Читать книгу: «Ein weisser Koffer»
Gebhard Friebel
Ein weisser Koffer
Gefangen in Thailand
Thriller
Universal Frame
All rights reserved • Copyright © 2014
2. Auflage
Titelgestaltung Werner Hense
Titelfoto: © Charlie Milsom - Fotolia.com
Universal Frame Verlag GmbH, Zofingen
ISBN 9783905960570
Teile des Geschehens haben sich tatsächlich ereignet. Das erste Kapitel „Wie alles begann“ enthält authentische Vorgänge. Von da an, wo der Autor die Grenze nach Kambodscha überschritt, kam die Phantasie ins Spiel… Aber vieles könnte doch der Realität entsprechen.
Die historischen und aktuellen Hintergründe, wie auch die geografischen Angaben, sind real und wahrheitsgetreu beschrieben.
Sanya, Hainan
V. R. China
10 August, 08
Wie alles begann
Meine Freundin Ma Guo Feng ist nun endgültig fort – mit ihren Eltern zurück nach Shenyiang.
Letzte Woche hatten wir an vier Tagen hintereinander zum ersten Mal seit Eröffnung der Studenten- und Musikkneipe “Sky Garden“ grüne Zahlen geschrieben.
12. August 08
Richard Peng, der Hauptmieter des Hauses, ist heute wieder gekommen und meinte, dass er die Kneipe alleine weiterführen wolle.
13. August 08
Heute lag unter der Eingangstür zur Kneipe die fristlose Kündigung des Mietvertrages… Der Besitzer beabsichtige, die Kneipe selbst weiterzuführen.
So sind halt Chinesen. Wenn sie merken, dass ein Betrieb gut läuft, können sie nicht mehr gut schlafen. Sie grübeln darüber nach, wie sie davon besser profitieren können.
Als Vermieter wollen sie mit allen Tricks die Miete erhöhen, den Mieter herausgraulen, und den Betrieb selbst übernehmen. Sie denken, sie könnten alles genauso weiterführen oder besser machen. Auf jeden Fall wollen sie mehr: Money, money, money!
14. August 08
Ich denke lange nach, sehe aber keine Chance, die Kneipe gegen seinen Willen mit Hilfe von Polizei, Anwalt oder Gericht wieder zu öffnen.
Ich habe verloren! Mein investiertes Geld und auch meine Arbeitszeit.
***
September 08
Ich verdiene inzwischen mein Geld mit Übersetzungen, fühle mich aber nicht wohl dabei, weil ich laufend, sobald irgend ein Kontakt mit Chinesen zustande kommt, sei es in einem Geschäft, einem Restaurant, mit meinem Vermieter oder mit Behörden -– kurz überall, mit Betrugsversuchen oder unerwarteten ‚Black Money’ Zahlungen konfrontiert werde. Meine Freundin ist halt nicht mehr da, die mich vor vielen derartigen Versuchen beschützt hat
Ich ziehe mich immer mehr in meine Wohnung zurück.
Oktober 08
Ich merke, dass ich allmählich krank werde.
Es fängt mit einem Ausschlag an der linken Hand an.
Er wächst, breitet sich auf meinem linken Arm aus und wird zunehmend unangenehmer.
Zuerst gehe ich zu zwei Apotheken, die mir Salben verkaufen.
Kein Erfolg. Nach zwei Wochen zu einer Ärztin – neue Salbe und Tabletten. Kein Erfolg. Dann ins grosse Krankenhaus: Blutuntersuchung: nix feststellbar – wieder Salbe und Tinktur.
Diagnose: Allergie… Ich hatte noch nie im Leben eine Allergie!
Dann beginnt der Ausschlag an der linken Hand. Allmählich werde ich unwirsch.
Zudem bekomme ich Durchfall. Seit zwei Monaten. Auch von Speisen in Restaurants, wo ich Monate vorher regelmässig verkehrte und nie Durchfall bekommen hatte. Muss alle zwei Stunden aufs Klo. Auch Mc. Donalds und Kentucky Fried Chicken Restaurants nutzen nichts
Dann die Schlafstörungen: Maximal drei Stunden Schlaf hintereinander, auch wenn ich mich mit Schnaps zusaufe.
Mitte Oktober beschliesse ich, Urlaub zu machen, um in einem anderen Land Abstand zu gewinnen und meine Situation zu überdenken.
Da ich schon öfter in Thailand war, werde ich dorthin fahren.
***
Gestern bin ich in Thailand gelandet.
Nach zwei Tagen in Bangkok fühle ich mich pudelwohl und fahre schnurstracks nach Ko Chang.
Der Ausschlag ist verschwunden; ich habe keinen Durchfall mehr, und kann langsam wieder besser schlafen. Ich denke, all die nervenden Krankheitssymptome hatten psychosomatischen Ursprung.
Hier will ich etwas Neues beginnen – irgendetwas in Richtung Tourismus.
Nach den Flughafenbesetzungen in Bangkok und Phuket bricht der Tourismus zusammen. Obwohl High Season ist, schrumpfen die Besucherzahlen auf 20 bis 30%. Die Entwicklung für das nächste Jahr wird allgemein negativ beurteilt.
Was tun?
Ich warte, warte und grübele.
Mitte Dezember 08 weiss ich, was ich tun werde: Ein anderes Land muss es sein.
Zur Auswahl stehen Kambodscha, Laos und Vietnam.
Da man immer öfter hört, in Kambodscha soll es heftig aufwärts gehen, entschliesse ich mich über Weihnachten für Kambodscha.
Am 3. Januar werde ich meine Koffer packen, und zuerst einmal für drei Wochen nach Kompong Som, dem früheren Sihanoukville, fahren – zusammen mit Charly, einem Österreicher.
Der verschwindet aber vor dem geplanten Abreisetermin sang- und klanglos. So werde ich halt alleine fahren.
Herr Prem in Not
„Wo ist der Tee,” schrie Herr Prem.
Er hatte soeben die Küche betreten und sah sich suchend um. Kein Reis, kein Gemüse und kein Tee da!
Er rief lauter: „du weisst, dass ich morgens immer Kopfweh habe. Verfluchtes Weibsstück!“
Keine Antwort.
Sollte ich wieder die Nachbarin nach Tee fragen?
Er blickte zufällig aus dem kleinen Küchenfenster und bemerkte eine Bewegung.
Er sah genauer hin: tatsächlich, da, auf seinem kleinen, innenliegenden Balkon: das war Lee. Er sass auf dem hölzernen Balkongeländer. Wenn er den erwischen würde – heute Morgen. Das wäre ein Freudentag! Wenn er nah genug herankäme!
Er würde ihn töten – wenn er nur nahe genug herankäme. Wenn!
Mit einem Schlag war er hellwach.
Er erstarrte: jetzt nur keine Bewegung.
Seine Augen suchten die gegenüberliegenden Balkone ab.
Keine Bewegung, keine Menschenseele zu sehen.
Niemand wird mich beobachten.
Sein kleiner, innenliegender Balkon war von den Nachbarhäusern rechts und links nicht einsehbar.
Vorsichtig und langsam ging er in die Knie. Im Zeitlupentempo. Ganz sachte langte er nach dem schweren eisernen Schürhaken, der rechts neben dem Holzkohleherd an der Wand stand. Mit eiserner Kraft umspannte er, zum Töten bereit, den gedrechselten Mahagonigriff.
Dann straffte er sich in höchster Anspannung.
Ein Schlag nur; aber der muss sitzen.
Die Tür zum Balkon stand wie immer offen. Da musste er hindurch, nach aussen.
Lee schaute vor sich hin – bewegungslos. Vielleicht war er eingedöst.
Herr Prem machte einen kleinen Schritt zur Seite. Lee reagierte nicht. Noch einen Schritt nach rechts. Keine Reaktion. Jetzt musste er nach vorn, durch die Tür. Ein Schritt nach vorn. Nur kein Geräusch jetzt, so kurz vor dem Ziel.
Noch einen Schritt nach vorn. Und jetzt noch ein beherzter Satz.
Er hob die rechte Hand mit dem Schürhaken über seinen Kopf. Er ging etwas in die Knie. Dann kam der Satz nach vorn. Jetzt war er noch einen halben Meter von Lee entfernt, und der hatte nichts bemerkt. Er hob die Rechte höher und liess die Hand mit dem Haken niedersausen. Als der Haken nur noch vierzig Zentimeter von Lee’s Kopf entfernt war, machte dieser einen Satz zur Seite nach vorn, auf das nächste Balkongeländer.
Der Haken krachte auf das Geländer, das Holz der Brüstung zersplitterte.
Lee hatte es wieder einmal geschafft. Herr Prem war stinksauer.
Der Tag fängt ja gut an. Wie hätte ich mich gefreut.
Lee war der fetteste Kater in der Nachbarschaft. Und er war auch nicht so alt, wie die anderen Katzen. Obwohl es nun schon ein Jahr her war, dass er eine Katze erschlagen hatte.
Als ob sie sich verabredet hätten, diese Katzen, ihm aus dem Weg zu gehen. Das hätte eine feine Suppe gegeben. Wenn man eine Katze nur lange genug kocht, kann man sie auch gut essen. Verflucht!
Woher Tee?
Herr Prem überlegte: Wie käme er jetzt wenigstens zu Tee?
Aber die Nachbarin hat mir erst gestern die Türe vor der Nase zugeschlagen, als ich Tee von ihr wollte.
Die Eingangstür knarrte. Seine Frau Li kam nach Hause.
„Wieder kein Tee da, und zu Essen auch nichts,“ bellte er sie an. „Warum habe ich dich bloss geheiratet?“
Frau Li stemmte die Arme in die Hüften.
„Du Nichtsnutz, du hast seit Wochen keinen Riel mehr abgeliefert,“ keifte sie, „Und wovon soll ich dann Tee und Reis kaufen. Wenn du arbeiten würdest, wie dein Onkel Wu, hätten wir immer genug. Und vor acht Jahren hast du mir versprochen, dass du ein Auto kaufen würdest. Sonst hätte ich dich nie geheiratet. Jetzt verbringst du deine Abende mit Schnaps und Weibern, und ich kann betteln gehen, damit ich nicht verhungere! Das Keifen wurde schrill, die Stimme überschlug sich zur Anklage:
„Die Götter sollen dich bestrafen, weil du dich nicht um deine Frau kümmerst. Ich werde älter und älter. Was soll denn später aus mir werden?
In ihr Keifen mischte sich Selbstmitleid, das in einen fordernden Ton überging.
„Fahr’ doch wieder Taxi mit dem Auto deines Onkels, dann gibt es auch wieder jeden Morgen Tee und Reis.”
Herr Prem zog den Kopf ein. Er hatte ihr nie erzählt, dass er vor drei Monaten den Toyota seines Onkels Wu gegen einen Laternenmast gefahren hatte. Der Kotflügel hatte zwei grosse Dellen davongetragen.
Seinem Onkel hatte er erzählt, einer von Onkel Wu’s Büffeln sei gegen das Auto gelaufen.
Sein Onkel hatte seinem Neffen nicht geglaubt und richtigerweise vermutet, dass das schwarze Schaf der Familie nach einem Trinkgelage beim Majong-Spielen angeheitert einen Unfall verursacht hatte.
Danach hatte Onkel Wu ihn zwei Mal, als er sich das Auto wieder zum Taxifahren ausleihen wollte, als Trunkenbold beschimpft und aus dem Haus gejagt. Er solle gefälligst 200‘000 Riels für den Schaden bezahlen – vorher brauchte er sich nicht mehr blicken lassen.
Als Herr Prem erwidert hatte, er solle ihm das Auto leihen, damit er wieder Taxi fahren könne, um seine Schulden zu bezahlen, hatte der Onkel geschrieen: „Die Götter haben ganz richtig gehandelt, als sie dich mit deiner hässlichen Frau bestraft haben! Nicht mal einen Sohn hat sie dir geboren“
Onkel Wu wusste, dass dieser Vorwurf seinen Neffen besonders hart treffen würde, aber für eine neue Frau fehlte Herrn Prem das notwendige Geld.
Auf der Suche
Missmutig verliess er das Haus und schlenderte in Richtung Markt.
Dort wohnte sein Bruder Bu, der immer wieder gesagt hatte:
„Mach es doch so wie ich.“
Bu hatte im Kampot zwei Freunde, die im Busch ein kleines Haschischfeld angelegt hatten. Vier mal im Jahr holte Bu die Erträge des Feldes ab und schmuggelte die Ware im doppelten Boden eines Hahnenkorbes nach Thailand. Dort bekam er jedes Mal dafür 5‘000 bis 6‘000 Baht und war so zum wohlhabenden Mann geworden; er konnte sich sogar zwei Frauen leisten.
Bu hatte ihm auch davon erzählt, dass mit dem Schmuggel von Heroin zehnmal soviel Geld zu erzielen sei. Aber alle, mit denen Herr Prem sich darüber unterhalten hatte, hatten ihn darauf hingewiesen, dass die Grenzpolizei bei Heroin, anders als bei Haschisch, kein Auge zudrückte.
Und drei weitere Freunde von Bu sassen schon seit 4 Jahren wegen Heroinschmuggels in Trat im Gefängnis.
Aber wie sollte man das Pulver gefahrlos nach Thailand bringen? Darüber hatte er schon oft nachgedacht.
Man könnte es an einen mit Gas gefüllten Luftballon befestigen und jenseits der Grenze den Luftballon abschiessen.
Aber wenn gerade eine Grenzpatrouille in der Nähe war und die Schüsse hörte?
Oder beim Loy Kratong Fest konnte man das Pulver in einem schwimmenden Blumengebinde verstecken. Bei gutem Südwind wäre es in zwei Stunden in Thailand. Dort könnte man es mit einem Fischerboot aus dem Wasser fischen.
Aber wenn es vor Erreichen des Zielpunktes unterginge? Oder der Wind einschliefe?
Die Eigentümer des Pulvers würden ihn wegen des Verlustes auf jeden Fall bestrafen. Und das konnte schlimmer als Gefängnis sein.
In Gedanken versunken setzte Herr Prem ohne festes Ziel seinen Weg fort.
Ich habe immer noch nichts gegessen Ich könnte ja mal bei meiner Cousine Dang vorbeischauen. Die hatte immer ein gutes Herz und freute sich auch oft über meinen Besuch. Ausserdem war sie sehr höflich und lud mich fast immer zum Tee ein…
***
Cousine Dang war tatsächlich da und bat ihn in ihr kleines Haus. Beim Tee fragte sie ihn, wie es ihm so ginge.
Er erzählte ihr nach kurzem Nachdenken von seinem chronischen Geldmangel und von dem Transportproblem mit dem Pulver.
Frau Dang hatte früher in der ‚Hallo Bar’ gearbeitet und ab und zu Ausländer nach Thailand begleitet. Daher wusste sie, dass Ausländer an der Grenze nie ihr Gepäck öffnen mussten.
Dies erzählte sie Herrn Prem, der das zunächst nicht glauben wollte.
Doch dann liess er sich überzeugen und war schnell von dieser Möglichkeit begeistert.
„Ich habe einen Plan“, erzählte er nach längerem Überlegen. „Man könne viel Geld verdienen, wenn es gelänge, ein Päckchen mit dem Pulver im Gepäck eines Fremden, der am folgenden Tag über die Grenze nach Thailand will, zu verstecken. Jenseits der Grenze müsse man ihm dann nur noch den Koffer stehlen, und das Pulver in Trat oder Chantaburi verkaufen. In beiden Städten hatte er einige Freunde, die illegal in Thailand arbeiteten und immer knapp bei Kasse waren.
Die kannten Leute, die für den Markt in Bangkok alles erreichbare Heroin aufkauften.
Für ein Pfund bekommt man 40‘000 Baht: das wusste jeder.
„Und was springt für mich dabei heraus?“, fragte Frau Dang.
„Bestimmt 5‘000 Baht“
Frau Dang bekam leuchtende Augen, und rechnete schnell im Kopf durch: Wenn man das zehn mal im Jahr schaffte, hatte sie 50‘000 Baht zusammen, und konnte sich ein kleines Häuschen kaufen. Für ihre alten Tage…
Und sie wäre bei ihren Freunden angesehen und von ihren Freundinnen beneidet.
Aber wie konnte man an einen Ausländer herankommen?
Frau Dang hatte schon lange nicht mehr in der Bar gearbeitet – sie war einfach zu alt. Aber sie könnte ja mal ihre Freundin, Frau Wu fragen.
Die arbeitete immer noch in der ‚Hello-Bar’.
„Ich werde Frau Wu fragen“, versprach sie Herrn Prem.
Frau Wu‘s Werdegang
Am Nachmittag ging sie bei ihrer Freundin Wu vorbei, die sie zum Tee einlud.
Frau Wu hatte es zu einem gewissen Wohlstand gebracht – sie besass zwölf Hühner und ein Schwein, und es wurde gemunkelt, dass sie sogar ein Sparbuch mit 30‘000 Bath besass.
Obwohl Frau Wu schon 52 Jahre alt war, sah sie viel jünger aus.
Sie arbeitete tatsächlich immer noch in der „Hello-Bar“.
Trotz ihres Alters schaffte sie es immer wieder mal, angeheiterte ‚Farangs’ zu betören und ihnen in deren Hotels ihre Dienste zu verkaufen
Sie hatte auch noch viele Zähne. Es waren zwar mehr künstliche als echte. Tatsächlich hatte sie nur noch fünf eigene; aber da die Barbesucher meistens viel Alkohol getrunken hatten, machte denen der Farbunterschied zwischen alten und neuen Zähnen nichts aus, oder sie bemerkten ihn gar nicht.
Mehrmals sogar hatten die Kunden, als ihr mal wieder einer oder zwei der neuen, künstlichen Zähne zufällig aus dem Mund gefallen waren, sie aufgefordert, alle künstlichen Zähne aus dem Mund zu nehmen. Das war in einer Minute geschehen, da sie die einfach zwischen die anderen Zähne gesteckt hatte. Beim Wiedereinsetzen der Zähne musste sie dann allerdings sehr genau aufpassen, dass sie die richtige Reihenfolge einhielt und nicht versehentlich einen Backenzahn mit einem Schneidezahn verwechselte.
Als sie einmal nur noch ihre fünf alten Zähne im Mund zeigte, hatte ein Ausländer gegrinst und gemeint, jetzt könne sie seinem Jadestengel ja nicht mehr gefährlich werden.
Aber sie wollten dann auch meistens nur an ihren ,Golden Gully‘ heran…
„Ja, ja, ab und zu habe ich mit Ausländern zu tun, und die meisten sind auf dem Weg nach Thailand, wo die Damen viel teurer sind. Deshalb kehren sie vorher noch oft in unserer Bar ein,“ sagte sie.
Und: „Wenn man das Pulver in deren Koffer unterbringen kann, kommt es sicher über die Grenze.“
Mit diesem Wissen verabschiedete sich Frau Dang bei ihrer Freundin Wu und begab sich direkt zu Herrn Prem, der irgendwo doch noch Whisky aufgetrieben hatte und es sich damit vor seinem Fernsehgerät gemütlich machte.
Ein hartes Leben
Herr Prem hatte mal wieder über sein Schicksal nachgedacht, und war etwas angeheitert. Herr Prem war oft angeheitert, weil die Welt nun mal sehr schlecht zu ihm war. Und deswegen trank er oft Whisky, den er gar nicht mochte, wie er seinen Freunden immer wieder versicherte.
Aber sobald es ihm irgendwie gelang, etwas Geld aufzutreiben, war er auch schon bald beschwipst. Manchmal auch stark angeheitert. Genau genommen trank er, sobald er eine Flasche Whisky im Geschäft des Ladenbesitzers Long aufgetrieben hatte, diese auch umgehend und zügig aus. Denn man konnte nie wissen, ob nicht gerade einer der drei Brüder Fu aus dem Nachbarhaus ihm einen Besuch abstatten würde.
***
An sich waren die Brüder Fu seine guten Freunde, aber seltsamerweise kam immer gerade dann, wenn er eine Flasche erstanden hatte, und sie zu Hause öffnete, mindestens einer der Dreien rein zufällig vorbei, um ihm einen Besuch abzustatten.
Sie schienen einen sechsten Sinn zu haben, oder auch Ahnungen, wie die weisen, alten Frauen auf dem Markt.
Jedenfalls bekam er immer Besuch, sobald er eine Flasche zu Hause öffnete.
Das verbitterte ihn manchmal, denn wenn er keinen Whisky hatte, und im Gegenzug den Brüdern einen Besuch abstattete, um zu erkunden, ob dort etwas zu trinken sei, fand er sie normalerweise auch vor dem Fernseher sitzend. Nur war die Flasche vor ihnen dann entweder fast oder gänzlich leer.
Herr Prem selbst versteckte manchmal, wenn er eine volle Flasche hatte, diese im Raum nebenan, nachdem er sich sein Glas halbvoll geschenkt hatte. Und auf den Tisch vor sich hatte er als Vorsichtsmassnahme eine leere Flasche gestellt. Nur hatte das den Nachteil, dass er bei zunehmender Anheiterung schon mehrmals die versteckte Flasche selbst nicht mehr gefunden hatte.
So kam es, dass er seinen Whisky nur im Zustand höchster Anspannung geniessen konnte, nicht so entspannt wie im Gasthaus ‚Unter dem Mangobaum’, wo man gelassen ein Getränk nach dem anderen bestellen konnte.
Aber da der Wirt – obwohl auch dieser ein persönlicher Freund – bei ihm immer auf vorheriger Bezahlung bestand, konnte er dessen Dienste nur ganz selten in Anspruch nehmen, und bei ihm einkehren.
Was Herr Prem nicht wusste, war: Die drei schlauen Nachbarbrüder hatten mit Herrn Long, dem Ladenbesitzer des einzigen Ladens im der Nähe, einen geheimen Vertrag geschlossen: Sobald Herr Prem bei ihm Whisky gekauft hatte, rief Long bei den Brüdern zu Hause, gegen eine kleine Gebühr, an und teilte ihnen mit, dass Herr Prem wieder Whisky gekauft hatte. Sogar die Flaschengrösse teilte dieser üble Spion den Brüdern mit, wovon dann abhing, ob nur einer, (bei einer kleinen Flasche) oder alle drei, (bei einer grosse Flasche) sich bei Herrn Prem einstellten.
Ja, ja, das Schicksal meinte es schon oft sehr schlecht mit Herrn Prem.
Da klopfte es, und vor der Tür stand Frau Dang mit interessanten Neuigkeiten.
Dann redeten beide viele Stunden lang.
In Kampot
Am nächsten Morgen stand Herr Prem früh auf und fuhr mit dem Bus nach Kampot.
Nach einigem Herumfragen fand er auch das Feld seiner Freunde bei Kampot im Busch, wo seine beiden Freunde im Schatten lagen und vor sich hin dösten.
Die Beiden arbeiteten nur selten, und waren doch wohlhabend.
Denn zwei oder drei Mal pro Woche schickten sie ihre Schwester Lo zum Markt
Am Verkaufsstand von deren Freundin So Au fand diese immer etwas Platz, um ihre eigene Ware zu verkaufen. Das waren Rebhühner, von denen ihre Brüder jede Woche fünfzig, manchmal auch sechzig oder siebzig, erlegten.
Den Kunden, die fragten, warum die Rebhühner keine Köpfe mehr wie die anderen Tiere auf dem Markt hatten, erzählte sie, dass ihre Brüder so unglaublich gute Schützen seien, dass sie die Vögel immer durch den Kopf schiessen würden.
Das stimmte nicht ganz. Die pfiffigen Brüder hatten irgendwann entdeckt, dass die Rebhühner, die regelmässig ihr Haschischfeld auf Nahrungssuche heimsuchten, schon nach kurzer Zeit torkelten und kaum mehr recht fliegen konnten.
Die Vögel frassen mit Vorliebe die Blüten der Haschischpflanzen, und wenn sie eine oder zwei Blüten verspeist hatten, waren sie bald flugunfähig, und mit einem Stock leicht zu erschlagen.
Diese Rebhühner waren nicht wie die anderen auf dem Markt mit Bleikugeln gespickt, was den Genuss stark einschränkte und pro Tier nur 10‘000 Riel brachte. Für diese Tiere ohne Bleieinlage liess sich deswegen locker ein Preis von 15‘000 Riel erzielen.
Ausserdem ging das Gerücht, dass die Rebhühner der Frau Lo eine heilende Wirkung hatten. Denn nach dem Genuss dieser Vögel wurde man wundersamerweise glücklich und fröhlich. Die Tiere hatten ja vorher im Cannabisfeld die Blüten der Pflanzen gefuttert, und die fröhlich machenden Stoffe der Droge befanden sich nun im Fleisch der Tiere.
***
“Hallo, Freunde, rief Herr Prem, und wurde von den beiden Brüdern etwas säuerlich begrüsst, da bekannt war, dass er immer knapp bei Kasse war und gerne schnorrte.
Aber Herr Prem kam gleich zur Sache
„Ich habe von den Leuten gehört, die hier in der Nähe eine kleine Küche haben, wo Heroin gekocht wird. Könnt ihr mich zu ihnen führen?“
Sie stritten zunächst ab, davon zu wissen. Aber als er ihnen als Belohnung einen seiner Kampfhähne versprach, sagten sie zu, ihn dorthin zu bringen, obwohl das sehr gefährlich sei.
Es würde Herrn Prem schwer fallen, einen seiner Kampfhähne zu opfern, aber dann fiel ihm ein, dass er ihnen den Hahn mit Namen ‚Goldener Drache’ geben könnte. Goldener Drache war beim letzten Kampf arg zerzaust worden, und hinkte immer noch. Das war schon schlimm, aber noch schlimmer war, dass er seitdem Angst vor anderen Hähnen hatte und damit als Kampfhahn nicht mehr einsetzbar und somit unverkäuflich war. Man könnte jetzt höchstens noch eine Suppe aus ihm kochen.
Herr Prem versprach hoch und heilig, dass er beim nächsten Besuch seinen besten Kampfhahn mitbringen würde.
So machten sich die drei denn auf den Weg.
Frischer Wind in Trat
Herr Tong ist Polizist in Trat, und zwar schon seit acht Jahren.
An sich ist er zufrieden mit seinem Beruf, vor allem, weil er ein hohes Ansehen als Polizist geniesst. Nur sein Gehalt reichte fast nie bis zum Ende eines Monats.
Er ist verheiratet und hat einen sechsjährigen Sohn, auf den er sehr stolz ist. Die Geldsorgen sind geringer geworden, seit das neue Prämiensystem eingeführt wurde.
Um die Effizienz der Polizei zu steigern, hatte sich der Provinzgouverneur etwas Neues einfallen lassen. Seit zwei Jahren gab es für die Ergreifung jedes Verbrechers, der gesucht wurde, jeweils 1‘000 Baht.
Das war ein voller Erfolg. Allerdings profitierten vom neuen System nur die jungen, eifrigen Polizisten.
Das ärgerte den Herrn Tong und seine engen Freunde Rung und Bam sehr; denn Verbrecher zu fangen, war anstrengend. Die Drei waren seit vielen Jahren befreundet, und trafen sich oft nach der Arbeit zu einem gemeinsamen Umtrunk.
Nachdem schliesslich aus dem Polizei-Hauptquartier in Trat letztes Jahr drei Gefangene aus ihren Zellen abgehauen, und nicht wieder gefasst worden waren, hatte der Gouverneur wegen des Erfolgs des Prämiensystems in der Provinz Trat angeordnet, dass auch für die Ergreifung von geflohenen Gefangenen 1‘000 Baht pro Mann zu zahlen seien.
Nun schlug die Stunde für das Freundestrio.
Herr Tong hatte zwar noch keinen gesuchten Verbrecher gefangen, aber er, und seine Kollegen und Freunde Rung und Bam, waren erfinderisch.
Denn nun ist die Anzahl geflohener Gefangener, die wieder gefasst wurden, dank der unermüdlichen Arbeit der Herren Tong, Rung und Bam, stark angestiegen. Das kam so:
Herr Tong oder einer seiner diensthabenden Kollegen vergass ab und zu einfach, eine Zellentür abzuschliessen. Kurz darauf entwichen dann regelmässig einer oder mehrere Gefangene.
Über die Treppe nach unten, die in den Wachraum mündete, wollte keiner der Gefangenen abhauen, da hier immer drei oder vier Polizisten sassen.
Blieb das Fenster vom Flur, in den die Zellentüren mündeten. Durch dieses Fenster, das auf der Seite des Gebäudes angebracht war, konnte man, wenn man etwas sportlich war, schnell das Gebäude verlassen, und in den angrenzenden Gassen verschwinden.
Und wenn es ums Ausbüchsen geht, werden Gefangene schnell und unerwarteterweise sehr sportlich…
Was die Gefangenen nicht wussten, war:
Auf der Rückseite des Gebäudes, wo ein verwilderter Garten ist, legte sich einer der Polizisten des Trios in Zivilkleidung auf die Lauer.
Er beobachtete aus seinem Versteck die Seitenfront des Gebäudes, wo sich das Gangfenster des Zellentraktes, durch das die Gefangenen bei ihrer Flucht kommen mussten, befand.
Flüchteten nun Gefangene, begann eine heimlich Verfolgung durch einer der Beobachter. Sobald im Polizeigebäude Alarm geschlagen wurde, fragte einer der alarmierten Polizisten des Trios über Handy den heimlichen Verfolger, wo sich der oder die Geflüchteten befanden.
Dorthin begaben sich dann einer oder zwei der übrigen Kollegen, die sich bereithielten, um als Teil der eilends zusammengestellten Suchmannschaft den oder die Flüchtlinge zu verhaften.
Wenn die Erfolgsprämie zugeteilt wurde, teilte man sie brüderlich, und der erfolgreichste Polizist wurde öffentlich belobigt.
Als innerhalb eines Monats 14 Gefangene geflohen waren, davon einer dreimal hintereinander, hatte der Polizeichef beim Gouverneur neue Türschlösser beantragt.
Aber da das Ersuchen des Gouverneurs nach Bezahlung der neuen Schlösser in Bangkok genehmigt werden musste, und der zuständige Sachbearbeiter im Materialbeschaffungssamt in Bangkok ein Schwager von Herrn Tong war, verwunderte es nicht, dass gegen eine kleine Gefälligkeit der Antrag verschwand, zumal jeden Monat Hunderte von Anträgen aus allen Provinzen hier bearbeitet werden mussten.
Da der Gouverneur ein begeisterter Golfspieler war, der wenig Zeit hatte, sich um solche Kleinigkeiten, wie verschlampte Anträge zu kümmern, tat sich nichts mit neuen Schlössern.
Tauschgeschäfte
Die zweite Möglichkeit, eine Prämie zu ergattern, war, möglichst viel Rauschgift zu beschlagnahmen.
Für 1 kg sichergestelltes Haschisch gab es 500 Baht, für 100 gr. Heroin 1‘000 Baht.
So ‚liehen’ sich die Herren Rung, Tong oder Bam des öfteren aus der Asservatenkammer im Keller bei dem Verwalter der Kammer, der ein Cousin von Herrn Bam war, vor jeder Razzia oder Kontrolle eine kleine, oder bei akutem Geldmangel, auch eine grössere Menge Rauschgift aus.
Dieses Material wurde dann dem beschlagnahmten Material, das bei der Kontrolle gefunden worden war, zugeschlagen.
So wurden schnell aus 100 Gramm Heroin, die tatsächlich gefunden wurden, 1000 Gramm; oder aus einem Kilogramm Haschisch fünf oder zehn Kilogramm.
Für die überdurchschnittlich grossen beschlagnahmten Mengen an Rauschgift wurde der Polizeipräsident von Trat zweimal wegen hervorragender Leistungen belobigt. Der war nicht müssig, dieses Lob an seine besten Polizisten, die Herren Rung, Tong und Bam, verbunden mit je einer Woche Sonderurlaub und der Aussicht auf baldige Beförderung, weiterzugeben.
Manche Polizisten haben eben eine besonders gute Nase!
Und was auch wichtig war: Man brauchte als Polizist aus dem Hauptquartier nicht mehr auf die Revierpolizisten neidisch zu sein, die sich eine Stelle in einem Revier „erkauft“ hatten, in dem sich eine oder mehrere Bars von Ausländern befanden.
Diesen ging es richtig gut, denn sie kassierten von jedem ausländischen Barbesitzer, der eine Bar in deren Revier hatte, für jedes Mädchen, das dort arbeitete, 500 Baht. Und das jeden Monat!
Der Grenzübergang
Gerhard Frings war also wieder auf dem Weg zurück nach Thailand.
Drei Wochen lang hatte er sich der Gegend um Kompong Som umgeschaut, ob er sich hier niederlassen könne. Er war noch unentschlossen, und wollte sich alles jenseits der Grenze in Thailand noch etwas durch den Kopf gehen lassen.
Für die Fahrt zur Grenze bei Koh Kong waren vier Stunden vorgesehen. Dann gab es eine Verzögerung, und aus den geplanten vier Stunden waren neun Stunden geworden.
Der Bus hatte nach einer Stunde eine Reifenpanne. Bis der Ersatzreifen eintraf, waren vier Stunden vergangen. Das Reifenwechseln dauerte nochmals eine Stunde, weil der Wagenheber abgebrochen war. Mit Hilfe von langen Bambusstangen und den vereinten Kräften von acht Mitreisenden, die halfen, den Bus hochzuwuchten, fand der Reifenwechsel doch noch am Nachmittag statt.
Allerdings konnten die Reisenden dann immer noch nicht weiter, da nun der Anlasser nicht mehr drehte, weil die Batterie leer war.
Alle, die schon eingestiegen waren, mussten wieder aussteigen, und den schweren Reisebus anschieben.
So war es bereits Abend, als der Grenzort endlich glücklich erreicht wurde.
Mit für diese Gegenden ganz unüblicher Pünktlichkeit war der dortige Grenzübergang um 20 Uhr geschlossen worden, als der Reisebus dort ankam.
Also: wieder zurück in den Ort, dort übernachten und dann am nächsten Morgen über die Grenze!
***
Direkt an der Bushaltestelle des Ortes stand das Hotel/Gasthaus „Dogout Hotel“. Für 2‘000 Baht wollte man Gerhard dort ein Zimmer andrehen.
Das alte Spiel: wenn es dunkel wird, gehen die ‚Walk in’ Preise hoch.
Gerhard nahm ein Mopedtaxi und liess sich 600 Meter weiter ins ‚Neptune Hotel’ fahren.
Hier war er schon auf der Herfahrt abgestiegen, und der Rezeptzionist erkannte ihn wieder. Beim Ausschecken hatte Gerhard ihm damals ein kleines Trinkgeld gegeben. Das war nicht vergessen; so war der Preis heute wie damals 300 Baht.
Nach Einchecken, einer ausgiebigen Dusche, und schnellem Kleiderwechsel meldete sich der Hunger.
Schnell packte er seinen kleinen Handkoffer, da er am nächsten Morgen möglichst früh über die Grenze wollte.
Die frischen Klamotten von heute Abend würden morgen für den Rest der Reise ausreichen!
Im zum Hotel zugehörigen Gasthaus erhielt er eine reichliche, warme Mahlzeit.
Nun war es neun Uhr – zum Schlafengehen zu früh –zumal er während des Wartens auf den Ersatzreifen im Schatten des Busses zwei Stunden geschlafen hatte.
Er schlenderte die breite, staubige, nur spärlich erleuchtete Hauptstrasse entlang. Bei Dunkelheit machte dieser Ort einen noch weit trostloseren Eindruck als bei Tage, obwohl man die zahlreichen windschiefen Holzhäuschen kaum sah. Dazwischen waren ab und zu Neubauten zu sehen, aber auch die machten schon nach wenigen Jahren einen heruntergekommenen Eindruck.
Es war eine arme Gegend, arm wie viele in vielen Teilen von Kambodscha.
Die Hello-Bar
Da sah er in der Ferne bunte Lichter blinken, und wie von ungefähr stand er nach kurzem Weg vor einem Schild mit der Aufschrift: ‚Hello-Bar’.
Er beschloss, dort auf der Suche nach einem oder zwei Bierchen und etwas Geselligkeit kurz einzukehren. Es lag immerhin ein anstrengender Tag hinter ihm.
Im hinteren Teil der gastlichen Stätte spielten drei Gäste mit mehreren Damen fremdartige Brettspiele. Ab und zu erklang herzhaftes Quietschen aus Damenmunde, das von sonorem Gelächter begleitet wurde.
„Sind ja gut drauf, die Jungs“ dachte er sich und bestellte umgehend ein Singha-Bier.
Der kühle Gerstensaft mundete vorzüglich nach der Hitze des Tages, allerdings war das Fläschlein schon nach wenigen Minuten leer, worauf ihm die Barfrau ohne Kommentar ein zweites kredenzte. Allmählich fühlte er sich wohler, und beim dritten Biere gesellte sich eine Dame zu mir, die sich mit freundlichem Lächeln als Frau Wu aus Tonle Sap vorstellte.
Im trüben Lichte sah sie recht passabel aus. Auf Nachfrage gab er ihr einen Drink aus, worauf sie darauf bestand, dem Deutschen die Zukunft aus der Hand zu lesen. Sie prophezeite ihm eine rosige Zukunft mit viel Geld, Glück und vielen Söhnen, was ihn überaus fröhlich stimmte.
Nach einigen weiteren Bieren und Cocktails für sie kam die schüchterne Frage: „Darling, Do You Like Me?“
Er antwortete: „ Yes, schon, I Like You ziemlich.“
Darauf sie: „I want care for you! I can make you good massage, for only 200 Baht.”
Durch das lange Sitzen und das Durchgerüttelt-Werden während der Busfahrt auf den schlechten Strassen fühlte er sich tatsächlich etwas verspannt.
Massage kann da nichts schaden!
Inzwischen war Mitternacht vorbei, und Gerhard war der einzige verbliebene Gast.
Nach Bezahlen der Rechnung nahm die freundliche Frau Wu einen kleinen Rucksack auf ihre Schulter und beide verliessen, ein gar fröhlich’ Liedlein auf den Lippen, die gastliche Stätte.
Im ‚Neptune Hotel’ begann die Dame unverzüglich mit ihrer Massagearbeit, die Gerhard herzhaft genoss. Aber schon nach wenigen Minuten nickte er kurz ein.
Als er wieder erwachte und die Augen öffnete, war die nette Dame splitternackt, aber immer noch guter Dinge und beim Massieren.
Als sie dann noch mehrere Komplimente ob seines athletischen Körperbaues losliess und ihm sanft ins Ohr zwitscherte: „OOOH Darling, I love you SOOO much,“ war er hin und weg.
Und weil sie so ehrlich war, gestattete Gerhard ihr, zu ihm unter sein Decklein zu schlüpfen.
Nun, kurze Zeit später fiel er nach erbaulichen Momenten der Zuneigung in einen gar erquicklichen Schlaf, aus dem er am nächsten Morgen putzmunter erwachte.
Neben ihm lag eine ältlich Dame, fast ohne Zähnen, die sich als Frau Wu von gestern Abend vorstellte. Er konnte sich zwar nur schemenhaft an den gestrigen Abend erinnern, aber der Name Frau Wu kam ihm doch irgendwie bekannt vor. „So hiess doch die Dame von gestern Abend, aber die hatte ein gar lieblich’ Aussehen und auch alle Zähne. „Aber, sei’s drum“, dachte er bei sich. „Spass muss sein, sprach Wallenstein, und…“
Beim Ankleiden bat ihn die Dame noch um eine kleine Unterstützung für ihre 105-jährige Grossmutter, die ihre Brille und ihre Zähne verloren habe. „Die ist aber alt“ meinte er darauf.
„Ja eben“ antwortete Frau Wu, nun auf Deutsch.
„Nun,“ dachte er sich, „Zahnverlust scheint bei ihrer Familie wohl öfter vorzukommen,wohl erblich, und dann auch noch die Brille…“. Er machte aber gute Miene zum bösen Spiel, zumal ihm nach der Prophezeiung von gestern Nacht, an die er sich inzwischen wieder erinnerte, eine blendende Zukunft mit viel Geld beschieden war.
Da gibt man doch gern ein wenig ab!
Nach einer herzlichen Verabschiedung und besten Wünschen für die Oma und die Zukunft, nahm er seinen kleinen Koffer, hob den Travel-Bag über die Schulter, und trollte sich auf der Suche nach einem starken Kaffee davon.
Herr Om in Aktion
Herr Aee gehört zu den Privilegierten in Thailand. Er arbeitete am Grenzübergang zwischen Thailand und Kambodscha in der Nähe des Grenzortes Haad Lek. Er war Officer der Border Control und somit für Einreise-Visa zuständig.
Sein Grossvater, der wollte, dass sein Lieblingsenkel Aee einen angesehenen und gutbezahlten Beruf ergreife, hatte vor sieben Jahren das notwendige Geld aufgebracht, damit seinem Sohn der Einstieg bei der Immigration Police ermöglicht wurde. Ab und zu dachte Herr Aee, so wie gerade hier und heute, mit Dankbarkeit an seinen weitsichtigen Grossvater zurück.
„Der war schon klug und weise, der alte Herr Sawan, und er hat immer an die Familie gedacht“, sinnierte er vor sich hin, und streckte seine Beine von sich.
„Dann mal los mit der Arbeit!“
Da wurde er durch Lärm hinter der Schalterscheibe abgelenkt.
Draussen wurde ein langer Ausländer, offenbar ein Deutscher, ausfällig.
Er schrie Herrn Om, Herrn Aee’s Kollegen am Nachbarschalter, an, weil der ihm das erwartete 30-Tage Visum für die Einreise nach Thailand verweigert hatte.
15 Tage seien ihm nicht genug. Darauf hatte Herr Om ihm zu erklären versucht, dass sich die Bestimmungen geändert hatten: „New Law, new rules“ sagte Kollege Om mehrmals bestimmt. Er wolle sofort den ‚Scheff schwätzen’; aber das konnte beim besten Willen kein Thailänder verstehen.
„Don’t worry“, murmelte Herr Om wiederholt – sein Englisch war nicht das Beste. Allmählich wurde Herr Om unwirsch, zumal drei andere Touristen jetzt hinter dem herum krakeelenden Deutschen ebenfalls auf ihre Abfertigung warteten.
Er legte die Hand auf die Lippen.
Als der Ausländer dieses Zeichen nicht verstand und sich immer noch nicht beruhigen wollte, legte Herr Om ganz ruhig ein paar Handschellen auf den Schaltertisch.
Der Ausländer stutzte; sein Herumgeschreie endete abrupt – nun hatte er offensichtlich den Wink verstanden. Er wurde leiser und freundlich – er hatte eingesehen, dass er so nicht weiterkam und wohl beschlossen, sich in sein Schicksal zu fügen. Als letzten Versuch und für alle Fälle legte er einen Tausend-Baht Schein in seinen Pass. Herr Om wie jeder andere im Office kannte dieses Spiel. Oft legten ihm Ausländer einen oder auch zwei Tausend- Baht Scheine in den Reisepass. Dann drückten die Herren am Schalter schon mal beide Augen zu, und waren gerne behilflich beim Ausfüllen der Papiere.
Aber diesmal grinste Herr Om nur freundlich. Er entnahm blitzschnell die Banknote und gab dem Fremden trotzdem nur ein Zwei-Wochen Visum.
Der Fremde stutzte. Er ahnte, dass er seine Chance auf eine ‚Vorzugsbehandlung’ verspielt hatte: allein durch sein Herumschreien.
Gegen Mittag hatte Herr Aee insgesamt 6‘000 Baht auf diese Art eingenommen, und sein Kollege Om war bei 5‘000 Baht angekommen.
Bis zum Abend würden beide heute jeweils so bis auf 12‘000 Baht kommen.
„Ein guter Tag heute, meinte sein Kollege Om etwas später; bald könne er sich den neuen Hi Lux Pick-Up kaufen.
Wenn ich damit in meinem Heimatdorf aufkreuzen werde…
Herr Aee‘s Sorgen
Herr Aee hatte dagegen andere Sorgen. Er wusste, er musste das angesammelte und zu Hause versteckte Geld schleunigst wieder ausgeben. Wenn seine neugierige Frau den kleinen Schatz entdecken würde, (und das war nur eine Frage der Zeit), würde sie sicher wieder sinnlose Einkäufe tätigen. Sie war sehr schlau, und wenn es darum ging, verstecktes Geld zu finden, entwickelte sie unwahrscheinliche, sogar hellseherische Fähigkeiten.
Zur Ablenkung und zu Täuschungszwecken legte Herr Aee schon mal zwei oder drei Fünfhunderter an leicht zu entdeckende Plätze, wie zum Beispiel unter die Matratze oder unter seine gebügelten Hemden, weil er dachte, dass sich seine Frau damit dann zufrieden geben würde: aber sie ahnte offenbar, dass es noch weitaus grössere Geldbeträge zu entdecken gab.
Davon kaufte sie so sinnlose Sachen wie neue Schuhe und Parfum, ausserdem faselte sie in letzter Zeit immer wieder von einem neuen Küchenherd, einer neuen Waschmaschine und einem neuen Fernseher. Und das, obwohl ein grosser Küchenherd, eine Waschmaschine und ein Fernseher im Haus vorhanden waren, und funktionierten. Gut, es waren nicht mehr die neuesten Modelle, etwa zwanzig Jahre waren sie alt.
Herr Aee hatte ihr schon zweimal gesagt, als sie diesmal wieder zur Sprache brachte, dass sie einfach mehr im Haushalt arbeiten solle, so wie früher. Wenn sie wieder mehr von Hand machen würde, hätte sie gar nicht mehr so viel Zeit zum Fernsehen. Vor allem brauchte sie keinen neuen, grösseren Fernseher.
Ausserdem: seine kluge, fleissige Mutter habe überhaupt nie einen Fernseher gehabt und von Hand gewaschen. Als seine Frau dann geantwortet hatte, dass es damals noch gar kein Fernsehen gegeben habe, hatte Herr Aee entnervt die Wohnung verlassen.
Darauf war er zwei Tage lang zum Zechen gegangen.
Nein, Nein, manchmal sind Frauen nicht zu verstehen!
Auf jeden Fall werde ich mich für morgen mal wieder krank melden und einen schönen Tag im ‚Golden Jade Tee und Relax House’ verbringen, wo Gerüchten zufolge letzte Woche zwei Damen aus Afrika angekommen waren. Er verachtete zwar Neger wie die meisten Thailänder, aber schwarze Damen aus Afrika sollten etwas ganz Besonderes und Exklusives sein.
So kann ich meine Weltoffenheit zum Ausdruck bringen. Denn welcher meiner Kollegen kann schon von Erfahrungen mit schwarzen Damen berichten…
Herr Sanong
Der Boss von Herrn Aee, der Immigration Supervisor Herr Sanong, würde wie gewohnt seine Krankmeldung sofort gutheissen, das wusste er. Der Dienst hier war ja auch sehr anstrengend, und Herr Sanong war seit einigen Monaten ein sehr verständiger und beliebter Vorgesetzter, seitdem seine Mitarbeiter ihm bei der Lösung eines schwerwiegenden Problems geholfen hatten:
Herr Sanong hatte einen Spitznamen, den er, wenn er ihn zufällig mal hörte, mit einem Schmunzeln zur Kenntnis nahm.
„Herr Sanong, der Mächtige“ wurde er genannt.
Dieser Zusatz bezog sich allerdings weniger auf seine Dienststellung, sondern vor allem auf sein Äusseres, das durchaus als „Mächtig“ zu bezeichnen war.
Er brachte 168 kg auf die Waage. Morgens, nach seiner Morgentoilette. Im Laufe des Tages kam er dann schon mal je nach Tageszeit auf 173 bis 176 Kilogramm, nach seinen ausgedehnten Mahlzeiten, für die er sich jeweils eine Stunde Zeit liess. Seine Verwandten wunderten sich manchmal über seine Leibesfülle, denn Herr Sanong versicherte hoch und heilig, wenn mal wieder die Sprache auf seine ‚Körperstärke’ kam, dass er nur drei Mal am Tage speise. Das stimmte tatsächlich, allerdings kam er schon bei seiner Frühmahlzeit am Morgen auf mindestens drei Gänge.
Eines Tages dann war es passiert: Er hatte sich erschöpft von seinem Mittagsspaziergang in seinen Stuhl fallen lassen. Es war einer der Stühle aus verchromtem Stahlrohr mit stabilen seitlichen Armstützen, die überall im Office herumstanden. Er ruhte sich kurz aus, und wollte wieder aufstehen, um sich zur Toilette zu begeben.
***
Was war das? Seine seitlich hervorquellenden Oberschenkel hatten sich derart unter den seitlichen Armlehnen verklemmt, dass er jedes Mal, wenn er aufzustehen versuchte, den Stuhl mit in die Luft hob.
So musste er zwei seiner Mitarbeiter bitten, den Stuhl festzuhalten, während er versuchte, sich aus dem Stuhl heraus zu winden.
Als dies nicht gelang, wurde er unwirsch, stellte sich aufrecht hin, und forderte die Mitarbeiter auf, den klemmenden Stuhl von seinem Hintern wegzuziehen. Dies gelang nach vier Versuchen, allerdings riss seine Hose seitlich ein. Dieses Beinkleid war noch keine zwei Monate alt.
Dies erboste Herrn Sanong zusätzlich, da es nicht leicht war, überhaupt Kleidungsstücke für ihn zu besorgen. Wenn seine Frau sich auf die Suche nach solchen machte, dauerte es immer mindestens einen halben Tag. Dafür, dass solch eine Suche lange dauerte, hatte Herr Sanong Verständnis, aber dass seine Frau von diesen Einkäufen immer mit mehreren Taschen mit eigenen, modernsten Bekleidungsstücken zurückkam, verdarb ihm regelmässig die Laune.
Jetzt war wieder eine Hose fällig, und damit ein weiterer, teurer Shoppingtag für seine Geldbörse!
Aus dem Stuhl befreit, gab Herr Sanong die Anweisung, sofort von einem der Stahlrohrstühle die beiden Armstützen abzusägen, damit sich ein solches Missgeschick nicht mehr wiederholen möge.
Gesagt getan, nun war es auch kein Problem mehr für ihn, ohne fremde Hilfe aufzustehen. Nur hätte der Stuhl nun zum bequemen Sitzen die doppelte Breite haben müssen. So liess er einen doppelt breiten Stuhl anfertigen. Als er sich genussvoll in diesen Stuhl gleiten liess, gab es einen knirschenden Ton und der Stuhl brach genau in der Mitte auseinander.
Herr Sanong landete mit einem schmerzhaften Aufschrei auf dem Fussboden.
Er hatte sich offensichtlich das Steissbein verstaucht, und stöhnend nach seinen Mitarbeitern gerufen. Zu dritt wollten sie ihm wieder auf die Beine helfen, und als sie ihren Chef schon beinahe in senkrechte Position gebracht hatten, stöhnte er wegen des schmerzenden Steissbeins sehr laut auf, worauf der Mitarbeiter, der ihn von vorne nach oben ziehen sollte, erschrak, und den mächtigen Oberkörper losliess. Für die beiden Männer, die ihn seitlich angehoben hatten, wurde das Gesamtgewicht, das jeder nun zu stemmen hatte, zu gross, und mit einem Fluch liessen die Beiden ebenfalls los.
So landete Herr Sanong wieder mit einem lauten Plumps auf dem Fussboden. Sein Schmerzensschrei hallte durch das Office, und man einigte sich erschrocken darauf, den Ambulanzwagen des nahegelegenen Hospitals herbei zu rufen.
Nach wenigen Minuten erschienen zwei weissgekleidete Sanitäter mit einer Tragebahre im Büro. Diese stellten sie neben ihn ab. Nachdem man mit vereinten Kräften den jammernden Herrn Sanong auf diese Bahre gerollt hatte, und er mit dem Bauch nach unten darauf angeschnallt lag, da sein Hintern inzwischen furchtbar schmerzte, verstärkten zwei seiner kräftigsten Mitarbeiten das Sanitäterteam, um die Bahre hoch zu wuchten.
Es packten zwei zusätzliche, kräftige Hände an, und hoben die schwere Last hoch. Ab ging es nach draussen zum Krankenwagen.
Dann geschah die Katastrophe:
Genau auf halbem Wege zwischen wartendem Krankenwagen und Ausgangstür brach die Bahre unter der Überlast in der Mitte durch und der Ärmste landete wieder auf dem Boden.
Herr Sanong schrie wie am Spiess, und war auch auf der Bauchseite mit blauen Flecken übersäht. Mit Hilfe aller seiner Mitarbeiter gelang es schliesslich, Herrn Sanong wieder auf die Beine zu stellen, und ihn mit Müh’ und Not doch noch ins Hospital zu bringen. Er war darauf sieben Wochen im Hospital geblieben.
Fliegender Wechsel bei der Border Control
Als ihn seine beiden besten Freunde dort besuchten, kündigte Herr Sanong an, er werde nun rücksichtslos abnehmen. Als er wieder im Büro erschien, verkündete er, er habe mindestens sechs Kilo abgenommen. Dies wurde von einigen seiner Mitarbeiter bezweifelt, da das genaue Gewicht ja gar nicht zu ermitteln war, da Personenwaagen nur eine Skala haben, die bis 150 Kilogramm reicht.
Als dies Herr Sanong feststellte, teilte er seinem zweifelnden Mitarbeitern mit, er sei, als er wieder gehfähig war, zum Grossmarkt gegangen. Dort gebe es bekanntlich Waagen, mit denen die Bauern ihre angelieferte Reisernte wögen.
Man könne damit bis zu zehn Sack Reis gleichzeitig wiegen, und sie hätten einen Messbereich von Null bis fünfhundert Kilo. Dort schaue er seit seiner Genesung alle drei Tage vorbei und überprüfe seine Gewichtsabnahme.
Das leuchtete allen Mitarbeitern ein und sie bewunderten den Einfallsreichtum und die Weisheit ihres Chefs.
Während der krankheitsbedingten Abwesenheit ihres Vorgesetzten, welche die Mitarbeiter sichtlich genossen, hatten sie eine Sammlung veranstaltet und von dem Geld bei einem Schreiner eine grosse, stabile Holzbank bestellt, die mit einer kostbar geschnitzten Rückenlehne und besonders stabilen Seitenteilen versehen war. Als die Bank geliefert war, hatten sich die acht Mitarbeiter gleichzeitig auf die Bank gestellt und begonnen, synchron in den Knien zu wippen. Die Bank hielt dieser Belastung stand.
Nach diesem Härtetest wurde sie für voll einsatzfähig befunden und bezahlt.
‚Da wird sich der Chef sicher freuen, wenn er wieder kommt!’, war die einhellige Meinung
Und so war es dann auch.
Als er das Büro betrat, traten ihm vor Rührung fast die Tränen in die Augen. Er bedankte sich bewegt bei jedem einzelnen Mitarbeiter persönlich und gelobte, er werde für sie der beste Chef aller Zeiten sein. Von nun an erfüllte er jeden Wunsch seiner Mitarbeiter, wenn es denn in seiner Macht stand.
***
Herr Aee hatte also beschlossen, krank zu werden. Er wusste:
Herr Sanong würde wegen einer Aushilfskraft für Herrn Aee im Polizei-Hauptquartier in Trat anrufen und den Polizeikollegen Herrn Tong zur Grenzarbeit abordnen. Herr Tong sprach als einziger dort ein wenig Englisch. Er würde gewiss auch gerne kommen, denn er war ein alter Freund.
Wie gewöhnlich würde er von den zusätzlichen „Tageseinnahmen“ am Passschalter am Abend unaufgefordert die Hälfte an Herrn Sanong abgeben.
Beide würden damit zufrieden sein.
Als Herr Aee seinen Chef von seinem schlechten Gesundheitszustand berichtet hatte, hatte der ihn mitleidvoll angesehen, und gemeint, er solle sich richtig auskurieren lassen. Er könne sich bis zur vollständigen Genesung ruhig ein paar Tage länger Zeit lassen, worauf Herr Aee ihm dankte und meinte, so schlimm sei es auch wieder nicht, und er sei sicher in zwei, drei Tagen wieder gesund.
So wünschte der Chef Herrn Aee gute Besserung, und griff nach dem Telefonhörer, um Herrn Tong anzufordern.
Morgen würde wieder ein schöner, ertragreicher Tag für die Herren Sanong und Tong werden…
Morgens an der Grenze
Gegen neun Uhr früh machte Gerhard sich auf den Weg zur Grenze. Die Abfertigungsgebäude für Personen und Wagen bestanden auf kambodschanischer Seite aus einer Ansammlung von windschiefen Baracken und eingeschossigen Steinhäuschen.
Als er vor dem Abfertigungsschalter stand, durchzuckte ihn ein Schreck: „Wo ist mein Brustbeutel mit meinem Pass?“
Er hing nicht wie üblich um seinem Hals. Mit wackeligen Knien ging er zurück zu einer der ersten Baracken, in der sich ein ‚Restaurant’ befand und bestellte sich einen Kaffee. Er setzte sich auf eine der klapprigen Bänke und versuchte, in Gedanken die letzten Stunden zu rekonstruieren.
Gestern Abend hatte ich ihn noch vor dem Duschen um den Hals baumeln, ihn ausgezogen und dann? Kleiderwechsel, was noch?
Er kann nur im Koffer sein!
Mit zittrigen Händen öffnete er die beiden Schnappriegel und fing an zu kramen. Hurra! Da! Neben dem Kulturbeutel lag er.
Er befühlte ihn – alles klar!
Er schaute vorsichtshalber noch hinein – alles da! Pass, Kreditkarten und die zwei fünfzig Dollar-Scheine.
UUUH!
Das hätte mir gerade noch gefehlt!
Er dachte zwei Monate zurück, als ihm der Pass und sämtliche übrigen Papier in Trat geklaut worden waren.
Die Wiederbeschaffung hatte 6 Wochen gedauert und es hatte über zehntausend Baht gekostet, bis er einen neuen Pass in Händen hielt.
UUUH, Juchhei!
Er ordnete etwas den Kofferinhalt.
Nanu, was ist das denn für eine Tüte? Weiss, mit einem Aufdruck von Seven Eleven. Solche Supermärkte gab es doch gar nicht in Kambodscha! Der Beutel ist nicht von mir.
Er hob ihn hoch und schaute hinein: Zucker oder etwas ähnliches!
Ich hatte noch nie Zucker im Koffer gehabt. Kaffee trinke ich immer schwarz!
Was soll das auch?
Er roch daran: kein Geruch,
Dann steckte er den angefeuchteten Zeigefinger hinein und leckte ein wenig die Fingerspitze ab: sehr bitter!
Was konnte das nur sein?
Wie kommt die Tüte überhaupt in meinen Koffer?
Was kann das sein? Sprengstoff? Rauschgift? Wenn das Rauschgift ist? Kokain, Heroin oder irgendein anderes Zeugs? Oh Gott, oh Gott!
Damit kann ich in Teufels Küche kommen. Aber was anderes kann es nicht sein.
Er dachte scharf nach.
Wenn man mir das Zeug in den Koffer geschmuggelt hat und mich damit als Kurier über die Grenze schicken will?
So was war gelegentlich in deutschen Zeitungen zu lesen gewesen über deutsche Touristen, welche die Türkei verlassen wollten, und dabei als Transporteure missbraucht wurden.
Aber doch nicht hier und mit mir!
Über Drogen
Er hatte auch gelegentlich gehört, dass derzeit besonders synthetische Drogen die Renner unter Bangkoks Jugend seien. Für Dealerei wurden immense Strafen verhängt – bis hin zur Todesstrafe.
Falls das wirklich Drogen waren: In welchen Schlamassel bin ich da hineingeraten? Und wie? Und gerade ich, der ich Drogen schon immer verabscheut, sogar gehasst habe!
Habe halt schon viel Drogenelend gesehen. Nicht mal Haschisch habe ich geraucht – Alkohol hat mir immer gereicht.
Und jetzt soll ich wohl tatsächlich auch noch als kosten- und ahnungsloser Kurier eingesetzt werden!
Ein schrecklicher Gedanke: wenn ich an der Thailändischen Grenze damit geschnappt werde, gehe ich in den Knast, und das für Jahre!
Ich sollte zur Polizei gehen. Aber die Polizei hier in Kambodscha hat einen denkbar schlechten Ruf. Über alle Massen korrupt und zumTeil selbst kriminell.
Irgendjemand muss das Zeugs in meinen Koffer getan haben. Aber wer und wo? In Kompong Som gestern morgen habe ich vor der Abreise den Koffer noch ganz neu gepackt, weil ich mir ein paar Turnschuhe, eine neue Jeans und zwei Hemden sehr preiswert gekauft hatte und die beiden Oberhemden, möglichst ohne sie allzu sehr zu zerknittern, unterbringen wollte.
Er versuchte die in ihm aufsteigende Panik zu bekämpfen. Gleichzeitig stieg wahnsinniger Zorn in ihm hoch.
Das muss gestern Abend passiert sein, als die Dame von der Bar mit nach Hause gekommen war und bei mir schlief. Ich war ja auch ganz schön angeheitert gewesen. Und ich hatte ihr erzählt, dass ich am nächsten Morgen nach Thailand zurück wolle!
Wieder kam der Zorn hoch:
Da spielt jemand mit meiner Freiheit, ohne dass ich davon etwas wusste, und riskiert, dass ich in den Knast marschiere… Aber denen werde ich was pfeifen. So leicht würde ich mich nicht unterkriegen lassen! Nur wie? Grübel, Grübel…
Zur kambodschanischen Grenzpolizei hatte er absolut kein Vertrauen.
Panik kommt auf
Die Thailänder haben einen besseren Ruf. Ich werde die Thailänder an der Grenze einweihen!
Allmählich wurden die Gedanken wieder klarer und er beruhigte sich etwas.
Vielleicht spielen die sogar mit, überwachen mich, um die Assi-Gangster zu schnappen, wenn die jenseits der Grenze wieder an den Stoff ran wollen.
Das ist es! So müsste es laufen!
Sein Plan reifte langsam heran.
Ich müsste die Thailänder nur unauffällig informieren. Unauffällig, weil ich ja vielleicht überwacht würde – die Gangster wollen bestimmt verhindern, dass ich ihnen mit dem Stoff durch die Lappen gehe. Also Überwachung durch die Thailänder, Überwachung von mir und meinen Überwachern. Beschattung der Schatten. Wenn die Gangster an das Zeugs ranwollen, müsste man alle hochgehen lassen.
So was ist mir noch nicht passiert. Das wird spannend, endlich mal wieder was los, und ich glücklicherweise auf der guten, sicheren Seite…
Hoffentlich wird das alles gut ausgehen!
Er schloss langsam seinen Koffer, bezahlte den Kaffee und ging auf die Toilette.
Die Ereignisse der letzten Minuten sind mir ganz schön auf die Blase geschlagen.
Dann trat er nach draussen und verscheuchte die zahlreichen, nervenden Händler, die den Touristen vor dem Grenzübertritt noch schnell billige kambodschanische Zigaretten, Parfum und Viagra verkaufen wollten.
Ein Gedanke durchzuckte ihn:
Werde ich vielleicht jetzt schon, in diesem Augenblick, beschattet? Wäre ja logisch! Damit sie immer wissen, wo ich, beziehungsweise ihr Stoff gerade sind. Für alle Fälle. Nicht, dass ich im letzten Moment das Ziel meiner Reise doch noch ändern würde, und an einen anderen Ort in Kambodscha fahren würde.
Wenn sie mich also schon überwachten, dachte er, haben sie hoffentlich nicht gemerkt, dass ich vorhin in der Kaffeebaracke in meinen Sachen gekramt habe und ihr Zeug entdeckt habe. Aber innerhalb der Baracke war es glücklicherweise schattig, um nicht zu sagen, düster.
Ausser ihm waren auch noch einige andere Ausländer als Gäste anwesend gewesen, und aus dem gleissenden Sonnenlicht draussen konnte man kaum genau ausmachen, was da drinnen vor sich ging.
So schlenderte er gefasst, aber trotzdem gespannt in Richtung kambodschanischer Grenzbaracke. Zur Tarnung, und um seine Aufregung zu verbergen, pfiff er ein Liedlein vor sich hin und schaute sich unauffällig etwas um.
Tatsächlich – dahinten steht doch der Dicke, der heute Morgen neben dem Hotel rumlungerte, und mir anbot, ein Taxi zu besorgen. Das habe ich abgelehnt, da ich zur Grenze, die etwa 6 km entfernt war, ein Mopedtaxi nehmen wollte. Hatte halt keine Lust auf ewiges Feilschen.
Und jetzt stand der Fettsack da drüben und hatte die rechte Hand neben seinem Kopf.
Telefoniert wahrscheinlich.
Neben ihm ein Dünner, Kleiner, mit einem gross-geblümten Hemd: War der nicht gestern Abend in der Bar, als die Dame Wu sich zu mir setzte und mit mir zu schäkern begann. Ich hatte noch daran gedacht, dass viele chinesische Urlauber sich mit solchen Freizeit- bzw. Urlaubshemden kleiden. Manchmal waren sogar ganze Familien und Gruppen mit Hemden und kurzen Hosen mit identischem, grossem Blumenmuster in Sanya, auf dieser chinesischen Urlaubsinsel Hainan, herumgezogen. Diese Hemden gab es früher bei uns auch, man nannte sie Hawaii-Hemden. Dass ganze Familien oder Gruppen identisch bekleidet waren, fand ich damals ziemlich lächerlich; aber bei uns gab es früher ja auch so was Ähnliches: Partnerlook nannte man das damals, aber es waren immer nur Pärchen, die das toll fanden.
An diesen chinesischen Bekleidungs-Spleen musste er denken, als er diesen Typen mit seinem bunten Hemd in der Bar gesehen hatte. Denn hier in Kambodscha war ihm diese Art von Bekleidung noch nicht aufgefallen
Und jetzt das gleiche Hemd mit diesem mageren Typen drin da auf der anderen Strassenseite bei dem Dicken.
Beide hatten direkt weggeschaut, als er wie zufällig seinen Blick hinüber schweifen liess.
Klar, ich werde also wohl schon überwacht. Jetzt heisst es vorsichtig sein, genau überlegen, was ich tue. Auf jeden Fall werde ich versuchen, diese Schweine auszutrixen – das ist ein Gedanke, der mit Spass macht. Mein Plan steht nun fest, endgültig.
Bin also schon mittendrin im Abenteuer!
Nagelprobe
Innerhalb von knapp fünf Minuten hatte er die Passformalitäten auf kambodschanischer Seite hinter sich gebracht. Am thailändischen Grenzhäuschen auf der anderen Strassenseite standen zwei Touristen.
Er stellte sich hinter ihnen an.
Jetzt aufpassen und keinen Fehler machen!
Sein Herz schlug ihm bis zum Halse.
Ruhig bleiben.
Wenn ich jetzt mit einem Kreislaufkollaps umfallen würde, schoss es ihm durch den Kopf, und ich würde untersucht, und aus irgendeinem Grunde mein Koffer geöffnet…
Jetzt war die Reihe an ihm.
Er füllte die Immigrations-Card aus und schrieb mit Grossbuchstaben auf die Rückseite einer zweiten Karte:
ATTENTION, PLEASE, CAUTION! I Must Speak With You Inside Your OFFICE, May Be, I Have DRUGS In My LUGGAGE. PLEASE Ask Me To Come Into Your Office!
Das Ganze unterstrich er zweimal.
Er hob vor dem Schalterbeamten seinen Pass hoch, zwinkerte ihm mit dem rechten Auge zu und schob den Pass mit der ausgefüllten Immigration Card und dann die Karte mit dem Warnhinweis oben drauf durch die Öffnung in der dunklen Glasscheibe zu dem Mann hin.
Der Beamte stutzte, blickte auf die beiden Immigration-Cards, blätterte im Pass, betrachtete beide Cards noch einmal, sah den Deutschen offensichtlich interessiert, und danach durchdringend an, und dachte offensichtlich nach.
Dann stand er langsam auf, ging zur seitlichen Tür, streckte den Kopf heraus, und forderte Gerhard mit einer energischen Handbewegung auf, ins Office zu kommen. Erleichtert betrat er den kühlen Raum, und nahm zufrieden zur Kenntnis, dass man von aussen durch die dunkelbraun getönten Scheiben unmöglich ins innere des Raumes schauen konnte. Die Sicht von innen nach aussen war dagegen kaum beeinträchtigt.
Der Officer bot ihm im hinteren Teil des Büros einen Stuhl an; seinen Pass legte er vor sich auf dem Tisch und daneben die Immigration-Card mit dem Warnhinweis.
Er stellte sich in gebrochenem Englisch vor:
„Mein Name ist Mr.Tong. Mr.Frings, was wollen sie von mir?“
Gerhard hob seinen Koffer auf den Tisch, öffnete ihn und legte den Beutel mit dem Pulver neben den Koffer auf den Tisch zwischen sich und dem Officer.
„Ich denke, dies sind Drogen – jemand hat die offensichtlich in meinen Koffer getan, und will, dass ich für ihn das Pulver über die Grenze nach Thailand bringe. Ich denke, dass ich seit heute morgen beschattet werde, und zwar von zwei Leuten. Von den beiden da drüben“.
Er zeigte mit dem Zeigefinger auf den Dicken und den Dünnen mit dem Blumenhemd, die auf der anderen Strassenseite standen und sich unterhielten.
Die Beiden müssen direkt nach mir über die Grenze gekommen sein; wie, ist mir schleierhaft, denn wir sind jetzt immerhin schon in Thailand.
„Die Beiden sind mir gefolgt, seit ich mein Hotel in Koh Kong verlassen habe; und wenn ich in ihre Richtung geschaut habe, haben sie sich immer weggedreht.“
Gerhard sah dem Officer voll ins Gesicht. „Ich will zurück nach Ko Chang. Wenn mir nachher Polizisten in Zivilkleidung folgen würden, könnten sie die Gangster in Thailand schnappen, sobald die an meinen Koffer wollen, um an ihr Rauschgift zu kommen. Was halten Sie davon?“
Der Officer steckte seinen Zeigefinger in die Tüte und lutschte daran.
Eine Zeit lang herrschte Stille, er sah Gerhard nachdenklich an.
Er dachte offensichtlich weiter nach, legte seinen Kopf zur Seite. Und bemerkte wohl, dass Gerhards Finger zitterten.
Schliesslich sagte er: „Interessant. Okay, wir werden uns darum kümmern. Lassen Sie sich Zeit, nach Trat zu kommen. Machen Sie sich keine Sorgen. Wir kümmern uns um diese Sache. Nehmen Sie nicht den nächsten Bus, sondern nehmen Sie den übernächsten Minibus. Dann können wir alles Nötige arrangieren. Don’t worry, don’t worry.“ Er legte den Beutel in Gerhards Koffer zurück, liess die Schnappriegel zuschnappen und stellte den Koffer neben dem Tisch auf den Boden.
Dann ging er zurück an seinen Fensterplatz, stempelte die Immigration-Card ab, machte die üblichen Eintragungen in den Pass, und gab ihn zurück.
Mit einem nochmaligen “Don’t worry, don’t worry“ lächelte er Gerhard nun an, schüttelte seine Hand, und deutete zur Tür.
Gerhard wollte noch nach den Einzelheiten der kommenden Polizeiaktion fragen, aber der Officer schüttelte heftig den Kopf, und wies noch mal zur Tür. Klar, er hatte jetzt einiges zu arrangieren, und ausserdem war es sicher nicht gut, wenn Gerhard übermässig lange hier im Büro blieb. Die Überwacher sollten keine Lunte riechen.
So nahm Gerhard seinen Koffer und den kleinen Rucksack, nickte ihm freundlich zu und ging nach draussen ins gleissende Sonnenlicht. Er schaute noch einmal zurück, aber da hatte der Officer schon einen Telefonhörer in der einen Hand und drehte mit der anderen an der Wählscheibe. Noch ein kurzes Nicken, und die Tür schloss sich.
„Auch gut so“, sagte sich Gerhard. Das Ganze hatte höchstens fünf Minuten gedauert, und jetzt lief die Sache…
Die beiden Typen, die ihn wahrscheinlich überwachten, waren nicht mehr zu sehen.
Zurück nach Trat
Gerhard überquerte die Strasse. Dort befanden sich etliche kleine Restaurants, und dort fuhren auch die Minibusse nach Trat los, sobald der Fahrer zehn Fahrgäste zusammen hatte.
Er setzte sich vor dem zweiten Restaurant an einen schattigen Tisch, bestellte ein kleines Singha-Bier und die Speisekarte. Jetzt war genug Zeit, genug Zeit um die Situation zu überdenken. Das Bier leerte er in zwei Zügen. Er merkte, wie die Anspannung langsam von ihm abfiel.
„Alles im grünen Bereich“, sagte er sich, und bestellte ein zweites Bier und eine Reissuppe.
Inzwischen war der erste Minibus voll und fuhr los. „Der nächste ist meiner“.
Er bezahlte Bier und Reissuppe, die er nun ruhig und gemütlich ass.
Beim Essen linste er über den oberen Brillenrand, ob sich schon was täte, aber er konnte nichts Auffälliges entdecken, auch nicht mehr seine beiden „Schatten“.
Wir wollen die Gangster ja nicht warnen und verscheuchen.
Mit diesem Gedanken stand er auf und schlenderte zum vordersten Minibus, bezahlte beim Fahrer 130 Baht und stieg ein.
Er setzte sich auf die zweite Sitzbank, seinen Koffer zwischen den Beinen. Die letzte Sitzbank war mit zwei Thailänderinnen und mit zwei Kindern besetzt. Nur wenige Minuten später war der Bus voll. Der Fahrer stieg ein, hupte kurz, und ab ging die Fahrt: von der Grenze nach Haad Lek, über Kon Jai, und dann nach Trat.
Mal sehen, wie sich das entwickelt, und wo wollen die bösen Jungs wohl an ihr Pulver ran? Vielleicht in Trat im Busbahnhof, wo ab und zu reges Gedränge herrscht? Oder danach im Sammeltaxi zur Fähre, oder auf der Fähre, oder danach im Sammeltaxi zum Hotel, oder im Hotel?
Er tippte auf den Busbahnhof in Trat, da waren schliesslich die meisten Leute. Aber, ist ja auch egal – Auf jeden Fall cool bleiben!
Kommen die Polizisten in Uniform oder Zivil, wenn sie zugreifen? Viele offene Fragen, aber: Time will show, relax, man, coool down, würden jetzt Neger sagen, wenn welche da wären.
***
Auf jeden Fall ist es interessant und spannend! Vielleicht komme ich ja in die Zeitung, oder so etwas ähnliches!
Er sah sich die weiteren Mitreisenden genauer an. Neben ihm sassen zwei Touristen, und auf der ersten Sitzbank ein weiterer Tourist und zwei etwa 30jährige Thailänder.
Sind das jetzt Polizisten, oder etwa der Typ auf dem Beifahrersitz, der schon ein paar Mal zurückgeschaut hat? Der ist in der letzten Minute noch eingestiegen. Oder alle Drei? Na ja, kann mir ja auch im Moment egal sein!
Er sagte sich, dass er im Busbahnhof von Trat, wenn sich bis dann noch nichts getan hätte, auf jeden Fall nicht auf die Toilette gehen würde. Nicht dort noch einen Überfall oder etwas ähnliches riskieren!
Ausserdem: Ausserdem waren da ja auch noch die Kontrollpunkte. Auf der 80 km langen Strecke von Trat zur Grenze waren letztes Mal drei Kontrollposten eingerichtet, ob von Polizei oder Militär, wusste er nicht.
Dort wurden alle Fahrzeuge, insbesondere die Busse, oft angehalten. Die thailändischen Reisenden mussten sich ausweisen, wahrscheinlich, um illegale Kambodschaner vor dem Erreichen von Trat aufzugreifen, bevor sie später dort untertauchen könnten.
Der erste Kontrollpunkt lag schon zehn Minuten hinter ihnen; er war nicht besetzt gewesen. An den beiden anderen, die besetzt waren, wurde der Bus durchgewunken.
Er merkte, Anspannung und Nervosität kamen wieder zurück. Er schaute auf die Uhr. Es waren noch etwa zehn Minuten bis Trat.
Da erreichten sie auch schon die ersten Vororte von Trat, und gleich würde der Busbahnhof folgen.
Mal sehen, was jetzt kommt! Ob hier was passiert? Und was?
Am Busbahnhof angekommen, hielt der Bus in einer Haltebucht, über der das Schild mit den Aufschriften: ‚Haad-Lek’ und ‚Bus to Kambodscha’ angebracht war.
Er stand auf, griff seinen Koffer, und stieg, als die Reihe an ihm war, aus. Als sechster. Er schaute sich um. Drüben standen die Sammeltaxis, die zur Fähre fuhren.
***
Er schlenderte langsam in diese Richtung. Ein Polizist steuerte auf ihn zu. “Mister Frengs?“
Er schaute ihm ins Gesicht. Der Deutsche lächelte kurz und dachte:
„Mann, wo bleiben denn nun die Diebe“
Er sagte:„Yes“. “Po pa sa Thai?“
Das hiess, soviel Gerhard wusste:„Sprechen sie die thailändische Sprache?“
Gerhard schüttelte den Kopf. Dann fragte der Polizist noch einmal: „You speak Thai? No Thai? Please follow me.“
Gerhard fragte zurück: „ Do you have the Gangsters?“
Der Polizist lächelte kurz. Er verstand den Deutschen offensichtlich nicht.
Na ja, keine Ahnung, wie das mit den bösen Jungs gelaufen war oder wie sie es jetzt noch hinkriegen würden. Offensichtlich konnte er es mir auf Englisch nicht erklären. Aber vielleicht haben die sie ja schon?
Gerhard blickte nicht mehr durch.
Lass dich überraschen, Junge, irgendwann wirst du’s schon erfahren.
Er folgte dem Polizisten in das Verkaufsbüro von ‚Cheerd Chai Tours’, wo man die Tickets für die Busse nach Bangkok bekommt. Der Polizist schloss die Tür ab und zog, nanu, den Schlüssel ab. Er wollte wohl ungestört sein.
Er sah sich um. Was sollte das? Ticketverkäuferinnen waren keine hier drin zu sehen.
Langsam wurde das Ganze mysteriös.
Der Polizist stellte sich vor als Herr Bam. Er wies auf einen kleinen Tisch im hinteren Teil das Raumes und forderte Gerhard mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Er setzte sich gegenüber. Den Koffer stellte er mitten auf den Tisch und öffnete ihn. Zielsicher entnahm er den Plastikbeutel mit dem Pulver und sagte: „White Drugs“
Gerhard nickte. Er wusste also Bescheid.
Dann stand der Uniformierte auf und trat hinter Gerhard. Er zog seinen rechten Arm nach hinten.
Was soll das denn?
Er spürte am rechten Handgelenk einen ringähnlichen Gegenstand und hörte ein metallisches Klicken.
Gerhard wunderte sich und schüttelte den Kopf. Er murmelte: „What you do?“
Statt irgendetwas zu antworten, zog der Polizist auch seinen linken Arm nach hinten, noch mal ein Klicken und er hatte Handschellen an.
Mann, das gibt’s doch nicht. Der spinnt!
Der Polizist packte den Deutschen fest am rechten Arm und zog ihn hoch. Er schloss den Koffer und sagte grinsend:
„White Suitcase.“
Darauf nahm er Rucksack und Koffer in seine freie Rechte und dirigierte Gerhard zur Tür.
Er schloss sie auf, und sie verliessen das Gebäude durch einen Ausgang an der Rückseite des Gebäudes. Vor der Tür stand ein rot-weisser Pick Up, wie ihn die Polizei benutzt.
Gerhard musste sich auf die Rückbank quetschen. Er protestierte:
“Error, Error, I must speak with your Boss – I am not a Gangster, I did show the drugs at the Immigration Office“.
Der Polizist verstand nichts mehr. Wie zur Bekräftigung grunzte er etwas vor sich hin, lächelte wieder und knallte die Wagentür zu. Dann stieg er selbst ein, legte Koffer und Rucksack auf den Beifahrersitz und los ging die Fahrt.
Ab und zu beobachtete er Gerhard im Rückspiegel, sagte aber nichts. Wieder das ewige Grinsen!
„Na ja, das wird sich ja alles aufklären,“ sagte sich Gerhard, merkte aber auch, dass er mehr und mehr aufgeregt war.
„So’ne Scheisse…I must go Toilet“.
Keine Reaktion erfolgte.
Nach weiteren zehn Minuten hielt der Wagen vor einem dreistöckigen Gebäude mit zwei Fahnen neben der Einfahrt: Eine war die Thailändische, die andere gelb mit einem Emblem in der Mitte.
„Das also ist das Polizeigebäude“, sage er sich.
Der Polizist stieg aus, bugsierte Gerhard aus dem Wagen und packte ihn am Ellenbogen. Er führte ihn die breite Eingangstreppe hinauf in einen grossen Vorraum. Dann rief er einem anderen Polizisten etwas zu und acht oder zehn Köpfe uniformierter Polizisten schauen die Beiden an. Hinter einer Pendeltür war das Treppenhaus. Sie gingen ein Stockwerk höher, und durch einen langen Gang.
Gerhard sah sich ungläubig um.
Teufel noch mal, da links sind lauter Zellen.
Sie waren an den Seiten und nach vorn durch zwei Zentimeter dicke Eisenstangen abgetrennt. Die Türen waren aus dem gleichen Material, und hatten in Augenhöhe eine kleine, verriegelte Klappe.
Also so läuft es jetzt.
Gerhard verstand nichts mehr. In jeder Zelle, an der sie vorbeikamen, sassen mehrere Männer auf jeweils einer einzigen Pritsche oder auf dem Betonfussboden. In einer Ecke stand jeweils ein Plastikeimer – offenbar die Toiletten.
Im Gefängnis
Es stank unheimlich nach Fäkalien und Schweiss.
Die letzte Zelle des Ganges war leer. Inzwischen war ihnen ein zweiter Polizist entgegen gekommen, der in der rechten Hand einen riesigen Schlüsselbund trug. Mit einem dieser Monsterschlüssel sperrte er die Zellentür auf, und schubste Gerhard hinein, um sie gleich wieder von dem zweiten Polizisten verschliessen zu lassen. Die Zelle war nicht mehr leer!
Gerhard hielt seine gefesselten Hände durch die Gitterstäbe und sagte:“ Please open“.
Der Polizist, der ihn hergebracht hatte, öffnete die Handschellen, nahm sie ab und steckte sie in seine Hosentasche.
Der Deutsche setzte sich auf die Pritsche, stand aber gleich wieder auf, um in den Plastikeimer zu pinkeln. Die Zelle hatte ein kleines, ebenfalls vergittertes Oberlicht, durch das ein paar Sonnenstrahlen hereinfielen, die ein rechteckiges Muster auf den Boden warfen.
Er setzte sich wieder auf die Pritsche.
In den Zellen links von seiner, die alle gut besetzt waren, standen viele Insassen auf, um ihn zu beäugen. Einige grinsten, einige sagten etwas, einige winkten ihm fröhlich zu.
Die Stimmung hier scheint ja gar nicht so schlecht zu sein!
Gerhard legte sich flach auf die harte Pritsche, verschränkte die Arme unter seinem Kopf und versuchte sich zu entspannen.
Auf jeden Fall: Irgendwas ist hier gewaltig schief gelaufen!
Der tatsächliche Hergang
Am Immigration Checkpoint an der Grenze Kambodscha-Thailand hatte sich am Morgen folgendes zugetragen:
Kaum hatte Gerhard das Immigration-Office an der Grenze verlassen, hatte Herr Tong, der seinen kranken Kollegen Herrn Aee an diesem Tag vertrat, also der Schalterbeamte, der von Gerhard auf das Pulver hingewiesen worden war, seinen Freund Rung im Polizeirevier in Trat angerufen.
„Hier Tong, es gibt eine ganz heisse Sache für uns. Hier war eben ein Ausländer mit einem weissen Koffer. Da ist eine Tüte Heroin drin, mit mindestens einem Pfund. Die hat ihm angeblich jemand untergeschoben. Er hatte den Beutel angeblich gerade entdeckt. Er meinte, er solle den Stoff für jemanden, den er gar nicht kennt, über die Grenze nach Trat bringen. Ich habe ihm gesagt, er soll ruhig nach Trat fahren, die Polizei würde sich schon drum kümmern.
Er kommt in zwei Stunden mit dem Minibus von der Grenze hier am Busbahnhof in Trat an. Du musst ihn verhaften, und den Stoff beschlagnahmen. Dann bekommen wir wieder die Prämie. Wenn ich das Zeug hier beschlagnahmt hätte, hätte es keine Prämie gegeben, höchstens eine Belobigung. Aber dafür kann man sich nichts kaufen. Alles klar soweit? Hast du alles verstanden?“
Herr Rung hatte geantwortet: „Ja, schon, nur bist du dir ganz sicher. Und noch eine Frage: wie hast du denn das Zeug gefunden? Das Gepäck von Ausländern wird doch nie kontrolliert!“
Tong hatte erwidert: „Der Ausländer hat mir einen Zettel gegeben, auf dem er alles aufgeschrieben hatte. Er hat das Zeug selbst in seinem Koffer gefunden, sagte er.“
Herr Rung wusste, dass die Englischkenntnisse von Herrn Tong sehr dürftig waren. Deshalb war er auch nie zur Immigration Polizei gekommen, obwohl er sich mehrmals dafür beworben hatte, besonders wegen der Nebeneinkünfte.
Rung wandte ein: „Wenn du Dich irrst, bin ich der Blamierte! Da mache ich nicht mit; stell dir mal die Schande vor – alle würden über mich lachen und der Chef schimpft mich zusammen, und die Beförderung nächstes Jahr könnte ich auch vergessen. Nein, nein.“
***
Herr Tong hatte kurz nachgedacht, und dann gesagt: „Ich habe noch den Zettel von dem Ausländer, den kann ich dir zufaxen, und dann kannst du dich selbst überzeugen. Es geht um viel Geld, denk daran!“ Herr Rung hatte geantwortet: “Du weisst genau, dass ich auch kaum Englisch kann, und Geschriebenes lesen erst recht nicht!“ Herr Tong hatte geantwortet: „Geh doch zu deinem Schwager, Herrn Koy, der ist doch Englischlehrer, der kann dir das übersetzen. Versprich ihm 500 Baht dafür! Ich schicke dir sofort das Fax.“
Das war ein Weg, ja! So eilte Herr Rung nach oben, wo das Faxgerät stand und starrte auf den Auswurfschlitz. Er musste hier stehen bleiben, bis das Fax kam, das sollte kein anderer sehen.
Es dauerte kaum eine Minute, und er hatte den Ausdruck in der Hand. Er hastete nach unten zur Strasse, schwang sich auf sein Moped und fuhr, so schnell es ging, zur Schule, wo er mitten in die Unterrichtsstunde seines Schwagers Koy hereinplatzte. Mit einer unmissverständlichen Geste forderte er ihn auf, herauszukommen, und wartete vor der Tür auf ihn.
Als der Schwager vor ihm stand, hielt er diesem den Faxausdruck vor die Nase und drängte ihn: „Übersetze das bitte mal“.
Der Lehrer nahm den Faxausdruck und las: “ATTENTION, PLEASE, CAUTION I Must Speak With You Inside Your OFFICE, May Be, I Have DRUGS In My LUGGAGE. PLEASE Ask Me To Come Into Your Office!’
Er übersetzte: „Achtung, bitte, Achtung, ich muss mit ihnen sprechen, in ihrem Büro, Vielleicht habe ich Drogen in meinem Gepäck. Fordern sie mich bitte auf, in ihr Büro zu kommen“.
Kaum hatte Herr Rung das gehört, drehte er sich auf dem Absatz um und rannte davon, den verdutzten Lehrer auf dem Gang zurücklassend, der den Zettel einsteckte und, verständnislos den Kopf schüttelnd, zu seiner Schulklasse zurückkehrte.
„Ein verrückter Kerl ist das, und nicht mal bezahlt hat er mich für meinen Dienst, der alte Geizkragen.“ Er mochte Herrn Rung nicht, denn der hatte schon mehrmals seine Übersetzerdienste in Anspruch genommen, ihm immer wieder Geld versprochen, aber nie einen Baht bezahlt.
„Na, der soll mir noch mal kommen“
Inzwischen hetzte Herr Rung zurück zum Polizeihauptquartier, wo er sich von dem Cousin seines Kollegen Bam aus der Asservatenkammer zwei Kilogramm Heroin ‚auslieh’.
Er verstaute die Ware in seinem Spind.
„Wenn schon, denn schon“, murmelte er dabei.
Dann fuhr er schnurstracks zum Busbahnhof, um den Fremden in Empfang zu nehmen. Hoffentlich war es noch nicht zu spät!
Komplikationen im Gefängnis
Es war nicht zu spät gewesen. Jetzt sass Gerhard also im Knast! In Thailand! Zum ersten Mal in seinem Leben! Wenn man von dem einem Tag im Knast bei der Bundeswehr absieht, den er für zwei Tage Fehlen beim OA-Vorlehrgang erhalten hatte.
Wie war damals noch der Spruch seines Zellenkameraden, Charles Hees, der mit ihm eingefahren war, gewesen: „Ein Mann ohne Knast ist wie ein Baum ohne Ast!“
Aber dies hier war was anderes, und zum Lachen war ihm nun wirklich nicht zu Mute.
Wie konnte ich nur in diesen Schlamassel geraten? Mein Plan war doch so gut! Oder doch nicht?
Er hing seinen Gedanken nach.
Wie konnte das nur derart schief laufen?
Es war gewaltig schief gelaufen.
Und es stank erbärmlich hier. Obwohl das Oberlicht geöffnet war.
Es war der Eimer in der Ecke. Er stank wie die Pest.
Hoffentlich werde ich nicht wahnsinnig. Aber von Gestank ist wohl noch keiner wahnsinnig geworden. Vielleicht werde ich mich noch daran gewöhnen.
Gerhard stellte den Eimer in die gegenüberliegende Ecke, so weit weg wie möglich vom Kopfende der Pritsche.
Jetzt ist es tatsächlich etwas besser! Oder bilde ich mir das nur ein?
Er legte sich wieder auf die Pritsche und versuchte, nachzudenken. Es war jetzt kurz vor zwölf.
Nur von der Uhrzeit her oder auch für mich?
Von rechts her kamen Geräusche, ab und zu ein Quietschen. Das Stimmengemurmel wurde lauter. Ein etwas anderer Geruch.
Das könnte das Mittagessen sein.
Tatsächlich – nach ein Paar Minuten tauchte ein hinkender Mann in grauer Jacke und Hose mit einem Wagen aus Blech auf, den er vor sich herschob. Das war also das Quietschen!
Auf dem Wagen standen oben drei grosse Eimer, auf der unteren Blechablage grüne Plastiktöpfchen und ein kleiner Kasten mit Löffeln. Nun hielt er vor der Tür und öffnete die Klappe.
Er sagte etwas unverständliches. Dann zeigte er auf seinen linken Arm. Gerhard schaute ebenfalls auf seinen Arm, und fragte sich, was das wohl solle.
Da war nur die Armbanduhr.
Meine Armbanduhr! Die wollte er wohl haben!
Er grinste. Gerhard schüttelte den Kopf. Das Grinsen verschwand und er murmelte wieder etwas.
Soll er murmeln, soviel er will, die Uhr brauchte ich. Der spinnt wohl.
Er stellte drei seiner Plastiktöpfchen auf die obere Ablage seines Gefährts. Mit einer Plastikkelle füllte er eines davon mit grauem Reis, eines halb voll mit einer grün-bräunlichen Masse, und eines mit einer gelblich-braunen Flüssigkeit. Er reichte Gerhard ein Schüsselchen nach dem anderen, aber als er ihm das Letzte mit der Flüssigkeit reichte und er die Hand danach ausstreckte, kippte er es halb um, so dass dem Deutschen der Inhalt des Schälchens über die Hand floss.
Das hat er absichtlich getan, wohl weil ich ihm die Uhr nicht gegeben hatte.
Er grinste wieder und reichte Gerhard einen Löffel, den er, bevor Gerhard ihn greifen konnte, auf den Boden fallen liess.
Gerhard hob ihn auf, und er grinste wieder.
Der Schweinehund.
Das fängt ja gut an hier.
Gerhard stellte die drei Schüsselchen auf die Pritsche und setzte sich daneben.
Der Geräuschpegel aus den anderen Zellen war gewaltig angestiegen. Manche schrien, und es hörte sich an, als ob auch einige Leute weinten. Deprimierend!
Gerhard roch an der Reisschüssel – Er roch nichts. OK, Reis hatte keinen starken Eigengeruch. Die grün-bräunliche Masse roch leicht süss-sauer, das war wohl Gemüse: und der Rest, die gelb-braune Flüssigkeit, war wohl Suppe, die penetrant nach Fischsauce roch.
Fischsauce, die in jedem Thai-Restaurant auf dem Tisch steht, und die er noch nie gemocht hatte!
***
Wenn nur nicht dieser Fäkaliengestank wäre.
Er erinnerte sich: bei der Bundeswehr gab es einige auf der Bude, die hatten extrem stinkende Käsefüsse, aber verglichen mit dem bestialischen Gestank hier war das damals reines Eau de Cologne!
Der Reis schmeckte, wie er roch, nämlich nach gar nichts, das Gemüse, so es solches war, etwas süsslich, und die Suppe oder Brühe nach Salz und Fischsauce.
Den Reis ass er gänzlich auf, das ‚Gemüse’ zur Hälfte und vom Rest der Suppe einen halben Löffel.
Sicher, er hatte mal gehört, Fischsauce beuge Schilddrüsenerkrankungen vor, aber was sind eigentlich Schilddrüsen, welche Funktion haben sie und wo im Körper sitzen die überhaupt?
Seltsame Gedanken kommen einem im Knast!
Später kam ‚Herr Hinkebein’ mit seinem Quietschewagen wieder vorbeigeschlurft, sammelte die Schüsselchen und den Löffel wieder ein.
Und er hielt einen mittelgrossen Eimer durch die Türöffnung.
Gerhard verstand nichts, roch nur, dass dieser Eimer ebenfalls furchtbar stank. Hinkebein zeigte auf den Klo-Eimer in der Zelle, und bedeutete dem Deutschen, er solle diesen in seinen Eimer leeren. Gerhard tat wie geheissen und der ‚Kalfaktor‘ leerte seinen Eimer in einen der grossen Eimer, in denen er vorhin das Essen gebracht hatte. Gerhard versuchte ihm durch Gesten klar zu machen, dass er seinen Eimer wegen des Gestankes gerne ausspülen würde, aber Hinkebein murmelte wieder etwas und schlurfte hinkend und grinsend von dannen.
Allmählich wurde es im Zellentrakt wieder leiser – einige Insassen machten wohl ein Nickerchen.
Gerhard lag auf der Pritsche und nickte auch ein.
Untersuchung
Plötzlich schreckte Gerhard hoch – der Polizist mit den Schlüsseln stand mit einem anderen Polizisten vor der Zellentür. Er bedeutete ihm, er solle seine Arme durch das Gitter stecken. Er legte ihm wieder Handschellen an, und dann ging quietschend die Zellentür auf.
Er wurde ins nächsthöhere Stockwerk geführt, an vielen geschlossenen Türen vorbei. Ganz am Ende des langen Korridors stand eine Tür offen. Dort ging es hinein.
Hier wurde der Deutsche erkennungsdienstlich behandelt.
Zuerst nahm man Fingerabdrücke, von allen zehn Fingern. Dann wurde er vor einer Wand neben einer Grössenskala fotografiert: 1,66 Meter!
War ich inzwischen zusammengeschrumpft? Ich war doch immer 1,69 Meter lang oder besser gesagt: kurz gewesen!
Aber jetzt habe ich es amtlich: 1,66 Meter.
Dann folgten Photos des Gesichts – aus allen Richtungen. Mindestens 20 Aufnahmen.
Draussen kosteten vier Passphotos 90 Baht. Noch vor sechs Wochen. Und hier kosteten die Photos nichts! Immerhin! Guter Service, könnte man beinahe sagen, wenn es nicht so makaber wäre.
Er musste an eine Meldung in der BANGKOK POST denken. Vor vier oder fünf Jahren war da folgendes zu lesen: Ein Polizist nahm drei Thailänder fest, wegen illegalem Kartenspiels um Geld. Das Geld beschlagnahmte er, nun wollte er sie auf das nächste Polizeirevier bringen. Er war aber mit einem Moped unterwegs, auf dem er die drei Festgenommenen unmöglich dorthin verfrachten konnte. Also rief er ein TUK TUK herbei, und liess sie damit zur Wache fahren.
Auf der Wache sollten diese nun den TUK TUK-Fahrer bezahlen. 200 Baht sollte das kosten. Das konnten sie nicht, weil ihr Geld konfisziert war. Deshalb bezogen sie eine Tracht Prügel, und mussten fünf Tage im Knast ausharren, bis ein Verwandter kam und die TUK TUK-Rechnung, die der Polizist vorgelegt hatte, beglich. Die Geldbusse für illegales Glücksspiel in Höhe von 100 Baht war ebenfalls fällig!
Für die Fotos hätte ich bestimmt nichts bezahlt – schliesslich war ich unschuldig!
Dann ging es ins Erdgeschoss, wo ihm ein Mann, der sich als Doktor Wongborn vorstellte, und einen furchtbaren Mundgeruch hatte, kurz, aber tief in die Augen schaute. Mit diesem einzigen Blick erkannter er, dass Gerhard kerngesund war.
Das war also wohl die Untersuchung, mit der man meine Haftfähigkeit feststellte. Ein wirklich kompetenter Mann – nur ein Blick in die Augen, und er sieht alles! Wenn es in Deutschland doch auch solche Ärzte gäbe, die eine Krankheit mit einem einzigen Blick in die Augen der Patienten erkennen - was könnte dadurch an Arzthonoraren eingespart werden!
Nur, was machen die eigentlich mit Blinden?
„Nun“, dachte er sich, „nun werde ich hoffentlich verhört werden, da wird sich ja alles endlich aufklären.“
Aber denkste, an diesem Tage tat sich nichts mehr. Bis auf das Abendessen, das identisch mit dem köstlichen Mittagessen war.
***
Als es dunkel geworden war, konnte er nicht einschlafen, und dachte daran, dass in drei Tagen seine Freundin Oy aus Maha Sarakam nach Ko Chang zu ihm in sein Hotel kommen wollte.
Und in fünf Tagen, also am 24. Januar kommt mein Neffe auch – er hat schon vor sechs Wochen im Voraus ein Zimmer gebucht. Na ja,morgen werde ich ja hier raus sein.
Ob ich wohl Entschädigung für die Haft bekommen werde? Wohl eher nicht, aber mal sehen! Ich war halt noch nie im Knast in Thailand; vielleicht wollen sie ja auch noch Geld fürs Essen haben, ist ja immerhin Vollpension hier!
Mit diesen Gedanken schlief er dann doch ein, und schlief seltsamerweise erstaunlich gut durch, bis er um sechs Uhr am nächsten Morgen aufwachte.
Wieder der übliche Lärm auf dem Flur, nur unterbrochen von irgendwelchen Kommandos. Vielleicht Drill?
Na ja, jetzt beginnt also mein zweiter Tag im Knast in Thailand.
Da habe ich auf jeden Fall später mal was zu erzählen – obwohl man darauf wohl kaum stolz sein kann! Aber heute werde ich hier ja raus kommen, und dann etwas Krach schlagen: zuerst mal die Botschaft informieren und an eine deutsche Zeitung schreiben – vielleicht an die Blitz-Zeitung!
Zum Frühstück gab es etwas später wieder genau das gleiche, wie gestern Mittag und Abend: Reis, Gemüse und Brühe.
Wenn man da an die dickbäuchigen Damen und Herren aus Deutschland denkt! Denen könnte mal ein Monat hier – figurmässig – nicht schaden. Würde den meisten wohl gut tun!
Habe neulich im Internet von einem Deutschen gelesen, der in Afghanistan gekidnappt worden war. Der war übergewichtig – also sehr fett und litt, wohl auch deswegen unter starker Diabetes. Ärzte stellten per Ferndiagnose darob akute Lebensgefahr wegen fehlender Medikamente fest. Aber siehe da, er starb nicht, sondern als er nach fünf Wochen freikam, hatte er 30 kg abgenommen, war putzmunter, und Zucker hatte er auch nicht mehr!
So geht’s manchmal zu im Leben!
Aber trotzdem: Aus Gesundheitsgründen vier Wochen Knast in Thailand verschrieben zu bekommen – das ginge dann doch etwas zu weit!
Verhör
Gegen zehn Uhr wurde er aus der Zelle geholt, mit Handschellen gefesselt wie am Vortag.
Im Erdgeschoss, in einem kleinen Büro, an einem Schreibtisch sassen zwei Leute: einer in zivilem Anzug und ein Polizist in Uniform.
Der Anzug stellte sich vor, er heisse Herr Sadawee und sei Dolmetscher. Er konnte kein deutsch, und englisch nicht viel besser. Aber immerhin: eine Unterhaltung, oder besser ein Verhör, kam dann doch zustande.:
„Mister Frengs“, begann er; Gerhard korrigierte ihn:„Mister Frings“
Trotzdem blieb er bei Mister Frengs.
„Also Mister Frengs, Sie haben gestern einen weissen Koffer über die Grenze von Kambodscha nach Thailand gebracht. Darin waren drei Kilogramm Heroin. Was sagen Sie dazu?“
„Erstens war das höchstens ein Pfund, und zweitens hat mir das gestern oder vorgestern jemand in den Koffer gelegt“.
Sobald der Dolmetscher das dem Polizisten übersetzt hatte, griff dieser unter sich und langte aus einem Rollfach des Schreibtisches eine grosse Plastik-Einkaufstüte hervor, die er vor Gerhard auf den Schreibtisch knallte.
“Ist das ein Pfund?“ fragte er ihn. Fassungslos starrte Gerhard die Tüte an – gestern noch war sie nicht mal ein Fünftel so gross, wie diese hier, und es stand auch 7/11 in grün und rot drauf.
„Und das soll in meinem Koffer gewesen sein?“ Gerhard lachte:
„Der Koffer wäre ja gar nicht zu gegangen“
Aber niemand lachte mit.
Der Polizist wiederholte: „Das war in ihrem Koffer, das ist eine schlimme Sache. Mehr als zwei Kilo Heroin bedeuten die Todesstrafe in Thailand. Wissen Sie das?“
„Woher sollte ich das wissen, ich hatte noch nie in meinem Leben mit Drogen zu tun gehabt. Das können Sie mir glauben!“
Jetzt überkam ihn ein mulmiges Gefühl.
Der Polizist fuhr fort: „Wenn man einen Drogenhändler schnappt, hat der noch nie was mit Drogen zu tun gehabt. Die sind immer unschuldig. Das sagt jeder…“
„Aber ich…“ Jetzt verschlug es ihm doch die Sprache. Er kam ins Stottern: „Sie können gerne mein Blut untersuchen lassen, dann wird sich ja rausstellen, dass ich noch nie Drogen genommen habe.“
Er hatte irgendwann mal gelesen, dass im Blut und im Haar noch Wochen, oder sogar Monate nach Drogenkonsum, sich dieser nachweisen lässt. Kokain jedenfalls, und auch Haschisch- vielleicht ja auch Heroin!
„Aber, “ übersetzte der Anzug weiter, „Mister Frengs“ wieder Frengs! „Frings“, korrigierte er ihn,
Er liess sich nicht beirren: „Mister Frengs, darum geht es ja gar nicht, ob Sie Drogen eingenommen haben, ist uns egal.
„Ihnen wird vorgeworfen, 3‘100 Gramm Heroin über die Grenze gebracht zu haben. Was sagen Sie dazu?“
Er war immer noch perplex. „Ich möchte jemanden von der deutschen Botschaft sprechen“
„Also sie sind aus Deutschland?“
„ Ja natürlich“, schrie er. „Ihre Leute haben mir ja schliesslich meinen Pass abgenommen.“
„Wer?“
„Der, der mich festgenommen hat!“
Es entstand eine Pause, und der Polizist ging nach draussen.
Nach etwa 15 Minuten kam er zurück und schwenkte Gerhards Pass.
Triumphierend hielt er ihn hoch.
„Ja ja, sie sind Deutscher!“
Er blätterte im Pass herum.
„Und in China waren sie auch schon; haben sie dort auch schon mal Drogen geschmuggelt?“
Er fuhr fort: „ihre Version stinkt zum Himmel. Sie wollen dem Immigration-Officer von der Grenze von ihrem Fund erzählt haben? Dann beschreiben sie ihn mal.“
„Ungefähr so gross wie ich, schwarze Haare, ja, viel mehr kann ich Ihnen nicht sagen. Es waren ja nur ein paar Minuten, ja, und eine Brille trug er.“
„Was für eine Brille?“
„Eine Brille halt“
„Aus welchem Material, welche Form?“
„Mein Gott, sie fragen mich Sachen. Das weiss ich nicht mehr.“
„Aber Brillengläser waren drin, sicher?“
Er wollte Gerhard offenbar verscheissern
Jetzt reichte es mir – ich würde mit diesem blöden Hund kein Wort mehr reden.
„Ich will einen Anwalt und jemanden von der Botschaft. Ich sage gar nichts mehr“, schrie Gerhard.
Der Polizist fuhr mit seinem „Verhör“ unbeirrt fort, der Anzug übersetzte, aber von ihm gab es keine Antwort mehr. Auch keinen Kommentar.
Dieses einseitige Spiel ging noch ungefähr eine halbe Stunde weiter. Er schwieg einfach.
Plötzlich schrie der Polizist los – keine Ahnung, was und warum. Er wollte den Deutschen wohl einschüchtern.
Er fuchtelte ihm mit einem Lineal vor seiner Nase herum, und dann, mit einer unmissverständlichen Geste, an seiner Kehle vorbei, Hin und her, her und hin…
Gerhard zeigte ihm den Stinkefinger, das verstand er offensichtlich. Er lief rot an, sagte aber nichts mehr.
Er zeigte zur Tür.
„Das Verhör ist zu Ende“ sagte der Dolmetscher.
Gefängnisalltag
Gerhard wurde wieder in seine Zelle gebracht, gerade noch rechtzeitig genug, um nicht das Mittagessen zu verpassen.
Es gab wieder das Gleiche wie gestern und heute morgen: Reis, grünbraunes Gemüse und Brühe…
Gerhard war so zornig, dass er den Inhalt der drei Schüsselchen, die „Quietschmann-Hinkebein“ auf die waagerechte Ablage gestellt hatte, dem grinsenden, hinkenden Faktotum auf den grauen Anzug kippte.
„Friss deinen Scheiss allein!!!,” bellte Gerhard.
Darob war er wohl sehr erbost.
Er verschwand, um nach einer Minute mit zwei Polizisten zurück zu kehren. Sie hatten keine Pistolen umhängen, aber dafür jeweils einen Schlagstock in der rechten Hand.
Einer öffnete die Tür, und beide fingen wortlos an, auf Gerhard einzuschlagen.
Gerhard liess sich sofort zu Boden fallen. Das machte die Beiden offenbar noch wütender, weil sie sich nun bücken mussten, um ihn zu treffen.
„Vielleicht schlagen die mich jetzt tot“ dachte er. „Es wäre mal interessant, was die „BLITZ“ Zeitung daraus machen würde!
‚Todesterror in Thailand’… oder ‚Panik im Paradies’!
Dann musste Gerhard wohl die Besinnung verloren haben, jedenfalls wusste er nicht mehr, was sich danach noch ereignete.
Später wachte er auf seiner Pritsche auf.
Vier Uhr nachmittags!
Am ganzen Körper hatte er Schmerzen. Die Nase hatte geblutet, aber das Blut unter der Nase und das, welches er auf der Pritsche in Kopfhöhe sah, war inzwischen getrocknet. Mehrere Stunden musste er also so da gelegen haben.
Er bewegte vorsichtig seine Gliedmassen und den Kopf, alles tat weh, aber gebrochen war offensichtlich nichts.
Vielleicht schade, denn wenn erst einmal Kontakt zur Botschaft bestehen würde, gäbe es vielleicht einen richtigen Skandal! Und vielleicht würden auch die Prügelpolizisten zur Rechenschaft gezogen werden!
Gut, dass ich das Essen dem Hinkebein über den Kittel gekippt hatte!
Das war auch nicht die feine Art – aber sein ewiges, schadenfrohes Grinsen hatte derartig genervt!
Und Brandblasen vom heissen Essen kann er unmöglich bekommen haben, denn das Essen hier war maximal lauwarm. Klar, für die Qualität des Essens hier konnte er ja auch nichts.
Besuch von der Botschaft
Einen Tag später sass er immer noch im Knast!
Am Nachmittag des Vortages und heute bis Mittag hatte sich nichts mehr getan.
Nur Routine und der Hofgang. Aber am frühen Nachmittag dann war es soweit.
Es war der dritte Tag des „Urlaubs“ hier im Knast.
Dann kam endlich jemand von der Botschaft!
Er stellte sich als dritter Sekretär der Konsularabteilung, Karl Kellermann, von der deutschen Botschaft in Bangkok vor. Er blieb etwa drei Minuten, und sagte, am folgenden Morgen komme er wieder, dann habe er mehr Zeit!
Gerhard konnte ihm nicht einmal die blauen Flecken an seinem Oberkörper zeigen. Offensichtlich hatte er sich nur vergewissern wollen, dass er noch lebte.
Als er schon wieder dabei war zu Gehen, brachte Gerhard noch schnell eine sarkastische Bemerkung über das Essen an, worauf er lapidar antwortete: „Na ja, ein vier Sterne Hotel ist das hier nicht, aber ich habe mich vergewissert, dass sie regelmässig Essen bekommen.“
Gerhard rief ihm hinterher: „Wenn für schlechtes Essen als negative Auszeichnung Kakerlaken, Kellerasseln oder Mülleimer verliehen würden, dann hat der Knast hier mindestens zehn davon verdient, von jeder Gattung.
Ob er das noch gehört hatte, wusste er nicht, denn seine Schritte verhallten draussen im Gang und der Schlüsselpolizist hatte die Zellentür zugeknallt.
Neuzugang: Rainer
Am nächsten Tag: Immer noch im Knast!
Also heute kommt der Botschaftsmensch wieder! Mal sehen, was er so sagen wird!
Auf jeden Fall wird sich nun was tun.
Das alles hier geht mir unwahrscheinlich auf den Keks.
Um halb neun hörte er Schritte.
Die beiden Prügelpolizisten!
Die bringen mich jetzt zu dem Herrn Kellermann.
Sie schlugen mit ihren Knüppeln an die Zellengitter.
Aber es kam kein Herr Kellermann. Statt dessen ein Neuzugang.
Vor der vergitterten Zellentür stand ein Weisser.
„Gut, vielleicht kann ich ja mit dem reden“ schoss es ihm sofort durch den Kopf.
Der Neue sagte „Hallo“, und Gerhard sagte das gleiche.
Er kam auf Gerhard zu, schüttelte dessen Hand, und grinste. „Welcome to the Paradise“ Er stellte sich vor: “Rainer Kleidermann, from Switzerland.“
Gerhard antwortete: “Gerhard Frings aus Deutschland“.
Er war ein sympathischer Kerl mit Glatze und fing sofort an, seine Story in Kurzform zu erzählen.
Er sei wegen Missbrauchs eines neunjährigen Mädchens hier – alles sei erlogener Schwachsinn! Das Kind kenne er seit der Geburt; er kommt seit zwölf Jahren mit seiner Gattin dreimal pro Jahr einen Monat nach Thailand. Sie wohnten immer im Lucky MAC-Resort auf Ko Chang.
Das Kind sei die Tochter einer Putzfrau dort, die sie kennengelernt hatten, und seine Gattin und er haben sich seither um die Kleine gekümmert. Sie hätten immer das Geld für die Schuluniform, für den Schulbus, die Schulspeisung und das Lehrmaterial bezahlt und die Kleine ins Herz geschlossen. Sie hätten das Kind oft zu Ausflügen mitgenommen.
Eine bekloppte Engländerin hatte dann beobachtet, wie er mit der Kleinen an der Hand spazieren ging, um ihr eine Eis zu spendieren. Das Kind hatte ihn dafür umarmt. Eine ganz normale Sache eben.
Weil er mit der Kleinen alleine unterwegs war, und sie an der Hand führte, damit diese nicht auf die vielbefahrenen Hauptstrasse ausbüchste – seine Gattin war am Swimmingpool geblieben – hatte die Engländerin, die zusammen mit einer Freundin die Szene beobachtet hatte, vermutet, er sei ein Sittenstrolch und sie hatten die Polizei gerufen.
Als die Beiden mit zwei Polizisten zurückkamen, hatte er die Kleine im Huckepack zurückgetragen. Er wurde verhaftet, und man hatte ihn sofort hierher verfrachtet. Die Engländerinnen waren Mitglieder einer englischen Kinderschutzorganisation, und in Thailand auf der Jagd nach Kinderschändern.
Er sass jetzt seit einer Woche hier im Gefängnis, in einem anderen Trakt. Von der Schweizer Botschaft hatte sich hier noch niemand blicken lassen. Seine Frau wurde erst nach drei Tagen informiert, dass er hier im Gefängnis sass, nachdem sie die Polizisten täglich mehrfach mit Vermisstenmeldungen genervt hatte.
Seine Frau und er hatten vier Kinder grossgezogen, und jetzt hatten sie fünf Enkelkinder, die ihr ganzer Stolz waren. Niemand durfte ihn besuchen, und so wartete er hier so wie Gerhard.
Wie sollte er nun seine Unschuld beweisen?
Erschwerend kam hinzu, dass die Mutter des Kindes vor zwölf Jahren illegal aus Kambodscha herübergekommen war. Die fürchtet sich vor der Polizei, weil sie vermutete, dass man sie wohl abschieben würde. So würde sie wohl als Entlastungszeugin ausfallen.
Zeitvertreib
Die gemeinsame Zelle war 2,50 x 3 Meter gross; nach einer Stunde wurde eine zweite Pritsche gebracht. Es wurde eng.
Rainer tat Gerhard leid, nachdem er ihm seine Leidensgeschichte erzählt hatte, und Gerhard ihm die seinige.
Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Den nächsten Tag verbrachten Beide damit, sich gegenseitig ausführlich ihre Lebensgeschichten zu erzählen. Das tat den zwei Insassen sehr gut, und beider Laune hellte sich merklich auf.
“Habe neulich in der NATION gelesen, die wollen hier in Thailand Frauen und Männergefängnisse zusammenlegen, ob du es glauben willst oder nicht. Wirklich! Dann wäre es bestimmt im Knast etwas lustiger!“ sagte Gerhard.
Rainer nickte zustimmend.
Dann fuhr er fort: “Obwohl, wenn ich so zurück denke. Vor ungefähr 15 Jahren kam ich zum ersten Mal nach Thailand. Damals gab es hier keine dicken Frauen. Wirklich keine! Ob jetzt dicke Thailänderinnen ebenfalls Zellulitis haben wie die weissen dicken Frauen? Viele waren früher freundlicher und bescheidener. Schade, wirklich schade. Heute gibt es so viele fette Leute. ‚Mc. Donald’s lässt grüssen’. Und dann der Quatsch mit den Fertiggerichten. In jedem 7-Eleven haben die das Zeugs. Machen sie mit einer Mikrowelle heiss. Hatte mal ‘ne Freundin, die hatte auf dem Zeugs gestanden. Hat fast jeden Tag so was gegessen. Habe jedes Mal probiert, verschiedene Sorten. Immer der gleiche Geschmack. Hat sicher wohl auch jede Menge Kalorien. Und dann waren die Frauen früher auch viel schöner angezogen. Hatten immer lange Röcke an oder wunderschöne Kleider. Sieht man heute kaum noch“.
Er nickte zustimmend und sagte: “Wenn ich früher mit Thai Airways geflogen bin, gab es auch immer beim Aussteigen in Don Muang eine Orchidee, deren Stiel in einem kleinen, geschlossenen Glasbehälter mit Wasser steckte. Das war eine rührende Willkommensgeste, und man wusste direkt, wo man war und fühlte sich wohl“.
***
Dann fragte Rainer: „Weisst du auch, warum Frauen Männer brauchen? Na, weil Vibratoren nicht den Mülleimer nach unten schleppen können“; Gerhard stutzte und lachte lauthals los.
Gelacht hatte er schon tagelang nicht mehr! Die Spannung fiel plötzlich ab von ihm. Diese Situation der letzten Tage hatte ihn doch ganz schön fertig gemacht. Irgendwie bekam er wieder Mut. Kein Wunder! Tagelang in einer Zelle und nur grübeln!
Nun kam von ihm die Gegenfrage: „Warum haben Männer keine Zellulitis? Rate!.“ Er gab die Antwort selbst: „ Na ja, weil es scheisse aussieht…“
Jetzt war Rainer mit dem Lachen dran. Und er kriegte sich kaum noch ein und fuhr dann fort: „ Klein Fritzchen wird an seinem 16ten Geburtstag von seinem Vater beiseite genommen: Ich gebe dir hier fünf Fränkli – da am Ende unserer Strasse ist ein Etablissement: ‚ZUR SCHWARZEN KATZ’. Dort gehst du zu einer Frau, die heisst ROSIE. Der gibst du dann die fünf Fränkli, und die macht dich dann zum Mann.
Fritzchen geht pfeifend los, und kommt am Haus seiner Grossmutter vorbei. Die fragt den Jungen, wo er hin geht. Er erklärt ihr das, und sie sagt: Gib mir das Geld, ich kann dir das auch zeigen. Gesagt, getan.
Danach wieder zu Hause: Papa fragt, na wie war’s?
Fritzchen antwortet: Ich war bei Oma, die hat gesagt, das kann sie auch machen.
Und ganz stolz: Ich bin jetzt ein Mann.
Da schreit Papa: Du kannst doch nicht meine Mutter vögeln.
Fritzchen antwortet: Du vögelst ja auch meine Mutter!“
Gerhard grinste. Dann erzählte er aus seiner Heimat.
„Ich bin in Westerstede in Ostfriesland geboren. Tatsache!
Da haben sie merkwürdige Sitten.
Im Sommer gibt es fast überall ‚Baumsitzwettbewerbe’.
Da werden auf dem Dorfplatz oder auch auf einem zentral gelegene Platz in Dörfern, aber auch den Städten, ungefähr vier Meter hohe Baumstämme eingegraben, sodass sie stabil stehen.
Dann werden sie von den Wettbewerbsteilnehmern mit Leitern gleichzeitig bestiegen, und die Teilnehmer setzen sich drauf. Da bleiben sie dann sitzen. Tag und Nacht!
Sie dürfen jeden Tag viermal für jeweils eine Viertelstunde den Sitzplatz verlassen, fürs Toilettegehen und für ein Minimum an Körperhygiene. Verköstigt werden sie über angestellte Leitern.
Der Gewinner ist dann der, welcher es da oben sitzend am längsten aushält. Das ist jetzt die reine Wahrheit. Das kannst du mir glauben.“
„Du, ich glaube dir das. In der Schweiz gibt es auch viele seltsame Sitten. Im Moment fällt mir zwar keine besondere Eigenart ein, aber sobald mir was einfällt, werde ich es dir erzählen.“
„Übrigens, weisst du, woraus ein Ostfriesenfrühstück besteht?“
„Nein.“
„Na ja, aus sieben Korn, zehn Doppelkorn, einer Flasche Jever Pils, einer Wurst und einem Hund“
„Schön und gut, nur was soll der Hund?“
„Na ja, einer muss die Wurst ja essen!“
So machte sich dann tatsächlich eine beinahe heitere Stimmung breit, die allerdings schon bald wieder umschlug. Sie waren immer noch in Thailand im Knast und doch ziemlich verbittert.
Depression
So verging die Zeit, alles blieb unverändert!
Den nächsten Vormittag waren beide sehr schweigsam.
Gerhard hatte den Eindruck, Rainer wäre in depressiver Stimmung.
Gerhard war es wohl auch, obwohl er sich das, sich selbst gegenüber, nicht eingestehen wollte. Die nächsten beiden Tage vergingen ereignislos, langweilig.
Die Zellen waren untereinander abgetrennt durch massive Gitterstäbe. Die Zelle der beiden Europäer war die letzte in der Reihe. Jede vierte Zelle hatte ein Fenster, oder besser gesagt, ein Oberlicht.
Die Zellen der Thailänder waren mit sechs bis neun Insassen belegt.
Pritschenbetten waren pro Zelle jeweils zwei vorhanden. Diese Pritschen waren immer nur von Dicken belegt, die auch während des Tages darauf sassen oder lagen. Die Dicken waren offensichtlich die Zellenchefs. Die Dünnen schliefen auf dem Zellenboden, nur tagsüber gestattete einer der Dicken ab und zu einem Dünnen, eine Pritsche zeitweise zu benutzen. Doch das waren offensichtlich Ausnahmen.
Die Beseitigung der Fäkalien verlief in den anderen Zellen anders als bei den Europäern: das war für die Beiden ein zunächst undurchschaubares Mysterium.
Mehrmals täglich wurden die Eimer geleert, aber die Leerung erfolgte nicht, wie bei Gerhard und Rainer, in die leeren Essenseimer. Nein, wenn sie halbwegs voll waren, geschah Folgendes: In einer Zelle mit Oberlicht stellte sich ein Insasse vor das Oberlicht. Ein zweiter Insasse stellte sich auf dessen Schultern, sodass er hinausschauen konnte. Dann stellte sich ein dritter Mann, der in der Regel ein längerer Mensch war, daneben.
Dieser hob nun den zur Hälfte gefüllten Eimer auf seinen Kopf, und der Obenstehende schöpfte mit einem Blechschüsselchen den Eimer leer, indem er den Inhalt aus dem vergitterten Oberlicht kippte. So weit – so gut, also eine Hygienemassnahme.
„Sie wollen wohl nicht, dass die Scheisse stinkt“, sagte sich Gerhard. Der Eimer der Weissen wurde vom Hinkebein geleert.
Gegen Nachmittag klopfte dann einer aus der Nachbarzelle an die Gitterstäbe: er bedeutete Gerhard und Renee, den gemeinsamen Eimer an die Gitterstäbe zu stellen. Er ging in die Knie, und begann mit einem Becher beider Eimer in den Eimer der Nachbarzelle umzufüllen.
„Nett“, sagte sich Gerhard. Aber dann wurde dieser Eimer wiederum in den Eimer der Nachbarzelle umgefüllt, und von da aus gelangte die Gülle auf dem gleichen Wege durch die zweite Zelle nebenan zur dritten und zur vierten Zelle.
„Seltsam, seltsam“, sagte Gerhard Rainer, der den Vorgang ebenfalls verwundert verfolgte, „da geht offenbar unsere Scheisse auf Wanderschaft“
Die Zelle, in der diese Wanderschaft endete, verfügte wie die der Europäer über ein Oberlicht. Aus diesem wurde die Scheisse, sowie sie dort angekommen war, sogleich nach draussen entsorgt.
Obsternte
Von nun an liess Gerhard diese Zelle nicht mehr aus den Augen. Und dann fiel der Groschen. Kurz darauf nämlich stellten sich wieder zwei Männer übereinander vor das Oberlicht; einer wiederum daneben. Der Obere griff mit der ganzen Länge seines Armes nach draussen, zuerst am rechten Rand vorbei. Er zog seinen Arm wieder herein und reichte dem danebenstehenden etwas in der Grösse eines Hühnereies.
Ein Ei war es aber nicht, denn es war grün. Diesen tastenden Greifvorgang an der Aussenwand wiederholte er noch mehrmals, bis er insgesamt acht der grünen Gegenstände in der Zelle abgeliefert hatte.
Nun versuchte Gerhard, einem Insassen aus der Nachbarzelle klar zu machen, dass er gerne wüsste, was man da reingeholt hatte. Dieser rief darauf etwas den Leuten in der viertnächsten Zelle zu. Nachdem der Dicke in dieser Zelle offenbar mit einer Handbewegung seine Erlaubnis signalisiert hatte, wanderte einer dieser Gegenstände durch die Gitter der Nachbarzellen bis zur gemeinsamen Zelle.
Es war eindeutig eine grüne Frucht. Beide rochen daran – nichts.
Dann ritzte Gerhard mit dem Daumennagel die Oberfläche an, und siehe da: den Geruch kannte er. Eindeutig Maracuja!
Da fiel ihm ein, dass vor Wochen auf einem Markt, als er dort die vielen fremden Früchte bewunderte, ihm eine besonders teure Fruchtsorte auffiel. Maracujas! Eine einzelne sollte 80 Baht kosten, mehr als eine grosse Flasche Singha-Bier.
Und er erinnerte sich an Maracuja Pflanzen, die er in Israel gesehen hatte. Das Zeugs rankte an Wänden hoch wie Efeu. Nun, hier musste es mindestens bis zum dritten Stock sechs Höhenmeter überwinden. Wegen der besonders effizienten Spezialdüngung war das Zeugs selbst in der Trockenzeit extrem ertragreich und konnte laufend abgeerntet werden. Die Früchte wurden regelmässig Besuchern mitgegeben, die sie dann wohl zu Geld machten und dafür gekochten Reis und Zigaretten zurückbrachten.
Der Extrareis wurde dann immer zuerst den Dicken gereicht, die allerdings nie alles aufassen, sondern auch immer etwas den Dünnen abgaben.
Interessant – Gerhard bewunderte den Einfallsreichtum der Leute hier in den Zellen.
Als er die Frucht zurückgegeben hatte, stieg er auf Rainers Schultern, und tastete an allen erreichbaren Stellen rund um das Oberlicht die Aussenwand ab.
Nichts zu finden. Schade, aber diese Zelle wurde wohl immer mit Ausländern belegt, die nie auf die Idee gekommen waren, ihre Scheisse aus dem Fenster zu kippen,
Als der gemeinsame Eimer das nächste Mal geleert wurde, wurde beiden, wohl als Honorar für die Scheisse, eine Zigarette auf dem Weg über die Nachbarzellen gereicht
So kann man tatsächlich aus Scheisse Geld machen, und zwar auf ehrliche Art und Weise, und das sogar im Knast!
Rainer wird entlassen
Das Essen blieb eintönig wie immer.
Gegen Abend wurde Rainer aus unserer Zelle geholt.
Etwa 30 Minuten vergingen, dann kam er strahlend zurück.
„Schluss für mich hier, ich werde entlassen! Es hat sich alles aufgeklärt!“
Seine resolute Gattin Hermine hatte sich nach vielem guten Zureden doch letztendlich die Mutter des kleinen Mädchens geschnappt, und diese, obwohl sie sich anfangs geweigert hatte, zur Polizeistation schleppen können. Dort haben beide Frauen zusammen ausgesagt, dass der Verdacht gegen Rainer absolut unbegründet war. Das Ehepaar habe sich lediglich liebevoll um die Kleine gekümmert.
Beide Frauen hatten darauf bestanden, dass Rainer unverzüglich freizulassen sei. Sie würden die Polizeistation nicht mehr verlassen.
Als Hermine auch noch gedroht hatte, den Schweizer Botschafter einzuschalten, hatten die Polizisten klein beigegeben.
„Solch eine resolute und tapfere Gattin könnte ich hier auch gebrauchen. Rainer. Auf die kannst du stolz sein! Ich beneide dich,“ sagte Gerhard zu ihm.
Gerhard freute sich für Rainer, obwohl seine eigene Zukunft hier nach wie vor ungewiss war. Es machte ihn wehmütig, als er an die kommende Zeit hier, allein in der Zelle denken musste.
Bevor der Schweizer ging, versprach er dem Deutschen noch hoch und heilig, zum Chef des Hotels Cliff Palace Resort, dem Schweizer John Brenner, zu gehen.
Dort hatte er auf Ko Chang vor seinem Kambodscha-Trip gewohnt, und dort wollten sein Neffe Chris und seine Freundin Oy ihn treffen, sobald er zurück sei. Er würde dafür sorgen, dass John beide informieren würde, was mit ihm passiert war, und wo er zu finden sei.
Er versprach ihm auch, die deutsche Botschaft in Bangkok zu informieren, und parallel die deutschen Konsulate in Pattaya, Ko Samui und Chang Mai anzurufen und dringend um Hilfe zu bitten.
Rainer war nach einer heftigen Umarmung gegangen, kehrte aber nach kurzer Zeit mit seiner Gattin Hermine wieder zurück.
Sie war sehr freundlich, und nett, und wünschte viel Glück dabei, hier bald wieder herauszukommen. Gerhard hatte von ihr den Eindruck, dass sie, wenn nötig, sehr resolut und zielbestimmt, sein könnte. Sie war, wie gesagt sehr freundlich, doch wie er sie so betrachtete, dachte er sich, dass sie durchaus in der Lage sei, wenn nötig, selbst Polizisten die Hölle heiss zu machen zu können.
Eine solche Unterstützung brauchte ich draussen!
Nach einigen aufmunternden Worten machten sich die Beiden endgültig wieder auf den Weg nach draussen in die Freiheit, aber nicht, ohne ihm noch einmal versichert zu haben, sich draussen um seinen „Fall“ kümmern zu wollen.
Jetzt fühlte er sich so gut, wie schon seit Tagen nicht mehr, und er war absolut zuversichtlich, dass sein „Fall“ in besten Händen sei. Doppelt genäht hält besser!
Aber kaum waren die Beiden gegangen, machte sich in ihm wieder die gähnende Leere breit.
Der Tiefpunkt
Jetzt war er tatsächlich richtig depressiv geworden!
Nach zwei weiteren Tagen war seine Stimmung auf dem absoluten Tiefpunkt angelangt. Er zweifelte, ob er das Gefängnis noch viel länger aushalten könnte.
Seine ganze Hoffnung ruhte nun auf dem Schweizer Ehepaar. Ob sich Hermine Kleidermann tatsächlich so für ihn einsetzen würde, wie sie es bei ihrem Gatten Rainer praktiziert hatte, oder ob sie, wie Reiner an einem der ersten gemeinsamen Tage hier angedeutet hatte, den ersten Flug zurück in die Heimat nehmen würden. Nase für immer voll von Thailand? Vielleicht waren die Beiden ja schon fort! Das wäre die endgültige Katastrophe!
Und selbst, wenn die noch da waren, könnte es noch Tage dauern. So schwankte er zwischen Hoffen und Verzweifeln.
Aber sein Neffe Christian war tatsächlich informiert worden, ebenso seine Freundin Oy, und zwar direkt von den Kleidermanns. Nachdem das Ehepaar John Brenner vom Cliff Palace Resort von seinem derzeitigen Aufenthaltsort berichtet hatte, hatte dieser den beiden seine Freundin und den Neffen vorgestellt.
Beide waren noch am selben Tag nach Trat ins Gefängnis gekommen, und hatten um einen Besuchstermin gebeten.
Der wurde ihnen verweigert, weil Insassen nur einmal pro Woche Besuch empfangen dürften, und er noch keine volle Woche hier sei.
Daraufhin hatte sein Neffe bei der Botschaft in Bangkok angerufen, und auch mit Herrn Kellermann geredet, der Gerhard am 22. Januar kurz im Gefängnis besucht hatte.
Der hatte ihm erklärt, ein Schweizer Ehepaar habe ihn auch schon angerufen, und dass das vereinbarte Treffen am nächsten Tag nach seinem Besuch am Vortag nicht möglich gewesen sei. Es habe geheissen, Herr Frings sei verlegt worden, aber wohin genau, könne man ihm erst am nächsten Tage mitteilen. Nun sei er höchst aufgebracht. Er würde sich noch intensiver um diesen Fall kümmern, den Botschafter selbst informieren und ihn bitten, sich mit einer offiziellen Demarche an das thailändische Aussenministerium zu wenden. Das Ganze sei eine Impertinenz ohnegleichen; er sei höchst aufgebracht! Und er würde sich auch persönlich um einen Gesprächstermin für den Neffen und die Freundin kümmern.
Man solle sich keine Sorge wegen der Regelung, die nur einen Privatbesuch pro Woche vorsehe, machen – die gelte nicht für Botschaftsangehörige und Anwälte der Gefangenen.
Besuche im Gefängnis
Der nächste Tag brachte gleich zwei Besuche. Vormittags, um zehn Uhr, kam der Botschaftsangestellte, Herr Kellermann.
Er erklärte Gerhard, welche Probleme er gehabt habe, ihn doch wieder hier im Gefängnis zu finden. Aber nun habe es endlich geklappt, und er habe auch mehr Zeit mitgebracht.
Er überreichte Gerhard das ‘Survival Kit’, wie er es nannte.
Es enthielt eine Zahnbürste und Zahnpasta, zwei Stück Seife, ein Handtuch, eine Bibel, fünf Päckchen Marlboro, einen Taschenkalender und einen Filzschreiber. Gerhard war angenehm überrascht; Kellermann erklärte, das stehe jedem Deutschen in einem thailändischen Gefängnis zu.
Dann wurde er ernst: „Eine ganz üble Sache, in die sie da hineingeschlittert sind. Selbst wenn ich ihnen ihre Story abnehme, tut das nichts zur Sache. Bei Drogenvergehen ist hier immer die Hölle los, und bei der Menge, die bei ihnen beschlagnahmt wurde, ist die Todesstrafe zwangsweise vorgeschrieben. Aber ganz so schlimm wird es nicht werden: in Thailand ist noch kein Europäer wegen Drogenvergehens hingerichtet worden. Nach acht Jahren werden Deutsche in der Regel nach Deutschland abgeschoben.“
Gerhard lachte bitter. „Ein schwacher Trost. So lange würde ich hier nicht überleben“
„Ach Herr Frings, wissen sie, da haben schon ganz andere überlebt. Nun werden sie erst einmal einen Rechtsanwalt und einen Dolmetscher erhalten. Die Honorare legen wir vor, wenn sie oder ihre Familie nicht bezahlen können. Sie haben doch Familie?“
„Niemanden, der für mich bezahlen würde.“
„Na, das sollte jetzt ihre geringste Sorge sein. Gut wäre natürlich, wenn man ihre Unschuld beweisen könnte! Aber darüber sollten sie mit dem Anwalt reden. Und bis zur Verhandlung werden sie weiterhin eine Einzelzelle behalten dürfen, oder höchstens noch einen Weissen als Zellengenossen bekommen. Ihre Vorzugsbehandlung wird ihnen auch weiterhin gewährt werden“
„Welche Vorzugsbehandlung?, wollte Gerhard wissen.
„Zum Beispiel das Survival Kit, regelmässiges Essen und wöchentliche Besuche. Sie sollten natürlich versuchen, sich mit den Wärtern gut zu stellen, dann kann ihnen zusätzlich Verpflegung gebracht werden. Allerdings wird davon in der Regel die Hälfte vom Gefängnispersonal selbst gegessen.“
Nach einer knappen Stunde stand er auf und verabschiedete sich. „Wir werden sie im Auge behalten. Allerdings sind sie nicht der einzige Deutsche, der in Thailand in Gewahrsam gehalten wird. Im Durchschnitt betreuen wir bis zu 200 Gefangene, und unsere zuständige Konsularabteilung umfasst nur fünf Planstellen. Seit Jahren bitten wir um mehr Mitarbeiter, aber es wird überall an den 170 Auslandsvertretungen eher gespart. Übrigens, wollen sie geistlichen Beistand, Herr Frings?“
„Selbstverständlich. Jede Abwechselung ist mir willkommen!“.
„Wir tun, was wir können“ sagte er im Hinausgehen.
Da sass er nun wieder alleine. Er starrte die Decke an.
Jetzt wird sich hoffentlich bald was tun!
***
Inzwischen hatte Gerhard den Überblick über die Wochentage völlig verloren, nur seine Uhr ging noch. Aber die zeigte leider keinen Tag an.
Gegen 14 Uhr kamen gleichzeitig zwei Besucher
Der erste stellte sich vor als Herr Kittysak, Anwalt aus Trat. Freundlich, aber mit stechendem Blick.
Der zweite, Herr Lung, meinte direkt: “Welcome to Thailand!“
Ob das als Scherz gemeint ist?
Er rümpfte die Nase.
Gerhard hatte immer noch seine Privatklamotten an, und die stanken. Einmal durfte er bisher duschen, aber ohne Seife – er hatte ja noch keine! Kein Wunder, hier war keine Waschmöglichkeit, und Seife hatte er erst durch Herrn Kellermann bekommen.
Aber, ob ich tatsächlich schlimmer stinke als der Grundgeruch hier im Gebäude?
Aber das war im Moment auch nebensächlich, hier stanken alle irgendwie.
Mit Hilfe des Dolmetschers begann der Anwalt die erste Unterredung.: „Hier habe ich das Protokoll ihres Verhörs. Eine schlimme Sache“
Er zog ein DIN A4 Blatt aus einem Köfferchen.
„An sich ist alles klar – sie hatten das Rauschgift in ihrem Weissen Koffer, und da hat es die Polizei gefunden. Sie kamen aus Kambodscha, das erschwert die ganze Sache ungemein. Es gibt keine Zusammenarbeit mit der Polizei dort – die Verhältnisse zwischen unseren beiden Ländern sind sehr schlecht. Nicht mal ich darf über die Grenze und dort Leute befragen.
In ihrem Fall Entlastungsmaterial aus Kambodscha zu besorgen, ist für mich unmöglich. Am besten geben sie alles zu, sagen, dass sie nicht zurechnungsfähig waren und dass sie ihr Verbrechen bereuen. Waren sie früher schon mal wegen Drogen in Schwierigkeiten? Herr Kellermann kann uns Bescheinigungen von ihrer deutschen Polizei besorgen, hat er uns gesagt, aber nur, wenn sie wirklich noch nie etwas mit Drogen zu tun hatten. Allerdings dürfen sie wirklich noch nie…“
Gerhard unterbrach ihn: „Ich habe noch nie etwas damit zu tun gehabt, auch nicht als Jugendlicher. Nicht mal Haschisch geraucht! Bier hat mir immer gereicht“
„Sind sie sonst irgendwann mal bestraft worden? Wegen etwas anderem?“
„Nein, nicht mal wegen einem Verkehrsvergehen“
„Das ist gut, dann wird man sie vielleicht doch nicht zur Höchststrafe verurteilen, wenn der Richter gut gelaunt ist und ihnen glaubt. Herr Kellermann hat gesagt, bis solch ein Brief von der deutschen Polizei kommt, dauert es vier Wochen. Das wäre gut, solch ein Brief“.
Er meinte offenbar ein polizeiliches Führungszeugnis.
„Aber ich will keinen gutgelaunten Richter, ich war kein Drogenkurier. Das Zeug wurde mir untergeschoben. Und an der Grenze war es noch wenig, und dann, hier in Trat, ist es ganz viel geworden“.
„Aber wir können das nicht beweisen, und vor Gericht zählen auch hier in Thailand nur Beweise!“
„Aber es sind falsche Beweise“
„Wenn sie an der Grenze das Zeug der Polizei gegeben hätten, hätten sie keine Probleme bekommen. Aber jetzt…!“
„Ich habe das Zeug doch dem Immigration Mann an der Grenze gezeigt, und wollte nur, dass die Hintermänner in Thailand verhaftet werden. Der Immigration Mann hat gesagt, ich solle ruhig nach Trat fahren, die Polizei würde sich dort darum kümmern.
Dem habe ich das geglaubt, und dann bin ich verhaftet worden. Wer hat denn den Polizisten in Trat gesagt, dass ich das Rauschgift habe. Das müssen die vom Immigration Office gewesen sein. Der Officer dort hat das Zeug gesehen, weil ich es ihm gezeigt hatte.“
„Gut, ich werde nachfragen, aber der Richter wird den Polizisten eher glauben, als einem Fremden. Und die Fremden behaupten auch immer, dass sie unschuldig sind. Jetzt muss ich aber gehen; bald werde ich die Polizisten befragen, das verspreche ich ihnen!“
Dolmetscher und Anwalt standen auf, und verabschiedeten sich mit einem Kopfnicken.
Offensichtlich wollten sie möglichst schnell aus diesem Stinkerloch hier heraus.
Gerhard roch auch nicht gerade nach Eau de Cologne.
Die Beiden wechseln mit Sicherheit zuerst mal ihre Kleider!
Er liess das Gespräch in Gedanken Revue passieren.
Ich habe wohl tatsächlich schlechte Karten. Aber schuldig bekennen werde ich mich nie. Das steht fest. Und wenn ich hier kaputt gehe!
Jetzt mischte sich sein Frust wieder mit ungeheurem Zorn.
Hätte ich das Zeug, als ich es noch vor der Grenze gefunden hatte, einfach weggeworfen! Und ich wollte der Polizei helfen, ich Dussel, Blödmann, Schwachkopf; wie kann man nur so beschissen doof sein!
***
Zwei oder drei Tage später: Freude! Nachmittags gegen 16 Uhr:
Der Neffe Christoph erschien!
Er grinste, als er seinen Onkel sah.
“Jeder Wackenberger fährt mal ein. Gehört zum guten Ton!”
Er reichte ihm die Hand.
„Tach Onkel“
Aber dann blickte er ihn nachdenklich an.
“Du hast schon mal besser ausgesehen“
Das bezog sich sicher nicht auf den Haarschnitt, den man Gerhard verpasst hatte. Es war auch kaum Haarschnitt zu nennen, man hatte ihn einfach kahl geschoren.
„Schlank bist du geworden!“
„Scherzkeks! Aber vielen Dank für deine Mühe! Dass du gekommen bist! Vorhin war ein Anwalt da, und davor einer von der Botschaft.
Die meinten alle, ich sitze ganz schön in der Klemme. Wie geht es dir denn eigentlich? “
„Ich nehme mal an, besser als dir.“
„Dazu gehört nicht viel“
„Ich habe auch das Schweizer Ehepaar getroffen, und deine Freundin. John vom Hotel, auch die Schweizer und deine Freundin lassen dir schöne Grüsse ausrichten. Du sollst nur durchhalten, so schlimm kann es nicht werden, sagen sie alle“
„Sie haben alle Glück, dass sie nicht in meiner Haut stecken. Aber es sieht wirklich beschissen aus“.
Gerhard erzählte noch mal so genau wie möglich die Story – zum wievielten Mal eigentlich?
„Besonders schlimm ist, dass der Anwalt und eventuell die Polizei von hier nicht nach Kambodscha dürfen. Dort liesse sich ja schon mit etwas gutem Willen vielleicht fast alles aufklären. Denn da hat der Schlamassel begonnen, mit der abgezockten zahnlosen Fuckoma in der Bar.“
„Warum können die denn nicht die Leute in Kambodscha verhören?“
„Die Beziehungen zwischen beiden Ländern sind zerrüttet. Sie hatten vor zwei Monaten sogar einen kleinen Krieg, wegen irgend so eines alten Trümmertempels. Der Grenzverlauf ist dort umstritten, und vor zwei Jahren hatten sie auch beinahe einen richtigen Krieg, weil irgendeine thailändische Schauspielerin behauptet hat, Angkor Wat, der Riesentempel im Dschungel, sei von Thailändern gebaut worden – so ein Quatsch, wegen so etwas einen Krieg anzufangen.
Die spinnen hier alle!“
***
Darauf meinte der Neffe: „Na ja, dann gehe ich halt selbst mal nach Kambodscha, mal sehen, ob man da was machen kann – vielleicht mit Kohle; die sollen ja alle sehr arm sein, diese Cambos.“
Er versuchte Gerhard zu beruhigen.
„Der von der Botschaft hat gesagt, hier in Thailand ist noch kein Weisser hingerichtet worden“
„Na toll, nur in diesem Rattenloch würde ich auch nicht überleben.“
„Jetzt bleib mal cool“, sagte Christoph, „Gene Banig, Baul“.
Er wollte seinen Onkel aufheitern.
„Ich hole dich schon hier raus, irgendwie, und wenn ich diesen ganzen Knast hier in die Luft sprenge!
Ich fahre auf jeden Fall nicht zurück, solange du noch hier drin bist, und wenn du hier raus bist, dann gehen wir einen ziehen wie in alten Zeiten!“
Gerhard erklärte ihm, was in seinen Augen das Sinnvollste sein könnte: Man müsste zu der Dame von der Bar in Ko Kong gehen, und sie zum Reden bringen. Nur die Thailänder dürfen nicht rüber!
Chris allerdings, war noch nie in Kambodscha gewesen.
Aber er war mutig, und das machte Gerhard wiederum etwas Mut. Und er hatte Kohle, mehr als er. Nur hatte er weniger Zeit, denn er arbeitete in einem Verlag als Geschäftsführer. Wenn die zweieinhalb Wochen, die er hier sein wollte, vorüber waren, musste er zurück zu seinem Job. Da war er unabkömmlich.
Als hätte Chris die Gedanken seines Onkels erraten, sagte er: „Wenn ich zurück müsste, und du bist noch hier drin, dann bleibe ich halt hier. Ich fahre nur mit dir zusammen zurück nach Deutschland, darauf gebe ich dir mein Wort. Und wenn die mich feuern, dann sollen’ se halt. Alle oder keiner!“
Gerhard war gerührt, sagte aber: „Lass mal, irgendwie geht immer!“
Ich will nicht, dass er auch noch wegen mir Probleme bekommt, und gute Jobs sind zu Hause schwer zu finden.
Er verabschiedete sich, da der Wärter energisch an die Gitter schlug, umarmte ihn, und murmelte: „Halt’ durch, Onkel!“
Gerhard drehte sich schnell um, damit Chris nicht die Tränen sehen konnte, die ihm in den Augen standen.
Von aussen rief Chris noch einmal ganz laut: „Halt‘ durch, Onkel!“
Er dachte den ganzen Abend nach, auch später, als er auf des Onkels Wohl ein paar Bierchen zog…
Und dann, am nächsten Tag, tat er das wahrscheinlich Vernünftigste in dieser verfahrenen Situation.
Chris geht nach Kambodscha
Chris setzte mit der ersten Fähre zum Festland über, nahm eines der Taxis und liess sich zum Flughafen nach Trat fahren. Dort nahm er die nächste Maschine nach Bangkok. Gegen Mittag bekam er einen Flug nach Phnom Penh, wo er gegen 14.00 Uhr landete.
Dort quartierte er sich in einem Hotel in der Nähe der deutschen Botschaft ein.
Pünktlich zur Öffnungszeit, um neun Uhr am nächsten Morgen, betrat er die Botschaft. Am Empfang sagte er, er müsse in einer dringenden Familienangelegenheit mit jemandem sprechen.
Kurz darauf sass er einem älteren Herrn gegenüber, der sich als dritter Botschaftssekretär, Paul Naumann, vorstellte. Der hörte interessiert zu, was Chris ihm zu sagen hatte. Dann meinte er, Chris solle doch Kontakt zur Botschaft in Bangkok aufnehmen, weil sein Onkel in Thailand im Gefängnis sitze; die zuständigen Behörden in Thailand seien zuständig. MMMmmm
Chris warf ein: „Sehr geehrter Herr Neumann, bitte hören sie einen Augenblick zu.“
Und er erzählte von der ‚Hallo Bar’ in Ko Kong, und dass er mit der Bardame Wu dort reden wolle, die in seinen Augen der Schlüssel zu einer Lösung sei. Mitglieder der Botschaft in Bangkok dürften allerdings nicht in Kambodscha ermitteln. Deshalb sei er auf die Zusammenarbeit der Botschaftsmitglieder von Pnom Penh angewiesen. Er wüsste gerne, ob er bei seiner Aktion, wenn nötig, Hilfe von der Botschaft hier erhalten könne.
Herr Naumann fragte freundlich „Wie soll ich mir das vorstellen?“
Chris antwortete: “Wenn ich Hilfe von der Polizei zum Beispiel brauche. Wenn ich von der Dame die Aussage schriftlich hätte, dass die meinem Onkel das Zeugs ohne sein Wissen in den Koffer bugsiert hat, und wie viel es war, könnte ich damit in Thailand viel anfangen, denke ich mir.“
Unerwartete Hilfe
Herr Naumann kam ins Grübeln.
„Unten im Süden haben wir keine Einflussmöglichkeiten, schon gar nicht auf die Polizei! Aber halt, ich habe da eine Idee – vielleicht gibt es doch einen Weg, wie ich Ihnen helfen kann. Da schuldet mir noch jemand was!“
Er griff zum Telefon, und führte ein kurzes Telefonat. Zufrieden lächelnd legte er den Hörer wieder auf. „Scheint zu klappen.“
Chris horchte auf.
„Sie müssen wissen: ich fing hier während der Katastrophe mit Pol Pot an. Es war eine schlimme Zeit. Ich weiss nicht, was ihnen darüber bekannt ist. Seine Bande wollte aus dem Land einen steinzeitlichen Bauernstaat machen. Alle Intellektuellen, die sie fassen konnten, haben sie eingesperrt und die meisten hingerichtet. Als Intellektueller galt man schon, wenn man nur eine Brille trug. Kurz, sie haben alles, was für sie als irgendwie „Gebildet“ galt, auszurotten versucht. Auch Akademiker halt. Und auch die Stadtbewohner, die noch nicht geflohen waren. Man nimmt an, über zwei Millionen, und das bei einer geschätzten Bevölkerung von damals von acht Millionen. Um Patronen zu sparen, sind sie nach einiger Zeit dazu übergegangen, die Leute mit Knüppeln oder Macheten zu erschlagen. Phnom Penh hier war wie eine Geisterstadt. Und irgendwann in dieser Zeit, etwa 1977, kam ein Lehrer, den ich flüchtig gekannt hatte, nachts durch ein Loch, das er in den Zaun der Botschaft geschnitten hatte, geflüchtet, mit einem kleinen Säugling im Rucksack.
Seine Frau, ebenfalls Lehrerin, hatte man am Abend vorher erschlagen. Ich war an diesem Abend zum Telefonnotdienst eingeteilt. Obwohl strikte Anweisung bestand, keine Flüchtlinge aufzunehmen, habe ich ihn aus Mitleid im Keller versteckt. Dass ich damit meine Karriere ruinieren würde, wenn das bekannt würde, war mir egal.
Dieser Herr Mon Ban hat dann dort, von mir notdürftig versorgt, mit seinem Kleinen unbemerkt gehaust.
Als dann nach fünf Monaten die Vietnamesen einmarschiert sind, haben sie die Pol Pot Bande in den Dschungel vertrieben. Ich konnte ihn, ebenfalls heimlich, nachts nach draussen lassen. Seitdem haben wir uns oft getroffen, aber ein Jahr später ist er gestorben.
Ich habe mich in der Folgezeit, so gut es ging, um seinen Sohn gekümmert. Er ist jetzt 33 Jahre alt und Polizeileutnant.
Den treffen wir nachher zum Essen – wir wollen mal sehen, was der meint.“
Chris war verwundert – mit einem so freundlichen, hilfsbereiten Menschen hatte er hier, am Arsch der Welt, nun wirklich nicht gerechnet.
Überfall auf Herrn Prem
Herr Prem sass vor dem Fernseher; er hörte es läuten.
Es klingelte schon wieder.
Er schrie „Dummes, faules Weib, mach endlich auf“.
Es klingelte noch einmal. Offenbar war sie weggegangen.
Wahrscheinlich war sie wieder bei der Nachbarin zum Quatschen und Tratschen. Ärgerlich erhob er sich vom Sofa. Jemand schlug mit der Faust gegen die Tür.
„Was soll das?“, dachte er ärgerlich und erhob sich.
Im gleichen Moment, in dem er den Riegel öffnete, flog ihm die Tür entgegen, genau gegen seine Stirn.
Zwei Fremde traten ein, einer war dick, der andere sehr lang.
Herr Prem hielt die Rechte an seine Stirn; sie blutete.
Er starrte die Beiden an. Der Dicke stiess Herrn Prem mit seinem rechten Knie in den Unterleib.
Herr Prem krümmte sich zusammen – ihm blieb die Luft weg.
Er fiel auf seine Knie. Der Dünne zog ihn an den Haaren wieder in die Senkrechte. Ein Stöhnen kroch Herrn Prem aus der Kehle.
Der Dicke drückte mit seinem Zeigefinger in Prems Auge. Er drückte immer tiefer.
Herr Prem war halb besinnungslos vor Schmerzen. Der Dicke zog seinen Zeigefinger zurück, der Dünne liess Prems Haare los.
Herr Prem klappte zusammen.
Der Dünne beugte sich über den auf dem Boden Liegenden, und sagte mit höhnischem Grinsen: „Das war der erste Besuch. Das nächste Mal drücke ich mit dem Finger tiefer, bis dein Augapfel ausläuft. Der Chef Fu Man lässt dir ausrichten, dass es ihn nicht interessiert, wer das Pulver hat. Er gibt dir vier Wochen Zeit, das verlorene Pulver zu ersetzen. Es sind genau 5‘000 $.
Wenn das Geld bis dahin nicht da ist, bist du tot. Der Chef lässt nicht mit sich spassen. Nächste Woche kommen wir wieder. Versuche nicht, abzuhauen. Wir überwachen dich. Im Moment, indem du versuchst, die Stadt zu verlassen, wirst du erschossen.“
Dann trat der Dicke noch einmal in den zusammengekrümmten Körper, und sagte lachend: „Bis zum nächsten Mal! Du weisst jetzt, was los ist“
Damit polterten die Beiden die Treppe hinunter.
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