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Franziska Steinhauer

Schloßstraße

Ein Berlin-Thriller


Berlin-Thriller

Schloßstraße

1 Schloßstraße

2 Prolog

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83 81

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85 83

86 Warum der Blue Cube

87 Impressum

Prolog

Der Mann zwängte sich in sein schwarzes Outfit.

Hauteng – das verminderte die Gefahr, irgendwo hängen zu bleiben.

Keine Label.

Keine auffälligen Nähte.

Nichts Individuelles. Extravagantes.

Die Stiefel waren bis zur halben Wade geschnürt, die Hose tief hineingeschoben. Kein Fähnchen mit Logo – alles schwarz.

Einen leichten, schwarzen Seesack trug er über der Schulter, den er wärmend und verbergend über sich legen konnte. Die Dinge, die sich darin befanden, machten kein Geräusch. Jedes Teil war sorgsam in schwarzen Samt gewickelt. Das gesamte Arsenal in kleinen Teilen.

Handschuhe – schwarz.

Sturmhaube. Hochgeschoben sah sie wie eine harmlose Mütze aus.

Der Schädel – glattrasiert. Nichts, was man als Frisur identifizieren konnte.

In wenigen Minuten würde er seinen Platz einnehmen. Er – den ganz Deutschland in ein paar Stunden unter dem Namen Mr. No Mercy kennen würde.

No Mercy wohnte erst seit sechs Monaten hier.

Gerade so lang, wie er brauchte, um seinen Plan auszuarbeiten und alles für die Durchführung in die Wege zu leiten, zu besorgen, auszuprobieren. Dennoch hatte er es nicht versäumt, sich mit den Nachbarn locker zu befreunden. Keine Hürde, wenn man so ein sympathischer Typ war wie er. Offen, freundlich, höflich, hilfsbereit …

Er hatte die Katze des linken Nachbarn versorgt, die Enkelin des rechten von der Schule abgeholt, als der plötzlich zum Zahnarzt musste, war für die alte Frau Meister in der dritten Etage einkaufen gegangen. Alle waren froh, ihn als Mitmieter in der Hausgemeinschaft zu haben.

Er grinste abschätzig in den Spiegel.

Wenn man wusste, wie es funktionierte, war es kein Problem, Menschen zu manipulieren. In seinem letzten Job gehörte diese Fähigkeit quasi zur Stellenbeschreibung. Wie sollte man sich sonst Vertrauen erschleichen, um in die Häuser misstrauischer Menschen eingeladen zu werden. Seine Nachbarn würden alle ziemlich entsetzt sein, wenn sie bemerkten, wem sie da so grenzenlos vertraut und sogar ihre Liebsten zur Betreuung überlassen hatten.

Während er also über die persönlichen Verhältnisse der anderen Hausbewohner bestens informiert war, würden diese erst bei den Interviewfragen der Boulevardblätter feststellen, dass sie selbst nichts über seinen persönlichen Hintergrund zu erzählen wussten. Sorgfältig hatte er darauf geachtet weder von Familie, Alter, Beruf oder gar Hobbys zu sprechen, im Gegenteil, er war derjenige, der sich jederzeit und jedermann als Zuhörer anbot. Aktives Zuhören war eine Spezialbegabung bei ihm, die er zur Perfektion trainiert hatte.

Die Menschen erzählten – alles.

Er verschwieg.

Dunkle Geheimnisse blieben eben lieber im Dunkel. Das hatte er schon früh begriffen.

Zufrieden mit seinem Outfit, schulterte er den Seesack, verließ seine Wohnung, in der außer einem Bett kaum andere Möblierung vorhanden war, und machte sich auf den Weg.

Ab sofort war er die Quelle maßlosen Schreckens.

Es wurde Zeit, dass auch Berlin das bemerkte!

1

Manja und Tobias tobten durchs Wohnzimmer.

»Nein! Das ist nicht wahr! Ich habe die Gummibärchen nicht allein aufgegessen!«, brüllte Tobias bebend vor Zorn und stampfte mit dem Fuß auf. »Du warst das! Ich habe nur ganz wenige davon abgekriegt.«

»Und es ist trotzdem so«, gab die Schwester patzig zurück. »Bei der Schokolade neulich hast du das auch behauptet. Und da klebte der Rest noch an deinen Fingern. Mama weiß genau, dass du sie weggenascht hast. Sie wird dir nicht glauben. Auch wenn du lügst: Ich weiß, dass du es warst. Es ist die Wahrheit!«

»Ist es nicht!«, beharrte der Kleine. »Du hast sie alle aufgegessen! Ich nicht. Das ist nicht wahr!«

»Ist es doch!«

»Nein!«

Als den beiden die Worte ausgingen, flogen die Fäuste, kratzten Fingernägel, hackten Tritte. Handgreifliche Argumente hatten, Manjas Meinung nach, bei ihrem Bruder größere Überzeugungskraft.

Hatten sie nicht.

Zumindest nicht heute.

Tobias war nicht gewillt, in diesem Punkt nachzugeben.

»Was ist denn hier los?« Die Mutter trennte mit geübten Griffen die beiden Streithähne aus der gegenseitigen Umklammerung.

»Ich habe von den Gummibärchen nur ganz wenige genascht«, quengelte Tobias weiter. »Manja sagt immer, sie darf mehr davon abbekommen, weil sie schon sechs ist und ich erst vier.«

»Sicher, sie ist die Ältere von euch beiden«, bestätigte die Mutter. »Aber beim Teilen von Süßem spielt das gar keine Rolle.«

Der Kleine fing an zu weinen. »Sie hat meine …«

»Das ist doch nicht so schlimm. Wir werden sicher noch ein paar finden«, beschwichtigte die Mutter.

Die Schwester grinste. Triumphierend. »Siehst du. Mama glaubt dir nicht.«

»Aber es stimmt! Sie hat …«

»So, Schluss jetzt mit dem Gezanke. Wir gehen alle zusammen in den Zoo. Papa kommt mit.«

»Juchhhuh!«, jubelten die Geschwister einträchtig.

Wischten sich die Spuren der Tränen von den Wangen, funkelten sich ein letztes Mal wütend an.

»Kommt, ich mache noch einen heißen Kakao für euch.« Monika wusste, Schlichtung funktionierte in beinahe allen Fällen auf diese Weise. Lachend sah sie den Kindern nach, die in die Küche tobten.

Der Streit war fast vergessen.

Björn Andermatt stand unter der Dusche und genoss das warme Wasser, das über seinen durchtrainierten Körper floss.

Frei!

Ein ganzes Wochenende mit der Familie. Gestern Weihnachtswaldspaziergang, heute Zoo.

Sein Handy klingelte fordernd.

»Ich habe frei!«, rief er ihm zu. Als es nicht aufhörte, stöhnte er genervt. Stellte das Wasser ab.

»Andermatt hier – und nur zur Info: Ich bin nicht im Dienst!«

»Wir haben hier einen Notfall!«

»Ich nicht! Ihr vielleicht. Johann, dieses Wochenende gehört meiner Familie.«

»Björn, wir brauchen dich. Geiselnahme im Cube. Steglitz ist doch bei dir um die Ecke. Der Täter hat schon eiskalt zwei Leute erschossen, sich nun im Möhrchen, diesem Bioladen im Erdgeschoss, verschanzt. Er stellt keine Forderungen, die von ihm als Voraussetzung für die Freilassung der Geiseln benannt werden, kein Laut ist zu hören. Wir haben nur die Drohung von ihm, es werde noch viel mehr Opfer geben, und die Aussage, er wolle den Besten. Dich!«, haspelte Johann Steinmann eilig, als fürchte er, Björn könne das Gespräch beenden, bevor er alle Informationen gegeben hatte.

»Was?« Björn zuckte zusammen.

»Er will, dass du den Einsatz übernimmst.«

Andermatts Gedanken überschlugen sich. »Seit wann suchen sich Kidnapper ihre Gesprächspartner bei der Polizei selbst aus? Habe ich da was verpasst? Und woher weiß der Kerl von mir?«

»Wir wissen nichts. Gar nichts. Vielleicht hat er dich ja mal bei einer Liveübertragung von irgendeinem Einsatz gesehen. Alles Spekulation.«

»Wer ist er?«

»Wissen wir auch noch nicht. Er macht keine Angaben. Bisher gibt es nur den Zettel mit der Drohung. Computerausdruck, also vorbereitet. Kein Hinweis auf eine Organisation oder Gruppe von Aktivisten im Hintergrund, für die er stellvertretend Geiseln genommen hat. Komm her, sieh dir das Video an. Dann verstehst du, was das für einer ist. Wir haben erste Opfer – einfach so abgeknallt. Der Kerl ist irgendwie unheimlich.«

»Habt ihr Kontakt?« Der Einsatzleiter seufzte.

»Nein. Wir haben keine Ahnung, wie er reagiert, wenn plötzlich das Telefon klingelt. Und selbst hat er noch keinen Versuch unternommen, uns zu erreichen.«

Björns gute Laune war wie weggeblasen.

»Okay. Ich komme vorbei. Aber nur damit das klar ist – ich lasse mich nicht auf solche Spielchen mit Geiselnehmern ein. Ich sehe mir alles an, aber übernehme nicht den Einsatz. Wer ist vor Ort? Das Center ist evakuiert? Alles abgesperrt?«

»Yupp. Alles gesichert. Tom Sendelmann ist schon hier, Technik steht, SEK hält sich bereit. Und eine Polizeistreife patrouilliert als Sahnehäubchen on top.«

»Bis gleich.«

Mürrisch vor sich hin murmelnd, trocknete Björn sich ab.

Der Millimeterschnitt bedurfte keiner besonderen Zuwendung.

Er schlüpfte schuldbewusst in sein Arbeitsalltagsoutfit. War sich im Klaren darüber, dass er seine Familie enttäuschen musste.

Nicht das erste Mal. Die Kinder würden später über ihn erzählen, dass seine Versprechen nicht die Spucke wert waren, die man brauchte, um sie auszusprechen.

Die Mienen der Kinder verfinsterten sich, als er ins Wohnzimmer trat.

»Papa! Du kannst doch nicht so in den Zoo gehen! Mit der dicken Polizeijacke.« Manja sah ihn flehend an. »Und du willst doch mitkommen?«

Der Vater ging in die Hocke, umfasste mit jeder seiner Pranken zwei Kinderhände. »Doch, ich will. Und das klappt auch. Wir machen es so: Ihr fahrt mit Mama vor und wir treffen uns später bei den Eisbären. Ich komme, so schnell ich kann!«

»Und wie schnell kannst du?«, erkundigte sich Monika, seine Frau. Er hörte die mühsam unterdrückte Wut unter ihren Worten, konnte ihre Enttäuschung physisch spüren.

Schnell richtete er sich auf und schloss die zierliche Gestalt in seine trainierten muskulösen Arme, die ohne Mühe einen Kleinwagen anheben konnten.

»Du hast frei!«, protestierte sie bebend.

»Ja. Das bleibt auch so. Wir haben eine Geiselnahme im Blue Cube«, flüsterte er ihr ins Ohr. »Der Kerl will mit mir sprechen. Ich aber nicht mit ihm. Sie haben ein Video von der Geiselnahme. Das sehe ich mir an und treffe euch danach bei den Eisbären.«

Im Flur angelte er den Autoschlüssel aus der Schublade, winkte der Familie zu und stürmte los. Ahnte noch nicht, dass er sein Versprechen nicht würde einlösen können.

2

»Echt? Du hast schon einen konkreten Plan?«, erkundigte ich mich aufgeregt. »Wie sieht der aus?« Ich ruckelte nervös auf meinem Stuhl hin und her, beugte mich weit über den Tisch, um nur nichts zu verpassen. Endlich eine Route!

»Nun, am besten starten wir in Bogotá. Es gibt einen direkten Flug ab Berlin. Wir sehen uns die Stadt an, tauchen ein bisschen ein in den Trubel dieser riesigen Metropole. Nur weil wir aus humanitären Gründen hinfliegen, müssen wir ja nicht darauf verzichten, uns Sehenswürdigkeiten anzusehen. Wer weiß, wann wir später wieder so eine Chance bekommen werden!« Nicolas blaue Augen blitzten voller Vorfreude, er lachte leise. Bei seiner Statur geriet es dennoch laut. Ein sportlicher junger Mann, muskelbepackt, tätowiert, dessen ursprünglich modischer Haarschnitt mit üppiger, zur Seite gewellter Tolle inzwischen einer praktischeren Frisur gewichen war, einer Art Bürstenschnitt mit Seitenscheitel. Unser Plan sah einen Koffer für Pflegeprodukte und Styling-Technik nicht vor. »Es gibt eine Kontaktadresse für Interessenten, die sich bei einer Hilfsorganisation engagieren wollen. Dort habe ich mich bereits hingewandt, die vermitteln uns einen Kontakt vor Ort.«

Ich beobachtete die Kellnerin, die von Tisch zu Tisch lief.

Für jeden hatte sie ein freundliches Wort, erkundigte sich nach Angehörigen. Stammkunden, konstatierte ich. Sie möchte ihnen ein Gefühl von Geborgenheit vermitteln, Kundenbindung.

Mir kam es so vor, als werfe sie immer wieder misstrauische Blicke in unsere Richtung. Wahrscheinlich entsprachen wir zu wenig dem Bild der »normalen« Cafébesucher. Drei junge Männer mit dunklen Haaren, kurzen Bärten, legerer Kleidung, die konspirativ beieinandersaßen und offensichtlich Pläne schmiedeten. Möglicherweise finstere. Wir waren auf jeden Fall suspekt.

Die Kellnerin trat zu ihrem Kollegen an den Tresen, es entwickelte sich ein kurzes Gespräch zwischen den beiden.

»Wir fallen auf«, erklärte ich den anderen beiden. »Die Kellnerin ist davon überzeugt, dass wir uns hier treffen, um einen Banküberfall zu planen. Das liegt an unserem Aussehen.«

»Quatsch. Warum sollte sie? Dann müsste sie ja auch annehmen, die alten Damen da drüben«, Nicola deutete mit dem Kopf leicht nach links, »gehören zu einem Kinderschmugglerring. Woher willst du überhaupt wissen, was sie denkt? Gedankenlesen war schon immer eine Fähigkeit von dir?«

Nicola eben. Arrogant.

»Nein, ich habe einen Freund, der nach einer Infektion sein Gehör verloren hatte. Ich kann Lippenlesen.«

»Das ist ja toll!« Felipe war ehrlich erstaunt. »Das kann man einfach so lernen?«

»Einfach so nicht. Nur mit Ausdauer«, gab ich mich bescheiden, freute mich aber sehr darüber, wenigstens Felipe beeindruckt zu haben.

»Und der Kollege hinterm Tresen glaubt auch, wir hätten Böses vor?«

»Nein«, konnte ich Nicola beruhigen. »Er glaubt, wir organisieren eine Überraschungsparty für einen Freund.«

»Na, dann ist ja alles geklärt. Kommen wir zum Thema zurück.«

Wir bestellten drei Gin Tonic.

Legten die Speisekarte griffbereit an den Rand des Tisches, signalisierten so, dass wir noch mehr ordern würden.

Das Café in der Schloßstraße war gut besucht.

Die übrigen Gäste schienen an uns sehr interessiert zu sein, es kam mir vor, als versuchten sie zu erlauschen, was wir wohl zu besprechen hatten.

»Vielleicht sollten wir uns etwas leiser unterhalten«, gab ich zu bedenken.

Nicola sah sich kurz um, nickte.

»Okay. Wir haben nichts zu verbergen, aber unser Plan muss auch nicht Stadtgespräch werden.«

Fortan wurde bei uns eher geflüstert, um ausschließen zu können, dass an den Nachbartischen etwas von unserem Gespräch aufgeschnappt würde. Was uns sicher in den Augen der Kellnerin und der anderen Gäste noch verdächtiger machte.

Mit der Zeit würde man sich an unseren Anblick und unsere Art gewöhnen.

»Ich hatte eigentlich nicht erwartet, dass es mit der Organisation unseres Einsatzes so einfach funktionieren wird.« Felipes Hände waren sorgfältig manikürt, sahen weich und zärtlich aus. Während er mit warmer Märchenerzählerstimme sprach, bewegten sie sich sanft, unterstrichen seine Worte perfekt, gaben ihnen Gewicht – selbst wenn die Aussage im Grunde gar nicht fundamental wichtig war. Der Blick, mit dem seine braunen Augen Nicola streiften, war ein wenig skeptisch, vielleicht ein bisschen ängstlich. Die langen, dunklen Haare wurden von einem weichen Gummiband gehalten, das er während des Sprechens immer wieder neu fixierte.

Ich warf einen Blick auf meine derben, klobigen Finger und schob sie unter die Oberschenkel.

»Kennt ihr beide euch gut?«, fragte ich unvermittelt, rau und ein wenig besorgt. Die Rolle als mitgeschlepptes Anhängsel würde mir nämlich nicht gefallen.

Nicola überließ es Felipe zu antworten.

»Wir wohnen in einem Haus mit lauter WGs. Gesehen haben wir uns schon öfter, aber ich wurde erst aufmerksam, als Nicola einen Aushang am schwarzen Brett gemacht hat. ›Soziales Engagement in Kolumbien‹. Das hat mich angesprochen. Und, wie gesagt, ich nahm an, es könnte eine komplizierte Angelegenheit werden. Und nun sieht es gar nicht danach aus.«

»Wie abgemacht: Wir sprechen uns nur mit den spanischen Namen an.« Nicolas Ton wurde eindringlich. »Wenn wir erst in Kolumbien sind, sollte uns besser kein Fehler mehr unterlaufen. Ihr wisst ja, es gibt dort Gruppen, Untergrundorganisationen oder auch Clans, Kartelle – wie auch immer man sie bezeichnen will –, die Menschen verschleppen und gegen Lösegeldzahlungen freigeben, oder auch nicht.«

Ich nickte. »Die gewählte Präsidentin haben sie auch verschleppt. Ingrid Betancourt. Seit etwa drei Jahren wird sie irgendwo gefangen gehalten. Unfassbar.«

»Genau. Deshalb verwenden wir dort keine deutschen oder nordeuropäischen Namen. Nur die Organisation kennt unsere wahren Identitäten, ich musste uns natürlich mit ordentlichen Papieren anmelden. Kopien der Originale liegen also schon dort. Aber ansonsten ist niemand eingeweiht. Auch unsere Begleiter direkt vor Ort wissen nicht, woher wir kommen. Wir werden uns bei jeder Gelegenheit nur mit unseren Vornamen vorstellen. Dann ist es einfach.«

»Im Grunde kannst du doch gar nicht mehr sicher sein. Trotz all der Verschleierungsmaßnahmen. Denkt mal an dieses Ehepaar, das auf den Malediven entführt wurde. Gefühlt haben die mich ein ganzes Jahr lang in jeder Tagesschau genervt. Die beiden mussten sich an den Kosten für die ›Befreiung‹ beteiligen. Fand ich nur gerecht.« Felipe, Jurastudent, grimassierte wild. »Aber bei uns ist nichts zu holen. Da haben wir im Ernstfall vielleicht schlechte Karten.«

Nicola lächelte beruhigend. »Macht euch keine Sorgen. Uns wird man nicht für eine gute Einnahmequelle halten. Wir tragen Jeans und möglichst unifarbene T-Shirts ohne Aufdruck oder sichtbares Label. Normale, stabile Turnschuhe, keine Luxusmodelle. Niemand wird Notiz von uns nehmen.«

»Muss man Spanisch können?« Ich rutschte wieder unruhig auf meinem Stuhl hin und her. »Also, wenn es notwendig ist, dann besuche ich einen Kurs an der Volkshochschule. Aber ehrlich, ich bin kein Sprachenlerngenie.«

»Wie schon gesagt, wir werden an eine Kontaktperson vermittelt. Dann klappt die Kommunikation auf Englisch.« Nicola hatte sich offensichtlich bereits umfassend informiert. Ich fand, er hatte viel von einem Beamten. Bürohengst, der alles minutiös durchplante.

Wenn man so einen Trip plant, sollte man sich in der Gruppe wohlfühlen, den anderen vertrauen. Falls wir wirklich in eine brenzlige Situation geraten würden, konnte ich sicher sein, dass die beiden sich auch um mich scherten?

Wäre sich nicht doch jeder selbst der Nächste?

Deshalb beschloss ich, sehr aufmerksam zu sein.

Ich beobachtete meine zukünftigen Reisebegleiter unter meinen halb geschlossenen Augenlidern, als ich vorgab, die Karte des Cafés zu studieren. Die beiden kannten sich ganz offensichtlich nicht erst seit dem ersten Treffen der Dreiergruppe. Wie lange genau, wie eng, darüber hatten sie nur nebulöse Angaben gemacht, auch über die Anzahl der weiteren Mitbewohner der angeblichen WGs. Ich selbst hatte auch nicht jedes Detail meiner Biografie preisgegeben, es gab einfach Dinge, die waren eben privat!

Wenn man mich nicht direkt danach fragen würde, blieben sie es auch.

Mir ging ein Spruch durch den Kopf, den meine Mutter immer gern verwandt hatte, wenn sie der Meinung war, ich sei zu leichtgläubig, zu vertrauensselig.

Der mit der sprichwörtlichen Leiche im Keller. Jeder hat seine eigene. Solange sie nicht stinkt, ist alles in Ordnung.

»Wusstet ihr eigentlich, dass dieses Café hier eine bemerkenswerte Historie hat?«

»Nein. Es ist ein Café, mehr nicht.« Nicola hasste es offensichtlich, wenn man ein Thema anschnitt, das ihm unbekannt war.

»Ja, wirklich. Das Café Reichert ist ein Traditionsbetrieb, wenn auch an dieser Adresse erst seit etwa einem halben Jahrhundert. Es hatte Zeiten gegeben, da gehörte es neben dem Kranzler und dem Mohring zu den berühmtesten der Stadt. Aber die Gründung des Caféhauses, das ursprünglich eine Confiserie war, ging auf das Jahr 1822 zurück. Finde ich toll. Aber das erklärt vielleicht auch, warum wir hier wie Paradiesvögel wirken.«

»Möglich.« Nicolas Blick war deutlich.

Unterbrechungen dieser Art hätte ich in Zukunft zu vermeiden, war klar darin zu lesen.

»Gesundheitscheck ist notwendig. Schließlich will wohl keiner von uns ausgerechnet während dieses Aufenthalts in ein lokales Krankenhaus.« Felipe lachte leise, wollte wohl die Situation entschärfen. Warm, sympathisch, trotz der mahnenden Worte unbesorgt. »Extraktion von Zähnen ohne Anästhesie? Huh!«

»Ne. Klar nicht.« Ich nickte. »Ich mache einen Termin zum Check für etwa vier Wochen vor Abflug aus. Wenn dann doch was ist, kann man es vielleicht rechtzeitig bis zum Reisetermin in den Griff kriegen.« Ich hörte selbst, dass ich unsicher klang. Dabei wollte ich eigentlich als abenteuerlustiger Draufgänger rüberkommen, das musste besser werden. Unangenehm deutlich spürte ich den investigativen Blick Nicolas, der offensichtlich versuchte, meine Tauglichkeit zu checken. Immerhin würden wir drei aufeinander angewiesen sein, gerade in brenzligen Situationen. Ein Bedenkenträger und Angsthase könnte entstehende Probleme durch unüberlegtes Handeln vergrößern. Ganz automatisch straffte ich meinen Körper, richtete den Rücken auf, präsentierte eine unbeeindruckte Miene und breite Schultern, ließ meine Bizepse zucken. Mit den Muskeln Nicolas konnten sie natürlich nicht mithalten. Dennoch schien er beruhigt von dem, was er sah, nahm seinen Blick zurück und atmete tief durch.

Nicola zog ein buntes Buch aus der Jackentasche und blätterte es an einer markierten Stelle auf. »Ich habe hier einen Reiseführer. In dem findet man auch die Durchschnittstemperatur für die einzelnen Monate und die ›feuchten‹ Zeiten. Je nachdem, wo unser soziales Engagement stattfinden soll, werden wir mit zum Teil extremen Wetterbedingungen zu tun haben.« Neugierig beugten wir uns darüber.

»Okay. Ich verstehe, was du meinst.« Felipe strich nachdenklich durch den Bartansatz am Kinn. »Das müssen wir bedenken. Vielleicht können wir uns mit der Hilfsorganisation enger abstimmen, was dieses Thema angeht.«

»Anden. Dort kann es verflixt kalt werden, in anderen Landesteilen ist es zur selben Zeit schwül und lastend heiß. Was können wir besser ab, warm oder kalt? Oder nehmen wir es, wie es kommt?«

»Das Problem ist ja die Ausrüstung«, wandte Felipe vernünftig ein. »Mir wird schnell kalt. Aber wir wollen natürlich nicht den ganzen Kleiderschrank einpacken, für alle Fälle. Also denke ich, es wäre schon ganz praktisch, genauer zu wissen, welches Wetter uns erwarten wird.«

»Ich friere auch leicht«, sprang ich dem eher zarten jungen Mann zur Seite. »Du hast recht, wir sollten nicht unnötig Kleidung mitnehmen, die wir absehbar nicht benötigen werden.«

»Ich habe schon mal grob geguckt. Vielleicht wäre es ganz gut, Ende Dezember oder kurz nach Silvester aufzubrechen. Ich versuche unseren Einsatzort zu klären, bevor wir uns das nächste Mal treffen. Klar ist schon jetzt: Wir landen in Bogotá. Dort verbringen wir ein paar aufregende Tage, bevor wir in unser Einsatzgebiet gebracht werden.« Nicola zog eine Karte aus seinem Rucksack. »Hier sind alle Museen eingezeichnet und im Begleitheft gibt es Rezensionen dazu.«

Schnell waren wir drei in unsere weiteren Planungen für den ersten Reiseabschnitt vertieft.

Vielleicht verpassten wir zu diesem Zeitpunkt den richtigen Moment für ein Gespräch über unsere unterschiedlichen Motivationen. Damals erschien es uns nicht wichtig.

Meine Geschichte hätte sich in etwa so angehört: Als ich um die fünfzehn Jahre alt war, sagte meine Mutter zu mir: »Schnäpschen, weißt du, bis zu deinem zwanzigsten Geburtstag solltest du wirklich wissen, was du werden willst und wie du es erreichen kannst. Setz dir ein Ziel, verliere es nicht mehr aus den Augen.«

»Schnäpschen«. Natürlich wusste sie, dass ich diesen Spitznamen hasste. Immer wenn ich mir etwas hinter die Ohren schreiben sollte, verwandte sie ihn. In ihrer Konnotation positiv besetzt, denn ein kleiner Schnaps wirkte sich gut auf Stimmung und Verdauung aus – tat einfach gut.

Dennoch, mir gefiel er nicht.

Es macht keinen Spaß, ständig damit rechnen zu müssen, plötzlich »Schnäpschen« gerufen zu werden. Das war unendlich peinlich. Besonders, wenn auch noch meine Klassenkameraden neben mir standen!

»Was deine Mutter meint, Zwerg, ist, dass, wenn du noch immer Lokomotivführer werden möchtest, du es bis zu deinem zwanzigsten Geburtstag geschafft haben solltest, im Führerstand oder neudeutsch Cockpit zu sitzen. Wenn du absiehst, dass das nicht klappen wird, such dir beizeiten etwas anderes. Wichtig ist nur, dass du weißt, ab wann du eine Familie gründen und ernähren kannst.« Typisch mein Vater. Planung war das Wichtigste.

»Zwerg«. Seine Art sich über meine Statur lustig zu machen. Sogar zum Arzt waren sie mit mir gegangen! Der hatte meine Hände geröntgt und einige andere Untersuchungen durchgeführt. Danach stellte er lachend klar, es sei alles in Ordnung mit dem Kind, es werde einfach deutlich länger als die anderen Kinder wachsen. Das Problem werde sich also im wahrsten Sinne des Wortes auswachsen. Diese Prognose hatte gestimmt.

Der »Zwerg« war dennoch an mir hängen geblieben.

In Bezug auf die Pläne meiner Eltern erschien mir »eine Familie gründen« der am schwierigsten zu erfüllende Teil zu sein. Wahrscheinlich war es gar nicht möglich. Ein unerreichbares Ziel.

Aber das hatte ich bisher wohlweislich verschwiegen.

Präferenzen ändern sich, Dinge nehmen einen anderen Lauf als geplant.

Als mein zwanzigster Geburtstag anstand, war ich noch immer nicht Lokomotivführer geworden.

Ich studierte.

Philosophie und Soziologie.

Und nun, da mein Weg abgesteckt schien, wollte ich noch ein letztes Mal richtig aussteigen. Der Plan: Für kurze Zeit in definiertem Rahmen etwas ganz anderes zu tun. Den theoretischen Teil des Studiums mit Realitätskontakt konkret zu hinterlegen.

Deshalb saß ich mit den beiden anderen hier.

Und ganz nebenbei würde mich der Sozialeinsatz weit weg von zu Hause führen. Weit weg von all den Lebenslügen, Zwängen, Vertuschungen, psychischen Verletzungen und dem ständigen Leugnen.

Weder kannten die anderen diese noch ich ihre Geschichte.

Wirklich, wir hätten vor der Reise alle ehrlicher miteinander über unsere Motivation sprechen sollen!

3

Der Blue Cube.

Schon als das futuristische Bauwerk nur als Architektenentwurf vorlag, hatte es heftige Diskussionen gegeben. Ein dunkelblauer Riesenwürfel, ohne Fenster in der Fassade, mit indirektem Lichteinfall. Massig würde das Center werden, befürchteten viele Berliner, kalt die Außenhaut, abweisend, sachlich, ungemütlich.

Als Björn die Mall im Sonnenlicht des Winters von fern sah, schien keine der Befürchtungen wahr geworden zu sein. Samtig, warm und einladend sah der Komplex aus, der ohne reißerische Aufmachung auskam. Keine Fahnen oder Banner, keine LED-Reklame, blinkend und nervig. Fast geheimnisvoll, dachte Andermatt, verströmte der Blue Cube ein wohliges Gefühl von Geborgenheit und versprach grenzenlose Freude an Entdeckungen, die man hier machen könnte.

Das Ungewöhnlichste: Wenn man an der blauen Fassade entlangschlenderte und stehen blieb, wurde das Blau plötzlich durchsichtig. Gab den Blick frei auf Mode, Schmuck und Accessoires. Schaufenster on demand – sozusagen.

Heute allerdings war alles anders.

Beim Näherkommen blieb von der sonst so einladenden Atmosphäre nichts übrig.

Das beliebte Einkaufscenter in der Schloßstraße wirkte an diesem Morgen gespenstisch – ja beinahe feindselig. Blaulicht zuckte, Polizisten riegelten weiträumig ab. Hektische Betriebsamkeit störte die vorweihnachtliche Stimmung und Konsumlaune.

Björn wies seinen Ausweis vor, wurde durch die Absperrung gewinkt.

Sein Kollege Tom Sendelmann erwartete ihn bereits an einem der hinteren Eingänge, führte ihn durch das Labyrinth von Passagen, Fluren und separaten Treppenhäusern zu den Räumen, die den Besuchern verborgen blieben.

Monitore an den Wänden.

Auf den ersten Blick wirkte es, als habe jemand auf allen Frequenzen das Standbild festgehalten. Björn wusste, dass dieser Eindruck daher rührte, dass sich tatsächlich niemand mehr durchs Haus bewegte. Alles still, seltsam ausgestorben. Wie in den Stunden nach Ladenschluss.

»Also? Was soll ich mir nun ansehen?«

Tom zog ihn zu einem Schreibtisch, auf dem ein Laptop stand.

»Hier. Das sind die Bilder, die eine der Überwachungskameras von der Geiselnahme aufgezeichnet hat.«

Björn beugte sich weit vor.

Wollte sich kein noch so winziges Detail entgehen lassen.

Eine Mitarbeiterin des Bioladens »Möhrchen« schob mit behandschuhten Händen die Glassegmente zur Seite. Kaum war genug Platz, drängten schon die ersten Kunden an ihr vorbei, als überraschend am linken Bildrand vor dem Schaufenster eines Dessousladens eine schwarze Gestalt auftauchte.

Der Blick des Schwarzvermummten ging für den Bruchteil einer Sekunde in Richtung Kamera. Nur ein grün blitzendes Augenpaar. Den Rest verdeckte die Sturmhaube. Das Gewehr lag ihm locker in der Hand, alle Bewegungen waren geschmeidig, entspannt, selbstverständlich. Plötzlich riss er die Waffe mit einem kurzen Ruck zur Hüfte hoch und schoss im Gehen beiläufig zur Seite. So, als spiele er einem Kind den weggerollten Fußball zurück. Er sah nicht einmal hin.

Der Getroffene warf die Arme in die Luft, in seinem Gesicht lag ein Ausdruck grenzenloser Überraschung. Er stürzte zu Boden. Blieb unbeweglich liegen. Andere Passanten rannten schreiend davon, liefen kopflos die Gänge entlang. Kinder wurden gepackt und eilig aus der Gefahrenzone gebracht.

Niemand versuchte, den Schützen aufzuhalten. Keiner eilte dem Opfer zu Hilfe.

»Stopp! Fahr noch mal zurück!«, forderte Björn. »Ich glaube, der Mann hat noch die Lippen bewegt.«

Tom spielte die Sequenz erneut ein.

Ein weiteres Mal wurden sie Zeugen des Sterbens des Passanten.

»Okay. Er hat nur nach dem Warum gefragt«, erkannte Björn und beugte sich noch weiter vor. »Niemand spricht ihn an, alle rennen weg. Panik. Verständlich, wenn man Zeuge einer solchen Aktion wird. Um das Opfer kümmert sich auch niemand, wahrscheinlich dachten alle, es sei ohnehin tot. Die riesige Blutlache spricht auch eher gegen ein Überleben. Woher wisst ihr, dass er mich als Verhandlungspartner will?«

»Kommt gleich.«

Der Schwarzgekleidete trieb die Menschen, die entsetzt aus dem Ladenlokal zu entkommen suchten, wieder zurück hinter die Glassegmente, nötigte Passanten aus dem Gang, das Geschäft zu betreten. Scheuchte sie vor sich her wie Hühner, die abends in den Stall gejagt wurden. Angstvoll wichen die Leute zurück, starrten auf die Waffe in der Hand des Mannes. Der schoss ein zweites Mal wie uninteressiert zur Seite durch den Gang. Ein zweiter Kunde, der versucht hatte, auf diesem Weg zu entkommen, stürzte erst auf die Knie, stützte sich mit den Armen ab, konnte sich dann nicht mehr halten. Ein Schwall Blut quoll aus seinem Mund. Auch er blieb ruhig im Gang liegen. Der Schwarzvermummte wandte nicht einmal den Kopf in seine Richtung. Die Angestellte schob mit zitternden Armen die Elemente an ihren Platz zurück. Mehrfach sah es aus, als wollten ihre Knie den Dienst versagen, als könne sie ohnmächtig werden. Doch schließlich war die Ladenfront wieder komplett geschlossen. Der Unbekannte blieb die ganze Zeit über regungslos stehen, beobachtete das Geschehen, die Waffe locker im Anschlag.

Bevor die letzte Lücke endgültig verriegelt wurde, flatterte ein Zettel zu Boden, blieb neben dem toten Körper liegen.

Danach war alles still.

Die Aufzeichnungen der Kamera zeigten, dass einzelne Mutige sich zu den Körpern wagten, hektisch telefonierten. Und plötzlich setzte mit ohrenbetäubendem Lärm die Alarmanlage ein. Tom stellte auf Schnelllauf. Sanitäter und Notarzt wuselten durchs Bild. Die beiden Opfer wurden hastig geborgen und abtransportiert, Polizisten und Mitarbeiter des Wachschutzes huschten über den Bildschirm, trieben Besucher und Personal vor sich her.

Danach herrschte befremdliche Leere.

»Was stand auf dem Zettel?«, fragte Björn voll böser Ahnung.

»Hier, sieh selbst!« Tom schob ihm sein Mobiltelefon mit der geöffneten Datei des Papierstücks zu.

»Ich spreche nur mit dem Besten! Mehr Tote sind nicht mein Problem!«

»Nicht mein« war zweimal unterstrichen.

»Aha! Gleich ein Versuch, die Schuld für Tote und Verletzte anderen zuzuschieben. Und deshalb musste ich kommen? Wieso glaubt ihr, dass er mich meint?«

Tom Sendelmann grinste schief. »Ach komm! Ist doch klar. Ich meine, wir hätten behaupten können, du seist in Urlaub. Stell dir vor, der Kerl weiß vielleicht, dass das nicht stimmt? Der Beste! Das war der Titel einer Reportage über unsere und speziell deine Arbeit. Der ist leicht im Netz zu finden. Sieh dir die Aufnahme mal weiter an!« Toms Finger bebten leicht, als er damit über den Rand seiner Unterlippe strich.

Tatsächlich kam nach einiger Zeit wieder Bewegung in die Situation.

Das erste Glassegment wurde leicht gedreht. Gab einen Spaltbreit frei.

Eine Person wurde in zusammengesunkener Haltung mit den Füßen voran von mehreren Händen durch den Spalt geschoben. Sobald die Hände losließen, fiel der Körper zur Seite und die Hände rollten den Körper bis auf den Gang.

Leblos.

Eine junge Frau.

Auf ihrer weißen Bluse ein dunkler Fleck, der sich rasch vergrößerte.

Toms Stimme schwankte, als er sagte: »Er vertreibt sich die Wartezeit auf dich mit dem Töten seiner Geiseln. Deshalb bist du hier. Weil du der Beste bist.«

Björn konnte die Augen nicht von dem wachsenden dunklen Fleck losreißen. »Ist sie tot?«

»Ja. So wie die beiden ersten auch.«

»Wer ist das?« Björns Stimme klang heiser. Er griff nach einer Wasserflasche, trank einen großen Schluck.

»Bisher haben wir keine Erkenntnisse dazu. Kein klärendes Schreiben, in dem jemand die Verantwortung übernimmt, keinen erläuternden Bekenneranruf – nichts.«

»Wie ist er reingekommen?«

»Auch das ist noch nicht sicher geklärt. Wir werten natürlich gerade alle Aufnahmen aus, auch vom Bereich der Zulieferzone.«

»Okay. Der Typ bewegt sich völlig locker und entspannt, selbstbewusst. Vielleicht ein klein wenig unrund in der Drehung. Hat keinen Zweifel an der Richtigkeit seines Handelns. Ich gehe davon aus, dass er stolz darauf ist, die Lage dominieren zu können, alles im Griff zu haben. Vielleicht ist er davon überzeugt, dass sein Motiv diese Morde rechtfertigt. Er schießt tödlich, ohne anzuvisieren, aus der Hüfte. Gut ausgebildet. Scharfschütze? Armee? Polizei? Grenzschutz? Wann taucht er zum ersten Mal sicher auf den Videos auf?«

Tom tippte eine Adresse ein.

Ein neues Video öffnete sich.

»Hier. Das ist eine Aufzeichnung aus dem Personalbereich. Eigentlich hat dort kein Unbefugter Zutritt. Er hat die Waffe nicht in der Hand, nur der Gurt spannt über seiner Brust. Allein seine Erscheinung hätte allerdings stutzig machen müssen.«

»Er versucht nicht, sich zu verbergen!«, knurrte Björn. »An Tagen wie diesen wäre ein Weihnachtsmannkostüm die perfekte Verkleidung gewesen. Aber nein! Er will gesehen werden. Er zögert nicht eine Sekunde, bewegt sich so, dass niemand wagt, ihn anzusprechen. Arrogant, abweisend, narzisstisch. Für mich sieht es aus, als habe er sich extra für uns dort von der Kamera entdecken lassen. Er zeigt uns seine Unerschrockenheit, seine Entschlossenheit. Wir sollen wissen, dass er uns nicht fürchtet, weil er überlegen ist.«

»Ja, das könnte gut sein. Er verschwindet nämlich danach auch wieder. Wir können allerdings ausschließen, dass er mit den ersten Kunden in den Cube drängte. Die Aufnahmen von den Eingangsbereichen für Kunden haben wir schon ausgewertet.« Tom zuckte mit den Schultern. »Er wäre sofort aufgefallen. Das Outfit …«

»Er hat sich liefern lassen?« Björns linker Augenwinkel zuckte.

»Das checken wir gerade.«

»Das Gewehr – eine Kalaschnikow, oder? Ist nicht klar zu erkennen. In Berlin bekommst du das Ding an so gut wie jeder Ecke, behaupten jedenfalls die Judoschüler meiner Frau. Oder problemlos im Darknet. Zuverlässige, präzise Waffe. Er überlässt nichts dem Zufall. Er wählt einen Laden, dem gegenüber eine Videokamera installiert ist. Wenn er Zugang zum System hat, überblickt er genau, was vor seiner Tür abgeht – was im gesamten Haus vor sich geht.«

»Ihr meint, er guckt uns über die Schulter?«, erkundigte sich Johann Steinmann beim Leiter des Security-Teams des Cube besorgt. »Er sieht, was wir sehen? Dann hat er dich auch kommen sehen?«, fragte er an Andermatt gerichtet.

»Ja. Allerdings sehe ich aus wie viele der anderen Leute, die sich im und ums Gebäude bewegen. Ich gehe davon aus, dass er sich ins System eingehackt hat. Vielleicht musste er das aber auch gar nicht. Jeder Laden hat eine eigene Überwachung?«

Der Teamleiter der Center-Security nickte. »Klar. Die sehen ihre Filiale. Innenraumüberwachung. Standard. Ich gucke schon nach, ob er sich ins Gesamtsystem gehackt hat. Dauert ein bisschen, das System checkt auch die IP-Adressen der User. Normalerweise braucht er ein Passwort …«

»Das Letzte, was wir von ihm sehen, ist das Betreten des Ladens und die Angestellte, die die Segmente schließt. Warum sehen wir ihn jetzt nicht mehr?«

»Entweder hat er die Kamera ›gekillt‹ oder die Innenraumüberwachung ausgeschaltet, was natürlich eleganter wäre. Dabei wird ihm die Angestellte geholfen haben. Wir checken das gerade.«

»Er will nicht, dass wir wissen, was im Geschäft vor sich geht, ist andererseits natürlich brennend daran interessiert zu erfahren, was wir so treiben. Deshalb müssen wir ihm vorgaukeln, dass er uns beobachten kann, ihm aber real jede Chance dazu nehmen«, entschied Björn sachlich.

Johann, der Jüngste im Team, verfärbte sich blass-grünlich. »Das merkt der doch!«

Tom warnte: »Wenn er mitkriegt, was wir da tun, bringt er eiskalt den Nächsten um!«

»Oder der rastet völlig aus!«, presste Johann hervor. »Bringt alle um.«

»Dann müssen wir es eben geschickt genug anstellen!« Björn wandte sich an den Mitarbeiter der Überwachungsfirma. »Ruckelt die Anlage, wenn wir die Kameras auf Standbild schalten?«

»Ja. Ganz leicht, wenn wir den Modus ändern. Wenn der Kerl wirklich zuguckt, dann sieht er, was Sie vorhaben.«

»Können Sie feststellen, ob und wie weit er sich Zugriff auf die Daten verschafft hat?«

»Wir prüfen das gerade. Wie gesagt, das dauert ein bisschen.«

»Das ist zu gefährlich, Björn. Wir wissen ja nicht einmal, wie viele Geiseln er genau in seiner Gewalt hat.« Tom trommelte mit den Fingern einen nervösen Rhythmus auf der Tischplatte.

»Fünfunddreißig plus Personal.« Björn wandte sich wieder an den Angestellten der Firma. »Wie viel Personal ist normalerweise in diesem Bioladen? An einem Tag wie heute?«

»Zwei.«

»Innenraumüberwachung ist off.« Ein weiterer Mitarbeiter der Center-Security rief die Information über seine Schulter.

»Fünfunddreißig Kunden und zwei Personen vom Personal sind siebenunddreißig.«

»Woher weißt du so genau, wie viele Kunden …«

»Ich habe sie gezählt. Geht bei mir ganz automatisch. Eine Geisel hat er uns erschossen vor die Füße rollen lassen – bleiben also sechsunddreißig Menschen in seiner Gewalt.«

»Sechsunddreißig mögliche Todesopfer«, murmelte einer der Männer aus dem Security-Team.

Björn sah in die Runde. »Wenn wir etwas unternehmen, können wir alle oder viele retten. Unternehmen wir gar nichts, sind wahrscheinlich alle verloren. Also werden wir nun wieder die Führung in dieser verflixten Lage übernehmen.«

Er baute sich in eindrucksvoller Pose vor dem Team auf. »Während wir in den anderen Modus schalten, müssen wir ihn ablenken. Das bedeutet, dass vor seiner Tür ein Manöver gestartet wird, um seine Aufmerksamkeit zu fokussieren. Und eines danach. Damit er keinen Verdacht schöpft. Falls er das Hakeln bemerkt, vor seiner Tür aber Bewegung ist, wird er dem Ruckeln vielleicht keine Bedeutung beimessen. Erst dann, wenn er uns nicht mehr beobachten kann, wird es für uns möglich, aus einem der Nachbargeschäfte Sonden anzubringen, damit wir dauerhaft hören und sehen können, was da drinnen passiert. Also, her mit euren Ideen!«

4

Bianca hatte wie an jedem Morgen das Frühstück für ihren Freund Manuel zubereitet, während er unter der Dusche stand. Nahrhaft sollte es sein, gesund und lecker. Seit der Kleine da war. Als ob er mit Stillen beschäftigt gewesen wäre! Sie schmunzelte kurz bei dem Gedanken, wurde aber sofort wieder ernst.

Während sie das Obst für sein Müsli in mundgerechte Stücke schnippelte, ging sie ihren geheimen Plan noch einmal durch. Wenn sie ihn diesmal wieder nicht umsetzte – wie schon so oft –, dann würde sie es wohl nie schaffen, ihr Leben und das des kleinen Julian in die eigenen Hände zu nehmen.

Gestern Abend.

Er hatte sie geschlagen. Schon wieder.

Vorsichtig betastete sie die schmerzenden Stellen im Gesicht, am Körper. Ließ die Finger auf der Wunde an der Stirn nur flüchtig verweilen, strich vorsichtig über die geplatzte Lippe und fragte sich, ob es ihr gelingen würde, das schicke Veilchen zu überschminken, das er ihr verpasst hatte.

Zum Glück schlief Julian in der Regel tief.

Oder tat zumindest so. Bianca fragte sich, ob schon so kleine Kinder spürten, wann es für sie besser war, nicht auf sich aufmerksam zu machen, selbst wenn sie schreckliche Angst hatten.

Auch gestern Abend war er nicht ein einziges Mal unruhig geworden. Selbst dann nicht, als sein Vater die Lampe in den Glasschrank geworfen hatte, in dem Weingläser und Sektkelche standen. Stunden dauerte es danach, all die Scherben aus dem hohen Flor des Teppichs zu klauben. Unter Manuels wachsamem Blick und im Schein einer lichtstarken Taschenlampe, mit der er die kleinsten Splitter aufblitzen lassen konnte.

»Gib dir gefälligst Mühe! Wenn dein Blödmann hier morgen rumkrabbelt, soll er sich doch nicht verletzen, oder?«

Manuel hatte ihr sogar die Pinzette aus dem Bad geholt, die sie für ihre Augenbrauen verwendete. Damit sie die winzigsten Partikel aufnehmen konnte. Als der Lichtkegel nichts mehr fand, erlaubte er ihr, den Staubsauger zu benutzen.

»Man darf es dir nicht zu einfach machen! Sonst lernst du ja wieder nichts! Du kapierst nicht! Du allein bist schuld. Wenn du nicht mit anderen rummachen würdest, hätte ich keinen Grund, dich zu bestrafen! Sieh mal in den Spiegel! Du siehst verboten aus! Die Lippe aufgeplatzt, die Augenbraue, eine Schwellung unter dem Auge. Es ist nicht zu fassen, dass du mich zu so etwas zwingst! Da möchte ich doch am liebsten gleich noch mal zuschlagen!«

Schweigend hörte sie ihm zu.

Sie war keine Schönheit – war es nie gewesen. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte Manuel das nicht gestört. Im Gegenteil. Mit einer Art Besitzerstolz hatte er ihre üppigen Rundungen gestreichelt und über andere Frauen im Freundeskreis abwertend als »Hungerhaken« gesprochen. Das galt längst nicht mehr. Zu dick, zu wenig Haar, die Augen zu weit auseinanderstehend, der Mund nicht sinnlich, die Lippen nicht voll genug. Da fielen die aktuellen Blessuren kaum ins Gewicht, fügten sich eher ins Gesamtbild. Seine Kritik nahm kein Ende und die »Hungerhaken« zogen mittlerweile seine Blicke magisch an.

Sie saugte den Teppich ab.

Tupfte immer wieder vorsichtig und unauffällig das Blut von Lippe und Stirn, damit es keine Flecken im hellen Flor gäbe.

Dem Mann ihrer Freundin Hella hatte es hinterher wenigstens immer leidgetan.

Nach jeder Prügelattacke heulte der und bat um Verzeihung, schwor, dass er nie wieder die Hand gegen sie erheben würde. Eilig drängte sie den Gedanken an Hella zurück. Erst vor zwei Wochen war die Beerdigung gewesen. Hella, nur eines von mehr als hundert weiblichen Todesopfern häuslicher Gewalt pro Jahr. Hirnblutung nach stumpfer Gewalteinwirkung gegen den Schädel, hatte in der Zeitung gestanden. Hellas Mann benutzte gern Gegenstände zur Züchtigung, um seine empfindlichen Hände zu schonen. Chirurgenhände. Das Desinfektionsmittel brannte sonst in offenen Abschürfungen und möglicherweise wären Erklärungen fürs OP-Team notwendig geworden. Das ließe sich ja vermeiden, hatte er Hella erklärt.

Der Prügler wartete in Handschellen vor dem Sarg. Der Mörder. Unerträglich. Und vor allem: zu spät verhaftet. Zu spät, um das Prügeln zu verhindern, zu spät, um die Freundin zu retten.

Am Grab von Hella hatte sie beschlossen, ihr Leben und das von Julian zu retten.

Heute.

Als Manuel sich mit feuchten Haaren an den Tisch setzte, eilte sie in die Küche und brachte ihm frischen Kaffee. Versuchte, sich möglichst natürlich zu bewegen. Sollte er bemerken, dass sie Schmerzen hatte, könnte das schnell einen neuen Übergriff auslösen. Eine weitere Strafe, weil sie schuld daran war, dass er sie geschlagen hatte und ihr Schmerzen zufügen musste, weil … Eine Begründung fand sich ohnehin immer. Bianca konnte nur versuchen, das Risiko zu minimieren.

Schweigend griff er nach dem Müsli, goss Milch darüber. Das Hemd spannte sich über seinen Bizepsen.

Bianca schauderte. Bemühte sich, ihren Körper vom Zittern abzuhalten.

Diese Arme waren wie Schraubstöcke.

Die Pranken nahmen einem mühelos alle Luft.

Nachdem sie gegen Morgen alles aufgeräumt hatte, war er über sie hergefallen.

Vergewaltigung.

Eigentlich ein viel zu harmlos klingendes Wort für die Schmerzen, die Angst, die Verzweiflung. Die Wehrlosigkeit, das Ausgeliefertsein, die Hoffnungslosigkeit und – ja – die Scham. Auch darüber, den brutalen Kerl noch immer nicht verlassen zu haben!

»Damit dir klar ist, wer dein Stecher ist! Du alte Schlampe!«

Eine der Lieblingsbeschuldigungen Manuels.

Jeder Mann in ihrer Nähe konnte unter Verdacht geraten und selbstverständlich war Manuel in jedem Fall der Überzeugung, die Initiative zum Sex sei von ihr ausgegangen, die anderen Männer beinahe Opfer.

Nach einer von Manuels Bestrafungsaktionen hatte dieser Verdacht bei ihr eine fatale Reaktion ausgelöst.

Lange her.

Nur dies eine Mal – vor einem gefühlten Jahrhundert – hatte sie ihn unbedacht gefragt: »Warum verprügelst du dann nicht den, der angeblich mein Liebhaber sein soll? Den vermeintlichen Nebenbuhler? Wieso schlägst du mich?«

Ein großer Fehler.

Am nächsten Tag schon wurde Bianca von ihrem Chef persönlich entlassen.

Natürlich hatte es nie eine Beziehung gegeben, nicht einmal eine Nähe oder Vertrautheit.

Alles nur ein Hirngespinst Manuels.

Eines von vielen.

Ihr Chef hatte sie einbestellt.

Mit zwei gebrochenen Armen war es ihm nicht möglich gewesen, die fristlose Kündigung eigenhändig zu unterschreiben. Die Sekretärin hatte diese Aufgabe übernommen, in Vertretung. Das, was man von seinem Gesicht sehen konnte, war schmerzverzerrt, der Kopfverband an einigen Stellen blutig. Er blieb im Bett hinter dem wackligen Krankenhaustischchen sitzen, stand nicht auf. Bianca wusste, dass er es nicht konnte – seine Beine hatten dem Baseballschläger-Angriff nicht standhalten können. Wo ihr Mann hinschlug, blieben nur heißer Schmerz und Qual.

Offiziell stammten die Verletzungen von einem folgenschweren Sturz vom Hausdach, auf dem ein Ziegel ausgewechselt werden musste.

Daran würde ihr Chef festhalten.

Manuels Drohungen in Bezug auf künftige Begegnungen waren sehr eindrucksvoll, ihre Wirkung nachhaltig.

Natürlich verstand sie die Entscheidung.

Wie hätte sie auch weiter dort arbeiten können?

Das war nur der Anfang vom Ende.

Die Konsequenzen lagen auf der Hand.

Weniger Geld für die Familie.

Ab sofort musste sie in der Wohnung bleiben, wo Manuel sie noch besser kontrollieren konnte.

Strafantrag wegen des Überfalls wurde nicht gestellt. Also kein Gefängnisaufenthalt für Manuel, keine Verschnaufpause zum Nachdenken für sie selbst.

Eine einzige Katastrophe!

Von nun an erschien er in unregelmäßigen Intervallen – konnte jederzeit vor der Tür stehen. Er zwang sie, ihren geplanten Tagesablauf beim Frühstück »anzumelden«. Mit der Folge, dass er bewertete, welche Termine wichtig waren, welche nicht. Der vorgesehene Besuch beim Zahnarzt – sinnlos, teuer, unnötig. Nur weil er ihr den einen Zahn rausgeschlagen hatte, war das kein Grund, gleich heulend zum Zahnarzt zu rennen. Die Lücke sei schließlich kaum zu sehen. Und ein Termin beim Friseur? Wozu? Wenn man so fett und hässlich war, konnte auch der Friseur nichts mehr retten!

Damit ist jetzt Schluss, dachte sie, ich muss mich nur trauen, Manuel kann nichts dagegen tun.

Früher, ja, da war er manchmal liebevoll.

Zärtlich.

Inzwischen schon längst nicht mehr. Wenn sie ehrlich war, musste sie einräumen, dass sie sich gar nicht mehr daran erinnern konnte, wie es sich angefühlt hatte.

Und seit er wusste, dass Julian nicht ganz gesund war – ihre Schuld natürlich –, nannte er ihn nur noch den Blödmann. Behauptete gar, der Junge sei ein Bastard. In keinem Fall könne er der Vater eines Kindes mit Entwicklungsdefiziten sein! Ausgeschlossen!

Fortan färbte sich ihre graue Welt schwarz.

5

Björn starrte auf die Monitore.

»Keine Forderungen. Das ist doch Quatsch, er will doch mit der Tat etwas erreichen. Dem Kerl muss doch klar sein, dass er hier nicht so einfach rausspazieren wird. Der kann ja nicht ernsthaft glauben, er käme ungeschoren davon.«

»Beim letzten Anschlag eines Selbstmordattentäters kamen fünfzehn Menschen ums Leben«, erklärte Tom leise. »Der hier hat fast vierzig Geiseln in seiner Gewalt.«

Auch Johann mischte sich ein. »Ist das vielleicht ein Anschlag mit terroristischem Hintergrund? Tod im Herzen der westlichen Dekadenz kurz vor dem höchsten religiösen Fest der Christen?«

»Kein Bekennerschreiben, keine Fahnen mit den Worten des Propheten. Bisher deutet nichts auf islamistischen oder anders begründeten Terror.« Tom seufzte genervt.

»Nur weil es nicht sofort zu erkennen ist, muss es nicht falsch sein.« Björn sah in die angespannten Gesichter der Kollegen. »Gibt es Informationen über ähnliche Aktionen irgendwo in Berlin? In einer der anderen Malls zum Beispiel, im KaDeWe?«

Tom telefonierte schon, bevor die Frage fertig formuliert war.

Mit geröteten Wangen kehrte er zur Gruppe zurück. »Okay. Zwei telefonische Bombendrohungen. Das KaDeWe wurde evakuiert, Hunde sind im Einsatz. Bisher hat man allerdings nichts gefunden. Aus den Arcaden am Leipziger Platz – ebenfalls eine Bombendrohung.«

»Potsdamer Platz?«

»Wird gerade umgebaut. Ist geschlossen. Eine kleine Explosion im Untergeschoss der Mall of Berlin, Leipziger Platz, wurde bestätigt. Ist aber noch nicht klar, ob das von Dritten beabsichtigt war. Möglicherweise ist einfach ein bisschen Feuerwerk detoniert, das dort schon gelagert wird. Unsere Leute sind dran.«

»Gut. Das ist alles weder ein Beleg dafür, dass es mehrere Täter sind, noch einer für einen Einzeltäter. Es ist auch kein Hinweis auf einen Terroranschlag, aus welcher Richtung auch immer, oder eben nicht. Alles bleibt offen, wir sondieren mögliche Hintergründe. Wir brauchen die Sprachaufzeichnungen der Bombendrohungen. Jetzt und hier. Sebastian soll herkommen und die Auswertung übernehmen – das muss jemand beurteilen, der mehr als ausreichende Kompetenzen hat. Für solche Aufgaben ist Sebastian genau der Richtige. Und wir müssen Kontakt zu dem Kerl herstellen – wenn wir dann seine Stimme haben, können wir gegenchecken. Ich will eine Zoomaufnahme von seinem Gesicht und Kopf. Er hat doch direkt in die Kamera geguckt.« Björn agierte schnell, formulierte klar. Missverständnisse konnten am Ende den gesamten Einsatz gefährden.

»Es war ja eigentlich kaum was von seinem Gesicht zu erkennen«, erinnerte Tom skeptisch und zuckte mit den Schultern. Der Blick von Björn bedeutete, dass er die Aufnahme dennoch wollte.

»Die Augen. Iris-Scan. Vielleicht ist er ja irgendwo gespeichert. Kontur. Möglich, dass ein Computerprogramm uns ein bisschen mehr Informationen über Gesicht und Kopfform zur Verfügung stellen kann.«

»Das reicht aber sicher nicht für ein Phantombild …«

»Bisher haben wir nichts!«, fiel ihm Björn ins Wort. »Also müssen wir alles versuchen!«, entschied er. »Jemand soll sich ansehen, wie er sich bewegt. Ein Orthopäde oder ein Physiotherapeut. Ungefähres Alter? Irgendwelche kleinen Auffälligkeiten? Hüfte neu? Hat er ›Rücken‹? Und auf dem Video sieht man deutlich, dass er mit der Waffe perfekt umgehen kann. Der schießt so beiläufig, der Rückstoß wird perfekt aufgefangen. Wurde ein Söldner-Trupp aufgelöst? Oder einer von irgendeiner Miliz zu uns geschickt? Nachfrage beim Außen – und beim Verteidigungsministerium. Vielleicht gibt es Hinweise, Gerüchte, Drohungen.«

Tom schrieb eifrig mit.

»Wenn man genau hinsieht, scheint es, als wäre er extra auf diese Aktion vorbereitet worden. Er kennt sich aus, weiß, wo er hinwill, ballert nicht ungezielt rum, sondern erschießt Menschen bewusst.« Björn war angespannt. »Die meisten dieser Frusttäter, die einmal in ihrem Leben in den Medien groß rauskommen wollen, begehen typische Fehler. Können nicht wirklich mit der Waffe umgehen, tragen Jacken mit auffälligem Schriftzug, Basecaps von ihrem Lieblingsverein, eine spezielle Uhr, irgendwelche verräterischen Kleinigkeiten. Hier ist nichts davon. Ich wette, der hat auch innen in der Kleidung alle Label rausgetrennt. Warum hier? Alle Geschäfte in der Stadt öffnen etwa um diese Zeit – warum hier, warum dieser Laden? Ich will die Kundenflussstatistiken sehen. Wer kauft wann wo? Am Wochenende vor Weihnachten – welche Klientel erwarte ich als Händler? Oder hat es etwas mit der Schloßstraße zu tun? Stört ihn diese Bezeichnung?«

Plötzlich stutzte er.

Beugte sich näher zum Bildschirm.

»Hej. Das ist doch Friedemann! Dr. Friedemann Wendler! Echt. Friedemann ist da drin. Ich wusste ja gar nicht, dass er wieder zurück ist – mit Zopf sieht er ganz anders aus. Okay! Wir haben einen forensischen Psychiater unter den Geiseln!«

»Björn, Friedemann ist nicht mehr wie früher.« Tom rollte mit seinem Schreibtischstuhl zum Einsatzleiter rüber, senkte die Stimme. »Er hat sich in den letzten Monaten sehr verändert. Ist alles anders jetzt.«

6

Dr. Friedemann Wendler schwenkte seine Tasse träge hin und her.

Beobachtete gedankenleer den kalten Kaffeerest, der über den Boden tanzte.

Trank dann den letzten Schluck.

Widerlich.

Er schüttelte sich.

Ein Spruch aus Kindertagen fiel ihm ein: Kalter Kaffee macht schön. Er lächelte flüchtig. Wahrscheinlich galt das nur für Frauen und nicht für deutlich ergraute Männer jenseits der Fünfzig. Aber schaden konnte es wohl nicht, vielleicht wirkte es ja doch. Mairegen machte angeblich auch schön, erinnerte er sich. Fuhr sich mit den Händen müde durchs Gesicht und konstatierte, auch das habe bei ihm nicht angeschlagen.

Mai – lange her.

Neben der Tasse lag ein Zettel.

Seine To-do-Liste für heute.

Zugegeben, lang war sie nicht. Es hätte keiner Notizen bedurft. Aber er legte immer eine an. Aus Gewohnheit. Erika, seine Frau, wollte immer schon beim Frühstück wissen, wie sehr der Tag verplant war.

Seine Augen marschierten in den Flur. Dort standen seine Koffer. Unausgepackt. Schon viel zu lange. Nur sein Necessaire hatte er rausgenommen, mehr nicht. Wozu auch? Störte sich doch niemand an den beiden Gepäckstücken. Die Wäsche auszuräumen wäre demnach nur ein Befolgen gesellschaftlicher Konventionen – und das lag ihm von jeher nicht.

Ganz anders als bei Marlon.

Der hatte schon als Kind begeistert Regeln befolgt. Und nun bestand sein gesamtes Leben daraus. Wie im Knast, dachte Dr. Wendler und zuckte heftig zusammen.

Seufzend stemmte er sich an der Tischplatte hoch. Schlurfte in die Küche, holte sich eine weitere Tasse Kaffee.

Die Erinnerung an das Gespräch mit seinem Sohn war schmerzvoll.

Desillusionierend. Deprimierend.

Nach dem Tod seiner Frau, Erika, musste er nun einsehen, dass er auch Marlon verloren hatte.

An eine Sekte. Ausgerechnet.

All sein Wissen, sein Geschick, seine Kunst, Menschen auf neue Wege zu bringen, hatten ihm nichts genutzt.

Kläglich versagt. Völlig gescheitert. Auf ganzer Strecke.

Marlon …

Offiziell hatte er einen Vortrag über moderne Methoden des Criminal Profilings zum Anlass genommen, nach Virginia zu fliegen. Quantico. Man lud ihn ein, freute sich auf den bekannten Kollegen aus Berlin. Und daneben vereinbarte er ein Treffen mit Marlon. Klar, er wusste besser als die meisten, welche Art Hirnwäsche man mit den neuen Mitgliedern durchführte, kannte die fiesen, manipulativen Tricks, mit denen viele dieser Sekten arbeiteten, das Selbstbewusstsein der Neuen ins Wanken brachten, sie gefügig und anfällig für die Ideologie machten.

Ihm konnte man nicht vormachen, Marlon rede all den Schwachsinn aus Überzeugung.

Shit!

Er hatte zu viel Milch in seine letzte Tasse Kaffee gegossen, brauchte ein Tuch aus der Küche, um das Gemisch aufzufangen.

Marlon sei bereit dazu, ihn zu treffen. So lautete die offizielle Formulierung.

In einem dieser Fast Food Restaurants am Highway. Bill´s Diner.

Ohne Begleitung.

Ein Vater-Sohn-Gespräch unter vier Augen. Keine Beobachter oder Lauscher in der Nähe. So war es versprochen worden – und genau das glaubte der Vater natürlich nicht. Sicher gäbe es Abhörmöglichkeiten, vielleicht übers eingeschaltete Handy, er würde wachsam sein, jedes noch so kleine Signal seines Sohnes registrieren und ihn dann aus den Klauen …

Nun, es war anders gekommen.

Marlon.

Keinesfalls wirkte er eingeschüchtert oder fremdgesteuert.

Selbstbewusst und arrogant nahm er ihm gegenüber Platz.

Legte als Erstes das ausgeschaltete Mobiltelefon auf den Tisch. Er wusste genau, wie sein Vater tickte.

Die Lotterjeans war einem teuren, erstklassig geschnittenen Business-Anzug gewichen, das viel zu weite Shirt verschwunden, dafür trug er jetzt figurnahes Hemd und Krawatte. Teuerste Marke. Die lockige Mähne, die ungepflegt bis über die Schultern gefallen war – gegen einen stylischen Kurzhaarschnitt getauscht. Der Psychiater konnte kaum glauben, dass der junge Mann im Anzug nach modischem Cut sein eigener Sohn war.

Von der ersten Sekunde an fand er sich in die Defensive gedrängt.

Seine Gesprächsstrategie? Zum Scheitern verurteilt.

Überrumpelt hörte er sich an, was Marlon zu sagen hatte.

Lauerte auf versteckte Signale, die eine Seele in Not aussandte. Da waren keine. Zu keinem Zeitpunkt.

Marlon wirkte ruhig. Fast tiefenentspannt.

Drogen?

Er musterte sein Gegenüber.

»Lass das! Ich weiß, was du denkst. Es gibt keine Hirnwäsche, keine Drogen, keinen Zwang, keine Kontrolle. Ich bin nicht verkabelt. Keiner belauscht unser Gespräch. Du kannst es nicht akzeptieren, deinen Sohn an eine ›Sekte‹ verloren zu haben. Dabei ist es so, dass du mich schon vor langer Zeit verloren hast. Hör mir einfach zu«, forderte der junge Mann.

Sicher, einen Teil der Wahrheiten hatte er so oder so ähnlich zu hören erwartet. Sie waren seit Jahren Bestandteil jeder Diskussion zwischen ihnen gewesen. Einiges traf ihn allerdings tief. Er sei kein guter Vater gewesen – geschenkt. Das sahen viele Kinder während der Pubertät so, es legte sich in der Regel später. Bei Marlon schien es etwas länger zu dauern, egal. Dass er seine Frau unglücklich gemacht habe, das war neu und verletzend. Der Vorwurf, er habe sie sich selbst und dem verzehrenden Krebs überlassen, ohne ihr zur Seite zu stehen, traf ihn hart. War möglicherweise nicht ganz unzutreffend, wie ein Teil seines Denkens mahnte. Workshops, Kongresse, Fortbildungen – jeder Grund sei ihm recht gewesen, der belastenden Begegnung mit der Sterbenden auszuweichen, behauptete der Sohn zornig.

Am Ende erklärte Marlon kalt, nun könne der Besucher in aller Ruhe nach Deutschland zurückkehren und weiter sein spießiges Besserwisserleben führen. Vielleicht gelegentlich mal über dieses Gespräch nachdenken. Das müsse er aber nicht. Denken sei, wie allgemein bekannt, freiwillig. Dabei hatte der Sohn zynisch gegrinst. Es habe auch keinen Sinn, irgendwelche läppischen Karten zum Geburtstag oder zu Weihnachten zu schicken. Das habe in der neuen Gemeinschaft, in der er lebe, nicht die geringste Bedeutung. In ihrem Zusammenleben habe das Ich untergeordnete Bedeutung. Das Wir war entscheidend. Wenn er jedoch ernsthaft mit ihm in Kontakt treten wolle, dann sei das jederzeit möglich, aber nur als Vater, nie mehr als Psychiater.

Marlon stand nach diesen Worten auf.

Wandte sich grußlos um und ging.

Kein Blick zurück.

Er selbst hatte während der gesamten Unterhaltung vergeblich auf diesen Gesichtsausdruck gewartet, den er aus Sitzungen mit Betroffenen so gut kannte. Ein intensives, verzweifeltes Flehen um Rettung in den Augen, ein Zittern, ein Gehetztsein, Zeichen der Hilfsbedürftigkeit. Ein Griff an die bebenden Lippen, der die Worte Lügen strafte, mit denen man der neuen Gruppierung Treue schwor, eine winzige Geste, mit der die schweren Anwürfe gegen den Vater, die unglaublichen Vorhaltungen entkräftet würden.

Nichts davon.

So sehr er auch beobachtete, er entdeckte nur Kraft und Entschlossenheit, gute Balance. Geschäftsmäßiger Austausch. Marlon hatte Überzeugung ausgestrahlt, saß dem Vater selbstbewusst in der Funktion eines Managers der »Familie der Erleuchteten« gegenüber.

Ratlos fahndete der Vater nach Schatten, die dem Rücken Marlons folgten; als der junge Mann das Restaurant verließ, musste erkennen, dass es keine gab.

Dr. Wendler spürte mit professioneller Sicherheit, wenn eine Sache aussichtslos war.

Er konnte nur die Segel streichen

Desillusioniert kehrte er zu seinem Workshop nach Quantico zurück. Wenig später dann nach Berlin.

In die Wohnung, in der niemand mehr auf ihn wartete, die er mit niemandem mehr teilen würde. Die überdimensioniert schien, ein Labyrinth, in dem ein Verlaufen jederzeit möglich war. Schloss die Tür hinter sich, ging nicht ans Telefon, checkte keine Mails. Öffnete die erste Flasche Brandy. Weitere folgten.

Die Welt sollte ihn in Ruhe lassen!

Er wollte mit ihr auch nichts mehr zu tun haben.

Ein Psychiater, der nicht einmal sich selbst helfen konnte, wie wäre der dann anderen auch nur ein guter Ratgeber? Nach der ersten Düsternis zog das emotionale Dauergrau in sein Denken ein. Fatalismus. Dr. Wendler verlor sich in Selbstmitleid. Ja, das diagnostizierte er wohl – konnte oder wollte nichts dagegen tun – gab sich ganz dem Gefühl der vollkommenen Nutzlosigkeit und des Versagthabens hin.

Mied jeden nachbarschaftlichen Kontakt.

Zum Einkaufen huschte er schattengleich die Straße entlang. Metzger, Bäcker, Apotheke, Supermarkt – alles nur wenige Schritte weit entfernt.

Schloßstraße.

Jedes Ziel fußläufig erreichbar.

In den ersten Tagen nach seiner Heimkehr hatte er eine Mail an Marlon begonnen.

»Lieber Marlon, was soll ich tun? Ich war die längste Zeit meines Lebens Psychiater, kürzere Zeit Ehemann und noch kürzere Zeit Vater. Es tut mir leid, wenn du meinst, ich wäre ein schlechtes Exemplar gewesen. Ich fürchte, deinem Wunsch, mich zu melden, wenn ich nur noch Vater sein will, kann ich weder jetzt noch in Zukunft entsprechen – vermutlich weiß ich gar nicht, wer ich bin, wenn ich den Psychiater ablege. Wahrscheinlicher ist, dass ich es ohnehin nicht kann. Aber vielleicht kommst du mir ein bisschen entgegen und wir können dennoch …« An dieser Stelle hatte er das Tippen beendet. Die Mail nicht verschickt. Sie wartete im Ordner »Entwürfe«. Würde wohl nie auf den Weg gebracht.

Sie klang zu sehr nach unwürdigem Gebettel um Zuwendung, nach einer Entschuldigung für sein eigenes Sein ganz allgemein.

Und so weit war er noch nicht.

Nicht ganz jedenfalls.

Weihnachten. Die Nagelprobe. Kein Fernsehen, keine Gäste, kein Braten, kein Baum und – keine Familie.

Alleinsein war scheiße!

Abgeliebtsein noch schlimmer.

Er beschloss, es zu wagen. Erst wieder mal duschen, saubere Kleidung anziehen und dann im Blue Cube testen, wie gut er mit Jingle Bells und als Weihnachtsmänner verkleideten Studenten klarkäme. Im schlimmsten Fall gar nicht.

Ob Marlon wohl zur Beisetzung seines Vaters oder sogar der des forensischen Psychiaters nach Deutschland reisen würde?

7

Björn wandte sich langsam um.

»Wie meinst du das?«

Tom zuckte mit den Schultern. »Seit seine Frau gestorben ist, hat er sich verändert. Zuletzt war er in Quantico – und seither ist er für niemanden mehr erreichbar. Sein Sohn lebt jetzt irgendwo in Amerika, Virginia. Er ist allein. Vielleicht bekommt ihm das nicht.«

»Ich habe auch versucht, ihn anzurufen. Und weder über Festnetz noch über Handy hatte ich Glück. Ich hielt das für eine seiner Marotten. Du weißt ja, wie er sein kann …«

»Diesmal ist es schlimmer. Ich habe ihn vor ein paar Tagen zufällig gesehen. Es geht ihm ganz sicher nicht gut.« Damit war für Tom das Thema beendet. Er konzentrierte sich wieder auf die Monitore. »Wie ist der Kerl reingekommen? Und war er wirklich allein? Kontrollen?«

Er warf dem Leiter des Sicherheitstrupps einen fragenden Blick zu.

»Stichprobenartig, würde ich sagen. Also nicht ständig jede Palette. Ist auch eher ein Problem, dass Waren verschwinden, nicht, dass zu viele kommen«, und schlug sich kraftvoll auf die Schenkel.

Als er merkte, wie unpassend das Lachen in der jetzigen Situation war, vertrocknete es in seinem Gesicht, blieb als gefrorene Grimasse zurück. »Lieferscheine und Papiere kontrollieren wir natürlich auch immer wieder«, schob er eilig nach. »Gerade so kurz vor Weihnachten sichern wir uns möglichst gut ab. Wir sind uns des Risikos bewusst, dass ein Terroranschlag auch den Blue Cube treffen könnte.«

Björn nickte, tippte eine Nummer auf dem Display an. Wartete. Seufzte dann, beendete den Kontaktversuch. Versuchte die aufsteigende Beunruhigung zu ignorieren.

»So! Also! Wie schaffen wir es, die Monitore auf Standby zu schalten, ohne dass er es merkt? Idee?«

»Ein Feuer!«

»Ja, das ist prima, dann kommt die Feuerwehr und es gibt jede Menge Action in den Gängen!«

Björn runzelte die Stirn. »Feuer geht nicht. Stellt euch vor, es kommt zu einer nennenswerten Rauchentwicklung. Dann wird er sehen, dass man den Qualm auf den Standbildern gut erkennen kann, während er vor seiner Tür längst abgezogen ist. Das klappt nicht. Aber Feuerwehr ist immer in solchen Lagen gar keine schlechte Idee. Wir inszenieren einen Fehlalarm, die Wehr rückt mit dem großen Besteck an. Er wird ahnen, dass das Ganze ein Fake ist, also muss es so realistisch wie möglich sein. Und ich brauche einen gut erzogenen Hund! Den lassen wir durch die Flure wetzen. Da, wo er verschwunden ist, gehen wir auf Standbild. Außerdem werde ich direkt vor der Glasfront des Biomarktes ein Spektakel … Mal sehen … Es ist schade, dass die Glassegmente von oben bis unten abgeklebt sind. So können wir tatsächlich von außen gar nichts erkennen.« Er sah sich schweigend im Raum um. »Wir sind uns alle im Klaren darüber, was es bedeutet, wenn der Mann allein agiert, oder?«

Schweigen.

»Einer allein kann nicht die ganze Zeit fast vierzig Menschen unter Kontrolle halten. Er wird müde, unkonzentriert. Ist vielleicht hochgradig nervös. Wenn er bemerkt, dass ihm die Sache entgleitet, wird er möglicherweise noch mehr Gewalt zur Einschüchterung einsetzen. Die Lebensgefahr für die Geiseln steigt.« Björn sprach eindringlich. »Alle müssen wissen, was sie zu tun haben. Fehler können wir uns nicht erlauben. Das Szenario mit der Feuerwehr wird minutiös geplant. Erst wenn wir auf den anderen Kameras Standbild haben, können wir unbemerkt mit unseren Maßnahmen beginnen. Wir müssen wissen, was da drin vor sich geht!«

Für einen Moment kehrten seine Gedanken erneut zu seiner Familie zurück.

Zeit für einen weiteren Anruf mit ausführlicher Erklärung der Lage und dem Versuch einer Rechtfertigung für seinen Einsatz dort blieb nicht.

Warum ging seine Frau nicht an ihr Handy? Sie hatten doch ausgemacht, er würde sich melden! Und sonst hielt sie ihr Smartphone auch immer griffbereit. Er versuchte es doch ein zweites Mal. Nichts. Genervt machte er sich daran, ihr eine WhatsApp zu schicken. Mürrisch tippte er auf Senden. Keine gute Lösung, das war ihm klar. Aber immerhin erklärte sie, warum er nicht erscheinen würde, enthielt das Versprechen, er würde sich sofort wieder melden, wenn die Angelegenheit hier geklärt war.

Hätte er gewusst, dass seine Familie kurz zuvor von einer anderen Message, die angeblich von Björn kam, ins Kino am Zoo geschickt wurde, hätte er sich Sorgen gemacht.

Zu Recht.

Aber davon wusste er ja nichts.

8

Bianca liegt auf dem Bauch.

Atmet möglichst flach.

Der Kerl hat eine Waffe – und den ersten Menschen aus ihrer Gruppe schon erschossen.

Seither ist es ziemlich still.

Sie hört nur das Atmen der anderen.

Der schwarzgekleidete Mann spricht nicht.

Gar nicht.

Dirigiert seine Geiseln mit Handzeichen, Stößen, Tritten. Emotionslos. Offensichtlich ist es ihm vollkommen gleichgültig, dass er Einzelnen heftige Schmerzen zugefügt hat.

Der alten Dame zum Beispiel.

Seit dem Tritt gegen ihren Kopf wimmert sie nur noch leise. Bianca kann sehen, wie Blut in ihre grauen Haare sickert.

Andere Geiseln hat der Vermummte genötigt, die mobilen Displays mit Waren aus dem Weg zu räumen, damit die Gänge frei werden. Alles wird verschoben. Ein Stuhl steht nun so, dass er alles überblicken kann, auch jede gefangene Person jederzeit mit nur einem Schuss treffen wird.

Alle sind voller Angst, einige stehen sicher unter Schock.

Wenn der Kerl doch wenigstens sagen würde, was er mit der ganzen Aktion bezweckt! Aber nein! Keine Silbe, kein Laut.

Die meisten liegen mit dem Gesicht nach unten. Ihr Atem lässt den Boden feucht werden, Speichel tropft über die geöffneten Lippen. Bianca ekelt sich vor sich selbst, dem Geruch, den sie verströmt.

Der Kerl hatte mit seinen Händen signalisiert, dass sie sich alle bäuchlings hinzulegen hätten.

Schnell.

Einige waren nicht so fix, waren gebrechlich, alt oder schlicht unbeweglich. Schafften es nicht schnell genug.

Wie die jüngere Frau im grünen Mantel und der weißen Bluse. Die ist nun tot.

Erstaunen in ihrem Gesicht.

Dann Fassungslosigkeit.

Zum Schluss Leere.

Der Kerl hat sie vor die Tür werfen lassen. Wie Müll.

Bianca würde gern auf die Uhr sehen. Traut sich aber nicht. Möchte die Bewegung nicht mit dem Leben bezahlen.

Julian.

Normalerweise schläft er um diese Zeit noch fest, versucht sie sich zu beruhigen und weiß, dass ihr Sohn sicher bald aufwachen wird. Und dann? Was wird er tun, wenn sie nicht kommt, um ihn aus dem Bett zu heben, anzuziehen, zu füttern? Was passiert, wenn er merkt, dass er in der Wohnung ganz allein ist? Ein eisiger Schreck zuckt durch ihren Körper, als sie versucht, sich daran zu erinnern, ob sie die Tür abgeschlossen hat. Je mehr ihre Gedanken um Julian kreisen, desto unruhiger wird sie. Lässt Revue passieren, was sie getan hat, bevor sie noch schnell zum Cube flitzen wollte.

Reisekasse.

Geld, das sie vom Haushaltsgeld abgezweigt und auf einem eigenen Konto »geparkt« hat.

Immer nur winzige Beträge.

Natürlich ohne Manuels Wissen.

Sie wollte nur schnell am Automaten … und nun hat sie ihren kleinen Julian dem Vater ausgeliefert.

Panik flutet ihren Körper, lässt ihn abwechselnd kalt und heiß werden.

Die Koffer! Sie stehen fertig gepackt im Flur. Parat für den Aufbruch in eine wunderbare Zukunft. Sollte Manuel vor ihr nach Hause kommen, wird er sie sofort sehen und wissen, was sie vorhatte. Und Julian wird seinem Papa dann hilflos ausgeliefert sein. Es kostet sie beinahe übermenschliche Kraft, den Schrei zu unterdrücken, der sich Bahn brechen will.

Das ist alles nur meine Schuld, erkennt Bianca glasklar. Den initialen Fehler habe ich schon vor Jahren begangen, danach war ich zu schwach für Korrekturversuche – und nun das! Jetzt überlasse ich auch noch meinen Julian dem brutalen, prügelnden Vater.

Mit ein bisschen Glück hört die Nachbarin Julians Weinen und hilft ihm, keimt Hoffnung in ihr auf. Doch dann fällt ihr ein, wie Manuel die Frau gestern zurechtgewiesen hatte, als sie bei ihnen klingelte – mitten in einer seiner Bestrafungsaktionen.

»Soll ich die Polizei verständigen?«, wollte sie von Bianca wissen, die zitternd im geöffneten Spalt der Tür stand und verzweifelt den Kopf schüttelte. »Man muss sich nicht alles gefallen lassen. Als Frau nicht und als Mutter schon gar nicht«, insistierte sie.

Manuel baute sich hinter ihr auf und beschimpfte die freundliche Nachbarin laut und unbeherrscht. Blockwartin, nannte er sie, meinte, sie hätte vor vielen Jahren eine steile Karriere als Spitzel machen können, heute jedoch gäbe es Privatsphäre!

Nun, Silvana würde wohl doch nicht wagen, noch einmal zu stören.

Zumal Bianca sich noch nicht entschuldigt hat. Sie hatte es vor, ja, es aber dann heute Morgen wieder vergessen. Und jetzt wäre es … Sie versucht, diese kreisenden Gedanken abzuschalten. Julian schläft. Manuel wird ihm nichts antun, wenn er vor ihr nach Hause kommt – er wird das Kind nicht anrühren! Und überhaupt, redet sie sich ein, die Sache hier wird schnell beendet, die Polizei ist sicher schon vor Ort. Im Fernsehen hat sie gesehen, dass das ganz einfach ist. Sie muss nur auf den roten Punkt warten, der das Ziel markiert, dann kommt der Schuss und sie gehen alle nach Hause. Kein Problem.

Doch ihre Angst ist nicht so leicht zu überzeugen. Sie speist sich aus den erinnerten Bildern. Und Bianca bleibt nur zu versuchen, nicht aufzufallen.

Zu ihrer Linken liegt ein Mann.

Weißhaarig, Zopf, schlank, feingliedrige Hände. Der starrt nur auf den Boden. Atmet ruhig.

Ganz bestimmt hat der nie in seinem Leben eine Frau geschlagen.

Er ist sicher ein verständnisvoller Mann.

Einer, der sein Leben im Griff hat.

Ihre Zuversicht wächst.

9

»Okay. Er kennt sich im Cube aus, weiß, wo die Kameras ihn erfassen können und wo nicht. Geschickt ist er ausgewichen, wo er nicht gesehen werden wollte. Erst als er seine Aktion tatsächlich startet, wird er für uns sichtbar. Möglicherweise hat er hier gearbeitet. Ich brauche eine Liste der Männer, die in den letzten Monaten entlassen wurden. Auch die der Praktikanten.« Björn klopfte mit den Fingern rhythmisch auf die Tischplatte. »In den Toiletten hat er nicht übernachtet, er ist nicht durch die Portale gekommen, hat sich nicht in der Bibliothek versteckt – der Lieferweg bleibt eine gute Option. Irgendwann ist er aus seinem Versteck gekrochen, von Kameras unbemerkt. Er schießt zielgenau und versiert. Habt ihr gesehen, wie gekonnt er den Rückstoß auffängt? Ohne jede Anstrengung. Er kalkuliert ihn beim Fokussieren des nächsten Ziels schon mit ein. Heer? Scharfschütze bei der Polizei? Einer von uns?«

Toms Handy klingelte leise. »Okay, ich hole ihn ab«, antwortete er und nickte Björn zu. »Sebastian ist da. Die Feuerwehr steht parat. Der Einsatzleiter kommt auch zu uns.« Er machte eine Pause, setzte dann hinzu: »Wir haben evakuiert – aber wir wissen alle …« Es war nicht notwendig, den Satz zu beenden.

»Hat sich jemand gemeldet, der einen Bekenneranruf bekommen hat? Taz?«

Allgemeines Kopfschütteln.

»Okay, dann planen wir den Feuerwehreinsatz. Ich werde versuchen, Kontakt zu ihm herzustellen. Wenn es etwas zu besprechen gibt, muss es uns gelingen, ihn zum Reden zu bringen. Friedemann ist genau der richtige Mann dafür. Und er ist unter den Geiseln. Hoffen wir, dass der Geiselnehmer nicht erkennt, wen er da gefangen hält.«

Björn begann zu zeichnen. Die Pläne vor sich auf dem Tisch, entwarf er ein mögliches Szenario, das ein Umschalten der Monitore ermöglichen könnte. »Neben dem Möhrchen, dem Bioladen, ist ein Dessousladen. Auf der anderen Seite ein Schreibwarenhandel. Die Zwischenwände? Beton. Trockenbau?«

Der Security-Team-Leiter schüttelte mit dem Kopf. »Oben ist ein Eiscafé. Da sind alle Wände Trockenbau. Dem kleinen Schlüsseldienst im Keller«, er zeigte auf den Plan, »der hier unter dem Schreibwarenladen liegt, habe ich geholfen, die Regale zu befestigen. Ich könnte also behaupten, dass zumindest die Wand wahrscheinlich Beton ist. Wohl eine tragende Wand. Dann zieht sie sich durchs ganze Gebäude hoch. Bei den Dessous wird ständig umdekoriert. Ein Teil der Wand ist womöglich eher Trockenbau. Aber ich weiß es nicht genau. Soll ich jemanden von der Haustechnik fragen? Die sollten es wissen, die müssen ja alle möglichen Reparaturen und Umbauten stemmen.«

Björn nickte. »Aber sofort!«

»Klar«, antwortet der Team-Leiter und wenige Sekunden später hörten sie den Mann telefonieren.

»Okay. Also im Dessousladen ist der mittlere Teil«, er deutete wieder auf den Plan, »also von hier bis hier, Trockenbau. Da war ursprünglich ein anderer Mieter vorgesehen, der beide Flächen nutzen wollte und deshalb dort eine Tür brauchte. War ziemlich aufwändig, das zu realisieren. Zusätzliche Stahlträger mussten eingezogen werden, Stützen an den Seiten. Leider ist der Mieter schon wieder weitergezogen. Leipziger Platz. Naja!«

Björn gab die Information an sein Team weiter. »Wenn es klappen soll, müssen wir von der Dessousseite kommen. Trockenbauwand ist für uns besser, weil das Anbringen der Sonden dann geräuschärmer funktioniert. Wie gehen wir vor? Können Sie einen Monitor nach dem anderen unauffällig auf Standbild schalten? Der Täter muss beobachten können, wie die Feuerwehrleute an dem Bioladen vorbei in diese Richtung laufen. Danach sieht er diesen Bereich nicht mehr live auf seinem Monitor.«

»Wir aber auch nicht«, mahnte einer der Wachmannschaft. »Wird dann ein völlig blinder Fleck.«

»Was ist, wenn unter den Geiseln Panik ausbricht, wenn wir Feueralarm auslösen?«, wollte der Leiter der Wachmannschaft wissen. »Die wissen ja nicht, dass es ein Fehlalarm ist. Eskaliert die Sache dann nicht?«

»Doch, das ist möglich«, räumte Björn ein. »Auf der anderen Seite versuchen wir ja eine Gesprächsbasis herzustellen. Klappt es, können wir die Geiseln darüber informieren, dass es kein Feuer gibt. Nachdem wir die Monitore umgestellt haben. Gib mir fünf Minuten. Ich bin sofort zurück. Ich muss Monika erklären, warum unser gemeinsamer Ausflug nun doch ausfällt.«

Johann sah dem breiten Rücken nach. »Hast du die Nummer von dem Bioladen? Wir brauchen eine Stimmprobe zum Vergleich für Sebastian.«

Der Wachmann nickte, begann langsam die Zahlenfolge vorzulesen.

Johann tippte mit.

Es klingelte.

Johann zählte automatisch, wusste, dass die Menschen, die der Mann in seiner Gewalt hatte, es ebenso tun würden. Es war eine Chance – ihre Chance. Nach dem zehnten Freizeichen legte er auf. Versuchte es sofort noch einmal.

Noch bevor der Klingelton zu hören war, kam Bewegung in das Bild auf dem Monitor, der die Tür »im Auge« behielt. Ein Arm in rosa Angorajacke stieß einen reglosen Körper ins Bild. Andere Arme halfen dabei.

Andermatt kehrte genau in diesem Moment zurück. Erkannte sofort, was passiert war.

»Scheiße!« Björns Faust ballte sich in der Hosentasche. »Leute hin zum Bergen. Hoffen wir, dass wenigstens dieses Opfer überlebt hat!«

Er drehte sich zu seinen Leuten um. »Ich habe ein Telefon klingeln hören. Hat jemand unten in der Möhre angerufen?«

Johann nickte, sah dann konzentriert auf die Spitzen seiner Turnschuhe.

Angespannt beobachteten sie wenig später, wie sich ein Rettungsteam vorsichtig der Person näherte, sie vom Boden auf die Trage hob und so schnell wie möglich abtransportierte.

Björn war sich bewusst, dass er diese Bilder mit dem Mörder teilte.

Die verbliebenen Geiseln wussten nun, wie gefährlich ihre Lage tatsächlich war.

Björns Handy klingelte. »Dr. Bernhard Wilde. Tut mir leid, wir konnten nichts mehr für das Opfer tun. Schuss direkt ins Herz, vor wenigen Minuten. Sie hat eine Kopfverletzung, stumpfe Gewalt. An der wäre sie allerdings wahrscheinlich nicht gestorben.«

Andermatt drehte sich zu Johann um.

Das Gesicht verschlossen. Die Wut war nur an der unnatürlichen Blässe zu erkennen. Einem leisen Beben in der Stimme vielleicht. Aber das konnte Johann nicht sicher beurteilen, so gut kannte er den anderen noch nicht.

»Warum musste diese Geisel sterben? Was glaubst du?«

»Weil der Kerl da drin ein Psychopath ist?«

»Nein. Weil der Kerl da drin mit mir reden will. Wenn ich mich recht erinnere, war das der Grund dafür, dass ich nun hier bin und nicht mit meiner Familie im Zoo. Und woher soll der Kerl nun wissen, dass er tatsächlich mit mir sprechen kann?«

Johann schnurrte zusammen.

»Er sieht bestenfalls die Nummer des Anschlusses hier – aber er will einen ganz speziellen Gesprächspartner.«

Johann rang um Fassung. Durch seinen Fehler …

»Wir sprechen später darüber!« Andermatt ließ er den jungen Mann stehen, wandte sich brüsk ab und griff nach einem Bogen Papier und einem Stift.

»Die Feuerwehr soll sich bereitmachen. Zeichen von mir abwarten, dann aber zügig handeln.« Damit stapfte er aus dem Raum.

Wenige Minuten später erschien er auf dem Monitor. Stand vor der Ladentür. Mit dem Rücken zur Kamera.

Als er sich umdrehte, hielt er ein beschriebenes Blatt vor der Brust. Nicht der Hauch eines Zitterns seiner Finger war zu sehen.

Alle konnten lesen, was darauf stand.

»Ich bin hier. Wir sollten miteinander sprechen.«

Tom hielt die Luft an.

»Was, wenn der jetzt einfach auf ihn ballert?«, keuchte Johann.

»Dann müssen wir das seiner Frau und den Kindern erklären. Aber er weiß, was er tut. Bleibt entspannt«, behauptete Sebastian, der gerade den Überwachungsraum betrat, mit Zuversicht in der Stimme, während er seine Fäuste in der Jacke zusammenkrampfte und versuchte, ruhig zu atmen.

In dem Augenblick brach der erste Alarm los.

10

Friedemann Wendler bricht der Schweiß aus.

Das Telefon klingelt.

Er überlegt, ob er sich einmischen soll. Vielleicht wäre es hilfreich zu versuchen, den Mann in ein Gespräch über seine Ziele zu verwickeln, ihm eine Basis zur Selbstdarstellung zu geben. Sozusagen ein Rednerpodest. Wenn er darüber sprechen könnte, was ihn antreibt, könnte das eine psychische Entlastung bewirken. Eventuell gar eine Solidarisierung der Geiseln mit ihm und seiner Motivation herbeiführen. Stockholmsyndrom, Reaktion auf das Ausgeliefertsein und die Bindung der Schicksale der Geiseln an den Erfolg des Täters, denkbar.

Unbewusst zählt er mit.

Zehn Klingeltöne.

Die folgende Stille ist schier unerträglich.

Der Mann sieht unbeteiligt über seine Gefangenen hinweg. Scheint zu warten. Friedemann Wendler weiß, worauf. Wie erwartet, beginnt das Läuten erneut. Ruhig tritt der Geiselnehmer neben die Frau in der ersten Reihe, dreht sie mit der Schuhspitze auf den Rücken, presst die Waffe auf den Brustkorb und drückt ab. Das geht so schnell, dass der Psychiater vor Schreck die Luft anhält, als ihm klar wird, dass er den zweiten Mord mit angesehen hat. Kaltblütig. Nur von fern erkennt er, dass mehrere Geiseln genötigt werden, den Leichnam vor der Tür abzulegen. Erneut ein Stück Dreck, denkt er. Menschenleben sind für diesen Mann bedeutungslos. Zwei Tote, mahnt seine innere Stimme, zwei – und du hast zugesehen, bist nicht bereit, dich einzubringen! Und draußen hat der Mann auch schon um sich geschossen – womöglich gab es dabei auch Opfer. Und er selbst denkt darüber nach, wie ein vollkommen mit sich selbst beschäftigter, handlungsunfähiger Psychiater hier helfen soll. Weiß, dass er dazu fit sein müsste – und das ist er nicht, wird er nie mehr sein. Also schweigt er.

Beobachtet, wie der Geiselnehmer immer wieder gebannt auf den Monitor seines Laptops starrt.

Feueralarm.

Unruhe entsteht. Doch der Mann mit der Waffe bleibt demonstrativ entspannt.

Friedemann Wendler bemerkt die Ruhe, den gleichmäßigen Atem, die Selbstsicherheit oder gar Arroganz des Geiselnehmers, bewertet es. Er ist sicher, dass er nur wegen der Sturmmaske nicht sehen kann, wie ein geringschätziges Grinsen die Lippen des Mannes umspielt. Der Kerl ist genau der Typ dafür. Wendler versucht aus alter Gewohnheit zu verstehen, mit wem er es hier zu tun hat.

Vielleicht eine Chance. Ein kleine. So ist er wenigstens nicht ganz und gar nutzlos.

Er liegt wie alle anderen auf dem Bauch und versucht, ein Bestandteil des Laminatmusters zu werden. Schämt sich seiner Unfähigkeit. Kommunikation mit Intention ist ihm nicht möglich, aber …

Seine dem Täter abgewandte Hand sucht sich wie ferngesteuert einen Weg in die Sakkotasche. Findet das Telefon. Die Finger lösen einen Anruf aus. Er zieht sie zurück, die Hand kehrt an den Platz neben seiner Hosennaht zurück.

Die junge Frau neben ihm hat alles gesehen. Er sucht Blickkontakt zu ihr, will ihr zu verstehen geben, dass er sehr genau weiß, was er tut und dass es ihnen helfen wird, hier lebend rauszukommen. Da es schwierig ist, so einen komplexen Text nur durch Blicke zu vermitteln, ist ihm nicht klar, ob sie ihn verstanden hat.

Immerhin – sie schreit nicht.

11

Marga hatte den Kanal gestrichen voll.

Sicher, auch andere Jugendliche hatten Problemeltern. Es war kein seltenes Phänomen. Allerdings lag bei Phillipp und ihr die Sache deutlich anders.

Jeden Tag der gleiche Ärger, der gleiche Zoff.

Schon als sie die Wohnungstür öffnete, konnte sie spüren, wie der Abend verlaufen würde.

Katastrophal.

Ganz eindeutig.

Aus dem Kinderzimmer – kein Laut.

Schlecht.

Das wusste sie aus Erfahrung.

So lange randaliert wurde, gab es noch eine Chance auf einen prügelfreien Abend. Viel mehr Alkohol wirkte dann einschläfernd. Wenn allerdings um diese Zeit schon Stille einzog, konnte man diese Hoffnung nur begraben.

Ohne die Jacke auszuziehen, schlich Marga in Richtung Kinderzimmertür. Zu Phillipp. Ihr kleiner Bruder – ein Sexunfall, wie ihre Eltern immer wieder betonten – kam ihr an »normalen« Abenden entgegengelaufen.

Heute nicht.

Also war nicht das Übliche zu erwarten.

Marga straffte ihren schmalen Körper, wappnete sich.

Aus dem Wohnzimmer dröhnte der Fernseher.

Solange sich dort niemand rührte, blieb sie unentdeckt.

Lautlos waren in dieser Familie nur die Kinder. Hoch sensible Leisetreter mit zu jeder Zeit ausgefahrenen Sensoren.

Wachsam.

Selbst im Schlaf.

Als sie die Tür aufschob, fiel ihr im diffusen Licht der Straßenlaterne vor dem Fenster das Chaos im Raum auf. Das war nicht erlaubt. Wurde drakonisch geahndet. Phillipp hätte niemals solch ein Durcheinander angerichtet. Offensichtlich hatte man einen Grund konstruiert, um …

»Phillipp«, flüsterte Marga eindringlich.

Keine Antwort.

Vorsichtig, um nicht auf ein Hindernis zu treten, das ihre Anwesenheit lärmend verraten würde, tastete sie sich im Halbdunkel voran.

»Phillipp«, raunte sie erneut.

Eine eiskalte Hand umspannte ihre Fessel.

Erleichtert atmete sie auf.

Beugte sich zu dem Kleinen hinunter.

»Hey, kannst du aufstehen?« Ihre Stimme war nur ein Hauch.

Seine Antwort war ein leichter Druck am Fußgelenk. Marga wusste, was das bedeutete.

»Okay. Ist nicht schlimm. Ich werde dich einfach tragen. Sei ganz still. Wir gehen jetzt.«

Ihre Hände glitten sanft über seinen Körper.

Beruhigend.

Phillipp trug nur einen Schlafanzug.

Zu kalt für draußen. Sie würde ihn wärmen müssen.

»Es war besonders schlimm heute. Ich kann fühlen, wo du Schmerzen hast. Wenn ich dich jetzt aufhebe, kann es schlimmer werden.«

Sie lud das Leichtgewicht auf ihre Hüfte. Setzte es auf ihrem Becken ab, drückte mit der Hand seinen bebenden Körper an ihren.

Kein Laut.

Nun wieder durch den Flur zurück.

Als sie die Wohnungstür ins Schloss zog, den Schlüssel vorsichtig aus dem Schließmechanismus gleiten ließ, wusste sie, dass weder ihr Bruder noch sie selbst je wieder zurückkehren würden. Ohne Abschied, für immer.

Unter der ersten Straßenlaterne hielt sie an.

Inspizierte mit geschulten Händen und Augen Phillipps Körper.

Vorsichtig löste sie das Tuch von seinem Hals, das so festgezurrt worden war, dass es ihn langsam, fast spurlos erstickt hätte. Tränen drängten aus den Augen des Mädchens.

»Scheiße, mein Kleiner! Das war wirklich ein besonders übler Abend für dich!« Marga schluchzte. »Es tut mir so leid, dass ich nicht da war, dir zu helfen!«

Phillipp kuschelte sich fest an seine Schwester.

Schluchzte ebenfalls.

Zitterte.

Hustete.

Probierte erfolglos seine Stimme zu aktivieren.

Margas Parka stammte aus einem Secondhandshop. Ausgewählt nach Preis, Größe egal, vielleicht dachte ihre Mutter, das Kind wachse noch rein.

Jetzt war er genau richtig für zwei.

Phillipp vor dem Bauch, schloss sich der Reißverschluss problemlos hinter seinem Rücken. Perfekt, dachte Marga, so ist es warm genug für ihn.

»Diesmal sind sie entschieden zu weit gegangen. Wir nehmen keine Rücksicht mehr. Ich bringe dich ins Krankenhaus. Dort wird man sicher die Polizei verständigen. Zurück muss keiner von uns, dafür sorge ich«, flüsterte die Schwester Phillipp ins Ohr. »Diesmal machen wir alles richtig. Du brauchst keine Angst mehr zu haben!«

Entschlossen stapfte Marga durch die Nacht.

Zunächst lief alles wie erwartet.

Phillipp wurde gründlich untersucht. Alle waren sehr freundlich, bemühten sich um die Geschwister, dokumentierten die Spuren der häuslichen Gewalt akribisch.

Polizei und Jugendamt wurden eingeschaltet.

Phillipp schlief unruhig.

Marga saß neben seinem Bett, sah die Nähte, die seine Augenbraue hielten, die Schwellungen und roten Flecken. Fühlte sich schuldig. Der linke Arm war gebrochen, die Hüfte stark geprellt, drei Rippen gebrochen, der Kehlkopf gequetscht. Der Kleine hatte sehr viel Glück gehabt, dass seine Schwester ihn rechtzeitig gefunden und gerettet hatte, lautete die einhellige Meinung der Ärzte. Als Marga ihm vorsichtig den Schlafanzug abgestreift hatte, war das ganze Ausmaß vergangener und aktueller Gewalt sichtbar geworden. Eine der Krankenschwestern fragte, warum sie, die große Schwester, nicht viel früher Hilfe gesucht habe. Darauf hatte Marga keine Antwort geben können. Sie konnte nicht wirklich gedacht haben, es könne besser werden. Warum also? Ihr hatte man die gleichen Dinge angetan – Spuren verrieten den Medizinern jahrelanges Leid für beide Kinder. Warum? Wäre ich Anfang der Woche mit ihm gegangen, hätte ich ihm diesen Abend erspart, dachte Marga verzweifelt, weinte leise, während sie ihren Bruder streichelte.

»Es tut mir so leid«, wisperte sie immer wieder. »Es tut mir so leid.«

12

»Kontakt«, flüstert Tom. »Friedemann hat sein Handy eingeschaltet.« Er legte sein eigenes Mobiltelefon auf den Tisch, verband sich mit dem Laptop.

Zu hören war allerdings wenig.

Offensichtlich bewegten sich einige der Gefangenen. Waren verunsichert. Doch niemand sprach – wahrscheinlich standen alle unter Schock.

Jemand ging auf und ab – vielleicht, nein, wahrscheinlich der Geiselnehmer. Ruhig. Nicht nervös. Der Alarm schien ihn nicht zu beunruhigen. Wusste er, wie man solch einen Einsatz plante? Das mulmige Gefühl kehrte zurück.

»Er weiß jetzt, dass ich hier bin. Er hat mich und meine Nachricht sicher gesehen. Wir gehen ja davon aus, dass er das Bild der Kamera …Trotzdem haben wir keine Verbindung zu ihm. Vielleicht hat er doch gar nicht mich gemeint?«

»Er sieht mit«, bestätigte einer der Security-Gruppe. »Die Innenraumüberwachung des Ladens ist im System deaktiviert. Aber er sieht sonst das, was wir hier auch sehen.«

»Er hat dich gemeint. Da habe ich nicht den geringsten Zweifel«, murmelte Tom.

Plötzlich schwappte Unruhe in den Raum der Center-Security. Zwei Herren in Anzügen und mit aggressiver Aura drängten in den ohnehin überfüllten Raum.

»Münzer. Center-Manager.«

»Einsatzleitung«, antwortete Björn.

»Hören Sie, wir sind sehr besorgt. Bei uns wird Sicherheit mit Großbuchstaben geschrieben. Natürlich legen wir größtes Engagement in die Überwachung des Centers. Unsere Kunden wissen, dass sie während ihres Aufenthalts hier nicht das Geringste zu befürchten haben. Und nun liefert das Fernsehen ständig Bilder des Grauens! Man nennt den Kerl schon Mr. No Mercy!«

Der Manager wirkte fast beleidigt. Als sei es eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, dass ein solch undenkbarer Angriff überhaupt stattfinden konnte.

In seinem Cube!

»Herr Münzer, gegen solche Täter sind Sie machtlos. Warum nun gerade diese Mall ausgewählt wurde, wird uns der Täter vielleicht später erzählen. Aber im Augenblick versuchen wir erst mal herauszufinden, was er überhaupt mit der Geiselnahme bezwecken möchte.« Björn gab seinem Team ein Zeichen, stand auf und drängte die ungebetenen Besucher auf den Gang hinaus.

»Johann, wir brauchen Sebastians Stimm- und Sprachanalyse.«

»Er ist schon dran.«

Auf dem Gang standen weitere Leute.

Andermatt versuchte, nicht allzu deutlich genervt zu erscheinen.

»Einige unserer Mieter«, erklärte Münzer mit einer die Runde umfassenden Bewegung. »Wie geht es weiter? Wie lange wird das hier dauern?«

»Lassen Sie mich das mal so formulieren: Eins ist sicher, heute bleibt das Center zu.«

»Das ist alles, was Sie wissen?«

»Ja. Und noch etwas: Wir haben der Presse keine Bilder zur Verfügung gestellt. Vielleicht haben sensationslüsterne Kunden Handyvideos gedreht. Der Aufruf, uns diese Videos und Bilder zur Verfügung zu stellen, ist raus. Aber auf die Weitergabe an die Presse …«

»Haben Sie keinen Einfluss? Das ist die Standardformulierung bei den Krisenmanagern. Ich kann Ihnen nur sagen, dass es uns ein kleines Vermögen kostet, dass sich dieser Kerl hier eingenistet hat. Und die weiteren Folgen sind weder abseh- noch bezifferbar!« Der Center-Manager holte tief Luft, spuckte dann »Mr. No Mercy!« in den Gang.

»Ich verstehe Sie natürlich. Aber wir haben, wie gesagt, bisher keinen Kontakt. Sobald wir Konkreteres wissen, werden wir uns bei Ihnen melden. Abgesehen davon sollten Sie und Ihre Mieter das Gebäude jetzt verlassen. Wir arbeiten!«

»Ich bleibe!« Münzer reckte trotzig das Kinn hoch.

»Die anderen gehen! Jetzt!« Björn winkte in den Raum und ließ die kleine Versammlung aus dem Haus eskortieren. »So, Herr Münzer.« Damit nahm er den Widerstrebenden mit in den Überwachungsraum, drehte einen Stuhl in eine Ecke und wies einladend auf das sicher unbequeme Möbel. »Hier können Sie sich setzen und uns im Auge behalten. Bewegen auf dem Gang geht nur nach Anfrage mit Begleitung. Sobald der Kollege, der Ihre Mieter zum Ausgang begleitet, zurück ist, wird er Sie in einen separaten Raum begleiten. Und keine Einmischung!«

Münzer stieß beleidigt Luft aus, schien sich aber fügen zu wollen.

»Machen Sie eine Durchsage«, forderte Andermatt von einem der Mitglieder der Center- Security. »Es komme wegen des ungeplanten Verlassens einzelner Geschäfte zu Fehlalarmen. Und dann planen wir neu!«

Die Durchsage schepperte wenig später laut durch die leeren Gänge des Cube.

Björn drehte sich zu Tom um. »Was macht er?«

»Er läuft. Ruhig. Ansonsten ist es still. Im Hintergrund weint vielleicht jemand, aber das kann ich nicht sicher sagen, vielleicht läuft demjenigen auch nur die Nase.«

»Okay, stellt Sebastian alles Material zur Verfügung, das wir bereits haben. Sobald ein Kontakt hergestellt werden kann, will ich wissen, was man aus Sprechweise, Atmung und Tonfall schließen kann. Der Einsatzleiter der Feuerwehr soll zu uns stoßen, wir planen neu. Ein Orthopäde soll sich die Videos ansehen und ich möchte genau wissen, wer sich in dem Laden aufhält. Gesichtserkennung, da wo es möglich ist. Versucht aus dem Bild der Überwachung vom Täter einen Iris-Scan zu generieren. Könnte sein, dass wir ihn so identifizieren können. Dann wissen wir wenigstens, wer diese Menschen in der Gewalt hat und können vielleicht proaktiv eingreifen.«

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20 июня 2025
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271 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783946734932
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Bookwire
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