die Gefühle aus einem weichen. Solche Ablenkungen dienen dann eher als starke Ablenkung und zur teilweisen Beruhigung des eigenen Zustands, der einen immer mehr auffrisst. Hat man die Sache erst mal gekauft, hält die Ablenkung dann noch ein paar Stunden an, länger leider nicht.
Im Nachhinein waren das alles Momente und Aufgaben, die mich für mein Umfeld unauffällig weiterleben ließen, aber auch brutal von mir selbst ablenkten. So merkte ich nicht, wie sehr ich meiner Seele damit schadete. Dennoch bin ich für etwas dankbar: Glücklicherweise bin ich nie in eine Sucht abgerutscht, außer ansatzweise in eine leichte Kaufsucht, aber ohne Schaden. Eine richtige Sucht – das hätte gerade noch gefehlt und alles nur noch schwieriger gemacht. Einmal in der Woche ein, zwei Gläser Wein, okay, aber Drogen und andere Rauschmittel sind mir seit meiner frühen Jugend fremd und es zog mich zum Glück nie in diese Richtung.
Spätestens nach dem Kreta-Urlaub, in dem ich sehr gereizt war, und einer nahezu lustlosen Woche mit einem Freund auf einer griechischen Insel hätte mir eigentlich klar sein müssen, in welcher Situation ich steckte. Meine Seele wurde immer unruhiger und ich wurde immer nachdenklicher und deprimierter. Im November entschied ich dann zum Glück, dass es so nicht weitergehen konnte und ich externe Hilfe benötigte, um aus dem tiefen Tal herauszukommen. Also vereinbarte ich einen Termin bei Dr. Scherer, meinem Coach und Psychologen von 2012. Ich freute mich sehr, wieder mit ihm zu arbeiten, da es schon damals gut mit ihm geklappt hatte. Ich kam also in seine Praxis und erzählte ihm, was los war und wie es mir ging.
So eine Therapiestunde dauert meistens 50 Minuten, doch er erklärte nach nicht einmal zehn Minuten, dass ich mit meinem Problem bei ihm falsch sei. Zack, das hatte gesessen. Ich war total perplex und wusste nicht, wie mir geschah, denn auf so etwas war ich natürlich überhaupt nicht vorbereitet. Ich fragte ihn verdutzt, warum ich bei ihm falsch sei. Er antwortete recht klar und sachlich, für meine Art des Problems sei er der falsche Therapeut, denn er sei Verhaltenstherapeut, aber in meiner Krise würde ich einen Tiefenpsychologen benötigen. Ich wusste damals noch nicht, dass es verschiedene Arten von Psychologen gibt und wie wichtig es für die Behandlung einer Depression oder generell von mentalen Erkrankungen ist, den zu einem selbst passenden therapeutischen Ansatz zu finden. Und auch menschlich sollte es passen, wobei die Therapieform meiner Auffassung nach die wichtigere Frage ist und man sich nicht zu sehr von Fragen der Sympathie und Co ablenken lassen sollte. Dr. Scherer gab mir die Adressen von zwei Tiefenpsychologen und wir gingen getrennte Wege. Das musste ich erst einmal verkraften, denn ich wusste, dass es nicht mehr so einfach sein würde wie vor zehn Jahren, schnell einen Platz bei einem Psychologen zu bekommen.
Für diesen Tag hatte ich genug. Das war schon ein Rückschlag und ich war auch kurz verärgert, dass Dr. Scherer mir nicht helfen konnte. Aber das hatte mehr mit meiner erschöpften Situation zu tun und der immensen Kraft, die mich die letzten Monate gekostet hatten.
SUCHE EINEN TIEFENPSYCHOLOGEN
Am nächsten Tag schaute ich mir die Webseiten und Bewertungen der beiden Tiefenpsychologen an, die mir Dr. Scherer empfohlen hatte. Ich hatte die Wahl zwischen einem Mann und einer Frau. Beide Webseiten waren nicht sonderlich informativ, außerdem verstand ich nur Bahnhof. Ich kannte ja nur den Modus: Arzt, Spritze, Hilfe und mir ging es besser. Mir war der Unterschied zwischen den beiden Therapeuten oder ihrer Richtung nicht wirklich wichtig – wie ich heute weiß, war das ein Fehler. Gute Vorbereitung und Recherche sind entscheidend für den Erfolg! Am Ende entschied ich mich für die Frau. Nachdem ich mehrfach vergeblich versucht hatte, sie telefonisch zu erreichen, rief sie relativ zügig zurück und hinterließ eine Nachricht auf meiner Mailbox: Sie habe aktuell keinen Platz frei und ich müsse mich bis Februar oder März 2019 gedulden.
Was war denn da los? Februar oder März? Das wären vier Monate! In der Zeit würde ich ja sterben. Ich war fassungslos, so lange warten zu sollen und so allein gelassen zu werden. Sie sagte noch, ich könne gern auf einen Ersttermin vorbeikommen, da ich ein Anrecht darauf habe, und danach könnten wir weitersehen. Immerhin! Ich überlegte mir ein paar Tage, ob so ein Ersttermin Sinn ergeben würde, wenn danach eh nix weiterginge. Aber am Ende hatte ich auch nichts zu verlieren und sagte zu.
In der Zwischenzeit überlegte ich mir, was ich tun könnte, um meine Situation zu verbessern und erträglicher zu machen. Mir fiel beim Nachdenken auf, dass mir ein paar Menschen, genau gesagt drei, bei jedem Treffen in den vergangenen Monaten ultraviel Energie abgesaugt hatten. Ich war danach schlechter drauf als vorher und fühlte mich in der Nähe dieser Menschen nicht wohl. Mit den Jahren war ich eh schon ein ziemlich empfindlicher Typ geworden, so manch einer würde mich zur Gattung der hypersensiblen Personen zählen. Da war es wie Öl ins Feuer zu gießen, Zeit mit Menschen zu verbringen, die einem nicht guttaten. Das wollte ich künftig vermeiden. Zudem entdeckte ich, dass mir Querfeldein-Spaziergänge im Wald gefielen. Also kaufte ich mir Schuhe, eine passende Hose, einen Rucksack und eine Jacke und lief jede Woche zwei bis vier Stunden abseits der Wege durch den tiefen Wald. Es war sehr beruhigend und sehr schön – diese Abgeschiedenheit tat mir sehr gut. Aber es machte mich auch nachdenklich, sodass ich mich immer mehr zurückzog, obwohl ich das nicht wirklich wollte. Aber der Teil in mir, der immer mehr die Oberhand gewann, setzte sich einfach durch, und der andere geschwächte Teil war so fertig, dass er sich fügte. Dieses bewusste Wahrnehmen solcher inneren Kämpfe und nicht zu wissen, wie einem geschah, aber es geschehen lassen zu müssen, war eine sehr erschreckende Erfahrung und Situation.
Dann war es so weit: Auf der einen Seite war ich gespannt, wo ich jetzt landen würde, denn ein Tiefenpsychologe verbindet seine Aufgabe ja schon dem Wort nach mit Tiefe, aber anfangen konnte ich damit nicht viel. Es war ein Strohhalm, an den ich mich klammern konnte. Allerdings stimmt mit unserem Gesundheitssystem in diesem Bereich so einiges nicht, wie ich bald erfahren würde.
Das Gespräch mit der Therapeutin war ganz gut und hatte sogar für ein Erstgespräch einen gewissen Tiefgang. Zum Schluss sagte sie mir, dass ich bei ihr richtig wäre. Sie habe allerdings aktuell keinen Platz für mich frei, könne mich aber auf eine Liste setzen und dann eventuell im März 2019 mit der Therapie starten. Das hatte sie mir ja schon bei unserem ersten Telefonat gesagt. Ich bedankte mich für ihre Zeit und war erleichtert, weil ich offenbar bei der richtigen Therapeutin gelandet war, aber frustriert, weil die Wartezeit so lang war. Als ich aus der Praxis trat, hatte ich das Gefühl, mir würde meine ganze Energie innerhalb einer Sekunde entweichen. Dieser Frust, dass man um einen Arzttermin betteln und kämpfen muss, ist wirklich krass. Das ist bereits bei den normalen Ärzten („Lach“! Was für eine Bezeichnung: „normal“!) nicht so einfach, außer man ist ein Notfall. Aber hier wurde mir gesagt, ich sei richtig, und das bedeutete wohl auch, dass ich es nötig hatte, eine Therapie zu beginnen – aber dass ich ein paar Monate warten musste, bis ich vielleicht drankam, war echt mehr als krass.
Ich dachte, dass das so nicht weitergehen könne und dass ich, wenn ich wieder fit wäre, die Gesundheitsbranche aufmischen werde. Wie man als Betroffener so alleingelassen wird! Diese Lücke von der Erkenntnis bis zur richtigen Hilfe ist bei keiner anderen Krankheit so groß wie bei psychischen Problemen. Da könnte ich mit meiner beruflichen Erfahrung bestimmt super was bewegen. Aber in meinem Zustand würde ich wohl schon am Energieaufwand scheitern, den Müll rauszubringen. Ich hatte jetzt andere Sorgen, wie mir immer klarer wurde.
IM JOB GEHT LANGSAM GAR NICHTS MEHR
Mich beschäftigte schon seit ein paar Monaten ein weiteres Thema: meine schwindende Leistungsfähigkeit bei der Arbeit. Die hatte für mein Empfinden so langsam ein Niveau von null Prozent erreicht. Das ist nicht weiter schlimm, wenn du Chef bist, aber mich stresste das Finden von immer neuen Ausreden, warum ich einzelne Sachen nicht schaffte. Vor allem einen meiner wichtigsten Kunden wollte ich nicht weiter anlügen, zumal wir auch privat befreundet sind. Auch wenn dabei die Gefahr bestand, dass meine Firma bei neuen Aufträgen aus dem Rennen genommen werden könnte. Ich hatte darüber schon länger nachgedacht und der innere Druck, zu handeln, wurde immer größer. Eines Abends setzte ich schließlich alles auf die Karte Menschlichkeit und schenkte ihm reinen Wein ein. Ich brach vor lauter seelischen Qualen und Erschöpfung vor ihm in Tränen aus und offenbarte ihm: „Ich kann nicht mehr. Ich habe eine Depression und laufe im Notprogramm!“ Ich hatte ziemlich viel Schiss vor den möglichen Konsequenzen. Auf der anderen Seite hielt ich diese Schönwetterwelt schon lange nicht mehr aus.
Es ist ja besonders im Berufsleben immer noch ein großes Tabu, offen über psychische Probleme wie Burn-out und Depression zu reden. Und in meiner Branche, in der Männer in der Überzahl sind, geht man besser nicht mit einer Depression hausieren. Der Scheiß an diesen gesellschaftlichen Regeln ist die extrem große und doppelte Last für uns Betroffene, diese momentane Schwäche verstecken zu müssen. Ich kann trotz meiner positiven Erfahrung mit meinem eigenen Kampf gegen die Depression gut verstehen, dass man Angst davor hat, den relevanten Personen anzuvertrauen, dass man gerade nicht so leistungsfähig ist wie gewohnt. Die Angst um den Job und vor einem Gesichtsverlust, wenn man mal Schwäche zeigt, ist immer noch sehr groß. Ich hoffe, dass dies in Zukunft immer mehr aufgebrochen und die Depression als eine Krankheit wie jede andere gesehen wird. Und dass es dann bei jedem so läuft wie in meinem Fall: Denn mir wurde ein echt großer Hinkelstein vom Rücken genommen. Ich hielt den Druck, immer weiter funktionieren zu müssen oder so zu tun, als ob ich funktionierte, nicht mehr aus. Ich musste aus diesem Karussell der Sorgen raus.
Zum Glück zeigte mein Freund sofort großes Verständnis für meine gesundheitliche Situation. Genau so sollten es Menschen mit ihren Mitarbeitern machen. Wenn wir doch immer gut zusammenarbeiten, egal ob als Selbstständiger oder Angestellter, dann müssen auch mal die schwachen Phasen zusammen gelöst werden. Heute praktiziere ich das in meinen Firmen genauso weiter. Ich passe bei mental empfindlichen Menschen den Arbeitsplatz so weit an, wie ich kann, bis sie sich wieder leistungsbereit fühlen. Erst dann kann ich auch wieder Leistung verlangen. Und es ist schön, zu wissen, dass die Mitarbeiter es einem mit Fröhlichkeit, Dankbarkeit und mehr Lust aufs Arbeiten zurückzahlen. Mein Kunde und Freund versicherte mir, in unserem Verhältnis werde sich nichts ändern. Ich solle mir die Zeit nehmen, die ich bräuchte, und wieder fit werden. Er bot mir sogar an, mal mit seiner Frau zu sprechen, die Psychologin ist. Sie könne mir einiges zur Welt der Psychologen und zu Therapien sagen und mir empfehlen, wie ich mich dort am besten zurechtfinden könne. Sich anderen gegenüber zu öffnen sollte sich noch als ein elementarer Schritt herausstellen.
Ich fuhr dann ein paar Tage später zu einem Freund aus alten Berufstagen nach München. Es war ein guter Tag, ich hatte mal wieder ein kleines Hoch und war gut drauf. So richtig begreifen konnte ich diese Schwankungen nicht, außer, dass es sich unwirklich anfühlte, wenn an einem solchen normal guten Tag was ging.
Ein paar Tage später nahm ich meinen gesamten Mut zusammen und rief die Frau meines Freundes (die als Psychologin arbeitet) an, um sie um ein paar Hilfestellungen zu bitten. Ich erklärte ihr meine Situation. Sie zeigte sich sofort in dieser umsichtigen und sehr verständnisvollen Art, die Therapeuten so an sich haben. Das kennt jeder, der schon mal als Betroffener damit in Berührung gekommen ist. Und vielleicht kann sie das als Frau zusätzlich irgendwie besser, ohne dass ich damit irgendwelche Klischees bedienen will. Sie verstand mein Problem nur zu gut und gab mir wirklich sehr hilfreiche, aber auch ein paar verblüffende Tipps. Ich sollte in jedem Fall bei meiner Psychologin nachhaken und ihr am besten schriftlich aufzeigen, dass ich absolut willig und motiviert sei, mit ihr zu arbeiten, was auch immer das heißen mag. Ich verstand zwar nur Bahnhof und dachte mir: „Lustig, dass ich mich da so anbiedern soll.“ Aber ich begriff auch, dass ich was anwenden sollte, was mich beim Aufbau meiner Firmen und im Verkauf immer stark gemacht hatte: „Versetze dich mal in die Lage der Therapeutin.“ Im besten Fall macht sie ihren Job gerne – das gilt ja nicht für alle auf dieser Erde. Dann hat sie auch noch das Glück, dass die Nachfrage nach ihren Diensten größer ist als das Angebot. Und dann kommt da ein Typ her, der mal gut drauf war und jetzt ein Häufchen Elend ist, und den soll sie wiederaufbauen?
Therapeuten haben natürlich eher Lust, mit jemandem zu arbeiten, der willig und motiviert genug ist, um arbeiten zu können (ich denke, wenn das nicht mehr gewährleistet ist, dann ist der Weg in die Klinik der beste Schritt für den Betroffenen). Irgendwie eine verkehrte Welt, aber unter vorgehaltener Hand ein kleines bisschen nachvollziehbar. Also schrieb ich eine meiner motiviertesten Mails ever an die Therapeutin, bot mich an wie ein Jüngling aus dem alten Rom, erläuterte meine Sichtweisen und Standpunkte und bettelte geradezu nach einem weiteren Termin.
Ich musste einige Tage warten und dann kam die gute Nachricht: Sie habe einen Termin für mich. Alles Weitere sähen wir dann von Termin zu Termin. Was für ein Kraftakt! Und was für eine Freude! Als hätte ich einen Zweijahresvertrag über zwei Millionen Euro mit der NASA abgeschlossen. So erleichtert war ich in diesem Moment. Der Glücksmoment hielt nur für den restlichen Tag an. Ich machte auch nicht mehr viel, als die x-te Serie auf Netflix in rasender Geschwindigkeit zu Ende zu gucken und mich dann nur noch aufs Schlafen zu freuen, wie fast jeden Abend.
Schon am kommenden Wochenende erreichte ich die nächste Erschöpfungsphase und das nächste Kurzzeithoch innerhalb von wenigen Stunden. Meine Frau hatte es geschafft, mich zu einem Abendessen mit Freunden zu überreden. Ich hatte sogar ein bisschen Lust, die Freunde zu sehen. Es war dann tatsächlich ein schöner Abend, für ein paar Stunden eine Art Normalität. Bis es etwas ausgelassener wurde und in mir wieder so eine Leere hochkam.
Alle waren gut drauf, hatten Ziele und Pläne in ihrem Leben, nur ich schaute ziellos in die Zukunft. Dabei hatte ich doch bis dahin eigentlich eine erfolgreiche, abenteuerliche und schöne Zeit hinter mir. Aber irgendwo auf dem Weg hatte ich mich verloren und war mir anscheinend untreu geworden. Nur wo und wann? Am späteren Abend gingen wir noch in eine Bar und ich konnte mich nicht mehr zurückhalten: Ich brach vor ein paar der Freunde in Tränen aus, „beichtete“, dass ich krank sei und an einer Depression leide. Alle waren sehr nett und lieb zu mir, aber auch entsetzt, dass es ausgerechnet mich getroffen hatte. Das haben später viele gesagt: „Ausgerechnet du? Das hätte ich als Letztes gedacht. Du bist doch der, der immer so positiv ist, der strahlt, immer einen Spruch auf den Lippen und Energie für drei hat!“
HIOBSBOTSCHAFTEN KOMMEN SELTEN ALLEIN
Eine Sache kommt selten allein und die nächste wirkliche Hiobsbotschaft ließ leider nicht lange auf sich warten. Aus Griechenland platzte eine schreckliche Nachricht in mein Leben. Meine geliebte Cousine aus Kreta lag schwer verletzt im Koma. Ich kannte sie seit meinen Kindheitstagen und sie war, neben meiner kleinen Schwester, die ich über alles liebe, auch wenn wir uns nicht so oft sehen oder hören, wie eine zweite, eine große Schwester für mich. Auch wenn wir uns mitunter Jahre nicht gesehen hatten, war es bei jedem Wiedersehen so, als hätte man sich erst gestern getrennt. Uns verband eine innige Liebe, wie sie nur Geschwister haben können. Sie war wohl abends allein von der Arbeit nach Hause gekommen, als ein Blutgefäß in ihrem Kopf platzte und sie zu allem Überfluss auch noch mit dem Kopf auf der Tischkante aufschlug. Sie lag vermutlich mehrere Stunden mit einer Hirnblutung und ohne Versorgung allein in ihrer Wohnung. Was für eine schreckliche Vorstellung! Wenn ich sie vor meinem geistigen Auge so hilflos daliegen sehe, treibt es mir die Tränen in die Augen. Auch als ich mit meinem Cousin (ihrem Bruder) telefonierte, konnte ich die Tränen angesichts dieser schockierenden Nachricht nicht zurückhalten. Meine Cousine war 47 Jahre alt, als es sie so plötzlich aus dem Leben riss. Wahnsinn, wie schnell unser Leben vorbei sein kann. Leute, wacht auf, kümmert euch um euch und genießt die Zeit, die wir haben! Keiner weiß, wie lange das Leben dauert. Ewig sicher nicht. Die Nachricht erreichte mich an einem Dienstagabend und die Woche war dann natürlich gelaufen. Am schlimmsten war für mich, dass bei mir selbst ja gerade nur ein Notprogramm lief. Wie bei einem Auto, das alle unnötigen Systeme heruntergefahren hat und nur noch mit 30 Stundenkilometern vor sich hin rollt. Ich wäre so gern zu meiner Cousine geflogen und hätte alles Menschenmögliche versucht, um ihr zu helfen. Daran war leider nicht mal im Entferntesten zu denken.
Mir war klar, wenn ich jetzt nicht auf mich achten würde, dann würde ich die nächsten Wochen nicht überleben. Wirklich Wahnsinn, aber ich brach schon bei dem bloßen Gedanken an sie nervlich zusammen und hatte einfach keine Kraft mehr, irgendetwas zu tun. Glücklicherweise wusste ich, dass mein lieber Cousin alles für seine Schwester tun würde, damit sie eine Chance bekäme, diesen Unfall zu überleben. Wir konnten also nur hoffen, dass alles wieder gut und sie aus dem Koma erwachen würde. Ein absoluter Kontrast zu den tragischen Ereignissen mit meiner Cousine war ein wirklicher Lichtblick, den ich seit Wochen fest im Hinterkopf hatte – eine Flugreise mit meinem ältesten Freund Paul nach Los Angeles und Las Vegas. Ich freute mich sehr auf diese willkommene Ablenkung, da ich die leise Hoffnung hatte, dass es mir dadurch besser gehen würde.
Und es wurde eine tolle Zeit: Anfänglich war ich noch recht unentspannt, aber das änderte sich: Es wurde absolut chillig und wir hatten in Kalifornien eine entspannte, befreiende, lustige und interessante Zeit. Wir genossen jeden Tag. Unsere Unterkunft via Airbnb war ein Traum in den Hügeln von Calabasas, eine Art Vorort von Los Angeles, hinter den Hügeln von Malibu. Wir hatten Glück, dass wir überhaupt fliegen konnten. Die schweren Brände von Malibu waren gerade vorbei und die Schäden waren noch überall deutlich sichtbar.
Meine Symptome waren wie weggeblasen. Ich schaltete direkt in den Modus des vollen Tatendrangs. Kein Wunder, dass mir der Gedanke kam, hier mehr Zeit verbringen zu wollen. Albert Hammond sang bereits vor vielen Jahren It never rains in Southern California und tatsächlich scheint die Sonne eigentlich immer, es gibt tolle Autos und eine schöne Landschaft. Interessant und ein bisschen irre, dass sich die Depression quasi gerade Urlaub nahm! Wie oft habe ich mir gedacht: „Hey, George, du hast so vieles erreicht und trotzdem diese Erkrankung, ich will echt mal wissen, woran das liegt.“
Ich beschloss, wenn ich den Kampf gegen meine Depression gewinnen würde, hätte ich hier in L.A. gern für eine gewisse Zeit einen zweiten Wohnsitz. Denn dort fühlte ich mich einfach besser. Doch so weit war es noch lange nicht.
MEDIKAMENTE GEGEN DEPRESSION? DANKE, ABER NEIN, DANKE!
Nach meiner Rückkehr wartete bereits der nächste Termin bei meiner Therapeutin. Sie meinte, sie sei kein großer Fan von Tabletten, aber ich solle diese Möglichkeit bei einer schweren Depression wie meiner auf jeden Fall in Betracht ziehen. Auch weil sie besser mit mir arbeiten könne, wenn die Medikamente wirkten. Nun, ich bin auch kein Freund von Pillen, aber ich erwiderte, wenn sie es in meinem Fall für hilfreich halte, dann würde ich der Empfehlung folgen. Also auf ins Abenteuer! Ich bat sie daher um ein Rezept. Aber sie sagte, das mache nicht sie, sondern ein anderer Psychologe. Wie, was? Ich musste zu einem Psychiater? Stand ich jetzt auf dem Schlauch oder wurde ich gerade zum nächsten Arzt geschickt? „Na, super“, dachte ich und war leicht vor den Kopf gestoßen. Was für ein unübersichtliches Durcheinander das alles war! Das Thema Depression schien noch schwieriger zu sein, als ich gedacht hatte. Ich fühlte mich ziemlich verschaukelt. Schon wieder zu einem anderen Arzt? Dafür, dass die alle keine Zeit hatten, gab es aber ganz schön viele verschiedene Arten dieser besonderen Spezies. Und ich hatte sofort das dumpfe Gefühl, dass auch hier ein Termin nicht so einfach zu kriegen sein würde.
So war es dann auch. Die Dame am Praxistelefon sagte mir freundlich, aber bestimmt, dass sie vor Ende Februar keinen Termin frei hätte. Bäääm! Da war es wieder, unser ach so gutes Gesundheitssystem. „Hey, Sie sind schwer krank? Warten Sie auf Ihren Termin und Ihre Medikamente mal ein paar Monate. Take care!“ WTF war denn hier los? Na ja, Mund abwischen und weiter ging’s. Mit Engelszungen erklärte ich der Dame, sie möge bitte meinen Namen aufschreiben und den Arzt fragen, ob es wirklich nicht früher gehe. Meine Ärztin hatte mir schon gesagt, ich müsse dranbleiben und eventuell etwas nachhelfen. Was meinte sie bloß mit nachhelfen? Vielleicht haben wir hier ja irgendwann Verhältnisse wie manchmal im Süden Europas bei der Mafia. Einfach mal 20 Euro rüberschieben, dann schaut sie vielleicht, ob sie was machen kann. Wäre mir fast lieber, dann wüsste ich wenigstens, wie es hier so lief.
Tatsächlich rief mich die Dame keine Stunde später zurück und erklärte mir, ich könne nächste Woche einen Termin haben. Ich würde im Nachhinein sagen, dass der gefühlte Aufwand, einen Termin zu bekommen, so groß war, als hätte ich beim Papst um eine Audienz gebeten. Jetzt hatte ich verstanden, warum manche hier in Deutschland mehrere Monate auf einen solchen Termin warten müssen. „Hallo, liebe Regierung, wer ist denn da gerade am Werk? Mal wieder ein ehemaliger Taxifahrer? So wie damals der Außenminister?“ In der Politik sollten öfter mal Menschen aus dem täglichen Leben arbeiten und keine Berufspolitiker. Ich habe Respekt von der Aufgabe, aber allein, dass ein Gesundheitssystem wie ein Unternehmen Gewinne erwirtschaften soll, ist schon ziemlich plemplem. Meine private Zusatzversicherung erwähnte ich erst gar nicht. Das war bereits meiner Therapeutin egal gewesen.
Die Tage vergingen, ich hielt mich mit meinen Resthobbys über Wasser, kümmerte mich um meine Sportwagenfirma und darum, meine eigenen Autos in Schuss zu halten, indem ich immer mal wieder ein paar Autoteile bestellte. Zusätzlich wollte ich einfach Ballast abwerfen und sah zu, ein paar meiner angehäuften Anschaffungen, beispielsweise im Wahn gekaufte Uhren, abzustoßen, natürlich immer mindestens werterhaltend.
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