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Franz Metzger

Kleine Geschichte
Mittelfrankens


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2020 Verlag Friedrich Pustet, Regensburg

Gutenbergstraße 8 | 93051 Regensburg

Tel. 0941/920220 | verlag@pustet.de

ISBN 978-3-7917-3171-1

Reihen-/Umschlaggestaltung und Layout: Martin Veicht, Regensburg

Satz: Vollnhals Fotosatz, Neustadt a. d. Donau

Druck und Bindung: Friedrich Pustet, Regensburg

Printed in Germany 2020

eISBN 978-3-7917-6180-0 (epub)

Unser gesamtes Programm finden Sie im Webshop unter

www.verlag-pustet.de

Inhalt

Vorwort

Bevor die Franken kamen – Ur- und Frühgeschichte

Prolog: Ein ganz besonderer Vogel / Jäger, Sammler, Ackerbauern / Bronzezeit in Franken / Eiserne Zeiten und keltische Städte / Der Goldhut von Ezelsdorf / Vorposten des Römischen Reichs / Eine Mauer gegen Räuber und Migranten / Der Limes fällt / Der Römerschatz im Spargelbeet / Zuwanderer und Gauburgen

Der Weg ins Frankenreich

Neue Siedler braucht das Land: Franken und Slawen / Im Frankenreich / Ein Herzogtum für Franken / Glaubensboten aus fernem Land / Heidenheim – Keimzelle der Christianisierung / Eingebunden in das Karolingerreich / Der Karlsgraben / Von Ostfranken zum Herzogtum Franken

Kaiser, Grafen, Bürger – Das hohe Mittelalter

Kronland Franken / Nürnberg tritt aus dem Schatten der Geschichte / Sigena und Sankt Sebald / Ein neues Bistum, eine neue Burggrafschaft / Im Kampf zwischen Papst und Kaiser / Machtbasis im Stauferreich / Die Hohenzollern kommen / Ritter des schwarzen Kreuzes / Wolfram, der Dichter aus Franken / Niedergang der Königsmacht / Fünf freie Städte in Franken / Rätsel um einen Silberschatz / Kaiserliche Patrone / Konrad Groß, Bankier des Kaisers / Die Juden als Sündenböcke / Landjuden in Franken / Ein neues Böhmen / Goldene Straße und Goldene Bulle / Aufstieg und Fall des Heinrich Toppler

Krieg um Franken, Kunst in Franken – Das 15. Jahrhundert

In der Gunst der Kaiser: Aufstieg der Hohenzollern / Achilles sucht den Krieg / Der Staat der Reichsstadt / Frommes Franken: Von Pilgern und Stiftern / Reichskreis Franken / Klöster für das Seelenheil / Die Heiligtümer des Reichs / Ein goldenes Zeitalter / Albrecht Dürer – ein Migrantensohn macht Karriere

Dramatische Zeiten – Reformation und Dreißigjähriger Krieg

Gespaltener Glaube / Lazarus Spengler und Andreas Osiander / Gespaltenes Franken / Aufstand des gemeinen Mannes / Alcibiades träumt vom Franken-Reich / Hexenjagd im Frankenland / Das große Sterben: 30 Jahre Krieg / Marschall Pappenheim – Feldherr aus Mittelfranken / Der Krieg kommt nach Franken / Verheertes Land / Meistertrunk und Kinderzeche / Der Friede wird in Nürnberg besiegelt / Von Windsheim in die weite Welt

Fürstenmacht und Umsturzzeiten – 1700 bis 1806

Offene Türen für Glaubensflüchtlinge / Hugenottenstadt Erlangen / Barocke Pracht und leere Kassen / Der „wilde Markgraf“ / Die Affären des „wilden Markgrafen“ / Barock in Mittelfranken / Die Not der armen Leute / Der letzte Markgraf / Franken in Amerika / Preußisch-Franken / Wellenschläge der Revolution / Umsturz in Nürnberg / Bayern wider Willen / Kriminelle Zeiten

Unterm Bayernlöwen

Für Napoleon sterben? / Märtyrer der freien Rede – Johann Philipp Palm / Ein „Marshall-Plan“ für Mittelfranken / Die Entdeckung des romantischen Franken / Ein Museum der deutschen Nation / Enttäuschte Hoffnungen / Der Rätselhafte – Kaspar Hauser / Protest, Rebellion und Separatismus / Auf sieben Kilometern in die Zukunft / König Ludwigs Kanal-Träume / Unternehmer und Pioniere / Kaderschmieden der neuen Zeit / Der lange Weg zur Emanzipation / Im Sog der Fabriken / Wilhelm Löhe und die Diakonie

Vom Kaiserreich zur Stunde Null

Im neuen Reich / Chlodwig von Hohenlohe-Schillingsfürst – Reichskanzler aus Franken / Republik in der Krise / Julius Streicher – „Frankenführer“ und Judenhetzer / Im NS-Reich / Die Synagogen brennen / KZ-Außenlager in Mittelfranken / Henry Kissinger – von Fürth zum Friedensnobelpreis / Im Bombenhagel

Von der Stunde Null ins neue Millennium

Neubeginn aus Trümmerbergen / Neue Heimat Mittelfranken / Der NS-Staat vor Gericht / Das Dorf der Instrumentenbauer / Der wunderbare Aufschwung / „Gäste“, die bleiben / Bruderkampf im Sportgeschäft – Die Dasslers / Verschwundene Kreise und neue Wege / Hafenstädte in Mittelfranken / Gegen den Muff / Wirtschaft in der Krise / Neue Horizonte, neue Herausforderungen

Anhang

Übersichtskarte / Zeittafel / Generalkreiskommissare und Bezirkstagspräsidenten / Literatur (Auswahl) / Register / Bildnachweis

Vorwort

Es war die enge Anlehnung an Napoleon I., den Vollender und Überwinder der Französischen Revolution, die dem Kurfürsten Max I. Joseph von Bayern 1806 die Königskrone und viele neue Untertanen im Frankenland bescherte. Der neue, moderne Staat der Wittelsbacher sollte nun auch nach modernen Prinzipien regiert werden. Dazu gehörte die Einteilung in überschaubare Verwaltungseinheiten, ähnlich den französischen Departements. Ebenfalls dem französischen Vorbild entsprach die Benennung nach Flüssen: Obermainkreis, Untermainkreis, Rezatkreis. Als Teil seiner „Charmeoffensive“, um die noch immer zögerlichen Neu-Bayern im Norden für sich und sein Haus zu gewinnen, genehmigte der nächste Bayernkönig, Ludwig I., die Umbenennung in Ober-, Unter- und Mittelfranken, womit der alte Stammes- und Regionalname Auferstehung feiern konnte.

In ihren neuen Verwaltungsbezirken fanden sich die Franken mit Nachbarn höchst unterschiedlicher Geschichtserfahrung zusammengespannt. Am einheitlichsten war noch Unterfranken, das hauptsächlich aus Gebieten der ehem. Fürstbistümer Würzburg und Mainz zusammengesetzt und überwiegend katholisch war. In Oberfranken bestand dagegen ein schroffer Kontrast zwischen der ehem. Markgrafschaft Bayreuth, hohenzollerisch-preußisch geprägt und evangelisch, und dem katholischen Ex-Fürstbistum Bamberg.

Eine Polarisierung gab es aber auch in Mittelfranken: Hier die Lande der früheren Markgrafschaft Ansbach, dort die fünf ehem. Freien Reichsstädte Nürnberg, Rothenburg, Dinkelsbühl, Weißenburg und Windsheim. Die mochten zwar alle der Reformation gefolgt sein, hatten aber jahrhundertelange Konflikte, inklusive verheerender Kriegsaktionen, nicht vergessen. Einen relativ kleinen katholischen Gegenpol lieferten die Lande, die vom Eichstätter Bischof oder vom Deutschen Orden regiert worden waren. Hinzu kamen etliche ehem. Reichsritter- und Reichsfürstenlande.

Die Geschichte der in unserem Regierungsbezirk zusammengefassten Lebensräume ist also komplex und verlangt einen häufigen Wechsel des Blickpunkts. Die rein räumlichen Beschränkungen einer „Kleinen Geschichte“ müssen auch dazu führen, dass nicht jede Gemeinde oder Herrschaft angemessen abgehandelt werden kann, wofür ich um Verständnis bitte. Es erschien mir wichtig, die bedeutendsten Ereignisse und Entwicklungen der mittelfränkischen Geschichte in größere Zusammenhänge einzufügen und so verständlicher zu machen. Manches interessante und aufschlussreiche Detail musste daher beim Redigieren auf der Strecke bleiben. Mein Dank gilt den vielen ZuarbeiterInnen der Fachliteratur und dem Kulturreferat der Bezirksregierung von Mittelfranken sowie der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg für ihre Unterstützung. Bedanken möchte ich mich auch beim Lektoratsteam Pustet für die inspirierte Zusammenarbeit.

Trotz des harzigen Beginns hat sich in den über 200 Jahren seines Bestehens im Regierungsbezirk Mittelfranken ein Gemeinschaftsgefühl entwickelt, das die unterschiedlichen historischen Hintergründe nicht nur respektiert, sondern sie auch als Bereicherung eines gemeinsamen kulturellen Erbes versteht. Ich hoffe, dass dieses Buch seinen Leserinnen und Lesern Anstoß geben mag, sich intensiver mit diesem Erbe zu beschäftigen.


Nürnberg, im Sommer 2020 Franz Metzger

Bevor die Franken kamen – Ur- und Frühgeschichte
Prolog: Ein ganz besonderer Vogel

Seinen ersten Beitrag zur Weltgeschichte leistete Mittefranken vor rund 150 Mio. Jahren: Da bedeckte das ausgedehnte Jurameer unser Gebiet. In den Wassern jagten Flugsaurier nach Fischen, und das ging nicht immer gut. Verunglückte Flugsaurier stürzten ins Meer, und ihre Kadaver versanken in Sedimentschichten, in denen die härteren Körperteile versteinerten. Diese Schichten, schließlich von tektonischen Bewegungen angehoben, bildeten die langgezogene Gebirgskette des Jura. Durch deren östlichsten Teil, die Fränkische Alb, gruben sich Flüsse ihren Weg, darunter die Altmühl auf ihrem Weg zur Donau. Das Tal bot fruchtbares Siedlungsland, und es entwickelten sich Dörfer und Städtchen, darunter Solnhofen.

Zum wichtigen Arbeitgeber der Region wurden die Steinbrüche; der Solnhofer Plattenkalk war weithin gesucht für Fliesen und Wandverkleidungen. Schon die Römer nutzen ihn zur Ausgestaltung ihrer Bäder; als Baumaterial fand er seit dem Mittelalter weite Verbreitung. Einen gewaltigen Aufschwung fand der Plattenkalk-Abbau, als Alois Senefelder (1771–1834) die Lithographie erfand, eine Reproduktionstechnik, für die der fränkische Kalk die ideale Grundlage bot.

Mit dem intensiveren Abbau häuften sich auch die Funde von Fossilien. Solnhofen wurde zum Mekka der Urgeschichtsforscher, die sich auf die geschulten Augen der Steinbrucharbeiter verlassen konnten. 1860 wurde so im Gemeindesteinbruch eine fossile Feder entdeckt, eine kleine Sensation, da aus der Jura-Epoche bislang keine Vögel bekannt waren. Der Frankfurter Paläontologe Hermann von Meyer gab dem Fund und dem dazugehörigen noch unbekannten Tier den Namen Archaeopteryx („Urfeder“). Ein weiterer Fund ein Jahr später machte die Sensation perfekt: Im Kalk eingebettet fand sich da der Körperabdruck eines Geschöpfes, dessen Körperbau, Flügelarme und zahnbesetzter Schnabel es eindeutig als flugfähigen Saurier auswiesen. Statt einer Saurierhaut trug das Tier aber ein Federkleid.

Kronzeuge der Evolutionstheorie: Mit dem Fund des „Urvogels“ Archaeopteryx schrieb Solnhofen Wissenschaftsgeschichte.

Um die Dramatik dieses Fundes zu begreifen, muss man sich vergegenwärtigen, dass nur zwei Jahre zuvor Charles Darwins Grundsatzwerk „Von der Entstehung der Arten“ erschienen war, mit dem er die Evolutionstheorie postulierte. Umgehend hatte sich eine hitzige Kontroverse entwickelt. Was Darwin und seine Gefolgsleute benötigten, waren „missing links“, Belege für den Übergang von einer Spezies zu einer anderen. Der Archaeopteryx hätte als Glied zwischen Sauriern und Vögeln nicht besser erfunden worden sein können. Doch er war real – so real, dass Richard Owen, einer der hartnäckigsten Gegner Darwins, umgehend den Solnhofer Fund kaufte, um ihn in einer Schublade verschwinden zu lassen. Ein sinnloses Manöver, da der fränkische Plattenkalk in den folgenden Jahrzehnten weitere Exemplare des „Urvogels“ preisgab.

Dass sich die Evolutionstheorie schließlich durchsetzte, war also auch Steinbrucharbeitern und -besitzern aus Mittelfranken zu verdanken.

Jäger, Sammler, Ackerbauern

Vom bislang ältesten menschlichen Bewohner Mittelfrankens ist gerade einmal ein Backenzahn geblieben: Den fanden Archäologen der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg 1986 in den Fundschichten der Höhlenruine von Hunas bei Pottenstein (Kr. Nürnberger Land). Der Zahn gehört eindeutig einem Mitglied der Spezies Homo sapiens neanderthalensis und wird anhand der Fundschichten auf etwa 120.000–100.000 Jahre vor unserer Zeit datiert. In tieferen, also noch älteren Schichten (ca. 200.000 Jahre) wurden einfache Steinwerkzeuge gefunden. Die Hunas-Höhle bewahrte demnach die ältesten Belege menschlicher Aktivität in Bayern.

Der Besitzer des Zahns und seine Sippe lebten während der Würm-Eiszeit im fränkischen Jura. Im Vorland der gewaltigen Gletscher, die sich aus den Alpen herausgeschoben hatten, bestand damals eine weitgehend baumlose Tundra, die erfahrenen Großwildjägern, wie es die Neandertaler waren, gute Bedingungen bot.

Mit dem Rückzug der Gletscher änderten sich die Landschaft und das Siedlungsmuster: Statt in Höhlen lebten die Mittelsteinzeitmenschen als Jäger und Sammler in einfachen Unterständen und Hütten, für die sandiger Boden, wie er in Mittelfranken weit verbreitet ist, vorteilhafter ist als Wald und Sumpf. Außer einigen Steinwerkzeugen sind aus dieser Epoche wenig Zeugnisse erhalten.

Die Jungsteinzeit sah eine der großen Umwälzungen der Menschheitsgeschichte: Aus der Pannonischen Tiefebene (heute Ungarn) brachten Siedler ab etwa 7000 v. Chr. Ackerbau und Viehzucht nach Mitteleuropa. Damit einher ging die Sesshaftigkeit – der Mensch musste seiner Nahrung nicht folgen, sondern hatte sie vor der Haustür. Karge Sandböden eigneten sich allerdings weniger für die neue Kultur. Entsprechend verschob sich das Siedlungsmuster in Mittelfranken, in dem sich von nun an eine bestimmte Kontinuität feststellen lässt. Eines der besten Beispiele bietet Landersdorf bei Thalmässing, wo Siedlungsspuren aus der Eisen- über die Bronzebis in die Jungsteinzeit der „Chamer Gruppe“ (ca. 3500–2500 v. Chr.) ausgegraben wurden. Auf Initiative der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg entstand hier inzwischen ein Geschichtsdorf rekonstruierter Gebäude, an denen sich die Lebensumstände von Steinzeitbauern, Kelten und Bajuwaren miterleben lassen.

Für die Aufbewahrung ihrer Nahrung entwickelten die frühen Bauern die Töpferei von Tongefäßen, die sie mit bandartigen Mustern versahen; die Wissenschaft nennt sie daher die Bandkeramiker. Während diese Kultur in unserem Gebiet Spuren hinterließ, scheint sich die nachfolgende „Glockenbecherkultur“ in Mittelfranken nur langsam ausgebreitet zu haben. Dies könnte daran gelegen haben, dass ihre Vertreter etwas suchten, was in Mittelfranken selten war: Erze, aus denen sich Metalle herausschmelzen lassen – wir stehen am Beginn der Metallzeit. Deren erste Epoche, die Bronzezeit, dürfte Franken erst um 1700 v. Chr. erreicht haben. Hortfunde, wie jene von Nürnberg-Mögeldorf oder Henfenfeld, belegen dann auch für unseren Raum das Sammeln von „Altmetall“ zum Einschmelzen und Wiederverwenden.

Bronzezeit in Franken

Die Bronzezeit sah nicht nur einen Wandel in den Gebrauchsgegenständen, vom Schmuck bis zu den Waffen, sie sah auch die Entwicklung eines ganz Europa umspannenden Handels- und Kommunikationsnetzes. Der Transport der Basismetalle Zinn und Kupfer zu den Verarbeitungsstätten verband sich mit einem Austausch anderer Güter; ein Beispiel dafür ist das Schwert von Hammer, bei dem sich mykenische Elemente mit einheimischer Tradition verbanden. Ein erster europäischer Wirtschaftsraum entwickelte sich, und dieser Raum kam auch sozial und politisch in Bewegung: Es bildeten sich spezialisierte Berufsgruppen wie Metallverarbeiter und Fernhändler heraus. Spezialisierung wie Austausch führten dazu, dass bestimmte Personenkreise Reichtum und größeren Einfluss gewannen. Es entstand eine Führungselite, welche die Geschicke der Gemeinschaft bestimmte, aber auch eine Expansion ihres Machtbereichs anstrebte. Diese Hierarchisierung der Gesellschaft gipfelte in der Ausbildung eines Fürstenstandes, dessen Repräsentanten in mächtigen Hügelgräbern beigesetzt wurden.

Ab dem Beginn des 2. Jtds. hatte sich so in Mitteldeutschland die Aunjetitzer Kultur ausgebildet, die für rund 400 Jahre ein erstes „Reich“ mit eigener Hochkultur auf deutschem Boden schuf. Mangels schriftlicher Aufzeichnungen wissen wir allerdings wenig über Strukturen und Organisation dieser und nachfolgender bronzezeitlicher Kulturen. Spektakuläre Funde wie die Himmelsscheibe von Nebra oder die verschiedenen Goldhüte weisen aber auf eine differenzierte Gesellschaftsordnung mit hochentwickeltem technischem, wissenschaftlichem und spirituellem Wissen hin.

Eiserne Zeiten und keltische Städte

Neben der Aunjetitzer Kultur konnten die Archäologen in der frühen Bronzezeit weitere Kulturkreise mit ebenfalls vor-staatlichen Strukturen bestimmen. Eine dieser Kulturen ist die sog. Riesgruppe, deren bislang wichtigster Fundort das Gräberfeld von Wettenheim (Stadt Treuchtlingen) ist. Diese Ganzkörperbeisetzungen wurden nach 1300 v. Chr. durch das Vordringen einer neuen Kulturform, vermutlich durch Zuwanderung, verdrängt, welche die Spätbronzezeit bestimmte: Die Angehörigen der „Urnenfelderkultur“ verbrannten ihre Toten und setzten die Asche bei.

Der Goldhut von Ezelsdorf

An der Grenze zwischen Mittelfranken und der Oberpfalz kam es im Februar 1953 zu einem archäologischen Sensationsfund: In seinem Waldstück der Gemarkung Ezelsdorf-Buch (Gde. Burgthann) sah sich der Maurermeister Michael Dörner beim Roden von einem großen Stück goldglänzenden „Blechs“ behindert. Seine Frau sammelte die zerhackten Fundstücke ein und zeigte sie – neugierig geworden, ob es nicht doch Gold sein könnte – ihrem Zahnarzt. Als sich die „Diagnose“ bestätigte, wurde glücklicherweise das Germanische Nationalmuseum informiert, wo man nach mühseliger Rekonstruktion eines der großen Rätsel der Bronzezeit bewundern konnte: einen fast 90 cm hohen, mit vielen Punzierungen geschmückten Goldkegel.

Die frühgeschichtliche Archäologie kennt nur vier dieser aufwendigen Kultgegenstände: Einer wurde bei Schifferstadt gefunden, ein weiterer bei Avanton in Westfrankreich. Der Fundort des vierten Kegels, der in Berlin aufbewahrt wird, ist ungeklärt, dürfte aber ebenfalls im süddeutsch-französischen Raum vermutet werden. Sinn und Zweck dieser Goldkegel wurden lange und widersprüchlich diskutiert. Heute tendiert die Forschung zu der Deutung, dass die spitzen Kegel von Priestern bei Zeremonien als Hüte getragen wurden; die aufwendige Ornamentierung dürfte einen Kalender darstellen. Diese Ausrichtung auf die Dokumentation von Himmelskörpern fügt die „Goldhüte“ in die hochstehende bronzezeitliche Kultur zwischen ca. 1500 und 1000 v. Chr. ein, die uns u. a. auch die Himmelsscheibe von Nebra hinterlassen hat. Mittelfranken muss also Teil dieses Kulturkreises mit seinem hoch entwickelten Handelsnetz gewesen sein. Wo sich das Zentrum befunden haben könnte, in dem die Priester den Ezelsdorfer Goldhut den Zeitgenossen präsentierten, ist bis heute ein Rätsel.

Der Goldhut von Ezelsdorf belegt die Einbindung Mittelfrankens in die Hochkultur der Bronzezeit.

Dass die Zeiten härter wurden, belegen Spuren auf dem nahen Hesselberg, wo jetzt Befestigungs- und Verteidigungsanlagen angelegt wurden. Diese sind auch ein Hinweis auf den nächsten großen Einschnitt der Frühgeschichte: Aus dem Nahen Osten hatte sich die Kunst der Eisenverarbeitung ausgebreitet und wurde von Völkerschaften vorangetrieben, deren Eisenwaffen der Bronze deutlich überlegen waren. Im Gegensatz zu Zinn und Kupfer ist Eisenerz sehr viel weiter verbreitet – auch im fränkischen Raum –, so dass sich diesbezüglich eine höhere „Waffengleichheit“ herausbildete. Die eisenzeitlichen Epochen der Hallstatt- (ab ca. 800) und La-Tène-Zeit (ab ca. 450) brachten so eine einheitliche Zivilisation hervor, deren Träger sich nun auch ethnisch als Kelten einordnen lassen.

Die keltische Kultur war in ihren Strukturen eine Fortschreibung der Urnenfelder-Zeit: Die Menschen lebten zum Teil in offenen Siedlungen, schützen sich aber in Wallburgen, die bis mehrere Tausend Menschen umfassen konnten und vorzugsweise auf leicht zu verteidigenden Hochplateaus errichtet wurden. Es gab eine arbeitsteilige Gesellschaft mit spezialisierten Handwerkern, geführt von einer fürstlichen Elite und spirituell von Druiden betreut. Eine bedeutende Keltenstadt bestand auf der Houbirg bei Hersbruck, die ihrerseits auf einer spätbronzezeitlichen Wallburg aufbaute. Von dort aus durchzogen wichtige Handelswege ganz Mittelfranken zu anderen Keltenzentren wie Manching, dem Staffelberg oder dem Würzburger Marienberg. Kleinere Verteidigungsstellungen waren als Viereckschanze angelegt, wie sie z. B. in Ohlangen bei Thalmässing ausgegraben wurde.

Die keltische Kultur blühte und wurde damit wohl Opfer ihres eigenen Erfolgs. War es ein zunehmender Bevölkerungsdruck? Eine Erschöpfung der Böden durch Übernutzung? Ende des 5. Jhs. v. Chr. erfasste jedenfalls eine große Unruhe die keltischen Völkerschaften in Mitteleuropa. Mehr und mehr Gruppen setzten sich in Bewegung, stießen auf der Suche nach neuem Lebensraum bis Rom, Spanien und Kleinasien vor. Die große Wanderung dünnte die Bevölkerung auch im fränkischen Raum aus, wie die seltener werdenden Funde zeigen.

In dieses Vakuum stießen germanische Siedler vor, während gleichzeitig eine andere Hochkultur in Gestalt einer Weltmacht ihre Legionsadler bis an die Rezat führte.

Vorposten des Römischen Reichs

Das letzte Jahrzehnt des 1. Jhs. n. Chr. brachte für Mittelfranken einen bedeutenden Einschnitt seiner Historie: Aus der Vorgeschichte, die nur durch archäologische Forschung und Interpretation erschlossen werden kann, wurde der südliche Teil unseres Gebietes in eine komplexe Hochkultur katapultiert. Die hier Lebenden wurden Bürger eines Imperiums, das sich von der Iberischen Halbinsel bis zum Euphrat und von der Nordsee bis zur Sahara erstreckte.

Tor zum Imperium: Rekonstruktion der Limesbefestigung am römischen Kastell Biriciana (Weißenburg).

Noch unter Kaiser Augustus (reg. 26 v.–14 n. Chr.) hatten die Strategen des Römischen Reichs das von Kelten besiedelte Voralpenland bis zur Donau unterworfen. In der neuen Provinz Raetia blühte umgehend die römische Zivilisation auf. Neben der militärischen Infrastruktur mit einem hochwertigen Straßennetz entstanden Städte mit allen urbanen Annehmlichkeiten und einer differenzierten Bevölkerung aus Handwerkern, Kaufleuten, Dienstleistern und Staatsbeamten. Händler brachten Güter aus allen Teilen des Imperiums und exportierten heimische Produkte in den gesamten römischen Wirtschaftsraum. Villen und Landgüter der Oberschicht verteilten sich über fruchtbare Anbaugebiete und brachten auch der Landbevölkerung römische Zivilisation nahe.

Unter Kaiser Domitian (reg. 81–96) überschritten römische Legionäre und Ingenieure die Donau, um die Reichsgrenze, den „Limes“, weiter in germanisches Gebiet vorzuschieben. Es ging dabei nicht um großflächige Eroberung, sondern um die Verbreiterung des Verteidigungsvorfeldes der Provinz Raetia. Gleichzeitig sollte eine verkürzte Verbindung zur Grenze der Provinz Germania hergestellt werden, die vom Taunus durch den Odenwald bis zur Schwäbischen Alb verlief. Der Vorstoß der Römer endete am Fuße der Frankenalb; die Grenze verlief nun vom Hesselberg durch die Täler von Wörnitz, Altmühl und Rezat, um hinter Weißenburg über die Alb zur Mündung der Altmühl in die Donau zu verlaufen. Ihren nördlichsten Punkt erreichte die neue Reichsgrenze beim Kastell von Gunzenhausen.

Eine Mauer gegen Räuber und Migranten

Die erste Befestigung bestand aus einem Palisadenzaun mit Wachttürmen und dazwischen eingefügten Toranlagen, welche die Verbindung zum „Barbarenland“ herstellten. Es dauerte bis weit ins 2. Jh., ehe der Limes seine klassische Form als durchgängige Steinmauer mit hölzernen Wehrgängen zu den in regelmäßigen Abständen eingefügten Wachttürmen fand. Durchgänge waren jetzt als massive Torbefestigungen angelegt. In 1 bis 5 km Abstand zur Grenzmauer entstanden Kastelle, befestigte Militärlager für 250 bis zu 1000 Legionäre und Hilfstruppen, welche die Wachttürme besetzten und als schnelle Eingriffstruppe reagieren konnten. Die Kastelle folgten einem architektonischen Masterplan: Das quadratisch bis rechteckige Feldlager wurde von zwei sich kreuzenden Hauptachsen unterteilt, die zu vier Eingangstoren führten. Kommandantur und die wichtigsten Verwaltungsund Vorratsgebäude befanden sich am Kreuzungspunkt.

Über die genaue Funktion der Limesanlage wurde lange kontrovers diskutiert. Heute herrscht weitgehende Übereinstimmung, dass es sich dabei weniger um einen Verteidigungswall gegen Barbarenhorden handelte, sondern vielmehr um ein „Frühwarnsystem“ und eine Kontrolle von Handel und Migration. Die Bewegung von Menschen und Waren konnte so überwacht und gesteuert werden, und sollten sich doch einmal auf Raub ausgerichtete Banden zeigen, würde die Nachricht durch optische Signale von Wachtturm zu Wachtturm und zu den Kastellen weitergegeben. Während man dort in Alarmbereitschaft trat, konnten, wenn nötig, die Legionen im Hinterland in Marsch gesetzt werden. Die eindrucksvolle Grenzanlage machte zudem jedem Ankommenden klar, dass von hier an römisches Recht und römische Interessen zählten.

Neben dem Kastell entwickelte sich in der Regel eine Zivilsiedlung (vicus), in der sich Handwerker und Händler niederließen, welche die Truppen versorgten, aber auch den Güteraustausch mit der Bevölkerung jenseits der Limes-Tore organisierten. Diese Vici konnten eine beachtliche Einwohnerzahl erreichen und besaßen dann auch die Annehmlichkeiten, die ein römischer Stadtbewohner erwartete: Thermen, Theater, Tempel und Foren. Ein gut erschlossenes Beispiel für das Leben in Römisch-Mittelfranken bietet Biriciana, das Kastell und die Zivilsiedlung auf dem Stadtgebiet von Weißenburg. Im Kastell war die I. Spanische Kavallerieeinheit „Aureliana“ stationiert. Unter den wohl 2500–3000 Bewohnern Biricianas um 200 werden sich Menschen aus vielen Teilen der römischen Welt befunden haben, und man kann davon ausgehen, dass diese Internationalität auch in Stammesland vor der Grenze Niederschlag fand.

Der Limes fällt

Während der Limes seine endgültige Gestalt annahm, braute sich jenseits der Grenze Unheil zusammen. Mehr und mehr Germanenstämme begaben sich auf die Suche nach neuem Siedlungsland und zogen andere Volksgruppen mit sich. Das erschlossene Kulturland des Imperiums erschien besonders verlockend. Einen ersten großflächigen Angriff auf die Reichsgrenze entlang der mittleren und unteren Donau konnten die Römer in drei Markomannenkriegen zwischen 168 und 180 n. Chr. zurückschlagen. Die Hauptaktionen spielten sich im Raum zwischen Böhmen und Ungarn ab; die dadurch ausgelösten Migrationsbewegungen könnten erstmals germanische Siedler in den südfränkischen Raum verschlagen haben.

Zeuge stürmischer Zeiten ist der „Römerschatz“, den ein Bewohner Biricianas hastig vergrub.

Das Ende des Limes kam dann aber aus anderer Richtung: Im Vorland zwischen Mittelrhein und oberer Donau sammelten sich seit dem Beginn des 3. Jhs. germanische Stammesverbände, die später unter dem Begriff Alamannen zusammengefasst wurden. Die Zahl ihrer Krieger war schließlich so groß, dass sie es wagten, die Grenze auf die Probe zu stellen, deren Abwehrfunktion kläglich versagte – auch eine Folge der zerrütteten innenpolitischen Verhältnisse Roms. 233/34 überrannten die Alamannen in breiter Front den obergermanisch-raetischen Limes und zogen plündernd durch die Provinzen. Grenzwall, Kastelle und Zivilsiedlungen konnten nochmals repariert werden. Die nächsten Angriffe brachten dann aber den Untergang: Kastelle und Siedlungen wurden geplündert und niedergebrannt, die vielen Hortfunde zeugen vom verzweifelten Versuch der Bewohner, zumindest einen Teil ihrer Schätze zu retten. Dass sie sie nicht mehr bergen konnten, lässt düstere Rückschlüsse auf ihr Schicksal zu.

Zeitlich eingrenzen lässt sich diese Katastrophe durch Münzfunde: Die letzten Prägungen des großen Horts von Gunzenhausen stammen von 241; in Biriciana/Weißenburg können sie auf 253/54 datiert werden. Die römische Militärführung beschloss, die Grenze wieder an die Donaulinie zurückzuverlegen, wo sie bis ins 5. Jh. mit Müh und Not gehalten werden konnte. Für Franken war die Zeit als Teil des Römischen Reichs aber Vergangenheit.

Der Römerschatz im Spargelbeet

Im Oktober 1979 legte ein Weißenburger Lehrer in seinem Garten am Stadtrand ein Spargelbeet an. Beim Ausheben stieß er in rund 30 cm Tiefe auf Metallgefäße und andere Kleinteile, die er als römisch einschätzte. Weiteres Graben brachte immer neue Gefäße, Statuetten und Kunstwerke zutage. Insgesamt wurden 20 Bronzefiguren geborgen, in der Mehrzahl Götterdarstellungen, dazu Bronzegefäße, Bronzebeschläge und silberne Votivplättchen. Besonders eindrucksvoll sind die drei Gesichtshelme aus Bronze als Teil von Paraderüstungen. Unter den eisernen Objekten fanden sich ein Klappstuhl und eine Waage.

Trotz der unfachgemäßen Bergung des Fundes ließen sich die Umstände einigermaßen genau abklären: Die Gegenstände wurden wohl in einer Holzkiste in einer Grube unter Bauschutt verborgen, was auf einen Rettungsversuch während eines feindlichen Angriffs (Verwahrfund) schließen lässt. Ein solcher Angriff auf das Grenzkastell Biriciana und seine Zivilsiedlung ist für das Jahr 233 n. Chr. überliefert; die finale Eroberung und Zerstörung erfolgte während des Limessturms 253/54. Die Zusammensetzung des Hortes lässt auf einen Tempelschatz schließen; mehrere Gegenstände sind der keltisch-römischen Fruchtbarkeitsgöttin Epona geweiht. Seit der Restaurierung sind die Fundstücke Ausstellungs-Mittelpunkt des Römermuseums Weißenburg (www.museum-weissenburg.de).

Wenige Kilometer nördlich von Biriciana/Weißenburg und näher am Limes wurde bei Ellingen ein kleineres Kastell (Castra Sabionetum) entdeckt und vollständig freigelegt. Seine Besatzung bestand aus Soldaten der III. Italischen Legion.

Ein weiteres bedeutendes Kastell befand sich bei Ruffenhofen an der Wörnitz. Es war Stützpunkt der 9. Kohorte der Bataver, Kundschafter. Der westgermanische Volksstamm der Bataver lebte am Niederrhein; aus Ruffenhofener Fundstücken lässt sich aber ablesen, dass es in dieser Kohorte auch Berufssoldaten aus anderen Teilen des Imperiums gab. Das Kastell von Ruffenhofen ist von besonderem archäologischem Interesse, da es nie überbaut wurde. Die Strukturen werden heute durch unterschiedliche Bepflanzung sichtbar gemacht und sind Teil des dortigen Römerparks und Limeseums (www.limeseum.de).

Zuwanderer und Gauburgen

Das entstandene Machtvakuum füllten ab dem 4. Jh. Neusiedler von eindeutig germanischer Zugehörigkeit. Diese Zuwanderung war offensichtlich organisiert und von einer Adelsschicht geleitet. Nur so ist die Anlage von „Gauburgen“ zu erklären – befestigte Höhensiedlungen auf Bergplateaus, in die sich die Bewohner der umliegenden Dörfer flüchten konnten. In Mittelfranken finden sich dafür Beispiele auf der Gelben Bürg bei Dittenheim (Kr. Weißenburg-Gunzenhausen) und auf der Houbirg bei Happurg (Kr. Nürnberger Land).

Aber bereits um 500 waren nahezu alle Gauburgen zwischen Franken und Baden-Württemberg zerstört und aufgegeben. Über die Ursache kann nur spekuliert werden. Eine Theorie hat die Stämme der Sueben und Vandalen in Verdacht, die bei ihrer Wanderung Richtung Gallien dieses Gebiet geplündert haben könnten. Überhaupt ist die Fundlage für die nachrömische Epoche sehr dünn, was aber keinen menschenleeren Raum bedeuten muss. Eher schwach besiedelt war das Land zwischen Altmühl und Rednitz auf jeden Fall; für die Zuordnung der Bewohner ist man auf römische Quellen angewiesen, die für diesen Bereich Alamannen, Juthungen und Burgunder aufzählen. Letztere wanderten im 5. Jh. Richtung Rhein, wo sie um Worms ihr erstes Reich begründeten.

In den herrschaftslosen Raum stießen nun die Thüringer vor, die sich vom Mittelelbegebiet immer weiter nach Süden ausbreiteten. Ihr König Herminafried (reg. ca. 510–534) erhob Anspruch auf das Land bis zur Donau. Er vermählte sich mit einer Nichte des Ostgotenkönigs Theoderich des Großen (reg. 491–526), wohl auch in der Hoffnung, einen mächtigen Verbündeten gegen eine neue Konkurrenz zu finden: Die Franken klopften an die Tür des Landes, das ihren Namen tragen würde.

Der Weg ins Frankenreich
Neue Siedler braucht das Land: Franken und Slawen

Im fernen Reims kam es an einem Weihnachtstag Ende des 5. Jhs. – das genaue Jahr ist umstritten – zu einem Ereignis, dessen Folgen die Geschichte unseres Gebiets prägten und ihm letztlich seinen Namen gaben: Chlodwig, Heerkönig der fränkischen Stämme, stieg in das Taufbecken, um sich und sein Volk zum Teil der Christenheit zu machen.

Dieses Volk war aus dem Zusammenschluss verschiedener Frankenstämme am Niederrhein entstanden. Bruktrer, Salier, Sugambrer, Tenkterer und Chattuarier waren von den Sachsen nach Westen abgedrängt worden und erkannten die Notwendigkeit der Zusammenarbeit in wirren Zeiten. Die Römer gaben diesem Verbund den Namen franci, was „die Kühnen“ oder „Mutigen“ bedeutete und offensichtlich Respekt ausdrückte. Die Römer versuchten jedenfalls, die Franken als Bundesgenossen (foederati) zur Verteidigung der Grenze zu gewinnen, und wiesen ihnen Siedlungsland auf gallischem Boden zu. Als das Weströmische Reich im 5. Jh. endgültig zerfiel, hatte sich im heute nordfranzösisch-belgischen Raum ein geschlossenes fränkisches Territorium gebildet, über das die Heerkönige aus der nach dem Vorfahren Merowech benannten Merowinger-Dynastie geboten.

Im Frankenreich

Einer engeren Verbindung mit der eingesessenen gallo-römischen Bevölkerung standen allerdings kulturelle Hindernisse entgegen, v. a. in der Religion. Hier eine Brücke zu schlagen, war das Hauptmotiv der Taufe Chlodwigs. Damit war die Einheit des Glaubens zwischen der Bevölkerung und ihren neuen Herren hergestellt. Das Frankenreich hatte an Stabilität wie an Dynamik gewonnen – und die Unterstützung der Kirche.

Nachdem er den Großteil des alten Gallien unterworfen hatte, wandte Chlodwig sich gen Osten, gegen die germanischen Stammesverbände diesseits des Rheins. Noch zu seinen Lebzeiten – er starb 511 – wurden die Alamannen unterworfen; seine Söhne zwangen bis 535 auch die Thüringer unter die fränkische Krone, welche die unterworfenen Gebiete an zuverlässige Gefolgsleute weiterverleihen konnte.

Diese „Eroberungen“ werden in erster Linie darin bestanden haben, dass Angehörige des fränkischen Adels zentrale Orte besetzten oder neu errichteten, um von dort eine rudimentäre Kontrolle über die Bevölkerung auszuüben, deren Alltag sich kaum änderte. Die Menschen lebten in kleinen Siedlungen, die sich um einen Herrenhof scharten, und bebauten das Land als freie Bauern oder auch als Sklaven. Ethnisch dürfte es sich um eine Vermischung germanischer Siedler mit einer keltisch geprägten Vorbevölkerung gehandelt haben.

Die Einbeziehung in den Machtbereich der Merowinger wie auch die seit der Mitte des 6. Jhs. beginnende Landnahme durch Neusiedler aus den fränkischen Kernlanden lassen sich am ehesten an Grabbeigaben ablesen. Die eindeutig fränkisch geprägten Reihengräberfelder von Westheim und Dittenheim belegen, dass die Flusstäler von Altmühl und Wörnitz als Sualafeldgau eine Hauptachse der „Frankisierung“ des Landes waren. Auch Ortsnamen, die sich aus -heim und einem Eigennamen zusammensetzen – meist demjenigen des jeweiligen Gründers –, weisen auf einen fränkischen Ursprung hin. Ein früher Stützpunkt der Franken wurde der Königshof Riedfeld beim späteren Neustadt an der Aisch. Das Rednitztal erreichte die Erschließung durch fränkische Siedler wohl erst im 7. Jh.

In diesem Gebiet traf man auf Konkurrenz aus dem Osten: Das zentralasiatische Reitervolk der Awaren hatte sich im 6. Jh. in der ungarischen Tiefebene niedergelassen und seinerseits Wanderungsbewegungen der zwischen Balkan und Ostsee siedelnden Slawen ausgelöst. Im 7. Jh. sickerten slawische Siedler entlang von Donau und Naab in den nordbayerischen Raum ein und gründeten zahlreiche Orte in Ober-, aber auch in Mittelfranken. Orts- und Gewässernamen, die auf -itz oder -gast enden, sind Hinweise auf slawische Herkunft, ebenso Ortsnamen, die -wenden oder -winden enthalten, die fränkische Bezeichnung für Slawen. Ihre Verbindung mit einem Ortsnamen legt daher nahe, dass dieser mit der Unterwerfung unter die Franken geprägt wurde. Die Slawen waren gegenüber diesen im Nachteil, da hinter ihnen keine Staatsmacht stand, die ihren verstreuten Siedlungen Zusammenhalt gegeben hätte.

Ein Herzogtum für Franken

Um die Grenze zum Slawengebiet zu sichern, aber auch um des immer selbstbewussteren fränkischen Adels Herr zu bleiben, gründete der Merowingerkönig Dagobert I. († 638/39) ein eigenes Herzogtum für den fränkisch-thüringischen Raum, als dessen erster Träger ein gewisser Radulf berufen wurde. Der fränkische Heerführer schlug die Slawen in mehreren Gefechten zurück und brachte deren Siedlungsgebiet an Main und Rednitz in zumindest lose Abhängigkeit.

Mit diesen Erfolgen wuchs das Selbstbewusstsein Radulfs, der sich, wie der fränkische Chronist Fredegar schreibt, verhielt „als sei er König in seinem Gebiet“. Die Merowinger reagierten mit der Berufung eigener Herzöge aus der Familie der Hedenen; ihr Regierungssitz wurde Würzburg (Virceburg). Von dort aus wurde die Konsolidierung der Frankenherrschaft im mittelfränkischen Raum vorangetrieben, der in die Gauorganisation einbezogen wurde – Nordgau für das gesamte Gebiet nördlich der Donau mit den Unterteilungen Rangau, Radenzgau und Sualafeldgau im heutigen Mittelfranken. Der relativen Eigenständigkeit Frankens unter den Hedenen wurde von Karl Martell († 741) ein Ende gesetzt, der als Hausmeier des Reichs die Merowinger entmachtete und eine straffe Staatsführung durchsetzte.

Glaubensboten aus fernem Land

Zur engeren Einbindung des mittelfränkischen Grenzlands sollte auch der christliche Glaube beitragen, der sich nur sehr oberflächlich im Umkreis der Führungsschicht ausgebreitet hatte. Die fränkischen Geistlichen waren häufig schlecht ausgebildet und mehr an einer formellen Erfüllung christlicher Handlungen als an einer echten Glaubensvertiefung interessiert. Die Landbevölkerung, ob Franken oder Slawen, lebte daher noch weitgehend in der spirituellen Welt ihrer Vorfahren. Eine systematische Missionierung war gefragt, und für diese Aufgabe konnten die Herrscher des Frankenreichs auf einen Stoßtrupp aus fernen Landen zurückgreifen, die ihrerseits erst vor kurzem christlich geworden waren: Die Missionierung Irlands war das Werk des hl. Patrick (ca. 385–460) und seiner Schüler gewesen. Patrick gründete zahlreiche Mönchs- und Nonnenklöster, Geburtsstätten einer reichen Kultur, von Kunst und Gelehrsamkeit.

Im von ihm begründeten Dom von Eichstätt fand der Missionar Willibald seine letzte Ruhestätte.

Der Elan ihres jungen Glaubens trieb die irischen Mönche aus der Geborgenheit ihrer Klöster hinaus. Als Missionare zogen sie durch das Frankenreich, wo sie auf Kollegen aus England trafen. 597 hatte Papst Gregor I. der Große 40 Benediktinermönche über den Kanal geschickt, dabei aber darauf gedrungen, dass die Verkündigung behutsam und in Anpassung an Landessitten erfolgen sollte. Gleichzeitig war darauf zu achten, engen Kontakt mit Rom zu wahren. Beides blieb prägender Faktor der angelsächsischen Mission im Frankenreich. In Mainfranken hatte die systematische Christianisierung schon im 7. Jh. begonnen; 741 wurde unter Federführung des hl. Bonifatius – der „Apostel der Deutschen“ stammte aus England und hieß ursprünglich Wynfrid – das Bistum Würzburg errichtet, dessen Sprengel bis an das Rednitztal und den Rangau reichte. Die Missionierung dieses Gebiets übertrug Bonifatius Angehörigen seiner eigenen Familie, den Geschwistern Willibald, Wunibald und Walburga. Sie errichteten zahlreiche Kirchen und Klöster, die zu Pflanzstätten der Glaubensverkündigung wurden, bzw. regten deren Gründung an. So stiftete ein Edelfreier namens Gumbert 748 an der Mündung des Onoldsbaches in die Rezat ein Benediktinerkloster, die Ursprungszelle Ansbachs.

Heidenheim – Keimzelle der Christianisierung

Das „Mutterkloster“ Mittelfrankens, Heidenheim, wurde 752 von Wunibald im Waldland des Hahnenkamms gegründet. Der Missionar verstarb dort 761 und wurde in der Klosterkirche beigesetzt. Die Leitung übernahm Wunibalds Schwester Walburga, welche die Gründung als Doppelkloster für Mönche und Nonnen bis zu ihrem Tod 779 weiterführte. Als Benediktinerkloster bestand es bis 1537, als es im Zuge der Reformation von Markgraf Georg säkularisiert wurde.

Das Vorbild Heidenheims regte fränkische Grundherren zu eigenen Gründungen an; so erfolgte z. B. die Errichtung des Benediktinerstifts Herrieden an der Altmühl 782 durch einen gewissen Cadolt. Zum angelsächsischen Glaubens-Stoßtrupp gehörte auch der Missionar Sola, auf den die Gründung des Klosters Solnhofen nach 797 zurückgeht.

Bonifatius trat für die Gründung eines eigenen Bistums in Eichstätt ein; um 742 wurde Willibald zu dessen erstem Bischof berufen. Es umfasste fränkische, alemannische und bayerische Gebiete und sorgte – neben der seelsorgerlichen Betreuung – dafür, dass das kirchliche wie alltägliche Leben in die fränkische Reichsorganisation integriert war.

Eingebunden in das Karolingerreich

Das spätere 8. Jh. sah nicht nur eine engere religiöse Einbindung in das Frankenreich: Karl der Große (reg. 768–814) versuchte auch, die Macht der Krone gegen den lokalen Adel stärker durchzusetzen. An den Straßen und Flüssen wurden im Abstand von Tagesreisen (25–30 km) befestigte Rast- und Vorratshäuser angelegt. Diese dienten dann auch den „Königsboten“ als Stützpunkte. Die missi Dominici waren Vertraute des Herrschers, die, stets zu zweit, die ihnen zugewiesenen Bezirke bereisten, um Botschaften des Kaisers zu überbringen, die Ausführungen der Gesetze zu kontrollieren und überhaupt den örtlichen Grafen und Grundherren auf die Finger zu sehen. Sollte der Kaiser, der sein Reich vom Sattel aus regierte, selbst vorbeikommen, dienten ihm größere, zu Pfalzen ausgebaute Königshöfe als Residenz auf Zeit. Die bedeutendste Pfalz der Karolinger- und Ottonenzeit im östlichen Franken war Forchheim, bis es im 11. Jh. von Nürnberg abgelöst wurde.

Unter dem Schutz des Großreichs entfaltete sich während des 9. Jhs. im fränkischen Raum eine weitere Phase der Landnahme und Ortsgründungen, die durch den Zusatz -dorf oder -hausen gekennzeichnet sind. Sachsen bei Ansbach und weitere Orte mit dem Zusatz -sachsen sind dagegen Gründungen, in denen aus ihrer Heimat deportierte Sachsen angesiedelt wurden. Dieser Stammesverband leistete dem fränkischen Machtanspruch 30 Jahre lang erbitterten Widerstand, den Kaiser Karl durch Umsiedelungen zu brechen hoffte.

Ein Wasserweg für das Karolingerreich: Darstellung des Baus des „Karlsgrabens“ in der mittelalterlichen Frieschronik.

Der Karlsgraben

Mit dem Römischen Reich war auch dessen hoch entwickeltes Straßensystem zusammengebrochen. Für schwerere Transporte wich man nach Möglichkeit auf Wasserwege aus. Mit flachen Booten versuchte man, schmale Flüsse wie Aisch, Altmühl, Wörnitz und die Rednitz mit ihren beiden Quellflüssen schiffbar zu machen. Die schwäbische Rezat nähert sich bei Dettenheim bis auf 3 km der Altmühl.

Um das mühselige Umladen auf Fuhrwerke für diesen kurzen Abschnitt zwischen Main und Donau zu vermeiden, ließ Karl der Große ab 783 „einen großen Graben zwischen Alcmona (Altmühl) und Radantia (Rezat)“ ausheben, wie die Reichsannalen festhalten. Nach einer Quelle des 9. Jhs. hatte er allerdings wenig Erfolg: „Wegen anhaltender Regenfälle und weil das sumpfige Erdreich von Natur aus viel Nässe enthielt, konnte das begonnene Werk nicht vollendet werden. So viel Erdreich die Arbeiter tagsüber ausgruben, so viel rutschte über Nacht wieder zurück.“ Archäologische Untersuchungen an erhalten geblieben Spuren der „Fossa Carolina“ lassen aber den Schluss zu, dass der „Karlsgraben“ doch fertiggestellt und wohl auch genutzt wurde.

Karls Traum von einem funktionierenden Wasserweg wurde erst 1846 vom Bayernkönig Ludwig I. umgesetzt.

Von Ostfranken zum Herzogtum Franken

Seit dem 8. Jh. findet sich in Quellen immer häufiger der Begriff Francia orientalis, Ostfranken. Mit der Aufteilung des Reichs Karls des Großen in zunächst drei, später zwei Herrschaften unter karolingischen Regenten wurde der Begriff dann auf den gesamten östlichen Reichsteil übertragen, der mit der Wiederbelebung des Kaisertitels unter Otto I. 962 zum „Heiligen Römischen Reich“ wurde. Dessen Teil nördlich der Alpen setzte sich aus Stammesherzogtümern zusammen – Sachsen, Schwaben, Bayern, Lothringen.

Für das Gebiet rund um den Main mit dem Zentrum Würzburg setzte sich der Begriff „Franken“, nunmehr ohne „Ost-“, durch, ohne dass sich eine vergleichbare Macht der Herzöge ausgebildet hätte. Deren Rolle wurde zu großen Teilen und mit Unterbrechungen vom Würzburger Bischof übernommen.

Kaiser, Grafen, Bürger – Das hohe Mittelalter
Kronland Franken

Der Niedergang der karolingischen Kaisermacht, die auch durch die Aufteilung des Reiches in Westfranken (Frankreich), Ostfranken (Reich der Deutschen) und Lothringen-Italien nicht aufgehalten werden konnte, erlaubte es dem örtlichen Adel, mehr und mehr königliche Rechte an sich zu ziehen. Er öffnete aber auch Machtkämpfen die Tore, die im fränkischen Raum in der „Babenberger Fehde“ zwischen der gleichnamigen Adelsfamilie und den Konradinern kulminierten.

Als der letzte ostfränkische Karolinger, Ludwig IV. „das Kind“, der 900 mit sechs Jahren in Forchheim gekrönt worden war, 911 erbenlos starb, wurde Konrad von Franken von den Großen des Reichs zum König der Deutschen gewählt. Franken war damit Kronland und wichtiges Machtzentrum des Herrschers geworden, und diese Rolle behielt es durch das ganze Mittelalter hindurch.

Mit dem Tod des Konradiners Eberhard 937 konnte Otto I. (reg. 936–973) die Macht in Franken neu verteilen. Babenberger und Popponen wurden zu Bischöfen und Grafen erhoben, daneben gewannen die Markgrafen von Schweinfurt aus einer Linie der Babenberger Land und Einfluss auch im östlichen Franken. In den zahlreichen Konflikten, die Otto mit seiner eigenen Familie auszufechten hatte, spielte Franken eine wichtige, dem Kaiser loyale Rolle. 954 schloss Otto mit seinem rebellischen Sohn Liudolf Frieden am Königshof Langenzenn („Zenna“) bei Fürth, wie er überhaupt häufig nach und durch Franken reiste.

Auch beim langwierigen Konflikt Ottos I. und seiner Erben mit dem Neffen bzw. Vetter Heinrich „dem Zänker“ war die Beherrschung Frankens wesentlich. Als der Sohn des Zänkers, Heinrich II., nach dem Tod Ottos III. 1002 Anspruch auf die Königswürde erhob, gewann Heinrich die Unterstützung des Babenbergers mit dem Versprechen, diesem das Herzogtum Bayern zu übertragen – was der später heiliggesprochene Kaiser aber nicht einhielt. Prompt kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Kaiser Heinrich und dem Markgrafen, in deren Verlauf auch ein Stützpunkt des Schweinfurters auf einem Sandstein-Plateau über dem Pegnitztal zerstört wurde.

Nürnberg tritt aus dem Schatten der Geschichte

Wann auf dem Nuorinberc („Felsenberg“) die erste Befestigung angelegt worden war, verliert sich im Nebel der Geschichte. Archäologisch gesicherte Spuren am rechten Pegnitzufer lassen sich inzwischen bis in die Mitte des 9. Jhs. zurückdatieren. Dies könnte auf eine ursprünglich slawische Besiedelung hinweisen, was für die „deutscheste der Städte“, in denen die Nazis ihre Rassengesetze verkündeten, nicht ohne historische Ironie wäre.

Ab dem 10. Jh. mehren sich die archäologischen Funde. Handwerker und Händler ließen sich nieder; vermutlich gab es schon zur Ottonenzeit einen Königshof. Die salischen Kaiser Konrad II. und Heinrich III. ließen dann auf dem Burgfelsen eine Pfalz errichten, die zum Zentrum ihrer Regierungstätigkeit in Franken wurde. Auf einem Hoftag wurde am 16. Juli 1050 im Namen Heinrichs III. das Dokument ausgestellt, auf dem erstmals „gegeben zu Nürnberg“ (actum Nuorenberc) vermerkt ist.

Die Pfalz auf dem Burgfelsen mit ihrem Bedarf an Handwerkern und Dienstleistern lockte mehr und mehr Zuwanderer in die Siedlung zu ihren Füßen, die den alten Königshof umfasste. Auf dem Südufer der Pegnitz entwickelte sich ein zweiter Siedlungskern um einen weiteren Königshof und eine Kapelle, die dem hl. Laurentius (St. Lorenz) geweiht war. Ursprünglich dürften beide Siedlungen für sich befestigt gewesen sein; die vorletzte Stadtumwallung aus dem 13. Jh. umschloss beide Stadtteile und wurde zum Rahmen einer reichsstädtischen Erfolgsgeschichte.

Sigena und Sankt Sebald

Gegenstand der „Geburtsurkunde“ Nürnbergs war eine Leibeigene namens Sigena, der auf Wunsch ihres Leibherrn Richolf vom Kaiser die Freiheit gegeben wurde. Weder über Richolf noch über Sigena gibt es weitere Informationen, auch nicht, welches Motiv hinter der Freilassung stand. Sigena ging dennoch in die Nürnberger Legenden ein und wurde Namensgeberin einer Schule und einer Straße.

Legenden umwuchern auch das wenig dokumentierte Leben des Stadtheiligen Sebaldus. Angeblich ein Edelmann, lebte er in der 1. Hälfte des 11. Jhs. als Einsiedler im unerschlossenen Reichswald südöstlich von Nürnberg. Die Klause des Eremiten zog viele Ratsuchende an, und bald verbreiteten sich Geschichten von Wundertaten. Als Sebaldus (wohl nach 1050) verstorben war, setzten die Nürnberger den Leichnam in einer Kapelle bei, die rasch zum Pilgerziel wurde. Eine Wallfahrt zu seinem Grab ist seit 1072 belegt, auch wenn die Heiligsprechung auf Drängen des Nürnberger Rates erst 1425 erfolgte. Die Stadt feierte das Ereignis mit achttägigen Prozessionen.

Im 13. Jh. wurde mit dem Bau der mächtigen gotischen Kirche begonnen, in welcher der silberbeschlagene Schrein mit den Gebeinen des Heiligen seit 1519 im Sebaldusgrab des Peter Vischer, einem Meisterwerk der Gießkunst, aufbewahrt wird.

Ein neues Bistum, eine neue Burggrafschaft

Doch zurück zum Anfang des 11. Jhs. und zu Heinrich II. Dieser wollte das Grenzgebiet zu den noch „heidnischen“ Slawen nicht nur militärisch, sondern auch missionarisch sichern. Dazu sollte die Siedlung zu Füßen der Stammburg der besiegten Babenberger, zu Bamberg verkürzt, Sitz eines Bischofs werden. Nach zähen Verhandlungen stimmten die deutschen Bischöfe 1007 zu: Bambergs Sprengel wurde aus den Bistümern Würzburg und Eichstätt entnommen. Die Bistumsgrenze zwischen Eichstätt und Bamberg verläuft bis heute quer durch Mittelfranken, inzwischen durch das Stadtgebiet von Nürnberg.

Zum Grab des hl. Sebaldus entwickelte sich seit dem Hochmittelalter eine lebhafte Pilgerschaft. Das Bronzegehäuse ist das Werk Peter Vischers d. Ä. (1455–1529) und seiner Werkstatt.

Heinrich hatte gehofft, „sein“ Bamberg zu einem der Regierungszentren des Reichs zu machen, das ja keine feste Hauptstadt besaß. Dass sich Heinrich mit seiner Gattin Kunigunde im Bamberger Dom beisetzen ließ, sollte ein weiterer Beitrag zu dessen künftiger Bedeutung werden. Diese blieb aber weitgehend auf die kirchenpolitische Rolle beschränkt.

Mit Heinrichs erbenlosem Tod hatte Bamberg seinen kaiserlichen Schutzherrn verloren. Die nachfolgenden Könige und Kaiser aus dem Haus der Salier (1024–1125) förderten das aufstrebende Nürnberg auf dessen Kosten. So wurde das Marktrecht des bambergischen Fürth, das die Furten am Zusammenfluss von Pegnitz und Rednitz kontrollierte, nach Nürnberg übertragen. Die ausgedehnten bambergischen Wälder um Nürnberg wurden dem Reichsgut zugeschlagen, wie weitere einst bischöfliche Territorien südlich von Forchheim. Ihre Verwaltung wurde Reichsministerialen übertragen, die, als Kern des späteren Landadels, Schutzburgen errichten durften.

Zu diesen aufstrebenden Familien gehörte das österreichische Geschlecht derer von Raabs, dem von Konrad III. die Verwaltung der Festung auf dem Nürnberger Burgberg als Zentrum des Reichslandes anvertraut wurde. Um 1105 wurde Gottfried von Raabs in den Rang eines Burggrafen erhoben. Weitere Ministerialen-Geschlechter, die im mittelfränkischen Raum Land- und Machtgewinn anstrebten, waren die Colmberger, die Truhendinger (Trüdinger), die von ihrer Burg Spielberg (bei Oberdachstetten) aus mit den schwäbischen Grafen von Oettingen konkurrierten, die Herren von Thann (Burgthann) oder die Abenberger, die zeitweise die Grafschaften von Radenz- und Rangau innehatten.

Im Kampf zwischen Papst und Kaiser

Heinrich IV. (reg. 1056–1106) förderte die Reichsministerialität als Gegengewicht zur Macht der Herzöge; die vielen Krisen seiner Regierungszeit öffneten dann Freiräume für den Ausbau dynastischer Herrschaften. Der lange und bittere Konflikt mit dem Papsttum, der als Investiturstreit in die Geschichte einging, spaltete das Reich ebenso wie der nachfolgende Konflikt des Kaisers mit seinem Sohn Heinrich V.

Im Investiturstreit hatte der Kaiser versucht, das Reichskirchensystem zu verteidigen, das auf seinem Recht beruhte, die Bischöfe mit ihren weltlichen Besitztümern zu belehnen, für die sie ihm Gefolgschaft zu leisten hatten. Für die Anhänger der kirchlichen Reformbewegung stellte dies einen Fall von „Simonie“, von Ämterkauf dar, der die Geistlichkeit in Abhängigkeit von weltlichen Interessen brachte. Die kompromisslosen Forderungen Papst Gregors VII. und die harte Haltung des Kaisers führten zu dessen Exkommunikation. Damit waren alle Gefolgschaftspflichten hinfällig geworden und den deutschen Fürsten war freigestellt, einen Gegenkönig zu proklamieren.

Durch das Reich ging ein tiefer Riss. Die papsttreuen Fürsten und Bischöfe setzen mit Rudolf von Rheinfelden einen Gegenkönig ein, woraufhin der Kaiser seine Feinde in Acht und Bann erklärte. Im folgenden Bürgerkrieg, in dem Franken eine Schlüsselrolle spielte, erlitt Heinrich zwar mehrere Niederlagen, doch als der Rheinfeldener im Kampf gefallen war, schwächte dieses „Gottesurteil“ die papstfreundliche Partei nachhaltig. Heinrich eroberte wenig später Rom, wo er sich von einem Gegenpapst zum Kaiser krönen ließ.

Für die Opposition im Reich blieb Heinrich freilich ein der Krone unwürdiger Herrscher. Das moralische und politische Ansehen des Kaisertums bröckelte, und es war mit die Sorge um seine eigene Stellung, die Heinrichs gleichnamigen Sohn 1104 zur Rebellion trieb. Im folgenden Familienkrieg geriet der alte Kaiser rasch in die Defensive; eine seiner entscheidenden Verluste war die Kapitulation der Nürnberger Burg nach mehrmonatiger Belagerung 1105. Die abschließende „Versöhnung“ resultierte in der Abdankung des alten Heinrich zugunsten seines Sohnes.

Machtbasis im Stauferreich

Unangefochten konnte Heinrich V. (reg. 1106–25) mit dem Papsttum den Kompromiss des „Wormser Konkordats“ aushandeln. Dass er 1125 ohne männlichen Erben starb, hatte aber eine weitere Schwächung des Königtums zur Folge. Heinrich hatte seinen Neffen, Konrad von Hohenstaufen, den Herzog von Schwaben, als Nachfolger vorgesehen. Die Reichsfürsten wählten dann aber den Sachsen Lothar von Supplinburg zum König, was einen erneuten Fürstenkrieg zur Folge hatte. Zu den umkämpften Machtzentren gehörte einmal mehr Nürnberg, das 1130 von Lothars Truppen erobert werden konnte – ein schmerzlicher Verlust für die Staufer.

Das schwäbische Geschlecht hatte als treue Gefolgsleute der Salier eine steile Karriere gemacht. 1079 hatte Heinrich IV. den Staufer Friedrich I. mit dem Herzogtum Schwaben belehnt und ihm seine Tochter Agnes zur Frau gegeben, wovon die Söhne Konrad und Friedrich ihre Thronansprüche ableiteten.

Mit Hilfe der Staufer hoffte Heinrich V. seine fränkische Machtbasis zu erweitern. Als die Grafen von Rothenburg-Comberg ausstarben, übertrug er Konrad dieses Lehen; der ließ auf einem Bergsporn über der Tauber ab 1142 die Stadt Rothenburg anlegen und erhielt zudem den Titel eines „Herzogs von Franken“, hinter dem aber keine reale Machtbasis stand. Wichtiger war die Kontrolle des Reichslandes um Nürnberg, das nach Lothars Tod an Konrad zurückfiel, als dieser 1138 doch noch den Thron besteigen konnte.

Franken blieb unter Konrad III. († 1152) und seinem Nachfolger Friedrich I. Barbarossa († 1190) Kernland staufischer Reichspolitik; seine zentralen Orte Würzburg und Nürnberg sahen regelmäßige Aufenthalte der Herrscher zu Hoftagen. Die Nürnberger Festung wurde unter Barbarossa zu der mächtigen Kaiserburg ausgebaut, die bis heute das Stadtbild dominiert. Die Anforderungen einer häufigen Residenz auf Zeit förderten nachhaltig das Bevölkerungswachstum der Stadtsiedlung.

Die Staufer führten dem Reichsland weitere Besitztümer hinzu, in der Hoffnung, einen geschlossenen Machtkorridor von Eger an der böhmischen Grenze bis Rothenburg und von dort nach Schwaben zu schaffen. Große Teile Mittelfrankens kamen somit unter direkte kaiserliche Herrschaft. Lenkersheim wurde, mit Marktrecht versehen, zum Etappenort zwischen Nürnberg und Rothenburg. Von Weißenburg aus dehnte sich das Reichsterritorium Richtung Nördlingen und Donauwörth aus. Schwabach, das der Zisterze Ebrach geschenkt worden war, wurde zurückgekauft und der Nürnberger Burggrafschaft zugeschlagen.

Die Hohenzollern kommen

Ende des 12. Jhs. zeichnete sich ein Wechsel ab, der die weitere Entwicklung Mittelfrankens nachhaltig prägen würde: Der letzte Burggraf aus dem Hause Raabs war 1190 ohne männlichen Erben gestorben; seine Tochter war mit dem Grafen Friedrich von Hohenzollern verheiratet. Diese schwäbische Adelsfamilie hatte sich zwar zunächst auf die Seite König Lothars gestellt, sich dann aber als loyale Gefolgsleute ihrer staufischen Landsleute bewährt, und so verlieh Kaiser Heinrich VI. 1191 die Burggrafschaft dem Hohenzoller.

Anfang des 13. Jhs. wurden erneut wichtige Weichen gestellt: 1214 teilten die Söhne Friedrichs ihre Lande; der jüngere, Friedrich, erhielt die schwäbischen Besitzungen, der ältere, Konrad IV. (I.), die fränkische Burggrafschaft. Am 8. November 1219 verlieh Kaiser Friedrich II. Nürnberg den „Großen Freiheitsbrief“, der die Stadt unter die direkte Herrschaft des Kaisers stellte und ihren Kaufleuten profitable Privilegien sicherte. Damit war der erste Schritt zur Freien Reichsstadt getan, aber auch die Rivalität mit den Hohenzollern festgeschrieben.

Bei der territorialen Ausdehnung hatten die Burggrafen zunächst die Nase vorn, konnten sie doch auf das Mittel dynastischer Heirat zurückgreifen. Konrad hatte die Erbtochter der Herren von Abenberg geheiratet und konnte so deren umfangreiche Territorien seinem Besitz hinzufügen.

Neben der Schirmherrschaft über das Kloster Heilsbronn, das die Hohenzollern zu ihrer Grablege erhoben, gehörte zum Abenberger Erbe auch Cadolzburg. Dort errichteten Konrad I. († 1260/61) und sein Sohn Friedrich III. († 1297) eine ausgedehnte Burganlage, von der aus sie ihre Ländereien regierten. Ihr eigentlicher „Amtssitz“, die Nürnberger Burggrafenburg neben der Kaiserburg, unterlag ihnen zu sehr der Kontrolle der Stadtbürger und wurde in der Folge zunächst als Drohgebärde gegen Letztere genutzt.

Friedrich III. gelang ein weiterer Coup durch seine Ehe mit der Erbin des Hauses Andechs-Meranien: Das Aussterben dieser Familie 1248 brachte den Hohenzollern die Herrschaft über ausgedehnte Ländereien rund um Bayreuth in Oberfranken. Durch diesen Landbesitz wohlhabend geworden, konnten sie ihre Territorien durch Zukäufe erweitern, u. a. 1331 die spätere Residenzstadt Ansbach. Der hartnäckigste Keil im Bestreben der Burggrafen, ihren Landbesitz abzurunden, blieb aber die Reichsstadt Nürnberg.

Ritter des schwarzen Kreuzes

Das 13. Jh. sah die Ankunft weiterer Mitspieler um Macht und Landbesitz in Franken. 1190 hatte sich in Akkon im Heiligen Land ein weiterer Ritterorden nach dem Vorbild der Johanniter und Templer gebildet. Deren Aufgabe war der militärische Schutz der Pilger zu den heiligen Orten. Sie stellten die Elitetruppe des christlichen Königreichs Jerusalem, unterhielten aber auch Spitäler für kranke und sterbende Pilger.

Wolfram, der Dichter aus Franken

„Nach übereinstimmender Meinung ist Wolfram von Eschenbach der größte Dichter des Mittelalters vor Dante“, schrieb ein französische Historiker Ende des 19. Jhs., und über sein Hauptwerk, Parsifal, urteilt ein US-amerikanischer Mittelalter-Experte: „Durch ein geniales Wunder hat er ein Meisterwerk geschaffen, episch im Umfang, edel im Zweck, humorvoll, menschlich, zart und vernunftbetont.“ Über das Leben des Dichters ist nur wenig bekannt – er dürfte um 1170/80 geboren sein. Seine Hauptwerke Parsifal und Willehalm sind wohl zwischen 1200 und 1220 entstanden. Da letzteres Epos unvollendet blieb, dürfte er kurz danach gestorben sein.

Mit ziemlicher Sicherheit entstammte er einer Ritterfamilie mit Sitz im ehemaligen Obereschenbach bei Ansbach. Nach langem Streit zwischen mehreren Eschenbachs verlieh König Ludwig III. 1917 der Stadt den Namen Wolframs-Eschenbach. Wolfram dürfte weitere Güter in Pleinfeld besessen haben, da er auch als „Wolfram von Bleyenfelden“ bezeichnet wurde. Das heutige Wolframs-Eschenbach gehörte damals den Grafen zu Wertheim, die zu Wolframs Förderern zählten.

In seinem großen, 25.000 paarweise gereimte Verse umfassenden Epos greift Wolfram westeuropäische Motive auf und verbindet die Erzählung vom Weg des Titelhelden vom „tumben Tor“ zum Gralskönig mit Teilen der Artussage. Zentrale Botschaft ist das Bemühen, das Leben in der Welt mit dem Streben nach dem ewigen Heil zu verbinden. Dies schildert er mit kreativer Wortmacht, aber auch Sinn für Humor und Ironie. Sein Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache wird von der Literaturwissenschaft als außerordentlich hoch eingeschätzt.

Ein solches Spital, begründet von Kaufleuten und Pilgern aus norddeutschen Handelsstädten, wurde zur Kernzelle des Deutschen Ordens. 1198 bestätigte der Papst den neuen Orden, dessen Wappenzeichen das schwarze Kreuz auf weißem Grund wurde.

Mitfinanziert wurde das Wirken des Ordens durch Einkünfte aus Ländereien im heimatlichen Reich, die ihm von König, Fürsten und einfachem Landadel geschenkt wurden – mancher Ritter mochte so versucht haben, sein Fernbleiben vom eigentlichen Kreuzzug auszugleichen.

Mit dem Fall der letzten christlichen Bastion Akkon 1291 mussten sich die Ritter neue Aufgaben suchen. Der Deutsche Orden fand diese im Land der noch „heidnischen“ Pruzzen im Norden Polens, wo die „Missionierung“ mit militärischer Gewalt erfolgte, aber auch durch den Zuzug deutscher Siedler. Seit dem 14. Jh. hatte sich so an der baltischen Ostküste ein Ordensstaat bis an die Grenze Russlands gebildet.

Dieser Staat verzichtete keineswegs auf seine Besitztümer („Kommenden“) im „alten Reich“. Diese in sog. „Balleien“ zusammengefassten, verstreuten Territorien wurden seit 1219 vom „Deutschmeister“ verwaltet. Die Ballei Franken wurde dank vieler Schenkungen eine der reichsten; Sitz ihres Landkomturs wurde Ellingen, wo der Ortsherr Wilhelm von Ellingen ein Spital gestiftet hatte, das er 1216 dem Orden übertrug. Weitere wichtige Besitzungen in Mittelfranken waren das Amt Absberg und die Kommenden (Wolframs-)Eschenbach, Rothenburg ob der Tauber, Virnsberg und Nürnberg. In der Reichsstadt bildete die Kommende um die St. Elisabeth-Kirche eine Enklave, in der auch nach der Reformation noch der katholische Gottesdienst gefeiert werden durfte. Auch die anderen Ordensbesitztümer blieben katholische Inseln im weitgehend reformierten Mittelfranken.

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