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Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Kapitel 47
Kapitel 48
Kapitel 49
Kapitel 50
Kapitel 51
Kapitel 52
Kapitel 53
Kapitel 54
Kapitel 55
Kapitel 56
Kapitel 57
Kapitel 58
Kapitel 59
Kapitel 60
Kapitel 61
Kapitel 62
Kapitel 63
Kapitel 64
Epilog
Nachwort
Impressum neobooks
Sündenrächer
Ein Aachen-Krimi
Hansens 2. Fall
Impressum
Texte: © Frank Esser
Cover: © NaWillArt Coverdesign / www.nawillart-coverdesign.de
Lektorat: © Schoneburg. Literaturagentur und Autorenberatung
Prolog
November 1988, Grenzfluss Werra an der deutsch-deutschen Grenze
Peter Dreschers war den Plan in seinem Kopf unzählige Male durchgegangen. Jetzt sollte auf die Theorie die Praxis folgen. Und das war etwas ganz anderes. Sein Herz pochte bis zum Hals. Der Schweiß stand ihm trotz der frühwinterlichen Temperaturen auf der Stirn. Es dauerte nicht mehr lange, bis die Wachpatrouille die Stelle passieren würde, wo er sich versteckt hielt. Die beiden Grenzsoldaten bereiteten ihm allerdings die geringste Sorge. Dreschers hatte weitaus mehr Respekt vor dem Wachhund, einem Deutschen Schäferhund, der die beiden Soldaten begleitete. Deshalb musste er seinen Plan jetzt in die Tat umsetzen. Er durfte nicht länger zögern. In gebückter Haltung lief er Richtung Grenzzaun los. Den Bolzenschneider hielt er fest in seiner rechten Hand. Kaum, dass er den Maschendrahtzaun erreichte, begann er den Draht zu durchtrennen. Glücklicherweise verzichtete die DDR an diesem Teil des Grenzabschnittes auf eine Selbstschussanlage. Einen Wachturm mit Soldaten gab es auch nicht in unmittelbarer Nähe. Das hatte er natürlich gewusst. Als er gerade so viel Draht durchtrennt hatte, dass die Stelle groß genug war, um hindurchzuschlüpfen, registrierte er plötzlich Stimmen, die sich näherten. Dreschers hielt kurz inne und lauschte. Dabei wagte er kaum zu atmen. Er hatte sich nicht geirrt. In der Nähe unterhielten sich zwei Männer. Offensichtlich hatten die beiden Grenzposten ihre Runde schon wieder beendet. Ausgerechnet heute hielten sie sich nicht an den sonst üblichen Zeitplan. Aber Dreschers blieb keine andere Möglichkeit, als weiter zu machen. Andernfalls würden sie ihn auf jeden Fall schnappen. Vorsichtig bog er den Zaun auseinander. Immer darauf bedacht, so wenig Lärm wie möglich zu machen. Er war fast hindurchgeschlüpft, als ihn plötzlich der Strahl einer Taschenlampe erfasste.
»Halt! Stehen bleiben! Oder ich schieße!«, schrie einer der Soldaten.
Dreschers verharrte für einen Moment. Panisch überlegte er, ob er seine Flucht abbrechen sollte. Aber in der Sekunde, als der der monströs große Schäferhund auf ihn zustürmte, nahm er seinen ganzen Mut zusammen und drängte sich durch das Loch im Zaun.
»Halt«, schrie der Wachtposten noch einmal.
Aber Dreschers lief weiter. In Richtung des kleinen Grenzflusses Werra, über die er in die Bundesrepublik Deutschland fliehen wollte. Der Fluss führte durch die ausgiebigen Regenfälle der letzten Tage Hochwasser. Deshalb waren die schwenkbaren Metallgitter, die sich in der Mitte des Flusses befanden, um eine Flucht über das Gewässer zu verhindern, hochgezogen, damit die Sperranlage nicht durch Treibgut beschädigt wurde. Er wusste das, weil er für die Instandhaltung der Anlage verantwortlich war. Nur ein guter Schwimmer konnte es wagen, die Flucht auf diesem Weg zu versuchen. Und das war er. Immerhin hätte er es fast in die nationale Auswahl der Schwimmmannschaft der DDR geschafft. Eine Schulterverletzung hatte seine Karriere letztlich verhindert. Er hatte das Ufer der Werra fast erreicht, als er die Schüsse eines Maschinengewehrs hörte. Instinktiv warf er sich auf den Boden. Er robbte immer weiter Richtung Uferzone. Salve auf Salve flog über seinen Kopf hinweg. Dann vernahm er ein Rascheln hinter sich. Es kam schnell näher. Der Schäferhund hatte offenbar die Verfolgung aufgenommen. Die Wachsoldaten mussten ihn durch das Loch im Zaun gelassen haben. Es waren mindestens noch elf oder zwölf Meter, die Dreschers vom Flussufer trennten. Ihm war klar, dass er das unmöglich vor dem Hund schaffen konnte, wenn er bis dorthin robbte. Also nahm er sein Herz in die Hand, stand auf und rannte los. Schon wieder wurde eine Garbe auf ihn abgegeben. Im Zickzack, um den Kugeln möglichst auszuweichen, lief Dreschers Richtung Grenzfluss. Er hatte vielleicht noch knapp vier Meter zu überwinden, als der Hund zuschnappte. Er erwischte ihn an der Wade und brachte ihn aus dem Tritt. Schließlich stürzte er und überschlug sich dabei. Ein stechender Schmerz durchfuhr sein linkes Bein. Auch der Schäferhund machte bei dieser Attacke eine Rolle vorwärts, verlor kurz die Orientierung, fiel dann aber umgehend über ihn her, als er ihn wiederentdeckte. Doch diesmal war er besser auf den Angriff vorbereitet. Auf dem Boden liegend, nahm er den ungleichen Kampf mit dem Wachhund auf. Nach einer kurzen Rangelei, in der er einige Male gebissen wurde, gelang ihm schließlich mit seinem rechten Fuß ein gezielter Tritt direkt gegen die Schnauze des Hundes, der sofort jaulend von ihm abließ. Dreschers rappelte sich wieder auf und lief weiter. Den Schmerz in seinem linken Bein ignorierte er, so gut es ging. Aber auch der Schäferhund hatte sich schnell wieder erholt und umgehend die Verfolgung aufgenommen. Außerdem kamen die Grenzschützer laut schreiend immer näher. Dreschers gelang es gerade noch so, in den eiskalten Fluss zu springen, als sie eine weitere Gewehrsalve abgaben. Er sah, wie um ihn herum die Kugeln das Flusswasser peitschten, und tauchte unter. Das bitterkalte Wasser raubte ihm den Atem. Seine Haut fühlte sich an, als ob er von tausenden Nadelstichen traktiert würde. Aber auch diese Schmerzen blendete er in diesem Moment aus. Er hatte jetzt nur noch ein Ziel: das andere Ufer. Die Strömung war trotz des Hochwassers glücklicherweise nicht allzu stark, aber stark genug, um ihn von den beiden Grenzposten wegzutreiben, die immer noch gelegentlich Richtung Flussmitte schossen. Als er die Grenzsperre in der Mitte des Flusses erreichte, holte er tief Luft und tauchte hinab in die Dunkelheit, wo er zunächst jegliche Orientierung verlor. Das kalte Flusswasser brachte ihn schnell an seine Leistungsgrenze. Hinzu kam die nasse, schwere Kleidung. Wollte er nicht ertrinken, musste er sich beeilen. Auch wenn er ein guter Schwimmer war, hatte er das Unterfangen zu dieser Jahreszeit erheblich unterschätzt. Endlich ertastete er das hochgezogene Eisentor und mit zwei kräftigen Schwimmzügen gelang es ihm, unter der Grenzsperre hindurchzutauchen. Als die Lungen schon anfingen zu brennen und ihm kaum noch Luft zum Atmen blieb, tauchte Dreschers auf der anderen Seite der Sperrvorrichtung wieder auf. Er war fast mit seinen Kräften am Ende, musste jetzt aber nur noch ein paar Meter bis zum westlichen Flussufer überwinden. Vor ihm leuchteten mittlerweile Suchscheinwerfer auf. Offensichtlich war der Bundesgrenzschutz durch die Schüsse aufmerksam geworden. Mit allerletzter Kraft schaffte es Dreschers, an das Ufer zu gelangen. Völlig entkräftet und durchgefroren blieb er an der Böschung der Werra liegen.
»Willkommen in der Bundesrepublik Deutschland«, waren die letzten Worte, die er wahrnahm, bevor er in Ohnmacht fiel.
Kapitel 1
Samstag, 16. September 2017
Herbert Neumann freute sich schon seit Tagen auf seinen freien Samstag. Den Ersten seit drei Wochen. Er arbeitete als Wachmann bei der WUSA, der Wach- und Schließgesellschaft Aachen. Er bevorzugte die Nachtschichten oder die Wochenenddienste, weil er dadurch mehr Geld verdienen konnte. Da seine Frau Sonja vor gut einem Jahr gestorben war und er seitdem alleine lebte, machte ihm das auch nicht viel aus. So konnte er immerhin den einen oder anderen Euro zurücklegen. Von dem Ersparten, der Rente seiner verstorbenen Frau sowie der eigenen Pension konnte er sich in ein paar Jahren sicherlich einen angenehmen Lebensabend gönnen. Den heutigen freien Tag hatte er bisher in vollen Zügen genossen. Er war früh aufgestanden, hatte seine Wocheneinkäufe erledigt und den Rasen gemäht. Nach dem Mittagessen war er dann in den Aachener Stadtwald gefahren, um einen langen, ausgedehnten Spaziergang zu machen. So wie er es bis zu ihrem Tod auch gerne mit Sonja getan hatte. Jetzt, am frühen Abend, freute er sich auf die Sportschau. Bis zum Beginn der Sendung hatte er noch knapp zehn Minuten Zeit. Die nutzte er, um sich schnell ein paar Butterbrote zu schmieren. Er hatte es sich in seinem Fernsehsessel gemütlich gemacht und eine Flasche Bier geöffnet, als die Sendung begann. Er wollte gerade in sein mit Salami belegtes Brot beißen, da glaubte er, ein Geräusch zu hören. Er hielt kurz inne, schaltete den Ton am Fernseher mit der Fernbedienung leiser und lauschte. Aber da war nichts. Offensichtlich hatte er sich geirrt. Neumann machte den Ton an seinem TV-Gerät wieder lauter und widmete sich aufs Neue der Sportsendung. In der ersten Werbepause brachte er das schmutzige Geschirr in die Küche. Im Flur stutzte er kurz. Er hätte schwören können, dass er die Küchentür vorhin geschlossen hatte. Aber vielleicht hatte er sich auch nur geirrt. Er wurde langsam vergesslich, wie er sich eingestehen musste. Als er die Küche betrat, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung wahr. Dann spürte er auch schon einen heftigen Schlag auf seinem Hinterkopf. Jäh wurde es dunkel um ihn herum.
Langsam kämpfte sich sein Bewusstsein wieder an die Oberfläche. Nur schemenhaft nahm er durch die flatternden Augenlider wahr, wo er sich befand. Er saß mitten in seinem Wohnzimmer. Sein Schädel schmerzte fürchterlich. Diverse Fragen schossen ihm durch den Kopf. Wie lange war er bewusstlos gewesen? Und was war überhaupt passiert? War er von einem Einbrecher niedergeschlagen worden? Erst jetzt bemerkte er, dass er an einen Stuhl gefesselt war. Mit Kabelbindern. Er spannte die Muskeln an und versuchte, an den Fesseln zu rütteln. Vergeblich, er war absolut bewegungsunfähig. Sein Mund war mit Klebeband zugeklebt. Und sein Oberkörper war nackt. Die Rollläden waren heruntergelassen. Nur die Leselampe neben der Couch spendete spärliches Licht. Und er war nicht allein. In seinem Fernsehsessel, etwa zwei Meter von ihm entfernt, saß ein Mann. Nicht älter als dreißig Jahre, schätzte er. Übergewichtig und irgendwie unscheinbar. Er hatte ihn noch nie gesehen. Der Fremde saß einfach nur da und beobachtete ihn. Nach schier endlosen Sekunden stand er langsam auf und kam einen Schritt auf ihn zu. Ihm fiel auf, dass der Eindringling nicht maskiert war. Auch wenn er den Mann nicht kannte, er würde ihn beschreiben und der Polizei genaue Angaben machen können. Kein gutes Zeichen. Neumann geriet allmählich in Panik. Er war kein reicher Mann. Das wenige Geld, das er angespart hatte, konnte den Unbekannten wohl kaum ernsthaft interessieren. Eine beängstigende Stille lag in dem Raum. Was immer der Eindringling von ihm wollte, er sagte kein Wort. Er stand einfach nur da und starrte ihn an. Es war offensichtlich, dass er seine Angst genoss. Dann nestelte der Mann plötzlich an seiner Hosentasche, holte ein Päckchen Zigaretten und ein Feuerzeug hervor und zündete sich eine Kippe an. Genüsslich zog er zweimal daran. Die Zigarettenpackung verschwand wieder in seiner Hosentasche. Das Zippo hielt er weiterhin in der Hand. Dann machte der Einbrecher einen Schritt auf ihn zu, beugte sich zu ihm herunter und blies ihm den Zigarettenrauch mitten ins Gesicht. Dabei lächelte er ihn an. Ein eiskalter Schauer lief Neumann über den Rücken. Noch einmal zog der Unbekannte genüsslich an seiner Zigarette und ohne Vorwarnung drückte er dann die glühende Zigarettenkippe ganz langsam auf dem Handrücken der rechten Hand aus, die an die Stuhllehne gebunden war. Ein wahnsinnig stechender Schmerz durchfuhr Neumann. Das Klebeband auf seinem Mund verhinderte, dass sein kehliger Schrei außerhalb des Wohnzimmers zu vernehmen war. Erst langsam klang der Schmerz ab und ging über in ein dumpfes, brennendes Gefühl. Aber viel Zeit zum Verschnaufen blieb ihm nicht, denn der Unbekannte hatte die Zigarette schon wieder angezündet und setzte erneut an, sie auf seiner Haut auszudrücken. Diesmal war es der Handrücken der linken Hand. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrere Male, nun auch auf dem entblößten Oberkörper. Sobald eine Kippe abgebrannt war, zündete er schon die nächste an. Die Schmerzen, die Herbert Neumann auszuhalten hatte, waren unerträglich. Aber sein Peiniger kannte keine Gnade. Erst nach der vierten Zigarette hatte diese Tortur ein Ende. Noch ehe er gänzlich das Bewusstsein verlor, traf ihn ein harter Schlag mitten ins Gesicht. Die Nase brach mit einem lauten Knacken, Blut lief heraus und tropfte auf seinen nackten, geschundenen Oberkörper.
»Es wird nicht geschlafen, Neumann. Du sollst schließlich genießen können, was hier mit dir passiert«, verhöhnte ihn der Mann auf einmal.
Er versuchte zu antworten, aber wegen des zugeklebten Mundes kamen nur undefinierbare Laute über seine Lippen.
»Wirst du um Hilfe schreien, wenn ich das Klebeband entferne?« Herbert Neumann schüttelte den Kopf. »Also gut. Ich reiß es jetzt ab. Aber ich warne dich. Ein Mucks von dir und es knallt.«
Keine Sekunde später riss der Unbekannte ihm das Panzerband mit einer fließenden Bewegung vom Mund. Neumann schnappte nach Luft wie ein Fisch an Land. Schreien war ohnehin sinnlos, hier hörte sie niemand.
»Ich gebe Ihnen mein ganzes Geld, aber bitte hören Sie mit dieser Quälerei auf«, war das Erste, was Neumann flehend von sich gab.
Der Mann verfiel sogleich in ein langes, herzhaftes Lachen. »Du glaubst also ernsthaft, dass ich das hier wegen Kohle mache?«
Genau solch eine Antwort hatte Neumann befürchtet. Das, was hier mit ihm geschah, war geplant und nicht einfach nur spontane Willkür. Wie sollte er nur aus dieser Situation wieder herauskommen? Er setzte alles auf die Fortsetzung des Gesprächs. »Was wollen Sie dann?«
»Genugtuung.«
»Genugtuung wofür?« Neumann starrte ihn irritiert an.
»Für das Unrecht, das du mir und anderen Menschen vor langer Zeit angetan hast.«
»Ich kenne Sie doch nicht einmal. Das muss eine Verwechslung sein!«
»Oh nein. Ganz sicherlich nicht. Aber um deine Erinnerung aufzufrischen, habe ich hier etwas für dich.« Der Mann nestelte kurz an seiner Jackentasche. Dann warf er einen Gegenstand auf Neumanns Schoß. »Bist du nun immer noch davon überzeugt, dass wir uns nicht kennen?«
Er erkannte sofort, worum es sich handelte. Allerdings hatte er keine Ahnung, wie der Unbekannte in Besitz der Marke gelangt war. Sie lag doch seit Jahren unberührt in einer Schublade seines Schreibtisches im Arbeitszimmer! »Ich verstehe immer noch nicht, was das mit Ihnen zu tun haben soll? Das ist ein Relikt aus einer anderen Zeit.«
»Da hast du nicht ganz unrecht. Aber ich bin nicht hier, um zu plaudern. Schließlich habe ich heute Abend noch einiges mit dir vor.« Bevor Neumann antworten konnte, hatte der Mann ihm schon wieder den Mund zugeklebt. »Ich möchte nicht, dass du gleich die Nachbarschaft zusammenschreist«, bemerkte der Eindringling zynisch.
Dann holte er einen Hammer aus einer Sporttasche heraus, die zu seinen Füßen auf dem Boden stand. Nur einen kurzen Augenblick später sah Neumann mit aufgerissenen Augen, wie der Unbekannte mit dem Hammer zum Schlag ausholte und er spürte, wie die Kniescheibe seines rechten Beins brach. Beinahe wäre er vor Schmerz in Ohnmacht gefallen. Aber sein Peiniger hatte vorgesorgt. Ehe er kollabierte, hielt der Mann ihm ein Fläschchen Riechsalz unter die Nase. Statt in die Tiefen der Bewusstlosigkeit abzutauchen, war er wieder hellwach und musste zusehen, wie sich sein rechtes Hosenbein dunkelrot färbte. Dann wurde ihm die Kniescheibe des linken Beins zertrümmert. Anschließend das rechte und linke Handgelenk. Eine Schmerztsunami jagte den nächsten. Immer, wenn er drohte, bewusstlos zu werden, holte ihn der Unbekannte ins Hier und Jetzt zurück. Selbst wenn der Fremde ihn am Leben lassen würde, wovon er nicht ausging, würde er seinen Lebensabend wohl als Krüppel im Rollstuhl verbringen müssen, dachte er. Er wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was ihm lieber gewesen wäre. Wenn er doch nur gewusst hätte, warum man ihm all das hier antat? Aber was auch immer der Grund des Überfalls war, das hatte niemand verdient! Und er ganz bestimmt nicht!
»Na, tut´s weh?«
Der Mann sah ihn höhnisch an. Neumann reagierte nicht, stöhnte nur vor Schmerz. Sein Kinn war auf seine nackte Brust gesunken. Plötzlich riss ihm sein Peiniger erneut das Klebeband vom Mund und schlug ihm mit der flachen Hand ins Gesicht.
»Ich habe dich was gefragt!« Seine Stimme war jetzt voller Hass.
Aber mehr als ein leise gehauchtes »Ja, es tut schrecklich weh«, brachte Neumann nicht hervor.
»Das sollte es auch! Du sollst spüren, was es heißt, zu leiden!« An der Art, wie der Mann das sagte, erkannte Neumann, dass sein Martyrium noch lange nicht zu Ende war. »Und das Beste ist, wenn man glaubt, dass es gar nicht mehr schlimmer werden kann, hat man sich meistens getäuscht«, fügte sein Peiniger hinzu, so als ob er seine Gedanken lesen konnte. »Hast du vielleicht noch irgendetwas zu sagen, bevor wir weitermachen?«
Neumann nahm seine ganze Kraft zusammen, um zu antworten. »Ich will eigentlich nur wissen, warum Sie mir das alles hier antun?«, brachte er mühselig heraus.
»Darauf musst du schon alleine kommen. Aber ich werde dir einen Hinweis geben.« Dann holte der Mann ein Foto aus seiner Sporttasche und hielt es ihm direkt vor die Nase. »Und, erinnerst du dich?«
Schwerfällig betrachtete Herbert Neumann das Foto, das der Mann in seinen Händen hielt. Es dauerte einen Moment, aber dann erkannte er die Person auf dem Bild. Die Vergangenheit hatte ihn ganz offensichtlich eingeholt. Trotzdem begriff er den Zusammenhang noch nicht. Wieder sammelte er seine Kraft, um eine Frage zu stellen. »Wer sind Sie, und was haben Sie mit der Sache von damals zu tun?«
»Sagen wir jemand, der ein Interesse daran hat, dass das Unrecht nicht ungesühnt bleiben darf. Mehr musst du nicht wissen!«
Neumann hatte einen leisen Verdacht, wovon der Mann sprach, hätte aber gerne noch mehr erfahren, doch bevor er etwas sagen konnte, wurde ihm schon wieder der Mund zugeklebt. Dann verließ der Mann das Wohnzimmer.
Kurze Zeit später kam er zurück. Er trug einen Gegenstand. Bei genauerer Betrachtung erkannte Neumann die kleine Wanne aus seiner Küche, in der er immer seine Fußbäder nach anstrengenden Schichten machte. Der Unbekannte stellte sie vor ihm auf dem Boden ab. Der Bottich war zur Hälfte mit Wasser gefüllt. Er wusste zwar nicht, was der Mann als Nächstes vorhatte. Aber er hatte Todesangst. Vor lauter Panik entleerte sich seine Blase, woraufhin ihn ein harter Schlag in die Magengegend traf. Er keuchte und hatte das Gefühl sich übergeben zu müssen. Er kämpfte dagegen an, nicht das erste Mal, seit sein Martyrium begonnen hatte. Der Mann kniete sich vor seinem Stuhl nieder und zog ihm die Hausschuhe aus. Dann die Socken. So sehr sich Neumann auch mühte, er konnte sich nicht dagegen wehren. Zu fest saßen die Fesseln. Und zu geschwächt war er mittlerweile. Der Unbekannte löste die Fußfesseln und stellte Neumanns nackten Füße in die mit Wasser gefüllte Fußwanne. Es war eiskalt. Dann band der Peiniger seine Wadenbeine mit Kabelbindern so an die Stuhlbeine, dass es ihm unmöglich war, seine Füße aus der kleinen Schüssel zu heben. Der Unbekannte stand wieder auf und holte ein Elektrogerät aus seiner Sporttasche, das er ihm direkt vors Gesicht hielt. Es handelte sich einen großen Tauchsieder, 2000 Watt stark stand auf dem Haltegriff. Neumann musste mehrmals hintereinander schlucken, Tränen rannen ihm über die Wangen. Dann holte der Unbekannte ein Verlängerungskabel aus der Tasche, steckte es in eine freie Steckdose, schloss den Tauchsieder an und legte diesen in die Wanne. Dann setzte er sich wieder hin und wartete.
Neumann wusste, was das bedeutete. Seine Füße würden in dem stetig heißer werdenden Wasser verbrühen. Ihm war diese Vorgehensweise durchaus vertraut. Auch er hatte diese Methode in seinem früheren Leben schon einmal angewandt, um einer Person Informationen zu entlocken, die sie auf keinen Fall preisgeben wollte. Er wunderte sich nur, woher sein Peiniger davon wusste. Er versuchte, seine Füße aus dem Wasser zu heben, doch vergeblich. Während die Flüssigkeit immer heißer und heißer wurde, saß der Unbekannte einfach nur da und betrachtete sein Opfer lächelnd. Mehr als eine Viertelstunde lang. Er genoss Neumanns aufsteigende Panik in vollen Zügen.
»Keine Angst, mein Lieber«, sagte der Fremde plötzlich. »Das Schlimmste hast du jetzt schon hinter dir. Was dich nun erwartet, geht schnell.«
Das waren die letzten Worte, die Herbert Neumann in seinem neunundfünfzigjährigen Leben zu hören bekam. Der Unbekannte holte einen Strick aus seiner Sporttasche und stellte sich hinter ihn. Er legte das Seil um den Hals des gefesselten Mannes, dem immer wieder der Kopf nach vorne sank. Dann zog er die Schlinge mit aller Kraft zu. Der Todeskampf dauerte etwa drei Minuten. Neumann rüttelte zunächst noch vergeblich an den Kabelbindern, dann wurde er ohnmächtig. Nach weiteren sechzig Sekunden war der Wachmann tot. Der Fremde packte den Strick, den Tauchsieder und das Verlängerungskabel wieder in seine Sporttasche. Nach einem letzten verächtlichen Blick auf sein Opfer verließ er das Haus auf dem gleichen Weg, wie er es betreten hatte. Falls ihn jemand beobachtete, würde der- oder diejenige der Polizei einen übergewichtigen Mann beschreiben. Er hatte ein paar spezielle Körperpolster angelegt und auch sein Gesicht mit Silikonpolstern und ein wenig Theaterschminke verändert. Auf dem Weg zu seinem Auto, das er in der Nähe abgestellt hatte, kamen ihm unvermittelt ein paar Tränen. Es waren Tränen der Erleichterung, aber auch der Verzweiflung. Immerhin hatte er noch nie zuvor einen Menschen gefoltert und getötet!
Kapitel 2
Montag, 18. September 2017
Der Anruf ging am Montagmorgen gegen sieben Uhr in der Früh in der Zentrale der Aachener Polizei ein. Der Anrufer berichtete von einer grauenvoll entstellten Leiche, die er entdeckt habe. Der Polizist in der Leitstelle, der das Gespräch entgegengenommen hatte, wählte umgehend die Handynummer von Karl Hansen, dem Leiter der Mordkommission. Hansen, der gerade aufgestanden war, notierte sich die Adresse und informierte anschließend seinen Kollegen Stefan Riedmann sowie die Spurensicherung. Nachdem er sich gewaschen und angezogen hatte, machte er sich sofort auf den Weg. Vor dem Haus in der Rosenstraße in Aachens Norden standen schon mehrere Einsatzfahrzeuge der Polizei. Unter anderem entdeckte Hansen den Wagen der neuen Leiterin der KTU, Laura Decker. Sie hatte die Nachfolge seines ehemaligen Kollegen Paul Mertens angetreten, der einige Monate zuvor als Mörder in einer der spektakulärsten Ermittlungen in Aachen entlarvt wurde. Hansen war die Erinnerung daran immer noch unbehaglich. Er hatte Mertens seit vielen Jahren gekannt und am Ende selbst die Verhaftung durchgeführt. Gut einen Monat danach war die Stelle neu besetzt worden. Dass die Wahl auf Laura Decker fiel, war kein Zufall. Kriminalrat Hellhausen war ein Freund ihres Vaters. Dementsprechend skeptisch war Hansen von vornherein, was die Personalie betraf. Allerdings wusste sie diese Zweifel schnell durch ihre Kompetenz und ihr einnehmendes Wesen zu zerstreuen. Decker war mittelgroß, hatte eine sportliche Figur und war zumeist leger gekleidet. Ihre langen, braunen Haare waren fast immer zu einem Zopf zusammengebunden. Mit ihren fünfunddreißig Jahren sah sie nicht nur blendend aus, sondern schien Mertens in Sachen Kompetenz kaum nachzustehen, wie Hansen zugeben musste. Außerdem war sie durch und durch ein Öcher Mädchen, was sie nach ihren vier Jahren als stellvertretende Leiterin der KTU im Kölner Exil wieder zeigen konnte, in dem sie die Kollegen mit ihrem Öcher Platt immer wieder in den Wahnsinn trieb. Hansen war gerade im Begriff, durch die offene Haustür einzutreten, als ihm Decker entgegenkam.
»Morgen, Karl. Schon wieder zurück aus Hamburg? Wie war es denn?«, begrüßte sie den Hauptkommissar freundlich und zündete sich eine Zigarette an.
»Moin, Laura. Es tat gut, mal wieder norddeutsche Hafenluft zu schnuppern. Und Vater wiederzusehen war natürlich auch schön. Er hat Christine und mir zwar die üblichen Vorhaltungen gemacht, dass wir ihn nur zum Geburtstag und an Weihnachten besuchen. Aber daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Und wie jedes Mal gab es bei unserer Abreise die altbekannten Diskussionen mit Hansen Senior. Er kann einfach nicht nachvollziehen, dass es mich immer wieder nach Aachen treibt. Seit Mutters Tod und seiner Rückkehr nach Hamburg hat er jeglichen Bezug zu unserer schönen Stadt verloren. Ich bin halt kein Fischkopf wie er. Aber lassen wir das. Erzähle mir lieber, was mich im Haus erwartet.«
»Eins kann ich dir auf jeden Fall schon einmal verraten. Es ist kein schöner Anblick. Man kann seinen Morgen auch angenehmer beginnen«, stellte Decker nüchtern fest.
»Was genau ist denn überhaupt passiert? Ich weiß bisher nur, dass ein Wachmann seinen Kollegen tot in dessen Haus aufgefunden hat.«
»Richtig. Der Tote heißt Herbert Neumann, neunundfünfzig Jahre alt. Er lebte alleine in diesem Haus, seit seine Frau vor zwölf Monaten gestorben ist. Er arbeitete als Wachmann bei der Wach- und Schließgesellschaft Aachen, kurz WUSA genannt. Der Kollege, der ihn gefunden hat, heißt Kai Paulus. Er wollte Neumann heute Morgen zur Arbeit abholen. Der hat aber nicht geöffnet und ist auch nicht ans Telefon gegangen, was laut Aussage von Paulus sehr ungewöhnlich war. Also ist er hintenrum durch den Garten und hat festgestellt, dass die Terrassentür nicht abgeschlossen war. Er ist dann hineingegangen und hat Neumann gefunden. Ich will gar nicht wissen, wie viele Spuren er dabei zerstört hat«, seufzte die junge Kollegin. »Er wartet übrigens drinnen auf dich!«
»Ich spreche mit ihm, wenn Stefan da ist. Ich frage mich ohnehin, wo er bleibt? Er hat doch einen viel kürzeren Weg als ich. Wie ist Herbert Neumann gestorben?«
»Doktor Bode meinte, dass er zu Tode gewürgt wurde. Wahrscheinlich mit einem Strick. Es gab aber eindeutige Hinweise wie petechiale Blutungen und einer leichten Zyanose des Gesichts«, sagte Laura Decker und hielt kurz inne. »Das ist leider längst nicht alles.«
»Was meinst du damit?«
»Das Opfer wurde an einen Stuhl gefesselt und vor seinem Tod brutal gefoltert. Ich habe schon lange keinen derart geschändeten Leichnam mehr gesehen.«
»Das Opfer wurde vor dessen Tod gefoltert, sagst du?«, wiederholte Hansen ungläubig.
»Ich sagte ja, dass das da drinnen kein schöner Anblick ist. Aber Doktor Bode kann dir sicherlich mehr zu den Einzelheiten sagen«, erklärte die KTU-Chefin.
»Der ist noch da?«
Laura Decker nickte. »Er hat auf dich gewartet. Da kommt übrigens gerade der Kollege Riedmann angefahren. Dann könnt ihr euch direkt selbst ein Bild von der Schweinerei machen. Ich habe nämlich noch einiges zu tun«, meinte Decker, drückte ihre Zigarette mit der Sohle ihres Schuhs aus und kehrte wieder zurück in das Haus. Hansen ging währenddessen auf das Auto seines Kollegen zu, der gerade im Begriff war auszusteigen.
»Morgen«, sagte Riedmann mürrisch, als er seinen Chef erblickte.
»Schlechte Laune?«
»Nein, schlecht geschlafen. Ist gestern spät geworden.«
»Dann wird das hier nicht gerade deine Laune steigern«, bemerkte Hansen ironisch.
»Was ist denn passiert?«
»Ich habe es selbst noch nicht gesehen. Ich wollte mir das Vergnügen aufsparen, bis du hier bist. Aber Laura hat mich gerade kurz aufgeklärt, dass der Hausbewohner zunächst misshandelt und dann allem Anschein nach erdrosselt wurde. Sein Kollege, ein gewisser Kai Paulus, hat ihn heute Morgen gefunden«, fasste Hansen kurz und knapp zusammen.
»Erst gefoltert und dann erwürgt. Hört sich nach etwas Persönlichem an, wenn da so viel Wut im Spiel war«, meinte Riedmann und runzelte die Stirn.
»Genau deshalb sollten wir keine weitere Zeit vergeuden und reingehen. Ich möchte mir gerne selbst ein Bild von der Sache machen und mit Doktor Bode sprechen«, meinte Hansen, als sie auf den Eingang zusteuerten.
Beim Betreten des Hauses registrierte er als erstes die Alarmanlage im Flur. Ein Kollege der Streifenpolizei wies ihnen den Weg in das Wohnzimmer. Hansen betrat den Raum und verharrte einen Moment im Eingangsbereich, um sich einen ersten Eindruck vom Tatort zu verschaffen.
»Du hast mit deiner Beschreibung nicht untertrieben Laura«, entfuhr es Hansen beim Anblick der Leiche. »Das sieht wirklich übel aus!«
»Das sieht nicht nur übel aus, Herr Kommissar. Das war auch ganz bestimmt mehr als schmerzhaft für das Opfer«, antwortete Nils Bode, der gerade dabei war, seine Instrumente einzupacken. Der trotz seiner achtundvierzig Jahre mit einem jungenhaften Aussehen ausgestattete Gerichtsmediziner war wie immer adrett gekleidet, wie Hansen feststellte. Den Schutzanzug hatte der Mediziner bereits abgelegt. Offenbar war er mit seiner vorläufigen Untersuchung des Leichnams fertig. Bode galt als akribischer Arbeiter mit wachem Verstand. Gleichzeitig war er im Institut als Feingeist bekannt, der schon einmal zur Ungeduld neigte, wenn man seinen mit Fachwörtern ausgeschmückten Ausführungen nicht folgen konnte.
»Können Sie uns schon Einzelheiten geben?«, wollte Hansen von dem Doktor wissen.
»Nun ja. Wie Sie unschwer sehen können, wurde das Opfer bestialisch gefoltert. Neumann hat diverse Hämatome am ganzen Körper, vermutlich durch Faustschläge beigebracht. Das Nasenbein ist gebrochen. Offensichtlich sogar mehrfach. Dem Mann wurden beide Handgelenke und die Kniescheiben mit einem schweren Gegenstand zertrümmert. Mutmaßlich mit einem Hammer. Außerdem wurde er gebrandmarkt. Der Größe der Wunden nach offenbar mit einer Zigarette oder einem Zigarillo. Ich habe an die fünfundzwanzig solcher kleinen Brandwunden entdeckt. Darüber hinaus wurden die Füße des Opfers, wie ich vermute, schwer verbrüht, wenn nicht sogar gekocht.«
»Moment«, unterbrach Hansen Bodes Ausführungen. »Sagten Sie gerade wirklich, dass seine Füße gekocht wurden?«
»Ja, so sieht es jedenfalls aus. Ich habe zwar zunächst gedacht, dass das Opfer von seinem Mörder bei einem Fußbad überrascht wurde, als ich die Fußwanne gesehen habe. Aber dann habe ich mir das einmal ganz in Ruhe angesehen. Bei dem schweren Grad der Verbrühung beider Füße vermute ich, dass dies ein Teil der Folter war. Er muss furchtbar gelitten haben vor seinem Tod«, fasste der Doktor seine ersten Eindrücke zusammen.
»Wer zum Teufel tut so etwas?«, fragte Riedmann völlig konsterniert.
»Jemand, der einen tiefen persönlichen Hass auf das Opfer hatte. Oder ein Mensch, der Spaß am sadistischen Töten hat«, kam Hansen dem Doktor mit einer Antwort zuvor.
»Oder beides«, bestätigte Bode mit einem Nicken.
»Können Sie uns schon etwas über den möglichen Todeszeitpunkt sagen?«, wollte Hansen wissen.
»Nicht länger als achtundvierzig Stunden. Genaueres dann nach der Obduktion.«
»Also am Samstag«, stellte Hansen fest.
»Richtig. Deshalb wurde er wohl auch nicht früher gefunden. Sein Kollege berichtete uns, dass Neumann am Wochenende frei hatte«, meinte Decker aus dem Hintergrund. »Und dass er ziemlich zurückgezogen lebte«, schob sie hinterher.
»Dann sollten wir uns jetzt einmal mit diesem Kollegen unterhalten, Stefan. Und sobald der Obduktionsbericht vorliegt, geben Sie uns bitte Bescheid, Herr Doktor«, meinte Hansen an Bode gewandt.
»Und das wie immer am liebsten gestern«, entgegnete dieser mit einem Lächeln, dann klappte er den Koffer zu, in dem die Gerätschaften für die Untersuchung der Leiche untergebracht waren.
»Wo finden wir eigentlich den Zeugen?«, wollte Riedmann von Hansen wissen.
»In der Küche«, rief Laura Decker, die seine Frage zufällig mitbekam, aus dem Hintergrund.
»Danke«, antwortete Hansen und ging schnurstracks auf eine Tür zu, hinter der er die Küche vermutete.
»Moment, Karl«, rief Decker ihnen hinterher. »Ich habe euch noch gar nicht erzählt, was wir bei der Leiche gefunden haben.«
»Nämlich was?«, fragte Riedmann neugierig.
»Diese Polizeimarke hier«, erwiderte sie und hielt ihnen das Beweisstück, das in einem Plastikbeutel verstaut war, unter die Nase.
»Das ist ja interessant«, stellte Hansen fest.
»Das ist eine Polizeimarke aus der DDR. Sie lag im Schoß des Opfers. Wohl vom Täter hinterlassen. Neumann wird sie sich eher nicht selbst auf die Beine gelegt haben. Auf der Rückseite steht sogar der Name des Opfers und das Dezernat, für das er anscheinend gearbeitet hat. Vielleicht kann uns der Zeuge ja etwas darüber erzählen.
»Danke, Laura!«, meinte Hansen und setzte sich in Bewegung.
»Stets zu euren Diensten«, erwiderte Decker mit einem Knicks und wendete sich wieder ihrer Arbeit zu.
Kapitel 3
Als die beiden Ermittler die Küche betraten, saß Kai Paulus zusammen mit Erwin Scholz, einem Kollegen der Streifenpolizei, am Tisch und rauchte.
»Guten Morgen, Herr Paulus. Ich bin Hauptkommissar Karl Hansen, und das hier ist mein Partner Stefan Riedmann.«
Scholz, den die beiden Ermittler kannten, begrüßte die Kommissare und verließ anschließend den Raum. Paulus hingegen reagierte auf die Begrüßung nur mit einem kurzen Nicken. Hansen setzte sich auf den freigewordenen Stuhl, während Riedmann es vorzog, stehenzubleiben. Es war offensichtlich, dass Paulus unter Schock stand. Die Hand, in der er seine Zigarette hielt, zitterte. Hansen schätzte den Mann auf höchstens Anfang dreißig. Trotz seines muskulösen Körpers sah er aus wie ein Häufchen Elend.
»Wir können Ihnen leider nicht ersparen, dass Sie uns einige Fragen beantworten. Ich hoffe, das ist in Ordnung für Sie?«, begann Hansen die Befragung. Er hoffte, dass seine Ruhe ein wenig auf den Befragten überging. Bevor er weitersprach, holte er seinen Notizblock aus seiner Manteltasche und legte ihn vor sich auf den Tisch.
»Natürlich ist das in Ordnung. Es ist nur so, dass ich wahrscheinlich keine große Hilfe für Sie sein werde«, erwiderte Paulus und zog an seiner Zigarette.
»Wie lange kannten Sie Herrn Neumann schon?«
»So etwa vier Jahre. Seit etwas mehr als drei Jahren haben wir zusammengearbeitet«, antwortete der Mann umgehend.
»Dann kannten Sie sich recht gut?«
»Das würde ich so nicht sagen.«
»Wie meinen Sie das?«
Paulus räusperte sich kurz. »Herbert war nicht gerade ein zugänglicher Typ. Ein Einzelgänger, wie man so sagt. Er legte keinen Wert auf private Kontakte. Selbst nach dem Tod seiner Frau war er lieber alleine, als zum Beispiel etwas mit den Jungs von der WUSA zu unternehmen. Wir treffen uns nämlich regelmäßig in unserer Stammkneipe, sofern die Schichten das zulassen.«
»Das heißt, dass Sie nicht befreundet waren, wenn ich Sie richtig verstehe?«, fragte Hansen nach.
»Wir waren definitiv keine Freunde, Herr Kommissar. Wir waren wirklich nur Kollegen«, antwortete der Befragte. Er unterstrich die Aussage mit einem Kopfschütteln.
»Sie erwähnten, dass Neumann Ihrer Meinung nach ein Einzelgänger war? Könnten Sie das vielleicht näher erläutern? Nur, weil er nichts mit den Kollegen unternehmen wollte, muss das ja nicht unbedingt der Fall gewesen sein.«
»Na ja. Man bekommt ja so Einiges mit, wenn man zusammenarbeitet. Er hat nie von Freunden oder von irgendwelchen Freizeitaktivitäten gesprochen.«
»Dann wissen Sie wohl auch nicht, ob Neumann Feinde hatte?«
»Nee, nicht wirklich.«
»Wie war er denn als Kollege?«, stellte diesmal Riedmann die nächste Frage.
»Man konnte gut mit ihm zusammenarbeiten. Vielleicht etwas überkorrekt, wenn man das so sagen kann«, meinte Paulus.
»Wie meinen Sie das?«, unterbrach Hansen den Wachmann.
Der Wachmann überlegte kurz, zog an seiner Kippe. »Wenn ich zum Beispiel außerhalb der regulären Pausenzeiten einmal eine Zigarette rauchen oder einen Kaffee trinken wollte, hielt er mir immer gleich eine Moralpredigt, dass wir zwischen Arbeits- und Pausenzeit unterscheiden müssen. Das nahm er sehr genau. Oder mal vorzeitig Feierabend machen, wenn wir mit unserer Runde früher fertig waren, war bei Herbert nicht drin. Aber ansonsten war er eigentlich ganz okay als Kollege. Ich kam jedenfalls immer gut mit ihm aus.«
»Er war also ein Pedant, der keine oder nur sehr wenige Freunde hatte«, resümierte Hansen und machte sich eine entsprechende Notiz. Jemand, der so korrekt durchs Leben läuft, macht sich mit Sicherheit nicht immerzu beliebt, dachte er. »Eine letzte Frage noch, Herr Paulus. Dann wären wir erst einmal fertig.« Hansen kramte in seiner Manteltasche nach dem Beweisstück, das ihm Laura Decker kurz zuvor gegeben hatte. Als er es gefunden hatte, zeigte er ihm die Polizeimarke. »Wir haben diese Marke bei dem Opfer sichergestellt. Wissen Sie zufällig etwas darüber?«
Paulus warf nur einen kurzen Blick auf das Stück Metall. Dann zog er ein letztes Mal an seiner Zigarette und drückte den Stummel im Aschenbecher aus. »Herbert war früher Polizist in der DDR. Hat er mir gegenüber mal erwähnt. War er wohl stolz drauf.«
»Das ist ja interessant. Können Sie uns mehr darüber erzählen?«
»Nee, nicht wirklich. Als ich ihn mal gefragt habe, wie das damals so war bei dem Bullen im Osten, meinte er nur, dass er nicht über die Vergangenheit reden wollte. Ich habe das akzeptiert. Aber Georg Fuchs wird Ihnen da mehr zu sagen können. Das war der erste Partner von Herbert. Soviel ich weiß, hat er dem Georg öfter von seinem Leben in der DDR erzählt.«
Hansen notierte sich den Namen in sein Notizbuch, das in Form und Größe an ein Notenheft erinnerte, wie es Lehrer nutzten. Nur dass sein kleines Büchlein einen schwarzen Einband hatte. »Wissen Sie, wo Georg Fuchs wohnt?«
»Keine Ahnung, so gut kannten wir uns nicht. Er ist in Rente gegangen, kurz nachdem ich bei der WUSA angefangen habe. Am besten fragen Sie mal den Chef.«
»Wissen Sie, wo Neumann früher gelebt hat, bevor er nach Aachen kam?«, fragte Riedmann.
Paulus zog die Stirn kraus. »Ich glaube, er hat mal erwähnt, dass er früher in Dresden gelebt hat. Aber ganz sicher bin ich mir nicht«, antwortete er schließlich.
Hansen klappte sein Notizheft zu. »Vielen Dank, Herr Paulus. Wir haben zunächst einmal keine weiteren Fragen. Sollte Ihnen noch etwas einfallen, können Sie mich jederzeit unter dieser Handynummer erreichen«, meinte Hansen und reichte Paulus seine Visitenkarte, bevor er sich von dem Mann verabschiedete.
Der Wachmann steckte die Karte ein und verließ sichtlich erleichtert das Haus des ermordeten Kollegen. Auch Hansen und Riedmann sahen keinen Grund dafür, dass ihre Anwesenheit am Tatort weiter erforderlich war. Sie gaben noch Laura Decker Bescheid und traten den Rückzug an.
»Wir müssen schnellstens klären, ob Neumann Polizist in Dresden oder einer anderen Stadt war, Stefan. Das könnte eine im Hinblick auf die Polizeimarke, die wir bei dem Toten gefunden haben, wichtige Spur sein«, meinte Hansen, als sie das Haus des Opfers verließen.
»Oder aber eine falsche Fährte«, erwiderte Riedmann.
»Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass es nur ein Zufall war, dass wir die Polizeimarke bei der Leiche gefunden haben? Wir müssen alles über seine Vergangenheit als Polizist zusammentragen, was wir nur finden können. Oder siehst du das anders?« Hansen war angesichts Riedmanns destruktiver Haltung, die er an den Tag legte, leicht genervt. Schlafmangel hin oder her.
»Ist ja schon gut. Du hast ja recht. Ich kümmer mich darum, sobald wir wieder im Präsidium sind«, gab Riedmann versöhnlich zurück.
Just in dem Moment, als die Ermittler auf den Bürgersteig traten, hielt das Auto der beiden Kollegen Markus Beck und Jens Marquardt vor dem Haus.
»Ach nee, der Rest des Teams gibt sich auch noch die Ehre. Ich wollte schon eine Vermisstenanzeige aufgeben«, sagte Hansen.
»Da können wir uns bei Jens bedanken«, erwiderte Beck genervt. »Dank seiner neuesten Bekanntschaft vom Wochenende, durfte ich einmal quer durch die Innenstadt und wieder zurückfahren, um ihn abzuholen, weil seine Karre nicht angesprungen ist. Und das bei den vielen Baustellen«, erklärte der zweifache Familienvater mit vorwurfsvollem Blick in Richtung Marquardt.
»Jetzt, da ihr da seid, könnt ihr euch auch nützlich machen. Hört euch mal bei den Nachbarn in der Straße um. Vielleicht ist ihnen am Wochenende etwas Ungewöhnliches aufgefallen. Außerdem möchte ich, dass ihr herausfindet, was sie über den Toten zu sagen haben. Tragt alles zusammen und erstellt mir bitte ein Profil. Und wir beide fahren dann jetzt gleich zur WUSA«, meinte Hansen an Riedmann gewandt. »Mal sehen, was Neumanns Chef und seine Kollegen uns über den Toten berichten können. Außerdem will ich so schnell wie möglich mit diesem Georg Fuchs reden.«
»Wer fährt?«, wollte Riedmann wissen.
»Hatte ich doch glatt vergessen. Wir sind ja beide mit dem Wagen da. Ich fahre. Auf dem Rückweg kannst du dann dein Auto abholen.«
»Dein Wunsch ist mir Befehl«, witzelte Riedmann.
Kapitel 4
Schon wenige Minuten später erreichten die beiden das Betriebsgelände der WUSA in der Zieglerstraße im Gewerbegebiet Eilendorf Süd. Die Befragung starteten die Ermittler mit dem Chef der Firma, Markus Schmitz, in dessen karg ausgestattetem Büro. Doch der konnte leider nicht viel über seinen Mitarbeiter berichten. Neumann wäre ein korrekter Angestellter gewesen, der seinen Dienst gewissenhaft verrichtete. Privaten Kontakt hatte es zwischen dem Chef und dem Wachmann allerdings so gut wie nie gegeben. Sah man einmal davon ab, dass Neumann im vergangenen Jahr seine Kollegen allesamt zum Beerdigungskaffee anlässlich der Trauerfeier seiner Frau eingeladen hatte. Im Großen und Ganzen deckten sich Schmitz´ Aussagen mit denen von Paulus. Deshalb konnte ihnen Neumanns Chef auch keine Informationen über das soziale Umfeld des Ermordeten geben. Ähnlich verhielt es sich mit der Sekretärin, die ebenfalls nicht viel über den Wachmann erzählen konnte. Da ansonsten kein anderer Mitarbeiter der WUSA anwesend war, war die Befragung schnell beendet. Immerhin verließen die Ermittler die Firma nicht gänzlich mit leeren Händen. Schmitz´ Sekretärin hatte ihnen die Personalakte von Herbert Neumann ausgehändigt und auch Georg Fuchs´ Adresse hatten sie jetzt. Eine kurze Überprüfung ergab, dass die Anschrift in Richterich immer noch gültig war. Unverzüglich machten sich die Kommissare direkt auf den Weg zu Neumanns ehemaligem Partner.
Keine Viertelstunde, nachdem sie das Firmengelände verlassen hatten, standen Hansen und Riedmann vor dem Mietshaus in der Berensberger Straße. Sie klingelten und nach wenigen Augenblicken ertönte der elektrische Türöffner. Als Georg Fuchs seine Wohnungstüre öffnete und sich die beiden Ermittler vorstellten, war er sichtlich irritiert.
»Mordkommission?«, fragte er verdutzt nach. »Was ist denn passiert?«
»Das würden wir Ihnen lieber in der Wohnung erklären und nicht unbedingt hier auf dem Flur«, erwiderte Hansen.
»Sicher. Kommen Sie erst mal rein. Und entschuldigen Sie bitte, wie es bei mir aussieht. Ich bin gerade dabei, die Wohnung zu renovieren.«
Fuchs führte die beiden Ermittler in sein Wohnzimmer, wo absolutes Chaos herrschte. Aber irgendwie schafften es die drei, sich auf das Sofa zu quetschen, das eigentlich nur für zwei gemacht war. Hansen, der in der Mitte saß, wandte sich an Fuchs.
»Der Grund unseres Besuches ist leider wenig erfreulich. Heute Morgen wurde Ihr ehemaliger Kollege Herbert Neumann tot in seinem Haus aufgefunden. Genauer gesagt: Er wurde ermordet!«
»Ermordet?«, echote Georg Fuchs bestürzt. »Das kann doch nicht sein. Wie? Wann?«, stammelte er.
»Vermutlich ist er seit letztem Samstag tot. Zu den Einzelheiten seiner Ermordung möchten wir aus ermittlungstechnischen Gründen keine Angaben machen. Wann haben Sie Herrn Neumann zuletzt gesehen oder gesprochen?«
»Sie denken doch hoffentlich nicht, dass ich etwas mit Herberts Tod zu tun habe, Herr Kommissar?«
»Wir stehen gerade erst am Anfang unserer Ermittlungen. Das ist also zunächst einmal eine reine Routinebefragung«, erwiderte Hansen ruhig. »Wir befragen alle Menschen aus dem direkten Umfeld des Ermordeten. Und Sie wurden uns als einer der engsten Vertrauten von Herbert Neumann genannt. Also, wann haben Sie ihn das letzte Mal gesehen?«
»Ich verstehe. Wobei das mit dem engen Vertrauten mehr als übertrieben ist. Ich habe Herbert schon länger nicht mehr gesehen, das letzte Mal auf der Beerdigung seiner Frau. Und dann haben wir vielleicht noch ein- oder zweimal telefoniert. Seit ich Frühpensionär bin, hatten wir kaum Kontakt.«
»Was für ein Mensch war er?«
Georg Fuchs überlegte nur einen kurzen Moment, bevor er antwortete. »Ganz am Anfang war Herbert echt in Ordnung. Wir haben uns gut verstanden, nicht nur beruflich, sondern auch privat. Aber das war nur der erste Eindruck. Je länger wir uns kannten, desto mehr habe ich meine Meinung diesbezüglich geändert.«
»Und was heißt das konkret?«, bohrte Hansen nach.
»Um ehrlich zu sein, war er ein Arschloch. Ein riesengroßes Arschloch!«
Die Vehemenz der Antwort und der Wortwahl irritierte die beiden Ermittler, die einen kurzen Blick austauschten.
»Können Sie uns das etwas genauer erklären?«, bat der Hauptkommissar.
»Es war ein schleichender Prozess. Es ist ihm wirklich lange gelungen, seine Fassade aufrechtzuerhalten. Aber nach und nach ist die dann gebröckelt. Herbert war ein absoluter Pflichtfanatiker. Er hatte immer etwas an mir zu nörgeln, was meine Arbeitsdisziplin anging. Ich glaube, er kam nicht damit klar, dass er nach der Wende in einem demokratischen Rechtsstaat leben musste. Er hat wohl schon kurz nach dem Mauerfall seinen Job bei der Polizei drüben verloren. Irgendwas muss da vorgefallen sein. Aber bevor Sie nachfragen, ich weiß nicht, was das gewesen sein könnte. Nur eins war klar, er hatte definitiv ein Problem mit der politischen Neuorientierung. Die Uhren im Westen gingen halt ein bisschen anders als im Osten. Gegen Zucht und Ordnung ist ja nichts einzuwenden. Aber er war ein regelrechter Fanatiker, wenn Sie mich fragen.«
»Das klingt interessant. Was kann ich mir genau darunter vorstellen?«, wollte Hansen wissen.
»Gefühlt jeder zweite Satz begann damit, dass sie in der DDR ja alles ganz anders gemacht haben und dass damals ja sowieso alles viel besser war. Es gab keine Arbeitslosigkeit, die Kindererziehung war spitze, die Kriminalitätsrate war niedriger als hier im Westen. Und mit Verbrechern ginge man ja in der BRD ohnehin viel zu lasch um. Lauter solches Zeug!« Fuchs machte eine wegwerfende Handbewegung. »Irgendwann ist mir mal der Kragen geplatzt, und ich bin mit ihm aneinandergerasselt. Hab meinen Chef anschließend darum gebeten, mit einem anderen Partner auf Schicht gehen zu dürfen. Und das, obwohl ich nicht mehr lange hatte bis zur Rente. Es ging einfach nicht mehr«, erklärte Fuchs fast schon entschuldigend.
»Wie haben Sie diesen Wunsch begründet?« Diesmal hakte Riedmann nach.
»Es ist nicht ungewöhnlich, dass die Partner hin und wieder getauscht werden. Außerdem habe ich ihm nicht erzählt, was der Grund für meinen Wunsch war. Solange die Arbeit gut erledigt wird, stellt der Chef keine Fragen!«
»Und so wurde Kai Paulus der neue Partner von Herbert Neumann. Komisch nur, dass weder Paulus noch Ihr ehemaliger Chef uns etwas von diesen Besonderheiten Ihres Kollegen erzählt haben«, wunderte sich Hansen.
»Das überrascht mich nicht im Geringsten. Herbert war ja nicht dumm. Ihm war klar, dass er es sich nicht erlauben konnte, auch noch mit Kai anzuecken. Und im Gegensatz zu mir hätte Kai dem Chef sicherlich die wahren Gründe für einen Streit genannt. Außerdem hatte ich Neumann klar zu verstehen gegeben, dass er seine Klappe halten sollte, wenn er seinen Job behalten wollte. Offensichtlich hatte er seine Lektion gelernt«, meinte der ehemalige WUSA-Angestellte.
»Können Sie uns etwas über das Privatleben von Herrn Neumann erzählen?«
»Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt eins hatte. Selbst in der Anfangszeit, als wir uns noch gut verstanden haben, lebte er ziemlich zurückgezogen mit seiner Frau. Ich war nur zwei- oder dreimal bei ihm zu Hause. Nachdem sie letztes Jahr gestorben ist, hat er sich noch mehr eingeigelt. Freunde hatte er unter den Kollegen jedenfalls nicht.«
»Und Feinde?«, fragte Riedmann.
Georg Fuchs schüttelte den Kopf. »Nicht dass ich wüsste. Aber er war ein schwieriger Zeitgenosse. Würde mich also nicht sonderlich überraschen, wenn er Feinde hatte.«
Hansen dachte über die nächste Frage nach. »Hatte Herbert Neumann Kinder?«, wollte er schließlich wissen.
»Glücklicherweise nicht. Er hasste Kinder. Er hat sich immer sehr abfällig über sie geäußert. Sie kosteten nur Zeit und Geld, hat er einmal gesagt. Da war er bei mir natürlich an der richtigen Stelle. Meine Frau und ich haben zwei Kinder und mittlerweile sind wir stolze Großeltern eines kleinen Jungen!«, sagte der Mann mit einem Lächeln.
»Dann haben wir für den Moment keine weiteren Fragen. Sollte noch einmal Redebedarf bestehen, wissen wir ja, wo wir Sie finden können. Viel Spaß bei den Renovierungsarbeiten«, meinte Hansen und reichte Fuchs zum Abschied die Hand.
»Ich hoffe, dass Sie den Mörder schnappen. Herbert war zwar sicherlich nicht der liebenswerteste Mensch auf Erden, aber einen gewaltsamen Tod hatte er ganz bestimmt nicht verdient.« Georg Fuchs begleitete die beiden Ermittler zur Wohnungstür und verabschiedete sich dann.
»Was sollte denn die Frage nach den Kindern?«, erkundigte sich Riedmann, als sie die Treppe zum Ausgang hinabstiegen.
»Weil wir schon am Tatort festgestellt haben, dass zu solch einer Tat nur jemand fähig ist, der entweder tiefen Hass empfindet, oder aber einfach nur Spaß am sadistischen Töten hat.«
»Ja und?« Riedmann runzelte die Stirn.
»Herbert Neumann war ein schwieriger Mensch, wie wir gerade erfahren haben. Es wäre ja denkbar gewesen, dass sich zum Beispiel sein Sohn auf diese Weise von dem tyrannischen Vater befreit hat. Aber diese Möglichkeit scheidet jetzt aus.«
Kapitel 5
Später im Büro begann Riedmann sofort damit, ein paar allgemeine Informationen über die Polizei der DDR zusammenzutragen. Er wollte vor allem verstehen, welche Strukturen innerhalb der Polizeibehörden geherrscht haben und in welche Aufgabenbereiche die einzelnen Abteilungen aufgeteilt gewesen waren. Darüber wusste er so gut wie gar nichts. Es überraschte ihn zu sehen, dass gewisse Sektionen der DDR-Polizei im Grunde direkt dem politischen Staatsorgan der SED untergeordnet waren. Riedmann hatte diesbezüglich eine sehr aufschlussreiche Dissertation im Netz gefunden. K1, wie auf Neumanns Polizeimarke zu lesen war, war die politische Polizei der DDR, genauer gesagt des Ministeriums des Innern, MdI. Neben der allgemeinen Arbeitsgebiete, wie dem Vorgehen gegen organisierte Wirtschaftskriminalität oder Straftaten gegen Leben und Gesundheit, zeichnete sich die Abteilung vor allem durch ein Arbeitsgebiet aus: Ermittlungen mit geheimdienstlichen Mitteln gegen potenzielle Staatsfeinde der DDR! Da Georg Fuchs ausgesagt hatte, dass Neumann vor der Wende in Dresden gewohnt hatte, wollte er hier ansetzen und die Dresdner Kollegen um Amtshilfe bitten. Er konnte nur hoffen, dass es überhaupt noch Unterlagen aus der Zeit bis 1989 gab.
Kapitel 6
Hansen wollte gerade einen Blick in die Kopie von Neumanns Personalakte werfen, die ihnen der Chef der WUSA ausgehändigt hatte, als es an der Tür klopfte. Laura Decker reckte ihren Kopf ins Zimmer.
»Was kann ich für dich tun?«
»Die Frage sollte eher lauten, was ich für dich tun kann, Karl?«, erwiderte sie keck, trat ein und nahm auf einem der beiden unbequemen Plastikstühlen vor Hansens Schreibtisch Platz. »Ich wollte dich an meinem profunden Wissen hinsichtlich des Tatortes in Herbert Neumanns Haus teilhaben lassen.«
»Na dann schieß mal los«, erwiderte er und lehnte sich in seinen Stuhl zurück.
»Der Täter muss Handschuhe getragen haben. Wir haben im gesamten Haus nur Fingerabdrücke vom Hausbesitzer selbst gefunden. Wir haben sowohl in der Küche als auch im Wohnzimmer Faserspuren sicherstellen können, die wir natürlich noch auswerten müssen. Am Hals, genauer gesagt an den Wundrändern der Strangulationsmale, haben wir ebenfalls Fasern sichergestellt. Ich vermute, dass es sich bei dem Seil, das verwendet wurde, um handelsübliche Massenware aus dem Baumarkt handelt. Der Abgleich mit der Datenbank läuft aber noch. Die Brandwunden, die wir auf dem Körper des Opfers gefunden haben, wurden dem Mann definitiv mit Zigaretten zugefügt. Wir haben Aschereste an der Leiche und im Bereich rund um den Stuhl sicherstellen können. Leider war der Mörder clever genug, die Zigarettenstummel einzustecken. Sonst hätten wir ein wunderbares Genprofil gehabt. Aber da wir diverse Hautschuppen an der Kleidung des Opfers gefunden haben, die vom Täter stammen könnten, bin ich zuversichtlich, dass wir da bald einen Schritt weiter sein werden.«
»Das hört sich schon einmal vielversprechend an.« »Außerdem haben wir ein paar Haare am Opfer sicherstellen können. Wir gehen davon aus, dass sie zum Täter gehören, da sie nicht zu Herbert Neumann passen. Demnach hatte unser Mörder kurzes schwarzes Haar. Aber da sie keine Wurzeln hatten, wird uns das im Moment nicht weiterbringen.«
»Habt ihr das Handy des Toten im Haus gefunden?«
»Haben wir. Ist bereits zur Auswertung im Labor. Ich habe auch schon eine Anfrage gestartet, ob ein anderes Handy am Wochenende am Tatort eingeloggt war.«
»Gibt es irgendeinen Hinweis darauf, ob bei dem Einbruch Wertgegenstände entwendet wurden? Vielleicht wurde Neumann ja gefoltert, weil er das Versteck für seinen Schmuck, sein Bargeld oder was auch immer nicht preisgeben wollte«, meinte Hansen.
»Da muss ich dich leider enttäuschen. Die Klunker seiner verstorbenen Ehefrau lagen unberührt in einem Kästchen. Es sah nicht so aus, als ob sich da jemand zu schaffen gemacht hat. Außerdem haben wir in einem Möbeltresor im Schlafzimmer ein paar Goldmünzen gefunden. Die hätte der Mörder wohl kaum dagelassen, wenn es ihm um Wertgegenstände gegangen wäre«, erklärte die KTU-Chefin.
»Nein, wohl kaum. Wie ist der Täter eigentlich in das Haus gelangt? Habt ihr Einbruchsspuren gefunden?«
»Ich kann dir mit Sicherheit sagen, dass er die Terrassentür aufgebrochen hat. Allerdings sind auch in diesem Fall unsere Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. Mehr dazu dann später. Und sobald mir die Ergebnisse der Auswertungen der Fasern, Hautpartikel und Handydaten vorliegen, melde ich mich bei dir«, erklärte die KTU-Chefin und kaum, dass sie zu Ende gesprochen hatte, war sie auch schon wieder verschwunden.
Der Hauptkommissar widmete sich Neumanns Personalakte. Viel gab es da nicht zu lesen. Gerade, als er sie schließen wollte, weil keine neuen Erkenntnisse daraus zu gewinnen waren, klopfte es. Die Kollegen Beck und Marquardt hatten ihre Befragung von Neumanns Nachbarn beendet und wollten Bericht erstatten.
»Besonders ergiebig waren unsere Nachforschungen nicht gerade«, begann Marquardt, der normalerweise eher seinem Kollegen das Wort überließ. Offenbar hatte er wegen der Verspätung am Tatort heute Morgen ein schlechtes Gewissen, dachte Hansen. »Die Nachbarn meinten, dass Neumann ein komischer Kauz war. Irgendwie immer mies gelaunt. Er schlug regelmäßig Einladungen aus, und wenn er ausnahmsweise einmal auf einen Geburtstag ging, war er sehr wortkarg. Seit dem Tod seiner Frau war das alles noch schlimmer geworden. Sonja Neumann war laut übereinstimmenden Aussagen aller Nachbarn überhaupt der Grund, warum die Neumanns so etwas wie ein nachbarschaftliches Verhältnis hatten. Sie war wohl das genaue Gegenteil von ihrem Mann. Wahrscheinlich hätte seine Leiche noch einige Zeit unbemerkt im Haus gelegen, wenn Paulus ihn nicht zur Arbeit hätte abholen wollen. Jedenfalls konnten uns die Nachbarn nicht wirklich viel über den Mann erzählen. Allerdings haben wir mehrfach zu hören bekommen, dass er sich Kindern gegenüber nicht besonders einfühlsam gezeigt hatte. Das hat wohl auch immer mal wieder zu kleineren Streitigkeiten geführt, weil er zum Beispiel strikt die Einhaltung der Ruhezeit einforderte«, erklärte der Ermittler, löste das Gummi, mit dem seine schulterlangen Haare zusammengebunden waren, und band sie erneut zu seinem Zopf zusammen.
»Das dürfte wohl kaum als Motiv für die Tat ausreichen«, unterbrach Hansen Marquardts Ausführungen. »Aber das passt zu der Aussage des ehemaligen Kollegen Georg Fuchs, der uns auch erzählt hat, dass unser Opfer kein Kinderfreund gewesen sein soll.«
»Niemand aus der Nachbarschaft konnte sich vorstellen, wer ein Motiv haben könnte, Neumann zu ermorden, obwohl er ganz offensichtlich nicht sonderlich beliebt war«, ergänzte Beck abschließend.
»Und doch hat es jemand getan«, erwiderte Hansen genau in dem Moment, als Riedmann ins Büro stürmte.
»Die Kollegen aus Dresden konnten mir nicht weiterhelfen. Sie haben keine Akten mehr aus der Zeit vor der Wende. Allerdings haben sie mir den Tipp gegeben, mich einmal an die Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen zu wenden. Die BStU könnte noch Akten von Herbert Neumann haben«, meinte Hansens Partner.
»Dann weißt du ja, was du zu tun hast, Stefan«, sagte der Hauptkommissar nur. »Und wir drei durchleuchten mal intensiv das Umfeld des Toten. Finanzen, Familie, einfach alles, was uns hilft, uns ein Bild von dem Toten zu machen. Nach allem, was wir bisher wissen, fürchte ich, dass die Aufklärung der Todesumstände eine harte Nuss werden könnte.«
Kapitel 7
Dienstag, 19. September 2017
Hansens erster Weg an diesem Dienstagmorgen führte ihn geradewegs in das Büro seines Vorgesetzten, Kriminalrat Hellhausen. Der Leiter der Mordkommission wollte seinen Chef auf den neuesten Stand der Dinge bringen. Hellhausen erwartete Hansen bereits.
»Guten Morgen, Karl. Setz dich doch bitte.«
Hansen erwiderte den Gruß und nahm auf dem Besucherstuhl, der direkt vor Hellhausens Schreibtisch stand, Platz. »Ich wollte dir berichten, was wir bisher im Fall Neumann herausgefunden haben. Auch wenn das zugegebenermaßen nicht allzu viel ist. Das Opfer wurde nach unserem bisherigen Ermittlungsstand am Samstag zunächst gefoltert und später erdrosselt. Letzteres lässt vermuten, dass es sich bei dem Mörder um einen Mann handelt, da für diese Tötungsart statistisch eher ein männlicher Täter in Betracht kommt. Allerdings haben wir dafür noch keinen Beweis.«
»Gibt es brauchbare Zeugen?«
»Leider nein. Überhaupt niemand. Wenn Neumanns Kollege nicht so hartnäckig gewesen wäre, hätte man den Mann wahrscheinlich bisher noch nicht einmal gefunden. Er lebte seit dem Tod seiner Frau alleine und sehr zurückgezogen. Neumann galt sowohl bei den Nachbarn als auch bei seinen Kollegen als Einzelgänger ohne Freunde und ohne Feinde, wie die Befragten sagen.«
»Weder Freund noch Feind, hm«, dachte Hellhausen laut nach.
»Dann haben wir noch eine ganz interessante Spur. Neumann war offensichtlich mal ein Kollege von uns, Polizist. In der DDR. Wir haben am Tatort seine Dienstmarke gefunden. Sofern es sich bei der Marke um keine Fälschung handelt, arbeitete Neumann in Dresden für das K1. Das Dezernat war bekannt für delikate Einsatzgebiete, wie wir mittlerweile wissen. Republikflüchtlinge, politische Gegner und so weiter. Vielleicht ein Rachedelikt mit Bezug zu seiner DDR-Vergangenheit? Auf jeden Fall war bei der Ermordung des Mannes eine Menge Hass im Spiel«, fasste Hansen zusammen.
»Ein Motiv, das so weit zurückreichen könnte? Interessanter Ansatz. Wie wollt ihr weiter vorgehen?«
»Da uns die Kollegen in Dresden keine Akten von Herbert Neumann zur Verfügung stellen konnten, hat Stefan Kontakt zur Behörde des Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen aufgenommen.«
»Da bin ich ja mal gespannt, ob der Mann in den Dokumenten auftaucht. Schließlich hat man kurz nach der Wende versucht, alles, was die DDR in schlechtem Licht dastehen lassen konnte, zu vernichten«, stellte der Kriminalrat fest.
»Wir werden sehen. Man bekommt langsam das Gefühl, dass sich Aachen zum Paradies für Mörder entwickelt. So viele Tötungsdelikte in letzter Zeit«, sagte Hansen und ließ einen Seufzer folgen.
»Das wollen wir doch nicht hoffen, Karl. Wenn du mich jetzt entschuldigen würdest. Ich habe gleich einen Termin.«
»Ein galanter Rausschmiss«, erwiderte er mit einem schiefen Grinsen und verließ das Büro des Kriminalrates. Auf dem Weg in sein Büro traf der Hauptkommissar auf seinen Kollegen Riedmann.
»Gibt es schon was Neues?«, fragte Hansen beiläufig.
»Nihil novi sub sole, leider nein«, antwortete sein Partner. »Bei dir?«
»Ebenfalls Fehlanzeige, du alter Lateiner! Ich war gerade bei Cäsar, äh Hellhausen, und habe ihm erzählt, was wir bislang herausgefunden haben.«
»Das wird ja ein kurzes Gespräch gewesen sein«, scherzte Riedmann.
»War es auch. Lass mich wissen, wenn dir die Informationen von der BStU vorliegen.« Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte sich Hansen um und ging zu seinem Büro. Noch bevor er die Tür öffnete, machte er kehrt in Richtung Kantine. Er hatte jetzt Lust auf einen Kaffee. Dort gab es wenigstens einen frisch aufgesetzten. Die Brühe aus dem Automaten mochte er gar nicht und trank sie nur, wenn er keine Zeit hatte, extra in die Kantine zu laufen. Wieder im Büro beschloss er, erst einmal im Internet die neusten Zeitungsartikel zur Ermordung von Herbert Neumann zu studieren. Dabei stellte er zufrieden fest, dass die Reporter mehr oder weniger die offizielle Version der Polizeipressestelle übernommen hatten, und zwar ohne weitere Spekulationen anzustellen. Schließlich begann er, seinen Tagesbericht vom Vortag zu schreiben. Er hasste diesen Teil seiner Arbeit. Hansen fasste die Ereignisse des Vortages anhand der Notizen, die er gemacht hatte, zusammen und listete die Namen und Adressen der Zeugen auf, die er gemeinsam mit Riedmann befragt hatte. Als er mit dem Bericht fertig war, fiel ihm ein, dass er umgehend noch etwas mit Laura Decker klären musste. Hansen wählte ihre Nummer und hatte die Kollegin direkt am Telefon.
»Hallo, Laura. Mir ist da etwas eingefallen, als ich den Tagesbericht geschrieben habe«, sagte Hansen.
»Ist das also doch für was gut?«, fragte Decker gewohnt flapsig zurück.
»Seid ihr euch eigentlich wirklich sicher, dass der Täter das Haus durch die Terrassentür in der Küche betreten hat? Wäre es nicht möglich, dass Neumann seinen Mörder selbst ins Haus gelassen hat? Soweit ich mich erinnere, war die Tür doch durch ein Sicherheitsschloss gesichert. Und eine Alarmanlage gab es auch.«
»Gut beobachtet, Karl. Aber wir haben keine Zweifel daran, dass sich der Täter mit einem speziellen Werkzeug, wie es auch Schlüsseldienste verwenden, Zutritt verschafft hat. Aber um das vorwegzunehmen, solche Tools, sogenannte Lock Pick Guns, kann sich heute jedes Kind im Internet bestellen. Ich befürchte, dass uns die Suche nach der Herkunft dieses Werkzeuges nicht sonderlich weiterbringt. Trotzdem sollten wir es natürlich versuchen. Das steht übrigens auch in meinem Bericht, den ich dir eben gemailt habe«, erklärte die KTU-Chefin.
»Den habe ich noch nicht gelesen. Ich war bis gerade mit meinem eigenen Bericht beschäftigt. Und was ist mit der Alarmanlage? War sie ausgeschaltet?«
»Das ist in der Tat eine gute Frage. Ich habe dazu bereits einen Bekannten von der RWTH konsultiert und er kam zu dem Schluss, dass die Anlage zwar eingeschaltet war, sie aber manipuliert wurde.«
»So etwas geht?«
»Wenn du das entsprechende Wissen hast, ja. Bei der Alarmanlage in Neumanns Haus handelt es sich um ein veraltetes System. Mein Bekannter vermutet, dass der Täter einen Störsender verwendet hat. Jammer nennt man die auch in Fachkreisen. Ebenfalls sehr beliebt bei Autodieben, die es auf Luxusautos abgesehen haben. Jedenfalls müssen wir uns das so vorstellen, dass mit einem solchen Gerät die Funkschärfungs- und Unschärfungsbefehle der Funkhandsender der Alarmanlage aufgezeichnet werden. Der Täter muss dieses Signal also irgendwann einmal aufgenommen haben, und zwar in dem Moment, als Neumann die Anlage mittels seiner Fernbedienung aktiviert hat. Der übermittelte Code ist nämlich immer derselbe. Vor dem Einbruch wird die Aufnahme mit dem Jammer abgespielt und schon ist das Sicherheitssystem abgeschaltet. Neue Anlagen verwenden verschiedene Codes. Beim Abspielen der aufgezeichneten Aufnahme stellt das System fest, dass der Code schon einmal verwendet wurde, und löst den Alarm aus. Was bei Neumann nicht der Fall war, weil die Anlage veraltet ist.«
»Also verfügt Neumanns Mörder über ein gewisses Maß an technischem Verständnis und weiß dieses auch anzuwenden«, stellte Hansen fest. »Diese Jammer sind wahrscheinlich der Verkaufsschlager im Internet beziehungsweise Darknet, oder?«
»So ungefähr. Dennoch könnte man da mal ansetzen und Firmen aufsuchen, die Sicherheitstechnik verkaufen. Sie besitzen zu Demonstrationszwecken auf jeden Fall solche Geräte. Diese Spur ist aus meiner Sicht vielversprechender als die Suche nach der Herkunft der verwendeten Lock Pick Gun zum Öffnen der Terrassentür. Das könnt ihr ja übernehmen. Wir versuchen bereits, von den Internetanbietern des Jammers eine Auflistung aller Käufer zu bekommen. Sie sind nicht gerade erpicht darauf, uns zu helfen«, meinte Decker.
»Das ist doch schon mal ein vielversprechender Anfang. Vielen Dank, Laura.«
»Adieda, Karl.«
»Bis bald«, erwiderte er und legte auf.
Kapitel 8
Hansen hatte den Telefonhörer noch nicht ganz aufgelegt, als es an der Tür klopfte und die Kollegen Beck, Marquardt und Riedmann das Büro betraten.
»Wir haben wie gewünscht den Backgroundcheck von Neumann gemacht. Damit ich nicht alles zweimal erzählen muss, haben wir Stefan gebeten dazuzukommen«, erklärte Beck.
»Also gut, setzt euch. Dann lass mal hören, Markus«, erwiderte Hansen.
»Ich hoffe, du hast dir davon nicht zu viel versprochen. Wir haben nämlich nichts Auffälliges gefunden, wenn ich das vorwegnehmen darf. Aber der Reihe nach. Neumann hatte keine Schulden. Im Gegenteil, er hatte knapp zwanzigtausend Euro auf dem Sparbuch. Verdächtige Ein- oder Auszahlungen gab es keine. Darüber hinaus besaß er eine kleine Münzsammlung. Ein paar Gold- und Silbermünzen. Wenn wir die aktuellen Kurswerte zugrunde legen, hatte die Sammlung einen Wert von knapp fünftausend Euro. Ansonsten hatte er keine Hobbys. Neumann ging auch nicht großartig aus. Hin und wieder ist er allerdings zum Fußball gegangen. Wir haben ein paar Eintrittskarten vom Tivoli gefunden. Alles Spiele der Alemannia gegen Clubs aus dem Osten der Republik. Aber auch das ist schon eine Weile her, so lange wie die Kartoffelkäfer bereits in der vierten Liga spielen«, erklärte Beck, und als bekennender Alemannia-Fan klang ein wenig Wehmut in seiner Stimme. »Der Mann lebte ein durch und durch normales, langweiliges Leben hier in Aachen.«
»Wann ist er eigentlich von Dresden hierher gezogen?, wollte Hansen wissen.
»Er lebte mit seiner Frau seit Anfang 1991 in Aachen. Hatte Verwandtschaft hier. Die Cousine des Verstorbenen, eine Frau Lentzen, wohnt in Richterich. Wir haben bereits mit ihr gesprochen. Sie hatte in den letzten Jahren keinen Kontakt mehr zu ihm. Deshalb konnte oder wollte sie uns nicht viel über ihren Cousin erzählen. Allerdings hat sie erwähnt, dass Neumann ihrer Meinung nach nie richtig hier angekommen ist. Er hat immer gegen die Politik gewettert und ein Loblied auf die DDR gesungen. Das war auch einer der Gründe, warum sie sich entzweit haben. Es soll noch Verwandte in der Nähe von Dresden geben. Die Namen und Adressen haben wir. Darum kümmern wir uns später«, meinte Beck.
»Unser Opfer scheint wirklich ein durch und durch unsympathischer Zeitgenosse gewesen zu sein. Wenn nicht mal die eigene Verwandtschaft mit ihm zu tun haben wollte«, fasste Hansen zusammen.
»Nach allem, was wir wissen, ist es nicht sehr unwahrscheinlich, dass sich der Mann Feinde gemacht hat«, stellte Riedmann fest.
»Das denke ich ebenso. Wir müssen nur tief genug graben, dann werden wir diese Person auch finden. Markus und Jens, ich möchte, dass ihr die Anbieter für Sicherheitstechnik überprüft. Laura hat mich eben angerufen und mir von einem Gerät erzählt, mit dem Neumanns Mörder die Alarmanlage überlistet hat. Man nennt sie Jammer. Wir müssen herausfinden, welche Firmen hier im Umfeld über solche Geräte verfügen oder sie sogar verkauft haben in letzter Zeit.«
»Was bitteschön ist ein Jammer?«, hakte Marquardt nach.
»Falls du das genau wissen möchtest, lass es dir von Laura erklären. Mir war das auch zu technisch. Sie wird sich freuen, wenn sie ihr Know-how teilen kann«, erklärte Hansen. »Dann machen wir besser einen Abstecher in die KTU, bevor wir losfahren«, entgegnete Marquardt und gab Beck ein Zeichen, dass er sofort loswollte.
Hansen ahnte, dass es dem Kollegen mehr darum ging, Decker zu besuchen, als sich die Arbeitsweise des Jammers erklären zu lassen. Es war offensichtlich, dass er ein Auge auf die neue Kollegin geworfen hatte. Aber Hansen hatte ja selbst den Vorschlag gemacht. Außerdem wusste Decker sehr gut mit Marquardts Avancen umzugehen. Auch Riedmann folgte den beiden Kollegen zunächst auf den Flur. Doch kaum, dass er Hansens Büro verlassen hatte, kam er schon wieder zurück.
»Die Unterlagen der BStU sind gerade per Eilkurier angekommen«, berichtete er seinem Chef. »Das sind aber laut Inventarliste nicht nur die von Herbert Neumann. Man hat uns auch diverse andere Akten vom K1 geschickt, damit wir uns ein besseres Gesamtbild machen können.«
»Das nenne ich mal unbürokratische und schnelle Hilfe«, entgegnete Hansen.
»Allerdings. Wir haben einige kopierte Akten erhalten und eine DVD hat man uns auch mitgeschickt. Darauf sind die bereits digitalisierten Daten enthalten«, antwortete Riedmann.
»Dann sollten wir keine Zeit verlieren und sofort loslegen. Das ist unsere heißeste Spur.«
Kapitel 9
Einige Stunden später hatten Hansen und Riedmann erst einmal die Nase gestrichen voll von der Aktendurchsicht. Die Unterlagen reichten zurück bis in die siebziger Jahre und waren mit größter Akribie geführt. Die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit war also ganz offensichtlich auch eine der wenigen Tugenden, die Ost- und Westdeutschland gemeinsam hatten. Das Aufgabengebiet des K1 der Volkspolizei war viel umfangreicher, als Hansen gedacht hatte. Zwar hatte Riedmann bereits vorab ein kurzes Dossier dazu erstellt. Aber was sich jetzt zeigte, war, dass Neumann und seine Abteilung fast überall ihre Finger im Spiel gehabt hatten, wenn es um Straftaten in und um Dresden herum ging. Es gab ganz offenbar keine klassische Trennung der Zuständigkeitsbereiche, so wie Hansen das aus den alten Bundesländern kannte. Bis zum Mittag hatten die beiden Ermittler gerade einmal gut die Hälfte des vorliegenden Aktenmaterials gesichtet. Das Schlimmste daran war, dass sie trotzdem bisher keinen Schritt weitergekommen waren. Weder Hansen noch Riedmann hatten verwertbare Hinweise auf ein mögliches Rachemotiv gefunden. Gegen dreizehn Uhr dreißig beschlossen die beiden Ermittler, eine Pause einzulegen und in die Kantine zu gehen. Riedmann bestellte den Kantinenklassiker Fritten mit Currywurst und trank dazu ein Glas Cola. Hansen orderte das Tagesmenü Spaghetti Bolognese und genehmigte sich ein alkoholfreies Bier. Beide Ermittler aßen schweigend. Sie wirkten angespannt und müde. Nachdem Hansen sein Essen beendet hatte, Riedmann war wie üblich schon längst fertig, widmeten sie sich wieder ihren Akten. Der Hauptkommissar schätzte, dass sie damit noch bis zum Mittag des nächsten Tages beschäftigt sein würden. Und mit der Überprüfung der DVD hatten sie bis dato nicht einmal angefangen. Der Gedanke daran ließ Hansen laut aufseufzen. Immerhin hatten sie anhand der vorliegenden Akten bis zum Nachmittag eine Namensliste ehemaliger Kollegen von Neumann aus der Zeit vor dem Mauerfall zusammengestellt. Riedmann schickte die Liste per Mail an die Ermittler in Dresden, mit der Bitte herauszufinden, wer von den aufgeführten Personen noch lebte. Hansen zog in Erwägung, auch diese Leute zu Neumanns Vergangenheit zu befragen, wenn sie mit den Ermittlungen in Aachen nicht weiterkamen. Außerdem wollten sie diese Namen später noch mit den Kontaktdaten aus dem Handy des ermordeten Mannes vergleichen. Die Auswertung des Handys war mittlerweile ergebnislos beendet, wie Laura Decker Hansen zwischenzeitlich mitgeteilt hatte. Bis auf die Telefonnummern seines Arbeitgebers, einiger Kollegen, seines Hausarztes und zweier Personen, von denen man noch nicht wusste, in welchem Verhältnis sie zum Opfer standen, waren keine Nummern gespeichert oder in den Anruflisten. Aber wenigstens war jetzt klar, mit wem das Mordopfer in Kontakt gestanden hatte. In einer zweiten Liste wollten die Ermittler die Personen erfassen, die ein Motiv für späte Rache gehabt haben könnten. Aber wie schon vor der Mittagspause zeichnete sich im weiteren Verlauf der Recherchen ab, dass hierfür kaum jemand infrage kam. Bis zum späten Abend hatten sie gerade einmal zwei Namen in die Liste »potenzielle Tatverdächtige« aufgenommen. Bei beiden Männern handelte es sich um jeweils des Mordes überführte Täter, die laut psychologischem Gutachten ein immenses Gewaltpotenzial besaßen. Aber diese Überprüfung wollten sie auf den morgigen Tag verschieben. Müde und kaum noch fähig, sich nach stundenlangem Lesen der Akten zu konzentrieren, beendeten Hansen und Riedmann gegen neunzehn Uhr ihre Arbeit und machten Feierabend.
Kapitel 10
Mittwoch, 20. September 2017
Der neue Ermittlungstag begann mit einer Frühbesprechung. Neben Hansen hatten sich Riedmann, Beck und Marquardt im Besprechungsraum eingefunden. Auch Laura Decker nahm teil.
»Wer möchte anfangen?«, fragte der Leiter der Mordkommission in die Runde.
»Wenn es den Herren recht ist, würde ich das gerne tun«, ergriff die Leiterin der KTU sogleich das Wort. Sie trug sehr zu Hansens Freude ein Led Zeppelin T-Shirt, auch er mochte die Musik der Altrocker. »Ich habe nämlich nicht viel Zeit«, schob sie hinterher.
»Ich mag Frauen, die die Initiative ergreifen«, meinte Marquardt, der sich geradewegs einen tadelnden Blick seines Chefs einfing.
»Och herm, Jens. Mir war nicht klar, dass du es so nötig hast. Aber na ja. Lassen wir das. Ich fasse mich kurz. Wir konnten kein weiteres Handy lokalisieren, das zum vermuteten Tatzeitpunkt im Haus oder der unmittelbaren Nähe eingeloggt war. Sieht man einmal von den direkten Nachbarn ab. Der Täter hatte entweder kein Handy dabei oder es war nicht eingeschaltet. Die Fasern des Verdächtigen, die wir am Tatort sichergestellt haben, bringen uns wie befürchtet nicht weiter. Sie stammen von kaufhausüblicher Massenware, nicht rückverfolgbar. Und unsere Internetrecherche bezüglich dieses Störungsgerätes, das man zum Ausschalten der Alarmanlage braucht, stockt ein wenig. Die Verkäufer im Internet sind nicht gerade auskunftsfreudig. Allerdings gibt es auch eine gute Nachricht. Und hier muss ich zu meiner Schande gestehen, dass ich das gestern im Eifer des Gefechts vergessen habe zu erwähnen. Mein Team konnte im Garten einen Schuhabdruck sicherstellen, den wir dem Täter zuordnen, da er vom Haus wegführte. Schuhgröße fünfundvierzig. Das Opfer hatte zweiundvierzig. Dem Profil des Abdrucks nach zu urteilen, trug der Täter Turnschuhe. Es handelt sich um einen Sneakerschuh der Marke Adidas, Modell Samba. Und genau da liegt das Problem. Es ist das meistverkaufte Modell. Eine Freundin von mir arbeitet in einem hiesigen Geschäft für Sportartikel. Ich habe sie gebeten zu überprüfen, wie oft der Schuh dieses Jahr bei ihnen im Laden verkauft wurde.«
»Und?«, wollte Hansen wissen.
»Alleine in diesem Geschäft seit Jahresbeginn über dreihundert Mal! Die Spur brauchen wir nicht weiter verfolgen.«
»Immerhin haben wir jetzt mehr oder weniger Gewissheit, dass es sich bei dem Mörder um einen Mann handelt«, meinte Hansen.
»Damit liegst du zwar richtig, allerdings hätte ich das jetzt nicht unbedingt an dem Fußabdruck festmachen wollen. Aber einen Trumpf habe ich mir noch bis zum Schluss aufbewahrt, der auch dieses Rätsel löst. Die Auswertung der Hautpartikel, die wir an der Leiche von Herbert Neumann sichergestellt haben und eindeutig nicht vom Opfer selbst stammen, liegt vor. Und demnach ist diese Person männlich.«
»Gute Arbeit, Laura«, sagte der Chefermittler anerkennend. »Danke. Ich muss dann auch wieder los. Solltet ihr noch irgendwelche Fragen haben, habt ihr ja meine Nummer. Tschüss«, sagte sie und machte sich auf den Weg.
»Wie weit seid ihr gestern noch mit der Überprüfung hinsichtlich des Jammers gekommen, Markus?«, wollte Hansen nun von Beck wissen.
»Wir haben nur zwei Firmen geschafft. Beide verfügten über ein derartiges Gerät, das sie uns auch bereitwillig vorgeführt haben. War ganz interessant. Und zugleich erschreckend zu sehen, wie leicht man eine Alarmanlage damit übertölpeln kann. Die Mitarbeiter konnten uns alle ein Alibi nennen. Wir haben das bereits überprüft. Die Firmeninhaber haben uns versichert, dass sie dieses Werkzeug nicht an Privatpersonen verkaufen würden. Wir machen heute mit unserer Überprüfung in Aachen und Umgebung weiter«, erklärte er.
»Einer der Mitarbeiter hätte so einen Jammer mitnehmen und an andere Personen weitergeben können«, gab Riedmann zu bedenken.
»Die Möglichkeit besteht. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das so gelaufen ist. Als wir den Mord erwähnten, gaben sich alle sehr offenherzig«, erwiderte Beck.
»Wenn ich unsere bisherigen Ergebnisse einmal Revue passieren lasse, haben wir nicht viel in der Hand«, meinte Hansen. »Wir gehen davon aus, dass Neumann aus einem bestimmten Grund ermordet wurde und nicht ein willkürliches Opfer eines sadistischen oder räuberischen Mörders ist. Beweisen können wir das im Moment nicht. Genauso wenig wie unsere Vermutung, dass seine Ermordung mit einem Ereignis in der DDR zu tun haben könnte.«
»Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen«, brachte es Riedmann auf den Punkt.
»Also gut. Die Tagesaufgaben sind klar. Markus und Jens kümmern sich weiter um die Überprüfung der Sicherheitsfirmen und wir beide beschäftigen uns wieder mit den Akten«, erklärte Hansen in Richtung seines Partners. Damit war die Frühbesprechung beendet und alle erhoben sich von ihren Sitzen.
Kapitel 11
Hansen und Riedmann verloren keine Zeit und machten sich gleich nach Ende der Besprechung an die Arbeit. Nach zwei Stunden ergebnisloser Recherche vor dem Bildschirm brauchte Hansen erst mal einen Kaffee. Ausnahmsweise begnügte er sich mit einem Wachmacher aus dem Automaten auf dem Flur. Als er mit zwei Plastikbechern in der Hand in Riedmanns Büro zurückkehrte und sie abstellen wollte, schlug dieser mit der Faust auf die Schreibtischplatte, sodass Hansen beinahe die Becher fallen ließ.
»Ich glaube, ich habe hier was«, sagte Riedmann. »Neumann hat nicht nur im K1 gearbeitet. Er wurde 1987 nach Bautzen versetzt, das berühmt berüchtigte Gefängnis für politische Häftlinge. Den Akten zufolge wurde Ende 1990, also nach der Wende, kurzzeitig gegen Neumann ermittelt. Es gab drei Anzeigen ehemaliger Insassen. Ihm wurden brutale Verhörmethoden nachgesagt. Neumann war laut Aussage von damaligen Gefangenen wohl so eine Art Verhörspezialist und hat sich vor allem einen gewissen Ruf im Kampf gegen Republikflüchtlinge gemacht. Was immer das auch heißen soll«, erklärte Riedmann.
»Und was ist bei den Ermittlungen rausgekommen?«
Er antwortete nicht sofort, sondern überflog den Bericht. Hansen konnte beobachten, wie die Augäpfel seines Kollegen wild hin und her wanderten, so schnell las er die restlichen Textzeilen. Nach kurzer Zeit fasste Riedmann seine Lektüre so zusammen: »Die Untersuchungen wurden aus Mangel an Beweisen eingestellt. Aber es kommt noch besser. Es gibt hier ein Zusatzprotokoll, das einer der Ermittler damals erstellt hat. Gegen Neumann wurde bereits vor dem Mauerfall ermittelt, und zwar kurz vor seiner Versetzung nach Bautzen. Ein Häftling wurde nach der Vernehmung leblos in der Arrestzelle des Dresdner Präsidiums gefunden. Der Mann hieß Guido Sommer, neunzehn Jahre alt. Die Ermittlungen wurden aber recht bald wieder eingestellt. Die DDR-Justiz hat den Fall laut dieses Berichtes nur sehr halbherzig verfolgt. Es kam nicht einmal zu einer Anklage. Dem Totenschein zufolge, der hier als Kopie vorliegt, handelte es sich um Herzversagen. Die Familie hat natürlich Zweifel daran geäußert. Ihr Sohn war laut Aussage der Eltern nicht herzkrank.«
»Der war erst neunzehn. Kein Wunder, dass die Eltern daran gezweifelt haben. Erstaunlich finde ich allerdings, dass die Anzeigen der Insassen aus Bautzen nicht weiter verfolgt wurden. Gerade wegen des Zusatzberichts und der Ermittlungen im Fall Sommer gegen Neumann«, stellte Hansen fest.
»Wer weiß, wer da seine Strippen gezogen hat? Du ersetzt ja nicht zwangsläufig alle wichtigen Ämter und kappst sämtliche bedeutenden Verbindungen, nur weil es einen politischen Wechsel gibt. Das hat ja schon bei der Entnazifizierung nicht funktioniert.«
»Aber es ist dennoch interessant, dass Neumann kurze Zeit später nach Bautzen gewechselt ist. Entweder war an den Vorwürfen der Eltern doch etwas dran, und man wollte Neumann aus dem Weg haben. Oder es war gerade wegen seiner Verhörpraktiken eine Art Beförderung, wenn man berücksichtigt, was du eben von den anderen Anschuldigungen ehemaliger Insassen des Gefängnisses vorgelesen hast. Stehen da zufällig auch die Namen der Personen, die damals Anzeige erstattet haben?« »Da haben wir ausnahmsweise einmal Glück. Rico Stern, Marco Stein und Thea Wunderlich. Ich führe sie unserer Liste der potenziell Verdächtigen hinzu.«
»Ja, tu das. Vielleicht hat er seine Heimatstadt auch deswegen verlassen«, mutmaßte Hansen.
»Gut möglich. Ich hoffe nur, dass die Kollegen in Dresden bei unserer Anfrage weiterhelfen können.«
»Och, ich hätte nichts gegen eine Dienstfahrt in die schöne Elbstadt, um zu helfen«, erwiderte Riedmanns Chef mit einem Grinsen.
Kapitel 12
1988 in der Nähe von Großburschla
Birgit Schneider, von ihren Freunden nur Biggi genannt, saß auf dem Sofa und starrte an die weiße Raufasertapete an der gegenüberliegenden Wand ihres Wohnzimmers. Peter war verschwunden. Gerade überlegte sie, wie viele Motive es dafür geben und welche man ausschließen könnte, als es klingelte. Zwei Männer hielten ihr, nachdem sie geöffnet hatte, einen Dienstausweis vor die Nase, der sie als Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit auswies. Sie hielten sich nicht lange mit Reden auf und baten sie mitzukommen. Kaum hatte sie sich ihren Mantel und ihre Stiefel angezogen, saß sie auch schon auf der Rückbank eines himmelblauen Wartburgs. Sie ahnte inzwischen, dass der unerwartete Besuch im Zusammenhang mit Peters Verschwinden stand. Es war eine lange Fahrt, aber sie hatte schnell erkannt, wohin es ging, obwohl es draußen dunkel war. Die Männer fuhren nach Dresden, in ihre Heimatstadt. Jede Frage, die sie den beiden Stasi-Mitarbeitern stellte, wurde mit stummer Verachtung beantwortet. Als das Fahrzeug sein Ziel erreichte und sie die von den Strahlern angeleuchtete gelbe Klinkerfassade sah, wusste sie, wo sie waren. Es überraschte sie nicht. Wenigstens hatte sie jetzt Gewissheit. Sie standen vor dem Einfahrtstor von Bautzen, dem meist gefürchtetsten Gefängnis der DDR. Die Bevölkerung nannte den Knast in Anlehnung an die gelbe Fassade nur „Gelbes Elend“. Schon eine halbe Stunde später begann das erste Verhör.
»Sie wissen, warum Sie hier sind, Fräulein Schneider?«
Der Mann mit dem bestimmten Gesichtsausdruck und der scharfen Stimme strahlte eine unheimliche Autorität aus. Der Kurzhaarschnitt, die betont gerade Sitzhaltung und die ausdruckslosen Augen unterstrichen diesen Eindruck. Vor dem Mann lag auf dem Tisch eine geschlossene Akte. Aber Birgit Schneider konnte nicht erkennen, was auf dem Deckblatt stand.
»Nein, das weiß ich nicht. Und ich möchte jetzt endlich wissen, was hier eigentlich los ist«, flehte sie.
»Glauben Sie ernsthaft, dass Sie in der Position sind, irgendwelche Fragen oder gar Forderungen zu stellen, Fräulein Schneider?«, erwiderte der Mann mit eisiger Stimme. »Die einzige Person in diesem Raum, der es erlaubt ist, Fragen zu stellen, bin ich! Haben Sie das verstanden?« Mehr als ein vorsichtiges Nicken bekam Biggi nicht zustande. Sie war eigentlich kein ängstlicher Mensch. Aber der Mann, der ihr gegenübersaß, schien ihr unheimlich. »Gut! Wo befindet sich Ihr Freund Peter Dreschers?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe ihn seit gestern morgen nicht mehr gesehen!«, antwortete sie wahrheitsgemäß. Sie hatten schon oft über seine Pläne gesprochen. Aber sie war immer die Unentschlossene gewesen. Und Peter wollte nicht ohne sie gehen. Eigentlich ...
»Ich frage Sie noch einmal: Wo ist Peter Dreschers?«
»Ich weiß es wirklich nicht«, wiederholte sie.
»Sie wollen uns also ernsthaft erzählen, dass sie nicht darüber informiert waren, dass ihr Verlobter einen Fluchtversuch unternommen hat?« Die Schärfe in der Stimme des Mannes hatte zugenommen.
»Fluchtversuch? Wovon reden Sie da eigentlich?« Doch es klang längst nicht so überzeugend, wie sie es wollte. Außerdem stieg langsam Panik in ihr auf. War Peter die Flucht gelungen oder saß sie hier, weil sie ihn geschnappt hatten? Die Art, wie der Beamte fragte, ließ Vermutungen in beide Richtungen zu.
»Ich wiederhole meine Frage noch einmal, Fräulein Schneider. Sie wissen weder, wo sich Peter Dreschers zurzeit befindet, noch haben Sie jemals mit ihm über eine Flucht aus der DDR gesprochen?«
»Nein, ich weiß nichts darüber«, blieb sie bei ihrer Version.
»Natürlich ist Ihnen auch nicht bekannt, dass Peter Dreschers bei Heldra, wo ihr Verlobter zufällig für die Instandhaltung der Grenzschutzanlage verantwortlich ist, versucht hat, die Grenze zu übertreten? Er hat nie mit Ihnen darüber gesprochen?« Die Augen des Mannes waren jetzt zu Schlitzen verengt.
»Nein, das hat er nicht!«, sagte sie verzweifelt. Und auch das entsprach der Wahrheit. Peter hatte sie offenbar schützen wollen, indem er ihr nichts erzählt hatte.
»Dann wissen sie natürlich auch nicht, ob ihm jemand bei dem Versuch geholfen hat?«
»Nein, verdammt noch mal. Wie oft soll ich Ihnen noch sagen, dass ich nichts darüber weiß. Wie geht es Peter denn? Geht es ihm gut?«
»Wir gehen davon aus, dass er auf bei dem Fluchtversuch ertrunken ist«, erwiderte der Vernehmer, der keine Miene verzog.
»Das ist gelogen«, gab sie schließlich trotzig zur Antwort. »Wenn Peter tot wäre, würde ich nicht hier sitzen«, fuhr sie mit einem triumphalen Lächeln fort.
»Wer war in die Fluchtpläne Ihres Verlobten eingeweiht, Fräulein Schneider?«, wiederholte der Mann, ohne auf ihre letzte Bemerkung einzugehen.
»Und wenn Sie mich noch hundert Mal fragen, ich weiß nichts darüber. Und selbst, wenn ich etwas wüsste, würde ich Ihnen nichts über die Einzelheiten erzählen«, erwiderte Biggi trotzig, die in diesem Moment wusste, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Der Mann ihr gegenüber zündete sich daraufhin eine Zigarette an, zog einmal daran und mit einer schnellen Bewegung, die Birgit Schneider nicht mal im Ansatz erahnt hatte, packte er ihr Handgelenk der rechten Hand. Was dann folgte, war ein Schmerz, wie sie ihn nie zuvor erlebt hatte.
Kapitel 13
Mittwoch, 20. September 2017, abends
Geduldig saß die Spinne an der Bar des Belvederes. Das Belvedere befand sich in einem alten Wasserturm auf dem als Ausflugziel beliebten Lousberg in Aachen. Der Lousberg im Norden der Stadt war neben dem Salvatorberg und dem Wingertsberg der höchste Berg Aachens und schon zur napoleonischen Zeit diente er als Ausgangspunkt der topografischen Aufnahme des Rheinlandes. Einer Sage nach verdankten die Aachener den Lousberg dem Teufel selbst. Weil den Stadtbewohnern beim Dombau das Geld ausgegangen war, schlossen sie einen Pakt mit dem Höllenfürsten. Sie erhielten Gold und versprachen im Gegenzug dem Teufel die Seele des ersten Lebewesens, das den Dom betrat. Von den Aachenern betrogen, weil sie einen Wolf in den Dom hinein jagten, wollte sich der Teufel rächen. Er sammelte an der Nordseeküste Sand, packte ihn in große Säcke und trug sie Richtung Aachen. Auf dem Weg ermüdet von der schweren Last, wurde er abermals von einer schlauen Aachenerin getäuscht, die ihm weismachte, dass er noch einen langen Weg vor sich hatte. Er ließ den Sand kurzerhand da, wo er gerade rastete, und so entstand der Legende nach der Lousberg. Doch all das interessierte die Spinne nicht im Geringsten. Sie war nicht wegen der tollen Aussicht hier. Oder wegen der Geschichtsträchtigkeit des Ortes. Sie war nur aus einem einzigen Grund im Belvedere. Um sich auf die Lauer zu legen. Zu diesem Zweck hatte sie ihr Netz schon längst gespannt. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sich das ahnungslose Opfer näherte, sich in ihrem Netz verfing, um anschließend durch eine tödliche Giftinjektion zu sterben. Sie lächelte bei dem Gedanken daran. Und dann war der Moment gekommen. Doktor Michael Lessing hatte sein Abendessen in seinem Stammrestaurant beendet und wollte gerade gehen. Auch die Spinne erhob sich in diesem Moment von ihrem Barhocker und bewegte sich Richtung Ausgang. Sie inszenierte einen Zusammenprall, der Rest war ein Kinderspiel. Ein koketter Blick sowie ein paar schmeichelnde Worte reichten aus und er nahm ihre Einladung auf einen Entschuldigungsdrink dankend an. Eine Stunde später waren sie schon auf dem Weg zu seinem Haus in der Aachener Innenstadt. Im Belvedere würde man sich an eine hübsche Blondine mit langem Haar erinnern. Der letzte Akt begann.
Kapitel 14
Gegen zweiundzwanzig Uhr erreichte Doktor Lessing, der deutlich jünger aussah, als er mit seinen sechsundfünfzig Jahren eigentlich war, mit seiner Eroberung sein Praxishaus in der Oppenhoffallee. Er machte regelmäßig Sport, was man seiner Figur auch ansah. Und auch die Gene hatten es gut mit ihm gemeint. Er hatte bisher keine einzige Falte im Gesicht und er hatte immer noch volles, braunes Haar. Er freute sich auf ein paar schöne Stunden mit der geheimnisvollen Frau, die ihn auf so plumpe Weise angerempelt hatte. Natürlich hatte er ihre wahre Absicht schnell erkannt und war auf das Spiel eingegangen. Schließlich war sie ihm bereits vorher an der Bar aufgefallen und hatte sein Interesse geweckt. Irgendwie kam ihm ihr Gesicht bekannt vor. Wenn er auch nicht wusste, woher. Letztlich war es ihm auch egal. Hauptsache, er musste den Abend nicht allein verbringen. Er öffnete eine Flasche Cabernet Sauvignon und schüttete ihn in einen Dekanter, damit er noch etwas atmen konnte. Er legte Musik auf und gesellte sich zu seinem Gast auf die Couch. Nach ein paar Takten gepflegten Smalltalks goss er zwei Gläser des Weines ein und verschwand für einen Moment auf die Toilette. Die Zeit reichte der Spinne, um in Lessings Weinglas ein paar K.o.-Tropfen zu träufeln. Gerade so viel, dass er nicht allzu lange außer Gefecht sein würde. Als er zurück ins Wohnzimmer kam, hatte sie bereits die oberen beiden Knöpfe ihrer Bluse geöffnet. Aber bevor es zur Sache ging, wollte sie erst einmal mit ihm anstoßen. Mit einem einzigen Zug trank Lessing das Glas leer. Danach rückte er näher an sie heran und küsste sie leidenschaftlich. Sie ließ es über sich ergehen. Dann übernahm sie die Initiative. Sie wollte nicht, dass die Wirkung des Betäubungsmittels einsetzte, bevor sie das Schlafzimmer erreichten. Sie stand auf, das Weinglas in der Hand, und fragte ihn lächelnd: »Hast du eigentlich auch ein Schlafzimmer?«
Er nickte und lächelte. Schon auf dem Weg dorthin hatte Lessing ihren Rock geöffnet. Vor dem Bett zog er ihn ihr hastig herunter. Er atmete intensiv, während er ihre langen, schlanken Beine betrachtete. Wieder küsste er sie leidenschaftlich, und kurze Zeit später lagen sie auf dem großen Bett. Gierig griff er ihr zwischen die Beine, um ihr den Slip herunterzuziehen.
»Mir ist auf einmal so schummrig«, sagte er lallend. Dann fiel auch schon sein Kopf zur Seite, und er schlief ein.
Erst langsam kam er wieder zu sich. Wie durch Nebelschwaden nahm er die Umgebung wahr, als er die Augen öffnete. Michael Lessing hatte nicht die geringste Ahnung, was geschehen war. Als er registrierte, dass seine Hände und Füße mit Kabelbindern an die Metallstäbe seines Bettes gefesselt waren, ergriff ihn die Angst. Er wollte schreien, aber sein Mund war mit Klebeband zugeklebt, was ihm zusätzlich das Atmen erschwerte, weil er in Panik geriet. Lessing versuchte, sich zu beruhigen und auf die Atmung zu konzentrieren. Allmählich gelang ihm das halbwegs. Auch der nebelige Schleier vor seinen Augen legte sich wieder. Jetzt erkannte er, dass die Rollläden des Schlafzimmerfensters geschlossen waren. Lediglich die Lampe auf dem Nachttisch neben dem Bett erfüllte den Raum mit gedämpftem Licht. Erst jetzt registrierte er, dass am Fußende seines Nachtlagers die Frau saß, die er eben noch begehrt hatte, und ihn anstarrte. Allerdings waren ihre Haare nicht mehr lang und blond, sondern pechschwarz und kurz. Sie hatte also eine Perücke getragen.
»Schön, dass du das kleine Nickerchen beendet hast«, sagte sie mit ruhiger, gefasster Stimme. Michael Lessing wollte etwas erwidern, aber das war mit dem zugeklebten Mund natürlich unmöglich. Er kam sich vor wie in einem schlechten Film. Allerdings war das hier die Wirklichkeit. Und das ließ die Situation weitaus bizarrer erscheinen. Auf Hilfe seiner Nachbarn konnte er nicht hoffen. Erwin Paulus, der Nachbar von der Wohnung gegenüber, war schwerhörig. Der Mieter, der direkt unter ihm wohnte, war in Urlaub, und die andere Mieterin aus dem ersten Stock war Flugbegleiterin und ohnehin so gut wie nie zu Hause. Michael Lessing starrte verzweifelt in das Gesicht seiner Peinigerin.
»Du fragst dich sicherlich, was das hier alles soll, und was ich von dir will?« Er nickte. »Nun«, fuhr die Frau fort, »so viel kann ich dir schon einmal vorab verraten. Es wird dir auf keinen Fall gefallen. Aber alles der Reihe nach«, sagte sie kühl und lachte. Michael Lessing war klar, dass es hier um mehr als nur um einen einfachen Raubüberfall ging. Er musste davon ausgehen, dass er in Lebensgefahr schwebte. Plötzlich erhob sich die Frau und steuerte auf den Kommodenschrank zu, der sich seitlich an der Wand befand. Sie öffnete die Handtasche, die auf der Kommode stand und holte einen Gegenstand hervor. Lessing konnte zunächst nicht erkennen, worum es sich handelte. Erst, als sie sich wieder umdrehte, erkannte er, dass sie einen Schlagring in der Hand hielt.
»Kommen wir nun zum eigentlichen Grund meines spätabendlichen Besuchs. Weißt du, wie es ist, wenn ein Mensch misshandelt wird? Und ich meine jetzt nicht aus deiner Sicht als Arzt, sondern aus eigener Erfahrung?« Michael Lessing verneinte die Frage mit einem heftigen Kopfschütteln.
Sie grinste. »Dann ist es an der Zeit, dass du diese Erfahrung endlich einmal machst!«, stellte die Frau kühl fest.
Sie zog den Schlagring über die vier Finger der rechten Hand und machte einen Schritt auf das Kopfende des Bettes zu. Mit flehendem Blick schaute Lessing ihr in die Augen in der Hoffnung, dass dies die Frau von ihrem Vorhaben abhalten würde. Aber er erkannte darin nichts weiter als blanken Hass. Dann folgte auch schon der erste Schlag.
Der Schlagring traf ihn oberhalb des rechten Auges. Offenbar verursachte der Schlag eine Platzwunde, denn nun spürte er, wie warmes Blut die Wange hinab lief. Er überlegte, wer die Frau war. Woher kannte er sie? Er hatte aber kaum Zeit, darüber nachzudenken, denn schon traf ihn ein zweiter, härterer Schlag ins Gesicht. Die ersten Tränen schossen ihm aus den Augen. Doch Mitleid schien er damit keineswegs zu erwecken. Stattdessen schlug sie weiter auf ihn ein. Nach dem fünften Schlag hörte sie auf.
»Ist schon ein Scheißgefühl, wenn man jemandem so ausgeliefert ist, oder?«, meinte sie plötzlich.
Doch er war nicht fähig, diese Bemerkung mit einem Kopfnicken zu beantworten. Stattdessen rannen ihm weitere Tränen über die Wangen.
»Dann kannst du ja jetzt halbwegs nachvollziehen, wie es dieser Frau hier auf dem Foto ergangen ist! Und sie musste noch weitaus Schlimmeres durchstehen.«
So sehr sich der Arzt auch bemühte, er erkannte die Frau auf dem Foto nicht, das sie ihm zeigte.
»Erinnerst du dich?«, rief sie und schlug ihm erneut ins Gesicht.
Eingeschüchtert von dem neuerlichen Gewaltausbruch schüttelte er langsam den Kopf.
»Dann will ich deinem Gedächtnis ein klein wenig nachhelfen: Bautzen 1989.«
Lessing dachte fieberhaft nach, und dann fiel es ihm plötzlich wieder ein. Der Schatten der Vergangenheit senkte sich also nach all den Jahren wieder über ihn. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. Nach der Wende, als vieles Vergangene noch einmal aufbereitet und kritisch unter die Lupe genommen worden war, hatte er in der Angst gelebt, dass das Unrecht, an dem er beteiligt war, ans Licht kommen würde. Aber diese Befürchtungen hatten sich schon bald als unbegründet herausgestellt. Und das, obwohl gegen ihn in einem anderen Fall ermittelt wurde. Irgendwann hatte er die alten Geschichten dann verdrängt, wenn auch nicht vergessen. Bis zu diesem Moment. Aber was hatte die junge Frau damit zu tun? Wie hatte sie ihn gefunden?
»Ja, das war eine tolle Zeit, oder? Allerdings denke ich, dass wir jetzt lange genug in alten Erinnerungen geschwelgt haben. Wir sollten weitermachen. Schließlich habe ich ja nicht ewig Zeit«, sagte sie mit einem Grinsen und nahm ein schwarzes Küchenmesser aus ihrer Handtasche.
Lessing begann wie wild an seinen Fesseln zu zerren. Aber es war zwecklos. Die Kabelbinder saßen einfach zu fest. Langsam beugte sich die Frau über ihn. Die Klinge des Messers blitzte im schwachen Licht der Nachttischlampe auf, bevor sie sich auf das untere Ende seines Hemdes zubewegte. Lessing keuchte. Er schwitzte mittlerweile derart, dass sein Hemd an seinem Oberkörper festklebte. Ein kleiner Schnitt, und der erste Knopf war abgetrennt. Dann der zweite. Diesen Vorgang wiederholte sie, bis schließlich alle Knöpfe des Oberteils entfernt waren und sein nackter Brustkorb zu sehen war. Dann spürte er, wie die Messerklinge die Brustwarzen berührte, während die andere Hand der Frau in seine Hose glitt und seinen Penis packte. Was immer jetzt kommen g, er hoffte, dass es schnell vorüber war.
»Ach, vielleicht fangen wir doch lieber mit diesem kleinen Lessing an«, sagte sie und grinste ihn an. Der Doktor zerrte erneut wie wild an den Fesseln. Vergeblich. Und dann, ohne jegliche Vorwarnung, machte sie zwei lange Schnitte quer über seine Brust. Die Wunden waren nicht sehr tief, aber sie bluteten stark. Gleich darauf folgten zwei weitere Schnittwunden. Diesmal an den Innenseiten des rechten und linken Arms. Diese Schnitte waren deutlich tiefer und legten ein großes Stück des Muskels frei. Lessing schrie aus Leibeskräften, aber durch den Knebel kam nur ein dumpfes Geräusch. Ihm dämmerte, dass seine Peinigerin plante, ihn langsam ausbluten zu lassen. Doch dann geschah erst einmal nichts mehr. Die Frau wandte sich von ihm ab und ging wieder auf die Kommode zu, wo sie etwas aus der Handtasche herausholte. Allerdings konnte er in dem schwachen Licht zunächst nicht erkennen, was das für ein Gegenstand war. Erst als sie näherkam, sah er, dass sie eine Spritze, eine Ampulle und ein Gummiband in ihren Händen hielt.
»Du möchtest sicher gerne wissen, was das hier für ein leckeres Zeug ist?«, fragte sie ihn, erhielt aber keine Reaktion. »Ein bisschen mehr Aufmerksamkeit hätte ich mir schon gerne gewünscht, Herr Doktor. Was ich dir jetzt verabreichen werde, ist nämlich Curare. Ich nehme einmal an, dass du die Wirkungsweise dieses Giftes kennst. Trotzdem werde ich es dir sicherheitshalber erklären. Für alle Fälle.«
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