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Kapitän Marryat

Peter Simpel

Inhaltsverzeichnis

Erstes Buch.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Zweites Buch.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel

Siebzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Drittes Buch.

Erstes Kapitel.

Zweites Kapitel.

Drittes Kapitel.

Viertes Kapitel.

Fünftes Kapitel.

Sechstes Kapitel.

Siebentes Kapitel.

Achtes Kapitel.

Neuntes Kapitel.

Zehntes Kapitel.

Elftes Kapitel.

Zwölftes Kapitel.

Dreizehntes Kapitel.

Vierzehntes Kapitel.

Fünfzehntes Kapitel.

Sechzehntes Kapitel.

Siebzehntes Kapitel.

Achtzehntes Kapitel.

Neunzehntes Kapitel.

Zwanzigstes Kapitel.

Einundzwanzigstes Kapitel.

Zweiundzwanzigstes Kapitel.

Dreiundzwanzigstes Kapitel.

Vierundzwanzigstes Kapitel.

Fünfundzwanzigstes Kapitel.

Impressum

Erstes Buch.

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Erstes Kapitel.

Der große Vorteil, der Dummkopf der Familie zu sein. – Mein Los wird entschieden – ich werde einem Aktienhändler als Quote von Seiner Majestät Seekapital überlassen. – Zum Unglück für mich ist Herr Handycock ein Baissespieler und ich bekomme sehr schmale Kost.

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Kann ich auch kein Leben voll kühner Abenteuer erzählen, so habe ich glücklicherweise doch keine schweren Verbrechen zu bekennen; und steige ich auch nicht in der Achtung des Lesers durch Thaten der Tapferkeit und Aufopferung, im Dienste meines Landes vollbracht, so darf ich doch wenigstens das Verdienst des Eifers und der Beharrlichkeit in meinem Berufe in Anspruch nehmen. Wir alle sind von oben verschieden begabt, und wer zufrieden auf dem ihm vorgezeichneten Wege dahinwandelt, anstatt zu laufen, hat, wenn er gleich nicht so schnell das Ziel erreicht, den Vorteil, nicht außer Atem anzukommen. Nicht, als ob mein Leben keine Abenteuer aufzuweisen hätte – ich will damit nur sagen, daß ich bei allem, was mir begegnete, mehr eine leidende als thätige Rolle gespielt habe, und wenn interessante Ereignisse zu berichten sind, so war nicht ich es, der sie aufsuchte.

So viel ich mich erinnere und meine früheren Neigungen erforschen kann, hätte ich mich, wäre mir die Wahl meines Berufes frei gestanden, sehr wahrscheinlich bei einem Schneider als Lehrjungen verdungen; denn ich bewunderte stets ihren behaglichen Sitz auf der Werkstatt und ihre erhabene Stellung, welche sie instand setzte, die ununterbrochene Reihe der Müßiggänger oder Geschäftigen zu beobachten, welche in der Hauptstraße des Landstädtchens, in dessen Nähe ich die ersten vierzehn Jahre meines Lebens zubrachte, vor ihnen Revue passierte.

Allein mein Vater, ein Geistlicher der Hochkirche, und der jüngste Bruder einer adeligen Familie, hatte eine einträgliche Pfründe und eine über »Knöpfe erhabene Seele«, d. h. war über das Nichtige erhaben. wenngleich dies bei seinem Sohne nicht der Fall war. Es herrschte seit undenklicher Zeit die heidnische Sitte, den größten Dummkopf der Familie der Wohlfahrt und der See-Oberherrlichkeit unseres Vaterlandes zu weihen, und in einem Alter von vierzehn Jahren wurde ich zum Opfer auserkoren. Ob das Herkommen gerecht war – ich hatte keinen Grund, darüber zu klagen. Keine Stimme war dagegen, als die Sache vor der ganzen Sippschaft meiner Vettern und Basen in Vorschlag kam, welche zu unserm Neujahrsfest eingeladen waren. Ich wurde unter allgemeinem Beifall für gedachten Beruf erkoren. Durch solch einstimmige Anerkennung meiner Befähigung, sowie ein Streicheln meines Hauptes von Vaters Hand, geschmeichelt, fühlte ich mich so stolz und ahnte so wenig von dem, was mir bevorstand, als das Kalb mit vergoldeten Hörnern, welches mit den Blumen seines Kranzes, der jedermann, nur ihm selbst nicht, sein Geschick verkündigt – spielt und daran knaupelt. Ich fühlte sogar, oder glaubte wenigstens, einen geringen Grad kriegerischer Brunst zu empfinden, und hatte eine Art Vision, indem ich in der Ferne einen Wagen mit vier Pferden und ein silbernes Tischgerät erblickte. Das verschwand jedoch, ehe ich es recht erkennen konnte, vor einem wirklichen körperlichen Schmerze, mir von meinem älteren Bruder Tom verursacht, der auf Geheiß meines Vaters die Lichter putzen sollte und meine Zerstreutheit benutzte, mir ein Stückchen von dem noch brennenden Docht in mein linkes Ohr zu legen.

Da jedoch meine Geschichte nicht sehr kurz ist, so darf ich mich nicht so lange beim Anfang aufhalten. Ich muß deshalb dem Leser berichten, daß mein Vater, der im Norden Englands lebte, es nicht für recht hielt, mich in dem Landstädtchen, in dessen Nähe wir wohnten, auszurüsten, sondern vierzehn Tage nach dem erwähnten Beschlusse mich auf dem Kutschbock mit meinem besten flaschengrünen Anzuge und einem Halbdutzend Hemden nach London befördern ließ. Um Mißverständnissen vorzubeugen, ward ich in die Personenliste eingetragen mit der Bemerkung: »Soll an Herrn Thomas Handycock Nummer vierzehn St. Clementsstraße abgeliefert werden – Fuhrlohn bezahlt.« Mein Abschied von der Familie war sehr rührend; meine Mutter weinte bitterlich, denn wie alle Mütter liebte sie den größten Dummkopf, welchen sie meinem Vater geschenkt hatte, mehr als alle übrigen; die Schwestern weinten wegen meiner Mutter, und Tom heulte eine Zeitlang lauter als alle, denn der Vater hatte ihn gezüchtigt, weil er in dieser Woche schon zum viertenmal ein Fenster zerbrochen. Mittlerweile ging mein Vater ungeduldig im Zimmer auf und ab, weil er von seinem Mittagessen abgehalten war und, wie alle orthodoxen Geistlichen, auf den sinnlichen Genuß, der seinem Stande erlaubt war, etwas hielt. Zuletzt riß ich mich selbst los. Ich hatte geweint, bis meine Augen so rot und geschwollen waren, daß man kaum noch die Pupille unterscheiden konnte, auch hatten Thränen und Schmutz meine Wangen wie den Marmor des Kaminsimses geädert. Mein Taschentuch war noch vor Ablauf der Scene vom Abtrocknen der Augen und vom Schneuzen ganz durchweicht. Mein Bruder Tom wechselte mit einer Zartheit, welche seinem Herzen Ehre machte, das seinige für meines aus und sagte mit brüderlicher Teilnahme: »Hier, Peter, nimm das meinige, es ist strohtrocken.« Mein Vater wollte nicht auf ein zweites Taschentuch warten, um seiner Pflicht nachzukommen. Er führte mich durch die Halle, und indem ich allen männlichen Hausgenossen die Hand schüttelte, sowie alle weiblichen, welche mit ihren Schürzen vor den Augen dastanden, küßte, verließ ich das väterliche Dach.

Der Kutscher begleitete mich an den Platz, von wo der Postwagen abfahren sollte. Als er mich zwischen zwei fetten alten Frauen eingekeilt sah, desgleichen auch mein Bündel untergebracht war, nahm er Abschied, und in wenigen Minuten befand ich mich auf der Straße nach London.

Ich war zu niedergeschlagen, um auf der ganzen Reise von etwas Notiz zu nehmen. Als wir in London anlangten, ging's nach dem blauen Eber (in einer Straße, deren Namen ich vergessen habe). Ich hatte nie von einem solchen Tiere etwas gesehen noch gehört, und es kam mir mit seinem offenen Rachen und seinen großen Zähnen wahrhaft furchtbar vor. Am meisten wunderte mich, daß Zähne und Klauen von reinem Golde waren. Wer weiß, dachte ich, ob ich nicht in einem von den fremden Ländern, welche ich zu sehen bestimmt bin, mit einem dieser schrecklichen Ungeheuer zusammentreffe und es erlege? Wie rasch will ich ihm nicht diese köstlichen Teile abnehmen, und mit welcher Freude dieselben bei meiner Rückkehr als eine Gabe kindlicher Liebe meiner Mutter in den Schoß legen! Und als ich an die Mutter dachte, traten wieder Thränen in meine Augen.

Der Kutscher warf dem Wirte seine Peitsche zu und die Zügel über den Rücken der Pferde, stieg ab und rief mir zu: »Nun, junger Herr, Ihnen aufzuwarten.« Er stellte eine Leiter für mich zum Herabsteigen auf und wandte sich dann an einen Gepäckträger mit den Worten: »Bill, du mußt diesen jungen Herrn da und sein Bündel nach dieser Adresse hier bringen. – Denken Sie gefälligst an den Kutscher, mein Herr.« Ich erwiderte, ich wollte es gewiß thun, wenn er es wünschte, und ging mit dem Packträger fort, wobei der Kutscher bemerkte: »Das ist ein rechter Simpel!« Ich kam glücklich in der St. Clements-Straße an, wo der Packträger für seine Bemühungen von dem Mädchen, welches mich hineinführte, einen Schilling empfing, worauf ich ins Wohnzimmer gewiesen wurde, um Frau Handycock vorgestellt zu werden.

Frau Handycock war ein mageres Weibchen, welches nicht sehr gut englisch sprach und, wie mir schien, den größten Teil ihrer Zeit damit zubrachte, von der Treppe nach den Dienern zu rufen. Ich sah sie nie ein Buch lesen, noch mit Nähterei beschäftigt, so lange ich im Hause war. Sie hatte einen großen, grauen Papagei, aber ich kann in der That nicht sagen, welches von beiden Geschöpfen am häßlichsten kreischte; doch war sie artig und freundlich gegen mich und fragte zehnmal des Tages, wann ich zuletzt von meinem Großvater, Lord Privilege, gehört habe. Ich bemerkte, daß sie es stets that, so oft während meines Aufenthaltes in ihrem Hause ein Besuch einsprach. Ehe ich zehn Minuten da war, sagte sie mir, sie liebe die Seeleute mit Begeisterung; sie seien die Verteidiger und Beschirmer ihrer Könige und Länder; Herr Handycock werde um vier Uhr nach Hause kommen, und dann würden wir speisen. Nun sprang sie von ihrem Stuhl auf und schrie der Köchin von der Stiege aus zu:

»Jemima, Jemima, wir wollen die Weißfische gesotten, statt gebraten,« worauf Jemima erwiderte:

»Kann nicht sein, Ma'am, sie sind schon aufgezweckt und paniert, den Schwanz im Maul.«

»Wohl denn, laß es gut sein, Jemima,« entgegnete die Lady. »Stecken Sie Ihren Finger nicht in des Papageis Käfig, mein Lieber, er versteht mit Fremden keinen Spaß. Herr Handycock wird um vier Uhr nach Hause kommen, und dann werden wir unsere Mahlzeit halten. Lieben Sie Weißfische?«

Da ich lebhaft wünschte, Herrn Handycock zu sehen, auch eben so sehr, mein Essen zu bekommen, so war es mir gar nicht unlieb, zu hören, daß die Uhr auf der Treppe die vierte Stunde schlug. Nun sprang Frau Handycock wieder auf und rief, indem sie ihren Kopf über das Geländer streckte:

»Jemima, Jemima, 's ist vier Uhr.«

»Ich höre es,« erwiderte die Köchin und drehte die Bratpfanne, wodurch das Zischen und der schmorende Geruch in das Wohnzimmer drang, was mich hungriger machte als je.

Tapp, tapp, tapp!

»'s ist unser Herr, Jemima,« kreischte die Dame.

»Ich höre ihn,« entgegnete die Köchin.

»Gehen Sie hinunter, mein Lieber, und lassen Sie Herrn Handycock herein,« sprach Madame; »er wird erstaunt sein, Sie die Thür öffnen zu sehen.«

Ich beeilte mich, Frau Handycocks Wunsch zu erfüllen, und öffnete die Hausthür.

»Wer Teufel ist das?« rief in rauhem Tone Herr Handycock, ein Mann von ungefähr sechs Fuß Höhe, in blaukattunenen Hosen und Suworow-Stiefeln, mit schwarzem Rock und Weste. Ich muß es gestehen, daß ich ein wenig verblüfft war, erwiderte jedoch, ich sei Mr. Simpel.

»Um Gotteswillen, Mr. Simpel, was würde Ihr Großvater sagen, wenn er Sie nun erblickte! Ich habe Diener genug, mir die Thür zu öffnen, und das Besuchzimmer ist der eigentliche Platz für junge Gentlemen.«

»Handycock,« rief sein Weib von der Treppe herab, »wie kannst Du so wunderlich sein? Ich sagte ihm, er solle die Thür öffnen, um Dich zu überraschen.«

»Du hast mich,« erwiderte er, »mit Deiner verfluchten Dummheit überrascht.«

Während Herr Handycock seine Stiefel an der Matte rieb, ging ich die Treppen hinauf – ich muß es gestehen, um so niedergeschlagener, als mein Vater mir gesagt hatte, Handycock sei sein Börsenmakler, und würde alles thun, um es mir bequem zu machen; wirklich hatte er in dieser Absicht einen Brief geschrieben, welchen mein Vater mir zeigte, bevor ich meine Heimat verließ. Als ich in das Besuchzimmer zurückkehrte, lispelte mir Frau Handycock zu:

»Lassen Sie es gut sein, mein Lieber, es ist nur, weil es auf der Börse nicht richtig steht. Mr. Handycock ist gerade jetzt ein Bär Ein Wortwitz: »Bär« heißt im Englischen zugleich der Baissier, der Baissespieler, der die Preise der Aktien niederdrückt..«

Ich dachte ebenso, antwortete aber nicht; denn Handycock kam die Treppen herauf, ging mit zwei Schritten von der Thür des Besuchszimmers bis zum Kamin, wandte diesem den Rücken zu, hob seine Rockschöße auf und fing zu pfeifen an.

»Bist Du zum Essen bereit, mein Lieber?« fragte die Dame fast zitternd.

»Wenn das Essen für mich bereit ist. Ich glaube, wir speisen gewöhnlich um vier Uhr,« antwortete ihr Ehegemahl verdrießlich.

»Jemima, Jemima, decke auf! Hörst Du, Jemima?«

»Ja, Ma'am,« erwiderte die Köchin; »gerade habe ich die Butter eingedickt.«

Hierauf faßte sich Frau Handycock wieder und fing an:

»Nun, Herr Simpel, wie befindet sich Ihr Großvater, Lord Privilege?«

»Ganz wohl, Ma'am,« gab ich wenigstens zum fünfzehnten Male zur Antwort.

Das Essen machte dem Stillschweigen, welches auf diese Bemerkung folgte, ein Ende. Herr Handycock ließ seine Rockschöße fallen und ging die Treppen hinab, indem er es mir und seiner Frau überließ, nach unserem Belieben zu folgen.

»Verzeihen Sie, Ma'am,« fragte ich, sobald er außer Hörweite war, »was ist denn mit Mr. Handycock, daß er so barsch gegen Sie ist?«

»Ach, mein Lieber, es gehört zu den Leiden des Ehestandes, daß das Weib auch seinen Teil bekommt, wenn's dem Manne schief geht. Mr. Handycock muß auf der Börse Geld verloren haben, und dann kommt er allemal mürrisch heim. Wenn er gewinnt, ist er so lustig wie ein Heimchen.«

»Kommt, Ihr Leute, herab zum Essen,« schrie Mr. Handycock von unten herauf.

»Ja, mein Lieber,« erwiderte die Dame, »ich dachte, Du wüschest Deine Hände.«

Wir gingen nun in das Speisezimmer hinab, wo wir fanden, daß Herr Handycock bereits zwei Weißfische verschlungen und nur einen für seine Frau und mich auf dem Tische gelassen hatte.

»Belieben Sie ein bischen Weißfisch, mein Lieber,« sprach die Dame zu mir.

»Es ist nicht der Mühe wert, daß man ihn teilt,« bemerkte der Gentleman in saurem Tone, nahm den Fisch zwischen Messer und Gabel und legte ihn auf seinen eigenen Teller.

»Ach, wie freut es mich, mein Schatz, daß es Dir schmeckt,« erwiderte die Dame schmeichelnd und wandte sich dann mit den Worten gegen mich: »'s kommt noch ein köstlicher Kalbsbraten nach, mein Lieber.«

Der Braten erschien und zum Glücke für uns konnte Mr. Handycock ihn nicht ganz verschlingen. Doch nahm er des Löwen Teil, schnitt alles Braune ab, und schob dann die Schüssel seiner Frau zu, damit sie sich und mich bediene. Ich hatte noch nicht zwei Stückchen im Munde, als Mr. Handycock mich bat, ihm den Porterkrug zu langen, der auf dem Seitentische stand. Ich dachte, hat es sich für dich nicht geschickt, die Thür zu öffnen, so ist es auch nicht recht, bei Tische aufzuwarten; doch gehorchte ich, ohne eine Bemerkung zu machen.

Nach dem Essen ging Mr. Handycock nach einer Flasche Wein in den Keller.

»O meine Güte,« rief seine Frau aus, »er muß gewaltig viel Geld verloren haben; wir thun besser, wir gehen hinauf und lassen ihn allein, vielleicht wird er nach einer Flasche Portwein umgänglicher.«

Ich ging sehr gern fort und, obwohl sehr ermüdet, ohne Thee zu Bett, denn Frau Handycock durfte es nicht wagen, ihn zu bereiten, bevor ihr Mann heraufkam.



Zweites Kapitel.

Ausrüstung in der kürzesten Frist. – Zum Glück für mich ist Mr. Handycock diesen Tag ein Bär, und ich fahre ganz wohl dabei. – Ich reise nach Portsmouth ab. – Hinter der Kutsche treffe ich einen Mann vor dem Maste. Er ist von Schnaps berauscht, aber es ist nicht der einzige Rausch, welchem ich auf meiner Reise begegne.

—————

Den nächsten Morgen schien Mr. Handycock etwas besser gelaunt. Es wurde nach einem Leinwandhändler geschickt, welcher Kadetten und ähnliche Leute in der kürzesten Frist ausrüstete, und Befehl zu meiner Equipierung gegeben. Mr. Handycock bestand darauf, sie sollte am folgenden Tage fertig sein, oder die Sachen würden nicht angenommen, wobei er bemerkte, daß mein Platz in dem Portsmouther Wagen bereits bestellt sei.

»In der That,« bemerkte der Mann, »ich fürchte, in gar so kurzer Frist –«

»Ihre Karte besagt: in der kürzesten Frist,« erwiderte Mr. Handycock mit der Zuversicht und dem Gewichte eines Mannes, der sich fähig fühlt, einen Andern mit seinen eigenen Behauptungen zu schlagen. »Wenn Sie nicht wollen, so giebt es einen Andern.«

Dies brachte den Mann zum Schweigen; er versprach es, nahm mir Maß und entfernte sich; bald nachher verließ auch Handycock das Haus.

Während Frau Handycock von meinem Großvater und mit dem Papagei sprach, Mutmaßungen aufstellte, wie viel Geld ihr Mann verloren, dann wieder zur Treppenbrüstung rannte, um mit der Köchin zu sprechen, verfloß der Tag so ziemlich gut bis vier Uhr. Da, als eben Frau Handycock, die Köchin und der Papagei unter einander kreischten, klopfte Mr. Handycock an die Thür und wurde eingelassen – aber nicht von mir. Er sprang in drei Sätzen die Treppe hinauf ins Besuchzimmer und schrie:

»Nun, Nannette, meine Liebe, wie geht's?« Dann beugte er sich über sie her. »Gieb mir einen Kuß, Liebe! Ich bin so hungrig wie ein Jagdhund. Ach, Herr Simpel, wie befinden Sie sich? ich hoffe, Sie haben den Morgen angenehm zugebracht. Ich muß die Stiefel wechseln, mein Schatz; in diesem Aufzuge kann ich nicht mit Euch zu Tische sitzen. Nun, Polly, wie steht's?«

»Mich freut es, daß Du hungrig bist, mein Lieber; ich habe so ein köstliches Essen für Dich,« erwiderte seine Frau voll Freundlichkeit. »Jemima, tummle Dich und decke auf; Mr. Handycock ist so hungrig.«

»Ja, Ma'am,« gab die Köchin zur Antwort, und Frau Handycock folgte ihrem Manne in das Schlafzimmer auf demselben Gange, um ihm bei seiner Toilette zu helfen.

»Beim Jupiter, Nannette, die Bullen Die Haussiers, welche durch Verkaufen die Kurse emportreiben. sind schön angeführt,« begann Mr. Handycock, als wir uns zum Essen niedersetzten.

»Wie bin ich vergnügt,« erwiderte die Frau kichernd, und ich glaube, sie war es auch, aber warum, konnte ich nicht begreifen.

»Herr Simpel,« hob er an, »belieben Sie etwas Fisch?«

»Wenn Sie selbst nicht alles brauchen,« war meine höfliche Antwort. Frau Handycock runzelte die Stirn und schüttelte den Kopf, während ihr Mann mich bediente.

»Mein Täubchen, ein wenig Fisch.«

Wir beide erhielten heute unsern Teil, und ich sah nie einen Mann so höflich als Herrn Handycock. Er scherzte mit seiner Frau, forderte mich zwei- oder dreimal auf, mit ihm Wein zu trinken, sprach von meinem Großvater, – kurz, wir hatten einen sehr vergnügten Abend.

Den andern Morgen kamen alle meine Kleider an; allein Mr. Handycock, der noch seinen rosenfarbenen Humor hatte, sagte, er lasse mich nicht bei Nacht reisen, ich solle hier schlafen und erst am nächsten Morgen aufbrechen. Dies that ich auch um sechs Uhr, und kam vor acht Uhr bei dem »Elefanten mit dem Turme« an, wo wir eine Viertelstunde hielten. Ich betrachtete eben das Schild, welches dies Thier mit einem Turme auf dem Rücken vorstellte, und indem ich mir jenen von Alnwick, welchen ich gesehen, vorstellte, um die Größe und das Gewicht dessen so ungefähr zu schätzen, was er trug, strengte ich mein Vorstellungsvermögen möglichst an, um den gewaltigen Umfang des Elefanten zu begreifen, als ich an der Ecke einen Haufen Leute versammelt sah. Ich fragte einen Gentleman, welcher neben mir in einem schottischen Mantel saß, was es denn Ungewöhnliches gäbe, das so viel Volk herbeiziehe. Er erwiderte: »Nichts gerade Ungewöhnliches; es ist nur ein betrunkener Matrose.« Ich sprang von meinem Sitze, welcher auf dem hintern Teile der Kutsche war, auf, um ihn zu sehen, denn es war für mich etwas Fremdes und erregte meine Neugierde, als er zu meinem Erstaunen aus dem Gedränge herwankte und schwor, er wolle auch mit nach Portsmouth. Sodann kletterte er am Wagenrade hinauf und setzte sich neben mich. Ich glaube, daß ich ihn sehr lange anstarrte, denn er sagte zu mir: »Was gafft Ihr, junger Maulaffe; wollt Ihr Feigen fangen, oder habt Ihr noch nie einen Burschen ›halb über See‹ d. h. angetrunken, beschwipst. gesehen?«

Ich entgegnete, ich sei niemals in meinem Leben zur See gewesen, stehe aber nun im Begriffe, es zu thun.

»Nun, dann gleicht Ihr einem jungen Bären; alle Eure Sorgen werden kommen, mein Junge,« gab er zur Antwort. »Wenn Ihr an Bord kommt, werdet Ihr Affenkost finden, und mehr Fußtritte als Groschen. He, Du Kannenschlepper, bring uns noch eine Halbmaß Bier.« Der Kellner, welcher die Kutsche bediente, brachte das Bier; der Matrose trank davon die Hälfte und schüttete ihm die andere ins Gesicht mit den Worten: »das ist Dein Teil, und nun, was bin ich schuldig?« Der Kellner, welcher äußerst unwillig aussah, aber sich doch zu sehr zu fürchten schien, um etwas zu sagen, antwortete: »Vier Pence.« Während aber der Matrose eine Hand voll Banknoten, mit Gold, Silber und Kupfermünze untermischt, herauszog, und das Geld zusammen suchte, um sein Bier zu zahlen, fuhr der Kutscher, der nicht so lange warten mochte, davon. »Da heißt's: Auf und davon!« rief der Matrose, indem er all sein Geld in die Hosentasche steckte. »Dies werdet Ihr lernen, mein Geselle, ehe Ihr zwei Fahrten zur See gemacht habt.« Mittlerweile schmauchte der Gentleman im schottischen Mantel, welcher neben mir saß, seine Cigarre, ohne ein Wort zu sprechen. Ich fing eine Unterhaltung mit ihm an, die sich auf meinen Stand bezog, und fragte ihn, »ob dies Geschäft nicht schwer zu erlernen sei.« »Zu lernen?« schrie der Matrose, uns unterbrechend, »nein; für solche Bursche, wie ich, mag es schwer sein, vor dem Maste Die Leute »vor dem Maste« sind die gemeinen Matrosen, im Gegensatz zu »hinter dem Mast«, wo der Aufenthalt der Offiziere und Passagiere 1. Klasse ist. zu lernen, aber Ihr seid, wie ich glaube, ein Reffer, d. i. Midshipman, Seekadett. und diese haben nicht viel zu lernen; von wegen was? sie kreiden ihre wöchentlichen Berichte hin und gehen mit den Händen in der Tasche auf und ab. Ihr müßt Tabak kauen und Grog trinken lernen, und wie man die Katze einen Bettler nennt, dann wißt Ihr alles, was man heutzutag von einem Midshipman erwartet. Hab' ich nicht recht, Herr?« fuhr der Matrose fort und wendete sich an den Gentleman im spanischen Mantel; »ich frag' Euch, weil ich an dem Schnitt Eures Klüvers sehe, daß ihr ein Seemann seid. Bitte um Verzeihung,« setzte er hinzu, indem er an seinen Hut langte, »hoffentlich nichts für ungut.«

»Ich fürchte, Ihr habt nah ans Ziel getroffen, mein guter Geselle,« erwiderte der Gentleman.

Der betrunkene Bursche ließ sich nun in ein Gespräch mit ihm ein und erzählte, er sei vom Audacious zu Portsmouth ausbezahlt worden und nun nach London gekommen, um mit seinen Kameraden sein Geld zu verputzen; aber gestern habe er entdeckt, daß ein Jude zu Portsmouth ihm für fünfzehn Schillinge ein Petschaft als golden verkauft, das in der That nur Kupfer sei, und nun wolle er nach Portsmouth zurück, um dem Juden für seinen Schurkenstreich ein Paar blau unterlaufene Augen zu geben; wenn er dies gethan, werde er zu seinen Kameraden zurückkehren, welche ihm versprochen hätten, im ›Hahn und Flasche‹, St. Martinsstraße, auf den guten Erfolg seiner Unternehmung zu trinken, bis er zurückkomme. Der Gentleman im schottischen Mantel lobte ihn wegen seines Entschlusses: denn, sagte er, obschon die Reise nach Portsmouth hin und her zweimal so viel kostet, als ein goldenes Petschaft, so ist sie doch am Ende ein Judenauge wert. Im Englischen sprichwörtlich für: sehr wertvoll. Was er damit meinte, verstand ich nicht.

So oft die Kutsche anhielt, verlangte der Matrose Bier, und den Rest, welchen er nicht trinken konnte, schüttete er stets dem Manne, der es ihm brachte, ins Gesicht, gerade, wenn die Kutsche am Abfahren war; den zinnernen Krug warf er zu Boden. Auf jeder Station wurde er betrunkener. Da er auf der letzten Station sein Geld herauszog und kein Silber finden konnte, gab er dem Kellner eine Banknote zum Wechseln hin. Dieser knitterte sie zusammen, steckte sie in die Tasche und gab dann dem Matrosen auf eine Pfundnote Münze heraus; allein der Gentleman im Mantel hatte bemerkt, daß es eine Fünfpfundnote war, welche der Matrose herausgegeben, und bestand darauf, der Kellner sollte sie hervorziehen und wechseln, wie es sich gehörte. Der Matrose nahm sein Geld, welches ihm der Kellner einhändigte, indem er wegen des Irrtums um Verzeihung bat, wiewohl er sehr darüber errötete, daß er entdeckt worden war.

»Ich muß wirklich um Verzeihung bitten,« begann er wieder, »es war blos ein Irrtum,« worauf der Matrose mit den Worten: »ich bitte auch um Verzeihung,« den zinnernen Krug nach dem Kellner warf, und zwar mit solcher Gewalt, daß er auf dem Kopf des Mannes platt geschlagen wurde, und dieser sinnlos auf die Straße fiel. Der Kutscher fuhr davon, und ich hörte nimmer, ob der Mann tot war oder nicht.

Während die Kutsche dahinrollte, beguckte der Matrose den Gentleman im schottischen Mantel ein paar Minuten und sagte dann: »Da ich Euch zuerst ansah, nahm ich Euch für einen Offizier in Mufti, nun da ich bemerke, daß Ihr so scharf aufs Bare sehet, denke ich, Ihr seid so ein armer Teufel von Schotte, vielleicht ein Untersteuermann auf einem Kauffahrteischiffe – hier ist eine halbe Krone für Eure Bemühung. Ich würde Euch mehr geben, wenn ich dächte, Ihr wolltet es durchbringen.« Der Gentleman lachte und nahm die halbe Krone, welche er, wie ich später beobachtete, einem grauköpfigen Bettler am Fuße von Portsdown-Hill gab. Ich fragte ihn, wann wir in Portsmouth sein würden, worauf er zur Antwort gab, daß wir eben die Linien passierten; allein ich sah keine Linien, und schämte mich, meine Unwissenheit merken zu lassen. Er erkundigte sich, für welches Schiff ich bestimmt sei; ich konnte mich aber nicht auf seinen Namen erinnern, sondern sagte ihm, er sei auf die Außenseite meines Koffers gemalt, welcher mit dem Wagen kommen werde; alles wessen ich mich noch entsinnen konnte, war, daß der Name französisch sei. »Haben Sie kein Empfehlungsschreiben an den Kapitän?« fragte er. »Ja wohl,« entgegnete ich und zog meine Brieftasche heraus, in welcher der Brief lag. »Kapitän Savage, Seiner Majestät Schiff Diomede,« fuhr ich fort, indem ich es ihm vorlas. Zu meinem Erstaunen wollte er ganz kaltblütig das Schreiben öffnen, welches mich veranlaßte, es ihm sogleich aus der Hand zu reißen, wobei ich zugleich äußerte, daß dies nicht ehrenhaft und er nach meiner Meinung kein Gentleman sei. »Wie es beliebt, junger Herr,« erwiderte er. »Vergessen Sie nicht, daß Sie gesagt haben, ich sei kein Gentleman.« Er wickelte sich in seinen Mantel und sprach nichts mehr; und ich war nicht wenig erfreut, ihn durch mein entschlossenes Benehmen zum Schweigen gebracht zu haben.



Drittes Kapitel.

Man macht, daß ich im »Blauen Pfosten« sehr trübe sehe. – Ich finde wilde Geister um mich, bald nachher heiße in mir, welche mich zuletzt überwältigten. – Ich werde aufgefordert, dem Kapitän meine Ehrfurcht zu bezeugen, und finde, daß ich das Vergnügen gehabt habe, ihn schon früher zu treffen. – Aus einer Klemme in die andere.

—————

Als wir anhielten, fragte ich den Kutscher nach dem besten Gasthofe. Er antwortete: »es wäre der ›Blaue Pfosten‹ wo die Seekadetten lassen ihre Kästen, Thee verlangen und Toasten Geröstete Brotschnitten., und bisweilen vergessen zu zahlen ihre Kosten.« Er lachte, als er es sagte und ich dachte, er scherze mit mir; aber er deutete auf zwei große blaue Pfosten an der Thür, nächst dem Postkutschenbüreau und sagte mir, daß alle Seekadetten dieses Hotel besuchten. Er bat dann, mich an den Kutscher zu erinnern, was, wie ich mittlerweile begriffen, bedeutete, ich solle nicht vergessen, ihm einen Schilling zu geben; ich that es und trat in den Gasthof. Das Kaffeezimmer war voll Seeleute, und weil ich wegen meines Koffers in Angst war, fragte ich einen von ihnen, ob er wisse, wann der Wagen ankomme.

»Erwarten Sie Ihre Mutter damit?« versetzte er.

»O nein! aber ich erwarte meine Uniformsstücke; ich trage nur diese Flaschengrünen, bis sie kommen.«

»Um Vergebung, welchem Schiffe sind Sie zugewiesen?«

»Der Die-a-maid, Kapitän Thomas Kirkwall Savage.«

»Der Diomed? ei Robinson, ist dies nicht die Fregatte, auf welcher die Seekadetten vier Dutzend erhielten, weil sie ihre wöchentlichen Berichte am Samstag nicht eingeschrieben hatten?«

»Ja freilich,« entgegnete der andere; »der Kapitän gab dieser Tage einem der jungen Leute fünf Dutzend, weil er ein scharlachrotes Uhrband trug.«

»Er ist der größte Tartar im Dienste,« fuhr der andere fort; »er ließ bei der letzten Fahrt die ganze Steuerbordwache peitschen, weil das Schiff nur neun Knoten nach der Boleine segeln wollte.«

»Mein Gott,« sagte ich, »dann fürchte ich mich, dahin zu gehen.«

»Meiner Seele, Sie dauern mich, Sie werden zu Tode geprügelt werden; es sind just nur drei Seekadetten auf dem Schiffe – alle übrigen liefen davon. Nicht wahr, Robinson?«

»Es sind nur noch zwei da; denn der arme Matthews starb vor Anstrengung. Er wurde bei Tag geschunden und mußte sechs Wochen lang alle Nacht Wache halten; an einem Morgen fand man ihn tot auf seinem Koffer.«

»Gerechter Gott!« rief ich aus, »und am Lande sagt man, er sei so artig gegen seine Seekadetten.«

»Ja,« erwiderte Robinson, »er sprengt überall dies Gerücht aus. Nun, merken Sie, wenn Sie ihm zuerst aufwarten und melden, daß Sie gekommen sind, um auf sein Schiff zu gehen, wird er Ihnen sagen, er sei sehr erfreut, Sie zu sehen, und hoffe, Ihre Familie befinde sich wohl; dann wird er Ihnen empfehlen, an Bord zu gehen und Ihren Dienst zu lernen. Nach diesem gehen Sie ihm aus dem Wege. Nun vergessen Sie nicht, was ich sagte, und Sie werden sehen, ob es nicht eintritt. Kommen Sie, setzen Sie sich zu uns und nehmen Sie ein Glas Grog; es wird Ihren Geist erheitern.«

Die Seekadetten sprachen nun so viel von meinem Kapitän und den schrecklichen Grausamkeiten, die er verübte, daß ich einigermaßen zweifelte, ob es nicht besser wäre, wieder heim zu gehen. Als ich sie um ihre Meinung befragte, sagten sie, wenn ich dies thue, so werde ich als Deserteur eingefangen und gehängt; am besten sei es, ihn um die Annahme von einigen Gallonen Rum zu bitten; denn er sei sehr auf den Grog versessen, und dann möchte ich vielleicht so lange in seiner Gunst stehen, als der Rum wirke.

Leider muß ich sagen, daß die Seekadetten mich diesen Abend ganz betrunken machten. Ich erinnere mich nicht mehr, wie ich zu Bette kam, aber ich fand mich daselbst den andern Morgen mit furchtbarem Kopfweh, und konnte mich nur ganz verwirrt an das erinnern, was vorgefallen war. Ich ärgerte mich sehr darüber, daß ich die Ermahnungen meiner Eltern so bald vergessen hatte, und gelobte, nie wieder so thöricht zu sein, als der Seekadett, welcher die Nacht vorher so artig gegen mich gewesen, hereinkam.

»Kommen Sie, Herr Flaschengrün,« rief er, indem er vermutlich auf die Farbe meiner Kleider anspielte. »Aufgestanden und gezäumt. Des Kapitäns Beischiffsführer wartet unten auf Sie; bei Gott, Sie sind in einer schönen Klemme wegen gestern nachts.«

»Gestern Nacht!« erwiderte ich erstaunt. »Wie, weiß der Kapitän, daß ich betrunken war?«

»Ich denke, Sie ließen es ihn verdammt gut merken, als Sie im Theater waren.«

»Im Theater! war ich im Theater?«

»Gewiß! Wir thaten alles, Sie davon abzuhalten, aber Sie wollten gehen, obschon Sie so betrunken waren, wie David's Sau. Ihr Kapitän war da mit des Admirals Töchtern. Sie hießen ihn einen Tyrannen und schlugen ihm Schnippchen. Wie, erinnern Sie sich nicht? Sie sagten, Sie fragten den Teufel nach ihm?«

»O mein Gott, was soll ich thun, was soll ich anfangen!« rief ich aus. »Meine Mutter warnte mich so vor dem Trinken und schlechter Gesellschaft!«

»Schlechter Gesellschaft? Sie Bube, was meinen Sie damit?«

»O, ich bezog es nicht gerade auf Sie.«

»Hoffentlich nicht! Doch rate ich Ihnen als guter Freund, gehen Sie, so schnell Sie können, in Georges Inn und besuchen Sie Ihren Kapitän. Denn je länger Sie es anstehen lassen, desto schlimmer ist es für Sie. Auf alle Fälle wird es sich entscheiden, ob er Sie annimmt oder nicht. Es ist ein Glück für Sie, daß Sie noch nicht in den Schiffsbüchern sind. Kommen Sie, hurtig, der Beischiffsführer ist zurückgegangen.«

»Nicht in den Schiffsbüchern?« versetzte ich ängstlich, »ich erinnere mich doch eines Briefes vom Kapitän an meinen Vater, worin es heißt, er habe mich in die Schiffsbücher eingetragen.«

»Auf Ehre, es thut mir wirklich leid,« erwiderte der Seekadett und sah, als er das Zimmer verließ, so ernsthaft aus, als ob das Unglück ihm selbst begegnet wäre. Ich stand mit schwerem Kopfe, aber noch schwererem Herzen auf und fragte, nachdem ich angekleidet war, nach Georges Inn. Ich nahm meine Empfehlungsschreiben mit, obschon ich fürchtete, es werde mir wenig nützen. Als ich ankam, fragte ich mit zitternder Stimme, ob Kapitän Thomas Kirkwall Savage von Seiner Majestät Schiff Diomed sich hier aufhalte.

Der Kellner versetzte, er sei bei Kapitän Courtney beim Frühstück, aber er wolle meinen Namen melden. Ich sagte ihm denselben; in einer Minute kam der Kellner zurück und bat mich, hinaufzugehen.

Wie schlug mein Herz! Nie war ich so erschrocken – ich dachte, ich müsse auf der Stiege umsinken. Zweimal versuchte ich, ins Zimmer zu treten, und jedes Mal versagten mir die Füße; endlich trocknete ich den Schweiß von meiner Stirne, und trat mit verzweifelter Anstrengung ein.

»Herr Simpel, freut mich Sie zu sehen«, sprach eine Stimme.

Ich stand mit gesenktem Kopfe da; denn ich scheute mich, ihn anzublicken; aber die Stimme klang so freundlich, daß ich Mut faßte, und als ich aufschaute, saß da in Uniform und Epaulette, den Degen an der Seite – der Fremde im schottischen Mantel, welcher meinen Brief öffnen wollte, und dem ich ins Gesicht sagte, er sei kein Gentleman. Ich glaubte, sterben zu müssen, wie jener Seekadett auf seinem Koffer, und wollte gerade auf meine Kniee niedersinken und um Gnade bitten, als der Kapitän, welcher meine Verwirrung bemerkte, in ein lautes Gelächter ausbrach und sagte:

»So, kennen Sie mich nun, Herr Simpel. Nun, beunruhigen Sie sich nicht; Sie thaten Ihre Schuldigkeit, daß Sie mich den Brief nicht öffnen ließen, indem Sie mich für eine andere Person hielten, und Sie hatten unter dieser Voraussetzung ganz recht, zu sagen, ich sei kein Gentleman. Ihr Benehmen gefällt mir. Nun setzen Sie sich, und nehmen Sie etwas Frühstück. Kapitän Courtenay«, sagte er zu dem anderen Kapitän, der am Tische war, dies ist einer meiner jungen Leute, der gerade in den Dienst tritt. Wir reisten gestern mit einander in der Postkutsche.« Er erzählte ihm dann den Vorfall, worüber beide herzlich lachten. Ich konnte nun wieder ein wenig leichter atmen, aber die Theatergeschichte war noch da, und ich dachte, er erkenne mich vielleicht nicht mehr. Ich wurde jedoch bald von meiner Angst befreit, und zwar durch den anderen Kapitän, welcher fragte:

»Waren Sie gestern Abend im Theater, Savage?«

»Nein, ich speiste bei Admirals, man kann von diesen Mädchen nicht wegkommen, so unterhaltend sind sie.«

»Ich denke, Sie sind da ein wenig gefangen.«

»Nein, auf mein Wort. Es könnte wohl sein, wenn ich Zeit hätte zu entdecken, welche mir am besten gefällt, allein gegenwärtig ist mein Schiff mein Weib, und das einzige Weib, das ich haben werde, bis man mich aufs Brett legt.«

»Gut«, dachte ich, »war er nicht im Theater, so kann ich ihn auch nicht beleidigt haben. Wenn ich ihm jetzt nur den Rum geben und ihn zum Freunde gewinnen könnte.«

»Herr Simpel, wie befinden sich Vater und Mutter?« sagte der Kapitän.

»Sehr wohl, ich danke Ihnen, Sir; ich soll Ihnen viele Empfehlungen ausrichten.«

»Ich bin Ihnen verbunden. Nun, ich denke, je schneller Sie an Bord gehen und den Dienst lernen, desto besser. (Gerade, was der Seekadett mir sagte – dieselben Worte, dachte ich – dann ist alles wahr – und ich fing wieder zu zittern an.) Ich habe Ihnen einigen Rat zu erteilen«, fuhr der Kapitän fort, »zuerst gehorchen Sie Ihren vorgesetzten Offizieren ohne Zaudern; ich habe zu entscheiden, nicht Sie, ob ein Befehl gerecht ist oder nicht. Sodann fluchen Sie nicht und trinken keine geistigen Getränke. Jenes ist unsittlich und steht einem Gentleman nicht an, dieses ist eine gemeine Gewohnheit, welche sich bei Ihnen festsetzen würde. Ich selbst rühre nie ein geistiges Getränk an und erwarte, daß meine jungen Gentlemen sich ebenfalls dessen enthalten. Nun können Sie gehen, und sobald Ihre Uniformstücke ankommen, werden Sie sich an Bord verfügen. Zugleich lassen Sie mich Ihnen, da ich, während wir mit einander reisten, einige Einsicht in Ihren Charakter gewinnen konnte, empfohlen haben, nicht auf den ersten Anblick mit denjenigen allzu vertraut zu sein, welchen Sie begegnen, oder Sie könnten in Verlegenheit kommen. Guten Morgen.«

Ich verließ das Zimmer mit einem tiefen Bückling, froh, was mir ein Chaos von Schwierigkeiten schien, so leicht überwunden zu haben; allein mein Geist war durch die Aussage des Seekadetten verwirrt, da sie von der Sprache und dem Betragen des Kapitäns so sehr verschieden war. Als ich in den Blauen Pfosten kam, fand ich alle Seekadetten im Kaffeezimmer und wiederholte ihnen, was vorgekommen war. Nachdem ich geendigt hatte, brachen sie in ein helles Gelächter aus und sagten, sie hätten mit mir nur gescherzt.

»Nun«, erwiderte ich demjenigen, welcher mich am Morgen gerufen hatte, »Sie mögen es scherzen heißen, ich nenne es lügen.«

»Um Vergebung, Herr Flaschengrün, geht dies mich an?«

»Ja, allerdings«, versetzte ich.

»Dann Sir, verlange ich als ein Gentleman Satisfaktion. Donnerwetter! Lieber Tod als Schande, Gott straf mich!«

»Ich werde sie Ihnen nicht verweigern«, antwortete ich, »obschon ich noch nie ein Duell hatte; mein Vater warnte mich davor, und bat mich, es womöglich zu vermeiden, denn dies heiße seinem Schöpfer Trotz bieten; allein wohl wissend, daß ich meinen Charakter als Offizier aufrecht erhalten muß, überließ er es meiner eigenen Klugheit, sollte ich je so unglücklich sein, in einen solchen Fall zu kommen.«

»Gut, wir wollen Ihres Vaters Predigt nicht aus der zweiten Hand«, versetzte der Seekadett (ich hatte ihnen nämlich gesagt, daß mein Vater ein Geistlicher sei), »die einfache Frage ist die – wollen Sie sich schlagen oder nicht?«

»Kann die Sache nicht anders beigelegt werden?« unterbrach ein anderer. »Wollen Sie nicht zurücknehmen, Herr Flaschengrün?«

»Mein Name ist Simpel, Sir, und nicht Flaschengrün«, erwiderte ich, »und da er eine Unwahrheit sagte, so will ich nicht zurücknehmen.«

»Dann muß die Sache vorwärts gehen«, sprach der Seekadett. »Robinson, willst Du mein Sekundant sein?«

»Es ist ein unangenehmes Geschäft«, versetzte dieser. »Du bist ein so guter Schütze, allein weil Du es verlangst, kann ich es nicht abschlagen. Herr Simpel hat, glaube ich, auch keinen Freund?«

»O ja«, entgegnete ein anderer Seekadett; »er ist ein mutiger Bursche, ich will ihm sekundieren.«

Es wurde nun ausgemacht, daß wir den anderen Morgen auf Pistolen losgehen sollten. Ich erwog, daß ich als Offizier und Gentleman es nicht abschlagen konnte, aber fühlte mich sehr unglücklich. Noch nicht drei Tage meiner eigenen Führung überlassen – und schon einen Rausch gehabt, und ein Duell auszufechten! Ich ging in mein Zimmer und schrieb einen langen Brief an meine Mutter, in welchen ich eine Haarlocke einschloß. Nachdem ich bei dem Gedanken, wie bekümmert meine Mutter sein würde, wenn ich fiele, einige Thränen vergossen, borgte ich von dem Kellner eine Bibel, und las den Rest des Tages darin.



Viertes Kapitel.

An einem kalten Morgen vor dem Frühstück werde ich belehrt, wie man im Feuer steht, und erprobe so meinen Mut. – Nach dem Frühstück erprobe ich auch meine Galanterie. – Meine Probe trifft Tadel. – Weiber sind im Grunde an allem Unheil Schuld. – Durch die eine verliere ich meine Freiheit, durch die andere mein Geld.

—————

Als ich am anderen Morgen erwachte, konnte ich mir nicht erklären, was ich wie einen Zentnerstein auf meiner Brust fühlte, aber als ich aufstand, und meine zerstreuten Gedanken sammelte, erinnerte ich mich, daß in einer oder zwei Stunden entschieden werden sollte, ob ich den nächsten Tag noch erleben würde. Ich betete inbrünstig, und faßte in meinem Herzen den Entschluß, daß ich das Blut eines Nebenmenschen nicht auf meinem Gewissen haben, und mein Pistol in die Luft feuern wolle. Nachdem ich diesen Vorsatz gefaßt hatte, fühlte ich die frühere Unruhe nicht mehr. Ehe ich angezogen war, kam der Seekadett, welcher sich freiwillig als mein Sekundant angeboten hatte, in mein Zimmer und benachrichtigte mich, daß die Sache in dem Garten hinter dem Wirtshause entschieden werden sollte; mein Gegner sei ein sehr guter Schütze, und ich müsse erwarten, entweder geflügelt oder gedrillt zu werden.

»Was ist das, geflügelt oder gedrillt?« fragte ich; »ich habe noch nie ein Duell gehabt, ja sogar in meinem Leben noch kein Pistol abgefeuert.«

Er erklärte mir, was er damit meine, nämlich unter »geflügelt« verstehe man durch den Arm oder das Bein geschossen werden, während »gedrillt« einen Schuß durch den Leib bedeute.

»Aber«, fuhr er fort, »ist es möglich, daß Sie noch kein Duell gehabt haben?«

»Nein«, erwiderte ich, »ich bin noch nicht fünfzehn Jahre alt.«

»Nicht fünfzehn? ich dachte, Sie wären wenigstens achtzehn.«

(Ich war nämlich sehr groß und stark für mein Alter, und man hielt mich allgemein für älter, als ich wirklich war.)

Ich zog mich an und folgte meinem Sekundanten in den Garten, wo ich alle Seekadetten und etliche Kellner des Wirtshauses fand. Sie schienen alle sehr lustig, als ob das Leben eines Mitgeschöpfes von keiner Bedeutung wäre. Die Sekundanten sprachen eine Weile insgeheim und maßen dann die Distanz ab, welche zwölf Schritte betrug. Wir nahmen unsere Posten ein. Ich glaube, ich wurde blaß, denn mein Sekundant kam zu mir heran und flüsterte mir zu, ich dürfe nicht erschrocken sein.

Ich versetzte, »ich sei nicht erschrocken, allein ich betrachte es als einen furchtbaren Augenblick.«

Der Sekundant meines Gegners kam dann herbei und fragte mich, ob ich meine Entschuldigung machen wolle, was ich wie vorher verweigerte. Sie händigten nun jedem von uns eine Pistole ein, und mein Sekundant zeigte mir, wie man abdrücken müsse. Es war ausgemacht, daß wir auf ein gegebenes Wort zugleich abfeuern sollten. Ich glaubte sicher, daß ich verwundet, wo nicht getötet werde, und schloß meine Augen, als ich mein Pistol in die Luft abfeuerte. Ich fühlte meinen Kopf schwindeln, und dachte, ich wäre getroffen, aber zum Glück war ich es nicht. Die Pistolen wurden wieder geladen, und wir feuerten zum zweiten Mal. Die Sekundanten legten sich dann ins Mittel, und es wurde vorgeschlagen, wir sollten uns die Hände geben, was ich sehr gern that, denn ich sah mein Leben nur durch ein Wunder gerettet an. Wir gingen alle in das Kaffeezimmer zurück, und setzten uns zum Frühstück nieder. Sie sagten mir dann, daß sie alle zu demselben Schiffe gehörten, wie ich; sie seien erfreut zu sehen, daß ich im Feuer stehen könne, denn der Kapitän sei ein furchtbarer Gesell im Kapern und Einlaufen unter feindlichen Batterien.

Den Tag darauf kam mein Koffer mit dem Wagen an; ich zog meine Flaschengrünen aus und legte meine Uniform an. Ich hatte weder aufgestülpten Hut noch Degen, da der von Herrn Handycock gebrauchte Warenhändler diese Artikel nicht lieferte, und ich sollte sie mir in Portsmouth anschaffen. Als ich nach dem Preise fragte, fand ich, daß sie mehr Geld kosteten, als ich in meiner Tasche hatte; daher brach ich den Brief, welchen ich vor dem Duell an meine Mutter geschrieben, auf, und schrieb einen anderen, worin ich um eine weitere Summe bat, um mir Degen und Hut kaufen zu können. Ich ging dann in meiner Uniform aus, ich muß gestehen, nicht wenig stolz. Ich war nun Offizier in Seiner Majestät Dienst, zwar nicht sehr hoch im Range, aber doch ein Offizier und Gentleman, und gelobte mir, meinen Charakter zu behaupten, obschon ich als der größte Dummkopf der Familie betrachtet wurde.

Ich war an einem gegenüberliegenden Platze angekommen, Sally Port genannt, als eine junge, hübsch gekleidete Dame mich sehr scharf ansah und sagte: »Nun, Reffer, sind Sie wohl mit Seife versehen?«

Ich staunte über die Frage noch mehr als über das Interesse, welches sie an meinen Angelegenheiten zu nehmen schien, und antwortete:

»Danke Ihnen, ich bin sehr gut versehen, ich habe vier Stück Windsor und zwei Stangen gelbe zum Waschen.«

Sie lachte über meine Erwiderung und fragte mich, »ob ich nicht mit ihr nach Hause gehen und ein kleines Diner einnehmen wolle.«

Ich wunderte mich über dieses artige Anerbieten, welches meine Bescheidenheit mehr meiner Uniform, als meinem eigenen Verdienste zuschrieb, und da ich keine Lust fühlte, abzuschlagen, so sagte ich, es sei mir sehr angenehm. Ich dachte, ich wollte es wagen, ihr meinen Arm anzubieten, welchen sie annahm, und wir wandelten mit einander High-Street hinauf, ihrer Wohnung zu.

Gerade gingen wir an des Admirals Hause vorüber, als ich meinen Kapitän mit zwei von des Admirals Töchtern daherkommen sah. Ich war nicht wenig stolz, ihm zu zeigen, daß ich weibliche Bekanntschaften habe, so gut als er, und als ich an ihm mit der jungen Dame unter meinem Schutze vorbeiging, nahm ich meinen Hut ab und machte ihm eine tiefe Verbeugung. Zu meinem Erstaunen erwiderte er den Gruß nicht nur nicht, sondern sah mich mit einem sehr finstern Gesicht an. Ich schloß daraus, er sei ein sehr stolzer Mann, und wollte des Admirals Töchtern nicht wissen lassen, daß er einen Seekadetten von Person kenne; allein ich hatte mir noch nicht recht meine Gedanken über den Gegenstand gemacht, als der Kapitän, welcher die Damen in des Admirals Haus begleitet hatte, mir einen Boten nachschickte und mir sagen ließ, ich solle sogleich zu ihm ins George-Hotel kommen, das gegenüber lag. Ich entschuldigte mich bei der jungen Dame und versprach, im Augenblick wieder zu kommen, wenn sie auf mich warten wolle; allein sie versetzte, wenn dies mein Kapitän wäre, so glaube sie, ich werde tüchtig von ihm gewaschen und an Bord geschickt werden. Sie wünschte mir wohl zu leben und setzte ihren Weg nach Hause fort. Ich konnte all dieses so wenig begreifen, als warum der Kapitän so finster blickte, da ich an ihm vorüberging, allein es wurde mir bald klar, wie ich zu ihm in das Besuchzimmer in George-Hotel kam.

»Es thut mir leid, Herr Simpel,« begann der Kapitän, als ich ins Zimmer trat, »daß ein junger Mensch schon so früh solche Zeichen von Schlechtigkeit blicken läßt; und noch mehr, daß er nicht einmal das Zartgefühl besitzt, welches selbst die Verhärtetsten nicht ganz ablegen – ich meine, die Unsittlichkeit im geheimen zu treiben und nicht sich selbst herabzuwürdigen oder seinen Kapitän dadurch zu beschimpfen, daß man seine Ausschweifungen ohne Scham gesteht, ja, ich möchte sagen, damit prunkt, indem man sie am hellen Tage in der besuchtesten Straße der Stadt zur Schau stellt.«

»Sir,« erwiderte ich voll Erstaunen, »mein Gott, was habe ich denn gethan?«

Der Kapitän richtete sein scharfes Auge auf mich, als wollte er mich damit durchbohren und an die Wand nageln.

»Wollen Sie damit sagen, Sir, daß Sie von dem Charakter der Person, mit welcher Sie soeben gingen, nichts wußten?«

»Nein, Sir,« versetzte ich, »ausgenommen, daß sie sehr artig und gutmütig war,« und dann erzählte ich ihm, wie sie mich angeredet habe und was darauf vorgefallen sei.

»Ist es möglich, Herr Simpel, daß Sie ein so großer Dummkopf sind?«

Ich erwiderte, »allerdings halte man mich für den größten Pinsel der Familie.«

»Ich denke, Sie sind es,« gab er trocken zur Antwort. Er setzte mir dann auseinander, wer die Person war, in deren Gesellschaft ich gewesen, und wie eine Verbindung mit ihr mich unvermeidlich in Schande und Verderben stürzen würde.

Ich weinte sehr, denn ich war erschrocken über die nahe Gefahr, in welcher ich geschwebt hatte, und betrübt, in seiner guten Meinung gesunken zu sein. Er fragte mich, wie ich seitdem meine Zeit in Portsmouth angewendet habe, und ich gestand ihm, daß ich betrunken war, erzählte alles, was die Seekadetten mir gesagt hatten, und daß ich diesen Morgen ein Duell gehabt habe. Er horchte sehr aufmerksam auf meine ganze Geschichte, und ich glaubte hier und da ein Lächeln auf seinem Gesichte zu bemerken, obschon er sich in die Lippen biß, um es zu unterdrücken. Als ich geendigt hatte, sagte er:

»Herr Simpel, ich kann Sie nicht länger am Lande lassen, ehe Sie mehr Erfahrung in der Welt gemacht haben. Ich werde meinem Beischiffsführer befehlen. Sie nicht aus dem Gesichte zu verlieren, bis Sie sicher an Bord der Fregatte sind. Wenn Sie einige Monate mit mir gefahren sind, werden Sie imstande sein, zu entscheiden, ob ich das Prädikat verdiene, das die jungen Gentlemen mir beigelegt haben, ich glaube, bloß in der Absicht, um sich über Ihre Unerfahrenheit lustig zu machen.«

Im ganzen that es mir nicht leid, daß es vorüber war. Ich sah, daß der Kapitän glaubte, was ich erzählt hatte, und freundlich gegen mich gesinnt war, obschon er mich für sehr einfältig hielt. Der Beischiffsführer begleitete mich, seinem Befehle gehorsam, in den Blauen Pfosten. Ich packte meine Kleider zusammen, bezahlte meine Rechnung, und der Packträger brachte meinen Koffer nach Sally Port hinab, wo das Boot wartete.

»Kommt, meine Jungen, vorwärts, den Anker aufgetrieben, lustig! Der Kapitän sagt, wir sollen den jungen Gentleman sogleich an Bord nehmen; seine Freiheit ist ihm genommen, weil er betrunken gewesen und der Dolly Mops nachgelaufen ist.«

»Sie sollten, denke ich, in Ihren Bemerkungen mehr Respekt zeigen, Herr Coxswain,« sagte ich voll Unwillen.

»Herr Coxswain? danke, Sir, daß Sie meinem Namen eine Handhabe geben«, versetzte er, »kommt Jungens, hurtig mit den Rudern.«

»Ach, Bill Freeman«, sprach ein junges Frauenzimmer am Strande, »was für einen hübschen, jungen Gentleman haben Sie da. Er sieht aus wie ein Nelson an der Mutterbrust. Ei, mein schöner, junger Offizier, können Sie mir nicht einen Schilling leihen?«

Es gefiel mir so sehr, mich von dem jungen Frauenzimmer einen jungen Nelson nennen zu hören, daß ich augenblicklich ihr Gesuch erfüllte.

»Ich habe keinen Schilling in meiner Tasche,« sagte ich, »aber hier ist eine halbe Krone; »ich werde sogleich wieder da sein, mein Lieber.«

Die Leute im Boot lachten und der Beischiffsführer befahl ihnen, abzufahren.

»Nein,« bemerkte ich, »wir müssen auf meine achtzehn Pence warten.«

»Dann dürften wir verflucht lange warten, glaube ich. Ich kenne die Dirne, sie hat ein sehr schlechtes Gedächtnis.«

»Sie kann nicht so unehrlich oder undankbar sein,« erwiderte ich; »Coxswain, ich befehle Ihnen, zu halten, ich bin Offizier.«

»Ich weiß, Sie sind es, Sir, ungefähr seit sechs Stunden; wohl dem, ich muß hinauf und dem Kapitän sagen, daß Sie ein anderes Mädchen im Schlepptau haben und nicht mit an Bord wollen.«

»O nein, Herr Coxswain, thun Sie das nicht, stoßen Sie ab, sobald es Ihnen beliebt, wir wollen nicht mehr an die achtzehn Pence denken.«

Das Boot fuhr nun ab und ruderte auf das Schiff zu. welches bei Spithead lag.



Fünftes Kapitel.

Ich werde in das Hinterverdeck eingeführt und dem ersten Leutnant vorgestellt, der mich für sehr geschickt erklärt. Ich steige hinunter zu Frau Trotters Ehestandshimmel in einem Cockpit. – Frau Trotter nimmt mich als Kostgänger an. – Ich bin sehr darüber erstaunt, daß so viele Leute wissen, daß ich der Sohn meines Vaters bin.

—————

Bei unserer Ankunft an Bord gab der Coxswain oder Beischiffsführer dem ersten Leutnant, welcher gerade auf dem Verdeck war, ein Billet von dem Kapitän. Er las es, blickte mich ernsthaft an, und dann hörte ich ihn zu einem andern Leutnant sagen: »Der Dienst geht zum Teufel. So lange er nicht beliebt war, hatten wir, wenn nicht viel Erziehung, doch wenigstens den Vorteil, welche natürliche Fähigkeiten uns gaben; aber nun, da vornehme Leute ihre Söhne zur Versorgung auf die Marine schicken, bekommen wir allen Ausschuß ihrer Familien, als ob jedes Ding gut genug wäre, um einen Kapitän eines Linienschiffs daraus zu machen, der in manchen Fällen mehr Verantwortlichkeit auf seinen Schultern hat, und in Lagen versetzt wird, die mehr Urteilskraft erheischen, als jeder andere Stand erfordert. Hier wird wieder einer von den Familiengimpeln dem Staate zum Geschenk gemacht, ein anderer junger Bär, den ich abrichten soll. Nun, ich sah noch keinen, aus dem ich nicht etwas machte. Wo ist Herr Simpel?«

»Ich bin Herr Simpel, Sir,« erwiderte ich sehr eingeschüchtert durch das, was ich gehört hatte.

»Gut, Herr Simpel, passen Sie auf und schenken Sie dem, was ich sage, besondere Aufmerksamkeit. Der Kapitän schreibt mir in diesem Billete, Sie hätten sich einfältig angestellt. Nun, Sir, ich lasse mich auf diese Art nicht fangen. Sie haben etwas von den Affen, welche nicht sprechen, weil sie besorgen, man werde sie zur Arbeit verwenden. Ich habe Ihr Gesicht aufmerksam betrachtet und auf den ersten Blick gesehen, daß Sie sehr fähig sind, und wenn Sie sich in kurzer Zeit nicht so erweisen, nun, so thun Sie besser, über Bord zu springen, und hiermit Punktum. Sie werden mich vollkommen verstehen, und da ich es Ihnen nun gesagt habe, so suchen Sie mich ja nicht zu täuschen; denn dies geht nicht!«

Ich war über diese Sprache sehr erschrocken, aber zugleich freute es mich zu hören, daß er mich für fähig hielt, und ich nahm mir vor, alles aufzubieten, um eine so unerwartete Meinung zu rechtfertigen.

»Quartiermeister,« sagte der erste Leutnant, »rufen Sie Herrn Trotter aufs Verdeck.«

Der Quartiermeister brachte Herrn Trotter herauf, der sich entschuldigte, daß er so schmutzig sei, da er eben Tonnen aus dem Schiffsraume herausschaffe. Es war ein kleiner untersetzter Mann, ungefähr dreißig Jahre alt, mit einer Nase, welche eine rote Warze hatte, sehr häßlichen Ohren und einem großen schwarzen Backenbarte.

»Herr Trotter,« sagte der erste Leutnant, »hier ist ein junger Gentleman, welcher für das Schiff bestimmt ist. Führen Sie ihn an seinen Kajüttenplatz und sehen Sie, daß man seine Hängematte aufschlingt. Sie müssen ein wenig nach ihm schauen.«

»Ich habe wirklich sehr wenig Zeit, nach einem von ihnen zu schauen, Sir,« erwiderte Herr Trotter, »aber ich will thun was ich kann. Folgen Sie mir, junger Herr!«

Ich stieg also die Leiter hinter ihm hinab, hierauf noch eine, und endlich sollte ich zu meinem Erstaunen noch eine dritte hinabsteigen; ich that es, und jetzt bemerkte er mir, nun sei ich im Cockpit.

»So, junger Herr,« sagte Trotter, indem er sich auf eine große Kiste niederließ, »thun Sie, wie zu Hause. Der Tisch der Seekadetten ist auf dem Verdecke, das sich über diesem befindet, und wenn Sie daran teil nehmen wollen, so können Sie es; aber das will ich Ihnen als guter Freund sagen, daß Sie dann den ganzen Tag durch zerdroschen werden, und übel dabei fahren. Der Schwächste kommt hier immer an die Wand; doch vielleicht fragen Sie nichts danach. Da wir im Hafen sind, so speise ich hier, weil Madame Trotter an Bord ist. Sie ist ein sehr reizendes Weib, kann ich Ihnen versichern, und wird sogleich hier sein. Sie ist gerade in die Schiffsküche gegangen, um nach einem Netz Kartoffeln zu sehen. Wenn Sie wollen, so will ich sie um Erlaubnis bitten, daß Sie mit uns speisen dürfen. Sie sind dann von den Seekadetten entfernt, welche ein böses Volk sind und Sie nichts lehren werden, als was unsittlich und unanständig ist; Sie haben dann den Vorteil, in guter Gesellschaft zu sein, denn Madame Trotter hat die allerbeste in England genossen. Ich mache Ihnen dies Anerbieten, weil ich mich gerne dem ersten Leutnant verpflichten möchte, welcher ein Interesse an Ihnen zu nehmen scheint; sonst wäre ich nicht sehr geneigt, mein häusliches Glück stören zu lassen.«

Ich erwiderte ihm, ich sei ihm für seine Höflichkeit sehr verbunden, und wenn es Madame Trotter in keine Verlegenheit setze, so werde ich sein Anerbieten gerne annehmen; ich hielt mich in der That für sehr glücklich, einen solchen Freund gefunden zu haben. Ich hatte kaum Zeit zu antworten, als ich auf der Leiter über uns ein Paar in schwarzkattunene Strümpfe gehüllte Beine erblickte, und es zeigte sich, daß sie der Madame Trotter gehörten, welche mit einem Netze voll dampfender Kartoffeln die Leiter herabkam.

»Auf mein Wort, Madame Trotter, Sie müssen sich bewußt sein, sehr hübsche Knöchel zu haben, sonst würden Sie es nicht wagen, sie vor Herrn Simpel zu zeigen, vor einem jungen Gentleman, welchen ich Ihnen vorstellen will, und der mit Ihrer Erlaubnis unsern Tisch teilen wird.«

»Mein lieber Trotter, wie grausam von Dir, mich nicht gewarnt zu haben; ich dachte, es sei niemand unten; ich schäme mich wirklich,« fuhr die Dame fort, indem sie einfältig lächelte und ihr Gesicht mit der Hand bedeckte, welche sie frei hatte.

»Es ist nun einmal geschehen, meine Liebe, und Du brauchst Dich auch darüber nicht zu schämen. Ich hoffe, Herr Simpel und Du werden sehr gute Freunde sein; ich glaube, ich habe schon seinen Wunsch erwähnt, an unserem Tisch teilzunehmen.«

»Ich werde gewiß in seiner Gesellschaft sehr glücklich sein. Dies ist ein sonderbarer Platz für mich zum Leben, Herr Simpel, nach der Gesellschaft, an welche ich gewöhnt bin; aber Liebe kann jedes Opfer bringen, und ehe ich den Umgang meines teuern Trotter verliere, der in Geldsachen unglücklich gewesen ist –«

»Sprich nicht mehr davon, meine Liebe; häusliches Glück geht über alles und kann selbst die Düsterheit eines Cockpit erhellen.«

»Und doch,« fuhr Madame Trotter fort, »wenn ich an die Zeit denke, wo wir in London zu leben pflegten. Waren Sie schon in London, Herr Simpel?«

Ich antwortete »ja.«

»Dann werden Sie gewiß mit den Smiths bekannt geworden sein oder von ihnen gehört haben.«

Ich erwiderte, daß die einzigen Leute, die ich daselbst kenne, Herr und Frau Handycock seien.

»Wenn ich gewußt hätte, daß Sie in London waren, so hätte ich Ihnen mit vielem Vergnügen ein Empfehlungsschreiben an die Smiths gegeben. Diese Leute geben den Ton an.«

»Aber mein Schatz«, unterbrach sie Herr Trotter, »ist es nicht Zeit, nach unserem Essen zu sehen?«

»Ja, ich will nun danach gehen. Wir haben heute Speilerstücke. Herr Simpel, wollen Sie mich entschuldigen?« und dann stieg Madame Trotter unter vielem Kokettieren und Lachen über ihre Knöchel die Leiter hinauf, wobei sie mich um die Gunst bat, mein Gesicht abzuwenden. Da der Leser vielleicht gerne wissen möchte, wie diese Person aussah, so will ich diese Gelegenheit benutzen und sie beschreiben. Sie war sehr gut gebaut und zu einer Zeit ihres Lebens mußte ihr Gesicht sehr hübsch gewesen sein; damals, als ich ihr vorgestellt wurde, zeigte es die Verheerungen, welche Zeit oder Not darauf angerichtet hatten, sehr deutlich – kurz, man konnte sie eine verwelkte Schönheit nennen, prunkend in ihrem Anzuge und nicht sehr reinlich von Person.

»Ein scharmantes Weib, die Madame Trotter, nicht wahr, Herr Simpel?« sagte des Schiffsmeisters Gehilfe, welchem ich natürlich sogleich beistimmte. »Nun, Herr Simpel«, fuhr er fort, »es sind einige Arrangements zu treffen, welche ich besser erwähne, so lange Madame Trotter fort ist; sie würde unser Gespräch über dergleichen Dinge übel aufnehmen. Natürlich ist die Lebensart, welche wir führen, etwas kostspielig. Madame Trotter kann ihren Thee und ihre sonstigen kleinen Bequemlichkeiten nicht missen; zugleich darf ich Ihnen keine besonderen Kosten verursachen, denn lieber wollte ich sie aus meiner Tasche bestreiten. Ich mache Ihnen den Vorschlag, Sie sollen, so lange Sie mit uns speisen, wöchentlich nur eine Guinee bezahlen; zum Eintrittsgeld darf ich Ihnen, glaube ich, nicht mehr als ein paar Guineen auferlegen. Haben Sie Geld?«

»Ja«, erwiderte ich, »ich habe drei Guineen und eine halbe übrig.«

»Nun, dann geben Sie mir die drei Guineen, und die halbe können Sie als Taschengeld behalten. Sie müssen Ihren Freunden sogleich um weitere Unterstützung schreiben.«

Ich händigte ihm das Geld ein und er steckte es in seine Tasche.

»Lassen Sie«, fuhr er fort, »Ihre Kiste herbeibringen, denn Madame Trotter wird sie, wenn ich es verlange, nicht nur in Ordnung bringen, sondern auch dafür sorgen, daß Ihre Kleider ordentlich ausgebessert werden. Madame Trotter ist eine reizende Frau und sieht junge Gentlemen sehr gerne. Wie alt sind Sie?«

»Fünfzehn«, erwiderte ich.

»Nicht mehr? nun das freut mich; denn Madame Trotter ist bei einem gewissen Alter etwas eigen. Ich empfehle es Ihnen, sich auf keine Weise mit den anderen Seekadetten einzulassen. Sie sind sehr ungehalten auf mich, weil ich Madame Trotter nicht gestatte, ihren Tisch zu teilen; auch sind es böse Schwätzer.«

»Das sind sie in der That«, versetzte ich. Doch hier wurden wir von Madame Trotter unterbrochen, welche mit einem Stecken in der Hand herabkam, auf dem ungefähr ein Dutzend dünne Stückchen Rind- und Schweinefleisch steckten; diese legte sie zuerst auf eine Platte, dann begann sie das Tischtuch auszubreiten und aufzudecken.

»Herr Simpel ist erst fünfzehn, meine Liebe«, bemerkte Herr Trotter.

»Gerechter Himmel«, versetzte Madame Trotter, »wie groß er ist! Er ist gerade so groß als der junge Lord Foutretown, welchen Du beim Ausfahren mitzunehmen pflegtest. Kennen Sie Lord Foutretown, Herr Simpel?«

»Nein, Ma'am«, antwortete ich; weil ich aber sie gern wissen lassen mochte, daß ich in guter Verwandtschaft stehe, so fuhr ich fort, »aber ich darf behaupten, mein Großvater, Lord Privilege, kennt ihn.«

»Gott im Himmel! ist Lord Privilege Ihr Großvater? Nun, ich dachte gleich, ich sehe eine Ähnlichkeit. Erinnerst Du Dich nicht an Lord Privilege, lieber Trotter, welchen wir bei Lady Scamp trafen? – eine ältliche Person. Es ist sehr undankbar von Dir, Dich seiner nicht zu erinnern, denn er schickte Dir einen sehr schönen Rehschlegel.«

»Privilege, Gott straf' mich, ja. Ein alter Gentleman, nicht wahr?« sagte Herr Trotter, indem er sich an mich wandte.

»Ja, Sir«, entgegnete ich, voll Freuden, mich unter Leuten zu befinden, welche mit meiner Familie bekannt waren.

»Nun, denn, Herr Simpel«, begann Madame Trotter, »da wir das Vergnügen haben, mit Ihrer Familie bekannt zu sein, so will ich Sie unter meine Aufsicht nehmen, und so für Sie besorgt sein, daß Trotter ganz eifersüchtig werden soll«, fügte sie lächelnd hinzu. »Wir werden nur heute ein ärmliches Mittagsessen haben, denn die Frau im Marktschiffe hat mich getäuscht. Ich trug ihr nämlich besonders auf, mir eine Hammelskeule zu bringen, aber sie sagt, es wäre noch etwas früh dazu, aber Trotter ist sehr lecker im Essen. Nun wollen wir uns zu Tische setzen.«

Ich fühlte mich sehr unwohl und konnte nichts essen. Unsere Mahlzeit bestand in Stückchen Rind- und Schweinefleisch, Kartoffeln und gebackenem Pudding in einer zinnernen Schüssel. Herr Trotter ging hierauf, um der Schiffsmannschaft das Getränk auszuteilen, und kehrte mit einer Flasche Rum zurück.

»Hast Du Herrn Simpels Portion bekommen, mein Lieber?« fragte Madame Trotter.

»Ja, er hat für heute seinen Teil, weil er vor Mittag an Bord kam. Trinken Sie Rum, Herr Simpel?«

»Nein, ich danke Ihnen«, versetzte ich, denn mir fiel des Kapitäns Warnung ein.

»Da ich ein solches Interesse an Ihrer Wohlfahrt nehme, so muß ich Ihnen ernstlich empfehlen, sich desselben zu enthalten«, sagte Herr Trotter. »Es ist eine üble Gewohnheit, und hat man sie einmal, so kann man sie nicht mehr leicht lassen. Ich muß ihn trinken, um nach der Arbeit im Schiffsraume die Ausdünstung nicht zu hemmen. Zwar habe ich einen natürlichen Abscheu davor; aber meine Champagner- und Claret-Tage sind vorbei, und ich muß mich in die Umstände schicken.«

»Mein armer Trotter«, sagte die Lady.

»Ja«, fuhr er fort, »es ist mein armes Herz, das nie sich freuet.«

Er goß einen halben Becher voll Rum ein und füllte das Glas mit Wasser auf.

»Mein Schatz, willst Du versuchen?«

»Nun, Trotter, Du weißt ja, daß ich ihn nie anrühre, außer wenn das Wasser so schlecht ist, daß man ihm den Geschmack nehmen muß. Wie ist das Wasser heute?«

»Wie gewöhnlich, mein Schatz, nicht trinkbar.«

Nach vielem Zureden ließ sich Madame Trotter herbei, ein wenig aus dem Glase zu nippen. In Betracht, daß sie das Getränk nicht liebte, dünkte es mich, sie lange ziemlich oft danach, allein ich fühlte mich so unwohl, daß ich auf das Deck gehen mußte. Hier traf ich einen Seekadetten, welchen ich vorher noch nie gesehen hatte. Er blickte mir sehr ernsthaft ins Gesicht und fragte dann nach meinem Namen.

»Simpel«, sagte er, »wie, sind Sie der Sohn der alten Simpel?«

»Ja, Sir«, erwiderte ich erstaunt, daß so viele Leute meine Familie kennen sollten.

»Nun, ich dachte mir's gleich wegen der Ähnlichkeit. Und wie befindet sich Ihr Vater?«

»Sehr wohl, danke Ihnen, Sir.«

»Wenn Sie ihm schreiben, richten Sie ihm mein Kompliment aus, und sagen Sie ihm, ich wünsche besonders in seinem Gedächtnis zu bleiben.«

Damit ging er fort, aber da er vergaß, seinen Namen anzugeben, konnte ich es nicht thun. Ich ging sehr ermüdet zu Bette. Herr Trotter hatte in dem Cockpit meine Hängematte aufgehängt, welche nur durch eine Decke von Segeltuch von der Hängematte getrennt war, in welcher er mit seiner Frau schlief. Dies kam mir sehr sonderbar vor, allein sie sagten mir, es sei so Sitte an Bord, obwohl das Zartgefühl der Madame Trotter sehr dadurch verletzt werde. Ich fühlte mich sehr unwohl, allein Madame Trotter war sehr zärtlich. Als ich im Bette lag, küßte sie mich, wünschte mir gute Nacht und bald darauf fiel ich in festen Schlaf.



Sechstes Kapitel.

Madame Trotter besorgt meine Garderobe. – Ein eheliches Duett, welches con strepito endigt.

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Ich erwachte den andern Morgen mit Tagesanbruch durch ein donnerähnliches Geräusch über meinem Kopfe und fand, daß es von dem Abwaschen des Deckes herkam. Dessenungeachtet war ich sehr erfrischt und fühlte mich nicht im geringsten unwohl oder schwindlig. Herr Trotter, welcher um vier Uhr aufgestanden war, kam herab und trug einem Matrosen auf, mir Wasser zu bringen. Ich wusch mich auf meinem Koffer und ging dann auf das Verdeck, welches man trocken schwabberte. Als ich an der Kajüttenthür bei der Schildwache stand, traf ich auf einen jungen Seekadetten, in dessen Gesellschaft ich im Blauen Pfosten gewesen war.

»So, Herr Simpel, der alte Trotter und sein Besen von Weib haben Sie festgehalten, nicht wahr?« sagte er.

Ich erwiderte, »ich verstehe nicht, was er mit dem Besen meine, allein ich halte die Madame Trotter für ein sehr reizendes Weib.« Hierauf brach er in ein helles Gelächter aus.

»Nun,« fuhr er fort, »ich will Sie warnen; nehmen Sie sich in acht, oder man wird Sie rein ausfegen. Hat Ihnen Madame Trotter schon ihre Knöchel sehen lassen?«

»Ja,« versetzte ich, »und sie sind sehr hübsch.«

»Ach! das sind ihre alten Kniffe; es wäre für Sie besser gewesen, an unserem Tische teilzunehmen. Sie sind nicht der erste Grünschnabel, den sie gerupft haben. Nun,« schloß er, als er wegging, »heben Sie nur den Schlüssel zu ihrer Kiste gut auf, weiter sage ich nichts!«

Da Herr Trotter mir vorher gesagt hatte, daß die Seekadetten ihnen gram seien, so schenkte ich dem, was er sagte, sehr wenig Aufmerksamkeit. Als er mich verließ, ging ich auf das Hinterdeck. Alle Matrosen waren eifrig beschäftigt, und der erste Leutnant schrie dem Feuerwerker zu:

»Herr Dispart, wenn Sie fertig sind, wollen wir die Kanonen hosen. Meine Jungen«, fuhr er fort, »wir müssen den Slue (den Teil, welchen die Hosen bedecken) mehr vorwärts drehen.«

Da ich noch nie gehört hatte, daß eine Kanone Hosen anhabe, so war ich sehr gespannt, zu sehen, was vorginge, und trat ganz nahe zu dem ersten Leutnant, welcher mir sagte: »Junger Herr! langen Sie mir den Affenschwanz.« Ich sah nichts, was einem Affenschwanz glich, allein ich war so in Angst, daß ich nach dem ersten, besten Dinge griff, welches eine kurze Eisenstange war, und zufällig war es gerade das Werkzeug, welches er verlangte. Als ich es ihm hingab, blickte der erste Leutnant mich an und sagte:

»So, Sie wissen schon, was ein Affenschwanz ist? Nun stellen Sie sich nur nicht mehr einfältig.«

Ich dachte bei mir selbst, ich bin fürwahr glücklich, aber wenn dies ein Affenschwanz ist, so ist es ein sehr steifer. Ich nahm mir vor, die Namen von allen Dingen so schnell als möglich zu lernen, um immer vorbereitet zu sein; daher horchte ich aufmerksam auf alles, was man sagte, allein ich wurde bald ganz verwirrt und zweifelte daran, mir alle diese Dinge merken zu können.

»Wie wird denn hier das Ende gemacht, Sir?« fragte ein Matrose den Bootsmann.

»Ei, erlaubt mir, Sir, Euch in der zartesten Weise von der Welt zu bemerken,« versetzte der Bootsmann, »daß es mit einem Doppelwalz endigen muß. Gott straf' mich, wißt Ihr das noch nicht? Kapitän vom Vortopmast!« fuhr er fort, »hinauf zu Euren Pferden und schnallt ihnen die Bügel um drei Zoll kürzer.«

»Ja, ja, Sir.« (Ich schaute und schaute, konnte aber keine Pferde sehen.)

»Herr Chucks!« sagte der erste Leutnant zu dem Bootsmann, »was für Blöcke haben wir unten, die nicht gebraucht werden?«

»Lassen Sie mich sehen, Sir! ich habe eine Schwester, die andern spalteten wir kürzlich mitten entzwei, und ich denke es sind auch noch ein paar Affen drunten im Schiffsraume. He, Smith! zieht die Brasse durch's Ochsenauge und nehmt die Schafskeule heraus, ehe Ihr herabkommt.«

Hierauf fragte er den ersten Leutnant, ob nicht etwas mit einer Maus oder nur mit einem Türkenkopfe versehen werden müsse, und sagte ihm, der Gänsehals müsse, sobald die Esse herauf sei, von dem Rüstmeister ausgestreckt werden. Kurz, vor lauter Totenaugen und Leichentüchern, Katzen und Katzenblöcken, Delphinen und Delphinenstampfern, Peitschen und Puddingen wurde ich so verwirrt, daß ich im Begriffe stand, in völliger Verzweiflung das Deck zu verlassen.

»Herr Chucks! vergessen Sie nicht, heute Nachmittag allen Bojen zur Ader zu lassen!«

Den Bojen zur Ader lassen, dachte ich, wie kann dies sein; jedenfalls scheint der Chirurg die geeignete Person zu sein, diese Operation zu verrichten. Diese letzte, unbegreifliche Bemerkung trieb mich vom Verdecke und ich zog mich in das Cockpit zurück, wo ich Madame Trotter fand.

»Ach, mein Lieber,« sagte sie, »wie freut es mich, daß Sie kommen, denn ich möchte gerne Ihre Kleider in Ordnung bringen. Haben Sie eine Liste von denselben? Wo ist Ihr Schlüssel?«

»Ich habe keine Liste,« versetzte ich und gab ihr den Schlüssel hin, obschon ich die Warnung des Seekadetten nicht vergaß; allein ich dachte, es habe nichts zu sagen, wenn ich sie in meiner Gegenwart meine Kleider sehen lasse. Sie schloß meinen Koffer auf, packte alles nach einander aus und dann fing sie an, mir nach einander zu sagen, was ich brauchen könne und was nicht.

»Diese gestrickten Strümpfe,« sagte sie, »sind bei kaltem Wetter sehr bequem und im Sommer werden diese braunen, wollenen Socken angenehm kühl sein. Sie haben von beiden genug, bis Sie aus ihnen herauswachsen, aber diese feinen wollenen Strümpfe sind für sie von keinem Nutzen! – Sie nehmen nur den Schmutz an, wenn das Deck geschwemmt wird, und stehen nicht nett. Ich wundere mich, wie man so thöricht sein konnte, sie Ihnen zu schicken; niemand trägt sie heutzutage an Bord. Sie sind nur für Frauen passend, und ich möchte gerne wissen, wie sie mir stehen.« Sie rückte ihren Stuhl hinweg und zog einen meiner Strümpfe an, wobei sie immer lachte. Hierauf wandte sie sich gegen mich und ließ mich sehen, wie hübsch sie ihr ständen. »Wahrhaftig, Herr Simpel! gut, daß Trotter im Schiffsraume ist, er würde sonst eifersüchtig werden. – Wissen Sie, was diese Strümpfe kosten? Sie sind für Sie von keinem Nutzen und mir passen sie. Ich will mit Trotter sprechen und sie Ihnen abnehmen.«

Ich erwiderte, ich könne nicht daran denken, sie zu verkaufen, aber weil sie für mich nicht brauchbar wären und ihr paßten, so bitte ich sie, das Dutzend Strümpfe annehmen zu wollen. Zuerst weigerte sie sich standhaft, aber da ich in sie drang, gab sie endlich nach, und ich war ebenso glücklich sie ihr geben zu können, als sie freundlich gegen mich war; ich hielt sie, wie ihr Ehemann, für eine sehr reizende Frau.

Wir hatten heute Beefsteak mit Zwiebeln, allein ich konnte den Geruch der Zwiebeln nicht vertragen. Herr Trotter kam sehr verdrießlich herunter, weil der erste Leutnant ihn getadelt hatte. Er schwur, er wolle den Dienst aufgeben, er sei nur da geblieben, um den Kapitän zu verpflichten, welcher gesagt hatte, er wolle lieber seinen rechten Arm, als ihn verlieren; auch werde er von dem ersten Leutnant Satisfaktion verlangen, sobald er seine Entlassung erhalten könne. Madame Trotter that alles, was sie konnte, um ihn zu besänftigen; sie erinnerte ihn daran, daß er die Protektion von diesem und jenem Lord habe, welcher ihm zu seinem Recht verhelfen werde, allein umsonst. Der erste Leutnant habe ihm gesagt, fuhr er fort, er sei das Salz nicht wert, und Blut allein könne den Schimpf abwaschen. Er trank ein Glas Grog um das andere, und mit jedem Glase wurde er heftiger, und Madame Trotter trank auch, wie ich bemerkte, einen guten Teil mehr, als sie nach meiner Ansicht hätte trinken sollen; allein sie flüsterte mir zu: sie trinke nur deshalb so viel, damit Trotter keinen Rausch bekomme. Ich hielt dies von ihrer Seite für ein großes Opfer, allein sie blieben so lange sitzen, daß ich sie verließ und ins Bette ging, während er noch immer trank und dem ersten Leutnant Rache schwur.

Ich hatte kaum zwei oder drei Stunden geschlafen, als ich durch ein großes Geräusch und Gezänke aufgeweckt wurde; ich entdeckte, daß Herr Trotter betrunken war und sein Weib prügelte. Sehr ungehalten darüber, daß eine so reizende Frau geschlagen und übel behandelt werden sollte, kletterte ich aus meiner Hängematte heraus, um zu sehen, ob ich keinen Beistand leisten könne, allein es war stockfinster und sie pufften einander so stark als vorher. Hierauf forderte ich den Matrosen, welcher oben an der Geschützkammerthür Wache stand, auf, seine Laterne zu bringen, und ärgerte mich sehr über seine Antwort, ich würde am besten thun, ins Bette zu gehen, und sie den Streit ausfechten zu lassen. Kurz nachher kam Madame Trotter, welche ihre Kleider noch nicht ausgezogen hatte, hinter dem Vorhang hervor. Ich bemerkte sogleich, daß die arme Frau kaum stehen konnte; sie wankte auf mein Kissen zu, setzte sich nieder und weinte. Ich zog meine Kleider so schnell als möglich an, und ging auf sie zu, um sie zu trösten, aber sie konnte nicht vollständig sprechen. Ich suchte vergebens, sie zu beruhigen; sie antwortete nicht, sondern wackelte auf meine Hängematte zu, und nach mannigfachen Versuchen gelang es ihr hineinzukommen. Ich kann nicht sagen, daß es mir sehr angenehm war, aber was konnte ich thun? Ich zog mich daher vollends an und ging auf das Hinterdeck. Der Seekadett auf Wache war derselbe, der mich vor den Trotters gewarnt hatte. Er war sehr freundlich gegen mich und sagte: »Nun, Simpel, was bringt sie auf das Deck?« Ich erzählte ihm, wie schlimm Herr Trotter mit seinem Weibe umgegangen sei, und daß dieselbe sich in meine Hängematte gelegt habe.

»Die alte besoffene Vettel,« rief er aus, »ich will hinuntergehen und sie kopfüber herauswerfen;« allein ich bat ihn, es nicht zu thun, weil es eine Dame sei.

»Eine Dame?« versetzte er, »Damen dieser Sorte giebt's eine Masse,« und dann erzählte er mir, daß sie viele Jahre die Mätresse eines vermöglichen Mannes gewesen, der ihr eine Equipage gehalten habe; allein er sei ihrer überdrüssig geworden und habe Trotter zweihundert Pfund gegeben, daß er sie heirate; nun thäten sie nichts als trinken und einander herumprügeln.

Ich war sehr verdrießlich, all dies zu vernehmen, aber da ich bemerkte, daß Madame Trotter nicht nüchtern war, so begann ich, das, was der Seekadett sagte, für wahr zu halten.

»Hoffentlich«, setzte er hinzu, »hat sie noch nicht Zeit gehabt, Ihnen eins oder das andere von ihren Kleidern abzuschwatzen?«

Ich erzählte ihm, ich hätte ihr ein Dutzend Strümpfe gegeben und Herrn Trotter für meine Kost drei Guineen bezahlt.

»Da muß nachgesehen werden«, entgegnete er; »ich werde morgen mit dem ersten Leutnant reden. Zugleich will ich Ihnen Ihre Hängematte wieder verschaffen. Quartiermeister, geben Sie wohl acht!«

Nun stieg er hinab und ich folgte ihm, um zu sehen, was er anfangen würde. Er ging zu meiner Hängematte und ließ sie an einem Ende herunter, so daß Madame Trotter in einer sehr unbehaglichen Stellung mit ihrem Kopfe auf dem Decke lag. Zu meinem Erstaunen schimpfte sie ihn auf eine schauerliche Weise und weigerte sich, herauszugehen. Er blieb ihr nichts schuldig und rüttelte sie eben in der Hängematte hin und her, als Herr Trotter, welcher bei dem Lärmen aufgestanden war, hinter dem Vorhang hervorstürzte.

»Du Schurke, was hast Du mit meinem Weibe zu schaffen?« schrie er, indem er, so gut er konnte, auf ihn losschlug, denn er war so betrunken, daß er kaum zu stehen vermochte.

Ich dachte, der Seekadett könne sich wohl selbst verteidigen, und wollte mich nicht darein mischen; daher blieb ich oben und schaute zu. Die Schildwache stand neben mir mit ihrer Laterne, welche sie über die Luken des Ganges hielt, um dem Kadett zu leuchten und Zeuge von der Balgerei zu sein. Herr Trotter war bald niedergeschlagen, als auf einmal Madame Trotter aus der Hängematte heraussprang, den Kadetten beim Haare ergriff und auf ihn lospuffte. Nun hielt es die Schildwache an der Zeit, sich darein zu legen; sie rief nach dem Profoß und ging selbst hinab, um dem Kadetten zu helfen, dem es zwischen den beiden schlimm erging. Aber Madame Trotter riß ihm die Laterne aus der Hand und schlug sie in Stücke. Nun befanden wir uns alle in tiefer Finsternis, und ich konnte nicht sehen, was vorging, obschon die Rauferei fortdauerte. So war die Lage der Sachen, als der Profoß mit seinem Lichte heraufkam. Der Seekadett und die Schildwache stiegen die Leiter hinauf und Herr und Frau Trotter setzten ihre Prügelei fort. Davon nahm niemand die geringste Notiz; sie sagten, wie vorher die Wache: »Laßt sie den Streit ausfechten.« Nachdem sie sich eine Zeitlang gebalgt hatten, zogen sie sich hinter den Vorhang zurück; ich folgte dem Rate des Kadetten, und ging in meine Hängematte, welche der Profoß wieder für mich aufgehängt hatte. Ich hörte Herrn und Frau Trotter mit einander weinen und einander küssen.

»Grausamer Trotter«, sagte sie schluchzend.

»Mein Leben, meine Liebe, ich war so eifersüchtig«, versetzte er.

»Der Teufel soll Deine Eifersucht holen«, erwiderte die Lady. »Ich habe morgen zwei hübsch blau unterlaufene Augen in der Küche.«

Nach ungefähr einer Stunde, die unter Küssen und Schelten verstrich, schliefen beide wieder fest ein.

Den anderen Morgen vor dem Frühstück meldete der Seekadett dem ersten Leutnant das Betragen Herrn Trotters und seiner Frau. Man schickte nach mir, und ich mußte bekennen, daß alles wahr sei. Es wurde auch nach Herrn Trotter geschickt, welcher sagen ließ, er sei nicht wohl und könne nicht auf Deck kommen. Hierauf befahl der erste Leutnant dem Marinesergeanten, ihn auf der Stelle herzubringen. Herr Trotter erschien mit einem verbundenen Auge, und sein Gesicht war sehr zerkratzt.

»Befahl ich Ihnen nicht, Sir«, sprach der erste Leutnant, »diesen jungen Gentleman in die Kajütte der Seekadetten zu führen? Dagegen haben Sie ihn zu Ihrem schändlichen Weibe geführt und ihn um sein Eigentum betrogen. Ich befehle Ihnen, auf der Stelle die drei Guineen zurückzugeben, welche Sie als Kostgeld empfangen haben, und ebenso soll Ihre Frau die Strümpfe zurückstellen, die sie ihm abgeschmeichelt hat.« Allein da schlug ich mich ins Mittel, und sagte dem ersten Leutnant, daß die Strümpfe von meiner Seite eine freiwillige Gabe seien, und obschon ich sehr einfältig gehandelt habe, so glaube ich doch, daß man sie mit Ehren nicht mehr zurückfordern könne.

»Gut, junger Herr«, versetzte der erste Leutnant, »vielleicht ist Ihre Ansicht richtig, und wenn Sie es wünschen, so will ich auf diesem Teile meines Befehles nicht bestehen, aber«, fuhr er, zu Herrn Trotter gewendet, fort, »ich fordere, Sir, daß Ihre Frau das Schiff sogleich verläßt, und bin überzeugt, daß der Kapitän mit Ihnen ebenso verfahren wird, wenn ich ihm Ihre Aufführung gemeldet habe. Unterdessen können Sie sich als Arrestanten betrachten wegen Trunkenheit.«



Siebentes Kapitel.

Ein scandalum magnatum klar erwiesen. – Ich zeige dem Kapitän, daß ich ihn als Gentleman betrachte, obschon ich ihm das Gegenteil gesagt hatte, und beweise den Seekadetten, daß ich selbst ein Gentleman bin. Sie bezeugen ihre Dankbarkeit, indem sie ihren Witz an mir üben; denn Übung macht den Meister.

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Der Kapitän kam ungefähr um zwölf Uhr an Bord und befahl, sobald der erste Leutnant den Vorfall gemeldet hatte, daß die Entlassung des Herrn Trotter sogleich ausgefertigt werden solle. Sodann ließ er alle Seekadetten auf das Hinterdeck kommen.

»Gentlemen«, sprach er mit ernster Miene zu ihnen, »ich fühle mich einigen von Ihnen sehr verbunden, wegen der Charakterschilderung, welche Sie dem Herrn Simpel von mir entworfen haben. Ich muß Sie nun bitten, mir einige Fragen zu beantworten, welche ich in seiner Gegenwart stellen werde. Ließ ich jemals die ganze Steuerbordwache peitschen, weil das Schiff nur neun Knoten auf der Boleine segeln wollte?«

»Nein, Sir, nie!« erwiderten alle in großer Angst.

»Ließ ich jemals einem Seekadetten ein Dutzend geben, weil er seine sechswöchentlichen Berichte nicht niedergeschrieben hatte, oder einem anderen fünf Dutzend, weil er ein scharlachrotes Uhrband trug?«

»Nein, Sir, nie!« versetzen alle zugleich.

»Starb jemals ein Seekadett auf seinem Koffer vor Anstrengung?«

Wiederum antworten sie verneinend.

»Dann, Gentlemen, werden Sie mich verpflichten, wenn Sie sagen, wer von Ihnen es für geeignet fand, in einem öffentlichen Kaffeehause dergleichen falsche Aussagen zu behaupten, und ferner, wer von Ihnen diesen jungen Mann genötigt hat, sein Leben in einem Duelle zu wagen?«

Alle schwiegen.

»Wollen Sie antworten, Gentlemen?«

»Was das Duell betrifft, Sir«, erwiderte der Seekadett, welcher sich mit mir geschlagen hatte, »so hörte ich sagen, die Pistolen seien nur mit Pulver geladen gewesen. Es war ein Scherz.«

»Gut, Sir, wir wollen zugeben, daß das Duell nur ein Spaß war (und ich hoffe zuverlässig, daß Ihre Angabe richtig ist); aber erlauben Sie nur zu fragen, ist der gute Ruf Ihres Kapitäns auch nur ein Scherz? Ich verlange zu wissen, wer es wagte, solche schimpfliche Verleumdung zu verbreiten. (Hier trat eine Totenstille ein.) Wohlan denn, Gentlemen! Da Sie selbst nicht gestehen wollen, so muß ich mich an meinen Gewährsmann halten. Herr Simpel, haben Sie die Güte, mir den oder diejenigen zu nennen, welche Ihnen die Mitteilung machten.«

Allein ich dachte, dies sei nicht schön, und da sie mich alle nach dem Duelle sehr freundlich behandelt hatten, so beschloß ich, nichts zu sagen. Ich antwortete daher: »Wenn es Ihnen beliebt, Sir, so will ich die Sache so betrachten, als hätte ich sie Ihnen im Vertrauen gesagt.«

»Im Vertrauen, Sir?« versetzte der Kapitän, »wer hat je von Vertrauen zwischen einem Postkapitän und einem Seekadetten gehört?«

»Nein, Sir!« erwiderte ich, »nicht zwischen einem Postkapitän und einem Seekadetten, sondern zwischen zwei Gentlemen.«

Der erste Leutnant, welcher bei dem Kapitän stand, hielt seine Hand vor das Gesicht, um sein Lachen zu verbergen.

»Er mag ein Dummkopf sein, Sir!« bemerkte er dem Kapitän beiseite, »aber ich kann Ihnen versichern, er ist offen und geradezu.«

Der Kapitän biß sich in die Lippe, wandte sich dann an die Seekadetten und sagte: »Danken Sie es Herrn Simpel, Gentlemen, daß ich diese Geschichte nicht weiter verfolge. Ich glaube, es war Ihnen nicht ernst, als Sie mich verleumdeten, aber vergessen Sie nicht, daß, was man im Spaß sagt, nur zu oft im Ernst wiederholt wird. Ich hoffe, Herrn Simpels Benehmen wird nicht ohne Wirkung sein und Sie werden aufhören, an Demjenigen Ihre Witze zu üben, welcher Sie vor einer strengen Strafe bewahrt hat.«

Als die Kadetten hinunter gingen, schüttelten Sie mir alle die Hand und sagten: ich sei ein braver Kerl, weil ich nicht geklatscht habe; in betreff der Mahnung des Kapitäns, sie sollten mich nicht mehr zum besten haben, waren sie jedoch sehr vergeßlich, denn sie fingen sogleich wieder an, und ließen nicht eher nach, als bis sie fanden, daß ich nicht länger zu düpieren sei. Ich war noch keine zehn Minuten in der Kajütte, so begannen sie ihre Bemerkungen über mich zu machen. Einer sagte, ich sehe einem tüchtigen Burschen gleich und fragte mich, ob ich auch ein gut Teil Schlaf ertragen könne. Ich erwiderte: »O ja, wenn es zum besten des Dienstes nötig ist.« Sie lachten darüber, und ich meinte, etwas Gutes gesagt zu haben.

»Nun, hier ist Tomkins,« sagte jener Kadett, »er kann Ihnen zeigen, wie Sie diesem Teil ihres Dienstes vorstehen können. Er hat es von seinem Vater geerbt, der ein Marineoffizier war. Er kann vierzehn Stunden lang in einem fort schnarchen, ohne sich einmal in seiner Hängematte umzudrehen, und vollendet seinen Schlaf auf der Kiste den ganzen Tag hindurch, die Mahlzeiten ausgenommen.«

Allein Tomkins verteidigte sich und sagte: »Einige Leute seien sehr schnell in allen Dingen, und andere sehr langsam; er gehöre zu den langsamen und bekomme von seinem langen Schlafen nicht mehr Erfrischung, als andere Leute durch kurzen Schlaf, denn er schlafe viel langsamer als jene.«

Dieses sinnreiche Argument wurde jedoch ohne allen Widerspruch über den Haufen geworfen, weil es sich ergab, daß er am Tische schneller als irgend einer Pudding aß.

Der Postbote kam mit Briefen an Bord und steckte seinen Kopf in die Seekadettenback. Ich war sehr gespannt, einen von Haus zu bekommen, allein ich wurde getäuscht. Einige erhielten Briefe, andere nicht. Diese letzteren erklärten, ihre Verwandten seien sehr pflichtvergessen, und sie würden dieselben mit keinem Schilling bedenken; diejenigen, welche Briefe bekamen, boten sie, nachdem sie dieselben gelesen hatten, den anderen gewöhnlich um das halbe Porto zum Kaufe an. Ich konnte nicht begreifen, weshalb die einen kauften, und die anderen verkauften; allein es war so. War ein Brief mit guten Ermahnungen angefüllt, so wurde er dreimal nach einander verkauft, und dieser Umstand trug dazu bei, daß ich eine bessere Meinung von der Sittlichkeit meiner Kameraden bekam. Die Briefe, welche am niedrigsten verkauft wurden, waren von Schwestern. Man bot mir einen für einen Penny an, allein ich lehnte den Kauf ab, weil ich selbst genug eigene Schwestern habe. Kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht, als sie alle nach dem Namen und Alter derselben fragten und ob sie hübsch seien oder nicht.

Sobald ich ihnen Auskunft darüber gegeben hatte, stritten sie, wem sie gehören sollten. Der eine wollte Lucien haben, der andere Marie nehmen, aber ein großer Streit erhob sich um Ellen, da ich gesagt hatte, sie sei die hübscheste von allen. Zuletzt kamen sie überein, dieselbe zu versteigern, und sie wurde dem Gehilfen eines Schiffmeisters, Namens O'Brien, zugeschlagen, welcher siebzehn Schillinge und eine Flasche Rum dafür bot. Sie verlangten, ich solle nach Hause schreiben, um meinen Schwestern ihre Grüße zu vermelden, und ihnen sagen, wie man über sie verfügt habe, was mir sehr sonderbar vorkam; doch muß ich gestehen, ich fühlte mich durch den Preis, welchen man für Ellen bot, sehr geschmeichelt, weil ich zu wiederholten Malen Zeuge war, daß eine sehr hübsche Schwester für ein Glas Grog verkauft wurde.

Ich erwähnte der Ursache, warum ich so ängstlich auf einen Brief warte: ich müsse mir nämlich einen Degen und aufgestülpten Hut kaufen, worauf sie mir sagten, ich brauche hierfür mein Geld nicht auszugeben, weil nach dem Dienstreglement des Zahlmeisters Verwalter allen Offizieren diese Stücke verabfolge, wenn man sie verlangte. Da ich wußte, wo das Zimmer von dem Verwalter des Zahlmeisters sich befand, so ging ich sogleich hinab.

»Herr Verwalter«, sagte ich, »lassen Sie mir gleich einen aufgestülpten Hut und einen Degen verabfolgen.«

»Sehr wohl, Sir«, versetzte er, und schrieb auf ein Stückchen Papier eine Anweisung, welche er mir einhändigte. »Hier ist eine Anweisung, Sir, allein die aufgestülpten Hüte werden in der Kiste auf dem großen Mars aufbewahrt, und was den Degen betrifft, so müssen Sie sich an den Schlächter wenden, welcher diese Waffen in Verwahrung hat.«

Ich ging mit der Anweisung hinauf und dachte, ich wolle mir zuerst den Degen verschaffen; ich fragte daher nach dem Schlächter, welchen ich im Schafstalle unter den Schafen sitzend fand, wo er seine Hosen ausbesserte. Auf meine Anfrage antwortete er mir, er habe den Schlüssel zu der Reservekammer nicht, da derselbe einem der Marinekorporale anvertraut sei. Als ich fragte, wie er heiße, versetzte er, Cheeks Diese berühmte Person bedeutet am Bord eines Kriegsschiffes den ›Herrn Niemand.‹, der Seesoldat. Ich ging nun überall auf dem Schiffe umher, und suchte nach Cheeks. dem Seesoldaten, konnte ihn aber nicht finden. Einige sagten, sie glaubten, er sei auf der Fockstenge, er stehe Schildwache vor dem Winde, daß er sich nicht drehe, andere, er werde in der Küche sein, und den Seekadetten aufpassen, daß sie ihren Zwieback nicht in des Kapitäns Bratpfanne tunken. Endlich fragte ich einige Weiber, welche zwischen den Kanonen auf dem Hauptverdecke standen, und eine davon antwortete, es sei nicht gebräuchlich bei ihnen, nach demselben zu schauen, da sie alle Ehemänner hätten, Cheeks aber sei einer Witwe Ehemann Witwen-Ehemänner sind fingierte Matrosen, welche in die Schiffsbücher eingetragen sind und Löschung und Prisengeld empfangen, das aber dem Greenwich-Hospital zufällt..

Da ich den Seesoldaten nicht finden konnte, so dachte ich, ich wolle mich nun nach dem Hute umsehen, und den Degen mir nachher verschaffen. Es war mir nicht lieb, auf das Takelwerk zu klettern, weil ich besorgte, schwindelig zu werden, und wenn ich über Bord ginge, konnte ich nicht schwimmen. Ein Seekadett bot sich jedoch an, mich zu begleiten, und sagte, wenn ich über Bord falle, brauche ich mich nicht zu fürchten, unterzusinken, denn wenn ich schwindelig sei, werde mein Kopf auf alle Fälle schwimmen. Daher beschloß ich, es zu wagen. Ich klomm nun ganz nahe zum großen Mars hinauf, nicht ohne die kleinen Stricke sehr oft zu verfehlen und mir die Haut vom Schienbein aufzuschürfen. Dann gelangte ich zu den dicken Trossen, welche vom Mast ausgespannt sind und mit rückwärts gebogenem Kopfe erklettert werden müssen. Der Seekadett sagte mir, sie heißen Katzenharfe, weil sie so schwer zu erklimmen seien, daß eine Katze sich sträuben würde hinaufzuklettern. Da ich zögerte, schlug er mir vor, ich solle durch das Lümmelloch gehen, welches für Leute meines Schlages wie gemacht sei. Ich wollte es versuchen, denn es schien mir leichter, und kam zuletzt ganz außer Atem und überglücklich, mich auf dem großen Mars zu befinden, oben an.

Der Kapitän vom Hauptmaste war mit zwei anderen Matrosen daselbst. Der Kadett führte mich sehr höflich ein: – »Herr Jenkins – Herr Simpel, Seekadett – Herr Simpel, Herr Jenkins, Kapitän vom Haupttop. Herr Jenkins, Herr Simpel ist mit einer Anweisung zu einem Hute heraufgekommen.«

Der Kapitän vom Top erwiderte, es thue ihm sehr leid, daß er keinen im Vorrat habe, der letzte sei an des Kapitäns Affen ausgeteilt worden. Dies war sehr ärgerlich. Hierauf fragte mich der Kapitän vom Top, ob ich mit meinem Fußen fertig sei?

»Nicht sehr«, versetzte ich, »denn ich habe beim Heraufsteigen zwei- oder dreimal gefehlt.«

Er erwiderte lachend, »ich werde es, bevor ich hinabgehe, ganz verlieren: ich müsse es aushändigen.«

»Mein Fußen aushändigen?« sagte ich ganz bestürzt, und wandte mich an den Seekadett: »was bedeutet dies?«

»Es bedeutet: Sie sollen ein Siebenshillingstück fliegen lassen.«

Ich war gerade so klug als vorher und machte große Augen, als Herr Jenkins den Matrosen befahl, ein halb Dutzend Füchse zu holen und einen ausgespreizten Adler aus mir zu machen, bis er seine Gebühr habe. Ich hätte nie herausgefunden, was er meinte, hätte nicht der Seekadett, welcher lachte, bis ihm die Augen überliefen, mich endlich belehrt, es sei der Brauch, wenn man zum erstenmale heraufkomme, den Leuten ein Trinkgeld zu geben, und wenn ich dies nicht thue, so würden sie mich an das Takelwerk anbinden. Da ich kein Geld in der Tasche hatte, so versprach ich zu zahlen, sobald ich hinabkäme; allein Mr. Jenkins wollte mir nicht trauen. Ich wurde deshalb ärgerlich und fragte ihn, ob er an meiner Ehre zweifle, worauf er erwiderte, nicht im geringsten, aber er müsse, bevor ich hinunterginge, seine sieben Schillinge haben.

»Wie, Sir«, sagte ich, »wissen Sie, mit wem Sie sprechen? ich bin Offizier und Gentleman. Wissen Sie, wer mein Großvater ist?«

»O ja«, versetzte er, »sehr gut.«

»Nun, wer ist es, Sir«, entgegnete ich, sehr aufgebracht.

»Wer ist es, nun es ist Lord, ›wer weiß wer‹.«

»Nein, das ist nicht sein Name, es ist Lord Privilege«, war meine Antwort. (Doch mußte ich mich sehr wundern, daß er wußte, mein Großvater sei ein Lord). »Glauben Sie, ich werde die Ehre meiner Familie wegen sieben elender Schillinge aufs Spiel setzen?«

Diese Bemerkung meinerseits und ein Versprechen von seiten des Seekadetten, welcher sagte, er wolle für mich Bürge sein, genügte Herrn Jenkins, und er ließ mich das Takelwerk hinuntersteigen. Ich ging zu meiner Kiste, zahlte die sieben Schillinge einem von den Matrosen, welche mir folgten, und stieg dann das Hauptdeck hinauf, um soviel als möglich von meinem Geschäfte zu lernen. Ich richtete eine große Menge Fragen an die Kadetten, die Kanonen betreffend, und sie drängten sich um mich, um sie zu beantworten. Einer erzählte mir, sie hießen die Zähne der Fregatte, weil sie den Franzosen das Maul stopften. Ein anderer sagte, er sei so oft im Feuer gestanden, daß man ihn den Feueresser nenne. Ich fragte ihn, wie er dem Tode entronnen sei, worauf er mir erwiderte, er habe es sich stets zum Grundsatze gemacht, sobald die erste Kanonenkugel durch die Schiffsseite schlage, seinen Kopf in das gemachte Loch zu stecken, da nach einer von Professor Inman angestellten Berechnung die Wahrscheinlichkeit wie zweiunddreißigtausend sechshundert siebenundvierzig und einigen Dezimalstellen zu eins vorhanden sei, daß eine zweite Kugel nicht in dasselbe Loch fahren würde. Daran hätte ich freilich nie gedacht.



Achtes Kapitel.

Meine Tischgenossen zeigen mir die Thorheit des Schuldenmachens und führen mich auf eine feine Weise zur Pflicht zurück. – Ich werde mit einigen Gentlemen von dem Ministerium des Innern bekannt. Die Geschichte von Sholto M'Foy.

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Als ich ungefähr einen Monat an Bord war, fand ich mein Leben gar nicht unangenehm. Ich roch das Pech und den Teer nicht mehr, und konnte mich in meine Hängematte schwingen, ohne auf der andern Seite wieder heraus zu purzeln. Meine Tischgenossen waren gutmütige Leute, obschon sie sehr viel über mich lachten; allein ich muß gestehen, in ihren Begriffen von Ehre nahmen sie es nicht so genau. Sie schienen der Ansicht, einen zu foppen, sei ein Kapitalspaß, und weil sie lachten, während sie betrogen, so sei es durchaus kein Betrug. Ich kann nicht anders denken, als daß Betrug eben Betrug ist, und daß eine Person um kein bischen mehr ehrlich ist, weil sie einen noch obendrein auslacht. Einige Tage, nachdem ich an Bord gekommen war, kaufte ich von der Proviantbootfrau einige Törtchen; ich wollte sie bezahlen, allein sie konnte nicht wechseln, und sagte mir sehr höflich, sie wolle mir borgen. Hierauf zog sie ein kleines Buch hervor und sagte, sie wolle für mich eine Rechnung anlegen, ich könne sie bezahlen, wenn es mir passe. Gegen diesen Vorschlag hatte ich keine Einwendung, und ließ mir allerlei Sachen kommen, bis ich glaubte, meine Rechnung müsse sich nun auf elf oder zwölf Schillinge belaufen. Weil ich meinem Vater versprochen hatte, ich wolle mich nie in Schulden stürzen, dachte ich, es wäre nun Zeit, die Rechnung zu berichtigen. Als ich danach fragte, wie staunte ich, daß dieselbe zwei Pfund vierzehn Schilling und sechs Pence betrug. Ich erklärte, es sei unmöglich, und verlangte, sie solle mich die einzelnen Posten durchsetzen lassen; da fand ich denn, daß wenigstens drei oder vier Dutzend Törtchen täglich für mich mehr ins Buch eingetragen waren, welche von den jungen Gentlemen bestellt worden waren mit dem Bemerken: »es sei auf Herrn Simpels Rechnung zu schreiben.« Ich ärgerte mich sehr, nicht allein über die Summe Geldes, welche ich zu zahlen hatte, sondern auch über den Mangel an Ehrlichkeit bei meinen Tischgenossen; allein als ich mich in der Kajütte darüber beklagte, lachten sie mich alle aus. Zuletzt sagte einer: »Peter, sprich die Wahrheit; hat Dich Dein Vater nicht vor dem Schuldenmachen gewarnt?«

»Ja, allerdings.«

»Ich weiß das ganz gut,« versetzte jener; »alle Väter machen es so beim Abschied ihrer Söhne. Dies ist eine ganz natürliche Sache. Nun merke auf, Peter, nur aus Rücksicht für Dich haben deine Kameraden auf Deine Kosten Törtchen gegessen. Du vernachlässigtest Deines Vaters Ermahnungen, bevor Du einen Monat von Hause abwesend warst, und um Dir eine Lektion zu geben, welche Dir fürs künftige Leben nützlich sein kann, hielten sie es für Pflicht, die Törtchen zu bestellen. Ich hoffe, sie wird an Dich nicht weggeworfen sein. Geh zu der Frau, zahle ihr die Rechnung und laß Dich auf keine andere mehr ein!«

»Gewiß nicht,« versetzte ich. Da ich aber nicht beweisen konnte, wer die Törtchen bestellte, und es nicht für schön hielt, daß die Frau ihr Geld verlieren sollte, so ging ich hinauf und bezahlte die Schuld mit dem festen Entschlusse, bei niemand mehr etwas auf Rechnung zu nehmen. Dadurch wurden meine Taschen ganz leer; ich schrieb deshalb an meinen Vater, berichtete ihm den ganzen Hergang und den daraus folgenden Zustand meiner Finanzen. Mein Vater bemerkte in seiner Antwort, daß meine Kameraden als Freunde an mir gehandelt hätten, was immer ihre Beweggründe gewesen sein möchten, und ich hätte mein Geld durch eigene Fahrlässigkeit verloren; ich dürfe nicht erwarten, daß er mir mehr Taschengeld bewillige. Aber meine Mutter, welche diesem Briefe ein Postscriptum beifügte, schloß eine Fünfpfundnote ein, ich glaube fast mit meines Vaters Genehmigung, obwohl er sich sehr ungehalten zeigte, daß ich seine Lehren vergessen habe. Diese zeitgemäße Unterstützung machte mich wieder ganz flott. Wie erfreulich ist es, von einem seiner Verwandten aus der Fremde einen Brief zu erhalten, besonders wenn Geld darin ist.

Einige Tage vorher befahl mir Mr. Falkon, der erste Leutnant, mein Seitengewehr anzulegen und Dienst zu thun. Ich erwiderte, ich habe weder Degen noch Hut, obschon ich sie verlangt hätte. Er lachte über meine Geschichte und schickte mich mit dem Schiffsmeister ans Land, welcher diese Stücke kaufte; der erste Leutnant aber sandte die Rechnung an meinen Vater, der sie bezahlte und ihm schriftlich für seine Bemühung dankte. Am selben Morgen sagte der erste Leutnant zu mir: »Nun, Herr Simpel, wir wollen Ihrem Hut und Degen den Glanz nehmen. Sie werden mit Mr. O'Brien ins Boot steigen, und darauf acht haben, daß keiner von der Mannschaft sich davon entferne und in den Tavernen sich betrinke.«

Dies war das erstemal, daß ich mit einem Auftrage beordert wurde, und ich war stolz darauf, ein Offizier im Dienste zu sein. Ich legte meine volle Uniform an und stand schon eine Viertelstunde vorher im Gange bereit, ehe man den Matrosen mit der Pfeife das Zeichen gab. Wir wurden zu der Schiffswerft befohlen, um Vorrat einzunehmen. Als wir hier ankamen, war ich sehr erstaunt über die Haufen Schiffsbauholz, die Reihen von Lagerhäusern und die ungeheuren Anker, welche auf der Werft lagen. Es herrschte hier eine solche Regsamkeit, jedermann schien so beschäftigt, daß ich nicht alles auf einmal übersehen konnte. Nahe an der Stelle, wo das Boot landete, holte man eine große Fregatte aus dem sogenannten Bassin; der Anblick interessierte mich so sehr, daß ich leider sagen muß, ich vergaß ganz die Bootsmannschaft und meine Befehle, nach ihr zu schauen. Was mich am meisten überraschte, war, daß, obschon die beschäftigten Leute Matrosen schienen, ihre Sprache sehr von derjenigen abstach, an welche ich mich seit kurzem an Bord der Fregatte gewöhnt hatte. Anstatt zu fluchen und zu schwören, war jedermann sehr höflich:

»Wollen Sie dem Steuerbordbugtau gefälligst einen Zug geben, Mr. Jones.«

»Lösen Sie das Backbordtau, Mr. Jenkins, wenn Sie so gütig sein wollen.«

»Auf die Seite, Gentlemen, auf die Seite mit dem Bug.«

»Meine Empfehlung an Herrn Tomkins, und er möchte hinten den Aufhalt fahren lassen.«

»Auf die Seite, Gentlemen, auf die Seite mit der Fregatte, wenn's gefällig ist.«

»Ihr in dem Boote da, rudert zu Mr. Simmons; ich lasse ihn bitten, mir den Gefallen zu thun, sie aufzuhalten, wenn sie sich schwingt. Was giebts, Mr. Johnson?«

»Ei da hat einer von den Midshipmaten eine glühend heiße Kartoffel durch die Sternluke geworfen, und unsern Offizier ins Auge getroffen.«

»Melden Sie ihn dem Kommissär, Mr. Wiggins, und haben Sie die Güte, die Ankertaue in Ordnung zu bringen. Sagen Sie dem Mr. Simpkins mein Kompliment, und er möchte am Deckvorsprung fortwickeln. Auf die Seite mit dem Schiff! Gentlemen, auf die Seite, wenn's beliebt.«

Ich fragte einen der Umstehenden, wer diese Leute wären, und er sagte mir, es seien Seemagazin-Gehilfen. Es schien mir in der That ebenso leicht zu sagen: »Wenn es ihnen gefällig ist«, als »der Teufel soll euch holen«; und jenes klang mir viel angenehmer. Während ich auf das Herausholen der Fregatte schaute, schlichen sich zwei Leute von der Bootsmannschaft hinweg, und waren bei meiner Zurückkunft nicht mehr zu sehen. Ich geriet in große Angst, denn ich sah ein, daß ich meine Pflicht vernachlässigt hatte, und zwar bei der ersten Gelegenheit, wo ich im Dienste verantwortlich war. Ich wußte nicht, was ich thun sollte. Ich rannte überall im Hafenmagazin auf und nieder, bis ich ganz außer Atem war, und fragte jedermann, dem ich begegnete, ob sie meine zwei Mann nicht gesehen hätten. Einige von ihnen sagten, sie hätten eine Masse Matrosen gesehen, aber kannten die meinigen nicht recht, einige lachten und hießen mich einen Gelbschnabel. Endlich traf ich einen Seekadetten, welcher mir sagte, er habe zwei meiner Beschreibung entsprechende Leute auf dem Dache der Londoner Postkutsche gesehen, und ich solle mich tummeln, wenn ich sie einholen wolle; aber auf weitere Fragen wollte er keine Antwort geben. Ich setzte meinen Gang durch den Hof fort, bis ich zwanzig oder dreißig Leute in grauen Jacken und Hosen antraf, an welche ich mich um Aufschluß wandte; sie sagten mir, sie hätten zwei Matrosen sich hinter Haufen von Schiffsbauholz verstecken sehen. Sie drängten sich um mich und schienen sehr besorgt, mir beizustehen, bis sie aufgefordert wurden, ein Kabeltau hinwegzutragen.

Ich bemerkte, daß sie alle Nummern an ihren Jacken und einen oder zwei breite eiserne Ringe an ihren Beinen hatten. Obschon ich große Eile hatte, konnte ich doch nicht umhin, zu fragen, warum sie die Ringe trügen. Einer derselben erwiderte, dies seien Verdienstorden, welche sie wegen ihres guten Verhaltens bekommen hätten. Ich ging sehr trostlos weiter, als ich beim Umbiegen um eine Ecke zu meiner großen Freude meinen zwei Leuten begegnete, welche an ihre Hüte langten und sagten, sie hätten nach mir geschaut. Ich glaubte nicht, daß sie die Wahrheit sprachen, allein ich war so froh, sie wieder zu finden, daß ich sie nicht schmälte, sondern mit ihnen in das Boot hinabging, welches schon einige Zeit auf uns wartete. O'Brien, des Schiffsmeisters Gehilfe, hieß mich einen jungen Hauklotz, ein Wort, welches ich nie vorher gehört hatte.

Nachdem wir an Bord gekommen waren, fragte der erste Leutnant O'Brien, warum er so lange ausgeblieben sei?

Er antwortete: »Zwei von den Leuten hätten das Boot verlassen, und ich hätte sie wieder gefunden.«

Der erste Leutnant schien mit mir zufrieden, und bemerkte, er habe schon vorher gesagt, daß ich kein Dummkopf sei; ich aber ging sehr vergnügt über mein gutes Glück hinunter, und fühlte mich O'Brien sehr verbunden, weil er nicht die volle Wahrheit gesagt hatte. Als ich meinen Hut und Degen abgelegt hatte, langte ich nach meinem Taschentuch, fand es aber nicht mehr in meiner Tasche, indem die Leute in den grauen Jacken es wahrscheinlich herausgenommen hatten, welche, wie ich im Gespräche mit meinen Kameraden erfuhr, wegen Diebstahls und Taschenfegens zu harter Arbeit verurteilte Verbrecher waren. Ein paar Tage nachher bekamen wir einen neuen Tischgenossen, Namens M'Foy. Ich befand mich eben auf dem Hinterdeck, als er an Bord kam und dem Kapitän einen Brief überreichte, wobei er zuerst fragte, ob er Kapitän Savage heiße. Er war ein blühend schöner, junger Mann, fast sechs Fuß hoch, mit rötlichen Haaren und von sehr gutem Aussehen. Da seine Laufbahn im Dienste sehr kurz war, so will ich auf einmal erzählen, was ich erst einige Zeit nachher erfuhr. Der Kapitän hatte ihn angenommen, aus Gefälligkeit gegen einen Kameraden, welcher sich aus dem Dienste zurückgezogen hatte und im schottischen Hochlande lebte. Die erste Nachricht, welche der Kapitän von der Ankunft des Herrn M'Foy erhielt, war aus einem Briefe, den des jungen Mannes Oheim an ihn schrieb. Derselbe belustigte ihn so sehr, daß er ihn dem ersten Leutnant zu lesen gab. Er lautete wie folgt:

»Sir!

Da unser sehr geschätzter gegenseitiger Freund, Kapitän M'Albine, mir durch einen Brief, datiert vom vierzehnten laufenden Monats, Ihre freundlichen Absichten in betreff meines Neffen Sholto M'Foy (für welche ich meinen besten Dank abstatte), mitgeteilt hat, so schreibe ich Ihnen, um Sie zu benachrichtigen, daß er nun auf dem Wege nach Ihrem Schiff »Diomede« ist, und, so Gott will, sechsundzwanzig Stunden nach Empfang dieses Briefes eintreffen wird.

Weil ich von Leuten, welche einige Bekanntschaft mit dem königlichen Dienst besitzen, erfahren habe, daß seine Ausrüstung als Offizier etwas kostspielig sein wird, so habe ich es für angemessen erachtet, Sie in dieser Beziehung von jeder Angelegenheit zu befreien, und deshalb eine halbe englische Banknote zu zehn Pfund Sterling, Nummer dreitausendsiebenhundertzweiundvierzig eingeschlossen; die andere Hälfte derselben wird pflichtgemäß in einem frankierten Briefe folgen, welcher mir bis übermorgen versprochen ist. Ich bitte Sie, die nötigen Einkäufe zu machen, und den Überschuß, sollte welcher da sein, zu seiner Tischrechnung oder anderen Ausgaben zu verwenden, welche Sie für angemessen oder gerechtfertigt halten mögen.

Ich muß Sie zugleich benachrichtigen, daß Sholto bei seinem Abgange von Glasgow zehn Schilling in der Tasche hatte: ich zweifle nicht, Sie werden nach der befriedigenden Verwendung derselben forschen, da es eine bedeutende Summe ist, welche dem Gutdünken eines jungen Menschen überlassen wurde, der nur vierzehn Jahre und fünf Monate zählt. Ich erwähne sein Alter, weil Sholto so groß ist, daß Sie durch sein Äußeres leicht getäuscht und verleitet werden könnten, seiner Klugheit in Sachen von ernster Natur zu viel zuzutrauen. Sollte er einmal neben seinem Solde, welcher, wie man mir sagt, bei den königlichen Offizieren eine sehr hübsche Summe ausmacht, einer weiteren Nachhilfe bedürfen, so bitte ich Sie, zu bemerken, daß ein Wechsel von Ihnen auf zehn Tage Sicht, in dem Betrage von fünf Sterling englisch, von der Firma Monteith M'Killop und Kompagnie zu Glasgow pflichtgemäß honoriert werden wird. Nebst vielem Danke für Ihre Freundlichkeit und in aller Achtung verbleibe ich, Sir,

Ihr gehorsamster

Walter Monteith.«

Der Brief, welchen M'Foy an Bord brachte, sollte seine Identität beweisen. Während der Kapitän ihn las, stierte M'Foy um sich wie ein wilder Hirsch. Der Kapitän bewillkommte ihn auf dem Schiffe, richtete ein paar Fragen an ihn, stellte ihn dem ersten Leutnant vor, und ging dann ans Land. Der erste Leutnant hatte mich zum Mittagessen in die Konstabelkammer eingeladen; ich vermutete, er sei mit mir wohl zufrieden, weil ich die Leute gefunden hätte. Als der Kapitän ans Land ruderte, lud er auch Herrn M'Foy ein, wobei folgende Unterhaltung begann:

»Nun, Herr M'Foy! Sie haben eine lange Reise gehabt; vermutlich Ihre erste?«

»Allerdings, Sir!« versetzte M'Foy, »und ich bin schrecklich geplagt worden. Hätte ich auf alles Rücksicht genommen, was man mir ins Ohr flüsterte, so wie ich weiter kam, ich hätte müssen von Geld gemacht sein, – sechs Pence hier – sechs Pence dort – sechs Pence nach allen Seiten. Solche Quälerei hätte ich mir nicht vorgestellt.«

»Wie kamen Sie denn von Glasgow hierher?«

»Mit dem Räderboot oder Dampfboot, wie sie es nennen, nach London. Hier nahmen sie mir sechs Pence ab für das Tragen meines Gepäcks ans Land. – Ein kleines Kistchen, nicht höher als Ihr aufgestülpter Hut da. Ich wollte es gerne selbst tragen, allein sie ließen es nicht zu.«

»Wohin gingen Sie denn, als sie in London ankamen?«

»Nach einem Platze, der Chichester Rents genannt wurde, zu dem Warenhauslager Storm und Mainwaring; da mußte ich wieder sechs Pence bezahlen fürs Wegzeigen. Ich wartete hier eine halbe Stunde im Komptor, bis sie mich zu einem Platze führten, den man Bull und Maul »Pall Mall« ist gemeint. hieß. Sie setzten mich hier in eine Kutsche und zahlten den ganzen Fuhrlohn für mich. Dessenungeachtet gingen sie den ganzen Weg hierher mich um Geld an. Da war zuerst der Kondukteur, und dann der Kutscher, dann wieder ein Kondukteur und wieder ein Kutscher. Doch ich gab ihnen kein Gehör, deshalb brummten sie und schimpften auf mich.«

»Wann kamen Sie an?«

»Gestern Nacht; ich hatte nur ein Bett und Frühstück in dem Zweiblauenpfeiler-Hause. Dafür forderten sie mir drei Schilling und sechs Pence ab, so wahr ich hier sitze. Dann war noch das Stubenmensch da und der Kellnerbengel und sagten, ich solle sie nicht vergessen, sie wollten auch Silber haben; allein ich sagte ihnen, was ich zu dem Kondukteur und dem Kutscher gesagt hatte, daß ich keines für sie habe.«

»Wie viel ist Ihnen denn von Ihren zehn Schillingen geblieben?« fragte der erste Leutnant lächelnd.

»Ei, Herr Leutnant, wie kommen Sie dazu, dies zu wissen? Ah! ah! 's ist von meinem Onkel Monteith in Glasgow. Ja, so wahr ich hier sitze, ich habe nur noch drei Schillinge und einen Penny übrig. Aber hier ist so ein Geruch, den ich nicht vertragen kann; ich will wieder in die frische Luft hinausgehen.«

Als Herr M'Foy die Konstabelkammer verließ, brachen alle in ein helles Gelächter aus. Nachdem er eine kurze Zeit auf dem Verdecke gewesen war, ging er in die Kajütte der Seekadetten hinunter, aber machte sich hier sehr unbeliebt, weil er mit jedermann zankte und Händel hatte. Es dauerte jedoch nicht sehr lange, denn er wollte den Befehlen, welche man ihm gab, nicht gehorchen. Am dritten Tage verließ er das Schiff, ohne den ersten Leutnant um Erlaubnis zu fragen; als er den folgenden Tag an Bord zurückkehrte, setzte ihn derselbe in Arrest und gab ihn der Schildwache an der Kajüttenthür in Verwahrung.

Während des Nachmittags befand ich mich unter dem Halbdeck und bemerkte, daß er ein langes Schnappmesser auf der Munitionskiste der Kanone schärfte. Ich ging auf ihn zu und fragte ihn, was er da mache, worauf er mit flammenden Augen erwiderte, er wolle den Schimpf rächen, welcher dem Blute der M'Foy widerfahren sei. Sein Blick sagte mir, daß es sein Ernst war.

»Was haben Sie denn im Sinne?« fragte ich weiter.

»Ich will,« erwiderte er, indem er an der Schneide des Messers mit dem Finger hinfuhr und die Schärfe prüfte, »ich will es in den Leib des Mannes mit der goldenen Troddel auf der Schulter stoßen, welcher es wagte mich hierher zu setzen.«

Ich geriet darüber in große Unruhe und hielt es für meine Pflicht, seine mörderischen Absichten anzuzeigen, damit nicht etwas Schlimmeres erfolge; ich ging daher auf das Verdeck und sagte dem ersten Leutnant, was M'Foy im Sinne habe, und wie sein Leben in Gefahr schwebe.

Herr Falkon lachte und begab sich kurz nachher auf das Hauptverdeck. M'Foy's Augen leuchteten; er schritt vorwärts an die Stelle, wo der erste Leutnant stand, allein die Schildwache, welche von mir gewarnt worden war, hielt ihn mit dem Bajonette zurück. Der erste Leutnant, welcher sich umwandte und gewahrte, was vorging, befahl der Schildwache, zu sehen, ob Herr M'Foy ein Messer in seiner Hand habe. Dies war wirklich der Fall. Er hielt es offen hinter seinem Rücken. Man entwaffnete ihn und der Leutnant, welcher bemerkte, daß der Bursche auf Unheil sinne, meldete dem Kapitän bei seiner Ankunft an Bord sein Betragen.

Der Kapitän ließ M'Foy holen, welcher sich sehr halsstarrig benahm, und als man ihn um seine Absicht fragte, leugnete er es nicht nur nicht, sondern versprach nicht einmal, es in Zukunft zu unterlassen; daher wurde er auf der Stelle ans Land geschafft und kehrte zu seinen Freunden ins Hochland zurück.

Wir sahen nichts mehr von ihm, allein ich hörte, er habe eine Anstellung in der Armee erhalten und sei drei Monate, nachdem er bei seinem Regimente eingetroffen, in einem Duelle gefallen, durch welches er irgend eine eingebildete Beschimpfung des Blutes der M'Foy rächen wollte.



Neuntes Kapitel

Wir fahren auf den Portsdowner Markt. – Folge der Störung einer Lady beim Essen. – Natürliche Neigung des Pelikan, auf meine Kosten verwiesen. – Feuerwerk im Ranelagh-Garten. – Backwerk nebst Frömmigkeit. – Es werden Manche zum Feste geladen, nur nicht die Hinkenden, Lahmen oder Blinden.

—————

Einige Tage, nachdem M'Foy das Schiff verlassen hatte, erhielten wir alle von dem ersten Leutnant die Erlaubnis, auf den Portsdowner Markt zu gehen; allein nur die Ältesten durften am Lande übernachten. Wir genossen schon im voraus so viel Vergnügen von unserm Ausfluge, daß einige von uns früh genug auf waren, um mit dem Boote abzugehen, das nach frischem Fleische abgeschickt wurde. Dies war sehr einfältig. Es waren nämlich noch keine Fuhrwerke da, um uns auf den Jahrmarkt zu bringen, auch geht kein Jahrmarkt so früh Morgens an. Die Läden waren alle geschlossen, und der Blaue Pfosten, unser gewöhnliches Stelldichein, war kaum geöffnet. Wir warteten hier in der Wirtsstube, bis wir von der Magd, welche auskehrte, vertrieben und gezwungen wurden, in der Straße auf und ab zu gehen, bis sie fertig war und ein Feuer anmachte. Wir bestellten hierauf unser Frühstück; allein wir hätten besser gethan, es in Gemächlichkeit an Bord einzunehmen, und dann ans Land zu gehen, besonders da wir kein übriges Geld hatten. Nebst dem Zuspät ist das Zufrüh das Allerschlimmste in der Welt. Wir bekamen unser Frühstück, zahlten die Rechnung und gingen dann weiter die Georgstraße hinauf, wo Fuhrwerke aller Art bereit standen, uns auf den Jahrmarkt zu bringen. Wir stiegen in ein sogenanntes Dilly. Ich fragte den Mann, dem es gehörte, warum es so heiße, worauf er versetzte, weil der Platz einen Schilling koste.

O'Brien, der uns, nachdem er an Bord gefrühstückt, eingeholt hatte, sagte, diese Antwort erinnere ihn an eine, welche er von einem der Leute, die in London auf dem Mietkutschenplatz warteten, erhalten habe.

›Um Vergebung,‹ fragte er, ›warum heißen Sie Wasserleute?‹

›Wasserleute,‹ erwiderte der Mann, ›ja, Sir, weil wir die Kutschenthüren aufmachen.‹

Endlich kam unter vielem Peitschen und Fluchen und häufigem Gelächter die alte Mähre, deren Rücken von der Anstrengung, so viele Leute schleppen zu müssen, sich wie ein Fiedelbogen krümmte, am Fuße von Portsdownhill an, wo wir ausstiegen und auf den Markt gingen. Es war wirklich ein sehr schöner Anblick. Das klare blaue Himmelsgewölbe, die bunten Flaggen, welche nach allen Richtungen hin wehten, der helle Sonnenschein, und die gelbglänzenden Pfefferkuchen, allerlei Spielzeug und verschiedenartiges Geräusch; die Menge Leute und die Masse Zuckerwerk, kleine Knaben so lebensfroh, und Krämer so höflich, die Musik in den Buden und geschäftiges Gedränge der Leute draußen, – von allem diesem hüpfte mein Herz vor Freuden. Da war Richardson mit Hanswurst und Harlekin, und so hübschen Frauenzimmern, die in Kleidern, welche von Flittergold strotzten, lustige Walzer tanzten, und sehr glücklich aussahen. Dort Flint und Gyngell mit Burschen, welche Purzelbäume machten, Räder schlugen, und allerhand Kunststücke auftischten: zum Beispiel Feuer aßen und Ellen Band aus dem Mund hervorzogen. Dann der Cirkus, wo alle Pferde in einer Linie dastanden, mit Männern und Frauen auf ihrem Rücken, welche mit Fähnlein wehten, während die Trompeter ihre Weisen spielten. Sodann der größte Riese in der Welt und Mr. Paap, der kleinste Zwerg in der Welt, und ein weiblicher Zwerg, noch kleiner; auch Miß Biffin, welche ohne Arme und Beine allerhand Dinge verrichtete. Es war auch da zu sehen das abgerichtete Schwein und der Ochse aus Herefordshire, nebst hundert andern Sehenswürdigkeiten, welcher ich mich nicht mehr erinnern kann. Wir gingen ungefähr ein paar Stunden auf und ab, um die Sachen von außen zu sehen, nun wollten wir auch das Innere betrachten. Zuerst gingen wir zu Richardson, wo wir eine blutige Tragödie erblickten mit einem Gespenst und Donnergerolle, nachher eine Pantomime voll equilibristischer Kunststücke. Sodann sahen wir ein paar andere Sachen, ich weiß nicht mehr, was; nur so viel kann ich im allgemeinen sagen, außen war es schöner als innen. Nach diesem spürten wir Hunger und beschlossen in eine Bude zu gehen, um etwas zu uns zu nehmen. Ringsum standen Tische und in der Mitte befand sich eine gedielte Erhöhung zum Tanzen. Die Damen saßen da, alle geputzt, und warteten auf Tänzer; die Musik klang so lieblich, daß ich große Lust zum Tanzen verspürte, aber wir hatten ausgemacht, fortzugehen und die Fütterung der wilden Tiere in Polito's Menagerie mit anzusehen. Da es nun fast elf Uhr war, bezahlten wir unsere Rechnung und brachen auf. Es war ein sehr merkwürdiger Anblick und das Sehenswürdigste auf dem ganzen Jahrmarkt; ich hatte nie eine Idee davon, daß so viele seltsame Tiere existierten. Sie waren alle in eisernen Käfigen verwahrt. Ein großer Kandelaber mit zwanzig Lichtern hing in der Mitte der Bude und beleuchtete sie, während der Wächter herumging und die Tiere mit seiner langen Stange aufstörte; zu gleicher Zeit gab er uns ihre Geschichten zum besten, welche sehr interessant waren. Ich erinnere mich noch an Einiges. Es war daselbst ein Tapir, ein großes Schwein mit einer langen Nase, eine Abart des Hiptostamaß, welches, wie der Wärter sagte, ein amphibilisches Tier sei, da es nicht auf dem Lande leben könne und im Wasser sterbe, obgleich es sich in seinem Käfig sehr wohl zu befinden schien. Auch das Känguruh war da mit seinen Jungen, welche aus ihm herausschauten, ein sehr bewunderungswürdiges Tier. Der Wärter sagte, es bringe zwei Junge zur Welt und nehme sie dann wieder in seinen Magen auf, bis sie zum vernünftigen Alter gelangten. Ferner war der Pelikan aus der Wildnis zu sehen (ich werde ihn nie vergessen), mit einem großen Beutel unter seinem Schlunde, welchen der Mann wie eine Schlafmütze auf seinen Kopf setzte; dieser Vogel füttert seine Jungen mit seinem eigenen Blute – wenn die Fische rar sind. Auch die Lachhyäne war da, welche in dem Walde wie ein menschliches Wesen in der Not schreit und diejenigen verschlingt, welche zu seinem Beistand herbeikommen, ein trauriger Beweis von der Schlechtigkeit der menschlichen Natur, wie der Wärter bemerkte. Außerdem war da ein herrliches Geschöpf, der königliche Tiger aus Bengalen, nur drei Jahre alt, welcher alljährlich zehn Zoll wächst und nie seine volle Größe erreicht. Derjenige, welchen wir sahen, maß, wie der Wärter uns erzählte, sechszehn Fuß von der Schnauze bis zum Schwanze, und siebenzehn von dem Schwanze bis zur Schnauze; doch es muß da ein Irrtum obgewaltet haben. Auch ein junger Elefant war da, nebst drei Löwen und verschiedenen andern Tieren, welche ich nun vergessen habe; daher will ich jetzt die tragische Szene beschreiben, welche vorfiel.

Der Wärter hatte alle Tiere aufgestört und die Fütterung derselben begonnen. Der große Löwe brüllte und knurrte über dem Schienbein eines Ochsen, welches er wie eine Nuß zerknackte, als durch irgend eine Ungeschicklichkeit das eine Ende der Stange, an welcher der Kandelaber aufgehängt war, herabfiel, die Thür des Käfigs streifte, in welchem die Löwin am Abendessen war, und sie aufstieß. Alles war das Werk einer Sekunde. Der Kandelaber fiel, der Käfig war offen und die Löwin sprang heraus. Ich erinnere mich in diesem Augenblicke noch, wie ich den Leib der Löwin in der Luft sah und dann alles stockfinster wurde. Welch ein Wechsel! einen Augenblick vorher sahen wir alle mit freudiger Neugier zu, und nun Finsternis, Schrecken und Entsetzen. Das war ein Schreien, Lamentieren und Weinen, Puffen und Rennen und Ohnmächtigwerden, – niemand wußte, wohin und wo hinaus. Die Leute drängten zuerst auf die eine Seite und dann auf die andere, wie die Furcht sie antrieb. Ich wurde sehr bald mit meinem Rücken gegen die Stangen eines der Käfige geschoben, und da ich fühlte, wie eine Bestie mich von hinten anfiel, machte ich eine verzweifelte Anstrengung; es gelang mir, den Käfig hinauf zu klimmen, jedoch nicht ohne das Hinterteil meiner Hosen zu verlieren, welches die Lachhyäne nicht loslassen wollte. Ich wußte kaum, wo ich war, als ich hinaufkletterte, allein ich erinnerte mich, daß oben meistens Vögel aufgestellt waren. Damit aber die Vorderseite meiner Hosen nicht eben so zerrissen wurde, wie das Hinterteil, so drehte ich mich, sobald ich Fuß gewinnen konnte, um, den Rücken an das Gitter des Käfigs lehnend. Allein ich befand mich kaum eine Minute daselbst, so wurde ich von etwas angefallen, was wie eine Spitzhacke in mich bohrte, und wie die Hyäne meine Kleider zerrissen hatte, so war ich ohne Schutz dagegen. Mich umzuwenden, wäre noch schlimmer gewesen, deshalb versuchte ich, nachdem ich ungefähr ein Dutzend Stiche empfangen, meine Stellung zu ändern, bis ich mich einem anderen Käfig gegenüber befand; aber nicht bevor der Pelikan (denn dies war die Bestie) so viel Blut aus mir gesogen hatte, daß er seine Jungen eine Woche damit füttern konnte. Ich überdachte, welche Gefahr ich zunächst wohl zu bestehen hätte, als ich zu meiner Freude entdeckte, daß ich die offene Thür erreicht hatte, aus welcher die Löwin entsprungen war; ich schlüpfte hinein, schloß die Thüre hinter mir zu und schätzte mich sehr glücklich; hier saß ich nun ganz ruhig in einem Winkel; während das Geräusch und die Verwirrung fortdauerte. Ich war jedoch kaum einige Minuten da, als die sogenannten Rindfleischesser Eine Art Leibgardisten., welche draußen Musik machten, mit Fackeln und geladenen Musketen hereindrangen. Der Anblick, welcher sich darbot, war in der That schrecklich; zwanzig bis dreißig Männer und Kinder lagen auf dem Boden, und ich dachte, die Löwin habe sie alle umgebracht, allein sie waren nur in Ohnmacht, oder durch das Gedränge niedergetreten worden. Niemand war bedeutend verwundet. Die Löwin konnte man nicht finden, und sobald es gewiß war, daß sie entronnen sei, so herrschte draußen eben solcher Schrecken, eben solche Flucht, wie vordem in der Menagerie. Es zeigte sich später, daß das Tier sich ebenso gefürchtet hatte, wie wir selbst, und sich unter einen der Wagen verkrochen hatte. Es stand einige Zeit an, bis sie gefunden werden konnte.

Endlich trat O'Brien, welcher ein sehr beherzter Bursche war, an die Spitze der Rindfleischesser und sah die glänzenden Augen des Tieres. Sie nahmen nun ein paar Netze von den Karren, welche Kälber auf den Markt geführt hatten, und zogen dieselben über die Löwin her. Als sie tüchtig darin verwickelt war, schleppten sie dieselbe bei dem Schwanze in die Menagerie. Mittlerweile blieb ich ganz ruhig in dem Käfig, aber als ich gewahrte, daß dessen rechtmäßiger Eigentümer zurückkam, um davon Besitz zu nehmen, so dachte ich, es sei Zeit, herauszugehen; ich rief daher meinen Kameraden zu, welche mit O'Brien den Rindfleischessern beistanden. Sie hatten mich nicht bemerkt, und lachten sehr, als sie sahen, wo ich mich befand. Einer der Seekadetten schloß den Riegel der Thür, so daß ich nicht hinausspringen konnte, und dann störte er mich mit einer langen Stange auf. Endlich versuchte ich es, wieder aufzuriegeln und herauszukommen; da lachten sie noch mehr, als sie das zerrissene Hinterteil meiner Hosen sahen.

Mir war es nicht zum Lachen, obschon ich mir zu gratulieren hatte, so glücklich davongekommen zu sein. Derselben Ansicht waren auch meine Kameraden, als ich ihnen meine Abenteuer erzählte. Der Pelikan hatte mir am schlimmsten mitgespielt. O'Brien lieh mir ein schwarzseidenes Halstuch, welches ich um meinen Leib band und hinten herabhängen ließ, damit mein Mißgeschick kein Aufsehen erregen möchte; dann verließen wir die Menagerie; aber ich war so steif, daß ich kaum gehen konnte.

Wir gingen sodann in den sogenannten Ranelagh-Garten, um das Feuerwerk zu sehen, welches um zehn Uhr losgehen sollte. Es war gerade zehn Uhr, als wir unseren Eintritt bezahlten.

Wir warteten sehr geduldig eine Viertelstunde, aber nirgends zeigte sich etwas von Feuerwerk. Der Mann nämlich, welchem der Garten gehörte, wollte warten, bis mehr Gesellschaft komme, obschon der Platz bereits voll Leute war.

Nun hatte der erste Leutnant befohlen, das Boot solle bis zwölf Uhr auf uns warten und dann an Bord zurückkehren; wir waren sieben Meilen von Portsmouth entfernt und hatten daher nicht viel Zeit zu verlieren.

Wir warteten noch eine Viertelstunde; dann wurde allgemein angenommen, da das Feuerwerk nach dem Anschlagezettel präzis zehn Uhr beginnen sollte, so seien wir vollkommen berechtigt, es selbst loszulassen. O'Brien ging hinaus und kam mit ein paar Dutzend Rohrstäben zurück, welche er an einem Ende einkerbte.

Das Feuerwerk war an Pfosten und Gerüsten angebracht und alles bereit; wir wollten es nun auf einmal anzünden und uns dann unter das Gedränge mischen. Die Ältesten zündeten Zigarren an, befestigten dieselben an das gespaltene Ende der Stäbe und fuhren fort, sie anzublasen, bis sie alle wohl brannten. Sie gaben jedem von uns einen in die Hand; auf ein gegebenes Zeichen hoben wir sie alle an das Luntenpapier. Sobald sich das Feuer mitteilte, warfen wir unsere Stäbe weg und rannten unter die Menge. In ungefähr einer halben Minute ging alles in der schönsten Verwirrung los: silberne und goldene Sterne, blaue Lichter und Catharinenräder, Minen und Bomben, griechisches Feuer und römische Lichter, griechische Bäume, Raketen und illuminierte Motto's, alles brannte, krachte, prasselte und zischte durch einander. Einstimmig wurde anerkannt, es sei viel schöner gewesen, als das beabsichtigte Schauspiel. Der Mann, welchem der Garten gehörte, rannte aus der Bude heraus, wo er gemächlich sein Bier trank, während die Gesellschaft draußen wartete, und schwur den Thätern Rache; wirklich setzte er auch den anderen Tag fünfzig Pfund Belohnung auf die Entdeckung derselben. Ich dachte, es sei ihm recht geschehen. Er war in seiner Stelle ein Diener des Publikums und hatte sich als dessen Herr betragen. Wir kamen alle säuberlich davon, nahmen ein anderes Dilly und langten noch in rechter Zeit zu Portsmouth bei unserem Boote an.

Den anderen Tag war ich so steif und empfand solche Schmerzen, daß ich zum Doktor gehen mußte, welcher mich auf die Krankenliste setzte, wo ich eine Woche lang blieb, bevor ich meinen Dienst wieder antreten konnte. So viel vom Markte zu Portsdown.

Es war an einem Samstag, als ich wieder Dienst that und den Sonntag darauf, an einem schönen Tage, gingen wir alle mit dem ersten Leutnant, Herrn Falkon, ans Land.

Wir gingen sehr gern in die Kirche, nicht, ich muß es leider gestehen, aus religiösem Gefühle, sondern aus folgender Ursache: Der erste Leutnant saß in einem Kirchenstuhle unten und wir standen auf der Emporkirche, wo er weder uns, noch wir ihn sehen konnten.

Wir verhielten uns aber sehr ruhig, und ich darf sagen, sehr andächtig während des Gottesdienstes; allein der Geistliche, welcher die Predigt hielt, war so langweilig und hatte einen so schlechten Vortrag, daß wir in der Regel, sobald er auf die Kanzel stieg, hinausschlichen und uns in den gegenüber befindlichen Konditorladen verfügten, um daselbst Küchelchen oder Törtchen zu essen und Kirschwasser zu trinken, welches wir dem Anhören einer Predigt unendlich vorzogen.

Der erste Leutnant hatte irgendwie unsere Schliche ausgewittert; wir glaubten, der Marineoffizier habe uns angegeben. Diesen Sonntag spielte er uns einen schönen Streich. Wir waren wie gewöhnlich bei dem Konditor gewesen; sobald wir die Leute aus der Kirche kommen sahen, warfen wir alle unsere Törtchen und Süßigkeiten in unsere Hüte, setzten sie dann auf und nahmen unseren Posten an der Kirchenthür ein, als ob wir gerade aus der Emporkirche herabkämen und auf ihn warteten. Allein statt an der Kirchenthür zu erscheinen, ging er die Straße hinauf und befahl uns, ihm ins Boot zu folgen. Er hatte nämlich in dem hinteren Zimmer des Konditorladens unsere Bewegungen durch die grünen Vorhänge belauscht. Wir vermuteten nichts, sondern dachten, er sei ein wenig früher als gewöhnlich aus der Kirche gegangen.

Als wir an Bord kamen und ihm folgten, sprach er zu uns:

»Auf das Hinterdeck, junge Herren!«

Wir thaten es; hierauf befahl er uns, in Linie zu treten, was so viel bedeutet, als sich in einer Reihe aufstellen.

»Nun, Herr Dixon«, fing er an, »was war der Text heute?«

Da er diese Frage sehr oft an uns richtete, ließen wir stets einen in der Kirche, bis der Text verlesen war, welcher uns dann in dem Konditorladen überbracht wurde, wo wir ihn alle in unsern Bibeln anmerkten, um bereit zu sein, wenn er uns fragte.

Dixon zog sogleich seine Bibel heraus, wo er das Blatt bezeichnet hatte und las.

»Ei der Tausend«, sagte Herr Falkon, »Sie müssen merkwürdig gute Ohren haben, Herr Dixon, daß Sie den Geistlichen vom Konditorladen aus hören konnten. Nun, meine Herren, die Hüte ab, wenn's gefällig ist.«

Wir zogen alle unsere Hüte ab, welche, wie er erwartete, voll Backwerk waren.

»In der That, meine Herren«, fuhr er fort, indem er die verschiedenen Papiere voll Backwerk und Zuckerwaren befühlte, »es freut mich von Herzen, daß Sie nicht umsonst in der Kirche gewesen sind. Wenige gehen mit so vielen guten Sachen weg, welche dem Sitz ihres Gedächtnisses aufgepackt sind. Profoß! alle Schiffsjungen aufs Hinterdeck.«

Die Jungen sprangen die Leitern herauf, und der erste Leutnant hieß jeden sich auf die Karronadenschleifen niedersetzen. Als sie alle saßen, befahl er uns, mit unseren Hüten herumzugehen und jeden um die Annahme eines Törtchens zu bitten, was wir von einem zum andern thun mußten, bis die Hüte leer waren. Was uns aber mehr ärgerte als alles, war das grinsende Lachen der Jungen, daß sie von uns wie von Lakaien bedient wurden, und ebenso das spöttische Gelächter der ganzen Schiffsmannschaft, welche sich in den Gängen versammelt hatte.

Nachdem die Pastetchen verzehrt waren, sagte der erste Leutnant:

»Nun, meine Herren! Da Sie für heute Ihre Lektion haben, können Sie hinunter gehen.«

Wir konnten nicht umhin selbst zu lachen, als wir in die Kajütte traten. Herr Falkon strafte immer mit so gutem Humor, auch standen seine Strafen auf irgend eine Weise mit der Art des Vergehens in besonderer Beziehung. Er hatte stets für alles, was er tadelte, ein Heilmittel, und die Schiffsmannschaft hieß ihn deshalb gewöhnlich nur den Helf-Jack. Ich muß bemerken, daß einige meiner Kameraden nach diesem Umstande gegen die Schiffsjungen sehr streng waren, indem sie ihnen, so oft sie konnten, einen Stoß oder Puff an den Kopf gaben und zugleich sagten: »Da hast Du noch ein Törtchen, Du Seekalb.«

Ich glaube, wenn die Jungen gewußt hätten, was ihnen bevorstand, sie hätten die Pasteten lieber ungegessen gelassen.



Zehntes Kapitel.

Ein Preßgang, von einem Weibe zurückgeschlagen. – Gefahren eines Bratspießes. – Ein Schmaus für beide Parteien von gerupften Hühnchen, auf meine Kosten. – Auch Genever für Zwanzig. – Ich werde zum Gefangenen gemacht, entwische und erreiche mein Schiff wieder.

—————

Ich muß nun berichten, was mir einige Tage bevor das Schiff absegelte, begegnete, und was zugleich den Beweis liefern soll, daß es nicht gerade nötig ist, Wind und Wetter oder feindliche Kanonen gegen sich zu haben, um in Gefahr zu sein, wenn man einmal in Seiner Majestät Dienste getreten ist; im Gegenteil, ich bin seitdem im Treffen gewesen, und erkläre ohne Bedenken, daß ich mich bei dieser Angelegenheit nicht so sehr beunruhigt fühlte, als bei dem Vorfalle, welchen ich nun erzählen will. Wir wurden segelfertig gemeldet, und der Admiralität lag sehr daran, daß wir abfahren sollten. Das einzige Hindernis unseres Absegelns bestand darin, daß unsere Mannschaft noch nicht vollständig war. Der Kapitän wandte sich an den Hafenadmiral und erhielt die Erlaubnis, Abteilungen ans Land zu schicken, um Matrosen zu pressen. Der zweite und dritte Leutnant und die ältesten Seekadetten wurden jede Nacht mit einigen der zuverlässigsten Leute ans Land beordert, und brachten in der Regel am Morgen ungefähr ein halb Dutzend Leute mit, welche sie in den diversen Bierhäusern und Grogläden, wie der Matrose sie nennt, aufgefangen hatten. Einige derselben wurden zurückbehalten, doch die meisten als dienstuntauglich wieder ans Land gesetzt; es ist nämlich gebräuchlich, wenn ein Mann freiwillig eintritt, oder gepreßt wird, ihn zum Chirurgen in das Cockpit zu schicken, wo er ausgezogen und am ganzen Leibe untersucht wird, um zu sehen, ob er gesund und für Sr. Majestät Dienst fähig ist; wo nicht, so schickt man ihn wieder ans Land. Das Pressen schien mir ein ziemlich ernsthaftes Geschäft, so viel ich aus den Erzählungen schließen konnte, welche ich hörte, und aus der Art, wie unsere Matrosen, welche man zu diesem Dienste verwendete, gewöhnlich geschlagen und verwundet wurden. Die Leute, welche gepreßt wurden, schienen ebenso hartnäckig zu kämpfen, um nicht zum Dienste gezwungen zu werden, als sie es für die Ehre des Landes thaten, wenn sie einmal eingeschifft waren. Ich hatte große Lust, mit von der Partie zu sein, ehe das Schiff absegelte, und bat O'Brien, der überhaupt sehr freundlich gegen mich war und niemand als sich selbst erlaubte, mich zu walken, ob er mich nicht mitnehmen wolle, was er auch in der darauf folgenden Nacht that. Ich schnallte meinen Degen um, sowohl um als Offizier kenntlich zu sein, als zu meinem Schutze. Als die Dämmerung eintrat, fuhren wir an die Küste und landeten bei Gosport. Die Matrosen waren alle mit scharfen Messern bewaffnet und trugen erbsengrüne Jacken, sehr kurze Kittel von sogenanntem Flushing. Wir hielten uns an den Grogläden der Stadt nicht auf, da es noch zu früh war, sondern wandelten ungefähr drei Meilen in den Vorstädten herum, bis wir zu einem Hause kamen, dessen Thür verschlossen war. Allein wir brachen augenblicklich mit Gewalt hinein und beeilten uns, den Durchgang zu besetzen, wo die Hausfrau bereit stand, uns den Eintritt zu wehren. Der Durchgang war lang und schmal, sie aber ein sehr großes korpulentes Weib, so daß ihr Leib denselben fast ausfüllte. In der Hand hielt sie einen langen Bratspieß auf uns gerichtet, mit welchem sie uns im Schach hielt. Die Offiziere, welche die Vordersten waren, wollten ein Weib nicht angreifen; sie dagegen machte mit ihrem Bratspieße solche Ausfälle, daß einige derselben bald zum Rostbraten fertig gewesen wären, wenn sie sich nicht zurückgezogen hätten. Die Matrosen, welche draußen standen, lachten, und überließen es den Offizieren, die Sache abzumachen, wie sie konnten. Endlich rief die Wirtin ihrem Manne zu:

»Sind sie alle fort, Jem?«

»Ja«, versetzte dieser, »alle in Sicherheit.«

»Nun dann«, gab sie zur Antwort, »will ich bald mit diesen fertig sein.« Und mit diesen Worten machte sie einen solchen Ausfall auf uns mit ihrem Bratspieße, daß, wären wir nicht zurückgewichen und übereinander gepurzelt, sie sicherlich den zweiten Leutnant durchgerannt hätte, welcher die Abteilung kommandierte. Der Gang war im Augenblicke gesäubert. Sobald wir alle auf der Straße waren, schloß sie uns hinaus; so waren wir, drei Offiziere und fünfzehn bewaffnete Leute von einem alten Drachen gänzlich geschlagen; die Matrosen, welche in dem Hause getrunken hatten, waren unterdessen anderswohin entronnen. Allein ich sehe nicht ein, wie es anders kommen konnte; entweder hätten wir das Weib töten oder verwunden müssen, oder sie hätte uns durchbohrt, so entschlossen war sie. Wäre ihr Mann in dem Gange gewesen, mit dem hätte man kurzen Prozeß gemacht; allein was kann man mit einem Weibe anfangen, welches um sich schlägt wie der Teufel, zugleich aber doch die Rechte und Privilegien des zarten Geschlechtes in Anspruch nimmt? Wir gingen alle sehr verdrießlich hinweg, und O'Brien bemerkte, wenn er das nächste Mal wieder an diesem Hause anklopfe, so wolle er die alte Katze umsegeln, denn er werde dann ihre Ladyschaft von hinten angreifen.

Wir besuchten hierauf andere Häuser, wo wir ein paar Leute aufgriffen, aber die meisten entkamen durch die Fenster und Hinterthüren, wenn wir vorne hereintraten. Es war noch ein Grogladen da, das beliebteste Stelldichein der Matrosen auf den Kauffahrteischiffen, wohin sie sich gewöhnlich zurückzogen, wenn sie hörten, daß die Preßgänge los wären. Unsere Offiziere wußten dies wohl, und machten sich deshalb nicht viel aus dem Entwischen der Leute, indem sie voraussahen, sie würden alle nach jenem Platze eilen und sich im Vertrauen auf ihre Zahl mit uns schlagen. Um ein Uhr glaubte man, es sei Zeit, dahin zu gehen; wir marschierten ohne Geräusch vorwärts, allein sie hatten Leute auf der Lauer, und so wie wir um die Ecke des Gäßchens bogen, wurde Lärm gemacht. Ich fürchtete, sie möchten davonlaufen, und wir würden sie verlieren, allein sie hatten sich im Gegenteil in dieser Nacht sehr stark versammelt und waren entschlossen, ein Treffen zu liefern. Die Männer blieben in dem Hause zurück, aber eine Avantgarde von ungefähr dreißig ihrer Weiber empfing uns mit einem Hagel von Steinen und Kot. Einige von unseren Matrosen wurden verwundet, aber sie schienen von dem, was die Weiber thaten, keine Notiz zu nehmen. Sie drangen vor und wurden dann von den Weibern mit Fäusten und Nägeln empfangen. Dessenungeachtet lachten die Matrosen nur dazu und trieben die Weiber mit den Worten auf die Seite: »sei ruhig; Polly; nicht närrisch, Molly; aus dem Wege, Sukey, wir wollen Dir Deinen Liebsten nicht nehmen«, obschon das Blut von ihren zerkratzten Gesichtern herablief. So versuchten wir, uns mit Gewalt einen Weg durch sie zu bahnen, aber ich kam bei dieser Gelegenheit mit genauer Not davon. Ein Weib ergriff mich beim Arme und zog mich gegen sich hin; wäre mein Quartiermeister nicht gewesen, so wäre ich von meiner Partie getrennt worden; allein gerade, als sie mich wegrissen, hielt er mich am Beine fest und hinderte sie. Pack ihn, Grete, rief das Weib einer anderen zu, wir wollen dieses kleine Seekadettchen nehmen, ich brauche ein solches Püppchen für eine Säugamme. Es kamen ihr noch zwei Weiber zu Hilfe, welche mich am anderen Arme festhielten, und sie würden mich der Hand des Quartiermeisters entrissen haben, hätte er nicht seinerseits auch um Hilfe gerufen, worauf zwei Matrosen mein anderes Bein ergriffen. Das war ein Zerren, Stoßen und Ziehen, alles auf meine Kosten; bisweilen gewannen die Weiber ein paar Zoll, dann wieder die Matrosen. Einmal glaubte ich, es sei alles mit mir vorbei, und im nächsten Augenblicke befand ich mich mitten unter meinen eigenen Leuten. »Zieh den Teufel, reck' den Bäcker!« schrie das Weib, und dann brachen sie in ein Gelächter aus, in welches ich, wie ich versichern kann, keineswegs einstimmte; denn ich glaube wirklich, ich sei um einen Zoll größer gezogen und meine Kniee und Schultern schmerzten mich entsetzlich. Zuletzt lachten die Weiber so sehr, daß sie mich nicht mehr festhalten konnten. Dadurch kam ich in die Mitte unserer eigenen Matrosen, wo zu bleiben ich mich sorgfältig bemühte. Nach einigem Quetschen und Schlagen wurde ich durch den Haufen in das Haus gedrängt; die Matrosen von den Kauffahrern hatten sich mit Knitteln und anderen Waffen versehen, und auf den Tischen Posto gefaßt. Es waren mehr als zwei gegen einen von uns, und es erhob sich ein furchtbarer Kampf, indem sie einen ganz verzweifelten Widerstand leisteten. Unsere Matrosen mußten ihre Schlitzmesser brauchen, und in einigen Minuten war ich durch das Schreien und Fluchen, Stoßen und Balgen, Ringen und Fechten ganz verwirrt; dabei erhob sich ein Staub, welcher mich nicht nur blendete, sondern beinahe erstickte. Während mir der Atem fast aus dem Leibe gepreßt wurde, gewannen unsere Matrosen die Oberhand. Kaum hatte die Wirtin und die übrigen Weiber dies bemerkt, so löschten sie alle Lichter aus, so daß ich nicht sagen konnte, wo ich war; unsere Matrosen aber hatten jeder seinen Mann gefaßt, und suchten sie aus der Thür hinaus zu ziehen, wo sie gesammelt und verwahrt wurden. Nun war ich wieder in großer Not; man hatte mich zu Boden geworfen und auf mich getreten. Als ich mich endlich wieder auf die Beine stellen konnte, wußte ich nicht, in welcher Richtung die Thür lag. Ich fühlte überall an der Wand herum und kam zuletzt an eine Thür (das Zimmer war nämlich damals fast leer, indem die Weiber den Männern aus dem Hause gefolgt waren). Ich öffnete sie, fand aber, daß es nicht die rechte war, sondern in ein kleines Nebenzimmer führte, wo ein Feuer brannte, aber kein Licht.

Ich hatte eben meinen Irrtum entdeckt und wollte mich zurückziehen, als ich von hinten hineingeschoben wurde und der Schlüssel sich drehte.

Hier war ich nun ganz allein, und ich muß gestehen, in großer Angst, da ich an die Rache dachte, welche die Weiber an mir nehmen würden. Ich glaubte, mein Tod sei gewiß und ich werde, wie ich einst von Orpheus in meinen Büchern gelesen, von diesen Bacchantinnen in Stücke zerrissen werden. Doch stellte ich mir wieder vor, daß ich ein Offizier in Seiner Majestät Diensten sei, und die Pflicht es mir gebiete, im Notfalle mein Leben für König und Vaterland zu opfern. Meine arme Mutter fiel mir ein; da mich jedoch dieser Gedanke trostlos machte, so suchte ich ihn zu vertreiben, und mir alles ins Gedächtnis zurückzurufen, was ich von der Tapferkeit und dem Mute verschiedener großer Männer gelesen hatte, wenn ihnen der Tod ins Angesicht blickte. Ich blinzelte durch das Schlüsselloch und bemerkte, daß die Lichter wieder angezündet und nur Weiber in dem Zimmer waren, welche alle zugleich sprachen und nicht an mich dachten. Allein ein paar Minuten darauf kam ein Weib von der Straße herein mit langen, schwarzen, über die Schulter herabhängenden Haaren und ihrer Haube in der Hand.

»Gut!« schrie sie, »sie haben mir meinen Mann weggeschnappt; aber ich will mich auffressen lassen, wenn ich nicht das Seekadettchen in diesem Zimmer eingeschachtelt habe, und er soll seinen Platz einnehmen.«

Ich glaubte, ich müsse sterben, als ich das Weib ins Auge faßte und sie nebst einigen anderen auf die Thür zukommen sah, um sie aufzuschließen. Als die Thür sich öffnete, zog ich meinen Degen, entschlossen, wie ein Offizier zu sterben. Während sie vorrückten, zog ich mich in einen Winkel zurück und schwang meinen Degen, ohne ein Wort zu sagen.

»Nun«, rief das Weib, welches mich zum Gefangenen gemacht hatte, »ich muß sagen, ich sehe gerne eine Pfütze im Sturme. Seht mir einmal den kleinen Zwiebackkauer an, wie er fechten will; komm, mein Schatz, Du gehörst mir.«

»Nie«, rief ich voll Unwillen aus, »zurück! oder ich werde etwas Mißliebiges thun (ich hielt dabei den Degen vorwärts gezückt), ich bin ein Offizier und Gentleman.«

»Sall!« schrie das häßliche Weib, »hol einen Lumpen und einen Eimer Spülwasser, ich will ihm den Degen aus der Faust drehen.«

»Nein, nein«, versetzte ein anderes, ziemlich gut aussehendes junges Weib, »laß ihn mir, thu ihm nichts zu leid; es ist wirklich ein hübsches Männchen. Wie heißt Du, mein Lieber?«

»Peter Simpel ist mein Name«, erwiderte ich, »ich bin königlicher Offizier, deshalb nehmt Euch in acht, was Ihr thut.«

»Fürchte Dich nicht, Peter, es soll Dir niemand etwas thun; aber Du mußt Deinen Degen nicht vor den Damen ziehen, das steht einem Offizier und Gentleman nicht an. Stecke Deinen Degen ein und sei ein guter Junge.«

»Ich will nicht«, war meine Antwort, »wenn Ihr mir nicht versprecht, daß ich unbelästigt fortgehen kann.«

»Ich verspreche es Dir, Du sollst es auf mein Wort, Peter; – auf meine Ehre, bist Du damit zufrieden?«

»Ja«, entgegnete ich, »wenn jede von Euch das Nämliche verspricht.«

»Auf unsere Ehre«, schrieen alle mit einander, worauf ich mich zufrieden gab, meinen Degen in die Scheide steckte und das Zimmer verlassen wollte.

»Halt, Peter«, sagte das junge Weib, welche meine Partei genommen hatte, »ich muß einen Kuß haben, bevor Du gehst!«

»Und ich, wir alle«, schrieen die Weiber.

Ich wurde sehr unwillig und versuchte meinen Degen wieder zu ziehen, aber sie hatten mich eingeschlossen und verhinderten mich daran.

»Denken Sie an Ihre Ehre«, rief ich dem jungen Weibe zu und sträubte mich.

»Meine Ehre, Gott behüte Dich, Peter, je weniger wir davon sprechen, desto besser.«

»Aber Ihr habt mir versprochen, daß ich im Frieden fortgehen darf«, sagte ich der Gesellschaft.

»Gut, Du sollst es, aber vergiß nicht, Peter, daß Du ein Offizier und Gentleman bist. – Du wirst gewiß nicht so schäbig sein und fortgehen, ohne uns zu traktieren. Was hast Geld in Deiner Tasche?«

Und ohne mir Zeit zur Antwort zu lassen, fühlte sie in meine Tasche, zog meine Börse heraus und öffnete sie.

»Ei, Peter«, sprach sie, »Du bist ja so reich wie ein Jude«, und zählte dreißig Schillinge auf den Tisch. »Nun was sollen wir davon haben?«

»Was Euch beliebt«, entgegnete ich, »vorausgesetzt, daß Ihr mich dann gehen laßt.«

»Gut denn, es soll zu einer Gallone Wachholder langen. Sall, rufe Madame Flanagan.«

»Madame Flanagan, eine Gallone Schnaps und frische Gläser!«

Madame Flanagan nahm den größten Teil meines Geldes und kehrte in einer Minute mit dem Schnaps und Weingläsern zurück.

»Nun, Peter, mein Schatz, wollen wir uns um den Tisch setzen und es uns recht schmecken lassen.«

»O nein!« erwiderte ich, »nehmt mein Geld, trinkt den Branntwein, nur laßt mich gehen.«

Allein sie wollten nicht auf mich hören. Ich mußte mich zu ihnen setzen; der Schnaps wurde eingeschenkt und sie zwangen mich, ein Glas zu trinken, was ich mit großem Widerwillen that. Es hatte jedoch eine gute Wirkung, denn es gab mir Mut und in ein paar Minuten fühlte ich mich so stark, als ob ich es mit allen aufnehmen könnte. Die Thür des Zimmers befand sich auf der Seite des Kamins, und ich sah den Schürhaken glühend heiß zwischen dem Roste stecken.

Ich klagte über Kälte, obgleich ich Fieberhitze hatte, und sie gestatteten mir, hinzugehen, um meine Hände zu wärmen. Sobald ich das Kamin erreicht hatte, riß ich den rotglühenden Schürhaken heraus, schwang ihn über meinem Kopfe und drang auf die Thür zu. Sie sprangen alle auf, um mich zu halten, allein ich versetzte der Vordersten einen Schlag, worauf sie mit einem Schrei zurückrannte (ich glaube, ich habe ihr die Nase verbrannt). Ich nahm die Gelegenheit wahr, entwischte auf die Straße und schwang den Schürhaken immer um den Kopf, während alle Weiber schreiend hinter mir drein kamen.

Ich hörte nicht eher auf zu rennen und meinen Schürhaken zu schwingen, bis ich von Schweiß dampfte und der Schürhaken ganz kalt war. Dann schaute ich zurück und fand mich allein.

Es war sehr finster, jedes Haus verschlossen und nirgends ein Licht zu sehen. An der Ecke hielt ich still und wußte nicht, wo ich war, oder was ich thun sollte. Ich fühlte mich in der That sehr unglücklich und überlegte, was wohl das Beste für mich sein möchte, als einer der Quartiermeister, welcher zufällig am Lande geblieben war, um die Ecke bog. Ich erkannte ihn an seiner erbsengrünen Jacke und dem Strohhute als einen der Unsrigen, und war sehr erfreut, ihn zu sehen. Als ich ihm erzählte, was vorgefallen war, versetzte er, er sei gerade im Begriff, in ein Haus zu gehen, wo die Leute ihn kannten und einlassen würden.

Als wir hier ankamen, waren die Leute des Hauses sehr höflich, die Wirtin machte uns auf Bestellung des Quartiermeisters Wermutbier, das mir sehr gut vorkam. Als wir den Krug geleert hatten, schliefen wir beide auf unsern Stühlen ein. Ich erwachte nicht früher, als bis ich nach sieben Uhr von dem Quartiermeister geweckt wurde; dann nahmen wir ein Boot und fuhren nach unserem Schiffe.



Elftes Kapitel.

O'Brien nimmt mich in seinen Schutz. – Die Schiffsmannschaft wird bezahlt, daher auch die Marktschiffweiber, die Juden und der Emancipationist nach der Mode. – Wir gehen zur See. – Doctor O'Briens Heilart der Seekrankheit. – Eine Pille von dem Doktor wirkt mehr als eine Dosis.

—————

Als wir ankamen, begab ich mich zum ersten Leutnant und erzählte ihm die ganze Geschichte, wie ich behandelt worden war, indem ich ihm den Schürhaken vorwies, welchen ich mit an Bord gebracht hatte. Er hörte mich ganz geduldig an und sagte dann:

»Gut, Herr Simpel, Sie mögen der größte Dummkopf Ihrer Familie sein; ich aber weiß das anders und ersuche Sie, nie sich bei mir als Dummkopf anstellen zu wollen. Dieser Schürhaken beweist das Gegenteil; wenn Ihr Witz Ihnen dienen kann, sich selbst aus Gefahren zu ziehen, so erwarte ich, Sie werden ihn auch zum Besten des Dienstes verwenden.«

Er schickte sodann nach O'Brien und gab ihm eine Lektion, weil er mich den Preßgang mitmachen ließ, wobei er besonders hervorhob (und da hatte er recht), daß ich von keinem Nutzen gewesen sei, und wie leicht ein ernsthafter Zufall hätte eintreffen können. Ich ging auf das Hauptverdeck, wo O'Brien zu mir kam.

»Peter,« sagte er, »ich bin ausgescholten worden, weil ich Dich gehen ließ, deshalb ist es auch billig, daß Du von mir gedroschen wirst, weil Du mich gebeten hast.«

Ich wünschte diesen Punkt zu widerlegen; er schnitt aber jedes Argument kurz ab, indem er mich die Luke hinunter stieß.

So endete mein eifriger Versuch, für Seiner Majestät Dienst Matrosen zu schaffen.

Endlich war die Fregatte vollständig bemannt, und als wir von andern Schiffen Abteilungen Matrosen erhalten hatten, wurde Befehl erteilt, uns auszuzahlen, bevor wir in See gingen. Die Leute am Lande finden immer aus, wenn ein Schiff ausbezahlt wird; daher waren wir schon in aller Frühe von Booten umringt, mit Juden und anderem Volke beladen, von denen einige Zutritt verlangten, um ihre Waren zu verkaufen, andere um für dasjenige Zahlung zu erhalten, was sie den Matrosen auf Kredit gegeben hatten. Allein der erste Leutnant gestattete keinem, an Bord zu kommen, bis das Schiff ausbezahlt war, obschon sie so stark drängten, daß er sich gezwungen sah, Schildwachen in den Bugen auszustellen, um die Boote abzutreiben, wenn sie herankamen. Ich stand gerade im Gange und betrachtete das Gedränge in den Booten, als ein schwarz aussehender Kerl in einem derselben zu mir sagte:

»Sir, lassen Sie mich durch die Geschützpforte hinein schlüpfen, ich werde Ihnen ein sehr hübsches Präsent machen«; hier ließ er mich ein goldenes Petschaft sehen.

Ich befahl sogleich der Schildwache, ihn fortzutreiben, denn ich war sehr beleidigt, daß er glaubte, ich könne bestochen werden, den Befehlen nicht zu gehorchen. Ungefähr um elf Uhr kamen auf dem Seemagazinboot der Buchhalter und der Kassier mit seiner Geldkiste an Bord, und wurden in die Vorkajütte gewiesen, wo sie der Kapitän am Zahltisch erwartete. Die Matrosen wurden einer nach dem andern herein gerufen, und weil der Betrag der Löhnung schon zum voraus berechnet war, so waren sie sehr schnell ausbezahlt. Sie faßten ihr Geld in den Hut, nachdem es in Gegenwart der Offiziere und des Kapitäns aufgezählt worden war. Außerhalb der Kajütte stand ein großer Mann in schwarzer Kleidung mit glattgekämmten Haare, welcher von dem Hafenadmiral die Erlaubnis erhalten hatte, an Bord zu kommen; dieser ging jeden Matrosen, wie er mit seinem Geld im Hute herauskam, um einen Beitrag zur Emancipation der westindischen Sklaven an, aber die Matrosen wollten ihm nichts geben, und schwuren, »die Neger wären besser daran als sie, denn sie hätten bei Tag nicht härter zu arbeiten, und bei Nacht nicht Wache um Wache zu halten.«

»Gedient ist überall gedient, mein alter Psalmsinger,« erwiderte einer. »Sie dienen ihren Herren, wie es ihre Schuldigkeit ist, wir dienen dem König, weil er ohne uns nichts kann, und er fragt uns nie um unsere Einwilligung, sondern greift selbst zu.«

»Ja,« versetzte der Gentleman mit den glattgekämmten Haaren, »aber Sklaverei ist etwas ganz anderes.«

»Kann nicht sagen, daß ich da einen Unterschied sehe. Du, Bill?«

»Ich auch nicht, und ich meine, wenn sie nicht gern da blieben, so liefen sie davon.«

»Davon? – die armen Geschöpfe,« sagte der schwarze Gentleman, »wenn sie dies thäten, so würden sie gegeißelt.«

»Gegeißelt? – gut, und wenn wir davon laufen, so werden wir gehängt, die Neger sind besser daran als wir, nicht wahr, Tom?«

Eben trat des Zahlmeisters Gehilfe heraus; er war so etwas von einem Advokaten, d. h. er hatte mehr Erziehung genossen, als es bei Seeleuten gewöhnlich der Fall ist.

»Ich hoffe, Sir,« sprach der Schwarze, »Sie werden etwas beisteuern.«

»Ich nicht, mein Schatz; ich bin jeden Pfennig meines Geldes schuldig und noch darüber, fürchte ich.«

»Nur eine Kleinigkeit, Sir.«

»Was, Du mußt ein höllischer Schurke sein, daß Du von einem Manne verlangen kannst, er solle weggeben, was nicht sein Eigentum ist. Sagte ich Dir nicht, ich sei alles schuldig? Es ist ein altes Sprichwort: zuerst gerecht, dann freigebig. Nun ist meine Ansicht, daß Du ein methodistischer nichtsnutziger Lumpenhund bist, und wenn je einer ein solcher Esel ist, Dir Geld zu geben, so wirst Du es für Dich selbst behalten.«

Als der Mann sah, daß er an der Thür nichts erhalten könne, so ging er auf das untere Verdeck hinunter, woran er aber nicht sehr klug that, denn da nun die Leute bezahlt waren, so wurde den Booten gestattet, an die Seite herbeizukommen, und so viel Branntwein eingeschmuggelt, daß die meisten Matrosen mehr oder weniger betrunken wurden. Als er zu den Soldaten hinunter kam, fing er an, Bilder auszuteilen, die einen Schwarzen in Ketten knieend darstellten, welcher sagte: »Bin ich nicht euer Bruder?« Einige der Matrosen lachten, und schwuren, sie wollten ihren Bruder an die Schiffswand ankleben, um für die Schiffsmannschaft zu beten; andere waren sehr ungehalten und schimpften auf ihn. Zuletzt kam ein Mann, welcher betrunken war, auf ihn zu.

»Willst Du wirklich behaupten, daß dieser heulende schwarze Dieb mein Bruder ist?«

»Allerdings,« versetzte der Methodist.

»Dann nimm dies für Deine höllische Lüge,« sagte der Matrose, indem er ihn rechts und links in das Gesicht schlug und ihn in den Kabelkasten hinab warf, von wo er herauf kletterte und sich so bald als möglich aus dem Staube machte.

Das Schiff befand sich nun in einem Zustande von Verwirrung und Aufruhr: da waren Juden, welche Kleider zu verkaufen oder für verkaufte Kleider Geld einzuziehen hatten; Männer und Frauen aus den Marktschiffen, die ihre langen Rechnungen vorwiesen und Zahlung forderten, oder durch Schmeichelei zu erhalten suchten; andere Leute vom Lande mit hunderterlei kleinen Forderungen, und die Matrosenweiber, welche sich enge an sie drängten und jede vorgewiesene Rechnung als eine Erpressung oder Räuberei bestritten. Das war ein Schreien und ein Drohen, Lachen und Weinen – denn die Weiber mußten alle vor Sonnenuntergang das Schiff verlassen. Bald wurde ein Jude umgeworfen und seine ganze Kiste mit Ware im Raume umher gezogen, bald jagte ein Matrose einem Juden nach, der ihn betrogen hatte. Alles zankte oder jauchzte; viele waren schwer betrunken. Es schien mir, daß die Matrosen einen schwierigen Punkt zu bestehen hatten; es waren dreierlei Gläubiger gegen sie, die Juden für Kleider, die Männer aus dem Marktschiffe für Zehrung im Hafen, und ihre Weiber wegen des Unterhalts in ihrer Abwesenheit. Das Geld, welches sie erhielten, reichte im allgemeinen nicht weiter, als eine dieser Forderungen zu berichtigen. Man darf annehmen, daß die Weiber den besten Teil davon bekamen; den andern wurde eine Kleinigkeit bezahlt und der Rest versprochen, wenn sie von ihrer Fahrt zurück kämen. Obgleich, wie die Sachen nun standen, es scheinen mochte, daß zwei von den Parteien schlecht behandelt wurden, so waren sie doch mehr als entschädigt, weil ihre Rechnungen so übertrieben waren, daß, wenn auch nur ein Drittel davon bezahlt wurde, ihnen noch ein Profit bleiben mußte. Ungefähr um fünf Uhr wurde Befehl gegeben, das Schiff zu säubern. Alle bestrittenen Punkte wurden von dem Marinesergeanten mit seinen Leuten beigelegt, welche ihre Gegner von den Juden trennten. Personen aller Art, welche nicht auf das Schiff gehörten, männliche oder weibliche, wurden entfernt. Man gab mit der Pfeife das Zeichen zum Niederlassen der Hängematten, schaffte die Betrunkenen ins Bett und das Schiff war auf einmal ruhig. Niemand wurde wegen Trunkenheit gestraft, weil der Zahltag an Bord eines Kriegsschiffes so angesehen wird, als sei mit ihm alles unordentliche Benehmen des Matrosen gleichsam ausgelöscht, und es beginne nun ein neues Blatt im Buche seines Lebens; denn obgleich einige Freiheit gestattet ist, und die Matrosen im Hafen selten gepeitscht werden, so wird doch in dem Augenblicke, wo der Anker an den Bugen ist, strenge Mannszucht gehandhabt, und Betrunkenheit darf nicht länger auf Vergebung hoffen.

Den andern Tag war alles bereit, in See zu stechen, den Offizieren wurde kein Urlaub mehr bewilligt, Vorrat jeder Art an Bord gebracht, die großen Boote aufgewunden und befestigt. Am übernächsten Morgen bei Tagesanbruch gab man uns vom Flaggenschiff im Hafen das Signal zum Ankerlichten; wir hatten Befehl erhalten, in der Bucht von Biscaya zu kreuzen. Der Kapitän kam an Bord, die Leiter wurde heraufgezogen, und wir fuhren mit herrlichem Nordostwinde durch die Nadeln. Ich bewunderte die Ansicht der Insel Wight, erblickte mit Bewunderung die Alum-Bay, erstaunte über die Nadelfelsen und fühlte mich dann so unwohl, daß ich hinabgehen mußte. Was in den nächsten sechs Tagen vorkam, kann ich nicht sagen. Ich dachte, ich müsse jeden Augenblick sterben, lag die ganze Zeit über in meiner Hängematte oder auf den Kisten, und konnte weder essen, trinken, noch umhergehen. O'Brien kam am siebenten Morgen zu mir und sagte, es werde nie wieder gut mit mir werden, wenn ich mich nicht selbst anstrenge; er habe mich gerne und deshalb unter seinen Schutz genommen, und um seine Anhänglichkeit an mich zu beweisen, wolle er für mich thun, was er für einen andern zu thun sich nie die Mühe gegeben hätte, nämlich mir eine gute Tracht Schläge geben; dies sei ein Hauptmittel gegen die Seekrankheit. Die That folgte dem Worte, er gab mir ohne Gnade Rippenstöße und nahm dann das Ende eines Strickes und zerdrasch mich, bis ich seinem Befehle gehorchte und sogleich auf das Verdeck ging. Bevor er zu mir kam, hätte ich es nie für möglich gehalten, ihm zu gehorchen; ich versuchte es, auf die eine oder die andere Art die Leiter zum Hauptverdecke hinauf zu kriechen, wo ich mich auf die Kugelrecken niedersetzte und bitterlich weinte. Was hätte ich gegeben, wenn ich wieder zu Hause gewesen wäre! Es war nicht meine Schuld, daß ich der größte Dummkopf der Familie war, und doch, wie wurde ich dafür bestraft! Wenn dies von O'Brien Freundlichkeit war, was hatte ich von denen zu erwarten, welche nicht an mir teilnahmen? Allein nach und nach kam ich wieder zu mir selbst, fühlte mich in der That bedeutend besser und schlief diese Nacht sehr gesund. Den andern Morgen kam O'Brien wieder zu mir.

»Es ist ein garstiges schleichendes Fieber, diese Seekrankheit, mein Peter, und wir müssen es austreiben,« und nun begann er eine Wiederholung des gestrigen Heilverfahrens, bis ich fast lederweich war. Ob die Furcht, geschlagen zu werden, meine Seekrankheit vertrieb, oder was immer die wirkliche Ursache davon gewesen sein mag – so viel ist gewiß, ich fühlte nach dieser zweiten Tracht Prügel nichts mehr, und als ich den andern Morgen erwachte, war ich sehr hungrig. Ich eilte, mich anzukleiden, bevor O'Brien käme, und ich sah ihn nicht bis zum Frühstücke.

»Peter,« sagte er, »laß mich Deinen Puls fühlen.«

»O nein,« versetzte ich, »ich bin wirklich ganz wohl.«

»Ganz wohl? Kannst Du Zwieback und gesalzne Butter essen?«

»Ja, ich kann.«

»Und ein Stück fetten Speck?«

»Auch das kann ich.«

»Dank' mir's Peter,« erwiderte er, »Du wirst nun von meiner Medizin nichts mehr bekommen, bis Du wieder krank bist.«

»Ich hoffe nicht,« gab ich zur Antwort, »denn sie war nicht sehr angenehm.

»Angenehm, Du dummer Simpel, wann hast Du je von einer angenehmen Arznei gehört, außer man verschriebe sie sich selbst? Ich glaube, Du würdest Zuckerkandis gegen das gelbe Fieber nehmen. Lebe und lerne, Junge, und danke dem Himmel, daß Du jemand gefunden hast, der Dich hinlänglich liebt, um Dich zu prügeln, wenn es für Deine Gesundheit gut ist.«

Ich erwiderte, daß ich zuversichtlich hoffe, so sehr ich mich auch ihm verpflichtet fühle, keine Beweise seiner Anhänglichkeit mehr nötig zu haben.

»Keine so schlagenden Beweise, meinst Du, Peter? aber laß mich Dir sagen, es waren aufrichtige Beweise; denn seitdem Du krank gewesen bist, habe ich Dein Schweinefleisch gegessen und Deinen Grog getrunken, welch letzterer in der Bai von Biscaya nicht zu reichlich gegeben werden kann. Da ich Dich nun kuriert habe, wirst Du alles dies in Deinen eigenen kleinen Brotkorb hinein stecken, so daß ich keinen Vorteil dabei habe; daher denke ich, Du werdest überzeugt sein, daß Du Deiner Lebtage nie zwei uneigennützigere Trachten Schläge bekommen hast. Doch sprechen wir nicht mehr davon, und sei mir willkommen.«

Ich schwieg und verzehrte ein tüchtiges Frühstück. Von diesem Tag an trat ich meinen Dienst wieder an und wurde mit O'Brien der nämlichen Wache zugeteilt, da er mit dem ersten Leutnant gesprochen und ihm gesagt hatte, er habe mich unter seine Aufsicht genommen.



Zwölftes Kapitel.

Neue Theorie des Herrn Muddle, merkwürdig, weil sie kein Ende hat. – Neue Praxis des Herrn Chucks. – O'Brien beginnt seine Geschichte. – Es gab Riesen in jenen Tagen. – Ich bringe des Schiffsmeisters Nachtglas herauf.

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Da ich schon genug von dem Kapitän und dem ersten Leutnant erwähnt habe, um den Leser zu befähigen, eine Einsicht in ihren Charakter zu gewinnen, so will ich nun zwei sehr sonderbare Personen anführen, welche meine Genossen auf dem Schiffe waren, – den Zimmermann und den Bootsmann.

Der Zimmermann, welcher Muddle hieß, ging gewöhnlich auf den Ruf: Philosoph Chips – nicht als ob er einer besondern Schule gefolgt wäre, sondern er hatte sich seine eigene Theorie gebildet, von welcher er nicht abzubringen war. Ich konnte ihn nie dahin bringen, zu erklären, auf welche Data seine Berechnungen sich gründeten; er sagte, ich sei zu jung, um es zu begreifen, wenn er es auch erklären wollte; seine Behauptung war diese: daß in siebenundzwanzigtausend sechshundert zweiundsiebenzig Jahren alles, was sich ereigne, wieder geschehen würde, mit denselben Leuten, welche gerade zu dieser Zeit lebten.

Er wagte es selten, dem Kapitän Savage diese Bemerkung zu machen, aber desto öfter that er es dem ersten Leutnant.

»Ich bin so nahe daran gewesen als möglich, Sir? ich versichere Sie, obwohl Sie einen Fehler daran finden; allein vor siebenundzwanzigtausend sechshundert zweiundsiebenzig Jahren waren Sie erster Leutnant auf diesem Schiff und ich Zimmermann, obwohl wir uns nicht mehr daran erinnern und nach siebenundzwanzigtausend sechshundert zweiundsiebenzig Jahren werden wir beide wieder auf diesem Boote stehen und von den Reparaturen sprechen, gerade wie jetzt.«

»Ich zweifle nicht daran, Herr Muddle,« versetzte der erste Leutnant, »und will zugeben, daß dies alles sehr wahr ist, aber die Ausbesserungen müssen diese Nacht fertig werden und von heute über siebenundzwanzigtausend sechshundert zweiundsiebenzig Jahren werden Sie gerade einen so ausdrücklichen Befehl dazu haben, als jetzt, also lassen Sie es sich gesagt sein.«

Diese Theorie machte ihn gegen die Gefahren sowohl, als überhaupt gegen alles gleichgültig. Es war ihm einerlei, jedes Ereignis fand bestimmt im Laufe der Zeit statt; es war in früherer Zeit eingetroffen und mußte sich wieder ereignen; alles hing vom Schicksal ab.

Der Bootsmann war ein noch unterhaltenderer Charakter; er wurde als der festeste, d. h. als der thätigste und strengste Bootsmann im Dienste angesehen. Er ging unter dem Namen »Gentleman Chucks«, – Letzteres war sein Zuname.

Er schien eine halbe Erziehung genossen zu haben; manchmal bestand seine Sprache aus einigen merkwürdig gut gewählten Redensarten, aber plötzlich konnte er durch ein barsches Wort von seiner Höhe herabfallen; doch ich werde imstande sein, den Leser mehr in seine Geschichte einzuführen, wenn ich zu meinen Abenteuern komme.

Er hatte eine sehr hübsche Figur, Neigung zum Starkwerden, durchdringende Augen und ein Haar, das sich in Locken ringelte. Seinen Kopf trug er aufrecht und ging stolz einher. Er erklärte, ein Offizier müsse auch einem Offizier gleich sehen und sich danach betragen.

Von Person war er sehr reinlich, trug Ringe an seinen großen Fingern und einen gewaltigen Busenstreif, welcher wie das Hinterstück eines Barsches hervorstand; sein Hemdkragen war immer bis an die Backenknochen heraufgezogen. Er erschien nie auf dem Verdeck ohne seinen Tröster, welches drei wie ein Tau in einander geflochtene Rohrstäbe waren; bisweilen hieß er ihn seinen Bathorden, oder sein Trio juncto in uno, und dieser Tröster war selten müßig.

Er versuchte, sehr höflich zu sein, selbst wenn er den gemeinen Matrosen anredete, und begann immer seine Bemerkungen an dieselben auf eine sehr artige Weise; allein im Verlaufe der Rede war er in seiner Phraseologie nicht sehr wählerisch. O'Brien sagte, seine Reden seien der Sünde des Dichters ähnlich, oben sehr schön, aber an den untern Extremitäten sehr abscheulich.

Er konnte zum Beispiel zu einem Manne auf dem Vorderkastell auf die zarteste Weise von der Welt sagen: »Erlauben Sie mir die Bemerkung, mein Wertester, daß Sie diesen Teer auf das Verdeck schütteten, ein Verdeck, Sir, welches, wie ich die Bemerkung zu machen wagen darf, ich die Pflicht hatte, diesen Morgen reinigen zu lassen. Sie verstehen mich, Sir, Sie haben Seiner Majestät Vorderkastell beschmutzt. Ich muß meine Pflicht thun, Sir, wenn Sie die Ihrige vernachlässigen; so nimm dies – und dies – (dabei zerdrasch er den Mann mit seinem Rohrstab). Du verdammter Heumacherssohn von einem Seekoch, thue es noch einmal, Gott straf mich, und ich haue Dir die Leber aus dem Leibe.«

Ich erinnere mich an einen Schiffsjungen, welcher mit einem Eimer schmutzigen Wassers vorbeiging, um es auf dem Vorderteile des Schiffes auszuleeren, ohne seine Hand an den Hut zu legen, als er vor dem Bootsmann vorüberkam.

»Halt, mein kleiner Freund,« sagte dieser, indem er seinen Busenstreifen herauszog, und seinen Hemdkragen auf beiden Seiten in die Höhe richtete; »kennen Sie, Sir, meinen Rang und meine Stellung in der Gesellschaft?«

»Ja, Sir,« versetzte der Junge und sah zitternd nach dem Rohrstab.

»Gut denn,« erwiderte Herr Chucks, »hätten Sie es nicht gewußt, so würde ich eine mäßige Züchtigung für nötig erachtet haben, damit Sie in Zukunft einen solchen Fehler vermieden hätten; allein da Sie es wußten, so haben Sie keine Entschuldigung; so nimm denn dies, du kläffende, halbverhungerte Mißgeburt.«

»Ich bitte Sie um Verzeihung, Herr Simpel,« sprach er zu mir, als der Junge heulend fortlief, denn er ging gerade damals mit mir. »Allein der Dienst macht uns alle zum rohen Tiere. Es ist hart, unsere Gesundheit, unsere Nachtruhe und unsere Bequemlichkeit zu opfern, aber noch härter, weil ich in meiner verantwortlichen Stellung nur zu oft genötigt bin, meine Höflichkeit zum Opfer zu bringen.«

Der Schiffsmeister war der Offizier, welcher die Aufsicht über die Wache hatte, der ich zugeteilt war. Es war ein ziemlich rauher Seemann, der im Dienste eines Kauffahrers erzogen worden war, und sein Äußeres verriet nicht viel von einem Gentleman, aber er war sehr gutmütig und ein großer Freund von Grog. Er hatte immer mit dem Bootsmann zu zanken und erklärte, der Dienst müsse zum Teufel gehen, seitdem Unteroffiziere weiße Hemden anzögen und Krausen daran trügen. Allein der Bootsmann kehrte sich nicht daran; er verstand seinen Dienst und that ihn, und wenn der Kapitän zufrieden sei, sagte er, so könne die ganze Schiffsmannschaft brummen. Was den Schiffsmeister anbelangt, so sagte er, derselbe sei ein sehr ordentlicher Mann, aber auf einem Kohlenschiff auferzogen worden, und deshalb könne man auch nicht viel Feinheit von ihm erwarten; »in der That,« bemerkte er, indem er seinen Hemdkragen heraufzog, »es ist unmöglich, aus einem Schweinsohr eine seidene Börse zu machen.« Der Schiffsmeister war sehr artig gegen mich und schickte mich gewöhnlich zu meiner Hängematte hinab, bevor meine Wache halb vorüber war. So lange ging ich mit O'Brien auf dem Verdecke auf und ab. Er war ein sehr unterhaltender Gesellschafter, und lehrte mich alles, was er wußte und auf meinen Beruf Bezug hatte. In einer Nacht, als er die Mittelwache hatte, sagte ich ihm, es wäre mir sehr lieb, wenn er mir seine Lebensgeschichte zum besten geben wollte.

»Dies will ich, mein lieber Junge,« versetzte er, »alles, was ich noch davon weiß, obschon ich nicht zweifle, daß ich den besten Teil davon vergessen habe. Es ist noch fünf Minuten bis Glock zwei; wir wollen also den Log auswerfen und auf der Tafel bemerken; dann will ich Dir eine Geschichte preisgeben, welche uns vom Einschlafen bewahren soll.«

O'Brien meldete dem Schiffsmeister die Segelgeschwindigkeit, bemerkte sie auf der Logtafel und kam dann zurück.

»Nun, mein Junge, will ich an der Marssegelfalltaurolle vor Anker gehen, und Du kannst Dein kleines löschpapiernes Geripp unter meine Leeseite stecken, dann will ich Dir alles erzählen. Zuerst und vor allem mußt Du wissen, daß ich von dem großen O'Brien Borru abstamme, welcher seiner Zeit König war, so gut, als der große Fingal vor ihm. Du hast natürlich von Fingal gehört?«

»Könnte es nicht sagen,« versetzte ich.

»Nichts von Fingal gehört! – Mordio – wo mußt Du Dein ganzes Leben gewesen sein? Nun denn, um Dir einen Begriff von Fingal zu geben, will ich Dir zuerst erzählen, wie Fingal den großen schottischen Riesen hinter das Licht führte, und dann an meine eigene Geschichte gehen.

»Fingal, mußt Du wissen, war selbst ein Riese und dazu kein dummer; wer ihn beleidigte, durfte sich darauf verlassen, durchgeprügelt zu werden, so wahr ich jetzt die Mittelwache halte; aber es war ein Riese in Schottland, so groß als der Hauptmast, etwas mehr oder weniger, wie man sagt, wenn man es nicht ganz gewiß weiß, da es davor schützt, mehr Lügen zu sagen, als gerade notthut. Nun denn, dieser Riese hörte von Fingal und wie jeder von ihm geschlagen werde, und sprach: ›wer ist dieser Fingal? bei Jesus! ich will hinüber gehen und sehen, aus was er gemacht ist.‹ So watete er mitten durch den irischen Kanal und landete eine halbe Meile von Belfast, allein ob er auf den Grund kam oder nicht, kann ich nicht sagen; doch glaube ich, daß seine Füße nicht trocken blieben.

»Als Fingal vernahm, daß dieser große Lümmel herüber komme, hatte er teufelmäßig Furcht, denn man sagte ihm: der Schottländer sei um einige Fuß größer. Riesen, mußt Du wissen, messen sich nach Fußen und brauchen sich nicht um einige Zoll zu bekümmern, wie wir kleine Teufel thun müssen. Fingal hielt nun eine scharfe Wacht vor dem Schottländer; aber an einem schönen Morgen kam dieser den Hügel herauf, gerade auf Fingals Haus zu. War Fingal vorher erschrocken, so hatte er mehr Grund, in Furcht zu geraten, als er den Burschen erblickte; denn er sah gerade aus wie ein Monument auf einer Entdeckungsreise. Fingal rannte sogleich in sein Haus hinein und rief sein Weib Schaia. ›Meine Liebe,‹ sprach er, ›spute dich nur, da kommt gerade der schottische Lümmel den Hügel herauf. Decke mich mit den Bettlaken zu, und wenn er fragt, wer im Bett liege, so sage ihm, es sei das Kind.‹ Fingal legte sich nun ins Bett nieder und sein Weib hatte kaum Zeit, ihn zuzudecken, als der Schotte herein trat; aber obschon er sich bückte, stieß er doch seinen Kopf an der Thüre an.

»›Wo ist Fingal, die Bestie?‹ fing er an, indem er sich die Stirne rieb, ›zeige mir ihn, damit ich ihn durchprügeln kann.‹

»›Pst! Pst!‹ rief Schaia, ›Ihr weckt mir da das Büblein auf, und daß Ihr sagt, Ihr wollet ihn prügeln, wird Euer Tod sein, wenn er hereinkommt.‹

»›Ist dies der Bube?‹ rief der Schotte voll Erstaunen, indem er auf die große Gestalt im Bette blickte.

»›Allerdings,‹ versetzte Schaia, ›und dazu noch Fingals Bube. Wecket ihn nicht auf, oder Fingal wird Euch augenblicklich das Genick brechen.‹

»›Bei dem Kreuze des heiligen Andreas,‹ versetzte der Riese, ›dann ist es für mich Zeit, daß ich fortgehe, denn wenn dies sein Bube ist, so werde ich für den Kerl selbst nur ein Maul voll sein. Guten Morgen, Frau.‹

»Also rannte der schottische Riese aus dem Hause und hielt nimmer an, um zu essen oder zu trinken, bis er zu seinen eigenen Bergen zurückkam. Dabei wäre er fast ertrunken, weil er in seiner großen Eile die Furt durch den Kanal verfehlt hatte.

»Nun stand Fingal auf und lachte, so viel er konnte über seine eigene List; damit endigt meine Geschichte von Fingal. – – Nun will ich von mir selbst anfangen. »Wie ich vorhin bemerkte, so stamme ich von dem großen O'Brien ab, welcher seiner Zeit ein großer König war; allein diese Zeit ist vorbei. Ich vermute aber, da die Welt sich ringsum dreht, meiner Kindeskinder Nachkommen werden wieder Könige sein, obwohl es jetzt gerade nicht den Anschein dazu hat; allein es geht aufwärts und abwärts, auf der großen Leiter sowohl, als in der Geschichte des einzelnen Mannes, und das Glücksrad dreht sich zum Troste derjenigen, welche gerade so, wie ich jetzt, auf der untersten Leiter stehen. Um die Geschichte abzukürzen, so will ich gleich zu meinem Urgroßvater überspringen, welcher mit seinen zehntausend Pfund jährlich, wie ein echter Gentleman lebte, was er auch war. Endlich starb er, und achttausend von den zehnen, wurden mit ihm begraben. Mein Großvater folgte seinem Vater im Verlaufe der Zeit, und hinterließ meinem Vater nur etwa hundert Morgen Sumpf, um die Würde der Familie aufrecht zu halten.

»Ich bin der jüngste von zehn und der Teufel soll mich holen, wenn ich einen Pfennig mehr habe, als meinen Sold, oder wahrscheinlich jemals erhalten werde. Man spricht wohl von absteigender Linie, aber eine herabsteigendere Familie, als die weinige, hat nie existiert; denn ich bin hier mit fünfundzwanzig Pfund jährlich und einem künftigen halben Sold von ›Nichts täglich bei Selbstbeköstigung‹, während mein großer Ahnherr mit ganz Irland und jedermann darin anfangen konnte, was ihm gut dünkte.

»Aber dies ist alles nichts, und ich will nur damit beweisen, daß ich keinen Schilling Vermögen habe, was auch der Grund ist, warum ich mich zu Seiner Majestät Diensten herablasse. Pater M'Grath, der Priester, welcher bei meinem Vater lebte, lehrte mich die Elemente, wie man es heißt; ich hatte damals Elemente genug; aber ich habe seither ein gut Teil mehr davon gesehen.

»›Terence,‹ sagte mein Vater eines Tages zu mir, ›was willst Du anfangen?‹ –

»›Mein Essen zu mir nehmen,‹ antwortete ich, denn ich war nicht wenig hungrig.

»›Das sollst du heute, mein Lieber,‹ versetzte mein Vater, ›allein in Zukunft mußt Du etwas treiben, um Dein Essen selbst zu verdienen; hier ist nicht genug Futter für euch alle. Willst Du zur See gehen?‹

»›Ich will sogleich hinunter gehen und danach sehen,‹ sagte ich, denn wir lebten nur sechzehn irische Meilen von der Küste. Als ich mein Mahl beendigt hatte, welches aus Mangel an Stoff nicht lange währte, trabte ich nach dem Hafen hinab, um zu sehen, was für ein Schiff mir gefallen möchte, und traf zufällig ein ziemlich großes an; denn es lag ein Dreidecker mit einer Admiralsflagge am Fockmaste da.

»›Wollt Ihr so gut sein und mir sagen, was dies für ein Schiff ist?‹ sagte ich zu einem Matrosen auf dem Hafendamme.

»›Es ist die Königin Charlotte,‹ versetzte er, ›von hundert und zwanzig Kanonen.‹

Als ich ihre Größe betrachtete und sie mit den kleinen Schmacken Küstenfahrzeug. und Treckschuyten verglich, welche umher lagen, fragte ich natürlich, wie alt sie sei, worauf er erwiderte: sie sei nicht mehr als drei Jahre alt. Nur drei Jahre alt, dachte ich bei mir selbst, was für ein schönes Schiff wird das werden, wenn es zu Jahren kommt und nach diesem Verhältnis wächst; es wird so groß werden, als die Spitze von Benkrow, ein Berg in unserer Nähe.

»Du siehst, Peter, ich war damals ein Dummkopf, wie Du jetzt bist; allein, unter uns gesagt, wenn Du so oft zerdroschen wirst, wie ich, dann wirst Du wahrscheinlich eben so gescheit sein. Ich ging zu meinem Vater zurück und erzählte ihm alles, was ich gesehen hatte; worauf er erwiderte: ›wenn es mir gefalle, so könne ich am Bord des Schiffes Seekadett werden mit neunhundert Mann unter meinem Kommando.‹ Er vergaß zu sagen, wie viel ich über mir haben würde, allein ich fand dies später selbst heraus. Ich willigte ein; mein Vater ließ seinen Klepper satteln und ritt zu dem Lordleutnant, denn dazu hatte er Einfluß genug; der Lordleutnant sprach mit dem Admiral, welcher sich im Palast aufhielt, und ich wurde als Seekadett an Bord genommen.

»Mein Vater stattete mich ziemlich gut aus, indem er allen Handelsleuten sagte, daß ihre Rechnungen von dem ersten Prisengeld bezahlt werden sollten, und so bekam er durch Versprechungen und Zureden alles, was ich bedurfte, auf Kredit.

»Endlich war alles bereit; Pater M'Grath gab mir seinen Segen und sagte mir, wenn ich als ein O'Brien stürbe, so wolle er für das Heil meiner Seele eine Menge Messen lesen.

»Mögen Sie nie diese Mühe haben, Sir«, versetzte ich.

»›Was, Mühe! ein Vergnügen, mein lieber Junge‹, erwiderte er, denn er war ein sehr höflicher Mann.

»Ich ging also mit meiner großen Kiste fort, welche nicht so voll war, als sie hätte sein sollen, denn meine Mutter hatte die Hälfte meiner Ausstattung für meine Brüder und Schwestern beiseite geschafft. ›Ich hoffe, bald wieder zurückzukommen, Vater‹, sagte ich beim Abschiede.

»›Ich hoffe nicht, mein lieber Junge‹, versetzte er; ›bist Du nicht mit allem versehen, und was brauchst Du mehr?‹

»Nach allerlei Scherereien kam ich glücklich an Bord und trennte mich von der Gesellschaft meiner Kiste, denn ich blieb auf dem Verdeck und jene ging hinab. Ich stierte mit meinen Augen eine Weile überall umher, als der Kapitän angemeldet wurde und die Offiziere den Befehl erhielten, ihn auf dem Verdeck zu empfangen. Ich wollte ihn bequem ansehen, und nahm daher auf einer Kanone meinen Platz, um ihn nach Muße betrachten zu können. Der Bootsmann pfiff, die Marinesoldaten präsentierten das Gewehr und die Offiziere nahmen alle ihren Hut ab, als der Kapitän auf das Verdeck trat. Die Wache wurde entlassen, und alle gingen wieder auf dem Verdeck auf und ab, wie zuvor; allein ich fand es sehr angenehm, auf der Kanone zu reiten, daher blieb ich, wo ich war.

»›Was machst Du da, Du langer, junger Schlingel‹, sprach er, als er mich sah.

»›Ich mache gar nichts‹, versetzte ich, ›aber was meinen Sie damit, daß Sie einen O'Brien einen Schlingel heißen?‹

»›Wer ist es?‹ sagte der Kapitän zu dem ersten Leutnant.

»›Herr O'Brien, welcher seit ungefähr einer Stunde auf das Schiff gekommen ist.‹

»›Wissen Sie nichts Besseres, als auf einer Kanone zu sitzen?‹ sagte der Kapitän.

»›Ganz gewiß‹, erwiderte ich, ›wenn etwas Besseres zum Sitzen da ist.‹

»›Er versteht noch nichts‹, bemerkte der erste Leutnant.

»›Dann muß man es ihn lehren‹, versetzte der Kapitän. ›Herr O'Brien, da Sie sich selbst zu Ihrem Vergnügen auf die Kanone gepflanzt haben, so sollen Sie nun zu meinem Vergnügen zwei Stunden hier bleiben, verstehen Sie mich, Sir? Sie sollen zwei Stunden lang auf dieser Kanone reiten.‹

»›Ich verstehe, Sir‹, war meine Antwort, ›allein ich fürchte, sie wird sich nicht ohne Sporen bewegen, obschon Metalls genug daran ist.‹

»Der Kapitän wandte sich ab und lachte, als er in seine Kajütte ging; alle Offiziere lachten und ich lachte auch mit, denn ich sah keine große Anstrengung darin, ein paar Stunden mich niederzusetzen, so wenig als jetzt. Ich fand bald, daß, wie bei einem jungen Bären, alle meine Mühsale erst kommen sollten. Der erste Monat verstrich unter nichts als Balgen und Zanken mit meinen Tischgenossen; sie hießen mich einen rohen Irländer und in der That war ich roh von den beständigen Schlägen und Hieben, welche ich von denjenigen erhielt, die größer und stärker waren als ich; aber nichts dauert ewig. – Sobald sie merkten, daß, wenn sie Schläge hergaben, ich sie wieder hübsch heimgab, wurden sie der Sache überdrüssig und ließen mich mit meinem irländischen Dialekt gehen. Wir fuhren nach der Toolong (zu lang)-Flotte.

»›Was für eine Flotte?‹ fragte ich.

»›Nun, die Zulangflotte‹, sie hieß so, wie ich glaube, weil sie zu lange im Hafen blieb, zu ihrem Unglücke; denn wir kreuzten auf der Höhe von Kap Siesieh (wir konnten den Teufel von ihr sehen, die Mastspitzen ausgenommen), wie viel Monate weiß ich nicht. Allein ich vergaß zu sagen, daß ich in eine andere Verlegenheit geriet, just bevor wir den Hafen verließen. Ich war auf der Wache, als man zum Essen pfiff, und nahm mir die Freiheit, hinunter zu laufen, da meine Tischgenossen die abwesenden Freunde sehr gerne vergaßen. Der Kapitän kam an Bord und es waren keine Schiffsjungen da, keine Taue und keine Offiziere, um ihn zu empfangen. Er kam auf das Verdeck und schäumte vor Wut, denn seine Würde war verletzt, und fragte, wer der Seekadett von der Wache sei.

»›Herr O'Brien‹, sagten alle.

»›Den Teufel auch‹, versetzte ich, ›ich war auf der Vormittagswache.‹

»›Wer hat Sie abgelöst, Sir?‹ fragte der erste Leutnant.

»›Keine Seele, Sir‹, gab ich zur Antwort; ›denn sie waren alle zu sehr mit ihrem Rind- und Schweinefleisch beschäftigt.‹

»›Warum verließen Sie denn das Verdeck, ohne abgelöst zu sein!?‹

»›Weil, Sir, mein Magen nur wenig übrig gefunden hätte, wenn ich da geblieben wäre.‹

»Der Kapitän, welcher dabeistand, sagte: ›Sehen Sie jene Kreuzhölzer, Sir?‹

»›Sind es diese kleinen Stücke Holz, welche Sie meinen, auf dem Topmaste, Kapitän?‹

»›Ja, Sir, nun gehen Sie sogleich dahinauf und bleiben oben, bis ich Sie herunterrufe. Sie müssen zu Sinnen kommen, junger Mann, oder Sie werden nur geringe Aussicht im Dienste haben?‹

»›Es geht mir vor, daß ich gewaltig viel Aussicht haben werde, wenn ich da oben bin‹, erwiderte ich, ›doch nach Ihrem Belieben.‹

»Ich stieg also hinauf, wie ich seitdem manchmal gethan habe, und Du noch oft thun wirst, Peter, um Dich an der frischen Luft und zugleich an Deinen eigenen angenehmen Gedanken zu erfreuen. Endlich wurde ich mit den Sitten und Gewohnheiten der Seeleute mehr vertraut. In den vierzehn Monaten, welche ich auf der Höhe von Kap Siesieh zubrachte, wurde ich als ein recht ordentlicher junger Seekadett angesehen, und meine Kameraden, nämlich alle, welche ich prügeln konnte, wovon nicht viele ausgenommen waren, hatten einen großen Respekt vor mir. Zu Minorka setzte ich zum erstenmale meinen Fuß ans Land, und dann setzte ich meinen Fuß in dasselbe, wie wir zu sagen pflegen, denn ich wäre beinahe als ein Ketzer totgeschlagen worden, und rettete mich nur dadurch, daß ich mich als einen wahren Katholiken zeigte. Dies beweist, daß die Religion ein großer Trost im Unglück ist, wie Pater M'Grath zu sagen pflegte. Mehrere von uns gingen ans Land, und nachdem wir einen gebratenen welschen Hahn, welcher mit Rosinen-Pudding gefüllt war, verspeist (sonst war alles in Öl gekocht und wir konnten es nicht essen), und so viel Wein getrunken hatten, daß man eine Jolle damit hätte flott machen können, bestellten wir Esel, um eine kleine Übung im Reiten vorzunehmen. Einige gingen davon mit dem Schwanz voran, andere warfen das Hinterteil in die Luft und dann gingen die Reiter statt der Klepper davon; andere wollten gar nicht gehen, aber der meinige ging, und wo Teufels glaubst Du, daß er hinging? Geraden Weges in die Kirche, wo die Leute in Masse versammelt waren. Das arme Tier starb fast vor Durst und witterte Wasser. Sobald er darin war, steckte er seine Nase, trotz all meines Zerrens und Reißens in den Weihwasserkessel und trank ihn ganz aus. Obschon ich dachte, daß, wenn man so viele Christen ohne Religion sehe, man auch nicht viel von einem Esel erwarten könne, so erschrak ich doch sehr über diese gottlose Handlung und fürchtete die Folgen, und zwar nicht ohne Grund; denn das Volk in der Kirche war ganz entsetzt. Kein Wunder, denn das Tier trank so viel Weihwasser, daß man die ganze Stadt Port-Mason nebst den Vorstädten und allem Zugehör damit hätte reinigen können. Sie erhoben sich von ihren Knieen und ergriffen mich, wobei sie alle Heiligen im Kalender anriefen. Obschon ich wußte, was sie meinten, so konnte ich doch kein Wort in ihrer Sprache sprechen, um für mein Leben zu bitten, und wäre fast in Stücken zerrissen worden, bevor der Priester kam. Da ich die Gefahr wohl einsah, in welcher ich schwebte, so fuhr ich mit meinen Fingern über die feuchte Nase des Esels, bekreuzte mich selbst und ließ mich vor dem Priester auf die Kniee nieder, wobei ich wie alle gute Katholiken mea culpa schrie, obschon es, wie ich vorher bemerkte, nicht meine Schuld war, denn ich versuchte alles Mögliche, und zog das Tier weg, bis meine Kraft nachließ. Die Priester erkannten aus der Art, wie ich mich bekreuzte, daß ich ein guter Katholik war, und errieten, daß dies alles ein Versehen des Esels sei. Sie befahlen dem Volke, ruhig zu sein, und sandten mich zu einem Dolmetsch, welchem ich die ganze Geschichte erklärte. Sie erteilten mir für das, was der Esel gethan hatte, Absolution, und nachher stand ich, da es sehr selten vorkam, einen englischen Offizier zu finden, der ein guter Christ war, während meines Aufenthalts zu Minorka in großer Gunst, lebte in Fülle, zahlte für nichts und fühlte mich so glücklich wie ein Heimchen. So bewies sich der Grauschimmel als ein sehr guter Freund; um ihn zu belohnen, mietete ich ihn jeden Tag und galoppierte mit ihm auf der ganzen Insel herum. Aber einmal passierte es mir, daß ich meinen Urlaub nicht beachtete, denn ich war so glücklich am Lande, daß ich ganz vergaß, nur vierundzwanzig Stunden Erlaubnis zu haben, wäre nicht eine Abteilung Marinesoldaten mit einem Sergeanten an der Spitze gekommen, welcher mich am Kragen faßte und von meinem Esel herabzog. Ich wurde an Bord gebracht und wegen Mißverhaltens mit Arrest belegt. Nun, Peter, ich weiß nichts Angenehmeres als im Arrest zu sein, nichts zu thun den ganzen Tag, als essen und trinken und sich's wohl sein lassen; nur darf man nicht auf dem Hinterverdeck erscheinen, dem einzigen Platze, welchen ein Seekadett zu vermeiden wünscht. Geschah es, um mich strenger zu bestrafen, oder vergaß man mich ganz, ich kann es nicht sagen, aber es stand fast zwei Monate an, ehe man mich in die Kajütte berief. Der Kapitän sagte mit einem furchtbaren Stirnrunzeln, er hoffe, daß meine Strafe mir zur Warnung dienen werde, und nun könne ich meinen Dienst wieder antreten.

»›Erlauben Euer Ehren‹, versetzte ich, ›ich glaube noch nicht genug bestraft zu sein.‹

»›Es freut mich, Sie so reumütig zu finden; doch es ist verziehen; nehmen Sie sich nur in acht, daß ich nicht mehr genötigt werde, Sie einsperren zu lassen.‹

»Da ich ihn nicht überzeugen konnte, so mußte ich meinen Dienst wieder antreten, allein ich faßte den Entschluß, sobald ich könnte, wieder einen andern Streich auszuführen. – –«

»Ein Segel an der Steuerbordseite«, rief der Mastwächter.

»Sehr wohl«, versetzte der Schiffsmeister. »Herr O'Brien, wo ist Herr O'Brien?«

»Meinen Sie mich, Sir?« sagte O'Brien, indem er auf den Meister zuging, denn er hatte so lange in der Falltaurolle gesessen, daß er darin verwickelt war und nicht sogleich herauskommen konnte.

»Ja, Sir, gehen Sie vor und sehen Sie, was es für ein Schiff ist.«

»Gut, Sir«, sagte O'Brien.

»Und, Herr Simpel«, fuhr der Schiffsmeister fort, »gehen Sie hinab und holen Sie mir ein Nachtglas herauf.«

»Ja, Sir«, versetzte ich.

Ich hatte keinen Begriff von einem Nachtglas, und weil ich bemerkte, daß um diese Zeit sein Diener ihm ein Glas heraufbrachte, so schätzte ich mich sehr glücklich, zu wissen, was er darunter verstand.

»Geben Sie acht, daß Sie es nicht zerbrechen, Herr Simpel.«

O, dann ist alles recht, dachte ich; er meint den Humpen. Ich ging also hinab, rief den Aufwärter der Konstabelkammer und verlangte ein Glas Grog für Herrn Doball. Der Aufwärter taumelte in seinem Hemd heraus, mischte den Grog, gab ihn mir und ich stieg sehr vorsichtig das Hinterdeck hinauf.

Während meiner Abwesenheit hatte der Schiffsmeister den Kapitän gerufen und gemäß seiner Befehle O'Brien den ersten Leutnant. Als ich die Leiter heraufkam, standen sie beide auf dem Verdeck. Beim Heraufsteigen hörte ich den Schiffsmeister sagen: »Ich habe den jungen Simpel nach einem Nachtglase hinabgeschickt, allein er bleibt so lange aus, daß ich vermute, es ist ein Mißverständniß vorgefallen. Er ist ein halber Gimpel.«

»Das muß ich leugnen«, versetzte der erste Leutnant, Herr Falkon, gerade, als ich meinen Fuß auf das Hinterdeck setzte, »er ist kein Gimpel.«

»Mag sein«, antwortete der Schiffsmeister. »Ah, da ist er ja. Wo bleiben Sie denn so lange, Herr Simpel? Wo ist mein Nachtglas? '

»Hier, Sir«, erwiderte ich und gab ihm den Becher Grog hin; »ich sagte dem Aufwärter, er solle ihn stark machen.«

Der Kapitän und der erste Leutnant brachen in ein Gelächter aus, denn Mr. Doball war als ein großer Liebhaber von Grog bekannt. Jener ging nach dem Hinterteil des Schiffes, um das Lachen zu verbergen, dieser blieb da. Mr. Doball war in großer Wut.

»Sagte ich nicht, der Junge sei ein halber Gimpel«, schrie er dem ersten Leutnant zu.

»Auf alle Fälle kann ich nicht zugeben, daß er sich bei dieser Gelegenheit als solchen bewiesen hat«, versetzte Herr Falkon, »denn er hat den Nagel auf den Kopf getroffen.«

Hierauf trat der erste Leutnant zu dem Kapitän, und beide gingen lachend auf und ab.

»Setzen Sie es auf die Gangspille, Sir«, sagte Herr Doball in ärgerlichem Tone zu mir. »Ich werde Sie gelegentlich bestrafen.«

Ich war sehr erstaunt und wußte nicht, ob ich recht oder unrecht gethan hatte, jedenfalls, dachte ich bei mir selbst, that ich es aus bester Absicht: ich setzte es also auf die Spille zu meiner Seite auf dem Verdeck. Der Kapitän und der erste Leutnant gingen nun hinab und O'Brien kam herauf.

»Was ist das für ein Schiff«, sagte ich.

»Nach meinem besten Ermessen ist es eine von unseren Badmaschinen, welche mit Depeschen heim geht«, gab er zur Antwort.

»Eine Badmaschine?« sagte ich, »ich dachte sie seien alle auf den Strand gezogen.«

»Das ist die Brightoner Sorte; allein diese sind nicht dazu gemacht, aufzugehen.«

»Was denn?«

»Nun, sie gehen unter, das ist gewiß, und entsprechen ihrem Zwecke ausnehmend gut. Ich will Dich nicht länger irre machen, mein Peter, ich spreche wirklich höllügerisch, was, wie ich glaube, so viel heißt, als eine Hölle voll Lügen. Es ist eine von unseren Zehnkanonenbriggen, soviel ich weiß.«

Ich erzählte dann O'Brien, was vorgefallen war, und wie böse der Schiffsmeister auf mich sei. O'Brien lachte herzlich und sagte, ich solle mich nicht darum kümmern, sondern in der Nähe bleiben und ihn beobachten.

»Ein Glas Grog ist ein Köder, welchen er umkreisen wird, bis er ihn verschlingt. Wenn Du es an seinen Lippen siehst, so gehe keck auf ihn zu und bitte ihn um Verzeihung, wenn Du ihn beleidigt habest, und dann, wenn er ein guter Christ ist, für den ich ihn halte, wird er sie Dir nicht abschlagen.«

Dies dünkte mich ein sehr guter Rat, und ich wartete unter dem Bollwerk an der Leeseite. Ich bemerkte, daß der Schiffsmeister immer kürzere Wendungen machte, bis er endlich an der Spille stillstand und den Grog betrachtete. Er wartete ungefähr eine halbe Minute, dann nahm er den Humpen und trank ihn ungefähr halb aus. Der Grog war sehr stark, und er hielt inne, um Atem zu schöpfen. Ich dachte, es sei nun die rechte Zeit und ging auf ihn zu. Der Becher war wieder an seinen Lippen und ehe er mich sah, sagte ich:

»Ich hoffe, Sir, Sie werden mir verzeihen, ich hörte nie von einem Nachtteleskop, und da ich wußte, daß Sie schon so lange auf dem Verdecke gingen, so dachte ich, Sie seien müde und brauchten etwas zu trinken, um sich zu erfrischen.«

»Gut, Herr Simpel«, sagte er, nachdem er das Glas geleert hatte, mit einem tiefen, vergnüglichen Seufzer, »da Sie es freundlich meinten, so will ich Sie diesmal gehen lassen, aber vergessen Sie nicht, daß, wenn Sie mir wieder ein Glas Grog bringen, es nicht in Gegenwart des Kapitäns oder ersten Leutnants geschehen darf.«

Ich versprach es ihm ganz getreulich und ging seelenvergnügt davon, weil ich nun mit ihm Frieden geschlossen hatte, und noch mehr, weil der erste Leutnant gesagt hatte, wegen dessen, was ich gethan, sei ich kein Gimpel.

Endlich war unsere Wache vorbei, und gegen zwei Uhr wurde ich von den Seekadetten der nächsten Wache abgelöst. Es ist sehr unangenehm, nicht zur Zeit abgelöst zu werden, aber wenn ich ein Wort sagte, so durfte ich sicher darauf rechnen, den andern Tag unter irgend einem Vorwande gedroschen zu werden. Auf der andern Seite war der Seekadett, welchen ich ablöste, auch viel größer als ich, und wenn ich nicht vor ein Uhr droben war, wurde ich niedergeworfen und von ihm geschlagen, so daß ich zwischen den zweien viel mehr als meinen Anteil Wache hielt, ausgenommen, wenn der Schiffsmeister mich ins Bett schickte, bevor die Sache vorüber war.



Dreizehntes Kapitel.

Der erste Leutnant verschreibt für einen seiner Patienten. – Seine Recepte bestehen nur in »Zügen«. – O'Brien endigt seine Lebensgeschichte, in welcher das Sprichwort: »Je mehr, desto lustiger« gänzlich widerlegt wird. – Das Einschiffen von einem neuen Paar Stiefel verursacht das Ausschiffen ihres Besitzers. – Heimkehr nach einem Balle. – O'Brien trifft ein Unfall.

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Den andern Morgen stand ich um sieben Uhr auf dem Verdeck, um nachzusehen, daß die Hängematten weggestaut wurden, wobei ich Zeuge war, wie der erste Leutnant, Herr Falkon, zu einem seiner Mittel Zuflucht nahm, um einen Bramstengenjungen vom Rauchen zu kurieren, eine Gewohnheit, welche er nicht leiden konnte. Wenn Matrosen in der Galeere Tabak rauchten oder kauten, legte er sich nie dazwischen; er wollte bloß die Jungen, d. h. Burschen von zwanzig Jahren oder darunter verhindern, daß sie sich nicht zu früh dieser Gewohnheit hingaben. Der erste Leutnant roch Tabak, als der Junge auf dem Hinterdeck an ihm vorüberging.

»Wie, Neill, Du hast geraucht«, sagte der erste Leutnant, »ich dachte, Du wüßtest, daß solchen Jungen wie Dir der Gebrauch des Tabaks untersagt ist.«

»Sie erlauben, Sir«, versetzte der Bramstengenjunge, indem er an seinen Hut langte. »Ich habe Würmer, und man sagt, Rauchen sei gut für sie.«

»Gut für sie!« sagte der erste Leutnant, »ja, sehr gut für sie, aber sehr schlimm für Dich. Mein guter Junge, sie wachsen vom Tabak, so lange, bis sie so groß werden, wie Meeraale. Hitze lieben die Würmer, aber Kälte, Kälte tötet sie. Nun, ich will Dich kurieren. Quartiermeister, kommen Sie her. Gehen Sie mit diesem Jungen den Gang an der Wetterseite auf und ab, und jedesmal, wenn Sie vorne an den großen Halsblock kommen, halten Sie sein Gesicht gegen den Wind, drücken ihn scharf im Nacken, bis er seinen Mund weit aufsperrt, und dann lassen Sie die kalte Luft durch seinen Schlund ziehen, so lange, bis Sie zehn zählen; dann gehen Sie zurück, und wenn Sie wieder vorne sind, tritt dasselbe Verfahren ein, wie zuvor. – Kälte tötet die Würmer, mein armer Junge, nicht Tabak, – ich wundere mich, daß Du nicht schon gestorben bist.«

Der Quartiermeister, der, wie alle Seeleute, den Spaß gern hatte, packte den Burschen, und sobald sie vorne ankamen, gab er ihm einen solchen Druck in den Nacken, daß er seinen Mund aufsperren mußte, wenn es auch nur gewesen wäre, um vor Schmerz zu schreien. Der Wind ging sehr frisch und blies ihm so stark in den Rachen, daß er eigentlich pfiff, und so mußte er, um sein Inwendiges abzukühlen, fast zwei Stunden auf und ab gehen, bis der erste Leutnant nach ihm schickte und ihm sagte, er glaube, daß alle Würmer nun tot sein müßten; wenn dies aber nicht der Fall wäre, so solle der Bursche nicht seine eigenen Mittel anwenden, sondern um eine andere Dosis zu ihm kommen. Der Junge jedoch war derselben Ansicht, wie der erste Leutnant, und beklagte sich nie mehr über Würmer.

Einige Nächte darauf, als wir die Mittelwache hatten, fuhr O'Brien in seiner Geschichte fort.

»Wo bin ich denn stehen geblieben?«

»Damals, wo Sie aus dem Arrest entlassen wurden.«

»Richtig und ich ging nicht gern an meinen Dienst. Doch da es nicht anders sein konnte, so spazierte ich wie zuvor das Verdeck auf und ab, meine Hände in der Tasche und dachte an Alt-Irland und meinen großen Ahnherrn Brien Borru. So ging es fort; ich führte mich als ein echter Gentleman auf und kam in keine Verlegenheit mehr, bis die Flotte in den Hafen von Cork einlief, und ich nur einige Meilen von meines Vaters Hause entfernt war. Du kannst Dir denken, kaum hatte der Anker den Grund berührt, so begab ich mich zum ersten Leutnant und bat um Urlaub, um ans Land zu gehen. Der erste Leutnant war gerade nicht in der besten Laune, da ihn der Kapitän scharf vorgenommen hatte, weil er seinen Dienst nicht zu seiner Zufriedenheit erfüllte. Er antwortete mir daher sehr mürrisch, ich dürfe das Schiff nicht verlassen. ›Beim Blitz‹, sagte ich bei mir selbst, ›das darf nicht geschehen.‹ Ich begab mich daher zum Kapitän und erinnerte ihn, während ich an meinen Hut langte, daß ich Vater und Mutter habe und einen hübschen Haufen Brüder und Schwestern, welche sich sterblich sehnten, mich zu sehen, und daß ich hoffe, er werde mir Urlaub geben.

»›Fragen Sie den ersten Leutnant‹, sagte er und ging weg.

»›Ich habe es gethan, Sir‹, erwiderte ich, ›er sagte: ich solle um des Teufels nicht meinen Fuß an das Land setzen.‹

»›Dann haben Sie sich nicht gut aufgeführt‹, sagte der Kapitän.

»›Keineswegs, Kapitän Willis‹, erwiderte ich, ›der erste Leutnant hat sich nicht gut aufgeführt.‹

»›Wie, Sir?‹ antwortete er in zornigem Tone.

»›Nun, Sir, hat er sich nicht gerade dadurch vergangen, daß er seinen Dienst nicht nach Ihrem Wunsch und Willen gethan, und bedienten Sie ihn nicht gerade, wie er es verdiente, und ist er nicht deshalb aufgebracht, und ist dies nicht der Grund, warum ich nicht ans Land darf? Euer Ehren, es ist alles wahr, was ich sagte, der erste Leutnant hat sich vergangen, nicht ich. Ich hoffe, Sie werden mir die Erlaubnis geben, ans Land zu gehen, Kapitän. Gott segne Sie, nehmen Sie einige Rücksicht auf meine kindlichen Gefühle gegen den Urheber meiner Existenz.‹

»›Haben Sie etwas gegen Herrn O'Brien auszustellen‹, sagte der Kapitän zu dem ersten Leutnant, als er heraufkam.

»›Nicht mehr, als an den Seekadetten im allgemeinen; allein ich glaube, es schickt sich nicht für einen Offizier, um Urlaub ans Land anzuhalten, bevor die Segel eingezogen und die Raaen ins Kreuz gebraßt sind.‹

»›Sehr wahr‹, versetzte der Kapitän, ›deshalb, Herr O'Brien, müssen Sie warten, bis die Wache gerufen wird, und wenn Sie dann den ersten Leutnant bitten, so zweifle ich nicht, daß Ihnen Erlaubnis erteilt wird, zu gehen und Ihre Freunde zu besuchen.‹

»›Dank Ihnen herzlich, Sir‹, erwiderte ich, und hoffte, die Raaen und Segel würden so bald als möglich in Ordnung sein, denn das Herz saß mir auf der Zunge und ich fühlte, daß es vor mir ans Land geflogen sein würde, wenn ich noch länger aufgehalten worden wäre.

»Ich hielt mich in dieser Angelegenheit für sehr klug, aber nie in meinem Leben war ich ein größerer Thor, denn ich hätte keine solche Eile gebraucht, um ans Land zu kommen, und der erste Leutnant vergaß es mir nie, daß ich mich an den Kapitän wandte; doch davon gelegentlich und alles zu seiner Zeit. Endlich erhielt ich mürrisch die Zustimmung, ans Land gehen zu dürfen und schoß wie eine Rakete davon. Da ich verzweifelte Eile hatte, so mietete ich eine Kalesche, um nach meines Vaters Hause zu gelangen.

»›Meinen Sie den O'Brien von Ballihinch‹, fragte der Kerl, welchem das Gefährt gehörte.

»›Allerdings‹, versetzte ich, ›wie geht es ihm und der ganzen edlen Familie der O'Brien?‹

»›Alles ziemlich wohl, außer dem jungen Tim, welcher gestern Nacht auf dem Jahrmarkte eine kleine Kontusion an dem Kopf bekam und nun ganz gleichgültig gegen Essen und Trinken im Bette zu Hause liegt, aber die Doktoren geben Hoffnung zu seiner Wiederherstellung, da bekanntlich alle O'Brien dicke Schädel haben.‹

»›Was meinst Du damit, grober Kerl?‹ sagte ich, ›aber der arme Tim – wie ging es denn zu? gab es Händel?‹

»›Gerade keine Händel, nur so ein bischen Balgerei, – drei Totenschauen, nicht mehr.‹

»›Aber Du fährst ja nicht gerade aus, Du Schlingel‹, sagte ich, da ich bemerkte, daß er links abbog.

»›Ich habe meine Gründe dazu, Eure Ehren‹, erwiderte er; ›ich vermeide stets das Schloß, und zwar aus Grundsatz. – Ich verlor hier einen Freund, das macht mich melancholisch.‹

»›Wie ging das zu?‹

»›Ganz zufällig, Euer Ehren; sie henkten hier meinen armen Bruder Patriz, weil er ein ungeschickter Rechner war.‹

»›Er hätte in eine bessere Schule gehen sollen‹, sagte ich.

»›Ich denke, es war eine böse Schule, in welche er gebracht wurde‹, erwiderte er mit einem Seufzer. ›Er war ein Viehhändler, Euer Ehren; und eines Tages hatte er, ich weiß nicht wie es kam, eine Kuh zu viel, alles, weil er nicht rechnen konnte, Euer Ehren. – Der Teufel soll seinen Schulmeister holen.‹

»›Dies mag alles wahr sein‹, sagte ich, ›und Gott gebe ihm die ewige Ruhe, allein ich sehe nicht ein, warum Du mich zwei Meilen von meinem Wege abführst, und zwar aus Grundsatz.‹

»›Hat Euer Ehren so große Eile nach Hause? denn mich will bedünken, sie werden keine so große Eile haben, Sie zu sehen.‹

»›Und wer sagt dir, daß ich O'Brien heiße, Du Bestie? wie kannst Du sagen, daß meine Freunde nicht erfreut sind, mich zu sehen?'

»›Euer Ehren erlauben, 's ist nur so ein Gedanke von mir, wir wollen nichts mehr davon sprechen. Nur so viel weiß ich, Pater M'Grath, welcher mir Absolution giebt, sagte mir vor ein paar Tagen, daß ich ihn bezahlen solle, und keine Schulden machen und davon laufen, wie Terenz O'Brien, welcher zur See ging, ohne seine Hemden, Schuhe, Strümpfe oder sonst etwas zu bezahlen, und welcher so gewiß gehenkt würde, als St. Patriz mit seinem Kopf unter dem Arm über den Liffey schwamm.‹

»›Zum Henker mit dem Pater M'Grath‹, rief ich aus, ›der Teufel soll mich holen, wenn ich mich nicht an ihm rächen will.‹

»Mittlerweile waren wir an meines Vaters Hause angekommen. Ich bezahlte den Kerl und stürzte hinein. Da waren mein Vater und meine Mutter mit allen meinen Brüdern und Schwestern (außer Tim, welcher im Bette lag und den andern Tag starb) und die Bestie Pater M'Grath obendrein. Als mich meine Mutter erblickte, eilte sie auf mich zu und hing weinend an meinem Halse; dann trocknete sie sich die Augen und setzte sich wieder nieder, aber niemand sprach: »wie geht's?« oder öffnete den Mund, um mich anzureden. Ich sagte zu mir selbst, »da muß ein kleines Mißverständnis sein«, aber ich schwieg. Endlich öffneten sie mit Heftigkeit ihren Mund. Mein Vater fing an:

»›Schämst Du Dich nicht vor Dir selbst, Terenz O'Brien?‹

»›Schämst Du Dich nicht vor Dir selbst, Terenz O'Brien?‹ schrie Pater M'Grath.

»›Schämst Du Dich nicht vor Dir selbst?‹ schrieen alle meine Brüder und Schwestern im vollen Chore, während meine Mutter die Schürze vor die Augen hielt und nichts sagte.

»›Nicht im geringsten vor mir selbst, sondern recht sehr für euch alle schäme ich mich, daß man mich so behandelt. Was soll dies bedeuten?‹

»›Haben sie mir nicht meine zwei Kühe genommen, um Deine Ausrüstung zu bezahlen, Du Schlingel?‹ schrie mein Vater.

»›Haben sie nicht das Heu genommen, um Deine Schuhe und Strümpfe zu bezahlen‹, schrie Pater M'Grath.

»›Haben sie nicht das Schwein genommen, um Deinen garstigen Hut da zu bezahlen‹, rief meine älteste Schwester.

»›Und haben sie mir nicht meine Hühner genommen, um Deinen Degen da zu bezahlen‹, kreischte eine andere.

»›Und alles unser bestes Hausgerät, um Deine weißen Hemden und schwarzen Kravatten zu bezahlen‹, rief Murdock, mein Bruder.

»›Und sind wir seitdem nicht fast Hungers gestorben‹, schrieen alle zugleich.

»›Ach‹, seufzte meine Mutter.

»›Den Teufel haben sie‹, sagte ich, als alles vorbei war, ›es thut mir gewiß leid, aber es ist nicht meine Schuld, Vater. Habt Ihr mich nicht zur See geschickt?‹

»›Ja, Du Landstreicher, aber hast Du nicht versprochen, oder ich für Dich, was Ein Ding ist, Du wollest alles von Deinem Prisengeld zurückbezahlen, und wo ist es? antworte darauf, Terenz O'Brien.‹

»›Wo es ist, Vater? Es ist, wo die nächsten Weihnachten sind; es kommt; ist aber noch nicht da.‹

»›Sprecht mit ihm, Pater M'Grath‹, sagte mein Vater.

»›Ist das keine Lüge von Dir, Terenz O'Brien, was Du da sagst?‹ sagte Pater M'Grath, ›gieb mir das Geld.‹

»›'s ist keine Lüge, Pater M'Grath. Wenn es Euch gefiele, morgen zu sterben, so hätte ich nicht einen Schilling, um ihn zum guten Glück auf Eurem Grabstein klingeln zu lassen, ausgenommen diese drei oder vier, welche ihr unter euch teilen könnt‹, und damit warf ich sie auf den Boden.

»›Terenz O'Brien‹, sagte Pater M'Grath, ›Du wirst morgen für alle Deine Sünden und Gottlosigkeiten Absolution nötig haben, und den Teufel sollst Du haben, – nimm dies hin.‹

»›Pater M'Grath‹, versetzte ich sehr zornig, ›ich will keine Absolution von Euch – nehmt das hin.‹

»›Dann hast Du Deinen Teil am Himmel gehabt; denn ich will Dich davon ferne halten, Du gottloses Ungeheuer – nimm dies hin.‹

»›Wenn er nicht besser ist, als die Kajütte der Seekadetten, so bleibe ich gerne draußen‹, erwiderte ich, ›doch ich will Euch zum Trotz mich hineinschleichen – nehmt das, Pater M'Grath.‹

»›Und wer soll Deine Seele retten und Dich zum Himmel schicken, wenn nicht ich, Du elender Wicht; aber ich will Dich lieber verdammt sehen – nimm dies, Terenz O'Brien.‹

»›Dann will ich Protestant werden und den Papst verdammen – nehmt dies, Pater M'Grath.‹

»Bei dieser besten vollen Lage von meiner Seite erhoben mein Vater und alle meine Brüder und Schwestern einen Schrei des Entsetzens, und meine Mutter brach in Thränen aus. Pater M'Grath ergriff den Weihwasserkessel, tauchte den kleinen Weihwedel hinein, und fing an, das Zimmer zu besprengen, wobei er ein lateinisches Gebet hersagte und alle auf mich hineinschrieen. Endlich faßte mein Vater den Stuhl, auf welchem er bisher gesessen hatte, und schleuderte ihn nach meinem Kopf. Ich duckte mich und er traf Pater M'Grath, der gerade in vollem Gange hinter mir ging. Da ich einsah, daß nun alles vorbei sei, sprang ich über seinen Leib weg und gewann die Thür.

»›Guten Morgen euch allen, und bessere Aufführung, wenn wir das nächste Mal zusammen kommen‹, rief ich, und eilte so schnell als möglich nach dem Schiffe.

»Ich war ziemlich melancholisch, als ich zurückging und den Vorfall überdachte. Ich hätte keine so verwünschte Eile nötig gehabt, sagte ich zu mir selbst, um Urlaub zu verlangen, und noch obendrein den ersten Leutnant zu beleidigen; auch that es mir sehr leid, was ich dem Priester gesagt hatte, denn das Gewissen schlug mir sehr, daß ich nur vorgegeben hatte, Protestant werden zu wollen, was ich nie beabsichtigte, noch thun werde, sondern ich will als guter Katholik leben und sterben, wie alle meine Vorfahren vor mir gethan und hoffentlich alle meine Nachkommen in den folgenden Geschlechtern thun werden. Ich kam glücklich an Bord und fand den Leutnant sehr böse. Ich hoffte, es werde vorüber gehen, aber es war nicht der Fall; er fuhr fort, mich so schlecht zu behandeln, daß ich beschloß, das Schiff zu verlassen, was ich auch, sobald wir in Cawsandbai ankamen, ausführte. Der Kapitän erlaubte mir zu gehen, denn ich erzählte ihm getreulich den ganzen Hergang der Sache, und er sah die Wahrheit ein; daher empfahl er mich dem Kapitän einer Eselfregatte, welcher Seekadetten brauchte.«

»Was verstehen Sie unter einer Eselfregatte?« fragte ich.

»Ich meine eines von unsern Schiffen mit achtundzwanzig Kanonen, welche so heißen, weil zwischen ihnen und einer wirklichen Fregatte, wie diejenige, auf welcher wir segeln, ein so großer Unterschied ist, wie zwischen einem Esel und einem Rennpferde.«

»Das Schiff war nicht sobald auf die Werft gebracht, als unser Kapitän zu ihm herabkam – ein kleiner, dürrer, unansehnlicher Mann, aber dessenungeachtet ein Mann von Gewicht, denn er führte eine große Wage bei sich und wog alles, was an Bord gebracht wurde. Ich vergaß seinen eigentlichen Namen, aber die Matrosen tauften ihn Avoirdupoids Handelsgewicht, das Pfund zu 16 Unzen.. Er hatte ein großes Buch, in welches er das Gewicht des Ballastes, der Munition, des Wassers, der Lebensmittel, der Kohlen, des stehenden und laufenden Takelwerks, der Taue und dergleichen, eintrug. Ferner wog er alle Matrosen, alle Seekadetten und alle Kisten derselben, auch alle Offiziere mit allem, was ihnen gehörte. Zuletzt wog er sich selbst, was übrigens die Hauptsumme nicht sehr vermehrte. Ich weiß nicht genau, wozu dies geschah, allein er sprach immer von dem Mittelpunkt der Schwere, vom Verrücken flüssiger Körper, und Gott weiß was! Ich glaube, er wollte die Länge oder so etwas ausfindig machen: allein ich blieb nicht lange genug auf dem Schiffe, um die wahre Absicht zu erfahren; denn eines Tages brachte ich ein paar neue Stiefel an Bord und vergaß sie anzumelden, damit sie in die Wage gelegt würden, welche im Gange hing; ob nun der Kapitän dachte, sein Schiff würde dadurch sinken, oder was sonst kann ich nicht sagen – kurz, ich erhielt den Befehl, sogleich das Schiff zu verlassen.

»Jetzt war ich wieder ohne Bestimmung. Ich packte meine Siebensachen zusammen, ging ans Land, zog zum Trotz meine neuen Stiefel an, trat in alle Pfützen und Lachen, welche ich nur finden konnte, um sie zu strafen, und ging von Plymouth bis zum Dock so lange auf und ab, bis ich müde war; in vierzehn Tagen waren die Schlingel abgetragen.

»Einmal war ich auf der Schiffswerft und betrachtete einen Zweidecker in dem Bassin, welcher gerade zum Dienste hergebracht worden war. Ich fragte nach dem Kapitän. Man sagte mir, er heiße O'Connor. ›Dann ist es ein Landsmann von mir‹, dachte ich, ›und ich will mein Glück versuchen.‹ Ich ging also nach Gouds Hotel, wo er logierte, und verlangte mit ihm zu sprechen. Ich wurde vorgelassen und erzählte ihm unter meiner bestmöglichen Verbeugung, ich sei als Freiwilliger auf sein Schiff gekommen und hieße O'Brien. Da zufällig einige Stellen leer waren und er meinen Dialekt liebte, fragte er mich, auf welchen Schiffen ich gedient hätte. Ich nannte sie ihm und ebenso meinen Grund, warum ich das letzte verließ, nämlich, weil man mich verabschiedet hatte. Ich erzählte die Geschichte von den Stiefeln; er stellte Untersuchungen an und fand alles wahr; dann gab er mir eine Stelle als Schiffmanns-Gehilfe. Wir waren nach Südamerika bestimmt und die Passatwinde trieben uns sehr schnell vorwärts. Ich liebte meinen Kapitän und die Offiziere sehr, und was noch besser war, wir machten einige gute Prisen. Aber ich weiß nicht, wie es kam, ich hatte nie das Glück, lange auf einem Schiffe zu bleiben, und zwar nicht aus eigener Schuld, wenigstens diesmal nicht. Alles ging so gut als möglich von statten, bis uns eines Tages der Kapitän auf einer unserer ruhigen Strecken zu einem Balle ans Land nahm. Wir verlebten eine sehr lustige Nacht, aber wie es das Schicksal wollte, ich hatte die Morgenwache und mußte die Schiffe reinigen lassen, und da ich nie meine Pflicht vernachlässigte, so brach ich ungefähr morgens um drei Uhr, gerade bei Tagesanbruch, auf, um an Bord des Schiffes zurückzukehren. Ich ging den Strand entlang, dachte an das hübsche Mädchen, mit welchem ich soeben getanzt, und hatte ungefähr den halben Weg bis zum Schiffe zurückgelegt, als drei spanische Marodeure hinter einem Felsen hervorkamen und mich mit ihren Säbeln und Bajonetten angriffen. Ich hatte nur meinen Degen, aber ich wollte mich auch nicht umsonst durchbohren lassen, daher focht ich mit ihnen, so gut ich konnte. Ich machte einem Kerl den Garaus, aber zuletzt überwältigten sie mich, denn ein Bajonett fuhr mir durch den Leib und das Bewußtsein schwand mir. Es wollte mir scheinen, daß sie, nachdem sie mich getötet hatten, mich nackt auszogen und in den Sand vergruben; den Leichnam ihres Kameraden schleppten sie mit sich fort. So war ich nun tot und begraben.«

»Aber O'Brien«, sagte ich.

»Pst – halt den Mund, Du hast das Ende noch nicht gehört. Ich war ungefähr eine Stunde begraben, aber nicht sehr tief, wie es schien, denn sie hatten zu große Eile, als ein Schiffer mit seiner Tochter auf dem Wege nach seinem Boote den Strand herabkamen, und die Tochter, Gott segne sie! that mir den Gefallen, auf meine Nase zu treten. Es war klar, daß sie noch nie vorher auf eines Irländers Nase getreten hatte, denn es überraschte sie und sie schaute zu Boden, um zu sehen, was da wäre, und weil sie nichts sah, so versuchte sie es wieder mit ihrem Fuße, scharrte dann den Sand weg und entdeckte mein hübsches Angesicht. Ich war noch ganz warm und atmete noch, denn der Sand hatte das Blut gestillt und verhinderte, daß ich mich nicht zu Tode blutete. Der Fischer grub mich heraus, und trug mich auf seinem Rücken in das Haus, wo der Kapitän und die Offiziere noch tanzten.

»Als man mich hineinbrachte, entstand unter den Damen ein großes Geschrei, nicht weil ich ermordet, denn daran ist man in jenen Ländern gewöhnt, sondern weil ich nackt war, was ihnen als eine viel bedenklichere Sache vorkam. Ich wurde ins Bett gebracht und ein Boot an Bord abgeschickt, um unsern Doktor zu holen; in einigen Stunden war ich im stande, zu sprechen und den Vorfall zu erzählen. Allein ich war noch zu schwach, um gehen zu können, als das Schiff absegelte, was in einigen Tagen darauf geschehen mußte; daher gab der Kapitän mir meinen Abschied und ließ mich hier. Es war eine französische Familie, bei welcher ich ein halbes Jahr lang blieb, bevor ich eine Gelegenheit zur Überfahrt nach Hause erhalten konnte; während dieser Zeit lernte ich ihre Sprache und noch ziemlich viel spanisch obendrein. Als ich in England ankam, erfuhr ich, daß die Prisen verkauft waren und das Geld zur Austeilung bereit lag. Ich zeigte meine Certificate vor und empfing als meinen Anteil hundertsiebenundsechzig Pfund. ›So ist es zuletzt doch gekommen‹, dachte ich.

»Ich hatte nie in meinem Leben eine solche Hand voll Geld, allein ich hoffe, es wird bald wieder der Fall sein. Sobald ich nach Hause gekommen war, schüttete ich es auf den Tisch, betrachtete es, und sagte dann zu mir selbst: ›Nun, Terenz O'Brien, willst du das Geld für Dich behalten, oder nach Hause schicken?‹ Dann dachte ich an Pater M'Grath und den Stuhl, welcher nach meinem Kopfe geworfen worden, und war nahe daran, es alles wieder einzustreichen und in meine Tasche zu stecken. Aber dann fiel mir meine Mutter wieder ein, die Kühe, das Schwein und der Hausrat, welche fort waren, und meine Brüder und Schwestern, welche nichts zu nagen und zu beißen hatten, und ich gelobte mir, ihnen jeden Heller zu schicken; Pater M'Grath würde dann auch nicht länger Anstand nehmen, mir Absolution zu erteilen. Ich schickte ihnen das Ganze und behielt für mich bloß den Sold, den ich empfangen hatte, der sich auf dreißig Pfund belief. Nie in meinem Leben fühlte ich mich glücklicher, als damals da ich das Geld auf dem Postbüreau in Sicherheit und glücklich aus meinen Händen wußte. Ich schrieb zugleich ein Briefchen an meinen Vater, folgenden Inhalts:

»›Geehrter Vater!

Seit unserm letzten angenehmen Zusammentreffen, bei welchem Ihr den Stuhl nach meinem Kopfe warfet, die Taube fehltet und die Krähe trafet, bin ich gestorben und begraben worden, aber nun befinde ich mich, Gott sei Dank, ganz wohl, und brauche keine Absolution von Pater M'Grath, den Unheil treffen möge. Was aber die Hauptsache ist, ich habe eben meinen Anteil am Prisengeld empfangen, das erste, welches mir eingehändigt wurde, seitdem ich in Seiner Majestät Diensten stehe. Ich sende Euch hiermit jeden Pfennig, damit Ihr Eure alten Kühe, das Schwein und die übrigen Gegenstände zurückerhalten könnt, welche verpfändet wurden, um meine Ausrüstung zu bezahlen. Fraget also nicht mehr, ob ich mich nicht vor mir selbst schämen wolle, schämet vielmehr Ihr Euch, daß Ihr einen gehorsamen Sohn, wie mich, mißhandelt, welcher auf Euer Geheiß zur See ging und seitdem nie eine wirklich gute Kartoffel in seinem Munde gehabt hat. Ich bin ein echter O'Brien, sagt das meiner Mutter, und gedenke nicht, Protestant zu werden, sondern die Religion meines Landes aufrecht zu erhalten, obschon der Teufel Pater M'Grath holen mag und sein Weihwasser auch dazu. Ich werde nicht zu Euch zum Besuche kommen, da Ihr vielleicht einen andern Stuhl für mich in Bereitschaft habt und das nächste Mal besser treffen könntet. So viel für jetzt von Eurem zärtlichen Sohn

Terenz O'Brien‹

»Ungefähr drei Wochen darauf erhielt ich von meinem Vater einen Brief, worin er mir schrieb, ich sei ein echter O'Brien, und wenn jemand das Gegenteil anzudeuten wage, so werde er ihm alle Knochen im Leibe zerbrechen; sie hätten das Geld empfangen, und dankten mir als einem wahren Gentleman; ich sollte, wenn ich das nächste Mal komme, den besten Stuhl im Hause haben, nicht für meinen Kopf, sondern für mein Sitzfleisch; Pater M'Grath schicke mir hier seinen Segen, und habe mir für alles, was ich gethan, oder in den nächsten zehn Jahren begehen würde, Absolution erteilt. Meine Mutter habe vor Freuden über mein pflichtgemäßes Betragen geweint, und alle meine Brüder und Schwestern (ausgenommen Tim, welcher den andern Tag, nachdem ich sie verlassen, starb) wünschten mir viel Glück, und recht viel Prisengeld, damit ich es ihnen nach Hause schicken könne.

»Dies war alles sehr angenehm, und ich hatte nun nichts im Sinne, als ein anderes Schiff zu bekommen. Ich ging daher zu dem Hafenadmiral und erzählte ihm, wie es gekommen sei, daß ich mein letztes Schiff verließ. Er erwiderte, gestorben und begraben worden sein, wäre ein ganz zureichender Grund für einen, seinen Abschied vom Schiffe zu erhalten, er wolle mir einen Platz auf einem andern verschaffen, weil ich nun wieder zum Leben gekommen sei. Ich wurde an Bord des Wachschiffes geschickt, wo ich ungefähr zehn Tage blieb, und dann für diese Fregatte bestimmt; und damit schließt meine Geschichte, auch schlägt es gerade acht, somit hat auch die Wache ein Ende; spring schnell, Peter, ruf Robinson, und sage ihm, ich lasse ihn bitten, er solle nicht wieder wie das letzte Mal einschlafen, und mich nicht gegen alle Vorschriften und Regeln des Dienstes hier herumtraben lassen.«



Vierzehntes Kapitel.

Der erste Leutnant hat mehrere Patienten. – Mr. Chucks teilt mir das Geheimnis seiner feinen Sitten mit.

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Ehe ich in meiner Erzählung weiter fortfahre, will ich dem Leser bemerken, daß meine Geschichte nicht im spätern Leben geschrieben wurde, nachdem ich eine größere Weltkenntnis erlangt hatte. Als ich zum erstenmale zur See ging, versprach ich meiner Mutter ein Tagebuch zu führen, worin ich alles, was mir begegnete, nebst meinen Bemerkungen darüber aufnehmen wollte. An dieses Versprechen habe ich mich strenge gebunden, und seitdem ich mein eigener Herr geworden bin, sind diese Journale in meinem Besitz geblieben. Demnach ist alles, was den ersten Teil meiner Abenteuer bildet, so erzählt, wie es sich damals meinem Geiste eingeprägt hatte. In manchen Punkten habe ich Ursache gehabt, eine von den früheren verschiedene Meinung zu fassen, und bei manchen andern habe ich seitdem über meine Thorheit und Einfalt herzlich lachen müssen, allein dessenungeachtet hielt ich es für rätlicher, die Ansichten von damals beizubehalten, als sie durch die Meinungen einer später teuer erkauften Erfahrung zu berichtigen. Von einem Knaben mit fünfzehn Jahren, der in einem abgelegenen Landstädtchen erzogen wurde, kann nicht so viel Urteil und Überlegung erwartet werden, als von einem jungen Manne, welcher viel im Leben gesehen und mancherlei Abenteuer durchgemacht hat. Der Leser darf also nicht vergessen, daß ich mich in betreff der Meinungen und Gefühle, welche mich bei jedem bedeutenden Wendepunkte meines Lebens leiteten, auf mein Tagebuch bezogen habe.

Wir hatten nun sechs Wochen gekreuzt, und ich fand meinen Stand viel angenehmer, als ich gedacht hatte. Mein Wunsch, es recht zu machen, wurde für die That genommen, und obschon ich gelegentlich einen Bock schoß, schienen doch der Kapitän und der erste Leutnant der Ansicht, daß ich so viel als möglich auf meinen Dienst bedacht sei, und lächelten nur über meine Mißgriffe. Ich entdeckte auch, daß, wie auch immer meine natürlichen Fähigkeiten von meiner Familie geschätzt werden mochten, sie hier nicht so beurteilt wurden. Jeden Tag fühlte ich mehr Zutrauen in mich selbst, und hoffte durch Fleiß und Aufmerksamkeit den Mangel an natürlichen Gaben zu ersetzen. Es ist gewiß etwas im Leben des Seemannes, was seinen Geist erweitert. Als ich vor sechs Monaten zu Hause war, ließ ich andere Leute für mich denken, und mich von ihren Meinungen gängeln; an Bord dachte ich so viel als möglich für mich selbst. Mit meinen Tischgenossen stand ich gut; diejenigen, welche barsch gegen mich waren, ließen davon ab, weil ich ihr Betragen nicht rügte, und diejenigen, welche mir artig begegneten, wurden noch artiger als vorher. Die Zeit floß schnell dahin, vermutlich weil ich genau wußte, was ich zu thun hatte, da jeder Tag dem andern glich. Der erste Leutnant war einer von den unterhaltendsten Männern, die ich je kennen lernte, aber er wich doch nie von der Mannszucht im Dienste ab, noch nahm er sich die geringste Freiheit gegen einen seiner Vorgesetzten oder Untergebenen heraus. Sein Humor zeigte sich besonders bei den verschiedenen Arten von Strafen, und obgleich die Strafe für den Schuldigen streng war, so bot doch die Art, wie sie auferlegt wurde, der übrigen Schiffsmannschaft eine unversiegliche Quelle des Vergnügens dar. Es fiel mir oft auf, daß, obgleich kein einzelner gerne gestraft werden mochte, doch die ganze Schiffsmannschaft sich höchlich ergötzte, wenn eine Bestrafung stattfand. Er war in betreff seiner Verdecke besonders eigen; sie waren immer so weiß wie Schnee, und nichts mißfiel ihm so sehr, als wenn sie beschmutzt wurden. Aus diesem Grunde hatte er eine starke Abneigung gegen den Tabak, weshalb auch auf verschiedenen Stellen der Verdecke für die Matrosen Spucknäpfe aufgestellt waren, damit sie die Dielen mit Tabaksaft nicht besudeln möchten. Bisweilen vergaß ein Mann in seiner Eile, sich dieser Näpfchen zu bedienen, allein da der Tischgesellschaft, neben welcher der Fleck sich befand, der Grog vorenthalten wurde, wenn man den Schuldigen nicht ausfindig machte, so nahmen sie sich wohl in acht, aufzupassen und den Thäter anzugeben. Die Strafe für das Vergehen bestand darin: dem Manne wurden die Hände auf den Rücken gebunden, und ein großer zinnerner Spucknapf an einem Riemen über die Schultern an seiner Brust befestigt. Alle übrigen Spuckkästchen auf dem untern Verdecke wurden hinweggenommen, und er mußte auf die Aufforderung eines jeden, welcher seinen Mund des Tabaksaftes zu entledigen wünschte, bereit sein. Die übrige Mannschaft freute sich so sehr über den Einfall, daß sie, um sich das Vergnügen zu verschaffen, den Sträfling herumlaufen zu sehen, zweimal mehr als sonst ausspieen. Herr Chucks, der Bootsmann, nannte dies des ersten Leutnants »ambulierenden Spucknapf«. Er bemerkte mir eines Tages, Herr Falkon sei wirklich ein solcher Epikur in betreff seiner Verdecke, daß er sich scheue, einen Anker auf dem Vorderkastell mit einem Taukranz zu versehen. Auf einer Morgenwache hatte ich einen großen Spaß. Wir waren gerade daran, die Hängematten in die Hinterdecknetze zu verpacken, als ein Schiffsjunge mit seiner Hängematte auf der Schulter heraufkam; da er an dem ersten Leutnant vorüberging, bemerkte dieser, daß er ein Stück Tabak in seinem Backen hatte.

»Was hast Du da, mein guter Junge – ein Geschwür? – Dein Backen ist ja ganz angeschwollen.«

»Nein, Sir«, versetzte der Junge, »es fehlt mir gar nichts.«

»Das kann nicht sein; dann ist es ein böser Zahn, öffne Deinen Mund und laß mich sehen.«

Sehr ungern öffnete der Junge seinen Mund, und eine tüchtige Rolle Tabakblätter wurde sichtbar.

»Ich sehe schon«, sagte der erste Leutnant, »dein Mund braucht Ausputzens und Deine Zähne müssen gereinigt werden. Ich wünsche, wir hätten einen Zahnarzt an Bord, allein da wir keinen haben, so will ich, so gut ich kann, operieren. Schickt den Rüstmeister mit seiner langen Zange herauf.«

Als dieser erschien, wurde der Junge gezwungen, seinen Mund zu öffnen, worauf sodann der Tabaksklumpen mit dem großen Instrumente herausgenommen wurde.

»Ich bin überzeugt«, sagte der erste Leutnant, »Du mußt Dich jetzt schon besser fühlen. Du kannst ja gar keinen Appetit haben. Kapitän von der Hinterwache, bringt ein Stück altes Segeltuch und etwas Sand her und putzt ihm seine Zähne sauber.«

Der Kapitän von der Hinterwache kam herbei, nahm den Kopf des Jungen zwischen seine Kniee und rieb seine Zähne mit dem Sand und Segeltuch zwei oder drei Minuten lang.

»Das wird es thun«, sagte der erste Leutnant. »Nun, mein Bürschchen, Dein Mund ist jetzt rein und sauber und das Frühstück wird Dir schmecken. Du hast unmöglich etwas essen können, so lange Dein Mund in einem so garstigen Zustande war. Wenn er wieder schmutzig ist, komm nur zu mir, ich will Dein Zahnarzt sein.«

Einmal befand ich mich mit Herrn Chucks, dem Bootsmann, der sehr artig gegen mich war, auf dem Vorderkastell. Er hatte mir eben gezeigt, wie man die verschiedenen Knoten und Schleifen an den Tauen machte, welche in unserm Dienste üblich sind. Ich fürchte, daß ich mich sehr einfältig anstellte, allein er zeigte mir es wieder und wieder, bis ich es lernte. Unter anderem lehrte er mich den Fischersknoten, welchen er den König aller Knoten nannte, »und, Herr Simpel«, fuhr er fort, »in diesem Knoten liegt eine Moral. Sie bemerken, daß die Teile, wenn sie recht geschlungen werden, um so fester halten, je mehr man zieht, allein Sie sehen auch, daß sie, einzeln gezogen, durch einen noch so schwachen Zug nach einer andern Seite hin, sogleich sich auflösen, und wie leicht sie dann im Augenblick losgehen. Dies weist auf die Notwendigkeit hin, in dieser Welt zusammenzuhalten, wenn man stark sein will, und dies ist ein Stück Philosophie, das die sechsundzwanzigtausend und ungerade Jahre meines Freundes, des Zimmermanns aufwiegt, welche ihn nur auf finstere Gedanken bringen, wenn er auf seinen Dienst aufmerken sollte.«

»Sehr wahr, Herr Chucks, Sie sind der bessere Philosoph von beiden.«

»Ich bin besser erzogen, Herr Simpel, und wie ich hoffe, mehr ein Gentleman.«

»Ich denke, ein Gentleman muß in gewissem Grade Philosoph sein; denn er ist sehr oft gezwungen, seinen Charakter als solchen zu behaupten, und muß manches einstecken, was einen andern in heftige Leidenschaft versetzen könnte. Kaltblütigkeit halte ich für ein Hauptmerkmal eines Gentleman.«

»Im Dienste, Herr Simpel, muß man zornig scheinen, ohne daß man sich diesem Gefühle hingiebt. Ich kann Ihnen versichern, daß ich nie meine Gemütsruhe verliere, selbst wenn ich von meinem Rohrstocke Gebrauch mache.«

»Wie kommt es denn, Herr Chucks, daß Sie soviel auf die Matrosen fluchen? Dies ist gewiß nicht gentlemanisch.«

»Allerdings nicht, Sir. Allein ich muß mich verteidigen, indem ich auf den ganz erkünstelten Zustand aufmerksam mache, in welchem wir an Bord eines Kriegsschiffes leben. Not, mein lieber Herr Simpel, kennt kein Gebot. Sie müssen bemerken, wie höflich ich immer beginne, wenn ich einen Fehler zu rügen habe. Ich thue dies, um meine feinen Manieren zu zeigen; allein Sir, mein Eifer für den Dienst zwingt mich, meine Sprache zu ändern, und am Ende zu beweisen, daß ich es ernst meine. Nichts würde mir mehr Vergnügen gewähren, als wenn ich als ein Gentleman meinen Dienst erfüllen könnte, allein das ist unmöglich.«

»Ich sehe in der That nicht ein, warum?«

»Sie können mir dann vielleicht erklären, warum der Kapitän und der erste Leutnant fluchen?«

»Dies will ich nicht beantworten, aber sie thun es nur im Notfall.«

»Ganz richtig, allein, Sir, ihr Notfall ist mein täglicher und stündlicher Dienst. Bei dem beständigen Arbeiten auf dem Schiffe bin ich für alles verantwortlich, was fehlerhaft geschieht; das Leben eines Bootsmannes ist ein Leben des Notfalls und daher fluche ich.«

»Ich kann dennoch nicht zugeben, daß es notwendig ist, und gewiß ist es sündhaft.«

»Entschuldigen Sie, mein lieber Herr; es ist durchaus notwendig und keineswegs sündhaft. Es giebt eine Sprache für die Kanzel, und eine andere an Bord eines Schiffes, und in jeder Lage muß ein Mann die Ausdrücke gebrauchen, welche am wahrscheinlichsten die nötige Wirkung auf seine Zuhörer hervorbringen. Kommt es nun von der langen Gewohnheit im Dienste, oder von der Gleichgiltigkeit eines Matrosen gegen alltägliche Dinge und Ausdrücke her (ich kann mich nicht recht erklären, Herr Simpel, allein ich weiß, was ich meine), vielleicht mag es auch ein beständiger Anreiz sein, und deshalb braucht es mehr Stimilis, wie sie es nennen, um ihn in Bewegung zu setzen. Gewiß ist soviel, daß die gewöhnliche Sprachweise bei den Matrosen nicht ausreicht. Hier heißt es nicht, wie in der heiligen Schrift: ›Thu dies und er thut es‹ (nebenher bemerkt, dieser Bursche muß seine Soldaten tüchtig in Ordnung gehalten haben), sondern da muß es heißen: ›Thu dies, Gott verdamm dich‹, und dann ist es auf der Stelle gethan. Der Befehl ›zu thun‹, macht gerade das Gewicht einer Kanonenkugel, allein es fehlt die Triebkraft, ›das Gott verdamm dich‹, ist das Schießpulver, welches ihm in der Ausübung seines Dienstes Flügel verleiht. Verstehen Sie mich, Herr Simpel?«

»Ich verstehe Sie vollkommen, Herr Chucks, und kann nicht umhin, zu bemerken, und zwar ohne Schmeichelei, daß Sie sich von den übrigen Unteroffizieren sehr unterscheiden. Wo erhielten Sie Ihre Erziehung?«

»Herr Simpel, ich bin hier ein Bootsmann mit reinlichem Hemde, und ich darf es selbst sagen, und niemand wird es bestreiten, verstehe meinen Dienst durchaus. Allein obschon ich nicht sagen will, daß ich mich je besser befunden habe, so kann ich es doch behaupten, daß ich in der besten Gesellschaft, in der von Lords und Ladies, gewesen bin. Ich speiste sogar einmal mit Ihrem Großvater.«

»Das ist mehr, als ich jemals that, denn er lud mich nie ein, und nahm nicht die geringste Notiz von mir«, erwiderte ich.

»Was ich sage, ist wahr. Ich wußte nicht, daß es Ihr Großvater war, bis gestern, da ich mit Herrn O'Brien sprach; allein ich erinnere mich noch ganz gut an ihn, obschon ich damals noch ganz jung war. Nun, Herr Simpel, wenn Sie mir als ein Gentleman versprechen (und ich weiß, Sie sind einer), daß Sie nicht wiedersagen wollen, was ich Ihnen erzählen will, so werde ich Ihnen meine Lebensgeschichte mitteilen.«

»Herr Chucks, so wahr ich ein Gentleman bin, will ich es nie weiter verbreiten, bis Sie tot und begraben sind, und selbst dann nicht, wenn Sie es wünschen.«

»Wenn ich tot und begraben bin, dann können Sie thun, was Ihnen beliebt, es kann dann andern Leuten zum Nutzen dienen, obwohl meine Geschichte nicht sehr lang ist.«

Herr Chucks setzte sich sodann auf das vordere Gebälk-Ende neben der Schornsteinröhre nieder und ich nahm an seiner Seite Platz, worauf er folgendermaßen anfing:

»Mein Vater war ein Bootsmann, wie ich, einer von der alten Schule, so rauh wie ein Bär und so betrunken wie ein Marktgeiger. Meine Mutter war – meine Mutter und mehr will ich nicht sagen. Mein Vater wurde nach einem ausschweifenden Leben zum Hafendienste untauglich und starb bald darauf. Mittlerweile ward ich durch die Güte der Frau des Hafenadmirals in einer Schule erzogen. Ich war dreizehn Jahre alt, als mein Vater starb, und meine Mutter, welche nicht wußte, was sie mit mir anfangen sollte, wünschte mich als Lehrjungen auf ein Kauffahrteischiff zu bringen; allein dieses wollte ich nicht, und nach halbjährigem Zanken über diesen Gegenstand entschied ich die Sache dadurch, daß ich freiwillig auf die Fregatte Narzissus ging. Ich glaube, die gentlemanischen Ideen waren mir angeboren, Herr Simpel; ich konnte schon als Kind den Gedanken an Kauffahrteidienst nicht ertragen. Nachdem ich eine Woche an Bord gewesen, wurde ich dem Zahlmeister als Bedienter zugewiesen, dessen Zufriedenheit ich durch mein flinkes und gewandtes Wesen in solchem Grade erwarb, daß der erste Leutnant mich von dem Zahlmeister weg und in seine eigenen Dienste nahm. So war ich nach zwei Monaten eine Person von solchem Einfluß, daß ich in der Offizierkajütte einen Streit erregte, denn der Zahlmeister war sehr erzürnt und viele Offiziere nahmen seine Partei. Man flüsterte sich in die Ohren, ich sei der Sohn des ersten Leutnants, und dies sei ihm wohl bekannt. Inwiefern dies wahr sein mag, weiß ich nicht, allein es herrschte eine Ähnlichkeit zwischen uns, und meine Mutter, welche eine sehr hübsche Frau war, hatte sein Schiff vor Jahren als Marktschiffmädchen bedient. Ich will weiter davon nichts sagen, nur soviel, Herr Simpel, – und manche werden mich deshalb tadeln, aber ich kann nicht umhin, meine natürlichen Gefühle auszusprechen – ich möchte lieber der Nebensprößling eines Gentlemans sein, als der rechtmäßige Abkömmling eines Bootsmannes und seiner Frau. Im letzteren Falle kann kein gutes Blut in unsern Adern fließen, während man im ersten ein paar Tropfen erwischt haben mag. Es traf sich, daß, nachdem ich den ersten Leutnant ein Jahr bedient hatte, ein junger Lord (seinen Namen darf ich nicht erwähnen, Herr Simpel) von seinen Freunden oder aus eigener Wahl zur See geschickt wurde. Ich weiß nur soviel, daß man sagte, sein Onkel, welchem an seinem Tode gelegen sein mochte, habe ihn dazu überredet. Ein Lord war zur damaligen Zeit, etwa vor fünfundzwanzig Jahren, eine Seltenheit im Dienste, und man pflegte vor ihm, wenn er an Bord kam, zu salutieren. Die Folge davon war, daß der junge Lord für sich selbst einen Bedienten haben mußte, obgleich alle übrigen Seekadetten nur einen miteinander hatten. Der Kapitän fragte nach den besten Jungen im Schiffe, und der Zahlmeister, an welchen er sich wandte, empfahl mich. Demgemäß wurde ich zum großen Verdrusse des ersten Leutnants (denn die ersten Leutnants durften sich damals nicht soviel herausnehmen, wie jetzt; doch spreche ich nicht von Herrn Falkon, der ein Gentleman ist) sogleich für Seine Lordschaft bestimmt. Ich hatte hier ein sehr angenehmes, bequemes Leben, und that wenig oder gar nichts; fragte man nach mir, wenn alle Hände beschäftigt waren, so mußte ich gerade Seiner Lordschaft Stiefel reinigen oder Seiner Lordschaft Kleider ausbürsten, und man sagte nichts, wenn Seiner Lordschaft Namen erwähnt wurde. Wir gingen in das Mittelmeer, (weil Seiner Lordschaft Mama es wünschte), und waren ungefähr ein Jahr daselbst gewesen, als Seine Lordschaft soviel Trauben aß, daß sie von der Ruhr befallen wurde. Er war drei Wochen krank und wünschte dann in einem Transportschiffe, welches für Ochsen nach Gibraltar oder vielmehr nach der Küste der Berberei ging, nach Malta geschickt zu werden. Er wurde jeden Tag schlimmer, machte sein Testament und hinterließ mir alle seine Effekten an Bord, was ich gewiß für die Sorgfalt verdiente, mit welcher ich ihn gepflegt hatte. Auf der Höhe von Malta trafen wir auf eine Schebeke, welche nach Civita Vecchia bestimmt war, und der Kapitän des Transportschiffes, welcher gern vorwärts zu kommen wünschte, riet uns, an Bord derselben zu gehen, da der Wind leicht und widrig war und diese Mittelmeerschiffe besser im Winde segelten, als das Transportschiff. Mein Herr, welcher nun schnell dahin wollte, gab es zu, und wir wechselten die Schiffe. Als er am andern Tage starb, stellte sich ein stürmischer Wind ein, der uns mehrere Tage hinderte, den Hafen zu gewinnen. Der Leichnam Seiner Lordschaft wurde nicht nur so übelriechend, sondern erregte auch den Aberglauben der katholischen Matrosen dermaßen, daß er über Bord geworfen wurde. Niemand von den Leuten konnte englisch sprechen, noch ich maltesisch; sie hatten keinen Gedanken, wer wir wären und mir blieb Zeit genug zum Nachdenken. Ich hatte oft gedacht, wie hübsch es wäre, ein Lord zu sein, und oft gewünscht, daß ich als ein solcher geboren worden wäre. Der Wind war noch gegen uns, als ein Kauffahrteischiff heranfuhr, welches von Civita Vecchia nach Gibraltar bestimmt war. Ich bat den Kapitän der Schebeke, ein Notsignal zu geben, oder ich gab es vielmehr selbst, und das Schiff, welches sich als ein englisches auswies, steuerte auf uns zu. Als ich das Boot bestieg, um an Bord zu gehen, kam mir der Gedanke in den Kopf, wenn sie mich auch nicht annehmen möchten, so würden sie doch einen Lord nicht zurückweisen. Ich legte die Seekadettenuniform, welche Seiner Lordschaft gehörte, an (damals gehörte sie allerdings mein), und steuerte auf das Kauffahrteischiff zu. Ich sagte ihnen, ich hätte, um meine Gesundheit herzustellen, mein Schiff verlassen, und suche auf meinem Heimwege eine Gelegenheit nach Gibraltar. Mein Titel und meine augenblickliche Bewilligung der für die Überfahrt verlangten Kosten war hinreichend. Mein Eigentum wurde von der Schebeke an Bord gebracht, und da ihre Leute nicht englisch konnten, so konnten sie natürlich nicht widersprechen, wenn sie auch Verdacht geschöpft hätten. Hier, Herr Simpel, muß ich eine kleine Betrügerei in meinem früheren Leben eingestehen, welche ich Ihnen nun im Vertrauen mitteile, sonst wäre es mir nicht möglich, die Richtigkeit meiner Behauptung zu beweisen, daß ich mit Ihrem Großvater zu Mittag speiste. Allein die Versuchung war zu stark, ich konnte nicht widerstehen. Denken Sie sich selbst, Herr Simpel, nachdem man als ein Schiffsjunge gedient hat – hier gestoßen, dort geschlagen, von dem einen verflucht, von dem andern zum Teufel geschickt – denken Sie sich nun, auf einmal mit Achtung und Ehrerbietigkeit behandelt und jede Minute des Tages Euer Lordschaft hier und Euer Lordschaft da angeredet zu werden! Während der Überfahrt nach Gibraltar hatte ich Zeit genug, meine Pläne zu ordnen. Ich brauche kaum zu sagen, daß meines Lords Kleidung von Wert war, und was noch besser war, sie paßte mir ganz genau. Ebenso hatte ich seine Uhren und Kleinodien und außerdem einen Sack voll Dollars. Doch dies war mein rechtmäßiges Eigentum. Das einzige, was ich nahm, war sein Name, welchen er nimmer nötig hatte, der arme Junge. Allein es ist vergeblich, verteidigen zu wollen, was nicht recht ist, – es war unredlich und damit Punktum. Bemerken Sie nun, Herr Simpel, wie ein Ding zum andern führt. Ich versichere Ihnen, mein erster Gedanke, von Seiner Lordschaft Namen Gebrauch zu machen, war, mir eine Gelegenheit nach Gibraltar zu verschaffen. Ich war dann unentschlossen, was ich thun sollte; da ich jedoch seine Papiere und Briefe an seine Mutter besaß, so denke ich, ja, ich bin fest überzeugt, ich würde meine Würde mit einer Seekadettenkleidung beiseite gelegt und mich wegen einer Überfahrt nach Hause an den Hafenkommissär gewendet haben. Aber es war vom Schicksale anders beschlossen, denn der Kapitän des Transportschiffes ging ans Land, um dasselbe anzumelden und Erlaubnis zum Ausladen zu holen, und erzählte jedermann, es sei der junge Lord A. an Bord, der, um seine Gesundheit wieder herzustellen, nach England gehe. In weniger als einer halben Stunde kam das Boot des Kommissärs an und noch ein anderes vom Gouverneur, und bat um die Ehre meines Besuches, wie auch, daß ich während meines Aufenthaltes ein Nachtlager in ihrem Hause annehmen möchte. Was konnte ich machen? Ich geriet in Angst, allein ich fürchtete mich, zu bekennen, daß ich ein Betrüger sei; denn sicherlich hätte der Kapitän des Transportschiffes mich über Bord geworfen, wenn ich ihn hätte merken lassen, daß er so verdammt höflich gegen einen Schiffsjungen war. Halb aus Bescheidenheit, halb aus dem Gefühle der Schuld errötend, nahm ich die Einladung des Gouverneurs an; dem Kommissär schickte ich unter dem Vorwande, es gäbe kein Papier und keine Federn an Bord, mündlich eine höfliche, abschlägige Antwort. Ich hatte meinen letzten Herrn so oft in die Gesellschaft begleitet, daß ich sehr wohl wußte, wie ich mich betragen mußte; auch hatte ich sein Benehmen und seine Haltung größtenteils angenommen, wie ich denn überhaupt einen natürlichen Geschmack an feinen Manieren besaß. Ich konnte lesen und schreiben; vielleicht nicht so gut, als ich hätte sollen, in Betracht der Erziehung, welche ich genossen, aber doch noch gut genug für einen Lord, und in der That viel besser als mein letzter Herr. Ich kannte seine Unterschrift ganz gut, obschon der Gedanke, davon Gebrauch machen zu müssen, mir ein Zittern verursachte. Doch der Würfel war gefallen. Ich muß bemerken, daß wir in einem Punkte nicht unähnlich waren; wir hatten beide helles, geringeltes Haar und blaue Augen; in anderer Hinsicht fand keine Ähnlichkeit statt. Ich war bei weitem der hübschere Bursche von beiden, und da wir zwei Jahre auf dem mittelländischen Meere gewesen waren, besorgte ich keinen Zweifel an meiner Identität, bis wir in England ankamen.

»Ich kleidete mich sehr sorgfältig, zog meine Ketten und Ringe an, träufelte ein bischen Parfüm auf mein Taschentuch und begleitete den Adjutanten zu dem Gouverneur, wo man mich nach meiner Mutter, Lady, – nach meinem Onkel und nach meinem Vormund fragte, und hundert andere Fragen an mich richtete. Anfangs war ich sehr verwirrt, was man meiner Blödigkeit zuschrieb; das war es auch, aber nicht von der rechten Sorte. Aber ehe der Tag vorbei war, gewöhnte ich mich so daran, mich Lord nennen zu hören, und überhaupt an meine ganze Lage, daß ich mich sehr wohl befand und anfing, die Bewegungen und das Benehmen der Gesellschaft zu beobachten, um mein Betragen nach dem des guten Tones zu regeln. Ich blieb vierzehn Tage in Gibraltar, und dann bot sich mir eine Gelegenheit auf einem Transportschiffe nach England dar. Als ein Offizier war ich natürlich bis auf einen gewissen Betrag frei. Bei meiner Überfahrt nach England faßte ich wieder den Entschluß, meine Kleidung und meinen Titel, sobald ich es unbemerkt könnte, abzulegen, allein ich wurde wie zuvor daran verhindert. Der Hafenadmiral ließ sich das Vergnügen meiner Gesellschaft bei Tische ausbitten; ich durfte es nicht abschlagen, und nun war ich wieder wie vorher mein Lord, von jedermann bekomplimentiert und gefeiert. Handelsleute erbaten sich die Ehre von Seiner Herrlichkeit Kundschaft; mein Tisch im Hotel war mit Karten aller Art bedeckt, und um die Wahrheit zu gestehen, ich gefiel mir so sehr in meiner Lage und hatte mich so daran gewöhnt, daß mir der Gedanke, eines Tages darauf verzichten zu müssen, unangenehm war, obschon ich den Entschluß faßte, dies, sobald ich den Platz verließ, wirklich zu thun. Meine Rechnung im Hotel war sehr übertrieben und überstieg thatsächlich meine Geldmittel, allein der Inhaber sagte, dies habe gar nichts zu bedeuten, Seine Lordschaft sei natürlich nicht mit Kasse versehen, da sie gerade aus fremden Landen kämen, und bot mir, wenn ich es wünschte, Geld an. Doch ich muß sagen, daß ich ehrlich genug war, dies abzulehnen. Ich ließ meine Karten, mit P. P. C. Pour prendre congé, um Abschied zu nehmen. bezeichnet, wie es in guter Gesellschaft gebräuchlich ist, zurück und fuhr auf der Post nach London, wo ich fest entschlossen war, meinen Titel abzulegen und zu Seiner Lordschaft Mutter mit der traurigen Nachricht seines Todes nach Schottland zu gehen – denn Sie sehen, Herr Simpel, niemand wußte, daß Seine Lordschaft tot war. Der Kapitän des Transportschiffes hatte ihn lebend in die Schebeke gebracht, und das nach Gibraltar bestimmte Kauffahrteischiff ihn, wie man vermutete, aufgenommen. Der Kapitän der Fregatte erhielt sehr bald Nachricht von Gibraltar, welche Seiner Lordschaft Wiederherstellung und Rückkehr nach England meldete. Ich war kaum fünf Minuten in der Kutsche, als ein Gentleman hereinstieg, welchen ich bei dem Hafenadmiral getroffen hatte; außer diesem kannten mich der Kutscher und andere Personen sehr wohl. Als ich in London ankam (ich trug noch meine Uniform), begab ich mich in ein Hotel, das mir empfohlen und, wie ich nachher fand, das nobelste in der Stadt war. Mein Titel folgte mir dahin nach. Ich beschloß nun, die Uniform abzulegen und einfache Kleidung zu tragen – meine Komödie war vorbei. Ich ging in dieser Nacht zu Bette und erschien den anderen Morgen in einem Gewande von Mufti, Zivilkleidung (anglo-indischer Offiziersausdruck). und fragte den Oberkellner, welches die beste Gelegenheit nach Schottland wäre.«

»›Extrapost mit Vieren, mein Lord. Wann soll ich's bestellen?‹«

»›O‹, versetzte ich, ›ich weiß noch nicht gewiß, ob ich morgen abreisen werde.‹«

»Gerade in diesem Augenblicke trat der Hotelbesitzer mit der Morgenpost herein, machte mir eine tiefe Verbeugung, indem er auf einen Artikel hinwies, der meine Ankunft in seinem Hotel unter der Noblesse bezeichnete. Dies ärgerte mich, und da ich nun fand, wie schwierig es war, meinen Titel loszuwerden, wünschte ich sehnlichst, wieder William Chucks zu sein, wie vorher. Vor zwölf Uhr wurden drei oder vier Gentlemen in mein Zimmer geführt, welche meine Ankunft in der verdammten Morgenpost entdeckt hatten und mir ihre Ehrerbietung bezeugen wollten; ehe der Tag vorbei war, hatte ich von einem Dutzend Personen Einladung über Einladung. Ich sah ein, daß ich mich nicht zurückziehen konnte, und ging mit dem Strome, wie früher zu Gibraltar und Portsmouth. Drei Wochen lang war ich überall, und wenn ich es in Portsmouth angenehm fand, wie viel angenehmer in London? allein ich fühlte mich nicht glücklich, Herr Simpel, weil ich ein Betrüger war, der jeden Augenblick erwarten mußte, entdeckt zu werden. Doch war es wirklich etwas Hübsches, ein Lord zu sein.

»Endlich hatte die Posse ein Ende. Einige junge Leute hatten mich in ein Spielhaus gelockt, wo sie mich zu rupfen beabsichtigten, aber in der ersten Nacht ließen sie mich, glaube ich, dreihundert Pfund gewinnen. Ich war ganz erfreut über mein gutes Glück und hatte versprochen, den nächsten Abend wieder mit ihnen zusammen zu kommen; allein als ich eben mit übereinander geschlagenen Beinen beim Frühstück saß und die Morgenpost las, – wer trat herein? – mein Onkel-Vormund. Er kannte seines Neffen Züge zu gut, um sich täuschen zu lassen, und der Umstand, daß ich ihn nicht erkannte, bewies sogleich, daß ich ein Betrüger war.

»Erlauben Sie mir über die Scene hinweg zu eilen, welche nun folgte. – Die Wut des Onkels, die Verwirrung in dem Hotel, das Schimpfen der Aufwärter, des Polizeioffiziers, und wie ich in einer Mietkutsche nach Bowstreet geschleppt wurde. Hier wurde ich verhört und gestand alles. Der Oheim freute sich so sehr, zu finden, daß sein Neffe wirklich tot war, daß er keinen Groll gegen mich empfand, und da ich überhaupt nur einen Namen angenommen, aber niemand als den Wirt in Portsmouth betrogen hatte, so wurde ich an Bord des Lichters beim Tower geschickt, um einem Kriegsschiffe überliefert zu werden. Von meinen dreihundert Pfund, meinen Kleidern und so fort, habe ich nie mehr etwas gehört, sie wurden vermutlich von dem Hotelier für meine Rechnung in Beschlag genommen, und er muß sich sehr gut damit bezahlt gemacht haben. Ich trug zwei Ringe an meinen Fingern und eine Uhr in meiner Tasche, als ich an Bord des Lichters geschickt wurde, und verwahrte sie sehr sorgfältig. Ich hatte auch einige Pfund in meinem Beutel. Man schickte mich nach Plymouth, wo ich auf einer Fregatte Dienst nehmen mußte. Nachdem ich hier einige Zeit verweilt hatte, verwandelte ich die Uhr und die Ringe in Geld, und kaufte mir einen guten Vorrat Kleider; denn Schmutzigkeit konnte ich nicht leiden. Ich wurde für den Besanmast bestimmt, und niemand wußte, daß ich ein Lord gewesen bin.«

»Sie fanden gewiß einen Unterschied in Ihrer Lage?«

»Allerdings, Herr Simpel, allein ich war viel glücklicher. Ich konnte die Ladies, und die Diners, und die Oper und alle Ergötzlichkeiten Londons, nebst dem Respekt, welchen man meinem Titel zollte, nicht vergessen; allein der Polizeioffizier und Bowstreet kamen mir auch ins Gedächtnis, und ich schauderte bei der Erinnerung. Es hatte jedoch eine gute Wirkung; ich faßte den Entschluß, womöglich Offizier zu werden, lernte meinen Dienst und arbeitete mich zum Quartiermeister und von da zum Bootsmann hinauf – und ich kenne meinen Dienst, Herr Simpel. Allein für meine Thorheit habe ich seitdem stets gebüßt. Ich faßte Gedanken, die über meine Stellung im Leben hinausgehen, und kann nicht umhin, zu wünschen, daß ich ein Gentleman sein möchte. Es ist ein böses Ding für einen Mann, wenn er Ideen hat, die über seinen Stand sind.«

»Sie mußten allerdings einen Unterschied zwischen der Londoner Gesellschaft und den Unteroffizieren finden.«

»Es ist nun schon einige Jahre her, Sir, allein ich vermag über das Gefühl nicht Herr zu werden. Ich kann mich durchaus nicht mit ihnen befassen. Es kann jemand auch in einem niedrigen Stande die Gefühle eines Gentleman haben, aber nie kann man mit solchen Leuten, wie Herr Dispart oder Herr Muddle, dem Schiffszimmermann, auf vertrautem Fuße stehen. Sie sind zwar ganz recht in ihrer Art, Herr Simpel, aber was läßt sich von Offizieren erwarten, welche ihre Kartoffeln in einem Kohlnetze zum Sieden in den Schiffskessel hängen, während sie wissen, daß ihnen ein Dritteil eines Kochofens eingeräumt ist, um daselbst ihre Speise zu kochen?«



Fünfzehntes Kapitel.

Ich trete den Dienst an und werde von einer alten Lady zum Gefangenen gemacht, welche nicht imstande, meine Hand zu erlangen, meinen Finger nimmt zum Andenken. – O'Brien befreit mich. – Eine Seeküste und knappes Einkommen.

—————

Zwei oder drei Tage nach dieser Unterhaltung mit Herrn Chucks lief der Kapitän mit der Fregatte ans Land; als wir noch fünf Meilen davon entfernt waren, entdeckten wir zwei Fahrzeuge. Wir machten mit allen Segeln Jagd darauf, und wollten ihnen die Flucht um eine Sandbank abschneiden, welche sie zu umsegeln suchten. Als sie sahen, daß sie ihr Vorhaben nicht ausführen konnten, liefen sie unter eine kleine Batterie von zwei Kanonen ans Land, und fingen an, auf uns zu feuern. Der erste Schuß, welcher durch die Masten schwirrte, hatte für mich einen schrecklichen Klang; aber die Offiziere und Matrosen lachten darüber, und ich versuchte natürlich das Nämliche, obwohl ich in der Wirklichkeit nichts zum Lachen sehen konnte. Der Kapitän befahl, die Steuerbordwache aufs Verdeck zu pfeifen und die Boote zu reinigen, damit sie zum Auslaufen bereit wären; wir ankerten nun eine Meile von der Batterie entfernt und erwiderten das Feuer. Mittlerweile lief die übrige Schiffsmannschaft aus, und es wurden hier Boote ausgesetzt, welche zum Sturm auf die Batterie bemannt und ausgerüstet waren. Ich sehnte mich sehr, ins Feuer zu kommen, und O'Brien, welcher das Kommando über den ersten Kutter hatte, erlaubte mir, mitzugehen, unter der Bedingung, daß ich mich unter den Vordersegeln verborgen halte, damit mich der Kapitän nicht sehe, ehe die Boote vom Lande abstießen.

Ich befolgte dies und wurde nicht entdeckt. Wir segelten gerade auf die Batterie los; in weniger als zehn Minuten liefen die Boote auf den Strand und wir sprangen heraus. Die Franzosen feuerten eine Kanone auf uns ab, da wir nahe an die Küste hinfuhren, und liefen dann davon, so daß wir ohne Kampf Besitz nahmen, was, um die Wahrheit zu gestehen, mir nicht leid that, da ich mich nicht für alt oder stark genug halten konnte, um mit einem erwachsenen Mann handgemein zu werden. Nahe bei der Batterie fanden sich einige Fischerhütten, und während zwei von den Booten an Bord der Schiffe gingen, um zu sehen, ob sie wieder flott gemacht werden konnten, andere die Kanonen vernagelten und die Lafetten zerstörten, ging ich mit O'Brien zu den Hütten, um sie zu untersuchen. Sie waren von den Leuten verlassen, wie vorauszusehen war, aber es lag eine große Menge Fische darin, welche, dem Anschein nach, erst den Morgen gefangen worden waren. O'Brien wies auf eine sehr große Glattroche.

»Alle Hagel,« rief er aus, »das ist wahrhaftig der Geist meiner Großmutter, wir müssen sie haben, wenn es auch nur wegen der Familienähnlichkeit wäre. Peter, stecke Deinen Finger in die Kieme und schleppe sie zum Boote hinab.«

Ich konnte meinen Finger nicht in die Kieme einzwängen, und da das Tier ganz tot schien, so krümmte ich denselben in sein Maul; aber ich machte einen dummen Streich, denn das Tier war noch am Leben, und schloß sogleich seine Kinnladen, indem es meinen Finger bis aufs Bein durchbiß und ihn so fest hielt, daß ich ihn nicht zurückziehen konnte; auch war der Schmerz zu groß, als daß ich ihn mit einem Ruck herauszureißen vermochte. So war ich nun in einer Falle, und von einem Plattfische zum Gefangenen gemacht. Zum Glücke schrie ich laut genug, so daß O'Brien, welcher, mit einem großen Stockfisch unter jedem Arm, schon nahe bei den Booten war, wieder umkehrte und mir zu Hilfe kam. Zuerst konnte er mir vor Lachen nicht helfen, aber endlich öffnete er die Kinnlade des Fisches gewaltsam mit seinem Messer, und ich zog meinen Finger heraus, aber sehr schlimm zugerichtet. Ich nahm alsdann mein Strumpfband ab, band es um den Schwanz der Glattroche und zog sie nach dem Boote, welches gerade im Begriff war, abzustoßen. Die übrigen Boote hatten es unmöglich gefunden, die Schiffe flott zu machen, ohne sie auszuladen, daher wurden sie auf Befehl des Kapitäns in Brand gesteckt, und waren, ehe wir sie aus dem Gesicht verloren, schon bis zum Wasserspiegel herabgebrannt. Mein Finger war drei Wochen lang sehr schlimm, aber die Offiziere lachten sehr über mich, indem sie sagten, ich sei beinahe von einer alten Jungfer gefangen worden.

Wir setzten unsere Fahrt der Küste entlang fort, bis wir in die Bai von Arkason einliefen, wo wir zwei oder drei Fahrzeuge wegnahmen und mehrere auf den Strand zu laufen nötigten. Hier hatten wir einen augenscheinlichen Beweis, wie wichtig es ist, daß ein Kapitän von einem Kriegsschiffe ein guter Seemann ist und sein Schiff so in der Zucht hält, daß ihm die Mannschaft strenge gehorcht. Ich hörte, nachdem die Gefahr vorüber war, die Offiziere einstimmig behaupten, nur die Geistesgegenwart, welche Kapitän Savage gezeigt, habe das Schiff mit der Mannschaft retten können. Wir hatten ein Geschwader von Fahrzeugen bis an das Ende der Bai verfolgt; der Wind wehte sehr frisch, als wir, nachdem wir sie ans Land getrieben hatten, umlegten; die Brandung am Strande war gerade damals so stark, daß die Schiffe in Stücke gehen mußten, ehe sie wieder flott gemacht werden konnten. Wir waren genötigt, die Topsegel doppelt zu reffen, sobald wir dem Winde entgegen fuhren. Das Wetter sah sehr drohend aus. Eine Stunde nachher bedeckte sich der Himmel mit einer schwarzen Wolke, welche so niedrig stand, daß sie fast unsere Mastspitze berührte; eine furchtbare See, welche wie durch Zaubergewalt sich zu erheben schien, rollte auf uns los und trieb das Schiff hart gegen eine Seeküste. Mit einbrechender Nacht wütete ein schrecklicher Sturm; das Schiff wurde durch den Druck der Segel beinahe begraben. Hätten wir offene See gehabt, so würden wir unser Sturmstagsegel beigelegt haben, aber wir mußten auf alle Gefahr hin Segel führen, um die Küste zu vermeiden. Die See brach sich, wenn wir zwischen ihren Hohlwellen lagen, über uns, und überschüttete uns mit Wasser von dem Vorderkastell bis zu den Binakeln. Sehr oft, wenn das Schiff in die Tiefe hinabstürzte, geschah es mit solcher Gewalt, daß ich wirklich glaubte, es werde durch die Heftigkeit des Stoßes entzwei gehen. Wir banden doppelte Anhalt-Taue an die Kanonen, auch wurden sie überdies mit Takelwerk versehen; denn wir legten oft so sehr an die Seite, daß die Kanonen nur durch die Anhalt-Taue und das Takelwerk gehalten wurden, und wäre eine davon los gegangen, so wäre sie gerade durch die Leeseite des Schiffes gebrochen und das Schiff wäre gescheitert. Der Kapitän, der erste Leutnant und die meisten übrigen Offiziere blieben die ganze Nacht auf dem Verdeck, und wirklich glaubte ich bei dem Heulen des Windes, bei der Gewalt des Regens, dem Überfluten der Verdecke, bei dem Arbeiten der Kettenpumpen und dem Krachen und Ächzen der Balken, daß wir unfehlbar verloren seien; ich sagte wenigstens zwölfmal während der Nacht meine Gebete her, denn es war mir unmöglich, zu Bette zu gehen. Ich hatte, oft aus Neugierde gewünscht, einen Sturm zu erleben, aber ich hielt es für keine Scene dieser Art und nicht für halb so furchtbar. Was unsere Lage noch schrecklicher machte, war, daß wir uns an einer Leeküste befanden, und die Beratungen des Kapitäns mit den Offizieren, sowie die Sehnsucht, mit welcher sie nach dem Tageslicht ausschauten, sagten uns, daß wir außer dem Sturme noch andere Gefahren zu bestehen hatten. Endlich brach der Morgen an und der Wächter auf dem Gange rief aus: »Land an der Leeseite!« Ich bemerkte, daß der Schiffsmeister, wie aus Unwillen, mit seinen Füßen gegen das Hängemattengeländer stampfte und, ohne ein Wort zu sagen, mit sehr ernsthaftem Aussehen wegging.

»Hinauf, Herr Wilson«, sagte der Kapitän zu dem zweiten Leutnant, »und sehen Sie, wie weit das Land sich vorstreckt, und ob Sie die Spitze unterscheiden können.«

Der zweite Leutnant stieg die Haupttakelung hinan und zeigte mit seiner Hand auf ungefähr zwei Windstriche vor dem Maste.

»Sehen Sie zwei Hügel im Binnenlande?«

»Ja, Sir«, versetzte der zweite Leutnant.

»Dann ist es so«, bemerkte der Kapitän dem Schiffsmeister, »und wenn wir es umsegeln, so werden wir mehr offene See haben. Haltet den Schnabel voll und laßt ihn durchs Wasser gehen, hört Ihr, Quartiermeister?«

»Ja, Sir.«

»So und nicht näher, Mann. Hebt mit eine oder zwei Speichen, wenn das Schiff aufwirft; aber gebt acht, oder es nimmt Euch das Rad aus der Hand.«

Es war in der That ein furchtbarer Anblick. Als das Schiff in der hohlen See daherfuhr, konnten wir nichts als eine stürmische Wasserwüste unterscheiden, aber wenn es auf der Spitze der ungeheuern Wogen tanzte, sah man unter sich, scheinbar ganz nahe, eine niedrige sandige Küste, mit Schaum und Brandung bedeckt.

»Die Fregatte hält sich gut«, bemerkte der Kapitän, indem er an dem Steuerhäuschen Halt machte und auf den Kompaß schaute. »Wenn der Wind sich nicht gegen uns dreht, so können wir herumkommen.«

Der Kapitän hatte kaum Zeit, diese Bemerkung zu machen, als die Segel sich füllten und gleich dem Donner krachten.

»Hinauf mit dem Steuer! wie steht es, Quartiermeister?«

»Der Wind weht uns ins Gesicht, Sir«, versetzte der Quartiermeister kaltblütig.

Der Kapitän und der Schiffsmeister blieben an dem Steuerhäuschen, um den Kompaß zu beobachten; als die Segel sich wieder füllten, war die Fregatte um zwei Windstriche abgewichen und die Landspitze nur ein wenig an der Leeseite.

»Wir müssen umlegen, Herr! Hand angelegt! Wendet das Schiff – fertig, he, fertig!«

»Es kommt wieder herauf«, schrie der Schiffsmeister, welcher an dem Binnakel stand.

»Haltet fest hier eine Minute. Wie steht nun seine Spitze?«

»Nordnordost, wie sie war, ehe sie abwich, Sir.«

»Pfeift zum Belegen«, sagte der Kapitän. »Falkon«, fuhr er fort, »wenn sie noch einmal abweicht, so haben wir keinen Raum zum Vieren mehr, es ist in der That so wenig Raum hier, daß ich es auf die Gefahr hin wagen muß. Welches Kabel wurde letzte Nacht aufgerollt – der beste Buganker?«

»Ja, Sir.«

»Dann eilen Sie hinab, und sehen Sie, daß er doppelt umschlungen und auf dreißig Faden gestoppt wird. Sehen Sie zu, daß es sorgfältig geschieht, unser Leben hängt davon ab.«

Das Schiff hielt fortwährend seinen guten Lauf; wir waren eine halbe Meile von der Spitze entfernt und hofften zuversichtlich, sie zu umsegeln, als die nassen und schweren Segel wieder im Winde kappten und das Schiff wie vorher um zwei Striche abwich. Die Offiziere und Matrosen erblaßten, denn das Schiff ging gerade auf die Brandung los.

»Angeluvt, so viel als möglich, Quartiermeister!« schrie der Kapitän, »die Mannschaft sogleich aufs Hinterdeck! Meine Jungen, jetzt ist keine Zeit zum Sprechen, ich will das Schiff klubholen, denn zum Vieren ist kein Raum; die einzige Möglichkeit eurer Rettung besteht darin, daß ihr kaltblütig seid, in meinen Augen lest und meine Befehle genau vollzieht. Auf eure Posten zum Schiffwenden! Den besten Buganker herbei. Herr Wilson, Sie bleiben unten mit dem Zimmermann und seinem Gehilfen, und sind bereit, sogleich das Tau zu kappen, wenn ich den Befehl gebe. Alles still vorn wie hinten! Quartiermeister, haltet das Schiff voll für die Stagsegel. Laßt das Steuer nach, wenn ich es sage.«

Ungefähr eine Minute verging, ehe der Kapitän weitere Befehle gab. Das Schiff hatte sich ungefähr eine Viertelmeile dem Strande genähert, die Wogen umschäumten und berührten uns, indem sie uns der Küste zuführten, welche eine zusammenhängende Oberfläche von Schaum darstellte, und sich ungefähr eine halbe Kabellänge von unserem Standorte erstreckte, bis zu welcher Entfernung die ungeheuren Wogen sich auftürmten und mit Donnergeräusch niederfielen. Der Kapitän winkte dem Quartiermeister am Rade schweigend mit der Hand, und das Steuerruder wurde niedergelassen. Das Schiff wandte sich langsam dem Winde zu, und stürzte, sobald man die Segel luvwärts brasste. Als es seinen Weg verloren hatte, gab der Kapitän Befehl: »den Anker los! wir wollen alle auf einmal ziehen, Herr Falkon.«

Kein Wort wurde gesprochen, die Matrosen gingen an die Vorderbrassen, welche nicht bemannt waren; die meisten derselben wußten (was bei mir nicht der Fall war), daß, wenn das Schiff sich nicht anders wende, wir in einer halben Minute an der Küste mitten in der Brandung sein würden. Ich glaubte, der Kapitän hätte gesagt, er wolle alle Raaen auf einmal anziehen lassen; hierbei schien sich auf dem Gesichte des Herrn Falkon Zweifel oder eine andere Meinung auszudrücken, und man sagte mir nachher, daß er nicht mit dem Kapitän übereinstimmte; aber er war ein zu guter Offizier und wußte, daß jetzt keine Zeit zu Erörterungen sei, um eine Bemerkung zu machen, und der Erfolg bewies, daß der Kapitän recht hatte. Endlich wandte sich das Schiff gegen den Wind und der Kapitän gab das Zeichen. Die Raaen flogen mit solchem Krachen herum, daß ich dachte, die Masten seien zerbrochen, und im nächsten Augenblick hatte der Wind die Segel gefaßt; das Schiff, welches ein paar Minuten auf ebenem Kiel gewesen war, legte sich durch seine Gewalt bis ans Schanddeck auf die Seite. Der Kapitän, welcher auf dem Wetterseiten-Hängemattengitter stand, hielt sich an der Takelung fest, befahl, das Steuerruder in der Mitte des Schiffes zu halten, sah fest auf die Segel und dann auf das Kabel, welches breit auf der Luvseite hervorkam, und hielt das Schiff ab, sich der Küste zu nähern. Endlich rief er aus: »Kabel gekappt!« Es wurden ein paar Streiche von den Äxten gehört und dann fuhr das Kabel infolge der Reibung mit heller Flamme durchs Ankertauloch und verschwand unter einer furchtbaren Welle, welche uns an den Halsenblock warf, und vorn und hinten mit Wasser überschüttete. Das Schiff hatte nun eine andere Wendung und hielt seinen Lauf wieder, während unsere Entfernung vom Lande offenbar zunahm.

»Meine Jungen«, sagte der Kapitän zu der Schiffsmannschaft, »ihr habt euch gut gehalten, ich danke euch, allein ich muß auch ehrlich bekennen, daß wir noch mehr Schwierigkeiten durchzumachen haben. Wir müssen in dieser Richtung eine Spitze der Bai umsegeln, Herr Falkon, splissen Sie die große Brasse und rufen Sie die Wache. Wie steht der Schnabel, Quartiermeister?«

»Südwest bei Süd, südlich, Sir.«

»Sehr wohl; laßt ihn durchs Wasser gehen.«

Mit diesen Worten ging der Kapitän, indem er dem Schiffsmeister winkte, ihm zu folgen, in die Kajütte hinab. Da die augenblickliche Gefahr vorbei war, begab ich mich ebenfalls in die Kajütte, um zu sehen, ob ich nicht etwas zum Frühstück erhalten könnte, und fand daselbst O'Brien mit einigen andern.

»Bei Gott, es war ein so hübsches Ding, wie ich je eines ausführen sah«, bemerkte O'Brien; »das geringste Versehen in der Zeit oder Behandlung – und die Plattfische würden jetzt an unsern häßlichen Leichnamen nagen. Peter, mein Junge, bist Du Liebhaber von Plattfisch? Danken wir dem Himmel und dem Kapitän, das kann ich euch sagen, meine Jungen; aber wo ist die Karte, Robinson? Reich mir das Parallellineal und den Zirkel, Peter; sie liegen in der Ecke des Simses. Wir sind nun verteufelt nahe an dieser höllischen Spitze. Wer weiß, wie die Richtung ist?«

»Ich, O'Brien; ich hörte den Quartiermeister zum Kapitän sagen, Südwest bei Süd, südlich.«

»Laß mich sehen«, fuhr O'Brien fort, »Abweichung 2¼ Strich Leeseite, zu viel angenommen, fürchte ich; doch will ich ihm 2½ Strich geben. Die Diomede würde erröten, unter allen Umständen mehr als diese zu machen. Den Zirkel her, ich will sehen;« und damit rückte O'Brien das Parallellineal von dem Zirkel an die Stelle, wo das Schiff auf der Karte verzeichnet war; »potz tausend, ich hoffe, es ist so viel, als es thun kann, wenn es in dieser Richtung die andere Spitze umsegelt, und dies meinte der Kapitän damit, als er sagte, wir hätten noch mehr Schwierigkeiten zu überwinden. Ich könnte einen Eid auf die Bibel schwören, daß wir ganz aus der Klemme sein werden, wenn der Wind hält.«

»Sieh nach der Entfernung, O'Brien«, sagte Robinson.

Man maß und fand sie dreizehn Meilen.

»Nur dreizehn Meilen; wenn wir herumkommen, haben wir gewonnen; denn die Bai ist weiter draußen tief, 's ist eine Felsenspitze, wie ihr gerade bei der Abweichung seht. Nun, meine Jungen, ich habe immerhin noch eine Art Trost für euch. Ihr werdet nicht lang im Ungewissen sein: denn um ein Uhr Mittags werdet ihr entweder einander wegen eures guten Glücks gratulieren, oder es wird Matthäus am letzten sein. Kommt, rollt die Karte auf, ich hasse den melancholischen Anblick; Proviantmeister, seht, was Ihr zur Stärkung finden könnt.«

Etwas Brot und Käse mit den Überresten des gekochten Schweinefleisches von gestern wurde aufgetischt nebst einer Flasche Rum, eigens dazu aufbewahrt, »einen auf die Lampe zu gießen«; allein wir fühlten uns nicht sehr zum Essen aufgelegt; einer nach dem andern kehrte aufs Verdeck zurück, um nach dem Wetter zu sehen, und ob der Wind uns günstig sei. Auf dem Verdecke besprachen sich die höheren Offiziere mit dem Kapitän, der dieselbe Besorgnis ausgedrückt hatte, welche O'Brien in der Kajütte äußerte. Die Matrosen, welche wohl wußten, was sie zu erwarten hatten, traten haufenweise zusammen, ernsten Blickes, ohne jedoch die Zuversicht zu verlieren. Sie wußten, daß sie auf den Kapitän vertrauen konnten, soweit als Einsicht und Mut ihnen helfen konnte, und Seeleute sind zu sanguinisch, um selbst im letzten Augenblicke zu verzweifeln. Was mich betrifft, so fühlte ich nach dem, wovon ich diesen Morgen Zeuge gewesen, solche Bewunderung für den Kapitän, daß, als mich der Gedanke beschlich, ich werde sehr wahrscheinlich in einigen Stunden verloren sein, ich mir trotzdem eingestehen mußte, der Verlust eines solchen Mannes sei für sein Vaterland viel trauriger. Ich will damit nicht sagen, daß mich dieser Gedanke tröstete, aber er trug gewiß dazu bei, daß ich das Unglück, womit wir bedroht waren, noch mehr bedauerte.

Vor dem Schlag zwölf Uhr war die Felsenspitze, welche wir so sehr fürchteten, breit auf der Leeseite sichtbar; wenn nun schon die niedrige Sandküste furchtbar erschien, um wie viel mehr diese, selbst in der Entfernung! Schwarze Felsmassen waren mit Schaum bedeckt, welcher jede Minute höher spritzte als die Spitzen unserer niedrigen Masten. Der Kapitän betrachtete einige Minuten in stillschweigender Überlegung dieses Schauspiel.

»Herr Falkon,« sagte er endlich, »wir müssen das Hauptsegel aufziehen.«

»Die Fregatte kann es nicht tragen, Sir.«

»Sie muß es tragen,« war die Antwort. »Schicken Sie die Mannschaft nach hinten zu dem großen Segel, und sehen Sie, daß die Leute die Bauchgurten sorgfältig bedienen.«

Das Hauptsegel wurde aufgezogen, und die Wirkung desselben auf das Schiff war furchtbar. Es legte sich so sehr über, daß seine Leerusten unter Wasser gingen; wenn eine Woge darauf fiel, wurde die Leeseite des Hinterdecks und der Gang überflutet. Das Schiff gemahnte mich an ein feuriges Roß, welches durch den angelegten Sporn wild geworden ist; es erhob sich nicht wie früher, sondern erzwang sich seinen Weg mitten durch die Wogen, und zerteilte die Wellen, welche in beständigem Strom vom Vorderkastell auf das Verdeck herabstürzten. Vier Männer wurden an das Rad befestigt, die Matrosen mußten sich anklammern, um nicht weggeschwemmt zu werden, die Taue wurden in Verwirrung leewärts geschleudert. – Die Kugeln rollten aus ihren Behältern hervor, und aller Augen waren auf die Masten geheftet, welche jeden Augenblick über Bord geworfen werden konnten. Eine schwere Welle legte uns auf die Batterieseite. Es stand einige Minuten an, bis das Schiff sich wieder zu erholen schien; es schwankte, zitterte, und hielt seinen Lauf inne, als ob es betäubt wäre. Der erste Leutnant sah den Kapitän an, als ob er sagen wollte: das wird nicht gehen.

»Es ist unser einziges Rettungsmittel,« antwortete der Kapitän auf die Mahnung.

Daß das Schiff schneller durch das Wasser ging, und einen besseren Wind hielt, war gewiß, aber gerade, bevor wir an die Spitze kamen, nahm die Gewalt des Sturmes zu.

»Wenn etwas bricht, sind wir verloren, Sir,« bemerkte der erste Leutnant wieder.

»Ich bin vollkommen davon überzeugt,« erwiderte der Kapitän in ruhigem Tone, »aber wie ich vorhin sagte, und Sie nun einsehen müssen, es ist unsere einzige Rettung. Die Folge einer Sorglosigkeit oder Nachlässigkeit beim Ansetzen und Befestigen des Takelwerks wird sich nun fühlbar machen, und wenn wir aus dieser Gefahr entrinnen, dürfen wir nie vergessen, wie viel wir zu verantworten haben, wenn wir unseren Dienst vernachlässigen. Das Leben einer ganzen Schiffsmannschaft kann durch die Nachlässigkeit oder Unfähigkeit eines Offiziers im Hafen geopfert werden. Ich muß Ihnen das Kompliment machen, Falkon, daß ich überzeugt bin, die Masten des Schiffes sind so fest, als Einsicht und Sorgfalt sie nur machen konnten.«

Der erste Leutnant dankte dem Kapitän für seine gute Meinung, und hoffte, es werde nicht das letzte Kompliment sein.

»Ich hoffe auch nicht, aber in ein paar Minuten wird es entschieden sein.«

Das Schiff war nun nur noch zwei Kabellängen von der Felsenspitze entfernt. Ich bemerkte einige Matrosen, welche ihre Hände zusammenschlugen, aber die meisten legten stillschweigend ihre Jacken ab und zogen ihre Schuhe aus, um keine Gelegenheit zur Rettung zu verlieren, im Falle das Schiff stranden sollte.

»Es wird scheitern und untergehen, Falkon,« bemerkte der Kapitän (ich hatte mich nämlich in der letzten halben Stunde, seitdem das große Segel aufgezogen war, nahe bei ihnen, an die Hebehölzer angeklammert). »Kommen Sie, Sie und ich müssen das Steuer führen – wir werden dort unsere Kraft brauchen, und für jetzt nur dort.«

Der Kapitän und der erste Leutnant gingen nach hinten, nahmen die Vorderspeichen des Rades, und O'Brien faßte auf ein vom Kapitän gegebenes Zeichen die Hinterspeichen. Ein alter Quartiermeister nahm als der vierte seinen Posten ein. Das Brausen der Wellen an den Felsen, verbunden mit dem Heulen des Windes, war furchtbar, allein der Anblick war noch schrecklicher als das Getöse. Einige Minuten schloß ich meine Augen, doch die Angst zwang mich, sie wieder zu öffnen. So viel ich beurteilen konnte, waren wir noch zwanzig Ellen von den Felsen entfernt, als das Schiff nahe an ihnen vorbeifuhr. Wir befanden uns mitten im Schaume, welcher uns rings bespritzte, und als das Schiff dem Riffe näher getrieben wurde, und durch den Andrang einer Woge sich umlegte, kam es mir vor, unsere große Nocke müsse den Felsen berührt haben. In diesem Momente erhob sich ein Windstoß, welcher das Schiff auf die Seite legte, und seinen Lauf durchs Wasser hemmte, während das erhöhte Getöse betäubend war. Das Schiff trieb einige Minuten weiter dahin; da fiel eine andere Woge über dasselbe her, und brach sich an den Felsen, während der Schaum von ihnen zurückspritzte und auf das Verdeck herabfiel. Der vorderste Felsen war etwa zehn Ellen von seinem Buge entfernt, als ein anderer Windstoß uns auf die Seite warf; das Vordersegel und das große Segel zerrissen und wurden aus ihren Leiken geworfen, das Schiff richtete sich vorne und hinten zitternd wieder auf. Ich blickte nach hinten – die Felsen lagen windwärts an unserem Hinterdecke, und wir waren in Sicherheit. Ich dachte damals, das von seiner Anstrengung befreite und wieder auf den Wogen dahin hüpfende Schiff wäre kein übles Gleichnis von der Erleichterung, welche wir alle in diesem Augenblicke empfanden, denn wie jenes zitterten wir mit klopfendem Herzen, infolge der plötzlichen Rückwirkung, und fühlten das Weichen der beklemmenden Ängstlichkeit, welche auf unserer Brust lastete.

Der Kapitän verließ das Steuer und ging nach hinten, um die Spitze zu betrachten, welche nun deutlich an der Wetterseite lag. Nach ein paar Minuten befahl er Herrn Falkon, neue Segel ansetzen und aufbinden zu lassen, und dann gingen wir in seine Kajütte hinab. Ich bin überzeugt, er dankte Gott für unsere Befreiung; ich that es auch mit inbrünstigem Gebete, nicht nur damals, sondern auch, als ich nachts in meine Hängematte stieg. Wir waren nun vergleichungsweise sicher; in einigen Minuten vollkommen, denn sonderbar – sogleich, nachdem wir die Felsen umsegelt hatten, ließ der Sturm nach, und ehe der Morgen anbrach, hatten wir schon ein Reff aus den Topsegeln. Ich war auf meiner Nachmittagswache, und da ich Herrn Chucks auf dem Vorderkastell wußte, so begab ich mich zu ihm und fragte ihn, was er davon denke.

»Was ich davon denke, Sir,« versetzte er, »wie ich immer übles davon denke, wenn die Elemente mein Pfeifen nicht hören lassen, und ich halte das nicht gerade für günstige Wetterchancen. Ich kümmere mich wenig darum, wenn es gilt, sich in eigener Person anzustrengen, aber wie ist es einer Schiffsmannschaft möglich, ihre Schuldigkeit zu thun, wenn sie die Bootsmannspfeife nicht hören kann? Doch, Gott sei gedankt, und möge er uns alle zu besseren Christen machen! Aber der Zimmermann ist verrückt; gerade bevor wir die Spitze umsegelten, sagte er mir, es seien nun just siebenundzwanzigtausend sechshundert und etliche Jahre seither. Ich glaube, er wird auf seinem Totenbette (und gestern war ihm ein sehr hartes nicht gerade ferne) uns erzählen, wie er vor so vielen tausend Jahren an der nämlichen Krankheit starb. Und unser Feuerwerker ist auch ein Narr. Können Sie es glauben, Herr Simpel, er ging weinend auf dem Verdecke herum: ›O meine Kanonen, was wird aus ihnen werden, wenn sie losbrechen.‹ Es schien ihm von gar keiner Bedeutung, ob das Schiff mit seiner Mannschaft zu Grunde ging, wenn nur seine Kanonen glücklich an den Strand gebracht würden. ›Herr Dispart,‹ sagte ich endlich, ›erlauben Sie mir, auf die zarteste Weise von der Welt zu bemerken, daß Sie ein verdammt alter Narr sind.‹ Sie sehen, Herr Simpel, es ist die Pflicht eines Offiziers, das Allgemeine im Auge zu behalten, und dem Einzelnen nur insofern Aufmerksamkeit zu schenken, als es die Sicherheit des Ganzen erfordert. Ich schaue nach meinen Ankern und Tauen, so wie nach dem Takelwerk, nicht als ob ich sie besonders lieb hätte, sondern weil die Sicherheit eines Schiffes von ihrem guten Zustand abhängt. Ich hätte gerade so gut weinen können, weil wir gestern Morgen einen Anker und ein Tau opferten, um das Schiff vom Stranden zu retten.«

»Sehr wahr, Herr Chucks,« erwiderte ich.

»Privatgefühle,« fuhr er fort, »müssen immer dem öffentlichen Dienste aufgeopfert werden. Wie Sie wissen, das untere Verdeck war voll Wasser, und in unseren Kajütten schwammen die Koffer umher, doch damals dachte ich nicht an meine Hemden; aber nun sehen Sie dieselben an, wie sie in der vorderen Takelung aufgehängt sind, ohne ein bischen Stärke in den Krägen oder Krausen. Ich werde die ganze Fahrt durch nicht imstande sein, zu erscheinen wie es einem Offizier geziemt.«

Während er so sprach, ging der Küfer an ihm vorbei und stieß ihn an.

»Bitte um Verzeihung, Sir,« sagte der Mann, »das Schiff hat sich geneigt.«

»Hat sich geneigt, wirklich?« versetzte der Bootsmann, welcher, wie ich vermute, wegen seiner Garderobe nicht in der besten Laune war. »Verzeiht, Herr Küfer, wozu hat der Himmel Euch zwei Beine beschert nebst Gelenken an den Knieen, als um es Euch möglich zu machen, der horizontalen Abweichung zu begegnen. Glaubt Ihr, sie seien zu nichts bestimmt, als ein Faß fortzurollen? Hört, Sir, hieltet Ihr mich für einen Pfosten, um daran Eure Sauhaut zu reiben? Erlaubt mir, Euch gerade zu bemerken, Herr Küfer, nur so anzudeuten, daß, wenn Ihr an einem Offizier vorbeigeht, es Eure Pflicht ist, Euch in ehrfurchtsvoller Entfernung zu halten, und nicht seine Kleider mit Eurer eisenrostigen Jacke zu besudeln. Versteht Ihr mich, Sir, oder soll Euch dies in Zukunft ins Gedächtnis rufen?«

Der Rohrstock erhob sich und fiel mit einem Hagel von Schlägen herab, bis der Küfer durch die Vorderluke entwischte.

»Da nimm dies, Du schmutziger Faßklopfer, Du bohrerführender Ausbund von einer Mistpfütze! Ich bitte um Verzeihung, Herr Simpel, daß ich die Unterhaltung unterbrach, allein wenn die Pflicht ruft, müssen wir gehorchen.«

»Allerdings, Herr Chucks, man läutet soeben Glock sieben, und ich muß es dem Schiffsmeister melden. Also guten Tag.«



Sechzehntes Kapitel

Neuigkeiten von Hause. – Eine ermüdende Partie zu Gibraltar. – Nähere Einzelheiten aus der Lehre des Herrn Chucks. – Ein Strauß mit dem Feinde. – Ein Kriegsgericht und ein dauernder Eindruck.

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Einige Tage darauf holte uns von Plymouth ein Kutter ein, mit dem Befehl für die Fregatte, nach Gibraltar zu steuern, wo wir unseren Bestimmungsort erfahren sollten. Wir waren alle sehr darüber erfreut; denn wir hatten in der Bai von Biscaya lange genug gekreuzt, und da wir vermuteten, wir würden im mittelländischen Meere stationiert werden, so hofften wir Sturmwind und strenges Wetter mit günstigem Wind und heiterem Himmel zu vertauschen. Der Kutter brachte uns Briefe und Zeitungen. Ich fühlte mich nie so glücklich, als da mir ein Brief in die Hand gelegt wurde. Man muß notwendig fern vom Hause und von Freunden sein, um das wirkliche Entzücken zu empfinden, einen Brief zu erhalten. Ich weinte vor Freude, bevor ich ihn öffnete, aber noch viel mehr aus Schmerz, nachdem ich seinen Inhalt gelesen, denn mein ältester Bruder Tom war an einem Nervenfieber gestorben. Armer Tom! wenn ich mich erinnerte, was für Streiche er mir zu spielen pflegte, wie er von mir Geld borgte und nie wieder zurückgab, und wie er mich zerdrasch, um mich gehorsam zu machen, weil er mein älterer Bruder war – da vergoß ich einen Strom von Thränen über seinen Verlust; dann fiel mir ein, wie traurig meine arme Mutter sein müsse, und ich weinte noch mehr.

»Was giebt's, Tölpel«, sagte O'Brien, indem er auf mich zukam. »Wer hat Dich wieder geschmiert?«

»O, niemand«, versetzte ich, »aber mein ältester Bruder ist dahin, und einen zweiten solchen habe ich nicht.«

»Peter, ich muß sagen. Dein Bruder war ein sehr guter Bruder, allein ich will Dir ein Geheimnis anvertrauen. Wenn Du lang genug gelebt hast, um einen Bart zum Scheren zu haben, wirst Du etwas Besseres zu thun wissen, als aus einem älteren Bruder ein Wesen zu machen. Aber Du bist eben jetzt ein guter unschuldiger Junge, deshalb will ich dich dafür nicht prügeln. Komm, trockne Deine Augen, Peter, und laß es gut sein, wir wollen nach dem Abendessen auf seine Gesundheit und langes Leben trinken, und dann nicht mehr daran denken.«

Ich war einige Tage sehr trübsinnig, allein es war so ergötzlich, an den portugiesischen und spanischen Küsten hinzufahren, das Wetter war so warm, die See so ruhig, daß ich besorge, ich vergaß meines Bruders Tod früher, als ich hätte thun sollen; mein Geist war heiter und die Neuheit der Scene hinderte mich am Nachgrübeln. Zudem war alles so lustig und vergnügt, daß ich nicht wohl anders sein konnte. In vierzehn Tagen gingen wir in der Bai von Gibraltar vor Anker, wo das Schiff abgetakelt wurde, um wieder ausgebessert zu werden. Es gab hier so viel zu thun, daß ich nicht ans Land gehen mochte. Wirklich hatte Leutnant Falkon es einigen meiner Kameraden abgeschlagen, und ich hielt es für besser, gar nicht anzufragen, obgleich ich sehr begierig war, einen so außerordentlichen Platz zu sehen. An einem Nachmittag, als die Leute gerade am Essen waren, schaute ich über den Gang hin, da kam Herr Falkon auf mich zu und sagte:

»Nun, Herr Simpel, was denken Sie?«

Ich versetzte, indem ich an meinen Hut langte, daß ich mich wundere, wie man in diese festen Felsen Galerieen habe hauen können, dieselben müßten sehr merkwürdig sein.

»Das heißt so viel, als Sie möchten sie gerne sehen. Nun, da Sie Ihren Dienst gut besorgt und nicht um Erlaubnis gebeten haben, ans Land gehen zu dürfen, so will ich Ihnen von morgen früh bis zur Abendkanone Urlaub geben.«

Ich war sehr erfreut darüber. Da die Offiziere im allgemeinen eine Einladung erhalten hatten, mit den Landoffizieren zu speisen, und jeder, der Urlaub erhalten konnte, aufgefordert war, mitzugehen, so war ich imstande, an der Partie teilzunehmen. Der erste Leutnant entschuldigte sich damit, daß er zu viel an Bord zu besorgen habe, aber die meisten Artillerieoffiziere und einige Schiffskadetten erhielten Urlaub. Wir gingen bis Essenszeit um die Stadt und die Festungswerke herum, und verfügten uns sodann nach der Kaserne. Die Mahlzeit war sehr gut, und wir waren alle recht vergnügt; aber als der Nachtisch hereingebracht wurde, schlüpfte ich mit einem jungen Fähnrich hinweg, welcher mich in den Galerien herumführte und mir alles erklärte. Das hieß gewiß meine Zeit besser anwenden, als die andern, wie der Leser zugeben wird. Ich war vor der Abendkanone an dem Ausfallthor. – Das Boot war da, aber kein Offizier erschien. Die Kanone wurde abgefeuert, die Zugbrücke aufgezogen, und ich besorgte, einen Verweis zu bekommen, aber das Schiff hatte keinen Befehl, abzustoßen, da es auf Offiziere wartete. Ungefähr eine Stunde darauf, als es ganz dunkel war, fällte die Schildwache das Gewehr und rief eine Person, die auf sie zukam, mit »Werda« an. –

»Ein betrunkener Seeoffizier auf einem Schubkarren!« war die mit lauter, singender Stimme erteilte Antwort.

Hierauf schulterte die Schildwache das Gewehr und sang dagegen:

»Passiert betrunkener Seeoffizier auf einem Schubkarren, alles gut.«

Sodann erschien ein Soldat in seinem Arbeitsanzug, welcher den dritten Leutnant auf einem Schubkarren herabführte, auch dieser war so betrunken, daß er weder stehen noch sprechen konnte. Den rief die Schildwache wieder an und es erfolgte dieselbe Antwort.

»Ein anderer betrunkener Seeoffizier auf einem Schubkarren – alles gut.«

Dies war mein Freund O'Brien, mit dem es fast eben so schlimm stand, wie mit dem dritten Leutnant. So ging es zehn Minuten lang mit Anrufen und Passieren fort, bis man den Rest der Partie herunterbrachte, mit Ausnahme des zweiten Leutnants, welcher Arm in Arm mit dem Offizier ging, der den Befehl brachte, die Zugbrücke herabzulassen. Ich war sehr ungehalten darüber, denn es kam mir ganz unanständig vor; allein man sagte mir nachher – und das konnte einigermaßen als Entschuldigung dienen – dieser Offizierschmaus sei dafür bekannt, daß er keinem von den Gästen gestatte, die Tafel nüchtern zu verlassen. Sie wurden alle sorgfältig in das Boot gelegt, und ich freue mich sagen zu können, der erste Leutnant war im Bett und sah sie nicht; allein ich konnte nicht umhin, die Wahrheit einer Bemerkung anzuerkennen, welche von einem der Matrosen gemacht wurde, als die Offiziere ins Boot gehoben wurden:

»Ich sage Dir, Bill, wenn sie wir wären, was für eine köstliche Tracht würden wir morgen um sechs Uhr bekommen!«

Das Schiff blieb ungefähr drei Wochen in der Bai von Gibraltar, während welcher Zeit unser Takelwerk vorne und hinten wieder hergestellt, der Raum kalfatert und die Außenseite bemalt wurde. Es sah nie so schön aus, als damals, da wir unserem Befehl zufolge die Anker lichteten, um zum Admiral zu stoßen. Wir passierten die Europaspitze mit günstigem Winde, und bei Sonnenuntergang waren wir sechzig Meilen von dem Felsen entfernt, der gleich einer blauen Wolke in seinen Umrissen noch vollkommen gut unterschieden werden konnte. Ich erwähne diesen Umstand, da mein Leser vielleicht nicht glauben könnte, daß es möglich sei, in solcher Entfernung Land zu sehen. Wir steuerten nach dem Kap von Gatta und befanden uns den andern Morgen nahe dem Strande. Ich war sehr ergötzt durch den Anblick der spanischen Küste: Berg erhob sich an Berg, Hügel an Hügel bis zum Gipfel mit Weinreben bedeckt. Wir hätten an einigen Plätzen ans Land gehen können, denn wir standen damals auf freundlichem Fuße mit den Spaniern, aber der Kapitän hatte zu große Eile, den Admiral einzuholen. Wir hatten sehr schwachen Wind und ein paar Tage nachher vor Valencia beinahe Windstille. Ich stand eben auf dem Gang und schaute durch ein Fernrohr nach den Häusern und Gärten, welche rings die Stadt umgeben, als Herr Chucks, der Bootsmann, auf mich zukam.

»Herr Simpel, erlauben Sie mir einen Augenblick das Glas, ich wünschte zu sehen, ob noch ein Gebäude hier steht, an welches ich mich zu erinnern einigen Grund habe.«

»Wie, waren Sie schon einmal hier am Lande?«

»Ja, allerdings, Herr Simpel, und ich wäre fast gestrandet, aber ich kam ohne großen Schaden davon.«

»Wie meinen Sie das, sind Sie denn gescheitert?«

»Nicht mein Schiff, Herr Simpel, aber mein Seelenfrieden für einige Zeit; doch es ist schon viele Jahre her, seitdem ich zuerst Bootsmann auf einer Korvette wurde (während dieser Unterhaltung schaute er durch das Fernrohr); ja, da ist es«, sagte er, »ich habe es im Feld. Schauen Sie, Herr Simpel, sehen Sie eine kleine Kirche mit einem Turme von glasierten Ziegeln, der gleich einer Nadel glänzt?«

»Ja freilich.«

»Nun gerade oberhalb, ein wenig rechts, steht ein langes, weißes Haus mit vier schmalen Fenstern, unten ein Wald von Orangenbäumen.«

»Ich sehe es«, erwiderte ich, »aber was hat es mit diesem Hause für eine Bewandtnis, Herr Chucks?«

»Nun, es knüpft sich eine Geschichte daran«, versetzte er mit einem Seufzer, welcher seine Hemdkrause hob und dann wenigstens sechs Zoll wieder herabsinken ließ.

»Nun, was ist das für ein Geheimnis, Herr Chucks?«

»Ich will es Ihnen sagen, Herr Simpel. In Eine, welche in diesem Hause lebte, war ich zum ersten- und letztenmale verliebt.«

»Wirklich? ich bin sehr begierig, die Geschichte zu hören.«

»Das sollen Sie, Herr Simpel; allein ich muß bitten, daß Sie nichts davon erwähnen, da junge Gentlemen so gerne necken. Es ist nun sechzehn Jahre her – wir standen damals gut mit den Spaniern, wie jetzt; ich war etwas mehr als dreißig Jahre alt, und hatte soeben meine Anstellung als Bootsmann erhalten. Ich galt damals für einen hübschen jungen Mann, obwohl ich in der letzten Zeit bis auf einen gewissen Grad über dies hinweg bin.«

»Sie sehen wirklich noch merkwürdig gut aus, Herr Chucks.«

»Dank Ihnen, Herr Simpel, allein nichts wird durch das Alter besser, so viel ich weiß, als Rum. Ich pflegte mich sehr zierlich zu kleiden und am Lande den Bootsmann zu spielen. Vielleicht hatte ich auch noch nicht so viel von dem feinen Wesen verloren, das ich in guter Gesellschaft aufgefangen hatte. Eines Abends ging ich an dem Platze spazieren, da sah ich ein weibliches Wesen gerade vor mir, welches mir als das niedlichst gebaute Fahrzeug vorkam, das je meinen Augen begegnet war. Ich folgte ihrem Kielwasser und musterte sie; einen so feinen Lauf sah ich nie – überdies ihr ganzes Takelwerk so nett, alles so niedlich unter die Luken verpackt. Und dann segelte sie in einem solchen Stile und hüpfte im Augenblicke so leicht dahin, wie die Fregatte mit ihren Topsegeln auf den Kappen, daß es gar nicht fehlen konnte. Einmal, als sie scharf im Winde um eine Ecke bog – Kiel pfeilgerade, nicht leewärts – setzte ich alle Segel bei, um an ihre Seite zu kommen, und als ich unter ihrem Buge war, prüfte ich sie genau. Nie sah ich so feine Wölbung an den Seiten, und alles so nett, kein Tau über Bord hängend. Nun, Herr Simpel, ich sagte zu mir selbst: »Gott straf' mich, wenn ihr Kopfbild und ihr Auge von demselben Baumeister gemacht sind, so ist sie vollkommen.« So schoß ich ihr gerade entgegen, gierte ein wenig, warf einen Blick durch ihren Schleier, und sah zwei schwarze Augen, so strahlend wie Perlen, und so groß wie Damascenerpflaumen. Ich sah genug, und da ich sie nicht zu erschrecken wünschte, zog ich mich zurück. Kurz nachher änderte sie ihren Lauf und steuerte auf dieses weiße Haus zu. Gerade als sie in seiner Nähe war und ich ihre Wetterseite umspielte, kamen die Priester in Prozession vorbei, welche die heilige Hostie zu irgend einem Sterbenden trugen. Meine kleine Fregatte ließ ihre Topgallantsegel herab, wie andere Nationen pflegten und noch thun müssen, Gott straf' mich, wenn sie die Flagge von Alt-England passieren.«

»Was wollen Sie damit sagen?« fragte ich.

»Ich meine, sie breitete ihr weißes Taschentuch, welches, als sie ging, in ihrer Hand flatterte, aus und ließ sich mit einem Knie darauf nieder. Ich that dasselbe, weil ich beilegen mußte, um meinen Posten zu behaupten, und ihr zu gefallen glaubte, wenn sie mich sähe. Als sie aufstand, war ich auch auf meinen Beinen; aber in meiner Eile hatte ich keinen sehr reinlichen Platz gewählt und fand, als ich mich wieder erhob, daß meine weißen Hosen in einem schrecklichen Zustande waren. Das junge Frauenzimmer kehrte sich um, und da sie mein Unglück sah, lachte sie; dann ging sie in das weiße Haus, während ich wie ein Narr dastand und zuerst auf die Thür des Hauses, dann auf meine Hosen schaute. Doch dachte ich, dieser Umstand könne mir als Vorwand dienen, mit ihr bekannt zu werden; ich ging also auf die Thür zu und klopfte an. Ein alter Herr in einem weiten Mantel, ihr Vater, kam heraus; ich zeigte auf meine Hosen und bat ihn auf Spanisch um etwas Wasser, sie zu reinigen. Da kam die Tochter heraus und erzählte ihrem Vater, wie die Sache sich ereignet hatte. Der alte Herr erstaunte, daß ein englischer Offizier ein so guter Christ sei, und schien darüber erfreut. Er bat mich sehr höflich, einzutreten, und schickte eine alte Frau nach Wasser. Ich bemerkte, daß er ein Stückchen Papier rauchte, und da ich zum Glücke einige Dutzend echte Havannahs in meiner Tasche hatte (denn ich rauche nie etwas anderes, Herr Simpel, und kein Gentleman kann es nach meiner Ansicht), so zog ich sie heraus und bat ihn, sie anzunehmen. Seine Augen glänzten bei ihrem Anblicke, allein er weigerte sich, mehr als eine anzunehmen; doch ich bestand darauf, daß er das ganze Bündel annehme, indem ich immer sagte, ich hätte noch Überfluß an Bord. Nur eine behielt ich für mich, um sie mit ihm zu rauchen. Er bat mich, Platz zu nehmen, und die alte Frau brachte etwas sauren Wein, welchen ich für sehr gut erklärte, obschon er mich nachher ganz krank machte. Er fragte mich, ob ich ein guter Christ sei, was ich bejahte. Ich wußte, daß er einen Katholiken darunter verstand, denn uns heißen sie Ketzer, Herr Simpel. Die Tochter kam sodann ohne Schleier herein und sie war die Vollkommenheit selbst. Allein ich schaute sie nicht an und schenkte ihr nach der ersten Begrüßung keine weitere Aufmerksamkeit. Ich fürchtete nämlich, den alten Herrn argwöhnisch zu machen. Er fragte mich weiter, was ich sei, was für ein Offizier, ob ein Kapitän, was ich verneinte, oder ein Tenente, so viel als Leutnant; dies beantwortete ich wieder mit Nein, aber mit einer verächtlichen Miene, als ob ich etwas Besseres wäre. Was ich denn sei? Ich wußte den Ausdruck für Bootsmann auf Spanisch nicht, und, die Wahrheit zu sagen, ich schämte mich meines Standes. Ich wußte, daß man in Spanien einen Beamten Corregidor nenne, was im Englischen Korrektor bedeutet oder Einen, welcher straft. Nun ist, Herr Simpel, ein Corregidor in Spanien eine Person von Rang und Ansehen; sie glaubten daher, ich müsse dasselbe sein, und schienen darüber erfreut. Das junge Frauenzimmer fragte hierauf, ob ich von guter Familie sei, ob ein Gentleman oder nicht. Ich erwiderte, ich hoffe dies. Ich verweilte eine halbe Stunde bei ihnen, bis meine Cigarre zu Ende war; dann stand ich auf, dankte dem alten Herrn für seine Gefälligkeit, bat ihn, er möchte erlauben, ihm noch mehr Cigarren bringen zu dürfen, und verabschiedete mich. Die Tochter öffnete die Hausthür und ich konnte mich nicht enthalten, ihre Hand zu nehmen und zu küssen.«

»Wo ist Herr Chucks? ruft den Bootsmann nach vorne!« schrie der Leutnant.

»Hier bin ich, Sir,« versetzte Herr Chucks, eilte fort und ließ mich mit seiner Geschichte allein.

»Der Kapitän von dem Haupttop meldet, das Bramstengenstag habe durch den Gebrauch sehr gelitten; gehen Sie hinauf und untersuchen Sie es,« sagte der erste Leutnant.

»Ja, Sir,« versetzte der Bootsmann, welcher sogleich das Takelwerk hinaufstieg.

»Und Herr Simpel, sorgen Sie, daß die Matrosen die Flecken auf dem Hinterdeck abschaben.«

»Ja, Sir,« erwiderte ich, und so wurde unsere Unterhaltung abgebrochen.

Das Wetter änderte sich diese Nacht, und wir hatten sechs oder sieben Tage nach einander Regen und widrigen Wind, während welcher Zeit ich keine Gelegenheit fand, den Rest von des Bootsmanns Erzählung zu hören. Wir holten die Flotte auf der Höhe von Toulon ein, näherten uns dem Admiralschiff, und der Kapitän ging an Bord, seine Reverenz zu machen. Als er zurückkehrte, erfuhren wir durch den ersten Leutnant, daß wir bis zur Ankunft einer anderen Fregatte, welche in ungefähr vierzehn Tagen erwartet wurde, bei der Flotte bleiben sollten, dann habe der Admiral uns eine Kreuzfahrt versprochen. Den zweiten Tag nach unserer Ankunft erhielten wir Befehl, einen Teil von dem Küstengeschwader zu bilden, welches aus zwei Linienschiffen und vier Fregatten bestand. Die französische Flotte pflegte auszulaufen und innerhalb Schußweite ihrer Batterien zu manövrieren; aber wenn sie sich weiter von der Küste entfernte, so sah sie sich wohl vor, daß sie günstigen Wind hatte, um rasch in den Hafen zurückzukehren. Wir hatten uns ungefähr eine Woche an der Küste aufgehalten, liefen jeden Tag nahe am Hafen hin und zählten die französischen Schiffe darin, um zu sehen, ob sie noch ganz wohlbehalten wären, und meldeten es durch ein Signal dem Admiral, als wir an einem schönen Morgen bemerkten, daß alle französischen Schiffe ihre Topsegel aufzogen und in weniger als einer Stunde aus dem Hafen ausliefen. Wir waren stets Tag und Nacht schlagfertig, und wechselten oft ein paar Schüsse mit den Batterien, wenn wir rekognoszierten; das Küstengeschwader konnte es natürlich mit der ganzen französischen Flotte nicht aufnehmen, und unsere eigene war ungefähr zwölf Meilen in der offenen See; allein der Kapitän des Linienschiffes, welcher uns kommandierte, legte gleichsam zum Hohne bei, in der Hoffnung, sie weiter herauszulocken. Dies war nicht leicht zu bewerkstelligen, da die Franzosen wohl einsahen, daß das Umspringen des Windes es ihnen unmöglich machen könnte, ein Treffen abzuschlagen, welches sie zu vermeiden und wir so sehnlich herbeizuführen wünschten. Ich sage wir, meine aber die Engländer, nicht mich selbst; denn die Wahrheit zu sagen, ich sehnte mich nicht so sehr danach. Ich hatte nicht gerade Angst, empfand aber bei dem Geräusch der Kanonenkugeln ein unangenehmes Gefühl, das ich bis jetzt noch nicht hatte überwinden können. Vier von den französischen Fregatten segelten auf uns zu und legten bei, während drei oder vier Linienschiffe, gleichsam zu ihrem Schutze, in einer Entfernung von vier Meilen ihnen folgten. Unser Kapitän gab das Signal, ob man sich dem Feinde nähern dürfe; dies wurde unseren Wimpeln und denen einer anderen Fregatte gestattet. Wir setzten sogleich alle Segel bei, sammelten die Mannschaft auf den Verdecken, löschten die Feuer aus und öffneten die Magazine. Da die französischen Linienschiffe bemerkten, daß nur zwei von unseren Fregatten gegen ihre vier geschickt wurden, legten sie ungefähr in derselben Entfernung ihre Fregatten bei, welche unsere Linienschiffe und andere Fregatten einhielten. Mittlerweile fuhr unsere Hauptflotte, unter Beisetzung aller Segel, fort, sich der Küste zu nähern, auch die französische kam nach und nach ihren entsandten Schiffen nahe. Das ganze Schauspiel erinnerte mich an die Turniere, von denen ich schon gelesen hatte; es war eine Ausforderung in die Schranken, nur daß der Feind zwei gegen einen war – von ihrer Seite ein schönes Anerkenntnis unserer Überlegenheit. In ungefähr einer Stunde kamen wir so nahe, daß die französischen Fregatten die Segel beisetzten und das Feuer begannen. Wir sparten das unsrige bis auf die Entfernung von einer Viertelmeile, als wir auf einmal unsere volle Ladung der vordersten Fregatte gaben, mit welcher wir einen entgegengesetzten Gang wechselten. Das »Seepferd«, welches folgte, gab auch seine volle Ladung. So wechselten wir mit allen volle Lagen, und hatten den Vorteil dabei; denn sie konnten nicht so schnell als wir laden. Wir beide waren wieder für die Fregatten bereit, als sie an uns vorbeisegelten, allein sie waren mit ihrer vollen Lage für das »Seepferd« noch nicht fertig, welches uns ganz nahe folgte, so daß sie jede zwei volle Lagen erhielten, und wir in der »Diomede« nur vier hatten, das »Seepferd« aber gar keine. Unser Takelwerk war größtenteils zerschossen, auch hatten wir sechs oder sieben Mann Verwundete, aber keinen Toten. Die französischen Fregatten litten mehr, und da ihr Admiral gewahrte, daß sie tüchtig zerschossen waren, gab er das Zeichen zum Rückzug. Unterdessen hatten wir beide umgelegt und näherten uns der hintersten Fregatte von der Wetterseite; die Linienschiffe, welche dies bemerkten, segelten mit zwei Strich freiem Winde zum Schutze ihrer Fregatten herbei, während unser Küstengeschwader, welches in der Nähe lag, alle Segel beisetzte, um uns zu helfen. Allein der Wind war, was man zur See einen sogenannten Soldatenwind heißt, er blies nämlich so, daß die Schiffe sowohl in den Hafen ein- als auslaufen konnten, und die französischen Fregatten segelten, ihrem Befehle gehorsam, auf ihre Küstenflotte, die zu ihrem Schutze herbeikommenden Linienschiffe, zu. Doch unser Kapitän wollte das Gefecht nicht aufgeben, obschon wir mit jeder Minute den französischen Linienschiffen näher kamen. – Wir liefen mit den Fregatten ein und wechselten Lagen mit ihnen, so schnell wir konnten. Eine derselben verlor ihren Vortopmast und fiel zurück; wir hofften sie abzuschneiden, allein die übrigen kürzten zu ihrem Vorteil die Segel. Dies dauerte etwa zwanzig Minuten, als die französischen Linienschiffe nur noch eine Meile von uns entfernt waren und unser eigener Kommandeur das Signal zu unserm Rückzug ab, denn er dachte, wir würden überwältigt und genommen werden. Allein das »Seepferd« welches das Signal zum Rückzuge aufgezogen sah, wiederholte es nicht; auch unser Kapitän war entschlossen, es nicht zu bemerken, und befahl dem Signalisten, nicht dahin zu schauen. Das Treffen dauerte fort; zwei französische Fregatten wurden in Stücke zerschossen und vollständige Wracks, als die französischen Linienschiffe das Feuer begannen. Es war nun hohe Zeit, sich davon zu machen. Jedes Schiff von uns gab noch eine volle Lage, dann wandten wir uns nach unserem eigenen Geschwader um, welches ungefähr vier Meilen ziemlich leewärts zu unserem Schutze bereit lag. Als wir umlegten, fiel unser Haupttopmast, der übel zugerichtet war, über Bord; sobald die Franzosen dies bemerkten, setzten sie alle Segel bei, in der Hoffnung uns zu nehmen; allein das »Seepferd« blieb bei uns, wir steuerten in den Wind, und bestrichen sie, bis sie nur zwei Kabellängen von uns entfernt waren. Hierauf segelten wir unseren eigenen Schiffen zu. Zuletzt kam eines der Linienschiffe, welches so gut wie die Fregatten segelte, in unsere Nähe und gab uns eine solche Lage, daß alles bei uns in Unordnung geriet, und ich glaubte, wir müßten genommen werden; allein obschon wir einige Leute verloren, sagte doch der Kapitän zum ersten Leutnant:

»Wenn sie jetzt nur noch ein bischen warten, sind sie erwischt, so wahr ich lebe!«

Gerade in diesem Augenblicke eröffneten unsere Linienschiffe ihr Feuer, und dann wandte sich das Blatt. Die Franzosen legten um und segelten, so schnell sie konnten, davon, von unserem Küstengeschwader verfolgt, mit Ausnahme unseres Schiffes, das zu sehr gelitten hatte, um die Jagd mitzumachen. Eine ihrer Fregatten hatte die andere, welche ihren Topmast verloren hatte, ins Schlepptau genommen; mit dieser kam unser Geschwader sehr schnell zusammen. Die englische Flotte war auch auf drei Meilen herbeigesegelt, während die französische zum Beistande der anderen Schiffe, welche in den Kampf verwickelt gewesen waren, in der Nähe lag. Ich und jedermann mit mir dachte, es würde eine allgemeine Schlacht geben, allein wir täuschten uns. Als die Fregatte, welche die andere schleppte, das Entrinnen unmöglich sah, band sie dieselbe los, und überließ sie ihrem Schicksale, d. h. sie mußte ihre Flagge vor dem Kommandeur des Küstengeschwaders streichen. Die Jagd wurde fortgesetzt, bis alle französischen Schiffe dicht unter ihren Batterien lagen. Hierauf kehrte unsere Flotte mit der Prise, welche sich als der »Narziß« mit sechsunddreißig Kanonen, Kapitän Pelleton auswies, nach ihrer Station zurück. Unser Kapitän hatte sich durch sein wackeres Benehmen viel Zutrauen erworben. Wir hatten drei Mann tot und der Seekadett Robinson nebst zehn Mann waren verwundet, darunter einige bedeutend. Ich glaube, dieses Treffen heilte mich vom Kanonenfieber; denn in den wenigen Tagen, welche wir noch bei der Flotte blieben, kamen wir beim Rekognoszieren oft ins Feuer, allein ich kümmerte mich nichts darum. Die Fregatte traf zur erwarteten Zeit ein, und wir erhielten Erlaubnis, uns vom Convoy zu trennen. Bevor ich in der Erzählung unseres Kreuzens fortfahre, muß ich noch einige Umstände bezüglich eines Kriegsgerichtes erwähnen, welches, so lange wir bei der Flotte waren, stattfand. Da unser Kapitän von dem Küstengeschwader zurückberufen war, um als Mitglied darin zu sitzen, wurde ich dem Boot des Kapitäns als Seekadett zugewiesen, und blieb an Bord des Admiralschiffes, so lang das Gericht seine Sitzungen hielt. Zwei Matrosen, einem Engländer und einem Franzosen, wurde wegen Desertion von einer unserer Fregatten der Prozeß gemacht. Sie hatten ihr Schiff ungefähr drei Monate verlassen, als die Fregatte einen französischen Kaper aufbrachte und sie unter seiner Mannschaft an Bord fand; für den Engländer gab es natürlich keine Verteidigung; er verdiente die Todesstrafe, zu welcher er augenblicklich verurteilt wurde. Desertion mag einigermaßen Entschuldigung finden, wenn wir bedenken, daß die Matrosen mit Gewalt zum Dienste genommen werden, aber gegen sein Vaterland fechten, läßt keine zu; der Fall des Franzosen war verschieden. Er war in Frankreich geboren und erzogen, und hatte auf einem französischen Kanonenboote zu Kadix gedient, wo er von den Spaniern zum Gefangenen gemacht wurde. Da er nun täglich erwarten mußte, daß man ihm den Hals abschnitte, hatte er an Bord der Fregatte zu entwischen gesucht, welche im Hafen lag, und bei uns Dienste genommen, wie ich wirklich glaube, bloß um sein Leben zu retten. Er befand sich beinahe zwei Jahre auf der Fregatte, ehe er Gelegenheit finden konnte, von ihr zu desertieren und nach Frankreich zurückzukehren, wo er auf dem französischen Kaper in Dienst trat. So lange er auf der Fregatte war, bewies er einen ausgezeichneten Charakter. Der Hauptklagepunkt gegen ihn war, daß er bei seiner Ankunft zu Gibraltar das ihm angebotene Handgeld angenommen hatte. Als man den Engländer fragte, was er zu seiner Verteidigung anzuführen habe, erwiderte er, er sei aus einem amerikanischen Schiffe gepreßt worden, auch selbst ein geborener Amerikaner und habe nie Handgeld genommen. Allein dies war falsch. Die Verteidigung des Franzosen wurde für eine Person seines Standes so gut erachtet, daß ich mir eine Abschrift davon verschaffte, welche so lautet:

»Herr Präsident und ihr Herren Offiziere des verehrlichen Gerichtshofes! Mit der größten Unterwürfigkeit wage ich es, mich an Sie zu wenden: ich werde sehr kurz sein, und will es nicht versuchen, die gegen mich erhobenen Anklagen zu widerlegen, sondern mich auf wenige Thatsachen beschränken, deren Erwägung, wie ich hoffe, ihre Gefühle zur Milderung der Strafe stimmen werden, zu welcher ich wegen meines Vergehens verurteilt bin – eines Vergehens, das aus keinem schlechten Beweggrunde, sondern aus glühender Liebe für mein Vaterland hervorging. Ich bin ein Franzose von Geburt, mein Leben dem Dienste Frankreichs geweiht, bis ich einige Monate nach der spanischen Revolution mit der Mannschaft, welche das französische Geschwader zu Kadix bildete, gefangen genommen wurde. Die Leiden und die grausame Behandlung, welche ich erduldete, wurden mir unerträglich. Ich bewerkstelligte meine Flucht, und nachdem ich zwei oder drei Tage in stündlicher Erwartung, ermordet zu werden, ein Schicksal, das so manche meiner unglücklichen Landsleute traf, in der Stadt umhergewandert war – als ich vor Hunger verzweifelte und kein anderes Mittel sah, aus der Stadt zu entrinnen, wurde ich in die Notwendigkeit versetzt, mich als Freiwilliger an Bord einer englischen Fregatte zu melden. Ich wagte es nicht, was ich hätte thun sollen, mich als Gefangenen anzugeben, aus Furcht, den Spaniern ausgeliefert zu werden. Was meine Aufführung betrifft, so lange ich an Bord Ihrer Fregatte diente, so verlasse ich mich mit Vertrauen auf den Kapitän und die Offiziere.

Mag auch die Liebe zu unserem Vaterlande eine Zeit lang schlafen, endlich wacht sie wieder auf, und bei mir trafen besondere Umstände zusammen, welche dieses Gefühl unwiderstehlich machten. Ich kehrte zu meiner Pflicht zurück, und deshalb soll es mir versagt sein, das mir so teure Land und meine bejahrten Eltern, welche mich in meiner Abwesenheit segneten, wieder zu sehen – meine Brüder und Schwestern wieder zu umarmen; soll ich mein Leben auf dem Schafotte endigen, nicht wegen des Verbrechens, welches ich dadurch beging, daß ich in englischen Dienst trat, sondern wegen einer Handlung der Pflicht und der Treue – weil ich zu den Meinigen zurückkehrte! Erlauben Sie mir zu bemerken, daß die Anklage gegen mich nicht darin besteht, daß ich bei Ihnen Dienste nahm, sondern daß ich sie verließ. Was das erste betrifft, so kann selbst mein Elend kaum als Entschuldigungsgrund vorgebracht werden; hinsichtlich des letzteren habe ich ein stolzes Bewußtsein, das mich in meiner letzten Not aufrecht halten soll. Meine Herren, ich bitte Sie ernstlich, meine Lage zu bedenken, und ich bin überzeugt, Ihre edelmütigen Herzen werden mich bemitleiden; lassen Sie die Liebe zu Ihrem Lande, welche Ihre Brust beseelt und Sie erregt, Gut und Leben dafür zu wagen, für mich sprechen. Schon hat britische Menschlichkeit tausende meiner Landsleute vor der Rache der Spanier gerettet, möge dieselbe Menschlichkeit sich nun auch auf mich ausdehnen und meine Richter bewegen, einen mehr der Reihe derjenigen beizufügen, welche, obschon unsere Nationen mit einander im Kriege liegen, dennoch, wenn sie Gefühl besitzen, nur eine Empfindung gegen ihre edelmütigen Feinde haben können – eine Empfindung, welche alle übrigen überwältigt, das Gefühl inniger Dankbarkeit.«

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