Читать книгу: «Seewölfe Paket 35»
Impressum
© 1976/2021 Pabel-Moewig Verlag KG,
Pabel ebook, Rastatt.
eISBN: 978-3-96688-109-8
Internet: www.vpm.de und E-Mail: info@vpm.de
Inhalt
Nr. 681
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 682
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 683
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 684
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 685
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 686
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 687
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 688
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 689
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 690
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 691
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 692
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 693
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Nr. 694
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Nr. 695
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 696
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Nr. 697
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Nr. 698
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Nr. 699
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Nr. 700
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8

1.
Eine Gruppe religiöser Eiferer hatte den Plan ausgeheckt. Ihr Anführer war Nasir ud-daula und ihre ausführenden Organe sollten Malindi Rama und Chandra Muzaffar sein. Die beiden waren Fanatiker, die bedenkenlos über Leichen gingen, um an ihr Ziel zu gelangen.
Sie hockten in einer schäbigen Hütte in der Nähe von Tuticorin an dem übelriechenden und moskitoverseuchten Nebenarm eines kleinen Flusses, der in den Golf von Mannar mündete.
An diesem Morgen war es unerträglich heiß und schwül. Über dem kleinen Fluß stand die Luft wie eine Mauer. Myriaden winziger Stechmücken schwebten über dem braunen Wasser.
Nasir ud-daula war ein graubärtiger Inder, der sich auf die Kunst des Tätowierens verstand. Vor ein paar Tagen hatte er Malindi Ramas Schädel kahlgeschoren und eine Karte darauf tätowiert, die die Tempelanlage von Kandy zeigte.
„Laß sehen“, sagte Nasir und beugte sich über Malindi. Er betrachtete die Karte und nickte zufrieden vor sich hin. Die winzigen Wunden waren verheilt, und auf der Tätowierung sprossen wieder dunkle Haare.
Schon in ein paar Tagen würde die Zeichnung nicht mehr zu sehen sein, die Haare bedeckten sie dann vollständig.
„Ja, das sieht gut aus“, sagte er. „Natürlich wirst du mit Chandra noch ein paar Tage hierbleiben müssen, aber wir haben Zeit, außerdem muß alles sorgfältig geplant sein. Es wird eine lange und sehr beschwerliche Reise, die mit allerlei Gefahren verbunden ist. Aber ihr seid ja zu zweit und werdet es schon schaffen.“
Die anderen Inder, die sich noch in der Hütte aufhielten, blickten auch noch einmal auf die Karte.
Sie war ein kompliziertes Werk und sehr sorgfältig und genau gearbeitet. Es gab nicht viele, die den genauen Ort des Tempels kannten. Nur wenige Eingeweihte wußten, wo er lag.
Die Fanatiker hatten es auf den größten Schatz der Singhalesen abgesehen, eine heilige Reliquie. Es war der Weisheitszahn Buddhas, das einmalige Heiligtum, das im Tempel des Zahns, dem Dalada Maligawa, aufbewahrt und von Priestern und anderen heiligen Männern scharf bewacht wurde.
Fiel diese Reliquie in die Hände der Fanatiker, dann bedeutete das Krieg und blutige Fehden, denn die Singhalesen würden diese Schmach nicht auf sich sitzen lassen.
Bei dem Gedanken an ein blutiges Gemetzel grinste der alte Inder jedoch nur. Sein ganzes Leben lang hatte er daran geplant und gearbeitet, um diesen Weisheitszahn sein eigen nennen zu können, und es hatte viele Jahre gedauert, bis er das Versteck kannte.
Aber er selbst war den Strapazen nicht mehr gewachsen, er war zu alt, um den langen und gefährlichen Marsch ins Landesinnere von Ceylon antreten zu können.
„Anhand dieser Karte werdet ihr euch zurechtfinden“, sagte er. „Niemand wird das Geheimnis erfahren, nur ihr kennt es und ein paar Eingeweihte. Ihr kennt jetzt auch den Weg, und wenn ihr ihn verfehlt, dann könnt ihr euch an der Karte orientieren. Solltest du, Chandra, durch ein unergründliches Geschick dein Leben verlieren, dann wird Malindi allein weitergehen. Du brauchst nur in die stillen Wasser eines Sees zu blicken, und schon hast du die Orientierung wieder, denn die Karte wird sich im Wasser spiegeln. Sie ist dann seitenverkehrt, aber das weißt du ja.“
Malindi nickte ergeben. „Es sei, wie du sagst, großer Subedar.“
Nasir ud-daula ließ die respektvolle Anrede widerspruchslos über sich ergehen und lächelte unergründlich. Er war schon seit undenklichen Zeiten kein großer Subedar mehr, seit ihn die Singhalesen von diesem Verwalterposten entfernt hatten. Aber die Anrede gefiel ihm, und seine Anhänger hatten sie beibehalten, denn sie hatten alle großen Respekt vor seinem Wissen.
„Du weißt auch, mein Sohn, was geschieht, wenn dich unterwegs das unergründliche Schicksal ereilt.“
Malindi wußte das, es war ihm oft genug erklärt worden, und es störte ihn nicht im geringsten.
„Dann wird mir Chandra die Kopfhaut abschneiden, sie in der Sonne trocknen lassen und sie auf eine kleine Trommel spannen, wenn sie dünn wie Papyrus geworden ist.“
„Du wirst davon nichts mehr spüren, mein Sohn. Denke immer daran, daß die Reliquie wichtiger ist als euer Leben, das ihr aber trotzdem nicht leichtfertig aufs Spiel setzen dürft. Einer von euch muß mit dem Weisheitszahn des Erleuchteten wieder zurückkehren.“
„Wir versprechen es, großer Subedar“, sagten die beiden feierlich.
„Wir bringen das Heiligtum zurück, es ist unser größter Schatz.“
„Noch ist es der größte Schatz der Singhalesen“, berichtigte der bärtige Mann nachsichtig lächelnd. „Ich habe viele Jahre damit verbracht, herauszufinden, wo man ihn verwahrt. Sie hüten das Geheimnis und geben es nicht preis, auch um ihr Leben nicht. Und noch etwas: Ihr werdet auf den heiligen Kandy-See stoßen, aber meidet seine Fluten. In ihnen lauern die gefräßigen Räuber, die die Priester dort ausgesetzt haben. Widersteht der Versuchung auf ein kühles Bad. Die Krokodile würden euch zerfleischen.“
Sie wußten alles, der große Subedar hatte es ihnen unzählige Male erklärt, aber er erinnerte sie immer wieder daran.
Nasir ud-daula vertraute ihnen seit Jahren, und nie wäre er auf die Idee verfallen, daß einer abtrünnig werden könnte.
Doch so war es, ohne daß er es ahnte. In Malindi Rama hatte sich der Gedanke festgesetzt, diese Reliquie für sich allein zu stehlen, ohne sie dem großen Subedar zu bringen. Wer den Weisheitszahn Buddhas besaß, der würde ins Nirwana eingehen und der glücklichste Mensch auf dieser Erde werden.
Der Gedanke daran war so überwältigend, daß Malindi von einem Schauer überrieselt wurde, der ihn zittern ließ und der durch alle Fasern seines Körpers drang.
Unbewußt schlugen seine Zähne wie im Fieber aufeinander. Es war wie ein wilder Rausch, der ihn erfaßte.
Dem großen Subedar entging die Veränderung nicht, aber er legte sie falsch aus und zweifelte nicht an der Ehrlichkeit Malindis.
„Was fehlt dir, mein Sohn?“ fragte er besorgt. „Dich wird doch nicht das tückische Fieber befallen haben?“
„Nein, großer Subedar“, antwortete Malindi keuchend. „Es ist der bloße Gedanke an dieses Heiligtum, der mich zittern läßt. Ich kann den Tag kaum erwarten. Es wird viel Aufregung geben.“
„Ja, es wird sehr viel Ärger und Aufregung geben, Malindi. Viel mehr als du ahnst. Die Insel wird in Aufruhr geraten, und der Aufruhr wird auch das Festland erschüttern. Man wird in Anuradhapuraya den heiligen Bo-Baum befragen, unter dem Buddha seine Erleuchtung fand, und die heiligen Männer werden ausschwärmen, um den Frevel zu sühnen. Wahrscheinlich wird es ein furchtbares Blutbad geben, Aufstände, Krieg und Leid. Aber das alles ist nichts, um in den Besitz dieser einmaligen Kostbarkeit zu gelangen. Und ihr beide seid dazu ausersehen, ganz Indien zu erschüttern.“
„Dieser Gedanke läßt auch mich wohlig erzittern, großer Subedar“, sagte Chandra Muzaffar.
Er war ein mittelgroßer Mann mit schwarzen, enganliegenden Haaren und wilden, fanatischen Augen, die wie Kohlestückchen glühen konnten.
Malindi war dagegen fast unglaublich dürr. Er hatte vorher lange, schwarze und fettige Haare gehabt. Jetzt ähnelte er einem ausgemergelten, fanatischen Wanderasket, dessen Blicke wie Dolche brannten. Er war etwa zehn Jahre älter als Chandra Muzaffar, aber hinterhältig und tückisch.
„Wir haben die letzten Einzelheiten noch nicht festgelegt, großer Subedar“, sagte Malindi nach einer Weile, in der sie schwiegen und nur das Summen der Mücken zu hören war. „Und das Boot haben wir auch noch nicht gesehen. An welchem Tag soll es losgehen?“
„Das Boot liegt bereit und ist längst besorgt. Ihr werdet Wasser, Reis, Melonen, getrocknete Fische und Bananen als Proviant mitnehmen, und ihr werdet euch immer als Fischer ausgeben. Das wird auch gleichzeitig euren Speiseplan bereichern, denn fischen müßt ihr selbst. Für Fische, Muscheln, Krebse und Garnelen müßt ihr selbst sorgen. Eure Reise beginnt dann, wenn deine Haare so weit nachgewachsen sind, daß man die Karte nicht mehr sieht, Malindi. Das wird bei deinem dichten Haar in etwa einer Woche der Fall sein.“
„Und wie werden wir uns orientieren?“ fragte Chandra. „An den Sternen, wie du es uns gelehrt hast, großer Subedar?“
„Nein“, sagte der alte Mann, zahnlos lächelnd. „Die Sterne können sich hinter Wolken verbergen, oder der Kal-baishakhi kann sie mit seinem Grollen und den Blitzen vertreiben. Dann seid ihr hilflos. Auf dem Meer erreicht ihr das Heiligtum aber schneller und sicherer als durch die Berge und Wildnisse des Landes. Ein großes Stück werdet ihr natürlich durch den Dschungel wandern müssen. Ihr habt es ja gelernt und versteht euch darauf.“
„Dann segeln wir also an der Küste entlang?“
„Ja, an der Küste entlang nach Süden, sobald ihr die Perle Indiens erreicht habt. Ihr könnt sie nicht verfehlen. Ihr werdet in die Nähe von Negombo segeln und euch dort als Fischer ausgeben. Irgendwo in den wilden Mangroven versteckt ihr das Boot und geht von dort aus schnurgerade nach Osten. Wenn ihr den Dschungel hinter euch und die Berge überwunden habt, werdet ihr den Kandy-See erblicken, aber er wird euren Augen wieder entschwinden, und dann müßt ihr die Karte benutzen. Wischnu wird über euch wachen. Ich habe hier noch eine kleine Hilfe für euch. Ihr werdet staunen. Es ist wie Zauberei, wie magische Kräfte.“
Chandra und Malindi sahen gespannt zu, wie der alte Nasir ein dünnes Brettchen hervorholte.
Auf diesem Brettchen befanden sich allerlei Symbole und feine oder gröbere Striche. In der Mitte des Brettchens war ein dünner Nagel angebracht, so dünn und spitz, daß man sich daran verletzen konnte.
Der Alte holte nun mit einem geheimnisvollen Lächeln ein lackiertes Kistchen hervor und entnahm ihm eine zerbrechlich wirkende Nadel, die er auch den anderen zeigte.
„Was ist das?“ fragte Chandra. „Ein Glücksbringer?“
„Eine Zaubernadel, ausgestattet mit magischen Kräften. Die Götter wirken mit ihrem göttlichem Atem auf die Kräfte ein.“
Alle scharten sich jetzt um den Subedar, der die Nadel vorsichtig in die Hand nahm und ebenso vorsichtig auf den Nagel im Brettchen setzte.
Die Nadel begann zu zittern, obwohl niemand sie berührte. Ohne jeden erkennbaren Anlaß begann sie sich zu drehen, bis sie zitternd auf einen Punkt zeigte und auf ihm stehenblieb. Die Spitze dieser wundersamen Nadel war bläulich verfärbt.
Der Alte sagte noch nichts, er lächelte nur sein zahnloses Lächeln und berührte die Nadel wieder. Ganz vorsichtig drehte er sie herum, bis die bläuliche Spitze in entgegengesetzte Richtung wies.
Die anderen sprangen entsetzt zurück, als die Nadel wieder zu zittern begann, sich drehte und schließlich auf demselben Punkt stehenblieb, den sie auch vorher schon eingenommen hatte.
„Ihr könnt sie drehen, wie ihr wollt“, erklärte der Alte. „Die Spitze der Nadel wird immer wieder zu diesem geheimnisvollen Punkt zurückkehren. Dieser Punkt liegt im Norden, wo das blaue Symbol steht. Das ist der Mittelpunkt des Universums, von dem alle geheimnisvollen Kräfte auf dieser Welt ausgehen.“
„Aber wie ist das möglich?“ fragte Malindi verstört. „Sie bewegt sich ja von ganz allein.“
„Die Naturkräfte bewegen sie – Götteratem, Strahlung und die Kraft der Allmacht. Gib mir mal dein Messer, Malindi.“
Die Männer waren anfangs von dieser unsichtbaren Kraft entsetzt, aber jetzt faszinierte sie diese Nadel, die ständig unruhig zitterte, aber trotzdem auf das blaue Symbol zeigte und nicht davon abwich.
Der Subedar nahm das scharfgeschliffene Messer und deutete mit der Spitze auf die Nadel, indem er es dicht davorhielt.
Für die Inder geschah schlicht ein Wunder.
Die Nadelspitze folgte dem Messer, egal in welche Richtung es der Alte bewegte. Sie lief der Messerspitze nach wie ein Hündchen, drehte sich um sich selbst, oder begann schnell zu kreisen, wenn der Subedar das Messer entsprechend schneller bewegte.
„Dann – dann steckt ein Geist in dieser Nadel“, stieß Malindi atemlos hervor. „Ist es so?“
„Eine geistige Kraft, die mir immer anzeigt, wo ihr gerade seid, oder was ihr tut. Ich werde euch diese Zaubernadel mitgeben, denn mit ihrer Hilfe könnt ihr die Himmelsrichtungen feststellen. Ich habe noch eine zweite Nadel. Sie wird mit der anderen in ständiger, unsichtbarer Verbindung stehen. Jetzt werde ich euch erklären, wie ihr mit Hilfe dieser Nadel die Himmelsrichtung feststellen könnt.“
Malindi erschrak heftig, aber er ließ sich nichts anmerken.
Mit Hilfe dieser Zaubernadel konnte der große Subedar also feststellen, wo sie gerade waren oder was sie taten? Unheimlich war das, kaum zu begreifen! Oder war es nur ein Trick des Alten?
Malindi forschte unauffällig in seinem Gesicht. Aber Nasir ud-daula ließ keine Regung erkennen. Seine Gesichtszüge waren so ruhig und ausgeglichen wie immer.
Bei dem Gedanken, daß Nasir sie beobachten konnte, selbst wenn sie noch soweit entfernt waren, fühlte sich Malindi gar nicht wohl. Ob der große Subedar auch bei Nacht sehen konnte? fragte er sich beklommen, oder galt das nur für den hellen Tag?
Chandra Muzaffar schien sich nicht daran zu stören, daß der Subedar sie ständig beobachten konnte. Aber das war kein Wunder, er hatte ja nicht die Absicht, den Alten zu betrügen.
Malindi hatte schließlich die rettende Idee. Wenn sie diese geheimnisvolle Nadel unterwegs durch einen unglückseligen Umstand verloren, dann war der Bann gebrochen, und die Verbindung konnte nicht mehr funktionieren. So einfach war das.
Er beglückwünschte sich zu diesem Gedanken und fühlte sich im Augenblick mindestens genauso schlau wie der Alte. Natürlich würde er auch Chandra nichts davon sagen.
Er wagte jedoch einen kleinen Vorstoß.
„Was passiert, großer Subedar, wenn diese Nadel verlorengeht? Finden wir uns dann nicht mehr zurecht?“
„Warum sollte sie verlorengehen?“
„Wir könnten in ein Unwetter geraten“, meinte Malindi. „Oder böse Geister könnten sie uns rauben.“
„Diese Nadel scheint dich sehr zu interessieren“, sagte der Alte mit einem nachsichtigen Lächeln. „Sie soll aber nicht verlorengehen, der große Geist könnte das übelnehmen und verärgert sein. Wenn dieser Fall jedoch eintritt, dann orientiert ihr euch am Verlauf der Küste bis nach Negombo.“
Mehr sagte der Alte darüber nicht.
Malindi nahm sich vor, irgend etwas zu inszenieren, damit diese Wundernadel möglichst unauffällig verschwand. Der große Geist mußte nur überlistet werden.
Die Erklärung des Alten über die Funktionsweise der Nadel dauerte länger als eine ganze Stunde. Aber jetzt wußten sie wenigstens, wie die Nadel funktionierte. Man konnte mit ihrer Hilfe alle Himmelsrichtungen unterscheiden, und zwar aus dem Grund, weil sie beständig nach Norden zeigte, ohne jemals von diesem Punkt abzuweichen.
Anschließend wurde über die heilige Reliquie gesprochen, und daran erhitzten sich stundenlang die Gemüter.
2.
Nach acht Tagen fanden sich Malindi und Chandra wieder in der baufälligen Hütte ein.
Malindis Haar war zwar noch nicht so lang wie früher, aber es waren schon schwarze Stoppeln, die jetzt seinen Kopf bedeckten. Von der tätowierten Karte war auf den ersten Blick nichts mehr zu sehen.
Über dem Fluß hingen wieder riesige Schwärme von Stechmücken, und die Luft war heiß und stickig.
„Das sieht sehr gut aus“, sagte der große Subedar und betrachtete aufmerksam Malindis Kopf. „Die Haare sind so stark nachgewachsen, daß man nichts mehr erkennen kann. Damit steht eurer Abreise nichts mehr im Weg. Wir werden jetzt die allerletzten Kleinigkeiten besprechen, und dann nehmt ihr das Boot. Bis ihr drüben seid, vergehen nochmals etliche Tage. Niemand wird dann noch etwas auf deinem Kopf bemerken. Sobald ihr nicht mehr weiter über euren Weg im klaren seid, wird Chandra dir den Kopf rasieren, und danach trägst du einen Turban. Ich hoffe aber, daß es nicht nötig sein wird.“
Zuerst brachte er das Kästchen mit der Wundernadel und dem dazugehörigen Brett, in dem der kleine Nagel steckte. Fast feierlich überreichte er es den beiden.
„Ihr wißt ja jetzt, wie es zu handhaben ist. In dem Boot ist eine kleine Vertiefung auf einer der Duchten. Dort stellt ihr es hinein. Habt ihr das verstanden?“
„Ja, großer Subedar.“
Malindi beschlich wieder dieses unangenehme Gefühl von jemandem beobachtet zu werden, den man selbst nicht sehen konnte, der aber doch über alles Bescheid wußte.
Die Anhänger der religiösen und fanatischen Sekte verließen die Hütte und führten die beiden Männer zu dem Boot.
Sie haben wirklich keine Kosten gescheut, dachte Malindi, als er das an einem winzigen Holzsteg vertäute Boot sah.
Es hatte zwei Riemen und einen kleinen Mast mit einem Segel, und es ähnelte einem der üblichen Fischerboote. Es war nur ein wenig größer und geräumiger. Ein Mann konnte in dem Boot bequem schlafen, wenn er müde war, während der andere dann an der Pinne saß. So konnten sie sich gegenseitig abwechseln.
Die beiden staunten über die Vorräte, die sich in dem Boot befanden.
Der Subedar schlug ein Stück Segeltuch zur Seite und deutete stumm mit der Hand unter die vordere Ducht, unter die ein länglicher, hölzerner Kasten eingelassen war. Der Kasten war mehrmals unterteilt und ließ sich zusätzlich mit einem Deckel verschließen. Alles war vor eindringendem Seewasser geschützt.
In dem einen Kasten befand sich als Notproviant getrockneter Fisch, daneben lagen Angelgeräte und ein Netz, wie es die Fischer vor der Küste verwendeten. Ein Kasten war voller Bananen, der andere bis obenhin mit großen Melonen gefüllt. Zwei Fässer mit Trinkwasser befanden sich im nächsten, und im anderen war Reis.
Der Subedar und seine Anhänger hatten auch Holzkohle und die nötigen Utensilien, um ein Feuer zu entfachen, nicht vergessen. Es war wirklich an alles gedacht worden, was für eine längere Reise erforderlich und lebensnotwendig war.
Zum Abschluß erhielt jeder vom großen Subedar noch eine Goldmünze.
„Das ist für den Fall größter Not, oder wenn ihr in eine sehr heikle Situation geraten solltet“, sagte er. „Versteckt es gut, und zeigt es nicht herum. Der große Geist wird über euch wachen. Wir werden euch sehnsüchtig erwarten. Ich bin sicher, daß ihr es schafft, das größte aller Heiligtümer zu uns zu bringen.“
„Wir schaffen es“, sagte Chandra zuversichtlich.
Malindi nickte aufgeregt, er konnte nichts sagen und starrte nur immer bewundernd auf das Boot und seinen Inhalt.
„Dann kann eure Reise jetzt beginnen. Habt ihr auch die Messer?“
Die Messer hatten sie – scharfgeschliffene schmale Dolche, die sie immer bei sich trugen.
Der Subedar und seine fanatischen Anhänger entließen sie mit allen guten Wünschen.
Die beiden nahmen in dem Boot Platz, verneigten sich nach allen Seiten und begannen dann zu pullen. Das Segel konnten sie erst dann setzen, wenn sie aus dem schmalen Nebenarm heraus waren. Hier ging nicht der geringste Lufthauch.
„Bringt die heilige Reliquie!“ rief der Subedar ihnen nach. „Und bringt sie bald! Wir warten auf euch!“
„Wir bringen sie!“ rief Malindi heiser. „Und wenn es unser Leben kosten sollte, wir bringen sie!“
Aber seine Worte waren nur ein bloßes Lippenbekenntnis. Wenn er den Weisheitszahn Buddhas erst einmal hatte, dann würden die anderen Männer nie wieder etwas von ihm hören. Dieser Zahn würde ihm Reichtum, Glückseligkeit und ewiges Leben bescheren. Er schauderte bei dem bloßen Gedanken daran und spürte, wie es ihn heiß und kalt überlief.
Hinter ihnen versank die morastige und sumpfige Landschaft mit ihren Mückenschwärmen und dem Geruch nach fauligem Wasser. Im Schlamm stand ein magerer Wasserbüffel, der ihnen nachsah.
Das fanatische Geschrei achteraus verklang langsam. Jetzt hörten sie nur noch das Schwirren der Mücken und Stechfliegen und das gräßliche Summen, wenn sie sich näherten.
Es war so heiß, daß der Sumpf längst hätte ausgetrocknet sein müssen. Gnadenlos brannte die Sonne von einem milchig-blauen Himmel herunter.
Das sumpfige Wasser hatte die Farbe von Gold und Silber, und es reflektierte die Sonnenstrahlen so stark, daß sie nur eine unbestimmte, glitzernde Fläche sahen.
Eine knappe halbe Stunde pullten sie angestrengt und schweigend. Der Schweiß lief ihnen in Bächen über die Gesichter, aber es half nicht, ihn abzuwischen.
Hin und wieder blickte Malindi auf die Ausbuchtung in der einen Ducht, wo die Wundernadel leicht zitterte. Er wandte den Blick wieder ab und pullte verdrossen weiter. Es paßte ihm nicht, daß in dieser Nadel magische Kräfte steckten und ihn jemand beobachten konnte. Aber er ließ sich nichts anmerken.
Der große Subedar sollte nicht mißtrauisch werden.
Nach einer Ewigkeit, wobei ihre Körper nur so trieften, hatten sie es endlich geschafft und den stickigen Flußnebenarm verlassen.
Sie blickten auf den Golf von Mannar und atmeten erleichtert auf.
Hier war alles ganz anders. Die Luft roch frisch nach Salzwasser, und einen laue Brise, schlug ihnen in die Gesichter. Gegen das Brackwasser war es hier im Golf herrlich erfrischend.
Sie zogen die Riemen ein und ließen sich ein paar Augenblicke treiben, bis der Schweiß auf ihren Körpern verdunstete und sie freier atmen konnten.
„Jetzt können wir endlich das Segel setzen“, sagte Malindi, froh drüber, nicht mehr pullen zu müssen und auch die lästigen Stechfliegen hinter sich zu haben. „Ich denke, es wird eine prächtige Überfahrt.“
Chandra Muzaffar reckte sich. Sein Blick fiel auf die Nadel, und er verneigte sich leicht vor ihr.
„Das Auge Subedars wird auch weiter über uns wachen“, sagte er feierlich. „Ohne die geheimnisvollen Kräfte würden wir es allein nicht schaffen.“
„Wie lange werden wir bis zur Küste brauchen?“
„Bei gutem Wind etwa zwei bis drei Tage. Vielleicht werden es auch vier Tage. Die längste Strecke ist der Küstenabschnitt bis Negombo.“
Malindis Blick fiel wieder auf die Nadel. „Ob der große Subedar auch unsere Worte hören kann?“
„Natürlich kann er das“, sagte Chandra überzeugt. „Er kann uns sehen und jedes unserer Worte hören. Manchmal glaube ich, daß er auch unsere Gedanken lesen kann.“
Er sah nicht, wie Malindi heftig schluckte.
Nein, das kann nicht wahr sein, überlegte er. Wenn der große Subedar Gedanken erfassen konnte, dann hätte er ihn wohl nicht auf die Reise geschickt und sich der ganzen Mühen unterzogen. Der Subedar hätte dann ja wissen müssen, daß er, Malindi, für diese Aufgabe unbrauchbar war, weil er den Weisheitszahn für sich behalten wollte.
Zum ersten Male kamen ihm Zweifel an den Fähigkeiten des Subedar. Vielleicht war er gar nicht so groß, wie er immer vorgab? Vielleicht konnte er sie nicht mal sehen und gab das nur vor, um sie einzuschüchtern und zum Gehorsam zu zwingen.
„Warum grinst du so?“ fragte Chandra.
„Ich bin froh, daß das Abenteuer beginnt und wir beweisen können, was in uns steckt, und ich bin froh darüber, daß wir das Meer erreicht haben und eine kühle Brise unsere Körper kühlt.“
„Ja, darüber bin ich auch froh. Wir werden wie Helden gefeiert werden, sobald wir mit dem Zahn des großen Erleuchteten zurückkehren. Jetzt aber sollten wir den Mast aufrichten und das Segel setzen.“
Sie trieben dicht unter der Küste. Die Sonne stand fast im Zenit, und Chandra beugte sich über die Nadel und die geheimnisvollen Zeichen auf dem Brettchen, die jetzt, da er sie kannte, längst nicht mehr so geheimnisvoll waren.
Die zitternde Nadel gab ihm die beruhigende Gewißheit, daß alles in Ordnung war und der Subedar über sie wachte. Sie zeigte mit ihrer bläulichen Spitze nach Norden und blieb immer auf diesen Punkt ausgerichtet, während das Boot sich um die Nadel bewegte. Es war faszinierend und einfach unglaublich. Ständig schien einer der Götter über die Nadel zu wachen.
Der Mast war schnell aufgerichtet und das Segel gesetzt. Es war nur ein kleines Mattensegel, aber der Wind blähte es und schob das Boot ziemlich rasch über das Wasser.
Malindi setzte sich an die Pinne und bewegte das Ruder so, bis sie genau nach Osten segelten. Zitternd zeigte die Nadel nach Norden. Es war ganz einfach, das Boot nach ihr auszurichten, sobald man erst ein wenig Übung darin hatte.
Chandra nahm sein Messer und zerteilte damit eine der großen Wassermelonen. Er schnitt sie in halbe Scheiben und reichte eine davon Malindi.
Das Fruchtfleisch war rosarot und sehr saftig, und es löschte hervorragend den Durst.
Von jetzt an ging alles spielend leicht, und sie hatten nichts weiter zu tun, als sich alle paar Stunden an der Pinne abzulösen.
Schon nach kurzer Zeit versank der Küstenstrich hinter ihnen und wurde zu einem dunstigen Gebilde, das sie nach einer weiteren halben Stunde aus den Augen verloren.
„Bis hierher fahren die Fischer immer hinaus“, sagte Chandra. „Ich glaube, soweit, wie wir jetzt draußen sind, ist noch kein Fischer jemals hinausgefahren.“
„Bestimmt nicht. Ich war auch noch nie soweit draußen, aber das ist ja erst der Anfang. Wir müssen noch viel weiter hinaus.“
Nach einer Weile wurde allen beiden etwas unbehaglich zumute. Nirgendwo war mehr Land zu sehen. Sie bewegten sich fast lautlos auf einer riesigen Fläche, die scheinbar keinen Anfang und kein Ende hatte.
„Keine Angst“, sagte Malindi und gab sich etwas überlegen. „Wir schaffen es schon. Es ist nur etwas ungewohnt, und wir müssen beten, daß kein Sturm losbricht.“
Weil sie alle beide Angst hatten, flehten sie die Götter an, ihnen keinen Sturm zu schicken.
Die Götter erhörten ihre Gebete jedoch nicht, und auch der große Subedar schien die Kontrolle über sie verloren zu haben.
Am späten Nachmittag jagten dunkle Wolkenbänke heran, die rasch größer wurden und immer stärker aufquollen. Sie ballten sich zusammen, bis sich der Himmel verfinsterte.
„Das ist der Kal-baishakhi“, flüsterte Chandra. „Der Gewittersturm, den wir schon vor ein paar Tagen erlebt haben. Er hat sich verspätet, wie er das oft tut.“
Malindi nickte nur und blickte in den finsteren Himmel. Dort, wo Himmel und Wasser sich scheinbar berührten, war alles schwarz, und man konnte oben und unten nicht mehr unterscheiden.
Überall sah es jetzt so aus. Auch der Wind flaute merklich ab, um neue Kräfte zu sammeln.
Sie kannten diesen Gewittersturm, der mit verheerender Gewalt über das Land und Meer raste. Er fegte auch durch die Sümpfe und knickte Bäume und Sträucher, und er wühlte im Sumpf, den er zu großen Blasen aufwarf, bis er zu kochen schien.
Nach einer Weile war es totenstill um sie herum geworden. Das Meer war dunkel, tief und ruhig wie schwarzes Glas, durch das man nicht hindurchsehen kann. Das Segel hing schlaff vom Mast, und die ganze Welt hielt den Atem an.
„Wir sollten das Segel wegnehmen“, sagte Malindi heiser. „Wenn der Wind einfällt, kann er es zerfetzen. Dann sind wir hilflos.“
In aller Eile holten sie das Segel ein und sahen nach, ob auch die eingebauten Holzkammern dicht waren.
„Das Auge Subedars ruht nicht mehr wohlgefällig auf uns“, sagte Chandra verzweifelt. „Was haben wir falsch gemacht?“
Malindi dachte an seine bösen Gedanken und wurde erneut von Zweifeln gemartert. Es konnte sein, daß der Geist der Nadel sie nur auf die Probe stellen wollte. Es konnte aber auch sein, daß er etwas gemerkt hatte und jetzt böse wurde.
Inzwischen hatte sich der Himmel noch weiter verfinstert. Es war jetzt so dunkel wie bei der kurzen Dämmerung. Auch das Meer hatte die gleiche, unheimliche Farbe angenommen.
Da sahen sie, wie der dunkle Himmel sich spaltete. Er zeriß übergangslos in zwei riesige Teile.
Ein gewaltiger Blitz hieb ins Meer. Bevor er verschwand, verästelte er sich wie ein Baum. Ein gewaltiges Donnergrollen war zu hören. Es ertönte von überallher und brüllte in ihren Ohren, und es schien kein Ende mehr zu nehmen. Auch roch die Luft plötzlich so ganz anders.
Die beiden zuckten zusammen und kauerten sich zwischen den Duchten nieder. Angstvoll starrten sie auf das sich ankündigende Unwetter.
„Hilf uns!“ flehte Malindi.
Er blickte auf die Nadel und zuckte abermals zusammen, als sie immer stärker zu zittern begann. Als wieder ein Blitz niederfuhr und der Donner in ihren Ohren wild und tosend rumorte, drehte sich die Nadel wie verrückt im Kreis und fand nur sehr schwer in ihre übliche Lage zurück.
Über das blanke Meer fuhr ein Lufthauch, der es nervös kräuselte. Winzige Trichter erschienen im Wasser und drehten sich rotierend um ihre eigene Achse. Dem Lufthauch folgte ein wilder Atem, der wütend über die gekräuselte Oberfläche blies und sie weiter aufwühlte.
Nach dem dritten Blitz mit seinem ohrenbetäubenden Krachen und Donnern begann es über der See zu rauschen.
Eine Wasserwand rückte auf sie zu wie eine dunkelgraue Mauer, die sich aus dem Meer erhob.
Der Regen prasselte nur so nieder. Wind fuhr in ihn hinein und trieb ihn fast waagerecht über das Wasser. Der Regen tat weh, obwohl er lauwarm war. Er bohrte sich scharf in die Haut und peitschte sie wild.
Chandra und Malindi lagen jetzt zusammengekauert unter den Duchten und wagten nicht, sich zu rühren.
Der Regen rann über ihre Körper und sammelte sich im Boot. Es schien kein Ende mehr zu nehmen.
Noch schärfer wurde der Wind. Er fuhr mit tausend Armen über das Wasser, das in immer stärkere Bewegung geriet und sich zu hohen Wellen auftürmte. Das Boot begann wild zu schaukeln.
Die beiden Inder ließen alles über sich ergehen. Sie hatten keinerlei Erfahrung auf See und wußten nicht, wie sie sich verhalten sollten.
An Land wären sie einfach in die nächste Hütte gerannt, um sich darin zu verkriechen. Hier konnten sie aber nur kauern und warten, bis alles vorbei war.
Das Boot schlingerte jetzt so wild, daß sie sich verzweifelt an die Duchten krallen mußten. Es legte sich weit über, und jedesmal schoß ein dicker Wasserstrahl hinein. Schon nach kurzer Zeit schwamm die kleine Gräting auf, weil sich unter ihr ein kleiner See gebildet hatte.
Sie merkten nicht, daß sie laut brüllten und heulten. Sie flehten alle Götter an, und sie schwiegen erst dann entsetzt, als ein unglaublich harter Schlag das Boot erschütterte und halb auf die Seite warf.
Da nahm Malindi an, sein und Chandras letztes Stündlein habe geschlagen.
Das Boot torkelte hilflos durch die See, gepeitscht vom Wind und vom fauchenden Regen, hochgeworfen von den sich auftürmenden Wogen und wieder in tiefe Wellentäler zurückgeschleudert. Jedesmal krachte und knackte es, als würde das Boot sich auflösen.
Sie scheuerten sich die Hände wund, ihre Knie bluteten, und mehr als einmal schluckten sie salziges Wasser, das im Hals brannte und Übelkeit erzeugte.
Stundenlang ging das so. Sie hoben aus lauter Angst nicht mal die Köpfe. Sie waren fertig und erledigt und fest davon überzeugt, jeden Augenblick sterben zu müssen.
Nach einer Weile hob Malindi vorsichtig den Kopf. Chandra starrte ihn aus großen, entsetzten Augen an. Das fürchterliche Tosen hatte aufgehört, und das Rauschen war verklungen.
Langsam erhoben sie sich und sahen sich ungläubig um.
Ganz hinten an der Kimm schien wieder die Sonne durch die sich langsam verziehenden Wolkenbänke. Es regnete nicht mehr, nur die See war noch aufgewühlt und schaukelte das Boot hin und her. Die riesige Wolkenwand zog mit ihren Wassermassen und den fürchterlichen Blitzen weiter.
„Wischnu hat uns errettet“, sagte Chandra atemlos. „Wir haben es überlebt.“
„Ja, wir haben …“ Malindi brach ab und starrte entsetzt auf die Ausbuchtung in der Ducht, wo das Auge Subedars gewacht hatte.
Jetzt war die magische Nadel mit dem Brettchen verschwunden und die Ausbuchtung war voller Wasser.
„Oh, großer Geist!“ rief er aus. „Die magische Nadel …“
„Sie ist weg!“ schrie Chandra. „Das Meer hat sie geholt! Jetzt sind wir verloren!“
Das verlorengegangene Auge Subedars war ein herber Verlust für sie, den selbst Malindi fürchtete. Aber irgendeine ferne Stimme in ihm frohlockte auch. Sie hatten jetzt keinen Aufpasser mehr, und es hatte sich gezeigt, daß auch das magische Auge der Götter verletzlich war und nicht die Kraft hatte, den wütenden Elementen zu trotzen.
Sie standen bis zu den Knien im Wasser und blickten sich ratlos an.
Ringsum war nichts als die gigantische Wasserfläche ohne Land, eine Wüste, die lebte und atmete, wenn sie sich hob und senkte.
„Wir müssen nach Osten segeln“, sagte Malindi. Er versuchte, sich am Stand der Sonne zu orientieren, aber es fiel ihm schwer. „Weißt du die Richtung genau?“
„Ich bin mir nicht ganz sicher. Die Sonne hat mich getäuscht, als sie verschwand.“
Die setzten wieder das Segel und sahen nach, ob ihr Proviant das Unwetter heil überstanden hatte.
Die Melonen hatten ein paar Druckstellen, aber sonst schien alles in Ordnung zu sein.
Das Boot lief jetzt nur ganz langsam und behäbig. In jedem Wellental schlug wieder Spritzwasser hinein.
Chandra nahm eine halbe Kokosnußschale und reichte eine andere Malindi. Damit östen sie das Wasser aus, und es dauerte eine Ewigkeit, bis es wieder da war, wo es hingehörte.
Dabei entdeckte Chandra das Brettchen. Es hatte sich unter Wasser in der Gräting verklemmt und war dort verkeilt. Mit einem glücklichen Lächeln zeigte er es Malindi.
„Das Brettchen nutzt uns nichts“, erklärte Malindi Rama fast verächtlich. „Ohne die magische Nadel ist es nur ein wertloses Stückchen Holz und nichts weiter. Wir können es drehen, wie wir wollen, es wird uns keine Richtung anzeigen oder immer die, die wir gerade haben wollen. Wirf es über Bord.“
„Nein, das werde ich nicht tun. Wir behalten es, auch wenn es ohne den Geist wertlos geworden ist.“
Chandra Muzaffar legte das Brettchen wieder in den ausgehöhlten Teil der Ducht zurück.
Sie östen weiter, bis auch das letzte Wasser aus dem Boot war. Als sie die Gräting wieder einsetzten, sah Malindi es an einer Stelle über der Plicht fahl glänzen und bückte sich.
Das Auge des Subedar sah ihn an mit seinem silbrigen Schimmer. Es lag ganz ruhig da, ohne sich zu bewegen – so, als sei es tot und für alle Zeiten erloschen.
Malindi blickte es unauffällig an, um nicht Chandras Aufmerksamkeit zu erregen. Wie unabsichtlich stellte er den Fuß über die Nadel und mühte sich mit der Gräting ab.
Wenn das Auge Subedars da liegen bleibt, dachte er, bin ich den Spion endlich los, der uns immer belauert. Ich kann es ja einfach übersehen haben, und solange die magische Nadel nicht in ihrem Brett auf dem. Nagel sitzt, ist sie kraftlos und hat anscheinend keinerlei Einfluß. Dann kann mich auch keiner mehr beobachten.
Aber das Auge Subedars war unberechenbar und tückisch. Er rutschte auf dem glatten Teil der Gräting ab und schrie laut auf, als etwas Spitzes in seinen Fuß drang. Er hob das Bein hoch und sah einen Blutstropfen, der herablief.
Die magische Nadel hatte ihn gestochen, der Geist, der in ihr wirkte, ihn mahnend daran erinnert, nicht leichtfertig zu sein.
„Was hast du denn?“ fragte Chandra, der gerade die Pinne übernehmen wollte. „Laß mal sehen.“
Er fand natürlich die Nadel und klatschte laut in die Hände, ohne sich um die kleine Wunde Malindis zu kümmern.
„Ich wußte es!“ rief er erfreut. „Ich habe gewußt, daß das Auge über uns wacht. Es hat uns geholfen, und es wird uns wieder den richtigen Weg weisen.“
Wie ein Heiligtum nahm er die Nadel und setzte sie wieder auf die alte Stelle zurück. Kaum berührte sie den Nagel, da begann sie auch schon zu zittern und zu kreisen, bis sie wieder auf den alten Punkt wies, wo sich das Zentrum der unbekannten Macht befand.
Jetzt war es nur noch ein Kinderspiel, den Kurs auszurichten und weiter nach Osten zu segeln.
Sie segelten in die Nacht hinein. Der Himmel war voller Sterne wie aufgezogene Perlenschnüre, und auch der Mond schien hell und silbern auf das Wasser.
In seinem silbrigen Schein schien die Spitze der Nadel zu glühen und zu blinken und wies ihnen auch weiterhin den Weg.
Sie aßen etwas, tranken dazu das mitgenommene Wasser und starrten schweigend über die Unendlichkeit des Meeres. Irgendwo, noch weit vor ihnen, mußte Ceylon liegen, die Perle Indiens, das Juwel des Ostens, wie es die Araber nannten.
Von den Aufregungen des Tages müde geworden, suchte sich Chandra ein Plätzchen zum Schlafen unter der vorderen Ducht, während Malindi an der Pinne hockte und finster in die Nacht starrte.
Der Subedar oder sein Geist war wieder bei ihm, und er war auch nicht loszuwerden. Malindi fragte sich, was wohl geschehen würde, wenn er das Brettchen in die Hand nahm und ins Wasser warf. Würden die Geister wieder an die Oberfläche zurückkehren und Rache an ihm nehmen? Oder würden sie ganz still und friedlich in dieser unauslotbaren Tiefe für alle Zeiten versinken?
Er wußte es nicht, und als er einmal die Hand ausstreckte, da war ihm, als tauche der große Subedar mit seinem weißen Bart aus der See auf und schüttele drohend den Kopf.
Sofort zog er die Hand zurück, als habe sie Feuer berührt.
Ein paar Stunden später verspürte er Schmerzen im Fuß, wo ihn die Nadel gestochen hatte. Im Mondlicht sah er, daß der Fuß dick angeschwollen war und bei jeder Bewegung weh tat.
Er weckte Chandra, damit der ihn ablöste und zeigte ihm das Bein.
„Das sieht aber schlimm aus“, sagte Chandra besorgt. „Die Geister haben dir die Wunde beigebracht“, weil du sie mit Füßen getreten hast.
„Ich habe sie nicht gesehen“, log Malindi. „Ich bin nur aus Versehen draufgetreten.“
„Vielleicht hattest du schlechte Gedanken, die dem großen Subedar nicht gefallen haben, und er hat dich dafür bestraft.“
„Quatsch, ich habe keine schlechten Gedanken. Ist denn der Gedanke an den Raub der Reliquie schlecht?“
„Nein, das glaube ich nicht. Wir erzürnen dadurch ja nicht die Götter, sondern nur die Singhalesen.“
Sie säuberten die Wunde, so gut sie konnten, aber nach zwei weiteren Stunden wurde Malindi schlecht, und er fieberte.
Er fing an zu phantasieren und redete fortlaufend von dem wilden Auge, das ihn ständig verfolgte. Manchmal flehte er auch laut die Götter und geheimen Kräfte an, sie mögen ihm vergeben wegen seiner schlechten Gedanken.
Am anderen Morgen hatten die Götter ein Einsehen, offenbar weil Malindi zerknirscht um Gnade gebeten hatte. Die Schwellung ging zurück, und das Fieber klang ab.
Mit einem wechselnden Gefühl aus Haß und Liebe blickte er auf die geheimnisvolle Nadel.
Er nahm sich vor, in Zukunft sehr vorsichtig zu sein.
3.
Am Vormittag des dritten Tages verschluckte sich Malindi vor Aufregung an einer Melonenscheibe. Er biß gerade hinein, als er einen dunstigen Strich voraus sah.
„Land!“ rief er. „Land, Chandra, da vorn!“
Das Segel war so weit ausgebaumt, daß Chandra es nicht gleich bemerkt hatte. Er blickte genauer hin und verriß vor Aufregung die Pinne.
„Wahrhaftig, Land“, sagte er andächtig. „Das Auge Subedars hat uns zum Land geführt.“
„Und der Wind“, sagte Malindi schnell. „Der hat natürlich auch noch kräftig mitgeholfen.“
„Jetzt haben wir es geschafft.“
„Noch lange nicht“, widersprach Malindi. „Jetzt haben wir das Allerschlimmste erst noch vor uns, die Fahrt an der Küste, den Marsch durch den Dschungel und über die Berge bis nach Kandy. Und da erwarten uns noch viel mehr Unannehmlichkeiten, denn die Tempel sind scharf bewacht und keinem Menschen zugänglich. Wenn wir diese Küste wieder im Rücken haben und den Zahn des Buddha bei uns, dann haben wir es so gut wie geschafft, aber vorher nicht.“
„Aber wir haben schon eine harte Probe hinter uns.“
„Es werden noch mehr von uns verlangt werden.“
Der dunstige Strich wurde langsam klarer, und sie bemerkten einen Küstenstreifen, der dicht mit Palmen bewachsen war. Eigentlich sah es an dieser Küste genauso aus wie drüben, von wo sie losgesegelt waren. Aber dennoch war alles neu und aufregend.
Die Küstenlinie war langgezogen und erstreckte sich weit zum Horizont, der wieder dunstig und verwaschen war. Zum Süden hin waren ein paar der Küste vorgelagerte kleine Inseln zu erkennen. Sie ragten hügelig und dunkelgrün aus der See und waren dicht bewachsen.
Sie segelten genau auf das Land zu, bis sie jede Einzelheit erkennen konnten, und sie sahen sich auch alles genau an.
Die Palmen waren viel weiter weg, als sie anfangs gedacht hatten. Der Eindruck hatte nur getäuscht.
In Wirklichkeit gab es hier keinen Sandstrand, sondern Dschungel, der bis dicht ans Wasser wuchs. Davor gab es sandige und flache Mangrovenbuchten, und erst weiter hinten überragten Kokospalmen den wildwuchernden Dschungel.
Auch Geräusche waren jetzt zu hören, die ersten außer dem Branden und Rauschen vor der Küste.
Da brüllten Affen schauerlich im Dschungel, und anderes Getier fiel mit allen möglichen Stimmen laut ein.
Vor der Lagune eines Mangrovendickichts stoben ganze Schwärme weißer, großer Vögel auf, als sie sich mit dem Boot näherten. Es war wie eine weiße Wolke, die sich plötzlich in die Lüfte erhob und unter wildem Gekreische davonstob.
Nein, es sah hier doch ein wenig anders aus als an ihrer Küste, und sie wurden recht unsanft daran erinnert, daß es immer wieder dann Überraschungen gab, wenn man am wenigsten damit rechnete oder ganz einfach für ein paar Augenblicke unachtsam war.
Ein langer Ast schrammte am Boot entlang und legte sich langsam quer vor den Bug. Das Boot wurde ein bißchen herumgedrückt und lag dann wie vor einer Sperre im Wasser.
Chandra erhob sich und nahm einen der Riemen, um den Ast oder vermoderten Baumstamm wegzuschieben. Er stellte sich vorn im Bug des Bootes hin und drückte den Riemen auf den Ast.
Für einen Augenblick glaubte er, ein kleines, starres Auge zu sehen, das ihn ausdruckslos musterte.
Dann drückte er zu und stemmte sich dagegen.
Das Wasser bewegte sich plötzlich in einem wilden Wirbel. Ein mächtiger Schwanz zuckte durch das Wasser, ein riesiges, langes Maul öffnete sich und scharfe lange Zähne bissen zu. Sie wurden mit wilder und ungestümer Kraft in den Riemen geschlagen, dessen unteres Ende krachend zersplitterte. Der fürchterliche Rachen öffnete sich ein zweites Mal.
Chandra war so überrascht und entsetzt, daß er den zersplitterten Riemen festhielt oder sich daran festhalten wollte.
Die Bestie, es war ein dösendes Salzwasserkrokodil von unglaublicher Länge, peitschte jetzt wild das Wasser. Ihr Echsenschwanz knallte an den Rumpf des Bootes, und es gab einen dumpfen Schlag.
Chandra Muzaffar wurde von der wilden Wucht ins Wasser geschleudert und stieß einen lauten Schrei aus, ehe er versank.
Malindi war starr vor Entsetzen, als er das fürchterliche Riesenmaul mit den scharfen Zähnen sah. Auch er wollte schreien, doch der Schrei blieb in seiner Kehle stecken. Er brachte ihn nicht mehr heraus.
Wie gelähmt starrte er ins Wasser auf jene Stelle, wo Chandra untergegangen war. Dort kochte und brodelte es.
Er hatte das Ungeheuer nur kurz gesehen, aber er wußte, daß es ein Krokodil war, allerdings ein Krokodil von etwas anderem Aussehen, als er sie kannte.
Ein grausiges Bild zog blitzschnell an seinem Auge vorüber. Die Erinnerung überfiel ihn schlagartig.
Er, Malindi, war damals etwa sechs Jahre alt gewesen und mit seinem Vater in einem kleinen Nachen oft zum Fischen hinausgefahren. Das lag schon viele Jahre zurück, aber es hatte sich für den Rest seines Lebens in seine Erinnerung eingebrannt.
Sie hatten in einer Mangrovenlagune gefischt, und beim Einholen des Netzes hatte sich ein riesiges Ungeheuer in dem kleinen Netz verfangen. Es war ein Krokodil, das zu toben begann und mit dem Schwanz um sich schlug. Sein Vater hatte das kostbare Netz nicht losgelassen und war dabei über Bord gegangen.
Der Rest war schrecklich und grauenvoll gewesen. Die riesige Bestie hatte das Netz zerrissen und dann nach seinem Vater geschnappt. Malindi hatte noch einen verzweifelten Schrei gehört und gesehen, wie sich das Wasser der Lagune blutrot färbte.
In der Zwischenzeit war der Nachen durch einen weiteren Schlag der Panzerechse gekentert, und Malindi hatte auf dem Kiel des Bootes gehockt und mit ansehen müssen, wie ein zweiter dieser gefräßigen Räuber auftauchte.
Sie hatten seinen Vater in die Tiefe gerissen und ihn regelrecht zerfleischt und gefressen.
Die Erinnerung an das furchtbare Unglück schlug wie ein Blitz in sein Gehirn, und auch jetzt sah er unter Wasser eine rosarote Wolke, die in alle Richtungen quoll und sich ausbreitete.
Der Inder handelte wie in Trance. Was er tat, geschah instinktiv und nicht aus Überlegung. Er konnte einfach nicht anders.
Er griff nach dem dünnen scharfen Messer, nahm es in die rechte Hand und stürzte sich kopfüber ins Wasser.
Erst als das Wasser hochaufspritzte, fiel ihm ein, daß er überhaupt nicht schwimmen konnte. Er hatte es nie gelernt.
Er paddelte wild herum, kriegte das Boot zu fassen und hielt sich mit einer Hand daran fest.
Mit der Messerhand stach er zu, als der gepanzerte Rücken der Echse auftauchte. Immer wieder stach er zu, traf manchmal ins Leere, gab aber nicht auf.
Blut färbte jetzt das Wasser rot. Malindi konnte nicht unterscheiden ob es Chandras Blut oder das des Krokodils war.
Er hieb solange ins Wasser, bis seine Kräfte erlahmten und die Echse längst nicht mehr zu sehen war. Er hätte auch fast noch auf Chandra eingestochen, als der auftrieb.
Mit allerletzter Kraft half er Chandra ins rettende Boot, wo sie lange über den Duchten hingen und vor Erschöpfung keinen Ton hervorbrachten.
Malindi starrte den anderen an. Er bemerkte, daß von Chandras Arm Blut tropfte und auf die Gräting fiel, und er sah auch, daß die scharfen Zähne der Riesenechse eine lange Fleischwunde gerissen hatten.
Er sah sich die Wunde genauer an und nickte schließlich. Sein Atem pfiff beim Sprechen immer noch.
„Du hast Glück gehabt, Chandra. Das Biest hätte dich zerfleischen können. Die Götter haben dir beigestanden.“
Chandra war weiß im Gesicht und blickte auf die Wunde, die schlimmer aussah, als sie war. Aber sie blutete stark.
„Ein Wunder ist geschehen“, sagte er keuchend. „Es war mein Glück, daß ich gut schwimmen kann, aber es hätte wirklich nicht viel gefehlt, und ich wäre …“ Er brach ab, erschöpft, ausgelaugt von der langen Zeit unter Wasser, wo er nicht atmen konnte.
„Wie mein Vater“, sagte Malindi dumpf. „Den hat auch ein Krokodil angegriffen und – und …“
„Dein Vater ist von einem Krokodil getötet worden?“ fragte Chandra entsetzt.
„Ja“, sagte Malindi einsilbig. „Und jetzt wollen wir deinen Arm verbinden, damit du nicht verblutest. Tut es sehr weh?“
Chandra nickte heftig und verzog das Gesicht. Er erhob sich mühsam, stand auf und kniete sich über die Ducht. Dann erbrach er sich, und erst jetzt setzte der Schreck bei ihm ein.
Danach untersuchte Malindi die Wunde, die die scharfen Zähne gerissen hatten. An einigen Stellen war das Fleisch zerfetzt und hing lose herab.
Der große Subedar hatte ihnen auch ein paar Salben und Pülverchen mitgegeben. Auch ein paar Stücke grobes und feines Tuch befanden sich in der kleinen Kiste.
„Es wird ein bißchen weh tun“, sagte Malindi, „aber so können wir den Arm nicht lassen.“
Als er sein Messer nahm und es vorsichtig abwischte, schloß Chandra die Augen und preßte die Lippen zusammen.
Malindi blickte über Bord und sah der rosaroten Wolke nach, die jetzt auseinandertrieb und zu einem bläßlichen Rosa wurde. Von den Salzwasserkrokodilen war nichts mehr zu sehen.
Chandra schrie nicht, als er das Messer ansetzte. Die Wunde wusch er mit Seewasser aus und paßte höllisch auf, daß sich keins dieser gefräßigen Monster in der Nähe zeigte.
Er strich Salbe auf die Wunde und verband sie mit einem der kleinen Stoffetzen. Jetzt konnte er nur hoffen, daß alles von selbst heilte, denn in der ärztlichen Kunst war er nicht bewandert.
Am späten Nachmittag segelten sie weiter, immer dicht unter der Küste entlang, denn der Wind frischte wieder auf, und falls es ein plötzliches Unwetter geben sollte, konnten sie schnell das Land aufsuchen und Schutz in einer der vielen einsamen Buchten finden.
Noch lag eine weite Strecke vor ihnen.
Drei Tage später hatten sich die Wundränder geschlossen, ohne daß Komplikationen aufgetreten waren. Chandra war auch vom Fieber verschont geblieben, das meist auf solche gefährlichen Verletzungen folgte.
Einmal liefen sie eine kleine Bucht an, die frei von Krokodilen war. Dort erlegten sie einen großen Vogel, der sich zwischen den Mangroven ein Bein abgeknickt hatte.
Sie entzündeten ein Feuer und verspeisten den Vogel.
In einem nahen Wäldchen schnitten sie einen überhängenden, starken Ast ab und fertigten daraus einen provisorischen Riemen. Den alten hatte das Krokodil total zerbissen.
Am fünften Tag tauchte vor ihnen eine riesige Landzunge auf, der eine ebenso riesige Einbuchtung folgte. In der Einbuchtung lagen verstreut etliche kleine Inseln, fast eirund und mit dichten Kokospalmen bewachsen. Sie hielten auch die vorragende Landzunge anfangs für eine große Insel, bis sie ihren Irrtum bemerkten.
„Da können wir nicht durchsegeln“, sagte Malindi. „Das Land schließt sich später wieder und dann sitzen wir wie in einer riesigen Falle.“
Sie stritten darüber, denn Chandra behauptete genau das Gegenteil.
„Dann segel nur weiter!“ höhnte Malindi. „Später werden wir mindestens einen Tag brauchen, um wieder zurückzusegeln. Das kostet uns dann schon zwei volle Tage.“
„Wir haben ja Zeit.“
Nach ein paar Stunden erkannte Chandra jedoch, daß es keine weitere Verbindung zum Meer gab und sie tatsächlich in einer Falle sitzen würden, wenn sie weitersegelten.
Beschämt wendete Chandra das Boot und übersah das Grinsen Malindis.
„Wenn du nicht mehr weiter weißt, kannst du ja auf der Karte auf meinem Kopf nachsehen. Ich war auch noch nicht hier, aber ich habe die Einzelheiten alle genau im Kopf. Der nächste Ort, den wir passieren, müßte Puttalam sein.“
„Wahrscheinlich hast du recht.“
An diesem Tag herrschten Unstimmigkeiten zwischen ihnen, und sie sprachen kaum miteinander.
Malindi starrte manchmal auf das Auge des Subedar und ärgerte sich wieder darüber, daß andere sie belauschen oder sehen konnten. Wenn sich eine günstige Gelegenheit ergab, würde er die Wundernadel durch einen Zufall verschwinden lassen.
Das wichtigste für ihn war jedoch, das Heiligtum der Singhalesen in seinen eigenen Besitz zu bringen, und da hatte er noch einiges an Rätseln herauszufinden und zu lösen. Aber da er selbst Singhalese war, sollte das nicht allzu schwer fallen.
Das Fischerdorf Puttalam sahen sie erst am nächsten Tag, bevor die Sonne den Zenit erreichte. Es bestand nur aus ein paar kleinen Hütten am Rand des Dschungels, und sie konnten es auch nur dann sehen, wenn sie sich im Boot erhoben und die Köpfe reckten.
Malindi Rama hatte eine größere Ansiedlung erwartet, und so war er ein wenig enttäuscht.
Weitere zwei Tage später stießen sie abermals auf ein. Dorf und waren überrascht.
Sie bewegten sich gerade auf eine Landzunge zu und segelten bei ziemlich schwachem Licht dicht unter der Küste.
Gerade als sie die Landzunge passierten, blickten sie in die Bucht. Sie war tief eingekerbt und führte schlauchartig ins Land hinein. Hier gab es einen feinen Sandstrand mit Kokospalmen und kleinen Hütten. Die Bucht war seicht und eine Lagune, die vormals aus Mangroven bestanden hatte. Jetzt war ein Teil der Bucht versandet, und die Mangroven waren abgestorben.
„Welcher Ort ist das?“ fragte Chandra überrascht.
„Puttalam jedenfalls nicht“, erwiderte Malindi ratlos.
„Ich denke, du hast jede Einzelheit deiner Karte genau im Kopf? Das scheint mir aber nicht der Fall zu sein. Dieser Ort ist ganz sicher nicht auf der Karte eingezeichnet.“
Sie luvten ein bißchen an und verringerten die Fahrt, um nicht gleich von den Einwohnern gesehen zu werden, doch man hatte sie offenbar schon bemerkt. Ein paar dunkelhäutige Gestalten, nur bekleidet mit einem knappen Lendenschurz, winkten ihnen zu.
„Nein, der Ort ist nicht auf der Karte“, sagte Malindi ärgerlich. „Es scheint ihn noch nicht lange zu geben. Vielleicht hat man die Hütten erst vor kurzer Zeit gebaut.“
Jetzt, da man sie doch bemerkt hatte, segelten sie langsam weiter.
In der Lagune waren Pfähle in den flachen Boden gesenkt worden. Die Pfähle befanden sich dort, wo das Wasser etwa brusthoch war.
Auf fast jedem dieser Pfähle hockte ein Mann. Es waren hagere, von der Sonne ausgemergelte dunkle Gestalten. Außer ihrem Lendenschurz trugen sie nur einen schäbigen Turban. Sie hockten fast regungslos auf den dünnen Pfählen im Schneidersitz und angelten mit langen Schnüren.
Die Angler winkten ihnen zu, redeten aufgeregt miteinander und riefen dann etwas, was die beiden nicht verstanden. Die Entfernung war noch zu groß.
„Ob das Tamilen sind?“ fragte Chandra. „Sie sind dunkler als wir.“
„Ich bin mir nicht sicher. So tief im Süden ist mir kein Ort bekannt, in dem Tamilen leben. Sie scheinen aber sehr freundlich zu sein.“
Am Strand tauchten jetzt immer mehr Leute auf. Männer, Frauen und kleine Kinder. Auch ein paar magere Hunde waren dabei, die aufgeregt zu kläffen begannen.
Ein schmales Boot löste sich vom Ufer und hielt auf sie zu. Es wurde von zwei kleinen Männern durchs Wasser bewegt.
„Wir sollten lieber verschwinden“, sagte Chandra. Seine Stimme klang besorgt. „Wir haben eine heilige Aufgabe zu erfüllen, und wenn es Tamilen sind, kann es Ärger geben.“
Ein paar der ausgemergelten Gestalten verließen jetzt ihre Pfahlsitze und sprangen ins Wasser.
„Willkommen, willkommen!“ hörten sie deutlich.
Diese Gastfreundschaft zu mißachten, wäre unhöflich gewesen. Es entsprach nicht den Gepflogenheiten, solche Grüße einfach zu ignorieren.
Malindi hielt mehr auf das Ufer zu, obwohl Chandra ihm riet, die Aufforderung zu ignorieren.
„Es sind Singhalesen wie wir“, sagte Malindi. „Sie werden uns nach Neuigkeiten ausfragen und ein bißchen tratschen wollen.“
„Und was sagen wir ihnen?“
„Wir sind Fischer aus Negombo und kehren wieder zurück. Wir haben die Küste abgesegelt und sind auf dem Heimweg.“
„Na gut, aber mir gefällt das nicht.“
Inzwischen war es jedoch schon zu spät zum Umkehren. Der Wind wehte nur noch ganz schwach, und sie liefen kaum Fahrt.
Da war auch schon das schmale Boot mit seinen beiden Insassen heran, und ein paar halbnackte Männer hatten sie ebenfalls erreicht und hielten sich mit den Händen am Dollbord fest.
In dem Boot saß ein alter Mann mit einem faserigen eisgrauen Bart, der ihm bis auf die Brust reichte.
„Willkommen“, sagte er freundlich.
Er äugte neugierig in das Boot, blickte verwirrt auf die schimmernde Nadel und forderte sie auf, die Gastfreundschaft des Dorfes zu genießen. Der Alte war der Patriarch, jedenfalls bezeichnete er sich so ähnlich.
Umringt von nassen, braunen Armen wurden sie in Richtung des hellen Strandes gezogen.
Chandra Muzaffar war unbehaglich zumute. Es waren zwar Singhalesen wie sie, aber die Gesichter gefielen ihm nicht. Die Leute hatten etwas Gieriges und Fanatisches in den Augen, was ihn beunruhigte.
Auch Malindi bemerkte die Blicke. Der Patriarch starrte immer wieder in das Boot.
„Ihr habt sicher viel zu erzählen“, sagte er mit einer seltsam hohen und pfeifenden Stimme. „Woher seid ihr?“
„Aus Negombo“, erwiderte Malindi. „Wir sind Fischer, und manchmal tauchen wir auch nach Perlen.“
„Wie heißt dieses Dorf?“ fragte Chandra. „Wir haben es auf der Hinfahrt nicht gesehen, weil wir weit weg vor der Küste segelten.“
Der Alte stand bis zur Brust im Wasser. Er war von mindestens fünfzehn Männern umgeben, die neugierig in das Boot starrten. Malindi fiel auf, daß sie hauptsächlich auf die schimmernde Nadel blickten.
Auch der Patriarch starrte ständig auf die Nadel, aber er und die anderen schienen sich auch sehr für das Boot und seinen Inhalt zu interessieren.
Jedenfalls erhielten sie auf ihre Frage keine Antwort. Der Alte deutete auf die zitternde Nadel.
„Was ist das?“
Die Situation schien gefährlich zu werden, wie Malindi Rama viel zu spät erkannte. Diese Männer hatten nicht vor, ihnen Gastfreundschaft zu gewähren. Sie wollten etwas anderes. Sie wollten das Boot.
Malindi stieß die Nadel leicht an. Sie zitterte, bewegte sich und kehrte wieder auf ihren Punkt zurück.
„Das heilige Auge des großen Subedar“, sagte er feierlich. „Er ist der Geist der Naturgewalten, und er sieht und hört alles. Seine Kraft ist in der magischen Nadel verborgen.“
„Du lügst“, sagte der Patriarch heiser. „Er ist ein Dämon, ein Zauberer mit dem bösen Blick.“
„Das auch. Er tötet jeden, der ihn anfaßt, und wird Unheil über jene bringen, die ihm nicht gehorchen.“
Einen Augenblick lang schwiegen die Männer eingeschüchtert. Der Patriarch überlegte und grinste dann bösartig.
„Ein wunderschönes Boot“, sagte er, wobei er sich immer noch mit den anderen am Dollbord festklammerte. „So eins können wir nicht bauen. Man kann weit auf See damit hinaus. So ist es doch, das habt ihr selbst gesagt. Ihr seid ja weit draußen gewesen. Dieses Boot könnte uns ungeahnten Reichtum bescheren. Wir brauchten nicht mehr von den Pfählen zu angeln.“
„Das habe ich mir gedacht“, knirschte Chandra leise. „Ist das vielleicht euer Willkommensgruß?“ fragte er dann scharf.
Die anfängliche Freundlichkeit fiel von den Gesichtern ab. Der Alte rüttelte mit seinen dürren Händen an dem Boot. Sein Blick war feurig und wild.
„Ihr kriegt das schmale Boot“, sagte er, „und wir nehmen dafür das Boot hier. Es ist nur ein Tausch, weiter nichts.“
„Subedar wird euch vernichten, wenn ihr das tut!“ schrie Malindi. „Das Boot gehört uns. Wir wollen nicht tauschen. Es würde nur Unglück über euer Dorf bringen.“
„Noch mehr Unglück kann es nicht geben“, erwiderte der Alte hitzig. „Wir haben Hunger, aber die Buchten und Lagunen sind leergefischt. Deshalb brauchen wir ein großes Boot. Manchmal sitzen wir tagelang auf den Pfählen, ohne daß wir auch nur einen Fisch fangen.“
„Dafür sind wir nicht verantwortlich.“
„Nein, sicher nicht. Aber das Schicksal hat euch zu uns geführt und uns den Weg gewiesen, wie wir besser fischen können. Draußen gibt es große und prächtige Fische, in der Lagune nur sehr kleine, meist aber gar keine. Ihr tut nur ein gutes Werk, wenn ihr uns das Boot gebt. Wenn ihr es aber nicht gebt …“
„Was dann?“ fragte Malindi hitzig und tastete unauffällig nach seinem scharfen Messer.
„Dann nehmen wir es uns“, sagte der Patriarch wie selbstverständlich.
4.
Seine schmale Hand schoß vor und stieß das Brettchen um. Die Nadel fiel heraus und landete irgendwo unter der Gräting.
Malindi glaubte, jetzt müsse die Welt einstürzen.
Aber es geschah gar nichts. Der große Subedar mit seinen geheimnisvollen Kräften unternahm nicht das Geringste, um ihnen zu helfen oder beizustehen. Er ließ sie einfach im Stich.
„Euer Dämon schläft“, sagte der Alte gehässig. „Wo sind denn seine teuflischen Kräfte?“
Chandra war ebenfalls entsetzt, als sich nichts tat. Wo blieb die geheimnisvolle Kraft? Was taten die Götter, um sie zu beschützen?
Die Singhalesen johlten jetzt und rüttelten so heftig an dem Boot, daß es zu kentern drohte.
Braune Hände packten zu, zerrten Melonen heraus und warfen sie ins Wasser. Das Geschrei und Gejohle wurde lauter.
Ein Kerl mit Augen wie glühende Kohlen krallte sich an Malindi fest und versuchte, ihn aus dem Boot zu zerren. Ein anderer schlug mit den Fäusten nach Chandra, und der Patriarch feuerte sie durch lautes Geschrei an.
Vom Ufer erschienen noch mehr Leute, die sich ins flache Wasser stürzten, um den anderen zu helfen. Ein paar warfen mit Steinen nach ihnen.
Malindi geriet in rasende Wut. Sein Blut kochte innerhalb weniger Augenblicke, und er sah nur noch tanzende Kreise vor seinen Augen.
Er nahm das Messer und stach auf den höhnisch grinsenden Patriarch ein. Er stach wie ein Wilder um sich und stürzte sich auf die braunhäutigen Männer.
Ein wildes Handgemenge begann.
Die Lagunenfischer waren nicht bewaffnet, aber sie waren dafür in der Überzahl und hofften so, die beiden durch die Masse zu überwältigen. Doch sie waren an zwei heißblütige Fanatiker geraten, die kein Erbarmen mehr kannten. Jäh loderten Haß und Wut in ihnen auf, und Chandra griff nach dem Riemen, den sie gerade erst angefertigt hatten.
Obwohl sein verletzter Arm wild brannte und schmerzte, hieb er mit dem Riemen auf Köpfe, Rücken und Gesichter ein und schrie dabei laut und gellend.
Der Patriarch sank mit einem Gurgeln ins Wasser zurück und ließ das Dollbord los. Zwei andere waren so benommen, daß sie im brusthohen Wasser taumelten und versanken.
Aber jetzt geriet Malindi erst richtig in Wut. Er lief Amok.
Das Messer in der Rechten, sprang er über Bord und stach brüllend auf jeden ein, der sich in seiner Nähe zeigte.
Innerhalb weniger Augenblicke waren vier oder fünf der Lagunenfischer tot und trieben im Wasser.
Einige flüchteten bereits zum Ufer, von dem weitere Steine heranflogen.
„Ich bin der Dämon!“ schrie Malindi und stach einen weiteren Mann nieder.
Chandra schlug unterdessen mit dem Riemen wie mit einer Sense um sich. Er traf Köpfe, Schultern und Hände und mähte rücksichtslos alles nieder, was er traf.
Ihre Wut entsetzte die Lagunenfischer. Mit einem derartigen wilden Angriff hatten sie nicht gerechnet, und so flüchteten immer mehr von ihnen schreiend zum Ufer, um sich in Sicherheit zu bringen.
Malindi watete einigen Flüchtenden hinterher und stach sie in mörderischer Wut einfach nieder. Der Anblick der rosaroten Wolken in der Lagune weckte seine Erinnerung und trieb ihn zur Raserei.
Die letzten Männer erreichten den Strand, taumelten ans Ufer und flohen unter lauten Schreckensrufen in den Dschungel. Frauen, Kinder und Getier folgte ihnen.
Innerhalb kurzer Zeit lag das Fischerdorf wie ausgestorben da.
In der Lagune trieben Tote.
Malindi stürmte in seiner rasenden Wut weiter, bis er ebenfalls den Strand erreichte. Ein kleiner dunkler Mann flüchtete vor ihm und rannte im Zickzackkurs in den dichten Dschungel.
Erst vor den Hütten blieb Malindi stehen und sah sich wild um. Das Messer hielt er erhoben, aber es zeigte sich kein Gegner mehr. Sie waren alle geflohen und hatten ihre Kinder mitgenommen.
Das einzige, was noch auf die Anwesenheit der Bewohner schließen ließ, waren die Hütten, etliche Fußspuren und eine qualmende Feuerstelle dicht beim Dschungel.
Malindi trat an den Rand des Dschungels und sah sich um.
„Wenn ihr das Boot wollt, dann kommt nur!“ schrie er. „Wir erwarten euch und teilen es gern mit euch, ihr hinterhältigen Halunken!“
Niemand antwortete. Alles blieb still und ruhig, auch aus dem nahen Dschungel waren keine Geräusche zu hören.
Im Triumph seines Sieges kehrte er wieder um und blieb erst vor der Feuerstelle stehen. Da qualmten und kokelten noch ein paar Äste.
Er nahm einen heraus, blies ihn an, bis die Glut hellrot leuchtete, und hielt den glühenden Ast an eine der Hütten.
Es dauerte nur ein paar Augenblicke, bis das trockene Holz und die Blätter Feuer fingen.
Flammen züngelten hoch, es prasselte und zischte leise.
Malindi ging zur nächsten Hütte und setzte sie in Brand. Auch die dritte und vierte ließ er in Flammen aufgehen. Die paar anderen, die noch in der Nähe standen, würden ebenfalls brennen. Schon jetzt flogen knisternd Funken hin und her.
Chandra war inzwischen mit dem Boot bis dicht an den Strand gepullt.
„Hör jetzt auf!“ rief er. „Laß uns hier verschwinden!“
Malindi nickte flüchtig und ging in eine der Hütten. Dort fand er ein paar irdene Krüge. In einem war wilder Honig, im anderen irgendein Gebräu und im dritten harzig riechendes Öl. Die Krüge, die leer waren, zerschlug er und warf die Scherben auf den Boden.
Die anderen nahm er mit und watete ins Wasser.
Am Strand breitete sich Hitze aus, als die Hütten aufflammten und innerhalb kurzer Zeit lodernd brannten.
Immer noch ließ sich niemand blicken. Nur aus dem Dschungel war jetzt wütendes Geschrei zu hören.
Der Inder lachte leise und gehässig. Sein Blick fiel auf die in der Lagune treibenden Toten. Auch der alte Patriarch, mit dem der ganze Streit begonnen hatte, war dabei. Er trieb auf dem Rücken und hatte die Hände in seinen faserigen, eisgrauen Bart gekrallt.
„Das hättet ihr euch ersparen können“, sagte Malindi Rama laut. „Aber ihr habt es ja nicht anders gewollt.“
„Das war nicht nötig gewesen, die Hütten anzustecken“, sagte Chandra vorwurfsvoll. „Die Kerle haben genug.“
„Solche Kerle kriegen nie genug. Man sollte auch noch die Pfähle aus dem Wasser reißen, damit sie nicht mehr fischen können. Diese dreckigen Halunken hätten uns fast umgebracht.“
Er stieg ins Boot und griff zu dem Riemen. Als er zum Strand blickte, lachte er laut.
Ein paar der Lagunenfischer waren zurückgekehrt und starrten ihnen haßerfüllt nach. Sie schüttelten die Fäuste und verfluchten sie lauthals.
Malindi lachte noch lauter. Er sah das schmale und zerbrechliche kleine Boot vorbeitreiben, stellte sich auf die Ducht, legte den Riemen ins Boot und sprang mit einem gewaltigen Satz hinein.
Der Aufprall war so stark, daß das dünne Boot zersplitterte und auseinandergerissen wurde. Nur noch ein paar Trümmer schwammen jetzt in der Lagune.
Malindi kehrte wieder zurück und zog sich am Dollbord hoch.
„Solchen kläffenden Hunden muß man es richtig zeigen“, sagte er zufrieden. „Hätten sie uns in Ruhe gelassen oder freundlich behandelt, dann wäre nichts passiert. Aber jetzt sind einige von ihnen tot, ihre Hütten verbrannt, und das Boot ist zerschlagen. Genauso haben sie es verdient und nicht anders.“
„Wir haben ihre Existenz vernichtet“, wandte Chandra ein.
„Idiot! Sie hätten uns erbarmungslos umgebracht, wenn wir nicht schneller gewesen wären. Ohne Boot hätten wir nie zu dem Heiligtum der Singhalesen gefunden. Oder willst du etwa die ganze Strecke bis nach Kandy laufen?“
„Nein, das nicht. Vielleicht hast du recht, vielleicht auch nicht.“
„Du bist ein Dummkopf, Chandra. Sie hätten uns ausgelacht und noch verhöhnt. Es waren hinterhältige Leute. Es geschieht ihnen nur recht, wenn man ihnen ihr Heiligtum stiehlt. Auf dem Festland ist es auch besser aufgehoben als auf der Insel.“
Während sie aus der Bucht pullten und schon das Segel gesetzt hatten, bückte sich Chandra immer wieder und suchte die Gräting mit den nackten Füßen ab.
„Was suchst du?“
„Das Auge des großen Subedar. Das Brettchen liegt dort drüben, aber die magische Nadel kann ich nicht finden.“
„Laß sie liegen“, sagte Malindi verächtlich. „Der große Subedar hat uns belogen und betrogen. Er hat sich nicht mal gewehrt, als uns die Kerle überfielen und auch ihn aus dem Brett rissen.“
„Er ist ein weiser Mann“, empörte sich Chandra. „Nie würde er uns belügen oder gar betrügen.“
„Aber er hat es getan, und ich werde es ihm bei Gelegenheit heimzahlen. Er hat uns nicht geholfen, und er hat auch nichts gesehen oder gehört. Das weiß ich ganz sicher.“
„Wie kannst du nur so von ihm reden!“ rief Chandra wütend. „Natürlich hat er uns geholfen, indem wir im Augenblick der Gefahr übermenschliche Kräfte entwickelt haben. Er hat die Gefahr erkannt und uns diese Kraft verliehen. Sie waren in der Überzahl, und doch haben wir den Kampf fast spielend gewonnen, was wir unter normalen Umständen nie geschafft hätten.“
Dafür hatte Malindi lediglich ein verächtliches Lächeln übrig.
Die laue Brise griff jetzt in das Segel und straffte es. Das Boot nahm langsam Fahrt auf und glitt aus der Lagune.
Hinter ihnen blieb ein Chaos zurück. Die Hütten waren jetzt abgebrannt bis auf eine, die noch in hellen Flammen stand. Knistern und Prasseln waren deutlich zu hören, ebenso die Flüche, die ihnen nachgeschickt wurden.
Etliche der Lagunenfischer hatten sich wieder eingefunden und schrien ihren Ärger und ihre Wut hinter ihnen her. Aber ihre drohend geschüttelten Fäuste waren nur ein Zeichen ohnmächtiger Wut und Hilflosigkeit.
Die Riemen hatten sie jetzt weggestaut, und Malindi hockte mit verzerrtem Gesicht an der Pinne.
Ein paar Rauchfahnen und umherwirbelnde Ascheteilchen waren noch zu sehen, dann verschwand die Bucht langsam achteraus.
Währenddessen suchte Chandra nach der schimmernden Nadel und fand sie auch bald.
Sehr behutsam nahm er sie in die Hände und setzte sie wieder auf das hölzerne Brettchen, das er in die Vertiefung legte.
„Wir danken wir für deine Hilfe, großer Subedar“, sagte er und verneigte sich mit vor der Brust gefalteten Händen vor dem magischen Geist.
„Ich nicht“, sagte Malindi lachend. „Ich danke dir nicht für deine Hilfe, du Betrüger.“
Ehe der entsetzte Chandra etwas tun konnte, nahm Malindi Nadel samt Brettchen aus der Vertiefung und warf es über Bord.
Das Brettchen trieb achteraus im schwachen Kielwasser, und die Nadel sank auf den Grund der See.
Da das Wasser hier ziemlich tief war, würde sie wohl für alle Zeiten verschwunden bleiben.
Für Chandra Muzaffar war diese Tat so ungeheuerlich und verwerflich, daß er wie gelähmt sitzenblieb. Mit blicklosen Augen starrte er dem Brettchen nach, das schaukelnd im Wasser trieb und immer kleiner wurde. Die Nadel versank im Wasser und würde nie wieder zu finden sein.
Chandra wurde kalkweiß im Gesicht. Dann wechselte seine Farbe zu hektischer Röte, und ein wildes Blitzen trat in seine Augen.
Mit einem wilden Satz sprang er auf.
„Du Frevler!“ schrie er. „Was hast du getan?“
Er holte aus und schlug Malindi die Faust auf die Nase. Das Boot schaukelte dabei so stark, daß sie beide fast über Bord gegangen wären.
Malindi ließ die Pinne los und schlug sofort zurück. Seine Nase fing zu bluten an, und als Chandra rückwärts über die Ducht fiel, war er mit einem Satz bei ihm und hielt ihm das dünne Messer an die Kehle.
„Du wirst es nicht noch mal wagen, mich zu schlagen!“ rief er. „Ich schneide dir den Hals durch, du Hundesohn!“
Mit der Messerspitze drückte er so hart zu, daß sich Blutstropfen an Chandras Hals zeigten.
Er lag unter ihm und wagte kaum zu atmen, denn er kannte Malindi und wußte, daß er jähzornig und unberechenbar war.
Inzwischen trieb das Boot steuerlos vor der Küste und schoß in den Wind.
„Ich sage es dir zum letztenmal, Chandra“, sagte Malindi heiser und mit vor Wut entstellter Stimme. „Der große Subedar wird gar nichts tun, er wird nicht mal etwas wissen oder ahnen. Er hat uns betrogen. Bei Wischnu und allen Göttern, ich steche dich ab, wenn du nicht endlich Vernunft annimmst.“
„Laß mich los“, flüsterte Chandra. „Wir müssen vernünftig sein, sonst schaffen wir es nie, den Weisheitszahn zu holen. Einer allein bringt das nicht fertig.“
„Na gut, aber versuche nie wieder, mich anzufassen. Du wirst sehen, daß ich recht habe.“
Er ließ Chandra aufstehen, der sich heftig atmend auf die Ducht setzte und ihn tückisch anblickte.
Von da an herrschte offener Haß zwischen ihnen, und sie redeten kaum noch ein Wort, wie es schon einmal der Fall gewesen war.
Den Weg an der Küste fanden sie auch ohne die Nadel, und Malindi traute sich zu, auch den Rückweg allein zu finden. Für ihn war der magische Bann der Wundernadel gebrochen, und einen Tag später, als sie beim Essen waren, sagte er es Chandra.
„Der große Subedar scheint nichts gemerkt zu haben. Sein Geist ruht jetzt irgendwo auf dem Meeresgrund. Aber er hat nichts unternommen. Er hockt wahrscheinlich vor seiner Hütte und hat von allem keine Ahnung. Es war ein Betrug, weil er Angst hat, wir würden …“
„Was würden wir?“
„Ach nichts“, sagte Malindi schnell. „Jedenfalls kann er uns weder sehen noch hören.“
„Er wird sich rächen, und er wird es merken.“
„Pah! Sein Zauber ist erloschen. Er ist nichts weiter als ein alter, mißtrauischer Mann.“
Chandra gab keine Antwort. Aber er sah Malindi sehr aufmerksam an. In dessen Kopf ging etwas vor, aus dem er noch nicht schlau wurde. Sollte Malindi etwas beabsichtigen, die heilige Reliquie zu stehlen und für sich zu behalten?
Nein, dachte er. Dieser Gedanke war so ungeheuerlich, daß er ihn erst gar nicht weiterdenken wollte. Das wäre ja Betrug an einem ganzen Volk, und das würde Malindi nie wagen. Er hätte dann auf der ganzen Welt keinen ruhigen Augenblick mehr. Die Singhalesen, die die Reliquie von den eigenen Glaubensbrüdern stahlen, würden ihn jagen und in jedem Winkel Indiens aufstöbern.
Ohne das Auge Subedars fühlte sich Chandra hilflos. Er vermißte es wie einen guten Freund, und er war auf Malindi nicht mehr gut zu sprechen. Das lag auch vor allem daran, daß Malindi immer dann unverschämt und hinterhältig grinste, sobald Chandras Blick auf die jetzt leere Ausbuchtung in der Ducht fiel. Er hätte etwas darum gegeben, seine Gedanken lesen zu können.
Malindi hingegen fühlte sich jetzt erst richtig wohl, seit die merkwürdige Nadel im Meer versunken war. Es gab niemanden mehr – wenn das überhaupt je der Fall gewesen war –, der ihn beobachten oder belauschen konnte. Er hatte seine Gedanken jetzt ganz für sich allein, und er brauchte sich nicht mehr vor sich selbst zu verstecken.
Er hatte Freunde und eine ganze Clique in der Nähe von Tuticorin, die nur darauf brannten, den Weisheitszahn einmal berühren zu dürfen, um die ewige Glücksseligkeit zu erlangen. Sie alle würden reich und glücklich werden, aber er, Malindi, natürlich am meisten.
So motiviert, ging er über Leichen, und er würde auch nicht davor zurückscheuen, Chandra bei passender Gelegenheit verschwinden zu lassen. Doch vorerst brauchte er ihn noch.
Einer der nächsten Tage brachte dann die Erlösung von dem gegenseitigen Anöden in dem kleinen Boot. Sie hatten kaum noch miteinander gesprochen und sich schweigend gegenseitig abgelöst, wenn die Zeit dran war, die Pinne zu übernehmen.
Ein Flüßchen tauchte auf, das seine silberhellen und glasklaren Fluten ins Meer ergoß. Das Flüßchen war der Maha Oya, der irgendwo im bergigen Dschungel inmitten der Insel entsprang.
Hinter dem Maha Oya lag Negombo. Sie sahen das Dorf nur aus der Ferne und sehr undeutlich.
Malindi grinste wieder und hielt auf die Küste zu.
„Den ersten Teil haben wir geschafft, jetzt folgt der zweite, der anstrengende Marsch nach Kandy.“
„Ohne die magische Nadel wird es schwierig. Hättest du sie nicht ins Meer geworfen, dann …“
„Hör auf, es geht auch ohne sie. Ich weiß, daß wir immer nach Osten marschieren müssen, in die Berge hinauf, durch den Regenwald und die Tiefebene. Ich habe ja die Karte, wenn wir nicht mehr weiterwissen.“
Chandra gab keine Antwort. Malindi wußte ja doch alles besser.
Die Küste bestand aus einem wilden Mangrovensumpf, über dem heiß und stickig die Luft stand. Sie roch abgestanden und modrig. Eine Lagune schloß sich der anderen an, die hohen Stelzwurzeln waren so ineinandergeflochten, daß ein Durchkommen unmöglich schien.
„Hier gelangen wir nie durch“, sagte Chandra. „Wir bleiben im Sumpf stecken und werden von den Wurzeln erwürgt.“
Ein Schwarm Vögel flatterte kreischend auf und erhob sich in die brütend heiße Luft. Das Fischerdorf Negombo – ein größerer Ort – war von hier aus nicht mehr zu sehen.
„Wir folgen zuerst dem Fluß“, sagte Malindi Rama.
Sie mußten jetzt etwas härter pullen. Der Fluß war eine fast vom Dschungel zugewucherte Rinne. Einmal sprang er über ein paar Felsen, dann verlor er sich wieder im grünlichen Schimmer des Regenwaldes.
Hinter ihnen blieben die stickigen Lagunen mit ihren Stechmücken zurück.
Bis zu den Felsen konnten sie pullen. Von da ab ging es nicht mehr weiter, und ihnen stand der beschwerliche Marsch bevor.
Dort, wo der Fluß über Felsen sprang, verließen sie das Boot. Malindi kroch durch einen fast dichten Wasservorhang. Steine und riesige Farne hingen über und boten ein vorzügliches Versteck.
„Dort verbergen wir es“, sagte er. „Niemand wird es finden, auch die Leute von Negombo nicht, falls sie hier am Fluß fischen.“
Sie schoben das Boot unter die üppige Vegetation, zogen es auf eine kleine Felsplatte und sicherten es zusätzlich an einem überkragenden Stein, um den sie mehrmals die Leine schlangen und verknoteten.
Vor ihnen rauschte das Wasser. Der Schleier war so dicht, daß sie die darunterliegende Landschaft nur undeutlich als grünlichen Schemen wahrnahmen.
Sie packten das zusammen, was sie tragen konnten. Proviant mußte der Regenwald liefern. Um Trinkwasser brauchten sie sich nicht zu sorgen. Entweder sie entnahmen es dem Fluß, oder sie warteten auf Regen, der hier alle paar Stunden fiel.
Ähnlich wie die alten Wanderasketen hängten sie sich nur zwei Stoffbeutel um, in denen ihre Habseligkeiten aufbewahrt waren.
Sie traten unter dem Wasserfall hervor und vergewisserten sich, daß das Boot gut versteckt war.
„Niemand wird es finden“, versicherte Malindi noch einmal.
Dann zogen sie los in Richtung Osten, zunächst durch die feuchte Tiefebene mit dem dichten Dschungelbewuchs. Meist konnten sie dem Lauf des Maha Oya folgen, manchmal verloren sie ihn aber auch aus den Augen, wenn der Dschungel ihn überwucherte.
Die ersten beiden Tage ernährten sie sich von den mitgeführten Wassermelonen und tranken frisches Wasser aus dem Fluß.
Am dritten und vierten Tag – sie gingen jetzt unmerklich bergauf in höhere Regionen – aßen sie die fleischigen Beeren der Cholophyllum-Bäume. Auch die frischen Knospen von riesigen Farnen waren eßbar, wenn man die einzelnen Arten zu unterscheiden wußte.
Nachts schliefen sie in den Höhlen abgestorbener Bäume oder suchten dichteres Blätterdach des Regenwaldes auf.
Je höher sie vorrückten, desto schmaler wurde das Flüßchen, bis es schließlich nur noch ein Rinnsal war. Das Wasser versickerte irgendwo im unergründlichen Grün.
Einmal wurden sie abends von einem heiseren Fauchen hochgeschreckt, als sie gerade unter einem Baum hockten und Beeren aßen, die von einem rotblühenden Strauch stammten. Es war ein Kampferbaum, dessen Rinde einen betäubenden und intensiven Duft verströmte.
„Was war das?“ fragte Chandra heiser und sprang auf.
„Ein Leopard“, erwiderte Malindi geringschätzig. „Er wird nicht wagen, uns anzugreifen.“
Aber der Leopard war doch ziemlich lästig. Er zeigte sich ein paarmal ohne jede Scheu und strich um sie herum.
Malindi knurrte der Magen. Die Beeren und Farnknospen gaben nicht allzuviel her, und so belauerte er den Leoparden, der um sie herumschlich, ab und zu leise fauchte und sein prachtvolles Gebiß bleckte. Es war ein Tier mittlerer Größe.
Malindi schlich hinter einen Baum und hob sein spitzes Messer, mit dem er vorzüglich umgehen konnte.
Als der Leopard in seine Richtung blickte, schleuderte er es mit aller Kraft. Die lange dünne Klinge fuhr in die Brustpartie des Tieres und blieb bis zum Heft darin stecken.
Die Großkatze fauchte und gebärdete sich wie toll. In ihrem Schmerz sprang sie an einem Baumstamm hoch und rammte sich das Messer noch tiefer in den Leib.
Ihr Todeskampf dauerte mehr als eine Stunde.
Malindi hatte sich inzwischen einen dicken Ast geholt und umschlich die zuckende Großkatze, die sich vergeblich aufzurichten versuchte. Aus ihrem Maul quoll blutiger Schaum, aber sie hieb noch immer wild mit den Pranken um sich. Als die Zuckungen schwächer wurden, erschlug Malindi Rama sie mit dem Knüppel. Chandra sah atemlos zu, wie der dürre Kerl mit dem großen und gefährlichen Raubtier umging.
An diesem Abend entzündeten sie in den Bergen ein Feuer – das erste seit Tagen – und aßen gebratenes Fleisch.
Ein paar Stücke davon nahmen sie am anderen Morgen mit, als sie aufbrachen.
Einmal wußten sie unterwegs nicht mehr weiter, als sie ein Dschungelgebiet durchqueren mußten, das so dicht war, daß kaum das Sonnenlicht bis auf den Boden fiel.
Sehr mühsam orientierten sie sich an der Karte, die kaum noch zu erkennen war, seit Malindis Haare wieder wuchsen.
Aber sie fanden nach vielen Mühen endlich wieder den richtigen Weg, der sie in Richtung Kandy brachte.
Malindi mußte sich an diesem Tag von Chandra wieder viele Vorwürfe anhören, weil er die magische Nadel so achtlos behandelt hatte.
Die beiden haßten sich mit jedem weiteren Tag mehr. Malindi sann darüber nach, wie er Chandra am besten loswerden konnte. Aber die Erleuchtung kam ihm erst ein paar Tage später.
Irgendwann – sie waren jetzt schon sehr hoch oben in den Bergen – sah Malindi ein Glitzern in weiter Ferne. Er blieb stehen und lachte voller Freude und Erregung.
„Der Kandy-See, da liegt er“, sagte er. Er spürte, wie ihn ein kühler Schauer überlief.
Sie hatten jetzt Flüsse überquert und die feuchten Regenwälder sowie alle Schrecknisse des Dschungels hinter sich gelassen. Dafür wurden sie durch den Anblick von in weiter Ferne liegenden Tempeln belohnt. Sie konnten sich kaum daran satt sehen.
Es war so, wie der große Subedar gesagt hatte. Der See und die Tempel verschwanden wieder und blieben für einen weiteren Tag unsichtbar für ihre Augen.
Am nächsten Abend, noch bevor die Sonne versank, erreichten sie die geheimnisvolle Tempelanlage und waren völlig überwältigt von dem einmaligen Anblick.
„Maha Nuwara“, flüsterte Malindi ergriffen, womit er Kandy meinte, die letzte Hauptstadt des singhalesichen Königreiches von Ceylon. „Wir haben es geschafft. Das da drüben ist der Tempel des Zahns, Dalada Maligawa, in dem die Reliquie aufbewahrt wird. Weiter nördlich liegt der alte Königspalast.“
Elefanten und Mönche waren dort im Abendlicht zu sehen. Eine ganze Elefantenherde wurde gerade zum Baden an den Kandy-See geführt, wo die Ufer noch flach waren.
„Wie kriegen wir jetzt das Heiligtum?“ fragte Chandra.
„Wir treten als Wanderasketen auf und geben vor, die Reliquie anbeten zu wollen. Dann erfahren wir ganz offiziell, wo sie aufbewahrt und wie sie bewacht wird. Später werden wir eine Möglichkeit finden, uns bei Nacht in den Zahntempel einzuschleichen.“
„Also alles auskundschaften?“
„Genau das. Wir müssen dabei sehr vorsichtig sein, und wir dürfen auch nichts überstürzen und keine Gier zeigen.“
Die Nacht verbrachten sie unter einem Baum, in der Nähe des heiligen Sees, und marschierten in der Frühe des nächsten Morgens los.
5.
Als die Sonne aufging, erstrahlte der alte Tempel in hellem Glanz und funkelte, als sei er aus purem Gold.
Mönche bewegten sich dort in safrangelben und orangefarbenen Gewändern. Überall waren Elefanten zu sehen. Hinter dem Königspalast begann der Ort mit seinen vielen kleinen Häusern. Es herrschte wesentlich mehr Geschäftigkeit, als sie angenommen hatten.
„Ich habe Angst“, sagte Chandra. „Jetzt, da wir davorstehen, sieht alles ganz anders aus. Ich traue mich kaum in den Tempel.“
„Du brauchst ja nicht mitzugehen“, sagte Malindi verächtlich. „Aber der Ruhm gehört dann mir.“
Sie schlossen sich einer kleinen Prozession an und gelangten unbehelligt in den Tempel.
Dort war alles in dunstigen, aromatischen Rauch gehüllt. Die heiligen Männer, die sich im Tempel aufhielten und ihn bewachten, waren nur als dunstige Schatten zu erkennen.
Öllampen flackerten, ein monotoner Singsang war von irgendwoher undeutlich zu hören, und es ging wie durch ein Labyrinth. Je tiefer sie in den Tempel gelangten, um so stiller und feierlicher wurde es.
Zwei heilige Männer, mit wallenden Gewändern und Turbanen bekleidet, geleiteten sie in absoluter Stille und Düsternis. Kein Wort wurde mehr gesprochen, auch der Singsang verstummte.
Wie in Trance gingen die beiden ergriffen und ehrfürchtig weiter. Selbst Malindi wurde es jetzt mulmig zumute, und er hatte unbestimmte Angst vor seiner eigenen Kühnheit, den heiligen Zahn zu rauben. Doch diesen Gedanken schob er mit aller Macht beiseite.
Der Rauch benebelte ihre Sinne und ließ sie taumeln. Ihre Blicke verschleierten und wurden unklar. Alles war so unwirklich und fremd wie in einer völlig anderen Welt.
Es gab dunkle Ecken und Nischen, offene, geschlossene und geheime Türen und die Statuen von Gottheiten, deren verzerrte und manchmal schreckliche Gesichter in Rauch gehüllt waren. Rötliches Licht wechselte mit fahler grünlicher Beleuchtung, und mehr als einmal kniff sich Malindi in die Wange, weil er nicht mehr wußte, ob er träumte oder noch wach war.
Endlich standen sie zitternd vor dem Heiligtum.
Es lag in einem kostbaren Schrein mit dunkler Verglasung auf einem pompösen und reich verzierten dunklen Kissen, und es sah aus wie ein normaler, weißlichgelb schimmernder Backenzahn, nur etwas größer als ein normaler.
Andächtig und von tiefer Ehrfurcht erfüllt, sanken alle in die Knie. Die Priester und heiligen Männer murmelten leise und unverständliche Worte.
Malindis Herz klopfte bis zum Hals, als wieder Nebel aufwallte und aromatischer Rauch sie fast betäubte. Die Mönche waren nur noch wie durch dichte Schleier als Spukgestalten zu sehen.
Das also war der heilige Zahn des Buddha!
Malindi riß sich heftig zusammen. Durch den betäubenden Rauch entdeckte er eine angelehnte Tür. Er schob sich in die Nähe und wartete, bis einer der Männer in den safranfarbenen Gewändern verschwunden war.
Dann schob er Chandra schnell hinein und folgte ihm in den finsteren Raum.
Die schweigende Prozession ging lautlos an ihnen vorbei. Offenbar hatte niemand bemerkt, daß zwei Männer fehlten. Die Mönche verfielen vermutlich auch gar nicht auf den Gedanken, daß sich jemand in den Tempel schleichen könnte, um ihr Heiligtum zu rauben.
Um sie her wurde es immer stiller. Erst nach ein paar Stunden, die sie fast regungslos verbrachten, erschienen wieder heilige Männer und Mönche in dem Tempel und wiederholten die fast unheimliche Prozession.
Chandra und Malindi rührten sich nicht. Stocksteif standen sie in der Kammer oder dem Raum und lauschten. Sie waren von dem Rauch aus Kräutern und Ölen so betäubt, daß sie kaum noch denken konnten.
Stunde um Stunde verrann, bis es wieder still wurde. Malindi hatte sich die komplizierten Wege und Ausgänge gemerkt, aber jetzt, in der fast greifbaren Finsternis, war er sich nicht mehr so sicher, hier wieder herauszufinden.
„Du wirst sie später ablenken, indem du aus dem Tempel verschwindest“, raunte er Chandra zu. „Wenn sie dich bemerken, dann läufst du einfach los. Wir treffen uns später an jener Stelle am See, wo sich der kleine steile Abhang befindet.“
„Und du?“
„Ich hole den Zahn, ich weiß auch schon, wie ich das anstellen muß. Aber sie müssen dir erst folgen. Traust du dir das zu?“
„Ja“, hauchte Chandra, der froh war, daß sich Malindi an dem Heiligtum vergriff und nicht er selbst.
In der Zwischenzeit erkundete Malindi den Raum und erschrak, als er einen dunklen Sarkophag erkannte. Wahrscheinlich ruhten in ihm die Gebeine eines heiligen Mannes, der sich um den Tempel irgendwelche Verdienste erworben hatte.
Der Raum führte in einen weiteren, und es ging ein paar Stufen hinab durch einen Gang, der sich etliche Male verzweigte. Hin und wieder war eine kleine Ölfackel in eine Wandnische eingelassen, die das Gemäuer mit diffusem Dämmerlicht spärlich erhellte.
Malindi irrte weiter, bis sich die geheimnisvollen Gänge wieder vereinigten und in zwei Nischen ausliefen.
In einer der Nischen stand ein Priester fast reglos wie eine Statue. Er hatte einen hageren Totenkopfschädel, und in der Hand hielt er ein großes Krummschwert. Hinter der Nische erkannte Malindi einen schmalen Ausgang, der irgendwo ins Freie zu führen schien.
Lautlos kehrte er um und irrte lange durch die Gänge, bis er wieder in der Kammer mit dem Sarkophag eintraf, wo Chandra reglos an der Wand lehnte. Er hatte sich jetzt die Gänge gemerkt und war sicher, daß er sie auch bei völliger Dunkelheit finden würde. Chandra mußte dann den anderen Weg nehmen, auf dem sie hereingeführt worden waren.
Wie er da mit den Wächtern zurechtkam, war seine eigene Sache. Er sagte ihm alles im Flüsterton.
„In Ordnung“, hauchte Chandra.
Draußen mußte es schon dunkel sein, als Malindi die Kammer verließ und sich durch Rauch und Nebel tastete. Im Tempelraum brannte ein schwaches, rötliches Lacht, das die düstere Stimmung beklemmend stark hervorhob.
Niemand war zu sehen. Die Wächter standen wohl vor den anderen Gängen, wie er annahm.
Er schwang sich lautlos auf den Schrein hinauf und hatte dabei das Gefühl, bei lebendigem Leib zu verbrennen. Sein Körper war gespannt wie eine Bogensehne, und seine Hände zitterten so stark, daß er Angst hatte, das Heiligtum zu berühren.
Er hob den Deckel ab und stellte ihn mit klopfendem Herzen und klappernden Zähnen auf den Sockel.
Seine Finger ertasteten die heilige Reliquie und hoben sie heraus. Ein höllischer Schauer durchlief ihn bei der Berührung, und er wäre vor Angst fast von dem Schrein gefallen.
Aber augenblicklich spürte er auch, wie ihn nie gekannte Kräfte durchströmten, wie alles in ihm zu explodieren schien und Energien ihn durchflossen, von denen er nicht mal geträumt hatte.
Er fühlte sich erleuchtet wie Buddha unter dem Bo-Baum und wurde von einem Augenblick zum anderen ein anderer Mensch.
Ein Mensch? Nein, er war fast selbst ein Gott, der trunken vor Glückseligkeit war. Unbekannte Kräfte gingen auf ihn über, er hielt sich für unbesiegbar und jeder Gefahr gewachsen. Magische Kräfte drangen in ihn ein, Feuer durchrann ihn, Eiswasser pochte gleichzeitig durch alle seine Adern. Es war ein Gefühl unbeschreiblichen Glückes.
Der große Subedar war gegen ihn nur ein unbedeutender Dreck, ein absolutes Nichts.
Er verstaute die Reliquie in seinem Stoffbeutel und stieg von dem Schrein hinunter. Kein Zittern seiner Hände mehr, keine Angst, nicht mehr das Gefühl, einer Situation nicht gewachsen zu sein.
Lautlos kehrte er zu der Kammer zurück, wo Chandra heiser und unterdrückt aufstöhnte.
„Geh jetzt!“ befahl Malindi mit einer Stimme, wie Chandra sie noch nie an ihm gehört hatte. „Geh jetzt und stelle keine Fragen.“
Etwas Mystisches schien von Malindi auszugehen. Chandra fühlte sich ebenfalls von einem nie gekannten Schauer durchrieselt. Er gehorchte ohne Widerspruch und schlich lautlos durch den Tempel. Nicht mal Malindi hörte noch seine Schritte.
Erst als von ihm nichts mehr zu sehen war, nahm auch Malindi den Weg, den er schon einmal gegangen war. Der Zahn des Erleuchteten trug er jetzt eng am Körper, und in der rechten Hand hielt er das Messer.
So tastete er sich vor, bis er an jenen Punkt gelangte, wo der bewaffnete Wächter mit dem Krummschwert stand.
Das dunstige Licht aus einer Öllampe war rötlich und schien sich wie Nebel zu bewegen. Auch die Gestalt des totenköpfigen Priesters oder heiligen Mannes war in dieses rötliche Dämmerlicht gehüllt.
Malindi ging auf ihn zu, eng an die steinernen Wände gepreßt. Er bewegte sich so leise wie nur möglich.
Dennoch schien der Priester über einen sechsten Sinn zu verfügen. Seine Sinne waren wohl ganz besonders geschärft.
Die Gestalt mit dem Totenkopfschädel löste sich wie ein Geist aus der Nische und vertrat Malindi Rama den Weg. Im Dunstkreis des rötlichen Lichtes sah Malindi Rama, wie sich die Hand mit dem Krummschwert hob.
„Frevler!“ donnerte eine Stimme, deren krächzendes Echo sich hundertfach an den Wänden brach und immer lauter zu werden schien. „Du wagst es, dich an dem Heiligtum von Kandy zu vergreifen? Du willst den Weisheitszahn des großen Buddha stehlen und den Tempel entweihen? Nimm zur Strafe für dein Eindringen das hier!“
Die Hand mit dem fürchterlichen Krummschwert zuckte hoch. Es gab einen leisen, pfeifenden Ton.
Malindi Rama zuckte zusammen, aber alle Angst war von ihm abgefallen. Er sah den Priester an und lächelte überlegen. Sollten jetzt alle Strapazen und aller Ärger umsonst gewesen sein, alles was er auf sich genommen hatte?
Nein, er war unbesiegbar. Der heilige Zahn verlieh ihm neue, unbekannte und fürchterliche Kräfte.
Auch seine Hand zuckte hoch, blitzschnell, und brachte das dünne, scharfgeschliffene Messer zum Vorschein.
Er wich einen Schritt zur Seite und sah, wie der Schwerthieb an ihm vorbeiging, als hätte der Wächter viel zu langsam reagiert. Er wurde von seinem eigenen Schwung nach vorn gerissen.
Mit aller Kraft stieß Malindi Rama zu.
Er blickte auf den Wächter, dem das Krummschwert entglitt, der sich lautlos zusammenkrümmte und aufs Gesicht fiel. In dieser Stellung blieb er reglos liegen.
Malindi steckte sein Messer ein und schlich weiter. Er erreichte eine Tür und öffnete sie. Überrascht blieb er stehen.
Von einem wolkenlosen Himmel leuchteten die Sterne, ein halbe Mondsichel war zu sehen, die sich im heiligen Kandy-See silbern und ungebrochen spiegelte, als sei das Wasser aus flüssigem Silber.
Aus dem Dschungel waren undefinierbare Geräusche zu hören.
Malindi blickte sich um. Überall herrschte Ruhe. Es bewegte sich nicht einmal die Luft, und niemand war zu sehen.
Er ging zum Ufer des Sees hinunter, aber auf der anderen, dem Tempel abgewandten Seite. Als er einmal stehenblieb, sah er im Wasser die Mondsichel heftig zittern und entdeckte einen länglichen Schädel mit seltsam funkelnden Augen.
Er erkannte die Bestie sofort. Die heiligen Männer hatten Krokodile im See ausgesetzt, und es schien eine ganze Menge von ihnen zu geben. Wahrscheinlich sollte das abschreckend wirken.
Wenn er jetzt genauer hinsah, erkannte er überall die gelblichen Lichter im Wasser wie Reflexe, wenn das Mondlicht sie traf. Es waren kalte und gleichgültige Augen, die nach Beute Ausschau hielten.
Chandra hockte am Abhang unter einem dichten Busch. Er zitterte so stark, daß er kaum sprechen konnte.
„Hast du es?“
„Natürlich habe ich ‚es‘, wenn du damit die Reliquie meinst.“
„Fast hätten mich die Priester oder Wächter erwischt“, jammerte Chandra. „Einer hat mich mit seinem Krummschwert gestreift. Laß mich das Heiligtum sehen, Malindi, jetzt gleich.“
„Später, wir haben keine Zeit mehr. Wenn die Priester es merken, werden sie uns bis ans Ende der Welt jagen.“
„Zeig mir den Zahn, zeig ihn mir!“ schrie Chandra. „Ich will seine Kraft spüren, ihn sehen, ich will …“
Er sprang auf und zerrte wie verrückt an dem Stoffbeutel um Malindis Hüfte. Er wollte ihm das Heiligtum entreißen, doch Malindi gab ihm einen heftigen Stoß und schlug mit der Faust nach.
Chandra brüllte laut auf und alarmierte dadurch die ganze Tempelanlage. Nicht mehr lange, und die Priester würden ausschwärmen, und sie kannten sich hier besser aus als jeder andere.
Er griff nach dem Busch, um sich festzuhalten, doch er riß nur ein paar dünne Zweige ab und stürzte mit ihnen zusammen in die Tiefe. Diesmal schrie er nicht, als er in den See fiel.
Malindi stand stocksteif da und sah ihm nach. Der Körper seines Gefährten überschlug sich ein paarmal, ehe er im Wasser aufklatschte und versank.
Ein böses Grinsen lag auf seinem Gesicht. Chandra tauchte noch einmal gurgelnd auf und verschwand dann in der Tiefe.
Von allen Seiten jagten die gelblichen Lichter auf ihn zu. Sie bildeten fast einen Kreis.
Malindi Rama rannte fort, so schnell er konnte. Er stürmte mit seinem gestohlenen Schatz in den Dschungel, der ihn verschluckte.
Er lief die ganze Nacht, und er lief so lange, bis im Osten das erste schwache Dämmerlicht zu sehen war. Erst da gönnte er sich eine kleine Pause.
6.
Wie er sich bis zum Wasserfall durchgeschlagen hatte, wußte er später nicht mehr zu sagen. Aber er verfügte über nie gekannte Kräfte, die nicht erlahmten, und er schüttelte jeden eventuellen Verfolger mühelos ab.
Er verspürte weder Hunger noch Durst, zerrte das Boot unter dem Wasserfall hervor, setzte das Segel und fuhr los.
Er hängte eine Angel über Bord und fing auf Anhieb einen großen Fisch, den er sich am Strand einer einsamen Bucht briet. Dort fand er auch eine Quelle mit sprudelndem Wasser.
Seit er im Besitz des Heiligtums war, verfolgte ihn das Glück, und alles gelang ihm. Mühelos fand er den Weg, ebenso mühelos fing er Fische oder fand Früchte – alles, was er wollte.
Immer wieder holte er die Reliquie, die solche Wunder bewirkte, hervor und betrachtete sie, und immer wieder durchströmten ihn diese unglaublichen Kräfte.
Alles ging, als gäbe es keine Probleme. Einen Sturm überstand er mit einem Lächeln, ohne daß etwas passierte, und er war schneller wieder zurück, als er geglaubt hatte.
Erst im Golf von Mannar hatte er Pech, aber das führte er auf seinen Eifer und eine gewisse Portion Leichtsinn zurück. Man durfte von den Göttern eben nicht zuviel verlangen oder sie gar herausfordern, wie er es jetzt tat.
Er hielt auf eine Stelle zu, die weiter südlich von Tuticorin lag, denn dort hatte er seine Freunde, die genauso fanatisch wie er selbst waren. Er wollte sie überraschen.
An den großen Subedar und seine Männer dachte er längst nicht mehr. Sie interessierten ihn auch nicht mehr. Er hatte das, was er immer haben wollte, und alle seine Probleme waren gelöst. Auch war ihm das Nirwana sicher und alle Glückseligkeit, die es mit sich brachte.
Vor der Küste tobte eine Brandung, eine hohe Welle brach sich nach der anderen. Auf der linken Seite gab es eine Insel mit einem kleinen Korallenriff. Hier ging die See oft haushoch, wenn sie auf den flachen Strand der unbewohnten Insel lief. Dann schäumte und toste es wie wild.
Ein kräftiger Wind packte sein Boot, und er bewegte die Pinne so, daß er die Insel an Backbord lassen konnte.
Doch da fetzte eine Bö heran, und es gab einen entsetzlich lauten Knall. Der Mast brach, und das Segel flatterte davon. Fast wäre noch das Boot gekentert.
Malindi sah sich gehetzt um und mußte zu seinem Entsetzen feststellen, daß ihn ein wilder Sog erfaßte und in die Brandung trieb. Aber sein Entsetzen verflog wieder, denn ihm konnte ja nichts passieren. Er glaubte unverwundbar zu sein.
Er wurde jedoch gleich darauf eines Besseren belehrt, als ihn eine gigantische Brandungswelle erfaßte.
Zuerst war es nur ein sanftes Dahingleiten auf einer Riesenwoge, dann wurde die Fahrt schneller, und er ritt auf dem wildschäumenden Kamm einer brüllenden Woge, die sich auf die Insel zuwälzte.
Die Woge trug ihn rasend schnell einem Strand entgegen, vor dem sich aber noch das Korallenriff befand.
Urgewalten hoben ihn höher und höher. Unter sich sah er einen kochenden Kessel und den Kamm der Woge, der sich unter Donnergetöse brach. Ein entsetzliches Krachen und Brüllen drang an seine Ohren.
Dann sah er nur noch Schaum, tosendes und kochendes Wasser und spürte mehr, daß er es sah, wie sich sein Boot in der Luft umdrehte und die ganze Welt auf dem Kopf stand.
Das Boot krachte in das Riff und löste sich in seine Bestandteile auf. Malindi wurde hinausgeschleudert, spürte noch einen dumpfen Schmerz im Kopf und verlor für ein paar Minuten das Bewußtsein. Der Ausläufer der Woge spülte ihn an den schmalen Strand und warf ihn dort wie altes Strandgut ab.
Er öffnete nach einer Weile benommen die Augen und sah sich verwirrt um. Die Erinnerung kehrte schlagartig zurück.
Er lag mit den Beinen im Wasser und zog sich höher auf den Strand, der weiß von angetriebenen Muscheln war.
Schluckend sah er zu, wie einzelne Teile seines Bootes auf den Strand geworfen wurden. Auch zwei Tonkruken, die nicht zerschmettert waren, trieben in der See und wurden angespült.
Er erhob sich und starrte auf die paar Habseligkeiten, die ihm noch geblieben waren. Den Stoffbeutel mit der Reliquie trug er am Körper, und der Zahn war noch da. Aber fast alles andere war verloren.
Er sammelte das Zeug auf, damit es das Meer nicht wieder mitnahm, und brachte es höher ans Ufer.
Er kannte diese Insel, die man vom Festland aus sehen konnte, und auch das Festland konnte man von hier aus sehen, wenn man ein paar hundert Schritte weiter ging. Dieses Land war nicht sehr weit entfernt, und ein guter Schwimmer hätte es sicher in ein bis zwei Stunden geschafft.
Aber Malindi war kein guter Schwimmer. Er konnte nur wie ein Hund im Wasser paddeln, und auch das nur für kurze Zeit. Außerdem war der Golf von Haifischen verseucht, die sich gern hier herumtrieben.
So langsam wurde ihm die ganze Erbärmlichkeit seiner jetzigen Situation bewußt, und er schluckte hart.
Alles hatte er erreicht, wovon er geträumt hatte. Er war im Besitz der heiligen Reliquie, deren Diebstahl mittlerweile sicher die ganze Insel in Aufruhr gebracht hatte.
Alles war schon so gut wie gelaufen, und jetzt passierte ihm dieses Mißgeschick. Ob der Weisheitszahn das bewirkt hatte? Immerhin hatten seinetwegen schon ein paar Leute ihr Leben lassen müssen.
Wütend trat er mit dem Fuß in den Sand und wirbelte ihn auf. Danach setzte er sich und überlegte.
Es war ein Witz, aber er war hier tatsächlich gefangen und konnte die Insel nicht mehr verlassen. Das Boot war nur noch Kleinholz und nicht mehr zu gebrauchen.
Es gab im Golf von Mannar zwar viele Fischer, doch die mieden gerade diese Insel wie die Pest. Sie hatten Angst vor den scharfen Korallen und der unberechenbaren Brandung, die jedes Boot zerschmetterte. Außerdem gab es hier nichts zu holen.
Er lachte hart auf und starrte zum dunstigen Festland hinüber. Aus der Ferne konnte er eine Palmengruppe und den hellen Strand erkennen, und dahinter sah er Hügel sanft ansteigen.
Das Festland war für ihn so weit entfernt wie der Mond – nämlich absolut unerreichbar.
Malindi war nicht der Mann, der sein Schicksal beklagte. Schließlich hatte er es ja auch herausgefordert und dieses Mal verloren, zumindest vorübergehend.
Zunächst mal mußte er überleben und nach Trinkwasser und etwas Eßbarem suchen. Wenn er Glück hatte, fand er vielleicht auch ein paar abgestorbene Palmen- oder Baumstämme, aus denen er ein provisorisches Floß bauen konnte. Bei günstigem Wind konnte er sich daraufhocken und zum Festland hinübertreiben lassen.
Er sah sich noch mal das an, was von dem Boot übriggeblieben war. Die Bilanz war traurig, nämlich zersplitterte Planken, mit denen er bestenfalls Feuer entfachen konnte. Das Werkzeug dazu hatte er noch, weil er es immer an Körper in einem kleinen Lederbeutel trug. In diesen packte er jetzt auch den Zahn, den er mit einem Stoffstreifen aus dem anderen Beutel umhüllte.
Malindi Rama marschierte los, um die Insel zu erkunden und um zu sehen, was sie hergab. Er ging vorerst immer dicht am Wasser entlang, in der Hoffnung, etwas Angetriebenes zu finden.
Nach einer knappen Stunde war sein Rundgang beendet, und er zog abermals Bilanz.
Trinkwasser gab es nicht, wie er betrübt feststellte. Aber es gab Kokosnüsse, ein paar andere Früchte und viele Krebse und Langusten. Er entdeckte auch einen wilden Bienenschwarm, ein riesiges Nest, in dem es gefährlich summte.
Den Honig würde er sich holen, aber erst dann, wenn es dunkel war und die wilden Bienen nicht mehr ausschwärmten. Vielleicht konnte er sie auch mit feuchtem Holz ausräuchern.
Zunächst kletterte er schnell wie ein Affe eine Palme hoch und warf Kokosnüsse in den Sand, die seinen Bedarf für mindestens drei Tage deckten.
Mit dem Messer bohrte er eine an und schlürfte die Milch. Damit war sein Durst fürs erste gelöscht. Allein mit Hilfe der Kokosnüsse konnte er monatelang überleben.
Mit einem Stein zerschlug er die Nuß und labte sich an dem saftigen Fruchtfleisch.
Dabei überlegte er immer wieder fieberhaft, wie er die Insel verlassen konnte, doch er sah keine Möglichkeit. Er wartete auch einmal ins Wasser und versuchte schwimmen zu lernen, in der Hoffnung, der heilige Zahn würde ihm dabei helfen.
Doch das Schwimmen war nur ein kläglicher Versuch, und als ihm das Wasser bis zum Hals stand, geriet er ihn Panik und rannte wie gehetzt an den Strand zurück. Außerdem hatte er schaudernd festgestellt, daß sich vor der Korallenbank ein ganzes Rudel der gefräßigen Barrakudas herumtrieb, die noch schlimmer als Haie waren.
Diese schnellen Pfeilhechte griffen wahllos an, indem sie auf ihr Opfer zustießen, mit ihren scharfen Zähnen Fleisch herausfetzten und dann weiterschwammen. Erst nach einer Weile kehrten sie zurück, um das zu fressen, was sie aus der Beute gerissen hatten.
An diesem Tag fing er ein paar Krebse, entzündete aus den Trümmern des Bootes ein Feuer und röstete sie an hölzernen Stöckchen.
Auf das Feuer warf er schließlich angeschwemmten Seetang, bis es richtig, qualmte und eine dunkle Wolke am Strand aufstieg. Er hoffte, damit ein paar Fischer anzulocken, doch es ließ sich keiner blicken.
Am zweiten Tag sah er zwei Fischerboote dicht unter der Küste und wiederholte in aller Eile den Versuch, auf sich aufmerksam zu machen.
Die Fischer reagierten nicht, obwohl sie den Qualm zweifellos sahen.
„Verdammte Hundesöhne!“ schrie Malindi wild und schüttelte die Fäuste. Den ganzen Tag ließ er das Feuer qualmen – ohne Erfolg. Am Abend kehrten die Fischer zur jenseitigen Küste zurück, und er sah sie nicht wieder.
Am vierten Tag gelüstete es ihn nach dem Honig der wilden Bienen. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen, wenn er nur daran dachte.
Er startete einen kleinen Versuch, indem er die Nester mit faustgroßen Steinen bewarf. Immer wieder schleuderte er einen Stein nach dem anderen in den Baum, mit dem Erfolg, daß die Bienen schließlich wild wurden und sich auf den Störenfried stürzten.
Malindi Rama bezog eine äußerst harte und schmerzhafte Lektion.
Ganz plötzlich sah er sich von einem Schwarm umgeben und spürte die ersten Stiche an Kopf und Körper. Die Biester attackierten ihn so, daß er schließlich wie ein wildgewordener Derwisch am Strand herumhüpfte und wilde Schreie ausstieß.
Er rannte ins Wasser, um sich in Sicherheit zu bringen, und tauchte unter, bis sie endlich von ihm abließen.
Völlig zerstochen, ließ er sich nach einer Weile im Sand nieder. Überall biß, stach und brannte es höllisch, und er konnte sich vor Schmerzen kaum bewegen.
Nach zwei weiteren Tagen waren die Stiche einigermaßen verheilt, und Malindi Rama nahm Rache an dem Bienenvolk, das seinen Honig so hartnäckig verteidigte.
Unter dem Baum schichtete er Holzstücke auf und setzte sie in Brand.
Dann rieb er sich die Hände und lachte laut. Ein bißchen Seetang und grünes Gras streute er auf das Feuer, und bald stieg eine übelriechende Qualmwolke hoch und legte sich um den Baum.
Die Bienen wurden nervös und suchten nach dem Missetäter, aber der hockte weit entfernt unter einem Strauch und sah grinsend zu, wie sie voller Panik davonflogen.
Wildes Summen erfüllte die Luft, und schließlich zog der ganze Bienenschwarm ab und ließ das Nest im Stich.
Malindis Zeit war gekommen. Jetzt konnte er gefahrlos den Baum erklimmen, ohne von den Plagegeistern gestochen zu werden.
Er fand das Nest und riß es herunter. Ein paar Bienen befanden sich noch darin, doch er schüttelte sie ab und rannte mit seiner Beute zum Wasser hinunter.
Dann aß er genüßlich schmatzend den süßen Honig, bis alles an ihm klebte und pappte.
Als er gesättigt war, wusch er sich und hob sich einen kleinen Rest des süßen Honigs für später als Reserve auf. Dabei fiel sein Blick auf das Wachs der Honigwaben, und ein Gedanke schoß ihm blitzschnell durch den Kopf.
Er war jetzt fast eine Woche lang auf der verdammten Insel und sah immer noch keine Möglichkeit, sie zu verlassen. Die Fischer, denen er mitunter lauthals die Knochen abfluchte, wenn sie an der Küste auftauchten, kümmerten sich nicht im geringsten um seine Rauchzeichen, also mußte er anderweitig Rettung herbeiholen.
Er hatte noch zwei Tonkrüge, die er gelegentlich im ersten Zorn hatte zerschlagen wollen. Er war froh, es nicht getan zu haben, denn sie konnten jetzt vielleicht seine Rettung bringen.
Er holte den einen und versuchte, ob er auf dem Wasser schwamm. Er schwamm tatsächlich und ging erst dann unter, wenn ziemlich viel Wasser hineinlief.
Malindi hockte sich wieder auf seinen Lieblingsplatz, einen großen Stein dicht am Wasser, an dem zwei Palmen standen, die bei der großen Hitze vorzügliche Schattenspender waren.
Er verstand es zu improvisieren und dachte lange nach, bis er die Lösung hatte. Wenn er einen Hilferuf abschicken wollte, konnte er ihn in die Tonkrüge stecken und deren Hälse mit einem Pfropf und dem Bienenwachs wasserdicht verschließen. Die Krüge würden an Land gespült und gefunden werden. Wann das der Fall war, blieb allerdings offen. Wenn er Pech hatte konnten Wochen oder Monate vergehen. Aber einen Versuch war es wert, wenn er nicht für immer auf diesem trostlosen Eiland bleiben wollte.
Am anderen Tag stellte er „Papier“ her. Er schälte mit seinem Messer von einem besonders weichen Baum vorsichtig eine dünne Rinde ab. Er mußte den Versuch etliche Male wiederholen, bis er etwas Brauchbares in der Hand hatte, das sich auch zusammenrollen ließ, ohne zu zerbröseln oder zu brechen.
Die Rinde ließ er trocknen und holte sich ein paar von den blauen, giftigen Beeren, die er auspreßte.
Mit der Spitze seines Messers und einem faserigen, pinselähnlichen Ästchen malte er einen Hilferuf auf die Rinde. Er zeichnete die Insel ein und gab deren Position an. Darunter kritzelte er. „Hilfe! Insel südlich Tuticorin!“
Das mußte genügen, denn fast jeder in dieser Ecke kannte auch die kleine Insel. Es gab weit und breit nur die eine.
Die zweite Rinde bearbeitete er ebenso sorgfältig.
Aus Holz schnitzte er zwei Stopfen, an denen er so lange herumsäbelte, bis sie in die Hälse der Krüge paßten. Das alles dichtete er mit Bienenwachs so ab, daß kein Wasser eindringen konnte. Probeweise hielt er dann die Krüge unter Wasser und achtete auf Luftblasen. Es gab keine, wie er zufrieden feststellte.
An diesem Tag stand allerdings der Wind nicht besonders günstig. Er mußte die Krüge auch auf der anderen Seite der Insel aussetzen, am östlichen Zipfel, damit sie nicht in die Brandung gerieten und von den wilden Brechern zerschlagen wurden.
Erst zwei Tage später begann der Wind auflandig zu wehen, und Malindi beeilte sich seine Botschaft loszuwerden.
„So, jetzt werden sie mich finden“, murmelte er. Er wußte, daß immer ein paar Leute frühmorgens am Strand entlangliefen, um nach angeschwemmten Dingen zu suchen. Dann würden sie zwangsläufig auch die Krüge entdecken und neugierig nach deren Inhalt sehen.
Er ging bis zur Brust ins Wasser und setzte die Tonkrüge aus.
Der leichte Wind erfaßte sie mit einer sanften Strömung und trieb sie unendlich langsam in Richtung der Küste.
Zufrieden fischte er nach Krebsen, um sie über dem Feuer zu rösten, und nuckelte eine Kokosnuß leer.
Zwei Stunden später war seine Zufriedenheit vorbei, als er satt vor dem großen Stein lag und vor sich hin döste.
Der Wind hatte gedreht und wehte jetzt wieder ablandig.
Malindi brüllte seine ohnmächtige Wut hinaus, denn jetzt trieben die Krüge nicht mehr auf die Küste zu, sondern ins offene Meer hinaus, womit sie hoffnungslos verloren waren.
Er hob Steine auf und schleuderte sie voller Wut ins Wasser, bis er erschöpft am Strand zusammenbrach und einschlief.
An jenem Tag träumte er, daß er hundert Jahre auf der Insel verbringen müsse, zur Strafe dafür, daß er den Weisheitszahn des Erleuchteten gestohlen hatte.
7.
Anfangs war die Schebecke der Arwenacks noch unter vollem Preß gelaufen, doch seit sie Cap Comorin gerundet hatten und auf Nordnordost-Kurs gingen, war es mit der Herrlichkeit vorbei.
Der Wind schralte und fiel vorlicher ein. Schließlich spielte er verrückt und wechselte ständig die Richtung. Er schlug Kapriolen und narrte sie ständig.
Sie segelten so dicht unter der Küste, daß alle Einzelheiten gut zu erkennen waren. Lediglich um vorspringende Landzungen schlugen sie vorsichtshalber einen Bogen, weil die dahinterliegenden Buchten oftmals unangenehme Überraschungen bereit hielten, und davon hatten sie wahrhaftig genug. Es hatte auf der Reise von Bombay jede Menge Zwischenfälle aller Art gegeben.
Jetzt war ihr Zielhafen Madras näher gerückt. Sie würden den Golf von Mannar passieren und an der Koromandelküste entlang nach Madras segeln, hoffentlich ohne weitere Zwischenfälle, wie Philip Hasard Killigrew dachte.
Sie würden die Gold- und Silberladung des Maharadschas Ischwar Sing dem großen Akbar bringen, und der Sultan von Golkondo würde das alles in Empfang nehmen.
Sie würden …
Es dauerte nicht lange und der Wind nahm immer mehr ab. Gar nichts mehr würden sie, wenn er einschlief, wenigstens vorübergehend nicht.
„Sieht nach einer Kalme aus“, meinte Smoky. „Nicht mehr lange, und wir hängen da.“
„Das ist der Monsun“, sagte Dan O’Flynn. „Da spinnt das Wetter mitunter, aber das legt sich bald wieder.“
Eine Bö fegte heran und stieß kraftvoll in die Segel. Der Druck legte die Schebecke leicht auf die Seite.
Das war das letzte Aufbäumen, danach rührte sich nichts mehr, und die Segel hingen schlaff an den Rahruten. Der schäumende Bart der Bugwelle verschwand, dann herrschte Ruhe.
Pete Ballie ließ die Pinne los und reckte sich. Er hatte sechs Stunden an der Pinne verbracht und sich nicht ablösen lassen.
„Feierabend“, verkündete er. „Zumindest vorerst. Jetzt können wir Kakerlaken fangen und dressieren – wie damals.“
In der „Tonne“ stand Sam Roskill als Ausguck. Er stützte die Arme auf und blickte träge an Deck. Dann riß er die Futterluke auf und gähnte kräftig.
„Paß nur auf, daß dir kein Frosch ins Maul fliegt“, sagte der Profos. „Oder hast du vor, die Masten zu vertilgen?“
„Frösche können nicht fliegen“, erwiderte Sam Roskill und gähnte abermals ungeniert. „Ich hab jedenfalls noch keine fliegenden Frösche gesehen, ergo können sie mir auch nicht ins Maul fliegen.“
„Ergo?“ fragte Carberry argwöhnisch. „Was ist das denn wieder für eine Ausdrucksweise? Seit wann kannst du Indisch? Ich dachte, nur Dan und die Zwillinge verstehen was davon.“
„Ergo heißt soviel wie also und ist lateinisch“, erklärte der Kutscher. „Das sagt man eben so.“
„Und warum sagt man nicht also?“
„Fang bloß nicht wieder Stunk an mit deiner Haarspalterei“, knirschte der Kutscher erbittert. „Es gibt eben mehrere Ausdrücke, und man kann sich aussuchen, was man will. Ergo ist das jedem seine eigene Angelegenheit, Mister Carberry.“
„Laß dir dein Ergo doch auf den Achtersteven tätowieren“, knurrte der Profos.
„Da schwimmt was“, unterbrach Sam den geistvollen Dialog. „Könnte ’ne Buddel oder so was sein.“
„Eine volle?“ fragte Carberry.
Er mußte sich etwas hoheitsvoll vom Kutscher belehren lassen, daß volle Buddeln nicht zu schwimmen pflegten, und es „ergo“ logischerweise eine leere Buddel sein müsse.
Damit brachte er den Profos bis nahe an den Siedepunkt.
Aber das Interesse an dem bevorstehenden Streit erlosch ziemlich schnell, als auch die anderen das Ding auf dem Wasser entdeckten.
„Sieht nach ’ner halb abgesoffenen Tonkruke aus“, meinte Mac Pellew. „Wahrscheinlich so’n Öldings mit Oliven oder so.“
Hasard amüsierte sich wieder mal über seine Helden und lauschte belustigt den eigenartigen Vermutungen und seltsamen Vergleichen.
Aber da schwamm tatsächlich etwas, das an einen Krug erinnerte.
Der Seewolf nahm das Spektiv und blickte hindurch.
„Ein Tonkrug, weiter nichts. Wahrscheinlich haben ihn ein paar Fischer verloren, oder er ging im Sturm über Bord.“
Smoky glaubte wieder mal, eine grandiose Idee zu haben.
„Wir ermitteln den besten Schützen“, schlug er sogleich eifrig vor. „Wir können ja doch nichts tun. Wir schießen mit Musketen drauf, und wer ihn trifft, muß ein Fäßchen Rum ausgeben.“
„Du bist ja bescheuert“, sagte Carberry entrüstet. „Für den Treffer muß er auch noch einen ausgeben, was, wie? Da wird doch jeder danebenhalten und sich eins grinsen. Nein, dem besten Schützen wird ein Fäßchen spendiert. Dann ergibt das auch einen Sinn.“
„Vergeßt das“, sagte Hasard. „Wir haben genug gute Schützen an Bord, und wir ballern hier auch nicht grundlos vor der Küste herum, schon aus dem Grund nicht, um keine Neugierigen anzulocken. Musketenschüsse sind mitunter meilenweit zu hören.“
Ein paar waren neugierig und wollten wissen, ob in dem Krug etwas drin sei, aber er war zur Zeit unerreichbar. Etwa eine Kabellänge entfernt trieb er in der nur schwach bewegten See.
„Wie kann man an das Ding nur ran?“ fragte Smoky, den die Neugier am meisten plagte. „Wenn wir die Jolle abfieren …“
„Vergeßt den Krug“, sagte Old O’Flynn mit Grabesstimme. „Ich traue den Indern nicht. Wahrscheinlich steckt ein Dämon in dem Teufelsding, einer aus Rauch und Schwefel, der uns gefangennimmt oder gar Unheil über das Schiff bringt. Ich habe so was schon mal auf der …“
„Sag bloß nicht, daß du auf der ‚Empress of Sea‘ einen Flaschenteufel gefunden hast“, schnaubte der Profos.
„… ‚Empress of Sea‘ erlebt“, sagte Old Donegal ungerührt. „Es war eine furchtbare Geschichte, direkt unheimlich und grauslich. Mir standen die Haare zu Berge, als der Geist aus der Kruke quoll.“
Old Admiral konnte sein Flunkern nicht lassen, und die alte „Empress of Sea“ geisterte durch alle seine Träume. Da hatte er Dinge erlebt, von denen andere nicht mal zu träumen wagten.
Vor ein paar Tagen hatte der alte Kampfhahn sie damit genervt, daß er im Traum gesehen habe, wie der Stützpunkt der Korsaren in der Karibik, Great Abaco, überfallen wurde. Auch da waren grauenhafte und fürchterliche Dinge passiert. Aber das nahm kaum jemand ernst.
Der neue Moses an Bord, Clint Wingfield, der den Arwenacks von der Kriegsgaleone „Respectable“ gefolgt war, schlug vor, einfach hinzuschwimmen und den Krug zu holen, falls der „Sir“ das gestatte.
Der Sir gestattete es mit einem Lächeln, und ein halbes Dutzend Kerle hatten nichts Eiligeres zu tun, als sich über Bord zu stürzen.
Schließlich kehrte Smoky mit dem Ding im Arm triumphierend an Bord zurück, aber da erfolgte Old Donegals zweite Warnung, die er mit erhobenem Zeigefinger vortrug.
„Solche Krüge benutzen die Inder, um ihre giftigen Schlangen darin zu verstecken“, warnte er. „Das habe ich in Bombay gesehen. Entweder ist da ein Dämon oder eine Schlange drin.“
Die eindringlichen Warnungen des alten Zausels wurden wieder mal in den Wind geschlagen, genauer gesagt in die Kalme, die gerade herrschte.
Das Ding wurde Hasard gebracht und von allen bestaunt. Der Tonkrug war sorgfältig mit einem Stopfen verschlossen und mit Bienenwachs versiegelt, damit kein Wasser eindringen konnte.
Als Hasard den Krug leicht schüttelte, war ein leises Knistern und Rascheln zu hören.
„Sie zischt schon“, sagte Old Donegal, womit er die Schlange meinte, die angeblich in dem Krug steckte.
Mit dem Messer entfernte der Seewolf schließlich den Stöpsel. Grinsend sah er dabei seinen Schwiegervater an.
Der Dämon war vermutlich längst entwichen, und eine giftige Schlange flitzte auch nicht aus der Öffnung, wie Old Donegal befürchtet hatte.
Als Hasard die Öffnung ans Licht hielt und hineinblickte, erkannte er auf dem Boden des Kruges ein Ding, das an ein gefaltetes Stück Papier erinnerte. Es war nur etwas dicker.
Es ließ sich nicht herausholen, so sehr er auch schüttelte.
Old Donegal hatte seine Meinung inzwischen geändert und tippte auf eine Schatzkarte. Er erbot sich auch sogleich, zusammen mit den Zwillingen und Clint Wingfield, den Schatz zu heben.
„Scheint so etwas wie eine Botschaft zu sein“, sagte der Seewolf. „Aber sie ist teilweise aufgerollt und läßt sich nicht entfernen.“
„Darf ich mal, Sir?“ fragte der Profos.
Er löste das Problem auf seine Art, von der der Kutscher behauptete, daß sie nicht logischer Überlegung, sondern brutaler Gewalt entspränge. Er nahm den Krug einfach in seine riesigen Flossen und schlug sie leicht aneinander.
Es gab einen dumpfen Knall und eine Menge Tonscherben, und es gab auch tatsächlich eine Botschaft.
Sie war auf dünne Baumrinde gepinselt und zeigte eine vor der Küste liegende Insel, die offenbar sehr klein war. Ein paar Worte in seltsamer Schrift waren darunter gepinselt.
Jetzt hatten sie wieder etwas, um sich die Köpfe zu zerbrechen.
„Zweifellos ein Hilferuf, der noch nicht sehr alt sein kann“, schloß der Kutscher messerscharf.
„Es steht kein Datum darauf“, sagte Hasard. „Kann also doch schon sehr alt sein.“
„Mit Verlaub, Sir“, sagte der Kutscher förmlich. „Der Tonkrug sah noch ziemlich neu aus. Er hatte weder die üblichen kleinen grünen Algen noch irgendwelche Muscheln angesetzt. Ich habe ihn mir zuvor genau angesehen. Triebe er länger in der See, dann würde man das zweifellos bemerken, wenn mir dieser Hinweis gestattet ist.“
„Schlaues Kerlchen“, murmelte Carberry. „Möchte mal wissen, was du eigentlich nicht weißt.“
„Die Augenfarbe deiner Urgroßmutter“, sagte der Kutscher trocken.
Die Zwillinge und auch Dan O’Flynn, die inzwischen einiges von der indischen Sprache gelernt hatten, versuchten jetzt, die Zeichen zu entziffern.
„Ja, offenbar ein Hilferuf“, sagte Hasard junior. „Es wäre zumindest logisch.“
„Die Küste scheint nördlich oder auch südlich zu verlaufen“, meinte Dan O’Flynn. „Davor ist eine winzige Insel eingezeichnet, die ganz dicht unter der Küste liegen muß, wenn die Zeichnung stimmt. Ich tippe auf einen oder mehrere Leute, die auf dieser Insel gestrandet sind und keine Möglichkeit haben, an das Festland zu gelangen. Aber diese Insel kann natürlich überall und nirgends liegen.“
„Wir könnten mal auf der Karte des Maharadschas nachsehen“, schlug Don Juan de Alcazar vor. „Die Karten sind ziemlich genau. Bisher haben wir uns immer nach ihnen richten können.“
Clint holte die Karte aus Hasards Kammer und breitete sie auf den Planken aus. Die Ecken wurden mit ein paar Tonscherben beschwert, damit sie nicht aufrollten.
Sie hatten den Küstenverlauf jetzt genau vor sich. Ein Meister hatte diese Karte angefertigt. Fast alle Orte waren eingetragen, ebenso die Flüsse und sogar etliche kleine Nester. Die Beschriftungen waren einmal in Portugiesisch und darunter in der Schreibweise der Inder erläutert.
„Trivandrum liegt hinter uns“, sagte der Seewolf. „Nagarcoil und das Kap haben wir ebenfalls passiert. Der nächste Ort, der hier eingetragen ist, heißt Tuticorin, eine größere Ansiedlung, die noch im Golf liegt. Zeigt mir einmal die kleine Schriftrolle.“
Der Kutscher beteiligte sich ebenfalls sehr emsig an der Enträtselung der Karte.
Jetzt wurden Vergleiche mit den Schriften angestellt. Dabei taten sich wieder Hasards Söhne besonders hervor.
Jung Hasard grinste über das ganze Gesicht.
„Da ist ein Punkt eingezeichnet“, sagte er. „Das könnte die Insel sein, wenn’s nicht gerade Fliegendreck war. Liegt fast unter Land. Deshalb verstehe ich auch nicht, warum die Kerle nicht einfach drauflosschwimmen.“
„Vermutlich wegen der Haie. An der Küste wimmelt es nur so von den lieben Tierchen.“
„Das ist eine Möglichkeit.“
Die Lösung fiel ihnen dann zu, als sie die Schriften miteinander verglichen. Auf der Karte waren die Schriftzeichen mit denen der anderen Karte absolut identisch.
Jetzt war alles klar, und es gab auch keinen Zweifel mehr.
„Die Insel liegt südlich von Tuticorin“, sagte Hasard. „Wir hätten sie früher oder später ohnehin passiert und wären sicher auf ein paar Schiffbrüchige aufmerksam geworden, wenn das Eiland so klein ist. Sie liegt also auf unserem Weg, und wir könnten sie bequem in ein oder zwei Tagen erreichen.“
„Wenn der Wind nicht wäre, der uns im Stich gelassen hat“, brummte Ferris Tucker. „Aber sehr lange werden wir wohl nicht bekalmt bleiben. Das ändert sich hier schnell.“
Eins der Wörter hieß Tuticorin, das stand jetzt fest.
„Was kann das erste Wort bedeuten?“ fragte der Seewolf.
„Hilfe – möchte ich jedenfalls behaupten, auch weil es logisch ist“, erwiderte der Kutscher.
„Und der Rest?“
Da konnte der Kutscher nur mutmaßen, lag aber damit ebenfalls sehr richtig.
„Der Hinweis, wo die Insel liegt, und da das eine Wort Tuticorin bedeutet, wie wir ja jetzt zweifelsfrei wissen, kann das andere nur der Hinweis darauf sein, daß die Insel südlich von Tuticorin liegt. Das ist eigentlich schon alles.“
„Genau, so muß es sein.“ Hasard nickte. „Und da der Hilferuf noch nicht alt ist, werden sich diese Leute auch vermutlich noch auf der Insel befinden, falls es da zufällig Wasser gibt.“
„Wenn nicht, kann es zufällig Kokospalmen geben“, meinte der Kutscher. „Und mit deren Hilfe kann man wochen- oder gar monatelang ohne Wasser auskommen. Aber es gibt ja noch den Monsun, und der bringt den armen Kerlen schon genügend Wasser.“
Das Rätsel war also gelöst, und jetzt brauchten sie nur noch ein bißchen Wind zum Weitersegeln. Doch der Wettergott ruhte sich aus und Äolus schlief auch weiterhin und dachte nicht daran, seinen Atem zu vergeuden.
Um die Langeweile zu vertreiben, badeten sie im Meer und angelten, und bis zum späten Nachmittag hatten sie ein paar stattliche Exemplare an Bord.
Der Kutscher und Mac Pellew brieten saftige Fischschnitten und würzten sie mit Tomaten, Chili, Knoblauch und Zwiebeln. Dazu gab es eine sehr scharfe Soße.
Als sie schließlich alle satt waren, schlug der Profos vor, den würzigen Knoblauchatem in die Segel zu blasen, damit sie wieder Fahrt aufnähmen.
Aber Mac Pellew meinte etwas verdrießlich, die Segel würden sicherlich Feuer fangen und verbrennen.
8.
Gegen Ende des zweiten Tages fuhr ein Windhauch über das Wasser und kräuselte es. Durch den Golf von Mannar wehte gleich darauf eine laue Brise, die die Segel schwach füllte.
Im Nu war alles auf den Beinen. Der Luftzug war ein wenig kühl und daher sehr angenehm, und er brachte die Arwenacks schnell auf Trab.
Schon nach einer knappen Stunde konnten sie weitersegeln. Es wurde eine sternenklare Nacht mit seidigem Halbmond und glitzerndem Wasser. Der Morgen brachte wieder Hitze und zwischendurch mal einen kräftigen Regenschauer.
Wieder segelten sie dicht unter der Küste und hielten Ausschau nach der Insel, doch sie war noch etwas mehr als eine ganze Tagesreise entfernt.
Natürlich war es wieder mal Dan O’Flynn, der mehr sah als der Ausguck, obwohl der eine wesentliche bessere Position hatte.
Gary Andrews, der in der Tonne stand, wollte gerade voraus deuten und etwas sagen, als Dan ihm schon zuvorkam.
„Rauchsäule Backbord voraus, Sir“, sagte er.
„Rauch an Backbord vor … Verdammt!“ fluchte Gary. „Der Kerl mit seinen Glupschaugen kann wohl hinter die Kimm blicken, was?“
Noch sehr weit voraus kräuselte sich ein winziger Kringel scheinbar über dem Festland. Der Kringel verdickte sich manchmal, wurde dann aber wieder dünn und qualmte erneut auf.
„Das ist die Insel“, behauptete Dan.
„Ist sie nicht“, widersprach Smoky. „Der Rauch stammt vom Festland. Wollen wir wetten?“
Smoky holte schon zwei Goldmünzen hervor und hielt sie Dan O’Flynn unter die Nase.
„Die bist du schon los“, sage Dan.
„Mann, ich hab auch verdammt gute Augen“, protestierte der Decksälteste. „Und wenn ich sage, dieser Rauch steigt vom Festland auf, dann stammt er nicht von einer Insel. Klar, Mister?“
„Gar nicht klar“, sagte Dan grinsend.
„Na, das werden wir ja sehen.“
„Ganz sicher.“
Zehn Minuten später knöpfte Dan O’Flynn dem verstörten Smoky zwei Goldmünzen ab und schenkte sie Clint, der sie verblüfft und mit knallroten Ohren in Empfang nahm und sich vor Aufregung fast verschluckte. Das Bürschchen hatte noch nie zwei Goldmünzen besessen, nicht mal eine.
„Was – was soll ich damit tun, Sir, äh – Mister O’Flynn?“ stammelte Clint fassungslos.
„Dafür kannst du einen ausgeben, wenn wir wieder auf Great Abaco im Stützpunkt sind“, sagte Dan lachend. „Mein Daddy hat da eine feine Kneipe, die sich Rutsche nennt. Rutsche deshalb, weil da immer die Besoffenen durchrutschen und dann im Wasser landen. Na, das wirst du ja alles noch kennenlernen.“
Das Bürschchen mit dem quirligen Haarschopf freute sich sehr und war natürlich auf den Stützpunkt schon mächtig gespannt.
Smoky stand recht belemmert da. Er trauerte seinen Münzen jedoch nicht nach. Aber er konnte einer Wette ja nie widerstehen, obwohl er meist verlor.
„Sie geben Rauchsignale“, sagte Hasard und ließ auf die jetzt deutlich erkennbare Insel zuhalten. Sie lag nicht weit vom Festland entfernt und war dicht mit Palmen bewachsen.
Die Rauchzeichen erloschen. Man mußte sie von der Insel her längst bemerkt haben, aber seltsamerweise ließ sich keiner sehen.
„Eine feine Brandung“, sagte Hasard. „Da werden wir uns höllisch in acht nehmen müssen. Vor der Insel liegt eine Korallenbank. Haltet Ausschau und paßt auf Untiefen scharf auf. Wir gehen nachher vor Anker und setzen die Jolle aus.“
Ein paar Minuten später änderte sich das Bild, als sie dicht bei der Insel waren.
Am Strand erschien ein dürres Individuum, das von Carberry gleich als „seltsamer Heiliger“ bezeichnet wurde.
Der Kerl sah merkwürdig genug aus. Er hatte lange, strähnige schwarze Haare, die ihm bis weit über die Schultern fielen, und trug um den dürren Oberkörper einen Fetzen, der sich früher mal Hemd genannt hatte, jetzt aber überwiegend aus Löchern bestand. Um seine Hüfte war eine Art Lendenschurz geschlungen, und an der Seite trug er einen abgewetzten alten Lederbeutel.
Das merkwürdige Individuum war rein aus dem Häuschen, als es die Schebecke auf die Insel zuhalten sah. Es schrie und keifte, hüpfte von einem Bein auf das andere und benahm sich wie ein Irrer, der einen Veitstanz aufführt.
Das magere Männchen hatte auch einen Bart, wenn man den Pinsel etwas großzügig als solchen bezeichnen wollte. Aber dann mußte man schon wirklich sehr großzügig sein, denn das struppige Ding ähnelte eher einem alten Ziegenbart, in dem die Motten hausten.
Der Kerl hüpfte einbeinig herum, vollführte dann einen Handstand, sprang wieder auf die Füße und kratzte sich mit beiden Händen den Kopf, als wolle er sich die Haare raufen.
„Nur einer“, sagte Don Juan erstaunt. „Aber er benimmt sich wie tausend Verrückte.“
Jetzt begann das Individuum auch noch mit Steinen zu werfen. Es feuerte sie wahllos in alle Richtungen und schien vor Freude außer sich zu sein.
Bei den Arwenacks ging das große Grinsen um.
„Na, da haben wir uns ja was eingefangen“, sagte der Profos feixend. „Als ob wir nicht schon genug Bescheuerte an Bord hätten.“
Sein Blick streifte wirklich nur rein zufällig Old Donegal, der sich gerade neben ihn schob. Der Admiral ging auch gleich in die Luft und reckte angriffslustig den Granitschädel vor.
„Wenn du mich damit meinst“, grollte er, „dann wird dein Achtersteven von mir persönlich tätowiert. Aber mit einer großen Wildsau drauf, das verspreche ich dir.“
„Dich doch nicht, Old Daniel“, sagte der Profos friedfertig. „Es gibt Beknackte und Überbeknackte, aber du bist doch keiner von den Beknackten.“
„Das will ich auch meinen“, sagte der Admiral, ebenfalls versöhnlich, bis ihm eine Laterne aufging, und er sich auf den grinsenden Profos stürzen wollte.
„Du miese Profoswanze!“ brüllte er. „Dich abgelaichten Prielwurm wickel ich achtmal ums Bratspill und dann …“
„Dann fiert ihr die Jolle ab“, unterbrach Hasard. „Aber vorher setzt ihr den Anker, nachdem ihr freundlicherweise die Segel eingeholt habt.“
„Aye, aye, Sir.“
Die Schebecke ging vor Anker. Die Brandung mit ihren mörderischen Riesenbrechern tobte sich an Steuerbord wild und schäumend aus.
„Merkwürdig, daß der Bursche nicht an Bord schwimmt“, sagte Ben Brighton verwundert. „Ich an seiner Stelle wäre wie ein Wilder losgepaddelt, damit mir das Schiff nicht durch die Lappen geht.“
„Du schon“, sagte Hasard, „du kannst auch schwimmen. Aber der seltsame Heilige ganz sicher nicht, sonst wäre er schon längst drüben an Land.“
„Stimmt, das ist absolut logisch.“
Der Hautfarbe nach war der Mann ein Singhalese, denn er war viel hellhäutiger als die meisten anderen Inder.
Mit brennenden Augen sah er zu, wie die Jolle abgefiert wurde. Ihn hielt es offenbar keinen einzigen Augenblick mehr auf der Insel, auf der er eine ganze Weile zugebracht haben mußte, wenn man sein äußeres Erscheinungsbild sah. Außerdem war der Kerl unglaublich dürr und ausgemergelt, als hätte ihn die Sonne zu einem braunen Stecken gebrannt und gebacken.
Der Profos und Ferris Tucker pullten hinüber, um den Dürren aus seiner Einsiedelei zu erlösen. Sicher wollte er an die nahe Küste gebracht werden.
Der Empfang war überwältigend, als die Jolle auf den Sand lief. Für die anderen war das wieder ein Anlaß, niederträchtig zu grinsen.
Das dürre Kerlchen raste wie ein Blitz auf den Profos zu und wollte ihn offenbar umarmen. Als er aber die zerhauene und narbige Visage mit dem Amboßkinn sah, schrak er heftig zusammen und nahm sich statt dessen den rothaarigen Zimmermann vor, der völlig verdattert dastand.
Ferris wurde abgeschmatzt, betatscht, in die Seite geknufft und befummelt, als stamme er aus einer anderen Welt.
Dann hatte der merkwürdige Kerl auch seine Scheu vor dem Profos überwunden und sprang ihn an wie ein junger Hund seinen Herrn.
„Na, der scheint aber schon lange hier zu sein“, meinte der Profos verwirrt und zupfte sich ein paar dünne Haare aus dem Gesicht, die der fransige Ziegenbart dort vor Freude hinterlassen hatte.
„Malindi!“ kreischte der Dürre und zeigte auf seine Hühnerbrust. „Malindi Rama, Malindi Rama!“ Das andere, was er noch sagte, blieb für die beiden ein Buch mit sieben Siegeln.
„Na, dann schwing mal die Hufe, Malindi“, sagte der Profos trocken. Als hätte der Kerl ihn genau verstanden, flitzte er in die Jolle und blickte zu dem schmucken Schiff hinüber.
Carberrys Blick streifte die Habseligkeiten des Inders. Es war nicht viel, nur ein Lederbeutel, den er ängstlich festhielt, obwohl der wie Kleister an ihm klebte, und ein langes, scharfes Messer, das er sich in den Lendenschurz gesteckt hatte.
Die beiden Männer pullten los.
„Malindi – du von da drüben?“ fragte Carberry und deutete mit dem Kopf zum Festland.
„Malindi, Tuticorin.“
Die klapperdürre Gestalt zeigte nach Norden, und schon fuhren seine Finger an den Kopf und kratzten ihn heftig.
„Da werden wir dich hinbringen“, sagte Ferris und lächelte freundlich.
„Das Bürschchen sieht irgendwie hinterhältig und verschlagen aus“, knurrte der Profos. „Daß er verwahrlost ist, liegt in der Natur der Sache, aber er hat verdammt miese Augen. Hast du schon mal gesehen, wie fest er den Lederbeutel an sich preßt?“
„Vielleicht hat er ein paar Perlen gefunden“, meinte Ferris. „Aber verschlagen wirkt er, da hast du recht. Um es ganz genau zu sagen, hat er eine Rattenvisage, die mir auch nicht besonders gefällt. Smoky würde jetzt jede Wette halten, daß der Kerl heimtückisch ist.“
Keiner hatte auch nur die geringste Ahnung, was sie sich da mit Malindi auf den Hals geladen hatten. Hätte der Profos das gewußt, dann wäre Malindi mit einem Tritt in den Achtersteven gleich wieder bis zur Insel zurückgeflogen.
Kaum an Bord, benahm sich der Kerl ebenfalls mehr als seltsam und merkwürdig.
Sobald jemand auf seinen Lederbeutel blickte, trat er rasch ein paar Schritte zurück und preßte ihn eng an seinen Körper.
Die Zwillinge und Dan O’Flynn versuchten schließlich, mit ihm in Kontakt zu gelangen, aber Malindi redete in einer Sprache, bei der sie nur hilflos mit den Schultern zuckten.
Die drei hatten in Bombay und anderen Orten einiges von der Sprache gelernt und konnten sie einigermaßen verstehen, wenn langsam gesprochen wurde.
Malindi hörte eine Weile zu, schließlich nickte er, und dann klappte es auch mit der Verständigung. Der Singhalese beherrschte mehrere Dialekte, und jetzt konnten sie endlich mit ihm reden, wenn auch noch vieles im Unklaren blieb.
„Bist du von Tuticorin?“ fragte Jung Hasard. Er sagte die paar Worte sehr langsam und gab sich dabei Mühe, auch deutlich zu sprechen.
„Malindi von Tuticorin“, bestätigte der Inder. Sein linker Zeigefinger zuckte hoch und kratzte ausgiebig den Kopf.
Sie gaben ihm Trinkwasser und etwas zu essen. Auf das Wasser stürzte er sich, als sei er schon halbverdurstet. Das Essen kostete er sehr vorsichtig und blickte sie dabei verschlagen an.
„Nach Tuticorin will er also“, sagte Hasard. Er musterte die dürre Gestalt und mußte sich gefallen lassen, daß ihn Malindi ziemlich frech und neugierig anstarrte.
„Ja, dort scheint er zu Hause zu sein“, sagte Philip.
„Wie ist er denn auf die Insel gelangt?“ wollte der Seewolf wissen. „Aber das könnt ihr später klären. Bringt den Burschen mal ein bißchen auf Trab, und zwar mit Schmierseife und Wasser. Der ist ja völlig verdreckt. Offenbar gab es auf der Insel kaum Regenwasser, denn mit Salzwasser allein wird man bekanntlich nicht so sauber.“
Der Profos goß etwas Trinkwasser in eine Pütz und ließ durch Clint Seife und eine Bürste besorgen. Dan O’Flynn verklarte ihm, daß das Wasser zum Waschen bestimmt sei.
Malindi starrte erst begriffsstutzig auf die Pütz, sah sich dann das Wasser an und nickte heftig.
Der Profos kriegte sich nicht mehr ein, als er sah, wie Malindi die Pütz hochhob und das Wasser gierig trank.
„Du sollst dich nicht von innen waschen, sondern von außen, du Rübenschwein!“ polterte der Profos. „Zieh mal deine Plünnen aus!“
Unabsichtlich blickte er dabei auf den Lederbeutel und ging einen Schritt auf den Inder zu.
Malindi stieß einen Schrei aus, preßte sein Heiligtum noch enger an sich und wich bis zum Großmast zurück. Seine schwarzen Knopfaugen funkelten den Profos böse und fast haßvoll an.
„Ist der Kerl verrückt geworden?“ schnaubte Carberry. „Dem scheint das Inselleben nicht bekommen zu sein.“
„In dem Beutel scheint sich das wichtigste Ding von der ganzen Welt zu befinden“, sagte Matt Davies. „Sobald du den Beutel auch nur schief ansiehst, rastet bei dem Burschen was aus.“
„Kann nur ’ne lausige Perle sein, die er irgendwo gefunden hat“, erwiderte der Profos. „Jetzt hat er Angst, daß wir sie ihm klauen. Ausgerechnet wir, daß ich nicht lache!“
Als Malindi sah, daß keiner was Böses von ihm wollte, kehrte er langsam wieder zu der Pütz zurück. Seinen Lederbeutel umklammerte er dabei fest mit einer Hand. Um Matt Davies schlug er einen ziemlich großen Bogen. Der Mann mit der Hakenhand war ihm nicht geheuer.
Malindi hatte auch noch nie in seinem Leben etwas Ähnliches wie diesen Mann gesehen, dem aus dem Arm ein spitzer Haken wuchs, wo andere eine Hand hatten.
Noch verwirrter wurde er allerdings, als er auch bei Jeff Bowie diesen Haken entdeckte. Der eine hatte ihn rechts, der andere links.
Der Profos tat es ihm jetzt vor, indem er sich etwas Seife auf die Arme rieb und mit Wasser nachwusch.
Jung Hasard unterstützte ihn dabei tatkräftig mit Worten.
„Du kannst ihm ruhig sagen, daß er wie ein verlauster Ziegenbock stinkt“, empfahl der Profos. „Aber das nehmen wir ihm nicht mal übel, wenn er keine Seife und nur Seewasser hatte.“
„Ich weiß nicht, was verlauster Ziegenbock in seiner Sprache heißt“, sagte Jung Hasard grinsend.
„Dann eben Rübenschwein oder so was. Irgend etwas wird dir schon einfallen.“
Es dauerte lange, bis Malindi begriff. Er war anscheinend auch sehr wasserscheu, denn er zögerte und zauderte sehr lange.
Aber schließlich rieb er doch etwas Seife auf seinen mageren Körper und wusch mit Wasser nach.
Die ganze Prozedur endete schließlich damit, daß Carberry ihm noch zur Nachspülung eine Pütz voll Seewasser über den Kopf goß.
Die Zwillinge versuchten ihn radebrechend auszuhorchen und vernahmen eine erstaunliche Geschichte. Manches blieb ihnen unklar, weil ihnen etliche Begriffe fehlten.
„Ich bin Fischer von Tuticorin“, sagte Malindi. „Ein anderer Mann und ich haben immer vor der Insel gefischt.“ Er sagte auch einen ziemlich unaussprechlichen Namen der Insel. „Vor vielen, vielen Tagen sind wir wieder hinausgefahren, aber da gab es einen Sturm.“
Er zeigte mit den Händen vage an, wie gewaltig dieser Sturm gewesen war, indem er bis zum Horizont deutete.
„Das Boot geriet in die Brandung und wurde auf das Riff geworfen. Es löste sich auf, und der andere Fischer ertrank. Ich habe ihn auch nie wiedergesehen.“
„Und dann bist du auf der Insel allein geblieben?“ fragte Philip.
„Ganz allein, viele, viele Tage, bis der Mond wieder aufging. Kein Wasser auf der Insel, nur Kokosnüsse.“
„Glaubst du die Geschichte?“ fragte Jung Hasard seinen Bruder.
„Klingt einigermaßen vernünftig. Wie sollte er sonst auf die Insel gelangt sein?“
„Na hör mal! Die Fischer vor der Küste ahnen einen Sturm doch voraus. Außerdem ist es nur ein Katzensprung bis zu der Insel. Die Kerle fahren doch nicht hinaus, die riechen das doch.“
„Vielleicht waren sie leichtsinnig, oder sie haben sich ganz einfach überschätzt.“
„Deine Freunde, die anderen Fischer“, sagte Hasard, „haben die denn nicht nach euch gesucht?“
Malindi lauschte der Frage nach, gab dann aber vor, sie nicht zu verstehen.
Hasard bohrte ein bißchen nach und wiederholte sie geduldig. Für ihn war es ziemlich unwahrscheinlich, daß sich keiner der anderen Fischer um die beiden gekümmert hatte.
„Ich habe keinen gesehen“, sagte Malindi.
„Wirklich seltsam“, sagte Philip. „Aber warum sollte er uns anlügen? Das kann ohne weiteres stimmen.“
Sie erzählten Vater Hasard die Geschichte, der sie sich anhörte, ohne sie zu unterbrechen.
„Seine Geschichte kann stimmen, sie kann aber auch erfunden sein“, sagte der Seewolf. „Trotzdem, auch wenn sie wahr ist, mit dem Kerlchen stimmt etwas nicht. Er erweckt bei mir den Eindruck eines Fanatikers, der sehr gefährlich werden kann. Ich bin froh, wenn wir ihn in Tuticorin wieder an Land setzen können. Der Mann verbreitet eine eigenartige Aura um sich. Von ihm geht etwas aus, das sich nicht klar definieren läßt.“
Er warf einen Blick auf Malindi. Der hatte sich vor den Großmast auf die Planken gesetzt und war emsig damit beschäftigt, seinen Kopf mit den strähnigen Haaren zu kratzen. Er tat das fast so ausgiebig wie Arwenack, wenn dem das Fell juckte.
„Der Wikinger Thorfin Njal hat auch diese lausige Angewohnheit“, meinte der Profos. „Der behelmte Polaraffe kratzt jedoch immer seinen verdammten Kupferhelm, und das regt mich auf.“
Später erkundigten sich die Zwillinge bei Malindi, was er denn in dem Lederbeutel habe.
Mit Malindi ging wieder eine merkwürdige Veränderung vor.
Er sprang auf und drückte den Beutel heftig an sich. Mit der anderen Hand vollführte er abwehrende Bewegungen, als wolle er böse Dämonen bannen. Er wich bis an den Mast zurück und funkelte die Zwillinge wild und giftig an.
„Wirklich, ein verrückter Kauz“, sagte Philip. „Sicher hast du ein paar Perlen gefunden, Malindi?“
Die Augen waren wie glühende Lanzen auf die beiden gerichtet. Die eine Hand tastete langsam zum Messer an der Hüfte.
„Na, na“, sagte Jung Hasard gefährlich leise. „Du willst doch hier keinen Ärger anfangen, was? Laß das Messer lieber stecken, sonst gehst du ganz schnell über Bord, mein Freund, und wenn du hundertmal nicht schwimmen kannst.“
Die Hand glitt wieder zurück, aber die Augen waren drohend auf sie gerichtet.
„Laßt ihn in Ruhe“, sagte der Seewolf. „Der Kerl scheint ein bißchen unter der Einsamkeit gelitten zu haben. Laßt ihn einfach dort hocken und gebt ihm zu essen und zu trinken. Spätestens übermorgen sind wir ihn wieder los.“
„Aber mich interessiert mächtig, was in dem Beutel drin ist“, sagte Smoky. „Ich würde jede Wette halten, daß es Goldstücke oder ein paar Perlen sind.“
Sie ließen den Inder in Ruhe. Malindi rührte sich auch nicht und sah erst dann auf, als der Kutscher und Carberry erschienen und ihm etwas zu essen brachten. Der Kutscher hatte es sich nicht nehmen lassen, extra für Malindi eine Portion Reis zu kochen.
Der Kerl kratzte sich erst mal ausgiebig, bevor er die Kumme in die Hände nahm.
Der Kutscher sah auf ihn hinunter und erstarrte, als er die vielen roten und aufgekratzten Stellen unter dem Haar entdeckte.
„Ist was?“ fragte Carberry.
„Der Bursche hat Läuse“, sagte der Kutscher irritiert. „Und zwar so viele, daß du sie nicht zählen kannst.“
Carberry ruckte fassungslos herum.
„Wie bitte? Würdest du das noch mal wiederholen?“
„Er hat Läuse, Kopfläuse, pediculus capitis genannt. Ist doch wohl jedem ein Begriff. Und es wird nicht lange dauern, dann können wir die lieben Tierchen mit ihm teilen, denn sie sind sehr treu und anhänglich.“
„Um Himmels willen“, sagte der Profos erschüttert und kratzte sich unwillkürlich selbst den Kopf. „Das darf doch nicht wahr sein.“
„Ist es aber.“
9.
Edwin Carberry sah rot. Und wenn er rot sah, regte er sich auch meist fürchterlich auf.
„Da hilft nur noch ein Kahlschlag“, bestimmte er. „Wir sind doch hier nicht auf einem Läusekahn. Verklar das mal dem Sir, Kutscher. Ich habe nämlich keine Lust, auch mit Läusen herumzulatschen.“
Hasard entschied ebenso kurz und bündig wie der Profos.
„Haare runter, egal, ob er damit einverstanden ist oder nicht. Ich bin nicht versessen darauf, auch Läuse sonstwo zu haben.“
„Das wird ihm nicht gefallen, Sir.“
„Mir gefällt das auch nicht. Aber hier entscheidet die Mehrheit und nicht ein einzelner.“
Mac Pellew erklärte sich bereit, den Burschen einzuseifen und ihm eine prächtig funkelnde Glatze zu verschaffen.
„Das ist mir zweimal lieber, als wenn wir alle mit einer Platte herumlaufen müssen“, sagte er verdrießlich. „Läuse, pfui Teufel! Ich kann die Biester nicht ausstehen. Die sind noch schlimmer als Wanzen.“
Die Zwillinge verklarten Malindi sehr höflich, daß sein Kopfputz fallen müsse, und sprachen von kleinen Tierchen, die sich bei ihm eingenistet hätten. Und weil die anders nicht wegzukriegen seien, müsse er eben ein paar Haare opfern, die ja ohnehin bald wieder nachwachsen würden. Es sei nicht weiter schlimm.
Für die Arwenacks war das wirklich nicht weiter schlimm. Aber Malindi sah das völlig anders und erschrak tödlich. Er begann zu zittern, bis sie seine Zähne klappern hörten, und er riß ein paarmal den Mund auf, um etwas zu sagen.
„Ich bin ein heiliger Mann“, sagte er drohend. „Ein heiliger Wanderasket. Meine Religion verbietet mir, die Haare schneiden zu lassen. Wer sie mir schneidet, der tötet mich, und wer das mit Gewalt versucht, den werde ich töten.“
„Ich denke, du bist ein Fischer“, sagte Hasard argwöhnisch. „Jetzt bist du auf einmal ein Heiliger und ein Asket?“
„Ich bin alles“, sagte Malindi stolz.
„Religion hin, Religion her“, knurrte der Profos finster. „Ihm geschieht ja nichts weiter, als daß er ein paar Haare läßt. Ich traue dem Burschen nicht. Der belügt uns aus irgendeinem mir unbekannten Grund. Aber er kriegt eine Platte verpaßt, so wahr ich Edwin Carberry heiße und auf keinem Läusekahn fahre.“
„Dann also mit Gewalt?“ fragte Philip.
„Wenn er nicht freiwillig will, dann mit Gewalt“, bestätigte der Mann der Edwin Carberry hieß und auf keinem Läusekahn fuhr.
Dennoch versuchten es die Zwillinge noch einmal mit Geduld und Überredungskunst. Sie sagten auch, daß es für alle sehr unangenehm sei, von diesen Blutsaugern befallen zu werden, und Malindi müsse das – bitte sehr – doch einsehen.
„Faßt mich nicht an!“ schrie Malindi gellend.
Er sprang auf die Füße, blitzschnell wie ein Panther, zog sein spitzes Messer und stach damit wild um sich. Dann drehte er sich um seine eigene Achse und senste mit dem Messer durch die Luft.
Philip und Jung Hasard mußten sich ducken, sonst wären sie von dem Messer getroffen worden.
Ziemlich verdutzt blickten sie ihm nach. Der dürre Kerl zeterte und kreischte wie ein Irrer und rannte nach vorn, wobei er jeden mit seinem Messer bedrohte, der ihm den Weg zu versperren drohte.
Stenmark wich verblüfft zurück und konnte einem wild geführten Stich gerade noch ausweichen.
Blacky mußte vor dem rasenden Kerl ebenfalls in Deckung gehen, der jetzt regelrecht Amok lief.
Hasard sah das Drama mit schmalen Augen.
„Das hat nichts mit seiner Religion zu tun“, sagte er hart. „Da steckt etwas anderes dahinter. Fangt den Kerl ein, bevor er noch jemanden umbringt. Der wird ja immer gefährlicher.“
Malindi bewegte sich schnell wie ein Affe. Er ging auf Big Old Shane los und senste mit dem Messer durch seinen Bart. Der grauhaarige Ex-Schmied war so verblüfft, daß er dem rasenden Kerl nur fassungslos nachstarrte.
Jetzt aber begann die Jagd auf Malindi, denn der kriegte es in seinem Wahn fertig und erstach noch ein paar Männer. Er war wie ein Tobsüchtiger, der nur noch Feinde um sich sah, und er geriet fast in einen Blutrausch, als er mit einem wilden Satz Luke Morgan ansprang.
Malindi entwickelte ungeahnte Kräfte und tobte wie ein Berserker über die Decks.
Luke duckte sich, konnte aber nicht verhindern, daß das Messer eine Spur durch seinen Arm zog. Der Stich ritzte gerade seine Haut auf, und da explodierte der jähzornige Luke Morgan.
Er wirbelte herum und feuerte eine brettharte Rechte ab. Seine knochige Faust erwischte Malindi unter dem Kinn, und von da ab war für den Kerl alles gelaufen.
Er blieb abrupt stehen, als sei er gegen einen Mast geprallt, wankte ein bißchen, kriegte glasige Augen und torkelte drei Schritte zurück. Er fiel über eine Gräting an Deck und blieb mit ausgestreckten Armen auf den Planken liegen.
Der Profos schnappte sich den Dürren und paßte auf, nicht in zu enge Berührung mit ihm zu geraten.
„Fesseln!“ befahl Hasard. „Der Kerl ist unberechenbar. Geht kein Risiko ein.“
Das Messer nahm der Kutscher an sich, während der Profos dem wilden Bürschchen eine Leine um den ausgemergelten Körper schlang und ihm die Arme so fesselte, daß er sich nicht mehr bewegen konnte.
Dann setzten sie ihn auf die Gräting, und Mac Pellew brachte mit Bitterleidensmiene eine Kupferschere zum Vorschein.
„Beeil dich bloß“, sagte Carberry, „sonst hauen die Läuse ab, und wir haben sie.“
Mac schnippelte schnell die erste Strähne des langen Haares ab und warf sie über Bord. Dabei zog er ein Gesicht wie ein Clown, dem man einen faulen Fisch ins Maul geschoben hat.
Eine Strähne nach der anderen fiel, und dann kam Malindi ganz plötzlich wieder zu sich und schlug die Augen auf.
Er schrie wie am Spieß, konnte sich aber nicht bewegen, denn was der Profos einmal zusammengeknotet hatte, das hielt bis zum Sankt Nimmerleinstag. Als alles nichts half, spuckte er die Arwenacks an, und der Profos wollte ihm schon ein kleines Hämmerchen verpassen.
Aber Mac Pellew war schneller. Er hatte einen Rasierpinsel neben sich liegen, der voller Schmierseife war.
Den stopfte er Malindi ungerührt in die brüllende Futterluke, und danach war der Inder still und friedlich und nuckelte an dem Pinsel herum. Nur an seinen wildrollenden Augen war zu erkennen, daß ihm diese Art Nuckel absolut nicht schmeckte.
Als die letzte Strähne gefallen war, schimmerte die Kopfhaut seltsam dunkelblau und unnormal.
Mac rieb den Kopf mit Seife ein, nahm das Messer und schabte die letzten Stoppeln weg.
Die Gesichter der Arwenacks wurden immer länger und verblüffter, als Mac mit Wasser nachspülte und die Platte danach blitzblank war.
Fassungslos starrten sie auf ein kleines Meisterwerk, das jetzt auf dem kahlen Schädel prangte. Sie umstanden Malindi im Halbkreis und konnten es nicht fassen.
Auf der Kopfhaut befand sich eine Karte, sauber und exakt eintätowiert für alle Zeiten. Sie zeigte, so nahm Hasard jedenfalls an, einen Teil der Insel Ceylons, die hinter der Kimm an Steuerbord lag.
„Das sieht wie eine Tempelanlage aus“, sagte der Seewolf verblüfft. „Es kann natürlich auch eine Schatzkarte sein.“
„Eine lebende Schatzkarte, das ist es!“ sagte Old Donegal heiser. „Jetzt verstehe ich auch, warum sich der Kerl so seltsam benommen hat. Na klar, jemand hat ihm diese Karte auf den Schädel tätowiert, und dann sind die Haare wieder nachgewachsen.“
„Zweifellos sind zwei Tempel zu erkennen“, sagte auch Dan O’Flynn staunend. „Das erklärt natürlich manches.“
„Und das erklärt auch, daß er uns angelogen hat“, sagte Hasard. „Seine Geschichte stimmt vorn und hinten nicht. Aber das ist nicht unsere Angelegenheit.“
Die Zwillinge fragten Malindi aus, doch der schwieg tödlich beleidigt und völlig verstockt. Er starrte sie nur haßerfüllt an.
„Sollen wir ihn losbinden?“ fragte der Profos.
„Nur, wenn er verspricht, keine Dummheiten zu begehen“, sagte Hasard. „Selbst dann solltet ihr ihn nicht mehr aus den Augen lassen, bis wir in Tuticorin sind.“
„Bin froh, wenn wir den Burschen wieder von Bord haben“, sagte Ben. „Der bringt alles durcheinander.“
Old Donegal zeigte großes Interesse an der Karte und schlug vor, zusammen mit Malindi nach dem vermeintlichen Schatz zu suchen, um ihn zu heben.
Doch bei Hasard stieß er damit auf taube Ohren.
„Kein Interesse, Donegal. Der Kerl soll sich mit seiner Schatzkarte zum Teufel scheren. Er scheint irgendeiner religiösen Sekte anzugehören, einer Sekte von Fanatikern, mit der ich nun wirklich nichts zu tun haben will.“
Sie banden Malindi los, der sich finster umsah und sie mit giftigen Blicken musterte.
„Wenn du wieder anfängst zu spinnen“, sagte Dan, „dann landest du in der Vorpiek, mein Freund, bei völliger Dunkelheit. Oder wir werfen dich einfach über Bord.“
Malindi gab wiederum keine Antwort, aber er benahm sich von da an etwas friedlicher, wenn auch der Haß nicht aus seinen Augen verschwand.
Schließlich erbarmte sich der Profos und gab ihm eine Mütze, damit er seine „Schatzkarte“ bedecken konnte.
Malindi zog sich in seinen Schmollwinkel zurück und kauerte sich unter die Nagelbank des Großmastes.
Der Profos brachte ihm Wasser und goß aus einer Kruke roten Wein in eine Muck.
Malindi schnüffelte erst am Wasser, dann am Wein und entschied sich schließlich für den Rotwein. Gierig trank er die Muck leer und hielt sie dem Profos wieder zum Nachfüllen hin.
Carberry verkniff sich das Grinsen und blieb ganz ernst. Der Rotwein schien dem Kerl zu schmecken, und er schluckte schnell hintereinander drei weitere Mucks leer.
„Du mußt nicht denken, daß ich das uneigennützig tue, mein Freund“, sagte der Profos in seiner englischen Muttersprache, die Malindi nicht verstand. „Nein, mein Freundchen, ganz gewiß nicht. Deine Karte haben wir schon gesehen, jetzt interessiert mich noch, was in dem Lederbeutel ist. Aber das zeigst du ja nicht freiwillig, was, wie?“
Malindi blickte ihn trübe an und kapierte kein Wort. Nur den Beutel mit der heiligen Reliquie hielt er fest an seinen Körper gepreßt.
Nach einer Weile wurde er immer schläfriger. Seine Augen wurden klein und müde, und schließlich nippelte er ab und kippte zur Seite. Ein letztes Mal sah er den Profos dümmlich grinsend an.
Malindi lag jetzt auf den Planken und schnarchte leise. Von seiner Umgebung nahm er nichts mehr wahr, auch merkte er nicht, daß ihm Carberry vorsichtig den Lederbeutel abnahm.
Die Arwenacks platzten fast vor Neugier, und Smoky bot wieder mal Wetten an, weil das seine Leidenschaft war. Er tippte immer noch auf Gold und Perlen.
Sie umstanden den grinsenden Profos, der sich wieder mal reichlich Zeit ließ und sehr umständlich das Garn entknotete, mit dem der Lederbeutel verschlossen war.
„Nun trödel nicht so“, sagte Smoky ungeduldig. „Der Kerl muß das doch schließlich nicht merken, oder?“
„Der pennt auch in den nächsten Stunden noch, keine Sorge, der verträgt überhaupt nichts.“
Der Beutel war jetzt endlich offen, und der Profos riskierte den ersten Blick.
Schon an seinem Gesicht sahen die anderen, daß etwas nicht stimmte und der Beutel weder Perlen noch Goldstücke enthielt.
Der Profos klaubte mit langem Gesicht einen Stoffetzen heraus, in den etwas eingewickelt war.
„Eine taubeneigroße Perle“, sagte Smoky hastig.
Aber sie verschätzten sich alle, als der Profos endlich den Stoffetzen aufwickelte.
Jeder starrte jeden an, und dann blickten sie wieder auf das Ding, das der Profos in der Hand hielt.
„Ein Backenzahn“, sagte der Kutscher. „Ein stinknormaler Backenzahn. Ein bißchen groß zwar, aber wirklich nur ein Zahn.“
Carberry schüttelte völlig verblüfft den Kopf.
„Der Kerl muß total bescheuert sein. Und daraus macht er so ein Geheimnis? Der spinnt doch, der seltsame Kauz. Das muß eine verrückte Marotte von ihm sein.“
Die Enttäuschung war groß. Niemand verstand das, auch der Seewolf nicht. Nur Mac Pellew glaubte, eine Erklärung gefunden zu haben.
„Sicher kennt der Kerl einen Feldscher, der ihm das Beißerchen wieder einsetzt und festleimt“, sagte er. „Viele Zähne hat er ja nicht mehr im Maul, und da ist er auf jeden angewiesen.“
Aber die Theorie stellte auch niemanden zufrieden.
Sie wickelten den Zahn in den Stoffetzen und packten ihn in den Beutel, den sie dem schnarchenden Malindi wieder umhängten.
Sollte er mit seinem Backenzahn glücklich werden. Es interessierte sie nicht mehr.
Morgen würden sie Tuticorin anlaufen und den Kerl endlich los sein …
ENDE

1.
Unter vollen Segeln lief die Schebecke der Seewölfe auf Nordkurs. Der Wind wehte aus Südosten und trieb eine sanfte, gleichmäßige Dünung dem Land entgegen, das sich palmenbestanden, aber ohne nennenswerte Erhebungen an Backbord erstreckte.
Eine Zeitlang begleiteten Fischerboote den schnellen Dreimaster. Ihre Segel hoben sich nur undeutlich gegen die Wolken und die im Sonnenschein gleißende türkisfarbene See ab. Sie verloren sich an der Kimm, als die Schebecke Tuticorin anlief.
Eine flache, mit Bänken und Riffen besetzte Bucht öffnete sich vor den Seewölfen, und Türme und Kuppeln schimmerten vom Westufer herüber. Philip Hasard Killigrew sah durchs Spektiv eine weit geschwungene Mole, Kais und hölzerne Stege, an denen Schiffe aller Größen vertäut lagen. Es handelte sich nur um einheimische Fahrzeuge: Pattamars, Maschwas und zwei der hochseetüchtigen Sambuken, die vor allem von Händlern gesegelt wurden.
Hasard ließ das Großsegel wegnehmen. Die Abdrift der Schebecke nach Steuerbord wurde daraufhin deutlicher, doch als die Peilung zur Mole auszuwandern begann, legte Piet Straaten Gegenruder.
„Starke Strömung nach Nordwest!“ meldete Stenmark, der vom Bug aus lotete. „Der auflaufende Gezeitenstrom unterstützt die Drift. Geschwindigkeit knapp zwei Knoten.“
Der Seewolf nickte stumm und widmete sich wieder dem Land. Ben Brighton, der Erste Offizier, hatte das Kommando übernommen.
Nördlich von Tuticorin verlief die Küste bogenförmig weiter und blieb niedrig und palmenbestanden. Aus den Karten war ersichtlich, daß die vorgelagerte breite Küstenbank zahlreiche Untiefen aufwies, darüber hinaus viele kleine Inseln.
„Siebeneinhalb Faden!“ rief Stenmark.
„Kurs halten!“
Ein hufeisenförmiges Riff verriet sich lediglich durch schwache Gischt. Die Flut verbarg zur Zeit die Felsen, die bei Niedrigwasser wohl dicht unter der Oberfläche lagen.
„Fünf Faden!“
Der Meeresboden stieg an. An Backbord war vorübergehend Grund zu sehen; ein Heer roter Seesterne wanderte dem Riff entgegen.
Dann wirkte das Wasser wieder trübe und spiegelte nur die Sonne und die rasch dahinziehenden Schönwetterwolken. Die Tiefe blieb konstant bei viereinhalb Faden. Ben Brighton vermied dennoch jedes Risiko, indem er frühzeitig auch das Besansegel auftuchen ließ. Nur mehr unter der Fock laufend, näherte sich die Schebecke der Hafenmole.
Inzwischen war man an Land auf den fremden Dreimaster mit den Lateinersegeln aufmerksam geworden. Händler, Fischer und eine lärmende Kinderschar warteten darauf, daß das große Schiff anlegte.
Malindi Rama wurde sich bewußt, daß nicht nur er ein Geheimnis verbarg. Die Engländer waren Piraten oder Räuber: um zu erkennen, daß die goldenen Skulpturen von indischen Goldschmieden angefertigt worden waren, bedurfte es keines besonders wachen Verstandes.
Malindis linke Hand verkrampfte sich um den Lederbeutel, den er an einer dünnen Kordel um den Hals trug. Vorübergehend schloß er die Augen und genoß das Gefühl, einen Schatz in der Hand zu halten, der wertvoller war als Gold und Silber. Die Arwenacks hatten zwar herausgefunden, daß in dem Beutel ein Backenzahn lag, aber sie wußten nicht, was für eine Bedeutung er hatte.
Das Geräusch sich nähernder Schritte ließ den Singhalesen zusammenzucken. Blitzschnell zog er das Schott zu. Gerade noch rechtzeitig, ehe einer der Engländer über den Niedergang abenterte.
„Was tust du hier?“ fragte der Mann in einem Hindu-Dialekt, wie er weit im Norden des Landes gesprochen wurde. Malindi kannte den helläugigen und hellhaarigen Mahn – nicht zuletzt, weil er und die Söhne des Kapitäns die einzigen waren, die sich einigermaßen mit ihm verständigen konnten.
„Nichts“, erwiderte Malindi Rama mit einem Schulterzucken.
„Wir laufen in Tuticorin ein. Ich dachte, dein Platz wäre jetzt an Deck.“
„Natürlich.“ Der Singhalese fuhr sich mit der flachen Hand über den kahlgeschorenen Kopf, auf dem eine Karte Ceylons eintätowiert war. Einige Arwenacks glaubten sogar, eine stilisierte Tempelanlage zu erkennen – daß sie mit der Vermutung genau ins Schwarze trafen, behielt Malindi Rama aber wohlweislich für sich.
Die Engländer hatten seine Lockenpracht abgeschnitten, weil es in ihnen von Läusen gewimmelt hatte. Ihm waren die Plagegeister jedoch hundertmal lieber gewesen als der haarlose Zustand. Immerhin mußte er befürchten, daß die singhalesischen Bewohner von Tuticorin vom Frevel im Tempel von Kandy wußten und beim Anblick der Karte die richtigen Schlüsse zogen.
Die Schebecke holte über und legte sich in den Wind, um entweder vor Anker zu gehen oder zu vertäuen. Die leichte Krängung genügte, das Schott des Laderaums aufschwingen zu lassen. Malindi Rama erkannte zu spät, daß er mit dem Dolch das Schloß beschädigt hatte.
Dan O’Flynn, der noch auf dem untersten Tritt des Niedergangs stand, zog überrascht die Brauen hoch. Sein Blick streifte die Schatzkisten und wanderte zu Malindi zurück.
„Willst du uns bestehlen, obwohl wir dich von der Insel gerettet haben?“ fragte er.
Vorübergehend war unter der Wasserlinie ein dumpfes, hohles Gluckern zu vernehmen, Holz schrammte gegen Holz, dann klangen Stimmen auf. Die Schebecke legte an einem Steg an.
Malindi Ramas Gedanken überschlugen sich.
Dan O’Flynns Haltung hatte sich versteift, weil er den Kerl nun als gemeinen Dieb sah.
Andererseits spielte das für Malindi keine Rolle mehr. Ihm war nur daran gelegen, Tuticorin unbeschadet zu erreichen, wo er sicher sehen sehnsüchtig von einer Handvoll Männer und Frauen erwartet wurde, die ebenso dachten und handelten wie er. Die kleine Gemeinschaft der Verschwörer würde in großer Sorge sein, denn niemand wußte, daß sein Boot in der Brandung einer Insel gekentert war und er nur mit Mühe und Not den Strand erreicht hatte.
„Warum antwortest du nicht?“ fragte Dan O’Flynn.
Malindi warf sich herum und floh. Die Furcht, daß alles vergeblich gewesen sein könnte, hatte ihn gepackt und ließ ihn nicht mehr los. Er achtete nicht darauf, was der Engländer rief, er registrierte nur, daß ihm der Mann mit einigem Abstand folgte.
Die Engländer hatten ihn nach Tuticorin gebracht, mehr durfte er nicht von ihnen erwarten. Malindi wußte, daß es zum Bug hin noch einen Niedergang an Deck gab. Er vertraute darauf, daß ihm der heilige Zahn Buddhas Glück brachte. Daß sein Verfolger offenbar glaubte, ihn einholen zu können, ohne die Mannschaft zusammenzurufen, rechnete er dazu.
Die Unterkunft der Engländer! Auf einer der Kojen lag eine bunte Wollmütze. Daneben eine Pistole. Malindi Rama zögerte nicht. Er riß die Waffe hoch und richtete sie auf Dan O’Flynn, der nur noch wenige Schritte hinter ihm war.
„Bleib stehen!“ stieß er keuchend hervor.
Malindi wußte, wie man eine Steinschloßpistole handhabte. Mit einer einzigen schnellen Bewegung spannte er den Hahn.
Dan O’Flynn verharrte abrupt.
„Was soll der Unsinn, Malindi? Wenn du auf mich schießt, wirst du die Schebecke nicht lebend verlassen.“
Ohne Dan O’Flynn aus den Augen zu lassen oder gar die Richtung des Pistolenlaufs zu verändern, griff Malindi nach der Wollmütze, Sie erschien ihm zumindest fürs erste geeignet, seinen kahlen Schädel zu bedecken. Später, sobald er bei Freunden in Sicherheit war, hatte er Zeit, einen Turban zu winden.
„Gib mir die Waffe!“
Dan O’Flynn mußte verrückt sein. Oder lebensmüde. Oder sogar beides zusammen. Jedenfalls schritt er, die Rechte fordernd ausgestreckt, weiter auf Malindi zu.
Der Singhalese wich zurück, bis er die nächste Koje hinter sich spürte.
Gleichzeitig riß er den Abzug der Pistole durch. Aber nichts geschah. Lediglich ein helles Klicken war zu vernehmen.
Der Hellhaarige lachte spöttisch. Er mußte gewußt haben, daß die Waffe nicht geladen war.
Eine Verwünschung auf den Lippen, schleuderte ihm Malindi die Pistole entgegen. Abermals warf er sich herum, sprang über die Koje, hinweg und lief, wie von Furien gehetzt, zum Niedergang.
Einige Mannen waren noch damit beschäftigt, das Vorsegel aufzutuchen, andere belegten die Leinen und brachten die Stelling aus. Bis sie den Singhalesen bemerkten, hatte sich Malindi schon auf die Backbordverschanzung geschwungen und war ins Hafenwasser gesprungen. Alles ging so schnell, daß keiner Gelegenheit fand, ihn zurückzuhalten.
Malindi Rama hatte die Lungen kräftig voll Luft gepumpt. Er war kein sehr guter Schwimmer, aber im Moment wollte er nur von der Schebecke und den Leuten fort, die sich auf dem Steg versammelt hatten und das Schiff begafften.
Mit Armen und Beinen um sich schlagend, gelangte er wieder an die Oberfläche. Das Salzwasser brannte in seinen Augen, trotzdem schaffte er es, sich zu orientieren. Daß ihm die Arwenacks nicht folgten, erschien ihm wie ein kleines Wunder.
Keine zehn Yards entfernt, an einem menschenleeren Steg vertäut, dümpelten Boote. Malindi schaffte es, einen der morschen Kähne zu erreichen und sich hineinzuziehen. Innen stand das Wasser fast eine Handbreite hoch. Wahrscheinlich achtete deshalb niemand auf die Boote.
Der Singhalese löste die Halteleine und griff nach den Riemen. Er pullte, als sei alle Welt hinter ihm her.
Philip Hasard Killigrew hatte nicht erwartet, daß Tuticorin über eine eigene Stadtwache verfügte! Eine fünfköpfige Truppe Uniformierter betrat den Steg, als die ersten Leinen belegt wurden.
Die Männer trugen bunte, grellfarbene Kurtás, das waren lange, über der Hose getragene Hemden ohne durchgehende Knopfreihe, und bis zu den Waden reichende Wickelhosen. Einheitlich waren lediglich die blutroten Turbane, die Riemensandalen und ihre Bewaffnung aus Krummdolch und Säbel, beides in kunstvoll ziselierten Scheiden steckend, sowie je einer altertümlichen Flinte, die vermutlich, nur der Dekoration diente.
Hasard konnte sich jedenfalls nicht vorstellen, daß jemand mit einem solchen Schießprügel – sofern die Pulverladung überhaupt zündete – tatsächlich zu treffen verstand.
Mit unbewegten Gesichtern bauten sich die Soldaten vor der Schebecke auf, als wollten sie allzu Neugierige von dem fremden Schiff fernhalten oder die Engländer hindern, an Land zu gehen.
„Eine eindrucksvolle Demonstration“, murrte der Profos. „Die Kerle wirken fürchterlich respekteinflößend.“ Er grinste breit und schob sein Rammkinn angriffslustig vor.
„Ed“, sagte der Seewolf, „halte dich zurück!“
Carberrys Grinsen blieb abwartend. „Aye, Sir!“ erwiderte er. „Wir sind schließlich friedliebende Menschen.“
Die Inder präsentierten ihre Luntenschloßflinten. Dabei wurde ersichtlich, daß sie glimmende Lunten neben den Schäften hielten.
Unaufgefordert traten die Zwillinge zu ihrem Vater ans achtere Schanzkleid.
„Erklärt den Leuten, daß wir in friedlicher Absicht hier sind“, verlangte der Seewolf. „Wir wollen Vorräte einkaufen.“
Philip junior deutete eine Verbeugung an, wobei er mit der flachen Hand nacheinander seine Stirn, die Lippen und den Brustkorb berührte.
„Der Kapitän und die Mannschaft der Schebecke grüßen euch, die ihr begnadet seid, Handel zu führen und Reisenden alle die Dinge zu verkaufen, deren sie bedürfen.“
Das war zu dick aufgetragen, aber im allgemeinen wirkungsvoll. Bei den Soldaten und den auf den Steg nachdrängenden Neugierigen lösten die Worte jedoch kaum eine Reaktion aus.
„Sie verstehen dich nicht, Bruderherz“, sagte Jung Hasard. „Wahrscheinlich ist ihr Dialekt vom Singhalesischen beeinflußt. Sag einfach: Hier sind wir, Freunde.“
Bevor Philip den Vorschlag in die Tat umsetzen konnte, wandte sich der Anführer der Soldaten dem Achterdeck zu. „Senhor Capitán“ – er sprach ein halbwegs verständliches Portugiesisch – „willkommen in Tuticorin. Unsere Stadt ist auch Ihre Stadt, unsere Händler sind ehrliche Leute.“
Hasard nickte dankbar. Er antwortete ebenfalls auf Portugiesisch, stellte sich selbst vor und verlieh seiner Hoffnung Ausdruck, die Proviantlast der Schebecke könne mit frischen Nahrungsmitteln gefüllt werden.
„Wir bezahlen gut“, sagte er.
„Dann hält Tuticorin für Sie bereit, was Ihr Herz begehrt.“ Der Anführer der Soldaten senkte endlich die Flinte und gab seinen Männern Befehl, ebenfalls die Waffen abzusetzen. Die Lunten wurden aber noch nicht gelöscht.
Der Inder bemerkte Hasards spöttischen Gesichtsausdruck.
„Ich hoffe, Senhor, Sie verstehen unsere Vorsichtsmaßnahmen. Leider ist mir die Flagge unbekannt, unter der Sie segeln.“
„Ebenso wie mir Ihr Name“, erwiderte der Seewolf.
Der Mann bedachte ihn mit einem forschenden Blick, dem er mühelos standhielt. Danach zeigte er ein anerkennendes Lächeln. Ihm imponierte Hasards offene Art.
„Ich bin Chandra Bose, Hauptmann der Stadtwache.“
Der Seewolf deutete zu der im Wind flatternden Flagge am Besanmast.
„Das sind die Farben Englands.“
Der Inder zog die Stirn in Falten. „Inglés“, wiederholte er nachdenklich. „Ich habe von dem fernen Land gehört. Stimmt es wirklich, daß eine Frau über England regiert?“
Schon der Gedanke daran war ihm sichtlich unangenehm, was aber wenig verwunderte, bedachte man, daß Indiens Frauen ohne Bildung aufwuchsen und in der Mehrheit ihr Leben mit schwersten Arbeiten verbrachten, von rühmlichen Ausnahmen natürlich abgesehen.
Dennoch sagte der Seewolf: „Unsere Lissy ist eine besondere Frau, am besten einer Maharani vergleichbar, nur ist ihr Reichtum größer und …“
Er wurde unterbrochen, weil in diesem Moment Malindi Rama wie ein Mehlsack außenbords sprang und Dan O’Flynn das Achterdeck betrat, um Bericht zu erstatten. Zwei Männer der Stadtwache, die das Geschehen verfolgt hatten, redeten auf ihren Hauptmann ein.
Chandra Boses Miene verfinsterte sich. Er zielte mit seiner Flinte auf den Seewolf und klemmte die noch glimmende Lunte fest.
„Sie haben Inder an Bord?“ fragte er mißtrauisch. „Warum haben Sie das verschwiegen, Senhor?“
„Niemand hat danach gefragt. Außerdem hielt ich es für unwichtig.“
Der Hauptmann rief seinen Soldaten einen Befehl zu. Daraufhin gingen sie über die Stelling an Bord und postierten sich, daß sie alle Decks überblicken konnten.
„Laßt sie gewähren!“ rief der Seewolf. „Kein Widerstand!“
„Was haben Sie gesagt?“ Chandra Bose sah sich nun ebenfalls gezwungen, das Schiff zu betreten. Im Laufschritt stürmte er die Planken hinauf – ein farbenprächtiges Chamäleon, das den Arwenacks ein belustigtes Grinsen entlockte. „Nun?“ herrschte er den Kapitän an, als er gleich darauf unmittelbar vor ihm stand. „Sie sind mir eine Antwort schuldig, Senhor.“
„Ich habe meine Mannschaft nur wissen lassen, daß Sie und Ihre Soldaten willkommene Gäste seien.“
Der Hauptmann verfärbte sich, das Blut schoß ihm in die Wangen.
„Wer war der Mann, der über Bord gesprungen ist?“ Er schnaubte zornig.
„Ein Singhalese“, erklärte Hasard. „Ein Schiffbrüchiger, den wir von einer kleinen Insel geholt haben.“
„Natürlich.“ Bose fuchtelte mit der Flinte herum, als könne er sich nicht entscheiden, ob es besser sei, erst zu schießen oder erst Fragen zu stellen. „Der Mann bedankt sich bei Ihnen, indem er im nächsten Hafen über Bord springt. Einfach so. Und dann rudert er mit einem Boot, das ihm nicht gehört, aufs Meer zurück.“ Er deutete hinter dem Singhalesen her, der mittlerweile unbehelligt das Ende der Mole erreicht hatte.
„Er bat uns, ihn nach Tuticorin zu bringen.“
„Warum?“
„Fragen Sie ihn selbst. Ich weiß es nicht.“
„Senhor, ich glaube Ihnen nicht.“ Der Hauptmann klemmte sich den Schaft der Flinte unter die rechte Achsel. Auf die Distanz von nur zwei Schritten konnte er den Seewolf keinesfalls verfehlen. „Ihr Schiff ist beschlagnahmt, Sie selbst begleiten mich an Land. Falls Sie die Wahrheit sagen, wird sich das herausstellen. Wenn nicht …“ Die Bewegung mit der linken Hand an seiner Kehle entlang war eindeutig.
„Akzeptieren Sie einen Beweis?“
In den Augen des Inders blitzte es flüchtig auf, als hätte er nur auf diese Frage gewartet.
„Wenn der Beweis gut ist“, erwiderte er.
Malindi Rama dachte gar nicht daran, im Hafenbereich an Land zu gehen. Die Gefahr, daß ihn jemand erkannte, war zu groß.
Außerhalb der Mole ließ er das Boot in der Strömung treiben, überprüfte den Lederbeutel mit dem Weisheitszahn, wand die Wollmütze aus und zog sie sich bis zu den Ohren über den kahlrasierten Schädel. Er wußte, daß sein Anblick unweigerlich zum Lachen reizte, aber lieber hatte er dieses bunte Wollding auf dem Kopf, als daß ihm sofort der tätowierten Karte wegen der Prozeß bereitet wurde.
Malindi zweifelte nicht daran, daß inzwischen in allen Hafenstädten entlang des Golfs von Mannar bekannt war, welcher Frevel den Tempel von Kandy entweiht hatte. Jeder gläubige Singhalese würde ihm und seinen Helfern ohne Zögern die Kehle durchschneiden.
Er verließ den schon tief im Wasser liegenden Kahn eine halbe Meile vom Hafen entfernt und hielt sich im Schatten hoher Ölpalmen, bis er die ersten Häuser aus Korallengestein vor sich sah.
Ein Weg führte an der Küste entlang nach Süden, wo in größerer Entfernung als einzige deutliche Erhebung der rötliche Berg Valland aufragte. Ochsenkarren hatten tiefe Spuren in den sandigen Boden gegraben.
Aus den Ästen eines Gebüschs schnitt sich Malindi einen passenden Wanderstab. Es konnte nicht schaden, wenn jeder in Tuticorin glaubte, er hätte einen langen und beschwerlichen Fußmarsch hinter sich. Seine noch vom Salzwasser nasse Kleidung trocknete in der Sonne schnell.
Er staubte zwei Handvoll Sand über seine Beine und die Hose und verrieb sich den Rest im Gesicht. Bei der Vorbereitung seines Diebstahls in Kandy hatte er gelernt, selbst unbedeutenden Kleinigkeiten genügend Aufmerksamkeit zu schenken. Anderenfalls wäre es wohl unmöglich gewesen, die Reliquie aus dem Tempel zu entwenden und Kandy mit heiler Haut zu verlassen. Nun, da das alles wie ein Traum hinter ihm lag, wollte er sich nicht durch einen lächerlichen Fehler verraten.
Zufrieden tastete er nach dem Lederbeutel. Er, Malindi Rama, hatte es geschafft. Die ewige Glückseligkeit, die Buddhas Weisheitszahn verhieß, war alle Strapazen wert.
Kläffend stürmten zwei abgemagerte Köter heran. Malindi stieß ihnen den Ast zwischen die hervorstehenden Knochen, daß sie sich jaulend verzogen.
Flüchtig verhielt er seinen Schritt und gab sich dem von allen Seiten auf ihn einstürzenden Lärm hin, den er auf der kleinen Insel im Golf von Mannar und ebenso auf der Schebecke der Engländer vermißt hatte. Lärm bedeutete Leben, die Stille der Einsamkeit erdrückte.
Er roch Fisch, der in der Hitze des Tages allmählich zu stinken begann, und frisch gebackenes Brot. Am Wegesrand trocknender Kuhdung vermischte sich mit dem Aroma verschiedener Gewürze, Wolken buntschillernder Fliegen stürzten sich auf ihn, als hätte er etwas an sich, das sie in Schwärmen anlockte.
Verschleierte Frauen, die vor den Häusern Teig kneteten, bedachten ihn mit scheuen Blicken. Er hörte, daß sie sich hinter seinem Rücken Bemerkungen über die seltsame Kopfbedeckung zuflüsterten.
Und dann, er hatte eine der beiden mit Steinen gepflasterten Straßen erreicht, die vom Hafen aus zum Tempel und sogar noch einige Meilen weit nach Norden führte, standen plötzlich Kinder vor ihm. Sie riefen, schrien und redeten wild durcheinander, aber sie kreisten ihn so zielstrebig ein, daß er sofort die Absicht dahinter erkannte.
Zwei Dutzend junge Burschen waren es, einige bestimmt schon dreizehn oder vierzehn Jahre alt.
„Verschwindet!“ herrschte Malindi sie an.
Die Meute achtete nicht darauf. Als er sich den Weg erzwingen wollte, sprangen sie ihn johlend an.
Malindi Rama hatte Mühe, sich der Vielzahl von Fäusten und Füßen zu erwehren, die ihn traktierten. Zugleich versuchte er, den Lederbeutel zu schützen. Wie eine Bande von Straßenräubern fielen die Burschen über ihn her.
Jemand zerrte ihm die bunte Wollmütze vom Kopf, die so ganz anders war als ein Turban. Auf sie hatten es die Kinder abgesehen.
Dann erklang ein Schrei: „Seht doch! Seht euch seinen Kopf an!“ Daß so etwas geschehen könnte, hatte Malindi nicht erwartet.
„Das ist eine Karte!“
„Von Ceylon und Kandy!“
Er schaffte es nicht, die Wollmütze wieder an sich zu bringen. Dazu war er nicht mehr gelenkig genug. Und das lauter werdende Geschrei lockte Erwachsene an.
Einige von ihnen waren Buddhisten. Sie verstanden vielleicht nicht, wer er war und was geschehen war, aber die Kandy-Rufe ließen sie hellhörig werden.
„Haltet ihn auf!“ gellte es zwischen den Häusern.
„Er ist ein Frevler, der gewagt hat, Buddha Schande anzutun!“
Malindi Rama begann zu rennen wie nie zuvor. Er wußte, daß er um sein Leben lief.
2.
Ein begehrliches Funkeln trat in die Augen des Hauptmanns, als ihm Hasard die geöffnete Hand hinhielt. Sichtlich zufrieden betrachtete er die kleine Goldmünze, ehe er sie lächelnd an sich nahm und zur Probe darauf biß.
„Gut?“ fragte der Seewolf.
Chandras Blick verriet, daß er mehr von diesen Beweismitteln sehen wollte. Er spreizte die Finger der rechten Hand, wobei er den Daumen an den Ballen drückte. Seine Rechenkünste waren eindeutig.
„Vier Soldaten, Dad“, bemerkte Philip junior. „Die Leute hier haben gesalzene Preise. Hoffentlich ist die Gegenleistung das Gold wert.“
„Wir werden sehen.“ Philip Hasard Killigrew brachte vier weitere Münzen zum Vorschein. Der Hauptmann nahm sie nacheinander entgegen, prüfte jede und nickte zufrieden.
„Wir sind keine Betrüger“, sagte Hasard.
„Natürlich“, bestätigte Bose.
„Und jetzt?“
Der Inder löste die Lunte, schnippte sie über Bord und schulterte die Flinte.
„Sie und Ihre Männer sind willkommene Gäste, Senhor. Sprachen Sie nicht davon, daß Sie viele Waren brauchen?“ Er wartete die Antwort nicht erst ab, sondern klatschte befehlend in die Hände und rief einige Sätze, deren Sinn die Zwillinge nur halb verstanden. „Wir halten das Schiff nicht länger besetzt“, sagte er entschuldigend zu Hasard. „Das bleibt nun anderen überlassen.“
Wen er damit meinte, wurde klar als seine Leute die Schebecke verließen und mit den wartenden Händlern redeten.
„Dad“, sagte Philip argwöhnisch, „wir sollten uns auf eine Invasion einstellen.“
Damit traf er den Nagel auf den Kopf. Als nämlich gleich darauf die Inder das Schiff stürmten, schlug sogar der Profos entsetzt die Hände zusammen.
„Mann, o Mann!“ ächzte er. „Eine Horde wilder Affen ist nichts gegen diese Rübenschweine.“
Arwenack, der Bordschimpanse, reagierte gekränkt. Er schimpfte und zeterte von der Großrah herab, fletschte die Zähne und zeigte Carberry mit einer solchen Ausdauer einen Vogel, daß der Profos am liebsten aufgeentert wäre, um ihm Manieren beizubringen. Allerdings wußte Carberry zu gut, daß er Arwenack nie erwischen würde. Deshalb beließ er es bei dem Gedanken und stellte sich lieber den „verrückten Indern“ entgegen, die an ihm wie an einem Wellenbrecher vorbeifluteten.
Jeder wollte der Erste sein. Jeder hatte die besten und billigsten Waren und bemühte sich, seine Konkurrenten durch Lautstärke aus dem Feld zu schlagen.
Das Chaos war nahezu perfekt.
Die Arwenacks feixten. Wie es aussah, wollte keiner der Heimsuchung die Stirn bieten. Im Gegenteil. Alle warteten darauf, daß der Kutscher oder Mac Pellew ein Machtwort sprach. Schließlich war es deren Sache, die Proviantlast zu füllen.
Der Kutscher verschaffte sich schließlich Gehör, indem er sich auf das Gangspill zwischen Kombüse und Kuhlgräting schwang und laut um Ruhe bat. Das betreffende Wort der indischen Sprache hatte er mittlerweile gelernt.
Der erste Koch und Feldscher der Arwenacks stand plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens.
„Weiter, Kutscher!“ rief Luke Morgan.
„Oder hat es dir schon die Sprache verschlagen?“ fragte Bob Grey scheinheilig.
„Was heißt ‚schöne Frauen‘ auf Indisch?“ Sam Roskill grinste erwartungsvoll.
Jung Hasard rettete die Situation, bevor Mac Pellew – oder gar der Kutscher selbst – auf die Idee verfiel, die Mannschaft auf halbe Ration zu setzen. Wer den Kopf voll dummer Sprüche hatte, brauchte sich nicht zu wundern, wenn später sein Magen knurrte.
„Wir wollen vor allem Früchte“, sagte Hasard zu den Händlern. „Bananen, Zitronen, und falls ihr Melonen beschaffen könnt, auch davon. Außerdem Salat. Und dann Fleisch, gepökelt oder gedörrt. Eier und ein paar lebende Hühner wären auch nicht schlecht.“
„Die Schebecke ist kein schwimmender Stall, wie die ‚Respectable‘ einer war“, maulte Old Donegal Daniel O’Flynn. „Die Hühner müssen gerupft sein, Junge, sonst handeln wir uns Ärger ein.“
„… und Arbeit“, sagte Will Thorne, der Segelmacher.
Hasard junior hörte schon nicht mehr zu. Zum zweitenmal betete er seine Litanei herunter. Die Händler, die ihn immer noch nicht verstanden hatten, wurden von den anderen aufgeklärt.
Die Kuhl der Schebecke verwandelte sich in einen orientalischen Basar, zumindest was die Lautstärke und die Farbenpracht betraf. Es dauerte nicht lange, bis Helfer der Händler die ersten Körbe an Bord schleppten.
Ballen feinster Seidenstoffe wurden über die Gräting ausgerollt. Daneben bot ein greiser Mann mit schütterem, weißen Ziegenbart Krebse an. Und ein Jüngling – vermutlich sein Enkel, denn er trug die gleiche unverwechselbare Manneszierde – holte aus einem hölzernen Kübel Kugelfische hervor.
Der Anblick der heftig schnappenden Meeresbewohner rief bei Old Donegal unangenehme Erinnerungen wach.
„Weg mit dem Viehzeug!“ rief er. „Soll ich etwa wieder scheintot umfallen, hä?“
Der Jüngling, in der irrigen Annahme, einen entschlossenen Käufer gefunden zu haben – nachdem alle anderen Engländer zwar herzhaft gafften, aber keine Münzen zum Vorschein brachten –, hielt Old Donegal gleich zwei besonders große Exemplare unter die Nase.
Das allein wäre schon genug gewesen. Der tranige Geruch, den die Fische verbreiteten und die Art, wie sie ihn aus ihren vorstehenden Glotzaugen anstarrten, brachte Old Donegals Faß zum Überlaufen. Er sah plötzlich rot, stürzte sich auf den verdatterten jungen Mann und schüttelte ihn so heftig, daß seine borstigen Barthaare nach allen Seiten abstanden.
„Sieh zu, daß du Land gewinnst, du, du – Scharlatan“, giftete er. „Willst uns umbringen, was? Aber nicht mit mir. Die Fische sind ungenießbar, verstehst du? Un-ge-nieß-bar!“
Der Inder verstand nicht. Er versuchte vielmehr, Old Donegal mit Nachdruck von der Güte seiner Ware zu überzeugen. Letztlich erreichte er damit nur, daß der Admiral explodierte – wie eine Culverine bei der Zündung einer doppelten Pulvermenge.
Der alte Zausel versetzte dem Jüngling einen heftigen Stoß. Der Inder taumelte, prallte gegen das Lukensüll und setzte sich, zum einen auf die feinen Seidenstoffe, die keiner der Arwenacks haben wollte, zum anderen auf einen seiner Kugelfische, den er prompt zwischen seinem Achtersteven und der Seide zerquetschte.
Nicht nur der Stoffballen nahm ihm diese Behandlung übel, auch sein Großvater wirkte alles andere als begeistert. Im Nu standen sich beide wie Kampfhähne gegenüber.
„Hundert Rupien auf den Jungen!“ rief Paddy Rogers begeistert aus. „Wer hält mit?“
„Ich“, sagte Jack Finnegan. „Aber nur zwanzig Rupien.“
Erfreut und auffordernd zugleich blickte Paddy Rogers in die Runde. „Wettet noch einer auf den Tuchhändler und gegen mich?“
„Moment mal“, protestierte Finnegan. „Du verstehst mich falsch.“
„Ich setzte auf den mit den Fischen“, sagte Paddy zur Klarstellung.
„Ich ebenfalls“, erklärte Finnegan, was seinen Freund, der nicht nur gutmütig, sondern auch schwerfällig im Denken war, beinahe überforderte.
„Beide auf denselben ist un…“ Der Rest von Paddy Rogers’ Feststellung geriet zum unverständlichen Nuscheln, weil nämlich just in dem Moment der Jüngling seinen zweiten Kugelfisch Old Donegal schenkte. Das heißt, er warf den Fisch mit einer knappen Armbewegung.
Old O’Flynn dachte gar nicht daran, sich einen stinkenden und in seinen Augen ungenießbaren schuppigen Meeresbewohner andrehen zu lassen. Er tauchte unter dem zappelnden Wurfgeschoß weg.
Paddy Rogers’ Pech war es, daß er nur zwei Schritte hinter dem Admiral stand. Deshalb kriegte er gehörig eine gewischt. Es sah sogar so aus, als schnappe der Fisch nach seiner Nase.
Old Donegal meckerte wie ein Ziegenbock und vergaß dabei völlig, daß eigentlich er der Urheber dieses Durcheinanders war. Er lachte noch, als Paddy den Fisch packte und über Bord beförderte.
„Außergewöhnlich gut Fisch“, erklärte der Händler in miserablem Portugiesisch. „Sehr groß, sehr gut, sehr …“
„… teuer?“ fragte Jack Finnegan scheinheilig.
Der Jüngling mit dem abstehenden Bart nickte eifrig. „Ja, ja“, versicherte er. „Sehr …“ Sein Gesichtsausdruck sprach Bände, denn offenbar dämmerte ihm, daß er genau das falsche Wort erwischt hatte. „Nix!“ rief er sofort. „Gar nix teuer.“
„Wieviel?“ erkundigte sich Philip junior.
„Untersteh dich!“ protestierte Old Donegal. „Von den Fischen will ich keinen in der Pfanne sehen.“
„Der Kutscher schafft es bestimmt, ein schmackhaftes Gericht aus ihnen zu zaubern. Mit einer Kräutersud übergossen …“
„Selbst dann nicht, wenn es Rumsoße dazu gibt.“
Der Inder, obwohl des Englischen nicht mächtig, erkannte immerhin, daß die Diskussion seiner Fische wegen geführt wurde. Böse Geister flüsterten ihm ein, daß ausgerechnet der Alte mit dem Holzbein besonders interessiert sei. Prompt zog er aus seinem Kübel zwei weitere stattliche Exemplare hervor.
„Zwei Cahuns. Ist nicht zuviel.“
Old Donegal atmete tief durch. „Weißt du, was du mich kannst?“
„Sieben Annas.“ Der Inder schraubte seine Preisforderung ein klein wenig zurück.
„Ich will keine Annas“, schnaubte der Admiral. „Schon gar nicht als Dreingabe zu dem Fischzeug. Mary Snugglemouse kratzt mir die Augen aus, wenn ich mit anderen Weibern antanze.“
„Mit Annas zahlt man in Indien“, klärte ihn Hasard junior auf. Old Donegal zog daraufhin verblüfft die Augenbrauen hoch.
„Siebenundzwanzig Pysas“, sagte der Inder.
„Paß auf, Granddad.“ Hasard hielt den Alten fest, bevor der auf dumme Gedanken verfiel. „Eine Rupie sind vier Cahuns. Die entsprechen sechzehn Annas oder vierundsechzig Pysas.“
„Ich will nichts davon hören. Absolut nichts. Von mir aus soll sich an den Fischen vergiften wer will, ich jedenfalls nicht.“ Old Donegal ließ den verblüfften Händler einfach stehen. Und vorbeugend fügte er hinzu, während er zwischen den feilschenden Indern hindurchschritt, die selbst vom letzten Quadratinch der Kuhl Besitz ergriffen hatten: „Ich will keine Seidentücher, kein Obst, keine Schnitzereien, einfach überhaupt nichts.“
Vor dem Backbordniedergang verharrte er, stemmte die Fäuste in die Hüfte und blickte zum Seewolf hinauf, der an der Querbalustrade stand und das bunte Treiben verfolgte. „He, Sir, wie kannst du zulassen, daß die Schebecke in einen Affenstall verwandelt wird?“
„Was hast du gegen eine Abwechslung?“ fragte der Seewolf zurück. „Außerdem brauchen wir wirklich einige Dinge, die wir günstig erstehen können.“
Mac Pellew, der stets sauertöpfische zweite Koch der Arwenacks, nahm sich des jungen Fischhändlers an. „Das Zeug da“, er deutete auf den Kübel, in dem die Kugelfische nach Luft schnappten, „kannst du in den Bach kippen. Keiner will die Viecher.“
Jung Hasard übersetzte wörtlich.
„Frisch ist die Ware auch nicht“, sagte Mac, kaum daß Hasard geendet hatte. „Sie stinkt zum Himmel. Übersetze das genau, Hasard.“
Der Inder starrte ihn wortlos an. Mac bemühte sich, den Blick auf andere Waren zu richten. Er pfiff eine leise Melodie vor sich hin.
„Fünfzig Pysas.“ Der Händler unternahm einen letzten Versuch, seine Fische zu verkaufen.
Mac Pellew schien den Tränen nahe. Stumm schüttelte er den Kopf, sein Blick wanderte in Richtung Kombüse. Die Arwenacks in unmittelbarer Nähe, die diese Geste verstanden, wandten sich daraufhin ab. Der Koch war zufrieden – weniger der Inder, der plötzlich allein dastand.
„Vierzig Pysas, Senhor!“ rief er Mac hinterher.
Der Kombüsenmann konnte seine schottische Abstammung nicht verleugnen. Er vergrub die Hände in den Hosentaschen, bis es beim besten Willen nicht mehr tiefer ging, und pfiff eine schräge Melodie.
„Dreißig …“ Der Inder seufzte, als würde ihm soeben das letzte Hemd ausgezogen.
Langsam drehte sich Mac Pellew auf dem Absatz um. Sein Gesicht wirkte weinerlich.
„Fünf Pysas“, sagte er. „Aber selbst die tun mir in der Seele weh.“
Jung Hasard übersetzte wortgetreu, und der Inder fiel schier aus allen Wolken. Er schluckte schwer, räusperte sich, weil ihm die Stimme versagte, schluckte nochmals und fuhr sich mit dem Handrücken über den Mund.
„Zwanzig!“ Das klang kläglich.
„Fünf“, wiederholte Mac Pellew. „Und das ist schon mehr, als ich vertreten kann. Warum sollte ich Fische kaufe, die niemand will? Nur weil ich so gutmütig bin?“
Sie feilschten auf Biegen und Brechen. Gegen den Schotten hatte der Jüngling, und mochte er noch so gewitzt sein, nicht den Hauch einer Chance. Mac reduzierte schließlich sein Angebot auf vier und kurz darauf sogar bis auf drei Pysas. Dem Inder stand der Schweiß auf der Stirn, er war blaß geworden und zitterte, als sie endlich handelseinig wurden.
Old Donegal stand nur wenige Schritte daneben und schüttelte mißbilligend den Kopf.
„Soviel Geld für das gräßliche Fischzeugs“, jammerte er. „Wen willst du damit umbringen, Mac?“
„Jeder kriegt etwas“, erwiderte der Koch. „Gebraten sind sie ein Leckerbissen.“
„Wenn du die Biester auf die Back bringst, Mac, dann mustert einer von uns beiden ab.“
Irritiert leckte sich der Kombüsenmann über die Lippen.
„Schade“, sagte er. „Ich denke, daß dich jeder vermissen wird.“
Der Schlag der Schiffsglocke hallte über die Decks. Seit die Inder die Schebecke betreten hatten, war mehr als eine Stunde verstrichen.
Mac Pellew bückte sich nach dem Kübel mit den Fischen und winkte Luke Morgan zu sich heran, der ihm helfen sollte, die verderbliche Ware in die Kombüse zu schleppen.
„Nimm’s leicht, mein Junge“, sagte er zu dem betreten dreinblickenden Händler. „Du fängst dir eben neue Fische und verkaufst sie zum doppelten Preis. Vielleicht lassen sich ja bald Portugiesen in der Gegend blicken.“
„Male den Teufel nicht an die Wand, Mac.“ Luke Morgan ließ den Kübel wieder sinken und klopfte vorsichtshalber auf Holz.
Der Steg, an dem die Arwenacks vertäut hatten, war keineswegs menschenleer geworden. Da waren Fischer, die Netze flickten, und andere, die in ihren Booten hantierten. Zwei Frauen spülten Wäsche und warfen neugierige Blicke zu dem schlanken Dreimaster, denn das war ein Schiff, wie sie so bald keins mehr sehen würden.
Als Mac Pellew und Luke Morgan zum zweitenmal den Kübel mit den Fischen anhoben, entstand Unruhe. Der Zweitkoch wußte hinterher nicht zu sagen, ob erst die aufgeregten Rufe zu vernehmen gewesen waren und der indische Jüngling danach eine Grimasse zog, als stünden sieben Tage Regenwetter bevor, oder ob alles vielleicht umgekehrt abgelaufen war. Jedenfalls gab es plötzlich großes Geschrei – und noch mehr böses Blut.
Es war erschreckend, mit anzusehen, wie sich die eben noch freundlichen und zuvorkommenden Inder verwandelten, wie Zorn und sogar Haß ihr geschäftstüchtiges Lächeln verdrängten. Nicht nur Mac Pellew war wie vor den Kopf gestoßen. Er fragte sich prompt, ob er vielleicht doch einen oder zwei Pysas mehr hätte zahlen sollen. Allerdings gelangte er zu der Erkenntnis, daß kein Händler mit Verlust verkaufte, sondern höchstens mit geringer Verdienstspanne.
„Wie war die Sache mit dem trojanischen Pferd?“ fragte Luke Morgan.
Die Frage erschien berechtigt. Schließlich hatten die Arwenacks ihre Gegner ungehindert an Bord gelassen. Oder anders ausgedrückt: sie hatten sich die Läuse selbst in den Pelz gesetzt, die nun kräftig zwickten.
Überall auf der Kuhl prügelten die Inder plötzlich los. Jung Philips warnender Ausruf verhallte ungehört in dem Getümmel.
Zum zweitenmal mußten Morgan und Mac Pellew den Kübel mit den Fischen absetzen. Aber diesmal war der Koch daran schuld, weil er es nicht schaffte, den Kübel festzuhalten und zugleich zwei schwielige Fäuste abzuwehren, die ihm die Luft aus den Lungen trieben. Der Jüngling hatte jedenfalls mehr Kraft in den Knochen als Verhandlungsgeschick, das gestand ihm Mac neidlos zu.
Aber so leicht ließ sich kein Arwenack unterbuttern.
„Du – bist wohl nicht ganz – bei Trost“, ächzte der Koch, während er nach Atem rang. Dem nächsten Hieb wich er schon geschickt aus, grapschte einen der glitschigen Fische aus dem Wasser und schlug ihn dem Jüngling um die Ohren, so daß sich der Kugelfisch fast in eine Scholle verwandelte. Grinsend dachte Mac daran, daß Old Donegal so ein vertraut aussehendes Fischlein wohl schon essen würde.
Der Händler wollte protestieren. Oder riß er den Mund nur auf, um Schmähungen auszustoßen? Egal. Luke Morgan eilte dem Zweitkoch zu Hilfe, indem er einen weiteren Fisch verkehrt herum als Ramme benutzte. Die Schwanzflosse drang dem Inder so tief in die Kehle, daß er nur noch röchelte.
„Jetzt den Mund zu!“ befahl Luke.
Mac Pellew half ihm dabei, indem er leicht das Kinn des Jünglings antippte.
Der Inder verstand keinen Spaß. Wie ein Wilder fuchtelte er mit den Armen in der Luft herum und hätte um ein Haar dem Koch ein blaues Auge verpaßt. Aber Mac war auf der Hut. Mit beiden Händen packte er den rechten Arm des Angreifers – Luke Morgan tat genau das gleiche mit dem linken Arm.
„Hiev an!“ Gemeinsam zerrten sie den Kerl von den Beinen. Für einen Augenblick lag er flach in der Luft. Er krachte mit dem Oberkörper gegen den Handlauf des Schanzkleids, spuckte den Fisch in hohem Bogen aus und flog anschließend selbst über Bord.
Zwei der Kupfermünzen, mit denen Mac die Fische bezahlt hatte, waren auf den Boden gefallen. Während eine zur Gräting rollte, stoppte der Koch die andere mit dem Fuß.
Er bückte sich, um die Münze aufzuheben. Gleichzeitig taumelte einer der Händler heran, der den berüchtigten Profoshammer kennengelernt hatte. Mac Pellews Rücken wurde für ihn zum Sprungbrett über die Verschanzung hinaus.
„Nicht übel, Mac“, lobte der Profos. „Bleib so gebückt, dann räumen wir die nächsten gemeinsam ab.“
Nicht nur an Bord, sondern auch an Land und vor allem auf dem Steg gab es mittlerweile ein großes Geschrei. Es sah ganz so aus, als wären die Engländer plötzlich nicht mehr willkommen.
Drohend wurden Fäuste gereckt und Schmähungen ausgestoßen. Steine flogen.
Während die Arwenacks ihre Decks aufklarten und immer mehr Inder im Hafenwasser planschten, wuchs der Volkszorn stetig an.
„Verstehst du, was sie rufen?“ Da die Zwillinge auf der Kuhl mitmischten, blieb dem Seewolf niemand anderes als Dan O’Flynn, an den er sich wenden konnte.
„Einiges“, erwiderte Dan. „Für die Leute sind wir Diebe und räudige Hurensöhne, und das ist noch nicht das Schlimmste, was sie uns an den Kopf werfen.“
„Warum?“
Dan zuckte mit den Schultern. „Es muß mit Malindi Rama zu tun haben.“
Im nächsten Moment zog er den Kopf ein und ging hinter dem Schanzkleid in Deckung. Hasard tat es ihm nach. Über ihnen prasselte Blei in die Planken. Die Soldaten hatten aus einer Distanz von gut dreißig Yards geschossen.
„Wenn ihre Flinten nicht so hoffnungslos veraltet wären …“ Dan ließ offen, was er noch hatte sagen wollen.
Das Geschrei von außenbords wurde lauter, weil Big Old Shane und der Profos die Stelling einholten, obwohl vier ausgewachsene Inder säbelschwingend versuchten, an Bord zu stürmen. Die Blankwaffen nutzten den Angreifern herzlich wenig. Keiner hatte erwartet, daß ihm plötzlich der Boden unter den Füßen weggezogen würde. Gurgelnd klatschten sie ins Wasser zwischen Bordwand und Steg. In dem Moment achteten wohl alle auf das Geschehen vor der Kuhl. Selbst Chandra Bose und seine Soldaten bildeten keine Ausnahme.
Hasard griff nach einem aufgeschossenen Tau, belegte es an der nächsten Nagelbank und warf das Ende übers Schanzkleid.
„Was hast du vor, Sir?“ Dan blickte überrascht auf.
„Ich will herausfinden, was der Stimmungsumschwung bedeutet – bevor die Burschen unser Schiff in Brand stecken.“
Seine Befürchtung war gar nicht abwegig. An Land loderten die ersten Fackeln auf. Daß sie für die Schebecke bestimmt waren, stand außer Zweifel.
„Die sind verrückt“, ächzte Dan O’Flynn. Dann schickte er sich an, Hasard zu folgen.
Auf der Kuhl blieb das Vorhaben nicht unbemerkt.
„He!“ rief Carberry. „Was ist los? Brauchst du Hilfe, Sir?“ Da der Seewolf nicht antwortete, war es für ihn beschlossene Sache, außenbords mitzumischen. Die paar Händler, die noch an Bord weilten, hatten ohnehin inzwischen die Hosen voll und sprangen freiwillig ins Wasser, sobald man sie nur scharf anblickte. Aber auf dem Steg gab es noch jede Menge aufzumischen, da rückte die ernstzunehmende Meute erst an.
Edwin Carberry beeilte sich, die Jakobsleiter auszubringen, denn mittlerweile hatten die Soldaten ihre Flinten wieder neu geladen. Sie stocherten nur noch mit den Ladestöcken in den Läufen herum.
„Was heißt Rübenschweine auf Indisch?“ rief der Profos in die Runde.
„Wissen wir nicht“, antwortete Philip junior.
Sein Zwillingsbruder und er stürmten die Back – der beiden Drehbassen wegen, die dort montiert waren.
Indessen wurde der Profos von wütenden Indern in Empfang genommen, denen jedoch keine große Freude an ihrem Fang vergönnt war. Carberry schwang die Fäuste wie Dreschflegel, und wo er hinschlug, da wurde die Luft noch dünner. Um ihn herum war der Steg schon nach wenigen Augenblicken wie leergefegt. Dafür tummelten sich immer mehr Inder im Wasser und kühlten ihre Blessuren.
Dem ersten Soldaten, der die Flinte auf ihn anlegte, stieg der Profos gehörig auf die Zehen. Der Mann brüllte, als habe ihn ein Elefant getreten. Das wiederum behagte dem Profos nicht. Er schlug zu. Mit beiden Händen gleichzeitig. Von rechts und links.
Der Inder mußte sich fühlen, als sei er zwischen die zusammenkrachenden Becken einer Militärkapelle geraten. Er verdrehte die Augen und ließ die Flinte fallen. Auf seinen Wangen zeichneten sich die kräftigen Abdrücke von zehn Fingern ab, die nach einiger Zeit wohl alle Farben aufweisen würden.
Carberry lüftete den Mann von den Füßen und benutzte ihn als lebenden Rammbock, um die anderen zurückzudrängen. Fünf Inder verloren nacheinander den Halt und klatschten rücklings in das fast schon überfüllte Hafenbecken.
Der nächste Schütze, fünf Schritte vom Profos entfernt, heulte auf und ließ seine Feuerwaffe fallen. Eins von Bob Greys Wurfmessern hatte seine Hand durchbohrt, ehe er den Schuß abgeben konnte.
„Danke, Bob!“ rief Carberry, ohne sich umzuwenden.
„Keine Ursache, Eddylein“, klang es von der Schebecke zurück.
Die Fackelträger stürmten heran. Gleichzeitig dröhnten auf der Back die Drehbassen. Holz splitterte, eine kleine Wasserfontäne stieg in die Höhe, dann wand sich ein mehrere Yards langes Teilstück des Steges – genauer gesagt, der Abschnitt zwischen zwei Stützpfosten – wie ein getretener Wurm und brach in sich zusammen.
Das ganze geschah rund zwanzig Schritte vor der Schebecke, und das Wasser war dort noch so tief, daß keiner stehen konnte.
Die Inder stimmten ein wütendes Geheul an. Einige schleuderten ihre Fackeln, die den Dreimaster aber nicht erreichten.
Das Blatt hatte sich damit vollends gewendet, nachdem die Arwenacks zunächst völlig überrascht worden waren.
Mit oft geübter Präzision schoben die Zwillinge neue Kugeln in die Hinterlader-Drehbassen, setzten die mit Pulver gefüllten Kammern ein und verkeilten sie. Sie brauchten dazu nur wenige Handgriffe.
Über den Kammergriff hinweg visierten sie erneut den Steg an, ein Stück weiter landwärts diesmal. Dann senkten sie die Lunten auf die Zündlöcher. Die beiden Pulverexplosionen klangen wie ein einziger Knall.
Abermals splitterte Holz. Armlange Bruchstücke wirbelten, Geschossen gleich, nach allen Seiten davon. Aber offenbar wurde niemand verletzt.
Heulend wich die Meute zurück. Wer noch auf den Beinen stand, hastete den bebenden Steg entlang, die anderen schwammen, als gelte es ihr Leben.
Jung Hasard richtete die Backbord-Drehbasse auf eine Jolle, die von vier Männern gepullt wurde. Offenbar hatten sie geglaubt, die allgemeine Verwirrung und die Tatsache ausnutzen zu können, daß die Aufmerksamkeit aller auf den Steg gerichtet war.
Sie schafften es auch, bis auf ungefähr zehn Yards heranzukommen, aber dann zerspellte die Drehbassenkugel den Rumpf des kleinen Bootes und riß ein beachtliches Loch unter der Wasserlinie. Die Jolle sackte so schnell weg, daß den Indern keine Gelegenheit blieb, die mitgeführten Fackeln an Deck der Schebecke zu werfen. Unruhig flackernd erlosch das brennende Pech.
Die Zwillinge – vom neuen Moses Clinton Wingfield mit ausreichendem Nachschub an Kammerstücken und Kugeln versorgt – luden die Drehbassen zwar nach, brauchten sie aber nicht mehr abzufeuern, denn die Inder suchten ihr Heil im Rückzug.
„Die Bande zieht den Schwanz ein!“ rief Big Old Shane. In seiner Stimme schwang Bedauern mit. Intensiv massierte er seine Fäuste.
„Immerhin haben sie ihre Waren zurückgelassen“, meinte Jeff Bowie. „Das ist doch schon was. Als Entschädigung sozusagen.“
Jeder war so mit sich selbst beschäftigt gewesen, daß niemand auf den Seewolf und Dan O’Flynn geachtet hatte. Erst jetzt, als die beiden wieder aufenterten, ging ein Grinsen reihum.
Die waren nicht allein.
„Ein fetter Hecht ist dir da ins Netz gegangen, Sir“, sagte Edwin Carberry anerkennend. Er stemmte die Pranken in die Hüfte und schritt drohend auf Chandra Bose, den Hauptmann der Stadtwache zu, der lediglich seinen prachtvollen Turban verloren hatte, sonst aber kein bißchen lädiert war. „Was haben wir mit dem vor? Ein klein wenig kielholen oder an die Rah hängen? Oder binden wir ihn als Galionsfigur und abschreckendes Beispiel vor den Bug? Er wirkt nur ein wenig jämmerlich, findet ihr nicht?“
Ein paar Arwenacks lachten.
Chandra Bose hatte zwar herzlich wenig verstanden, aber Carberrys Tonfall und seine unmißverständliche Haltung ließen ihn Schlimmes ahnen.
3.
Die Schreie der Verfolger gellten in seinen Ohren. Wenn ihre Zahl anwuchs und sie ihn einholten, würden sie ihn übel zurichten. Er gab sich keinen Illusionen darüber hin, was die aufgebrachten Singhalesen mit ihm anstellen würden.
Derartige Gedanken mobilisierten seine letzten Reserven. Zum Glück hatte er lange genug in Tuticorin gelebt und wußte, wohin er sich wenden mußte. Zum Hafen hin wurden die Gassen verwinkelter und unüberschaubarer, dort einen Unterschlupf zu finden, war leichter als anderswo in der Stadt.
Malindi Rama hastete quer durch einen kleinen Krautgarten. Am anderen Ende war ein Gatter. Eine Herde Ziegen blickte ihm entgegen. Ihr helles Meckern, als Malindi das Tor offenstehen ließ, klang dankbar. Prompt liefen sie den wütenden Verfolgern entgegen, die erst mal aufgehalten wurden.
Malindi umklammerte den Lederbeutel, in dem der Backenzahn Buddhas lag. Er glaubte zu spüren, wie neue Kraft auf ihn überströmte. Seine Rückkehr nach Tuticorin hatte er sich zwar anders vorgestellt, aber was konnte er noch daran ändern?
Im Zickzack lief er zwischen Stallungen und baufälligen Lagerschuppen hindurch. Er hätte sich in einem der Gebäude verstecken und auf die Nacht warten können, aber an solchen Orten würde die aufgebrachte Menge wohl zuerst nach ihm suchen.
Irgendwo in der Nähe schnatterten Gänse. Malindi wandte sich in die andere Richtung, setzte über eine Jauchegrube hinweg und zwängte sich zwischen Stößen von Brennholz hindurch.
Die Frau sah er den Bruchteil eines Augenblicks eher als sie ihn. Mit zwei weit ausgreifenden Sätzen war er bei ihr, zog sie an sich und preßte ihr eine Hand auf den Mund, bevor sie schreien konnte. Zweifellos hatte sie die Rufe seiner Verfolger gehört.
Aus schreckgeweiteten Augen starrte sie ihn an und versuchte gar nicht erst, sich aus seinem Griff zu befreien.
„Ist noch jemand im Haus?“ zischte Malindi.
Er verstärkte seinen Griff, als eine Antwort ausblieb. Die Frau, sie zählte höchstens dreißig Jahre, schüttelte endlich den Kopf.
Malindi Rama zog den Dolch, mit dem er das Laderaumschott auf der Schebecke aufgebrochen hatte, und setzte ihr die Klinge an die Kehle.
„Wenn du lügst, wirst du keine Zeit mehr finden, zu bereuen.“
„Niemand“, ächzte sie.
Malindi schob sie unsanft vor sich her – keinen Augenblick zu spät, denn schon erschienen die Verfolger beim Nachbarhaus.
„Du hast mich nicht gesehen, verstehst du!“ Malindi knirschte mit den Zähnen. Er unterstrich seine Forderung mit einer unmißverständlichen Handbewegung.
Die Frau schluckte schwer. Erst jetzt, im Halbdunkel des Hauses, stellte Malindi fest, daß sie alles andere als eine Schönheit war. Brandnarben entstellten ihr Gesicht, wildes Fleisch überwucherte Hals und Kinn, und auch die Oberarme waren vom Feuer gezeichnet.
Der Singhalese empfand Geringschätzung. Wenn sie von ihrem Mann verlassen worden war, hatte sie es nicht anders verdient. Vermutlich war ihre Mitgift zu gering gewesen, oder der Mann war ihrer einfach überdrüssig geworden. Es gab genug Gründe.
Draußen wurden die Stimmen lauter. Jemand rief. Malindi konnte sich ausmalen, daß die Verfolger nicht unverrichteter Dinge wieder abzogen.
„Geh zum Fenster!“ befahl er. „Sag, daß du niemanden gesehen hast. Aber wehe, du verrätst mich!“ Er fuchtelte mit dem Dolch dicht vor ihrem Gesicht herum.
Erst als er ihr einen heftigen Stoß versetzte, überwand sie ihre Starre. Inzwischen wurde ungeduldig an die Tür gepocht. Malindi Rama hielt sich so, daß er nicht gesehen werden konnte. Zugleich suchte er nach einem Fluchtweg für den Fall, daß seine Drohung fruchtlos blieb.
Aber die Frau sagte genau das, was er ihr aufgetragen hatte. Sie schaffte es, die Häscher abzuwimmeln.
Und jetzt? fragte ihr Blick, als sie sich vom Fenster umwandte.
„Wir warten“, entschied Malindi. „Gib mir zu essen!“
Eine Schüssel Reis war alles, was er erhielt. Mehr hatte die Frau nicht im Haus. Er aß langsam und reichte ihr schließlich die Hälfte zurück.
„Gehst du?“ fragte sie, immer noch ängstlich.
„Später. Wenn es dunkel ist.“
„Warum suchen sie dich?“
Malindi winkte gelangweilt ab. Wenn die Frau noch nicht wußte, was geschehen war, war ihm das nur recht. Er verspürte jedenfalls kein Bedürfnis, irgend etwas zu erzählen.
Eine Zeitlang döste er vor sich hin, behielt seine unfreiwillige Gastgeberin aber ständig im Auge. Sie dachte aber nicht daran, ihm Schwierigkeiten zu bereiten, sondern schien eher erleichtert zu sein, daß er sie in Ruhe ließ. Der Singhalese empfand seine momentane Situation zwar nicht als zufriedenstellend, war jedoch einigermaßen beruhigt.
Dann drang vom Hafen Geschützdonner heran. Dem Klang nach zu schließen, handelte es sich nur um kleine Kanonen. Griffen die Engländer Tuticorin an? Aber warum feuerten sie dann nicht mit den schweren Geschützen, die er auf dem Oberdeck gesehen hatte?
Um sich zu beruhigen, öffnete Malindi Rama den Lederbeutel und nahm die Reliquie heraus. Das Pochen in seinen Schläfen ebbte ab. Der Zahn, von dem es unter anderem hieß, daß er die ewige Glückseligkeit schenke, hatte seine Wirkung also nach dem Diebstahl aus dem Tempel von Kandy nicht verloren.
„Ist das …?“ Die Frau schluckte krampfhaft. „Ist das der Weisheitszahn Buddhas? Dann bist du der Dieb, von dem erzählt wird?“
„Und wenn schon“, erwiderte Malindi schroff. „Ein solcher Schatz gehört nicht in einen Tempel, wo niemand etwas davon hat.“ Er schwieg wieder, drückte Buddhas Zahn vorsichtig an seine Stirn und beschränkte sich im übrigen darauf, die Frau auch weiterhin nicht aus den Augen zu lassen.
Das Schlimmste hatte er inzwischen hinter sich. Morgen um die gleiche Stunde befand er sich schon auf dem Weg nach Norden, wo Hindus und Moslems den Hauptanteil der Bevölkerung bildeten und kaum jemand von Buddha sprach. Zumindest für ein oder zwei Jahre wollte er freiwillig ins Exil gehen.
Sie saßen sich unter Deck gegenüber, in einer Kammer im Achterschiff. Durch die bleiverglasten Scheiben waren ein winziger Ausschnitt der Stadt und zwei der größeren Schiffe zu sehen, die nahe der Mole ankerten.
Von Deck erklangen die Schritte der Wachen. Sonst war alles ruhig.
Philip Hasard Killigrew hatte den Hauptmann der Stadtwache „gebeten“, in einem Sessel Platz zu nehmen. Er selbst stand, hatte die Arme vor der Brust überkreuzt, das Kinn auf die linke Faust gestützt und musterte den Inder eindringlich von oben herab.
Chandra Bose fühlte sich gar nicht wohl. Das war ihm anzusehen, obwohl er sich Mühe gab, unbeteiligt zu wirken. Schon die Anwesenheit des mordshäßlichen Riesen mit dem Narbengesicht, dem Rammkinn und den gewaltigen Pranken erfüllte ihn mit Unbehagen. Außerdem waren da noch die Zwillinge, die dem Kapitän ähnelten wie ein Ei dem anderen, der Alte mit dem Holzbein, ein Mann mit silbergrauem Haar und einem eisernen Haken an Stelle der rechten Hand und einer, der dem Aussehen nach zu urteilen Portugiese sein konnte. Völlig sicher war sich Bose dieser Feststellung aber nicht.
„Wir haben niemandem Anlaß gegeben, an unserer Friedfertigkeit zu zweifeln“, sagte der Kapitän übergangslos. „Gerade deshalb verstehe ich den Stimmungsumschwung Ihrer Leute nicht. Oder ist es in Tuticorin an der Tagesordnung, Strauchrittermethoden anzuwenden?“
Die Zwillinge übersetzten in einem eigenwilligen Mischmasch aus Portugiesisch und indischen Ausdrücken. Chandra Boses Miene verhärtete sich daraufhin.
„Es gibt Dinge, die lassen sich auch mit Gold nicht entschuldigen“, stieß er wütend hervor und spuckte aus.
Carberry wollte ihm für diese Unflätigkeit den Mund stopfen, doch Hasard hielt ihn zurück. Der Inder wühlte in seinen Taschen und holte die fünf Goldmünzen heraus, die ihm der Seewolf gegeben hatte. Verächtlich schleuderte er sie auf den Boden.
„Was für Dinge?“ fragte Hasard.
„Sakrilegien!“ stieß Bose verächtlich hervor.
„Das ist unmöglich …“
„Die gerechte Strafe wird euch ereilen“, sagte der Hauptmann orakelhaft. „Um mich ist mir dabei nicht bange.“
Soll ich? fragte Carberrys Blick. Hasard nickte knapp, und der Profos packte zu. Er riß den Inder aus dem Sessel, als wiege er kaum mehr als ein paar Pfund.
„Der Mann, der über Bord gesprungen ist“, stöhnte Bose, „ich weiß zwar nicht, wer er ist, aber er hat ein Heiligtum der Singhalesen aus dem Tempel von Kandy gestohlen, eine unschätzbare wertvolle Reliquie.“
Die Arwenacks schauten sich ungläubig an.
„Malindi Rama hatte nur wenig bei sich“, erklärte Don Juan de Alcazar.
„Der Dolch, ein Lederbeutel …“ Matt Davis zählte ein paar Dinge an den Fingern seiner linken Hand ab.
„In dem Beutel war immerhin ein Backenzahn“, sagte Philip junior.
„Der ist bestimmt nicht wertvoll.“ Carberry verzog die Mundwinkel bis fast zu den Ohren. „Vielleicht hat er sich den irgendwann ausgebissen und bewahrt ihn als Andenken auf.“
Der Seewolf wandte sich erneut an den Hauptmann: „Der, von dem du sprichst, heißt Malindi Rama. Wir sind ihm zufällig begegnet und haben ihm aus einer Notlage geholfen, aus der er sich nicht selbst befreien konnte. Aber damit du erfährst, mit wem du es zu tun hast, will ich etwas weiter ausholen. Ischwar Singh, der Maharadscha von Bombay, bat uns, für ihn nach Madras zu segeln. Die Einzelheiten sind unwichtig. Jedenfalls fischten wir nach einer kurzen Flaute im Golf von Mannar einen mit Bienenwachs verschlossenen Tonkrug auf. Im Innern befand sich ein papyrusähnliches Papier mit einer Botschaft und einer Zeichnung. Demnach war ein Schiffbrüchiger auf einer kleinen Insel im Golf gestrandet. Das Datum lag gerade zehn Tage zurück. Da die Insel in der Nähe unseres Kurses liegen mußte, beschlossen wir, den Mann zu suchen. Wir fanden ihn nur wenige Seemeilen vor Tuticorin und nahmen ihn an Bord. Mehr ist dazu nicht zu sagen. Was immer Malindi Rama verbrochen hat, wir wissen nichts davon.“
Matt Davies hatte, als der Seewolf zu reden begann, die Kammer verlassen. Jetzt kehrte er mit dem Tonkrug, der noch die Reste des Bienenwachses erkennen ließ, und dem bekritzelten Papier zurück. Als Hasard zustimmend nickte, reichte er beides dem Inder.
Chandra Bose las die Zeilen aufmerksam. Als er schließlich wieder aufsah, lag Verständnis in seinem Blick. Daß Carberry ihn endlich aus seinem eisenharten Griff entließ, registrierte er offenbar nur am Rande.
„Haben Sie, Senhor, oder Ihre Männer bemerkt, daß Rama einen Zahn bei sich trägt?“
„Also doch!“ entfuhr es Don Juan.
„Der Zahn ist eine heilige Reliquie des singhalesischen Volkes“, sagte der Hauptmann. „Der Weisheitszahn Buddhas. Er wird auf Ceylon aufbewahrt, weil Buddha unter einem Bo-Baum auf der Insel seine Erleuchtung fand.“
„Deshalb die tätowierte Karte auf Malindis Schädel.“ Matt Davies kratzte sich ausgiebig den Kopf. „Ich nehme an, er hat den Diebstahl nicht allein begangen.“
„Für den Frevel wird er bezahlen“, erklärte Bose. „Jeder gläubige Buddhist sieht es als seine Pflicht an, den Dieb der gerechten Strafe zuzuführen.“
„Wir gehören nun wohl nicht mehr zum Kreis der Verdächtigen.“ Old Donegal, der sich ungewöhnlich ruhig verhalten hatte, meldete sich doch noch zu Wort. „Werden Sie den Bewohnern von Tuticorin sagen, was Sie herausgefunden haben?“
„Selbstverständlich“, versicherte der Hauptmann. „Nur – ich kann nicht dafür garantieren, daß wirklich jeder meine Meinung teilt.“
„Das sollte aber ausschließlich Ihre Sorge sein“, erklärte Old Donegal schroff.
„Doch wenn Sie sich an der Jagd auf Malindi Rama beteiligen, Senhores, wird man Ihnen und auch mir eher Glauben schenken“, sagte Bose ungeachtet des Einwands.
Hasard müßte anerkennend eingestehen, daß es der Mann verstand, andere für seine Ziele einzuspannen. Er wußte, daß die Arwenacks nicht ohne neuen Proviant auslaufen wollten. Was die Händler und Fischer zur Probe an Bord gebracht hatten, genügte nicht. Also mußten die Arwenacks wohl oder übel die Spur ihres geflohenen Passagiers aufnehmen oder damit rechnen, daß sie weiterhin von den Bewohnern Tuticorins angegriffen wurden.
„Zeigt ihm unsere Kanonen!“ sagte Old Donegal wütend. „Dann verliert der Bursche bestimmt seine Hochnäsigkeit. Wenn wir wollen, legen wir die Stadt in Trümmer. Warum sollen ausgerechnet wir nach seiner Pfeife tanzen?“
Inzwischen senkte sich die Dämmerung über Tuticorin. Der Seewolf führte Chandra Bose auf die Kuhl und drückte ihm die fünf Goldmünzen wieder in die Hand.
„Geben Sie das Geld den Händlern, die unser Schiff überstürzt verlassen haben. Und noch etwas: Sorgen Sie dafür, daß man uns nicht länger für Frevler hält.“
„Wollen Sie sofort mit der Suche beginnen?“ Der Hauptmann hatte Mühe, seinen Triumph zu verbergen. Er wirkte überaus zufrieden.
Hasard war es eigentlich auch. Er ließ die kleine Jolle abfieren und den Inder an Land pullen. Da der Steg in der kurzen Zeit nicht repariert worden war, hätte sich der Mann mehr als nur nasse Füße geholt.
Ungefähr zur selben Zeit und nicht einmal eine halbe Meile entfernt, atmete Malindi Rama auf. Die hereinbrechende Nacht ermöglichte es ihm, den Häschern zu entrinnen.
Draußen war es sternenklar. Der Mond stand schon hoch am Firmament und schüttelte seinen silbernen Schein über die Stadt aus. Malindi wartete, bis eine Wolke die Sichel verdeckte, ehe er sich erneut in das Gewirr der engen Gassen wagte. Die Frau hatte er mit ihrem eigenen Sari gefesselt und ihr den Mund zugebunden, so daß sie nicht schreien und ihn noch im letzten Moment verraten konnte.
Die Nacht war schwül, zwischen den Häusern lastete drückend die Hitze des vergangenen Tages. Vom Hafen her erklang Hundegebell. Irgendwo weiter entfernt trompetete ein Elefant.
Malindi wandte sich nach Norden. Er trug jetzt einen einfachen Turban, der seinen kahlen Schädel verbarg. Grober Stoff war im Haus ausreichend vorhanden gewesen.
Je weiter er sich von der Hafengegend entfernte, desto rascher schritt er aus.
Ein Ziegenhirte trieb seine Herde heim. Malindi achtete nicht auf den Jungen, der kaum älter als acht oder neun Jahre war, sondern zwängte sich zwischen den Tieren hindurch. Am Ende einer Seitengasse hatte er zwei Wachen entdeckt. Aber damit hatte er rechnen müssen.
Der Basar lag verlassen vor ihm. Nur streunende Hunde wühlten in den Abfällen nach Freßbarem. Malindi hütete sich, den großen Platz zu überqueren, der von vielen Seiten eingesehen werden konnte. Lieber nahm er einen Umweg in Kauf, der ihn zwischen halb verfallenen Mauern und mehreren Backöfen hindurchführte.
Ganz in der Nähe wußte er eine Unterkunft der Stadtwache. Jedoch sah er nicht einen Uniformierten – die suchten weiter entfernt nach ihm und dachten nicht im Traum daran, daß er sich bis an die Höhle des Löwen wagte.
Als der Mond weiter hinter der Wolke hervorlugte, verließ Malindi gerade den Ortskern und tauchte zwischen hohen Bananenstauden unter. Ihm war bisher entgangen, daß er seit geraumer Zeit verfolgt wurde. Jetzt verschmolz der Schatten hinter ihm ebenfalls mit den übermannshohen Pflanzen.
Ein einzelnes Gehöft war sein Ziel.
Hunde schlugen an, verstummten aber gleich wieder, als sie ihn erkannten. Das Licht, das eben noch hinter einem der Fenster geschimmert hatte, wurde gelöscht, Augenblicke später knarrte eine Tür in den Angeln.
Malindi Rama stieß einen kurzen Pfiff aus und huschte weiter. Selbst mit verbundenen Augen hätte er den Weg ins Haus gefunden.
Wieder bellten die Hunde.
„Ist dir jemand gefolgt?“ flüsterte eine Stimme aus der Dunkelheit.
„Ich bin nicht verrückt und laß mich noch erwischen“, erwiderte der Singhalese.
Er trat ins Haus, hinter ihm wurde die Tür verriegelt. Auch die Fenster waren inzwischen verhängt.
„Draußen ist es ruhig“, sagte, eine Frauenstimme.
Malindi atmete auf. Er setzte sich zu der Frau und ihrem Mann – einem Vetter väterlicherseits, der Fischer war – an den Tisch. Eine Kerze aus Bienenwachs, bis eben abgeschirmt, verbreitete wieder wohlig flackernde Helligkeit.
Madhav, sein Vetter, schob ihm einen bis zum Rand gefüllten Becher hin.
„Reisschnaps“, sagte er. „Trink – und dann erzähle! Wir fürchten seit Tagen um dein Leben.“
„Ich habe den Zahn“, erwiderte Malindi. „Was also sollte mir geschehen?“
Er trank. Wohlig brannte der Schnaps in seiner Kehle. Danach begann er zu erzählen. Madhav und Jehan hingen an seinen Lippen und schienen jedes Wort wie ein Lebenselixier in sich aufzusaugen.
„Zeig ihn mir!“ forderte die Frau endlich.
Malindi Rama streifte den Lederbeutel über den Kopf und nahm den Weisheitszahn so vorsichtig heraus, als handele es sich um eine zerbrechliche Kostbarkeit. Dabei sah der Zahn aus wie jeder andere.
Ein eigentümlicher Glanz trat in Jehans Augen, als sie die Reliquie entgegennahm und küßte. Sie hätte viel für den Zahn gegeben, vielleicht sogar einige Jahre ihres Lebens.
Madhav, als könne er die Gedanken seiner Frau erraten, sagte in dem Moment: „Du mußt die Stadt verlassen, Malindi. Möglichst schnell. Mit der ersten Morgendämmerung brechen wir auf.“
Gemeinsam leerten sie noch mehrere Becher Reisschnaps. Dann forderte die Müdigkeit ihr Recht.
Malindi Rama schlief in dieser Nacht schlechter als in allen Nächten zuvor. Mehrmals wachte er schweißgebadet auf, erinnerte sich aber nicht an die Alpträume, die ihn quälten.
Buddhas Weisheitszahn lag wieder in dem Lederbeutel. Sein Gewicht schien stündlich zu wachsen und drückte schwer auf Malindis Brustkorb.
4.
„Willst du wirklich die Angelegenheit der Singhalesen zu deiner eigenen erklären, Dad?“ fragte Jung Philip entgeistert. „Wir haben mit ihrem Gott Buddha nichts zu tun.“
Hasard junior nickte eifrig. „Was gehen uns Intrigen auf Ceylon oder in Tuticorin an? Religiöse Fanatiker verstehen keinen Spaß, wenn sich Andersgläubige einmischen.“
Stumm blickte der Seewolf zur nahen Stadt hinüber, die sich als düstere Kulisse gegen den sternenübersäten Himmel abhob. Hier und da glomm Fackelschein in der Nacht und verriet, daß die Bewohner von Tuticorin noch ihren Arbeiten nachgingen.
Langsam wandte sich Philip Hasard Killigrew zu seinen Söhnen um.
„Ihr ratet mir also ab?“
Philip versteifte sich und reckte den Kopf. „Wir haben kein gutes Gefühl, Sir. Wir sollten uns nicht in Glaubensangelegenheiten einmischen.“
„Kein gutes Gefühl, soso.“ Ein Lächeln umspielte die Mundwinkel des Seewolfs. „Wißt ihr, was ich glaube? Daß ihr beide eurem Großvater nachgeratet.“
„Dad, Sir …!“
„Schon gut.“ Hasard winkte ab. „Ich habe nicht vor, der Stadtwache die Arbeit abzunehmen. Aber ein bißchen guten Willen sollten wir zeigen. Ich will nicht, daß die Einwohner von Tuticorin uns Engländer in schlechter Erinnerung behalten.“
„Du meinst, wir verlieren allmählich unser eigentliches Anliegen aus den Augen?“
„Die gute Lissy würde sich sehr grämen, wenn wir nicht den Boden für Handelsbeziehungen mit Indien ebnen.“
„Na dann“, sagte Hasard junior und stieß seinem Bruder den Ellenbogen zwischen die Rippen, „beackern wir das Feld. Auf was warten wir noch?“
Eine halbe Stunde später, die Wachen auf der Schebecke waren längst verstärkt und Al Conroy klarierte einige Culverinen beider Batterien, legte die noch außenbords vertäute Jolle abermals ab. Philip Hasard Killigrew, die Zwillinge, Edwin Carberry und Batuti, der Gambiamann, ließen sich an Land pullen. Auf dem Umweg allerdings, den vor ihnen schon Malindi Rama eingeschlagen hatte. Die Wolfshündin Plymmie kauerte im Bug des Bootes und knurrte die Mondsichel an, die sich im leicht bewegten Wasser abspielte.
Die Rudergasten mußten sich kräftiger ins Zeug legen als der Inder, da sie sich nicht mehr von der Strömung treiben lassen konnten. Inzwischen hatte die Ebbe eingesetzt, und das ablaufende Wasser zog das Boot in südliche Richtung.
Der morsche Kahn, den der Singhalese nach seiner überstürzten Flucht entwendet hatte, lag noch an Ort und Stelle auf Grund. Durch die Lecks war Schlick eingedrungen, der wie Ballast wirkte, das Dollbord ragte gerade noch zwei Handbreiten aus dem Wasser.
„Da ist fast nichts mehr, woran Plymmie Witterung aufnehmen könnte“, sagte Jung Hasard.
„Unser guter Wille ist gefragt“, bemerkte Philip spitz. „Nicht mehr und nicht weniger.“
Der Seewolf bedachte ihn dafür mit einem verweisenden Blick. Er kannte seinen Sohn gut genug, um die mitschwingende Kritik herauszuhören, selbst wenn sie den anderen Arwenacks verborgen blieb.
Batuti führte die Bordhündin an die Riemenschäfte. Nach einer Weile zog Plymmie die Lefzen hoch und knurrte. Ihre Nackenhaare sträubten sich.
„Such!“ befahl der Gambiamann. Er hielt die Hündin an einer nur wenige Yards langen Leine, hinter ihm folgten der Seewolf und die Zwillinge, und den Schluß bildete der Profos. Die Jolle, in der Luke Morgan, Sam Roskill, Bill und Stenmark an den Riemen saßen, glitt lautlos zur Schebecke zurück.
Ölpalmen standen wie stumme Wächter entlang des Weges, der zur Stadt führte. Fahl schimmerte der Korallenkalk der Häuser durch die Nacht.
Plymmie führte die Arwenacks zu einem Gebüsch. Jemand hatte Äste abgeschlagen.
„Die Bruchstellen sind noch klebrig vom Harz“, stellte Batuti fest. „Das muß Malindi gewesen sein.“
Keiner hatte eine Erklärung dafür, was der Singhalese bezweckt hatte. Nach einer Weile erreichten sie eine befestigte Straße. Hier versagte der Geruchssinn der Hündin jedoch, denn inzwischen hatten zu viele Menschen und Tiere den gleichen Weg genommen.
„Der Bursche ist nach Tuticorin gelaufen“, behauptete Carberry.
„Also weiter und immer der Nase nach“, sagte Jung Philip. Kaum jemand war noch auf den Straßen. Diejenigen, denen sie begegneten, warfen ihnen scheue, mißtrauische Blicke zu und wichen aus. Längst hatte sich herumgesprochen, daß die Fremden den heiligen Zahn Buddhas an Bord ihres Schiffes transportiert hatten.
„Die Leute könnten trotz allem freundlicher sein“, maulte Hasard junior. „Am Ende erwarten sie, daß wir ihnen alle Probleme abnehmen.“
Plymmie fand die Spur wieder. Sie zog wie wild an der Leine.
Ein kleiner Pferch, zwischen zwei Stallungen errichtet, versperrte den Weg. Ziegen schreckten auf und begannen zu meckern, als sich die Arwenacks über das Gatter schwangen.
Dies war eine der düsteren Gegenden des Hafenviertels. Eng duckten sich die Häuser aneinander, als müsse eins das andere stützen. Die verwinkelten Gassen, ohnehin nur aus gestampftem Erdreich bestehend, verströmten einen beißenden Gestank. Selbst zur Nachtzeit tummelten sich noch Schwärme von Schmeißfliegen auf dem überall anzutreffenden Unrat.
Eine schmale Planke führte über eine Jauchegrube hinweg. Plymmie strebte geradewegs in die Richtung.
Der Profos rümpfte die Nase. „Das Brettchen sieht nicht besonders vertrauenerweckend aus. Wer da hineinfällt, der stinkt tagelang.“
„Drei Schritte Anlauf, Mister Carberry“, sagte Batuti. „Mehr brauchst du nicht.“
Den wohlgemeinten Rat in die Tat umzusetzen, schaffte der Profos nicht mehr. Plymmie begann plötzlich zu bellen und zerrte an der Leine, und schon im nächsten Moment fielen Singhalesen über die Arwenacks her und knüppelten wahllos auf sie ein.
Edwin Carberry empfing den ersten, der es auf, ihn abgesehen hatte, mit einer schallenden Maulschelle. Alle fünf Finger zeichneten sich im Gesicht des Mannes als breite Striemen ab. Trotzdem stürmte er weiter und verfehlte mit seiner knorrigen Keule den Profos nur um eine Handbreite, und das auch nur, weil der Schlag ihn taumeln ließ. Der Schwung riß ihn vorwärts und ließ ihn ins Leere laufen. Carberry trat ihm in den Hintern.
Während Plymmie ihre Zähne in einen breiten Achtersteven schlug und sich die Zwillinge Rücken an Rücken verteidigten, sah sich der Profos gleich drei Angreifern gegenüber. Hasard und der Gambiamann befanden sich außerhalb seines Blickfelds, und ihm blieb nicht die Zeit, sich umzuwenden.
Die Kerle nahmen ihn in die Zange. Carberry durchschaute ihre Absicht jedoch sofort. Sie wollten ihn rückwärts in die Jauchegrube treiben. Ausgerechnet! Dabei war ihm nichts so zuwider wie diese stinkende Brühe.
Breitbeinig, den Oberkörper nach vorn gebeugt, empfing er die Angreifer. Der mittlere stach mit einem armdicken Ast nach ihm. Carberry konnte den Stoß zwar ablenken, dennoch schrammte der Ast unter seiner linken Achsel hindurch und hinterließ einen höllischen Schmerz.
Instinktiv riß der Profos den anderen Arm hoch und wehrte zwei gegen seinen Kopf gezielte Fausthiebe ab.
Was die Inder einander zuriefen, verstand er nicht. Jener, den Plymmie erwischt hatte, lag inzwischen auf dem Bauch und winselte. Zweifellos würde er wochenlang in dieser Stellung ausharren müssen, bis sein Sitzfleisch einigermaßen vernarbt war.
Wieder sauste der Ast heran, doch diesmal war Carberry auf der Hut. Er packte rechtzeitig zu und nutzte den Schwung des Angreifers, verstärkt durch seine eigene blitzschnelle Drehung zur Seite. Der Kerl brachte seine Beine gar nicht so schnell hoch, wie er nach vorn gezerrt wurde. Die Folge war, daß er ins Stolpern geriet und Carberry hochschnellendem Knie nicht mehr ausweichen konnte.
Ohne einen Laut von sich zu geben, nur plötzlich totenbleich im Gesicht, klatschte der Inder bäuchlings zu Boden. Dabei konnte er noch von Glück reden, daß lediglich sein strähniges Haar über den Rand der Grube in die schillernde Brühe hing.
Einen Augenblick zu lange war Carberrys Aufmerksamkeit abgelenkt. Die beiden verbliebenen Angreifer nutzten die Gelegenheit. Sie beherrschten einen Kampfstil wie chinesische Krieger. Außer ihnen selbst mochte nur Schiwa wissen, woher sie ihre Kenntnisse bezogen.
Die Füße des ersten trafen den Profos an der Hüfte und mit einer Wucht, die jeden anderen umgeworfen hätte. Carberry ließ jedoch nur ein unwilliges, gereiztes Knurren vernehmen. Waagerecht schlug er den erbeuteten Stock durch die Luft, doch der Kerl, der ihn getreten hatte, entging dem Hieb mit einem verblüffenden Überschlag rückwärts.
„Mistkerl!“ sagte der Profos gereizt.
Schon wurde er von der anderen Seite attackiert, und wieder mußte er empfindliche Treffer einstecken. Aber er war nicht nur hart im Austeilen, sondern auch im Nehmen. Diesmal erwischte er seinen Gegner so schwer, daß der Stock splitterte. Den kläglichen Rest schleuderte der Profos zur Seite, er sprang vor und zerrte den Benommenen wie einen Schild zu sich heran. Die nächsten ihm zugedachten Tritte trafen den Falschen.
Es war ein Elend, mitansehen zu müssen, wie der Bursche einfach die Flügel hängen ließ. Carberry packte ihn am Kragen und am Hosenbund und lehrte ihn das Fliegen, wovon er selbst zwar herzlich wenig hatte, sein Kumpan dafür aber um so mehr, denn sie prallten vehement zusammen. Ihr Sturz endete weich – in dem einzigen Misthaufen, der im Umkreis von mehr als hundert Yards zu finden war. Bevor sich der untere von seiner ohnmächtigen Last befreien konnte, war Carberry schon bei ihm.
„Du krabbelst rum wie ein Mistkäfer“, sagte der Profos grollend. „Und du stinkst auch wie einer.“ Der Kerl setzte sich tatsächlich noch zur Wehr. Also ließ Carberry seinen Profoshammer folgen.
„Dir treibe ich die Flausen schon aus, Jungchen.“
Der Inder verstand ihn nicht. Aber selbst wenn er der englischen Sprache mächtig gewesen wäre, hätte er im Moment nichts anderes vernommen als das überlaute Dröhnen in seinem Schädel, das an eine heftig angeschlagene Glocke erinnerte. Edwin Carberrys Faust war zum Klöppel geworden!
Selten hatte er einen Gegner getroffen, der mehr wegstecken konnte als dieser bullige Inder. Selbst nach dem Profoshammer schüttelte er sich nur ab wie ein nasser Hund, blockte einen weiteren Hieb ab und drang seinerseits auf den Profos ein.
Carberrys Rammkinn mußte einen Treffer hinnehmen, der an den Tritt eines auskeilenden Ackergauls erinnerte. Für einen Augenblick hörte der Profos die Englein singen, aber ihr zarter Ton und das Gefühl, auf einer Wolke zu schweben, behagten ihm nicht. Also ließ er sich wieder auf die Erde fallen – mit beiden Beinen und seinem Achtersteven nahezu gleichzeitig.
Da hatte es der Bursche doch tatsächlich geschafft, ihn niederzuschlagen, und er setzte schon nach, um ihm den Rest zu geben.
Carberry wälzte sich herum – geradewegs vor die Planke, die über der Jauchegrube lag. Er packte das Holz, wirbelte es mit einer Leichtigkeit hoch, als halte er lediglich einen etwas stärkeren Riemen in Händen, und schmetterte es dem Angreifer seitlich an den Schädel. Der hatte nun endgültig genug, verdrehte die Augen und torkelte unbeholfen herum. Der letzte Schritt war zuviel, denn da fand er schon keinen Boden mehr unter den Füßen.
Lautlos versank er in der brackigen Brühe, tauchte prustend und spuckend wieder auf und hatte genug damit zu tun, einen festen Halt zu suchen. Als er durch den triefenden Vorhang vor seinen Augen hindurch den Profos sah, der sich grinsend über ihn beugte, spie er aus.
Carberry, der mit einem raschen Rundblick festgestellt hatte, daß die Gefährten seinen Beistand nicht brauchten, war jetzt drauf und dran, den Inder nochmals unterzutauchen. Im letzten Moment stutzte er. Der Kerl spuckte nicht nur die Jauche wieder aus, die er im Mund hatte, sondern auch zwei wunderschöne Zähne. Und deren Anblick brachte den Profos auf eine umwerfende Idee.
Bevor jemand auf den Zähnen herumtrampeln konnte, nahm er sie an sich und ließ sie in seiner Hosentasche verschwinden. Danach mischte er noch ein klein wenig mit, was aber nicht der Rede wert war, denn Hasard, Batuti, die Zwillinge und Plymmie hatten ganze Arbeit geleistet und die Angreifer der Reihe nach abgeräumt.
Der Bursche auf dem Misthaufen konnte sich über mangelnde Gesellschaft gewiß nicht beklagen. Zwei andere hüpften wie Derwische herum und hielten die Hände auf ihre Kehrseite gepreßt, der Rest hatte schlichtweg das Weite gesucht, als das noch möglich gewesen war.
„So“, sagte Edwin Carberry und stemmte die Fäuste in die Seiten, „was wird nun?“
„Wir bringen unser Vorhaben zu Ende“, erklärte Jung Philip.
„Wir kehren zur Schebecke zurück“, meinte sein Bruder.
„Genau der Meinung bin ich auch“, pflichtete Carberry bei. Seine Stimme klang ein wenig undeutlich, weil er sich die Kiefergelenke massierte. Aber nicht nur deswegen erntete er verwunderte Blicke.
„Was ist los mit dir?“ fragte der Seewolf erstaunt. „Ich hätte zumindest erwartet, daß du herumtönst ‚Jetzt erst recht!‘“
„Wozu die Mühe?“ erwiderte der Profos. „Der Überfall war der erste, aber gewiß nicht der letzte. Was ist, wenn sie mit ihren Flinten aus dem Hinterhalt auf uns schießen? Sollen wir wirklich religiöser Spinner wegen den Kopf hinhalten?“
Hasard legte die Stirn in Falten. Er ahnte, daß der Profos den fadenscheinigen Grund nur vorschob und mit etwas anderem hinter dem Berg hielt. Aber Eid würde schon damit herausrücken, sobald er es für angebracht hielt.
„Wir kehren um“, entschied er. „Morgen früh versorgen wir uns mit dem Nötigsten …“
„… und dann kann uns jeder in Tuticorin den Buckel runterrutschen“, pflichtete der Profos bei.
Mac Pellew stand am Schanzkleid auf der Kuhl und starrte gedankenverloren zur Stadt hinüber, die in scheinbarer Ruhe dalag. Hin und wieder huschten silbrige Fischleiber an der Schebecke vorbei und verschwanden unter dem Steg. Prachtexemplare von gut einem halben Yard Länge waren dabei.
Gebraten oder auch mit Wein gesotten, hielt der Zweitkoch frischen Fisch für eine Köstlichkeit. Was die Händler unfreiwillig zurückgelassen hatten, war zum Abendessen von fünfunddreißig hungrigen Seewölfen verspeist worden. Die Fische, die Old Donegal mit Skepsis betrachtete, hatte der Kutscher nach einigem Hin und Her in ihr Element zurückgekippt. Schließlich wollte keiner die unangenehmen Erfahrungen des Admirals nachvollziehen.
Die Kombüse war aufgeklart, für die Koje hatte er noch nicht die nötige Bettschwere, und das Herumstehen und Nichtstun behagten Mac Pellew ebensowenig. Also verschwand er für kurze Zeit unter Deck und schleppte Angelzeug und eine Sturmlaterne nach oben.
Gemächlich breitete er die Utensilien zwischen zwei Culverinen aus, und auch Big Old Shanes spöttische Bemerkungen konnten ihm die gute Laune nicht verderben. Zum erstenmal seit Tagen fand er Zeit und Muße, sich mit der Angelschnur hinzusetzen und darauf zu Warten, daß ein ansehnlicher Brocken anbiß.
Shane, der ehemalige Schmied der Feste Arwenack, ging auf der Backbordseite des Mitteldecks Wache.
„Untersteh dich und laß die Tranfunzel auf dem Handlauf stehen“, motzte er, als Mac Pellew die Lampe entzündete. „Du solltest wissen, daß das blöde Licht blendet.“
„Aber es lockt die Fische an.“
Shane holte tief Luft. Er brauchte nichts zu sagen. Schon seine Drohgebärde bewirkte, daß Mac Pellews übliche sauertöpfische Miene wieder die Oberhand gewann und das Lächeln aus seinem Gesicht verschwand.
„Backen und Banken willst du trotzdem, wie?“
„Das hält Leib und Seele zusammen“, bestätigte Old Shane. „Die Lampe muß dennoch da weg.“
Sie starrten einander an – Shane gelassen und in der Gewißheit, daß er die Oberhand behalten würde, Mac Pellew verärgert und wütend. Es war ein stummes Kräftemessen zwischen beiden, das den Koch erst richtig zur Weißglut brachte, als hinter ihm ein deutliches Plätschern zu vernehmen war. Da schnellten die fettesten Brocken aus dem Wasser, und Shane hatte nichts besseres zu tun, als ihn zu behindern.
„Hast du das gehört?“ fragte Mac.
„Ich bin ja nicht taub“, erwiderte der Schmied. „Der Fisch war viel zu groß für deine Kochtöpfe.“
Unwillkürlich redeten sie lauter. Feixende Gesichter wandten sich ihnen zu.
„Du kannst von mir aus angeln, bis du schwarz wirst“, erklärte Shane. „Aber die Lampe muß verschwinden.“
Wieder plätscherte es. Mehr achterlich diesmal.
„Fällt mir nicht im Traum ein“, widersprach Mac Pellew heftig. „Wenn du die Lauscher weiter aufsperren würdest, könntest du hören, wie die Fische springen. Das Licht lockt sie an, und ich will verdammt sein, wenn ich freiwillig auf einen so guten Fang verzichte.“
„Dann nimm dir endlich einen Tampen und häng die Funzel außenbords“, grollte Shane. „Oder soll ich das auch noch erledigen, wenn ich schon für dich denken muß?“
Der Koch vergaß, den Mund zu schließen. Erst als Shane lauthals zu lachen begann, klappte sein Unterkiefer wieder hoch.
„Warum sagst du das nicht gleich, Mann?“ Mac Pellew grabschte sich das nächstbeste Tau, verknotete ein Ende mit fliegenden Fingern an der Sturmlaterne und begann sie Hand über Hand abzufieren.
Shane schlug ihm ermutigend auf die Schulter.
„Siehst du, Mac, mit etwas gutem Willen geht alles.“
Der Koch spitzte nur kurz außenbords, sah, daß die Laterne etwa drei Fuß über der Wasseroberfläche hing, nickte zufrieden und belegte die Leine an einer Klampe. Danach nahm er die Handangel, überprüfte den festen Sitz des Hakens und des darüber befestigten glitzernden Metallplättchens und warf die Schnur aus.
„Ihr werdet staunen“, verkündete er.
„He, Shane!“ rief Jan Ranse von der Querbalustrade her. „Gibt es hier Wale?“
Nur Mac Pellew fand die Bemerkung nicht komisch. Er beugte sich übers Schanzkleid und suchte nach den Schuppenleibern, die vom Lichtschein angelockt wurden. Aber was da momentan dicht unter der Oberfläche dahinhuschte, war nicht der Rede wert.
„Beißen sie schon?“ fragte Jan Ranse.
Der Koch kochte innerlich. Er beugte sich noch weiter vor, sein Blick wanderte nach achtern – und im selben Moment erstarrte er. Der Lichtschein reichte gerade noch aus, ihn erkennen zu lassen, daß wassertriefende Gestalten hinter dem Heck aufenterten. Irgendwie hatten sie es geschafft, ein Tau über den Papageienstock zu werfen.
„Alarm!“ brüllte er. „Wir werden angegriffen!“
„Natürlich“, sagte Shane.
„Von fliegenden Fischen?“ erkundigte sich der Niederländer vom Achterdeck her. Auch Sven Nyberg, der mit Jan Ranse zusammen Wache ging, hatte seinen Törn inzwischen unterbrochen.
„Wenn Fische aussehen wie halbnackte Inder, dann meinetwegen“, erwiderte der Koch wild.
Während die Wachen endlich begriffen, daß er es ernst meinte, versetzte er die Sturmlampe in schwingende Bewegung. Auf diese Weise entdeckte er noch vier Schwimmer unterhalb des Grätingsdecks, die darauf warteten, entern zu können. Drei oder vier Kerle hingen bereits am Tau, und der erste schwang sich soeben übers Schanzkleid.
Er wurde herzlich empfangen. Sven Nyberg zerrte ihn binnenbords und rammte ihm sein Knie unters Kinn, daß er gleich ächzend auf die Planken sackte. Das war auch dringend nötig, denn die Männer, die hinter ihm in die Höhe hangelten, brauchten Platz.
Jan Ranse knöpfte sich den nächsten vor, der wie der Leibhaftige hinter der Verschanzung hochfuhr und mit einem mächtigen Satz nach innen flankte. In der Rechten schwang er einen armlangen Säbel, zwischen den Zähnen hielt er einen blitzenden Krummdolch. Davon abgesehen, wirkte er tatsächlich wie ein Teufel, denn seine rotbraune Haut glänzte ölig, und die Haare hingen ihm wie Hörner in die Stirn. Unwillkürlich prallte der Niederländer zurück. Das genügte dem Angreifer, um mit dem Säbel auf ihn einzudringen.
Nur um eine Fingerbreite zuckte die Klinge an Jan Ranse vorbei. Die Pistole aus dem Gürtel zu ziehen und den Hahn zu spannen, schaffte er nicht mehr. Ein zweiter Hieb zerschlitzte ihm das Hemd über der Brust und ritzte die Haut. Aber dann erreichte Jan Ranse die nächste Nagelbank und tastete blindlings nach einem freien Nagel. Den Inder ließ er nicht einen Moment aus den Augen, deshalb konnte er rechtzeitig reagieren, als die Klinge von oben niedersauste.
Endlich waren Mac Pellew und die Wachen von der Back heran. Mac sprang den Mann von hinten an und preßte ihm die Arme an den Leib. Wahrscheinlich hätte er dem Kerl die Rippen gebrochen, hätte nicht Jan Ranse mit dem Belegnagel zugeschlagen.
„Klingt hohl“, sagte Mac spöttisch, als der Inder in seinen Armen zusammensackte. Achtlos ließ er ihn auf die Planken sinken.
Big Old Shane hatte das Tau über dem Papageienstock gekappt, nachdem der dritte Angreifer an Deck erschienen war. Nummer zwei und drei flogen soeben unfreiwillig und in hohem Bogen ins Hafenbecken zurück. Die vom Lärm alarmierten Arwenacks, die über die Niedergänge an Deck stürmten, erschienen zu spät, sie brauchten nicht mehr einzugreifen.
Jan Ranse bückte sich nach dem noch besinnungslosen Rothäutigen. „Faß mit an!“ forderte er den Koch auf.
Sie hoben den Kerl hoch, aber bevor sie ihn auf den Handlauf wuchteten, hielt Mac inne.
„Warte!“ sagte er schnell. „Mir ist da was eingefallen.“
„Und was?“
Mac Pellew grinste breit. „Daß man sich eines lausigen Zahnes wegen die Köpfe einschlägt, finde ich lächerlich.“
„War das alles?“
„Hilf mir, den Burschen in die Kombüse zu schaffen.“
„Was soll ich?“ Jan Ranse starrte den Zweitkoch an, als sehe er einen von Old Donegals Meeresgeistern leibhaftig vor sich.
„Du hast schon richtig verstanden“, sagte Mac.
„Aber was …?“
„Laß das meine Sorge sein, Jan. Muß nicht gleich jeder erfahren, was ich mit dem Rotgesicht vorhabe.“
Sie schleppten den Inder, der sich langsam wieder regte, zur Kombüse. Zwar traf sie der eine oder andere Blick, doch niemand stellte sich ihnen entgegen. Da die meisten Arwenacks die nähere Umgebung des Schiffes absuchten, achtete ohnehin kaum einer auf sie.
Mac Pellew atmete auf, als das Kombüsenschott hinter ihnen zufiel.
„Was soll der Unsinn?“ fragte Jan Ranse ärgerlich. Die Ungewißheit behagte ihm nicht.
Mac schlug mit dem Fleischklopfer zu. Der Inder, eben im Begriff, sich aufzurichten, sackte erneut zurück und streckte alle viere von sich.
„Du bleibst hier und paßt auf ihn auf! Ich bin sofort wieder da.“ Ehe Jan ihn zurückhalten oder energischer fragen konnte, schlängelte sich Mac davon.
Einige Minuten vergingen. Dem Niederländer erschienen sie wie eine kleine Ewigkeit. Er schielte schon nach dem Fleischklopfer, den er womöglich ebenfalls benutzen mußte, um den Inder im Reich der Träume zu halten, da kehrte Mac endlich zurück.
„Ist der Kerl wieder aufgewacht?“
„Noch nicht, aber gleich. Willst du mir endlich verraten …?“
„Hau ihm noch eine drauf, nur für alle Fälle!“
„Wovon redest du?“
Der Koch seufzte ergeben. „Wenn du mir nicht assistieren willst, sag’s beim nächstenmal lieber gleich. Dann suche ich mir einen, der weniger Fragen stellt.“
Er breitete ein ledernes Etui auf dem Tisch aus, das er zweifellos dem Kutscher entwendet hatte. Eine Reihe chirurgischer Instrumente lagen darin. Zielstrebig griff er nach einer großen Krummpinzette.
„Halte ihm das Maul auf! Möglichst weit.“
Das Gebiß des Inders wies lediglich zwei Lücken auf. Mac Pellew faßte einfach zu und überprüfte den festen Sitz der Backenzähne.
„Du willst ihm die Zähne ziehen?“ fragte Jan Ranse ungläubig.
„Nur einen“, erwiderte Mac. „Wir brauchen einen Backenzahn, den wir dem Hauptmann präsentieren können.“
Mit geübtem Griff setzte er die Krummpinzette an. Er rüttelte mit dem Ding hin und her, als gelte es, einen festgewachsenen Nagel aus einer mehrere Inches starken Planke herauszuziehen. Ein gräßliches Knirschen hob an, das den assistierenden Niederländer schaudern ließ.
„Weit auf!“ blaffte Mac Pellew. „Wie soll ich sonst sehen können, welchen Zahn ich erwische?“
Jan Ranse verdrehte die Augen. Er hätte jetzt einen Rum bitter nötig gehabt. Schon wenn er daran dachte, daß er vielleicht eines Tages an der Stelle des Inders sein würde, rebellierte sein Magen. Tapfer schluckte er die aufsteigende Säure wieder herunter und bemühte sich, an andere, angenehmere Dinge zu denken. Aber das anhaltende Knirschen war leider nicht zu überhören.
Mac stieß eine Verwünschung aus. Er rüttelte heftiger, als welle er seinem Opfer gleich den Kopf abreißen. Schweiß perlte auf seiner Stirn, denn der Inder hatte Zähne wie Eisen.
Endlich lockerte sich die Wurzel. Danach bedurfte es nur noch einer letzten Anstrengung, und der Koch der Arwenacks hielt triumphierend das Objekt seiner Begierde in Augenhöhe.
Mit einem gurgelnden Aufschrei erwachte der Inder aus seiner Ohnmacht und richtete sich auf. Er hatte Mühe, zu begreifen, was geschehen war. Die tobenden Schmerzen in seinem Kiefer waren daran sicher nicht unbeteiligt.
„Hinter dir, Jan, im Schapp, steht eine Flasche“, sagte Mac Pellew. „Gib sie mir. Und einen Becher dazu.“
Es war Rum. Den flößte der Koch dem Inder ein. Jan Ranse, merklich blaß geworden, gluckerte fast den gesamten Rest.
Inzwischen merkte der Inder den Blutgeschmack im Mund, und er sah die metallisch, blitzenden Instrumente und das zangenähnliche Gerät in der Hand des Kochs. Irgendwie war das alles zuviel für ihn. Vielleicht glaubte er auch, daß ihm weitere Qualen zugefügt werden sollten. Wie ein gefangenes Raubtier blickte er um sich, bereit, erbarmungslos anzugreifen.
Instinktiv stieß Mac Pellew das Schott auf. Angriff oder Flucht, das waren die beiden Möglichkeiten, die sich dem Mann boten. Unter den gegebenen Umständen entschied er sich für die Flucht. So schnell hatten die Arwenacks schon lange niemanden mehr flitzen sehen. Er schoß auf die Kuhl hinaus, als säßen ihm tausend Teufel im Nacken.
Das letzte, was Mac Pellew und Jan Ranse von ihm hörten, war der mächtige Klatscher, als er im Wasser landete.
5.
Shilu Rissala, die junge Frau mit den entstellten Brandnarben, hatte bestimmt zwei Stunden lang vor dem abseits gelegenen Gehöft zwischen Bananenstauden verharrt und darauf gewartet, daß der Singhalese wieder erschien. Aber dann wurden die Lichter im Haus gelöscht, und es sah so aus, als hätten sich die Bewohner zur Ruhe begeben.
Shilu haßte den Mann, der sie mit ihrem Sari wie ein Tier gefesselt hatte. Sie haßte überhaupt alle Männer, seit sie wegen der zu geringen Mitgift mit brennendem Öl übergossen und aus dem Haus gejagt worden war. Die baufällige Hütte, in der sie zur Zeit mehr recht als schlecht lebte, war unbewohnt gewesen.
Shilu hatte Ehrgeiz und trotz allem noch genügend Kraft, sich nicht unterkriegen zu lassen. Deshalb hatte sie es auch erstaunlich schnell geschafft, dich selbst zu befreien.
Sie wußte, wer der Fremde war – der Frevler hatte schließlich nicht nur auf Ceylon für Aufruhr gesorgt. Shilu Rissala versprach sich Vorteile davon, wenn sie die Kenntnis über seinen Aufenthalt der Stadtwache mitteilte.
Die Hunde würden erneut unruhig, als sie sich vorsichtig zurückzog. Doch niemand erschien, um nach dem Rechten zu sehen.
Shilu fieberte dem neuen Morgen entgegen. Sie würde den Hauptmann der Wache aufsuchen, und sie wollte an diesem Tag die erste sein, die bei ihm Vorsprach.
Ungefähr zur selben Zeit verließ Edwin Carberry seine Koje. Da sein Wachtörn bevorstand, achtete niemand darauf.
Wie zufällig erschien er schon vor dem Glasen an Deck. Die Wachgänger gaben sich weit weniger schweigsam als sonst, hatten doch Jan Ranse und Mac Pellew für ausreichenden Gesprächsstoff gesorgt. Jeder stellte Mutmaßungen an, was denn nun in der Kombüse vorgefallen sei. Klar war jedenfalls, daß die beiden einen bewußtlosen Inder mit sich geschleppt hatten und er einige Zeit später unter allen Anzeichen des Entsetzens das Schiff verlassen hatte.
„Habt ihr auch genau hingesehen?“ fragte der Profos. „Vielleicht war der Inder eine Frau.“ Er hatte die Lacher auf seiner Seite.
Bevor er aber die Kombüse betreten konnte, rief ihm Blacky zu: „Das ist vergebliche Liebesmüh, Ed! Wir haben uns da drin schon umgesehen. Es ist sauber aufgeklart.“
„Trotzdem. Solange ich Profos bin, habe ich was gegen Geheimniskrämerei an Bord.“
Er steckte eine Lampe an und verschwand in der Kombüse. Dann mußte alles schnell gehen, damit die Wachen keinen Verdacht schöpften, daß er mehr vorhatte, als sich nur umzusehen.
Er warf die beiden in ein Tuch eingewickelten Zähne, die noch deutlich nach Jauche rochen, auf den Tisch. Zielstrebig öffnete er das Schapp, in dem für gewöhnlich eine Flasche Rum aufbewahrt wurde. Er fand die Flasche auch, aber der klägliche Rest darin war kaum der Rede wert und füllte eine Muck gerade zu einem Viertel.
Das Aroma des aus der Karibik stammenden Rums war verführerisch. Edwin Carberry nippte einen kleinen Schluck, ehe er die beiden erbeuteten Zähne hineinwarf und kräftig schüttelte.
Mit sich selbst zufrieden und zuversichtlich, was die nahe Zukunft in Tuticorin betraf, kippte er dann den Alkohol in einen Wassereimer, wickelte die Zähne in ein sauberes Tuch und verließ die Kombüse eilenden Schrittes.
„Was hast du herausgefunden?“ fragte Blacky.
Carberry zuckte mit den Schultern. „Eine leere Flasche steht im Schapp. Womöglich wollte Mac den Inder im Suff aushorchen.“
Er reagierte äußerst zufrieden, als die Schiffsglocke den Wachwechsel verkündete, enthob ihn dies doch der Verpflichtung, weitere lästige Fragen beantworten zu müssen.
Im Schein einer Öllampe spannte Madhav zwei alte, knochige Ochsen vor den zweirädrigen Karren. Die Tiere ließen mit stoischer Ruhe alles über sich ergehen und kauten auf den paar Handvoll Stroh herum, die er ihnen hingeworfen hatte.
Der Karren wirkte nicht minder gebrechlich als die Zugtiere. Ein hoher Aufbau sorgte dafür, daß die Fracht nicht bei jedem Schlagloch verrutschte, denn unbequem war der Weg nach Norden allemal, und die beiden geflickten Scheibenräder bewiesen, daß genügend andere Unwägbarkeiten lauerten.
Während Madhav die Ochsen anschirrte, stapelte Jehan, seine Frau, die Körbe so geschickt, daß in der Mitte ein ausreichender Hohlraum blieb. Für Malindi Rama wurde es Zeit, Abschied zu nehmen.
„Paß auf dich auf“, flüsterte Jehan.
Der Singhalese nickte knapp. „Ich habe ja den Zahn“, erwiderte er.
Ihm standen unangenehme Stunden bevor. In qualvoller Enge durchgeschüttelt und zusammengestaucht zu werden, war schließlich nicht jedermanns Sache.
Zuunterst standen die Körbe mit den schweren Korallen. Nachdem Malindi sich zusammengerollt hatte, deckte Jehan seinen Unterschlupf mit Brettern ab und packte weitere Körbe voll Bananen und Meeresfrüchte obenauf.
Die ersten Strahlen der Morgensonne geisterten über das Firmament, als das Fuhrwerk anrollte. Madhav, der allein auf dem schmalen Kutschbock saß, lenkte die Ochsen nach Nordosten, bis er nach etwa einer halben Meile auf den ausgefahrenen Weg nach Norden stieß.
Tief eingegrabene Wagenspuren führten zwischen Palmen entlang. Von einer Straße konnte keine Rede sein, die Monsunregen wuschen immer mehr von dem fruchtbaren Erdreich aus und legten einen geröllübersäten Untergrund frei, auf dem der Karren ächzend hin und her schwankte.
Gleichmäßig trotteten die Tiere in den Rinnen entlang.
Madhav hielt zum erstenmal an, als Tuticorin schon in der Ferne verschwunden und nicht einmal mehr das Gleißen und Funkeln der mit Blattgold belegten Tempelkuppel zu sehen war. Ausgiebig streckte er seine vom steifen Sitzen schon jetzt schmerzenden Glieder. Bis zur nächsten Siedlung waren es noch mehrere Stunden Fahrt.
„Niemand wird erfahren, wohin du dich gewandt hast, Vetter Malindi“, sagte er.
Zwischen den Körben erklang ein Ächzen. „Wir sollten die Plätze tauschen“, schlug der Singhalese vor. „Die Tortur ist unbeschreiblich.“
„Später“, erwiderte Madhav ausweichend. „Zu zweit auf dem Bock ist es auch nicht gerade angenehm.“
Die Ochsen zupften einige spärliche Grasbüschel vom Wegrand ab. Er ließ sie gewähren, bis Malindi Rama seinen Unmut äußerte, dann nahm er die Zügel wieder auf und trieb die Tiere zu einer flotten Gangart an.
Bald stellte er fest, daß zwei Elefanten dem Fuhrwerk folgten. Ihr lautes Trompeten erschreckte ihn. Aber noch mulmiger wurde ihm zumute, als er die Uniformen der Verfolger erkannte. Es waren Soldaten aus Tuticorin.
Die Elefanten holten schnell auf.
Madhavs Hoffnung, die Männer würden ihn unbeachtet lassen, trog. Das wurde ihm spätestens klar, als ihn einer der Mahauts aufforderte, anzuhalten.
„Du bist allein?“
Er nickte stumm.
„Was hast du auf dem Wagen?“
„Handelswaren, Herr.“
„Abladen!“
„Die Hitze verdirbt mir die Fische“, jammerte Madhav. „Deshalb bin ich im Morgengrauen losgefahren. Wie soll ich meine Familie ernähren, wenn ich stinkende Ware verkaufen muß?“
Offenbar hatte der Soldat doch ein Einsehen. Er funkelte den Händler zwar zornig an, erklärte aber in etwas versöhnlicherem Tonfall: „Wir suchen einen Mann, älter als du, mit kahlgeschorenem Schädel. Ist er dir begegnet?“
„Nein“, sagte Madhav. „Ich habe niemanden gesehen.“
Die Mahauts zwangen ihre Tiere in die Knie, so daß die Soldaten absteigen konnten. Der Anführer und seine drei Männer umringten den Karren.
„Du bist Madhav?“
„Ja“, erwiderte er verwundert. „Woher wißt ihr?“
Der Anführer lachte spöttisch. „Deine Frau war nicht so verstockt. Ein paar Stockhiebe haben ihre Zunge gleich gelöst. Und weißt du auch, was sie uns erzählt hat?“
Für Madhav war alles aus. Daß ihn die Soldaten nicht ungeschoren laufenlassen würden, wurde ihm sofort klar. Die Angst trieb ihn dazu, daß er vom Bock sprang und, Haken schlagend, wie ein Hase davonhetzte. Wenn er es bis zum Wald schaffte, der in knapp dreihundert Schritten Entfernung begann, war er vorerst in Sicherheit. Er blickte nicht zurück, aber er hörte, daß ihm einer der Mahauts mit seinem Elefanten folgte.
Das andere Tier stürzte den Karren um und fegte die Trümmer mit dem Rüssel zur Seite.
Malindi Rama versuchte ebenfalls zu fliehen, schaffte es aber nicht. Zum einen, weil er plötzlich einknickte, zum anderen, weil die Soldaten offenbar nur darauf gewartet hatten. Ein Peitschenhieb traf ihn zwischen die Schulterblätter und ließ ihn aufschreien.
Er verlor den Turban. Wieder klatschte die Lederschnur auf seinen Rücken nieder und hinterließ einen blutigen Striemen.
„Wo ist der Zahn?“
Malindi schwieg. Die Soldaten zerrten ihn hoch und droschen mit den Fäusten auf ihn ein. Vergeblich versuchte er, die Hiebe abzuwehren. Wenn kein Wunder geschah, würden sie ihn totschlagen.
Er stürzte, wurde hochgerissen und erneut traktiert. Einer stieß ihn zum anderen, sie schlugen, beschimpften und bespuckten ihn. Irgendwann wurden die Schmerzen bedeutungslos, alles um ihn her versank, in einem wirbelnden Reigen der unterschiedlichsten Empfindungen.
Erst ein gellender Schrei drang wieder bis in Malindi Ramas Bewußtsein und rüttelte ihn jäh aus der beginnenden Apathie auf. Es war der Todesschrei eines Menschen. Der Elefant hatte Madhav eingeholt und wahrscheinlich niedergetrampelt.
Jemand zerrte ihm den Lederbeutel vom Hals. Wie durch einen blutroten Nebel hindurch gewahrte Malindi, daß die Männer den Weisheitszahn Buddhas betrachteten. Wenigstens schlugen sie nicht mehr auf ihn ein.
Er wollte sich hochstemmen, sackte aber sofort wieder zurück.
„Ihr habt den Zahn!“ stieß er abgehackt und keuchend hervor. „Laßt mich in Frieden.“
Der Anführer zog eine prunkvolle Klinge, wie sie für Opferrituale verwendet wurden. Seine Gesten ließen keine Zweifel an seiner Absicht zu.
„Nein!“ jammerte Malindi. „Nicht! Ich – ich habe viel mehr als den Zahn.“
Der Opferdolch blitzte in der Sonne. Malindi kreischte hysterisch auf.
„Glaubt mir! Ich biete euch Dinge, von denen ihr nur träumen könnt!“
Die Klinge verharrte eine Handbreite über seiner Kehle. Daß ihm die Soldaten nicht glaubten, spürte er. Andererseits waren sie sich seiner sicher. Eine Flucht war unmöglich.
„Sprich!“ forderte ihn der Anführer auf. „Aber wenn du uns nicht überzeugst …“ Der Dolch berührte Malindi Ramas Hals.
An diesem Morgen wirkte Mac Pellew mit sich und der Welt zufrieden. Das geschah höchst selten und war schon deshalb bemerkenswert.
„Wir hatten eine ruhige Nacht und werden heute Tuticorin verlassen“, antwortete er auf entsprechende Fragen. „Was wollt ihr mehr?“
Es sah tatsächlich so aus, als hätten sich die Gemüter beruhigt. Die Fischer waren vor Stunden aufs Meer hinausgesegelt, ohne von der Schebecke überhaupt noch Notiz zu nehmen, und an Land versammelte sich allmählich die übliche Menschenmenge. Niemand traf Anstalten, den Dreimaster anzugreifen.
„Mag sein, daß sie Malindi Rama erwischt haben“, sagte Ben Brighton. „Das würde alles erklären.“
„Wir müssen sowieso unsere Vorräte ergänzen“, erklärte der Kombüsenmann. „Am besten, ich lasse mich an Land pullen und erledige alles Nötige. Dann verlieren wir keine Zeit.“
Der Erste Offizier musterte ihn überrascht.
„Warum so eilig, Mac?“
„Jede Schönwetterperiode sollte man nutzen, solange sie anhält. Ich bitte um Erlaubnis zum Landgang.“
Ben Brighton zog irritiert die Brauen hoch. Hin und wieder geschahen also tatsächlich noch Wunder, dann lernte ein gewisser zweiter Koch von den Zuständen an Bord eines englischen Kriegsschiffs, was Disziplin bedeutete.
„Erlaubnis erteilt“, erwiderte er knapp, fügte aber einen Atemzug später hinzu, als Mac schon nach Männern suchte, die ihn an Land pullten: „Sei trotzdem vorsichtig.“
Der Kombüsenmann hatte das Gefühl, etwas Großes vollbracht zu haben. Nicht einmal der Seewolf war auf die Idee verfallen, den Bewohnern von Tuticorin Theater vorzuspielen. Dabei war alles so einfach, man mußte eben nur wissen, wie man sich einen Backenzahn beschaffte.
Die Arwenacks würden staunen. Deshalb hatte er nichts verlauten lassen.
In Gedanken versunken, bemerkte Mac nicht, daß die Jolle schon anlegte. Erst als Mac O’Higgins, der als Bootssteurer fungierte, ihn entgeistert fragte, ob er nun doch nichts einkaufen wolle, reagierte er.
„Wartet auf mich! Ich bin wahrscheinlich gleich wieder zurück.“
Kopfschüttelnd blickten die Rudergasten hinter ihm her, als er sich in das Getümmel der Marktstände stürzte.
„Mac träumt mit offenen Augen“, murmelte Bob Gray. „Seltsam, findet ihr nicht?“ Wenn er gewußt hätte, was den Koch bewegte, wäre ihm vermutlich alles noch seltsamer erschienen.
Inzwischen hatte für den Kombüsenmann ein Spießrutenlaufen begonnen. Er fühlte sich gar nicht mehr so wohl in seiner Haut. Freundlich war die Stimmung noch nicht. Mac hatte das Gefühl, als starre ihn jeder an.
Als er sicher sein konnte, daß man ihn von der Jolle aus nicht mehr sah, sprach der den nächstbesten Inder an. Er nannte nur einen Namen: „Chandra Bose“. Trotzdem verstand ihn der Mann erst, als er den Namen wiederholte. Die Betonung war deutlich anders. Mac nahm sich vor, die Aussprache so beizubehalten.
Er wurde von Mann zu Mann weitergereicht. Einige schoben ihn ziemlich unsanft die Straße entlang, aber Mac Pellew achtete kaum darauf.
„Zahn“, sagte er. „Ich habe den Zahn.“ Niemand wußte, was er meinte.
Vorübergehend verlor er die Orientierung. Aber als er in einer Menschenmenge steckenblieb, entdeckte er hinter den Häusern die Masttoppen der Schebecke. Einige hundert Yards war er schon vom Hafen entfernt. Falls ihm jetzt die Meute ans Leder ging, konnte er nicht mit Hilfe rechnen. Womöglich hatte er doch zuviel gewagt.
Aber dann schmolzen alle Bedenken wie ein Eisberg am Äquator. Der Hauptmann der Stadtwache trat aus der Tür eines weißgekalkten Hauses und schritt auf ihn zu. Auffordernd blickte er dem Koch entgegen.
„Wir haben Wort gehalten und Malindi Rama den Zahn Buddhas abgejagt“, sagte Mac Pellew in einer Mischung aus spanischen und portugiesischen Worten.
„Wo ist Rama?“
„Genügt der Zahn nicht?“ erwiderte Mac mit einer Gegenfrage.
„Ich nehme an, Senhor, Sie haben die Reliquie bei sich.“
„Vielleicht. Das hängt ganz davon ab …“
„Sie wollen mir einen Handel vorschlagen?“ Chandra Bose wußte sofort, auf was der Engländer hinauswollte.
„Wir brauchen Proviant. Als kleine Entschädigung für unsere Mühe. Dafür erhalten Sie dann das hier.“ Mac Pellew hielt den Zahn hoch, den er bis eben in der hohlen Hand verborgen hatte. Ein Raunen ging durch die Menge.
Der Hauptmann nahm das vermeintliche Heiligtum entgegen, betrachtete es eingehend von allen Seiten und nickte schließlich zufrieden.
„Ich denke, wir werden auch den Frevler noch fassen.“
Bis dahin haben wir hoffentlich längst den Anker gelichtet, dachte Mac. Laut sagte er: „Darf ich mich darauf verlassen, daß die Waren schnell an Bord unseres Schiffes gebracht werden? Selbstverständlich bezahle ich. Die Reliquie ist unser Geschenk an Sie.“
Er holte drei kleine Goldstücke hervor. Danach klappte alles wunderbar. Chandra Bose übersetzte den Händlern die Liste, die Mac Posten für Posten vortrug, angefangen von Gewürzen über Reis und Obst bis hin zu einigen Fässern Frischwasser. Das Gold zauberte freundliche Mienen und flinke Hände.
Mac Pellew brauchte nicht lange zu warten, bis die ersten Boote am zerschossenen Steg vorbei auf die Schebecke zuhielten.
„Obwohl sich alles zufriedenstellend aufgeklärt hat, wollen Sie Tuticorin schon wieder verlassen?“ fragte der Hauptmann. „Warten Sie wenigstens, bis meine Soldaten den Dieb gefangen haben. Wir wissen, daß er versucht, nach Norden zu gelangen.“
Das war eine weniger angenehme Neuigkeit. Mac Pellew schüttelte bedauernd den Kopf.
„Unser Ziel ist Madras, das wir so schnell wie möglich erreichen wollen.“
„Dann erlauben Sie mir, daß ich Ihrem Kapitän eine gute Reise wünsche. Ich mochte ihm selbst sagen, wie sehr ich das Mißverständnis bedauere.“
Die Rudergasten staunten nicht schlecht. Bis Mac Pellew in Begleitung des Hauptmanns erschien, hatten schon mehrere Boote mit Lebensmitteln bei der Schebecke angelegt. Das Umladen war in vollem Gange.
„Ein Koch wird leider viel zu oft unterschätzt“, sagte Mac. „Aber was wäre eine Crew ohne ihn?“
Nicht zu unrecht fühlte er sich als der Held des Tages. Daß der Tag noch sehr viele Stunden hatte, in denen eine Menge geschehen konnte, übersah er geflissentlich.
Über die Jakobsleiter an Backbord enterte er nach dem Hauptmann zur Schebecke auf. An Deck stapelten sich Kisten und Fässer, die nicht schnell genug in der Proviantlast gestaut werden konnten. Nahezu alle Arwenacks waren oben versammelt.
Der Seewolf eilte auf Chandra Bose zu.
Und noch einer: Edwin Carberry. Hätte der Koch in dem Moment geahnt, was sich da unter heiterem Himmel zusammenbraute, er hätte auf der Stelle umgedreht und das Weite gesucht.
Carberry war ein klein wenig schneller als der Seewolf, der erst vom Achterdeck abenterte.
„Wir haben ihn“, eröffnete er triumphierend. „Halten Sie sich fest, Hauptmann: Buddhas Weisheitszahn liegt hier, in meiner Hand, sicher verwahrt vor jedem neuen Frevel.“
Chandra Bose blickte den Profos an, als zweifle er an dessen Verstand. Aber als Carberry die Faust öffnete, blitzte es in seinen Augen.
Mac Pellew hatte im selben Moment das Gefühl, unter ihm klaffe ein tiefer Schlund auf, um ihn zu verschlingen.
Der Hauptmann nahm den zweiten Zahn entgegen. Es war ein schöner, blankpolierter Backenzahn, und er sah dem anderen zum Verwechseln ähnlich, den Chandra Bose in der Linken hielt.
Mac Pellew wurde es schwarz vor Augen. Er mußte nach einem Halt suchen, weil plötzlich alles um ihn her in Bewegung begriffen war. Er hörte ein unterdrücktes Stöhnen, erkannte aber nicht, daß er selbst diese Laute hervorbrachte.
Völlig überrascht starrte Carberry beide Zähne an. „Noch einer?“ fragte er tonlos. „Wie soll ich das verstehen?“
Der Blick des Hauptmanns wanderte vom Profos zu Mac Pellew und zurück. Seine eben noch gesunde Gesichtsfarbe glich fahlem Grau.
„Lug und Betrug!“ brüllte er. „Ich hätte es von Anfang an wissen müssen.“ Mit einer verächtlichen Geste schleuderte er beide Zähne hinter sich ins Wasser.
In dem Moment brandete Lärm an der Hafenmauer auf. Zwei Elefanten und mehrere Soldaten waren der Grund für einen Volksauflauf. Blitzschnell wandte sich der Hauptmann um und enterte in eins der soeben gelöschten Händlerboote ab.
„Laßt ihn!“ befahl Hasard, als mehrere Arwenacks noch versuchen wollten, Bose aufzuhalten.
Er zog sein Spektiv auseinander und betrachtete das Geschehen an Land durch die Vergrößerung. Die Soldaten hatten Malindi Rama gefangengenommen und ihn offenbar übel zugerichtet. Das bedeutete, daß sie nun auch über den echten Weisheitszahn Buddhas verfügten.
„Pech“, sagte Edwin Carberry. „Die Idee war jedenfalls gut.“
„Das war sie“, bestätigte Mac Pellew. „Immerhin haben wir neue Verpflegung an Bord. Was wollen wir mehr?“
6.
„Hoch mit dem Anker!“
Philip Hasard Killigrew gab den Befehl höchst ungern. Alles was nach Flucht aussah, behagte ihm nicht. Andererseits standen weitere Verwicklungen bevor. Dabei konnte er weder Carberry noch Mac Pellew gram sein, daß sie das ihrer Meinung nach Beste versucht hatten.
„An die Riemen!“
Der Wind, um diese Jahreszeit häufig veränderlich, hatte gedreht und stand denkbar ungünstig. Nur mit Muskelkraft konnte die Schebecke aus dem Hafen gebracht werden. Sobald der Bug auf die Einfahrt in der Mole zielte, war jedoch das Schlimmste überstanden.
Rings um den Hafen herrschte buntes Treiben. Die Inder karrten eine Vielzahl Fässer heran, die sie auf kleine Boote verluden. Was sie damit bezweckten, wurde erst klar, als sie an mehreren Stellen des Hafenbeckens begannen, den Inhalt der Fässer ins Wasser zu entleeren. Es war eine dunkle schillernde Flüssigkeit.
„Das ist Öl“, sagte Don Juan de Alcazar zum Seewolf und setzte den Kieker ab. „Eine Flamme genügt, um den Haffen mit einer Feuerwand abzuriegeln.“
Old Donegal vollführte eine ausschweifende Bewegung, die ganz Tuticorin umfaßte, oder auch Tuttukuddi, wie die Stadt von ihren Bewohnern genannt wurde.
„Die Inder werden nicht so verrückt sein, uns anzugreifen. Sie müssen doch wissen, daß wir uns in einem solchen Fall mit allem, was wir haben, zur Wehr setzen. Bis der Wind das brennende Öl herantreibt, können wir noch etliche Breitseiten abfeuern.“
„Chandra Bose greift uns nicht an“, sagte der Seewolf überzeugt. „Er hat lediglich vor, uns am Auslaufen zu hindern.“
„Aber warum?“ fragte Don Juan skeptisch. „Er hat alles, was er will.“
Hasard zuckte mit den Schultern. „Wir werden es erfahren, mein Freund. Solange müssen wir uns wohl oder übel in Geduld fassen.“
Er gab Befehl, die Riemen einzuziehen. Die Schebecke hatte inzwischen ihren alten Liegeplatz verlassen und trieb der Mitte des Hafenbeckens zu. Da das Schiff achteraus zu sacken begann, befahl Hasard: „Fallen Anker!“
Ein nervenzermürbendes Warten begann. Die Inder kippten kein Öl mehr ins Wasser, hatten aber eine Kette aus Booten bis zum Molenkopf gebildet und konnten jederzeit von neuem beginnen. Es war offensichtlich, daß sie das Ankermanöver der Arwenacks vorerst zufriedenstellte.
Unaufhaltsam näherte sich die in allen Farben des Regenbogens schimmernde Schicht der Schebecke. Nervosität breitete sich an Bord aus.
„Sir“, schlug Ferris Tucker vor, „wir könnten versuchen, das Öl mit Sand abzudecken und absinken zu lassen. Wenigstens um das Schiff freizuhalten.“
Unter anderen Umständen hätte der Seewolf den Vorschlag aufgegriffen. Jetzt schüttelte er nur den Kopf. Er wollte ein Kräftemessen vermeiden, das letztlich doch nur auf den Schultern der unbeteiligten Stadtbevölkerung ausgetragen wurde.
„Wir überlassen den Indern den nächsten Schritt“, sagte er. „Al, halte für alle Fälle die Culverinen klar.“
„Aye, aye, Sir!“ Der Stückmeister der Arwenacks hatte nichts anderes erwartet. Ketten- und Stangenkugeln, Pützen mit Sand und Wasser sowie die Kohlebecken standen bereit. Die ersten der 18-Pfünder-Kanonen waren ausgerichtet. Al Conroy würde beide Batterien abfeuern, die an Steuerbord auf die Stadt und die Kanonen an Backbord, um die anderen großen Schiffe im Hafen zu versenken.
Der Doppelschlag der Schiffsglocke erinnerte die Arwenacks daran, daß sie nun schon fast eine Stunde lang zum Abwarten verurteilt waren. Das Öl schillerte auf der Wasseroberfläche. Es hatte die Schebecke inzwischen eingeschlossen, wurde aber merklich dünner.
„Aaachtung!“ rief Dan O’Flynn von der Back. „Da tut sich was an Land!“ Er hatte zweifellos die schärfsten Augen und zudem eine gute Beobachtungsgabe.
Tatsächlich dauerte es nicht lange, dann gewahrten auch alle anderen die aus dem Stadtinnern anrückenden Soldaten. Sie bemannten ein Boot, das gleich darauf ablegte.
„Wir erhalten hochehrwürdigen Besuch“, sagte Dan. „Chandra Bose persönlich.“
Die Männer der Stadtwache hielten ihre altertümlichen Flinten schußbereit, als der Hauptmann die Schebecke betrat. Er blieb neben der Pforte im Schanzkleid stehen, sein Blick huschte über die Decks. Im Gegensatz zur letzten Begegnung wirkte er selbstsicher und zufrieden.
„Es ist gut, daß Sie uns noch nicht verlassen haben“, sagte er mit etwas spöttischem Unterton und in der Gewißheit, mit den Engländern nach seinem Gutdünken verfahren zu können.
„Nachdem uns die Ausfahrt auf so deutliche Weise verwehrt wurde, hatten wir wohl keine andere Wahl“, erwiderte der Seewolf. „Aber zur Sache: Was wollen Sie? Verlangen Sie ein Lösegeld?“
„Senhor“, sagte Chandra Bose entrüstet, „wo denken Sie hin?“ Er schien nicht im geringsten zu befürchten, daß ihn die Arwenacks als Geisel nehmen und sich so die Freiheit erzwingen konnten. Hatte er eine derart hohe Meinung von ihnen, oder fühlte er sich von den Flinten seiner Männer ausreichend beschützt?
Dan O’Flynn, der ähnliche Gedanken wälzte und sich ausgiebig umsah, entdeckte auf den beiden Sambuken kleinere Geschütze, die auf die Schebecke gerichtet waren. Eine besonders durchschlagende Wirkung würden die Inder damit aber nicht erzielen.
Nach einer kurzen Pause fuhr der Hauptmann fort: „Meine Leute haben den Frevler gefaßt und ihm die heilige Reliquie abgenommen. Ihre schändliche Absicht, alle gläubigen Singhalesen zu betrügen, war also unnötig. Schweigen Sie, und hören Sie mir zu!“ herrschte er den Seewolf an, der zu einer Erwiderung ansetzte. „Noch weiß nur ich davon, und ich bin Hindu. Aber ein Wort von mir genügt, und alle Buddhisten stürmen Ihr Schiff. Ihr Versuch war eine Verhöhnung Buddhas und fast so schlimm wie der Diebstahl selbst.“
„Ist das alles, was Sie mir zu sagen haben?“ fragte Hasard.
„Der heilige Weisheitszahn muß wieder zurück, und zwar zuerst nach Mannar. Von dort werden ihn ‚heilige Männer‘ nach Kandy bringen, in den Tempel, in dem er immer aufbewahrt wurde. Sie, Senhor Capitán, und Ihre Leute werden den Transport nach Mannar übernehmen.“
„Und wenn ich mich weigere?“
Chandra Bose lächelte überheblich, „überlegen Sie sich das gut. Kaum jemand hat soviel Verständnis wie ich.“
Dan O’Flynn, der Navigator der Arwenacks, der sich ausgezeichnet aufs Kartenlesen verstand, wandte sich an den Seewolf: „Mannar liegt nur rund hundert Seemeilen und nur unwesentlich von unserem eigentlichen Kurs entfernt. Der Umweg kostet uns bestenfalls ein paar Stunden.“
„Ich erwarte von Ihnen, daß Sie meinem Wunsch Folge leisten“, sagte der Inder mit Nachdruck. „Nur dann habe ich die Gewißheit, daß der Zahn tatsächlich bis nach Mannar gelangt.“
„Strengen Sie sich nicht unnötig an, mich zu überreden, Hauptmann“, erwiderte Philip Hasard Killigrew. „Mein Entschluß steht schon fest. Aber glauben Sie nicht, daß wir uns von Ihnen einschüchtern lassen. Geben Sie mir den Zahn, und wir bringen ihn heil nach Ceylon.“
Chandra Bose entspannte sich. Er lächelte plötzlich, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick.
„Ich trage das Heiligtum natürlich nicht bei mir. Ihre Passagiere, darunter eine Abordnung der in Tuticorin lebenden Singhalesen, werden Ihnen den Zahn für die Dauer der Überfahrt aushändigen. Die Männer und Frauen wollen den Tag damit verbringen, Buddha anzurufen. Sie sagen, solange das Heiligtum noch entweiht sei, würde es sie dabei nur stören.“
„Passagiere?“ fragte der Seewolf überrascht.
„Vergaß ich, das zu erwähnen? Natürlich haben Sie gegen eine Begleitung ebensowenig einzuwenden wie gegen meine Bitte, den Zahn nach Mannar zu bringen.“
Eine halbe Stunde später erschienen fünfzehn Männer und Frauen. Auf den ersten Blick war zu erkennen, daß sie verschiedenen Bevölkerungsschichten angehörten.
An ihrer Spitze stand ein nur fünf Fuß großer, schmächtiger und verschlagen wirkender Mann. Sein Haupthaar war schütter, der gezwirbelte Oberlippenbart bestand nur aus wenigen Borsten. Trotzdem war sein Alter kaum zu schätzen.
Alokeranjan hieß er, aber das erfuhren die Arwenacks nicht von ihm selbst. Er begnügte sich vorerst damit, die Crew und das Schiff herablassend zu mustern.
Nicht nur sein Äußeres wirkte abweisend, er schien auch sehr von sich überzeugt zu sein. Jedenfalls redete er wie ein Wasserfall, und noch dazu in seinem Dialekt, den keiner der Arwenacks verstand. Anschließend zeigte er sich wütend darüber, daß niemand reagierte.
Der Seewolf wandte sich an seine Söhne: „Habt ihr mitgekriegt, was der Kerl will?“
„Kein Sterbenswörtchen“, erklärte Philip. „Dann sagt ihm das gefälligst.“
Eine Frau drängte sich nach vorn. Ihr Anblick wirkte auf einige Arwenacks wie ein junger Seehund auf ein Rudel ausgehungerter Haie. Die Männer raunten sich recht eindeutige Bemerkungen zu.
Dina, mit dem Namen stellte sie sich vor, stand dem orientalischen Schönheitsideal recht nahe. Sie war also keineswegs gertenschlank, sondern hatte einen wohlgerundeten Körper, der durch den eng anliegenden Sari betont wurde. Ihr pechschwarzes Haar war zu einem Knoten aufgesteckt und hing trotzdem noch darüber hinaus bis auf die Schultern. Auch ihre Augen leuchteten schwarz und erschienen unergründlich tief, ein Ozean, in dem man sich leicht verlieren konnte.
„Alokeranjan wünscht, den Kapitän unter vier Augen und ohne die gaffende Meute zu sprechen“, sagte sie. „Außerdem verlangt er, daß uns die besten Unterkünfte zugewiesen werden. Das Schiff scheint einigermaßen Platz zu bieten.“ Sie sprach nahezu akzentfreies Portugiesisch.
„Was erwartet der Kerl?“ schimpfte Big Old Shane im Hintergrund. „Wir sind doch nicht seine Lakaien.“
„Ich bin der Kapitän der Schebecke, Philip Hasard Killigrew“, sagte der Seewolf. „Bestimmt werden wir nicht länger als höchstens vierundzwanzig Stunden miteinander das Vergnügen haben, aber das erscheint mir schon zuviel bei dem Tonfall, den Ihr Anführer anstimmt. Sagen Sie ihm, daß er Gast an Bord dieses Schiffes sei und sich folglich wie ein solcher zu benehmen habe.“
„Alokeranjan ist es nicht gewohnt, daß seine Anordnungen mißachtet werden.“
„Das beruht auf Gegenseitigkeit.“ Herausfordernd verschränkte der Seewolf die Arme und sah zu, wie sich die Gesichtszüge des Schmächtigen verzerrten, als Dina übersetzte. Alokeranjans Blick war Ausdruck seiner Verachtung. Er reagierte schroff und abweisend.
„Der legt es auf eine Machtprobe an“, murmelte Philip junior.
„Ich auch“, erwiderte der Seewolf. „Sobald wir den Hafen verlassen haben.“
„Ist das ein Befehl, Sir?“ fragte Ben Brighton.
„Natürlich.“ Philip Hasard Killigrew wandte sich wieder den Indern zu, während der Erste Offizier die Mannschaft auf Trab brachte.
Eilends wurde der Anker aufgehievt. Die Männer am Gangspill legten ein beachtliches Arbeitstempo vor.
Andere schoben die Riemen durch die Ruderpforten im Schanzkleid und begannen zu pullen. Die Schebecke aus dem Stand heraus in Fahrt zu bringen, noch dazu im Stehen, da Ruderbänke an Deck fehlten, war eine schweißtreibende Arbeit. Außerdem hatten die Arwenacks den Wind gegen sich und legten gerade deshalb eine beachtliche Schlagzahl vor.
„Was bedeutet das?“ bellte Alokeranjan mit sich überschlagender Stimme.
„Wir verlassen Tuticorin“, sagte der Seewolf. „Mannar ist unser Ziel.“
Der Singhalese schnappte nach Luft.
„Vorher gibt es noch einiges zu klären“, protestierte er. „Sie unterstehen meinem Befehl, Kapitän.“
„Davon ist mir nichts bekannt.“
„Ich sage es Ihnen hiermit!“
Die Schebecke näherte sich dem Molenkopf. Schon fiel der Wind nicht mehr exakt von vorlich ein. Ein flüchtiger Blick hinauf zum Flögel im Großmasttop bestätigte Hasards Gefühl. Der trichterförmige, aus leichtem Segeltuch bestehende und an seinen beiden unterschiedlich großen Öffnungen mit Metallringen verstärkte Windsack hatte leicht nach Backbord gedreht.
Noch war es zu früh, die Segel aus dem Gei zu nehmen. Aber im Gegensatz zu anderen Schiffen konnte der Mittelmeerdreimaster bis zu 4 Strich – teilweise noch höher – an den Wind gehen. Bei der momentan vorherrschenden Windrichtung Südwest zum Süden bedeutete das immerhin, daß ein Kurs Süden zum Osten unter Segeln möglich war. Vier Strich entsprachen genau 45 Grad des Kreises.
„Alles in Ordnung, Sir“, sagte Ben Brighton, dem der forschende Blick des Seewolfs keineswegs entgangen war. Als Erster Offizier mußte er seine Augen überall haben.
Aufreizend langsam wandte sich Hasard wieder den Indern und Singhalesen zu, die deutliche Unruhe erkennen ließen. Offenbar sahen sie ihre Felle davonschwimmen. Sogar Alokeranjan sackte merklich in sich zusammen.
Von Land aus waren keine Unstimmigkeiten zu erkennen. Chandra Bose ließ die Schebecke ungehindert auslaufen.
„Sie dürfen mich um Dinge bitten, Alokeranjan“, sagte Philip Hasard Killigrew. „Wenn Ihnen das nicht paßt, steht es Ihnen jederzeit frei, das Schiff zu verlassen. Schwimmen können Sie hoffentlich. Und nachdem dieser Punkt eindeutig geklärt ist, bitte ich Sie, mir unter Deck zu folgen. Für eine Nacht werden Sie etwas zusammenrücken müssen, aber ich versichere Ihnen dafür, daß Sie wie in Buddhas Armen schlafen werden.“
Dina übersetzte. Die letzte Bemerkung ließ sie jedoch weg. Das behaupteten hinterher sowohl die Zwillinge als auch Dan O’Flynn.
Hasard führte die Passagiere ins Achterschiff und den Niedergang hinunter, wo er ihnen auf dem unteren Deck zwei Kammern beidseits des Besanmasts zuwies. Beide Räume lagen unterhalb der Wasserlinie, aber jeden diesbezüglichen Protest ließ er unbeachtet.
„Ich stelle zwei Männer zu Ihrer Verfügung ab“, sagte er. „Es kann also gar nicht geschehen, daß Sie das Backen und Banken verpassen oder sich an Bord verlaufen.“
„Das klingt, als sollten wir bewacht werden, Capitán“, entgegnete Dina.
„Fassen Sie das auf, wie Sie es für richtig halten. Mir liegt wenig daran, Leute wie Alokeranjan unbeaufsichtigt zu lassen.“
„Ja“, sagte die Frau zu seiner Überraschung, „das verstehe ich.“
Bis Philip Hasard Killigrew an Deck zurückkehrte, lief die Schebecke schon unter vollen Segeln auf Ostkurs durch die Bucht von Tuticorin.
Das Meer war von hellem Blau, was auf geringe Tiefe schließen ließ. Kleine, langgezogene Wellen folgten der Windrichtung und der momentan vorherrschenden Strömung, die an der Küste entlang nach Nordosten verlief.
Hasard kommandierte Bill und Matt Davies zu den Indern ab, bevor er sich aufs Achterdeck begab.
Old Donegal empfing ihn mit den Worten: „Wir haben Geleitschutz, Sir. Eine Armada ist hinter uns.“
Das war nicht mal übertrieben. Dutzende von Segeln folgten der Schebecke im Kielwasser. Sie gehörten zu Booten unterschiedlichster Größe. Durch das Spektiv, das Don Juan ihm reichte, erkannte Hasard mehrere Pattamars, eine der Sambuken, die im Hafen von Tuticorin gelegen hatten, und eine Vielzahl von Fischerbooten.
„Die meisten können auf Dauer nicht mithalten“, sagte er. „Sobald der Wind auffrischt, fallen sie zurück. Sonst noch was?“
„Der Hauptmann hat uns eine Bande von Rübenschweinen aufgehalst“, polterte Old Donegal. „Wenn wir mit denen keinen Ärger kriegen, gluckere ich nie wieder einen Tropfen.“
Das war in der Tat ein besonderes Versprechen. Ehe Hasard darauf reagieren konnte, wurde es unter Deck unangenehm laut.
„Und schon geht es los“, versetzte der alte Zausel.
„Mister Carberry!“ rief Hasard nach vorn. „Wer glaubt, sich da aufführen zu müssen?“
„Ich kann es nicht erkennen, Sir. Scheint aber so, als hätten unsere Passagiere Streit angefangen.“
„Kümmere dich darum!“
Edwin Carberrys „Aye, Sir!“ klang gar nicht so erfreut, wie das zu erwarten gewesen wäre.
Jeder erwartete, ihn losbrüllen zu hören, daß die Masten wackelten. Als nichts dergleichen geschah, warfen sich die Männer vielsagende Blicke zu.
Wenig später tauchte der Profos wieder unter der Querbalustrade des Achterdecks auf.
„Senhor Capitán“, sagte er, „Senhor Alokeranjan erbittet ihre Gegenwart in seiner Kammer. Es geht um wichtige Dinge.“
Hasard kniff die Brauen zusammen.
„Hat er das genauso gesagt?“
„Natürlich nicht.“ Carberry reckte trotzig sein Rammkinn und knirschte mit den Zähnen, daß man meinen konnte, zwei aneinanderreihende Mühlsteine zu hören. „Der Affenarsch hat sich noch ganz anders ausgedrückt.“
„Und?“
„Ich verstehe nicht …“
„Hast du ihm gesagt, was du von ihm hältst?“
Der Profos betrachtete bedauernd seine Fäuste. „Soll ich’s nachholen?“
Philip Hasard Killigrew winkte ab. „Ich rede selbst mit ihm, und es wird mir ein besonderes Vergnügen sein.“
Natürlich, hatte Alokeranjan eine der beiden Kojen in dem Raum für sich in Beschlag genommen. Obwohl er wie elend dalag, starrte er den Seewolf wütend an.
„Ihr Schiff ist eine Gefahr. Seit ich unter Deck weile, setzt mir die Übelkeit zu.“
„Dann sollten Sie schlafen“, sagte Hasard. „Das hilft.“
„Unsinn!“ brauste der Singhalese auf. „Wir müssen Buddhas Zorn besänftigen. Aber davon verstehen Sie nichts.“ Ungeduldig wartete er darauf, daß Dina übersetzte und fügte hinzu: „Die See ist zu wild. Lassen Sie Segel wegnehmen!“
„Das Meer ist überraschend ruhig“, erwiderte Hasard. „Wir haben nur eine langgezogene Dünung. Außerdem denke ich gar nicht daran, auch nur ein winziges Stück Tuch bergen zu lassen. Falls keine anderen Probleme anstehen, begebe ich mich wieder an Deck.“ Er wandte sich zum Gehen.
Abrupt fuhr Alokeranjan hoch. Die hastige Bewegung tat ihm nicht gerade gut, er wurde übergangslos blaß, doch das hinderte ihn nicht daran, mit sich überschlagender Stimme zu befehlen: „Sie bleiben hier, Capitán, bis alles besprochen ist. Wenn nicht, werde ich dafür sorgen, daß Sie Ihr Verhalten spätestens in Mannar bereuen. Ich habe viele einflußreiche Freunde.“
Hasard verharrte vor dem Schott und wartete darauf, daß Dina die Übersetzung beendete. Ihr Blick wirkte bedauernd. Offenbar war sie mit Alokeranjans Verhalten ebenfalls nicht einverstanden.
„Senhor Capitán“, fügte sie hinzu, „bitte versuchen Sie, Verständnis aufzubringen. Wir befinden uns in einer wenig glücklichen Lage. Die Entweihung von Buddhas Weisheitszahn ist einer der größten Frevel, die sich Alokeranjan vorstellen kann.“
„Ich denke, wir alle werden die Überfahrt nach Mannar irgendwie überstehen“, sagte der Seewolf. „Der eine besser, der andere eben schlechter.“ Er bedachte den schmächtigen Singhalesen mit einem bedauernden Blick. „Außerdem ist morgen um die Mittagszeit alles vorbei, falls der Wind nicht abflaut.“
„Das Heiligtum!“ rief Alokeranjan. „Der Capitán soll die Reliquie verwahren, bis wir Mannar vor uns sehen.“
Der Weisheitszahn Buddhas lag inzwischen in einem schmucken Elfenbeinkästchen. Als es Dina dem Seewolf aushändigte, zögerte sie kaum merklich.
„Wo wollen Sie den Schatz aufbewahren?“ fragte sie. „Ein zweiter Diebstahl wäre eine Katastrophe für alle Gläubigen gleichzusetzen.“
„Seien Sie unbesorgt“, sagte Hasard. „In meiner Kammer ist der Zahn sicher. Außerdem kann niemand unbemerkt an Bord gelangen.“
„Wie viele Schiffe folgen uns?“
„Einige Dutzend.“
„Ich dachte es mir. Viele Singhalesen wollen dabei sein, wenn der Weisheitszahn von den ‚heiligen Männern‘ zurückgebracht wird. Aber vielleicht sind auch einige Strauchdiebe darunter, die es nur auf den unschätzbaren Wert der Reliquie abgesehen haben.“
Im Laufe des Nachmittags drehte der Wind wieder auf südliche bis östliche Richtungen und zwang die Arwenacks zum Kreuzen. Der Golf von Mannar zeigte sich jedoch weiterhin von seiner angenehmsten Seite mit mäßigem Seegang.
Das Land an Backbord war immer noch niedrig, sandig und teils mit Palmen bestanden. Selbst durch die Spektive ließen sich keine Besonderheiten erkennen.
Dem Land vorgelagert war eine breite Küstenbank. Zahllose Untiefen und kleine und kleinste Inseln ließen das Gewässer schwierig werden. Aber die Schebecke geriet nie so dicht unter Land, daß eine Gefahr bestanden hätte.
Die Karten aus England, so genau sie auch waren, zeigten doch nicht den Detailreichtum der Küste. Dan O’Flynn nutzte die Gelegenheit und das strahlende Sonnenwetter, die Karte zu vervollständigen. Insbesondere der Inselkette, die sich scheinbar endlos hinzog, galt sein Hauptaugenmerk.
Er bedauerte vor allem, daß die Schebecke die Pamban-Passage während der Nacht und in sicherer Distanz passieren würde. Im vorliegenden Kartenmaterial war die Passage auf 9° 17’ Nord und 79° 12’ Ost besonders gekennzeichnet und mit einem erläuternden Text versehen. Demnach handelte es sich um einen etwa sechzig Yards breiten Durchbruch in einem schmalen Felsrücken. Er trennte das indische Festland von der Pamban-Insel. Zugleich stellte er die einzige schiffbare Verbindung zwischen Ceylon und Indien dar. Die Alternative dazu war eine Rundung von ganz Ceylon.
Der Pamban-Passage vorgelagert waren Riffe mit starker Brandung und nur geringer Wassertiefe. Offenbar reichten sie von der Küste aus etliche Meilen nach Süden.
Unmittelbar an Pamban Island anschließend, erstreckte sich eine sechzehn Seemeilen lange Sand- und Felsbank bis nach Mannar Island. Der Kartograph hatte die gut zwei Meilen breite Bank Adam’s Bridge getauft. Die Strände schienen veränderlich und selbst für Boote nicht passierbar zu sein. Dan O’Flynn besaß genügend Erfahrung, um richtig anzunehmen, daß bei kräftigen Winden starke Strömungen über die Sandbank hinwegsetzten.
Einige der die Schebecke verfolgenden Boote waren inzwischen weit zurückgefallen. Aber die Mehrzahl segelte immer noch dichtauf im Kielwasser. Auf dem Kreuzkurs waren sie dem Dreimaster überlegen, da sie höher an den Wind gehen konnten.
Nur gelegentlich erschien der eine oder andere der Passagiere an Deck, als wollten sie sich überzeugen, daß Mannar Island tatsächlich noch nicht an der Kimm zu sehen war. Mit den Arwenacks redete kaum einer. Überhaupt erweckten sie den Eindruck, als seien für sie die Engländer nichts weiter als ein notwendiges Übel.
Daran, daß keiner die Sprache des anderen beherrschte, konnte es kaum liegen, denn Dina begleitete jeden ihrer Landsleute. Sie war überhaupt die einzige, die sich ständig umsah und gelegentlich Fragen über das Schiff oder die Mannschaft stellte. Und wer hätte einer Schönheit wie ihr schon die kalte Schulter gezeigt?
7.
Der Abend brachte die ersten regenschweren Wolken und ein blutrotes Farbenspiel an der westlichen Kimm, das sich langsam bis in den Zenit ausbreitete und auch das Wasser mit düsteren Farben überzog.
Im Nordosten erstrahlte die Küste im Schein der untergehenden Sonne, während sich dahinter der Himmel schon dunkel färbte. Dan O’Flynn beobachtete durchs Spektiv. Die Sicht betrug bestimmt mehr als zehn Seemeilen und zeigte ihm die der Pamban-Passage vorgelagerte Inselkette in großer Deutlichkeit.
Unvermittelt legte sich eine sanfte Hand auf seinen Arm.
„Gibst du mir dein Fernauge?“ fragte Dina.
Dan war so in seine Betrachtungen versunken gewesen, daß er sie nicht vorher bemerkt hatte. Dafür sah er jetzt einige grinsende Gesichter. Die Betreffenden warteten wohl nur darauf, daß er die schwarzhaarige Schönheit an sich zog.
Tatsächlich war die Versuchung groß. Die junge Frau verströmte einen Duft wie Pfirsichblüten und Mandelöl, und ihr Blick suchte den seinen. Da stand mehr zu lesen, als daß sie nur in die Ferne schauen wollte.
Ohne zu zögern, reichte ihr Dan O’Flynn das Spektiv. Sie stellte sich gar nicht dumm an und wußte auch sofort, wie die Schärfe zu regulieren war. Offenbar hatte sie einen guten Lehrmeister gehabt, der ihr nicht nur die portugiesische Sprache beigebracht hatte.
Im letzten Moment schluckte Dan eine diesbezügliche Frage unausgesprochen hinunter.
Dina wandte sich der kleinen Flotte zu.
„Das sind viele“, sagte sie nachdenklich. „Hoffentlich versucht niemand, das Heiligtum zu stehlen.“
Als sie den Kieker zurückgab, berührten ihre Finger wie unabsichtlich Dans Hand. Ihr voller Mund und ihre Augen versprachen dabei alle Genüsse des Paradieses. Dan O’Flynn spürte, daß er der Versuchung nicht mehr lange würde widerstehen können.
„Wir brauchen niemanden zu fürchten“, sagte er, um sich abzulenken. „Während der Nacht sind Wachen aufgestellt.“
„Bei jedem Wetter?“ fragte Dina – und das keineswegs grundlos. Achteraus an Steuerbord hatte sich eine drohende Schwärze zusammengeballt, aus der erste Blitze zuckten. Der Wind wehte jetzt aus Süd bis West und trug den Geruch von Schwefel mit sich.
„Es wäre unverantwortlich, ein Schiff ohne Wachen zu segeln“, sagte Dan.
Aus der Ferne erklang Donnergrollen. Längliche Wellen und Schaumkronen entstanden, aber noch war die Brise nicht so stark, daß sie Gischt aufgewirbelt hätte.
Pausenlos zuckten die Blitze über die achterliche Kimm. Die Nacht brach schneller herein als angenommen, weil die Gewitterwolken das letzte Abendrot verschluckten.
Auf der Schebecke wurden die Laternen angesteckt.
Unerwartet heftig tauchte der Bug des Dreimasters in ein Wellental ein. Brecher schlugen über der Back zusammen, gleich darauf schien das Schiff steil in den nunmehr völlig schwarzen Himmel emporzusteigen.
Dina verlor das Gleichgewicht, stürzte auf die Planken und rutschte, der Krängung des Schiffes folgend, zur Backbordverschanzung. Die Decks waren feucht und glitschig vom einsetzenden Nieselregen.
Dan half der Frau auf die Beine, zum Dank schlang sie ihre Arme um seinen Nacken. Er spürte, daß sich ihr Busen unter heftigen Atemzügen hob und senkte. Zögernd löste er ihre Hände von seinem Nacken.
„Besser, Sie gehen unter Deck, Senhorita. Wahrscheinlich zieht Sturm auf, dann wird es hier oben ungemütlich.“
„Du hilfst mir?“
Dan schüttelte den Kopf. „Meine Wache beginnt gleich. Und morgen trennen sich unsere Wege ohnehin.“
Während er Jakobsstab, Spektiv, Zeichenkohle und das inzwischen durchnäßte Papier, auf dem er seine Beobachtungen eingetragen hatte, in einem bereitstehenden Kasten verstaute, blickte er der Inderin doch ein wenig bedauernd hinterher.
Luke Morgan war der einzige, der nicht schweigend zusah.
„He, Dan!“ rief er. „Was hast du ihr erzählt?“
„Nichts“, erwiderte Dan O’Flynn, ohne sich in seiner Arbeit unterbrechen zu lassen. „Wieso?“
„Die Frau sah nicht gerade sehr glücklich aus.“
„Ist das mein Bier?“ Dan reagierte schroffer als beabsichtigt.
Morgan wußte natürlich, warum. „Sie gefällt dir, was? Aber du willst es nicht zeigen. Dann laß dir gesagt sein, daß jeder von uns sie gern an Bord behalten würde …“ Was er außerdem noch sagte, verhallte ungehört in ohrenbetäubendem Donner. Das Gewitter stand inzwischen fast über den Schiffen.
Es begann wie aus Kübeln zu schütten.
Der Gewittersturm peitschte die Wellen höher. Stampfend und manchmal mit großer Krängung, lief die Schebecke durch eine aufgewühlte See. Die Sicht reicht nicht mal mehr eine Meile weit, und die Singhalesen in den verfolgenden Booten hatten plötzlich alle Hände voll zu tun, denn mancher Kahn drohte vollzuschlagen oder zu kentern.
Auf dem Dreimaster gab es solche Probleme nicht. Die Segelwachen waren lediglich damit beschäftigt, ständig neu zu trimmen, da der Wind unruhig wie ein junges Fohlen hin und her sprang.
Zum Backen und Banken erschienen nur zwei der fünfzehn Passagiere: Dina und Tipu, ein Mann mit Hasenscharte, struppigem, schwarzem Haar und stets gerötetem Gesicht. Da ihm oben und unten je zwei Schneidezähne fehlten, wirkte die Mundpartie seltsam eingefallen. Zum Essen brachte er kaum den Mund auf.
Viel geredet wurde nicht. Die Arwenacks fühlten sich lediglich von Dinas Blicken taxiert, und der eine oder andere erwiderte die Blicke auch.
Das Gewitter hielt unvermindert an. Nur der Regen ebbte ab. Die Donnerschläge klangen daraufhin wie das Dröhnen schwerer Geschütze.
Alokeranjan war inzwischen das Beten zu Buddha vergangen. Kalkweiß und zitternd lag er in seiner Koje und jammerte und stöhnte, als sei sein Ende unwiderruflich nahe. Das Essen, das ihm Clinton Wingfield brachte, verschmähte er. Aber wahrscheinlich war das auch besser so, denn nach einer Weile verfärbte er sich grün und begann zu keuchen, als sei er dem Ersticken nahe.
Nachdrücklich bedeutete ihm Wingfield, daß er essen müsse, um die Übelkeit zu überwinden. Da der Singhalese darauf aber höchst ärgerlich reagierte, räumte Clint die Speisen kurzerhand wieder ab. Nicht im mindesten störte er sich daran, daß Alokeranjan einige Gegenstände, die nicht niet- und nagelfest waren, nach ihm warf.
Derlei Wutausbrüche hatte er während seiner Zeit als Schiffsjunge nicht erst auf der „Respectable“ kennengelernt, sondern schon auf den Schiffen, auf denen er vorher zur See gefahren war.
Erst eine Stunde vor Mitternacht ebbte das Gewitter ab. Die See blieb jedoch bewegt. Nur die Schaumkronen verschwanden.
Der Wind drehte leicht um West und ließ die Schiffe gute Fahrt laufen.
Zwei oder drei der kleinen Boote waren verschwunden. Entweder waren ihre Besatzungen gezwungen gewesen, die Segel einzuholen, oder sie hatten den Sturm nicht heil überstanden. Vielleicht waren sie auch von den anderen aufgefischt worden.
Um Mitternacht begann Edwin Carberrys Wache auf dem Achterdeck. Er löste Sven Nyberg ab, der sichtlich froh war, endlich in die Koje verholen zu können. Besonders gemütlich war es während der letzten Stunden wirklich nicht gewesen.
Die Segel standen prall vor dem achterlichen Wind. Über Backbordbug und mit schäumender Bugsee lief die Schebecke wieder gute Fahrt. Die Sambuke und mehrere Pattamars lagen dichtauf. Dahinter, im kaum vorhandenen Sternenschein nur fahl zu erkennen, folgten die kleineren Fischerboote.
„Und das alles wegen eines lausigen Zahnes“, murmelte der Profos kopfschüttelnd vor sich hin.
„Was sagst du?“ fragte Piet Straaten, der am Ruder stand.
„Ich denke nur laut“, erwiderte Carberry.
„Du denkst nach?“
„Hm.“
„Über Buddha und seinen Weisheitszahn?“
„Wenn du mich ohnehin verstanden hast, warum fragst du dann noch?“
Eine jäh einfallende Bö ließ die Segel killen. Gleich darauf, und ohne daß jemand eingreifen mußte, war jedoch alles wieder wie zuvor.
„Der Bluff mit dem falschen Zahn ist gründlich nach hinten losgegangen“, sagte Piet Straaten. Als Carberry lediglich die Brauen hochzog, fuhr er fort: „Ich kann nur hoffen, daß uns das dicke Ende nicht noch bevorsteht.“
„Morgen Mittag liegt Mannar schon wieder hinter uns.“ Carberry drehte seine Runde auf dem Achterdeck. Der Himmel riß zusehends weiter auf. Immer noch war es so warm, daß vom Land Dunst aufstieg. Bis zum Morgengrauen würde der Nebel überall zu sehen sein.
Edwin Carberry lauschte dem Knarren der Blöcke und dem Singen der Takelage. Aber der Wind trug auch andere Geräusche mit sich – Stimmengemurmel von den nachfolgenden Schiffen.
Piet Straaten wurde ebenfalls aufmerksam.
„Klingt so, als würden die Burschen beten“, sagte er. „Wann schlafen die eigentlich?“
„Das haben die doch nicht nötig. Wenn sie wenigstens hinter unserem Gold her wären, würde ich das ja noch verstehen. Aber soviel Aufwand wegen eines Zahnes …“ Kopfschüttelnd blickte Carberry wieder achteraus.
Eine Pattamar hatte sich von den anderen gelöst und schloß Sichtlich auf. Es war ein kleineres Boot ohne durchgehendes Deck, ein Anderthalbmaster mit den typischen trapezförmigen Dhausegeln, die an langen Schrägrahen gefahren wurden. Daß dieser Typ über hervorragende Segeleigenschaften verfügte, wurde dem Profos deutlich demonstriert.
Die Pattamar war sehr schnell heran. Sie blieb an Steuerbord.
Carberry zählte eine zwölfköpfige Mannschaft. Glaubten die Inder tatsächlich, es mit den Arwenacks aufnehmen zu können? Bis zum letzten Moment zweifelte er daran, bis sich ein Enterhaken in den Besanwanten verfing und zu den Püttings abrutschte, weil keine Webeleinen vorhanden waren.
Piet Straaten hatte nichts bemerkt. Er sah lediglich, daß der Profos hinter dem Schanzkleid in Deckung ging, und wollte ihm etwas zurufen, doch Carberry legte bedeutungsvoll einen Finger an die Lippen. Mit der anderen Hand deutete er außenbords.
Straaten verstand, wenngleich ihm ein Versuch, die Schebecke zu entern, ebenso irrsinnig erschien. Aber durfte man von Fanatikern überhaupt Vernunft erwarten?
Ein zweiter Haken wickelte sich um das vorderste Want des Besanmasts. Carberry sah keine Notwendigkeit, die Wachen auf Kuhl und Back zu warnen, zumal die Singhalesen das sicherlich spitzgekriegt hätten. Die wirkungsvollste Abschreckung war seit eh und je, dem Angreifer zuvorzukommen und ihn zu überraschen.
Die Rechte zur Faust geballt, dem berüchtigten Profoshammer, kauerte Carberry eng am Schanzkleid und blickte starr nach oben, wo jeden Moment ein turbangekröntes Haupt auftauchen mußte. Doch seine Geduld wurde auf eine lange Probe gestellt.
Als er schon glaubte, die Männer in der Pattamar hatten es sich zu guter Letzt noch anders überlegt, griff endlich eine Hand über die Reling. Die nachfolgende Visage war wie geschaffen für eine kräftige Faust. Die aufgeworfenen Lippen und die ohnehin schon viel zu breite Nase schienen Schläge geradezu magisch anzuziehen.
Edwin Carberrys urplötzliches Auftauchen aus der Versenkung war schon eindrucksvoll genug, und sein narbenübersätes Gesicht mit dem gewaltigen Rammkinn konnte schreckhafte Naturen das Fürchten lehren, aber der Profoshammer schoß den Vogel ab.
Genauer gesagt: Der Singhalese wurde von einer ungestümen Kraft in die Höhe gerissen. Jeden Haltes beraubt, überschlug er sich über den Köpfen seiner nachfolgenden Gefährten, denen vor Staunen die Spucke wegblieb, hing flüchtig, mit den Armen rudernd, scheinbar schwerelos in der Luft und flog dann, schneller werdend, in die See zurück.
Dabei hatte er noch unbeschreibliches Glück, daß er genau eine Mannslänge neben der Pattamar eintauchte, denn er stürzte mit dem Kopf voran. Die Frage, ob das Teakholz des Schiffsrumpfes oder seine Schädelknochen härter waren, blieb unbeantwortet.
Der zweite Angreifer, der unmittelbar nach dem ersten folgte, vergaß, daß er eigentlich hatte nach oben klettern wollen. Edwin Carberry half seinem Gedächtnis auf die Sprünge, er beugte sich über die Verschanzung, packte den Kerl an den Schultern und hievte ihn hoch.
Im selben Moment kehrte bei dem Singhalesen wohl die Erinnerung zurück, denn er begann wie verrückt mit Armen und Beinen zu strampeln, als wolle er mit affenartiger Geschicklichkeit aufentern. Leider war er inzwischen jeglichen Haltes beraubt. Während er noch die Aufwärtsbewegung übte, ging es mit ihm schon abwärts, denn der Profos hatte ihn einfach fallen lassen.
Im Sturz räumte der Mann noch zwei seiner Gesinnungsgenossen ab. Gemeinsam klatschten sie in ihr Schiff zurück – ein ineinander verstricktes Knäuel zuckender Leiber und Gliedmaßen.
Carberry konnte leider nicht zusehen, da er die Stellung wechseln mußte. Am anderen Tau enterten ebenfalls Singhalesen auf. Der erste stand schon auf dem Handlauf und hielt sich an den Wanten fest. Vergeblich versuchte er, den Profos zu treten. Carberry konnte seine Füße packen und drehte sie herum, bis der Bursche die Wanten losließ.
Sein Schmerzensschrei erstickte, denn er krachte mit dem Kopf auf den Handlauf und verlor sofort die Besinnung. Seinen wunderschönen Flug, den anderen hinterher, verpaßte er deshalb. Er wachte erst wieder auf, als das Wasser über ihm zusammenschlug, und fragte sich verzweifelt, was denn überhaupt vorgefallen sei.
Einem donnerte Carberry noch von oben die Faust auf den Schädel, danach entschloß er sich, das Geschehen rigoros abzukürzen, indem er die beiden Taue kappte. Das wütende Geschrei der Angreifer bewies, daß sie endgültig genug hatten. Ohnehin blieb ihre Pattamar jetzt hinter der Schebecke zurück.
„Alles in Ordnung!“ rief Carberry zum Niedergang hin, wo die anderen Deckswachen erschienen. „Wir hatten lediglich kurzen Besuch.“
„Was wollten sie?“ fragte Higgy.
Der Profos zuckte mit den Schultern. „Hab sie nicht gefragt, Leute“, sagte er. „War wohl auch nicht weiter wichtig.“
Kurz vor dem vierten Doppelschlag der Schiffsglocke, also vier Uhr früh und damit dem Ende von Edwin Carberrys Wache, erschien Dina an Deck. Flüchtig blicke sie sich um, dann ging sie zielstrebig auf den Profos zu. Der Profos fragte sich später, warum ausgerechnet er der Auserwählte gewesen sei, und er erklärte es sich damit, daß die Frau ihn als den stärksten Mann an Bord akzeptierte. Oder als den imposantesten. Aber das blieb sich gleich.
„In der Kammer ist es fürchterlich schwül“, sagte sie. „Ich kann nicht schlafen.“
„Das Gewitter ist daran schuld“, erwiderte Carberry. „Außerdem geht bald die Sonne auf. Sie werden nicht mehr viel Schlaf erwischen.“
„Wäre das so schlimm?“ Dina trat einen Schritt näher und stand nun fast auf Tuchfühlung neben ihm. Ihr langes Haar trug sie offen. Sanft umspielten die Locken ihre Schultern und wehten im Wind. Ein verführerischer Duft lag plötzlich in der Luft.
Edwin Carberry hatte das Gefühl, als ruhten aller Augen auf ihm. Aber als er sich blitzschnell umwandte, schaute nicht ein einziger zum Achterdeck hinauf. Piet Straaten befaßte sich allerdings auffällig intensiv mit der Ruderpinne.
„Du bist stark“, girrte Dina. „Ein richtiger Mann. Anders als alle in Tuttukuddi. Dir könnte ich vertrauen.“
Carberrys Hände verkrampften sich um ein Tau und einen Belegnagel. Er wußte nicht, wie ihm geschah.
„Leider haben wir nicht die Zeit, uns richtig kennenzulernen.“
„Ja.“ Carberry nickte bedächtig. „Es ist eine Schande.“
Wollte ihn die Frau ablenken? Wußte sie von dem versuchten Überfall auf die Schebecke? Aber warum erschien sie dann erst jetzt und hatte nicht schon viel früher eingegriffen?
Ihre Fingerspitzen berührten seine rechte Hand und tasteten langsam den Arm hinauf bis zur Schulter. Der Profos ließ es geschehen, fragte sich aber, was an Dina anders war als an einer Hafendirne. Die Antwort gab er sich selbst. Sie biederte sich nicht an, sondern alles, was sie sagte oder tat, wirkte wie selbstverständlich.
„Du hast so starke Arme, Senhor …“
„Edwin“, sagte Carberry fast gegen seinen Willen.
Dina schenkte ihm ein Lächeln. „Ein schöner Name“, flüsterte sie, wobei jedes Wort langsam auf ihrer Zunge zerfloß.
Erneut gingen ihre Hände auf Wanderschaft, doch diesmal schob sie der Profos sanft von sich.
„Nicht!“ sagte er.
„Nicht jetzt?“ fragte Dina. „Oder überhaupt nicht?“
Ihr Körper bebte und übertrug die Erregung auf den Profos, der eine unruhige Wanderung begann. Voraus verbreitete ein Streifen fahler Helligkeit unmittelbar über der Kimm die Ahnung des heraufziehenden Morgens. Bald würden die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne über den Himmel geistern.
Scheinbar zur Statue erstarrt, verharrte Dina vor der Querbalustrade, den Blick stur nach Osten gerichtet. Erst beim Schlag der Schiffsglocke bewegte sie sich wieder.
„Gewissensbisse, Mister Profos?“ fragte Piet Straaten grinsend. „Warum eigentlich?“
Der Profos stieg zur Kuhl hinunter. Dina folgte ihm.
„Was willst du von mir?“ herrschte er sie an.
Sie lächelte nur. Ihre Augen waren so sanft, daß Carberry endgültig jeden Vergleich mit einer Hafendirne über Bord warf.
„Wo können wir allein sein?“ fragte sie. „Uns bleibt so wenig Zeit, bis das Schiff zu neuem Leben erwacht.“
„Die Vorpiek“, sagte der Profos. Er war schließlich kein Mönch und die Schebecke alles andere als ein Kloster, und Enthaltsamkeit hatte schon gar niemand geschworen.
Dina folgte ihm, als er mit ausgreifenden Schritten voranging. Die Kuhl, ein Niedergang, die langsam weichende Dunkelheit unter Deck – all diese Eindrücke schrumpften zu einem kurzen Augenblick zusammen. So recht bewußt wurde das Carberry aber erst, als in der muffigen Enge der Vorpiek die Frau hinter ihm das Schott schloß und ihre Lippen stürmisch die seinen suchten.
Warum? schoß es ihm durch den Sinn. Aber dann dachte er nicht länger darüber nach, sondern gab sich ihren tastenden Händen hin.
Durch einige Ritzen drang spärliche Helligkeit herein. Sie reichte aus, die Taurollen und Seegrasmatratzen erkennen zu lassen, die in der Vorpiek gestapelt waren. Aber weder Carberry noch die Singhalesin brauchten eine Matratze. Dina schlang die Arme um seinen Nacken und zog sich an ihm hoch, während Eds Pranken ihr wohlgerundetes Heck abtasteten.
Von draußen erklangen Stimmen. Jemand näherte sich. Carberry wollte etwas sagen, doch ein forderndes Lippenpaar hinderte ihn daran. Und dann dachte er weiß Gott nicht mehr an so banale Dinge, wie sie der enge, am weitesten vorn liegende und spitz zulaufende Raum nun einmal darstellte.
Dina war wie ein Orkan, stürmisch und unberechenbar, aber auch zärtlich und voll glühender Leidenschaft. Sie entführte den Profos auf einer rosa Wolke, die ihn schneller über die Meere trug als alle Segelschiffe der Welt.
Später, die Sonne schob soeben ihren rotglühenden Rand über die Kimm, holte ihn Dina abrupt in die Enge des muffigen Paradieses zurück. Sie tauchte ihn sogar in eisige Fluten.
„Du hast bestimmt Zutritt zu der Kapitänskammer“, hauchte sie zwischen zwei Küssen. „Senhor Killigrew bewahrt dort den Weisheitszahn Buddhas auf. Gib ihn mir!“
Die Ernüchterung war wie ein kalter Guß. Plötzlich sah Carberry die Situation so, wie er sie früher stets gesehen hätte, unverständlich und erniedrigend. Ausgerechnet er hatte es gewiß nicht nötig, sich mit einer Frau im vordersten Winkel des Schiffes zu verkriechen, zumal Dinas Leidenschaft nur vorgetäuscht war. Ihr Interesse galt allein der Reliquie, das hatte sie soeben deutlich bewiesen.
Spürte sie seine Bedenken und seine abweisende Haltung? Suchten deshalb ihre Lippen schon wieder nach den seinen?
Carberry schob sie endgültig von sich. Er empfand nichts mehr und fragte sich nur noch, was wohl die Arwenacks sagen würden. Ob sie es wagten, offen über ihn zu lachen? Oder würden sie ihn vielleicht doch beneiden?
„Du kriegst den Zahn“, hörte er sich sagen. „Beim übernächsten Glasen auf der Kuhl.“
Dina wollte sich auf ihre Art bedanken, aber Carberry, ließ sich nicht mehr einwickeln. Ein wenig floh er auch vor sich selbst und seinen Gefühlen, als er das Schott aufstieß und hinausstürmte.
Vor der Vorpiek war niemand mehr. Aber selbst das registrierte er nur am Rande.
8.
Vorübergehend warf er sich auf seine Koje, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte zu den Deckenbalken hinauf. Er brauchte Zeit, um mit sich selbst ins Reine zu gelangen. Immerhin hatte er schon mit dem Gedanken geliebäugelt, Dina zu bitten, ihn nach England zu begleiten. Ein hirnloser Narr war er, daß er überhaupt ihren Zärtlichkeiten Glauben geschenkt hatte.
Edwin Carberry handelte dann nach dem biblischen Prinzip, das da lautete „Auge um Auge, Zahn um Zahn“. Dina hatte ihn betrogen, warum sollte er nicht mit gleicher Münze zurückzahlen?
Einen ausgeschlagenen Backenzahn hatte er noch. Den kramte er unter der Matratze hervor.
Als er kurz vor, der verabredeten Zeit zur Kuhl hinaufstieg, quälten ihn schon wieder Zweifel. Warum kümmerte er sich überhaupt noch um die Frau? Vielleicht wäre es besser gewesen, sie die paar Stunden, die der Törn nach Mannar noch dauerte, einfach unbeachtet zu lassen.
Aber dann sah er sie auf der Kuhlgräting sitzen, und die Erinnerung brach wie eine schlecht verheilte Wunde auf. Er würde lange brauchen, ihre Leidenschaft zu vergessen. Irgendwo blieb ein Rest von Hoffnung, nicht alles sei nur gespielt gewesen. Das Aufleuchten in ihren Augen, als sie ihn sah, verriet, daß sie viel für ihn empfand. Oder für die Reliquie.
Carberry zwang sich, ruhig zu bleiben. Einen solchen Zwiespalt hatte er selten erlebt. Offenbar war ihm Dina doch keineswegs so gleichgültig, wie er sich einzureden versuchte.
Langsam, ohne übertriebene Hast, ging er zu ihr hin. Sie lächelte.
„Ich warte auf dich, Senhor Edwin“, flüsterte sie.
„Das Glasen …“
Sie winkte ab. „Warum nicht schon vor der Zeit auf etwas Schönes warten?“
„Ich habe den Zahn für dich.“
Ihr Lächeln wirkte jetzt sehr zufrieden. „Es ist bedauerlich, daß sich unsere Wege trennen.“
„Du könntest an Bord bleiben.“ Er mußte verrückt sein, so etwas vorzuschlagen. Eben noch hätte er sie am liebsten weit weg gewünscht.
„Niemals“, sagte Dina. „Und schon gar nicht, nachdem ich den heiligen Weisheitszahn Buddhas habe. Unsere Welten sind grundverschieden.“
„Wenn ich den Zahn zurückbringe? Niemand hat den Verlust bisher bemerkt …“
„Gib ihn mir!“ Ihre Stimme klang schrill und paßte nicht mehr zu ihrem Lächeln. „Weißt du, wie lange ich darauf gewartet habe?“
Edwin Carberry wollte es nicht wissen. Der Eindruck, daß er nur eine kleine Figur in Dinas Spiel um Reichtum und Macht war, wurde zur Gewißheit.
Er hielt ihr den ausgeschlagenen Backenzahn hin.
„Da“, sagte er. „Nimm ihn dir, und dann sieh zu, daß wir uns nie wieder begegnen. Ich will dein verlogenes Gesicht nicht mehr sehen.“
Sie hatte nur noch Augen für den Zahn. Als Carberry sich umwandte, schrie sie auf: „Du Lügner, du elender Mistkerl! Der Zahn ist falsch! Du hast wohl geglaubt, ich würde das nicht bemerken? Dir kratze ich die Augen aus!“
Ehe der verdutzte Profos reagieren konnte, sprang sie ihn von hinten an und grub ihm ihre Fingernägel ins Gesicht. Sie wurde zur Furie, dennoch zögerte Carberry, sie einfach niederzuschlagen.
Die Arwenacks standen bloß da und gafften. Der Profos und die Frau, die ihm derart zusetzte, waren schließlich ein einmaliger Anblick.
Keiner hatte bemerkt, daß fünf Singhalesen an Deck erschienen waren. Prompt griffen sie ein und zerrten die heftig widerstrebende Dina von Carberry weg, wohingegen die Arwenacks nur grinsten und keinen Finger rührten, um ihrem Profos zu helfen.
Der hasenschartige Tipu bückte sich vor der Gräting und hob, den Zahn auf, den die Frau achtlos weggeworfen hatte, Aufgeregt begann er auf die anderen einzureden. Natürlich mußte ihm klar sein, was geschehen war und daß Dina versucht hatte, ihre Begleiter zu betrügen.
Mit der flachen Hand schlug er sie ins Gesicht. Dina kreischte und tobte und verwandelte sich endgültig in eine geifernde Hexe.
Carberry wurde davon merkwürdig berührt. Er fragte sich, was die Singhalesen mit ihr anstellen würden, aber als sie die Frau ans Schanzkleid zerrten, griff er zu spät ein und konnte nicht mehr verhindern, daß sie außenbords geworfen wurde.
Prustend und spuckend tauchte Dina auf, sackte ein zweites Mal ab, begann dann jedoch ruhig zu schwimmen.
Die verfolgenden Boote waren nahe. Sie würde auf einem davon an Bord gehen und die Überfahrt nach Mannar fortsetzen können.
Die Singhalesen an Deck der Schebecke brüllten aus Leibeskräften nach achtern. Zweifellos berichteten sie ihren Landsleuten, was vorgefallen war.
Dina hatte inzwischen eine der Pattamars erreicht. Im selben Augenblick stockte Carberry der Atem. Die Männer auf der Pattamar schlugen mit ihren Riemen auf die hilfesuchende Frau ein. Sie ließen ihr nicht die geringste Chance.
Keiner der Arwenacks hatte eine Möglichkeit, noch einzugreifen. In ohnmächtigem Entsetzen mußten sie mit ansehen, wie Dina für ihre Gier büßte. Vergeblich versuchte sie, sich von der Bordwand abzusetzen, aber die Schläge hagelten zu dicht auf sie nieder. Sie sackte weg.
Edwin Carberry wandte sich ab. „Hilf ihr, Herr!“ murmelte er in einem stillen Gebet.
Was geschehen war, hatte er nicht gewollt. Er hatte es aber ebensowenig voraussehen können.
Viele Menschen hatte er schon sterben sehen. Immer war er davon irgendwie berührt worden. Aber diesmal war es ganz anders.
Erschüttert verschwand er unter Deck und war froh darüber, daß ihn niemand ansprach.
Während der Profos vorübergehend mit sich selbst allein sein wollte, dankte keine dreihundert Yards entfernt ein unglaublich dürrer Mann der Vorsehung, daß sie ihn vor dem Tod bewahrt hatte. Nicht mal mehr die auf seinem Kopf eintätowierte Karte des Tempels von Kandy bereitete ihm noch Kopfzerbrechen.
Er hatte seine Pläne geändert. Daß er sogar Gegner zu überzeugen verstand, bewies die Tatsache, daß er noch lebte. Nur hin und wieder spürte er noch Schmerzen. Die Männer der Stadtwache von Tuttukuddi hatten ihm übel zugesetzt.
Zur Zeit hielt er sich in einer Pattamar verborgen, die ihn nach Mannar bringen würde, es war besser, wenn die Engländer glaubten, Malindi Rama sei tot.
Sein Traum von Macht und Reichtum war noch lange nicht ausgeträumt.
Schon am frühen Vormittag erschien aus Nebelschleiern an Backbord die niedrige, teilweise bewaldete Mannar-Insel.
Die Stadt Mannar lag im Südosten vor einem trockenfallenden Fahrwasser. Der Hafen selbst wirkte alt und ungemütlich. Aber das war es nicht, was die Arwenacks störte. Unbehagen bereiteten vielmehr die beiden im innersten Teil des Hafens liegenden Schiffe, eine Galeone und eine Karavelle. Durchs Spektiv war zu erkennen, daß eine die spanische und die andere die portugiesische Flagge im Topp führten.
„Wenn das keinen Ärger bedeutet“, murmelte der Seewolf, bevor er Alokeranjan den „heiligen Zahn Buddhas“ wieder aushändigte.
Das Anlegemanöver nahm geraume Zeit in Anspruch. Inzwischen hatten viele der verfolgenden Schiffe schon vertäut. Am Kai strömten die ersten Singhalesen zusammen …
ENDE

1.
Kapitän Killigrew sah die Menschenmenge, hörte ihr aufgeregtes Lärmen und brauchte nicht lange darüber nachzudenken, was der Volksauflauf bedeutete. Sie waren wieder mal in einen Hafen gesegelt – und mitten hinein in die größten Schwierigkeiten.
„O großer, sanftmütiger Buddha“, sagte Hasard und stieß einen langen Seufzer aus. „Warum bist du nicht zahnlos geblieben?“
Er fügte einen langen, grimmigen Fluch hinzu, wie ihn die Fischer an Cornwalls Klippen gebrauchten, dann gab er sich einen Ruck. Die Arwenacks würden sich auch dieser Herausforderung stellen müssen.
Die Nachricht, daß an Bord der Schebecke die heilige Reliquie, Buddhas Weisheitszahn vom Bo-Baum, nach Mannar zurückgebracht worden war, raste in Blitzeseile durch die Stadt. Von allen Seiten strömten Menschen herbei. Die Schebecke befand sich längst im Mittelpunkt einer wütenden und schreienden Menge.
Die Seewölfe hatten den Ärger in Tuticorin oder Tuttukuddi, wie die Eingeborenen den Ort nannten, gut überstanden. Jetzt hatten sie glücklich Mannar erreicht, und der Hafen verwandelte sich in einen Hexenkessel.
„Die schwarze Kali soll diesen dreimal verdammten Malindi holen!“ rief Don Juan de Alcazar. „Und ausgerechnet jetzt, während die Kerle schon ihre Prügel schwingen, fängt die Ebbe an, aus diesem verlausten Hafen abzulaufen.“
Im innersten Teil des Hafens lagen zwei Schiffe, eine Galeone und eine Karavelle. Der erste Blick durch die Spektive hatte gezeigt, daß eine die spanische, die andere die portugiesische Flagge führte. Beide Schiffe boten der Schebecke die Breitseite. Noch waren die Stückpforten an Backbord geschlossen.
Aber auch das, fürchtete Hasard, würde sich rasch ändern, wenn die Portugiesen und die Dons erfuhren, mit wem sie es hier zu tun hatten.
„Was bedeutet“, sagte der Seewolf, „daß wir selbst hier, an dieser vergammelten Mole, trockenfallen werden.“
„Ein Unglück kommt selten allein“, erklärte Don Juan düster.
Die Insel Mannar, niedrig und von offenbar dichtem Waid bedeckt, breitete sich in Westostrichtung aus. Der Ort und der kleine Hafen befanden sich fast am östlichsten Ende. Von der Pamban-Insel bis zum westlichsten Punkt Mannars erstreckte sich, länger als fünfzehn Seemeilen, eine Barriere aus Sand und Felsen. Und zwischen der Küste der riesigen Insel Ceylon und dem Ort Mannar würde man in ein paar Stunden über Schlick und Sand zu Fuß hinüberwaten können.
„Was geschieht jetzt? Wenn wir ablegen, gibt es ein Gemetzel“, sagte Ben Brighton.
„Ich sehe noch nicht klar“, erwiderte Hasard.
Die Seewölfe, die nach dem Anlegen das Schiff aufklarten, beobachteten die wütende Menge, die ihrerseits noch unentschlossen war, ebenso unentschlossen wie die Arwenacks. Trotz der schwülen Mittagshitze, hasteten die Inder, Singhalesen und Ceylonesen hin und her, gestikulierten und deuteten immer wieder zu der Schebecke. Aus den vielen Booten, von denen die Schebecke nach ihrem Auslaufen aus Tuticorin verfolgt worden war, enterten die Besatzungen an Land.
Die Bohlen, Bretter und Bambusrohre des alten Stegs knarrten unter dem Gewicht der vielen Körper.
„Das ist eine regelrechte Belagerung“, sagte der Profos.
„Wenn jemand das falsche Wort sagt oder das Falsche tut“, warnte der Seewolf halblaut, „dann ist es wie ein Funke am Pulverfaß.“
Noch befanden sich die „Hüter des heiligen Zahnes“ an Bord. Daß sie Dina über Bord geworfen und ihren schrecklichen Tod verschuldet hatten, rührte sie nicht, so schien es.
Die Segel waren ins Gei gehängt worden, Festmacher hielten die Schebecke an den modrigen Baumstämmen. Der Bug des Schiffes zeigte hinaus in den Golf von Mannar, aber dieser Umstand würde auch keine schnelle Flucht ermöglichen.
„Was schreien diese Rübenschweine?“ polterte der Profos und war ebenso ratlos wie der Rest der Crew.
Hasard junior übersetzte: „Lauter schmeichelnde Bezeichnungen, Ed. Wir sind Mörder und Räuber.“
„Und wir haben aus den Tempeln der Inder Gold und Schmucksteine gestohlen.“ Das hatte Philip junior aus den Rufen der Menge heraushören können.
„Und wir haben uns gegen Buddha und die Religion versündigt“, sagte der andere Zwilling nach einer Weile.
„Blödsinn“, knurrte Carberry und reckte angriffslustig das Kinn vor. „Die wissen genau, daß das nicht stimmt, diese Hohlköpfe.“
Er erwartete keine Antwort und erhielt auch keine.
Ohne daß es von den aufgeregten Eingeborenen oder den Seewölfen wahrgenommen wurde, öffnete sich auf der portugiesischen Karavelle eine Stückpforte. Dahinter bewegten sich Gestalten. Sie hantierten mit Ladewerkzeug und Pulverfäßchen.
Bis auf zwei Abschnitte, an deren steilen Ufern sich altersschwache und ungepflegte Stege und nachlässig gemauerte, bemooste und algenüberwucherte Molen befanden, zeigten sämtliche Ufer, daß der Hafen Mannars weder groß noch, bedeutend war. Wohin die Arwenacks auch blickten, überall sahen sie angeschwemmtes Treibgut, trocknende Haufen aus Tang, Schlamm, Sand und Schlick.
Eine Straße zog sich von den ersten Hütten und Häusern der Stadt in die Richtung auf die kleine Bucht und gabelte sich dort. Ein breiter Pfad führte dorthin, wo die Karavelle und die Galeone angelegt hatten, der andere endete vor dem Steg und den Pollern, an denen die Schebecke lag. Aus der Siedlung erschienen noch immer Inder oder Ceylonesen. Sie liefen dorthin, wo sich die größere Menge Menschen befand.
„Unsere Gäste gehen von Bord, Sir“, sagte Ben Brighton säuerlich.
„Hoffentlich für alle Zeiten“, gab Hasard ebenso wütend zurück.
Die Inder, an ihrer Spitze der schmächtige Alokeranjan, kletterten flink über das Schanzkleid auf den Steg. Bisher hatten sie mit den Leuten an Land gesprochen, in einem Dialekt, den niemand verstand. Aber es gehörte nicht viel Sprachkenntnis dazu, herauszufinden, über was sie schnatterten und schrien. Augenblicklich scharten sich um die Passagiere ganze Trauben von Singhalesen.
Hasard wandte sich an Ben.
„Wir müssen darauf gefaßt sein, daß sie über uns herfallen“, sagte er zwischen halb geschlossenen Lippen. „Schicke unsere Leute unter Deck. Sie sollen sich bewaffnen. Aber ohne Aufregung.“
Ben nickte. Er war erleichtert und hatte längst seine Pistole hinter den Gürtel gesteckt. Er enterte auf die Kuhl ab und sprach leise mit Higgy, Sven Nyberg und Batuti.
Die drei nickten ebenfalls und versuchten, möglichst unauffällig den Befehl weiterzugeben.
Don Juan de Alcazar und Hasard standen auf dem Grätingsdeck. Von dieser Stelle gab es den besten Überblick und den größten Abstand zu der Menschenmenge. Etwa zweihundert Frauen und Männer hatten sich mittlerweile versammelt, und es wurden immer mehr. Unter ihren nackten Füßen wirbelten Staubwolken auf und trieben träge auf die Schebecke zu.
„Ich würde nicht eine Sekunde lang zögern“, sagte Hasard, „ablegen zu lassen, wenn nicht ein Blutbad die Folge wäre.“
„Du hast recht, Sir“, sagte der Spanier leise. „Und wahrscheinlich haben wir in Kürze auch noch die Portus und meine Freunde, die Dons, auf dem Hals.“
Ihre Blicke glitten unruhig hin und her. Sie suchten nach einem Ausweg aus der mißlichen Lage. Was sie sahen, half ihnen nicht und zeigte nur, daß sie an einem ziemlich gottverlassenen Winkel festsaßen.
Ein dichter Halbkreis aus ineinandergeschobenen Booten und Schiffchen umgab die Schebecke und blockierte sie. Mißtrauisch beobachteten die Bootsbesatzungen jede Bewegung der Fremden.
Don Juan sah, daß einer der Arwenacks nach dem anderen wieder an Deck erschien, ein betont gleichgültiges Gesicht zog und sich ausreichend bewaffnet hatte.
In gerader Linie, vom Achterdeck der Schebecke über die beiden fremden Schiffe hinweg, duckten sich unter den mächtigen Ästen der Bäume langgezogene Häuser oder Lagerschuppen. Sie wirkten ebenso verwahrlost wie alles andere in diesem Hafen. Der nächste Sturm, der große Brecher über die Korallenbänke und Untiefen treiben würde, schien die Hütten zerstören zu können. Die beiden Straßenabschnitte waren von Häusern gesäumt.
Wo sie sich gabelten, befand sich das erste Haus, das man als stattlich bezeichnen konnte.
Es war auf einem Sockel aus Steinquadern errichtet. Das Mauerwerk bestand aus Ziegeln unterschiedlicher Farbe, die in waagerechten Schichten aufeinanderlagen und im Sonnenlicht leuchteten. Die Läden vor den Fenstern sahen aus, als wären sie erst vor kurzer Zeit grün und weiß gestrichen worden.
Auf dem flachen Teil des Daches standen einige Singhalesen und hatten einen ausgezeichneten Blick über den Hafen und die Sände zwischen Mannar und der ceylonesischen Küste. Die Brecher, die darüber hinwegfegten, wurden niedriger und kraftloser, je mehr die Ebbe ablief.
„Wir bleiben hier“, entschied Hasard. „Wir müssen die fanatischen Kerle überzeugen. Mit Gewalt richten wir nichts aus.“
„Sehe ich nicht anders, Sir“, meinte Ben Brighton. „Hoffentlich spielen die Inder mit.“
Wenn die Ebbe eintrat, würde nur ein kleiner Teil des Hafens nicht trockenfallen. Es war ein mäßig breiter Kanal entlang des westlichen Ufers, keine fünfzehn Yards breit. Sowohl die Schebecke als auch die Karavelle und die kleine Galeone würden ihre Kiele nicht in den Schlick setzen. Aber für die Dauer des niedrigen Wasserstandes waren sie zur Bewegungslosigkeit verurteilt.
Hasard richtete das Spektiv auf die Karavelle und betrachtete sie schweigend, aber in zunehmender Besorgnis.
„Das war zu erwarten“, sagte er halblaut. „Sie haben fast alle Geschütze ausgerannt.“
„Auf diese Entfernung muß der dümmste Stückmeister, auch wenn er schielt, genau treffen“, sagte Don Juan.
Er brauchte Hasard nicht darauf hinzuweisen, daß die Schebecke der Karavelle das Heck darbot. Um eine Breitseite feuern zu können, würden sie Bug oder Heck um neunzig Grad herumschwenken müssen. Ob dieses Manöver ausgeführt werden konnte, stand in den Sternen.
Der treibende Staub stank abscheulich, kitzelte in der Nase und legte sich ätzend auf Zunge und Lippen. Die Menschenmenge war leiser geworden, ein wütendes Schweigen breitete sich aus. Über die Straße eilten jetzt nur noch einzelne Singhalesen.
Ferris Tucker schob sich zum Niedergang und rief zum Achterdeck hinauf: „Das haben wir diesem Schuft Malindi zu verdanken. Ich sage euch, der lebt noch und versteckt sich irgendwo.“
„Aber nicht unter Deck!“ rief der Moses. Er war ebenso unruhig wie jeder auf dem Schiff, und er spürte, daß sich in der brütenden Hitze des Mittags die Wut der Eingeborenen steigerte. Nicht viel weniger als dreihundert Leute standen am Ufer, auf dem Steg und im staubbedeckten, niedergetrampelten Gras.
„Woher wissen sie sonst, daß wir Gold geladen haben?“ sagte Old Donegal Daniel O’Flynn, der sich ans Backbordschanzkleid zurückgezogen hatte und auf dem Rohr einer Culverine hockte.
„Wir haben ihn im Laderaum erwischt“, sagte Ben Brighton. „Und er ist über Bord gesprungen und in Tuttukuddi halb totgeschlagen worden. Ich kann mir nicht vorstellen, daß ihn jemand mit an Bord genommen hat.“
Die fanatischen Gläubigen in einigen Booten stimmten einen Singsang an, der die Menge anstacheln sollte. Der Weisheitszahn Buddhas war von Bord, vielleicht setzten sich die „heiligen Männer“ endlich in Bewegung und brachten ihn ins Heiligtum zurück, nach Kandy im Landesinneren. Sie hatten es jedenfalls noch nicht eilig damit.
Jung Hasard enterte zu seinem Dad auf und fragte bekümmert: „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Ich versuche, mit ihnen zu reden. Aber sie starren mich nur an, als ob sie ihre eigene Sprache nicht verstünden.“
„Weil sie nicht verstehen wollen“, erwiderte ihm der Spanier. „Der Buddha-Zahn ist unwichtig. Sie wittern das Gold.“
„Sie wittern nicht“, sagte der Seewolf. „Sie wissen, daß es unter Deck ist.“
„Von Malindi wissen sie es“, pflichtete ihm der Erste bei.
„Wahrscheinlich hat sich dieser Hundesohn sein Leben oder seine Freiheit mit diesem Verrat gekauft“, sagte der Seewolf, schob das Spektiv zusammen und verstaute es. Er hatte genug gesehen. Sämtliche Stückpforten beider Schiffe waren offen, alle Geschütze waren ausgerannt. Die Mündungen starrten schwarz und drohend nur in eine Richtung – zur Schebecke.
„Malindi lebt“, sagte Don Juan. „Oder sie haben ihn nach dem Verrat totgeschlagen.“
Der Profos hatte jedes Wort mitgehört und verstanden. Er hob die Faust und drohte: „Wenn er noch am Leben ist und ich ihn erwische, hole ich das nach.“
„Klar“, brummte Old Donegal. „Einen Toten kannst nicht mal du totschlagen, Eddylein.“
Auf einmal zeigten mehrere Ceylonesen auf den Kapitän der Schebecke. Das Geschrei nahm ab, noch mehr Köpfe drehten sich zum Heck des Schiffes. Nur der schaurige Gesang aus den Booten hörte nicht auf.
Der Seewolf hob den Arm und rief in gebrochenem Hindi: „Seid still! Hört mir zu, Leute!“
Hasard junior holte Luft. Wahrscheinlich würden er und sein Bruder beim Dolmetschen aushelfen müssen. Es dauerte nur ein paar Atemzüge, dann hatten sich die Leute aus Mannar dicht an das Schiff herangeschoben und stießen und drängelten. Ihre Wut und die Gier waren fast körperlich zu spüren.
Hasard versuchte, die Aufregung und Spannung in eine andere Richtung zu steuern, als er erklärte: „Wir haben die Männer hierhergebracht, die den heiligen Zahn Buddhas bei sich tragen. Sie wollen nach Kandy, zum Heiligtum. Begleitet sie dabei, helft ihnen.“
Hasard junior half mit seiner Übersetzung. An den Gesichtern der Singhalesen konnte er sehen, daß sie verstanden hatten. Kaum hatte er zu sprechen aufgehört, erhob sich wieder wildes Geschrei. Kein Wort verstand er von dem Brüllen, dem Geschnatter und der Aufregung. Aber die Gesichter drückten, zusammen mit den geschwungenen Knüppeln, Stöcken und blitzenden Dolchen viel mehr aus als jedes verständliche Wort.
Schließlich schoben die Leute aus Mannar einen hageren, langbärtigen Mann nach vorn. Sein Kopf war fast kahl und mit Asche verschmiert, das lange Haar hing in langen, dünnen Zöpfen auf die Schultern. Er trug nur ein zusammengerolltes, zerrissenes und unglaublich schmutziges Hüfttuch.
„Wir wollen das Gold haben, das ihr aus unseren Tempeln geraubt habt!“ schrie er mit finsterer Stimme.
„Jeder von euch“, Hasard junior zeigte auf einige Männer, die einigermaßen vernünftig und ruhig wirkten, „weiß genau, bei den acht kalten und acht heißen Höllen, daß wir die Tempel nur von fern gesehen haben. Nicht ein Gramm Kupfer haben wir irgendwo gestohlen. Ihr wißt das.“
Wieder verstanden einige Arwenacks wenigstens einen Teil der Flüche, Vorwürfe und Anschuldigungen.
„Diebe!“
„Tempelschänder!“
„Fremde Goldräuber!“
„Die schwarze Kali wird euch strafen.“
„Wir holen uns das geraubte Gold!“
„Und das Silber!“
Fäuste reckten sich in die Höhe. Die Menge schob sich noch näher an die Bordwand heran. Schweigend, aber entschlossen stellten sich die Seewölfe entlang des Steuerbordschanzkleides auf und packten die Griffe der Blankwaffen, die Belegnägel und Rundhölzer fester.
Al Conroy stand mit unglücklichem Gesichtsausdruck hinter der Drehbasse auf der Back und wußte, daß der erste Schuß tatsächlich ein Blutbad hervorrufen würde. Es war für ihn so etwas wie Massenmord. Keiner der Eingeborenen besaß eine Schußwaffe.
Der Seewolf schrie seinen Söhnen etwas zu. Seine Stimme übertönte fast den Lärm.
„Sagt ihnen, daß Malindi ein Lügner sei. Daß sie auch das ganz genau wissen.“
„Aye, Sir.“
Die Zwillinge vollführten ebenso wie ihr Dad abwehrende Gesten und begannen einzusehen, daß jeder Versuch sinnlos war. Die leiernden Beschwörungslieder aus den Booten riefen bei den Arwenacks eine Gänsehaut hervor. Neben dem Niedergang hob Plymmie den Kopf und heulte steinerweichend dazu. Der Irrsinnsspektakel nahm kein Ende, als Philip und Hasard junior dolmetschten.
„Malindi sagt die Wahrheit. Wir holen uns das Gold! Ihr seid Lügner und Diebe“, war zu verstehen.
Die Entfernung zwischen dem Anlegeplatz der Karavelle und demjenigen, an dessen Pollern die Schebecke leicht dümpelte, betrug nicht viel mehr als tausend Schritte.
Etwa zwei Dutzend Portugiesen und Spanier, mit Pistolen und Musketen bewaffnet, eilten im Laufschritt durch den Staub auf die Menschenmenge zu. Es mochte Zweifel darüber geben, was sie vorhatten, aber kaum einer an Bord glaubte an ehrenhafte Absichten.
Einige Inder sahen die Seeleute nahen und schrien ihre Beobachtung dem Nachbarn ins Ohr. Ein einziger Schrei tönte durch die zusammengedrängten Belagerer. Die Mutigsten schwenkten die Knüppel und ließen sich von den Hintermännern anschieben. Plötzlich sprangen fast gleichzeitig mindestens dreißig Hindus aufs Schanzkleid hinunter und von dort auf die Decksplanken.
„Werft sie auf den Steg zurück. Ar – we – nack!“ röhrte der Profos und drosch mit dem Belegnagel auf den ersten Schädel, der vor ihm auftauchte. Plymmies Jaulen verwandelte sich in ein kurzes, grollendes Knurren, dann sprang die Wolfshündin mit zurückgelegten Ohren und weit aufgerissenem Rachen an den Seewölfen vorbei auf die Singhalesen zu.
Zwischen der Heckgalerie und der Back verwandelte sich binnen zweier Atemzüge das Deck in ein Schlachtfeld.
Bisher war noch kein Blut geflossen. Doch das konnte sich jeden Augenblick ändern.
Philip Hasard Killigrew packte zwei spindeldürre Eingeborene an den Oberarmen, riß sie zu sich heran und schlug ihre Köpfe zusammen. Er bückte sich, stemmte den ersten in die Höhe und kippte ihn über die Heckgalerie. Der zweite folgte einige Sekunden später. Knapp neben dem Ruderblatt ertönten gellende Schreie, die Geräusche zerbrechender Holzteile und lautes Plätschern. Hasard riß den Cutlass aus der Scheide und wehrte den Hieb einer langstieligen Axt mit der Blankwaffe ab.
Ben Brighton hämmerte seine Faust in den Bauch eines zahnlückigen Ceylonesen, der auf das Grätingsdeck gesprungen war und ihn zusammen mit einem langen, hageren Mann angriff. Don Juan fegte mit einer gewaltigen Ohrfeige den zweiten Angreifer über die Stufen des Niederganges hinunter und in eine Gruppe braunhäutiger, schwitzender und staubbedeckter Singhalesen.
„Du bist gerade richtig, mein Freund“, keuchte der Erste, packte den zusammensinkenden zahnlückigen Kerl und hob ihn am Oberarm und am Knie in die Höhe. Er stemmte ihn über seinen Kopf und schleuderte ihn als lebendiges, aber recht willenloses Geschoß in die Menge auf den knirschenden und schwankenden Steg zurück.
Der ersten Welle vom Land folgten die zweite und dritte.
Die Hindus erkannten, daß sie nur in der Überzahl siegen konnten. Allein hätte sich keiner vorgewagt. Doch sie vertrauten darauf, daß die große Menge die gleiche Wirkung haben würde wie eine mächtige Brandungswelle.
Edwin Carberrys Riesengestalt tauchte aus dem Gewimmel von Köpfen mit blauschwarzem Haar auf. Er hielt noch immer den Belegnagel in der Pranke und drehte sich langsam. Mit der linken Hand zerrte er im Haarschopf eines Kerls, der sich an seine Schultern klammerte und versuchte, ihm die Kehle zuzudrücken. Das Hartholz hob und senkte sich, der Arm des Profosen schien sich in einen Hammer mit Gelenken verwandelt zu haben. Die trockenen Geräusche, mit denen der Belegnagel auf die Köpfe traf, gingen im Lärm unter.
Ein Inder tanzte, soweit es der Platz zwischen den Culverinen zuließ, von einem Fuß auf den anderen. Er wußte nicht, welche Wade er zuerst festhalten sollte. Beide hatten tiefe Bißwunden von Plymmie. Schließlich rutschte der Kerl in seinem eigenen Blut aus, und seine Leute traten ihm auf die Schultern, in den Bauch und auf die Brust.
Um Carberry herum bildete sich ein annähernd runder Wall aus braunen Körpern. Er holte würgend Luft, sprang schnell rückwärts und ließ den Körper auf seinem Rücken mit voller Wucht gegen den Großmast krachen.
„Du Affenarsch, goldgieriger!“ fluchte er, bückte sich und fing an, die bewußtlosen Inder als Wurfgeschosse einzusetzen. Er hatte genügend Ziele.
In der Nähe des Fockmastes wütete Ferris Tucker, dessen Haar im Sonnenlicht wie Kupfer zu brennen schien. Er war noch nicht richtig in Wut geraten, denn er handhabte die langstielige Zimmermannsaxt sehr schonend, nämlich mit der flachen Seite.
Die Axt beschrieb Kreise und Halbkreise. Nicht mal Roger Brighton riskierte, in die Nähe dieses Werkzeugs zu geraten.
Inzwischen schien kein Platz mehr an Deck zu sein. Man sah nur noch ein Gewimmel aus schwarzbehaarten Köpfen und braunen Körpern sowie die größeren und hellhäutigen Gestalten der Seewölfe, aber kaum eine Handbreite der Decksplanken. Überall prügelten die Eingeborenen auf die Seewölfe ein, und die Mannen der Schebecke wehrten sich. Sie versuchten tatsächlich, ein Blutbad zu vermeiden.
Batuti hatte seinen Bogen in einen Winkel geworfen, hielt eine Spillspake in beiden Händen und wütete unter den Singhalesen.
Plötzlich ertönte ein Geräusch, das die Prügelei für wenige Augenblicke unterbrach.
Einer der Portugiesen oder Spanier hatte die Muskete abgefeuert. Eine beängstigende Stille trat nach dem peitschenden Knall ein. Roger Brighton wirbelte herum, kippte den heftig um sich schlagenden Angreifer an Backbord über das Schanzkleid und blickte dann schwer atmend in die Richtung, aus der er den Schuß gehört hatte.
Die Mündungen von mehr als zwei Dutzend Waffen deuteten auf das Gewimmel an Deck der Schebecke.
„Diese verfluchten Geier!“ stieß Dan O’Flynn hervor und blies auf die abgeschürften Fingerknöchel. „Die mischen sich auch noch ein. Jetzt hört der Spaß wohl endgültig auf.“
Er holte aus und trat einem Singhalesen ins verlängerte Rückgrat. Der Kleine schoß zwischen dem Kutscher und Mac Pellew hindurch, die einträchtig Schulter an Schulter kämpften. Mit einem trockenen Krachen schlug sein Schädel gegen eine der Lafetten. Der Inder blieb liegen und rührte sich nicht mehr.
2.
Ginjal Chand hatte die Finger in seinem Bart vergraben, wühlte in den weißen Haaren und betrachtete schweigend die Szenerie, die sich ihm bot. Von seinem Platz aus überblickte er alles. Er wußte nicht, was er davon halten sollte, was es für ihn und Mannar bedeutete. Nur eins erkannte er deutlich: es war wichtig. Es würde, wenn es vorbei war, vieles verändern.
Sein Schreiber – er hieß Arun – stand, wie es Sitte war, drei Schritte hinter ihm und schwieg ebenfalls.
Chands großes Haus, einen Steinwurf von der Straßengabelung entfernt, stand an der höchsten Stelle über dem Hafen und dem Sand, der im Wechsel der Gezeiten langsam trockenfiel. Aus dem Wald, der die niedrige Insel bedeckte, wehte ein frischer, kühler Hauch.
„Die Verrückten, die Portugiesen und die Besatzung der spanischen Galeone überfallen die Fremden“, sagte Chand schließlich. „Ich fürchte, die Fremden ziehen den kürzeren, bei der blutigen Kali.“
„So ist es. Du hast recht, Herr“, stimmte der Schreiber Arun zu. „Die Fremden haben zwölf Kanonen.“
„Die sie nicht abfeuern. Sie wollen kein Blutvergießen. Ich wünschte, sie würden diese Betrüger damit verjagen.“
„Buddhas Gnade ist groß. Vielleicht ändern sich bald die Umstände“, meinte Arun unterwürfig.
Vielleicht hat er sogar recht, sagte sich der Handelsherr. Er merkte, daß er einzelne Haare aus seinem Bart rupfte, und hörte auf, mit den Fingern unter dem Kinn herumzuzerren.
Natürlich hatten die Diener, kaum daß das fremde Schiff und die vielen kleinen Boote im Hafen erschienen waren, alle Gerüchte gehört und im Haus verbreitet. Chand hatte ihnen verboten, sich um die Fremden zu kümmern. Wahrscheinlich verfluchten sie ihn deshalb, aber das alles ging weder sie noch die Frauen etwas an. Wenn jemand, vielleicht, damit etwas zu tun hatte, dann war er es, der wichtigste Handelsherr dieser unbedeutenden Siedlung.
„Abwarten“, sagte er. „Was wir sehen, ist erst der Anfang.“
„Ja, Herr“, erwiderte der Schreiber. „Die Götter werden entscheiden, was im Hafen wirklich geschieht.“
„Nichts anderes. In den sieben Stunden bis zur Nacht, in der Nacht selbst und am nächsten Tag kann vieles geschehen. Buddha weiß es.“
„Nur wer seinen Lehren gehorcht, wird glücklich sterben“, sagte der Schreiber. Er wirkte wie das Echo seines Herrn.
„Noch ist dort unten niemand gestorben“, murmelte Chand und stützte sich schwer auf die gemauerte Brüstung des Daches.
Der heilige Zahn Buddhas, dachte er. In seinem Leben hatte er – inzwischen wußte er es genau – etwa zwei Dutzend Betrüger und Betrügerinnen kennengelernt, die das Volk mit Reliquien beglückt hatten: es gab da so erstaunliche Dinge wie Kalis elften Arm, Buddhas Locke, seine Zehennägel oder den Rubin aus seinem heiligen Nabel. Es gab die Schalen des gewaltigen Eies vom Vogel Rock und falsches Gold, unechtes Silber, angeblich heilige Schriften und ähnlich bizarre Gegenstände.
Jeder davon diente nur einem Zweck: Die Betrüger waren scharf auf die Spenden der gläubigen, einfachen Menschen. Sie ließen sich von ihnen einkleiden, aßen an deren Feuern, zählten die Münzen und verbreiteten fabelhafte, phantasiereiche Geschichten. Meist verschwanden sie, wenn sie die Gläubigen ausgeplündert hatten, auf Nimmerwiedersehen. Hin und wieder konnte man ihnen Betrug nachweisen, und die Menge steinigte, erdrosselte oder zerstückelte sie.
Jetzt ging es um Buddhas Zahn.
Und, so bemerkte der Handelsherr voller Grimm zu sich selbst, um das angeblich geraubte Silber und Gold aus vielen Tempeln.
„Die Wahrheit ist böse“, sagte er schließlich.
Arun griff diesen Spruch prompt auf und vollendete: „Und sie hat es schwer, sich durchzusetzen. Deswegen gelangt Wahrheit auch lange nicht an das Licht der Sonne.“
„Wahr gesprochen“, sagte Chand und beobachtete weiterhin das seltsame aufgeregte Treiben. Die Menschen waren, von der begrünten Terrasse aus gesehen, so klein wie Käfer, und die Schiffe nicht größer als Bananenschalen oder Kokosnußhälften.
Aber das Geschrei hörte er bis hier herauf.
Zwischen dem äußersten Ende des indischen Halbkontinents, von der Pamban-Insel ausgehend und in einem sanften Bogen nach Osten weisend, erstreckte sich jene Barriere aus Sand, Schlick und Fels, rund fünfzehn Meilen lang, an einigen Stellen bis zu zwei Seemeilen tief. Sie berührte am östlichen Ende die Mannar-Insel, und die Passagen waren selbst von Fischern gefürchtet.
Entlang der Mannar-Jnsel, im Bilden, hatten die Arwenacks herrliche Strände gesehen, weißer und gelber Sand, fein und sauber wie in der Karibik, und auch die Palmen dahinter und die Lagunen sahen nicht anders aus. Fast jeder dieser Strände war einsam gewesen, leer und verlockend. Jetzt, nachdem sie die Brandung hinter sich gelassen und das schwierige Fahrwasser überwunden hatten, lagen sie in diesem unbedeutenden Hafen fest, der sich als tödliche gefährliche Falle entpuppte.
In diesen Sekunden dachte fast jeder Arwenack nur eines: verdammtes Indien! Verdammtes Ceylon! Verdammter Buddha-Backenzahn!
Und jeder Seewolf verfluchte Malindi.
Bevor sich die Lage drastisch änderte, versetzte Edwin Carberry dem Eingeborenen, der einen Dolch schwang, noch eine milde Abart des Profoshammers. Die Sonderausführung hätte dem schmächtigen Rübenschwein den Kopf abgerissen. Der Störenfried wurde schräg in die Höhe gehoben, berührte mit dem Hintern die Oberkante des Schanzkleides und landete auf einem schreienden Kerl, der wie ein fanatischer Asket aussah und Streifen aus weißer Farbe quer über der Brust trug.
Beide gingen auf den Planken des Steges zu Boden, rutschten ein paar Fuß weit und jagten sich lange Holzsplitter unter die Haut, Brüllend stürzte der hagere Asket auf der anderen Seite ins flache Wasser.
Dann wandte auch der Profos seine düsteren Blicke in die Richtung der Bewaffneten.
Kapitän Killigrew sah, daß wenigstens vorübergehend der Platz um ihn herum auf dem Grätingsdeck frei von Angreifern war, jedenfalls von solchen, die sich noch bewegten und gefährlich werden konnten.
Er faßte einen Mann, der wie ein Offizier oder Bootsmann aussah, ins Auge und schrie: „Was mischen Sie sich ein? Wollen Sie uns helfen? Und zielen Sie mit ihren verrosteten Schießprügeln gefälligst nicht auf mich!“
Die Portugiesen und Spanier – wer Angehöriger welcher Nation war, ließ sich von hier aus nicht unterscheiden – grinsten und bewegten die Feuerrohre nicht um eine Fingerbreite.
„Und was suchen Sie in unserem Hafen?“ brüllte der Anführer zurück. Er sprach ein verständliches Spanisch, das sich im Verkehr mit den Singhalesen, Indern und Ceylonesen reichlich abgenutzt hatte.
„Nichts, gar nichts. Wir wollen nur wieder ablegen. So schnell wie möglich. Und mit Ihnen wollen wir keinen Ärger“, entgegnete der Seewolf.
Kaltschnäuzig erklärte der Mann: „Die spanische Krone hat die Aufgabe übernommen, die Eingeborenen an den Küsten und im Landesinneren derjenigen Länder, die wir beherrschen, vor fremder Willkür zu schützen.“
„Fremde Willkür?“ rief Don Juan und bückte sich, um seinen Degen aus dem Holz der Planken zu ziehen. „Sie reden gestochen schönen Unsinn, Señor!“
„Und wer wirft mir eigentlich Willkür vor? Wir werden überfallen, nicht die Mannar-Leute von uns. Oder hat sich in der tropischen Sonne Ihr Augenlicht getrübt, Señor?“ rief Hasard.
„Keineswegs. Mein überaus scharfer Blick sagt mir, daß Ihre Verfolger recht haben. Sie sind derjenige, der die Schwarze Pest über das Land gebracht und im Schutz dieses grausamen Debakels die Tempel geplündert hat. Sie und Ihre gottlosen Männer.“
Der Verdacht, daß die Dons und Portugiesen mit den verschlagenen Anführern der aufgebrachten Menge gemeinsam hinter der Ladung der Schebecke her waren, war also gerechtfertigt gewesen. Woher wußten sie von der Ladung des Ischwar Singh?
„Lassen Sie uns mit den Eingeborenen selbst fertig werden“, sagte Hasard. Er begann einzusehen, daß er in der schlechteren Position war.
„Sie sind es, der die armen, unbewaffneten Eingeborenen totschlagen läßt“, lautete die Antwort.
Rede und Gegenrede waren sinnlos. Das erkannte jeder, der zuhörte und verstand. Auf den tiefer liegenden Decks sagten sich die klügeren Arwenacks, daß die Musketen- und Pistolenträger sicher nicht auf die Hindus feuern würden. In diesem Fall würde ihre Lage in Mannar auch nicht länger beneidenswert sein.
Hasard blieb einen Moment unschlüssig. Ein Yard neben ihm stand eine feuerbereite Drehbasse mit gehackter Ladung am Schanzkleid, und ihre Mündung zeigte genau auf die Spanier. An Deck befand sich eine Pütz, in der die Lunte am Stab glomm.
Die hochfahrende Frechheit der Antwort verschlug den Seewölfen die Sprache. Aber nur kurz. Hasard trat zwei Schritte nach rechts und legte seine Hand auf die Drehbasse.
„Vielleicht bringe ich ein paar meiner Crew um“, sagte er in einem Tonfall, der jeden gewarnt hätte, der ihn kannte. „Aber wenn diese Drehbasse losgeht, sind Ihre Schützen nur noch zuckende Leichname.“
„Und Sie haben ein Loch im Kopf, Kapitän. El Lobo de mar – Sie gelten als besonnener Seefahrer“, warnte der Anführer.
Seine Leute hoben die Feuerrohre und spannten die Schlösser.
„Diesem Umstand verdanken Sie Ihr Leben, Señor“, antwortete Hasard. Noch bevor der andere etwas erwidern konnte, ertönte ein vielstimmiges Heulen und Geschrei.
Die Ceylonesen griffen wieder an.
Das Deck, der Steg, die offenen Boote entlang der Backbordseite und alle anderen Teile der Fläche verwandelten sich wieder in einen kochenden Hexenkessel. Niemand war mehr in der Lage, zwischen Angreifern und Verteidigern zu unterscheiden. Die Entschlossenheit der Eingeborenen, sich des Goldschatzes zu bemächtigen, war größer als Angst oder Todesfurcht.
Ob es hundert oder hundertfünfzig Männer waren, die auf die Schebecke sprangen und auf die Seewölfe eindrangen, wußte niemand zu sagen. Aber es war wie eine braune Brandungswoge, die alles zu überschwemmen drohte.
Kreischend flohen die wenigen Frauen aus dem Getümmel und bildeten auf der staubigen Straße kleine Gruppen.
Noch beteiligten sich Spanier und Portugiesen nicht an der Auseinandersetzung.
Hasard sah ein, daß die Arwenacks so gut wie verloren hatten. Sie konnten nur noch versuchen, das Schlimmste zu verhindern.
Die Fläche des trockengefallenen Grundes vergrößerte sich mit jedem Atemzug. An Flucht war nicht im entferntesten zu denken.
Als erster verschwand Big Old Shane unter einem Haufen brauner Körper.
„Helft ihm!“ schrie Old Donegal, hob seine Prothese und zerrte an dem Bändsel seines Schießgerätes.
An Backbord kletterten, geschickt wie die Affen, die Leute aus den Booten plötzlich über die Rüsten an Deck, und jetzt mußten die Seewölfe versuchen, sich nach Steuerbord und Backbord gleichzeitig zu wehren und zu verteidigen.
Das Chaos war vollkommen. Das Durcheinander konnte nicht mehr überboten werden. Es war kein Kampf mehr, sondern ein einziges Gedränge und Geschiebe, und selbst die Teilnehmer schlimmster Kämpfe von Deck zu Deck konnten sich nicht erinnern, jemals in einer solch qualvollen Enge, in einem derart unüberschaubaren Gedränge gekämpft zu haben.
Aber jeder begriff, daß es den Ceylonesen und ihren fanatischen Helfern von der anderen Küste nicht darum ging, die Fremden totzuschlagen oder zu erdolchen, sondern darum, endlich zu den vermuteten Schätzen im Rumpf des Schiffes zu gelangen.
Die Dons und Portugiesen beschränkten sich darauf, die Mündungen ihrer Feuerwaffen auf die Schebecke zu richten und zu warten, bis sie selbst angegriffen wurden. Sie hofften es, denn dann würden sie die Hähne durchziehen.
Der Alptraum ging weiter.
Matt Davies, der sich mit der linken Hand an einem Fall festhielt, rammte den Haken seiner Kunsthand in den Magen eines Inders, der ihn ansprang. Mit einem würgenden Schrei sackte der Mann zusammen. Matt fing ihn ab, drehte sich halb herum und kippte den zappelnden Burschen über das Backbordschanzkleid. Der Körper klatschte zwischen zwei Booten ins Wasser. Matt wirbelte herum und suchte den nächsten Gegner.
Ein halbnackter Inder, das Messer zwischen den Zähnen, stürzte sich aus den Wanten auf Bob Grey. Matt Davies sprang zwischen zwei kämpfenden Gruppen hindurch und packte den Kerl noch in der Luft am Bein. Der Inder verfehlte sein Ziel, glitt von der Schulter Bobs ab und krachte mit dem Kopf gegen das Dollbord des Beibootes.
„Der wird mich nicht mehr ärgern“, bemerkte Matt, drehte den Haken der Prothese in den Stoffgürtel des Inders und zerrte ihn von den Decksplanken hoch.
„Viel Fett hast du auch nicht auf den Rippen“, brummte Matt und schleppte den Besinnungslosen zum Schanzkleid. Hasard junior tauchte neben ihm aus dem Gedränge auf, packte mit an und beförderte den Körper außenbords.
Als sie sich wieder herumdrehten, sahen sie, daß es einigen Singhalesen gelungen war, die Niedergänge zu erreichen und durchs Luk abzuentern. Ihre Köpfe verschwanden gerade hinter dem Süll.
„Verdammt!“ rief Hasard junior.
Matt Davies hob ratlos die Schultern und sagte: „Die wollen uns ausrauben, das ist es.“
„Und wir werden es nicht verhindern können“, erwiderte Hasard junior und bahnte sich, sein Rundholz schwingend, einen Weg durch die ineinander verkeilten Gruppen der Kämpfenden.
Higgy und Sven Nyberg kämpften gegen eine Übermacht von braunen Körpern auf der Back. Auf den Planken lagen zerbrochene Messer, zersplitterte Knüppel und Keulen.
Die Frauen, die sich in der aufgeregten Menge befunden hatten, waren kreischend auf die kümmerliche Wiese gerannt, standen jetzt da, rührten sich nicht und sahen zu, wie sich die Männer mit den Leuten vom Schiff prügelten.
Ein paar magere Ziegen weideten zwischen ihnen und ließen sich nicht im geringsten stören.
„Die Affenärsche sind im Schiff!“ brüllte Carberry von der Kuhl in die Richtung Hasards.
„Dann treibt sie wieder an Deck zurück!“ schrie der Seewolf zurück und schlug mit der flachen Klinge einem Angreifer den Knüppel aus den Fingern.
„Sie haben wahrscheinlich das geraubte Gold gefunden, Señor!“ rief ein Spanier vom Ende des Steges zum Achterdeck hinauf.
„Der erste Schuß aus der Drehbasse trifft Sie und Ihre Leute, Señor“, entgegnete Hasard bissig. „Daran sollten Sie denken.“
„Wir denken an den Schutz der Insulaner, die uns vertrauen“, sagte der Spanier mit kalter Überheblichkeit.
Eine weitere Gruppe halbnackter Gestalten verschwand unter Deck. Wilde Schreie ertönten. Das Geschrei konnte nur bedeuten, daß sie tatsächlich etwas gefunden hatten, womöglich sogar eine Kiste mit Teilen des kostbaren Metalls.
Der Schrei setzte sich an Land fort. Auch die Portugiesen und Spanier wurden von der Erregung gepackt und verteilten sich entlang des Steges.
Hasard ließ die Schultern sinken und blickte Don Juan schweigend in die Augen.
Einige der Inder, die eben noch auf die wild um sich schlagenden Seewölfe eingedrungen waren, warfen sich herum und folgten ihren Anführern. Sie behinderten sich gegenseitig, stolperten und fielen über die Stufen der Niedergänge. Aus dem Schiffsinneren drangen immer lautere Geräusche. Die Ceylonesen rissen in den Laderäumen die Kisten und Truhen aus den Verzurrungen.
„Sie haben das Gold gefunden!“ rief ein Portugiese und zielte auf Hasard. „Und gleich werden wir es auch sehen.“
„Selbst wenn Sie es haben“, sagte Hasard leise, „werden Sie damit wenig Glück kaufen können. Der Eigentümer ist mächtiger als ich und Sie zusammen.“
Die Antwort war nur ein lautes Gelächter der Bewaffneten.
Jung Hasard packte seinen Bruder am Arm und zog ihn zum Schanzkleid.
„Weißt du, was jetzt passiert?“ fragte er leise.
Die Seewölfe hatten zu kämpfen aufgehört und schauten fluchend zum Achterdeck. Dort hatte sich Hasard entschlossen, nichts zu unternehmen. Noch nicht, sagte er sich.
„Ja, ich weiß, was du meinst“, erwiderte Philip junior ebenso leise und winkte den Moses Clint zu sich heran. „Sie werden die gesamte Goldladung an Land schleppen.“
„Elf Tonnen“, stöhnte sein Bruder. „Wir verschwinden jetzt, Brüderlein. Und wenn wir nur nachschauen, wo sie das Gold hinschleppen.“
„Das muß schnell gehen. Los, Clint – hierher!“
Der Moses verstand nicht, was sie vorhatten, aber er drückte sich zwischen ihnen ans Schanzkleid.
„Was habt ihr vor?“ flüsterte er.
„Abhauen. Niemand darf uns sehen. Hier, ins Wasser. Zwischen den Booten. Und dort warten wir, bis wir uns verdrücken können.“
Philip junior fing einen Blick seines Vaters auf. Er verständigte sich mit ihm durch ein paar Zeichen, dann schwang er sich aufs Schanzkleid, suchte sich eine geeignete Stelle aus und sprang vorsichtig ins Wasser. Clint folgte, während Philip schräg unter dem Steven wegtauchte und sich am Dollbord halb aus dem Wasser zog.
Auf der Backbordseite der Schebecke dümpelten nur noch die kleinen Schiffe und Boote. Einige hatten sich losgerissen und waren abgetrieben. Hasard ließ sich von den Rüsten ins flache, warme Wasser gleiten und zeigte zum Bug.
„Nichts wie weg“, stieß er hervor. „Duckt euch!“
Das Wasser war brackig und roch abgestanden. Als sie zwischen der Schebecke und den Booten zum Bug schwammen, hörten sie das Geschrei und das Poltern der schweren Stücke in den Laderäumen durch das Holz der Planken.
Die drei Jungen schwammen am Bug vorbei und hielten unter den Bambusverstrebungen des Steges an. Niemand hatte sie gesehen, niemand suchte nach ihnen. Sie spähten zwischen den bemoosten und algenbedeckten Pfählen hindurch und wichen den scharfen Muscheln aus, die wie Messerklingen an den Pfählen wuchsen.
„Sie werden natürlich alle Goldkisten aus dem Schiff schleppen und sich damit in alle Richtungen zerstreuen“, sagte Hasard junior nach einer Weile.
Sein Bruder flüsterte: „Die Portus und die von der spanischen Galeone stehlen sich auch ihr Teil zusammen.“
„Was können wir unternehmen?“ fragte Clint.
Hasard zeigte in südöstliche Richtung. Dort wuchs der Wald bis dicht an den Strand, der jetzt fast völlig trockengefallen war.
„Zuerst hauen wir von dort ab. Dann verstecken wir uns. Dad segelt ohne uns nicht los.“
Sie schwammen zehn Yards weit vom Ende des Steges weg und hatten dann schlickigen Grund unter den Sohlen. Eine Reihe Büsche versperrte die Sicht auf das Schiff, als sie sich nach rechts wandten und an Land wateten. Aber den Lärm, das Fluchen und die Rufe in vier verschiedenen Sprachen hörten sie deutlich, als sie durch den heißen Sand liefen und im Schatten einer kurzstämmigen Palme stehenblieben.
„Du meinst, daß sich die Portus und die Spanier das Gold schnappen?“ fragte Clint und wrang Wasser aus seinem Hemd.
„Klar. Bestimmt so viel, wie ihnen die verrückten Singhalesen und Ceylonesen übriglassen“, erwiderte Philip.
Hasard nickte Clint zu und schüttelte sich. Die Lage, in der sich die Crew befand, war ziemlich hoffnungslos. Bald, dachte Hasard, würde sich die goldgierige Menge verlaufen haben. Dann deuteten die Geschütze der Karavelle und der Galeone noch immer auf die wehrlose Schebecke. Erst am Abend konnte das Schiff verholt werden, aber bis dahin konnte alles mögliche passieren.
Die drei Seewölfe entfernten sich langsam vom Strand und schlichen durch einen Wald aus dicht stehenden Palmen in nördliche Richtung. Sie sicherten nach allen Seiten, aber sie sahen nur weidende Schafe, Ziegen und einen Büffel, der im Schlamm stand und zu schlafen schien.
„Elf Tonnen. Das dauert lange“, meinte Clint. „Bis alles aus den Laderäumen und auf dem Steg ist – oder in den Häusern oder Schiffen.“
„Richtig. Je länger sie brauchen, desto mehr sehen wir“, sagte Philip und hob die Hand. Das Wäldchen lichtete sich, und jetzt konnten sie einen größeren Teil des Dorfes Mannar sehen.
„Ich glaube, es ist das beste“, sagte Hasard junior nach einigem Nachdenken, „wenn wir uns verstecken und genau merken, wo die Goldkisten versteckt werden. Die beiden Schiffe können auch nicht auslaufen, ebensowenig wie wir.“
„Einverstanden“, murmelte Philip und lief geduckt bis zum Waldrand. Er kehrte kurz darauf zu den Wartenden zurück und sagte: „Da ist ein kleiner Hügel. Von dort aus sehen wir alles.“
„Gut“, sagte Hasard. „Gehen wir.“
Sie hatten sich etwa eine halbe Meile vom Schiff entfernt. Das Wäldchen verhinderte einen Blick auf den Hafen. Nur die Mastspitzen der Galeone waren noch zu erkennen. Jetzt hasteten sie, den Waldrand und den Strand dahinter auf der linken Seite des kaum sichtbaren Ziegenpfades, auf das Hügelchen zu. Zwischen dem Wald und den ersten Hütten der Siedlung breiteten sich Felder und Äcker aus.
Auf einem Stück der Straße oder des staubigen Platzes zwischen den Häusern tauchten ein paar Inder auf. Sie gestikulierten und rannten in Richtung des Hafens auf das stattliche Haus zu. Die drei Arwenacks warfen sich in einen trockenen Graben und warteten. Sie hatten einen Vogelschwarm aufgeschreckt, der kreischend über ihnen flatterte.
Hasard junior atmete stoßweise und sagte schließlich: „Jetzt ist mir so ziemlich alles klar. Dieser Hundesohn Malindi hat gesehen, welche Ladung wir in Wirklichkeit nach Madras bringen sollen. Und er hat es den Leuten brühwarm verraten. Wahrscheinlich haben sie ihn deswegen nicht totgeschlagen. Auf See konnten sie uns nicht überfallen, aber natürlich kannten sie diesen verdammten Hafen. Sie wußten auch, daß die Galeone und die Karavelle hier lagen, voller Kanonen. Habt ihr gemerkt, wie schnell sie ihre Stückpforten offen und die Rohre ausgerannt hatten?“
„Ging ziemlich schnell“, mußte sein Bruder zugeben. „Ich glaube, wir sind das Gold und das Silber erst mal los.“
„Sie haben eben erst angefangen, die Ladung zu löschen“, sagte Clint unruhig. „Wie lange hat es damals gedauert, bis alles an Bord war?“
Die Zwillinge erinnerten sich gut: die Ladung bestand aus etwa zweihundertfünfzig Traglasten. Stundenlang hatten die Diener des Padischah gebraucht, bis auch die letzte Kiste unter Deck und vertaut war.
„Es wird bis zum Abend dauern“, murmelte Hasard. „Los, sehen wir zu, daß wir zum Hügel verholen.“
„In Ordnung.“
Etwa zwei Stunden nach Mittag hatte die Hitze noch zugenommen. Jeder Schritt kostete Schweißtropfen. Durch Ranken, Gestrüpp, faulende Baumstämme und Büsche, deren Blüten betäubend rochen, schlichen die drei Seewölfe im Zickzack entlang der Felder, schlugen einen weiten Bogen und näherten sich der Flanke des Hügels. Schlangen huschten durch dürres Gras.
Vom Meer her roch es nach fauligem Schlick. Die weißen Monsunwolken segelten über den strahlenden Himmel und warfen riesige, schnell dahingleitende Schatten. Als sie sich näherten, konnten sie zwischen Baumstämmen und Schmarotzerranken die Steine eines uralten Gemäuers erkennen.
Sie pirschten auf die Rückseite des Gebäudes zu.
Philip junior brummte: „Ein alter Tempel, nicht wahr?“
„Kann schon sein“, erwiderte sein Bruder.
Wuchtige Mauern, große Torbögen, seltsame Reste von bunter Bemalung und Steinfriese bedeckten den höchsten Punkt des Hügels. Sie standen unter den mächtigen Ästen uralter Bäume, deren Wurzeln teilweise zwischen den Quadern hervorgewachsen und das Steinwerk auseinandergesprengt hatten. Die Ruine roch modrig und nach dem kalten Rauch von Opferfeuern.
Auf Zehenspitzen näherten sich die drei Seewölfe. Über ihnen turnten kleine Affen durch das Geäst. Ausgetretene Pfade bewiesen, daß viele Menschen zum Tempel pilgerten. Um den Hals eines Standbildes hingen Kränze aus frischen Blüten.
„Hast recht“, bestätigte Hasard. „Ein alter Tempel. Hier wird uns niemand suchen, denke ich.“
„Ein guter Platz“, sagte Clint, als sie über einige Mauerbrocken geklettert waren und die Vorderfront erreicht hatten. „Gute Sicht.“
Sie blieben stehen und sahen sich mit angehaltenem Atem um. Sie hatten den denkbar besten Platz erreicht, denn sie sahen die drei Schiffe und den größten Teil der Siedlung, die verschiedenen Wege und die Straße, die hinüber zur eigentlichen Insel Ceylon führte, mitten durch das trockenfallende Fahrwasser, das jetzt nur eine große Fläche aus Schlick, trocknendem Sand und kleinen Ebbtümpeln war.
Von hier aus wirkte alles klein und völlig bedeutungslos.
Hasard junior setzte sich auf einen wuchtigen schwarzen Steinblock und sagte entschlossen: „Hier bleiben wir vorläufig.“
3.
Clinton Wingfield lehnte gegen die harte Rinde des Baumstammes und saß auf einer niedrigen Ziegelmauer. Hier, im Schatten der großen, leise raschelnden Blätter, war der auflandige Wind kühler als am Ufer oder am Hafen. In den Ästen lärmten Vögel und die schnatternden Affen. Der Tempel war uralt. Die Mauern, an vielen Stellen von den langen Kotspuren der Vögel weiß verätzt, verströmten einen stechenden Geruch, der in den Nasen biß.
Clint richtete seine grauen Augen auf die Reihe der Inder, die sich – wie ein Zug fleißiger Ameisen – von der Schebecke über den Steg, den breiten Pfad, hinüber zu den beiden Schiffen und hinauf zur Siedlung bewegten.
Schätzungsweise fünfzig Leute. Einige schleppten kleinere Kisten und Ballen auf den Schultern, andere trugen größere Teile der Goldladung zu zweien. Die Anzahl der Portugiesen und Spanier mit Pistolen und Musketen war angewachsen. Mindestens ein Dutzend standen auch an Deck der Schebecke.
„Schaut genau hin“, sagte er halblaut und zappelte vor Aufregung. „Sie schaffen alles weg.“
Hasard junior legte Clint den Arm um die Schultern und versuchte ihn zu beruhigen.
„Schlimm wird’s nur, wenn sie die Kisten aufbrechen und den Inhalt auseinanderreißen und verteilen.“
„Die Dons und Portus“, meinte Philip, „werden die Kisten in die Kapitänskammern schaffen, Beute, verstehst du? Wird im Logbuch vermerkt. Da bleibt das Silber zusammengepackt.“
„Und das Gold auch“, sagte Hasard.
Zahllose Fliegen summten zwischen den Mauern. Ihre Körper glänzten wie seltenes Metall oder winzige Edelsteine, als sie zwischen dem Schatten der Blätter durch die fast senkrechten Sonnenstrahlen summten und zuckten. An den Stämmen und den Mauern hingen Geckos und schnellten, so schnell, daß die Bewegungen unsichtbar waren, ihre Zungen nach den Fliegen. Hoch über dem Tempel schrien ein paar Möwen.
In einer Nische, deren Wand sorgfältig verputzt und frisch gekalkt war, thronte auf einem schwarzen Steinsockel die Schwarze Kali, die Göttin mit den vielen Armen. Es war eine fünf Fuß große Statue, aus Holz geschnitzt und lackiert.
Sie blickte mit lüsternem, aber keineswegs heiterem Gesichtsausdruck in die Ferne, über Mannar hinweg und in Richtung auf Ceylon und schien ebenso alles zu sehen wie die drei Seewölfe, die schweigend versuchten, die Vorgänge richtig zu deuten.
„Also, Freunde“, fing Jung Hasard nach einer Weile an, „ich weiß nicht, ob ich recht habe. Aber auch Dan ist der gleichen Meinung. Es gibt bestimmt ein paar von den Leuten, die an den Zahn glauben, Buddha verehren und auch diesem Schuft Malindi glauben. Also sind sie überzeugt, daß wir tatsächlich Gold aus Tempeln gestohlen haben. Was werden sie also tun?“
„Wenn sie wirklich die Götter verehren“, Clint warf einen langen Blick auf die Göttin, an deren Armen Blütenkränze verdorrten, „bringen sie das Gold zu den Tempeln zurück. Vielleicht nicht zu allen, denn sie wissen ja nicht, wo wir das Zeug angeblich geklaut haben.“
Hasard junior zog sein Messer und fing an, es an der Kante des Felsblockes zu schleifen.
„Genau das meine ich“, sagte er zufrieden. „Auch in diesem Fall brauchen wir das Geld praktisch nur noch einzusammeln.“
Sein Bruder kratzte sich an der Tätowierung auf der Schulter und stieß ein verächtliches Gelächter aus.
„Das stellst du dir wohl so vor wie Muschelsammeln am Strand, wie?“ fragte er.
Hasard schüttelte den Kopf. „Nein. Bestimmt nicht. Ich sage nur laut, was ich denke.“
„Was wir alle hoffen“, schloß Clint und fuhr mit allen Fingern durch sein blondes Haar, das wieder in wilden Wirbeln vom Kopf abstand. Salzkristalle fielen in seine Brauen, und er mußte blinzeln.
„Abwarten. Sie fangen gerade damit an“, sagte Philip.
Wieder richteten sie ihre Blicke auf die Vorgänge am Hafen. Hin und wieder versuchten sie, mehr Einzelheiten im Osten zu erkennen, drüben, am Rand der großen Insel Ceylon. Aber sie konnten nur die breite Fläche des Ebbestreifens und die breiten Kanäle sehen, die bei Flut das Fahrwasser zwischen Mannar-Insel und den jenseitigen Ufern bildeten. Erst nach Einbruch der Dunkelheit würde die Flut wieder aufgelaufen sein und ein wenig später ihren höchsten Stand erreicht haben.
Ein tückisches, gefährliches Seegebiet. Noch gefährlicher als das kaum überwindliche Stück zwischen der Pamban-Insel und Mannar. Aber diese Schwierigkeiten hatte nicht nur die Crew der Schebecke, sondern jedes einzelne Schiff bis hinunter zu größeren Ruderbooten. Soviel immerhin hatte Dan von den Fischern und den religiösen Fanatikern erfahren können.
Etwa eine Stunde später hatte sich aus dem Zug der Goldräuber eine Gruppe abgesondert.
Es waren etwa zwei Dutzend. So genau konnten die drei Beobachter im Tempel die Gestalten unterscheiden und zählen. Etwa ein halbes Dutzend kleinere Ballen und Kisten hatten sie im Sand des Pfades abgestellt. Sie schienen miteinander zu beraten.
Philip junior versuchte, seine Ungeduld zu unterdrücken. Er hatte die eine oder andere verrückte Vermutung, aber er beherrschte sich und beobachtete weiter.
Als er es vor Spannung nicht mehr aushielt, stand er auf und erklärte: „Ich sehe mich hier mal um. Es kann sein, daß wir uns lange verstecken müssen. Ihr bleibt hier, ja?“
„Wir rühren uns nicht vom Fleck“, entgegnete Hasard.
Die lastende, feuchtheiße Hitze des späten Mittags lag über der Landschaft und schien alle Bewegungen zu lähmen. Der Seewind raschelte mit den Blättern und brachte den salzig-modrigen Geruch mit. Alle Geräusche, die aus der Siedlung und dem Hafen bis hierher drangen, waren gedämpft und unwirklich.
Das Zirpen und Sirren der Zikaden wurde in kurzen Abständen ohrenbetäubend laut. Ein Affe warf eine angebissene Frucht nach den Eindringlingen und schnatterte, bevor er sich wieder in einen anderen Baum flüchtete. Die Zeit schien viel langsamer als sonst zu vergehen, aber auch der Umstand, daß es nichts zu tun gab, daß sich Hunger und Durst meldeten, ließ die Jungen unruhig werden.
Aber sie zwangen sich dazu, ruhig zu warten. Zuviel stand auf dem Spiel. Sie hatten den besten Platz, und hoffentlich vermißte sie niemand. Dad wußte, daß sie geflüchtet waren, aber nicht, wie sie sich versteckten.
Philips Schritte vermischten sich mit den wenigen Geräuschen rund um den Tempel der blutigen Kali.
Die Seitenlänge des Gemäuers betrug ungefähr fünfzehn Yards. Der Tempel samt den Baumriesen war ohne jeden Zweifel uralt. Vor vielen Jahren war er prächtig und farbenfroh herausgeputzt worden. Philip setzte vorsichtig Schritt vor Schritt und blieb immer wieder stehen, um zu sichern und mehr Einzelheiten zu erkennen.
Einst gab es einen drei Fuß hohen Fries aus schwarzem Gestein, der sich vermutlich um alle Außenmauern herumgezogen hatte. Jetzt fehlten große Stücke daraus, aber auf dem moosüberwucherten, von Nebenwurzeln auseinandergesprengten Rest tummelten sich menschliche Gestalten und Fabelwesen.
Ein elefantenköpfiger Götze streckte seine Gliedmaßen nach langbeinigen und vollbrüstigen Frauen aus, die zu tanzen schienen oder Musikinstrumente in den Händen hielten. Es war so vieles vom salzigen Wind abgenagt und überwuchert, daß man eine gehörige Portion Phantasie brauchte, um sich die Szenen richtig vorzustellen.
„Die Schwarze Kali“, murmelte Philip, als er über ausgebleichte Knochen stolperte, die unter seinen Sohlen zersplitterten, „sie scheint Hunger gehabt zu haben.“
Er duckte sich unter einem Vorhang aus Lianen, deren Schlingen den Baumstamm zu erwürgen drohten. Die Knochen, die zwischen den Wurzeln lagen, schienen nicht von Menschen zu stammen. Philip tastete sich an der Mauer entlang und betrat durch einen halb zusammengebrochenen Bogen einen Seitenraum des Tempels.
Die Steinplatten des Bodens, uralt und tief ausgetreten, wirkten überraschend sauber. Vor kurzer Zeit war der Tempel besucht worden, auch die Blumenkränze der Kali-Statue bewiesen, daß die blutige Göttin ständig verehrt wurde. Dieser Raum war kürzlich ausgefegt und gereinigt worden.
Das scheinen Leute zu sein, die nicht nur an Buddha glauben, dachte Philip und musterte die leeren Nischen und die abblätternde Farbe an den Wänden. Der Raum strahlte eine düstere, gefährliche Stimmung aus, als ob die vielarmige Göttin in ihrem Zorn den Besuchern schaden könne. Zehn Schritte weiter, hinter einer schwarzen Mauer, stieß Philip auf einen schaurigen Fund.
„Also doch! Die blutige Kali“, murmelte er und erinnerte sich an den Ausruf der Hindufischer.
Er blickte in eine Kammer, die etwa zehn Fuß in der Breite und Länge maß. Bis zur Decke, zweimal so hoch wie er mit ausgestrecktem Arm erreichen konnte, waren auf steinernen Regalen Totenschädel aufgereiht. Unter der Decke schienen sie schwarz und grau vom Alter und Schmutz zu sein, aber in Augenhöhe sah er eine Reihe Schädel, die noch nicht sehr lange in diesem Gemäuer lagen. Die leeren Augenhöhlen starrten ihn an. Er ging rückwärts in den Schatten hinaus und schüttelte sich.
Die Kammer wies nach Norden. Philip spürte plötzlich einen eiskalten Luftzug. Die Haare auf seinen Armen stellten sich auf. Er unterdrückte den Schrecken und sagte sich, daß die grinsenden Totenschädel vielleicht von solchen Menschen stammten, die eines natürlichen Todes gestorben waren. Von Menschenopfern zu Ehren der schwarzen Göttin hatten die Seewölfe nichts erfahren, das sich nachprüfen ließ.
Vorbei an einigen Haufen aus Abfall und Steinbrocken, die ihm noch einmal bewiesen, daß sich die Bewohner von Mannar um den Kali-Tempel kümmerten, kehrte er von der anderen Seite wieder zurück zu Hasard und Clint.
„Ein ungemütlicher Platz, Freunde“, sagte er und berichtete, was er entdeckt hatte.
Sie hörten schweigend zu, und Hasard deutete auf die Gruppe, die sich um ein paar Dutzend Schritte vom Hafen entfernt hatte und wieder angehalten hatte. Die Leute gestikulierten, und einige zeigten immer wieder zum Hügel.
„Es sieht so aus, als wollten sie sich zum Tempel bewegen“, sagte Hasard junior und beugte sich vor. „Du hast nichts Trinkbares gefunden, Phil?“
Philip schüttelte den Kopf.
„Nicht mal eine Quelle. Du hast recht – die wollen hierher.“
„Mit dem Gold“, pflichtete Clint bei. „Ich kann’s nicht glauben. Wollen sie es der Kali opfern?“
„In diesem Land ist fast alles möglich“, meinte Hasard.
Sie warteten weiter und versuchten zu erraten, was die Männer wirklich vorhatten. Noch immer war die Schebecke umlagert. Die ersten Ceylonesen hatten mit ihrer Beute inzwischen das Dorf erreicht und verschwanden zwischen den Häusern.
Über die Planken, die zu den Decks der Karavelle und der Galeone führten, schleppten Crewmitglieder die schweren Kisten aus den Laderäumen der Schebecke. Zwei lange, unregelmäßige Ketten winziger Gestalten bewegten sich hin und her.
Ein paar Atemzüge später fluchte Hasard und fragte in ungläubigem Tonfall: „Ich glaube, ich sehe nicht mehr richtig. Die Dons zwingen unsere Crew, die Kisten selbst zu schleppen. Was seht, ihr?“
Sie bemühten sich, die Vorgänge an Deck und am Steg genau zu erkennen. In der Menge der Gestalten, die sich unaufhörlich hin und her schoben und vom Steg an Deck enterten und umgekehrt, sahen die Jungen zwar die größeren Körper der Seewölfe, aber erst dann, als Carberry am Ende des Steges auftauchte, eine Kiste auf der Schulter, waren sie sicher.
„Das wird unseren Profos freuen“, bemerkte Clint. „Für die Dons oder die Portus schuften.“
„Sie werden sich nicht mal anständig bedanken“, sagte Philip junior. „Seine Stimmung möchte ich nicht miterleben müssen.“
Kurz darauf hatten sie die Gewißheit. Nicht nur Carberry, sondern einige andere der Seewölfe-Crew mußten selbst mit anpacken und Teile des Goldschatzes schleppen.
„Kein guter Tag für die Seewölfe“, sagte Philip schließlich.
„Er ist noch nicht vorbei“, entgegnete der Bruder warnend. „Da kann noch viel mehr passieren.“
Zehn Minuten lang passierte aber nichts Ungewöhnliches mehr. Dann aber hatten sich die Leute geeinigt. Sie hoben die schweren Beutestücke auf, bildeten eine unregelmäßige Prozession und stapften auf dem breiten Pfad, der sich durch einige kümmerliche Felder wand, auf den Hügel zu. Die Zwillinge und Clint sahen die Männer bald so deutlich, daß sie absolut sicher waren: es handelte sich um jene Inder aus den Booten, von denen die Arwenacks als „fanatische Verrückte“ gesprochen hatten.
Die meisten waren mager, fast dürr, trugen lange und ungepflegte Bärte, hatten sich mit Asche und Farbe beschmiert, und die Lumpen, in die sie sich kleideten, waren zerschlissen, schmutzig und stanken. Mit heiseren Stimmen krächzten sie Lieder. Einige trugen klirrende Ketten aus Metall und Steinen, aber jeder von ihnen hatte an einer langen Schnur eine Holzschale um den Hals.
Diese Gruppe unterschied sich wohl noch in einem Punkt von den übrigen Begleitern der letzten Etappe. Sie betrachteten sich als wahre Gläubige, und wenn sie wirklich das Gold zum Kali-Tempel brachten, handelten sie nicht aus Habgier. Sie brachten den Schatz, so meinten sie, wieder dorthin, wo er geraubt worden war.
Die drei jungen Seewölfe dachten darüber nach, was sie sahen und was sich vor ihren Augen anbahnte. Sie gelangten gleichzeitig zu einem Ergebnis und redeten gleichzeitig los.
„Die bringen unser Gold hierher, zu uns“, sagte Jung Hasard.
Philip rief unterdrückt: „Zu Kali bringen sie’s. Wir verstecken uns …“
„… und warten, bis sie weg sind“, ergänzte der Moses. „Los, klettern wir in die Bäume.“
Hasard hob die Arme und sagte: „Da oben verraten uns die Affen. Wir müssen dort hinüber. Da gibt’s genügend gute Verstecke.“
Er zeigte zu der Seite des Hügels, über die sie zum Tempel hinaufgeklettert waren. Als hätten die umherspringenden Affen gehört, was Hasard gesagt hatte, vollführten sie plötzlich einen höllischen Lärm und verfolgten einen schwarzhaarigen Kerl kreischend ein paarmal rund um das Dach des Tempels. Ein Regen aus Blättern, Rindenstücken und angebissenen Früchten prasselte nach unten. Die Pilger, die an der Spitze der Prozession marschierten, fingen wieder mit einem ihrer leiernden Gesänge an.
„Los“, sagte Philip junior. „Wir hauen ab.“
„Denkt daran“, mahnte sein Bruder. „Sie dürfen uns auf keinen Fall sehen.“
„Schon klar“, flüsterte Clint.
Sie schlichen geduckt nach rechts, krochen zwischen den Luftwurzeln der Würgefeigen und hinter den wulstigen Stämmen zur Nordwestseite des Hügels und blickten sich wachsam um, ehe sie aus dem Halbdunkel unter dem dichten Laubdach hervortraten.
Die Ankunft der Schebecke schien alle Einwohner zur Hafenbucht gelockt zu haben, denn nicht mal die Ziegen und Schafe wurden, wie meistens von Kindern oder Halbwüchsigen, über die Wiese getrieben. Jetzt fraßen sie in den Feldern die frischen Triebe.
Sie liefen, tief geduckt, hinter den Büschen durch einen Graben, entlang kleiner Felsstücke und eines Mauerrestes, wieder durch kratzende Ranken in einem überwucherten Graben, und schließlich befanden sie sich in einer Gruppe raschelnder Maulbeerbüsche.
„Von hier ist es nur ein Sprung bis zum Strand“, murmelte Hasard und schob die Äste auseinander. „Wir werden nicht genau sehen, was die Götzendiener im Tempel treiben.“
„Wenn sie das Gold verstecken, finden wir’s bestimmt“, flüsterte der Moses.
„Sie werden es wohl vor die Füße der Göttin stapeln“, sagte Hasard junior. „Ruhe jetzt.“
Inzwischen summten und sangen alle Teilnehmer des Pilgerzuges so laut, daß sie die Gespräche der Jungen gar nicht hören konnten. Die ersten erreichten die ausgetretenen Stufen, die von Wurzeln zerbrochen im Hang steckten. Hin und wieder glaubten die drei Seewölfe, den Namen der blutigen Göttin herauszuhören. Die Sonne brannte auf ihre Köpfe, Schultern und Rücken, zahllose Mücken summten zwischen den Blättern und stachen erbarmungslos auf die Seewölfe ein. Die Jungen wagten nicht, die Quälgeister zu vertreiben oder nach ihnen zu schlagen.
Clint flüsterte scharf: „Vier Kisten. Sieht so aus, als ob es die kleinsten wären.“
„Sei still. Sehe ich selbst“, zischte Hasard.
Die Pilger verschwanden hinter den Bäumen. Kurz darauf klangen ihre heiseren Stimmen noch schauerlicher. Sie hatten den größten Raum des Tempels betreten. Jetzt endlich schlugen die drei Jungen wie wild nach den Stechmücken.
„Das Fest wird eine Weile dauern“, sagte Philip und wischte seine Hände an der Hose ab. „Hoffentlich brauchen sie nicht die ganze Nacht dazu.“
„Du glaubst doch nicht wirklich, daß wir heute in unseren Kojen pennen“, fragte sein Bruder.
„Weiß ich nicht“, brummelte Philip.
Die Göttin war von rund zwei Dutzend singender und tanzender Anbeter umgeben. Die Zwillinge und Clint hörten nur das Klatschen der nackten Füße und den hohltönenden Gesang. Die alten und jungen Männer zwischen den Mauern vollführten einen Lärm, der so laut war, daß die drei Jungen im Versteck befürchteten, die Dörfler würden bald in Scharen erscheinen, um sich das Theater anzuschauen.
„Sie schreien und springen herum“, bemerkte Clint laut und respektlos. „Die werden in der Nacht ganz schön müde sein.“
„Ja und heiser auch“, murmelte Hasard junior.
Sie warteten und schlugen fluchend weitere Mücken tot. Es dauerte mindestens eine Stunde, bis der Gesang leiser wurde und schließlich aufhörte. Mit glücklichen Gesichtern und lachend traten die Pilger nacheinander aus dem Tempel, stiegen die Treppenstufen hinunter und drehten sich ab und zu um. Sie winkten fröhlich zum Tempel zurück und waren schweißüberströmt. Die Farben und die Aschestreifen auf ihren Gesichtern und Oberkörpern waren verschmiert, breite Bäche aus Sehweiß rannen über die braune Haut.
„Das Gold haben sie nicht dabei“, sagte Philip junior leise. „Recht so, ihr Tänzer.“
Zur Sicherheit warteten sie hoch länger als eine Viertelstunde, nachdem der letzte Pilger den Tempel verlassen hatte und den Hügel hinuntergetappt war. Irrwischen stand die Sonne eine Handbreite über den Palmenwipfeln. Über dem Meer erhob sich eine helle Wolkenwand. Die Kette aus Indern und Seewölfen, die von der Schebecke bis zur Siedlung reichte, gelangte zum Stillstand. Offensichtlich waren sämtliche Laderäume geleichtert worden.
Hasard junior schob sich als erster aus den Büschen heraus und streifte die zerquetschten Reste der Mücken von seinen Oberarmen.
„Die Kisten haben sie nicht mitgenommen“, stellte er fest. „Also müssen sie irgendwo im Tempel sein. Sehen wir nach.“
Clint robbte zwischen den untersten Zweigen hervor und war ebenso zerstochen wie seine Kameraden.
„Das hätte ich nicht geglaubt“, meinte der Moses kopfschüttelnd. „Ich wäre an ihrer Stelle mit dem Gold abgehauen. Ganz weit weg.“
„Du bist auch kein tanzender, halb verhungerter Inder oder Ceylonese“, entgegnete Philip und kletterte, jede Deckung ausnutzend, hinter seinem Bruder her.
Sie schwangen sich, die Hände an den Lianen, auf den Pfad entlang der Mauer, liefen zum Eingang und horchten auf Geräusche. Der große Raum im Tempel war leer, Kali hatte ein paar Blumen mehr in ihren sternförmig auseinandergereckten Armen.
Die drei jungen Seewölfe schauten hinter die Statue, in die leeren Mauernischen, neben den Sockel, auf dem die Figur der Göttin stand. Der Tempelraum war leer.
„Wo ist das Gold?“ fragte sich Clinton laut. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte in das runde Gewölbe hinauf. Von den Kisten gab es ebenso wenige Spuren wie von ihrem Inhalt. Die Seewölfe und der Moses blickten einander voller Verblüffung an.
Dann sagte Philip: „Vielleicht haben sie es woanders versteckt. Zwischen den Totenschädeln oder irgendwo draußen. Vergraben kann man vier Kisten auch.“
Einer ging nach rechts, die beiden anderen nach links, und dann fingen sie rund um den Tempel, entlang der Mauern und zwischen den Wurzeln zu suchen an. Aber auch nach einer weiteren halben Stunde hatten sie weder die Kisten gefunden noch ein Zeichen dafür, daß sie vergraben worden waren.
4.
Der große Schirm aus geflochtenen Palmblättern, mit langen Grasfransen an den Rändern, warf keinen brauchbaren Schatten mehr. Die Sonne stand in der vierten Stunde zwischen Mittag und Abend.
Ginjal Chand klatschte in die Hände und sagte: „Wir haben genug gesehen. Gehen wir ins Haus und denken darüber nach, was wir tun können.“
„Noch erkenne ich keinen Vorteil für dich, Herr“, antwortete der Schreiber Arun höflich. „Aber du wirst es mir sicherlich sagen.“
„Wenn es an der Zeit ist.“
Die Sonne blendete unter dem Rand des Schirms, die Hitze nahm wieder zu. Der Diener Sandhu hatte zwar die Bodenplatten mit Wasser bespritzt, nachdem er aus der Hafenbucht zurückgekehrt war, aber die Feuchtigkeit war längst vergangen, aufgezehrt von der Sonnenglut.
Die Neuigkeiten und Nachrichten, die Sandhu von der Bucht mitgebracht hatte, erforderten langes Nachdenken. Der Kaufmann warf einen langen Blick hinüber zum Tempel, der sich scharf gegen den westlichen Horizont abzeichnete.
Die Pilger, deren Gesang bis zur Sonnenterrasse herüber zu hören gewesen war, hatten den Kali-Tempel unter den Bäumen verlassen und befanden sich in der Siedlung. Wahrscheinlich schliefen sie, von ihren rhythmischen Tänzen erschöpft, oder sie erbettelten ein Essen von den Bewohnern.
Chand stieß in seinem Arbeitszimmer die Läden auf und sagte sich, daß kein Mensch je eine solche Menge Silber und Gold gesehen hatte – wenn wirklich jede Kiste einen Teil des Schatzes enthielt. Er gönnte nicht ein Körnchen davon den Fremden, den Portugiesen oder den Spaniern. Aber er konnte die Beute aus ihren Laderäumen auf keinen Fall mit Gewalt herausholen, und es fiel ihm auch keine List ein.
„Ich werde warten, was passiert“, meinte er und hörte vom Dorf das Trillern der Flöte. Praskat Nath, der Schlangenbeschwörer, unterhielt die Leute von den Booten mit seiner tanzenden Königskobra.
Bevor die Flut nicht auflief und das Wasser nicht stieg, würden sich die drei Schiffe nicht bewegen können.
Aber was taten die Männer?
Wieder richtete er seine Blicke zum Hafen. Die Decks der Karavelle und der Galeone waren voller Seeleute. Die Geschütze, feuerbereit und ausgerannt, richteten sich auf das lange, schlanke Schiff. Die Portugiesen und Spanier waren bewaffnet, die Männer spazierten an Deck herum, und neben den Geschützen schwelten Lunten.
Die Bevölkerung hatte sich verlaufen.
Einige Gruppen derjenigen Männer, die vom indischen Festland erschienen waren, hatten sich über die trockenen Teile im Südosten entfernt. Sie waren mit ihrer Beute unterwegs zur festen Küste der kleineren Insel. Ceylon war nicht weit, sie würden es erreichen, ohne von der Flut überrascht zu werden. Schade um das viele Gold und Silber, dachte er – wahrscheinlich waren die Kisten doch gefüllt, denn sonst würden die Gläubigen nicht diese schweißtreibenden Anstrengungen unternehmen.
„Buddha sagt, daß gestohlene Schätze ins Verderben führen“, murmelte er. „Haben die Engländer tatsächlich alles zusammengestohlen? Aus Tempeln? Auf ihrer Fahrt entlang der Küste?“
Die meisten Tempel befanden sich so weit von den Häfen entfernt, daß Seeleute sie erst gar nicht sahen. Oder aber sie waren wirklich Piraten und Tempelschänder.
„Buddha sagt auch, daß man wohltätig und freundlich zu Fremden sein muß“, sagte er und klatschte in die Hände.
Der Schreiber trat ein.
Der Kaufmann befahl: „Richte Sandhu, Rajpal und Nalini aus, sie sollen sich im Dorf umsehen und umhören. Auch die Fremden müssen sie belauschen. Sie sollen zurückkehren und mir berichten, wenn es dunkel geworden ist.“
„Ich schicke sie sofort aus dem Haus, Herr“, sagte der Schreiber.
Die Tür schloß sich hinter ihm. Chand, der die Lehren Buddhas hochschätzte und so gut wie möglich auch befolgte, freute sich darüber, daß Buddhas Zahn dem Räuber wieder abgenommen worden war. Der Weg zum Tempel des Zahns in Kandy war weit und gefährlich, und es würde sehr lange dauern, bis die Reliquien wieder an ihrem angestammten Platz sicher verwahrt war.
Aber Ginjal Chands Gerechtigkeitssinn sagte ihm, daß es nicht gerecht war, den Lehren des Weisen widersprach und, wie die letzten Stunden gezeigt hatten, ein Frevel war, fremden Seefahrern ihren Besitz zu rauben.
Im Augenblick wurde im Umkreis der Bucht nicht gekämpft, die Hitze des Nachmittags schien alle, Einheimische wie Fremde, erschöpft zu haben. Er zählte die Geschütze der Engländer und der anderen, verglich die Zahl und führte Gesten der Ratlosigkeit aus.
„Ich warte ab, was geschehen wird. So will es Buddha“, murmelte er und widmete sich wieder seinen Arbeiten.
„Wo haben sie das verdammte Gold versteckt, diese verrückten Kalianbeter?“ Clint Wingfield wischte den Schweiß von seiner Stirn und kratzte sich im Nacken. Ratlos zuckte er mit den Schultern. Die drei Seewölfe standen wieder vor der blumengeschmückten Kali, die rätselhaft und schweigend in die Ferne starrte.
„Wo würden wir die Kisten versteckt haben?“ rätselte Philip junior.
Wieder suchten die Zwillinge die Wände ab, stocherten mit den Messerklingen in den breiten Fugen und klopften gegen die Steine.
„Nichts!“
Clints Blicke glitten von den abgewinkelten Armen über den Körper der Göttin zu ihren überkreuzten Beinen, vom Sockel und den vielen abgefallenen, vertrockneten und faulenden Blütenblättern hinunter zum Boden. Plötzlich grinste der Moses und bückte sich.
Rechts vom Sockel waren die Blüten zur Seite geschoben, als ob die Pilger mit Händen und Füßen auf den glattgetretenen Steinen gescharrt hätten. Einen Atemzug später sah er, daß an einigen Stellen in den Fugen kein Schmutz und Staub oder festgetrockneter Lehm steckte. Er griff zu seinem Messer, kniete sich vor die Zehen der Göttin und schob die Schneide in einen Spalt.
„Ich glaube, ich hab etwas gefunden“, sagte er und versuchte, den Stein, doppelt so groß wie seine Hand, in die Höhe zu hebeln. Knirschend bewegte sich der Brocken, und schließlich konnte Clint seine Fingerkuppen in den Spalt zwängen.
„Tatsächlich.“ Hasard junior staunte und half mit seinem Messer nach. „Hier, faß an.“
Sie hoben den dicken Stein in die Höhe und sahen eine Schicht hellen Sand. Die unregelmäßigen, an der Oberfläche aber glatten und glänzenden Steine waren unterschiedlich groß und ließen sich jetzt leicht herausnehmen und hochheben. Alle drei packten mit an und hantierten immer hastiger. Schließlich waren ein Dutzend Bodenplatten auf einen Haufen geschichtet. Clint wühlte und scharrte im Sand.
„Ich hab’s!“ rief er unterdrückt. „Holz, Tampen. Und so schwer wie unsere Goldkisten.“
Sand rieselte an den Seiten eines viereckigen Gebildes nach unten. Clint schob seine Finger unter die Kiste, hob sie hoch und stellte sie auf den glatten Teil des Bodens.
„Du hast sie gefunden“, sagte Hasard halblaut und bewundernd und schlug ihm auf die Schulter. „Aber wir sollten nicht herumtrödeln.“
Die Kali-Anbeter hatten tatsächlich alle Kisten zu Füßen ihrer Göttin versteckt. Philip und Hasard halfen dem Moses, die schweren Kisten aus dem Sand zu heben und schichteten die Steine wieder so nebeneinander, daß sie einigermaßen gerade lagen. Zuvor waren Clint und Hasard nach draußen gelaufen und hatten Aststücke und ein paar Handvoll kleinere Steine zusammengetragen.
„Also“, sagte Philip und zerrte eine Kiste über die Schwelle, „vorher hat der Boden besser ausgesehen.“
„Das ist jetzt gleichgültig. Wir sollten die Kisten zum Schiff zurückbringen“, ächzte Clint und half Hasard, die zweite, schwerere Kiste ins Freie zu bringen.
„Nein. Nicht zum Schiff. Dort würden sie es zuerst suchen“, erklärte Hasard.
„Wer wird suchen?“ fragte Clint.
In großer Eile hatten sie die schweren Kisten auf den Pfad geschleppt, auf dem sie abwärts geschlichen waren, als sie sich vor den Pilgern versteckten.
„Die Pilger. Oder die Leute aus dem Dorf. Ich weiß es auch nicht“, erwiderte Hasard und hob die kleinste Kiste auf die Schulter. „Jedenfalls verstecken wir das Gold nicht auf dem Schiff.“
„Verdammt schwer“, meinte Clint. „He, pack an, Philip.“
Sie liefen hin und her, immer nur ein paar Schritte und schleppten die Kisten und die in Leder und Stoff eingeschlagenen Bündel in mehreren Etappen aus dem Bereich des Tempels, zwischen den Bäumen zum Rand des Hügels und im langen Schatten der Baumkronen auf den Pfad, den sie selbst durch Gras und Ranken getreten hatten. Die Kisten waren höllisch schwer und schienen schwerer zu werden, je länger die drei Seewölfe ihren erbeuteten Tempelschatz abwärts wuchteten.
„Hoffentlich sieht uns niemand“, sagte Hasard und war sicher, daß mindestens ein Behälter geöffnet und wieder zusammengeschnürt worden war. Er schätzte, daß die frommen Männer nichts vom Gold genommen und sich nur vergewissert hatten, daß sie wirklich eine wertvolle Opfergabe in den Händen hatten.
„Ich kann niemanden sehen“, erwiderte sein Bruder, der nach allen Seiten sicherte. „Die kleinen braunen Kerle haben sich in den Schatten verholt. Oder sie sind beim Essenkochen.“
„Jetzt sind wir wirklich echte Tempelräuber geworden“, sagte Clint und zerrte die Kiste über das staubige Gras. Sie verschwanden wieder in dem Graben, schlichen durch die Büsche und eilten dann geduckt zu zweit, jeweils eine Kiste schleppend, bis zum Waldrand und ebenso schnell wieder zurück.
„Wir vergraben es am Strand“, entschied Hasard, als sie keuchend und schwitzend zwischen den Palmenstämmen standen und einigermaßen sicher waren, einen Teil des unersetzlichen Goldschatzes gerettet zu haben. „Wir merken uns einen bestimmten Baum und vergraben die Kisten im Sand. Klar?“
„Einverstanden. Und dann verstecken wir uns wieder beim Tempel. Dort wird uns niemand suchen.“
„Auch gut“, antwortete Hasard seinem Bruder. „Los. Ein schönes, tiefes Loch.“
Die drei Seewölfe scharrten mit den Händen zwischen drei Palmenstämmen, sieben Schritte von einem bizarren Stück kreideweißen Treibholzes entfernt, eine Grube. Der Sand rieselte immer wieder in den Mittelpunkt des trichterförmigen Loches zurück. Drei oder vier Fuß tief kratzten sie den feuchten Sand auseinander, dann stellten sie die drei Kisten hinein und schaufelten und schoben den Sand darüber. Einige Minuten später gab es nur noch unverdächtige Spuren, und die auflaufende Flut würde die Oberfläche des Verstecks glätten.
„So!“ sagte Hasard mit Nachdruck. „Der Tag war doch nicht ganz verloren.“
Sie brauchten jetzt nicht mehr zu hasten. Langsam setzten sie sich in Marsch und bewegten sich auf ihren eigenen Spuren durch den Wald zurück, auf die Büsche und die Gräben des Hügels zu.
„Es ist noch nicht dunkel genug“, sagte Clint nach weiteren zwanzig Schritten bergauf.
„Zu was ist es noch nicht dunkel genug?“ fragte Hasard.
„Um irgendwo einen Happen Essen zu klauen. Oder willst du zur Schebecke und warten, was der Kutscher brät?“ erkundigte sich der Moses.
„Noch nicht“, murmelte Philip. „Vielleicht finden wir im Dorf etwas, das uns weiterhilft.“
„Vielleicht“, Hasard hob die Schultern.
Sie erreichten ungesehen, wie sie glaubten, den Tempel im Schatten der Bäume, tappten entlang der muffigen Mauern und setzten sich schweigend nebeneinander auf eine geborstene Steinschwelle.
Sie musterten die Karavelle und die Galeone, sahen die ersten großen Wellen der Brandung, schauten hinüber zu dem auffälligen Haus, zu den ärmlichen Schuppen am Hafen und zur ceylonesischen Uferlinie – und plötzlich sagte der Moses: „Ein Schiff! Mit Kurs auf Mannar.“
Er streckte den Arm aus und deutete zu einem Dreimaster. Rumpf und Rahsegel lagen im Sonnenlicht und wurden so grell beleuchtet, daß nicht mehr oder Einzelheiten zu erkennen waren. Im Augenblick sah es wirklich so aus, als wolle das Schiff – es war eine Galeone – die Stelle anlaufen, an der die Schebecke angelegt hatte. Die Entfernung betrug drei Seemeilen oder etwas weniger.
Voller Verblüffung sagte Hasard junior: „Noch so eine spanische Galeone. Die Dons erscheinen zu spät. Das Gold ist weg.“
„Kann auch ein verdammter Portu sein“, meinte Clint.
„Auch das.“
Vom höchsten Punkt der Gegend sahen sie mehr als die Seewölfe und die Crews der anderen Schiffe. Sandbänke, einzelne Landzungen und Gebüsch verhinderten die Sicht.
„Wenn er nicht bald beidreht, rammt er seinen Kiel in den Schlamm“, sagte nach einer Viertelstunde der Moses.
„Geschieht ihm ganz recht“, antwortete Hasard.
Auch die bewaffneten Portugiesen und Spanier auf dem Steg und entlang der Steuerbordseite der Schebecke wurden von der Sonne geblendet, wenn sie in die Richtung blickten, in der die Galeone segelte. Die Galeone kreuzte im Westen vor Mannar-Island, ging über den anderen Bug und stampfte in der Brandung.
Hasard sagte nachdenklich: „Der Kapitän kennt das Fahrwasser. Ich denke, sie suchen eine Bucht, um den Anker fallen zu lassen.“
„Stimmt“, erklärte sein Bruder. „Den schönen, abwechslungsreichen Hafen von Mannar steuert er nicht an.“
„Er versucht, nach Süden zu gehen“, sagte Clint schließlich. „Wahrscheinlich will er in einer besseren Bucht als in dieser hier die Nacht abwarten.“
„So würde ich auch verfahren“, sagte Philip.
Die ersten auslaufenden Wellen leckten über den Schlick. Die Brandungswogen waren höher und brachen sich gischtend. Die Sonne brannte auf die Segel und den weißen Stander mit dem roten Kreuz darin.
Hasard lachte, schlug sich auf die Schenkel und sagte voller Freude: „Wenn ich nicht halb blind bin – das ist ein Niederländer.“
Ein Windstoß ließ die Segel killen und bewegte die Flagge. Farben und Formen schienen durcheinanderzuwirbeln. Hasard senkte den Kopf und überlegte, ob er wirklich eine holländische Flagge gesehen hatte, und was die Ankunft des Schiffes zu bedeuten hatte.
Ein Vorteil oder ein Nachteil – ein weiterer Nachteil – für die Seewölfe?
Bisher war er ziemlich sicher gewesen, was er zu tun hatte. Jetzt breitete sich in seinen Gedanken eine lähmende Ratlosigkeit aus. Während er verzweifelt nachdachte und nach einem besonders guten Einfall suchte, entfernte sich die Galeone und steuerte eine Bucht an, deren Ausdehnung für die drei Seewölfe nicht genau zu erkennen war. Mannar war einwandfrei nicht das Ziel dieses Schiffes.
Schließlich wußte Hasard junior, was sie unternehmen mußten. Leise beriet er sich mit dem Bruder und Clint. Je länger sie über ihren Plan sprachen, desto sicherer waren sie, daß er auch durchzuführen war.
Philip Hasard Killigrew hockte im Schatten, den das Schanzkleid warf, auf der Back. Er hielt den Kopf in beide Hände gestützt, seine Augen waren dunkel von verhaltener Wut. Am meisten störte ihn die Gewißheit, daß er vorläufig zum Warten gezwungen worden war. Erst während des höchsten Standes der Flut konnte die Schebecke um neunzig Grad gedreht werden oder freikommen. Dann erst würde Al Conroys Culverinen den Portus und Dons die gebührende Antwort auf die beispiellose Frechheit geben können.
Die wenigen Seewölfe, die sich an Deck befanden, wurden von fast dreißig Kerlen bewacht und bedroht. Die Dons und Portus trugen Helme und Halbrüstungen, schußbereite Musketen, doppelläufige Pistolen, Degen und schwere Säbel. Daß unter Deck mindestens die doppelte Anzahl feuerbereiter Schußwaffen bereitgehalten wurde, wußten die Bewacher nicht.
Die Drehbassen waren in die Waffenlast verbracht worden. Die Schebecke bot, notgedrungen, einen überaus friedlichen Eindruck, der noch dadurch verstärkt wurde, daß der Essensgeruch von der Kombüse her in der Nachmittagshitze träge entlang des Rumpfes zog.
„Mir ist auch nichts eingefallen“, versuchte Ben Brighton den Kapitän zu beruhigen. „Deine Söhne und der Moses sind an Land. Du weißt, daß sie für jede Überraschung gut sind.“
Sie sprachen leise miteinander, während Dan O’Flynn auf der Kuhl an seinen Karten und Berichtigungen zeichnete und schrieb.
„Auch für böse Überraschungen“, antwortete Hasard und fuhr in unterdrückter Erregung mit den Fingern durch sein dichtes Haar. „Das Gold ist weg. Bis auf ein paar Lederbeutel in meiner Kammer, die sie nicht gefunden haben. Ich bin sicher, daß wir es mit vier verschiedenen Gruppen zu tun haben.“
„Mit den räuberischen Kerlen von der Iberischen Halbinsel in erster Linie“, stimmte Ben Brighton zu.
„Und mit gläubigen, götterverehrenden Indern und Ceylonesen“, fuhr Hasard fort. „Sie werden das Gold des Padischah ihren Götzen zurückgeben.“
„Und dort klauen es andere“, sagte Ben und stieß ein kurzes Lachen aus. „Im Ernst, Sir: beim Rest handelt es sich um goldgierige, erschreckend arme Rübenschweine.“
„Portus, Dons, Arme und Fanatiker. Eine feine Mischung“, murmelte der Seewolf. „Von den Portus und den Dons können wir mit viel Glück den Schatz wieder zurückholen.“
„Nach einer Seeschlacht, die in diesem lausigen Hafen stattfindet?“ Der Erste drückte in einem Satz die gesamte Tragweite des Mißgeschicks aus. „Jedenfalls hat es viele blaue Flecke, zerbrochene Knochen und Messerwunden gegeben. Aber keinen Toten.“
„Noch nicht. Die Fanatiker scheinen spurlos verschwunden zu sein.“ Ben hatte es aufgegeben, mit dem Spektiv nach den Gruppen zu peilen, die sich schnell zerstreut hatten.
Hasard antwortete: „Ein Teil ist in Richtung des Dorfes abgehauen. Die anderen sind nach Ceylon hinübergewatet.“
„Ischwar Singhs Schatz. Elf Tonnen“, fuhr der Seewolf nach einer Weile fort. „Sein Vertrauen hat ihm und uns nicht viel genutzt. Ich habe nicht die windigsten Vorstellungen darüber, wie wir diese Menge wieder finden und zusammenbringen. Dieser Malindi! Wenn ich den in meinen Fingern hätte …“
„… dann würde ich dir dabei helfen.“ Der Erste schloß seine Finger zur Faust und hob sie. Das ohnmächtige Warten zerrte ebenso an seinem Stolz wie der Ärger darüber, daß sich so kurz vor dem Ziel ein scheinbar harmloser Zwischenfall zu einem solchen Desaster entwickelt hatte.
„Unter Deck gärt es“, sagte er. „Da glimmt eine lange Lunte, dicht am Pulver. Die Arwenacks zittern vor Wut. Sogar Plymmie knurrt ununterbrochen.“
„Kann ich gut verstehen.“ Der Seewolf nickte und blickte hinüber zu den Wachen am Steg.
Zwar zielten die Mündungen der Waffen nicht mehr auf einzelne Seewölfe, aber die Seeleute wirkten nicht im mindesten müde oder schläfrig. Die Gefahr war nicht geringer geworden, wie es jetzt aussah, würden die Portus und die Dons ihre Schiffe nachts keinesfalls unbewacht lassen. Im Gegenteil: sie mußten damit rechnen, daß El Lobo de mar blitzschnell und gnadenlos wieder zupackte.
Hasard sagte nach einigem Nachdenken: „Wir warten erst mal auf die Jungen. Sie wissen wahrscheinlich was an Land vorgefallen ist.“
„Wie ich deine Söhne kenne, warten sie die Nacht ab“, erwiderte der Erste. „Wir werden also noch eine Weile ausharren müssen.“
Die ersten Wellen der auflaufenden Flut zischten schäumend über Schlick und Sand. Die Sonne näherte sich südlich einer aufflammenden Wolkenwand dem westlichen Horizont. Fast ohne die Flügel zu bewegen, segelte eine Schar Marabus über die Bucht. In den Mangroven jenseits des Palmenwaldes trompeteten Kraniche oder andere Vögel, deren Namen die Seewölfe nicht kannten.
Die Stille und die Bewegungslosigkeit, die sich dann ausbreiteten, waren nicht echt. Es war tatsächlich so, als brenne eine Lunte ab, die in ein Pulverfaß führte.
5.
Hasard junior holte tief Luft und spannte seine Muskeln. Dann hob er den Zeigefinger und sagte: „Es gibt genügend Verstecke für uns. Du schleichst dich jetzt dorthin, Clint. Du weißt, um was es geht?“
Er zeigte zu dem ersten Haus des Dorfes, westlich des Tempelhügels und zwei Kabellängen von dem Ziegelbau neben der Weggabelung entfernt. Dort stieg hinter einer braunen Lehmmauer eine dünne Rauchsäule schräg in die Luft.
„Ich weiß“, erwiderte der Moses und nickte ernsthaft. „Aber ich stürme dann zu euch. Seid ihr auch fertig?“
„Keine Sorge“, entgegnete Philip und zog das Messer. „Wir sind dann auch soweit.“
„In Ordnung.“
Der Moses schnürte wie ein Fuchs nach links den Hügel abwärts, schlug einen Bogen um die mächtigen Wurzeln und verschwand hinter dem halb mannshohen Gras und den Disteln.
Hasard und Philip sprangen auf, zerrten Aststücke aus dem Gras, warfen sie neben dem Stück einer zerbrochenen Säule in den Sand, rafften trockene Blätter zusammen und schnitten Zweige von den Büschen. Sie mußten ein Dutzend Schritte nach rechts laufen und schichteten, damit nicht die Baumkronen angegriffen wurden, einen ständig wachsenden Stoß aus dürren und feuchtem Holz schräg am Hügelhang auf.
„Also“, sagte Philip junior keuchend, „wenn uns jetzt niemand sieht, dann sind die Mannar-Leute allesamt blind.“
„Jetzt spielt es auch keine große Rolle mehr“, entgegnete der Bruder. „Hoffentlich ist Clint bald wieder hier.“
Sie schnitten mit den Messern trockenes Gras in Büscheln ab und warfen es auf den Haufen. Hasard fand einen schenkeldicken Ast, halb vermodert und knochentrocken. Er zerrte ihn den Hang aufwärts und wuchtete ihn zwischen die anderen Bestandteile des halb mannshohen Haufens.
Hasard unterbrach seine Schufterei kurz und schirmte die Augen mit der flachen Hand ab. Er blickte nach Südosten und glaubte zu erkennen, daß die Galeone hinter der. Landzunge ankerte oder kurz davor stand, den Anker fallen zu lassen.
„Wenn sie uns so deutlich sehen wie wir sie“, sagte er schwitzend, „dann war unser Plan nicht schlecht. Weiter.“
Sie fanden, ehe Clinton wieder heranhastete und keuchend einen dicken, rotglimmenden Knüppel schwang, noch genügend Holz, das schon solange herumgelegen hatte, daß es sie keine Mühe kostete, es in armlange Stücke zu brechen.
„Hast du einen erschlagen müssen wegen der Fackel?“ fragte Philip mit breitem Grinsen.
Der Moses schüttelte lachend den Kopf und brachte stoßweise hervor, zwischen den einzelnen Worten nach Luft schnappend: „Hab gewartet. Bis keiner da war. Vielleicht haben sie mich gesehen. Von achtern.“
Er kniete sich vor den Stapel, blies auf die Glut und schob das Ende zwischen die raschelnden Blätter. Sie begannen zu schwelen, und als Hasard aus vollen Lungen hineinblies, züngelten die ersten winzigen Flammen. Sekunden später ringelten sich Rauchfäden in die Höhe, die Flammen fingen zu prasseln an. Clint sprang zurück, als sich dunkler Qualm entwickelte.
„Brennt!“ sagte er zufrieden.
Sie wichen vor der Hitze und den prasselnden Flammen drei Schritte zurück. Philip und Hasard hatten große Äste voller frischer, saftiger Blätter in den Händen und warteten, bis das Feuer hochloderte und sicher brannte. Als sie fast gleichzeitig die Blätter in die Flammen hielten, änderte sich die Farbe des Rauches.
Aus hellem Grau wurde fettes Schwarz. Eine große, runde Wolke brodelte hoch und stieg vor den Kronen der Bäume schräg nach Osten.
Die Zwillinge zogen ihre knackenden Äste zurück. Die Blätter schmorten. Clint hatte begriffen und hetzte hinüber zu den Büschen. Er kehrte, als Hasard und Philip den zweiten schwarzen Rauchball erzeugten, mit einem Arm voller grüner Zweige zurück.
„Hoffentlich sieht der Holländer unsere Zeichen“, stieß der Moses hervor.
Hasard nickte. Ihm war viel wichtiger, daß der Kapitän der Galeone die Zeichen richtig deutete. Aber durch welches Signal konnte er dem Niederländer mitteilen, daß Gold gestohlen und Spanier wie Portugiesen die Gegner eines Engländers waren, ganz zu schweigen von allen anderen Schwierigkeiten? Der nächste dunkle Rauchball entfaltete sich über den Baumkronen. Die Sonne brannte noch immer grell, und die Flammen waren kaum zu erkennen.
Aber der dunkle Rauch, der nur langsam davontrieb, war überaus deutlich zu sehen.
Die Seeleute auf der Karavelle schienen die Rauchzeichen gesehen und erkannt zu haben, daß die Engländer dahinterstecken mußten.
Während die nächsten frischen Äste verbrannten, begannen die Wachen auf dem Steg zu brüllen. Zwei Musketenträger knieten auf die Planken nieder und zielten.
Auch im Dorf wurden die Ceylonesen aufmerksam. Zwischen den Häuserwänden tauchten die ersten braunen Gestalten auf.
„Weiter! Bis es nicht mehr geht. Wir rennen wieder zum Strand“, entschied Hasard.
Der erste Musketenschuß heulte zirpend durch die Luft. Dann drang schwach der peitschende Krach der Explosion an die Ohren der drei Seewölfe. Wieder flogen einige Arme voll frischer Zweige in die Flammen.
Die Vorderfront des Tempels und die Bäume verschwanden im dicken Rauch. Ein grauer Schleier zog den Hang abwärts und stieß mit lautlosen Zungen in die Richtung auf Mannar vor.
„Die feuern auf uns, die Kerle“, sagte Philip in einem Tonfall, als wäre er darüber verwundert.
„Würde ich nicht anders halten“, murmelte sein Bruder.
Die Inder hasteten heran. Die zweite Kugel fetzte durch die Baumkrone und ließ zerrissene Blätter regnen. Wieder ertönte das scharfe Krachen.
Das Sonnenlicht ließ die dunklen Rauchschwaden deutlich vor dem hellen Himmel hervortreten. Die letzte schwarze Wolke stieg aus den heruntergebrannten Resten des gewaltigen Feuers hoch, als die drei Seewölfe um die Feuerstelle herumliefen und den Hang hinunterstürmten, wieder auf ihren eigenen Spuren.
„Mehr konnten wir nicht zeigen!“ rief Clint. „Verdammt viel Rauch!“
„Gut so“, sagte Hasard und hastete durch die schmale Gasse im Bambus. „Im Palmenwald scharf nach rechts, Leute.“
„Verstanden.“
Sie liefen, duckten sich, sprangen über Gräben und wateten durch einen breiten Streifen Morast. Dann waren sie zwischen den knarrenden Stämmen der Palmen und schlugen einen Haken.
„Warum nicht zum Schiff?“ wollte Clint nach drei Dutzend Schritten wissen.
„Weil dort die Portus mit Musketen stehen und genau auf uns warten. So blöde, daß sie uns für Singhalesen halten, sind die leider nicht.“
„Du hast recht. Wir schwimmen vielleicht nachts zum Schiff zurück“, sagte Philip.
Sie sparten ihre Luft für die Versuche, ungesehen durch den Palmenwald, an dem breiten Streifen Mangroven vorbei und am Rand weiterer Felder vor den Indern zu fliehen. Die Portugiesen rührten sich nicht vom Steg weg, und die drei Seewölfe hatten auch niemanden gesehen, der über die Laufplanke stürmte und sie zu verfolgen begann. Der faulige Geruch eines überfluteten Reisfeldes blieb hinter ihnen zurück, der Rand eines dschungelartigen Waldes rückte näher.
Ihre Schritte wurden langsamer. Jetzt spürten sie Hunger und Durst mehr als in den Stunden zuvor. Um ihre vergrabene Beute sorgten sie sich nicht, noch nicht. Schließlich gingen sie mit stolpernden Schritten weiter und entfernten sich vom anderen Ende des Dorfes.
Die Ceylonesen, die von Mannar zum Tempel gelaufen waren, steckten noch immer im Rauch, der sich in die Senke geschoben und einen nebelartigen Vorhang dicht über dem Boden gebildet hatte. Von hier aus waren nicht mal die Mastspitzen zu sehen.
„So“, sagte Hasard nachdrücklich. „Jetzt sehen wir uns das Dorf mal genauer an.“
„Und wenn uns die Dörfler entdecken und jagen?“ fragte der Moses.
„So schnell erwischen uns die Landratten nicht“, erklärte Philip. „Wir müssen nur vorsichtig sein.“
Sie fanden einen Feldweg, der zwischen den Weiden und Gärten auf das Dorf zuführte. Schlangen raschelten durch das Gras, zwei Schildkröten schoben sich träge quer über den Fußpfad. Fliegenschwärme flogen auf und summten um die Köpfe der drei Seewölfe, die auf das westliche Ende des Dorfes zuhielten. In einem Tümpel standen Wasserbüffel bis zum Bauch im Schlamm und beäugten träge die Fremden.
„Da steht das Abendessen“, murmelte Hasard. „Steaks für die ganze Crew.“
Philip lachte auf.
„Mit dem Gold, das wir nicht mehr haben, könnten wir alle Herden Indiens kaufen“, meinte er und watete durch einen winzigen, halb schlammigen, halb ausgetrockneten Bach.
Obstbäume, niedrige Büsche, ein paar Zäune, etliche Mäuerchen und eine winzige Brücke über das Rinnsal zeigten den drei Seewölfen, daß sie sich menschlichen Behausungen näherten. Rauch hing in der Luft, es roch nach Vieh und fremdartigen Gewürzen. Leise Stimmen waren zwischen den Mauern von Höfen und Häusern zu hören, irgendwo blies ein Ceylonese auf einer Flöte. Geduckt schlichen die Seewölfe näher und hoben die Köpfe über den Rand einer Mauer.
„Merkwürdig“, sagte Philip und schaute in einen menschenleeren Hof. „Eigentlich sollte doch jemand arbeiten. Die Felder sind leer, und hier ist auch keiner.“
Hasard sicherte seinen Stand auf einem wackligen Stapel flacher Ziegelsteine und versuchte, die Ausdehnung der Siedlung abzuschätzen.
„Sie sind in den Häusern, denke ich“, meinte er. „Und dort drüben sehe ich Leute auf ihren Feldern.“
„Wahrscheinlich zählen sie Silberstücke und Gold“, bemerkte der Moses.
Sie gingen langsam weiter, spähten um eine Ecke und erkannten, daß sie tatsächlich das Ende eines großen Dorfes erreicht hatten. Hinter dem breiten Streifen der Weiden und Felder sahen sie den Waldrand.
Vor ihnen lag eine unregelmäßige Fläche, voller Löcher und Sand, eine Art Dorfstraße oder Dorfplatz. Auf den ersten Blick waren mehr als drei Dutzend Häuser zu zählen, deren Fronten oder Hofeingänge dem Platz zugewandt waren.
Vor jedem Eingang standen oder saßen Dutzende von schmalschultrigen, braunhäutigen Menschen und palaverten. Über den Ereignissen rund um die Bucht schienen sie alles andere vergessen zu haben.
„Friedliche Leute“, murmelte Hasard, nachdem er sich unter den Palmenwedeln und im langen Schatten der Häuser umgesehen hatte.
Solche Siedlungen, größer oder kleiner, hatten sie zur Genüge kennengelernt. Hier schien auch niemand etwas vom Schwarzen Tod gehört zu haben. Nackte Kinder spielten im Staub, balgten sich mit Hunden und ärgerten die Äffchen, die auf den Mauern hockten und sich gegenseitig lausten.
„Jedenfalls prügeln sie sich nicht um das Gold des Padischah“, erklärte sein Bruder und zuckte zusammen, als schräg hinter ihnen ein Ceylonese auftauchte und winkte.
„Hierher, die jungen Herren“, sagte er leise in Hindu.
Hasard und Clinton wirbelten herum. Aber der junge Mann, der einen gelben Turban trug, lächelte auffordernd und breitete die Arme aus. Dann winkte er wieder.
„Du sprichst Portugiesisch?“ flüsterte er in derselben Sprache.
„Si“, entgegnete Philip. „Du willst uns gegen die fremden Händler helfen?“
„Ich nicht. Mein Herr will mit euch sprechen“, lautete die Antwort. „Kommt mit mir. Die Leute aus dem Dorf sollen euch nicht sehen. Noch nicht.“
„Traust du ihm?“ fragte der Moses argwöhnisch.
Hasard zuckte mit den Schultern. Der Mann trat näher und war darauf bedacht, von den Dörflern nicht gesehen zu werden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Leuten hier war seine Kleidung sauber und aus teurem Stoff. Er trug keine Waffe, jedenfalls war sie nicht sichtbar. Er war nicht älter als fünfundzwanzig.
„Was will dein Herr von uns?“ fragte Philip und ging ein paar Schritte in die Richtung, in die der Singhalese deutete. „Unser Gold ist weg. Von euch geraubt.“
Der Braunhäutige schüttelte den Kopf. Beim breiten Lächeln zeigte er schneeweiße Zähne.
„Mein Herr ist der Kaufmann in dem großen Haus, über dem Hafen“, sagte er langsam, aber in gutem Portugiesisch mit einem zischenden Akzent. „Er hat alles gesehen. Von eurem Gold will er nichts. Ihm ist an Ruhe und Frieden in Mannar gelegen.“
„Uns auch“, erwiderte Hasard. „Wir sollten mitgehen. Womöglich kriegen wir etwas zwischen die Kiemen.“
„Mein Herr lädt euch ein“, sagte der Mann feierlich. Er kehrte ihnen die Handflächen zu. Seine Hände trugen keine Schwielen, die Nägel waren weder schwarz noch eingerissen. „Ich bin Schreiber Arun. Ich führe die Rechnungsbücher meines Herrn.“
„Wir kommen mit“, entgegnete Hasard.
Hinter dem Schreiber, der ungewöhnlich große Schritte ausführte, passierten sie einen schmalen Durchgang zwischen Lehmmauern, bogen nach rechts ab und trotteten eine Treppe abwärts, die aus lose verlegten Steinplatten im Lehmboden bestand. Dem Kaufmann schien wirklich daran gelegen zu sein, daß die Dorfbewohner möglichst wenig von seinen Gästen sahen. Im abnehmenden Licht des Tages, durch schwarze Schatten und meist unterhalb der Häuser oder Gartenmauern gingen sie im Gänsemarsch in Richtung auf die Bucht zu.
„Warum will dein Herr mit uns sprechen?“ fragte Hasard unterdrückt.
Der Ceylonese hob kurz die Hand, drehte den Kopf und erwiderte: „Das weiß ich nicht genau. Aber ich weiß, daß er weder die Spanier noch die Portugiesen liebt. Sie haben ihn nachweislich zweimal betrogen.“ Er stolperte über einen Haufen fauliger Gartenabfälle, aus denen zwei Ratten huschten.
Philip stieß ein scharfes Knurren aus und sagte zu Clint, der hinter ihm hertrottete: „Das höre ich gern. Sie denken, alle Eingeborenen seien blöde.“
Der Moses nickte nur und rieb seinen leeren Magen.
Der Schreiber führte die drei Seewölfe an Mauern entlang und über leere Felder. Sie schlugen einen Bogen nach Norden und gelangten zwischen den ersten Häusern und dem Gebäude, das der Kaufmann bewohnte, wieder auf die Straße zum Hafen.
„Hier wohnt der reiche Kaufmann Ginjal Chand“, erklärte der Schreiber. „Mit all seinen Dienern, Söhnen und Töchtern. Hier arbeite ich. Geht einfach hinter mir her.“
„Das tun wir schon die ganze Zeit“, brummelte Clint und sah sich um.
Schon der gemauerte Eingang zum Hof ließ deutlich erkennen, daß hier größerer Reichtum herrschte als in allen anderen Teilen Mannars. Die Ziegel waren glatt und verschiedenfarbig. Schmiedeeiserne Torflügel hingen in schweren, gefetteten Zapfen. Der ummauerte Garten war breiter als eine Kabellänge. Ein bequemer Weg aus weißem Sand führte in Schlangenlinien zur Rückfront des Hauses. Sorgfältig verschloß der Schreiber das Tor.
„Mein Herr erwartet euch“, wiederholte er und deutete zu dem Haus. Fast an jeder senkrechten Fläche rankten sich grüne und in allen Farben blühende Pflanzen in die Höhe. An einigen Stellen bildeten die Wipfel der Bäume ein zusammenhängendes Blätterdach.
„Danke. Wir sind schon neugierig“, sagte Hasard ebenso höflich wie der Schreiber.
Vögel flatterten herum, Fliegen summten in der Stille, die Schritte knirschten im Sand. Als sie sich dem Haus näherten, wurde der Geruch nach starken Gewürzen und Tee fast unerträglich. In der Mauer öffneten sich links große Eingänge.
Die drei Seewölfe blickten in einen langgestreckten Schuppen, in dem Kisten und Ballen in großen Stapeln fast bis zur Decke übereinandergetürmt waren. Aus kleinen Öffnungen dicht unter den Dachsparren drang rötliches Sonnenlicht herein und zeichnete dicke Lichtbalken in den Staub.
„Das ist der wahre Reichtum des Kaufmanns“, sagte der Schreiber fast ehrfürchtig. „Nicht ein paar Kisten geraubtes Silber.“
„Das weißt du also auch schon?“ fragte Hasard.
Arun nickte. „Die Diener haben alles gesehen und berichtet“, sagte er.
Er führte sie zu einer Treppe, die auf einer Terrasse endete. Rund um das Haus wucherten große, blühende Stauden. Die Erde in den gemauerten Trögen war vor kurzer Zeit gewässert worden. Wohin die Seewölfe auch blickten, überall herrschte die gleiche Ordnung wie auf der aufgeklarten Schebecke.
Eine weiße Tür aus dünnen Latten öffnete sich. Ein Mann in mittleren Jahren, einen Kopf größer als der Schreiber, trat auf die Terrasse und führte die Geste der Begrüßung aus.
„Kommt ins Haus, Seeleute“, sagte er in gutem Portugiesisch. „Ihr werdet Durst und Hunger haben.“
„Mehr Durst als Hunger“, sagte Philip und nannte die Namen seiner Kameraden. „Wir beide“, erklärte er dann, „sind die Söhne des Kapitäns.“
„Und ihr habt die Signale mit dem dunklen Rauch aus frischen Blättern gegeben, nicht wahr?“ Es war mehr eine Feststellung als eine Frage. Der Kaufmann hatte nackenlanges, blauschwarzes Haar und einen sauber ausrasierten, weißgrauen Kinnbart. Seine Kleidung war einfach, aber aus schillernder Seide mit Säumen in kostbarer Stickerei.
„Wir dachten, ein Signal sei besser als Nichtstun“, erwiderte Hasard. „Sie wissen also über alles Bescheid, Senhor?“
„Ich weiß, daß man euch eine große Ladung gestohlen hat. Es sollen Gold und Silber in den Kisten und Ballen gewesen sein.“
Er nahm die Zwillinge an den Oberarmen und zog sie mit sich in einen kühlen Raum mit hoher Decke. Arun schob Clint hinterher. Der Boden bestand aus festgestampftem Lehm, der mit farbigen Ornamenten bemalt und glänzend poliert war.
„Ich bin Ginjal Chand, der Kaufmann von Mannar“, sagte der schlanke Ceylonese, dessen Haut eine Spur heller war als jener Dörfler, die sie gesehen hatten.
Chand klatschte in die Hände. Zwei Frauen erschienen lautlos, lächelten die Fremden scheu an und verteilten Schalen und Becher auf einem großen Tisch. Die Platte, so dick wie die Decksplanken, bestand aus schimmerndem und duftendem Teak und stand auf zwei weißen Säulenresten.
„Daß Gold, Senhor Chand“, fing Hasard an, „um die Wahrheit zu sagen, ist nicht unser Besitz. Wir haben auch nicht ein Körnchen davon irgendwo gestohlen.“
„Aber …?“ Mit einer schwungvollen Gebärde wies der Kaufmann auf die geschnitzten Hocker und den Tisch. Die Frauen zündeten kleine Lämpchen an und warteten, bis die Dochte hoch brannten. Dann stellten sie die Henkelkännchen in Mauernischen.
„Es gehört dem Padischah Ischwar Singh aus Bombay. Wir sollen es nach Madras bringen.“
Die drei Seewölfe setzten sich. Der Kaufmann stand starr da, die Farbe wich aus seinem Gesicht. Er schluckte und sagte einige Sätze in Hindu oder der Sprache dieser Insel. Auch der Schreiber führte erschreckte Bewegungen aus und war plötzlich ebenso verblüfft wie sein Herr. Ginjal setzte sich zu den drei Gästen und stützte die Ellbogen auf den Tisch.
„Ich denke, ihr sprecht die Wahrheit“, sagte er mit veränderter Stimme. „Das ist, beim heiligen Zahn, ein schlimmes Geschehen. Ich muß nachdenken.“
Er zeigte auf die Speisen.
„Eßt, trinkt“, sagte er zerstreut. „Ich habe viele Männer gezählt, die alle schwer an der Beute geschleppt haben. Zwanzig Dutzend Lasten und mehr waren es.“
„Elf Tonnen, um genau zu sein“, antwortete Philip. „Meinen Sie, Senhor, daß Sie uns einen Rat geben können? Wir haben Geschütze, wir können uns wehren, aber die größte Menge ist mit den angeblich frommen Männern auf dem Weg nach Kandy.“
„Es ist sehr weit bis nach Kandy“, murmelte Ginjal. „Sehr weit. Und wenn der Padischah alles erfährt, wird sein Heer wenig rücksichtsvoll vorgehen. Die Bewohner von Mannar leiden darunter, obwohl sie wahrscheinlich das wenigste der Beute haben oder gar nichts.“
„So ähnlich sehen wir das auch“, entgegnete Philip.
Clinton aß und trank schweigend, als hätte er seit Wochen nichts mehr zwischen den Zähnen gehabt.
Mindestens zehn große Öllampen erhellten den Raum. Das ganze Haus roch nach den duftenden Waren des Kaufmanns. Aus anderen Zimmern drang durch die dünnen Türen und die Vorhänge das Gewirr der Stimmen. Kinderstimmen schrien, Frauen lachten. Der Kaufmann schaute ihnen beim Essen zu, aber er war mit seinen Gedanken irgendwo anders. Sehr weit weg, wie es schien.
Schließlich, als fast alle Schalen und Körbchen leer waren und nur noch die Krümel der Chapattis auf dem Tisch lagen, hob Ginjal Chand den Kopf und blickte schweigend von einem zum anderen.
„Geh in mein Arbeitszimmer, Arun, und hol den Reiswein. Wie kann ich euch helfen?“
Hasard hob den Becher und lehnte sich weit vor. „Mit den beiden Schiffen, der Karavelle und der Galeone, werden wir vielleicht selbst fertig. Wenn Sie alles gesehen haben, Senhor Ginjal, dann wissen Sie, daß die Portugiesen und die Spanier eine Menge erbeutet haben. Die Kisten haben sie in ihren Laderäumen verstaut. Oder an die Crew verteilt, was weiß ich.“
„Das wäre ein Teil, sicherlich kein kleiner“, murmelte Ginjal. „Mich würde es freuen, wenn jemand diese frechen und betrügerischen Fremden bestrafen würde. Sie haben mich betrogen, um sehr viel Geld. Aber noch mehr haben sie meinen Ruf geschädigt. Zwischen Kaufleuten, die einander ein Leben lang vertrauen, ist ein guter Ruf, Ehrlichkeit, richtige Zahlen mehr wert als Goldstücke. Ich will, daß die Fremden aus Mannar verschwinden.“
„Wir auch, aber vorher müssen wir ihnen die Beute abjagen“, sagte der Moses und vollführte drohende Bewegungen.
Ginjal Chand lächelte in sich hinein.
„Im Augenblick wird sich keins der Schiffe bewegen können“, zählte der Kaufmann auf. „Ihr wart im Tempel und habt, vielleicht, die Weihgaben der singenden Kali-Verehrer gefunden. Oder irren die scharfen Augen meiner Diener und Dienerinnen?“
„Wir haben versucht, das Vermögen des Padischah zusammenzuhalten“, bekannte Hasard und lächelte.
„Das sagt mir, daß ihr ehrliche Engländer seid. Mir scheint, ihr kennt das Fahrwasser zwischen Indien und Ceylon gut?“
Philip blickte in die großen Augen des Ceylonesen. Sie wirkten fast schwarz, die Flämmchen der Lampen flackerten winzig klein darin. Ginjal Chand war eine würdige, überzeugende Erscheinung.
„Wir kennen es gar nicht gut“, gab Philip zu. „Wir wissen nur, daß wir erst in der tiefen Nacht ablegen können – wenn uns die Portugiesen und Spanier nicht daran hindern. Sie sind in der Übermacht.“
„Du magst recht haben. Aber für jede Kanone gibt es eine Abwehr, und mit List erreicht man oft mehr als mit Gewalt. Ich kann euch genau sagen und zeigen, wie ihr sicher segeln könnt. Später. Seid ihr satt geworden, ihr hungrigen Engländer?“
„Ich bin satt. Es schmeckte ausgezeichnet“, sagte Philip junior und nickte lächelnd. „Viel besser als von unseren Köchen.“
„Wirklich, danke, es war sehr gut“, sagte Hasard und sah auf, als der Schreiber den Tonkrug und die Trinkschalen brachte. „Was denken Sie, Senhor Ginjal, über die Leute, die nach Kandy unterwegs sind?“
Der Kaufmann hob die Hand und zählte an den ausgestreckten Fingern ab: „Erst mal muß jedes Schiff weiter südlich einen Hafen finden, dann führt die Straße zuerst nach Anuradhapuraya, von dort nach Sigiriya und über Dambulla nach Kandy. Oder ihr werft Anker vor Negombo und zieht von diesem Hafen zum Tempel des Zahns. Ein weiter Weg, meine Freunde.“
„Das würde bedeuten“, sagte Hasard und wiegte den Kopf, „daß auch die heiligen Männer mit Malindis Zahn und unserem Gold ziemlich lange brauchen.“
„So ist es“, erwiderte der Kaufmann. „Einen Schluck Reiswein verträgt auch ein junger Seemann. Trinkt! Die Leute in Mannar brauen ihn für mich. Nur für mich, und ich verkaufe ihn überall dort drüben.“ Er zeigte in Richtung der großen Insel. Der Reiswein floß in die Schalen und roch nach unbekannten Blüten.
„Danke.“
In den anderen Teilen des Hauses wurden der Lärm und das Tappen vieler nackter Füße auf dem Lehmboden nicht leiser. Wieder zog Essensgeruch durch die Türen. Im Garten schimpfte laut eine Frau. Der Schreiber und der Kaufmann versuchten, den drei Seewölfen die Verhältnisse rund um Mannar und in dem schwierigen Fahrwasser zu erklären.
Schließlich sagte Ginjal Chand: „Ohne euch aufhalten zu wollen – aber ihr könnt nur in der Nacht zum Schiff zurück. Wenn die Flut gestiegen ist.“
„Dürfen wir hier warten?“ fragte Clint leise.
Der Kaufmann nickte, dann hob er den Kopf und lauschte.
„Das ist Sunder“, sagte er erregt.
„Einer unserer Diener“, erklärte der Schreiber. „Er sollte sich draußen umsehen.“
„Sunder soll kommen!“ rief Ginjal und stand auf.
Der dichte Vorhang aus Holzperlen und Schnüren teilte sich klappernd, und ein kleiner, schwitzender Mann stolperte herein.
Er begrüßte keuchend seinen Herrn und sagte: „Am Waldrand, Herr, hinter der Gartenmauer am Taubenhaus, hat jemand ein Feuer entfacht. Ich bin hingeschlichen, und“, er grinste die drei Seewölfe an, „dort sitzen vier Männer. Sie sind nicht aus dem Dorf. Sie sind mit den Booten von Indien hierhergesegelt, hinter eurem Schiff, Seeleute.“
„Warum so aufgeregt?“ fragte Philip.
Der Diener sprach ein schauerliches Portugiesisch, mit spanischen Brocken durchsetzt, aber dann wechselte er in die Sprache des Landes über.
Nach einer Weile lachte der Kaufmann kurz auf und rief: „Das wird euch gefallen, meine Freunde.“
„Was? Das Feuer am Waldrand?“ fragte Clinton und hielt die Schale in die Höhe, damit der Schreiber wieder ein paar Schluck zugießen konnte.
„Die Männer, die am Feuer sitzen, haben zwischen sich eine Kiste voller Silberstangen und Goldbarren“, erklärte der Kaufmann.
Sunder zeigte mit den geöffneten Händen die Länge und Breite der Kiste an. Hasard und Philip blickten überrascht, standen zögernd auf, und ihre Augen suchten in dem Raum nach irgendwelchen Waffen.
„Haben die Kerle Waffen?“ fragte Clinton sachlich.
„Er sagt“, erwiderte der Schreiber, „daß sie nur Dolche haben. Und wahrscheinlich ein paar Knüppel. Sie braten Fleisch über dem Feuer.“
Ginjal Chand sagte nur: „Meine Diener helfen euch. Holt euch das Gold zurück. Sunder! Benachrichtige die anderen. Seid leise, aber ihr wißt ja, wie man Diebe und Räuber behandelt.“
Sunder verbeugte sich und eilte hinaus.
Ginjal Chand schlug Hasard auf die Schulter und fuhr fort: „Sunder wird euch den Weg zeigen. Kehrt bald zurück, und dann sehen wir weiter.“
„Wir sind gleich wieder da. Mit dem Gold“, versicherte Philip.
6.
Ben Brighton hob den Kopf über das Süll des Luks und versuchte in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Die Buglaterne und die Laterne im Heck brannten ungewohnt schwach. Will Thorne hatte absichtlich die feinsten Dochte hervorgekramt.
Das Wasser war gestiegen, die Wellen klatschten an die Pfähle des Steges und an die Bordwand. Die Bewegungen der kleinen Boote, die noch immer in einem Halbkreis um die Schebecke lagen, erzeugten ein ununterbrochenes Knarren und Poltern.
Unter Deck bastelten Old Donegal, Al Conroy, der Kutscher und ein paar andere Arwenacks an den Teilen der „Überraschung“. Einige Hindu-Seeleute waren aus dem Dorf zurückgekehrt und schliefen zwischen den Duchten der Boote. Die Bewacher waren abgelöst worden, hatten ihre eigenen Fackeln und Öllampen auf dem Steg und dahinter aufgestellt und zeigten, daß sie ein Ablegen der Schebecke verhindern würden.
„Schön ist das alles nicht“, knurrte der Erste und enterte ein paar Sprossen weiter auf. Das Deck war leer, bis auf die wenigen Wachen. Über den Mastspitzen funkelten die Sterne klar und riesengroß.
Don Juan und Batuti saßen auf dem Achterdeck und unterhielten sich leise. Der Erste schwang sich an Deck, ging zum Backbordschanzkleid und beobachtete einige Atemzüge lang die Eingeborenen in den Booten. Jetzt wirkten sie nicht mehr wütend und gefährlich, eher müde und harmlos. Ben wechselte zur Backbordseite über und kontrollierte die Lage der Schebecke. Sie zerrte schwach an den Festmacherleinen.
Ben lehnte sich an die achterlichste Backbord-Culverine. Sie war, wie alle anderen Geschütze, eingerannt und verzurrt, aber geladen und nahezu feuerbereit. Auf nackten Sohlen tappte der Erste zu seinen Kameraden und setzte sich neben den Spanier.
Er flüsterte, obwohl die Spanier und Portugiesen hinter der schweren Läufen der Musketen nichts verstehen konnten.
„Langsam wird sogar Hasard unruhig. Wo stecken die verdammten Burschen?“ fragte er.
Don Juan zuckte mit den Schultern und gähnte mit blinzelnden Augen.
„Mir ist um die Jungens nicht bange“, erwiderte er. „Wie weit seid ihr mit dem Nachtgeschenk für unsere Belagerer?“
„In einer Stunde, sagte Al Conroy, sei das Zeug fertig. Ob es so erfolgreich sein wird, wie wir hoffen, hängt von uns allen ab.“
„Wann schlagen wir los?“ fragte der Gambiamann mit rauher Stimme. Sein Bogen und der volle Köcher waren am Schanzkleid angebändselt. „Von mir aus – jederzeit.“
„Hasard gibt den Befehl“, erwiderte Ben Brighton. „Sie dürfen uns nur nicht erwischen. Ich hasse diese verdammte Warterei.“
„Du sprichst mir aus der Seele“, brummte Don Juan. „Das muß dann alles blitzschnell vor sich gehen. Und ohne jeden Lärm.“
„Für den Lärm sorgen wir an Deck“, erklärte der Erste. „Haben wir schon abgesprochen.“
„Gut. Ich glaub’s dir“, sagte Batuti und rieb sich die Nase.
Vom Dorf her schimmerten wenige unruhige Lichter durch die Dunkelheit. Das einzeln stehende Haus mit dem großen Garten war weitaus besser beleuchtet. Hinter fast jedem Fenster brannte ein Lämpchen. Die Karavelle und die Galeone hatten nicht nur Bug- und Hecklaterne gesetzt, sondern zusätzlich Beleuchtung ausgebracht.
Auch unter den Bäumen am Tempelhügel erkannten die Seewölfe kleine Flämmchen und Lichtkreise. Im Licht der eigenen Lämpchen bildeten sich große Schleier tanzender Mücken. Die Wachen auf dem Steg wurden ebenso von den stechenden und blutsaugenden Quälgeistern umschwirrt wie die Seewölfe. Nur die Hindi in den Booten schienen die Stiche nicht zu spüren.
Die Nacht hatte keinen kühlen Wind gebracht. In dieser abgelegenen Weltecke schienen Schwüle und Feuchtigkeit auch um diese Zeit nicht zu weichen, obwohl der ablandige Wind aus dem nördlichen Sektor mehr als eine leichte Brise war.
„Den Zwillingen und unserem Moses ist die Lage wahrscheinlich nicht ruhig genug“, sagte Don Juan.
Zwischen der Kante des Stegs in ganzer Länge, dem sandigen Ufer am Bug und dem Backbordschanzkleid der Schebecke herrschte pechschwarze Finsternis. Wenn jemand an Deck enterte, das auch noch geräuschlos, würden ihn die bewaffneten Wächter nicht sehen können. Die Jakobsleiter hing längst von der Back ins Wasser.
Ben Brighton bemerkte nach einer Weile: „Jedenfalls fangen wir ohne die Jungen nicht an, sagt der Kapitän.“
„Einverstanden.“
Sunder schien nachts wie eine Katze sehen zu können. Er führte den Zug an und glitt völlig lautlos über den Pfad. Nach einiger Zeit gewöhnten sich die Augen an die Dunkelheit, und die Umgebung war schwach zu erkennen. Clint folgte dem Ceylonesen, der einen armlangen Hartholzknüppel geschultert hielt.
„Nicht laufen“, flüsterte Sambhu, der zwischen den Zwillingen dahinschlich.
Eine Kabellänge nach dem schmalen Tor im Lagerhaus des Kaufmanns spürte man nichts mehr von Ordnung und Reichtum. Durch Weiden und entlang modrig riechender Reisfelder trabten die Diener Ginjals und die Seewölfe auf den Wald zu.
Es war ungewöhnlich ruhig, nur die Zikaden und das Sirren der Stechmücken bildeten die Begleitmusik zu den Lauten der Sandalen und dem Atmen der Männer. Hasard wechselte den Griff um das Rundholz, das sie im Werkzeuglager des Kaufmanns gefunden hatten. Seine Handfläche war schweißnaß.
„Wer läuft denn?“ gab er in Hindi zurück. Er hob den Kopf und spähte nach vorn. Gorath stolperte und prallte schwer gegen ihn. Hasard hielt den gedrungenen Singhalesen fest und grinste. „Ihr habt es eiliger als wir.“
„Es ist euer Geld“, sagte Gorath und schlich weiter.
Die Stelle, an der die Räuber um das Feuer hockten, hob sich schwach gegen die Baumstämme und das Blättergewirr ab. Nur rötliche und gelbe Spiegelungen auf den Blättern verrieten den Standort der Feuerstelle. Sunder bog nach links ab und wartete auf die Gruppe, als er einen Baum erreicht hatte, einen hochgewachsenen, bizarr krummen Palmenschaft.
„Drei dorthin, Seemann“, sagte er zu Clint. „Und drei gehen mit mir.“
Er zeigte in die Dunkelheit. Der Waldrand war noch einmal reichlich zwei Kabellängen entfernt.
„Ich zeig euch den Weg“, sagte Gorath und griff nach Hasards-Handgelenk. „Keine Angst. Wir sechs, sie vier. Kein schwerer Kampf.“
„Und sie warten nicht gerade auf uns“, meinte Philip und wischte mit dem Hemdsärmel über sein Gesicht.
„Hoffentlich nicht.“
Clinton spuckte ins Gebüsch und folgte Sunder, der um den Baum herumglitt und auf den Waldrand zuging. Hinter dem Moses versuchte Philip, die Spuren des Anführers nicht zu übersehen. Sie tasteten sich durch das Dunkel davon und hörten schon nach wenigen Schritten die Geräusche nicht mehr, die von der anderen Gruppe verursacht wurden.
Der Widerschein des Feuers wurde deutlicher. Auch das Rascheln und Knistern aus dem Wald überdeckte die wenigen Geräusche der Männer. Zweige schlugen gegen ihre Arme und in die Gesichter. Jetzt hörten Sunder und Clinton schon einzelne Wortfetzen und rochen den Rauch und das verschmorte Fleisch. Hin und wieder tauchten schemenhaft die Gestalten der drei anderen Männer auf der gegenüberliegenden Seite des Feuers auf. Die Büsche verdeckten die Räuber. Schritt um Schritt, unter den Zweigen geduckt, tappten die Männer näher an das Feuer heran und packten die Rundhölzer fester.
Philip hob langsam den Kopf, schob sich hinter dem Gebüsch in die Höhe und blickte genau in die rötlichen Flammen.
Vier Kerle saßen da, hielten an geschälten Zweigen Fleischbrocken über die Glut, lachten und sprachen miteinander. Einen Schritt neben dem Feuer stand eine Kiste, die Philip sofort erkannte. Deckel und eine Seitenwand waren zerbrochen, die lederne Umhüllung zerschnitten. Die Flammen spiegelten sich funkelnd in silbernen und goldenen Metallstücken.
Sunder legte seine Hand auf Philips Arm, deutete zu den Männern und gestikulierte.
In Zeichensprache gab er zu verstehen, wie sich die Angreifer verteilen und aus allen Richtungen gleichzeitig auf die Räuber losspringen sollten. Philip erkannte undeutlich, quer über die winzige Lichtung und den Rauch hindurch, das Gesicht seines Bruders.
Hasard hob sein Rundholz. Sie warteten und hielten den Atem an. Das Holz im Feuer knackte, weißglühende Funken stoben in die Höhe, und als die vier Männer zusammenzuckten und laut lachten, sprang Sunder durch die zurückschnellenden Zweige und stieß einen heiseren Schrei aus.
Clint und Philip folgten. Die Knüppel wirbelten durch die Luft. Noch ehe die Räuber begriffen, daß sie das Ziel eines nächtlichen Angriffs darstellten und aufspringen konnten, drangen die sechs Männer auf sie ein.
Auch die anderen schrien. Sunder drosch seinen Knüppel auf den Kopf des ältesten Mannes, dem es gelungen war, seinen Dolch zu packen und aus der Erde zu ziehen.
Philip duckte sich, unterlief einen ungeschickten Angriff und stieß seinem Gegner das Ende des Rundholzes unter die Rippen, dann wirbelte er das Holz herum und ließ es auf den Hinterkopf des Inders niedersausen. Mit einem leisen, gurgelnden Laut sackte der Braunhäutige zu Boden und wäre voll ins Feuer gefallen, wenn ihn nicht Philip zur Seite geschleudert hätte.
Sambhu hatte seinen Gegner mit zwei blitzschnellen Hieben besinnungslos geschlagen, und als er Hasard auswich, trat er mit vollem Körpergewicht in die Kiste, kippte sie um und fiel zurück in die Büsche. Das Metall klirrte in die warme Asche.
Gorath hatte einen Gegner, der flüchten wollte, mit zwei Sprüngen eingeholt und mit einem gezielten Schlag niedergeschmettert.
Er kehrte in den Bereich der Flammen zurück und sagte zufrieden: „Hat gut geklappt. Jetzt Gold sammeln.“
Vier zusammengekrümmte Körper lagen bewegungslos am Boden. Das Fleisch verbrannte in der Glut und stank fürchterlich. Hasard und Philip bückten sich und suchten die Trümmer der Kiste und die Metallstücke zusammen. Sunder warf trockenes Holz in die Glut und zog aus dem Gürtel ein Stück Tuch.
„Hier“, sagte er. „Machen Beutel.“
Die drei Seewölfe verteilten das schwere Metall. Fast die Hälfte hatte Platz in der halb auseinandergebrochenen Kiste.
„Danke“, sagte Hasard und sammelte so viel in das Tuch, bis es zu zerreißen drohte, als er einen Beutel daraus drehte.
„Den Rest stecken wir in die Taschen“, erklärte er und richtete sich auf.
Die vier Kerle rührten sich nicht.
„Irgendwann sollten wir zu Dad und den anderen zurückgehen“, mahnte Philip.
Die restlichen Gold- und Silberstücke wurden verteilt. Sunder stellte aus einigen Ästen, harzigen Blättern, Zweigen und Grasbüscheln zwei unförmige Fackeln her.
„Danke, Freunde“, sagte der Moses. „Jetzt haben wir fünf Kisten erbeutet. Ist das nichts?“
„Fünf von unzähligen weiteren Kisten. Wirklich nur besser als gar nichts“, sagte Hasard und grinste. „Los, gehen wir. Die Crew ist an Bord, und ich weiß, daß ihnen gegen die Portugiesen etwas einfallen wird. Wir müssen zurück.“
„Aber wir brauchen kein Wettrennen zu veranstalten“, sagte Philip. „Alles mit der nötigen Ruhe. Wie Grandad immer sagt: Aus der Ruhe wächst die Kraft.“
Sunder zündete die erste Fackel am Feuer an, schwenkte sie und sagte: „Also los. Die Räuber wachen morgen mit Kopfschmerzen, Beulen und ohne Gold auf. Wir hätten sie totschlagen sollen. Ich erzähle euch später, warum.“
Während sie im Gänsemarsch hinter der riesigen Flamme der Fackel zurückgingen, übersetzte Hasard. Sunder mit seinen Katzenaugen führte sie schnell und ohne Umwege zurück zur Hinterwand des großen Warenschuppens. Die Reste der zweiten Fackel löschte er in einem Wasserbehälter.
Der Kaufmann erwartete sie in einem anderen, weitaus prächtigeren Raum. Er lächelte, verbeugte sich und sagte: „Ihr habt also Erfolg gehabt. Auf meine Diener kann ich mich verlassen. Aber ihr habt nur ein bißchen von einer riesigen Menge wiedergefunden, nicht wahr?“
Hasard wuchtete die Kistenreste auf den Tisch.
„Ja, leider, Senhor Ginjal. Ich bedanke mich im Namen meines Vaters, des Kapitäns, für Ihre Hilfe. Wir müssen versuchen, aufs Schiff zu gelangen.“
Clinton sagte: „Wir kehren doch auf demselben Weg zur Schebecke zurück, auf dem wir abgehauen sind, nicht wahr?“
„Klar“, antwortete Hasard. „So leise und schnell wie möglich. Die Portugiesen und Dons dürfen uns nicht hören und nicht sehen.“
„Wenn wir mit den schweren Goldkisten an Deck aufentern, dann können wir gleich zwischen ihnen hindurchspazieren“, meinte Philip. „Unser Moses hat recht. Wir müssen einen Weg finden, die Kisten lautlos an Deck zu schaffen.“
„Dazu brauchen wir ein paar dünne Leinen. Oder wir verstecken die letzte Kiste bei den anderen“, sagte Hasard.
Der Schreiber Arun brachte eine leere Kiste aus soliden Brettern.
„Damit habt ihr weniger Schwierigkeiten“, erklärte der Kaufmann.
Als der Schreiber die Kiste auf den Tisch gestellt und aufgeklappt hatte, sahen die Seewölfe, daß die Silber- und Goldstücke, die von den Dienern eingesammelt worden waren, in der Kiste lagen. Ginjal Chand wurde ihnen allmählich unheimlich.
„Ich danke Ihnen, Senhor Ginjal. Wenn wir es hinter uns haben, hoffentlich mit viel Glück, wird mein Dad mit Ihnen sprechen.“
Der Kaufmann verbeugte sich und erwiderte: „In Buddhas Lehren heißt es, daß sich nur Ehrlichkeit als Garantie für eine Wiedergeburt als Edler, als wahrer Mensch auszahlen wird. Ich ziehe vor, euer Gold anzusehen, aber nicht zu nehmen. Ihr hättet mit der Ladung, mit der die halbe Welt zu kaufen ist, nach England segeln können, nicht wahr?“
Hasard und Philip nickten schweigend. Sie vertrauten Ginjal, und er hatte ihnen geholfen, ohne etwas zu verlangen. War er wirklich so ehrlich? Glaubte er an diese Gebote? Die Zwillinge bemühten sich, ihre Ratlosigkeit nicht zu zeigen. Hasard war erleichtert, als der Schreiber mit einigen aufgeschossenen Leinen erschien und sie auf den Tisch warf.
„Das könnt ihr besser“, sagte er lachend. „Ich begleite euch, ja?“
„Ich glaube, da ist Sunder besser“, sagte Clint vorwitzig. „Gehen wir? Es wird immer später.“
„Im Hafen ist alles ruhig – und unverändert“, sagte Ginjal.
„Das wird nicht so bleiben“, meinte Hasard. Mittlerweile hatten sie die Kisten sauber verzurrt. Sie hängten sich die schwere Last über die Schulten und packten die Augen der Enden.
Sunder fragte leise: „Soll ich gehen, Herr?“
„Ja. Hilf ihnen, bis sie zum Schiff schwimmen können.“
Wieder verbeugte sich der Ceylonese. Er deutete auf die Tür. Arun öffnete sie, und die Männer trotteten hintereinander hinaus. Jeder packte die Hand des Kaufmanns und schüttelte sie. Zuerst war Ginjal verblüfft, dann erwiderte er den fremdartigen Gruß.
Sunder drehte sich auf der Treppe, die neben der Terrasse in die Richtung auf die Straßengabelung führte, plötzlich um.
„Nicht Fackel“, sagte er. „Sonst sie sehen.“
„Du hast recht“, erwiderte Hasard in Hindi. „Weißt du etwa auch, wo wir die anderen Kisten versteckt haben?“
Der Ceylonese nickte schweigend und grinste. Sie tappten die letzten Stufen hinunter, und auf einem kürzeren Weg als der, den sie zum Dorf zurückgelegt hatten, führte sie der Diener bis zum Palmenwald und an den Strand. Die Flut war gestiegen, und sie brauchten einige Minuten, um den richtigen Baum wiederzufinden.
„Ich hab’ immer geglaubt, wir seien besonders klug“, sagte Hasard und fing zu graben an.
„Aber so klug sind wir nun auch wieder nicht“, gab sein Bruder zu. Er schaufelte Sand nach der anderen Seite.
„Sunder hat uns die ganze Zeit über beobachtet“, sagte Clint. „Und wir haben nichts gemerkt. Stellt euch vor, er wäre einer von den anderen gewesen, von den Räubern.“
„Ich schäme mich in den Boden hinein“, brummte Hasard, all seine Fingerspitzen den Deckel der ersten Kiste berührten.
Sie gruben weiter, hoben die Kisten aus dem Loch und belegten die Leinen, nachdem sie Augen eingeknotet und ein loses Ende wieder aufgeschossen hatten.
„Ich warte“, sagte Sunder und deutete nach Süden. Vor den niedrigen Wellen, im Licht von Mond und Sternen, zeichneten sich schwach der Bug der Schebecke und das Ende des Steges ab.
„Wenn wir erwischt werden“, sagte Hasard drängend und zeigte auf die fünf Kisten, „dann bringst du das Gold in Sicherheit, ja?“
Er mußte seine Bitte noch einmal, langsamer und in einfacheren Worten, wiederholen. Dann nickte Sunder und packte mit an. Sie schleppten die Kisten oberhalb des niedrigen Walles aus Schwemmgut und zwischen flüchtenden Krabben hindurch bis an eine Stelle, an der sie ins Wasser waten konnten.
„Ihr nehmt eine Kiste und schwimmt los“, ordnete Hasard an. „Ich bleibe hier und komme nach. Hoffentlich haben sie die Leiter über die Bordwand gehängt.“
„Aye, aye, Sir“, erwiderte Clint.
Dreißig Schritte weiter vorn würden sie vom Steg aus gesehen werden können. Clint und Philip griffen in die Augen der Verschnürung und gingen nebeneinander zur niedrigen Brandung, wateten im sandigen Schlick weiter und drehten sich erst um, als sie bis zu den Schultern im Wasser standen, vom Gewicht des Metalls halb eingetaucht.
Dann schwammen sie los und bemühten sich, kein lautes Geräusch zu verursachen.
Hasard wandte sich an Sunder.
„Wir haben noch vier Kisten“, sagte er betont. „Noch viermal hin- und herschwimmen.“
„Lohnt sich. Viel Gold. Lohnt viel Arbeit.“ Der Ceylonese grinste breit.
Hasard legte ihm den Arm um die Schultern und sagte: „Wir feiern ein Fest. Viel Reiswein und Rum. Ihr seid alle eingeladen – wenn wir klargekommen sind.“
Sunder grinste noch breiter und antwortete undeutlich: „Aye, aye, Sir!“
Jetzt tauchten die Köpfe der beiden Seewölfe unter. Hasard tröstete sich selbst: wenn er im Dunkel seinen Bruder und den Moses nicht mehr sah, dann bemerkten auch die Wachen niemanden.
7.
Es schien, daß an Bord der Schebecke bis auf die wenigen Wachen völlige Ruhe herrschte. Sämtliche Crewmitglieder befanden sich unter Deck in ihren Kojen, der Chor der Schnarchenden schien das zu beweisen. Die Wachen gingen langsam zwischen Back und Grätingsdeck hin und her. Mac O’Higgins enterte verschlagen den Niedergang auf und hielt eine Pütz an Steuerbord zu Wasser.
Der Seewolf, Don Juan und Batuti waren aufgestanden und stellten sich, ihre Becher in den Händen, vor dem Luk auf. Hinter ihnen schlüpften Bill und Blacky auf das schlecht beleuchtete Deck, über dem die großen Schatten lagen. Sie huschten zur Steuerbordseite hinüber und kletterten über das Schanzkleid.
Fast lautlos verschwanden sie im stinkenden Gewirr der Pfähle unter den Bohlen. Al Conroy kroch als nächster auf die Decksplanken. Ihm wurden unterarmlange Gegenstände hinterhergereicht, von jedem hingen Enden dünnen Kabelgarns herunter.
„Habt ihr die Waffen bereit, Ben?“ fragte Hasard unruhig. „Und wer geht an die Belegleinen?“
Der Erste winkte ab. Er hatte mit verschiedenen Gruppen der Crew jede Einzelheit immer wieder durchgesprochen.
„Keine Sorge, Sir“, erwiderte Ben. „Carberry und Tucker werden gleich ihre Köpfe herausstrecken.“
Im Schutz der drei Seewölfe krochen der Profos und der Schiffszimmermann auf die nachtfeuchten Planken. Sie robbten zwischen den Culverinen zur Bordwand und lagen einige Atemzüge später bewegungslos an der Klampe neben der Klüse, durch die sich das Tau spannte.
Higgy schleppte seine halbvolle Pütz über Deck und hinterließ eine lange Tropfenspur. Vor Hasard angelangt, flüsterte er: „Die Jungens sind da. Sie haben schwere Kisten dabei. Wir müssen ihnen helfen, Sir.“
„Klar“, stieß Hasard erleichtert hervor. „Batuti, Juan! Verholt auf die Back. Leise. Langsam!“
„Aye, aye, Sir.“
Sie warteten ungeduldig, weil Bob Grey und Luke Morgan aus dem Luk krochen und ebenfalls mit seltsam aussehenden Bündeln aus faustdicken Teilen im Schatten verschwanden. Dann schoben sie sich in Richtung der Back. Higgy stolperte, ließ die Pütz fallen und fluchte leise. Er bewegte sich wieder bugwärts und ließ die Pütz achtlos ins aufklatschende Wasser fallen.
Clint tauchte auf und kletterte triefend naß die Sprossen der Jakobsleiter hinauf. Er flüsterte Batuti zu: „Hier! Nimm das Ende.“
Der Gambiamann packte die Leine, zog daran und fragte: „Was soll das?“
„Im Wasser ist eine Kiste. Wir haben fünf Goldkisten erbeutet. Schnell, hiev die Kiste auf.“
„Und du?“ fragte Batuti.
„Muß zurück. Das andere Zeug holen.“
„Gut.“
Clint verschwand wieder. Neben ihm winkte einer der Zwillinge. Batuti vermied es, sich schnell und auffällig zu bewegen. Direkt neben Higgy, der seine Pütz wieder aufholte, zog der Gambiamann die schwere Kiste aus dem Wasser, hievte sie über das Schanzkleid und stellte sie in den Winkel zwischen Decksplanken und Schanzkleid.
Er flüsterte: „Das sind Teufelskerle, diese Burschen. Fünf Goldkisten! Das wird ihren Dad nicht ärgern.“
Unter dem Steg knarrte es verdächtig. Batuti und Higgy zuckten zusammen. Der Ire schob sich von der Back hinunter auf die Kuhl und tat so, als ginge er irgendwelchen Tätigkeiten nach. Aus der Gruppe der bewaffneten Portugiesen löste sich ein Mann und ging mit schleppenden Schritten einmal über den ganzen Steg. Er beobachtete die wenigen Vorgänge an Deck der Schebecke, murmelte etwas Unverständliches und entfernte sich wieder. Das Flämmchen der Buglaterne flackerte mehrmals, dann verschmorte der Docht in einer dünnen Rauchwolke.
Philip juniors Stimme zischte: „Hier! Die nächste Kiste!“
Wieder bückte sich Batuti ganz langsam, wickelte das Ende um sein Handgelenk und sah die Köpfe und die Schultern der drei Jüngsten zwischen Steg, Ufer und Bordwand. Die Jungen tauchten unter dem Vorsteven weg und schwammen, nicht lauter als die Wellen, wieder in die Dunkelheit davon.
Der Gambiamann hievte die nächste Kiste, die schwerer als die erste war, bis in die Höhe der Schanzkleidoberkante, dann schaute er sich wachsam um. Schließlich mannte er die triefende Kiste an Deck.
Carberry fragte: „Brauchst du Hilfe, Batuti?“
„Geht schon. Gib langsam Lose auf die Trosse.“
„Schon klar.“
Hasard und Clint brachten die dritte Kiste. Hasard enterte an der Jakobsleiter auf und flüsterte stoßweise: „Bin völlig fertig. Hilf mir weiter hoch, Batuti!“
Er zog sich langsam eine Sprosse höher, hängte seine Arme über das nasse Holz und atmete keuchend.
„Wir schlagen gleich los“, wisperte Batuti.
Carberry stand lautlos auf und packte Hasards andere Schulter. Mit einem kurzen Ruck zogen sie ihn über die Kante, dann duckten sich der Profos und Hasard in den Schatten. Der junge Seewolf streckte sich lang aus und versuchte, ruhiger zu atmen.
„Wir haben auf euch gewartet. Was habt ihr angestellt?“ fragte der Profos besorgt.
Hasard winkte erschöpft ab. „Später, Ed. Laßt euch Zeit. Wir haben Freunde in Mannar.“
„Sehr gut“, erwiderte der Profos und ließ sich wieder zurücksinken.
Als Clint und Philip das nächstemal mit einem Stück der Beute heranschwammen, stand Hasard auf und wankte zur nächsten Luke. Der Kutscher und Mac Pellew hatten schon auf ihn gewartet. Sie drückten ihm eine Muck heißen Tee in die klammen Finger.
Während er gierig trank, zogen sie ihm das nasse Zeug aus und wickelten ihn in trockene Tücher. Sie warteten geduldig, bis er wieder reden konnte und ihnen kurz berichtete, was er und die beiden anderen erlebt hatten.
„Verhol dich in die Koje“, empfahl der Kutscher. „Es dauert noch einige Zeit, bis es losgeht.“
„Danke, Kutscher“, entgegnete Hasard junior. Fünf Minuten später lag er unter trockenen Decken in der Koje und spürte durch seine Müdigkeit, wie sich der Körper wieder erwärmte und erholte.
Blacky und Bill folgten über die Jakobsleiter, als Philip junior und Clinton endlich an Deck und die letzte Beutekiste auf der Back verstaut waren. Über das Schanzkleid hingen drei dünne Leinen. An Deck und unter Deck herrschte wieder tiefe Ruhe. Die Gestalten, die durch die Dunkelheit schlichen, waren nicht mal vom Grätingsdeck aus richtig zu erkennen.
Der Seewolf hatte seinen Platz verlassen, sprach mit Philip junior und ließ sich die Lage an Land schildern.
„Wenn wir es geschickt anstellen“, sagte er nachdenklich, „dann merken sie es um ein paar Sekunden zu spät.“
Blacky hob die Hand und erklärte grinsend: „Ich hoffe, es ist nichts feucht geworden. Aber die Überraschungen sind genau dort angebändselt und verzurrt, wo wir es haben wollten. Das wird ein übles Aufwachen für die Bastarde geben.“
Die langen Riemen waren an Deck, insgesamt vier Stück. Vielleicht hatten die Spanier und Portugiesen gesehen, wie die Seewölfe die Riemen an Deck gebracht hatten. Aber sie schienen die Gefahr nicht erkannt zu haben. Wahrscheinlich verließen sie sich auf ihre Schiffsgeschütze und darauf, daß die Seewölfe ohne jede Hoffnung waren.
„Ihr habt nicht genau erkennen können, was es mit dem Niederländer auf sich hat?“ fragte der Kapitän.
„Nein. Ihr habt den Rauch gesehen?“ fragte Philip zurück. Ben Brighton nickte und breitete die Arme aus.
„Aber wir dachten, die Signale stammten von den Eingeborenen. Wir hatten keine Ahnung, was sie bedeuten.“
„Jetzt wissen wir’s“, antwortete der Seewolf.
Die Seewölfe unter Deck hatten ihre Pistolen durchgesehen und mit Al Conroys Hilfe sorgfältig geladen. Seit Anbruch der Dunkelheit war genügend Zeit für jede Vorbereitung gewesen. Jeder wartete mit Unruhe oder in kühler Anspannung auf Hasards entscheidenden Befehl.
Die Inder in den Booten bereiteten den Seewölfen die geringsten Sorgen. Sie würden von den Ereignissen – hoffentlich – ebenso überrascht werden wie die Musketenträger. Die Tatsache, daß sich die Seewölfe in ihr Schicksal ergeben und nicht mal einen Fluchtversuch in der Dunkelheit unternommen hatten, schien die Wächter nicht zu überraschen, sondern im Gegenteil ihre Wachsamkeit einzuschläfern.
Philip Hasard Killigrew wandte sich an die Seewölfe, die ihn in der Enge umstanden.
„Solange wir nicht in sicherer Entfernung sind“, sagte er in ruhigem Befehlston, „will ich niemanden an Deck sehen. Die anderen haben Musketen. Und sie werden feuern, auf jeden, der sich bewegt. Klar?“
„Aye, aye, Sir.“
„Ihr habt alles bereit? Wer zündet die Lunten?“ fragte Hasard leise. Al Conroy deutete auf die eigene Brust und sagte: „Natürlich ich. Wer hat denn die ‚Überraschung‘ erfunden?“
„In einer Viertelstunde, Arwenacks“, ordnete der Seewolf an. „Wir legen lautlos ab und gehen so weit hinaus wie möglich. Ihr kennt das Fahrwasser, also dürfen wir uns nur in gerader Linie aus diesem Hafen verholen. Stellt euch vor, wir geraten da draußen auf Legerwall, und unsere Freunde feuern aus ihren Culverinen.“
„Das passiert nicht“, versprach Ben Brighton. „Wir haben ein paar gute Peilpunkte.“
Al Conroy gab dem Seewolf den feuerbereiten Drehling. Hasard schob die Waffe hinter den Gurt.
„Danke. Und jetzt: jeder, der etwas zu tun hat, langsam an Deck. Zehn Minuten. Al? Du übernimmst die Vorführung mit der Funzel, klar?“
„Aye, Sir.“
Al griff sich eine Funzel, schob sich zum Niedergang und enterte auf. Er stieg achtern aus dem Luk, gähnte, holte tief Luft und schaute sich um, als wäre er eben aufgewacht. Dann ging er schlaftrunken zum Schanzkleid, stierte zu den Dons hinüber und bückte sich. Er packte die Enden der Leinen, die natürlich kein Tauwerk darstellten, sondern dicke Lunten. Fast gleichzeitig brannten drei Lunten mit winzigen Flämmchen.
Der Stückmeister winkte zum Heck. Ferris Tucker schnalzte mit der Zunge und löste langsam die Knoten an der mächtigen Klampe.
Al Conroy schlurfte etwas schneller in Richtung zur Back. Das Flämmchen der Tranfunzel flackerte vor seinem Gesicht. Hinter ihm, im Schatten des Achterdecks, schlichen Jeff Bowie, Roger Brighton, Sam Roskill und Jack Finnegan an Deck und verteilten sich.
Leise zischend brannten die Lunten. Al Conroy erreichte die Back und griff nach der Buglaterne.
„Leinen los, Ed“, flüsterte er.
Der Profos grunzte einen Fluch und löste die Knoten. Das Heck der Schebecke bewegte sich bereits langsam und lautlos vom Steg und driftete nach Backbord.
Der Stückmeister löschte das Flämmchen und ging zum Niedergang. Gerade die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sich die wenigen sichtbaren Seewölfe bewegten, trug dazu bei, daß sich die Wachen auf dem Steg sicher fühlten.
Die vier Arwenacks an Backbord und Steuerbord hatten die Riemen losgebändselt und warteten, im dunklen Schatten der Winkel versteckt, auf die nächsten Schritte des Befreiungsschlages.
Nichts passierte. Das Warten war schlimmer als das, was folgen würde. Handbreite um Handbreite zog eine kaum wahrnehmbare Strömung die Schebecke vom Steg seitlich zur Buchtmitte. Das Heck war eine Kleinigkeit weiter entfernt als der Bug. Beide Belegleinen hingen ins Wasser.
Al Conroy, der wieder unter Deck war, packte die erste Drehbasse und legte sie zurecht.
Dan O’Flynn wartete ebenso unruhig. Auch er hielt eine feuerbereite Drehbasse auf den Knien und wußte genau, zu welchem Zeitpunkt er sie abfeuern durfte. Vielleicht, sagte er sich, verlagerte sich die wirkliche Auseinandersetzung bis zum Morgengrauen. Hasard hatte einen Plan gefaßt, der erhebliche Unsicherheiten in sich trug. Aber mit ein wenig Glück war es zu schaffen. Glück hatten auch die drei jungen Teufelskerle gehabt – fünf Kisten!
Dan zuckte zusammen, als er die erste Explosion hörte.
Al Conroy grinste ihn fast glücklich an. Er grinste zurück und fragte sich, wie die Spanier und Portugiesen reagieren würden.
8.
Der erste Brandsatz unter dem Steg detonierte mit einem vergleichsweise weniger lauten Krachen. Flammen und Funken flogen nach allen Seiten. Unmittelbar nach dem Donner breitete sich durch die Ritzen des Steges dichter, schwarzer Rauch aus. Dann folgte die zweite Detonation.
Sie war lauter als der Abschuß einer Culverine. Eine Stichflamme schoß durch den Rauch. Bohlen, Planken und Bretter, Bambussplitter und Sand wirbelten in alle Richtungen. Der Luftdruck fegte ein halbes Dutzend der Posten von den Füßen.
Noch mehr Rauch entwickelte sich. An einigen Stellen brannte der Steg. Mit dem dritten „Überraschungsgeschenk“, aus Brandsätzen und Pulver zusammengestellt, sackte ein Teil des Steges in sich zusammen, nachdem die Trümmer mit furchtbarer Gewalt in einer Fontäne in die Höhe gerissen worden waren und jetzt auf die brüllenden Wachen niederprasselten. Über die gesamte Länge der Steganlage zog sich eine Rauchwand, in der die knisternden Flammen wilde Lichterscheinungen hervorriefen.
Dan O’Flynn und Al Conroy enterten nacheinander den Niedergang auf und stürmten aufs Achterdeck. Die Drehbassen klirrten, die Drehzapfen krachten in die Führungslöcher.
„Hast du einen Luntenstab?“ brüllte Dan durch den Lärm.
An Backbord und Steuerbord hantierten die vier Seewölfe mit den langen Riemen. Sie stakten die Schebecke mit dem Bug seewärts, auf eine der verborgenen Fahrrinnen zu.
„Ja, warte!“ schrie der Stückmeister zurück.
Drei Seewölfe erschienen an Deck und schwenkten Krüge, die mit warmem Öl gefüllt und einer Zündladung versehen waren. Zischend und funkensprühend loderten die Lunten.
„Los! Werft endlich!“ rief Jack Finnegan und stemmte sich gegen den Schaft des Riemens. An drei Stellen loderten Flammen hoch und krochen über den Boden.
Die Schebecke driftete nach Backbord und schob sich, etwas Geschwindigkeit aufnehmend, geradeaus. Dan und Al packten die Schwenkgriffe der kleinen Geschütze.
Die Reste des Steges brannten. Träge schob sich die brodelnde Rauchwolke auf die sandige Fläche und die Straße zu. Hustend, fluchend und schreiend stolperten die Spanier und Portugiesen von dem Brand weg, schleppten ihre Kameraden mit sich, und einige von ihnen schossen sogar blind in den Rauch. Die Geschosse zirpten über die Köpfe der Crew hinweg.
Pete Ballie stand bereits an der Pinne und versuchte, den langen Rumpf zu steuern.
Al Conroy zündete seine Drehbasse. Die Stichflamme fuhr aus der Mündung, die Ladung peitschte durch den Rauch. Steinsplitter, Sand und ein paar Handvoll gemahlene Pfefferkörner trafen die schattenhaft sichtbaren Gestalten hinter dem Rauch.
Ein höllisches Geschrei war die Antwort. Die Kerle hatten ihre Waffen weggeworfen und rannten davon. Ein paar hielten sich die Hinterteile oder die blutenden Schultern. Edwin Carberry, der Jack Finnegan beim Staken und Pullen half, stieß ein dröhnendes Gelächter aus.
„Das haben sie davon, die spanischportugiesischen Affenärsche!“ röhrte er und stemmte sich gegen den Griff. „Aber wahrscheinlich haben uns ihre verpennten Kameraden im Visier.“
„Jetzt, mitten in der Nacht?“ erwiderte Jack keuchend.
Acht Seewölfe an vier Riemen brachten die Schebecke in Fahrt. Pete Ballie stellte das Ruderblatt gerade und drehte sich immer wieder um. Noch schob sich die Schebecke aus der Bucht und in gerader Linie auf einen blinkenden Stern zwei Handbreiten über der Kimm zu.
Der Seewolf stand auf dem Grätingsdeck, lehnte sich gegen die Heckbalustrade und versuchte, Dunkelheit, Rauch und Flammenvorhang zu durchdringen. Seine Augen tränten von dem stechenden Rauch, der sich über das Wasser gelegt hatte. An Backbord hatten sich die Boote losgerissen. Die Inder, die völlig überrascht waren und nicht wußten, ob der Blitz eingeschlagen hatte oder die Götter sich zur Bestrafung anschickten, schrien und jammerten zwanzig Yards achterlich des Hecks.
„Gut so! Weiter! Wir schaffen es!“ schrie Hasard, so laut er konnte.
Von den Portugiesen und Spaniern drohte in diesen Minuten keine Gefahr mehr. Sie waren in wilder Flucht begriffen. Die Flammen hatten auf ein paar dürre Büsche und Sträucher übergegriffen. Die Zweige brannten lichterloh, die Hitze wirbelte Teile der Rauchwolken spiralig in die Höhe.
Dan hatte von Al Conroy die Lunte entgegengenommen und stand wachsam hinter der Drehbasse.
Er begann einzusehen, daß es ziemlich sinnlos war, den Schuß auszulösen und Pulver und Ladung zu verschwenden. Er sah keinen Gegner. Zwischen den Flammen an Land und der Schebecke gab es breite, zuckendspiegelnde Flächen auf den niedrigen Wellen.
Dort strampelten einige Inder, die im ersten Schrecken aus ihren Booten gesprungen waren. Sie schwammen auf den Feuerschein zu.
Hasard sagte laut: „Falls wir wieder zurückkommen, geben wir den Leuten von Mannar etwas Silber aus dem Ischwar-Schatz. Damit können sie ihren verdammten Steg wieder aufbauen.“
Sein Vorschlag war sarkastisch gemeint. Wer seine Worte verstand, lachte oder grinste. Noch immer glitt die Schebecke ruhig durchs Wasser. Der höchste Stand der Flut war vorbei. Ein schwacher Sog war spürbar und unterstützte die schweißtreibende Arbeit des Pullens.
Ben Brighton stand plötzlich neben dem Seewolf und sagte: „Sinnlos, Sir, die Segel zu setzen. Der Wind ist weniger als mager.“
„Schon klar. Wir müssen nur weit genug recht voraus. Wenn die Karavelle und die Galeone ankerauf gehen, haben wir beide auf dem Hals.“
„Richtig. Aber das dauert noch eine Weile.“
Noch dauerte es mehr als zweieinhalb Stunden bis zum ersten Licht der Morgendämmerung. Ruhig hoben und senkten sich Bug und Heck der Schebecke in der auslaufenden Dünung. Der Nachthimmel war völlig klar geworden. Das bleiche Mondlicht spiegelte sich in breiten Halbkreisen auf dem Wasser. Die Boote der Inder blieben zurück, nur das Geschrei der überrumpelten Wachen, die Flüche der Eingeborenen und das leise Plätschern der Wellen an den Planken unterbrachen die Stille.
Die Schebecke schob sich nach wie vor auf geradem Kurs durch die Dunkelheit. Die Buglaterne brannte noch immer nicht.
Fast alle Arwenacks befanden sich jetzt an Deck, teilweise bis an die Zähne bewaffnet. Noch drei Paar Riemen waren an Deck gebracht worden, und bald pullten jeweils fünf Seewölfe, an Backbord und Steuerbord. Es befand sich genügend Wasser unter dem Kiel, so daß nicht mehr gestakt zu werden brauchte.
„Das sieht nicht schlecht aus“, gab der Seewolf nach einiger Zeit zu. Er hob den Kieker ans Auge und versuchte zu erkennen, was die Kapitäne der Karavelle und der Galeone zu unternehmen gedachten.
An Deck der beiden Schiffe herrschte jetzt eine gewaltige Wuhling. Nur nach undeutlich und schwach waren Schreie und Befehle zu hören. Die Reste des brennenden Stegs fielen in einem Schauer von Funken zusammen, und Dampf brodelte hoch, als glosende Balken ins Wasser kippten.
„Und dieser niederländische Pfeffersack liegt auf seinem fetten Hintern und träumt von Genever und Windmühlen“, knurrte Ben Brighton und winkte Ferris Tucker und Higgy zu, die damit angefangen hatten, die Goldkisten unter Deck zu mannen.
„Warum sollte er uns helfen? Er hat von unserer schwierigen Lage noch weniger Ahnung als Ischwar Singh“, erwiderte Hasard mürrisch. „Die Kerle wollen ankerauf gehen, wenn ich recht sehe.“
„Sollen sie“, sagte der Erste in keineswegs fröhlicherem Tonfall. „Wir haben schon ganz andere Stückmeister erlebt, von denen die Luft durchlöchert wurde.“
Wider Willen mußte Hasard grinsen, die Dunkelheit verbarg seinen Gesichtsausdruck.
Der ablandige Wind sprang ständig um, und er wurde auch zwei Kabellängen weiter auf offener See, über den Sänden und Schlickbänken südlich der Barriere, nicht kräftiger. Die wenigen Lichter von Mannar und den Schiffen vermischten sich mit den Spiegelungen auf den Wellen und wurden unbedeutend. Die Rauchwolke, der Dampf und die wenigen Flammen des Steges konnten noch als Funkte dienen, nach denen Rudergänger, Erster und der Kapitän zu navigieren versuchten.
„Bist du sicher, Ben, daß wir nicht aufsitzen?“ erkundigte sich der Seewolf nach weiteren fünf Minuten.
„Nein. Jede Sekunde kann es passieren“, entgegnete Ben.
Auch Dan O’Flynn, der sich mit drei Mucks voll Reiswein mit Zimtgeschmack auf dem Grätingsdeck eingefunden hatte, ahnte, was die Männer bewegte. Er verteilte die Becher und versuchte sich zu erinnern, welchen Kurs sie bei der Einfahrt gehalten hatten.
Es war ziemlich sinnlos, jetzt, in der Finsternis, richtig steuern zu wollen. Auch Peilen half nicht viel, Sekunden später konnte eine Bank oder ein anderes Stück unreinen Grundes steil angestiegen sein, und die Schebecke rammte den Kiel in Schlick.
„Zum Glück gibt es hier kaum Unterwasserfelsen und Riffe“, sagte er. „Erst weiter draußen.“
„Wir haben möglicherweise unsere tägliche Ration an Glück schon ausgeschöpft“, sagte Hasard mit heiserer Stimme. „Ich rechne jede Sekunde mit einem weiteren Mißgeschick.“
„Mehr Vertrauen, Sir“, empfahl Pete Ballie. „Wir haben es immer geschafft. Wir laufen nicht auf.“
„Und wenn wir aufsitzen, können wir die Goldkisten leichtern“, meinte Dan O’Flynn. Aber über seinen Scherz konnte keiner lachen.
Ginjal Chand mußte schon wieder gähnen, und er sagte sich, daß es ein langer und erlebnisreicher Tag gewesen war. Weniger für ihn, mehr für Mannar und viele andere Menschen.
Noch immer standen vor seinem inneren Auge die hellen, offenen Gesichter der drei Fremden. Jung, kaum erwachsen, aber von vielen Erlebnissen geprägt. Und alles andere als dumm oder ungeschickt, ganz anders als die ungewaschenen Portugiesen aus Goa und ihre seltsamen Verbündeten oder Herren, die hochmütigen Spanier. Betrüger, wenigstens in seinen Augen, waren beide. Dafür hatte er einige schmerzliche Beweise.
Als der erste Donnerschlag unvermittelt in nächtlicher Stille über die kleine Bucht dröhnte, zuckte er zusammen und sprang auf die Füße. Bisher hatte er unter den Mückenschleiern auf dem Dach des Hauses gelegen und seinen Gedanken nachgehangen – plötzlich war er wieder hellwach.
„Diese kühnen englischen Seefahrer! Bei allen heißen und kalten Höllen!“ stieß er hervor. „Sie haben versucht, was sie versuchen sollten.“
Er schob die dünnen Schleier zur Seite und ging an den Rand der Terrasse.
Zuerst sah er kleine Blitze, Flammen, Feuer und Rauch, dann hörte er die scharfen Explosionen. Er sah, wie der Steg in die Luft flog, brannte, in sich zusammensackte und ins Wasser kippte. Er sah auch, wie die Portugiesen und Spanier flüchteten. Er lachte lange und fast tonlos – diesen Schrecken wünschte er ihnen. Und noch mehr.
Im Haus war es ruhig, alles schlief. Morgen würden er und seine Diener vielleicht den Fortgang dieses Abenteuers miterleben, und er wünschte den Portugiesen und Spaniern, daß sie für alle ihre Betrügereien zu zahlen haben würden. Er hatte nichts davon außer der Befriedigung, daß jene, die ihn betrogen hatten, nun die gerechte Strafe empfingen – vielleicht.
Ginjal wünschte, er hätte irgendwann von den Portugiesen ein Spektiv eingetauscht, eins dieser Rohre, durch die man Entferntes größer und deutlicher erkennen konnte. So sah er nur schattenhafte Gestalten in noch schwärzeren Schatten. Auf den Schiffen zündeten, die Leute Fackeln an und rannten an Land.
Chand zuckte mit den Schultern: der Hauptteil des Goldes war mittlerweile weit von der Küste und auf dem Weg ins Innere Ceylons unterwegs.
„Und, wie es scheint, werden sich die Engländer den Schatz des Fürsten von Bombay von euch wieder holen, ihr Betrüger“, sagte er laut und hoffte, daß ihn niemand gehört hatte.
Er stützte sich auf das Geländer, hinter dem die gemauerten Kästen für die Zierpflanzen nach feuchter Erde und geschlossenen Blüten rochen. Schweigend und mit ständig steigendem Vergnügen sah er, meist nur undeutlich, wie die einen flüchteten und die anderen sich aus der Bucht entfernten.
Er zitterte und bangte mit den Engländern, denn er wußte, wie gefährlich die vielen flachen Stellen, Untiefen und Bänke waren, die sich nach jedem Sturm veränderten, so daß nicht mal die Fischer wußten, wann sie genügend Wasser unter ihren flachgehenden Booten hatten.
Schließlich zeichnete sich das dreimastige Schiff gegen den tiefstehenden Mond ab, und es war kaum denkbar, daß ein Geschoß aus den Kanonen der beiden Schiffe so weit flog.
Dieser Tag, dachte der Kaufmann, hat doch noch im Sinn von Buddhas Gerechtigkeit geendet.
Hasard und Philip junior standen auf der Back und zwinkerten die Müdigkeit aus ihren Augen. In allen Muskeln und Sehnen spürten die Zwillinge die Anstrengungen und die Müdigkeit, aber sie wußten, daß nach ein paar Stunden Schlaf alles wieder vergessen sein würde.
Sie bohrten ihre Blicke in die winzigen Schaumstreifen der ebenso kleinen Bugwelle. Es war nichts zu erkennen, kein Gekräusel auf dem Wasser, keine Felsen, keine Untiefen. Die Schebecke schob sich über ungewissem Grund ins Ungewisse.
„Inzwischen sind wir fast außer Schußweite“, sagte der Seewolf mit einiger Zufriedenheit. „Wenn es hell wird, wissen wir ein wenig mehr.“
„Und noch immer kein guter Wind“, murmelte Ben Brighton und schlug mit der Faust in die Handfläche.
„Sollen wir noch weiter pullen?“ rief der Profos und schob den Riemen zurück.
„Ja, klar. Oder kannst du fliegen?“ fragte laut der Schiffszimmermann.
„Pullt weiter! Je weiter südlich, desto besseres Wasser!“ brüllte Ferris Tucker zum Profos hinüber.
„Gut, pullen wir also weiter“, sagte Jack Finnegan halblaut.
Pete Ballie konnte die Schebecke noch immer auf einem Kurs halten, der Schiff und Crew in die Sicherheit eines genügend tiefen Wassers brachte.
Al Conroy, dem Bill, Blacky und Dan O’Flynn halfen, rannte die beiden bugwärtigen Culverinen an Steuerbord und Backbord aus und ließ sich bei jedem Handgriff genügend Zeit.
Big Old Shane lehnte neben Batuti am Backbordschanzkleid. Beide hielten die Bögen in den Händen, blickten sich an und brachen plötzlich in lautes Gelächter aus.
„Mit den Pfeilen können wir jetzt wohl nichts mehr ausrichten“, sagte der Gambiamann.
Old Donegal hatte eben das nachschleifende Tau durch die Bugklüse eingeholt und schoß es auf. Dann beugte er sich übers Schanzkleid und holte die Jakobsleiter ein. Jeder Seewolf an Deck versuchte, voraus oder an Backbord oder Steuerbord irgend etwas zu sehen, das ihnen weiterhalf. Aber es gab nur die letzten, vagen Reste von silbrigem Mondlicht und den Widerschein der Sterne auf den Wellen. Hin und wieder zeichneten sich winzige Schaumkronen auf den Wellen ab. Vom Dorf und den beiden Schiffen war fast nichts mehr zu erkennen.
Ferris Tucker hatte sich bis jetzt mit allen Kräften gegen den Riemenschaft gestemmt und fühlte, wie ihm der Schweiß aus den Poren lief.
„Kann mich vielleicht jemand ablösen?“ ächzte er. „Ich pulle seit gestern mittag. Oder sind wir etwa auf einer Galeere?“
„Das könnte dir so passen“, sagte Matt Davies grinsend und löste ihn ab. Mit seinem Haken und der gesunden Hand packte er den Griff und pullte zusammen mit seinem Nebenmann mit aller Kraft weiter.
„Was war das?“ schrie Bob Grey plötzlich.
Gleichzeitig mit einem Ruck gingen ein Knirschen und Scharren durch den Rumpf der Schebecke. Es war nicht laut gewesen, auch der Ruck riß keinen Seewolf von den Beinen. Aber jeder wußte, trotz der blödsinnigen Frage Bobs, daß der Kiel der Schebecke in voller Länge über den sandigen Schlick einer Untiefe geschrammt war. Aber nur Hasard, der sich weit über die Heckgalerie beugte, sah die Veränderung in der Farbe des Wassers hinter dem Ruderblatt.
Es war, als mische sich feiner gelber Schlamm in das Dunkelblau oder Schwarz des Wassers und bleibe in großen Wirbeln achteraus zurück. Aber in der Dunkelheit konnte Hasard nicht sicher sein, daß er das gesehen hatte, was er zu sehen geglaubt hatte.
Al Conroy hatte vier Culverinen schußfertig. Er hantierte mit Richtscheit und Keilen und überprüfte immer wieder die Verzurrung der langläufigen Geschütze. Vorläufig sah es so aus, als wäre die Schebecke auf der Flucht, und so war es wohl auch.
Hasard ließ seine Augen eine Weile über die Wuhling an Deck gleiten und wandte sich, dann an seinen Ersten.
„Die Wachen sind eingeteilt, Ben?“ fragte er.
Der Erste nickte und gab mit säuerlicher Miene die Antwort: „Natürlich. Bis zum letzten Mann. Wie immer, Sir.“
„Dann werde ich jetzt das überzählige Volk unter Deck scheuchen müssen.“
Hasard hob die Hände an den Mund und rief: „Jeder, der an Deck nichts mehr zu suchen hat, verholt sich in die Koje, klar? Bei Tageslicht müßt ihr sowieso wieder antreten. Ruht euch aus, Freunde. Wir wissen nicht, wann die Dons und die Portus gleichauf sind. Es wird ein harter Tag. Also nehmt eine Mütze voll Schlaf.“
Ein Chor aus rauhen Stimmen, zum größten Teil voller Erleichterung, antwortete ihm.
„Aye, aye, Sir!“
Hasard ließ die Schultern nach vorn sinken. Bis jetzt hatte ihn die Anspannung im Griff gehabt und festgehalten. Jetzt schienen sie in Sicherheit zu sein. Jedenfalls mehr als in den vielen schlimmen Stunden des vergangenen Tages. Daß sich die meisten Teile der Schanzladung in den Laderäumen und den Kapitänskammern der Karavelle und der Galeone befanden, war eine ganz andere Sache. Er verlor etwas von seinem wachsamen Mißtrauen und hatte plötzlich das Bedürfnis, sich entweder zu betrinken oder vierundzwanzig Stunden lang zu schlafen. Beides durfte er nicht.
Er winkte Sven Nyberg zu und bat: „Holst du mir einen Schluck Rum, Sven? Für die Crew auch eine Runde. Wir haben uns wieder mal freigepullt, wie?“
„Sofort, Sir“, erwiderte Sven und enterte den Niedergang ab. „Und wann zeigen wir’s den verdammten Dons und Portus?“
„Kommt Zeit, kommt Rache“, brummte der Seewolf und setzte sich endlich auf einen seiner Lieblingsplätze, nämlich auf die oberste Stufe des Niederganges zum Achterdeck.
Die Seewölfe an den Riemen pullten mittlerweile langsamer und weniger kraftvoll. Die Schebecke schob sich durch die Wellen und lief fast genau Südkurs. Nach und nach verholten sich die Seewölfe, die Freiwache hatten, unter Deck und versuchten zu schlafen. Der Kutscher, nicht weniger müde als die meisten, teilte eine Runde guten Rum aus und fragte sich schweigend, wann diese Nacht der Unordnung und Wuhling endlich ihr Ende haben würde.
Und vor allem: welches Ende?
Ben Brighton zuckte wieder mal hilflos mit den Schultern. Er wäre froh, wenn sie wieder weit draußen auf hoher See wären, mit gutem Wind, gleichgültig aus welchem Sektor. Aber es gab keinen Wind, der in der Lage gewesen wäre, die Segel zu füllen und ihnen ein sicheres Manövrieren zu garantieren. Vielleicht am Tag, vielleicht ein paar Stunden nach Sonnenaufgang, wenn der Monsun wieder einsetzte.
Er wunderte sich, daß ganz plötzlich sein Schweiß zu trocknen schien. War es seiner Müdigkeit zuzuschreiben, daß er plötzlich am ganzen Körper Kälte spürte?
Er hob den Kopf und sah das Tuch über sich flattern. Einige Herzschläge später begannen die Segel leise zu knattern.
„Wind!“ murmelte er.
Er phantasierte nicht, denn Dan rief von der Kuhl: „He! Da kommt Wind auf!“
Die Schebecke war nach Süden getrieben und gepullt worden. Jetzt packte sie, von Steuerbord voraus, der erste Vorbote des Südwestmonsuns. Die Rahruten begannen leise zu knarren, die Segel fingen Wind.
Hasard war aufgesprungen und rief: „An die Schoten! Wir brauchen die Riemen nicht mehr!“
Es dauerte eine Weile, bis die Riemen eingezogen und längs des Schanzkleides verzurrt waren. Die Segelwache eilte zum Großmast und schwenkte die Rah an den Wind. Die Schebecke begann zu gieren und zu stampfen, und endlich entfaltete sich das große Dreieckssegel mit einem gedämpften Knall. Die Schebecke holte weit nach Backbord über und vergrößerte dann ihre Geschwindigkeit.
Es war fast wie ein scharfer Ruck, der durch das Schiff ging, als es wieder dem Ruder gehorchte.
„Gut so“, sagte Hasard grimmig. „Mister Brighton: wir nehmen wieder Kurs auf Mannar.“
„Aye, aye, Sir“, entgegnete der Erste und gab seine Kommandos.
Die Schebecke empfing den Wind von Steuerbord voraus, fiel nach Osten ab und gewann Geschwindigkeit. In einer weiten Halse ging das Schiff stampfend und gierend auf Nordost- und dann zurück auf Nordkurs. Der Bug wies nach einiger Zeit wieder auf die Einfahrt der Bucht.
Die Einfahrt der Bucht war allerdings nur zu ahnen. Sämtliche Landmarken waren unsichtbar, es gab keine Feuer und keine Lichter.
„Verdammt!“ schrie der Rudergänger. „Wir müssen bis zum Morgengrauen warten, Sir!“
„Wennschon“, erwiderte der Seewolf, der deutlich merkte, wie nicht nur seine Laune wechselte. „Das müssen uns die Portus und Dons erst mal nachmachen.“
Auch wenn die Schebecke mit achterlichem, nicht gerade starkem Wind nach Norden lief, segelte sie über unreinem Grund. Jeden Augenblick konnten sie wieder auf eine Untiefe geraten. Sie befanden sich geschätzte zwei Seemeilen von der Mannar-Bucht entfernt und rückten dem Schauplatz des nächtlichen Kampfes langsam wieder näher.
„Sir“, bemerkte Dan nach einer Weile, „diese Segelei vor Mannar ist mehr als gefährlich.“
Nordkurs lag an. In wenigen Minuten würden sie wieder auf die Untiefen vor der ceylonesischen Küste geraten.
„Weiß ich.“ Der Seewolf nickte und sah vor sich nicht mehr als jeder andere, nämlich eine Küstenlinie in tiefem Schwarz vor dem weniger dunklen Himmel. Die Einfahrt der Bucht war nicht klar zu erkennen. „Wir gehen gleich nach Nordwesten.“
„Verstanden. Und dann?“ fragte der Erste.
„Und dann“, Hasard zog die Schultern hoch und sah vor sich die Seewölfe an Brassen und Schoten arbeiten, „kreuzen wir vor der Bucht auf und zeigen den spanischen und portugiesischen Freunden, daß wir ihnen die Beute nicht gönnen.“
„Das wird sie freuen“, bemerkte Ben Brighton. „Denkst du auch daran, daß sogar ein Bordartilleriekünstler wie unser Meister Conroy in der Dunkelheit der Nacht nicht gut zielen und noch weniger gut treffen kann?“
Hasard hieb ihm auf die Schulter.
„Ich denke daran, Ben“, sagte er entschlossen. „In diesem Fall werden wir vor der Bucht solange auf und ab segeln, warten oder meinetwegen vor Anker liegen, bis unser Meister etwas sieht.“
„Höre ich gern“, bemerkte der Erste, noch immer mißtrauisch, was die Pläne des Kapitäns betraf. „Bis zum Morgengrauen ist noch etwas Zeit.“
„Sie sind nicht vorbereitet“, sagte Hasard. „Wir können sie aus einem Dutzend Culverinen mit einer feurigen Morgengabe bedenken.“
„Ich bedenke“, erwiderte Ben, noch immer nicht überzeugt, „daß sie den größten Teil des Goldes in ihren Laderäumen haben, Sir.“
„Stimmt. Wir holen uns das Gold“, knurrte der Seewolf.
Der Wind frischte in einzelnen Böen auf. Mit den Wellen lief die Schebecke auf Mannar zu, segelte nach Nordwesten, dann wieder nach Südosten, einmal nach Nordosten und wieder südwärts. Die Seewölfe zitterten förmlich, aber noch immer brummten sie nicht auf. Vielleicht gab es nur die sprichwörtlichen paar Handbreiten Wasser unter dem Kiel, aber das Schiff lief nicht auf, schrammte nicht durch den Grund und segelte frei.
Die Atemzüge addierten sich zu Minuten, die Minuten zu halben Stunden, und endlich verblichen die Sterne. Längst war der Mond hinter der Kimm, hinter Dunstschleiern an Land oder fernen, unsichtbaren Bergen versunken. Schwach leuchteten die breiten Spuren der Heckwelle, und grau in grau zeichneten sich allmählich die Umrisse des Landes ab.
„Alles bereit, Mister Conroy?“ rief der Seewolf, den Geschmack des letzten Schluckes Rum noch auf der Zunge.
„Feuerbereit, Sir“, antwortete Al Conroy mit einer Stimme, die ebenso von der Müdigkeit gezeichnet war wie seine Bewegungen.
Ben Brighton rechnete, verglich und schätzte ab. Er würde versuchen, die Schebecke mit der Steuerbordbreitseite, kurz bevor sie nach Nordwesten abdrehen mußten, dicht vor der Bucht vorbeisegeln zu lassen. Dann konnte Al Conroy, wenn es sein mußte, alle sechs Culverinen abfeuern.
Die letzten Sterne waren verschwunden.
Über dem Wasser und über der Insel breiteten sich verschiedene Abstufungen von Grau und Schwarz aus. Vage und schemenhaft zeichneten sich Hügel und die Wipfel des Waldes ab. Niemand konnte mit Sicherheit sagen, ob das, was man sah, auch wirklich war.
Dunkelblau, an der Grenze zur reinen Schwärze, so breitete sich die See um das Schiff aus, nur unterbrochen von den winzigen Schaumkronen der Wellen. Wenn es noch Fackeln oder Lichter im Bereich des Hafens gab, so verschmolzen die winzigen Lichter mit dem fahlen Grau des frühen Tages, der bevorstehenden Morgendämmerung.
Eine kleine Ewigkeit schien zu vergehen, bis die Schebecke vor der Einfahrt der Bucht wieder auf den anderen Bug ging. Sie legte nach Steuerbord über, und der Stückmeister und seine Helfer mußten die Richtkeile weiter hineintreiben.
Dan O’Flynn, der vor Müdigkeit blinzelte, hielt es auf dem Achterdeck nicht mehr aus und enterte auf die Kuhl ab. Er blieb neben dem Stückmeister stehen, sah eine Weile dessen Hantierungen zu und entdeckte über dem Schanzkleid, nicht sehr deutlich, die vertraute Kulisse, die sie einen Tag lang vor sich gehabt hatte, ohne sich bewegen zu können.
„Viel Zeit bleibt dir nicht, Al“, sagte er und wunderte sich, daß die Galeone und auch die Karavelle noch immer an den Plätzen lagen, die sie tagsüber eingenommen hatten. „Ein guter Schuß oder zwei, dann müssen wir nach Nordwesten abdrehen.“
Al Conroy schwenkte seinen Luntenstab und entgegnete ärgerlich: „Störe mich nicht, Mister O’Flynn. Ich weiß selbst, was ich zu tun habe.“
„Verzeihung“, murmelte Dan und trat zwei Schritte zurück. „Ich wollte dich nicht stören.“
Der Stückmeister visierte, verglich die Neigung des Rohres mit der Kimm, schloß die Augen und schien schweigend zu rechnen. Als der Bug der Schebecke schließlich auf die qualmenden Reste des Steges wies, stellte er sich hinter die erste Culverine und blies auf die Lunte.
„Vielleicht treffe ich sogar“, sagte er wie zu sich selbst und berührte mit der Lunte das Pulver im Zündloch.
Er sprang zurück.
Dan hielt sich am Dollbord des Beibootes fest, riß den Mund auf und steckte sich schließlich den Finger der rechten Hand ins Ohr.
Das Geschütz wurde nach hinten getrieben. Donner und Feuerzunge aus der Mündung dröhnten und blitzten. Grauweißer Pulverdampf wolkte in die Höhe. Das Vollgeschoß heulte durch den Dunst über dem Wasser und verschwand aus den Blicken der Crew.
Alle starrten hinüber zum Land. Die Kugel schlug ein, traf die Karavelle und legte den Großmast um. Laufendes sowie stehendes Gut und Segel brachen über dem Deck zusammen. Die Schebecke drehte ab, es war keine Gelegenheit für einen zweiten Schuß. Erst in dreißig Minuten würde es richtig hell werden, dann ging der Kampf weiter.
Während die Schebecke nach Nordwesten über die Untiefen gesteuert wurde und sich der stechende Pulverdampf über dem Deck des Schiffes verzog, blickten Hasard und Ben Brighton durch die Spektive auf das Chaos, das sich an Deck der Karavelle ausbreitete.
Es schien, als hätte der erste Biß der Seewölfe eine Wunde gerissen, von der sich die Gegner nicht so schnell erholen würden.
Aber noch hatte der neue Tag nicht angefangen.
Noch herrschte das Zwielicht vor der Morgendämmerung …
ENDE

1.
Sie waren Geusen, Wassergeusen, die gegen die politische und religiöse Gewaltherrschaft der Spanier Kaperkrieg führten, genauer gegen den Beauftragten Seiner Allerkatholischsten Majestät, Herzog Alba. Sie führten den Befreiungskrieg der Niederlande, und sie führten ihn für sich allein immer noch weiter, obwohl Fernando Alvarez de Toledo schon lange nicht mehr lebte. Sie kämpften ganz einfach gegen die Spanier, ähnlich wie der Seewolf Philip Hasard Killigrew.
Diese Ecke erkundeten sie, um sich nach einer holländischen Niederlassung in Indien umzusehen und das Vorfeld zu sondieren.
Der Bootsmann, Pit de Haas, ein breitschultriger blonder Hüne, zeigte nach einer Weile wieder in die Richtung, wo kurz ein Feuerschein aufflackerte. Sie hatten dieses merkwürdige Feuer schon in der Dämmerung gesehen. Mal Rauch, mal Feuer, dann wieder dunkler Rauch.
De Haas klatschte sich auf die Wange, wo sich ein Moskito niedergelassen hatte. Er hatte schon etliche kleine Beulen im Gesicht und am Oberkörper.
„Da ist es wieder“, sagte er. „Immer kurz bevor es auszugehen scheint, flackert es wieder auf.“
Das Feuer veränderte sich abermals. Eine pechschwarze Wolke, einem Riesenpilz ähnlich, stieg zum Himmel auf und wälzte sich einem schwach sichtbaren Hügel entgegen. De Haas war sich nicht ganz sicher, aber es konnten Teile einer Tempelanlage sein, die er zu erkennen glaubte. Auch ein größerer Baum war zu sehen.
Eine weitere halbe Stunde lang stieg Rauch zum Himmel. Es war das letzte Mal.
Der Rauch wurde schwächer und war schließlich nur noch als dünnes qualmendes Wölkchen zu sehen, bis auch das allmählich verblaßte.
Inzwischen war es Nacht geworden. Am Himmel standen ein paar Sterne, aber die Nacht brachte keine Abkühlung. Es war immer noch drückend heiß und schwül, und überall schwirrten Stechfliegen herum. Es waren lästige und blutsaugende Plagegeister, die erst dann Ruhe gaben, wenn man sie totschlug.
Die Holländer hatten mit steigender Neugier den Rauchsignalen zugesehen, aber das Rätsel vermochte sie nicht zu lösen.
Der Bestmann Frans Kuiper wandte den Blick ab. Seine Augen tränten bereits vom angestrengten Hinsehen, und immer wenn er etwas zu erkennen glaubte, verwischte alles in den Konturen und wurde unscharf.
„Weiß der Teufel, was das ist“, sagte er achselzuckend. „Ich werde ebenfalls nicht schlau daraus. War es nun ein Signal, oder hat da jemand nur ein einfaches Lagerfeuer entzündet?“
Dem Kapitän ließen die rätselhaften Zeichen auch keine Ruhe mehr. Jetzt, da sie erloschen waren, wurde alles nur noch geheimnisvoller. Irgendwo im Dunkel der Nacht schien sich jemand zu verbergen, dessen war er ganz sicher. Die Unbekannten konnten sich aus irgendeinem Grund der Fleute nicht nähern, aber van der Koop glaubte zu wissen, daß die Signale ihnen galten und der Unbekannte den Niederländern etwas mitteilen wollte.
Van der Koop war nicht der Mann, der Entscheidungen lange hinauszögerte. Er zog den geraden und direkten Weg vor, und jetzt war er der langen Grübelei überdrüssig geworden.
Sein hartes Gesicht straffte sich. In die bläulichen Augen trat ein unternehmungslustiges Glitzern.
„Genug gerätselt, verdomme“, sagte er, eins seiner Lieblingsworte gebrauchend. „Wir sehen uns das mal aus der Nähe an. Von hier aus kann man ja so gut wie nichts erkennen. Frans wird mich begleiten. Die anderen bleiben an Bord und halten die Ohren in den Wind. Falls es irgendwelchen Ärger geben sollte, Bootsmann, dann weißt du, was du zu tun hast.“
„Soll ich nicht lieber an deiner Stelle gehen?“ fragte der breitschultrige blonde Bootsmann. Er hätte genau so gut in den Wind reden können.
„Beim nächsten Mal“, versprach van der Koop. „Sauft mir inzwischen nicht den Genever weg, sonst gibt’s Ärger.“
Die anderen blickten ihn nur schweigend an. Keiner sagte was, denn jedes Wort war überflüssig. Sie waren eine gut eingespielte Mannschaft, und sie kannten ihren Kapitän, der ein hervorragender Seemann und ein harter, unbeugsamer Mann war. Ihm etwas ausreden zu wollen, war absolut unmöglich.
Der Bestmann und van der Koop verließen die Fleute und wateten ein paar Schritte bis zum nahen Ufer.
Das Schiff lag unglückseligerweise etwas auf dem Schlick, doch die Flut würde es in etwa zwei Stunden wieder anheben. Sie waren ganz sanft auf diese Bank im Wasser hinaufgerutscht.
Darum sorgte sich jedoch keiner. Ein Angriff von See her war nicht zu befürchten, außerdem hatten die Wassergeusen starke Zähne zum Zubeißen.
Van der Koop fluchte verhalten, als er bis an die Knie in matschigem Dreck versank, kaum, daß sie das Ufer erreichten. Der Bestmann watete ebenfalls in modrigen Untergrund.
Mühsam zogen sie ihre Beine aus dem Modder, doch nach ein paar weiteren Schritten wurde der Boden etwas fester. Tiefer unter ihnen aber befand sich Sumpf oder Moor, denn immer wieder gluckerte es, stiegen Blasen in die Höhe, die mit schmatzendem Geräusch zerplatzten.
Bis der Boden ganz fest war, hatte Mijnheer van der Koop schon mindestens zehnmal sein „Godverdomme“ geflucht.
Die Hitze stand wie eine Mauer um sie her. Myriaden kleiner und unsichtbarer Plagegeister umschwirrten sie unaufhörlich. Die Luft war ein Miasma aus süßlichem Geruch, Sumpfgasen und Morast, das sich beklemmend auf die Lungen legte. Mitunter hatten sie das Gefühl, elend ersticken zu müssen.
Sie kämpften sich mühsam in die Richtung vorwärts, wo sie Feuer und Rauch gesehen hatten. Über ihnen spannte sich ein schwarzblauer Himmel mit funkelnden Sternen und einem sichelförmigen Mond. Über der See war alles pechschwarz und von absoluter Finsternis. Selbst die Fleute war kaum noch zu erkennen.
Aber den Rauch rochen sie. Kein Windhauch hatte ihn vertrieben, und so war die stickige Luft zusätzlich noch mit diesem Rauch gesättigt.
„Dort vorn links muß es sein“, flüsterte der Bestmann Frans Kuiper. Er wies in die betreffende Richtung, wo in der Luft ein heller, dünner Faden fast unbeweglich stand.
Sie marschierten durch ein brachliegendes Reisfeld. Unter ihren Füßen begann es wieder zu gluckern. Der Schwarm der Moskitos wurde noch dichter und hing wie eine Wolke um ihre Köpfe.
In weiter Ferne waren kleine Hütten zu erkennen, aber niemand zeigte sich. Alles schien verlassen und wie ausgestorben zu sein.
„Wie tot“, sagte der Bestmann leise und sah sich unbehaglich um. „Das sieht hier aus wie in einer Geisterwelt.“
„Mit Geistern, die Feuer entzünden und Rauchsignale geben“, brummte van der Koop. „Oder glaubst du, die haben nur ein paar Fische über offenem Feuer gebraten?“
„Wahrscheinlich nicht. Aber das werden wir ja gleich sehen. Es ist nicht mehr weit.“
Kurze Zeit später standen sie an einer Stelle, wo der Boden noch qualmte und fast heiß war. Ein paar winzige Äste gaben noch etwas Glut ab, es roch nach versengtem Gras und fauligen Blättern. Trotz der Dunkelheit war die Feuerstelle gut zu erkennen.
Van der Koop untersuchte sehr sorgfältig den Boden nach Spuren. Nach einer Weile richtete er sich auf.
„Da sind Abdrücke von Schuhwerk zu erkennen“, sagte er. „Wahrscheinlich Stiefel, wenn ich mich nicht irre. Ich glaube aber kaum, daß diese armen Schlucker teures Schuhwerk tragen. Hier latscht jeder mit den Dingern herum, die ihm der große Kapitän gegeben hat.“
Auch der Bestmann richtete sich auf, nachdem er den Boden einer genauen Musterung unterzogen hatte.
„Das war keine Feuerstelle, um etwas zu braten oder zu rösten, Willem. Das Feuer ist einzig aus dem Grund entzündet worden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Will sagen, da hat jemand ein Signal gegeben. Ob das wohl für uns bestimmt war?“
„Vielleicht als Warnung. Ich weiß es nicht. Aber wir werden versuchen, den Spuren nachzugehen.“
Ihre Augen hatten sich längst an die Dunkelheit gewöhnt, und so fiel es ihnen nicht sonderlich schwer, der Spur zu folgen. Mittlerweile hatten sie auch schon eine beachtliche Strecke zurückgelegt, als van der Koop plötzlich stehenblieb.
Er zeigte mit der ausgestreckten Hand in nordwestliche Richtung.
„Ein kleiner Hafen“, raunte er.
Im Schutz hoher Büsche und einiger Palmen schlichen sie vorsichtig weiter.
Nach einer Weile war der Hafen einwandfrei zu erkennen.
Van der Koop blickte aus schmalen Augen überrascht auf die Szene, die sich seinen Blicken bot.
„Ich dachte, wir seien hier allein“, sagte er. „Das ist ja eine gelungene Überraschung. Siehst du auch, was ich sehe, oder bilde ich mir das nur ein?“
„Drei Schiffe“, zählte der Bestmann auf. „Und, der Teufel soll mich holen, das eine ist doch ein verdammter Spanier.“
„Ganz recht, eine Galeone und damit zweifellos ein Spanier. Das andere scheint eine portugiesische Karavelle zu sein. Auch das ist seltsam genug in dieser gottverlassenen Ecke.“
„Der dritte Kahn ist noch seltsamer“, sagte der Bestmann. „Der paßt hierher wie eine Faust aufs Auge. Irgendwo habe ich so ein Schiff schon mal gesehen, aber wo?“
„Im Mittelmeer“, sagte van der Koop mit einem kleinen Grinsen. „Da gibt es sie öfter als einem lieb sein kann. Der Kahn ist eine Schebecke, wie sie von Piraten benutzt wird. Schnell, elegant, sehr seetüchtig und außerdem gut armiert. Das erstaunt mich wirklich, daß sie hier so friedlich nebeneinander liegen. Piraten, Spanier, Portugiesen, und das alles hier in dieser abgeschiedenen Ecke.“ Ihre Verblüffung war echt, als sie die drei Schiffe erneut einer Musterung unterzogen.
„Und doch stimmt hier etwas nicht“, sagte der Bestmann. „Das friedliche Bild trügt. Ich habe das Gefühl, als würden sich alle gegenseitig belauern oder zumindest gegeneinander etwas aushecken.“
„Da kannst du recht haben, Frans. Mir fällt auch auf, daß da einiges nicht stimmt, aber ich bin mir nicht sicher, was es ist. Vielleicht die Kerle, die da so unauffällig an der Pier lauern. Sehen wie Inder aus.“
Der Bestmann erkannte ebenfalls etliche Gestalten, aber die schienen sich nicht sonderlich um die drei Schiffe zu kümmern. Ihre Absichten waren nicht klar erkennbar. Es konnte sein, daß sie die Schiffe bewachten, es konnte sich aber auch um eine regelrechte Belagerung handeln.
„Ob heimlich einer von denen das Feuer entzündet hat?“ fragte er.
Die Antwort war ein Schulterzucken des Kapitäns. Er wußte es nicht. Sie fanden auch keine weiteren Spuren mehr, die ihnen Aufschluß geben konnten, denn der Boden war mittlerweile hart geworden, und so verlor sich jeder Abdruck.
Sie rätselten eine Weile herum, doch sie vermochten das Rätsel nicht zu lösen. Aus dem Verhalten der seltsamen Kerle wurden sie ebenfalls nicht schlau.
Es passierte auch nichts. Alles blieb still und ruhig. Doch van der Koop hatte das Gefühl, als veränderte sich der Liegeplatz der Schebecke allmählich. Er schrieb es seinen überanstrengten Augen zu, die er ständig zusammenkniff, um besser sehen zu können.
„Ist dir sonst noch was aufgefallen?“ fragte er den Bestmann. Er fragte es möglichst harmlos und hoffte, daß auch dem Bestmann die kleine Veränderung nicht entgangen war.
Aber Frans Kuiper räusperte sich nur leise. Er hatte früher mal behauptet, ständig das Gefühl zu haben, von einer Ente beobachtet zu werden. Seitdem hatten sie ihn dauernd gehänselt, weil diese Vorstellung, die er sich selbst nicht erklären konnte, einfach absurd und idiotisch war. Aber diese Ente, die ihn ständig beobachtete, geisterte sogar durch seine Träume, und er wurde das Vieh nicht mehr los.
Sogar jetzt beschlich es ihn wieder, obwohl es hier in der Nähe ganz sicher keine Ente gab. Und selbst wenn, dann würde sie ihn, den Bestmann Frans Kuiper, sicher nicht beobachten.
Quatsch war das, und doch hatte er jetzt etwas gesehen, das ebenfalls nicht ins nächtliche Bild paßte.
Die Schebecke bewegte sich so unmerklich, als würde sie von Geisterhänden getrieben. Es geschah ganz langsam, doch sie hatte in der Zeit schon eine kleine Strecke zurückgelegt, obwohl kein Mann an Deck zu sehen war, kein Segel gesetzt war und es keine Strömung gab. Wenn er das jetzt dem Kapitän verklarte, würde der ganz sicher fragen, ob nicht zufällig auch eine Ente in der Nähe sei.
„Godverdomme, ich habe dich was gefragt, Frans!“
Der Bestmann entschloß sich jetzt doch, zu antworten.
„Eigentlich nicht“, sagte er langsam. „Mir tränen die Augen vom vielen Starren, und da habe ich das Gefühl, als bewege sich die Schebecke langsam weiter.“
„Dann stimmt es also“, murmelte van der Koop nachdenklich. „Aber wer oder was bewegt diesen Piratenkahn? Er wird doch nicht etwa von einer Ente gezogen?“
Frans Kuiper schluckte hart und stieß eine leise Verwünschung aus.
„Das mit der verdammten Ente mußte ja folgen“, sagte er gallig. „Konnte ja nicht ausbleiben. Wir sollten hier verschwinden, Willem, und uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern. Was gehen uns diese Schiffe an?“
„Spanier gehen uns immer was an, und da drüben liegt ein Spanier. Vielleicht können wir ihn ein bißchen rupfen, sobald er ausläuft. Jedenfalls werden wir uns auf die Lauer legen.“
Inzwischen war die Schebecke wieder ein kleines Stück in Richtung Hafenausfahrt gedriftet.
„Irgend etwas geht hier vor“, sagte der Kapitän leise. „Aber was nur? Will da einer vor dem anderen flüchten, oder planen die Kerle einen heimlichen Überfall?“
Einmal wurden ein paar Männer aufmerksam und spähten in ihre Richtung. Daß die Schebecke noch weiter driftete, schienen sie nicht zu bemerken oder nicht zur Kenntnis zu nehmen.
Sie warteten noch eine halbe Stunde und beobachteten. Doch alles blieb auffallend ruhig, und die Aufmerksamkeit der Männer war wieder erloschen.
Van der Koop entschloß sich zum Rückzug. Es hatte keinen Zweck, sich die Nacht um die Ohren zu schlagen. Bei Tageslicht sah alles ganz anders aus. Da waren Einzelheiten zu erkennen, die bei Nacht nur Kopfzerbrechen bereiteten.
„Gehen wir“, sagte er knapp. „Bei Tagesanbruch sieht alles anders aus.“
Auf fast der gleichen Strecke kehrten sie langsam wieder zurück. Hin und wieder blieben sie stehen, um einen Blick zurückzuwerfen.
Mittlerweile war eine Wolkenbank herangezogen, die den Himmel teilweise verfinsterte und die Vorgänge im Hafen noch mehr ihren Blicken entzog. Nur vereinzelte Sterne und der schmale Rand der Mondsichel waren jetzt noch zu sehen.
Van der Koop blickte aufmerksam zu der Schebecke, doch er sah nur einen verwaschenen Schemen weiter draußen und war sich nicht sicher, ob es das Piratenschiff war. Die Masten hoben sich kaum noch gegen den nächtlichen Himmel ab. Wenn sie es aber war, dann befand sie sich mittlerweile schon außerhalb des Hafens.
Die beiden anderen, Spanier und Portugiesen, waren noch einigermaßen deutlich zu erkennen.
Nach und nach entschwand alles ihren Blicken und wurde gegenstandslos.
Später sahen sie auch die Mastspitzen ihrer Fleute in der Bucht. Sie war gut versteckt und man sah sie erst, wenn man ganz in der Nähe war.
Da riß hinter ihnen plötzlich der nächtliche Himmel auf.
Van der Koop und Kuiper blieben wie erstarrt stehen und drehten langsam die Köpfe.
Wie aus dem nichts entstand im Hafen ein Feuerball, lautlos und von erschreckend greller Farbe, der die ganze Umgebung in blutrotes Licht tauchte. Das Feuer entstand an mehreren Stellen gleichzeitig und loderte wild zum Himmel, der jetzt ebenfalls blutrot erstrahlte.
Erst jetzt hörten sie den entsetzlichen Krach, den der Feuerball herübertrug. Es war eine dumpfe Explosion, der mehrere laute Detonationen folgten.
„Godverdomme!“ sagte der Holländer überrascht. Sein Gesicht war vom Widerschein des Feuers hellrot angestrahlt, und auch der Bestmann sah aus, als sei er mit Blut übergossen worden.
Der Holzsteg war zu sehen, wie er lichterloh brannte. Schwarz hoben sich die Konturen der beiden Schiffe ab.
An Land flackerte es an vereinzelten Stellen auf, und jetzt stieg aus dem Feuer auch dunkler Qualm zum Himmel, anfangs wie ein dicker Pilz, dann einer Wolke ähnelnd.
Eine weitere Explosion ließ auch die Schebecke sichtbar werden wie ein Geisterschiff, das sich weiter draußen im Nichts verlor.
Eine Stichflamme schoß in die Höhe, die Bretter, Holzstücke, Dreck und Splitter mit sich nach oben riß. Das alles wirbelte in einem rötlichen Regen wild durcheinander und senkte sich dann langsam nieder. Gleichzeitig wurde auch der Rauch dichter.
Schreie waren zu hören, ängstliches Gebrüll und hysterisches Kreischen. Männer rannten durcheinander, einige wurden von dem Druck der Explosion wie Puppen durch die Luft geschleudert. Sie landeten im Wasser des Hafens und brüllten laut ihre Angst hinaus.
„Die Schebecke!“ stieß der Bestmann hervor. „Die Piraten haben das alles angezettelt, und jetzt verschwinden sie.“
Van der Koop sah schattenhafte Gestalten an Bord der Schebecke. Stehend pullten sie das Schiff in die auf dem Meer liegende Schwärze. Ein paarmal zuckten von der Schebecke rötliche Blitze auf.
„Das sind Teufelskerle“, sagte er anerkennend. „Auch wenn es zehnmal Piraten sind, aber sie haben uns schon einen Teil der Arbeit abgenommen. Die Dons scheinen in arger Bedrängnis zu sein.“
Seinen Worten folgte ein heiseres Lachen. Er sah es nur zu gern, wenn die Dons eins auf den Schädel kriegten. Am liebsten hätte er in diesem undurchschaubaren Spiel kräftig mitgemischt.
An Deck der beiden Schiffe war jetzt ebenfalls die Hölle los. Ein paar dunkle Gestalten stürzten sich in ihrer Angst über Bord und ins Wasser. Andere hasteten auf den Schiffen ziellos hin und her und wußten nicht, was sie tun sollten.
„Die geben es denen aber richtig“, meinte Kuiper. „Das scheinen eisenharte Burschen zu sein. Aber warum nur? Sie lagen doch vorhin noch fast friedlich nebeneinander?“
„Mancher Friede trügt eben“, sagte der Kapitän mit einem Grinsen.
Auf den Spanier griff anscheinend Feuer über. Ein Funkenregen senkte sich über die Galeone, und an vereinzelten Stellen flackerten winzige Lichter auf. Der Portugiese blieb davon ebenfalls nicht verschont.
Mit allen Mitteln versuchten sie den Funkenflug zu löschen. Ketten wurden gebildet, Wasser geputzt, und nach einer Weile hatten sie das ausbrechende Feuer auf beiden Schiffen wieder unter Kontrolle.
Jetzt stiegen nur noch grauweiße Qualmwolken auf, die alles vernebelten. Die Schebecke verschwand wie ein Schemen im schwarzblauen Wasser und bewegte sich wie von Geisterhänden geschoben.
Nach ein paar Minuten verschmolz sie mit der Dunkelheit und war nicht mehr zu sehen.
Im Hafen war allerdings noch immer der Teufel los.
Sie sahen es von einer erhöhten Position aus, wie Boote herumtrieben und Männer verzweifelt versuchten, wieder an Land zu gelangen. Der dunkle Qualm verbarg jedoch fast alles vor ihren Blicken. Hin und wieder sahen sie nur rötlichen Feuerschein mit dunstigem Nebel und hörten weit entfernt leise Schreie.
Fast eine Stunde verharrten sie noch auf ihrem Platz, um zu beobachten.
Es ging jetzt schon fast auf den frühen Morgen zu. Erkennen ließ sich auch kaum noch etwas. Nur vom Wasser her waren wieder Sterne zu sehen und tiefschwarzes Wasser mit winzigen Schaumkronen darauf.
Ein paar andere von der Fleute näherten sich ihnen und wollten wissen, was da passiert sei.
Aber van der Koop konnte das nicht beantworten, weil er nichts darüber wußte, und so ergingen sich alle in Vermutungen. Man nahm an, daß Piraten sich eingeschlichen und das Chaos verursacht hätten.
Eine knappe Stunde vor Morgengrauen wollten sie endlich an Bord gehen, doch da gab es nochmals eine Überraschung.
Van der Koop hatte sich ein Spektiv bringen lassen und suchte damit die See ab.
Die Optik zeigte ihm kurz darauf zu seiner großen Überraschung die Schebecke, die von See her auf den Hafen zuhielt. Diesmal lief sie unter vollen Segeln.
„Das darf doch nicht wahr sein“, sagte er verblüfft. „Die Kerle tauchen schon wieder auf. Godverdomme, sind die hartnäckig und mutig. Die scheinen den Begriff Angst überhaupt nicht zu kennen. Sie wagen sich noch mal in die Höhle des Löwen.“
Die anderen sahen gebannt zu und verfolgten jede Einzelheit. Einige der Wassergeusen hielten vor Überraschung den Atem an und stierten sich die Augen aus.
Die Dons und die Portugiesen merkten noch nichts. Vor ihren Schiffen lagen feine Dunstwolken aus Qualm und Rauch, und so konnten sie das Wasser nicht einsehen.
Die Schebecke segelte ziemlich schnell heran und stieß wie ein Habicht auf den Portugiesen zu, der für sie am günstigsten lag. Alle Rohre waren ausgerannt.
Jetzt erst bemerkten die Portugiesen, daß da etwas nicht stimmte.
Heisere Warnschreie waren zu hören, doch die gingen in einem gewaltigen Krachen unter. Jede Reaktion erfolgte zu spät.
Auf der Schebecke blitzte es grell auf. Durch Dunkelheit und diffuses Zwielicht stach ein rötlicher Blitz. Der Donner folgte ein paar Augenblicke später.
Der Blitz war noch nicht erloschen, als die Schebecke auch schon abdrehte.
Auf der Karavelle war abermals die Hölle los. Ein Vollgeschoß traf den Großmast und zersplitterte ihn. Das Krachen und Bersten war überdeutlich zu hören. Laufendes und stehendes Gut brach. Der Mast platzte auseinander. Eine Wolke halbaufgetuchter Segel löste sich und begrub das Deck unter sich. Wie ein Leichentuch senkte sich das Zeug nieder. Ein paar Männer, die nicht mehr rechtzeitig entwischen konnten, wurden ebenfalls unter den Segeln begraben.
Van der Koops nächstes „Godverdomme“ war fällig. Diesmal sprach er es mit leuchtenden Augen und flüsternd, fast andächtig.
„Den Kerl möchte ich kennenlernen“, sagte er. „Der hat verdammt viel Dampf drauf, und frech ist er noch dazu.“
Die Schebecke hatte zugebissen und nahm jetzt wieder Kurs aufs offene Meer, bis sie als kleiner Schatten in dem diesigen Grau verschwand.
An Deck des Portugiesen aber herrschte Chaos. Männer wühlten sich brüllend durch die Trümmer, andere ließen die Stückpforten hochgehen und rannten die Kanonen aus.
Aber sie sahen keinen Gegner. Der war längst außer Reichweite und für sie verschwunden.
Die Dons auf der Galeone wurden ebenfalls sehr nervös und trafen alle Vorbereitungen zu einem Gefecht.
Van der Koop lachte laut und schadenfroh, ehe er sich abwandte, um auf sein Schiff zurückzukehren.
2.
„Das war wahrhaftig ein Meisterschuß, Al“, sagte der Seewolf zu seinem Stückmeister, nachdem der Treffer registriert worden war und sie abgedreht hatten. „Daran werden die Portus eine ganze Weile zu kauen haben. Ihr Großmast ist beim Teufel.“
Al Conroy warf einen Blick zurück auf das Chaos, das sie den Portugiesen beschert hatten und nickte dann. Ben Brighton reichte ihm das Spektiv.
„Ja, ein guter Treffer“, gab er zu. „Zumindest ist die Karavelle für eine Weile flügellahm und nur schwer manövrierfähig.“
Durch das Spektiv konnte er deutlich die Trümmer erkennen, die auf die Decks niedergegangen waren. Es war ein einziges Chaos aus Tauwerk, Splitterholz und Segeltuch. Eine Rah stand hochkant an den zersplitterten Mast gelehnt und drohte jeden Augenblick umzufallen.
Unter dem herabgefallenen Segeltuch bewegten sich kriechende Gestalten, die verzweifelt versuchten, sich von dem schweren Zeug zu befreien. Andere Portugiesen rannten sinnlos von vorn nach achtern und wußten nicht, wie sie sich verhalten wollten.
Aber es gab auch einige Besonnene, die rasch handelten.
Mit dem letzten Blick durch das Spektiv sah der Stückmeister, daß auf der Karavelle Rohre ausgerannt wurden.
„Sie machen gefechtsklar“, sagte er spöttisch. „Allerdings dürfte es jetzt ein bißchen zu spät sein.“
Hasard lachte leise.
„Immerhin war die Überraschung gelungen. Ich bedaure nur, daß der Spanier so ungünstig liegt. Bei ihm hätte ich gern für eine ebenfalls gelungene Überraschung gesorgt.“
Sie drehten ab und törnten in südwestlicher Richtung weiter, bis sie den Hafen nicht mehr sehen konnten. Im Zwielicht des beginnenden neuen Morgens war nur noch leichter Dunst zu bemerken.
„Ein zweites Mal dürfte es keine Überraschung mehr geben“, meinte der Spanier Don Juan de Alcazar. „Sie werden jetzt aufpassen und auf der Hut sein. Wir müssen aber das Gold zurückholen. Hast du schon eine Idee, Sir?“
Der Seewolf schüttelte den Kopf.
„Noch nicht. Aber da das Gold für den großen Akbar bestimmt ist und nicht uns gehört, werde ich alles dransetzen, es zurückzuholen. Bisher haben wir uns nur einen winzigen Teil beschaffen können. Es fehlen noch ein paar hundert Kisten.“
„Die Spanier und Portus haben den größten Teil an Bord“, sagte Dan O’Flynn grimmig. „Und der Rest wird bald in alle Winde zerstreut sein. Etliche Kerle, die sich heilige Männer nennen, haben einen Großteil unserer Ladung ins Landesinnere abtransportiert. Ich bezweifle, daß wir noch alles zusammenkriegen.“
„Seit wann bist du unter die Pessimisten gegangen?“ fragte der Seewolf. „Dieser Malindi Rama hat uns eine böse Suppe eingebrockt, die uns fast das Leben gekostet hätte. Aber ich bin sicher, daß wir diesen Bastard wieder aufspüren und auch die heiligen Männer finden, die den Weisheitszahn Buddhas und unser Gold ins Landesinnere gebracht haben. Bevor wir hier gründlich aufräumen, will ich mir jedoch Gewißheit verschaffen, ob wir es nicht mit noch einem weiteren Gegner zu tun haben.“
„Du meinst den Holländer, Sir?“
„Ja, das Schiff, das etwas weiter südlich versteckt in einer Bucht liegt, und dem wir Rauch- und Feuerzeichen gegeben haben. Bisher hat sich noch keiner der Holländer blicken lassen. Ich bin aber sicher, daß ihnen die Szenerie am Hafen nicht entgangen ist. Sicher haben sie uns beobachtet.“
„Wenn sich der Holländer auch noch gegen uns stellt, haben wir hier nicht mehr viel zu melden“, sagte Dan, der heute offenbar wirklich seinen pessimistischen Tag hatte.
„Hätten wir nur diesen windigen Halunken nie an Bord genommen“, sagte Ben Brighton. „Aber das hilft uns jetzt auch nicht weiter. Ich schlage vor, daß wir den Kurs wechseln und ganz dicht unter die Küste gehen. Wir könnten dem Holländer einen kleinen Besuch abstatten.“
„Genau das habe ich vor“, erwiderte Hasard. „Wir besuchen ihn, aber so, daß wir dabei ungesehen bleiben. Meine Söhne und ich werden das übernehmen.“
Pete Ballie hielt auf die Küste zu, die dicht mit Mangroven bewachsen war. Hohe Stelzwurzeln bildeten einen fast undurchdringlichen, mörderischen Verhau. In den seichten Lagunen gab es Salzwasserkrokodile von beachtlicher Größe und Gefährlichkeit.
Jung Hasard zeigte mit der Hand voraus.
„Etwa eine Meile weiter liegt der Holländer. Er hat sich so gut versteckt, daß nicht mal seine Masten zu sehen sind.“
„Falls er überhaupt noch da ist“, entgegnete Hasard. „Vielleicht ist er heute nacht noch losgesegelt.“
Dan O’Flynn hielt selbst Ausschau, denn er war der Mann mit den Adleraugen, denen nichts entging.
Aber so sehr er auch suchte, in jener der Küste vorgelagerten Wildnis aus Mangroven und hohen Kokospalmen war nichts zu entdecken.
„Noch zwei Landzungen weiter“, sagte Philip. „Ich kann mich an die Stelle gut erinnern. Dort vorn muß die Fleute liegen.“
„Dann gehen wir in dieser Lagune vor Anker, wenn ihr euch eurer Sache so sicher seid. Den Rest der Strecke legen wir mit der Jolle zurück, und dann pirschen wir uns durch den Verhau an.“
Die Jolle hing noch außenbords und brauchte nicht erst abgefiert zu werden. Die Bucht wurde angesteuert, eine flache Lagune, die von zwei dichtbewachsenen Landzungen eingerahmt war.
Falls der Holländer wirklich noch da lag, war es auch ihm unmöglich, die Schebecke zu sehen.
Zum Glück gab es in dieser Lagune keine Seevögel, die kreischend aufstoben und die Anwesenheit von Menschen dadurch verrieten. Lediglich zwei große Leistenkrokodile lagen träge im fauligen Wasser. Das eine hatte das Maul mit den furchteinflößenden Zähnen weit aufgesperrt. Das andere lag dicht daneben und döste. Das Schiff brachte sie nicht aus der Ruhe. Sie schenkten ihm keine Aufmerksamkeit.
In der Lagune wehte nur noch ein schwaches Lüftchen, das die Segel kaum blähte. Obwohl es noch sehr früh am Morgen war, brannte die Sonne bereits heiß herab. Sie schien grell und gleißend auf das flache Wasser und ließ es wie flüssiges Silber gleißen. Der Blick auf das Wasser tat den Augen weh.
„Gefechtsbereitschaft bleibt bestehen“, sagte Hasard. „Ich bin auf weitere Überraschungen nicht mehr scharf. Wenn wir in etwa zwei Stunden nicht zurück sind, liegt es in deinem Ermessen, zu handeln, Ben.“
Hasard wartete erst keine Antwort ab. Er wußte, daß er sich auf seine Arwenacks verlassen konnte.
Er überprüfte seinen Radschloßdrehling und steckte ihn wieder ein. Auch die Zwillinge waren nur mit Pistolen bewaffnet. Alle anderen Waffen wären in dem undurchdringlichen Gestrüpp nur hinderlich gewesen.
Sie enterten in die Jolle und legten ab. Lautlos pullten sie bis zur bewaldeten Landspitze.
„Seid ihr sicher, daß ihr euch nicht geirrt habt?“ fragte Hasard, nach dem sie einen Blick durch die Mangroven in die andere Bucht geworfen hatten. Sie war leer. Von dem Holländer waren noch nicht mal die Mastspitzen zu sehen.
„In der nächsten Bucht liegt sie“, versicherte Jung Hasard noch einmal.
Auch Philip bestätigte das unmißverständlich.
„Kein Zweifel, Dad, Sir, falls sie nicht ausgelaufen sind. Aber das glaube ich nicht. Die Burschen haben sich nur gut getarnt.“
Lautlos pullten sie weiter. In dem flachen Wasser der lagunenartigen Bucht konnten sie den Grund sehen, er bestand aus feinem, weißem Sand, der hell heraufschimmerte.
Die Jolle lief zwischen einer riesigen Mangrovenansammlung auf Grund. Es ging nicht mehr weiter, Stelzwurzeln mit ihren tausend Verästelungen hielten sie fest.
Philip schlang die Leine um eine der Wurzeln. Er warf einen Blick zurück und stellte fest, daß selbst die Schebecke aus dieser kurzen Distanz nicht mehr zu sehen war. Der Mangrovendschungel hatte sie geschluckt und unsichtbar werden lassen.
Sie mußten etliche Yards mühsam durch brackigen Sumpf waten. Unmengen winziger Fliegen umschwirrten sie. Die Plagegeister abzuwehren, schien unmöglich zu sein.
Hier war die Hitze noch schlimmer. Der Boden war brühwarm und roch nach Moder und Fäulnis. Hin und wieder zerplatzten kleine Blasen in dem sumpfigen Gelände, und dann gab es jedesmal einen schmatzenden Knall.
Durch manche der Stelzwurzeln mußten sie sich regelrecht hindurchzwängen. Andere bildeten torähnliche Bögen.
Mehrmals rutschten sie aus, und als Hasard einmal nach einer Wurzel über seinem Kopf griff, um sich festzuhalten, glotzte ihn eine lange, giftige Schlange mit plattem Kopf ausdruckslos an.
Er blieb stehen wie festgenagelt und starrte auf den platten Schädel. Eine gespaltene Zunge fuhr heraus, der Schädel begann langsam hin und her zu pendeln.
Die Zwillinge drehten sich um und bemerkten die Schlange ebenfalls.
Ihr Vater hatte noch den linken Arm erhoben und war in dieser Stellung vorübergehend wie erstarrt. Die Signalfarbe verriet ihm, daß die Schlange giftig war, und so wollte er sie nicht erschrecken.
Jung Hasard löste das Problem auf seine Weise. Er griff so blitzschnell zu, daß Vater Hasard nicht mal die Handbewegung sah. Mit sicherem Griff packte er die Schlange direkt hinter den platten Schädel.
Das giftige Reptil ringelte sich zusammen, aber da flog es bereits durch die Luft.
Jung Hasard schlenkerte nur einmal mit der Hand, dann befand sich die Schlange auch schon im Wasser.
„Alter Schlangengriff“, raunte er lässig. „Haben wir bei der Gauklertruppe Kalibans gelernt. Man muß nur schnell sein.“
„Ja“, sagte der Seewolf, „eben darauf kommt es oft an. Vielen Dank, Söhnchen.“
Das Söhnchen grinste nur verwegen. Die Angelegenheit war damit für ihn erledigt.
In dem Mangrovenverhau wurde es jetzt dämmrig, als sich die Stelzwurzeln über ihnen wie ein Dach schlossen. Ein fast geisterhaftes Zwielicht herrschte.
Das Vorwärtskommen wurde zur Qual, zumal sie darauf achteten, keine Geräusche zu verursachen, um die Holländer nicht zu warnen.
Nur sehr mühsam kämpften sie sich weiter, geplagt von unzähligen winzigen Geistern, die ihnen die Hölle bereiteten. Auch die Luft wurde immer stickiger und dumpfer und ließ das Atmen zur Qual werden.
Nach einer Ewigkeit konnten sie einen Blick in die andere Bucht werfen. Hasard hielt unwillkürlich die Luft an, als er das Bild sah.
Die Bucht hatte einen schmalen Einschnitt, eine winzige Passage, die sich nach knapp hundert Yards verbreiterte und ihrerseits nochmals eine kleine Bucht aufwies.
Dort lag der Holländer vor Anker. Es war eine dreimastige Fleute mit dem Namen „Eendragt“.
„Tatsächlich, da liegt das Schiff“, sagte Hasard. „Jetzt aber vorsichtig und lautlos, damit sie uns nicht bemerken.“
„Und die Arme schön nach oben“, sagte eine Stimme in hartem Englisch, das sich wie das Knarren von Windmühlenflügel anhörte. „Sonst habt ihr alle drei ein Loch im Kopf.“
Hasard war fassungslos, so überrumpelt zu werden. Er wollte noch nach seinem Radschloßdrehling greifen, doch er sah genau in den Lauf einer Muskete, die von schräg oben auf ihn gerichtet war.
In einem Mangrovengestrüpp hockte ein scharfgesichtiger Mann mit blonden Haaren und harten Augen.
Einen weiteren mit einem dunkelblonden Vollbart entdeckte er etwa fünf Yards vor sich. Auch er hielt eine Muskete im Anschlag auf sie gerichtet.
Weiter hinten bewegte sich ein dritter Musketenträger, der bis an die Hüften im Sumpf stand und hart grinste.
„Verdammt noch mal!“ entfuhr es dem Seewolf. „Und wir haben nichts gesehen.“
„Aber wir haben euch gesehen“, sagte der Holländer mit seinem rollenden Akzent. „Und das ist für uns viel wichtiger als umgekehrt. Los, dort drüben geht es weiter. Und laßt die Arme oben, bis wir auf festem Untergrund sind.“
Den drei Seewölfen blieb nichts anderes übrig, als der freundlichen Aufforderung zu folgen. Der Teufel mochte wissen, wie viele von den Kerlen hier im Verhau steckten.
Der Rest der Strecke war jetzt schnell geschafft. Sie standen wieder auf festem Grund und wurden von den Männern umringt.
Zwei weitere näherten sich vom Boot her. Sie hatten nur Pistolen in den Fäusten.
Der eine, ein Mann mit gerader Nase und scharfgeschnittenem Gesicht, blieb ein paar Yards vor den Arwenacks stehen. Er starrte völlig verblüfft von einem zum anderen und sagte dann nicht gerade sehr geistreich: „Godverdomme!“
Hasard kam dieses Gesicht bekannt vor, sehr bekannt sogar, und auch der andere Mann war ihm nicht fremd, der die drei ebenso erstaunt einer Musterung unterzog.
„Teufel auch, der Seewolf“, sagte der Holländer. „Nein, drei Seewölfe, einer wie der andere. Das gibt es doch nicht.“
Zwei Musketen senkten sich, zwei Kerlen klappte glatt der Unterkiefer weg. Der eine wußte nicht, ob er grinsen oder einfach nur staunen sollte.
In Hasards Kopf überschlugen sich die Gedanken. Längst vergangene Ereignisse zogen blitzschnell an ihm vorüber, und dann hatte er das Bild aus einer fernen Vergangenheit klar und deutlich vor Augen.
„Die Wasser-Geusen“, sagte er heiser. „Willem van der Koop, Pit de Haas, Frans Kuiper und wie ihr Kerle alle noch heißt. Oder unterliege ich da einem Irrtum?“
Van der Koop begann breit zu grinsen. Er griff in die Tasche und holte eine Münze hervor, die er dem Seewolf reichte.
„Es ist immer noch dieselbe, Seewolf“, sagte er. „Ich habe sie dir schon einmal gezeigt. Das war vor einigen Jahren an der afrikanischen Sklavenküste. Da habt ihr uns aus einer bösen Patsche geholfen. Erinnerst du dich?“
Hasard betrachtete die Münze. Sie war aus Gold und hatte eine länglichovale Form. Auf ihrer Rückseite befand sich das Bild von Seiner Allerkatholischsten Majestät, Philipp II. von Spanien. Die Prägung zeigte das Jahr 1566.
Es war der Geusenpfennig, das Abzeichen der im Geusenbund vereinigten Niederländer im Kampf gegen Spanien.
Hasard gab die schon abgegriffene Münze mit einem Lachen zurück.
„Ja, ich erinnere mich, Geuse. Wir kämpften damals gegen den verrückten Kerl, der sich El Corsario nannte, und reparierten euer Schiff und euch wollte man hängen.“
„Was ihr verhindern konntet.“
Jetzt senkte sich auch die letzte Muskete, und es gab eine stürmische Begrüßung.
„Sind das deine Söhne, Sir?“ wollte van der Koop wissen. „Sie müssen es sein, denn sie sind dir wie aus dem Gesicht geschnitten.“
„Ja, meine Söhne. Sie haben euch in der vergangenen Nacht Rauchzeichen gegeben.“
„Jetzt verstehe ich. Ja, wir haben das Feuer gesehen, aber wir wußten nicht, wem die Zeichen galten und ließen es damit auf sich beruhen. Wir haben euch aber beobachtet. Segelst du jetzt eine Schebecke, Seewolf?“
„Ja, aber die ‚Isabella‘ gibt es auch noch. Du hast ebenfalls ein anderes Schiff. Früher war es ein Zweimaster.“
„Es ist schon das fünfte Schiff, die anderen hat der Teufel im Kampf gegen die Dons geholt. Ich glaube, wir haben uns eine Menge zu erzählen. Nehmt die Jolle und holt euer Schiff her. Hier ist ein gutes Versteck gegen neugierige Augen. Einer meiner Männer kann deine Söhne begleiten.“
Frans Kuiper schlug dem Seewolf auf die Schulter.
„Ihr habt heute nacht die Hölle losgelassen“, sagte er bewundernd. „Aber das scheint wohl eine längere Geschichte zu sein?“
„Allerdings“, sagte Hasard, „ich werde sie nachher kurz erzählen.“
Einer der Holländer und die Zwillinge enterten in die Jolle. Zusammen pullten sie zu der Fleute hinüber. Dann wurde die Jolle weitergepullt, damit sie die Schebecke holen konnten.
Die Geusen hatten quer über Deck Sonnensegel gespannt und hockten im Schatten.
Van der Koop ließ kühlen Pfefferminztee bringen, der in Krügen außenbords hing. Er bot auch Wein und Genever an, aber Hasard und auch die anderen zogen wegen der extremen Hitze den kühlen Tee vor.
Zunächst sah sich der Seewolf die Fleute an. Bei den Geusen war alles sauber. Es gab kein morsches Tauwerk, keinen Dreck und keine Nachlässigkeit. Das Schiff war in bester Ordnung, und armiert waren die Geusen bis an die Zähne.
„Was treibt euch in diesen abgelegenen Teil der Welt?“ fragte Hasard nach einem Schluck kühlen Tees. „Es ist doch ungewöhnlich, daß hier Holländer auftauchen.“
„Das gleiche könnte ich dich fragen, Seewolf“, erwiderte van der Koop. „Nun, wir sind hier, um uns ein wenig umzusehen. Die Portugiesen haben hier eine Vormachtstellung, die sie rücksichtslos immer weiter ausbauen. Und natürlich sind auch unsere ganz speziellen Freunde, die Dons, nicht untätig. Denen wollen wir das Feld aber keineswegs überlassen. Wir führen immer noch erbitterten Krieg gegen sie, obwohl diesen blutrünstigen Herzog Alba längst der Teufel geholt hat und auch ein neuer König Spanien regiert. Wir dachten daran, hier Handel zu treiben und eventuell eine holländische Niederlassung zu gründen. Das ist jedoch erst ein Versuch, der noch in den Anfängen steckt. Zwischendurch bringen wir Spanier auf und sind auf Kaperfahrt.“
„Etwas Ähnliches haben auch wir vor“, sagte Hasard ehrlich. „Das Handelsmonopol der Portus muß gebrochen werden, und aus diesem Grund haben wir nach vielen anfänglichen Schwierigkeiten Handelskontakte anknüpfen können. In Bombay ist das endlich gelungen, aber seitdem verfolgt uns das Pech auf Schritt und Tritt.“
„Ärger, Mister Killigrew, Sir?“
„Jede Menge Ärger, Mijnheer. Der Herrscher von Bombay, Ischwar Singh, dessen Söhnchen wir vor Haien gerettet haben, und der ein sehr umgänglicher und offener Mann ist, bat uns, elf Tonnen Gold und Silber nach Madras zu bringen. Die Ladung ist für den großen Akbar bestimmt und soll vom Sultan von Golkonda übernommen werden. Wir konnten dafür beträchtliche Konzessionen einhandeln. Aber dann geriet uns ein Verrückter in die Quere, ein Inder, der den Weisheitszahn Buddhas gestohlen hatte. Und dieser Kerl brachte uns in Schwierigkeiten, wie sie größer nicht sein können. Er hetzte uns religiöse Fanatiker auf den Hals, dazu noch Dons und Portus, und die plünderten uns restlos aus.“
„Die ganze Schiffsladung ist weg?“ fragte van der Koop ungläubig.
„So ist es. Einen winzigen Bruchteil haben wir wieder, aber damit kann ich mich vor dem Sultan nicht sehen lassen. Jetzt haben ein paar dieser Fanatiker das Gold und Silber bereits ins Landesinnere gebracht, weil sie annahmen, wir hätten es zusammen mit dem verdammten Zahn aus den Tempeln gestohlen.“
„Und das restliche Gold?“
„Einen Großteil davon hat der Portugiese, den anderen haben sie auf die spanische Galeone gebracht, die im Hafen liegt.“
„Jetzt verstehe ich auch das nächtliche Intermezzo“, sagte van der Koop nickend. „Ihr wolltet eure Ladung zurückhaben. Deshalb habt ihr den Portugiesen außer Gefecht gesetzt, ihm den Großmast weggeschossen und Feuer unter den Achtersteven gelegt.“
„So ist es. Der Don liegt leider so ungünstig, daß wir zwischen zwei Feuer geraten, wenn wir angreifen. Außerdem sind da noch die Inder, die zu ihnen halten.“
„Und warum habt ihr uns gesucht?“
„Wir wollten uns vergewissern, daß wir nicht noch einen dritten Gegner im Rücken haben, wenn wir etwas unternehmen.“
„Was willst du denn jetzt unternehmen, Seewolf? Dir dein Gold und Silber zurückholen?“
„Natürlich. Deshalb haben wir den Portugiesen ja auch nicht gleich mit einer Breitseite versenkt, obwohl das nicht unmöglich gewesen wäre. Ich will ihn nur daran hindern, wenigstens vorerst, auszulaufen und mit der Beute zu verschwinden.“
„Eine gute Taktik“, lobte der Holländer. „Was hältst du davon, wenn wir diese Raid gemeinsam durchführen? Ihr habt uns damals geholfen, und jetzt ist die Gelegenheit endlich da, unseren Dank in der Form abzustatten, daß wir euch helfen.“
„Na klar!“ rief der Bootsmann Pit de Haas begeistert. „Das sind wir den Lords einfach schuldig. Wir helfen kräftig mit beim Aufräumen. Schließlich sind wir alle Spanienfresser, und da ist es nicht mehr als recht und billig, gemeinsam vorzugehen.“
Arie van Diep, Fleet und der Bestmann fielen sofort begeistert in den Chor mit ein und konnten es kaum erwarten, gegen die im Hafen liegenden Schiffe loszuschlagen.
„Ich danke für eure Hilfe“, sagte Hasard, „und ich weiß die Geste auch sehr zu schätzen. Aber ich möchte nicht, daß euch hier ein gleiches lausiges Schicksal widerfährt wie an der afrikanischen Sklavenküste.“
„Dann ist das also klar“, sagte van der Koop trocken, „und wir brauchen nicht mehr darüber zu reden, höchstens über die kleinen Einzelheiten der Taktik. Pit, hol mal die Buddel!“
Jetzt kam also doch die Geneverbuddel an die Reihe, die bei den Holländern so unvermeidlich wie bei den Arwenacks der Rum war.
„Gut, dann ist das klar“, sagte auch Hasard. Es war zwecklos, van der Koop etwas ausreden zu wollen, was der sich in den Schädel gesetzt hatte. Da war er genauso stur wie Old O’Flynn, der auch immer mit dem Kopf durch die Wand mußte.
„Wann schlagen wir los?“ fragte der Mijnheer begierig. „Ich meine, wir sollten nicht so lange warten, sonst segelt der Don auf und davon, und ihr seid euer Gold los.“
Hasard lachte leise.
Er kannte den ungebremsten Eifer der Wassergeusen, die es immer furchtbar eilig hatten, den Dons an den Kragen zu gehen, wo immer sie den Gegner auch erwischten. Spanien – das war ein Fanal für sie, eine brennende Fackel, die sie nicht schnell genug löschen konnten.
„Wir werden nicht mehr lange warten, mein Freund. Aber erst mal muß unser Schiff hier sein, damit wir es mit den anderen besprechen können.“
„Ist dieser Kerl mit dem Rammkinn noch an Bord, der Profos?“ erkundigte sich Frans Kuiper.
„Ja, der ist so gut wie unverwüstlich.“
„Und der Alte mit dem Holzbein – lebt der auch noch?“
„Der ist noch unverwüstlicher. Wir haben sogar einen echten Spanier an Bord.“
Van der Koop verschluckte sich prompt an seinem Genever und blies eine feine Dunstwolke aus.
„Das kann nicht dein Ernst sein, Seewolf“, prustete er. „Oder habt ihr ihn in Ketten gelegt?“
„Nein, er darf sich frei an Deck bewegen“, sagte Hasard mit einem kleinen Grinsen.
„Na, ich weiß nicht“, mokierte sich der Geuse. „Ich hätte den Kerl längst über Bord geworfen, gerade weil er ein Don ist. Nimm dich in acht vor ihm, Seewolf.“
„Er war mal mein Todfeind“, erklärte Hasard, „ein Mann der Krone im Rang eines Generalkapitäns, der mich erbarmungslos jagte. Wir haben ja noch etwas Zeit, bis die anderen hier sind. Ich werde euch inzwischen die Geschichte des Spaniers Don Juan de Alcazar erzählen.“
Die Geusen lauschten gespannt der Erzählung.
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