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Heinrich Mann

Im Schlaraffenland

Ein Roman unter feinen Leuten

Inhaltsverzeichnis

I. Der Gumplacher Schulmeister

II. Das »Cafe Hurra«

III . Die deutsche Geisteskultur

IV. Türkheimers

V. Ein demokratischer Adel

VI. Die Mittel, mit denen man was wird

VII. Eine Marotte

VIII. »Rache!«

IX. Politik und Volkswirtschaft im Schlaraffenland

X. Das Vergnügen, die Menschen zu durchschauen

XI. Die kleine Matzke

XII. Die leben, die genießen!

XIII. Die hohe Korruption

XIV. Familienrat

XV. Liebling

XVI. Das Bedürfnis nach Reinheit

Impressum

I.
Der Gumplacher Schulmeister

Im Winter 1893 arbeitete Andreas. Er war fleißig wie ein armer Student, der nicht in alle Ewigkeit auf den Wechsel von zu Hause rechnen kann. Als es aber Frühling ward, ging eine Veränderung mit ihm vor. Während der Osterferien, die er aus Mangel an Reisegeld in Berlin verbrachte, mußte er immerfort an die Freunde denken und an die Fahrten, den Rhein zu Berge. Ein ausgiebiger Vorrat von des Vaters prickelndem Federweißen befand sich im Boot.

Das Heimweh veranlaßte den jungen Mann zum Nachdenken. Er überlegte sich die große Zahl der Geschwister und die schlechte Ernte des vorigen Jahres. Nun, mit dem Weinberg, der nur noch alle sieben Jahre einmal ordentlich trug, würde er nichts mehr zu tun haben. Sein zukünftiges Erbteil ging bei seinem Studium im voraus drauf. Merkwürdigerweise schloß Andreas hieraus nicht, daß er um so schneller auf das Examen loszuarbeiten habe, sondern daß seine Anstrengungen gar zu wenig lohnend seien. Als mittelloser Schulamtskandidat war alles, was er tun konnte: nach Gumplach zurückkehren und auf eine Anstellung am Progymnasium warten. War das eine Zukunft für ihn, Andreas Zumsee, dessen Talent, nach Ansicht aller, zu großen Hoffnungen berechtigt hatte? Mit achtzehn Jahren hatte er Gedichte gemacht, mit denen seine Freunde und sogar er selbst vollkommen zufrieden gewesen waren. Seitdem hatte der »Gumplacher Anzeiger« eine Novelle von ihm gebracht, die ihm die Gunst des Mäzens von Gumplach eingetragen hatte. Es war der alte Herr, den es in jeder kleinen Stadt gibt, und der bei seinen Mitbürgern als harmloser Sonderling gilt, weil er sich mit Literatur befaßt.

Am Ostersonntag besuchte Andreas das Königliche Schauspielhaus, um den ersten Teil des Faust zu sehen. Auf der Galerie zog er sich hinter einen Pfeiler zurück. Er hatte keinen Bekannten in Berlin, schämte sich aber seines billigen Platzes. Seine Eitelkeit legte ihm Opfer auf. Im Zwischenakt stieg er, nicht weil es ihm Freude machte, sondern weil die Selbstachtung es ihm gebot, ins Parkett hinab und drängte sich auf dem Korridor in der guten Gesellschaft umher.

Einmal staute sich der Zug der Wandelnden, weil viele gaffend und horchend zwei bedeutend aussehende Herren umdrängten. Den größeren von ihnen erkannte Andreas sofort wieder; es war der Professor Schwenke, ein Akademiker, der sich eine Ausnahmestellung verschafft hatte dadurch, daß er alles Moderne protegierte. Er trug eine Künstlerlocke auf der Stirn, hielt die Hände in den Taschen seines hellen Jacketts und hatte so große Furcht, pedantisch zu erscheinen, daß er beim Sprechen den Oberkörper stets in einem burschikosen Schwunge erhielt. Sein Gegenüber war einen Kopf kleiner, bartlos, und sein borstiges schwarzes Haar hing über einem Halskragen von zweifelhafter Weiße. Er hatte eine Adlernase und gelblederne Gesichtshaut, und sein zu weiter Gehrock reichte bis unter die Knie hinab. Andreas war sehr begierig zu wissen, wer diese Persönlichkeit sei, die äußerlich zwischen Clergyman und Konzertvirtuosen ungefähr die Mitte hielt. Ein Herr, der von fern dem Kleinen winkte, rief:

»Herr Doktor Abell!«

»Sollte das Abell sein?« dachte Andreas, »der Kritiker des ›Nachtkurier‹?«

Er konnte es kaum fassen, daß man die großen Männer, die im Reich der Begriffe lebten, hier in der Wirklichkeit wiederfand. Sein Herz schlug höher, und er schaute sich argwöhnisch um, ob man ihm etwas anmerke. Denn er wollte um keinen Preis naiv aussehen.

Von seinem Galerieplatz suchte er die beiden Herren wieder auf; sie saßen dicht hinter dem Orchester. Andreas schielte mehrmals hastig nach seinem Nachbarn, einem blonden jungen Manne in bescheidenem schwarzem Röckchen. Endlich hielt er es nicht mehr aus:

»Entschuldigen Sie«, sagte er, »ich bin kurzsichtig. Ich meine dort vorn den Doktor Abell zu erkennen?«

Er bemühte sich, ganz dialektfrei zu sprechen. Der junge Mann erwiderte höflich:

»Gewiß. Das ist Doktor Abell. Er sitzt neben Doktor Wacheles vom ›Kabel‹. Zwei Reihen hinter den Herren sehen Sie auch Doktor Bär von der ›Abendzeitung‹ und Doktor Thunichgut von der ›Kleinen Börse‹.«

Neben ihnen machte man »Pst!«, und der Vorhang ging auf. Andreas sah nichts anderes mehr als die Rücken der Kritiker. Sie nahmen Plätze ein, denen auch er sich gewachsen fühlte. Mit sanguinischer Phantasie malte er sich schon seinen Eintritt in den Saal aus. Er schritt gelassen, im Gefühl seiner Unentbehrlichkeit, auf den ihm reservierten Sessel zu. Er lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und lauschte nachlässig mit mildem Lächeln den Künstlern, die mehr für ihn als für tausend andere sprachen. Einige Zeilen in der Redaktion, wohin er nach der Vorstellung fuhr, flüchtig auf das Papier geworfen, sicherten ihm Macht, Einfluß, ein gutes Einkommen und eine angesehene gesellschaftliche Stellung in Berlin. Der Gumplacher Schulmeister durfte diese Zukunft nicht durchkreuzen. Das berufene Talent brach sich Bahn.

Um sich selbst in seinen Hoffnungen zu bestärken, hätte er sie gern laut ausgesprochen. Er sah mehrmals schnell um sich und schnappte vor Erregung nach Luft. Sein Nachbar, der ihn durch einen schwarzumrandeten Kneifer still anblinzelte, sagte verbindlich:

»Wir sind wohl Kollegen?«

Andreas stutzte und besann sich.

»Sie sind auch Schriftsteller?« fragte er.

Der andere verbeugte sich.

»Friedrich Köpf, Schriftsteller.«

Er sprach mit gespitzten Lippen, als sei es ihm eher peinlich, dies einzugestehen. Andreas wurde im Gegenteil rot vor Vergnügen, während er sich vorstellte. Es war das erstemal, daß er sich als Literat bezeichnete. Er meinte seine Laufbahn hiermit in aller Form zu beginnen.

»Ich mache allerdings gerade die ersten Schritte in meinem Beruf«, setzte er hinzu.

»Oh, das berufene Talent bricht sich Bahn«, versicherte der junge Mann.

Andreas richtete sich auf und sah ihn drohend an; aber er überzeugte sich, daß der andere ganz harmlos lächelte. Er versetzte darauf:

»Ich bin bisher bloß Mitarbeiter eines Provinzblattes gewesen.«

»Ah, Sie sind bereits journalistisch tätig?«

»Ich habe am Feuilleton mitgearbeitet.«

Andreas vermied es, das unberühmte Blättchen zu nennen, das seine junge Kraft gewonnen hatte, und sein neuer Bekannter war diskret genug, nicht danach zu fragen. Er sagte überhaupt nichts mehr, sondern hörte voll Teilnahme zu, wie Andreas die Gedichte zusammenrechnete, die der »Gumplacher Anzeiger« gebracht hatte, und von dem ermutigenden Erfolge seiner Novelle erzählte.

Das Gespräch ward unterbrochen. Nach Schluß des Aktes begann Andreas wieder:

»Aber in Berlin bin ich bisher ganz fremd.«

»Wirklich?« sagte Köpf zweifelnd.

»Ich würde mich ja gern hier journalistisch betätigen, aber es ist so schwer, Anschluß zu finden.«

»Oh, was das anbelangt, man wird überall mit offenen Armen aufgenommen.«

»Wirklich?« fragte Andreas seinerseits.

Merkwürdig, er wußte niemals, was er aus den Worten des Kollegen machen sollte, obwohl alles, was dieser sagte, ungemein gutmütig klang. Köpf schien das Mißtrauen des jungen Mannes zu bemerken und es beseitigen zu wollen. Er versetzte:

»Ich kann Sie zum Beispiel in das ›Café Hurra‹ einführen, wenn Ihnen daran liegt.«

»›Café Hurra‹?« fragte Andreas.

»Eigentlich Café Kühlemann, Potsdamer Straße. Sie treffen dort verschiedene Mitarbeiter angesehener Zeitungen.«

»Ah!« rief Andreas dankbar und voll Hoffnung. »Das wäre ja außerordentlich freundlich von Ihnen.«

»Also kommen Sie nächsten Donnerstag. Dann finden Sie mich wahrscheinlich dort.«

Köpf empfahl sich gleich nach beendeter Vorstellung. Andreas suchte, höchst zufrieden und den Schlagring kampfesmutig in der Faust, seine Wohnung in der Linienstraße auf. Der Gumplacher Schulmeister lag weit hinter ihm, es begann ein neues Leben.

II.
Das »Cafe Hurra«

»Herr ...?« fragte Köpf zögernd.

»Andreas Zumsee.«

Köpf stellte der Tafelrunde im »Cafe Hurra« den neuen Kollegen vor. Dieser ward mit Wärme aufgenommen. Der angesehenste der Herren ließ ihn an seiner Seite sitzen und zog ihn in die Unterhaltung. Als er den jungen Mann nach Studien und Absichten befragt hatte, sagte Doktor Libbenow mit einem vielleicht bescheidenen, vielleicht auch stolzen Seufzer:

»Ach ja, ich habe eigentlich seit zehn Jahren kein Buch gelesen.«

Man schien dies als eine beachtenswerte Leistung anzusehen, und auch Andreas empfand, er wußte nicht warum, Bewunderung für Doktor Libbenow.

Es war die Rede von den mißlichen finanziellen Verhältnissen des Schauspielerpaares Beckenberger. Der Mann war in der Gunst des Publikums rapide gesunken, von seinem Direktor bekam er nur noch ein Taschengeld, und er verschwendete dasjenige, was sich die Frau in arbeitsamen Nächten, gleichfalls ohne Zutun des Bühnenleiters, verdiente. Vor sechs Jahren hatten sie jeder zehntausend Mark gehabt.

»I wo«, sagte Doktor Pohlatz.

»Sie glauben das doch nicht?« fragte er Andreas.

Dieser lächelte verbindlich.

Pohlatz erläuterte:

»Die Weiber bekommen nämlich überhaupt nie was, darauf gebe ich Ihnen mein kleines Ehrenwort.«

»Warum denn nicht?« riefen die anderen.

»Lizzi Laffé hat noch heute ihre zehntausend, und sie geht auf fünfzig.«

»Reden Sie doch keine Makulatur!« versetzte Pohlatz schroff. »Was Lizzi hat, hat sie von Türkheimer.«

Die Namen, die Andreas hörte, prägten sich ihm ein, alles, was gesprochen wurde, schien ihm bedeutend, am bedeutendsten aber Doktor Pohlatz. Er wußte alles, er widersprach allen, er kannte die Einnahmen jedes Schauspielers besser als dieser selbst. Aber als er endlich fortging, ward es noch gemütlicher. Andreas erlaubte sich die Frage:

»Welcher Zeitung gehört Herr Doktor Pohlatz an?«

»Doktor?« sagte jemand, »der Kerl ist ja zum Sterben zu dämlich.«

»Einen Kognak und das Adreßbuch!« rief Doktor Libbenow.

»Das ist untrüglich«, sagte er, indem er den Finger auf Pohlatz' Namen legte. »Hier sind dem Doktor seine Grenzen gesetzt.«

»Wer ist denn überhaupt noch Doktor?« bemerkte ein dicker, schäbig aussehender Herr mit wolligem schwarzem Vollbart. »Wenn man nur sonst gesund ist«, fügte er hinzu.

»Doktor Buhl? Doktor Rebbiner?«

Ein Doktor nach dem anderen ward im Adreßbuch aufgeschlagen, und keiner vertrug die Stichprobe. Nur Doktor Libbenow verschonte man aus Höflichkeit.

Daß auch Doktor Wacheles vom »Kabel« und der große Abell ihren Titel nur der Gefälligkeit der Kollegen verdankten, machte auf Andreas immerhin Eindruck, aber gewissermaßen brachte der Umstand sie ihm menschlich näher, indem er ihn mit ihrer Größe aussöhnte.

Köpf war bereits verschwunden, als die anderen aufbrachen. Doktor Libbenow sagte zu Andreas, der sich von ihm verabschiedete:

»Nehmen Sie sich vor Golem in acht; er will Sie anpumpen.«

Andreas bemerkte, wie der dicke Schäbige mit dem wolligen schwarzen Vollbart sich eilig nach der anderen Seite entfernte.

Zwei Tage später erschien der junge Mann wieder im »Café Hurra«, und von da an kam er regelmäßig. Es schmeichelte ihm, seine Abende in der Gesellschaft von Mitarbeitern angesehener Zeitungen zu verbringen, und das Urteil seiner neuen Freunde über ihn lautete günstig. Wie er einmal unbemerkt in die Tür trat, hörte er Doktor Libbenow sagen:

»Der junge Zumsee? Das ist so'n Bengel, der Talent zum Glückmachen hat.«

Er zeigte gerade genug Naivität, um der Eitelkeit der anderen zu schmeicheln, und gerade genug Scharlatanismus, um nicht durch Einfalt zu beleidigen. Er sagte: »Och, han ich'n Freud gehabt«, wenn er froh war, nannte »Knatsch geck« jedermann, der ihm mißfiel, und nahm es nicht übel, wenn man seinen Dialekt belächelte. Zum Lohn dafür durfte er Meinungen, die er nicht einmal hatte, sogar dem strengen Doktor Pohlatz gegenüber vertreten. Einmal ließ er es sich einfallen, den Sozialismus, der ihm durchaus gleichgültig war, nur darum herauszustreichen, weil er dies für etwas Besonderes hielt. Er irrte sich, aber Pohlatz, der jeden andern unsanft zurechtgewiesen hätte, begnügte sich damit, ihm zu erwidern:

»Das verstehen Sie nicht, junger Mann, das verstehe ich ja kaum, und ich habe studiert.«

Bei dieser Gelegenheit erfuhr Andreas den Grund, weshalb das »Cafe Hurra« diesen Namen führte. Die Herren von der Tafelrunde hatten früher staatsumwälzenden Grundsätzen gehuldigt, bis im März 1890 sich die Sozialdemokratie als nicht mehr zeitgemäß herausstellte. Damals hatten alle einem Bedürfnis der Epoche nachgegeben, sie waren ihren freisinnigen Prinzipalen ein Stückchen Weges nach rechts gefolgt und bekannten sich seither zum Regierungsliberalismus und Hurrapatriotismus. Der Name des Lokals bewahrte die Erinnerung an diese Evolution.

Andreas bewegte sich den ganzen Sommer in diesem Kreise, voll des heiteren Bewußtseins, nunmehr der Berliner Literaturwelt anzugehören. Seitdem er sein Studium aufgegeben hatte, wartete er die Ereignisse ab, um eine neue Arbeit zu beginnen. Bei seinen jetzigen Verbindungen konnte es ihm auf die Dauer gar nicht fehlen. In Vertretung des dicken Golem, der unmäßig faul war, hatte er bereits mehrmals im Gerichtssaal als Berichterstatter fungiert. Wenn er spät abends nach dem Genusse von zwei Tassen schwarzem Kaffee und zwei Kognaks heimging, blickte er in eine glänzende Zukunft gerade hinein. Früher hatte er »geochst«, ohne an etwas zu denken, jetzt tat er nichts und war dabei von hohem Ehrgeiz beseelt.

Wohl blieben auch trübere, weniger zuversichtliche Stunden nicht aus. Andreas konnte manchmal ein Gefühl der Leere nicht verleugnen, wenn er den Tisch verließ, an dem von zehn bis zwölf Schauspielergehältern und schlecht zahlenden Verlegern gesprochen worden war. Golem verschwand einmal auf acht Tage, und bei seiner Rückkehr erzählte er den erstaunten Kollegen, daß er sein erstes Feuilleton geschrieben habe. Seit zehn Jahren machte er nur Gerichtsberichte, jetzt aber hatte ihn seine Zeitung nach Bayreuth geschickt. Dies hatte nichts Auffälliges an sich, über Wagner schrieb nachgerade jeder. Aber Andreas meinte, im »Gumplacher Anzeiger« zuweilen weniger schlechte Artikel gelesen zu haben.

Dieser Golem erfüllte ihn überhaupt mit Besorgnis. Doktor Libbenows Voraussicht, daß der Dicke ihn anpumpen werde, war nicht unerfüllt geblieben, und Andreas wagte bisher keine abschlägige Antwort zu geben. Er fürchtete noch zu sehr, das Wohlwollen der Kollegen zu verscherzen. Vielleicht war er nicht kräftig genug der öffentlichen Meinung entgegengetreten, die ihn für einen begüterten Dilettanten zu halten schien. Vorläufig erhielt nun Golem bald fünf bald zehn Mark. Und in letzter Zeit ging der Unglückliche, den der Gerichtsvollzieher überallhin verfolgte, mit dem Plane um, ein Zimmer zu beziehen, das in Andreas Wohnung freistand.

Auch in anderer Beziehung stellte sich das neue Leben als kostspieliger heraus, als Andreas vorausgesehen hatte. Die Gesellschaft aus dem »Cafe Hurra« speiste häufig zusammen zu Abend, hier und da ließ sich jemand, der seine Börse vergessen hatte, von dem jungen Freunde bewirten. Im Theater wäre Andreas jetzt um keinen Preis mehr auf die Galerie gegangen. Aber alle diese Verpflichtungen, die ihm seine gesellschaftliche Stellung auferlegte, überstiegen die Kräfte eines armen Studentenwechsels. So kam es, daß Andreas sich um die Mitte des Monats gewöhnlich in ein vegetarisches Restaurant schlich. Einige Tage später bildete dann der schwarze Kaffee sein hauptsächliches Ernährungsmittel. Das Mittagessen mußte nur zu häufig, wie Pohlatz sich ausdrückte, durch stramme Haltung ersetzt werden.

Andreas schuldete seit geraumer Zeit die Zimmermiete, und es war ein Glück für ihn, daß es auch mit der Entlohnung der Wäscherin nicht eilte. Er hatte Kredit erlangt dadurch, daß das junge Mädchen, das ihm seine frischen Hemden brachte, sich durch seine Liebe bestechen ließ. Sie bat nur um Freibilletts für das Theater, die ein Schriftsteller wie Andreas ihr doch wohl verschaffen könne. Andreas erklärte, daß nichts leichter sei, aber Libbenow sowohl wie Golem, der ihm doch vielfach verpflichtet war, vertrösteten ihn. Als nach vierzehn Tagen noch keine Freikarte zur Stelle war, verließ ihn die junge Wäscherin mit dem Ausdruck ihrer Geringschätzung und nicht, ohne die Rechnung auf seinen Tisch zu legen.

Im Oktober machte Andreas, entgegen seiner Gewohnheit, einsame Spaziergänge im Tiergarten, wo die Blätter fielen. Das »Café Hurra« vernachlässigte er. Mochten sie doch merken, daß er sie verachtete! Denn nachgerade fühlte er sich hierzu versucht. Waren sie denn eigentlich ein würdiger Verkehr für ihn, diese Leute, die meistens nicht einmal richtig Deutsch schrieben – soweit sie überhaupt etwas schrieben. Es ward ihm immer klarer: ihre Blasiertheit, die ihm anfangs als Überlegenheit gegolten hatte, war im Grunde nur der Ausdruck von Unwissenheit und Impotenz. Aber der ganze Berliner Ton kam schließlich bloß von Mangel an Tiefe. Sie ulkten, weil sie zu faul waren, auf die Dinge einzugehen. Er hatte genug davon. Das »Café Hurra« war für ihn eine Sackgasse, die niemals zu irgendeinem Ziele führen konnte. Keiner der dort kennengelernten Herren schien genug Einfluß zu besitzen, um ihn journalistisch zu fördern. Am Ende fehlte auch der gute Wille. Außer Golem, dessen schlechter Ruf seine Empfehlungen gefährlich machte, ließ keiner einen Neuling an seine Zeitung herankommen. In sechs Monaten hatte Andreas genau vierzehn Mark und fünfundsechzig Pfennig verdient, was ihm nicht hinreichend zur Begründung einer Zukunft deuchte. Das erste Studienjahr war darüber hingegangen, sein Wechsel lief jetzt noch zwei Jahre. Innerhalb des gegebenen Zeitraumes mußte er es zu etwas bringen. Von dieser Notwendigkeit herausgestört, tauchte das Gespenst des Gumplacher Schulmeisters noch einmal vor ihm auf. Er wehrte es entrüstet ab. Aber was dann? Andreas vermochte auf diese Frage nur mit einem Seufzer zu antworten, und er hätte sich zweifellos seiner leichtsinnigen Untätigkeit aufs neue überlassen, wenn nicht eine kränkende Erfahrung ihn vollends aufgerüttelt hätte.

Er betrat am selben Abend das »Café Hurra« früher als die anderen und das Haupt um so höher erhoben, je tiefer ihm der Mut stand. Er machte die Runde um das fast leere Lokal und begrüßte das Fräulein am Büfett. Es war eine fade Blondine, Andreas hatte noch nie das Bedürfnis gefühlt, einen Angriff auf sie auszuüben. Heute aber glaubte er, dies seiner Würde schuldig zu sein. Kurz entschlossen legte er ihr den Arm um die Hüften. Das Mädchen, das sich hierdurch nicht angesprochen fühlen mochte, verzog den Mundwinkel in böse, scharfe Falten, sie versetzte dem jungen Mann einen heftigen Stoß gegen die Schulter und sagte mit Nachdruck:

»Jüngling, wie kommen Sie mir vor?«

Andreas sah sie eine Sekunde lang an, er war außerordentlich blaß geworden. Darauf pfiff er durch die Zähne, drehte sich auf den Absätzen um und verließ gemessenen Schrittes den Raum.

Gleich den folgenden Morgen ging er zu Köpf, um sich mit ihm über seine nächsten Schritte zu beraten. Das »Café Hurra« war ebenso abgetan wie der Gumplacher Schulmeister. Wenn selbst jenes Mädchen, das ein halbes Jahr lang Zeuge seines vertrauten Umganges mit den Mitarbeitern der angesehensten Zeitungen gewesen war, ihm mit solcher empörenden Nichtachtung begegnen konnte, dann mußte seine gesellschaftliche Stellung weniger glänzend sein, als er gewähnt hatte. Dies aber war dasjenige Bewußtsein, das er am wenigsten zu ertragen vermochte.

Er mußte in Köpfs Zimmer, in der unteren Dorotheenstraße, einige Zeit warten und bemerkte darin eine gewisse Wohlhabenheit. Der breite Schreibtisch von Mahagoni und der bequeme, mit rotem Maroquin überzogene Lehnsessel wäre in keinem möblierten Zimmer anzutreffen gewesen. Die Wände wurden von hohen Büchergestellen verdeckt, angefüllt mit einem unglaublichen Plunder, vor dem Andreas staunend stand. Zerfetzte Pappbände und angefressene Lederrücken verbreiteten den Duft aller möglichen Trödlerbudiken. Eine alte Geschichte Ludwigs XIII. von Le Vassor füllte mit den Denkwürdigkeiten von Saint-Simon ein ganzes Fach. Weiterhin standen sogar die Kirchenväter. Andreas begriff nicht, welchen Zweck diese Dinge für jemand haben konnten, der Romane schrieb. Köpf beschäftigte sich, wie Libbenow wissen wollte, mit der Anfertigung von Romanen, die jedoch kein Mensch zu sehen bekam. Weiter wußte man von ihm schlechterdings nichts. Er erschien wöchentlich kaum einmal im »Café Hurra«, und dieser Umstand flößte Andreas in seiner jetzigen Lage Vertrauen ein, obwohl er es in letzter Zeit Köpf stark verdachte, daß er ihn überhaupt in jenen Kreis eingeführt hatte.

Es fragte sich jetzt nur, was er eigentlich von Köpf wollte. Andreas, den das Warten nervös machte, baute im voraus einige schöne Sätze.

›Sie haben an der Entwickelung eines Ihnen völlig Unbekannten gleich anfangs so freundlichen Anteil genommen, daß ich, von neuen Zweifeln bedrängt, es nochmals wage, Sie um Ihren Rat und Ihre Hilfe zu bitten.‹

Als die Periode fertig war, fand er sie albern. So sprach man nicht, besonders nicht in Berlin. Außerdem klang es falsch; er wollte Köpf doch nicht anpumpen.

Dieser erschien plötzlich in der Tür und begrüßte den Gast sehr erfreut.

»Ah, lieber Kollege!«

Andreas hatte einen Einfall:

»Wissen Sie, von dem ›Kollegen‹ hab' ich schon bald genug«, sagte er und drehte sich halb um.

Köpf lächelte.

»Sie haben im ›Café Hurra‹ wohl ein Haar gefunden?«

»Mehrere.«

»Ich hätte Ihnen das voraussagen können. Aber es freut mich, daß Sie selbst dahintergekommen sind.«

Köpf blinzelte unschuldig. Andreas fand trotzdem, daß es eine Dreistigkeit sei, ihn in dieser Weise auf die Probe gestellt zu haben und es ihm jetzt ganz offen zu sagen. Der andere suchte seinen Unmut sofort zu beschwichtigen.

»Sie brauchen es nicht zu bereuen, diese scherzhafte Seite des Lebens unter Kollegen kennengelernt zu haben. Man muß dies tun, bevor man zu ernsteren Dingen übergeht. Nun wollen Sie aber Ernst machen?«

»Aber wie?« fragte Andreas ohne große Zuversicht.

»Oh, da gibt es verschiedene Wege, nämlich die Presse, das Theater und die Gesellschaft.«

»Sie vergessen die Literatur.«

»Durchaus nicht. Ich habe gesagt: das Theater, und eine andere Literatur gibt es bei uns nicht.«

Andreas nahm eine überlegene Miene an, denn er ertappte Köpf auf dem Ärger eines, der keinen Erfolg hat.

»Sie selbst schreiben doch wohl Romane?«

»Oh!« machte der andere mit gespitzten Lippen. »Ich schreibe für meinen Privatbedarf, es fällt mir nicht ein, das Unglück eines armen Verlegers herbeiführen zu wollen, der mir nie etwas zuleide getan hat und der etwa auf meine Werke hineinfiele.«

›Atem holen!‹ dachte Andreas, dem es Spaß machte, Kopfs Schwäche zu beobachten.

»Inmitten eines Volkes«, fuhr dieser fort, »das durch alle Prügel der Welt nicht dazu bewogen werden könnte, ein Buch in die Hand zu nehmen, werden Sie also am besten tun, sich an das Theater zu halten.«

»Aber ich habe noch kein einziges Stück geschrieben!«

»Ist auch gar nicht nötig«, versicherte Köpf leichthin. »Das Theater hat zweifellos auch eine literarische Seite, aber die gesellige ist wichtiger. Beim Theater hat man es stets mit Menschen zu tun, in der eigentlichen Literatur doch schließlich nur mit Büchern. In der eigentlichen Literatur braucht man eine Menge Ernst, Abgeschlossenheit und Rücksichtslosigkeit; alles Eigenschaften, die beim Theater nur schaden können. Hier kommt es vor allem auf die gesellschaftlichen Verbindungen an. Sie aber, mein Lieber, sind ein Gesellschaftsmensch. – Soll ich Ihnen sagen, welches sichere Zeichen ich hierfür habe?«

»Bitte!«

»Man hat Sie im ›Café Hurra‹ nicht ernst genommen.«

Köpf sah mit seinem harmlosen Lächeln zu, wie Andreas zusammenzuckte.

»Seien Sie nicht böse!« bat er darauf. »Ich werde Ihnen dafür noch manches Schmeichelhafte zu sagen haben. Was Ihre Freunde im ›Café Hurra‹ betrifft: hat Pohlatz Ihnen jemals Grobheiten gesagt?«

»Nein, warum denn?«

»Nun, sehen Sie wohl. Wenn er sie ernst genommen hätte, würden Sie alle Tage etwas an den Kopf bekommen haben. Sie glauben nicht, wie fein die Witterung dieser Leute ist, sobald sich ein Konkurrent blicken läßt. Sie, mein Lieber, sind keiner. Man hat gleich erkannt, daß sie eine viel zu heitere, offene Natur sind, um sich mit Ingrimm und Püffen durch Literatur und Presse hindurchzuschlagen.«

»Ich glaube beinahe selbst«, bemerkte Andreas, der sich bemühte, blasiert auszusehen.

»Sie haben so etwas Glückliches an sich, das Sie beim Theater, das heißt in der Gesellschaft ungemein rasch fördern wird. Man braucht dort nämlich nur glücklich zu erscheinen, um es sehr bald wirklich zu werden. Auch Ihre Harmlosigkeit, oder sagen wir, wenn Sie es lieber hören, Ihre scheinbare Harmlosigkeit wird Ihnen dort gut zustatten kommen. Man wird Sie in den reichen Salons ebensowenig ernst nehmen wie im ›Café Hurra‹, und es ist für Ihren Erfolg besonders wichtig, daß die Frauen Sie nicht ernst nehmen! Diese werden alles mögliche, was sie andern nicht bewilligen würden, bei Ihnen für harmlos und ungefährlich halten. Sie sind dafür geschaffen, viel Glück bei den Frauen zu haben, mein Lieber!«

Diesmal blickte Andreas den andern mit offenem Argwohn an. Aber aus Kopfs freundlichem Gesicht, das allerdings eine verdächtig spitze Nase zierte, war niemals klug zu werden. Für alle Fälle zeigte Andreas sich übellaunig, um nur nicht zuzugeben, daß er sich geschmeichelt fühle. Sein Glück bei Frauen, das er sich übrigens zutraute, schien ihm doch noch bewiesen werden zu müssen. Er gedachte der herben Enttäuschungen, die er dem Wäschermädchen und dem Büfettfräulein verdankte.

»Sie sagen mir eine Menge angenehme Dinge«, bemerkte er ziemlich trocken, »aber ich weiß noch immer nicht, wie Sie sich meine Karriere nun eigentlich denken. Was habe ich zu tun, wohin soll ich mich wenden?«

»Nehmen wir hinzu«, fuhr Köpf ohne zu antworten fort, »daß sie als Rheinländer eine mehr heitere und ungezwungene Geselligkeit gewohnt sind. Inmitten der Furcht, sich lächerlich zu machen, die in Berlin Ursache aller Dummheit und Langeweile ist, werden Sie zunächst wohlwollend belächelt werden. Die Hauptsache ist, daß Sie auffallen.«

»Was habe ich zu tun, wohin soll ich mich wenden?« wiederholte Andreas ungeduldig.

»Wie? Das habe ich Ihnen noch nicht gesagt? Nun, ganz einfach: Sie gehen zum ›Nachtkurier‹, verlangen den Chefredakteur Doktor Bediener zu sprechen, und läßt er sie vor, so gehen sie nicht früher wieder weg, als bis er Ihnen unaufgefordert eine Empfehlung an Türkheimers gegeben hat.«

»Ah, Türkheimer! Das ist doch der mit Lizzi Laffé.«

»Sie kennen bereits die Verhältnisse?«

»Natürlich«, sagte Andreas stolz.

»Also Sie wissen Bescheid?« fragte Köpf, indem er dem jungen Manne zum Abschied die Hand schüttelte. »Unterrichten Sie mich doch vom Erfolge!«

Andreas versprach dies, fragte sich aber im geheimen, warum er alle die zweifelhaften Komplimente eigentlich angehört habe. Es konnte wohl sein, daß Köpf sich seit dem Augenblick, wo er ihn kennengelernt hatte, fortwährend über ihn lustig machte. Es war Andreas unmöglich, dies zu erfahren. Übrigens war es ja gleichgültig, sobald nur auch sonst niemand davon wußte. In seiner Lage, bei seinen mannigfachen inneren Zweifeln und der geringen Aussicht, es auf eine andere Weise zu etwas zu bringen, war es nun wohl das beste, Köpfs Rat blindlings zu befolgen. Er ging schon am nächsten Morgen, mit einem kalten Gefühl im Unterleibe, doch hocherhobenen Hauptes, zum Doktor Bediener.

III .
Die deutsche Geisteskultur

Auf der Treppe, die er zur Redaktion des »Berliner Nachtkurier« hinaufstieg, blendete den jungen Mann der ganz neue und doch bereits arg besudelte Teppich. Alles im Hause war reich und durch den regen Geschäftsbetrieb mitgenommen. Jünglinge mit kotbespritzten Beinkleidern, sonst sehr elegant, hasteten an dem Besucher vorüber. Droben in dem großen Wartezimmer schob sich eine beträchtliche Menschenmenge durcheinander. Andreas, der gegen die Wand gedrängt wurde, blickte durch eine Glasscheibe in einen langen, kahlen Saal hinein, wo ungefähr dreißig junge Leute an Pulten saßen. Einige lasen Zeitungen, andere plauderten, indes sie Bleistifte spitzten oder ihre Nägel pflegten.

Eine Flügeltür ward aufgestoßen, und ein reich aussehender Herr mit rasierter Oberlippe und rotblonden Koteletten, den Hut in der Stirn, rief ins Vorzimmer hinein:

»Kommt denn der Chefredakteur nicht?«

Der herbeieilende Redaktionsdiener verbeugte sich:

»Muß sofort da sein, Herr Generalkonsul!«

»Endlich, mein lieber Doktor!« rief der Herr und streckte die Hand mit matter Anmut einem großen, eleganten Manne entgegen, der von der Treppe her eintrat und dem Diener Hut und Paletot zuwarf. Bevor die beiden hinter der Flügeltür verschwanden, hörte man den Generalkonsul fragen:

»Sie waren im Auswärtigen Amt? Nun, was sagt unser Minister?«

Andreas erschauerte vor Ehrfurcht, während er bedachte, welche Unendlichkeit von Macht und Ansehen diese Worte ahnen ließen. Wer hier im Vorzimmer des »Nachtkurier« stand, war gewissermaßen in den Bereich einer Organisation eingetreten, die es an Ausdehnung und Festigkeit selbst mit der des Staates aufnahm. Doktor Bediener ging im Palais der Wilhelmstraße aus und ein wie der Staatssekretär selbst. Sein Kollege war ein Minister des Innern, dem kein Wille im Lande leichtfertig zuwiderhandelte. Die Ämter waren verteilt genau nach dem Vorbilde des Staates, von den Botschaftern in allen Hauptstädten der Welt bis hinab zu jener Schar von überschüssigen kleinen Beamten, unbezahlten Referendaren, die ihre Bleistifte spitzten und sich die Nägel pflegten. Hoch über dieser unpersönlichen Verwaltungsmaschine aber, hinter dem Gehege der Gesetze und gedeckt durch die Verantwortlichkeit seiner Minister, die er berief und entließ, thronte der große Jekuser, der Besitzer des »Nachtkurier«, ein konstitutioneller Monarch. Von den Tagesmeinungen unabhängig wie andere gekrönte Häupter, bewahrte er dennoch einen unbeschränkteren Einfluß als diese, da er sogar die Volksvertreter vermöge seines »parlamentarischen Büros« zu zensieren und zu maßregeln vermochte. Und er war reicher als sie, denn von den Abgaben seines Volkes, von den fünfzehn Pfennigen, die Hunderttausende von Lesern täglich erlegten, blieb der größere Teil in seiner Tasche zurück.

Die Flügeltür öffnete sich halb, ohne daß jemand sichtbar wurde. Aber in der wartenden Menge pflanzte sich sogleich ein Stoß fort, den schließlich der gegen die Wand gedrückte Andreas vor die Brust erhielt. Er griff hastig in die Tasche, die seine Papiere enthielt. Glücklicherweise fand sich der Brief des Herrn Schmücke noch vor. Seit einem Jahre hatte der junge Mann nicht mehr des Empfehlungsschreibens gedacht, das ihm der alte Herr in Gumplach, der sich mit Literatur befaßte, an den Doktor Bediener mitgegeben hatte. Andreas kam mit zu großer Ehrfurcht vor den Mächtigen der Erde nach Berlin, um sich gleich anfangs bis zu einem von ihnen vordrängen zu wollen. Herr Schmücke war gewiß ein braver liberaler Bürger, aber ob der Chefredakteur des »Nachtkurier« auf seine Empfehlung großes Gewicht legen würde, war mehr als zweifelhaft. Um den Brief nicht unbenutzt zu lassen, übergab Andreas ihn einem vorübergehenden Diener, der mit einer Handvoll Depeschen das Erscheinen des Chefs erwartete. Gleich darauf verabschiedete sich der Generalkonsul, den Doktor Bediener bis zur Treppe begleitete. Andreas verfolgte mit scheuem Blick jede Bewegung des Mannes, von dem sein Schicksal abhing. Er sah ihn mit einigen jungen Leuten, die zunächst an seinem Wege standen, leise Worte wechseln und nachdenklich, die Hand, auf der ein großer Brillant blitzte, an seinem grauen Spitzbart, in seinem Kabinett verschwinden. Welche betäubende Fülle von Geschäften und wie wenig Hoffnung für einen bescheidenen Neuling, hier ans Ziel zu gelangen! Doch schon nach wenigen Minuten trat ganz unerwarteterweise derselbe Diener, dem Andreas seine Empfehlung anvertraut hatte, auf den jungen Mann zu, um ihn zum Eintritt in das Büro des Herrn Chefredakteurs aufzufordern. Andreas durchschritt blutübergossen die Reihen der Wartenden. Er meinte, die Bevorzugung, die ihm zuteil ward, müsse jedermann auffallen.

Und dann führte er eine möglichst korrekte Verbeugung vor Doktor Bediener aus, der ihm lächelnd die Hand mit dem Brillanten entgegenstreckte.

»Sie sind mir als ein sehr aussichtsreiches Talent empfohlen, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Herr Zumsee«, wiederholte Doktor Bediener.

Er wies auf einen Sessel, und Andreas, der dem Leiter des »Nachtkurier« gegenüber Platz nahm, sagte sich, daß der Empfang gar nicht günstiger hätte sein können. Doktor Bediener begann wieder:

»Die Empfehlung, die Sie geltend machen, ist mir besonders wertvoll, weil sie von einem langjährigen, lieben Freunde kommt. Ich hoffe, es geht meinem alten Schmücke gut?«

Andreas erteilte befriedigende Auskunft über die Gesundheit des alten Herrn. Aber er erfuhr mit Erstaunen die nahen Beziehungen des Chefredakteurs zu Schmücke, der sich deren nie gerühmt hatte.

»Ich meine sogar, Ihren Namen schon irgendwo gefunden zu haben, Herr, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Herr Zumsee«, wiederholte Doktor Bediener, und er strich mit zwei gespreizten Fingern suchend über seine hohe Stirn. Dachte er an den »Gumplacher Anzeiger«? Andreas hätte gern von seinen Erfolgen und Hoffnungen, von den Gedichten, der Novelle, Köpf, dem »Cafe Hurra« und Türkheimer des längeren gesprochen. Aber durch die ungeahnte Liebenswürdigkeit des mächtigen Mannes ward in ihm ein solches Entzücken erregt, daß er, minutenlang stumm und rot vor heftiger Schwärmerei, den Doktor Bediener ansah.

Nie im Leben hatte Andreas solche ausgesuchten Manieren kennengelernt, solche weltmännische Haltung, solche natürliche Glätte in jeder Bewegung, jedem Blick und jedem Worte. Doktor Bediener saß ein wenig seitwärts über die Lehne geneigt, auf die er einen Arm stützte. Mit dem andern beschrieb er zuweilen eine flüchtige, doch unnachahmlich runde Geste, die alles zu erklären schien, was er andeuten wollte. Sein Lächeln war offenbar so ganz für sein Gegenüber bestimmt, daß dieses sich nicht denken konnte, er werde je einem andern soviel Aufmerksamkeit schenken. Er sprach zögernd, mit leicht verschleierter Stimme und ließ das »R« weit hinten im Halse verschwinden, was distinguiert klang. Er mochte mit einem armen jungen Manne noch so familiär tun, ohne es zu wollen, bewahrte Doktor Bediener in seinem ganzen Wesen stets eine so vornehme Zurückhaltung, daß es Andreas vorkam, als steige er aus einer höheren Diplomatensphäre hernieder, wohin er jeden Augenblick entrückt zu werden drohte.

Er ließ die Frage, wo er Andreas' Namen schon gefunden haben mochte, auf sich beruhen, um sich zu erkundigen:

»Haben Sie schon literarischen Anschluß gefunden?«

»Es ist mir als ganz unbekanntem Anfänger sehr schwer gefallen«, erwiderte Andreas bescheiden.

»Ich kenne ein paar Redakteure, zum Beispiel Doktor Pohlatz.«

»Oh, Pohlatz«, sagte Doktor Bediener mit einer Handbewegung, die nicht viel Hochachtung auszudrücken schien. Doch setzte er hinzu:

»Ich schätze Pohlatz persönlich hoch, ich kann sogar sagen, daß wir recht gute Freunde sind.«

›Schon wieder jemand, mit dem ich verkehrt habe, ohne zu wissen, daß er mit dem Chefredakteur des »Nachtkurier« befreundet ist,‹ dachte Andreas.

»Nur möchte ich Ihnen davon abraten«, fuhr Doktor Bediener fort, »an seinem Blatte mitzuarbeiten. Es würde für Sie wenig Wert haben – dies unter uns.«

Andreas verbeugte sich, voll Vergnügen über die vertrauliche Mitteilung, deren er gewürdigt wurde. Wie gut, das Pohlatz gar nicht daran gedacht hatte, ihn beim »Kabel« einzuführen! Er lauschte atemlos auf Doktor Bedieners Belehrung.

»Alle diese Blätter mit strenger Parteirichtung taugen nichts für ein aussichtsreiches Talent«, sagte der Chefredakteur. »Sie würden sich dort kompromittieren, ohne für den Verlust Ihrer Selbständigkeit entschädigt zu werden. Bei uns dagegen, wissen Sie wohl, behält jeder Mitarbeiter seine Eigenart. Der ›Nachtkurier‹ hat vor allen anderen erkannt, daß die Parteipresse sich überlebt hat. Daß man eine gesunde liberale Wirtschaftspolitik vertritt, versteht sich von selbst; wir wären verrückt, wenn wir es nicht täten. (Hier vollführte Doktor Bediener eine Armbewegung, die einer längeren Parenthese gleichkam.) Im übrigen betrachten wir uns als ein Organ der deutschen Geisteskultur.«

Doktor Bediener hielt an; er war beinahe warm geworden. Aber er erlangte sofort sein vornehmes Gleichgewicht wieder, dessen augenblickliches Abhandenkommen Andreas in seiner Hingerissenheit gar nicht bemerkt hatte. Der Chefredakteur betrachtete den Eindruck, den er auf den jungen Mann machte, mit Wohlwollen. Er lächelte sogar, denn er hatte die Bemerkung gemacht, daß Andreas' Blick, der zwischen dichten und langen Wimpern hervorkam, in seiner Treuherzigkeit merkwürdig einschmeichelnd sei, und daß die bedingungslose Verehrung, die er ausdrückte, einer Dame überaus angenehm sein müsse. Flüchtig dachte er sogar an Frau Türkheimer. Er zögerte noch, denn der mißlungene schwarze Rock, der dem gut gewachsenen Jüngling etwas Ungeschicktes gab, forderte zur Vorsicht auf. Das Haar war erbärmlich geschnitten, doch trug Andreas den Kopf recht gut. Dann entschloß sich Doktor Bediener.

»Sie sollten sich vor allem beim Theater einführen, ich meine in den Kreisen, die dem Theater nahestehen.«

›Schon wieder das Theater,‹ dachte Andreas. ›Es muß doch etwas damit los sein.‹

Er öffnete den Mund, aber Bediener schnitt seinen Einwand ab.

»Sie werden noch nichts für die Bühne geschrieben haben, das tut nichts zur Sache. Man erobert die Welt nicht mehr von der Schreibstube aus. Auch der Schriftsteller muß heutzutage mit seiner Person eintreten. Sie werden sich in der Gesellschaft umsehen müssen.«

›Kommen jetzt Türkheimers?‹ fragte sich Andreas.

Aber der Chefredakteur zögerte wieder.

»Halten Sie sich vorläufig an uns«, sagte er. »Unsere Sonntagsbeilage ›Die Neuzeit‹ steht den jungen Talenten offen. Schicken Sie uns etwas, und nach zwei, drei Versuchen rechnen wir Sie zu unseren Hausdichtern, die bei den Bühnen natürlich einen Vorsprung haben. Das ist das, was ich Ihnen versprechen kann.«

Die letzten Worte sprach er langsamer, er schien auf etwas zu warten. Aber Andreas sah schon die Spalten des »Nachtkurier« zu seinem Empfange weit geöffnet. Seine sanguinischen Hoffnungen wurden alle wieder wach. Es ward ihm ganz heiß, und ohne sich zu bedanken, versetzte er:

»Herr Doktor, ohne die große unverdiente Güte, die Sie mir entgegenbringen, würde ich nie gewagt haben, Sie darum zu bitten, verzeihen Sie, daß ich es jetzt wage: würden Sie mich als Volontär aufnehmen?«

Doktor Bedieners Miene drückte plötzlich tiefe Besorgnis aus.

»Sie irren sich«, sagte er. »Ich meine es mit den jungen Leuten, die mir empfohlen sind, zu gut, um sie auf die von Ihnen bezeichnete Art kaltzustellen. Haben Sie die dreißig Unglücklichen gesehen, die dort drüben die Zeit totschlagen?«

Andreas begriff, daß das Fenster im Wartezimmer zu seiner und seinesgleichen Abschreckung angebracht sei.

»Wen Herr Jekuser dort hinsetzt, das geht mich nichts an«, fuhr Doktor Bediener fort. »Aber ich sehe, daß man dort durch das viele Herumlungern faul und unbrauchbar wird. Wer es am längsten ausgehalten hat, bringt es schließlich zu einer kleinen Anstellung bei einem Provinzblatt. Beschränken sich Ihre Träume darauf? – Nein, mein Lieber«, so schloß der Chefredakteur, »wir haben es besser mit Ihnen im Sinn. Was wir Ihnen versprechen können, habe ich schon gesagt. Sie wissen ja, welcher wirksamen Empfehlung Sie unser Wohlwollen verdanken.«

Bei jedem der vom Doktor Bediener gebrauchten, geschäftsmäßig kühlen »wir« überrieselte es Andreas kalt. Er ward sich bewußt, daß seine persönliche Unterredung mit einem hohen Gönner beendet sei, und daß er sich nur noch als namenloser Bittsteller einem Mächtigen gegenüber befinde. Und dies bloß infolge seiner plumpen Ungeschicklichkeit; weil er durch eine dumme Bitte den ganzen schönen Erfolg des bisherigen Gespräches zerstört hatte! Nun fühlte er Doktor Bedieners Blick mit der deutlichen Ankündigung auf sich ruhen, daß die Audienz beendet sei. Und nun wandte sich der Chefredakteur ganz unverhohlen der Stutzuhr auf dem breiten Schreibtische zu. Der arme junge Mann biß sich auf die Lippen. Er war bleich und verwirrt, doch fest entschlossen, sich lieber vom Redaktionsdiener hinaussetzen zu lassen, als unverrichteterdinge freiwillig zu gehen.

›Ich habe nichts mehr zu riskieren‹, sagte sich Andreas. ›Gehe ich jetzt, so hinterlasse ich den denkbar schlechtesten Eindruck.‹ – ›Ich muß die Empfehlung an Türkheimer haben‹, wiederholte er sich hartnäckig und starrte auf den hellgeblümten englischen Teppich, der den Boden des Zimmers bedeckte. Er wollte ein niedrig hängendes Ölgemälde betrachten, doch versagte ihm der Mut. Sein Blick wagte sich nicht höher als bis zu Doktor Bedieners Lackschuhen und den weißen Gamaschen, über die das graue Beinkleid mit unsäglicher Eleganz herabfiel. Wäre der Chefredakteur nur ein beliebiges großes Tier gewesen, vor dem ein armer junger Mann wie Andreas im Staube kriechen mußte! Aber er gebot ihm Achtung als Persönlichkeit: darin lag das Demütigende. Vor Erregung ward Andreas von Ohrensausen befallen. Dazwischen hörte er Doktor Bediener auf den Rand des Schreibtisches trommeln. Er warf einen ängstlichen Blick von unten herauf, die Situation war nicht länger haltbar. Aber zu seiner Verwunderung drehte der Chefredakteur Herrn Schmuckes Brief in der Hand. Er sah sogar mit einem halben Lächeln darüber hinweg auf den jungen Mann, dessen Standhaftigkeit ihm schließlich vielleicht Achtung abgewann. Der schwarze Rock mußte allerdings mit in den Kauf genommen werden. Dennoch überwog das Empfehlende in Andreas' Erscheinung. Auch war Herr Schmücke Gumplachs gewichtigster liberaler Wähler.

»Die gesellschaftlichen Verbindungen«, sagte Doktor Bediener, »betrachte ich, wie gesagt, als eine Hauptsache. Ich bin auch gern bereit, Ihnen den Anfang zu erleichtern. Warten Sie, ich werde Sie an ein Haus empfehlen, wo die aussichtsreichen Talente stets mit Wohlwollen aufgenommen werden. Die Hausfrau sammelt die Blüte unserer kunstsinnigen Gesellschaft um sich, Sie werden einflußreichen Leuten begegnen. Profitieren Sie von dem Ton, der bei Türkheimers herrscht, lieber Freund!«

Damit übergab er Andreas die Visitenkarte, die er während des Sprechens mit ein paar Zeilen beschrieben hatte. Der junge Mann sprang auf. In dem Stolz, den er über die Erreichung seines Zieles empfand, steckte er den kostbaren Umschlag so flüchtig in die Brusttasche, als käme es ihm gar nicht darauf an. Dieser Zug mochte den Beifall des Chefredakteurs finden, der die Hand auf Andreas' Schulter legte und ihn sehr freundlich zur Tür geleitete. Im Vorzimmer konnte jedermann hören, wie Doktor Bediener zu dem sich Verabschiedenden sagte:

»Auf Wiedersehen, lieber Freund!«

›Merkwürdig‹, dachte Andreas, der blind vor Glück die Treppe hinabeilte, ›ich meinte schon, es ganz mit ihm verdorben zu haben, und jetzt bin ich gar sein lieber Freund, wie Schmücke und Pohlatz. Nur nicht ängstlich!‹ sagte er sich triumphierend, aber auf dem Treppenabsatz rannte er mit einem heraufstürmenden Menschen so heftig zusammen, daß beide sich aneinanderklammern mußten, um nicht umzufallen.

»Warum sagen Sie das nicht gleich?« versetzte der Fremde, während sich umarmt hielten. Dann hob er die Blume auf, die seinem Knopfloch entglitten war.

Trotz ihrer stürmischen Begegnung empfing Andreas einen günstigen Eindruck von dem andern. Es war ein mittelgroßer, untersetzter junger Mann, der einen Zylinder trug. Seine Kleidung war ziemlich elegant, von einer Allerweltseleganz, die nirgends auffallen konnte. Sein Gesicht zeigte ebenfalls nichts Hervorstechendes, er konnte einen mit seinem forschenden Hundeblick ansehen und einem gerade unter der Nase umherschnüffeln, ohne daß man dies unverschämt fand. Er hatte etwas so Heiteres und Gutmütiges an sich, daß man ihn gewiß anstandslos überall einließ, ihm alles mögliche anvertraute und dabei gar nicht auf ihn achtete. Was wäre für einen Reporter wünschenswerter? Schon wie er Andreas liebenswürdig beiseite schob, um sich Platz zu machen, war es deutlich, daß er überall durchkommen und alles erfahren mußte, was er wollte, ohne auf Hindernisse zu treffen. So unpersönlich wie er aussah, war ein Zusammenstoß mit ihm eigentlich gar keiner.

Er stieg zwei Stufen höher, kam aber eilig zurück und sagte:

»Ach, Pardon, hörensemal! Da wir nun doch Bekanntschaft gemacht haben, können Sie mir vielleicht sagen, ob der Chef guter Laune ist. Sie kommen doch vom Chef.«

»Ich war beim Doktor Bediener«, bestätigte Andreas.

»Können Sie mir sagen, was Sie da gemacht haben?« fragte der andere, und er schlug dabei einen so freundschaftlich zusprechenden Ton an, daß Andreas sofort die Überzeugung gewann, er könne im eigenen Interesse nichts Besseres tun, als dem Fremden sagen, was er beim Doktor Bediener gemacht habe.

»Nun, ich war an den Chefredakteur empfohlen«, versetzte er.

»Aha, Sie sind wohl ein neuer Kollege. Sehr erfreut!«

Er schüttelte Andreas die Hand, verbeugte sich und sagte:

»Kaflisch, vom ›Nachtkurier‹.«

»Andreas Zumsee.«

»Volontär, was?«

»Doch nicht«, sagte Andreas stolz ablehnend, als habe er nie den Wunsch gehegt, als Hilfsarbeiter in die Redaktion einzutreten.

»Dann hat er Ihnen wohl die Mitarbeit an der ›Neuzeit‹ angeboten?«

Andreas sah den schlau lächelnden Journalisten an. Kaflisch nahm die Überraschung des Neulings für eine Antwort und fragte weiter:

»Sagensemal, hat er Sie auch an Türkheimers empfohlen?«

»Na, herzlichen Glückwunsch!« sagte er, als Andreas bejahte. »Ein feines Haus und 'ne schöne Frau.«

Er schmatzte dabei so stimmungsvoll, daß Andreas plötzlich allerlei dunkle Begierden empfand.

»Und besten Dank, sehr geehrter Herr. Wenn der Alte einen zu Türkheimers schickt, dann ist er unfehlbar guter Laune. Dann kann ich ihm mit meinen Geschichten kommen. Es ist ja 'n Elend, nie mehr als zehn Pfennige für die Zeile und dabei noch den Staat erhalten! Jetzt will ich vor den Gerichtsvollziehern nach Breslau flüchten, wissense, wo jetzt der Lustmordprozeß anfängt. Bediener gibt mir die Berichterstattung, passense mal auf. Wenn er zu Ihnen so nett ist und Sie zu Türkheimers schickt, dann tut er mir auch 'ne Liebe. Na, Mahlzeit, und viel Vergnügen! Auf Wiedersehen!«

Er war schon droben im Vorzimmer verschwunden, als Andreas ihm noch nachschaute. Dieser Kaflisch befremdete ihn zwar etwas, aber sein Wesen war nicht gerade abstoßend. Er versöhnte mit seiner zudringlichen Neugier dadurch, daß er auch in seinen eigenen Angelegenheiten keine Diskretion, kannte.

Auf der Straße wandte sich Andreas um und sah zur Fassade des Hauses empor, über die die Inschrift »Berliner Nachtkurier« in mächtigen Relieflettern quer hinüberlief. Der Augenblick schien ihm feierlich, er fühlte, daß hier die ihm vorgeschriebene Laufbahn begann.

Zu Hause ging er sofort an die Sichtung seiner Garderobe. Es hatte seine Schwierigkeit, einen passenden Visitenanzug zusammenzustellen, da jedes der hellen Beinkleider den einen oder anderen Mangel aufwies. Seufzend entschloß sich der arme junge Mann zu der Frackhose, die zusammen mit dem verunglückten schwarzen Rock schon dem Doktor Bediener unvorteilhaft aufgefallen war. Andreas hatte dies wohl bemerkt. Er besaß ein angeborenes Verständnis für gute Kleidung, das sich in Berlin rasch ausgebildet hatte. Sooft er über die Friedrichstraße ging, fing er den wohlwollenden Blick irgendeines hübschen Mädchens auf, den sie aber eilig zurückzog, sobald sie den Rock des jungen Mannes abgeschätzt hatte. Diese schlanken, blonden Mädchen, die am Arm kleiner geschniegelter Herren mit blanken Zylindern auf schwarzgelockten Häuptern dahinwandelten, ahnten nicht, wie tief sie Andreas verwundeten. Heute, wie schon oft, studierte er lange in seinem Rasierspiegel, und er sah besser als jeder andere, warum der Anzug, der doch wenig getragen war, ihm so etwas traurig Ungeschicktes verlieh. Der Gedanke, daß in ganz Berlin kein Schneider auf sein Glück und Talent vertrauen und ihm Kredit geben würde, drückte ihn tief danieder und hielt ihn zwei Tage von dem Besuche bei Frau Türkheimer ab.

Mit dem Mute der Verzweiflung schlug er endlich den Weg in die Potsdamer Straße ein. Er ging die Königin-Augusta-Straße entlang und bog entschlossen in die Hildebrandt-Privatstraße ein, eine stille mit Sand bestreute Allee, die an beiden Enden durch ein Gitter abgeschlossen war. Das Palais Türkheimer fiel als das großartigste unter den Gebäuden jedem Passanten auf. Es war in einem deutschen Renaissancestil erbaut, den man auf seine Echtheit nicht näher ansehen durfte. Andreas schellte an dem reichen bronzenen Gartentor, und es öffnete sich ohne das Erscheinen eines Menschen. Einsam wie der Märchenprinz, der ein verwunschenes Schloß erobert, schritt der junge Mann über eine Art von Burghof, betrat eine majestätische Freitreppe und stand vor der eleganten Glastür, die in die Wölbung des kunstvoll gemeißelten Portals von profanen Händen eingefügt schien.

Die Tür ging auf, doch der grün-silberne Lakai, der Andreas entgegentrat, besaß die Macht, den mutigen Eroberer von der Schwelle seines Paradieses zurückzuscheuchen. Er sagte, daß die gnädige Frau nicht zu Hause sei. Unter dem ersten Eindruck dieser Nachricht übergab ihm der junge Mann seine Karte und das Billett des Doktor Bediener. Gleich darauf fiel ihm ein, daß er dies nicht hätte tun sollen. Er blickte bleich vor Wut dem Diener in das unverschämte Gesicht und stand im Begriffe, einen Schlag hineinzuversetzen. ›Wenn es nicht meinem Interesse zuwiderliefe‹, sagte er sich, ›würde ich es tun. Übrigens kann ich ihm seine Unverschämtheit nicht nachweisen, sie ist versteckt wie immer bei solchen Menschen.‹

Er ging mit der Last seiner vernichteten Hoffnung auf der Brust die Straße zu Ende und befand sich am Tiergarten. Zwei Stunden lang trieb ihn sein enttäuschter Ehrgeiz in den entlaubten Wegen umher. Er fühlte sich so leer und wie an dem Tage, als er mit dem »Café Hurra« zu brechen beschloß. Aber inzwischen hatte er Schritte getan, die nicht so leicht zu wiederholen waren. Wenn nun der freche Lakai, der ihn wie einen stellungsuchenden Kandidaten gemustert hatte, die Karte des Chefredakteurs nicht abgab?

Aber schon am folgenden Morgen erhielt Andreas mit der Post eine Einladung zum Abend des zehnten November von Frau Adelheid Türkheimer.

IV.
Türkheimers

Andreas Zumsee erschien, weil er dies für vornehmer hielt, sehr spät auf der Soiree in der Hildebrandtstraße. An dem bronzenen Gatter, das diesmal weit aufstand, stieß ein majestätischer Portier seinen Stab auf den Boden. Andreas blickte ihm ins Gesicht, er drückte aber nur imposante Kälte aus. Der Lakai, der ihm seinen Mantel abnahm, war zufällig derselbe, den er kannte. Andreas sah ihn nicht einmal an. ›Du hast mich nicht hindern können, herzukommen‹, dachte er.

Das Selbstbewußtsein, mit dem er seinen Eintritt vollführte, erstickte seine geheime Verlegenheit, machte ihn aber auch unvorsichtig. Alsbald stieß ihm ein kleines Unglück zu. Neben der Garderobe lag ein Vorzimmer, das Andreas auf den ersten Blick für leer hielt. Er betrat es, ohne sich anzukündigen, aber schon nach zwei Schritten stand er auf der Schleppe eines Abendmantels. Es war ein Mantel aus gelber Seide mit Brokatstickerei, gefüttert mit Satin-Duchesse. Und Andreas konnte sich nicht schnell genug zurückziehen, um nicht mehr zu bemerken, daß die Besitzerin des Mantels von dem jungen Manne, der ihn ihr abnahm, einen Kuß empfing. Es war eine große starke Blondine, und das wütende Gesicht mit der aufgestülpten Nase, das sie Andreas zuwandte, erfüllte ihn mit solchem Schrecken, daß er unter gestammelten Entschuldigungen recht kläglich beiseite schlich.

Gleich darauf, wie er die Treppe zum ersten Stock hinanstieg, fielen ihm die geistreichsten Wendungen ein, mit denen er sein Ungeschick hätte gutmachen können. Ganz zerschlagen von dem Bewußtsein, der Lage nicht gewachsen gewesen zu sein, ließ er sich durch zwei Säle von einem Strom von Gästen fortziehen, der ihn an das Büfett führte. Im Gedränge stieß er einem distinguiert aussehenden alten Herrn heftig gegen die Schulter und brachte nicht einmal mehr ein Wort der Abbitte hervor, ganz entsetzt über sein neues Mißgeschick. Indes sagte der alte Herr verbindlich »Pardon« und reichte Andreas Teller und Besteck. Der arme junge Mann gewahrte jetzt die seidenen Strümpfe des Haushofmeisters und wandte sich mit blutrotem Gesicht hinweg.

Vor ihm standen Kübel mit Sektflaschen. Ein Diener wartete auf seinen Wink, um ihm einzuschenken. Aber Andreas befürchtete, man möchte ihm ansehen, daß er noch niemals Champagner genossen habe. Er wollte einen Wein wählen, als man hinter ihm lachte. Die verschiedenen Demütigungen, die er in so kurzer Zeit erlitten hatte, brachten ihn außer sich, er war im Begriffe, seine Zukunft durch einen Skandal zu verderben. Sehr bleich, drehte er sich nach zwei Herren in seiner Nachbarschaft um; er war entschlossen, den ersten, der ihn schief anzusehen wagte, zu ohrfeigen. Als die beiden jedoch sein Gesicht bemerkten, schienen sie es gar nicht gewesen zu sein. Der eine von ihnen sprach Andreas an, und auch das stärkste Mißtrauen konnte in seiner Stimme nur ruhige Höflichkeit entdecken.

»Ich rate Ihnen zu dem Chablis dort«, sagte er. »Es ist das Feinste, was hier zu haben ist.«

Andreas dankte und trank mit wiedergewonnener Fassung mehrere Gläser. Da der Wein in einen nüchternen Magen gelangte, brachte er bald die freundlichste Wirkung hervor. Als Andreas den letzten Tropfen getrunken hatte, triumphierte er. ›Die beiden Jobber haben vor meinem Gesicht Furcht gehabt‹, sagte er sich.

Er empfand das Bedürfnis, zu sprechen; man schien sich hier ja unbekannterweise anzureden.

»Da ist ja Kaflisch!« rief er plötzlich, als begrüßte er einen lange vermißten Freund. Der Journalist zeigte sich am Arm eines korpulenten Herrn mit kurzem schwarzem Spitzbart, schweren Lidern und von dem Aussehen einer bedeutenden Persönlichkeit. Andreas meinte ihn zu erkennen.

Kaflisch musterte den Fremdling. Als er ihn in seinem Gedächtnis untergebracht hatte, schüttelte er ihm die Hand.

»Freut mich, Sie wiederzusehen. Nu sehnsewoll, wie 'ne Empfehlung von unserm Alten hier wirkt?«

»Famos!« sagte Andreas. Er fühlte sich unternehmungslustig. Er erkundigte sich:

»Wissen Sie nicht, wo die Hausfrau ist?«

»Kommen Sie von Ratibohr?« fragte der korpulente Herr. Der junge Mann stutzte.

»Nein, von Gumplach«, erwiderte er.

Der Herr lächelte ihn wohlwollend an. Kaflisch brach in Gelächter aus.

»Goldherz meint, ob Sie der Hausfrau von Herrn Ratibohr was zu sagen haben. Sie wollen sich ihr wohl nur vorstellen? Hat ja gar keinen Zweck.«

Der korpulente Herr folgte gelangweilt dem Ruf eines Bekannten. Kaflisch nahm Andreas' Arm wie den eines Jugendfreundes.

»War das der berühmte Verteidiger?« fragte der junge Mann.

»Ihn selbst haben Ihre sterblichen Augen gesehen. Wissense, den müssen Sie kennenlernen.«

Im Mentorton setzte Kaflisch hinzu:

»Von denen, die hier sind, kann keiner sagen, daß er ihn nicht eines Tages nötig haben wird.«

»Wie geht es Ihnen sonst?« fragte er gleich darauf. »Ist Bediener nett zu Ihnen?«

»Sehr«, sagte Andreas. »Vorigen Sonntag ist was von mir erschienen.«

»Aha, das Gedicht in der ›Neuzeit‹.«

»Haben Sie es gelesen?«

»Das können Sie nicht verlangen. Aber von jedem aussichtsreichen Talent, das an den Alten empfohlen ist, bringt die ›Neuzeit‹ ein Gedicht. Auf das zweite können Sie lange warten. – Da haben Sie Asta«, setzte er schnell hinzu, stieß Andreas an und wandte sich unverfroren nach einer vorübergehenden Dame um.

»Wer, Asta?« fragte Andreas, der Kaflischs Beispiel folgte. Aber seine weinselige Aufgeräumtheit rächte sich sofort, er trat der Dame auf die Schleppe, und sie zeigte ihm ein Gesicht voller Verachtung.

»Nu haben Sie sie doch mal angesehen«, sagte Kaflisch freundlich. Die Dame ging weiter, einem langen, blonden Herrn mit schütterm Bart entgegen, der ihr über den Köpfen der Menge, hinten an der Tür, zuwinkte.

Andreas war jetzt nicht mehr so leicht aus der Fassung zu bringen. Er fragte, übermütig lachend:

»Sagen Sie doch, wer ist denn die Asta?«

»Die Tochter vom Hause, mein junger Freund. Und wenn die hier spazierengeht, so können Sie glauben, daß die Mutter ganz wo anders ist.«

»Warum?« fragte Andreas. Er war doch leicht erschrocken.

»Warum? Die liebe Unschuld! Asta ist 'n Mädchen mit Grundsätzen, das heißt, sie geht à la Ibsen frisiert, modernes Weib, mehr intellektuell als Geschlechtswesen, verstehnse mich, sehr geehrter Herr?«

Kaflisch sprach mit der Nase dicht an Andreas' Mund und sehr laut. Es lag ihm offenbar nichts daran, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Um sie her fing man an zu lachen. Andreas fühlte die Aufmerksamkeit auf sich gerichtet, was ihm schmeichelte.

»Und die Mutter?« fragte er mit erhobener Stimme, während sie weiterschlenderten.

»Die ist 'ne gute Frau«, erklärte Kaflisch leichthin. »Sogar zu gut gegen uns junge Leute.«

»Ich verstehe«, sagte Andreas mit einer Betonung, die er für vielsagend hielt.

»Kommt dort nicht Lizzi Laffé?« fragte er. Der Name jener Dame, die er schon im Vorzimmer durch seine Indiskretion beleidigt hatte, war ihm zu seinem Schrecken eingefallen. Er kannte sie von der Bühne her, der sie angehörte, und Lizzis Beziehungen zu Türkheimer waren im »Café Hurra« des öfteren erörtert.

»Abend, Lizzi«, sagte Kaflisch, der ihr im Vorübergehen die Hand schüttelte. Sie bemerkte Andreas gar nicht, der voll Ehrfurcht feststellte, daß ihre Toilette, seit sie den gelbseidenen Mantel abgelegt, an Prunk noch nichts verloren hatte. Er schaute ihr vorsichtig nach, wie sie in ihrer alle einschüchternden Üppigkeit, mit Brillanten übersät, am Arm desselben Herrn dahinschritt, mit dem er sie überrascht hatte. Es war .ein geschniegelter junger Mann, mit bartlosem, doch herausforderndem Gesicht, breitschultrig, beleibt und von der Haltung eines Korpsstudenten.

»Also Lizzi ist auch da!«

Andreas bemühte sich, recht harmlos zu sprechen. Die Begegnung mit dieser Frau, die einer beleidigten Herzogin glich, hatte ihn völlig ernüchtert. Auch sah ihr Begleiter gefährlich aus.

»Na, sie gehört hier ja zum Inventar«, setzte Andreas hinzu. Kaflisch grinste.

»Solange es dauert, heißt das. Türkheimer soll sie satt haben. Komisch, gerade jetzt, wo seine Frau den Edelberg los ist, wissense?«

»Hab ich auch gehört«, log Andreas, der sich vornahm, ohne weiteres alles zu begreifen.

»Es ist aber nicht schön von Lizzi«, sagte er vertraulich, »was ich vorhin zwischen ihr und dem jungen Mann gesehen habe, mit dem sie eben vorbeikam.«

Kaflisch horchte auf.

»Mit dem, der so staatserhaltend aussieht?« fragte er. »Nun, was machten sie denn?«

»Sie küßten sich.«

»Mehr nicht?«

Kaflisch war enttäuscht. Andreas suchte sich zu entschuldigen.

»Na, hier im Hause –« meinte er.

»Unsinn. Diederich Klempner ist ja ihr Schoßhündchen. So 'n Posten sollten Sie sich auch suchen, mein Lieber. Klempner ist ein Streber, aber ohne Lizzi wäre er nichts geworden.«

»Was ist er denn?« fragte Andreas.

»Das wissen Sie nicht? Dramatiker doch!«

»Klempner? Ich habe ihn nie auf dem Theaterzettel gesehen.«

»Die liebe Unschuld! Ist ja gar nicht nötig, er schreibt nie was, aber Dramatiker ist er doch.«

»Wieso?« fragte Andreas ziemlich kurz. Er fand den Ausdruck »Die liebe Unschuld« etwas zu herablassend. Kaflisch erläuterte:

»Wenn er was schreiben würde, dann würde es vielleicht ein Drama werden. Verstehnse mich?«

Sie betraten jetzt den ersten der drei großen Salons, in deren Tiefe man hineinsah. Er war blaßgrün, der zweite purpurrot und der dritte bleu mourant und Rokoko. Eine erstaunliche Menschenmenge erschwerte das Weiterkommen, aber Kaflisch besaß das Talent, überall Platz zu finden. Andreas wunderte sich über die Menge von Händedrücken, die er rechts und links austeilte. Er schob die Leute mit einem freundschaftlichen Scherz beiseite und wand sich hindurch.

Man hörte schon von weitem eine Gruppe von Herren streiten, die Börsenbesucher sein mußten, denn sie sprachen von einem Herrn Schmeerbauch, der die Gewohnheit hatte, jeden Tag mit einer neuen Hose zur Börse zu kommen. Heute hatte er eine schon bekannte angehabt, was allerlei Zweifel erregte. Man rief einen untersetzten, behäbigen Herrn an, der mit einer schlanken jungen Blondine vorüberging.

»Blosch! Wissen Sie was über Schmeerbauch?«

»Ist ja alles nicht wahr!« sagte Blosch phlegmatisch.

»Das mit der Hose?« fragte jemand.

»Ein Anfall von Melancholie«, versetzte Blosch. »Schmeerbauch hat eine unglückliche Liebe.«

Schmeerbauchs Kredit war wiederhergestellt.

»Der Glückliche!« seufzte ein schlanker junger Mann mit feinem schwarzem Schnurrbart und mandelförmigen dunklen Sammetaugen, denen gewiß noch keine widerstanden hatte.

»Duschnitzki, wenn Sie renommieren, möchte man Sie prügeln, so dumm sehen Sie aus«, sagte ein anderer. Duschnitzki entgegnete sanft:

»Süß! Die liebe Unschuld!«

»Schon wieder die liebe Unschuld«, bemerkte Andreas für sich.

»Da ist ja Kaflisch!« riefen die anderen.

»Kaflisch, wissen Sie was von ›Rache!‹?«

»Durch!« antwortete der Journalist. »Türkheimer hat es durch seinen Schwiegersohn in spe beim Polizeipräsidenten durchgesetzt.«

»Ja, wenn man einen Schwiegersohn im Ministerium hat. Hochstetten ist doch Geheimer Rat?«

»Und nicht zu seinem Vergnügen. Vorläufig muß er Türkheimer einen Orden verschaffen. Man weiß nicht welchen, aber irgendeiner soll im Heiratskontrakt inbegriffen sein. Der Sonnenorden von Puerto Vergogna tut es nicht mehr. Und dann muß er ›Rache!‹ aufführen lassen.«

»Ganz und gar?«

»Mit lumpigen Änderungen«, erklärte Kaflisch. »Der Barrikadenkampf, die Ermordung des Verwaltungsrats durch die empörten Proletarier, die Auspeitschung der Bankiersfrau auf offener Straße, alles darf bleiben. Bloß das bißchen Kirchenschändung und die Benutzung der geweihten Gefäße zu unsauberen Zwecken muß weg.«

»Zustand!«

»Frechheit!«

Man rief durcheinander.

»Darf man nur uns auf der Bühne vergewaltigen und die Pfaffen nicht? Was haben die vor uns voraus?«

»Die Religion ist doch eine Sache für sich«, sagte die schlanke junge Frau, die mit Blosch gekommen war. Einer der Herren bemerkte:

»Die liebe Unschuld!«

Andreas wunderte sich nicht mehr, daß man ihn selbst mit dem Ausdruck anredete, da er auch einer Dame an den Kopf geworfen wurde. Übrigens kehrte das Wort immer wieder. Jeder, der nur zwei Sätze sprach, war es sich schuldig, es zu gebrauchen. Indes fühlte Andreas die Verpflichtung, für die junge Frau Partei zu nehmen. Auch fürchtete er albern dazustehen, wenn er noch länger schwieg.

»Die gnädige Frau hat recht«, sagte er mit Entschiedenheit. »Die Religion muß aus dem Spiel bleiben.«

»Kann sein«, meinte einer zögernd, aber Duschnitzki ergriff eifrig die umschlagende Stimmung.

»So ist es. Sie haben recht, gnädige Frau, und Sie, Herr, Herr –«

»Andreas Zumsee«, sagte Andreas.

»Schriftsteller«, setzte Kaflisch hinzu. Duschnitzki fuhr fort:

»Heutzutage, bei den Zuständen kann man alles verulken und mit Füßen treten, die Ehre des Bürgertums –«

»Und unser ruhmreiches Heer!« rief Süß.

»Die allerhöchsten Personen!« meinte ein anderer.

»Den Ruf einer Frau!« der nächste.

»Sogar die Börse«, schlug leise einer vor.

»Aber den lieben Gott!« sagte Duschnitzki nachdrücklich. »Das geht nicht!«

»Das muß die Polizei verbieten!« schrie Süß. »Es erregt Ärgernis!«

»Und es ist geschmacklos«, setzte Duschnitzki geringschätzig hinzu.

»Stimmt!« versetzte Kaflisch unter allgemeinem Beifall. »Wir haben das überwunden! Man muß schon 'n bißchen veralterter Würdengreis sein wie der große Mann da hinten.«

Die Gesellschaft begann zu lachen. Andreas, der den Blicken der anderen folgte, bemerkte am Eingang zum zweiten Salon einen langen Greis mit kleinem, lächelndem Vogelkopf. Ein wenig Flaum tanzte auf seinem kahlen Schädel. Er redete emphatisch auf einen großen Kreis von Damen und Herren ein, aus dem er hoch aufragte. Andreas erhaschte abgerissene Worte: »Dunkle Gestalten erheben heute wieder ihr Haupt ...« Er meinte, den Greis schon gesehen zu haben.

»Ist das nicht Waldemar Wennichen?« fragte er Kaflisch.

»Natürlich! Sie kennen doch unseren großen Dichter. Wollen wir uns dem Kreise seiner Verehrer anschließen?«

Kaflisch suchte Andreas loszuwerden. Er hatte gehofft, der junge Mann werde zu lachen geben, was für ihn, seinen Mentor, schmeichelhaft gewesen wäre. Da Andreas augenblicklich sogar Beifall geerntet hatte, langweilte er Kaflisch.

Der Neuling, aufmerksam und beflissen, nach Doktor Bedieners Weisung von dem hier herrschenden guten Ton zu profitieren, merkte sich, daß man mit Aufklärung nicht prahlen durfte. Während sie ihren Weg fortsetzten, erkundigte er sich bei dem Journalisten, wer jene schlanke junge Frau gewesen sei. Kaflisch erklärte sogleich:

»Die wird nicht gereicht. Es ist Frau Blosch. Lassen Sie sich ihre Geschichte mal erzählen, zum Beispiel von Diederich Klempner, der versteht es als Dramatiker.«

Sie traten an die Wennichensche Gruppe heran.

»Seien Sie mir gegrüßt, mein Liebling!« redete Kaflisch einen. ersten Herrn mit tadellosem Frack und schwarzem Vollbart an.

»Darf ich die Herren bekannt machen?« setzte er hastig hinzu. »Herr Schriftsteller Andreas Zumsee, Herr Liebling, Zionist.«

Indes Andreas sich verbeugte, war Kaflisch schon verschwunden. Andreas stand Herrn Liebling gegenüber, der ihn ernst ansah, ihm kräftig die Hand schüttelte und, ohne etwas zu sagen, sich Wennichen wieder zuwandte.

Da der Dichter in der Fistel sprach, verstand man bei der im Zimmer herrschenden Unruhe nur die Schlagwörter, die er mit einem eigentümlichen Ruck seines langen, sehnigen Halses hervorbrachte: »Ehre des Handelsstandes – freche Übergriffe von gewisser Seite – arbeitsame Kaufleute – Abwehr – Errungenschaften der bürgerlichen Revolution ...«

Andreas verbarg ein überlegenes Lächeln. Er hatte im »Café Hurra« allerlei über das Privatleben des berühmten Dichters erfahren. Wennichen bezog nur noch halbe Honorare, da er seit fünfzig Jahren immer dieselben Romane verfaßte, die niemand mehr las. Er hatte Unglück mit seinen Kindern gehabt, seine Frau war ihm nach unzähligen Liebschaften endlich ganz und gar durchgegangen. Er hatte das alles kaum bemerkt. Er sah nichts von den Veränderungen der Zeit seit achtundvierzig, als er sein erstes Buch schrieb von dem braven jungen Kaufmann, der sich Eintritt in die gänzlich verrottete Adelsfamilie erzwingt, deren Tochter er merkwürdigerweise heiratet. Auch heute noch lebte Wennichen unter braven freisinnigen Kaufleuten, die mit übermütigen Junkern und pfäffischen Finsterlingen in edlem, uneigennützigem Kampfe lagen. Der arme Greis dauerte Andreas, dem es Genugtuung bereitete, einen Dichter aus der Nähe beurteilen zu können, den er früher in Gumplach als einen Stern der Literaturgeschichte angestaunt hatte.

Wennichens Ausfall gegen die Feinde des Lichtes erntete einige Beifallsrufe, doch neben Andreas begann plötzlich Liebling mit wohltönender, kräftiger Baritonstimme zu sprechen. Er sagte:

»Wollen wir die Freiheit, ich meine die wohlverstandene Freiheit erhalten, so müssen wir das Volk zu regieren wissen. Das Volk ist in seiner Wehr- und Urteilslosigkeit leider stets bereit, sich den verführerischen Werbungen der Reaktionäre zu ergeben. Wir müssen es gegen sich selbst verteidigen, und dies kann nur geschehen mittelst forca, farina e feste!«

»Aha! Aus dem Effeff!« bemerkte ein witziger Herr.

Man rief lachend durcheinander.

»Ist das Ihre neue Erfindung, Liebling?«

»Sie Scherzbold!«

»Er hat aber recht«, erklärte jemand, der offenbar italienisch verstand. Geben wir dem Volke nicht Brot und Feste, so kommen wir selbst früher oder später an den Galgen.«

»Meine Herren!« fuhr Liebling fort. »Die eben ausgesprochene Überzeugung ist längst fest in mir begründet. In ernster Überlegung habe ich sie an demjenigen Volke erprobt, das meinem Herzen am nächsten steht. Wenn es mir und Gleichgesinnten je gelingen sollte, dieses Volk in das ihm zugehörige und ihm noch immer gelobte Land heimzuführen, glauben Sie, daß wir es durch Parlamente und Presse unglücklich machen würden? Die europäische Korruption soll von unserem Boden verbannt sein!«

»Bravo!« erscholl es einstimmig unter Lachen.

Man schüttelte dem Redner die Hände. Andreas kam es so vor, als würde Lieblings »Zionismus« nicht recht ernst genommen, während er ihm doch eine besondere Stellung verschaffte. ›Es könnte also nichts schaden, ebenfalls irgendeine Marotte zu haben‹, sagte sich Andreas.

Indes hob sich ganz hinten ein nachlässig gekleideter Herr auf die Zehenspitzen. An dem stupiden Bullenbeißergesicht und dem nicht ganz reinlichen Klappkragen erkannte Andreas den Abgeordneten Tulpe.

»Unsinn!« rief murrend dieser Politiker. »Wenn das Bürgertum die Prinzipien von achtundvierzig aufgibt, so gibt es sich selbst auf!«

Liebling schickte sich zu einer Erwiderung an, aber ein jeder bemühte sich, seine Meinung zur Geltung zu bringen, die Damen am lautesten. Nur Wennichen stand lächelnd und kopfschüttelnd dabei. Liebling hätte seine ausschweifenden Überzeugungen auf chinesisch äußern können und er wäre für Wennichen nicht unverständlicher geblieben.

»Aber ich bitte Sie, meine Herrschaften«, sagte plötzlich mit schriller Stimme ein herzutretender Herr.

»Ratibohr ist da«, raunte man sich zu. »Er setzt heute abend den Fuß hier herein? Doch mal einer, der nicht an Schüchternheit leidet!«

Unwillkürlich machten die Nächststehenden ihm Platz, man schien Ratibohr zu fürchten. Er war hager, mit nervöser Kraft in den Bewegungen und von galliger Gesichtsfarbe. Seine Habichtsnase und sein scharfer Blick forderten jeden heraus, der irgend etwas gegen ihn einzuwenden haben sollte. Seine Eleganz erinnerte an Börse und Fechtsaal. Ratibohr hatte gleichviel vom Duellanten und vom Jobber und machte einen um so gefährlicheren Eindruck. Auch ließ er achtunggebietende Geheimnisse hinter seinem Namen ahnen. Er sagte:

»Vertragen wir uns doch, meine Herrschaften! Es ist ja Nebensache, wie regiert wird. Die Geschichte wird schon noch 'n bißchen zusammenhalten.«

Er vollführte eine rasche, alles entscheidende Handbewegung, wobei sein silbernes Armband um das Gelenk klirrte. Seine Meinung fand den größten Beifall. Andreas blickte auf Ratibohr voll Neid und Bewunderung. Den Leuten schon durch sein Erscheinen Respekt einflößen wie er, welch ein Traum! Doch setzten diese Leute ihn in Erstaunen. Seit er auf dem Berliner Pflaster spazierenging, sah er sie als die herrschende Klasse an, und nun fand er sie so wenig einig über die Grundlagen ihrer Herrschaft. Der bürgerliche Absolutismus, den Liebling vorschlug, lag wohl in ihrem Interesse. Gleichzeitig mochte ihr Vorteil erfordern, so zu tun, als teilten sie noch die fünfzig Jahre alten Ansichten Wennichens. Ihre innere Neigung dagegen schien Ratibohr ausgesprochen zu haben: es war Nebensache, wie regiert wurde. Andreas beschloß, sich diese Überzeugung anzueignen, die ihm eines Weltmannes würdig erschien, und der Entschluß ward ihm nicht schwer.

Indes begann der junge Mann nach dem langen Umherdrängen und Stillstehen seine Müdigkeit zu fühlen. Das unnütze Gerede, das ihn in seinen Absichten nicht vorwärtsbrachte, ward ihm auch zu viel. Er suchte erfolglos nach einem passenden Sitz. Es standen dort breite Stühle aus braunlackiertem Holz mit zart bemalten Seidenpolstern, aber ihre Lehnen waren steif und schmal wie Leitern. Andere Sessel hatten einen dreieckigen Rücken, oder es fehlten ihnen die Armstützen. Noch andere waren so niedrig, daß er seine Beine nicht ohne Verlegenheit unterbringen konnte. Kein Sitz gewährte Andreas die Möglichkeit, sich eine zwanglose und der persönlichen Würde angemessene Haltung zu geben.

Höchst unzufrieden irrte er umher, unter dem Vorwande, die Einrichtung zu betrachten. Der dritte Salon, in bleu mourant und Rokoko, zog ihn an. Vor den üppigen Plauderecken, in denen sich Damen aufhielten, standen niedrige spanische Wände, mit buntbesticktem Atlas bespannt und mit geschliffenen Glasscheiben in verschnörkelten Rahmen. Sie sahen aus wie die herausgebrochenen Wände einer alten Staatskutsche. Der Vortrag einer Sängerin, die sich nebenan hören ließ, ging unter in den lauten Gesprächen. Als man nach einiger Zeit merkte, daß sie fertig war, ertönte frenetischer Beifall. Drüben auf dem Kamin aus rosigem Porzellan schlug die Stutzuhr, Schildpatt mit eingelegtem Kupfer, halb zwölf.

Andreas setzte sich endlich, er lehnte den Kopf zurück und versuchte sich betäuben zu lassen von der funkelnden Decke, deren vergoldete Kassetten elektrische Birnen bargen. Dies hinderte ihn nicht, von neuem in eine verzweifelte Mutlosigkeit zu verfallen. Was hatte er bisher erreicht? Kein ernsthafter Bekannter stand ihm bei, es war zu klar, daß die Leute, die er kennenlernte, ihn nur daraufhin ansahen, ob sich ihm eine heitere Seite abgewinnen lasse. Gelang es ihm heute abend nicht, ein Lächeln von der Hausfrau zu erhalten, so war es aus mit seinem Eintritt in diese Welt. Und jetzt, da er einen Blick hier herein getan hatte, fanden seine Begierden erst ihren Gegenstand. Er sandte seine schüchternen Eroberungsblicke im Kreise der geschmückten Frauen umher. Manche waren üppig, schwer und weich wie Odalisken. Andere, hagere, hoben langgestielte Lorgnons vor die umränderten, pervers blickenden Augen. Wer von einer von ihnen in Gnaden aufgenommen wurde, so als Schoßhündchen wie Diederich Klempner bei Lizzi Laffé, der war sein Lebtag versorgt. Das Geld rollte hier unter den Möbeln umher. Gewiß tat keiner etwas anderes, als sich die Taschen zu füllen. Welch ein Wohlleben in diesem Schlaraffenland!

Eine häßliche Falte seines Fracks, die ihm noch nie so aufgefallen war wie in dieser Beleuchtung, entriß den armen jungen Mann seinen Träumen. Er verglich seine dürftige Kleidung mit den tadellosen Anzügen, die an ihm vorüberwandelten, und bei jedem Vergleiche stieg seine Wut. Endlich befand er sich in der erforderlichen Stimmung, um mit sich selbst va banque zu spielen. Wenn er in einer halben Stunde noch keinen Schritt auf seiner Laufbahn vorwärts getan haben würde, so schwur er sich zu, wegzugehen und nie wiederzukommen.

Er wollte sich erheben, als zwei junge Leute dicht vor ihm stehenblieben. Sie sahen hinüber nach der Palmengruppe, vor der in einer Pompadour-Bergere eine große, starke Dame saß. Sie war nicht gerade jung, aber ihr weißer Teint hatte nichts verloren, und so prachtvolle Schultern konnte sie nach Andreas' Meinung in ihrer Jugend kaum besessen haben. Ihre zu starken Gesichtszüge erhielten etwas Charakteristisches durch den hohen schwarzen Helm von Haaren über der engen Stirn. Sie war in weiße Seide gekleidet, mit tief über die Büste fallenden Spitzen, worauf Brillantagraffen blitzten.

Der eine der jungen Leute bemerkte:

»Sie ist doch noch immer schön.«

»Die Hausfrau?« sagte der andere. »Selbstredend. Zwar 'n bißchen schwere Nahrung, aber es tut nichts. Je mehr, desto besser, nach der Taxe der Wüstenstämme.«

»Welche Taxe?«

»Als Schönste gilt diejenige, die nur auf einem Kamel fortbewegt werden kann. Nach ihr kommt die, die sich auf zwei Sklavinnen stützen muß. – Aber warum macht sie denn so 'n leidendes Gesicht?«

»Frau Türkheimer? Das wissen Sie nicht? Wo kommen Sie denn her? Ratibohr hat ja mit ihr gebrochen.«

»Der Esel! Und warum?«

»Wegen des Gatten, sagt man.«

»Türkheimer? Der wird sich doch nicht lächerlich machen? Er läßt doch seit bald einem Menschenalter seine Frau tun, was sie will. Was hat er denn gegen Ratibohr?«

»Ja, Ratibohr soll kein dankbarer Kunde sein. Durch die Vertraulichkeit mit Frau Adelheid ist er hinter allerlei Geheimnisse gekommen. Türkheimer hat gemerkt, daß ihm, seit seine Frau mit Ratibohr zusammensteckt, öfter was vor der Nase weggeschnappt ist. Das hat ihn entrüstet.«

»Wirklich?«

»Türkheimer ist ja ein sehr verständiger Mann, um die Privatangelegenheiten seiner Frau kümmert er sich nicht. Aber wenn die Geschäfte ins Spiel kommen, dann wird er strenge.«

»Und da hat er dem Ratibohr Krach gemacht?«

»Sie kennen ihn nicht. Er hat ihm die Beteiligung an einem Coup angeboten, mit der Bedingung, seine Frau aufzugeben.«

»Und Ratibohr hat eingeschlagen?«

»Was dachten Sie denn?«

In diesem Augenblick sah Andreas den eleganten Doktor Bediener, das Glas im Auge, in der Tür erscheinen. Der junge Mann stürzte jäh auf den Chefredakteur los.

»Herr Doktor!« sagte er hastig. »Gestatten Sie mir eine Bitte, würden Sie die Güte haben, mich der Dame des Hauses vorzustellen?«

»Comment donc, mon cher!« rief Doktor Bediener, der früher Korrespondent in Paris gewesen war. Er sah Andreas starr an und setzte hinzu:

»Ich suche Sie seit zwei Stunden, mein lieber Herr, Herr-re ...«

»Andreas Zumsee«, ergänzte Andreas.

Der Chefredakteur ergriff seinen Schützling leicht am Arm, trat mit ihm vor Frau Türkheimer und sprach:

»Schöne Frau, ich mache mir das Vergnügen, Ihnen einen talentvollen jungen Mann zuzuführen, Herrn Andreas Zumsee, den ich der kunstsinnigen Güte der gnädigen Frau empfehle.«

Alsbald war Doktor Bediener verschwunden.

Andreas verlängerte seine Verbeugung so sehr, als hypnotisierten ihn seine eigenen, nicht sehr blanken Stiefelspitzen. Ein mitleidiges Lächeln hatte Frau Türkheimer schon wieder unterdrückt, als der junge Mann aufsah. Sie redete ihn sehr freundlich an.

»Unsere jungen Dichter finden hier stets ein offenes Haus, und die von Doktor Bediener empfohlenen Talente sind uns besonders willkommen, Herr Zumsee.«

Andreas verbeugte sich abermals. Er nahm das Taburett ein, auf das Frau Türkheimer deutete.

»Widmen Sie sich schon lange der Literatur?« fragte sie.

»Erst seit ganz kurzer Zeit«, erklärte Andreas, »und ich durfte nicht hoffen, seitens der gnädigen Frau einen so wohlwollenden Empfang zu finden, der mich unendlich glücklich macht. Das Interesse an der Literatur ist im Lande so gering, daß wir jungen Anfänger von vornherein eine tiefe Dankbarkeit den wenigen Häusern entgegenbringen, in denen ein modern verfeinerter Geschmack gepflegt wird.«

Ein junger Mann, der schon etwas mehr als Andreas den Ernst seiner Provinz abgeschüttelt hätte, würde anders gesprochen haben. Jedenfalls hatte Frau Türkheimer etwas anderes erwartet, sie wurde erst jetzt auf den jungen Mann aufmerksam. Seine zu Hause ersonnene Rede schien sie nicht übel zu finden. Sie lehnte sich in die Bergere zurück, einen Augenblick lächelte sie sogar geschmeichelt. Andreas, der die Lorgnons der rechts und links sitzenden Damen fürchtete, sah Frau Türkheimer unverwandt in die Augen, und sein Blick, den dichte, vorn aufwärts gebogene Wimpern beschatteten, machte den von Doktor Bediener vorausgesehenen Eindruck. Sie fand ihn angenehm, ganz frei von Dreistigkeit und voll jugendlicher Hingebung. Da Andreas sich geprüft fühlte, errötete er, was seinem knabenhaften Blondkopf mit dem leichten Flaum auf der Oberlippe sehr gut stand. Sie fuhr fort, ihn zu betrachten. Der geheime Schmerz, der über ihr Gesicht einen Schleier geworfen hatte, geriet in Vergessenheit. Es blieb nur eine sanfte Schwermut übrig, genährt durch den Anblick des jungen Menschen, der auch des Anteils einer mitleidigen Seele zu bedürfen schien. Andreas ahnte etwas Ähnliches. Er fand sich in seiner Ungeschicklichkeit selbst bedauernswert, aber es kränkte ihn, sich von einer schönen Frau bemitleiden lassen zu müssen. Er ward noch röter. Sie erkundigte sich:

»Und wie befinden Sie sich in Berlin? Denn Sie haben doch wohl erst kürzlich Ihre Heimat verlassen?«

»Ich komme vom Rhein, gnädige Frau.«

»Ich glaubte es an Ihrer Aussprache zu hören. Ah! Der Rhein!« hauchte Frau Türkheimer. Sie sann einen Augenblick, ließ sich indes auf eine Beschreibung der Stimmungen, die ihr der Rhein eingeflößt hatte, nicht ein.

»Sie müssen sich hier wohl recht wie in der Fremde fühlen?« fragte sie unwillkürlich leiser. Schwermut, Mitleid und Träumerei zogen eine Hecke um sie und diesen jungen Mann, sie wußte selbst nicht wie.

»Kommt Ihnen hier das Leben nicht viel kälter vor als in Ihrer Provinz? Bei Ihnen kennt man Fröhlichkeit, glaube ich, hier aber nur Spottlust. Und dann das Geld! Merken Sie sich für Ihren hiesigen Aufenthalt: es gibt hier nichts, was man nicht um eines guten Geschäftes willen verraten würde!«

Andreas meinte, bei den ruhig gesprochenen Worten der Dame doch dem Schrei einer wunden Seele zu lauschen. Er fühlte sich geschmeichelt durch die Andeutung, die sie selbst ihm von ihrem Unglück machte. Sie setzte nachlässig hinzu:

»Haben Sie schon einen Schneider, Herr Zumsee?«

Andreas glaubte mißverstanden zu haben.

»Sie brauchen Freunde, die Sie anleiten. Warum sollte ich es nicht tun?«

Andreas verbeugte sich.

»Gehen Sie doch zu Behrendt in der Mohrenstraße. Ich erlaube Ihnen, sich auf mich zu berufen, dann wird man Ihnen eine tadellose Ausstattung besorgen. Ich schicke Ihnen meine Karte.«

Sie reichte ihm ihre wohlgeformte Hand, die sich unter dem Handschuh ein wenig fett, aber nicht zu fett, anfühlte.

»Übrigens vergessen Sie uns nicht, ich bin jeden Freitag zu Hause.«

Andreas sprang auf, küßte die Hand und entfernte sich langsam, mit verhaltenem Atem. Infolge des Erlebten waren seine Sinne förmlich erstarrt. Als sie wieder frei wurden, hörte er hinter sich jemand sagen:

»Donnerwetter! Dem gibt er's im Schlaf! Sie kennen doch den Trick mit dem Schneider? Wenn der Frau Türkheimers Karte sieht, so liefert er den jungen Leuten Anzüge für fünfzig Mark, die uns dreihundert kosten.«

Ein wenig weiter bemerkte Andreas jenen Generalkonsul mit kleinem Spitzbauch und rötlich gefärbten Koteletten, den er im Vorzimmer des »Nachtkurier« getroffen hatte. Dieser Herr lächelte, wie der junge Mann vorüberging, so freundlich, und er schien so bereit zu einer Begrüßung zu sein, daß Andreas sich vor ihm verneigte. Der Generalkonsul erwiderte eifrig seinen Gruß.

Ein Unbekannter trat auf Andreas zu und schüttelte ihm ohne Umstände kräftig die Hand.

»Sind Sie schon lange in Berlin, mein Herr?« fragte er.

»Dreizehn Monate«, sagte Andreas.

»Nun sehnsemal«, bemerkte jener. »Ich bin schon dreizehn Jahre in Berlin, und Frau Türkheimer hat mir noch keinen Schneider empfohlen.«

Damit entfernte der Unbekannte sich wieder.

Unter der Tür des zweiten Salons, in den Andreas zurückkehrte, holte ihn Diederich Klempner ein, der ihm eine formelle Korpsstudentenverbeugung machte.

»Diederich Klempner mein Name«, sagte er kurz und schneidig.

»Andreas Zumsee.«

»Wir sind ja wohl Kollegen«, bemerkte Klempner. »Donnerwetter, Sie haben aber Glück!« setzte er sofort hinzu. »Das muß man übrigens haben, sonst ist in unserer Branche nichts zu wollen.«

Andreas drehte sich um und zeigte Klempner den Herrn mit den gefärbten Favoris.

»Entschuldigen Sie, wer ist der Herr dort drüben?«

»Der? Na, das ist doch Türkheimer!«

Andreas versank in Sinnen. In seiner Überraschung war ihm zunächst nur eine Kleinigkeit eingefallen. Generalkonsul war ein so vornehmer Titel, und auf der Einladungskarte hatte nur »Frau Adelheid Türkheimer« gestanden! Diederich Klempner grinste.

»Es kommt Ihnen wohl komisch vor, daß er Sie so auffordernd angelächelt hat? Na, natürlich, Sie haben doch seinen Konkurrenten Ratibohr bei seiner Frau ausgestochen!«

V.
Ein demokratischer Adel

»Warten Sie mal, ich glaube, es wird gegessen«, sagte Diederich Klempner.

Der alte feine Herr, dem Andreas bald nach seinem ersten Erscheinen in diesen Räumen gegen die Schulter gestoßen hatte, schritt würdevoll mitten durch die gefüllten Salons. Man machte Platz, und er näherte sich der Hausfrau. Gleich darauf begann die Menge der Gäste ihren Durchzug durch das getäfelte Zimmer mit den Gobelins, wo das Büfett stand. Andreas, der mit Klempner neben der Tür stehenblieb, um dem Vorbeimarsch zuzusehen, ging nicht mehr unbeachtet im Strome unter. Er hatte im Verlauf der letzten Viertelstunde Namen und Geltung erlangt. Mit Stolz hielt er die prüfenden Frauenblicke aus, und jedesmal, wenn einer der Herren auf ihn zutrat, sich verbeugte und einen Namen nannte, schlug ihm das Herz höher. Es war ein Triumph, und Andreas fand, daß er ihn verdient habe. Die Laune einer mächtigen Herrin zog eine allen sichtbare Glorie um sein Haupt. War es nur eine Laune? Er mußte sich wohl so betragen haben, daß sie ihn treffen konnte!

Einer der ersten, die vorüberkamen, war ein ungewöhnlich starker Herr mit schwarzer Perücke und einem glattrasierten Gesicht, das aussah wie das eines abgeschminkten Schauspielers. Er führte Lizzi Laffé am Arm. Klempner merkte, wie Andreas in Erregung geriet.

»Gefällt sie Ihnen?« fragte er mit merklicher Genugtuung.

Andreas hatte Lizzi gar nicht beachtet. Er erkundigte sich:

»Ist das nicht Herr Jekuser?«

»Wer denn sonst?« sagte Klempner. »Sie kennen wohl Ihren Verleger noch nicht?«

Beinahe überwältigt sah Andreas dem Besitzer des »Nachtkurier« nach, einem Despoten der Literatur, einem der Beherrscher der öffentlichen Meinung, einem Mächtigen, gegen den der große Chefredakteur Doktor Bediener nur ein Sklave war, und der nun gleich der Masse der anderen Sterblichen über die Galerie des Treppenhauses den Weg zum Speisesaal wanderte.

Türkheimer kam mit der jungen Frau Blosch, Herr Liebling führte die russische Weltreisende Fürstin Bouboukoff, auf die Klempner Andreas aufmerksam machte. Die Dame hatte Schlitzaugen, die wie zwei Kohlenstriche aussahen, und sie hielt eine Zigarette im Munde, auf die Liebling mit leicht mißbilligender Nachsicht herabblickte. Hinterher schlürfte der wie immer entzückt lächelnde Wennichen, mit Frau Adelheid am Arm.

Die Paare folgten endlos einander, untermischt mit jungen Leuten, Börsenbesuchern, Journalisten oder Herren von unbekannter Beschäftigung, die sich ohne Dame zu Tisch zu setzen dachten.

»Das sind unsere Leute«, sagte Diederich Klempner.

»Wir sind natürlich übriggebliebene Herren. Türkheimers sorgen dafür, daß man seine Bequemlichkeit hat. Aber Süß hat vielleicht – Sie bleiben doch an unserm Tisch?« fragte er.

»Mit Vergnügen!'' erklärte Andreas.

»Sehn Sie mal, Süß hat die kleine Bieratz. Das gibt 'nen Hauptspaß.«

Süß näherte sich mit einem wunderbar schlanken und zarten jungen Mädchen, das in seinem lichtblauen, schmucklosen und durchsichtigen Kleidchen aussah wie eine Sylphe. Das schmale, feine Gesicht wurde von schwerem aschblondem Haar madonnenhaft eingerahmt, und die großen blauen Augen blickten voll Unschuld geradeaus. Aber da kam Ratibohr, glatzköpfig und nervös, an ihr vorüber. Er wandte sich um und lächelte der kleinen Fee auffordernd zu. Und sogleich, mit einer Bewegung, die Andreas entzückend harmlos und kindlich fand, ließ sie den Arm ihres Begleiters los und ergriff den Ratibohrs.

»Nanu, das war doch früher nicht!« rief Klempner halblaut.

Einen Augenblick stand Süß mit merkwürdig blödem Gesicht da, dann schien er den beiden nachstürzen zu wollen. Aber Duschnitzki, der herbeieilte, legte ihm eine Hand auf die Schulter.

»Keine Dummheiten, Süß!« sagte er.

Er trat mit seinem noch ziemlich verstörten Freunde auf Klempner und Andreas zu, und die vier Herren begaben sich ihrerseits über die Galerie, inmitten einer Doppelreihe von Lakaien, in den Speisesaal.

Andreas blickte erstaunt durch den ungeheuren kahlen Raum, den Dutzende von Tischen füllten, und den er mit den übergroßen Räumen eines Monstre-Restaurants verglich. Die Wände waren glattweiß, nur hier und da mit Goldrosetten verziert. Die Decke, mit dunkelrotem Stoff ausgeschlagen, trug einen sehr hoch angebrachten Kronleuchter. Im übrigen war das elektrische Licht verpönt, es standen Kerzen, mit roten Schirmen versehen, auf allen Tischen.

Teller und Gabeln klapperten bereits, auf allen Seiten wurde laut gesprochen, aber Andreas' Tischgenossen schwiegen noch. Es lag etwas in der Luft. Plötzlich brach Süß los:

»So' ne Kanaille!« rief er laut. Andreas sah sich um, aber im wachsenden Lärm hatte niemand es gehört.

»So 'ne Kanaille! So 'ne –« Süß gebrauchte ein noch härteres Wort, so daß Andreas vor Schreck auf seinem Sitz aufhüpfte. Klempner lachte.

»Wen meinen Sie denn?« fragte er.

»Frage!« schrie Süß. »Die Bieratz doch!«

Andreas fand im stillen, daß die Ungezogenheit, die Süß so sehr aufbrachte, weniger der Kleinen als Ratibohr zuzuschreiben sei.

»Fräulein Bieratz hatte sich wohl Herrn Ratibohr schon früher verpflichtet?« vermutete er bescheiden.

Süß kicherte giftig, Duschnitzki schlug sein weiches melodisches Lachen an, bei dem seine mandelförmigen Sammetaugen mitlachten. Klempner belehrte freundlich den jungen Mann.

»Ratibohr hat acht Millionen.«

Andreas zuckte zusammen.

»Hier liegen wohl mehr Millionen auf dem Fußboden umher, als ich Markstücke in der Tasche habe?« fragte er, und er glaubte zu scherzen.

»Hier sind wir Millionäre oder Schubbejacks«, erklärte Duschnitzki, und Klempner setzte hinzu:

»So ist es. Der Mittelstand stirbt aus.«

Andreas fand die von Duschnitzki beliebte Unterscheidung nicht sehr schmeichelhaft, denn er traute seinen Tischgenossen gerade so viele Millionen zu wie sich selbst. Da der gute Ton es aber zu erfordern schien, lachte er herzlich. Klempner suchte Süß zu trösten.

»Die Bieratz ist doch schließlich nur ein schlechter Abklatsch der Pariser falschen Engel mit den falschen Haar-Bandeaus«, bemerkte er.

»Wem sagen Sie das?« erwiderte Süß, der sich aufheiterte.

»Ist egal«, wandte Duschnitzki ein. »Für 'ne junge Schauspielerin ist doch Tugend das Modernste.«

»Gegen die gepumpte Tugend will ich nichts sagen«, versetzte Klempner. »Das Widerliche ist für mich die falsche Anspruchslosigkeit. Haben Sie wohl bemerkt, daß Werda Bieratz auf ihrem billigen Kleidchen kein einziges Schmuckstück trägt? Nicht mal in den Ohren hat sie Brillanten nötig, sie ist so schlau, die Ohren unterm Haar zu verstecken.«

»Sagen Sie mal«, so unterbrach ihn Süß, »ist es wahr, daß Lizzi Brillanten an ihren Strumpfbändern hat?«

»Warum denn nicht?« entgegnete Klempner nicht ohne Genugtuung. »Sie können sich noch mehr Stellen ausdenken, wo Lizzi Brillanten trägt, und es wird immer stimmen.«

»'s ist aber 'ne abgelegte Mode«, sagte Duschnitzki. »Auf totes Kapital, wie Brillanten, gibt keiner mehr was, und für ein junges Mädchen, wie Werda Bieratz, ist es der höchste Schick, Geld auf der Bank zu haben.«

»Werda soll 'ne halbe Million besitzen«, bemerkte Süß voll Achtung.

»Das ist ja, was ich meine!« rief Klempner und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Es macht Ihnen Spaß, meine Herren, mir zu verstehen zu geben, daß Lizzi älteres Genre ist. Meinetwegen, ich habe nichts dagegen. Aber ich will Ihnen sagen, worin der Unterschied der Generationen eigentlich besteht.«

»Kennen wir«, bemerkte Duschnitzki. »Lizzi hat lange Zeit einen Grafen gehabt, bis der unter die Notleidenden ging.«

»Und als Lizzi zur Bühne kam«, fuhr Klempner fort, »war es Sitte, nicht zu rechnen. Lizzi hat von den Millionen, die ihr durch die Hände gegangen sind, nichts übrigbehalten als ihre Brillanten.«

»Und jeder einzelne ist ein Verdienstzeichen!« rief Süß begeistert.

»Die neue Generation dagegen«, sagte Klempner, »hat das fröhliche Ausgeben nicht gelernt, weil sie es immer nur mit Jobbern zu tun hat, denen die armen Mädchen jeden lumpigen Tausendmarkschein mühsam abkämpfen müssen.«

Andreas ward rot und sah auf seinen Teller. Er meinte, Klempner müsse das Standesbewußtsein seiner beiden Nachbarn beleidigt haben. Aber Süß und Duschnitzki lachten höchst belustigt.

»Die armen Mädchen!« wiederholten sie.

»Eine glückliche sozial-psychologische Hypothese!« sagte Duschnitzki. »Prost!«

»Und so gibt es in der Generation der kleinen Bieratz eine Menge schmutziger Geizhälse und Wucherer. Ich habe gehört, der Engel leiht zu zwanzig Prozent an arme Beamte!« so schloß Klempner triumphierend.

Andreas fand Klempners Prahlerei mit Lizzi Laffé indiskret und wenig ruhmvoll. Lizzi war ja noch ganz passabel, etwas schwer zwar, und ihre blonde Korpulenz machte sich nicht so gut wie bei Frau Türkheimer die brünette. Aber unter dem Puder zeigten sich doch schon rote Flecken in Lizzis Gesicht, und was für einen tadellosen Teint hatte Adelheid!

Er begann, sie in der Menge aufzusuchen, doch der Nachbartisch stand ihm im Wege. Dort saß Rechtsanwalt Goldherz mit der Fürstin Bouboukoff, Liebling, einer anderen, sehr tief ausgeschnittenen Dame und einem jungen Manne, der ein merkwürdig bewegliches Clowngesicht hatte. Süß erzählte Andreas ins Ohr eine äußerst schmutzige Geschichte über die ausgeschnittene Dame, die Fürstin und den jungen Mann, der der Sohn der Fürstin sein sollte. Augenblicklich führte die Bouboukoff mit den beiden anderen einen Prozeß, bei dem der große Goldherz als Vertreter der Fürstin mitwirkte. Die Parteien schienen, da sie miteinander soupierten, einen fröhlichen Waffenstillstand abgeschlossen zu haben.

Andreas hörte unaufmerksam zu. Er blickte zwischen dem korrekten Rücken Lieblings und dem bloßen Nacken der ausgeschnittenen Dame hindurch. Dort hinten saß Jekuser, breit in seinen Stuhl zurückgelehnt, daß die wuchtige Wölbung seiner weißen Weste weithin glänzte. Die schwarze Perücke des mächtigen Mannes war ein wenig in den Nacken geschoben, er goß still und heiter ein Glas Wein nach dem andern hinab. Sein Gesicht – war es das eines Schauspielers oder eines Cäsaren? – lachte voll breiten Behagens, aber die beweglichen kleinen Augen straften, wie Andreas meinte, seine Harmlosigkeit Lügen. »Das ist einer, für den es hier keine Geheimnisse gibt«, dachte der junge Mann voll Bewunderung. Duschnitzki, der sanft seinen Arm berührte, redete ihn an.

»Sie irren sich. Die schöne Hausfrau sitzt auf der anderen Seite.«

»Ist doch 'n großartiger Kopf!« sagte Andreas.

»Wer?«

»Jekuser.«

Anfangs schwiegen die anderen. Dann äußerte Süß kurz und abweisend:

»Wer ist denn schließlich der Jekuser?«

»Ist doch auch nur 'n ganz gewöhnlicher Hausierer«, erklärte Klempner. Duschnitzki setzte mit liebenswürdigem Lächeln hinzu:

»Er sammelt Annoncen, wie andere Lumpen sammeln.«

Andreas wurde sich bewußt, eine gewisse peinliche Stimmung erregt zu haben. Was hatten seine drei Nachbarn gegen Jekuser? Offenbar gar nichts. Aber es war schlechter Ton, irgend jemand oder irgend etwas offen zu bewundern. Andreas nahm sich vor, dieses Gesetz nicht wieder zu verletzen, in Gesellschaft wenigstens niemals. Frau Türkheimer gegenüber war es vielleicht etwas anderes? Da, wo er einen ungewöhnlichen Eindruck machen wollte, durfte er doch nicht den Allerweltsgeschmack nachahmen. Dort war es vielleicht hohe Politik, sich so zu zeigen, wie er wirklich war?

Das frugale Abendessen bestand aus einem Hummersalat und einer kalten Kalbsschnitte. »Nur gerade der gesunde Nährwert, das ist das Feinste«, erklärte Duschnitzki. Aber am Hummersalat war ungeheuer viel Senf, der Andreas zum Weinen brachte, während ihm die scharfe Kräutersoße, die man zum Kalbsbraten aß, die Eingeweide verbrannte. Er mußte deshalb mehr trinken, als ihm eigentlich lieb war, denn es stand ihm als Schreckbild vor Augen, was daraus werden würde, wenn er sich in betrunkenem Zustande kompromittierte. Er beneidete die andern, die sich ihrem Leichtsinn hingeben durften, falls sie welchen hatten, denn sie befanden sich hier gewissermaßen in gesicherter Stellung. Er, Andreas, aber wagte gerade seine ersten, tastenden Schritte.

Während ein paar geeiste Ananasscheiben herumgereicht wurden, schlug drüben jemand ans Glas. Gleich darauf erhob sich Waldemar Wennichens kleines lächelndes Haupt mit dem tanzenden weißen Flaum auf der kahlen Stirn, hoch über seine Umgebung. Der berühmte Dichter sprach jetzt nach dem Essen mit noch mehr erstickter Fistelstimme als vorher, auch war die Stille im Saal nicht mustergültig. Man verstand soviel, daß es sich um die Verbindung zweier Patrizierhäuser, um einen demokratischen Adel und um ähnliche Dinge handelte. Als Wennichen in die Menge zurückgetaucht war, sprach es sich herum, daß dieses Fest eigentlich eine Art Vorfeier sein sollte für die Hochzeit der Tochter des Hauses, Fräulein Asta Türkheimer, mit dem Freiherrn von Hochstetten.

Alsbald suchten viele Blicke das Brautpaar auf. Andreas bemerkte, daß Fräulein Asta ein recht unzufriedenes Gesicht machte. Wennichens Rede mußte ihr gar nicht gefallen haben. Asta war hübsch, litt aber für Andreas keinen Vergleich mit ihrer Mutter. Ihre Figur, in der sich die Fülle auch schon anzeigte, schien doch mehr zur Untersetztheit zu neigen, ihr brünetter Teint war nicht so rein, die zusammengewachsenen Brauen verfinsterten das Gesicht, und der große Mund hatte etwas Willkürliches, das Andreas bange machte.

Der Bräutigam, der Asta gegenübersaß, war eben der Herr mit spärlichem Haar und schütterm weißblondem Spitzbart, dem Fräulein Türkheimer entgegenging, als Andreas ihr bald nach seinem Erscheinen auf die Schleppe getreten hatte. Hochstetten hielt eine schmale, unendlich lange und bleiche Hand an die Schläfe gelegt. Er saß schläfrig über den Tisch geneigt und sprach mit seiner Braut, ohne daß sein Gesicht sich bewegte. Lange, hängende Kiefer und eine feine, gebogene Nase gaben ihm ein durchaus edles Pferdeprofil. Seine großen mattblauen Augen träumten, man mochte Hochstetten beobachten, wann man wollte, immer nur vor sich hin, woran wahrscheinlich bloß Blutleere schuld war. Andreas ward dies klar, als am Nebentisch, wo Rechtsanwalt Goldherz saß, die laute Bemerkung fiel:

»Müde Rasse!«

Der junge Mann bewunderte im stillen den großen Verteidiger. »Müde Rasse!« In einem solchen Worte lag die abgeschlossene wissenschaftliche Weltanschauung, für die Goldherz so häufig praktisch Verwendung fand, und die vor Gericht seine Überlegenheit über den Staatsanwalt begründete.

Andreas hatte inzwischen mehr Sekt getrunken, als ihm lieb war. Etwas anderes kam nicht auf den Tisch, denn Klempner hatte erklärt, daß es bei dieser rapiden Abfütterung nicht der Mühe wert sei, sich in einen Wein zu vertiefen, der Verständnis und Sorgfalt erfordere. Die Gedanken des jungen Mannes begannen zu vagabundieren. Von Asta, Hochstetten und Rechtsanwalt Goldherz kehrten sie, ehe er es sich versah, zu Frau Türkheimer zurück. Der leichte Champagnerrausch half seinem sanguinischen Temperament, die Schüchternheit des Neulings zu besiegen, und plötzlich, zu seiner eigenen Überraschung, sagte er sich rundheraus, daß er Adelheid besitzen wolle. Er erblickte augenblicklich gar kein Hindernis. Denn er stellte sich mit stiller Genugtuung eine lange Reihe von Liebhabern vor, die sie vor ihm gehabt haben mußte. War es nicht ganz natürlich, daß jetzt auch er an die Reihe kam? Eben noch hatten alle durch ihre plötzliche Beachtung ihn merken lassen, daß die Königin ihm, dem armen Pagen, das Taschentuch zugeworfen habe. Auch fand er sich ja im denkbar günstigsten Augenblick ein, gerade als Ratibohr die vierzigjährige Dame in einsamer Trauer zurückgelassen hatte. Wie viele Tröster würde sie wohl noch finden? Sich von ihr in Gnaden auf nehmen zu lassen, war eigentlich eine zu leichte Aufgabe und nicht besonders ruhmvoll. Aber als erste Stufe zum ferneren Emporkommen mochte man es mitnehmen. Denn dies war kein Idyll, und es handelte sich nicht darum, Frau Generalkonsul Türkheimer auf eine Liebesinsel zu entführen. Es hieß ein moderner junger Mann sein, wie zum Beispiel Asta ein modernes junges Mädchen war. Ja, auch Asta war bei der Sache zu bedenken und daneben Türkheimer, der Schwiegersohn, wer weiß, vielleicht die Eifersucht anderer Bewerber, das Übelwollen vieler, die Meinung einer ganzen Gesellschaft. Asta vor allem flößte ihm eine unbestimmte Furcht ein. Ohne es zu wissen, hatte Andreas sich mehrmals nach ihr umgesehen.

»Der sollten Sie den Hof machen«, sagte plötzlich Duschnitzki, der ihn teilnahmsvoll prüfend betrachtete.

»Dem Fräulein Asta? Warum denn?« fragte Andreas.

»Um ihre wohlwollende Neutralität zu erlangen.«

»Sehr richtig«, bemerkte Klempner. »Sie wissen wohl nicht, daß Asta die Liebhaber ihrer Mutter als ihre persönlichen Feinde betrachtet? Dem Ratibohr hat sie einen Streich gespielt.«

»Ein bösartiger Charakter, sage ich Ihnen!« rief Süß mit Tränen in der Stimme. Der reichliche Sektgenuß machte ihn weich und melancholisch. Andreas erkundigte sich:

»Ist Asta eifersüchtig auf ihre Mutter?«

»I wo! Sie verachtet die Mama!«

»So moralisch?«

»Moralisch aus Snobismus«, erklärte Klempner. »Asta fühlt das Bedürfnis, ihre soziale Stellung zu verbessern. Ihre Mutter könnte drei alte Grafen auf einmal haben, und sie würde sie ihr nicht übelnehmen. Aber gegen die jungen Talente hat sie nun einmal ein Vorurteil.«

Andreas dachte an Kaflisch und sagte mit Betonung:

»Sie ist eben ein modernes Weib, mehr intellektuell als Geschlechtswesen.«

»Modern besonders im Geldausgeben«, versetzte Duschnitzki. »Sie kostet Türkheimer soviel wie seine Maitressen.«

»Und das sollte eine Tochter doch nicht!« fügte Süß aufs höchste bekümmert hinzu. Duschnitzki fuhr fort:

»Und dabei verachtet sie auch Türkheimer mitsamt seinen Geschäften, und sie sagt es jedem, der es hören will!«

»Die Unglückliche! Sie ist aus der Art geschlagen!« jammerte Süß.

»Sie kauft sich einen Namen! Was ist denn so 'n abgetragener Name heute wert?«

»Kunststück!« meinte Klempner. »So 'nen Baron und gar 'nen Geheimrat vom neuen Kurs kann sich doch jetzt schon der gute Mittelstand leisten, seit der Adel sich den Liberalismus anschafft, den wir abgelegt haben!«

Es wurden Schalen mit Zigarren und Zigaretten auf den Tisch gestellt. Andreas, der Feuer brauchte, ließ sich den silbernen Kandelaber herüberschieben. Dieser bestand aus einer fein ziselierten Säule, an der Kolombine lehnte, die sich von einem Herrn küssen ließ. Pulcinello stand dabei und hielt den Leuchter, den er auf den Rand der Säule schob. Andreas sah die Welt rosenfarbig und verspürte Lust, sich für irgend etwas zu begeistern, erinnerte sich aber noch rechtzeitig, daß dies für unpassend galt. Er sagte daher einfach:

»Eine recht nette Arbeit!«

Duschnitzki bestätigte dies:

»Nichts dagegen einzuwenden!«

Klempner begann sogleich seine weinselige Beredsamkeit über die Bedeutung zu verbreiten, die der Pulcinellofigur in der Geschichte der Menschheit zukam. Er sah in ihr den komisch aufgefaßten Typus des reinen Naturkindes, das ohne moralisches Vorurteil an die Dinge herantritt, zu Niederträchtigkeiten in seiner Unschuld ebenso geneigt wie zu Heldentaten, und er verglich sie mit Parsifal und Siegfried, die denselben Charakter von der tragischen Seite darstellten. Sein Blick glitt verschleiert und unsicher zu Andreas hinüber, er schien plötzlich eine Entdeckung zu machen und rief aus:

»Sie, mein Lieber, haben eigentlich was davon!«

Andreas war zu versöhnlich gestimmt, um auf die Anzüglichkeit einzugehen. Er fragte: »Wer ist der Künstler?«

Süß belehrte ihn mit rührseliger Entrüstung.

»Menschenskind, Sie kommen aus Gegenden, wo man Claudius Mertens nicht kennt? Blicken Sie mal dorthin, und Ihr Auge wird einem großen Manne begegnen!«

In der bezeichneten Richtung entdeckte Andreas einen breitschultrigen Herrn mit gutmütigem Gesicht, blondem Vollbart und nachlässig gebundener Krawatte. Er hielt das Bein übergeschlagen und eine Hand daraufgelegt, die ungewöhnlich kräftig aussah und so breite, gedrungene Finger hatte, daß Andreas zweifelnd das zerbrechliche Kunstwerk vor sich auf dem Tische betrachtete.

›Wie hat er das gemacht?‹ fragte er sich. Er äußerte:

»Claudius Mertens? Ich habe den Namen nie gehört.«

»Sie sind entschuldigt«, erklärte Duschnitzki. »Claudius ist über einen gewissen Kreis hinaus fast unbekannt, und das ist sein Ruhm. Er stellt nichts aus und arbeitet nur für ein paar Häuser wie Türkheimers, die ihn kolossal dafür bezahlen, daß er die Modelle seiner Werke vernichtet.«

»Merkwürdig!« meinte Andreas.

»Das ist das Feinste!« jammerte Süß. »Was für 'n großer Mann!«

»Wollen Sie das Claudius-Kabinett sehen?« wurde Andreas von Klempner gefragt.

VI.
Die Mittel, mit denen man was wird

Man stand vom Tische auf, der Tabakrauch fing an, sich im Saale zu verbreiten. Alle Welt rauchte, am Nebentisch hatte die Fürstin Bouboukoff zwischen den Gerichten ihre Zigarette wieder angezündet.

Duschnitzki und Süß verloren sich inmitten der Gäste, die über die Treppengalerie in die Salons zurückkehrten. Klempner führte Andreas seitwärts in ein kleines Spiegelkabinett. Durch eine Glastür betrat man von dort das geräumige Gewächshaus. Die fortwährend springende Beleuchtung setzte Andreas in Erstaunen, er beobachtete die Damen und Herren, die, mit transportablen Drähten in der Hand, von einer Pflanzengruppe zur anderen gingen und hier und da das elektrische Licht aufblitzen ließen. Auf schlanken Sockeln, unter duftlosen Blumen halb versteckt, standen Bronzen, Terrakotten und silberne Statuetten, die alle einer Familie angehörten, einer Familie hagerer Faune und mondsüchtiger Sylphen, begehrlicher Ziegenböcke und rätselhaft lächelnder Knaben.

Auf den Diwans unter den Palmen verdaute eine Anzahl älterer Herren, die Wandelgänge waren voll lorgnettierender Damen. Die beiden jungen Leute, die am Eingang lehnten, konnten die Kunstwerke in den überall angebrachten Spiegeln betrachten. Eine zerbrechliche kleine Nymphe, die eine entfernte Ähnlichkeit mit Werda Bieratz hatte, neigte sich über die Quelle, die am Fuß einer Palme in ein gemeißeltes Becken floß. Sie hatte sich der burlesken Angriffe eines marmornen Silens zu erwehren, dessen Bauch und dessen feistes Lächeln Andreas heute abend ebenfalls schon gesehen zu haben meinte. Zwei Knaben, süß und zart wie die Grazie, die nicht leben darf, scherzten unschuldig miteinander, indem sie bei einer privaten Verrichtung über den Wandelgang hinüber einander bewässerten.

»Das ist Claudius Mertens' Kunst!« rief Klempner mit düsterer Feierlichkeit aus.

Andreas nahm sich zusammen, um die Befangenheit zu verbergen, die ihm weniger Claudius Mertens' Schöpfungen einflößten als die Damen, die sie mit so vorurteilsloser Kennerschaft betrachteten.

»Und was anderes macht der Künstler nicht?« fragte er.

Klempner lächelte schmerzlich.

»Verurteilen Sie Claudius nicht, er ist auch einer, den die Welt erzogen hat!« versetzte er, sich an die Brust schlagend.

»Ich kann Ihnen sagen, daß Claudius in seinen jungen Jahren Marmorblöcke unter den Händen gehabt hat, mit denen sich Michelangelo begnügt hätte, als er nach ausreichendem Material für das Grabmal seines Herrn suchte. Was fängt aber die moderne Gesellschaft mit solchen Schwärmern an? Als Claudius noch der großen Kunst frönte, lebte er in einer Steinmetzbaracke von trocknem Brot. Seit er aber entdeckt hat, was die zahlenden Kunstfreunde verlangen, hat er wöchentlich zehn Einladungen, man reicht ihn sich herum, beim Essen empfängt er Bestellungen und verdient, während er verdaut.«

Klempner war in Emphase geraten.

»Wir Künstler sollten allen voran die Revolution einläuten!« rief er so laut, daß zwei glatzköpfige Bankiers, die nebenan auf dem Diwan gähnten, aufblickten und die jungen Leute erheitert anblinzten.

Andreas waren diese Ansichten nicht fremd, aber Klempner, der es gewiß nicht böse meinte, schrie zu laut für die feierliche Stille des Kunstkabinetts. Er kehrte mit seinem Begleiter in den Saal zurück, der sich langsam wieder füllte. Die Tische waren entfernt, eine ganz neue und reine Luft ließ alle aufatmen. Türkheimer, der eben eintrat, näherte sich einem Kreis von Leuten, die mit erhobenen Nasen schnupperten.

»Gebirgsluft, was?« sagte er. »Noch ein bißchen zu dünn, aber es wird schnell besser werden.«

Und er erklärte, daß er hier, wie schon früher in den Salons, einige Schläuche mit Oxygen habe leeren lassen.

»Ein ganz neues technisches Verfahren, die Wissenschaft macht doch kolossale Fortschritte. Für kaum tausend Mark hat man den ganzen Abend die reinste klimatische Höhenkur im Hause.«

»Für tausend Mark Luft!« rief Lizzi Laffé entzückt.

»Tausend Mark sind für mich Luft, wenn es sich um das Behagen meiner Gäste handelt«, versetzte Türkheimer mit einer galanten Verbeugung.

Die Gäste kehrten jetzt zahlreicher zurück, und als der Saal sich so weit angefüllt hatte, daß man sich nur in geschickten Wendungen fortbewegen konnte, entstand das Gerücht, man wolle tanzen. Ein kleiner, rundlicher Herr, der jetzt plötzlich bemerkt ward, schwänzelte lächelnd und sich die Hände reibend bis zu dem Klavier, das in einer Ecke des weiten Raumes aufgestellt war, und begann sofort energisch einen Walzer zu spielen.

Vier oder fünf Paare fingen an, sich unter dem Kronleuchter zu drehen, wo sie dadurch, daß sie den Umstehenden auf die Füße traten, allmählich einen mäßigen freien Raum gewannen. Andreas fand im allgemeinen, daß man auf der Kirchweih in den Dörfern bei Gumplach besser tanze. Doch fielen ihm die anmutigen Bewegungen der jungen Frau auf, die Kaflisch vom »Nachtkurier« ihm als die Gattin des Herrn Blosch bezeichnet hatte. Er sah sie mit ihrem Manne tanzen und erstaunte darüber, wie sie es fertigbringe, den Plumpsack im Takt zu erhalten. Aber er hatte was Gutmütiges, er freute sich gewiß, ihr gefällig zu sein. Sie sah wahrhaftig aus, als ob sie hier bloß ihn gekannt hätte, so fremd und schüchtern, mit ihrem schlichten graublonden Haar und ihrem zwei Finger breit ausgeschnittenen Kleidchen!

Andreas erinnerte sich, daß Kaflisch ihm geraten habe, er solle sich von Klempner etwas über Frau Blosch erzählen lassen. Klempner fuhr noch immer fort, im Anschluß an Claudius Mertens' Werke über Kunst und Gesellschaft zu perorieren. Andreas unterbrach ihn mit der Frage:

»Herr und Frau Blosch sind wohl jungverheiratet?«

Klempners Redseligkeit warf sich eifrig auf das neue Kapitel.

»Weil sie zusammen tanzen? Oh, die können unter vier Augen achtzig Jahre alt werden und sind doch nie länger als vier Wochen verheiratet gewesen. Die Ehe Blosch, soll ich Ihnen sagen, was die ist? Nun wohl, sie ist ein Veilchen unter Klatschrosen und ein Idyll im Schwurgerichtssaal. Wissen Sie, wer Blosch ist?«

Andreas verneinte.

»Ihnen gehen die Grundbegriffe ab, nehmen Sie's nicht übel. Blosch ist einer der verrufensten Spekulanten an der ganzen Börse, er ist Türkheimers verdammte Seele. Er nimmt die Praktiken auf sich, die das alte und vornehme Haus Türkheimer nicht ohne Skandal auf eigene Rechnung ausführen kann. Türkheimer weiß seine Diskretion so gut zu schätzen, daß er dem Blosch durchschnittlich fünfzigtausend Mark im Jahr zu verdienen gibt. Trauen Sie jetzt einem Manne wie Blosch so 'n Ding zu, das man ein frommes Gemüt nennt? Nun hören Sie mal!

Vor beiläufig fünf Jahren will Türkheimer mit einem seiner Opfer, irgendwo in der Provinz, liquidieren und schickt Blosch hin. Es handelte sich um einen kleinen Industriellen, der sich kindisch gefreut hatte, sich mit dem berühmten Bankhaus Türkheimer an einer Terrainspekulation beteiligen zu dürfen. Um die feine Gelegenheit nicht zu verpassen, hatte der Mann seine Fabrik mit Hypotheken über und über belastet, seinen Anteil an den Terrains halb bezahlt und den Rest von Türkheimer kreditiert bekommen. Die Terrains waren gestiegen, und Türkheimer hatte sich beeilt, seinem Partner den Kredit zu kündigen. Er brauchte bloß noch die Liquidation abzuwarten und dem Manne seinen Anteil an den Terrains für ein Butterbrot abzunehmen. Das Geschäft war so klar, daß man es in aller Freundschaft abmachen konnte. Blosch kommt also mit den besten Absichten angereist, macht sich auf eine Gläubigerversammlung gefaßt und hat nichts gegen einen gütlichen Ausgleich, vorausgesetzt, daß Türkheimer die Terrains zufallen. Statt dessen erfährt er, daß der Mann wirklich einfach Pleite macht, aber ich sage Ihnen, eine Pleite, so ehrlich, wie kein Mensch es für möglich hält. Es war rührend, er hatte sogar die Schmucksachen seiner Tochter mit zur Masse geschlagen.

Ob Blosch nun aus der Unterredung mit dem Manne irgendeine innere Erschütterung davongetragen hatte? Wer weiß es? Ich kenne aber den unheimlichen Elan der Geschäftsleute länger als Sie, und ich versichere Sie, die Gutmütigkeit dieser Leute ist mit ihren Raubtierinstinkten gerade so verquickt wie ihre allgemein menschliche Dummheit mit ihrer geschäftlichen Schlauheit. Einmal im Leben kann ein Blosch einen sentimentalen Streich begehen, und da ein Blosch immer Glück hat, so bekommt ihm auch der recht gut.

Genug, als Blosch sein Opfer nach der ihn durchaus verblüffenden Unterredung verläßt, sieht er im Vorzimmer, wo kaum noch Möbel stehen, die Tochter am Fenster sitzen. Gleich darauf tritt er wieder bei dem Bankrottierer ein, zupft sich den Schnurrbart und sagt leicht verlegen:

›Herr Müller, es tut mir leid, wenn ich Ihnen lästig falle, aber ich muß Ihnen etwas sagen, daß Sie mich nämlich glücklich machen könnten, wenn Sie mir die Hand Ihrer Tochter geben wollen.‹

Der ruinierte Mann, der plötzlich für seine Tochter einen Millionär vom Himmel fallen sieht, greift sich an die Stirn, dann kommen ihm die Tränen, und dann fällt er vor seinem Retter auf die Knie. Stellen Sie sich die Szene auf der Bühne vor! Ein Leckerbissen, was?«

»Erstaunlich!« sagte Andreas.

»Und Sie müssen wissen, daß es Türkheimers ausgesprochene Absicht war, Blosch mit Asta zu verheiraten und ihn in die Firma aufzunehmen!«

»Erstaunlich!« wiederholte Andreas. »Und Blosch ist glücklich mit seiner Frau?« fragte er.

»Noch besser!« sagte Klempner, »er hat sie noch nie betrogen. Eine Musterehe sage ich Ihnen, wie sie nur in Kreisen vorkommen kann, wo die Ehe eigentlich als vorsintflutliche Einrichtung gilt!«

Andreas hätte Klempner gern noch lange so fortreden lassen. Er blickte von der Schwelle, wo sie standen, mit einem unbestimmten Bangen in den Tanzsaal hinein. Es kam ihm vor, als ob hier eine Gefahr lauere, die den ganzen Erfolg seines Abends in Frage stellen könne.

›Wenn man mich zwänge, eines von diesen vielen tanzlustigen jungen Mädchen aufzufordern‹, so sagte er sich, ›was sollte ich mit ihr anfangen, was würde dann passieren?‹

Die mageren unter den jungen Mädchen waren nur wenig ausgeschnitten, die dickeren beträchtlich weiter. Ihre Gesichter waren meistens keck, ihr Lächeln nicht immer anmutig, aber ausnahmslos recht aufgeweckt. Sie schienen Andreas prätentiös wie Prinzessinnen und kritisch wie Gassenjungen. Wie das kleine unscheinbare Wesen dort dem gewichtigen, reich aussehenden Herrn mit den X-Beinen doch so rücksichtslos ins Gesicht lachte!

Andreas hatte das sichere Gefühl, daß er bei den jungen Mädchen gar nichts zu suchen habe. Er betrachtete sie, wie sie in einer regenbogenfarbenen Reihe beieinander saßen und sich ganz unverhohlen über die Männer lustig machten, und er nannte sie »Puten«. Aber es waren ihm unheimliche Wesen. Wenn er hier jemals sein Glück machte, so konnte es nur mit Hilfe jener reifen Frauen geschehen, die durch eine reifere Erfahrung gütig und nachsichtig gemacht waren und die vertrauensvolle Hingebung eines jungen Mannes zu schätzen wußten. »Für ein junges Mädchen bin ich zu naiv«, so überlegte Andreas ausdrücklich.

Er stellte sich Adelheids teilnehmendes Lächeln vor, wie sie ihn gefragt hatte, er müsse sich in Berlin wohl recht wie in der Fremde fühlen.

Türkheimer, der hier und da einen jungen Mann, der sich unvorsichtig vorwagte, einer Tänzerin zuschleppte, erfüllte ihn mit Besorgnis. Glücklicherweise verschwand er mit mehreren anderen Herren in einem Nebenzimmer. Andreas dachte schon daran, allen möglichen Unglücksfällen aus dem Wege zu gehen und still die Gesellschaft zu verlassen, aber da kam die Hausfrau, von ein paar älteren Damen herbeigewinkt, dicht an ihm vorüber. Ihr stolzer, wiegender Gang gefiel Andreas noch besser als ihre müde Ruhe in dem Sessel, wo er sie zuerst gesehen hatte. Ihre Büste und die vollkommen runde Taille kam so besser zur Geltung, dazu fand er die Haltung ihres Kopfes, mit dem schweren Helm schwarzer Haare über der engen Stirn, geradezu faszinierend, ungeachtet des zu kurzen Halses. Er verbeugte sich ehrfurchtsvoll.

»Ah, da findet man Sie wieder, Herr Zumsee!« sagte sie; flüchtig und wie zufällig blieb sie vor ihm stehen.

Klempner, der noch immer sprach, hörte plötzlich mitten im Wort auf. Er redete einen vorübergehenden jungen Mann an und entfernte sich mit einer Diskretion, die er sich Mühe gab merken zu lassen.

Andreas beachtete, daß Frau Türkheimer seinen Namen behalten habe.

»Sie haben noch nicht getanzt?« fragte sie ihn.

»Noch nicht, gnädige Frau.«

»Nein, diese jungen Leute! Aber warum denn nicht?«

Andreas fuhr fort, ihr in die Augen zu sehen, aber er wurde rot. Wie dumm, eine Lüge zu erfinden, die sie schon hundertmal von anderen gehört haben mußte. Würde es nicht einen viel günstigeren Eindruck machen, wenn er einfach zugab: ›Ich bin schüchtern?‹

»Gnädige Frau werden mich auslachen«, begann er.

»Nun?« Frau Türkheimer lächelte auffordernd.

»Ich habe nämlich in Berlin noch nie getanzt«, sagte Andreas mit blinder Entschlossenheit, »und gnädige Frau müssen wissen, daß ich noch nicht zwei Worte mit einem Berliner jungen Mädchen gewechselt habe.«

Er bekam einen leichten Fächerschlag auf den Arm.

»Sie fürchten sich, gestehen Sie es nur!« sagte Adelheid.

»Was ist da zu gestehen?« erklärte er seufzend. »Können gnädige Frau sich vorstellen, was ich einer von diesen jungen Damen noch zu sagen hätte, nachdem ich das große Glück gehabt habe, von Ihnen, gnädige Frau, so gütiger Worte gewürdigt zu werden?«

Sie lächelte wieder, ein wenig nachdenklich. Seine kleine Rede, die diesmal improvisiert war, schien sie abermals etwas ungewöhnlich und nicht ganz übel zu finden. Ihr Fächer war schon zu einem neuen Schlage erhoben, senkte sich jedoch wieder. Sie nickte dem jungen Manne schnell und freundlich zu und sagte im Weitergehen:

»Also unterhalten Sie sich gut! Auf Wiedersehen!«

Kaflisch vom »Nachtkurier«, der plötzlich neben Andreas stand und ihm die in elegantem Bogen erhobene Hand reichte, mußte der Szene zugesehen haben. Er schob sein schlau grinsendes Gesicht dicht unter Andreas' Nase, um zu bemerken:

»Sie Schäker!«

»Es warten übrigens noch mehr schöne Augen auf Sie«, setzte er hinzu, indem er den Arm des jungen Mannes ergriff. »Der Frau Mohr muß ich Sie vorstellen, Sie hat nach Ihnen gefragt.«

Ehe Andreas sich zu sträuben vermochte, befand er sich einer hübschen Frau gegenüber, die zwischen Ballmüttern in einem niedrigen Sofa lehnte. Sie trug eine dunkelviolette Seide, die auch einer älteren Dame angestanden hätte. Ihr volles braunes Haar war sehr schlicht geordnet. Sie hielt kein Lorgnon in der Hand, was Andreas beruhigte, und sie erwiderte seine Verbeugung mit einem reizend gütigen, fast mütterlichen Lächeln. Ihr Wesen hatte etwas ungemein Friedliches, von Eitelkeiten und Leidenschaften Unberührtes. Sie bot das Bild einer anständigen Frau, die gerade in ein gewisses Alter eintritt.

»Ah, Herr Zumsee«, sagte sie, »ich muß Ihnen danken, Sie haben mir eine sehr freundliche Stunde bereitet. Ihr Beitrag in der ›Neuzeit‹ ...«

Andreas traute seinen Ohren nicht, Frau Mohr hatte sein Gedicht im Beiblatt des »Nachtkurier« gelesen. Oder hatte nur Kaflisch, der so abscheulich grinste, sie davon unterrichtet? Man wußte hier ja nie, was man glauben durfte. Er stammelte einige Dankesworte. Neben ihnen begannen mehrere Paare zu walzen. Andreas fühlte sich verpflichtet, Frau Mohr zu bitten.

»Ich tanze eigentlich nicht«, versetzte sie, indem sie sich erhob.

Andreas glaubte, ein recht guter Tänzer zu sein, aber er befand sich auf fremdem Terrain. Das Parkett war zu glatt und die Schleppe zu lang. Als er seine Dame auf ihren Platz zurückgeleitete, sah er sich beschämt. Bei zwei Runden unter dem Kronleuchter war er dreimal aus dem Takt gekommen. Frau Mohr blieb dennoch ganz erstaunlich liebenswürdig, Andreas konnte sich nicht früher von ihr verabschieden, als bis eine Dame sie in die Unterhaltung zog.

Kaflisch, der ihn erwartet hatte, ergriff sogleich wieder von ihm Besitz. Da Andreas plötzlich eine Art von Berühmtheit erlangt hatte, benutzte Kaflisch gern ihre alte Freundschaft, um sich mit ihm zu zeigen.

»Was wollte denn die Frau Mohr?« fragte Andreas unwillkürlich. Das einschmeichelnde Benehmen der hübschen Frau beunruhigte ihn tief. Er fühlte sich umworben und glaubte, mit seiner Gunst sparsam sein zu müssen. Frau Türkheimer mußte der Überzeugung bleiben, daß sie die einzige sei, der er zu huldigen wünschte.

Kaflisch grinste.

»Glauben Sie, daß das Ihnen gilt? Nur nicht ängstlich, mein Bester. Die Mohr macht nur der schönen Hausfrau den Hof. Sie sind der neue Günstling, also muß Frau Mohr Ihre Freundin sein.«

»Warum denn?« fragte Andreas, nun doch ein wenig enttäuscht.

»Sie ist 'ne nachsichtige Frau, wissense. Sie nimmt Adelheid ihre Schwächen nicht übel. Unter Frauen, von denen jede ihre Schwächen hat, ist das manchmal so. Man gründet ein Konsortium behufs gegenseitiger Versicherung des guten Rufes. Verstehnse mich, sehr geehrter Herr?«

»Frau Mohr macht so 'nen anständigen Eindruck«, bemerkte Andreas. Kaflisch erklärte:

»Tut sie auch. Und sie hat auch 'ne förmliche Leidenschaft für Anständigkeit, wenn sie nur nicht Geld brauchte! Sehn Sie mal, unter allen denen, die hier herumwimmeln, kann ihr kein einziger was zu seinem eigenen Vorteil nachsagen. Was sie braucht, holt sie sich aus anderen Kreisen, noble Fremde oder Herren vom Hof, wissense. Kommt sie dann hierher, so ist sie in 'ner ganz anderen Welt. Hier kramt sie so viel gute Sitte aus, daß sie uns allen noch was davon abgeben könnte.«

»Komische Passion«, meinte Andreas.

»Gar nicht so übel«, versicherte Kaflisch. »Sie hält sich an Adelheid, weil die natürlich zu reich ist, als daß man sie belächeln könnte.«

Andreas zweifelte.

»Das scheint mir eine ganz unnötige Anstrengung zu sein«, bemerkte er.

»Junger Mann!« rief Kaflisch feierlich, »Sie kennen nicht die Willensstärke gewisser Frauen! Diese hier will nun mal für anständig gelten, und sie weiß es durchzusetzen, daß jeder, der ihre Lebensweise ganz genau kennt, sie so behandelt, als glaubte er an ihre Tugend, 's ist eigentlich 'ne ungeheure Leistung von so 'ner Frau, wissense, und ganz ohne Profit, bloß der Ehre wegen. Sie mimt die Tugend, wie andere das Laster mimen.«

»So was gibt es auch?« fragte Andreas.

»Und ob! Sie werden hier im Hause die Frau Pimbusch kennenlernen.«

»Die Frau des großen Branntweinfabrikanten?«

»Dem Schnapsfeudalen seine Frau. Da werden Sie sehen, wie das Laster aussieht. Aber verbrennen Sie sich nicht die Finger, rate ich Ihnen! Sie ist unschuldig, nicht mal von Pimbusch hat sie sich ihre Unschuld rauben lassen. Er soll übrigens gar nicht dazu imstande sein.«

»Eine Frau muß sich doch recht sehr langweilen, wenn sie auf solche Dinge verfällt«, meinte Andreas. Kaflisch zuckte die Achseln.

»Was wollen Sie? Wir haben Nerven. Müde Rasse! wie Goldherz sagt. Alte Kultur! Gott, wie sind wir müde!«

Kaflisch versuchte, die Schultern tief zu senken. Er ließ die Mundwinkel herabhängen und begann mit mattem Blick vor sich hinzuträumen. Andreas befürchtete, man möchte die Nachahmung des Freiherrn von Hochstetten erkennen. Er suchte Kaflisch fortzuziehen, doch dieser blieb stehen. Sie befanden sich bei der Tür, hinter der früher der Hausherr mit einigen Gästen verschwunden war. Kaflisch machte eine Armbewegung, als setzte er eine eifrige Unterhaltung fort.

»Wissense was?« sagte er leise. »Nebenan wird gejeut. Sehnse sich das mal an!«

Er schob Andreas hastig vor sich her über die Schwelle und beeilte sich, den Vorhang hinter ihnen zufallen zu lassen.

Sie durchschritten ein Spiegelkabinett, ganz ähnlich dem, das als Vorzimmer des Claudius-Museums diente. Dann betraten sie ein weites Gemach, das zu zwei Dritteln leerstand. Auf den Diwans an den Wänden nickten zwei oder drei alte Herren, eine große Anzahl Gäste umdrängte dagegen das kreisrunde Geländer, das in geringem Abstände den gleichfalls runden Spieltisch umgab. Andreas bemerkte auf dem Tische ein äußerst sinnreiches horizontales Rad, dessen sieben Sprossen durch elfenbeinerne Pferdchen bezeichnet wurden. Es saßen kleine Reiterinnen, aus Silber, mit Perlmutter eingelegt, in meistens durchaus intimen Stellungen darauf. Nur Claudius Mertens konnte sie geschaffen haben.

»Haben Sie schon mal gespielt?« fragte Kaflisch.

Andreas hatte Lust zu lügen, fürchtete aber, darauf ertappt zu werden.

»Nein«, sagte er.

Kaflisch erhob plötzlich die Stimme, er rief schrill und triumphierend in die stille Versammlung hinein:

»Meine Herren, Sie ahnen es nicht! Hier ist ein Herr, der noch nie gespielt hat!«

Ein Gemurmel, das Andreas nicht verstand, ging durch die Reihen der Gäste. Ein langer, hagerer Mensch trat sofort auf ihn zu und berührte mit einer Hand, die leicht zitterte, Andreas' Arm.

»Wenn ich mir die Frage erlauben darf, wie alt sind Sie, mein Herr?« fragte er höflich.

»Dreiundzwanzig«, antwortete Andreas ebenso höflich.

»Ich bitte um fünf!« rief der Hagere, ohne Andreas auch nur zu danken, einem Dicken mit weißen Haaren auf dem blassen fetten Gesichte zu, der hinter dem Geländer stand, das Geld des Hageren in Empfang nahm und ihm mehrere Papierstreifen überreichte.

Die Menge der Spieler begann zu murren. Es sei keine Kunst zu gewinnen, wenn man einen Neuling für sich habe. Das Spiel sei ungültig, sie verlangten ihre Einsätze zurück. Aber der blasse, dicke Herr protestierte lebhaft. »Fertig!« rief er und schickte sich an, das Rad zu drehen. Man wollte ihn daran hindern, Türkheimer, der unter die Aufgeregten trat, suchte sie liebenswürdig zu beschwichtigen.

»Ordnung vor allem, meine Herren!«

»Voyons, messieurs!« versetzte auch der Chefredakteur Doktor Bediener, der sich an den Herrn hinter dem Geländer wandte.

»Einen Augenblick, bitte, Herr Stibitz!«

»Wollen Sie nicht setzen?« fragte er Andreas.

»Natürlich! Setzen Sie doch!« sagte Türkheimer, der dem jungen Manne wohlwollend zunickte.

»Setzen Sie doch, Herr, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Fünf!« verlangte er sodann mit lauter Stimme, wie er es von dem Hageren gehört hatte.

»Wieviel?« fragte Herr Stiebitz.

Andreas sah auf dem grünen Bezug des Geländers ganze Goldhaufen vor den Spielern aufgebaut, es ward ihm ein wenig unheimlich zumute. Er fürchtete schon, gezögert zu haben und griff schnell, aber so ruhig wie es ihm möglich war, in die Tasche. Er öffnete das Portemonnaie, ohne es hervorzuziehen, weil er dies für eleganter hielt, und warf nachlässig die beiden Zwanzigmarkstücke, die darin gewesen waren, auf das grüne Tuch.

Stiebitz gab ihm zwei Nummern, dann schnurrte das Rad inmitten der allgemeinen Stille. Andreas ließ sich von dem kreisenden Ring hypnotisieren, in dem anfangs alles zusammengeflossen war. Allmählich waren die einzelnen Pferdchen wieder zu unterscheiden. Es deuchte ihm eine Ewigkeit, bis das Rad stand. Die Spieler neigten sich über das Geländer und riefen durcheinander.

»Fünf gewinnt!« sagte Stiebitz ruhig.

Er begann die Gewinne auszuzahlen und legte vor Andreas zweihundertundachtzig Mark hin.

Andreas sah das Geld flüchtig an und ließ es liegen. Er fürchtete, vor Freude rot zu werden, und blickte möglichst gleichmütig nach dem fünften Pferdchen hin, das am Ziel stehengeblieben war. Die silberne Dame, die darauf saß und die durch ihre Haltung den Anstand mehr verletzte als sie wußte, schien ihm aufmunternd zuzulächeln. Er hörte einen Spieler, der gewonnen hatte, ausrufen:

»Na, warum geht's denn nu?«

»Pst! Nichts verderben!« mahnte der hagere Herr, dem Andreas Dank zu schulden meinte, weil er die Fünf zuerst genannt hatte.

Man hörte nur das Geld klappern, in dem Herr Stiebitz herumrührte. Dieser wandte sich an den zunächststehenden Spieler.

»Ich passe!« rief man ihm entgegen, scharf und kurz nacheinander, wie ein Schnellgewehrfeuer.

Als Stiebitz bei Andreas angelangt war, fühlte dieser alle Blicke auf sich gerichtet.

›Die Leute sind abergläubisch‹, sagte Andreas sich, während er ruhig Stiebitz anblickte.

›Das Rad kann stehenbleiben, wo es will. Welchen Zweck hat es, eine Nummer besonders auszuwählen. Mit Fünf habe ich Glück gehabt.‹

»Fünf!« sagte er und schob Stiebitz die zweihundertachtzig Mark zu, die vor ihm lagen.

Eine kurze, zögernde Bewegung ging durch die Versammlung, dann rief alles durcheinander:

»Fünf!«

Als Stiebitz alle Einsätze eingesammelt hatte, verlangte Türkheimer ruhig lächelnd:

»Sieben!«

»Fünf!« sagte gleich darauf noch ein herzutretender Herr mit schönem schwarzem Vollbart. Andreas erkannte den Zionisten Liebling.

Wieder der kreisende Ring, aus dem langsam die Pferdchen auftauchten. Als das Rad stand, neigten sich abermals alle gierig über das Geländer.

»Fünf gewinnt!«

Diesmal war es unbestritten, alle außer Türkheimer gewannen, Stiebitz zahlte aus. Er legte vor Andreas einen Tausendmarkschein, neun Hundertmarkscheine und drei Zwanzigmarkstücke hin. Andreas kam es vor, als ob das blasse Fett in Stiebitz' Gesicht mit den weißen Haaren darauf sichtlich zitterte.

Türkheimer trat auf den jungen Mann zu und reichte ihm eine Hand, während er sich mit der anderen wohlgefällig über die gefärbten rötlichen Koteletten strich.

»Ist mir ein wahres Vergnügen, mein Geld an Sie zu verlieren«, sagte er. »Ich halte schon den ganzen Abend die Sieben, mal muß sie doch herauskommen.«

Andreas konnte ihm nur kurz danken. Er blickte verstohlen und mit heimlicher Besorgnis von Stiebitz auf sein gewonnenes Geld, das er zählte: neunzehnhundertundsechzig Mark, und dann wieder auf Stiebitz, der diesmal gleich an ihn herantrat.

Was sollte er ihm sagen? Zum drittenmal gewinnt man nicht, dachte er, während der Besitz von so viel Geld und die Angst, es zu verlieren, ihm Herzklopfen verursachte. Er hielt den Atem an und erhob die Hand zu einer möglichst kühlen, langsamen Bewegung, um Stiebitz abermals die ganze Summe zuzuschieben. Aber in der Sekunde, während seine Hand sich dem Geländer näherte, arbeitete sein Gehirn mit unerhörter Schnelligkeit.

Mußte es denn sein? Offenbar war es wenig vornehm, den Gewinn sogleich in die Tasche zu schieben und davonzugehen. Es konnte ihn hier unmöglich machen oder doch sein Ansehen vernichten. Alle würden darauf aufmerksam werden. Es mußte also wohl sein.

Aber das Ganze? Unsinn! Plötzlich kam eine große Nüchternheit über ihn, seine Familiennüchternheit gewann rechtzeitig die Oberhand, die Nüchternheit seines Vaters, des Weinbauern, der jeden Groschen dreimal umgewendet hatte, bevor er ihn ausgab, und der froh gewesen war, wenn die Reben, die er gepflegt hatte wie Säuglinge, alle sieben Jahre einmal gut trugen. Zweitausend Mark gutes erworbenes Geld auf eine Nummer setzen, das heißt es zum Fenster hinauswerfen! So dumm mochten die Berliner sein. Da hörte jede gesellschaftliche Rücksicht auf. Ehe Andreas seine ruhige Bewegung vollendet und die Banknoten berührt hatte, war er entschlossen, nur fünf Hundertmarkscheine zu opfern. Er ergriff aber bloß drei Hundertmarkscheine und reichte sie Stiebitz.

Er hatte doch nicht gezögert? Nein, es machte niemand ein spöttisches Gesicht, aber alle sahen gespannt aus.

»Sie spielen?« fragte Stiebitz.

»Fünf«, sagte Andreas, ohne nachzudenken. Das Spiel kümmerte ihn nicht mehr, die dreihundert Mark waren verloren, ein Ehrenopfer, das nur dazu dienen sollte, ihm einen guten Abgang zu verschaffen.

Diesmal empörten sich die Spieler gegen den Neuling, sie fanden seine Waghalsigkeit zu stark. Es äußerten sich sarkastische Zweifel. Jemand sagte:

»Mit die Beene will er angeln gehn?«

Der lange, hagere Herr zuckte geheimnisvoll die Achseln und verlangte dennoch Fünf. Aber es folgten ihm nur wenige.

Die Sieben lief ins Ziel. Andreas schob ruhig den ihm verbleibenden Gewinn in die Hosentasche, richtete den Kopf auf und blickte kurz um sich, mit dem Entschluß, demjenigen recht fest ins Auge zu sehen, der zu lächeln wagte. Aber sein Benehmen schien im Gegenteil etwas wie Bewunderung hervorzurufen. Als er vom Geländer zurücktrat, blinzelte ihm der Hagere, der verloren hatte und weiterspielte, neidisch nach.

»Bravo!« hörte er hinter sich jemand sagen. Er gewahrte Türkheimer, der endlich gewonnen hatte, und der ihn wieder, wie am Beginn des Abends, zu einer Begrüßung aufzufordern schien. Sie wechselten eine höfliche Verbeugung.

Als Andreas schon die Portiere ergriffen hatte, fühlte er eine Hand auf seiner Schulter. Herr Liebling sah ihm ernst und feierlich in das Auge, sein schwarzer Bart zitterte ein wenig, bevor er sagte:

»Halten Sie mich nicht für aufdringlich, mein lieber Herr, Herr – re ...«

»Zumsee«, ergänzte Andreas.

»Halten Sie mich nicht für aufdringlich, wenn ich Ihnen sage: Spielen Sie niemals wieder! Diese Mahnung hätte manchen vor Schaden bewahrt, wenn sie ihm rechtzeitig zuteil geworden wäre. Sie haben vielleicht bemerkt, daß dem Neuling besonderes Glück zugeschrieben wird. Welch alberner Aberglaube!«

›Du hast doch auch ein bißchen davon profitiert‹, dachte Andreas.

»Ich gebe zu, daß man einmal gespielt haben muß«, sagte Liebling milde. »Aber nie zum zweitenmal. Hier fängt die Sünde an«, setzte er eindringlich hinzu, indem er dem jungen Manne warm und kräftig die Hand schüttelte.

Bevor Andreas den Türvorhang hinter sich fallen ließ, hörte er ein paar Stimmen.

»Alle Achtung, der kann so bleiben!«

»So 'n Bengel, der hat die Mittel, mit denen man was wird!«

›Warum sollte ich mir das Spielen angewöhnen?‹ sagte sich Andreas, während er durch den Ballsaal schlenderte. ›Halten sie das Spiel für eine Leidenschaft? Ich sehe nicht ein, warum ich mein Geld wagen sollte, solange ich genug habe. Wenn es auf die Neige geht, dann – sage ich nichts.‹

Er ließ den Blick über die Menge der Damen gleiten, ohne Frau Türkheimer zu finden. Dann trat er auf die Galerie hinaus und zog heimlich, ganz heimlich seine silberne Uhr. Es war kurz nach drei.

Langsam stieg er ins Vestibül hinab. Er brauchte jetzt nicht um seine Haltung zu sorgen, wie damals, vor fünf Stunden, als er diese Stufen emporstieg. Seine Sinne waren frei, er prüfte in den wandhohen, geschliffenen Spiegeln seine Miene und stellte fest, daß es diejenige eines Triumphators sei. Er vermochte jetzt den Duft und die Augenweide der hohen Heliotropsträucher, der Orchideen und der purpurnen Kaktusarten zu genießen, die an dem Geländer, aus durchbrochenem Schmiedeeisen entlang von Stufe zu Stufe sich türmten und die breite Treppe in einen hängenden Garten verwandelten. Auf dem Stiegenabsatz standen Ruhebänke, die in gepunztem Leder das Wappen des Hauses trugen: einen Türken, der den Säbel schwang. Andreas nahm hier einen Augenblick Platz und sah zwei Damen, die den Ball verließen, vorüberhuschen. Er verfolgte das Blitzen ihrer Brillanten und die gleißenden Reflexe des durch das Blättergeflecht fallenden Lichtes auf dem Atlas ihrer Kostüme, und er sprach leise vor sich hin: »Ich habe euch!« Er wußte übrigens nicht genau, was er sich bei diesem großen Worte dachte.

Im Weitergehen gab er sich vernünftigeren Erwägungen hin. In so einem Berliner Hause ließ sich an einem einzigen Abend eine Menge erleben. Er entfernte sich anders, als er gekommen war, um viele Erfahrungen und Kenntnisse bereichert, die er doch nicht allzu teuer bezahlt hatte. Er war mit Lizzi Laffé in einer unpassenden Situation zusammengerannt, und er hatte Asta Türkheimer auf die Schleppe getreten. Merkwürdig, sie kamen ihm wie zwei Feindinnen vor. Er hatte ferner im Gespräch mit den jungen Leuten hier und da ein peinliches Schweigen hervorgebracht, und er hatte vor den jungen Mädchen Furcht gehabt. Dies war der negative Teil seiner Erfolge. Der positive bestand darin, daß er von Frau Türkheimer gnädig behandelt worden war, so gnädig, daß es vielen zu denken gegeben hatte und daß man nicht wissen konnte, was daraus werden würde.

›Ich habe wohl Glück gehabt‹, sagte sich Andreas, ›aber wenn ich nicht auch Vorsicht und Überlegung besäße, und wenn ich nicht wüßte, was ich will, hätte ich dann wohl das da in der Tasche?‹

Und er tastete nach dem Tausendmarkschein.

Drunten in der Garderobe sprangen mehrere verschlafene Lakaien auf. Andreas konnte sich irren, aber er meinte zu bemerken, daß sie ihn diesmal mit einem gewissen Respekt behandelten. Vielleicht besaßen sie Übung darin, den Gewinner zu erkennen?

Nachlässig überreichte er dem, der ihm seinen Kragenmantel aus Loden umlegte, eine Doppelkrone, indem er heimlich bedauerte, kein Fünfmarkstück zu besitzen.

Als er unter dem Portal stand, rief ihm jemand nach:

»Sie! Sehr geehrter Herr, hörensemal!«

Kaflisch, vom »Nachtkurier«, kam im Laufschritt, lächelnd und winkend herbei. Er schob seinen Arm unter den des jungen Mannes.

»Gehen Sie schon nach Hause?« rief er. »Ich auch, das trifft sich ja reizend. Köstliche Sommernacht, was? Höchstens zwanzig Grad. Nehmen wir 'nen Wagen?«

In der ganzen Hildebrandtstraße erglänzte der Schnee von den Lichtern der Wagen, die in einer Doppelreihe von einem Gitter zum andern standen. Es waren meistens herrschaftliche Fuhrwerke. Als sie ganz hinten eine freie Droschke erster Klasse gefunden hatten, fragte Kaflisch:

»Wo wohnen Sie denn?«

Andreas rief seine bescheidene Adresse, die ihm jetzt mit seiner sozialen Stellung in schreiendem Widerspruch zu stehen schien, voll Ingrimm dem Kutscher zu. Der Journalist bat sich eine Zigarette von Andreas aus. Während er sie anbrannte, erkundigte er sich:

»Nun, wie gefallen Ihnen Türkheimers?«

»Ein recht nettes Haus«, meinte Andreas.

»Nicht wahr? Man ißt, spielt und mopst sich nicht mehr als unbedingt nötig. Ungeniert, mit freiem Eingang vom Flur, das ist die Hauptsache. Das übrige kann uns doch gleich sein.«

›Wieso‹?' wollte Andreas fragen, doch besann er sich. Es fiel ihm wieder ein, was er über sein Verhältnis zu Adelheid mit sich ausgemacht hatte. Frau Türkheimer war nicht auf eine Liebesinsel zu entführen. Sie würde aus der Umgebung des Tiergartens schwerlich herauszuheben sein, man mußte durchaus das Terrain kennen. Andreas machte sogar schon auf eine Stellung im Hause Anspruch, die ihm gewisse Pflichten und Rechte auferlegte. Dabei wußte er aber noch kaum, was das für ein Haus war.

»Türkheimer muß schauderhaft viel Geld haben«, bemerkte er. Kaflisch hüllte sich in Rauchwolken.

»Na, es geht«, sagte er. »Was er der Regierung von Puerto Vergogna nicht abgegeben hat, das hat er selbst behalten.«

»Puerto Vergogna?« fragte Andreas.

»Die liebe Unschuld! Soll ich Ihnen was zu Gefallen tun? Ich will Türkheimer bei nächster Gelegenheit erzählen, Sie hätten sein Geschäft mit Puerto Vergogna nicht gekannt. Das wird ihm unendlich wohltun, denn so einem ist er noch nicht begegnet.«

»Natürlich«, log Andreas, »habe ich davon gehört. Aber die Einzelheiten habe ich nicht ganz begriffen.«

»Ist auch nicht so leicht, wie Sie glauben. Mancher begreift's nie. Türkheimer ist eben ein großer Mann, das ist alles. Stellen Sie sich mal vor, daß Türkheimer mit dem Präsidenten oder Diktator der Republik Puerto Vergogna, der übrigens ein ausgebrochener Sträfling sein soll, dahin übereinkommt, das schöne warme Ländchen mit Eisenbahnen zu beglücken. Der Präsident macht Türkheimer zu seinem Generalkonsul und erteilt ihm die Konzession, Lose auszugeben. Diese wurden an der Berliner Börse nicht zur Quotierung zugelassen. (Türkheimer hatte damals noch keinen Hochstetten zum Schwiegersohn. Merkwürdig, wie weit wir es im Schutz der Dummen gebracht haben!) Aber in Wien ließ die Regierung mit sich reden. Na, Deutschland war doch der Hauptabnehmer der Stradas ferradas de Puerto Vergogna. Das deutsche Publikum hat nun mal 'ne rührende Vorliebe für wohlklingende Wertpapiere. Die ersten Prämien und Treffer sollen von der tropischen Republik sogar ausbezahlt worden sein. Aber als der Präsident von dem Ertrag der Emission, der auf siebzig Millionen geschätzt wurde, keinen Pfennig zu sehen bekam, merkte er, daß Türkheimer auch erfahrenen Sträflingen über sei, und sagte die Partie ab. Er fand die Eisenbahnen zum sittlichen und wirtschaftlichen Fortschritt seines Landes nicht mehr nötig, Puerto Vergogna stellte sich überdies als gänzlich pleite heraus, wofür Türkheimer doch offenbar nichts konnte, und das Deutsche Reich macht seitdem Vorstellungen bei der Republik. Es soll nächstens wieder mal ein Kreuzer hingeschickt werden, der deutschen Gläubiger wegen, und um der Welt zu zeigen, wie weit Deutschlands starker Arm reicht. Verstehnsemich, sehr geehrter Herr?«

»Also siebzig Millionen«, sagte Andreas nachdenklich.

»Nicht wahr?« rief Kaflisch begeistert. »Was für'n großer Mann! Ich sagte es ja immer, für uns moderne Literaten geht nichts über das Genie der Tat. Napoleon, Bismarck, Türkheimer!«

Er bat um eine zweite Zigarette und verfiel in Schweigen. Andreas' Gedanken blieben, ein wenig müde, bei Kaflischs letztem Wort stehen. Der Mann entdeckte also gelegentlich auch etwas wie ein literarisches Ideal in sich. Nun ja, das hatten die von der Tafelrunde im »Café Hurra« auch besessen, bevor sie sich irgendeinem Jekuser verdungen hatten, und gelegentlich des Nachts um drei, wenn sie gratis zu trinken erhalten hatten, kam es wieder zum Vorschein. Andreas ruhte nach allen Aufregungen des Abends wohlgefällig in der Überlegenheit des freien Dichters über den schreibenden Tagelöhner aus.

Kaflisch wischte die Scheiben ab; der Wagen bog in die Linienstraße ein.

»Ich muß wieder umkehren«, bemerkte er, »ich wohne Albrechtstraße.«

»Fabelhaft«, so begann er wieder, »was für'n Glück Sie heute abend gehabt haben! Sie haben wohl 'nen hübschen Batzen eingesackt, und ich bin doch nett zu Ihnen gewesen, daß ich Ihnen das Spiellokal gezeigt habe. Bitte, gern geschehen. Unter Kollegen tut man sich so was zuliebe, ohne Prozente zu verlangen. A propos, können Sie mir bis zum Ersten hundert Mark pumpen? Wenn Sie wüßten, wie schäbig der Jekuser zahlt. Es ist nicht zu sagen, daß ich seit sechs Jahren, daß ich mir bei ihm die Nägel kurz schreibe, immer bloß zehn Pfennig für die kleine Zeile bekomme. Und die weißen halben Zeilen zieht er ab!«

Andreas griff in die Tasche, bevor Kaflisch zu Ende war. Er reichte den Schein seinem Nachbar, der einen Augenblick verstreichen ließ, bevor er sich bedankte. Vielleicht hatte er nur zwanzig Mark erwartet.

Der Wagen hielt, und Andreas verabschiedete sich. Als er den Schlag hinter sich geschlossen hatte, ließ Kaflisch das Fenster herunter und rief ihm nach:

»Sie! Einen Moment! Mein kleines Geld langt nicht, Sie bezahlen wohl den Kutscher!«

VII.
Eine Marotte

Der Gedanke, mit dem Andreas gegen Mittag erwachte, galt dem Schneider Behrendt in der Mohrenstraße. Sollte er hingehen? In diesem Falle nahm er ein Geschenk von einer Dame an, mit dem erschwerenden Umstande, daß er diese Dame als seine zukünftige Geliebte ansah. Besonders schlimm war es, daß alle Adelheids Trick mit dem Schneider zu kennen schienen. Brauchte die Geschichte denn aber wahr zu sein? Er war fast berechtigt, nicht daran zu glauben. Und wenn er den Betrag seiner Rechnung bezahlte, war er keineswegs verpflichtet, sich darum zu bekümmern, ob sein Schneider von anderer Seite, etwa von Frau Generalkonsul Türkheimer, noch mehr Geld erhielt. Übrigens ließ sich gar nicht darüber streiten, es handelte sich um einen notwendigen Schritt auf seiner Laufbahn. Wer den Zweck wollte, mußte die Mittel wollen.

Erst als diese Betrachtungen erledigt waren, zog er den gestrigen Gewinn aus der Tasche seiner Frackhose. Er glättete die Banknoten auf dem Tische und ließ die Goldstücke klingeln. Aber er packte bald alles wieder zusammen und schob es nachlässig in den Rock. Denn er sagte sich, daß der Besitz dieses Geldes etwas durchaus Natürliches, ihm schon längst Zukommendes sei, über das er sich nicht aufregen dürfe. Das Leben, für das er geboren war, fing jetzt erst an.

Wie er ausgehen wollte, brachte ihm ein Lakai Frau Türkheimers Karte. Sie war an Herrn Behrendt, Mohrenstraße, adressiert. ›Schon?‹ dachte Andreas. ›Flotter könnte es gar nicht gehen!‹ Er stieg pfeifend die vier Treppen hinab, winkte einer Droschke erster Klasse und verließ sie Unter den Linden. An der Ecke der Friedrichstraße kaufte er für sieben Mark eine Krawatte, die er sofort anlegte, ein Paar gelbe Handschuhe, einen Hut und ein Batisttaschentuch. Diese vorläufigen Erwerbungen machten ihm Mut, bei Aimé zu frühstücken. Er bestellte Austern und eine Flasche Chablis, zur Erinnerung an das Büfett bei Türkheimers.

Mit einer Zigarre schlenderte er sodann in die Dorotheenstraße. Köpf empfing ihn neugierig.

»Nun? Sind Sie zufrieden?«

»Es geht«, versetzte Andreas mit stolzer Bescheidenheit. »Ich habe zweitausend Mark gewonnen, und nächstens hoffe ich Ihnen aus eigener Anschauung sagen zu können, was für Hemden Frau Türkheimer trägt.«

»Sie gehen aber forsch vor«, bemerkte Köpf mit seinem zweideutigen Zwinkern.

»Wollen Sie Beweise?« fragte Andreas. Er war pikiert und griff schon nach der Brusttasche. Schließlich hielt er die an den Schneider gerichtete Visitenkarte doch für ein nicht hinreichend schmeichelhaftes Dokument und ließ sie stecken.

»Im Ernst, Sie können mir glauben, daß ich Glück gehabt habe. Von meinem Verdienst will ich Ihnen nicht reden.«

»Tun Sie es nur!« bat Köpf.

»Es ist übrigens nicht schwer, in solch einem Hause Erfolg zu haben, bei dem angenehmen freien Ton, der dort herrscht. Man kommt wildfremd hin und verkehrt doch gleich wie mit alten Bekannten. Die Weiber sehen sich sehnsüchtig um und warten bloß, wer sich von ihnen glücklich machen lassen will. Dann bekommt man auch noch Geld, ohne zu wissen, woher. Ja, woher stammt überhaupt all das Geld, das in dem Hause unter den Möbeln umherrollt?«

»Rollt es wirklich?« fragte der andere belustigt.

»Nun, mir kommt es vor, als brauchte ich mich bloß danach zu bücken. Die Leute dort tun sicher den ganzen Tag gar nichts. Was die Geschäfte machen nennen, weiß ich nicht, aber es nimmt gewiß nicht viel Zeit in Anspruch. Die einen haben schauderhaft viel Geld, die anderen gar nichts. Aber was macht das? Gutes Essen, feine Weine, Weiber, Witze, Kunst und Vergnügen, es ist alles da. Man langt eben zu, wie im Schlaraffenland.«

»Bravo! Das ist doch mal ehrliche Begeisterung«, versetzte Köpf. Andreas stutzte, er fürchtete zu weit gegangen zu sein, und sagte: »Wenn unsereiner hinkommt, so legt er natürlich einen literarischen Maßstab an. Wir wissen diese feine Gesellschaft zu beurteilen.«

»Oh!« machte Köpf mit gespitzten Lippen. »Sie nehmen sich ganz gut aus, so wie Sie sind, mein Lieber. Machen Sie nur nicht aus Ehrgeiz den grämlichen Beurteiler! Wie ich Ihnen schon sagte, Sie haben so was Glückliches an sich, das gefällt.«

Andreas dachte an Klempners Definition des Pulcinello mit seiner glücklichen Naivität. »Sie haben was davon«, hatte Klempner gesagt, und Köpf schien dasselbe zu meinen. Warum auch nicht? Er begann wieder:

»Was mir wirklich imponiert, ist die Vorurteilslosigkeit der Weiber. Kaum ist man vorgestellt, so behandeln sie einen so, als ob sie Arm in Arm mit einem nach Hause gehen wollten. Es ist eigentlich zu wenig Ruhm dabei.«

Köpf wiegte bedenklich das Haupt.

»Stellen Sie sich das lieber nicht zu einfach vor. Ich habe zwar nur bescheidene Erfahrungen, aber die Damen bei Türkheimers sind doch wohl keine Marquisen aus dem vorigen Jahrhundert. Sie geben sich nicht leichten Herzens einem jungen Abbé hin, sie folgen niemals einer Laune, die zu nichts verpflichtet. Man muß ihnen mit Gründen kommen.«

»Wieso?«

»Vergessen Sie nicht das Moralische! Bei Türkheimers steckt man, so viel Zynismus der gute Ton auch vorschreibt, im Grunde doch voll moralischer Bedenken. Es sind schließlich nur Bürgersfrauen.«

»Das habe ich auch schon bemerkt«, sagte Andreas, der an Frau Mohr und ihren Fanatismus für gute Sitte dachte.

Köpf nickte und sah seinen jungen Freund von unten blinzelnd an. Er nahm ehrlichen Anteil an Andreas' Schicksal, es hatte für ihn den Reiz eines interessanten Experimentes, den Jüngling auf seiner schlüpfrigen Bahn zu leiten und mit Verhaltungsmaßregeln zu versehen. Was würde dabei herauskommen? Wie würde dieser unschuldige Streber und Genießer, dieser unbewußte Spekulant, wie sein skeptischer Freund ihn nannte, sich in dem fetten Boden entwickeln, wohin er nun verpflanzt war? Hierauf war Köpf ungemein neugierig. Er wiederholte langsam und nachdenklich:

»Man muß Ihnen mit Gründen kommen. Das heißt, Sie haben die Frau, mit deren Liebe Sie zum Zweck Ihres Fortkommens rechnen, davon zu überzeugen, daß ein Verhältnis mit Ihnen ein besonders gutes Werk oder etwas Neues und Interessantes, auch etwas Schmeichelhaftes wäre. Sie muß sich zu Ihnen herablassen oder von Ihnen emporgezogen werden, am besten beides abwechselnd. Sie machen einen doppelten Eindruck, wenn Sie sich voll Hingebung und Demut zeigen und dabei eine heimliche Überlegenheit ahnen lassen.«

»Das meine ich auch«, sagte Andreas, dem es indes schwer fiel, sich Frau Türkheimer überlegen zu fühlen.

»Die schöne Frau, an die wir denken, steigt zu dem armen Dichter hinab, sie bringt ein verborgenes Talent durch das Licht und die Wärme ihrer Liebe zur Blüte.«

»Tut sie auch!« rief Andreas lachend. Er war doch unangenehm berührt von Kopfs Ausdrucksweise. Dieser fuhr fort:

»Nach dieser Seite ist das Verhältnis klar. Ihre Überlegenheit können Sie mit Leichtigkeit darin finden, daß Sie Rheinländer sind.«

»Wirklich?« fragte Andreas überrascht.

»Bedenken Sie nur Ihre ältere Kultur! Jeder seßhafte Bauer bei Ihnen zu Hause ist ein Aristokrat gegen die Landstreicher aus dem wilden Osten, die hier in Palästen wohnen.«

Andreas schlug sich auf die Knie vor Vergnügen. Er sprang auf, drehte sich zweimal um sich selbst und begann mit langen Schritten hin und her zu wandern.

»Selbstverständlich!« rief er. »Daran hätte ich doch denken müssen. Türkheimers sind natürlich auch aus Posen oder Galizien eingewandert. Was die Leute unter ihrer allgemeinen Wurstigkeit verbergen, das sind bloß ihre Dummheit und ihre schlechten Manieren. Von Kaflisch will ich nicht reden, Sie kennen ihn wohl? Dann ist da einer, der immer mit solchen Beinen herumgeht. Er heißt Süß.«

Und Andreas watschelte mit einwärts gestellten Füßen quer durch das Zimmer.

»Die Weiber sind eigentlich lächerlich, besonders so eine fette Matrone wie Adelheid. Es scheint bei den Leuten so zu sein, wie bei den Wüstenstämmen. Die Schönste kann nur auf einem Kamel weiterbefördert werden, nach ihr kommt eine, die sich auf zwei Sklavinnen stützt.«

Triumphierend sah er Köpf an, der mit sich selbst wettete, Andreas habe diese Wissenschaft erst in der vergangenen Nacht erworben. Der junge Mann lachte ausgelassen, er hatte einen Einfall.

»Der Allerkomischste ist aber Türkheimer selbst. Er muß eine Hautkrankheit haben. Passen Sie mal auf!«

Und Andreas begann durch fingierte Koteletten zu streichen und sich am Kinn zu scheuern. Er setzte sich einen Klemmer, den er vom Tisch nahm, vorn auf die Nase und ging mit kleinen, unsicheren Schritten, den Bauch vorgeschoben, auf Köpf zu.

»Mein Name ist Ausspuckseles«, sagte er mit Türkheimers schleppender, leicht näselnder Stimme, »Generalkonsul Ausspuckseles, und hier ist meine Frau, geborene Rinnsteiner.«

Er stand atemlos, rot im Gesicht, und hielt sich die Seiten. Köpf kicherte leise, er blinzelte so verräterisch, daß Andreas bei näherer Betrachtung nicht gewußt hätte, ob der andere über seinen Scherz oder über ihn selbst lachte. Der junge Mann ging schon zur Tür, kehrte aber eilig zurück.

»Ach, ehe ich's vergesse! Hier in der Wohnung ist doch ein Zimmer frei. Bitte, belegen Sie es für mich, ich ziehe nächsten Ersten ein. Dies ist wenigstens eine Gegend, wo eine Dame sich nicht gleich kompromittiert. Wenn sie schon arme Dichter glücklich machen wollen, darf man ihnen doch nicht zumuten, es in der Linienstraße zu tun.«

»Sehr richtig!« bestätigte Köpf. »Solche weise Voraussicht ehrt Sie. Sie scheinen wirklich die Mittel zu besitzen ....«

»Mit denen man was wird! Das sagt mir jeder!« rief Andreas, schnalzte mit den Fingern und verließ, sehr zufrieden mit sich, das Haus. Er hatte sich gehütet, Köpf etwas von Ratibohr zu erzählen und von Türkheimers Neigung, seine Frau mit einem harmlosen jungen Mann glücklich werden zu lassen. Auch die Geschichte mit dem Schneider hatte er für sich behalten. Doch war er mittlerweile in der richtigen Stimmung, um sich in die Mohrenstraße zu begeben.

Der Angestellte, dem Andreas Frau Adelheids Karte übergab, holte sogleich Herrn Behrendt herbei. Der Inhaber des Ateliers für feine Herrenbekleidung sah aus wie ein Botschafter. Er führte den jungen Mann in einen mit vornehmem Geschmack möblierten Salon, nötigte ihn, auf einem seidenen Puff Platz zu nehmen und bat Andreas, ihm zu sagen, womit er sich ihm gefällig erweisen könne. Andreas glaubte schon, er werde hinzusetzen: »Unter Ehrenmännern verpflichtet man einander gern.«

Der Neuling fürchtete sich eine Blöße zu geben, wenn es an die Wahl der Stoffe und an die Äußerung seiner Wünsche in betreff des Schnittes ging. Doch war nicht die Rede davon, Herr Behrendt unterbrach ihn nach den ersten Worten:

»Ich verstehe, mein Herr, es handelt sich um eine vollständige Ausstattung, die dem Geschmack der allervornehmsten Häuser adäquat sein und zugleich Ihre individuelle Eigenart berücksichtigen muß. Ich meine, es darf nichts nach der Seite des rein modischen Schicks übertrieben, dagegen soll ein diskreter künstlerischer Schwung hinzugefügt werden.«

Andreas bewunderte höchlich den Scharfblick des Mannes. Herr Behrendt setzte hinzu:

»Gestatten Sie mir, Ihr Genre näher zu studieren.«

»Wie?« fragte Andreas.

Aber Herr Behrendt war schon in sein Studium vertieft. Er kniff ein Auge zu und umschritt in weitem Kreise den seidenen Puff.

»Machen Sie mir das Vergnügen, bis zu jenem Spiegel zu gehen!« bat er sodann.

Als Andreas zurückkehrte, äußerte Herr Behrendt:

»Ich bin befriedigt, mein Herr.«

Er schellte, worauf der Zuschneider mit seinen Maßen erschien. Sogleich empfahl sich Herr Behrendt mit einer Verbeugung, da das profane Geschäft des Anmessens seine Gegenwart nicht erforderte.

Andreas verließ das Atelier mit dem erhöhten Gefühl der eigenen Würde. Er hatte noch mehr Geschäfte, und er bestellte zwei Dutzend feiner Hemden, nach Maß anzufertigen, außerdem eine Menge anderer Leibwäsche. Auch hielt er die Anschaffung einiger koketter Nachthemden für sehr wichtig, mit Stickerei am Kragen und mit seidenen Schnüren. Dann begab er sich in ein Fußbekleidungsatelier, und er drang überall auf Eile.

Am Freitag, dem ihm von Frau Türkheimer bezeichneten Empfangstage, hatte er die Genugtuung, seine neuen Herrlichkeiten vor sich auf dem Sofa ausgebreitet zu sehen. Herrn Behrendts vollständige Ausstattung bedeckte alle übrigen Möbel des Zimmers, die, so alt sie waren, solche Pracht sicher noch nie gesehen hatten. Die aus dem Atelier der Mohrenstraße hervorgegangenen Werke erwiesen sich für den lernbegierigen Neuling als eine illustrierte Anleitung zum feinen Auftreten, so sorgfältig waren sie auf sämtliche Lagen des gesellschaftlichen Lebens abgestimmt. Jedem Anzuge war ein Schild mit einer Inschrift angeheftet: »Visitenkostüm« oder »Soireekostüm« (petit comité), »Promenadenkostüm«, »smoking-dress« (Herrengesellschaft) und manche andere Erläuterung, die Andreas vor Irrtümern bewahrte. Er dankte dem großen Schneider diese Vorsicht wie einen zartfühlenden Freundschaftsdienst. Er sah sich nun im Besitz von zwei Gehröcken ungleicher Länge, zwei Fräcken, einem Frackjackett, drei Schwalbenschwänzen von verschiedenen nuanciertem Grau, drei kurzen Sakkojacketts, einem Abendmantel und zwei Paletots. Es waren fünf zartgemusterte Extrabeinkleider vorhanden, und der Schnitt der Westen legte von einer künstlerisch geschulten Phantasie Zeugnis ab.

Andreas wählte den Gesellschaftsrock aus, den Herr Behrendt mit der Empfehlung »five o' clock« versehen hatte. Als er nach Beendigung seiner Toilette vor den Spiegel trat, begrüßte ihn dasjenige Bild, das er seit einem Jahre als traumhaftes Ideal im Kopfe trug. Der schwarze Tuchrock reichte bis über das Knie. Sein leicht aufgeschlagenes Atlasfutter legte sich harmonisch auf die lichtbraune, diskret geblümte Weste. Die perlgraue Hose fiel in weichem Fluß über die Lackschuhe. Andreas probierte mehrmals, sich in der Weise hinzusetzen, daß die Hose unauffällig hinaufgezogen ward und die schwarzseidenen Strümpfe sehen ließ. Als ihm dies zu seiner Zufriedenheit gelungen war, erfreute er sich an dem milchigen Schimmer des plissierten Hemdes. Er zog die Handschuhe an, indes er nachlässig verschiedene Stellungen übte.

In einer Tasche seines neuen Paletots fand er Herrn Behrendts Rechnung. Sie belief sich für elf Kostüme nebst vielen Extrastücken auf rund vierhundert Mark, was für den kompletten Anzug kaum dreißig Mark ausmachte, beträchtlich weniger, als der Gumplacher Schneider für seine Leistungen beanspruchte. Im Fortgehen warf Andreas einen verächtlichen Blick seinen abgelegten Kleidungsstücken zu, die als elendes Häuflein in einem Winkel trauerten. Es war eigentlich sein alter Mensch, der dort in sich zusammengesunken lag. Er mußte laut ausrufen:

»Zu denken, daß ich je so ausgesehen habe!«

Der Rock saß gut unter den Achseln, die Hose bequem im Schritt, und das Bewußtsein, daß ihm niemand einen Fehler oder eine Ärmlichkeit vorwerfen könne, machte den Gang des glücklichen Jünglings elastisch. Da ein klarer Frost herrschte, begab er sich zu Fuß in die Mohrenstraße, wo er mit überlegener Miene seine Schuld beglich. Dann fuhr er zu Türkheimers.

Diesmal schritt er in ruhigem Selbstvertrauen auf die Tür zu, die ihm der Diener öffnete. Es gab, wie er meinte, in diesem Hause, unter diesen Menschen kaum noch Überraschungen für ihn. So beraubte es ihn beinahe seiner Fassung, als er einen ganz fremden Raum betrat. Die Wände des Zimmers waren mit gelbem Satin ausgeschlagen. Bizarr verteilt hingen daran nur wenige kleine Gemälde, die einen kostbaren Eindruck machten, vielleicht wegen der breiten, schwarzen, mit Perlmutter eingelegten Rahmen. Schwarze Lackmöbel mit winzigen goldenen Figuren und von zierlichen exzentrischen Formen, standen zu zweien oder dreien launisch weit voneinander entfernt. Zwischen ihnen dehnte sich die grünliche Fläche des gewirkten Teppichs, durch die sich weiße Wasserrosen schlangen.

Es war einen Augenblick still geworden, als Andreas eintrat. Er fühlte die Lorgnons auf sich gerichtet. Nur Fräulein Asta, die mit ihrem Verlobten sich in einer Fensternische aufhielt, fuhr fort, laut zu sprechen. Die Hausfrau begrüßte den jungen Mann sehr gütig, sie schien seine allzu neue Kleidung nicht zu beachten. Sie führte ihn zu den Damen Mohr und Pimbusch, die mit Herrn Liebling plauderten, worauf sie zu Herrn Pimbusch zurückkehrte. Dieser erkundigte sich, ohne seine Stimme zu mäßigen, nach der Herkunft des Fremdlings. Nachdem Frau Türkheimer ihn bedeutet hatte, Herr Zumsee sei Schriftsteller, erklärte er:

»Ich begreife nicht, wie'n Mensch jetzt noch Bücher schreiben kann« – ohne eine Begründung seines Ausspruches für nötig zu halten.

Frau Mohr sah Andreas mit reizender Vertraulichkeit an. ›Ich bin vom ersten Augenblick an Ihre Freundin gewesen,‹ schien sie zu sagen. Sie bemerkte:

»Ich habe gehört, daß Sie neulich viel Glück im Spiel gehabt haben?«

»Hüten Sie sich, daß Ihnen das bei uns nicht schadet«, sagte Frau Pimbusch mit ihrer hohen, gebrochenen Stimme und mit einer Betonung, daß es Andreas fast unheimlich ward. Ihr grünlicher Blick schoß glitzernd auf ihn zu.

Herr Liebling protestierte gegen den Aberglauben, und die sittliche Würde, mit der er es tat, stand ihm gut. Andreas verglich Lieblings Gehrock mit seinem eigenen und bewunderte im stillen die feinsinnige Unterscheidungsgabe, die Herr Behrendt an den Tag gelegt hatte. Lieblings Eigenart erforderte einfache Korrektheit, ein Hervortreten des Moralischen sogar im Schnitt der Weste. Sein eigener Anzug trug dagegen ein nicht näher zu bestimmendes künstlerisches Gepräge, das mit dem Charakter seines Kopfes übereinstimmte. Andreas trug das Haar ein wenig länger im Nacken als üblich. Der Schnitt seines Rockes, leicht ausgebuchtet, erinnerte wohl an 1830, aber wie Herr Behrendt vorausgesagt hatte, war nichts nach der Seite des rein modischen Schicks übertrieben. Dies war jedoch dasjenige, was das Äußere des Herrn Pimbusch bemerkenswert machte.

Andreas, der Lieblings Diatribe gegen den Aberglauben ein zerstreutes Gehör schenkte, betrachtete aufmerksam Pimbuschs vor Altertümlichkeit übermoderne Tracht und die Art, wie er sie zur Geltung brachte. Pimbusch vollführte keine noch so unbedeutende Bewegung, die ihm nicht durch ein Gesetz der Mode vorgeschrieben war. Wie er die Rockschöße aufhob, um sich zu setzen, wie er seinen Hut auf die Etagere stellte, den Kopf wandte, seinen Schnurrbart drehte und die Zigarette zwischen die Finger nahm, so mußte es im Jahre 1894 jeder machen, der auf guten Ton Anspruch erhob, und so würde es zwei Jahre später niemand mehr tun. Die Gemessenheit, mit der er die Riten der Eleganz beobachtete, gab ihm etwas Sakramentalisches, wie wenigstens Kaflisch behauptete, nach dessen Ansicht übrigens ein Mystiker in Pimbusch steckte. Denn er hätte sich als verloren angesehen, wenn sein Zylinder nicht sieben Glanzreflexe und die Tuberose in seinem Knopfloch nicht dreizehn Blätter besessen hätte.

Pimbusch trat als ein vollendeter Bewohner jenes Schlaraffenlandes auf, wie Andreas es sich vorstellte. Doch stand er, wie dem jungen Manne nicht unbekannt war, tätig mitten im öffentlichen Leben. Er war der Sohn und Nachfolger jenes großen Pimbusch, der dem durch ihn eingeführten Spezialkartoffelfusel seinen, vom Berliner Volke verehrten Namen gegeben hatte. Heute ging das Geschäft von selbst, der Sohn hatte sich nicht um den Betrieb zu bemühen. Doch arbeitete er auch dann noch, wenn er seine Nägel betrachtete oder den neuesten Börsenwitz wiederholte. Sooft nachts die Destillationen ihren Schein auf die Straßen hinauswarfen, war Pimbusch an der Arbeit. Der träge Zug der Proletarier quoll durch die weit offenen Tore der Kneipen aus und ein. Sechs Gläser des Spezialfusels genügten, um den Stumpfesten in das Reich seiner Ideale zu versetzen. Die Seligsten träumten in den Rinnsteinen. Ein giftiger Duft zog durch die Stadt, die in einem Meer von Schnaps zu ertrinken trachtete. Dann war Pimbusch, der in einem Salon das Problem der neuesten Kragenhöhe erörterte, an der Arbeit.

Begreiflicherweise verachtete Pimbusch das Volk, das seinen Schnaps trank. Aber auch von Geschäften sprach er nur mit fremder Miene, wie jemand, der nicht dazu gehört. Kaflisch nannte ihn den Schnapsfeudalen und begriff ihn unter der größeren Familie der Feudaljobber. Denn es war Pimbuschs zehrender Ehrgeiz, als letzter einer an Überfeinerung zugrunde gehenden Gesellschaft zu gelten. Den Baron Hochstetten hatte er sich, seit er ihm bei Türkheimers begegnete, zum Vorbild genommen zwecks Einübung einer feudalen Physiognomie. Seine Anstrengungen wurden erleichtert durch einen flachen Schädel, über den dreißig erfreuliche Jahre verheerend dahingegangen waren, durch die glasige Blässe seiner Augen und durch eine Haut, fahl und durchlöchert wie Pergament. Nur seine mächtigen Kiefer, die beim Sprechen gefräßig auf- und zuklappten und eine Art großer spitzer Raubfischzähne sehen ließen, erzählten noch von den starken Erwerbsinstinkten seiner Väter. Aber indem er sie kraftlos auf die Brust herabhängen ließ, wußte er auch sie seinen Absichten dienstbar zu machen. Und obwohl er von der Herkunft seines Großvaters durchaus nichts wußte, kam dieser Sproß des kräftigen Bürgertums dem Ideal des vollkommenen Kretinismus mindestens ebenso nahe wie der Freiherr von Hochstetten, dessen Vorfahr mit dem Burggrafen von Nürnberg in Brandenburg eingezogen war.

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430 стр.
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9783754184561
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