Читать книгу: «Rosenemil»
Rosenemil
Georg Hermann
Inhaltsverzeichnis
Über den Autoren:
Rosenemil
Impressum
Über den Autoren:
Georg Hermann, eigentlich Georg Hermann Borchardt war ein deutscher Schriftsteller und ein jüdisches Opfer des Holocaust.
Rosenemil
*
Eigentlich waren »die Linden« durchaus nicht das, was man von ihnen erwartete und was sie zum Traum jedes deutschen Patrioten in jeder kleinen Stadt zwischen Elbe und Weichsel machten. Sowenig damals wie heute. Seit hundert und mehr Jahren sprach man von ihnen, als ob sie wunder etwas waren. Man besang sie zur Tages- und Nachtzeit, in Berliner Briefen und in Calots Manier und in Hunderten von Couplets aus den Berliner Possen.
Aber die alten, niedrigen Häuser hüben und drüben waren, bis auf ein paar, wirklich nichts Besonderes. Außerdem, wenn man nun da dachte, es wären hier an dem breiten Mittelweg und am Reitweg ausgesucht alte und schöne Lindenbäume, die hoch und dicht und laubschwer in die Luft stiegen und ihre Schattenzelte über die ganze breite Prachtstraße hinwarfen, über Mittelweg, Reitweg und Fahrdämme bis zu den Häuserreihen, so war keine Rede davon und das Ganze ein Reinfall.
Und das komischste weiterhin war: es waren gar nicht alles Linden. Es waren Roßkastanien darunter und auch Rüstern.
Gott ja ... vielleicht, daß die Bäume mit den Jahrhunderten und Jahrzehnten die Stadtluft nicht mehr vertragen hatten, die immer dicker und rußiger geworden war. Vielleicht, daß der Boden um sie zu hart und unzuträglich wurde und daß dann noch später, nach 1830, die Gasrohre den Wurzeln schadeten. Vielleicht auch, daß man es noch viel später nicht heraus hatte, wie man solchen Stadtbäumen inmitten der Straße mit ihrer Schildkrötenschale von Asphalt und Granit Wasser zuführen konnte. Möglich auch, daß sie vorzeitig morsch wurden und mit abfallenden Ästen dann den Verkehr gefährdeten und entfernt werden mußten. Genug also – es waren zwar noch einige Wahrzeichen an alten, ehrwürdigen und schönen Bäumen dabei, die sich aus ihrer dünnen Jugend erinnerten, wie der Alte Fritz auf seinem weißen Condé unter ihnen, Schritt vor Schritt, von den Jungens umtobt, dahergezockelt kam, wie Jumbo auf seinem Schimmel bei Brökmann im Affentheater. Aber die meisten Linden und Bäume überhaupt hier »Unter den Linden« ... das Gros hier waren Kümmerlinge – Kümmerlinge mit schlechten, verbogenen Ästen ... Mieker, die spät grün wurden und dünn, dürftig und zerzaust blieben und die sehr früh schon, wenn draußen noch niemand von ihren Brüdern daran dachte, wieder gelb wurden und kaum viel später dann auch schon wieder kahl waren. Jene im Tiergarten, hinten, jenseits des Tors, und die langen Baumzeilen der Charlottenburger Chaussee waren darin ganz anders.
Seitdem aber, und das war noch nicht lange, nicht viel länger als ein Dutzend Jahre, die großen Monde der Kohlenstiftlampen zur Nacht ihren grellen Mondschein und die Schattenmuster der Blätter über dem Asphalt spielen ließen, wurden die früh erkahlten Bäume sogar jeden Herbst ein zweites Mal wieder munter und trieben aus den Zweigenden – wenn auch vereinzelt und dürftig – wiederum lichtgrüne Blattfächer, die sich gar keine Zeit mehr nehmen konnten, von neuem gelb zu werden, sondern die, wie sie waren, von ihrem Großstadtschicksal ereilt wurden, also an dem ersten Frostabend wieder abfielen. Und kaum nach zwölf von den rollenden Straßenbürsten zusammengefegt und gegen die Bordschwellen gestoßen wurden, um des Morgens um fünf dann, von den Kolonnen der Straßenkehrer zu Haufen getrieben, und vor sechs schon, in eine braune Sauce von Schlamm gehüllt, von den Kehrichtwagen weggebracht zu werden. Wirklich ein Großstadtschicksal.
Also die Linden jedenfalls hatten nichts von dem, was sich der Provinzfremde von ihnen erträumt und was sich für ihn von früh an mit dem Namen »Unter den Linden« verbunden hatte, nämlich markiges, stolzes, traditionsschlichtes Preußentum, das sich nunmehr über Kurfürsten, Könige und Kaiser, Blüchers, Bismarcks und Moltkes hochgehungert hatte bis zum historischen Eckfenster, hochgehungert zu einem mächtigen und einem großmächtigen Deutschland mit Handel, Heer und Flotte in zweihundertjähriger, ruhmreicher Geschichte. Denn Geschichte – was die wenigsten wissen – ist immer ruhmreich; und je blutiger sie ist, desto ruhmreicher ist sie.
Das historische Eckfenster nebenbei war – trotzdem die Fremden da immer noch einen Augenblick stehenblieben und hinaufsahen, als glaubten sie das nicht – schon vor fünfzehn Jahren leer geworden und trug somit jetzt erst seinen Namen mit Recht. Denn Geschichte ist zumeist – was auch die wenigsten ahnen – Vergangenes und ein leerer Rahmen, dessen Inhalt sich unwiderruflich verflüchtigte.
Ja, und wer etwa als Provinzfremder nach seiner Zeitung sich fürder in dem Glauben wiegte, daß hier die Linden herunter Tag und Nacht Eleganz und Reichtum, Hof und Gesellschaft, Wissenschaft und Künste sich ein Stelldichein gäben, vornehme Engländer und andere Exoten mit lordhafter Gelassenheit in Smokings von Pool durch das Gewühl flanierten, aus den Reihen der Equipagen die Damen von Welt den grüßenden Gardeoffizieren aller Farben und Ränge, vom Generalfeldmarschall aufwärts, zulächelten und die internationale Diplomatie in großer Gala mit ihren tiefdekolletierten Ladys egalweg zu Empfängen fuhr oder von solchen sich hinwegbegab ... große, aber schlichte Parlamentarier dazu auf der stillen Seite gedankenvoll dahintrippelten und daß die Bankgewaltigen der nahen Bankburgen aus der Behrenstraße zwischen ihren weltumspannenden Finanzplänen auf der Gehseite etwas frische Luft schöpften und sich zu ihrer Erholung ein wenig mit den Koryphäen der Wissenschaft – Mommsen, Treitschke, Dubois-Reymond, Virchow und Helmholtz – gerade über die letzten Ergebnisse ihrer Forschungen unterhielten, was ihnen nebenbei um 1903 schon schwergefallen wäre, es sei denn, sie hätten deren Geister zitiert ... also, wer als Provinzfremder sich in diesem Glauben wiegte, der schmeichelte sich, wie Glasbrenners Schusterjunge, einer Irrung. Und wer hingekommen war, um den jungen Kaiser zu sehen ... das heißt, er war das vor fünfzehn Jahren gewesen, und nun war er gerade im besten Mannesalter ... wer also aus Zossen gekommen war, um den Kaiser zu sehen, und nun glaubte, daß er im Husarendolman an der Spitze einer muntern und bunten Kavalkade von jungen Prinzen und Adjutanten täglich fünfmal die Linden herauf- und heruntersprenge oder huldvoll aus einer Kalesche mit betreßten Lakaien vorn und hinten dem stets jubelnden Volke zuwinkte, der mußte sich, sofern er nicht sehr viel Glück hatte, in seinem kaisertreuen Provinzgemüt bitter in solchen Hoffnungen enttäuscht sehen. Und wenn er etwa meinte, daß dort Reihen stolzer weiß und weit leuchtender Marmorbänke ihn einluden, sich etwas auszuruhen, so mußte er schon eine Viertelstunde weiter bis zur Siegesallee gehen, um in solchen edlen, aber kühlen Schönheiten zu schwelgen. Nein, die Bänke hier unter den Linden waren besonders alt und erbärmlich, lang, schmal, morsch und ohne Lehnen meist ... Der Verschönerungsverein zu Hause in Zossen hätte sich geschämt, solche Bänke hinzustellen, und so er solche vordem erstellt hätte, so hätte er sie längst zu Brennholz zerhacken lassen. Und ein derart armseliges Gesindel, wie es sich da auf den Bänken breitmachte, hätte dort in der Hauptstraße, ja sogar in der Bahnhofstraße die Polizei nie geduldet.
Das konnte draußen auf'n Kietz bleiben, aber doch nicht da, wo der ganze vornehme Fremdenverkehr von Zossen hindurchströmte.
Wirklich, was da alles herumsaß, war keine Zierde. Ein paar bartstoppelige, verbummelte Studenten, die zwar den Weg bis an die Universität, aber nie bis in sie hinein mehr fanden – vor allem, wenn die Sonne schien und es, wie heute, nicht regnete. Grau und schwammig oder klein, dürr und stoppelig waren sie ... je nachdem, ob sie erst beim Bier oder schon beim Fusel waren. Studenten noch aus der Hartlebenzeit mit verknautschten Havelocks, unter denen sie keine Jacke mehr hatten, da die gerade in der Jägerstraße bei Peten Nachhilfestunde hatte. Mit zerknautschten Bibis mit durchgeschwitzten Huträndern und -bändern und buntmeliert von Wind und Wetter. Solche, die ewig einen Packen von Bibliotheksbänden unter den Arm geklemmt hatten, die sie wiederbringen mußten und in die sie nie hineingeblickt hatten. Oder, wenn sie es getan hatten, aus denen sie nie etwas Verwertbares herausgelesen hatten.
Ein paar Soldaten auf Urlaub, die dumm um sich glotzten, waren es. Und Nutten mit Augenringen und Dauerlächeln von drüben aus der Passage, die eine Arbeitspause machten, Siebzehnjährige auf dreizehn zurechtgemacht, in zu kurzen Sommerfetzchen und Rubenshüten aus lichtblauem Samt, der angeschmuddelt war wie eine Prager Kaffeehausgardine. Strichjungen von vorn auf den Tiergartenbänken vorm Tor waren es, die jeden Passanten, in dem sie einen Fremden vermuteten, frech zuzwinkerten und nachzwitscherten ... Strichjungen mit geschminkten Köpfen aus den Schaufenstern der Friseure. Mit kleinen frechen Strohhütchen und Baubaujäckchen und gebundenen Lavalliers unter den breiten Kragen der Etonboys, Strichjungen, die eben auch mal die Wache aufziehen sehen wollten.
Und dazwischen zwei oder drei jener alten, dicken, verschlampten Halbirren – das heißt, sie waren eigentlich Ganzirre; aber da sie niemand etwas taten und harmlos waren, weder bettelten noch Leute belästigten, sich eben nur zeigten (wenn sie auch manchmal die Kinder beschimpften, die hinter ihnen herzogen), so lag kein Grund vor, sie einzusperren ... also zwei, drei jener verwebbten, alten, komischen Frauensbilder, die, Gott weiß weshalb, grade in dieser Gegend zwischen Passage, Linden und Friedrichstraße, vor Habel und Kranzler, Tag und Nacht mit ihren Röcken, die aus verschollenen Türkenschals geschnitten waren, mit ihren pelzbesetzten Capes aus längst vergangenen Tagen, die verknautschten Morcheln von braunem Stroh mit violetten Seidenschleifen schief auf dem grauen Dutt, der wie ein Wollknäuel verfitzt war, und vor allem mit ihren riesigen bestickten Pompadours, die bis zum Überquellen mit allerhand Lumpenzeug gefüllt waren, und mit mysteriösen Bündeln alter Zeitungen, die mit Bindfaden umschnürt waren und die sie ängstlich, als sollten sie ihnen entrissen werden, unter den Arm geklemmt hatten. Ja, die waren es, die also hier – und grade hier, in mehreren Exemplaren gleich, und nirgends sonst in dem weiten Berlin, wohl von irgendwelchen fixen Ideen beherrscht – viele Stunden am Tag auf und ab wandelten, um sich dem Volke zu zeigen. Sie waren keineswegs klein und verhutzelt etwa, sondern groß, dick und schwammig, stumpf und von tierischem Ernst, mit ledernen, faltigen Gesichtern, in denen nie auch nur das Wetterleuchten eines Gedankens aufzuckte und hinter deren winzigen Augen der bodenlose Abgrund des Nichts unheimlich heraufdämmerte. Jetzt aber hatten sie wohl ihre täglichen Bahnen noch nicht aufgenommen, saßen hier auf den Hungerbänken und mimmelten Brotstücke in sich hinein.
Zwischen Pennbrüdern saßen sie, die, aneinandergelehnt, mit offenen Mündern – aber Sohle und Oberleder klafften bei ihnen noch mehr auseinander und ließen armselige, verbundene Füße sehen – mit offenen Mündern schwitzend schliefen. Denn sich auf die Bank legen, wie sie es gern gewollt hätten, durfte man ja hier doch nicht – da kam gleich der Blaue und zog einen hoch. Aber gegen so'n bißchen Einnicken konnte er doch nichts haben. Der Mensch kann doch müde sein! Und wenn eben der eine nach rechts fallen wollte, so legte er sich automatisch wieder nach links an und schlief weiter. Und wenn der andere nach links fallen wollte, so lehnte er sich automatisch wieder rechts an und schlief gleichfalls weiter. Wenn man lange Zeit auf Bänken schläft, lernt man so etwas.
Ja, und auf den Bänken saß eigentlich sonst niemand. Doch – ein paar armselige Kontrollmädchen aus dem Westen, die vom Alex – daher der Name Kontrollmädchen – von der Kontrolle kamen und, ohne Hut, als Dienstmädchen, entschminkt und grau, simpel angezogen in Kattunkleidern, jetzt auf dem Heimweg die langen Linden herunter und durch den Tiergarten bis nach der Schwerinstraße, sich etwas ausruhten. Sie saßen da in Sonne und Blattschatten und stellten staunend fest, daß es am Vormittag auch ganz nett auf der Straße mal war. Und dazwischen so Achtgroschenjungens und Krimis. Aber die kannte jeder hier von denen da auf den Bänken, weil sie jeden Tag kamen. Denn die Linden mußten immer nach verdächtigen Königsmördern abgesucht werden, ehe der Kaiser durchfuhr. Weil das Leben eines Monarchen doch heilig ist und nicht genug vor der Liebe seines Volkes geschützt werden kann.
Auf den Stühlen aber zwischen den Bänken, denn da gab es auch Stühle, kleine, altmodische, eiserne, gelb gestrichene Stühlchen, wie sie bei den Pariser Lokalen draußen stehen ... auf den Stühlen saßen Pärchen und allerhand bessere Leute, die sich schon deshalb für feiner hielten, weil sie eben auf den Stühlen saßen und außerdem nicht zwischen denen da sitzen wollten, wo sie ja doch nur etwas fangen könnten. Aber sie taten meistens unfreundlich-überrascht, wenn der Wärter mit seinem Drahtstecken (er sucht auch hier Papier auf) angehumpelt kam und, ehe jene noch aufstehen konnten, von seinem Block einen Schein riß, auf dem schwarz auf weiß zu lesen war, daß die Benutzung dieses Stuhles einen Sechser kostete. Aber wenn sie bezahlt hatten, machten ihnen meist die ganzen Linden keinen Spaß mehr, und sie standen dann auf, und sie hingen sich ein, und sie gingen weiter. Im Tiergarten, der dahinten zwischen den Säulen des Brandenburger Tores grün verdämmerte, war es hübscher und kostete auch nichts.
Nein, ich vergaß, richtige Kolporteure saßen da auf den Hungerbänken, mit Wachstuchtaschen voll mit Gesundheitstee, Modeblättern und Probeheften von dem Fortsetzungsroman, die, das ahnte die Abnehmerin der »Verfolgten Gräfin« gar nicht, sofern sie ein Zettelchen – nur der Form wegen, damit es seine Richtigkeit hätte, wenn er übermorgen käme, das Heft wieder zu holen, wie der lustige, redselige junge Mann behauptete –, die, wenn sie also dieses Zettelchen unterschrieben hatten, vor Gott und Menschen und Gerichten sie zwangen, auch die übrigen neunundvierzig Hefte der »Verfolgten Gräfin«, das Stück zu zweieinhalb Silbergroschen, abzunehmen. Für das Geld hätten sie sich den halben Fontane kaufen können. Aber sie wollten das ja gar nicht, und sie fühlten sich viel besser bei der »Verfolgten Gräfin«, und so waren sie letzten Endes doch nicht betrogen. Außerdem hätten sie ja lesen können, daß auf dem Zettel, den sie unterschrieben hatten, ganz unten, ganz fein, in Diamantschrift stand: Mündliche Abmachungen haben keine Gültigkeit.
Ja, was sollte er denn nu machen, überhaupt ... Denn mit der »Verfolgten Gräfin« war es auch Essig. Nicht ein Heft hatte er heute vormittag – und dabei war Sonnabend sonst kein übler Tag – unter die Leute gebracht. Nicht einen einzigen Dummen hatte er gefunden. Und dabei hatte er – die Hacken tun mir noch weh – die ganze Fidizinstraße, Haus bei Haus, Tür bei Tür, bis in den dritten Hof, bis in den vierten Stock mit abgeklappert. Und vormittags ist doch die bessere Zeit. Da sind die Männer nicht da. Nich mal aufgemacht hatten die meisten. Und ehe er nur ein Heft aus dem Wachstuch genommen – denn man muß erst schmusen –, da hatten sie ihm die Tür vor der Nase zugeschmissen, und er stand wieder draußen, wie Nulpe. Nee, da in de »Verfolgte Gräfin« da lag auch kein Geschäft mehr drin für einen jungen Menschen, wie er einer war. Das hat keine Zukunft nicht. Das kann vielleicht noch was für den ollen, versoffenen Mann da drüben sein mit seiner Wachstuchmappe – das is sicher auch einer aus de Branche! –, aber nich für einen Menschen, wie ich bin.
Und mit Brennerts Gesundheitstee sah ja die Sache noch viel belämmerter aus, da traute er sich gar nicht mehr unter die Leute mit. Da warnte man schon öffentlich in de Zeitungen vor. Da sollten sogar ein paar Todesfälle vorgekommen sein. Also der Tee war jut. Von den Tee konnte das nich gekommen sein. Wenn einer sterben will, sterbt er auch so. Und außerdem sterben ja bei de Ärzte genug Leute, die gar nicht gleich sterben brauchen. Gut war der Tee. Er hatte ihn zwar nicht probiert – die »Verfolgte Gräfin« hatte er auch nicht gelesen (so'n Quatsch las er gar nicht) –, aber was sollte er auch mit dem Tee? Gesund war er ja Gott sei Dank. Fehlen tat ihm gar nichts. Wär' auch schlimm, wenn ihm mit sechsundzwanzig schon was fehlen würde. Na ja, zum Militär genommen hatten sie ihn nicht, aber das war Zufall. Sie brauchten an dem Tag grade keine mehr. Und er war mit unter de letzten, die sie untersucht hatten. Wenn sie ihn angemustert hätten, hätte er gesehen, daß er gleich die Knöpfe kriegt und kapituliert, hätte seine zwölf Jahr 'runtergerissen und wär' bei's Gericht gegangen. Er hat schon in de Hundertsiebenunddreißigste eine besonders schöne und schwungvolle Klaue geschrieben. Überhaupt war er immer in der Klasse prima gewesen. Na ja, zu seinem Beruf, da kann man eben nur helle Leute mit Rednergabe gebrauchen. Gott sei Dank, er war weder auf den Kopf noch auf den Mund gefallen. Aber da bei's Militär hätte er sicher auch ein gutes Leben gehabt. Da is noch keiner verhungert. Da sorgt Willem für.
Und nu mit einmal: Jetzt kam und kam er nicht mehr 'raus aus dem Schlamassel. Wat hat man denn for'n Leben vor sich! Und was hat man so in de letzten Jahre for'n Leben gehabt? Eigentlich bin ich doch verdammt 'runtergekommen. Nicht nur in de Kleidung. So'n blauer Anzug wird auch nich besser, wenn man ihn so alle Tage trägt. Und der Strohhut; wenn er noch 'n paarmal so von Regen durchgewaschen wird, da is doch de Krempe hin. Länger wie zwei Sommer hält so'n Hut von Tietz nich. Oder ist es sogar schon der dritte? Und einen neuen Jummikragen hätte ich auch schon wieder haben müssen. Der is nu nächstens grün wie een Laubfrosch. Das einzige is, daß man sich noch am Körper sauberhält.
Und von de Stiefel will ich janich reden. Na ja, des sieht man nich so, weil das Oberleder noch jut aussieht; aber vorgestern bei dem Guß in de Schwiebusser Straße, bis ich in de Kneipe gerannt bin, hab' ick jedacht, ick laufe in zwei Fußbäder.
Wenn ich jetzt mal einen von meinen alten Brüdern treffe aus dem Schönhauser F. C., denn tue ich, als kenn' ich se nich. Denn sie tun ja auch, als ob sie mir nich kennen ... Wer mich jetzt so sieht, kann sich auch nicht vorstellen, daß ich noch neunundneunzig Mittelstürmer beim Schönhauser F. C. gewesen bin und daß die janze Bande ohne mich beim Verbandsspiel kläglich hinten abgerutscht wäre. Ick hör' noch heute, wie der janze Platz schreit: »Lehmann! Lauf, Lehmann! Feste! Feste!« Und die andern haben einfach nur »Emil!« geschrien. So beliebt war ich. Und dabei war eine Bullenhitze. Da is heute Dezember dagegen.
Und beim Gauturnen in Bernau habe ich für meine Riege in Kür zwei Kränze mir geholt. Zehn Punkte haben gerade gefehlt, und wir hätten den silbernen 'rausgestochen. Daß die ihn aus die Naunynstraße damals gekriegt haben, das war einfach Schiebung gewesen. Und heute ... heute brächte ich nicht mehr 'ne einfache Kippe zusammen. Na ja, des wohl schon, aber ob auch eine mit ... eine mit Untergriff, des wäre doch mehr als fragwürdig, Emil Lehmann! Von de Sturzwelle will ich janich reden.
Denn der junge Mensch da, der Kolporteur auf der Hungerbank zwischen den beiden verbummelten Studenten mit den Bücherpacken und in den Havelocks, dem Schwammigen, der noch beim Bier war (wenn auch bei niederen Sorten), und dem kleinen Spitzigen, der schon beim Fusel war (wenn auch erst bei besseren Sorten), der junge Mensch, der da saß, der hieß Emil Lehmann. Nach seiner Mutter, die Auguste Lehmann oder richtiger die lahme Juste, denn sie war etwas kreuzlahm und ging wie eine Pfeffermühle, gerufen wurde und Krawattennäherin gewesen war. Aber das war nun auch gewesen. Wie sie damals dann, wo er nicht da war ... Damit hatte ja die Sache angefangen – er dachte nicht gern daran: sechs Wochen hatte er in Alt-Moabit in Untersuchung gesessen. Auf 'ne falsche Anzeige hin: er sollte das Geld, die hundertfünfzig, aus de Vereinskasse geklaut haben. (Und dabei war das bestimmt der Krutowski, der ihn angezeigt hatte, selbst gewesen, der falsche polnische Hund, der! Der is sicher nach ihm noch mal zurückgekommen, so daß er gar nicht der letzte war, denn der hat ja auch den Schlüssel zu gehabt.) Behandelt hatten sie ihn in Moabit wie ein Stück Mist. Und nachher hat's einfach geheißen, er kann nun wieder gehen. Die Verdachtsgründe reichten nicht aus zur Erhebung der Anklage. Sowie der Mensch dem Staat in die Hände fällt, denn is er eben geliefert. Also, daß se damals, als er nich da war, nach de Charité gekommen war. Un nachher hat man ihm nich mal sagen können, wie er 'rauskam, wo se lag. Das hätte ja nu nich sein brauchen. In ihrer Art is se jut gewesen. Und seitdem is das immer mehr mit mir 'runtergegangen. Und jetzt weiß ich bei Gott nich mehr, wovon ich heute mein Schlafgeld bezahlen soll. Vorige Woche bin ich schon mit de Hälfte hängengeblieben.
Und Emil Lehmann, der Kolporteur, starrte mit seinen sehr braunen und großen Augen den langen Mittelweg mit den Baumreihen hinunter, ganz dahinten hin, über all die Menschengruppen und Einzelgänger fort, die sich in der Sonne durcheinanderschoben, auf das Brandenburger Tor, das da ganz hinten wie ein durchbrochenes Türschloß mit seinem wuchtigen Säulengefüge lag und über dem die Nike die Rosse ihrer Quadriga als ein heroischer Schatten auf dem lichtblauen, von Wolkenfeldern leichtbewimpelten Sommerhimmel dahinlenkte ... starrte dahin, als ob da irgendwo zu lesen wäre, was er nun eigentlich in dieser Welt mit ihrer Milliarde Menschen und in diesem Berlin mit seinen bald drei Millionen Menschen, die hier durcheinanderwimmelten und von denen doch jeder oder fast jeder wußte, wo er hingehört, eigentlich da nun machen sollte!
Ob man nun als fliegender Händler mehr verdient wie als Kolporteur? Ach Gott, det sieht nur so aus; und alle Nase lang hat man mit de Polizei Krach; nee, des hat och keene Zukunft für mich. Um Weihnachten, so drei Wochen, geht so vielleicht der Laden, und die janze übrige Zeit kann man ebensogut in den Rauchfang kieken. Jott ja, Spaß ja würde das machen. Emil Lehmann sah sich so deutlich und bildhaft selbst auf dem Hausvogteiplatz stehen: »No passen Se mal Achtung, meine Herrschaften! Hier sehn Sie mein'n Patent-Porzellan-Universalkitt ... da kann ein Wagen drüberfahren ...« Na ja, das würde wohl schon mehr Spaß machen, als immer so den ganzen Tag det Treppengeländer mit den Rockärmel scheuern ... Aber des sieht auch nur so aus! Und denn kommt der Blaue un sagt: »Jehn Se weiter, machen Se mir hier keine Schwierigkeiten!« Ein Jeschäft liegt auch nicht drin. Des hat keene Zukunft für mich. Und wenn ick det wirklich zum Winter mit aufnehme, davon kann ick noch lange nich heute mein Schlafgeld zahlen.
Der Kolporteur drehte sich um, stierte jetzt nach der anderen Seite hin. Dahinten, wo sich die Baumwipfel teilten, ritt auf seinem braunen breiten Ofen der Alte Fritz zur Stadt hinein, auf den dicken roten Daumen des Rathausturms zu, ganz dahinten. Seit siebzig Jahren tat er das und kam doch nicht weiter. Aber da war auch nirgends zu lesen, was er eigentlich machen sollte.
Wenn er nu hier jetzt so zwanzig, dreißig Scheine selbst unterhauen würde, des würde keiner merken. Handschriften könnt' er 'ne Menge machen ... und Namen erfinden ... Dutzende, soviel se wollten, und denn sich von de Kasse den Zaster einfach noch ein letztes Mal dafür abheben, und dann sich dünnemachen und türmen ... Nee, nee ... Drei hatte Schultze schon verknacken lassen in der Zeit, wo er für ihn reiste ... Nee, nee, det kann man ooch nich machen. Und Vorschuß auf Provision gibt's nich!
Der Kolporteur drehte sich noch mal um, stützte die seltsamen kleinen, aber sehr kräftigen und leicht rötlich behaarten Hände auf die Knie und starrte gerade vor sich hin ... da drüben auf die Ecke der Friedrichstraße. Und so groß da auch Loeser & Wolff stand, er sah es doch nicht ... Ja, er sah da eigentlich ganz etwas anderes, er sah da oben, wo die goldenen dicken Buchstaben »Loeser & Wolff« auf dem Schilde saßen, und über dem Geschiebe der Omnibusse, die sich in der schmalen Friedrichstraße – und gerade hier war sie besonders schmal – drängten und deren Verdecke – denn heute fuhren alle oben – dicht besetzt waren und bunt vor Menschen in der Mittagssonne flirrten, bis weit, bis zum Viadukt der Stadtbahn hin, auf der gerade eine schwarze und lichtumspielte Lokomotive hielt und weißen Dampf in das Blau des Himmels zischen ließ und stoßweise in Ringen und Wolken hinaufrauchte, der langsam, aber fröhlich zerflatterte – gerade da über der Ecke sah er, gleichfalls wie aus Rauch geformt, aber nicht heiter und zerflatternd, sondern groß, grau und scheußlich, seine Schlafmutter, die Radowskin aus de Zingststraße.
Des also war das Letzte! Jott, er hätte ja auch mit ihr eigentlich was anfangen können! Sie hat schon manchmal sone Andeutungen zu ihm gemacht; und denn hätte sie des eben mit 'n Geld nich so genau genommen. Denn for die Liebe tut sone olle Person allens. Aber es soll doch schon mal vorgekommen sein, daß ein Mann mit eene Frau, die seine Mutter sein könnte ... ja, und nachher schmeißt einen Radowski 'raus, und man hat auch nischt. Und wozu des? Der olle Radowski kann eenen schon so leid genug tun. Aber im gleichen Augenblick schien es ihm, als ob die da oben bei »Loeser & Wolff« sich bewegte. Als ob sie mit einem Scheuertuch herumwirtschaftete und dabei auch nicht viel anders wie ein Scheuerlappen aussah. Nur, daß man ... daß man sie nicht auswringen konnte. Dazu war sie zu dick. Nee, nee, so was fass' ick doch nich mit 'ne Feuerzange an. Und der Kolporteur wußte nich: wurde ihm so grün um den Magen, weil er an sein Schlafgeld gedacht hatte oder weil er seine Schlafmutter so greifbar und traurig deutlich da oben schweben sah. Oder weil er seit halb sieben nich einen Happen mehr in den Leib gekriegt hatte außer der Lorke von halbkaltem Kaffee und der pappigen Dreierschrippe. Oder kam des allens zusammen?
Nee, nee, des kommt janich in Frage. So tief is Emil Lehmann noch lange nich jesunken.
Aber plötzlich löste sich auf dem Hintergrund von »Loeser & Wolff« die brave Schlafmutter, die Radowski ... sie war nebenbei, das muß zu ihrer Ehre gesagt werden, eine ganz gute Frau, und sie hatte mit Schlafburschen in jeder Beziehung noch ganz andere Erfahrungen gemacht, als sie je mit Lehmann hätte machen können. Eigentlich tat sie nur so. Wenn se mal nicht gleich zahlten, ging's ja auch. Denn es waren doch man arme Luders, sone Schlafburschen! Plötzlich war im Hirn des Kolporteurs da auf der Hungerbank neben den beiden verbummelten Studenten und den beiden Kontrollmädchen, oder in der Mitte zwischen den vieren, die Vision der Radowski glatt verschwunden und ausgelöscht. Aus dem simpeln Grunde, weil die Wirklichkeit immer stärker als der Traum ist. Sofern nicht der Traum stärker als die Wirklichkeit ist! Und dieses elendige grüne Gefühl um den Magen herum war gleichfalls weggepustet vor der Wirklichkeit aller Wirklichkeiten.
Und das da drüben war Wirklichkeit, was dahinten auf der rechten Seite drüben ankam, übergroß, wie man sich Königinnen vorstellt als Kind. Na ja, größer wie er war sie eigentlich ja auch nicht. Aber bei Frauen sieht das gleich so aus. Und vielleicht machte sie auch der lichte Fälbelhut, der schräg auf den schwedenblonden Haarmengen auflag und über dem ein Kranz von Silberreihern in der Sonne wie Schilf im Abendwind zitterte – eine ganze Reiherkolonie mußte deshalb ausgerottet sein –, noch stattlicher, als sie schon ohnehin eigentlich war.
Und die Boa aus lichtblauen Schwanendaunen machte sie noch breiter um die Schultern, als sie schon dadurch erschienen, daß die Dame sehr, aber auch sehr zerbrechlich bis zur Wespentaille geschnürt war. Und dadurch, was sie gewiß nicht war – denn sie neigte stark zur Rundlichkeit –, schlank und füllig zugleich erschien, statiös in dem silbergrauen Taftkleid, das sie – und sie hatte den vergißmeinnichtblauen Sonnenschirm nach außen gekehrt – mit einer Geste von unnahbarer Hoheit (so schien das dem Kolporteur auf der Bank wenigstens) hintenherum raffte ... Sonst hätte wohl den Boden noch mehr der Glockenrock geschleift, der, das ahnte man, einfach atemberaubend von Jupons geschwellt war. Wirklich, trotz des Lärms und trotz der Entfernung bis drüben hin glaubte der Kolporteur ordentlich die Seide knistern zu hören ... Denn davon stand immer in den Romanen im Lokalanzeiger. Und das Merkwürdigste, das Schönste an der Dame: sie hatte ein paar solche Kugeln von sprühenden lackschwarzen Augen – wie eine Spanierin an der Litfaßsäule aus dem Wintergarten, und mit denen sah sie, spähte sie zu den Bänken herüber ... Aber trotzdem es ganz schnell geschah und ganz unauffällig, schien es dem Kolporteur, als ob sie gerade ihn da gesucht hätte, und sogar, als ob ein Schimmer von Wohlgefallen – wenn solche feine Dame überhaupt einem armen Hund gegenüber, wie er doch war, so was zeigte – über ihr rosiges Antlitz (so stand auch im Lokalanzeiger immer!) gehuscht wäre.
Ach, Emil Lehmann war gewiß ein gewiefter Junge eigentlich, aber so recht wußte er eben doch noch nicht Bescheid. Und er ahnte gar nicht, daß diese Dame nur deshalb so strahlende und nachtschwarze Augen hatte, weil man noch kein Mittel erfunden hatte, sie veilchenblau zu färben, wie es eins gab, die eigenen nachtschwarzen Locken, die durchaus nicht sehr üppig gewesen waren, genau auf die Nuance der schwedenblonden falschen Zöpfe einzufärben, die sie geschickt zu einer wonnigen, einheitlichen und stolzen Fülle verstärkten. Es gab viele, die sich der Dame nur dunkel erinnerten. Denn es war schon vor fünfzehn Jahren sehr kompromittierend gewesen, sie zu haben. Aber in allerbesten Kreisen – wie Nichtkenner des Lebens sagen – bester Ton, sagen zu können, sie gehabt zu haben. Heute war sie auch diesen Kreisen entrückt und hatte sich noch besseren zugewandt. Aber trotz Schminke und aller Aufmachung, sie war, das sah der arme Kerl eigentlich gar nicht, eine geradezu verdammt schöne Person, deren seltene spritzige und fast geistreich bewegte Schönheit kein noch so raffinierter Schönheitssalon bisher hatte verderben können. Und sie gab schon mit sich etwas an. Gottfried Keller sagt über seine Judith im »Grünen Heinrich«, sie wäre eine Frauensperson gewesen, die der Teufel gern hat. Und trotzdem war sie gerade so, wie man sich das Laster nicht vorstellt ... Das war ihr Trick. Sie war und blieb immer grande dame und Herrscherin.
Ja, und wenn sie jetzt die Haare schwedenblond trug, so hatte sie das nicht leichtfertig und aus Modenarrheit gemacht, sondern weil sie – damals, als sie sich gedreht und von heute auf morgen ihrer alten Klientel untreu wurde – erkannte, daß das gewünscht wurde und ihr ungeahnte geschäftliche Vorteile bot. Einfach weil in der Welt die alte Grunderfahrung des »les extrêmes se touchent« – und in ihrer Welt noch ganz besonders! – immer noch zu Recht bestand. Denn ihr neugewonnener Kundenkreis bestand dank eines geschickt ausgebauten Systems, in dem auf Seide gedruckte, patschuliduftende Visitenkarten, indiskrete Fotos und Hotelportiers, Liftboys und Oberkellner eine vermittelnde, gutdotierte Rolle spielten, aus Ausländern. Europäer wurden ungern darin aufgenommen ... Nur als Lückenbüßer vielleicht einmal. Speziell Amerikaner waren es. Und von diesen wieder Südamerikaner, Mittelamerikaner, Kubaner. Meist auch breitschultrige Argentinier, blitzäugige Mexikaner. Manchmal sogar pockennarbige, gegen Damen sehr galante und großzügige, in zu weite Anzüge gehüllte, Brillantringe am kleinen Finger tragende, mit goldenen Uhren versehene, mit dicken Brieftaschen und Scheckbüchern begabte Herren, die nur einen kleinen Fehler hatten, daß ihnen noch einige Tropfen Neger- oder Indianerblut unter der grünlichbrünetten Haut rollten und daß sie das stumpfschwarze, manchmal seltsam frühzeitig schon graumelierte Haar sehr gestriegelt und mit Stangenpomade gefestigt trugen, weil es immer wieder, sosehr sie es auch in Ketten legten, die Tendenz kundtat, sich der krausen Form ihrer Vorväter einerseits zu erinnern. Während sie, gerade im Gegenteil, einzig und allein an ihre Vorväter andererseits erinnern wollten, die schon mit Cortez und Pizarro und ähnlichen Straßenräubern gelandet sein sollten. Wie sie behaupteten.
Sonst aber, außer dieser Narretei, daß sie durchaus nicht einsehen konnten, daß ihre braunen, roten oder schwarzen Urmütter von ehedem – und wer es immer gewesen sein mochte: eine Fürstin, eine Häuptlingstochter oder eine Viehmagd – von tausendmal höherem Adel waren als diese weißen Götter ... außer dieser Achillesferse, die nie berührt werden durfte, waren sie – ganz im Gegensatz zu den Kerlen von einst – meist sehr freundliche und wohlerzogene, witzige und sogar manchmal literarisch recht versierte Leute und echte Kavaliere, die wußten, was sie einer Frau, die ihnen ihre Huld zuwandte, schuldig waren, und die sich manchmal sogar mit einer hidalgohaften Geste zu einer kaum verständlichen Großzügigkeit in Geschenken verstiegen. »Gefällt dir diese Zigarettendose, meine weiße Taube? Sie gehört dir!« Und wenn sie pures Gold, war und ein Monogramm aus Brillanten trug: »Ich besitze noch mehr davon.«
Ja, und diese Kavaliere kannten eben aus ihrer Heimat alle Nuancen von Schwarz. Sie waren mit Schwarz übersättigt. Sie waren kaum überbietbare Kenner darin. Wohl aber waren sie, was Blond anbetraf, Ignoranten und unschuldsweiße Lämmer und fielen auf jeden Schwindel herein.
Außerdem – und das war vielleicht ebenso wichtig – sprachen sie meist ein sehr unvollkommenes Deutsch, diese Herren der ABC-Staaten. Ein Deutsch, das selten über »Kellnero noch uno Ei« herauskam. Das aber genügte ihrem regen Unterhaltungsbedürfnis nicht, wenn sie einmal mit einer Dame ausgehen und sich einen amüsanten Abend machen wollten oder gar öfters mit dieser Dame zusammen sein wollten ... Und so war ihnen natürlich jemand lieber, der von Haus aus französisch wie eine Pariserin und amerikanisch mit echtem Broadwayklang und dazu, das gehört sich, italienisch wie eine Florentinerin sprach und immerhin soviel von der edlen Sprache des Cervantes verstand, um auch mal in vertraulichen Situationen – und zum Schluß kann ja auch der gepflegteste Plantagenbesitzer nicht immer nur den Salonkavalier spielen – einen Witz zu erfassen, über den selbst ein Maultiertreiber in den Kordilleren das Gesicht grinsend verzogen hätte. Ja, und dafür gab es eben – so merkwürdig das klingt, eben doch in dem ganzen großen, großen Berlin und in der weiten Friedrichstadt – keine Konkurrenz, die in Frage kam und alles so vereinte ...
Entweder konnte sie mit den Kunden reden, dann war sie eine Spinatwachtel. Oder sie war ein schickes Weib, dann sprach sie französisch wie in Französisch-Buchholz. Oder sie krakeelte und klaute Brieftaschen. Das hatte sie nicht nötig: vor ihr gingen die Brieftaschen von selbst auf. Nein, Konkurrenz hatte sie nicht. Oder sie war nicht aus gutem Hause, sondern kam aus dem Toppkeller. Oder sie hatte nicht das Temperament, wie das die Kavaliere von da drüben gewohnt sind, und verstand vom Beruf nichts. Bei ihr konnte man alles haben. Sogar auch Liebe und Herzensneigung. Wenn es verlangt wurde.
Ja, und so kam es, daß diese Dame nicht nur vollauf beschäftigt war, sondern eigentlich nur noch längere und lohnende Engagements in der letzten Zeit annahm. Jedoch von alledem ahnte, wie gesagt – draußen hinter dem Belle-Alliance-Platz bei seinen Kunden, in seinem Revier und vorm Schönhauser Tor, wo er früher gelebt hatte, und am Humboldthain, wo er heute da wohnte bei der Radowski, da fand er sich in den Menschen mit einem Blick zurecht und kannte sie aus dem Effeff –, von alldem aber ahnte der Kolporteur Emil Lehmann nichts. Ihm war bis zum Weinen – aber der Hunger kam auch wieder – fast unglücklich, als diese wunderherrliche Frauensperson da drüben sich plötzlich abwandte und sich vor ein Schaufenster stellte, so daß er nur noch ihren schönen langen Rücken und den Glockenrock und den violetten Sonnenschirm in der Hand, die das Kleid raffte in violetten Glacés, die weit den Arm hinaufgingen, sehen konnte … Wirklich, die Bilder da, spinatgrüne Buchenwälder und Frauen, die in Seidenbetten Reizwäsche zeigten, und andere, die, ohne solche, auf Wolken ruhten – siebentausend echte Ölgemälde und andere Kunstgegenstände, stand über dem Laden, wurden hier ständig meistbietend versteigert –, die Bilder schienen sie sehr zu fesseln, die Dame … Kunstfreundin war sie. Vielleicht wollte sie ihrem Mann eins davon zum Geburtstag schenken. Oder sich eins zum Geburtstag wünschen. Denn die besseren Leute finden so was schön und geben eine Masse Geld für so was aus …
Aber dann kam auch schon von drüben mit einer Queenzigarette im Mundwinkel solch ein Mann zu ihr lässig herübergeschlendert, zwischen den wartenden Droschken und Omnibussen hindurch … ziemlich groß, so um die Dreißig, in den Jahren, wo der Mann auszulegen beginnt … also so ein richtiger Gentelmann mit einem lichtgelben Gehrock, der in zwei Flügel auseinanderstrebte und sehr auf Taille gearbeitet war, und mit einer Tubarose im Knopfloch. Einen grauen, steifen, runden Hut hatte er tief in die Augen gedrückt: Kein Kavalier von Reznicek konnte ihn besser tragen. Das gescheitelte Haar darunter stand ihm überhaupt wie zwei Fledermausflügel über die Ohren weg, und sein semmelblonder Schnurrbart war sorgsam in jene aufstrebende Form gebracht, die echte Kavaliere gerade bevorzugten. Er wäre unvollkommen gewesen ohne den Stock mit dem Elfenbeinknopf, den er unter die rechte Achsel geklemmt hatte, und ohne das Kettenarmband, das ihm über den gelben Handschuh fiel, mit dem er das Pfefferrohr umklammerte. Und ohne das dicke Plastron, das durch einen Hundekopf mit Rubinenaugen zusammengehalten wurde.
Wie gesagt, Emil Lehmann kannte sich hier in der Friedrichstraße nur sehr oberflächlich aus, sonst hätte er gleich gesehn, daß dieser Mann da, mit dem Gesicht wie eine Wassersemmel, ohne daß er dabei häßlich war – die Nase war klein und zierlich, der Mund war es, und das Kinn war es, und die rosigen Bäckchen waren es, wenn auch die Haare ziemlich in die Stirn hineinwuchsen –, nur einen Wunsch und eine Genugtuung kannte, für einen Gardeoffizier in Zivil – seinethalben sogar für einen geschaßten – gehalten zu werden. Und daß es ihm nur sehr unvollkommen wenigstens gelang, diesen Wunsch bei anderen in Erfüllung gehen zu lassen.
Denn in diesem Gesicht herrschte eine solche Reglosigkeit und so eine eisige Leere, und die grauen Augen unter den silberweißen und ganz dünnen Brauen waren so kalt, stier und unbewegt, daß das Innere von Grönland dagegen als eine erfreuliche Landschaft bezeichnet werden muß. Sein Blick, in dem ein Funken Roheit in einem Bottich von Stumpfsinn schwamm, haftete an nichts, ging durch alle Dinge hindurch, war weder freundlich noch böse, nicht mal heimtückisch, weder gleichgültig noch beteiligt, nur leer, leeer, leeeer.
Und dieser feine Hund da geht nu so einfach an der vornehmen Frau da am Schaufenster vorbei. Er sieht sie scheinbar gar nicht und telegrafiert ihr nur solch bißchen aus den Augenwinkeln zu. Und dann macht er halb kehrt und geht mit seinen wehenden Rockschlippen (ach, Leinengamaschen hat er auch … unsereiner hat Löcher in de Stiebel!) einfach in den Hausgang zwischen den Zauberladen mit dem Totenkopf und der Puppe von dem Inder, der die Augen rollt vor seinem schwarzen Tischchen und an die Scheibe klopft … einfach da 'rein … Und die feine Dame tut, als hat sie ihn überhaupt nicht gesehen, und schaut sich immer noch den spinatgrünen Buchenwald an in der Bilderhandlung. Und dann geht se einfach hinterher.
Also sooo macht man das? Man braucht nur so 'rumzulaufen mit 'n Schwalbenschwanz, und die allerfeinsten Damen laufen einem einfach wie'n Hundchen nach, denkt der arme Kerl da auf der Bank. Des is ja doch pfui Deibel! Und nachher wundert sich der Mann zu Hause, wo seine Frau bleibt!
Wie gut es doch andere Männer haben! Ich kann mir nich mal jetzt 'ne Bockwurst mit Kartoffelsalat an den Friedrichstraßenbahnhof bei Aschinger … denn muß ich die Groschen schon aus alle Taschen zusammenkratzen ... und solch ein feiner Pinkel gibt vielleicht einen blauen Lappen aus, wenn er sone Frau 'ne Viertelstunde haben kann.
Ach, kiek mal, da kommt er doch schon wieder aus'n Hausgang 'raus, der feine Pinkel mit seinen grauen Judenhelm! Soso ... det is wohl nischt geworden? Und da tapert er wieder mit seinen Stock untern Arm. (Mensch, komm bloß nich unter die Räder!)
Also, also ein Monokel mit 'ne schwarze Litze trägt der Patentfatzke auch. Des habe ick mir gedacht, des der da in de Konjakstube jeht. Du willst dir wohl für die nächste Abfuhr Mut antrinken? Mensch, ein feiner Mann stößt nich de Tür mit dem Fuß auf! – Die beiden Mädchen neben Emil Lehmann hatten die ganze Zeit noch kein Wort miteinander gesprochen, trotzdem sie doch zusammengehörten. Jetzt puffte die eine die andere an. »Hast du gesehen?« sagte sie. Sonst nichts.
»Ich bin doch nich blind geworden«, sagte die andere. – »Des war der Turfkarl«, sagte die erste wieder. Mit einem Ton, der deutlich durchschimmern ließ: An so was feines kommen wir armen Luders janich 'ran. In unsem janzen Leben nich. Dadazu muß man geboren sind.
Ja, da kam nu auch wieder die Dame von vorhin. Ganz heiter, als ob nichts geschehen, kam sie aus dem Hausgang getänzelt. (Nein, das lag ihr nicht: sie schritt!) Also eine wunderschöne und feine Person! Doch ob sie 'ne Dame, war dem armen Kolporteur jetzt nicht so ganz sicher mehr. Aber es kann auch Zufall gewesen sein, daß sie beide in dem selben Haus – da wohnt 'n Anwalt! – oben zu tun hatten. Kommt also heraus, bleibt wieder stehen, sieht sich nach allen Seiten um. (Worauf wartet sie denn?) Mit ihrem Fälbelhut mit dem Zaun von Reiherfedern – so was; is doch nur für die Reichen da! –, hebt ihren Sonnenschirm und winkt einem Wagen, also einem prachtvollen Landauer mit 'n paar Staatsgäulen vor, zu, der mit einem Ruck – brrr – hält …
Gott is der Mann braun in seinem kurzen Sommermäntelchen. Aber wie er ihr grüßt und sie ihn anlacht … Wat ruft se da? »O mio Panschite«, was heißt 'n des? Also das is ihr Mann wohl. Aber eenen duften Hut hat der. Den möcht' ich haben. Ich glaube, sone lappigen Dinger, sone Panamas, kosten 'n Haufen Jeld. So setzt man sich nur in so'n Wagen, wenn man des von früh gewöhnt is. Und der Kutscher … wie auf Draht gezogen! Wie die Pferde die Beine schmeißen. Und wie gut das auf 'n Asphalt klappt. So leben die Leute, und unsereener kann nich mal aschingern jehn!
Der weiße, lichte Zaun von Reiherfedern auf dem lichtblauen Hut und die Boa aus blauen Schwanendaunen um ihren sehr festen und doch weichen, schlanken Hals da waren das letzte, was Emil Lehmann von der Dame sah.
Auch die beiden als Dienstmädchen maskierten Kontrollmädchen hatten der da im Wagen neidvoll und respektvoll zugleich und schweigend wieder nachgesehen. So ungefähr wie ein Soldat zweiter Klasse einem General.
»Die Diamanten-Berta«, sagte die eine tonlos.
»Ach, wirklich?« sagte die andere tonlos.
»Na ... dahinten in de Equipage«, meinte die erste wieder mit leuchtenden Augen. Aber vielleicht hatte sie auch Schwindsucht. Denn darauf wird sie nicht untersucht auf dem Alex ... Und das Fieber setzte um diese Zeit ein. »In de Ecklipaje.« Denn Fremdworte sind Glückssache. Mal trifft man's und mal nicht.
Und dann fielen sie wieder in ihr stilles Elend zurück. Und auch Rosenemil, aber es wäre zu verfrüht, ihn so zu nennen, starrte wieder nach den Häusern und den vornehmen Läden mit all den breiten Spiegelscheiben in Bronzerahmen – das machte man jetzt hier so! – hinüber. Zu den echten Ölbildern und den echten Elfenbeinschnitzereien »Venus züchtigt Amor«. Alles, was man hier braucht, war eigentlich schon in solchen Grüppchen zusammen! Zu Brillanten, die auf dem schwarzen Grund sich drehten. Dem Zauberladen. Dem Korb roter Hummern. Und den Lotterielosen, die gewinnen mußten. Und er ahnte eigentlich wenig davon, daß die Häuser hier so herum genauso wie die Menschen waren. Sie sahen von außen, wenn man an ihnen vorbeiging, ganz gut aus. Man durfte nur nicht hineingehen. Ja, es war sogar besser, wenn man selbst vermied, stehenzubleiben. Dann nämlich wären es nur falsche Brillanten und die Ölbilder übermalte Fotografien und der Kognak verschnittener mit Methylalkohol. Und Lotterielose, die Glück bringen sollten und die so todsichere Nieten waren, wie Lotterielose und Menschen es nur sein können.
Da drüben ha'ck vor fünfzehn Jahren gestanden. Eine Kälte war des, man konnte sie mit Messern schneiden, denkt Rosenemil, grün und blau bin ick jefroren. Und hab' immer jeschrien ... damals bin ick eben elf Jahre jewesen oder so 'rum. »Ausführlicher Proogramm der Beisetzung Seiner Majestät Kaiser Wilhelm des Ersten, ausführlicher Proogramm !« Ihm ist, als hörte er seine eigene, helle Jungenstimme durch die Kälte ... Jott, was man doch so allens jemacht hat, um zu ein paar Jroschen nebenher zu kommen, von früh an: Mit Hampelmänner auf dem Arkonaplatz bin ich herumgezogen.
Seine Mutter fällt ihm ein, die war verdammt hinterher, daß er das Jeld auch richtig zu Hause abgab. Wat hat die doch immer (jetzt ha'ck doch jar keenen Hunger mehr) jesungen immer. Ach ja, wat denn?
»Wat Unter de Linden
Als Hoju kommt in'n Topp,
Dat schmeißt man uff de Frankfurter Linden
Den Schlächter an'n Kopp.
Aber nich so grob. Aber nich so grob!
Schmeißt doch den Schlächter
De Knochen an'n Kopp.«
Plötzlich bekommt er es mit der Scham. Er hat ganz laut vor sich hin gesungen, und er is eigentlich, so keß und frech er auch tut, ein scheuer Mensch, der sich nicht gern vor den Leuten herausstellt. Na, nu werd' ich mir mal dünnemachen, denkt er.
»Das is ja ungemein ulkig, lieber Freund«, sagt, als er eben aufstehen will, der eine der beiden verbummelten Studenten zu ihm. »Wissen Se, wo das eigentlich her is?« sagt es mit einer ganz hohen und dünnen Fistelstimme. »Irgendeine alte Posse?«
»Nee«, meint Emil, »des kann ich Ihnen auch nicht sagen. Des hat nur meine Mutter immer jesungen.«
»Du, Spitzmaus«, brummt der andere, und seine Stimme war so tief unter dem Meeresspiegel menschlicher Stimmen, wie jene über ihm schwebte, »heute gehn wir aber nicht in de akademische Lesehalle mehr und spielen keine Partie Schach mehr.«
»Sie haben aber 'n komischen Namen«, sagt der Kolporteur. (Wenn die Leute mit ihm zu reden anfangen, warum soll er denn da den Mund halten?) »Hieß Ihr Herr Vater und Erzeuger auch Spitzmaus?«
»Recht haste, Laubfrosch, wozu sollen wir den angebrochenen Vormittag mit geistiger Arbeit vergeuden!« piepst der Dünne und grient still vor sich hin mit seinen zwinkernden Äugelchen. »Der Laubfrosch hat nämlich 'ne Schallblase«, sagt die Spitzmaus und zeigt auf den breiten Blähhals seines bierfreudigen langjährigen Kommilitonen. Denn sie waren beide zur gleichen Zeit aus der Suevia geschaßt worden, wenn auch der eine jetzt sechsunddreißigstes Semester und der andere erst fünfunddreißigstes Semester war. Geschaßt und seitdem nie wieder auf die Beine gekommen. »Nu steht doch im großen Brehm, daß sich die Spitzmäuse von Laubfröschen nähren. Aber au, Kontrolleur: er ernährt sich geistig von mir.«
Der kleine Mann in seiner Talentwindel lehnt sich zurück und blickt den Kolporteur überlegen an. Aber er sieht nur viel älter aus. Schnaps bringt 'runter.
»Haben Sie schon mal auf einen Heukahn geschlafen, junger Mann?« fragt er leutselig und feixt vor sich hin. Denn er kennt seinen Dostojewski, und den »Raskolnikow« hat er zehnmal von Anfang bis zu Ende gelesen. Die Spitzmaus ist überhaupt 'ne sehr gebildete Haut. Im Gegensatz zu Laubfrosch, der von Hause her doof war und sein bißchen Verstand längst in Bier ertränkt hat. Und Spitzmaus hat wirklich die letzte Nacht drüben im Humboldthafen auf einem Heukahn geschlafen. Aber auf einem Heukahn schlafen, das wußte Spitzmaus nun, das liest sich zwar bei Dostojewski ganz poetisch und rührend, doch in Wahrheit ist es dumpfig und staubig und stachlig, riecht schlecht und ist zudem nicht mal weich und keineswegs, selbst in einer Juninacht keineswegs (und darauf muß man wieder einen nehmen!), durchaus nicht gerade besonders warm. Und Halme und Grannen und allerhand Schmutz und halbverendetes Ungeziefer kommen einem in Mund, Nase und Ohren dabei. Nur literarisch ist es ein Erlebnis; aber im Leben – wie so vieles! – eine Sache, die, nicht kennengelernt zu haben, einen Vorteil bedeutet.
Heute aber würde er bei Laubfrosch schlafen in der Lothringer Straße. Das heißt in der Lottumstraße. Und das heißt, wenn er es aushielte. Denn wenn Laubfrosch betrunken heimkam, so duldete er nicht, daß man das Fenster aufmachte, wenn er gebrochen hatte. Aber wenn er es aushielt, würde er heute doch lieber bei Laubfrosch schlafen als auf einem Heukahn. Gott ja, gescheite Menschen können auch ebensogut zum Teufel gehn wie dumme; und dumme ebensogut, ja meist besser es zu etwas bringen wie gescheite. Das hängt von Dingen ab, die mit dem Hirn nichts zu tun haben, sondern mit den Trieben.
Hinten, von der Passage in der Friedrichstraße her, kam jetzt so ein dumpfes, so ein dumpfes Rasseln, Klingeln, Murmeln. Blechern und hoch etwas dazwischen. Stampfen und Quietschen. Und so langsam löste es sich daraus: dadada, bumbumbum, dadada-bumbumbum – ein Militärmarsch. Welcher, war noch nicht recht herauszuhören. Auch die Wagen und Menschen drängten sich schneller und mit mehr Rhythmus aus der engen Straße hervor. Wie ein geschlagener Feind flohen sie gleichsam vor der Musik her. Und bei Kranzler und drüben bei Bauer ballten sich die sommerbunten Menschenmassen.
»Tsching, tsching, bumbum und tschingdada kommt im Triumph der Perserschah«, piepste Spitzmaus. »Gehn wir, Laubfrosch«, er weinte fast, »Lilienkron ist es! Lilienkron Ignorant! Nicht Dehmel! Flüchten wir, ehe uns der Militarismus hier überrennt.« Und Spitzmaus zog den Laubfrosch, der sich nur ungern bewegte, von der Bank auf; »rudis indigestaque moles«, piepste er. »Ovid, Ovid! Wenn du noch soviel übersetzen kannst: eine rohe und unbewegliche Masse!« Aber das machte sich nur Spitzmaus so. Denn – indigestus heißt eigentlich gar nicht unbewegt.
»Turgenjew hat gesagt«, kam es von tief unter dem Meeresspiegel des menschlichen Organs herauf, »wenn du auf einem Sofa sitzt, und du sitzt gut da, so stehe nie auf, denn du weißt nicht, ob du es noch mal so gut im Leben haben wirst.«
»Ist das ein Sofa?« quiekste Spitzmaus, und alle Falten um seinen mimmelnden Mund ... denn trotz der Fünfunddreißig war sein Zahnbestand gemach schon wie ein durchgerodeter Wald geworden, den selbst der überhängende ausgefranste Schnurrbart nicht verdecken konnte, der durch Zigarrenstummel angesengt war (wer Zigarren raucht, sengt sich nicht so leicht den Bart an; aber wer Zigarrenstummel raucht, nachdem andere die Zigarre geraucht haben, kommt verdammt leicht in Gefahr, sich den Schnurrbart zu verbrennen; besonders dann, wenn er über den Mund hängt) ... alle Falten und seine angerötete spitze Nase liefen zu einem konzentrischen Grinsen auseinander, als wäre sein Gesicht ein Tümpel, in den ein Junge einen Stein geworfen hätte. »Auf dieser Bank von Holz hat schon der große Kurfürst der Liebe gepflegt. Ich schätze solche historischen Reminiszenzen nicht!«
Rosenemil horchte erstaunt auf – der Mann wäre für seinen Beruf zu brauchen gewesen. Mit der Schnauze kam er nicht mal mit. Aber Rosenemil übersah das eine, daß Spitzmaus überhaupt zu keinem Beruf mehr zu brauchen war.
Und als Spitzmaus den schweren Laubfrosch ohne Hebebaum von der Bank hochbekommen hatte und die beiden Packen ungelesener Bibliotheksbücher unter den Flügeln ihrer Havelocks verschwunden waren (wie ein Mensch das aushält bei der Hitze!), wandte er sich noch mal an Rosenemil. »Junger Mann«, piepste er, »Zukunft des deutschen Landes, Sie haben mir ein Liedchen gelehrt.« Und seine verglasten Augen schwammen über den Kolporteur da unter ihm auf der Bank fort. Denn er liebte es nicht sehr, Leute anzusehen. Und außerdem wäre doch sein Blick etwas unsicher gewesen, weil er sich des Morgens hatte aufwärmen müssen. »Nu, junger Mann, will ich Ihnen eins lehren, ein für Sie sehr, sehr beherzigenswertes und von mir in grünen Jahren sehr beherzigtes Liedchen.«
Und Spitzmaus fistulierte mit seiner dünnen Glasschneiderstimme:
»Unter'n Linden, unter'n Linden
Gehn spazier'n die Mägdelein,
Wenn de Lust hast anzubinden.
Denn spazierste hinterdrein ...
Biste an'n Pariser Platz,
Is se sicher schon dein Schatz.«
Nur die Gesten machte er nicht dazu wie ein italienischer Straßensänger, denn was brauchte die ganze Welt zu sehen, daß er kein Jackett unter dem Havelock hatte.
»Dein Schatz, dein Schatz, dein Schatz«, piepste er immer noch, als er von Laubfrosch schon ein ganzes Stück weggezogen war und die Musik, wie eine alle andern Geräusche der Straße vor sich wegfegende und zudeckende Sturzwelle, drüben zwischen Bauer und Kranzler hervorquoll zwischen den beiden Menschenwällen, die sich da aufgetürmt hatten. Alles war in Erregung, elektrisiert durch »diddadada tamtamtam, didadada tamtamtam, rrre rrrembemrrr emmbemmbemm«. Nur die beiden Paare von Pennbrüdern auf der Bank, bei der Alten mit dem Rock aus dem Türkenschal, wachten nicht auf. Sie wechselten nur etwas die Lagen. Vielleicht dachten die vier Dioskuren, daß der andere doch selbst für eine Penne ungebührlich schnarche.
Zuerst tänzelte ein berittener Blauer auf einem pirouettierenden Braunen vorne weg. Dann kam eine ganze Horde von Mitläufern, die schon seit der Belle-Alliance-Straße mitgelaufen waren und deren Scharen sich in Reihen formiert hatten: jeder neue sprang in das Glied und in Tritt ein, sowie er sich vom Bürgersteig gelöst hatte. Und dann kam erst die Musik und die Triangeln, die Posaunen, die Trompeten, die Querhölzer und die Trommeln, die ganze Kollektion jener Tamtam-Instrumente. Und der Tambourmajor mit seinem Stock stelzte wie ein Kronenreiher vorne weg. Der Tambourmajor stelzte mit seinem bepuschelten Stock, den er nur wenig höher in die Luft warf als die Soldaten hinter ihm die Beine in den weißen Leinenhosen. Denn die warfen sie ungefähr, wenn auch nicht ganz so hoch wie die weißen, flatternden Roßschweife auf ihren Paradehelmen mit den blanken Schuppenketten.
Rosenemil sprang auf. Und wenn er noch so müde und verstimmt war, dem konnte er nicht widerstehen. Schon mit acht Jahren damals hatte ihn die Mutter verdroschen, wenn er weggelaufen war, weil er sehen wollte, wie die Wache aufgezogen wurde, und sie sich dann ängstigte, wenn er zum Essen nicht nach Hause kam.
Im Moment war sein Hunger weg. Seine Mißstimmung. Alles. Mindestens ein Jahr war er mit der Wache nicht mehr mitgelaufen. Und er drängte sich durch die Menschen an den Straßenrand, und obwohl der Schutzmann ihn aufhalten wollte, der da stand, um das Militär vor den Belästigungen durch den Plebs zu beschützen – aber wenn man ihm den bunten Rock anzieht, dann heißt der Plebs Stütze von Staat, Thron und Altar –, wutschte es doch da in den Troß, der, mitpfeifend und Beine schmeißend, im Takt der Zirkuspferde vorantrabte. Die Wolliner Straße hatte ihre ganzen vierten Höfe ausgespien und ihnen alles noch nachgeschmissen, was sie an Ballonmützen und Halstüchern und Vorhemden besaß, in denen zwar Kragenknöpfchen, aber auf denen keine Kragen saßen. Einer hatte sogar grünsamtene Morgenschuhe. Ihn mußte die Wache überrascht haben, wie er ging und stand. Wie einen Pompejaner ein Vesuvausbruch. Es war sicher kein Gardematerial, das da mitrannte. Halbwüchsige Jungens, die aus der Fürsorge entlaufen waren, Schulkinder, die die letzte Stunde geschwänzt hatten. Einer sogar, der lahmte und wie eine Wippe machte beim Gehen. Kesse Luden, die Schirmmütze über dem linken Auge und die Haarlocke in die Stirn gedreht. Wirklich, der bessere Teil der Berliner Bevölkerung schien sich nicht daran zu beteiligen. Alle aber schmissen sie die Beine und sahen stier geradeaus. Nicht einer rechts oder links.
Und so sehr auch der Kolporteur, denn er war ja bis vor acht Jahren hundertemal so mit der aufziehenden Wache mitgelaufen; später, wo er ordentlich war, hatte er es dann bleiben lassen, aber in den letzten Jahren, wenn er so vom Treppenlaufen müde war und auf 'ne Bank saß oder 'nen Frühschoppen – aber des kam selten vor! – nahm und die Wache gerade vorbeikam, hatte er doch nicht widerstehen können und war mitgezogen. Mal vom Belle-Alliance-Platz und mal von der Maikäferkaserne. Oder vom zweiten Garderegiment. Wer dran war.
Und das hatte ihm Spaß gemacht und frischte ihn immer auf. Vor allem die Märsche mitzupfeifen. Er kannte jeden Ton besser wie 'n alter Kavalleriegaul. Aber vielleicht, daß der Musikgeneral, der Oberaugust von de Füsiliere, sein Handwerk nicht recht verstand, denn es brachte ihm heute keinen rechten Schwung in die Knochen. Vielleicht, daß da gerade besonders übles Gesindel mittobte und er sich unbewußt klar wurde, wieweit der Abstand zwischen dem vornehmen Patentfatzken da mit den grauen Judenhelm oder jener Dame mit der himmelblauen Federboa war, die da zu dem mahagonibraunen Mann in die Equipage gestiegen war, und dem miesen Gesocks hier (wie er sich sagte), das da die Vorhut des Militarismus bildete – genug, grade vor dem Ollen Fritz da oben, der von seinem Sockel aus zu Pferd griesgrämig und verknurrt und ehern diese Parade abnahm, grade da haute er wieder ab ... Grade davor sprang er wieder aus der Reihe heraus aufs Trottoir herüber. Obwohl ihm der Blaue nachschnauzte: »Aus der Reihe tanzen jibt's hier nich!« Kaum zweihundert Schritt hatte er übern Asphalt mitgestampft. Mochten die da nachher ihre Jriffe vor der Hauptwache zum millionstenmal klopfen, »Jeweeehr app« schreien und ihre blöden Meldungen »melde jehorsamst« sich gegenseitig ins Gesicht brüllen. Wat jeht mir des an, das Affentheater! Dadavon krieg' ick doch keen warmen Löffelstiel in'n Bauch.
Und langsam ließ der Kolporteur, so auch die Mitläufer des Militarismus – denn rechts und links schob sich noch eine bunte Masse die Bürgersteige und den Mittelweg entlang –, nicht die Vorhut aus der Wolliner Straße, sondern die besseren Mitläufer des Militarismus, an sich vorüber; guckte noch mal zum historischen Eckfenster hinauf, an den mit dem grauen Bart erinnerte er sich zwar nicht, aber an »ausfüüührlicher Prooojram der Beisetzung Seiner Majestäät Kaiser Willem des Ersten«, und stand plötzlich vor dem weißen Marmordenkmal seiner alten Frau, die da mit einem Spitzenschleier, lang hingelehnt, in einem sehr absonderlichen Stuhl saß, wie (aber das sagte sich Rosenemil nicht) weiland Agrippina, die Mutter Neros, weiß wie Kandiszucker gegen eine dunkle Wand von Taxusbüschen.
Ja, aber was soll man eigentlich nun machen? dachte er so und sah vor sich, von der alten Augusta fort, die er gesehen und doch nicht gesehen eigentlich hatte, auf das grüne Tuch des Rasens und auf die Kette von Monatsröschen, die gerade hier an dem niedern Eisenzäunchen ihre roten Köpfchen hochstreckten. Jott, wie hübsch die doch waren, dachte er, des is ja doch 'n janz neues Kardinalrot. Des kenne ich noch janich bei die Sorte. Wie des leuchtet, wie'n Kuß im Dunkeln!
Denn das eine war merkwürdig: Der Kolporteur hatte von früh an geradezu eine närrische Vorliebe für Blumen. Wie oft war er von Muttern verkeilt worden, wenn er wieder welche von de Anlagen geklaut und unter die Jacke zu Muttern nach Hause gebracht hatte. Er konnte einfach an keinem Blumenladen vorbei. Und besonders im Winter, wenn's draußen kalt war und die Scheiben beschlagen, ja stückweise sogar gefroren waren, suchte er so lange, bis er ein kleines Guckloch fand, um da hineinzustarren; und jede neue Rose, die aufkam, jede neue kupferrote Chrysantheme im November beim Blumenschmidt freute ihn unbändig. Er hatte auch mal Gärtner werden wollen. Na ja, und jetzt war er sogar was Besseres und Gebildeteres geworden.
Also der Blaue da drüben, der mußte ja nach drüben nach der Wache kieken, der wird sich auch nicht gleich umdrehen, sagte sich der Kolporteur und bückte sich schnell und scheinbar absichtslos herab. Fünf Finger und een Jriff. Das kannte er von früher. Knipste mit den Nägeln ein Zweigchen mit drei Rosendolden ab, schob sie in die Seitentasche und zupfte erst da ein Röschen ab, um es so ganz beiläufig und unauffällig ins Knopfloch sich zu stecken. Klein und leuchtend wie eine Rosette der Ehrenlegion.
Plötzlich wurde ihm ganz heiß auf der Stirn, und es war ihm, als ob ihm da unter dem verbogenen Rand seines Strohhuts hundert Nadelspitzen aus der Haut schlugen, und das grüne Gefühl um den Magen war wieder da, stärker als vorher. Jott noch mal, sagte es in ihm, du hast doch beide Hände frei! Du hast doch 'ne Tasche heute jehabt, Emil! Eine schwarze Wachstuchtasche mit zweiundzwanzig »Verstoßene Jräfinnen« und ein Kilo Gesundheitstee! Auf de Bank haste se noch gehabt, Emil! Wo is denn die Tasche mit eenmal hin? Des is jut! Da muß ick mindestens vier Mark de Leute ersetzen. Zweiundzwanzig »Verstoßene Jräfinnen«! Mir rechnen se det Heft mit fuffzehn Pfennje. Det macht ... macht: drei Mark dreißig. Dem armen Mann fliegt auch noch – innerlich weinte er, und es fehlte wenig, daß er es auch sichtbar tat – ooch noch die eene Taube weg.
Und schon rannte er wieder los, zurück, aber dieses Mal rannte er wirklich. Und der Blaue, der sich wieder umgedreht hatte, blickte ihm stumpf und mißtrauisch nach: Der Bruder da mußte doch was ausgefressen haben! Aber da sich niemand um den Mann kümmerte, ihm nachsetzte oder rief, haltet den Dieb, jing ihn ja die Sache jarnichts an; erst, wenn eene Belästijung des Publikums dadurch stattfindet, hatte er einzujreifen.
»Un die Mappe«, japste Rosenemil beim Dauerlauf. Jetzt war ihm kalt, und er bibberte beinahe, »die Mappe, die scheene Wachstuchmappe.« (Also das war übertrieben; sie war nie schön gewesen, und jetzt war sie schon zehnmal in den Nähten und auch so gerissen und mühselig von Frau Radowski – denn sie sorgte mütterlich für ihre Schlafburschen – wieder zusammengeflickt worden.)
Die mußte ja da noch liegen, beruhigte sich der Kolporteur, reg dir man wieder ab, Emil. Wer soll mir armet Luder noch wat klau'n? Und wat soll denn eener damit anfangen? Wat kann denn in Jottes Namen eener mit zweiundzwanzig »Verstoßene Jräfinnen« anfangen? Und mit dem Tee? Da is er doch morgen 'ne Leiche mit ... Nee, nee, det rührt keener an.
Aber auf seiner Bank saßen schon andre. Die Wache, die aufgezogen wurde, wie der Berliner sagt, hatte eine große Umwälzung vollbracht, wie eine zweite Abendvorstellung im Kintopp. Es waren alles fremde Gesichter geworden. Wirklich, sogar Fremde, Provinzler und so, die hier Unter den Linden die Wache aufziehen sehen mußten. Denn das gehörte ebenso wie die Bauernschenke in der Jägerstraße mit dem »Groben Gottlieb« und das Zeughaus – ins Museum brauchte man nicht zu gehen, da sind nur Bilder und so – zum Programm.
»Ach verzeihen Sie«, sagte der Kolporteur, und innerlich weinte er wieder; des war ja eine schöne Bescherung! »Verzeihn Se, haben Sie vielleicht 'ne schwarze Wachstuchtasche jefunden? Ich habe sie hier liegenlassen, se hat nur für mich Wert. Es ist mein Handwerkszeug.«
»Wat sollen wir jefunden haben?« sagten zugleich die beiden aus Kottbus. »Wat, Ihr Handwerkszeug?« Und sie waren nicht nur unfreundlich, sondern wie jeder, dem man zumutet, er könnte etwas gefunden haben, tief beleidigt. »Sehen Sie doch selbst nach! Hier liegt nischt, und es lag auch nichts da, wie wir gekommen sind … Sehn Se doch selbst nach«, sagte die Frau – mit einer karierten Bluse, die wie ein Taubenkropf an ihr herabhing, und mit einer steif gestärkten Spitzenrüsche darüber – mit ganz spitzem Mund.
»Nee, junger Freund«, sagte ein anderer, der wohl sah, wie nah es dem abgehetzten Kolporteur ging, »nee, hier hat wirklich nischt gelegen.«
Ach Gott, dachte der – er war ganz verdattert –, vielleicht haben das doch die beiden Mädchen da mitgenommen … aber es kann ihnen doch nichts nützen! Doch hierin befand sich der Kolporteur in einem schweren Irrtum. Denn wenn er in der nächsten Woche nach der Schwerinstraße gekommen wäre, so hätte er sehen können – aber er kam gar nicht in diese Gegend, eher erging er sich auf dem anderen Pol der Weltkugel Berlin –, daß Haus bei Haus die Mädchen nachmittags, denn früher standen sie kaum auf, in Nachtjacken und blauen Filzschloppen bei den Wirtinnen in den Küchen saßen und mit echtem Rot auf den abgeschminkten Backen und warmen Gefühlen in den verlogenen Augen ihre unfrisierten Köpfe in die Packpapierseiten der »Verstoßenen Gräfin« hinabsenkten. Denn das erste graue Heft war ja besonders dick und sehr spannend. Ja, drei von diesen vierzig, die es lasen – denn es lasen da, wo die Mädchen zusammen wohnten, ja auch zwei auf einmal –, bestellten sogar aus eigenem Antrieb bei Schultzes Großbuchhandlung die Fortsetzung, was, solange Schultze bestand, noch nie passiert war.
Dann muß man eben auf die Polizei jehn, den Verlust anmelden, oder aufs Fundbüro ... Aber innerlich wußte er schon, daß das nur eine überflüssige Lauferei und Schreiberei wäre. Doch er ahnte innerlich durchaus noch nicht, daß er eigentlich nicht mehr in die Verlegenheit kommen würde, die Wachstuchmappe je wieder zu brauchen.
Na, wat nu? sagte sich der Kolporteur. Wenn ich nu hier rumstehe, dadavon krieg' ick ja meine Mappe doch nich wieder ... Ärjerlich is ja so was doch, und ihm war jämmerlich flau um den Magen wieder, als er herüber nach der Friedrichstraße ging. Wenn ick nu sage, daß ick de Tasche verloren habe, des jlauben die mir ja doch nich, die Schultzes, des sind zu raffinierte Kröten, die Jungs, die denken da alle immer, jeder is ebenso ausjekocht, wie sie sind!
Er stand schon eine ganze Weile vor dem Laden, ohne zu sehen, was da drin eigentlich war. Nur sich selbst sah er und seine Rose, die sich da in der blanken Spiegelscheibe da spiegelte. Richtig: »Versuchen Sie Ihr Glück« stand über den Lotterielosen dort, die an die Scheibe mit Mundoblate gepappt waren – konzessionierte Pferdelotterie, Hauptgewinn eine Equipage und zwei ungarische Jucker oder zehntausend Mark in bar ... Na, die werde ich mir denn auszahlen lassen. Ob se hier die »weißen Elefanten« ohne Mundstück haben? Aber in sone feine Jejend werden se die janich führen. Da rauchen se nur Queen, wie der mit den grauen Judenhelm. In de Stallschreiberstraße is 'n Laden, da habe ick sogar fünfundzwanzig zu fuffzehn jesehn. Ick wer' mir doch lieber an de Ecke bei »Loeser und Wolff« eine »Mühle mittel« kaufen, da hat man vor sechs Pfennige mehr, als wenn man da zehn Stück nacheinander 'runterraucht. Wenn een' ein bißken um den Magen is, denn is aber ein Glimmstengel doch besser. Eine Zigarre macht satt, und von des Endeken Papier, da is man nachher nur noch hungriger als vorher. Und an 'ne Zigarre hat man auch länger.
Merkwürdig, wie der Kolporteur aus dem Eckladen kam und wie er auf die Linden hinaustrat, mit der Linken sein blaues Jackett abklopfte und mit der Rechten mit abgespreiztem kleinem Finger die Zigarre an den Mund hielt, sehr langsam und behaglich an seiner Zigarre saugend – man sah ihm an, daß er möglichst lange damit haushalten wollte –, sahen ihm die lange Friedrichstraße mit den Ketten von schweren, dichtbesetzten Omnibussen, vor denen die Gäule in den Sielen lagen (jeder selbst ein kleiner Omnibus schwer), mit den Kutschern in ihren Pelerinen – wozu eigentlich jetzt: Man konnte einen Bären braten! –, die noch in einem Vorbau am Wagen wie in einem Erker saßen oder die ganz da oben, noch höher als die beiden Reihen von Fahrgästen, auf dem Verdeck thronten, neben ihren wippenden Peitschen mit der langen Schnur, die nie anders als zum Knallen zu brauchen ihr Stolz war ... sahen ihm also Friedrichstraße und Linden mit Menschenreihen und Wagenreihen und Baumreihen, mit dem Tor da weit hinten und dem Alten Fritz da in der Mitte drüben, mit dem Zeughaus und der Oper, die sich in die weiten Plätze da vorschoben, doch schon ganz anders wieder aus. Denn solch eine Zigarre ist ein Narkotikum, das nicht nur dem Menschen, auch den Dingen und Sorgen ihre Schwere nimmt und einem es erleichtert, die Sorgen wegzudenken. Und was man wegdenkt, ist nicht vorhanden.
Und wenn es auch keine Havanna nach dem Diner bei Dressel dahinten war, sondern nur ein ziemlich dürftiges Kraut, das grade so als Alltagszigarre noch hinging, so ersetzte sie doch dem Exkolporteur beinahe das Diner bei Dressel und ließ ihn außerdem eine tiefe Ungesichertheit, seine Aussichtslosigkeit und seine Sorgen um Schlafgeld und um die Mappe vergessen und all seine hundertmal aufgebürstete Kümmerlichkeit.
Denn eigentlich war er ja doch ... er sah sich wieder in einer Spiegelscheibe, zart hingewischt über große gelbe Lederkoffer mit Messingschlössern, die zu babylonischen Türmen aufeinandergetürmt waren, sah sich zwischen roten, grünen und lackschwarzen Ledertaschen mit breiten Silberbügeln, und das Röschen im Knopfloch lachte ihn an ... denn endlich und eigentlich war er doch 'n janz hübscher Kerl. Figur hatte er. Und jesund war er auch. Und das Leben rollte in ihm. Und Leben an sich, wenn es so richtig in einem rollt und pocht, ist ja doch eine hübsche Sache in sich. Ob es da einem gut oder schlecht geht, selbst wenn man ein bißchen mal hungert, ist gar nicht so wichtig, solange man eben gesund und jung ist. Wenn man aber nicht mehr jung und nicht mehr gesund ist, dann is wieder auch nicht mal so wichtig, ob es einem gut geht oder ob man satt ist. Es ist im besten Fall nicht mehr als eine »Mühle mittel« für sechs Pfennige das Stück: ein kleines Narkotikum für 'ne halbe Stunde. Und man kann nachher nicht mal eine andere anstecken, denn man kriegt das Kraut verflucht schnell über. Ja, und daß Emil Lehmann seine Wachstuchtasche losgeworden war, war ihm eigentlich nicht unangenehm mehr. Er hatte sie immer schleppen müssen, er konnte sich gar nicht mehr ohne den ollen Klumpen unterm Arm denken, er hatte sich zwar dran gewöhnt, aber sie hinderte doch. Und nu hatte er plötzlich beide Arme frei, da ging sich's viel leichter, man taktierte so gut dabei. Einen Stock hätte er haben müssen, so'n richtiges braunes Rohr mit 'n Elfenbeinknopf, wie der Patentfatzke mit 'n Judenhelm in dem Schwalbenschwanz da vorhin unter den Arm geklemmt hatte, des war natürlich noch vornehmer jewesen!
Was blieb ihm denn übrig? Nun würde er so peu à peu zu seiner Schlafmutter, die Radowskin, jehn und ihr ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht vorpeesen – und wenn sie ihn 'rausschmisse? Nu schön: dann würde er eben im Humboldthain auf einer Banke pennen. Da schlafen noch mehr. Und das übelste is es da auch nich. Oder irgendwo draußen, wo sie neue Straßen machen, in de Kanalisationsröhre. Das is nicht das schlechteste. Da stören sie einen nich. Oder auf 'n Heukahn, wie die Spitzmaus – ein wirklich und wahrhaftig ungemein ulkiger Mann: den jeht der Mund wie'n Entenstietz – im Humboldthafen sich zur Ruhe betten. Aber des hat Emil Lehmann doch noch janich nötig. Er würde dann eben in de Palme jehn.
Und die Radowski – die is ja auch janich so. Denn wer' ich ihr, damit se meinen juten Willen sieht, zwei Mark jeben. Denn behalte ick immer noch – er kramte seinen Geldbeutel aus der Tasche im Gehen – eensachtunddreißig, un dafür kann man drei Tage janz jut in de Volksküche jehn.
Aber wirklich ein schöner Tag heute. Sonst wäre er noch Kunden anwerben gegangen. Sonnabend nachmittag is manchmal nich schlecht. Da haben die Männer die Löhnung nach Hause gebracht – wenn se se nich versoffen haben! –, und da leistet sich sone Frau eher 'ne »Verstoßene Jräfin«. Aber er hatte ja nich mal eine einzije mehr, um sie vorzuweisen. Geschweige denn, sie auf Probe dazulassen. Ach wat, futsch is futsch und hin is hin.
Was da oben für nette Federwölkchen sind über 'n Zeughaus. Lauter so kleine weiße Federchen ... Grade wie die Boa bei der eleganten Dame da vorhin. Nur, daß die blau war und ihr Hals weiß. Und da ist der Himmel blau, und die Federn sind weiß ... Ja, ja, ich werde der Radowski zuerst die Geschichte mit der Mappe vorerzählen. Ich glaube, das ist das beste. Wenn ick ihr das rührend, wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht, ausmale – so was zieht bei den Frauen immer ...
Wie nett das so alles ist, wenn man sich das so in Ruhe ankiekt – mit den Rossebändigern da oben auf dem Dach ... Wie sind die Pferde da heraufgekommen? Schade, daß man so selten die Zeit für so was hat, sagte er sich und strich seine Zigarrenasche am Geländer ab und verfolgte, wie sie ins Wasser fiel und dort mit einem kleinen Klick versank. Vorm Schloßbrunnen blieb er wieder stehen, der Kolporteur, und guckte sich das interessiert an, wie das Wasser ... wie das Wasser rauschte und durcheinanderspritzte und in dem Becken aufplanschte, daß es kleine Privatregenbogen gab, und wie die Bronzejungs da in dem Strudel, so glitschig und naß wie die Kaulquappen, die Felsblöcke herunterrutschten. Das heißt, sie taten nur so. Eigentlich kamen sie ja nicht von der Stelle. Und die vier großen Frauenzimmer, die da so auf dem Brunnenrand saßen, hatten schöne lange Beine, wie die Heuschrecken ... wenn auch nicht so dünn ... Nee, also einfach zum Reinkneifen ... Des war mindestens vier Wochen her, damals im Humboldthain. Und das war eijentlich auch nischt jewesen. Er war janich ein zweites Mal hinjejangen. Vielleicht wartet se noch da am Querweg seit den Donnerstag um halb zehne uff ihn. Ja, wat sollte ein junger Mann da tun? Un die Radowski, die würde einen schön 'raussetzen, wenn er da plötzlich mit eene angezogen käme ... Und des Abends is er auch immer müde von't Laufen, den janzen Tag. Und zu so eene jeht er nich jerne. Außerdem kostet des Jeld. Und des hat man nicht.
Dem ollen Kurfürsten saß ein Spatz uff 'n Kopp, aber das störte ihm nicht; keine Miene verzog er in seinem starken und herrischen Gesicht unter der Allongeperücke.
Ja, nun war det Nette wieder vorbei. Wie die blauen Rauchwölkchen verflogen. Aufgeraucht wie die »Mühle mittel«, die nun wie ein armseliges Stummelchen zwischen seinen Lippen hing und, wie so billige Zigarren dann oft, schiefgebrannt kohlte und braune Nikotintröpfchen schwitzte, die auf der Zunge und den Lippen bissen.
Das ganze Leben mit seiner Armseligkeit quirlte hier wieder durcheinander in der Poststraße. Hausdiener mit ihren Schiebkarren und mit Türmen und Pyramiden aus Kartons und Stoffballen, die trotz der Stricke, mit denen sie umwunden waren, bedenklich schwankten ... Hausdiener mit angespannten Muskeln und geblähten Hälsen, in denen die blauen Adern jeden Augenblick vor Anstrengung zu platzen drohten ... die ihre Schiebkarren durch das Gewühl von Rollwagen, Geschäftsrädern und Droschken mühselig weiterpreßten. Und dazu auf dem schmalen Steig all die vielen Leute, die sich stießen, um weiterzukommen ... Der Geruch, der aus jedem Keller und jedem Laden ein anderer war. Die tausend Dinge in den Schaufenstern, die laut schrien, man solle sie kaufen, denn sie wären billig, billig, billig! Hemden und Anzüge und Wringmaschinen und Federhalter. Aluminiumgeschirr und Schlipse und Hüte mit Straußenfedern und Rosensträußen, groß wie Wagenräder. Und Gesundheitskorsetts und Briefmarken ... Kaufe ganze Sammlungen (wenn er seine Markensammlung noch hätte!) und Schlafzimmereinrichtungen schon von vierhundertneunundneunzig Mark an ... sogar mit 'nem geschnitzten Schrank und »Rösickes geräuschlosen Patentmatratzen«. Und links um die Ecke der Musikautomat dazu aus der Kaschemme ... »Zehn Pfennig de Molle.« Aber so'n Schlafzimmer und so'n Bett, des wär' schon was! Für 'n Menschen, der Jeld hat, ist det janich ville! Vierhundertneunundneunzig Mark! Det is noch nich mal een halber brauner Lappen.
Vielleicht, daß der Kolporteur, wie das so kommt, wenn man etwas durcheinander ist, das letzte halblaut vor sich hin gesprochen hatte. Vielleicht sogar, daß das Mädchen auch, das neben ihm stand, seine Gedanken erraten hatte, denn sie hatte, ebenso wie er, mit sehnsüchtigen Blicken das zweischläfrige Bett mit »Rösickes geräuschloser Patentmatratze« gestreichelt. Ihr wenigstens schien es der Inbegriff von allem Luxus samt dem kleinen, niedrigen Nachttisch mit der Messinglampe darauf, die sie noch eigens bewundert hatte, weil daran stand, daß die Nachttischlampe Originalentwurf des Professors Edgar Eduard Schultze wäre. (Was aber nicht daran stand, war, daß sie deshalb umfiel, sowie man sie zu berühren wagte, ja eigentlich schon, sobald man sie nur schief ansah, aus dem Gleichgewicht kam; oder wenn man die Schranktür öffnete. Und daß sie außerdem, wie ein Zitterroche, elektrische Schläge austeilte, wenn man etwa wagte, sie an- oder auszuknipsen.) Ja, und erst das veilchenblaue Waschgeschirr da auf dem niedrigen Waschtisch mit dem Glasverschlag um sich, das war gleichfalls dem Schöpfergeist des Professors Edgar Eduard Schultze entsprungen. Was aber nicht darauf stand, war, daß es einem wie ein Aal aus den Händen rutschte, sowie man auf den schnurrigen Einfall kam, es etwa nicht als Zierat zu betrachten, sondern es dazu zu benutzen, damit Wasser einzugießen. Aber – es war jedenfalls sehr vornehm!
Das junge Mädchen – das heißt, sie war dreiundzwanzig: das ist jung, wenn man fünfzig ist, und alt, wenn man siebzehn ist – hatte schon manchmal so etwas Ähnliches gesehen. Denn sie war in den letzten Jahren viel herumgekommen und kannte die Einrichtungen der Schlafzimmer von Leuten der verschiedensten gesellschaftlichen Schichten – von knarrenden Kienbettstellen in kahlen Buden bis zu solchen, die ganz allein und frei auf schwarzen Tapeten wie große Sarkophage in Erbbegräbnissen standen und außerdem noch von feierlichen Kandelabern flankiert waren. Aber daß der Traum, daß sie selbst einmal so etwas haben und ihr eigen nennen würde, je Wirklichkeit werden könnte, war ihr doch mehr als ungewiß.
Gebrauchen hätte sie es können. Und berufliche Vorteile hätte sie schon davon gehabt ... aber selbst wenn auch daran stand in großen Lettern quer über die ganze Spiegelscheibe weg: »Auf Wunsch in Monatsraten« – was nutzte das? Nachher, wenn man nicht zahlte, kamen sie doch und holten es wieder ab. Und vierhundertneunundneunzig is doch ne Masse, wenn man auch einiges gespart hat. Da ist Braunfisch preiswerter! Und außerdem kosteten die Lampe und die Gardinen und das Waschservice extra. Das is nicht mit inbegriffen. Und wenn das noch von'n Professor is, schon janich. Nee, beinahe fünf blaue Lappen waren 'ne Stange Jold. Und so faßte die junge Dame ihre ganze Erkenntnis in janze drei Worte zusammen, die sie halblaut, aber nur für den Nachbar vernehmbar, vor sich hin sprach: »Scheen, aber teuer!«
»Ja«, sagte der Kolporteur, und ihn verließ ganz seine Rednergabe, »da mögen Sie ja recht haben, Frollein; billig is' nich!«
Aber danach dachte er wieder, daß er das letzte eigentlich nicht hätte sagen sollen, denn wer so'n russengrünes Tuchkostüm anhat, mit 'n Faltenrock mit Krimmerborde, und so'n Hut mit 'ne kleene ametystblaue Pleureuse, für die is des vielleicht noch jarnich sone unerschwingliche Menge Jeld. Und daß die junge Dame so mit ihm sich in ein Gespräch einließ, war doch eijentlich nett von ihr und jarnich stolz. Na ja, 'ne richtige Dame war es ja nich, wie die vorhin mit de blaue Schwanenboa. Vielleicht 'ne bessere Haustochter oder 'ne Buchhalterin, die Ferien machte. Und selbst wenn se Bekanntschaften sucht, denn jeht se doch mehr aufs Äußere. Und so besonders machte er sich doch wirklich nicht mit seinem abgeschabten Cheviotanzug, der ganz blank war, und seinem verbogenen Strohhut und seinen gelben Schuhen, bei denen immer wieder die dunklen Streifen durchkamen. So eine hat für so was einen Blick. Die spricht keinen an, der aussieht wie er. Geld konnte sie bei ihm wirklich nicht vermuten. Hübsch, sehr hübsch, wunderhübsch war sie schon, und se lachte so nett in de Augen und in de Mundwinkel. Groß war se und schlank und hatte dabei einen kleinen, runden Kopp und 'ne ganz hohe Stirn und braune Augen, die in sehr viel ganz bläulichem Weiß schwammen ... Sone Backen zum Streicheln ... und Nasenflügel, die immer zitterten, so als ob sie sich heimlich über einen lustig machten ... 'ne Masse Haare! 'ne Unmasse! Leicht bronzefarben und goldig durchspielt. (Nicht das Mädchen mit dem Goldhelm, sondern eine mit dem Bronzehelm von Capua).
Der Kolporteur war jetzt trotz hoher Bildung und Rednergabe (denn endlich suchte die Großbuchhandlung stets Herren mit Bildung und Rednergabe!) ziemlich unglücklich, denn er liebte es, bei Frauen Eindruck zu schinden und nicht heruntergekommen auszusehen. Wenn man das einmal war, war da nichts mehr zu machen. Und die Rose in der Rockklappe alleine riß ihn wirklich nicht 'raus ... Das war ihm in diesem Augenblick zerschmetternd deutlich. Wie sah er denn neben so'n feines Mädchen aus!
Ja, das haben eben Frauen vor Männern voraus: Eine Frau hätte sofort erkannt, daß das noch ein Kostüm von 1901 war und daß es mühselig und von nicht geschickter Hand modernisiert war. Daß die Nähte hell geworden waren und der weiße Krimmer grau und abgescheuert war. Und daß unten, um es zu verlängern, ein Streifen angesetzt war von ähnlichem Stoff. Und daß das Ganze bei der Änderung verschnitten war und keineswegs tadellos im Rücken saß ... und unmöglich gewesen wäre, wenn nicht darunter solch eine herrliche Figur gesessen hätte. Solch ein ungewöhnliches, großes und wohlgebautes und schlankgliederiges Wesen, das noch in einer alten, geflickten Küchenschürze wie eine Quellnymphe von Goujon aussah. Und eine Frau hätte auch gleich gesehen, daß die Pleureuse keine richtige war, sondern eine geklebte und aus allerhand ungleichen Abfällen bei der Fabrikation um einen Gänsekiel zusammengeleimt war und nicht den wahren Fall und edlen Schwung hatte. Aber ein Mann sieht so was nicht. Für den ist eine Pleureuse 'ne Pleureuse.
Was aber selbst eine Frau nicht gesehen, gleich gesehen hätte, war, daß das Kleid aus der Pfandkammer in der Kommandantenstraße alt gekauft war und daß die Polenliese es sich ganz alleine auf der Maschine der Wirtin geändert hatte. Es hatte in seinem Vorleben mal einer Choristin aus dem Wintergarten gehört und viele Kavaliere gesehen und viele Sektflecken bekommen. Aber die ersten waren längst verweht, und die andern hatte die Polenliese mit Spektrol ganz gut herausgebracht, soweit sie nicht wieder hervorkamen. Nebenbei war es ihr Staatskleid. Und sie trug es nicht für alle Tage. Oder, um bei der Wahrheit zu bleiben, für alle Abende. Es hätte ihr auch dort, wo sie umherstrich, und das war weit jenseits des Alexanderplatzes, eher geschadet denn genützt. Dann hätte sich keiner 'rangetraut.
Nein, das Russenkostüm trug sie eigentlich nur, wenn sie, und das war zweimal die Woche, tanzen ging. Und wenn sie einmal für sich spazierenging. Und darin war sie komisch: Wenn sie tanzen ging, wollte sie tanzen und keine Herrenbekanntschaften machen, tanzte auch lieber mit anderen Mädchen als mit Herren, die sie zum Schluß immer versetzte. Was brauchten die zu wissen, wer sie war und was sie war. Und wenn sie spazierenging, wollte sie mal auch spazierengehen und sich nicht ansprechen lassen. Dann war sie ganz und gar Privatperson und wollte, wie so'n Anwalt und wie solch Kaufmann oder Arzt, weder etwas von Geschäften hören oder von den Klienten sehn, noch von den Patienten sich etwas vorjammern lassen.
Eigentlich war sie nicht nur ein ungewöhnlich schöner, sondern auch ein lieber, weicher und anständiger Mensch und im Kern durchaus bürgerlich, trotzdem sie, das hatte die Großstadt so gemacht, eben das war, was sie war. Wie ja jeder Beruf und jedes Gewerbe Menschen aller Anlagen und Abschattierungen umfaßt – anständige und unanständige, gemeine, rohe und feine, edle und hinterlistige, fröhliche und traurige, schwache und starke und solche, ja am meisten solche, die weder das eine noch das andere sind, sondern nur das, was man gerade von ihnen verlangt – und in sich aufnimmt. Und es vielfach nur ein Zufall ist, welchen Beruf einer oder eine ausübt. Und sie tat eben, was sie tun mußte, um zu leben. Aber sonst war sie ein sehr netter und anständiger Mensch und eine »anima candida«, die von nichts Bösem wußte. Fröhlich, mit einem melancholischen Unterton, der wohl von der Mutter kam, die noch polnisch gesprochen hatte und der bei ihr nur so in einem leichten, melodischen Sprachklang und einem Zungen-R sich bewahrt hatte, während von der eigentlichen »langue maternelle« nicht drei Worte mehr geblieben waren. Und ehe sie sich versahen, waren sie so'n paar Schritte nebeneinanderher gegangen – eigentlich hatte keiner von ihnen gesprochen! –, und sie waren an einem andern Schaufenster stehengeblieben.
»Die Toilette da mit de Zierknöpfe und de Mittelfalte ... die mit de Glockenärmel, meine ich, sieht einfach und gediegen aus. Aber von de Stange koofe ich mir das nicht. Det is allens mit 'ne hastige Nadel jenäht – un wie soll denn des anders sein? Wat zahlt man denn die Leute ooch dafor! Aber de Hauptsache sind immer noch die Jupons«, sagte sie ernst und sachlich, wie Frauen immer sind, wenn es sich um Kleider handelt. »Ick mach' mir jetzt 'nen Unterrock aus ponceauroten Linon.«
»Wo jehn Se'n hin, Frolleinchen?« sagte der Kolporteur.
Die Dame in Russengrün spannte den kleinen grünen Sonnenschirm mit den Spitzenvolants auf, weil sie jetzt in eine Sonnenbrücke gekommen waren, die quer über die Straße sich legte, und sie blinzelte aus den Schattenmustern, die über ihr weiches Gesicht spielten, den Kolporteur lustig an.
Der Sonnenschirm hatte in Quabbes Modejournal gestanden – aber damit ging es schon gar nicht mehr, damit war noch weniger zu machen gewesen wie mit dem Gesundheitstee und der »Verstoßenen Gräfin« –, der Sonnenschirm ist eene janz besonders wichtige Erjänzung der eleganten weiblichen Erscheinung, die wirksamste Folie für die Reize des Frauenantlitzes, und seine Handhabung muß gründlich studiert werden.
Aber sie hatte das gar nicht gründlich studiert. Sie konnte so was. Es lag ihr im Blut.
»Wo jehn Se denn hin, Frollein?« sagte er kleinlaut.
»So fragt man Leute aus«, meinte die junge Dame im Russenkostüm und lachte sehr freundlich und gar nicht ungehalten. »Spazieren jeh ick. Das heißt, eigentlich habe ick nischt vor. Auf 'n Abend muß ick zu Hause sein.«
»Sie haben wohl Ferien?« sagte der Kolporteur und sah an sich herunter, ob er mit einer so gut angezogenen Dame sich auch zeigen könnte.
»Ja«, sagte die Dame. »Das heißt, ich mache blau, wenn ick will.«
»Ach Jott«, sagte der Kolporteur. »Bei der janzen Lauferei«, und er wiederholte nur einen Gedanken von vorhin, »kommt ja nichts 'raus. Am liebsten jinge ich heute ooch spazieren ... denn können wir doch gleich zusammen jehn ... bei mir ist auch jleich, wenn ick nach Hause komm. Bei mir wartet keiner.« Das war nun nicht ganz wahr, die Radowskin wartete auf ihn. Denn sie brauchte den Schlummerkies. Sie mußte auch beim Bäcker und beim Kaufmann noch bezahlen. Der pumpte wohl mal 'ne alte Kundin 'ne Woche, aber nicht länger.
»Na ja«, sagt die Dame in Russengrün und sieht unter dem Spitzenrand – es waren ja nur Annaberger, aber es sah doch bei ihr aus, als ob es echte Brüsseler wären – zu dem Kolporteur hin, warm und treuherzig und sehr freundlich. »Aber erst möchte ich was essen jehn.«
Ja, das mochte der Kolporteur auch. Gegen den Wunsch hatte er gar nichts. Nur gegen die Ausführung ...
»Na ja«, sagte er leise, er war doch sonst so redegewandt, »denn komme ich noch ein Stückchen mit. Ich bin schon nach dem Essen.«
(Du kannst ja immer noch dich englisch nachher empfehlen, Emil, dachte er.)
»Na, dann essen Se eben noch mal mit zur Jesellschaft, 'nen bißchen was mit«, sagte sie ohne jede Ziererei. Denn erstens hatte sie siebenunddreißig Mark im Pompadour: ein Goldstück und fünf Taler und ein Zweimarkstück (ohne das Kleingeld). Der Olle war gestern dagewesen, der immer davon redet, daß er sie heiraten wollte. Er hat jetzt geerbt. Von 'n Bruder aus Lübbenau, der 'ne Großhandlung in sauren Gurken hatte ... Zwei Stunden hat er von nichts anders gered't. Denn solch alter Mann bleibt zum Schluß ja doch innerlich sehr einsam und sehr arm, selbst wenn er eben einen gutgehenden Großhandel in Essiggurken geerbt hat. Drei Tassen Kaffee hat er getrunken, und denn hat er ein Goldstück auf die Kommode gelegt und is so wieder gegangen. Wirklich ein netter oller Mann, und ein lieber oller Mann ... Er konnte gewiß von ihr haben, was er wollte und wenn er es wollte ... Aber, daß se deshalb ihre janze Jugend ihm verkaufen sollte, des konnte er doch wirklich und wahrhaftig nicht von ihr verlangen. Und zweitens gefiel ihr der Mann da, der Kolporteur, ganz gut. So stille Männer hatte sie gern. Hübsche Augen hatte er, und gut gewachsen war er auch. Darauf, wie ein Mann gewachsen war, verstand sie sich ... Und gerade, daß er von ihr nichts wollte und sie von ihm nichts wollte, das war grade sehr nett. Männer, die immer gleich von ihr was wollten, gab's genug. Und vor denen hatte sie einen Horror. Und Hunger hatte er, das sah man ihm an ... Und so den janzen Nachmittag alleine 'rumrennen ... vielleicht findet man zwar einen, der mit einem zu Gumpert geht ... das wird eenen auf die Dauer auch zu langweilig.
Die Königstraße war ganz mit Menschen und Licht und Lärm gefüllt, und man wußte wirklich nicht, was es mehr von den dreien gab ... Komisch: die Leipziger und die Friedrichstraße können viel voller sein, aber sie sind nie so laut ... Die Häuser schienen ordentlich von Lärm zu schüttern, und die breiten, goldenen Firmenschilder über die ganzen verstaubten Fronten fort, über Fenster hin und Stuckpuppen auf den Dächern, zitterten ordentlich mit im Lärm hier ... Die ziegelrote Front des Rathauses war ganz in Lärm gebadet, und nur der viereckige Uhrturm hob sich überlegen in Ruhe und Bläue hinauf. Hinten jagte die Stadtbahn über den Viadukt, und da ein Zug dem andern folgte, dachte man immer wieder, es sei der gleiche. Und die Kolonnaden zauberten davor eine fremde Lieblichkeit von einst mit ihren Säulen, Putten und Bögen und Bekrönungen in die staubige, lärmende und wirbelnde Wirklichkeit von heute. Deshalb sollten sie auch wegkommen, hieß es. Weil sie den Verkehr störten.
»Hier in die Jejend«, sagt der Kolporteur, »bin ich mal vor fünf Jahren als Rechercheur in de Volkszählung jegangen, und da drüben an de Ecke, unter den Kolonnaden, habe ich mit Hampelmänner gestanden.« (O weh, das hätte ich nicht sagen sollen. Na Jott, for'n Jrafen wird sie mir ja auch nich gehalten haben. Da weiß se eben gleich, woran se is.)
Die im Russenkostüm lächelt wieder in den Augenwinkeln und machte sich um den Nasenflügel über ihn lustig ... Wenn man der die blaue Schwanenboa ummachte da, dann wäre sie mindestens so schön wie die da in de Equipage.
Aber sie lächelte nur unter dem Sonnenschirm »Na, da können wir uns vielleicht gesehen haben«, sagte sie. »Wenn ich vorbeiging«, setzte sie hinzu.
»Da drüben, wo jetzt Tietz is, war der ›Kaiser Alexander‹. Da war 'n Nußbaum auf 'n Hof. Da gab's Nüsse«, sagte der Kolporteur. »Ick kannte den Portiersjungen, daher weeß ick det.«
Unter der Stadtbahn brauste der Lärm auf wie ein Strudel. Das heißt, jeder Laut drehte sich zehnmal um sich selbst, ehe er das Freie fand, und die Stadtbahn donnerte von oben in alles noch hinein. Die Wagen ballten sich hier, die von allen Seiten kamen, und fanden nicht recht wieder auseinander. Aber dann zog nach einigen bangen Sekunden doch jeder wieder seinen eigenen Weg weiter ... Fern hinten stand gegen die Sonne die mächtige Berolina mit lichtumzogener Kontur auf ihrem Granitsockel und schien alles hier – mit weit ausladender Handbewegung und den gleichen ehernen Zügen wie ein weiblicher Verkehrsschutzmann – alles hier zu dirigieren ... Eine rote, unheimliche Backsteinburg lag drüben – das gewaltige Polizeigebäude, eine steinerne Drohung an alles, was hier durcheinanderwimmelte und aus den Kneipen um die Markthalle schlich.
Ein Mann sah das Mädchen unauffällig und scharf dabei an ... Es war ein gleichgültiger Mann mit einem Stock mit einem Elfenbeinknopf. Es war ein sehr treuherziger und unauffälliger Mann, nur mit ein wenig stechenden Augen ... Man konnte ihn für einen Provinzler halten, der eben, so erstaunt tat er, angekommen war ... Er wollte gar nicht von den Menschen beachtet werden, ihm genügte es durchaus, wenn er auf die Menschen achtete. Er nickte dem Mädchen zu und sah dem Kolporteur interessiert sogar nach. Und sie nickte ihm ebenso unauffällig zu und ging plötzlich etwas schneller ... Endlich hatte sie doch noch nie mit de Sitte was gehabt, und Baumüller war ein anständiger und gerechter Mann, und wenn eine nich grade randalierte, tat er so'n armes Mädchen ja nichts. Aber jedenfalls war dicke Luft ... Hier auf de Straße konnte sie nicht länger bleiben.
»Also kommen Se weiter«, sagte sie, plötzlich ganz außer Atem, »jehn wir zu Aschingern 'rein«, und sie klappte ihren Sonnenschirm zu und warf den Kopf zurück und marschierte mitten durch die Wagen und die Straßenbahnen vor ihm, als ob sie nicht schnell genug auf die breite Glastüre da drüben gelangen könnte, die sich ständig schwang und Menschen ausspie und einschluckte.
Wie sie aber dann saßen ... Es waren viele Spiegel da und Lärm und Biergeruch, Schenkkellner in weißen Jacken und solche hinter den metallblitzenden Theken, auf denen rot und gelb und schwarz, mit Schinken und Krabben und Pumpernickel, und grün, mit Gurkenscheiben und Heringsstückchen (wie Blumen in Beeten), die belegten Knüppelchen gehäuft waren ... Mädchen schossen herum in blau und weiß gerauteten Leinenkleidern, die ständig Teller und Gläser und Messer und Gabeln, die ihren Zweck erfüllt hatten, von den Tischen wieder absammelten, um Platz für neue Teller und neue Gäste und neue Schoppen zu schaffen. Der Ventilator schnurrte dazu. Und wer nicht saß, der stand eben, und wer nicht stand, der ging eben. Und Leute dazu, die ganze Ketten von Bockwürsten und Salzkuchen mit Hügeln von italienischem Salat und Sülzkoteletts, Tartarbeefsteaks und Salzstangen, über die Lambrequins hauchdünne Käsescheiben hingen, in sich einschlangen, und andere, die Teller voller Erbsensuppe, auf denen Speckstücke schwammen, einfach weil es ihnen physikalisch unmöglich gewesen wäre, darin unterzutauchen, auslöffelten und dann die verklebten Schnurrbärte ganz tief in die Bierseidel senkten, ehe sie sie mit den Papierservietten wieder trockenrieben.
Gewiß: man konnte ja auch bestellen ... Aber man bediente sich auch lieber selbst, denn dann sparte man das Trinkgeld. Und wer nichts mehr hatte in seinem Geldbeutel, nun, der aß eben den Brotkorb langsam und nebenher im Gespräch leer und stippte die Stücken so ganz unauffällig dabei in den Klecks Mostrich, der von der Bockwurst und dem Kartoffelsalat her noch auf dem Rande geblieben war.
Rosenemil kannte das und hatte sich fest vorgenommen, ebenso zu machen ... Jedenfalls hatte er hier einen lauschigen Eckplatz, und den würde er halten eine Weile ... Eigentlich war das doch sehr gemütlich ... Nach so'n Tag Rumgelaufe ... wenn er – die Dame war noch einen Augenblick aufgestanden – eine Bockwurst sich drüben kaufte und dann Brötchen aß, so war das nicht zuviel ... Gott, und die Rosen von dem Kaiserin-Augusta-Denkmal hatte er ja noch in der Rocktasche! Die würde er nachher der Dame geben.
Aber da kam sie auch schon, hatte den Schirm unter den Arm geklemmt und balancierte in jeder Hand ... nich einen Finger hatte sie frei, denn an den beiden Zeigefingern hingen wie zwei Kuhglocken kleine runde Schnittgläser mit einem braunen schäumenden Bier ... in jeder Hand hatte sie außerdem je einen Teller mit Erbsensuppe und je einen mit einem rosigen Stück Karbonade. Und sie lächelte und blinzelte ihm zu. Wirklich, sie sah jetzt wunderhübsch, direkt zum Anbeißen sah se aus. Der Kolporteur kriegte keinen kleinen Schreck. Denn das konnte er wirklich nicht bezahlen. Doch im gleichen Augenblick sagte er sich, daß, wenn die da das anbrächte, es ja schon eigentlich bezahlt sein müßte ... Ja, und außerdem lag noch quer über den beiden Unterarmen der russengrünen Dame ein durchfettetes Paket, dem man der Form nach deutlich ansah, daß sein Inhalt in seinem Hauptbestandteil nur ein Napfkuchen aus der Konditoreiabteilung sein konnte. Wenn der es auch nicht allein war.
Also das war ihm nicht lieb. Das wünschte er nicht. Er ließ sich nicht gerne von einer Dame freihalten. Na ja, er müßte es ihr dann wiedergeben, wenn er was hätte.
»Na, jreifen Se ruhig zu«, sagte die Dame im russengrünen Tuchkostüm. »Mir hungert jedenfalls mächtig«, sagte sie.
»Ja, aber das kann ich doch nich«, stotterte der Kolporteur, »doch nich so einfach von Ihnen so annehmen. Das jeht doch nich, meine Dame.«
»Ach Jott, zieren Se sich doch nich«, sagte die Russengrüne, nahm den Hut ab und schüttelte das Haar zurecht, »ich seh jern, wenn's 'nen andern schmeckt ... ein andermal zahlen Sie eben. Ich bin immer for getrennte Kassen.«
Das war nicht wahr. Sie war es durchaus nicht. Sie pflegte sonst ungern für sich und nie für andere zu zahlen. Aber der Mann gefiel ihr nun mal ... wenigstens für heute nachmittag. Und deshalb machte es ihr gerade unbändigen Spaß, für 'n andern zu zahlen. Das jab so'n freies Gefühl. Und er war ein armer Deibel, das sah man ja. Aber wenn man ihn sich so richtig und schick eingekleidet vorstellen wollte ... also da konnte er eenen wirklich gefallen.
Dem Kolporteur war es immer noch nicht klar, wen er eigentlich vor sich hatte ... Wie die aß, so ganz von oben herab mit de spitze Jabel, und jedes Häppchen einzeln zum Munde führte und nich mal in de Sauce stippte, das tut eijentlich nur 'ne Dame, sagte er sich. Und an dem Bier, da nippte sie so in janz kleinen Zügen und blies mit spitzem Mündchen erst den Schaum weg. »Ich heiße nebenbei Lissi Morgen. Aber sagen Se nich ›schöner Morgen heute abend‹. Das hör' ich alle Tage, Se können ruhig Frollein Lissi sagen.«
»Und ich«, sagte der Kolporteur, »heiße nebenbei Emil Lehmann. Aber sagen Se nich ›Lehmanns Kutscher‹. Des hör' ich alle Tage.«
»Da hat sich Ihr Vater aber 'nen seltenen Namen ausgesucht«, sagte die Russengrüne.
»Nee«, sagte der Kolporteur, »des war meine Mutter.«
Die Russengrüne legte ihm ihre behandschuhte Linke auf die seine. Es waren Filethandschuhe, und er spürte jede Masche.
»Des soll ja in den besten Familien vorkommen«, sagte sie freundlich und sachlich. »Ja«, sagte die Russengrüne, »heute machen wir uns einen freien Nachmittag.«
Also, der Kolporteur brauchte gar nichts zu sagen. Das Reden hatte sie übernommen.
»Wo woll'n wir hin? Wir könnten einfach zu Translateur in de Alexanderstraße gehen. Oder in de Prachtsäle zu'n Liliputzirkus in de Nachmittagsvorstellung ...«
»In de Chausseestraße is ne Abnormitätenausstellung«, sagte der Kolporteur.
»Ach nee ... nur ... nur nich, ick bin so jraulich«, sagte die Russengrüne.
»In de Urania jeben se ›Im Bannkreis der Jungfrau‹.«
»Da sind Se doch schon«, meinte die Russengrüne. »Aber woll'n wir ins Kaiserkino gehn, da geben se jetzt gleich zwei Schlager auf einmal: ›Des jestohlene Herz‹ oder ›Vom Fabrikmädchen zur Jräfin‹.« (Des wird nach die »Verstoßene Gräfin« sein, dachte Rosenemil. Aber er sagte das nicht. Was ging das Fräulein Lissi an, was er sonst tat. Hier war er Kavalier.)
»Da im Kaiserkino is ein erstklassiger Erklärer. Neulich war ich da bei so'n Flim«, sie verbesserte sich und lachte, »so'n Film, der hieß ›Maria Stuart‹. Des war sehr sauber, wie er da sagte: ›Nu will Maria Leizester zur Liebe bewegen; aber Leizester hustet ihr was.‹«
So'n Film is auch ganz nett, dachte der Kolporteur. Laut aber sagte er: »Woll'n wir nich doch wo 'rausfahren? Ick bin seit Jahr und Tag nich mehr ...«
»Hier in die Gegend möchte ich aber nich bleiben«, sagte die Russengrüne. »Hier trifft man so leicht ...«, und sie dachte an Baumüller, »Bekannte.«
»Die Jagdgruppen am Großen Stern sind enthüllt, und in Tegel is des große Familienbad eröffnet«, sagte der Kolporteur.
»Des is 'ne Idee«, meinte die Russengrüne. »Jagen tu' ich nie. Aber baden manchmal.« Auf 'n Mund gefallen war sie nicht.
Des einzige is, daß man sich am Körper noch sauber hält, dachte der Kolporteur, laut aber sagte er: »Eijentlich bin ich seit een Jahr nich aus Berlin herausgekommen.« (Ob er ihr jetzt den Zweig mit Monatsrosen geben sollte, den er abgerissen hatte? Aber wie säh' denn das aus, wenn er jetzt plötzlich einen zerknautschten Rosenzweig aus de Rocktasche ziehen würde!)
»Ne Weile bin ich viel nach Friedenau gekommen, da war es auch janz schön grün in de Straßen. Aber wenn man die ganze Woche so herumrennt, denn will man wenigsten mal Sonntag seine Ruhe haben.«
Die Russengrüne lachte ihn an. Nun waren sie schon bald 'ne halbe Stunde zusammen, und der Mann hatte noch gar nichts von ihr gewünscht. Alle andern wollten ihr gleich mit Redensarten besoffen machen. »Wat sind Sie denn?« fragte sie.
»Ick bin Stadtreisender«, sagte der Kolporteur. »Ich kann auch Klavier spielen«, setzte er hinzu, als er sah, daß ihr das nicht imponierte. Denn er hatte gutes Gehör und klimperte, ohne es je gelernt zu haben, ja ohne eine Note zu kennen, alles auf solcher alten Drahtkommode sich allein zusammen, wenn er mal in einer Kneipe eine fand, Gassenhauer und was ihm gerade einfiel. »Aber damit is jetzt nischt zu machen. Da sind zu ville. Heute nehmen se nur eenen Klavierspieler, der auch vorträgt. Und dazu bin ich zu schüchtern. Und was sind Sie, Fräulein Lissi?«
Die Polenliese lachte ihn wieder aus dem Schlitz ihrer großen, geschweiften Augen an. »So fragt man Leute aus!« sagte sie. »Ick war mal 'ne Weile 'ne Hausangestellte und bei Kinder, aber dazu war ich nich kräftig genug.« Das war nicht richtig. Sie wäre gern geblieben. Aber der Kriminalschutzmann, der sich als ihr Onkel aus der Uckermark ausgab, hatte sich so geschickt nach ihr erkundigt, daß die Madame sie, »der Kinder wegen«, wie sie sagte (aber es war mehr ihres Mannes wegen, der, was man ihm, wenn man sie sah, nicht übelnehmen konnte, hinter jeder Schürze her war), daß de Madame sie also wieder an die Luft gesetzt hatte. »Und denn sollte ich auch mal Plättmädchen werden, aber dazu hab' ich mir nicht geeignet. Und denn sollte ich wegen meiner Figur ans Theater. Aber mir da nu jeden Abend vor alle Leute, die ick janich kenne, halbnackt hinstellen, des is mir zu jewöhnlich. Und denn bin ich 'ne Weile in 'ne Nähstube gegangen. Aber das ewige Sitzen, hat Dokter Levy gemeint, bekommt mir auch nicht. Ich war schon mit sechzehn Jahre so groß wie heute. Nu suche ich mir wieder was. Jemand, ein guter Bekannter, will mir als Probiermamsell anstellen. Größe sechsundvierzig, Gelbstern. Des wird jut bezahlt. Des brauchen se. Ich wohne ja bei meine Eltern.«
Also das letzte stimmte nun wirklich nicht. Von den Eltern war sie über drei Jahre fort. Aber sonst hatte die Russengrüne, außer daß sie sich was suchte, sich kaum etwas ausgedacht; wie sie das manchmal tat, wenn sie sich Vorteile davon versprach. Sie konnte sogar eine Pfarrerstochter aus Wensicke bei Prenzlau sein. Und sie konnte auf einem Schloß geboren sein, wenn die Leute durchaus darauf bestanden, so etwas hören zu wollen. Aber hier war ja das nicht nötig. Und da sie ein sehr schönes Menschenkind und ein sehr apartes Menschenkind mit ihrem feingeschnittenen Kopf einer Wüstenkatze und den braunen, gebänderten Achataugen war und den Männern ihre Schönheit tausend Dinge versprach, die ihr Geist nie halten konnte, so fanden sich immer wieder Studenten, Referendare, Kaufleute, ja selbst Primaner, die sie aus dem Sumpf, wie sie sagten, herausziehen wollten; ja sogar, die sich bereit fanden, wie der Bruder des verblichenen Gurkengroßhändlers aus Lübbenau, sie vom Fleck weg zu heiraten, ohne sich um ihr Vorleben zu kümmern. Der kleine Benjamin, der jetzt im Grauen Kloster ins Abitur steigen wollte, hatte ihr sogar schon zu diesem Behuf mit viel Schwung und rollenden R...s den ganzen »Gott und die Balustrade« oder wie das hieß vordeklamiert und sich als der Gott gefühlt, der »mit feurigen Armen verlorene Kinder« ... Also wirklich: sie brachten sich rein um um sie, die Kerle, wie sie gern sagte. Aber zum Schluß war die Russengrüne viel zu vernünftig, um ein Leben aufzugeben, bei dem sie sich durchaus nicht schlecht fühlte, und es gegen eines einzutauschen, von dem sie durchaus nicht vorher wissen konnte, wie es sich anlassen konnte. Und selbst wenn es sich gut anließ, wie es sich weiterentwickeln würde.
»Also wat sitzen wir hier noch? Jezahlt haben wir« (das war wirklich Pluralis majestatis), »gegessen haben wir ...« (Das war kein symbolischer Plural: der Kolporteur fühlte sich sehr satt und sehr wohl und war jetzt ganz auf die Gegenwart eingestellt. Er hatte alles weggedacht: die Mappe, das Schlafgeld, den schäbigen Cheviotanzug und die unergründliche Ebbe seines Geldbeutels.) »Heute machen wir mal blau, jetzt fahren wir 'raus ins Grüne. Nichwa?«
Und dabei setzte sich Fräulein Lissi, indem sie herüber nach dem Spiegel sah, der das Lokal ins Endlose verzerrte und vervielfältigte, vierzigmal zugleich ihre Kiepe mit der geleimten Pleureuse auf und nahm vierzigmal ihr Kuchenpaket, das in der Hitze des Lokals, trotz des schnurrenden Ventilators, immer stärker durchzufetten begann, wie ein Kind auf dem Arm.
Ein einbeiniger Blumenverkäufer mit dem Gesicht einer kranken Bulldogge (doch das war pathologisch bedingt), dessen Spezialität Pärchen waren (und er hatte dafür einen sechsten Sinn, ihnen anzuriechen, in welchem Grad der Verliebtheit sie sich befanden: die, die sich zu kurze Zeit kennen, kaufen nichts, und die sich zu lange schon kennen, erst recht nichts!), war durchs Gewühl herangehumpelt, daß der Stelzfuß mit dem Gummipfropfen aufs Pflaster patschte, drängte sich an sie und hielt ihnen seinen Strauß direkt unter die Nase.
»Schöne langstielige Rosen«, rief er mit einer Stimme, die aus einer verrosteten Dachrinne kam, »reizende Kinder Floras! Man een Fuffziger des janze Dutzend! Koofen Se doch eenen armen, kinderreichen Krüppel was ab!«
Wirklich, es waren nette Rosen, mattrötliche mit gelbem Schimmer oder mattgelbe mit rötlichem Schimmer. Sie hatten blanke, gezähnte Blätter, und sie sperrten wie junge, hungrige Vögel mit dicken Köpfen, die noch nicht fest auf ihren Hälsen sitzen, ihre Rosenschnäbel auf.
Und noch ehe die Russengrüne es verhindern konnte, denn sie hatte mit dem Sonnenschirmchen, mit dem Pompadour und dem Kuchenpaket keine Hand frei, hatte der Kolporteur – denn er liebte Blumen sehr, und außerdem spielte er gerne den Galanten – der kranken Bulldogge das Fünfgroschenstück, das er vorher zu seinem Staunen bei sich entdeckt hatte, zugeworfen mit einer Geste, als ob er so was beiläufig alle Tage tat, und den Strauß mit ausladender Bewegung, denn er war gern Kavalier, der Russengrünen auf das Kuchenpaket gelegt.
Der Russengrünen war es nicht ungewohnt, daß man ihr Blumen schenkte. Ja, es gab sogar Lokale, in denen sie von Blumenverkäufern Prozente bekam, wenn sie sich einen größeren Strauß als sonst aussuchte, aber das hier freute sie, freute sie aufrichtig, freute sie unbändig, machte sie einfach glücklich. Wie nett das von dem armen Deibel war. Sie lachte über das ganze Gesicht und steckte die Nase tief in den schlanken Busch da hinein, so daß sich die elastischen Stiele auseinanderbogen.
»Bleiben Sie mal eenen Augenblick hier stehen«, rief sie und lachte. Und dann tänzelte sie übern Damm in einen Laden hinein, aus dessen Schaufenstern, als ob sie bei einem Erdbeben durcheinandergefallen wären, verrutschte Berge von Oberhemden, Haufen von Wollunterzeugen und von verknautschten Krawatten zwischen Ketten von Kragen und Halstüchern und Strümpfen und Sportmützen und Seelenwärmern und Nachthemden in Höhen und Tiefen, in Schroffen und Kratern, wie auf dem Relief einer Mondkarte, fremdartig und wirr herüberleuchteten. Und kam sehr schnell wieder heraus und winkte dem Kolporteur geheimnisvoll, ihr in den Hausgang zu folgen.
»So«, sagt sie, »nu machen Se mal ganz fest beide Augen zu«, und mit einem Ruck hat sie ihm die geleimte Krawatte – es war ein Wrack einer solchen – unter dem Gummikragen losgenestelt und ihm eine neue dafür, eine marineblaue mit weißen Punkten – aber man sah ihr gar nicht an, daß sie nur eine geleimte Krawatte war, so schön und modern war ihr Knoten und Faltenwurf – über den Knopf gehangen und das Schildchen unter den Kragen geschoben.
»Wenn Sie mit einer Dame als Kavalier ausjehn woll'n«, sagte belehrend die Russengrüne, »so müssen Se ooch ne schöne Krawatte haben. Die Krawatte is die Hauptsache beim Herrn. Da sehn die Mädchen immer zuerst druff.« Und damit warf sie die alte Krawatte, die durchgeschwitzt und ganz aus der Fasson geraten war, in den Winkel neben der Haustür, wo's am dunkelsten war, und machte ihren Pompadour auf und ließ den Kolporteur in den Spiegel sehen, der da eingelassen war. »Marineblau steht Ihnen famos«, sagte sie sachlich, »und Punkte sind immer dezent und werden nie unmodern. Aber nu jehn wir; sonst ist der Nachmittag 'rum. Und die schönen Rosen! Sie wissen janich, wie ich mir damit freue. Wirklich: Sie sind mein Rosenemil. Also ich kann nich anders, ich muß immer die Leute so 'ne komischen Spitznamen anhängen. Dafür bin ich in meine janze Jegend berühmt. Eijentlich sind Se ein janz hübscher Mann. Sie müßten bloß mehr auf Ihnen acht jeben. Haben Sie denn keen Mächen, des des tut?«
Die Russengrüne – sie standen immer noch im Hausgang: ein paar Laufjungen mit Paketen und ein Rollkutscher, den Kanthaken in der Lederschürze, waren schon an ihnen erstaunt vorbeigegangen – sah durch die Türspalte. »Au wei«, rief sie, »los, los! Da kommt ja de Straßenbahn dahinten schon angeklingelt.« Und sie zog Rosenemil, der glücklich und etwas verwirrt war und sehr wenig bisher gesprochen hatte – er machte seinem Beruf als redegewandter Herr gar keine Ehre: das war ja wirklich eine zu süße Kanaille, wie die mit ihm Schlitten fuhr! –, zog Rosenemil hinter sich her, wartete gar nicht, bis der Wagen hielt, sondern sprang auf den fahrenden Anhänger und kletterte, den Schirm, die Blumen und das Kuchenpaket schwenkend, so lange auf dem Trittbrett draußen entlang, bis sie für sich und Rosenemil die beiden Plätze in Fahrtrichtung entdeckt hatte, die ihr zu passen schienen.
Es war ein schöner Tag, ein warmer Tag und ein blauer Tag. Mit Seidenpapierwölkchen ganz hoch im Licht. Und da es Sonnabend nachmittag war, so lag schon etwas vom Sonntag in der Luft. Und auf so einem offenen Anhänger wird man so frisch durchgepustet und aufgefrischt. Die Leute im offenen Anhänger machen immer fröhlichere und unternehmendere Gesichter als jene, die drin im ersten Wagen sitzen, wenn auch das die vornehmeren und meist auch die älteren sind. Und an einem solchen Junitag des Jahres sind die Straßen, die mit Linden bepflanzt sind und Rasenstreifen haben, auf denen die Hunde scharren, doppelt grün und flirrend im Licht und vom Licht. Und die, die keine Bäume und keinen, auch nicht den winzigsten Grashalm zwischen den Pflastersteinen haben, sind doppelt lang und kahl und wie mit einem Schwerthieb in zwei Hälften gespalten. Ormudz und Ahriman, die Sonnenseite und die Schattenseite. Die alten Nebenstraßen jedoch, in die man hineinsieht wie in Schluchten und Klammen, sind grau und glatt und haben noch gar keine Balkons, nur Fenster und Fenster und große braune Haustore und ganz wenig Läden, die sich auch kaum hervortun. Nur ein paar blau gestrichene Destillen blühen wie Astern an den Ecken. Die Menschen tröpfeln unter dem Hauch von Armut und Stumpfsinn, der über sie hinweht, langsam durch die Straßen hin wie Luftperlen in einer Ölflasche.
Aber die Hauptstraßen sind natürlich anders, und gerade heute sind sie anders, weil schon die Radfahrer mit krummem Buckel über die Lenkstange liegen und mächtig treten, um herauszukommen aus der Stadt. Da sind die Häuser bunt und rot und gelb und grün, haben Türme und Erker und lange Reihen von Balkons (die wie Badenäpfchen an Kanarienbauern draußen hängen), mit Betunien, die, jede für sich, in grünen Blumenkästen stehen und warten, daß sie größer werden.
»So'n Balkon möcht' ich auch haben«, sagt Rosenemil und blickt zu seinem russengrünen Visavis, die mit ihren großen, etwas geschlitzten Augen sehr vergnügt und ganz entspannt – nun brauchte sie sich mal gar nicht zu verstellen – vor sich hin lächelt. »Un haben Sie gesehen, Frollein? Jetzt, jetzt pflanzen se sone neue Linde, die hat graue Unterseiten an de Blätter. Des habe ich jern, wenn da der Wind 'reinpustet un se umdreht.«
Langsam löste sich so die Stadt auf. Es kamen zwar keine Felder, aber schon Bauplätze und Lagerplätze und Holzplätze mit Schuppen, und die Häuser wurden kleiner und puppiger, altmodischer, mit schrägen Dächern, geschnitzten Balkons und Jalousien. Und an einem Gasthof stand »Ausspannung«. Krippen, aus denen Pferde Häcksel niesten, waren davor, und grüne Tische und Stühle standen unter Bäumen, in denen Scharen von Spatzen randalierten. Sie waren von den nahen Laubenkolonien gerade verjagt und warteten darauf, dort wieder einzufallen, um den Samen aus der Erde zu kratzen und die letzten Schoten aus den Hülsen zu picken, ehe sie zu hart und für sie ungenießbar wurden.
Und dann steigen sie aus, und bald kommt solch ein Holztor aus rohen Birkenstämmen, und da steht drüber »Zweihundert Meter Seeterrasse«. Und neben dem Holztor stehen andere Schilder: »Kaffeeküche« ... Früher stand: »Der alte Brauch wird nicht gebrochen, hier können Familien Kaffee kochen.« Aber seitdem das Lokal vornehmer geworden ist, für einfache und für feine Leute, sozusagen, wie die Stadtbahn zweite und dritte Klasse führt (erste Klasse kommt hier doch nicht hin!), und eine Weinabteilung mit Tischlampen, Korbsesseln und rotgewürfelten Tischtüchern hat und Kellnern in weißen Jacken, ist so etwas zu vulgär. Und der selbstgekochte Kaffee darf deshalb nur noch an ungedeckten Tischen getrunken werden. Und »Vergnügungspark« steht dran und »Turn- und Spielplätze«. Und durch die Stämme der Rüstern dringt eine merkwürdige Helligkeit, ein Leuchten, das von unten her kommt. Und das tut es auch, denn es ist der weite, batistene Spiegel des Wassers, der die Lichtfülle zurückwirft, die Schatten aufhellt und noch einmal von unten her alles anleuchtet. Eigentlich sind wenig Leute da. Die Stühle schlagen sich um die Gäste. Nur ein Damenkegelklub, der seine Vereinskasse umschüttet, hat eine Zahl von Tischen zusammengeschoben, die unter den Lasten der Kaffeekannen und Napfkuchen ebenso knacken wie die kleinen weißen Gartenstühle unter den Lasten wuchtiger und breiter Kehrseiten. Er erschüttert gerade die Luft, in der sonst nur Finken trillern, mit einem »Gut Holz! Gut Holz! Gut Holz!« für die Kegelkönigin Frau Schmettert.
Aus dem Tanzsaal, der mit grünen Girlanden und Papierrosen durchzogen, zwischen denen es von gelben und roten Lampions pendelt, hämmert ein einsamer Klavierspieler, weil man ihn bezahlt, auf einem restlos verstimmten Klavier wie ein betrunkener Musikautomat die »Aufforderung zum Tanz«, so daß das Bierseidel auf dem Pianino überschwappert. Aber er findet keine Gegenliebe damit. Denn es kommt keiner, der tanzen will.
Der Russengrünen zuckt es zwar in den Füßen, wie sie vorübergeht, und sie taktiert etwas auf dem Kiesweg. Aber sie beherrscht sich noch mal. »Woll'n wir nich doch mal einen tanzen?« sagt sie zu Rosenemil. »Aber eigentlich haben wir dafor nachher noch Zeit.«
Aber dann, wie sie zehn Schritte weiter ist, hält sie es doch nicht aus. »Nur einmal 'rum«, sagt sie und zerrt Rosenemil zurück. »Ich tanze für mein Leben gern.« Und wie der Klavierspieler sie eintreten sieht, geht er sofort zu einem flotten, schmalzigen Walzer über, damit ihm janich die Fische wieder aus dem Netz witschen.
Rosenemil ist glücklich. Er hat noch nie mit so einer feinen Dame oder zumindest mit keiner, die so gut aussieht, oder wenigstens mit einer, die so vornehm eingekleid't ist, getanzt, und man braucht auch niemanden auszuweichen, weil auch niemand sonst da ist. Den ganzen Saal haben sie für sich. Nur die grünen Bäume gucken durch die Fenster zu. Und man schleift so nett über den blanken und abgetanzten Holzboden.
Der Kolporteur denkt zu führen, aber es ist gar nicht so: er wird geführt. Immerhin so, daß er es gar nicht merkt. Sie sind von einer Größe, und sie passen so mollig ineinander. Sie schmiegt sich ganz weich an ihn und hält dabei doch Distanz. Walzt eliminierte Erotik. Nur angedeutet (von der andern hatte sie täglich genug!) und ohne Zerflossenheit. Trotzdem heute erst Sonnabend, war es doch ihr Sonntag. Der kleine Benjamin, denn er hatte es mit der Literatur, hätte zwar sicher jesagt: »Du denkst zu schieben, und du wirst geschoben.« Aber damit hätte der kleine Benjamin doch unrecht gehabt.
Der Klavierspieler hielt an. Er wollte seinen Groschen einkassieren. Denn jetzt war er noch zugleich der Tanzmeester. Das war noch Privatverdienst. Nachher, wenn Herr Kubenait selbst hier erst herrschte, war er wieder der Kuli. Und wie Rosenemil ihn aus der Tasche zog, denn wie hätte es ausgesehen, wenn sie ihn bezahlt hätte – so was schickt sich nicht! –, da fühlt er neben seinem verknautschten Geldbeutelchen die kaum minder zerknickte Dolde mit den Monatsrosen in der Tasche und überreicht sie mit einer eleganten Verbeugung der Russengrünen.
»Mensch«, sagt die und macht große Augen, »Sie sind wohl Anna Rothe, das Blumenmedium? Haben Sie des aus de Luft jezaubert?«
Aber da hämmert der betrunkene, menschgewordene Klavierautomat wieder los, und sie liegen sich von neuem wieder in den Armen. Doch da der seinen Groschen bekommen hat, sieht er gar nicht ein, warum er sich noch anstrengen soll – Nachher wird einem das Bier noch ganz warm! –, und er hört ebenso ohne Warnung, wie er losgeholzt hat, mitten im Takt und unvermittelt wieder auf und langt mit der Hand nach dem Seidel.
»Sie tanzen 'ne ganz nette Sohle schon, Rosenemil«, sagt belobigend die Russengrüne im Herausgehen. Und da sie vom Tanzen her schon untergefaßt waren, denn er mußte doch die Dame zum Platz führen, den sie nicht hatte, so blieben sie es mal vorerst, während sie so zwischen den Tischreihen hindurchgingen.
Hinten dreht sich ein armseliges Karussell mit Kutschen und Schwänen und weißen Elefanten, dank eines alten Braunen, der von seinem Elend nichts mehr sieht, da er auf beiden Augen blind ist. Aber der Turnplatz lockt doch den Kolporteur mehr. Da ist ein Rundlauf, an dem ein paar halbwüchsige Mädchen, da sie den Boden verloren haben, wie Luftschlangen sich drehen, Beine und Röcke durcheinanderwirbeln und dazu belustigt und halb angstvoll kreischen. Und ein richtiges Reck mit einer dünnen Eisenstange ist da und sogar ein richtiger Barren auch.
Der Kolporteur spuckt sich in die Hände und reibt die Handflächen gegeneinander und stellt sich in Haltung – noch ehe die Russengrüne es verhindern kann – unter die Reckstange, wirft die Kreissäge in den Sand und holt tief Atem, ehe er in Stellung geht. Brust 'raus und die Knie durchgedrückt, wie beim Schauturnen, wo nach Punkten gewertet wird. Und dann springt er (es ist ja doch 'ne kritische Sekunde) an, schmeißt die Beine vor und schlägt den Körper zurück. Also das jeht doch wie jeölt noch. Ein Ruck: schon ist er oben mit der Kippe. Und nich mal gemogelt hat er oder mit de Beine gemuckt. Obergriff geht. Und nu kommt Zwiegriff. Wie hingelegt einfach. Und selbst mit Untergriff! Er wechselt, ohne abzugehen, elegant mit Umschwung, und er drückt die Zehenspitzen nach abwärts. In Bernau damals hatte er keine schneidigere Haltung. Er war leichter geworden. Das merkte er. Na ja, natürlich bei des Gelaufe und des schlechte Essen. Aber des is ja jerade jut fors Jerätturnen. Fors Stemmen natürlich ist ein schwerer Körper geeigneter. Der arbeitet besser mit. Ich jehe wieder in een Verein. Und eine Sturzwelle schließt er an, darin war er immer groß gewesen. Die Russengrüne schreit, wie sie ihn da hoch über der Erde, auf steifen Armen und die Beine fast in den Baumwipfeln, stehen und herumschießen sieht, entsetzt auf. Aber da geht er schon in Sitz und schließt mit einem freien Knieabschwung. »So etwas imponiert immer denen, die vom Turnen nichts verstehen«, ruft er. »Und dabei kann doch ... kann gar nichts dabei passieren. Denn der Körper des Menschen ist ebenso den Gesetzen der Zentrifugalkraft unterworfen wie andere Körper auch und muß denn einfach auf die Beine kommen. Von de Stange. Und wenn er mehr Schwung nimmt, wieder oben in den Sitz. Das jeht janz von selber, Fräulein Lissi. Des können Sie auch.«
»Sie kommen ja mit dem Einsatz 'raus«, ruft die Russengrüne und lacht und stopft dem Kolporteur das Chemisettchen in die Weste. »Daß Sie so etwas können, habe ich janich jewußt!« Und das erste Mal ist etwas Ähnliches wie Zärtlichkeit in ihrer Stimme mit den vollen, weichen Vokalen und den melodischen R...s. Bisher war nur eine so leichte Belustigung drin gewesen. Ob dieses flüchtigen Abenteuers, das ihr Spaß machte. Er war ja doch ein ganz hübscher Mann, wenn man ihn richtig und fein erst eingekleid't hätte. »Sie können sich ja vor Jeld sehen lassen, Rosenemil.« Wenn der kleine Benjamin dabeigewesen wäre, so hätte er sicher gesagt, »sie liebte mich, weil ich Gefahr bestand, ich liebte sie um ihres Mitleids willen«, denn wie alle Primaner, die zufällig Benjamin oder so heißen, hatte er es natürlich mit der Literatur und wollte ein Dichter werden. Was ihn ebenso natürlich nicht hindern würde, wie es seine Eltern wünschten, zehn Jahre später sich in Futterstoffen oder in Jurisprudenz zu etablieren.
Herrjott, fiel es Rosenemil ein, und er liebte es doch so sehr, einen guten Eindruck zu schinden, wenn sie nun noch meine Löcher in de Sohlen – ick lauf ja nächstens uff de Strümpfe! – gesehen hat, denn is es aber bestimmt aus.
Die Russengrüne hatte sie sofort bemerkt, aber sie besaß viel zuviel natürlichen Takt, um so etwas zu erwähnen, und kannte viel zuviel vom Leben, um an so etwas Anstoß zu nehmen.
»Sie turnen aber famosement«, sagte die Russengrüne. »Wirklich, des hätte ich janich in Ihnen erwartet«, und sie hing sich wieder in seinen Arm. »Dafor müssen wir uns nu mal stärken, der Kuchen fettet auch so durch, und des is mein Bestes ... Nee, lassen Se, Rosenemil, der Kaffee ist Sache der Dame. Suchen Sie sich man da vorne 'nen netten Platz aus. Aber ich glaube, auf die Seeterrasse darf man mit dem Selbstgekochten hier nicht. Nur an die ungedeckten Tische gleich dahinter. Na, des macht nischt: dafür bleiben wir doch, wer wir sind, und schreiben uns – Uns!« Rosenemil schielte im Weggehen sehnsüchtig auf die beiden Stangen des Barrens. Die waren nicht mal dick. Da so erst mal die Schere, dann Handstand, dann Handgang, und dann Abgrätschen am andern Ende. In Bernau habe ick damals fünf Punkte damit gemacht!
Der Damenkegelklub ist, als sie vorübergehn, schon weniger förmlich. »Ach wat«, schmettert Frau Schmettert, die Kegelkönigin, durch den Garten, »das is nu mal so, Frau Schultze. Wat soll ick denn mit dem Mädchen, der Elvira, da nun tun? – Janischt! Oder haben Sie vielleicht Ihren Mann im Tischkasten kennengelernt?«
Also der Platz ist gut. Sie sitzen zwar nicht grade ganz am Wasser; aber da keiner vor ihnen auf der Terrasse sitzt, so sitzen sie so gut wie am Wasser, das weit und blau, im Rahmen der überhängenden Äste sich auftut. Und wenn auch gegenüber links mächtige Fabrikschornsteine qualmen, na, dafür is man eben im Norden un nicht in Wannsee. Und es zwingt einen auch niemand, da hinzusehen. Auf der andern Seite ist Grün und Wälder. Man sieht deutlich die lackgrünen Erlen am Wasser. Dann schimmern darüber die lichtgrünen Wimpel der Birken, und dann kommen erst die schwarzen Wellen der Kiefern, die weithin wie ein Meer branden. Und vor diesem allem sind die Schilfstreifen, an denen Wasservögel entlangpaddeln und sich vor den Sterndampfern in die grüne, schwankende Wirrnis flüchten. Vor den Dampfern, die weit da draußen fahren, mit Lichtfunken in den Kielstreifen hinter sich und in Wellen um sich. Jenen Wellen, die erst Minuten später herüber zum Ufer kommen, gegen die Mauer der Terrasse schlagen, die Schwäne wie Korken auf und nieder tauchen lassen, es machen, daß die Boote an ihren Ketten, wie Pferde, die beunruhigt werden, sich aufbäumen, und die endlich rauschend durch die Schilfwände der Ufer fahren, bis sie da allmählich wieder zur Ruhe kommen.
»Jott, ich möchte Sie so vierzehn Tage auf den Arm nehmen können, und dann 'raus aus Berlin«, sagte der Kolporteur, »Frollein Lissi.«
»Warum denn? In de Stadt können wir es ja auch ganz nett haben«, sagte die Russengrüne sachlich.
Eine Kette Zillen, auf denen von Bug bis Heck, von Kopf bis Sterz, Wäscheleinen flattern, kommt jetzt im Bogen von weit hinten über den blauen Seidenbatist der weiten Wasserfläche heran. Sieben, acht Stück gleich, die ein ganz kleiner roter Schlepper stampfend und ächzend hinter sich herzieht. Man versteht gar nicht, wie das kleine Ding das schafft. Und ein paar Segelboote tanzten arrogant und aristokratisch in den weißen Leinenanzügen ihrer Segel in den Wasserfurchen, die der Schlepper mit der Schärfe seines Kiels neben sich aufriß.
Aber so was von Kuchen hatte Rosenemil lange nicht gegessen. Er erinnerte sich gar nicht, wie lange. Denn er konnte auch im Berlin von 1903 nur schwer den gutgemeinten Rat der Marie Antoinette befolgen, die da, als man ihr sagte, das Volk hat kein Brot, erstaunt fragte: ›Ja, aber warum ißt es dann nicht Kuchen?‹ Und selbst seine Jugenderinnerungen kamen nicht über Warschauer, Kuchenkrümel und Gußzwiebäcke hinweg. Und hier war ein kleiner Altdeutscher, ein Abgeriebener mit großen Rosinen, ein Königskuchen – und außerdem Gußzwiebäcke. Und keine Halbliterkanne etwa, sondern eine von anderthalb Litern, und zwar Bohnenkaffee ohne Zusatz. Und keine dünne blaue Milch dazu, sondern richtige dicke, gelbe Sahne.
»Aber Fräulein Lissi«, rief der Kolporteur. »Ne, des is doch wirklich zu ville, Sie haben wohl 'nen reichen Juden totgeschlagen!«
»Des nun gerade nicht«, sagte die Russengrüne und dachte an das Goldstück von dem Erbonkel mit dem sauren Gurkengroßhandel aus Lübbenau. Aber was brauchte sie dem das gleich auf die Nase zu binden: am Sonntag redet man nicht von's Jeschäft.
Also das war wirklich ein viersträhniger Kaffee, und die Gußzwiebäcke – denn nach denen griff der Kolporteur zuerst – waren vorzüglich. Aber zu weich. Zu Hause, wenn Mutter mal welche mitgebracht hatte, waren sie immer viel härter gewesen, da hatten se ordentlich immer in die Zähne geknirscht. Und das mußten Gußzwiebäcke doch. Die Ansicht Rosenemils, daß Gußzwiebäcke hart seien und zwischen den Zähnen knirschen müssen, beruhte, wie die meisten Ansichten hier auf dieser Erde, auf falschen oder zum mindesten auf individuell gefärbten Voraussetzungen. Denn seine Mutter hatte Rosenemil nie darin eingeweiht, daß sie niemals frische Gußzwiebäcke, sondern immer welche von gestern, die in Wahrheit acht Tage alt waren und die so hart waren, daß man sich damit gegenseitig hätte Löcher in'n Kopp schlagen können, gekauft hatte. Und das wieder nur, weil es da nicht fünf für 'n Groschen, sondern zehn Stück gab. Und stippen tat sie der Junge ja doch. Aber, was so'n richtiger alter Gußzwieback, der wird dadurch auch nicht viel weicher. Und hier stippte er nicht, weil er sich »schenierte« vor der Dame in Russengrün, dem Fräulein Lissi. Und sie waren trotzdem janz weich. Nee, nee, des waren keene echten Jußzwiebäcke. Da war der Königskuchen schon eher tadellos, der schmeckte direkt sauber. Das sagte die Russengrüne auch.
Also das war wirklich nett, und hier konnte man – wenn auch der fiese Kellner mit der weißen Jacke mal mißvergnügt herübersah, denn an sone selbstgekochten Kaffeegäste, die nur Lokal schinden, verdiente er nischt – so stundenlang sitzen und ins Wasser kieken; un es war immer was los. Mal kam ein Rudel Enten angepaddelt, und erst waren sie ganz ruhig, und dann richteten sie sich hoch, schlugen mit den weißen Flügeln, daß nachher die Federchen auf dem Wasser schwammen, schnattern alle auf einmal, als ob sie sich dazu verabredet hätten. Oder Angler kamen und machten sich einen Angelkahn los und stakten mit weg ins Schilf und taten wunder wie wichtig und ernsthaft dabei. Mal ruderten welche mit nackten Armen und Beinen in einem Viersitzer. Und der fünfte stand in dem wackligen Ding und schrie: »Ho huupp ... ho huupp!«, und denn schmissen sich alle auf einmal zurück in die Riemen. Oder es kam ein Fink auf den Tisch, und wenn er sich satt gegessen hatte, flog er auf einen Ast von dem Baum und sagte: Danke. Man braucht gar nicht soviel reden, es ist immer etwas los.
Die Russengrüne sah nach dem feisten Angler hin, der in seinem graugrünen Grasleinen Jackett mit den aufgesetzten Taschen tat, als ob er als Nelson auf dem Buzentauros die Seeschlacht von Trafalgar befehligte. »Ach Jott«, sagte sie, und sie plauderte damit aus der Schule, »mit die Sorte da weeß ick Bescheid, die kenn' ick genau, det is man ooch bloß eine ganz verbogene Schießbudenfigur.«
»Woll'n wir noch ins Familienbad?« sagte der Kolporteur, durch eine unkontrollierbare Gedankenassoziation dazu verleitet.
»Ach nee, da trifft man nur Bekannte«, sagte die Russengrüne, »wir beide sind ja auch Familie.«
»Woll'n wir uns in den Kahn legen und die Sonne auf den Buckel brennen lassen?«
»Nee, nee«, sagte die Russengrüne, »des is nich jut für 'n Teint. Wir legen uns nachher denn unter de Bäume ans Wasser. Zu spät will ich auch nicht wieder 'reinfahren. Heute is Sonnabend.« Schon wieder hatte sie sich verplaudert. »Des sehn meine Eltern nich jerne, wenn ich Sonnabend so spät nach Hause komme.« Nun war sie mal im Lügen. »Wenn mein Vater die ganze Woche nich da is, denn will er auch am Sonnabend was von mir haben.«
»Wo ist denn Ihr Herr Vater?« fragte der Kolporteur.
»Ach« – ja, was sollte sie sagen? »Bei de Eisenbahn«, sagte die Russengrüne so nebenhin. Da konnte er doch ebensogut Stationsvorsteher wie Lokomotivführer wie Knipser sein. Da vergab sie sich nichts. In Berufen der Väter hatte sie Übung; wenn sie auch von dem polnischen Grafen abgekommen war. Das sagten sie alle immer. Und außerdem hatte sie das gar nicht mehr so nötig, denn eigentlich hatte sie ihren Stamm von Freunden, die ihr jedenfalls treuer blieben als sie ihnen. Und die fragten nach so was gar nicht mehr. Aber heute, Sonnabend, würde sicher einer oder der andere kommen. Vielleicht sogar der kleine Benjamin. Da wollte sie doch lieber zu Hause sein.
Ja, und dann gingen sie beide ein Stück am Ufer entlang und warfen Butterstullen. Und die Polenliese sucht nach flachen Steinen für ihn und lachte, wenn sie es selbst probierte und der Stein direktionslos sofort ins Wasser plumpste, daß die Frösche von den Seerosenblättern hupsten. »Wie so'n Mann des macht!« Achtmal, zehnmal tanzte so'n schwerer Stein über weite Entfernungen fort und platschte in kleinen schillernden Spritzern dabei auf, und zum Schluß schnurrte er so im Halbrund noch hin, als ob er auf 'ner Schlitterbahn wäre; und dann – plötzlich! – war er ganz stille, wech, und es war kaum noch ein Kreis auf 'n Wasser da.
Aber früher hatte Rosenemil das noch besser gekonnt, bis vierzehnmal, und die Schwänze hatte er gar nicht mitgezählt dabei. Ja, das kam wohl, weil er heute die Jacke anhatte! Und er warf im Eifer des Gefechts das Jackett ins Gras und die Weste daneben und stand da in seinem baumwollenen Unterjäckchen mit den halben Ärmeln und in seinem Chemisettchen, das durch den grünlichen Gummikragen um den Hals gehalten wurde. Wirklich das einzig Vornehme war noch die geleimte Foulardkrawatte, die nach dem Rhythmus, die nach den Bewegungen seines schwingenden Armes mit den beiden Enden flatterte.
Ach Gott, sagte sich die Russengrüne, der arme Deibel – nich mal een Hemde hat er an! Laut aber sagte sie: »Ach ja, so geht das viel besser, wirklich! Aber nu gehen wir, mein Herr, so können Se sich hier vor de Leute nich hinstellen. Es sind zwar keene da, aber es könnten welche kommen.« Der Kolporteur wurde rot, er merkte, was gespielt wurde, und zog sich ganz schnell die Weste und das Jackett, von dem er einen roten Dukatenfalter aufscheuchte, an. Vielleicht hatte der es für ein Beet blauer Blumen gehalten, vielleicht wollte er nur seine rotvergoldeten Flügel etwas in der Sonne wärmen. Aber als man ihn jetzt vertrieb, war er mit der Welt unzufrieden und flog mißmutig über das Schilf fort aufs Wasser hinaus.
Des hätte er nicht tun dürfen! Wat dachte denn solch eine junge Dame von ihm!
Der Kolporteur irrte sich: Nicht sein Turnen und sein Butterstullenwerfen und seine Rose und seine Redegewandtheit – seine Suada, auf die er sich so viel sonst zugute tat und die heute so jämmerlich hier versagt hatte, sonst hätte sich der Chronist auch sicherlich nicht nehmen lassen, sie in all ihrer Blüte und Farbigkeit aufzurollen –, nichts von alledem war so entscheidend für den weiteren Verlauf der Dinge für ihn wie, daß er plötzlich so in seiner ganzen Ärmlichkeit im baumwollenen Unterjäckchen, das dazu noch nur halbe Ärmel hatte und nicht mal allzu sauber war, und in dem halbrunden, abstehenden Chemisettchen da vor der Russengrünen gestanden hatte, die eine Pleureuse auf dem Hute trug.
Ja, und dann fanden sie einen netten Platz am Wasser. Das heißt, zwei Schilfbänder ließen einen Blick zwischen sich auf das Wasser frei, so daß man alles gerade sehen konnte, was da geschah, und doch nicht selbst gleich auf dem Präsentierteller saß. Einen Platz unter den Erlen, deren Wurzeln dort, wo der Wald in die Sumpfwiesen überging, einen natürlichen Stuhl bildeten. Und neben dem ein dichter alter Brombeerbusch seinen grünen, mit weißen Blütendolden bestickten Vorhang in das Gras und die Quecken und die Vergißmeinnicht, den gelben Hahnenfuß und den kleinen Rasen der Sumpfveilchen und in die Kette der Krausenminze, die dunkelviolett duftete und hellviolett blühte, in den Ampfer und die Sternblumen hinabfallen ließ, so daß aus dem Blütengewirr da unten zu den weißen Lichtchen der Brombeerhecken ein ewiges Hin und Her der Schachbretter und der Kuhaugen und der Bläulinge, der Senfweißlinge und der Dickköpfe und was sonst noch auf dieser Sumpfwiese mit ihrem teppichweichen Boden sich tummelte, so daß es also ein ewiges Hin und Her von weißen, bunten und schillernden Flügelchen gab. Allein die Hummeln machten das nicht mit und steckten nur brummend ihre dicken Köpfe in die Brombeerblüten, nirgends sonstwohin.
Der Kolporteur tappte erst über den Sumpfboden bis ans Wasser vor trotz seiner Löcher in den Sohlen, die sich schnell vollsogen, so leise er auch auftrat. Denn die schönen, langstieligen Rosen und die Monatsröschen, die er vom Kaiserin-Augusta-Denkmal geklaut hatte, die reizenden Kinder Floras, ließen schon bedenklich die Köpfe hängen; die Stiele schnitt er sachgemäß mit dem Taschenmesser schräg ab und legte sie so ganz vorsichtig – warum sollten sie nicht auch nasse Füße bekommen? – in das leise heranplätschernde Wasser.
»Die kann man noch 'ne Woche halten!« rief er.
»Ach ja«, sagte die Polenliese. Sie pflegte Blumen einfach wegzuwerfen, wenn sie welk wurden.
»Schade, daß wir keinen Ball haben«, sagte Rosenemil, als er zurückkam. Denn in jedem Manne steckt – das haben sogar schon Philosophen erkannt – ein Kind, das will spielen.
»Warum denn?« sagte die Russengrüne erstaunt. Denn Frauen sind immer erwachsener als Männer. »Wozu brauchen wir 'nen Ball? Es ist doch janz hübsch so.«
Ja, und das war es dann auch. Das Schilf zum Beispiel war nicht eine Minute still, es florettierte ständig mit spitzen grünen Blattklingen miteinander in hundert Partien. Und das Wasser war auch nicht einen Augenblick still. Es blitzte durchs Schilf von unten her und plätscherte mit den Seerosenblättern, und es funkelte draußen in kleinen Wellchen, auf denen jeden Augenblick an einer andern Stelle die Sonne sich brach. Und dann schwamm mal ein großer Vogel mit einer Haube vorbei, nickte mit dem Kopf und tauchte unter und war weg. Und kam ganz weit drüben wieder 'raus.
»So'n Kleid müßte man haben«, sagte die Dame.
»Warum denn?« meinte der Kolporteur.
»Elektrischblau mit Silber is det modernste.«
Eigentlich saßen sie beide sehr gut, aber doch nicht gerade nebeneinander. Und sie unterhielten sich auch ganz gut, obwohl sie noch immer mit verdeckten Karten spielten und noch jeder versuchte, dem anderen etwas vorzumachen, und dabei an sein eigenes Elend dachte.
Inzwischen war es schon ziemlich spät am Nachmittag. Es mußte so zwischen fünf und sechs geworden sein. Die Schmetterlinge waren nicht mehr so munter, sondern flatterten nach Schlafstellen, und die Frösche begannen schon, sich draußen auf die Seerosenblätter zu setzen und ihre Kehlen für das Abendkonzert zu stimmen. Die Schatten wurden schon länger, die das Schilf über die Wiese legte, und im Brombeerbusch brummten die Hummeln noch geschäftiger und noch mürrischer denn vorher. Und vor allem die silberne Helligkeit war goldig geworden und hing Schleier von Gaze, matt und doch durchscheinend wie die Röckchen der Balletteusen, um die Erlenbäume und solche von Goldgaze um die gebogenen Kiefernzweige, die über die Erlen fort auf das Wasser sahen.
»Wissen Se, wenn man so gar nicht 'rauskommt, denn sieht man eigentlich bloß an de Blumenkörbe auf 'n Potsdamer Platz, was für 'ne Jahreszeit eigentlich wirklich is. Wenn erst die ersten Schneeglöckchen in de Körbe sind, is März; und wenn de ersten gelben Primeln sind, denn is so um Ostern; un wenn de Iris und de Pfingstrosen kommen, denn is Pfingsten; un wenn de Astern kommen, denn is September. Da weiß ich es immer janz jenau, des det Jahr bald 'rum geht«, sagte der Kolporteur und verlegte seinen Sitzplatz etwas näher zu Fräulein Lissi.
»So is des«, sagte die Russengrüne nachdenklich. »Was rücken Se denn mir so nach? Ick habe wohl Speck in de Tasche?« Aber dann lachte sie doch wieder.
»Sie haben doch auf einmal so rote Backen gekriegt, Fräulein Lissi«, sagte der Kolporteur wieder und streckte – das erste Mal – die Hand aus und strich ihr sehr zaghaft über die Wange, die wundervoll weich war ... Es gibt Pfirsichbacken und Kirschbacken – sie hatte die ersten.
Ihm schien sie doch etwas wärmlich. Jedenfalls war er nicht so ... Jott, solche junge Dame, die is wohl immer so'n bißchen warmblütiger, wie des so die Männer sind.
»Und was haben Sie denn mit einmal für blanke Augen gekriegt?«
»Ach, des kriege ich jetzt immer um die Zeit so 'rum«, sagte die Russengrüne. »Aber fassen Se doch mal meine Hände an, die sind doch ganz kalt.« Wirklich, sie waren nicht kühl, sie waren kalt; sie waren zwar sehr schön ... wie das ganze russengrüne Wesen! Madonnenhände – nicht Riemenschneiders, sondern Luca della Robbias; die sind weicher und animalischer und noch edler in der Form, mit Kütchen, wo jeder der langen Finger, der gedrechselten, spitz zulaufenden Finger mit der Perlmuttermuschel des Nagels an der Spitze, jeder sich von dem schmalen Handteller trennt ... aber die hier, sie waren kalt. Und sie waren sogar von einer feuchten Kühle.
»Na, sehn Se, mein Jungeken!« sagte die Russengrüne. Bisher hatte sie immer »Herr« gesagt oder sogar »Herr Rosenemil«. »Hab' ich nu etwa Fieber? Na sehn Se!« Sie lachte. »Un wat jehn Ihn' überhaupt meine Hände an, mein Herr?« Eigentlich heißt es nun: Was gehen Sie überhaupt meine Hände an oder Händchen an. Aber es klang anders viel zarter und weicher. Wie's ja überhaupt mit der deutschen Sprache eine Absonderlichkeit ist: Falsch ist da oft richtiger als richtig ... Ja, meist richtiger.
Und außerdem wußte Rosenemil gar nicht, daß ja gerade die kalten Hände, wie der Arzt es ausgedrückt, bei so'n ganz kleinen, kaum erst feststellbaren Spitzenkatarrh zum Bild gehören. Woher sollte er auch so was wissen? Das war wirklich nicht bei ihm zu befürchten, daß er sich, wie die Polenliese, je solche Kenntnisse aneignen würde: die Sturzwelle ging ja immer noch sehr gut ... Des hatte er heute gesehen. Aber wie er davon sein Schlafgeld bezahlen sollte, das wußte er nicht. Un wenn er die Mappe nich wiederkriegte mit die zweiundzwanzig »Verstoßene Gräfinnen« am Montag – wat sollte er machen? Aber die Polenliese wußte das. Sie nahm – oder sollte es wenigstens – immer solche Pillen, die wie braune Tröpfchen aussahn und wie ein ganzes Krankenhaus schmeckten. Wirklich, die hatten ihr janz jut jetan. Und außerdem war es eigentlich ganz hübsch so. Sie war immer um die Zeit so hübsch aufgepulvert. Un abgenommen ... darauf achtet der Doktor Levy sehr; des war zwar ein Jude, aber ein anständiger Mann. (Da konnte jedes Mädchen aus der Jejend kommen, er nahm nie einen Jroschen von se!) Abgenommen hatte sie beim Braunbier noch nich ein Gramm. Sie war immer noch rund und rosig wie ein Marzipanpüppchen. Des hatte wenigstens der kleine Benjamin gesagt.
Aber Rosenemil ließ die Hand, obwohl sie kalt und feucht in der seinen lag und grade um diese Stunde – sie gab sie dann schon keinem – sich nicht angenehm anfaßte, nicht los ... und sah sehr still über das Wasser fort ... Aber plötzlich machte er eine Wendung und zog die Russengrüne an sich, und dann hatte er ihren Kopf in beiden Händen, die Finger verschwanden ganz unter den weichen, bronzefarbenen Flechten, und küßte sie, die Russengrüne mit den roten Backen und den blanken Augen, leise und sehr zart mitten auf den Mund, eher anbetend als verliebt. Und die Russengrüne sank leise in seine Arme vor und schloß die Augen, und unter den sehr langen Wimpern, die nach den Spitzen zu sich wieder etwas hochbogen (auch das hatte Doktor Levy gleich gesehen, aber nicht bemerkt!), krochen zwei blanke Tränen vor und liefen langsam über die Backen fort.
Die Tränen hatten einen absonderlichen Grund. Es war keine Dirnensentimentalität. Was sollte das auch hier. Und kein Mitleid mit sich selbst; sie hatte es ja ganz nett ... die Männer waren nicht roh zu ihr. Und sie hatte es eigentlich ganz gut. Auch keine Angst vor der Krankheit. Soweit war sie sich wohl nicht darüber klar. Und Optimismus gehört ja auch zu ihrem Bild. Und außerdem kommt's, wie's kommt, und man kann ja doch nischt jejen machen ... Es war ganz etwas anderes ... Abgeknutscht wurde sie alle Tage. Das taten die meisten Männer nicht anders. Aber seit langem war sie nicht mehr nur geküßt worden, und das überwältigte sie so im Augenblick. Vielleicht war es auch der Nachmittag hier draußen, die Beleuchtung in Gold und Hyazinthen, wie Baudelaire sagt, der weiche Wind, der aufkam, und daß sie der arme Kerl hier küßte und sonst garnischt von ihr wollte.
»Ick will doch noch mal den Doktor Levy insultieren«, sagte sie, als sie sich von ihm loslöste. Und dann ging sie unvermittelt auf ein anderes Thema über. »Wissen Se, Rosenemil, wenn ich een Mann liebhabe, denn tu' ick alles für ihn, denn lege ick mir quer und breit for ihn.«
»Haben Sie denn schon mal eenen Mann liebgehabt, Fräulein Lissi?« fragte der Kolporteur.
»Ja«, sagte die Russengrüne, »aber mit dem war nich ville los. Der war nich sehr weit her. Wat kieken Se denn vor sich hin? Bin ich nich nett zu Ihnen gewesen?«
»Ach Gott«, sagte der Kolporteur, »ich habe meine Mappe verloren!«
»Was für 'ne Mappe?« fragte die Russengrüne.
»Es war ein Kilo Gesundheitstee und zwei- oder dreiundzwanzig ›Verstoßene Gräfinnen‹ drin.« Nun kam's 'raus. Alles, was er ein paar Stunden in sich zurückgedämmt hatte, versucht hatte, wegzudenken, brach durch. Und nun kam auch seine ganze Redegewandtheit wieder.
»Ach, Sie hausieren mit sone Blutwürschte?« sagte die Russengrüne. Aber es war gar nichts Abfälliges darin. Jeder mußte eben sein bißchen Geld in dieser Stadt auf seine Weise und so schwer, wie es eben ging, verdienen. »Also mir hat auch mal einer so'n Heft aufgeredet. Meine Eltern durften das gar nicht wissen. Da kam gleich was von 'ne Chloroformmaske drin vor. Des war mir zu graulich.«
»Ach des war der ›Schwarze Prinz‹ oder ›Die Strafe des Schicksals‹«, sagte der Kolporteur melancholisch, »da bin ich auch mal mit jegangen.«
»Bei uns zu Hause kommt immer so'n junger Mann hin, der bringt mir Bücher. Manche sind ja sehr schön zu lesen. Die les' ick denn janz langsam. Aber andere sind so langweilig wie 'ne uffjewärmte Leichenrede. Wie hieß denn des wieder? Also ick komm' schon drauf! Es war was mit 'nen Irrtum – Irrungen glaube ich, hieß es, und denn kam noch 'n anderes Wort ... aber des habe ich dem kleenen Benjamin gleich wiedergegeben!«
Der kleine Benjamin wollte sie natürlich, wie so viele in seinem Alter, erst bilden, zu sich heraufziehen und dann heiraten. Ja, das war eine eigene Sache mit dem kleinen Benjamin!
»Ja, und die Mappe is futsch. Und die muß ich doch die Leute ersetzen. Von den Gesundheitstee red' ich schon gar nicht.«
»Na, dann müssen wir eben die Leute zahlen.«
»Wo soll ick denn det hernehmen?«
»Ach Jott, det find't sich schon«, sagte die Russengrüne und legte ihre schlanke Hand dem Kolporteur sehr leise auf die Schulter, und sie kam mit ihrem Mund und den großen Augen dem Gesicht des Kolporteurs bedenklich nahe. »Haste mir den ersten Kuß gestohlen«, sagte sie leise, »so kannste dir auch die andern holen.« Und sie lachte und machte den Mund ganz spitz. All der Dreck der letzten sechs Jahre (und wenn sie auch erst ein Jahr unter Sitte stand), so lang ging das schon, der ja doch zum Schluß eigentlich nicht haftengeblieben war und die Poren der Seele doch nicht verstopft hatte, war von ihr abgespült, und sie war wieder, wie sie mit siebzehn gewesen war.
»Sehn Se, Rosenemil, fassen Se mal an«, sagte sie nach einer ganzen Zeit, »faß mal an, des kommt und jeht so wieder. Fassen Se mal an. Jetzt habe ich ja keene heißen Backen mehr.« Wirklich, sie waren nicht mehr heiß, aber sie waren auch nicht mehr rot. Sie hatten die Farbe von Pfirsichen bekommen. Und solch ein Gefühl gaben sie seiner Hand ja auch. Von Pfirsichen, die man halbreif vom Spalier genommen hat, damit sie in der Kiste nachreifen sollten. Also sie waren leicht gelblich, ein ganz klein wenig grünlich wohl auch noch, mit einem rosigen Hauch darüber. Aber jetzt, in der goldroten Abendsonne, die groß in dem Wald da drüben, jenseits des Wassers, versank, glühend und strahlenlos geworden war, waren sie doch so angegoldet, daß man das kaum sah. Und nachher konnte man doch was auflegen.
Es war wirklich schön, wie die Laufkante und die Nadelwülste des Waldes da weit drüben – dort, wo die Sonne sich senkte – ganz deutlich und scharf, als ob man sie aus schwarzem Papier ausgeschnitten und dort auf die Kupferscheibe geklebt hätte, sich abzeichneten; und schön war die lange schmale Feuerbrücke, der Goldsteg, den sein Widerschein auf dem ganz blauen und nelkenfarbenen, metallisch überspielten Wasser gerade auf die beiden zu erbaut hatte. Wie glatt das Wasser jetzt war ... wie ein ausgespanntes Seidentuch! Kein auch noch so kleines Weilchen. Kein auch noch so winziges Lüftchen, das es hätte erregen können. Das Laub hing ganz ruhig an den Bäumen. Selbst die Hummeln hatten mit ihrem Gebrumm und Geschimpfe aufgehört ... Hat mal jemand darauf geachtet, daß es gerade genau um Sonnenuntergang so still und unbewegt in der Natur draußen wird, als wären alle Dinge und Wesen nur eine Versammlung von Quäkern, die, um sich zu sammeln, mit gefalteten Händen eine Minute, als hätte man ihnen Stillstand kommandiert und Schweigen geboten, all ihr Tun und Denken ausgeschaltet haben? Hat mal jemand darauf geachtet?
»Ja«, sagte der Kolporteur. »Die jeht nu schlafen, Frollein Lissi, und die weiß, wo se hin jeht ... Ich hab' noch keene Schlafstelle heute ... ich nich.«
»Na wat denn? Wat denn? Wat denn?« rief die Polenliese erstaunt. »So muß' kommen: sieben Häuser und keine Schlafstelle«, und dann lachte sie, sie konnte sich gar nicht beruhigen, die Russengrüne.
»Sie habens jut, Frollein Lissi. Sie haben jut lachen. Ich find's ja auch komisch ... Sie gehn nachher zu Ihre Eltern nach Hause.«
»Na ja«, und die Polenliese lachte immer noch, vielleicht über die Idee, daß es jemand wirklich glauben könnte, daß sie zu ihren Eltern nach Hause ging. Da käm' sie schneller vierkantig die Treppe 'runter, als sie je 'raufjejangen wäre. »Na ja«, sagte sie wieder langsam, »es jibt eben einen klugen Hans, und es jibt eben einen dummen Hans. Doof bleibt doof.«
»Jewiß«, meinte der Kolporteur nachdenklich, »ick bin vielleicht immer ein dummes Luder jewesen. Un des is ja endlich auch nicht so schlimm. Denn schlaf' ick eben im Humboldthain. Des hab' ick schon mal jetzt vor'n Jahr jemacht. Uff 'ne Bank ...«
»Wo sind Se denn jestern uff de Nacht gewesen?« fragte die Lissi.
»Jestern – jestern war ick noch bei meine Schlafstellenvermieterin in de Zingststraße. Aber da bin ich jetzt seit fast drei Wochen lang des Schlafgeld schuldig geblieben. Ewig kann ich die Frau das auch nich zumuten ... Sie kriegt morgen einen anderen for mir. Des sind arme Leute. Was soll man die noch um ihr Geld bringen.«
»Da haben Se ooch wieder recht«, sagte die Russengrüne und nickte sehr nachdenklich vor sich hin, »die werden des ooch nich so dicke haben da draußen in de Zingststraße.«
Rosenemil hielt die Hand vor die Augen; vielleicht hatte ihn die letzte Feuerkante der untergehenden Sonne geblendet, vielleicht war ihm wirklich hundeelend.
»Sie haben wohl heute die Strümpe verkehrt angezogen? Nu weene man nicht«, sagte die Russengrüne und legte ihm wie eine wärmende Boa ihren schönen, langen, weichen Arm um den Hals. So hat das bei meinem Freund damals auch angefangen ... Un nachher haben sie'n nach Dalldorf gebracht.
Sie haben jut reden, mein Fräulein, dachte der Kolporteur, aber er sagte nichts ... denn es gibt Augenblicke, da Schweigen wirklich Gold sein kann. Merkwürdig: wie die Sonne fort war und nur da noch ein helles Rosenblatt am Himmel, wo sie versunken, quoll plötzlich aus Sandboden und Sandhängen, aus Kiefern, Wald und Wiesen und Erlenstämmen und Birkenfahnen solch ein heißer Wrasen auf, als ob alle noch einmal, bevor die Nacht kam, der Sonne für die Wärme, die sie den Tag über gespendet, ihren Dank sagen müßten. Und im gleichen Augenblick wurde auch Gras und Laub unter dem dumpfblauen und rotgebänderten Himmel dunkler und fester, und in dem grünen, festen Tuch der Wiese leuchteten die gelben Blüten vom Hahnenfuß, braunen Ampfer, die kleinen mattblauen Sumpfveilchen und die weißen Rispen der Spiräen und die vergißmeinnichtblauen Sternchen der Vergißmeinnichtsträuße hinten am Schilfrand. Weiße Winden, die geschlossen noch vorher, waren plötzlich, als ob sie mit Seide in das grüne Tuch hineingestickt wären, aufgegangen. Sie leuchteten ordentlich, als hätten sie Leuchtfarben, die erst mit der Dunkelheit zu leben beginnen. Und in den Vorhang des Brombeerbusches da neben ihnen waren die weißen Blütenballen im gleichen Augenblick wie in einen alten Silberbrokat mit echten Silberfäden eingewirkt. Die Hummeln waren in ihnen schlafen gegangen. Aber die ersten Dämmerungsfalter standen, bunte, schwirrende Flügelschatten – Weinschwärmer und Wolfsmilchschwärmer, die sich wohl heute erst aus der Puppenhülle befreit hatten – zitternd und erregt vor Leben und Liebessehnsucht, wie angenagelt über ihnen in der stillen Luft und ... und senkten – das konnte man genau sehen (so dunkel war es eben doch noch nicht, auch wenn das Licht von Sekunde zu Sekunde nachließ) – ihre langen, entrollten Zungen dem Honigduft nach, bis tief in den Kelch der Blüten aus Silberfäden.
Alle Konturen dagegen an Bäumen und Büschen und Wäldern schlossen sich zu großen, einheitlichen Linien zusammen, wie das nur hier in der Mark ist – und wie sie einen Leistikow bezauberten. Und die beiden hier, auch wenn sie es weder sagen noch malen konnten, kaum minder bezauberten ... in diesem Augenblick.
»Des is sehr schön jetzt hier«, sagte Rosenemil.
»Ja, aber es wird doch kühl auf die Nacht«, sagte die Russengrüne und sprang auf.
»Wir dürfen doch die Rosen nicht vergessen, Frollein Lissi«, meinte der Kolporteur und watete noch mal vor zum Schilfrand. Also, sie waren so frisch wieder, als ob sie eben aus dem Korb kämen: die reizenden Kinder Floras!
»Du«, sagte die Russengrüne, als sie durch das dämmrige Unterholz wieder den Weg gefunden hatten, »du – vorhin hab' ich gesehen, da stand an dem einen Baum im Lokal ›Pichelsteiner Fleisch fünfundsiebzig die Portion‹! Ob sie des heute abend auch haben? Und eenmal 'rumtanzen tun wir auch noch. Und denn fahren wir wieder 'rein. Wat soll'n wir'n so lange hier draußen?«
»Ja, und wo soll ich hinjehen?« fragte der Kolporteur.
»Sei doch nich immer so neugierig«, sagte die Russengrüne, »des wer'n wir nachher sehen.«
»Und deine Eltern?«
»Ach wat, Quatsch: Eltern! Wer hat früher überhaupt was von Eltern jewußt?«
Und nun legte Rosenemil ihr den Arm um den Hals, trotzdem Fräulein Lissi angstvoll rief: »Aber nich doch, da kommen ja Leute.«
Und damit hatte sie nicht unrecht. Denn ein paar Schritte vor und ein paar Schritte hinter ihnen gingen Paare, die sich auch nicht darum kümmerten, daß da auch andre Leute kämen.
»Endlich is der Jroschen jefallen«, sagte die Russengrüne und hielt ihm glücklich und die Augen schließend den Mund hin. Sie war ja lange nicht mehr geküßt, nur geküßt worden.
Und die Russengrüne hatte recht, es war eigentlich kühl geworden. Das uralte Land hier, das noch vor zehntausend Jahren Gletscher sah, hat seinen alten Eishauch nachts selbst im Sommer nicht ganz vergessen. Und sie hatte weiter recht: es gab Pichelsteiner. Aber man mußte, denn jetzt war der Garten voll von Leuten, die zum Abend herausgefahren waren, und schwirrte von Lärm und Gläserklappern und war durchzuckt von den knirschenden Tritten der Kellner auf dem Kies ... Die Motten schossen erst gegen die Laternen, in denen rote Petroleumfunzeln qualmten, und fielen dann kopfüber in die Bierseidel. Und die Mücken flogen den Damen unter die Röcke, wenn sie vom Hals verscheucht waren, und stachen sie in die Waden. Denn solche Mücke ist keineswegs von niedriger Intelligenz ... Also sie mußten zwar eine ganze Weile warten, aber dann kam es doch, das Pichelsteiner! Reichlich gepfeffert war es, aber dafür waren es auch große Portionen. Denn die Ruderer, die vom Wasser kamen, brachten Appetit mit. Und wenn es hier einmal zuwenig gewesen wäre, dann wären sie ein Haus weiter in »Ruderers Lust« gegangen, wo es zwar unvornehmer, aber dafür gemütlicher war.
Und Rosenemil guckte der Russengrünen sehr auf die Finger; denn sie aß mit angezogenen Ellenbogen und ganz von oben herab, überaus manierlich. Wie man das von einem Mädchen auch erwarten kann, das auch mit besseren Herren ausgeht. Manche lernen es nie. Wenn die da so mit dem Messer ins Wiener Schnitzel sticht, das ist gar kein Benehmen nich! Und drin im Saal drehten sich jetzt die Ruderer in kurzen Hosen und die Segler in blauen Jacken mit Goldknöpfen, als Kapitäne maskiert, mit ihren Damen, von denen sie als Kielschweine sprachen (und sie waren auch rosig wie solche unter der braunen Schicht von der Sonne des Nachmittags), drehten sich unter den bunten Lampions, die gefährlich schwankten, in einem Hecht von Zigarrenrauch, den man mit einem Messer hätte tranchieren können. Der menschgewordene Musikautomat hämmerte seinen Rixdorfer und seine Holzauktion, denen die Paare, die nicht nur tanzten, sondern auch sangen, noch weit volkstümlichere Texte unterlegten als jene, die ihnen schon zu ihrer jahrelangen Berühmtheit verholfen hatten.
Einmal schwenkten Rosenemil und die Russengrüne sich herum. Aber der Zauber von vorhin war verweht. Sie kamen auch nicht recht vorwärts in dem Gewühl, in dem jeder nur auf der Stelle schassieren konnte und jeglicher Versuch, weiter und von der Stelle zu kommen, mit Püffen beantwortet wurde. Die Russengrüne nickte zwei rosigen und braun verschminkten Kielschweinen, die miteinander tanzten und dazu blaue, kurze Matrosenkleidchen und blaue Mützchen trugen, vertraut zu. Sie sahen übel aus. Aber wahrscheinlich noch lange nicht so übel, wie sie waren.
»Wer war denn das?« fragte Rosenemil, der die Sorte kannte.
»Ach Gott, Emil«, sagte die Russengrüne, »des sind nur ein paar Kinder aus meine Klasse gewesen. Mit die war ich früher in der Siebenachtzigsten zusammen. Aber nun jehn wir: ich schnappe schon nach dem Bettzipfel.«
Und dann saßen sie wieder im Anhänger und ratterten der Stadt entgegen.
Wirklich: es ist ganz hübsch mal, wenn man mit einer so netten Dame, die einem gegenübersitzt, damit sie keinen Zug bekommt (denn das soll sie nicht, meinte sie), im offenen Anhänger des Abends in die Stadt wieder 'reinfährt. Und auf der einen Seite, am Ende der Straße, der brandige, melancholische Streifen über dem Himmel ist, und der Abendhimmel darüber ganz lichtgrün und hell ist und so allmählich erst in Vergißmeinnichtblau übergeht. Und unten in dem Himmelsgrün, da sind man erst zwei, drei große Sterne. Die funkeln wie 'ne Blendlaterne. Jedoch oben, im Blau dagegen, sind schon 'ne Masse!
»Sehn Se mal, Frollein Lissi, des sieht ja nich so übel aus. Un sone Gasometer und sone Fabriken mit hundert helle Fenster – da arbeiten se wohl de Nacht durch! –, das macht sich eigentlich sauber. Ville besser als am Tag. Da acht' man ja janich druff.«
Die Polenliese hatte sich ihren Kragen hochgeschlagen, und ihr Köpfchen aus dem grauen Krimmerkragen – na ja, bei Nacht is aller Krimmer grau – sieht mit verschleierten Augen zu Rosenemil herüber ... Also, über den Mann kann man sich kugeln, der sagt doch immer noch »Sie« zu ihr. Die andern sagen nach fünf Minuten »du«.
Ja, und dann hörten Feld und Lauben und Gasometer und Fabriken auf, und es kommt Berlin ... mit seinen Häuserreihen ... mit seinen Balkons in Reihen, auf denen die Menschen in Hemdsärmeln um Petroleumlampen mit roten Schirmen sitzen ... Mit seinen Cafés, vor denen auf den Terrassen mit den Kästen von wildem Wein Stühle warten, bis einer kommt ... Mit seiner Militärmusik, die aus den Brauereien und aus den Sommergärten klingt und die Potpourris aus dem Präsentiermarsch, dem Hohenfriedberger, und dem Sang an Ägir schmettert ... Mit seinen Zeilen von Straßenbahnen, die sich stauen, weil eine Notweiche wo gelegt ist und an den anderen Schienen unter Karbidlampen gearbeitet und geschliffen wird auf elektrischen Motoren, die wie kleine, unheimliche, schwarze, am Boden hockende Tiere grünblaue Funkenbündel sprühen ... Mit seinen Bogenlampen in den Hauptstraßen und seinen Gasglühlichtlaternen mit dem grünen Licht in den kahlen und toten Nebenstraßen, deren bißchen Leben noch ständig in die Hauptstraßen abströmt ... Mit beleuchteten Giebelreklamen! Die Eingänge der Kintöppe speien Menschenströme wie Lavaströme aus, weil die letzte Vorstellung von »Die Rache des Eunuchen« oder »Die Hochzeit des Sultans, zweitausendzweihundertdreißig Meter lang«, eben zu Ende gegangen ist.
»Also man muß nur die bunten Dinger von Plakaten sich ansehen. Dann glaubt man gar nicht, des es so was gibt. Aber es jibt eben nischt, was es nich gibt«, sagte die Polenliese.
Und über allem der warme Brodem – denn hier hatte es sich gar nicht abgekühlt! –, der wie eine Wolke zwischen den Häuserreihen hing, jener warme Brodem der Großstadtnacht mit seinen tausend Gerüchen, der aus den Läden und Höfen, von Frauen und Männern kommt. Von den Haustoren, von den Blumen der Balkons, vom Asphalt, der wieder hart wird, von braunduftenden Pferden und von dem Rauch der Fabriken und von den Grün der Anlagen und von den zwei Dutzend qualmenden Stinkdroschken, die durch die Straßen hoch und stolz daherrumpeln. Von Akazienbäumen um die Brauerei, denn die blühen noch und duften orange ...
Und in dessen, des Brodems, Hauch, in dessen Wärme die Menschen und Hunderte von Liebespaaren dahinschlenderten, denn es ist ja Sonnabend nacht! Und morgen ist Sonntag! Die ganzen vierundzwanzig Stunden über wird Sonntag sein! Und außerdem ist eine herrliche Juninacht, und da treibt es sie alle heraus, weil sie, trotz ihrer Liebe, doch mit ihrer Sehnsucht nicht wissen, wo sie hin sollen ... Man konnte wirklich kaum entscheiden: Hat sie alle die warme brodelnde Mitternacht noch herausgetrieben und läßt sie nicht heimfinden? Oder ist die nur so warm und weich und brodelnd als Fluidum der tausendfachen Sehnsucht, die in ihr zittert.
»Was brauchen wir den großen Bogen erst zu machen«, sagte die Polenliese, »die nächste Haltestelle gehen wir 'raus, und denn jehn wir das Stückchen nach de Lothringer zu Fuß. Früher hab' ich ja hier in de Eichendorffstraße jewohnt. Aber de Lothringer is vornehmer.«
In Rosenemils Brust regte sich ein leichter Zweifel darob, ob die Lothringer Straße wirklich so viel vornehmer war als die Eichendorffstraße ... Denn er kannte beide ganz gut. Eigentlich war das doch gehuppt wie gesprungen ... Aber so eine konnte die Russengrüne nicht sein, dazu war sie zu nett. Und denn – war sie für ein Mädchen aus de Lothringer viel zu gut angezogen ... Und denn war sie ooch zu schön. Jeder Jraf hätte sich jefreut, wenn se ja zu ihm jesagt hätte ... Was brauchte die so was?
Wie hübsch sie so untergefaßt gingen, zwischen all den Menschen. Er mit der Rose im Knopfloch und mit der neuen Krawatte um. (For 'n Abend jing ooch der Anzug noch, da sah man gar nicht, wie abgerieben der Stoff war ... Und der Strohhut, den hatt' er heimlich noch mal, wie er abstieg – da brauchte er sich vor niemand zu genieren – von de Bahn, die Krempe gradegebogen.) Und sie mit dem Krimmerkostüm und dem Schirmchen und der Pleureuse auf dem Hut und den Rosenstrauß im Arm ... wie ein neugeborenes Kind. Und dann gingen sie so gut zusammen. Sie paßten so in de Jröße und so in'n Schritt. Genau so gut, wie sie zusammen getanzt hatten. Und eigentlich war er auch froh jetzt, daß er seine schwarze Wachstuchtasche verloren hatte. (Denn wie würde denn das aussehen, wenn er mit sone Dame hier unter den einen Arm und mit seine olle schwarze Wachstuchmappe unter'n andern Arm hier herumzöge?) Immer vornehm, Emil, wenn dir auch hungert!
Aber ihn hungerte jarnich. Er war satt. Er war satt, satt und so froh dabei, wie lange nicht ... Na ja, des Mädchen hatte für ihn bezahlt, und vielleicht würde es sogar – aber er glaubte es noch nicht recht! – die Nacht gut zu ihm sein. Aber, wer sagte es denn, daß, wenn er erst jetzt mal Geld hätte ... und es gibt viele, die in Berlin zu Geld kommen: uff de Straße liegt es, man muß nur verstehen, es aufzuklauben ... wenn er einen guten Artikel kriegt. Mit Straßenhandel, da sind Leute dran schon so reich geworden, daß se nachher die andern auf de Straße geschickt haben, wie Brandeisen, der hat heute achtzehn Wagen 'rumfahren. Also – denn jeh ich mit ihr in det feinste Weinlokal dafür. Von mir aus soll se bei Kempinski die janze Speisekarte zweimal 'rauf und 'runter essen, ich werde nur sagen: »Nimm doch noch een bißken von de Schwedenfrüchte, Lissi.« Und er sah – denn die Phantasie des Menschen arbeitet prompt und bildhaft – sich selbst mit einem blonden, hochgedrehten Schnurrbärtchen und sehr gestriegelt und gebügelt und mit einem Kragen und einem Oberhemd, die so weiß waren, wie sein Chemisettchen und sein Gummikragen grün waren, vor einem Tischtuch sitzend, das ihm Licht und Helligkeit von hundert versteckten Birnen ins Gesicht strahlte und auf dem halbvolle Rotweingläser und Flaschen und eine silberne Schale mit Zucker und ein rot leuchtender Hummer mit riesigen Scheren auf einer silbernen Platte so deutlich lagen, als lägen sie unter dem Scheinwerfer eines Operationstisches. Und er sah Lissi sich gegenüber, wie sie ihn glücklich und dankbar anlächelte. Aber er tat, als ob er alle Tage so futterte.
Die Russengrüne nickte einem Mann zu, der an einer Laterne stand. Das heißt, sie nickte ihm nicht zu eigentlich, aber sie kannte ihn, das merkte der Kolporteur, und jener kannte sie, das fühlte er ebenso. Wie kamen die zueinander? Und der da stand auch nicht an der Laterne, sondern er stand einen halben Meter ab von der Laterne in der Straße, die ziemlich schlecht beleuchtet war. Nur sein breiter Bullenrücken war an dem Laternenpfahl, und der auch nur mit ein paar Zentimeter eigentlich. Und er stand auch nicht mit dem rechten Fuß rechts und dem linken Fuß, an denen er rote Plüschmorgenschuhe hatte, links, sondern er stand mit dem rechten Fuß links und mit dem linken rechts. Indem er nämlich die Beine übereinandergeschlagen hatte. Ebenso wie er die Arme verkreuzt hatte. Und da er so stand – man verstand eigentlich nicht, wie er so stehen konnte, denn es sah nicht aus, als ob er sich an den Laternenpfahl lehnte, sondern als ob der Laternenpfahl bei ihm Schutz gesucht hatte –, so senkte sich natürlich das Kinn seiner Brust zu, die bloß, frei und behaart aus dem halbrunden Ausschnitt eines rot und weiß und quer gestreiften Trikots herauskam, ja – herausquoll wäre auch nicht richtig, dazu war sie zu fest und muskulös! Also sagen wir: sich herausschob. Und dort, wo sie sich dem Ausschnitt entwand – so hell war es gerade unter der Laterne, daß man das sah! –, die Spitzen und die Segel eines Dreimasters in blauer und roter Tätowierung für jeden, der gerade dahin blicken mochte, freigab. Das sehr kurze Jackett mit sehr kurzen Ärmeln hatte er nicht angezogen, sondern über die breiten Schultern gehängt, so daß es über die Muskelbündel von Armen nur noch halb hinabfiel, denn er liebte es scheinbar, die Brust frei zu haben. Aber, wenn er es auch liebte, die Brust frei den Blicken zu bieten, hielt er doch darauf, bedeckten Hauptes zu gehen. Denn er hatte die rostbraune Ballonmütze, die wirklich etwas von einem halb aufgegasten Fesselballon hatte, der auch nicht weiß, ob er sich nach links oder nach rechts legen soll, mit dem Schirm tief über das linke Auge gezogen und so eine schwere Haarlocke sich rechts über die freie Stirn gewischt. Man wußte nicht, hatte er das wirklich nur improvisiert, oder übte er es, wie ein guter Schauspieler, täglich eine halbe Stunde vor dem Spiegel, bis es so saß, wie er es für seine Rolle brauchte. Aber obwohl man nicht feststellen konnte, daß er mit dem einen verdeckten Auge etwas sah, hatte man doch das unabweisbare Gefühl, daß er mit dem unbedeckten alles aufs allergenaueste beobachtete, was sich in dieser Straße zutrug; wer ging und kam. Und daß er jedes Mädchen, das im Halbdunkel an dem andern Straßenende patrouillierte, genau unterschied und im Auge behielt. Obwohl das auf die Entfernung kaum noch eine Katze gekonnt hätte. Und obwohl er scheinbar auf nichts achtete und ganz still vor sich hin träumte, wußte man doch, er hörte genau, wenn sechs Häuser davon die Haustür geschlossen wurde, und er unterschied, ob die Schritte, die da drüben übern Hof gingen, in Nummer achtzehn oder in Nummer sechzehn waren.
Dabei war es ein Mann in den Dreißigern nach den Vierzigern hin – wo sie auslegen. Und sein Gesicht war gar nicht mal so uneben. Es war weder frech noch davot. Im Gegenteil, es hatte sich auf stille Gutmütigkeit zurechtgemacht. Aber das war ihm nicht allzugut gelungen, da schimmerte so allerhand durch den Firnis durch.
Was is denn des for'n Gewaltslude? sagte sich – eben hatte er noch im Frack bei Kempinski gesessen – der Kolporteur. Und wie kommt Lissi zu so'n Kerl? Denn gekannt hat sie ihn doch!
Laut aber sagte er: »Den möchte ich auch nicht alleen im Dunkeln begegnen, Lissi.«
Die Russengrüne, die schwerer an seinem Arm hin, sie war das nicht gewohnt, draußen 'rumzurennen, und außerdem hatte sie eigentlich von den letzten sechsunddreißig Stunden kaum vier geschlafen, sie hatte ein paarmal so ganz verstohlen schon gegähnt, stutzte.
»Ach Gott«, meinte sie nach einer Weile dann sehr sachlich, »weeßte, des sieht alles nur so aus. Der tut keinem Menschen was. Det is eigentlich ein ganz netter und sogar sehr anständiger Mensch von Gesinnung. Da haben wir Beweise für. Natürlich, er darf keinen in de Krone haben, denn haut der Palisadenkarl en janzes Lokal 'raus, daß keen Stuhl janz bleibt. Aber sonst is er um'n Finger zu wickeln. Mit 'n Jemüt wie'n Kind ... Aber paß mal auf: Jetzt jehste da unten 'rein, da drüben, wo – kannste lesen? – diverse Biere aller Sorten' dran steht, und denn hole ich dir wieder da in zehn Minuten ab, und solange kannste mir 'n Kuß geben, Rosenemil! Bin ick nich nett zu dir?«
»Junger Mann«, sagte jemand hinter Rosenemil, als er sich eben vorbeugen wollte, um den ihm gegebenen Auftrag auszuführen. (Jetzt war ihm alles gleich: Der Mensch ist, wer er ist, und wat er is, is gleich. Der Mensch is de Hauptsache. Und kein Mensch kann sagen, wie ein Mädchen zu so was kommt!) »Junger Mann«, sagte jemand, mit einer ganz hohen, zwitschernden Stimme, »junger Mann, erregen Sie hier kein öffentliches Ärgernis.« Die Russengrüne zuckte zusammen, solche Dinge liebte sie nicht. Nachher kam sie nach Barnim. »Aber Spitzmaus!« schrie sie. »Machen Sie hier doch nich so'n Unsinn mit de Menschen, man kann ja den Tod vor Schreck kriegen.«
Also das war doch der kleine, alte, versoffene Student in de Talentwindel wieder von heute vormittag von de Bank Unter den Linden. Nie sieht man einen Menschen, und den trifft man gleich an einem Tag zweimal ... Großartig, vielleicht weiß er auch, wo meine Wachstuchmappe hingekommen ist!
»Sieh mal, da kommt ja des Doktorchen ooch anjelatscht – ach, Herr Sanitätsrat, da sind Sie ja auch. Des is Herr Sanitätsrat!« Aber er war es noch gar nicht, hatte mindestens fünf Jahre noch Zeit, bis er's wurde. Doch die Mädchen sagten nu mal alle so zu ihm. »Doktorchen, wie jeht's denn? Wir waren draußen ins Jrüne. Herr Doktor Levy! Und des is Herr Emil Lehmann.«
Der Doktor war ein kleiner Mann, und er war kein schöner Mann, er hatte eigentlich ein Gesicht wie ein Entenschnabel, und seine Anzüge sahen immer aus wie aus'n Sack gegriffen. Und die Hosen hatten nach acht Tagen Kniesäcke und nach zehn Harmonikafalten ... Aber das lag durchaus nicht an den Anzügen – teuer genug waren sie –, sondern an ihrem Träger oder dessen Haushälterin. Aber vielleicht hatte die das jahrelang versucht und dann aufgegeben, ihn in Ordnung zu halten. Er trug einen Umlegekragen und ein schwarzes Flügelschleifchen. Er hatte den Tag über gearbeitet wie ein Pferd, fünfundsiebzig Patienten – und war endlich des Nachts auf die Straße gekommen. Nachdem er noch vier Stunden gelesen hatte. Denn er war ein großer Literaturfreund – war 'rausgekrochen wie ein Dachs aus seinem Bau. Wenn er mit jemand sprach, so sah er über die Kneiferränder fort ihn an, als ob er damit sagen wollte: Augenblick, Augenblick, ich möchte nur mal 'ne kleine Diagnose stellen. Ich behalte es auch ganz für mich ... Schweigepflicht, Schweigepflicht, mein Lieber – oder meine Liebe. Auf mich können Sie sich verlassen. Es gibt so Kollegen, die quatschen alles 'rum. Auf mich können Sie sich verlassen. Er war ein alter, eingefleischter Junggeselle, und seine Hausdame war zwanzig Jahre älter als er. Er kannte und duzte alle Mädchen hier zwanzig Straßen im Umkreis, schickte nie eine Rechnung; und keine konnte sich anders rühmen, denn ärztlich bei ihm gewesen zu sein. Oder auch nur mit ihm zusammen ein Glas Wein getrunken zu haben. Wenn auch manche schon eine Flasche Wein von ihm getrunken hatten.
Denn ob sie die Medizin sich machen ließen, die er verschrieb, das wußte Doktor Levy nicht. Und ob sie sie, wenn sie sich machen ließen, dann auch pünktlich nahmen, das wußte er auch nicht. Auch, wenn sie es ihm versicherten, weil es ja meistens doch pathologische Lügnerinnen waren. Aber daß sie die Flasche Rotwein, die er ihnen mitgab, tranken, das wußte er bestimmt.
Und manchmal tat sie ihnen genausogut wie eine Medizin. Ja, besser als die. Denn die schmeckte nur schlecht und nützte ihnen zwar auch nicht, den Mädchen, aber sie gab ihnen wenigstens etwas Lebensfreude. Und das eine wußte er genau: sie kamen dann wieder zu ihm. Und man konnte doch vielleicht zum Schluß noch eine ganz dicke Sache mal stornieren und verhüten bei den Mädchens.
Aber eigentlich hatte er die Rotweintherapie nur deshalb eingeführt in die Wissenschaft, wie er zu Spitzmaus sagte, ut aliquid fiat. Denn Doktor Levy war Skeptiker von Beruf und glaubte an nichts, auch wenn er einige Dinge allhier innig liebte. Nur eine Sache gab es, an die er noch weniger glaubte als an alle andern, mochten sie nun Menschen (von denen er nur die unter zehn Jahren als würdig dieses Titels gelten ließ), Liebe, Staatsgemeinschaft, Familie, Geschichte, Erkenntnistheorie, Naturwissenschaften, Religion, Seele, Ethik, Mitleid mit dem andern oder Technik heißen, und diese eine Sache war die Medizin, die Heilkunde als Zweck, Sinn, Wissenschaft oder Nutzen für den Patienten. Eine seiner Thesen lautete, daß der Patient ohne den Arzt ebenso leicht gesund wird, aber weit weniger leicht stirbt. Was ihn nebenbei nicht hinderte, ein unerhört gewissenhafter und als zuverlässig bekannter Arzt nicht nur auf seinem Spezialgebiet – für das ja hier reichlichstes Studienmaterial vorhanden war – zu sein, sondern einer mit einer fast seherhaften Fähigkeit der Diagnostik.
Und der Polenliese hatte er zwar solche Gallertkügelchen verschrieben, die wie braune durchscheinende Tröpfchen in einem braunen Glas herumpurzelten und nach Kreosot schmeckten, aber ihr außerdem noch zugleich eine Flasche Burgunder mitgegeben. Und das war eigentlich die dritte Medizin ... Spanischer Gesundheitswein zu fünfzig Pfennig hieß: Das kann gewiß dir mal nichts schaden, armes Luder! Bordeaux hieß: Ich mißtraue der Geschichte. Und Burgunder hieß: Die Sache gefällt mir nicht; ganz klar und deutlich: Ich kann zwar bislang noch nichts rechtes finden, aber – sie gefällt mir nicht! Volnay 97 war das letzte: Nischt zu machen! Sich selbst verschrieb er nur Volnay, weil er behauptete, daß er von je ein hoffnungsloser Fall wäre.
Doch, da kleine Geschenke die Freundschaft erhalten und eine Flasche Macon durchaus kein kleines Geschenk ist, so war die Polenliese mit Doktor Levy sogar sehr gut befreundet, und er, was merkwürdig war, er mit ihr auch. Denn sie war wirklich ein netter Mensch, immer von einer gleichmäßigen und zarten Freundlichkeit zu ihm, und sie war das schönste und aparteste Mädchen zehn Straßen im Umkreis. Daß sie sich hier draußen unter den Pöbels vergrub, statt im Westen ihr Glück zu machen, verstand er nicht. Aber vielleicht, so meinte er, sagte sie sich mit Cäsar: Lieber in Posemuckel die erste als in Rom die zweite. Da wäre sie nur eine von vielen gewesen, aber hier so um die Lothringer Straße 'rum war sie die Königin, unbestritten, seit Jahren. Und sie ließ auch keinen von den Kerls an sich 'ran ... Einmal hatte einer versucht, ihr den Fuß auf den Nacken zu setzen, und den hatte die Polenliese mit einer Energie, die ihr keiner zugetraut hatte, nach vier Wochen Hals über Kopf herausgeworfen, und als er noch Reden geführt hatte, er würde ihr auflauern und sie kaltmachen, war er vom Palisadenkarl derart verschlagen und zusammengestochen worden, daß ihn selbst Doktor Levy, den man in der Nacht schnell in »Die blaue Zwiebel« heruntergeholt hatte, kaum mit sieben Nadeln richtig hatte zurechtflicken können. Und seitdem war er aus der Gegend verschwunden. Außerdem hatte er jetzt vor dem Schönhauser zweie gleich, die für ihn liefen; und so hatte er ja eigentlich bei der ganzen Sache materiell keinen Schaden erlitten. Edlere seelische Teile waren, wie Doktor Levy sich ausdrückte, bei diesem miesen Kunden nicht verletzt worden, wohl aber war der eine Stich einen halben Zentimeter von der Schlagader gerade noch so vorbeigewutscht. Beinah wär' ihm der Kerl unter den Händen verblutet. Das hätte um ein Haar eine schöne Bescherung gegeben. Denn Doktor Levy schätzte bei solchen kleinen Zwischenfällen in seiner Gegend mehr, wenn die Sache in intimen Zirkeln erledigt wurde, als wenn in solche kleinen privaten Auseinandersetzungen groß Polizei und Gerichte mit hineingezogen würden. Was, wie er sagte, die Beziehungen der Menschen unter sich nur erschwerte und ihm unnütz mit Schreibereien die Zeit wegnahm, die seinen Patienten gehörte. Er wußte – ein »Antimephisto«, wie der kleine Benjamin nicht unoriginell sagte – mit dem Blutbann trefflich, aber mit der Polizei nur schlecht sich abzufinden!
»Na, Fräulein Lissi«, sagte er und streckte, was er sonst nie tat, die Hand mit einer streichelnden Bewegung nach ihr aus. Aber es war ein Luftstreicheln, nur eine symbolische Andeutung eines Streichelns. »Na, Fräulein Lissi, nehmen Sie auch pünktlich dreimal täglich ein, wie ich es Ihnen gesagt habe?«
»Aber des is doch Ehrensache«, sagt Lissi, »Herr Sanitätsrat.« Und legt beteuernd die schlanke Hand dorthin, wo sie das Herz vermutet. »Aber selbstmurmelnd. Des halbe Glas is schon leer.« Und damit wich sie auch nicht von der Wahrheit ab; es war auch leer. Denn, nachdem sie zweimal die Pillen heruntergeschluckt hatte und gefunden hatte, daß sie schlecht schmeckten, hatte sie zuerst mal eine kleine Handvoll davon ins Nachtgeschirr geschüttet, damit sie abnehmen, und die andern dann nicht mehr berührt.
»Na also, dann laß dir mal wieder bei mir sehen, Lissi«, sagte der Doktor Levy – man muß immer die Sprache seiner Straße sprechen –, »aber komm auch!« Und lüftete gegen den Kolporteur seinen Hut, der ein alter und verschwitzter und verbogener Filzdeckel war, obwohl er kaum vier Wochen seinem Herrn diente. Auf Äußerlichkeiten gab er nichts.
»Ach, verzeihen Sie«, sagte der Kolporteur. »Wir haben uns doch heute Unter den Linden getroffen, Herr? Haben Sie vielleicht gesehen, wer meine Tasche mitgenommen hat. Solche schwarze Wachstuchtasche.«
Aber Spitzmaus hatte es leider wirklich und wahrhaftig nicht gesehen, war ja vorher schon mit Laubfrosch vor dem einbrechenden Militarismus entflohen. Der jetzt da drüben wieder in der Kneipe saß und nicht wegzubringen war.
»Aber wie war doch das schöne Liedchen, was Sie von Ihrer Frau Mutter gelernt haben?« piepste er. »Wat Unter de Linden als Hoju kommt in'n Topp, das schmeißt man unter de Frankfurter Linden den Schlächter an'n Kopp ... Lieber junger Mann«, und er machte pathetische Handbewegungen, daß sein Havelock, den er sonst ängstlich zuhielt, denn er hatte schon längst keine Knöpfe mehr, weit aufflog und er darunter, da seine Weste und sein Jackett bei Peten Nachhilfestunde hatten, die ganze geflickte Dürftigkeit seines alten Oberhemdes zur Schau stellte. So ganz nüchtern war er ja nun auch gerade nicht mehr. »Lieber junger Mann, da steckt eine tiefe Wahrheit drin, was bei die feinen Äser da drinnen so'n bißchen Hautgout ist, das kommt hier draußen, hier kommt des ganz schnell auf den Kehrichthaufen.« Er hatte etwas von einem bekommen, der mit Zungen redet, das kleine piepsige Männchen das, die Spitzmaus. »Und wat habe ich Ihnen beigebracht? Na, wissen Se noch, junger Mann? ›Biste am Pariser Platz, is se sicher schon dein Schatz.‹ Also sehn Se, da haben Se doch was von mir gelernt, das Se praktisch im Leben gleich verwenden konnten, edler Jüngling. Ich habe weder im Gymnasium noch in dreiunddreißig Semestern auf der Universität irgend etwas gelernt, was ich praktisch im Leben verwenden könnte.«
Die Polenliese zog Rosenemil lachend weg. »Ach komm«, sagte sie. »Gehn wir nach Hause. Also die Spitzmaus macht nun seit zehn Jahren in jeder Kneipe denselben Quatsch.«
Der Doktor Levy sah den beiden nach, die da ... ein hübsches Paar, wenigstens in der Größe und vom Rücken aus machten sie sich sehr gut, denn da fielen ja für Rosenemil peinliche Details der Kleidung, die von vorn und am Tag ihn degradierten, fort ... die da, ein hübsches Paar, im Gehen sich leicht in den Hüften wiegend und sehr untergefaßt und ohne Zweifel sehr glücklich, nach der Querstraße zu verschwanden, in der die Polenliese hauste. Denn wenn sie gesagt hatte, daß sie in der Lothringer Straße selbst wohnte, so war das reichlich übertrieben. So vornehm, in der Lothringer Straße selbst, wohnte sie gar nicht. Sondern ein paar Häuser um die Ecke herum in der halbdunklen Querstraße, die auch nicht viel anders aussah wie jene, in der der Palisadenkarl da vorhin die Laterne mit dem Rücken vor dem Umfallen bewahrt hatte und die so kahl und grau und baumlos war wie die Hochebene Castiliens.
Doktor Levy starrte ihnen mit gesenktem Kopf über die Ränder des Kneifers nach, der, wie wäre das auch anders zu erwarten gewesen, schräg über den wund geriebenen Nasenrücken ihm hing ... wortlos und kopfschüttelnd ihnen nach ... und mimmelte skeptisch mit seinem Entenschnabel von Mund. Das heißt, er bildete mit der klumpigen und doch spitzen Nase vereint – wie ja auch ein Schnabel zwei getrennte Hälften hat – erst einen richtigen Entenschnabel, der dem ganzen Gesicht den Ausdruck einer Ente auf dem Land gab. Im Wasser sieht sie ganz anders aus. Da ist sie in ihrem Element.
Doktor Levy war ein ziemlich guter Kenner nicht nur des Geschlechtslebens, sondern auch der Umgangsformen seiner Klienten, und er wußte genau, daß ihm die Polenliese irgendeinen Freier, den sie sich gerade eben zugelegt hätte, niemals vorgestellt hätte, daß das da also tiefer gehen mußte. Ja, er wußte in dieser Sekunde schon viel, viel mehr als Rosenemil (er hatte sich den Jüngling sehr genau bekiekt) und vielleicht sogar noch viel mehr, als die Polenliese selbst wußte. Na ja, besser wie der miese Kunde, den er damals in der ›Blauen Zwiebel‹ hinten auf dem Schenktisch im Nebenzimmer bei einer Stearinkerze schnell wieder zusammengeflickt hatte, sah der da schon aus. Ein bißchen schwach vielleicht. Doch wenigstens kein so'n eiskalter Topplude.
Бесплатный фрагмент закончился.
