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Henriette Jacoby

Georg Hermann

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Henriette Jacoby

Impressum

Vorwort

Es ist seltsam, wenn ich denke, daß sie nun wieder alle, auch alle um mich sein sollen, die schon weit draußen in der Welt leben und die mancher kennt oder zu kennen wähnt, sie, die allein mir gehören und doch wieder mir nicht mehr gehören. Und es ist seltsam, wenn ich denke, daß ich es nun wieder bin, der – ein neuer Charon – sie ihrem Schicksal entgegenführt, unerbittlich wie jener; einzig den Bord des Nachens darf ich mit Blumen umflechten.

Und wenn es fürder das Leben nicht gut mit ihnen meinte, ich könnte ja die Karten anders mischen; aber was würde es nützen? Über Glück und Unglück, über Behagen, Wunsch und Wehe ist ja schon lange der Pflug gegangen, der alles in den Boden reißt. Nehmen wir Gewesenes und Seiendes für das, was es ist: für ein Spiel; traurig oder schön ... immer nur für ein Spiel, dessen Sinn wir nicht kennen.

Georg Hermann

Ich weiß nicht, ob man sich der Geschehnisse erinnert. Genug: Onkel Jason war zuerst fortgefahren, als allererster von Jettchen Geberts Hochzeit. Er hatte eine gute Entschuldigung, daß er doch noch krank wäre. Noch vor Jettchen hatte er das Fest verlassen. Noch ehe Jettchen in jener windklaren, sternhellen Novembernacht des Jahres 1839 (ich weiß nicht, ob man sich dessen erinnert) ihrer Hochzeit in der »Gesellschaft der Freunde«, oben in der Neuen Friedrichstraße, den Rücken gekehrt hatte, ohne abzuwarten, daß Madame Spiro den Kaffee servierte, und, was noch merkwürdiger war, ohne sich zu gedulden, bis ihre schöne, mit weißem Atlas ausgeschlagene Chaise – die beste, die Onkel Ferdinand überhaupt besaß – bis der Hochzeitswagen sie nach ihrer neuen Wohnung brächte, in der Tante Hannchens Mädchen indes alle vier Zimmer geheizt hatte, damit Jettchen sie nicht zu kalt und ungemütlich fände. Jettchens Mädchen sollte nämlich erst übermorgen zuziehen. (Ich weiß wirklich nicht, ob man sich all dessen erinnert.)

Nicht eine Sekunde also hatte Jason Gebert den Wagen warten lassen. So pünktlich war er selbst nie zu einem Stelldichein gegangen, und doch konnte ihm hierin gewiß niemand Unpünktlichkeit vorwerfen. Die halbe Zeit hatte er unter dem Tisch mit seiner Uhr gespielt und die Zeiger verwünscht, die so langsam um das silberne Stundenglas krochen. Und dann hatte er wieder stocksteif dagesessen, in die Lichter gesehen und sich mit der Hand unter die weiße Halsbinde gegriffen, weil es ihm schien, als ob er erdrosselt werden sollte und als ob jemand immer wieder von hinten die Binde zuzöge, kaum daß er sie zurechtgerückt hatte. Jason Gebert begriff seinen Bruder Salomon nicht, der so breit und würdig dasaß, und Ferdinand – seinen Bruder Ferdinand –, der über die eigenen Witze lachte, daß man es durch den ganzen Saal hörte, und der immer wieder den Lohndiener Pieper rief, er solle ihm noch mal anbieten. Jason selbst bekam keinen Bissen herunter. Er hatte ja auch eine gute Entschuldigung, nichts zu nehmen; er wäre noch in der Genesung, sagte er, und der Rat Stosch hätte es ihm streng verboten. Aber Tante Rikchen, die sich als Brautmutter fühlte und für jedes Kuvert zahlen mußte, ob es nun gegessen wurde oder nicht – seine Schwägerin Rikchen wollte das nicht gelten lassen. Und sie kam selbst mit einer Schüssel und tat Jason Fisch auf – Fisch dürfe er doch essen, es gäbe nichts Leichteres als Fisch. Auch Onkel Naphtali erinnerte sich, daß er hier als Senior aller Jacobys Standesperson wäre, und sagte: »Aberr der junge Mann scheint dem teuren Menü gar keine Ehre antun zu wollen«, während der alte Onkel Eli sich begnügte, seine brave Ehehälfte, die ihm schrägüber saß, nur mit dem einen Auge anzublinzeln. Die kleine Tante Minchen schüttelte darauf zwar unwillig ihrer Marabutoque, aber sie verstand schon, was jener meinte. Als aber Salomon Gebert endlich aufstand, um Mahlzeit zu wünschen, da war sein Bruder Jason auch schon aus der Tür. Und ehe nur einer sonst recht den Stuhl gerückt hatte, hatte jener auch schon draußen seinen grauen Spenzer umgenommen und hatte die Klinke in der Hand. Ja, sie mochten oben noch nicht einmal recht aufgestanden sein – denn nach einer so reichen Hochzeitstafel läßt man sich damit Zeit –, da hatte Jason sich mit geschlossenen Augen auch schon unten in die roten Polster des Wagens zurückgeworfen, und die Pferde zogen an.

Jason Gebert konnte keinem Menschen sagen, wie ihm zumute war. Jedes Rattern des Wagens, jeder Huf schlag der Gäule traf ihn ins Hirn und gab ihm noch zu der Empfindung trostloser Leere und dumpfer Starrheit, die sich in ihm breitete, unleidliche körperliche Schmerzen. Nun hatte er gekämpft und gekämpft – und die Schlacht endlich doch verloren. Stein für Stein hatte er in Jahrzehnten aufeinandergeschichtet, und wie er dachte, nun bald den Schlußstein einfügen zu können, da war das alles, krach, in sich zusammengebrochen, und nie mehr würde er es wieder aufbauen können. Was war denn für ihn Jettchen bis heute gewesen? Ihm wurden die Augen feucht, wenn er daran dachte. Und nun war sie die Frau dieses Julius Jacoby, dieses Vetters aus Bentschen! Er sah sie als junges, fünfzehnjähriges Ding vor Augen, hinten in ihrem Zimmer nach dem Hof mit dem Nußbaum vor der Galerie. Wie hatte er sie so Schritt vor Schritt gegängelt, sie dahin gebracht, wo er sie hin haben wollte. Von Woche zu Woche hatte er sich gefreut, sie wiederzusehen. Und nun war das alles entzwei. Denn dieser Löbel Groschenmacher würde es ganz und gar niedertreten. Das wußte Jason Gebert. Und das war heute sein Abschied gewesen. Ein trauriger Abschied – nicht einmal ein Rückzug, nein, vielmehr eine Flucht, eine wirre, haltlose Flucht war es gewesen.

Nun was denn? Er würde eben noch einsamer sein, das hätte eben auch ein Ende gefunden wie alles andere hier. Noch ein Jahrzehnt würde er sich so hinschleppen, vielleicht noch länger, dies und jenes beginnen, so ungefähr, wie man nutzlos Steine in einen Brunnen wirft. Herrgott im Himmel, warum hatte er nicht schon jetzt wegtreten können, links in die Seitenkulissen hinein! Warum mußten diese lahmen alten Knochen schon wieder standhalten! Nun ja, nun wäre eben auch das zu Ende. Was scherte er sich eigentlich darum. Was ging es ihn an. Er würde sich jetzt schlicht und friedlich oben in sein schönes, warmes Zimmer setzen, auf seine grüne Damastbergere, würde die Beine von sich strecken und würde auf seine Art Abschied feiern. Richtig, da war ja noch eine Flasche Sillery, des Ernst Theodor Amadeus Hoffmann Sillery, die ihm Onkel Eli gebracht hatte – der würde er den Hals brechen. Und dann würde er sich dazu »La Vie des Dames galantes« von Brantôme vom Bücherbord herabholen, um, das halbgeleerte Glas in der einen Hand und das Buch in der anderen, den geheimen Sinn dieses schmerzhaften und närrischen Daseins zu ergründen. Bis zum Bett würde er wohl endlich immer noch herüberkommen. Wozu brauche er nach irgend jemandem in der Welt zu fragen. Nach ihm frage ja auch keiner. – Und damit kletterte Jason Gebert mühselig mit seinen lahmen Beinen aus dem Wagen.

Aber Jason Gebert hatte eben den Fuß auf das Trittbrett gesetzt, als etwas ganz Wunderbares und ganz Seltsames sich ereignete. Etwas, was Jason Gebert sich nicht erklären konnte, soviel er auch später darüber nachsann. Es war wie ein Aufblitzen in ihm, ein plötzlicher weißer Schein, so wie wir ihn zu sehen glauben, wenn wir von Explosionen oder Kanonaden träumen und dann, vom Pulverblitz geblendet, auffahren, nur damit wir um uns alles grausig finster und knisternd still finden. Jason wußte gar nicht, wie er dazu kam. Er hatte nicht mit einem Gedanken an diesen Menschen gedacht, wirklich, den ganzen Tag nicht. Und plötzlich stand doch die greifbare Gewißheit vor ihm: Doktor Kößling, da oben in seiner einsamen Stube, hinten in der Neuen Friedrichstraße, der jetzt da herumirrt, hungrig und verzweifelt wie ein Tier im Käfig – Doktor Friedrich Kößling wird sich jetzt in dieser Stunde etwas antun. Und wie Jason das aussprach, zögernd, mit einem Fuß auf dem Trittbrett, da sagte er sich auch schon, daß es nicht wahr wäre, daß es nicht mehr als eine haltlose Idee von ihm wäre, eine Einbildung – daß der andere nicht daran dächte. Aber kaum daß er es sich zu widerlegen suchte, befiel ihn eine solche drückende Angst, eine solche innere Unruhe, daß es ihm ganz eng um die Brust wurde und der Hals ihm wie zugeschnürt war. Jason Gebert glaubte nicht an Fernwirkungen und Mesmerismus. Er war viel zu sehr Skeptiker, um an irgend etwas zu glauben. Aber er wollte Klarheit haben – Klarheit, was das war. So rief er dem Kutscher zu, er möchte ihn noch einmal die Königstraße hinauffahren, gleich oben hin nach der Neuen Friedrichstraße.

Langsam zog der Kutscher, als wolle er dem Herrn Zeit lassen, sich anders zu entschließen, die Leine an, drehte langsam sein Handpferd und bog wieder schräg in die Königstraße ein. Jason Gebert aber saß da, weit vorgebeugt, hatte das Wagenfenster niedergelassen und blickte in die graue Nacht, die vom flackernden Schein der hüpfenden Gasflammen – ganz weit standen sie voneinander entfernt – nur trübe und unregelmäßig unterbrochen wurde. Von einer unerklärlichen Unruhe gepackt, starrte er hinaus, verfolgte jeden, der auftauchte und verschwand, mit den Blicken, ob es nicht Kößling wäre. Er wußte nicht, was ihn in diese Lage hineinzwang. Er kam sich vor wie ein Jäger auf dem Anstand, so spähte und lauschte er in die bewegte Dämmerung hinein, Erwartung in jedem Muskel. Da aber erblickte er ganz von ferne einen grauen Schatten, er hörte den Klang von Schritten, und er fühlte am Rhythmus der Bewegung, daß das ein Gang war, den er kannte, und daß das ganz jemand anders war als der, den er hier suchte. Und plötzlich schien Jason Gebert all das, was eben mit ihm geschehen, so unheimlich, daß es ihm vor sich selbst graute. Und er schrie dem Kutscher: »Halt!«, und er sprang mit beiden Füßen hinaus – er vergaß ganz seine Schwäche und seine Unbehilflichkeit –, und er hinkte über die krachenden Wasserlachen, den Hut im Genick und den Spenzer weit offen.

»Jettchen! Um Himmels willen, Jettchen!« rief er. »Was ist?«

Jettchen fuhr zurück und blieb stehen. Sie war noch eben mit ihren Gedanken weit fort gewesen.

»Ach, Onkel Jason«, sagte sie, sonst nichts, und lächelte so wie ein Kind, das man beim Naschen ertappt. Sie war ganz rot von der Luft. Das sah Jason. Und sie lächelte konnte noch lächeln.

»Du wolltest zu mir?«

»Vielleicht«, sagte Jettchen, »ich weiß nicht. Jedenfalls wollte ich fort.«

»Dir hat's da oben bei der Hochzeit wohl auch nicht gefallen«, sagte Jason, und jetzt mußte er gleichfalls lächeln, »ebenso wie mir.« Und damit griff er nach Jettchens Hand, die den Mantel zuhielt, und streichelte sie leise, während durch die Tränen, die er im Auge hatte, die Gestalt vor ihm verschwamm. »Aber du wirst dich in deinen leichten Schuhen erkälten, du großes Kind, du«, meinte er dann. »Das ist kein Wetter zum Promenieren. So kannst du dich anziehen, wenn erst wieder im Charlottenburger Schloßgarten die Vögel singen. Komm, Jettchen, da drüben hält mein Wagen.«

Jettchen schüttelte traurig den Kopf.

Jason nahm wieder ihre Hand. »Sage mal, Jettchen, bin ich nicht immer, solange du denken kannst, auf deiner Seite gewesen? Und meinst du, ich bin nun mit einmal gegen dich? Komm, wir sprechen im Wagen. Denke nur, wenn uns hier jemand sieht ...«

Jettchen ließ sich ruhig und ohne Widerstand von Onkel Jason führen. Beim Einsteigen stützte sie sich sogar schwer auf seine Schulter, während Jason Gebert dem Kutscher sagte, er möchte hier auf und nieder fahren und dann zu seiner Wohnung zurückkehren.

Jason konnte nun Jettchens Gesicht nicht mehr sehen, denn sie hatte sich tief in den Fond des Wagens zurückgelehnt. Aber er spürte mit dem ganzen Körper ihre Nähe, und ihm kam mit einmal zum Bewußtsein, was ihm dieses Mädchen war – viel mehr, als er sich gestehen konnte.

»Jettchen«, begann er endlich, »wollen wir nicht einmal als zwei vernünftige Menschen miteinander reden? Weißt du denn auch, Jettchen, was du getan hast, wenn du jetzt deinem Mann nach der Trauung davongehst?«

Jettchen nickte nur; dann sprach sie, und jedes Wort rang sich von ihr los. »Ich kann nicht, Onkel Jason – ich kann nicht. Ich habe die ganzen Tage gewartet und gewartet – irgend etwas, habe ich gedacht, muß geschehen. Ich habe gefiebert und gebebt jede Sekunde. Ich habe immer gemeint, Onkel Salomon müsse es mir doch ansehen und zu mir sprechen. Und dann – dann hätte ich es gesagt, daß ich es nicht kann. Ich habe geglaubt von Minute zu Minute, es käme noch irgend etwas Unerwartetes, etwas, was man sich gar nicht ersinnen könnte. Aber plötzlich hatte man mir schon die Schlinge über den Hals geworfen, ich habe schreien wollen, ich habe nicht glauben wollen, daß es wahr sein kann. Und da bin ich – weißt du, Onkel ...«

Jettchen beugte sich vor, und Jason sah Jettchens Gesicht, das vom Schein einer Laterne mit einer scharfen Lichtkante umzogen war, und wie ein rotblitzendes Juwel hing ihr eine Träne an der Wimper. Jason aber hatte das Gefühl, als müsse er diese Träne fortküssen. Denn in dem grenzenlosen Mitleid, das er für Jettchen empfand, flammte plötzlich etwas anderes auf, was er sich vordem nie eingestehen wollte und dessen er sich vordem nie bewußt war. Aber gerade deshalb ergriff er nur Jettchens Hand, und er hatte sie immer noch in der seinen, die schöne, fleischige Hand mit dem breiten Brillantring und dem Goldreif an dem schlanken Finger – Jason Gebert fühlte den neuen Goldreif –, immer noch in der seinen, als er schon geendet und als der Wagen, der sich hinten jenseits des Alexanderplatzes in einem Wirrnetz und einem Bergauf und Bergab halbdunkler, ausgestorbener Straßen verirrt und verfangen hatte, wieder neben den flammenden Kandelabern der Königsbrücke entlangratterte.

Jason sprach lange, ruhig und klug. Zuerst von den Tatsachen, dann von den Aussichten. Jettchen wollte nicht zu ihrem Mann? Nein? Gut, damit müsse man sich abfinden. Zwingen könne sie niemand. Aber sie müsse auch wissen, daß das nun ihr Mann sei. Das Gericht habe nicht zum Scherz heute mittag sein Siegel darunter gedrückt. Der Herr Staat sei eine Person, die keine Sentiments kenne und nicht mit sich spaßen lasse. Er könne davon ein Lied singen, und das wäre ebenso schön wie der »wackere Lagienka«. Soweit er die Lage überschaue, wäre Jettchen völlig mittellos, und alles, was sie besäße, wäre von Salomon in die Hände ihres Mannes gelegt. Das würde Schwierigkeiten ergeben. Denn wenn Julius Jacoby sie auch wohl endlich losließe – er habe ja keine Macht, sie zu binden –, so glaube er den neuen Vetter genug zu kennen – vom Geld würde er sich nicht trennen. »Die Sache, liebes Jettchen, wird – das sehe ich jetzt schon – sehr schmutzig werden und viel Lärm geben. Wir müssen zusehen, daß wir in aller Stille auseinanderkommen. – Du liebst Doktor Kößling?« Jettchen nickte.

»Ich will dich nicht fragen, wie du mit ihm stehst. Du bist ja Herrin deiner Entschließungen und längst alt genug, um alles vom Leben zu erfahren.«

»Nein!« rief Jettchen, fuhr auf und umklammerte wie flehend Jasons Hände. »Glaube das doch nicht von mir, Onkel.«

Jason lächelte, denn nicht ohne Absicht hatte er diesen Seitensprung getan, und fuhr dann freier fort: »In das Haus von Onkel Salomon kannst du nicht zurück, Jettchen, und selbst wenn man es dir freistellt, wirst du über kurz oder lang dort gerade das tun, was du nicht willst. Dafür kenne ich meine lieben Schwägerinnen viel zu gut. Überhaupt, das begreifst du wohl, hast du jetzt mit einemmal die ganze, aber auch die ganze brave Familie gegen dich. Da darfst du dich gar keinen Hoffnungen hingeben. Kein Mensch wird auf deiner Seite sein, und kein Mensch wird dich verstehen, vielleicht nicht einmal der, den's am nächsten angeht.«

»Doch, doch«, rief Jettchen.

»Und deshalb, meine Freundin« – Jason überhörte die Einwendung –, »wirst du vorerst bei mir bleiben. Ich werde dich unter meine Fittiche nehmen, du armes, verirrtes Küken, du. Wie eine Löwin ihr letztes Junges werde ich dich verteidigen. Aber – mache mir keine Dummheiten, Mädchen. Setze dich nicht damit ins Unrecht. Du brauchst die Sympathie der Leute. Du hast einen Kampf angefangen, Jettchen, verstehst du – einen Kampf, du konntest nicht anders. Ich sage nicht ein Wort dagegen. Ich will dir helfen. Aber – keine Dummheiten. Du bist jetzt nicht mehr Jettchen Gebert, sondern Frau Henriette Jacoby, die man überall unmöglich machen kann. Und dann, Jettchen, mußt du dir ja selbst sagen, daß null und null erst hundert ergibt, wenn eine Eins davorsteht. Solange sind die zusammen nur ein kümmerliches Nichts, das eben nicht auf die Dauer bestehen kann. Und nun, mein altes Mädel, reden wir von etwas anderem. Fürs erste also wohnst du bei mir. Alles andere findet sich. Paß auf, wie nett wir's uns machen werden, du mein kleines Hausmütterchen, du. Eigentlich freue ich mich doch recht, daß ich dich erwischt habe. Mir ist es nämlich eben ganz eigen gegangen, und wer weiß, was du sonst getan hättest – jedenfalls nichts Gutes. Denke nur, was du denen da oben allen, die doch nicht wissen, wo du hin bist – was du denen für einen Schreck eingejagt hast!«

So sprach Jason, lang und bedächtig, klug und doch sarkastisch, wie das so seine Art war. Jettchen saß ganz still dabei, und nach all der Angst und all der Unruhe, all der Kälte und Benommenheit der letzten Tage hatte sie hier in dem dunklen, weichen Wagen das erste Mal wieder das Gefühl von Wärme und Geborgensein, und sie sah halb erstaunt nach den blinzelnden Laternen, die da draußen vorübertanzten, während der Wagen leise und langsam weiterschwankte. Für den Augenblick hatte sie die Empfindung, als ob all das, was sie erlebt, ganz fern läge und als ob sie das gar nicht sei, die das getan, sondern irgendwer Fremdes. Dann aber drang wieder die ganze Ungewißheit ihrer Lage auf sie ein, und Jettchen schmiegte sich an Jason und umfaßte ihn mit ihren Armen und begann zu weinen, von tief auf zu schluchzen. Und unter Tränen sagte sie ihm, wie gut er zu ihr wäre, daß er sie nicht verließe, da doch keiner etwas von ihr wissen wolle. Aber Jason antwortete ihr, daß sie eine Närrin wäre und daß sie immer der Liebling von allen gewesen wäre und daß sie das auch bleiben würde. Sie sollte nur sehen, sie würden es so nett zusammen haben. Und später würde sich alles für sie schon gut gestalten. Dafür wolle er sorgen – das verspreche er.

So redete Jason. In seinem Innern aber klangen ganz andere Stimmen, die Trauer und Besorgnis kündeten.

»Und ahnt denn Kößling, was du getan hast?«

»Ich glaube nicht, Onkel, ich glaube es nicht.«

»Soso«, meinte Jason, und er wiegte nachdenklich den Kopf. Er merkte gar nicht, daß der Wagen schon hielt.

Dann aber kletterte er langsam zur Chaise hinaus, denn seine Füße waren müde geworden, und half Jettchen beim Aussteigen. Hell in der Dunkelheit der Sternennacht sah Jason sie vor sich stehen. Er hörte in der Finsternis das Knistern ihres Atlaskleides, und er spürte die Kühle ihrer freien Arme. Und im Augenblick kam ihm dabei die Erinnerung an so manches liebe Mal, da er hier einer Schönen aus dem Wagen geholfen; und lächeln mußte er über die seltsame Rolle, die er heute dabei spielte. Sie zeigte ihm, daß er doch nun alt und abgetan war, während ihm irgendwie doch wieder dabei der Gedanke durch den Kopf schoß an den Mann aus der Bibel, der auszog, seines Vaters Eselin zu suchen, und statt ihrer ein Königreich fand.

»So, nun führe ich meine Braut heim«, sagte Jason fast spöttisch, in jenem Ton, den er so liebte und von dem er glaubte, daß er seine eigentliche Meinung und seine eigentliche Stimmung ganz verbarg; und er küßte Jettchen mit einer gesucht altmodischen Bewegung die Hand. Dann öffnete er das schwere Haustor, ließ Jettchen den Vortritt und hinkte schnell wieder zum Wagen zurück: der Kutscher solle warten, er bekäme auch nachher ein gutes Biergeld.

Einen Augenblick stand so Jettchen in der Dunkelheit allein in dem Vorflur, und sie war ihr lieb, die Stelle. Sie wunderte sich über den Kreislauf, daß sie nun wieder hier wäre. Alles andere, die letzten drei Tage schienen verblaßt und verklungen, die Gedanken an Doktor Kößling, ihren Liebsten, kamen ihr zurück und mit ihnen wieder die Tränen, daß sie sich an die Wand lehnte und still in sich hineinschluchzte.

So fand sie Jason; und scherzend, als sähe er es gar nicht, bot er ihr den Arm und geleitete sie vorsichtig die spärlich erleuchteten Treppen hinauf. Sie erschienen so weit, unheimlich und spukhaft mit ihren geschweiften, geschnitzten Geländern, den breiten Stufen, den hohen, weißen Türen und dem schwarzen Nachthimmel, der mit vielen Sternen durch die riesigen, vielscheibigen Flurfenster hineinsah. Und als Jason oben schloß, flatterte das alte Fräulein Hörtel in ihrem geblümten Kleid wie ein Käuzchen vorbei.

»Komm, Jettchen, du sollst hier vorne dein Reich bekommen, du altes Mädchen, du.« Damit öffnete Jason die Tür zum grünen Zimmer und ging zum Tisch, auf dem die Moderateurlampe stand. Er schlug mit seinem Taschenfeuerzeug Licht, das das Zimmer zuckend und unruhig durchflammte und riesige, unbestimmte Schatten warf. Aber Onkel Jason hatte noch nicht die Lampenglocke gehoben, als er die Empfindung hatte, es fiele hinter seinem Rücken ein schwerer Gegenstand dumpf zur Erde. Ohne sich zu wenden, rief er schrill nach Fräulein Hörtel.

Als er sich dann umdrehte, lag Jettchen neben einem Stuhl auf der Erde. Sie hatte sich vielleicht noch setzen wollen, hatte sich vielleicht auch niedergesetzt, aber plötzlich hatte ihre Willenskraft versagt, und sie war zusammengebrochen, war seitlich vom Stuhl geglitten.

Fräulein Hörtel steckte erschrocken ihren alten Kopf durch die Türspalte.

»Mein englisches Salz«, sagte Jason halblaut, »es steht auf der kleinen Spiegeltoilette.« Dann kniete er nieder, öffnete den schweren Mantel, daß Jettchen in ihrem weißen Atlaskleid auf der roten Innenseite des Mantels wie auf einem roten Teppich lag, und hielt der Ohnmächtigen das geschliffene Kristallfläschchen vors Gesicht. Als Jason aber – Jettchen lag wie tot und war weiß wie ihr Brautkleid – keine Veränderung an ihr gewahrte, schob er vorsichtig den einen Arm unter ihren Rücken und den anderen unter ihre Knie, und ganz langsam und zitternd erhob er sich mit der schweren weißen Last und trug sie – die weiße Schleppe schleifte dabei über den Boden – zu seinem Bett.

»Wir müssen das Kleid öffnen, Fräulein«, sagte er. Und während das alte Fräulein Hörtel, die noch nicht mit einem Wort ihr Erstaunen geäußert hatte, an Jettchens Taille herumbastelte, suchte Jason draußen unter den Weinflaschen nach dem Sillery, den er ja noch heute hatte trinken wollen. Da er aber die Schnur, die den Kork hielt, so schnell nicht lösen konnte, so schlug er der Flasche den Hals ab, daß ihm Wein und Schaum über die Hände sprudelten. Und er nahm einen silbernen Löffel und lief wieder vor in das grüne Zimmer.

Fräulein Hörtel hatte es Jettchen ein wenig frei gemacht, ihr auch das Haar gelockert, und Jettchens Brüste atmeten ganz leise unter den breiten weißen Spitzenbesätzen, und das goldene Medaillon bewegte sich ganz leise zwischen ihnen bei den Atemzügen. Die Augen aber waren noch immer geschlossen und der Mund fest zusammengepreßt. Und als Jason ihr den Kopf hob, um Jettchen – das Haupt in seinem Arm – mit dem Löffel den gelben, sprühenden Wein einzuflößen, und als nun in dem Gesicht die dunklen Augen wieder langsam zu sprechen begannen ... und als Jettchen, ganz von fern herkommend, Jason zuerst so fremd und scheu anblickte, bis sie mit langsamem Lächeln und dankbarem Staunen alles um sich wieder erkannte und sich ihre Lage wieder zurückrief – da spürte Jason Gebert zum ersten Mal, heute an diesem Abend, wie schön doch dieses Mädchen sei, von welcher seltenen und erlesenen Schönheit, zart und unergründlich, fremd und rätselhaft wie das Leben selbst. Und eine ganze Weile saß er so vor ihr und blickte sie an, nachdenklich lächelnd, ohne zu sprechen. Er fühlte den Reiz und die Fremdheit allen Frauenlebens, das neben uns ist und doch so unendlich fernbleibt, um das wir unser Lebtag kämpfen, und das wir doch nie erringen, ja, das selbst nicht unser wird, wenn wir es in den Armen halten. Und in Jason quoll zugleich ein Mitleid mit dieser Schönheit auf, deren Schicksal es war zu leiden, wie eben Schönheit leiden muß.

Endlich aber, als Jettchens Augen wieder die alte Klarheit zurückgewonnen hatten, sprach Jason noch einmal zu ihr, daß alles gut werden würde, daß sie sich nur keine Gedanken machen sollte und daß sie fürs erste ruhig bei ihm bleiben sollte. Er würde für sie eintreten und für sie sorgen. Sie solle jetzt hier nur ruhig liegen, ganz ruhig, und sich nicht regen. Fräulein Hörtel würde ihr Gesellschaft leisten. Da wäre noch Wein, und da wären Biskuits. Aber sie solle entschuldigen, er wolle sich nun auch zurückziehen, denn er sei sehr müde.

Jettchen hatte nichts dawider. Die Anspannung und Erregung der letzten Tage, die ihre Kräfte gesteigert hatten, waren plötzlich gewichen, und es war zu einer Erschöpfung und zu einem Zusammenbruch ihrer Seele und ihres Körpers gekommen, die keiner erneuten Entschließung mehr fähig waren und nur ein weichmütiges Sehnen nach Ruhe und Auflösung noch kannten. So sah Jettchen statt jeder Antwort Onkel Jason nur tief und dankbar in die Augen, als er sich leise über sie neigte, um mit seinen Lippen ihre kühle, weiße Stirne zu streifen.

Auf den Zehen zog sich Jason zurück und winkte dem alten Fräulein, sie dürfe nicht von Jettchens Seite, und sie solle ihr ab und zu noch einmal Champagner geben; die Tür aber sollte sie hinter ihm schließen, ganz leise, damit Jettchen nicht merke, daß er fortginge.

Sehr vorsichtig schlich Jason im Halbdunkel das dämmrige Treppenhaus hinab und weckte unten den Kutscher, der auf seinem Bock eingenickt war. Er solle ihn wieder zurückfahren zur Hochzeit.

Der Kutscher aber, der ein galantes Abenteuer hinter alldem vermutete, sagte nur: »Uff mir können Se Häuser bau'n, ick schweig' Ihnen wie't Jrab.«

Als Jason vor der »Gesellschaft der Freunde« ausstieg, hörte er es schon brausen wie von einem Bienenschwarm. Zuerst war Tante Minchen darauf aufmerksam geworden, daß Jettchen fehlte, und da mochte sie schon eine ganze Weile fort sein. Denn, wie das so bei Festen geht, jeder feiert nur sich selbst, und niemand kümmert sich um den, den man eigentlich ehren will.

»Wo ist doch Jettchen?« fragte Tante Minchen und sie zog mit ihrem langen Kometenschweif von Schleppkleid hier- und dorthin in den Saal und in die Nebenräume.

»Ich hab' sie eben noch gesprochen«, sagte das Fräulein mit den Pudellöckchen und verfestigte einen Faden an ihrer Näharbeit.

Julius Jacoby saß bei Onkel Naphtali und entwickelte ihm seine Tendenzen der Geschäftsführung.

Rikchen war liebenswürdig gegen irgendwelche Gäste, die ihr gleichgültig waren, denn gerade gegen die muß man immer am liebenswürdigsten sein, weil sie »draußen« erzählen, und Rikchen hatte infolgedessen für Minchens Frage keine Zeit. Nur Ferdinand, der seit Vormittag nicht so recht nüchtern geworden war, lachte und rief ganz laut: »Jettchen wird rausgegangen sein – 'ne Braut ist sozusagen auch ä Mensch.« Und das hielt er, bescheiden in geistigen Dingen, wie er immer war, für den besten Witz, den er an diesem Tage gemacht hatte.

Aber Tante Minchen gab sich damit nicht zufrieden und trieb weiter ihren Zickzackkurs. Diese und jene blickten auf und sahen dann einander fragend an. Wolfgang beteiligte sich am Suchen und steckte den Kopf hinter alle roten Vorhänge. Und die kleine Tante Minchen brachte so plötzlich eine seltsame Unruhe und Befangenheit in die Gesellschaft. Keiner wußte eigentlich recht, weshalb.

»Was suchst du, Minchen?« fragte Salomon.

»Ich seh' Jettchen nich. Wo is se doch?«

Salomon bekam einen Schreck. Er winkte Ferdinand, und die Bewegung, mit der er Ferdinand winkte, machte, daß er im Augenblick vollkommen nüchtern wurde. »St, Ferdinand«, sagte Salomon, faßte seinen Bruder beim obersten Knopf seines Gilets und zog ihn in eine Ecke des hohen Fensters. »St, Ferdinand!« Salomon wiegte den Kopf im Genick und sah sehr ernst aus seinen beiden Augen. »Jettchen – hm –, sie ist weg!« Salomon sagte kein Wort mehr, aber die beiden Brüder verstanden einander.

»Ich werde mal nach der Wassertür gehen«, sagte Ferdinand, denn das Grundstück ging auch zu dem breiten, trägen Wasser der Spree hinaus. »Und Max soll den Türsteher fragen, ob jemand fortgegangen ist.«

Drinnen begann die Musik den »Liebeszauber« zu spielen. Aber man lief hinein – sie sollte aufhören.

Hannchen kam hinzu. »Wo willst'n hin, Ferdinand?«

Aber in Ferdinand, dem rohen, derben Ferdinand, quoll plötzlich eine wilde Wut auf, wie er seine kleine, breite Frau in ihrer ganzen behäbigen Selbstgefälligkeit so vor sich stehen sah. In seinem Hirn, das sich sonst nie mit Gedanken abgab, die über Tag und Stunde und über die gröbsten Bedürfnisse des Genusses und des Erwerbs hinausgingen, dämmerte plötzlich, wenn auch unbestimmt und verschwommen, die Wahrheit und Möglichkeit der Zusammenhänge. Und all das, was sich hier ereignet hatte, und sein ganz wildes und verfehltes Leben dazu, begriff er plötzlich, fühlte es in seinen Wurzeln, ohne daß er dem Worte geben konnte. Nur eine Wut, eine haltlose Wut kam über ihn; und ohne zu bedenken, wo er war, ohne auf Ort und Stunde zu achten, schrie er laut in den Saal hinein, daß Jettchen fort wäre und daß er seine Hände in Unschuld wüsche. Sie hätten es gewollt, nun hätten sie es ja.

Alles lief zusammen. Auch Julius, der ganz ernst und kleinlaut war, kam hinzu.

»Nu, nu, regt euch nicht auf«, sagte er, »sie wird schon wiederkommen.«

»Wenn se auf mich gehört hätten«, sagte Eli, den doch schon nicht mehr so recht etwas aus der Ruhe brachte, »dann wär' das nich passiert. Ich weiß nich, frieher sind se immer alle zu mir gekommen; aber seitdem ich kein Geld mehr habe, meinen die Leit, ich hätt' auch keinen Verstand mehr. Aber jedenfalls werd' ich doch mal nach de Königstraße zum Herrn Viertelswachmann gehen, der kennt mich sogar sehr gut.«

Onkel Naphtali aber mußte man mühsam erklären, was sich ereignet hatte. Als er es aber endlich begriffen hatte, sagte er nur: »E so – ich hab's kommen sehen. Se hat mer gleich nich gefallen. So is keine Braut!«

Pinchen und Rosalie saßen umgefaßt in einer Ecke und weinten sich einander in die Augen und schluchzten ein Mal über das andere: »Die Schande! Die Schande! Unser armer Junge!«

Auch Hannchen, die stets Lachen und Weinen in einem Sack hatte, war nun sogleich aufgelöst in Tränen und fuhr sich kreuz und quer mit dem Spitzentuch über ihr breites Kindergesicht. Daß so etwas in ihrer Familie passieren müßte! Solange wäre nun alles gut gewesen. Aber sie wisse schon, wo Jettchen hingelaufen wäre.

Rikchen, die ganz weiß geworden war, meinte, das könne sie doch von Jettchen nicht glauben.

Aber das Fräulein mit den Pudellöckchen sah, völlig eingewickelt in einen alten bauschigen Flauschmantel, wieder zur Tür hinein. »Ich geh' mal nach den Obstkähnen, Herr Gebert«, sagte sie. »Vielleicht hat sie da einer gesehen.«

Julius Jacoby meinte, ob man nicht Jettchen hier durch Soldaten suchen lassen könnte; bei ihnen könnte man das.

Aber Hannchen sagte immer bestimmter, sie wüßte, wo Jettchen zu finden sei, sie hätte das lange schon beobachtet; aber sie hätte nichts sagen wollen. Und wenn man Hannchen jetzt gefoltert hätte, sie hätte ihre Aussage nicht widerrufen. Sie wüßte, was sie wüßte; sie wüßte es schon lange und hätte es vorher sagen können, wenn sie auch Jettchen für so niedrig und verderbt nicht gehalten hätte.

Die Gäste bildeten Gruppen, und alle steckten die Köpfe zusammen wie Schafe beim Gewitter.

Ferdinand kam zurück, er rief Salomon zu sich. Die Wassertür sei gottlob verschlossen gewesen. Der Türsteher hätte sich nicht vom Platz gerührt, und er hätte dabei nichts gesehen, gar nichts – sagte Max. Aber was er nicht sagte, weil er es nicht wußte, war, daß der Türsteher die ganze Zeit über oben bei den Dienstmädchen gewesen war, allwo er seinem kummervollen Leibe und Herzen neue Nahrung zugeführt hatte. Oder meinte einer, daß man von Amt und Gehalt eines Türstehers diesen Körperumfang gewinnen könnte?

Ob man nicht alle Mädchen, die von Rikchen, Hannchen, Minchen, die Näherin, die Scheuerfrauen aus dem Geschäft, die im Hintergrund tafelten, ausschicken sollte, Jettchen zu suchen – schlug Minchen vor.

»Man wäscht seine schmutzige Wäsche nicht vor fremden Leuten«, sagte Ferdinand so laut, daß es alle fremden Leute hören konnten. »Oder meinste, se werden nich schon so genug reden?«

Julius Jacoby hatte einen sehr roten Kopf bekommen und trippelte hin und her. »Wenn Jettchen nur nichts passiert ist«, sagte er jetzt.

Einige Gäste rüsteten sich zum Gehen, denn sie verstanden eigentlich nicht, was sie hier noch sollten. Die Unruhe und Ungewißheit hielt sie noch am Ort. Ganz laut und ohne Rücksicht auf den Gastgeber besprachen sie den Vorfall.

Das arme Mädchen! Man hätte es sich sagen können, daß das kein gutes Ende nähme. Sie hätten schon deshalb nicht kommen wollen, und nur um nicht zu beleidigen, hätten sie nicht abgesagt. Aber man hätte es Salomon Gebert auch so zu verstehen gegeben ... Der Madam Spiro war vor Aufregung das Spitzenhäubchen ganz auf die linke Seite gerutscht, und sie lief umher, ratlos und hilflos, als ob sie irgendwelche Schuld träfe. Nur der brave Onkel Naphtali hatte ein kleines, dünnbeiniges Tischchen vor sich und trank in aller Ruhe seinen Kaffee; aber ohne Milch – vor sich hin summend wie eine Fliege in der Ofenecke. Er war nicht zufrieden: Erstens war mit der Trauung was passiert; den einen Absatz hätte nicht der Geistliche, sondern Salomon sagen müssen. Bei ihm zu Hause käme so etwas nicht vor, des könnte man versichert sein. Zweitens hatte er dem Essen mißtraut. Denn er war ein wirklich frommer Mann. Und jetzt endlich war die junge Frau sogar nicht mal da. Lauter Ungelegenheiten!

Eli kam wieder. Der Viertelswachmann wäre nicht zu Hause gewesen, aber er hätte bei ihm eine Botschaft hinterlassen. Das Fräulein mit den Pudellöckchen trat auch ein ganz außer Atem. Einer hätte jemand da langgehen sehen; aber die Beschreibung hätte wohl nicht auf Jettchen gepaßt. Und Max kam zurück und nach ihm Wolfgang, der, ohne einem etwas zu sagen, heruntergelaufen war, gleich so, wie er ging und stand, und der nun ganz durchgefroren war und nur so zitterte wie ein geschorenes Windspiel. Hannchen sagte, der Junge wolle sich wohl mit Gewalt krank machen, er könne sich ja den Tod holen – und das wäre es nicht wert. Und sie gab ihm eins gegen den Hinterkopf. Aber Madame Spiro brachte ihm eine Tasse heißen Kaffee, er solle sich mal aufwärmen. Der Junge kriegte vor Tränen nicht einen Schluck hinunter. Und Salomon sagte, man müsse nun doch die Stadtwache benachrichtigen; und dann setzte er sich in eine Fensternische und nahm den Kopf zwischen beide Hände. Ferdinand meinte, man solle noch etwas warten, denn man liefere sich damit einfach der Öffentlichkeit aus, und tun könnte sie ja doch heute nichts mehr. Vielleicht wüßte Jason Rat. Man sollte einmal zu ihm schicken. Aber Salomon schüttelte nur traurig, mit müden Augen, den Kopf.

»Lieber Ferdinand, lassen wir Jason aus dem Spiel dabei«, sagte er. »Was soll's ihm – er ist doch noch krank.«

In Wahrheit fürchtete Salomon, seinen Bruder Jason jetzt wiederzusehen, denn jetzt wußte er, daß er trotz allem, was er getan hatte, trotz der vielen Tausende von Talern, die er für Jettchen hingegeben ... er recht schlecht für Jettchen gesorgt hatte, daß er ein Gut vergeudet und vertan hatte, das in seine Hände gelegt worden war. Ja, er wußte nicht, was er antworten sollte, wenn jener kam und ihm wortlos Rechenschaft abverlangte. Und auch jedesmal, wenn Salomon Elis Stimme hörte – und der alte Onkel Eli sprach heute sehr laut, denn er hatte seinen tauben Tag und war deswegen der Meinung, daß alle Welt schwer hörte –, jedesmal, wenn der alte Onkel Eli den Kopf schüttelte, daß der weiße Puder stäubte, und irgend jemand versicherte, daß sie es in »seine« Familie, bei »de Geberts«, von jeher alle immer »als mit de Liebe« hätten und daß er gleich gesagt hätte, zu solche Sachen wie die hier pflegt man nach fünfundzwanzig Jahre zu gratulieren; daß man aber leider nich auf ihn gehört hätte ... jedesmal, wenn Salomon Elis Stimme hörte, fuhr er zusammen, als ob gegen ihn eine Anklageschrift verlesen werden sollte.

Rikchen und Hannchen hatten Julius umzingelt und redeten auf ihn ein. Rikchen sagte, er solle sich nicht erregen, Jettchen würde schon Vernunft annehmen: sie wisse das, sie kenne Jettchen, und sie verstehe sie. Aber Hannchen sprach nur von ihrem Verdacht. So würde es schon sein. Auch Naphtali sagte, daß er sich genau erinnere, daß mal »ä ähnliche Geschichte vorgekommen sei mit de geborene Reitzenstein«. Minchen aber ging überall umher und sagte immer dasselbe: Jettchen würde schon wiederkommen, sie könne das nicht glauben! Ferdinand eilte wieder zu Salomon. Man müsse Jason holen. Man müsse zu erfahren suchen, wo der andere wohne. Salomon sträubte sich. Er würde dazu nie und nimmer seine Zustimmung geben.

Von Minute zu Minute wuchs die Unruhe. Jeder schlug etwas anderes vor. Jeder wollte den andern überstimmen und überschreien; und jeder dachte, je lauter er seiner Meinung Ausdruck gab, desto eher würde die Stimme in seinem Innern zur Ruhe gebracht werden, daß ja doch alles zwecklos wäre und daß sich Jettchen nur von der Tafel gestohlen hätte, um in dieser Welt nie wieder an ihr teilzunehmen. Denn so ist nun einmal der Mensch, daß er eine Gewißheit nie glauben will und sie nie sogleich in ihrer ganzen Bedeutung zu begreifen vermag. Immer wieder sträuben wir uns, unsere Hilflosigkeit den Tatsachen gegenüber einzugestehen. Und wir versuchen sie niederzureden wie einen überlegenen Gegner, der uns mit seinen Gründen in die Enge treibt. Und deshalb sprach auch hier alles durcheinander. Jede Gruppe hatte ihren Sprecher, jede Meinung ihren Verteidiger; jeder Vorschlag wurde erwogen und bestritten, und keiner kam zur Ausführung.

Mitten in diesen Lärm und in dieses Gewoge und in das Hinundherlaufen und in die Unruhe von den vielen knisternden Schleppen hinkte Jason in den Saal hinein. Ruhig und ernst, mit seinen harten Zügen, die noch schärfer als sonst erschienen nach der Krankheit und nach der Erregung der letzten Stunde. Keiner achtete zuerst auf ihn, trotzdem Jason Gebert seinen grauen Spenzer nicht abgelegt hatte und seinen hohen, geradkrempigen braunen Zylinder in der Hand hielt. Denn jeder war mit sich selbst beschäftigt; und wer Jason etwa sah, dachte eben, man hätte ihn geholt oder er wäre nur fortgewesen und käme nun zurück.

Jason ging auf Salomon zu, der vor einem Tischchen saß und den Kopf in die Hände gestützt hatte.

»Nun, Salomon«, sagte er und berührte seinen Bruder an der Schulter, »was gibt es?«

Salomon Gebert blickte auf und sah Jason fragend an. »Weißt du: Jettchen ist fort, Jason.«

Jason zuckte nur mit den Schultern. »Das war zu erwarten«, meinte er. »Ich habe nicht geahnt, daß es so kommen würde«, sagte Salomon, und zwei dicke Tränen liefen ihm übers Gesicht.

»Willst du einen Augenblick mit mir in das Zimmer gehen?« meinte Jason. »Bitte, ich hätte mit dir zu reden.«

Und Salomon stand auf und folgte ihm in das kleine Zimmerchen, das am Flur lag.

Alle blickten ihnen nach.

»Jason weiß was«, meinte Minchen.

»Laß ihn nur, er wird schon machen«, versetzte Eli, denn er hielt große Stücke auf seinen Neffen Jason Gebert.

»Du, jetzt spricht Jason mit Salomon«, rief Hannchen.

»Pst. Jason Gebert spricht mit ihm«, schwirrte es durch den Saal.

»Nu, ich werd' wohl auch noch dabeisein dürfen«, rief Julius Jacoby.

»Ich rat dir gut, bleib draußen«, meinte Rikchen.

Und Jason sprach. Er sagte zuerst, daß Jettchen fort wäre. Man hätte sich hier wohl sehr um sie geängstigt.

Wo sie wäre, meinte Salomon. »Bei ihm.« Salomon stutzte. Wie das käme? Ja, sie müsse hier fortgelaufen sein – weiß Gott, wo sie hin wollte –, kurz nachdem er gegangen. Durch einen Zufall, durch ein Glück hätte er sie aufgegriffen. Mit aller Mühe und aller Überredung hätte er Jettchen in seine Wohnung gebracht, da wäre sie ihm aber ohnmächtig geworden, und er hätte sie in sein Bett gepackt. Ferdinand solle doch ja noch zu Stosch schicken, vielleicht sieht er noch heute nacht nach ihr.

Salomon ging auf und ab. Er hatte den Kopf gesenkt und beide Hände an den Schläfen. »Ja, jetzt, jetzt läuft sie fort. Warum ist sie denn nicht eher gekommen? Bin ich denn ein Hund? Beiße ich denn – Was soll denn nun werden? – Was soll denn nun werden? – Kannst du mir das vielleicht sagen, Jason?«

»Scheidung«, sagte Jason ganz kurz und trocken.

Salomon hatte sich schnell erholt; er begann jetzt, die Angelegenheit sogleich wie ein Geschäft zu behandeln, zu dem man einen klaren Kopf braucht, um nichts zu verprudeln.

»Ja«, meinte er, »vielleicht ließe sich das so ordnen. Man muß zusehen.« Aber im Innern hoffte er schon, man würde es doch des lieben Friedens willen umgehen können.

»Aber Jason, da kann man natürlich heute oder morgen nichts tun, und vor allem Julius muß da ...«

»Nun«, meinte Jason, »jedenfalls ist sie doch in Sicherheit. Und das ist doch mir wie dir vorerst wohl die Hauptsache.«

»Ja, warum soll ich es nicht sagen, ich hab' mich wirklich sehr um Jettchen geängstigt; denn weißt du, sie ist doch gerade, als ob sie mein Kind wäre; und Rikchen – so hab' ich sie überhaupt noch nicht gesehen, solange wir verheiratet sind!«

»Na«, unterbrach Jason, und dieses »Na« klang sehr eindeutig, »das hätte sie sich ersparen können, denn die Rechnung deiner Frau hätte um ein Haar ein sehr schlimmes Resultat ergeben. Darüber sind wir uns doch wohl beide – wie wir hier stehen – vollkommen einig. Jedenfalls versprich mir nur das eine, Salomon, lassen wir den Dingen ruhig ihren Lauf. Vorerst ist und bleibt Jettchen bei mir, und in ein paar Tagen reden wir einmal darüber.«

»Sie kann ruhig zu uns zurück. Wir werden ihr nichts in den Weg legen.«

»Das ist ja jetzt nicht so wichtig, lieber Salomon.«

»Gewiß nicht«, sagte Salomon, und er hatte seine ganze alte Festigkeit wiedergewonnen. »Und meinst du, daß Jettchen mit dem andern ...«

»Sie hat mir nichts davon gesagt, ich weiß nichts«, versetzte Jason, und zwar in einem Ton, der hieß: Gewiß, mein Lieber, aber was geht es mich an?

Doch Salomon hörte nur das, was er hören wollte.

»Nun, desto besser«, sagte er und atmete auf.

»Ja, dann wollen wir hineingehen.«

Drinnen vor der Tür standen die Herren mit langen Hälsen, und die Damen mit ihren breiten schwarzen Atlasmiedern und den grauen Taftkleidern, in ihren silbrigen und hellroten, mattblauen und apfelfarbenen Glockenröcken, in den streifigen Krepproben – sie bildeten einen dichten Wall hinter ihnen. Das mochte vielleicht unhöflich sein, denn den Damen gebührt der Vortritt; aber bei dem Ernst des Lebens pflegt gemeiniglich die Höflichkeit aufzuhören.

»Nun, was bringt Jason?« rief Ferdinand ungeduldig.

»Es ist gut«, entgegnete Salomon sehr würdig.

»Was hat er gesagt?« fragte Eli; und als man dem alten, heute gerade besonders tauben Onkel Eli in die Ohren schrie, daß es »gut« wäre, nickte er nachdenklich und meinte: »Nu scheen! Aber wo ist Jettchen doch?«

»Ja«, sagte Salomon, und er fühlte sich als Diplomat aus der Schule Metternichs, »es ist ihr jedenfalls nichts Ernstliches zugestoßen. Trotzdem, lieber Ferdinand, gehst du wohl noch mal bei Stosch vorüber, er möchte nachher nach Jettchen sehen.«

»Wo ist sie denn?« fragte Tante Rikchen ganz hoch und schnell.

»Jettchen ist bei mir«, sagte Jason sehr ruhig und fast galant, aber doch in einem Ton, als ob er dabei einem Gegner den Fehdehandschuh hinwerfe.

»Sie ist bei Jason! Das hab' ich gewußt!« schrie Tante Hannchen und brach in Tränen aus. »Solche Schande, immer Jason!«

»Hat man so etwas schon erlebt? Sie heult wie ein Schloßhund«, polterte Ferdinand und schlug, da er keinen Tisch in seiner näheren Umgebung sah, an dem er seinen Unmut auslassen konnte, mit der Faust aufs Fensterbrett, daß die gewölbten Scheiben klirrten.

Julius Jacoby fühlte sich unbehaglich, denn er sah, man nahm nicht seine Partei.

»Jettchen ist krank?« sagte er endlich. »Da werd' ich doch gleich zu ihr müssen.«

»Es ist für Jettchen besser, Sie lassen es«, sagte Salomon sehr förmlich, und Rikchen hörte nur das eine, daß ihr Mann jetzt wieder »Sie« zu Julius sagte.

»Gewiß«, sagte sie freundlich und drängte sich mit ihrer ganzen Fülle vor Julius, »lasse nur Jettchen heute ganz ruhig machen, was sie will. Sie wird schon wieder zur Vernunft kommen.«

Naphtali hatte bisher ganz ruhig zugehört und nur gesummt, wie das wohl so seine Art war, wenn er etwas überlegte.

»Weißt du, Joel«, begann er endlich und packte Julius an der Krawattennadel, »da is mer ä sehr ähnlicher Fall bekannt, von der Familie Goldstein bei uns in Posen, un sie is nachher doch zu ihm gegangen, und se haben sogar serr gut gelebt miteinander. – So was kann immer mal vorkommen.«

»Die gemeine Person kommt mir nicht mehr über die Schwelle«, zeterte Hannchen. »So wahr ich hier stehe, für mich existiert sie nicht mehr.«

»Ich verstehe Jettchen auch nicht«, wagte sich Jenny hervor, die sich bisher ganz verschüchtert in einen Winkel geduckt hatte, »Julius ist doch so nett.«

Pinchen und Rosalie aber weinten immer noch. »Die Schande, die Schande.« Sie erklärten sich mit Julius solidarisch und sagten, daß Jettchen damit ihre ganze Familie beschimpft und beleidigt hätte.

»Na, Gott sei Dank«, sagte Eli ganz vergnügt, »nu wären wir doch endlich soweit. Ich geh' nach Hause.« Die kleine Tante Minchen aber puffte und puffte ihren alten Ehegemahl, er solle um Himmels willen nicht so was reden. Aber da kam sie schön an.

»Warum nich?« rief Eli, der fühlte, daß er, seine Leute und seine Meinung jetzt das Oberwasser hatten. »Warum nich? Meinste, ich wer' mich hier genieren? Recht, ganz recht hat se. Se hätt's nur schon eher tun müssen. Das ist der Fehler.«

Und dann ging Eli hinaus und kam gleich darauf mit seinem großen blauen Schirm in der Faust wieder herein, als Zeichen, daß er sich unweigerlich entschlossen habe, seine Zelte hier abzubrechen.

»Nun, Minchen«, sagte er, »woran liegt's noch?«

Salomon hatte jetzt auch ganz die Würde des Gastgebers wiederbekommen und versicherte jedem, daß er den Zwischenfall von Herzen bedauere, Jettchen hätte wohl in der letzten Zeit durch alle die Vorbereitungen ihren Nerven zuviel zugemutet, und so wäre das zu erklären. Aber es hätte wohl nichts auf sich ... Und Rikchen unterstützte ihren Gatten darin und gab zugleich einen heimlichen Wink, noch etwas Brötchen herumzureichen, und bat die Leute, doch noch etwas zu verweilen. Sie würde schon morgen alles ins Lot bringen. Aber niemand wollte mehr nehmen, niemand mehr bleiben. Sie sagten, sie wären ja auch sowieso jetzt gegangen. Nur das Fräulein mit den Pudellöckchen huschte noch umher und sah, ob sie sich Kuchen und Näschereien in den perlgeschmückten Strickbeutel – er war so groß wie ein kleiner Fußsack – stecken könnte. Denn sie hatte den Kindern, die bei ihr im Hause wohnten, fest versprochen, ihnen etwas von der Hochzeit mitzubringen.

Julius stand bei alledem mitten zwischen diesen Verabschiedungen und Komplimenten ganz hilf- und ratlos umher, und eigentlich kümmerte sich auch so keiner recht um ihn. Was sollte man ihm sagen? Davon hatte nämlich für den guten Vetter Julius Jacoby aus Bentschen nichts im Buch gestanden, und das war für ihn derart überraschend gekommen, daß er noch gar nicht recht fassen konnte, was denn eigentlich geschehen war. Bisher war ihm alles in diesem Leben immer geglückt, alles nach Wunsch und Willen gegangen, stets, wenn er sich mit dem einen Chef entzweit hatte, hatte er wieder eine bessere Stelle gefunden. Und jetzt – kaum daß er nach Berlin gekommen war, so hatte er ein Geschäft, Geld, ein warmes Nest und eine schöne Frau ... und was für eine, eine berühmt schöne Frau bekommen. Er war fest davon überzeugt, daß er all das nur seinen ungewöhnlichen Gaben als Mensch und Kaufmann verdanke, und diese Erkenntnis hatte dem guten Vetter Julius seinen felsenfesten Glauben an sich selbst noch gestärkt und gefestigt, so daß dieser »Glaube an sich selbst« jetzt gleichsam sein ganzes Wesen durchtränkte und ihm, wenn man es so sagen darf, wieder aus allen Poren drang. In jeder Bewegung seiner kurzen, dicken Finger sprach er sich aus; er ließ sein Haar noch starrer und lustiger emporweisen denn ehedem, er gab seinem Hals und seinem Gesicht die lachende Röte von beleidigender Gesundheit; und seine kleinen schwarzen Jettknöpfe von Augen endlich machte er blitzen und blinkern, als ob sie jeden Morgen frisch geputzt würden. Ja, dieser Glaube ... gab dem Vetter Julius Jacoby sogar die Überzeugung von der bestechenden Anmut seiner Manieren, die ihm vordem doch nicht so ganz einwandfrei erschienen waren, und er pflanzte in ihn die Erkenntnis von der Überlegenheit seiner Bildung und seines Geistes.

Nun hielt er sich für liebenswürdig und gefällig genug, um jedes Erfolges bei den Frauen sicher zu sein, und er pries in seinem Innern eigentlich die, die so glücklich wäre, ihre Gunst an solch einen, wie er es war, auf die Dauer zu verschenken und sich dadurch zur beneideten Rivalin aller derer zu machen, die sich nur begnügen durften, ihn von fern anzuschauen. Und all das, was er zu bieten hatte! – War er vielleicht nicht der Mann, eine Frau glücklich zu machen? – Das war mißachtet worden, einfach weggeworfen, mit Füßen getreten worden. Und zwar war es so plötzlich gekommen, so überraschend, so ganz aus heiler Haut, daß es dem guten Vetter Julius beinahe den Atem versetzt hatte und er ordentlich nach Luft schnappen mußte, wie ein Karpfen, den man aus dem Wasser nimmt. Nur eines sah er bis jetzt ganz deutlich vor sich: Er müßte verzeihen. Auch sagte er sich in ruhigen Augenblicken – und er hatte als gewitzter Kaufmann Erfahrung darin –, es käme oft vor, daß ein Käufer oder ein Verkäufer noch im letzten Moment scheinbar zurückschnappe, während der Handel zum Schluß trotzdem zustande käme.

Aber selbst diese Gedanken benahmen ihm nicht seine Zweifel und ernstlichen Bedenken; und besonders war es noch ein dumpfes Gefühl, daß es sich doch eigentlich für ihn um mehr und um Höheres drehte, nämlich um sein »Geschäft«. Und um das würde er kämpfen. Denn wenn ihm das Glück endlich einmal einen Schimmel zwischen die Knie gespielt hätte, so würde er auch im Sattel bleiben und reiten – und wenn das Vieh darüber an Gurgelschwindsucht verrecken sollte.

Jason sprach noch ein paar Worte mit Salomon und hinkte hinaus, denn er meinte, daß er müde wäre, und hier wäre ja auch seine Mission erledigt.

Von den Gästen hatte eigentlich keiner recht das Wort an Jason gerichtet; denn die Art, wie er auftrat, machte, daß man eine geheime Scheu vor ihm empfand. Und einer nach dem anderen bedankte sich nun bei Salomon und Rikchen und sagte, daß es sehr hübsch gewesen wäre – was man ja auch, abgesehen von dem einen kleinen Zwischenfall, wohl behaupten konnte. Julius lief dabei auf und ab wie der große Löwe beim Tierbändiger Martin, und Hannchen blieb in einem Reden, ließ keinen Menschen zu Worte kommen, sie überschwemmte alles mit ihrem Geschwabbel: Sie fand das unerhört; für sie existierte die Person nicht mehr und für ihren Mann und ihre Kinder auch nicht. Sie wisse schon, wie das zusammenhinge, wolle aber schweigen, weil ihre Kinder da wären, sonst würde sie mehr sagen.

Rikchen war auch sehr mißgestimmt, ließ sich aber nichts merken, sondern plinkte ihrer Schwester nur zu, sie solle doch stille sein, sie gösse ja Öl ins Feuer, und man wüsche seine schmutzige Wäsche nicht vor den Leuten. Aber das brave Hannchen ließ sich das nicht anfechten, denn sie hätte eben nicht sie selbst sein müssen, wenn sie diese Gelegenheit, ihre besten Gaben zu zeigen und gleichsam in bengalischer Beleuchtung dazustehen, unbenutzt hätte vorübergehen lassen. Rikchen wußte schon, weswegen sie still war. Sie kannte diese Geberts ... nur nicht aufputschen! Morgen würde ja alles von selbst anders aussehen.

Minchen und Onkel Eli waren gegangen, und Eli hatte Minchen noch ein Schaltuch umgebunden über die schwere graue Enveloppe, denn Minchen hätte sich echauffiert und könne sich sonst leicht verkühlen. Der alte Onkel Naphtali aber fand nun keinen Grund mehr, kein Brötchen zu essen, und er hatte sich – da auch die vorgeschriebene Frist verstrichen war und sich die ganze Angelegenheit ja, wie er hörte, in höchst friedlicher Form gelöst hatte – einige davon gesichert und sich mit ihnen an einen bescheidenen Fensterplatz zurückgezogen. Er sah nicht ein, warum man das nicht tun sollte, es gehörte doch sicherlich mit zum Kuvert. Mit dem letzten Bissen im Munde jedoch erhob sich nun der alte Onkel Naphtali aus Bentschen in seinem braunen Rock und ging mimmelnd auf die wenigen Gäste zu, die zwecklos umherstanden und sich nicht so recht darüber klarwerden konnten, warum sie eigentlich noch hier waren. Einzig das Bedürfnis, miteinander zu sprechen, hielt sie zusammen.

»Weißt du, Joel«, sagte Naphtali bedächtig, »ich hab' mir die Sache reiflich überlegt. Ich hab' doch nun schon die teure Reise gemacht, und das Gasthaus kost't auch e Stange Gold ... Jetzt hast du doch de große Wohnung für dich ganz solo, mit e Masse Platz drin; allein wirste auch sein ... weißte was: Da könnt' ich doch eigentlich solange bei dir wohnen.«

Salomon Gebert, der sich ermüdet für einen Augenblick hingesetzt hatte, sprang auf: »Ich geh' nach Hause, Rikchen«, sagte er ganz kurz und kniff dabei die Lippen zusammen; dann schlug er die Tür der Garderobe hinter sich zu, daß es wie ein Böllerschuß durch den Saal knallte. Tante Rikchen eilte ihm nach, so schnell es ihre fette Umfänglichkeit und ihr schweres taubengraues Moirékleid, das lang hinschleppte, nur zuließen.

Eine ganze Weile stand der Onkel Naphtali, der Senior aller Jacobys, mit offenem Mund da. »Verstehst du, Joel, was der Mann will?« meinte er endlich kopfschüttelnd. »Ich nicht!«

Hannchen sagte auch, daß man so Gäste nicht behandeln dürfe; und es war niemand da, ihr darin zu widersprechen, denn ihr Gemahl war auch schon gegangen, wer weiß, wohin? Und die Jacobys waren nunmehr ganz unter sich – keine fremde Nase. Pinchen und Rosalie machten sich um Julius zu schaffen, ihren Bruder, der ihnen ein und alles war, und drangen in ihn, er möchte, er solle, er müsse notwendig noch etwas zu sich nehmen, er könnte sonst »Gott behüte« krank werden bei all der Aufregung, die er gehabt hätte.

Auf der Treppe war es Jason eingefallen, daß er nun noch einen Weg hätte, aber den wollte er sich auf morgen versparen. Dann jedoch dachte er wieder, es wäre vielleicht richtig und besser, er täte ihn heute, täte ihn gleich. Und Jason lehnte sich wieder in den Wagen zurück und schloß die Augen und folgte den roten und tiefblauen, feuergelben und schwefligen Mustern und Sternen, die ihm das erregte Blut auf den schwarzen Grund seiner Nacht malte gleich bunten, wechselnden Vorhängen, die vor zwei dunklen Höhlen ausgespannt sind. Gewiß, er hatte durchgesetzt, was er wollte, aber wie war er müde, zum Umsinken müde. Und wie war er hoffnungslos! Denn ob das, was er selbst verteidigte und zu seiner Sache gemacht hatte, das Spiel verlöre oder gewänne, er selbst, Jason Gebert, hatte dabei immer verloren. Das fühlte er, und das war es, was ihn so traurig stimmte. – Ob er Kößling treffen würde? Spät war's noch nicht; es war kaum neun Uhr. Zu Hause würde er sein. Denn heute wäre ein Tag, wo man zu Hause bliebe, so einer wie er ... auch solch Einsamer und Eigenbrötler, ganz allein und knurrig zu Haus wie ein Hamster in seinem Bau.

Das waren seltsame Tage für Doktor Kößling gewesen, die drei letzten Tage. Alle Stunden hatten ihre Bedeutung verloren, Lichtzeit und Nachtzeit verkehrten sich, das Wachen war Schlaf und das Schlafen Wachen geworden. Denn sein Tag war Träumen – und die Träume waren taghell. Kößling war auf die Bibliothek gegangen, ohne zu wissen, wie er hingelangte; und er hatte dort seine Arbeit getan, ohne daß er ein Buch recht vor Augen gesehen. Er war zurück über die Plätze geirrt, am Wasser entlang, den Blick auf den Schloßbau, über dem die Wolken wie Gespenster jagten, und dann hatte er sich hineinverloren in die Straßen, zweck- und ziellos, ihrem Netzwerk folgend. Er ertappte sich, wie er in der Post durch die langen grauen Labyrinthe der Gänge irrte, ohne daß er sich sagen konnte, was er dort wolle; und er fand sich immer wieder an jenem Ausgang nach der Spandauer Straße, wie er auch seine Wege geführt hatte. Und dann blieb er eine Weile aufatmend stehen, gleichsam, als müsse er Mut sammeln, ehe er in diesen Wirbel von engen Straßen untertauchte, ehe er die alten steinernen Brücken wieder zu sehen wagte, die engen, dampfenden Kanäle, die sich zwischen Häuserzügen plötzlich und rätselhaft verloren. Da irrte er so dahin. Er wußte es gar nicht, welche Kirche es war, deren Turm in den Wolkendunst ragte, oder ob jener Orgelton, den er empfand, nun von den Baumzweigen herrührte, die in irgendeinem Fleck Garten der Wind gegen eine Mauer peitschte; ob er oben aus dem offenen Dach der Gerbereien durch die Luft klang oder ... ob es ihm nur so im Blut brauste. Vor irgendeinem Fenster stand er dann wieder, bis das Gesicht, das er dort hinter den Scheiben erblühen sah, verschwamm und sich in Nichts löste. Und dann sagte er sich, daß es unmöglich wäre, daß er mit wachen Augen träumen müsse, da Jettchen sicher nicht hier sei und auch hier nicht wohne. Aber er hatte sie doch soeben deutlich, ganz deutlich erkannt. Denn das, was nur noch über seinem Sein gelegen hatte, so wie der Abendwind im Frühling immer über den Seen liegt, kaum sichtbar, nur daß die blanke Fläche leise zittert und die Helligkeit des Himmels heller spiegelt – dieses Frühlingserlebnis Jettchen Gebert, das ihn einmal ganz durchleuchtet und durchglüht hatte, das ihn dann geschmerzt und das ihn endlich wieder und wieder mit weichen Händen der Erinnerung gestreichelt hatte, so daß auch der verklingende Schmerz anfing, ihm wohlzutun ... dieses Frühlingserlebnis Jettchen Gebert war für ihn nun wiedergekehrt; aber nicht als umschmeichelnder Abendwind, sondern als Herbststurm, der die Wasser aufrührt und brausen macht und die Strudel umherjagt, der keinen Nachen eines Gedankens, einer klaren Empfindung auf ihrem Rücken duldet, sondern ihn sofort mit Wellen überschüttet, überschlägt, anfüllt und zum Sinken bringt. – Nichts ist mehr da, kein Bild des Himmels, kein Ziel, kein Ufer, nur die Seele und der Sturm.

Er wollte ... ach, was wollte er nicht; aber jeder Plan zerrann ihm sofort, quoll auf, wurde zur Wahrheit, zum Erleben, ging ins Unmögliche über. Und Kößling zitterte dabei vor Hitze und innerer Erregung, während sich doch der Wind in seinen Mantel setzte und die nasse Kälte des Novembers ihm bis auf die Haut drang. Einmal hatte er sich sogar vor Jettchens Haustür gefunden, und er hatte die harte eiserne Klinke in der Hand gefühlt, aber dann rasselte im Hause irgend etwas, als ob eine Kiste umgelegt würde, und er war fortgestürzt, immer weiter – sinnlos und ziellos, so wie Kinder laufen, wenn sie heimlich an einer Klingel gezogen haben.

Und eine Nacht brauste heran, mit schwarzen Flügelschlägen, und sie hob erst spät ihre Schatten von den Straßen und von den Häusern; und ein kurzer Tag folgte, so kurz, so trübe, daß es schien, als ob durch den Tag sich die beiden Nächte, die ihn umschlossen, die Arme entgegenstreckten und einander suchten. Dann aber kam ein Wirbel, ein Taumel über ihn, er wußte nicht, ob er lief, ob er lag oder stand, es war ihm, als ob die Zeit aufgehört hatte, Zeit zu sein. Sie stand fest, als wäre sie gefroren.

Kößling war in die Bibliothek gelaufen, und er war, ohne sich zu entschuldigen, wieder fortgestürzt, mitten aus der Arbeit heraus. Und als er wieder daheim war, da hatte es ihn emporgezwungen, und er hatte auf und ab gehen müssen – immer auf und ab, es war ihm, als ob ein Toter irgendwo im Zimmer läge, und er hatte ab und zu ganz heimlich nach seinem Bett hinübergeblickt, zu dieser alten, feindlichen Burg von Bett, die da so trotzig und unheimlich mit ihren grünen Gardinen im Zimmer stand und sich seit Jahrzehnten anscheinend nicht gerückt und gerührt hatte. So unbehaglich und trotzig war Kößling all das noch nie erschienen, und doch zwang ihn eine innere Angst immer wieder in das Zimmer hinein, und jedesmal, wenn er fortstürzen wollte, war es ihm, als ob er heute, gerade heute, hierbleiben müsse. Er schmiedete an Plänen für die Zukunft. Wie er sich Jettchen nähern könnte, und gleich danach beschloß er, sie nie wiederzusehen. Er hatte die Empfindung, als ob eine Riesenhand sich langsam, ganz langsam nach ihm ausstreckte, und sein Herz schlug wie das eines verängstigten Vogels, der schon den eisernen Griff spürt, dem er nicht mehr entfliehen kann. Die Süße seines Traums hatte sich in Bitterkeit verwandelt, und während ihn erst gegen Jettchen eine nie gekannte Dankbarkeit erfüllte, die ihn warm werden ließ und ihm Tränen in die Augen trieb, wenn er nur ihren Namen vor sich hin sprach, so veränderte sie sich, während er so rastlos einherging, in Zorn, Ungerechtigkeit und Haß. Wofür sollte er Jettchen auch dankbar sein? In seinem Leben hatte noch nie eine Frau eine Rolle gespielt, nicht einmal Mutter und Schwester. Nie hatte eine Frau ihn gefördert. Nie ihn vom Ziel abgebracht. Seine ganzen Jahre waren hart und männlich und einsam gewesen, und er hatte diese Härte und Einsamkeit geliebt, trotz aller Qualen, die sie ihm bereiteten. Nun zitterte es in ihm von Haß und Ungerechtigkeit gegen die, welche sie gefährdete und seine Gedanken zu sich zwang. Aber dann kamen doch immer wieder mit Tränen die heißen Wellen seiner Zuneigung und überschütteten und begruben die harten Gedanken.

Und der Tag schwand; die kahlen Wipfel der Rüstern und Pappeln hinten am Graben klagten in der Dämmerung, wenn sie der Wind schüttelte, bis zu Kößling herüber. Heimlich und vorsichtig streckte die Nacht ihre schwarzen Hände nach den Dächern und Schornsteinen, nach den Figuren auf der Kolonnade und wischte alles, eines nach dem anderen, aus. Und sie griff zugleich hinein in das Zimmer und breitete schwarze Gazeschleier in den Winkeln aus, hüllte sie um das Bett und den Lehnstuhl, nagelte sie über die paar Bilder, die Lithographie der Sonntag als Rezia und über die paar Silhouetten der längst verschollenen Studienfreunde ... diese schwarzen, dichtgewebten, freudlosen Gazetücher. Und nur jenen Flecken auf der Diele ließ die Nacht noch unberührt, das kurze Stück, auf dem Kößling auf und ab schritt, immer wieder rastlos hin und her. Aber auch hiervon nahm die Nacht Zoll für Zoll und breitete darauf ihre dumpfen Teppiche. Und mit der Dunkelheit kam über Kößling selbst durch das Frösteln im kalten Zimmer die Schwüle sinnlicher Vorstellungen und der Haß und Ekel gegen den, den er nicht kannte, diesen kleinen, feisten Menschen, an dem er nur einmal auf der Straße vorübergegangen und der nun das ganz besaß, was ihm das einzige auf dieser Welt erschien, und der sich den Besitz erzwungen hatte, den er sich nicht einmal in seinen Träumen gönnte. Und das erste Mal tauchten vor Kößling wie rote, feurige Kugeln in der Dunkelheit die Gedanken der Selbstvernichtung auf, die gierige Sehnsucht, ein Ende zu machen; Gedanken, die ihn nicht mehr völlig verlassen sollten, die er erst haßte und mit denen er sich dann aussöhnte, um sie endlich fast liebzugewinnen. – Noch waren sie ganz fern; aber schon leuchteten sie grell und schreckhaft, so daß Kößling vor ihrem Glanz sein Gesicht gegen das schwarze, kalte Wachstuch des Lehnstuhls pressen mußte.

Und die Stunden tropften hin, eine zur anderen, müde und nutzlos in frostiger Dunkelheit, schwankend zwischen Klagen, Sehnsucht, Beteuerungen und Vorwürfen; bis Kößling endlich von seinem Stuhl sich hochriß, weil er draußen jemanden sprechen hörte.

Jason Geberts Stimme! – Der Schrecken packte Kößling, daß er die Tür aufriß und ihm entgegenschrie, was es gäbe. Denn Jason Gebert, das wußte Doktor Kößling, war nicht der Mann, der ohne Grund zu jemandem ging – und vor allem noch jetzt, nach seiner Krankheit und an einem Tage wie dem heutigen.

Aber Jason Gebert beachtete die Frage nicht.

»Nun«, sagte er, »Sie sind im Dunkeln, Doktor!«

»Ja«, meinte Kößling, »was soll man? Wünschen Sie, daß ich Licht mache?«

»Wie Sie wollen, Doktor.«

Das hieß, »ich bitte«. Und Kößling tastete an seinem Bett herum und entzündete auf dem hohen, glatten Zinnleuchter die Kerze, die knisterte und sprühte und unruhige Lichter und große Schatten im Zimmer umherjagte.

»Die Lampe kommt gleich«, meinte Kößling und seufzte.

»Das ist nicht nötig«, sagte Jason. Er war an den Tisch gehinkt, der am Fenster stand, und blätterte, wie das seine Art war, in einem der Bücher, aber er konnte den Titel nicht entziffern. Wie kalt das hier war und wie ungemütlich! War denn überhaupt ein Ofen im Zimmer?

Eine ganze Weile blickte Jason Gebert in das Buch.

»Es sind wohl die ›Unterhaltungen mit einer Heiligen‹?« sagte Kößling.

»Ach ja«, sagte Jason, als besänne er sich, wo er war, und blickte Kößling über den Rand des Buches scharf an mit seinen grauen Augen, die so hart und ernst sein konnten. »Ach ja ... aber Sie wollten den Christian Garve für mich suchen; wissen Sie, ›Gesellschaft und Einsamkeit‹«

»Ich bin in diesen Tagen wirklich nicht dazu gekommen«, meinte Kößling müde.

»Ich verstehe«, sagte Jason. »Meine Nichte Jettchen hat heute geheiratet.«

Kößling biß sich auf die Lippen, senkte den Kopf und wiegte ihn ein paarmal. »Ich weiß«, sagte er und kämpfte mit den Tränen.

Jason war auf Kößling zugehinkt, der da an der kahlen Wand beim flackernden Licht auf einem der dünnbeinigen Stühle saß, ganz weit vorgebeugt, die Hände auf den Knien.

»Mann«, schrie er und schlug Kößling auf die Schulter, »Doktor«, schrie er und schüttelte ihn, »wenn ich Sie wäre – ich wüßte ja nicht, was ich täte!«

Kößling blickte ihn verständnislos an.

»Ich wüßte schon«, sagte er; aber Jason ließ ihn nicht los.

»Mann, wenn ich Sie wäre«, schrie er wieder, »so alles vor sich haben; aber Sie sind das ja nicht wert! Kein Mensch ist das wert! Wer sind Sie denn, daß man Ihretwegen so etwas tut? Oder wenn es nicht Ihretwegen geschehen ist – auch dann? Wer sind Sie? Doch nur ein ganz netter Junge, wie es Hunderte gibt!«

Kößling sah Jason Gebert an, ohne sich zu rühren. Was hatte Jason Gebert nur, daß er so alles vergaß, sogar seine spöttische Überlegenheit?

»Und seit Stunden bin ich in einer Erregung, ich spiele mit den Fäden wie der Puppenspieler Richter; Herrgott, was habe ich alles getan und für wen?«

Durch Kößlings Gesicht ging ein fragendes Leuchten. »Was ist?«

»Meine Nichte hat geheiratet.«

Kößling sank wieder zusammen.

»Das weiß ich«, sagte er.

Aber da schüttelt ihn Jason Gebert, er kam ihm ganz nahe.

»Was ... Sie wissen, Doktor? Gar nichts, gar nichts wissen Sie! Wissen Sie, daß meine Nichte fortgelaufen ist, von der Hochzeitstafel fort? – Ja? – Wissen Sie, daß ich sie gefunden habe? Wissen Sie, daß sie jetzt bei mir ist, in meinem Hause? Oben in meinem Zimmer? Und daß sie nicht zu ihrem Mann gehen wird, nie und nimmer? – Ja? – Wissen Sie das?«

Kößling war aufgesprungen, er hätte beinahe Jason Gebert umgerissen. Er wollte das nicht glauben, es wäre nicht wahr! Es wäre unmöglich! Er könnte es gar nicht fassen. Jason Gebert ahne ja gar nicht, was das für ihn bedeute; er hätte plötzlich das Gefühl von ungeheuren Weiten, so hell, daß das Licht ihn taumeln mache, so hell, daß er fast lichtblind würde! Er wolle zu ihr, er müsse sie sofort sprechen, ihr alles sagen.

»Sie irren, Doktor«, sagte Jason Gebert und richtete sich steil auf. Jetzt war er wieder ganz er selbst, und er mußte lächeln. »Sie irren, Doktor, meine Nichte empfängt jetzt nicht. Ich bitte Sie – wie es in der Diplomatensprache heißt –, all diese Mitteilungen diskret zu behandeln. Ich wollte Sie nur ganz vertraulich von den Ereignissen in Kenntnis setzen. Was Sie daraus folgern wollen, ist Ihre Sache. Ich vertrete Ihre Interessen nicht, sondern nur die meiner Nichte – und, doch das können Sie nicht verstehen, auch in gewissem Sinne die der Geberts. Ich kann auch deshalb nicht Ihre Partei ergreifen, ich nehme nur die Partei meiner Nichte. Und wenn ich Ihnen damit endlich auch nützen sollte ... nun gut, mein Freund, so kann ich es eben nicht hindern. Aber, aber, Kößling, das eine sage ich Ihnen schon jetzt, es wird schwerhalten ... schwer ... sehr schwer!«

Und Jason erzählte von seinen Zweifeln und Bedenken, wie er alles daransetzen wollte, daß Jettchen nicht zu ihrem Manne ginge und daß sie, wie sie gerichtlich getraut waren, nun auch gerichtlich getrennt würden, und wie das heute so einfach und klar erschiene und so sicher und so aussichtsreich; wie er aber glaube, daß schon morgen alles ein ganz anderes Gesicht hätte. Jettchen sei dem nicht gewachsen, und er fürchte weiter schlimme Zeiten für sie. Es kämen noch materielle Dinge hinzu, über die er hier nicht reden wolle.

Jason war indessen wieder an den Tisch, an das Fenster getreten und sprach und sprach in die Dunkelheit hinaus. Hinten in den Straßenzügen flackerten die Lichtscheine zwischen den Dächern unbestimmt in die Nacht hinein. Die kahlen Baumwipfel drüben hatten sich noch nicht ganz verloren, schwarz hoben sie sich vom schwarzen Himmel. Ein paar tiefe Sterne blinkten durch das Netzwerk ihrer Äste, und über ihnen stieg die ganze hohe Nacht empor, blank ausgestirnt, kalt und unerbittlich herzlos. Jason preßte die Stirn gegen die Scheiben, während er weitersprach und all seine Bekümmernis in die frostige Dunkelheit hinausredete. Hinter ihm im halb erleuchteten Zimmer knisterte und zuckte dabei das Licht der gelben Kerze und zitterte über die kahlen Wände hin, und durch den stillen Raum vernahm Jason die langen Schritte Kößlings auf den knarrenden Dielen.

Kößling achtete in seiner Erregung kaum auf das, was Jason Gebert zu ihm sprach. Er wiederholte sich nur immer wieder das eine, daß nun doch nichts, noch gar nichts verloren sei und daß er sich umsonst abgeängstigt habe und daß er zu Jettchen müsse, um alles Unrecht, welches er ihr in Gedanken angetan, vor ihr wiedergutzumachen. Er war stolz auf sie, aber zugleich peinigte ihn die Furcht, daß sie nun krank sei. Doch was wog diese Furcht gegen die tiefe Lust am Leben, die ihn plötzlich durchflammte, so unerhört und berauschend, daß es ihm in allen Muskeln zuckte, sich auszurasen, bis er vor Müdigkeit niedersänke.

»Nun«, sagte Jason, wandte sich und ergriff seinen Hut – den breiten Spenzer hatte er nicht abgelegt –, »nun, lieber Freund, mein Wagen wartet unten. Vielleicht sehe ich Sie bald einmal bei Drucker; oder treffen wir uns lieber bei Stehely in der Nachmittagsstunde?«

Kößling erschrak. »Und den Christian Garve?«

»Ich hole ihn mir einmal von Ihnen, Doktor«, sagte Jason und ging grüßend an Kößling vorüber.

Kößling nahm das Licht, um dem anderen zu leuchten, und schritt hinter ihm her die schmale Stiege hinab. Noch an der Haustür trug er Jason Grüße auf. Morgen früh würde er selbst kommen.

»Lieber Doktor«, sagte Jason, während er schon den Wagenschlag in der Hand hielt, »die Grüße werde ich gern ausrichten, ich vergesse es nicht. Wissen Sie, Doktor, die beiden zartesten Worte, die die Menschheit je ersonnen hat, meine ich immer, sie sind ›grüßen‹ und ›sehnen‹. Aber – hm – darf ich Sie bitten, mich nicht zu besuchen.«

Kößling wurde rot bis in die Haarwurzeln und zitterte, daß das Licht fast verlöschte.

»Nicht, lieber Doktor, daß ich Sie nicht bei mir haben will; aber Sie wissen nicht, wie die Dinge liegen. Frau Jacoby durfte ich bei mir aufnehmen – ihren Liebhaber darf ich nicht bei mir empfangen, verstehen Sie? Wenigstens nicht jetzt; aber wir sehen uns ja so ...«

Und damit lehnte sich Jason in die Polster seines Wagens zurück und schloß müde die Augen. War das ein Tag gewesen! Und langsam und wie verschlafen zogen die Pferde wieder an.

Kößling stand einen Augenblick wie betäubt, dann aber lief er nach oben, seinen Hut und Mantel zu holen. Er mußte noch Luft haben, sich ausrasen, und wenn er bis zum Morgengrauen durch die Straßen laufen sollte ...

Und während nun Jasons Wagen gemächlich die kurze Strecke bis zu seinem Hause weiterschwankte, da ratterte noch ein anderer Wagen durch die Straßen Berlins; von Haus zu Haus. Ratterte die Königstraße herauf und die Spandauer Straße vom Molkenmarkt bis zur Garnisonkirche hinab, die Poststraße, die Burgstraße entlang, ja, er vergaß nicht einmal den Hohen Steinweg und den Neuen Markt. Er schwankte um die Marienkirche und kam bis nach der Münzstraße, ja, selbst in der Neuen Roßstraße hatte er zu tun. Aber dieser Wagen war nicht aus dem Fuhr- und Wagengeschäft Onkel Ferdinands, kein Break und keine Britschka, kein Char à bancs und kein Tandem, sondern ein ganz altmodischer Wagen mit geschweiften Federn war es und mit einem himmelhohen Bock und mit einem Tritt für betreßte Lakaien in Dreimastern und weißen Perücken. Vier schwere, reichbehangene Gäule zogen ihn, und mit Trompeten ritten Vorreiter voran; und Tuben und Hörner bliesen vom Kutschbock – und kleine bösartige Pikkolos und Flageoletts zwitscherten vom Trittbrett. Und drinnen in dem Wagen, faul und lügnerisch, in den alten Seidenpolstern saß sie selbst, sie, die alte Vettel, Frau Fama. Und von Haus zu Haus wurde sie fetter, breiter, wohlgenährter, runder und lachender. Ihre kleinen Augen verschwanden beinahe in dem feisten Gesicht; immer mehr wuchs sie, und die Fugen ihrer alten Karosse krachten ordentlich unter ihrer Fülle. Und in alle Häuser, bis in die letzten Winkel, bis unter die Himmelbetten mit den Mullvorhängen drangen die Tuben und Hörner, die kleinen, bösartigen Flöten und Flageoletts, und immer neue, ungehörte und unerhörte Weisen raunten, zischelten, bliesen und flüsterten sie ...

Und alles kam, wie es kommen mußte. Man freute sich auf Frost und klare Tage, aber das Wetter hielt nicht an. Am nächsten Morgen war schon wieder der Himmel umzogen, und der weiße Reif auf den Dächern der Remisen, auf dem hölzernen Gartenzaun am Lagerhaus, in dem Winkel unter der Königsbrücke, dort, wo im Frühjahr die paar Veilchen standen und wo jetzt der Wind das welke Laub zusammengetrieben hatte – der weiße Reif mit seinen kleinen, weißen, blitzenden Zinken und Zacken, der verging, gerade als wäre er zu fein und zu stolz dazu, sich allen Blicken preiszugeben. Nur ein paar Jungen, die Milch trugen, nur ein paar Bauernwagen, die von draußen zum Gänsemarkt kamen, nur der Barbier, der mit fliegenden Rockschößen beim ersten Morgengrauen von Tür zu Tür lief, der durfte ihn sehen, und er durfte die Nachricht von Ort zu Ort tragen, daß es draußen wirklich Winter würde. Aber bloß bei den ersten Kunden kam er dazu, hiervon zu sprechen. Nachher gab es Wichtigeres für ihn mitzuteilen. Und die Jungen mit den Milchkannen, die durften sogar mit den Stiefelhacken noch versuchen, ob das Eis auf den Pfützen, das mit seinen langen, blanken Kristallnadeln so schön glatt aussah, etwa schon zu einer Schlitterbahn hergäbe. Doch ehe sie es recht bedauern konnten, daß es das nicht tat, ehe sie noch von ihren Stulpenstiefeln die letzten Spuren ihrer vergeblichen Versuche getilgt hatten, da war an Reif und Eis und Winter gar nicht mehr zu denken. Wie ein grauer Rauch zog es von den niederen Dächern, Zäunen und stillen Winkeln und überzog dafür alles mit einer glitschigen Nässe. Und nicht ein Bröckelchen Eis duldete es mehr auf den Pfützen, sondern es sorgte dafür, daß sie ihren zähen Schlamm bis an den Bürgersteig schoben und daß die Kopfsteine und Platten, die sich so schmal dahinzogen, ganz wie in klebriger Feuchtigkeit gebadet waren. Und aus dem Nebel wurde ein Triefen und Sprühen; und aus dem Triefen und Sprühen wurde langsam ein zäher, gleichmäßiger Regen, der aus dem grauen Rauch herabsank und alles überzog mit seiner blanken Feuchtigkeit; der bis in die Häuser und Nischen und Torbogen drang und auf den alten Höfen nicht einmal die Ecken vergaß, an denen, nach Möglichkeit geschützt, die leeren Geschäftskisten zu Pyramiden aufgeschichtet standen.

Aber dieser Regen und die Unfreundlichkeit des Tages machten es gerade heute doch nicht, daß die Straßen deswegen weniger belebt waren. Die Postwagen natürlich, die mußten kommen mit ihren ganz bespritzten Ledern und über und über grau vom Schmutz der Landstraßen, und die Lastwagen, die hinausgingen nach Frankfurt an der Oder, hochbepackt und von schweren, dampfenden Gäulen mit klirrenden Geschirren gezogen, für die gab es gleichfalls kein schlechtes Wetter, und wenn der Schnee zehn Zoll hoch gelegen hätte. Aber warum dieser oder jener und mehr noch diese oder jene, die gewiß kein Geschäft auf dieser Welt hatten, nichts versäumten und ruhig auf angenehmere und stillere Tage warten konnten, auf der Straße sein mußten und Besuche machen mußten, bei denen man den Leuten doch nur die gebohnten Stuben vertrat – das, ja, das konnte einen schon in Staunen setzen! Soviel Kunden hatte der Tischler Löwenberg noch nie gesehen. Und das Haus, in dem das alte Fräulein mit den Pudellöckchen wohnte, in der Poststraße – es war beinahe so klein und schief wie sie selbst –, das wurde rein zur Wallfahrtskapelle. Betagte Damen in großen gestickten Umschlagtüchern, die jahrelang nicht mehr aus der Tür gegangen waren, erkannten plötzlich, daß sie schon lange sehr ungezogen wären und die Frau Minchen Gebert auf dem Hohen Steinweg nicht einmal besucht hätten; und sie meinten, daß Tag und Stunde gerade günstig wären, um das nachzuholen. Und alte Herren, die sich wegen des Reißens vor jedem Windzug und vor jedem Regentropfen hüteten und vormittags nie weitergingen als bis zur nächsten Tabagie, zeigten plötzlich hippologisches Interesse und wandelten bedächtig unter ihren großen Regenschirmen die Königstraße hinauf und hinab und betrachteten aufmerksam die ostpreußischen Wallache vor den Prenzlauer Wagen, als müßte diese Anteilnahme den alten Elias Gebert herbeilocken. Vielleicht konnte man von dem etwas erfahren.

Aber sei es, daß der alte Onkel Eli wirklich sein Reißen in der Schulter hatte, sei es, daß ihm ausnahmsweise das Wetter zu schlecht war – die alten Grauköpfe mochten straßauf, straßab gehen –, Onkel Eli war nicht anzutreffen. Und ebensowenig kamen die betagten Damen bei Tante Minchen auf ihre Rechnung, denn wenn Minchens Minna auch ein bißchen taub war, soviel verstand sie doch, daß die alten Herrschaften gerade heute keinen Besuch wünschten.

Hannchen hingegen fühlte sich geehrt durch die Leute, die zu ihr kamen – es war doch ein Zeichen von Teilnahme, daß sie in diesen schweren Tagen an sie dachten; und Tante Hannchen hatte deshalb, gerade wie zu einem Trauerfall, ein schwarzes Taftkleid angezogen; in dem saß sie nun breit in der Mitte vom Sofa, eine Fußbank unter den gestickten Morgenschuhen und ein Kissen im Rücken. Und in einer Stunde sprach sie mehr, als sie in einer Woche verantworten konnte. Wenn Ferdinand dagewesen wäre, so hätte er das wohl nicht geduldet. Aber Ferdinand war nicht da.

Doch während sonst Tante Hannchen klüglich von den Gängen ihres Mannes schwieg und dem Besuch stets sagte, daß ihr Mann in den Remisen oder in der Lackiererei beschäftigt wäre, nahm sie heute kein Blatt vor den Mund, wo er hingegangen war. Ganz früh – sie sei noch gar nicht aufgewesen – habe schon der Lakai vom Prinzen Karl bestellt, ihr Mann möchte um zehn Uhr ins Palais kommen und Muster vorlegen. Und es sei gut gewesen, daß ihr Mann gerade in dieser Woche die Neuheiten aus Paris bekommen hätte: göttliche Wagen, von einer Eleganz und einem Pli, wie sie das hier gar nicht machen könnten.

Aber trotz Tante Hannchens Beredsamkeit erfuhr doch keiner etwas Rechtes und Befriedigendes über den Fall. Immer wieder hörte man die paar Dinge, die man schon längst wußte. Gar keine pikanten Einzelheiten waren in Erfahrung zu bringen. Wie das nun zusammenhing, wie es sich eigentlich ereignet hatte, darüber bekam keiner Klarheit. Nichts Derartiges war vorher von Jettchen geäußert worden, keine Silbe; keiner hatte etwas Ähnliches erwartet, alles war beim Schönsten und Besten – und plötzlich hieß es, die junge Frau sei fort. Herrgott, gab das einen Schrecken! Daß der alte Junggeselle, Jason Gebert, dem überhaupt nicht recht zu trauen war, dabei seine Hand im Spiele hatte und sicherlich in ganz anderer Weise, als er es darstellte, das sähe jedes Kind.

Und die, die ganz kühn waren und zu Salomon Gebert ins Geschäft gingen, um ihn an irgendwelche Lieferungen zu erinnern oder um ihm mitzuteilen, daß das offerierte Packpapier um einen Dreier billiger zu beschaffen sei, und die dabei so nebenher und linksherum etwas zu hören hofften, die erfuhren nun schon gar nichts. Denn der Chef, hieß es, wäre nicht da; und der alte Demcke nahm zwar von der Notierung des Packpapiers freudig Kenntnis, knurrte aber, daß ihn die andere Sache nichts anginge und er nichts davon wisse.

Salomon Gebert war wirklich nicht ins Geschäft gekommen, den ganzen lieben langen Tag nicht, trotzdem schon Weihnacht vor der Tür und man noch mit der Lieferung und mit dem Versand im Rückstand war. Solange das Geschäft bestand, war Salomon nie ohne Grund auch nur eine Stunde fortgeblieben. Ganz gleich, was gestern gewesen, ganz gleich, was heute war. Immer und allezeit war Salomon Gebert in seinem Geschäft der erste, der kam, und der letzte, der ging. Er war dabei, wenn der Hausdiener aufschloß, und er nahm die Schlüssel ihm beim Weggehen aus der Hand. Er hatte es so getan, als es nötig war; und er tat es noch jetzt, als es schon längst nicht mehr nötig war, gleichsam aus einer abergläubischen Gewöhnung – gerade, als ob daran das Geschick seines Hauses hinge. Und heute hatte er das erste Mal seit Jahrzehnten die Gewöhnung durchbrochen; aber hätte er es auch nicht getan, es hätte wohl keiner eine Antwort von ihm erhalten, und vielleicht hätte auch keiner, der ihn gesehen, ihn zu fragen gewagt.

So also war das Neuigkeitsbedürfnis aller näheren und weiteren Freunde und lieben Bekannten der Geberts – und wer zählte sich plötzlich nicht dazu! – keineswegs gestillt worden. Und als gut eine Stunde früher denn sonst der Tag verdämmerte und gut eine Stunde früher denn sonst in Salomons Kontor der Hausdiener Gustav die hohen Lichte auf den hohen Stehpulten anzündete, vor denen sich die Buchhalter auf den Füßen wiegten wie Pferde vor der Krippe – da, ja, da war zwar die Nachricht von dem Geschehnis wohl sechsmal um die Mauern der Stadt geflogen, hatte jedes Ohr gestreift, gestreift und wieder getroffen, man hatte die abenteuerlichsten Vermutungen ausgetauscht und für wahr ausgegeben; aber klüger war eigentlich niemand geworden. Niemand wußte mehr als gestern abend, da zuerst die Flageoletts und Pikkolos zwitscherten und die Tubenstöße der Frau Fama bis unter Himmelbetten und Mullvorhänge drangen und diese schwanken und flattern machten. Nun wartete man auf die Zeitungen, ob die etwas geben würden. Der »Beobachter« würde sich das sicher nicht entgehen lassen und Krauses »Berlin« wohl auch nicht ... oder Sommerfeld? Irgendwo würde man schon Sicheres erfahren.

Und während nun so das Geschehnis alle Welt erregte und immer weitere Wellen schlug – denn alle erinnerten sich mit einemmal, daß die Geberts doch eigentlich einst recht angesehen waren, und alle gönnten es ihnen und freuten sich innerlich, ihren Namen und ihren Ruf so recht durch den Mund zu ziehen, vor allem, da ja, wie sie meinten, die Sache eines lustigen Beigeschmacks nicht entbehrte –, währenddessen ... ja, währenddessen waren eigentlich die, die am nächsten betroffen wurden, ziemlich ruhig.

Nun, peinlich war es immerhin für Julius Jacoby gewesen, denn er hatte etwas anderes erwartet. Aber da sich für ihn ein gutes Gewissen mit manchem Glase guten Weins – vom Champagner ganz zu schweigen – und mit einem guten, neuen Bett vereinten, so konnte er doch am nächsten Morgen von sich sagen, daß er eigentlich nicht gerade schlecht geschlafen hatte. Und als er sich gar in der Frühe in seiner neuen Wohnung – warum hätte er etwa da nicht hingehen sollen, auch ohne Frau? – etwas umtat und sah, wie alles aus dem vollen geschöpft war und mit Liebe bereitet, gleich einem guten, hausbackenen Butterkuchen, da wurde ihm, bei aller pflichtschuldigen Bekümmernis – auch ohne Frau –, ganz warm ums Herz. Doch als nun erst Tante Hannchens Mädchen ihm den Kaffee brachte, der sich an Güte und Ausgiebigkeit – sie hatte für zwei Personen gekocht – merklich von dem seiner letzten Zimmerwirtin unterschied, und als sie ihn da so mitten hineinpackte in ein ganzes Feldlager von frischen Brötchen, von Butter, Honig, Marmelade und von silbernen Sahnenkännchen, von bauchigen Zuckerdosen und durchbrochenen Zuckerzangen – da konnte sich der Vetter Julius doch nicht enthalten, das Liedchen zu pfeifen, das man gestern in so vielen Versen bei seiner Hochzeit gesungen hatte, das Liedchen von dem »Ei, was braucht man, um glücklich zu sein«. Und er pfiff es immer noch, als er schon aus der Tür trat, um ins Geschäft zu gehen. Denn jetzt, sagte er sich, müsse er im Ernst der Arbeit Vergessenheit suchen.

Tante Rikchen hingegen hatte den ganzen Tag Tränen in den Augen und ging unruhig von einem Zimmer ins andere. Aber gewiß hätte sie auch Tränen in den Augen gehabt und wäre durch alle Räume gependelt, wenn alles gut und glatt gegangen wäre. Denn ohne von dem zu reden, was ihr Jettchen angetan hatte – sie fehlte ihr, und ihre Abwesenheit schmerzte sie. Auf ihre Art nämlich hatte die Tante Rikchen ihre Nichte Jettchen, die so lange wie Kind im Haus gewesen war, ganz liebgewonnen, und nichts lag ihr ferner, als ihr Böses zu wollen. Eigentlich war Tante Rikchen nur traurig, daß das Gute, das sie bereitet hatte, von Jettchen so mißachtet worden war. Nun, sie würde sich schon fügen. An ihren Mann aber richtete Tante Rikchen heute kaum das Wort, und nicht mit einer Silbe erwähnte sie das Vorgefallene. Auch er sprach nicht davon. Sie gingen beide umeinander herum wie zwei Räder in einem Uhrwerk, die eng beieinander sich drehen und sich doch nicht berühren und sich doch nicht begegnen. Salomon war matt, hatte gerötete Augen; in Morgenschuhen schlurfte er umher, setzte sich vom Lehnstuhl auf den Korbstuhl und von da auf das schwarze Ledersofa und vom Sofa wieder an seinen Fensterplatz – die Ellbogen auf den Knien und den Kopf zwischen den Händen. Wie war die Wohnung ihm leer und öde! Ihm war es gerade, als ob Jettchen gestorben wäre. Und mehr als einmal war er drauf und dran, zu Jason zu gehen und Jettchen sich zurückzuholen. So sehr fehlte ihm ihre Gegenwart, ihre stille Nähe und die feine, kluge Sorgfalt, mit der sie ihn umgeben hatte. Warum wollte sie denn nicht wiederkommen? Hier gehörte sie doch her! Und er würde doch gewiß nicht darauf bestehen, daß sie zu ihrem Manne ginge. Wo hatte er nur die ganze Zeit seine Augen gehabt? Und wie hatte er nur je glauben können, daß das gut würde? Hin und wieder kam ihm der Gedanke an die Leute draußen und daß sein Name und der gute und ehrliche Name seiner Familie jetzt schon sicherlich in aller Munde sei und daß man lächle und tuschle und klatsche und Lügen über sie alle verbreite. Dann packte ihn ein solcher Zorn, daß er beinahe die roten, geschliffenen Gläser vom Büfett herabgerissen und sie auf die Erde geschleudert hätte, nur um an irgend etwas seine Erregung auszulassen. Und als er nach dem Essen, das er, ohne ein Wort zu reden, in sich hineingewürgt hatte, sich nicht zu Tante Rikchen aufs Sofa setzte, um in seiner Ecke mit dem Papagei auf der Schlummerrolle sein Schläfchen zu machen, sondern, mit dem letzten Bissen im Mund, aufstand und in sein Zimmer ging, da konnte Tante Rikchen nicht anders: sie mußte sich in den Lehnstuhl setzen und ihre beiden dicken Hände in die Augen bohren und weinen. Wenn er mit ihr geschimpft hätte, wenn er ihr wenigstens Vorwürfe gemacht hätte!

Ferdinand nun hatte sich die Angelegenheit mit Jettchen, als seine erste Erregung geschwunden war, nicht gerade sehr zu Herzen gehen lassen, und das Kopfweh und die Migräne, mit denen er erwacht war, kamen durchaus nicht aus den Gebieten des Seelischen, sondern waren etwas tiefer begründet und beheimatet – ein wenig rechts unter dem Herzen. Aber als der Lakai erschien und Ferdinand die freudige Botschaft vernahm, da war dieses Mißbefinden wie weggeblasen. So schnell schwand es selbst nicht, wenn Ferdinand Gebert sich Gurkenscheiben auf den Kopf legte, und hiervon hielt er viel. Wie weggepustet war es, dieses Mißbefinden, und aus dem grauen, katzenjämmerlichen Morgen wurde Ferdinand ein Himmel voller Geigen. Richtig, er bekam die Bestellung: einen Jagdwagen, eine Britschka und ein Tandem. Drei Wagen auf einmal – und in allerbester Ausführung. Und dazu noch vom Hofe! Das würden natürlich nicht die einzigen bleiben, und irgendwelche Auszeichnung würde für ihn noch abfallen. Wie hatte er immer wieder und wieder seine Angel ausgeworfen danach, seit Jahren! Und jetzt, als er es am wenigsten vermutete, hatte plötzlich der Fisch angebissen. Er hatte ja schwere Zeiten durchgemacht. Denn als das mit der Eisenbahn kam, vor ein paar Jahren, da hatte er fest geglaubt, daß bald niemand mehr einen Reisewagen oder überhaupt eine Chaise sich kaufen oder leihen würde. Und alle hatten das gleiche prophezeit. Und nun? Dieser oder jener mochte schon »kaputtgegangen« sein. Aber er, er stand jetzt größer da als je. Denn der Hof, der preußische Hof – was das bedeutete: der preußische Hof! –, die andern würden dann schon von selbst kommen. Und ganze Marställe sah Ferdinand vor sich, mit endlosen Reihen von rotlackierten Prunkwagen und von himmelblauen Kaleschen, die alle aus seinen Werkstätten gekommen waren. Daß an einem solchen Tag ihn das Ereignis mit seiner Nichte Jettchen nicht allzusehr beschäftigte, kann man ihm nicht verargen.

Und wenn es sich wirklich einmal in seinen Gedanken etwas zu weit nach vorn schob, dann kamen wieder der Hof, der kleine, hochrädrige Jagdwagen, der Prinz selbst, der sogar »lieber Gebert« gesagt hatte – er war ein Mann ganz nach dem Geschmack Ferdinands –, und all das versetzte dem armen Jettchen einen solchen Stoß, daß es in seinem Kopf, in seinen Gedanken ganz weit nach hinten flog, alldahin, wo es gut aufgehoben war und sich in keiner Weise unangenehm bemerkbar machte.

Eli und Minchen aber sprachen viel darüber, und sie hatten Meinungsverschiedenheiten. Dabei saßen jedoch die beiden Alten einträchtig nebeneinander wie zwei Vögel auf einer Stange. Minchen war mit Jettchen nicht zufrieden. Sie hatte noch nie gehört, daß eine so etwas gewagt hätte, und deshalb mißbilligte sie es. Das heißt recht betrachtet: innerlich mißbilligte sie es gar nicht. Sie wußte nur noch nicht, wie sich die andern dazu stellen würden und wie man sich, ohne anzustoßen, Jettchen gegenüber zu verhalten habe. Eli hingegen sagte, seit langer Zeit hätte ihn nichts mehr so gefreut wie gerade das. Jetzt, eben jetzt müsse man zeigen, daß man auf Jettchens Seite stehe und sie nicht etwa im Stich lasse. Ja, auch für alle »allenfallsigen Nebenseiten« des Problems – denn mit ihnen rechneten jetzt auch die Nächsten – zeigte der alte Onkel Eli ein tiefgehendes, zustimmendes und verzeihendes Verständnis. Er verstieg sich sogar dahin, es ganz natürlich zu finden. Aber soweit konnte ihm die kleine Tante Minchen nicht folgen. Ihr weibliches Gemüt, sagte sie, sträube sich gegen alles Unmoralische. Das wollte wieder Onkel Eli nicht gelten lassen, und er versuchte ihr zu erklären, daß es unmöglich wäre, da Unterschiede herauszufinden, wo in der Natur gar keine beständen. Und als seine Argumente nicht überzeugten – denn man kann fünfzig Jahre und über fünfzig Jahre mit einer Frau verheiratet sein, und sie wird den Feinheiten und der Folgerichtigkeit der männlichen Logik ebenso ungläubig und verständnislos gegenüberstehen wie am ersten Tage –, da begann er zu poltern und auf die Frauensleute – die Seinige inbegriffen – zu schimpfen; während er doch sonst bei seinen Anwürfen diese auszuschließen beliebte. Und ein Mal über das andere schrie er mit ganz rotem Kopfe: »Kann man so etwas wohl in so ä Frauensmensch reinbringen!« Minchen schwieg natürlich auch nicht, und es gab das schönste, doppelseitige Ärgernis. Bis Minchen endlich klein beigab und damit bewirkte, daß der Himmel sich klärte.

Minchen tat recht daran. Denn wie so oft in diesem Leben: Minchen und Eli stritten sich einfach um Worte, Im Grunde ... im Grunde nämlich stimmten sie beide in allem, was sie dachten und sagten, ganz und gar überein.

Also waren – während alle Welt sich in Erregung befand – die, die am nächsten betroffen wurden, ziemlich ruhig.

Ach so, ich vergaß von Jettchen zu erzählen, von Onkel Jason und von Doktor Kößling.

Stosch war am Abend noch dagewesen, aber da Jettchen schlief, sagte er, das wäre besser für sie, er wolle nicht stören. Als er dann früh wiederkam, beklopfte und behorchte er Jettchen; und als Jason ihn fragte, sagte er, es fehle der jungen Frau wohl gerade nichts, aber sie sei mit dem Herzen nicht recht in Ordnung.

»Zu dieser Diagnose, Herr Rat«, sagte Jason, »hätte ich Sie nicht gebraucht.«

Aber der alte Herr war in seinem Beruf nicht für Scherze, und er brummte nur etwas von Schonen, Pflege, keine Aufregungen und etwas Ruhe. Dabei sollte sie aber nicht liegen, sondern tun, als ob ihr gar nichts fehle. Darüber, daß er Jettchen bei Jason traf, und über alles, was sonst geschehen war, verlor der alte Stosch kein Wort.

Jettchen war früh erwacht, und es hatte eine Weile gedauert, bis ihr alles wiederkam, was sie erlebt hatte. Und jetzt erschien es ihr in ganz anderm Licht. Nicht, daß sie etwa ihre Tat bereut hätte; aber sie wußte nicht ein noch aus und war ganz hoffnungslos. Zu alldem kam auch das Lächerliche, daß sie nun einzig ihr weißes Brautkleid besaß und nichts sonst. Keinen von ihren vielen Morgenröcken in allen Farben, für jeden Monat einen, und keins von ihren Gesellschafts- und Straßenkleidern, nicht das von grünem englischem Tuch und nicht das neue, fliederfarbene Seidenkleid, ja nicht einmal das alte, silbergraue Taftkleid oder das mit den goldenen Kornähren, das sie nun für alle Tage auftrug.

Und Onkel Jason machte Jettchen einen Morgenbesuch, nachdem er Fräulein Hörtel zum Parlamentieren vorausgeschickt hatte, ob er auch angenommen würde. Die Damen des vorigen Jahrhunderts, sagte Jason, pflegten vor dem Lever ihre Empfänge zu halten, und er für seine Person finde diese Sitte im äußersten Maße nachahmenswert, ja, er bedauere aufrichtig, daß sie bei der honorigen Damenwelt leider mehr und mehr im Schwinden begriffen sei. Jason hatte vollkommen seinen alten Ton wiedergefunden, und er plauderte mit Jettchen von hundert Dingen – nur nicht von dem, was gestern gewesen war; nicht einmal von dem, was morgen sein könnte, sprach er. Das schien für ihn nicht zu bestehen. Aber er war Feuer und Flamme für die Einstellung der Jahrbücher; das wäre recht, da zeigte man einmal Mannesmut. Was man wohl oben dazu sagen würde? Das hätte man sicherlich gerade jetzt nicht erwartet; und die besten Namen wären mit dabei. Dann bat er Jettchen, sie solle morgen mitkommen; er hätte einen Platz bei einem Freund in der Breiten Straße, ein Fenster, von dem aus sie den Fackelzug der Studenten sehen könnten. Sie solle es nur tun, damit sie wenigstens etwas vom Reformationsfest hätte. Ganz Berlin werde ja auf den Beinen sein. Aber Jettchen sagte, sie werde vorerst nicht ausgehen. Dagegen eiferte Jason. Gerade müsse sie hinaus, unter die Menschen; sie solle nur nicht glauben, daß sie sich einzuspinnen brauche; sie könne ihren Kopf ebenso hoch tragen wie andere Leute, und sie hätte ihn ja sonst immer so hübsch hoch getragen. Sie würden zusammen ins Theater gehen, und er würde ihr peu à peu alle siebzehn Hohenstaufen-Dramen Raupachs zeigen, die man im Winter geben wollte, oder das neue Drama von Herrn Bart aus Neustrelitz, das sie angenommen hätten. Ob sie Herrn Bart aus Neustrelitz kenne? Schon Name und Vaterstadt bürgten für Genialität.

Während aber Jason vor Jettchens Bett saß, das noch vorgestern sein eigenes gewesen war – ein respektvolles Stück davon, auf einer Ecke der Mahagonibergere mit den großen Bronzerosetten saß –, und nun von da aus eine leichte und etwas gezwungen-graziöse Konversation führte, altmodisch und blumenreich, gleichsam als spiele er die Rolle eines galanten Abbé ... und während Jettchen in all ihrem Kummer doch darüber lächeln mußte und lächelnd das erste Mal die neue Umgebung betrachtete, die ihr jetzt so ganz anders dünkte als früher, in der plötzlich alles ein neues Gesicht hatte und in der jede Lithographie an der Wand, auf der mattgrünen Seide, jedes Porzellanfigürchen in den Servanten etwas von dem Wesen seines Besitzers angenommen zu haben schien ... und während also Jettchen so ganz erstaunt und träumerisch in die weiße Helligkeit blickte, die trotz des grauen Tages draußen durch die tiefen Fenster hereinflutete und alles so blank und peinlich sauber machte: den Tisch, die grünen Sessel, die braunen Schränke mit den goldenen Säulenknöpfen und den vielen weißen und bunten Porzellanen, alles, alles, bis in den letzten Winkel hinein – da, ja da mochte es vielleicht an der Tür gepocht haben, und Jason mochte vielleicht »Herein« gesagt haben, denn plötzlich sah Jettchen das Mädchen von Tante Rikchen, ihr Mädchen von zu Haus, vor sich stehen, mit einem ganz verquollenen Gesicht und rotgeweinten Augen. Und daneben das kleine Fräulein Hörtel mit Augen wie eine Fledermaus. Den großen Wäschekorb zwischen ihnen sah sie, der hoch voll lag von Röcken und Matinees, roten, grünen, weißen, blauen und ganz zart pastellfarbigen.

Und das Mädchen schluckte und schluchzte und sagte: Eine schöne Empfehlung von der Madame Gebert, und hier schicke sie der jungen Madame Jacoby ihre Sachen; und die andern Sachen würden auch noch kommen.

Und Jettchen schluckte und schluchzte und sagte: sie ließe sich vielmals bedanken. Ja, selbst Jason meinte, daß das doch rührend liebenswürdig von der Tante wäre. So viel Takt hätte er ihr gar nicht zugetraut. Aber er vergaß, daß die Tante es nicht sehr selbstlos tat, sondern wohl wußte, daß man mit Speck Mäuse fängt.

Aber nun, sagte Jason nach einer Pause allgemeiner Rührung, nun wolle er sich zurückziehen, da Jettchen für die nächsten fünf Stunden ja hinlänglich Beschäftigung hätte. Und er trete ihr noch die Hälfte seines Reiches ab. Dort in dem großen Schrank dürfe sie allen Raum besetzen, der frei wäre. Ihre Sachen würden sich schon miteinander vertragen. Mit dem andern sonst solle sie sich an Fräulein Hörtel wenden.

Und nach einer Weile schellte draußen Kößling. Er müsse sogleich Herrn Gebert sprechen. Früh am Morgen war er schon einmal dagewesen, um sich zu erkundigen, wie es Jettchen gehe. Aber da schlief noch alles. Und jetzt kam er wieder. Er müsse Herrn Gebert sprechen.

Jason ließ ihn bitten, ganz leise hinter zu kommen in das Arbeitszimmer, trotzdem er eigentlich innerlich starke Bedenken gegen diesen Besuch hegte.

Aber ehe noch Jason dazu kam, irgendwie sein Mißfallen zu äußern, streckte ihm Kößling einen Oktavband mit breitem Lederrücken und schöner Goldpressung entgegen, gerade wie man dem Zerberus einen Honigkuchen zuwirft, und sagte, jetzt habe er's. Und wie billig er es gekauft hätte: kaum zur Hälfte des Preises; nur achtzehn und einen halben Silbergroschen habe er dafür gegeben, und dann sei es noch die erste Ausgabe, und ein purer Zufall habe sie ihm in die Hände gespielt. Was er aber nicht sagte, das war, daß er den ganzen Vormittag umhergelaufen war, von einem Büchertrödler zum andern, bis in die kleinsten und entlegensten Keller in der Neuen Jägerstraße, und daß er endlich nicht achtzehn und einen halben Silbergroschen, sondern einen Taler und fünf gute Groschen gezahlt hatte. Aber das war Kößling der Christian Garve heute wert. Und dann war es ja auch die beste Ausgabe und wie neu. Zu teuer, nein, zu teuer war es eigentlich nicht.

»Nun«, sagte Jason, »da haben Sie ja zufällig, Herr Doktor, einen sehr guten Griff getan. Einen Taler ist das Buch schon unter Brüdern wert.«

Aber Kößling versicherte, daß er es so billig erstanden hätte, und er hoffe, bei dem Mann noch mehr zu finden; denn er wollte sich doch seinen Vorwand nicht nehmen lassen. Und von allerlei Büchern und seltenen Ausgaben erzählte er, als hätte er die Absicht, ja zu verhüten, daß irgendein anderes Gesprächsthema aufgenommen würde.

Trotzdem Jason diese kleine List durchschaute und sich innerlich darüber belustigte, daß die Liebe selbst einen ungelenken Menschen erfinderisch machen kann, so brachte es das Gespräch doch mit sich, daß er bald vergaß, daß es eigentlich nur ein Fintenspiel war. Und trotzdem Kößlings Sinn und Herz eigentlich auch ganz woandershin standen, so machte es der Stoff, daß auch er ganz und gar mitgezogen wurde und das andere fast aus dem Sinn verlor – so daß nun bald die beiden miteinander lustwandelten in ihren gemeinsamen Reichen, in die gottlob das Lärmen, die Wirrnis und die Nöte, die das arge Weibervolk den Männern bereitet, nicht hindringen können.

Jason ging auf und ab an seinen braunen Regalen, zwischen den blanken Lederrücken mit den eingepreßten goldenen Sternchen und den roten und grünen Saffianschildchen. Und einmal bückte er sich, und ein anderes Mal mußte er mit dem Arm ganz hoch hinauflangen, um dies oder jenes vorzuzeigen.

Und gerade war er dabei, seine Goethe-Ausgabe von 1775 Kößling zu zeigen, die von Himburg, und ihn auf die Kupfer aufmerksam zu machen, die er den Rambergschen in der Ausgabe letzter Hand weit vorzöge – trotzdem jene ihnen ja viel näherständen –, als die Tür aufging und ganz leise Jettchen hereintrat. Ganz leise. Denn sie hatte ein paar neue Hausschuhe aus rotem, weichem Leder an, die eigens für ihren Fuß gefertigt waren. Einen von den Morgenröcken trug sie, die man ihr eben gebracht hatte, einen ganz neuen, silbergrauen. Den Hals ließ er frei und auch die weißen Arme bis über die Ellbogen. Und das schwere Haar hatte Jettchen nur aufgesteckt. Eigentlich war sie hintergegangen, um sich Jason zu zeigen und, vor allem, um ihm ein freundliches Gesicht zu weisen und ein paar Worte mit ihm zu sprechen, damit er sehe, daß sie nun ganz wieder die alte sei und er sich etwa keine Sorgen um sie mache. Daß Kößling bei ihm war, hatte sie jedoch nicht vermutet. Für ihn war diese neue Morgentracht auch nicht bestimmt.

So erschrak sie, und Kößling erschrak gleichfalls. Kößling fühlte, daß er jetzt irgend etwas sagen müsse, ihr danken müsse für das, was sie um ihrer beider willen getan hatte. Aber er brachte kein Wort hervor. Und Jettchen fühlte sich plötzlich beengt und verschüchtert und wußte nicht, wie sie sich verantworten sollte. Hier im Licht des Tages lag die gestrige Nacht so fern, daß Jettchen sie in ihrer Kühnheit kaum noch verstand.

»Nun«, sagte Jason und steckte vorsichtig dabei das Buch wieder zwischen die andern an seinen Platz, » den Besuch hast du wohl hier nicht erwartet?«

»Gerade deswegen ist er mir nur desto lieber«, meinte Jettchen und hob Kößling langsam die Hand entgegen.

Der war ganz verwirrt und stammelte etwas von Dank, als er sich auf die Hand niederbeugte.

Jason aber bemerkte plötzlich etwas Wunderbares an seinen Büchern, das ihm noch nie vordem aufgefallen war und das er sich mit höchster Anteilnahme aus nächster Nähe betrachten mußte ... eine ganze Weile lang.

Als er sich aber umwandte, standen die beiden noch an der alten Stelle, und Jason hatte auch nicht gehört, daß sie zueinander gesprochen hätten, und doch war es ihm, als fühlte er deutlich in seiner Hand die beiden Schicksalsfäden, die miteinander verknüpft und verknotet waren, und es war ihm, als wäre es seine Pflicht, sie nur noch fester miteinander zu verschlingen und zu verbinden.

Aber wie so Menschenhände sind – gerade als er glaubte, daß er sie noch dichter und inniger ineinanderflechten würde, lockerte er nur ihre Schleifen und Maschen. Denn er selbst fühlte, wie die beiden sich während seiner Worte voneinander entfernten.

»Wissen Sie, Doktor«, sagte er und drohte Jettchen lachend mit dem Finger, »sie gefällt mir. Ich liebe solche Menschen, die auf eigenen Wegen wandeln. Und wenn sie auch jetzt alle draußen schreien: Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schlimmen Gang – passen Sie auf, es ist für das Diesseits wie für das Jenseits nun einmal so eingerichtet, daß die guten Wege zum schlechten Ende führen und die schlechten Wege zum guten.«

Aber Jettchen schüttelte und Kößling lachte gezwungen.

»Ich habe Ihrem Onkel nur ein Buch gebracht«, sagte er, als müsse er seine Anwesenheit entschuldigen.

Und Jason zeigte es und pries den guten Kauf, während Kößling – froh über seine List – Jettchen zublinzelte, und Jason tat, als merke er es nicht. »Ja«, meinte er, »jetzt mache ich es wie Ritter Blaubart und führe dich hier umher durch mein Schloß. Zu allen Zimmern wirst du den Schlüssel bekommen, Jettchen, alle darfst du betreten, soviel und sooft du willst, nur, siehst du, diese eine Kammer hier ...«, und er wies auf eine Reihe seiner Regale, »hier dieses eine Zimmer meines Schlosses ist dir verboten.«

Kößling überflog die Reihe mit einem kurzen Blick, und als er »Sophiens Reise von Memel nach Sachsen« sah, wußte er, warum Jason wünschte, daß dieses Zimmer für Jettchen verschlossen bleiben sollte.

Jettchen aber lachte. »Nun«, sagte sie, »die andern Zimmer in deinem Schloß, Onkel, sind ja geräumig genug. Aber eigentlich wollte ich dir nur einen kurzen Gegenbesuch für vorhin machen.« Und damit hatte Jettchen wieder die Klinke in der Hand.

»Ich muß auch zur Bibliothek«, meinte Kößling und griff schnell nach seinem grauen Schlapphut, den er in der Eile auf einen Stuhl gelegt hatte.

»Haben Sie etwas Neues über die Jahrbücher gehört?« fragte Jason im Hinaustreten.

Kößling wußte nichts.

»Schade, ich hätte gern einmal etwas darüber aus Universitätskreisen erfahren«, sagte Jason. »Also ja, dann kommen Sie nur bald wieder einmal auf einen Augenblick zu mir herauf. Ich werde mich immer über Ihren Besuch freuen. Und jemand anders vielleicht ebensosehr. Aber entschuldigen Sie mich jetzt, ich habe ja dem Garve – ich danke Ihnen noch, Herr Doktor –, ja richtig, dem Garve noch nicht seinen Platz gegeben.«

Und damit hinkte Jason wieder ganz schnell zurück, zog die Tür seines Arbeitszimmers hinter sich zu und ließ die beiden allein auf dem halbhellen Korridor, der sein kümmerliches Licht nur durch ein paar Türfenster bekam und dämmerig und grau mit seinen paar kleinen goldenen Hockern und seinen paar kleinen goldgerahmten Spiegeln vor den beiden lag.

Eine ganze Weile standen sie einander gegenüber, scheu und verwirrt. Denn das, was bisher ihrer beider Geheimgut gewesen war, das war plötzlich eine öffentliche Angelegenheit geworden, und Sehnsucht und Leiden hatten sich über Nacht in Trotz und Kampf gewandelt; und noch hatten sie sich beide nicht dazu gefunden, und wie etwas Fremdes, Trennendes stand es zwischen ihnen.

»Jettchen«, fand Kößling endlich das Wort, »du liebes Mädchen, du, was hast du alles inzwischen ausgestanden um unsertwillen!«

»Ja«, sagte Jettchen, »das habe ich wirklich. Und am Ende, da wird doch alles vergeblich sein. Gestern, da war es noch möglich und klar, aber heute? – Wenn Onkel Jason nicht noch wäre, ich wüßte ja überhaupt nicht, was ich täte.«

Kößling sprach ihr Trost zu. Es werde schon alles nach ihrem Wunsch gehen; zwingen, mit Gewalt zwingen, könne sie doch kein Mensch. Sie seien doch auch nicht schlecht zu ihr, und er werde schon zu etwas kommen. Zu alt wären sie ja beide nicht, um nicht auf ihr Glück warten zu können.

Dann nahmen sie Abschied zwischen Tür und Angel, umschlangen sich mit langen Küssen, die die Unersättlichkeit des Feuers in sich trugen und die immer mit neuem Sehnen aus den Tiefen ihrer Wünsche stiegen. Aber kaum daß sich die Arme voneinander gelöst, so verschlangen sie sich wieder, als ob sie wie Kettenglieder miteinander verschmiedet werden sollten. Erst als Jason hinten laut nach Fräulein Hörtel rief, huschten sie auseinander, und Jettchen lehnte sich weit übers Geländer draußen und warf Kußhände hinab und lauschte, bis unten die letzten Schritte klangen. Dann schlich sie hinein, müde und zerschlagen. Ihre Füße trugen sie kaum.

Das Leben aber zog weiter; dieser unversiegbare Strom, dessen Wellen nie zurückpulsen, er trieb weiter, und auf die Erregung kurzer Tage kam Ruhe und stetes Dahingleiten, kam das ermüdende Ineinandergreifen von Stunde in Stunde, von Abend in Morgen, von Morgen in Abend. Und keiner trug etwas in Händen, keiner brachte etwas, und jeder machte, ohne daß man es wußte, nur älter und müder.

Wenn Onkel Salomon nur versucht hätte, Jettchen zurückzuholen, sie wäre ja gegangen. Denn das fühlte sie: Dort war ihr Platz, und dort gehörte sie hin. Sie war es gewohnt, zu schaffen und in der Wirtschaft Anordnungen zu treffen. Sie liebte ihre kleinen Sorgen; und hier gab es nichts für sie, und sie sehnte sich tagelang nach ihrem einfachen Zimmerchen mit den Birkenmöbeln und nach ihren Büchern, die sie kannte und wieder las, von dem »Immergrün der Gefühle« bis hinab zu dem Vogelbuch mit dem marmorierten Deckel und den vielen, vielen Sprachfehlern. Hier hatte sie eine ganze Bibliothek, aber es waren doch nicht ihre Bücher. Sie war nur bei ihnen zu Gast geladen.

Wenn noch die Tante Rikchen gekommen wäre und ihr Vorwürfe gemacht hätte, sie hätte schon Worte gefunden, sich zu verteidigen. Und Jettchen legte sich in langen Stunden eine wohlklingende Rede zurecht, in der sie von ihren Herzensrechten sprach und von Liebe und Dankbarkeit und daß sie durchaus alle menschlichen Vorzüge des Vetters Julius anerkenne und gar keinen Haß gegen ihn hege, aber sie könne und könne ihm nun einmal nicht angehören. Und Jettchen war fest der Meinung, daß es ihr gelingen würde, Tante Rikchen auf ihre Seite herüberzuziehen.

Tante Rikchen aber – sie hatte zwar die Sachen geschickt und freundliche Grüße dazu – kam selbst nicht und ließ vorerst nichts weiter von sich hören und verlauten. Sie war nämlich nicht dafür, die Speisen allzu warm zu genießen, da die Erfahrung sie gelehrt hatte, daß es besser sei, bei allen heißen Dingen abzuwarten.

Auch Tante Hannchen kam nicht und keines von den Kindern. Nicht Jenny, die das Brautgedicht gesagt hatte, noch Wolfgang, der in Charlottenburg Wochen bei ihr gewohnt hatte – keine Seele ließ sich blicken. Jeder mied sie.

Nein, das entspricht doch nicht ganz der Wahrheit. Gleich am dritten oder vierten Tage erschien Tante Minchen, wenn auch der Nebel bis auf die Dächer hing und der Regen nicht aufhören wollte. Es war ja gewiß nicht weit vom Hohen Steinweg nach der Klosterstraße – aber da kam sie gar nicht her, sie war erst noch bei Madame Fournier gewesen, »Unter der Stechbahn«, trotz Wind und Wetter. Da hatte sie drei schöne, mattgelbe Apfelsinen gekauft, für Jettchen zur Stärkung. Und Apfelsinen waren jetzt nicht billig. Sie hatte lange geschwankt, ob sie ihr nicht statt dessen ein Glas von ihrem Eingemachten mitbringen sollte – vielleicht Quitten oder Hagebutten. Aber das sah so alltäglich aus; Apfelsinen jedoch konnte man nicht alle Tage haben. Und wenn – wie man sagt – sauer lustig macht, so hätte Jettchen nach den Apfelsinen eine Woche lang die lustigste Person von ganz Berlin sein müssen.

Ja, die kleine, gute Tante Minchen, die so verschrumpelt wie eine Backbirne war und einen Mund hatte wie ein ausgerissenes Knopfloch, sie hatte sogar eigens zu diesem Besuch ein schwarzes Seidenkleid angezogen, damit Jettchen nicht meinen solle, sie halte nichts auf sie. Leicht fiel ihr dieser Besuch gewiß nicht, denn sie wußte noch gar nicht, wie er bei den andern ausgelegt würde; aber sie hatte sich trotz alledem dazu entschlossen. Und es war das nicht allein der Wunsch ihres alten Ehegatten – dem hätte sie wohl ihren eigenen Willen entgegengestellt –, es war auch ihr Wunsch. Nur wußte sie nicht recht, was sie mit Jettchen reden sollte. Beschönigen wollte sie nichts, tadeln wollte sie nichts, und umgehen wollte sie die prekäre Angelegenheit schon gar nicht.

»Nu, Jettchen«, sagte Tante Minchen, bevor sie sich noch gesetzt hatte, »ich komm' eben e bißchen hier vorbei. Jason hat neulich auf de Hochzeit gesagt, du wärst nich ganz wohl, und da wollt' ich doch mal zusehn, wie's der geht.«

Jettchen dankte. Es gehe ihr schon besser.

»Nu«, meinte Tante Minchen feierlich und wickelte jede der Apfelsinen mit ihren kleinen, welken Fingern aus dem Seidenpapier und legte sie fein säuberlich auf die blanke Tischplatte, »nu, Jettchen, da hab' ich der drei Apfelsinen mitgebracht, für deine Gesundheit. Iß se mit Verstand, was dir ja nicht schwerfallen kann. Se sind nämlich von de Fournier und kosten fünfzehn Silbergroschen.«

Jettchen sagte, daß diese Ausgabe für sie aber wirklich unnötig gewesen wäre.

»Nein«, meinte Minchen, »ich wollte dir, liebes Jettchen, gerade damit zeigen, daß mir für dich nichts teuer und gut genug ist. Nach wie vor. Und wenn sie auch in de Zeitungen über dich schreiben.«

Jettchen erschrak.

»Nu, hat der Jason nich gesagt?« schwabbelte Minchen ohne böse Absicht. »Im ›Beobachter an de Spree‹ stand doch de ganze Sache, das heißt nich mit richtige Namen, aber es war ganz deutlich deine Geschichte; weißte, von Herrn Gimpel, Herrn Schlau und Fräulein Pfiffig hieß es da.«

Das hatte Jettchen nicht erwartet, und sie brach in Tränen aus.

Minchen beschwichtigte. »Was brauchste der daraus was zu machen«, sagte sie. »Weißte, was Eli gesagt hat? – Wenn er noch jünger wäre, als er is, hat er gesagt, würde er einfach hingegangen sein auf de Zeitung und hätte, ohne e Wort dabei zu sprechen, dem Mann rechts und links ein paar hinter die Ohren gegeben ...« Wenn Ferdinand jedoch nur noch etwas auf de Familie hielte, dann müßte er's tun. Und ihr Eli, der würde es auch Ferdinand sagen.

Aber selbst dieses Versprechen der Blutrache vermochte nicht Jettchens Tränen zum Versiegen zu bringen, und deshalb beschloß Tante Minchen, geschickt das Gespräch auf ein anderes Thema hinüberzuspielen.

»Lächerlich«, sagte sie, »du wirst dich ärgern! De Meinungen sind doch sehr verschieden darüber. Ich muß ja in Wahrheit dir eingestehen, ich bin eigentlich nicht deiner Ansicht. Man muß sich aneinander zu gewöhnen versuchen. Wenn de Angelegenheit mit de Scheidung so leicht war' wie de Hochzeit, würde keine Ehe länger wie e Jahr dauern. Und wir – Eli und ich – sind nächsten Herbst, so Gott will, siebenundvierzig Jahre verheiratet. Aber Eli sagte wieder, de hättst ganz recht gehabt. Und viele andre – weißte, man spricht ja von nichts weiter – sagen auch, se begriffen nicht, wie Salomon dich an Julius Jacoby hätte geben können. Aber wirklich, mein Kind, trotzdem und trotzdem ... ich versteh' dich nich. Was haste an de Männer? Se sind doch alle gleich. Meinste, de merkst nachher 'n Unterschied?«

»Sage, liebe Tante, kann ich dir irgend etwas anbieten? Ein Glas Wein vielleicht?«

Aber Minchen war nicht abzubringen. Sie schüttelte nur den Kopf und blieb beim Thema. Und um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, beleuchtete sie es einmal von rechts und einmal von links.

»Mir«, sagte sie, »hat er eigentlich nicht so schlecht gefallen wie Eli. Der nennt 'n immer nur 's litauische Pferdchen. Aber das eine muß er doch auch zugeben, daß Leder immer noch e aussichtsreiche Branche ist. Und e guter Geschäftsmann soll er ja sein. Und der andere? Nu ja, hätt' er vielleicht damals de Stelle gehabt, die er heute hat, hätt' man drüber reden können. Aber damals war er doch gar nichts ... wie e Doktor. Aber endlich, Jettchen, was geht's mich an? Das is doch deine Sache. Tu, was du willst. Uns soll's gleich sein. Bei uns wirste – nach wie vor – immer e offenes Haus finden. Und Eli fragt schon jeden Tag, warum de eigentlich nich mal auf e Viertelstündchen zu uns rüberkommst. Er freut sich doch immer so mit dir.«

So sprach Tante Minchen. In schöner Regelmäßigkeit des Redeflusses. Und doch wäre es falsch, wenn man annehmen wollte, daß sie es etwa böse meinte. Sie meinte es gut und war Jettchen wirklich zugetan. Aber das hinderte eben nicht, daß sie Jettchen mit ihren Worten das Herz abstieß; wie wir ja auch gemeiniglich denen am meisten weh zu tun pflegen, die wir am liebsten haben.

Als Onkel Jason kam, sah er auf den ersten Blick, daß Jettchen traurig und mutlos, noch trauriger und mutloser als sonst war. Aber er tat, als bemerke er es nicht.

»Ach«, sagte er, »Jettchen, da ist mir heute vormittag eine merkwürdige Geschichte passiert. Weißt du, hier an der Ecke am Köllnischen Fischmarkt sitzt doch die dicke Bücklingsfrau. Und als ich vorbeikomme, zählt sie gerade ihre Bücklinge ab. Eine, zweie, dreie, viere – das eine Dutzend stimmte nicht. Sie zählt noch mal. Wieder dreizehn. Na, mich interessiert das, und ich stell' mich zu der Frau hin. Mit einmal ruft sie: ›Herrgott‹, ruft sie, ›richtig, richtig, da is mir doch wirklich die olle Tante Minchen mang die Bücklinge mang jekommen.‹«

Jettchen mußte lachen. Und Jason nahm ihre Hand. »Mädel, du mußt nicht immer zu Hause hocken. Du verklönst mir dabei ganz. Witz und Schönheit sind gesellige Kräfte. Denn, heißt es, was gewänne ein witziger Einsiedler und eine schöne Einsiedlerin? Wenn du rätst, wer das sagt, nehme ich dich morgen mit ins Schauspielhaus. Oder wollen wir übermorgen in die ›Schuld‹ gehen?

›Dort ist oder nirgends Heil,

dort versöhnt das Henkerbeil

mich mit mir, vielleicht mit Gott.‹

Willst du das hören, Jettchen?«

Aber Jettchen wollte doch lieber noch nicht ins Theater gehen, weil sie dort so viele Leute sehen könnten.

»Dann, Jettchen, wollen wir wenigstens einmal des Abends musizieren. Früher hast du noch manchmal gesagt: ›Jason, ich weiß ein Lied.‹ Aber jetzt bist du ganz still geworden.«

Für das Musizieren war Jettchen eher zu haben.

»Ja, schön«, meinte Jason, »dann lade ich dir deinen Freund ein, und er soll uns auf dem alten Tafelklavier eins vorspielen. Wer weiß, wie lange da keiner drauf gespielt hat. Denn mein bißchen Geklimper kann ich ja nicht Spielen nennen. Und wenn ihr ganz brav seid, dann zeige ich euch Sibirien.«

Was Sibirien sei?

Das dürfe er nicht sagen.

Jettchen bat ihn, und Jason freute sich, sie aus ihrer Reserve zu locken.

»Siehst du«, sagte er, »Sibirien ist die kleine Zierkommode da«, und Jason zeigte auf ein ganz niederes, geschweiftes Schränklein, das mit vielen Fächern bescheiden in der Ecke am Fenster stand. Es machte gar nichts von sich her neben den hohen Servanten mit den vielen bunten und weißen Prozellanen. Aber wenn man es näher ansah, so mußte man eine ganze Zeit bei seiner Betrachtung verweilen. Denn es war über und über eingelegt mit Elfenbein, Buchsbaum, Kirschholz und Rosenholz, und jedes Schubfach zeigte eine andere Szene aus dem Alten Testament; fein säuberlich in den Raum zwischen die beiden schweifigen Bronzegriffe hineingeschrieben. Da war die stolze Lea am Brunnen; und Josua und Kaleb, die die große Traube trugen; und Absalon, der mit den Haaren am Ast sich verfangen hatte und nun elendiglich sich verzappelte. Auch Josua als Reitergeneral war da, der der Sonne Vorschriften machte, wie sie sich zu benehmen hätte.

»Du wunderst dich, warum das Schränkchen Sibirien heißt. Das hat noch dein Vater so getauft. Weißt du, es gehörte eigentlich dem alten Onkel Simon. Und wenn der von der Leipziger Messe kam, dann brachte er immer Lebkuchen mit und Bonbons und alles erdenkliche Schöne. Alles wanderte vor unseren Augen in das Schränkchen hinein. Nie ist wieder was herausgekommen. Und deswegen hat dein Vater das Schränkchen Sibirien genannt. Als es nachher keiner haben wollte, habe ich es mir genommen; nun bewahre ich eben meine Heiligtümer darin auf.«

Und Jason zog ein Fach nach dem andern und wies Jettchen Briefe, Locken und goldene Chatelaines; Büchlein und Bänder, Blumen aus Haar gebastelt; einen Fetzen roter Seide mit den Lilien der Bourbonen aus dem zerstörten Thronzimmer der Tuilerien; eine kleine Alabasterbüste der Sontag, ein Täßchen mit dem Bild des Studenten Sand; ein Papiermaché-Figürchen mit Saphirs Wollkopf und ein paar Verse von ihm dazu; Uhren und Medaillons aus dem väterlichen Geschäft; silberne Riechbüchslein in Form von Schnecken mit beweglichen Hörnern oder solche wie Muskatnüsse mit vielem Geäder. Aber all das lag nicht wirr durcheinander, jedes hatte sein Plätzchen, sein Schächtelchen, sein Zettelchen mit der Lebensgeschichte.

Doch Jettchen sah da auch – daran hatte Jason vielleicht nicht gedacht – einen kleinen Fingerhut mit einer roten Granatplatte, der ihr einmal gehört hatte und den sie wähnte, verloren zu haben. Auf dem Blättchen standen – das sah sie – ein paar Verszeilen von Jasons steiler und zierlicher Hand. Und Jettchen wurde über und über rot.

Und der Regen schwand, und es gab wieder sternklare, frische Nächte und Reif am Morgen auf niedern Dächern, auf Remisen, auf den Holzfassungen der Abwässer. Und es gab klare, mattblaue Winterfrühen, an denen die Sonne so ganz tief stand und die gewölbten Scheiben von Jettchens Zimmer mit roten Strahlen streifte.

Das sonderliche Paar! Es lebte doch bald besser zusammen, als es sich selbst zugestand. Jettchen lernte sich in die kleinen Eigenheiten Onkel Jasons fügen, kleine Eigenheiten, die Jason außer dem Hause nie zeigte. Wer wußte zum Beispiel, daß er heimlich ein wenig schnupfte; wer, daß er selbst seine Porzellane und Gläser abstaubte und ihren Platz nach einer vorgeschriebenen Vorlage mit dem Zollstock bestimmte. Wer hätte geglaubt, daß er manchmal den alten, hohen Jägertschako aufstülpte und aus einem abgegriffenen Bändlein alte Lieder sang, mit deren Inhalt seine Anschauungen von heute so gar nicht mehr übereinstimmen wollten; oder daß er einen geheimen Kult mit einer Frau trieb, von der er alles an Bildern und Stichen und Plakaten sammelte, dessen er nur habhaft werden konnte.

An diesen kleinen Eigenheiten lernte Jettchen still vorübergehen, und es war gar nicht nötig, daß Jason sich hin und wieder mit der Sentenz des kleinen buckligen Physikers verteidigte: »Jeder ist in seinen vier Pfählen ein Sonderling« und dann nach einer geheimnisvollen Pause hinzufügte: »Das wissen am besten die Eheweiber.«

Nein, Jettchen spann sich auch so langsam in die gleichen Kreise wie Jason ein, in denen man die Kapricen liebte und dem einfachsten Ding im Leben Bedeutung beimaß – in denen man vom Schnitt eines neuen Rockes sprach, als ob es eine Sache von hochpolitischer Bedeutung wäre, und über eine hochpolitische Tat wie die Amnestie witzelte, als ob es sich nur um den Schnitt eines neuen Rockes handelte.

Jason war viel daheim. Nun ja, jeden Nachmittag von vier bis fünf ging er zu Stehely, und alle vierzehn Tage einmal stahl er sich heimlich zur Therbuschschen Ressource. Seine alte Gepflogenheit, auf Tage für alle Welt verschollen zu sein – man vermutete dann geheime Wege –, schien er jetzt ganz abgelegt zu haben. Ja, ob überhaupt in seinem Leben irgendein weibliches Wesen Figurantin oder Statistin spielte oder ob gar mehrere dieser leicht beschwingten Grazien ihre flatternden Schleier um seine geheimen Stunden woben, davon bemerkte Jettchen nichts. Jason schien jede Stunde in und außer dem Haus nur für Jettchen zu leben. Er brachte ihr immer etwas von seinen Ausgängen heim, und wenn es selbst einmal nur Neuigkeiten waren. Ohne daß Jettchen es äußerte, hatte er herausgefunden, daß man vergessen hatte, Jettchen einen Muff mitzugeben, und er kaufte ihr nun einen ganz kostbaren von Danneberg, einen aus grünem Samt mit einem breiten Nerzbesatz, lang und groß wie eine Ziehharmonika. Den sollte sie nehmen, wenn sie mit ihm ausginge, des Abends einmal ins Theater.

Aber Jettchen ging nicht viel vor die Tür. Und des Abends schon gar nicht. Höchstens, daß sie manchmal mit Fräulein Hörtel Einkäufe für den Haushalt machte. Aber dann eilte sie immer wieder, heimzukommen, denn sie fürchtete, Bekannte zu treffen. Und wenn sie wirklich irgend jemand sah, mit dem sie früher vielleicht ein paar Worte gesprochen hatte, dann beschleunigte sie noch ihre Schritte und bog hastig in eine Nebenstraße ein. Oder wenn das nicht ging und sie doch an ihm vorüber mußte, dann klopfte ihr das Herz bis in den Hals, während sie leise den Kopf zum Gruß senkte, mit Mienen reglos wie eine Statue.

Kößling kam nicht gar oft. Er brachte eine Nachricht oder ein Buch für Jason, blieb am Nachmittag eine Stunde und ging. Und immer wieder war es das gleiche. Man sprach, man plauderte, Jason zeigte Bücher, Stiche, ja, er las auch einmal einen Abschnitt vor, schritt mit langen, klappenden Schritten auf und nieder an seinen Bücherreihen, die ausgerichtet standen wie preußische Soldaten. Und er deklamierte, während er sein Gedächtnis nur manchmal mit einem Blick auf das Büchlein in seiner Rechten stützte, den Schlußchor des Helena-Aktes. Wie das schön sei! Wie griechische Verse. Die ganze »Braut von Messina« gäbe er dafür, gebe sie für ein paar Worte, für diese letzten Worte des Euphorion:

Laß mich im finstern Reich,

Mutter, mich nicht allein.

Das seien Worte, über die man Stunden weinen könnte, alle Schauer der ewigen Nacht seien da in einen Schrei gepreßt. So einfach sei es, daß es ein sterbendes Kind lallen könnte; und so gewaltig, daß der markerschütternde Klageruf des Prometheus uns nicht tiefer in den Ohren gellen könnte. Die schwersten Nöte des Menschen, sie klängen darin wieder; das angstvolle Sichhineinschmiegenwollen in zwei weiche Arme; und alle Jubel des Lichts klängen darin wieder, doppelt leuchtend im Augenblick des Abschieds. Schiller – Herrgott, Schiller ... alle Welt käme jetzt mit Schiller! Man sollte ihm ein ähnliches Wort bei ihm zeigen. Ob Kößling das könnte! Er sage: Reichtum; er sage: Fülle. Ob er das Gastmahl des Trimalchio kenne? Ob er Heinse kenne? Das wäre Reichtum, das wäre Gold und Purpur. Im Faß müßte es gären, nicht in den Flaschen.

Und Jettchen fühlte während dieser Gespräche, wie sie beide, Kößling und sie, sich langsam und trotzig voneinander entfernten. Nur in den Dämmerstunden, wenn Kößling sich an das Spinett setzte und die feinen Tonfolgen der Mozartschen Sonaten über die Bücherreihen hinzogen und zu den Fenstern flüchteten, durch die der wilde, rote Abendhimmel über graublaue Dachrücken hereinsah – nur dann strebten sie sich entgegen und suchten einander. Dann gingen ihre Blicke nicht aneinander vorüber, sondern sagten sich Schmeichelworte.

Stets war es dasselbe Spiel. Jason fiel es ein, daß er irgend etwas noch zu tun hätte. Darauf erhob sich Kößling, er wolle nicht länger stören. Und Jettchen und Jason begleiteten den Besuch bis auf den dämmrigen Flur hinaus. Aber dann mußte Jason zu seinem Bedauern gerade irgend etwas vergessen haben und mußte die beiden gerade jetzt sich selbst überlassen. Und es folgte der Abschied zwischen Tür und Angel, wortlos und stürmisch, ein Aneinanderpressen in dem kaum gelichteten Dunkel, als müsse dem Augenblick die Kraft und die Tiefe von Stunden gegeben werden. Ein kurzes und schmerzvolles Auseinanderreißen folgte, ein Zusammenstürzen von neuem und ein Sichtrennen mit brennenden Lippen ... Immer dasselbe unbefriedigte, zerrissene Spiel der Sehnsucht.

Über ihre Lage sprachen sie nicht und nicht über ihre Aussichten. Sie nahmen nur ohne Besinnung die flüchtigen Sekunden des Beieinanderseins.

Was hätten sie auch groß davon sprechen sollen. Sie standen auf dem alten Punkte, nicht einen Zoll waren sie weitergekommen die ganzen Wochen. Nicht um einen preußischen Zoll; wenn auch draußen die Frau Fama, die immer noch mit vier Rossen und zwei Vorreitern ihres Weges durch die Stadt kutschierte, sich jeden Tag Neues zu erzählen wußte über sie und ihre Lage.

Was war denn daran wunderbar? Die Anteilnahme der Menge war eben einmal erregt und konnte nicht zur Ruhe kommen. Und da die Wirklichkeit keinen Anhalt bot und allzu langsam dahinfloß, so waren viele Köpfe und Sinne damit beschäftigt, etwas mehr Strömung dem trägen Fluß der Ereignisse zu verleihen und täglich – je nach Partei – die baldige Rückkehr und Aussöhnung oder die sofortige gerichtliche Scheidung zu proklamieren oder gar noch andere, lebhafte und freudige Ereignisse in Aussicht zu stellen.

Aber was blieb denn eigentlich von alldem? Jettchen wußte, daß Onkel Jason ihretwegen Gänge machte, daß er Advokaten aufsuchte. Sie hörte zu, ruhig und widerspruchslos, wenn er ihr Gesetzesparagraphen vorlas, die sie nicht verstand und die ihr wie eine Verhöhnung der Vernunft und jedes natürlichen Empfindens vorkamen. Ja, Jettchen erfuhr, daß Jason selbst mit dem Onkel Naphtali, dem Senior aller Jacobys, der nun doch den teuren Gasthof mit der billigeren Wohnung seines eheverlassenen Neffen vertauscht hatte, mit Onkel Naphtali bei Stehely konferiert hatte; daß Onkel Jason zweimal vergeblich versucht hatte, den Vetter Julius in höchsteigener Person im Geschäft zu stellen; daß Onkel Jason mit seinem Bruder Salomon ganze Stunden im Kontor hin und her gesprochen hatte und daß Ferdinand wichtige Wege ihrethalben machte – über all das war Jettchen wohl und genau unterrichtet. Aber was eigentlich hinter den Kulissen sich abspielte, auf welchem Punkte man stand, davon hatte sie doch nur ganz vage Vorstellungen.

Soviel erfaßte sie immerhin, daß es nicht um sie allein mehr ging und daß die ganze Ehesache sich außerordentlich verwickelt und verknotet hatte, daß alles Erdenkliche mit daran hing: Familiendinge und Geldsachen.

Jettchen hörte von großen Summen, die dabei auf dem Spiel standen; und sie sollten von dem braven Vetter Julius mit einer Schnelligkeit ins Treffen geführt worden sein, die selbst der Kriegskunst eines Napoleon alle Ehre gemacht hätte. Und sofern sie sich nicht in duftende Lederballen gelöst hatten, taten sie nun mit bei allen möglichen Unternehmungen, von denen Kaufleute alten Schlages fein säuberlich die Finger ließen. – Von ganz großen Summen hörte Jettchen, die auf dem Spiel standen, ohne daß sie sich einen rechten Begriff machen konnte, was sie eigentlich zu bedeuten hätten. Denn was Geld war, hatte Jettchen im Hause Onkel Salomons nie erfahren. Man bezahlte das, was man kaufte; und kaufte das, was man brauchte. Und wenn es wirklich mehr war wie bei anderen Leuten, so machte man sich auch keine Gedanken; man hatte den lieben Gott so gewöhnt, und es gehörte nun einmal zum Leben.

Eines Vormittags aber kam Jason heim mit nassen Sachen, denn es war draußen ein unfreundlicher Tag. Er bringe eine wichtige Neuigkeit für Jettchen, sagte er; ob sie es schon wüßte ... das rate sie gewiß nicht. Und Jettchen wurde es ganz heiß bei Jasons Worten, da sie glaubte, daß das eine Wendung in ihrem Geschick beträfe.

Ja, meinte Jason und ließ plötzlich hinter dem Rücken eine Knarre kreisen, er sei eben da entlangegangen. Auf dem Schloßplatz schlügen sie schon die Buden auf; und die ganze Breite Straße herunter sei man auch schon an der Arbeit; und auf der Schloßbrücke säßen nun wieder die Kinder mit ihren Dreierschäfchen und riefen: »'n Sechser der Bock, 'n Dreier das Schaf!« Vor den Walddeibeljungen aber wüßte man sich gar nicht zu retten. Wenn erst alles im Gange wäre, morgen oder übermorgen oder nächste Woche, da müßten sie einmal beide nachmittags auf den Weihnachtsmarkt gehen. So zwischen vier und fünf, wenn gerade das Licht angezündet würde und man doch noch etwas sehen könnte. Dann wär's am schönsten: unten die langen erleuchteten Budenreihen und das Schloß darüber und der farbige Winterhimmel dazu. – Oder wenn es vielleicht Schnee gäbe, dann müßten sie hingehen.

Und es gab Schnee – schon am nächsten Tag.

Des Abends hörte Jettchen noch den Ostwind durch die Straßen heulen wie einen herrenlosen Hund, und als sie an das Fenster trat, sah sie oben auf einem tiefschwarzen Himmel weiße, ganz helle Wolken dahingleiten, wie mächtige weiße Bettücher mit zerschlissenen Rändern. Und wenn für einen Augenblick ein Stern zwischen ihnen in den schwarzen Rissen aufblinkte – schon war er verschwommen, schon war er verschleiert; aber kaum daß er wieder aufzuckte, verlosch er von neuem. Zur Nacht aber ließ der Wind nach und ächzte nur noch manchmal auf in der Ferne; bis er endlich ganz einschlief. Ein jedes Schwarz am Himmel schwand dahin, daß er nur so ganz stumm herniederhing, wie in grauen Wattelasten.

Als jedoch Jettchen dann in der nächsten Frühe erwachte, fand sie das grüne Zimmer so seltsam hell und ruhig. Kein Laut von der Straße drang herauf. So war es die ganze Zeit über nicht gewesen. Und als Jettchen darob erstaunt sich umwandte, sah sie durch das Fenster in ein Stück trübgrauen Himmels hinein, und daraus tanzten immerzu kleine, weiße Plättchen und Federchen herab, langsam und sorglos. Und als sie nun aufsprang und an das Fenster eilte, da sah sie, daß drüben schon ganz dicke weiße Samtpolster auf allen Dächern lagen und daß schon jeder Vorsprung und schon jede Kante an Fenstern und Giebeln mit einem breiten Streifen von weißem Pelz besetzt war. Ein paar heidnisch nackte Götterfiguren, die sonst drüben auf dem Gesims froren und fröstelten, daß Jettchen oft fast glaubte, sie mit den Zähnen klappern zu hören, hatten schnell aus weißem Zobel dicke Mäntel umgebunden und schienen nun ganz glücklich und zufrieden. Der ganze Straßenzug aber unten war blank und licht, wie ein Leinentuch; kaum daß auf dem Bürgersteig ein paar erste frische Stapfen durch den lockeren Schnee führten; kaum daß eine erste breite Wagenspur auf dem Damm ihn niedergepreßt hatte. Doch jeder Zaunpfahl beim Lagerhaus hatte schon eine Großmutterhaube sich umgebunden; und auf das Laubendach war über Nacht ein schweres damastenes Tischtuch gedeckt worden – so rein, so neu gewebt, wie das keine Bleicherin von der Bleiche bringt. Auch die schweren Äste der Bäume hinten jenseits der Mauer hatte der Schnee weiß nachgezogen und mit jeder Krümmung in Silber nachgezeichnet. Und in die feinsten schwarzen Netze der Zweige und Zweiglein der Büsche und Hecken hatte er noch vorerst wenigstens flockige, lockere Watteballen gesteckt und geheftet. Die Brunnen jedoch, die strohumwickelten Holzbrunnen, standen nun ganz und gar eingemummelt da – wie Schneemänner.

Aber wenn eine Schneelast sich löste und von dem Gesimse oder den Zweigen herabschwebte, so vermählte sie sich mit dem weißen Boden, und man sah schon im Augenblick nachher nicht mehr die Stelle, wo sie niedergesunken war. Und immer von neuem glitt und flatterte das vom Himmel herab – leise, müde und gleichmäßig, ohne Aufhören und ohne einen Windhauch, so daß die Fernen vor den weißen, rieselnden Schleiern licht verdämmerten. Und dazu diese Stille ... diese wundervolle Ruhe, die wie mit Katzenpfoten durch die Straßen schlich! Jeder Laut – das Zwitschern eines Spatzen, das Knarren einer Wagenachse, der Ruf eines Fuhrmanns, der von unten heraufdrang verlor sich sofort wieder und machte die weiche Einsamkeit des Schneetages nur noch müder und noch träumerischer.

Gegen Mittag aber ließ der Schnee nach, und es kam der kalte Nebel und der rauhe Frost von draußen hinein in die Straßen, und sie trugen die Schönheiten des Winters bis an die letzte und geschützteste Stelle. Was vordem der Schnee vergessen hatte, das überzog nun der Rauhfrost mit seinen ganz feinen, glitzernden Kristallnadeln, die wie die Haare eines Pelzes emporstanden. Die Muster der niederen, verrosteten Eisengitter vor Jettchens Fenster wurden zu klaren weißen Linien; und die alten Spinnennetze, die dazwischen taumelten und an denen Jettchen wohl nun an hundertmal achtlos vorbeigesehen hatte – sie wurden plötzlich zu feinen Stickereien von weißen Perlenfäden. Wenn vordem nur die schweren Äste der Bäume drüben sich Weiß aufgelegt hatten, so zog jetzt der Rauhfrost auch das letzte Zweiglein, die heimlichste Knospe nach und machte sie weithin sichtbar, als wären sie aus blinkendem Glas und grauem Silber gesponnen. Um die Großmutterhauben der Zaunpfähle aber und um die weißen Pelzkappen der Figuren drüben auf dem Dach, da häkelte er – der Rauhfrost schnell mit ganz leichter Hand zarte Spitzenbesätze und zierliche Blonden. Und wenn Wagen unten vorüberfuhren mit dampfenden Gäulen, so hatte er auch schon die Geschirre umflochten und umzogen!

Aber wie jeder Laut der Stadt in dieser weißen Stille ertrank, so versank auch der Blick in diesem träumerischen Weiß, in diesen dumpfen Nebelwänden, die von allen Seiten herandrückten und schon machten, daß die Dächer weiter drüben und die Spitze des Kirchturms hinten sich ganz im Dunst verloren.

Am späten Nachmittag jedoch, kurz vor dem Dunkelwerden, als die Zimmer nur noch der Widerschein des Schnees draußen erhellte – Jettchen hatte gewartet auf Kößling, der ihr versprochen hatte zu kommen, und Jason ordnete hinten an seinen Stichen –, da brachte der Hausdiener Gustav ein Brieflein von Tante Rikchen; er müsse Antwort heimbringen. Jettchen, die jetzt sehr schreckhaft war, dachte, wunder was es gäbe. Aber es hieß nur da, ganz kurz und freundlich: sie beide möchten den Abend zu Salomon Gebert kommen.

»Jettchen, willst du?« fragte Jason.

Doch Jettchen, die fürchtete, die Tante hätte es so eingerichtet, daß sie dort jemanden träfe, den sie um keinen Preis treffen mochte, und die lieber eine erste Aussprache mit Tante Rikchen oder dem Onkel Salomon unter vier Augen gehabt hätte, sagte, sie ließe vielmals danken, aber sie fühlte sich nicht so recht wohl, und sie würde dafür in den nächsten Tagen die Tante besuchen.

Jason aber antwortete, daß er gern kommen würde, und fragte, ob Herr Elias Geben und Herr Ferdinand Gebert auch da wären. Zu Jettchen hingegen äußerte er, daß er diese Zusammenkunft schon lange gewünscht habe und daß er sich viel von ihr für ihre Sache verspreche.

Und draußen kam dann die Nacht heran – frostig und seltsam. Der Himmel schien schwarz und war doch von einem eigenen, unheimlichen Leuchten durchdrungen. Die Häuser, die sonst im Dunkeln untertauchten, zeigten mit phantastischen weißen Bändern die Linien und Rhythmen ihres Baus; und gleich breiten Rücken schlafender Tiere lagen die Dächer darüber. Die Straße unten aber dämmerte dahin in einem grauen Band; und nur dort, wo die Laternen ihre zuckenden Lichtscheine über den Schnee warfen, war sie mit schnell wechselnden gelblichweißen Quadern bedeckt. Es war ganz still; und der Schatten, der vielleicht neben dem Lichtschein auftauchte, war im Augenblick wieder verschwunden. Kaum daß man vermuten konnte, ob das nun ein Mann oder eine Frau gewesen war. Den ganzen Abend lehnte Jettchen am Fenster und sah in die halbe Dunkelheit hinaus. Das Essen stand unberührt vor ihr; knapp, daß Jettchen einen Schluck Tee genommen hatte und einen Bissen Fleisch. Und wenn Jettchen etwa zu lesen versuchte – es waren die »Vertrauten Briefe über Schlegels Lucinde«, ein Buch, das ihr Jason unter Vorbehalt eingehändigt hatte: es wäre auch eine Seite des Lebens, die bestehe und seinen Wert habe, aber über die man zu schweigen sich angewöhnt habe –, wenn Jettchen etwa zu lesen beginnen wollte, schwammen die Zeilen ihr ineinander, so erregt und ängstlich war sie. Was hätte sie darum gegeben, wenn sie mit Jason zu den andern hätte gehen können. Gewiß war die Stube hier warm – fast zu warm; der weiße Feilnersche Porzellanofen strahlte förmlich vor Hitze, und jeder Winkel atmete Heimlichkeit; wie ein goldner Kreis lag der Schein der Messinglampe überm Tisch. Aber es war doch nicht warm – dieses Zimmer – von Menschen, von Worten, von häuslichen Gewohnheiten. Es hatte nie etwas vom Geruch des Bratens oder vom Blinken des schweren Silbers und des roten Glases. Es war eine Stube, in der noch kein Kinderlachen erklungen war oder das sorglose Geplauder von schwatzenden Frauen. Und diese Empfindung legte sich Jettchen auf die Brust, wenn sie allein war. – Aber heute kam noch die Angst dazu um Kößling, der am Nachmittag hatte kommen wollen und um den sie nun jede Minute wieder an das Fenster eilte; dessen Gestalt sie in jedem vermutete, der unten neben der Laterne auftauchte, nur um nach wenigen Schritten wie verweht und vergessen wieder in der Winternacht zu verschwinden.

Es war in letzter Zeit öfter geschehen, daß Kößling sich verspätet hatte. Dann kam er angelaufen, mit hochroten Wangen und wirren Haaren, noch ganz fiebrig vom Schachtisch her. Er hätte sich nicht trennen können. Bilgner sei auch im Royal gewesen und Löwenthal. Das hätte eine interessante Partie gegeben; ein Zweispringerspiel. Er habe den Schluß nicht abwarten können; aber er habe die Stellung aufgeschrieben. Bilgner stände um eine Idee stärker, doch es schien ihm fraglich, ob es auch zum Siege ausreiche. Jettchen war dann das Weinen näher als das Lachen. Sie hätte so gern einmal mit Kößling gesprochen, von dem, was ihn anging, von seinen Arbeiten und Plänen; sie glaubte an den Dichter in ihm. Und immer kam er mit roten Wangen und leuchtenden Augen und erzählte von einer Schlußkombination, die eines Stamma würdig gewesen wäre: die schwarze Königin hätte sich auf der H-Linie geopfert, und Läufer und Springer hätten dann ein vierzügiges Matt gegeben. Jettchen verstand diese plötzliche Leidenschaft Kößlings nicht, und sie vermochte auch nicht in irgendeinem Zug das Überraschende und Neue zu erblicken, daß Kößling noch am nächsten Tage in seinem Bann hielt. – Nur manchmal kam Jettchen so ganz dumpf die Empfindung, als ob diese plötzliche Hingabe an das Schach für Kößling mehr bedeute als eine bloße Zerstreuung, als ob sie eine Flucht und eine Betäubung wäre; dann meinte Jettchen, daß er es tue, weil er sie nicht mehr liebe, und war noch unglücklicher denn vorher. Heute war er nun ganz fortgeblieben.

Jason hatte ihn zwar entschuldigt und gemeint, daß der Schnee daran schuld sei und das schlechte Wetter oder daß Kößling nicht ganz auf dem Posten sei. Aber das glaubte Jettchen nicht, und sie konnte sich gar nicht mit dem Gedanken vertraut machen, daß er nicht käme. Immer wieder drückte sie die Stirn gegen die Scheiben und sah – einmal nach rechts und einmal nach links – die Straße hinab, folgte jedem mit spähenden Blicken, der unten im Lichtkreis der Laternen auftauchte und im Dämmer wieder verschwand. Aber immer seltener wurden diese einsamen Gestalten, und schon wollte Jettchen sich mutlos von ihrem Fensterplatz zurückziehen, als sie sah, wie unten jemand ganz hastig an der Laterne vorüberging, mit langen Schritten. Am Gang meinte sie Kößling erkannt zu haben; und sie lief an die Korridortür und lauschte hinaus in das halbhelle, breite Treppenhaus, in dem ordentlich die Kälte von unten emporstieg. Erst nach einer ganzen Weile hörte Jettchen Stufen klingen und vernahm ein hastiges Atmen. Und dann – dann stand Kößling vor ihr: ganz erregt, rot vom Frost, mit offenem Mantel und verzerrter Krawatte. Und Jettchen warf sich ihm entgegen. Aber Kößling erwiderte ihre Liebkosungen kaum, so daß Jettchen sich ganz erschrocken aus seinen Armen wand.

Ob ihm denn etwas zugestoßen sei, daß er so spät käme ...

»Nein – nichts«, meinte Kößling in einem Ton, der seine Worte Lügen strafte, »nein – gar nichts.«

Doch – doch, er solle es ihr sagen.

Nein – er habe sich wirklich nur verspätet; ob ihr Onkel Jason vielleicht da sei.

Der sei heute abend bei Onkel Salomon. Aber warum sie denn hier draußen ständen! Er möchte hineinkommen. Ob er denn nicht vielleicht noch etwas essen wollte.

Nein, nein, er könnte nicht hineinkommen, er müsse nach Haus; er hätte eben nur gern heute noch Jason Gebert gesprochen.

Warum er denn nicht wenigstens auf einen Augenblick hineinkomme!

Kößling zögerte, und Jettchen sah neben ihm zu Boden, unmutig und traurig.

»Mein liebes Jettchen«, begann Kößling endlich, »meinst du denn wirklich, du großes Kind, ich bliebe nicht lieber hier bei dir, ganz bei dir, immer und ewig? Ich denke ja nichts anderes mehr als dich, Tag und Nacht, und zähle die Stunden, bis ich dich wiedersehe.«

Und Jettchen wurde heiß unter seinen Küssen.

»Aber ich habe deinem Onkel mein Wort geben müssen, nie in seiner Abwesenheit diese Wohnung zu betreten. Und Jettchen – wirklich, Jettchen, es will mir fast selbst scheinen –, es ist besser so.«

Ob ihm denn etwas zugestoßen sei, er solle es doch sagen.

Nein, nein, gar nichts. Aber er hätte doch gern noch Jason Gebert gesprochen.

Und wieder warfen sie sich einander in die Arme. Wortlos und stürmisch. Aber als Jettchen drinnen Fräulein Hörtel mit dem Geschirr klappern hörte, da war es ihr, als ob sie etwas Böses täte, als ob sie ein Vertrauen mißbrauche; und auch ein anderes, was sie vordem nicht gekannt, flammte dazwischen auf: Angst vor sich selbst und vor ihren Sinnen. So löste sie denn die Arme von Kößlings Schultern und die Lippen von Kößlings Lippen und schlich sich auf den Zehen zurück zur Tür, ihm winkend, daß er ganz still sein sollte. Leise, zitternd und leise zog Jettchen dann hinter sich die Tür ins Schloß.

Aber als sie im Zimmer war, da überfiel sie von neuem die Unruhe, daß Kößling etwas zugestoßen sei, daß er ihr etwas verschwiegen habe, und sie mochte sich nicht entkleiden, bis Jason wiederkommen würde.

Alle Augenblicke stand nun Jettchen vom Buch auf und sah in die Winternacht; sah auf die phantastischen weißen Bänder und Linien der Häuser drüben; sah auf die weißen Rücken der Dächer drüben; sah auf das dämmrige Band der Straße, in die zuckenden Lichtscheine unten, und blickte hinauf in den schwarzen Himmel, der doch wieder von einem unheimlichen Leuchten durchdrungen war.

Und wenn Jettchen jetzt noch auf die Gestalten geachtet hätte, die unten im Schnee sich bewegten, so hätten sie die gleiche Gestalt, den gleichen Gang wie vorhin wohl noch oft sehen können. Denn immer wieder trieb es Kößling um das Haus, und hundertmal kämpfte er mit sich, ob er noch einmal unter irgendeinem Vorwand sich heraufwagen könne. Nur für einen kurzen Augenblick, nur für ein Wort und einen Gruß. – Und er schlich immer wieder um das Haus, vorsichtig nach oben spähend wie der Marder in der Winternacht um den Taubenschlag.

Als Jason draußen die Galoschen auszog, war bei Tante Rikchen schon die Stube voll von Leuten. Und der Lärm von vielen Stimmen und die Wärme der gutgeheizten Zimmer und der Geruch von Braten drang zugleich mit der reichen Helligkeit auf den Ankömmling ein. Alle waren sie eigentlich schon da. Man hatte nur auf ihn noch gewartet, um zu Tisch zu gehen. Das ganze Zimmer war voll von Menschen; man konnte auf den ersten Blick gar nicht sehen, wer das etwa alles war.

Jason Gebert kam es ganz seltsam vor. Denn er war lange Monate nicht hier oben gewesen, seit dem Spätsommer, seit seiner Krankheit nicht mehr. Zu seinen Besprechungen, mit dem Bruder war er in der letzten Zeit stets in das Geschäft gegangen. – Ganz seltsam kam es Jason im ersten Augenblick vor, daß alles noch wie einst war; daß kein Möbelstück in der Zeit verschoben worden war und daß an den Fenstern immer noch die Biskuitbilder an ihren kleinen Ketten zitterten und schaukelten, über den Fensterkissen mit den Rosengirlanden unschuldweiß hüben und rosenrot drüben. Ganz seltsam kam es ferner Jason Gebert vor, daß wieder die schweren Damasttücher auf dem Tisch lagen und all das Silber wie einst dastand: die beiden Fruchtschalen aus blauem Glas, die von den silbernen Delphinen getragen wurden, und die vier hohen silbernen Leuchter ... wie ionische Säulen daneben. Und ebenso, als ob sie gar nicht inzwischen fortgegangen wären, saßen auch wieder auf den beiden hohen Stühlen einträchtig nebeneinander Minchen und Eli. Das schiefe, kleine Minchen mit dem violetten Kleid und dem Blondenhäubchen, gleich einem Veilchen, das im Verborgenen blüht, gleich einem fliederfarbenen Miniaturgebirge, und Eli mit seiner besten weißen Perücke und in seinem besten blauen Frack mit neu geputzten Goldknöpfen daneben; und in all dem Lärm hielt Eli wieder sein Nickerchen, treu behütet von der kleinen Person neben sich.

Gewiß, Jettchen fehlte, die immer hier wie das Licht in einem alten holländischen Gemälde gewesen war, das Licht, um das sich ja all die anderen halbhellen Töne anordnen; aber keiner schien das Licht auch nur zu vermissen. Und wenn Jason selbst nicht gewesen wäre? Nun, was dann? Auf seinem Stuhl hätte dann vielleicht auch ein anderer gesessen, wie auf dem Jettchens; oder es hätte eben ein Stuhl weniger am Tisch gestanden. Aber kein Silberleuchter hätte deshalb weniger auf der Tafel geblitzt; keine Salatiere weniger ihre gemalten Blumensträuße zur Schau getragen; sein Bruder Salomon hätte ebenso förmlich und liebenswürdig den Wirt gespielt, und man hätte die gleichen Gespräche geführt, und der gleiche Duft von stiller, in sich zufriedener Wohlhabenheit hätte – fast sichtbar – wie eine Wolke über dem Raum und den Menschen sich gelagert. Er und seine beiden Schützlinge, Jettchen und Kößling – sie drei –, das fühlte Jason wie eine Beklemmung, als er in das alte, wohlbekannte Zimmer trat, waren eben nur die Vorübergehenden, das hier waren die Bleibenden.

»Ach, Jason«, rief Tante Rikchen ihren Schwager an, der so ganz verwirrt von all dem Lärm in der Tür stehengeblieben war, »es freut mich, daß du doch gekommen bist. Nun können wir gleich anfangen. Warum hast du aber Jettchen nicht mitgebracht?«

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9783754181577
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