Читать книгу: «Gesundes Gift»
Franz Kabelka

Roman

INHALT
Cover
Titel
Widmung
Prolog
TEIL I
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
TEIL II
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
TEIL III
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
Epilog
Glossar
Dank
Impressum
Für Sibylle,
die mir den Weg nach Indien wies
PROLOG
Sie liegt zusammengekauert auf dem nackten Lehmboden.
Kein Teppich, nicht einmal ein billiger Baumwollfetzen, der der fiebrigen Haut unter dem klatschnassen Kunststoffsari als Unterlage dienen würde. Durch die unverglasten Öffnungen unterhalb des Schilfdachs dringt das fahle Licht der Abenddämmerung in den kargen Raum, jener kurzen Dämmerung, die die Bewohner nördlicherer Breitengrade immer wieder zu überraschen pflegt.
Ein niedriger Schemel, zwei löchrige Matratzen. Kein Kasten, nur ein von der Feuchtigkeit verzogenes Regal; auf dessen Bambusrohren, säuberlich geschlichtet, die wenigen Kleidungsstücke, neben den verblichenen Fotos am Bindfaden Meeras ganzer Besitz. In Schwarz-Weiß starren Vater und Mutter auf sie herab, steif und ernst. Davor, aufgefädelt nach Größe, ihre vier Geschwister und sie selbst als Fünfjährige. Niemand auf dem Bild, der lächeln, niemand, der sich für diesen gewichtigen Augenblick entspannen würde. Auch der Fotograf hat sie nicht dazu aufgefordert, hat keinen Witz gemacht, damit sich die herben Mundwinkel womöglich ein bisschen nach oben bewegten. Er kannte die Befindlichkeit dieser Menschen, was sollte er ihnen vormachen. Vermutlich würde es ohnehin das einzige Familienfoto ihres Lebens bleiben. Na schön, vielleicht noch eines anlässlich der Hochzeit des ältesten Sohns. Aber da wären kaum noch dieselben fünf am Leben. Nein, dagegen sprach alle Erfahrung, alle Statistik.
In der Ecke, wo sich der Tonkrug mit dem brackigen Wasser befindet, hat sich etwas bewegt. Sie nimmt es wahr, aber sie reagiert nicht darauf. Dabei war sie, solange sie sich gesund und stark fühlte, immer darauf bedacht, die Kontrolle darüber zu behalten, was sich auf dem Fußboden und entlang der Wände abspielte. Die Kontrolle aller drei Dimensionen. Das ist allen an ihr aufgefallen: ihre unglaubliche Ordnungsliebe. Aditi, ihre Arbeitskollegin in der Fabrik und Zimmergenossin in Kannagi Nagar, hat öfters darüber geschmunzelt; gleichzeitig war sie über Meeras Haltung froh gewesen, kam diese ja letztlich auch ihr zugute. Armut und Sauberkeit mussten einander nicht widersprechen, davon waren sie beide als Angehörige einer der niedrigsten Kasten überzeugt. Ehe Meera ihren Sari abnahm und auf das Regal legte, pflegte sie immer zu überprüfen, ob sich keine Spinne darauf eingenistet hatte. Und ehe sie sich auf ihrem Lager niederließ, inspizierte sie den Boden darunter. Sie hasste es, nächtens auf eine Kakerlake zu treten, wie damals, als sie draußen in der freien Natur ihr Geschäft verrichten wollte. Das Krachen des gepanzerten Insekts hatte sich ihr ins Gedächtnis eingebrannt. Das wollte sie nie, nie wieder erleben.
Und jetzt hat sie es nicht einmal mehr auf ihre Matratze geschafft.
Die Schlange nähert sich ihr: langsam, lautlos, mit gelegentlichen seitlichen Ausweichmanövern, aber zielsicher und beständig. Das schwarze, fleckige Kettenmuster auf dem Rücken hebt sich trotz der zunehmenden Dunkelheit im Raum deutlich vom erdbraunen Grundton ab, und als sich Kopf und Oberkörper aufrichten, scheint der weiße, gesprenkelte Bauch beinahe von innen her zu leuchten. Luzifer: der Leibhaftige, der Lichtbringer. Wie Vater und Mutter gehört Meera der christlichen Minderheit an, das Bild des Satans als Schlange ist ihr nicht unbekannt. Aber sie ist weit davon entfernt, sich zu fürchten. Weder vor dem Kuss des verkleideten Teufels noch vor dem Biss einer echten Schlange.
Sie hat diese Art schon öfter gesehen, jeder in der Gegend würde sie erkennen. Bei der Feldarbeit stellt die Kettenviper die mit Abstand größte Gefahr dar. Einerseits wegen ihrer enormen Giftigkeit, welche die Blutzellen binnen Sekunden zu zerstören vermag und Gehirnblutungen oder akutes Nierenversagen auslöst, andererseits wegen ihrer Vorliebe, in den Wiesen und Äckern nahe den menschlichen Siedlungen nach Mäusen zu jagen. Die bekanntere Brillenschlange ist dagegen vergleichsweise harmlos, sie scheut die Nähe des Menschen. Manchmal, vor allem zwischen Juli und Dezember, wenn die aggressiven Jungvipern gehäuft auftreten, versuchen die Vorarbeiter mit Stöcken und lauten Rufen die Felder zu säubern, bevor die Arbeiter, in der Hauptsache Frauen, beginnen. Dennoch gibt es jedes Jahr etliche Tote bei der Ernte, das ist Teil des ländlichen Lebens hier, und niemand regt sich darüber auf – bei wem auch?
Nein, sie hat keine Angst, nur Schmerzen. Von der rechten Niere strahlt es in alle Richtungen aus; es, das sie zu Boden geworfen hat und ihr nicht erlaubt, die wenigen Zentimeter Höhenunterschied hinauf zum weißen Laken zu überwinden. Ihr Atem geht laut und hechelnd und dröhnt in ihr wie ein Orkan. Trotz der späten Stunde ist es noch immer stickig und heiß, aber der Schüttelfrost lässt sie zittern und sich noch fester zusammenrollen.
Wie du, denkt sie. Ich werde dir immer ähnlicher, Schlange. Schlangengott.
Sie weiß, dass sie das Gift längst in sich trägt, das ihre Organe zersetzt. Seit Wochen hatte sie gespürt, dass mit ihr etwas nicht in Ordnung war. Später kamen Sehstörungen und eine nicht enden wollende Übelkeit dazu. Nachdem sie beim Mörsern plötzlich umgefallen und minutenlang nicht mehr zu Bewusstsein gekommen war, stellte Riya, die Vorarbeiterin mit den schmalen, verbissenen Lippen, sie von der Arbeit frei. „Bis auf Weiteres“, sagte sie. Aber das war nun schon viele Wochen her, und angesichts Meeras Zustands, der sich ständig verschlechterte, wäre niemand auf die Idee gekommen, sie wieder zurück in die Fabrik zu holen. Auf die Idee, nach einem Arzt zu rufen, kam allerdings auch keiner.
Stattdessen war eines Tages dieser alte Mann in der Tür gestanden und hatte sie mitgenommen. Gerade einmal hundertfünfzig Kilometer betrug die Strecke von der großen bis zur kleinen Stadt, aber die Busfahrt dauerte fast vier Stunden. Stunden, in denen sie im Mittelgang auf dem Boden kauerte und sich krümmte vor Schmerzen. Bis sie endlich mit den anderen Frauen in jener Hütte untergebracht wurde, wo sie seither lebt, ohne arbeiten zu müssen. Von den Leuten hier wird sie mit dem Wichtigsten versorgt, sogar Tabletten und Spritzen gibt man ihr, wenn die Schmerzen gar zu schlimm werden. Wann in ihrem Leben war ihr dieser Luxus gegönnt gewesen: zu leben, ohne sich dafür abschinden zu müssen?
Jetzt ist es zu hören, worauf Meera längst schon gewartet hat: das alles durchdringende Zischen, mit dem die Viper den Angriff einleitet. Den Flug der Schlange, wie man es nennt, wenn eine Kettenviper beim Zustoßen nahezu mit ihrem gesamten Körper vom Boden abhebt.
Die großen goldgelben Augen mit den senkrechten Pupillen wippen jetzt keine Armlänge von Meeras Kopf entfernt hin und her. Auch die Iris des Tiers scheint zu leuchten, zwei Lämpchen bei hereinfallender Nacht. Eigentlich bist du wunderschön, denkt sie. Trotz der fürchterlichen Krämpfe im Unterleib muss sie lächeln.
„Aber du kommst zu spät, Schlange!“
Ihr Atem trifft auf den flachen, geschuppten Schädel, dessen rundliche Nasenspitze sich nach oben wölbt und der Schlange ein Aussehen verleiht, als würde sie grinsen. Nicht böse, eher mitleidig.
„Wieso“, flüstert sie, „wieso kommst du erst jetzt?“
Sie hört noch, wie die Bastbänder mit den vielen bunten Glasperlen am Türrahmen leise klingelnd geteilt werden.
Dann taucht die Welt in ein alles erlösendes Schwarz.

„Eine Vergiftung ist immer moralisch.“
Francis Picabia, Jesus Christus Rasta
1
„So!“, zischte Frieda, was eigentlich so nicht bedeutete, nicht mit mir. Sie hatte die Schnauze gestrichen voll. Zog eine Zigarette aus der gelben Schachtel und stand auf, um sich zu verdrücken.
„Ich geh nur mal schnell an die frische Luft.“
An jene frische Luft, die gleich nicht mehr so frisch sein würde, weil sie sie jetzt verpesten würde. Krebs hin, vorzeitiger Tod her. Um sich und den Menschen ihrer Umgebung erheblichen Schaden zuzufügen. Wenigstens konnte ihr Gequalme ihrem Kind nichts anhaben. Weil sie keines hatte, haha, und auch keines erwartete. Baby, nein danke!
Wenn es noch einen anderen Grund als ihre Sucht gebraucht hätte, warum sie Leo allein in der andächtig lauschenden Menge zurückließ, hätte sie auf diesen schrägen Vogel aus dem Ländle verweisen können. Ein Vorarlberger Autor, der aus einem höchst nervigen Kriminalroman las. Nicht einmal ein verdammter Kommissar kam darin vor. Wie konnte man etwas Kriminalroman nennen, wenn darin kein Ermittler dem Verbrecher hinterherhechelte! Nur ein Bergfex, der auf über zweitausend Meter Seehöhe aufgewachsen war, konnte so etwas Geschraubtes von sich geben. It needs a mountain to fall that low. Ein Spruch von Lou Reed, oder doch von jemand anders? Kopfschüttelnd zog sie an der Zigarette.
Zwei weitere Literaturflüchtlinge gesellten sich zu ihr in die Kälte, packten ihre Päckchen aus, gaben einander Feuer. Die Raucherzone draußen vor der Tür: der letzte Ort für spontane Bündnisse in dieser entsolidarisierten Gesellschaft. Okay, sie stank ein bisschen, diese Zone, und man fror sich einen ab. Aber war das nicht immer so, wenn ein paar arme Schweine sich zusammenfanden? Vielleicht war ja nur dann etwas von Solidarität zu spüren, wenn es um einen herum so richtig bedrohlich war? So frostig und stinkig wie vor dem Wien Drei in einer Novembernacht, in der der Winter erstmals in diesem Jahr heftig an die Tür klopfte. Der mit den matschigen Stadtstraßen.
Denn der andere, der in ihr, war schon längst ausgebrochen. In aller Härte.
Sie war heute das erste Mal hierhergekommen – Leo zuliebe. Er hatte dieses Faible für Autoren aus dem alemannischen Westen entwickelt, seit er letzten Sommer bei einer von einem Supermarkt organisierten Bodenseefahrt entdeckt zu haben glaubte, dass das Ländle K & K vom Feinsten zu bieten hatte: Käse und Kultur. Seither suchte er auf Brunnen- und Naschmarkt gezielt nach Bergkäse aus dem hinteren Wauld (so nennen die Bregenzerwälder ihre Gegend) und las neuerdings Köhlmeier und Konsorten. Und eben deshalb hatte er sie ins Wien Drei geschleppt. Bloß, weil irgendein Vorarlberger Schriftsteller dort las. Und sie hatte genickt und war ihm nachgetrottet wie … wie ein folgsames Schulmädchen. War das jetzt die sexuelle Hörigkeit, oder was?
Bullshit! Mit Sex und Hörigkeit hatte das zuletzt zu tun. Das war nun echt nicht ihr Thema.
Sie wünschte, es wäre es gewesen!
Wann und wodurch wird eigentlich aus dem LAP, dem Lebensabschnittspartner, ein biederer Lapp im wahrsten Sinn des Wortes? Mit dieser Frage sollte frau sich schon einmal auseinandersetzen. Und sie sollte sich vor allem fragen, wann es an der Zeit wäre, diesen Lebensabschnitt für beendet zu erklären und den Lappen aus dem Bett zu werfen. Und sei es ein sündteures Wasserbett, das er ihr anlässlich seines Einzugs in ihre Wohnung vor fast genau drei Jahren vermacht hatte.
Das Blöde war nur, dass dieser Lapp immer genau dann, wenn sie so weit war, dass sie ihm sein verdammtes Wasserbett nachschmeißen und den Wohnungsschlüssel abknöpfen wollte – endlich, endlich auch zu Hause die Taffe sein, als die man sie in der Arbeit immer hinstellte! –, dass dieser Haderlump akkurat dann eines seiner selbst gekochten viergängigen Menüs für sie hinzauberte, wie es im besten Haubenlokal nicht raffinierter zu kriegen war, mit roten Rosenblüten als Dekoration. Oder dass er sie mit einer Massage verwöhnte, bei der sich im wohligen Rieseln die entschiedensten Trennungsgedanken von einem trennten, trennen mussten, um irgendwo in der Gegend des Steißbeins zu zerstäuben …
Nach dem Menü, nach der Massage dann das Ritual der Selbstvorwürfe: Wie konntest du nur vergessen, wie lieb er doch ist, was er alles für dich tut, wie viel Geborgenheit er dir schenkt. Zweifelsohne gab es Hunderte, ach was, Tausende alleine in dieser Stadt, die mieser waren als er. Wie egoman konnte frau eigentlich sein? Vielleicht lag es ja schlicht an ihr. Vielleicht sollte sie mal an der eigenen Fassade kratzen und, wenn möglich, noch ein bisschen tiefer. Woher rührte nur ihre wabernde Unzufriedenheit? War sie womöglich der Ausfluss aus der ständigen Beschäftigung mit den Grauslichkeiten dieser Welt im Jammertal unseres Jobs, wie Fillinger es neulich so treffend formuliert hatte? Und wenn du einmal über den eigenen Tellerrand schaust, nur ein bisschen, auf all die trauten Pärchen in deinem Bekanntenkreis zum Beispiel, wie sie ticken beziehungsweise eben nicht ticken! Sei ehrlich: Geht es dir da nicht vergleichsweise … ja, was genau? Super, prächtig, passabel? So lala? Wie auch immer, du gibst ihm und dir und dem, was man Beziehung nennt, halt noch eine Chance. Eine letzte oder vorletzte, was soll’s. Baust dich auf an den hausbackenen Leopold’schen Komplimenten, an seinen kleinen Aufmerksamkeiten. Opferst dem lieben LAP einen weiteren Lebensabschnitt, investierst erneut – wenn auch nicht gerade rundum erneuert – in die Beziehung und hasst dich gleichzeitig dafür, dass du Ausdrücke wie investieren und Beziehung verwendest, als wären die beiden kompatibel.
Sie dämpfte die Zigarette mit der Stiefelspitze aus und stapfte zurück ins Lokal. Der Vorarlberger Autor war immer noch nicht fertig mit seiner Lesung. Nach jedem zweiten Satz starrte er irgendwen im Publikum an, vielleicht versuchte er so, die Reaktion auf seine Worte zu testen. Jetzt hatte er Frieda beim Eingang bemerkt und musterte sie mit einem strafenden Blick. Schließlich hatte sie es gewagt, sich für die Dauer einer Zigarettenlänge seiner Aura zu entziehen.
Dann las er weiter aus seinem Buch: „,Cool, Baby!‘ ,grinst er. ,Du musst lernen, der Realität ins Auge zu sehen.‘“
Frieda wusste nicht, was mit ihr passierte. Aber plötzlich musste sie losprusten, deutlich vernehmbar bis in den hintersten Winkel. Das Publikum quittierte es mit einem entrüsteten Murmeln. Frieda konnte dennoch nicht aufhören zu lachen.
Der Schriftsteller legte langsam das aufgeschlagene Buch mit dem Umschlag nach oben auf den Tisch.
„Darf ich fragen, was Sie daran so lustig finden?“, fragte er pikiert.
„Keine Ahnung. Tut mir leid, es hat mich einfach so überkommen. Vielleicht …“, sie hielt sich kurz die Hand vor den Mund, um nicht wieder loszuprusten, „vielleicht liegt es ja an diesem Du musst lernen, der Realität ins Auge zu sehen. Erinnert mich irgendwie an einen alten Humphrey-Bogart-Schinken.“
Der Autor stand auf und knipste demonstrativ die Leselampe auf dem runden Tischchen aus.
„Ich denke, wir machen hier Schluss. Ich danke Ihnen allen für Ihre Aufmerksamkeit – jedenfalls all jenen, die sie mir tatsächlich geschenkt haben.“
Beleidigte Leberwurst! Frieda zuckte mit der Schulter. Ob sie Leberwürste im Ländle überhaupt kannten? Das böse Gemurmel im Raum nahm nach dem vorzeitigen Abgang des Schriftstellers kurz an Intensität zu, für Frieda hörte es sich an wie die akustische Vorhut eines nach Lynchjustiz gierenden Mobs. Sie zog Leo vom Stuhl hoch.
„Komm, wir gehen.“
„Also, ich wollte eigentlich noch …“
„Ich muss hier raus, Poldi – mit dir oder ohne dich!“
Er blickte einen Moment unschlüssig in Richtung Bar, wo dem frustrierten Autor gerade ein Glas Rotwein eingeschenkt wurde. Am Ende will er sich noch bei dem Xiberger für mein Verhalten entschuldigen, schoss es Frieda durch den Kopf.
Aber Leopold Laubers Grund, noch bleiben zu wollen, war ein durch und durch profaner: Er hatte sich die ganze Zeit über schon so auf das Vierterl gefreut, das ihm jetzt nicht vergönnt war. Dabei schmeckte der Zweigelt im Wien Drei hervorragend!
*
Danach hatte sie ihm gegenüber natürlich wieder dieses schlechte Gewissen, eh klar!
Längst hätte sie aus leidvoller Erfahrung wissen müssen, dass ihr schlechtes Gewissen niemals ein sanftes Ruhekissen hergab; schon gar nicht war es etwas, aufgrund dessen sie jemals eine Entscheidung gefällt hatte, die sie nicht sofort wieder bereut hätte. Dennoch, sie konnte auch diesmal nicht umhin, den von ihr provozierten Eklat gleich wiedergutmachen zu wollen. Eine spontane Einladung war das Einzige, was ihr auf die Schnelle einfiel.
„Weißt was, als Entschädigung kommst nächste Woche mit auf unser Symposium, okay? Ich weiß doch, wie du auf so was stehst. Mindestens fünf Stunden Philosophie am Stück. Wer, wenn nicht du, ist dafür der Richtige?“
VMV, der Vienna Medienverlag mit seinem knappen Dutzend an Zeitungen und Zeitschriften, wollte sein zwanzigjähriges Jubiläum mit einem Symposium feiern. Thema: Risken und Chancen des Unvorhersehbaren. Drei hochkarätige Referenten waren dafür angekündigt sowie eine abschließende Podiumsdiskussion, das volle Programm. God himself, im Zivilberuf Chefredakteur von opinion und gesegnet mit dem zu seiner Statur passenden Namen Fillinger, hatte ausdrücklich betont, dass nicht nur sämtliche Journalisten und Verlagsbedienstete eingeladen seien, sondern auch deren Angehörige, Freunde und Verwandte. Und irgendwo dazwischen war ja wohl auch Friedas knuddeliger Lapp anzusiedeln.
Leo war selig über die Einladung. Einem Privatgelehrten wie ihm, der seit Äonen Die Zeit abonniert hatte und diese auch las, der etliche Philosophen zu seinen persönlichen Freunden zählte und keinen öffentlichen Diskurs versäumte, konnte man damit echt Freude machen. Frieda selbst hätte auf das Brimborium gut und gerne verzichten können. Mit ihren Kollegen und Vorgesetzten musste sie nicht auch noch am freien Samstagnachmittag zusammenhocken, aber immerhin: So hatte man wenigstens zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Und dass der Veranstalter nur die besten Tröpfchen und ein erlesenes Buffet auffahren lassen würde, galt als gesichert.
*
Sie saßen in dem aus architektonischer Sicht nicht einmal üblen neuen Veranstaltungssaal im zweiten Bezirk und lauschten den einleitenden Grußadressen. Zuerst gab ein abgetakelter ORF-Reporter in seiner Funktion als Moderator den Ablauf der Veranstaltung bekannt; danach redeten, natürlich allesamt länger als vereinbart, die grüne Vizebürgermeisterin, ein launiger Vertreter der Gewerkschaft und Minister Steindlinger, der die Bedeutung des Vienna Medienverlags für die österreichische Printbranche nicht genug betonen konnte. Wahrscheinlich hofft der Gute, dadurch künftig ein wenig besser in den diversen Organen des VMV abzuschneiden, spekulierte Frieda. Wegen der leidigen Inseratenkampagne, die im Untersuchungsausschuss abgewürgt worden war, hielten sich die Ministerien derzeit ja etwas zurück mit Einschaltungen, welche die Hofberichterstattung fördern sollten.
Endlich waren die Grußadressen erledigt, und der Moderator kündigte die erste Referentin an: eine Frau Dr. Riemer aus Deutschland, die ihr Philosophie- und Sprachstudium summa cum laude abgeschlossen habe.
Als die blonde Dame mit ihrem Headset die Bühne betrat und sich einige Meter vom Rednerpult entfernt platzierte, um zu demonstrieren, dass sie sich nirgendwo anhalten musste, ging ein Raunen durch den Saal: Eine solch hübsche Philosophin hatte man seit der lesbischen Sappho nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Sie charakterisierte sich selbst als praktische Philosophin, die nicht nur ein Beratungsinstitut leite und wissenschaftlich tätig sei, sondern auch einmal pro Woche im Krankenhaus, Sparte Onkologie, arbeite. Nach Eigendefinition eine postanalytische Dekonstruktivistin und, wie sie zu vermitteln versuchte, eine mit unendlicher Erfahrung. Wie alt die Tussi wohl ist, fragte Frieda sich und holte den Programmzettel hervor. Aber das Alter der Referenten war darauf nicht vermerkt, nur deren wichtigste Publikationen.
DDr. Riemer sprach frei und nach allen Regeln der Kunst. Das heißt nach den Regeln der Rhetorik, die sie zweifellos beherrschte. Sie benötigte keinen Spickzettel, artikulierte klar und deutlich, ihre Stimme kippte nie und sie verstand es, mimisch zwischen ernstseriös und lächelnd-vereinnahmend zu changieren. Ihre Gesten unterstützten das Gesagte, ohne zu übertreiben, und die Pausen setzte sie geschult an der richtigen Stelle. Perfekt, ohne Frage, ein seltener Fall von femininer Selbstsicherheit und Bühnenpräsenz. Aber irgendetwas begann bei Frieda Widerstand zu erregen. Sie blickte zu Leopold hinüber, der sein allzeit bereites Notizbuch, das sie ihm letzte Weihnachten geschenkt hatte, aufgeklappt auf dem Schoß liegen hatte. Offenbar hatte er sich bisher noch kein Wort notiert und blickte unverwandt in Richtung Podium. Ob die Schönheit der Referentin ihn so ablenkte, dass er aufs Mitschreiben verzichtete? Als die doppelte Doktorin davon berichtete, ihre jeweiligen Krebspatientinnen gleich zu Beginn der gemeinsamen philosophischen Diskurse mit der Frage Wofür leben Sie? zu konfrontieren, begannen sich bei Frieda die Haare aufzustellen. Und was machst du, wenn eine deiner Patientinnen dir diese Frage zurückgibt? Oder wenn eine doppelt so alte wie du, mit dem Tod Ringende dich verzweifelt anschaut? Zuckst du dann vielleicht doch ein klein bisschen zusammen, wischst du dir die blonde Mähne dann nicht mehr ganz so kokett aus der Stirn?
Frieda verspürte den heftigen Impuls, den Saal zu verlassen. Nicht, weil ihr nach einer Zigarette zumute war, sondern aus dem Gefühl heraus, der aalglatten, geschniegelten Atmosphäre entkommen zu müssen, dieser Mischung aus Selbstinszenierung und gepflegter akademischer Zitiermanie (ein bisschen Nietzsche hier, ein bisschen Seneca da). Aber hatte sie sich nicht geschworen, dieses Mal durchzuhalten, komme, was da wolle? Um sich zu beweisen, dass sie noch gesellschaftsfähig war, und, ja vielleicht, auch ein bisschen Leo zuliebe? Sie atmete tief durch. Von Odysseus war jetzt die Rede, von der Unberechenbarkeit seiner Irrfahrt, die er auf sich genommen und trotz aller Fallen und Gefahren glücklich zu Ende gebracht habe. Und wie erging es seinen Gefährten? Kamen sie nicht allesamt dabei ums Leben?
Als hätte die Referentin Friedas stillen Einwand gehört, erläuterte sie, dass es genau darum nicht gehe. Die von Skylla Verschlungenen oder vom Zyklopen Erschlagenen seien Randfiguren in diesem Mythos, im Zentrum stünde die freiwillige Annahme des jeweiligen, noch so harten Schicksals. Das, und nur das gewähre Freiheit, die Freiheit des Geistes über alle irdischen Bedingtheiten. Das Akzeptieren der eigenen Unzulänglichkeit, der existenziellen Grenzsituation gelte es jeden Tag aufs Neue zu erproben und dem Unberechenbaren, Unerwarteten unerschrocken ins Auge zu sehen. Sich, um im Bild zu bleiben, dem fürchterlichen Blick des Zyklopen auszusetzen, nur um ihm bei der ersten sich bietenden Gelegenheit mutig den Pfahl ins Auge zu rammen. Auch wenn diese Odyssee zehn Jahre dauern möge oder länger. Und so weiter, und so fort …
Nachdem die schöne Philosophin unter tosendem Applaus die Bühne verlassen hatte, folgte das Referat eines schon leicht ergrauten, aber umso arrivierteren Kriegsberichterstatters, der Frieda sofort an Bernd Lussnig erinnerte. Er erging sich in zahlreichen Anekdoten über die Unwägbarkeiten in arabischen und afrikanischen Kriegsgebieten und betonte, keineswegs aus selbstzerstörerischen Tendenzen heraus immer wieder solch lebensfeindliche Schauplätze aufzusuchen. Warum dann, das sagte er nicht. Nach der dritten Geschichte, in der der edle Held wieder nur um Haaresbreite einem Anschlag oder einer Entführung entkommen war, schaltete Frieda innerlich ab.
Von welchen verdammten Risken und Chancen war da eigentlich die Rede? Welche Präpotenz brauchte es, nach der glücklichen Heimkehr ins sichere Mitteleuropa vom Umgang der Kriegsopfer mit ihren Ängsten und Nöten zu schwafeln? War das nicht auch das Dilemma aller Promiberichterstatter: dass sie den eigenen Standpunkt, die eigene Wahrnehmung mit jener der direkt Betroffenen gleichsetzten? Dass sie ihr eigenes Davongekommensein mit anekdotengewürzten Referaten zu entschuldigen suchten? Es konnte einem übel werden davon, speiübel!
Wissend, dass sie soeben wieder einmal im Begriff war, einen Schwur zu brechen, erhob sie sich von ihrem Sitz und bat Leo, sie hinauszulassen.
„Ich muss nur schnell mal wohin.“
Aber sie kehrte nicht zurück. Schnappte sich stattdessen im Foyer, wo die Kellner bereits damit beschäftigt waren, das Buffet aufzubauen, ohne zu fragen, ein Glas Weißwein und flüchtete damit hinaus in den begrünten Innenhof. Hier würde sie warten, bis der dritte Vortrag, in dem eine Klimaforscherin über die Grenzen der Wissenschaft sprechen sollte, vorbei war. Bei Leo würde sie sich halt für ihre abermalige Desertion entschuldigen müssen. Vielleicht würde er sie dafür mit dem traurigsten Hundeblick bestrafen, zu dem er fähig war. Seis drum. Diese bescheuerten Referate hatten mit ihr so viel zu tun wie … wie die mythischen Sirenen mit jenen neuzeitlichen, die samstags zu Mittag heulten! Das musste sie sich nun wirklich nicht länger geben.
Sie fragte sich, von welchen Risken und Chancen die Rede sein müsste, dass es mit ihr etwas zu tun hätte. Dass auch sie, Frieda Prohaska, sich daran aufbauen könnte. Flaute. Einöde. Kahlschlag. Das waren die Bilder, die ihr einfielen, wenn es ums Eingemachte ging. Um die nüchterne, die ernüchternde Zwischenbilanz, die frau mit knapp achtunddreißig zu ziehen hatte.
Die einzig interessante Story der letzten Jahre war ihr vor fast vier Monaten entzogen worden. Unmittelbar nach Bernds Unfall. Weil man ihr nicht zutraute, in seine Fußstapfen treten zu können. Weil man ihr keine Chance geben wollte, die Sache alleine durchzuziehen. Und vielleicht hatten sie sogar recht gehabt damit.
Vielleicht kannten Fillinger und Glenk sie ja besser als sie sich selbst …
Jedenfalls musste sie sich seit Juli mit lächerlichen Brosamen über Wasser halten. Mit Aufträgen, die weder finanziell noch journalistisch gesehen etwas hergaben. Und den Wechsel zu einem anderen Magazin konnte sie auch vergessen. Sämtliche Bewerbungen waren ein Flop gewesen, meist hatte man sie nicht einmal zu einem persönlichen Gespräch eingeladen. Die Printbranche lag darnieder, so sah es aus. Da konnte Minister Steindlinger daherquatschen, was er wollte.
Sie hockte unter einer Linde, deren Blätter allesamt abgefallen waren, und schlotete still vor sich hin. Es war föhnig, untypisch für einen Novembertag in Wien, sie schätzte die Temperatur auf knapp zwanzig Grad. Aus dem Vortragssaal drang kein Laut, und die hohen Mauern des Innenhofs schirmten den Verkehrslärm fast hundertprozentig ab.
Dennoch hatte sie plötzlich dieses Rauschen in den Ohren.
Auf einen Schlag, ohne jegliche Ankündigung, wie es nun einmal so seine Art war, schlug der alte Tinnitus wieder zu.
*
Sie steht am offenen Grab, umgeben von wenigen Verwandten und Bekannten. Es ist ein Sommertag, es ist heiß. Sie lässt die weiße Rose auf den mit Weihwasser vollgespritzten Sargdeckel fallen. Ein Fallen in Zeitlupe, in Superzeitlupe, bei der alle Geräusche sich verzerren. Das Gemurmel des Pfarrers, der sich trotz allem bereit erklärt hat, ein Begräbnis zu zelebrieren, zu einem Gequietsche entstellt, beendet erst durch eine einzige, entsetzliche Detonation: Die Rose hat eingeschlagen. Hat sich in den massiven Deckel mit dem schlichten Holzkreuz gebohrt und verwandelt sich jetzt, geführt von Geisterhand, in eine Dornenkrone.
Eine Detonation, die es gar nicht geben kann, geben darf.
Und die dennoch einen Tinnitus auslöst, der sie in alle Ewigkeit begleiten wird.
Betäubt klappt sie den Sarg auf, betrachtet das Gesicht der Mutter mit den weit aufgerissenen Augen, mit den schrecklich bleichen Lippen, die vergeblich ein letztes Wort zu formulieren versuchen: Frieda.
Klagend, flehend, im höchsten Diskant: Friiie-da, Friiie-da …
Hör auf, bitte hör endlich auf! Vergib uns unsere Schuld, Mama, vergib wenigstens mir!
Ja, ich hätte dich öfter besuchen müssen, dich nicht so alleine lassen dürfen. Hätte wissen müssen, wie dir zumute ist, nach all den Jahren ohne Mann, ohne Wärme. Du und ich, wir sitzen im selben Boot, hast du mehr als einmal gesagt. Aber ich habe dich nicht verstanden, habe deine Hilferufe nicht gehört. Du hast geschrien, wenn du schweigend in deinem Lehnstuhl gehockt bist, wenn du mich so müde angeschaut hast. Nicht anklagend, nur unendlich müde.
Das Schnitzelmesser, es ist neben dir in der Wanne gelegen.
Ein solides, altes Küchenmesser mit zwei Messingschrauben im Griff. Du hast dafür gesorgt, dass es immer gut geschliffen war. Das zäheste Hammelfleisch hat sich anstandslos damit zerlegen lassen, mit dem Schleifstein hast du umgehen können wie keine sonst. Das kommt davon, wenn man mit der Sense in der Hand auf die Welt gekommen ist – deine Worte! Früher hast du die Wiese hinterm Haus noch selbst gemäht. Alle paar Minuten hast du den grauen, speckigen Schleifstein hervorgezogen und das Sensenblatt damit nachgeschärft. Das Messer war ein Teil der Mitgift, ja, der halbe Hausrat wurde einem nachgeschmissen bei der Hochzeit dazumal, nicht irgendwelche teuren Reisegutscheine wie heutzutage. Deine Eltern haben es bei einem der letzten Messerschmiede in Zwettl anfertigen lassen. Weißt du noch, wie du mir das stolz erzählt hast?
„Echte Qualitätsware“, hast du gesagt: „So etwas geht nie kaputt.“
Und das ist sie auch nicht, obwohl die Klinge schon ganz schmal und dünn war vom vielen Schleifen, wie bei einem richtigen Fleischermesser. Wie viele Schnitzel du damit wohl geschnitten hast? Keines für Papa jedenfalls. Der war nach meiner Geburt schneller weg, als du schauen konntest.
Ich weiß nur eins: Ich werde nie mehr ein Schnitzel essen können, Mama. Mein Lebtag nicht! Denn das Schnitzelmesser habe ich gefunden, finden müssen, das hast du gut arrangiert. Ein altes Schnitzelmesser unter deinem weißen, aufgeschwemmten Körper. Die Pulsadern glatt durchtrennt. Zwei saubere Schnitte. Kein Pfusch.
Weil zu pfuschen, das ist dir zeitlebens gegen den Strich gegangen, Mama.
E-Mail-Verkehr mit Thomas Mitterer, Wien
Von: fpro@gmx.at
Gesendet: Mittwoch, 20. Juni 2012 17 : 47
Betreff: deine fachliche Meinung
Lieber Thomas,
ich habe mich lange nicht mehr bei dir gemeldet, entschuldige! Aber wenn das auch nach einer Ausrede klingen mag: Mir ist es wirklich nicht so gut gegangen in letzter Zeit. Wenigstens hab ich jetzt beruflich etwas Spannendes am Laufen, was auch der Grund für dieses Mail ist.
Ich hätte ein paar fachliche Fragen zu klären, die du als erfahrener Chemiker mir vermutlich aus dem Stand beantworten könntest. Sofern es deine Zeit am Ökologieinstitut erlaubt, würde ich mich gerne mit dir treffen, um ein kleines Interview zu machen. Ich wäre dir sehr dankbar, wenn du mir einen Termin geben könntest. Gerne komme ich auch zu dir an deine Arbeitsstelle, damit du keine Freizeit opfern musst. Es eilt allerdings ziemlich, wenn ich das so direkt sagen darf, denn ich stecke bereits mitten in den Recherchen.
Nur so viel dazu: Es geht um Kritik an ayurvedischen Praktiken. Soweit ich weiß, bist du mit dem Thema vertraut, immerhin hast du zwei Jahre lang in Kalkutta gearbeitet. Konkret würde mich deine fachliche Meinung zu einer amerikanischen Studie interessieren, die ich dir ebenso beilege wie eine aktuelle Zurückweisung dieser Studie durch indische Ärzte. Vielleicht findest du Zeit, dir beides vor unserem Gespräch anzuschauen.
Auf eine baldige Antwort freut sich
deine alte Studienkollegin
Frieda Prohaska
Gesendet: Freitag, 22. Juni 2012 11 : 03
An: fpro@gmx.at
Betreff: Re: deine fachliche Meinung
Liebe Frieda,
ich hab geschwind einmal in deine Unterlagen hineingeschaut und rede natürlich gerne mit dir darüber, auch wenn ich schon viele Jahre nicht mehr in dieser Sparte tätig bin. Andererseits: Die Grundprinzipien vergisst man wohl nie.
Ich bin derzeit noch in Berlin, ab nächsten Mittwoch aber wieder in Wien. Während der Zugfahrt werde ich mir das Material noch genauer zu Gemüte führen. Ruf mich einfach ab Donnerstag an, dann machen wir uns einen Termin aus, einverstanden?
Herzlich dein
Thomas
Transkript: Interview mit Dr. Thomas Mitterer, Ökologieinstitut, 29. 6. 2012
FP: Danke, Thomas, dass du dir für dieses Gespräch Zeit genommen hast. Es geht, wie gesagt, um deine Einschätzung jener Studie, die Dr. Richard Piper von der Boston University gemacht hat und die unlängst im Journal of the American Medical Association publiziert wurde. Die Studie kam zum Ergebnis, dass vierzig Prozent der im Internet verkauften ayurvedischen Produkte, welche unter Rasa shastra laufen, massive Überschreitungen der Grenzwerte bei Quecksilber, Blei und Arsen aufweisen. Diverse Ayurvedaverbände in den USA und Europa haben auf die Ergebnisse von Pipers Studie reagiert und die Aussagekraft dieser Untersuchungen bestritten. Meine erste Frage an dich: Wie schätzt du das Ganze ein?
TM: Okay, zuerst einmal einige Anmerkungen zur Studie selbst. Was ich für problematisch halte, ist, dass da immer von soundso viel Mikrogramm Schwermetall pro Kilo die Rede ist. Es wird nicht unterschieden, ob es sich um Schwermetalle in löslicher oder nicht löslicher Form handelt. Genau das macht in der Praxis aber den Unterschied zwischen gefährlich und ungefährlich aus.
Weiters stört mich die ständige Bezugnahme auf den sogenannten Durchschnittsmenschen. Ich habe diese Kategorie noch nie verstanden. Wo sind etwa Kinder oder Alte und Schwache anzusiedeln? Aber man kann den Studienverfassern natürlich zugutehalten, dass ihr Untersuchungsgegenstand nicht die Erfassung der gesundheitlichen Effekte am Patienten war, wie bei einer klinischen Studie, sondern nur die Bestimmung des Schwermetallgehalts in verschiedenen Produkten.
FP: Und wie siehst du die kategorische Ablehnung dieser Studienergebnisse durch die Ayurvedacommunity? Sie lehnt den chemisch-analytischen Zugang ja prinzipiell ab.
TM: Nun, das ist eine sehr komplexe Geschichte. Erst einmal muss ich bekennen, dass sich meine Einstellung zur westlichen Naturwissenschaft im Verlauf der letzten Jahre einigermaßen geändert hat. Das klingt aus dem Mund eines Chemikers vielleicht eigenartig, aber ich bin überzeugt, dass es Dinge jenseits unseres Horizonts gibt. Dinge, die wir mit unseren evidenzbasierten physikalischen oder chemischen Methoden alleine nicht in den Griff bekommen. Denk nur an die Homöopathie. Es ist doch hochinteressant, dass sie bei uns immer stärker angenommen wird – gerade von den höheren Bildungsschichten.
Für mich kommt da eben ein wichtiger Aspekt ins Spiel, und der lautet Systembetrachtung. Die klassische Chemie, so wie du und ich sie gelernt haben, beruht ja darauf, dass man die Dinge erst in ihre Einzelteile zerlegt und dann wieder zusammenbaut. In den letzten Jahren ist man aber dazu übergegangen, die Systemwirkung mitzuberücksichtigen. Um es einfach zu sagen: Ein und dieselbe pflanzliche Substanz kann isoliert oder im Verbund mit anderen sehr unterschiedliche Wirkungen haben.
FP: Entschuldige, aber es geht hier ja nicht um Pflanzen – es geht um Schwermetalle wie Quecksilber, Blei, Arsen oder Kadmium!
TM: Ich weiß, ich weiß. Aber wie ich schon sagte, man kann nicht einmal davon ausgehen, dass Schwermetalle in jedem Fall negative Auswirkungen haben. Wie du weißt, ist beispielsweise Quecksilber in purem Zustand geschluckt überhaupt nicht gefährlich – der Körper scheidet es einfach wieder aus. Oder denk an das Quecksilberamalgam, das sich vielleicht auch als Füllung in deinen Zähnen befindet. Andere Hg-Verbindungen sind hingegen hochgiftig. Und natürlich macht die Dosis viel aus, ebenso wie die Frage Lang- oder Kurzzeiteinnahme. Eine bestimmte Substanz ein einziges Mal in großer Konzentration eingenommen kann zum Beispiel weitaus stärker wirken als eine häufige Einnahme in niedriger Konzentration oder umgekehrt. Dazu kommt noch die Konstitutionsfrage: Medikamente werden ja in der Regel von kranken Menschen eingenommen und treffen deshalb auf einen geschwächten Organismus, der völlig anders reagieren kann wie ein gesunder. Alle diese Aspekte spielen eine nicht unbedeutende Rolle – und deshalb ist eben die isolierte Betrachtung einer Substanz nicht zielführend.
FP: Genau so argumentieren auch die Vertreter des Ayurveda. Aber geht es letztlich nicht darum, ob sich die chemische Struktur, etwa von Quecksilber, durch eine ayurvedische Zubereitungsprozedur grundsätzlich ändern kann oder nicht? Ob das, was im Ayurveda unter Shodana verstanden wird, wissenschaftlich betrachtet überhaupt möglich ist: nämlich die Reinigung der Metalle von sämtlichen toxischen Nebenwirkungen? Kannst du dir das vorstellen?
TM: Ob ich mir das vorstellen kann? Ach Gott, wir wissen spätestens seit der Quantenphysik, dass es Dinge gibt, die uns Normalsterblichen schwer verständlich sind. Stichwort Informationsübertragung. Außerdem reden wir hier ja von einem Systemwechsel. Und ich denke, dass es generell schwierig bis unmöglich ist, mit den Methoden der einen Wissenschaft eine andere zu bewerten.
FP: Okay, lass uns einen Schritt zurück machen. Der Grund, warum im Rasa-shastra-Verfahren pflanzliche Stoffe mit Schwermetallen vermengt werden, ist ja, dass dadurch die Heilkraft und Haltbarkeit der Präparate erhöht werden soll. Es geht also, wohlgemerkt, nicht um zufällige Verunreinigungen, etwa durch Düngemittel, mit denen die Pflanzen in Kontakt kommen, sondern um eine bewusste Beimengung von Quecksilber oder Blei gemäß einer jahrtausendealten Tradition, niedergeschrieben in den ayurvedischen Rezepturen. Verstehe ich dich richtig: Du hältst eine solch wundersame Verwandlung eines giftigen Schwermetalls in ein heilsames Medikament für grundsätzlich möglich? Von der Beantwortung dieser Frage hängt immerhin ab, ob es angezeigt ist, schwermetallhaltige Produkte zu verbieten oder in unseren Apotheken zuzulassen.
TM: Wir bewegen uns im Kreis. Ich kenne mich bei Ayurveda doch viel zu wenig aus, um deine Frage eindeutig beantworten zu können.
FP: Aber du musst doch als Chemiker sagen können, ob eine Eliminierung der toxischen Eigenschaften von Schwermetallen durch Kalzinierung et cetera grundsätzlich denkbar ist?
TM: Meine Antwort darauf ist ein klares Jein. Als Chemiker müsste ich natürlich sagen, dass das nicht geht. Aber wie eben dargelegt, bin ich nicht mehr davon überzeugt, dass unsere Vorstellung von Chemie das alleinig Seligmachende ist. Ich maße mir auch nicht an, Zugänge jenseits der westlichen Chemie zu beurteilen.
FP: Aber Thomas …
TM: Nein, warte, ich versuche es mit einem simplen Beispiel zu verdeutlichen. Wir wissen doch, dass Chinesen Kuhmilch schlecht vertragen. Nun, heute lässt sich das natürlich leicht erklären – ihnen fehlt einfach ein Enzym, um die Milch zu verdauen. Aber vor zweihundert Jahren hat kein Mensch den Grund gekannt. Und selbst wenn eine Gesellschaft grundsätzlich über ein komplexes Wissen wie die Quantenphysik verfügt, heißt das noch lange nicht, dass damit viele etwas anfangen können. Das sollte uns doch zu denken geben, nicht wahr, und vorsichtiger sein lassen bei der Beurteilung fremder Systeme!
FP: Du lässt diese Frage also offen?
TM: Exakt. Sollen die sich damit beschäftigen, die beide Systeme gleich gut kennen. Ich zähle nicht dazu.
Was mich bedeutend mehr interessiert, ist die Frage: Was steckt dahinter, dass so viele westliche Menschen heute ihr Heil in etwas komplett Fremdem, Andersartigem suchen? Wieso kommt es bei uns überhaupt zu einem Ayurvedaboom? Ist eine solche, in einer anderen Kultur gewachsene Medizin überhaupt auf uns übertragbar? Ich meine, das ist ja schon bei einfachen Dingen so, dass sie an unterschiedlichen Orten unterschiedlich wirken. Wenn du eine Flasche des Weins, der dir im Urlaub so phantastisch geschmeckt hat, zu Hause aufmachst, fragst du dich vielleicht, was du da bloß für einen Fusel gekauft hast. Dabei hat sich der Wein nicht geändert – bloß das kulturelle Umfeld, in dem er getrunken wird, ist ein anderes.
FP: Manche halten diese Tradition der Mischung von Schwermetallen und pflanzlichen Substanzen für einen von der modernen Chemie längst überwundenen alchemistischen Irrglauben. Und sie fragen sich, wie diese Schwermetalle, wenn sie denn in angeblich ungefährlicher, nicht löslicher Form vorliegen, überhaupt eine Wirkung geschweige denn eine heilende haben sollen.
TM: Weil es nach ayurvedischer Meinung eben nicht um die stoffliche Wirkung, sondern um eine andere Art von Informationsübertragung geht. Ähnlich wie in der Homöopathie.
FP: Aber wie bitte stellt sich ein Chemiker vor, dass Informationen übertragen werden, die nicht an Moleküle gebunden sind?
TM: Ich tu mir persönlich schon schwer, den Welle-Teilchen-Dualismus zu verstehen, und der ist ja auch schwer verständlich in den makroskopischen Kategorien, in denen wir gelernt haben zu denken. Bezüglich der Frage, ob es absolute Wahrheiten gibt oder nur kulturell determinierte, tendiere ich mittlerweile eher zu Letzterem. Ich stelle fest, dass in anderen Kulturen seit Jahrtausenden andere Wege als bei uns beschritten werden und die Menschen dort offenbar auch nicht kränker sind.
FP: Aber ist ein solcher Relativismus nicht problematisch? Wenn etwa die Food and Drug Administration in den USA Obergrenzen bei Schwermetallen festlegt, tut sie das wohl deshalb, weil sie Menschen damit schützen will. Egal, welchen kulturellen Hintergrund sie haben.
TM: Genauso kannst du fragen, welche Interessen dahinterstehen, dass es punkto Schwermetalle alleine in den USA vier unterschiedliche Grenzwerte gibt.
FP: Die aber allesamt, wie Pipers Studie belegt, bei Quecksilber, Blei und Arsen um das Tausendfache überschritten werden. Umso überraschender, dass in den USA nicht mehr Vergiftungsfälle bekannt sind als die etwa siebzig, von denen derzeit ausgegangen wird. Und aus Indien, wo Ayurveda ja einen viel höheren Stellenwert hat, sind noch weniger Fälle bekannt.
TM: Na, das überrascht mich jetzt nicht sonderlich. Es gibt auch eine große Dunkelziffer nicht erfasster Morde, weil einfach viele Opfer nie als solche erkannt werden. Opfer von Giftanschlägen zum Beispiel. Nicht jeder Tote wird gerichtsmedizinisch untersucht.
FP: Abgesehen von den Gefahren für jene, die diese zweifelhaften Substanzen schlucken: Denkst du nicht auch, dass insbesondere die Arbeiterinnen und Arbeiter, die bei der Herstellung schwermetallhaltiger Präparate eingesetzt werden, besonders gefährdet sind?
TM: Na klar, schon wegen der anfallenden Dämpfe. Und nach meiner Erfahrung mit indischen Betrieben kümmert sich dort selten jemand um den Schutz der Belegschaft. Warum verlagern westliche Pharmaunternehmen ihre Produktion in solche Schwellenländer? Weil, abgesehen von den lächerlichen Löhnen, dort auch die staatlichen Auflagen und Sicherheitsstandards niedriger sind, was wiederum Kosten senkt.
FP: Abschließende Frage: Worauf würdest du besonders achten, wenn du so einen Produktionsbetrieb zu kontrollieren hättest?
TM: Zuerst einmal müsste klar sein, mit welchen chemischen Verbindungen in dem betreffenden Betrieb hantiert wird. Erst danach kann man sich mit den nötigen Schutzmaßnahmen beschäftigen und überprüfen, ob es für alle, die mit gefährlichen Substanzen in Berührung kommen, eine entsprechende Arbeitskleidung oder Atemschutzmasken gibt, die auch tatsächlich verwendet werden bzw. funktionieren. All das ist nämlich keineswegs selbstverständlich.
Ein simples Beispiel: Auch in Indien gilt längst die Helmpflicht für Motorradfahrer. Im Alltag wirst du aber feststellen, dass die meisten den Helm lieber am Handgelenk als auf dem Kopf tragen. Das bloße Vorhandensein einer Schutzkleidung in einer chemischen Produktionsstätte sagt also noch gar nichts über deren Verwendung aus. Vielleicht gilt es ja einfach als uncool, sich in einen Schutzanzug zu zwängen, weil der die Haartracht ruiniert? Es gibt tausend Gründe, warum die Sicherheit am Arbeitsplatz nicht ernst genommen wird – vor allem, wenn, wie in Indien, das Leben des Einzelnen weniger wert ist als der mögliche Profit für ein Unternehmen. Darauf würde ich also bei einer Inspektion vor allem achten: auf den Unterschied zwischen Theorie und Praxis.
FP: Thomas, ich danke dir für das Gespräch.
2
Ajith Nair lehnte sich zufrieden zurück in den dicken Polster und streckte die Beine aus. Er verspürte nicht den geringsten Jetlag, und das Essen in dem von einem Nepalesen geführten Restaurant, von dem aus sich ihm ein schöner Blick auf den Charles River bot, hatte hervorragend gemundet. Von den vegetarischen Momos in Tomatensauce hatte er sogar noch eine Portion nachbestellt.
Sein Gegenüber war da weitaus weniger entspannt. Kein Wunder, dachte er. Sein Besuch war R. S. Murugan schließlich erst einen Tag vor Ajiths Abflug angekündigt worden, und in dem Telefonat waren nur einige wenige Eckdaten genannt worden: Wann genau Ajith am Flughafen Boston abzuholen sei, dass der ältere Bruder ausdrücklich eine persönliche Abholung wünsche und dass Ajith angemessen, also in einem ordentlichen Hotel, aber unter falschem Namen, unterzubringen sei. Mehr nicht. Murugan hatte immer nur yes und of course gemurmelt. Dabei hatte er vermutlich an nichts anderes denken können als an die wenig erfreuliche Perspektive, wegen des überraschenden Besuchs aus Chennai alle möglichen Termine schleunigst absagen zu müssen. Ohne Wenn und Aber. Egal, wie wichtig sie auch sein mochten.
Während des dreigängigen Menüs hatten sie nur belangloses Zeug geplaudert. Wie es den Eltern gehe, was die Kinder so trieben (Ajith hatte keine, weshalb sich das Thema rasch erledigt hatte) und wie hoch der Benzinpreis in Indien respektive in den USA derzeit sei, die übliche Palette eben. Wenn Murugan sich auch rechtschaffen bemühte, Interesse an der momentanen Situation in seiner ehemaligen Heimat zu bekunden, entging Ajiths geschärften Sinnen nicht, wie hektisch die Blicke des Brokers waren, wie fahrig seine Bewegungen. Ständig nickend und lächelnd vermied er tunlichst die eine, die einzig interessante Frage: jene nach Ajiths Auftrag. Das hätte schon beim Besuch eines nahestehenden Freundes als unhöflich gegolten; wie viel mehr galt das erst für ihre Beziehung. Die gar keine war, in der engeren Bedeutung des Wortes. Oder konnte man es als eine Art indirekter Verwandtschaft bezeichnen, wenn der ältere Bruder über ihnen beiden als überdimensionaler Scheinwerfer strahlte, als Fixstern am Firmament? Ein Stern, der alles sah und über allem wachte. Immerzu präsent, doch von den Menschen erst wahrzunehmen, wenn die Dunkelheit hereinbricht.
Nachdem der Besitzer des Lokals höchstpersönlich den Kaffee serviert hatte, fand Ajith es an der Zeit, zum geschäftlichen Teil überzugehen.
„Ich soll dir von unserem älteren Bruder die besten Grüße ausrichten. Wie man hört, läuft bei dir geschäftlich ja alles äußerst zufriedenstellend.“
Wie man hört … Es konnte nicht schaden, von Anfang an klarzustellen, wer die Kontrolle innehatte. Egal, wie weit die amerikanische von der indischen Ostküste entfernt war.
In Murugans Gesicht zuckte ein kleiner Muskel. Ganz kurz nur, aber Ajith registrierte es mit Wohlgefallen.
„Ich bedanke mich“, sagte der andere. Es klang, als machte seine Stimme dabei einen tiefen Bückling. „Und was die Geschäfte angeht, bin ich in der Tat sehr zufrieden.“
„Ja“, bestätigte Ajith mit einem Blick auf Murugans Anzug. Der dunkle Stoff schimmerte dezent und saß wie angegossen. So etwas gab es nicht von der Stange. „Unser älterer Bruder sorgt für uns wie ein wahrer Vater. Das sollten wir nie vergessen.“
Murugan nickte, vielleicht nicht ganz so enthusiastisch, wie man es sich hätte erwarten dürfen. Schließlich wusste Ajith nur zu genau, was bzw. wer den dunkelhäutigen Tamilen in die Lage versetzt hatte, so hoch auf der gesellschaftlichen Leiter zu klettern, dass er es sich leisten konnte, von seinem Arbeitsplatz an der Wall Street zurück zu seinem feudalen Häuschen im besten Bostoner Viertel zu fliegen, wann immer ihm danach war. Businessclass natürlich.
Ajith hatte noch nie ein derart teures Tuch auf der Haut gespürt, aber er beneidete den anderen nicht darum. Er machte sich nichts aus Statussymbolen. Zog es sogar vor, schlicht und möglichst locker gekleidet seiner Arbeit nachzugehen. Wenn er, wie momentan, selbst einen Anzug trug, dann nur deshalb, weil das in gewissen Situationen einfach unvermeidlich war. Weil man nicht auffallen durfte, sich anzupassen hatte wie ein Chamäleon. Das war in seiner Branche eines der ungeschriebenen Gesetze. Wobei diese die einzig wichtigen waren, davon konnte er ein Lied singen.
„Es geht um eine große Sache“, sagte er unvermittelt, „eine, die unserem älteren Bruder äußerst wichtig ist. Dein Anteil dabei ist einfach und klar umrissen: Du hast nur Informationen zu beschaffen und ein bisschen Material, das ich nicht im Flugzeug mitbringen konnte. Aber unter keinen Umständen darf jemand etwas von unseren Aktivitäten erfahren. Unter gar keinen Umständen. Ansonsten …“
Mit der Handkante fuhr er von rechts nach links über seine Kehle. Es ging so schnell, dass kein Gast im Nepalese Corner es bemerkte. Außer der eine, für den die Botschaft bestimmt war.
Ajith nippte an seinem Kaffee und musterte Murugan über den Rand der Tasse hinweg. Freundlich, aber deutlich länger als üblich. Unnötig lange wäre dennoch der falsche Ausdruck gewesen. Schließlich war eine solche Verzögerung der normalen Zeitabläufe mitunter das wirksamste Mittel, um Kontrolle auszuüben. Ich könnte darüber ein richtig dickes Buch schreiben, dachte er, eines, das strotzt vor Alltagserfahrung. Vor angewandter Psychologie. Von beidem hatte Ajith Nair sich mit seinen eben mal neunundzwanzig Jahren zweifellos schon jede Menge angeeignet.
Der Blick über die Kaffeetasse zeigte ihm, dass die Botschaft angekommen war. Das Blut war aus dem Gesicht des Brokers gewichen. Zu Hause in Indien strebte ein jeder nach einem möglichst blassen Teint – je heller, desto besser stand man damit da in der gesellschaftlichen Hierarchie. Manche ließen sich sogar mit Chemie behandeln, um ihre Haut ein klein bisschen aufzuhellen. Aber damit hatte das plötzliche Weiß im Gesicht R. S. Murugans nichts zu tun.
„Selbstverständlich“, flüsterte er. Dann versuchte er sich an einem Lächeln. „Meine Lippen sind versiegelt. Was immer unser älterer Bruder wünscht, es wird geschehen.“
Nun lächelte auch Ajith. Eine Sekunde lang hegte er so etwas wie Mitgefühl für den anderen. Saßen sie nicht beide im selben Boot, wurden sie nicht vom selben Licht bestrahlt? Murugan, der erfolgreiche Börsenspekulant, und er, der nicht weniger erfolgreiche Agent, wie er sich selbst bezeichnete – stammten sie nicht aus derselben Gosse, auch wenn die seine in Kerala lag und jene Murugans in Tamil Nadu? Nein, verwarf er brüsk den Anflug von Sentimentalität, Gefühle waren schädlich, waren gefährlich in seinem Gewerbe. Es galt sich ihrer schnellstmöglich zu entledigen, wann immer sie einen zu überwältigen drohten, gemeinsame Hautfarbe und Herkunft hin oder her! Nur die Treue zählte, und die war weit mehr als ein Gefühl: Sie war eine Grundbedingung, die einzige Konstante in Ajiths Leben. Ohne sie war man nichts, höchstens Scheiße auf Beton.
Unfruchtbar wie Scheiße auf Beton.
Es war der Lieblingsspruch seines Vaters gewesen. Wie oft er ihn wohl in seinem Leben wiederholt hatte? Und ob er ihn auch auf den Lippen führte, ein letztes Mal, als er das Undenkbare beging? Als er sich umbrachte, wie so viele verarmte Bauern damals, wegen der einen Missernte zu viel. Wegen der Wucherzinsen, die er nicht mehr zurückzahlen konnte. Wegen der Schande, die eigene Familie nicht mehr ernähren, die Ausbildung des Sohnes an der Privatschule in Trivandrum nicht mehr finanzieren zu können. Die katholische Schule, an der er, der Hindujunge aus ärmlichen Verhältnissen, erstmals frei zu atmen gelernt hatte, wo er den Geist einer anderen Welt einsog wie frische Meeresluft. Sie lasen sogar ausländische Bücher und lernten dreimal so viel wie an der staatlichen Schule, die fast alle anderen aus seinem Dorf besuchten, die danach nicht einmal ordentlich Hindi sprechen konnten. Vor allem Englisch liebte er. „Nur wenn ihr Englisch beherrscht, könnt ihr in diesem Land etwas werden“ – das war ihnen von seinem Lieblingslehrer, der in den Vereinigten Staaten studiert hatte, immer wieder eingetrichtert worden. Seiner Ansicht nach hatte Ajith großes Talent, und Ajith setzte alles daran, den amerikanischen Akzent seines Lehrers zu kopieren. So drückte er seine Dankbarkeit und Zuneigung aus. Es fehlte ihm nur noch ein Jahr, ein lächerliches Jahr. Den Abschluss hätte er, der fleißige Schüler, problemlos geschafft. Mit einem guten Zeugnis wären auch lukrative Posten außerhalb seines Dorfes für ihn in Reichweite gerückt. Möglichst weit weg von zu Hause, wo es nur die Alternative gab, sich als Bauer oder als Fischer zu Tode zu schinden.
Aber Vater hatte es vorgezogen, eines Morgens in den Verschlag hinter ihrer Hütte zu gehen, wo sie das Zeug lagerten, das in weißen Säcken darauf wartete, auf die Felder ausgebracht zu werden, und eine Handvoll davon zu schlucken. So erfüllte das Pestizid am Ende doch noch seinen einzigen Zweck: zu töten. Wenn auch auf den Feldern nicht einmal mehr das gedieh, was man damit hätte vertilgen müssen. Was sonst sind wir als Unkraut, hatte Vater an seinem letzten Tag gemurmelt.
Sie hatten nicht verstanden, was er damit sagen wollte.
Und weil Vater nicht der erste und nicht der letzte Bauer gewesen war in diesem Jahr, als der Monsun das dritte Mal hintereinander ausblieb, der Gift schluckte oder sich an einem Baum erhängte, wurde eine Kommission eingerichtet. Eine fact-finding delegation, die herausfinden sollte, was wohl schuld sei an der Häufung von Selbstmorden in der Landbevölkerung. Und als die Kommission herausfand, dass nichts Ungewöhnliches herauszufinden war, dass es ebenso viele unterschiedliche Gründe wie Todesfälle gab, speiste man die Familien der Selbstmörder gnadenhalber, oder weil gerade Wahlen anstanden, bei denen man jede Stimme benötigte, mit jeweils drei lakh Rupien ab, dreihunderttausend Rupien also für jeden toten Vater und Alleinverdiener. Wenn die so Beschenkten dann ihre Schulden an die Gläubiger zurückgezahlt hatten, welche für die Kredite zwischen fünfundzwanzig und sechzig Prozent nahmen, blieb so gut wie nichts übrig. Jedenfalls nichts, mit dem man das letzte Schuljahr für den einzigen Sohn hätte berappen können.
In der allgemeinen Verzweiflung, als Mutter Grund und Boden für einen lächerlichen Betrag verkaufen musste und man die Heirat der Schwester, mitgiftlos, wie sie war, wieder absagte, tauchte er auf. Er, der ältere Bruder mit dem langen weißen Bart, wie man ihn in Kerala selten zu Gesicht bekam. Ein Mann, der sich um sie kümmerte und ihn, den Halbwüchsigen, mitnahm, hinüber in die große Stadt, die einmal Madras geheißen hatte. Ein älterer Bruder, der ihn wie ein wahrer Maharadscha in seinem weißen steinernen Haus aufnahm, als wäre er, der unwürdige Sohn eines Selbstmörders, sein eigen Fleisch und Blut. Der ihm Arbeit und Essen gab und ihn für seine Dienste sogar noch bezahlte, wodurch Ajith in die Lage versetzt wurde, seinen Teil dazu beizutragen, dass Mutter und Schwester nicht länger betteln mussten und wieder ein Dach über dem Kopf bekamen. All das dank eines bärtigen Fremden, der sich aus Kastengrenzen nichts machte. Der wie ein wahrer Vater an ihm handelte, bis zum heutigen Tag.
Nicht wie jener, der die Seinen alleine zurückließ.
Ihm, dem älteren Bruder, als der er sich ansprechen ließ, ihm allein galt seither Ajiths ganze Hingebung. Seine Treue. Bis in den Tod.
Nicht umsonst trug er diesen Namen: Ajith. Der, der nicht zu besiegen ist. Und war er nicht ein Nair, ein Abkömmling der alten Kriegerkaste? Wenn auch die Nairs ihre hohe Stellung längst verloren hatten – ihr Erbe trug er im Blut.
Vor allem aber war er ein Profi. Und ein Profi wusste nie, welchen Auftrag er als Nächstes erhielt.
Wen er als Nächsten zu eliminieren hatte.
3
Gegen zehn trudelte sie am Frühstückstisch ein. Versuchte, das Lächeln von Rosa Tauner, der älteren der beiden Tauner-Schwestern, zu erwidern, die in einem blauen Dirndl am anderen Ende der Eckbank bereitstand, um ihre Frühstückswünsche aufzunehmen. Aber Frieda wusste, dass das mit dem fröhlichen Morgenlächeln ein sinnloses Unterfangen war. Ein einziger Blick in den Badezimmerspiegel hatte ihr vermittelt, wie schrecklich sie aussah. Wie mitgenommen, verbraucht. Mit solch einer Visage ließ sich beim besten Willen kein gewinnender Gesichtsausdruck generieren. Umso aufgeräumter war dafür die Hausherrin.
„Kaffee oder Tee, Fräulein Prohaska? Wir haben ganz frische Kipferl für Sie, mit Bauernbutter und unserer hausgemachten Heidelbeermarmelade dazu schmecken s’ am besten. Oder möchten S’ lieber ein weiches Ei? Sie können natürlich auch gern beides haben. Bei uns kriegen S’ ja noch echte Eier, mit einer g’sunden Farb. Nicht wie ein Chines, dem schlecht worden ist …“
Rosa Tauner kicherte über ihr Sprüchlein, das sie vermutlich schon zig Pensionsgästen erzählt hatte. Frieda lächelte mühsam zurück. Sie konnte mit dem Vergleich durchaus etwas anfangen, fühlte sie sich doch selbst wie besagter Chinese. Ihr Kopf dröhnte und im Bauch rumorte es, irgendetwas hatte sich da in den Schlingen ihrer Därme ganz gewaltig verheddert. Zweifellos hatte sie letzte Nacht ein weiteres Kapitel in ihrem privaten Rum Diary geschrieben. Im Tagebuch der großen Betäubung, wie sie es bei sich nannte. Eine Betäubung, die nun schon eine ganze Weile andauerte. Und die kurzen klaren Phasen wurden immer kürzer. Immer seltener.
Vor drei Jahren hatte es begonnen, während der paar abgefahrenen Wochen auf Kuba. Nein, natürlich hatte es nicht erst vor drei Jahren begonnen, aber in Havanna hatte sich die Betäubung materialisiert. Verschleiert, behübscht mit viel Tanz, viel Musik, kaschiert im Partytrubel, wo alle gesoffen hatten. Bacilón hieß das Zauberwort, abfeiern, was das Zeug hielt. Tanzend ins Delirium. Und zwar, das war das Edle daran, mit dem Sanktus von ganz oben. God himself war auf die Idee gekommen. Fillinger hatte gerade Grasl als Chefredakteur abgelöst, und vielleicht war seine geplante Verjüngungskur für opinion mit ein Grund dafür gewesen, dass er und nicht Glenk den Job erhalten hatte. Jedenfalls hatte Fillinger eine neue Serie ins Leben gerufen: Die rote Szene in Lateinamerika. Ein Signal an die dahinschmelzende jüngere Leserschaft, also an Studenten und alle links der SPÖ Angesiedelten, die einmal die wichtigste Zielgruppe gewesen waren – damals, als auf dem Cover noch knallrot wochenzeitschrift für politik und kultur stand und das Magazin auf Recyclingpapier produziert wurde. Mittlerweile fuhr opinion auf derselben Hochglanzschiene wie die Mitbewerber. Wie auch immer, Frieda sollte über die Musik- und Tanzszene Havannas berichten, sogar einen eigenen Fotografen hatte man ihr mitgegeben. Sie klapperten sämtliche In-Lokale vom Malecón bis hinaus zu den Playas del Este ab und vertieften sich in das grelle Ambiente. Der Havana Club, Nachfahre von Bacardi, leistete gute Dienste beim Vertiefen, über Nacht wurde der Rum zu ihrem Hauptnahrungsmittel. Un trago, y un otro, y uno más … Brannte nicht so in der Kehle wie Slibowitz oder Korn, aber die Wirkung war gleich stark. Eigentlich paradox, dachte sie, die Stärke dieses Zuckerbrands besteht darin, dich weichzumachen, zu entspannen. Dich einzulullen, würde Leo eher sagen. Und er hatte es auch gesagt, später, oft genug. Natürlich nicht bei ihrer ersten Begegnung. Da hatte er ja selbst noch mitgemacht. Er, der ungelenke Intellektuelle, hatte leicht angetrunken seine Gliedmaßen geradezu orgiastisch verrenkt, sich rumbatisiert, wie sie es scherzhaft nannten, wenn man im Tanz eins wurde mit den fetzigen Rhythmen der Bongos und Congas, mit den präzise gesetzten Riffs der Blechfraktion, alles kam, ohne Umweg über den Kopf, aus dem Bauch, aus der Hüfte heraus, zentriert noch im heftigsten Gewippe, in sich ruhend trotz Lärm und Hitze und Feuchtigkeit. Sudando, bailando … So hatte sie Leo kennengelernt: mit kreisendem Becken, mit kreisender Rumflasche. Sogar geraucht hatte er in jener Nacht: eine Cohiba, fett, aber oho. Er, der passionierte Nichtraucher, mit der besten Zigarre der Welt. Bis ihm so schlecht davon wurde, dass er für eine halbe Stunde auf dem Klo verschwand. Als er zurückkam, hatte sie schon mehr als eine halbe Flasche intus.
„Sorry, ich bin es halt nicht gewöhnt.“
Ja, er war es wirklich nicht gewöhnt und zeigte auch nicht die geringste Neigung, es sich irgendwann einmal anzugewöhnen. Weder das Rauchen noch das Saufen. Ausnahmen bestätigten bei ihm tatsächlich die Regel, so einfach war das für einen wie ihn. Zur Feier eines singulären Events, okay, aber immer im Bewusstsein: Gift bleibt Gift bleibt Gift … Es veränderte, verwandelte sich nicht schleichend, wie bei ihr, in den großen Tröster, den großen Betäuber, den old demon alcohol. Drowning my sorrows in whisky and gin. So let’s all drink to the death of a clown …
Die guten alten Kinks hatten schon davor gewarnt, sogar die Stones, wer hatte es nicht. Nur echte Suchtler konnten sich zu dem Thema gediegen äußern und glaubhaft warnen. Aber ab einem gewissen Punkt verpuffen wundersamerweise alle Warnungen, werden zu milde belächelten Phrasen. Oder du registrierst sie nicht einmal mehr. Selbst wenn in fetten Lettern auf jeder Zigarettenpackung zu lesen ist, was dir bevorsteht – vorzeitiges Altern der Haut, Lungenkrebs, ein früher Tod … Irgendwann liest sich das wie die gesetzlich vorgeschriebenen Produktangaben auf einem Tetrapak mit Gemüsesaft: Deckt den Tagesbedarf an Kalzium und Magnesium. Enthält soundso viel Milligramm Vitamin B oder E 312 oder was auch immer. Es ist einem kein Achselzucken mehr wert. Und schon gar kein Innehalten.
Un trago. Ein Schluck. Ein einziges Stamperl. Damals hatte sie noch nicht gewusst, dass trago auch Trunksucht heißen kann.
Letzte Nacht hatte sie wieder zu viel von ihrem Weichmacher geschluckt. Hatte es genossen, wie der fesche Stehgeiger sich nach seinem Auftritt um sie kümmerte. Wieder einmal hatte sich alles weich und warm angefühlt, trotz der harten Holzbänke, auf denen sie hockten. Was eindeutig dem hochprozentigen Inländerrum zu verdanken war. Dass der nicht nur von Inländern geschätzt wurde, hatten schon vor Jahren die Schweden und Norweger bewiesen. Seinetwegen machten sie auf ihrer Urlaubsfahrt in den europäischen Süden extra einen Abstecher nach Österreich. Sechzig bis achtzig Prozent Alkohol, das konnte man bis vor Kurzem in ganz Skandinavien nicht auftreiben. Dank des Spirituosenschmuggels aus den baltischen Staaten war der österreichische Inländerrum aber heute kein Thema mehr für die süchtigen Nordmänner.
Sie wusste, dass sie dem Zeug verfallen war. Längst gab sie sich nicht mehr mit Bier oder Wein ab. Dabei hatten sie in den Zelten und bei den Ständen auf dem Festivalgelände einen tadellosen Riesling und einen noch besseren Veltliner zu bieten, gut gekühlt und mit einem pfeffrigen Abgang, der sogar Leo geschmeckt hätte. Aber mit dem Wein dauerte es entschieden zu lange, auf Touren zu kommen, und speziell den Weißen hatte sie auch nie so richtig vertragen. Nicht das Quantum, das sie benötigte, um denselben Effekt einzufahren wie mit dem hochprozentigen braunen Saft. Es soll Bier- und Weintypen geben – vielleicht war sie ja ein Rumtyp? Immerhin, sie steckte die Auswirkungen des Gesöffs überraschend gut weg. Zumindest die körperlichen.
Love me tender. Das stand eingraviert auf dem Flachmann, den sie letztes Jahr auf dem Naschmarkt gekauft und seither immer dabeihatte, versteckt im inneren Reißverschlussfach ihrer Handtasche. Es fiel ihr nicht schwer, ein Schwarzteeglas unbemerkt mit Rum aufzufüllen, sobald der Pegel unter eine gewisse Marke fiel. Trotz des wohligen Gefühls und obwohl der Fiedler ein netter Kerl war, der ihr nach dem Konzert sicher auch gerne privat aufgegeigt hätte, war es nicht zu mehr gekommen als zu ein bisschen Grapschen. Er hatte sie hinauf zur Pension Nachtruh begleiten dürfen, ein schnelles Busserl auf die Wange, ein kurzes Handgemenge, als er ihr die Bluse öffnen wollte, dann war sie in ihr Zimmer gestolpert und betäubt ins Bett gefallen.
Zum Glück hatte ihr Leo letzte Weihnachten diesen Wecker geschenkt, der sie aus jedem Koma holte. Nur dank der digitalen Sirene hatte sie den Termin mit Lotte Prinz nicht verpennt. Dabei hatte sie das Arbeitsfrühstück in weiser Voraussicht erst für zehn Uhr anberaumt.
„Passt das überhaupt noch so spät?“, hatte sie Martha, die jüngere der Tauner-Schwestern, gefragt, die auch schon mindestens siebzig Jahre auf dem Buckel haben musste. Martha hatte übrigens wirklich einen ausgeprägten Buckel und stieg reichlich krumm daher. Das Leben hart an der Grenze zu Tschechien war kein Honiglecken.
„Aber natürlich passt das, Fräulein Prohaska!“, hatte Martha Tauner versichert, „bei uns gibt es keine Essenszeiten wie in den Hotels. Wir sind jederzeit für unsere Gäst’ da.“
Den beiden Damen verzieh Frieda nahezu alles. Auch, dass sie von ihnen nach all den Jahren noch mit Fräulein angeredet wurde. Seit sie 2007 auf die Pension gestoßen war, hatte sie sich keine andere Bleibe mehr gesucht, wenn sie Anfang Juli alljährlich zum Schrammelklangfestival nach Litschau kam, zurückkehrte in ihre alte Waldviertler Heimat. Rosa und Martha hatten diese drei L zu bieten, die sie auszeichneten unter allen Weibern, wie es in der Bibel hieß, vor allem unter allen Pensionsbesitzerinnen: Sie waren liebenswürdig bis zum Gehtnichtmehr, locker im Umgang und – ledig. Alte Fräuleins, wie sie selber von sich sagten, und wenn auch äußerlich gezeichnet durch Falten, gichtige Hände und verkrümmte Rücken, waren sie doch niemals grantig oder gar schrullig wie manche ihrer Schicksalsgenossinnen. Nichts weniger als bewundernswert, wie Frieda fand. Deshalb quartierte sie sich auch jedes Jahr wieder in der Pension Nachtruh ein. Der günstige Preis für das saubere Einzelzimmer – kleiner Erker und Blick auf den Herrensee inklusive – war auch kein Nachteil.
Penzdorf, ihr Penzdorf, hatte sie trotz der Nähe zu Litschau nie mehr besucht. Nicht hart wie Kruppstahl, nein, hart wie P, so sagte man bei ihnen zu Hause und meinte das eigene Dorf damit. Was auch passte, denn die meisten Penzdorfer waren hart im Nehmen und noch härter im Austeilen, beinhart bis in die Weichteile hinein. Seit Mutter tot und das Elternhaus verkauft war, hatte sie es vermieden, diesen Boden zu betreten, wo sie immerhin das Licht der Welt erblickt hatte. Aber es war zu wenig Licht in dieser Welt gewesen, viel zu wenig, und der eisige böhmische Wind war durch den dicksten Lodenjanker gepfiffen bis hinein ins Herz. Ja, Penzdorf und Prohaska – das waren zwei P, die einfach nicht zusammenpassten. Aber sie erinnerte sich noch an jeden Baum dort, an jeden einzelnen Findling. Von denen gab es auch genug in der Gegend, in dieser Hinsicht waren die Penzdorfer wirklich steinreich. Eingeklemmt zwischen drei Hügeln lag das Dorf da, mit seinen granitenen Kobel- und Wackelsteinen in den moorigen Wiesen und Kornfeldern, die den Bauern die Bewirtschaftung erschwerten. Jene gewaltigen Felsbrocken, die seit dem Rückzug der Gletscher hier herumlagen, wenn nicht, wie ein Mythos besagte, noch viel länger, nämlich seit der Teufel höchstpersönlich in einem Tobsuchtsanfall gegen Gott und die Welt mit ihnen um sich geworfen hatte.
Ihre Abneigung gegen Penzdorf hatte zum Glück nicht auf andere Waldviertler Kaffs abgefärbt, und Litschau war ihr von allen das liebste. Dieses Mal war Frieda in der einmaligen Situation, das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden zu können, indem sie den Besuch des Schrammelklangfestivals mit Recherchen und Interviews zu ihrem neuen Projekt kombinierte. Nun ja, so ganz als ihr Projekt durfte sie es wohl nicht bezeichnen, wenn sie ehrlich sein wollte. Sie spielte schließlich nur eine Nebenrolle. Denn während sie in der nördlichsten Gemeinde Österreichs hockte, durfte sich Kollege Lussnig mit den internationalen Dimensionen des Themas befassen und in Indien herumkurven. Die klassische Arbeitsteilung eben, was Männlein und Weiblein betraf, da war die sonst so furchtbar progressive Redaktion von opinion um keinen Deut besser als konservative Blätter. Wobei sie sich in diesem Fall nicht einmal darüber beschwerte. Eine Auslandsreise, das war im Moment so ziemlich das Letzte, was sie anstrebte.
*
Lotte Prinz sah nicht gut aus, ganz und gar nicht. Ihr Gesicht wirkte aufgeschwemmt, und obwohl sie sich Mühe gegeben hatte, trotz der sommerlichen Wärme Hals und Dekolleté mit einem Seidentuch zu verhüllen, konnte man dort, wo das Tuch verrutscht war, scharlachrote Stellen erkennen.
„Schön, dass Sie kommen konnten“, begrüßte Frieda sie und streckte ihre Rechte aus.
Die Frau hatte ihrem Händedruck nichts entgegenzusetzen, auch sonst wirkte sie völlig kraftlos. Eine schwere Depression, lautete Friedas schnelle Diagnose. Aber vielleicht würde ja eine jede so aussehen, die dieselbe Leidensgeschichte durchlitten hatte.
„Weiß eh nicht, ob es eine gute Idee war, mich mit Ihnen zu treffen“, sagte Lotte Prinz, nahm dann aber doch auf der Eckbank Platz. Frieda schob ihr ein frisches Gedeck hinüber.
„Darf ich Sie zu einem Brunch einladen? Hier gibt es wirklich sehr leckere Kipferl.“
„Danke, aber ich hab schon gefrühstückt, um fünf. Ich steh ja praktisch jeden Tag so früh auf. Wenn man nicht schlafen kann vor lauter Jucken …“
Als müsste sie das Gesagte noch bestätigen, kratzte sie sich ausgiebig am Hals und an den Handgelenken. Erst jetzt bemerkte Frieda den Ausschlag an beiden Unterarmen. Man durfte davon ausgehen, dass auch die verhüllten Partien ihres Körpers ähnlich aussahen.
„Wenn es Ihnen recht ist, möchte ich unser Gespräch aufnehmen“, sagte Frieda und griff nach ihrem Voicerekorder. „Natürlich würde ich das Aufgezeichnete nur anonymisiert verwenden.“
Lotte Prinz sprang auf und rammte dabei mit dem Knie das dicke Holz des Tischunterbaus.
„Auf keinen Fall“, rief sie mit schmerzverzerrtem Gesicht, „davon war nie die Rede!“
„In Ordnung, kein Problem, Frau Prinz. Es hätte mir nur erspart, mir schriftliche Notizen zu machen. Aber es ist wirklich kein Problem.“
Sie schob das Aufnahmegerät hinüber, um zu demonstrieren, dass sie nicht daran dachte, im Geheimen mitzuschneiden.
Rosa Tauner steckte die Nase zur Tür herein und fragte, ob sie etwas bringen dürfe.
„Nur einen Kamillentee, bitte“, sagte Lotte Prinz.
„Bitte sehr, bitte gleich“, sagte Rosa und verschwand wieder.
„Könnten Sie mir eingangs vielleicht erzählen, wieso Sie diese Klinik überhaupt aufgesucht haben? Bis jetzt weiß ich ja nur, dass Sie seither ziemliche Probleme haben …“
Friedas Stimme klang mitfühlend. Sie hatte von Lotte Prinz’ Leiden durch Emma erfahren und sofort telefonisch Kontakt zu der Litschauerin aufgenommen. Nachdem Dr. Weinzierl, der Chef der Ayurvedaklinik in Adang, Friedas Bitte um ein Interview und eine Besichtigung der Klinik brüsk abgelehnt und sie faktisch hinausgeschmissen hatte, waren Gespräche mit Betroffenen in den Mittelpunkt ihrer Arbeit gerückt.
Lotte Prinz erklärte, dass ihr Freunde die Klinik empfohlen hätten.
„Schauen Sie, ich habe schon alles probiert, was die Schulmedizin einem bei rheumatoider Arthritis verordnet. Und das sind ziemliche Hämmer, wie Sie sich vorstellen können: Rheutrop retard zum Beispiel oder Methotrexat, das die Immunabwehr unterbinden soll. Aber die Nebenwirkungen sind bei mir meist stärker gewesen als die versprochene Wirkung. Sogar eine Kältekur hab ich schon ausprobiert, aber die hat nur kurzfristig geholfen. Das Schlimme ist, dass ich immer wieder solche Schübe kriege. Dann schwellen alle Gelenke an und ich kann keinen Finger mehr rühren ohne Schmerzen.“ Sie stöhnte, als überkäme sie gerade wieder ein Schub.
„Und dann haben Sie sich gedacht: Probier ich halt einmal was anderes. Etwas ohne diese ganzen Nebenwirkungen.“
„Genau. Also hab ich mich in Adang für eine Kur angemeldet.“
„Teuer?“
„Natürlich. Fast dreitausend Euro, für gerade einmal zehn Tage. Und die Krankenkasse zahlt keinen Cent dazu! Aber mir war schon alles wurscht. Hauptsache, es hilft, hab ich mir gedacht, und mein Mann ist losgezogen und hat unsere letzten Spareinlagen abgehoben. Mein Kurtl unterstützt mich ja, wo es nur geht.“
Frieda nickte so empathisch sie nur konnte.
„Und dann sind Sie also auf Kur gegangen?“
„Nein, zuerst musste ich daheim noch eine Entgiftung durchführen.“
„Eine Entgiftung?“
„Na ja, eine sogenannte Grundreinigung. Da gab’s eine Woche lang nichts als Reisschleim und Ghee zu futtern. Wissen Sie eh, was Ghee ist?“
Natürlich wusste Frieda das. Als Gold des Ayurveda bezeichneten wahre Fans die durch langsames Kochen von Butter gewonnene Substanz, der man eine wundersame Wirkung nachsagte.
„Als ich in die Klinik kam, hat Dr. Weinzierl gleich eine Pulsdiagnose durchgeführt, um meine energetischen Blockaden festzustellen. Dann hat er mir ein Loch in den Bauch gefragt, und nach einer halben Stunde stand fest, dass ich ein reinrassiger Pitta-Typ bin. Das kommt eher selten vor, hat er gemeint, die meisten sind eine Mischform. Na ja, und dann hat er mir halt meinen Ernährungs- und Behandlungsplan aufgeschrieben. Am nächsten Morgen ging es dann los mit den Therapien und Massagen.“
Der zarte Ansatz eines Lächelns umspielte ihre Lippen.
„Es ist ja schon witzig, was man da für Leute trifft.“
„Nämlich?“
„Wir waren nicht viele, nur elf Leute insgesamt. Aber irgendwie kam ich mir vor wie in einer anderen Welt. In zwei anderen Welten, genau genommen. Die einen waren so … wie soll ich sagen … so verlorene Hippies, denen du schon angesehen hast, dass sie irgendwie überdrüber sind. Die anderen waren eher betuchte Herrschaften. Geschäftsleute und Intellektuelle.“ Sie betonte Intellektuelle, als würde sie ein garstiges Wort verwenden. „Jedenfalls bin ich mir vorgekommen wie die einzige Normale. Wenn Sie wissen, was ich meine.“
„Natürlich“, bestärkte Frieda sie und nickte kräftig. Jetzt, wo Lotte Prinz in Fahrt gekommen war, wollte sie ihren Redefluss nicht unterbrechen.
„Zuerst hat mir die Kur auch rundum getaugt“, erklärte Lotte, „allein schon das Fasten hat meine Beschwerden gemildert, und erst recht diese Massagen mit Kräutern und Öl. Aber am dritten Tag hab ich einen Ausschlag bekommen. Erst im Gesicht und dann am ganzen Körper. Es hat höllisch gejuckt. Ich bin natürlich gleich zu Dr. Weinzierl und habe ihm gezeigt, wie ich ausschaue. Und was glauben Sie, hat er gesagt?“
„Keine Ahnung.“
„,Gratuliere!‘ ,hat er gesagt. ,Ich gratuliere Ihnen, offensichtlich hat der Ausleitungsprozess bereits begonnen.‘ ,Aber ich halte das nicht aus, Herr Doktor‘ ,habe ich gejammert, ,Sie müssen mir was verschreiben!‘ ,Das ist das Ama‘ ,hat er gesagt, ,die Schlacken. Die arbeiten sich jetzt heraus. Weil Sie halt so viele Medikamente geschluckt haben während der letzten Jahre. Da müssen wir jetzt einfach durch, Frau Prinz.‘ Wir ist gut, hab ich mir gedacht, aber probierst es halt noch einen Tag lang. In der Nacht hab ich kein Auge zugetan, und am nächsten Tag ist das Jucken so arg geworden, dass ich keine Massage mehr ausgehalten habe. Dabei hat die Therapeutin eh schon von sich aus die Kräuterbehandlung abgesetzt, als sie gesehen hat, wie ich ausgeschaut hab. Also bin ich wieder zum Doktor gepilgert. Diesmal hat er mir doch ein Rezept ausgestellt: Fenistil ist draufgestanden. In der Apotheke hat mich die Apothekerin gleich gefragt: ,Kommen S’ aus der Klinik?‘ ,Ja‘ ,sag ich, ‚wieso?‘ ,Na, da sind S’ nicht die Erste, die mit so einem Ausschlag zu uns kommt‘ ,sagt sie., Aber ich bezweifle, dass es Ihnen helfen wird. Probieren S’ lieber das.‘ Und sie gibt mir stattdessen ein homöopathisches Mittel, den Namen hab ich vergessen. ,Werden S’ sehen, das hilft‘ ,hat Sie mir versichert, ‚ich hab es schon vielen Klienten aus der Klinik gegeben.‘ Ich hab mich furchtbar gefreut und brav die Globuli geschluckt, aber der Juckreiz ist um keinen Deut besser geworden. Ich wollte ja wirklich da durch, das können Sie mir glauben, weil’s doch wichtig ist, wegen der Ausleitung und so. Aber am Ende waren meine Arme und Beine total zerkratzt, und wenn mich nur einer angegriffen hat, hab ich laut geschrien. Da hab ich meinen Kurtl angerufen und gesagt:, Kurtl, bitte komm und hol mich ab, sonst fahr ich noch aus der Haut.‘ Und das war keine bloße Redensart in dem Moment, das können S’ mir glauben! Ich hab so geflennt am Telefon, dass der Kurtl alles stehen und liegen gelassen hat und gleich ins Auto gestiegen ist. Wir sind dann nach St. Pölten hinunter ins Krankenhaus, und dort haben sie mich erst einmal ordentlich zusammengeschissen. Wie könne man nur so dumm sein und sich bei meinem Krankheitsbild das ganze Glumpert auf die Haut schmieren lassen, hat der junge Arzt in der Ambulanz gemeint. Das würde ja schon bei Gesunden oft allergische Reaktionen auslösen, weil unsereins diese Öle und Kräuter halt einfach nicht gewöhnt sei. Gar nicht zu reden davon, dass die Zusammensetzung von dem Zeug oft nicht geklärt sei und dass es in den Herkunftsländern keine Standards dafür gäbe, die eingehalten werden müssen. Das pure Gift halt., Aber der Dr. Weinzierl ist doch auch Arzt‘ ,hab ich mich verteidigt, ,ein Arzt wird mir doch nichts Schlechtes verschreiben!‘ Da hat der junge Mann nur die Augenbrauen nach oben gezogen und mir Cortison verschrieben. Schon nach einem Tag war der Ausschlag weg, komplett. Gott sei Dank, kann ich nur sagen. Sie können mir glauben: Ich war knapp davor, mir was anzutun!“
Lotte Prinz hatte sich richtig in Rage geredet und musste jetzt erst einmal gehörig durchschnaufen. Vorsichtig schlürfend nahm sie einen Schluck von dem Kamillentee, den ihr Rosa gerade mit einem aufmunternden Lächeln serviert hatte.
„Und … und haben Sie mit der Klinik noch einmal Kontakt aufgenommen?“, fragte Frieda in die Stille hinein.
„Ja, zwei Wochen später. Weil der Kurtl gemeint hat, dass wir uns das nicht gefallen lassen dürfen. Also hab ich mich hingesetzt und dem Dr. Weinzierl einen Brief geschrieben. Ganz höflich hab ich ihn gebeten, dass er mir einen Teil der Kurkosten erlassen soll, weil ich doch die Kur vorzeitig abbrechen musste, und wegen der Schmerzen.“
„Und die Antwort?“
Lotte Prinz zuckte frustriert mit der Schulter und zog ein Kuvert aus ihrer Handtasche.
„Da, lesen Sie selbst.“
Frieda überflog das Schreiben mit dem geschlungenen MAA als Briefkopf, dem Logo der Maharishi Ayurvedaklinik Adang. „Ihrem Wunsch kann leider nicht entsprochen werden“, hieß es da, und in der Begründung war zweimal von der „Selbstverantwortung des Patienten“ die Rede. Außerdem habe Frau Prinz durch ihre Unterschrift zur Kenntnis genommen, „dass ein positiver Effekt der Kur nur dann gewährleistet ist, wenn alle ärztlich verschriebenen Anwendungen die gesamte Kurdauer über konsumiert werden“. Dem habe sich Frau Prinz durch ihren Abbruch der Kur nun ja leider entzogen.
„Könnte ich davon eine Kopie haben?“, fragte Frieda.
„Wozu?“
„Vielleicht kann ich das in meinem Artikel verwenden.“
Lotte Prinz zögerte einen Augenblick.
„Nein“, sagte sie dann mit Bestimmtheit. „Es ist jetzt zwei Jahre her, was soll das noch groß bringen. Ich möchte mir keine Schwierigkeiten einhandeln. Und außerdem: Sie sehen ja selbst, wie ich beieinander bin, obwohl ich seither wieder die alten Hämmer schlucke. Oder gerade deshalb? Vielleicht war es ja doch meine Schuld. Wenn ich den Ausleitungsprozess nur durchgestanden hätte …“
Frieda seufzte. Dieses Muster kannte sie zur Genüge, Lotte Prinz war nicht die erste Geschädigte aus Weinzierls famoser Klinik, die sie interviewte. Am Ende gaben sich die ausschließlich weiblichen Opfer auch noch selbst die Schuld an ihrer Misere. Bisher war keine bereit gewesen, gegen die Klinik rechtliche Schritte zu setzen oder ihr, der Journalistin, hieb- und stichfestes Material zu überlassen. Von wegen Selbstverantwortung des Patienten! Aber so, wie sie selbst Dr. Gottfried Weinzierl erlebt hatte, konnte sich Frieda auch bestens vorstellen, dass er gegenüber schlichten Gemütern eine Autoritätsperson ersten Ranges darstellte. So einem pinkelte frau nicht ans Bein. Lieber igelte sie sich ein und nahm alle Verantwortung auf sich.
„Danke für das Hintergrundgespräch“, sagte Frieda zu Lotte Prinz, die bereits aufgestanden war und nach ihrer Jacke griff.
„Ich verspreche Ihnen, dass ich alles, was Sie mir erzählt haben, nur anonymisiert verwenden werde. Und sollten Sie Ihre Meinung noch ändern, was die Unterlagen betrifft, können Sie mich jederzeit anrufen.“
Das leidende, geschwollene Gesicht von Frau Prinz verriet ihr, dass sie sich diesbezüglich keine Hoffnung zu machen brauchte.
4
„Die Welt ist alles, was der Fall ist, hat uns der gute alte Wittgenstein vor jetzt bald hundert Jahren verkündet. Er hat nicht vorhersehen können, dass dank der unablässig anbrandenden Esoterikwellen unser Begriff von der Welt mittlerweile recht ordentlich erweitert worden ist, nicht wahr?“
Es sollte zynisch klingen, aber irgendwie schienen alle Argumente an Emma abzuprallen. Die alte Schulfreundin hatte Frieda schon im Vorjahr das Versprechen abgenommen, bei ihrem nächsten Besuch in der alten Heimat unbedingt einmal in ihrer „Hütte“ vorbeizuschauen. Diese erwies sich als stattlicher Vierkanthof außerhalb der Stadt, den Emma und ihr Mann, ein bekannter Architekt, günstig gekauft und modernisiert hatten. Die ehemalige Stube, ausgestattet mit einer Oberlichte aus Milchglas, diente Emma als Grafikbüro, nicht weniger als drei große Apple-Computer prangten auf den weiß lackierten Schreibtischen. Bei der Führung durchs Haus waren Frieda seltsame Apparaturen an den Wasserhähnen aufgefallen. Emma hatte ihr erklärt, dass es sich um Wasserbelebungsgeräte nach Johann Grander handelte, was prompt zu einer heißen Diskussion über Glauben und Wissen geführt hatte. Mittlerweile waren sie bei der Komplementärmedizin angelangt. Dem Thema, das Frieda derzeit am meisten beschäftigte.
Sie hockten einander im Schneidersitz gegenüber, wie in alten Zeiten. Nur dass die ehemals übliche Unterlage, irgendein billiges Baumwolltuch, durch eine reich bestickte Brokatdecke mit einem breiten goldenen Saum ersetzt worden war, zweifellos ein Mitbringsel Emmas von einer ihrer zahlreichen Asienreisen. Der frisch zubereitete Jasmintee duftete, das Teelicht flackerte in einer mit Elefantenmustern durchbrochenen steinernen Kugel und erzeugte bizarre Lichtmuster im abgedunkelten Raum.
Aber Frieda hatte keinen Sinn für das exotische Ambiente. Sie diskutierten nun schon eine halbe Stunde, und Frieda spürte, dass ihr die alte Freundin immer fremder wurde, je länger das Gespräch dauerte.
„Das Zeug wäre doch früher in Medizinerkreisen nicht einmal satisfaktionsfähig gewesen, Emma! Heute findest du die nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nullwertigen Salze eines Dr. Schüßler in jeder Apotheke, und schon der zwölfjährige Karli fragt, wenn die Mama ihn losschickt, um Ferrum phosphoricum zu holen, ob er die Globuli in D6 oder D12 bringen soll.“
„Und was regst du dich darüber auf?“ Emma gluckerte fröhlich. „Du musst dir das Zeug ja nicht einwerfen. Niemand zwingt dich dazu.“
Frieda sah einer Riesenmotte nach, die von ihrer Nachtschwärmerei im Zimmer zurückgeblieben war und an der Innenseite des Fensters in einem letzten hoffnungslosen Taumel rauf- und runterflatterte. War er nicht richtig, der Einwand der Freundin? Weshalb regte sie sich so auf? Sie versuchte, es Emma gleichzutun und ebenso kerzengerade zu sitzen, aber ihre Hüften waren an die Position nicht mehr gewöhnt. Der Tee schmeckte ihr nicht, und Kaffee gab es keinen. „Sorry, das ist schon seit Jahren ein koffeinfreier Haushalt“, lautete Emmas Entschuldigung. Immerhin half das Nippen an dem lauwarmen Gesöff beim Konzentrieren.
Wie lange trieb das Thema sie nun schon um? War es wirklich nur die Serie, für die sie seit Wochen recherchierte, oder steckte etwas Grundsätzlicheres dahinter? Eine Irritation, eine grundsätzliche Verstörung darüber, dass nichts mehr seine Ordnung hatte und jede Mess- und Wägbarkeit den Bach runterging? Wünschte sie sich, naiv wie ein kleines Mäderl, gar den allwissenden Herrn Doktor zurück, das Abbild des lieben Gottes auf Erden, der einem mit seiner bloßen sonoren Stimme helfen konnte?
Aber was war denn so anders bei den sogenannten Heilern jedweder Provenienz? Traten die etwa weniger priesterhaft auf, wenn sie ihre Puls- und Pupillendiagnose machten oder schlicht die Aura ihrer Klienten orteten, um danach ihre Wässerchen und Kügelchen zu verordnen? Nein, gewiss fehlte es ihnen nicht an Ausstrahlung. Eher strahlten gerade sie jene Gewissheit, jene Überzeugungskraft aus, über die der gute alte Herr Doktor in seinem weißen Kittel schon längst nicht mehr verfügte in seiner krankenkassengestützten Ordination. Die gesellschaftliche Elite und erst recht das breite Bürgertum waren weggebrochen, hatten sich verduftet. Aus dem Mief der Massenordination hinüber in die ausbalancierte, von weichem Salzlicht durchflutete Feng-Shui-Atmosphäre der Heilkünstler. Wer sich nicht beizeiten umstellte, wer nicht selbst Globuli und Magnetbänder verschrieb, galt als Technokrat, bornierter Schulmediziner und willenloser Vertreter der Pharmaindustrie – mit einem Wort als alt. Also passten die Ärzte sich an, sortierten die Apotheker ihre Regale neu. Beide Berufsgruppen empfahlen jetzt ihrer Klientel, wonach diese sich sehnte: nach dem alles heilenden, heilmachenden Lebenselixier. Egal, was man während des Studiums gelernt hatte, egal, was durch zig Doppelblindstudien längst belegt war: Hauptsache, der Astralleib dehnt sich dank des verordneten Rosenquarzes ins Unermessliche; Hauptsache, das Horoskop bettet dich ein in kosmologische Sphären. Und – für den Fall, dass alle Stricke reißen sollten – der ewige, immer richtige Trost: Hilft’s nichts, so schadet’s nichts. Ein Trostpflaster, mit dem man jedem Mund, Augen und Ohren verkleben kann.
War es dieser hirnverbrannte, hirnverbrennende, als Zeitgeist getarnte Ungeist, der Frieda so nervte? Der, gepaart mit unverblümter Abzockerei, zu beweisen schien, dass Scharlatanerie und Quacksalbertum nie auszurotten sein würden – jedenfalls nicht durch eine an Redlichkeit und Überprüfbarkeit orientierte Wissenschaft? War es jene unheilige Allianz zwischen Anhängern der Alternativmedizin und irgendwelcher Alternativreligionen bis hin zur Verschmelzung beider? War es diese esoterisch-mystische Pseudoargumentation, die abzustellen sich einst Äskulap bemüht hatte und an deren Verbreitung seine postmodernen Schüler nun kräftig mitwirkten, anstatt dafür zu sorgen, dass derlei Sümpfe endlich trockengelegt würden? Postmoderne, yes indeed! Welch abgrundtiefe Wahrheit doch in diesem bescheuerten Begriff steckte …
„Ach, Emma!“ Frieda lächelte die Freundin müde an. „Sie brennen uns das Hirn heraus, und wir bezahlen noch fleißig dafür. Und darüber soll frau sich nicht aufregen? Ich bin mir nur nicht sicher, ob es Lauge oder Säure ist, mit der sie uns das Denken verätzen. Aber das ist ja wohl auch egal.“
„Nicht unbedingt. Ob Lauge oder Säure macht doch für die Therapie einen ziemlichen Unterschied.“
„Hast im Chemieunterricht also doch ein bisserl aufgepasst, wie?“
Beide lachten. Sie erinnerten sich an ihre gemeinsame Zeit in der Siebten und Achten, als der halb blinde Professor Salcher, fraglos eine Kapazität in seinem Fach und sogar Herausgeber des Schulbuchs für organische und anorganische Chemie am Gymnasium, vor Unterrichtsbeginn immer durch Abzählen der Köpfe die Anwesenheit zu kontrollieren pflegte. Wobei der alte Lehrer, nachdem die Schüler herausgefunden hatten, wie katastrophal es um sein Augenlicht bestellt war, auch schon mal einen Sturzhelm anstatt eines Kopfes zählte. Den hatten die Burschen einfach auf die Schulbank gestellt, und sie ließen ihn zum Gaudium aller ein bisschen wackeln, wenn Salcher gerade einen absenten Schüler aufrief. Huber? Anwesend! Irgendein Komiker fand sich immer, der die Stimme des Fehlenden zu imitieren wusste.
Aber Frieda wollte noch nicht von ihrem Lieblingsthema lassen.
„Was willst du eigentlich therapieren, meine Liebe? Die Säure- oder Laugenspritzer sind doch allüberall. In den Kliniken ebenso wie in den Kirchen. Und es braucht keine Kanzel mehr – es genügt der gemeine Volksaltar, um die Leute zu verblöden. Vor allem, wenn diese Predigten auch noch im Fernsehen massenhaft Verbreitung finden.“
Emma nickte, aber ihr Nicken pendelte schnell zur Seite hin aus. Eine Geste, die Frieda seit der Schulbank kannte und die ganz eindeutig Zweifel signalisierte.
„Was ist? Sehe ich etwa zu schwarz?“
„Ach, keine Ahnung.“
Emma kratzte sich an der Nase wie andere hinterm Ohr. „Vielleicht hat dein Groll ja einen tieferen Grund. Etwas Persönliches womöglich. Ist es nicht meist etwas tief in unserem Inneren, das den berühmten Weltschmerz auslöst?“
„Verdammt, Emma, fängst du jetzt auch noch an mit dieser Masche! Wenn ich etwas hasse, dann ist es das Geschwafel vom je eigenen Anteil, vom unbewältigten Problem, das jeder, der etwas kritisiert, angeblich mit sich herumschleppt. Als ob es nichts Objektives mehr gäbe. Die objektive Scheiße, die sich durchaus beschreiben lässt, ohne dass man sich zu ihr in die Kloschüssel legen muss.“
„Die klinisch saubere Diagnose meinst du? Wissenschaft als Religionsersatz? Aber vielleicht machst du es dir doch ein bisschen zu einfach. Ich weiß ja, was du über Gott und die Welt denkst oder besser gesagt über den Umgang von unsereins mit Gott. Von wegen, wer da wen gezeugt hat, wer da wen braucht. Du hast es mir oft genug gepredigt.“
Emma legte eine kleine Pause ein, vermutlich um die Gewichtigkeit der nachfolgenden Worte zu untermauern.
„Trotzdem glaube ich, dass auch du nicht so sicher bist, wie du tust. Und ist es ein Wunder? Wovon letztlich eine Wirkung ausgeht, können wir doch nicht allein chemisch-analytisch bestimmen, Frieda! Von wem stammt das Zitat Wer heilt, hat recht?“
„Vergiss es! So, wie der Spruch heute ständig verwendet wird, wenn der Hintergrund eines Heilungsprozesses nicht bekannt ist, ist er unredlich! Warum wohl führen ihn gerade die sogenannten Naturheiler und Komplementärmediziner ständig im Mund? Auch wenn es einem Patienten egal sein mag, was genau zu seiner Heilung beigetragen hat – für einen Mediziner ist es doch ein Armutszeugnis, wenn er akzeptiert, dass der Weg zum positiven Ergebnis nicht nachvollziehbar ist. Evidence based medicine, Emma! Die Ursache für eine bestimmte Wirkung mag nicht immer bekannt sein – aber messbar sollte sie wohl in jedem Fall sein. Freilich, eine bloß behauptete Wirkung braucht keine nachweisbaren Messdaten. Ich meine, wenn diese Heinis nur einen Funken Medizinerehre im Leib hätten, würden sie die angebliche Wirksamkeit ihrer Methoden und Mittel doch überprüfen wollen, mit Handkuss! Aber indem sie die Schulmedizin ablehnen, bestreiten sie zugleich jede wissenschaftliche Überprüfbarkeit und drücken sich vor jeglicher Verantwortung. Weißt du, wie viele Akademiker alleine unter meinen Bekannten so gestrickt sind? Und das sind oft dieselben, die die Herkunft jedes billigen T-Shirts penibel hinterfragen: Es könnte ja in Bangladesch von Kinderhänden hergestellt worden sein, oder die Baumwolle wurde womöglich nicht nach ökologischen Kriterien angebaut. Tolle Logik, tolle Konsequenz, nicht?“
Sie wurden durch die Stimme Billie Holidays unterbrochen.
Don’t know why, there’s no sun up in the sky, stormy weather. Frieda entschuldigte sich und angelte das Handy aus ihrer Handtasche. glenk stand auf dem Display, absichtlich kleingeschrieben. Sie konnte den Chef der Wissenschaftsabteilung nun einmal nicht ausstehen. Glenk teilte ihr mit seiner schnarrenden Stimme mit, sie möge ihre Sachen packen und morgen in aller Früh in die Redaktion kommen. Worum es ging, wolle er am Telefon nicht sagen.
„Morgen? Du weißt schon, dass ich mir für morgen freigenommen habe?“
„Doch, morgen. Punkt acht in der Redaktion. Anordnung von God himself.“
Schöne Scheiße! Wenn Glenk den Chefredakteur ins Spiel brachte, war klargestellt, dass sie es gar nicht erst mit einer Ausrede versuchen musste. Was gleichzeitig bedeutete, dass sie auf die letzte lange Nacht des Festivals, normalerweise der feuchtfröhliche Höhepunkt, verzichten musste. Ade, mein fescher Fiedler! Und ewig schade auch um das Abendkonzert mit Roland Neuwirths Extremschrammeln, ihrer Lieblingsband. Aber angetrunken und im Dunkeln konnte sie unmöglich die hundertfünfzig Kilometer von Litschau nach Wien zurückfahren.
Obwohl das Telefonat nicht länger als eine Minute gedauert hatte, kam die Diskussion mit Emma danach nicht mehr so recht in Gang. Und da die Gastgeberin ohnehin erklärt hatte, dass sie nur bis fünfzehn Uhr Zeit habe (der wöchentliche Yogakurs, leider, den dürfe sie auf keinen Fall versäumen!), erhob sich Frieda aus dem Schneidersitz. Sie küssten einander zum Abschied auf die Wangen. Dreimal, wie es sich gehörte oder wie man es ihnen jedenfalls damals auf der Interrailreise beigebracht hatte. Das Geschmuse hatte sich schon einmal herzlicher angefühlt.
Als Frieda in den Lift stieg und Emmas kleine, zarte Hand ihr ein letztes Mal durch die milchige Scheibe zuwinkte, gab es ihr einen Stich in der Brust: Et tu, Brute! Schon das Interview mit Thomas Mitterer hatte ihr gezeigt, wie selbst ausgebildete Chemiker begannen, den Boden unter den Füßen zu verlieren. Es war ein Sumpf, der unaufhaltsam mächtiger und tiefer wurde und jeden verschlang, der sich ihm näherte. Diese Wirkung jedenfalls war unbestritten, evident. Dafür brauchte es keine Beweise.
Irritierend nur, dass Emmas Satz auch ein paar Stunden später noch in ihr arbeitete: Wovon letztlich eine Wirkung ausgeht, können wir doch nicht allein chemisch-analytisch bestimmen.
5
Als sie die Redaktion betrat, spürte sie sofort, dass etwas passiert war. Statt der üblichen Betriebsamkeit herrschte eine gedrückte Atmosphäre. Dicke Luft trotz des weit geöffneten Fensters.
Glenk kam aus seinem Glasverschlag und versuchte, ihr die Jacke abzunehmen. Aber sie war schneller. Wenn sie etwas hasste, waren es diese patriarchalen Gesten. Außerdem passte es nicht zu Glenk, dem Grantler, wenn er sich als Gentleman aufspielte. Höchstens wie die Faust aufs Auge.
„Kommen S’, wir gehen rauf“, brummte er und stapfte los, ohne auf ihre Reaktion zu warten. Sie trottete hinter ihm her. Fillinger logierte im vierten Stock, und der Lift war wieder einmal außer Betrieb. Vermutlich ließ ihn Fillinger absichtlich nicht reparieren, weil er dadurch zu ein bisschen Bewegung genötigt wurde. Was ihm auch durchaus nicht schadete.
Das Büro des Chefredakteurs war spartanisch eingerichtet. Nur ein Foto seiner Familie im Holzrahmen zierte den Schreibtisch, sonst fand sich im ganzen Raum nichts Persönliches. Das Berufliche und das Private trennen, so lautete schließlich sein Credo. Eines von vielen.
„Sie werden gleich verstehen, warum wir Sie auf die Schnelle zurückholen mussten“, sagte Fillinger. Er gab sich gar nicht erst die Mühe, sie zu begrüßen. „Tja, es hat leider einen schlimmen Vorfall gegeben. Einen sehr schlimmen.“ Er räusperte sich. „Glenk, sind Sie bitte so gut und klären Sie Frau Prohaska auf?“
In Friedas Kopf schrillten sämtliche Alarmglocken. Was zum Teufel hatte es zu bedeuten, wenn Fillinger von schlimm sprach? War es nun so weit, würde man ihr endgültig den Laufpass geben? Hatte Dr. Weinzierl sich über sie beschwert, weil sie bei ihrem Besuch in der Klinik ein Fläschchen Öl hatte mitgehen lassen, um es chemisch analysieren zu lassen? Ein Diebstahl, der nicht nur unethisch, sondern auch umsonst gewesen war, weil ihr die Phiole im Suff schlicht und ergreifend aus der Hand gerutscht war und sich ihr Inhalt auf den Parkettboden der Pension Nachtruh ergossen hatte. Es wäre nicht das erste Mal gewesen, dass ihre etwas eigentümlichen Recherchemethoden Probleme nach sich zogen. Das letzte Mal hatte die größte Tageszeitung des Landes gedroht, opinion zu klagen, falls man es wagen würde, die unter Vorspiegelung einer falschen Identität erworbenen Kenntnisse über die finanziellen Machenschaften des mächtigen Käseblatts zu veröffentlichen, vor dem bis hin zum Kanzler alle den Schwanz einzogen. Okay, ihre Methode war nicht eben neu gewesen, andere waren damit schon berühmt geworden. Aber es machte nun einmal einen gewaltigen Unterschied, ob man Wallraff oder Prohaska hieß. Fillinger hatte sie damals mächtig zusammengeschissen und ihr offen mit Kündigung gedroht. Die Recherchearbeit von drei Monaten durfte sie unter „außer Spesen nichts gewesen“ verbuchen. Seither war es ihr nicht mehr gelungen, mit ihren Geschichten auf die Titelseite zu kommen. Das war weder für die Geldbörse noch für das journalistische Ego gut.
„Bernd ist tot“, sagte Glenk und sah wie immer haarscharf an ihr vorbei. Aber etwas war anders. Wenn sie sich nicht irrte, hatte ein Wangenmuskel des Wissenschaftsredakteurs kurz gezuckt. So viel an Regung hatte sie bei ihm noch nie erlebt.
„Bernd? Bernd Lussnig?“
„Ja. Wir haben es gestern Abend gefaxt bekommen, von der österreichischen Botschaft aus Delhi. Es war wohl ein Unfall. Ein tragischer Verkehrsunfall.“
Sie war vollkommen perplex. Bernd und ein Verkehrsunfall, das war einfach denkunmöglich! Wenn ein harter Hund wie Bernd denn tatsächlich einmal ins Gras beißen sollte, dann, weil ihn ein Terrorkommando irgendwo im arabischen Raum entführte und vor laufender Videokamera hinrichtete oder weil eine verirrte Kugel ihn erwischte. Es gab wahrlich genügend Schlachtfelder auf dieser Welt, wo sich für einen wie ihn eine Gelegenheit dazu geboten hätte. Aber ein Verkehrsunfall … eine witzlose Ironie der Geschichte, oder was?
„Wann … wo … wie ist es passiert?“
Sie spürte sofort, wie nullwertig diese Reaktion war. Als ob die klassischen W-Fragen einen in einer solchen Situation nur um einen Millimeter weiterbrächten. Außerdem registrierte sie, wie plötzlich eine gewisse Drüse aktiv wurde. Jetzt fang bloß nicht an zu heulen, ermahnte sie sich. Das Private und das Berufliche schön hübsch trennen, Frieda! Doch selbst der, von dem diese Devise stammte, schaute im Moment ziemlich fertig drein, raffte sich dann aber doch zu einer Antwort auf. Reden war vielleicht noch das beste Mittel, um den Kloß im Hals loszuwerden.
„In Pondicherry, Südostindien“, sagte Fillinger. „Er war zu Fuß unterwegs, als er überfahren wurde. Es muss schon vor mehreren Tagen passiert sein. Aber bis die Botschaft davon erfahren hat …“
„Ich dachte, Bernd sei in Kerala? Er wollte doch dort diverse Ayurvedaresorts und Produktionsstätten besuchen, oder?“
„Das hatte er vor, ja. Aber in letzter Minute hat er seinen Flug nach Trivandrum gecancelt und stattdessen einen nach Chennai gebucht. Von dort hat er sich allerdings nie gemeldet. Na ja, kennst ja seine Art.“ Sein Wechsel vom Sie zum Du fiel Fillinger wohl selbst nicht auf.
Ja, sie kannte Bernds Art. Nur die Art, wohlgemerkt, nicht den Menschen. In einer einzigen gemeinsamen Nacht lernte man einen Mann nicht kennen. Schon gar nicht einen wie Bernd Lussnig.
Er war ein Freak gewesen, nicht mehr und nicht weniger. Ein genialisch angehauchter Grenzgänger mit mehr Macken, als erlaubt. Aber er hatte es immer geschafft, damit durchzukommen. Das unterschied ihn ganz gewaltig von den meisten, die sie kannte. Insbesondere von ihr selbst.
Da war zum Beispiel Bernds Angewohnheit, alles kleinzuschreiben. Auf die Logik der jeweils gerade gültigen Groß- und Kleinschreibnorm, die irgendwelche Rechtschreibpäpste als Dogmen verordneten, wolle er, wie er verkündete, sich gar nicht erst einlassen. „Wenn sogar der Name unserer geliebten Wochenzeitschrift kleingeschrieben wird“, blödelte er, „kann ich mich doch nicht durch die Verwendung von Großbuchstaben darüber erheben. Das wäre ja fast so etwas wie Hybris.“
Ob seine konsequente Kleinschreibung damit zusammenhing, dass er orthografisch schlichtweg eine gröbere Lücke hatte, oder ob es sich nur um einen seiner Spleens handelte, wusste niemand in der Redaktion. Und so, wie die Dinge lagen, würde das auch künftig nie jemand herausfinden. Aber egal, ob Defizit oder Spleen: Bernd hatte sich bei opinion eine Position erschrieben, aufgrund derer ihm diese Eigenheit von Fillinger nachgesehen wurde, wie so manch andere auch. Vor Drucklegung ließ man halt einen der frisch von der Uni gekommenen Volontäre, die sonst zu nichts zu gebrauchen waren, Bernds Texte orthografisch standardisieren. Im Trockendock überholen, wie Fillinger es nannte. Es gab bedeutend Schlimmeres, als die mangelhafte Rechtschreibung eines Mitarbeiters sanieren zu müssen. Am Inhalt von Bernds Beiträgen war jedenfalls nie etwas auszusetzen. Er, der meistzitierte Kampfgockel von opinion, dessen Artikel auch schon mal international Aufsehen erregten, durfte sich Privilegien herausnehmen, an die andere, vor allem freie Mitarbeiter wie Frieda, die nach Seiten pro Heft bezahlt wurden, nicht einmal zu denken wagten.
„Wie weit bist du eigentlich mit deinen Recherchen bei den hiesigen Kliniken?“, fragte Glenk.
Ein ziemlich brüsker Themenwechsel, wie Frieda fand. Typisch, dass der alte Unsympathler nicht einmal angesichts der spürbaren Präsenz des Todes einen Hauch Sensibilität an den Tag legte. Wo keine Erde ist, kann nichts wachsen, wie ein lettisches Sprichwort besagte. Oder war es ein litauisches? Egal: Dass diese ehemalige Binsenweisheit zumindest in der Landwirtschaft nicht mehr zutraf, bewiesen Tausende Gewächshäuser in Holland und Andalusien, wo Tomaten ohne einen Krümel Erde Kindskopfgröße erreichten. Aber es gab doch so etwas wie die metaphorische Wahrheit. Eine Wahrheit, die nicht von den Gesetzen der Natur beziehungsweise deren Pervertierung abhängig war. Wenn man so wollte, zeigte ja bereits der Geschmacksverlust bei dem erdfrei produzierten Gemüse, dass der Spruch in einem höheren Sinne immer noch stimmte.
In Friedas Augen hatte Glenk die besten Chancen, bei der Wahl zum Widerling des Jahrhunderts den ersten Platz zu erobern. Was dann zu einem Problem werden konnte, wenn man von einem wie ihm abhängig war. Wenn dieser Mensch darüber zu entscheiden hatte, ob sie genügend verdiente, um sich einen sieben Jahre alten Havana Club leisten zu können. Oder nur einen dreijährigen.
Entsprechend vorsichtig fiel ihre Antwort aus: „Na ja, in der Adanger Klinik habe ich auf Granit gebissen, aber mit den sonstigen Gesprächen lässt sich schon etwas anfangen. Meiner Meinung nach hat dieser Dr. Weinzierl ordentlich Dreck am Stecken.“
„Aber handfeste Beweise, dass da etwas aus dem Ruder gelaufen ist, haben wir keine?“
Aus dem Ruder gelaufen? Ihrer bescheidenen Meinung nach war da nie etwas im Ruder gelaufen – oder wie lautete der richtige Ausdruck dafür, wenn ein durchgeknallter Arzt, der von sich behauptete, kraft seiner transzendentalen Meditationskräfte sogar fliegen zu können, die Leute nach Strich und Faden ausnahm? Nur damit sie kränker aus seiner famosen Klinik heimkehrten, als sie diese betreten hatten? So wie Lotte Prinz und etliche andere. Jene Geschädigten, die, wenn frau ehrlich sein wollte, ihr leider allesamt nicht rasend viele hard facts anvertraut hatten. Material für eine Coverstory sah jedenfalls anders aus.
Fillinger beendete Glenks Verhör, indem er die Klappe seines Wandschranks öffnete und eine Flasche Hennessy XO sowie drei bauchige Gläser hervorzauberte. Beim Einschenken zitterte seine Hand.
„Lasst uns einen in Gedenken an Bernd heben“, sagte der Chefredakteur. „So einen wie ihn sieht dieses Haus nicht wieder.“
Er reichte Glenk und Frieda die üppig gefüllten Gläser.
„Auf Bernd.“
„Auf Bernd“, lautete das Echo. Selten war man in der obersten Etage von opinion so einer Meinung gewesen.
Sie kippten die Köpfe nach hinten, und der Cognac beruhigte ein wenig die entnervten Hirnwindungen.
„Lussnig war unser bestes Pferd im Stall“, sagte Fillinger und schenkte gleich noch einmal nach.
Frieda versuchte sich vorzustellen, wie Bernd diese Würdigung kommentiert hätte. Mit einem ihr superlativsüchtigen Arschlöcher! vielleicht oder Pferde gehören nicht in einen Stall, sie gehören aufs freie Land. Nach dem zweiten Glas begann sich langsam wieder eine vertraute Wärme in ihrem Körper auszubreiten.
„Ohne Bernds Anteil, ohne die internationale Dimension, gibt diese Ayurvedageschichte natürlich nicht mehr viel her“, schnarrte Glenk unvermittelt.
Mit einem Schlag war es vorbei mit der hübschen Wärme. Aber sosehr sie sich auch anstrengte, Glenks Feststellung war faktisch wenig entgegenzuhalten. Sollte sie darauf verweisen, dass sie zu dem amerikanischen Verfasser der Schwermetallstudie auf Bernds Wunsch hin Kontakt aufgenommen hatte? Aber selbst dabei war doch letztlich nur wenig herausgekommen. Weniger als wenig, genau genommen. Nichts. Der Widerling hatte leider recht, so sah es aus.
„Vielleicht lässt sich ja später mit Ihrem Material etwas anfangen. Dieser Ayurvedaboom hat ja eben erst begonnen“, murmelte Fillinger. Es sollte wie ein Trost klingen, aber sie wusste es richtig einzuschätzen – als Vertröstung auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Sie hatte genügend Erfahrung damit, dass ein einmal verworfenes Thema so schnell nicht mehr auf die Agenda kam.
„Ja, vielleicht“, sagte sie und bewegte sich in Richtung Tür.
„Ach, eins noch“, sagte Fillinger. Aber dann überließ er es doch Glenk, den Satz fortzusetzen.
„Schau bitte Bernds Sachen durch und sortier aus, was an seine Frau gehen soll und was in der Redaktion verbleibt.“
Sie nickte und legte die Hand auf die Türklinke. „Wann … wann ist das Begräbnis?“, fragte sie halb über die Schulter hinweg.
„Das wird so lange wie möglich hinausgeschoben. Frühestens nächsten Donnerstag.“
„Warum das?
„Erstens, weil der Leichnam noch nicht einmal überführt worden ist.“
„Und zweitens?“
„Weil die hiesige Staatsanwaltschaft eine Obduktion beantragt hat.“
„Wozu? Ich dachte, es sei ein Verkehrsunfall gewesen?“
„Schreibt jedenfalls die Botschaft. Und die beruft sich auf die Polizei von Pondicherry. Aber ich denke auch, dass es nicht schadet, das noch einmal mit unseren Mitteln zu überprüfen.“
Mit unseren Mitteln, mit ihren Mitteln … Da war sie wieder, die elende Grundsatzdiskussion, mit der sie sich die letzten Wochen hatte herumschlagen müssen. Moderne westliche Methoden gegen uralte östliche. Systemwechsel, Paradigmenwechsel, wie Thomas Mitterer es nennen würde. Wie auch immer: Welche Rolle spielte das alles jetzt, wo Bernd doch tot war? Ihr Kollege und Partner, ihr heimliches Vorbild. Ja, darauf lief es wohl hinaus: auf ein posthumes Geständnis.
Sie zog die Tür hinter sich zu und stolperte die Stiege hinab. Zwischen dem dritten und zweiten Stock stützte sie den Kopf gegen die Wand.
Dann ließ sie fließen, was aus ihr herausmusste.
*
Bernd Lussnigs Schreibtisch war das reine Chaos. Sie hatte sich zwei Bananenkartons aus dem Supermarkt gegenüber besorgt und begann die Sachen in den linken oder rechten Karton zu packen, je nachdem, ob sie im Haus verbleiben oder an Bernds Frau Lili gehen sollten. In den meisten Fällen war offensichtlich, was in welche Schachtel gehörte. Erst als sie in einer Schublade auf eine dicke, knallgelbe Mappe stieß, die sie schon einmal gesehen hatte, musste sie einen Augenblick überlegen. In der Mappe, das wusste sie aus ihren gemeinsamen Besprechungen, pflegte Bernd alle möglichen Unterlagen abzulegen, die zu ihrem aktuellen Thema angefallen waren. Nun ja, jetzt war es ja nicht mehr aktuell. Sie knüpfte das schwarze Stoffband auf, klappte die Flügel auseinander. Ein letzter Blick auf unsere gemeinsame Arbeit, dachte sie.
Zuoberst lag Pipers Schwermetallstudie, von der sie ebenfalls eine Kopie besaß. Die Seiten waren, wie sie überrascht feststellte, mit handschriftlichen Anmerkungen vollgesudelt. Und das, obwohl Bernd vorgeschlagen hatte, dass sie die Studie übernehmen und das Interview mit dem Verfasser machen sollte. Dennoch hatte auch er sich offenbar intensiv damit befasst. Was ließ sich daraus folgern? Dass er, der alte Kontrollfreak, ihr zu wenig vertraute? Oder, umgekehrt, dass er Mitleid mit ihr gehabt hatte, weil sie bei ihren Recherchen in der österreichischen Provinz herumlurchen musste, während er sich in exotische Gefilde begab? Hatte er ihr deshalb wenigstens die American connection überlassen?
Unter der Studie fand sich ein Sammelsurium an Notizzetteln und Adressen. Ein Zettel im Format einer Eintrittskarte fiel zu Boden. Sie hob ihn auf. Es war tatsächlich eine Kinokarte. Der Filmtitel, der an diesem Tag im Cine Center am Fleischmarkt gelaufen war, war nicht mehr zu entziffern, wohl aber das Datum: 8. Juni 2012. Wenn sie sich nicht irrte, war Bernd genau zwei Tage später abgeflogen. Nach Chennai anstatt nach Trivandrum.
Sie drehte den Zettel nachdenklich zwischen ihren Fingern. Erst jetzt bemerkte sie den handschriftlichen Vermerk auf der Rückseite. Dass er von Bernd stammte, war eindeutig – alle Buchstaben waren kleingeschrieben und schwer zu entziffern. Vielleicht die letzten Schriftzeichen, die sie von ihm zu Gesicht bekommen würde.
flug umbuchen! → chap → kk, auroville
Sie steckte die Kinokarte in die Brusttasche ihrer Jeansjacke. Dann band sie die gelbe Mappe wieder zusammen und warf sie in den rechten, für Lili bestimmten Karton. Für Frieda war das Thema gestorben, und niemand sonst in der Redaktion würde es sich antun, es noch einmal aufzurühren. Alleine die Zeit, die sie mit der Lektüre von Studien und Fachbüchern verbracht hatte … Und all die unbezahlten Stunden, die für sinnlose Diskussionen, wie für jene mit Emma, draufgegangen waren … Selbst wenn daraus jemals ein ordentlicher Artikel geworden wäre: Der Stundenlohn dafür hätte sich nie und nimmer gerechnet!
Sie blickte auf die beiden Bananenschachteln hinab. Die mit den für Bernds Witwe bestimmten Sachen war nur halb voll. Die gelbe Mappe stach daraus hervor wie eine blühende Sonnenblume aus einer Müllhalde.
„Nein“, murmelte sie plötzlich. Holte die Flügelmappe wieder aus der Schachtel und steckte sie in ihre Handtasche. Sie würde die Unterlagen sicher bald wegwerfen. Aber irgendwie, sagte ihr ein Bauchgefühl, war es dafür noch nicht an der Zeit.
E-Mail-Verkehr mit Dr. Richard Piper, Boston
Von: fpro@gmx.at
Gesendet: Freitag, 22. Juni 2012 09 : 11
An: r.piper@bmc.org
Betreff: Anfrage
Sehr geehrter Dr. Piper,
mein Name ist Frieda Prohaska, ich bin Journalistin bei der österreichischen Wochenzeitschrift opinion. Zusammen mit meinem Kollegen Bernd Lussnig arbeite ich zurzeit an einem umfassenden Bericht über Ayurveda. In diesem Zusammenhang sind wir auf die Studie gestoßen, die Sie letztes Jahr in JAMA publiziert haben und in welcher Sie massive Grenzwertüberschreitungen bei Quecksilber, Blei und Arsen in vielen via Internet erhältlichen Ayurvedaprodukten nachgewiesen haben.
Ich würde Sie ersuchen, mir in diesem Zusammenhang einige Fragen zu beantworten. Gerne rufe ich Sie in Boston an, ein Telefonat via Skype wäre vielleicht am einfachsten. Ich kann Ihnen für ein solches Hintergrundgespräch kein Honorar in Aussicht stellen, eine pauschale Aufwandsentschädigung nach dem bei Ihnen üblichen Stundensatz können Sie uns aber gerne verrechnen. Teilen Sie mir bitte mit, ob Sie dazu bereit wären und in welcher Form Sie das Gespräch abwickeln möchten. Natürlich wäre es auch möglich, unsere Fragen per Mail zu beantworten.
Mit besten Grüßen aus Wien
Frieda Prohaska
Von: r.piper@bmc.org
Gesendet: Dienstag, 31. Juli 2012 14 : 35
An: fpro@gmx.at
Betreff: Re: Anfrage
Liebe Frau Prohaska,
entschuldigen Sie meine späte Antwort, aber ich stecke zurzeit über beide Ohren in einem weiteren Forschungsprojekt zu eben jenem Thema, an dem Sie Ihr journalistisches Interesse bekundet haben.
Grundsätzlich bin ich zu einer Stellungnahme bereit, bitte Sie aber, mir Ihre Fragen auf schriftlichem Wege vorzulegen. Ich bin kein großer Redner und ziehe es vor, meine Meinung schriftlich zu kommunizieren. So ist auch eher gewährleistet, nicht falsch verstanden oder zitiert zu werden.
Mit freundlichen Grüßen
Richard Piper
Von: fpro@gmx.at
Gesendet: Mittwoch, 1. August 2012 08 : 46
An: r.piper@bmc.org
Betreff: AW: Re: Anfrage
Sehr geehrter Dr. Piper,
herzlichen Dank für Ihre Bereitschaft zur Kooperation und bereits im Vorhinein besten Dank für Ihre Mühe!
Hier also meine vier Fragen:
1. Ein von Ayurvedavertretern vorgebrachtes Argument gegen Ihre Studie lautet, dass die bloße Anwesenheit von Schwermetallen in ayurvedischen Produkten nichts darüber aussage, ob diese in gebundener oder löslicher Form vorliegen. Dr. K. Neeravan aus Mumbai kritisiert in seinem neuesten Buch insbesondere, dass in Untersuchungen wie Ihrer die ayurvedische Kunst der Reinigung toxischer Metalle (Shodana) und ihre Überführung in einen nicht toxischen Zustand (Bhasma) in keiner Weise berücksichtigt werde. Er unterstellt Ihnen sogar „typisch westliche Arroganz”. Was halten Sie von dieser Kritik?
2. Wie erklären Sie sich, dass angesichts der weltweiten Verwendung von ayurvedischen Substanzen nur so wenige Fälle von Quecksilber-, Blei- oder Arsenvergiftung bekannt sind, obwohl laut Ihrer Studie doch unzählige Menschen mit diesen schwermetallhaltigen Produkten in Berührung gekommen sein müssen?
3. Lassen die Ergebnisse Ihrer Studie den Schluss zu, dass auch jene Produkte, die in Ayurvedakliniken in Europa oder sonst wo im Westen Verwendung finden, für den Konsumenten gefährlich sind? Oder gehen Sie davon aus, dass ayurvedische Präparate aufgrund der jüngsten, im indischen Parlament beschlossenen Gesetze künftig nicht bedenklich für den Konsumenten sind?
4. Werden Sie sich als Wissenschaftler weiterhin in dieser Sache engagieren? Und welche sind Ihre nächsten Projekte?
Mit freundlichen Grüßen
Frieda Prohaska
Von: r.piper@bmc.org
Gesendet: Montag, 6. August 2012 09 : 14
An: fpro@gmx.at
Betreff: AW: AW: Re: Anfrage
Liebe Frau Prohaska,
in der gebotenen Kürze meine Kommentare zu Ihren vier Fragen. ad 1: Auf die Polemik von der „westlichen Arroganz” möchte ich mich gar nicht erst einlassen. Ich kann nur konstatieren: Was das Schwermetall Blei betrifft, das in den von uns analysierten Produkten ja die massivste Grenzwertüberschreitung aufwies, gibt es keine nicht toxischen Verbindungen! Wir haben zudem in zusätzlichen Untersuchungen nachgewiesen, dass Blei, wie es in dem untersuchten Sample vorlag, vom menschlichen Organismus sehr wohl absorbiert wird. Zahlreiche klinische Berichte von Bleivergiftungen nach Einnahme der von uns untersuchten Präparate bestätigen dies.
Das Argument, dass es sich bei dem nach den traditionellen ayurvedischen Rezepturen bearbeiteten Blei um eine andersartige, nicht toxisch wirksame Form von Blei (das ominöse Bhasma) handle, wurde nach meiner Kenntnis noch nie einer physikalisch-chemischen Überprüfung nach wissenschaftlich anerkannten Standards unterzogen. Dies wäre aber die längst fällige Bringschuld der Ayurvedazunft. Meines Wissens gibt es bislang nur einige Untersuchungen an Tieren, bei denen nach Verabreichung der in Frage stehenden Substanzen nicht einmal der Bleigehalt im Blut – das wesentlichste Kriterium für eine allfällige Bleivergiftung! – gemessen wurde.
Solange es also keine gesicherten Belege für die Ungefährlichkeit schwermetallbelasteter Rasa-shastra-Produkte gibt, bleibe ich bei meiner Meinung, dass es sich bei der angeblichen „Reinigung” von Schwermetallen um alchemistischen Glauben ohne jede wissenschaftliche Basis handelt.
ad 2: Mein Argument lautet, dass die Anzahl der uns bekannten Vergiftungsfälle nicht repräsentativ für die faktische Zahl der Betroffenen ist. Es ist allgemein bekannt, dass Fallberichte von negativen Auswirkungen medizinischer Produkte nur einen geringen Prozentsatz der tatsächlichen Fälle ausmachen – und das gilt, so nebenbei, für schulmedizinische Produkte ebenso wie für jene aus dem alternativmedizinischen Bereich.
Was im Speziellen die geringe Anzahl von dokumentierten Bleivergiftungen in Indien anlangt, gibt es dafür mehrere Erklärungen: Erstens sind die Symptome von Bleivergiftungen wenig spezifisch (Bauchschmerzen, Müdigkeit aufgrund von Anämie, Verstopfung etc.). Zweitens ist bei indischen Ärzten oft gar nicht das Bewusstsein vorhanden, dass es sich bei solchen Symptomen um die Folge einer Bleivergiftung handeln könnte. Und drittens ist die für eine richtige Diagnosestellung erforderliche Bluttestung in Indien wenig verbreitet bzw. der Masse der Bevölkerung nicht zugänglich. ad 3: Zur Präzisierung: Die indische Gesetzeslage hat sich nur in der Hinsicht geändert, dass jetzt – wenigstens theoretisch – jene ayurvedischen Produkte, die für den Export bestimmt sind, untersucht werden müssen. Ob allerdings die Kontrolle der Exportware auf ihren Schwermetallgehalt hin tatsächlich rigoros und zu hundert Prozent erfolgt, kann ich nicht beurteilen.
Für die in Indien selbst verwendeten Substanzen, und diese machen angesichts der Verbreitung von Ayurveda auf dem Subkontinent naturgemäß die große Masse aus, besteht jedenfalls nach wie vor keine Kontrollpflicht.
ad 4: Das habe ich in der Tat vor. Eine neue, noch deutlich umfassendere Studie als die Ihnen bekannte ist bereits in Vorbereitung, Details dazu unterliegen noch der Geheimhaltung. Außerdem wurde ich zu einem interdisziplinären Kongress eingeladen, der im nächsten Frühjahr in Indien stattfinden soll und bei dem ich meine Position sehr nachdrücklich zu vertreten gedenke. Abschließend darf ich Sie ersuchen, mir vor Veröffentlichung Ihres Artikels diesen in beglaubigter Übersetzung zukommen zu lassen, um von mir die Freigabe jener Passagen einzuholen, in denen ich zitiert werde. Gerade weil dieses Thema auch in Fachkreisen sehr kontrovers behandelt wird und emotional befrachtet ist, kann ein falsch wiedergegebenes Wort bereits heftiges Feuer entfachen. Sie werden verstehen, dass ich mich dagegen absichern möchte.
Grüße aus Boston
Richard Piper
6
Weil er noch genügend Zeit bis zum vereinbarten Termin beim Bunker Hill Monument hatte, nahm Richard Piper den Umweg über die Commonwealth Avenue in Kauf, um seinem Kollegen Charles Boyd im Department of Chemistry persönlich die heiklen Unterlagen zu überbringen. Niemand sollte erfahren, an welcher Studie sein Team derzeit arbeitete, und Charles, der Laborleiter im Department, würde auf jeden Fall dichthalten. Was man von anderen Leuten in Pipers beruflichem Umfeld nicht immer behaupten konnte. Die plauderten, karrieregeil, wie so mancher und vor allem manche war, schnell einmal aus, was man unter dem Siegel der größten Verschwiegenheit an sie weitergegeben hatte. Natürlich dachte er jetzt nicht an Bridget, die sensationell vorderlastige Bridget Kacowsky, von der man sagte, dass sie sich auch schon mal mit dem einen oder anderen Professor in die Horizontale begab, wenn sie sich dafür in der Vertikalen das Überspringen von mindestens einer Sprosse auf der inneruniversitären Karriereleiter erhoffte. In jedem Fall war es angesichts des unerklärlichen Datenschwunds, den der Uniserver des Öfteren zu verzeichnen hatte, vorzuziehen, die Unterlagen in ein schlichtes graues Kuvert zu stecken und sie persönlich zuzustellen, anstatt sie einzuscannen und zu mailen.
Eine Hand wäscht die andere, dachte Piper. Ein Prinzip, so alt wie die Menschheit. Du hast Charles an der Highschool geholfen, dass er seinen Abschluss in Englisch geschafft hat. Jetzt darf er wieder einmal etwas für dich tun. Soll einen ja erleichtern, wenn man Schulden abarbeiten kann.
Aber es ging nicht nur darum, dass Charles ihm gegenüber verpflichtet war. Auch ganz grundsätzlich schwor Piper darauf, chemische Analysen, welche nun einmal den meisten seiner wissenschaftlichen Arbeiten zugrunde lagen, nicht im eigenen Haus durchführen zu lassen. Zwar gehörte auch das Department of Chemistry derselben Universität an wie das Medical Center, aber es machte dennoch einen großen Unterschied, ob die Laboruntersuchungen vor Ort oder unter Charles Boyds Patronanz stattfanden. Schon, um sich gegen allfällige spätere Vorwürfe absichern zu können, welche meist darauf abzielten, die Objektivität irgendwelcher Mitarbeiter oder Verfahrensweisen anzuzweifeln. Und in der Tat, wer wusste nicht, wie schwach, wie anfällig für Selbstbetrug der menschliche Geist war: Immer wieder kam es vor, dass die subjektive Erwartung des an einer Studie Beteiligten selbst die ausgeklügeltsten Analysemethoden und mithin deren Ergebnisse zu torpedieren vermochte. Der Mensch war immer die Sollbruchstelle. Auslagerung lautete deshalb Pipers Zauberwort. Und mochte Charles Boyd an der Highschool auch nicht ein As gewesen sein, was amerikanische Literatur betraf – in seinem Fachgebiet, der analytischen Chemie, war er eine Koryphäe.
Piper parkte seinen Wagen vor dem Institutsgebäude, schnappte das Kuvert und ging gemessenen Schrittes über den großen Innenhof hinüber in den Trakt, wo sich Charles’ Büro befand. Boyd würde über seinen Anblick nicht sonderlich erfreut sein, mutmaßte er. Denn wann immer er bei ihm auftauchte, roch es nach Arbeit.
Doch er hatte sich geirrt. Boyd begrüßte ihn fast überschwänglich, und da der ehemalige Klassenkamerad nie ein Talent zum Schauspielern gehabt hatte, war anzunehmen, dass er es mit seiner Herzlichkeit ehrlich meinte.
„Richard Piper!“, rief Boyd, umarmte ihn und schlug ihm dazu noch kräftig auf die Schulter. „Wenn das keine Freude ist, dich wieder einmal zu sehen, alter Kumpel! Und eine Ehre, bei Gott. Aber es ist ja kein Wunder, dass du dich nicht mehr mit dem einfachen Personal abgibst – wenn man zu einer internationalen Größe geworden ist …“
„Hör auf, Charles“, lachte Piper. „Du übertreibst maßlos.“
Boyd mimte den Entrüsteten: „Ich und übertreiben? Von wegen! Mein Freund, der Scheffel, unter den du dein Licht stellen könntest, wurde noch nicht konstruiert. Der Name Piper wird nicht nur im JAMA pausenlos zitiert – ich habe ihn in der New York Times ebenso gefunden wie in der Indian Times.“
„Das ist doch längst ein alter Hut, mein Bester. Okay, unsere Studie hat seinerzeit ein paar Wellen geschlagen, aber …“
„Ein paar Wellen, von wegen!“, unterbrach ihn Boyd. „Die ganze verdammte FDA hat ihren Kurs deswegen geändert. Und wenn ich nicht irre, haben sie in Indien Panik gekriegt und schnell ein neues Gesetz erlassen – genau wegen deiner Studie.“
„Wegen unserer Studie, Charles. Du wirst wohl nicht den Anteil der involvierten Kollegen, zu denen ja auch du zählst, schmälern wollen.“
„Nett, dass du das sagst, Richard. Aber wir beide wissen, dass du neunzig Prozent der Arbeit geleistet hast, und dafür gebührt dir auch Ruhm und Ehre.“
„Genug der Schmeichelei. Wenn ich dir zeige, was sich in diesem Kuvert befindet, wirst du vielleicht gleich bereuen, mir so viele Blumen gestreut zu haben.“
„Hm“, brummte Boyd, „ich hoffe tatsächlich, dass du nicht schon wieder einen Job für mich hast. Wir sind bis oben hin voll mit Aufträgen. Außer …“ Er grinste listig, fast ein wenig verschlagen. „Außer du hast diesmal etwas für unser Department auf die Seite legen können.“
Sie prusteten gleichzeitig los. Die Ironie dieser Überlegung war zu offensichtlich, denn die Budgetkürzungen machten auch vor Piper nicht halt. Da konnte seine letzte Studie noch so erfolgreich gewesen sein.
„Schau dir die Unterlagen einfach mal übers Wochenende an und sag mir, ob du das hinkriegen würdest“, sagte Piper, nun wieder ganz ernst. „Ich verspreche dir auch, dass dein Name prominent vorkommen wird. Oh, und es erübrigt sich natürlich hinzuzufügen, dass …“
„Dass ich niemandem gegenüber ein Sterbenswörtchen erwähnen darf“, ergänzte Boyd. „Schon verstanden, Richard. Wozu hat man alte Freunde.“
„In dem Fall: Danke, dass du dich damit befassen willst.“
„Befassen heißt nicht, dass ich es auch machen werde.“
„Okay, Charles. Wir werden sehen.“
Jetzt war er es, der dem anderen auf die Schulter klopfte.
„Du weißt, ich vertraue auf dich. Nur auf dich. Du bist einfach unser bester Mann. Was sage ich: der Beste in ganz Massachusetts.“
„Und du der falscheste Hund unter der Sonne“, rief Boyd und warf die Arme in die Höhe. „Weiche, Satan!“
Mit der Hand bereits auf der Türklinke drehte Piper sich noch einmal um: „Was ist der Unterschied zwischen einem amerikanischen und einem iranischen Universitätsprofessor, Charles?“
„Du wirst es mir gleich sagen“, seufzte Boyd.
„Der iranische bekommt mehr Geld von der CIA.“
Boyd lachte, wie es sich gehörte. Ein kurzes Winken und die Tür schloss sich hinter Piper. Aus Boyds Büro war ein seltsames Geräusch zu vernehmen. Es hörte sich an, als ob ein Gorilla sich wütend auf die Brust trommelte.
*
Als er ins Auto stieg, begann es zu tröpfeln. Piper ärgerte sich, den Wetterbericht nicht ernst genommen und dem Treffen unter freiem Himmel zugestimmt zu haben, er hatte nicht einmal einen Schirm dabei. Die Begründung für die Wahl des extravaganten Treffpunkts war ihm zwar merkwürdig vorgekommen, aber Piper war auf die Schnelle kein Gegenargument eingefallen.
„Können wir uns beim Bunker Hill Monument treffen?“, hatte der Mann mit leichtem Akzent gefragt. „Dort hat doch eine wichtige Schlacht in Ihrem Unabhängigkeitskrieg stattgefunden. Und Unabhängigkeit ist schließlich etwas vom Wichtigsten. Wer wüsste das besser als wir Inder.“
Und wir Wissenschaftler, hatte Piper im Geiste hinzugefügt und eingewilligt. Er stieg aufs Gaspedal, denn nach der Plauderei mit Charles würde es nun doch etwas knapp werden, den Termin einzuhalten. Nach der University Bridge bog er rechts in den Memorial Drive ein. Das Verkehrsaufkommen hielt sich in Grenzen, obwohl es ein Freitagabend war. Im Rückspiegel leuchtete kurz ein Regenbogen vor dem Hintergrund dunkler Wolken, ehe er bei der nächsten Abzweigung wieder aus seinem Blickwinkel verschwand. Was für ein Tag, dachte Piper, und welch seltsamer Zufall: im Verlauf einer einzigen Stunde zwei Anrufe in derselben Sache zu erhalten! Obwohl diese österreichische Journalistin ihn ja nur gebeten hatte, ihr Mail nicht zu übersehen und schnell zu beantworten, während der Inder eine persönliche Unterredung wünschte. Wenn möglich wollte er sich noch an diesem Abend mit ihm treffen, immerhin sei er extra von Indien dafür angereist. Im Kern ging es den beiden um dasselbe: um Pipers liebstes Kind, die Schwermetallstudie. Dabei war der Hype um die Studie längst wieder abgeflaut, was nur der medialen Logik entsprach: einen Tag titelseitenträchtig, am nächsten schon ein alter Hut.
Bei ihrem Erscheinen vor vier Jahren hatte Piper die internationale Aufmerksamkeit durchaus genossen. Und es war doch einiges in Bewegung gekommen: Fernsehberichte in etlichen europäischen Staaten, das Einfuhrverbot für ayurvedische Produkte in Kanada und schließlich die offizielle Warnung der Food and Drug Administration, basierend auf seinen Ergebnissen. Es folgten Entgegnungen und Proteste seitens diverser Ayurvedaverbände und sogar ein wissenschaftlicher Kongress, der sich mit dem Thema beschäftigte. Besonders stolz konnte Piper darauf sein, dass die renommiertesten indischen Ärzte eine Stalinorgel an Gegenargumenten gegen ihn in Stellung gebracht hatten, herausgegeben in einem im deutschen Springer Verlag verlegten Sammelband. Was gab es für einen Wissenschaftler Ehrenvolleres, als in einem Buch zitiert zu werden, selbst wenn man wegen seiner Forschungsergebnisse angegriffen wurde? Zumal diese Attacken nicht hatten verhindern können, dass die indische Regierung in einer Nacht-und-Nebelaktion ein Gesetz verabschiedete, in dem die Kontrolle aller ayurvedischen Präparate beschlossen wurde, welche für Export und Internethandel bestimmt waren. Das war allerdings genau der Haken dieses Gesetzes, der Schönheitsfehler, der nicht nur westlichen Wissenschaftlern auffiel: nur für den Export! Sogar namhafte indische Zeitschriften wie Frontline hatten darauf hingewiesen, dass dies doch eine einigermaßen sonderbare Optik ergebe. Wenn die aufgezeigte Gefahr so evident war, dass man sich auf höchster Ebene bemüßigt sah, ein Gesetz zu ändern – warum dann bitte nicht gleich für alle einschlägigen Produkte? Und was die praktische Kontrolle des neuen Gesetzes anging: Das war natürlich noch einmal ein eigenes Thema …
Piper war schon des Längeren nicht mehr in Charlestown gewesen, erst recht nicht mit dem eigenen Wagen, und so brauchte er eine ganze Weile, bis er endlich in der Nähe seines Ziels einen Parkplatz fand. Während des Marsches hinauf zum Denkmal erinnerte er sich, was der Mann auf seine Frage, wie er ihn erkennen sollte, geantwortet hatte: „Am Tika auf meiner Stirn. Sie wissen doch, was ein Tika ist?“
Na, selbstverständlich wusste er das, man war ja schließlich kein Kulturbanause: Das Tika oder Tilaka stand nach hinduistischer Vorstellung für das dritte Auge, den Sitz des geheimen Wissens. Wieso der Mann sich allerdings erbeten hatte, der Herr Doktor möge alleine kommen, hatte er nicht ganz verstanden. Das klang ja geradezu verschwörerisch. Doch weil der andere gleich aufgelegt hatte, war es bei der Verwunderung geblieben.
Der Regen hatte zum Glück schon wieder aufgehört. Langsam stieg Piper die Stufen zum granitenen Monument hinauf, dessen Spitze im Abendlicht orange glänzte. Auf der obersten Stufe hockte ein dunkelhäutiger Mensch, gehüllt in einen dünnen grauen Anzug. Trotz der für einen Maiabend tiefen Temperatur trug er keinen Mantel. Dumm oder abgehärtet?, fragte sich Piper. Der rote Punkt auf der Stirn des Mannes war das zweite Auffällige an ihm. Es war lange her, seit Piper das Zeichen zuletzt gesehen hatte, in Boston liefen wenige damit herum. Aber kein Zweifel, es hatte etwas, verlieh den damit Gezeichneten eine gewisse exotische Aura. Dabei wusste Piper genau, dass das Bindi für die meisten Inder längst keine spirituelle Bedeutung mehr hatte, sondern zur bloßen Dekoration verkommen war.
Als er sich ihm näherte, erhob sich der Mann. Offenkundig wusste er genau, auf wen er wartete. Sein eng sitzendes Sakko ließ erkennen, dass er über muskulöse Oberarme verfügte.
„Schön, dass Sie es sich so schnell einrichten konnten, Sir. Ich bin Ihnen wirklich sehr dankbar.“
„Piper, sehr erfreut“, sagte Piper und streckte seine Rechte aus. „Herr Nair, wenn ich nicht irre?“
„Richtig“, sagte der andere und schüttelte ihm länger als nötig die Hand. Eine Eigenart, die Piper nicht goutierte. Er sah darin weniger Herzlichkeit als Vereinnahmung. Aber vielleicht ist das ja auch nur das protestantische Erbe in mir, dachte er, eine subtile Form von Verklemmung. Vielleicht weiß ich einfach nicht mit körperlicher Nähe umzugehen.
Endlich zog der andere die Hand wieder zurück. „Ich habe Ihnen ein kleines Geschenk mitgebracht“, sagte er. „Wie man hört, lieben Sie ja indische Literatur.“
Während Piper sich fragte, woher der Mann das wissen wollte, entnahm der seiner ledernen Umhängtasche ein kleines Päckchen.
„The White Tiger von Aravind Adiga. Betrachten Sie es bitte als Symbol für die Kooperation zwischen uns. Für die indisch-amerikanische Freundschaft. Der Roman stand lange Zeit auf der Bestsellerliste der New York Times.“
Ein kleines, fast scheues Lächeln umspielte die Lippen des Mannes, als er ihm das in goldenes Zellophan verpackte Präsent überreichte.
Piper hatte von dem Buch noch nie gehört. In Anbetracht der Unmenge an wissenschaftlicher Literatur, die er täglich zu durchforsten hatte, fand sich Belletristisches selten auf seiner Agenda. Der einzige indische Roman, den er gelesen hatte, war Arundhati Roys The God of Small Things gewesen. Er hatte die Geschichte als verstörend empfunden, gar zu brutal wurden darin die mörderischen Auswirkungen des Kastendenkens geschildert. Piper bedankte sich für das Geschenk und versprach wider besseres Wissen, das Buch ehebaldigst zu lesen.
„Ich kann es Ihnen wirklich nur sehr empfehlen, Sir. Ich bin kein großer Leser, aber ich habe den Weißen Tiger sehr genossen. Vielleicht, weil die darin beschriebene Geschichte meine eigene sein könnte. Jedenfalls eine, die zeigt, wie man auch in unserem Land als kleiner Mann etwas werden kann. Ähnlich wie bei Ihnen: vom Tellerwäscher zum Präsidenten. Das ist doch einer Ihrer großen Mythen, nicht wahr? Wenn es auch bei uns …“, er dachte einen Augenblick lang nach, „wenn es auch bei uns dafür vielleicht noch einer größeren Entschlossenheit bedarf als in Ihrem Land. Ich verspreche Ihnen jedenfalls, dass Sie nach der Lektüre die Mentalität indischer Unternehmer besser verstehen werden.“
Sein Lächeln passte nicht ganz zu seiner Körpersprache, fand Piper. Wie auch immer: Er hatte nicht vor, seine Zeit mit Betrachtungen über Literatur und die Mentalität der Inder zu vergeuden.
„Sie haben in unserem Telefongespräch gesagt, dass es Ihnen um meine aktuellen Forschungen geht. Und dass Sie mir diesbezüglich ein Kooperationsangebot zu machen haben.“
„Nicht ich persönlich“, entgegnete Nair. „Ich bin nur ein kleines Rädchen im großen Getriebe. Aber sind wir nicht alle auf die eine oder andere Art abhängig von höheren Mächten, Sir? Ich von meinem, Sie von Ihrem Geldgeber? Wenn Sie etwa keine Forschungsgelder aus Stiftungen oder von unternehmerischer Seite mehr erhielten, könnten Sie wissenschaftlich kaum so erfolgreich tätig sein, oder?“
Wie wahr, dachte Piper. Die Finanzierung seiner neuen Studie war noch immer nicht endgültig gesichert. Dabei befand sich die Arbeit dafür schon in einem fortgeschrittenen Stadium. Sein Besuch bei Charles war ein Beleg dafür.
„An welche Art von Kooperation haben Sie überhaupt gedacht?“, fragte er sein Gegenüber. „Am Telefon haben Sie nichts Konkretes darüber geäußert.“
„Lassen Sie uns doch ein wenig spazieren gehen, Sir. Beim Gehen kommen die Gedanken immer am besten in Fluss, finde ich.“
Ohne Pipers Antwort abzuwarten, setzte er sich in Bewegung. Sie schlenderten um das Monument herum wie zwei Touristen, die den Freedom Trail abklapperten, um am Ende zwangsläufig auf dem Monument Square zu landen. Mit dem Unterschied, dass sie beide keinen dieser Apparate dabeihatten, mit denen die sechzehn historischen Sehenswürdigkeiten auf der vier Kilometer langen Strecke von den meisten Besuchern lückenlos dokumentiert wurden. Tag für Tag die gleichen digitalen Bilder von denselben Bauten, eine millionenfache Kopie des Trivialen, des Vordergründigen. Piper hielt nichts von dieser Manie. Als ob einem dadurch irgendetwas über die Bedeutung historischer Orte vermittelt würde.
Die Sonne ging langsam unter und übergoss die Skyline von Boston mit einer graurosa Glasur. Ich sollte öfter hierherauf kommen, dachte Piper. Wieso braucht es erst die Anregung von außen, um sich den schönsten Blick über Boston zu gönnen? Plötzlich fiel ihm ein, was er schon beim Telefonat mit Nair vergessen hatte zu fragen. Oder hatte er die Frage ohnehin gestellt, und sie war nur nicht beantwortet worden?
„Wie heißt eigentlich Ihr Auftraggeber?“
Der Inder hielt seinen Blick auf den Boden geheftet. Ruhig setzte er Fuß vor Fuß, wie einer, der von Kindheit an das gleichmäßige, ausdauernde Gehen gewöhnt war. Auch seine Antwort klang ruhig und bedächtig.
„Verzeihen Sie, Sir, aber ich denke, dass es für Namen noch zu früh ist. Das mag Sie vielleicht befremden, aber bei uns geht es im Geschäftsleben etwas anders zu als bei Ihnen. Vor allem dann, wenn es sich um solch … sensitive Bereiche handelt wie in diesem Fall. Es gibt ein keralisches Sprichwort, das lautet: Ramme zuerst die Pfosten in den Boden, wenn du einen Zaun bauen willst. Dabei spielt es keine Rolle, ob dieser Zaun aus Palmblättern oder aus Stacheldraht besteht. Hauptsache, der eigene Grund und Boden ist gesichert. Sie verstehen, Sir? Ohne solche Maßnahmen ist das schönste Haus, der größte Palast nämlich in Kürze nichts mehr wert, denn Diebe und Räuber werden sich seiner bemächtigen – ein ehernes Gesetz.“
In gewisser Weise bewunderte Piper die ausschweifende Sprache des Orients, wenn sie ihm als Wissenschaftler auch vollkommen wesensfremd war. Ein einfaches Ja oder Nein konnten diese Menschen in eine voluminöse Bildersammlung wie in jene der Geschichten aus Tausendundeiner Nacht verpacken. Wenn sich Piper recht an seine Literaturklasse an der Highschool erinnerte, stammten die berühmten Erzählungen ursprünglich aus dem Indischen, ehe sie von Persern und Arabern weiterentwickelt wurden. Sinnlich, opulent, gewiss – aber im Kern war Tausendundeine Nacht nichts anderes als eine Mordsgeschichte, in der Frauen nach ihrer Liebesnacht mit dem Herrscher umgebracht werden. Bis auf jene, die durch die Kunst des spannungsreichen Erzählens das fatale Muster zu durchbrechen vermag.
„Wenn Sie mir nicht einmal den Namen Ihres Auftraggebers nennen wollen oder können, hat sich ein weiteres Gespräch wohl erledigt.“
Piper blieb stehen, doch der andere hielt seine Schritte nicht an, änderte nur die Richtung: Er begann Piper zu umkreisen.
„Halten wir uns doch nicht mit Formalitäten auf, Sir“, sagte der Mann mit leiser, beschwörender Stimme, obwohl niemand in der Nähe war, der sie hätte hören können. Oder den man im Fall des Falles um Hilfe bitten konnte. Die Art, wie der andere sich um ihn herum bewegte, bereitete Piper zunehmend Unbehagen. Wie ein Raubtier, dachte Piper. Worauf hatte er sich da nur eingelassen?
„Welche Rolle spielt ein Name, der Ihnen letzten Endes doch nichts sagen würde? Wollen wir nicht lieber über das Wesentliche reden? Darüber, was bei unserer Kooperation für Sie herausspringen könnte?“ Der Inder wackelte während seiner Fragen mehrfach mit dem Kopf. Piper wusste damit nichts anzufangen.
„Ich verhandle nicht mit Unbekannten beziehungsweise mit dem Agenten eines Unbekannten“, sagte er harsch und erschrak gleichzeitig über die ungewohnte Schärfe in der eigenen Stimme. „Ich denke, wir beenden besser unsere Unterhaltung, Mr Nair.“
Jetzt blieb auch der andere stehen. Einige Augenblicke lang blickten sie einander schweigend an. Dann lächelte der Inder wieder sein eigentümliches Lächeln. Wie ein Junge, der erstmals ein Mädchen anspricht.
„Wie haben Sie den Gott der kleinen Dinge gefunden, Sir?“, fragte er unvermittelt. „Ich gehe davon aus, dass Ihnen die Geschichte etwas zugesetzt hat, Ihren Randnotizen nach zu urteilen. Nun ja, sie ist ja auch keine leichte Kost, vor allem, wenn man nicht in Indien aufgewachsen ist.“
Piper erstarrte. Nicht einmal Mary Rose hatte diese Notizen je zu Gesicht bekommen. Seine Bücher waren für alle in der Familie tabu, erst recht für Menschen außerhalb. Weshalb er niemals welche verliehen oder eingetauscht hatte. Zu Büchern hatte er ein ausgesprochen intimes Verhältnis. In jedem einzelnen Exemplar seiner Privatbibliothek fand sich sein Exlibris, er hatte sich den Stempel bereits als Student anfertigen lassen. Und er duldete keine Zweitleser, natürlich nicht. Man überließ ja auch seine Gattin keinem anderen!
Woher also konnte Nair wissen, was er in eines seiner Bücher hineingekritzelt hatte? Piper spürte, wie ihm ein kaltes Rieseln ausgehend von den Nackenwirbeln über den Rücken lief. Und so viel war sicher: Es hatte nichts mit der langsam hereinbrechenden Nacht zu tun.
Eher hing es mit dem zusammen, was ihm vorgestern früh aufgefallen war, als er das Wohnzimmer betreten hatte, was er aber, nachdem auch Mary Rose keine Erklärung dafür gehabt hatte, als Produkt einer vorübergehenden Geistesabwesenheit abtat: Ein Stapel seiner Bücher hatte sich nicht auf dem angestammten Platz befunden.
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