Читать книгу: «Unheimliches Wien»
Robert Bouchal
Gabriele Lukacs
Unheimliches Wien
Gruselige Orte
Schaurige Gestalten
Okkulte Experimente



Die Montecuccoligruft in der Kirche Am Hof.

Das Grauen über den Dächern von Wien.

Totenköpfe auf den Särgen der Montecuccoligruft.
Inhalt
Cover
Titel
Bilder zum Buch
EINLEITUNG
I. KAPITEL SPUKHÄUSER
1. Spuk im Palais Clary
2. Nazispuk und Initiation
3. Die weiße Frau
4. Literarische Geister in der Hofburg
5. Der Geist des Dichters Friedrich Hebbel
6. Schubert oder Mozart?
7. Die Poltergeister vom Palais Cavriani
8. Geisterspuk auf dem Leopoldsberg
9. Knochenfund im Ratzenstadl
10. Das Katzensteighaus
II. KAPITEL WIEDERGÄNGER – SCHEINTOTE – VAMPIRE
1. Exorzismus und Hexenverbrennung
2. Die Vampirgräfinnen von Wien
3. Van Swieten – der Vampirjäger
4. Der letzte Freier
5. Miasmen und blutende Leichen
6. Lebendig begraben
7. Der Graf von Saint Germain
III. KAPITEL UNHEIMLICHE BEGEGNUNGEN
1. Die Außerirdischen kommen: UFO über Wien
2. Men in Black und „Grauer Bote“
3. „E. T.“ aus Atzgersdorf
IV. KAPITEL UNHEIMLICHE EXPERIMENTE
1. Der Goldmacher von Rodaun
2. Die Homunculi des Abbé Geloni
3. Mesmer und der animalische Magnetismus
4. Grausige Heilmittel
5. Odstrahlung auf dem Cobenzl
6. Stimmen aus dem Jenseits
V. KAPITEL UNHEIMLICHE VORZEICHEN UND ERSCHEINUNGEN
1. Der Jausenengel vom Stephansdom
2. Das Marienwunder von Lainz
3. Geheimnisvolle Zeichen im Heiligen Gral
4. Ein rätselhaftes Kaiserbild
5. Der unheimliche Todesbote
6. Schwarze Sonne über Wien
7. Der schwarze Tod
8. Blutregen und Heuschreckenplagen
VI. KAPITEL LEGENDÄRE FLÜCHE
1. Fluch über Habsburg
2. Der Fluch beladene Edelstein
3. Hexenspuk in der Gluthmühle
VII. KAPITEL DIE UNTERWELT VON WIEN
1. Die Entdeckung einer unbekannten Gruft
2. Kellerlabyrinthe rund um den Michaelerplatz
3. Heidenschuss
4. Dr. Faust in Wien
5. Die Opiumhöhle von Wien
6. Fackeltour zu den Kanalratten
7. Die Kanalmenschen
8. Die geplante Leichen-Rohrpost
VIII. KAPITEL GRUSELIGES IM MUSEUM
1. Der Unglückswagen von Sarajevo
2. Kaiser Rudolfs Alraunen
3. Folter im Bunker
4. Mord und Totschlag
5. Abnormitäten in Wachs und Spiritus
6. A schöne Leich’
NACHWORT
DANKSAGUNG
QUELLEN UND LITERATUR
BILDNACHWEIS
STADTSPAZIERGÄNGE
IMPRESSUM
EINLEITUNG
Seit Jahrhunderten werden in Wien Geister gesehen und beschrieben, oft kann man sich mit ihnen sogar unterhalten. Man trifft sie als Wiedergänger oder „weiße Frau“, sei es in Schlössern, in Privathäusern oder in den Straßen. Wien ist offenbar ein fruchtbarer Boden für Geister, Gespenster und Vampire. Dieses Buch begibt sich auf ihre Spuren. Es führt einerseits zu Menschen, deren Kontakte mit dem Jenseits durchaus ernst zu nehmen sind, andererseits aber zu Erscheinungen, die ins Reich der Sage zu verweisen sind, auch wenn sie für vergangene Generationen wahrhaftig waren. Manche Orte sind furchterregend und unheimlich, doch wurden auch Berichte aufgenommen, die nicht ernst zu nehmen oder hinterfragbar sind. Wer erinnert sich nicht gerne an die Schauer, die einem in der Kindheit beim Hören von Gespenstergeschichten wohlig über den Rücken liefen. Vor dem Zubettgehen sah man sicherheitshalber noch unter dem Bett nach, ob dort etwa eines der Gespenster verborgen war. Doch irgendwann im Laufe des Erwachsenwerdens verlor man zusammen mit der magischen Kinderseele auch diese Furcht und vergaß die bösen, aber auch die guten Geister, die Feen und Schutzengel, die einen als Kind oft beschützt und getröstet hatten. Die Wissenschaftsgläubigkeit, die nur akzeptiert, was man beweisen kann, ist allerdings gerade in unserem heutigen Computer-Zeitalter an ihre Grenzen gestoßen, da die Forschung noch immer nicht alle unsere Fragen beantworten und auch die Kirche uns nicht immer trösten kann. So macht sich eine gewisse Sehnsucht nach dem Übernatürlichen bemerkbar, von dem man heute wieder sprechen kann, ohne verlacht zu werden. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes „Spectra“ im Jahre 2002 sind 65 Prozent der befragten 1.000 Österreicher von zumindest einem übernatürlichen Phänomen wie Geisterbeschwörung, Gedankenübertragung oder Hellseherei überzeugt, vor allem Frauen und Jugendliche können sich der Faszination des Übersinnlichen nicht entziehen. Knapp ein Drittel der Befragten hält Wunderheilungen sowie übersinnliche Wahrnehmungen für möglich, rund ein Viertel glaubt an Hellseherei und Wahrsagerei oder an Telekinese, das Bewegen oder Verbiegen von Gegenständen ohne sichtbare Ursache. An Geisterbeschwörungen, Hexerei und Exorzismus glaubten hingegen nur zehn Prozent der Befragten. (Bericht in Der Standard, 23./24. Februar 2002, APA) Die Ansicht darüber, was unheimlich ist, ändert sich laufend, jede Zeit hat ihre eigenen Gespenster, ihre eigenen übernatürlichen Erscheinungen, die dem Verlauf der Geschichte und damit der Mode unterliegen.

Die Schauplätze von Geister- und Gespenstergeschichten: modrige Keller und düstere Verliese
Der Glaube an das Übersinnliche steht in direktem Zusammenhang mit den Wünschen der Menschen. An erster Stelle steht dabei der Wunsch, den Tod zu überwinden. Die Angst vor dem eigenen Sterben, die Verzweiflung über den Verlust geliebter Menschen, das Grauen vor dem Verwesungsprozess sind als starke Gefühle in der Lage, Geister erscheinen zu lassen. Ob dies nun wirklich geschieht oder vom Betroffenen nur so empfunden wird, ist dabei nebensächlich. Um lange zu leben, musste man seinerzeit auf Zauber und Zaubermittel vertrauen, die nicht immer zum Bereich der weißen Magie zählten – heute braucht man die schwarzen Hexen und ihre grausigen Tränke nicht mehr, da die Medizin wirksame Heilmethoden und Mittel bereithält. Die Hexen sind daher aus der Mode gekommen. Da die Ärzte aber gerade bei den chronischen Leiden oft nicht helfen können, wendet man sich den Wunderheilern zu. Früher nahm das zauberische Schatzsuchen einen breiten Raum ein, man findet alte Berichte und vor allem Sagen darüber auch in Wien in Hülle und Fülle, noch im 17. Jahrhundert galt: „Wenn jemand mit Zauberei einen Schatz zu erobern sich untersteht, ist dasjenige, was er findet, unserer landesfürstlichen Kammer verfallen und noch dazu die Bestrafung wegen solcher verübten Zauberei dem Landesgerichtsherrn zu überlassen.“ Heute hofft man nicht mehr auf einen herbeigerufenen Gnom, der einem den Weg zu Gold und Silber weist, sondern spielt bei „Glücksspielen“ mit und lässt sich gar online oder von Hellsehern im Fernsehen Ziffern ansagen.
Der Glaube an Wunder stirbt nicht. Auch die Heiligen wurden oft um Glück und Gesundheit angefleht – und oft genug haben sie geholfen, glaubt man den Berichten. Wenn aber möglich ist, dass sie die Wünsche hören und erhören, dann ist es auch möglich, mit anderen Verstorbenen Kontakt aufzunehmen, was sich viele Menschen sehnlichst wünschen. Geister sind demnach Wesen, die den Menschen helfen oder sie erschrecken. Doch wie kann man sie erkennen? Sind sie sichtbar oder unsichtbar? Zeigen sie sich nur zu ganz bestimmter Zeit? Und aus welchem Stoff bestehen sie? Der Begriff „Äther“ stammt aus dem vorigen Jahrhundert und bezeichnet eine unsichtbare Substanz, die man für alle Geisterscheinungen verantwortlich macht. Der Begriff „Od“ stammt von Baron Reichenbach und bezeichnet jene Lichterscheinung, die auch als „Aura“ oder „Biophotonen“ bezeichnet wird. „Ektoplasma“ ist eine watteähnliche Substanz, die bei Medien aus Körperöffnungen wie Mund und Nase fließt. Aus dem Ektoplasma materialisieren sich Geister und manchmal auch Gegenstände, die jedoch nicht von Dauer sind. Das Spektrum reicht von unsichtbar bis zur körperlichen Materialisation, manchmal wird von spiralförmigen Luftwirbeln bei Geistererscheinungen erzählt. Auch über unterschiedliche sensorische Wahrnehmungen wird berichtet, von kühlem Windhauch bis zu messbaren Temperaturschwankungen. Die Geister werden als weißlich oder blau-violett beschrieben.

Totenköpfe auf zerfressenen Särgen künden von der Endlichkeit des Seins.
In den Wiener Sagen begegnet uns noch eine andere Art von Geistern, die alten heidnischen Götter, die noch immer umgehen sollen und den Menschen manchmal helfen, manchmal schaden. Frau Holle (Hulda, Freia) begegnet uns ebenso wie Wotan und die wilde Jagd, die nächtens mit Donnergroll durch die Lande zieht. Die Wassergeister warnten zwar oft vor der Flut, zogen aber etliche Fischer zu sich hinab. In früheren Zeiten fühlten sich die Menschen von den Naturgewalten viel stärker bedroht als heute, und so sind auch diese Geister aus der Mode gekommen. Unheimliche Menschen gibt es heute keine mehr, der Henker, bei dessen Anblick einem graute, gehört der Vergangenheit an. Dafür gehen „Stecher“ mit AIDS-verseuchten Nadeln als eine neue Art von Gespenstern und Vampiren um, und schon bilden sich um sie neue Sagen – denn sie erzeugen Angst. Dasselbe gilt für die UFOs, deren einige über Wien gesichtet wurden. Der Vampirglaube hatte sonderbarerweise in Mittel- und Westeuropa in der Zeit der Aufklärung besondere Konjunktur, während der Hexenglaube allmählich an Bedeutung verlor. Die Kirche war nicht mehr das Maß aller Dinge, und was man in ihrem Namen über die Hexen fabuliert hatte, hatte keine Geltung mehr, daher verschwand das crimen magiae aus den Gesetzbüchern. Die Medizin hingegen war die kommende Wissenschaft, und die Toten waren real. Der Vampir ist eine Art unheiliges Gegenstück zu den Heiligen, galt der unverweste Körper doch oft als Zeichen der Heiligkeit. Mit den Vampiren hatte sich das 18. Jahrhundert jedoch ein Problem geschaffen, das die Aufklärer als „Aberglauben“ zu bekämpfen hatten. Auf Wiener Boden spielte der Vampirismus übrigens keine sehr große Rolle, der berühmteste Vampirjäger liegt aber hier begraben. Und so schließt sich der Kreis, der von echten übersinnlichen Erfahrungen bis zum Schwindel, von Vampirjägern bis zu Henkern, von heidnischen Göttern bis zu christlichen Heiligen, von unterirdischen Grüften bis zu unheimlichen Orten führt. Die Texte und Bilder in diesem Buch wollen Gedankenanstöße geben und Lust darauf machen, auf deren Spuren zu wandeln – sei es nachdenklich oder mit einem Schmunzeln oder gar mit einem gruseligen Schauer.

Gespenster in einem Wiener Spukhaus.
Von einigen Wiener Gebäuden und Plätzen ist glaubhaft überliefert, dass es sich um Spukhäuser oder doch zumindest um unheimliche Orte handelt. Die Autoren besuchten etliche davon und trafen für den Leser eine repräsentative Auswahl.
1. SPUK IM PALAIS CLARY
1.,HERRENGASSE 9
Eine bezeugte und durchaus glaubwürdige Spukgeschichte ist uns durch den englischen Botschafter Sir Horace Rumbold (1869 – 1941) überliefert worden. Sie trug sich während seiner Wiener Dienstzeit im Palais Clary in der Herrengasse zu, das seiner Gesandtschaft damals kurzfristig zur Verfügung stand. Wie er in seinen von Gunther Martin herausgegebenen Erinnerungen schreibt, habe ihm die Fürstin Clary eine höchst seltsame Geschichte erzählt. Während einer längeren Abwesenheit der Fürstenfamilie war das Palais geschlossen geblieben. Vor ihrer Rückkehr sollte die Beschließerin Vorbereitungen für den Empfang der Familie treffen. Als sie in das noch unbewohnte Gebäude kam, hörte sie Stimmen und Lärm aus einem der Zimmer und erblickte hinter einer Milchglastüre Menschen in altmodischer Kleidung. Als sie in das Zimmer trat, fand sie jedoch niemanden vor, und nichts deutete darauf hin, dass sich jemand vor kurzem darin aufgehalten hätte. Der Spuk war so plötzlich verschwunden, wie er aufgetaucht war. „Man könne kaum bestreiten“, erzählte die Fürstin dem Engländer, „dass in dem alten Bau bisweilen rätselhafte Gestalten auftauchten, ohne dass man ihr Erscheinen überzeugend zu erklären vermöchte.“ Sir Horace war ebenfalls ganz überzeugt: „Es steht auch außer Frage, dass das Palais Clary während der Zeit als Sitz unserer Gesandtschaft sein unheimliches Wesen noch deutlicher offenbarte“. Er berichtet von einem unheimlichen Erlebnis, das die Frau und die Tochter eines seiner Vorgänger dort hatten. „An einem sonnigen Vormittag saßen sie in einem langen, schmalen, galerieartigen Wohnzimmer, das sie normalerweise benützten. Miss X las ihrer Mutter aus einem französischen Buch vor, als diese zu ihrem Erstaunen den Leibjäger ihres Gatten wartend an der Stirnwand des Raumes stehen sah und ihrer Tochter befahl:, Sag Fritz (dem Leibjäger), er soll zu deinem Vater hinuntergehen, der ihn sicherlich braucht.‘ Miss X schritt auf den Mann zu, aber als sie näher kam, war er nicht mehr da. Sie ging zu ihrer Mutter zurück, da erblickten die beiden ihn wieder, und Miss X wollte ihm neuerlich den Auftrag überbringen. Das geschah dreimal, immer mit dem gleichen Ergebnis. Mutter und Tochter wären sehr erschrocken darüber gewesen, einen Geist vor sich zu sehen. Später erzählte Fürst Clary, dass in jenem Zimmer ein Leibjäger ermordet worden sei, der seitdem im Haus spukte.“

Noch heute soll es im Palais Mollard-Clary in der Herrengasse 9 spuken.
Das Palais Clary, das sich von 1760 bis 1922 im Besitz dieser Familie befand, ist eines der wenigen dokumentierten Spukhäuser Wiens. Ist es nicht eine Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet die Britische Botschaft dort untergebracht war? Ein passenderes Haus für die geistergläubigen Briten hätte man in Wien schwerlich finden können. Doch berichtete auch der letzte Nachkomme der Familie, Alfons Clary-Aldringen, in seinem Buch „Geschichten eines alten Österreichers“ über unheimliche Begegnungen, die er in diesem Hause hatte. Und selbst später, als das Palais schon längst von der Niederösterreichischen Landessregierung zu Bürozwecken verwendet wurde, soll es unheimliche Erscheinungen gegeben haben.
TIPP
1., Herrengasse 9. Palais Mollard-Clary. Globen- und Esperantomuseum und Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek. Öffnungszeiten täglich außer Montag 10 : 00 – 18 : 00, Donnerstag bis 21 : 00.
2. NAZISPUK UND INITIATION
1., RENNGASSE 14
Ein ebenfalls glaubhafter Zeuge erzählt von einem anderen Spukhaus aus jüngster Vergangenheit. Alfred Ballabene, „Jenseitsforscher“ und begabtes Medium, erhielt einst in einer Wohnung im 5. Stock des Hauses 1., Renngasse 14 eine schamanistische Initiation durch seinen Lehrer und Adoptivvater. Die Wohnung war angeblich während der Hitler-Ära ein Atelier des Fotografen Strobl gewesen, eines Mitarbeiters von Heinrich Hoffmann (1885 – 1957), der als Hitlers Leibfotograf bekannt wurde und in dessen Atelier Hitler das Lehrmädchen Eva Braun kennen gelernt hatte. Strobl konnte allerdings von der Autorin nicht identifiziert werden. Alfred Ballabene berichtete Folgendes:
„Als die Wohnung von meinen Adoptiveltern übernommen wurde, war dort eine Kiste mit Fotos aus dem dritten Reich. Diese Kiste wurde den Engländern auf deren Wunsch übergeben. Ich sah hiervon nur ein Bild mit Göring. Was sich mir jedoch einprägte, war die Kuriosität der Szene. Göring stand mit einem Speer vor einem erlegten Eber. Auf dem Foto stand handgeschrieben, dass der Telegraphendraht (der quer über den Himmel auf dem Bild verlief) wegretuschiert werden sollte.“

Schauplatz okkulter Einweihungen: Renngasse 14.

Geisterbeschwörung im magischen Kultraum.
Geisterscheinungen im magischen Kultraum
Seine Erinnerung an Geisterscheinungen in dieser Wohnung veröffentlichte Alfred Ballabene in seinem Buch „Guru und Schülersohn“, wo er schreibt: „Die Wohnung von meinem Guru und Meister hatte Geschichte. Sie lag in der Innenstadt von Wien und zwar am Rande des alten Stadtgrabens. Alles rund herum hatte die Patina wechselvoller Ereignisse der letzten tausend Jahre. Türkenkriege, Pest, ein Knotenpunkt für den Handel mit dem Orient – die Stadt hatte ein wechselvolles Leben. Das strahlte auf die Atelierwohnung aus, von deren Dachterrasse man auf die Giebel der umliegenden Häuser sehen konnte, aufgelockert durch die zahlreichen Kirchentürme dazwischen. Die dortige dichte Aura hatte auch eine Rückwirkung auf mich. Sie erhöhte meine Medialität. Zur mentalen und emotionalen Patina der Stadt kam nämlich noch die Aura der Wohnung hinzu.“ In der Wohnung soll sich ein hallenähnlicher Kultraum mit schlauchartigen Gängen befunden haben. Gotische Spitzbogen und Eisenrosetten verzierten die mit schwarzem Holz verkleideten Wände. Eine erhöhte Kammer mit einer Sitzbank war dem Anschein nach für geheime Kulte verwendet worden. Herr Ballabene schlief in diesem großen Raum. Über seine nächtlichen Erscheinungen berichtet er:
„Wenn ich im Bett lag und zur Zimmerdecke empor blickte, sah ich über mir schwarze Deckenbalken mit Tierköpfen. Das Kopfende von meinem Bett war ungefähr einen Meter von dem geheimnisvollen Gang entfernt. Ich lag anscheinend im Zentrum eines ehemaligen magischen Kultraumes. Noch immer schienen einige der früher beschworenen Kräfte im Raum zu hängen. Ich bin überzeugt, die magische Aufladung des Ortes erweckte mein mediales Empfindungsvermögen und führte zu Halbschlafzuständen mit geisterhaften Begegnungen.“
Oft quälten ihn Albträume, dann schreckte er aus dem Schlaf hoch und sah Geistergestalten im Raum. Unter ihnen war eine alte Frau, die sich um ihn zu sorgen schien, sie deckte ihn regelmäßig zu, und er schlief dann seelenruhig weiter. „Oft stand sie einfach nur in meiner Nähe. Sie sorgte sich fürsorglich um mich, das fühlte ich.“
Ballabenes Fähigkeit des „Astralreisens“ soll in der dichten magischen Atmosphäre der Räumlichkeiten voll zur Entfaltung gekommen sein. Wenngleich sich seiner Darstellung nach die ersten außerkörperlichen Phänomene nach Albträumen und Schlafparalyse als Geistersehen zeigten, entwickelte er doch über einen Zeitraum von mehreren Jahren schamanische Fähigkeiten. Am Ende seiner Lehrjahre wurde er von seinem Meister als Sohn adoptiert. Heute gibt es diese Wohnung nicht mehr. Die Etage im 5. Stock wurde zur Direktionswohnung umgebaut und mit einer 400 Quadratmeter großen Dachterrasse verbunden.
TIPP
1., Ecke Wipplingerstraße – Renngasse 14. Kathreinbank.
Literaturtipp: Alfred Ballabene: Guru und Schülersohn, Wien 2009
3. DIE WEISSE FRAU
1., HOFBURG; HERRENGASSE 6 – 8; SCHOTTENKLOSTER; 4., THERESIANUM
Ein Geist wird in den europäischen Schlössern und Burgen seit dem 15. Jahrhundert besonders oft gesichtet: die „weiße Frau“. Eine weibliche Erscheinung, die meist in wallende, weiße Gewänder gehüllt und mit weißen Handschuhen bekleidet ist. Unzählige Sagen und Legenden ranken sich um ihr nächtliches Auftreten und dessen Bedeutung. Es handelt sich oft um eine Angehörige der betroffenen Familie, Ahnfrau oder Letzte eines Geschlechts, und sie zeigt sich um ihre Familie oder die jetzigen Schlossbewohner besorgt. Ihr Erscheinen kündigt nicht immer und überall nur Unglück an, sondern kann auch freudigen Ereignissen wie Hochzeiten oder Geburten vorausgehen. Sie ist also ein guter Geist, auch wenn sie in früheren Jahrhunderten den Habsburgern in der Hofburg den Tod ankündigte.
Der österreichische Dichter Franz Grillparzer holte sich die Inspiration für seine „Ahnfrau“ auf Schloss Greillenstein im Waldviertel – nicht von ungefähr, denn auch dort geht eine weiße Frau noch heute um.
Bertha von Rosenberg
Eine historisch fassbare Frau, die nach ihrem Tod zu einer solchen weißen Frau wurde, ist die böhmische Adelige Bertha (Perchta) von Rosenberg, geboren 1425 auf dem Stammschloss der Rosenberger in der Nähe von Krumau. Seit 1449 verheiratet mit Johann V. von Liechtenstein († 1473), hatte sie Schlimmes durchzumachen, der untreue Gatte quälte sie auf das Grausamste. Das Paar lebte zunächst in der Steiermark, dann in Wien in seinem Stadthaus in der Herrengasse, das damals noch ganz neu war, denn das Areal stand erst seit 1443 im Besitz der Familie Liechtenstein. Das Haus wurde später erweitert und umgebaut, 1913 aber mitsamt dem berühmten Bösendorfer-Saal abgerissen. An seiner Stelle steht seit 1932 das älteste Hochhaus von Wien. Bertha trennte sich von ihrem Gatten und zog sich auf ihr Schloss Neuhaus zurück.
Die Wiener Überlieferung sieht sie in freundlichem Licht: Als der böse Gatte endlich starb, zog die arme misshandelte Frau weiße Kleider an und feierte fröhlich ihre Freiheit, anstatt seinen Tod zu betrauern. Die Strafe für diesen Frevel ist ewige Ruhelosigkeit – bis zum heutigen Tag. Sie erschien meist nachts, bisweilen aber selbst am helllichten Tag. Ihre weißen Gewänder sollen ihr Antlitz stets verhüllt haben, denn es war schaurig anzusehen: „Besonders furchtbar und grässlich, so versichern einstimmig alle, die sie gesehen haben wollen, soll der starre stechende Blick ihrer großen, schwarzen Augen sein, die sie fest und unbeweglich auf diejenigen heftet, denen sie erscheint, wenn sie langsam und schweigend, von ihren seidenen Gewändern umrauscht, an ihnen vorüber schreitet. Bis ins innerste Mark dringe dieser kalte, zermalmende Blick, und erfülle die Seele mit eisigem Entsetzen. Wer einmal in diese toten Gluthaugen geblickt, werde sie in seinem Leben nicht mehr vergessen.“

Um Mitternacht erhellen sich die Gänge in der Gruft des Schottenstifts. Die „weiße Frau“ geht um. Seit 400 Jahren, so die Legende, harrt sie der Erlösung und kann keine Ruhe finden.
Auch heute soll sie hin und wieder in Neuhaus gesehen werden. Ihr Erscheinen kündet dem Betroffenen immer den Tod oder sonst ein schweres Unglück an. Man sah sie auch gebeugt vor dem Bettchen schlafender Kinder stehen, die bald danach starben. Sie zeigt sich in Gemächern und Gängen, manchmal in der Schlosskapelle, ja selbst im Schlossgarten. Bertha starb in Wien am 2. Mai 1476 und wurde in einer Gruft in der Kirche des Schottenklosters beigesetzt.
Die weiße Frau im Schottenkloster
Schon bald nach ihrem Tod zeigte sie sich zum Schrecken der Novizen auch dort als Gespenst. „Seit Jahrhunderten, solange die Menschen für das Geistersehen noch ein Auge gehabt haben, sind die Schottenmönche auf ein trauriges Ereignis vorbereitet worden, wenn sich zu mitternächtlicher Stunde plötzlich Gänge im Schottenkloster erhellten und ein eiskalter Windhauch durch die Hallen strich. Die unglückliche Bertha von Rosenberg ging um. Die jungen Novizen erstarrten vor Entsetzen, wenn sie die in einem weißen Umhang erscheinende Frau erblickten. Aber so plötzlich wie sie erschienen war, entschwebte sie wieder in die Gruft, wo sie im Jahre 1476 begraben worden war. Niemals hatte es etwas Gutes zu bedeuten gehabt, wenn die weiße Frau bei den Schotten umging. Meist kündigte sie den Tod eines Mitbruders oder wohl gar des Abtes an. Und so harrt Bertha von Rosenberg schon seit über 400 Jahren der Erlösung und kann keine Ruhe finden.“ (Gustav Gugitz, Sagen und Legenden der Stadt Wien)
Beim Sagenkreis um Bertha oder Perchta von Rosenberg kann man übrigens feststellen, dass hier offenbar alte, heidnische Elemente eingeflossen sind, wie dies ja oft bei Geistergeschichten der Fall ist: Es handelt sich dabei um verschwommene Erinnerungen an die Göttin Perchta, auch Hulda genannt, die zumindest im „Perchtenlauf“ noch immer von sich reden macht.
Wer ist die „weiße Frau“ in der Hofburg?

Klagt die Skandalwitwe noch heute in den Gängen der Hofburg?
Auf den Titel der „weißen Frau“ in der Hofburg gibt es noch eine andere Anwärterin, sonderbarerweise war auch sie eine lustige Witwe, und damals war noch weiß die Trauerfarbe. Nachdem er die Babenbergerin Margarete verstoßen hatte, heiratete König Przemysl Ottokar II. im Jahre 1261 die wunderschöne, sechzehnjährige Kunigunde von Kiew, die mit ihm zeitweise in der Wiener Hofburg residierte. Als sie 1278 Witwe wurde, trauerte sie nicht allzu lange um ihren Gatten, sondern ging – welch ein Skandal – eine Liebschaft ein mit einem gar nicht ebenbürtigen Mann namens Zawisch von Falkenstein, dem sie einen Sohn schenkte. Wohlgemerkt, ohne den Segen der Kirche! Zawisch wurde zu einem einflussreichen Mann und endlich holte man die Hochzeit im Jahre 1285 nach, da Rudolf von Habsburg, der kurz danach zwei seiner Kinder mit den ihren und Ottokars vermählte, Druck ausübte. Zawisch wurde Hofmeister und faktisch Regent im Lande, Kunigunde starb aber bald. Fünf Jahre später ließ ihn Wenzel II., König Rudolfs Schwiegersohn, hinrichten. Die Habsburger haben Kunigunde also kein Glück gebracht. Klagt die „Skandalwitwe“ noch heute in den Gängen der Hofburg um König Ottokar und um Zawisch?
Die weiße Frau im Theresianum
Die adeligen Zöglinge des Theresianums wurden ebenfalls von einer umgehenden Frauenfigur erschreckt, wenn ein Todesfall in ihren Reihen bevorstand. Sie soll sich auch heute noch vor einem solchen Unglück zeigen, übrigens nicht immer in Weiß, sondern auch häufig in Schwarz gekleidet.
TIPP
1., Schottenkirche. Besichtigung der Kirche, Gruft, Bibliothek und Gemäldegalerie jeden Samstag 14 : 30. Das Grabmal der Bertha von Rosenberg existiert heute nicht mehr. Leider konnte auch anhand alter Archivmaterialien nicht mehr festgestellt werden, wo sich dieses Grab befunden hat.

Gottfried von Einem, Komponist und ehemaliger Bewohner der Hofburg, meldet sich aus dem Jenseits.
4. LITERARISCHE GEISTER IN DER HOFBURG
Die Wiener Hofburg verzeichnet alljährlich zwei Millionen Besucher, sie ist eines der Highlights jeder Stadtbesichtigung und zieht auch als Kongresszentrum viele Menschen an. Die meisten Besucher drängen sich von morgens bis abends durch die Kaiserzimmer, darunter die Wohnräume des Kaiserpaares Elisabeth („Sisi“) und Franz Joseph, die beide zum Mythos geworden sind. Erst nachdem am Abend der letzte Gast gegangen ist, die Büros und Veranstaltungsräume geschlossen sind, senkt sich allmählich Ruhe über die weitläufige Burg. Um Mitternacht jedoch, zur Geisterstunde, soll in dem ehrwürdigen Gemäuer emsiges Treiben erwachen. Dann kommen die ruhelosen Seelen ehemaliger Bewohner aus ihren Gräbern zurück und geistern durch die Hallen und Gänge.
Sie sind gut Freund mit einer lebenden Bewohnerin der Burg.
Lotte Ingrischs Jenseitskontakte

Geister und Gespenster bevölkern die Gänge der Wiener Hofburg.
Lotte Ingrisch (geb. 1930) wohnt an der nach ihrem verstorbenen Mann benannten Gottfried-von-Einem-Stiege, am Übergang zwischen der ältesten Hofburg, dem Schweizerhof, und dem barocken Reitschultrakt. Sie ist nicht nur die Grande Dame der österreichischen Geisterliteratur, sondern auch ein Medium mit intensiven Jenseitskontakten. 1993 gründete sie die „Schule der Unsterblichkeit“, um den Menschen die Angst vor dem Tod zu nehmen. In ihren Büchern berichtet sie von Geistern und Gespenstern, von ihren Jenseitskontakten mit dem verstorbenen Ehemann, dem Komponisten Gottfried von Einem (1918 – 1996) und sogar mit verblichenen österreichischen Politikern. In ihrem jüngsten Werk „Der Geisterknigge“ gibt sie Anleitungen zum Umgang mit Verstorbenen. Geister haben für sie nichts Unheimliches an sich, ganz im Gegenteil: Sie unterhält sich sehr gerne mit ihnen, denn schließlich waren sie ja einmal Menschen. Wie es unter den Lebenden Narren gibt, so gäbe es diese unter den Geistern. Warum sollte es also nicht auch geisteskranke Geister geben?

Schauplatz mehrerer Geistererscheinungen: die Gottfried-von-Einem-Stiege

Die ruhelosen Geister der Hofburg warnten die Habsburger vor Unglück
Mystik und Musik spielten im Leben des Ehepaares Ingrisch/Von Einem eine wesentliche Rolle. Schon zu Lebzeiten hatte auch Gottfried Kontakt mit dem Jenseits, beide machten mystische Erfahrungen und hatten Kontakt mit Geistern. Die telepathische Verbindung zwischen den Eheleuten besteht über den Tod hinaus weiter. Lotte Ingrisch besitzt übrigens sieben Katzen, die allesamt höchst sensitiv sind und ihr die Geisterscheinungen ankündigen. Sie sieht und spricht mit ruhelosen Seelen, die einst zum Gefolge oder zur Dienerschaft der Habsburger gehörten und sich noch immer nicht von diesen lösen können. Manche wurden wegen Diebstahls aus dem Dienst entlassen und wollen sich rächen. Andere, wie ein Soldat der Leibwache, der fälschlich einer Vergewaltigung für schuldig gesprochen wurde, will sich rechtfertigen und seine Unschuld beweisen. Und wieder andere Geister wollen die Bewohner der Burg vor Unglück warnen.
Bei den vielen Menschen, welche im Laufe der Jahrhunderte in der Hofburg wohnten, wäre es wohl kein Wunder, dass deren Energien auf diesem geschichtsträchtigsten Ort der Stadt noch immer lebendig sind.
Alexander Lernet-Holenia und sein Hund Cinderella

Schriftsteller mit Hang zum Transzendenten: Alexander Lernet-Holenia
Der Schriftsteller Alexander Lernet-Holenia lebte von 1952 bis zu seinem Tod im Jahre 1976 im zweiten Stock des Reichskanzleitrakts, woran eine Gedenktafel im Durchgang unter der Kuppel erinnert. Die bemerkenswert kurze Ehe seiner amtlichen Eltern, Alexander Lernet und Sidonie Baronin Boyneburgk (geb. Holenia) führte zu dem – von Lernet gerne genährten – Gerücht, er sei ein geheimer Sohn Erzherzog Karl Stephans. Da war natürlich die Hofburg die einzig angemessene Unterkunft für ihn. Seine Verbindung zum „Transzendentalen, Irrationalen, Jenseitigen“, das ihn seit dem Ersten Weltkrieg gelockt habe, verkündete er 1957 in einem Interview. Lotte Ingrisch schreibt in ihrem „Reiseführer ins Jenseits“, dass Lernet ihr 1974 in einem Brief aus der Hofburg mitteilte: „Übrigens hat es hier wieder gegeistert, und zwar war’s unser vor mehr als einem halben Jahr verstorbener Hund Cinderella, der sich zweimal wieder gemeldet hat. Das erste Mal, als Cindy geisterte, sprang sie mit den Vorderpfoten an meinen Stuhlrand, wie sie immer tat, wenn sie Zucker wollte, unsichtbar natürlich, und der Stuhl wurde so weit zur Seite geschoben, dass ich mich, da ich mich zu setzen im Begriffe war, fast auf den Boden gesetzt hätte. Es war, auch in jenen Sphären, noch ein echter Lausbubenstreich des kleinen Hundes. Und das zweite Mal, als ich noch im Bett lag und Eva bei mir eintrat, lief ihr Cinderella voraus, natürlich gleichfalls unsichtbar, und sprang, wie es ihre Art war, auf das Fußende des Bettes, so dass das Bett auf und ab schwang. Man mag darüber denken, wie man will.“

Der Reichskanzleitrakt der Hofburg, in dem sich der Hund Cinderella aus dem Jenseits meldete.
Die spiritistischen Séancen der schönen „Sisi“
Die erste Schriftstellerin mit Kontakten zum Jenseits, die in der Hofburg wohnte, war Kaiserin Elisabeth („Sisi“), zumindest hielt sie sich selbst für eine große Dichterin. Sie glaubte, Heinrich Heine (1797 – 1856) führe ihre Hand aus dem Jenseits, wenn sie ihre Gedanken in ihrem Tagebuch niederschrieb oder ihre zweifellos durchaus poetischen Gedichte verfasste. Bekannt ist, dass sie an spiritistischen Sitzungen teilnahm, gemeinsam mit einer alten Freundin aus Kindertagen, der Gräfin Irene Josephine Hermenegilde von Paumgarten (1839 – 1892), einem „Schreibmedium“. Was den Damen aus dem Jenseits diktiert wurde, ist leider nicht erhalten, wohl aber Briefe der Kaiserin an Irene, in denen sie Andeutungen über diese Geisterkontakte macht. Die Originalbriefe wurden übrigens im Jahr 2001 bei einer Auktion um 2.000 Euro an eine nicht genannte Privatperson versteigert.
Merkwürdige Übereinstimmungen
Vier bewunderte königliche Damen teilen in einigen Punkten ein ähnliches Schicksal:
1 Maria Stuart, *1542, †1587 in England, Königin mit 16 Jahren.
2 Marie Antoinette, *1755, †1793 in Paris, Königin mit 19 Jahren.
3 Elisabeth (Sisi), *1837, †1898 in Genf, Kaiserin mit 18 Jahren.
4 Diana Spencer, *1961, †1997 in Paris, Kronprinzessin mit 19 Jahren.
Alle vier starben eines gewaltsamen Todes, aber in unterschiedlichen Epochen. Alle vier heirateten in sehr jungen Jahren und wurden Kronprinzessin, Kaiserin oder Königin. Und um alle vier ranken sich bis zum heutigen Tag Mythen, Gespenstergeschichten oder Verschwörungstheorien: Mary Stuart irrt kopflos durch Londons Straßen; auf der Place de Grève in Paris, wo einst die Guillotine stand, hört man Marie Antoinettes Seufzer; Sisi geistert in der Hofburg und Lady Dianas Tod gibt noch immer zu Spekulationen Anlass.
TIPP
Gottfried-von-Einem-Gedenktafel im Durchgang Michaelerkuppel – Innerer
Burghof. Lernet-Holenia-Gedenktafel ebendort gegenüber (Batthyány-Stiege).
Sisi-Museum (Innerer Burghof). Geöffnet täglich 9 : 00 – 18 : 00.
Bücher von Lotte Ingrisch: Der Himmel ist lustig. Jenseitskunde oder Keine Angst vorm Sterben, Wien 2003. Physik des Jenseits, Wien 2004. Der Geister-Knigge, Wien 2006.
5. DER GEIST DES DICHTERS FRIEDRICH HEBBEL

Friedrich Hebbel wurde durch das „Wunder von Wien“ vom Selbstmord errettet.
Vielleicht bewahren ja Künstler nach ihrem Tod die Verbindung mit den Stätten ihres irdischen Wirkens besonders leicht. Friedrich Hebbel, einer der bedeutendsten Dramatiker des 19. Jahrhunderts, wurde 1813 in Holstein geboren. Aufgewachsen in ärmsten Verhältnissen, kam er völlig mittellos am 4. November 1845 nach Wien, wo er in einem ungeheizten Mietzimmer in der Josefstadt logierte und sogar verzweifelt an Selbstmord dachte.
Das „Wunder von Wien“
Da geschah das Unerklärliche, sein persönliches „Wunder von Wien“. Wie vom Himmel gefallen, erschienen bei ihm die adeligen Brüder Wilhelm und Julius Zerboni di Sposetti, zwei reiche Schlesier italienischer Abstammung, die große Bewunderer seiner Arbeit waren. Sogleich wurde seine Übersiedlung ins vornehme Hotel Erzherzog Karl in der Kärntner Straße arrangiert. Hebbel erwachte erstmals unter „damastenen Decken mit goldenen Fransen“. Die beiden Zerboni versorgten ihn mit allem Nötigen, statteten ihn großzügig mit finanziellen Mitteln aus und führten ihn in die Gesellschaft ein. Hebbel wähnte sich im Paradies. Er schöpfte wieder Hoffnung: „Ich möchte fast glauben, dass mein Leben jetzt eine bessere Wendung nehmen wird, wenn ich auch über das Wie nichts zu vermuten wage. Warum? Weil ich weiß, dass es geschehen muss, wenn ich nicht zugrunde gehen soll … Und ich bin hier in Wien doch wirklich durch ein Wunder festgehalten worden. Dieses Wunder entschied für mein ganzes Leben.“ Er hatte schlagartig finanziell ausgesorgt und konnte sich hinfort ausschließlich seinem literarischen Wirken widmen. Hier wurde er zum bedeutendsten Dichter seiner Zeit. Er zog später in die Vorstadt, wo er noch einige Male innerhalb des 8. und 9. Bezirks das Quartier wechselte. Seit dem Jahre 1846 war er mit der Wiener Burgschauspielerin Christine Enghaus verheiratet, die ihm zwei Kinder gebar. Der Dichter starb 1863 im Alter von nur 50 Jahren und liegt am evangelischen Friedhof in Wien-Matzleinsdorf begraben. Wien war Hebbels Schicksal, und offenbar kann er sich noch immer nicht von der Stadt lösen, denn man begegnet ihm noch heute in einigen seiner Wiener Quartiere:
1., Kärntner Straße 29 – 31, ehemaliges Hotel Erzherzog Karl
1., Bräunerstraße 4, mit Gedenktafel
1., Brandstätte 9, heute ein Neubau mit Café Korb
8., Wickenburggasse 3

Der Grabstein Friedrich Hebbels auf dem Matzleinsdorfer Friedhof
8., Lenaugasse 2, mit Gedenktafel (Café Eiles)
8., Loidoldgasse 4, mit Gedenktafel
9., Wasagasse 24
9., Liechtensteinstraße 13, mit Gedenkmedaillon
14., Einwanggasse 29, Hebbels „Sommerfrische“

Friedrich-Hebbel-Gedenktafel 1, Bräunerstraße 4. Der Geist des Dichters spukt noch immer in diesem Haus.
Immer wieder werden an manchen dieser Adressen unheimliche Geräusche, Lichterscheinungen und unerklärliche Stromausfälle beobachtet. Auch von verlegten Gegenständen, die plötzlich wieder auftauchen, berichten die heutigen Bewohner. Und ist es nur ein reiner Zufall, dass heute in einer dieser Wohnungen ein gewisser Dr. Franz wohnt? Hebbel veröffentlichte einige Jugendwerke unter dem Pseudonym Dr. J. F. Franz.
TIPP
Hebbel-Gedenkstätten in Wien:
1., Bräunerstraße 4 mit Gedenktafel.
10., Hebbelschule. Eröffnet 1912 in Anwesenheit der Tochter Hebbels, Christine Kaizl, geb.
Hebbel. Einige Bilder, Fotos und Handschriften wurden als Schenkung der Direktion übergeben.
Österreichische Galerie Belvedere: Seit 1922 besitzt diese die Hebbel-Büste des berühmten Bildhauers Anton Fernkorn.
Hebbel-Grabstätte: Matzleinsdorfer Evangelischer Friedhof, Gruft Nr. 38, 2. Reihe rechts hinter der Kirche, mit Aufschrift: Für Friedrich und Christine Hebbel, als Ehrengrab von der Stadt Wien gewidmet.
6. SCHUBERT ODER MOZART?
9., NUSSDORFER STRASSE 54
Auch Musiker scheinen ihr ehemaliges Erdendasein nicht vergessen zu haben. Alljährlich am 19. November soll sich in Schuberts Geburtshaus in der Nußdorfer Straße 54 ein Poltergeist mit Klopfen und Raunen bemerkbar machen. Franz Schubert wurde dort am Himmelpfortgrund, heute Teil des 9. Wiener Gemeindebezirks, als achtes Kind eines Grundschullehrers am 31. Januar 1797 geboren und verstarb im Alter von nur 31 Jahren am 19. November 1828 in der Kettenbrückengasse. Er hinterließ trotz seines kurzen Lebens ein umfangreiches Lied- und Kompositionswerk, ähnlich wie Mozart.

Das Geburtshaus Franz Schuberts. Hier soll sich alljährlich an Schuberts Todestag ein Poltergeist bemerkbar machen.
Es gibt noch mehr Parallelen zwischen den beiden Musikern, was den Wiener Romanautor David Weiss zu der Annahme brachte, in Schubert eine Reinkarnation Mozarts zu sehen, der im Jahr 1791 im Alter von 35 Jahren starb. Er spekuliert gemeinsam mit einem Musikwissenschaftler weiter: Was wäre, wenn Wolfgang Amadeus Mozart nicht gestorben wäre, sondern einfach verschwunden, eine neue Identität angenommen und als Franz Schubert weitergelebt hätte? Ein Ding der Unmöglichkeit? Oder doch ein faszinierender Denkanstoß? Pure Illusion oder doch im Bereich des Möglichen? David Weiss lässt alles offen, überlässt die Schlussfolgerungen dem Leser und bietet in seinem neuen Buch eine Menge von Fakten, Daten und Ereignissen an, die seine Theorie zu stützen scheinen.

Lebte der Geist Mozarts in Schubert weiter?
Wer produziert aber nun die Klopfgeräusche – Schubert oder Mozart? Vielleicht lässt sich an den Taktfolgen ein Muster erahnen, das einem der beiden posthum zugeordnet werden kann. (Nach einem Pressetext von Gerd Schilddorfer).
TIPP
9., Nußdorfer Straße 54. Schuberts Geburtshaus. Öffnungszeiten: täglich außer Montag 10 : 00 – 13 : 00 und 14 : 00 – 18 : 00.
Literaturtipp: David Weiss: Miasma oder Der Steinerne Gast (Roman), Wien 2008.
7. DIE POLTERGEISTER VOM PALAIS CAVRIANI
1., HABSBURGERGASSE 5/BRÄUNERSTRASSE 8, EHEMALIGES PALAIS CAVRIANI.
Auch in den „grünen Zimmern“ im ersten Stock des Palais Cavriani sollen sich lange Zeit hindurch Poltergeister bemerkbar gemacht haben, sodass sich selbst bei helllichtem Tage keiner von den Bedienten hineinwagte. Nur Dorothea, die alte Haushofmeisterin, durfte unbehelligt hineingehen, ja sie wurde von dort sogar öfter laut bei ihrem Namen gerufen. Eine alte Sage berichtete, dass in dem 1723 vollendeten Haus ein Schatz vergraben sei, den die gräfliche Familie nun gerne gehoben hätte. Daher veranlasste sie den Beichtvater der Haushälterin diese zu bereden, der rufenden Stimme Folge zu leisten. Die gehorsame Dorothea hörte diese noch am selben Abend, als sie gerade zu Bett gehen wollte. Sie ergriff eine Kerze und folgte der Stimme in die grüne Stube. Dort sah sie auf allen Tischen Lichter stehen, einige sitzende Männer waren mit Geldzählen beschäftigt, andere saßen nur still und stumm. Als sich Dorothea zur Tür umwandte, verschwand der ganze Spuk unter Geprassel, wobei sie große Säcke mit Geld in einen Abgrund hinunterfallen zu hören glaubte. Als sie dies dem Beichtvater berichtete, freute sich dieser schon auf den Schatz und schlich ihr beim nächsten Mal nach. Da sah sie zwar keine Männer, aber doch die Lichter, über die sie auf Befehl des Mönchs ihre Schürze warf – was ihr eine derbe Ohrfeige eintrug, von der sie ohnmächtig wurde. Das von ihm herbeigerufene Hausgesinde brachte sie wieder zu sich. Sie sei von einer alten Frau auf die Wange geschlagen worden, erzählte sie, und habe sechs große eiserne Kästen mit großen Vorhängeschlössern gesehen, alle voller großer Münzen.

Das ehemalige Palais Cavriani: ein Poltergeist im ersten Stock und ein Schatz im Keller, der noch immer dort vergraben sein soll.
Nun begann auf Befehl der Herrschaft die große Schatzsuche, in besagtem Zimmer wurde der Anfang gemacht. Das ganze Haus wurde umgewühlt, doch konnte man nicht die geringste Spur eines Schatzes finden. Eines nachts aber vernahmen die Arbeiter ein gar gewaltiges Poltern und Werfen, was sie natürlich die Flucht ergreifen ließ. Auch der Beichtvater und Dorothea liefen davon, dabei verlosch die Kerze und sie fielen in eine tiefe Grube bis hinab in den weichen, aber ekelhaften Morast der Güllegrube – statt Goldstücken hatten sie Exkremente gefunden. Hier handelt es sich um ein altes Sagenmotiv, die Verwandlung von Gold in Exkremente, da die Schatzsucher einer Belohnung unwürdig waren.
Die Schatzsuche mit Hilfe von Geisterbeschwörungen und anderen magischen Handlungen war durch Jahrhunderte so beliebt, dass sie sogar in die alten Gesetze Eingang fand und es zu zahlreichen Prozessen kam. Die darin verwickelten Personen befanden sich meist in schlechter wirtschaftlicher Lage und hatten sich auf Betrüger eingelassen. So heißt es noch unter Kaiser Leopold I. (1657 – 1705) im Artikel 12 der Gesetzesordnung „Tractatus de juribus incorporalibus“ aus dem Jahr 1679, die die Beziehungen zwischen den „Untertanen“ und den Grundherren regelte: „Wenn jemand mit Zauberei einen Schatz zu erobern sich untersteht, ist dasjenige, was er findet, unserer landesfürstlichen Kammer verfallen und noch dazu die Bestrafung wegen solcher verübten Zauberei dem Landesgerichtsherrn zu überlassen.“ In der Praxis ergingen damals aber bereits milde Urteile.
Die der Öffentlichkeit nicht zugänglichen, zweigeschossigen barocken Keller des Palais Cavriani, wo der Schatz bis zum heutigen Tag noch unentdeckt vergraben liegt, existieren noch und geben Zeugnis für die einst aufwändigen Unterkellerungen sämtlicher alter Palais in der Wiener Innenstadt, die alle miteinander in Verbindung standen. Da unten findet man Hülsen von Schrotpatronen der Firma Rottweil, Geschoßreste und Zielscheiben, denn jahrzehntelang wurden die Räume als gewaltige unterirdische Schießanlage verwendet.
8. GEISTERSPUK AUF DEM LEOPOLDSBERG
19., LEOPOLDSBERG
Bei Schatzsuchern gilt auch der Leopoldsberg als Geheimtipp. Seinerzeit erzählten die Bewohner des Dorfes an seinem Fuß, sie hätten nächtliche Lichter in der verfallenen Burg auf seinem 425 Meter hohen Gipfel gesehen, obwohl niemand dort hauste und das Gemäuer völlig verfallen war. Die Lichter gingen abends an und wieder aus, so als ob jemand mit einem Leuchter in der Hand die Räume durchschreiten und kontrollieren würde, ob auch alles in Ordnung sei. In der Nähe weilende Hirten wollten gar Getöse und Lärm vernommen haben. Alle Tiere mieden das sonderbare Schloss, kein Hund, kein Schaf verirrte sich in die Ruinen. Im Winter, wenn Eis und Schnee das Schloss einhüllte und die Stürme um die Wehrmauern tobten, hielten viele sie für die „wilde Jagd“. Sobald aber die Kirchturmuhr die erste Stunde schlug, war der Spuk vorbei und Ruhe kehrte ein. So ging es lange Jahre. Man munkelte, die kostbare Einrichtung des Schlosses und seine Bibliothek wären in das Stift Klosterneuburg gebracht worden. Die ruhelosen Seelen der ehemaligen Bewohner müssten ihre Schätze nun vergeblich in der Burg suchen, bis sie eines Tages erlöst würden (nach Gustav Gugitz, Sagen und Legenden der Stadt Wien).
So weit die Sage. Die alte Babenbergerburg wurde 1130 als prunkvolle Residenz für Markgraf Leopold III., den Heiligen (1095 – 1136), und seine Gemahlin, die Kaisertochter Agnes, erbaut. Als die Babenberger ihre Residenz aber um 1156 nach Wien verlegten, verlor sie zunehmend an Bedeutung. Einer ihrer späteren Besitzer war Przemysl Ottokar II., danach gehörte sie den Habsburgern, bis Mathias Corvinus sie eroberte. Sie fiel nach seinem Tod an die Habsburger zurück, im Jahre 1529 brannte man sie aber wegen der Türkengefahr nieder. Danach verfiel der Rest, bis Kaiser Leopold I. die Kirche erbauen ließ. Im vorigen Jahrhundert errichtete man auf den alten Gebäuderesten ein Gasthaus und Personalwohnungen. Noch vor kurzem konnte man von dem Lokal aus die wohl schönste, aber äußerst windreiche Aussicht über Wien auf der einen und das Donautal auf der anderen Seite genießen.

Geisterspuk auf dem Leopoldsberg
Innen veranstaltete man legendäre Ritteressen. Seit der Schließung gerät wieder alles in Verfall, es findet sich kein Pächter, der die enormen Renovierungskosten aufbringen möchte, und Stift Klosterneuburg als Grundeigentümer ist ebenso wenig dazu imstande. So ist die Burg wieder ungeschützt den Elementen preisgegeben, die Mauern bröckeln, die Fenster sind eingeschlagen. Man hört wieder von Geisterjägern, von schwarzen Messen und allerlei unheimlichen Gestalten, die sich dort herumtreiben. In Vollmondnächten, besonders in der Walpurgisnacht, kommen die modernen Hexen aus der Stadt und vollführen Zeremonien bei Kerzenschein und Trommelwirbel, man will sie tanzen gesehen haben. In Mauernischen kleben danach Wachsreste. Und daher erzählt man sich heute wieder Geschichten von unheimlichen Lichtern in der Burg auf dem Leopoldsberg und vom Lärm, der aus den Mauern bis ins Tal zu hören ist. Doch diesmal endet der Spuk nicht mit der Geisterstunde, sondern erst im Morgengrauen.
Erst wenn die letzten Autos den Parkplatz verlassen haben, kehrt wieder Ruhe auf dem Leopoldsberg ein.

Unheimliche Lichter tanzen in den Ruinen der Burg.

In Vollmondnächten versammeln sich die Hexen auf dem Leopoldsberg.
TIPP
Leopoldsberg: erreichbar über Höhenstraße oder Fußweg „Nasenweg“ ab Kahlenbergerdorf. Bus Linie 38 A ab U 4, Station Heiligenstadt.
9. KNOCHENFUND IM RATZENSTADL
6., MAGDALENENSTRASSE
In Wiens Untergrund tauchen tatsächlich gar nicht so selten interessante Funde auf, wenn es sich dabei auch meist nicht um Gold oder Silber handelt. Eine Pressemeldung aus dem Jahr 2009 berichtet von einem unheimlichen Fund in Wien-Mariahilf, der die Phantasie der Wiener anregte und rasch zum Stadtgespräch wurde. Der Schauplatz war ein altes Haus am Magdalenengrund, einem Stadtteil im 6. Bezirk, benannt nach der heute nicht mehr existenten Magdalenenkapelle am Stephansplatz, deren Bruderschaft das Areal einst gehörte. Die Gegend hieß früher „Am Saugraben an der Wien“ oder im Volksmund „Ratzenstadl“. Das war zwar nicht schmeichelhaft, gibt aber die damaligen Verhältnisse recht gut wieder. Eine Wiener Sage erzählt denn auch vom Rattenfänger vom Magdalenengrund. Das ehemalige Ratzenstadl war das Häuser- und Straßenquadrat in Wien-Mariahilf, gebildet von der heutigen Kaunitzgasse (wo mit Nummer 7 noch das letzte alte Haus steht), der Dürergasse, der Proschkagasse und der Linken Wienzeile. Die Magdalenenstraße verlief diagonal durch das Viertel. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann die Stadt Wien das Viertel zu sanieren, heute ist es ein idyllischer Stadtteil mit revitalisierten Biedermeier-Häusern.

Das ehemalige Ratzenstadl auf dem Magdalenengrund (Modell im Bezirksmuseum Mariahilf)

Grausiger Skelettfund in einem Keller der Magdalenenstraße
Zurück zum Fund, den geschockte Mitarbeiter eines Räumungsdienstes am Dreikönigstag des Jahres 2009 machten. In einem Kellerabteil des Ratzenstadls in der Magdalenenstraße fanden sie – in Zeitungspapier gehüllt und unter einem Kohlenberg versteckt – menschliche Schädel und Knochen. Der neue Mieter einer Wohnung hatte das Abteil entrümpeln lassen und nicht die geringste Ahnung, was dieser makabre Fund zu bedeuten hatte. Er rief die Polizei, die den Fall untersuchte. Da das Datum der Zeitung unleserlich war, weil komplett vermodert, tippte man auf ein Alter der menschlichen Überreste von mindestens 60 bis 70 Jahren, was die gerichtsmedizinische Untersuchung dann bestätigte. Woher und von wem die Knochen stammten, konnte aber niemand herausfinden. Vielleicht handelte es sich nur um „Studienobjekte eines Sammlers“. Warum diese dann nicht in einer Vitrine, sondern unter den Kohlen lagen, ist damit nicht erklärt. Unweit vom Ratzenstadl liegt ein Wiener Luftschutzbunker unter dem Esterhazypark. Es könnte möglich sein, dass die aufgefundene Person während eines Luftangriffs im Zweiten Weltkrieg versuchte, diesen durch die unterirdischen Gänge zu erreichen, es aber nicht mehr schaffte und im Keller umkam. Später dürfte ein Berg Kohlen in den Keller deponiert worden sein, der die Leiche bedeckte. Wie die Knochen dann aber den Weg in das Zeitungspapier fanden, bleibt nach wie vor rätselhaft. Ältere Bewohner des Viertels, die sich noch an die Zeit des berüchtigten Ratzenstadls erinnern konnten, meinten, der Knochenfund stamme von einem Bewohner des Hauses, der unbekannterweise verstorben und offensichtlich von niemandem vermisst worden war. Seine Leiche wäre von den allgegenwärtigen Ratten abgenagt worden. Eine unheimliche Vorstellung, die jedoch die Zustände in der alten Rattenburg treffend beschreibt. Die Frage nach dem Zeitungspapier bleibt damit aber noch immer unbeantwortet. Ob vielleicht dem Ableben der bedauernswerten Person nachgeholfen wurde? Das lässt sich nicht mehr feststellen. Möglicherweise tauchen aber noch mehr solch unheimlicher Funde auf, denn die Wiener Häuser sind durchgehend unterkellert und viele davon harren noch ihrer Entrümpelung.

Im Restaurant Kaiserwalzer ereignen sich unerklärliche Vorkommnisse. Ist das Münzwardeinschlössl der Ausgangspunkt des Geisterspuks?

Schaurige Keller im ehemaligen Ratzenstadl. Verbergen sich hier noch unentdeckte Leichen?
Unerklärliche Vorkommnisse im Restaurant Kaiserwalzer
Im nahe gelegenen Restaurant „Kaiserwalzer“ 6., Esterházygasse 9, einer ehemaligen Möbelfabrik, ereignen sich seit Jahren unerklärliche Vorkommnisse. So erzählen die Herren „Ober“, dass ohne ihr Zutun immer wieder Gläser aus den Regalen fallen oder sicher verwahrtes Geschirr zu Boden fällt. Unerklärliche Geräusche wie Möbelrücken und Türenknallen wie von Geisterhand sollen keine Seltenheit sein. Die nicht geistergläubigen Angestellten versicherten der Autorin, dass sie eine unterirdische Wasserader für die Verursacherin des Spuks hielten. Unmöglich ist das nicht, denn der nahe Wienfluss wird genau an dieser Stelle von mehreren Wasserläufen gespeist, unter der heutigen Mollardgasse floss einst der Mühlbach, der Wasser aus der Wien und ihren Zuflüssen führte. Über häufige Geistererscheinungen im hinteren Teil des Lokals und auf der Treppe zur Toilette wurde bereits vor einigen Jahren in einem Buch berichtet. Möglicherweise ist aber auch das Nebenhaus, das „Münzwardeinschlössl“, der Ausgangsort des Geisterspuks, denn hat nicht jedes Schloss seinen Poltergeist? So denkt man zumindest in Großbritannien, dem Land der Schlossgespenster.
TIPP
Bezirksmuseum: 6., Mollardgasse 8: Öffnungszeiten Donnerstag 10 : 00 – 12 : 00 und Sonntag 11 : 00 – 13 : 00 (und nach Vereinbarung). Ein 3 mal 3 Meter großes Modell des Magdalenengrundes aus der Zeit um 1900 stellt das Prunkstück des Museums dar.
Literaturtipp: Christof Bieberger u. a.: Spuk in Wien, Wien 2004.

10. DAS KATZENSTEIGHAUS
1., SEITENSTETTENGASSE 6/RABENSTEIG 3
Manche Häuser wirken finster und unheimlich, so das Eckhaus Seitenstettengasse/Rabensteig. Die Autoren gingen der Vermutung nach, dass möglicherweise eine Gruselgeschichte daran festgemacht werden kann, und wurden fündig.
Als in der Seitenstettengasse noch ein Stadttor stand, schlich der Legende nach nächtens eine große, weiße Katze über die Dächer der Häuser. Jeder, der sie erblickte, wurde vom Pech verfolgt, und jedem, der sich ihr näherte, fügte sie mit ihren scharfen Krallen tiefe Wunden zu. Das Tor wurde nach diesem Tier Katzensteigtor benannt, in Wahrheit wohl aber eher nach der „Katze“, einem Wort für einen Teil der Stadtbefestigung.

Schauplatz einer alten Wiener Sage: das Katzensteighaus an der ehemaligen römischen Stadtmauer
Der Besitzer des Hauses Nummer 6 soll ein wüster Geselle gewesen sein, von niemandem wohl gelitten. Eines Tages verfiel er einem lasterhaften Weib. Gemeinsam heckten sie den teuflischen Plan aus, die ehrbare Ehefrau des Wüstlings zu ermorden, um fortan zusammen zu leben. Das Gift mischten sie in die Speisen, doch durch einen Zufall wurden die Teller verwechselt und die Ehebrecherin nahm das Gift zu sich. Sie stürzte zu Boden, wand sich jämmerlich wie eine räudige Katze, sprang aus dem Fenster und brach sich das Genick. Von Stund an war sie dazu verdammt als unheimliche Katze über die Dächer zu streifen (frei nach Gustav Gugitz, Sagen und Legenden der Stadt Wien). Soweit die Sage, doch recht geheuer ist die Gegend wirklich nicht.
Das Unglückshaus am Katzensteig
Auf dem Haus in der Seitenstettengasse beim ehemaligen Katzensteigtor scheint tatsächlich ein Fluch zu liegen. Keinem seiner Besitzer hat es Glück gebracht. Immer waren es unvorhersehbare Ereignisse und unheimliche Pechserien, die über diese hereinbrachen.
Ursprünglich hieß das Haus „Pempflingerhof“, errichtet 1486 aus mächtigen Steinquadern vom Stadtrichter Christoph Pempfling. Seine Frau Dorothea, eine resolute Wienerin, soll selbst den Teufel das Fürchten gelehrt haben. Aus ungeklärter Ursache brach während einer totalen Mondfinsternis am 15. September 1522 ein Feuer auf dem Kienmarkt aus und zerstörte das Gebäude bis auf die Grundmauern. Im Jahr 1555 erwarb Bonifaz Wolgemut, der bekannte Zeichner des ersten Wiener Stadtplans, das Grundstück und errichtete das Gebäude neu, doch stürzte es beim Erdbeben des Jahres 1590 ebenso wie die Häuser der ganzen Umgebung ein. Sein Sohn Mathias Wolgemut erwarb einen Teil der benachbarten Ruinen dazu, renovierte das Ganze und vermietete in dem Teil, dessen Krümmung noch heute den Verlauf der ehemaligen römischen Stadtmauer anzeigt, Wohnungen. Die Mieter wechselten häufig, offenbar bis zum heutigen Tag, denn das Haus scheint seit Jahren unbewohnt zu sein. Nur manchmal sieht man einige Fenster beleuchtet, meist bleibt es abends dunkel. Eine düstere, unheimliche Stimmung geht von dem Gebäude aus. Kein Geschäft, kein Lokal hält sich für längere Zeit.

Das „Fluchhaus“ am Katzensteigtor brachte angeblich jedem seiner Besitzer Unglück.

Ein Fluch liegt auf den Gewölben des ehemaligen Pempflingerhofs.
Das Katzensteigtor wurde 1825 abgebrochen, die alten Häuser stehen noch. An der Stelle des ursprünglichen Pempflingerhofs befindet sich die Synagoge, und das unheimlich wirkende Eckhaus ist ebenfalls Eigentum der Israelitischen Kultusgemeinde.
In den Wiener Sagen taucht auch eine schwarze Katze auf: Die Knechte eines Weinbauern schlichen heimlich in den Keller, um sich just am edelsten Tröpfchen – dessen Genuss ihnen strikt untersagt war – gütlich zu tun. Zur Abschreckung der Missetäter setzte die Hausherrin eine hölzerne, grimmig dreinschauende schwarze Katze auf das Fass mit dem besten Wein, was bei schreckhaften Gemütern seine Wirkung zeigte. Jene, die sich von derlei Hokuspokus nicht beeindrucken ließen, wussten so aber wenigstens gleich, wo sie ihre Becher am besten füllen konnten. Die schwarze Katze wurde daher zum Symbol für den besten Wein im Keller, noch heute ist in vielen Weinkellern eine hölzerne „Kellerkatz“ zu finden. In Wahrheit leitet sich der Ausdruck aber vom Kellerschimmel (lat. cladiosporium cellare) an den Wänden der alten Keller ab, der wegen seines fellartigen Aussehen und der weichen Beschaffenheit als „Kellerkatze“, „Kellertuch“ oder „Schwarze Katze“ bezeichnet wird. Man kann ihn dort finden, wo die alten Kellergewölbe noch heute als Weinkeller dienen.

Schimmel an den Kellerwänden nannte man „Kellerkatz“.
TIPP
1., Seitenstettengasse 6. Hinweistafel auf das Katzensteigtor. 1., Seitenstettengasse 5. Im Hausflur links Bild vom Katzensteig und dem Tor.

Ein schauriges Kapitel der Geschichte, auch in Wien: die Hexenprozesse.
1. EXORZISMUS UND HEXENVERBRENNUNG
1., POSTGASSE, BARBARAKIRCHE, 1., RAUHENSTEINGASSE 10., 3., WEISSGERBER LÄNDE.
Ein schauriges Kapitel in der Geschichte der Strafverfolgung nehmen die Hexenprozesse ein, obwohl es im katholischen Österreich viel weniger Fälle als im protestantischen Deutschland gab. Außerdem kann man feststellen, dass die österreichischen Hexen (ein Drittel davon waren Männer) immer auch in den Verdacht der Ketzerei gerieten, die Abgrenzung gegenüber den Ketzerprozessen also fließend ist. Um sie an der Wiederkehr, aber auch an der fleischlichen Auferstehung am jüngsten Tag zu hindern, verbrannte man sie und warf die Reste in den nächsten Fluss.
Die Plainacherin – eine Hexe?
Der einzige Fall einer Hexenverbrennung in Wien ist aus dem Jahre 1583 bekannt, es handelt sich dabei um den Fall der siebzigjährigen Lutheranerin Elise Plainacherin aus Mank im niederösterreichischen Mostviertel. Ihre bereits verstorbene Tochter war mit einem „papistischen Hund“, einem Katholiken, verheiratet gewesen, die Enkelin Anna Schlutterbauer hatte lange bei ihr gelebt. Als der Vater die inzwischen Sechzehnjährige nach St. Pölten mitnahm, begann sie an Krämpfen zu leiden und galt deshalb als besessen. Ein an ihr vorgenommener Exorzismus half nichts, daher musste eine Hexe als Verursacherin ihrer Krämpfe gesucht werden. Man glaubte diese in der alten Großmutter zu finden, ganz sicher habe sie das Mädchen verhext.

Die Plainacherin wurde auf der Weißgerberlände verbrannt.

Kellerabgang im ehemaligen Schergenhaus

Die Rauhensteingasse: Hier befand sich ehemals das gefürchtete Hauptgefängnis von Wien.
Die beiden Frauen wurden nach Wien gebracht. Der berühmte Jesuit Georg Scherer reinigte sich durch strenges Fasten und Geißelungen und trat in der Barbarakirche am Fleischmarkt am 14. August 1583 den 12.652 Dämonen, die es sich in Annas Körper und Geist gemütlich gemacht hatten, tapfer entgegen, bis sie nach langem Ringen aus dem Mädchen ausfuhren. Dabei sagte Anna in ihrer Benommenheit und Verzweiflung aus, ihre Großmutter habe diese Bösen in Gestalt von Fliegen in Gläsern gehalten. Die unschuldige Greisin wurde daraufhin in das „Schergen-“ oder „Malefizspitzbuben-Haus“ in der Rauhensteingasse 10 gebracht, wo sich seit 1422 das Untersuchungsgefängnis nebst Henkerswohnung befand. Im Keller wurde sie dort solange „peinlich befragt“ (gefoltert), bis sie verwirrt alle ihre „Verbrechen“ gestand. Nicht einmal der Stadtrichter war von dem Geständnis überzeugt, er wollte die arme Alte in einem Versorgungsheim unterbringen, ersuchte Kaiser Rudolf II. um Gnade. Es war umsonst, und so bestieg die Plainacherin am 28. September 1583 den Scheiterhaufen auf der „Gänseweide“ (Weißgerber Lände).

Die Gefängniszellen im ehemaligen Schergenhaus.

Im Schergenhaus stand dem Henker eine freie „Dienstwohnung“ zu.
Das Schergenhaus steht heute nicht mehr, dort befindet sich ein Gründerzeitbau mit Wohnungen. Im 22. Bezirk wurde vor kurzem eine Gasse nach der Plainacherin benannt.
TIPP
1., Rauhensteingasse 10. Hier befand sich seinerzeit das 1422 errichtete „Malefizspitzbubenhaus“ mit Untersuchungsgefängnis und Henkerswohnung. Literaturtipp: Anna Ehrlich: Hexen – Mörder – Henker. Wien 2006.
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