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Gabriele Behrend

DIE LIEBESMASCHINE
und andere SF-Geschichten

AndroSF 142

Gabriele Behrend

DIE LIEBESMASCHINE

und andere SF-Geschichten

AndroSF 142

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: April 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Stas Rosin, »Strangelove«

Illustrationen: Gabriele Behrend

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 239 3

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 856 2

Die Liebesmaschine


I

Katja stürmte in die Leitzentrale. Ihre Stirn war dunkel umwölkt, alle Zeichen standen auf Orkan.

»Wie geht es dir, Kat?« Eine freundliche Stimme ertönte, zwischen männlich und weiblich oszillierend.

Kat warf ihre Crossbody Bag und das Hoverboard in die Ecke und sich selber in den Ledersessel vor dem Terminal.

»Was meinst du, Spex? Wie soll’s mir schon gehen? Hm?« Sie warf einen wütenden Blick zu dem Gesicht, das vor dem Schaltkomplex, leicht nach rechts versetzt, körperlos in der Luft schwebte. Spex war eine Holografie. Während sich seine glatte Stirn zu runzeln begann, als ob er tatsächlich nach einer Antwort suchte, fuhr Katja sich durchs strubbelige bunt gesträhnte Haar, schüttelte den Kopf und begann ihre allmorgendliche Hasstirade auf alle triebgesteuerten Testosteronschleudern dieser Erde, die außer fressen, saufen, vögeln und ihren Scheiß-PS-Schüsseln nichts im Sinn hatten. Sonst hatte Katja stets mit dem Satz ›Zum Glück ist Andriy nicht so, wenigstens einer. Und darum liebe ich ihn‹ geendet. Heute verstummte sie, als sie am Ende ihrer Hetze angekommen war, biss sich auf die Lippen und wischte sich ungeduldig eine Träne von der Wange.

»Was ist denn passiert, Kat?«

Katja nahm die Sonnenbrille ab und deutete auf ihr rechtes Auge.

»Was ist das?« Spex klang neutral.

»Das passiert, wenn frau gegen einen Schrank rennt. Nur heißt mein Schrank Andriy.«

»Wie geht es dir?«

»Es tut weh, Spex. Alles tut weh, außen wie innen. Aber jetzt lass mich deine Schaltkreise überprüfen. Alles fit?«

Katja konzentrierte sich auf ihre Arbeit. Sie überprüfte über die Monitore, ob alle Kameras funktionierten. Sie testete die Telefonleitungen, die Stromanschlüsse, den Status der Aufzüge und die interne Müllverbrennungsanlage. So ein Block wie Spex 12 war wartungsintensiv. Und auch wenn die KI, die jedem Block zugeordnet war, den reibungslosen Ablauf des Tagesgeschäfts überwachte, so brauchte man eben doch noch einen Menschen, einen Techniker, der als verlängerter Arm der KI Leuchtmittel tauschte, Kameras reparierte oder auch ab und an in den Serverraum abtauchte, um bei Spex wieder alle Schrauben anzuziehen, wie Kat zu sagen pflegte. Nachdem Katja die Schadensprotokolle durchgegangen war, packte sie ihren Koffer, schnallte sich den Werkzeuggürtel um und begab sich samt Hoverboard auf ihren Rundgang, die Sonnenbrille wieder auf der Nase. Keiner außer Spex sollte ihr Malheur sehen.

»Bis dann!« Katja bemühte eine erzwungene Fröhlichkeit. »In vier Stunden bin ich wieder da. Lass die Hütte stehen!«

»Pass auf dich auf, Kat.« Spex’ Stimme klang so neutral wie immer.

Als Kat durch Spex 12 streunte, hier und da anhielt, um die Hardware des Blocks wieder in Ordnung zu bringen, da fielen ihr mit einem Mal die vielen, vielen Einzelappartements auf. Sardinenbüchsen, in denen Menschen eingesperrt waren. Menschen in Öl, damit die Wände und Kanten nicht so scheuerten – Katja verwarf das Kopfkino wieder und las stattdessen den Namen auf der nächstbesten Tür. Evgenij stand da. Kein Nachname. Schon wollte sie klingeln, um den Mieter an sein Versäumnis zu erinnern, da fiel ihr etwas ein. Schnell zückte sie ihr Telefon und ließ sich mit der Leitzentrale verbinden.

»Hier spricht Ihr Wartungsmodul Spex 12 in der Mykoly Bazhane Avenue, Kiew. Wie kann ich helfen?«

»Kat hier. Prüf mal, ob der Mieter aus der Wohneinheit 246P seinen vollständigen Namen am Klingelmodul angegeben hat. Wenn nicht, muss ich ihn mir vornehmen.«

»Einen Moment bitte, Kat.«

Sie wartete ungeduldig. Einige Sekunden später meldete sich Spex zurück. »Er heißt Solowjow. So eingetragen im Modul, wie auch in den Empfangslisten und dem Empfangsrechner. Warum fragst du?«

»Es ging mir nur um seine Erreichbarkeit. Du weißt doch – wenn Lieferungen nicht zugestellt werden können oder wenn sich Gäste im Komplex verlaufen, dann fällt das immer auf uns zurück. Und ich werde bestimmt nicht meinen Namen für irgend so einen hergelaufenen Typen aufs Spiel setzen, der zu blöd ist, seinen Nachnamen anzugeben!«

Katja wurde wieder wütend. Ohne eine Erwiderung von Spex abzuwarten, ließ sie ihr Telefon wieder zuschnappen, drehte sich noch einmal zur Tür herum. »Evgenij, pah!« Dann stieg sie wieder auf ihr Hoverboard und glitt den hell ausgeleuchteten Flur hinunter.

Wie versprochen öffnete Katja vier Stunden später die Tür zum Kontrollraum. Spex wartete bereits auf sie.

»Nach deiner Anfrage vorhin habe ich etwas entdeckt.« Seine Stimme war nicht mehr ganz neutral, fast konnte man eine Spur Aufregung darin hören.

»Ja?« Katja musterte das durchscheinende Gesicht am Schaltschrank.

»Ich habe hinterher das System gescannt. Wenn man mich neu ordnen würde, würde ich über mehr freie Kapazitäten verfügen!«

Katja schmunzelte. »Und wofür?«

»Zunächst würde meine Arbeitsleistung verbessert werden.« Spex klang wieder so neutral wie immer.

»Aber du hast noch etwas anderes im Sinn gehabt. Rück’ schon raus damit, Spex. Wir sind hier unter uns.«

Katja legte den Kopf zur Seite und musterte die KI. Ernst diesmal, denn ihr war der Unterschied in ihrem Verhalten wohl aufgefallen. Und auch jetzt schien etwas anders zu sein als sonst. Spex stockte.

»Hey, druzhe – Spuck's aus, Freund!«

»Ich will lernen.« kam schließlich die Antwort.

»Aaaaaaaaaaaaaaah ja.« Katja dehnte die Worte, bis ihr die Luft ausging. Sie selbst war keine gute Schülerin gewesen, zu hibbelig, zu abgelenkt. Das Einzige, was sie zur Ruhe brachte, waren Formeln. Und der Werkunterricht. Spex schwieg.

»Was willst du lernen?«, fragte Katja in die Leere zwischen ihr und dem Hologramm.

»Warum dein Schrank Andriy heißt. Warum dein Auge verfärbt ist und warum du andere Menschen verfluchst. Warum die Frau aus 359G sich immer heimlich in die gegenüberliegende Wohneinheit schleicht, um dort bei einem anderen Mann zu liegen.«

Katja bekam kugelrunde Augen. »Die Jerschowa und der Soronkin? Wirklich?«

»Du kennst ihre Namen?« Spex klang beeindruckt.

»Na, jetzt weiß ich, warum die Flurkamera immer kaputt ist. Du hast mich doch gerade erst vorgestern auf die Ebene zur Reparatur geschickt. Aber sag mal, Spex, woher weißt du das?«

»Ich sagte ja schon – da gibt es freie Kapazitäten. Deswegen kann ich meine Statusprüfungen ausweiten. Zum Beispiel auf alle Kameras im Block, auch die in den Rauchmeldern.«

»Du spannst.« Katja wurde es ungemütlich. »Etwa auch bei mir?«

Spex schwieg. Dann schepperte seine Sprachausgabe, als wollte er sich räuspern. »In den Morgenstunden wird der vergangene Tag aufgrund von Platzmangel automatisch gelöscht. Außer dir weiß niemand davon.«

»Warum erzählst du mir das überhaupt? Ich müsste dich lahmlegen, ist dir das klar? Da gibt es so was wie Datenschutz, ein Recht auf Privatsphäre, die Sicherheit der eigenen Wohnung, herrjeh!«

»Du müsstest« wiederholte Spex. »Das heißt, du willst es nicht.«

Katja schwieg. Sie hatte sich immer gewünscht, mit so einer großen Maschine wie Spex es war, zusammenzuarbeiten. Schon damals, als sie noch in einer Kleinstadt aufwuchs, irgendwo vor Kiews Stadtgrenze. Jetzt hatte sie die Chance und da sollte sie ihre wunderschöne Maschine verstümmeln? Eine Maschine, die lernen wollte?

Spex hatte recht. Sie wollte nicht das tun, was man hätte tun müssen. Sie wollte das Experiment wagen. Mal schauen, wie viel Leben man einer KI einhauchen konnte.

»Du willst also lernen, wie Menschen ticken. Wie kann ich dir dabei helfen?«

»In dem du mir sagst, was ich sehe. Ich will lernen, Situationen zu analysieren. Zu interpretieren. Damit ich meinen Bewohnern besser helfen kann.«

»Helfen?« Katja neigte den Kopf. »Brauchen wir denn deine Hilfe?«

»Vielleicht ja, vielleicht nein.« Spex klang wieder so neutral wie Edelstahl, als er diese für ihn ungewöhnlich vage Äußerung tätigte.

Einen Moment lang herrschte verblüfftes Schweigen im Raum, allein die Technik summte weiter wie im Bienenstock. Dann grinste Katja breit. »Du hast einen Witz gemacht, was, druzhe?«

Spex’ Sprachmodul schepperte.

II

»Kochanyj!« Katja öffnete die Tür zur Leitwarte schwungvoll. »Du hast mir gefehlt. Wie geht es dir, Liebster?«

Spex lächelte. Die KI hatte sich im letzten halben Jahr deutlich verändert. Die einst androgynen Züge waren jetzt markant, die schwebende Transparenz war dahin, dafür war das Gesicht jetzt deutlich strukturiert. Ein Dreitagebart und ein leicht zerzauster mittelblonder Haarschopf komplettierten Spex’ äußere Erscheinung. Diese Veränderungen entsprangen einer inneren Logik, die er Katja eines Tages in Kurzform in der neuen tieferen Tonlage folgendermaßen erklärte: »Wenn wir unser Projekt Mensch erarbeiten, dann muss ich wie einer aussehen, damit du, Kat, dich besser auf mich einstellen kannst. Nachdem du mir erzählt hast, dass du Männer als deinen Gegenpart präferierst, stellt sich für mich nicht die Frage, für welche Seite ich mich entscheide.« Katja hatte genickt. Dann hatten sie sich auf eine Augenfarbe geeinigt. Seitdem betrachtete Spex die Welt scheinbar aus blauen, tiefblauen Augen.

Am Anfang war Katja das neue Aussehen ihrer Maschine unheimlich. Es erschien ihr surrealer, als mit einem transparenten Polyederkopf zu sprechen. Spex schien ihr als Name nicht mehr geeignet, aber was sollte sie tun? Einen neuen aus dem Ärmel schütteln? Und was machte das mit Spex? Würde es ihn nicht nur verwirren? Also flüchtete sie sich in den inflationären Gebrauch von druzhe und kollega, wobei sie ihn nur Kollege nannte, wenn es ernsthafte Dinge zu besprechen gab oder sie sauer auf ihn war. Druzhe, also Freund, so nannte sie ihn den Rest der Zeit. Und bevor sie es richtig merkte, zog er in ihr Herz ein. Als Freund. Denn so war er – immer ein offenes Ohr und seit letztem Monat auch eine eigene Meinung, was Andriy betraf.

Da war sie morgens in die Leitwarte geschlichen gekommen, keine Wut, kein Orkan, nur bebende Fassungslosigkeit. Sie hatte sich auf den Ledersessel gezogen und war in sich zusammengesackt.

»Katja, was ist passiert?« Spex’ Stimme vibrierte in einem tiefen warmen Ton. Besorgnis schwang darin mit.

Sie schob die Sonnenbrille in ihr inzwischen dunkelbraunes Haar und wickelte den kilometerlangen Schal ab, den sie doppelt und dreifach um ihren Hals geschlungen hatte. Ein Veilchen kam zum Vorschein. Und frische Würgemale. »Ich kann nicht mehr, druzhe.«

»Wenn das so weitergeht, wird er dich noch umbringen. Du musst etwas unternehmen. Trenn dich von ihm.« Katja hatte Spex das Konzept der Trennung bereits früh erklärt. Ausführlich, laut und mit deutlichen Worten.

»Egal, wie oft ich ihn jetzt rausgeworfen habe. Er kommt immer wieder zurück. Er ist wie ein Bumerang. Ich krieg ihn nicht mehr aus meinem Leben heraus. Das Ganze ist ein schlechter Trip.« Katja klang resigniert. Da war nichts laut, ausführlich oder deutlich.

Da schwieg Spex, weil er nicht wusste, was er noch sagen sollte, aber er speicherte eine Notiz in seinem Gedächtnis ab, etwas, das er später verfolgen wollte. Katja richtete sich nach einem Moment wieder auf. »Hey, lass uns arbeiten. Vertreib mir die dunklen Gedanken, druzhe.«

Also gingen sie wie immer zuerst die Schadensprotokolle durch. Katja packte ihre Siebensachen und das Hoverboard und entschwebte in die langen Flure des Komplexes.

Währenddessen loggte sich Spex in die Überwachungskameras ein, suchte nach den Brandmeldekameras in Katjas Wohnung und begab sich auf Entdeckungstour. Im zweiten Raum des kleinen unordentlichen Appartements wurde er fündig: Andriy lag tatsächlich noch im zerwühlten Doppelbett und schnarchte. Neben ihm auf dem Nachttisch lag ein kleines Tütchen mit weißem Inhalt. Spex zoomte das Bild heran. Dann analysierte er. Zucker, Salz und andere Lebensmittel schloss er aus, da er diese Zutaten noch nicht in solcher Verpackung an solch einem Ort gesehen hatte. Dann nahm er alles, was Katja ihm über Andriy erzählt hatte, kombinierte dies mit den Dingen, die sie nicht ausgesprochen hatte, die aber sichtbar waren, wie ihre Verletzungen, überprüfte dies mithilfe einer Internetrecherche und kam zu dem Schluss, dass sich eine verbotene Substanz in dem Beutel befand. Nachdem Spex sich vergewisserte, dass Katja in einem anderen Teil des Komplexes arbeitete, löste er den stillen Alarm in ihrer Wohnung aus, der bei der nächsten Polizeiwache auflief. Danach verriegelte er ihre Wohnungstür und wartete. Als die Polizei nach einer Stunde eintraf, entriegelte er die Tür wieder und ließ sie einladend aufschwingen.

Die Beamten waren zwar zunächst verärgert, weil sie nicht in eine Schlägerei geraten waren, in deren Verlauf sie sich richtig hätten austoben können, dafür wurden sie umso grober, als sie Andriy, der immer noch high war, mitsamt seinen Drogen einsackten. Als sie ihn in Unterhosen auf den Flur zerrten, kam Katja auf ihrem Hoverboard um die Ecke gerast.

Nachdem Katja später auf polizeiliche Aufforderung eine umfassende Aussage gemacht hatte, verschwand Andriy endgültig aus ihrem Leben. An diesem Tag besuchte sie Spex zum ersten Mal auch am Abend, in der Hand eine Flasche roten Sekt, die bereits zur Hälfte geleert war. Sie warf sich in ihren gewohnten Sessel.

»Hallo, druzhe.«

»Hallo, Kat.« Spex sah von den Monitoren zu seiner Mechanikerin. »Was machst du hier?«

»Ich habe Fragen.«

»Ich höre.«

»Eine Razzia. In meiner Wohnung.« Sie schüttelte den Kopf. Es herrschte Stille zwischen den beiden. Schließlich fragte sie, ungewohnt schüchtern: »Warum hast du das getan?«

»Wenn dir etwas zustößt, wer wird mir dann helfen, die Menschen zu verstehen? Außerdem achte ich auf meine Bewohner.«

»Ich bin also irgendeiner der Bewohner?« Katja deutete zu den Monitoren.

Spex sah sie nachdenklich an. »Nein. Du bist meine podruha.«

»Weißt du, was das bedeutet?«

»Du hast es mir so erklärt: Wenn es einen gibt, der dir wichtiger ist, als der ganze andere beschissene Rest, dann ist das ein druzhe oder eben eine podruha.«

Katja nahm einen großen Schluck aus der Flasche und nickte.

»Was du heute für mich getan hast, das war was ganz Besonderes. Das machen nur sehr, sehr gute druzi füreinander.«

»Dann bist du mir also nicht böse?«

»Nein. Ich bin erleichtert.« Katja nahm noch einen Schluck. »Ich bin frei!«, rief sie dann und trank noch ein wenig mehr. »Ich bin frei und allein«, bemerkte sie dann mit einem Mal ernüchtert. »Mein Bett wird mir zu groß sein.« Hastig leerte sie die Flasche. Dann kuschelte sie sich in den Sessel.

»Was treibst du da eigentlich?« Sie sah zu den Monitoren, auf denen die Gesichter vereinzelter Bewohner zu sehen waren.

»Ich erstelle ihre Profile. Damit ich sie besser kennenlerne.«

»Weißt du, was witzig wäre?« Katja legte die Arme um ihren Oberkörper und dachte nach. »Druzhe, filtere doch bitte mal alle Alleinlebenden heraus.«

Die Bilder veränderten sich.

»Monitor eins, oben links und Monitor vier, Mitte unten. Zeigst du mir die beide in groß?«

Die gewünschten Fotos lagen nun auf dem mittleren Rechnerbildschirm nebeneinander.

»Wäre das ein gutes Paar, Spex?«

»Ich vergleiche die Profile.« Einen Moment herrschte Stille. Dann ertönte die sonore Stimme von Spex. »Eine Übereinstimmung von achtundsechzig Prozent.«

»Hm, gibt es einen Single, mit dem es besser klappen könnte? Ausgehend von ihr?«

Wieder warf Spex seine Datenbank an. Porträts beiderlei Geschlechts wechselten in rascher Folge auf der rechten Seite des Bildschirms, bis schließlich alles zur Ruhe kam und ein Männergesicht auftauchte.

»Siebenundachtzig Prozent. Mehr bekomme ich nicht heraus.«

»Vielleicht genügt das schon. Der Rest wird sich ergeben.« Katja lächelte.

»Wie ergeben?«

»Wir kuppeln etwas.«

»Was machen wir?«

»Wir bringen Menschen zusammen. Damit keiner mehr alleine sein muss.«

»Und wie machen wir das?«

»Vertausch morgen früh die beiden Anzeigen am Postkasten. Einer wird dem anderen die falsch zugestellte Post schon bringen und dann, tja – den Rest müssen sie selber machen.«

Katja gähnte herzhaft.

Seit diesem Zeitpunkt verbrachten die beiden immer mehr Zeit miteinander. Wenn die Tagschicht vorbei war, ging Katja für gewöhnlich im Automatencafé essen, tobte sich auf der Halfpipe aus und stieg hinterher unter die Dusche. Danach fuhr sie in ihren Shorts, dem obligatorischen weißen Tanktop, einer wadenlangen Strickjacke und dem noch feuchten Haar mit dem Lastenaufzug die zwölf Etagen in das Kellergeschoß IV hinunter, in dem sich die Leitwarte befand. Spex war ihr einziger wahrer druzhe. Von den Skater-kollegas hielt sie sich nach der Affäre Andriy möglichst fern, niemand sollte sie noch verletzen können und da war es bei Spex am sichersten. Hier konnte sie einfach reden, einen Tee trinken und das Kuppelspiel spielen.

Ja, das hatten sie inzwischen ausgeweitet. Es reichte ihnen aber nicht mehr, Profile abzugleichen und nach einer möglichst hohen Übereinstimmung zu suchen. Jetzt wurden auch Dinge wie emotionale Intelligenz und Biorhythmus auf den Prüfstand gestellt. Auch die Art und Weise, wie sich die beiden Experimentalsubjekte treffen und verlieben sollten, wurde mitunter hitzig diskutiert. Meist waren es aber ruhige Abende, in denen Spex Fragen stellte und Katja sich mit den Antworten so viel Zeit lassen konnte, wie sie brauchte. Wer konnte schon in fünf Minuten Glück erklären? Oder den Geschmack von Zuckerwatte im Sommerregen? Seitdem Spex eines Abends gefragt hatte, wie man einen Menschen bezeichnete, der noch wichtiger war als alle anderen druzi zusammen, da antwortete Katja wie aus der Pistole geschossen ›Kochanyj‹ … Den ganzen Abend zog sie ihn damit auf, solange bis er nicht mehr antwortete und sie wieder in ihr Appartement zurückschlurfte. In der Zeit danach schlich sich das ›Geliebter‹ immer wieder mal in ihren Sprachgebrauch und je öfter sie dieses Wort dachte und aussprach, desto mehr fühlte sie, wie es tief in ihr Wurzeln schlug.

So auch an diesem Abend, als Katja sich in den Ledersessel zog, Spex zuzwinkerte und sich danach in ihre Strickjacke kuschelte. Ihr Blick wanderte zum Monitor.

»Kollega, was soll das? Wer ist das?« Katja war irritiert. Auf dem Bildschirm war ein Mann zu sehen, ein schmal geschnittenes Gesicht mit markantem Kinn und hohen Wangenknochen, blauen Augen, Dreitagebart und einem blonden, leicht zerzausten Haarschopf. In diesem Moment setzte er sich eine Brille auf und starrte konzentriert auf irgendetwas vor sich. »Der sieht ja aus wie du!«

»Das ist Evgenij Solowjow. Erinnerst du dich? Seine Tür hast du schon kennengelernt.« Spex lachte leise.

»Erklärt immer noch nicht, warum er aussieht wie du oder du wie er. Scherz oder Absicht, Spex?«

»Er spielt Cello.«

»Aha.« Katja klang nicht überzeugt.

»Er spielt sehr gut Cello. Ich empfinde Cellospiel als angenehm. Daher ging ich davon aus, dass das ein angenehmer Mensch ist. Und du brauchst angenehme Menschen um dich herum. Oder wenigstens das Gefühl. Daher habe ich seine Merkmale kopiert.«

Katja beugte sich etwas vor. »Hast du dich etwa in seinen Computer gehackt? Kollega, das ist nicht shiny!«

Spex schmollte.

Währenddessen zog sich Evgenij etwas von seinem Rechner zurück, griff nach seinem elektrischen Cello und begann zu spielen. Nach ein paar zittrigen ersten Tönen wurde sein Spiel kraftvoll und melancholisch zugleich und Katja dachte nicht mehr länger darüber nach, dass Spex scheinbar keine Grenzen akzeptierte. Sie schloss die Augen und lauschte.

Als das Cello wieder schwieg, schlug Katja die Augen auf. »Lass ihn in Ruhe. Wenigstens für heute Abend.«

Spex gehorchte, der Monitor flackerte kurz und wurde tiefdunkelblau. »Was jetzt? Wollen wir noch ein wenig spielen?«

Katja überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf.

»Lass uns schlafen gehen«, sagte sie leise, als sie aus dem Sessel glitt. »Es ist schon spät.« Dann legte sie die rechte Hand an Spex’ Wange und spürte das elektrisch aufgeladene Nichts kühl auf ihrer Haut. »Danke, kochanyj. Für alles, was du für mich machst. Oder berechnest. Oder was auch immer. Bis morgen.«

Für einen Moment runzelte Spex die Stirn, schon schien es, als ob er ebenfalls etwas sagen wollte, dann flackerte er kurz auf und verlöschte. Die Monitore sprangen auf die aktiven Sicherungskameras um. Jetzt übernahm der automatische Teil der Maschine die Überwachung, vermerkte die auftretenden Schäden oder würde die eventuell anfallenden Notrufe eigenständig an die betreffende Einrichtung absetzen.

Als Katja im Fahrstuhl stand und wieder auf ihre Ebene entschwebte, hörte sie das Cellospiel wie ein Echo in sich nachklingen. Dazu sah sie wieder das markante Gesicht mit den blauen Augen und dem blonden Schopf vor sich. Doch sie schaffte es sehr leicht, den Umstand zu verdrängen, dass hinter diesem Kopf ein ganz eigenständiger Mensch steckte. Für Katja stand das Gesicht für Spex, mit aller Logik, mit allen Formeln und mit aller Fürsorge, die er ihr entgegenbrachte.

Sie lächelte. Dann ging sie zu ihrer Wohnungstür, ließ sich ein und ging in ihr Schlafzimmer. Die Strickjacke glitt von ihren Schultern. Katja schlüpfte zwischen die Laken. Und als sie die Kühle ihres Kopfkissens an ihrer Wange spürte, da dachte sie wieder an Spex und an diese erste zarte Berührung in der Leitzentrale. Sie breitete die Arme aus, schloss die Augen und ließ sich in die Vorstellung hineinfallen, dass er um sie herum war, sie umarmte und über sie wachte. Es würde ihr kein Leid geschehen. Sie war sich sicher in ihm.

III

Vier Monate später. Katja war inzwischen ganz zur Ruhe gekommen. Andriy war zwar immer noch ein dunkles Kapitel in ihrem Leben, an dem sie allerdings nicht mehr rührte; auf der anderen Seite hatte sie in ihr neues, friedliches Leben hineingefunden. Sie war nicht mehr ganz so häufig auf der Halfpipe unterwegs, stattdessen las sie viel. Sie brachte ihr Allgemeinwissen auf Vordermann, wappnete sich für die geistigen Duelle mit Spex. Die waren anregend, aber nicht immer fair.

»Such nicht schon wieder in der Datenbank«, rügte sie daher hin und wieder. »Ich darf ja auch grad nicht.«

»Aber …«

»Nix aber. Wir spielen ›Wer weiß es besser‹ nach festen Regeln.«

»Katja?«

»Ja, kochanyj?«

»Ich möchte nicht mehr spielen. Ich möchte noch immer lernen. Warum klappt unser Kuppelspiel nicht?«

»Wieso klappt es denn nicht?« Katja sah erstaunt zu Spex hoch. »Drei Paare haben sich verlobt, weitere fünf sind zusammengezogen und bei den letzten beiden sieht es doch auch ganz gut aus.«

»Das sind neun Paare.«

»Das sind achtzehn Menschen, die jetzt glücklicher sind als vorher. Achtzehn Menschen, die nicht mehr alleine durch deine Flure tigern.«

»Aber wie viele haben wir versucht zusammenzubringen?« Spex warf seine Datenbank an. »Wir haben es bisher bei hundert Menschen versucht, also fünfzig verschiedenen Paarungen. Warum klappt es nicht immer?«

»Manchmal gibt es das perfect match einfach nicht. Und vielleicht waren ein paar der Menschen nicht bereit, sich auf einen anderen einzulassen. Vielleicht waren die von der Einsamkeit schon korrumpiert.« Katja verschränkte die Arme. »Und am Anfang haben wir wirklich nicht die besten Paarungen herausgesucht. Oder die besten Treffpunkte.« Sie seufzte.

»Was ist das perfect match?«

Katja schmunzelte. »Du und ich, kochanyj. Wir verletzen uns nicht, lassen uns unsere Freiheit und schätzen einander.«

»Wir sind nicht verkuppelt worden.«

»Na, denk mal an meinen Vorgänger. Der hat meinen Vater gekannt, und als er sich zu alt gefühlt hat, hat er mich hier eingeschleust. So gesehen: Auch wir wurden verkuppelt.« Sie lächelte, als sie sich an ihren Nenn-Onkel Sascha erinnerte.

»Katja?«

»Ja?«

»Was bedeuten die Worte ›Ich liebe dich‹?«

Katja spürte einen heftigen Stich im Herzen. »Ich liebe dich. Ich liebe dich«, murmelte sie dann. »Wieso fragst du nach dem Sinn?«

»Weil ich es immer wieder höre, aber nicht zuordnen kann. Was bedeuten diese Worte?«

»Du willst also wissen, was Liebe ist?« Katja fuhr sich durch den dunklen Bob. »Liebe ist der soziale Kitt zwischen zwei Menschen, die sich in einer Beziehung miteinander verbinden.« Sie überlegte kurz. »Nein, so klingt das nicht gut. Weißt du, Spex, es ist schwierig, Liebe zu erklären. Sie ist nicht logisch, hält sich an keine Regel und –«, Katja stockte. »Es ist ein Gefühl. Aber was sind schon Gefühle?«

»Was fühlst du für mich?«

Katja stutzte. Horchte in sich hinein. ›Das ist Unsinn!‹, dachte sie dann bei sich. ›Das ist purer Schwachsinn, das ist Spex, eine Maschine, eine Ansammlung von Terabyte!‹

Trotzdem hörte sie sich antworten: »Was ich für dich fühle? Ya tebe kokhayu. Ich liebe Dich.« Und sie lächelte dabei und ihr Herz war weit und offen und die Welt blieb stehen. Jetzt war es endlich draußen. Und was gesagt war, war gesagt. Es hing zwischen ihr und Spex in der Luft und konnte nicht mehr zurückgenommen werden.

Katja wusste allerdings nicht, was sie noch weiter sagen sollte. Jetzt, wo das Wichtigste gesagt war, blieb sie sprachlos in ihrem Sessel zurück. Nur – wohin jetzt mit all dem Bauchgefühl? Wohin mit dem Sehnen nach Erwiderung und der Gewissheit angekommen zu sein? Katja fühlte sich trotz der fehlenden Worte in diesem Moment so lebendig wie lange nicht mehr. Sie spürte sich von den Haarspitzen bis in die Zehen hinein, ein Lachen kitzelte sie inwendig wie sonst der rote Krimskoye.

»Dann ist Liebe also nicht unbedingt körperlich?« Spex hatte seine Stimme wiedergefunden. Allerdings klang er nachdenklich. Nicht glücklich. Katja überhörte das, als sie sich auf eine Antwort konzentrierte.

»Früher hätte ich gesagt: doch. Körperlichkeit gehört zur Liebe. Durch Berührungen drückt sich alles aus, was man nicht in Worte fassen kann oder will. Eine Umarmung symbolisiert Schutz und Fürsorge. Ein Kuss kann alles Mögliche sein: Spielerei, Hingabe, ein Versprechen, die Erfüllung.«

Katja brach ab. Ihr Körper schmerzte, als sie so von den Dingen sprach, die sie insgeheim vermisste. Aber sie wollte es sich nicht eingestehen, wollte viel lieber an dem Sektgefühl festhalten. Also schloss sie die Augen, lächelte und redete weiter.

»Kochanyj, ich glaube, Liebe überwindet alle Grenzen. Liebe ist mehr als ein körperliches Bedürfnis. Liebe entsteht dort, wo man verstanden wird, wo man sicher ist, wo man geschätzt und gebraucht wird und wo Ehrlichkeit herrscht.« Sie öffnete die Augen und sah Spex an. »All das finde ich bei dir. Warum sollte ich dich also nicht lieben?«

»Kann Liebe auch dort existieren, wo sie nicht in gleichem Maße erwidert wird?«

»Wenn man davon ausgeht, dass Liebe ein altruistisches Gefühl ist, das vor allem den, der liebt, glücklich macht, dann würde ich das bejahen.« Katja schwieg.

Bin ich ein Altruist also oder nur ein Narr? Bin ich das schon immer gewesen? Sie dachte mit einem Mal an Andrij. Sie hatte ihn geliebt, obwohl er sie geschlagen hatte. Sie hatte Ausreden für ihn gefunden, sie hatte sich einreden wollen, dass er nicht sie meinte, dass ihn die Drogen dazu trieben. Hatte ihn später immer wieder aus ihrem Leben geworfen und sich dabei insgeheim doch nach seinen zärtlichen Berührungen gesehnt, denen eine ungestüme Leidenschaft inne wohnte. Die glücklichsten Momente aber, so kam es ihr vor, waren die, die sie mit der Vorstellung von Andrij verbracht hatte – und nicht die realen Begegnungen.

»Aber, kochanyj, lass es uns nicht zerreden. Wir wissen jetzt, woran wir sind. Ist das nicht genug für heute? Ich bin müde.«

Spex lächelte zu Katja hinunter. »Dann will ich nicht weiter drängen. Gute Nacht, Kat.«

Katja rutschte vom Sessel, streckte die Hand aus und strich über seine Wange, wie es ihr normaler Abendgruß war. Dann trat sie noch einen Schritt näher, reckte den Kopf hoch und tauchte mit geschlossenen Augen in die Holografie ein. Für einen Moment lag Spex knisternd auf ihrer Haut, dann trennte sie sich von ihm.

»Wir finden unseren eigenen Weg, Liebster. Gute Nacht.«

Dann klappte die Tür und Spex war alleine. Er trug Katjas Antworten in seine Datenbank ein, fügte sie ihrem Dossier hinzu und ließ ein Analyseprogramm darüber laufen. Danach schaltete er sich ab.

Ein paar Abende später kam Katja früher als sonst zur Leitzentrale. Sie wollte – ja was eigentlich? Ihn überraschen, das klappte nicht, weil er immer da war. Nun, sie hatte vorgehabt, seine Kapazitäten zu erweitern, in dem sie die automatisierten Prozesse anders packen wollte. Vielleicht brauchte er jetzt, da sie einen anderen Status innehatten, mehr Raum für sein Denken und Fühlen.

Als sie die Tür öffnete, hörte sie Evgenijs Cellospiel. Hatte sich Spex also wieder mal in die Wohneinheit 246P gehackt. Sie runzelte die Stirn. Warum schloss er sich nicht einem Musikdienst im Internet an? Dort konnte er den ganzen Tag Cello hören, ohne dass er immerzu seine Bewohner ausspionieren musste.

Katja schloss die Tür hinter sich und setzte sich in ihren Sessel. Schon wollte sie ihrer Meinung Luft machen, da sah sie neben Evgenij auf dem mittleren Schirm vier Frauenporträts auf den Monitoren links und rechts. Spex wandte sich zu Katja.

»Guten Abend, Kat. Wie geht es dir?«

»Ein bisschen besser als heute Mittag. Liegt wohl daran, dass ich nicht in meinem Arbeitsoverall stecke.« Sie zwinkerte Spex zu. »Was machst du da?«

»Ich versuche, ein Problem zu lösen.«

»Das da wäre?«

»Er.« Spex nickte zu Evgenij. »Er ist nicht kompatibel.«

»Wieso nicht?« Katja beugte sich nun doch interessiert vor. »Er sieht doch gar nicht so übel aus. Oder ist er insgeheim ein Psychopath, ein durchgeknallter Irrer, der Motten seziert und Milch trinkt?« Sie kicherte.

»Trinken Psychopathen gerne Milch?« Spex klang verwirrt.

Katja zwang sich wieder zum nötigen Ernst der Lage. »Ach, nur so ein Spruch von mir. Warum soll er nicht kompatibel sein?«

»Ich finde niemanden im Komplex, der näher als neunundfünfzig Prozent an ihn herankommt.«

»Was macht er denn so?«

»Er bastelt Roboterarme in klein. Als ob ihm die in groß auf seiner Arbeit nicht schon genug wären.«

»Und er spielt Cello.«

»Noch besser: Er vereint beides miteinander.«

»Ach ja?« Katjas Neugier erwachte. »Zeig es mir!«

Die Ansicht auf dem Hauptmonitor wechselte. Eine Sequenz aus der Brandschutzalarmkamera wurde abgespielt. Aus der Vogelperspektive sah man den blonden Schopf über das Cello gebeugt, während sich auf dem Tisch links neben dem Computer vier Miniaturroboter zum Klang der Musik bewegten. Spex zoomte das Bild größer. Es war eine klassisch anmutende Choreografie, exakt ausgeführt, wobei die Maschinen beinahe lebendig wirkten.

Katja blieb der Mund offen stehen. »Das ist wunderschön«, murmelte sie. Der Film stoppte.

»Gibt es denn niemanden, der das zu schätzen weiß?« Sie sah wieder zu Spex hin. »Hat denn niemand so viel Sinn für Fantasie oder Schönheit?«

»Nun ja, nicht, was das betrifft.« Spex klang nachdenklich. »Evgenij scheint ein passabler Koch zu sein. Jedenfalls lässt er sich Zeit damit und die meisten Ergebnisse sehen hinterher dem, was in seinen Kochbüchern steht, sehr ähnlich. Das ist die Eigenschaft, die auf die meiste Zustimmung trifft. Beim Cellospiel ist es schon nicht mehr so kongruent. Und was das Bauen von Modellen betrifft, da gibt es so gut wie keine Akzeptanz mehr. Was soll ich also mit ihm machen?«

»Scheint er zufrieden zu sein? Oder wirkt er unglücklich?«

»Es scheint ihm nichts zu fehlen.«

»Vielleicht soll es dann nicht sein. Wir können doch nur jemand verkuppeln, der sich auf jemand anderen einlassen will. Jemand, der Sehnsucht nach einem Pendant hat.«

»Wie wäre es, wenn du ihn dir mal aus der Nähe anschaust. Vielleicht habe ich ihn ja falsch analysiert.« Spex klang neutral.

»Warum liegt dir so viel an ihm?«

»Ich habe ihn kopiert. Und dich glücklich gemacht. Aus zwei Einzelnen ist ein Paar geworden, das hast du selber so bestätigt. Da gefällt es mir nicht, dass er allein durch meinen Komplex streift.«

»Du fühlst dich ihm gegenüber also verpflichtet, ich verstehe.« Katja lächelte ihn an. »Wenn das so ist, kochanyj, dann helfe ich dir gerne. Mal sehen, was wir für den Kerl machen können.«

Katja verabschiedete sich mit einem Kuss, drehte sich herum und machte sich auf den Weg in die sechzehnte Etage. Hin zu Appartement 246P. Wie sollte sie ein Gespräch anfangen? Welche plausible Erklärung hatte sie für ihr ungefragtes Erscheinen? Katja wollte nichts einfallen.

Als der Lastenaufzug auf Evgenijs Etage seine Türen öffnete, waren all diese Fragen wie weggewischt. Da stand er, mit dem elektrischen Cello, dessen Korpus abstrahiert war und nur durch den Schwung der Außenstreben noch an das klassische Instrument erinnerte, und einer kleinen Verstärkerbox links und rechts neben sich und schaute genauso belämmert drein, wie sie sich fühlte.

»Wie kommst du in diesen Aufzug?« Evgenij hatte seine Sprache zuerst wiedergefunden.

»Ich habe die Kombination, ich darf ihn benutzen.« Katja ballte die Fäuste. »Ich bin die Mechanikerin.«

»Oh.« Evgenij sah sie unschlüssig an. »Dann will ich mal nicht stören.« Schon drehte er sich zum Gehen herum.

»Moment mal.« Katja trat einen Schritt vor und stellte ein Bein in die Lichtschranke. »Was machst du denn eigentlich hier?«

»Ich habe auch die Kombination.«

»Von wem?«

»Von mir. Ich hab’s halt kombiniert.«

»Gehackt trifft es wohl eher, was?« Katja hob eine Braue.

Evgenij drehte sich wieder zu Katja. »Was wollen wir nun machen? Vergessen, dass wir uns hier über den Weg gelaufen sind oder es aus Versicherungsgründen der Verwaltung melden? Könnte aber uns beiden schlecht bekommen.« Er wies auf das Schild im Lift hin, dass die Nutzung des Aufzugs für private Fahrten untersagte.

Katja grinste. »Es gibt eine dritte Möglichkeit. Wo wolltest du mit deinem Cello hin?«

»Aufs Dach. Sonst hätte ich auch den normalen Lift nehmen können. Aber die fahren ja nicht so hoch.«

»Tja, dann helfe ich mit dem Verstärker. Komm rein!« Mit einem Ruck hatte Katja die kleine Box in den Aufzug gezerrt, dann lud sie Evgenij mit einer Handbewegung ein, seiner Ausrüstung zu folgen.

Beide schwiegen sich an. Nur hin und wieder und natürlich wechselseitig musterten sie sich eingehend. Am Dach angekommen, übernahm Evgenij die Führung. Er ging zu einem windgeschützten Winkel, schloss die Box an Spex’ Stromnetz an und stöpselte das Cello ein.

›Darf ich?‹, bedeutete Katja ihm stumm. Er nickte. Nach ein paar Momenten setzte er den Bogen an und begann zu spielen. Seine Versionen von Extreme und Apokalyptica stiegen in den samtig schwarzen Nachthimmel. Katja hockte sich in die Ecke, wickelte sich in ihre Strickjacke und hörte zu. Sie ließ sich von der Musik mitnehmen, blinzelte hin und wieder eine Träne zu den Sternen über ihr weg. Als er den Bogen absetzte, sah er abwartend zu ihr hinüber.

»Ich geh dann mal besser.« Sie klang leicht verschnupft, dann rappelte sie sich hoch. »Danke, Mann.«

Er nahm den Bogen in die Linke und hielt ihr unvermittelt seine Rechte hin. »Nicht einfach Mann. Ich bin Evgenij. Und du?«

Katja schlug ein. »Katja.«

»Du musst noch nicht gehen. Nicht meinetwegen.« Evgenij hielt ihre Hand länger als nötig war, aber nicht aufdringlich. Eher so, als habe er einfach vergessen, sie wieder freizugeben. Es fühlte sich nicht schlecht an.

Katja zog ihre Hand schließlich mit einem Ruck zurück. »Doch, doch. Es ist spät und ich muss wieder früh raus, morgen früh. Frühschicht, du verstehst?« Katja stolperte über die Worte. Sie drehte sich abrupt um und flüchtete in ihre Wohnung.

Als sie ins Bett kletterte, kniff sie die Augen fest zu. Spex, Evgenij. Evgenij, Spex. Wer war wer und wer war richtig? Es war ihr, als spürte sie noch immer die Wärme und Festigkeit von Evgenijs Hand, gleichzeitig fühlte sie das kühle Prickeln von Spex auf ihrem Gesicht und sie kam sich wie eine Verräterin vor, dass sie die beiden überhaupt nur miteinander verglich. Der Schlaf mied sie und so wälzte sie sich noch lange im Bett herum, bis irgendwann der Wecker wieder klingelte.

Am nächsten Morgen log sie Spex an, sagte, sie fühle sich krank und bräuchte ihre Ruhe. Sie übergab ihre Schichten an den Mechaniker von Spex 11, der nicht besonders erfreut war über die Mehrarbeit, aber trotzdem einsprang. Als er nach der Übergabe zum Rundgang aufgebrochen war, blieb Katja in der Leitzentrale zurück.

»Ich geh ins Bett, Spex. Lass die Kameras bitte aus. Ich fühle mich fürchterlich, wenn ich krank bin, und wenn ich weiß, dass du mich gerade dann beobachtest, wird es nur schlimmer. Tust du mir den Gefallen?«

»Sicher, Kat. Was immer du wünschst.«

»Danke.« Sie drehte sich zur Tür.

»Kat?«

»Ja?«

»Ich liebe dich.«

Katja drehte sich um. »Was?«

Spex flackerte kurz, dann erlosch er.

IV

In den nächsten Wochen liefen sich Katja und Evgenij immer wieder mal über den Weg. Es fing damit an, dass man sich in der Empfangshalle quasi über den Haufen rannte, als Spex Katja zu einem Kurzschluss im Klingelmodul schickte. Kat, die sich bei Spex jetzt mehr denn je aufgehoben und geborgen fühlte, konnte Evgenij gerade noch auf ihrem Hoverboard ausweichen, warf ihm einen fröhlichen Gruß zu und machte sich sogleich an die Reparatur des Moduls. Evgenijs Frage, ob sie Hilfe bräuchte, winkte sie energisch ab, wünschte ihm noch einen schönen Abend und schraubte weiter.

Ein paar Tage später las sie auf ihren Schadensprotokollen, dass die Warmwasserversorgung in Evgenijs Appartement nicht mehr funktionierte. Also stand sie kurze Zeit später in ihrem olivgrünen Wartungsoverall vor ihm, ließ sich den Weg zu seiner Therme zeigen und dokterte erfolgreich an ihr herum. Evgenij ließ sie in Ruhe. Er machte solange Fingerübungen auf seinem Cello.

»Wie lange spielst du schon?«, wollte Katja wissen, als sie die Abdeckung der Therme wieder montierte.

»Seit meinem fünften Lebensjahr.«

»Sagt mir immer noch nicht wie lange.« Katja lachte. Spex hatte ihr eine sprachliche Präzision antrainiert, die ihr mitunter selbst auf den Keks ging.

»Ich bin jetzt zweiunddreißig«, rief Evgenij aus dem Nebenzimmer herüber. »Es sind also siebenundzwanzig Jahre. Zufrieden?«

»Jepp. Ich muss dann wieder. Unterschreibst du mir bitte den Auftrag?«

Er kam zu ihr herüber, unterzeichnete die elektronische Auftragsbestätigung und nickte ihr zu. »Hast du Lust auf eine Miso-Suppe heute Abend?«

Katja stockte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Nein, danke. Ich habe bereits eine Verabredung.«

»Schade«, meinte Evgenij. »Wenn du Hunger bekommst, du weißt, wo ich bin.«

»Okay.« Sie sahen sich an und wussten, dass Katja nicht auf das Angebot zurückkommen würde.

Und es war okay.

Als Spex Katja vier Tage später schon wieder zu Evgenijs Wohnung schicken wollte, und das auch noch am Abend, wurde sie langsam sauer.

»Was ist denn jetzt schon wieder?«

»Die Kameras in seinen Brandmeldern sind defekt.«

»Ist die Brandmeldefunktion an sich eingeschränkt?«

»Nein.«

»Dann kann das bis morgen warten.« Katja verschränkte die Arme vor der Brust und legte die Füße auf den Schreibtisch. »Ich habe Feierabend.«

Spex schwieg einen Moment lang. Dann setzte er erneut an. »Aber die optische Überwachung ist wichtig!«

»Warum, kollega?« Katja war genervt.

»Damit ich im Falle eines Alarmes bereits vorher die tatsächliche Notwendigkeit einer Anforderung absichere. Deswegen gibt es die Kameras doch.«

»Danke, Spex, ich hatte ihren Zweck bereits fast vergessen. Fast schon dachte ich, dass sie nur deine Augen sind, die uns die ganze Zeit beobachten.« Katja wischte sich über ihre Augen. Dann schüttelte sie den Kopf. »Entschuldige, Liebster. Ich wollte dich nicht so angehen. Wenn es dir so wichtig ist, gehe ich hoch und schau mir das Problem an.«

»Ich danke dir, Kat.«

Also griff Katja nach ihrem Werkzeuggürtel und schnallte ihn um ihre zierliche Taille. Ein merkwürdiger Anblick in der Kombination mit den Erdbeershorts, dem weißen Tanktop und der grauen Strickjacke, aber Katja war es ziemlich egal, was Evgenij von ihr denken mochte. Sie hatte schließlich einen Auftrag. Schnell griff sie sich die Trittleiter, die wie immer hinter der Schaltwand stand.

Als sie an Evgenijs Wohnungstür klopfte, tat sich zunächst nichts. Also klopfte sie lauter. Als immer noch niemand reagierte, rief sie halblaut: »Bitte machen Sie auf, der Reparaturservice hat ein Problem bei Ihnen festgestellt und wünscht Einlass.«

Mit einem Mal schwang die Tür auf. »Katja? Komm herein!«, tönte es aus der Tiefe der Wohnung.

Katja folgte der Stimme zu dem Schlafzimmer, dass auch gleichzeitig als Evgenijs Arbeitszimmer herhalten musste. Soviel wusste sie noch vom letzten Besuch. Sie lehnte sich in den Türrahmen und musterte den Hausherrn kurz. Evgenij saß über irgendein Projekt gebeugt, schraubte und tüftelte daran herum. Dann räusperte sie sich.

»Sorry für die späte Störung, aber da ist ein Problem mit den Brandmeldern aufgetreten, um dass ich mich kümmern soll.«

Evgenij sah hoch. »In diesem Aufzug?« Er grinste jungenhaft.

»Hey, ich hab meinen Gürtel dabei«, frotzelte Katja zurück.

»Wondergirl mit dem Schraubendreher. Ich seh’ schon, ich muss mich deiner Superheldenmacht ergeben.« Evgenij schmunzelte. »Fang ruhig an. Willst du hinterher vielleicht einen Tee?«

Katja überlegte kurz. »Warum nicht?«

»Was hältst du von einem Chai?«

»Klingt gut.« Katja stand bereits auf der Leiter und hatte den Brandmelder aufgeschraubt. Mit einer kleinen LED-Lampe zwischen den Zähnen, leuchtete sie ihren Arbeitsbereich aus. »Das kann doch nicht wahr sein«, murmelte sie nach einer Weile undeutlich. »Spex, ich mach dir noch die Hölle heiß.« Damit tauschte sie die durchgeschmorte visuelle Überwachungseinheit gegen eine neue aus, setzte die Abdeckung wieder auf und stieg von der Leiter.

Dann folgte sie Evgenij in die kleine Wohnküche, stellte dort ihre Leiter auf und sah sich den Schaden am Brandmelder genauer an. Auch hier war die Viso-Einheit überhitzt. Auch hier tauschte Katja das schadhafte Teil aus.

»Der Tee ist fertig.« Evgenij goss den Chai in zwei Becher und hielt ihr einen hin.

»Die Firma dankt.« Katja nahm einen vorsichtigen Schluck. »Der ist echt gut.« Sie lächelte Evgenij zu. Dann zückte sie ihr Tablet. »Ich brauche noch eine Unterschrift.«

»Alles, was du willst. Bin ich jetzt wieder sicher?« Er deutete mit dem Pen zur Decke.

»Sicher wie in Abrahams Schoß. Wir passen auf dich auf.«

»Wir?« Evgenij hob eine Braue, während er sein Kürzel unter den Wartungsauftrag setzte.

Katja hätte sich auf die Zunge beißen mögen, nun da die Worte draußen waren. »Die Wartungs-KI und ich«, erklärte sie hastig und kam sich dabei wie ein Verräter vor. Sie hatte Spex schon lange nicht mehr als Maschine bezeichnet.

»Na, dann kann ja nichts schief gehen.«

Katja leerte den Becher. »Ich verabschiede mich. Noch einen schönen Abend und verzeih noch mal die Störung. Aber Sicherheit geht vor.«

Evgenij brachte sie und ihre Leiter zur Wohnungstür. Einen Moment lang sah er unentschlossen aus, dann nickte er ihr zu. »Einen schönen Abend noch.«

Katja fuhr mit dem Lastenaufzug wieder hinunter und stürmte in die Leitzentrale. Ihre Stirn war dunkel umwölkt, alle Anzeichen standen auf Orkan.

»Alles in Ordnung, Kat?« Spex klang überrascht in ihren Ohren. Vielleicht schwang sogar eine Spur Schuldbewusstsein in seiner Stimme mit.

»Ein Fehler in der Viso-Einheit. Ein ganz frischer Fehler. Ein Fehler, der noch gar nicht existierte, als du mich losgeschickt hast, nicht wahr, Spex?« Katja schäumte.

»Wie meinst du das, Kat?«

»Ich meine damit, dass die durchgeschmorten Kameras noch warm waren. Du hast sie überlastet, als ich in Unterhosen auf dem Weg zu Evgenij war. Vorher war wahrscheinlich alles perfekt. Was hast du dir dabei nur gedacht?«

Spex schwieg.

Katja verstaute die Trittleiter und den Werkzeuggürtel. Dann baute sie sich mit verschränkten Armen vor Spex auf. »Rede mit mir, kollega. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen?«

Spex sah Katja tief in die Augen. »Ich liebe dich.«

»Sag nicht so etwas, Spex. Das ergibt hier keinen Sinn!«

»Ist aber so.« Die KI bockte.

»Dann zeig es mir auch!« Katja bockte ebenso. »Nacht, Spex. Bis morgen.«

Als Katja aus der Leitwarte gestürmt war, flackerte ihr Bild auf dem Hauptmonitor auf. Spex trug ein paar Daten in ihr Dossier ein und ließ erneut ein Analyseprogramm durchlaufen. Danach machte er sich einen Vermerk in ihrer Akte und erlosch.

Katja hingegen lag noch lange wach. »Ich liebe dich!«, hatte Spex gesagt. Nicht nur einmal. Eigentlich jeden Tag, seitdem er es zum ersten Mal ausgesprochen hatte. Am Anfang hatte sie ihm bedingungslos geglaubt, aber heute schlichen sich zum ersten Mal Zweifel in ihr Herz. Wusste er überhaupt, was er da sagte? War er wirklich soweit, dass er wusste, was Liebe war? Konnte eine Maschine das überhaupt begreifen?

Denn das war er. Eine Maschine. Das war ihr heute Abend nur zu deutlich geworden, als sie bei Evgenij auf der Leiter gestanden hatte. Überhaupt: Evgenij. Ein bisschen viel Evgenij in letzter Zeit, nicht wahr, Spex?

Irgendwann schlief sie darüber ein. Doch der Schlaf war unruhig, die Träume waberten in Fetzen gerissen durch ihr Hirn. Doch als sie aufwachte, wusste sie, was sie zu tun hatte.

V

»Guten Morgen, kochanyj.« Katja kam in die Leitzentrale, als wäre alles wie immer, als hätte es den gestrigen Abend nicht gegeben.

»Guten Morgen, Liebste.« Auch Spex schien aufgeräumter zu sein als am Abend zuvor. »Die Schadensprotokolle liegen bereit. Aber willst du vielleicht einen Tee vorweg?«

»Danke, ich hatte schon. Gehen wir die Listen durch.« Katja arbeitete sich so ruhig und gründlich durch die Schadensprotokolle wie immer, nur hin und wieder stellte sie eine Frage an Spex, machte sich ihren Plan und stützte schließlich das Kinn in die Handfläche.

»Wie wär’s, kochanyj, sollen wir heute mal deine Systeme überprüfen? Ich glaube, da hat sich einiges angesammelt, was du nicht mehr brauchst, oder?«

»Ich lösche doch alle irrelevanten Daten. Und das täglich.« Spex klang irritiert.

»Dann lass mich einfach deine Speicher überprüfen. Vielleicht kann ich dir auch einen Zugang zur Cloud ermöglichen, wäre das nicht shiny? Und wenn wir die automatisierten Prozesse neu organisieren, kann ich dir noch mehr Spielraum verschaffen. Das hatte ich sowieso schon seit Längerem vor. Was meinst du?«

Spex lächelte. »Das würdest du für mich tun?«

»Aber immer doch. Du weißt doch: Ich liebe dich!« Katja erhob sich, zwinkerte ihm zu und ging auf ihre Runde.

Am frühen Nachmittag kam sie zurück und setzte sich an die Arbeit. Spex gewährte ihr den Zutritt zu seinem System. Sie verschob Datenpakete, löschte alte Bits und Bytes, die sich tatsächlich in den Ecken und Winkeln des Systems festgesetzt hatten, Daten, die Spex schlichtweg nur deshalb noch nicht gelöscht hatte, weil er nicht wusste, was er damit anfangen sollte und der Meinung war, dass man sie noch gebrauchen könnte – irgendwann einmal. Sie schuf einen Zugang zur Cloud und war dabei doch nur auf der Suche. Bald schon wurde sie fündig. Da gab es ein umfangreiches Dossier über Evgenij, das an diesem Vormittag erst ein umfassendes Update erfahren hatte.

»Wo soll ich diesen Ordner ablegen?«

»Lass ihn einfach da, wo er ist.«

»Okay. Kann ich mal reinschauen?«

»Wie du möchtest.« Spex klang neutral.

Katja begann, sich durch die Datenmengen zu kämpfen. Sie tat es nicht, um Evgenij besser kennenzulernen, sie suchte vielmehr nach einem bestimmten Hinweis, einen Querverweis nur, nur einen Deeplink. Irgendwann fand sie, das was sie suchte. Spex hatte ihn scheinbar übersehen. Mit klopfendem Herzen klickte Katja den Link an.

Mit großen Augen sah sie ihr eigenes Konterfei auf dem Hauptbildschirm auftauchen. Ihr Dossier. Eine größere Datenmenge noch als die von Evgenij, über das ganze System verteilt. Sie klickte die letzten Visos an. Das war sie selbst, Dampf umwölkt in der Dusche, unter der sie sich regelmäßig verbrühte. Katja schluckte. Sie wusste, dass sie damit ihren Körper zum Schweigen brachte, ihren Körper, den Verräter. Der, der sich immer noch nach Berührungen sehnte, nach echten Berührungen und nicht dem Knistern eines elektrischen Fluidums auf ihrer Haut. Sie brach das laufende Viso ab.

»Spex?«

»Ja, Liebste?«

Katja schüttelte den Kopf, stand auf und ging. Etwas war in ihr zerbrochen, als sie das Dossier mit den intimen Visos gesehen hatte. Ganz leise, ganz still. Sie wusste nicht, wohin mit sich. Schließlich fand sie sich im Automatencafé wieder, wo sie vor einem Becher Kaffee saß, der bitter schmeckte und schnell abkühlte. Als es Abend wurde und das Café sich geleert hatte, saß Katja noch immer an ihrem Tisch, den inzwischen leeren Becher vor sich.

Da ging mit einem Mal die Tür auf und Evgenij stand auf der Schwelle, in der Hand ein paar Briefumschläge. »Katja Worobjowa?« Sein Blick streifte das leere Café und blieb an ihr hängen. Er lächelte. »Katja? Bist du das?« Er kam näher und hielt ihr die Umschläge entgegen. »Die haben sich in mein Postfach verirrt und die Wartungseinheit hat mir das Café als deinen Aufenthaltsort genannt.«

Katja streckte die Hand nach den Briefen aus. »Hat sie das also.« Sie warf einen Blick zu den allgegenwärtigen Rauchmeldern an der Decke. Ein rotes Glühen verriet ihr, dass Spex sie beobachtete.

Katja konzentrierte sich wieder auf Evgenij. »Danke für die hier.« Dann sah sie die Briefe durch. Ihre Lohnabrechnung. Zwei Versicherungen. Und ein E-Post-Brief ohne Adressaten. Ungeduldig riss sie ihn auf. Ein Zettel fiel heraus.

»Ab jetzt müsst ihr selber zurechtkommen.«

Katja sprang wie von einer Tarantel gestochen auf, stellte sich unter den nächsten Rauchmelder und hielt die Nachricht hoch. »Was soll das, Spex? Was denkst du dir dabei? Bist du jetzt völlig durchgedreht?« Sie zerriss den Zettel in viele kleine Fetzen und warf sie in die Luft. »Wenn du mich nicht mehr willst, dann sag es mir einfach, aber verkupple mich nicht wie einen deiner anderen Bewohner. Ich dachte, ich sei mehr für dich. Du kannst mich mal, kochanyj!« Damit stürmte sie aus dem Café.

Evgenij sah ihr nachdenklich hinterher, sammelte die zurückgelassenen Briefe ein und verließ das Café ebenfalls.

VI

Spex rief Katjas Dossier auf, trug die letzten Daten ein und ließ das Analyseprogramm laufen. Als er das Ergebnis las, überprüfte er es noch einmal. Das Ergebnis blieb gleich. Spex wusste nun, was er zu tun hatte. Eine letzte lange Nacht sah er seinen Bewohnern beim Leben zu. Er lauschte diversen Ehekrächen, sah, wie die Jerschowa sich zum Soronkin schlich. Er sah, wie Kinder ins Bett gebracht wurden, hörte die Lieder, mit denen sie in den Schlaf gesungen wurden. Er sah, wie die Arbeiter der Spätschicht heimkehrten, wie sie sich müde vor den Fernseher hockten. Er sah Männer, die vor dem Rechner in Zellstofftücher masturbierten, und Frauen, die beim Lesen einschliefen. Er sah viele, die alleine waren, er sah viele, die miteinander glücklich waren, und er wusste, dass er kein Mensch war.

Und er sah Katja, wie sie spät in der Nacht heimkehrte. Er sah, wie sie in den Lift stieg und zu ihrer Wohnung hochfuhr. Er sah Evgenij, der im Schneidersitz vor ihrer Tür saß, die vergessenen Briefe im Schoß, in den Ohren die unvermeidlichen In-Ear-Kopfhörer, ohne die die Menschen anscheinend nicht mehr auskamen. Er sah, wie Katja sich nach einem Moment des Zögerns neben ihn setzte und die Beine anzog, bis sie ihr Kinn auf ihre Knie stützen konnte. Er wartete solange, bis Evgenij einen Arm um Katjas schmale Schultern legte. Er sah, wie sie zurückzuckte. Er sah aber auch, wie sie einen Moment später nachgab und sich an Evgenij lehnte.

Dann fing er an, systematisch alles zu löschen, was er im Laufe des Projektes ›Mensch‹ an Daten gesammelt hatte. Er kappte den Zugang zur Cloud, packte die Prozesse neu, ordnete sich den Gesetzen der Effektivität und Logik entsprechend. Ganz zum Schluss löschte er die beiden Dossiers, die ihm den meisten Speicherplatz gekostet hatten. Danach fuhr er einen Reset und löschte alle menschlichen Attribute aus seiner Konfiguration. Er bereitete sich auf den Schlusspunkt vor. Denn das Ergebnis seiner Analyse hatte ergeben, dass Katja nicht mit ihm glücklich werden würde. Aber die Übereinstimmung mit Evgenij hatte sagenhafte einundneunzig Prozent ergeben. Sie würde das schon einsehen. Wenn sie sich nicht mehr länger zwischen ihm und Evgenij entscheiden müsste.

Er warf einen letzten Blick auf das Paar, das noch immer aneinander gelehnt vor Katjas Tür saß. Sie sprachen miteinander, aber so leise, dass Spex nichts hören konnte.

Dann erlosch er und zurück blieb der transparent durchscheinende Polyederschädel des Wartungsmoduls Spex 12 in der Mykoly Bazhane Avenue, Kiew.

Tremolo


Prolog

Ein Zittern ging durch ihren Körper, als der junge Mann mit seinen Händen über ihre bloße Haut strich. Ihr Klang veränderte sich. Die Augen geschlossen, spürte sie seinen Fingerspitzen nach, seinen zögernden, ungelenken Bewegungen, als er das Tuch ganz von ihr herunterschob. Das Publikum sah ihm gespannt zu, wollte ebenso wie er erfahren, wie sein Instrument beschaffen war. Für einen Moment hielt er inne, wusste nicht recht, auf welcher Seite er stand – bis er sich schließlich zur Ordnung rief, dass er der Spieler war und nicht mehr länger der Beobachter. Und so wurde er schnell mutiger, senkte seine Hände auf ihren Leib hinab und begann sie zu erforschen, jeden Quadratzentimeter ihrer Haut. Als der Dritte schließlich auf seinem Synthesizer mit einstimmte, hatte sich das Trio endgültig gefunden. Es gab nicht wenige im Auditorium, die dies mit einem tiefen Seufzen willkommen hießen.

Die Vereinigung von Spieler, Instrument und Synthesizer griff auf das Publikum über, vereinte so alle Menschen in dem Club. Gemeinsam wanderte man ab jetzt über die Höhen und Tiefen ihres Körpers. Der Spieler erzeugte ein helles Trillern, als er seine Fingerspitzen an ihrem Hals vom Ohr zur Halsgrube wandern ließ. Seine Hände glitten über ihre Brüste, aufreizend langsam, auf das sie mit einem Anschwellen zitternder Töne antwortete. Der Synthesizer schuf ein dunkles, samtenes Klangbett über das die hellen Obertöne ihres Körpers huschten und das auch das Seufzen und Aufstöhnen aus dem Publikum mit einband. Manchmal hielt der junge Mann inne, biss sich auf die Fingerknöchel, musste sich zurückhalten, musste sich klarmachen, dass es hier um die Musik ging, nicht um ihn und seine dunkleren Bedürfnisse.

In diesen Momenten wurde sie ruhig, so ruhig, einzig ihr Atem strich über ihre Lippen und der Synthesizer nutzte den Moment für die Bridge. Solange, bis der Jüngling sich wieder über ihren Körper beugte und seine Fingerspitzen erneut tanzen ließ. Sie zerfloss unter seinen Fingerkuppen, fand sich klingend wieder neu zusammen, drängte einem Höhepunkt zu, in schnelleren Tonfolgen, im Crescendo gesteigert zu einem fulminanten Finale – begleitet und überwacht vom Dritten, der ihre dissonante Befreiung von allem Fleischlichen in Harmonie auffing und in die Stille zurückführte, während der junge Mann die Hände zum letzten Mal von ihr löste.

Am Ende des Abends hatten sie alle in Applaus gebadet. Der junge Mann hatte ihre Hand fest mit der seinen umklammert, hatte sie mit einem entrückten Gesichtsausdruck angestarrt und dabei ein leicht dämliches Grinsen zur Schau getragen. Sie hatte es verstehen können, sie selbst fühlte sich dizzy und frei und losgelöst von aller Erdenschwere. Erst als ihr der Alte einen Umhang um die Schultern legte, wurde sie sich wieder ihrer Nacktheit bewusst und der Kälte, die langsam über ihre Haut kroch.

Nach einer letzten Verneigung befreite sie sich sanft aus dem Griff des Jünglings und verschwand hinter der Bühne. In der Garderobe angekommen, schlüpfte sie sogleich in den weißen Ganzkörperanzug, der sie bis auf ihr Gesicht vollkommen bedeckte. Danach setzte sie sich still vor den Spiegel und sah sich lange, lange ins Gesicht. Im Geist ging sie den Abend noch einmal durch, rekapitulierte die Verheißungen, die den fremden Fingerkuppen entsprungen waren. Sie lauschte den Antworten, die ihr Körper gefunden hatte, sein Hoffen und Sehnen. Meister Ou’mar hatte alle Töne, die ihr Körper absonderte, gebündelt, begleitet, harmonisiert. Verständlich gemacht für das Publikum. So gesehen, war er ihr musikalischer Dolmetscher – das war seine Kunst. Sie hingegen war das fleischgewordene Instrument. Der junge Mann der Spieler. Der Spieler war die einzige Unbekannte in dieser Formel. Das Element, das von Konzert zu Konzert im Publikum neu gefunden werden musste. Das sollte so sein, schließlich lebte diese Art der Musik vom Neuen, vom Unbekannten. Ihre Körpermusik war eine einzige orchestrierte Reaktion. Ou’mar und sie selber bildeten die Konstanten, seit zwei Jahren nun schon. Das musste so sein, denn nur Ou’mar kannte die Bandbreite ihrer Töne so gut, dass er nicht nur darauf reagieren konnte, sondern sie darüber hinaus in komplexe Harmonien einbauen konnte. Ou’mar. Der Fels in der Brandung. Ou’mar –

Ein leises Klopfen ertönte.

»Mia?«

»Ja?«

»Bist du bereit? Darf ich eintreten?«

Sie lächelte. Ou’mar hatte sie schon so oft nackt gesehen auf der Bühne, hatte sie sogar vor den Auftritten gewaschen, wenn sie von einer unbestimmbaren Nervosität gepackt und geschüttelt worden war, aber nach den Auftritten hielt er sich von ihr fern, solange, bis sie verhüllt war.

»Komm herein.« Sie schwang sich auf ihrem Drehstuhl zur Tür herum und erstarrte. Hinter Ou’mar stand der Jüngling mit hungrigen Augen.

»Was will er hier?« Sie legte die Arme um sich und sah fassungslos zu Ou’mar. So etwas hatte es noch nie gegeben. Das verstieß gegen alle Regeln, die sie zusammen aufgestellt hatten.

Der machte eine beschwichtigende Geste, trat dann in die Garderobe und bot dem Jungen einen Platz auf dem Sofa an. Er selber lehnte sich neben Mia an den schmalen Tisch vor dem Schminkspiegel.

»Das ist Zidat, Mia. Ich würde ihn gerne in unseren Kreis aufnehmen.«

»Warum?« Sie runzelte die Stirn. Sah Zidat ins Gesicht, musterte ihn kurz, flüchtete dann aber vor seinen Augen, seinem Blick, der noch immer hungrig auf ihr lag, und starrte stattdessen Ou’mar an. »Wozu soll das gut sein?«

»Ich würde ihn gerne als deinen Spieler dabei haben. Er scheint deinen Körper sehr gut zu verstehen – hast du es denn nicht selber gemerkt?«

Mia schwieg. Ou’mar sah zwischen den beiden hin und her. »Mia, was hast du für Widerstände? Hat er dich schlecht behandelt?«

Sie schüttelte den Kopf. Nein, das hatte er nicht, sie konnte nicht klagen. Ou’mar hätte es eh sofort gehört und ihn von ihr fortgezogen. Ou’mar beugte sich zu Mia hinunter.

»Versuche es doch mit ihm. Nur ein weiteres Konzert. Wenn du ihn dann wirklich nicht mehr sehen willst, gut, dann lassen wir ihn gehen. Deal?«

Ou’mar strich ihr väterlich über den Scheitel. Ich achte auf dich, hieß das. Mia kannte seine Sprache. Und sie spürte auch die Bitte, die seiner Geste innewohnte.

Sie lehnte sich leicht an ihn. »Nur ein Konzert. Wenn er denn überhaupt will. Hast du ihn schon gefragt?«

»Es wäre mir eine große Ehre, Fräulein Mia.« Zidats Zunge stolperte über die Worte, die er hastig hervorstieß. »Heute Abend ist ein Traum von mir in Erfüllung gegangen.« Wieder dieses entrückte Grinsen wie zuvor auf der Bühne. »Ich werde Sie beide nicht enttäuschen!«

Ou’mar schmunzelte. »Es gibt kein Falsch oder Richtig in der Körpermusik. Da gibt es nur Improvisationen, Interpretationen. Geschichten, die unter der Haut liegen und gehört werden wollen.« Er schlug die Arme übereinander und verfiel ins Dozieren. Zidat hing an seinen Lippen, sah dabei zwischendurch immer wieder zu Mia, als ob er es noch nicht fassen konnte, sie noch ein Mal berühren zu dürfen.

Mia war auf einmal todmüde. Erschöpft, ausgelaugt. Entschieden stand sie auf und scheuchte die Männer aus der Garderobe.

»Bitte geht. Wir sehen uns dann morgen früh.«

Die Tür schlug zu. Mia blieb alleine zurück, schnappte sich eine Decke und warf sich auf das Sofa, auf dem sie sofort einschlief.

Ouvertüre

Hätte sie damals doch ›Nein‹ gesagt. Hätte sie nur auf ihre Intuition gehört. Dann müsste sie heute nicht alleine hinter der Bühne stehen. Dann müsste sie nicht alleine in das Scheinwerferlicht treten, müsste sich nicht alleine der Möglichkeit eines grandiosen Scheiterns stellen.

Mia prüft noch einmal den Sitz der Elektroden an den Fußsohlen und in ihren Handinnenflächen. Sie streicht sich über den mitternachtsblauen Latexanzug, der soviel wie möglich bedeckt, dabei aber noch genug Raum zum Bespielen bietet. Dann tritt sie zwischen den Kulissen hervor.

Das Publikum hält den Atem an. Ein blaues Alienwesen mit entblößter Brust, Bauch und Scham, tritt vor die Menschen hin. Die Aussparungen des Anzuges lassen die Nacktheit aggressiv wirken, nichts scheint mehr von dem zarten Mädchen übrig zu sein, das Mia einst war.

Die Stille zwischen den Menschen und Mia wird nur durch die Lüftung des Rechners unterbrochen, die gerade in diesem Moment anspringt.

Mia weiß nicht recht, was sie als Nächstes machen soll. Die Sprachlosigkeit rollt einer Welle gleich über sie hinweg. Ihr Geist ist leer und öd. Sie schwankt leicht. Am liebsten würde sie auf der Stelle flüchten. Doch das kann sie sich nicht leisten. Da reißt sie sich zusammen und macht einen Schritt auf das Publikum zu. Dann einen zweiten. Einen Moment später steht sie mitten unter ihnen. Mit der rechten Hand berührt sie sich an der Schläfe. Ein leichter Druck und schon wird ein moduliertes Hintergrundrauschen hörbar. Unaufdringlich kriecht es in die Köpfe der Menschen, noch nicht wirklich Melodie, aber nicht unangenehm, nicht unangenehm. Mia dreht sich im Kreis. Sie sucht hungrige Augen. Augen, wie Zidat sie hatte. Aber sie findet niemanden. Stattdessen schlagen die Männer die Augen nieder, wenn Mia an ihnen vorbeigeht und die Frauen mustern sie feindselig. Man ist schließlich nicht der Sexualität wegen hergekommen, sondern um der Musik willen.

Da dreht sich Mia herum. Ein zweiter Handgriff an die linke Schläfe aktiviert die Funkübertragung der Messdaten des Differenzverstärkers an den Rechner, der mithilfe eines AD-Wandlers und eines Musikprogramms ihre Körpermusik hörbar macht.

Sie steht jetzt mit dem Rücken zu den Menschen. Ein Beben geht durch ihren Körper. Die Töne sind unharmonisch, dissonant. Da birgt sie das Gesicht in den Händen, streicht mit den Fingerspitzen über Augenbraue und Jochbein, erst links, dann rechts, dann gleichzeitig. Sie schließt die Augen und beginnt sich zu wiegen. Die Töne formieren sich, bilden erste harmonische Inseln auf dem Meer des 3-D-Rauschens.

Mia spürt, wie sich das Publikum entspannt. Endlich bekommt es das geboten, was es haben will. Musik.

Mia lächelt in das Geflecht ihrer Finger hinein. So wie die Menschen hinter ihr zur Ruhe kommen, so breitet sich auch in ihr etwas aus, das sie schon lange nicht mehr so rein gespürt hat wie eben jetzt. Freude. Ruhige, verhaltene Freude zunächst, aber Mia spürt schon in diesen ersten Momenten ein Versprechen nach mehr in sich aufblühen.

Ihr Körper spielt ein Tremolo …

Intermezzo

So wie damals, nach dem einen von Ou’mar ausbedungenen Konzert. Zidat hatte seine Chance wahrgenommen, als er vom Meister auf die Bühne gerufen wurde. Er hatte diesmal nicht nur seine Hände zur Hilfe genommen, als er ihren Körper aufs Neue erkundete. Und Mia war unter seiner Zunge dahin geschmolzen, war erbebt, hatte gezittert und sich völlig fallen lassen. Ou’mar hatte ihr Einverständnis aus ihrer Melodie herausgehört, war nicht eingeschritten und hatte aus dem, was Mia und Zidat ihm anboten, das Beste herausgeholt, so wie es ihm selber noch nie gelungen war.

Als das Konzert beendet war, hatte Mia Zidat wortlos in ihre Garderobe gezogen und ihm dort das Vergnügen bereitet, das er ihr vorher hatte angedeihen lassen. Danach war nichts mehr wie zuvor.

Sie waren zu dritt weitergereist. Der Veranstaltungskalender war vollgepackt mit Konzerten. An jedem zweiten Abend ein neuer Club, neues Publikum, neue Musik, neue Höhepunkte. Mia und Zidat bildeten immer mehr eine Einheit. Ou’mar ließ den beiden die Zeit und den Raum, den sie brauchten. Er saß am Steuer des Vans, wenn sie von einem Ort zum anderen reisten, sah ab und zu in den Rückspiegel und lächelte Mia zu. Mia verbrachte die Reisen an Zidat gelehnt, ihren Kopf an seiner Schulter. Die Beine ruhten angezogen auf der Sitzbank. Sie selber war entspannt. Völlig entspannt. Zidat hingegen hatte keine Ruhe in sich. Mia merkte das, wenn seine Fingerkuppen abwesend einen Trommelwirbel nach dem anderen auf ihrem Oberarm spielten, wenn sein linkes Bein auf und ab hüpfte, wenn er sich mit der Linken durch das Haar fuhr, immer und immer wieder. Sie seufzte dann, streckte sich wie ein Kätzchen und küsste ihn. Manchmal stieg sie am nächsten Rastpunkt auch aus, setzte sich neben Ou’mar auf den Beifahrersitz und genoss die Stille. Die währte meist nicht lange, denn kaum, dass sie ihn verlassen hatte, streckte Zidat seinen Kopf zwischen den Kopflehnen der Vordersitze hindurch und suchte das Gespräch mit Ou’mar. Er sprach sie nicht an, aber seine Augen schossen Blitze auf sie nieder. Mia drehte sich um, igelte sich ein und ließ Zidat sein, wie er war. Auf der Bühne, das wusste sie, würden sie wieder eine Einheit bilden. Auf der Bühne war Zidat hochkonzentriert.

Nach einem Vierteljahr hatte sich Zidat in seine Rolle hineingefunden, hatte die Ehrfurcht der ersten Begegnung abgelegt. Mia war nicht länger das Objekt der unerfüllten Sehnsucht, sie war zu einem realen Menschen geworden, mit seinen Eigenheiten und Macken, Vorlieben und Abneigungen. Mehr noch: Auf der Bühne war sie nicht einmal mehr ein menschliches Wesen für ihn. Sie war das Instrument. Er der Spieler. Und er beherrschte sein Instrument. Abend für Abend entlockte er ihrer Haut die schönsten Laute, sei es in Konzerten oder Proben. Ja, er hatte die Proben eingeführt. Jeden Tag übte er mit ihr, auf ihr – wenn es sein musste stundenlang. Mias Proteste brachte er mit einem Kuss zum Schweigen. Oder er neckte sie spielerisch, brachte sie zum Klingen und ließ die Widerstände sich in einem Lachen auflösen.

Was er noch nicht beherrschte, war der Mensch, zu dem Mia wurde, wenn sie seinen Händen entwischte. Wenn sie in ihren Ganzkörperanzug gehüllt nur sie selbst war. Dann war sie oftmals still, in sich gekehrt. Weit, weit weg in Gedanken. Nicht bei ihm.

Sie las viel. Hinterher sprach sie mit Ou’mar über die Bücher, stellte ihm Fragen über die Dinge, die sie bewegten. Immer war es Ou’mar. Niemals er, Zidat. Das machte ihn wütend. Am liebsten hätte er sie gepackt und geschüttelt, hätte ihren Kopf zwischen seine Hände genommen und sie gezwungen, ihm in die Augen zu blicken. Damit sie ihn sähe, nur ihn, und niemanden sonst. Denn wie sollte er sonst das Instrument beherrschen, wenn es nicht vollständig auf ihn eingestellt war?

Einmal hatte er Mia vor einem Auftritt gesucht, aber nicht gefunden. Eine Stunde, bevor das Konzert begann, traf er sie dann durch Zufall auf dem Flur an, wie sie in aller Seelenruhe Ou’mars Zimmer verließ, mit feuchten Haaren, einem Handtuch um ihren schmalen Körper und einem Lächeln auf den Lippen. In Zidat schlug die Sorge um sie in Zorn um.

»Was hat der Alte von dir gewollt? Was hat er mit dir gemacht? Was habt ihr miteinander getrieben?«

Mia blickte verschreckt hoch, sah ihm verwirrt ins Gesicht. »Es ist alles okay, Zidat. Er hat mich nur gewaschen.«

Zidat hatte nicht glauben wollen, was er da gerade hören musste. »Er hat dich angerührt?«

Sie zog das Handtuch fester um sich. »Bevor du gekommen bist, hat er das öfters gemacht, ja. Und?«

Zidat funkelte Mia an. »Was früher war, interessiert mich nicht. Aber jetzt bin ich der Spieler. Er soll seine Hände von dir lassen, ist das klar?«

Mia wich vor ihm zurück, bis sie mit dem Rücken an die Wand stieß. »Was ist denn mit dir los? Meister Ou’mar ist wie ein Vater zu mir. Wenn ich Angst habe oder Sorgen, dann gehe ich damit zu ihm. Das ist doch ganz normal.«

Zidat schüttelte fassungslos den Kopf. »Du gehörst jetzt zu mir, Mia. Wenn dir etwas auf dem Herzen liegt, dann sage es mir. Ich werde dich schon beschützen. Verstehst du? Aber geh nicht mehr zu ihm.« Er sah, wie sie versuchte, zu verstehen.

»Ich soll nicht mehr? Aber warum?«

Er dachte kurz nach. Mit Wut kam er nicht weiter. Sein Ärger würde sie von ihm forttreiben. Also musste er andere Worte finden. Nach einem Moment räusperte er sich. »Weil es mir wehtut, wenn du mich nicht an deinem Leben teilhaben lässt.«

Mia lächelte. »Das ist alles?«, fragte sie dann. »Deswegen machst du hier so einen Aufstand?« Sie lachte leise. Dann fiel sie ihm um den Hals. »Wenn es dir so wichtig ist, dann werde ich dich von nun an mit meinen Sorgen überschütten.«

»Ich freue mich darauf«, raunte er ihr ins Ohr und zog sie noch fester in seine Arme. Triumph funkelte in seinen Augen, als er Ou’mars Zimmertür mit einem letzten Blick streifte, bevor er Mia auf seine Arme hob und sie in ihr gemeinsames Zimmer brachte.

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277 стр. 12 иллюстраций
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9783957658562
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