Читать книгу: «In Nacht und Eis»

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Über den Autor

Fridtjof Nansen

(1861-1930), norwegischer Polarforscher und Zoologe, gehört zu den bedeutendsten Entdeckungsreisenden der Geschichte. Getrieben von einem leidenschaftlichen Forschergeist und einer unergründlichen Sehnsucht brach er immer wieder in arktische Gefi lde auf. Nach der Rückkehr von seiner epochalen Polarexpedition schrieb er seine Erlebnisse nieder und begann in der Folgezeit als Politiker und Diplomat eine zweite Karriere. Für sein außergewöhnliches humanitäres Engagement u.a. bei der Rückführung von Kriegsgefangenen nach dem Ersten Weltkrieg erhielt er 1922 den Friedensnobelpreis.

Zum Buch

„(…) welchen Wert hätte das Leben ohne seine Träume?“ Fridtjof Nansen

Sein größter Traum geht nicht in Erfüllung: 1893 bricht der Norweger Fridtjof Nansen mit einem eigens dafür gebauten Schiff zur Eroberung des Nordpols auf und kehrt drei Jahre später in die Heimat zurück, ohne den Nordpol je betreten zu haben. Seine Expedition macht ihn dennoch über Nacht weit über die Grenzen seines Landes hinaus bekannt, denn seine abenteuerliche Polarfahrt sprengt die Vorstellungen des bis dato für möglich Gehaltenen.

Nansens autobiographischer Bericht über die abenteuerliche Nordpolexpedition dokumentiert die einzelnen Stationen der Exkursion auf packende, in ihrer Intensität schmerzlich ergreifenden Weise: die Verfehlung des Nordpols mit dem Schiff, der Entschluss, das ewige Eis mit Hundeschlitten zu durchqueren und den Nordpol auf Schneeschuhen zu erreichen, der Abbruch der Expedition 450 Kilometer vor dem Ziel und der Rückweg zur Fram, der zum nackten Überlebenskampf gegen Eisbärattacken, Stürzen ins Meer und die unerbittliche arktische Kälte wird.

ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE


FRIDTJOF NANSEN

DIE NORWEGISCHE POLAREXPEDITION

IN NACHT UND EIS
1893 – 1896

HERAUSGEGEBEN UND MIT EINEM VORWORT VERSEHEN VON DETLEF BRENNECKE

MIT 20 ABBILDUNGEN UND 2 KARTEN


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Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

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Alle Rechte vorbehalten

Copy right © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2012

Der Text wurde behutsam revidiert nach der Edition Erdmann Ausgabe, Stuttgart

Lektorat: Dietmar Urmes, Bottrop

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH, nach der Gestaltung

von Nele Schütz Design, München

Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0254-3

www.marixverlag.de

INHALT

Vorwort des Herausgebers

IN NACHT UND EIS

Die Abreise

Die Winternacht

Frühjahr und Sommer 1894

Der zweite Herbst im Eis

Der Aufbruch

Abschied von der »Fram«

Ein harter Kampf

Mit Schlitten und Kajak

Endlich Land!

Neujahr 1896

Heimwärts!

ANHANG

Editorische Notiz

Weiterführende Literatur

VORWORT DES HERAUSGEBERS

»… wenn möglich bis zum Pol.« Fridtjof Nansens Abenteuer in der Arktis

»Dr. Livingstone, I presume.« Als der aus England stammende Sensationsreporter Henry Morton Stanley am 10. November 1871 nicht weit vom Tanganjikasee entfernt mit unnachahmlich-britischem Understatement auf David Livingstone zutrat, erfüllte sich seine Mission. Hatte er doch zwei Jahre zuvor vom Chef des New York Herald, James Gordon Bennett jun., die Weisung erhalten, den im Busch verschollenen Afrika-Pionier aufzuspüren.

Die Berichte über das Ereignis, die Stanley zunächst nach New York kabelte und 1872 in seinem Buch Wie ich Livingstone fand zusammenfasste, machten den Herald zum auflagenstärksten Blatt der USA, weshalb sich Bennett vornahm, solchen Coup dereinst zu wiederholen.

Die Gelegenheit bot sich 1879, als der Schwede Adolf Erik Nordenskiöld bei seiner Erschließung eines Seewegs, der von Europa ostwärts durch arktische Gewässer nach China sowie Japan führen sollte, mittlerweile dreißig Monate auf der »Vega« ausgeblieben war, ohne dass jemand eine Nachricht von ihm erhalten hatte. Da schickte Bennett die »Jeannette« unter Kapitän George Washington De Long von San Francisco zur Beringstraße hinauf, um Nordenskiöld zu suchen. Nachdem De Long jedoch ermitteln konnte, dass die »Vega« die Meerenge vor Kurzem erst wohlbehalten hinter sich gelassen hatte und längst auf der Heimreise war, behielt er seinen Kurs bei, um nunmehr den Pol anzusteuern. Auf diesem Unternehmen freilich wurde das Schiff am 12. Juni 1881 nördlich der Neusibirischen Inseln vom anpressenden Eis zersplittert, sodass es versank. Und obwohl sich drei Viertel der Besatzung mit Schlitten und Ruderbooten zum Lena-Delta durchschlagen konnten, glückte es nur wenigen aus dieser Schar, auf versprengte Nomaden zu stoßen und gerettet zu werden. Die meisten – zuletzt auch De Long und der Korrespondent des New York Herald Collins – kamen um im kimmungslosen Nowhere Land und entschwanden zu den anderen vergessenen Statisten der Erkundung unserer Erde.

Das Publikum zog es vor, sich an die Sieger zu halten, die lebenden Helden zumal.

Deshalb hatten das Jubeln und Zylinderschwenken bei der Ankunft des Bezwingers der Nordostpassage Nordenskiöld in Stockholm – eine der farbigsten Schilderungen des Einlaufens der »Vega« verfasste hernach der Asienforscher Sven Hedin – die Erinnerung an den Untergang der »Jeannette« überlagert und nahezu ausgelöscht … bis 1884 zur Verblüffung der Laien und der Wissenschaft einige Wrackteile des Dampfers am Südwestufer Grönlands angespült wurden und das alte Thema »Jeannette« aufs Neue die Gemüter bewegte: Auf welche Weise hatten die Trümmer die Arktis durchwandert? Und auf welcher Route? Waren sie etwa vom Packeis über den Scheitel des Erdballs befördert worden? Und hatten sie demnach jenen Punkt gekreuzt, der eines der großen Sehnsuchtsziele der Menschheit darstellte?

Während alle Welt über diesen Fragen grübelte, gab ein Mann in Norwegen kurz und knapp die Antwort und wandelte sie sogleich in eine Absichtserklärung um, in ein Vorhaben – in den Masterplan zur Eroberung des Nordpols.


Fridtjof Nansen kam am 10. Oktober 1861 auf dem Gut Store Frøen in Vestre Aker bei Kristiania zur Welt, dem heutigen Oslo. Sein Vater, der dort eine Anwaltskanzlei unterhielt, war fad und paragrafentrocken; Zeitgenossen erinnerten sich an ihn als das »kleine magere Männchen«. Ganz anders die Mutter, eine geborene Baronesse: Von mächtiger Statur, verströmte sie Lebenskraft, war zupackend und gebot mit Witz und Temperament über ihren Hausstand.

Jeder, der den Werdegang Fridtjof Nansens durchleuchtet, kommt angesichts dieses ungleichen Paares zu dem Schluss, dass der Antagonismus im Wesen der Eltern den Sohn geprägt haben muss. Nüchternheit und Schwärmerei, Lebensfreude und Daseinsangst, Misanthropie und Altruismus, Freiluftstreben und Stubenhockerei – alles das findet sich in seiner Vita.

Der Knabe wuchs in einem Kreis von sechs Geschwistern auf und suchte doch die Einsamkeit. Manchmal blieb er seinen vier Wänden eine ganze Woche lang fern. »Irgendwelches Rüstzeug nahm ich auf meine Ausflüge nicht mit. Ich begnügte mich mit etwas Brot und briet mir Fische in der Glut. Ich liebte es, wie Robinson Crusoe dort oben in der Wildmark zu hausen.« Es war wie ein Survivaltraining. Doch wofür?

Er machte sein Abitur und glänzte in den naturkundlichen Fächern so sehr, dass er sich 1881 entschloss, Zoologie zu studieren – ein Fach, das ihm zudem die Möglichkeit bot, die Waldgänge, das Herumstrolchen und -streunen und das Sein-eigener-Herr-Sein mit einer Fortbildungsmaßnahme zu begründen.

Und warum dann nicht geradeso die christliche Seefahrt?

Professor Robert Collett von der Universität Kristiania, ein Freund der Eltern, hatte kürzlich kolportiert, dass unter seinen Kollegen erwogen worden sei angehende Studiosi rerum naturalium auf Seehundfängern anheuern zu lassen, damit sie die Fauna des Eismeers beobachten könnten – worauf Fridtjof Nansen die Chance witterte, eine Vagabondage als Volontariat zu verbrämen. Unverzüglich trat er darum in Kontakt mit einem Skipper, der reisefertig war … und verließ am 11. März 1882 auf der »Viking« unter dem Kommando von Axel Krefting den Hafen von Arendal. Ihre Peilung »Westnordwest«: zur Ostkante Grönlands. »Das war der erste verhängnisvolle Schritt, der mich auf Abwege führte, fort jedenfalls von dem sicheren Pfad der Wissenschaft. Denn eher begeisterte ich mich jetzt fürs Jagen und den Wintersport, eher für polare Probleme als etwa für ein ordentliches zoologisches Studium.«

Nur: War es keinen Spurwechsel wert, nach dreihundert Jahren in der Kiellinie des bislang berühmtesten Mitglieds der Familie zu fahren? Fridtjof Nansen konnte die seinem ›Praktikum‹ tief innewohnende Bewandtnis nicht erkennen.

Dabei knüpfte sie an die Tatsache an, dass Hans Nansen, der Ururururgroßvater des Jünglings, 1614 zur Packeisgrenze gesegelt und dort prompt eingeschlossen worden war. Später, 1619, hatte er von Kopenhagen aus einen Turn in die Barents-See unternommen und am Ende, 1633, seine eigenen Eindrücke mitsamt den Lesefrüchten aus Logbüchern von anderen Voyageuren zu einem Compendium Cosmographicum vereinigt.

Da sich ein Exemplar dieser Arbeit in der häuslichen Bibliothek auf Store Frøen befand, hatte Fridtjof Nansen darin die Auskunft einholen können: »Grönland ist ein sehr großes Land, gehört zum Königreich Norwegen, ist in früheren Zeiten von norwegischen Schiffen besucht und von Norwegern bebaut worden.« Genaueres als diese Überlieferung hatte Hans Nansen nicht weiterzugeben, denn: »In den letzten Jahrzehnten ist die Küste von Grönland nicht mehr angelaufen worden, sodass es uns völlig unbekannt geblieben ist.«

Dass diese Worte seines Ahnen noch 1882 Gültigkeit besaßen, wurde Fridtjof Nansen an Bord der »Viking« auf bedeutungsvolle Weise vor Augen geführt: In Sichtweite Grönlands fror der Robbenfänger – wie damals Hans Nansens Nussschale – fest, und während er drei Wochen lang ohnmächtig gen Süden trieb, stellte die Insel ihre Reize herausfordernd zur Schau.

Da Krefting allerdings damit rechnete, dass die Eiskruste aufbrechen würde, außerdem die Jagdsaison zu Ende ging und die Crew jetzt heimkehren wollte, war ein Verlassen der »Viking« unmöglich. »Hiermit«, seufzte Nansen, »wurden alle meine Pläne umgestürzt; meine schönen Träume, jene so oft von den Entdeckern vergeblich nachgesuchte Küste zu betreten, gingen also für dieses Mal in Rauch auf, und mit Wehmut sah ich das stolze Alpenland allmählich dem Horizonte näher versinken. Ich musste mich mit dem Anblicke begnügen und warf meine sehnsuchtsvollen Blicke hinüber, wenn die Gipfel in der Abendsonne glühten und meiner träumenden Fantasie Bilder grüner, idyllischer Täler und Herden von Rentieren und Moschusochsen vorzauberten.«


»Für dieses Mal« hatte Fridtjof Nansen auf die Ausführung seiner Pläne verzichtet. Und so konnte er zwar – insofern war der Rat von Robert Collett nicht fruchtlos geblieben – eine Stellung als Konservator im Museum zu Bergen antreten. Aber was half’s: Während er nach dem Grundsatz »learning by doing« am Labortisch – wovon ein Foto bewahrt ist – Würmer sezierte und mikroskopierte und präparierte und analysierte und klassifizierte und sich auf dem Sektor der Anatomie und Histologie von Kleinstlebewesen zum Experten heranbildete, irrlichterten doch im Hintergrund seines Bewusstseins die verführerischen Eindrücke aus dem ewigen Eis.

Noch einmal schloss er daher einen Kompromiss mit der Abenteuerlust und machte sich sowie den Seinen 1886 vor, dass die Kavalierstour nach Kiel, Berlin und Frankfurt am Main und weiter nach Como, Pavia, Mailand und ferner Florenz und Rom und Neapel ein Lehrausflug sei. In Wahrheit wollte er Abstand gewinnen zu seiner Befindlichkeit und prüfen, welcher Weg hinter und welcher vor ihm lag. Einer Freundin schrieb er am 21. Mai 1886 vom Fuße des Vesuvs: »Da ist ein Gewirr von Stimmungen [in mir], viel Sentimentales gepaart mit beinhartem Realismus, viel Leichtsinn gepaart mit der kältesten Berechnung; da ist dies Wursteln im Hier und im Heute gepaart mit einem krankhaften Verlangen, die Zukunft auszuspähen; da sind kümmerliche Ansätze von Idealismus gepaart mit dem krudesten Materialismus; da ist ein schwacher Durst nach Wissen gepaart mit Verachtung der Zivilisation sowie einem Hang nach Ursprünglichkeit und Natur; kurz gesagt: die köstlichste Mischung der heterogensten Bestandteile, ein Chaos der Disharmonien.«

Nansen ging nicht daran, dies Gemenge von Eigenschaften, Vorurteilen und Wünschen zu ordnen oder gleichzurichten. Nein, auch wenn er künftig stets darunter leiden sollte und vereinzelt gar Selbstmordgedanken wälzte – er akzeptierte es. Das hatte den Effekt, dass er seine Dissertation über The Structure and Combination of the Histological Elements of the Central Nervous System 1887 noch zu Ende brachte, eine andere Monografie im Jahr darauf aber mit den Worten abbrach: »Ich muss meine Leser um Nachsicht bitten, wenn ich diese Darstellung in einem unvollendeten Zustand hinausgehen lasse; der Grund dafür ist, dass ich im Begriff bin, eine arktische Expedition anzutreten.«

Er wollte sehen, was sich hinter dem gleißenden Saum von Grönland verbarg, hinter den irisierenden Visionen »grüner, idyllischer Täler mit Herden von Rentieren und Moschusochsen« – traf es zu, was seit Jahrhunderten geraunt und überdies schwarz auf weiß dargelegt worden war: dass im Inneren Grönlands ausgedehnte Wälder lagen, von Menschen nie betretene Haine, Gefilde einer heilen Welt?

Die Zeit oder besser: die Konkurrenz drängte – waren doch Adolf Erik Nordenskiöld, der Schwede, 1870 sechzig und 1883 achtzig Kilometer sowie der Amerikaner Robert Edwin Peary 1885 einhundertfünfzig Kilometer auf die Insel vorgedrungen, und zwar jeweils vom besiedelten Westen her. Nansen dagegen beabsichtigte, die Eiswüste von Osten aus zu durchqueren. Er schloss in aller Eile sein Promotionsverfahren ab und startete von Kristiania vier Tage danach, am 2. Mai 1888. Was ihm hinterdreinscholl, war nicht die Ermutigung durch seine Landsleute, kein »Hals- und Beinbruch!« oder »Mast- und Schotbruch!«, sondern der bare Hohn. Die Presse hielt die Operation eher für toll denn für kühn und kündigte an: »Im Juni dieses Jahres wird Herr Konservator Nansen eine Vorstellung im Schneeschuhlaufen mit ›Weitsprung‹ auf dem grönländischen Inlandseise geben. – Feste Sitzplätze in den Eisspalten. Rückfahrkarten sind überflüssig.« Fridtjof Nansen münzte solche Schmähung um in die Parole: »Der Tod oder Grönlands Westküste.«

Es war tatsächlich ein Hinter-sich-alle-Brücken-Abbrechen und damit jenes Handlungsmuster, das Fridtjof Nansen, als er es eines Tages repetierte, den größten Ruhm bescheren sollte. Vorerst nötigte es bloß dazu, aus der Situation, in die sich der Sechsundzwanzigjährige zusammen mit seinen fünf Begleitern begeben hatte, wieder heil herauszukommen.

Am 15. August waren sie – nach der Überwindung zahlreicher Missgeschicke bei der Anfahrt zum östlichen Gestade Grönlands – oberhalb des vierundsechzigsten Breitengrads aufgebrochen. Ihr Bestimmungsort war Kristianshaab auf der anderen Seite der Insel. Die Entfernung dorthin betrug in der Luftlinie sechshundert Kilometer.

Sie zu überwinden bedeutete, in den nächsten Wochen bei Temperaturen von minus vierzig Grad zwischen Eisklüften und Schneewällen enorme Strapazen zu erleiden. Dennoch nahm die Expedition nie eine bedrohliche Wendung; vielmehr verlief sie in einer Gleichförmigkeit, in die allein die Zubereitung von Mahlzeiten und das Sammeln von Messwerten Abwechslung brachten, bis auch dies zum eintönigen Trott gehörte.

Wohlbehalten erreichten die Männer auf diese Weise am 3. Oktober 1888 die Ansiedlung Godthaab. Da wegen des sich ankündigenden Winters freilich das letzte Schiff den Flecken jüngst verlassen hatte, mussten sie bis zum Frühjahr im Müßiggang des Eskimolebens verweilen: sechs Europäer an einem Ort in der Weite des Eises, die Rang und Namen nichtig macht.

Aber als Nansen dann am 30. Mai 1889 mit seinen Getreuen unter Böllergetöse und Menschengeschrei und Sirenengeheul nach Kristiania heimkam, war dieser Einzug der Triumphmarsch eines Helden, eines Nationalidols.


Ein Norweger hatte als Erster Grönland durchquert und damit bestätigt, was Fridtjof Nansen verkündet hatte: dass nämlich sein Volk »für die Polarforschung am ehesten geeignet ist«.

Und auch wenn er nun Anstalten machte, sich zu etablieren – er wurde Kustos am Zootomischen Institut der Universität Kristiania, er heiratete, baute ein Haus und schrieb darin Bücher und wurde Vater –, so war doch das »Chaos der Disharmonien« dermaßen virulent, dass er an ein dauerhaftes Sesshaftwerden nicht denken mochte. Zu sehr beschäftigten ihn schon seit Langem jene Überreste der »Jeannette«, die man in Grönland als Strandgut aufgelesen hatte.

Was wäre, wenn sie vom Eis gleich einer Last zum Nordpol oder dicht an ihm vorbei nach Westen gedriftet waren? Und was wäre, wenn man solches mutwillig wiederholte? Das heißt: mit einem Schiff, dessen Wandung so abgerundet ist, dass das Eis daran abgleiten muss und demzufolge, wenn die Pressung beginnt, den Rumpf aus dem Wasser empordrückt. Wie ein blinder Passagier würde das Fahrzeug auf dem Rücken des Eises die Reise nach Westen mittun und dabei im besten Fall den Nordpol berühren.

Das Land konnte seinem Helden den Bau dieser Arche nicht verwehren. Und so lief die »Fram«, der Nansen ihren Namen nach der Lektüre eines Romans von Jules Verne gegeben hatte, im Oktober 1892 vom Stapel. Acht Monate später stach Fridtjof Nansen in Begleitung von zwölf Gefährten erneut mit Kurs aufs Eismeer in See. »Möge es«, flehte Nansen in einer Fachzeitschrift, »das Banner Norwegens sein, das als erstes über unserem Pol weht!« Die Fahrt zu »unserem Pol« galt also nicht voraussetzungslos dem Wissen und der Wahrheit, sondern war eine Demonstration des norwegischen Patriotismus. Sie war ein Abenteuer, ein Hasardspiel um alles oder nichts, das am Ende lediglich seinen Einsatz abwarf: absonderlich mithin und spannend – Fridtjof Nansens Geschichte In Nacht und Eis.

Sie hebt gemächlich an mit dem Abschied von Frau und Kind und dem langsamen Herantasten an die Packeisgrenze westlich von Sewernaja Semlja, wo Nansens

Theorie bestätigt wurde: Während das Wasser um die »Fram« herum allmählich zufror und die Klumpen und Kloben nun andrängten und -drückten, fanden sie keinen Halt und waren gezwungen, sich unter den Corpus des Schiffes zu schieben und ihn rumpelnd und ruckend auf die Schollen zu wuchten. Huckepack zum Nordpol!

Nachdem die dreizehn Männer anfangs noch geschäftig waren sich einzurichten, Messstationen und eine Windmaschine aufzubauen, stellte sich doch binnen Kurzem eine Monotonie des Existenzrhythmus ein, die jener ähnelte, der Nansen auf seinem Marsch durch Grönland ausgesetzt war. Und so meldete sich auch das »Chaos der Disharmonien« zurück. »Mein Geist ist verwirrt«, notierte er nächtens in seiner Kajüte, »alles ist in Unordnung geraten, ich bin mir selbst ein Rätsel. Ich bin abgenutzt und fühle doch keine besondere Ermüdung. Alles um mich herum ist Leere und mein Gehirn ist ein weißes Blatt.« So vergingen die Wochen und die Monate und zuletzt gar die Jahre … 1893 … 1894 …

Er hatte seit Langem berechnet, dass die »Fram« zwar wie erwartet nach Westen driftete, den Pol indes nicht streifen würde. Da entschloss er sich, in Begleitung von Hjalmar Johansen die leidlich sichere Behausung seines Schiffes zu verlassen und auf Brettern das Traumziel anzugehen. Als ob die Losung jetzt lauten würde: »Der Tod oder der Nordpol.«

An Wahnwitz war das Vorhaben nicht zu übertreffen. Denn abgesehen von den Unwägbarkeiten, die den beiden bevorstehen mochten – wie wollten sie vom Rand der Packeiskappe in die Heimat übersetzen, wo die schiere Entfernung vom Nordpol – vorausgesetzt, sie würden ihn erreichen – nach Kristiania jener von hier nach Neapel entsprach? Eine Distanz, auf der man sich’s keinesfalls auf Fähren und in Wagon-Lits wohl sein lassen konnte, sondern die in Kajaks und auf Skiern Schritt für Schritt und Schlag für Schlag durchlitten werden musste. Und womit würde die Plackerei enden?

Wieder brach Fridtjof Nansen alle Brücken hinter sich ab, als er am 14. März 1895 mit Hjalmar Johansen davonzog … Die Hunde vor den drei Schlitten mit vielerlei Gepäck waren der ambulante Proviant. Und schien dem »Unternehmen Nordpol« auch zuerst ein guter Stern zu leuchten, so erwies sich doch alsbald, dass es nicht zu meistern war: Im zähen Ringen gegen die Widerstände der Natur büßten die Männer ihren Wegmesser ein; sie vergaßen ihre Uhren aufzuziehen und konnten (weil man hierzu wissen muss, wann es zwölf Uhr mittags ist) ihre Position nicht mehr bestimmen; ja: nach fünfundzwanzig Tagen saßen sie in einem Feld von verkanteten Eisblöcken fest.

Da befahl Fridtjof Nansen am 8. April 1895 den Rückzug.

Sie wähnten auf einer nördlichen Breite von 86°14’ zu sein, hatten tatsächlich nur 86°04’ erreicht – auch dies immerhin eine Höhe, auf der noch nie ein Mensch gewesen war – und kehrten jetzt um. Aufs Geratewohl Richtung Süden. In abstracto schnitten sie irgendwo die Linie, auf der die »Fram« derweil entlanggedriftet war, und verloren sich zeitlos und ortlos.


Das Zeugnis Fridtjof Nansens von der dritten Überwinterung in Nacht und Eis, vom neunmonatigen Dahinvegetieren in einem Erdstollen, von Eisbärattacken, von Stürzen ins Meer und der glücklichen Wiedervereinigung mit der Mannschaft der »Fram« – diese suspense story, der kein Vorwort je die Spannung rauben darf, besticht durch ihre Ehrlichkeit.

Man kann seither, nachdem er das verwegene Abenteurertum aufgegeben hatte und als Politiker im In- und Ausland hoch geschätzt und 1920 für seine Verdienste um die Opfer des Ersten Weltkriegs mit dem Friedensnobelpreis geehrt worden war, davon lesen, dass der Realpolitiker Nansen im Grunde ein Fantast war. Wohl bedacht schließt sein Buch mit dem Satz: »Aber welchen Wert hätte das Leben ohne seine Träume?«

Damals hatte er sich ausgemalt, den Nordpol zu erreichen. Später – und über Nansens Tod am 13. Mai 1930 hinaus – blieb jene Fiktion ein Ausdruck seines Idealismus. Denn konnte man nicht ebenso gut eine Welt erdenken, in der den Verhungernden Nahrung und den Verfolgten Zuflucht gegeben würde?

Deswegen war es für unzählige Menschen eine segensreiche Fügung, dass Fridtjof Nansen am 17. Juni 1896 bei 79°55’ nördlicher Breite und 49°50’ östlicher Länge auf einen Mann stieß, der Englisch sprach und mit ihm, als ob da jemand zum Tee vorbeigekommen wäre, über Gott und die Welt plauderte, bis er plötzlich mit unnachahmlich-britischem Understatement die Frage stellte: »Aren’t you Nansen?«

Detlef Brennecke

IN NACHT UND EIS

Ihr, die das Schiff getauft und den Mut hatte zu warten

DIE ABREISE

So fahre ich gen Norden in das finstre Reich hinein, wo keine Sonne scheint. Dort ist kein Tag. Volkslied aus Telemarken

Es war am Johannistag 1893. Grau und traurig brach er herein; nun hieß es Abschied nehmen – unwiderruflichen Abschied. Die Tür schloss sich hinter mir. Zum letzten Mal ging ich vom Haus durch den Garten nach dem Strand hinab, wo an der Bucht das kleine Motorboot der »Fram« wartete. Hinter mir lag alles, was ich im Leben lieb hatte. Was lag vor mir? Und wie viele Jahre mochten vergehen, ehe ich alles das wiedersah? Oben im Fenster saß Liv, mein Töchterchen, und klatschte in die Händchen. Glückliches Kind, du ahnst noch nicht, wie wunderbar verwickelt und wechselvoll das Leben ist!

Wie ein Pfeil schoss das Boot durch die Bucht von Lysaker hinaus auf die Fahrt, deren Einsatz das Leben war, wenn nicht mehr.

Endlich ist alles fertig. Der Augenblick ist gekommen, auf den jahrelange, angestrengte Arbeit unaufhaltsam gerichtet war, mit ihm das Gefühl, dass alles so vorbereitet ist, dass sich das Gehirn endlich ausruhen darf.

Dampf schnaubend liegt die »Fram« in der Bucht von Piperviken und wartet auf das Signal, während die Barkasse, am Dyna-Leuchtfeuer vorüber, summend herankommt und anlegt.

Das Deck ist voller Menschen, die uns Lebewohl sagen wollen; jetzt müssen sie von Bord. Dann lichtet die »Fram« den Anker; schwer und tief geladen setzt sie sich langsam in Bewegung. Die Kais sind voller Menschen, die Hüte und Taschentücher schwenken. Schweigsam und still wendet die »Fram« den Bug nach dem Fjord und steuert behutsam und sicher an Bygdøy und Dyna vorbei in das Unbekannte hinaus, umschwärmt von Booten, Jachten und Dampfern.

Nun ein letzter Gruß dem heimatlichen Hause dort auf der Landzunge. Vorn der glänzende Fjord, Tannen- und Fichtenwald ringsum, lachendes Wiesenland und lang gezogene, waldbedeckte Gipfel dahinter. Durchs Fernrohr sehe ich eine weiße Gestalt auf der Bank unterm Fichtenbaum …

Das war der schwerste Augenblick der ganzen Fahrt.

Während der folgenden Tage kreuzten wir fortgesetzt nach Norden zwischen der Eiskante und dem Land. Das offene Wasser war anfangs breit, aber weiter nach Norden wurde es so schmal, dass wir manchmal die Küste sahen, wenn wir an der Eiskante wendeten.

In dieser Zeit kamen wir an vielen unbekannten Inseln und Inselgruppen vorüber. Hier hätte man Zeit haben müssen, eine Karte der Küste aufzunehmen. Unser Ziel aber war weiter gesteckt und unsere kartografische Arbeit beschränkte sich auf mehr zufällige Messungen, wie sie Nordenskiöld vor uns gemacht hatte.

Am 25. August vermerkte ich in meinem Tagebuch, dass wir am Nachmittag sieben Inseln (später Scott-Hansen-Inseln benannt) sichteten, hohe, felsige Inseln mit steilen Abhängen, sogar mit kleinen Gletschern und Schneefeldern. Die Felsen zeigten deutliche Spuren der Erosion durch Eis und Schnee.

Am Morgen des 26. August fuhren wir an einer Inselgruppe vorüber, und zwischen den Klippen sah ich zwei andere, die ich nach dem berühmten englischen Admiral und Präsidenten der Royal Geographical Society Clements-Markham-Inseln nannte. Dann Land oder Inseln weiter nach Norden, die Ringnes-Inseln, nach dem Mitglied des Expeditionskomitees so genannt; noch mehr waren in Nordosten zu sehen. Um 5 Uhr nachmittags wendeten wir vor zwei großen Inseln, zwischen denen wir Untiefen vermuteten. Die Inseln waren abgerundet wie die früheren, aber ziemlich hoch; ich nannte sie nach dem verdienten norwegischen Meteorologen Mohn-Inseln.

Ich glaube, dies zeigt genügend, von welcher Art diese Küste ist. Ihre Felseninseln kann man freilich nicht mit den norwegischen Schären vergleichen, sie sind aber schwerlich an anderen als gletscherbedeckten Küsten zu finden und sie bestärken mich in der Ansicht, dass auch an diesem Teil der Erde die Eiszeit geherrscht hat.

Nachdem wir eine Menge neuer Inseln und Holme passiert hatten, kamen wir am 29. August an der Taimyr-Insel entlang in offenes Fahrwasser und dampften bei stillem Wetter durch den Sund in nordöstlicher Richtung. Um 6 Uhr nachmittags sah ich von der Tonne aus vor uns festes Eis. Es hielt uns auf und erstreckte sich bis zu den Inseln draußen. Auf dem Eis lagen allerorten bärtige Seehunde (Phoca barbata) und außerdem ein Walross. Wir hielten auf die Eiskante zu, um zu vertäuen; aber die »Fram« hatte »Totwasser« (Dødvand) und wollte fast nicht vom Fleck, obwohl die Maschine mit voller Kraft arbeitete. Es ging so langsam, dass ich im Boot vorausruderte, um Seehunde zu schießen. Mittlerweile glitt die »Fram« nur langsam bis zur Eiskante.

Weiter kamen wir im Augenblick nicht. Freilich trennten uns nur ein paar Meilen festes Eis von dem wahrscheinlich offenen Taimyr-Meer, aber dieses Eis zu durchbrechen war unmöglich, es war zu stark und Öffnungen fanden sich nirgends.

Hier, wo Nordenskiöld auf seiner berühmten Fahrt am 18. August 1878 durchgekommen war, ohne die geringsten Hindernisse anzutreffen, hier sollten unsere Hoffnungen vielleicht schon scheitern, wenigstens für dieses Jahr? Dass das Eis jetzt noch schmolz, ehe der Winter hereinbrach, war undenkbar. Das Einzige, was uns retten konnte, war ein tüchtiger Südweststurm. Eine geringe Hoffnung setzte ich noch darauf, dass Nordenskiölds Taimyr-Sund weiter im Süden offen war und wir die »Fram« dort hindurchzwängten, obschon Nordenskiöld ausdrücklich bemerkt: »Der Sund war zu seicht, um ihn mit größeren Fahrzeugen zu passieren.«

Der östliche Teil der Taimyr-Halbinsel ist ein verhältnismäßig hohes, gebirgiges Land, aber mit einem niedrigen, ebenen Streifen zwischen den Bergen und der See. Am 14. September stand die »Fram« nahe an der Küste zwischen dem Chatanga- und dem Anabara-Fluss.

Am 15. September kamen wir in gutes offenes, aber seichtes Wasser von 12–13 Meter Tiefe. Wir hörten im Osten das Getöse der Wogen; in dieser Richtung musste also offenes Wasser sein. Offenbar wirkte hier schon der Lena-Strom mit seiner mächtigen Masse warmen Wassers. Die See war bräunlich und augenscheinlich mit schlammigem Flusswasser vermischt; auch der Salzgehalt war gering.

Das Eis gibt mir hier ziemlich viel zu raten auf. Wie in aller Welt geht es zu, dass es nicht durch die Strömung, die von dieser Küste nach Norden geht, nordwärts getrieben wird? Das Eis ist so hart und dick und sieht aus, als sei es mehrere Jahre alt. Kommt es von Osten her oder treibt es sich hier rundherum in der See zwischen der nordwärts gehenden Strömung der Lena und der Taimyr-Halbinsel? Ich kann es noch nicht sagen, jedenfalls unterscheidet sich dieses Eis von dem dünnen, einjährigen Eis, das wir bis jetzt im Karischen Meer und westlich von Kap Tscheljuskin gesehen haben.

Sonnabend, 16. September. Wir halten nach dem Kompass einen nordöstlichen Kurs durch offenes Wasser ein und sind ziemlich weit nach Norden gekommen, sehen aber kein Eis. Der Himmel ist nach Norden hin dunkel. Es ist verhältnismäßig warm, fast +2°C. Wir haben die Strömung gegen uns.


Am nächsten Tag trafen wir Eis an und hielten etwas südlich, um davon freizukommen. Ich fürchtete schon, dass wir nicht so weit gelangten, wie ich gehofft hatte. Aber in meinen Aufzeichnungen für den 18. September steht:

»Ein herrlicher Tag. Richteten den Kurs nordwärts, westlich von der Bjelkoff-Insel. Offene See, schöner Wind aus Westen, guter Fortgang, Wetter klar. Nachmittags etwas Sonnenschein.«

»Nun kommt der entscheidende Augenblick. Um 12 Uhr 15 Minuten nehmen wir den Kurs missweisend Nord zu Ost. Jetzt muss sich zeigen, ob meine Theorie, auf der die ganze Expedition beruht, richtig ist: ob wir nördlich von hier eine nach Norden gerichtete Strömung finden!

Bis jetzt ist alles besser gegangen, als ich erwartet habe. Wir stehen auf 75°30’ n.Br. und haben im Norden und Westen noch offenes Wasser und dunklen Himmel.

Abends wurde voraus und über dem Steuerbordbug am Himmel der Widerschein von Eis sichtbar. Gegen 7 Uhr glaubte ich Eis zu sehen, das jedoch in so regelmäßigen Linien aufstieg, dass es mehr Ähnlichkeit mit Land hatte; es war aber zu dunkel, um genau zu unterscheiden. Es konnte die Bjelkoff-Insel sein, und ein großer, heller Fleck weiter nach Osten wäre dann der Widerschein der schneebedeckten Kotelnyj-Insel gewesen.

Gern wäre ich hier angelaufen, einmal, um etwas von dieser interessanten Insel zu sehen, zum andern, um den Proviant zu untersuchen, der, wie wir wussten, von Baron von Toll dort für uns niedergelegt war. Aber die Zeit war kostbar und nach Norden hin schien die See offen vor uns zu liegen. Die Aussichten waren glänzend und wir segelten stetig nach Norden, neugierig, was der nächste Tag uns bringen würde, Enttäuschung oder Hoffnung. Wenn alles gut ging, würden wir Sannikoff-Land erreichen, ein Gebiet, das noch kein Mensch betreten hatte.

Es war ein seltsames Gefühl, so in dunkler Nacht nach unbekannten Ländern zu fahren, über ein offenes, wogendes Meer, das noch kein Schiff, kein Boot getragen. Wir glaubten in Gewässern Hunderte von Meilen südlicher zu schwimmen, so mild war es.«

Dienstag, 19. September. Noch nie habe ich eine so herrliche Segelfahrt gemacht. Weiter geht es nach Norden, stetig nach Norden mit gutem Wind, so schnell Dampf und Segel uns führen, und auf offener See, Meile auf Meile, Wache um Wache durch diese unbekannten Gebiete. Fast könnte man sagen: Es wird freier und immer freier von Eis! Wie lange wird dies dauern? Immer, wenn man auf der Brücke auf und ab schreitet, wendet sich das Auge nach Norden, blickt es in die Zukunft. Und voraus ist stets derselbe dunkle Himmel, der offenes Wasser anzeigt.

Mein Plan bestand die Probe. Seit dem 6. September war uns das Glück zur Seite. Wir sahen »nichts als reines Wasser«, wie Hendriksen mir jedes Mal aus der Tonne antwortete, wenn ich ihn anrief. Als er später am Ruder stand und ich auf der Brücke, sagte er plötzlich: »Zu Haus in Norwegen glauben sie jetzt kaum, dass wir in freiem Wasser gerade auf den Pol lossegeln!«

Und ich würde es selbst nicht geglaubt haben, wenn mir jemand das noch vor vierzehn Tagen gesagt hätte. Alle meine Erwägungen über die Frage des offenen Sibirischen Meeres wurden bestätigt und das machte mich glücklich; denn nur selten erweisen sich die Eingebungen der Menschen als so richtig.

Nach keiner Richtung hin stand der Widerschein von Eis am Himmel, nicht einmal jetzt am Abend! Wir sahen den Tag über kein Land, aber wir hatten den ganzen Vormittag Nebel und dickes Wetter, sodass wir mit halber Kraft fuhren, weil wir irgendwo aufzustoßen fürchteten. Wir waren jetzt beinahe auf 77° n.Br. Wie lange wird das so weitergehen? Ich würde mich freuen, wenn wir 78° erreichten; allein Sverdrup ist weniger leicht befriedigt, er sagt: über 80°, vielleicht 84° oder 85°. Er spricht sogar ernsthaft von dem offenen Polarmeer, von dem er einmal gelesen hat, und kommt immer wieder darauf zurück, obwohl ich ihn auslache.

Fast muss ich mich fragen, ob ich nicht träume. Man muss gegen den Strom gekämpft haben, um zu wissen, was es bedeutet, mit dem Strom zu fahren.

Lebendiges ist hier kaum zu sehen. Heute beobachtete ich in der Ferne einen Alk und später eine Seemöwe. Als ich abends einen Eimer Wasser aufzog, um das Deck abzuspülen, phosphoreszierte das Wasser stark. Man könnte meinen, im Süden zu sein.

Mittwoch, 20. September. Fast 78° sind erreicht. Aber rau wurde ich aus meinem Traum geweckt! Als ich 11 Uhr vormittags in die Karte blickte und daran dachte, dass mein Kelch wohl bald voll sein würde, luvte das Schiff plötzlich an und ich stürzte hinaus. Vor uns schimmerte die Eiskante durch den Nebel, lang und fest. Ostwärts schien das Eis weiter nach Süden zu reichen. Wahrscheinlich würden wir eine höhere Breite gewinnen, wenn wir westlich hielten; also steuerten wir in dieser Richtung. Die Sonne kam einen Augenblick durch und wir nahmen eine Beobachtung, die 77°44’ n.Br. ergab.

Wir steuerten jetzt nordwestlich am Rande des Eises entlang. Vögel verschiedener Art, die wir beobachteten, deuteten auf Landnähe. Ein Zug Schnepfen oder Stelzvögel begegnete uns, folgte uns eine Zeit lang und flog dann nach Süden davon. Sicherlich kamen die Vögel von einem Land im Norden. Wir sahen nichts. Hartnäckig lagerte der Nebel über dem Eis. Am nächsten Tag war es klarer, doch immer noch kein Land in Sicht. Wir standen jetzt eine gute Strecke nördlich von der Stelle, auf die Baron von Toll auf der Karte die Südküste von Sannikoff-Land verlegt hat. Wahrscheinlich ist jenes Land also nur eine kleine Insel und jedenfalls kann es sich nicht weit nach Norden ausdehnen.

Am 21. September hatten wir dichten Nebel. Wir segelten nordwärts bis zum oberen Ende einer Bai im Eis, kamen nicht weiter und beschlossen, hier klares Wetter abzuwarten. Nach meiner Berechnung waren wir jetzt auf etwa 78°30’ n.Br. Im Laufe des Tages loteten wir mehrmals, erreichten aber mit 400 Meter Leine den Grund nicht!

Heute entdecke ich, dass Wanzen an Bord sind. Sehr angenehm! Wir müssen den Kampf gegen sie aufnehmen.

Freitag, 22. September. Wieder heller Sonnenschein und glänzend weißes Eis voraus. Zuerst lagen wir im Nebel still, weil wir keinen Weg sahen; jetzt ist es klar, aber wir sind nicht klüger geworden. Es sieht aus, als ob wir uns an der nördlichen Grenze des offenen Wassers befinden. Nach Westen scheint das Eis sich wieder südwärts auszudehnen. Nach Norden ist es fest und weiß und zeigt nur hier und dort kleine, offene Rinnen oder einen Teich und der Himmel ist überall am Horizont bläulich weiß.

Wir sind von Osten her gekommen, haben dort aber nur wenig gesehen; da wir nichts Besseres zu tun haben, werden wir einen Ausflug nach jener Richtung machen und Öffnungen im Eise suchen. Wenn wir viel Zeit hätten, würde ich gern ostwärts bis nach der Sannikoff-Insel gehen oder noch lieber den ganzen Weg nach Bennet-Land zurücklegen, um dort die Eisverhältnisse zu prüfen. Dazu ist es aber jetzt zu spät. Das Meer wird bald zufrieren und wir würden Gefahr laufen an einer ungünstigen Stelle einzufrieren.

Früher hielten es arktische Forscher für nötig, sich in der Nähe einer Küste zu halten. Gerade das aber wollte ich vermeiden. Ich wollte vielmehr in die Drift des Eises gelangen, und was ich am meisten fürchtete, war die Fesselung der »Fram« durch Land. Geschah dies, so würden wir weit schlechter fahren, als wenn wir uns dort, wo wir waren, dem Eis überließen, vor allem, da unser Ausflug nach Osten bewiesen hatte, dass wir bald wieder südwärts gedrängt werden würden, wenn wir der Eiskante in jener Richtung folgten. Wir machten daher vorläufig das Schiff an einem großen Eisblock fest und bereiteten uns vor, den Kessel zu reinigen und Kohlen zu trimmen.

Wir liegen in offenem Wasser mit nur wenigen großen Schollen hier und dort, aber ich habe das Gefühl, als ob dies unser Winterhafen sein wird.

Heute großer Wanzenkrieg. Wir richten den dicken Dampfschlauch auf Matratzen, Sofakissen und alles, was unserer Meinung nach die Feinde beherbergen könnte. Alle Kleidungsstücke werden in ein Fass getan, das mit Ausnahme der Stelle, an der der Schlauch hineingeleitet ist, fest verschlossen wird. Dann wird Volldampf angesetzt. Im Innern zischt und pfeift es, ein wenig Dampf dringt durch die Fugen und unserer Meinung nach muss es recht hübsch heiß für die Tiere sein. Aber plötzlich explodiert das Fass und der Dampf entweicht. Noch hoffe ich, dass es ein großes Abschlachten war. Es sind schreckliche Feinde.

Sonnabend, 23. September. Wir liegen noch an derselben Stelle vertäut und trimmen Kohlen. Ein unangenehmer Gegensatz – alles an Bord, auch die Menschen und die Hunde, ist schwarz und schmutzig, und rundherum erglänzt alles weiß im schönsten Sonnenschein. Viel Eis treibt herein.

Sonntag, 24. September. Noch immer beim Kohlentrimmen. Morgens Nebel. Im Laufe des Tages klart es auf. Wir entdecken dabei, dass wir auf allen Seiten von ziemlich dickem Eis dicht umlagert sind. Zwischen den Schollen liegt Schlammeis, das fester und fester wird. Von der Tonne aus erkennen wir mit dem Fernrohr noch das Meer jenseits des Eises im Süden. Ich glaube, »man« will uns einschließen! Nun, wir müssen selbst das Eis willkommen heißen.

Eine tote Gegend hier; nirgends ein Anzeichen von Leben außer einer einzigen Robbe (Phoca foetida) im Wasser; auf der Scholle neben uns sieht man eine alte Fährte von einem Eisbären. Wieder loten wir, kommen aber nicht bis zum Grund: Merkwürdig, dass das Meer hier so tief ist!

Man kann sich kaum eine schmutzigere Arbeit denken als Kohlentrimmen. Bedauerlich, dass ein so nützlicher Stoff wie die Steinkohle so schwarz sein muss! Wir tun weiter nichts, als die Kohlen aus dem Raum hissen und die Bunker damit auffüllen. Jeder Mann an Bord muss dabei helfen und alles ist voll Schmutz.

Die einen stehen auf dem Kohlenhaufen im Raum und füllen die Eimer und die andern hissen sie auf. Jacobsen eignet sich für das Hissen besonders gut; mit seinen kräftigen Armen zieht er Eimer auf Eimer herauf, als ob es Zündholzschachteln wären. Die Übrigen gehen mit den Eimern zwischen der großen Luke und dem Halbdeck hin und her und schütten die Kohlen in die Bunker und unten steht Amundsen, schwarz wie ein Neger, und verstaut sie. Selbstverständlich fliegt der Kohlenstaub über das ganze Deck; die Hunde verkriechen sich, schwarz und zerzaust, in die Ecken. Einiges Vergnügen schafft uns der gräuliche Anblick unserer Gesichter mit der dunklen Farbe, den schwarzen Streifen an den unwahrscheinlichsten Stellen und den durch den Schmutz hindurchschimmernden Augen und weißen Zähnen. Wer mit seiner Hand zufällig die weißen Wände in der Kajüte berührt, hinterlässt einen schwarzen, fünffingrigen Abdruck. Die Türen sind im Überfluss damit gesegnet. Die Sitzkissen auf den Sofas werden mit der unteren Seite nach oben gedreht, weil sie sonst dauernde Spuren eines anderen Körperteils tragen würden, und das Tischtuch – nun, glücklicherweise besitzen wir ein solches Ding nicht.

Kurz, das Kohlentrimmen ist das schmutzigste, jämmerlichste Geschäft, das man sich in dieser hellen und reinen Umgebung denken kann. Ein Gutes ist dabei, dass man reichlich frisches Wasser hat, sich zu waschen; man findet es in jeder Aushöhlung auf den Schollen und so hoffen wir, mit der Zeit doch wieder sauber zu werden; wir hoffen ferner, dass dies unser letztes Kohlentrimmen ist.

Montag, 25. September. Fester und immer fester eingefroren! Prächtiges, stilles Wetter; in der letzten Nacht 25°C Kälte. Jetzt kommt der Winter.

DIE WINTERNACHT

Es sah wirklich aus, als ob wir jetzt endgültig eingefroren waren, und ich erwartete nicht, dass die »Fram« eher aus dem Eis wieder herauskam, als bis wir auf der anderen Seite des Pols waren und uns dem Atlantischen Ozean näherten. Der Herbst war schon ziemlich weit vorgeschritten, die Sonne stand von Tag zu Tag niedriger am Himmel und die Temperatur fiel stetig.

Die lange Winternacht kam heran – die gefürchtete Nacht. Uns blieb nichts zu tun übrig, als uns auf sie vorzubereiten, und so verwandelten wir das Schiff, so gut wir konnten, in ein behagliches Winterquartier. Gleichzeitig trafen wir alle Maßregeln, uns gegen die Kälte, das Treibeis und sonstige Naturkräfte zu sichern, denen wir, wie uns prophezeit war, unterliegen müssten.

Wir holten das Steuerruder in die Höhe, um zu verhindern, dass es durch die Eispressungen zermalmt würde. Das Gleiche wollten wir auch mit der Schraube tun, allein da sie mit ihrer eisernen Umkleidung sicher das Achterende des Schiffs und besonders den Ruderpfosten verstärkte, so ließen wir sie an ihrer Stelle.

Auch mit der Maschine hatten wir viel Arbeit; jeder einzelne Teil wurde herausgenommen, geölt und für den Winter weggelegt; Schieber, Kolben und Wellen wurden untersucht und gründlich gereinigt. Amundsen sorgte für die Maschine, als ob sie sein eigenes Kind wäre; spät und früh war er unten und wir pflegten ihn zu necken, nur um ihn sagen zu hören: »Ihr könnt meinetwegen reden, aber es gibt keine zweite solche Maschine der Welt und es wäre Sünde und Schande, nicht gut für sie zu sorgen.«

Im Raum machten wir Platz für eine Tischlerwerkstätte; die Mechanikerwerkstelle hatten wir im Maschinenraum, die Schmiede war anfänglich auf Deck und später auf dem Eis; die Klempnerarbeiten wurden meist im Kartenzimmer, die Schuhmacher- und Segelarbeiten im Salon vorgenommen.

Von den empfindlichsten Instrumenten bis zu den groben Holzschuhen und Axtstielen – alles wurde an Bord der »Fram« gemacht. Als wir eine neue Lotleine brauchten, wurde auf dem Eis eine großartige Reepschlägerei eingerichtet.

Jetzt stellten wir auch die Windmühle auf. Sie sollte die Dynamomaschine treiben und uns elektrisches Licht liefern. Solange das Schiff in Fahrt war, wurde die Dynamomaschine von der Schiffsmaschine getrieben, allein schon seit langer Zeit hatten wir uns in unseren dunklen Kabinen mit Petroleumlampen begnügen müssen. Die Windmühle wurde an der Backbordseite auf dem Vorderdeck zwischen der großen Luke und der Reling errichtet, doch dauerte es mehrere Wochen, ehe sie betriebsfähig war.

Montag, 9. Oktober. Nachmittags – wir saßen gerade müßig und plauderten – entstand ganz plötzlich ein betäubendes Getöse und das ganze Schiff erzitterte: Es war die erste Eispressung. Alle Mann stürzten an Deck, um zuzusehen.

Die »Fram« verhielt sich wundervoll, wie ich es von ihr erwartet hatte. Mit stetigem Druck schob sich das Eis heran, musste jedoch unter uns durchgehen und wir wurden langsam in die Höhe gehoben. Diese Pressungen wiederholten sich den ganzen Nachmittag und waren manchmal so stark, dass die »Fram« mehrere Fuß gehoben wurde; aber dann konnte das Eis sie nicht länger tragen und brach unter ihr entzwei. Es scheint hier ziemlich viel Bewegung im Eise zu sein. Peder erzählt uns soeben, dass er das dumpfe Knallen starker Pressungen nicht weit entfernt gehört habe.

Dienstag, 10. Oktober. Der Aufruhr im Eis dauert fort.

Mittwoch, 11. Oktober. Heute Nachmittag wurde »Hiob« von den anderen Hunden zerrissen. Wir fanden ihn eine gute Strecke vom Schiff entfernt. »Suggen« bewachte seine Leiche, sodass kein anderer Hund herankommen konnte.

Es sind Schufte, diese Hunde. Kein Tag vergeht ohne Kampf. Bei Tag ist gewöhnlich einer von uns zur Hand, um einer Rauferei ein Ende zu machen, aber keine Nacht vergeht, ohne dass sie über einen ihrer Kameraden herfallen und ihn beißen. Der arme »Barrabas« hat vor Furcht fast den Verstand verloren; er bleibt jetzt an Bord und wagt sich nicht mehr auf das Eis. Nicht eine Spur von Ritterlichkeit steckt in diesen Kötern; wo ein Kampf stattfindet, stürzt sich die ganze Bande wie wilde Tiere auf den Unterliegenden.


Das Eis ist ruhelos und es gab heute wieder eine ziemlich starke Pressung. Sie beginnt mit einem leisen Krachen und Ächzen längs der Schiffsseite, das allmählich in allen Tonarten lauter wird. Jetzt ist es ein hoher, klagender Ton, dann ein Grollen, dann ein Knurren. Das Geräusch nimmt zu, bis es wie sämtliche Pfeifen einer Orgel ertönt; das Schiff erzittert, schüttelt sich und hebt sich in Sprüngen und Sätzen.

Es ist ein behagliches Gefühl für uns, wenn wir auf diesen Aufruhr horchen und uns dabei der Stärke unseres Schiffes bewusst sind. Manches Schiff wäre schon längst zerdrückt worden. Aber bei uns wird das Eis an der Schiffsseite zermalmt, die zertrümmerten Schollen werden haufenweise unter den schweren, unverwundbaren Rumpf gedrängt und wir liegen wie in einem Bett. Bald erstirbt das Geräusch, das Schiff sinkt in seine alte Lage zurück und dann ist alles wieder so still wie früher.

Rund um uns herum hat sich das Eis aufgetürmt, an einer Stelle zu beträchtlicher Höhe. Gegen Abend trat eine Lockerung ein und wir lagen in einem offenen Teich.

Donnerstag, 12. Oktober. Am Morgen trieben wir samt unserer Scholle auf blauem Wasser mitten in einer großen, offenen Rinne, die sich weit nach Norden hin erstreckte, wo die Luft über dem Horizont dunkel und blau war. So weit wir von der Tonne aus mit einem Feldstecher sehen konnten, hatte das offene Wasser kein Ende und es trieben nur hier und dort einzelne Stücke Eis darin. Dies waren außerordentliche Veränderungen.

Ich war ungewiss, ob wir uns darauf vorbereiten sollten, unter Dampf vorwärtszugehen. Leider hatten wir schon die Maschine für den Winter auseinandergenommen, sodass wir längere Zeit gebraucht hätten, sie wieder betriebsfähig zu machen.

Klares Wetter mit Sonnenschein. Ein schöner Wintertag. Aber immer nördlicher Wind. Wir loten und finden 90 Meter Wasser. Wir treiben langsam südwärts. Gegen Abend schob sich das Eis erneut mit großer Gewalt zusammen. Nachmittags fischte ich in einer Tiefe von ungefähr 50 Metern mit dem Murrayschen Seidennetz1 und fing kleine Krustentiere (Copepoden, Muschelkrebse, Flohkrebse usw.) und einen arktischen Wurm (Spadella), der im Meer umherschwimmt.

Das Fischen ist hier schwierig. Kaum hat man im Eis eine Öffnung gefunden und die Leine hinabgleiten lassen, schließt sich das Eis wieder, und man muss so rasch wie möglich aufholen, damit die Leine nicht eingeklemmt wird und alles verloren geht. In der kleinsten Eisöffnung sieht man das Wasser phosphoreszieren2; es ist hier mehr tierisches Leben, als man erwarten sollte.

Freitag, 13. Oktober. Jetzt stecken wir gerade mitten in der Gefahr, vor der uns die Propheten so sehr bange machen wollten. Das Eis presst und schiebt sich mit donnerndem Getöse rund um uns her. Es türmt sich zu langen Mauern und zu Haufen auf, die weit an der Takelung der »Fram« hinaufreichen. Es versucht in der Tat sein Äußerstes, um die »Fram« zu Staub zu zermalmen. Wir sitzen aber ganz ruhig und gehen nicht einmal hinauf auf Deck, uns den Wirrwarr anzusehen, sondern plaudern und lachen, wie wenn nichts wäre. Man fühlt, dass das Schiff es aushalten kann, und solange dies der Fall ist, kann nichts Schaden leiden als das Eis selbst.

Am Morgen ließ der Druck nach, aber gegen Abend fing die Pressung wieder im Ernst an. Offenbar steht die Eispressung hier mit Ebbe und Flut in Verbindung oder wird vielleicht davon verursacht. Sie tritt mit größter Regelmäßigkeit ein; zweimal in 24 Stunden lockert sich das Eis und zweimal schiebt es sich in dieser Zeit zusammen. Die Pressung erfolgt ungefähr um 4, 5 und 6 Uhr morgens und fast genau um dieselbe Stunde nachmittags, in der Pause liegen wir stets eine Zeit lang auf offenem Wasser.

Die sehr starke Pressung in diesem Augenblick ist wahrscheinlich die Folge der Springflut; am 9., dem ersten Tag der Eispressungen, hatten wir Neumond.

Die Ansicht, dass die Eispressungen durch die Gezeiten hervorgebracht werden, haben arktische Forscher schon wiederholt ausgesprochen. Wir hatten während der Drift der »Fram« bessere Gelegenheit als die meisten von ihnen, diese Erscheinung zu studieren, und unsere Erfahrungen bestätigen, dass die Flut in einem weiten Gebiet die Bewegung und den Druck des Eises veranlasst. Das ist namentlich zur Zeit der Springfluten der Fall und bei Neumond mehr als bei Vollmond.

In den Zwischenzeiten war in der Regel wenig oder gar nichts von Eispressungen zu bemerken. Allein diese durch die Flut verursachten Pressungen ereigneten sich nicht während der ganzen Zeit unserer Drift, sondern hauptsächlich im Herbst, als wir uns in der Nachbarschaft des offenen Meeres nördlich von Sibirien befanden, und im letzten Jahr der Expedition, als die »Fram« sich dem Atlantischen Ozean näherte. Weniger bemerkbar waren sie im Polarbecken selbst. Hier traten Pressungen unregelmäßig ein und wurden hauptsächlich durch den Wind verursacht.

Wenn man sich vorstellt, dass die in einer gewissen Richtung treibenden, ungeheuren Massen plötzlich auf Hindernisse stoßen, zum Beispiel auf Eis, das aus anderen Gegenden kommt und in entgegengesetzter Richtung treibt, so wird man leicht den Druck begreifen, der entstehen muss.

Der Kampf zwischen den Eismassen ist unleugbar ein großartiges Schauspiel. Man fühlt, dass man sich in Gegenwart titanischer Gewalten befindet, und es ist leicht zu verstehen, dass sich ängstliche Gemüter fürchten. Denn wenn das Zusammenschieben ernstlich beginnt, bleibt kein Fleck der Oberfläche unerschüttert.

Zuerst vernimmt man in der großen Wüste ein Geräusch wie das Donnergebrüll eines entfernten Erdbebens, dann hört man es, näher und näher kommend, an mehreren Stellen. Die Eiswelt widerhallt vom Donner, die Riesen der Natur erwachen zur Schlacht. Das Eis birst ringsumher und türmt sich auf, und ganz plötzlich steckt man mitten im Kampf.

Auf allen Seiten hört man Heulen und Donnern, man spürt das Eis erzittern und hört es unter den Füßen brüllen; nirgends ist Friede. In dem Halbdunkel sieht man, wie es sich zu hohen Ketten wirft und heranrückt. Schollen von 3, 4 und 5 Metern Dicke bersten und werden übereinandergeschoben, als ob sie federleicht wären. Sie sind jetzt ganz nahe und man eilt fort, um das Leben zu retten; aber plötzlich spaltet sich das Eis vor uns, ein schwarzer Abgrund öffnet sich, aus dem das Wasser emporströmt. Man flieht nach einer anderen Richtung, aber dort ist es ebenso. Überall Donner und Brüllen wie von einem ungeheuren Wasserfall, mit Explosionen wie Geschützsalven. Die Scholle, auf der man steht, wird kleiner und kleiner, Wasser strömt darüber hinweg. Man entkommt nicht anders, als dass man über die rollenden Eisblöcke klettert und die andere Seite des Packeises gewinnt. Dann legt sich der Aufruhr, das Getöse verhallt und verliert sich in der Ferne. Dies ereignet sich hier weit oben im Norden Monat für Monat, Jahr für Jahr.

In den Berichten über arktische Expeditionen liest man oft Beschreibungen von Ketten und Hügeln, die durch Eisdruck entstanden waren und bis zu 15 Meter hoch sein sollten. Das sind Märchen. Die Verfasser derartiger fantastischer Schilderungen können sich nicht die Mühe gegeben haben, ihre Ketten und Hügel zu messen. Während unserer Drift und unserer Märsche über die Eisfelder habe ich nur einmal einen Eishügel gesehen, der über 7 Meter hoch war, beinahe 9 Meter. Die höchsten Blöcke, die ich gemessen habe, hatten eine Höhe von 5½ bis 7 Metern, und ich kann nach meinen vielen Beobachtungen behaupten, dass sich Meereis nur äußerst selten bis zu einer Höhe von mehr als 8 Metern zusammenschiebt.

Sonnabend, 14. Oktober. Heute haben wir das Ruder wieder angebracht; die Maschine ist ziemlich in Ordnung und wir sind bereit nach Norden aufzubrechen, wenn sich das Eis morgen früh öffnet. Es lockert und presst sich noch immer regelmäßig zweimal am Tage.

Heute Abend war der Eisdruck heftig. Die Schollen türmten sich an der Backbordseite gegen die »Fram« auf und waren ein- oder zweimal nahe daran, über die Reling zu stürzen. Dann brach aber unten das Eis, sie fielen zurück und mussten schließlich doch unter uns durchgehen.

Das Eis ist nicht dick und kann nicht viel Schaden anrichten, jedoch ist seine Gewalt manchmal enorm. Unaufhörlich, ohne Unterbrechung kommen die Massen heran; sie sehen aus, als sei kein Widerstand gegen sie möglich, aber langsam und sicher werden sie an den Seiten der »Fram« zermalmt.

Sonntag, 24. Dezember. Weihnachtsabend. 37°C Kälte. Glitzernder Mondschein und die unendliche Stille der arktischen Nacht. Ich machte einen Spaziergang auf dem Eis. Der erste Weihnachtsabend, wie weit von der Heimat!

Von diesem Tag sind im Tagebuch keine Einzelheiten mitgeteilt; aber wenn ich an ihn zurückdenke, wie klar tritt alles wieder vor mich hin! Es herrschte eine eigentümlich gehobene Stimmung an Bord, wie sonst bei uns durchaus nicht üblich. Jeder beschäftigte sich in seinen geheimsten Gedanken mit der Heimat, allein die Kameraden sollten das nicht merken und infolgedessen wurde mehr gescherzt und gelacht als sonst. Alle Lampen und Lichter, die wir an Bord hatten, brannten, und jede Ecke im Salon und in den Kabinen wurde glänzend erleuchtet.

Die Verpflegung an diesem Fest übertraf natürlich die aller früheren Tage; denn Essen war das Einzige, womit wir Feste feiern konnten. Nach dem Abendessen kamen ganze Berge von Weihnachtskuchen, die Juell während mehrerer Wochen fleißig gebacken hatte, auf den Tisch.

Den Höhepunkt erreichte die Feier, als zwei Kisten mit Weihnachtsgeschenken herbeigebracht wurden, die eine von Scott-Hansens Mutter, die andere von seiner Braut. Rührend die Freude, mit der jeder seine Gabe empfing, mochte es nun eine Pfeife, ein Messer oder sonst eine Kleinigkeit sein; man fühlte, dass es gleichsam eine Botschaft aus der Heimat war.

Montag, 25. Dezember. Zu Hause werden sie jetzt viel an uns denken und uns wegen der Entbehrungen, die wir in dieser kalten, trostlosen Eisregion zu ertragen haben, viele mitleidige Seufzer weihen. Ich fürchte aber, ihr Mitgefühl würde sich abkühlen, wenn sie uns sehen, unsere Fröhlichkeit hören und Zeuge unserer Behaglichkeit und unseres guten Mutes sein könnten. Ihnen kann es zu Hause kaum besser gehen. Was mich selbst betrifft, so habe ich noch niemals ein so sybaritisches Leben geführt und niemals so viel Grund gehabt, die Folgen zu fürchten, die es mit sich bringt. Man höre nur die Speisenfolge unseres heutigen Mittagessens:

1. Ochsenschwanzsuppe

2. Fischpudding mit Kartoffeln und geschmolzener Butter

3. Rentierbraten mit Erbsen, französischen Bohnen, Kartoffeln und eingemachten Kronsbeeren

4. Moltebeeren mit Sahne

5. Kuchen und Marzipan.

Und zu alledem Ringnass-Bockbier! Ist das nun die richtige Art von Essen für Leute, die sich gegen die Schrecken der Polarnacht abhärten sollen? Wir hatten alle so viel gegessen, dass das Abendessen ausfallen musste.

Zählt man zu den guten Dingen noch unser fest gebautes, sicheres Wohnhaus hinzu, unseren behaglichen Salon, den eine große und mehrere kleinere Petroleumlampen erleuchten, wenn wir gerade kein elektrisches Licht haben, ferner die beständige Fröhlichkeit, das Kartenspiel und die große Menge von Büchern mit und ohne Bilder, die unterhaltende Lektüre boten, und endlich einen tüchtigen, gesunden Schlaf – was konnte man sich Besseres wünschen?

Und doch, und doch! Polarnacht, du bist wie ein Weib, ein wunderbar liebliches Weib! Du besitzest die edlen, reinen Züge antiker Schönheit, aber auch ihre Marmorkälte. Auf deiner hohen, glatten Stirn, rein wie der klare Äther, ist keine Spur von Mitgefühl für die kleinen Leiden des verachteten Menschengeschlechts; auf deiner blassen Wange ist keine Spur von Gefühl. Wie müde bin ich deiner kalten Schönheit! Ich will zum Leben zurückkehren. Lass mich als Sieger oder als Bettler heimkehren, mir gilt es gleich! Aber lass mich heimkehren, um das Leben neu zu beginnen! Hier vergehen die Jahre; was bringen sie? Nichts als Staub, trockenen

Staub, den der erste Windstoß verweht; an seine Stelle tritt neuer Staub, den der nächste Wind wieder fortfegt. Wahrheit? Weshalb macht man immer so viel aus der Wahrheit? Das Leben ist mehr als kalte Wahrheit und wir leben nur einmal!

Donnerstag, 28. Dezember. Dicht vor der »Fram« hat sich eine neue Rinne gebildet, so breit, dass das Schiff quer darin liegen könnte. Sie hat sich letzte Nacht mit Eis bedeckt, in dem sich heute leichter Druck zeigt. Merkwürdig, wie gleichgültig wir gegen solche Eispressungen sind, die manchem anderen Polarforscher so große Sorge gemacht haben!

Wir haben nichts, aber auch nichts für einen Unfall vorbereitet, keine Kleider in Bereitschaft. Das mag wie Leichtsinn aussehen, in Wirklichkeit ist aber kaum zu erwarten, dass der Eisdruck uns schadet: Wir wissen jetzt, was die »Fram« verträgt.

Stolz auf unser starkes Schiff stehen wir auf dem Deck und beobachten, wie das Eis gegen seine Seiten stößt, hier zermalmt und zerbrochen wird und unter ihm durchgehen muss.

Ich lese gerade die Geschichte von der Expedition Kanes (1853–55). Der Unglückliche! Seine Vorbereitungen waren jämmerlich unzureichend. Fast alle Hunde starben an schlechter Nahrung; alle Leute hatten aus demselben Grund Skorbut, dazu gesellten sich Schneeblindheit, Frostbeulen und allerhand anderes Elend. Kane bekam eine heilige Scheu vor der arktischen Nacht. Er schreibt in seinem Werk: »Ich fühle, dass wir den Kampf ums Dasein unter ungünstigen Umständen führen und dass ein arktischer Tag und eine arktische Nacht den Menschen schneller und ernstlicher altern lassen als ein Jahr irgendwo sonst auf dieser mühseligen Welt.«

An einer anderen Stelle schreibt er, es sei für zivilisierte Menschen unmöglich, unter solchen Lebensbedingungen nicht zu leiden.

Das waren traurige, aber keineswegs vereinzelte Erfahrungen. Ein englischer Polarforscher, mit dem ich mich unterhalten habe, äußerte sich ebenfalls sehr entmutigend über das Leben in den Polargebieten, er war der Meinung, dass Skorbut unvermeidlich und noch keine Expedition ihm entgangen sei. Glücklicherweise bin ich in der Lage zu behaupten, dass diese Ansicht nicht gerechtfertigt ist.

Was mich selbst betrifft, so kann ich sagen, dass die arktische Nacht keinen alternden oder schwächenden Einfluss auf mich ausgeübt hat: Im Gegenteil, ich scheine jünger zu werden. Diese ruhige, regelmäßige Lebensweise bekommt mir außerordentlich gut und ich kann mich keiner Zeit erinnern, in der ich gesünder war, als ich jetzt bin. Ich weiche so sehr von jenen Autoritäten ab, dass ich die Arktis als ein ausgezeichnetes Sanatorium für Fälle von Nervosität und allgemeiner Schwäche empfehlen möchte. Fast schäme ich mich des Lebens, das wir führen, ohne alle jene so düster geschilderten Leiden der langen Winternacht, die von einer arktischen Expedition unzertrennlich sein sollten. Wir werden darüber nichts zu schreiben haben, wenn wir wieder nach Hause kommen.

Dasselbe, was ich von mir gesagt habe, kann ich auch von meinen Gefährten behaupten: Sie sehen sämtlich gesund und wohlgenährt aus und sind es auch. Da ist keins jener blassen, hohlwangigen Gesichter, da ist keine Niedergeschlagenheit. Und wer es bezweifelt, müsste nur das Gelächter im Salon hören und uns beim Kartenspiel zusehen.

Woher sollte auch wohl Krankheit kommen? Bei der allerbesten Nahrung, die so abwechslungsreich ist, dass selbst der Wählerischste ihrer nicht überdrüssig wird; bei guter Wohnung, guter Kleidung, Bewegung in der freien Luft nach Belieben, bei Arbeit, die eher Vergnügen als Anstrengung ist, bei lehrreichen und fesselnden Büchern, Erholung bei Karten-, Schach-, Domino- und Halma-Spiel, bei Musik und Geschichtenerzählen – wie könnte da wohl jemand krank werden? Hin und wieder höre ich eine Bemerkung, dass man vollauf mit dem Leben zufrieden ist. Das ganze Geheimnis liegt in der vernünftigen Anordnung der Dinge.

Was meiner Ansicht nach eine besonders gute Wirkung auf uns ausübt, ist, dass wir alle zusammen in einem Salon leben und alles allen gemeinsam ist. Soviel ich weiß, ist dies das erste Mal, dass ein solcher Versuch gemacht worden ist, er ist sehr zu empfehlen.

Sonntag, 31. Dezember. Letzter Tag des Jahres. Es ist ein langes Jahr gewesen und es hat Gutes und Schlimmes gebracht. Es fing mit Gutem an, es schenkte mir mit Klein Liv ein Glück so neu, so seltsam, dass ich anfangs gar nicht daran glauben mochte. Schwer war dann der Abschied: Seitdem ist mir die ganze Zeit ein einziges, sehnsüchtiges Verlangen gewesen.

Endlich bist du doch abgetan, altes Jahr! Du hast uns nicht so weit gebracht, wie du hättest sollen, und doch hättest du es noch schlimmer machen können, du bist trotz alledem nicht so ganz schlecht gewesen. Sind nicht unsere Hoffnungen und Berechnungen gerechtfertigt worden und treiben wir jetzt nicht gerade da, wo ich es gewünscht und gehofft hatte? Nur eins war verkehrt – ich habe nicht gedacht, dass die Drift in so vielen Zickzackzügen vor sich gehen würde.

Einen schöneren Silvesterabend hätte es nicht geben können. Das Nordlicht erstrahlt in wundervollen Farben und Lichtstreifen über dem ganzen Himmel, namentlich aber im Norden. Tausende von Sternen funkeln zwischen dem Nordlicht am blauen Firmament. Nach allen Seiten dehnt sich das Eis endlos und schweigend in die Nacht hinaus; die reifbedeckte Takelung der »Fram« hebt sich scharf und dunkel gegen den leuchtenden Himmel ab.

Montag, 1. Januar 1894. Es ist schönes, klares Wetter, 38°C unter null.

Ich liege in meiner Koje, schreibe, lese und träume. Es ist immer ein seltsames Gefühl, wenn man zum ersten Mal die Zahl des neuen Jahres schreibt. Dann erst erfasst man die Tatsache, dass das alte Jahr der Vergangenheit angehört, dass das neue Jahr da ist und man bereit sein muss, sich mit ihm herumzubalgen. Wer weiß, was es bringen wird? Gutes und Schlimmes ohne Zweifel, aber meist Gutes, und das kann doch nur sein, dass wir unserem Ziel und der Heimat entgegengehen. Ja, führe uns, wenn nicht an unser Ziel – das würde noch zu früh sein –, so doch wenigstens in seiner Richtung! Stärke unsere Hoffnung, aber vielleicht – nein, kein vielleicht!

Meine wackeren Jungen verdienen Erfolg. In ihren Gedanken herrscht kein Zweifel. Sie vertrauen mir und meinen Theorien. Ein jeder hat sein ganzes Herz darangesetzt nordwärts zu kommen; ich lese es in ihren Gesichtern, es glänzt aus jedem Auge. Wenn wir südwärts treiben, höre ich Seufzer der Enttäuschung, aber auch erleichtertes Aufatmen, wenn es wieder nach Norden geht.

Was aber, wenn ich mich getäuscht habe und sie in die Irre führe? Wir sind die Werkzeuge von Mächten über uns; wir sind unter glücklichen und unglücklichen Sternen geboren. Bis jetzt habe ich unter einem glücklichen Stern gelebt. Soll sein Licht verdunkelt werden? Ich bin nicht abergläubisch, aber ich glaube an meinen Stern.

1 Mit diesem seidenen Sacknetz, das von Booten oder Schiffen nachgeschleppt wird, fängt man die Tiere und Pflanzenorganismen in verschiedenen Tiefen. Wir gebrauchten es während unseres Treibens beständig, versenkten es in verschiedene Tiefen und brachten damit oft reiche Beute herauf.

2 Dieses Phosphoreszieren wird hauptsächlich von kleinen, leuchtenden Krustentieren (Copepoden) verursacht.

FRÜHJAHR UND SOMMER 1894

Sonntag, 14. Januar. Die Zeit verfliegt beinahe schnell und jeden Tag wird es heller. Gestern war das Eis ruhig, heute Morgen aber herrschte an verschiedenen Stellen wieder beträchtlicher Eisdruck. Ich machte einen weiten Marsch nach Südwesten und geriet mitten in die Pressungen hinein. Das Zusammenschieben begann gerade, wo ich stand, mit donnerndem Getöse unter mir und auf allen Seiten; ich sprang und rannte wie ein Hase, gerade als ob ich so etwas noch nie gehört hätte; es kam so unerwartet. Das Eis war im Süden merkwürdig flach; je weiter ich ging, desto flacher wurde es und dabei war die Oberfläche ganz vorzüglich für Schlittenfahrten geeignet. Auf solchem Eis könnte man täglich viele Meilen fahren.

Montag, 15. Januar. Je länger ich hier umherstreife und dieses Eis nach allen Richtungen hin ansehe, desto stärker erfasst mich ein Plan, mit dem ich in Gedanken schon lange umgegangen bin.

Mit Hunden und Schlitten musste es möglich sein, auf diesem Eis den Pol zu erreichen. Den Rückweg würde man dann in der Richtung auf Franz-Joseph-Land, Spitzbergen oder die Westküste von Grönland nehmen. Für zwei Leute könnte man es fast als eine leichte Expedition bezeichnen.

Allein, es würde voreilig sein, im Frühjahr aufzubrechen. Erst müssen wir sehen, welche Drift der Sommer bringt. Und wenn ich darüber nachdenke, halte ich es doch für zweifelhaft, ob es richtig wäre, mich zu entfernen und die anderen zu verlassen. Man denke sich nur, wenn ich nach Hause käme und sie nicht!

Und doch bin ich hierher gekommen, um die unbekannten Polargebiete zu erforschen; dafür haben die Norweger ihr Geld hergegeben und es ist sicher meine erste Pflicht zu tun, was ich kann. Ich muss die Drift noch einer längeren Probe unterziehen. Wenn wir aber nach einer verkehrten Richtung geführt werden, dann bleibt nichts anderes übrig, als den Polmarsch anzutreten, komme danach, was da wolle!

Dienstag, 16. Januar. Ist es die Ruhelosigkeit des Frühlings, die über den Menschen kommt? Der Wunsch nach Tätigkeit, nach etwas, was sich von diesem Leben unterscheidet? Ist die Menschenseele nichts weiter als eine Aufeinanderfolge von Stimmungen und Gefühlen, die sich so unberechenbar verändern wie der Wind? Vielleicht ist mein Gehirn übermüdet; Tag und Nacht sind meine Gedanken auf den einen Punkt gerichtet gewesen, auf die Möglichkeit, den Pol zu erreichen und wieder nach Hause zu kommen. Vielleicht ist es Ruhe, was ich brauche, um zu schlafen, zu schlafen! Fürchte ich mich, das Leben zu wagen? Nein, das kann es nicht sein.

Aber was hält mich sonst zurück? Vielleicht ein geheimer Zweifel, dass der Plan durchzuführen ist? Mein Geist ist verwirrt; alles ist in Unordnung geraten, ich bin mir selbst ein Rätsel. Ich bin abgenutzt und fühle doch keine besondere Ermüdung. Alles um mich herum ist Leere und mein Gehirn ist ein weißes Blatt. Ich schaue die Bilder aus der Heimat an und sie langweilen mich; ich blicke in die Zukunft und es kommt mir vor, als sei es mir ziemlich einerlei, ob ich in diesem oder im nächsten Herbst zurückkomme. Wenn ich schließlich überhaupt nur zurückkomme, scheinen mir ein oder zwei Jahre fast nichts zu sein.

So habe ich früher nie gedacht. Ich habe jetzt keinerlei Neigung zum Lesen, zum Zeichnen oder zu irgendeiner anderen Tätigkeit. Torheit! Soll ich versuchen, einige Seiten Schopenhauer zu lesen? Nein, ich will zu Bett gehen, obwohl ich nicht müde bin.

Das Einzige, was mir hilft, ist Schreiben, der Versuch, mich auf diesen Blättern auszusprechen und dann mich selbst gleichsam von außen her zu betrachten. Ja, das Leben des Menschen ist nichts als eine Aufeinanderfolge von Gemütsstimmungen, halb Erinnerung, halb Hoffnung.

Wenn ich auf das Bild blicke, das mein Haus in Lysaker im Abendlicht zeigt, meine Frau im Garten, so halte ich es für unmöglich, es hier noch viel länger auszuhalten. Aber nur die unbarmherzigen Schicksalsmächte wissen, wann wir dort wieder beisammen sein, die ganze Süße des Lebens wieder fühlen, wann wir über den lächelnden Fjord blicken werden und …

Wir stehen jetzt auf 80° n.B., im September waren wir auf 79° das ist – sage und schreibe – ein Grad in fünf Monaten. Wenn es mit dieser Geschwindigkeit weitergeht, werden wir in 45 Monaten oder vielleicht in 50 Monaten am Pol und in 90 Monaten oder 100 Monaten auf 80° n.Br. auf der anderen Seite des Pols sein, vermutlich mit der Aussicht, dass wir in weiteren zwei Monaten aus dem Eis heraus und nach Hause gelangen. Im besten Falle würden wir in acht Jahren wieder zu Hause sein!

Mir fällt ein, dass ich vor meiner Abreise in meinem Garten Büsche und Bäume für zukünftige Geschlechter pflanzte. Professor Brögger schrieb dazu, niemand wisse, wie lange Schatten diese Bäume werfen würden, wenn ich zurückkäme. Nun, sie liegen jetzt unter dem Winterschnee, werden aber im Frühjahr wieder sprießen und wachsen – wie oft wohl?

Zuzeiten erdrückt diese Untätigkeit geradezu den Geist. Das Leben erscheint so dunkel wie die Winternacht draußen; nirgends Sonnenschein, höchstens in der Vergangenheit und in der weit, weit entfernten Zukunft. Mir ist, als müsse ich diesen Bann der Erstarrung, diese Trägheit durchbrechen und Raum finden für meine Tatkraft. Kann nicht etwas geschehen? Könnte nicht ein Orkan kommen, dieses Eis aufreißen und es in hohen Wogen in Bewegung setzen wie das offene Meer? Lasst uns in Not kommen, lasst uns um unser Leben kämpfen – aber lasst uns nur vorwärtskommen!

Den untätigen Zuschauer spielen zu müssen, keine Hand rühren zu können, um uns selbst vorwärtszuhelfen, das ist grauenhaft. Es bedarf zehnmal größerer Geistesstärke still zu sitzen, seinen Theorien zu vertrauen und die Natur walten zu lassen, als auf seine Kräfte zu bauen – das ist nichts, wenn man ein Paar starke Arme hat.

Hier sitze ich und jammere wie ein altes Weib. Habe ich das alles nicht gewusst, bevor ich aufbrach? Die Dinge sind nicht schlimmer gegangen, als ich erwartet habe; im Gegenteil eher besser. Wo ist nun die Hoffnungsfreudigkeit, die mit dem Tag und der Sonne wuchs? Wo sind die stolzen Fantasien, die jungen Adlern gleich zu einer glänzenden Zukunft emporstiegen? Wie flügellahme, nasse Krähen verlassen sie das sonnenbeleuchtete Meer und verbergen sich in den nebligen Sümpfen der Verzagtheit. Vielleicht wird mit dem Südwind alles wiederkommen – ich muss einen der alten Philosophen durchstöbern …

Montag, 19. Februar. Heute ging der Wind nach Süden herum. Er erreichte 4 Meter Geschwindigkeit in der Sekunde.

Am Morgen nahmen wir Eisbohrungen vor. Das Eis war an der Backbordseite 1,875 Meter dick und mit einer Schneeschicht von ungefähr 4 Zentimetern bedeckt. Am Bug war es 2,08 Meter dick und ebenfalls mit mehreren Zentimeter Schnee überzogen. Man kann das für einen ganzen Monat kein großes Wachstum nennen, wenn man bedenkt, dass die Temperatur bis 50°C unter null gesunken war.

Heute und gestern haben wir wieder das Spiegelbild der Sonne gesehen; heute stand es hoch über dem Horizont, beinahe so rund wie eine Scheibe. Einige Kameraden behaupteten, sie hätten den oberen Rand der Sonne selbst gesehen; Peder und Bentsen wollten mindestens die Hälfte der Sonnenscheibe beobachtet haben, und Juell und Scott-Hansen erklärten, sie sei ganz über dem Horizont gewesen. Ich fürchte, es ist schon so lange her, seit sie die Sonne gesehen, dass sie ganz vergessen haben, wie sie aussieht.

Dienstag, 20. Februar. Großer Sonnenfesttag heute. Aber ohne Sonne. Wir müssten sie sehen, wenn keine Wolken am Horizont wären. Wir lassen uns jedoch nicht um unser Fest betrügen und können ja, wenn wir die Sonne wirklich zum ersten Mal sehen, nochmals feiern.

Mit einem großen Scheibenschießen fingen wir morgens an; dann hatten wir ein Mittagessen von vier Gängen und »Fram-Wein« alias Zitronensaft, Kaffee und später »Fram-Kuchen«; abends Ananas, Kuchen, Feigen, Bananen und Konfekt.

Großes Gesichtswaschen aus Anlass des Tages. Guter Gott, wohin soll das noch führen? Einige sehen aus wie Masttiere und die Backen von Juell machen geradezu Sorge. Als ich ihn im Profil betrachtete, dachte ich darüber nach, wie er es wohl machen würde, einen solchen Körper über das Eis zu schleppen, wenn wir eines Tages das Schiff verlassen müssten. Ich beschließe, eine Zeit lang schmalere Rationen zu geben. Abends kletterten wir mit dem Gefühl in die Kojen, dass wir uns beim Essen übernommen hatten. Draußen halber Sturm aus Südosten.

Gründonnerstag, 22. März. Noch immer starker südöstlicher Wind und gute nördliche Drift. Unsere Stimmung hebt sich. Der Wind pfeift durch die Takelung; er tönt wie ein Siegessang durch die Luft.

Am Vormittag hatte ein junger Hund schwere Krämpfe; er hatte Schaum vor dem Maul und biss wütend um sich. Als der Anfall mit Starrkrampf endete, brachten wir das Tier auf das Eis. Es hüpfte wie eine Kröte umher, die Beine steif ausgestreckt, Hals und Kopf aufwärts gebogen, während der Rücken wie ein Sattel eingedrückt war. Da es Tollwut oder eine andere ansteckende Krankheit sein konnte, erschoss ich den Hund.

Karfreitag, 23. März. Die Mittagsbeobachtung ergibt 80° n.Br. In vier Tagen und Nächten sind wir ebenso schnell nach Norden getrieben wie in drei Wochen nach Süden. Auf alle Fälle ist es ein Trost, das zu wissen. Rasch sind die Nächte hell geworden. Jetzt gelingt es selbst Sternen erster Größe kaum noch, um Mitternacht am blassen Himmel zu funkeln.

Ostersonnabend, 24. März. Wir haben dem Frühlingslicht den Eintritt in den Salon gestattet. Während des Winters war das Oberlicht zum Schutz gegen die Kälte mit Schnee bedeckt und außerdem waren die Hundehütten rundherum aufgestellt. Jetzt haben wir die Glasscheiben freigemacht und geputzt.

Montag, 26. März. Wir liegen ohne Bewegung; keine Drift.

Die Sonne steigt empor und taucht die Eisebenen in ihren Glanz. Der Frühling kommt, bringt aber keine Freude. Hier ist es so einsam und kalt wie je. Die Seele erstarrt.

Ich habe nicht den Mut an die Zukunft zu denken … Und wie wird es zu Hause werden, wenn Jahr auf Jahr vergeht und niemand kommt?

Ich weiß, es ist alles krankhafte Stimmung; aber diese untätige, tote Einförmigkeit ohne jede Veränderung drückt mich. Alles ist so still und tot, so steif und starr unter der Eisdecke. Was gäbe ich nicht für einen einzigen Tag des Kampfes – ja selbst für einen Augenblick der Gefahr!

Noch immer muss ich warten und die Drift beobachten; aber wenn sie die verkehrte Richtung einschlagen sollte, dann werde ich alle Brücken hinter mir abbrechen und alles auf einem Marsch nach Norden über das Eis wagen. Ich weiß nichts Besseres zu tun. Es wird gefährlich sein, eine Frage um Leben oder Tod; aber habe ich eine andere Wahl? Es ist des Mannes unwürdig, eine Aufgabe zu übernehmen und sie aufzugeben, wenn der Höhepunkt der Schlacht bevorsteht. Es gibt nur einen Weg und der ist »Vorwärts, Fram«!


Immer wieder grübelte ich über Zukunft und Drift. Manchmal glaubte ich, dass alles so ging, wie wir gehofft und erwartet hatten. So war ich am 17. April überzeugt, dass eine Strömung durch das unbekannte Polarbecken ging, da wir entschieden nordwärts trieben. Das Ergebnis der Mittagsbeobachtung waren 80°20’, das heißt 9 Minuten seit dem 15. April. Seltsam! Vier ganze Tage anhaltender Nordwind versetzte uns nach Süden, während 24 Stunden dieser spärlichen Brise uns 9 Minuten nordwärts treiben.

Vielleicht sind wir mit der Drift nach Süden zu Ende! Wenn ich noch die Wasserwärme, die wir in der Tiefe gefunden haben, berücksichtige, dann scheint mir die Lage wirklich lichter. Meine Gründe dafür sind folgende:

Die Wassertemperatur in der ostgrönländischen Strömung ist selbst an der Oberfläche nirgends über 0°C (der mittleren Jahrestemperatur) und scheint in der Regel −1°C zu sein, auch noch auf 70° n.Br. Auf dieser Breite sinkt die Temperatur mit größerer Tiefe stetig; in Tiefen von mehr als 100 Faden (183 Meter) ist sie nirgends über −1°C, vielmehr in der Regel zwischen −1,5 und −1,7°C bis zum Grund hinab; außerdem ist die Temperatur auf dem Grund des ganzen Meeres nördlich von 60° unter −1°C; ausgenommen auf einem Streifen längs der norwegischen Küste und zwischen Norwegen und Spitzbergen. Hier ist die Temperatur von 160 Metern abwärts über −1°C und in 250 Meter Tiefe bereits +0,55°C, und zwar, wohlgemerkt, nördlich von 80° Breite in einem Meer, das den Kältepol umschließt.

Dieses warme Wasser stammt schwerlich aus dem Polarmeer selbst, da die von dort nach Süden setzende Strömung eine mittlere Temperatur von −1,5°C hat. Es kann kaum anders sein, als dass der Golfstrom seinen Weg hierher findet und das Wasser ersetzt, das in den oberen Schichten nach Norden strömt und die Quelle der ostgrönländischen Polarströmung bildet. Alles das stimmt mit meinen früheren Annahmen gut überein und unterstützt die Theorie, auf der der Plan der Expedition aufgebaut war. Wenn man außerdem berücksichtigt, dass die Winde, wie erwartet, in der Regel aus dem Südosten wehen, wie es auch auf der internationalen Station bei Sagastir an der Lenamündung der Fall war, so erscheinen unsere Aussichten nicht ungünstig.

Endlich glaubte ich oft auch unter dem Eis Zeichen einer stetigen, nordwestlich setzenden Strömung zu entdecken; das verbesserte meine Stimmung natürlich. Wenn aber der Strom wie oft wieder südlich setzte, kamen auch wieder Zweifel, und es schien mir keine Aussicht, unsere Aufgabe innerhalb einer angemessenen Zeit zu lösen.

Freilich ist solches Treiben im Eis aufregend und es bildet wenigstens eine Tugend aus: die Geduld. Die ganze Expedition ist in Wirklichkeit eine einzige, lange Übung in dieser nützlichen Tugend.

Im Frühjahr kamen wir etwas besser vorwärts als im Winter; im Großen und Ganzen aber war es stets derselbe ermüdende Krebsgang. Jedes Mal, wenn wir eine weite Strecke nach Norden zurückgelegt hatten, folgte eine Zeit des Rückschlags.

Merkwürdig war, dass der Bug der »Fram« während der ganzen Zeit nach Süden, gewöhnlich Süd ¼ West stand und seine Richtung während der langen Drift nur sehr wenig änderte. Ich schrieb am 14. Mai: »Die ›Fram‹ geht ihrem Ziel im Norden rückwärts entgegen, mit der Nase immer nach Süden gekehrt. Es ist, als ob sie ihre Entfernung von der Welt zu vergrößern fürchte, als ob sie sich nach südlichen Breiten sehne, während eine unsichtbare Gewalt sie dem Unbekannten entgegenzieht. Ist dieses Rückwärtsschreiten nach dem Innern des Polarmeeres ein böses Omen? Ich denke: nein; selbst der Krebs erreicht schließlich sein Ziel.«

Der allgemeine Verlauf unserer Drift ergibt sich am besten aus der Angabe unserer Länge und Breite an verschiedenen Tagen des Jahres 1894:


Bis dahin waren wir erfreulich weit nach Norden gekommen; dann aber wendete sich das Blatt:


Dann begannen wir wieder nordwärts zu treiben, wenn auch nicht sehr schnell.

Wie früher hielten wir beständig Ausguck nach Land und aus manchen Anzeichen schlossen wir auch auf Landnähe, aber sie erwiesen sich als Einbildung, außerdem sprach auch die große Tiefe des Meeres dagegen, dass Land nahe war.

Später, am 7. August, als ich 3850 Meter Tiefe gefunden hatte, schrieb ich in mein Tagebuch:

»Ich glaube nicht, dass man ferner noch von einem seichten Polarmeer sprechen wird, in dem man überall Land erwarten kann. Sehr möglich, dass wir in den Atlantischen Ozean hinaustreiben, ohne einen einzigen Berggipfel zu sehen!«

Der schon früher erwähnte Plan, mit Hunden und Schlitten über das Eis vorzudringen, beschäftigte mich sehr viel und ich prüfte während meiner täglichen Ausflüge, zum Teil auf Schneeschuhen, zum Teil mit Hunden, stets den Zustand des Eises und die Aussichten für einen Marsch über das Eis.

Während des Aprils war das Eis für Hunde besonders geeignet. Die Oberfläche war gut, da die Kraft der Sonne sie glatter gemacht hatte als das starke Schneetreiben zu Anfang des Winters; außerdem hatte der Wind die Eisrücken ziemlich eben zugedeckt, schließlich waren auch nicht so viele Spalten und Rinnen im Eis, sodass man ohne viel Mühe meilenweit vordringen konnte.

Das änderte sich jedoch im Mai. Schon am 8. Mai hatte der Wind das Eis vielfach aufgebrochen, sodass sich überall Rinnen bildeten, die die Fahrt mit Hunden sehr hemmten und aufhielten.

Am 20. Mai schrieb ich: »War vormittags auf Schneeschuhen draußen. Das Eis ist infolge der beständigen Winde während der letzten Woche in verschiedenen Richtungen sehr stark aufgebrochen; die Rinnen sind schwer zu überschreiten, da sie voll kleiner, treibender Eisstücke sind. Wiederholt geriet ich mit den Schneeschuhen auf schwimmende Schneebänder, die plötzlich unter mir nachgaben, sodass ich Mühe hatte, auf das feste Eis zurückzukommen.«

Am 5. Juni machte ich mit Sverdrup eine Schneeschuhfahrt nach Süden. Ich schrieb: »Das Eis hat sich verändert, aber nicht zum Besseren; die Oberfläche ist zwar hart und gut, aber die Eisketten sind sehr unangenehm und überall sind Spalten und Hügel. Eine Schlittenexpedition würde auf solchem Eis schlecht vorwärtskommen.«

Am 13. Juni heißt es im Tagebuch: »Das Eis wird mit jedem Tag weicher. Rund um uns herum bilden sich große Wasserpfützen auf den Schollen. Kurz, die Oberfläche ist abscheulich; die Schneeschuhe brechen überall durch ins Wasser. Man würde heute an einem Tag nicht weit kommen, wäre man gezwungen, nach Süden oder Westen aufzubrechen. Jeder Ausgang ist verbaut. Wir sitzen hier fest.

Manchmal kommt es mir ziemlich merkwürdig vor, dass keiner unserer Leute besorgt ist, dass wir weiter und immer weiter nach Norden treiben, ins Unbekannte hinein; keiner zeigt eine Spur von Furcht. Alle sehen düster aus, wenn es nach Süden oder zu weit nach Westen geht, und sie strahlen vor Freude, wenn wir nach Norden treiben, je weiter, desto besser.

Und doch kann keiner der Tatsache gegenüber blind sein, dass es sich um Leben und Tod handelt, wenn jetzt das eintreten sollte, was uns fast alle prophezeit hatten. Sollte das Schiff wie die ›Jeannette‹ vom Eis zermalmt werden und in die Tiefe sinken, ohne dass wir genügend Vorräte retten, um die Drift auf dem Eis fortzusetzen, dann würden wir den Kurs nach Süden zu richten haben und unser Schicksal würde kaum zweifelhaft sein.

Den Leuten von der ›Jeannette‹ erging es schlecht genug, aber ihr Schiff sank auf 77° n.Br., während für uns das nächste Land vielmal mehr als das Doppelte entfernt ist, von dem nächsten bewohnten Land gar nicht zu reden.

Von unserem Standort bis Kap Tscheljuskin sind es jetzt mehr als 550 Kilometer, und von dort nach einer bewohnten Gegend ist es noch viel weiter. Aber die ›Fram‹ wird nicht erdrückt werden. Niemand glaubt daran. Es geht uns wie dem Kajakruderer, der sehr wohl weiß, dass ein einziger falscher Ruderschlag genügt, ihn zum Kentern zu bringen und in die Ewigkeit zu schicken; ruhig aber setzt er seinen Weg fort, weil er weiß, dass dieser falsche Schlag nicht kommen wird.«

Sonntag, 12. August. Ein herrlicher Abend. Ich machte einen Spaziergang zwischen den Rinnen und Eishügeln; es war wunderschön ruhig und windstill, kein Laut zu hören außer den Wassertropfen von einem Eisblock. Die Sonne steht niedrig im Norden und über uns ist der blassblaue Himmelsdom mit goldverbrämten Wolken. Der tiefe Frieden der Einsamkeit. Wie kommt es, dass ich mich zuzeiten über die Einsamkeit beklage? Mit der Natur um sich, mit Büchern und Studien kann man sich doch nie ganz allein fühlen!

Dienstag, 21. August. 81°4,2’ n.Br. Seltsam. Kaum eine Veränderung!

Wir treiben etwas nach Norden, dann etwas nach Süden und bleiben fast immer auf demselben Fleck. Ich glaube aber, wie ich stets, schon ehe wir die Reise antraten, geglaubt habe, dass wir drei Jahre, genauer drei Winter und vier Sommer, nicht mehr und nicht weniger, fortbleiben und von diesem Herbst an in ungefähr zwei Jahren die Heimat wieder erreichen werden.3 Der bevorstehende Winter wird uns, wenn auch langsam, weitertreiben; er kündigt sich bereits an. Letzte Nacht hatten wir 4 Grad Kälte.

Sonntag, 26. August. Es scheint beinahe, dass der Winter schon gekommen ist. Die Kälte hat sich seit Donnerstag im Durchschnitt zwischen −4°C und −6°C gehalten. In der Temperatur gibt es hier nur geringe Veränderungen. Wir können damit rechnen, dass sie von jetzt ab regelmäßig sinkt, obwohl es für den Winteranfang noch ziemlich früh ist. Alle Tümpel und Rinnen sind mit Eis bedeckt, das schon dick genug ist, um einen Mann auch ohne Schneeschuhe zu tragen.

Ich war auf Schneeschuhen draußen. Angenehmer Weg, gutes Fortkommen überall; einige Rinnen hatten sich etwas erweitert oder waren zusammengedrückt worden; das neue Eis war nur dünn und bog sich unangenehm unter den Schneeschuhen, trug mich aber. Zwei Hunde brachen ein. Es hatte auch ziemlich stark geschneit, sodass es schönen Neuschnee gab. Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, werden wir im Winter ausgezeichnet Ski laufen können. Denn es ist Süßwasser, das auf der Oberfläche der Rinne gefriert, es scheidet kein Salz aus. Auf Schnee mit Salz geht man ebenso schlecht wie auf Sand.

Mittwoch, 29. August. Frischer Wind rasselt und pfeift in der Takelung. Eine belebende Veränderung ohne Zweifel! Es herrscht ein Schneetreiben, als ob wir mitten im Winter wären. Schönes Augustwetter! Aber wir treiben wieder nach Norden und das ist auch sehr notwendig! Gestern war unsere Breite 80°53,5’.

Heute Abend arbeitete ich im Raum an meinem neuen Bambuskajak, das der Gipfel der Leichtigkeit wird. Pettersen half mir. Wir unterhielten uns eine Weile über allgemeine Dinge und er meinte, dass wir in der »Fram« ein gutes Heim besäßen, weil wir alles hätten, was wir haben wollten; sie sei ein verteufeltes Schiff, jedes andere würde längst platt gedrückt worden sein. »Wenn ich«, sagte er, »alle die Hilfsmittel betrachte, die wir vorbereitet haben, wie z.B. diese neuen Kajaks, dann fürchte ich mich aber auch nicht, müssten wir das Schiff eines Tages verlassen!«

Dann sprachen wir noch darüber, was wir tun würden, wenn wir nach Hause kämen.

»Was Sie anbetrifft, so werden Sie ohne Zweifel nach dem Südpol reisen!«, meinte er.

»Und Ihr«, erwiderte ich, »wollt Ihr die Hemdsärmel aufkrempeln und Eure alte Beschäftigung wieder beginnen?«

»So wird’s wohl werden! Aber, weiß Gott, erst muss ich eine Woche Ferien haben! Nach einer solchen Reise muss ich sie unbedingt haben, ehe ich wieder zum großen Schmiedehammer greife!«

3 Auf den Tag genau zwei Jahre später lief die »Fram« Skjervøy an der Küste von Norwegen an.

DER ZWEITE HERBST IM EIS

Der Sommer war also vorüber. Unser zweiter Herbst begann. Wir hatten uns jetzt mehr an die Geduldsproben gewöhnt, die uns das Leben im öden Treibeis abverlangte. Die Zeit verging uns rascher. Außerdem war ich auch mit neuen Plänen und Vorbereitungen beschäftigt.

Ich habe schon erwähnt, dass wir im Lauf des Sommers alles für den Fall bereit machten, dass wir über das Eis heimkehren müssten. Wir hatten sechs Doppelkajaks gebaut, die Schlitten waren in Ordnung und es war sorgfältig berechnet worden, wie viel Nahrungsmittel, Kleidung, Brennstoff usw. wir mitführen mussten. Aber ich hatte in der Stille auch meine eigene Expedition nach Norden vorbereitet. Außer wenigen Worten zu Sverdrup hatte ich noch zu niemandem von meinem Plan gesprochen, da ich ja nicht wusste, wie weit nördlich die Drift uns bringen würde, und da sich vor dem Frühjahr noch vielerlei ereignen konnte.

Inzwischen ging das Leben an Bord seinen gewohnten Gang.

Donnerstag, 6. September. 81°13,7’ n.Br. Bin ich heute fünf Jahre verheiratet? Voriges Jahr, als die Eisfesseln bei der Taimyr-Halbinsel zerbarsten, war es ein Tag des Sieges. Jetzt ist kein Gedanke an Sieg. Und doch erscheint mir die Zukunft nicht bang und düster. Ist es möglich, dass am nächsten 6. September jede Fessel gesprengt ist und wir beisammensitzen und von unseren Fahrten im fernen Norden und von all unserem Verlangen plaudern wie von etwas, das einmal gewesen ist und nie wieder sein wird? Und was spricht dagegen, dass das im nächsten Jahre geschieht? Weshalb soll dieser Winter die »Fram« nicht nach Westen an einem Punkt im Norden von Franz-Joseph-Land bringen? ...

Dann ist meine Zeit gekommen und ich mache mich mit Hunden und Schlitten auf nach Norden. Mir klopft das Herz vor Freude bei dem Gedanken daran. Der Winter wird mit den Vorbereitungen für eine solche Expedition schnell genug hingehen.

Ich habe mich in letzter Zeit schon immer mit diesen Vorbereitungen beschäftigt. Ich denke darüber nach, was alles mitgenommen werden muss und wie es einzurichten ist, und je mehr ich die Sache von den verschiedensten Seiten betrachte, desto fester bin ich davon überzeugt, dass der Versuch erfolgreich sein wird, wenn wir nicht zu spät im Frühjahr nach Norden treiben.

Wenn die »Fram« nur 84° oder 85° erreichte, würde ich mich Ende Februar oder in den ersten Märztagen aufmachen, sobald nach der langen Winternacht das Tageslicht kommt, und das Ganze würde wie im Tanze gehen. Nur noch vier oder fünf Monate, dann ist die Zeit zum Handeln gekommen. Welche Freude!

Wenn ich jetzt über das Eis hinausblicke, ist es mir, als ob meine Muskeln zittern vor sehnsüchtigem Verlangen, endlich einmal im Ernst über das Eis zu laufen – Ermüdung und Entbehrungen würden dann ein Vergnügen sein. Es mag töricht erscheinen, dass ich mich entschlossen habe, diese Expedition zu unternehmen, während ich mir vielleicht in aller Ruhe wichtigere Arbeit hier an Bord vornehmen könnte, aber die täglichen Beobachtungen werden auch ohne mich genau wie sonst angestellt.

Sonntag, 9. September. 81°4’ n.Br. Seit einigen Tagen ist die Mitternachtssonne verschwunden und die Sonne geht schon im Nordwesten unter; sie war gegen 10 Uhr abends fort und es liegt wieder eine Röte über dem ewigen Weiß. Der Winter naht rasch.

Sonntag, 31. Oktober. 82°0,2’ n.Br. 114°9’ ö.L.

Um den 82. Breitengrad zu feiern, hatten wir heute ein »großartiges Bankett«. Zu dieser Gelegenheit wurden Honigkuchen gebacken, Honigkuchen bester Sorte, wie man mir aufs Wort glauben möge, und dann kam nach einem erfrischenden Schneeschuhlauf das Festbankett.

Das Essen war prachtvoll: Ochsenschwanzsuppe, Fischpudding mit geschmolzener Butter und Kartoffeln, Schildkröte mit Zucker- und anderen Erbsen, Reis mit Moltebeeren und Krem, Kronen-Malzextrakt.

Nach dem Abendessen, das ebenfalls vorzüglich war, wurde Musik verlangt. Sie wurde den ganzen Abend in reichem Maße von verschiedenen, geübten Spielern geliefert. Pettersen und ich tanzten einen Walzer und eine Polka. Wir haben in dem beschränkten Raum einige sehr geschmackvolle Pas de deux ausgeführt. Auch Amundsen wurde von der Tanzlust fortgerissen. Die Übrigen spielten Karten; kurz, die Zeit verging und wir waren lustig. Weshalb sollten wir nicht? Wir schreiten ja fröhlich unserem Ziel entgegen, sind bereits auf dem halben Wege zwischen den Neusibirischen Inseln und Franz-Joseph-Land und keine Seele an Bord bezweifelt, dass wir das Ziel erreichen, um dessentwillen wir ausgezogen sind; es lebe daher die Fröhlichkeit!

Oben aber hat die unendliche Stille der Polarnacht die Herrschaft. Der Mond, halb voll, scheint auf das Eis herab, die Sterne erglänzen hell über uns und der südliche Wind streicht mit leichter Klage durch die Takelung.

Freitag, 26. Oktober. Gestern Abend waren wir auf 81°3’ n.Br.

Heute ist die »Fram« zwei Jahre alt. Allgemeiner Feiertag. Allgemeine Magenüberladung. Ich sagte beim Mittagsmahl: »Vor einem Jahr sind wir einstimmig der Ansicht gewesen, dass die ›Fram‹ ein gutes Schiff ist. Heute haben wir noch viel bessere Gründe für diese Überzeugung; denn sie bringt uns, wenn auch nicht gerade mit übermäßiger Schnelligkeit, so doch wohlbehalten und sicher weiter!« Wir tranken auf das Wohl der »Fram«.

Ich sagte nicht zu viel. Hätte ich alles gesagt, was ich auf dem Herzen hatte, so würden meine Worte nicht so gemessen gewesen sein; denn, um die Wahrheit zu sagen: Wir alle lieben das Schiff so sehr, wie man unpersönliche Dinge nur zu lieben vermag. Und weshalb sollten wir sie nicht lieben? Keine Mutter kann ihren Jungen unter ihren Flügeln mehr Wärme und Sicherheit geben, als sie uns bietet; wir alle sind froh, wenn wir von draußen zu ihr zurückkehren, und wie oft hat mein Herz ihr nicht warm entgegengeschlagen, wenn ich weit fort war und ihre Masten über die ewige Schneedecke emporsteigen sah!

Ich sitze allein in meiner Kabine und meine Gedanken gleiten über die verflossenen beiden Jahre zurück.

Welcher Dämon ist es, der die Fäden unseres Lebens zusammenwebt, der uns täuscht und uns stets auf Wege hinausschickt, die wir nicht selbst gewählt haben, die wir nicht zu gehen wünschen? War es nur das Pflichtgefühl, das mich drängte? Oh nein! Ich war einfach ein Kind, das Abenteuer in unbekannten Gebieten suchte, das so lange davon träumte, bis es schließlich glaubte, es habe das Abenteuer wirklich gefunden.

Und es ist mir in der Tat beschieden, dieses große Abenteuer des Eises: tief und rein wie das unendliche All, die schweigsame, sternblinkende Polarnacht, die Natur selbst in ihrer ganzen Tiefe, das Geheimnis des Lebens, der unaufhörliche Kreislauf des Weltalls, das Fest des Todes, ohne Leiden, ohne Not, ewig in sich selbst. Hier in der großen Nacht stehst du in deiner nackten Einfalt, von Angesicht zu Angesicht vor der Natur; du sitzt andächtig zu Füßen der Ewigkeit und lauschst und lernst Gott kennen, den Mittelpunkt des Alls. Alle Rätsel des Lebens scheinen dir klar zu werden und du verlachst dich selbst, dass du dich mit Grübeln verzehrt hast; es ist alles so klein, so unaussprechlich klein ...

Mittwoch, 14. November. Wunderbar sind die Schneeschuhfahrten durch die schweigsame Natur. Die vom Mondlicht übergossenen Eisfelder dehnen sich nach allen Richtungen aus. Hier und dort dunkle, kalte Schlagschatten der Eishügel. In der äußersten Ferne bezeichnet eine dunkle Linie den von dem zusammengeschobenen Eis gebildeten Horizont, über dem ein silbrig schimmernder Dunst lagert. Über allem wölbt sich der unbegrenzte, tiefblaue, sternenbesäte Himmel, an dem der Vollmond durch den Äther segelt.

Aber im Süden liegt tief unten das Tageslicht, ein Widerschein der Sonne, dunkel, rot glühend, und höher hinauf ein klarer, gelber und blassgrüner Bogen, der sich in das Blau darüber verliert. Das Ganze verschmilzt zu einer Harmonie, einzigartig und unbeschreiblich.

Ich wünsche mir die Gabe, diese Natur in Musik zu übertragen; mächtige und doch schlichte Akkorde müssten es sein, die ihr Wesen wiedergeben könnten!

Freitag, 16. November. Vormittags war ich mit Sverdrup auf Schneeschuhen im Mondlicht draußen. Wir unterhielten uns ernstlich über die Aussichten unserer Drift und der für das Frühjahr geplanten Expedition über Eis nach Norden.

Ich habe viel über den Kurs nachgedacht, den wir einschlagen müssten für den Fall, dass uns die Drift bis zum März nicht so weit nördlich bringt, wie ich erwarte. Je mehr ich darüber nachsinne, desto fester rede ich mir ein, dass sich die Sache machen lässt.

Denn wenn es richtig ist, von 85° aus aufzubrechen, so kann es nicht weniger richtig sein, von 82° oder 83° aus loszugehen. In beiden Fällen würden wir nördlicher kommen als sonst möglich. Wenn wir den Pol selbst nicht erreichen, müssen wir eben umkehren. Um es zu wiederholen: Es kommt nicht darauf an, genau den Punkt zu gewinnen, sondern die unbekannten Gebiete des Polarmeeres zu erforschen, mögen sie dem Pol näher oder ferner liegen. Ich habe das schon vor unserer Abfahrt gesagt und muss es beständig im Gedächtnis behalten.

Sicher sind während der weiteren Drift des Schiffes an Bord viele wichtige Beobachtungen zu machen. Diese Arbeiten liegen in so guten Händen, dass zwei von unserer Schar das Schiff ohne Schaden für die Güte und Vollständigkeit der Registrierungen verlassen können. Zweifellos werden die Beobachtungen, die wir weiter nördlich vornehmen werden, nicht weniger wertvoll sein als diese Bordnotierungen. Bis jetzt ist es also durchaus wünschenswert, dass wir aufbrechen.

Welches ist die beste Zeit zum Aufbruch? Die beste und die einzige Jahreszeit für ein solches Wagnis ist das Frühjahr, spätestens der März.

Und wie sind die Aussichten für unser Durchkommen?

Die Entfernung von dem gedachten Abgangspunkt nach Kap Fligely auf dem nächsten bekannten Land schätze ich auf 750 Kilometer, also nicht viel mehr als die Strecke, die wir in Grönland zurückgelegt haben; sie würde auf diesem Eis leichte Arbeit fordern. Hat man erst einmal die Küste erreicht, dann wird es einem vernünftigen Menschen sicherlich gelingen, durch die Jagd auf großes oder kleines Wild, Bären oder Sandhüpfer, sein Leben zu fristen.

Wir können uns also stets nach Kap Fligely oder dem nördlich davon liegenden Petermann-Land wenden, falls unsere Lage unhaltbar wird. Selbstverständlich wird die Entfernung sich vergrößern, je weiter wir nach Norden vordringen; an keinem Punkt zwischen hier und dem Pol ist sie aber größer, als wir sie mithilfe der Hunde bewältigen können und werden.

Daher ist eine »Rückzugslinie« gesichert, obwohl manche Leute behauptet haben, dass eine öde Küste, an der man die Lebensmittel erst zusammensuchen muss, ehe man sie verzehren kann, ein schlechter Zufluchtsort für Hungernde ist. In Wirklichkeit ist das nur ein Vorteil; denn ein Zufluchtsort soll nicht allzu verlockend sein. Für Männer, die vorwärtsdringen wollen, ist eine »Rückzugslinie« wahrlich eine erbärmliche Erfindung, ein ewiger Anreiz zurückzublicken, während sie immer nur vorwärtsschauen sollten.

Nun zur Expedition selbst. Sie wird aus 28 Hunden, 2 Männern und 1050 Kilo Proviant und Ausrüstungsgegenständen bestehen. Die Entfernung vom 83. Grad bis zum Pol beträgt 420 Seemeilen, 780 Kilometer. Ist es zu viel, wenn ich rechne, dass wir diese Strecke in 50 Tagen zurücklegen?

Ich weiß natürlich nicht, ob die Hunde ausdauern werden; aber dass sie, wenn zwei Männer helfen, mit 37½ Kilo in den ersten Tagen täglich 8½ Seemeilen, also 15 Kilometer, zurücklegen, klingt ganz vernünftig, selbst wenn es keine sehr guten Tiere sind.

Es ist also kaum eine leichtsinnige Rechnung, immer vorausgesetzt, dass das Eis so ist wie hier, und es ist kein Grund vorhanden, weshalb es nicht so sein sollte. Es bessert sich in der Tat beständig, je weiter wir nach Norden gelangen, und es bessert sich mit jedem Tag, den wir dem Frühling näher kommen.

In 50 Tagen müssten wir also den Pol erreichen. In Grönland haben wir auf dem Inlandeis in einer Höhe von mehr als 2500 Metern, ohne Hunde und mit mangelhaftem Proviant, 300 Seemeilen, 550 Kilometer, in 65 Tagen gemacht und hätten sicherlich noch beträchtlich weiter gehen können.

In 50 Tagen werden wir, täglich ein halbes Kilo Pemmikan für jeden Hund4 gerechnet, insgesamt 700 Kilo verbraucht haben. Ferner macht 1 Kilo Proviant für jeden Mann 100 Kilo aus.

Da während dieser Zeit auch Brennstoff verbraucht wird, verringert sich die Fracht auf dem Schlitten auf weniger als 250 Kilo; eine solche Last ist nichts für 26 Hunde, die damit am Ende wie ein Sturmwind dahinsausen und also die Fahrt in weniger als 50 Tagen machen müssten.

Aber angenommen, man braucht diese Zeit. Wenn alles gut gegangen ist, werden wir unseren Kurs nunmehr nach den Sieben Inseln im Norden von Spitzbergen richten; das sind 9° oder 540 Seemeilen, 1000 Kilometer. Bei ungünstigen Verhältnissen wird es sicherer sein, wenn wir zum Kap Fligely oder dem nördlich davon liegenden Lande gehen.

Nehmen wir an, wir würden uns für diesen Weg entscheiden!

Wir brechen am 1. März, wenn die Verhältnisse günstig sind, noch früher, von der »Fram« auf und kommen am 30. April am Pol an. Wir werden dann noch 100 Kilo von unserem Proviant, genug für weitere 50 Tage, übrig haben, für die Hunde aber nichts mehr. Wir müssen sie also nach und nach töten, teils zum Futter für die Übrigen, teils für uns selbst, sofern wir ihnen von unseren Vorräten abgeben. Auch wenn meine Ziffern zu niedrig gegriffen sind, kann ich doch annehmen, dass wir dann, wenn 23 Hunde getötet sind, 41 Tage unterwegs sind und noch 5 Hunde übrig haben.

Wie weit südlich werden wir dann gekommen sein?

Das Gewicht des Gepäcks beträgt im Anfang weniger als 250 Kilo, also nicht ganz 9 Kilo, die jeder Hund zu ziehen hat. Nach 41 Tagen wird sich dieses Gewicht auf 140 Kilo verringert haben, und zwar durch den Verbrauch von Proviant und Brennstoff und durch Zurücklassen gewisser Ausrüstungsgegenstände wie Schlafsäcke, Zelt usw., die überflüssig geworden sind.

Es bleiben dann noch 28 Kilo für jeden der 5 Hunde, wenn wir selbst nichts ziehen. Mit einer Last von 9 bis 18 Kilo für jeden Hund würden die Tiere täglich 12 Seemeilen, 22 Kilometer, machen, selbst wenn die Schneefläche beschwerlich wäre.

Das heißt, wir werden am 1. Juni 492 Seemeilen, 913 Kilometer, über Kap Fligely hinaus sein und noch 5 Hunde und für 9 Tage Proviant haben.

Wahrscheinlich aber werden wir schon lange vorher Land erreicht haben. Die Mitglieder der österreichischen Expedition hatten schon in der ersten Hälfte des April bei Kap Fligely offene Teiche und viele Vögel gefunden. Wir würden also im Mai und Juni keinen Mangel an Nahrung haben und wundern müsste es mich, wenn wir nicht vorher schon einen Bären, einen Seehund oder einige verirrte Vögel träfen.

Wir haben nunmehr unsere Sicherheiten und wir können wählen, welchen Weg wir einschlagen wollen: entweder an der Nordwestküste von Franz-Joseph-Land entlang, an Gillis-Land vorbei nach dem Nordostland und Spitzbergen oder südwärts durch den Austria-Sund nach der Südküste von Franz-Joseph-Land und von dort nach Nowaja Semlja oder Spitzbergen. Es ist möglich, dass wir auf Franz-Joseph-Land Engländer treffen.

Das ist also meine Berechnung. Ist sie leichtfertig? Ich glaube nicht.

Das einzige Schlimme würde sein, wenn wir auf der letzten Marschstrecke im Mai die Eisoberfläche so finden, wie wir sie im vorigen Frühjahr Ende Mai hier gehabt haben. Das würde uns beträchtlich aufhalten.

Wenn sich zeigt, dass unsere Berechnungen Fehler enthalten, können wir immer noch jeden Augenblick umkehren.

Welche unvorhergesehenen Hindernisse können sich uns nun entgegenstellen?

1. Wir können auf Eis treffen, das unwegsamer ist, als wir angenommen haben.

2. Wir können Land finden.

3. Die Hunde können uns im Stich lassen, können krank werden oder erfrieren.

4. Wir selbst können am Skorbut erkranken.

1. und 2. Dass das Eis weiter nach Norden schwerer passierbar sein kann, ist gewiss möglich, aber kaum wahrscheinlich. Ich sehe gar keinen Grund dafür, es sei denn, dass wir unbekanntes Land im Norden haben. Ist das der Fall, auch gut, dann müssen wir nehmen, was sich uns bietet.

3. Dass uns die Hunde im Stich lassen, ist möglich. Allein ich werde ihnen keine übermäßige Arbeit aufbürden. Alle können nicht unbrauchbar werden und ein Ausfall in Grenzen schadet nichts. Bei dem Futter, das sie bis jetzt gehabt haben, sind sie durch den Winter und die Kälte gekommen und auf dem Marsch werden sie noch besseres Futter erhalten. Außerdem habe ich in den Berechnungen gar nicht berücksichtigt, was wir selbst ziehen. Und wenn uns alle Hunde im Stich ließen, würde es uns doch gelingen, auch allein vorwärtszukommen.

4. Der schlimmste Fall wäre, dass wir selbst am Skorbut erkrankten. Ich glaube aber kaum, dass wir Skorbutkeime von der »Fram« mitnehmen. Ferner habe ich dafür gesorgt, dass unser Schlittenproviant aus guten, nahrhaften Lebensmitteln besteht.

Selbstverständlich muss man einiges Risiko laufen, aber wenn ich nun einmal alle nur möglichen Vorsichtsmaßregeln getroffen habe, so habe ich auch die Pflicht vorwärtszudringen.

Es gibt noch eine andere Frage, die erörtert werden muss: Habe ich das Recht, das Schiff und die Kameraden der Hilfsmittel zu berauben, die die Expedition erheischt? Die Tatsache, dass zwei Mann weniger an Bord sein werden, fällt nicht ins Gewicht, weil die »Fram« ebenso gut mit elf Mann manövrieren kann. Schwerer wiegt, dass wir alle Hunde, mit Ausnahme der sieben Jungen, mit uns nehmen. Nun, man ist an Bord mit Schlittenproviant und allerbesten Schlittenausrüstungen reichlich versehen und ich kann mir nicht denken, dass die Mannschaft Franz-Joseph-Land oder Spitzbergen nicht erreicht, wenn der »Fram« etwas zustößt. Es ist unwahrscheinlich, dass sie dann das Schiff nördlicher als auf 85° verlassen müsste.

Aber angenommen, die Mannschaft wäre gezwungen, das Schiff auf 85° zu verlassen, so würde das voraussichtlich im Norden von Franz-Joseph-Land sein, wo sie 180 Seemeilen, also 334 Kilometer von Kap Fligely entfernt wäre. Tritt der Fall weiter östlich ein, so sind es 240 Seemeilen, 445 Kilometer, nach den Sieben Inseln. Es ist schwer zu glauben, dass es den Leuten bei ihrer Ausrüstung nicht gelingen sollte, diese Entfernung zu bewältigen.

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