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Georg Haderer
Der bessere Mensch
Kriminalroman
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
1.
2.
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8.
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Georg Haderer
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1.
Wien, den 19.5.1984
Werter Max,
die Unterlagen, die ich Dir zu senden versprochen habe, sind nun über eine Woche auf meinem Schreibtisch gelegen. Jeden Tag nahm ich mir vor, sie mit einer kurzen persönlichen Notiz zu versehen und zur Post zu bringen. Warum ich es so hinausgezögert habe – sei versichert, dass es nicht um den heiklen Inhalt der Dokumente geht. Nach unseren Gesprächen in Magdeburg könnte mein Vertrauen in Dich diesbezüglich größer nicht sein. Wissen wir doch beide sowohl um die Dimension als auch die damit verbundene Verantwortung, die uns solch ein Projekt auferlegt. Ich bemerke, dass ich erneut abschweife und mich dem eigentlichen Beweggrund meines Schreibens entziehe. Eine Ironie, die Dir sicher nicht entgeht: Doktor Hofer, eine Koryphäe, wenn es darum geht, die conditio humana aus den Funktionsweisen des Gehirns zu entschlüsseln – und selbst vermag ich nicht viel anders zu denken und zu verdrängen als jene, die nichts wissen über die Biologie unseres Geistes.
Wie eitel ich nach Magdeburg gereist bin, mit meinem Wissen und meinen Erfolgen. Wie klein und ohnmächtig ich nun bin. So tief und aufwühlend sind die Eindrücke, die unsere Gespräche in mir hinterlassen haben. All die Dinge, die ich vergangen und entschuldigt geglaubt hatte durch meine scheinbar so großmütigen Taten. Wo Dein Herantreten an mich, ohne Vorwürfe, ohne Hass – sine ira et studio gewissermaßen, wie der große römische Denker sagte –, wohl großmütiger war als alles, was ich je geleistet habe. Nicht ich war es, wirst Du wiederum sagen. Doch wie könnte ich mich lösen von der Schuld, von den unsäglichen Verbrechen, die Dir und Deiner Familie angetan worden sind. Fast dreißig Jahre trage ich dieses Wissen in mir. Jetzt ist es aufgebrochen wie ein schwärender Abszess. Endlich, möchte ich sagen. Wenn es denn dazu beitragen kann, dass wir aus diesem Bösen etwas wahrhaft Gutes schaffen können, wie Du gemeint hast. Für diese Deine Zuversicht bewundere ich Dich. Nur deshalb wage ich zu hoffen, dass unser Treffen in Magdeburg den Grundstein gelegt hat nicht nur für eine vielversprechende Zusammenarbeit, sondern auch für eine tiefe Freundschaft.
Mit dem Ausdruck herzlicher Zuneigung
Gernot
PS: Solltest Du über die beigelegten Dokumente hinaus noch zusätzliche Informationen zu diesem Fall benötigen, stehe ich Dir jederzeit zur Verfügung.
2.
Ja verdammt, sie hatten ihn gewarnt. Aber wer war er denn, dass er sich von Kovacs und dem anderen uniformierten Grünschnabel Ratschläge erteilen lassen musste. Herr Major, Sie sollten da besser nicht hineingehen. Hö hö, was glaubten die? Dass er beim Anblick einer Leiche den Handrücken auf die Stirn pressen und ohnmächtig zu Boden sinken würde wie eine Schwarzweißfilmdiva im Laudanumrausch? Fast zwanzig Jahre bei den Gewaltverbrechen. Da hatte sich sein Gehirn eine passable Schutzeinrichtung zugelegt. Klappte herunter wie die Brille eines Schweißers, wenn der Teufel am Tatort seine bösen Funken schleuderte. Geharnischt, geharnischt. Jetzt lehnte Schäfer über der Steinbrüstung und erbrach die Vormittagsjause auf die Pfingstrosen unter ihm. Argh, wargh, schlussendlich ein brauner Speichelfaden, holladrio, Herr Major, ein letzter Gruß des doppelten Espressos aus dem Büro. Jetzt ja kein blödes Wort, Kollegen, dachte er, während sein Magen von Krämpfen gewürgt wurde. Doch Kovacs sah nur einen Moment sorgenvoll zu ihm hin, verschwand hinter dem Haus und kam mit einem Glas Wasser zurück, das er dankbar entgegennahm.
„Was ist das für ein bestialischer Gestank?“, wollte Schäfer wissen, auch um klarzustellen, dass es nicht der schleimige und so gut wie kopflose Torso im Wohnzimmer gewesen war, der ihm so auf den Magen geschlagen hatte.
„Wahrscheinlich Flusssäure“, brachte sich der Uniformierte ein, dessen Gesicht die Farbe der beiden neorömischen Gipsstatuen hatte, die den breiten Terrassenaufgang zierten. „Deshalb auch die Schutzmasken.“
Kommentarlos wandte sich Schäfer ab, schritt langsam über die Steintreppen hinunter, prüfte das Gras mit der Hand auf Feuchtigkeit und setzte sich dann an den Stamm einer üppigen Magnolie. Flusssäure, bravo. Und das im Villenviertel von Grinzing. War ein Jagdgewehr plötzlich nicht mehr en vogue? Der sich um den Hals schnürende Bademantelgürtel zu pöbelhaft? Dass irgendwer diese Sauerei wegmachen musste, hatte der Verantwortliche in der Aufregung wohl vergessen. Esperanza, por favor, meinem Mann ist im Salon ein kleines Malheur passiert, lassen Sie das Silber doch einen Moment liegen und kümmern Sie sich darum. Gracias, Esperanza.
„Ruhe da oben!“, knurrte Schäfer seinen verrückt dahingaloppierenden Gedanken zu. Er stieß sauer auf und atmete ein paarmal tief durch, noch immer benommen von den Dämpfen, unfähig, sich auch nur ein ungefähres Bild davon zu machen, was in der Villa geschehen sein könnte. Über die Auffahrt sah er drei weiße Schutzanzüge in Richtung Haus gehen, in der rechten Hand den Koffer, in der linken die Gasmaske. Hoffentlich hinterließ das Zeug keine bleibenden Schäden. Schäfer hob eine Hand zum Gruß. Flusssäure, wer lässt sich so einen Scheiß einfallen … nun, zumindest die Identität des Toten stand mit hoher Wahrscheinlichkeit fest. Anhand der Kleidung und dessen, was vom Körper übrig geblieben war, hatte die Besitzerin der Villa bestätigt, dass es sich um ihren Mann, Hermann Born, handelte. Der Gärtner hatte ihn kurz vor neun Uhr gefunden, durch die Terrassentür gesehen, als er seinen Arbeitgeber fragen wollte, ob er den Rasen am Vormittag oder besser am Nachmittag mähen sollte. Wegen dem Lärm, verstehen Sie, hatte der geschockte Mann gemeint, wegen dem Lärm, dass Herr Born nicht gestört wird in seinen … was immer er auch um diese Zeit in seinem Wohnzimmer tat. Na, darum brauchen Sie sich jetzt wohl keine Sorgen mehr zu machen, hatte Schäfer geantwortet, bevor er ins Haus gegangen war. Jetzt, im Halbschatten der Magnolie, fragte er sich, woher dieser Sarkasmus kam, mit dem er in letzter Zeit seine Mitarbeiter des Öfteren verstörte. Noch eine Nebenwirkung der Medikamente? Oder bloß eine natürliche Schutzfunktion, um sich diesen ganzen Wahnsinn nicht mehr so nahegehen zu lassen. Wer waren denn die schärfsten Zungen, wenn nicht die Gerichtsmediziner, Mordermittler, Rettungswagenfahrer … wir sprühen unser geistiges Gift wie andere Unkrautmittel, dass es uns nicht zuwuchert, parasitär aussaugt, dachte Schäfer, wunderte sich kurz über diese poetische Anwandlung und stand dann mit einem Stoßseufzer auf.
„Wo ist Bergmann?“, rief er Kovacs zu, die gerade konzentriert in ein Notizbuch schrieb.
„In der Gartenlaube, hinter dem Haus“, erwiderte Kovacs, und als er sich auf den Weg dorthin machte, fügte sie rasch hinzu: „Mit Frau Born!“, was Schäfer als dezenten Hinweis interpretierte, dass er sich in Anwesenheit der Witwe zu benehmen hätte.
Gemächlich ging er auf die Gartenlaube zu, blieb kurz davor stehen und hörte der Befragung zu, die sein Assistent wie gewohnt einfühlsam durchführte. Etwas, das Schäfer in den letzten Wochen ein wenig abhandengekommen war, wie er sich selbst eingestehen musste. Zuletzt hatte er einen Jugendlichen an den Haaren durch den Verhörraum geschleift; hätte dessen Vater nicht Verständnis für diese Überreaktion aufgebracht, wäre Schäfer ein Disziplinarverfahren sicher nicht erspart geblieben. Dann der Bulgare, der mit der Hand in die Stahltür des Verhörraums gekommen war, als Schäfer sie eben schließen wollte. Böser Zufall, na, mit dem sechsfach gebrochenen Prätzchen wird er jedenfalls kein Messer mehr führen können, hatte der Arzt anbiedernd gemeint, was Schäfer bewogen hatte, ihn einen Faschisten zu schimpfen. Er hatte sich nicht unter Kontrolle; schrieb es den Tabletten zu, die er seit zwei Monaten nahm: Serotonin- und Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer, die ihm sein Therapeut verschrieben hatte, um die Depressionen und Panikattacken loszuwerden, die ihn fast zwei Jahre lang gepeinigt hatten. Aggressionsschübe und euphorische Phasen waren als Nebenwirkungen bekannt – das wird sich legen, hatte ihm der Arzt versichert, notfalls solle er übergangsweise leichte Tranquilizer nehmen. Na sicher nicht! Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit ging es ihm gut, wirklich gut; er war konzentriert, arbeitete schnell und vor allem gern, trieb mindestens viermal die Woche Sport … das würde er sich nicht nehmen lassen; und wenn sich ein paar Strolche deswegen hin und wieder eine Ohrfeige einfingen oder ein paar Knochen zu Bruch gingen: Berufsrisiko.
„Natürlich hatte er Feinde“, hörte Schäfer die Frau sagen, „Sie haben doch bestimmt seine politische Laufbahn verfolgt … er hat mehr Feinde als Freunde gehabt … vor allem nach dieser unappetitlichen Geschichte damals …“
„In den letzten Wochen“, setzte Bergmann fort, „hat es da irgendwelche Drohungen gegeben … Briefe, anonyme Anrufe, Mails …?“
„Wenn, dann hat er mir nichts davon erzählt … das hat sich auch beruhigt, seit er nicht mehr in der vordersten Reihe sitzt …“
Schäfer ging zum Eingang der Laube, räusperte sich, nachdem weder Bergmann noch Frau Born von ihm Notiz genommen hatten, und stellte sich der Frau vor.
„Angesichts der Umstände“, bemühte sich Schäfer, dem brutalen Mord ein sachliches Gewand umzuhängen, „also dass wir es hier mit einem Raub zu tun haben, ist sehr unwahrscheinlich. Auf den ersten Blick gibt es auch keine Einbruchspuren … möglicherweise hat Ihr Mann den Täter sogar selbst ins Haus gelassen.“
Frau Born sah Bergmann an, als erwarte sie eine Übersetzung dessen, was Schäfer eben gesagt hatte.
„Gibt es Bekannte, Freunde, Verwandte, die Ihren Mann regelmäßig besucht haben?“, fuhr Bergmann fort.
Die Frau tupfte sich mit einem Taschentuch die zerflossene Wimperntusche von den Wangen, schnäuzte sich mit abgewandtem Gesicht und schüttelte den Kopf.
„Ein paar alte Parteifreunde … Alfons, sein Schachpartner … unsere Tochter … aber die hat sich schon seit einem halben Jahr nicht blicken lassen …“
„Wäre es Ihnen möglich, eine Liste aufzustellen mit allen Personen, die Ihnen einfallen?“
„Selbstverständlich“, antwortete sie und starrte auf die Tischplatte, bis das Läuten ihres Handys sie aus ihren Gedanken riss. Sie stand auf und stellte sich mit dem Rücken zu den beiden Beamten an das Holzgeländer der Laube. Schäfer sah seinen Assistenten an, hob das Kinn und zog die Augenbrauen hoch, was Bergmann als Frage nach neuen Informationen interpretierte und den Kopf schütteln ließ. Schäfer, der eigentlich wissen wollte, ob die Frau glaubwürdig war, versuchte nun, dem Telefongespräch zu folgen, konnte aber nur ein paar Satzfetzen aufschnappen. Ja … nein … gerade hier … nicht da … zum Glück … ja … beim Pavillon. Als Frau Born auflegte, zerrieb Schäfer gerade ein paar weiße Blüten in seiner Hand, gedankenlos von einem kleinen Strauch gerupft, der in einem Terrakottatopf neben ihm stand. Ein starker Duft stieg ihm in die Nase. „Hm, wie der Tee im Chinarestaurant“, sagte er und warf die Blütenreste verlegen in die Wiese, nachdem ihm Frau Born einen verständnislosen Blick und das Wort „Jasmin“ zugeworfen hatte.
„Meine Schwester … sie ist auf dem Weg hierher … wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich gerne …“
„Natürlich“, erwiderte Bergmann im Aufstehen und reichte ihr mit einer leichten Verbeugung die Hand, „wir melden uns bei Ihnen. Und sollte Ihnen inzwischen …“
„Dann rufe ich Sie an, selbstverständlich, Herr Inspektor“, meinte sie beherrscht, begleitete sie ein paar Schritte in Richtung Haus und blieb dann wie angewurzelt stehen. Schäfer und Bergmann hielten ebenfalls inne, wandten sich ihr zu und kauten unschlüssig auf den Lippen. Einen Augenblick später löste sich Frau Born aus ihrer Erstarrung und fiel ihrer Schwester in die Arme, die, von den beiden Polizisten unbemerkt, über den Rasen gekommen und auf sie zugetreten war. Theater, ging es Schäfer durch den Kopf, der sich nicht vorstellen konnte, dass hinter diesem Chanel-, Hermes- und Perlenpanzer echte Gefühle wohnten.
Er drehte sich um und deutete Bergmann mit einer Kopfbewegung, ihm zu folgen. Während sie zur Vorderseite der Villa gingen, nahm er sein Handy heraus und rief den Gerichtsmediziner an, der sich im Haus aufhielt. Es sprach nichts dagegen, dass sie die Wohnung betraten. Zur Sicherheit sollten sie aber eine Schutzmaske aufsetzen. An der Eingangstür hantierte einer der Forensiker. Schäfer wechselte ein paar Sätze mit ihm und lieh sich dann dessen Maske aus. Bergmann solle inzwischen draußen warten und Kovacs anweisen, mit dem anderen Polizisten die ersten Nachbarn zu befragen.
Umständlich stülpte Schäfer die Gasmaske über – zum letzten Mal hatte er so ein Ding wohl beim Bundesheer getragen – und trat in den Vorraum, der mit seinen geschätzten vierzig Quadratmetern eher den Namen Atrium verdiente. Ein erster Eindruck zeugte von einem offen ausgetragenen Geschmackskonflikt der Eheleute: An den Wänden wechselten sich goldgerahmte Landschaftsbilder in freudlosen Ölfarben mit großformatigen abstrakten Gemälden ab, der Treppenaufgang in den Oberstock wurde begleitet von Rotwildgeweih und afrikanischen Stammesmasken. Schäfer ging in Richtung Esszimmer, stolperte über ein paar Regenstiefel und konnte sich gerade noch an einer massiven Eichenholzkommode abfangen. Das mit dem eingeschränkten Blickfeld war noch in den Griff zu bekommen. Er querte das Esszimmer, Silberkandelaber auf dem Tisch, wurde wahrscheinlich nur bei größeren Empfängen als solcher genutzt, und betrat das Wohnzimmer, wo Borns Leichnam immer noch neben dem Lederfauteuil in der Position auf dem Boden lag, in der ihn Schäfer zuvor gesehen hatte. Wie ein übergroßer Heiligenschein hatte die Säure rund um die breiigen Reste des Kopfs das Parkett weggeätzt und war bis auf den Estrich durchgedrungen. Teufelszeug, murmelte Schäfer. An der Terrassentür machte sich ein Beamter der Spurensicherung mit einer durchsichtigen Plastikfolie zu schaffen, Koller, der Gerichtsmediziner, hatte den Tatort offenbar schon verlassen. Schäfer schritt langsam den Raum ab. Vor dem offenen Kamin stand eine Sitzgruppe aus weißem Leder, dazwischen ein Couchtisch aus naturbelassenem Buchenholz, auf dem ein Stapel Magazine lag und eine Vase mit weißen Pfingstrosen stand. Bevor er das Anwesen verließ, musste er noch den Gartenschlauch nehmen und die Blumen von seinem Erbrochenen säubern, sagte er sich, während er die Wände entlangging. Hier hatte offensichtlich der Hausherr bei der Dekoration das letzte Wort gehabt: zahlreiche Fotos und gerahmte Zeitungsausschnitte, Born mit ehemaligen Machthabern aus Politik und Wirtschaft, mit den Altherren seiner rechtsextremen Burschenschaft, bei Wahlveranstaltungen, dazu nicht nur die einschlägigen Lobhuldigungen aus parteinahen Zeitungen, sondern auch Artikel, die mit dem ehemaligen Obmann hart ins Gericht gingen: Antisemitismus, Rassismus, Volksverhetzung, Wiederbetätigung, kaum eine rechte Schandtat, derer Born von der Presse nicht beschuldigt worden war. Warum hängte sich jemand so etwas an die Wand? Viel Feind, viel Ehr – ein Wahlspruch, den Schäfer auf einem Bierkrug entdeckte, der neben anderen fragwürdigen Devotionalien in einem Kasten hinter einer Glastür stand; ein Tabernakel aus der Hitlerzeit, der allein schon das Verfahren aufgrund von Wiederbetätigung gerechtfertigt hätte, das Born nach nur zwei Wochen Amtszeit seinen Ministerposten gekostet hatte. Dabei hatte er nur ein paar jungen Neonazis geholfen, ihre Propagandaschriften zu verbreiten; was seine Ehefrau schlichtweg eine unappetitliche Geschichte nannte … Teufelszeug, murmelte Schäfer.
Er ging auf den Forensiker zu und fragte ihn, wo Koller sei. Der Mann sah sich verwundert um und zuckte mit den Schultern. Im Bad vielleicht, rief er dann durch die Maske und widmete sich wieder seiner Arbeit.
Im Bad vielleicht, murrte Schäfer. Was war denn das für ein Forensiker, der mutmaßte, dass ihr Gerichtsmediziner sich im Schaumbad den Leichengestank abwusch und mit der Quietschente turtelte. Schon mal was von Spuren gehört? Dass sich der Täter nach dieser Horroraktion die Hände gewaschen hatte, war doch mehr als wahrscheinlich. Kopfschüttelnd trat Schäfer in den Vorraum, nahm die Maske ab, atmete vorsichtig prüfend durch die Nase ein und rief dann nach Koller.
„Hier!“, kam es vom hinteren Ende des Flurs. Schäfer folgte der Stimme und stand kurz darauf in der Küche. Der Gerichtsmediziner stand an der Anrichte über einen Laptop gebeugt und tippte mit den Zeigefingern auf der Tastatur herum. Koller und Computer, das hätte Schäfer bis zu diesem Tag auch nicht für möglich gehalten. Wortlos ging er zur Spüle und wusch sich den Schweiß ab, den ihm die Gummimaske aufs Gesicht getrieben hatte.
„So eine Sauerei“, wandte er sich Koller zu, während er sich mit einem Geschirrtuch abtrocknete.
„Warte kurz“, wehrte der Gerichtsmediziner ab und tippte konzentriert weiter, was Schäfer mit einem Grinsen beantwortete.
„Du und Computer“, meinte er hämisch, nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit Wasser. „Ab jetzt heißt du bei mir mit zweitem Namen Digitalis.“
„Mein Gott, Schäfer, deine Scherze werden auch immer primitiver“, erwiderte Koller und streckte seinen Rücken durch. „So! Was willst du wissen?“
Schäfer, der mit Koller nun schon seit über fünfzehn Jahren zusammenarbeitete, legte den Kopf schief und öffnete den Mund zu einem debilen Gesichtsausdruck.
„Na gut“, meinte der Gerichtsmediziner, „er ist wohl etwa gegen fünf Uhr gestorben. Oder besser gesagt: das war ungefähr der Zeitpunkt, zu dem ihm die Säure auf den Kopf gekippt wurde. Sonst wären die Dämpfe nicht mehr so aggressiv gewesen …“
„Heißt, dass er auch an was anderem gestorben sein kann …“
„Ja … könnte genauso gut erschossen worden sein … in den Kopf meinetwegen … aber was hätte es dann gebracht, ihm zusätzlich Flusssäure überzugießen … das ist auch für den, der sie handhabt, ein ziemliches Risiko …“
Schäfer sah aus dem Fenster in den Garten, wo einer der Forensiker mit gesenktem Blick langsam über den Rasen schritt wie ein Minensucher.
„Sieht nicht so aus, als hätte sich Born großartig gewehrt“, meinte er dann. „Ich meine: Wenn mir jemand Säure über den Kopf gießen will, dann bleibe ich nicht sitzen wie an der Waschschüssel beim Friseur … gibt’s irgendwelche Hinweise, dass er gefesselt worden ist?“
„Nein … vielleicht wurde er bewusstlos geschlagen oder sonst wie betäubt … dafür spricht zumindest, dass seine Muskulatur kaum kontrahiert war …“
„Das soll jemand kapieren … wenn ich jemanden verschwinden lassen will und dafür so eine Säure nehme, gut, alles schon da gewesen … aber als Tötungsmethode … seltsame Botschaft …“
„Was für eine Botschaft?“, wollte Koller wissen.
„Hä?“, fragte Schäfer, der mehr zu sich selbst gesprochen hatte. „Heute laufen deine Nervenleitungen nicht gerade auf Breitband, oder? Einbrechen, ausrauben, erschießen oder erschlagen: eine Sache … hassen, erstechen, erwürgen: auch klar … aber das hier … mehr als seltsam …“
„Na, darum sind wir alle so froh, dass wir dich haben.“ Koller nahm seinen Laptop und zwängte ihn in eine lederne Aktentasche, die eindeutig aus der vordigitalen Zeit stammte.
„Gott zum Gruße, Herr Major“, meinte er zum Abschied und verließ die Küche.
„Der war hier schon länger nicht mehr“, murmelte Schäfer und zog gedankenverloren einige Schubladen auf in der Hoffnung, Zigaretten zu finden. Eigentlich und offiziell hatte er mit dem Rauchen aufgehört; doch in Momenten wie diesem, wo es sich über den persönlichen Genuss hinaus auch um ein Ritual handelte, um die bösen Geister auszuräuchern – gut, solche Momente kamen in seinem Leben so gut wie jeden Tag vor, machte er sich nichts vor und ging ins Freie.
„Gibt’s schon was?“, fragte er den Forensiker, der jetzt die Alarmvorrichtungen an den Fenstern überprüfte.
„Keine erkennbaren Schäden … das Haus ist abgesichert wie die Nationalbank … entweder der hat einen Schlüssel gehabt oder Born hat ihn selbst hereingelassen.“
„Und die Kameras?“
„Ausgeschaltet … wahrscheinlich auch von Born, weil man einen Code dafür braucht …“
„So“, erwiderte Schäfer, machte ein paar Schritte in Richtung Garten und schrie: „Bergmann!“
Der kam kurz darauf um die Ecke, bedachte seinen Chef mit einem hoffnungslosen Blick und steckte sein Notizbuch in die Jacketttasche.
„Los, fahren wir!“
An prunkvollen und traurig blickenden Villen vorbei fuhren sie in Richtung Gürtel, bis Schäfer seinen Assistenten plötzlich aufforderte, bei der nächsten Gelegenheit zu parken. Bergmann schaute ihn verwundert an, nahm jedoch ohne Kommentar die erste freie Parklücke.
„Was ist passiert?“
„Nichts“, antwortete Schäfer und öffnete die Tür, „haben Sie den Gastgarten da hinten nicht gesehen? Da trinken wir jetzt was.“
„Wenn Sie meinen …“
Sie setzten sich unter einen mächtigen Kastanienbaum und warteten schweigend auf die Bedienung. Nach ein paar Minuten stand Schäfer genervt auf und ging ins Gasthaus.
„Ich habe Ihnen einen gespritzten Apfelsaft bestellt … hoffe, das passt …“, meinte er nach seiner Rückkehr.
„Mit Leitungswasser?“
„Ja, auf einen halben Liter.“
„Danke.“
Schäfer nahm einen Bierdeckel und fing an, einen Würfel daraus zu formen. Der Kellner kam und stellte die Getränke vor ihnen ab.
„Was halten Sie davon?“, fragte Schäfer, nachdem jeder einen großen Schluck getrunken hatte.
„Krank … Flusssäure … ziemlich böse … für gewöhnlich will man damit jemanden auslöschen …“
Eine riesige Wolke schob sich über die Sonne und versetzte den Gastgarten für kurze Zeit in eine seltsame Abendstimmung.
„Er hat ihn nicht gefesselt …“ Schäfer blickte fasziniert in den Himmel.
„Und?“
„Wenn der Täter Born nicht verschwinden lassen wollte … also auslöschen, wie Sie sagten … dann kann es doch nur darum gehen, ihn zu foltern … aber dazu muss man das Opfer wohl fesseln und bei Bewusstsein lassen … stattdessen hat er ihn wahrscheinlich betäubt …“
„Wer sagt das?“
„Koller … wegen der Muskelkontraktion oder so was …“
„Ich kann Ihnen nicht ganz folgen …“
„Ich mir auch noch nicht“, gab Schäfer zu und zerriss den Bierdeckelwürfel in mehrere Teile, „wir brauchen auf jeden Fall schnelle Ergebnisse … wenn sich Mugabe und der Innenminister an dem Fall festbeißen, wird das Ganze wieder ein sinnloses Politikum …“
„Tut mir leid … aber zurzeit denken Sie etwas zu schnell für mich …“
„Born war ein Rechter, ein extremer Rechter, Sie müssen sich mal den Scheiß ansehen, den der in seinem Wohnzimmer hortet … vor zehn Jahren war das Aas in der Regierung, wenn auch nur für zwei Wochen … und wer waren die Koalitionspartner damals? Eben die debilen Gesinnungsbrüder von unserem Innenminister … Sie können sich ja vorstellen, wohin der die Ermittlungen bewegen wird …“
„Nein.“
„Bergmann! Was wohl … erst wird er uns gegen die linken Autonomen aufhetzen, dann gegen irgendwelche Altkommunisten … und wenn da nichts dabei rauskommt, ist wahrscheinlich der Mossad dran … das meine ich mit Politikum.“
„So habe ich das noch gar nicht betrachtet …“
„Sie haben ja auch die Fußarbeit erledigt … hat Ihnen die Born irgendwas erzählt, das uns weiterbringen könnte?“
„Nicht wirklich.“ Auch Bergmann fing jetzt an, einen Bierdeckel zu zerlegen. „Sie wird uns die Drohbriefe der letzten Jahre heraussuchen … die hat ihr Mann alle aufgehoben … das hat ihn offensichtlich stolz gemacht, dass ihn so viele gehasst haben …“
„Irgendein Name?“
„Nein … so wie ich das einschätze, hat sich Frau Born aus dem politischen Geschäft herausgehalten, so gut es ging … was nicht heißen soll, dass sie es nicht verstanden hat …“
„Weil es da viel zu verstehen gibt, bei diesen Dumpfbacken …“
„Ja, nein … was ich sagen wollte: Sie hat ihn wohl nicht wegen seiner politischen Ansichten geliebt …“
„Born, die Sexmaschine … so habe ich das noch gar nicht gesehen … das könnte doch ein Hinweis …“
„Mein Gott“, meinte Bergmann verzweifelt, „können wir uns nicht Schritt für Schritt voranarbeiten … diese Sprunghaftigkeit … seit Sie diese Tabletten nehmen …“
„Ach, Bergmann … lösen Sie sich doch einmal von den Konventionen. Lassen Sie Ihrem Gehirn freien Lauf …“
„Mein Gehirn muss im Gegensatz zu Ihrem mit seiner natürlichen Menge an Neurotransmittern auskommen …“
„Ah“, sagte Schäfer anerkennend, „Neurotransmitter … Sie haben sich informiert …“
„Natürlich“, erwiderte Bergmann gereizt, „wen treffen denn die Nebenwirkungen?“
„Wollen Sie sagen, dass ich gemein zu Ihnen bin? Ich bringe Ihnen Überraschungseier mit, stelle Ihnen Tulpen auf den Schreibtisch …“
„Eben … wieso machen Sie das? Das sind doch gar nicht Sie …“
„Also bitte: Ich zeige Ihnen meine Wertschätzung und … lassen wir das … wie machen wir weiter?“
„Wir beide?“
„Mit dem Fall, Sie Esel … Entschuldigung.“
„Ach so … die Überprüfung der Telefonate habe ich veranlasst, Kovacs hat mit den Nachbarn begonnen …“
„Gibt’s eigentlich Personal?“
„Eine Putzfrau, die dreimal die Woche kommt … eine Köchin, die sie bei Bedarf bestellt … und den Gärtner.“
„Schön“, meinte Schäfer und winkte den Kellner heran, um die Rechnung zu verlangen, „dann setzen wir uns jetzt mit der gesamten Knechtschaft zusammen und besprechen, wer morgen was zu tun hat … Säure … so ein Arschloch …“
Er stand auf, griff in seine Hosentasche, holte eine Handvoll Kleingeld heraus und legte dem Kellner den genauen Betrag auf den Tisch. Der strich die Münzen kommentarlos in seine Geldtasche, räumte den Tisch ab und ging wieder.
„Arschlochservice“, murmelte Schäfer und ging mit dem kopfschüttelnden Bergmann im Schlepptau zum Wagen.
Auf dem Weg ins Kommissariat drückte Schäfer am Autoradio herum, um herauszufinden, ob irgendein Sender den Mord schon in den Nachrichten hatte. Er kam nur bis zu einem Lied von Johnny Cash, das er auf keinen Fall abwürgen wollte. Take this weight from me, let my spirit be unchained. Auch gut – dass die Medien zu spät von der Sache Wind bekamen, musste er ohnehin nicht befürchten. Plötzlich prasselten dicke Regentropfen auf die Windschutzscheibe. Bergmann drückte ungerührt den Hebel für die Scheibenwischer nach oben, während Schäfer erstaunt in den Himmel blickte. Seltsames Wetter für Ende Juni. Grauweiße Wolken, die hastig nach Süden flohen, die Stadt im Wechselspiel mit der Sonne in ein launisches Schattenspiel tauchten, immer wieder ein wenig Regen abschüttelten, als ob es nur darum ginge, auf sich aufmerksam zu machen.
„Ist ja wie im April“, sagte Schäfer zum Seitenfenster und drehte seinen Kopf auf der Suche nach einem Regenbogen.
„Hm“, machte Bergmann und bog auf den Gürtel ein, „wenigstens nicht so heiß.“
Da konnte Schäfer ihm nur zustimmen. Bis jetzt waren sie mit Ausnahme von zwei Tagen von Temperaturen über dreißig Grad verschont geblieben. Und wenn es nach ihm ging, konnte es den ganzen Sommer so bleiben. Denn ebenso launisch wie er auf Hitze reagierte, missfielen ihm klimatisierte Räume; und in feuchte Leintücher gehüllt nach Mördern zu jagen, war auch keine Lösung.
Bergmann hupte den Kleinbus eines Paketdienstes an, der die Einfahrt zur Tiefgarage verstellte. Der Mann im Führerhaus schrieb unbeeindruckt in seiner Mappe weiter. Erst als Schäfer „Weg da, du Penner!“ aus dem Fenster schrie und für ein paar Sekunden Blaulicht und Sirene einschaltete, entschuldigte sich der Fahrer mit einer Geste und suchte sich einen anderen Parkplatz.
Auf dem Weg ins Büro rief Schäfer seine Kollegen zusammen und ersuchte sie, in zehn Minuten in den Besprechungsraum zu kommen. Er wollte ihnen einen kurzen Überblick verschaffen, bevor er Kamp über den Fall aufklärte. Sosehr er den Oberst schätzte – aber die Jahre in der Führungsriege und der daraus resultierende ständige Kontakt mit dem Innenminister und anderen polizeifremden Funktionären hatten Kamp unweigerlich infiziert. Manchmal verlor er seinen kriminalistischen Blick und fing an, politische Interessen in die Ermittlungsarbeit einzubringen. Schäfer ärgerte sich oft darüber – andererseits schützte Kamp die Gruppe auch so gut es ging vor diesen Politsoldaten; dafür war Schäfer bereit, ihm einiges nachzusehen, und nannte seinen Hochmut Großmut.
Er füllte den Wassertank der Espressomaschine, ließ zwei kleine Tassen volllaufen und stellte Bergmann eine davon ungefragt auf den Schreibtisch. Rauchen wäre jetzt gut, dachte er, während er mit dem Kaffee in der Hand aus dem Fenster schaute. Mit den Tabletten wird Ihnen das Aufhören leichter fallen, hatte sein Therapeut gemeint. Serotonin und Dopamin und irgendwas mit dem Belohnungszentrum in seinem Gehirn, das auch für sein Suchtverhalten verantwortlich sei. Aber wie sollte die Belohnung, die er für jede Zigarette, die er nicht rauchte, bekam, mit dem Genuss des Rauchens mithalten?
„Sie haben nicht zufällig irgendwo eine Zigarette herumliegen?“
Bergmann schaute ihn nur schelmisch an und hob scheinbar bedauernd die Schultern.
„Na gut … dann starten wir die Maschinen.“
Kovacs, Schreyer sowie Gruppeninspektor Leitner, der erst seit Kurzem zu Schäfers Gruppe gehörte, waren bereits anwesend.
„Wo ist Strasser, der stinkende Affe?“, blaffte Schäfer in die Runde, worauf Schreyer in ein gackerndes Lachen ausbrach.
„Was ist so komisch?“ Schäfer schaute den Inspektor erstaunt an.
„Nichts … nur dass …“
„Auf der Uni“, antwortete Bergmann.
„Was macht er da?“
„Seinen BWL-Abschluss … und das nicht erst seit gestern …“
„Na gut, ’tschuldigung.“ Schäfer trat an die Wandtafel. „Also: das Mordopfer heißt Hermann Born … ich muss Ihnen ja nicht erklären, wer das ist, besser gesagt war … ehemaliger Obmann unserer weitum geschätzten Nationalpartei … Kurzzeitminister, den ein Verfahren wegen Wiederbetätigung zu Fall gebracht hat … das macht die Suche nach Motiven einfach, und die Suche nach Tätern umso umfangreicher … außerhalb der rechten Wählerschaft war ihm wohl keiner sehr zugeneigt … was uns weiterhelfen kann bei unseren klassischen großen W …“
„Welche W?“, wollte Schreyer wissen.
„Gott, Schreyer … wer, wo, was, wie, warum … das ist doch während der Ausbildung sicher schon einmal gefallen, oder?“
„Jetzt, wo Sie es sagen …“
„Gut … also das Wie: Born wurde nach den bisherigen Erkenntnissen entweder durch Flusssäure getötet oder zuvor ermordet und dann mit der Säure übergossen … warum auch immer … aber das ist eine Vorgangsweise, die den Täterkreis auf jeden Fall einschränkt. Ich werde einen Gerichtspsychiater ins Boot holen, der uns da weiterhilft … aber ich greife vielleicht schon zu weit vor. Morgen steht natürlich die weitere Befragung der Nachbarn, Verwandten und Bekannten an. Außerdem wird uns Borns Ehefrau alle noch auffindbaren Drohbriefe geben, die ihr Mann bekommen hat … das wird erst einmal viel Laufarbeit und Materialsichtung … ich werde mir heute noch überlegen, wen ich wo einsetze … auf jeden Fall brauchen wir jemanden, der sich in wirtschaftlichen Dingen auskennt. Born hat meines Wissens wie die meisten seiner Art einige Aufsichtsrats- und Vorstandsposten und Beteiligungen gehabt …“
„Da wäre Strasser doch genau der Richtige“, meinte Bergmann.
„Stimmt … außerdem hat er gute Kontakte zu den Schwarzen … die werden ihm sicher weniger Prügel in den Weg legen, als sie es bei uns täten …“
„Steine“, unterbrach Schreyer Schäfers Ausführungen.
„Was?“
„Ähm … Sie haben ‚Prügel in den Weg legen‘ gesagt … aber eigentlich heißt es ‚Steine in den Weg legen‘ …“
„Schreyer! Jetzt schicke ich dich dann zum Drogentest … sei von mir aus bei deinen Recherchen pedantisch, aber lass mir meine Phrasen … also, wo war ich?“
„Dass Strasser sich um Borns Geschäfte kümmern soll“, half ihm Kovacs weiter.
„Genau … dann werden wir natürlich auch die Autonomen durchleuchten müssen … und wenn es nur der Vollständigkeit halber ist …“
„Was ist mit den … also mit jüdischen Verbindungen?“, brachte sich Leitner ein.
„Puh“, stieß Schäfer einen Seufzer aus, „liegt natürlich irgendwie auf der Hand … aber da müssen wir uns eine sehr sensible Herangehensweise überlegen … da stehen die Fettnäpfe dicht an dicht … auch wenn man das laut Duden so nicht sagt, Kollege Schreyer … ich werde jedenfalls heute noch mit Oberst Kamp reden und morgen treffen wir uns um acht Uhr wieder …“
„Entschuldigung“, meldete sich Kovacs zu Wort, „ich habe heute noch keine Zeit gehabt, es Ihnen zu sagen … bei diesem LKW-Fahrer gibt es eine neue Spur … da würde ich morgen gerne noch ein paar Leute befragen … wenn sich das irgendwie ausgeht …“
Schäfer schaute sie ratlos an. LKW-Fahrer … ah, klingeling: LKW-Fahrer – Raststätte Auhof – Pistole Kaliber 22 – fanden sich die Eckpunkte dieses Falls in seinem Kopf zusammen wie die Symbole auf einem einarmigen Banditen.
„Ja, natürlich … gut gemacht … reden wir morgen früh darüber. Also: schönen Abend.“
Keiner der Anwesenden stand auf. Was sollten sie mit dem, was ihnen ihr Vorgesetzter da hingeworfen hatte, anfangen? Wer sollte denn nun was machen? Würde das jetzt ständig so sein? Dass Schäfer sie als lebendiges Back-up nutzte, um seine sich überschlagenden Gedanken zu speichern, bevor er sie vergaß, ohne ihnen mitzuteilen, wie sie sie verarbeiten sollten? Bergmann, der die Unsicherheit der Beamten spürte, rückte als Erster seinen Stuhl nach hinten und meinte, dass die genaue Aufgabeneinteilung am nächsten Tag erfolgen würde. Bis dahin sollten sie sich gefühlsmäßig auf viel Arbeit in den kommenden Wochen einstellen. Und noch einmal richtig ausschlafen.
„Danke, Meister Bergmann“, schloss Schäfer und verließ den Raum.
Zurück im Büro, rief Schäfer Oberst Kamp an. Das Festnetz war aufs Handy umgeleitet, Kamp war beim Polizeipräsidenten. Ja, die Pressemeldung sollte auf jeden Fall erst am nächsten Tag hinausgehen. Man müsse da sehr umsichtig vorgehen, um die Spekulationswut der Medien so gut wie möglich in Zaum zu halten.
„Können Sie mich morgen bei der Pressekonferenz vertreten?“, wandte sich Schäfer an Bergmann, nachdem er aufgelegt hatte.
„Warum?“
„Weil … na ja … ich fühle mich im Umgang mit der Öffentlichkeit zurzeit ein wenig …“
„Unkontrolliert …“
„Na, wenn Sie es wissen, wieso fragen Sie mich dann?“
„Weil es respektlos wäre, wenn ich es Ihnen von mir aus vorschlage …“
„Sehr diplomatisch … also?“
„Wenn Kamp nichts dagegen hat, sicher.“
„Gut … wollen Sie mit mir heute laufen gehen?“
„Heute? … Lieber wäre mir morgen … ich habe jemanden zum Essen eingeladen und muss noch …“
„Jemanden … also haben Sie jetzt ‚jemanden‘?“
„So genau kann man das noch nicht sagen …“
„Verstehe … immer schön diskret … aber wenn Sie irgendwann entführt werden und zerstückelt in einem Straßengraben landen, machen Sie mir keinen Vorwurf, dass ich keine Ahnung von Ihrem Beziehungsleben hatte …“
„Ich sperre das erste Weinglas, das mein Gegenüber berührt, immer gleich in den Wandtresor, um Fingerabdrücke zu haben … außerdem werde ich zerstückelt keine Vorwürfe mehr machen können …“
„Ich kann Ihnen nicht folgen … na, dann eben morgen … gehe ich heute halt zu Fuß heim.“
Eine gute Stunde lang besprachen sie die Aufgabenverteilung für den nächsten Tag und wie sie den Medien gegenüber auftreten sollten. Dass Born ermordet worden war: gut, Hass hatte er genug gesät; doch die Vorgehensweise … die war leider zu ausgefallen, als dass sich nicht zumindest ein Journalist einen einprägsamen Spitznamen für den Mörder würde einfallen lassen. Säurekiller, der Ätzer, was auch immer.
Schäfer meldete sich am Empfang ab und verließ das Kommissariat. Es sah nach Regen aus, dennoch ging er die gut sechs Kilometer zu seiner Wohnung zu Fuß. Sonst würde er zu Hause nur wieder unruhig werden, sich unausgelastet fühlen und gegen Mitternacht in der nahe gelegenen Kleingartensiedlung laufen gehen, wo ihn die Woche zuvor ein Hund angefallen hatte, gegen den ihm nur ein gezielter Fußtritt geholfen hatte.
In einem türkischen Geschäft kaufte er Erdbeeren, Tomaten, Oliven, Schafkäse und ein halbes Kilo sehr fetthaltiges Joghurt. Ständig war er hungrig; Gewichtszunahme gab der Beipackzettel als häufige Nebenwirkung an; doch das würde er mit ausreichend Bewegung schon in den Griff bekommen.
In der Wohnung stellte er die Einkäufe ab und öffnete die Balkontür, um frische Luft hereinzulassen. Am Nachbarbalkon stellte ein Mann, den Schäfer nicht kannte, Blumentröge in die Eisenhalterungen an der Brüstung.
„Schönen Abend“, grüßte Schäfer.
„Ah, guten Tag … Sie sind dann wohl der Polizist, ja … ich ziehe hier gerade ein … ist doch gut, wenn man neben einem Polizisten wohnt …“
„Kann ich nicht sagen … habe noch nie neben einem gewohnt.“
„Natürlich … ich heiße übrigens Peter Wedekind …“
„Johannes Schäfer … aber das wissen Sie offenbar schon …“
„Ja … die Maklerin hat gemeint, dass ich mich hier sehr sicher fühlen werde, weil … ja …“
„Ich bin bei der Mordkommission, kein Leibwächter … außerdem ist das doch eine ziemlich sichere Gegend hier …“
„Wahrscheinlich … ich bin ein ängstlicher Mensch, das gebe ich zu …“
„Na dann … ich muss mich um mein Abendessen kümmern … bis demnächst.“
„Ja … hat mich gefreut … Herr … Major …“
Schäfer ging ins Bad, zog sich aus und stellte sich unter die Dusche. Dass er einen neuen Nachbarn bekommen würde, hatte er gewusst. Und nachdem er mit der lebenslustigen Studentin, die zuvor neben ihm gewohnt hatte, bis auf ein paar sporadische Faustschläge gegen seine Schlafzimmerwand immer gut ausgekommen war, hatte er der Ankunft eines neuen Nachbarn mit einer gewissen Spannung entgegengesehen. Und jetzt dieser paranoide Geranienfreund; der beim ersten Sturm, der an den Balkonmöbeln rüttelte, an Schäfers Tür hämmern und ihn bitten würde, in seinem Bett schlafen zu dürfen … mit der Pistole unter dem Kopfkissen. Er trocknete sich ab, zog Shorts und ein T-Shirt an und ging in die Küche, um das Abendessen zuzubereiten. Als er fertig war, horchte er auf den Balkon hinaus. Nichts. Er nahm seinen Teller, ein Stück Weißbrot und eine Flasche Bier und setzte sich damit an den kleinen Balkontisch. Langsam kauen, ermahnte er sich, genießen. Nachdem er fertig gegessen hatte, ließ er sich in den Liegestuhl fallen, nahm einen Schluck aus der Bierflasche und schaute über die Häuserdächer. Wie ein abgeschnittener Fingernagel sah der Mond aus. Aus der Nebenwohnung hörte er seinen neuen Nachbarn Möbel verrücken. Das Folgetonhorn eines Polizeiautos. Er hörte ihm zu, bis es sich irgendwo in den Außenbezirken verlor. Nichts, das ihn etwas anging. Schäfer stellte die leere Bierflasche auf den Boden und zupfte ein Blatt vom Basilikumstrauch, der in der Ecke stand. Ein Geschenk von Isabelle. Die erste Pflanze auf seinem Balkon; mittlerweile hatte er ihr einen Lavendel und einen Oleander zur Gesellschaft gebracht. Und Isabelle? Sie würde nach Den Haag gehen, an den Internationalen Gerichtshof. Eine Berufung, die sie auf keinen Fall ablehnen durfte. Aber sie hätte Nein gesagt, das wusste Schäfer. Er hätte Nein sagen können. Und sie wäre geblieben. Stattdessen … stattdessen hatte er sich dahinter verschanzt, dass sie ihre Entscheidung allein treffen müsse; er wolle ihr auf keinen Fall im Weg stehen, wenn es um ihr berufliches Weiterkommen ging; wozu solle sie es denn bringen in Wien, in diesem bornierten Männerverein; er hatte ihre Rolle als emanzipierte Frau gegen sie ausgespielt, um nicht zugeben zu müssen, dass er zu feige war, sich auf eine feste Beziehung einzulassen. Denn dass sie das wollte, war ihm klar. Und er? Kinder? Zwanzig Jahre war er jetzt Polizist; und dieser Gedanke kam ihm vor, als schlüge ihm jemand in einem Wiener Wirtshaus vor, frittierte Vogelspinnen zu probieren. Was? Jetzt gleich? Hier? Natürlich war dieses Bild noch irgendwo in seinem Kopf: er mit einer kleinen Tochter auf dem Schoß, im Garten, auf einer Holzbank an der Hausmauer sitzend, den rechten Arm um sie gelegt, die linke Hand an der Stirn zum Schutz vor der Sonne, ui, lag da gar noch ein Hund neben ihnen? Doch dieses Bild war auf altem Fotokarton, mit dem typischen Sepiaton der Verklärung, archaisch und schwer in die Wirklichkeit zu holen, wo das Böse Tag für Tag in echten Farben über die Bildschirme lief. Wie sollte er das ertragen, sein eigenes Kind in dieser Welt zu wissen; doch er wollte Isabelle nicht verlieren, auf keinen Fall; morgen würde er sie anrufen, irgendwie würden sie das schon hinkriegen, bestimmt. Er zerrieb das Blatt zwischen seinen Fingern und roch daran. Basilikum, eindeutig. Er lächelte. Wie er sich im Augenblick fühlte … Glück wollte er dazu nicht sagen. Aber wie sonst sollte man es denn nennen.
3.
Es war die Amsel, nicht der Wecker. Dennoch stand Schäfer gleich nach dem Erwachen auf – so konnte er den Tag mit einem langen Frühstück auf dem Balkon beginnen und in aller Ruhe mit Isabelle telefonieren. Er ging ins Bad, rasierte sich, duschte. Mit einem Handtuch um die Hüfte und der Zahnbürste im Mund stellte er sich auf die Waage. Drecksding, hämisches Mistvieh, fluchte er leise, putzte seine Zähne fertig und ging in die Küche, um aus den Einkäufen vom Vortag ein ausgiebiges Morgenmahl zu bereiten.
Nach einem Joghurt mit frischen Erdbeeren, einer Schinkensemmel, einer Marmeladesemmel und einem weichen Ei setzte er sich mit einer Tasse Tee in den Liegestuhl und nahm das Telefon zur Hand. Den Daumen schon auf der Kurzwahltaste, sah er die Zeit: nicht einmal halb sechs – das konnte er nicht bringen. Sah er eben dem glühend roten Sonnenball zu, wie der sich, unbeirrbar und ganz der souveräne Himmelsriese, der er war, über den Horizont schob und an die Arbeit machte. Nicht schlecht für dein Alter, grüßte Schäfer das Gestirn mit erhobener Teetasse, gab sich noch ein paar Minuten den Strahlen hin und holte dann seinen Laptop aus dem Wohnzimmer. Mal sehen, ob Borns Geist schon in der virtuellen Welt angekommen war. Nachdem Schäfer dessen vollen Namen in eine Suchmaschine eingegeben hatte, bestätigten die ersten beiden Ergebnisse seine Vermutung: Zwei Tageszeitungen brachten die Geschichte als großen Aufhänger auf der Startseite. Der Verräter ist immer der Gärtner, kam es Schäfer in den Sinn, als er sich durch die Bildergalerie klickte. Zuerst ein Porträt des Opfers, dann gleich ein Foto, das einen der Forensiker beim Verlassen der Villa zeigte – um die Gasmaske in seiner linken Hand hatten die Bildbearbeiter einen roten Kreis gezogen. Dass Born vielleicht ganz unspektakulär seinen Kopf in den Gasherd gesteckt haben könnte, kam in den Mutmaßungen des Reporters nicht vor. Hier wurde gleich über Viren und biochemische Kampfstoffe spekuliert. Gut, Schäfer wusste, dass die Zeitspanne zwischen einem unübersehbaren Auftreten der Polizei und einer entsprechenden Pressemeldung die Boulevardmedien und ihre Leser ungleich mehr erregte als Tatsachen – die geile Kluft zwischen Fiktion und Fakten. Was Schäfer tatsächlich überraschte, war, dass sein Handy noch kein einziges Mal geläutet hatte. An der Uhrzeit konnte es nicht liegen. Bei den zahlreichen Gefallen, die er ein paar Journalisten schuldig war, hätte er sich über einen Anruf um halb sieben nicht einmal ärgern dürfen. Am besten, er blockierte rechtzeitig aktiv die Leitung.
„Guten Morgen … Natürlich … Ich auch gerade … Die haben keine Semmeln? … Soll ich dir welche schicken? … Auch wieder wahr … Wie geht’s dir? … Das verstehe ich … Na ja, ich bin schon lange nicht mehr umgezogen … Einen alten Baum … Das war ein Scherz, ich fühle mich gut, bis auf … Ja, hab ich … Bis gestern noch ruhig … Hermann Born … Genau der … Dem hat einer Flusssäure über den Kopf gegossen … Wenn ich das wüsste, könnte ich den Fall abschließen … Ja, den Namen hab ich schon einmal gehört … Sechsundneunzig? Und der soll den Prozess überleben? … Nein, sicher bin ich dafür, dass so einer verurteilt wird, was glaubst du … Sicher kenne ich die Baumgartner Höhe, ist meine Laufstrecke … Ja, in der Ausstellung war ich vorigen Monat mit einer Schulklasse, habe ich dir eh erzählt … Natürlich … Kommst du am Wochenende? … Verstehe … Ja, stress dich nicht … Ich denke nicht, dass wir den in den nächsten Tagen schnappen … Wäre schön, ja … Ist gut … Jederzeit, und wenn du was brauchst … Mach ich … Du auch … Bis bald.“
Er legte das Telefon weg, atmete tief durch und legte sich die linke Hand aufs Herz. Wie bei einem Teenager, lächelte er wehmütig. Und noch mindestens zwei Wochen … vielleicht konnte er ja eine falsche Spur nach Den Haag legen. Isabelle arbeitete dort gerade an der Anklage gegen einen neunzigjährigen Arzt, der vor ein paar Monaten von Argentinien ausgeliefert worden war. Während des Zweiten Weltkriegs hatte er in einer Klinik auf der Baumgartner Höhe unter dem Vorwand medizinischer Forschung Hunderte Kinder malträtiert, sie mit Pockenviren, Masern und anderen schweren Krankheiten infiziert und dann kontrolliert sterben lassen. Bitte führt die Guillotine wieder ein! Jetzt beherbergte das Klinikgelände eine der größten psychiatrischen Einrichtungen Österreichs – und seit einem Jahr auch eine Ausstellung, die sich den ermordeten Kindern widmete. Vor gut einem Monat hatte Schäfer im Rahmen eines Schulprojekts eine Oberstufenklasse dorthin begleitet. Der anschließende Vortrag, den er penibel vorbereitet hatte, war völlig misslungen. Die Bilder der Toten im Kopf, die verzweifelten Blicke der ausgezehrten und schwer kranken Kinder, wie hätte er da noch sachlich und souverän über die Beweggründe von Schwerverbrechern referieren sollen. Morgen verdorben, dachte er und warf den Rest der Semmel einem Raben zu, der ihn vom Dachsims aus schon längere Zeit aufmerksam beobachtete. Kroah, kroah, doncke, Major. Gleich darauf trat sein neuer Nachbar auf den Balkon und begrüßte ihn überfreundlich.
„Morgen, Herr Wedekind … gute erste Nacht gehabt?“
„Na ja … geschlafen habe ich tief und fest, aber geträumt habe ich ganz absonderlich, von einem Haus, wo ich mit meiner Tante …“
„Das ist meistens so in der ersten Nacht oder wenn man an einem fremden Ort schläft … das hängt mit der Veränderung zusammen, die das Gehirn erst verarbeiten muss.“
„Kennen Sie sich da aus … ich meine, psychologisch …“
Verdammt, dachte Schäfer, bei dem muss ich wirklich genau aufpassen, was ich sage.
„Nein, gar nicht … geht mir nur selber immer so, wenn ich einmal auswärts übernachte.“
Er steckte sich die letzten verbliebenen Erdbeeren in den Mund, kaute hastig und sah dabei auf seine Uhr.
„Na dann“, meinte er, stand auf und begann, den Tisch abzuräumen, „der Dienst ruft …“
„Viel Erfolg, Herr Major“, erwiderte Wedekind aufmunternd, als wäre er die spanische Königin und Schäfer Columbus beim Aufbruch in den unbekannten Westen.
Schäfer holte sein Fahrrad aus dem Keller und machte sich auf den Weg ins Kommissariat. Kauf dir endlich einen Helm, hatte Isabelle ihn zum wiederholten Mal ermahnt. Nur weil er Polizist war, beschützte ihn das noch lange nicht vor irgendwelchen unzurechnungsfähigen Verkehrsteilnehmern. Sie hat recht, dachte Schäfer, und die Liste mit den Kennzeichen der Autofahrer, die ihm in den letzten Wochen den Vorrang genommen oder sich sonst wie regelwidrig verhalten hatten, würde er demnächst wegwerfen; Windmühlenkampf; er würde noch wie Don Quijote enden, mit dem armen, auf einem klapprigen Esel reitenden Bergmann an seiner Seite.
„Guten Morgen, Sancho Pansa“, begrüßte er seinen Assistenten.
„Guten Morgen … Sie wissen aber schon, dass Sancho der Klügere der beiden war, oder?“
„Natürlich … das gebe ich unumwunden zu … für wann haben Sie die Pressekonferenz angekündigt?“
„Zehn … möchten Sie jetzt doch lieber selbst …?“
„Nein, das machen Sie schon … ist schon was von der Telefongesellschaft gekommen?“
„Nein … gegen Mittag …“
„Gut … na dann … hühott, mein Knappe, auf ins Besprechungszimmer.“
Die Gruppe war vollständig versammelt; kurz nachdem sie begonnen hatten, stieß auch Oberst Kamp hinzu, gab Schäfer wortlos zu verstehen, einfach weiterzumachen, und setzte sich an den Besprechungstisch.
Nach zwei Stunden war die Wandtafel vollgeschrieben und die anstehenden Aufgaben grob umrissen: Geschäftsunterlagen, Kontobewegungen, politische Verbindungen, Vereinstätigkeiten, mögliche außereheliche Beziehungen … Schäfer führte die Sitzung wie ein manischer Regisseur die Einweisung seiner Schauspieler. Er selbst wollte ab Mittag mit Borns Nachbarn sprechen – Fußarbeit, die seinem Rang nicht entsprach, ihm aber aus zweierlei Gründen zusagte: Zum einen gab er seinen Mitarbeitern das Gefühl, dass er sich auch für Routinejobs nicht zu schade war; und zum anderen würde er in Bewegung sein, anstatt den ganzen Nachmittag am Schreibtisch zu sitzen. Nachdem die Besprechung beendet war, bat Kamp Schäfer in sein Büro.
„Gut gemacht … Sie scheinen sich wieder gefangen zu haben …“
„Ja … es geht mir gut …“
„Sehr schön. Wissen Sie, mir brauchen Sie da nichts vormachen … diese Arbeit … was glauben Sie, wie oft ich daran gedacht habe, alles hinzuschmeißen …“
Schäfer zögerte einen Moment. Was war denn das jetzt? Beichtstunde?
„Warum haben Sie es nie getan?“
Kamp stand auf und stellte sich ans Fenster.
„Warum … wofür sind wir denn sonst gut? … Ich meine das nicht negativ, schon gar nicht bei Ihnen … aber irgendwie ist es uns wohl in die Wiege gelegt … immer ein besserer Mensch sein zu müssen …“
„Entschuldigung?“, meinte Schäfer, der Kamps letzte Worte nicht begriffen hatte.
„Dass man immer ein besserer Mensch sein muss … wenn man diese Arbeit ernst nimmt … das zehrt … da wird man … aber ich will jetzt nicht wehmütig werden … wenn Sie meine Unterstützung brauchen, bin ich jederzeit für Sie da.“
„Vielen Dank, Herr Oberst“, sagte Schäfer verlegen, „das weiß ich zu schätzen.“
Er nahm die Treppe in den ersten Stock hinunter, rätselnd, was Kamp widerfahren war, dass der sich so rührselig zeigte. Das Alter? Gut vierzig Jahre war der Oberst schon im Dienst … das waren bestimmt an die tausend unnatürliche Todesfälle, überschlug Schäfer. Wie viele Tote hatte er selbst denn schon gesehen? Er wollte nicht weiter darüber nachdenken.
Bergmann wirkte angespannt, ordnete nervös seine Unterlagen, kontrollierte wiederholt seinen Stichwortzettel. Schäfer setzte sich schweigsam an den Computer und störte Bergmann nicht in seinen Vorbereitungen. Kovacs hatte ihm um halb sieben ein E-Mail geschrieben: Sie sei auf dem Weg ins Burgenland, um mit einer Frau zu sprechen, die ihnen im Fall des ermordeten LKW-Lenkers weiterhelfen könnte. Gut, nächstes Mal Absprache vor Abreise, antwortete Schäfer, der Kovacs Ehrgeiz schätzte, die lange Leine aber dennoch manchmal einzog, damit sie nicht übereifrig in die selbst gestellten Fallen lief, die Schäfer nur zu gut kannte. Nicht dass er Kovacs um diese Erfahrung bringen wollte; doch er kannte die immer noch vorherrschende Sichtweise im Polizeiapparat, die bei Fehlgriffen männlicher Beamter unscharf wurde, unterschwellig das männliche Naturell als Entschuldigung heranzog – in der Hitze des Gefechts und so weiter –, und bei Frauen sehr schnell die Kompetenzfrage stellte. Diesen Beschützerinstinkt interpretierte Kovacs freilich anders: Schäfer würde ihr weniger zutrauen, weil sie eine Frau sei, hatte sie einmal wütend gemeint, nachdem er sie an einer gefährlichen Verhaftung nicht teilnehmen ließ. Worauf er sie aus dem Büro gejagt und eine Woche mit dem Parademacho Strasser zusammengespannt hatte. Recht machen kann man es ihnen sowieso nie ganz, murmelte Schäfer, öffnete den Webbrowser und gab in eine Suchmaschine „Säureattentat“ ein. Nichts über Born auf der ersten Seite, dafür ganz oben zwei Einträge eines Pharmakonzerns, der ein neues Gel vorstellte, das den Säureangriff auf den Zahnschmelz abwehren sollte. Gleich nach der Werbung die Horrorgeschichten, mit denen Schäfer gerechnet hatte: Ägypter übergießt untreue Ehefrau mit Säure, Model nach Säureangriff durch Exfreund für immer entstellt, afghanische Mädchen nach Schulbesuch mit Säure übergossen, iranisches Gericht spricht Mann frei, der seiner Frau Säure in die Augen geschüttet hatte … Nach einer Stunde musste Schäfer eine Pause einlegen. Benommen ging er zur Espressomaschine, stellte eine Tasse ein und drehte den Schalter. Als er den ersten Schluck nahm, wurde ihm sein Missgeschick schnell bewusst. Er hatte vergessen, frisches Kaffeepulver in das Sieb zu geben. Kopfschüttelnd leerte er die Tasse in die Spüle, wusch sie aus und korrigierte seinen Fehler.
Als Bergmann von der Pressekonferenz zurückkam, fand er seinen Vorgesetzten regungslos auf den Bildschirmschoner starrend vor.
„Irgendwas nicht in Ordnung?“
„Kann man wohl sagen“, antwortete Schäfer abwesend. „Mit diesen Typen ist wirklich was nicht in Ordnung …“
„Ich kann Ihnen nicht folgen …“
„Männer, die Frauen mit Säure übergießen … das scheint bei diesen Spinnern fast so üblich zu sein wie bei uns der prügelnde Ehemann … die Fotos dieser Frauen möchten Sie gar nicht sehen … ich meine, wenn ein Psychopath mit Frauenhass so was tut …“
„Was anderes sind die nicht … Psychopathen …“
„Ja, schon … aber was für kranke Moralvorstellungen sind das …“ Schäfer rieb sich mit geschlossenen Augen die Nasenwurzel. „Da möchte man sich ja fast für das Afghanistan-Corps melden … Taliban abschießen …“
„Haben Sie auch was gefunden, das uns bei Born weiterhelfen könnte?“, bemühte sich Bergmann, Schäfers Negativspirale zu durchbrechen.
„Nicht wirklich … aber bei etwa fünfzig Säureangriffen auf Menschen, die ich durchgesehen habe, bin ich nur auf eine Täterin gestoßen … zumindest statistisch dürfen wir also davon ausgehen, dass wir es mit einem Mann zu tun haben …“ Schäfer klopfte auf die Space-Taste und schloss das Internetprogramm. „Was war bei der PK los?“
„Viel für einen Mord, aber wenig für so einen …“
„Die Leute sind so abgebrüht … vor zehn Jahren hätten wir bei so einem Verbrechen ein eigenes Callcenter einrichten müssen … und heute … andererseits können wir uns so besser auf die Arbeit konzentrieren … wenn uns nicht an jeder Ecke ein Reporter auflauert …“
„Das ist mir überhaupt noch nie passiert“, meinte Bergmann fast bedauernd.
„Ach, das kommt schon noch … jetzt, wo Sie im Rampenlicht stehen … gehen Sie mit was essen?“
„Ja … in der Kantine gibt’s Dinkellasagne …“
„Brave new world“, meinte Schäfer und nahm sein Jackett vom Haken.
Während sie mit zwei Kollegen vom Dezernat für organisierte Kriminalität beim Essen saßen, besprachen sie den weiteren Tagesablauf. Bergmann hatte im Büro genug zu tun, also würde Schäfer die Befragungen allein durchführen. Kovacs war beschäftigt, die würde sich Schäfer spätestens am nächsten Tag vornehmen. Was Leitner betraf, bat er seinen Assistenten, ein Auge auf ihn zu haben. Er war mit Eifer bei der Sache, keine Frage, aber noch nicht wirklich erfahren in Mordermittlungen. Und Schreyer war sowieso ein eigenes Kapitel. Warum Schäfer ihn protegierte, war allen im Team ein Rätsel, mitunter auch ihm selbst. Dass er einen Narren an ihm gefressen hatte, traf es wohl am besten. In mancher Hinsicht war der junge Inspektor einfach nicht zurechnungsfähig; die ihn gar nicht mochten, bezeichneten ihn gar als grenzdebil. Doch Schäfer war anderer Ansicht: Er wusste sich Schreyers Kauzigkeit zunutze zu machen. Wenn er ihn etwa ins Archiv schickte, um alte Akten zu durchforsten, konnte er sich darauf verlassen, dass Schreyer kein Name, kein Datum, kein Kennzeichen, einfach gar nichts entging. Außerdem war Schäfer der Meinung, dass sein Team wie eine Theatergruppe funktionierte. Darin war Schreyer zweifelsohne die Idealbesetzung in der Rolle des Dezernattölpels; und wenn er ihn versetzen ließ oder gar kündigte, würde möglicherweise ein Idiot nachrücken, der wirklichen Schaden anrichtete.
Nach dem Essen ging Schäfer noch einmal ins Büro, um seine Dienstwaffe zu holen. Dass er sie brauchen würde, glaubte er nicht – aber das Gefühl der Nacktheit, das er ohne sie hatte, behagte ihm noch weniger als das zusätzliche Gewicht und die Schweißränder unter dem Lederriemen. Auf dem Weg in die Tiefgarage überlegte er, mit dem Rad in den neunzehnten Bezirk zu fahren. Das waren gut zehn Kilometer. Sein Anzug wäre verschwitzt, er würde keinen allzu seriösen Eindruck machen. Leicht verstimmt öffnete er die Tür des Dienstautos, rückte den Fahrersitz zurecht und startete den Motor. Eine halbe Stunde später stellte er den Wagen in der Nähe von Borns Haus ab, ging noch einmal die Liste der zu befragenden Nachbarn durch und machte sich auf den Weg. Wie oft hatte er schon in den Villen von Wiens reichsten Menschen zu tun gehabt; und immer noch fühlte er sich seltsam beklommen, wenn er an den mächtigen Gartentoren anläutete oder wie jetzt seinen Finger auf einen goldenen, blank geputzten Klingelknopf drückte.
„Jaaaaa?“, meinte eine Frau Mitte fünfzig und schaute ihn verwundert an, als wäre er ein Hausierer für Schuhbänder und Hosenträger.
„Grüß Gott, Frau Varga … Major Schäfer, Kriminalpolizei … dürfte ich kurz Ihre Zeit beanspruchen, um Ihnen ein paar Fragen zu Ihrem Nachbarn Hermann Born zu stellen?“
„Ja, schrecklich, was da passiert ist“, sagte sie, trat zur Seite und ließ ihn eintreten, „haben Sie denn schon jemanden in Verdacht?“
„Ähm, noch nicht … Sie?“
„Wie meinen?“
„Haben Sie einen Verdacht, wer Herrn Born so gehasst haben könnte, dass er ihn ermordet hat?“
„Aber nein, wo denken Sie hin“, antwortete sie und ging in den Salon voraus. „Darf ich Ihnen etwas anbieten, Herr …“
„Schäfer … nur ein Glas Wasser … das wäre sehr nett.“
„Con gas o senza gas?“, fragte sie und entfernte sich auch schon.
„Ganz egal“, antwortete Schäfer und fragte sich, was die Frau dazu bewog, in ihrer eigenen Wohnung Stöckelschuhe und unzenweise Goldschmuck zu tragen.
„Hier bitte.“ Sie stellte ihm das Glas hin, setzte sich und legte die Hände über Kreuz.
„In den letzten Wochen …“, begann Schäfer und drückte die Mine aus seinem Druckbleistift, „ist da hier in der Gegend irgendetwas Ungewöhnliches passiert … in der Art, dass Sie länger darüber nachgedacht haben oder vielleicht sogar jemandem davon erzählt haben?“
„Bei Familie Possnigg … in der Villa schräg gegenüber“, meinte sie nach einer längeren Pause, „ist vor zwei Wochen der Alarm ausgelöst worden … das hat sich allerdings als technischer Defekt herausgestellt … ansonsten … nicht, dass ich wüsste …“
„Und irgendwelche Dinge, die Ihnen vielleicht vor Monaten oder sogar Jahren zu denken gegeben haben … über die Sie mittlerweile nicht mehr nachdenken?“
„Ich verstehe Sie nicht ganz, Herr Inspektor.“
„Na ja … dass Sie sich einige Male über etwas im Umfeld der Familie Born gewundert haben … und weil es keinerlei negative Konsequenzen oder Überraschungen gab, haben Sie es einfach hingenommen, ohne weiter darüber nachzudenken … eine Ihnen fremde Person, die immer wieder in der Nähe war oder die Borns besucht hat … etwas, das von der alltäglichen Routine abwich …“
„Eine dunkle Limousine“, erwiderte sie zu Schäfers Überraschung, „ein schwarzer Mercedes oder BMW, wenn ich mich recht erinnere … den habe ich immer wieder einmal durch das Tor fahren sehen … wahrscheinlich ein Politfreund … ich habe nie jemanden erkannt, da die Scheiben sehr dunkel waren …“
„Können Sie sich an ein Kennzeichen erinnern?“
„Es muss ein Wiener oder ein Diplomatenkennzeichen gewesen sein … alles andere hätte ich mir bestimmt gemerkt …“
„Wie eng war Ihr Kontakt zu Hermann Born beziehungsweise zu seiner Frau? Haben Sie miteinander gesprochen oder sich regelmäßig getroffen?“
„Ich würde es als Nachbarschaft comme il faut bezeichnen.“ Die Frau rutschte ein wenig nach links und zog ihren Rock zurecht. „Wenn wir einen Empfang gegeben haben, waren sie zumeist eingeladen … es sei denn, es hat sich um den engen Familienkreis gehandelt … aber das als Freundschaft zu bezeichnen, so weit würde ich nicht gehen.“
Schäfer machte sich Notizen und suchte in ihrem fast maskenhaften Gesicht nach Zeichen von Anspannung oder Erregung. Wobei: Die alte Schule des Mimiklesens, das Erkennen von unwillkürlichen Bewegungen der Lippen, Augenbrauen oder Nasenflügel – sie wurde mehr und mehr zum Zufallsspiel, seit Lifting, Botox und Tranquilizer immer mehr zum Einsatz kamen und die Gesichtsmuskulatur sich von den Emotionen emanzipiert hatte.
„Wie ist man denn hier in der Nachbarschaft Herrn Borns politischer Arbeit und seinen Ansichten gegenübergestanden?“
„Ach, Herr Inspektor … Politik ist Politik und Schnaps ist Schnaps, wenn ich das so burschikos formulieren darf … sehen Sie: Mein Mann war selbst lange Zeit im Ministerium, allerdings bei den Sozialdemokraten … und bis auf ein paar kleinere Scharmützel wurde das immer eher sportlich gesehen.“
Nach einer Dreiviertelstunde entschied sich Schäfer dafür, die Befragung zu beenden. Ihm war heiß und seine Konzentration ließ nach. Er trank sein Glas leer, bedankte sich bei Frau Varga für ihre Mithilfe und verabschiedete sich. Bevor er ans nächste Interview ging, setzte er sich auf eine Bank im Schatten einer riesigen Ulme, um die eben erhaltenen Informationen zu überdenken und seine Mitschrift zu ordnen. Eine schwarze Limousine … dass so etwas in dieser Gegend hier überhaupt auffiel … bei einem alten Opel, ja … Schäfers Telefon unterbrach seinen Gedankenfluss.
„Bergmann, was ist? … Ich mache gerade eine Nachdenkpause … Und? Haben Sie den Anrufer ermittelt? … Ich hasse Wertkartenhandys … Ja … Sicher … Hat die Spurensicherung irgendwas Neues? … Bis jetzt nicht wirklich. Eine schwarze Mercedeslimousine mit getönten Scheiben soll immer wieder mal bei der Einfahrt hinein … Was die Born betrifft: Zu der haben Sie sicher den besseren Draht. Können Sie die nochmals befragen? … Sehr gut … Na ja, ihre Nachbarin hat auch das Landhaus am Semmering erwähnt, in dem Frau Born die letzten paar Tage war … Ich möchte wissen, wann sie in den letzten Monaten nicht in Wien war … Da fällt Ihnen schon etwas ein, Sie sind ja eh so diskret … Was treibt die Knechtschaft? … Sehr gut … Nein, im Moment fällt mir nichts ein … Laufen? … Ja, gerne … Muss ich eigentlich nicht, Sie können mich direkt zu Hause abholen … Gut, bis später, Bergmann.“
Schäfer drückte auf die Abbruchtaste und legte sein Handy auf die Bank. Born hatte einen Anruf erhalten; etwa drei bis vier Stunden vor seinem Tod, von einem Wertkartentelefon mit österreichischer Nummer. Natürlich musste das nichts heißen, aber sie würden den Anrufer ermitteln müssen. Eine Aufgabe, in die sich Schreyer verbeißen konnte, dachte Schäfer und stand auf, um zur Villa gegenüber zu gehen.
Kurz vor sieben beschloss er, genug geleistet zu haben. Fünf Befragungen, dazu drei Nachbarn, die er wohl am nächsten Tag aufsuchen musste, da sie nicht zu Hause gewesen waren. Die Antworten, die er erhalten hatte, waren fast auffällig deckungsgleich. Niemand wollte Born etwas Schlechtes nachsagen, keiner konnte sich erklären, wer zu so einer Tat fähig sei … die Diskretion, mit der Schäfer in den vergangenen Stunden konfrontiert gewesen war, ähnelte schon der Verschwiegenheit, auf die er in der Wiener Unterwelt immer wieder stieß. Dennoch: Immerhin zwei der Befragten gaben auf seine Nachfrage an, dass ihnen die schwarze Limousine aufgefallen war, konnten aber keine genaueren Angaben dazu machen. Hoffentlich würde ihm Borns Witwe darüber Klarheit verschaffen können – zu viele unbekannte Variablen machten Schäfer nervös.
Er stieg in den Wagen, fuhr bis zur nächsten Umkehrmöglichkeit und machte sich auf den Nachhauseweg. Als er auf dem Gürtel im Stau stand, überlegte er, ob er nicht doch ins Kommissariat fahren sollte, um mit seinen Mitarbeitern die ersten Ermittlungsergebnisse zu besprechen. Doch dann würde er das Laufen streichen müssen. Schauen Sie auf sich, hatte ihm sein Therapeut geraten. Schäfer bog vom Gürtel ab und parkte zwanzig Minuten später vor seinem Wohnhaus.
4.
Kurz vor acht läutete Bergmann an der Haustür. Schäfer bat ihn herauf, da er sich noch nicht fertig umgezogen hatte. Während er im Wäschekorb nach einem halbwegs sauberen Laufdress suchte – wann würde er sich endlich eine Putzfrau suchen? –, wärmte sich Bergmann im Vorraum mit Dehnungsübungen auf.
„Das werden Sie auch nötig haben“, meinte Schäfer und schnupperte an einem zumindest äußerlich sauberen T-Shirt, „letztes Mal sind Sie ja ganz schön eingegangen.“
„Schlechten Tag gehabt“, entgegnete Bergmann mit angespannter Miene, „heute überrunde ich Sie.“
„Wenn ich Ihnen eine Runde Vorsprung gebe, vielleicht.“ Schäfer schob seinen Assistenten aus der Wohnung und versperrte die Tür.
Auf der Fahrt zu den Steinhofgründen tauschten sie sich über die Ermittlungsergebnisse aus, die noch nicht einmal im Ansatz auf einen Verdächtigen hinwiesen. Schreyer war auf die Telefonnummer angesetzt, Strasser wühlte sich durch Borns Geschäftsverbindungen, Leitner war mit Befragungen beschäftigt. Gab es irgendwelche Ergebnisse von den Forensikern oder aus der Gerichtsmedizin?
„Nichts, was auf ein gewaltsames Eindringen hinweist … die Alarmanlage war deaktiviert, die Kameras ebenfalls … sieht tatsächlich so aus, als hätte Born seinen Mörder freiwillig ins Haus gelassen. Von Koller ist noch nichts Neues gekommen …“
„Verstehe … da vorne ist ein Parkplatz frei …“
Bergmann stellte den Wagen an der Mauer ab, die die Steinhofgründe umgab, legte die Lenkradsperre ein und stieg aus. Sie liefen sich ein und steigerten dann langsam ihr Tempo, bis ihnen das Reden schwerfiel. Für ein effizientes Training waren sie zu schnell unterwegs, das war ihnen beiden klar – doch seit Schäfer wieder regelmäßig Sport trieb, hatte sich auch wieder der Wettkampfcharakter ihrer gemeinsamen Laufrunden eingestellt. Als sie an der Otto-Wagner-Basilika vorbeikamen, sah Schäfer das Plakat, das auf die Ausstellung in einem der Pavillons der psychiatrischen Anstalt hinwies. Das Telefonat mit Isabelle, so schließt sich der Tageskreis, dachte er beim Anblick des ausgezehrten Mädchens, das von einem amerikanischen GI mit Rotkreuz-Binde aus dem Gebäude getragen wurde. Hier hatte der Arzt gewütet, dem jetzt am Internationalen Gerichtshof in Den Haag der Prozess gemacht wurde. Dass dieser über sechzig Jahre nach seinen Verbrechen ausgeliefert werden konnte, war auch dieser Ausstellung zu verdanken. Zwei deutsche Journalisten hatten sich nach deren Besuch auf die Spur des Folterers gesetzt und ihn schließlich in Buenos Aires gefunden. Wie war jemand zu so etwas fähig? Und wer bringt es fertig, diesen Wahnsinn heute noch zu verteidigen, gedachte Schäfer des jüngst verblichenen Hermann Born.
Ein Mann mit ungepflegtem Vollbart, in Socken und in einem hellblauen Schlafanzug kreuzte ihren Weg, unverständlich vor sich hin murmelnd und gierig an einem erloschenen Zigarettenstummel saugend. Ein Patient der Psychiatrie, war sich Schäfer sicher und wurde von einer in letzter Zeit sehr seltenen Schwermut befallen. Dieser riesige wilde Park, durch den sie liefen, ein einziger bipolarer Zustand, wo sich die zahlreichen Obstbäume der herrschenden Hoffnungslosigkeit in der Klinik entgegenzustemmen schienen, indem sie im Frühjahr wie manisch erblühten, größer, duftender und üppiger als anderswo. Und wie nah war Schäfer selbst vor Kurzem diesem Zustand aussichtsloser Verzweiflung gewesen. Hatte sich schon als einer der tragisch in sich gekehrten Menschen gesehen, die ihm beim Laufen regelmäßig unterkamen. Die Depressiven, Schizophrenen, Suchtkranken, deren Zustand ihnen manchmal nicht einmal erlaubte, ihre Kleidung dem Wetter anzupassen. So zogen sie barfuß durch den Schneematsch, hüllten sich im Juli in dicke Jacken, zwischen den Fingern erloschene Zigarettenstummel, an denen sie gierig saugten. War es schlicht Glück gewesen, das ihn vor einem derartigen Schicksal bewahrt hatte? Doch was wäre es schon gewesen im Vergleich zu dem, das den Hunderten Kindern während des Krieges hier heroben widerfahren war. Schäfer hielt an einem Brunnen und hielt den Kopf unter das fließende Wasser.
„Gesund ist das nicht“, ermahnte Bergmann ihn.
„Aber das geringere Übel.“
Bevor sie zurück zum Wagen gingen, machten sie an einem Holzzaun ein paar Dehnungsübungen, schweigsam und auf das Ziehen in den Muskeln konzentriert.
„Ist irgendwas?“, wollte Bergmann wissen, als sie langsam den Wilhelminenberg hinabfuhren.
„Nein … doch … die Ausstellung ist mir wieder eingefallen … wo ich vorigen Monat mit der Schulklasse war …“
„Hat mir auch ein paar schlimme Träume beschert …“
„Sie waren auch dort?“
„Ja … letzte Woche …“
„Freiwillig?“
„Wie man’s nimmt … auf jeden Fall ist Ignorieren und Wegschauen auch eine Form der Wiederbetätigung, oder?“
„Wie wahr … bis morgen“, sagte Schäfer und drückte die Wagentür auf.
„Ja, bis morgen“, erwiderte Bergmann mit einem gezwungenen Lächeln.
Gleich nachdem er die Wohnung betreten hatte, schlüpfte Schäfer aus seinem Laufdress und stellte sich unter die Dusche. Doch die Schwermut, die auf ihm lastete, ließ sich nicht abwaschen wie die Salzkrusten auf dem Gesicht. Mit einem Glas Wasser und einem überreifen Pfirsich setzte er sich auf den Balkon. Ihm war übel und er war froh, als sein Nachbar auf den Balkon trat.
„Müde?“
„Ja … war ein anstrengender Tag …“
„Soll ich Sie massieren?“
„Wie bitte?“
„Ich bin Heilmasseur … klassische Massage, psychoenergetische, Shiatsu …“
Schäfer wollte ablehnen; er fühlte sich wie ein gestrandeter Wal in seinem Liegestuhl; andererseits: Tun Sie sich etwas Gutes, Herr Schäfer.
„Na ja … wenn es Ihnen keine Umstände macht …“
„Überhaupt nicht … ich muss ohnehin wieder langsam in Übung kommen …“
„Na gut … soll ich zu Ihnen hinüberkommen?“
„Wäre am besten, da haben wir den Tisch“, meinte Wedekind und ging in die Wohnung, um Schäfer die Tür zu öffnen.
Die Einrichtung war noch etwas karg, aber durchaus geschmackvoll. Fast weiblich, dachte Schäfer, als er die orange- und türkisfarbenen Wandteppiche betrachtete. Wedekind ließ die Jalousien herunter. Schäfer solle sich auf den Tisch legen, Bauch nach unten, Hände neben das Gesäß. Langsam und gleichmäßig atmen, ganz entspannt liegen. Während Schäfer tat, wie ihm geheißen, legte sein Nachbar eine CD mit folkloristischer Musik ein. Mehrstimmiger Gesang in einem einschläfernden Rhythmus erklang: Heya, heya, heya, heyayaya … wo bin ich denn hier gelandet, dachte Schäfer, während Wedekind mit dem Handballen sanft auf seinen Nacken einzudrücken begann. Als er das Gleiche bei Schäfers Steißbein tat, bekam er völlig unerwartet eine Erektion.
„Ihre Libido ist blockiert“, meinte Wedekind nüchtern, wobei Schäfer genau den gegenteiligen Eindruck hatte.
Doch womöglich hatte sein Nachbar recht. Isabelle hatte er zuletzt vor vier Wochen gesehen. Und wenn er es sich recht überlegte: Wann hatte er denn zuletzt mit einer Kellnerin geflirtet oder auch nur einer Frau hinterhergesehen? Er hatte keine Lust, das war es wohl; auf dem Beipackzettel ebenfalls als Nebenwirkung angeführt; doch mit dieser hatte Schäfer nicht gerechnet.
Mit einem leisen „Danke“ teilte Wedekind dem fast schon schlafenden Schäfer nach einer knappen Stunde mit, dass die Behandlung beendet sei. Doch er solle noch so lange liegen bleiben, bis er wieder ganz bei sich sei.
„Chmm“, machte Schäfer und zwang sich nach ein paar Minuten, die Augen zu öffnen und aufzustehen.
„Sie sind gut in Form, aber ziemlich verhärtet.“ Wedekind hielt Schäfer eine Tasse hin.
„Ich fühle mich aber gerade ziemlich weich … das war eine Wohltat, danke.“
„Gern geschehen … wann immer Sie möchten.“
„Nur wenn ich Ihnen dafür den üblichen Stundensatz zahlen darf“, sagte Schäfer und trank das lauwarme Ingwergetränk in einem Schluck.
„Beim nächsten Mal … dieses Mal geht aufs Haus.“
„Na, dann sage ich doppelt Danke … und jetzt werde ich mich wohl hinlegen … gute Nacht, Herr Nachbar.“
„Gute Nacht, Major.“
Obwohl Schäfer wie erschlagen war, gelang es ihm nicht, einzuschlafen. Diese Ausstellung … der Blick auf das Plakat hatte wie ein Schlag unterhalb der Kniescheibe funktioniert, das Entsetzen war nach oben geschnellt; die alltäglichen Leichen, egal in welchem Zustand, vermochten diesen Reflex nicht mehr auszulösen … aber Kinder, wie konnte jemand so mit Kindern umgehen? Er wälzte sich ein paarmal herum und stand schließlich auf, um sich vor dem Fernseher abzulenken. Bei einem Verkaufssender, auf dem ein vorgealterter, solariumoranger Mann unter Aufputschmitteln einen Universalmixer anbot, blieb Schäfer hängen. Zuerst landeten die üblichen Gemüsesorten in verschiedenen Plastikaufsätzen … ein Knopfdruck und Suppe. Doch als der Verkäufer einen Avocadokern und dann eine Handvoll Betonschutt in den Mixer warf und dieser alles zu feinem Staub verarbeitete, richtete sich Schäfer auf und sah der Präsentation mit wachsendem Interesse zu. Zu guter Letzt schrieb er sich den Namen des Geräts auf einen Notizzettel, stellte den Fernseher auf lautlos und nahm das Telefon. Er suchte die Nummer seiner Nichte aus dem Adressbuch und drückte die Wähltaste. Er ließ es läuten, bis die Mailbox kam, und legte auf, ohne eine Nachricht zu hinterlassen. Dann eben ihren Vater.
„Hallo Jakob … Wieso soll ich nicht schlafen können, darf ich meinen Bruder nicht mehr anrufen … Gut, dir? Hast du Dienst? … Wer ist denn gestorben? … Bienenfeld? Nein, sagt mir nichts … Okay, natürliche Ursache? … In seiner Ordination? Und da hat ihm niemand geholfen? … Verstehe, wie alt war er? … Trotzdem früh … Wie geht’s Lisa? … Habt ihr wieder gestritten? … Nein, bestimmt nicht … Vielleicht zieht sie ab und zu an einem Joint … Aber nie in dem Ausmaß, wie wir das betrieben haben, liebes Brüderlein … Natürlich ist das mit den eigenen was anderes, aber … Behaupte ich auch gar nicht … Aber im Vergleich zu den Jugendlichen, die ich hier so mitbekomme, fällt Lisa in die Kategorie brav bis spießig … Also mach dir nicht zu viele Sorgen … Ja, ich rede mit ihr, versprochen … Na dann, entspannten Dienst noch und bau keinen Kunstfehler … Grüß Lisa von mir … Und natürlich auch Monika … Servus.“
Schäfer legte das Telefon weg und musste über die Sorgen seines Bruders lächeln. Wenn alle Mädchen in diesem Alter so wie Lisa wären, müsste man sich keine Sorgen um die Zukunft der Welt machen. So liebenswürdig, feinfühlig und großzügig – wenn er selbst je eine Tochter bekäme, würde er sich wünschen, dass sie so wie Lisa wäre. Er ging in die Küche und durchsuchte die Anrichte nach Schokolade oder anderen Süßigkeiten. Nichts. Wo war denn die Familienpackung Mannerschnitten hingekommen, die er vor ein paar Tagen gekauft hatte? Er zog das T-Shirt hinauf, packte mit beiden Händen das Fettgewebe unterhalb seines Nabels zwischen Daumen und Zeigefinger und zog daran. Er musste wirklich Obacht geben.
5.
Den Kopf umwölkt von den Traumresten einer unruhigen Nacht, erschien Schäfer im Kommissariat. Sollte er seinem Therapeuten am Nachmittag von der Ausstellung auf der Baumgartner Höhe erzählen? Dass er sich freiwillig gemeldet hatte, die Schulklasse dorthin zu begleiten? Sie sollten sich nicht noch zusätzlich zu ihrer Arbeit dem Schrecken des Todes aussetzen – etwas in der Richtung würde ihm der Therapeut vorwerfen, zu dem er inzwischen nur mehr alle zwei Wochen ging. Was sollte er denn tun? Nicht hinsehen war auch eine Form der Wiederbetätigung, wie Bergmann treffend bemerkt hatte. Außerdem hing doch alles zusammen: die Mörder und ihre Opfer, die eine Grausamkeit mit der anderen; und wenn man den Tod einmal zum Reiseleiter gewählt hatte, musste man sich nicht über die Orte wundern, an die er einen führte. Er warf dem Psychiater ja auch nicht vor, dass er sich ständig mit Irren umgab.
Als er gerade dabei war, die Gruppe zur Morgenbesprechung zusammenzurufen, rief Kamp an. Er solle noch eine halbe Stunde warten; zwei Männer vom Verfassungsschutz würden vorbeikommen, da ein politisches Motiv nicht auszuschließen sei.
„Großartig … das heißt dann wieder einmal, dass wir jeden Schritt mit ihnen abstimmen dürfen und doppelt so lange für alles brauchen“, raunte Schäfer Bergmann zu.
„Vielleicht nehmen sie uns auch Arbeit ab …“, erwiderte Bergmann gelassen, weil er wusste, dass sein Chef noch nie mit irgendjemand anderem jeden Schritt seiner Arbeit abgestimmt hatte.
„Sie nehmen uns Arbeit weg und finden das heraus, was sie herausfinden wollen …“
„Sie fürchten, dass uns Mugabe wieder hineinpfuscht …“
„Genau“, gab Schäfer mürrisch zu. Zwischen dem Polizeipräsidenten und ihm gab es ein stilles Abkommen, sich nicht mehr als nötig zu befehden. Beide hatten sich in jüngster Vergangenheit ein paar Fehltritte geleistet, die – einmal publik gemacht – mit ihren Ämtern nicht vertretbar wären. Dabei sah Schäfer seine eigenen Entgleisungen natürlich als den Zweck heiligende Mittel, die letztendlich dazu geführt hatten, zwei Mörder zu überführen. Und der Polizeipräsident, der den renitenten Schäfer allzu gerne in die Provinz versetzt hätte, war von diesem leider mit einem der beiden Täter beim Abendessen gesehen worden. Ob die Bekanntschaft mit dem obersten Exekutivbeamten des Landes einem Mörder geholfen hatte, so lange unentdeckt zu bleiben? Dafür hatte Schäfer gar nicht erst nach Beweisen gesucht. Ein Anruf bei der Presse und der Polizeipräsident wäre aus seinem imperialen Büro katapultiert worden wie ein Kampfpilot aus einer abgeschossenen Mig. So hatten sie es bei dieser Pattstellung belassen, und wenn Mugabe wieder einmal an Schäfers Bauern rüttelte, knurrte der genauso grimmig wie jener, wenn ihm der Major an den Turm pinkelte.
Ein Kollege von der Spurensicherung hatte ihm ein E-Mail mit dem Betreff „Borns Porn“ geschickt. Sie hatten den Laptop des Mordopfers durchsucht und waren auf eine ansehnliche pornografische Sammlung gestoßen – allerdings unbedenklichen Inhalts, wie es der Beamte formulierte: keine Kinder, keine Tiere, keine realen Gewaltszenen. Glück gehabt, sagte sich Schäfer, und dachte dabei weniger an die Ermittlungen als vielmehr an seinen Kollegen, der ebenfalls in therapeutischer Behandlung war, weil ihn das, was er regelmäßig auf konfiszierten Computern fand, in tiefe Verzweiflung gestürzt hatte.
Eine halbe Stunde vor dem Besprechungstermin suchte Schäfer Kovacs in ihrem Büro auf.
„Haben Sie mir wenigstens eine Flasche Roten mitgebracht von Ihrem Ausflug ins schöne Burgenland?“, begrüßte er sie halb vorwurfsvoll.
„Verbotene Geschenkannahme“, erwiderte Kovacs trocken, rückte vom Schreibtisch weg und holte eine Papiertasche zwischen ihren Füßen hervor, die sie Schäfer hinhielt. „Intensive rotbeerige Nase, Anklänge von Blutorangen, Veilchen und etwas Waldboden … den Rest habe ich vergessen …“
„Ah“, meinte Schäfer überrumpelt, nahm die Tasche entgegen und ignorierte das dümmliche Grinsen von Schreyer, der sich von seinem Bildschirm gelöst hatte und ihnen nun seine gesamte Aufmerksamkeit widmete. „Also … ja … danke. Und die Arbeit? Was haben Sie gemacht da unten?“
Kovacs drehte ihren Sessel zu Schäfer hin und kaute auf ihren Lippen. Dann griff sie zu einem Schnellhefter und reichte ihn Schäfer, der pro forma darin herumzublättern begann.
„Vor zwei Jahren hat der Mann mit seinem LKW ein kleines Mädchen überfahren … sie war sofort tot … die Mutter ist mit dem Tod ihrer Tochter nicht fertiggeworden und seitdem die meiste Zeit in der Psychiatrie …“
„Rache also“, schloss Schäfer und legte die Dokumente zurück auf den Schreibtisch. „Und wer?“
„Weiß ich nicht … die Verwandten der Frau leben in der Nähe von Oberwart … nach dem Unfall ist sie dorthin zurückgegangen und hat eine Zeitlang bei ihren Eltern gelebt … bis es nicht mehr gegangen ist …“
„Bruder, Vater, Onkel“, trieb Schäfer sie an, „lassen Sie sich nicht alles aus der Nase ziehen …“
„Von den männlichen Verwandten kann es keiner gewesen sein … die haben alle ein Alibi … außerdem ist der LKW-Fahrer nie verurteilt worden, weil die Kleine ohne zu schauen mit ihrem Roller auf die Straße gefahren ist … der war ja völlig fertig …“
„Scheiße, so was … aber warum sind Sie dann überhaupt dorthin?“
„Weil wir sonst nichts finden“, gab Kovacs zu. „Der Mann hat bei seinen Kollegen den Spitznamen Samariter gehabt … gutmütig, hilfsbereit, keine Drogen, keine Prostituierten, kein Glücksspiel …“
„Nichts, von dem wir wissen … der Täter hat ihm zwar alle Wertsachen gelassen, aber das heißt nicht, dass es nichts gegeben hat, das für ihn wertvoll war …“
„Was zum Beispiel?“
„Keine Ahnung … irgendetwas Belastendes … ein Foto … ich weiß es nicht … vielleicht war er Zeuge von irgendeinem anderen Verbrechen … zur falschen Zeit am falschen Ort … kommen Sie jetzt … Schreyer, hast du schon was über die Telefonnummer herausgefunden?“
Schreyer sah Schäfer aus schwarzgeränderten Augen an, deren Lider auf Halbschlaf standen.
„Nichts bis jetzt … und es wird wahrscheinlich auch nicht viel werden. Das Handy ist erst vor vier Wochen gekauft worden.“
„Hast du die Nacht durchgearbeitet?“
„Hmh … kann man so sagen …“
„Sehr fleißig … dann nimm dir jetzt eine Decke und leg dich in irgendeinen Park …“
„Ich will aber in keinem Park schlafen … wie sieht denn das aus …“
„Na von mir aus, such dir eine Couch oder geh nach Hause … vor zwei will ich dich hier jedenfalls nicht mehr sehen.“
Dass Schäfer dem Inspektor eine Ruhepause befahl, war nur zur Hälfte seiner Sorge um dessen Wohlergehen geschuldet. Denn eigentlich lief Schreyer gerade in Zeiten völliger Übermüdung zu Höchstform auf und die konnten sie zurzeit sehr gut gebrauchen. Doch bei einer ausführlichen Besprechung in Anwesenheit von zwei dezernatsfremden Beamten wollte Schäfer den Inspektor nicht dabeihaben. Intern wussten sie alle mit seinen sonderlichen Bemerkungen umzugehen – doch von außen wollte Schäfer seine Truppe nicht als Freakshow belächelt wissen.
Auf dem Weg ins Besprechungszimmer trafen sie auf Leitner, der seinen Vorgesetzten kurz unter vier Augen sprechen wollte.
„Was gibt’s?“, wollte Schäfer wissen, nachdem er Kovacs vorausgeschickt hatte.
„Ich wollte Ihnen das sagen, bevor wir mit denen vom Verfassungsschutz zusammensitzen …“
„Was sagen?“, fragte Schäfer, worauf Leitner seinen Notizblock aufklappte.
„1997 hat ein Student namens Xaver Plank einen Säureanschlag auf Borns Auto verübt … seine Eltern haben die Sache über einen außergerichtlichen Vergleich aus der Welt geräumt.“
„Das hat Born zugelassen?“
„Vermutlich, weil Plank senior in der Partei war …“
„Na ja … zwischen Auto und Kopf ist halt schon ein ziemlicher Unterschied … aber wir werden uns den Mann auf jeden Fall vornehmen … gute Arbeit, Leitner … auch dass du das nicht gleich vor allen hinausposaunt hast …“
Die Besprechung wurde weit weniger schlimm, als Schäfer erwartet hatte. Die beiden Beamten ersuchten ihn nur, die jeweiligen Ermittlungen miteinander abzustimmen und sie über Neuigkeiten so schnell wie möglich zu informieren. Schäfer versprach ihnen bestmögliche Kooperation und sah aus dem Augenwinkel Kamp, der ihn mit einem argwöhnischen Blick bedachte. Gut, ihm konnte er nichts vormachen.
Über die Vorgehensweise, die Schäfer anschließend vorschlug, waren sich alle einig: die Befragungen fortsetzen, wirtschaftliche Verbindungen durchleuchten, politische Widersacher unter die Lupe nehmen, Borns Vergangenheit, seine Jugend, seine Ehe, seine vorherigen Beziehungen … zum Schluss erwähnte Schäfer noch die schwarze Limousine, über die Frau Born hoffentlich Aufschluss geben konnte. Allerdings wollten sie die Witwe auch nicht zu sehr bedrängen, da sie mit den Vorbereitungen für die Beisetzung und den ganzen notariellen Angelegenheiten ohnehin schon unter Druck stand.
„Wann wird die Leiche freigegeben?“, wollte Kamp wissen.
„Ich rede heute mit Koller …“
„Wir dürfen die Säure nicht außer Acht lassen“, brachte sich Bergmann ein. „So einfach ist die auch nicht zu bekommen …“
„Wir werden alle relevanten Einrichtungen dahingehend überprüfen“, meinte einer der Verfassungsschutzbeamten und machte sich eine Notiz. „Wir sollten auch noch unsere IT veranlassen, uns einen geschützten Bereich im Intranet zu verschaffen, über den wir alle Informationen laufen lassen.“
„Kümmere ich mich darum und gebe euch dann Bescheid“, erwiderte Bergmann.
Zurück im Büro, rief Schäfer den Gerichtspsychiater an. Vielleicht konnte der ihm in Bezug auf das Tatmuster und den Charakter des Mörders weiterhelfen. Sie vereinbarten, sich nach Dienstschluss zu treffen, um sieben in einem Lokal im fünfzehnten Bezirk, zwei Häuser neben der Ordination des Psychiaters. Nachdem er aufgelegt hatte, nahm Schäfer ein paar Münzen auf dem Schreibtisch und begann, sie hin und her zu schieben. Eine reduzierte Art einer systemischen Aufstellung, hatte Bergmann einmal gemutmaßt, ein Austarieren der Energiefelder, ähnlich den morphogenetischen Feldern, die der Physiker Sheldrake … keine Ahnung, war Schäfers Antwort gewesen, auf dem Tisch ist es einfacher zu verschieben als im Kopf. Er platzierte Born als Zwei-Euro-Stück in der Mitte und umkreiste es mit einem Ein-Euro-Stück. Er musste ihn betäubt haben … sonst wäre die Sauerei am Tatort viel schlimmer gewesen … oder zuvor erschossen, erschlagen, erwürgt … Schäfer griff zum Telefon.
„Koller, du lüsterner Greis … Hör zu: Wäre es möglich, dass wir es mit zwei Tätern zu tun haben? … Dass ihn einer getötet hat und dann ein zweiter … Nur ein Gedanke … Weil mir die Vorgehensweise so unlogisch erscheint … Ach, und wann? … Na gut, dann komme ich da auch nicht weiter … Danke … Ja, wasch dir die Hände davor …“
„Was ist das für eine Theorie mit den zwei Tätern?“, wollte Bergmann wissen.
„Jetzt keine gute mehr … ich habe mir überlegt, ob wir dieses paradoxe Vorgehen vielleicht ganz einfach erklären können, wenn wir von zwei Tätern ausgehen: einer, der ihn niederschlägt … und der andere, der dann mit der Säure anrückt …“
„Aber?“
„Koller ist sich ziemlich sicher, dass Born an den Einwirkungen der Säure gestorben ist … allerdings braucht es noch irgendwelche Analysen … also müssen wir uns jetzt darauf konzentrieren, welche Symbolik hinter dieser Hirnauslöschung steht …“
„Wenn es eine gibt …“
„Was denn sonst?“
„Eine falsche Fährte … eine absichtliche Inszenierung, um uns in die Irre zu führen …“
„Danke für die Motivation, Bergmann … hm, leider haben Sie recht. Das müssen wir in Betracht ziehen … wann sind Sie heute bei Frau Born?“
„Um zwei …“
„Vergessen Sie bitte nicht, sie nach dem schwarzen Mercedes zu fragen … und wann genau sie in den letzten Monaten in ihrem Landhaus war …“
„Hab ich mir schon notiert …“
„Sie sind ein Genie … ich gehe jetzt zur Spurensicherung, um mir Borns Pornosammlung anzusehen …“
„Viel Spaß“, erwiderte Bergmann und Schäfer war sich nicht sicher, ob er den anzüglichen Unterton in Bergmanns Stimme hineininterpretiert hatte oder nicht. Eher schon; sie hatten beide schon genug entsprechendes Material gesichtet, um zu wissen, dass sich dabei so gut wie nie auch nur ein Funken Erotik entzündete. Schäfer wollte sehen, was Born gesehen hatte. Rechtsextreme, Reaktionäre, Faschisten, Fundamentalisten … in den meisten Fällen verbargen sie in einem dunklen Winkel genau das, wogegen sie wetterten, wovor sie sich fürchteten, was sie aufregte und manchmal auch erregte.
Er holte sein Fahrrad aus der Tiefgarage und kettete es zehn Minuten später vor den Laboren der Spurensicherung an einen Laternenpfahl. Auf der Treppe in den ersten Stock begegnete er einem Biochemiker, den er seit gut zehn Jahren kannte und der ihn bei jedem Aufeinandertreffen ansah, als sei ihm sein Gegenüber völlig fremd. Wenn er es nicht wieder vergaß, wollte er den Gerichtspsychiater später zu diesem Phänomen befragen. Im Arbeitsraum der Forensiker roch es nach Strom, Chemie und Männern.
„Wollt ihr nicht einmal ein Fenster aufmachen, ihr Zombies?“ Schäfer trat hinter einen der Anwesenden, der gleichzeitig auf vier Bildschirmen arbeitete.
„Schäfer, du Kriminalfossil … was glaubst du, warum es in einem forensischen Labor eine spezielle Lüftung gibt, hä? Sporen, Verunreinigungen … sei froh, dass wir so was wie dich hereinlassen.“
„Jaja … also, wo sind die blonden Busenbomber in den SS-Uniformen?“
„Nichts dergleichen“, meinte der Techniker und zog einen Laptop heran, „da, dieser Ordner … da hinten ist ein freier Tisch, wo mein vierjähriger Sohn ab und zu sitzt … da kannst du nichts anstellen …“
Schäfer nahm den Laptop und setzte sich an den ihm zugewiesenen Schreibtisch. Nachdem er die ersten paar Bilddateien durchgesehen hatte, konnte er nicht anders als lachen. Born, der in unzähligen Ansprachen die Umvolkung der Österreicher wie ein Damoklesschwert über dem Land hatte pendeln lassen, stand offensichtlich auf Afrikanerinnen. Was Aussehen und Alter betraf, dürfte er nicht wählerisch gewesen sein: Korpulente Fünfzigjährige fanden sich auf der Festplatte ebenso wie gazellenhafte Frauen im jüngeren Alter. Ob eine der Abgebildeten minderjährig war, konnte Schäfer nicht beurteilen; doch als pädophil wollte er Born auf keinen Fall bezeichnen. Auch die gut fünfzig Filme waren vergleichsweise harmlos und, nach dem jeweiligen Vorspann zu urteilen, legal erhältlich. Also nichts, was sich nicht irgendwann auch auf den Festplatten so gut wie jeden geschlechtsreifen Mannes fand.
„Was ist mit seinem E-Mail-Verkehr?“, rief er seinem Kollegen zu.
„So gut wie gar nichts … diesbezüglich hat er wirklich noch zur alten Generation gehört“, antwortete der Techniker, trat neben Schäfer und öffnete einen weiteren Ordner.
„Die kannst du alle ins Mailprogramm ziehen … sind nicht einmal fünfzig.“
„Ist irgendwas gelöscht worden in den letzten Tagen?“
„Nein, deutet nichts darauf hin …“
„Danke …“
Schäfer las die E-Mails durch, die zu neunzig Prozent Antworten auf fremde Nachrichten waren. Borns Tochter, der Schachkollege, ein paar Namen, die Schäfer nicht kannte und in seinem Notizblock festhielt.
Er sah auf die Uhr. In einer Stunde hatte er seinen Termin. Und wenn er in der Praxis seines Therapeuten keinen Schwächeanfall erleiden wollte, musste er davor noch etwas essen. Er nahm den Laptop und stellte ihn seinem Kollegen auf dessen Schreibtisch zurück.
„Vielen Dank, R2-D2, und bis demnächst …“
„Ja, schleich dich …“
Schäfer sperrte sein Fahrrad auf und fuhr in Richtung seines Therapeuten. Auf halbem Weg hielt er bei einem japanischen Lokal, wo er sich in den Gastgarten setzte und eine Sushibox bestellte. Während er die Misosuppe löffelte, dachte er an Born und seine sexuellen Vorlieben. Hatte der Alte sich damit begnügt, sich auf die schwarzen Schönheiten einen herunterzuholen, oder gab es Kontakte, die darüber hinausgingen? Gab es eigentlich in Wien ein Bordell, das sich auf Dunkelhäutige spezialisierte? Aber das wäre zu riskant gewesen. Der Nazi im Afropuff … so blöd war nicht einmal Born, dass er dafür seinen Ruf aufs Spiel gesetzt hätte. Wie auch immer: Sie würden nicht umhin kommen, seine Frau deswegen zu befragen. Schäfer legte die Stäbchen ab und nahm sein Telefon.
„Bergmann … jetzt wird’s heikel. Nach dem zu urteilen, was ich auf Borns Computer gesehen habe, stand der alte Knabe auf die ganz und gar nicht arische Rasse … Genau … Und … Touché, Bergmann, Sie werden die Born etwas vor den Kopf stoßen müssen … Ganz dezent natürlich … Was soll ich Ihnen dafür schulden, ich bin Ihr Vorgesetzter … Die Flasche Muskateller? Die habe ich Ihnen doch längst schon … Na gut, Sie bekommen morgen zwei von diesem Tussigesöff … Danke, und viel Glück!“
Mit einem schadenfrohen Grinsen aß Schäfer sein Sushi fertig, bezahlte und machte sich auf den Weg. Die Uhr im Wartezimmer zeigte ihm, dass er eine Viertelstunde zu früh war. Das passierte in letzter Zeit häufig. Womöglich lag es an den fehlenden Zigaretten, deren Rauchzeit noch in seinem Zeitsystem gespeichert war. Er nahm sich ein medizinisches Journal und blätterte es durch, bis er auf einen Artikel über Gehirnschäden bei Gewaltverbrechern stieß. Bestimmt interessant, dachte er sich und legte das Magazin wieder beiseite, nachdem er in der ersten Spalte auf zu viele ihm völlig fremde Wörter gestoßen war. Die Tür zum Behandlungszimmer ging auf, der Therapeut bat Schäfer herein.
„Glauben Sie, dass Sie diese Ausbrüche so weit unter Kontrolle haben?“, fragte ihn der Therapeut, nachdem sie Schäfers Wutausbrüche der letzten Wochen besprochen hatten.
„Ich denke, ja … wenn es nicht schlimmer wird …“
„Ängstigt Sie das?“
„Ich mich selbst? … Nein, manchmal ist es mir peinlich … ich meine: Ich soll ein Vorbild für die Gesellschaft sein … und da macht es sich nicht so gut, wenn ich jugendliche Migranten als stinkendes Tschuschenpack beschimpfe …“
„Das haben Sie getan?“
„Ja … ich weiß nicht, woher diese Ressentiments plötzlich kommen … gleichzeitig geht es mir so gut wie schon seit einer Ewigkeit nicht mehr …“
„Man könnte sagen, Sie fühlen sich besser … im doppelten Sinne …“
„Genau“, Schäfer lächelte, „ich fühle mich zurzeit wirklich besser als die meisten anderen … das nennt man wohl Überheblichkeit.“
„Solange Sie niemandem Schaden zufügen, sollten Sie sich darüber keine zu großen Sorgen machen. Natürlich wäre es besser, wenn Sie sich in dieser Umstellungsphase mehr Zeit für sich nehmen und Konflikten so weit wie möglich aus dem Weg gehen … aber das ist wohl wenig realistisch, oder?“
„Was soll ich tun? Die Menschen hören einfach nicht auf, sich umzubringen … und ich verstehe es auch … ich bin darin ausgebildet, meine Wut nicht in blinde Aggression umschlagen zu lassen, aber …“
„Vielleicht hilft es Ihnen, wenn Sie verstehen, was zurzeit in Ihrem Kopf vorgeht …“
„Ich weiß ziemlich genau, was da oben vorgeht … ist schließlich mein Kopf …“
„Ich meine eher den medizinischen Aspekt … Ihr limbisches System, also der Teil in Ihrem Gehirn, in dem sich wesentliche Prozesse abspielen, die Ihr Gefühlsleben betreffen … schon minimale Änderungen im Stoffwechselhaushalt dieses Systems wirken sich massiv auf Ihr Empfinden aus … und die Medikamente, die ich Ihnen verschrieben habe, greifen ebendort ein …“
„Sie meinen, ich habe meine Tage … nur viel länger …“
„Vereinfacht ausgedrückt, ja“, sagte der Therapeut und musste lachen, „nur ist es bei Ihnen nicht das Östrogen, sondern das Serotonin, das Noradrenalin und andere körpereigene Chemikalien …“
„Kann das schlimmer werden? Ich meine: Ist es möglich, dass ich die Kontrolle über mich verliere? Immerhin trage ich eine Waffe …“
„Stellen Sie sich das wie eine Badewanne vor, in die Sie warmes Wasser einlaufen lassen. Bisher hat bei Ihnen sozusagen der Stöpsel gefehlt und das Wasser ist einfach ausgelaufen. Mit den Medikamenten haben wir den Abfluss verstopft. Jetzt geht es Ihnen besser, weil Sie entspannt baden können. Aber ganz genau geregelt sind die Zuflussgeschwindigkeit und der Überlauf eben noch nicht … Sie sind dabei, sich an einen neuen Zustand anzupassen … das braucht Zeit … und die Medikamente helfen Ihnen dabei, aber die Therapie und Ihr Umgang mit sich selbst sind mindestens ebenso wichtig …“
„Was soll ich tun?“
„Beobachten Sie sich … achten Sie darauf, aus welchen Anlässen Sie jähzornig werden … welche Situationen und welche Personen eine Rolle spielen … und wenn Sie auf Distanz zu sich selber gehen können, wird es Ihnen auch gelingen, sich besser zu kontrollieren.“
„Also soll ich keine zusätzlichen Medikamente nehmen?“
„Nein, würde ich vorerst nicht … aber wenn Sie das Gefühl haben, die Kontrolle zu verlieren, melden Sie sich umgehend.“
Als Schäfer ins Kommissariat zurückfuhr, bewegten sich seine Gedanken so schnell, dass er ihnen nicht folgen konnte. Dieses ganze Gerede über sein Gehirn hatte ihn wirr gemacht. Und am Abend sollte er noch dazu den Gerichtspsychiater treffen, um abermals über diese seltsame Substanz zu reden, die ihn so unter ihrer Fuchtel hatte. Er sollte lieber mit ein paar Kollegen Billard spielen gehen und sich ein Bier zu viel genehmigen. Das hatte die Dinge schon oft ins Lot gebracht. Auf dem Gürtelradweg blieb er bei einer Bank stehen, setzte sich hin und rief Isabelle an. Sie meldete sich nicht, also sprach er ihr auf die Mailbox. Ab neun wäre er zu Hause.
„Wo ist mein Wein?“, begrüßte ihn Bergmann.
„War es so schlimm?“ Schäfer tätschelte seinem Assistenten die Schulter.
„Na ja … was sie gesagt hat, war das eine: Was uns einfiele, mit solchen obszönen Verdächtigungen das Andenken ihres Mannes in den Dreck zu ziehen, blablabla … aber das hatte eindeutig was Theatralisches und sie musste sich sehr anstrengen, überrascht zu wirken … ich glaube, dass sie eine Ahnung hatte und die einfach ganz weit hinten in ihrem Gehirn abgelegt hat …“
„Jetzt fangen Sie auch schon mit dem Gehirn an … was für eine Ahnung?“
„Weiß ich nicht … eine Geliebte … dass er zu den Nutten gegangen ist …“
„Was ist mit dem Auto?“
„Konnte sie gar nichts dazu sagen … schwarze Limousinen würden dort ständig verkehren, schon möglich, dass ihr Mann einmal von einem Freund besucht worden ist, der so ein Auto besitzt …“
„Da kann ich ihr nicht unrecht geben … haben Sie die Tage, an denen sie am Semmering war?“
„Nein … hat sie noch nicht geschafft … und jetzt könnte es wohl etwas länger dauern …“
„Bergmann … dass Sie immer in jedes Fettnäpfchen treten müssen …“
„Das ist ja wohl die Höhe. Sie haben …“
„War doch nur ein Scherz … darf ich Ihnen vielleicht einen Kaffee machen, Herr Kollege?“
„Lieber wäre mir ein Tee.“
Kurz vor sechs kam Leitner vorbei und berichtete über die Ergebnisse seiner Befragungen. An Feindschaften hatte es Born auf keinen Fall gemangelt. Aber keine der Personen, deren Namen im Laufe der Gespräche gefallen waren und die er anschließend überprüft hatte, entsprach im Entferntesten jemandem, der zu so einem Verbrechen fähig war. Er legte Schäfer eine Liste auf den Schreibtisch, die dieser höflichkeitshalber überflog.
„Was ist mit dem Dings, dem Studenten?“
„Xaver Plank … der kommt morgen Vormittag … sieht das alles offensichtlich sehr entspannt.“
„Na gut … gibt’s von Strasser etwas Neues?“
„Ähm … mir hat er nichts erzählt …“
„Erste Ergebnisse morgen Mittag“, erklärte Bergmann, „bisher hat er nichts gefunden.“
Nachdem Leitner das Büro verlassen hatte, lehnte Schäfer sich zurück und schloss die Augen.
„Wenn wir ehrlich sind, dann haben wir noch gar nichts“, meinte er gähnend, „also nichts, was wir uns nicht zusammenreimen können.“
„Er ist ja auch erst vorgestern umgebracht worden …“
„Stimmt“, gab Schäfer verwundert zu, „kommt mir schon viel länger vor.“
Um sieben verließ er das Kommissariat, um sich mit dem Gerichtspsychiater zu treffen. Wie er es geahnt hatte, war er mit dem Treffen überfordert. Was der Mann aus der vollständigen Zerstörung des Gehirns alles ableiten konnte … der Sitz der Seele in Gehirn oder Herz, Bräuche der Kannibalen, Rituale der Maya, Experimente der Nazis … und wie half ihm das bitte bei der Tätersuche weiter? Schäfer war froh, als ein Kollege des Psychiaters das Lokal betrat und sich zu ihnen an den Tisch setzte. Er bestellte noch ein kleines Bier, um nicht unhöflich zu erscheinen, und ließ die beiden schließlich allein.
6.
Wenn Schäfer länger als zehn Minuten unter der Dusche zubrachte, ohne dass er davor in der Gerichtsmedizin gewesen war … dann, weil ihm die Gedanken durchgingen und er die Zeit vergaß. Weil sich etwas in seinem Kopf eingenistet hatte, das nun still vor sich hinbrütete, ohne dass er wusste, was oder wo genau. Wie diese seltsamen sich drehenden Kreise und Fraktale auf seinem Bildschirmschoner, so ging es da oben zu, zu schnell, um ihre Wege zu verfolgen, zu verwirrt, um daraus einen verwertbaren Zusammenhang herzustellen. Vor allem nicht nach dem, womit er sein Gehirn in den letzten Tagen gefüttert hatte. Auch angestrengtes Nachdenken hilft da wenig, sagte er zu seinem Spiegelbild, davon bekommt man einen hochroten Kopf und die Adern treten einem auf die Schläfen wie den schneidigen Rittern, die das Schwert Excalibur aus dem Fels zu ziehen trachten. Verbissen und selbstsüchtig gelangt man nicht an dieses hehre Ziel, einzig das Vertrauen in die weisen Fügungen der Geschwister Zufall und Schicksal kann einen auf den Thron des Wissens heben. Wohlan, tapferer und selbstloser Junker, nun ran an den Gral.
Als er aus dem Bad ins Wohnzimmer ging, sah er den Regen die Dachfenster herabrinnen. Nichts mit dem Fahrrad. Und obwohl sein Dienstwagen noch vor der Tür stand, beschloss er, die U-Bahn zu nehmen. Der Straßenverkehr und seine üblichen Teilnehmer, zurzeit nichts für sein Gemüt. Den Weg von der Haustür zur U-Bahn legte er im Laufschritt zurück; für einen Regenschirm fühlte er sich noch nicht alt genug.
„Essen Sie das noch?“, fragte er Bergmann, als er ins Büro kam und auf dem Schreibtisch seines Assistenten ein halbes Marzipancroissant liegen sah.
„Eigentlich schon … haben Sie nicht gefrühstückt?“
„Doch, aber offenbar zu wenig.“
„Nehmen Sie’s“, meinte Bergmann seufzend und sah sein Croissant in Sekundenschnelle in Schäfers Mund verschwinden.
„Köschtlich … wo gibt’s die?“, schmatzte Schäfer und ging zur Espressomaschine.
„In der Bäckerei bei der U-Bahn … wie war Ihr Treffen mit dem Psychiater?“
„Mit welchem … ach so … na ja … wenig ergiebig … die sind immer so theoretisch … bei Ihnen was Neues?“
„Ja … Frau Born hat uns ganz wider Erwarten ihren Kalender geschickt … also die Tage, an denen sie am Semmering war …“
„Und?“
„Nichts ‚und‘ … bis jetzt habe ich nichts, womit ich die Daten in Zusammenhang bringen könnte … weder über die schwarze Limousine noch über irgendwelche Besuche …“
„Wo sind die Bankauszüge?“
„Hat Strasser …“, meinte Bergmann, und als er Schäfer zum Telefon greifen sah: „Brauchen Sie gar nicht probieren. Der ist bei der OMV …“
„Was macht er da … Benzin schnüffeln?“
„Born war vor seiner Zeit im Nationalrat dort beschäftigt …“
„Wirklich? Ich habe die immer eher bei den Sozis gesehen …“
„Sind sie auch … deswegen war Born dann auch schnell weg vom Fenster …“
Das Telefon läutete. Plank war eben eingetroffen, der Mann, der in seiner Studentenzeit Borns Wagen mit Säure übergossen hatte; ob sie ihn in den Vernehmungsraum bringen sollten? Nein, ins Besprechungszimmer, bislang war er nur Auskunftgeber. Schäfer trank seinen Kaffee aus, nahm sich einen Notizblock und verließ das Büro.
Wenn der was damit zu tun hat, befördere ich Schreyer zum Leutnant, dachte Schäfer, als er Plank sah. Ein gutmütig wirkender Mann in seinem Alter, weiches Gesicht, lichtes blondes Haar, runde Hornbrille, zerknitterter Leinenanzug … völlig außerhalb des Täterprofils – selbst wenn sie noch kein aussagekräftiges erstellt hatten. Er redete eine knappe Stunde mit dem Mann und ließ ihn wieder gehen. Sein Anschlag auf Borns Auto war nichts als eine zornige, überschießende Reaktion auf dessen damalige Wahlkampagne gewesen. Schäfer erinnerte sich: Die Nationalisten hatten damals Hunderte Anzeigen gegen Unbekannt eingebracht, weil ihre Wahlplakate regelmäßig zerstört worden waren. Was Wunder – Schäfer selbst hatte einmal nach einem Bier zu viel den Faserstift gezückt und Born einen Hitlerbart aufgemalt. Ein Auto mit Säure zu übergießen war zwar etwas gröber – aber nach über zehn Jahren nichts, das eine weitere Ermittlung gegen Plank rechtfertigte. Als Schäfer ihn fragte, ob er sich an irgendeinen Mitstreiter erinnerte, der zu solch einer Tat fähig wäre, verneinte Plank, ohne überhaupt nachgedacht zu haben. Schäfer konnte es ihm nicht verübeln. Vom damaligen Innenminister angestachelt, waren einige Polizisten zu jener Zeit nicht gerade sanft mit den linken Studenten umgegangen. Und jetzt einen von ihnen zur Zusammenarbeit mit ebenjenen zu überreden … keine Chance.
Auf dem Weg zurück ins Büro traf Schäfer mit Strasser zusammen, der mit einem Stapel Unterlagen zu ihnen unterwegs war. Er hatte sich die Füße wund gelaufen und den Mund fusselig geredet, das sah Schäfer seinem stolzen Gesicht an. Erreicht hatte Strasser aber bestimmt so gut wie nichts – sonst hätte er bei erstbester Gelegenheit den Polizeipräsidenten angerufen und sich bei ihm wichtig gemacht; so weit kannte Schäfer den strebsamen Chefinspektor schon.
„Und … Fall gelöst?“, fragte er ihn und schnalzte mit der Zunge.
„Damit kann ich leider nicht aufwarten … aber ich habe eine Menge brauchbarer Informationen zusammengetragen.“
„Na dann …“, antwortete Schäfer und hielt Strasser die Tür zum Büro auf.
Eine halbe Stunde hörte Schäfer Strassers Vortrag zu, dann klinkte sich sein Gehirn aus und ging seine eigenen Wege. Dieses Faktenwühlen war nicht seine Art. Es blockierte wichtige Verbindungen … das war wie in den kommenden Wochen beim Urlaubsreiseverkehr: Alle standen stundenlang im selben Stau und dann fanden sie sich erst recht am selben Ziel wieder. Mainstream … er musste sich etwas anderes überlegen.
„Geben Sie mir die Kontoauszüge“, meinte er, als Strasser zwischen Borns Aufsichtsratsjob in einem halbstaatlichen Unternehmen und seiner Präsidentschaft in einem Schützenverein gerade eine Pause einlegte.
„Sicher“, erwiderte Strasser, legte eine prall gefüllte Klarsichtfolie auf den Schreibtisch und wartete, bis ihn Schäfer oder Bergmann zum Weiterreden aufforderte.
„Ich bin zwei Stunden weg“, erklärte Schäfer, nahm die Kontoauszüge sowie die Liste von Frau Born und stand auf. „Gute Arbeit, Strasser … Kollege Bergmann sagt Ihnen dann, wie es weitergeht.“
Ohne seinen Assistenten anzusehen, verließ Schäfer das Büro – er bemerkte dessen vorwurfsvollen Blick auch so. Doch was half es, wenn er hinter seinem Schreibtisch nur unruhig wurde und nichts weiterbrachte. Er brauchte Bewegung; außerdem hatte er Hunger.
Über den Ring spazierte er bis zum Volksgarten, wo er sich auf eine Kaffeehausterrasse setzte und einen griechischen Salat bestellte, der dort mediterran hieß. Fast hätte er eine Frau neben ihm um eine Zigarette gebeten. Mit nervösen Fingern blätterte er die Kontoauszüge durch … was machte er nur falsch, dass er sich trotz seines vergleichsweise hohen Ranges nicht annähernd solcher Zahlen erfreuen konnte … und das war nur ein Girokonto … da schienen Borns Anleihen, Aktien und Beteiligungen gar nicht auf. Vielleicht doch ein ganz banaler Geldmord? Irgendwelche Betrügereien, Hinterziehungen … bei solchen Summen war es doch mehr als wahrscheinlich, dass im Gegenzug irgendjemand sehr viel verloren hatte.
Die Kellnerin wartete, bis er den Tisch freigeräumt hatte, und stellte den Salat ab. Als Schäfer das Besteck aus der Papierserviette schälte, läutete sein Telefon.
„Schäfer … Ah, Leitner, wo treibst du dich herum? … Brav … Ja, was ich von dir brauche: Haben wir einen verlässlichen Informanten im Zuhältermilieu? … Den Kratky … Also eigentlich suche ich eher wen, der sich in besseren Kreisen bewegt … Hm … Was heißt, dass er sauer auf uns ist? … Na, sehr toll, wer hat das verbockt? … Na, was frage ich auch noch … Mugabe, der Arsch … Probieren kann ich’s ja … Wenn du Zeit hast, könntest du bei der Spurensicherung vorbeischauen, ob da was weitergeht … Und drei Nachbarn müssen noch befragt werden, da weiß Bergmann Bescheid … Klar … Gut, danke einstweilen.“
Mürrisch spießte Schäfer eine Tomate und ein Stück Schafkäse auf. Wie konnte jemand Polizeipräsident werden, der keine Gelegenheit ausließ, ihr Tagesgeschäft mit hirnrissigen Aktionen zu erschweren? Einen ihrer verlässlichsten Informanten per Gerichtsbeschluss zu einer öffentlichen Zeugenaussage zwingen zu wollen … schon einmal etwas vom Vertrauensgrundsatz gehört … kein Wunder, dass der Mann nicht mehr für sie arbeiten wollte.
Schäfer rückte den Teller an den Tischrand, legte die Kontoauszüge neben die Liste, die Borns Witwe ihnen geschickt hatte, und sah sie Zeile für Zeile durch. Da gab es etwas; er nahm sein Telefon und rief Bergmann an.
„Sagen Sie: Hat Frau Born sich darüber geäußert, ob ihre Landaufenthalte lange vorher geplant gewesen sind oder … Nach Lust und Laune … Nichts, ich schaue mir nur gerade seine Kontoauszüge an und bin vielleicht auf eine auffällige Parallele gestoßen … Sag ich Ihnen später … Bald.“
Sie hatte sich für ihre Ausflüge zum Semmering also meistens spontan entschieden. Das passte zwar nicht in das Bild, das Schäfer von der akkuraten und durchgestylten Frau hatte, doch warum sollte sie diesbezüglich die Unwahrheit sagen. Mindestens zweimal im Monat fuhr sie aufs Land; in mehr als der Hälfte der Fälle hatte Born am Tag vor ihrer Abreise eine Summe zwischen tausend und zweitausend Euro behoben. Und wenn man die bescheideneren Bankomatauszahlungen in den Tagen danach in Betracht zog, musste er das Geld schnell ausgegeben haben.
Schäfer rief die Kellnerin an seinen Tisch und verlangte die Rechnung. Drogen hatte Born keine genommen; das hätte Koller herausgefunden; Glücksspieler war er auch keiner; und für alle seriösen Unterfangen hätte er bei diesen Beträgen wohl mit Karte bezahlt. Also wofür sonst gibt ein alter Mann so viel Geld aus, wenn seine Frau nicht zu Hause ist? Cherchez la femme!
Als Schäfer am Ring stand, winkte er ein Taxi heran und ließ sich ins Stuwerviertel im zweiten Bezirk bringen. Viel Hoffnung auf eine brauchbare Auskunft machte er sich nicht; aber versuchen musste er es.
Er stieg in der Lassallestraße aus und rüttelte kurz darauf an der Tür eines Lokals, das sich als Herrenclub ausgab. Als niemand öffnete, schlug er ein paarmal mit der Faust dagegen.
„Gepudert wird erst ab sechs“, meinte eine unwirsche Männerstimme, zu der wegen dem getönten Sichtschlitz kein Gesicht gehörte.
Schäfer holte seinen Ausweis aus der Jacketttasche und hielt ihn dem Mann entgegen, worauf die Tür aufging.
„Schäfer, na gut“, seufzte ein korpulenter und ungesund gebräunter Mittfünziger, „die Jackie ist eh schon auf.“
„Bezahlen werde ich … pudern nicht“, sagte Schäfer und betrat das Lokal, in dem bis auf eine Stehlampe an der Bar kein Licht brannte. Dass einem dieser Gestank nach kaltem Rauch, verschütteten Spirituosen und einem Hauch von Erbrochenem, den solche Lokale tagsüber ausatmeten, in der Nacht nie auffiel.
„Trinken kannst woanders billiger, Inspektor.“
„Dass sie den alten Born ermordet haben, weißt du bestimmt, oder?“
„Kann sein … geht mich nichts an …“
„Es geht nicht um dich … ich will wissen, ob er sich regelmäßig beliefern hat lassen …“
„Ich mach keinen Escort … und da herinnen hab ich den nie gesehen … bei mir kommen nur Anständige herein …“
„Natürlich … also: Wer ist da zurzeit gut im Geschäft? Schwarze Schönheiten … darf was kosten …“
„Frag den Kapitän … aber sag nicht, dass ich dich geschickt habe … der beißt …“
„Hat der einen ganzen Namen?“
„Otto … hat das Femjoy beim Praterstern …“
„Und warum Kapitän?“
„Weil er nur ein Aug hat … und einen Papagei, verstehst?“
„Sicher … danke.“
Durch eine Seitengasse spazierte Schäfer zum Praterstern, blieb einmal kurz vor einem Zigarettenautomaten stehen und war nach einer Viertelstunde vor besagtem Etablissement. Nichts an dem noblen Neubau deutete auf ein Bordell hin. Ein dezentes Messingschild am Eingang, auf dem ebenso gut „Botschaft des Königreichs Schweden“ hätte stehen können. Schäfer läutete und hielt seinen Ausweis dem Kameraauge entgegen. Ein kurzes Summen, er drückte die Tür auf und ging zum Lift, der ihn in den obersten Stock brachte. Durch eine schwere Flügeltür gelangte er in einen riesigen Salon mit roten Samtmöbeln, Ölgemälden mit nackten Nymphen und reichlich barockem Zierrat … es sah aus wie im Warteraum eines in der freudianischen Ära hängen gebliebenen Luxuspsychiaters. Eine junge Frau in einem für ihr Arbeitsumfeld untypisch hochgeschlossenen Outfit begrüßte ihn höflich und fragte ihn nach seinen Wünschen.
„Ich muss zum Otto“, antwortete Schäfer und ärgerte sich, dass er nicht nach dem Nachnamen gefragt hatte.
„Ich werde sehen, ob der Herr Musil Zeit hat“, erwiderte sie und deutete ihm, Platz zu nehmen.
Schäfer setzte sich in einen der roten Fauteuils, blickte kurz sehnsüchtig in den goldenen, sandgefüllten Standaschenbecher neben sich und fragte sich, wo hier das Geschäft stattfand. Doch wenn das Femjoy das ganze obere Stockwerk einnahm, gab es wohl reichlich Platz für diskrete Begegnungen und wahrscheinlich auch noch ein paar weitere Ausgänge, die irgendwelche Türschilder mit Namen nicht existenter Anwaltskanzleien trugen. Vielleicht half das den verheirateten Freiern ja, ihre Lügen über spätabendliche Besprechungen selbst zu glauben.
Nach gut zehn Minuten kam die junge Frau wieder und bat ihn, ihr zu folgen. Durch eine ledergepolsterte Tür führte sie ihn in einen Raum, den Schäfer zu seiner Zufriedenheit als das Reich eines echten Zuhälters erkannte: dichte Rauchschwaden über dem riesigen geschmacklosen Schreibtisch, den zwei wachsame Dobermänner flankierten, an der Wand dahinter eine Fototapete eines Palmenstrands, auf dem zwei dauergewellte Blondinen im Sand lagen und ihre Brüste, die unnatürlich nach oben ragten, der Sonne hinhielten.
„Die beiden Burschen da können hoffentlich meine Glock erschnüffeln …“, sagte Schäfer zu dem Mann mit der Augenklappe, der in einem schwarzen Ledersessel hinter dem Schreibtisch thronte und sich mit einer Hand über seine Glatze strich, als würde er seinen Scheitel richten. Phantomschmerzen?
„Vielleicht … aber sie wissen auch, dass sie schneller sind … keine Sorge, Herr Inspektor … was zu trinken? Mineral, Kaffee, Cognac?“
„Einen Kaffee nehme ich gerne.“ Schäfer setzte sich vorsichtig in den Sessel vor Musils Schreibtisch.
Entgegen Schäfers Erwartung drückte sein Gastgeber auf keinen versteckten Knopf und befahl per Gegensprechanlage die Getränke; er stand auf, ging zu einer hölzernen Wandverkleidung, griff an die Seitenleiste und ließ so eine verspiegelte Hausbar erscheinen, zu der auch eine Kaffeemaschine gehörte.
„Sehr schick“, meinte Schäfer, ohne eine Antwort zu erhalten.
„Also, worum geht’s?“, wollte Musil wissen, nachdem er den Kaffee abgestellt hatte.
„Hermann Born …“
„Der ist tot.“
„Danke für die Aufklärung … darf ich jetzt den suchen, der ihn umgebracht hat?“
„Ich wüsste nicht, was ich damit zu tun haben soll …“
„War er Kunde bei Ihnen?“
„Herr Inspektor …“
„Major.“
„Na schön … Herr Major, Diskretion ist mein Kapital, wo käme ich da hin, wenn ich so einfach meine Kunden preisgäbe …“
„Jetzt ist es Nachmittag, ich bin allein hier“, wurde Schäfer plötzlich ungehalten. „Wie schaut es aus, wenn ich am späten Abend mit zehn lauten Kollegen in Uniform hier auftauche?“
Musil schaute Schäfer erstaunt an, schrieb dann etwas auf einen Notizzettel und reichte ihn über den Schreibtisch.
„Die Nummer meines Anwalts. Soll ich Sie noch zur Tür bringen oder …“
„Ich finde selbst hinaus“, antwortete Schäfer, erhob sich aus seinem Stuhl und überlegte, ob er Musil die Hand reichen sollte.
„Bis demnächst“, sagte er und verließ das Büro.
Im Aufzug verfluchte er sich selbst. Wie konnte er nur so dumm sein und den Mann so vor den Kopf stoßen? Diese dämliche Achtzigerjahre-Nummer vom noch gutmütigen Polizisten, der aber auch genauso gut mit einer Truppe wikingerhafter Elitebullen anrücken konnte. Musil war Profi, ein Geschäftsmann, gegen den er nichts in der Hand hatte … kein Verdacht, kein einziges Indiz … was war in ihn gefahren … er hätte einen Gefallen von ihm gebraucht … stattdessen sorgte er dafür, dass er ohne die Einwilligung des Staatsanwalts keinen Fuß mehr in Musils Etablissement setzen konnte. Was jetzt? Musste er eben Leitner darauf ansetzen. Es gibt allerdings auch noch einen anderen Weg, dachte Schäfer und hielt das nächste freie Taxi an.
Bergmann war nicht im Büro. Schäfer setzte sich an den Schreibtisch, fuhr den Computer hoch und starrte missmutig auf den Desktop, bis sich sein neuer Bildschirmschoner aktivierte: ein Korallenriff, in dem sich Anemonenfische, Skalare, Papageienfische und anderes Meeresgetier tummelten. Isabelle hatte ihm den Bildschirmschoner vor zwei Tagen per E-Mail geschickt und Schäfer genoss es, sich in dem virtuellen Aquarium zu verlieren. Diesmal konnte es ihn nicht beruhigen. Er war deprimiert, sauer auf sich selbst. So euphorisch ihn Arbeitserfolge und angenehme Erlebnisse zurzeit stimmten, so unverhältnismäßig war die Niedergeschlagenheit, mit der er auf unerwünschte Ereignisse reagierte. Wofür nahm er denn diese Medikamente? Der Vergleich mit der Badewanne fiel ihm ein. Hatte er sich zu wohl gefühlt und im Übermut das halbe Wasser über den Rand verspritzt? Vielleicht sollte er einfach den Zufluss verstärken. Er holte eine kleine Plastikdose aus der Hosentasche und entnahm ihr eine Tablette, die er in zwei Teile brach. Dreißig Milligramm statt zwanzig … was konnte das schon anrichten.
Nachdem er weitere zehn Minuten auf den Bildschirmschoner gestarrt und mit sich gehadert hatte, ob er zur Trafik gegenüber gehen sollte, nahm er das interne Telefonverzeichnis von Bergmanns Schreibtisch und suchte sich die Nummer eines Kollegen heraus, der im Dezernat zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität arbeitete. Ob sie sich um sechs Uhr kurz treffen könnten, er bräuchte unter Umständen einen Gefallen. Nachdem sie sich in einem Gastgarten nahe der Freyung verabredet hatten, rief Schäfer zuerst Kovacs und dann Schreyer an. Irgendwas Neues? Hatten sie versucht, das Handy zu orten, von dem Born angerufen worden war? Und Schreyer solle ihm bitte nochmals die Nummer schicken.
Kurz vor sechs verließ Schäfer das Büro, spazierte zur Freyung und setzte sich in den Gastgarten des vereinbarten Restaurants. Sein Kollege Martinek erschien mit zehn Minuten Verspätung und wie immer im Laufschritt. Wahrscheinlich eine Neurose, die er im ständigen Wettlauf gegen das organisierte Verbrechen entwickelt hat, dachte Schäfer und reichte ihm die Hand.
„Habt ihr in den nächsten Tagen irgendwelche Razzien laufen?“, fragte Schäfer nach einem kurzen, belanglosen Austausch über Wetter, Welt und Vorgesetzte.
„Was brauchst du?“
„Eine Telefonnummer“, antwortete Schäfer und holte einen Notizzettel aus seiner Jacketttasche, „der letzte Anruf, den Born erhalten hat, bevor sie ihm das Licht abgedreht haben … niemand von seinen Bekannten kennt die Nummer. Möglich, dass er sich mit Prostituierten beliefern hat lassen … und das ist zurzeit die einzige Spur …“
„Wie oft ist er von dieser Nummer angerufen worden?“ Martinek strich mit dem Zeigefinger über die Nummer, als könne sie allein dadurch ihr Geheimnis preisgeben.
„Einmal … das Handy ist erst vor vier Wochen angemeldet worden …“
„Hast du dich schon umgehört bei unseren Freunden?“
„Ja“, meinte Schäfer ausweichend, „nichts … seit Mugabes Aktion ist die Auskunftsbereitschaft begrenzt.“
„Ja, das haben wir auch schon gemerkt … Idiot … und jetzt willst du, dass ich bei jeder Razzia ein paar Handys einsammle und überprüfe, ob diese Nummer gespeichert ist … richtig?“
„Genau …“
„Am Wochenende steht was an … und zwei Aktionen kann ich vorziehen, wenn der Staatsanwalt sein Okay gibt … das wäre mir ohnehin ganz recht …“
„Damit würdest du uns einen großen Gefallen tun …“
„Jederzeit … aber versprechen kann ich nichts.“ Martinek winkte den Kellner heran. Sitzen war wirklich nicht seins.
Als Schäfer sich von der Rückenlehne wegdrückte, um aufzustehen, bemerkte er, dass sein Hemd am Rücken völlig nass war. So heiß war es in dem schattigen Innenhof doch gar nicht, wunderte er sich, verließ den Gastgarten und machte sich auf den Heimweg.
Später saß er am Balkon und telefonierte mit Isabelle. Er war wortkarg und kam über ein paar Phrasen den Tagesablauf betreffend nicht hinaus. Wie denn auch. Jeder Satz machte ihm schmerzhaft bewusst, dass es jetzt nicht Worte waren, die er mit ihr austauschen wollte. Wie lange würden sie das noch aushalten? Immer war er der Meinung gewesen, dass er zu viel Freiraum brauchte, als dass eine Beziehung funktionieren könnte. Und jetzt wünschte er sich keinen Zentimeter zwischen ihnen beiden. Er wünschte ihr eine gute Nacht und beendete das Gespräch. Wo war denn Wedekind? Jetzt, da Schäfer einmal nichts gegen die Gesellschaft seines wunderlichen Nachbarn gehabt hätte. Tu dir nicht selbst so leid, ermahnte er sich und ging in die Küche, um sich eine Dose Gulasch aufzuwärmen.
Als er wieder am Balkon saß und lustlos einen Fleischbrocken nach dem anderen in den Mund schob, trat sein Nachbar ins Freie. Mit einem stummen Nicken begrüßte er Schäfer und lächelte ihn verständnisvoll an. Der Mann spürt Schwingungen, sagte sich Schäfer, der sieht Auren und so Zeugs.
„Hallo … haben Sie Lust auf ein Glas Bier?“
„Ich trinke keinen Alkohol … aber wenn ich eine Tasse Tee mitbringen darf, setze ich mich gerne einen Augenblick zu Ihnen.“
„Sicher“, freute sich Schäfer und ging zur Wohnungstür, um seinen Nachbarn hereinzulassen. Er holte sich eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, ging mit Wedekind auf den Balkon und klappte einen zweiten Liegestuhl auf.
„Wie funktioniert das eigentlich, was Sie machen?“, wollte Schäfer wissen, nachdem sie ein paar Minuten schweigsam eine Ameisenstraße betrachtet hatten, die von einem winzigen Loch in der Mauer über das Balkongeländer führte und dann zwischen den Blumentöpfen verschwand.
„Zusammenhänge“, antwortete Wedekind, „ein System von Energieflüssen und sich wechselseitig beeinflussenden Zuständen, die den ganzen Körper und folglich auch den Geist betreffen.“
„Hm … und wie sehen Sie das?“
„Ich spüre es … das klingt für Sie jetzt vielleicht esoterisch, aber es ist nur eine Form der Sinneswahrnehmung, die den meisten in unserer Gesellschaft abhandengekommen ist … mit ein bisschen Sensibilität kann das jeder wieder lernen …“
„Kann man damit auch … so was wie … funktioniert das auch bei Gemütszuständen?“
„Sicher … aber Sie dürfen sich das nicht wie einen Schalter vorstellen, den ich drücke und dann passt wieder alles … das ist ein langsames, wiederholtes Einrichten, an dem Sie sich genauso beteiligen müssen …“
Na gut, dachte Schäfer, das habe ich doch in ähnlicher Weise schon von meinem Therapeuten gehört. Konnte ihm denn niemand einfach eine Nadel irgendwo in den Kopf stecken und alles war wieder gut?
Nachdem Wedekind gegangen war, blieb Schäfer noch bis lange nach Mitternacht am Balkon sitzen. Er ließ sich ihr Gespräch durch den Kopf gehen. Zusammenhänge … solche, die man verlernt hat, zu sehen … eine andere Perspektive … ein Spüren … so arbeitete er selbst doch normalerweise auch … und jetzt wühlte er sich durch Daten, lief von Befragung zu Befragung … verärgerte Zuhälter … suchte nach Telefonnummern … er musste sich auf die Tat konzentrieren, musste das entscheidende Moment sehen. Welche Beziehung hatte Born zu seinem Mörder gehabt? Was war in seinem Kopf, das dieser unbedingt vernichten musste? Er hätte ihn doch auch erschießen können … kurze Zeit später wäre Borns Gehirn ohnehin bis in die letzte Zelle abgestorben. Hier lag ein Schlüssel zur Lösung des Falls … in dieser Unlogik … hier musste er sich festhaken.
7.
Dieser Tag noch, dann würde er sich ein schönes Wochenende gönnen. Im Wienerwald Rad fahren, schwimmen in der Neuen Donau, lesen, vielleicht ins Kino gehen. Die Aussicht auf zwei Tage nur für sich hob Schäfers Stimmung, als er sich auf den Weg ins Kommissariat machte. Vielleicht lag es aber auch an der höheren Dosis seines Antidepressivums – egal, es ging ihm besser.
Da er vor dem Eingang noch einmal umkehrte, um sich in der Bäckerei ein Marzipancroissant zu kaufen, erschien er eine Viertelstunde zu spät zur Morgenbesprechung. Aber manchmal sind kleine Fehler auch gut fürs gemeinschaftliche Gleichgewicht, dachte er und schaute in die Runde, die ihn freundlich begrüßte.
Leitner hatte bei allen in Frage kommenden chemischen und pharmazeutischen Betrieben angefragt, ob irgendwo Flusssäure abhandengekommen sei. Negativ. Nur die üblichen Einbruchsversuche … Drogenabhängige, die sich die gestohlenen Medikamente meist noch vor Ort verabreichten und dementsprechend schnell gefasst werden konnten.
Kovacs hatte, nachdem die Ermittlungen im Fall des ermordeten LKW-Fahrers keine neuen Ergebnisse gebracht hatten, mit den Befragungen der Anrainer in Borns Wohngegend weitergemacht. Zwei Ehepaare hatten sich über dessen politische Ansichten mehr als abfällig geäußert. Sie verachteten jede Form von Intoleranz, Rassismus und natürlich auch Gewalt – was Kovacs als ein wenig formelhaft, aber doch glaubhaft erschienen war. Bisher also kein Hinweis auf Verdächtige in der Nachbarschaft.
Nachdem Strasser zwar jede Menge an Unterlagen gesichtet, jedoch keinerlei wertvolle Erkenntnisse gewonnen hatte, berichtete Schäfer über Borns Kontoauszüge und welche Schlüsse er daraus zog. Natürlich war es sehr spekulativ, Born nur aufgrund seines Zahlungsverkehrs zu verdächtigen, sich mit Prostituierten beliefern zu lassen; alle Ermittlungen in diese Richtung sollten sie also möglichst diskret durchführen. Die Gedanken, die er sich am Vorabend über Borns Gehirn gemacht hatte, behielt er noch für sich … in diesem selbst geschaffenen Nebel gab es noch keine Orientierung und keinen Anhaltspunkt; keinen Baum, anhand dessen Moosbewuchs er sagen konnte: Hier ist Norden, hier Süden, ihr marschiert in diese Richtung, ihr da lang. Und metaphysisches Gerede würde in der Gruppe nur zu Verwirrung und Ratlosigkeit führen. Das würde er danach mit Bergmann allein besprechen. Eine weitere halbe Stunde lang gab Schäfer die Vorgehensweise vor und teilte die Aufgabenbereiche ein. Es gab noch Dutzende Bekannte und ehemalige Politkollegen, die es zu befragen galt; Kovacs und Schreyer sollten sich daranmachen; Strasser seine Ermittlungen in Borns wirtschaftlichem Umfeld fortsetzen; Leitner im Rotlichtmilieu recherchieren.
Bergmann teilte ihnen mit, dass sich die Beamten vom Verfassungsschutz gemeldet hätten. Sie hatten Plank noch einmal eingehend vernommen, was Schäfer mit einem leisen Fluch kommentierte. Außerdem wünschten sie sich noch vor dem Wochenende eine Zusammenfassung der bisherigen Ergebnisse. Er würde sich darum kümmern und bat seine Kollegen, die Dateien im Intranet rechtzeitig zu aktualisieren.
Zurück im Büro, gelang es Schäfer nicht, sich auf den Fall Born zu konzentrieren. Dieser Berg an Informationen, bislang ohne etwas, das irgendwie ein Motiv erkennen ließ. So ähnlich hatte er sich gefühlt, als sein Bruder Jakob ihn vor Jahren wieder einmal überredet hatte, in einen Klettergarten in der Nähe von Salzburg mitzugehen. Schäfer war vor der übermächtigen Felswand gestanden, ohne Ahnung, wo er dort eine Hand oder einen Fuß hinsetzen konnte. Leck mich, hatte er trotzig gemeint, den Klettergurt abgelegt und war spazieren gegangen.
Sah er sich eben noch einmal die Akte des LKW-Fahrers an. Manfred Schöps, geboren am 11.10.1962 in Amstetten, wohnhaft in Wien seit 1992, ledig, keine Kinder. Wohl ein einsamer King of the road, mutmaßte Schäfer und ging zu den Tatortbildern über. Der LKW stand am äußeren Rand des Parkplatzes, daneben ein verdreckter Rasenstreifen und ein paar zerzauste Büsche, die sich vermutlich ein anderes Schicksal gewünscht hatten, als zwischen Fernfahrer-Parkplatz und Schnellstraße eingezwängt zu sein. Der Täter musste in der Schlafkoje hinter dem Fahrersitz gelauert haben. Schöps hatte den Zündschlüssel schon eingeführt, als ihn die Kugel ins Genick getroffen hatte. Keine Schmauchspuren; der Schuss war aus einem halben Meter Entfernung abgegeben worden; nicht aufgesetzt, wie es ein Profi getan hätte. Schäfer versuchte, sich den Tatablauf vorzustellen: Schöps hat in der Raststation zu Abend gegessen. Er steigt in sein Fahrzeug, das er laut Zeugenaussagen kaum einmal absperrte. Wenn die Kiste wer stehlen will, steht ihm das Schloss sicher nicht im Weg, hatte Schöps die Vorwürfe seiner Kollegen wiederholt entkräftet. Außerdem: Wo willst du einen 32-Tonner so schnell verstecken? Er steckt den Zündschlüssel ein, bumm. Zwischen Rückenlehne und Hinterwand der Schlafkoje war nur gut ein Meter Platz, sah Schäfer beim Betrachten der Innenaufnahmen des Fahrzeugs. Das heißt, dass der Schütze sich aufgerichtet, an die Rückwand gedrückt und anschließend geschossen hat. Warum? Warum setzt er den Lauf nicht auf? Schäfer lehnte sich zurück und schloss die Augen. Hier war niemand am Werk gewesen, der Schöps kaltblütig aus dem Weg geräumt hatte, weil der eine Gefahr darstellte; viel eher ein Amateur, der seinem Opfer nicht näher als nötig kommen wollte; der beim Schießen vielleicht sogar die Augen geschlossen und eher zufällig schon beim ersten Mal tödlich getroffen hatte. Warum sah Schäfer jetzt das Bild einer Frau vor sich? Er griff zum Telefon und rief Kovacs an, die zwei Minuten später an seinem Schreibtisch saß.
„Erstens: Überprüfen Sie noch einmal alle privaten Kontakte von Schöps, vor allem die weiblichen … bohren Sie nach, ob es irgendwo eine heimliche Liebschaft gegeben hat … und dann nehmen Sie sich alle anderen Fahrer der Firma vor, die mit einem gleich oder ähnlich aussehenden LKW unterwegs waren …“
„Gut … sagen Sie mir auch, warum?“
„Ja … beim nächsten Mal.“
„Irgendwann geht sie Ihnen an die Gurgel“, meinte Bergmann, nachdem Kovacs den Raum verlassen hatte.
„Wieso?“, fragte Schäfer überrascht.
„Na, weil Sie sie ins Feld ziehen lassen, ohne sie aufzuklären, wieso und wohin …“
„Ah … die jungen Hunde … die sollen zuerst schnüffeln und apportieren lernen und dann erst auf eine bestimmte Beute abgerichtet werden … aus Ihnen ist ja auch was geworden, oder?“
„Was woanders ohne Sie aus mir geworden wäre, kann ich ja schlecht überprüfen …“
„Fangen Sie ja nicht an, in Paralleluniversen zu denken, Bergmann … das macht nur wehmütig und verführt zum Alkoholmissbrauch … auf jetzt, wir gehen …“
„Wohin?“
„Raus ins Freie … wir haben was zu besprechen …“
„Haben Sie Angst, dass wir hier abgehört werden?“
„Reden Sie mir keine Paranoia ein … es ist Sommer, da lässt es sich draußen besser denken.“
Sie suchten sich eine abgelegene Bank im Rosenpark des Volksgartens. Schäfer öffnete die Flasche Apfelsaft, die er zuvor am Automaten gezogen hatte, und trank die Hälfte in einem Zug.
„Wir denken zu engstirnig.“
„Aha … und was sollen wir anders machen?“
„Die Beziehung zwischen Opfer und Täter in den Mittelpunkt stellen … nicht die üblichen Indizienketten, Verdachtsmomente, blablabla … da wird man ja meschugge … ich komme mir immer mehr vor wie ein menschliches Google …“
„Na ja, das ist unsere Arbeit … und so schlecht ist unsere Aufklärungsquote nicht …“
„Das meine ich ja gar nicht … wenn ein Mann seine Frau zerstückelt und versenkt oder jemand bei einem Raubüberfall erschossen wird, kommen wir um diese Methoden nicht herum, da haben Sie völlig recht … aber Sie müssen doch zugeben, dass dieser Fall eine andere Sprache spricht … da steckt System dahinter …“
„Bestimmt … aber jedes System entsteht aus Knotenpunkten, Beziehungen … und die untersuchen wir gerade … oder verstehe ich da was nicht?“
„Nein, da haben Sie schon recht … das läuft natürlich weiter wie gehabt“, gab Schäfer zu und schloss für einen Moment die Augen, um sich seine Gedanken vom Vorabend in Erinnerung zu rufen.
„Der Mord hat etwas … was soll das … ausufernder Hass? Aber dafür ist das Vorgehen zu besonnen … das ist ja fast medizinisch … ein Prozedere … “
„Wir haben es mit einem Geisteskranken zu tun …“
„Das ziemlich sicher … nur: Er kommt und geht ohne Spuren, nichts haben wir gefunden, kein Haar, keine Textilfasern …“
„Ein akribischer Plan … ein intelligenter Mensch …“
„Unbedingt … deshalb macht mich das auch so nervös. Wir sind diesem Plan weit hinterher … und was uns in so einem Fall erfahrungsgemäß neue Ansätze bringt …“
„Ist hoffentlich kein zweiter Mord …“
„Das haben Sie jetzt gesagt … aber Sie haben leider Gottes sehr oft recht, Bergmann … schreiben Sie sich das ruhig in Ihre Komplimentemappe … dieser Mensch hat entweder zumindest ein paar Wochen darauf verwendet, diesen Mord zu planen, oder er hat Born gekannt … er hat gewusst, wann der allein zu Hause ist, wann er von niemandem überrascht wird … das ist kein Amateur, der sagt: So, Kinder, Abendessen fällt aus, ich gehe heute mal einen alten Naziknacker mit Säure übergießen … seid brav und um zehn ist der Fernseher aus … “
„Sie meinen, dass wir es mit jemandem zu tun haben, der schon einmal getötet hat …“
„Ja … das ist zu professionell für einen Anfänger … Sie wissen, wie Serientäter anfangen … ist noch kein Meister vom Himmel gefallen … ’tschuldigung … aus der Hölle, müsste ich wohl sagen … da bleibt was zurück … die sind nervös … in ihrem Rausch gefangen … erst beim zweiten oder dritten Mal wird die Inszenierung dann sorgfältiger … ach, ich kenne mich auch nicht mehr aus …“
Sie gingen eine Runde um die Rosenbeete, wobei Schäfer sich die Namensschilder jeder Züchtung ansah. Am liebsten hätte er seine Laufschuhe bei sich gehabt und wäre bis in den Wienerwald gelaufen; dieses Kribbeln unter der Haut, dieses übermäßige Schwitzen … er musste sich irgendwie körperlich verausgaben.
„Gehen Sie ohne mich zurück … ich habe noch was zu erledigen.“
Er querte den Heldenplatz und ging über Kohlmarkt und Graben zu einem Textilgeschäft, wo er eine Badehose und ein Handtuch kaufte. Warum sollte er ein schlechtes Gewissen haben? Eine halbe Stunde in der Neuen Donau – das würde seinen Geist erfrischen, das käme der Arbeit nur zugute. Mit der U1 fuhr er zur Donauinsel, wo er die Uferpromenade entlangspazierte, bis er einen schattigen Platz unter ein paar Birken fand. Er breitete sein Handtuch aus, stellte sich hinter die Bäume und zog sich um. Was sollte er mit seiner Dienstwaffe tun? Die konnte er nicht einfach hier liegen lassen. Er sah sich um, wickelte die Pistole ins Handtuch und ging ein paar Schritte zu einem Gebüsch, wo er sie unter einem Haufen aus Reisig und Grasschnitt verbarg. Dann lief er zum Ufer, prüfte mit dem rechten Fuß die Wassertemperatur und sprang hinein. Mit kräftigen Zügen kraulte er an die andere Seite, wo er einen Moment verschnaufte und wieder retourschwamm. Ein paar Minuten blieb er auf seinem Handtuch sitzen, dann sprang er abermals ins Wasser. Er genoss es, seinen Körper zu spüren; wie ihm die Oberarmmuskeln zu schmerzen begannen, wie sich die Handflächen fast krampfartig verspannten, wie eine Maschine zog er durchs Wasser, kämpfen, Schäfer, kämpfen, er fühlte sich großartig.
Auf dem Rückweg blieb Schäfer bei einem Eissalon stehen. Da dort an die fünfzig Sorten verkauft wurden, brauchte es seine Zeit, bis Schäfer sich für eine Tüte mit drei Kugeln, Honig-Topfen-Marille, entschieden hatte. Dann bestellte er fünf weitere Sorten, die er in eine Styroporbox packen ließ. Über die Freyung spazierte er zum Kommissariat und blieb vor dem Eingang stehen, bis er das Eis fertig gegessen hatte.
Bergmann war damit beschäftigt, den Bericht für die Beamten des Verfassungsschutzes zu ordnen. Schäfer machte ihnen beiden einen Kaffee und stellte sich ein paar Minuten hinter seinen Assistenten, um ihn bei der Arbeit zu beobachten. Nicht dass er ihn kontrollierte; er bewunderte vielmehr seine Fähigkeit, in eine Unmenge an Daten eine Ordnung zu bringen, in der sich jeder von Anfang an zurechtfand. Und siehe, es war gut. Ach, Bergmann, was täte ich ohne Sie!
„Haben Sie schon einmal Honigeis gegessen?“
„Nein … klingt aber gut … muss man wahrscheinlich mit einer fruchtigen Sorte mischen, die dem Honig die schwere Süße nimmt …“
Schäfer rieb sich am Nasenflügel und fragte sich, ob das wirklich Bergmann war, der das gesagt hatte.
„Können Sie ja gleich versuchen … ich habe ein Kilo in der Styroporbox hier … Honig, Topfen, Marille, Schokolade und Oberskirsch … ich hole ein paar Schüsseln und Löffel und Sie rufen inzwischen die Meute zusammen.“
Strasser und Leitner waren unterwegs; also saßen sie zu viert im Besprechungszimmer und löffelten das Eis weg, bevor es völlig zerschmolz. Schäfer aß die beiden Portionen, die den zwei abwesenden Kollegen zugedacht waren.
„Honig“, meinte er später, als er mehr als satt in seinem Sessel hing, „woran denken Sie dabei?“
„Wenn ich jetzt Bienen sage, ist das zu banal?“
„Nein … was noch …?“
„Blumen, Nektar, Pollen, Stachel, Imker, Honigbrot … warum eigentlich?“
„Als ich auf dem Weg hierher mein Eis gegessen habe …“
„Sie haben vorher schon eins gegessen?“
„Na ja … ein kleines, eine Tüte … auf jeden Fall schlecke ich an diesem Honigeis und denke so über Honig nach – so wie Sie eben – und plötzlich macht es … also es pocht irgendwie in meinem Kopf, ganz leise, als ob jemand vorsichtig an eine Tür klopfte …“
„Sind Sie zum Arzt gegangen?“
„Wieso zum Arzt, nein, das war eher metaphorisch gemeint … irgendwo im unterbewussten Raum bildet sich ein Gedanke und möchte in das Zimmer, wo ich ihn wahrnehme … aber ich weiß nicht, wie ich ihm die Tür öffnen soll … verstehen Sie: tock, tock …“
„Und es hat etwas mit Honig zu tun?“
„Ja … oder mit Bienen, Blüten, Wiesen …“
„Vielleicht sollten Sie noch eins essen …“
„Noch ein Honigeis? Mir ist jetzt schon ziemlich schlecht.“
Sie verließen das Kommissariat gemeinsam kurz nach sechs, Bergmann ging in die Tiefgarage, Schäfer zur U-Bahn. Er überlegte sich, die Einkäufe fürs Wochenende gleich zu erledigen. Doch als er am Supermarkt vorbeikam und durch die Glasfassade die Schlangen an den Kassen sah, verschob er es auf den nächsten Tag.
Zwei Stunden später saß Schäfer auf dem Balkon seines Nachbarn und ließ sich den Nacken massieren. Was für eine Wohltat – auch der leichte Schmerz, den Wedekinds Daumen verursachten, wenn sie sich langsam, aber kraftvoll in die verhärtete Muskulatur drückten. Bienen, Wiese, Feld summte Schäfer in sich hinein, als sich die Tür in seinem Kopf mit einem Mal auftat – dahinter war allerdings nur eine kleine dunkle Abstellkammer ohne weiterführende Tür, an der Wand ein Pappschild, auf dem der Name Bienenfeld stand. Und Schäfer wusste, wo er diesen Namen aufgeschnappt hatte: der Doktor, dessen Beerdigung sein Bruder in der Vorwoche besucht hatte. Erstaunlich: Seine Geschmacksknospen gaben ein Signal für Honig an sein Gehirn, das sich mit einem anderen Bereich kurzschließt und den Namen Bienenfeld aufblinken lässt. Waren es die Medikamente, die seine Zahnräder da oben zu hochtourig laufen ließen, worauf die sich überfordert verschoben? Würde er jetzt irgendwann eine Erektion bekommen, wenn er eine Amsel pfeifen hörte? Vielleicht hatte sich ja auch im Gehirn des Mörders etwas grundlegend verschoben. Abgesehen von der Tat an sich. Aber das gehörte für Schäfer ja schon zur Normalität.
8.
Um acht stand er auf, zog sich an und ging in den Supermarkt. Als er die zwei vollen Papiertaschen mit den Einkäufen vor der Wohnungstür abstellte, um seinen Schlüssel aus der Hosentasche zu holen, war sein T-Shirt durchgeschwitzt. Es muss an die sechzig Grad haben, dachte er, betrat die Wohnung und duschte kalt, bevor er sich das Frühstück richtete. Am Balkon versteckte er sich hinter dem Sonnenschirm, aß ein Joghurt mit frischem Obst und rief dann Isabelle an, obwohl er wusste, dass sie am Wochenende kaum einmal vor zehn aufstand.
Wie erwartet, klang sie verschlafen, ja, er habe sie geweckt, und Schäfer konnte sich nicht gegen ein leichtes Misstrauen wehren, das sich in ihm ausbreitete. Mit wem sie wohl den Abend zuvor verbracht hatte; ohne Grund wurde er eifersüchtig, und obgleich er sich bemühte, nichts davon auf seine Stimme abfärben zu lassen, fragte sie ihn, ob etwas nicht in Ordnung sei. Ach, schlecht geschlafen habe er, irgendwas habe sich in seinen Kopf gesetzt, ein Neurologe, der vorige Woche in Salzburg verstorben sei; sie lachte hell auf, ein Neurologe hatte sich also in seinem Gehirn festgesetzt; na, das wäre doch nicht schlecht, den Reparaturservice immer dabeizuhaben, das wünsche sie sich für ihr Auto, den alten Corsa, der alle zwei Wochen einmal in die Werkstatt musste; warum sie ihn behielt, konnte sie nicht erklären; am Geld konnte es nicht liegen, als Staatsanwältin am Internationalen Gerichtshof würde sie doch mehr als genug verdienen, meinte er, und wiederum fragte sie ihn, was sie ihm denn getan habe, das so einen spitzen Ton rechtfertige.
Nachdem er aufgelegt hatte, fühlte er sich versucht, gleich noch einmal anzurufen; er wollte ihr erklären, warum er sich so verhielt, was ihn so missmutig stimmte. Dass es genau das Gegenteil von zu wenig Liebe war. Stattdessen beeilte er sich, mit dem Frühstück fertig zu werden, um beim Fahrradfahren nicht in die Mittagshitze zu kommen.
Er packte seinen Rucksack mit einem T-Shirt, seinen Badesachen, zwei Müsliriegeln und einer Flasche Apfelsaft, den er zuvor zur Hälfte mit Wasser verdünnte. Als er schon im Stiegenhaus war, kehrte er noch einmal um, weil er seine Sonnenbrille vergessen hatte. Dann holte er sein Fahrrad aus dem Keller und machte sich auf den Weg. Er fuhr über den Exelberg nach Scheiblingstein, wo er sich in der Nähe eines Parkplatzes auf eine Bank setzte und die Trinkflasche aus dem Rucksack holte. Ganz in der Nähe war im Jahr zuvor ein junger Mann mit seinem Wagen von der Straße gedrängt worden und tödlich verunglückt. Kurz davor war seine Frau in ihrer Badewanne tot aufgefunden worden – und Schäfer, der nicht an einen Unfall glauben wollte, war überzeugt gewesen, dass sich auch der Mann in Gefahr befand, getötet zu werden. Er hatte es nicht geschafft, ihn zu retten; die Umstände waren gegen ihn gewesen. Gedankenverloren schaute Schäfer in den Wald und fragte sich, ob es nicht an der Zeit wäre, in eine andere Stadt zu ziehen. Denn langsam gingen ihm hier die Orte aus, an die er sich begeben konnte, ohne an Verbrechen und Tote denken zu müssen.
Von Scheiblingstein fuhr er auf einer Forststraße nach Weidling und weiter über den Kahlenberg, wo er abermals eine kurze Pause einlegte. Von der Anhöhe, auf der er in der Wiese lag, konnte er die Donau sehen. Eine halbe Stunde Fahrt, dann würde er sich in ihrem Wasser abkühlen.
Um halb vier war er wieder zu Hause; so erschöpft, dass er sich auf die Couch legte und einschlief, ohne zuvor geduscht zu haben. Geweckt wurde er von der Abendsonne, die es nur von Mai bis Juli schaffte, ihre Strahlen durch das Dachfenster auf seine Couch zu werfen. Schlaftrunken stand er auf, ging planlos in der Wohnung umher und entschloss sich nach ein paar Minuten, ein T-Bone-Steak zu braten. Er hatte zwei gekauft, da im Kühlregal kein einzelnes zu finden gewesen war. Vielleicht wollten die Supermärkte ja die traute Zweisamkeit forcieren; kapitalistische Kuppler, murmelte Schäfer, ging auf den Gang hinaus und klopfte an Wedekinds Tür, um ihn zum Essen einzuladen.
Es wurde ein angenehmer Abend; Schäfers Nachbar erwies sich als Mensch, der auf alles eine Antwort zu haben schien. Doch nicht auf besserwisserische oder überhebliche Art. Er dachte viel nach, hatte sich ein riesiges Wissen angelesen, das er jedoch nicht verwendete, um bei einer Quizshow reich zu werden, sondern um sich das Leben und die Welt zu erklären, was Schäfer sehr gut verstehen konnte.
Als er am nächsten Morgen aufstand und den blauen Himmel sah, wünschte er sich sehnlich Regen. Er war erschöpft, seine Beine schwer, sein Gehirn wie in einer zähen Masse gefangen. Drei oder vier Bier, mehr waren es doch nicht gewesen, überlegte er; aber es war spät geworden, fast bis drei Uhr waren sie am Balkon gesessen; und jetzt war es nicht einmal neun.
Er zog die Jalousien vor die Dachfenster, schloss den Vorhang an der Balkontür und verdunkelte die Wohnung damit, so gut es ging. Dann ging er in die Küche und richtete sich ein einfaches Frühstück. Den Plan, sein Trainingsprogramm vom Vortag zu wiederholen, verwarf er bald. Er setzte sich auf die Couch und schlug das Fernsehprogramm auf. In einem deutschen Sender gab es einen Themenschwerpunkt zu Katharine Hepburn: „Rate mal, wer zum Essen kommt“, „Leoparden küsst man nicht“, „African Queen“, „Der Regenmacher“ – Schäfer konnte sich nichts Besseres für einen eingebildeten Schlechtwettersonntag vorstellen.
Da er ohnehin jeden Film zumindest einmal gesehen hatte, wehrte er sich nicht gegen den Schlaf, der ihn immer wieder übermannte. So hatte er auch keine Ahnung, wie spät es war, als das Telefon läutete, während Humphrey Bogart mit Blutegeln überzogen zu Katharine Hepburn ins Boot stieg.
„Bergmann“, gähnte er in sein Handy, „Entschuldigung, dass ich mich gestern nicht mehr gemeldet habe, ich war zu fertig … Und? Was geht uns das an … Einbruch und Diebstahl ist nicht … Flusssäure … Verdammt, warum sind diese Ärsche immer am Wochenende am aktivsten … Na gut, ich mach mich auf den Weg … Wie ist die Adresse?“
Schäfer erhob sich schwerfällig und wankte ins Bad. Eine kalte Dusche war im Moment gar nicht nach seiner Vorstellung, doch er wusste nicht, wie er sich sonst in die Realität zurückbringen sollte. Im dreizehnten Bezirk hatte ein Mann beim Nachhausekommen einen Einbrecher überrascht und auf ihn geschossen. Zwar hatte er ihn verfehlt, doch angesichts der Schusswaffe hatte es der Eindringling vorgezogen, die Flucht zu ergreifen. Eigentlich nichts, mit dem sich Schäfer und seine Gruppe zu befassen hatten. Hätte nicht die Spurensicherung am Tatort Spuren von Flusssäure gefunden – die musste der Einbrecher verschüttet haben, als er aus der Wohnung gestürzt war.
Missmutig verließ Schäfer das Haus und setzte sich in seinen Wagen, nachdem er drei Strafzettel wegen Falschparkens von der Windschutzscheibe entfernt hatte. Die sollte gefälligst das Dezernat übernehmen; er hasste dieses Auto und die Herumfahrerei sowieso. Eine Viertelstunde später parkte er im dreizehnten Bezirk vor der Villa des Überfallenen. Schon wieder so eine Protzbude, dachte Schäfer, stieg aus und ging zur Eingangstür, die ein Uniformierter bewachte. Im Haus waren neben dem Eigentümer, Bergmann und der Spurensicherung noch zwei weitere Beamte in Zivil. Der Säuregeruch, der Schäfer in Borns Haus zum Erbrechen gebracht hatte, war hier nur sehr schwach – die Forensiker trugen im Wohnzimmer zwar Schutzmasken, wirkliche Gefahr bestand laut ihren Aussagen jedoch keine. Schäfer stand unschlüssig im Vorraum, nahm dann Bergmann am Arm und führte ihn in die Küche.
„Was sollen wir hier?“
„Habe ich Ihnen doch schon gesagt … der Einbrecher hat Flusssäure bei sich gehabt …“
„Und deswegen muss es derselbe sein, der Born auf dem Gewissen hat …“
„Na ja, ist nicht gänzlich auszuschließen …“
„Gut“, meinte Schäfer und atmete tief durch, „wer ist der sympathische Yuppie mit der Schleckfrisur und dem scheußlichen Maßhemd?“
„Yuppie … das Wort habe ich schon lange nicht mehr gehört“, erwiderte Bergmann und setzte sich auf einen Barhocker. „Erwin Schröck, dreiunddreißig, Investmentbanker, unverheiratet, lebt allein hier.“
„Die Hütte kostet mindestens eine Million … Erbe oder Gauner?“
„Es gibt auch Leute, die legal viel Geld verdienen“, meinte Bergmann leicht genervt, „Schröck hat offensichtlich einen guten Riecher für Börsengeschäfte …“
„Kennt er Born?“
„Nur aus den Medien …“
Auf Schäfers Ersuchen holte Bergmann Schröck in die Küche, wo sie ihm die Standardfragen stellten: Feinde, Neider, betrogene Ehemänner, enttäuschte Geliebte, war ihm an dem Eindringling trotz der schwarzen Wollmaske irgendetwas bekannt vorgekommen … Schäfer hörte nur mit einem Ohr zu; der Mann war ihm unsympathisch, zudem gab er ihm die Schuld, seinen behaglichen Sonntag zerstört zu haben.
Wenn es sich einrichten ließe, solle Schröck am nächsten Tag am Kommissariat erscheinen, wo sie die Befragung fortsetzen wollten. Sie würden einen Beamten abstellen, der die Nacht hier verbrächte, und zusätzlich einen Streifenwagen vor der Tür parken. Schröck, der die Parallele zwischen dem Einbruch bei ihm und Borns Ermordung nicht herzustellen vermochte, wunderte sich über diese aufwendigen Maßnahmen. Wir wissen schon, was wir tun, versicherte Schäfer ihm und verabschiedete sich. Nachdem er eine halbe Stunde in der Nähe seines Wohnhauses herumgefahren war, ohne einen Parkplatz zu finden, stellte er den Wagen abermals im Halteverbot ab. Ausgleichende Gerechtigkeit, sagte er sich auf dem Weg zur Haustür und wünschte seinem Nachbarn aus dem Parterre, der wie immer um diese Zeit seinen Hund ausführte, einen schönen Abend.
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