Читать книгу: «Ein Kuckuckskind»

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Table of Contents

Title Page

Vorwort

Motiv

Henny in der Börde

Der Alltag hielt Einzug

Volksfest

1961

Hasso

Der Tabakboden

Der Kindergarten

Mein HASSO

Die Einladung

Totschlag oder Mord?

Schon wieder Nachwuchs

Blut ist dicker als Wasser

Der Selbstmordversuch

Der Jugendklub

Mein Berufsweg

Meine erste Wohnung

Hoher Besuch aus Berlin

Wirren der Seele

Nachbarn

Verdrängung

Die Hochzeit

Alkohol

Im Krankenhaus

Die Therapie

Der Test

Im Büro

Trauer

Warum

Dumm gelaufen

Die Diagnose

Bremen

Kindeswohl, dass ich nicht lache …

Schönebeck

Streber

Der Geburtstag

Theaterprobe

Chor

Kultur als Überlebenselixier

Danksagung

G. Ungewiss

Ein Kuckuckskind

Erinnerungen eines Bördemädchens

im Sozialismus

Autobiografie

Ich erkläre hiermit, dass die Namen frei erfunden und die Darstellungen aus Erinnerungen, Erfahrungen und Geschildertem von der Phantasie untermalt niedergeschrieben sind.

G. Ungewiss

VORWORT

Ich weiß ... Es ist immer schwer, einen gelungenen Einstieg zu finden.

Ich möchte dich mit diesen Zeilen zu den Erfahrungen einer inzwischen alten Frau führen, die ihr Leben bereits hinter sich hat. Zu Lebzeiten fiel es ihr schwer, auf sich zu achten und für sich selbst da zu sein. Ihr Einsatz galt trotz der Tiefschläge dem Menschen.

Mein Ziel ist es, dich zum Lesen zu motivieren, zum Nachdenken anzuregen und auch zum Schmunzeln zu bringen.

In diesem Buch werden Erfahrungen von einer Frau beschrieben, die wahrscheinlich einen ganz normalen Lebensweg beschritten hat. Wobei es sich über eine Formulierung wie ›ganz normal‹ natürlich streiten lässt.

Ein Mädchen, aufgewachsen in einer Großfamilie als Kuckuckskind. Geprägt durch diese Rolle in der Familie und von den Erlebnissen, die ihr widerfahren sind. Ein Mensch mit Fehlern und Schwächen. Aber dennoch liebenswert. Ihre Situation war nicht zu vergleichen mit jener in heute üblichen Patchwork-Familien.

Es handelt sich um eine Biografie einer Frau, die ich meinte zu kennen, und doch war alles anders.

Genieße die Zeilen. Wenn sie dich von deinem Alltag ablenken, etwas in dir bewegen oder du gar dadurch vielleicht zu einem besseren Zuhörer wirst, habe ich mein Ziel erreicht.

Viel Freude beim Lesen.

Gisela Ungewiss

MOTIV

Dieses Buch entstand aus einer Einsamkeit heraus. Allein, zu Hause, vergessen von sogenannten Freunden. Gefangen im tiefen Loch einer Depression, in dem der Abstand zu den Mitmenschen immer größer zu werden schien. Kein Antrieb. Der Wunsch auf zwischenmenschliche Kontakte war verloren gegangen. Zu anstrengend. Das Gefühl der Ablehnung hielt sich beharrlich. Der Tag war schwer zu ertragen. Ich wollte nicht aufstehen. Nicht rausgehen und mir womöglich noch sagen lassen, dass der Tag schön sei. Ich sah das nicht. Ich sah ES nicht. Das Schöne. Alles war grau, trotz Sonnenschein.

Die Worte dröhnen wie Gebrüll in meinen Ohren. Nein! Ich will niemanden hören, niemanden sehen. Es ist zu anstrengend. Mir fehlt die Kraft. Es ist schwer, sich ständig erklären zu müssen. Missverstanden zu werden. ›Draußen‹, im Abseits zu sein.

Niemand hört mehr zu. Immer nur höre ich: »Die schon wieder, mit ihrem Selbstmitleid!«

Selbst-mit-leid? Was soll das überhaupt sein? Ja, ich leide, aber was ich nicht will, ist Mitleid. Und >Selbst< schon gar nicht. Mir selbst gegenüber bin ich nicht so rücksichtsvoll und verständnisvoll. Mir fehlt der Wegweiser aus der Dunkelheit. Das schmerzt, als würde man den Daumen in die offene Wunde legen. Niemand muss mit mir mitleiden.

Verständnis wäre gut. Aber woher soll das kommen, wenn ich niemandem sage, was mich bewegt? Und selbst wenn ich wüsste, was mich bewegt, wer würde das hören wollen? Wem will und vor allem wem kann ich mich denn anvertrauen … ohne, dass es gleich die Runde macht und ›alle‹ mit dem Finger auf mich zeigen ... Und warum sollte ich jemanden mit meinen Gedanken, Sorgen und Gefühlen belasten. Hat irgendwer es verdient, dass ich ihn oder sie auch noch runterziehe? Nein. Ich will nicht zur Last, zur Belastung werden. Also, schweige ich und lächele. Aber meine Seele weint. Ich brauche jemanden, dem es gelingt, die grauen Wolken, die mich erdrücken, beiseite zu schieben, damit ich die Sonne wieder sehen kann.

Und warum dürfen Menschen das überhaupt – Andersdenkende und anders Fühlende verurteilen? Woher nimmt ein Fremder das Recht, über sein Gegenüber zu richten? Ist er auch nur ein kleines Stück des Weges mit mir gegangen, um mitreden zu können? Dieses Verurteilen anderer macht mich so wütend. Hat nicht jeder Dreck vor der Tür? Auch ich – obwohl, das meiste ist nicht einmal mein Dreck. Der wird halt nur zu meinem gemacht. Oder bin ich es selbst, die den Schmutz anderer zu meinem eigenen macht?

Was ist los mit mir? Warum so viele Fragen? Warum die Zweifel? Macht sich nicht jeder Mensch solche Gedanken? Nehme ich mir nicht selbst zu viel Recht auf Gerechtigkeit heraus? Bin ich es, die ungerecht ist? Sind es die anderen? Mit welchem Recht dürfen sie urteilen – nein, verurteilen? Oder verurteile ich zu Unrecht? Die Welt ist aus den Fugen geraten. So scheint es, wenn die Gefühle nicht mehr mit den Gedanken Schritt halten können. Es macht mir Angst. Ich bekomme Bauch- und Kopfweh. Mir wird schwindelig.

Warum wird der Abstand zu meinen Nachbarn und Bekannten gehalten und ist die Liebe zu den Tieren größer als zum Menschen?

Wo sind sie nur, die Mit-Menschen? Warum sitze ich jetzt hier Ohne-Menschen? Komisch, das Wort Ohne-Menschen kennt das Rechtschreibprogramm des Computers nicht. Warum eigentlich nicht? Es sind doch so viele ohne Menschen. Allein. Einsam. Die sich lieber für ein Haustier entscheiden, als dass sie sich noch jemand anderem anvertrauen ...

Nun gut. »Jeder ist seines Glückes Schmied!« Wer war das, der solch einen ›klugen‹ Spruch abgelassen hat? Ich weiß es nicht. Habe auch so meine Zweifel an dieser Aussage. Für mich klingt es eher wie ein Vorwurf. ALSO: Selbst schuld ... Da ist sie wieder, diese Schuld! Aber wer ist schuld? Warum? An was?

Quälende Fragen und Selbstzweifel bereiten meinen Weg … machen mich kaputt.

Ich will euch sagen, warum. Dazu muss ich euch eine Geschichte erzählen ...

... eine Geschichte von einem kleinen Mädchen, das auf dem Land aufgewachsen ist.

Meine Mutter kam aus dem Norden, aus einem Dörfchen in der Nähe von Schwerin. Wir würden sagen, wo sich Fuchs und Hase »Gute Nacht« sagen. Ihr Name war Henny. Sie war schön und unschuldig. Eine liebenswerte Frau. Schlank, braunes Haar, voller Lebenslust.

Im Ort gab es nur Sandwege, einen kleinen Laden mit Waren für den täglichen Bedarf, ansonsten nichts, nicht mal einen Arzt. Dafür gab es eine Badeanstalt in der Nähe. Ein Tummelplatz für die Familien im Sommer. Viele andere Gelegenheiten zum Zeitvertreib außer Arbeiten gab es nicht. Der Weg dorthin, entlang der Wiesen, Baumreihen und einer Eisenbahnstrecke, wo noch die Dampflok regelmäßig entlang zog, war romantisch und schön. Knallerbsenbüsche, riesige Laubbäume, die Schatten und Trost spendeten und weite Wiesenlandschaften bis an die Wälder heran. Man konnte sich hier auch einfach ins Gras legen und in den Himmel schauen, die Vögel beobachten oder auf Rehe warten. Mit den Gräsern spielten wir ›Hühnchen oder Hähnchen‹. Die kleinen Dinge brachten Abwechslung und Freude. Ich war sehr gern dort in den Ferien. Weg von dieser Familie ... Aber dazu später.

Henny lernte, wie viele Mädchen in den Vierzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts Hauswirtschafterin in Kühlungsborn. War dort während der Ausbildung bei Verwandten untergebracht, denn Geld für ein Zimmer hatte sie nicht. An manchen Wochenenden fuhr sie nach Hause zu ihrer Mutter und legte stets den Weg über Schwerin zurück. Die Verkehrsanbindung gab nichts anderes her. Sie fuhr mit der Bahn: zuerst mit der ›Molli‹, der mecklenburgischen Bäderbahn, einer dampfbetriebene Schmalspurbahn mit einer Höchstgeschwindigkeit von vierzig Kilometern pro Stunde, dann musste sie zweimal umsteigen auf den großen Zug. Der Rest wurde auf Schusters Rappen zurückgelegt. Bis sie zu Hause war, gingen schon mal weitere drei bis vier Stunden ins Land. Deshalb fuhr sie nicht mehr so häufig nach Hause. Es war umständlich, langwierig und teuer.

Sie stand schon bald auf eigenen Beinen. Wurde immer selbstständiger und verdiente ihr eigenes Geld als ›Mädchen für alles‹. Mit sechszehn Jahren fühlte sie sich schon erwachsen. Zu dieser Zeit musste man bereits alleine zurechtkommen. Es gab keine Möglichkeit, bei jedem Problemchen Mama anzurufen und um Hilfe zu bitten. Telefon hatte nur der Bürgermeister und der Pfarrer. Zu der Zeit wurden statt WhatsApp noch Briefe geschrieben, die mitunter eine Woche unterwegs waren, bis sie den Adressaten erreichten. So blieb sie also vor Ort oder fuhr maximal bis in die Kreisstadt Schwerin. Sie schlug sich durch. Es war 1946.

Oft machte die junge Frau, wenn sie frei hatte, bereits in Schwerin halt, weil dort ihre Cousine lebte. Sie war älter als Henny. Kannte sich gut aus in dieser Stadt. Hier pulsierte das Leben nach dem Krieg. Die Armee unterhielt in der Nähe ein Schützen-Bataillon. Bereits 1822 begann hier schon die militärische Nutzung der Region. Ein Artillerieschießplatz wurde im Schutz des ringsherum liegenden Waldes eingerichtet. Es entstand der Militärstützpunkt Stern Buchholz. Die Wehrmacht begann mit dem Bau eines Versorgungsdepots und einer Heeresmunitionsanstalt. Später galt es nur noch, dieses Lager zu bewachen und zu verwalten. Der Krieg war seit Mai 1945 zu Ende – in manchen Regionen etwas später. Häuser und Landschaften waren genauso kaputt wie die Ideale der Menschen, Gefühle lagen in Trümmern, Männer waren knapp.

Aber in Schwerin, da waren die Soldaten, Offiziere – Männer! Die Sehnsüchte wuchsen in der schweren Zeit der Zerstörung. Sehnsucht nach Streicheleinheiten, Zuwendung, Nähe, Schutz und Geborgenheit. Henny lernte in der Stadt einen großen und stolzen Offizier kennen, verliebte sich in ihn und heiratete. Mit achtzehn war sie bereits Ehefrau. Sie war versorgt. Das war es zu dieser Zeit, worauf es im Leben eines Mädchens ankam. Verheiratet sein … ›unter der Haube‹ sein. Der Mann hatte das Geld nach Hause zu bringen, und die treusorgende Ehefrau kümmerte sich um den Haushalt. Sie ›durfte‹ kochen, waschen, putzen und den Gatten, als Dank für das Haushaltsgeld, das Bett warm halten. Bald stellte Henny fest, dass das Leben mit ihrem Offizier doch nicht die Erfüllung brachte. Dieser Mann war dienstlich so stark eingebunden, dass er kaum zu Hause war. Sie spielte nur eine untergeordnete Rolle in seinem Leben. Die Nähe und der Schutz, die Geborgenheit fehlten. Bald schon spielte sie gar keine Rolle mehr für ihn. Henny war allein, einsamer als je zuvor.

In Schwerin Stern-Buchholz war auch Wilhelm stationiert. Als Soldat war er kein Kostverächter, genoss das Leben in vollen Zügen. Der Alltag war schon schwer genug, deshalb zog er mit seinen Kameraden an den freien Tagen um die Häuser, durch Kneipen und Bars, und tat, was man halt bei dem spärlichen Sold tun konnte, um den Kopf frei zu kriegen und nicht mehr dem gedanklichen Elend hinterherzuhängen. Fern von der Heimat. Nicht wissend, wie es zu Hause aussah.

Es sprach sich natürlich schnell herum, wo man die übriggebliebenen Männer finden konnte. So ging auch Henny mit ihrer Cousine spazieren, um gesehen zu werden, sie gingen zum Tanzen in die Stadt oder fuhren mit einem kleinen Fährboot über den Pfaffenteich. Dort traf man sich. Hier tummelten sich die jungen Leute und verwickelten sich gegenseitig in Gespräche, während man den Schwänen verträumt hinterher schaute. Manchmal fuhren Wilhelm und Henny, nachdem sie sich kennengelernt hatte, ganze drei Mal über den Pfaffenteich, weil sie so ins Gespräch vertieft waren. Der Teich war nicht sonderlich groß, man könnte auch um ihn herum spazieren, aber das war nichts für Wilhelm mit seinen schweren Armeestiefeln. Er ließ sich lieber chauffieren. Auch wenn es nur vom Fährmann war. Das gab ihnen ein klein wenig das Gefühl, etwas Besonderes zu sein. Es war ein erhebendes Gefühl. Und man konnte seine Angebetete besser im Arm halten. Schließlich waren auch die Männer auf der Suche nach Abwechslung und Liebkosungen. Wenn auch nicht gerade mit noblen Absichten.

Da war er nun: Wilhelm. Er war frech, aufdringlich und doch liebenswert. Er war voller Kraft, Humor und Beschützerinstinkt. Das imponierte ihr. Da Henny Wochen bis Monate allein war, suchte sie das Abenteuer. Frust, Trotz und Neugierde wuchsen in ihr, sie wollte sich auflehnen gegen die Ketten, die ihr durch die Ehe auferlegt waren. Spaß und Freude waren die größte Sehnsucht nach den angsterregenden Erfahrungen, die ihnen die Kriegs- und Nachkriegszeit bescherten. Es kribbelte wieder im Bauch.

Sie war verheiratet, mit ihrem Offizier. Das war schon etwas. Die sogenannten geordneten Verhältnisse konnte sie vorweisen, aber das genügte ihr nicht mehr. Was sollte sie mit einem Mann, der nur auf dem Papier zu ihr gehörte? Mit den Alltagsproblemen blieb sie allein. Wo war die anfängliche Wärme geblieben? Sie war einsam. Diese Ehe bestand nicht mehr, nicht für sie. Wenn sie doch wenigstens ein Kind von ihm gehabt hätte! Ein Wesen, für das sie hätte sorgen, welches sie hätte liebkosen können. Aber auch das wollte einfach nicht klappen. Es passte eben nicht. Sie entfremdeten sich zusehends. Gespräche, gemeinsame Interessen und oder gar Aktivitäten fanden mit ihrem Offizier nicht mehr statt. Keine Ausflüge, Kutschfahrten durch die Natur mit einem Picknick im Wald, wie man es inzwischen in den Kinos sehen konnte. Sie träumte von romantischen Abenden beim Tanz unter dem Sternenhimmel in den Armen eines starken Mannes, der ihr zuhört. Wo war dieser Mann? Ihr Angetrauter nahm sie gar nicht wahr.

Und da war er nun. Wilhelm. Sie fand nach einer enttäuschten Ehe mit einem Offizier ihre neue Liebe zu Wilhelm, dem Soldaten. Trotz oder wegen der Nachkriegswirren. Henny war verliebt. Heimlich trafen sie sich in der Stadt. Ihre Cousine war pikiert. So etwas schickte sich nicht. »Du bist verheiratet!«, sagte sie immer wieder. »Nein! Nur auf dem Papier!«, trotzte Henny. Sie wollte diese Ehe nicht mehr. Was für eine Schande, aber das war ihr egal. Sie brauchte Streicheleinheiten. Aufmerksamkeit. Respekt. Liebe. Bald monierte ihre Cousine nicht mehr, weil sie ebenfalls ihre große Liebe fand und inzwischen Henny besser verstehen konnte. Damit hatte die junge Frau freie Bahn.

Und er war ihr Wilhelm!

Nach dem Abzug der alliierten Truppen sprengte die Sowjetarmee das Munitionslager in Schwerin. Die deutschen Soldaten wurden nach Hause geschickt. Es gab nichts mehr zu bewachen. In Friedenszeiten warteten andere Aufgaben auf die Jugend. Der alte Schmutz und Ballast musste aufgeräumt werden. Man hatte keine Verwendung mehr für sie in Sternbuchholz. Wilhelm fuhr in seine Heimat, zurück in die Börde. Tränen flossen beim Abschiednehmen, aber er versprach ihr, sie nachzuholen ...

HENNY IN DER BÖRDE

Sie war hübsch, schlank, mit braunem schulterlangen Haar. Ja, die Männer drehten sich nach ihr um. Doch sie dachte nur an den einen. Ein halbes Jahr später fuhr sie ihm nach. Sie hatte gewartet, aber er kam nicht, sie zu holen. So nahm sie ein kleines Köfferchen und setzte sich in den Zug. Zuvor schrieb sie ihrem Geliebten. Sie meinte es ernst und fuhr in ihre Zukunft. Die Aufregung war groß. Willi holte sie vom Bahnhof ab und brachte sie in sein Heim. Der Weg führte durch das halbe Dorf. Beide wurden gesehen.

Wen hat Willi denn da mitgebracht? Eine schmucke Dern. Woher kommt sie? Was ist mit unseren Bräuten im Ort, die jahrelang auf die Rückkehrer gewartet haben? Die Hoffnung der Jungfrauen oder besser, der jungen Frauen war groß, als er ledig und gesund zurückkehrte. Und nun das! War alles vergebens? Das Warten umsonst? So ein gutaussehender Mann … schade!

Wieder flossen Tränen.

Vielleicht war sie schwanger, fragte man sich im Ort. Und dann hatte man die Gewissheit. Er musste sie also mitbringen. Und wann wird nun geheiratet? Nach der Scheidung. Na ja, irgendwas ist ja immer. Verheiratet ist sie also auch noch! So eine Verschwendung. Und die ledigen Frauen hier mussten sich mit dem ›vorhandenen Material‹ an Männern zufriedengeben.

Eine verheiratete, schwangere Frau aus Mecklenburg-Vorpommern!

Wie ungerecht doch die Welt ist!

Bei den Frauen aus dem Ort war sie schon mal unten durch, trotzdem wurde sie mit einer überraschenden Freundlichkeit empfangen, sodass sie sich ziemlich schnell heimisch fühlte.

Aber ...

Sie hatte keinen leichten Einstieg bei der Mutter des Geliebten und blieb immer die Unerwünschte. Aber was soll’s? Eine starke Liebe kann doch nichts erschüttern, dachte sie. Sie ward geschieden von ihrem Offizier, gebar im Dezember ihren Sohn Rudolf und heiratete im folgenden Jahr, am 16. Februar 1952, mit 22 Jahren den Soldaten Wilhelm.

Sie war lebenslustig und verliebt. Ihre Wünsche gingen in Erfüllung. Nun hatte sie einen Mann, der für sie da war, und ein Baby. Wilhelm wusste, wie man Frauen verwöhnt. Er war ein Charmeur vor dem Herren. Das Leben kann so schön sein. Im Dorf lebte sie sich durch ihre aufgeschlossene Art schnell ein. Die Männer flirteten mit ihr. Die Frauen fragten sie aus und beäugten sie neidisch. Es war ein ruhiges und friedliches Leben. Einfach schön. Drei Jahre später brachte sie eine Tochter zur Welt. Sie nannte sie Karla. Jetzt schien sie das Glück auf ihrer Seite zu haben. Es war eine Freude. Die Familie war komplett.

Der Kindesvater arbeitete in der LPG. Die Landwirtschaft, das war die einzig mögliche Arbeit in der Börde, die für den inzwischen 29-Jährigen infrage kam. Der Armee hatte er den Rücken gekehrt. Die Soldaten wurden sowieso nicht mehr gebraucht. Somit war er zu Hause in Klein Siehstenicht – bei seiner schönen Frau und seinem Sohn. Und wie stolz war er erst, als er auch noch eine Tochter bekam. »Wir müssen zusammenrücken«, sagte er. Aber liebende Menschen haben auch in der kleinsten Hütte Platz.

Schließlich waren da auch noch seine Eltern. Die freuten sich sicher auch, wenn sie die Kinder umsorgen durften. Kinder bringen Liebe und Wärme ins Heim. So ein kleiner Mensch scheint wie ein großes Wunder. Man musste sie einfach liebhaben.

Bald bekamen sie einen kleinen, verkommenen Wohnraum, den sie sich gemütlich herrichten konnten. Henny hatte schließlich gelernt, wie es geht. Mit einfachen Mitteln dekorierte sie für die Familie ein gemütliches Zuhause. Die Wände wurden getüncht, Stoffe als Tischdecken ausgelegt und Feldblumen für den Tischschmuck gepflückt. Dann noch ein altes Foto an die Wand – und nach und nach entwickelte Henny ihren eigenen Stil. Und für die Sorgen gab es Likör. Ein Allheilmittel gegen Langeweile, Betrübtheit, Ärger und Bauchweh. Das hatte man ihr in diesem Ort beigebracht: »Es ist bekannt von Alters her, wer Sorgen hat, hat auch Likör.« Also musste dieser auch im Hause sein.

Willi übernahm schließlich die Verantwortung eines ehrenamtlichen Dorfpolizisten. Die wurden gesucht von staatlicher Seite. Die Ausbildung in Theorie und Praxis übernahm die provisorische Regierung. Das war eine ungeübte Verwaltung, angeleitet von russischen Soldaten mit willigen Bauern, die etwas ›Besseres‹ werden wollten oder sollten. Sie versuchten, die neuen Gesetze und Verordnungen, die von ›Oben‹ kamen, umzusetzen. So schulte diese Regierung die Bauern zu Hilfspolizisten. Alle waren dabei, weil es offensichtlich alle gestandenen Männer machen mussten. So auch Wilhelm. Schließlich galt es, »die Grenze zu schützen«, wie es hieß. Soldaten durften dort nicht agieren, da die Gefahr bestand, dass zwei Streitmächte aufeinandertreffen und somit Grundlagen für einen neuen Krieg gelegt würden. Das wollte niemand. Also wurde in Berlin die kasernierte Volkspolizei an den Grenzstreifen gestellt und auf dem Land die Volkspolizei mit Unterstützung der Hilfspolizisten – auch um zu verhindern, dass weitere Anwohner flüchteten und auch noch wertvolle Kulturgüter mitgehen ließen. Sie lebten nahe der niedersächsischen Grenze, in der Ostzone, die immer mehr gesichert wurde. Hier galt es besonders, die wenigen noch verbliebenen Wirtschaftsgüter zu sichern. Oft waren es Fachkräfte, die das Weite suchten, sagte man. Warum eigentlich gerade die gebildeten Leute? Was wissen die, was wir nicht wissen, fragten sich die anderen. Warum treibt es sie fort? Wir sind doch die ›Guten‹. Wir wollten den Neuanfang in einer neuen, besseren Gemeinschaft. Eine Gesellschaft errichten, in der es allen Menschen gleichermaßen gut geht.

Die Grenzen nach Westdeutschland waren provisorisch geschlossen. Die politischen Abgrenzungen wurden immer drastischer und nahmen zu. Das Land sollte geschützt und gesichert werden, aber vor wem? Ein neues Feindbild wurde von staatlicher Seite aufgebaut und vermittelt. In der Freizeit betrieben viele Propaganda. Später auch ganz offiziell während der Arbeitszeit. Die Stallarbeit blieb liegen. Die politische und gesellschaftliche Verantwortung wurde im sogenannten Ehrenamt verwirklicht.

Henny und ihre Familie befanden sich in der Ostzone, eine der vier Besatzungszonen, die es nach dem zweiten Weltkrieg gab. Das Gebiet war von den Russen besetzt und die Verwaltung wurde von der sowjetischen Staatsmacht diktiert. In Russland gab es schon den Sozialismus. Hier sollte dieser ebenfalls praktiziert werden – nach dem Vorbild der großen Sowjetunion. Sie nannten sich ›Freunde‹. Jahre später wurden sie ›Brüder‹ genannt, weil man zwar das gleiche Ziel verfolgte, man sich schließlich aber die Freunde aussuchen konnte, aber Brüder nicht. Viele hätten lieber andere Wege eingeschlagen, hatten aber keine Wahl. Sie hatten sich zu beugen. Schließlich waren es die Deutschen, die über die Menschheit großes Unglück, Leid, Elend, Armut und Krankheiten gebracht hatten. Somit hatten sie demütig das letzte Hemd herzugeben und zu tun, was die Siegermächte verlangten. Es bestand eine Diktatur. Nach Karl Marx war es die »Diktatur des Proletariats«. Nach der zunehmenden Auffassung der hier lebenden Bürger war es aber eine Diktatur der Russen über die Ostdeutschen. Über den restlichen Teil Deutschlands befanden die Engländer, Franzosen und Amerikaner. Nur die Deutschen hatten nichts mehr zu sagen.

Im Osten sollte der Sozialismus aufgebaut werden. Eine Staatsform, in der es allen gut gehen sollte. Es war schwer, aus Schutt und Asche Optimismus aufzubauen. Sie sollten etwas Neues, Wunderbares schaffen. Eine Gesellschaft, in der alle gleich sind. Ohne Standesdünkel. Ohne Vorurteile. Jetzt sollten die, die die Arbeit leisteten und die Früchte anbauten, diese auch ernten und verzehren. Ja, da machen alle gern mit, oder? Deshalb entschied auch Wilhelm, eine politische Schulung über sich ergehen zu lassen. Er gehörte dazu und verstand die aktuelle Entwicklung besser. »Was ist denn dabei, alles gemeinsam anzupacken, aufzubauen und zu nutzen?«, sagte er. »Das kann nur richtig sein.«

Im Westen hielt man an dem Konkurrenzkampf fest. Der Kapitalismus blieb erhalten. Der Aufbau ging dort durch die amerikanische Unterstützung viel schneller voran. Der Wohlstand wuchs dort im Vergleich zum Osten drastisch. Trotz Ausbeutung der Arbeiterklasse. Und hier? Hier baute man wohl auf Bescheidenheit und Dankbarkeit.

Hier hieß es: sozialistischer Wettbewerb. Es mangelte an Rohstoffen und materiellen Wirtschaftsgütern. Das, was funktionierte, wurde von den Russen abgebaut und in das gelobte Land geschickt. Man sollte im Osten der Republik aus Scheiße Geld machen. Das Rezept dafür war noch unbekannt. Deshalb wuchs auch der Drang, in den goldenen Westen abzuhauen, um dort ein üppigeres Leben führen zu können. Nach der Zeit des Darbens war jetzt leben angesagt. Dies gelang im Westen besser. Viele junge Menschen wollten sich der Diktatur im Osten nicht fügen. Selbstbestimmt wollten sie ihr Land aufbauen und sich nicht sofort wieder unter einer anderen Knute wissen. Deshalb träumten viele von einem Leben in der Bundesrepublik Deutschland. Die gründete sich nach dem Ausruf des Grundgesetzes der BRD im Mai und ein paar Monate später, im September 1949, mit der Wahl des Bundetages. Vier Monate danach zog die sowjetische Regierung nach und gründete die DDR. Ab dem 7. Oktober 1949 begann man in Deutschland zweisprachig zu sprechen: Westdeutsch und sozialistisches Deutsch. Der Traum von der Wiedervereinigung war ausgeträumt und der Bau der bereits auf dem Papier gezogenen Grenze begann – erst mit Zäunen, Mauern, Gräben, dann mit Stacheldraht, Minenfeldern und auch Selbstschussanlagen.

Um die Flucht einzugrenzen und letztlich auch zu beenden, brauchte man Helfer der Volkspolizei, die mit einschreiten sollten, wenn Republikflüchtige unterwegs waren. Die Grenzen wurden allmählich sicher geschlossen. Neben dem herkömmlichen Stacheldraht wurden bewaffnete Posten aufgestellt, sogar mit abgerichteten Wachhunden und zum Teil eben auch mit mörderischen Selbstschussanlagen, die gegen die eigene Bevölkerung gerichtet waren. Aber Genaues wussten die Grenzschützer nicht. Alles das war geheime Verschlusssache.

Die ausgebildeten ehrenamtlichen Polizisten nannte man hinter vorgehaltener Hand die »Hilfsscheriffs«. Wilhelm war einer von ihnen. Das machte nicht nur die Männer, sondern auch deren Frauen stolz. Sie wurden zu einer Gemeinschaft. Zusammenarbeit wurde großgeschrieben. »Gemeinsam sind wir stark!«, lautete die Parole. Gegenseitige Hilfe wurde selbstverständlich. Keiner blieb mit seinen Sorgen allein. Allerdings wachsen in so einer Gemeinschaft auch das Misstrauen und die Zweifel. Leider! Man erfuhr aber erst Jahre später, dass Menschen bei einer geheimen Mission die eigenen Freunde und Nachbarn ausspionierten und an die Staatssicherheit verrieten, um sich selbst ein paar Mark dazuzuverdienen und einen Posten zu sichern.

Dafür erhielten sie Geld? Um ihre Mitmenschen zu verraten? Sogar vor Provokationen schreckten diese Mitmenschen nicht zurück. Sie provozierten ein brisantes Thema am Kneipentisch, und am nächsten Tag war der ehrliche Nachbar nicht mehr zu erreichen. Allein eine unbestimmte Aussage wie: »Ich haue ab!«, brachte die Stasi später auf den Plan.

Es war nicht zu verstehen, nur verwunderlich, wieso die Stasi immer so gut informiert war, trotz der spärlich vorhandenen Technik. Heute wissen wir es. Nicht die Menschen mit einer anderen Meinung waren Verbrecher, sondern die Spitzel der Stasi. Das war Verrat an der Menschlichkeit. Auch in unserer Familie gab es so einen Verräter. Ein junger Mann, dem ich vertraute. Ein Mensch, der durch seinen Fleiß und seine Weltoffenheit meinen Respekt und meine Bewunderung hatte. Davon ist heute nichts mehr übrig.

DER ALLTAG HIELT EINZUG

Arbeit, Familie, Kinder, Streit, Versöhnung und die nächste Schwangerschaft.

Wieder wurde ein Sohn geboren. Er wurde nicht einmal ein Jahr alt. Das Kind verstarb im Alter von elf Monaten an Ernährungsstörungen. Was auch immer das heißen sollte. Die Muttermilch reichte nicht mehr aus und die Ersatznahrung vertrug der Kleine nicht. Wer Beziehungen hatte, ließ sich Trockenmilch aus dem Westen schicken. Doch Henny hatte keine Beziehungen zum Westen und verzweifelte an dem Leid des Kindes. Stets war er krank. Bauchschmerzen. Vertrug keine Kuhmilch. Die Ärzte waren ratlos. Norbert starb. Trauer zog in das Haus am LPG-Hof ein. Bisher gab es hier nur Lebensfreude. Sex, Tanz, Arbeit, Singen, Kaffeeklatsch, Federn schleißen …

Nun der Tod. Eine Welt brach zusammen. ›Warum kann es nicht so fröhlich und bunt in unseren Herzen bleiben?‹, fragte sich Henny. Weinend zog sie ihre Kleinen an sich und drückte sie fest an ihr Herz. Sie fand Trost in ihren beiden Rackern, die noch so unbekümmert schienen. Und gut, dass es Freunde gibt. Die halfen ihr, in den Alltag zurückzufinden. Ihre zwei Kinder beanspruchten sie zusehends und lenkten sie ab. Sie wurde vom Alltag aus den bedrückenden Grübeleien herausgeholt und flüchtete sich in die Arbeit.

Durch die Bodenreform gingen viele der Dorfbewohner in die neu gegründeten Landwirtschaftsbetriebe und halfen im Feldbau oder der Tierproduktion. Dadurch erhielten die Menschen, die auf dem Land blieben, Ställe oder andere Gebäude, die sie sich zu Wohnungen aus- oder umbauen konnten. Material zum Bauen gab es per Zuteilung von der LPG oder einer entsprechenden Einrichtung namens BHG – die Bäuerliche Handelsgenossenschaft. Ähnlich wie bei den Lebensmittelkarten musste man sich auch hierfür anmelden und warten, bis man dran war, um Zement oder Fliesen zugewiesen zu bekommen – das aber oft nur in unzureichender Menge. Das konnte schon mal ein paar Jahre dauern, eh man seine bereits begonnenen Baumaßnahmen zu Ende bringen konnte. Vitamin B war erforderlich. Zu jeder Zeit brauchte man seine Gönner. Auch hier. Leider!

Die Aufgaben innerhalb der Familie hatten sich sondiert. Der Vater ging in den Stall und versorgte die Tiere der LPG. Melkte, mistete aus und fütterte die Rinder und seinen Haflinger Lotte, der dort untergestellt war. Zu Hause hielt man sich zusätzlich Schweine, um die Versorgung über den Winter für die Familie zu sichern. Da fiel halt von der LPG auch Futter für das eigene Vieh ab. Das spart. Schließlich reichte es bei den meisten vorn und hinten nicht. (»Sozialistisch umlagern« nannte man das. Ich hätte gesagt: Das Futter wurde geklaut.)

Die Mutter versorgte die Kinder, immerhin zwei an der Zahl, den Haushalt, den Mann, half im Stall und putzte in fremden Haushalten, um die Familienkasse aufzubessern. Es war schwer, bei diesem geringen Einkommen, die Familie durchzufüttern und zu kleiden. An Luxusgüter, gemeinsame Freizeitaktivitäten war nicht zu denken. Es reichte nicht mal für ein Eis zwischendurch. Durch das Putzen in anderen Haushalten bekam sie abgelegte Kleidung von den Kindern ihrer Arbeitgeber. Die durften ihre Kleinen dann auftragen, beginnend von dem Großen über jedes weitere Kind. Dabei spielte es keine Rolle, ob es sich um eine Jungenhose oder einen Mädchenpullover handelte. Hauptsache, es hielt warm, war heil und sauber.

Jeder trägt das, was ihm passt. BASTA.

Die Tiere wollten schließlich auch sieben Tage die Woche und das zweimal am Tag versorgt sein. So kam Willi nicht mehr so oft nach Hause. Nur noch zu den Mahlzeiten und zum Schlafen. Die Gaststätte lag auf dem Weg nach Hause und hatte für die Bauern stets geöffnet. Außerdem warteten die jungen Frauen, die während des Krieges auf ihn gehofft hatten und dann so unverschämt enttäuscht wurden. Man hatte so seine Verpflichtungen. Irgendwann kam er nicht einmal mehr zu den Mahlzeiten heim. Die Kinder nervten. Sie forderten ihren Tribut. Henny ward allein gelassen. Die Abende nahmen zu, an denen ihr Ehemann spät und betrunken nach Hause kam. Da war der Streit vorprogrammiert. Es hagelte Vorwürfe. Wut sprang ihm entgegen. Tränen flossen. Statt nach der Arbeit ihr unter die Arme zu greifen, ließ er sich volllaufen und hurte sich durch fremde Betten. Bei seiner Familie wurde er jähzornig und aggressiv. Der Vorwurf, er würde das bisschen Geld versaufen, das sie eigentlich nicht hatten, saß tief. Im Jahr war das Geld immer knapp, es wurde sich etwas geborgt und dann fiel es schwer, es zurückzuzahlen. Dafür gab es das dreizehnte Monatsgehalt, die Jahresendprämie, die an die Genossenschaftsbauern im Januar ausgezahlt wurde. Davon wurden die Schulden beglichen und die Taschen waren wieder leer. Er begann in seiner Wut zu schlagen. Zuerst seine Frau und später die Kinder. Irgendwann kippte das Ganze. Dann schlug er erst die Kinder, und da die Mutter dazwischen ging, fing sie die Hiebe ab, die dann auch mit einem Ledergürtel oder einer Peitsche verstärkt wurden.

Die Versöhnung endete oft im Bett. Sie liebte ihn. Sie nahm Wilhelm, wie er war und verzieh ihm. Stets kam er zu ihr zurück. ›Also liebt er mich doch‹, dachte sie. ›Man kann nicht immer gleich auseinander rennen. Außerdem, wo soll ich denn hin mit den Kindern?‹

HENNY wollte VIELE Kinder. Sie selbst war ein Einzelkind. Begab sich somit in eine Abhängigkeit, die später zu einer Ausweglosigkeit führen sollte. Sie war aufgewachsen ohne Geschwister, ohne Vater. Er sei im Krieg gefallen, hieß es. In ihrer Ehe sollte alles anders sein. Sie wollte Kinder, und für diese einen liebevoller Vater und für sich einen fürsorglichen Ehemann. Wenn Wilhelm sich dann mal fünf Minuten um ein Kind gekümmert hatte, entschädigte das seine Fehltritte für drei Monate. Warum war Henny nur so genügsam? Also, wieder ins Bett, Sex und das Ergebnis war eine Schwangerschaft. Dann ließ er sie wieder in Ruhe. Nach neun Monaten gebar sie eine Tochter. Ursel. Es war wieder alles neu. Alle kamen, um das Baby zu bewundern. Dinge für die Ausstattung wurden im Dorf zusammengetragen und Henny zur Verfügung gestellt. Ein Grund zum Feiern. Die Männer kippten sich die Birne zu.

Das Kind war erst einmal versorgt. Es gedieh gut. Auch Wilhelm wurde wieder etwas ruhiger. Es schien, als sei seine Sturm-und-Drang-Zeit vorbei. Verhütung schien nicht in dem Umfang wie heute möglich gewesen zu sein. Die Antibabypille gab es im Osten noch nicht. Nur in Ausnahmefällen wurde diese als ein Medikament an ausgewählte Frauen verschrieben. Erst Anfang der 70er-Jahre gab es diese auf Rezept für jedermann. Sicherlich auch eine Versorgungslücke. Oder zu teuer für den Staat. Denn Medikamente wurden zum Teil mit Devisen eingekauft und den Bürgern kostenfrei zur Verfügung gestellt. Das Kuriose war: Die Pille wurde wohl in der DDR hergestellt, aber eben für Devisen an die BRD verkauft. Krankheitskosten wie Medikamente, Krankenhausaufenthalte, Untersuchung und alle Arztbesuche mussten hier nicht von den Patienten bezahlt werden. Leider standen sie gleichwohl nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung.

Kondome wurden allerdings verkauft. Im Konsum oder HO. Gekauft wurden sie aber in der nächsten Stadt. Aus Scham. Ja, man schämte sich damals zu bekennen, Sex mit der eigenen Ehefrau zu haben. Manche Männer hatten Angst, dass irgendjemand womöglich nachzählt, wie viele man verbraucht. Außerdem war das sowieso Frauensache. Die Dinger waren zudem rationiert wie alles andere. War es Scham, dass sie nicht damit verhüteten? Fehlte der Spaß, weil sie beim Sex störten? Schließlich ist denkbar, dass die Qualität der Überzieher nicht so ausgereift und geschmeidig war wie heute. Oder fehlte das Geld, um ›Mondos‹ zu kaufen? Es spielte wohl alles eine Rolle.

Ein Jahr später wurde Kind Nummer fünf geboren. Mit jetzt vier Kindern galt man als kinderreich. Es war ein Junge. Der Michi. Wieder eine Feier. Dafür war immer Geld da. Klamotten waren noch genug vorhanden. Es wurde ja nichts weggeworfen. Wiederverwendung hieß das Zauberwort. Das war auch gut so. Denn eineinhalb Jahre später ward der nächste Sohn geboren. Die sechste Geburt, das nun fünfte Kind. Aber der kleine Mann verstarb noch in der Klinik. »Henny, du hast ja noch genug Kinder«, meinte der Arzt. Man kannte sich inzwischen. Taktgefühl war etwas anderes. Und gefeiert wurde trotzdem. Ohne Rücksicht auf die Gefühle der Mutter.

Im Ort wandten sich immer mehr von ihr ab. So viele Kinder weisen auf asoziales Verhalten hin. Damit wollten viele nichts zu tun haben. Bestehende Standesdünkel wurden wieder hervorgekehrt. Es wäre nicht sauber in so einem Haushalt. Stete Unordnung, laute Verständigung. Man schrie sich an. Das wäre kein guter Umgang. Keine Manieren. Die Mutter war allein, überfordert, genervt. Leider bestätigte sich das meiste.

Bei so vielen Kindern erziehen diese sich gegenseitig, meinte Henny. Das macht das Leben einfacher, so heißt es. Fragt sich nur für wen? Der Große, Rudi, war inzwischen neun Jahre alt. Henny wusch einmal in der Woche die Wäsche. Das erstreckte sich allerdings über zwei bis drei Tage. Und die Wäsche musste oft gewaschen werden, weil nicht ausreichend vorhanden war. Damals trug man schon mal die Hosen eine Woche. Der Waschkessel wurde nur am Samstag angeheizt. Fließend Wasser gab es in der Wohnung nicht. Man holte es aus der Pumpe, die auf dem Hof stand. Zehn Eimer Wasser à zehn Liter schluckte der Kessel. Der wurde dann beheizt, die Wäsche darin gekocht, mit einer Wäschestange daraus entnommen und in verschiedenen Zinkwannen gespült. Ein Waschkessel war meist zu wenig. Oft musste er ein zweites Mal neu mit sauberem Wasser befüllt und angeheizt werden, und die Prozedur wiederholte sich. Das Spülen und Auswringen erfolgte mit den Händen. Die Mädchen mussten früh mit zufassen und helfen. Das Wasser war kalt, die Wäsche schwer. Es war beschwerlich. Der Rücken, die Arme und Hände schmerzten. Es wollte kein Ende nehmen. Später gab es zu allem Luxus eine, nein, zwei Rollen, die an die alte Holzwaschmaschine angebaut wurden. Der Nachbar brauchte sie nicht mehr. Er hatte sich eine neue Maschine gekauft – die WM 66 oder so. Sie konnten sich das leisten, sie hatten nur ein Kind. Diese Rollen dienten zum Auswringen. Man presste damit das Wasser aus den Textilien, damit wurden die Sachen für einen Moment leichter. Bis zum Spülen. Dann ging alles von vorn los. Ein Waschvollautomat war zu dieser Zeit pure Utopie.

In einer Holztrommel drehte ein Kreuz in der Seifenlauge das Waschknäuel hin und her. Auch hier wurde zuvor das Gerät mit vorgewärmtem Wasser befüllt. ›Turmperle‹ hieß die große Waschhilfe nach dem Waschbrett. Kein Wunder, dass die alten Menschen früh unter Rheuma litten.

Die Jungen mussten schon im eigenen Stall mitarbeiten. Die Tiere füttern, ausmisten und den Mist in den Garten fahren. Wer etwas essen will, muss auch mit zupacken, sagte der Vater. Das war die Vorbereitung auf die Verantwortung, die Leben heißt. Es gab keine Wahl. Zufassen musste jeder, sonst gab es Hiebe.

VOLKSFEST

Einmal im Jahr fand ein Volksfest statt. In manchen Gegenden nannte man es auch Kirmes, Rummel oder Schützenfest. Das war der kulturelle Höhepunkt in dieser Region. Schließlich führte es nicht nur die Menschen aus dem eigenen Dorf, sondern auch aus den Nachbarorten zusammen. Schon eine Woche vorher wuchs die Aufregung und Vorfreude auf das Ereignis. Wenn die Wagen der Schausteller dann durch die Straßen rollten, liefen die Kinder herbei und bildeten ein Spalier. Später trafen sie sich auf dem Sportplatz, wo die Fahrgeschäfte aufgebaut wurden. Es war so spannend! Welche Überraschungen verbargen sich wohl in den großen Wagen? Oh, es dauert noch so lange, bis sich die Türen der geheimnisvollen Waggons öffnen würden. Die Aufregung war groß.

Als es dann so weit war, freuten sich die jungen Erwachsenen auf Musik und Tanz. Die Kinder fuhren mit der Berg- und Talbahn, mit der Luftschaukel, dem Kettenkarussell und standen mit großen Augen vor den Losbuden. Es war ein Treffpunkt für Jung und Alt, ein Ereignis voller Anspannung, Freude und Hoffnung auf ein kleines bisschen Glück. Die Holzkegelbahn war meist Treffpunkt der Männer. Schließlich mussten sie sich ja messen. Auch beim Luftgewehrschießen. Dieses Mal zum Glück nicht auf Menschen. Der Spaß brachte gleichzeitig einen kleinen Dankesgruß für die Frauen mit ein. Papierblumen.

Für jeden war etwas dabei. Lustig und ausgelassen wurde gefeiert. Meistens ging es mit einer zünftigen Keilerei einher. Ein Bier kostete 48 Pfennig. Ein Los zehn Pfennig. Auf der Suche nach Freude und Vergnügen nutzte man jede Begegnung sehr intensiv. So manches Kind wurde hinter dem Bierzelt gezeugt. Die Aussage: »Schlage nie ein fremdes Kind, es könnte dein eigenes sein«, sorgte zwar für manchen Lacher, war allerdings zu der Zeit nicht ausschließlich witzig gemeint.

Jedenfalls war der Sommer wieder fruchtbar. Das nächste Kind war unterwegs. Die siebte Schwangerschaft!

Das fünfte Kind.

Ein Mädchen! Gisela. Sie wog stolze acht Pfund und war 53 Zentimeter groß. Das war ICH!

1961

Wieder ein Grund zum Saufen. Das Kind war sicher nicht willkommen, aber um darauf anzustoßen, war es als Anlass gut genug. Ansonsten war es nur ein Fresser mehr. Wie soll man denn so viele Mäuler stopfen? Wilhelm entzog sich der Verantwortung, indem er nach der Arbeit in die Kneipe ging. Trost und Ablenkung suchte und fand er in fremden Betten. Vielleicht war es ihm im eigenen auch zu riskant, die Angst zu groß, es käme gleich wieder etwas Lütsches. Nein, kein Sex – kein Kind. Es ist genug.

Die Leute im Dorf waren auch so freundlich und steckten es Henny. »Du, der treibt sich wieder im Nachbardorf rum«, bei Christa oder Liesbeth oder … egal.

Danke schön! Das ist mir bekannt, wird sie gedacht haben.

Sind sie nicht nett, die Dörfler? Die Eskapaden waren also aller Welt bekannt. Und so verpasste man ihm den Spitznamen Juckelprinz. Es war demütigend für Henny. Sie war nur noch für die Kinder da. Und da war noch etwas, aber das Geheimnis trug sie allein mit sich herum.

Es war Frühling. Die Zeit war unruhig. Irgendetwas hing in der Luft. Aber auf dem Land spürte man nichts davon. Hier ging alles weiter wie immer: Früh aufstehen. Die Tiere versorgen. Auf dem Feld arbeiten, aufräumen, putzen, waschen, Essen kochen …

Niemand fragte die Kinder, wie es in der Schule läuft. Das war auch nicht notwendig. Die Lehrer traf man auf der Straße. Sie berichteten gleich über den Gartenzaun, was das Kind vergessen oder mit wem es einen Streit vom Zaune gebrochen hatte. Und wenn der Lehrer dem Sohn eine scheuerte, weil er frech war, half kein Petzen bei den Eltern. Dann gab es gleich noch einmal eine Schelle, eine Strafarbeit und Stubenarrest. (Damals war das wirklich noch eine Strafe, es gab weder Handy, PC noch Laptop. Henny hatte nicht mal ein Telefon mit Wählscheibe.)

Mit dem neuen Baby wuchsen Hennys Sorgen. Wie sollte es nur weitergehen? Gut, dass es Kindereinrichtungen gab. Der Große war inzwischen zehn und Karla sieben Jahre alt. Sie gingen zur Schule und anschließend in den Hort. Ursel und Michi waren gut im Kindergarten untergebracht. Das Kindergeld des Staates half über einige finanzielle Probleme hinweg, wenn Wilhelm nur nicht so viel versaufen würde. Henny musste recht bald wieder arbeiten gehen, um das Fehlende dazu zu verdienen. Einige Auftraggeber sagten ihr schon ab. Sie durfte dort nicht mehr putzen, weil sie sicher die Zeit für ihre vielen Kinder bräuchte. Was nun? Sie brauchte das Geld, um die Familie satt zu bekommen. Es war nicht für sie. Ihre Wünsche hatte sie schon lange in den Hintergrund gestellt. Aber die Kinder. Was sollte nur aus ihnen werden? Wie schnell war der Staat dabei, sie ihr wegzunehmen. Nein. Sie musste arbeiten.

Sechs Wochen nach der Geburt galt die Mutter als wieder einsatzfähig. Damals gab es die Sechs-Tage-Arbeits-woche. Also begann Henny auf der Suche nach Arbeit, ›Klinken zu putzen‹.

Der LPG-Vorsitzende hatte Mitleid mit ihr und stellte sie ein. Sie durfte für ein paar Stunden das Büro putzen und im Stall aushelfen. Es fehlte immer jemand. Somit arbeitete sie als Springer im Kuhstall. Das heißt, immer da, wo jemand gebraucht wurde, weil ein Angestellter wegen Krankheit, Urlaub oder Ähnlichem ausfiel, sprang sie ein. Damit war die Verantwortung zu Hause auch neu verteilt. Die Großen mussten die Kleinen in den Kindergarten bringen, bevor sie selbst zur Schule gingen. Und sie nachmittags hüten, bis die Mutter wieder zurück war. Denn der Arbeitsbeginn im Kuhstall war morgens um vier. Um drei stand sie auf, machte sich zurecht und bereitete das Brot für ihren Mann vor. Dann fuhr sie mit dem Rad zum Kuhstall.

Freizeit? Was ist das? Die hatte Henny schon seit Jahren nicht mehr. Früher kamen die Frauen noch zum Kaffeeklatsch. Jede Woche war jemand anderes dran, um bei einer Nachbarin beim Federnschleißen für neue Kopfkissen zu helfen, wobei Neuigkeiten ausgetauscht und auch mal ein Likör getrunken wurde. Inzwischen war Henny nicht mehr dabei. Eine Freundin hatte sie noch. Musste sich aber heimlich mit ihr treffen, weil deren Mann das nicht wollte. Der Ehemann ihrer Freundin war wohl der Meinung, dass Henny einen schlechten Einfluss auf seine Frau ausüben könnte.

Wenn Henny dann nach der ersten Schicht im Kuhstall zurückkam, machte sie mich fertig, um mich in der Kinderkrippe abzuliefern. Etwas Katzenwäsche gab es vorher noch. Mit einem ollen Waschlappen und kaltem Wasser ging es durchs Gesicht. Ein Geschrei und schon waren alle wach. Auch die Nachbarn.

Meine Mutter trug mich schnell raus. An dem Fahrrad hing ein Körbchen vorn am Lenkrad aus Weidengeflecht mit einem dünnen Holzbrett als Sitzfläche. Ich musste mich am Lenker festhalten, rücklings zur Fahrtrichtung. So wurde ich bei Wind und Wetter zur Krippe gefahren. Danach ging Mami putzen oder richtete den Haushalt her. Anfangs putzte meine Mutter morgens im Büro, bevor es genutzt wurde und nur nachmittags quälte sie sich im Stall. Später buckelte sie dann auch in der Frühschicht. Bis halb sieben musste ich brav im Bett liegen bleiben, weil sie nicht eher von der Frühschicht mit dem Fahrrad vom Nachbardorf zurück war. Wie das alles funktioniert hat, weiß ich nicht. Aber es hat wohl geklappt. Ab und zu hat die Nachbarin gehorcht, ob noch Ruhe im Hause ist. Sie wusste, dass wir Kinder alleine waren und das Haus für jedermann offenstand. Manchmal kam sie rüber, um uns zu trösten, wenn wir eher wach waren als unsere Mutter zu Hause. Bald lehnte sie aber diesen Einsatz ab. »Henny, so geht das nicht!«, sagte sie. »Du musst dich um deine Kinder kümmern!«

Was sollte sie darauf antworten? »Ja, du hast ja recht, aber ...«

Ich ging gern in die Kinderkrippe. So nannte man die Einrichtung, in der Babys von sechs Wochen bis zum dritten Lebensjahr untergebracht wurden. Sie war getrennt vom Kindergarten. Die Krippe befand sich im zwei Kilometer entfernten Nachbarort auf dem Weg zu Mutters Arbeitsstelle. Leider passten die Zeiten nicht. Darum fuhr sie diese Strecke mehrmals am Tag. Eine Lösung für ihr Problem war nicht in Sicht.

Die Orte schmolzen immer mehr zusammen. Es wurden neue Häuser gebaut. Eine offensichtliche Ortsgrenze gab es über die Jahre nicht mehr. Im 15. Jahrhundert waren diese kleinen Siedlungen im Bördeland entstanden und durch Zuwachs und Zuwanderung immer größer geworden. Kirchen, Rathäuser und Schlafplätze für die Erntehelfer wurden gebaut und stets modernisiert. Viele wurden ansässig, bauten das eigene Nest und so zählte ein Dorf mehr als 800 Einwohner. Die Häuser waren aneinandergereiht und näherten sich somit dem Nachbardorf. So lebten in den ehemals vier kleinen Siedlungen bis zu 3.000 Bürger.

Heute, im Jahr 2018, sinkt die Einwohnerzahl, weil es kaum Arbeitsplätze auf dem Land gibt. Die Lebensmittel werden aus dem Ausland billig importiert. Unser guter Bördeboden mit der besten Bodenwertzahl weit und breit wird zu Bauland für Windkrafträder umfunktioniert. Das Essen kommt aus China, Nordamerika, Argentinien … Gütekontrollen spielen keine Rolle, Hauptsache billig. Der Arbeitslohn in den Importländern ist im Vergleich zu den deutschen Einkommen minimal. Deshalb schrumpfen auch die Landwirtschaftsbetriebe. Zu allem Überfluss ist der Transport nach Europa eine erhebliche Umweltbelastung – ob mit dem Flugzeug oder mit dem riesigen Öltanker. Aber das ist für die Leute nicht mehr wichtig, weil auch heute wieder das Geld für gesunde Ernährung fehlt. Die heimische landwirtschaftliche Produktion scheint auszusterben. Arbeit gibt es nur in den Städten. Handel und Industrie sind dort angesiedelt. Wer Geld verdienen will, muss in die Stadt. In meinem Heimatdorf leben inzwischen weniger als 1.800 Leute. So ist es im 21. Jahrhundert.

Tja, also in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts war alles bescheidener, unkomplizierter und ausgeglichener. Der Bauer galt noch etwas auf dem Lande. Die Landwirtschaft war der Mittelpunkt des Schaffens.

Ich wurde also aus dem Bettchen befreit, gewaschen und gewickelt, gefüttert und in die Krippe geschafft. Endlich!

Da war eine Tante in der Kindereinrichtung angestellt, die lieb zu mir war. Sie freute sich, wenn sie mich sah, umarmte mich und erzählte mit mir. Sie hatte Zeit. Das war ein schönes, mir unbekanntes Gefühl. Ich lernte spielend, aufs Töpfchen zu gehen, weil diese nasse Baumwollwindel sonst zu stinken anfangen und keiner mit mir spielen wollen würde, sagte Tante Ille. Ich aß gemeinsam in Ruhe mit den gleichaltrigen Kindern an einem Tisch. Das war so, wie es in einer Familie sein sollte. Schön. Tante Ille! Sie war mein Lieblingsmensch, nach meiner Mama versteht sich. Wenn sie mal nicht da war, wollte ich nicht in die Krippe gehen.

Als ich zweieinhalb Jahre alt war, spielte ich zu Hause auf dem Hof, in der Nähe meiner Mama. Sie machte wieder die Wäsche und ich schmadderte mit dem kalten Wasser in den Wannen herum. Nicht nur meine Windel, nein, mein ganzer Bauch war nass. Meine Mama schaute kurz auf, schimpfte mit mir und zog mir die Hose aus. Nur ein luftiges Flatterhemdchen hatte ich an und sonst nichts. So ließ sie mich weiter auf dem Hof gewähren. Verbot mir, in dem kalten Wasser zu spielen. Aber es zog mich wieder zu dieser Wanne an das kühle Nass.

Meine Mutter hatte wie so oft keine Zeit für mich und ich hatte Langeweile. Die Klammern tauchte ich in das Wasser und sie kamen von ganz alleine wieder hoch. Warum nur? Es war ein schönes Spiel. Ich wollte wissen, warum die Klammer oben schwimmt. Mutti war genervt. Tante Ille hätte es mir erklärt. Die wusste alles.

Das Spiel wurde mit der Zeit öde. Doch ich wusste nichts mit mir anzufangen. Meine Geschwister wollten nichts mit mir zu tun haben. Ich war noch viel zu klein und störte nur bei ihrem Spiel. Sie waren fort, bei Freunden in der Nachbarschaft oder vor dem Hof auf der Straße. Dort durfte ich nicht hin. Schade. Was sollte ich tun? Ich hatte so viele Geschwister und keiner war für mich da. Wo waren nur alle hin? Not macht erfinderisch. Ich beschloss, meiner Mama nicht mehr auf die Nerven zu gehen, sie hatte doch so viel Arbeit.

Tante Ille aus der Kinderkrippe müsste jetzt hier sein! Und die Kinder! Dann könnten wir gemeinsam im Wasser planschen, dachte ich. Also machte ich mich auf den Weg. Ich wollte zur Kinderkrippe! Unbeachtet von den Kindern vor dem Grundstück wanderte ich durch das große Tor in die große weite Welt. Die Krippe war zwei Kilometer von meinem Zuhause entfernt. Aber das wusste ich ja nicht.

Wie bei den Bremer Stadtmusikanten machte ich mich als Erste auf den Weg. Ich lief brav am Straßenrand entlang. Der Bürgersteig war für mich zu hoch. Die wenigen Autos, die damals die Straße befuhren, machten einen weiten Bogen um mich und ließen mich einfach weiterlaufen. Eines hielt an und eine Frau fragte mich, wohin ich wollte, aber außer »Kinder« oder vielleicht »Tinder« war wohl nichts aus mir heraus zu kriegen. Sie verstand mich nicht. Da ließen sie von mir ab. Sie hatten Bedenken, dass ich zu Schreien beginne und wollten deshalb nicht mit mir gesehen werden. Schließlich wollten sie keinen Ärger bekommen wegen Kindesentführung oder so. Also lief ich weiter den Weg entlang, der mir bekannt vorkam. Ich habe eineinhalb Kilometer geschafft, bis eine junge Mutter zufällig aus dem Fenster herausschaute und mich erkannte. Aufgeregt sah sie sich um, lief auf die Straße, schnappte mich und erkannte sofort, dass bei meinem Aufzug – ich trug ja immer noch nur mein Hemdchen – und ohne erwachsene Begleitperson etwas nicht in Ordnung sein konnte. Sie hatte einen Sohn in meinem Alter. Daher kannte sie mich und wusste, wohin ich gehöre. Lieschen schnappte ihr Fahrrad mit dem Kinderkörbchen und dann mich und fuhr mich – oh nein! – in die falsche Richtung: wieder nach Hause. Ich war nur 200 Meter von der Kinderkrippe entfernt. Ich wollte doch zu den Kindern! Ich konnte das Haus schon sehen!

Das war eine böse Frau – in dem Moment empfand ich das so. Und außerdem: Ohne Schlüpper in diesem Körbchen, das war auch kein Genuss. Es tat weh!

Meine Mutter hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal bemerkt, dass ich fort war. Das Waschen und Putzen nahm ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch. Und das Ende vom Lied? Ich bekam Mecker. Und beschäftigen wollte sich auch keiner mit mir. An diesem Tag blieb das Spielen mit den Kindern aus. Meine Mama befasste sich auch nicht mit mir. Von meinen Geschwistern war weit und breit nichts zu sehen.

Ein toller Tag. Ich nahm mir die Klammern und Knöpfe und baute mir ein kleines Märchenschloss.

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
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182 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783956836718
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