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Frank Wilmes
Ein letzter Frühling am Rhein
Kriminalroman

Zum Buch
Seelentod Kilian Stockberger, Leiter der Mordkommission Düsseldorf, und sein Team, ermitteln im Fall eines getöteten Models. Das populäre Werbegesicht lebte in einem Luxusdomizil am Rhein. Intensive Gespräche mit Nachbarn, Freunden und Personen aus ihrem beruflichen Umfeld zeigen den Beamten das Psychogramm eines Menschen auf, der zwischen Melancholie und Promi-Partys schwebte. Wem vertraute die Tote? Und wie gingen ihre Vertrauten damit um? Die Modewelt – eine verworrene Gesellschaft aus Wahn und Selbsterhöhung, aus frivolem Bürgertum und Boheme. Kommissar Stockberger ermittelt in einem mondänen Umfeld. Dabei schaut er in den Abgrund einer zerstörten Seele und gerät einem unglaublichen Mysterium auf der Spur. Doch erst der Hinweis eines Zeugen weist ihm den richtigen Weg und führt zu einem dramatischen Finale – an einem erstaunlichen Ort.
Frank Wilmes stammt aus dem Münsterland, dem Land der Bauernhöfe und Springreiter, der Schwarzbrote und Schinken, an der Kante zu Niedersachen und Holland. Seit mehr als 30 Jahren lebt er in Düsseldorf – eine Kunst- und Modestadt mit internationalem Flair, die sich selbst aber nicht so wichtig nimmt. Er hat als Regierungskorrespondent und als Wirtschaftsjournalist Staatschefs und Wirtschaftsführer kennengelernt, über sie Reportagen geschrieben und mit ihnen Interviews geführt. Privat beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den Launen des Zeitgeistes und mit der Geschichte der Klöster. Daraus entstand die Idee für seinen Krimi „Ein letzter Frühling am Rhein“.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © cydonna / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6732-5
Zitat
»So geht es all denen, die aus dem einsamen und beschaulichen Leben heraustreten und in Städten unter Menschen leben wollen, die von grenzenlosem Bösen erfüllt sind.«
Leonardo da Vinci
1.
Das Gewölbe der Kirche umschloss sie wie ein finsteres Zelt, und sie hatte den Eindruck, dass es nach Mittelalter roch, nach Hexen und Scheiterhaufen.
Sie zog ihre Lippen dunkelrot nach, prüfte die Kontur in ihrem Spiegel und holte aus ihrer Imitat-Gucci-Tasche ein Papiertaschentuch, das sie in ihren Handballen drückte. Später säuberte sie mit einem feuchten Tuch für Baby-Popos ihre von Pfützen verschmierten Sneakers aus glattem Leder und schlug den Kragen ihrer Jacke hoch, weil sie glaubte, der Teufel könnte ihr in den Nacken springen.
Die Kerzen vor dem Bild einer erstaunlich faltenfreien Mutter Gottes vollzogen ungerührt ihren Dienst. Sie leuchteten zart für reichlich Mystik: Licht bedeutet Leben. Was hell erscheint, kann nicht böse sein. Nur in der Düsternis versteckt sich das Böse.
Sie kniete.
Sie faltete die Hände.
Sie hatte Angst, in den Beichtstuhl zu gehen.
Der Gedankenstrom kollabierte. Alles Denken, Träumen, Ahnen, Staunen und Verzweifeln gingen über- und durcheinander.
»Ich kann nicht mehr.«
Sie atmete tief, aber hektisch, dann stöhnte sie mit leiser Stimme.
»Mein Gott, wer bin ich?
Mein Gott, was erwartest du von mir?
Mein Gott, habe Erbarmen mit mir.«
Der Beichtstuhl war frei.
Der Pfarrer war bereit.
Sie kniete noch immer.
Die aschgrauen Wolken hingen tief im Himmel und zogen wie eine müde Elefantenherde weiter. Für einen Moment fand die Sonne eine Lücke. Sie erhellte die farbigen Kirchenfenster und rückte deren Figuren und Motive bedeutungsvoll in den Vordergrund.
Jesus, der für uns Blut geschwitzt hat.
Jesus, der für uns gegeißelt worden ist.
Jesus, der für uns gekreuzigt wurde.
Der Organist übte für den nächsten Sonntagsgottesdienst. Die Pfeifen der Orgel trugen die Töne bis auf den Burgplatz, feierlich heiter und herausfordernd klar. Eine Musik, die nicht unterhalten wollte, sondern für einen höheren Sinn erdacht war. Zum Ruhme des Herrn.
Sie summte den Tönen hinterher.
Großer Gott, wir preisen dich.
Wir huldigen deine Güte.
Holst uns aus Sünde und Verdammnis.
In alle Ewigkeit.
Eine frierende Einsamkeit durchzog ihren Geist, der Trost hatte ausgespielt, die Hoffnung war nicht mehr zu hören. Das Leben versank ins Innere, tief und tiefer, als würde sie in einen Brunnen fallen und den Wind des Fallens spüren.
»Finde ich dort mein Glück?«
2.
Die zarte Frühlingssonne lugte über die Häusergipfel, als sie vor der mit Alu verkleideten Eingangstür standen. Keine Seiten- oder Blickfenster. Keine Klinke. Keine Briefkästen. Keine Namensschilder von den Bewohnern. Nur eine Klingel, die in einen Messingrahmen neben dem Eingang eingelassen war. Eine herzliche Anmutung mit einladendem Charakter sollte dieser Eingang auf gar keinen Fall vermitteln. Könnte diese Tür sprechen, sie würde sagen: Kommt mir nicht zu nahe.
Das Gebäude mit seinen schmalen und hohen Fenstern im massiven Mauerwerk grober, vierkantiger Steine war mindestens 200 Jahre alt. Ein paar Schritte um die Ecke verlief im Mittelalter die schützende Stadtmauer von Düsseldorf. Von außen betrachtet nur ein schlichter Bau ohne jeden kreativen Blitz. Kein Erker. Kein Türmchen. Kein Platz für das Vergeuden von Quadratmetern. Funktional ehrlich. Über dem Eingang waren mit scharfem Blick noch die verwitterten Buchstaben aus Stein in geschlungener Schrift erkennbar:
Ich war fremd und
ihr habt mich aufgenommen.
Nach dem Klingeln hörten sie ein leises Summen. Die Tür öffnete sich automatisch, aber ganz langsam, sodass ein hastiges Hineingehen nicht möglich war. Das muss sich eine Yogalehrerin in Trance ausgedacht haben, dachte sich Hauptkommissar Kilian Stockberger. Tief einatmen und entspannen. Langsam, langsam …
Ein gesichtsmäßig älterer Mann im dunkelblauen Anzug und dunkelblauer Krawatte stand hinter einem hölzernen Podest, als wollte er eine Rede halten. Er ging nur wenige Schritte auf die Besucher zu. Der Kommissar musste seinerseits mehrere Schritte auf ihn zugehen, um ein Gespräch in normaler Lautstärke führen zu können. Jetzt betrug die Distanz nur noch 1,50 Meter. Ein Begrüßungshandschlag war unter diesen Umständen nicht vorgesehen.
Der blaue Anzugträger öffnete leicht den Mund, als würde gleich ein Vogel mit einem Würmchen heranfliegen, um ihn zu sättigen. Dabei ließ er seinen aufgestauten Atem langsam durch die behaarten Nasenlöcher fließen. Immerhin versuchte er ein Lächeln. Ein Lachdolmetscher würde seine Mimik allerdings so übersetzen: Was willst du denn hier? Staubsauger verkaufen? Spenden sammeln? Ich habe keine Lust auf dich.
Er stellte sich als Portier vor, ohne seinen Namen zu nennen. Er sprach leise, um damit zu betonen, dass dieser Ort kein Allerlei vertrage. Wer hier lebt, hat Respekt verdient. Es fielen Worte wie Leistungsträger und Prominenz. Die brauchten Ruhe und Schutz vor falscher Aufmerksamkeit. Eine laute oder gar hektische Stimme würde seiner Aufgabe in keiner Weise gerecht. Er war sozusagen ein Aufpasser, ein Schutzbefohlener, ein Ordnungshüter für die wichtigen Menschen in diesem Haus. Ob der leise Mann auch laut fluchen konnte? Seine Stimme war wie eine Höhle, die die Welt nicht gesehen hatte. Sie verkroch sich ängstlich vor dem Leben. Er sprach im Rhythmus eines Ruhepulses mit ermüdender Geschwindigkeit.
Der Blick führte an ihm vorbei in den Besucherraum, der früher eine kleine Kapelle mit drei Fenstern aus Spitzbögen war. Statt farbiger mosaikartiger Muster enthielten sie nur milchiges Glas. Hier beteten die Nonnen noch vor ein paar Jahren sieben Mal am Tag. Stets begann der Morgen mit den gleichen Worten:
Herr, öffne meine Lippen.
Damit mein Mund dein Lob verkünde.
Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie im Anfang, so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen. Halleluja.
Die Nonnen hatten ihr Kloster verlassen, weil sie es nicht mehr finanzieren konnten. Die meisten Räume standen leer. Der Nachwuchs fehlte. Die letzte Novizin war vor zwölf Jahren ins Kloster eingetreten. Das Durchschnittsalter der Schwestern lag bei 69 Jahren. Die Nachfrage nach Rollatoren überstieg zuletzt die Anzahl an Gebetbüchern. So verabschiedete sich das Haus von den Nonnen, von ihren Gebeten und ihrer Andacht. Die klösterliche Spiritualität aber wollte selbst nach vielen Jahren nicht aus den Mauern weichen. Sie kämpfte gegen den Einfall der Architekten und Raumausstatter, die aus dem Kloster ein Luxusdomizil gemacht hatten. Edel, teuer und mit Blick auf den Rhein. Kontemplation auf das neue Sein. Wer hier lebte, hatte es geschafft. Ein scharfer Kontrast zum Armutsgelübde der Nonnen.
Chira Walldorf, 28 Jahre alt, ein international beachtetes Model, lebte hier auf zwei Etagen, aber sie war selten zu Hause. Ihr Terminkalender las sich wie ein internationaler Flugplan. London. Rom. New York. Berlin. London. Paris. London. New York. Berlin. Mailand. Sie war das Gesicht von Haute-Couture-Modenschauen und bekannter Marken. Sie machte Werbung für eine französische Automarke und eine Hautcrème mit dem Namen »Vole«, die mit ihrer rosa geschwungenen Schrift verwöhnende Zärtlichkeit versprach – für Frauen, die sich mögen. Dazu der Slogan:
WEIL DU ES BIST.
Schon bald kalauerte der Spruch durch die Straßen und löste Albernheiten aus. Pubertierende Mädchen äfften ihren Lehrer nach: Du bekommst keine fünf, weil du es bist. Und man konnte kaum noch in eine Kneipe gehen, ohne den Spruch zu hören: Das Bier geht auf meinen Deckel, weil du es bist. Ein Psychologe hatte sogar ein Buch über die Alltagswirkung von Werbesprüchen geschrieben. Das Buch hieß: »Weil du etwas willst!« Erstes Kapitel: »Belohne dich!«
Chira Walldorf genoss schicke Partys, sehen und gesehen werden: dort, wo schön und reich aufeinandertrafen. Wer in diesem Olymp der gesellschaftlichen Avantgarde aufgestiegen war, musste all die B-Promis und Sternchen auf Distanz halten, weil sie nicht gut waren für das eigene Image. Glamour ist nicht zum Discountpreis zu haben. Glamour umfasst Ausstrahlung, Stil, Begehrtheit. Das ist nur mit A-Level zu schaffen.
Der Portier – Hausmeister sagte hier keiner – traute seinen Segelohren nicht.
»Wir sind von der Kriminalpolizei, mein Name ist Kriminalhauptkommissar Stockberger. Und das ist Oberkommissarin Winkler und Kommissar Reichenhall.«
Er möge bitte die Wohnungstür von Frau Walldorf öffnen. Er schaute kribbelig auf die Polizeimarke, versuchte cool zu sein und stellte eine typische Frage aus einem Fernsehkrimi.
»Darf ich fragen, worum es geht?« Er kicherte dabei ein wenig, selbst überrascht von seiner offensiven Frage, die allerdings ohne Antwort blieb.
»Bitte, lassen Sie mich vorangehen«, sagte er eifrig und dienerisch mit nervösem Augenzucken. Dabei grinste er. Er war jetzt der Mann, der der Polizei eine Wohnung aufschloss. Kein Träumer, ein Macher. Mit voller Entschlossenheit. »Bitte hier entlang.«
Der Fahrstuhl hielt nicht auf dem Flur, sondern öffnete sich direkt zur Wohnung. Die ersten Blicke fielen auf vergrößerte Schwarz-Weiß-Fotos von Chira Walldorf in der französischen »Vogue« und in der deutschen »Madame«. Gegenüber der Garderobe hing ein körpergroßes Foto von ihr. Sie trug ein langes weißes Kleid ohne Schmuck. Lässig hielt sie in der rechten Hand, nach unten sinkend, ein Sektglas, offenbar ein Urlaubsfoto.
Schauspieler stellen ihren »Bambi« für die beste Hauptrolle oder als bester Nebendarsteller in eine Vitrine. So machen das auch Sportler mit ihren Medaillen von Olympiaden, Europa- und Weltmeisterschaften. Diese Zurschaustellung adelt Leistung und Stolz und holt den gestrigen Ruhm in die Gegenwart. Models zeigen ihr Kapital: das Gesicht. Es muss wirken, und die Wirkung ist das Nonplusultra einer Branche, die den Schein des Lebens über alle Unebenheiten hinweg perfektioniert. Perfekt ist das, was du siehst. Was du nicht siehst, geht dich nichts an.
Ihre fast dreieinhalb Meter lange Couch wirkte wie eine Bühne, die großes Theater erlebt hatte. Lust und Hingabe, Gelassenheit und Protest, Reden und Schweigen. Die Inszenierungen des Lebens brauchten diese Couch, um sich fallen zu lassen und das Leben zu spüren, allein, zu zweit, zu dritt, zu viert oder noch mehr, alles egal. Wichtig war allein: Wer hier war, musste dem Leben nicht mehr hinterherlaufen.
Rechts von der Couch befand sich eine Bar mit 20, 30 Gläsern. In Flötenform, kegel- und ballonförmig, schmal, zylindrisch und mit langem Stil – für Champagner, Weiß- und Rotwein, Whisky, Obstler und Cognac. Aber keine Biergläser. Bier ist das Volk, Champagner das Königreich.
Nur 500 Meter von der Wohnung thronten die bekannten und traditionswürdigen Altbier-Hausbrauereien, darum windeten sich kleine und große Lokale mit deutscher, italienischer, spanischer und türkischer Küche. Täglich gingen mehrere Tonnen Lebensmittel über die Tresen. Von der Schweinshaxe über Pizza bis zum Döner. Essen ging immer. Was den Leib füllte, fütterte auch die Seele. Feinschmecker wären hier allerdings so fehl am Platze wie eine Dessous-Show im Vatikan.
Frauen und Männer, Jung und Alt, Heimische und Touristen zogen durch die Gassen der Ablenkung und der Inspiration, des Träumens und Vergessens. Liebeshungrige, Neugierige, Verwegene. Aus den Lokalen dröhnte der Bass irgendeiner hektischen Musik. Die Menschen schrien sich an, um verstanden zu werden. Ein paar Meter weiter aber regierte schon wieder die Gemütlichkeit. Helene Fischer sang aus einer Box: Du fängst mich und lässt mich fliegen.
Manchmal wehte der Wind die Stimmen und die dumpfen Schläge der Musik hinüber zu ihrer Wohnung. Die Treppe in ihrer Maisonettewohnung führte zu einem ovalen Raum, den die Nonnen für ihre Exerzitien genutzt hatten.
Geistige Übungen, um Gott näher zu kommen.
Betrachten.
Besinnen.
Horchen.
Sie saßen auf Yoga-Hockern in der Runde. Ein Gong ertönte, und Weihrauch zog wie ein grauer Schleier zur Decke und verbreitete seinen balsamartigen Duft.
Auf die Atmung achten.
Ein und aus, tief und satt.
Deine Stirn ist glatt.
Du bist entspannt.
Erfasse deinen Geist.
Spüre deinen Glauben.
Öffne dich.
Rosenkränze hingen sanft zwischen den Fingern, als bräuchten die 59 Perlen der Gebetskette mütterliche Fürsorge.
Andacht und Hingabe verbündeten sich zur Askese. Sprechende, schweigende, singende Gebete – dann wieder eine Stille, die ein Stadtmensch nicht einmal erahnen könnte. Eine Stille, die keine nervöse Ruhe entfachte, weil sich nichts tut, sondern eine heilende Unruhe, weil sie neue Gedanken freisetzte, um das Leben für Gott weiter zu entwickeln.
Stille.
Lass dich fallen.
Und auffangen.
Der Sinn dieses Raumes hat sich in eine spröde Weltlichkeit verwandelt. Puristischer Schick statt Kerzen und Kreuze. Nichts lag dort herum. Eine Ordnung, die fast schon anstrengend wirkte, weil sie für das Auge nichts hergab. Vielleicht hatte diese aufgeräumte Sturheit auch nur den einen Sinn, ihr aufreibendes und üppiges Leben mit Kargheit und Klarheit einzufangen. Oder es war alles ganz anders. Die Putzfrau fühlte sich wie ein strenger Sheriff für Sauberkeit und Ordnung.
Verhaftet: Die Blumenvase ohne Blumen.
Verhaftet: Das Kleid auf dem Stuhl.
Verhaftet: Einige Bücher auf dem Parkettboden.
Ein Buch hatte sie vergessen: »Jahrmarkt der Eitelkeiten«.
Wer eitel ist, sollte seine Eitelkeit verstehen – das feine Gerippe aus Dominanz und Anmaßung, aus Selbstachtung und Lebenslust. Eine Eitelkeit ohne Sendungsbewusstsein ist nutzlos. Sie braucht eine Botschaft, die anmacht, provoziert und lenkt. Eine Nonne darf nicht eitel sein. Das Gebet kennt keine Eitelkeit. Demut als Lebensaufgabe. Gott dienen und preisen. Nur darum geht es im Kloster. Ein Model muss eitel sein, um all den Sehnsüchten ein Bildnis zu geben. Ein Bild sagt mehr als Tausend Worte. Ein Blick reicht, um die Sprache des Gesichtes zu verstehen. Triumph, Trauer, Offenheit, Stolz, Leidenschaft, Herz oder Herzlosigkeit, Liebe oder Abwehr. Mit dem Gesicht fängt alles an.
Die Dekokissen auf der schmalen Couch an der Schlafzimmerwand hatten augenscheinlich alle den gleichen Abstand und in der Mitte einen Knick. In dieser adretten Spießigkeit konterkarierten sie den Lebensstil der Bewohnerin, die Weltbürgerin und Zigarillo-Raucherin, die Entfesselte und Mutige, die Spielerin zwischen Hochmut und Gleichmut, zwischen Arroganz und Bescheidenheit.
Aber es sind ihre Kissen.
Die Seite mit ihrem Tagebucheintrag von gestern war noch aufgeschlagen.
»Die Leute verstehen nicht, dass ich doch nur Ich bin, sie glauben, dass ich Wir bin, für alle da, immer nett und offen, aber ich gehöre nur Gott, auch wenn es mir keiner glaubt.«
Vor den Fenstern ihres Schlafzimmers hingen weiche, fast durchsichtige weiße Vorhänge – zugezogen. Die Sonne offenbarte die feinen Strukturen des Stoffes. Auf der Wand tänzelten einzelne Punkte, Striche, Figuren. Schattenspiele im aufhellenden Hintergrund.
Eine heitere Frische durchzog die Frühlingsluft. Draußen schallte das Gelächter einer Jugendgruppe ins obere Stockwerk. Es waren Tage, die zur Verwegenheit herausforderten und sich triumphierend über das Notwendige und Angemessene hinwegsetzten. Das Leben erschien in seinen schönsten Farben, als hätte es nie ein Grau gegeben.
Chira Walldorf lag auf dem Bett.
Ihre langen Haare fielen nach links und rechts, als müssten sie nach dem Gerechtigkeitsprinzip jede Gesichtshälfte gleichmäßig berücksichtigen.
Auf ihrem leblosen Körper lag eine Karte.
ICH HABE MIR DEINE SCHÖNHEIT GELIEHEN.
DU LEBST WEITER.
IN EINER ANDEREN WELT.
DU MUSST DAS VERSTEHEN.
ICH WEISS, DASS DU JETZT GLÜCKLICH BIST.
DAS IST MEIN TROST.
3.
Auf dem Flur der Mordkommission roch es nach Bohnerwachs. Man hörte das leise Zischen der Röhrenleuchten an der Decke, einige flackerten nur kurz auf. Vor jeder Tür standen vier graue Plastikstühle, darauf Menschen mit abweisenden, gleichgültigen, nervösen oder verweinten Augen. Die Tristesse des Abgrunds – die Schuld – verortete sich genau hier. Was einmal war, Glück, Aufbruch, Leben, verkehrte sich nun in eine bohrende und bedrückende Finsternis. Mord ist schwarz, dunkel, schrecklich. Die Moral hat versagt.
Wer auf diesem Flur Zeuge oder Beschuldigter war, verriet kein Gesicht. Das Böse ist weder schön noch hässlich, die Spuren liegen allein im Motiv. »Jeder Engel kann zum Teufel werden.« Davon war Kilian Stockberger, der seit zwei Jahren als Kriminalhauptkommissar das Dezernat für Tötungsdelikte leitete, restlos überzeugt. »Das kann ganz schnell gehen. Wenn aus Liebe Hass wird, brennen schon mal die Sicherungen durch.« Für ihn war die Vernehmung eines Beschuldigten »großes Theater«. Dramaturgie, Gefühle, Ergriffenheit, Ausdruck, all das entwickelte sich bis zum Finale – bis zur Aufklärung eines Falles. Darin mischten sich Erfahrung und Routine, aber auch Anspannung und Neugierde. Fest stand allein, dass zwei Menschen aufeinandertrafen, von dem keiner etwas von dem anderen wusste, wie er dachte und sich fühlte, welchen Charakter er verbergen oder zeigen würde. Der erste Akt der Vernehmung: Kilian und der mutmaßliche Täter nahmen sich gegenseitig wahr, sie glucksten, steuerten und bremsten, der Kampf um die Deutungshoheit von Worten und Gesten begann. Welche Rolle nahm Kilian ein, welche der Beschuldigte? War der Vernehmer in der Lage, Emotionen und Geduld zielgenau einzusetzen? Er wusste, dass er sich mit einer »blöden Frage« oder einer Unbeherrschtheit die ganze Vernehmung kaputt machen konnte. Wenn der Beschuldigte bockig war und dichtmachte, war das Spiel erst einmal aus. Der zweite Akt der Vernehmung: Kilian kreiste den mutmaßlichen Täter vorsichtig ein, ließ ihm aber Luft zum Nachdenken. Er stellte analytische, bohrende, feinsinnige, geschickte, raffinierte, spitzfindige Fragen, aber nie Fragen, die den Beschuldigten bloßstellten. Die Kunst bestand für ihn darin, so zu fragen, dass der Beschuldigte sich mehr und mehr öffnete und schließlich alles erzählte. Selbst ausgebuffte Profi-Lügner hatte Kilian mit seiner beharrlich freundlichen Fragerei aus der Reserve gelockt. Außerdem achtete er penibel darauf, Ruhe mit Worten und Gesten auszustrahlen. Denn wer ruhig ist, vermittelt Vertrauen, als spreche der Vater zu seinem Sohn oder der Arzt zu seinem Patienten. Der dritte Akt: Das bedrückende Geheimnis des Beschuldigten fand seinen Weg über Selbstmitleid und Verzweiflung, Hingabe und Offenheit. Dann fiel der Satz, der sich wie erfrischendes Gewitter über den schwülen Tag legte: »Ich war es.« Dafür verteilte Kilian Streicheleinheiten. »Es ist gut, dass Sie sich freigemacht haben, jetzt atmen Sie erst einmal kräftig durch. Wie wäre es mit einem Kaffee oder einer Zigarette?« Er hatte das Geständnis, aber das reichte ihm nicht. Er wollte den Hintergrund des Abgrunds wissen, warum, wieso, allein, wo und wie? Erst wenn er alles wusste, war er seiner Rolle als Vernehmer gerecht geworden.
Finale.
Der Vorhang fällt, Applaus.
Das Licht geht aus,
die Masken sind gefallen,
leer die Bühne,
und all die Müdigkeit wabert durch die Luft.
Ein anonymer Hinweis brachte ihn und seine Kollegen zum Opfer. Irgendjemand hatte einen Brief in den Briefkasten der Polizei geworfen:
BITTE KÜMMERN SIE SICH
UM CHIRA WALLDORF.
SIE HAT ES VERDIENT.
Zuerst dachte Kilian, einen Notarzt dorthin zu schicken oder einen psychologischen Dienst. Denn da war ein Mensch in Sorge um einen anderen Menschen. Er fragte sich, was das mit ihm zu tun hatte? »Wir sind für tote Menschen zuständig, die irgendein Mistkerl getötet hat.« Es war ohnehin ein Zufall, dass der Brief auf seinem Schreibtisch landete, weil ihn die Poststelle falsch einsortiert hatte. Er schaute auf den Brief wie auf die Anzeige eines Sportwagens, den er gerne hätte und den er sich niemals leisten könnte. Er ahnte, dass diese »komische Sache«, wie er den schriftlichen Notruf beschrieb, nicht in die Schablone seiner Erfahrungen und seines durchtrainierten Misstrauens passte.
Wenn Kilian in sich gekehrt nachdachte, träumte er mit offenen Augen. Seine Frau Charlotte kannte das. Er schaute sie an, ohne sie bewusst wahrzunehmen. So ähnlich erging es jetzt seinem Kollegen Miko Reichenhall, der ihm aus drei Metern Entfernung zurief, dass Chira Walldorf doch diese Modetante sei. Keine Reaktion. Er kam näher und klopfte auf Kilians Schreibtisch. »Hallo, Chef, Chira Walldorf ist eine Weltberühmtheit.«
Während die Männer der Spurensicherung in ihren weißen Overalls aus Vliesstoff mögliche Beweise sicherten, kniete sich der Gerichtsmediziner Albert Justus über die Leiche. »Oh, noch verdammt jung«, staunte er spontan.
»Um es genau zu sagen: 28 Jahre«, bemerkte Kilians Kollegin Cosima Winkler und schaute sich den Personalausweis genauer an.
»Schade für so ein junges Leben«, nuschelte der Mediziner und fragte, wer sie denn sei.
Die Kommissarin wunderte sich über die Frage. »Ist doch egal, wer das ist. Das hat doch mit deiner Arbeit nichts zu tun.«
»Mein Gott, bist du heute wieder empfindlich«, raunzte er zurück.
»Das ist Chira Walldorf, das Model«, mischte sich Kilian ein.
»Oh, dann kann ich mir ja die Aufzeichnung der Körpermaße sparen«, lächelte Albert provokativ in die Runde.
»Wie, was?« Cosima schaute ihn frech an.
Er schaute fröhlich zurück. »Also, wenn ich das recht überblicke, schätze ich ihre Maße auf 87-66-92.«
»Arschloch!« Sie verließ den Raum. Kilian blieb.
»Also, jetzt zur Sache, Albert, du kennst doch die Fragen aller Fragen?«
»Logisch, wann und wie.«
Kilian sah ihn ungeduldig an.
Albert war die Ruhe selbst. Er summte leise, als würde er über etwas brüten, über einen Hinweis oder einen Verdacht, aber er meinte nur: »Ich sehe keine Gewaltspuren.«
»Du siehst gar nichts?«, fragte Kilian ungläubig, schaute dabei zur Decke, als würde er dort seinen Glauben wiederfinden.
»Kilian, alter Kumpel, lass den Stress raus.«
»Oh«, intonierte er dann bedeutungsvoll, um eine Entdeckung anzukündigen.
Kilian drehte sich sofort zu ihm um. »Ja?«
»Wenn ich mir die Pupillen anschaue, den Schaum an und auf den Lippen und dann den Geruch bewerte, na ja, es könnte sich um Gift handeln.« Als Kilian spontan nichts sagte, ergänzte er: »Hast du verstanden: könnte!«
»Wie kam das Gift in den Körper? Durch Selbsttötung?«, fragte Kilian pflichtbewusst.
Er wusste zwar, dass der Brief, der auf der Leiche lag, ebenso wie der, der in den Briefkasten der Polizei geworfen worden war, nicht zu einem Selbstmord passte. Trotzdem wollte er nichts ausschließen. Er ließ nach Anhaltspunkten für einen Suizid suchen. Abschiedsbrief, angebrochene Medikamentenschachteln, Gläschen und Fläschchen mit giftigen Rückständen.
Später müsste er noch in ihrem Leben herumwühlen. Einsamkeit? Liebeskummer? Trauer? Depressionen? Alkohol- und Drogenprobleme?
Albert suchte auf den Venen mit einer Lupe nach Einstichspuren. Selbst wenn er welche gefunden hätte, müsste er gleichwohl die Obduktion abwarten, um verlässliche Informationen zu bekommen.
»Nee, das wird hier nichts mehr.« Er packte seine Utensilien in sein Alu-Köfferchen und versprach: »Morgen mache ich euch glücklich und sage, wann und woran sie starb.«
Nachdenklich offenbarte er beim Hinausgehen: »Wenn es sich tatsächlich um einen Giftmord handeln sollte, wäre das für mich eine Premiere. In meinen 26 Berufsjahren habe ich so etwas noch nicht erlebt, auch bundesweit kommt es eigentlich kaum vor.«
Kilian schaute aus dem Fenster. Er sah eine Gruppe älterer Menschen vor einem der Ausflugsschiffe auf dem Rhein. Ein paar Jugendliche stellten Plastikhütchen in Rot, Blau, Gelb, Grün und Lila hintereinander auf, um sie dann mit ihren Skateboards zu umrunden. Der Freitag hatte seinen Nachmittag erst zur Hälfte absolviert. Aber schon jetzt füllten sich die Terrassen der Restaurants. Die fahrenden Eisverkäufer in ihren VW-Bullis mussten aufpassen, dass sie sich nicht gegenseitig die Kunden wegnahmen. Obwohl die Sonne immer mal wieder hinter einer Wolke verschwand und sie schwächelte wie ein ausgepumpter Bodybuilder, saßen auf den meisten Nasen Sonnenbrillen, als müssten sich die Menschen ihrer lieblichen Jahreszeit vergewissern, die nicht nur Wärme bringt, sondern auch die Natur zum Leben erweckt.
Ihm gefiel dieser Anblick, weil der Mensch nicht für Matsch und Kälte geboren wurde. Er selbst brauchte den Aufbruch einer Jahreszeit, die ihn aus der Tristesse befreite.
Er dachte darüber nach, wie schön es doch wäre, wenn Charlotte ihn nach der Arbeit mit einem Aperol Spritz begrüßen würde, um auf den Frühling anzustoßen. Das hatte sie allerdings noch nie getan.
Er müsste Charlotte schon anrufen, um das Getränk konkret anzufordern. Aber damit wäre der Reiz des Moments verflogen, nämlich den Frühling mit seinen zarten Anmutungen und Zufällen ohne Plan und Ordnung einzufangen.
Er hörte aus dem hinteren Zimmer: »Die Leiche kann in die Gerichtsmedizin.«
Die Nachricht vom Tod der Berühmtheit ließ nur ein paar Stunden auf sich warten – wenn überhaupt. Plötzlich riefen scharenweise Journalisten in der Pressestelle des Polizeipräsidiums an, um Details zu erfahren. Der Pressesprecher musste sich selbst schlaumachen, worum es ging.
Die Online-Ausgaben der großen Zeitungen reagierten auf den Tod mit reißerischen, spekulativen oder sachlichen Eilmeldungen:
»Heute tragen die Engel Chanel«
»Schneewittchen-Mord im Kloster«
»Drogentod am Altar?«
»Chira Walldorf ist tot«
»Warum musste Chira Walldorf sterben?«
Diese mediale Wucht, die wie nach einem Dammbruch schlammige Wassermassen ins Tal drückte, überwältige Kilian, der in seinem ganzen Leben vielleicht acht Sätze mit einem Journalisten gesprochen hatte. Bisher konnte er unbehelligt von der Öffentlichkeit seine Fälle bearbeiten. Aber jetzt wurde er zu einer Figur des öffentlichen Interesses.
»Wer ist der Kommissar, der den Model-Mörder jagt?«, titelte eine Nachrichtenagentur. Besorgt rief ihn Charlotte an, er solle einen Anzug mit weißem Hemd anziehen. Diese Notfallbekleidung für repräsentative Anlässe hing permanent in seinem Büroschrank. Aber bisher gab es keinen Notfall. Er konnte auch nicht erkennen, warum die aktuellen Ermittlungen einen Anzug mit weißem Hemd erforderlich machten.
Beziehungsweise: Er wollte Charlotte bewusst falsch verstehen. Trotz gehörte zu seinem Charakter, und er war mit seiner Art das, was Menschen manchmal als sonderbar oder kompliziert bezeichneten. Die Norm, wie ein Mensch geheimhin sein sollte, um den allgemeinen Erwartungen zu entsprechen, passte nicht in seine Welt. Das machte sich freilich auch an kleinen Dingen des Alltags fest. Er scheute die Petitesse durchaus nicht. So hasste er es zum Beispiel, eine Parfümerie zu betreten. Er sagte, er bekomme in der warmen Raumluft Kopfschmerzen von den unterschiedlichen Düften, die sich die Kundinnen auf die Haut sprühen ließen, um den Geruch zu testen. Außerdem mochte er es nicht, wenn die Verkäuferin ihm ein Parfüm-Pröbchen zum Mitnehmen anbot, weil er nicht als eitel gelten wollte. Männer mit Parfüm waren für ihn eitel. Aber Charlotte meinte, er sollte von der Verkäuferin alles annehmen und sich dafür bedanken. Sie liebe es, wenn Kunden übertrieben »Danke« sagten, das gebe ihr das Gefühl, eine Wohltäterin zu sein. Und die Wohltäterin würde ihr dann beim nächsten Einkauf sagen: »Ach, Sie haben aber einen netten Mann!« Gefolgt von dem Satz: »Warten Sie noch kurz, ich gebe Ihnen noch ein paar Pröbchen mit, die müssen Sie unbedingt ausprobieren.« So funktionierte also Frauen-Kommunikations-Konsum, dachte sich Kilian.
Da war er natürlich sehr viel klarer im Kopf. Er wollte sich nicht verstellen und irgendwelche Spielchen spielen, um das Verkaufspersonal für ein bestimmtes Verhalten zu gewinnen. »Ich bin authentisch«, betonte er mehrmals am Tag, besonders dann, wenn seine Frau nach seinem Empfinden mal wieder nicht authentisch war. Dabei fand er das Wort »authentisch« ziemlich bescheuert, weil es jeder »Plapperheini« benutzte und es deshalb völlig kraftlos wirkte. Den Widerspruch hielt er aber locker aus.
Er versuchte, auch »dynamisch« und »innovativ« weitgehend aus seinem Wortschatz zu verbannen, obwohl er sich selbst als dynamisch und innovativ bezeichnen würde, aber klar, wenn die größten Langweiler sich als dynamisch und die erfolglosesten Typen sich als innovativ hochjubelten, müsste er andere Worte für sich finden.
Ihn gab es nur exklusiv, und er musste ständig aufpassen, kein Opfer des Zeitgeistes zu werden. Der Zeitgeist mit seinen Moden und Stimmungen war für ihn ein gefährlicher Geselle, und seine Charlotte eine gefährliche Kumpanin des Zeitgeistes.
Angriff: »Zieh doch mal etwas Anderes an«, forderte sie ihn auf.
Die Verteidigungslinie stand sofort: »Ich bin nicht ein Clown, der sich verkleidet.«
Gegenangriff: »Ein Clown fällt wenigstens auf.«
Kilian war Dauer-Jeans-Träger. Manchmal kombinierte er seine Jeans mit einer blauen Jacke, wenn er das Gefühl hatte, dadurch nicht seine Authentizität zu beschädigen. »Bullen-Outfit« nannte das Charlotte, weil alle zivilen Polizisten so oder ähnlich herumliefen. Sie sagte, sie müsse übertreiben, weil ihr Mann auf sprachliche Feinheiten hinsichtlich der Mode nicht reagiere.
4.
Vor dem Haus der Ermordeten drängelten sich Fotoreporter und Kamerateams um die besten Plätze. Sie schubsten sich beiseite und motzten wirr durcheinander. Einige hatten eine Standleiter dabei, um über die anderen Köpfe hinweg die Linse auszurichten für das bewegende, animierende, herausfordernde Motiv. Optimal wäre ein Motiv gewesen, das Trauer und Anmut, Stille und Intimität im entscheidenden Bruchteil einer Sekunde einfängt, so etwa: Als die schwarz gekleideten Männer vom Bestattungsinstitut die anthrazitfarbene Leichenbahre aus dem Haus tragen, öffnen sich die Wolken und die Sonne strahlt wie ein Abschiedsgeschenk für Chira Walldorf. Schön kitschig. Aber die Leiche war schon in der Gerichtsmedizin, und auf das Wetter hatten die Fotoreporter ohnehin keinen Einfluss.
Der Nachrichtenstrom erfasste die Republik, als sei ein Modelmord wichtiger als eine Sozialreform. Wichtiger als der Trump-Putin-Gipfel. Wichtiger als ein Machtkampf um das Kanzleramt. Was die Menschen ins schockhafte Staunen versetzte und ihnen Anlass zum Tratschen gab, musste einfach bedeutungsvoll und damit wichtig sein. Die großen Modehäuser in Paris und Mailand gaben Beileidsbekundungen heraus. Artige Worte im feinen Kostüm des Schreckens.
»Wir trauern um ein großes Leben«, schrieb die wohl renommierteste Modelagentur »Z 10«. Großes Leben, stand da tatsächlich, als ob Chira Walldorf sich viele Jahrzehnte für junge Künstler eingesetzt oder Spenden für arme Kinder in Deutschland gesammelt hätte.
Der schillernde Modemacher Massimo Dutti beließ es nicht mit einer schriftlichen Erklärung. Mit Sonnenbrille trat er aus dem Palast seiner Haute Couture, obwohl die Sonne nicht schien. Er sagte mit belegter Stimme, monoton, aber doch unruhig, als müsste er mit genau 38 Buchstaben das Unbegreifliche einer plötzlichen Endlichkeit auf den Punkt bringen: »Wir sind alle bestürzt und unendlich traurig.« Er schaute für einen Augenblick in die Kameras, ging dann zurück durch die gläserne Tür, die einen massiven Türgriff hatte, der einem Rugbyball ähnelte.
Die Branche des Zeitgeistes kannte sich mit den Worten der Schmeichelei aus, mit all den Befindlichkeiten und Sehnsüchten, begehrt zu sein. Aber nun befand sie sich in einer beklemmenden Starre zwischen Ergriffenheit und Verwirrtheit. Ihr buntes, schrilles, heiteres Spektakel offenbarte müde, ratlose Worte und ebenso müde und ratlose Gesichter. Mode ist Leben. Extravaganz. Partys. Aber doch kein Leichensack!
Die sündhafte teure Modemarke »Patricia Home«, mit der die Tote zum Star-Mannequin wurde, setzte auf eine Hoffnungsprosa, um das Nicht-Mehr-Sein zu verarbeiten und sich von den Trauerworten der anderen abzusetzen:
Der Tod ist die Fratze des Lebens
Übermütig offenbart er sich
in einer Sekunde des Schmerzes
triumphiert im Dunkel der Angst
und merkt nicht
das neue Leben hat schon begonnen
im Kirschblütenland.
Das Kirschenblütenland war nun allerdings das Gerichtsmedizinische Institut. Zur Todesursache schrieb Albert formal nüchtern:
»Absichtliche Fremdbeibringung durch Gift. Die angewandte Dosierung führte innerhalb von zwei Stunden zum Tod. Der Tod trat zwischen 19 und 22 Uhr ein.«
Die Journalisten wollten mehr wissen. Sie gierten nach Details, um ihre Geschichten damit zu bereichern. Daraus wurde eine Sucht, die nicht informieren, sondern unterhalten wollte. Ein mediales Spektakel, das nicht nur von Fakten lebte, sondern auch von Spekulationen. Daran trug Staatsanwalt Martin Hummelberger mit seiner übervorsichtigen und zudem hölzernen Art wesentlich bei. Informationen, die längst durchgesickert waren wie etwa »Mord durch Gift«, behandelte er aus »polizeitaktischen Gründen« als Staatsgeheimnis. Das führte wiederum dazu, dass er eine Pressekonferenz, wie sie in aufsehenerregenden Fällen üblich war, ablehnte.
Was er freilich nicht beachtete, dass die Journalisten sich daran nicht störten. Sie bastelten ihre eigenen Nachrichten, befragten Nachbarn, Modehändler, Werbepartner und stöberten im Leben des toten Models herum. Jeder Krümel verdichtete sich zu einem krossen Brot, frisch aus dem Backofen. In all diesen Inszenierungen konnte man gar nicht groß genug denken.
Ein Kommentator schrieb: »In welcher Welt leben wir eigentlich? Ein Mensch, der das Schöne und Gute verkörperte, musste sterben.«
Spitzfindig fragte Charlotte ihren Kilian am anderen Tag, was denn ein gewaltsamer Tod mit Schönheit zu tun hätte?
»Quatsch mit Soße«, brummte er.
»Du bist ja ein Prachtanalytiker«, schob sie nach.
»Kauf dir einen Fisch und wickle ihn in dieses Scheißblatt ein.«
»Welchen Fisch möchtest du denn?«
»Steak mit Pommes.«
Kilian war durchaus begabt darin, sein Gemüt von empathisch auf dickfellig umzustellen. Darin mischte er allerdings häufig die Andeutung eines Witzes, um nicht so streng herüberzukommen.
Die Onlinemedien, Radio- und TV-Sender hatten sich an der ersten Nachrichtenwelle sattsam abgearbeitet. Die Wochenzeitungen und Magazine mussten nun mit eigenen Geschichten nachziehen und einen Dreh finden, um aus Alt Neu zu machen. Genau genommen fiel ihnen das auch nicht schwer, weil sie meisterlich darin waren, ihren Geschichten einen rührseligen, sentimentalen und weinerlichen Antrieb zu geben.
Ein Magazin, das donnerstags erscheint, verschob seinen Redaktionsschluss sogar von Dienstag auf Mittwochmorgen, um noch von der Mord-Model-Hysterie zu profitieren. Es kramte aus seinem Archiv alte Mordgeschichten hervor, layoutete dazu eine aufwendige Bilderstrecke mit wenig Text. Das wirkte. Dafür durfte natürlich der Schillerndste aller Modeschöpfer nicht fehlen. Ein Serienkiller schoss Gianni Versace vor seiner Villa »Ocean Drive« in Miami Beach zweimal in den Kopf. Über die Gründe zweifelt die Polizei selbst Jahrzehnte nach der Tat noch immer. Der Killer nahm sich später auf der Flucht das Leben.
Dagegen war der Mord an Mauricio Gucci in der »Via Palestro« in Mailand ein echter Klassiker. Die rachsüchtige Gattin Patrizia Reggiani konnte es nicht verwinden, dass ihr Ehemann sie nicht mehr wollte, und engagierte den Todesschützen. Vier Kugeln benötigte er für die Vollendung seines Auftrages. Anschließend schrieb die Witwe ein griechisches Wort in ihr Tagebuch: »Paradeisos«, Paradies.
5.
Die Spurensicherung sicherte 124 verschiedene Spuren, Fingerabdrücke, Echthaare und Haare von einer Perücke, Speichel, Schuppen, Schmutz, der mit Schuhen in die Wohnung hineingetragen wurde. Auffällig war, dass von den Gläsern im Glasschrank zwei Gläser komplett ohne Spuren waren. Solch eine penible Reinigung erfuhr auch der Boden in der Küche, der klinisch sauber erschien.
Die Sichtung ihres Smartphones ergab: Ihr letztes Gespräch führte sie noch am Morgen mit ihrem Bruder. Es dauerte keine zwei Minuten. Aus den weiteren Anrufen und Nachrichten ließ sich bis zu diesem Zeitpunkt nur erkennen, dass viele Verbindungen ins Ausland führten oder von daher kamen.
6.
»Wer sind diese Menschen, die im Haus von Frau Walldorf wohnen?«, wollte Kilian wissen, nachdem die ersten Routinebefragungen, die nach Auffinden der Leiche begonnen hatten, keine Erkenntnisse gebracht hatten.
»Bin schon dran«, antwortete Cosima mürrisch, als wüsste sie nicht selbst, was in welcher Reihenfolge zu tun ist.
»Ich will auch wissen, wer da so ein- und ausgeht, und besonders natürlich, wer alles am Todestag sich in diesem Haus aufgehalten hat.«
Am liebsten hätte sie gesagt: »Darauf wäre ich niemals von allein gekommen. Zum Glück gibt es da aber jemanden, der mir sagt, was ich schon längt weiß.«
»Ja, Herr Hauptkommissar, wird gemacht«, salutierte sie stattdessen mit übertriebener Befehlsbereitschaft.
Kilian schaute sie irritiert an. »Ist was?«
»Nein, ich bin einfach nur dankbar, dass du mir immer genau sagst, wann was zu tun ist.« Sie verband diese Worte allerdings mit einem Lächeln. Eine auflockernde Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass er Ironie genau in diesem Moment nicht verstanden hätte.
Sie legte sich einen Plan zurecht.
Erstens: Recherche im Polizeicomputer. Gibt es polizeibekannte Auffälligkeiten, Hinweise und so weiter.
Zweitens: Externe Recherchen in Zeitungen und Online-Diensten. Vielleicht gab es Berichte über oder Interviews mit einem Hausbewohner und damit erste Anhaltspunkte über Meinungen, Befindlichkeiten, Vorlieben, Affären.
Drittens: Einzelgespräche mit allen Bewohnern. Sie überlegte, was schlauer war: Sollten die Gespräche in den Wohnungen stattfinden oder im Polizeipräsidium? Für das Polizeipräsidium sprach: Hier lügt es sich schwerer, weil der Ort einschüchtert. Dagegen sprach: In einer Wohnung nähme sie mehr Details auf.
Sie entschied sich für die Wohnungen, zumal dieser Ort enormes Steigerungspotenzial besaß. Das Polizeipräsidium mit offizieller Ladung käme dramaturgisch an die Reihe, wenn aus einer Befragung eine Vernehmung würde.
Cosima schaute neugierig auf die Namen, als wären sie Schmuckstücke. Schick, teuer, außergewöhnlich.
Dr. Max Moritz, Zahnarzt, alleinlebend, 49 Jahre.
Hans Meiser, ehemaliger Topmanager, jetzt Pensionär, 73 Jahre, mit seiner Frau Klara, 55 Jahre, die sich einen Namen als Charity-Lady gemacht hat.
Der Diskobesitzer Hans Langbein, 62 Jahre, und seine Freundin Agnes Fiedler, 34 Jahre, die momentan nicht arbeitet.
Jürgen Wolters, Rechtsanwalt, 48 Jahre, und seine Frau Emma Seewald-Wolters, 51 Jahre, ebenfalls Rechtsanwältin.
Prof. Dr. Heinrich Zirschke, Theaterwissenschaftler, 60 Jahre, und seine Frau Annette Hahn-Zirschke, 48 Jahre, Inhaberin eines Yoga-Studios.
Simone Capella, Filmregisseurin, 55 Jahre, alleinlebend.
Ulli Holdt, Fußballmanager, 44 Jahre, und seine Frau Dr. Agnes Pauli, 44 Jahre, Urologin.
Noch hatte sie mit niemandem gesprochen, aber ihre Fantasie formte bereits ein konkretes Menschenbild. In dem Haus lebten narzisstische Menschen mit viel Geld, die nicht kapierten, wie das wahre Leben funktioniert. Natürlich wusste sie, dass es Vorurteile waren. Sie hatte in diesem Moment aber keine Lust, ihre Gedanken zu differenzieren. In ihrem Haus lebten Handwerker, Lehrer (auch ihr Freund war Lehrer), eine Richterin für Arbeitsrecht und irgendein Therapeut, keiner wusste so genau wofür, jedenfalls roch es aus seiner Wohnung häufig nach indisch Curry scharf und Meditationsräucherstäben mit holzigem Duft und leicht süßlicher Note. Er war der Haus-Guru, ansonsten waren die Nachbarn recht normale Menschen; normal hatte aus ihrer Sicht ohnehin den unschätzbaren Vorteil, »dass bei uns niemand ermordet wird.« Mitunter liebte sie simple Befunde, auch wenn sie ahnte, dass sie in Wirklichkeit nur Wünsche und Mutmaßungen enthielten. Ansonsten vertraute sie ihrem »gesunden Menschenverstand« in alltäglichen Lebensfragen. Würde es kniffliger, wäre das auch kein Problem. Sie konnte schwierige Zusammenhänge schnell erfassen. Das lag sicherlich daran, dass sie schon als Kind Schach spielte und in Mathematik immer Klassenbeste war. Klar, dass nach ihrem Abitur alle gutgemeinten Ratschläge darauf hinausliefen, sie sollte doch bitte unbedingt Mathematik studieren. Sollte – doch – bitte, diesen Dreiklang aus Verzweiflung, dass sie ihr Talent wegwirft, hat sie nicht mit Trotz ignoriert, sondern mit einem eigenen Berufswunsch konterkariert. Sie ließ sich vom Werdegang einer Bekannten inspirieren, die Polizistin geworden ist.
Sie suchte Dr. Max Moritz auf. Er hatte den Ruf eines Prominenten-Zahnarztes. Viele reiche Russen ließen sich zu ihm einfliegen. Im Service inbegriffen: Shuttle-Service in einer schwarzen Limousine, Unterbringung im Fünf-Sterne-Hotel und natürlich ein Dolmetscher.
Er wohnte in der ersten Etage. Der Flur hatte weiße Wände, schwarze Fliesen und Lampen im Art déco-Stil. Vor seiner Wohnung stand eine hellgrüne Bonsaizucht in einem Terrakottagefäß, so schüchtern wie ein Balletttänzer vor seinem ersten Boxtraining.
Cosima dachte über den Namen ihres Gesprächspartners nach. Wie konnten die Eltern ihr Kind nur Max – bei dem Nachnahmen Moritz – nennen? Wie konnte aus Liebe ein Witz werden? Dachten sie etwa an die Geschichten von Wilhelm Busch über Max und Moritz? Eine Freundin von Cosima wollte ihre Tochter Amelie nennen. Den Namen fand auch sie so richtig süß, aber ein Bekannter, ein Pathologe meinte, dass in der Medizin »Amelie« bedeute, dass Arme und Beine fehlen. Damit war es um diesen Namen geschehen.
In der Wohnung von Dr. Moritz fielen ihr sofort die Vasen, Kissen und Kerzenständer in unterschiedlichen Größen und Materialien auf. Er verfolgte einen erkennbaren Stil, eben kein geschmackliches Durcheinander. Die Bilder hingen so, dass sie sich nicht gegenseitig die Schau stahlen. Er hatte Sinn für eine klare Struktur und inszenierte die Wohnung ohne jede Überanstrengung für das Auge. Das Ambiente hatte etwas Selbstverständliches, weil der Bewohner sich in dieser Wohnung nicht verlor. Was Cosima sah und verinnerlichte, war nicht ihr Geschmack, aber sie mochte es doch irgendwie. Sie hatte keine Chance, diesen Widerspruch aufzulösen. Vielleicht ging sie innerlich auch nur deshalb auf Distanz, um ihre Ikea-Möbel schönzureden.
Sie begrüßte ihren Gesprächspartner mit einem kräftigen Händedruck.
»Schön, Herr Moritz, dass Sie Zeit für mich haben«, sagte sie brav. Denn dass er sich Zeit nehmen musste, war tatsächlich ein Muss.
»Der Doktor gehört eigentlich zu meinem Namen«, entgegnete er mit einem schmalen Lächeln.
Sie ließ sich nichts anmerken.
»Herr Dr. Moritz, Sie wissen, warum ich bei Ihnen bin. Es geht um den Tod von Frau Walldorf. Es ist sehr wichtig, dass Sie alles sagen, was Sie wissen. Wenn Ihnen später etwas einfällt, rufen Sie mich einfach an, okay?«
»Ja, ja, klar«, nuschelte er hektisch. Er wirkte dabei abwesend. Bilder und Worte flogen durch seinen Kopf wie vernarrte Vögel. Nachbarin / Tod / noch so jung / so schön / wie schrecklich / hoffentlich passiert mir so etwas nicht / hoffentlich ist die Tante von der Polente bald wieder weg.
Er berührte mit seinen Mittelfingern die linke und rechte Stirn, massierte sie und ging so durch den Raum. Cosima dachte wieder an Wilhelm Busch, und Dr. Moritz regte sich noch immer nicht, als müsste er sein Leben durchdenken oder einen einzigartigen Gedanken aufspüren. Dann kam doch der Moment. Er sagte fast entschuldigend: »Frau Walldorf sah ich kaum. Der Rhythmus unseres Lebens oder unserer Arbeitszeiten war total unterschiedlich. Aber glauben Sie mir, ich hätte mich gerne um Ihre Zähne gekümmert. Sie hätte zu meinem Profil als international angesehener Zahnarzt gepasst. Aber ich glaube, sie war bei einem Kollegen in Monte Carlo. Da wohnte sie zeitweise, oder wo auch immer.«
Er schaute die Kommissarin an, oder besser gesagt, er taxierte sie von unten nach oben und von oben nach unten. Es schien, als suchte er nach Andockmöglichkeiten, um das Gespräch aufzulockern. Die Chance, die ihr roter Pulli mit V-Ausschnitt ihm bot, ließ er liegen. Wahrscheinlich fiel ihm nichts zu Rot ein. Keine roten Tulpen. Keine roten Lippen. Kein roter Wein. Wahrscheinlich wusste er auch nicht, dass die Menschen meistens dann Rot einsetzen, wenn sie sich geschwächt fühlen und ihren Energiehaushalt füllen wollen. Wahrscheinlich war also die Polizistin seelisch nicht ganz auf der Höhe, aber er konnte diese Schwäche nicht ausnutzen.
Cosima fragte ihn, ob er einmal in der Wohnung von Frau Walldorf gewesen war.
»Nein«, antwortete er sehr bestimmt.
»Nie?«, fragte sie zurück.
»Niemals!«
»Dann berichten Sie doch einmal von Ihren wenigen Begegnungen mit Frau Walldorf.«
»Ja, gerne. Ich weiß aber nicht, was Sie unter Begegnung verstehen?«, fragte er umständlich zurück, um dann doch weiterzureden. »Was ist eine Begegnung? Ein Gespräch? Ein längeres Gespräch? Also, ich hatte mit ihr nur einige zufällige Hallo-Begegnungen. Ich schätze, dass eine Begegnung maximal zwei Sekunden gedauert hat.«
»Für ein Hallo brauchen Sie zwei Sekunden? Das geht doch schneller!«
»Ich sagte ja auch: maximal zwei Sekunden.«
Cosima merkte, dass ihr die Befragung aus dem Ruder laufen könnte. Er war zu indirekt, zu versteckt, zu defensiv. Das mochte durchaus daran liegen, dass er sie nicht ernst nahm. Er strich sich mehrmals mit der Hand durch seine langen Haare. Vielleicht war er auch nur deshalb nicht gut drauf, weil er sein Haargummi für den Pferdeschwanz nicht finden konnte. Denn er schaute häufig in den Spiegel. Einige Mal ging er nah heran, als wollte er einen Mitesser auf der Nase ausdrücken.
Sie überlegte, woran Dr. Moritz sie erinnerte. Sie fühlte, dass sie es gleich wüsste. Als er seine Haare zusammenband und sein langer Hals somit in den Mittelpunkt seiner Physiognomie rückte, zumal er ein T-Shirt trug und kein Hemd, schoss ihr durch den Kopf: Er sah aus wie eine Giraffe, was natürlich Blödsinn war. Aber sie bekam den Zwang, ihn für eine Giraffe zu halten, nicht mehr aus dem Kopf. Sie empfand das als amüsant.
Sie konzentrierte sich.
»Was wissen Sie über Frau Walldorf oder anders gefragt: Was redet man über sie?«
Die Giraffe saß aufrecht auf der vordersten Kante des Stuhls, schlug das linke Bein über das rechte Bein und entfernte Flusen von der kanarienfarbigen Leinenhose.
Cosima kam sich bei diesem Gehabe fast wie ein Kerl vor. Sie saß bequem und angelehnt. Sie weigerte sich, es auf einen Wettbewerb für elegante Sitzhaltung ankommen zu lassen. Denn den würde sie haushoch verlieren. Sie schaute auf die Vitrine mit Porzellanhunden, Porzellankatzen und einem Porzellanaffen.
Sie stellte sich vor, dass ihr gleich ein Butler mit weißen Handschuhen einen Earl-Grey-Tee mit einem Tropfen Milch bringe, dazu ein Plätzchen ohne Schokoladenüberzug, weil es weniger Kalorien hatte. Oder eine Zirkustruppe mit lustigen Clowns stürmte ins Wohnzimmer und verteilte Zuckerwatte. Oder ein Masseur bot ihr eine Nackenmassage an, damit sie ihre Fragen gelassener vortrage.
»Ach wissen Sie, Frau Polizistin, Sie fragen, was ich von Frau Walldorf weiß …«
»Oberkommissarin!«
»Okay, eins zu null für Sie, das war Ihre Retourkutsche für den Doktor. Ich mag aufgeweckte Frauen, die klar reden wie aus der Pistole geschossen. Oh sorry, das mit der Pistole lassen wir mal lieber. Also Frau Oberkommissarin, ich erwähne gerne Ihren Titel, aber ich muss schon sagen, das ist eine sehr lange Dienstbezeichnung, da muss ich ja dreimal Luft holen, ehe ich das Wort ausgesprochen habe. Was ich Ihnen aber unbedingt sagen möchte: In diesem Haus wird nicht getratscht. Wir leben quasi in einer tratschfreien Zone. Ich finde das sehr bemerkenswert.«
Cosima veränderte ihren Tonfall wie eine Lehrerin gegenüber einem Schüler, der schon wieder seine Hausaufgaben nicht gemacht hat. Sie ging in sich, bleib locker, zieh dein Ding hier durch, lass dich nicht von der Giraffe beeindrucken.
»Ich habe nicht danach gefragt, wie Sie oder die anderen Hausbewohner ein Gespräch führen, sondern, was Sie über Frau Walldorf wissen oder was man über sie sagt.«
»Natürlich wissen wir, dass Frau Walldorf eine Berühmtheit ist, äh, war, und wenn wieder eine große Story über sie in der Zeitung stand, war das ein Gespräch wert, oder wenn da Schaulustige vor dem Haus standen. Viele wussten ja, dass sie hier wohnt.«
»Wer hat sie denn besucht, ich meine, hatte sie häufiger Besuch, haben Sie Besucher gesehen?«
»Da fragen Sie den Portier, an dem müssen alle vorbei, die Hausbewohner und die Besucher.«
»Sie haben nie Besucher oder Besucherinnen gesehen?«
»Wer zu Frau Walldorf wollte, fuhr mit dem Fahrstuhl direkt zu Ihrer Wohnung, und im Eingangsbereich habe ich nichts gesehen, zumindest nichts Auffälliges. Ich sehe den Leuten ja nicht an, zu wem sie wollen.«
Sie schaute auf ein übergroßes Gebiss, mit Goldblatt überzogen. Es stand in einer schwarz lackierten Kommode auf einem Glasregal. Dr. Moritz arbeitete weiterhin hartnäckig daran, unsympathisch zu wirken. Er wirkte gönnerhaft. Er pflegte seine Allüren.
Nach dem Gespräch bedankte er sich bei Cosima für die Zeit, die sie sich für ihn genommen hatte.
Sie war sprachlos.
Beim Hinausgehen sah sie erst undeutlich, dann beim Nähertreten sehr deutlich ein gerahmtes Foto von Chira Walldorf mit der Aufschrift: »Für Max.«
Sie las es laut vor: »Für Max.«
»Ist doch schön«, erwiderte Dr. Moritz mit einer ungewohnten Helligkeit in seiner Stimme, als hätte er sie in diesem Augenblick nicht im Griff.
Sie schaute ihm in die Augen. Er schaute zurück. Blick auf Blick. Wer jetzt zuerst wegschaute, hatte verloren.
»Und nun?«, fragte er ungeduldig, um Bewegung in den Augenkontakt zu bringen.
»Nun müssen Sie mir das erklären«, entgegnete sie ihm hart, fordernd, scharf, als müsste sie den Fall jetzt festmachen, festbinden, festkleben.
Er lächelte herausfordernd und prüfte den Sitz seines Pferdeschwanzes. Offenbar wollte er in diesem Moment seinen Spielraum zwischen Verlegenheit und Überlegenheit ausloten. Vielleicht ärgerte er sich auch nur darüber, dass er das Foto vor dem Besuch der Polizei nicht weggelegt hatte.
Er lächelte erneut. Allmählich ging ihr dieser Max Moritz mit seinem Lächeln auf die Nerven.
Er reckte seinen langen Hals nach vorne: »Ach, entschuldigen Sie, ich bin wohl etwas begriffsstutzig. Das Foto gehört nicht mir, sondern meinem Freund. Der heißt auch Max.«
Er machte eine kurze Pause, weil er dachte, die Oberkommissarin würde direkt etwas sagen oder fragen wollen, weil das aber nicht der Fall war, setzte er seinen Satz fort.
»Oh, Sie dachten wohl, das wäre mein Foto, und ich hätte die Chira Walldorf eben doch persönlich gekannt. Gefährlich, gefährlich, so schnell kann man zum Beschuldigten werden, aber ich rede zu viel, sorry.«
Cosima schaute in ihren Notizblock. Das tat sie immer, um Abstand zu gewinnen oder Abstand zu demonstrieren. In diesem Fall bedeutete Abstand, auf sein Geplänkel nicht einzugehen und ihn das auch spüren zu lassen. Als würde sie ihre Frage vom Notizblock ablesen, fragte sie ihn mit einer Geste der Beiläufigkeit, wo denn sein Freund überhaupt wohne.
»Der Max wohnt nur am Wochenende hier. Während der Woche ist er auf seinem Bauernhof im Münsterland. Den hat er vor zwei Jahren gekauft, komplett umgebaut. Na ja, dort ist er von montags bis freitags, um Lieder zu komponieren, zu lesen und zu verstehen, wie Muse funktioniert, und am Wochenende will er Großstadt erleben. Aber sein erster Wohnsitz ist diese Wohnung, das können Sie beim Einwohnermeldeamt ganz schnell klären.«
»Das mache ich doch glatt«, bemerkte Cosima trotzig und wollte von Dr. Moritz wissen, weshalb Frau Walldorf seinem Freund das Foto mit Widmung geschenkt hatte.
Er zog zunächst seine Lippen übereinander, als wollte er auf diese Weise sein Lippenbalsam gleichmäßig verteilen. »Tja, gute Frage. Soweit ich weiß, hat er das Foto nicht direkt von ihr, sondern von ihrem Fotografen. Die kennen sich, und da hat mein Freund ihm wohl gesagt, komm, besorg mir von der Chira ein Autogramm, und der Fotograf hat noch für Max draufschreiben lassen. Das ist doch nett, oder?«
Auf dem Flur stöhnte sie die Luft, die sie in die Backen aufgesogen hatte, in einem Zug heraus, um ihre Erleichterung zu spüren, dass das Gespräch mit Dr. Moritz vorbei war. Sie schaute zur Decke, flehte den Satz in sich hinein: Bitte lieber Gott, lass mich heute Abend nicht von Giraffen träumen.
7.
»Chira Walldorf – war es Mord aus Liebe?«, titelte das Leute-Magazin »Glitzglotz«, als könnte man aus Liebe einen lieben Menschen umbringen. Darüber musste das Volk reden. An den Kassen der Supermärkte. An den Biertischen der Kioske. In den Schrebergärten. Wo auch immer. Die Menschen fantasierten, wie der Mörder Liebe in Tod umwandelte. Das Schlüsselloch konnte gar nicht groß genug sein, um hindurchzublinzeln in eine unheimliche Welt.
»Glitzglotz«-Chefredakteur Thomas Gardner musste sein Schlüsselloch in einer Talkshow verteidigen, an der zwei weitere Gäste aus der Mode und der Psychologie teilnahmen. Die Vertreterin der Modebranche, eine Unternehmerin für Damenoberkleidung aus Ostwestfalen-Lippe, schaute ihn angewidert an, zögerte kurz und fragte ihn dann: »Herr Gardner, besteht der Sinn Ihrer Arbeit darin, Unsinn zu schreiben?«
Herr Gardner blieb ruhig. Er wusste, dass die Kamera genau im Moment der Kritik auf ihn gerichtet war. Er zeigte sich dem Publikum erhaben, souverän und gönnerhaft, allerdings eine Spur zu lässig. Denn darin lag eine Überheblichkeit, die nicht zu seinen Lesern passte.
Die Moderatorin der Talkshow wollte von der Psychologin wissen, einer Professorin für Neuropsychologie, wie sich der unerwartete Tod einer Berühmtheit auf die Volksseele auswirke, und ehe sie antworten konnte, lästerte Gardner, dass Neuropsychologie doch etwas mit Hirnschädigung zu tun habe. Er drehte sich zum Publikum und fragte, ob wir hier alle hirngeschädigt seien? Das Publikum lachte, und die Psychologin erwiderte spröde sachlich, dass sie sich mit den zentralnervösen Grundlagen des menschlichen Erlebens und Verhaltens sowie ihren Veränderungen befasse. Die Moderatorin verzog ihre Lippen, und die Psychologin führte weiter aus, dass der unerwartete Tod einer Berühmtheit wie Lady Di oder John Lennon oder …
»Lange her«, giftete Gardner.
»Wenn also ein berühmter Mensch plötzlich stirbt, sterben Träume, denn die Menschen projizieren ihre Träume auf den Star. Er personalisiert das Schöne, Gute, Wunderbare, das sich vom Alltag abhebt, und mit seinem Tod entlässt er die Menschen plötzlich mit Wunden in ihren Alltag.«
Gardner, der zu seiner Anzugfarbe immer ein gleichfarbiges Einstecktuch trug, wartete auf seinen Auftritt. Auf seine große Nummer, um den schlau quasselnden Frauen endlich Paroli zu bieten.
Er lächelte die Moderation mitleidig an und bemerkte triumphierend: »Liebe ist nicht immer lieb, Liebe muss Hass und Wehmut aushalten, und wenn das einmal nicht möglich ist, verliert die Liebe ihren Halt, und das endet wie in diesem Fall recht tragisch.«
Die Talkmasterin fragte ihn mit wachen Augen, wie er das genau meine. Denn »Wehmut, Liebe, Tragik, das ist alles nicht neu, das hören wir fast jeden Tag von irgendjemandem von irgendwoher«.
Er lächelte noch klarer dieses »Ach Püppchen, du hast keine Ahnung« und bemühte sich um ein bedeutungsvolles Erscheinungsbild. Sprechtempo verlangsamen, Brille in die Hand nehmen und Blickkontakt suchen. Als er sich seines bedeutungsvollen Ausdrucks ganz sicher war, konnte er endlich davon sprechen, dass ihm aus dem Umfeld der Toten Informationen zugetragen worden seien.
»Zugetragen«, lästerte das Püppchen, »wer hat denn da was getragen? Muss ganz schön schwer gewesen sein.«
Gardner, noch ganz angetan von seiner Andeutung, hätte sich mit seiner Antwort gerne fünf Minuten Zeit gelassen, um die Begierde des Püppchens und der Zuschauer nach einer konkreten Antwort auszukosten und die Neugierde in Ungeduld zu verwandeln. Sag’s endlich, sag’s endlich, sag’s endlich.
Mit seiner Online-Redaktion hatte er bereits vorher ausgemacht: »Wenn ich rede, dann haut die Schlagzeile heraus.«
Er wusste genau, wie er seine Leser packen musste, mit Themen, die zornig, wütend, neidisch oder eifersüchtig machten. Als raffinierter Schleimer der Volksmeinung beherrschte er ohnehin das hinterhältige Zusammenspiel aus Vorurteilen und Intoleranz, und das Spiel ging so: Mehrheit gegen Minderheit, und die Mehrheit gewinnt immer.
Endlich sagte er dann: »Wir gehen davon aus, dass sich Chira Walldorf im lesbischen Umfeld bewegt hat und dass dort die Ursache für den Mord gefunden werden muss.«
Ehe das letzte Wort gesprochen war, hatte »Glitzglotz« schon seine vorbereitete Schlagzeile scharf gestellt:
»Mordverdacht um Lesbenaffäre.«
Die Nachrichtenagenturen und Online-Ausgaben von weiteren Tageszeitungen nahmen die Schlagzeile sofort auf und machten daraus ihre eigene Headline.
»Gerüchte um Chira Walldorf: Liebte sie Frauen?«
»Musste das Model sterben, weil sie eine neue Geliebte hatte?«
»Drama um die Liebe?«
Kilian spürte, dass seine geduldige Gelassenheit zarte Risse zeigte, wie ein Muskel nach überhartem Training. Die Zeit saß ihm im Nacken, weil die Medien Druck machten. Sie schossen mit Schlagzeilen und Schlagworten. Immer schwang der Vorwurf mit, die Polizei tue zu wenig. Sie sei nicht wendig genug und viel zu brav. Beschützt uns endlich.
Immerhin, Kilian verstand nun, wie sich ein Politiker unter medialem Dauerbeschuss fühlt oder ein Bundesligatrainer, dem nach jeder Niederlage sein baldiger Rausschmiss vorausgesagt wird.
Kilian wusste selbst: Wenn ein Fall in zwei, drei Tagen nicht gelöst wird, wird es mit jedem Tag schwerer. Aber was sollte er mit dieser Erkenntnis anfangen?
»Es kommt, wie es kommt«, sagte er so daher. Er wollte keinen tiefen Gedanken aussprechen, sondern einfach etwas sagen, das nach Gelassenheit klang.
8.
Eine Analyse der Verbindungen auf dem Laptop von Chira Walldorf ergab, dass ihr Nachbar Jürgen Wolters in den vergangenen acht Wochen drei E-Mails an sie geschrieben hat. Er diente sich darin als ihr Anwalt an, der sich gerne um rechtliche Alltagsfragen kümmern würde. Sie hatte keine dieser E-Mails beantwortet.
9.
Als Modeverkäuferin einer Kette, die sich darauf spezialisiert hatte, die Haute Couture mit billigen Stoffen nachzumachen und an junge Leute zu verkaufen, legte die junge Frau aus dem Ruhrgebiet Wert auf einen »gewissen Status«. So redete kein Mensch in ihrer Stadt, aber immerhin: Um dem Reden ein Alibi zu verleihen, fuhr sie gerne nach Düsseldorf, um mal etwas anderes zu sehen, wie sie sich ausdrückte.
Natürlich gab es anschließend immer viel zu erzählen vom Bummel auf der sündhaft teuren Königsallee, wo all die Rang-mit-Namen-Boutiquen vertreten waren, und ihr fiel auf, wie überdreht die Verkäuferinnen dort wirkten. Vielleicht waren sie auch nur stolz darauf, für eine Luxusmarke arbeiten zu dürfen, die sie sich selbst niemals leisten konnten. Vielleicht wäre eine gewisse Heiterkeit auch unpassend. Wer für einen Pullover 1.850 Euro bezahlt, erwartet vom Personal respektvolles Verhalten. Angemessene Distanz. Ruhige Stimme. Jede Unebenheit im Aufritt würde das Kaufritual erheblich stören.
Ihr kleines Badezimmer mit einem überdimensioniert großen Spiegel war ihr Sehnsuchtsort. Er war umrahmt mit 16 Glühbirnen, um das Gesicht fasergenau auszuleuchten. Wie eine Sonne aus der Steckdose verbreitete dieses Licht Wärme für ein Gefühl der Genugtuung. »Das bin ich. Ich bin die Schönheit. Die Engel werden es bezeugen.«
Von oben betrachtet wirkte ihr Badezimmer wie ein Atelier. Ordnung würde nur stören. Chaos bedeutete Leben. Ein Leben ohne Anpassung. Wild. Frei. Selbstbestimmt. Lebe dein Leben und nicht die Erwartungen anderer Menschen.
Sie lächelte in sich hinein und die Konturen ihres Gesichtes offenbarten einen Stolz, der auf den großen Applaus wartete. Was in diesem Leben wirkte, war großes Theater. Die kriechende Raupe mutierte zum begehrten Schmetterling, und seine Flügel, olivgrün mit feinem Ockergelb, ach wie schön, schlugen heiter im weichen Wind.
»Ich bin die Schönste im ganzen Land«, sang sie heiter zu ihrem Ebenbild im Spiegel.
In Augenhöhe des Spiegels stand ein roter Samtplüschhocker wie in einem Hollywood-Filmstudio, als würde sich gerade Cate Blanchett oder Julia Roberts für die nächste Szene die Lippen nachziehen. Aber hier saß nicht Hollywood, sondern das Ruhrgebiet. Auf der schmalen Ablage unter dem Spiegel und dem Beistelltischchen neben der Toilette befanden sich all die Instrumente für die Vollendung ihres Gesichtes. Puderdöschen, Rouge, Pinselset mit breiten und schmalen Bürsten aus Echthaar, sechs Lippenstifte in Kirschrot, Rosé, Beerentönen, Pink und Orange. Lipgloss, Lidschatten mit matten und schimmernden Nuancen, Augenbrauenzupfer, Abdeckcreme, Kajalstifte, Glätteeisen, Lockenmaschine, Wimperntusche, Abdeckfarben, Nagellack, Scheren, Haarbürsten wiederum in Echthaar, Anspitzer für die Kosmetikstifte, Schwämmchen, Seifen, Haargummis in verschiedenen Farben.
Sie saß mit geradem Rücken auf ihrem Samtplüschhocker und betrachtete ihr Gesicht. Sie versuchte, sich an einem großen Gedanken zu orientieren, um ihren Gefühlen eine Stoßrichtung zu geben. Daraus wurde eine Kette aus Impulsen, Fiktionen und Offenbarungen: Die Menschen mussten sie einfach mögen, dachte sie.
Sie träumte. Ein Künstler malte ihr ins Gesicht das Bild einer Versonnenen, die Liebreiz und Begierde in verlockender Ausstrahlung auslebte. Er folgte damit all den Fügungen seiner Kreativität, um seinem Schöpfungsauftrag für sie gerecht zu werden. Aufbegehren, Wille, Struktur. Dafür überwand er Grenzen, um seine Idee von einem magischen Gesicht zu einem großartigen Erlebnis werden zu lassen.
Sie lächelte unterschiedlich in den Spiegel hinein, um zu sehen, welches Lächeln anmutend klar wirkte. Lachen ist das schönste Kompliment an das Leben. Lachen ist wie ein Vulkan, der statt vernichtender Lava eine sinnliche Fröhlichkeit in die Herzen der Menschen fließen lässt. Sie variierte dafür verschiedene Gesichtsausdrücke, bis sie ihre Form mit der passenden Botschaft gefunden hatte: keck, herausfordernd mit gütiger Weiblichkeit.
Sie war getauft worden. Sie war ein Geschenk Gottes. Sie bedeckte ihr Gesicht behutsam mit ihren Händen, als wollte sie es liebkosen, weil sich ihre Haut über Nase, Ohren und Wangenknochen zu einer idealtypischen Schönheitsfassade spannte. Was die Geburt hervorbrachte und über Kindheit und Pubertät bis heute formte, verbarg sich allerdings hinter einer Maske. Wer darauf schaute, konnte nicht ahnen, was sich dahinter verbarg.
Ihre Wahrheit.
10.
»Okay, kommt mal alle zusammen!« Dabei klatschte Kilian wie ein Trainer in die Hände, als müsste er sein Team anstacheln, alles aus sich herauszuholen. Kraft, Energie und Willensstärke, um den Mörder zu finden.
»Ich brauche keine Motivation, ich bin motiviert«, bemerkte Miko trocken.
»Wer ist das nicht?«, fragte Cosima herausfordernd.
Kilian schaute ernst. »Denkt dran, wir sind die Jäger, der Mörder ist der Gejagte. Er weiß nicht, welchen Vorsprung er hat. Ein Vorsprung, der jede Minute, jede Stunde und jeden Tag weg sein kann, und dann läuft alles auf das Finale zu. Die Angst sitzt ihm im Nacken. Wenn wir wissen, wer dieser Mensch sein könnte, ist, finden wir ihn auch. Dann gibt es kein Entkommen mehr.« Dabei ballte er seine Faust.
»Bist du unter die Wikinger gegangen?«, warf Miko belustigt ein.
Kilian verkniff sich einen Kommentar.
Cosima wollte gerade etwas sagen, bevorzugte aber dann doch einen Schluck aus dem Kaffeebecher.
Kilian schaute Cosima und Miko an. »Ich komme auf den Brief zurück, der uns zum Opfer geführt hat. Eine erste fototechnische Analyse und die Kameraaufzeichnungen haben ergeben, dass ein Mädchen diesen Brief in unseren Briefkasten geworfen hat. Das heißt wiederum, der Mörder oder – ganz allgemein gesprochen – ein schuldfähiger Erwachsener war es nicht.«
»Aber das ist ja unglaublich«, ereiferte sich Cosima, »dass eine Mutter oder ein Vater das eigene Kind zum Komplizen machen.«
»Moment, nicht so schnell«, grätschte Miko in die steile These seiner Kollegin. »Wir wissen viel zu wenig, um dies oder das zu behaupten.«
Cosima stöhnte den Einspruch weg.
Kurzes Schweigen.
Kilian nippte an seinem Kaffeebecher, schaute in die Runde und animierte: »Lasst doch die Fotos von diesem Mädchen einfach mal auf euch wirken. Schaut euch alles genau an, als müsstet ihr die ›Mona Lisa‹ begutachten. Wie häufig schauen wir zum Beispiel auf ein Urlaubsfoto, aber wir schauen nicht mehr richtig hin, weil Urlaubsfotos immer gleich sind. Also: Pupillen scharf stellen, Gehirn anmachen.«
Kurzes Schweigen.
Cosima ergriff das Wort. »Also, das ist ein Mädchen mit weißen Söckchen und schwarzen Lackschuhen. Es trägt einen übergroßen Mantel, der Schal ist so lang, dass sie ihn mehrmals um Hals und Mund gewickelt hat, und sie trägt eine schwarze Kappe mit der Aufschrift ›Be nice‹. Sie sitzt aber so tief im Gesicht, dass man tatsächlich rein gar nichts sieht.«
»Wenn dieses Mädchen kein Kind ist, sondern ein verkleideter Liliputaner«, fragte Miko unsicher in die Runde.
»Dagegen spreche doch die foto- und videotechnische Analyse der Körpermaße«, entgegnete Cosima eine Spur zu lehrerhaft.
»Nee«, erwiderte Miko nunmehr kraftvoll, »die fototechnische Analyse kann nicht zwischen Kind und Liliputaner entscheiden.«
Cosima runzelte die Stirn. »Doch! Schau auf das gesamte Erscheinungsbild. Es ist völlig klar, dass es sich um ein Kind und nicht um einen kleinwüchsigen Menschen handelt. Schau auf den Gang. So geht doch kein Erwachsener.«
Kilian zog die Lippen breit, knetete mit den Fingern und ließ die Schneidezähne des Oberkiefers kurz hintereinander mehrmals auf die Schneidezähne des Unterkiefers fallen.
Seine Sinne, Gefühle und Gedanken haderten mit diesen komischen Aufnahmen von diesem komischen Kind, weil das Gesamtbild absurd wirkte.
»Das Kind trägt sogar Handschuhe, im Frühling, na klar, damit es keine Fingerabdrücke gibt«, fügte Cosima hinzu.
»Tja, an alles gedacht«, ergänzte Miko und fasste seinen Eindruck zusammen. »Das Kind, wenn es denn ein Kind war, schaut ständig auf den Boden, selbst, als es den Brief in den Briefkasten wirft. Die Anweisung war wohl: Da hängen Kameras, schau nicht in die Kameras! Das Kind ertastet ziemlich umständlich die Klappe des Briefkastens. Na ja, wie ein Blinder oder so ähnlich. Dann geht das Kind langsam zurück. Sehr langsam. Ich habe noch nie so ein langsames Kind gesehen. Es musste wahrscheinlich so langsam gehen, damit die vermummende Kleidung nicht verrutscht. Es kann natürlich auch sein, dass ein hastiges Weglaufen so aussieht, als hätte man etwas zu verbergen. Ah, das Kind trägt eine rosafarbene Tasche mit der Aufschrift ›Grizzly love‹. Ich weiß von meiner Nichte, dass junge Mädchen total auf diese Tasche stehen. Der Renner sind allerdings die Grizzly-love-Sneakers mit den knallbunten Schnürsenkeln und der gummiartigen Bärenkralle, die so cool locker vom Schuh abfällt.«
Kilian schaute sich ein weiteres Mal die Video-Aufzeichnungen an.
Der Gang.
Die gekrümmte Haltung.
Der Briefeinwurf.
Der Rückzug.
Er sah nichts, was ihn weiterbrachte.
Er fragte sich, was er übersehen haben könnte. Wie müsste er den Film anschauen, um neue Gesichtspunkte zu erkennen? Er versuchte, seine Sehgewohnheiten auszublenden. »Aber wie blendet man so etwas aus?«, fragte er sich ratlos. »Ich sehe doch, was ich sehe. Mit den gleichen Augen und dem gleichen Sinn und dem gleichen Kopf. Ich schaue ja genau hin, aber bin ich in der Lage, nicht nur das zu sehen, was ich sehe, sondern auch dahinter zu schauen wie bei einem Kinofilm, um den Regisseur zu verstehen, was er sich bei den Szenen und Dialogen, der Hintergrundmusik und der Kameraeinstellung gedacht hat?«
Kilian verstaute seine Hände in den Hosentaschen und entspannte sich mit Grimassen, verformte seinen Mund zu einem Kuss, zog die Stirn nach oben und wieder nach unten und schloss für einige Sekunden die Augen.
Dann stand er wieder vor der Wand mit den Fotos. Er vertiefte sich in den Vorsatz, die Fotos nicht anzuschauen, sondern sie zu betrachten. Anschauen war für ihn wie angucken und anstarren, um sich einen Eindruck ohne tieferen Sinn zu verschaffen. Betrachten verband er dagegen mit Einkehr und Hingabe, um dem Blick Raum und Zeit zu geben. Denn nur so, meinte er, hebe sich die Distanz zwischen Bild und Betrachter auf.
Meinte er tatsächlich.
Seine Pupillen scannten das Foto. Er musste mehrmals die Augen schließen, um die Pupillen zu entlasten. Je intensiver er sich in dieses Foto verlor, desto starrer wurde seine Aufmerksamkeit. Er hatte das Gefühl, dass sich alle Farben und Konturen zu einer Masse aus Weiß verdichteten. Für einen Moment überlegte er, wie er wohl einem Künstler wiedergeben würde, was er sah.
Sollte er antworten: »Ich sehe nur weiß?«
Der Künstler wäre beleidigt, weil Kilian nicht erkannte, was in diesem Weiß vor sich ging, die feinen Strukturen, Bewegungen, ein Aufbegehren, Mühsal, Kampf.
Wer das Bild nicht lesen konnte, taugte nicht für die Kunst. Er war Durchschnitt. Aber nur die Elite erkannte das Edle. Nur sie konnte die Gedanken des Malers lesen, sie deuten und der Welt öffnen.
Kilian sah immer noch weiß. Er gehörte nicht zur Elite der Kunstkenner. Er war nur Beamter, Leiter der Mordkommission, zuständig für Pragmatismus und »Das-ist-die-Welt«. Kein Platz für Spinner und Lebenskünstler, für inspirierte Intellektuelle und hoffnungslose Esoteriker. Sein Job war die nüchterne Selbsterkenntnis, dass er zu dienen hatte.
Er wunderte sich über seine Gedanken.
»Cosima, komm doch mal«, rief er ihr aus seinem Büro zu, »du bist ja Expertin für die Jugend-Marken-Kultur oder wie ich das nennen soll. Finde bitte alles zur Mütze mit dieser Aufschrift ›Be nice‹ und die Markenbezeichnung ›Grizzly love‹ heraus. Wie teuer diese Produkte sind, in welchem Alter sie gekauft werden und in welchen sozialen Gruppen, Gruppierungen oder Milieus sie zu einem Statussymbol geworden sind. Okay?«
Cosima salutierte ihm mit ironischer Beflissenheit. »Ja, Chef.«
Er rief auch Charlotte an, ob sie von »Be nice« und »Grizzly love« gehört hätte.
»Nein.«
Und er rief Tilda an, immerhin war sie eine Journalistin aus der Modeszene.
»Nein.«
Nein ist die Fratze der Aufklärung.
Nein ist ein Stoppschild.
Nein bedeutet: Such dir dein »Ja!« woanders.
»Mein Gott, ein Scheißfall, wenn es schon an solchen Kinkerlitzchen scheitert.« Kilian schluckte die Buchstaben wie eine Überportion Lebertran.
Cosima fragte sich, weshalb er so einen Wind um läppische Fragen machte. »Ein paar Klicks im Internet, und schon haben wir die Antworten.«
Kilian warf ihr ein angedeutetes Lächeln zu, seine Art, eine Kapitulation zuzugeben. Dann begann er aber schnell mit der Rückeroberung seiner Autorität, meistens mit einem Allerweltsatz: »Dann wollen wir mal.«
Sein Chefgehabe klang immer dann durch, wenn er mit seinen Gedanken und Worten in eine Einbahnstraße fuhr und daraus nicht mehr heil herauskam.
Cosima nahm seine Attitüden gar nicht mehr wahr. Er war durchaus ein emotionaler Mensch, aber berechenbar. Wenn er schlecht drauf war, wirkte er in allem sehr reduziert. Er sprach weniger, ging nicht zum gemeinsamen Mittagessen, machte die Tür seines Büros zu.
In heiteren Momenten oder in Momenten, wenn ihm der Sinn nach neckischer Ironie stand, nannte er Cosima »Divchen«, um das Wort Diva zu verniedlichen. Er bezog dieses Wort nicht auf ein affektiertes und blasiertes Verhalten, sondern auf ihren Kleidungsstil.
Sie verweigerte sich dem Cool-Image ihrer Kolleginnen, die sich alle Mühe gaben, dem Bullenklischee gerecht zu werden. Vernehmungen mit harten Jungs, eine Schießerei mit Gangstern, eine Verfolgungsjagd über hohe Mauern hinweg, geschafft, harter Job. Genau betrachtet, unterschieden sich Frauen und Männer in ihrem Dezernat kleidungsmäßig kaum voneinander. 80 Prozent Übereinstimmung bei Sportschuhen und Jeans. Kilian war mit seinem Jeans-plus-X-Outfit auf der sicheren Seite, weil er damit in keiner Weise auffiel.
»Du hast eine Modephobie«, stichelte Cosima, »weil du Angst davor hast, dich mal anständig anzuziehen.«
Er entgegnete ihr, dass er kein Opfer der weiblichen Geschmacksdiktatur sein wolle. Jeans mit blauer Jacke war für ihn ein gesunder Mittelweg zwischen Diktatur und Selbstbestimmung. Mittelweg hieß: Sei anders, aber falle dabei nicht auf.
Er dachte sich: Wer cool ist, braucht nicht schick zu sein.
Divchen dagegen dachte: Wer cool ist, kann es sich leisten, sich schick zu kleiden. Schick zu sein war für sie nicht nur eine Frage der weiblichen Ausstrahlung. Sie verband damit auch ein Statement, eine Botschaft, um ihre Persönlichkeit und ihre Sinnlichkeit unterschiedlich darzustellen, und das sei nun einmal mit einer blauen Jeans jeden Tag nicht möglich.
Kilian fand das amüsant. Miko war das völlig egal. Miko gab sich nicht einmal die Mühe, sich ein größeres Hemd zu kaufen, um seinen Bauch kleiner erscheinen zu lassen. Wenn er einen guten Einfall hatte, trommelte er zärtlich mit den Fingern auf seine Rundungen, und das Hemd spannte sich auffällig darüber. Er bemerkte es nicht. Er war frei von jeglichem Stilempfinden.
Cosima trug gerne unifarbene Hosenanzüge in Blau, Schwarz und Anthrazit. Das entsprach tatsächlich nicht dem üblichen Sichtfeld in der Kollegenschaft, aber sie wirkte dadurch nicht abgehoben oder aufdringlich, weil ihr natürliches Naturell alle Gegenargumente überspielte.
Nur einmal, und das führte nach vielen Monaten zu vereinzelten, aber feinen und gepflegten Lästereien, erschien sie im Präsidium mit Stresemann-Hose und Rüschenbluse, ein bisschen sexy 30er-Jahre, als stünde sie in der Filmkulisse mit Greta Garbo oder Marlene Dietrich. Sie hatte sich mittlerweile von all den Lästereien erholt, sie machte sogar selbst Witze darüber.
Wenn sie über den Flur ging, multiplizierte sich das Stakkato ihrer Trittgeräusche, und das Publikum aus Zeugen, Anwälten und Beschuldigten verfolgte das Geschehen wie einen herankommenden Zug, der in den Bahnhof einfuhr.
Saß sie einem Beschuldigten gegenüber, arbeiteten ihre Fantasie und ihre Schauspielkunst. Sie stellte harmlose Fragen und öffnete damit das große Buch der psychologischen Gesprächsführung.
Ein Lächeln bedeutete: Du bist doch sympathisch. Du Arschloch.
Ein leises Sprechen bedeutete: Immer mit der Ruhe. Komm in mein Spinnennetz.
Empfindsame Worte bedeuteten: Du bist nicht allein. Mach endlich dein Maul auf.
Sie liebte es, unterschätzt zu werden. Dann verschob sich die Skala des Beschuldigten von kluger Raffinesse zum grandiosen Trottel. Er redete sich um Kopf und Kragen, und der Anwalt kam gar nicht hinterher, den Wortausstoß seines Mandanten in eine andere Richtung zu lenken.
Sagte ein Beschuldigter von ganz allein, ja, ich war es, dann war sie die ehrlichste Spezialistin für Lob und Anerkennung. Eine Tat mochte noch so schlimm sein, aber wenn dem Bösen eine radikale Ehrlichkeit innewohnte, dann sagte sie dem Täter: »Sie haben ihr kostbarstes Gut nicht verloren, ihre Würde.«
Die richtig harten Jungs wurden ihr allerdings noch nicht vorgesetzt. Darum kümmerte sich der Chef immer noch selbst.
Miko hatte in der Kantine ein paar Nussecken gekauft und neben die Kaffeemaschine gelegt, »für alle«, wie er einladend bemerkte. Cosima fragte ihn, weshalb er ständig Hunger habe. Kilian wollte das wohl auch wissen. Er schaute wissbegierig in Mikos Richtung.
Er knöpfte sich den mittleren Knopf seines Hemdes zu, den sein gespannter Bauch aus der Umklammerung herausgeschleudert hatte, und fragte Kilian und Cosima, ob sie bereit seien, eine traurige Geschichte zu hören. Er würde sie auch ganz schnell erzählen.
Kilian hörte schweigend zu.
Cosima nickte und schaute dabei in ihren Computer.
»Also, in meinem früheren Leben lebte ich in bitterer Armut. Meine Eltern mussten hart auf den Feldern arbeiten, um die Familie vor dem Hungerstod zu retten. Der König und die Fürsten lebten prächtig, und ich träumte davon, statt Grießbrei ein knuspriges Hähnchen zu essen. Meine Eltern hatten kaum noch Kraft, den Tag zu überstehen. Sie starben sehr früh, und wenige Jahre später folgte ich in den Tod, weil ich nichts zu essen bekam. Meine Seele aber starb nicht. Sie wanderte durch die Gezeiten. Als ich wiedergeboren wurde, empfing mich meine Seele mit einem Festmahl, und meine innere Stimme schwor meinem Geist, lieber dick als dünn zu werden. Wie ihr seht, habe ich mein Versprechen gehalten.«
»Ooohhhhh, ist das eine traurige Geschichte«, alberte Cosima, »aber jetzt verstehe ich dich endlich. Ich melde dich bei den Weight Watchers sofort ab, und die bestellte Waage schicke ich auch zurück. Ehrenwort.«
Kilian zog demonstrativ seine Tür zu und sagte, so war er jedenfalls zu verstehen, »Kindergarten«.
11.
Es gab Rotwein, Weißwein, Sekt, Wasser, helle und dunkle Weintrauben, Radieschen, französisches Landbrot, Baguette, Butter, Öl, Salz, Feigensenf und acht verschiedene Käsesorten, darauf jeweils eine eingesteckte Fahne mit dem passenden Namen: Brie, Edamer, Camembert, Schaf- und Ziegenkäse, Holländer, Gorgonzola und Parmesan.
Dr. Robert Kirsch und seine Frau Tilda waren zu Besuch bei Kilian und Charlotte. Robert war ein alter Freund von Kilian. Er hatte Psychologie studiert und seine Doktorarbeit über die »Dominanz der Eitelkeit im Spiegel der Eifersucht« geschrieben. Er ging der Frage nach, wo die Grenzen verlaufen zwischen der natürlichen Freude über die eigene Attraktivität und der übertriebenen Sorge, dass mich keiner mehr mag.
Robert war erst über Umwegen zur Psychologie gekommen. Er hatte bereits ein Jahr als Studienrat für Chemie und Biologie gearbeitet, als er spürte, dass Schule ihm nicht lag, genauer gesagt, dass ihm die Eltern der Schüler nicht lagen. Die Eltern dachten immer, sie hätten die liebsten und klügsten Kinder, die ständig von anderen Kindern geärgert und vom Lehrer benachteiligt würden. Er musste sich eingestehen, dass sein pädagogischer Idealismus nicht ausreichte, um über den Unterricht hinaus Krisenmanagement gegenüber den Eltern zu leisten.
Seine ehemalige Freundin, eine Verhaltenstherapeutin, weckte sein Interesse an der Psychologie. Er konnte sich noch gut an ihre erste Patientin erinnern, eine junge Frau mit einer Spinnenphobie. Wenn sie eine Spinne sah, bekam sie rote Flecken im Gesicht, zitterte und redete wirres Zeug, um damit ihre Angst wegzureden. Der Therapieplan sah vor, dass die Patientin nach vier Wochen in der Lage sein sollte, eine Gummispinne zu berühren, nach acht Wochen einer Biospinne beim Krabbeln angstfrei zuzusehen und nach zwölf Wochen sie in die Hand zu nehmen. Es hatte nicht funktioniert. Sie blieb spinnefeind, aber immerhin bekam sie ihre Hysterie in den Griff.
Robert entschied sich für die Psychologie, weil er den Menschen in seiner charakterlichen und seelischen Substanz verstehen wollte: Wie er denkt. Warum er es denkt. Wie er Dinge wahrnimmt und verarbeitet. Wie sich Ticks und Macken entwickeln. Woher sie kommen. Wie genau das Scheitern eines Menschen in allen Details funktioniert und warum Menschen aus dem Leben gehen, die anscheinend – augenscheinlich – alles haben.
»Jeder Mensch«, formulierte er in einem klug klingenden Tonfall, »ist ein Mysterium, dessen Beurteilung uns immer wieder zu Anfängern macht.« Er genoss solche Sätze, weil sie spontan Eindruck hinterließen, obwohl er damit wahrhaftig nichts Neues aufgedeckt hatte. Er hätte auch sagen können, dass die Psychologie wissenschaftlich nicht schnell genug vorankomme, um die Menschen genauer zu verstehen. Aber das wollte er so natürlich nicht sagen. Er wusste, dass die Psychologie immer nur Annäherungen bot, aber keine logische Lösung.
Später machte er sich einen Namen als Buchautor und Gastredner über die menschlichen Abgründe des Tötens. Per Zufall kam er dazu. Er lernte auf der »Forensischen Nacht«, einer Veranstaltung des Gerichtsmedizinischen Instituts, die Leiterin der Gerichtsmedizin kennen. Sie hielt einen Vortrag über »TV-Mord und Wirklichkeit«. Das Mordthema ließ ihn seitdem nicht mehr los. Er forschte nach »Charakterlichen Indizien für spezifische Mordmerkmale«. Er bemerkte im besten Schlagzeilen-Deutsch: »Jeder kann zum Mörder werden.«
Meistens trafen sich Kilian und Robert ohne ihre Ehefrauen. Dann redeten sie über Politik und Fußball, über den Job und komische Mitarbeiter. Sie erzählten sich Anekdoten von früher, meistens Frauengeschichten, in denen Kilian und Robert die begehrtesten Männer waren, die die schönsten und klügsten Frauen um den Finger wickeln konnten. Solche Erinnerungen, wie wahr sie auch sein mochten, lösten tiefe Zufriedenheit aus. Heute fiel dieser Erzählstrang aus. Kilian und Robert saßen sich gegenüber, Charlotte und Tilda auch. Charlotte besaß eine Boutique in der Vorstadt. Sie hatte sich auf spanische Designer spezialisiert. Salida, Soltomar oder Suerta. Dass sie alle mit »S« begannen, war reiner Zufall, beteuerte sie, und dass kaum eine Kundin diese Namen im Kopf hatte, spielte auch keine große Rolle, Hauptsache, sie klangen nach Lebensgefühl und Begehrtsein.
Sie konnte sich noch haargenau an die ersten Kollektionen erinnern. Die Blazer sahen aus wie Armee-Jacken, schwer und schwarz. »Heute sehen die Jäckchen ja wie seidige Papiertüten aus, leicht, leicht, leicht und in allen Farben«, meinte sie. Wer ihre Boutique betrat, musste die Piratin in sich entdecken. Raus aus der artigen Damen-Bürger-Rolle, rein in das Rebellen-Anderssein. Sonst wirkte ihre Mode wie ein karnevalistisches Kostüm. So schräg, als würde ein Biedermann eine rote Brille tragen. Sie selbst war kein farbenfroher Modemensch. Sie kombinierte Schnitte und Stoffe – alles in Schwarz, manchmal aber wechselte sie auch ins andere Extrem: alles in Weiß.
Den Riesenumsatz machte sie nicht, sagte sie ungefragt, aber die Boutique war ihr Ding und dieses Ding war mehr als ein Job. Es war eine Aufgabe von unschätzbarem Wert. Denn genau genommen verkaufte sie keine Mode, sondern Ausstrahlung, Selbstbewusstsein, Glück. Das sei wie mit einer Kneipe. Die Menschen gingen nicht in die Kneipe, um ein Bier zu trinken, sondern um andere Menschen zu treffen. Auf die Kommunikation komme es an, das Bier sei da nur ein Zusatznutzen.
Trocken bemerkte Kilian dazu, dass er ein »sinnlicher Beamter« sei und stolz darauf sei, ein Glücks-Beamter zu sein. Er liebte es, mit seinem Staatsdiener-Image zu spielen, weil sich Beamter nach Besoldungsgruppe, Beförderung, Pensionen, Ärmelschoner und stressfreier Arbeit anhörte. Vielleicht würde er seinen Beamtenstatus am liebsten verstecken, wenn er im Gewerbesteuerarchiv der Stadtverwaltung oder als Sportlehrer in der Grundschule arbeiten würde. Aber als Leiter der Mordkommission sendete er beamtenuntypische Assoziationen: Sie vermitteln den tiefen Morast von Dramen und Tragödien, von Leid und Kummer, und alles endet mit der Strafjustiz, mit Urteil und Gefängnis.
Tilda war Modejournalistin. Sie schrieb für Tages- und Wochenzeitungen, manchmal auch für die teuren Modemagazine, auf Hochglanz gedruckt, damit die Mode-Anzeigen der renommierten Luxusmarken so klar hervorstachen wie ein Karpfen in der Badewanne. Das Papier der Seiten enthielt leichte Duftnoten, als würde man in eine gedruckte Parfümerie gehen. Genau genommen schrieb sie nicht über Mode, sondern über das gesellschaftliche Drumherum der Haute Couture. Über Launen und Stimmungen der Branche, über die Stars der Branche, die sich nicht Modedesigner nennen ließen, sondern Modeschöpfer. Vielleicht hätte sich Picasso Bildschöpfer nennen sollen statt Maler. Sie schrieb auch über Magermodels, drogenabhängige Models, über todessüchtige Models. Sie schrieb über die Schatten, die die Modewelt im Sonnenschein nicht bemerkte.
Models kannte Robert nur aus den Frauenzeitschriften, die Tilda mitbrachte. Als er noch jünger war, hießen sie Cindy Crawford, Linda Evangelista, Naomi Campbell oder Claudia Schiffer. Wer danach kam, keine Ahnung, ihm fiel nur noch Agyness Deyn wegen ihres platinblonden Pixie-Schnittes ein.
Regelmäßig reiste Tilda zu den Pariser Modenschauen, zur Mailänder Modewoche, zur London Fashion Week und zur New York Fashion Week. Jedes Mal, wenn sie die Koffer packte, grummelte Robert den Standardsatz: »Du hast es gut, du kommst herum.«
Sein Bart machte ihn älter, als er war. Seine extreme Schlankheit passte nicht zu seiner Gesamtstatur. Großer Kopf, hagerer Körper, Sportler. Er lief und lief. Wie an einer Schnur gezogen, zog es ihn in die Wälder, »um Kilometer zu fressen«, wie er das ausdrückte. Er aß fast nur vegetarisch, Alkohol trank er nur selten, so selten, dass er spätestens nach einem Glas Wein bereits die Fahruntüchtigkeit erreichen würde. An dem Rotwein auf dem Tisch nippte er nicht einmal, und beim Anblick des Käses dachte er wohl nicht an Geschmack, sondern an Kalorien.
Robert pflegte sorgsam seine Marotten. Manchmal erweckte er den Eindruck, eine Gegenposition nur aus Trotz zu beziehen, um damit einen »Gegner« herauszufordern und ihn die Enge zu treiben.
Kilian kannte aus seinen Vernehmungen dieses Schauspiel aus Mimik, Gestik, Rhetorik, das Anschleichen und Verstecken, all die Hintergründe menschlicher Angriffslust.
Robert war auch genial darin, die Themen so zu lenken, dass er im Mittelpunkt stand. Ganz gewiss war er an diesem Käse-Wein-Abend der Redezeitkönig. Wenn er redete, merkte er manchmal nicht, dass er wie ein Fahrlehrer redete, der einem Formel-Eins-Rennfahrer den optimalen Bremszeitpunkt vor einer Kurve erklären will.
Roberts aktuelles Buch »Der Mörder in dir« erreichte sofort eine Startauflage von 150.000 Exemplaren. An all den Honoraren und Nebeneinkünften schien er prächtig zu verdienen. Er fuhr einen grünen Porsche 4 S mit cremefarbenen Sitzen. Er behauptete, er brauche dieses Auto, um jung zu bleiben. Er sei kein Opel-Typ. Das wiederum empfand Charlotte als »gestrig«. Sie fragte, ohne mit einer Antwort zu rechnen, ob ein Auto denn heute noch dazu tauge, Klassenbewusstsein zu zeigen.
»Es geht nicht um eine soziale oder gesellschaftliche Klasse, sondern um Lebensart«, belehrte Robert sie.
»Ach so«, bemerkte sie hinterlistig ironisch.
»Soll doch jeder fahren, was er will«, antwortete er nach kurzem Zögern. Seine Kapitulation war wohl überdacht. Mit Luxus zu prahlen, bedeutete Machtverlust. Die wirkliche Macht leitete sich aus Respekt ab. Respekt war das größte Kompliment für einen Menschen.
»Ich fahre ein scheiß Auto, Marke Biedermann«, fügte Kilian amüsiert hinzu und wusste selbst nicht genau, wie er das meinte, als Akt der übertriebenen Bescheidenheit oder als provozierendes Stilmittel gegenüber dem übermächtigen Porschefahrer?
»Also, ich trinke Wein«, bekundete Tilda ihren Trinkwunsch, »Robert trinkt ja Wasser und fährt uns dann auch heim.«
Er hob sein Wasserglas wie einen Siegerpokal: »Prost, auf einen schönen Abend.«
»Ja, schön, dass ihr mal wieder bei uns seid«, frohlockte Charlotte im schönsten Gastgeber-Eröffnungs-Small-Talk. Sie lächelte und schaute dabei jedem in die Augen. Augen lügen nicht. Fühlt sich auch jeder wohl hier?
»Mensch, Kilian, da hast du ja momentan einen ganz schönen Fall am Bein«, durchbrach Tilda das artige Summ-Summ-Geplänkel.
»Ja, dieser Schneewittchen-Mord«, ergänzte Robert so beiläufig erhaben, als möchte er nichts Weiteres über diesen Fall erfahren, weil er erstens nicht als neugierig gelten mochte und zweitens genau wusste, dass er gleich sowieso seinen großen Auftritt als Fachmann und Menschenkenner haben würde.
Charlotte tat ihm prompt diesen Gefallen: »Robert, was hältst du von dieser Sache, alles merkwürdig, oder?«
Er war kein Mann für eine knappe Antwort. Er dozierte lieber, von oben nach unten, und Kilian, Charlotte und Tilda waren für die nächsten ausufernden Minuten seine Studenten.
Seine Zuhörer waren froh, dass er im Sitzen sprach und sich nicht stehend an der Stuhllehne als imaginiertem Rednerpult festhielt. So hatten sie wenigstens das Gefühl, an einem Tisch im Wohnzimmer zu sitzen und nicht in einem Raum irgendeiner Bildungseinrichtung.
Robert atmete kräftig durch, seine Mimik, in der sich Konzentration, Expertise und Bildung abzeichneten, bereitete seine Zuhörer auf wirklich Wichtiges vor.
Sie erhielten Einblick.
Einblick wie Offenbarung. Er öffnete das Verborgene und warf ein Licht auf die Wahrheit.
Kilian ließ indessen die Luft des Gähnens langsam durch die Finger ziehen, damit es keiner bemerkte. Was sein Freund gleich sagen würde, erfüllte mindestens den Anfangsverdacht der Langeweile. Ihn zu langweilen war allerdings ein schweres Vergehen. Langeweile kam ihm wie Totschlag seiner Zeit vor. Robert jedoch lebte auf.
»Um den Fall wirklich beurteilen zu können, müsste ich wissen, durch welches Gift die Frau gestorben ist. Handelt es sich zum Beispiel um das relativ herkömmliche E 5, käme eine breitere Zielgruppe in Frage. Handelt es sich dagegen um ein raffinierteres Gift wie etwa eine intravenöse Succinylcholin-Injektion, die sich im Körper nicht nachweisen lässt, könnte man auf Personen mit Heilberufen schließen, Apotheker oder Ärzte oder Krankenschwestern. Generell können wir sagen, dass Männer anders töten als Frauen. Männer schießen oder schlagen, wählen also die härtere Variante, während Frauen den sanfteren Weg des Giftmordes wählen. Ich muss dazu etwas ausholen. Wenn ein Mensch erschossen, erdrosselt, erstochen oder erschlagen wird, ist eine absichtliche Tötung offensichtlich, das heißt, der Arzt kann nicht irrtümlich den Todesschein auf natürlichen Tod ausstellen. Beim heimtückischen Giftmord ist das anders. Der muss entdeckt werden. Und das wiederum bedeutet, dass viele Morde durch Frauen unentdeckt bleiben.«
»Oh«, hob Tilda neugierig die Stimme, als wäre sie überrascht.
»Ja, mein Schatz, so ist das. Kleiner Tipp am Rande: Wenn sich das Gift blau vermischt, dann empfehle ich euch, das Zeug in Blaubeerquark zu rühren. Dann fällt es nicht auf.«
Keiner lachte.
Er zog seine Augenbrauen zusammen und knitterte dabei seine Stirn zu Falten. »Aber ich komme vom Thema ab.«
Kilian kannte das Gift, das zum Tod führte. Er schwieg.
Robert strich sich über seinen rechten Oberschenkel, als wolle er seine taubenblaue Hose glattziehen. Er trug fast immer taubenblaue Anzüge mit weißem Einstecktuch, dazu braune Schuhe mit braunem Gürtel. »Das sieht richtig schick aus«, lobte Charlotte jedes Mal und immer in Gegenwart ihres Gatten Kilian, der nie schick aussah.
Tilda war wieder bei der Mordsache. »Es könnte doch sein, dass Drogen im Spiel waren. Ich kenne ja die Typen aus der Modeszene, die dröhnen sich manchmal zu und wissen dann nicht mehr, wer sie sind.«
Alle schwiegen.
»Ach Quatsch, was ich da sage«, zeigte sie sich selbst den Vogel, »aber ich will nicht ausschließen, dass dieser Mord etwas mit der Modebranche zu tun hat, mit all den Emotionen, Verwerfungen und Enttäuschungen. Ihr seht immer nur Trallala, ach wie schön, aber ihr schaut nicht hinter die Kulissen, ihr seht keine Einsamkeit, keine Übermüdung, keine Magermodels, ihr seht nur das Produkt, Glitzer, Glamour und so weiter.«
Charlotte machte eine weitere Flasche auf. Robert trank weiterhin stilles Wasser.
Tilda überlegte, ob sie alles gesagt hatte, was sie sagen wollte, und ob sie das Gesagte auch richtig betont hatte. Nichts wäre schlimmer, als die Wirksamkeit guter Gedanken durch eine falsche Modulation verpuffen zu lassen.
»Dann lass uns mal auf das Leben anstoßen«, schlug Charlotte vor.
Das aufkommende Lachen wirkte wie eine törichte Albernheit gegenüber all den schweren Themen des Abends. Die Runde kam sich zeitweise vor wie auf einer Beerdigung mit Sarg, Kränzen, stillem Händeschütteln und den schweren Glocken der Friedhofskapelle. Aber anschließend beim Leichenschmaus setzte bereits wieder plappernde Fröhlichkeit ein.
12.
Miko freute sich über seine Entdeckung. »Schaut her, die Frau Walldorf hatte einen Stalker. Und jetzt hört genau hin. Der wurde vom Gericht angewiesen, ihrem Haus in einem Umkreis von einem Kilometer nicht näher zu kommen und auch sonst jeden Kontakt strikt zu vermeiden.«
»Und, was sagt uns das«, fragte Cosima eher beiläufig, als nehme sie den Stalker-Fall nicht ernst.
»Das sagt uns, dass er ein Besessener ist, und wer besessen ist, der hat sich nicht mehr unter Kontrolle.«
Cosima fragte ihn mit geschlossenen Augen, als sei sie mit ihren Gedanken gerade woanders, was er denn mit dem Stalker anstellten wollte.
»Kilian wollte von uns wissen, ob Frau Walldorf Feinde hatte. Hier hast Du einen Feind.«
»Oh Gott, dann habe ich ja viele Feinde, wenn man eben auch die dazu rechnet, die nicht ganz dicht im Kopf sind«, sagte sie so dahin.
»Und was bin ich für Dich«, fragte Miko vergnüglich.
»Du bist mein Lieblingsfeind.«
Miko gefiel diese Antwort, weil Cosima genau das Gegenteil damit meinte. Diese Art der Kommunikation, mit Ironie zu spielen, damit zu locken und zu necken, beherrschten beide prächtig.
Er blätterte weiter durch die Akte des Stalkers. Weil die Polizei in einer anderen Sache Diebesgut bei ihm vermutet hatte, erwirkte sie eine Hausdurchsuchung und machte Fotos von der Wohnung. An einer Wand hingen übereinander und nebeneinander Bilder von Chira Walldorf, überzeichnet mit einem wilden Gekritzel, als hätte ein Kind erstmals einen Stift in der Hand gehabt, um damit etwas anzufangen. Auf manchen Bildern standen Worte wie »Hässlich grässlich« oder »Saublöde Visage« oder »Ritz dir eine Falte auf die Stirn«.
Das Gesicht des Stalkers erinnerte ihn an einen römischen oder antiken Jüngling, wie er in etlichen Büchern abgebildet ist oder als Bildhauerei in einem Museum steht. Er hatte markante Wangenknochen und kurzgeschnitten Locken. »Ist das ein schöner Mann«, fragte Miko seine Kollegin.
»Er ist dann schön, wenn er ein Typ ist.«
»Verstehe ich nicht.«
»Miko, ich weiß, dass Du das nicht verstehst«, antwortete Cosima mit übertrieben fürsorglicher Stimme.
Beide mussten lachen.
Ihn ließ die Frage nicht los, was der Stalker von Frau Walldorf wollte. Glaubte er wirklich, sie würde ihn lieben und sich auf eine Beziehung mit ihm einlassen? War er beleidigt, weil seine Liebe verachtet wurde? Schlug dann eine Mischung aus Kränkung und mangelndes Selbstwertgefühl in Mord um? Miko stutzte über seine Gedanken, abwegig fand er sie aber nicht. Häufig in seinem Polizistenleben war er Psychopaten begegnet mit einer braven Umhüllung bürgerlicher Normalität. Was sie sagten, wie sie es sagten, wie sie sich kleideten, wie sie ihre Freizeit gestalteten, sie wirkten zufrieden und innerlich aufgeräumt. Doch in ihren Köpfen bildeten sich Nester mit gefährlichen Raubvögeln, die nur darauf warteten, Beute zu machen. Dann verwandelten sich die Körper zu einer Masse ohne Seele – zu einer Drangsal der bösen Tat.
Miko bestellte den Stalker ins Präsidium ein.
13.
Der Tag begann heiter. Die einfühlsame Radiostimme vom Wetterdienst kündigte für den kommenden Samstag Höchsttemperaturen von bis zu 24 Grad an. Es war die Zeit des Übergangs. Der Frühling witterte schon den Sommer und würde bald Wiesen, Gärten und Gefühle mit einem frischen Aroma der Lebensfreude übergeben. Miko schüttelte sich, um wach zu werden. Ihn plagte die Frühjahrsmüdigkeit. Cosima pries ihm die Wirkung einer kalten Dusche an, die er wegen der Kälte aber ablehnte.
Er wohnte nur einige Fußminuten vom Präsidium entfernt. Und von dort waren es wiederum nur wenige Fußminuten bis zum Landtag und zum Rhein mit seiner Promenade, die in die Altstadt führte und zur Wohnung von Chira Walldorf. An diesem Morgen stellte er Cosima und Kilian Dr. Robert Kirsch als »Experten« vor. »Er wird uns unterstützen, um ein Täterprofil zu entwickeln.«
Cosima und Miko hörten brav zu, machten einen interessierten Gesichtsausdruck, und Miko fragte Dr. Kirsch, was für einen Doktor er habe.
»Ich habe in Psychologie promoviert.« Dabei schaute er professionell freundlich.
Später lästerte Miko gegenüber Cosima: »Ich habe die Ehrendoktorwürde für praktische Appetitkunde verliehen bekommen.«
Kilian und Robert zogen sich zurück und tranken einen Kaffee.
»Mensch, Kilian«, meinte Robert plötzlich, »ich dachte immer, es sei ein Klischee, dass Polizeikaffee ungenießbar ist, aber das ist ja die pure Wahrheit.«
»Der Kaffee ist auch nicht für uns gedacht, sondern für herzkranke Zeugen.« Kilian freute sich über seinen gelungenen Konter.
Kilian erklärte ihm Vordergründiges und Hintergründiges über den Fall. »Der Tatort war ein Lebensort der Getöteten. Sagen wir mal so: erster Wohnsitz. Sie war als Model in der Welt ständig unterwegs. Fest steht, dass der Lebensort bewusst als Tatort ausgewählt worden ist. Denn der Hergang der Tötung, Giftmord, war so gewählt, dass das Sterben in dieser Wohnung stattfinden musste. Wie sie auf dem Bett dalag, ausgeruht schlafend mit sorgsam gekämmten Haaren, so sieht ja kein normal sterbender Mensch aus, das alles wirkte sehr, sehr theatralisch.«
Robert machte sich Notizen, schrieb Worte auf wie »Bühne«, »Inszenierung«, »Dramaturgie des Sterbens«, »schöne Tote«.
Er hatte schon ein Grundgefühl für diesen Fall parat, weil die Umstände des Todes nur in eine Richtung zielten konnten, aber er behielt den Gedanken noch für sich.
In seinem Büro ging er die Tatortbilder erneut durch und verinnerlichte den Tathergang.
Er versuchte, eine Struktur, einen Sinn, eine Richtung zu erkennen. Aber dafür war es jetzt noch zu früh. Er brauchte mehr Informationen. Merkwürdigerweise gingen ihm ein paar Märchen durch den Kopf. »Hänsel und Gretel«, »Schneewittchen« und »Der Räuberbräutigam«, grausame Geschichten über Liebesentzug, Verzweiflung und Tod, irgendwann folgte ein glückliches Ende. Er dachte darüber nach, wie sein Fall heißen würde, wenn es ein Märchen wäre. Vielleicht »Goldhaarliebe« oder »Komm ins Zuckerliebesland« oder »Weine nicht um mich«.
Er konnte den Gedanken, dass dieser Mordfall ihm wie ein Märchen vorkam, nicht abschütteln, zu merkwürdig, fantastisch, unwirklich erschienen ihm die einzelnen Sätze, deren er habhaft werden wollte, denen er ihr Geheimnis entlocken wollte.
ICH HABE MIR DEINE SCHÖNHEIT GELIEHEN.
»Wie kann man Schönheit leihen? Und warum sollte man sie leihen? Für welchen Anlass?«
Er wurde aus seinen Gedanken selbst nicht mehr schlau. Er spürte, wie ihn das Verharren an der Oberfläche schmerzte. Es war kein körperlicher Schmerz, sondern eine Ungeduld, die sich nicht entladen konnte und dadurch Druck in seinem Innersten aufbaute.
DU LEBST WEITER. IN EINER ANDEREN WELT.
»Du lebst weiter. In einer anderen Welt? Welche Welt soll das nur sein?«
DU MUSST DAS VERSTEHEN.
»Sie muss ihren Tod verstehen? Wie kann man einem unschuldigen Opfer zumuten, seinen gewaltsamen Tod verstehen zu müssen?«
ICH WEISS, DASS DU JETZT GLÜCKLICH BIST. DAS IST MEIN TROST.
»Das Opfer soll glücklich sein, weil es versteht, tot sein zu müssen, damit seine Schönheit ›verliehen‹ werden kann? Das ist für den Täter tröstlich.«
Er schrieb mit einem roten Stift auf ein großes Blatt Papier die Worte
DAS IST PSYCHO
14.
Chira Walldorf war schon als junges Mädchen nett anzuschauen. Sie hatte ein gutmütiges Gesicht mit ausdrucksstarken Lippen und verträumten Augen, aber mit einem kecken Blitz. Sie tollte um die Apfelbäume und spielte mit den Jungs Verstecken und Fangen. Im Sommer rannte sie barfuß über die Wiesen und ließ im Herbst auf stoppeligen Feldern Drachen steigen.
Dass sie später einmal zur Ikone der Mode reifen und als Model Karriere machen würde – auf diesen Gedanken musste man erst einmal kommen. Die Eltern gingen natürlich davon aus, dass sie im Dorf bleiben, eine Ausbildung machen, einen Mann kennenlernen, Kinder bekommen würde – was auch sonst!
Ein Foto zeigte sie auf dem Traktor ihres Vaters, der den Bauernhof schon in fünfter Generation bewirtschaftete. Sie lächelte spitzbübisch, als würde sie gleich den Schlüssel ins Schlüsselloch stecken, das freche Knacken und Räuspern des Motors in Gang setzen und die Kraft spüren, wie sich die schweren Räder selbst durch härtesten oder tiefschlammigen Acker durcharbeiten. Mit Traktor verband sie nicht Arbeit, sondern Spaß.
»Bauer zu sein, ist kein Beruf, sondern eine Berufung«, predigte ihr Großvater. Er hatte oberhalb der Dielentür, vier Meter breit, 2,50 Meter hoch, ein Holzschild anbringen lassen, darauf stand:
»Wir sind mit der Scholle verwachsen,
wir nehmen alle Mühe auf uns,
um eine gute Ernte heimzuholen.«
Anfang Oktober feierte die Familie immer das Erntedankfest, erst in der katholischen Kirche, dann zu Hause mit der Familie und den Nachbarn. Üppig wurde der Altar in der Kirche mit Obst, Getreide und Feldfrüchten dekoriert. Abends gab es in der geschmückten Diele ihres Bauernhofes Kartoffelsuppe mit Speckwürfeln. Die Männer tranken Bier und Schnaps, die Frauen Weißwein und Wasser.
Die Diele war ausgelegt mit großen, vierkantigen Steinen. Im Erker hing ein Holzkreuz mit einem Palmenzweig, schräg gegenüber thronte der Kamin, in dem noch vor 50 Jahren die Schinken der geschlachteten Tiere geräuchert wurden.
Für Großvater und Großmutter war die Diele Küche und Schlafzimmer, ein Lebens-Raum der fortwährenden Berührung. Entweder berührten Geräusche oder Gerüche oder die Enge; kein Entkommen möglich. Aber sie kannten es nicht anders. Fast alle Bauern im Dorf lebten so. Dagegen hatte der Großbauer, dem auch die Gastwirtschaft am Ort gehörte, ein riesiges Haus. Die Dorfbewohner erzählten sich, dass er und seine Frau sogar eigene Schlafzimmer hätten und die Kinder versuchten zu erraten, wie viele Zimmer wohl in so ein Haus passten.
Als der Großvater nicht nur die Felder bewirtschaftete, sondern auch mit der Tierzucht begann, erst Schweine, dann Kühe und später auch Rinder, kam mehr Geld herein, und er begann damit, den Bauernhof zu vergrößern. Sein Sohn setzte dieses Werk fort. Immer gab es etwas zu erneuern oder zu verändern, erst die Scheune, dann den Schweinestall, dann wieder die Küche, und Chira und ihr Bruder bekamen eigene Zimmer.
Die Diele veränderte radikal ihren Zweck, aber ihr Alter verbarg sie nicht. Ein Alter, das viele Leben verinnerlichte und das die Patina einer intensiven Tradition vermittelte – auch wenn dieser Raum zum Kommunikationszentrum wurde für die Familie mit ihren Freunden, für den Postboten, Tierarzt, Pfarrer, Bürgermeister und die Vertreter des Bauernverbandes oder der Genossenschaftsbank.
Bei einem Kaffee oder einem Schnaps redeten die Männer und Frauen über die neuen Bürger des Dorfes, über die Nikolausfeier der Freiwilligen Feuerwehr und neuerdings auch über einen ehemaligen Olympiasieger im Springreiten, der von den Bauern für seine Reithallen, Pferdeställe, Führ- und Longieranlagen Grundstücke kaufen wollte. Aber er wollte nicht verstehen, dass ein Bauer niemals seine Scholle verkauft, und weil er es nicht verstand, hatte er sogar den Bürgermeister darum gebeten, er solle doch bitte auf die Bauern zugehen. Darüber wiederum lachten die Bauern, und sogar der Bürgermeister lachte mit.
Immer wieder verrutschte das Dielengespräch zu einer Tratscherei, und keiner wäre auf die Idee gekommen, den Austausch von Ansichten, Meinungen und Bewertungen als Gewäsch zu bezeichnen. Jedes Mal, wenn ein Satz mit den Worten begann, »hast du schon gehört«, spürten die Zuhörer die Heilkraft eines Geheimnisses, das ihnen gerade offenbart wurde und sie glücklich machte. In einem nächsten Schritt erfolgte die Verarbeitung des Geheimnisses:
»Wirklich?«
»Das kann doch gar nicht sein.«
»Das hätte ich niemals gedacht.«
Mittendrin saß häufig der Pfarrer, fehlplatziert wie ein Smoking in einer Kneipe. Er hielt sich zurück beziehungsweise tat so, als würde ihn das alles nicht interessieren. Er hatte eine Kunst entwickelt, innerliche Abwesenheit zu demonstrieren, aber hellwach bei der Sache zu sein. Menschen, die ihn kannten, glaubten fest daran, dass sich seine kleinen Ohren zu der Größe eines Rhabarberblattes ausweiteten, um selbst kleinste Flüstersignale aufzunehmen. Dem Pfarrer entging tatsächlich nichts. Aber der gute Mann erzählte keine Gerüchte weiter. Frostiger konnte der Tod für Tratsch und Klatsch gar nicht sein.
Als »unser Päpstlein« bezeichnete Chira ihren Pfarrer. Sie meinte das »sehr lieb«, weil er sich um die Menschen kümmerte und sie gerne anlächelte. Natürlich hatte er nichts von der Macht des wirklichen Papstes in Rom, aber er sah ihm ein wenig ähnlich, wenn man es eben so sehen wollte.
Ostersonntag saß die Familie immer vor dem Fernseher, um die Ostermesse des Papstes mit dem Segen »Urbi et Orbi« zu sehen. Anschließend gab es das festliche Osteressen, Rindfleischsuppe, danach Rollbraten mit warmem Kartoffelsalat, danach Schokoladenpudding mit Sahne oder Eis für die Kinder.
Sie wurde nach ihrer Ersten Kommunion Messdienerin, engagierte sich in der katholischen Jugend und war immer mit dabei, wenn Zeltlager oder Pfarrfeste organisiert werden mussten. Sie ging gerne in die Kirche, nicht immer, aber wenn sie in die Kirche ging, zündete sie eine Kerze vor der Jesus-Statue an und sprach dazu ein Gebet. Sie betete für Mama und Papa und ihren Bruder, für Oma und Opa, und auch für ihre beste Freundin, dass alle gesund bleiben und Spaß am Leben haben sollten. Manchmal dachte sie, sie müsste auch für Jesus beten, weil er immer so krank und leidend aussah.
Die Diele des Hauses roch nach Kamin und verbranntem Holz. Und die Katzen schlichen an dem langen Holztisch entlang. Der Hund der Familie, ein Bernhardiner, war ein Ausbund an Gutmütigkeit. Zumindest behielt er selbst dann die Ruhe, wenn die Kinder ihn am Schwanz zogen oder ihm eine Pudelmütze über die Ohren auf den Kopf stülpten. Er konnte nicht böse sein, oder es wirkte so, weil in seine Gutmütigkeit eine extreme Langsamkeit einfloss. Schließlich kam seine Rasse aus Bern, oder warum hieß die Rasse Bernhardiner? Man sagt, in Bern seien die Menschen etwas langsam. Ein Psychologe wollte sogar herausgefunden haben, dass die Berner nur 3,8 Kilometer pro Stunde laufen: also schleichen, und ein Sprachwissenschaftler behauptete, dass die Bewohner im Kanton Bern langsamer sprächen als der Rest der Schweiz.
Chira hatte von ihrer Mutter das Kuchenbacken gelernt. Kuchen mit Äpfeln, Quitten, Erdbeeren, Preiselbeeren, Pflaumen, alles, was der Bauernhof an Frische in einer Saison hergab. Noch lieber aber backte sie Brote. Es wurde ihr zur Gewohnheit, dass sie jeden Freitag neue Laibe backte. Als sie noch klein war und gerade erst in die Schule kam, war freitags immer Waschtag. Daraus wurde also ihr Brotbacktag. Der Duft des ofenwarmen Brotes zog durch die Räume. Ihr Vater aß das Brot am liebsten nur mit Butter, um den Geschmack nicht mit Wurst oder Käse zu verfälschen.
»Ich bin ein Dorfkind«, sagte sie später mal in einem Interview mit der Zeitschrift »Dorf und Dörfler«, als sie schon in die Beletage der begehrtesten Models aufgestiegen war. Sie erzählte, wie sie an den Wochenenden, wenn also keine Schule war, zu den Hühnern gegangen war, um die Eier einzusammeln, und wie sie der Sau Elma abends immer ein paar Streicheleinheiten gegeben hatte. Sie mochte die Luft, die Gerüche, die Felder und die Menschen, ein Schwätzchen vor der Kirche, Dorffeste, das Gefühl des Zusammenhalts. »Ich hatte eine wunderbare Kindheit mit lieben Eltern, das Leben im Dorf hat mich gefesselt, hier bin ich ein kompletterer Mensch als in der Stadt.«
Als sie 14 Jahre alt wurde, half sie fast jeden Samstag von sieben bis 13 Uhr im Hofladen ihrer Eltern mit. Sie verkaufte frische Eier, frisches Fleisch, frisches Gemüse und selbst gemachten Käse. »Bio ist ja ein blödes Wort, weil es jeder benutzt, aber was hier abging, war Super-Bio«, erläuterte Chira Walldorf ebenfalls in diesem Interview. »Darauf können meine Eltern so richtig stolz sein.«
Dieser Stolz traf auch das Empfinden der Kunden, die nicht nur ihren Appetit im Sinn hatten, sondern auch das Tierwohl. Sie wollten glückliche Rinder und Schweine, die freudestrahlend zur Schlachtung gingen, um den Menschen mit gutem Fleisch zu dienen. Dieses Glück sprach sich im Umkreis von 20 Kilometern herum. Eine solche Strecke waren die Bio-Käufer bereit, auf sich zu nehmen und die Fleischtheken der Supermärkte links liegen zu lassen.
Sieben Uhr morgens war noch nicht viel los im Hofladen. Aber ab halb zehn gab es fast immer kleine Staus vor dem Bauernhof, weil nicht jeder Super-Bio-Käufer einen Parkplatz fand. Der Stau setzte sich an der Theke fort mit mindestens fünf Reihen hintereinander. Aber es herrschte eine höfliche Artigkeit, kein Schubsen, kein Drängeln. Die Gesundesser konnten unmöglich ihren Nimbus als Tierschützer und Naturliebhaber mit kleinkariertem Egoismus aufs Spiel setzen.
Wer dann die erste Reihe erreicht hatte, musste hoffen, dass er das bekam, was er wollte. Weil alles frisch war, gab es die Produkte nur in beschränkter Anzahl. Was weg war, kam erst in einer Woche wieder nach. Pech gehabt. In dieser heiklen Situation tiefwirkender Enttäuschung kam es darauf an, den Kunden mit psychologisch geschickter Aufbaukommunikation eine Alternative schmackhaft zu machen. Darin war Chira eine Meisterin. Sie verkaufte an superglückliche Menschen Schweinelendchen, obwohl sie lieber Rinderfilet gehabt hätten. Die superglücklichen Menschen wunderten sich dann, warum sie nicht selbst darauf gekommen waren.
Während des Verkaufens warf sie immer mal wieder einen Blick auf die Kunden und fragte sich, wie die wohl drauf sind? Den Typen in der zweiten Reihe zum Beispiel befand sie als »anstrengend«. Sie malte sich aus, dass sie es ihm nicht recht machen konnte. Er machte einen willensstarken Eindruck. Markantes Kinn. Stechende Augen, die die Welt gesehen haben mussten. Coole Jacke. Gel in den Haaren. Ganz bestimmt kein Dörfler. Sie zählte ihre Risiken hoch, ihn bedienen zu müssen. Die Chancen standen eins zu drei. Er landete bei ihrer Mutter.
Der Mann mochte so um die 35 gewesen sein. Er fuhr einen Sportwagen, die Marke kannte sie nicht, so ein komischer Doppelname, irgendetwas mit Arthur, A …, ach ja: »Aston« und einem deutschen Vornamen. Sie überlegte, der Name würde ihr sicherlich später einfallen.
Während die Mutter die Bestellung abarbeite, schrie die Tochter laut auf. »Ich habe es. Aston Martin!«
Verdatterte Blicke.
»Oh, Entschuldigung.« Sie lief rot an, und der Bio-Mann, dessen Auto die erfolgreiche Namenssuche galt, lachte laut auf. »Ich dachte, das ist hier ein Bauernhof und keine Werkstatt.«
Regelmäßig im Frühjahr und im Herbst kam dieser Bio-Aston-Martin-Mann, um Rinderbraten und Gemüse zu kaufen. Für insgesamt sechs Männer. Freunde. Sie trafen sich zu einem Kochwochenende in einem gemieteten Haus. Es hatte eine Liebhaberküche mit einer Kochstelle, die wie ein Quadrat in der Mitte des Raumes stand. Darum versammelten sich die Hobbyköche wie Priester um den Altar, um sich dem Wertvollen zu widmen und sich dabei gegenseitig im Blick zu behalten. Abschmecken. Mit Champagner anstoßen. Weißt-du-noch-Geschichten erzählen. Auf die Uhr schauen. Wann können wir mit der Vorspeise beginnen …
Es vergingen Frühjahre und Herbste. Chira offenbarte mit Durchschreiten ihrer Pubertät eine anziehende Natürlichkeit, als müsste Attraktivität neu definiert werden. Das Verspielte in ihrem Gesicht entwich aller Kindlichkeit. Jetzt zeigte es Aufbruch und Sinnlichkeit. Ihr Leben stieg in eine neue Etappe ein.
Es war Anfang Mai, und der Mann mit dem Auto fuhr wieder einmal vor. Er trug zu seiner Jeans ein blaues T-Shirt, einen braunen Gürtel und braune Mokassins. Um seine Schulter hing ein cremefarbener Pullover. Noch etwas scheu drang die Sonne auf den Vorplatz des Hofladens, der im Herbst um diese Uhrzeit bereits viele Kunden einnahm. Aber sobald wärmere Luft über die Wiesen und Äcker strömte, verringerte sich die Kundenquote und damit der Fleischverbrauch. Offenbar bevorzugten die Menschen dann Fisch mit Salat oder Hähnchenbrust mit Salat oder Salat pur mit kaloriensparendem Buttermilchdressing.
Der Mann stand bereits in der ersten Reihe und wunderte sich über Chira. »Ich erkenne dich kaum wieder«, staunte er in Du-Form. »Was ist passiert?«
»Es ist nichts passiert, außer dass ich vor Kurzem 17 geworden bin. Sie können mir noch gratulieren!«
Sie lächelte dabei.
»Das mache ich doch gerne: herzlichen Glückwunsch.«
Kurze Stille. Intensive Blicke.
»Darf ich dir ein Foto schenken?«, fragte er.
»Ein Foto?«
»Ich fotografiere dich!«
»Wow, ja klar, finde ich spannend, aber bitte nicht von der Art ›Mädel vom Lande‹.«
Der Mann, der gerne kochte, einen Sportwagen fuhr und offenbar auch fotografieren konnte, hatte nur noch eine Frage:
»Wann hast du Zeit?«
»Morgen Nachmittag wäre es am besten. Dann spiegelt der Frühling seine schönsten Farben«, schwärmte sie.
»Wir können uns duzen, ich bin Karl.«
»Möchtest du wie immer Rinderbraten?«
Beide mussten lachen. Eine seltsame Albernheit lag in der Luft, und doch: Sein Blick war professionell.
Als Karl die Fotos in seinem Studio in Monaco entwickelte, konnte er sein Glück kaum fassen. Ein Glück, das des Zufalls bedurfte, aber auch seines geniereichen Instinkts. Keine Frage, er galt unter den Modefotografen als Koryphäe. Er selbst verfiel auch nicht einer Bescheidenheit, um dieses Lob nicht im Geringsten zu relativieren.
Er hing das Foto mit einem Magnetsteinchen an die Leiste, ging zwei Meter zurück, schlug sich in die Hände, gut gemacht, Karl, und zündete sich auf dem Balkon mit Blick auf den Jachthafen eine Churchill an.
15.
Sie zündete die Holzkohletablette an und legte den Weihrauchharz darauf. Ein dichter Qualm zog zur Decke und verbreitete einen süßlich schweren Duft.
Andächtig schaute sie dem aufsteigenden Weihrauch nach, der wie ein grauer Schleier im Wind zu tanzen schien. Sie schlug das Buch der Psalmen auf. Dort markierte sie mit dem rechten Zeigefinger den zweiten Vers von Psalm 141. Sie las ihn vor mit einer feierlichen Helligkeit in der Stimme, als müsste sie ihre Stimmbänder für die großen Worte einstimmen:
»Wie Weihrauch steige mein Gebet vor dir auf.
Das Erheben meiner Hände gelte vor dir als Abendopfer.«
Danach faltete sie die Hände und betrachtete sich in ihrem weißen Kleid im Spiegel. Sie sah aus wie eine Braut auf einer Beachparty, bereit für das feierliche Hochamt vergnüglicher Stunden, gesegnet mit Freude und Hoffnung, Aufbruch und Erwartung.
Und doch flüsterte sie, als trüge sie ein Trauerkleid:
»Mein Herr, mein Gott, hier stehe ich nun vor dir. Ich habe dir im Mai mein neues Antlitz geschenkt. Mehr kann ich nicht mehr tun, um dir zu gefallen. Warum bist du nur so fern? Ich höre dich nicht mehr. Es brennt in meinem Körper. Du hast mich verlassen. Du magst mich noch immer nicht.«
Sie beobachtete im Spiegel genau ihre Lippen beim Sprechen ihrer Worte. Sie schaute weiter zur Nase und von dort zu den Augen, dann zur Stirn und schließlich zu den Haaren. Sie ging einen Schritt zurück, um das Gesicht vollständig auf sich wirken zu lassen. Dann haute sie mit der rechten Faust auf den Spiegel.
Er zersprang.
Sie blutete. Das Blut tropfte auf ihr weißes Kleid. Es bildeten sich rote Punkte, als wären die Tränen aus Blut.
Schreiend ging sie in die Knie, klatschte mit ihren Händen auf den Boden. Dabei betrachtete sie die kleinen vierkantigen Fliesen, die sich abwechselnd in Weiß und Schwarz aufteilten. Sie stellte sich vor, wie der Teufel auf den schwarzen Fliesen wütete und der Engel auf den weißen Fliesen betete, und sie fürchtete, dass der Teufel auf die weißen Fliesen vordringen könnte, von Kachel zu Kachel, um den gesamten Boden zu beherrschen. Sie hatte keine Vorstellung, wie sie dann noch in diesen Raum zu ihren Schminksachen hätte gehen können, unmöglich, mit christlichen Füßen bösen Boden zu betreten.
Der Weihrauch, nun wie an dünnen Fäden gezogen, verlor sich von Minute zu Minute, aber sein Duft waberte noch in der Atmosphäre des Raumes, bis auch er sich auflöste.
Sie weinte. Sie wusste aber nicht, warum sie weinte und wohin das Weinen führen sollte. Langsam öffnete sich die Quelle einer unergründlichen Traurigkeit, und ihre Tränen verfärbten das Augen-Make-up zu einem grün-violetten Farbspiel, als würde ein Clown für seinen Auftritt zurechtgemacht.
Je intensiver sie in den zersprungenen Spiegel schaute, um die Konturen ihres Gesichtes zu begutachten, desto verschwommener wurde ihr Blick, die Augen konnten die Last nicht mehr tragen und fielen zu. Als würde sich der Sommer plötzlich in ein winterliches Abenteuer verwandeln, begann ihr Körper zu donnern und zu blitzen. Schnee fiel auf ihre Seele, und gletscherkalte Kristalle umarmten ihren Herzmuskel. Ihr Körper zitterte. Das Zittern rockte durch Sehnsucht und Fantasie. Sie sank langsam zu Boden, versuchte sich noch abzustützen, dem Schwindel folgte der Niedergang.
Das Licht, das sie noch milchig wahrnahm, war nur ein grauer Schleier, bis sich alles in Schwarz verwandelte, alles – das Bewusstsein, die Empfindung, der Geist. Sie schwebte durch einen Tunnel, und sie entschwebte der kalten Dunkelheit in ein Licht, das sie noch nie gesehen hatte, als würde das Licht aus Geigen mit schönsten Klängen bestehen. Ein Engel holte sie ab, er hatte das gleiche Gesicht wie sie. Er zeigte ihr den Himmel mit glücklichen Menschen, die alle das gleiche Gesicht hatten wie sie.
Langsam wachte ihr Körper auf, und sie stöhnte flüsternd: »Ich bin doch die Schönste«, aber keiner hörte zu, keiner sah sie.
Sie legte ihre Hände aufs Gesicht, sie spürte Stille, ein leiser, gleichmäßiger, warmer Atem zeigte Leben, und sie versuchte etwas zu fühlen.
Horch in dein Inneres.
Spüre dein Leben.
Sage: ja.
»Ja«, wiederholte sie, nahm ihre Hände vom Gesicht und vernahm einen friedfertigen Augenblick, nur ganz kurz, aber intensiv. Glück speiste sich in ihre Seele, als sähe sie nach Jahren zum ersten Mal wieder die Sonne, weil sie die Fensterläden geöffnet hatte; zunächst sah sie gar nichts, weil das gleißende Licht alles für sich einnahm: Farben, Konturen, Landschaften. Noch wirkte das Licht wie eine silbrige Wüste, Sand auf Sand mit einer unheimlichen Weite.
Ist mein Leben auf Sand gebaut?
Wie viel Zeit habe ich noch?
Wer bin ich?
Das Auge gewöhnte sich an die Sonne, und es erfasste langsam, aber doch wahrnehmbar eine neue Sicht auf das Leben.
Ich möchte alles erfassen und berühren, um zu erfahren, wie sehr ich lebe.
Sie wusste nicht, was sie denken sollte, weil ihre Gefühle das Denken übernahmen.
Liebes Gesicht, du bist wichtiger als mein Herz und meine Lunge, wichtiger als mein Bein und mein Fuß, weil du mich zaubern lässt. Mein liebes Gesicht, sei immer barmherzig zu mir, indem du dich von deiner schönsten Seite zeigst, die mich erlöst von aller Mattigkeit und Traurigkeit.
Sie übersetzte Leben mit Attraktivität. Die Kraft der Äußerlichkeit dominierte zunehmend ihr Verlangen, sich gründlich zu verändern.
Auf der Website der »Dr. Picard Klinik für Ästhetik« stand:
»Damit Ihr Traum Wirklichkeit wird. Sie möchten Ihr Aussehen verändern, um Ihrem Leben mit gesunder Ausstrahlung eine neue Natürlichkeit zu geben. Was Sie erhoffen, wird wahr. Für diese Wahrheit stehen wir mit der Exzellenz unseres Namens ein.«
Sie glaubte daran.
Was ihr Gesicht nach jedem Eingriff hervorbrachte, war ein Abschied von ihrer Vorherbestimmung, denn ihre Konturen, durch Gott und Gene erschaffen, gingen in ein anderes Gesicht über.
Was sie sah, begriff sie als eine neue Schöpfung. Ihre Identität, ihre Urkraft, ihr Sein, all das, was sie seit ihrer Geburt in ihrem Leben wirken ließ, konnte sie zwar nicht ungeschehen machen, denn was war, würde immer sein, aber sie konnte sich neu erfinden.
Sie betete.
»Lass mich heilig werden, gütiger Gott. Nimm mich als Engel auf Erden, lass mich strahlen für deine Herrlichkeit.«
Бесплатный фрагмент закончился.
