Читать книгу: «Die Pilzner»
Fritz-Jürgen Schaarschuh
DIE PILZNER
Auf Pilzpirsch in der Dübener Heide
Ein Pilzbuch für fortgeschrittene Anfänger
Zweite überarbeitete Auflage
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet
über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Zweite überarbeitete Auflage
Copyright der Erstauflage (2009) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Copyright der zweiten Auflage (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Umschlag-Fotografien © Burkhard Willert
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Geleitwort
Torsten Gaber, Leiter NaturparkHaus Dübener Heide
Vorwort zur Neuauflage
Fritz-J. Schaarschuh
Wieder ein Pilzbuch!
(Zur Einführung)
Landschaft mit Pilznern
(Friedo stellt Hellmut und die Gegend vor, in der er wirkt)
Pilze sammeln oder suchen?
(Friedo gibt Strategie und Taktik des Pilzners preis)
Ein Männlein steht im Walde ...
(Friedos neue Erkenntnisse zur Kulturgeschichte des Fliegenpilzes)
Myzel + Fruchtkörper = Thallus = Pilz?
(Hellmut übersetzt Pilzwissenschaftliches)
Pflanze oder Tier oder was?
(Friedos Erwägungen)
Pilze kommen – oder nicht
(Hellmuts Wege der Erleuchtung)
Pilze und Pilzbücher
(Warum Gerda beinahe um Wolli hätte trauern müssen)
Unterwegs in die Dübener Heide
(Schon die Fahrt ist ein Erlebnis, meint Gerda)
Gesunder Wald und liebliche Landschaft
(Hellmuts Heidefreud und -leid)
Bauchgefühle
(Wollis Pilztornado)
Waldpilze und Waldtiere
(Wolli über die Pilzschädlinge)
Wie die Alten, so die Jungen
(Gerda erzählt von ihrer Tochter, als diese noch zur Schule ging)
Ins Holzland
(Friedo in der Wirklichkeit seines ewigen Pilztraumes)
Wieviel Mensch braucht der Pilz?
(Wie Hellmut dem Friedo den sozio-mykologischen Ball zuwirft)
Wie die Waldpilzbürokratie zuschlägt
(Friedo, bestinformierter Pilzner, als guter Referent und schlechter Visionär)
Ein Pilznarr
(Porträtiert von Gerda)
Der Habichtspilz
(Wolli vom Besucher zum Aussteller)
Die Haldenpilze
(Wolli entdeckt neue Habitate)
Ein Birkenpilzparadies
(Friedo weiß jetzt, dass die drängende Erwartung, was wird, dich blind macht für das, was gerade ist)
Frische Maronen zu Weihnachten
(Wolli sieht Zeichen)
Gerda und der Wolf
(Eine etwas andere Geschichte als bei Prokofjew)
Pilzesammeln mit dem Jagdgewehr?
(Wolli und Hellmut sorgen dafür, dass Gerda den Wolf nicht loskriegt)
Hellmuts Bilanz
(Von der Passivrolle, dem Mondeinfluss, Schockkalkung und Massenansturm)
Erwartungen, Enttäuschungen und andere pilzige Gedanken
(Aus Gerdas Pilzphilosophie)
Antwort auf Fragen, die immer wieder gestellt werden
Geleitwort
Torsten Gaber, Leiter NaturparkHaus Dübener Heide
Dieses kurzweilige Buch macht Lust auf unsere Heimat, auf das Erlebnis Dübener Heide. Gehen Sie mit Heidefreund Fritz-J. Schaarschuh auf eine besondere Endeckungstour vor der Leipziger „Haustür“. Dem Autor Dank, Erfolg und ein kräftiges Frisch auf!
Vorwort zur Neuauflage
Fritz-J. Schaarschuh
Die vorliegende zweite Auflage der „Pilzner“ konzentriert sich mit größerer Kapitelzahl und Themenvielfalt auf den Naturpark Dübener Heide. Sie folgt damit einem wachsenden Orientierungsbedürfnis von Heidebesuchern – ob Urlauber, Kurgäste, Tagesausflügler – und auch Einwohnern, die sich für Waldpilze interessieren. Neu aufgegriffen sind u. a. Themen zu Speisepilze betreffenden Reglementierungen, bürokratischen Tendenzen und Wolfserwartung. Für Anregungen aus ihren pilzkundlichen Erkenntnissen und Erfahrungen danken wir herzlich Pilzfreunden aus der Fachgruppe Mykologie am Naturkundemuseum der Stadt Leipzig unter ihrem Pilzchef Werner Häußler.
Leipzig im Frühjahr 2014
Wieder ein Pilzbuch!
(Zur Einführung)
Wieder ein Pilzbuch? Ja, wenn auch nicht das gewohnte bunt bebilderte Bestimmungsbuch. Aber geht denn das überhaupt beim Thema Pilze? Das ist ja so, als würde ein Farbenblinder vom Regenbogen sprechen. Es geht, weil die Färbung eines Pilzes nur eines von vielen seiner Wesensmerkmale ist, und zwar ein wichtiges, oft aber ein vages. Wir wollen nicht nur versuchen herauszufinden, w a n n die Pilze erscheinen. Wir möchten zudem verraten, w o wir sie finden können.
Aber Zauberer und Pilzsammler bewahren doch seit eh und je ihre Geheimnisse, geben sie höchstens Ihresgleichen weiter?
Stimmt. Doch wir wollen aus anderer Sicht herangehen und beitragen, dass die Natur weiter bereit halten kann, was alle Pilzfreunde beglückt. Dabei geben wir uns auch der Faszination hin, die für uns vom Reich der Pilze ausgeht. Uns beeindruckt dabei und irritiert zugleich, dass wir nicht verstehen können, was uns die Pilze vorgaukeln. Noch immer, jetzt im 21.Jahrhundert, will uns scheinen, dass es nur der Pilz selbst sein kann, der uns seine Rätsel preisgibt. Dazu jedoch müsste er sprechen können. So aber machen wir es uns leicht und schieben ihm in die Schuhe, was uns bedrückt: Warum er sich so oft nicht an die Regeln hält, die er uns anscheinend offenbart hat! Warum bringt er uns so oft in eine solche Situation wie zum Beispiel in die folgende?
Vier Tage Landregen, davor ergiebige Gewittergüsse. In der Pause, die der August macht, erfrischt sich die Natur. Über Nacht sind bei dir vor der Haustür die Pilze geradezu gesprossen. Champignons auf dem Zierrasen, Rindenmulchpilze unter den Hecken, pflatschige Kremplinge und kernige Ritterlingsartige im Vorgarten sogar unter der Linde.
Wie müssen da erst die Pilze im Wald geschossen sein, denkst du und sagst dir: Jetzt musst du in den Wald, jetzt!
Du erkämpfst dir einen halben freien Tag, machst dich frühzeitig auf den Weg, erreichst schon kurz nach acht deinen Lieblingsforst, steigst nach einer Stunde Fahrt aus dem Auto – und reibst dir die Augen. Kein einziger Pilz ist zu sehen. Nicht unter den Buchen und Eichen, nicht am Kiefernhang, nicht im Lärchenhain. Nicht das geringste Pilzlein weit und breit.
Wie kommt das?
Kein Sachverständiger, kein Pilzbuch kann dir darauf befriedigend antworten. Eher schon eine wissenschaftliche Analyse. Und selbst die tut sich schwer, dein pilzernes Problem zu klären. Die Welt der Pilze birgt ja noch so viel Unbekanntes, Überraschungen und Geheimnisse. Die Bücher geben dir manche Hilfestellung mit Fakten und Faktoren, auch mit begründeten und begründenden Mutmaßungen, mehr können sie nicht tun. Und spekulieren dürfen sie nicht.
Wir aber dürfen spekulieren! Und wenn wir ein klein Wenig flunkern, dann natürlich im ungiftigen Detail. Wir tun es dann, wenn die Frage „wie kommt das?“ nicht beantwortet werden kann und zu der Überlegung führt, „wie könnte das kommen?“
Übrigens – wir, das sind vier Pilzfreunde, die ihre Streifzüge oft gemeinsam unternehmen und in den einzelnen Kapiteln zu Wort kommen, hier am Beginn aber in ein gemeinsames Sprachrohr sprechen.
Unsere Grundausstattung dafür, Pilzwissen weiterzugeben, sind zunächst Erfahrungen. Erfahrungen dieser Pilzfreunde einschließlich deren Eltern und, soweit noch vorhanden oder erinnerlich, auch Großväter oder Großmütter. Diese Erfahrungen sind zusammengerechnet mehr als vierhundert Jahre alt.
Sicherheitshalber setzen wir, wenn wir auf das Rätselhafte, Wundersame oder Kuriose zu sprechen kommen, auch Gestik und Mimik ein. Wir zwinkern dabei lieber mit dem Auge, als dass wir mit der Schulter zucken. Der Leser wird es schon richtig deuten. Er versteht beispielsweise ja auch, dass der Stopfpilz eine bei uns ausgestorbene Art ist und die Pilzköpfe musikalisch sind.
Keinesfalls aber wollen wir ihn an der Nase herumführen. Das ganze Gegenteil ist unsere Absicht. Wir wollen, dass er die Nase vorn hat, wenn es für ihn wie für viele Pilzfreunde am Sonntag gilt, seinen Kindern oder seiner neuen Freundin ein gutes Pilzrevier zu zeigen.
Ach so, wir sind Ihnen noch eine Antwort schuldig. Nämlich wie es gekommen ist, dass die Pilzschwemme vor der Haustür, nicht aber im Wald eingesetzt hat. Hier ist sie: Das hat damit zu tun, dass die Waldpilze, um die es uns vor allem geht, mit den Waldbäumen eine Lebensgemeinschaft für immer eingegangen sind. Und damit anderen Umweltbedingungen zur Herausbildung der Fruchtkörper unterworfen sind, als die Pilze, die sich um Heckengesträuch und Lindenbaum überhaupt nicht scheren, weil sie von abgestorbenen Pflanzen leben. Nebenbei gesagt, die Linde würde auch jeden Pfifferling kalt lassen, geschweige denn den Steinpilz. Es könnte aber auch damit zu tun haben, dass ausgerechnet auf den fraglichen Quadratkilometer Waldfläche seit einer Woche kein Regen gefallen ist; immerhin gab es Landregen und keinen Waldregen, wie man sagt. Oder der Mond hat nicht mitgespielt. Vielleicht ist auch schon der Gemeine Myzelschlucker, eine australische Maulwurfskäferart, eingewandert und hat die unterirdischen Pilzstränge aufgefressen. Oder aber ...
Und noch eines. Im Gegensatz zu den üblichen Pilzbüchern haben wir uns ein anderes Aufgabenfeld abgesteckt. Wir weisen nicht speziell und systematisch aus, welche Pilze alle essbar und welche giftig sind und woran man das erkennen kann; greifen Sie dazu zu den dicken oder dünnen Bunten in Ihrem Bücherregal. Dafür bringen wir Ihnen einiges vom Hintergrund näher, vor dem unsere vier Pilzner ihrem Hobby nachgehen. Beispielsweise, was den Pilzner vom Pilzgänger unterscheidet und beide wiederum vom Pilznarren. Oder wie man für sich ein neues Pilzterrain erschließt, was man von den Wetterkapriolen halten soll und was genügend Pilze mit gesunden Waldbäumen zu tun haben. Und – wie bieten sich die Pilzgründe zwischen und neben Schwarzer und Weißer Elster, vor allem aber in der Dübener Heide, heute dar?
Landschaft mit Pilznern
(Friedo stellt Hellmut und die Gegend vor, in der er wirkt)
Es ist eine Landschaft im Norden von Sachsen. Ihre Ost-West-Breite durchziehen viele Flüsse und Flüsschen von der Elbe bis zur Saale im Sachsen-Anhaltinischen. Und alle Flussläufe tragen ein l in ihrem Namen, den flüssigsten aller Fließlaute; es fließt halt schon im Wort: Nach der Elbe die Mulde, die Pleiße, die Weiße Elster. Und dazwischen die Eula, die Gösel, die Luppe, die Nahle. Und wenn es nicht das l ist, dann der andere Fließlaut, nämlich das r wie in Parthe, Schnauder, Zschampert.
Die Häufung der fließenden Namen der wieder fischfreundlichen Flüsse und Flüsschen im Einzugsgebiet der Elbe ist wohl einmalig in unseren Breiten. Und doch erinnert dieser Landstrich westlich von Oschatz und Wurzen und östlich von Merseburg und Weißenfels, Leipziger Tieflandsbucht genannt, eher an ein Trockendock, nicht nur wegen des permanenten Niederschlagsdefizits. Noch, muss hinzugefügt werden, was Leipzig mit seinem Umland betrifft. Das war in früheren Zeiten, sagen wir bis zu Napoleon und einige Jahrhunderte davor und in ganz ferner Zeit, ein durch und durch nasses Sumpfland mit mächtiger Elster und reißender Pleiße. Das Wörtchen „noch“ verlangt aktuell aber nach seinem Gegenpart: Schon wird das letzte große Tagebau-Restloch geflutet. Und dann ist Leipzig geografischer Mittelpunkt vieler großer Seen im Süden, Westen und Norden. Und endlich nicht mehr inselhafter Schonplatz inmitten hässlicher, stinkender, dreckiger Braunkohlelöcher, aktiver und übriggebliebener. Die Umgebung der Stadt wird wie zu ihrem Beginn ein wasserdurchädertes, dazu noch von Seen umschlossenes Stück Erde.
Während also von unseren Vorfahren das l vorrangig den Flüssen und deren Landschaften verliehen wurde, lebten die ersten Bewohner rechtschaffen in ihren Gehöften und Ansiedlungen. Deren heutige Gemeinden haben den eleganten Selbstlaut ö in ihrem Namen. Beispielweise ist jeder zweite Ortsname im Süden und Südosten der Großstadt durch seine ö-Lautung geprägt. Und ausgerechnet Gemeinden mit dem bevorzugten Gesangslaut sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hart gestraft worden. Dort hatte man für die wirtschaftlichen Fehlleistungen und Mangelaufkommen im Diktatsgebiet des Proletariats unter der ruhmreichen Führung der beiden Handwerkergesellen am härtesten zu büßen. So Mölbis, in Fauchweite des Schwefel und Ammoniak speienden Chemiedrachens von Espenhain gelegen. Selbst an sonnenklaren Tagen mussten oft Fackeln den Straßenverlauf markieren, Hauterkrankungen häuften sich vor allem bei Kindern, Pflanzen gingen ein und starben ab. Mölbis, das bis 1990 wohl am stärksten verschmutzte Dorf Europas, ist heute eine blitzblanke Gemeinde mit stolzen Neusiedlern. Oder nehmen wir Rötha, das Nachbarstädtchen eines Chemiegiganten und Kohlekraftwerkes, dessen berühmte Silbermannorgeln in den beiden Kirchen zu schweigen begannen. Zu schweigen begannen, als ihre Blasebälge von der Orgellungen-Tbc zerfressen zu werden drohten, sagt man; heute ist Rötha ein schmucker Ort, der den täglichen Einfall von Schwefel-, Kohlenstoff- und andere Erstickungsdioxiden, dennoch – fast – unbeschadet überstanden hat. Böhlen, eine großchemiegeplagte, fleißige Aschenputtelgemeinde, von deren Industrieabwässern die Pleiße ihr liebstes Reimwort bezog, ist heute eine ruhige und bescheidene Ortschaft, in der, wie woanders auch, die toten Fenster in den aufgefrischten Häusern und nicht mehr die Atemwegserkrankungen ständig zunehmen. Dann gibt es noch Löbschütz, Pötzschau, Großzössen, Oelzschau, Köhra, Großpösna und weitere Ö-Gemeinden.
„Und blöde und störrisch und nörgeln und dösen“, fügte Hellmut hinzu, als während einer Pilzwanderung die Rede auf das Ö kam.
„Und schön und fröhlich und versöhnen“, konterte Gerda.
Als Mann der Buchstaben nahm ich es gelassen, wusste ich doch, dass Hellmut ein Mann der Zahlen war. Hellmut hielt es eben lieber mit berechenbaren Fakten, statistischen Werten und abgesicherten Erfahrungen, was ihm als alten Mathematiklehrer auch gut zu Gesicht stand. Jeder von seinen Mitpilznern profitierte von den Ergebnissen seiner Überlegungen. Wenn es nämlich an die Absprachen zum gemeinsamen Hobby ging, wann die nächste Fahrt in welche Pilzgegend führen sollte. Er war der Älteste von uns Vieren, die in wechselnder Besetzung vom späten Frühjahr an bis zum allerletzten Ende der Saison durch die Wälder streiften. Die Mühe, die ihm das Laufen bereitete – er hatte ein steifes linkes Knie –, war ihm nicht anzumerken, sobald er Waldboden betrat. Den Gehstock, den ihm der Arzt verschrieben hatte, gebrauchte er nur einmal, um ihn in die Besenkammer zu stellen. Ursprünglich war Hellmut Pilzgänger im Erzgebirge, wo er seine Jugend verbrachte, ehe er zum Pilzner wurde. Es waren auch andere Zeiten nach dem Kriege. Damit seine Geschwister weniger zu hungern brauchten, machte er, der schon zur Schule ging, sich mehrmals in der Woche auf, die Früchte des Waldes zu holen. Einmal, es war ein regenarmer Sommer und ein noch trockenerer Herbst, sprach die Mutter den Vorwurf aus, den er einige Male schon in ihren Augen gesehen hatte. Er nehme mehr Essbares mit in den Wald als aus dem Wald nach Hause. Während und nachdem sie das sagte, flossen die Tränen, bei der Mutter und beim Sohn. Auch noch, als sie sich aus ihrer Umarmung gelöst hatten.
Pilzgänger ist man in schweren Zeiten, wenn es am Nötigsten mangelt. Wenn die Marone das Fleisch, der Pfifferling das Gemüse und der Pfeffer-Röhrling die Würze ist. Dann geht man allein hinaus und hütet sich gesehen zu werden. Wegen der guten Weidegründe, nach denen auch Andere aus dem Dorfe unterwegs sind. Heute ist man Freund der Pilze aus ganz anderen Motiven heraus. Und damit ist man mit anderen Pilznern locker vergesellschaftet, wie es der Mykologe sagen würde.
Hellmut bewahrte seine Achtung vor dem Wald und sein Interesse an allem, was dort wächst, läuft und fliegt, über all die Jahre hinweg, da er als Lehrer und Dozent von der Großstadt festgehalten wurde. Seiner Liebe zur Natur und zur heimatlichen Landschaft tat es keinen Abbruch. Im Gegenteil. Er wurde aktiver, je schneller die Fichten im Erzgebirge eingingen. Die Stasi legte einen weiteren „Vorgang“ über ihn an, also eine zweite Akte, nachdem er 1984 eine Staatsratseingabe gemacht hatte. Er wies darin exakt nach, dass das Erzgebirge das in seiner Längenausdehnung größte umweltgeschädigte Gebiet der Erde ist. Und wann die zuständigen Ministerien und auch die gewählten Volksvertreter endlich konkrete Maßnahmen gegen das Waldsterben einleiten würden. Darauf hin kam es zu einem Treffen mit dem Stellvertreter des Ministers für Landwirtschaft, er wies sich jedenfalls so aus. Das Treffen fand auf einer Parkbank in den Grünanlagen vor dem Hauptbahnhof in Leipzig statt. Nicht, dass eine schriftliche Antwort gegeben worden wäre, wie es das Eingabengesetz vorsah. Im Vorfeld zu dieser Angelegenheit konnte auch über die Partei nichts abgeblockt werden. Und das Zimmer des Parteisekretärs stand den Parteilosen nur offen, wenn die Partei etwas von ihnen wollte. Hellmut war lediglich Mitglied des Kulturbundes.
Das Ergebnis: „Im Prinzip mag das so stimmen. Uns sind aber die Hände gebunden ... Und im Vertrauen auf Partei und Regierung werden die Werktätigen der DDR ...“
Kurz danach fand Hellmut heraus, dass die Energie von zwei Braunkohlebriketts notwendig ist, um bestenfalls drei Briketts herzustellen. Mit diesem Energiesatz arbeiteten auch die Entwicklungsingenieure, Bergbau- und Kraftwerkstechniker, weniger aber die Funktionäre der SED, die willkürlich ein ökonomisch besseres Verhältnis ansetzten und propagierten. In der Wirklichkeit gab es Fälle, da die Planerfüllung nur auf dem Papier stand.
Und dafür wurde Mutter Erde geschändet, wurde wertvolle Landschaft vernichtet. Wurden die Menschen in Magdeborn, Eythra und anderswo entheimatet, in über 60 Gemeinden zusammengenommen seit Beginn des Kohleabbaus. Die Bergleute hatten ihr gutes Auskommen, richtig. Sie und ihre Angehörigen und die Städter um sie herum hatten weit überdurchschnittliche Raten an Erkrankungen der oberen Luftwege, auch richtig. Den Protestierern stand die gefängnisdrohende Innenpolitik gegenüber – darauf war Verlass. Doch Hellmut wurde zu einem Aktivisten der Umweltbewegung in Leipzig, einer der Grundfesten der friedlichen Revolution vom Herbst 1989.
Und Trost, Erbauung und klaren Kopf fand er in den wunderschönen, noch intakten Auwäldern der Messestadt. Doch nur wenige der üblichen Sammelpilze! Es waren hauptsächlich Schirmpilze und Riesenboviste, was die genießbaren größeren Arten betrifft.
Womit wir wieder beim Thema wären. Nunmehr im Ruhestand, entwickelte er zur daseinsausfüllenden Liebe, was in Kindesjahren lästige Pflicht gewesen war. Diese Liebe, bekennende Hingabe, Forschungsmotivation und sportliche Aufgabenstellung im Reich der Pilze kann bei einem Menschen, der kein Einzelgänger ist, nur gedeihen, wenn sie geteilt wird. Und wenn man, wie in unserem Falle, von den Teilhabern auch profitieren kann. So umgab er sich im Laufe der Jahre seit seiner Verabschiedung von der Universität mit Gleichgesinnten, von denen Wolli, Gerda und ich den harten Kern um die „Keimzelle“ Hellmut bilden. Sogar die Lautung der Vornamen hatten wir unseren gemeinschaftlichen Streifzügen in den näheren oder ferneren Pilzwäldern zu verdanken. Zweisilbigkeit war Bedingung. „Friedo“ ruft sich zur manchmal notwendigen gegenseitigen Ortung viel deutlicher als Friedrich, „Wolli“ kann auch sehr laut gerufen werden und ist gegenüber Wolfgang so gut wie unverwechselbar, und Gerda heißt eigentlich Grit. Da wäre aber jedes Pilzmännlein erschrocken und vor Scham in den Waldboden versunken, hätte einer das klanglose „Grit, Grit“ gerufen. Es klang wie „igitt“. Grit selber hätte womöglich das eine oder andere Mal den Weg oder den Treffpunkt verfehlt.
Wir fanden uns, weil ein jeder auf der Suche nach der geheimen Wirklichkeit im Reich der Pilze war. Und weil jeder einen anderen waldgerechten Wesenszug hatte und einem anderen Beruf nachging. Weil wir unterschiedlichen Alters und verschiedenen Familienstandes waren. Die eine Seite war das gemeinsame Interesse, die andere Seite die Vielfalt der Kanäle, aus denen der Brennstoff für die Flamme der Begeisterung munter floss, von der diese Vorliebe, ja Leidenschaft, gespeist wurde. Das galt für den Vertreter der exakten Wissenschaften genauso wie für den zögerlichen Schöngeist, der in seiner Handlung überwiegend auf Erfahrung und in seiner Denkweise das meiste auf Sozialbezogenheit setzt. Das galt für den jungschen Hüpf-in-die-Welt mit seinem Hang zu esoterischen Betrachtungsweisen genauso wie für die charmante junge Frau und, später, realpolitische Hausfrau, die ihre Familie nur allzu gern mit ihren Pilzrezepturen verwöhnte.
So zogen wir denn schon ein viertel Jahrhundert lang durch die Kiefernwälder des Flämings, die Nadel- und Laubbaumgesellschaften in der Dübener Heide, die sandigen Kiefernforste in der Niederlausitz, die Waldgebiete hinter Dahlen und vor Wermsdorf, die bescheidenen Nadelwaldpartien im Colditzer Forst und die kleineren und größeren Waldflecken im Thüringischen Holzland. Selbst die dünn gesäten Buchenwaldungen entlang Saale und Unstrut ließen wir nicht aus. Hier begann sogar unser Pilzjahr im April mit den lange tapfer umherstehenden Mairitterlingen und den lustigen kleinen Speisemorcheln und Verpeln.
Übrigens kann ein Pilzfreund nur dann ein Pilzner werden, wenn er auf dem flachen Lande und weit ab vom nächsten Wald zu Hause ist. Schon der lange Anfahrtsweg voller gespannter Vorfreude prägt den Pilzner. Zumal er dabei beste Gelegenheit hat, sich über Natur, Wald, schlechte Pilze und gute Politik und umgekehrt immer wieder mit seinen Mitpilznern auszutauschen. Pilzner vertiefen und erweitern ihr Pilznertum gegenseitig. Das gilt natürlich auch unter solchen, die sich zufällig oder als Unbekannte am Wege treffen. Ihre Begeisterung für Pilze grenzt oft an Pilzbesessenheit. Das bringt selbst beim eigenbrötlerischen Waldschrat unter ihnen ein mykologisches Mitteilungsbedürfnis und die Begierde zum Ausbruch zu erfahren, wie und ob sich der Waldgang lohnt. Unterschiede in sozialer Stellung, Bildung und anderen gesellschaftlichen Bezügen gibt es nicht, wenn der Pilzner mit dem Pilzner ins Gespräch kommt. Dabei wird natürlich auch Pilznerlatein gesprochen.
Je ärmer eine Gegend an Fichten-, Kiefern- oder Buchenforsten ist, desto zahlreicher und aktiver sind ihre Pilzner. Eine solche waldarme Gegend, sogar die ausgedehnteste überhaupt, ist Leipzig mit seiner nahen und weiteren Umgebung. Das lehrt uns ein Blick auf die Deutschlandkarte. Damit hängt auch zusammen, dass der Pilzner keine Landes- oder Kreisgrenzen kennt. Jeder Pilzner ist dem anderen ein aufgeschlossener, mit Pilzen im Korb auch stolzer Gesprächspartner, egal aus welchem Bundesland er kommt. Wir sind Hessen und Schwaben im Wald begegnet, die wir aus der Stadt in Schlips und Kragen kannten. Nichts da im Wald von wegen Besserwessi! Der Pilzner pflegt keine Vorurteile und Klischees. Zum Beispiel finden die üblichen L-Vorbehalte gegenüber den miesen SK- und HAL-Fahrern unter Pilznern nicht statt: Der Autofahrer aus Leipzig sieht keine Gefahr im Autolenker aus dem anhaltinischen Saalkreis und aus Halle oder im Brandenburger Alleen-Flitzer und Thüringer Waldschleicher. Der Gedanke der Nachbarschaftlichkeit ist so gut ausgeprägt, dass die hoheitliche Bürokratie eigentlich schon einschreiten müsste.
Pilze sammeln oder suchen?
(Friedo gibt Strategie und Taktik des Pilzners preis)
Weder noch. Der Pilzner geht in die Pilze. In anderen europäischen Breitengraden jagt er Pilze. Hunting mushrooms, wie der Engländer sagt. Oder er fängt Pilze ein, wie es im isländischen Gletscherdialekt heißt. Was, wie allgemein in den nordischen Sprachen, die Anerkennung der Tatsache bedeutet, dass unsere Wald-, Wiesen- und Kellerpilze keinesfalls als rein pflanzliche Lebewesen angesehen werden. Das hat zur Konsequenz, dass der norwegische oder finnische Vegetarier im Prinzip keine Pilze essen soll. Der Volksglaube im Norden stellt den Großpilz in eine Reihe neben den schabernäckigen Troll und die schnell vorüberwehende Elfe. Im übrigen, unsere Altvorderen gingen ebenfalls auf die Pilzjagd, weil sie, so die Überlieferung, an der Jagd auf Wild nicht teilnehmen durften. Auch werden Pilze von Manchen geerntet. Wo bleibt aber da das Abenteuer? Oder gar gepflückt. Hocken wir uns denn wie die Kindlein in die Blumenwiese? Oder aufgestöbert wie die Trüffeln im französischen Périgord – was wir besser den Trüffelschweinen überlassen sollten. Zumal wir schon genug zu tun haben, uns über das Borstenvieh in unseren Kiefernwäldern zu ärgern.
Entschieden wichtiger als diese Frage sind doch die Antworten auf das Wo und Wann und auf das Warum und Warum-nicht, was wohl jeder Leser und auch der Beschauer der Bilderbücher über Pilze bestätigen wird. Zuvor aber muss für den Pilzfreund Klarheit herrschen, welcher Pilz genießbar und welcher giftig ist, versteht sich.
Beginnen wir mit dem Wo.
Am besten immer rechts versetzt hinter Hellmut! Und zwar je nach Geländeart zwei Schritte – Waldweg – bis zu zwölf Schritten – ausgedünnter älterer Baumbestand. Denn Hellmut hat von uns allen das beste Gespür, wo essbare Pilze stehen könnten. Dafür hat er ein beneidenswertes Bauchgefühl. Er hat aber auch eine ausgeprägte Blickfeldeinengung am rechten Auge, die nach außen gerichtet ist. Also rechts von ihm gehen, nicht links. Er übersieht die Pilze auf dieser Seite, auf die du mit größerer Wahrscheinlichkeit triffst als wenn du allein durch den Tann stolperst. Oder besser: Er sieht sie gar nicht erst. Und das nimmt er hin wie der Glatzkopf die fehlenden Haare, es beunruhigt ihn nicht. So wechseln wir uns rechterhand hinter ihm jeweils zu Beginn der Aktion und nach Rastpausen ab, was er wohlwollend akzeptiert. Steht er einmal nicht zur Verfügung, sind unsere Körbe regelmäßig weniger gut gefüllt.
Wer keinen Hellmut kennt oder selber kein Hellmut ist, wenn es in die Pilze geht, dem seien sämtliche Vorkommensmöglichkeiten als Standorte empfohlen, vorausgesetzt, es ist ein gutes Pilzjahr. Dann spannen sich die fruchttragenden Bodenhabitate vom durchnässten Quellwasserufer im Erzgebirge bis zum prasseltrockenen Sandweg in der Uckermark. Im Wald und auf der Heide. Auf Wiesen, Weiden, im Straßengraben und selbst auf asphaltierten Bürgersteigen.
Wir hatten es in den letzten Jahren aber mit miesen Pilzjahren zu tun. Da ist guter Rat teuer, und um den geht es ja hier. Also, geben wir uns bescheiden und halten uns mal ein solches Jahr mit geringem Pilzaufkommen vor Augen. Dann helfen uns diese Regeln. Erst der Weg und dann der Wald! Waldränder an Wegen, Lichtungen und Schneisen sind trächtiger als die Zwischenräume von Baum zu Baum. Dies deshalb, weil Regen und Tau vom Nadelwerk der Bäume kaum zurückgehalten werden und schnell auf und in den Boden gelangen. Und weil die wärmenden Strahlen der Sonne vor allem auf Südhängen = Nordrändern ungehindert in die obersten Bodenschichten eindringen können. Dass die helleren Lichtverhältnisse das Pilzwachstum fördern, ist ein Ammenmärchen (mit Ausnahmen, was sonst). Der Pilz sehnt sich eher nach Mond als nach Sonne, wie manche meinen. Nordhänge = Südränder abzusuchen ist hingegen nicht zu raten, wenn wir es mit einer Hitze- und Trockenperiode zu tun haben.
Ein weiterer Grund ist, dass man einen größeren, unverstellten Bodensektor absuchen kann. Geht es dann in den Wald hinein, heißt unsere goldene Regel: Große Leute unter hohe Bäume, kleine Leute ins Dickicht. Sie hat nichts damit zu tun, dass die kleinste Person bei uns eine Frau ist. Gerda kommt regelmäßig mit zerkratztem Handrücken und einer Schramme an der Stirn nach Hause.
Auch Hellmut, obgleich größer und massiger von Wuchs, ist für die Schonung geeignet. Trotz seines Beinleidens bewegt er sich im Wald ohnehin wie ein Wiesel, sobald er Pilze riecht. Das mit dem Riechen ist bei ihm möglicherweise wörtlich zu nehmen und nicht nur auf die Stinkmorchel zu beschränken. Jedenfalls hat er nicht den Blickwinkel eines Hünen, und das ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Unterholzpirsch.
A propos Blickwinkel: Beim Längsten von uns, meiner Person, ist der Winkel so ausgelegt, dass er ständig als Erster einen ziemlich entfernt stehenden Steinpilz entdeckt. Dafür tritt er die Marone zu seinen Füßen nieder, er übersieht sie einfach. Bei Hellmut verhält es sich genau umgekehrt. Wir haben Pilzgänge erlebt, an deren Ende, also nach drei Stunden des Suchens, Hellmut und ich viele unserer Beutepilze getauscht haben. Steinpilze gegen Maronen im Verhältnis 1:1. Diese Abschweifung möge jedenfalls beweisen, dass die angesprochene Regel realistisch ist.
Und dann gibt es für den Hausgebrauch viele weitere Taktiken, an welcher Stelle ich meinen Pilzkorb füllen kann oder ihn mit größeren Erfolgsaussichten zumindest dorthin tragen sollte.
Wiesenchampignons wachsen auf Wiesen und Weiden, Waldegerlinge im Wald. Das sagt schon der Name. So auch Birkenpilze, die unter Birken und Lärchenröhrlinge, die unter Lärchen wachsen. Doch Achtung: Der Dachpilz wächst nicht unter einem Dach und der Hexenpilz nicht unter einer Hexe. Diese Wahrheit soll aber öfter von Ausnahmen begleitet sein. Uns allen ist der Fall von Theo Müller bekannt, einem befreundeten Pilzner aus Bitterfeld, der einmal seine Frau mitgenommen hatte. Als er tags darauf ohne sie an die Stelle kam, wo sie sich zur Brötchenzeit ins Moos gelagert hatte, fand er einen zweieinhalbpfündigen Hexenpilz.
Um irgendwelche Rufbeschädigungen zu vermeiden, verlegte er, wenn er auf diese Geschichte zu sprechen kam, das Ganze in den Nordharz, wo die Hexen ohne Ehemänner frei herumtanzen. Übrigens, Gerda fand an der nämlichen Stelle, es war nicht weit von der denkmalgeschützten Ureiche im Tornauer Forst, einen riesigen Satanspilz. Und zwar, nachdem sie sich die Woche davor mit ihrem damaligen Verehrer an den Glückspilzen im Moos erfreut hatte. Danach ging sie wieder mit uns in die Pilze.
Manche Pilze findet man garantiert bei anderen Pilzarten. Diese Regel erfasst all das, was der Fachmann vergesellschaftetes Pilzmyzel nennt. So wäre der Fliegenpilz als Flaggpilz zu nennen: Steht der Fliegenpilz bereit, ist der Steinpilz nicht mehr weit. Nur im Fliegenpilzjahr 2006 winkten die roten Männlein dorthin, wo kein Steinpilz zu sichten war. Oder ein anderes Beispiel. Erstaunlicherweise ist in unseren Breiten der giftige Rote Klassentrichterling mit dem edlen, im Süden ergiebigen Kaiserling vergesellschaftet. Die Ochsenzunge gehört aber nicht zum Kuhpilz und die Hirschtrüffel nicht zum Rehpilz.
Ein weiteres Standortkriterium, von der Pilzaufklärung oft übergangen, ist die pH-Wertigkeit des Waldbodens. Unsere Erfahrung, auf welchem Boden welcher Pilz lebt, bezieht sich so gut wie nicht auf alkalische Böden, weil die in unseren östlichen Forsten kaum vorkommen. Am ehesten noch dann, wenn der Kalkflieger versehentlich die doppelte Menge ausgestreut hat.
Dann wächst schon mal der kalkliebende Netzstielige Hexenpilz neben seinem säureliebenden Flockenstieligen Namensvetter. Unser Wissen kommt von Biotopen, die neutral wie die Falschen Pfifferlinge bis sauer wie die eingelegten Zitronentäublinge sind. Um ein Beispiel aus unserem Lieblingsrevier zu nennen: Auf säuerlichem Boden herrscht dort der Steinpilz vor, begleitet von vereinzelten Maronen und Sandpilzen.
Drei Kilometer Luftlinie nordwestlich davon ist der Boden ganz sauer. Dort stehen selbst in Dürrezeiten haufenweise die Maronen, selten von Steinpilzen durchmischt. So ist es seit sieben Jahren. Die Jahre davor war alles genau umgekehrt. Letztlich ist das dem Röhrenpilzfan aber egal. Hier ist vom Herzberger Land die Rede. Es ist eine ebene brandenburgische Sandbodengegend, deren Alleen, Baumgruppen und Getreidefelder eine bedächtige, wohltuende Ruhe aussenden. Gesäumt von stillen Kiefernwäldern, fließt mittendurch die Schwarze Elster.
Einige der wertvollsten Pilze kommen nur auf ganz speziellen Böden vor. Viele Tintlinge auf Müllhaufen zwischen Straßenrand und Straßengraben, dort also, wo sich der Modder ansammelt und die Zigarettenkippen und Papiertaschentücher der Autoinsassen landen. Ein Tintling ist übrigens derjenige Pilz unserer Wälder gewesen, der zu DDR-Zeiten am stärksten angepasst war: Der Schopftintling.
Hier seine damals gültige Visitenkarte:
Es steht ein grauer Tintling
gleich einem seltnen Findling
im Schutt am Straßenrand.
Da roch es nach Trabant.
Der Trabi fuhr vorbei –
aus Tinte wurde Blei.
Der Tintling wurde giftig.
Und gibt sich jetzt bleistiftig.
Er ist ein Pilz für’s Schreiben.
Das möchte er auch bleiben!
Der Butterpilz sprießt stets im Gras vor oder zwischen dichten Jungkiefern, niemals im Waldesinneren. Den selteneren ringlosen Butterpilz gibt es nur bei Kiefern mit fünf Nadeln am Spross, weil diese gegenüber den zweinadligen ebenso selten sind. Der Riesenbovist bevorzugt flache Wiesenmulden, damit er nicht wegrollen kann. Der Hallimasch kommt gar nicht oder überall vor. Wenn er vorkommt, dann vor allem auf alten Baumstümpfen und -stämmen.
Schließlich zur entscheidenden Frage nach dem strategischen Wo. Wo also, anhand welcher Merkmale, finde ich einen idealen Pilzfleck, der „mein Fleck“, „meine Stelle“ werden könnte? Was macht den Fleck mit seiner Haupteigenschaft aus, dass nämlich dort zuverlässig bestimmte Pilze vorkommen und wachsen? Dass er geheim ist.
Wolli hatte über zehn, zwölf Jahre einen Privatfleck, den er selbst uns zunächst nicht verriet. Jedes Mal, nachdem er für ein halbes Stündchen in das Waldstück verschwunden war, kam er mit vollem Korb heraus, selbst in pilzarmen Monaten. Bis er eines Tages mit nur drei mickrigen Perlpilzen zurückkam; ohne ersichtlichen Grund blieb sein Korb leer: Kein Chemiegigant wurde dort in Betrieb genommen, kein Baum wurde zu Bruchholz verwandelt, kein Brand vernichtete den Jagen, ja nicht einmal Försters Wildschweine zogen zum Preispflügen los – plötzlich blieb das Pilzwachstum aus. Und andere Pilzgänger waren keine Konkurrenten für ihn, zumal es sich um einen Schießplatz in der Annaburger Heide handelte. Nicht, dass die Maronen zu Zielscheiben für Scharfschützen geworden wären. Nein, das Biotop hatte sich verändert, die Wachstumsbedingungen für das Pilzmyzel waren umgeschlagen. Und bis auf den heutigen Tag, also neunzehn Jahre hindurch, ist es unfruchtbar geblieben. Heut muss sich Wolli mit unseren gemeinsamen, oftmals weniger trächtigen Flecken begnügen, die sich im Laufe der Jahre natürlich veränderten: in der Höhe und Standdichte der Bäume, in ihrem Alter, im Mikroklima, im Säureeintrag in den Boden, im Wildschwein- und Haarwildbesatz usw. Da helfen auch ein noch so gutes Geländeorientierungs- und Pilzeinfühlungsvermögen nicht, geschweige denn sein Pilzblick. Futsch ist futsch – das gilt leider allzu oft für gute Flecken auch in traditionell pilzreichen Großbiotopen.
Das lehrte uns zuletzt der „Bunker“, ein buchenes Steinpilzparadies rechts und links der Stelle, an der zwei Schienenstränge über die Straße von Söllichau nach Korgau verlaufen. Siebzehnmal haben Pilznerschaften von uns in den letzten drei Jahren dort vorbeigeschaut, null mal haben sie etwas gefunden. Stille Rache des ehemals gesperrten, geheimen, verwahrlosten, verminten Vorgeländes einer militärischen Führungsanlage? Wehmut beschleicht uns, wenn wir dort vorbei kommen. Wie standen sie nicht dort, die gesündesten Steinpilze, zuverlässig selbst bei widrigen Großwetterlagen und starkem Pilzgängeraufkommen an Wochenenden!
Verklärung ist für den Durchschnittspilzner eine größere Triebfeder als Naturerlebnis, Abenteuerlust, Entdeckerfreude oder Genusserwartung! Kein Waldstück verklärt sich für ihn aber jemals, wenn es von Brombeersträuchern, Brennesselruten und manchen Farnwedeln umsäumt oder gar durchsetzt ist. Denn dort hält sich kein Myzel. Die ideale Verklärung eines fruchtbaren Biotopbodens hingegen lässt vor dem inneren Auge ein Stück Nadelwaldboden entstehen, das moosbewachsen und ganz leicht grasdurchsetzt ist, von Erika- und auch Heidelbeerkraut umstanden wird, das pralle süße, kirschgroße Früchte trägt ... Da wären wir wieder bei der Verklärung, genauer bei der Verklärung der Verklärung. Und bevor noch ein kartoffelsackgroßer Steinpilz ins Bild kommt, wollen wir lieber die Pausenklingel in der Jägerlateinschule schellen lassen.
Ein Männlein steht im Walde ...
(Friedos neue Erkenntnisse zur Kulturgeschichte des Fliegenpilzes)
Zur Einführung lasse ich Wolli zu Wort kommen, der diese Geschichte anfangs der 1980er Jahre in der Dübener Heide erlebt hat:
„Wenn du einmal hier bist, dann solltest du auch einen Blick hineinwerfen. Natürlich befolgte ich die Aufforderung dieses Moduls meiner Selbstgespräche, das sich aktiviert, sobald ich im Wald bin. Also, dreihundert Meter nördlich vom Bertagrab rechts ran an die Einmündung eines Waldweges auf die F2. Taschen nach Leinenbeutel und Messer abgeklopft, Auto abgeschlossen und rein in den Wald. Nach zwei Minuten war ich an der Stelle: Etwa achtzig Jahre alte Kiefern grenzten an ein Waldstück mit jüngeren Bäumen, schütteres kniehohes Gras, einige dünne Birken. Ein paar Meter von dort, wo unlängst mitten auf dem Weg ein verglaster Hochstand stand. Möglicherweise mit Hochstandheizung und Zielwasserbar.
Doch wo waren die Fliegenpilze? Fliegenpilze standen ein paar herum zwischen den Bäumen, nicht aber an dem bewussten Fleck. Maronen waren einige da, genauer lagen herum, frisch geschlüpfte, ohne Fehl und Tadel, bis auf die, die am Stiel oder Hut eingedrückt waren. Wer bloß hat sie so würdelos behandelt? Ich sammelte ein, was brauchbar war. Wildschweine können das nicht gewesen sein. Die hätten auch die Fliegenpilze umgeworfen. Also, warum sah ich keine? Ich bin auf die würzigen Maronenröhrlinge aus, habe mich hier aber all die Jahre von den benachbarten Fliegenpilzen heranwinken lassen. Ich umkreiste die Stelle, ging in die Knie, um einen anderen Blickhorizont zu gewinnen - und fand ein Russenkäppi. Darunter ein hühnereigroßer, in seinem gelben Rot leuchtender Fliegenpilz mit Hüllresten am Hutrand, die seinen Stielansatz wie ein weißer Schal umschlossen. Ein Pilzchen wie gemalt! Vom Regenwasser frisch gewaschen, geradewegs zum Reinbeißen.
Zum Reinbeißen? Da dämmert es bei mir. Waren das vor zwanzig Minuten nicht zwei voll besetzte Mannschaftswagen, die im Militärkonvoi die Straße Richtung Wittenberg dahinzuckelten? Dann müssten auch die frischen Reifenspuren am Straßengraben von den Fahrzeugen der Soldaten stammen. Ist doch klar! Wenn sich eine Kompanie ruhmreicher Sowjetsoldaten auf Fliegenpilze stürzt, bleibt kein Pilz stehen. Weil sie nämlich bei ihnen hoch im Kurs stehen, ganz besonders bei den Sibirjaken, um sie als Rauschmittel zu konsumieren. Seien sie ihnen gegönnt.
Ich hatte damals keine Ahnung, was das ist: Rauschmittel. Wir wussten vom Hörensagen nur, dass man in westlichen Gefilden Drogen als Pulver, Pillen oder Spritzen für teures Geld kauft oder klaut und schluckt, durch die Nase zieht oder spritzt. Und dass man die Welt dann rosarot sieht, allen Ärger vergisst, sich stark wie der gleichfarbige Panther fühlt und dergleichen Halbwissen mehr.
Und wie ich so nachdachte, was mir mein Vater vom Fliegenpilz alles erzählt hat, hörte ich, wie es von der Straße her quietscht und rumpelt. Ein Auffahrunfall?
Auf dem Rückweg zum Auto schossen mir seine Worte in den Sinn, dass der Fliegenpilz Fliegenpilz heißt, weil er, in Milch gebrockt und aufs Fensterbrett gestellt, das sicherste Mittel ist, lästige Fliegen loszuwerden. Das kannte er nicht nur aus dem elterlichen Hause, sondern hatte es auch bei Leuten in der Sowjetunion gesehen. Aber gieriger noch als die Fliegen, meinte er, waren 1949 die Wachsoldaten im sibirischen Gefangenenlager nach Fliegenpilzen gewesen. Ein paar Bissen davon geschluckt, und bald darauf hätten sie angefangen, mit den Gliedern zu zappeln, die Augen zu verdrehen und sich selber zu malträtieren.
Plötzlich stürzten drei braune Uniformen auf mich zu, zwei mit Glatze, ihr Schiffchen in der Hand, und eine Schirmmütze. Also wieder ein Mannschaftstransport. Der Offizier zu mir: Woher ich das Käppi hätte, was in dem Säckchen drin wäre. Ein Soldat tastete mich ab. Das Pilzmesser! Ich müsste mitkommen, auf der Kommandantur würde alles geklärt werden.
Sie geleiteten mich zum Mannschaftswagen, setzten mich ins Führerhaus. Die beiden Soldaten blickten mürrisch ihren Kameraden hinterher, die in den Wald ausgeschwärmt waren. Die ersten kehrten zurück, zwei, drei Fliegenpilze im Schiffchen, ihrem Käppi.
In einem Raum mit vergitterten Fenstern, er gehörte zur sowjetischen Kommandantur in Leipzig, hatte ich dann bis zum Morgen Muße, über meine dumme Pilzneugier nachzudenken. Unterbrochen von zwei kurzen Verhören in der Nacht. Gegen neun Uhr durfte ich die Kommandantur verlassen.
Ich meldete mich telefonisch krank bei meinem Chef und suchte nach einer Fahrgelegenheit in die Dübener Heide. Gegen Mittag war ich bei meinem Trabi. Es fehlten die beiden Vorderräder, der Rückspiegel sowieso, der Hauptschalldämpfer und das Auspuffrohr mit dem Nachschalldämpfer. Das waren aber nicht die Russen.“
Die Geschichte sollte hier etwas vertieft werden, weil es zwei Umstände geradezu herausfordern: Einmal wird behauptet, dass der Name des Fliegenpilzes nichts mit der für Fliegen todbringenden Wirkung zu tun habe. Zum anderen glauben Manche, das Männlein, das einsam und purpur gewandet im Walde steht, könnte auch ein Fliegenpilz sein.
Zuvor aber noch der Hinweis darauf, dass man in den ländlichen Haushalten von der mit Fliegengift angereicherten Kuhmilch abgelassen hat, seit die Stubenkatzen eines Tages fast alle auszusterben drohten. So jedenfalls erzählte es Wollis Vater. Er kannte auch den Fliegenfänger noch, der vor rund hundert Jahren erfunden wurde: Ein mit klebriger Masse getränktes Band von 50 oder mehr Zentimetern Länge wurde aus seiner Hüllkapsel herausgezogen und an die Zimmerdecke gehängt. Im Herbst musste der Fliegenfänger nach drei Tagen erneuert werden. Oder er riss infolge beträchtlicher Gewichtszunahme. Bei der Oma landete einmal das mit toten und halbtoten Fliegen übersäte Klebeband auf dem angerichteten Kirmeskuchen. Die Fliegenklatsche, ein vielgestaltiges, doch einfaches Gerät zur Selbstverteidigung, gibt es hingegen schon so lange, wie es die Gemeine Stubenfliege gibt. Die Klatsche ist aber wenig effektiv und neigt zu schmerzhaften und verlustreichen Fehlschlägen. Den Katzen sollten diese instrumentalen Variationen zur Fliegenbekämpfung eher recht gewesen sein.
Was nun den Namen des Pilzes betrifft, herrscht im europäischen Sprachraum Einhelligkeit, natürlich mit den obligatorischen Ausnahmen: Überall kommt die „Fliege“ oder zumindest etwas Gefahrdrohendes für Fliege oder auch Mensch in der Bezeichnung vor! So im Niederländischen (vliegenzwam), Schwedischen (flugsvamp), Dänischen (fluesvamp) und Norwegischen (fluesopp); im Italienischen (ovolo malefier, frei übersetzt „Unheil bringender Kaiserling“) und im Französischen (amanite tue-mouches – so viel wie „Fliegentöterwulstling“); im Polnischen, Russischen und Tschechischen (,wo er muchomor u.ä. lautet, was soviel wie „Fliegenmassensterbling“ heißt), ja selbst in der nicht indoeuropäischen Sprache der Ungarn; hier heißt er légyölö galóca, „Fliegenknollenpilz“. Natürlich hat auch sein lateinischer – wissenschaftlicher – Name den Fliegenbezug: Amanita muscaria. Nur die Spanier und, wie könnte es anders sein, die Engländer tanzen aus der Reihe, halten sich nicht an die Lautung in ihren romanischen und germanischen Schwestersprachen. Hier heißt er neutral oronja falsa, „Falscher Kaiserling“ und dort skurril toadstool, „Krötenschemel“.
Die Namensübereinstimmung spricht nicht nur sprachlich dafür, dass in einem großen gemeinsamen Kulturraum etwas einhellig bezeichnet wurde, was den gleichen Haupteffekt liefert. Hier sollten sich mal vergleichende Mythologie, Geschichte religiöser Riten und Volksetymologie zusammentun und ein glaubhaftes Resümee abliefern für die nächste Generation der bunten Pilzbücher, damit endlich die Widersprüche in den betreffenden Aussagen der Vergangenheit angehören. Und die Chemiker sollten erst mal alle Gifte im Fliegenpilz isolieren und bestimmen, das ist nämlich noch nicht vollständig geschehen. Dann werden sicher die Stimmen zum Schweigen gebracht, die mit ihren Antifliegentot-Thesen laut geworden sind: Die Fliegen seien nach ihrer Pilzmahlzeit nicht verendet, sondern bloß in Ohnmacht gefallen. Um danach wieder quicklebendig zur nächsten Pilzmilchschale zu fliegen? Und der Name rühre daher, dass im Mittelalter, als er geprägt wurde, Fliegen mancherorts als Symbole des Wahnsinns galten. Oder auch: Fliegen und Mücken würde die Macht innewohnen, Menschen zum Fliegen zu bringen. So was Irres! Können sich ganze Völker und Nationen so geirrt haben, als sie den Namen für den Pilz prägten und allgemein akzeptierten? Oder aber wir haben uns gründlich geirrt, und zwar dann, wenn in grauer Vorzeit andere Dinge Realität gewesen sind. Beispielsweise hätte vor tausend Jahren der Fliegenpilz gut und gerne einen blauen Hut haben können und nach Coca-Cola geschmeckt haben. Wie auch immer.
Die namentliche Übereinstimmung beim Fliegenpilz gewinnt, sehen wir einmal von den wenigen Ausnahmen ab, an Gewicht, wenn wir die Namen anderer Pilzarten hernehmen. Nicht eine weist diese Übereinstimmung auf! Nehmen wir als Beispiele von den bekannteren Pilzen den Steinpilz und den Pfifferling, um ihre offiziellen Namen in den gewählten Sprachen zu sondieren.
Wir stoßen auf ganz unerwartete Bezeichnungen: Im Englischen heißt er „Gelbling“, im Niederländischen „Eichhörnchenbrot“, im Schwedischen „Karljohanspilz“; im Französischen nennt er sich cèpe, was nicht zu übersetzen ist, im Italienischen „Schweinepilz“ und im Spanischen „Speiseticketling“. Polnisch und Russisch ist es der „Waldling“, Tschechisch der „Pilz“ schlechthin, Ungarisch der „Herrschaftliche Röhrling“. Es ist Boletus edulis, unser geliebter Steinpilz. Keine Spur mehr von einheitlicher Namensgebung.
Das ist auch beim Pfifferling der Fall, der in seinen verschiedenen, allein offiziellen Namen in Europa etwas zu tun hat mit Eiern, Gesängen, Hähnen, Hennen und Füchsen, einen unübersetzbaren Namen trägt oder, da unbekannt, im einheimischen Allgemeinwortschatz nicht aufzufinden ist.
Hinter gleichen Namen stehen gleiche Erfahrungen und Erkenntnisse, oft auch gegenseitiger Austausch. Unter den Pilzen ist es eben der Fliegenpilz, der in unseren Breiten zu den bekanntesten zählt. Und weiter östlich auch zu den beliebtesten.
Der Feldweg steigt sanft an. Rechts und links Maisfelder, Weiden, Kartoffeläcker. Am Wegrain wetteifert roter Klatschmohn mit blauen Kornblumen um die Gunst des Wanderers. Die Natur ist ein Malkasten, der Strahl der Sonne zaubert die Farben hinein. Daran wollen auch die Schmetterlinge teilhaben, die in der Spätsommerluft hin und her schwanken. Hell und eingefärbt von Lebenslust sind Gesang und Geschwätz der Vögel, die zenithoch stehen oder auf den knorrigen Ästen der wenigen Apfelbäume hocken.
Vorn dann fesselt den Blick ein dunkleres, weites Grün, das bald den nahen Horizont ausfüllt. Nach unten zu setzt es sich erdfarben auf den strauchbestandenen Saum ab, der Feld und Wald miteinander verflicht. Am Waldesrand gräbt sich der Weg in den Boden, als wolle er ein Hohlweg werden. Und mutig stößt er nach einem leichten Bogen in das Dunkel des Waldes hinein, aus der hellen Heiterkeit der Felder in das vornehm gedämpfte Licht zwischen den Bäumen. Einzelne Föhren verstecken sich zwischen den Fichtenstämmen. Einige Birken, sie haben auf das glatte Weiß ihrer Haut gern verzichtet, stehen am Wegrand. Die Luft unter den Nadelbäumen ist angenehm kühl. Es herrscht eine andere wunderbare Ruhe. Sie umschmeichelt den Wanderer, der noch die Ruhe der Weite in sich trägt. Sie ist auch hier mit Vogelstimmen angefüllt, weniger bunt in den Tönen jedoch, gedeckt in den Farben.
Ein kaum merkliches Rauschen erfüllt die Luft. Das Schattenspiel der Wipfel auf dem Weg macht fröhlich.
So weicht der Wanderer vom Weg ab, setzt seinen Fuß in den federnden Nadelboden. Und läuft, der Weg hat es ihn zuvor gelehrt, geradewegs hinein in den schütteren Schatten der weit stehenden Bäume. Dort sind es keine hohen Fichten mehr; es wurden gedrungene, knorrige Bäume, weit auslandend, dicht an dicht.
Da ward er mit einemmal eines kleinen Männleins gewahr, das zwischen den Fichten erschien und mutterseelenallein dastand. Es hatte von lauter Purpur ein Mäntlein um ...
Und das soll ein Fliegenpilz sein? Noch dazu purpurfarben, was überhaupt nicht geht? Oder gar eine Hagebutte, wie es Kinderliederexperten behaupten? Nie und nimmer! Den Fliegenpilz jedenfalls hätte unser Wanderer schon am Waldrand antreffen müssen, spätestens zwischen den Birken und Randfichten. Und zwar in Gesellschaft weiterer Artgenossen, so gut wie niemals allein. Gleiches gilt auch für die Hagenbutte, die noch weniger einsam vorkommt und noch mehr Sonnenwärme braucht. Da gibt es ohnehin seit hundertfünfzig Jahre die Ungereimtheit, dass das Liedchen vom allein stehenden Männlein in den meisten Liederbüchern zwei Strophen, in wenigen anderen drei Strophen hat. In der zweiten trägt es ein „schwarz Käpplein“, und in der dritten, falls vorhanden, heißt es „Das Männlein dort auf einem Bein ... kann nur die Hagebutte sein“. Was hat sich der Herr Heinrich Hoffmann von Fallersleben da bloß ausgedacht? Ihm zur Ehrenrettung sei angemerkt, dass die dritte Strophe überhaupt nicht eines Meisters Werk sein dürfte. Weil sie weder in Versfuß, Versmaß, Silben- und Zeilenzahl noch im Reimmuster mit den ersten beiden Strophen übereinstimmt – und so mit der vorgegebenen Melodie nicht sangbar ist. Denkbar ist aber auch, dass Hoffmann von Fallersleben mit diesem „Rätsel“ seine Zeitgenossen verkohlen wollte.
So möge unser Pilzfreund weiter wandern und sich weiter wundern, was er denn da gesehen hat. Vielleicht wird ihm ein prominenter Ammenmärchenforscher Auskunft geben. Auf die Idee, es könnte sich in Wirklichkeit um einen entführten und laufen gelassenen Gartenzwerg handeln, der sich verirrt hat, ist leider noch niemand gekommen.
Wir aber wollen unser Landschaftsbild von der Heide nicht weiter mit mysteriösen Pinselstrichen überschmieren lassen und die Welt der Pilze mal aus einem anderen Blickwinkel einsehen.
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