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Fred­rik Ska­gen

Die Erinnerung folgt immer

dem Ruf des Herzens

Antoine de Rivarol

Vielleicht geschieht es

genau in dem Moment, als er auf den Bürgersteig tritt und der Verkehrslärm und die schroffe Kälte der Luft ihm wie eine kompakte Wand entgegenschlagen. Die Situation an sich macht ihn nicht ratlos, denn er ist es gewohnt, sich auf Tatsachen und Erfahrung, seinen Instinkt und gesunden Menschenverstand zu verlassen, um im Alltag rasche und richtige Entscheidungen zu treffen. Dass einem das Leben manchen Streich spielen konnte, hatte er schon früher erfahren; deshalb begegnet er dieser Situation mit einer Art professionellem Gleichmut, jedenfalls am Anfang. Wenn er Schwierigkeiten hat, sich zu entscheiden – er ist stehen geblieben, festgefroren, wie ein Stillleben –, dann liegt es an der banalen Tatsache, dass er keine Ahnung hat, in welche Richtung er gehen soll.

Die Straße ist ihm vollkommen fremd. Er weiß nicht, wo er ist.

Diese plötzliche Erkenntnis wirkt zunächst abwegig, und seine erste Reaktion gehört vermutlich zu den ältesten der Menschheit: er hebt die Hand und kratzt sich am Kopf. Unter normalen Umständen hätte er die Irritation überwunden, seine Selbstsicherheit wiedergewonnen und eine Entscheidung getroffen. Aber was waren normale Umstände? Diese hier auf keinen Fall. Seine Hand senkt sich langsam, als wundere er sich über die Entdeckung, barhäuptig zu sein. Er kann sich vage daran erinnern, in einer Kneipe gesessen und Bier getrunken zu haben, während er auf irgendjemand wartete. Der Betreffende war ausgeblieben, und schließlich war er aufgestanden und hatte das Lokal verlassen. Vielleicht lag die Verwirrung bloß daran, dass er einen falschen Ausgang gewählt und damit auf eine unbekannte Straße geraten war.

Es bestand kein physisches Hindernis, sich aus dem Bann zu befreien und auf dem Absatz kehrtzumachen. Die Tür zum Pub liegt nicht einmal einen Meter von ihm entfernt. Er schiebt sie auf und geht hinein. Wenn er den Tisch fand, an dem er gesessen hat, würde er auch rekonstruieren können, warum er hier war und was er im Sinn hatte, als er sein Glas leerte und das Lokal verließ. Das ist die altbekannte, klassische Methode, die fast nie fehlschlägt: zum Ausgangspunkt einer Handlung zurückzukehren, um sich ihr Ziel ins Gedächtnis zu rufen.

Die meisten Männer im Pub tragen dunkle Anzüge, einzelne auch Jeans und Pullover. Er kann sich an kein Gesicht erinnern, doch er war wohl zu sehr mit seinem Bier und den eigenen Gedanken beschäftigt gewesen. In der schummrigen Ecke unter dem ausgeschalteten Fernseher sitzen dicht beieinander zwei junge Frauen. Unwillkürlich blicken sie zu ihm auf und schenken ihm ein pflichtschuldiges Lächeln, bevor sie die Köpfe wieder senken; wie zwei Nonnen, die beim Gebet gestört worden waren. Auf dem einzigen freien Tisch stehen ein leeres Bierglas, eine Tasse und ein Aschenbecher. Hier muss er gesessen haben, obwohl er sich momentan nicht daran erinnern kann. Er lässt sich auf einem der Stühle nieder und sitzt eine Weile zur Probe, dreht das Glas und lässt seinen Blick die Theke entlangschweifen, ist jedoch überzeugt davon, den Barkeeper nie zuvor gesehen zu haben. Er spürt, dass es in den Mundwinkeln und im linken Augenwinkel zu zucken beginnt. Auch die anderen Dinge kommen ihm unbekannt vor; es könnte sich um jeden x-beliebigen Pub handeln. Dennoch muss er hier gewesen sein. Was für eine lächerliche Situation! Er steht auf und geht entschlossen hinaus.

Doch der Boden schwankt unter ihm.

Als er bei kühler Witterung wieder auf dem Bürgersteig steht, dröhnt der Verkehr wie ein metallischer Wasserfall in seinen Ohren; vor seinen Augen scheinen Quecksilbertropfen hin und her zu rasen. Die Angst nimmt ernsthaft von ihm Besitz. Es hilft nichts, den Verstand zu bemühen, denn er kennt kein einziges Haus in dieser Straße. Nichts hat sich verändert seit vorhin, noch immer hat er keine Ahnung, wo er sich befindet, geschweige denn, aus welchem Grund er hier ist. Er geht nach rechts, aufs Geratewohl, entlang einer Häuserfront mit kleinen Läden. Es muss eine kühle Jahreszeit sein, denn die Leute sind warm angezogen. Er selbst ebenfalls. Anorak und Schal. Dunkelbraune, gefütterte Handschuhe. Die Temperatur liegt um null Grad.

Ganz ruhig. Es ist Winter. Du bist in einen Stadtteil geraten, den du nicht kennst. Kein Grund zur Verzweiflung. Bald wirst du wieder Herr der Lage sein. Dies ist nur ein momentaner Kurzschluss. Das kann jedem passieren, wann auch immer, wo auch immer.

Wo auch immer. Hier liegt das einfache, doch unheimliche Problem. An welchem Ort?

Ort, Hort, Sport, Wort ... Am Anfang war das Wort.

Er beginnt nach Wörtern zu suchen und findet rasch eine Antwort – auf den Schildern, über den Geschäften und in den Schaufenstern. Alle Wörter, die er liest, sind englisch. Vermutlich befindet er sich in Großbritannien, auch wenn er weder die Stadt noch den Anlass kennt, der ihn hierher geführt hat. Plötzlich packt ihn der Zorn. Diese Behandlung will er sich nicht gefallen lassen. Kaufte man zum Beispiel eine Ware, die nicht hielt, was sie versprach, hatte man allen Grund zur Reklamation und konnte bei einer Verbraucherschutzorganisation eine schriftliche Beschwerde einreichen. Es gab doch schließlich Grenzen, in welch brenzlige Situationen einen die Gesellschaft bringen konnte. Ein wohlbegründeter Protest war am Platz!

Im nächsten Augenblick, immer noch erregt, begreift er die Naivität seiner Überlegungen. Hier nutzte es nichts, auf erprobte Verhaltensmuster zurückzugreifen; die Situation ließ sich nicht beeinflussen. Diese Einsicht ist es wohl, die ihn langsam die Kontrolle über sich verlieren lässt. Seine Füße zittern bereits. Das Beben breitet sich im ganzen Körper aus, sodass er stehen bleiben und sich gegen die Mauer stützen muss, um nicht die Balance zu verlieren. Beinahe muss er sich übergeben, so übel ist ihm.

Komm zu dir. Unterdrück die Angst. Schließ die Augen. Denk nach.

Er versucht es. Wieder sieht er den Pub vor sich. Vor kurzem hatte er noch drinnen in der Wärme gesessen und ein Bier getrunken. Er hatte auf jemand gewartet, eine Person, die nicht zur verabredeten Zeit erschienen war. Darum hatte er das Lokal verlassen, verärgert. Mit welchem Ziel?

Er ist einer Ohnmacht nahe, hat Atemprobleme und spürt, wie der kalte Schweiß durch die Haut dringt und ihn von seiner Umgebung isoliert. Mit der freien Hand trocknet er sich die Stirn. Versucht sich zusammenzureißen, damit die Passanten nicht glauben, er lehne sich gegen die Wand, weil er krank oder betrunken sei. Er hasste es, unangenehm aufzufallen – und angeglotzt zu werden. Also: er hatte jemand treffen wollen. Einen Mann? Eine Frau? Ja, eine Frau, dessen ist er sich ziemlich sicher. War er mit ihr verheiratet? Sie hatte vermutlich Besorgungen machen wollen, und er hatte dankbar ihren Vorschlag angenommen, sich auszuruhen und im Pub auf sie zu warten.

Das war immerhin eine Möglichkeit. Er schluckt und die Übelkeit wird ein wenig schwächer.

Keine Sekunde glaubt er daran, zu träumen oder zu phantasieren. Träume konnten zwar sehr realistisch sein, waren jedoch immer von einer gewissen Verfremdung geprägt. Jetzt schien es sich schon eher um eine virtuelle Realität zu handeln, von der echten Wirklichkeit kaum zu unterscheiden, nur eine Nanosekunde vom eigenen Pulsschlag abweichend, ein so unbedeutend verzerrtes Spiegelbild, dass es mit dem Original praktisch identisch war. Die Erinnerung würde bald zurückkehren. Es bedurfte nur eines kleinen Rucks und er war wieder der Alte. Hinterher würden sie über die ganze Geschichte lachen. Vermutlich war er bloß überarbeitet. Oder das Bier war nicht in Ordnung gewesen. Er macht ein paar willkürliche Schritte und bleibt vor dem Schaufenster eines Uhrmachers stehen. Geschieht es schon jetzt? Er versucht, sich über seine Handlung Rechenschaft abzulegen.

Habe ich angehalten oder bin ich angehalten worden?

Alle ausgestellten Uhren zeigen dieselbe Zeit: 2.33. Seine eigene Armbanduhr auch.

Vermutlich hatten sie zusammen zu Mittag gegessen, er und die Frau, mit der er vielleicht verheiratet war. Während er versucht, sich daran zu erinnern, was sie gegessen hatten, wird die Übelkeit von einem unangenehmen, bohrenden Schmerz hinter den Schläfen abgelöst. Je mehr er sich zu konzentrieren versucht, desto unerträglicher wird er. Es hilft, die Uhren zu betrachten; damit kann er alle Gedanken verdrängen. Im Fenster befinden sich Uhren aller Größen und Formen, von gediegenen Wanduhren bis hin zu kleinen, ausgeklügelten Damenaccessoires, die so elegant sind, dass das Zifferblatt ohne Zahlen auskommt, alle dekoriert mit Weihnachtssternen und glitzernden Bändern. Er sieht auch verschiedene Wecker. Das wär’s! Aufzuwachen und auf einen Schlag die Orientierungslosigkeit überwunden zu haben. Er denkt an Raum und Zeit. Abstände maß man normalerweise in Metern, Kilometern und Meilen. Aber man konnte sie auch durch Zeitspannen ausdrücken, indem man zum Beispiel sagte, der Abstand zwischen A und B betrage zehn Minuten mit dem Zug. So hatte Einstein wohl gedacht. Und ein Humorist hatte es so formuliert: Die Zeit ist eine Erfindung der Natur, die verhindert, dass alles gleichzeitig geschieht.

Eine vernünftige und praktische Angelegenheit.

Aber was nun? Die Zeit lief weiter. Und er hatte nicht einmal rekonstruieren können, wann die Leere im Kopf eingetreten war und er in irgendeiner Form die Besinnung verloren haben musste. Vielleicht war es nicht geschehen, als er auf den Bürgersteig trat, sondern als er vom Tisch aufstand oder den letzten Schluck Bier trank. Oder noch früher, zum Beispiel als seine Frau den Pub verließ, um ihre Besorgungen zu machen. Falls er verheiratet war. Falls er überhaupt den Pub besucht hatte.

Er schließt die Augen – lange. Wenn er sie wieder öffnet, will er sich an einem Ort befinden, der ihm bekannt ist. Er beginnt, bis hundert zu zählen, schneller und schneller. Bildet sich ein, er könne den Verkehrslärm ignorieren. Achtundneunzig, neunundneunzig, hundert ... Ich komme! Er blinzelt. Starrt auf dieselben präzise tickenden Uhren. Schluckt, um den quälenden, hoch im Hals sitzenden Kloß loszuwerden. Das gelingt, doch erneut macht sich der Druck hinter den Schläfen bemerkbar. Etwas Grundsätzliches stimmt mit seinem Kopf nicht. Er hebt die Hand, fährt sich behutsam durch die Haare und sucht nach einer offenen Wunde, findet jedoch keine.

Hinter ihm gleitet ein roter Bus im dichten Strom der Fahrzeuge an ihm vorbei; er sieht ihn im Fenster. Ein Bus mit zwei Etagen. Ein Doppeldecker. Er sieht auch die Passanten, die Englisch sprechen – eine Sprache, die er ziemlich gut beherrscht, obwohl sie nicht seine Muttersprache ist. Die Wortfetzen, die er aufschnappt, kommen ihm wie Sprechblasen eines Comics vor, dessen Handlung er nicht versteht:

»Hab ich doch gesagt, lass mich in Ruhe.«

»Das werde ich Margaret erzählen.«

»Mir reicht’s.«

»Zum Angeln? Aber doch nicht kurz vor Weihnachten.«

Er begreift den Sinn jedes einzelnen Wortes und versucht sich an die erfreuliche Tatsache zu klammern, dass er nicht völlig den Verstand verloren hat, dass er die Sprache versteht, dass er zur Not in der Lage ist, mit anderen Menschen zu kommunizieren. Der nächste Schritt musste sein, sich nach Hilfe umzusehen, Kontakt mit einer Person aufzunehmen, die ihm eine so nützliche Auskunft erteilen konnte wie die, wo er sich eigentlich befand. Die ihm so präzise Koordinaten angeben konnte, dass es ihm möglich wurde, sich in die richtige Richtung zu bewegen, zurück zu der Wirklichkeit, die ihm vertraut war und in der er sich orientieren konnte. Er brauchte nur einen kleinen Wink, eine Ortsangabe, und das unangenehme Zittern würde verschwinden wie eine Pfütze an einem warmen Sommermorgen. Doch irgendetwas hielt ihn davon ab, jemand anzusprechen. Weil es ihm peinlich war?

Genau in diesem Moment zeigen alle Uhren im Fenster 2.37.

P.m., denkt er, post meridiem. Ein Winternachmittag, irgendwo auf den Britischen Inseln. Er setzt sich wieder in Bewegung, lässt Rolex, Certina, Swatch und Omega zurück. Schaudernd biegt er um die Ecke in eine kleine Straße mit niedrigeren Häusern, an deren schmalen Bürgersteigen zwei gelbe Streifen entlanglaufen. Er weiß, was die Streifen bedeuten: Parken verboten. Er weiß es, weil er schon früher in diesem Land gewesen ist. Gemeinsam mit der Frau, der er womöglich angehört.

Doch jeder Gedanke, jedes Aufschimmern einer möglichen Vergangenheit, das ihn auf die richtige Spur setzen könnte, führt nur zu einem neuen Vakuum in seinem Kopf und weiteren Schmerzen. Die Assoziationen sind wie Warnsignale, starke Halogenlampen, deren Licht blendet und ihm die Sicht nimmt. Zusammen mit dem Kopfschmerz machen sie jedes Forschen nach möglichen Erklärungen zunichte. Vermutlich wäre es das Klügste, auf dem Absatz kehrtzumachen und in der Hoffnung zum Pub zurückzugehen, dass die Erinnerung langsam wiederkehrt.

Dass er diesen einleuchtenden Gedanken nicht in die Tat umsetzt, liegt an der neuen Erfahrung, dass logische Schlussfolgerungen ein erhöhtes Unbehagen nach sich ziehen. Sobald er einfach weiterschreitet, ohne sich den Kopf zu zerbrechen, lässt der Druck von innen nach. Das fremde Terrain reduziert sich auf eine gleichgültige Straße, von der keine Bedrohung ausgeht. Der Körper fühlt sich leichter und momentan plagen ihn keine Sorgen. Er betrachtet seine Füße und beobachtet, wie sie ihn Schritt für Schritt vorwärts bringen.

Gehe ich oder werde ich gegangen?

Der Spiegel im kleinen Raum, in dem er steht und sich erleichtert, ist zersplittert. Er lässt es lange und wohlig laufen, vermutlich infolge des kürzlich konsumierten Bieres, denn der Strahl ist glasklar. Es gab nur eine Erklärung: Er hatte einfach einen kurzen Aussetzer gehabt. So etwas kam vor, das hatte er schon gehört. Jetzt war es nur notwendig, kühlen Kopf zu bewahren. Langsam würde sich der Körper erholen und der unerwarteten Situation anpassen. Oder umgekehrt: Er würde einsehen, dass dieser Zustand der normale war.

Zurück auf der Straße, würde er zu sich kommen und wieder ganz der Alte sein.

Er ist sich dessen so gewiss, dass er, nachdem er seine Hände unter dem glühend heißen Luftstrom eines Automaten getrocknet hat, optimistisch lächelnd auf die Straße tritt und den Evergreen Bye Bye Blackbird summt. Nach einer Weile gelangt er an einen Park, der durch ein schwarzes Eisengitter vom Bürgersteig abgegrenzt ist. Schon an der nächsten Ecke würde er sowohl die Kopfschmerzen als auch die unangenehme Übelkeit los sein, die Gegend wieder erkennen und seine Schritte in die richtige Richtung lenken.

Der Nebel, der ihn umgibt, lichtet sich langsam, jedoch nicht so sehr, wie er erwartet hatte. Ein merkwürdiges Wort kommt ihm in den Sinn: dribkcalB. Es bedeutet Amsel auf Englisch – rückwärts gelesen.

Wenn ihn etwas auf dieser Welt beschäftigte, dann war es Sprache. Sein ganzes Leben lang hat er sich mit Wörtern herumgeschlagen. Er weiß nicht, warum das so war, und will es im Moment auch nicht wissen.

Hinter dem Gitter, im Park, in einem Garten mit feuchten Winterbäumen und zerzausten Spatzen, gingen sicherlich ausgeglichene Menschen spazieren und führten vernünftige und verständige Gespräche. Er musste nur einen Eingang finden, dann konnte er sich unter die Leute mischen und jemand ansprechen, der alles unter Kontrolle hatte. Aber vielleicht wäre das gar nicht nötig, wenn schon in Kürze Klarheit anstelle von Chaos trat.

An der nächsten Kreuzung fällt sein Blick in der Ferne auf ein hohes Gebäude. Selbst auf die große Distanz, die mindestens einen Kilometer beträgt, kann er die eisblauen Buchstaben an der Front lesen: Earls Court. Und zum ersten Mal, seit er aus dem Pub gekommen war, hat er eine Assoziation, die ihm keine Kopfschmerzen bereitet. Er denkt an eine große Messe. Eine, an der er teilgenommen hat oder teilnehmen soll. Während er weitergeht, werden die Buchstaben von anderen Fassaden verdeckt, doch er glaubt, in etwa die Richtung beibehalten zu können. Wenn er das Haus mit dem Schriftzug erreichte, würde er sich auch über seine Bedeutung klar werden und wieder zu sich kommen. Ganz bestimmt!

Kurz darauf beginnt es eiskalt zu regnen. Er hat keinen Schirm dabei. Auf der anderen Seite der breiten Straße entdeckt er ein Café und eine Toreinfahrt. Ebenso instinktiv wie gedankenlos geht er schneller – gefährlich schnell. Das Nächste, das er hört, ist das schrille Quietschen von Autoreifen, das ein Ende findet, als die dreckige Stoßstange eines Lieferwagens, der eine Vollbremsung macht, gegen sein linkes Knie stößt. Der Fahrer springt hinaus in den Platzregen und fuchtelt mit den Armen.

»Hey, du hast sie wohl nicht alle!«

»Entschuldigung.«

»Sind hier etwa Zebrastreifen?«

»Nein, tut mir leid.«

Das Englisch fällt ihm schwer, logischerweise. Sorry hat er gesagt. Pardon me.

»Du hättest hinüber sein können, du Vollidiot! Wäre wirklich nicht meine Schuld gewesen.«

»Nein, natürlich nicht.«

Er fühlt sich einer solchen Situation nicht gewachsen, und als die Autos hinter dem Lieferwagen anfangen zu hupen, spürt er, wie sich seine Füße wieder in Bewegung setzen.

»Ja, komm schon, schieb deinen Arsch von der Straße!«, gellt es in seinen Ohren, doch er kann sich nicht vorstellen, dass der Mann hinter ihm herläuft, weil sein stehender Wagen ein Verkehrschaos auslösen würde. »Könntest dich ruhig bedanken, dass ich dein verdammtes Leben gerettet habe!«

Sein Ziel ist immer noch dasselbe: der Bürgersteig auf der anderen Seite der Straßen. Kurzatmig, aber unversehrt steht er im trockenen, ruhigen Dunkel der überdachten Einfahrt, steckt eine Hand in die Jackentasche und stellt fest, dass er noch ein bisschen Kleingeld besitzt. Mehr als genug für eine Tasse Kaffee. Dass er das einschätzen kann, überrascht ihn nicht im Geringsten. Und wenn er immer noch zittert, hat das nichts mit dem haarscharf vermiedenen Unfall zu tun. Er zittert, weil er nicht herausfinden kann, was mit ihm geschehen ist. Ein ebenso peinliches wie lächerliches und verwirrendes Gefühl. Die Lücke in seinem Gedächtnis ist undurchdringlich, dicht und schwarz wie Pech.

Kurz darauf sitzt er im Anorak an einem kühlen Fensterplatz vor einem Plastiktisch und betrachtet die Regentropfen, die auf dem Asphalt unzählige kleine Explosionen verursachen. Seine Hand zittert so stark, dass der Kaffee überschwappt. Er verbrennt sich die Lippen und neue Wellen der Übelkeit breiten sich in ihm aus.

Ganz ruhig, alter Junge. So haben wir gerne miteinander geredet, als wir uns ... getroffen haben, aber wo? Sei nicht so verflucht ängstlich. Gerade eben, kurz bevor es zu schütten anfing, war ich drauf und dran, den roten Faden zu finden. Ein bisschen konzentrierte Entspannung und alles fällt mir wieder ein.

Konnte man sich konzentriert entspannen?

Das Paradoxon interessiert ihn. Doch sobald er darüber nachdenkt, ob es sich womöglich um ein berufsbedingtes Interesse an sprachlichen und semantischen Problemen handelte, werden die Schmerzen hinter seinen Schläfen so unerträglich, dass er sich nach vorne beugen und die Hände gegen sie pressen muss. Es tut so weh, dass er ein Stöhnen nicht vermeiden kann, obwohl ihm das Geräusch höchst peinlich ist.

Die Frau hinter der Theke, deren Kleid ebenso in die Jahre gekommen war wie sie selbst, hatte sein Verhalten offenbar bemerkt, denn sie tritt vorsichtig an seinen Tisch und fragt mit mütterlichem Ton: »Geht es Ihnen nicht gut?«

Er weiß nicht, was er antworten soll. Im Grunde ist er ja nicht krank – gesund allerdings auch nicht. »Wie heißt diese Straße?«, stößt er hervor. Seine Stimme klingt gepresst, vor allem wegen der Kopfschmerzen.

»Gloucester Road.«

»Und die Stadt?«

»Ach du meine Güte. Soll ich einen Arzt rufen?«

»War nur ein Scherz.«

»Früher einmal war dies ein eigenes Dorf«, sagt sie leise, während ihr Blick sich verklärt. »Kensington.«

Da fällt ihm ein, dass die Stadt London heißt und dass er aus Gründen, die im Dunkeln liegen, mit seiner Frau hier ist. Ein warmes Prickeln erfüllt sein Zwerchfell und die Kopfschmerzen nehmen ab. Jetzt musste er nur noch herausbekommen, wo sie sich befindet. Sobald er das wusste, konnten sie den Gang der Ereignisse rekonstruieren. Vielleicht ließ sich dann auch feststellen, wann die Erinnerungslücke eingetreten war. Er spürte, dass er eine Lösung nicht erzwingen konnte und dass sich früher oder später alles von selbst wieder einrenken würde, wenn er nur Geduld bewahrte.

In der anderen Jackentasche findet er einen Stadtplan, ein Feuerzeug und eine Zwanzigerschachtel Zigaretten der Marke Kent. Sie ist beinahe voll und nach den ersten Zügen beruhigen sich seine Nerven. Es gelingt ihm, ohne Widerwillen den Kaffee auszutrinken, sich langsam zu erheben, der Frau eine Münze zu geben und nach kurzem Zögern die richtigen Worte zu finden: »Reicht das?«

»Ja, danke. Und frohe Weihnachten!«

Gott sei Dank hatte es aufgehört zu regnen. Vor dem Café faltet er den Stadtplan auseinander. Er sucht im Register und findet die Gloucester Road. Dort. Dort ungefähr muss er sein. Vermutlich wohnten sie in einem Hotel in der Nähe. Die Hauptstraße hieß Cromwell Road. Benannt nach dem alten Schurken Oliver Cromwell. Sein vierter Sohn, Henry, soll in dieser Gegend gewohnt haben. Von diesem Detail ist er felsenfest überzeugt. Doch an den Namen des Hotels kann er sich nicht erinnern. Im Grunde genommen ist er ihm auch gleichgültig. Es gab angenehmere und entspannendere Dinge, mit denen man sich beschäftigen konnte, zum Beispiel mit Oliver Cromwells Familie. Er hebt den Kopf. Es ist etwas dunkler geworden und er friert. Seine Füße setzen sich wieder in Bewegung, so lautlos wie Insektenbeine.

Gehe ich oder werde ich gegangen?

Sie lächelte gespannt,

als sie die Tür des Black Lion öffnete. Der neue blaue Seidenschal lag in der Einkaufstasche von Past Times ganz oben. Er würde sicher seine Freude an ihm haben, auch wenn er erfuhr, dass er teurer war, als sie vermutet hatte. Sie hatten an einem Tisch hinter der Theke, in der Nähe des Fernsehers gesessen.

Er war nicht mehr da. Nur sein schwarzer Borsalino hing noch am Garderobenständer in der schummrigen Ecke. Vermutlich war er auf der Toilette. Sie nahm an ihrem Tisch Platz und knöpfte sich den Mantel auf. Warf einen Blick in die Tasche, packte den Schal aus und legte ihn sich um den Hals. Es fühlte sich an wie eine weiche Wolke. Sie angelte nach der Zigarettenschachtel in ihrer Handtasche. Der Barkeeper, ein untersetzter, älterer Mann mit stachelbeerfarbenen Augen, eilte geschäftig herbei und gab ihr Feuer.

»Can I help you, Madam?«

»I’m waiting for my husband.«

»Your husband? He left.«

Sie schaute ihn verwundert an.

»Walked away, five minutes ago.«

Zwei junge Frauen am Nebentisch, die vorhin nicht da gewesen waren, schauten zu ihr herüber. Sie legte die Zigarette im Aschenbecher ab und knöpfte ihren Mantel wieder zu. Stand auf, obwohl sie am liebsten sitzen geblieben wäre.

»Did he ... did he say anything?«

»A message? No, Madam.«

Sie nickte verdutzt, vergaß die Zigarette und strebte dem Ausgang zu. Auf dem Bürgersteig blieb sie stehen, warf einen Blick auf ihre Armbanduhr und stellte fest, dass sie sich nur unwesentlich verspätet hatte. Wahrscheinlich war er ungeduldig geworden und zu Past Times zurückgegangen, um sie zu suchen. Doch er musste einen anderen Weg genommen haben, denn sie waren sich nicht begegnet. Sie begann zu laufen und hastete über die Straße in Richtung Kensington Street. Erreichte diese nach fünf Minuten und steckte keuchend den Kopf zur Tür des nach Textilien und Gewürzen duftenden Geschäfts hinein.

»My ... my husband ...«, stotterte sie. »Has he been here and asked for me?«

Die junge Verkäuferin, die ihr den Schal verkauft hatte, verneinte erstaunt.

Sie beeilte sich, zum Pub zurückzukehren, gleichermaßen über sich selbst und ihren Mann den Kopf schüttelnd. Die außerplanmäßige Reise, zwei Wochen London, war ihre Idee gewesen. Nach vier Tagen in der Großstadt hatten sie zum ersten Mal – er bei einem Bier und sie bei einem Cappuccino – über das geredet, was hinter ihnen lag. Bis zu diesem Zeitpunkt waren sie beide bemüht gewesen, alles Belastende und Unangenehme zu verdrängen. Hatten versucht, nach vorne zu blicken, sich zu entspannen und nach neuen Möglichkeiten zu suchen. Der Aufenthalt sollte ihm neue Kraft geben. Auch ihr. Doch die Vergangenheit lauerte wie ein latenter, gefährlicher Virus. Versehentlich hatte einer von ihnen das Tabuthema berührt. Sie glaubte, dass er es gewesen war, gegen seinen Willen. Eine scheinbar belanglose Assoziation hatte ausgereicht. Das Gespräch kreiste, wie üblich, um sein Schuldgefühl, obwohl er unschuldig war. Einmal mehr hatte sie ihn zu beruhigen versucht und ihm versichert, die Zeit heile alle Wunden. Sie wusste, wie banal sich das anhörte, doch am Ende hatte er sie betreten angelächelt und sich für seine Gereiztheit entschuldigt. Lächelnd entgegnete sie, er könne es wieder gutmachen, indem er zum Beispiel ein paar Pfund für den wundervollen, handbemalten Schal springen lasse, den sie vor einer Weile schon in den Händen gehalten, sich aus finanziellen Gründen aber verkniffen habe. Da hatte auch er gelächelt und ihr sein Portemonnaie in die Hand gedrückt. Ich spendiere. Lauf einfach los und kauf ihn dir, ich trinke inzwischen mein Bier. Es macht mir nichts aus, hier zu warten.

Der Barkeeper mit den gelbgrünen Augen nickte ihr zu, als sie wiederkam.

»You didn’t catch him?«

»No. But if he turns up, please tell him that I walked back to the hotel.«

»Shall do, Madam.«

Sie dachte an seinen Hut. Er hing immer noch am Garderobenständer. Sie nahm ihn herunter, legte ihn zuoberst in die Einkaufstasche und ging durch verwinkelte Gassen zur Cromwell Road zurück.

Als sie die großzügige, gelb gestrichene Lobby des Forum Hotel betrat, mit müden Füßen nach all dem Hin und Her, schaute sie sich sorgfältig um, bevor sie zu den Aufzügen ging. Sie wohnten in schwindelnder Höhe, im 24. Stock, und genossen beide die phantastische Aussicht. Oben angekommen, öffnete sie ihre Handtasche und suchte nach dem Kartenschlüssel. Wenn sie das Zimmer aufschloss, würde ihr gut aussehender Mann – der zehn Jahre älter war als sie – in einem der Sessel vor dem Fenster sitzen, in einer Zeitschrift blättern und sie nachsichtig anlächeln. Oder er wäre zerknirscht, reserviert, stumm, mürrisch, unglücklich, deprimiert. Wer konnte das wissen. Dann entdeckte sie sein Portemonnaie in ihrer Handtasche und erinnerte sich daran, dass der Kartenschlüssel darin war. Also konnte er nicht auf dem Zimmer sein.

Das erwies sich als richtig. Sie seufzte und bewunderte den blauen Schal im großen Spiegel, bevor sie mit den Füßen ihre Schuhe abstreifte und die Tür des Einbauschranks öffnete, den sie sich teilten. Den eingepackten Pullover, den sie bei Past Times von ihrem eigenen Geld gekauft hatte, legte sie auf der linken Seite unter das Tuch, während sie seinen Hut ganz oben auf der rechten Seite platzierte. Wenn er sich irgendwann hierher bequemte, wollte sie sich ihren Unmut nicht anmerken lassen. Vielleicht hatten sie sich bloß missverstanden. Es kam vor, dass sie seine Äußerungen nicht richtig auffasste. Vor allem in letzter Zeit, nach dem Freispruch.

Sie fröstelte, warf einen Blick auf die Armbanduhr und versuchte, an etwas anderes zu denken.

Er geht die großzügige

und lang gezogene Cromwell Road entlang. Hier und da sind die Bäume und Fassaden mit Glitter und Lichterketten geschmückt. Es ist Vorweihnachtszeit, doch die Ursache seines Besuchs in London nimmt seine Gedanken weniger in Anspruch als vor einer Stunde. Mitunter denkt er an etwas ganz anderes.

Er hat sich eine Ausgabe des Guardian gekauft, die er unter dem Arm trägt. Sie ist datiert vom 10. Dezember 1997, was ihn nicht wesentlich klüger macht. Mit einigen der wichtigsten Nachrichten, denen aus dem Ausland, kann er etwas anfangen. Der Börsencrash in Fernost gibt ihm das Gefühl, noch am Leben teilzunehmen, nicht völlig von jeder Kontinuität abgeschnitten zu sein. Die Nachrichten widmen sich Vorgängen, deren Hintergründe er kennt, schildern Entwicklungen, die erst kürzlich ihren Anfang nahmen. In der letzten Woche. Spätestens gestern. Er befand sich zwar am falschen Ort, aber die Zeit war richtig. Das beruhigte ihn. Ein Stück Normalität.

Er passiert ein von der Straße zurückgesetztes Hochhaus. Als er den großen Schriftzug liest – Forum Hotel –, macht sich erneut der Druck hinter den Schläfen bemerkbar, blitzartig und intensiv. Rasch geht er weiter.

Das hilft. Er geht und geht und geht. Die Füße bewegen sich von allein und bringen ihn schnell voran. Aber das Gebäude mit den noch größeren Buchstaben – Earls Court – findet er nicht wieder. Warum auch? Zunächst muss er sich selbst wiederfinden.

Das ist schon eine Art von Besessenheit geworden, weitaus wichtiger als die Beschäftigung mit der fremden Umgebung. Und gleichzeitig drängte ihn sonst nichts. Er verspürt weder Hunger noch Durst, die Übelkeit ist verschwunden. Er hat das Gefühl, stundenlang durch die Straßen laufen zu können, mit festen Schritten, ohne das Ziel zu kennen. Ein namenloser Drang, der alles andere als lästig ist, treibt ihn weiter. Vom Vakuum ist nur ein kümmerlicher Rest geblieben, der sich aus dem Kopf verabschiedet und in die Nähe des Zwerchfells verzogen hat. Er spürt ihn nur, wenn er zu tief Luft holt. Früher oder später würden die Karten aufgedeckt, hieß es gemeinhin in den abgedroschenen Artikeln, die ihn zu ärgern pflegten.

Er macht sich keine Gedanken darüber, dass die Dunkelheit, wie auf Samtpfoten, näher kommt.

Ein paar Häuserblocks weiter wird seine Aufmerksamkeit von einem U-Bahn-Eingang geweckt. Er kommt ihm bekannt vor, doch er weiß, dass die U-Bahn-Eingänge fast alle gleich aussehen. Gemeinsam mit vielen anderen Menschen gelangt er zu einer langen Reihe schwarzer Schleusen, die am ehesten an die Flügeltüren eines Saloons erinnern. Bevor er an der Reihe ist, steckt er eine Hand in die Jackentasche, zieht eine Fahrkarte heraus und steckt sie in einen Schlitz. Sie wird verschluckt, doch genauso schnell von einem anderen Schlitz wieder ausgespuckt. Die Flügeltüren gleiten auseinander, und als er seine Fahrkarte wieder hat, zwängt er sich rasch durch die Öffnung.

Während er auf der unendlich langen Rolltreppe steht, die polternd in die Tiefe fährt, wird ihm schlagartig klar, dass er diese U-Bahn wohl kaum zum ersten Mal benutzt, denn als er sich den Schleusen näherte, hatte er sich automatisch richtig verhalten. Er studiert die Fahrkarte.

London. Underground. 01Day Ticket. 10DMR 97.

Mit diesem Ticket konnte er einen ganzen Tag lang fahren, wohin er wollte. Er musste es früher am Tag gekauft haben. Das Netz der Tunnel, das kreuz und quer unter der Metropole verlief, war ihm vertraut. Die Erde unter ihm war genauso durchlöchert wie das Territorium eines Maulwurfs, ein ausgeklügeltes System, in dem Züge binnen weniger Minuten zehntausende von einem Punkt zum anderen beförderten. Hingegen ist ihm schleierhaft, was ihn eigentlich hierher getrieben hat. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als seiner Intuition zu vertrauen, sich darauf zu verlassen, dass Kräfte, die er nicht beeinflussen konnte, ihn schon an den richtigen Ort führten. Von einer bewussten Entscheidung konnte keine Rede sein, von einer Notwendigkeit schon gar nicht. Darum leistet er auch keinen Widerstand und fragt sich immer weniger, warum das so ist.

Eine Woge warmer Luft, durchmischt vom Geruch nach Urin und verbranntem Öl, schlägt den Reisenden am Fuß der Rolltreppe, an der die Tunnelröhre einen Knick macht, entgegen. Er folgt dem Strom, vorbei an grellen Werbeplakaten, über einen Boden, der mit rundlichen Flecken, die aussehen wie gelbliche Münzen, übersät ist: ein internationaler Kaugummifriedhof. Als der Tunnel sich teilt, liest er Eastbound und Westbound und schließt sich der Mehrheit an.

Auf dem Bahnsteig muss er nicht lange warten. Ein Zug braust heran, doch es gelingt ihm nicht, den Namen der Endstation am Kopf des Triebwagens zu lesen. Er macht es einfach wie alle anderen: drängt in den Zug, schlängelt sich zwischen Körpern beiderlei Geschlechts und aller Altersgruppen hindurch und greift sich eine der Halteschlaufen. Eine monotone, blecherne Stimme leiert eine vertraute Durchsage herunter; der Zug beschleunigt rasch, hinein ins Dunkel. Er riecht das Parfüm einer jungen Frau, die mit dem Rücken zu ihm steht, betrachtet ihre dichten schwarzen Locken und stellt sich die mokkafarbene Rundung ihrer Wangenknochen vor. Er sieht überhaupt viele Farbige. Die meisten sehen traurig, müde und verloren aus, doch einige lächeln nachdenklich in sich hinein, als erinnerten sie sich an eine heitere Episode aus ihrer Kindheit. Die fröhlichsten halten Plastiktüten und Weihnachtsgeschenke in der Hand. Es bereitet ihm Freude, die verschiedensten Typen zu beobachten, und obwohl er nicht weiß, wohin die Fahrt geht, fühlt er sich unter den Reisenden zu Hause. Vielleicht gerade deswegen, weil es Fremde waren, die ihn in Ruhe ließen und keine neugierigen Fragen stellten. Es war ein angenehmes Gefühl, inkognito unterwegs zu sein.

Als der Zug anhält, steigen viele aus. Er setzt sich auf einen der freien Plätze und genießt es, die Füße auszustrecken und den Rücken anzulehnen. Ihm gegenüber sitzt ein älterer Herr mit einer kleinformatigen Zeitung. Er trägt einen eleganten grauen Mantel und einen karierten Hut, ein echter Brite. Links von ihm: ein kurzgeschorener Kerl mit Walkman. Zur Rechten: eine Brünette, vertieft in ein Taschenbuch. Neben ihr: ein schlafender Mann, der etwas Indianisches an sich hat. Aufgrund der Fransenjacke oder der Adlernase unter den pechschwarzen Haaren? Winnetou oder der letzte Mohikaner, ohne Pfeil und Bogen.

Die Menschen sehen einander kaum an; allenfalls wenn diejenigen, die weder lesen noch schlafen, es satt haben, die Werbetexte über den Fenstern zu studieren. Ihre Blicke begegnen sich flüchtig, verändern ihren Ausdruck und schweifen weiter. Genau wie sein eigener Blick, nachdem er ein Gesicht eine Weile betrachtet hatte.

Der Zug rast von Station zu Station. Zwischenzeitlich füllt er sich wieder, bevor auf einen Schlag viele Leute aussteigen. Er steht auf und folgt ihnen, während er sich fragt, ob Winnetou womöglich verschlafen und seinen Zielort verpasst hat. Er geht verschiedene Gänge entlang. Dies musste eine Station sein, an der sich mindestens zwei Linien kreuzten. Er nimmt eine Rolltreppe nach oben, bevor er mit einer anderen wieder nach unten fährt und einen korpulenten Farbigen erblickt, der Altsaxophon spielt. Im offenen Instrumentenkoffer schimmern matt ein paar Münzen. Er bleibt einen Augenblick stehen und hört zu. Unglaublich, was der Kerl draufhat. Die Wiedergeburt von Bird. Doch dann fängt er erneut mit derselben Melodie an: Now’s The Time. Man drängt ihn weiter.

»Excuse me, Sir.«

Die Leute in diesem Land sind höflich.

Er findet keinen Ausgang, lässt sich durch das Labyrinth treiben und entscheidet sich schließlich für eine Richtung, die mit Northbound beschildert ist. Ein neuer Zug und neue Menschen. Ein grauer, nur spärlich besetzter Waggon, vielleicht weil es der letzte ist. Er spürt, dass sein Magen knurrt, dass er hungrig wird. Doch er hat keine Angst mehr. Braucht die Dinge einfach auf sich zukommen lassen. Vorläufig war er ein sorgloser Reisender.

Bei einer Station namens Hampstead steigt er aus, vermutlich weil ihm der Name bekannt vorkommt. Er schien mit einem Schriftsteller in Verbindung zu stehen. Schriftsteller. Das hörte sich vertraut an. Sprache, natürlich. Worte. Das Werkzeug eines Schriftstellers. War er selbst einer? Er glaubt es nicht, weil ihm dann sicher einige seiner Titel einfallen würden. Zum ersten Mal seit längerer Zeit spürt er wieder das leichte Zittern seines Körpers, die eigenartige Hilflosigkeit, die ihm verrät, dass er nicht die volle Kontrolle besitzt, dass ihm irgendetwas abhanden gekommen ist, ein Draht, so hauchdünn wie eine Glasfaser.

Vor einem Pub, glaubt er.

Ein Lift bringt die Reisenden an die Oberfläche. Als er auf die Straße tritt – nachdem er eine weitere Schleuse passiert und sein Ticket zurückerhalten hat –, ist der Himmel schwefelfarben. Der Ausgang befindet sich in einer Straßenkurve, und er entscheidet sich für die Richtung, die heller erleuchtet ist. Die Zeiger seiner Armbanduhr stehen auf 6.23.

P.m.

Now’s The Time.

Er sucht Zuflucht im erstbesten Lokal und hat es ganz und gar nicht schlecht getroffen. Die Gerichte stehen in roter Kreide auf einer schwarzen Tafel. Er bestellt Lammkoteletts mit Gemüse sowie einen Pint helles Bier. Die rothaarige Bedienung erinnert ihn an eine Frau, deren Name ihm entfallen ist.

Er lässt es sich schmecken. Das Bier ist kühl und erfrischend. Er trocknet sich den Mund und hat für einen Augenblick die Assoziation, die Leere in ihm sei ein verlassenes Zimmer ohne Gardinen. Die wenigen Möbel sind mit weißen Schonbezügen abgedeckt. Der Raum kommt ihm bekannt vor, obwohl er ihn noch nie gesehen hat. Als die Bedienung vorbeigeht, zeigt er auf sein Glas. Es dauert nicht lange, bevor ein frisches Bier mit Schaumkrone vor ihm steht. Als er die Hand in die Jackentasche steckt, sagt sie lächelnd, er könne an der Theke bezahlen, wenn er gehe. Typisch England, denkt er. Hier gab es keine allgemein gültigen Regeln, was die Zahlweise anging; alles war dem Zufall und dem Willen des jeweiligen Inhabers überlassen. Er blättert ein wenig im Guardian und schließt dann seine Augen. Wenn er sie wieder öffnete, würde er vielleicht zu sich kommen, vernünftig nachdenken und dorthin zurückkehren können, wo er hingehörte. Aber das Bedürfnis ist schwächer als zuvor. Inzwischen scheint es sich fast um ein Spiel, ein stets wiederkehrendes Ritual zu handeln.

Einst ging ich über See und Land, da traf ich einen alten Mann; er sagte so, er fragte so, wo bist du denn zu Hause? Ich bin zu Haus im Wörterland, im Wörterland, im Wörterland, und jeder Mensch, der schreiben kann, der ist zu Haus im Wörterland.

Langsam lässt er das Licht durch seine zusammengekniffenen Augen sickern, ist aber weiterhin nicht in der Lage, vernünftig und zusammenhängend nachzudenken. Doch er hat das Gefühl, der Sache näher zu kommen. Er trinkt einen Schluck, erinnert sich an die Zigaretten in seiner Jackentasche und zündet sich eine an.

»Hast du auch ’ne Kippe für mich, Süßer?«

Er fährt zusammen, schüttelt den Kopf, bietet ihr aber trotzdem eine an. Die Frau, die neben ihm Platz genommen hat, muss mindestens sechzig sein. Er findet sie ziemlich abstoßend: ihr Gesicht ist bleich, im Oberkiefer fehlen ein paar Zähne und mit ihren eingefallenen Wangen macht sie einen ausgehungerten Eindruck. Sie riecht nach Schimmel. Die Zigarette lässt sie rasch in ihrer Manteltasche verschwinden.

»Die ist für später.«

Er nickt bloß, mehr überrascht als verärgert. Die burgunderfarbene Bluse, die sie unter dem fleckigen Mantel trägt, erinnert ihn an geronnenes Blut. Doch ihr Blick lässt ihn nicht los. Die Augen sind anklagend, gierig und flehentlich zugleich, als sei er ihr letzter Ausweg. Er weiß, dass es im Gegensatz zu dem Land, aus dem er kommt, hier nichts Ungewöhnliches ist, wenn sich ein Fremder mit an den Tisch setzt, vorausgesetzt, es gibt noch einen freien Stuhl. Mitunter führte das zu interessanten Gesprächen, meist zu belanglosem Smalltalk.

Nichtsdestotrotz empfindet er das Auftreten der Frau als Zumutung. Vermutlich wollte sie mehr als eine Zigarette. Ein unverfrorenes Weib auf Kontaktsuche. Oder eine gewöhnliche Bettlerin, die ihre Tricks anwandte, um ihn auszunehmen. Ihre nächste Handlung verunsichert ihn, denn unvermittelt greift sie nach seinem Glas, nimmt einen langen Schluck und grinst vergnügt. Er weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll, hört, dass um ihn herum getuschelt wird, während ein halbwüchsiger Junge zu kichern anfängt. Da eilt die Bedienung herbei, packt die Frau hart am Oberarm und zieht sie vom Stuhl.

»Verzieh dich, Suzy!«

Worauf Suzy faucht, sich losreißt und dem Ausgang entgegenwankt.

»Tut mir leid, Sir. Die ist wirklich eine Plage für uns«, entschuldigt sich die Bedienung. »Ich bringe Ihnen sofort ein neues Bier.«

Die Gäste an den umliegenden Tischen, die ihre Köpfe zusammengesteckt haben, nicken verständnisvoll in seine Richtung, und er lächelt dankbar zurück. Von jetzt an hat er seine Ruhe. Er ist froh darüber, bedauert aber, dass die Frau mit den eingefallenen Wangen nicht der Typ war, dem er sich hätte anvertrauen können. Er ist satt, fragt sich jedoch, was er jetzt tun soll. Das Bier und das gleichförmige Stimmengewirr haben ihn träge und schläfrig gemacht. Alles, wonach er sich sehnt, ist ein warmes Bett. Hier kann er zumindest nicht ewig sitzen bleiben. Er leert sein Glas, bevor er aufsteht, die Zeitung liegen lässt und seinen Anorak anzieht. Automatisch nach seinem Hut schaut, jedoch keinen erblickt. Dann hatte er wohl barhäuptig das Haus verlassen. Er geht langsam zur Theke, um zu bezahlen. Auf dem Weg tastet er in der Jackentasche vergeblich nach seiner Brieftasche. Der Barkeeper blickt ihn auf eine Weise an, als ahne er bereits, dass dieser Gast zu der Sorte gehört, die ihre Rechnung nicht begleichen kann. Eine Tür mit der Aufschrift Gents ist die Rettung.

Bevor er sich erleichtert, kramt er in jeder einzelnen Tasche seiner Kleidung. Das Portemonnaie ist verschwunden – gestohlen, verloren, vergessen. Das Einzige, was er findet, sind ein Stadtplan, eine Zigarettenschachtel sowie ein wenig Kleingeld, insgesamt ein Pfund und fünfzig Pence. Er schuldet dem Lokal mindestens zehn Pfund. Unter normalen Umständen hätte er selbstverständlich sein Portemonnaie dabei. Seine Brieftasche mit Banknoten und Kreditkarten.

Er war also völlig abgebrannt.

Doch nach einer Weile sagt er sich, er dürfe den Verlust nicht überbewerten, brauche nur zur Theke zurückzukehren und den Sachverhalt zu erklären. Er musste ihnen begreiflich machen, dass er das Geld zu Hause vergessen hatte und morgen wiederkäme, um seine Schulden zu begleichen. Im schlimmsten Fall würde er die Schmach auf sich nehmen und für ein paar Stunden als Küchenhilfe arbeiten. Aber das war wohl ausgeschlossen. Die freundliche Kellnerin hatte sicherlich längst bemerkt, dass er ein redlicher Kunde war, denn die Bedienung war ohne Fehl und Tadel gewesen. Da er von einem weiblichen Gast belästigt worden war, würde man ihm Glauben schenken, wenn er behauptete, die Brieftasche sei ihm gestohlen worden. Vielleicht hatte die freche und aufdringliche Suzy sie ja tatsächlich geklaut, als er für einen Moment die Augen schloss und sich das merkwürdige Zimmer mit den Schonbezügen über den Möbeln vorstellte. Er brauchte nur Namen und Adresse anzugeben, damit sie ihm ein Taxi riefen, das ihn nach Hause brachte. Die Bezahlung hatte keine Eile. Nach Hause?

Während er in das Urinal pinkelt, kehren die Schmerzen zurück, zum ersten Mal seit langem. Sein Kopf fühlt sich wie eine vorbereitete Sprengladung an. Ein bloßer Knopfdruck würde ausreichen, um ihn in das Universum zu schießen, hinaus in das schwarze Vakuum.

Ich muss den Pub wiederfinden, den mit der schummrigen Ecke in der Nähe des Fernsehers. Früher oder später wird sich jemand melden und nach mir fragen.

Doch im nächsten Augenblick hat er dieses Vorhaben bereits vergessen.

DribkcalB eyB eyB.

Mühsam gelingt es ihm, den Reißverschluss seiner Hose hochzuziehen. Dann wankt er zum Waschbecken und erblickt sein Gesicht, das ihn fragend anschaut, im Spiegel. Er ist sich nicht sicher, was er erwartet hatte, doch zumindest nicht dies:

Er sieht ein paar große braune Augen unter dunklen Brauen. Seine vollen Haare sind ebenfalls dunkel und nur an den Schläfen von feinen grauen Strähnen durchzogen. Eine kräftige, gerade Nase und die Andeutung einer Kinnspalte. Ein weicher, keltischer Typus, der in Großbritannien nicht weiter auffällt. Eine bürgerliche Erscheinung, alles in allem. Doch irgendetwas – gewisse unerwartete Begebenheiten – scheint ihn so erschüttert zu haben, dass sein ebenmäßiges Gesicht alle Klarheit verloren hat. In den dunklen Augen ist kein Funken Selbstsicherheit zu erkennen. Die Lippen wirken verschwommen, weil sie zittern, und das Zucken in einem Augenwinkel erschreckt ihn. Das Beunruhigendste ist jedoch seine krankhaft bleiche Gesichtsfarbe.

Er spürt, wie das Zittern sich im Körper ausbreitet, bis zur Kinnspitze wandert und die Wangen befällt. Seine eigenen? Schockiert muss er sich eingestehen, dass ihm sein Gesicht fremd ist. Er hat es nie zuvor gesehen. Es gehört einem anderen. Und mit dem Verlust der Brieftasche hat er auch den Beweis seiner Identität eingebüßt.

Er ist eine Nicht-Person.

Kam er nicht sofort an die Luft, würde er ohnmächtig werden. Er tritt vom Spiegel zurück, dreht sich abrupt um und entdeckt eine zweite Tür, die nicht ins Lokal führt. Ein grüner Schriftzug leuchtet über ihr: Emergency Exit. Sie ist verschlossen, doch der Schlüssel steckt im Schloss. Er dreht ihn herum und öffnet. Schließt hinter sich die Tür und befindet sich auf einem düsteren Parkplatz hinter dem Gebäude. Es ist völlig dunkel geworden. Zwischen den Autos stiehlt er sich davon und biegt mit schnellen Schritten in eine alleeartige Seitenstraße ein. Als er jemand rufen hört, beginnt er zu laufen, obwohl er vermutet, dass die Rufe nicht ihm gelten. Zum ersten Mal in seinem Leben – glaubt er – prellt er die Zeche. Entsetzlich peinlich war das, und er spürt, wie ihm die Röte ins Gesicht steigt.

Nicht leicht und federnd läuft er, sondern steif und verkrampft, und es dauert nicht lange, bis er nach Atem ringt. Seine Form ist auch nicht mehr die Beste, falls sie es je gewesen war. Er hastet einen dürftig beleuchteten Kiesweg entlang, der zu einem parkähnlichen Gelände führt. Hampstead Heath vermutlich. Es musste ziemlich groß sein und bot vielfältige Möglichkeiten, im Dunkeln das Weite zu suchen. Doch andererseits hat er immer noch das Gefühl, sich in einem Tunnel unter der Erde zu befinden, einem Korridor mit gewölbter Decke, an dessen Ende kein Licht zu erkennen war.

Schließlich muss er stehen bleiben, sich nach vorne beugen und die Arme auf die Schenkel stützen.

Zwischen den hohen Bäumen ist es kühl und feucht, doch vom angestrengten Laufen ist ihm warm geworden. Er richtet sich auf und lauscht seinem hämmernden Herzen. Wenn er verschnauft hatte, würde er geradeaus weitergehen, quer durch den Park hindurch. Einen Weg oder eine Straße auf der anderen Seite finden, nach einer U-Bahn-Station Ausschau halten und sich vom erstbesten Zug an einen gemütlicheren, helleren Ort bringen lassen, weit weg vom Lokal, dem er Geld schuldete. Hoffentlich erwischte er eine Linie, bevor die U-Bahn Feierabend machte. Doch noch war genug Zeit, mehrere Stunden. Er ist satt. Der Duft faulenden Grases brennt in seiner Nase.

Geld.

Warum ein schlechtes Gewissen haben? Eigentlich hatte er ja reinen Tisch machen, zur Bedienung gehen und versichern wollen, dass er morgen seine Schulden bezahlen würde:

Ich kann Ihnen meinen Namen und die Adresse geben. Nein, meinen Pass habe ich leider nicht dabei. Der ist mir zusammen mit meinem Portemonnaie abhanden gekommen. Gott weiß, wo ich ihn verloren habe, ha-ha.

Gefolgt von einem gewinnenden, entschuldigenden Lächeln.

Und Ihr Name war ...?

Er hätte zugeben müssen, dass er seinen Namen nicht kannte.

Er spürt einen leichten Stoß gegen sein Knie, fast so wie die Stoßstange des Lieferwagens vor einer Weile. Doch hier gab es keine Autos, kein Licht, keinen Verkehr, niemand außer ihm selbst. Was er berührt hatte, war das einzige Möbelstück, das man in freier Natur finden konnte: eine Parkbank. Er legt seine Hand auf die Armlehne, lässt sich schwer auf die Bank fallen, lehnt sich nach hinten und saugt begierig die feuchte Luft in die Lungen. Der Schmerz hinter den Schläfen lässt langsam nach; es kommt ihm vor, als würde er einen eitrigen Zahn loswerden. Er ist wieder allein, auf den abenteuerlichen Pfaden eines unbekannten Dschungels mit gleichmäßig verteilten Bänken unter dem dichten Blätterdach.

Wie ist es möglich, dass er sich plötzlich wie befreit fühlt, so unendlich erleichtert, obwohl er immer noch nicht weiß, warum er in London ist, was ihn hierher geführt hat? Im nächsten Augenblick bricht er in Tränen aus, doch wirklich unglücklich ist er nicht.

Als es auf sieben Uhr abends

zuging, nahm sie den Fahrstuhl zur gelbfarbenen Rezeption des großen Hotels hinunter. Mit klopfendem Herzen wandte sie sich an einen Angestellten hinter dem Tresen.

»My husband ... Something must have happened.«

»Do you want us to call the police, Madam?«

»Yes, please.«

Da der Angestellte Wert auf Diskretion legte und das Gespräch mit der Polizei auf dem Hotelzimmer stattfinden sollte, fuhr sie mit dem Lift wieder nach oben. Sie setzte sich auf die äußerste Stuhlkante ans Fenster und wartete. Lauschte ihrem Herzschlag, presste die Knie aneinander und rauchte zwei Zigaretten, während sie mit aller Macht versuchte, die zunehmende Angst zu kontrollieren. Der eintretende Polizist hatte Sommersprossen im Gesicht und eine Mütze in der Hand statt eines Helms auf dem Kopf. Er gab ihr die Hand und stellte sich als Sergeant Dave Orgill vor.

»Linda Blix.« Sie fügte hinzu, sie sei Norwegerin und habe ihren Mann nicht mehr gesehen, seit sie sich vor circa fünf Stunden im Pub Black Lion voneinander verabschiedet hätten. Womöglich sei ihm etwas zugestoßen.

»His name, Mrs. Blix?«

»Steinar ... Steinar Blix.«

Weil er nicht sicher war, wie man das schrieb, holte sie Steinars Pass, der auf dem Toilettentisch lag. Er notierte sich den Namen auf seinem Block und fügte das Geburtsdatum hinzu: 23. August 1947. Sie teilte ihm mit, dass sie aus gewissen Gründen im Besitz seiner Brieftasche und ihr Mann vermutlich ohne Geld und Legitimationsmöglichkeit unterwegs sei.

Dave Orgill nickte freundlich und machte sich Notizen; seine Gegenwart hatte etwas Beruhigendes. Er nahm die Sache ernst und ihr damit aus den Händen, zumindest für eine Weile. Nannte mindestens hundert gute Gründe, warum ihr Ehemann den Pub hätte verlassen können. Zunächst aber wolle er einen Rundruf an die Notaufnahmen der Krankenhäuser senden. Nachdem er das gesagt hatte, sprach er in sein Handy und buchstabierte den Namen Steinar Blix so, wie er im Pass stand. Er meinte, sie würden kurzfristig eine Nachricht erhalten, falls der Vermisste irgendwo eingeliefert worden sei.

Während sie warteten, erkundigte er sich ausführlich, wie das Wetter in Norwegen zu dieser Jahreszeit wäre, und Linda, die begriff, dass er sie beruhigen wollte, gab bereitwillig Auskunft. Als schließlich sein Handy piepte, erfuhren sie, dass alle Nachforschungen bislang erfolglos geblieben waren. Vielleicht war es das Beste, wenn sie ihn auf das Revier begleitete.

Der sommersprossige Sergeant fuhr sie zur unweit gelegenen Kensington Police Station, wo er von einer Kollegin in Zivil mit roten Zöpfen abgelöst wurde. Sie hieß Elizabeth Parkins, war in ihrem Alter – um die vierzig – und bot ihr eine Tasse Tee an. Warum waren sie nach London gekommen?

Teils aus beruflichem, teils aus privatem Interesse, erklärte Linda. Vor allem ihr Mann habe eine anstrengende Zeit hinter sich und dringend Urlaub benötigt. Am Vormittag seien sie zum zweiten Mal beim Earls Court auf der grossen Buchmesse gewesen. Steinar sei Übersetzer für englische Literatur. Anschließend hätten sie im Black Lion, gleich hinter der Cromwell Road, gegessen.

»No quarrel, Mrs. Blix?«

»No, no ...« Es müsse ihm etwas zugestoßen sein, erklärte sie. Oder ich habe versehentlich etwas gesagt, das für ihn das Fass zum Überlaufen brachte, dachte sie im Stillen. Ihre eigenen Personalien musste sie auch angeben: geboren am 17. April 1957, wohnhaft in Oslo, von Beruf Bankangestellte.

Telefone klingelten. Elizabeth Parkins führte mehrere Gespräche. Ein Constable kehrte mit Steinars Pass zurück und teilte mit, sein Foto sei an sämtliche Polizeistationen und Krankenhäuser Londons gefaxt worden. Viel mehr könnten sie im Moment nicht ausrichten. Linda bekam einige Valiumtabletten und wurde zum Hotel zurückgebracht, doch ihr verzweifelter Wunsch, Steinar möge in der Zwischenzeit zurückgekommen sein, erfüllte sich nicht. Es wurde eine schlaflose Nacht.

Gegen drei Uhr meinte sie ein Klopfen an der Tür zu hören.

Mein Liebster!

Sie sprang aus dem Bett, warf sich den Morgenmantel über und öffnete. Doch niemand stand draußen. Die zunehmende Ungewissheit machte sie benommen. Sie hatte geglaubt, der Albtraum sei vorüber, als sie Norwegen verließen. Doch vielleicht fing er jetzt erst an.

Seine erste Nacht

ohne Identität verbringt er auf einer Bank. Sie steht unter einem schmalen Dach, über einem Eisengitter, aus dem warme Luft aufsteigt, irgendwo am Rand von Hampstead Heath. Er weiß nicht, ob der Luftstrom aus der U-Bahn oder von den Rohren eines Industriebetriebs kommt, doch es wundert ihn, dass dieser Platz nicht von anderen Obdachlosen in Besitz genommen wurde. Vielleicht war die Gegend zu vornehm, vielleicht gab es hier keine Obdachlosen.

Denn jetzt war er selbst einer geworden. Kein Entdeckungsreisender, sondern ein gewöhnlicher Penner.

Als er, auf dem Rücken liegend, erwacht, geschieht dies, weil ein Hund ihm mit der Zunge über sein Gesicht fährt, ein kleiner rotbrauner Bastard ungewisser Abstammung. Mühsam setzt er sich auf, blinzelt ins graue Morgenlicht und will den Hund streicheln, doch das Tier erschrickt und schlägt sich in die Büsche. Mit steifen Gliedern steht er auf und gähnt. Es tut gut, sich zu strecken; so fühlte man sich, wenn man an einem Sommermorgen aus einem engen Zelt kroch. Womöglich war es gar kein Hund, sondern ein Fuchs gewesen.

In der Baumkrone über ihm beginnt eine Amsel zaghaft zu zwitschern. Blackbird. Turdus merula auf Lateinisch. Sein Rücken fühlt sich nach der Nacht auf den harten Holzlatten ziemlich taub an. Doch was ihn vor allem beschäftigt, ist seine innere Leere. Er versucht ihr auf den Grund zu gehen, doch es gelingt ihm nicht. Dennoch waren etwaige Sorgen ganz und gar hypothetisch. Die Nacht hatte eine Veränderung bewirkt, hatte den schrecklichen Schmerz hinter den Schläfen vertrieben. Er spürt kein Schuldgefühl mehr, keine Scham, keine Reue. Kein Herzklopfen mehr aufgrund seiner Heimatlosigkeit. Keine bedrängenden Angstzustände. Er ist ein Mensch ohne Zahnweh, Gliederschmerzen oder schlechtes Gewissen. Seine einzige Sorge gilt im Moment der Frage, wie er Geld für ein kleines Frühstück auftreiben könnte. Er verlässt den Park auf der Ostseite, frei wie ein Vogel. Es ist früh am Morgen und er fühlt sich unbeschwert.

Kurz darauf bleibt er vor einem Plakat stehen und muss dicht an die Wand treten, um den Text unter dem Bild lesen zu können, auf dem eine dreckige Matratze sowie ein Paar Füße zu sehen sind, die aus einem großen Pappkarton herausgucken:

Freie Unterkunft im West End – Tür an Tür mit einem renommierten Warenhaus. Zentral, luftig und geräumig. Geringer Verkehrslärm. Zuweilen von Passanten als Urinal benutzt. Perfekt geeignet für Leute ohne Vorurteile.

Das musste ein Scherz sein, der auf Leute wie ihn zugeschnitten war; er bricht in kurzes Gelächter aus. Wird regelrecht gut gelaunt. Daneben hängt ein weiteres Plakat, auf dem Gerümpel und Lumpen abgebildet sind:

Zimmer in Hammersmith. Ruhige Lage in dunkler Ecke zwischen überfüllten Mülleimern. Leckende Abflussrohre sorgen für fließendes Kaltwasser. Komplette Möblierung mit leicht zugänglichen Pappkartons. Nur einen Steinwurf zur U-Bahn. Unbedingt anschauen!

Ein originell formulierter Spaß und Beispiel für britischen Galgenhumor, denn beide Plakate bitten im Namen einer Organisation namens Centrepoint um Spenden zugunsten junger Obdachloser. Viele leiden offenbar große Not, denkt er. Eine Not, deren Zunahme auf das Konto Margaret Thatchers und John Majors geht. Er kann sich daran erinnern, dass der neue Regierungschef Blair heißt und einen guten Eindruck auf ihn machte. Wenn irgendjemand die Probleme in Nordirland in den Griff bekommen konnte, musste es dieser Blair sein.

Wo wohnte er selbst? Die Schmerzen hinter seinen Schläfen verstärkten sich jedes Mal, wenn er eine Antwort auf solche Fragen suchte. Auch seine Knie begannen dann wieder zu zittern. Daher schien es ihm ratsam, die Dinge auf sich zukommen zu lassen. Er reißt sich von den Plakaten los und geht weiter. In dieser Gegend waren die Häuser gepflegt und die Straßen sauber. Wenn überhaupt, so fanden sich hier bestimmt nur sehr wenige ungebundene Existenzen. Zu vielen Häusern gehörten hübsche Gärten. Hier hat er ein heimisches Gefühl, obwohl er Hunger und Durst verspürt. Auf der Treppe, die zu einer blauen Haustür mit Messingklopfer führt, entdeckt er zwei Milchflaschen. Er blickt sich um, steckt sich die eine rasch unter die Jacke und eilt davon. Sobald er sich unbeobachtet fühlt, zieht er die Flasche hervor und trinkt – in langen, gierigen Zügen. Das tut gut, und so nimmt er kaum wahr, dass ihn eine Frau, die mit dem Fahrrad vorüberfährt, verwundert anblickt. Er kommt sich nicht wie ein Dieb vor; schon eher als moderne Dickens-Figur. Er stahl aus einer Notsituation heraus und nicht aus niederen Motiven.

Die Straße endet an einem weiteren Park. In einer Hecke entdeckt er eine Lücke, kriecht hindurch und findet sich auf einem Friedhof wieder. Offenbar einem sehr alten, teilweise überwachsenen. Einer Art Dschungel. Einige Bäume tragen welkes Laub, während andere ihre Blätter bereits verloren haben. Das Gelände ist etwas abschüssig und wird von mehreren Spazierwegen durchzogen. Hin und wieder bleibt er stehen, um die Grabinschriften zu lesen. Mitunter neigten sich die Kalksteine einander zu, als ob die Toten Kontakt suchten, um sich etwas zuzuflüstern. Eliza Dummet lehnte sich beispielsweise zu Thomas Foreman hinüber – vielleicht hatten sie sich einst geliebt. Es riecht nach Schimmel und Vergangenheit. Doch die Wege sind breit und gut begehbar. Er leert die Milchflasche und stellt sie vor ein relativ junges Grab. Die Leute werden annehmen, die Flasche diene als Blumenvase.

Dann liest er den Text auf dem Grabstein:

Gordon Bell

(Middle name Ernest, though he

placed no importance on it)

20. 12. 1942 – 17. 3. 1993

»Tomorrow do thy worst,

for I have lived today«

Die Briten waren seiner Meinung nach Weltmeister im Formulieren von Epitaphen. Er freut sich über das Wortspiel und macht sich Gedanken, was wohl auf seinem Grabstein stehen wird, wenn die Zeit gekommen ist. Das waren nur flüchtige Morgengedanken über ein Thema, das ihn selten beschäftigt, ihm aber dennoch merkwürdig vertraut vorkommt – der Tod. Der konnte in seinem Fall noch lange auf sich warten lassen. Nach dem Gesicht zu urteilen, das er gestern im Spiegel gesehen hatte, dürfte er kaum älter als fünfzig sein. Er rechnet rasch nach und stellt fest, dass Gordon Bell, als er das Zeitliche segnete, ungefähr im selben Alter war. Dennoch schlendert er zufrieden weiter, unbeeindruckt von dieser Entdeckung. Bald ist es Weihnachten und die Vögel in den Büschen geben seltsam exotische Laute von sich. Mögliche Sorgen hatte er mit der letzten Nacht hinter sich gelassen.

Dieser Ort gefällt ihm und er bleibt lange. Wandert systematisch auf den schmalen und breiten Wegen umher. Wenn er nicht geht oder ausgedehnte Pausen auf einer der vielen Bänke macht, versucht er, einige der fast unleserlichen Inschriften zu entziffern. Da ihm viele Namen bekannt vorkommen, scheint es sich nicht um einen x-beliebigen Friedhof zu handeln. Er lauscht dem entfernten Rauschen des Verkehrs und versucht den Hunger zu vergessen.

Es würde sich schon alles wieder einrenken.

Eine ganze Weile später, als der Kiesweg eine Biegung macht, kommt er zu einer Grabstelle, die größer und prächtiger ist als die meisten anderen. Frische Blumen liegen am Fuße des wuchtigen, im unteren Teil fast quadratischen Obelisken, der die goldenen Lettern trägt: Workers of all Lands Unite. Der große und etwas dunkler gehaltene Kopf auf der Spitze des Monuments trägt einen dichten Bart und scheint unbekümmert in die Zukunft zu blicken. Er hatte den Mann sofort erkannt. Deshalb also. Einige Menschen starben nie. Für einen Augenblick sieht er sich im Geiste selbst als Redner vor einer Gruppe junger Leute.

Wusstet ihr nicht, dass Karl Marx in England begraben ist? Doch, das ist er, auf dem Highgate-Friedhof in London, auf dem viele Berühmtheiten liegen.

Diese Erkenntnis, die er früher erworbenem Wissen verdankt, nämlich die Einsicht in seinen momentanen Aufenthaltsort, obwohl er vermutlich noch nie hier war, registriert er mit einem gleichgültigen Schulterzucken. Das Wichtigste war, dass er sich gut fühlte und nicht von unangenehmen Gedanken gequält wurde. Die Schmerzen hinter den Schläfen gehörten der Vergangenheit an, waren nur eine Fata Morgana gewesen. Der Sand im Stundenglas rieselte leicht und lautlos durch die Verengung und eine ganze Wüste sorgte offenbar für Nachschub. Er geht weiter und wundert sich über den fernen Gesang, der an seine Ohren dringt. Er versucht, den monotonen Klang zu lokalisieren und entdeckt in einiger Entfernung ein frisch ausgehobenes Grab, vor dem ein Gruppe von Männern in langen Mänteln Aufstellung genommen hat. Er ahnt die dunklen Anzüge, die sich darunter verbergen. Ein weißer Sarg wird langsam in die Erde gesenkt und der Pfarrer spricht mit eintöniger Stimme ein paar Worte. So früh am Morgen? Es war noch nicht einmal zehn Uhr.

Er nähert sich langsam und reiht sich unauffällig in die hintere Reihe des halbrunden Kreises ein. Die Männer machen ihm Platz, ohne ihn anzusehen. Nachdem man Erde auf den Sarg geworfen hat, tritt der Pfarrer ein paar Schritte zurück, und ein glatzköpfiger Mann lässt eine schneeweiße Blume in die Öffnung fallen. Danach rezitiert er einige Strophen von Thomas Hardy, die ihm bekannt sind. Eine lautet folgendermaßen:

Love laid his sleepless head

on a thorny rosy bed;

and his eyes with tears were red,

and pale his lips as the dead.

Als am Ende noch ein Kirchenlied gesungen wird, kommt ihm alles wie eine Komödie vor, ein gespieltes Begräbnis, eine Fernsehproduktion. Nur die Kameras fehlen. Vielleicht liegt das an dem Mann, der neben ihm steht und im Gegensatz zu ihm den Text nicht beherrscht. Er hat eine bürstenartige Frisur, nicht eine Träne in den Augen und brummt unbeschwert mit. Als werde die Trauer über den Verstorbenen von einer großen Portion Erleichterung aufgewogen. Als die Töne verklingen, dreht ihm der Mann sein Gesicht zu, setzt seinen Hut auf – er ist einer der wenigen mit Kopfbedeckung – und sagt leise:

»Jaspar war schon ein netter Kerl, doch auf Dauer ziemlich anstrengend.«

Er nickt geflissentlich, wie ein Mitwisser, obwohl er den Toten überhaupt nicht kennt. Doch inzwischen hat er alle Hemmungen abgelegt und sich entschieden, dass ihm diese Menschen sympathisch sind. Jeder Einzelne macht einen freundlichen Eindruck, und man spürt deutlich, dass nicht alle miteinander bekannt sind. Was ihm ermöglicht, sich selbst in diesen Kreis zu integrieren, ohne aufzufallen. Bei den meisten Begräbnissen traf man schließlich auf Menschen, die man nie zuvor gesehen hatte, weil allein der Verstorbene Kontakt zu ihnen gepflegt hatte. Als könne sein Nebenmann Gedanken lesen, fährt er mit tiefer Stimme fort:

»Kannten Sie ihn gut?«

»Nein ... das will ich nicht gerade behaupten. Ich ...«

»Eine lose Verbindung?«

»Ja, so kann man es ausdrücken.« Er hat das Gefühl, sein Englisch hört sich nicht gerade perfekt an.

»Aber Sie kommen doch noch auf einen Happen mit in den Pub?«

»Nun ...« Dann nickt er – hungrig – und hofft, dass es sich nicht um dasselbe Lokal handelt wie gestern Abend.

Der Mann mit dem Hut scheint auch nur wenige der anderen Männer zu kennen. Gemeinsam gehen sie einen breiten Kiesweg entlang, langsam den anderen folgend.

»Mein Name ist Walter Webb. Aber alle nennen mich Bobby.«

Er drückt dem Fremden die Hand. Sie fühlt sich fest und warm an, und es bereitet ihm keine Probleme, eine eigene Identität zu erfinden: »Ich heiße Gordon Bell.«

»Sie wurden längere Zeit im Ausland eingesetzt?«

Das muss an meinem Tonfall liegen, denkt er. Die phonetische Seite der Sprache beherrschte er wohl doch nicht so gut, wie er geglaubt hatte. »Ja, ich habe große Teile meines Lebens in anderen Teilen Europas verbracht.«

»Jaspar ist Gott sei Dank nicht viel herumgereist«, brummt Bobby, der in seinem Alter ist. »Trotzdem haben wir fast drei Jahre gebraucht, um ihm auf die Schliche zu kommen.«

So, wie Bobby redete, konnte es sich gut um einen jetzigen oder ehemaligen Polizisten handeln.

Außerhalb des Friedhofs bleiben sie eine Weile auf dem Bürgersteig stehen, und erst jetzt bemerkt er, dass sich eine Frau unter ihnen befindet. Als Witwe des Verstorbenen kam sie kaum in Betracht, eher schon als Repräsentantin des Begräbnisunternehmens, denn ihr Gesicht unter den geschwungenen blonden Haaren lächelt mit professioneller Freundlichkeit, während sie auf die Armbanduhr blickt und die Straße hinaufzeigt. In Richtung des Lokals, nimmt er an. Viele folgen ihr, als sie sich in Bewegung setzt, wohingegen andere nicken und in die entgegengesetzte Richtung davoneilen. Einige steigen in ihre Wagen. Als sie ein Schild mit der Aufschrift The White Horse Inn erreichen, hat sich die Gruppe auf zwölf Männer reduziert. Was sie angeht, hatte er richtig vermutet. Sie deutet auf den Eingang und verabschiedet sich. Er weiß nicht genau, warum, doch es gibt ihm einen Stich, als sie davongeht, obwohl er sie nie zuvor gesehen hat.

Für die Gesellschaft war ein eigener Raum reserviert, in dem einige Vierpersonentische mit weißen Decken stehen. Er folgt Walter Web, der ihn, nachdem er den Hut abgelegt und seine abstehenden Haare geglättet hat, mit zwei anderen Männern bekannt macht, die sich zu ihnen an den Tisch setzen. Auch sie in mittlerem Alter.

»Darf ich euch Gordon Bell vorstellen«, sagt Bobby zu ihnen, »einen Kollegen von uns. Früher auf der anderen Seite des Kanals tätig, nicht wahr?«

Er antwortet nicht, sondern gibt ihnen einfach die Hand. Der älteste, ein stattlicher, nach Knoblauch riechender Kerl, dessen Brille an einer Schnur um den Hals hängt, sagt, er heiße Frank Tipton, während der andere so nuschelt, dass er nur den Vornamen aufschnappt – Arthur. Ein seltsamer Typ mit hellblauen Augen und rostrotem Haar, dessen Jackett so unförmig aussieht, als habe er vergessen, den Kleiderbügel herauszunehmen. Sein Händedruck ist schlaff, beinahe unwillig. Vielleicht machte er sich nichts aus neuen Bekanntschaften. Dennoch ist es Arthur, der sich zuerst an ihn wendet, während ihm beim Sprechen Speicheltropfen aus dem Mundwinkel fliegen:

»War doch eine ganz nette Zeremonie, findest du nicht, Gordon?«

»Doch, doch.«

»So wie Jaspar selbst: einfach, grau, diskret und effektiv.«

»Stimmt.«

»Effektiv vor allem für die anderen!«

Jetzt glaubt er, den Zusammenhang zu verstehen. Anfangs hatte er vermutet, es handele sich um eine ehemalige Fußballmannschaft, doch es war wohl ein Zufall, dass sie zu elft waren. Arthurs letzte Bemerkung legte die Vermutung nahe, dass jeder auf seine Weise dazu beigetragen hatte, das Netz um einen Abtrünnigen enger zu ziehen, womöglich um einen Doppelagenten, der sie verraten hatte. Er malt sich aus, Jaspar habe für den britischen Geheimdienst gearbeitet und gleichzeitig dem Feind Informationen zugespielt. Die Bemühung um besondere Diskretion konnte auch der Grund für die frühe Stunde der Beisetzung sein.

Eine Kellnerin erkundigt sich, was sie trinken wollen. Die Antwort erschallt beinahe im Chor: Bier! Er selbst zögert am längsten, bis Bobby ihm mitteilt, die »Firma« bezahle. Da bestellt auch er einen Pint. Eine Platte mit Käse und Salat wird gebracht, gefolgt von einer weiteren mit Sandwiches. Das Essen ist reichlich, doch ganz plötzlich hat er die unheimliche Assoziation, es handele sich um ein Komplott, und die Männer um ihn herum seien hinterhältige Gegenspieler, die alles nur arrangiert hätten, um ihn auf die Probe zu stellen. Ohne dunklen Anzug, mit seinem olivgrünen Blazer und der braunen Hose, hob er sich ohnehin von der Gruppe ab.

Esse ich selbst oder lässt mich jemand essen?

Glücklicherweise langt Frank Tipton genauso zu wie er, und niemand scheint es merkwürdig zu finden, dass er sich so freimütig bedient. Nachdem die Kellnerin den Raum wieder verlassen hat, schlägt Arthur an sein Glas und erhebt sich, während die Gespräche an den übrigen drei Tischen widerwillig verstummen.

»Jaspar Goodwin«, beginnt Arthur, während er einen regelrechten Speichelregen über die Tischdecke schickt, »war ein feiner Kerl, bis er der klassischen Versuchung erlag.«

Die Männer nicken.

»Nachdem wir eine Menge Spaß miteinander hatten und die Sache wirklich so raffiniert eingefädelt worden war, dass jeder von uns hätte in die Falle tappen können, vergeben wir ihm großherzig den schicksalsschweren Seitensprung, in jedem Fall in dieser Stunde des Abschieds. Das meiste ist heute längst Geschichte; die Zeiten haben sich geändert. Unser pensionierter Kollege Frank Tipton, der hier an meiner Seite sitzt, hat sogar Andeutungen gemacht, dass es womöglich nicht einmal erforderlich gewesen wäre, ihn zur Rechenschaft zu ziehen. Wie auch immer, liebe Freunde, lasst uns Jaspar ein freundliches Andenken bewahren und ein letztes Mal zu seinen Ehren das Glas erheben.«

»Auf Jaspar«, schallt es fast unisono durch den Raum.

»Der Rest ist Schweigen«, schließt Arthur vielsagend, bevor er Platz nimmt und sich den Schaum von den Lippen wischt.

»Ja, die Zeiten haben sich wirklich geändert«, stimmt Walter Webb alias Bobby zu. »Arthur und ich sind wohl die einzigen in diesem Kreis, die immer noch aktiv sind. Wie läuft’s in der Kunstbranche, Frank?«

Tipton nimmt sich ein weiteres Sandwich, bevor er antwortet. »Ganz passabel. Die Galerie wirft zwar nicht viel ab, aber um die Wahrheit zu sagen, bin ich froh, dass es keine Verwendung mehr für mich gab und ich an die Luft gesetzt wurde. Ich hatte ohnehin Blut und Wasser geschwitzt, aus Angst, die Handelsdelegation würde spitzkriegen, dass ich mehr war als ein gewöhnlicher Kulturreferent. Wie ist es dir ergangen, Gordon?« Er setzt sich die Brille auf, blinzelt jedoch über den Rand. Die scharfen grauen Augen hätten einem wohlwollenden Untersuchungsrichter gehören können.

»Auch mich hat man seit einiger Zeit aus dem Spiel genommen«, hört er sich sagen und hofft, die Phrase klinge überzeugend.

»Und trotzdem hat man dich über Jaspar informiert?«, kommt es von Arthur – er wirkt beinahe überrascht.

»Ja, aber das war reiner Zufall. Nachdem ich mich entschieden hatte, wieder nach England zu ziehen, habe ich einen alten Kontakt aufgesucht, um mich zu verabschieden, und der hatte von Jaspars Ableben erfahren. Ich bin allein aus alter Verbundenheit hierher gekommen.« Obwohl er sich auf dünnem Eis bewegt, kommen ihm die Worte leicht über die Lippen, und seine Lüge bereitet ihm keine größeren Schwierigkeiten.

»Lebt deine Familie in London?«, erkundigt sich Tipton.

»Nein, und ich habe auch nur wenige Freunde nach den vielen Jahren auf dem Kontinent.«

»Hast du einen Job?«

Er denkt gut nach, bevor er antwortet. Vielleicht hatte Frank Tipton, der Galerist, nicht nur eine Vergangenheit als Dolmetscher, sondern auch Erfahrung im Führen von Verhören. »Ich werde mir über kurz oder lang was suchen müssen. Da, wo ich herkomme, ist die Arbeitslosigkeit mit am höchsten in ganz Europa. Das war der Grund, warum ich zurückgekehrt bin.«

Er spürt die Neugier der anderen, aber die macht ihm nichts aus. In diesem Augenblick ist ihm sonderbar leicht ums Herz. Entweder es funktionierte oder es funktionierte nicht. Im zweiten Fall verabschiedete er sich einfach und probiert etwas anderes.

»Was kannst du?« Nach dem Essen hatte sich Tipton eine karottendicke Zigarre angesteckt.

»Nicht viel. Ich habe immer auf offenem Feld operiert.« Er hofft, den richtigen Jargon getroffen zu haben.

Es scheint so, denn Tipton lächelt wehmütig. Dann sagt er, nicht ohne bitteren Unterton: »Dann hat es wohl wenig Sinn, Arthur um eine Rumpelkammer in der Curzon Street zu bitten. Aber das hast du sicher vorher gewusst.«

»Tja, mit Cambridge kann ich leider nicht dienen.«

Die Antwort lässt sowohl Arthur als auch Bobby zu Boden blicken. Sie sind immer noch »drin«, doch es schwant ihm, dass die goldenen Zeiten vorbei und die Plätze heutzutage umkämpft sind. Keiner von ihnen deutet auch nur die Möglichkeit an, ihm aus der Klemme zu helfen. Sein Blick fällt auf ein schwarzes Klavier, das an der Wand steht. Eine schwache Erinnerung dringt in sein Bewusstsein und beinahe automatisch hört er sich sagen:

»Aber ich kann improvisieren.«

Webb schaut ihn verwundert an. »Denkst du an die Nachrichtenabteilung? So etwas erfordert heutzutage umfangreiche Kenntnisse.«

»Ich spreche von Musik.« Er ist sich nicht mehr so sicher, ob ihm die Männer sympathisch sind, aber möglicherweise können sie hilfreich sein.

»Bist du so ein Altrocker?«

»Wenn ich mich nicht auf den Straßen herumtrieb, habe ich Jazz gespielt – am Klavier.«

Arthur zuckt seine Kleiderbügelschultern und blinzelt uninteressiert mit den hellblauen Augen, während Frank Tipton nachdenklich nickt. »Dann kann ich dir vielleicht doch helfen. Aber nur vielleicht. Wo wohnst du, Gordon?«

»Vorläufig nirgends. Ich bin erst heute Morgen in London angekommen.«

»Und was das Schlimmste ist ...«, vertraut er dem knoblauchduftenden Galeristen eine halbe Stunde später an, nachdem die Runde sich aufgelöst hatte und sie beide allein eine Straße namens Bredgar Road überqueren, »was das Schlimmste ist: Als ich bei Victoria Station ankam, entdeckte ich, dass jemand meine Brieftasche gestohlen hat.«

»Was du nicht sagst.«

»Es waren nur ein paar hundert Pfund darin, aber ...«

»Hast du die Polizei verständigt?«

»Nein. Was sollten die schon herausbekommen? Ich habe doch nicht den geringsten Anhaltspunkt. Leider war in der Brieftasche mein gesamtes Geld.«

Tipton wirkt nur mäßig beeindruckt. In seiner Zeit als Geheimagent hatte er sicher so manches erlebt. »Du bist also total abgebrannt«, stellt er fest.

»Das kann man wohl sagen. Während der Zugfahrt hatte ich mich eigentlich schon entschieden, das Begräbnis sausen zu lassen. Doch als mir klar wurde, dass ich nur noch ein bisschen Kleingeld in der Manteltasche hatte, habe ich die U-Bahn hierher genommen. Ich hatte eigentlich gehofft, irgendwelche alten Bekannten zu treffen, die mir unter die Arme greifen könnten. Aber die haben wohl schon dasselbe Schicksal erlitten wie Jaspar. Um ehrlich zu sein, kannte ich keine Menschenseele.«

»Jetzt kennst du zumindest mich«, sagt der andere jovial.

»Versteh mich bitte nicht falsch. Ich möchte dich nicht ausnutzen. Wir sollten uns jetzt verabschieden. Als freier Mitarbeiter habe ich keine Abfindung bekommen, nachdem mir mitgeteilt wurde, ich sei überflüssig geworden. Ich bin es gewohnt, mich durchzuschlagen und von der Hand in den Mund zu leben.«

Tipton zieht ihn schweigend am Ärmel und biegt nach links ab, als sie eine stark befahrene Straße erreichen. Sie sind in der Nähe der U-Bahn-Station Archway, die Tipton offensichtlich erreichen möchte. Gegen die Begleitung eines anderen ausrangierten Agenten hatte er offenbar nichts einzuwenden.

»Das hättest du Arthur oder Bobby gegenüber erwähnen sollen«, sagt er vorwurfsvoll.

»Ich hasse es, zu betteln.«

»Verstehe. Aber es ist wirklich ein Skandal, wie man uns behandelt, wenn unsere Zeit um ist. Eine Frührente hat die Königin für mich auch nicht springen lassen; darum bin ich gezwungen, ziemlich hart zu arbeiten, und kann dir leider auch nichts Besonderes anbieten. Nicht einmal den unterbezahlten Job eines Türstehers für meine kleine Galerie. Aber die Sache mit der Musik könnte vielversprechend sein. Vor allem brauchst du erst mal ein Dach über dem Kopf.«

Er hatte Frank Tipton schon seit einiger Zeit als echten britischen Gentleman eingestuft, der nicht ohne weiteres zuließ, dass ein unbekannter Kollege seine Karriere als obdachloser Bettler beendete. Daher riskierte er einen leichten Protest. Wenn er seinen Stolz zeigte und betonte, lieber die Selbstachtung wahren zu wollen, anstatt sich zu erniedrigen, würde er zweifellos den Mann in seinem Vertrauen bestärken.

»Es ist das Einfachste für uns beide, wenn ich mich ans Sozialamt wende.«

»So weit kommt’s noch!«, ist Tiptons spontane Antwort.

Auf dem Weg zur U-Bahn-Station zieht er sein Tagesticket aus der Tasche, während Tipton anscheinend eine Dauerkarte besitzt. Da der Zug ziemlich voll ist, sitzen sie einige Plätze voneinander entfernt, und als der Waggon in die Dunkelheit gleitet, legt er sich, ohne jede Angst, Folgendes zurecht:

Mein Name ist Gordon Bell. Ich bin gut fünfzig Jahre alt und wurde in Richmond, Yorkshire, geboren. Meine Eltern und eine jüngere Schwester kamen bei einem Brand ums Leben, als ich achtzehn war. Von da an war ich gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen. Ich studierte Musik und hielt mich mit Gelegenheitsjobs in verschiedenen Bars über Wasser. Nach dem Militärdienst bin ich nach Paris gegangen, wo sich damals viele Jazzgrößen aufhielten. Ich habe ihnen aufmerksam zugehört, sah aber selbst keine Chance, auch nur annähernd ihr Niveau zu erreichen. Dafür habe ich mich in ein Mädchen aus Heidelberg verliebt, der ich mich anschloss, als sie nach ihrem Studium nach Hause zurückkehrte. Nach ein paar Jahren war unsere Beziehung beendet und ich zog ins damalige West-Berlin. Fragt mich nicht, warum. Es war wohl die Suche nach Spannung und Abenteuer, die mich dorthin trieb. Während einer Jamsession mit ausländischen Musikern wurde ich von einem Engländer, der sich unter dem Publikum befand, gefragt, ob ich einen übergelaufenen Russen im Augen behalten könne. So nahm die Sache ihren Anfang. Der erste Auftrag zog den nächsten nach sich. Mehrere Jahre war ich in ganz Europa unterwegs und entschied mich erst in dem Moment, nach England zurückzukehren, als die Mauer fiel und ich begriff, dass meine Zeit um war. In diesem Augenblick befinde ich mich in der Londoner U-Bahn und bin in Begleitung eines bebrillten Herrn namens Frank Tipton. Er wird mir womöglich einen Job als Pianist und ein Dach über dem Kopf besorgen. Momentan habe ich nur eine Sorge: Kann ich wirklich Klavier spielen oder habe ich mir das nur eingebildet?

Bei Tottenham Court Road steigen sie um in die Central Line Richtung Holland Park.

»Verflucht!«, ruft Tipton aus, als sie wieder auf der Straße stehen. »Dein Koffer! Wir hätten zur Victoria Station fahren und ihn abholen sollen.«

»Den hole ich später.«

»Wie du willst.« Sein freundlicher Retter lächelt und zieht ihn mit sich. »Ich finde sicher jemand, der dich hinfahren kann. Meine Karre ist leider in der Werkstatt. Deshalb musste ich auch die ›Tube‹ nach Highgate nehmen.«

Tube, denkt Gordon Bell. So hieß die U-Bahn im Volksmund. Er konstatiert dies mit größter Selbstverständlichkeit; sein Zugehörigkeitsgefühl wächst. Er hat offenbar doch eine Beziehung zu dieser Stadt, die ihm vor vierundzwanzig Stunden noch völlig fremd schien. Tipton führt ihn über eine Straße, die Landsdowne Road heißt, und biegt wenig später nach rechts ab. »Jetzt sind wir im Herzen von Notting Hill«, sagt er, »aber das weißt du ja sicher.«

Ausnahmsweise kann er ehrlich antworten: »Ja, aber ich kenne mich in dieser Gegend nicht besonders gut aus.«

»Und dies ist meine Galerie.« Er macht eine ausgreifende Armbewegung.

Sie heißt Rendezvous und befindet sich, von anderen Geschäften eingerahmt, in einem langen weißen Steinhaus mit zwei Etagen. Tipton erklärt, der Name gehe auf einen armen Franzosen zurück, der ihm einst fünf Bilder in der Hoffnung überließ, er würde sie für ihn verkaufen. So hatte alles angefangen. In den zwei kleinen Schaufenstern hängen wenige Ölgemälde und ein paar Lithographien – für mehr ist auch kein Platz. Drinnen sind keine Kunden; die Frau, die hinter einer kleinen Schreibmaschine sitzt, steht auf und sagt mit weicher, freudiger Stimme:

»Da bist du ja schon, Frank. Ich dachte, du würdest erst in einigen Stunden wiederkommen.«

»Das dachte ich auch, aber irgendwie haben wir den alten Ton nicht mehr gefunden. Abgesehen von Gordon und mir.«

»Mary Tipton«, stellt sie sich vor und gibt ihm die Hand. Sie ist um die fünfzig und geschmackvoll geschminkt. Ihr Kleid ist grün wie ein Laubbaum im Frühling, was gut zu den kupferroten, hochgesteckten Haaren passt. »Sind wir uns schon mal begegnet?«

»Das glaube ich kaum. Mein Name ist Gordon Bell. Schön, Sie kennen zu lernen.«

»Du brauchst kein Blatt vor den Mund zu nehmen«, sagt Tipton lächelnd. »Sie haben ihn vor die Tür gesetzt, genau wie mich. Gordon ist heute Morgen in London angekommen und will sich nach einem langen Auslandsaufenthalt hier niederlassen. Dass er sich als erstes seine Brieftasche hat klauen lassen, zeigt nur, dass er wieder ein ganz normaler, anständiger Kerl geworden ist, der sich allerdings erst wieder an seinen zivilen Status gewöhnen muss.«

»Oh, das tut mir leid – das mit der Brieftasche, meine ich.«

»Könntest du dich für ein paar Minuten um Gordon kümmern, während ich telefoniere? Wir haben zwar vor einer Stunde gegessen, aber ich glaube, ein bisschen kaltes Huhn zum Lunch wäre keine schlechte Idee.«

»Und vielleicht etwas Salat?«

»Ganz deiner Meinung.«

Ihr Umgangston ließ auf eine intakte Beziehung schließen. Er folgt Mrs. Tipton in den ersten Stock, wo sie ihm seinen Anorak abnimmt. Die Wohnung ist nicht besonders groß, aber für englische Verhältnisse ausgesprochen gemütlich eingerichtet. Die wenigen Bilder an den Wänden entsprachen seinem Geschmack, und die dicht besetzten Buchregale legten die Vermutung nahe, dass die Tiptons nicht sonderlich viel Zeit vor dem Fernseher verbrachten, der zudem verstaubt und schwer zugänglich in einer Ecke stand.

»Nehmen Sie Platz«, sagt sie, »oder schauen Sie sich gerne um, wenn Sie möchten. Viel mehr zu sehen gibt es allerdings nicht. Wir haben nur drei Zimmer plus Küche. Die übrigen Räume benutzen wir als Werkstatt und Lager.«

Er nickt und weiß nicht recht, was er sagen soll, plötzlich allein mit einer fremden, nach Parfüm duftenden Frau. Als er ans Fenster tritt, das zur Straße hinausgeht, erblickt er sich kurz in einem mit Ornamenten verzierten Spiegel. Er erkennt sein Gesicht, muss jedoch verzweifelt feststellen, wie ungepflegt er aussieht. Die dunklen Haare hängen ihm strähnig in die Stirn, und seit mehr als vierundzwanzig Stunden hat er sich nicht rasiert, was einem Mann mit kräftigem Bartwuchs deutlich anzusehen ist. Herrgott, er hatte ja nicht einmal sein Rasierzeug bei sich! Während er vor einem Barschrank steht und ihr den Rücken zukehrt, holt er rasch seinen Kamm aus der Hosentasche und zieht ihn ein paar Mal durch seine Haare. Hofft, dass er nicht nach Parkbank und Penner riecht.

»Möchten Sie vielleicht einen kleinen Drink? Einen Sherry? Whisky?«

Er denkt an die beiden Biere, die er bereits zu ziemlich früher Stunde getrunken hatte, doch aus purer Höflichkeit lehnt er nicht ab. »Einen kleinen Sherry, sehr gern.«

»Sie sind zu Weihnachten nach Hause gekommen?«

»Ja, es ... hat sich so ergeben.«

»Frank und ich haben einen erwachsenen Sohn – Martin. Ich hoffe, er bleibt in Edinburgh, mitsamt seiner Verlobten! Sie studiert Psychologie und meint, sie müsse uns analysieren. Ist das nicht schrecklich?«

»Nun ...«

»Haben Sie Familie hier?«

»Nein, meine Eltern sind schon vor Jahren gestorben.«

»Aber Sie sind verheiratet?«

Er weiß nicht, was er antworten soll.

»Außerhalb von England«, sagt sie lächelnd, »nachdem Sie den Ring an der rechten Hand tragen.«

Während sie ihm das Glas reicht, versteht er, was sie meint. Der Anblick des Rings erschreckt ihn und lässt ihn vermuten, dass es womöglich noch viele Dinge gab, die ihm ein Rätsel waren. Zunächst einmal galt es, sich aus der heiklen Situation zu befreien, und er fühlt sich dazu in der Lage: »Wir haben uns getrennt. Deswegen bin ich hierher gekommen. Ich wollte alle Brücken hinter mir abbrechen.«

»Dann sollten Sie auch den Ring ablegen, finde ich.«

Vielleicht war dies ein gut gemeinter Rat von Mrs. Tipton, doch ihre Worte ärgerten ihn ein wenig. Andererseits gefiel ihm ihre Offenheit, die ein gewisses Vertrauen zwischen ihnen entstehen ließ. »Ich habe es versucht, aber er ist wie festgewachsen.«

»Zum Wohl«, sagt sie lächelnd.

Dann teilt sie ihm mit, dass die Galerie geschlossen bliebe, während sie zu Mittag essen würden. Sie geht in die Küche und beginnt klirrend mit Tellern und Besteck zu hantieren. Er stellt sein Glas auf die Fensterbank und versucht sich den Ring abzudrehen, doch der lässt sich nicht ohne weiteres entfernen. Vermutlich hatte er ihn schon seit Jahren am Finger. Er gibt auf, schaut auf die Straße und sagt sich, der Ring könne warten. Tiptons Frau würde es sicherlich kommentieren, wenn sie bemerkte, dass er ihre Empfehlung sogleich befolgt hatte. Er war also verheiratet und zum ersten Mal an diesem Tag spürt er ein leichtes Prickeln hinter den Schläfen. Wenn er den Schmerz vermeiden wollte, durfte er nicht an die Vergangenheit denken. Im Grunde hat er auch kein Interesse mehr daran, in der rätselhaften, nebulösen Vergangenheit herumzustochern, nicht in diesem düsteren Raum, dessen Möbel von Schonbezügen bedeckt waren.

Ich bin Gordon Bell, ein früherer Agent. Gordon Ernest Bell, um genau zu sein.

Etwas später kommt Frank nach oben. Seine Brille hängt wieder an einer Schnur vor seiner Brust und seine grauen Augen blitzen:

»Ich habe Brian nicht erreicht, aber da Donnerstag ist, gehe ich davon aus, dass er heute Abend im Walker vorbeischaut, seiner Stammkneipe.«

»Ist er ... einer von uns?«

»Nein, Brian hat keine Ahnung von meiner Vergangenheit. Er ist Hornist bei den Londoner Symphonikern, aber in seiner Freizeit macht er ein bisschen Jazz für Leute, die ihm zuhören wollen. Ich gehöre zu dieser exklusiven Schar, und es wird mir eine Ehre sein, dich zu empfehlen.«

»Das ist sehr nett von dir, Frank, aber wir wissen doch beide nicht, ob mein musikalisches Niveau ausreicht.«

»Diese Beurteilung überlasse ich natürlich Brian. Solltest du ihn in den Schatten stellen, wird er dir ein Engagement bei Ronnie Scotts vorschlagen. Im anderen Fall wird er dir eine zweitklassige Pianobar empfehlen, in der du mit einer Schale Pistazien als Honorar Vorlieb nehmen musst. In solchen Fragen ist er von Grund auf ehrlich.«

»Vielleicht sagt ihm mein Stil gar nicht zu.«

»Das sehen wir dann schon. Hauptsache, er kann dir ein Dach über dem Kopf besorgen. Er hat wirklich die verschiedensten Verbindungen. Wenn alle Stricke reißen, schläfst du einfach weiter in Martins Zimmer, bis er mit seiner aufdringlichen Verlobten aufkreuzt.«

Er sollte ihr Gast sein. Gordon Bell fehlen die Worte. Obwohl er nach der Nacht auf der Parkbank ziemlich ungepflegt wirkt, machte er auf wildfremde Menschen also einen so vertrauenswürdigen Eindruck, dass sie bereit waren, ihm zu helfen. Oder hatte seine heruntergekommene Erscheinung bloß ihr Mitleid geweckt? Oder – und diese Begründung scheint ihm am wahrscheinlichsten – fühlte sich der Galerist einfach verpflichtet, einem Mann zu helfen, dessen Schicksal er teilte.

»Ich möchte deiner Frau und dir keine Unannehmlichkeiten bereiten«, sagt er schließlich und meint es ehrlich.

»Davon kann gar keine Rede sein«, sagt Frank lächelnd und fügt bekräftigend hinzu: »Ich versuche nur, mich in deine Lage zu versetzen und dich für das abweisende Verhalten von Arthur und Bobby zu entschädigen. Wenn ich mir vorstelle, ohne einen Penny in mein Heimatland zurückzukehren und dann von einem Arbeitgeber abgewiesen zu werden, dem ich jahrlang mit großem persönlichem Risiko gedient habe, dann würde auch ich all meine Hoffnung darauf setzen, dass es zumindest einen Kollegen gäbe, der bereit wäre, mir zu helfen. Sie sollten sich schämen, die Drecksäcke in der Curzon Street!«

Während des Lunchs, das sehr viel reichhaltiger ausfällt, als es die Ankündigung von kaltem Huhn und Salat hatte erwarten lassen, ziehen die Gastgeber Gordon mühelos in ein Gespräch hinein. Sie unterhalten sich lebhaft und entspannt über alltägliche Dinge, sind sich einig, dass London nicht mehr das ist, was es einmal war, ohne sich jedoch vorstellen zu können, an einem anderen Ort zu leben. Zwischenzeitlich bringen sie es sogar fertig, ihn die Situation vergessen zu lassen, in der er sich befindet. Das Begräbnis auf dem Highgate-Friedhof erwähnen sie mit keiner Silbe. Erst als sich Frank eine Zigarre anzündet und er dankend ablehnt – er bevorzuge seine Zigaretten –, wechselt das Ehepaar ein paar Worte hinsichtlich des Geschäfts.

»Calthorpe war hier und hat sich das Bild von O’Malley angeschaut.«

»Angeschaut ... und ist wieder gegangen?«

»Er war ziemlich gereizt und fand den Preis übertrieben.«

»Der alte Geizhals.«

»Er wird schon wieder kommen.«

»Wollen wir’s hoffen, damit zu Weihnachten auch was auf dem Gabentisch liegt. Wie steht’s mit dir, Gordon? Interessierst du dich für bildende Kunst?«

»So einigermaßen. Zumindest kann ich einen Constable von einem Turner unterscheiden.«

Der Wirt nickt, ohne das Thema zu vertiefen. Er wirft einen Blick auf seine Armbanduhr. »Herrje, es ist schon nach zwei! Ich geh runter und schließ wieder auf.«

Plötzlich kommt er sich überflüssig und müde vor und würde seine Gastgeber am liebsten fragen, ob sie ihm für ein paar Stunden Martins Bett zur Verfügung stellen könnten. Aber die wussten schließlich nicht, dass er die Nacht auf einer Holzbank am Rand von Hampstead Heath verbracht hatte. Außerdem hatte Frank andere Pläne mit ihm:

»Ich nehme an, dass du langsam deine Sachen vermisst. Findest du allein zur Victoria Station?«

»Ja, ja, natürlich ... ein Tagesticket habe ich auch schon.«

»Das ist aber auch so ziemlich alles, was du besitzt, oder?«

Er nickt. Zum ersten Mal hat er ein wirklich beklemmendes Gefühl.

»Vielleicht solltest du ein paar Kleinigkeiten einkaufen. Hier hast du einen Fünfziger, als Vorschuss auf dein Pianistenhonorar. Meinst du, das reicht?«

»Vielen, vielen Dank, aber das kann ich nicht ...« Er unterbricht sich und fügt dreist hinzu: »Angenommen ich wäre ein Schwindler und käme nicht zurück.«

Da grinst Frank Tipton breit und blinzelt mit beiden Augen über die Brillenkante hinweg. »In diesem Fall würde der Glaube an meine Menschenkenntnis schweren Schaden nehmen.«

Nachdem er auf der Landsdowne Road um die Ecke gebogen ist, hält Gordon Bell an und zieht den Stadtplan aus seiner Jackentasche. Faltet ihn auseinander und findet die Gegend um Notting Hill. Er hat das vage Gefühl, die Portobello Road liege ganz in der Nähe, was sich als richtig erweist. Wenn er in die entgegengesetzte Richtung ging und sich rechts hielt, würde er nach ein paar Häuserblocks auf sie stoßen.

Die Luft ist etwas milder geworden, und die Müdigkeit, die ihn vor einer Weile befallen hatte, ist verschwunden. Auch seine Gedanken scheinen sich zu klären. Er weiß, dass ihm seine neue Existenz keine ernsthaften Probleme bereitet, solange er nicht versucht, sein Gedächtnis mit Fragen zu malträtieren, wie er eigentlich in diese Situation geraten war. Seine Schritte federn beinahe, während er lächelnd die lange Marktstraße wiedererkennt. Er mag die Geschäftigkeit und das Stimmengewirr um ihn herum, geht von Stand zu Stand und betrachtet die feilgebotenen Waren: Jeans, Küchenartikel, Lampenschirme, Toaster, Militärjacken, Bilder, Briefmarken, Münzen, Fußballschals, Schaukelpferde, Krimskrams jeder erdenklichen Art, Wollteppiche, Klobürsten, Personenwagen, künstliche Blumen, Mausefallen, Säbel und Vasen – ein schier unerschöpfliches Sammelsurium menschlicher Erzeugnisse.

Schließlich findet Gordon, wonach er sucht: einen abgenutzten grauen Koffer mittlerer Größe mit einem intakten Zahlenschloss. Er handelt ihn auf drei Pfund herunter, was den Araber hinter dem Stand veranlasst, ihm einzureden, er sei ein Glückspilz. Woanders ersteht er noch ein Hemd, Unterwäsche, Socken und Rasierutensilien. Er verstaut die Neuerwerbungen im Koffer, worauf sein Blick von hohen Bücherstapeln festgehalten wird. Sofort beschließt er, kein einziges Buch zu kaufen, bleibt jedoch eine Weile stehen und studiert die Titel: eine Heerschar ihm nicht bekannter Autoren, aber auch Greene, Byatt, Austen, Weldon und Conan Doyle. Als er einen Roman von John le Carré entdeckt, beginnt er leicht zu zittern. Er blättert ein wenig darin, während die eigenartige Körperreaktion anhält, bis er das Buch wieder aus der Hand legt und weiterschlendert. Das Buch schien ihn an seine vorgebliche Agentenexistenz zu erinnern.

In einer gut geheizten Bar legt er die Jacke ab, trinkt eine Tasse Kaffee und zündet sich eine Zigarette an. Um glaubhaft erzählen zu können, er sei an der Victoria Station gewesen, lässt er ein paar Stunden verstreichen, bevor er zur Galerie Rendezvous zurückkehrt. Er schaut in eine liegen gebliebene Zeitung, registriert das Datum, den 11. Dezember 1997, und durchforstet noch mal alle seine Taschen. Abgesehen von Stadtplan, Zigaretten, U-Bahn-Ticket, Kamm und Taschentuch findet er knapp dreißig Pfund, den Restbetrag des Geldes, das ihm ein gewisser Frank Tipton vorgeschossen hatte. Das und nur das war in diesem Moment von Belang.

Mein Name ist Gordon Bell. Ich bin gut fünfzig Jahre alt und wurde in Richmond, Yorkshire, geboren. Meine Eltern und eine jüngere Schwester kamen bei einem Brand ums Leben, als ich achtzehn war. Von da an war ich gezwungen, auf eigenen Beinen zu stehen ... Dass ich nicht weine, liegt daran, dass ich keine zwingende Notwendigkeit dazu sehe.

Anderen Menschen ihre Sorgen

aufzubürden – Sorgen, die sich jederzeit in Wohlgefallen auflösen konnten – war für Linda Blix eine unangenehme Pflicht, die sie lange hinausgezögert hatte. Doch am späten Nachmittag, nachdem sie ein weiteres Mal verzweifelt die Gegend rund um das Hotel abgesucht hatte, entschloss sie sich, in Oslo anzurufen. Einen Augenblick hatte sie sich eingebildet, ein Mann in weiter Ferne, der offensichtlich in großer Eile war, sei Steinar, bis sie sich erinnerte, dass er seinen Hut nicht bei sich hatte. Die bedrückende Angst sowie das Bedürfnis nach Trost ließen ihr keine Wahl mehr. Zunächst hätte sie natürlich Steinars Angehörige informieren sollen, sie rief jedoch als erstes ihre Mutter Ragnhild an.

Diese Reihenfolge hatte sie, ganz gleich, worum es sich handelte, jahrelang praktiziert, obwohl sie ihre Schwiegereltern mindestens ebenso schätzte. Ihre Mutter machte hin und wieder Andeutungen über Steinar, die ihr ganz und gar nicht gefielen. Sogar während der Gerichtsverhandlung hatte sie ihre Skepsis hinsichtlich mancher seiner Aussagen anklingen lassen: »Manchmal habe ich das Gefühl, seine Phantasie geht mit ihm durch. Vielleicht hat er mehr die Anlage zum Dichter als zum Übersetzer.« Sie hatte nie einen Hehl daraus gemacht, dass sie Steinars Arbeit als ein wenig minderwertig betrachtete, »seine gute Ausbildung in Betracht gezogen«. Doch ihr Verhältnis zu ihm war von ausgeprägter Ambivalenz. Als das Urteil erging, nur fünf Tage nach seiner Inhaftierung, war kein Blumenstrauß so groß und prächtig gewesen wie ihrer, und die Art ihrer Umarmung hatte keinen Zweifel an der aufrichtigen Liebe zu ihrem Schwiegersohn aufkommen lassen. Außerdem hatte sie immer ihrer Begeisterung über ihn als Mann Ausdruck gegeben, denn er war ganz ohne Frage ein Frauentyp. In diesem Punkt war Linda mit ihr einer Meinung. Als ihr Vater starb, war die Mutter in ein tiefes Loch gefallen.

»Ragnhild Åsheim.«

»Hallo, Mama. Hier ist Linda. Etwas ... Sonderbares ist passiert«, begann sie vorsichtig, um ihr die Nachricht so schonend wie möglich beizubringen. Als die Mutter jedoch keine Reaktion zeigte, fügte sie hinzu: »Etwas Schreckliches.« Es wurde ein langes Gespräch, in dessen Verlauf sie zeitweilig bereute, überhaupt angerufen zu haben. Die Mutter hatte sich natürlich etwas anderes erwartet, wenn ihre Tochter sich schon einmal dazu bequemte, sie anzurufen – positive Mitteilungen, wie schön sie es in London hätten, nachdem all die schrecklichen Vorfälle der Vergangenheit endlich in den Hintergrund getreten waren. Stattdessen bekam sie zu hören, Steinar sei seit mehr als vierundzwanzig Stunden verschwunden. Ein ums andere Mal musste Linda erzählen, was in dem Pub in Kensington, nur wenige Häuserblocks vom Hotel entfernt, passiert war. Genauer gesagt, was passiert sein könnte. Anfangs wirkte die Mutter erstaunlich ruhig, eher skeptisch als besorgt.

»Hat er vielleicht einen Nervenzusammenbruch erlitten?«

»Nie im Leben.«

»Niemand, der bei Verstand ist, verschwindet einfach so mir nichts, dir nichts.«

»Nein.«

»Und niemand entführt einen erwachsenen Mann am helllichten Tage, Linda.«

»Das weiß ich.«

Ihr Magen hatte sich zusammengezogen und wollte sich nicht wieder entspannen, nur weil ihre Mutter versuchte, den Fall zu bagatellisieren. Begriff sie denn nicht, dass es sich um ihren eigenen Schwiegersohn handelte?

»Ein erwachsener Mann lässt sich auch nicht so einfach entführen, zumindest nicht ein so kräftiger Kerl wie Steinar. Ihm muss plötzlich übel geworden sein oder so etwas. Sagtest du nicht, dass er ohne Brieftasche und Ausweis ist? Die Leute, die sich möglicherweise seiner angenommen haben, wissen also gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Vielleicht ist er auch nicht in der Lage, sich verständlich zu machen.«

»Steinar? Der spricht doch Englisch wie ein Einheimischer!«

»Schon, aber nicht, wenn er bewusstlos ist. Es könnte doch sein, dass ihn jemand niedergeschlagen hat.«

Die Mutter hätte ebenso gut ihr einen Schlag versetzen können, denn an diese Möglichkeit hatte sie auch gedacht und besaß darüber hinaus genug Phantasie, sich den schlimmsten Fall auszumalen: dass Steinar nach einem missglückten Raubüberfall leblos in einer entlegenen Gasse lag oder dass ihn jemand in ein Haus gelockt hatte, aus dem es kein Entrinnen gab. Diese Gedanken bereiteten ihr Übelkeit und ließen ihren Pulsschlag unkontrolliert in die Höhe schnellen. Sie hatte gehofft, Ragnhild würde sie beruhigen und ihr Erklärungen anbieten, die den schrecklichen Druck, der auf ihr lastete, mindern konnten. Doch stattdessen nahm die Erregung der Mutter im selben Maße zu, in dem ihr die abscheulichsten Möglichkeiten in den Sinn kamen.

»Möchtest du, dass ich mit dem nächsten Flugzeug zu dir komme? Zusammen könnten wir vielleicht ...«

»Nein, nein. Ich vertraue der Polizei. Bleib lieber in der Nähe des Telefons. Ich werde Berit und Aksel anrufen. Vielleicht kann Aksel irgendwas ausrichten.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass die norwegische Polizei an solchen Ermittlungen beteiligt wird.«

»Keine Ahnung. Was hältst du denn von der Sache?«

Es vergingen einige Sekunden, bevor die Mutter antwortete, und zum ersten Mal hatte ihre Stimme einen misstrauischen Klang. »Das weißt du ganz genau. Stell dir nur mal vor, dass Steinars Verschwinden etwas mit der Sache zu tun haben könnte. Stell dir vor ...«

Linda wurde wütend. Ihre Mutter deutete doch tatsächlich an, Steinar könne sich aus dem Staub gemacht haben. »Wie kannst du es wagen, Mama!«

»Ich versuche nur, realistisch zu sein. Es ist doch schließlich noch gar nicht so lange her, dass er ...«

»Mama!«

»Es nützt nichts, den Kopf in den Sand zu stecken, mein Schatz. Ich behaupte ja nicht, dass Steinar schuldig ist, im Gegenteil. Aber angenommen, die Belastung war zu groß für ihn ... Vielleicht hat er ja, wie soll ich sagen ... einfach die Nerven verloren.«

Sie konnte sich später nicht mehr daran erinnern, was sie entgegnet hatte, doch das Gespräch endete gewissermaßen versöhnlich, nachdem die Mutter geweint und sie angefleht hatte, alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, wie unwahrscheinlich sie ihr auch erscheinen würden.

Bevor sie den Hörer erneut zur Hand nahm, um ihre Schwiegereltern anzurufen, warf sie einen Blick auf den Aschenbecher. In ihm türmten sich die Kippen wie zu Hause nach einer Party. Trotz der Leere in ihrem Kopf, dem schmerzenden Hals und dem Stein in ihrem Bauch, der sie zum Schwitzen brachte, zündete sie sich mit zitternden Händen eine weitere Zigarette an. Glücklicherweise war Aksel am Apparat, denn Berit Blix neigte genau wie ihre Mutter dazu, erst einmal ihrem Pessimismus freien Lauf zu lassen und dann in Tränen auszubrechen, statt ein tröstliches Wort zu finden.

»Hier ist Linda. Um es gleich zu sagen: Ich habe Steinar aus den Augen verloren. Hier in London. Ich habe keine Ahnung, wo er steckt. Hat er sich vielleicht bei euch gemeldet?«

Aksel verneinte. Sie spürte sofort, wie sehr er darum kämpfte, seiner Stimme einen neutralen Klang zu geben, was ihm auch beinahe gelang. Er war dreiundsiebzig und verfügte über eine solide Lebenserfahrung, die sowohl ihm als auch seiner Familie zugute kam. Nachdem sie ihn über die näheren Umstände informiert hatte, stellte er keine waghalsigen Hypothesen auf, sondern bat sie, die Ruhe zu bewahren und der Arbeit der Polizei zu vertrauen. »Ich kenne einen Mitarbeiter der norwegischen Botschaft in London. Wenn sich zeigen sollte, dass man den Leuten von Scotland Yard ein bisschen Feuer unterm Hinter machen muss, dann wird er dafür sorgen.«

Doch trotz seiner Versicherungen, Steinar würde gewiss bald wohlbehalten auftauchen und ihnen einen plausiblen Grund für sein Verschwinden nennen, den sich niemand von ihnen vorstellen könnte, bevor sie ihn nicht aus seinem eigenen Mund hörten, verriet seine Stimme, wie groß seine Angst war. Für Berit und ihn war ihr einziger Sohn unentbehrlich.

Sie sagte: »Die Polizei hat mir freundlicherweise ein Mobiltelefon zur Verfügung gestellt, damit wir jederzeit in Verbindung treten können. Ich gebe dir die Nummer.«

»Ich möchte auch den Namen des Beamten wissen, der die Ermittlungen leitet.«

»Ihr Name ist Elizabeth Parkins; sie arbeitet auf der Wache in Kensington.«

Im Gegensatz zur Mutter hatte Aksel mit keinem Wort die beinahe unerträgliche Vorweihnachtszeit erwähnt, die sie durchgemacht hatten, dachte sie, nachdem sie den Hörer zum zweiten Mal aufgelegt hatte und ihre Stirn gegen die kühle Fensterscheibe lehnte.

Zu ihren Füßen lag die Großstadt, deren unzählige Lichter in der Dämmerung zu leuchten begannen. Es war ihre Idee gewesen, eine vierzehntägige Erholungsreise nach London zu unternehmen. Rechter Hand konnte sie in einiger Entfernung Earls Court an dem großen Gebäude lesen, in dem die Buchmesse stattfand. Sie hatten sie bereits zwei Mal besucht. Steinar war sehr viel an der Messe gelegen, und bis zum gestrigen Lunch schien es ihr, als würde er sich mehr und mehr von dem Druck befreien, der so lange auf ihm gelastet hatte. In den ersten Tagen waren sie gemächlich durch die Stadt geschlendert, hatten Museen und Theater besucht und sich leidenschaftlich geliebt, vierundzwanzig Stockwerke über dem Erdboden.

Doch plötzlich, gegen Ende ihrer Mahlzeit im Black Lion, hatte er einen abwesenden – oder müden? – Eindruck gemacht. Sie hatte ihn gebeten zu warten, während sie zu Past Times ging, um den Seidenschal zu kaufen, auf den sie bereits ein Auge geworfen hatte.

Sie wandte ihren Blick ab und stellte ärgerlich fest, dass die Zigarettenschachtel leer war. Nein, sie hatten sich nicht gestritten. Dennoch musste sie eine kleine Unstimmigkeit einräumen, die aber kaum von Belang gewesen war. Sie hatte etwas gesagt, das er in den falschen Hals zu bekommen schien, irgendeine gleichgültige Bemerkung, die ihn veranlasste, den Kopf in den Nacken zu legen und sekundenlang an die Decke zu starren. Ein unbedeutendes und – nach allem, was er durchgemacht hatte – verständliches Zeichen der Anspannung. Daraufhin hatte er sie mit einem seltsamen Lächeln auf den Seidenschal angesprochen, der ihr so gut gefallen habe. Und als er ihr sein Portemonnaie gab, hatte sie das Gefühl, dass er sein schlechtes Gewissen beruhigen wollte, weil er sie für einen Moment ignoriert und Gedanken nachgehangen hatte, in denen für sie kein Platz war.

Es macht mir nichts aus, hier zu warten.

An diesen Satz konnte sie sich gut erinnern, nicht jedoch an ihre Worte, die seine kurzzeitige Geistesabwesenheit ausgelöst hatten.

Zum dritten Mal durchforstete sie seine Sachen – Kleider, Necessaire, Koffer, Portemonnaie –, fand jedoch nichts, das sein Verhalten hätte erklären können. Der einzige Hinweis, den sie der Polizei hatte geben können, betraf seine Kleidung. Sie erschrak, als es klopfte. Jedes Mal hoffte sie, Steinar stehe quicklebendig vor der Tür, oder zumindest ein Polizeibeamter, der ihr erklären würde, er sei wohlbehalten wieder aufgetaucht. Indessen war es ein Zimmermädchen, das einen Knicks machte und ein Tablett in der Hand hielt.

»The chief receptionist wonders if you would appreciate some scones and a nice cup of tea.«

Sie zwang sich zu einem Lächeln, während sie nickte. Ob das Mädchen ihr auch eine Schachtel Zigaretten besorgen könne? Sie bejahte auf der Stelle. Das Hotelpersonal tat offensichtlich, was es konnte, um dem verzweifelten Gast aus Norwegen zur Seite zu stehen.

Der Tee schmeckte gut, doch als sie ein Stück Gebäck nahm, wuchs es in ihrem Hals zu einem unförmigen Klumpen, den sie kaum hinunterbekam. Immer noch gellte ihr die Stimme ihrer Mutter in den Ohren:

Stell dir nur mal vor, dass Steinars Verschwinden etwas mit der Sache zu tun haben könnte.

Linda hatte sich zuletzt als Konfirmandin an Gott gewandt, als sie nach einer unüberlegten, wilden Nacht mit einem jungen Kerl gebetet hatte, nicht schwanger zu sein. Ihr Wunsch war in Erfüllung gegangen – im Übermaß. Im vierten Jahr ihrer Ehe mit Steinar hatte ihr Hausarzt festgestellt, sie könne keine Kinder bekommen, weil mit ihrer Gebärmutter etwas nicht in Ordnung wäre.

Jetzt betete sie erneut, faltete die Hände und flehte Gott an, dafür zu sorgen, dass Steinar bald unversehrt wieder auftauchen würde und dass die Belastungen, die er wegen der Sache hatte durchstehen müssen, nicht mit seiner Abwesenheit in Verbindung stünden. Dann ging sie wieder ans Fenster und versuchte sich vorzustellen, wo er sein könnte. Doch ihr fiel nichts ein.

Die Angst, Dinge beim Namen zu nennen, hatte auch sie ergriffen. Als der Vater an Krebs erkrankt war, nahm die Mutter dieses Wort nie in den Mund, sondern sprach stets von der »Krankheit«. Jetzt war es die »Sache«. Die Zeitungen hingegen hatten zu keiner Zeit versucht, den wahren Sachverhalt zu verschleiern; nachdem Steinar aus dem Gefängnis entlassen worden war, schrieben sie ohne Umschweife, man habe ihn von der Anklage des Mordes freigesprochen.

Der Stein in ihrem Bauch nahm ihr fast die Luft zum Atmen.

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9788711326671
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