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Impressum:

© Verlag Kern GmbH, Ilmenau

© Inhaltliche Rechte beim Autor

1. Auflage, November 2020

Autor: Dr. Dr. Frank Ebert

Layout/Satz: Brigitte Winkler, www.winkler-layout.de

Autorenportrait: Foto Studio Carl

Korea-Karte: ii-graphics | stock.adobe.com (abgewandelt)

Lektorat: Heike Funke

Sprache: deutsch

ISBN: 978-3-95716-333-2

ISBN E-Book: 978-3-95716-312-7

www.verlag-kern.de

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Nachdruck, Übersetzung, Entnahme von Abbildungen, Wiedergabe auf fotomechanischem oder ähnlichem Wege, Speicherung in DV-Systemen oder auf elektronischen Datenträgern sowie die Bereitstellung der Inhalte im Internet oder anderen Kommunikationsträgern ist ohne vorherige schriftliche Genehmigung des Verlags auch bei nur auszugsweiser Verwendung strafbar.

Frank Ebert

Tausendfache Vergeltung


Dieses Buch beruht auf Tatsachen.

Im September 1996 strandete an der Ostküste Südkoreas ein nordkoreanisches Unterseeboot der Sang-o-Klasse. Nahezu alle Besatzungsmitglieder sowie die mit dem U-Boot eingeschleusten nordkoreanischen Geheimagenten kamen in der Folgezeit ums Leben. Das kommunistische Regime Nordkoreas schwor seinem südlichen Erzfeind, der Republik Korea, für das Misslingen der Mission tausendfache Vergeltung.

Die rätselhaften Umstände dieses aufsehenerregenden Vorfalls bilden den zeitgeschichtlichen Hintergrund der Romanhandlung. Namen, Figuren, Orte, Ereignisse, Organisationen und Einrichtungen blieben unverändert, sofern sie in einem realen Zusammenhang verwendet werden. Im Übrigen sind sie bloße Fiktion.

Inhaltsverzeichnis

1. Los Angeles, International Airport

2. Seoul, Redaktionsbüro der Los Angeles News

3. Seoul, Stadtteil Namsandong

4. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

5. Seoul, Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika

6. Los Angeles, Chefredaktion der LAN

7. Seoul, Residenz des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika

8. Seoul, Korea Press Center

9. Seoul, Itaewon

10. Seoul, Itaewon

11. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

12. Rom, Trattoria Giovagnoli

13. Los Angeles, Chefredaktion der LAN

14. Pjöngjang

15. Pjöngjang

16. Pjöngjang, Koryo-Hotel

17. Wonsan

18. Gangneung

19. Gangneung, Hotel Dong Hae

20. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

21. Gangneung

22. Mount Chonghak

23. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

24. Provinz Gangwon-do

25. Seoul, Korea Press Center

26. Seoul, Itaewon

27. Seoul, Severance Medical Center

28. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

29. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

30. Provinz Gangwon-do

31. Provinz Gangwon-do

32. Tonghae

33. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

34. Wladiwostok

35. New York, Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen

36. Wladiwostok

37. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

38. Seoul, Itaewon

39. Gangneung, Medical Center

40. Seoul, Nashville-Club

41. Mount Hyangno

42. Mount Hyangno

43. Mount Hyangno

44. Seoul, Itaewon

45. Seoul, Itaewon

46. Provinz Chungchongbuk-do

47. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

48. Seoul, Yonsei-Universität

49. Seoul, Itaewon

50. Seoul, Dongdaemun

51. Seoul, Seoul-Tower

52. Seoul, Redaktionsbüro der LAN

53. Seoul, Insadong

54. Los Angeles, Chefredaktion der LAN

55. Seoul, Itaewon

56. Seoul, Dienstgebäude der ANSP

57. Seoul, Gimpo International Airport

58. Los Angeles, Chefredaktion der LAN

59. Los Angeles, City Hall

60. Los Angeles, Rowland Heights

Glossar

Autorenportait

1 Los Angeles, International Airport

Lustlos und apathisch hingen sie in der glühenden Mittagshitze vor dem Tom-Bradley-Abflugterminal herum. Das Thermometer zeigte knapp neunzig Fahrenheit-Grade an. Hier war weit und breit der einzige Fleck, an dem sie ungestraft die gleichförmigen Lautsprecherdurchsagen, die sich in kurzen Abständen monoton wiederholten, ignorieren konnten: „Welcome to Los Angeles International Airport. This is a non-smoking airport …“

Und hier war die allerletzte Chance für eine Zigarette vor dem Abflug, auf den die meisten von ihnen noch stundenlang warteten. Diejenigen, die mit amerikanischen Linien flogen, würden sich die nächste Zigarette erst nach der Landung anstecken können. Drinnen liefen überall Klimaanlagen, und die wachsame Flughafenpolizei, der kaum etwas entging, brachte jeden erbarmungslos zur Strecke, der gegen das strikte Rauchverbot verstieß. Man beugte sich dem strengen Reglement, ohne weiter über seinen Sinn nachzudenken.

Al drückte nach einem letzten tiefen und genüsslichen Zug seine Kippe aus. Dann wandte er sich dem Eingang zu. Ein Zollbeamter, dem im Terminal das Rauchen ebenfalls verboten war und der sich eine Fünfminutenpause abgeklemmt hatte, tippte Al auf die Schulter.

„Sie haben etwas vergessen, Sir – Ihre Tasche!“

Der Uniformierte deutete auf das Gepäckstück, das wenige Schritte von Al entfernt scheinbar herrenlos auf dem Betonboden stand.

„Ach ja. Was für ein Glück, dass Sie … – danke, Officer.“

„Sie sollten besser auf Ihr Gepäck achten. Der Lautsprecher weist dauernd darauf hin“, belehrte ihn der Beamte. „Nicht dass noch Bombenalarm ausgelöst wird.“

„Ja, natürlich. Sie haben recht. Vielen Dank nochmals.“

Al griff nach seiner dicken, schwarzen Aktentasche, die er an das Geländer neben dem Eingang gestellt hatte, um die Hände für das Anzünden seiner Zigarette frei zu haben. Er nickte dem Zollbeamten noch einmal freundlich zu, bevor er das Gebäude betrat. Nicht auszudenken, wenn er die Tasche tatsächlich vergessen hätte. Das Ticket nach Seoul, sein Pass, die anderen persönlichen Dokumente und Utensilien. Nur gut, dass die beiden Koffer bereits eingecheckt waren.

Die künstliche Kühle der Luft in dem Abfertigungsgebäude schlug ihm entgegen. Er musste tief durchatmen, als ob er den Rauch, den er draußen inhaliert hatte, wieder loswerden und gegen die klimatisierte Luft austauschen wolle. Mit einem Blick auf seine Uhr stellte er fest, dass er noch über eine Stunde Zeit bis zum Aufruf seines Fluges hatte. Es würde bestimmt noch für eine Zigarette vor dem Terminal reichen.

Gelangweilt schlenderte er zwischen den anderen Passagieren durch die weitläufige Halle, eine Hand lässig in der Tasche seiner ausgebleichten Jeans, vorbei an modischen Boutiquen, überquellenden Zeitungsläden und teuren Souvenirgeschäften, in denen Reisende und Verkaufspersonal emsige Betriebsamkeit verbreiteten. Sollte er jetzt schon den Duty-free-Shop aufsuchen? Auch das hätte noch Zeit, zumal er nur Zigaretten kaufen wollte. Die könnte er aber auch noch später erstehen, im Bordverkauf der Maschine.

Die Zeit wollte nicht verrinnen. Al lauschte in sich hinein. Seltsam war ihm zumute, aber nicht, als würde er die Staaten auf unbestimmte Zeit verlassen. Er verspürte nicht einen Hauch von Heimweh. Die Traurigkeit, die sein Herz vor Wochen überkommen hatte, war ihm inzwischen zum ständigen und ebenso vertrauten wie verhassten Begleiter geworden. Wie ein Schatten folgte sie ihm überall hin. Sie verließ ihn nur, wenn er schlief. Doch beim Aufwachen war sie wieder da, übermächtig und drückend. Er ließ dieses Gefühl einfach zu, weil er nicht wusste, wie er sonst mit ihm fertig werden sollte. Aber es war anders als das Heimweh, das er sonst verspürt hatte, wenn er zu einer langen Reise aufbrach. Die Vergangenheit lag hinter ihm. Wozu sich an Dinge hängen, die vorbei waren? Es ließ sich nicht mehr ändern.

Die Langeweile trieb ihn, sich in einer Schlange anderer Passagiere anzustellen. Nein, er wollte nicht schon wieder rauchen. Er nahm besser einen Kaffee. Mit dem vollen, glühend heißen Becher in der Hand wandte er sich abrupt um.

„Passen Sie doch auf!“

Der spitze Aufschrei der Dame traf Al wie ein Schlag. Die zierliche Person stand – zwei Köpfe kleiner als er – mit weit aufgerissenen Augen und abgespreizten Armen wie erstarrt vor ihm. Der Kaffee, der soeben noch in Al’s Becher gedampft hatte, rann an ihrem hellblauen Kostüm herab. Während sie mühsam um Fassung rang, bildeten sich unter ihren zierlichen Füßen und dem dunkelblauen Bordcase kleine Pfützen. Unablässig triefte der hellbraune, milchige Kaffee hinein.

Al hatte die graziöse Lady schlicht übersehen. Früher wäre ihm das nicht passiert. Er hätte es immer bemerkt, wenn sich jemand hinter ihm anstellte. Schon von Berufs wegen war er neugierig. Aber als er sich jetzt umgedreht hatte, wäre er beinahe über das Bordcase gestolpert. Das Resultat stand nun in Form eines begossenen, zeternden Persönchens leibhaftig vor ihm. Ein breitschultriger Flughafenpolizist schien neben ihr aus dem Boden gewachsen zu sein. Sein säuerliches Gesicht und wie er seine Uniform glattzog, ließen nichts Gutes ahnen. Bevor der Polizist losbrüllen konnte, ergriff Al die Initiative:

„Oh, Madame, es tut mir unendlich leid – wie konnte ich nur …? Äh, also ich meine … – Entschuldigung …“

„Sehen Sie nur, was Sie angerichtet haben. So kann ich doch nicht wegfliegen. Sind Sie immer so rücksichtslos?“, schleuderte ihm die Frau entgegen.

„Ich weiß nicht, wo ich heute meinen Kopf habe. Wie kann ich das denn wiedergutmachen, Madame?“

„Wiedergutmachen? Was wollen Sie denn da wiedergutmachen?“, schimpfte die Dame weiter. „Ich brauche neue Kleidung. Und hier, mein Handgepäck, überall trieft dieser Kaffee herab. Ekelhaft!“

Angewidert schleuderte sie mit ihren Händen.

„Hören Sie“, mischte sich jetzt der Polizist ein und trat drohend einen Schritt auf Al zu, „die Lady hat einen langen Flug vor sich. Würden Sie etwa so losziehen wollen, hä?“

Er stemmte seine kräftigen Arme in die Hüften.

„Natürlich nicht. Ich sagte ja bereits, dass es mir leidtut. Es war ja auch nicht absichtlich … So etwas kann doch mal vorkommen“, protestierte Al kleinlaut, bevor der Polizist weitermachte:

„Haben Sie etwas getrunken?“

Der Polizist bildete sich doch nicht etwa ein, Al’s Atem könnte mit Whiskeyaroma durchmischt sein? Argwöhnte der Ordnungshüter vielleicht, einen angetrunkenen Passagier vor sich zu haben? Die Flughafenpolizei fackelte mit Alkoholisierten nicht lange. Sie warf sie kurzerhand aus dem Gebäude.

Keinesfalls wollte Al seinen Abflug riskieren.

„Ja – äh, also das heißt … genau genommen noch nicht“, gab er zurück.

„Was denn nun?“, hakte der Polizist ungeduldig nach, während ihn die Dame am Ärmel zupfte.

„Lass es gut sein, George. Es ist nun einmal nicht mehr zu ändern“, beschwichtigte ihn die Dame.

Obwohl ihr die Überraschung des Moments noch ins Gesicht geschrieben stand, schien sie sich schnell mit der unangenehmen Situation abzufinden.

Erst jetzt musterte Al sie eingehender. Ihre Mandelaugen, ihr glänzendes, schwarzes Haar, ihre Figur, ihre Stimme – hatte sie nicht eine gewisse Ähnlichkeit mit Shing-hee, mit seiner Shing-hee, die er so sehr geliebt hatte? Nur für oberflächliche Menschen sehen alle Asiaten gleich aus. Nicht für Al.

Er wusste zu unterscheiden. Shing-hee! Sie war nicht nur für ihn immer etwas Besonderes. Nein, sie war einfach einzigartig und unvergleichlich gewesen. Für einen Moment hatte er mächtig gegen den Trauerkloß anzukämpfen, der in ihm hochzusteigen begann.

Der Vorfall schmerzte ihn. Das hatte er wirklich nicht gewollt. Und nun setzte sich diese Frau, die allen Grund hatte, auf ihn böse zu sein, für ihn bei der Flughafenpolizei ein.

Wirklich bemerkenswert. Wie alt sie sein mochte? Schwer zu sagen. Die kleinen Fältchen um die dunklen Augen, die auch ihr dezentes Make-up nicht verbarg, ließen ihr Alter zwischen fünfunddreißig und vierzig Jahren vermuten. Shing-hee war achtunddreißig Jahre alt geworden.

„Nun tun Sie doch endlich was“, brummte der Polizist ungehalten.

„Lass es jetzt gut sein, George, bitte!“, drängte die Lady. „Wir kriegen das schon wieder hin. Weißt du was? Ich gehe dort drüben zur Toilette und ziehe mich rasch um. Wozu hat man die Sachen im Handgepäck, nicht wahr? Der Inhalt wird ja hoffentlich verschont geblieben sein. Bis gleich.“

Sie seufzte kurz. Dann zwinkerte sie den beiden Männern zu, bevor sie mit schnellen Schrittchen forttrippelte. Das Stakkato ihrer Absätze reicherte das Geschepper ihres Bordcase auf dem polierten Marmorboden um eine persönliche rhythmische Note an.

Al fühlte sich zu einer Erklärung genötigt, um jeden Verdacht gegen sich auszuräumen. Er wandte sich dem Polizisten zu:

„Glauben Sie mir bitte, Sir, die Sache ist mir wirklich wahnsinnig unangenehm. Aber in letzter Zeit bin ich manchmal etwas durcheinander.“

„Haben Sie das öfter?“

Al schüttelte den Kopf.

„Nein, ich kenne das eigentlich nicht.“

„Sie riechen doch nach Whiskey – oder täusche ich mich?“

„Ich fürchte: ja. Nichts gegen einen Schluck – aber ich glaube, es ist mein Rasierwasser.“

Der Polizist streckte seinen Hals vor und fächelte sich mit einer Handbewegung den Duft zu.

„Mmh“, brummte er, „könnte sein …“, und zog seinen Kopf zurück, wobei er nicht besonders überzeugt wirkte.

„Sie haben wirklich keinen Alkohol getrunken?“

„Nein“, versicherte Al, bevor er in seiner Erklärung weiterfuhr: “Sehen Sie, meine Frau ist kürzlich tödlich verunglückt – bei einem Verkehrsunfall. Stellen Sie sich das vor: Sie gehen morgens aus dem Haus, wie an jedem Tag, und bekommen einen Anruf. Sie werden in das Büro des Sheriffs von Orange County bestellt, sollen sofort hinkommen. Am Telefon will keiner den Grund nennen. Erst auf der Polizeistation erfahren Sie, was geschehen ist …“

„Oh, Mann, das tut mir leid. Es muss für Sie ein furchtbarer Schlag gewesen sein.“

Der Flughafenpolizist kam Al auf einmal nicht mehr so grob vor.

Al, der wieder an dem Kloß in seinem Hals zu würgen begann, erzählte dem Polizisten leise, was passiert war. Wie Shing-hee morgens nach dem gemeinsamen Frühstück fröhlich in ihren Wagen gestiegen war, wie sie den immer gleichen Weg in die Redaktion nach Downtown fahren wollte und aus unerklärlichen Gründen plötzlich die Kontrolle über den Wagen verloren hatte. An dem Brückenpfeiler des Freeway war die Aufprallstelle immer noch deutlich zu sehen. Als der Rettungshubschrauber mit ihrem zerschmetterten, reglosen Körper auf dem Dach der Unfallklinik landete, war sie bereits tot.

„Die Ursache für den Unfall?“, wollte George neugierig wissen.

Al zuckte die Achseln.

„Bis heute ungeklärt.“

Die beiden Männer standen eine Weile schweigend da. Betreten stierten sie vor sich hin.

Sie wirkten auf die Lady, die sie von ferne erspähte, inmitten des Gewühls der Passagiere wie verlorene, einsame Insulaner.

„Nanu, so nachdenklich?“

Die Lady trug jetzt ein buntes Sommerkleid, in dem sie fast noch adretter aussah als vorher in ihrem hellblauen Kostüm.

Die Kaffeeflecken hatte sie von ihren Schuhen und dem Bordcase notdürftig abgewischt. Letzte Spuren waren nicht zu übersehen.

„Weißt du, Jung Sook, dieser Gentleman hat mir gerade seine Geschichte erzählt. Eine traurige Geschichte, eine sehr traurige Geschichte“, antwortete George.

Georges mürrischer Gesichtsausdruck war inzwischen der mitleidsvollen Miene eines Hundegesichts gewichen. Er blickte auf die riesigen Metallzeiger der Terminaluhr.

„Tut mir leid, Jung Sook, ich muss meinen Dienst fortsetzen.

Ich komme aber später noch einmal vorbei – bis dann.“

George zog seine Uniform wieder glatt und rückte die Mütze zurecht. Er verschwand im Gewimmel der Passagiere.

„Darf ich auch erfahren, worum es geht?“, erkundigte sich die Lady neugierig.

„Oh ja, natürlich. Aber ich wollte mich zunächst bei Ihnen in aller Form entschuldigen, Madame. Für den Schaden komme ich selbstverständlich auf.“

„Halb so schlimm, es geht schon wieder“, kokettierte sie.

„Ich habe noch eine gute halbe Stunde Zeit bis zum Boarding. Darf ich Sie zu einem Drink einladen?“

„Gerne.“

„Wann geht Ihr Flug?“

„Ach, erst zwanzig nach drei. Aber Sie wissen ja, wie das mit den Sicherheitsmaßnahmen ist. George sagt immer, es sei besser, frühzeitig am Flughafen zu sein.“

„Ja, da hat er sicher recht. Ich fliege übrigens auch um fünfzehn Uhr zwanzig.“

„Etwa auch mit der Maschine nach Seoul?“

Al nickte.

„Dann sitzen wir in derselben Maschine. Ich habe allerdings einen Platz im Raucherabteil reservieren lassen. Bei Korean Air geht so etwas noch.“

„Oh! Da ich nicht rauche, werden wir wohl kaum zusammensitzen. Nun ja …“

Sie wirkte plötzlich etwas verlegen. Ihre linke Schuhspitze zeichnete eines der unruhigen Muster des Marmorfußbodens nach.

„Und wann fliegen Sie zurück?“

„Überhaupt nicht.“

„Überhaupt nicht?“

„Nein. Ich habe ein One-Way-Ticket. Wissen Sie, bis vor Kurzem arbeitete ich in Los Angeles. Aber ich ziehe es vor, nach Südkorea zu gehen.“

„Na so was. Ein Amerikaner, der freiwillig nach Korea auswandert“, staunte sie. „Sie werden dort also auch arbeiten?“

„Ja. Als Journalist für die Los Angeles News. Arbeiten und leben – auf unbestimmte Zeit.“

„Kennen Sie das Land?“

„Nicht nur das Land, Madame. Auch die Leute. Meine Frau war Koreanerin. Außerdem war ich schon früher in Korea, als ich noch bei der Navy war. Aber das ist lange her.“

Al unterstrich seine Aussage mit einer ausladenden Handbewegung.

„Sie sind geschieden, nicht wahr?“, wollte die Dame nun auf Koreanisch wissen.

„Nein, verwitwet.“

Al antwortete in ausgezeichnetem, nahezu akzentfreiem Koreanisch. Sie bewunderte seinen sanften Wortfluss.

„Meine Frau ist vor sechs Wochen tödlich verunglückt – bei einem schweren Verkehrsunfall“, fuhr er fort. „Mysteriöse Geschichte. Alle Verwandten meiner Frau leben in Korea. Da hat mich mein Chef gebeten, das Redaktionsbüro unserer Zeitung in Seoul zu übernehmen.“

„Ach so!“, entfuhr es der Lady erstaunt.

„Wie das eben so ist, wenn einen der Chef ,bittet‘. Was blieb mir anderes übrig, als einverstanden zu sein. Besser ein Job in Seoul als arbeitslos im Orange County. Hier habe ich nichts mehr verloren.“

„Dann besteht die Chance, dass man sich sieht … ich meine – in Seoul?“

Die Frage klang ebenso einladend wie verlegen.

„Nun ja …“

Al wusste nicht recht, was er antworten sollte.

„Also … ich denke, ich werde mich erst einmal orientieren.

Ach, übrigens – ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt.

Albert Ventura. Nennen Sie mich einfach Al. Darf ich Ihnen meine Karte geben?“

„Gerne. Danke.“

Sie kramte in ihrer Handtasche und überreichte Al mit einer kaum merklichen Verneigung ebenfalls eine Visitenkarte.

„Frau Dr. Kang Jung Sook“, murmelte er, „Kunstprofessorin“, und steckte das Kärtchen ein. „Ah ja, der Drink! Also, wozu darf ich Sie einladen, Frau Doktor?“

„Ein Wasser, bitte.“

„Das gibt wenigstens keine Kaffeeflecken“, lachte Al etwas gezwungen.

„Ich glaube, der Abfertigungsschalter öffnet gleich. Du solltest dich jetzt besser anstellen, Jung Sook“, mahnte George, der unvermittelt wieder aufgetaucht war.

„Stell dir vor, George, Herr Ventura fliegt auch nach Seoul“, erklärte Frau Kang.

Wortlos nahm George ihr Bordcase auf. Wie ein Kind sein Spielzeug zog er es hinter sich her.

„Es ist wirklich nett, dass du mir so behilflich bist“, schmeichelte sie.

„Schon gut“, brummte George.

„Dann verschieben wir den Drink auf später – im Flugzeug?“, meinte Al.

„Ja, natürlich. Das hat doch Zeit. Es ist viel wert, starke Männer als Freunde zu haben, nicht wahr?“, fügte sie beiläufig hinzu.

„Was ist, Mister? Wollen Sie Ihre Tasche nicht mitnehmen?“, fragte George Al ungläubig. „Ich bin nicht scharf darauf, Bombenalarm auszulösen.“

Al schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn.

„Natürlich – klar … Verdammt, das ist heute schon das zweite Mal, dass ich sie fast hätte stehen lassen. Wo habe ich nur meinen Kopf?“

„Wenn Sie das nicht wissen, Mister“, raunte George.

Sie reihten sich vor dem Abfertigungsschalter der Korean Air an. Das Bodenpersonal wickelte die Formalitäten routinemäßig ab. George begleitete die beiden Fluggäste an den Kabinen der Passkontrolle vorbei zur Leibes- und Handgepäckvisitation. Er verabschiedete sich mit einem Küsschen von Jung Sook und mit einem kräftigen Handschlag von Al.

„Es geht mich zwar nichts an, aber – sind Sie mit dem Mann befreundet?“, fragte Al.

„Befreundet? Nun, sagen wir, gut bekannt“, antwortete sie.

„Ich glaube, das ist eine Geschichte, die ich Ihnen während des Fluges erzählen kann. Die Maschine ist ja nicht ausgebucht. Wenn Sie möchten, können wir uns ein bisschen unterhalten – von mir aus auch im Raucherabteil. Der Flug ist lange genug“, schlug sie vor.

Al war einverstanden, obwohl ihm nicht nach Konversation zumute war. Schon gar nicht wollte er Hals über Kopf in eine neue Beziehung schlittern. Aber eine Unterhaltung während des Fluges würde ihn auf andere Gedanken bringen. Einstimmung auf seine neue Heimat? Warum nicht? Er hatte ohnehin nichts Besseres vor.

Mit wenigen Minuten Verspätung erhob sich der Jumbo der Korean Air donnernd von der Startbahn. Die schwere Maschine reckte ihren schlanken Hals einem wolkenlosen blauen Firmament entgegen. Gleich einem riesigen Vogel zog sie in einem stetigen Steigflug ihren massigen Körper kraftvoll nach. Nachdem der Jumbo die Smogschicht über Los Angeles durchstoßen hatte, drehte er in eine leichte Linkskurve ein. Sein Kurs trug ihn auf die unendlichen Weiten des Pazifiks hinaus.

Stunden später setzte die Maschine quietschend auf der Landebahn des Internationalen Flughafens Seoul-Kimpo auf.

Frau Kang hatte ihr Gepäck zügig erhalten. Al musste noch einige Zeit warten, ehe das Förderband seine beiden prall gefüllten Koffer preisgab. Vertraute, strenge Gerüche durchzogen alle Ecken des Abfertigungsgebäudes: fernöstliche Gewürze aller Art, vor allem Knoblauch …

„Es war wirklich sehr interessant, mit Ihnen zu fliegen“, schwärmte Frau Kang, während sie nach einem der begehrten schwarzen Luxustaxis Ausschau hielt. „Sie müssen mir versprechen, dass wir uns wiedersehen.“

Jung Sook überlegte, wie sich ihre neue Bekanntschaft weiterentwickeln würde. Ein wenig Rührung empfand sie für den sympathischen, intelligenten Journalisten. Wie tollpatschig er doch war, als sie ihn kennengelernt hatte. Es mochte sein, dass sie ihn sogar ein wenig bewunderte. Zugegeben – anfänglich wirkte er recht unbeholfen. Und doch machte er nicht den Eindruck eines trockenen Theoretikers. Nein, er schien ein Mensch zu sein, der sich vor nichts fürchtete, der zupacken konnte und für alle Probleme eine Lösung wusste.

Galant reichte er ihr das Bordcase. Sie bedankte sich höflich.

Vor allem aber fand sie ihn als Mann interessant. Er war so erfahren, so reif und abgeklärt. Seine große, kräftige Statur, das militärisch kurzgeschnittene, grau durchwirkte Haar, sein fein geschnittenes Gesicht mit dem südländischen Teint und dem schelmischen, fast ein wenig verwegenen Ausdruck … Ja, er imponierte ihr.

„Schade, dass ich Sie nicht mitnehmen kann. Aber Sie müssen ja in eine andere Richtung, Al“, drückte sie ihr Bedauern aus und entschwand.

„Ich bitte Sie, Frau Kang, das Vergnügen war ganz meinerseits.

Ich melde mich, sobald ich Boden unter den Füßen habe“, rief Al ihr müde nach.

Sie winkte ihm noch aus dem Taxi zu, als sie kurz darauf an dem wie ein Maultier bepackten Mann an der Haltestelle der Flughafen-Expressbusse vorbeibrauste.

2 Seoul, Redaktionsbüro der Los Angeles News

William Antony Cooper leitete seit zwei Jahren das im achten Stock eines Wolkenkratzers der Seouler Innenstadt untergebrachte Redaktionsbüro der Los Angeles News. Er konnte es kaum erwarten, seinen Nachfolger zu sehen. Kaum einer der ausländischen Diplomaten, Journalisten und Geschäftsleute, die er kannte, war bereit, länger als zwei, bestenfalls drei Jahre hier zu arbeiten. Es gab weiß Gott begehrtere Auslandsdienstposten, vor allem klimatisch günstigere. In knochentrockenen, eiskalten Wintern erstarrte die Halbinsel unter der grimmigen Kälte, die aus der Mongolei hereinzog. Im Sommer lastete unerträgliche feuchte Schwüle über dem Land.

Cooper empfand abrupte Witterungsunterschiede stets als persönlichen Anschlag. „Was für ein Weichei du bist, Bill“, frotzelten seine sonnenverwöhnten Kollegen aus Los Angeles, wenn er sie am Telefon volljammerte. Das miese Wetter konnte er getrost Al überlassen. Das – und alles andere auch. Mit der koreanischen Mentalität kam er ohnehin so wenig klar wie mit einer Nähmaschine. Wie konnte einer nur aus Kalifornien hierher gehen! Noch dazu freiwillig. Er konnte Al’s Motive nicht begreifen. Aber – musste er das? In ein paar Tagen würde er dem ungeliebten Land den Rücken kehren. Der ewige Sonnenschein Kaliforniens erwartete ihn …

„Hey, Al. Mensch, Wahnsinn! Ich meine natürlich: Herzlich willkommen“, korrigierte sich Cooper beim Anblick seines Nachfolgers.

Er hüpfte hinter Bündeln von Papier von seinem Drehstuhl auf, stürzte mit weit ausgestreckten Armen auf Al zu und packte ihn kräftig bei den Schultern, um sogleich seine Hand kräftig zu schütteln.

„Hallo, Bill! Wie geht’s?“

Cooper lachte breit.

„Ich fasse es nicht. Wahnsinn! In weniger als hundert Stunden bin ich zu Hause – und du fragst, wie es geht?“

Cooper schüttete sich aus vor Lachen.

„Das wirst du sehen, Al. Hier regiert das Chaos – manchmal“, schränkte er sogleich ein, um nicht vor Al als unfähiger Redaktionsleiter dazustehen.

Al suchte nach einer passenden Bemerkung, um Bills Feststellung zu widersprechen. Ihm fiel keine ein. Der erste Eindruck, den er von dem Zustand des Büros gewann, war mehr als chaotisch. Die Pinboards an den Wänden quollen vor Zetteln und Bildern über. Auf den Schreibtischen türmten sich neben Computern Berge von Faxen, aufgestapelte Ausgaben der Los Angeles News und anderer Zeitungen, Mappen unterschiedlicher Stärke und Packen mit Fotos. Für einen Außenstehenden musste es aussehen, als ob das Chaos die Mitarbeiter fest im Griff hätte. Al schwankte, ob Bill mit der Leitung des Büros überlastet oder überfordert war. Hier würde er zunächst Ordnung schaffen müssen.

„Das hier ist kein Honiglecken, nicht nur Im-Sessel-Sitzen, wie daheim in L.A.“, fuhr Bill fort und fuchtelte mit den Händen in der Luft herum. „Die Leute in L. A. machen sich da oft falsche Vorstellungen …“

„Hör’ mit dem Blödsinn auf“, verlangte Al und entschied sich dafür, dass Bill überfordert sein musste. Der Mann wirkte gehetzt und nervös. Er verbreitete mit allem, was er sagte, Hektik und versprühte den Eindruck, als wäre jede Minute, die er länger hier verbringen musste, verschwendete Zeit. Sein Redefluss war nicht zu bremsen.

„Nächste Woche soll ich deinen Job in L. A. übernehmen. Freue mich schon drauf“, hechelte Bill. „Endlich wieder in Ruhe Berichte schreiben. Heim ins Mutterhaus, zu Väterchen David.“ Er rieb sich die Hände. „Ja, der gute, alte David – er hat schon gewusst, warum er dich hierher schickt.“

„Ich glaube, du machst dir falsche Vorstellungen von der Arbeit im Hauptquartier“, warf Al ein und fragte sich, was der Sarkasmus sollte. Der Begriff „Hauptquartier“ war eine von Al’s Sprachschöpfungen, die er seinem militärischen Wortschatz entlehnt hatte. Keiner außer ihm nannte die Chefredaktion „Hauptquartier“.

Al war sich jetzt ganz sicher, dass Bill überfordert und nicht nur überlastet war. So dummes Zeug konnte nur einer daherreden, der mit seiner Arbeit nicht zurechtkam. Und warum kam er nicht zurecht? Weil ihm die richtige Einstellung fehlte. Al hatte die richtige Einstellung. Als Journalist einer weltweit verbreiteten Zeitung musste er immer damit rechnen, im Ausland eingesetzt zu werden, wenn er vorwärtskommen wollte. Und Al wollte vorwärtskommen. Schon damals bei der Marine war er bereit, für eine gerechte Sache einzutreten – und zwar dort, wo sein Einsatz gefragt war. Egal wo. Überall. Nicht wie die Stubenhocker, die die Welt nur aus dem Fernsehen kennen und die auf alle Probleme eine Antwort wissen. Hätte er in Los Angeles bleiben wollen, hätte er auch Gerichtsreporter beim Orange County Herald werden können, einer drittklassigen Provinzzeitung. Bill wäre damit wahrscheinlich auch überfordert!

„Bill, ich muss dich was fragen“, warf Al ein, als Bill seinen Redefluss unterbrach, um Luft zu holen.

„Später, Al, können wir alles später besprechen“, winkte Bill hastig ab. „Uns wird nicht viel Zeit für deine Einweisung bleiben. Die wichtigsten Kontakte – dann musst du selbst klarkommen“, fuhr er fort und schob Al auf den Gang hinaus.

„Verlieren wir keine Zeit, fangen wir bei den Kollegen an.“

Gegen Bills kleinkrämerisches Gedrängel wirkte Al’s vornehme Zurückhaltung wie das Verständnis eines Lehrers gegenüber pubertierenden Schülern.

Sie traten in eines der anderen Zimmer. Die Tür war geöffnet.

„Das ist Tom. Er schmeißt den Laden, wenn du raus musst. Und du wirst verdammt oft raus müssen. Das hier ist nichts für Stubenhocker“, lachte Bill in einer schadenfroh-ironischen Mischung.

Was weißt du schon, dachte Al und schwieg. Es schien ihm das Beste zu sein, mit Bill keine Diskussionen zu führen. Mit dem Mann konnte er nicht diskutieren.

Thomas Miller, ein unscheinbares, hageres Bürschchen mit einem pickeligen Milchgesicht, wirrem, rötlichem Haar und einer Nickelbrille machte mit seinen knapp dreißig Jahren auf Al den Eindruck eines pingeligen Buchhalters. Er arbeitete seit einigen Jahren für die LAN im Washingtoner Büro und war vor etwa einem halben Jahr nach Seoul gekommen.

„Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Sir“, säuselte Tom und streckte Al ungelenk seine Hand entgegen.

„Nun hör’ dir das an, Bill! Sagt der doch glatt ,Sir‘ zu mir“, entrüstete sich Al, wobei er Toms Hand kräftig quetschte. „Hast du deine Leute zu Leibeigenen erzogen? – Tom, ich bin Albert Ventura. Und ich habe verdammt nichts dagegen, wenn man mich Al nennt. Im Hauptquartier heiße ich nur Al, klar?“

„Okay – Al“, antwortete Tom kleinlaut und rieb sich die gedrückte Hand.

„Und ich bin Sandy – Sandy Clay“, drängelte das kleine, mollige und fröhlich dreinblickende Wesen, das noch keine Chance gehabt hatte, sich an Tom vorbei Gehör zu verschaffen. Sandy arbeitete nun schon seit über einem Jahr im Seouler Büro.

„Ach, Sie sind das?“, stellte Al überrascht fest.

„Ja. Vom Telefon kennen wir uns bereits. Auf gute Zusammenarbeit, Al“, quietschte sie vergnügt.

„Weißt du, Al, Sandy ist unsere gute Seele. Ohne sie läuft hier nichts, schon gar nicht die Kaffeemaschine“, fühlte sich Bill verpflichtet zu scherzen.

„Sandy kümmert sich um den ganzen technischen Kram. Sie setzt nachts deine Berichte in die Redaktion ab und sie wirft auch den Chef aus dem Bett, wenn es sein muss – da kennt sie keine Verwandten“, ergänzte Tom.

„David Benjamin Goldmann nachts wecken? Das hätten wir nicht einmal bei einem Erdbeben gewagt“, raunte ihr Al mit forschendem Blick zu, wobei er den Namen seines Chefs mit Würde und betonter Ehrerbietung aussprach.

Das Mädchen schien gutmütig und fleißig zu sein.

Kichernd verzog sich Sandy in ihr Büro. Auch Tom war wieder an seine Arbeit gegangen. Irgendwo quäkte das AFKN, der Nachrichtensender der amerikanischen Truppen in Korea …

„Wie geht es jetzt weiter, Bill?“, wollte Al wissen, der es als Wohltat empfand, dass Bill für einen Moment den Mund hielt. „Am besten machst du es dir hier bequem, solange ich noch da bin.“

Bill zog Al in einen der leer stehenden Räume.

„Hier hast du auch eine Urne für deine Qualmerei.“ Als er Al’s verdutztes Gesicht sah, verbesserte er rasch: „Äh, ich meine einen Aschenbecher. Am Wochenende kannst du mein Zimmer übernehmen, ich bin gerade beim Aufräumen. Ich werde noch einige dringende Sachen erledigen. Dann könnten wir essen gehen. Ich lade dich ein. Bis gleich.“

Bill drehte sich auf dem Absatz um.

„Einverstanden“, rief Al hinterher und atmete auf. Die Hektik, die dieser Mann verbreitete, fiel wie eine Last von ihm ab. Al schloss die Tür hinter sich. Mit der bloßen Hand wischte er den Staub von der blank polierten, überdimensionalen Schreibtischplatte, untersuchte den Schrank und hängte seine Jacke hinein. Er machte sich daran, den Inhalt seiner Aktentasche sorgfältig auf dem Schreibtisch auszubreiten – seine Terminmappe, das Diktiergerät, einige Diktierkassetten, die nötigsten Schreibutensilien. Es würde noch einige Wochen dauern, bis er sich vollständig einrichten konnte. Seine Habseligkeiten verbargen sich in einem Schiffscontainer, der ihm in jenem Augenblick auf einem Frachter über den Pazifik entgegenschaukelte.

Er setzte sich an den Schreibtisch und zündete sich eine Zigarette an. Behutsam stellte er den schweren, goldmetallfarbigen Rahmen mit Shing-hees Bild vor sich hin. Er legte sein Kinn auf seine Arme, die er auf der Tischplatte verschränkt hatte, sah das Bild lange an und blies dabei nachdenklich den Qualm vor sich hin. Er konnte es noch immer nicht fassen, dass ihm diese wunderbare Frau nie mehr gegenübertreten würde. Ein paar Monate vor ihrem Tod hatte er das Foto selbst aufgenommen, das letzte Bild von ihr. Damals, kurz nach seinem fünfzigsten Geburtstag, hatten sie einen kurzen Wochenendurlaub entlang der Pazifikküste unternommen. Auf dem Weg von Los Angeles nach Santa Maria hatte Shing-hee Al gebeten, in Los Alamos zu halten.

Shing-hee hatte immer davon geschwärmt, ihren Lebensabend gemeinsam mit Al in Los Alamos zu verbringen. Al hielt dieses gottverlassene Nest mit seinen zwei Straßenkreuzungen inmitten einer Wüstenlandschaft für das Ende der Welt. Er konnte nie verstehen, was Shing-hee an den wenigen Häusern so aufregend fand. Nicht einmal eine Bar gab es. Er hätte eines der schmucken Häuschen in Long Beach oder in Santa Monica vorgezogen. Von ihm aus hätten sie auch in Rowland Heights im Orange County wohnen bleiben können. Im Hintergrund des Bildes flossen Kakteen und blühende Bäume ineinander. Shing-hee lächelte ihn mit leicht geneigtem Kopf aus dunklen, faszinierenden Augen an. Ihr Haar fiel sanft auf die rechte Schulter. Für einen Moment glaubte er, ihre Gegenwart zu fühlen. Damals war Frühling in Kalifornien …

Ein zaghaftes Klopfen an der Tür riss Al aus seiner Versonnenheit. Er erschrak.

„Ja.“

„Oh, Al, ich wollte Sie nicht erschrecken. Ein Kaffee gefällig?“, grinste Sandy und stand bereits mit einer Tasse vor ihm. Wie aufmerksam von ihr. „Oder lieber Tee?“

„Tee? Tee trinke ich nicht einmal, wenn ich krank bin“, antwortete Al. „Das mit dem Kaffee geht in Ordnung, Sandy. Ich mag ihn schwarz – und stark“, setzte er hinzu.

„Ich werd’s mir merken.“

„Al!“, rief Bill ein paar Türen weiter aufgeregt. Er hatte Mühe, trotz seiner schneidenden Stimme den Nachrichtensender zu übertönen, der immer noch quäkte.

„Die Nervensäge!“, murmelte Al und erhob sich.

„Al, wir könnten dann bald … Ich bin gleich so weit.“

Eine Hektik verbreitete dieser Mensch!

„Okay, Bill. Lass mich nur meinen Kaffee noch austrinken.“

„Nun mach doch schon“, drängelte Bill.

3 Seoul, Stadtteil Namsandong

Al und Bill bahnten sich ihren Weg durch das hektische Treiben der Innenstadt. Inmitten der Schluchten der Hochhäuser wimmelte es von rastlosen Menschen. Autos drängelten hupend durch das pulsierende Leben einer gigantischen Hauptstadt in der Mittagsschwüle.

Al musste sich im Treiben der Zwölfmillionenstadt erst zurechtfinden. Er schnaufte hinter Bill her. Dessen forscher Schritt kam Al vor, als ob der nervöse Mann noch heute nach Hause fliegen wolle. Statt die achtspurige, breite Namdaemunno-Straße sicher und bequem mithilfe einer der Fußgängerunterführungen zu kreuzen, zerrte er Al an der Straßenoberfläche über die Fahrbahnen – ein höchst gefährliches, halsbrecherisches Unterfangen, das um ein Haar einen Unfall zur Folge gehabt hätte. Der Daewoo hatte gerade noch rechtzeitig bremsen können. Der Fahrer des Wagens war vor Schreck kreidebleich in seinem Auto sitzen geblieben; er hatte nicht einmal Zeit gefunden, sich an dem permanenten urbanen Hupkonzert zu beteiligen. Die anderen Autofahrer schimpften und fluchten über zwei wahnsinnige, selbstmörderische Fußgänger.

Al starb tausend Tode. Im Achselbereich seines T-Shirts bildeten sich ausgedehnte Schweißränder.

„Das mache ich nicht noch einmal mit“, keuchte Al, als sie die gegenüberliegende Straßenseite erreicht hatten.

„Was hast du? Das geht so viel schneller, es ist einfach …“

„Wahnsinn, ja!“

„Das kommt nur daher, weil du keine Kondition hast. Ich sagte dir vorhin schon, dass sich die Kollegen zu Hause falsche Vorstellungen von dem Leben hier machen“, rechtfertigte sich Bill. „Oder du solltest einfach ein paar Zigaretten weniger rauchen.“

„Blödmann“, brummte Al.

Bill deutete auf ein kleines Restaurant neben dem wuchtigen, alten Südtor, das die Koreaner Namdaemun nennen.

„Dort haben sie die besten Naengmyon weit und breit – oder magst du keine kalten Nudeln?“

Bill fuhr sich mit der Zunge genüsslich über die Lippen.

Der Vorschlag kam Al entgegen:

„Genau das Richtige bei der Affenhitze. Das erste vernünftige Wort von dir!“

„Und noch etwas“, setzte Bill hinzu. „Sie haben Tische und Stühle hier und Messer und Gabeln. Du brauchst also weder auf dem Boden zu sitzen noch dich mit Stäbchen herumzuquälen. Und wir können uns ungestört unterhalten, die sind da nicht so …“

„Ja, denn sonst haben es die Koreaner nicht so gerne, wenn man beim Essen viel quatscht“, meinte Al.

Die absurde Hoffnung, eine ruhige Mittagspause verbringen zu können, hatte er längst aufgegeben.

„Hoffentlich merkst du dir das und hältst den Mund“, setzte er ärgerlich hinzu, ohne dass Bill es hören konnte.

Die Bemerkungen über das Sitzen auf dem Boden, das Essen mit Stäbchen und die schweigende Einnahme der Mahlzeiten wurmten Al. Schließlich war er mit den koreanischen Sitten bestens vertraut. Bills Gerede kam ihm wie ein Angriff auf die koreanische Kultur insgesamt vor. Er empfand die Kritik als unsachlich – und als unberechtigte Stichelei gegenüber der toten Shing-hee. Sie hatte Al einst den Zugang zu den Ursprüngen und den tieferen Sinn jener bestechenden, alten, geheimnisvollen Kultur vermittelt.

Aber Bill? Bill schien sich nicht der Mühe unterzogen zu haben, für asiatische Kultur Verständnis aufzubringen, geschweige denn sie auch nur im Ansatz zu begreifen. Seicht und oberflächlich, wie er war, musste er jahrelang mit Scheuklappen durch Korea gerast sein.

Amerikanische Fast-Food-Restaurants waren seine Heimat geblieben. Was hatte David B. Goldmann nur für einen Banausen nach Seoul geschickt! Spätestens jetzt war Al zutiefst davon überzeugt, dass dieser Mann hier wirklich fehl am Platze war.

In dem überfüllten Lokal herrschte drangvolle Enge. Sie warteten einen Moment und setzten sich an einen Tisch, der gerade frei wurde.

Bill dachte auch während der Mahlzeit nicht daran, still zu sein.

„Wir müssen noch sehen, wie wir das machen, Al“, sagte er undeutlich mit halbvollem Mund und stopfte die nächste Portion Nudeln hinterher.

„Was? Was machen wir?“

„Na, die Wohnung. Du wirst doch meine Wohnung übernehmen?“, fragte Bill unsicher. Ohne Al’s Antwort abzuwarten, fuhr er fort: „Wirklich eine wahnsinnig tolle Wohnung. Im Stadtteil Itaewon, gleich hier hinter dem Namsan-Berg.“

„Der Namsan-Berg ist …“

„Genau, Al! Der Berg, auf dem der Seoul-Tower steht. Wahnsinn, wie du das alles schon weißt. Es ist ganz in der Nähe, gar nicht weit von hier“, versicherte Bill.

Wie er das Essen in sich hineinschlang! Als wollte er sich mit dem eiligen Verzehr kalter Nudeln einen Platz im Guinness-Buch der Rekorde sichern.

„Mmh, ja. Also echt, die Wohnung … Ich meine, sie ist wirklich wahnsinnig spitze“, schwärmte Bill. „Allerdings, einen Haken hat sie …“

Al runzelte die Stirn.

„Im Winter brauchst du Luftbefeuchter, in allen Zimmern. Und jetzt, wo es Sommer wird, Trockengeräte. Wahnsinn, sag ich dir!“

Während des Sprechens beschrieb er die Gegenstände mit dem Besteck in der Luft.

„Aber keine Angst – ist alles da. Kannst du übernehmen, das heißt, natürlich nur, wenn du willst. Du musst nicht, klar. Aber du kannst, wenn du möchtest.“ Bill lehnte sich zurück.

„Nur schade, dass du wenig Zeit haben wirst, um deine vier Wände zu genießen“, seufzte Bill. „Aber im Ernst: Du wirst doch nicht länger auf ein teures Hotellogis angewiesen sein wollen. Wenn du möchtest, kannst du dir die Wohnung gleich heute Abend ansehen.“

„Ja, ja …“

Al hörte nur noch mit einem halben Ohr hin. Er zog es vor, die anderen Gäste zu mustern. Hätte er nicht diesen Schwätzer neben sich sitzen, würden ihm die Nudeln tatsächlich schmecken.

„Und dann der Dienstwagen, Al. Nicht mehr das neueste Modell, hat manchmal seine Mucken. Liegt wohl daran, dass Goldmann wie wahnsinnig spart. Aber mir hat die Kiste gereicht. Ich weiß natürlich nicht, welche Ansprüche du stellst.

Vielleicht hast du ja auch bessere Beziehungen zum Hauptquartier als ich …“

„Im Augenblick würde ich gerne in Ruhe essen!“, entfuhr es Al ungehalten.

„Entschuldige. Aber wir haben nicht mehr viel Zeit. In vier Tagen fliege ich“, schwärmte Bill. „Wahnsinn!“

Teils amüsiert, teils verständnislos schüttelte Al den Kopf. Er hatte er noch nicht erlebt, dass sich jemand Berge von Essen einverleiben und dabei ununterbrochen reden konnte. Bills Gedanken schienen sich zu überschlagen.

„Fertig“, stellte Bill erleichtert fest. „Ich bin fertig, Al.“

Bill schob die Serviette, mit der er sich seinen vollen Mund abgewischt hatte, auf den leeren Teller und schluckte den letzten Bissen hinunter.

„Wahnsinnig gut, die Dinger. Das Einzige, was man als Amerikaner in Korea verträgt.“

Empört sah Al ihn an.

„Lass dir ruhig Zeit, Al“, setzte Bill mit einem Blick zur Uhr nach. „Ich lasse schon mal die Rechnung bringen. Hoffentlich dauert das nicht so wahnsinnig lange …“

Al bemühte sich, die Ruhe zu bewahren. Doch in dieser unruhigen Atmosphäre verzichtete er gerne darauf, aufzuessen.

Er steckte sich eine Zigarette an.

Bill redete unablässig weiter:

„Ich dachte mir, Tom und Sandy könnten dir heute Nachmittag einiges über die Redaktionsarbeit erklären.“

„Die Buchhalterseele und der Straßenkreuzer?“, fragte Al ungläubig.

„Lass mal. So wirr Tom auch aussieht – der Junge ist wahnsinnig clever. Du kannst dich auf ihn verlassen. Auf Sandy auch. Hundertprozentig!“

Al glaubte ihm bedenkenlos. Am Vormittag hatte er die einigermaßen aufgeräumten Büros der beiden gesehen. Ihm war klar, wer der Verursacher des organisierten Chaos in der Redaktion war.

„Das geht in Ordnung“, bestätigte Al. „Allerdings – ich hätte da noch eine Kleinigkeit zu erledigen – privat“, ließ er Bill geheimnisvoll wissen.

„Wo bleibt denn die Bedienung, verdammt noch mal?“

Bill schlug gereizt auf den Tisch.

„Spätestens morgen sollten wir zu Bob Woods gehen, Al.“

„Bob Woods? Wer ist das?“

„Robert O. Woods! Du musst ihn kennenlernen – Presseattaché in unserer Botschaft. Das ist eine Type! Wahnsinn, der Kerl. Trägt meistens Fliege. In Fachkreisen heißt er ,Fliegen-Bob‘. Kolossal wichtig. Außerdem wird er dir bei der Akkreditierung behilflich sein. Er kennt Tod und Teufel. Aber jetzt sollten wir wirklich los.“

Bill stand auf und zog sich umständlich den Hosenbund hoch.

„Hallo, zahlen bitte …“

Fahrig schleppte er Al zum Büro zurück. Al weigerte sich standhaft, die Straße noch einmal oberirdisch zu überqueren. Beiden perlte der Schweiß von der Stirn, als sie die Redaktionsräume erreichten. Aus Sandys Zimmer plärrte der amerikanische Nachrichtensender Popmusik. Sandy sang schräg mit – irgendeinen unverständlichen Text. An den Decken der Büroräume surrten gleichmäßig riesige Ventilatorenblätter.

Ohne sie, die die stickige, heiße Luft umschaufelten, war die Hitze auf der Etage unerträglich.

In Toms Zimmer schellte sich das Telefon wund.

4 Seoul, Redaktionsbüro der LAN

„Gut, Se Ung. Bis halb sechs – am Chogyesa-Tempel.“

Al legte den Telefonhörer auf und sah auf die Uhr. Es war kurz nach vier. Um halb sechs Uhr war er mit seinem Schwager Se Ung, dem Bruder seiner toten Frau, verabredet. Zum ersten Mal seit Shing-hees Tod würde er einem Mitglied der Familie Bae gegenübertreten. Er konnte nicht behaupten, dass ihm seit seiner Ankunft vor drei Tagen leichter zumute war. Im Gegenteil – ein mulmiges Gefühl bemächtigte sich seiner Magengrube. Sein Schwager hatte sich am Telefon ausgesprochen kühl angehört, als sie soeben den Termin verabredeten. Dass er mit Al überhaupt sprechen wollte, ließ ihm einen winzigen Hoffnungsschimmer.

„Ich gehe dann, Bill“, rief er Cooper zu, der in seinen Papierstapeln wühlte.

„In Ordnung, Al“, antwortete Bill knapp, ohne aufzusehen. „Und bitte, sei morgen pünktlich!“, setzte er nach.

Dieser Kleingeist! Als ob Al nicht selbst wissen würde, wann er zum Dienst zu erscheinen hätte, wenn sie einen Termin in der amerikanischen Botschaft hatten. Wieder einmal zog er es vor, nicht zu antworten, und verließ wortlos das Büro. Als er aus der Schwingtür des Hochhauses auf die Straße hinaustrat, kam es ihm vor, als würde ihm eine unsichtbare Hand den Hals zuschnüren. Er atmete tief durch und schlug den Weg nach Insadong ein, der engen Straße mit ihren Antiquitätengeschäften und Kunstgalerien.

Sein Weg führte ihn die Sejongno-Straße hinaus zu den prächtigen Anlagen des Toksugung-Palastes. Auf den steinernen Stufen mit den imposanten mittelalterlichen Bauten posierten Hochzeitspaare vor der malerischen Kulisse für Fotoaufnahmen. Dann schlenderte er an einigen der Kaufhäuser entlang, die das Rathaus umgeben. Er passierte mehrere Hochhäuser mit ihren zahlreichen ausländischen Botschaftsbüros und verweilte vor dem Koreanischen Pressezentrum. Es schien, als wollte ihn der gigantische Wolkenkratzer mit seinen über zwanzig Stockwerken erschlagen. Die US-amerikanische Botschaft war in einem eigenen, aber älteren und durch einen Vorgarten etwas von der Straße zurückgesetzten flachen Gebäudekomplex untergebracht.

Als er die Straße weiter hinaufging, fiel sein Blick auf das breite, bunt bemalte Tor des Kyongbokkung-Palastes, das die breite Sejongno-Straße nach Norden hin abschließt. Links und rechts bog auf mehreren Spuren vor dem Tor der Straßenverkehr ab, wie eine Reverenz an die längst vergangenen, aber immer noch lebenden Traditionen.

Shing-hee hatte ihm damals bei einem Spaziergang durch die Palastanlage die Geschichte der Choson-Dynastie nähergebracht. Geradezu ehrfurchtsvoll hatten sie von dem strengen, konfuzianischen Herrscherhaus erzählt: Es hatte nicht nur den Palast samt seinen prunkvollen Pavillons, Sälen und Hallen im vierzehnten Jahrhundert erbauen lassen und damit das heutige Seoul gegründet. Es hatte vor allem das koreanische Alphabet, das Hangul, eingeführt. Shing-hee hatte Al bei der Gelegenheit auch durch das Nationalmuseum geschleppt. An der Stelle des ehemaligen Museumsgebäudes klaffte heute hier lediglich eine tiefe Baugrube. Al konnte sich noch sehr gut an den imposanten Steinbau aus den Zwanzigerjahren mit seinen hunderttausend Exponaten erinnern. Er war damals zutiefst beeindruckt gewesen. Inmitten der hochbetagten Palastbauten hatte er das Museum aber irgendwie als unpassend empfunden. Nun, offenbar dachten auch Verantwortliche so.

Er folgte dem Straßenverlauf in östlicher Richtung. Nach einem kurzen Blick zum französischen Kulturzentrum hinüber, hinter dem sich die Dienststelle des CIA befinden musste, erreichte er auf einem kleinen Umweg den antiken Chogyesa-Tempel.

Eine Weile ging er vor dem Tempel nervös auf und ab. Seine Gedanken kreisten um seine verstorbene Frau und um ihre Familie. Shing-hees Eltern hatten der Hochzeit mit ihm damals nicht zugestimmt. Zu tief fühlten sie sich den alten konfuzianischen Traditionen verhaftet. Fleißig und nationalbewusst waren sie – und bei aller Bescheidenheit sehr stolz. Der Vater hatte im Krieg gegen die kommunistischen Eindringlinge aus dem Norden für seine Heimat gekämpft. Nach dem Krieg hatte er ein Konfektionsgeschäft aufgebaut und später geheiratet. Aus der Ehe waren die Tochter Shing-hee und deren jüngerer Bruder Se Ung hervorgegangen. Der allmähliche Aufschwung und ein bescheidener Wohlstand ermöglichten den Eltern, die Kinder ein Geschichtsstudium absolvieren zu lassen. Als selbstverständliche Gegenleistung hatten sie von ihren Kindern Gehorsam erwartet und Respekt vor den elterlichen Entscheidungen. Se Ung fand eine Tätigkeit im auswärtigen Dienst der Regierung. Damit waren die Eltern einverstanden. Die Auslandsverwendungen ihres Sohnes in New York und in Deutschland erfüllten sie mit Stolz. Ein Diplomat, der aus einer Schneiderfamilie hervorgegangen war! Dabei kannten sie die wirkliche Tätigkeit ihres Sohnes beim ANSP bis heute nicht.

Erbitterte Auseinandersetzungen hatte es in der Familie gegeben, als Shing-hee den amerikanischen Kapitänleutnant Albert Ventura mit nach Hause brachte und bald ihre Absicht kundtat, ihn zu heiraten und mit ihm nach Kalifornien zu gehen. Weiß Gott, sie hatten sich die Zukunft ihrer Tochter anders vorgestellt! Jetzt brach der Tod ihrer einzigen Tochter den alten Leuten das Herz. Al hielt es für besser, sie vorerst nicht aufzusuchen. Sie würden ihm die Schuld anlasten. Stattdessen wollte er abwarten, bis die frische Narbe es ihnen möglich machte, mit ihm zu sprechen.

Shing-hees Bruder war Al als aufgeschlossener junger Mann in Erinnerung. Er hatte ihn zum letzten Mal vor zwei Jahren gesehen, als er für zwei Wochen in Los Angeles zu Besuch war. Es war dem Bruder aus zwingenden beruflichen Gründen nicht möglich gewesen, kurzfristig an der Beerdigung seiner Schwester teilzunehmen.

Al erreichte das Eingangstor nach Insadong. Jeder seiner Schritte fiel ihm schwerer, nicht nur, weil die Nachmittagshitze unerträglich auf der Stadt lastete. Dort erwartete Se Ung ihn bereits. Was würde er nun von ihm zu hören bekommen?

Die beiden Männer gingen mit allmählich langsamer werdenden Schritten aufeinander zu. Wortlos drückten sie sich die Hände, sahen verschämt zu Boden.

Nach einer Weile sagte Se Ung: „Was willst du hier?“

Al atmete tief durch. Die Frage traf ihn wie ein Keulenschlag. Se Ung wiederholte die Frage, eindringlicher, nachdrücklicher. Al verstand nicht. Er wischte sich eine Träne aus dem Gesicht.

„Müssen wir das hier besprechen, auf der Straße?“, fragte Al. „Lass uns in das Teehaus dort drüben gehen“, schlug er vor. Se Ung nickte wortlos.

Sie betraten das in einer Seitenstraße gelegene, im altkoreanischen Baustil errichtete, romantisch-bezaubernde Teehaus. Al musste seinen Kopf tief einziehen, um ihn sich nicht an der niedrigen Holztür anzuschlagen. Würziger Teeduft erfüllte den kleinen Raum, dessen einzige Gäste sie waren. Sie zogen nach koreanischer Tischsitte ihre Schuhe aus und nahmen auf den dicken Kissen auf dem Fußboden vor einem der niedrigen Holztischchen Platz. Ein ebenso freundliches wie schüchternes junges Mädchen goss aus einem silberfarbenen Teekessel dampfenden Ginsengtee in tönerne Tassen.

„Also, was willst du?“, wiederholte Se Ung.

„Das klingt wie eine Anklage“, antwortete Al gefasst. „Du bist Shing-hees Bruder!“

„Ja – ich war Shing-hees Bruder“, verbesserte Se Ung mit gesenktem Kopf, „bis zu ihrem Tod.“

„Meinst du, es geht mir nicht nahe, was passiert ist?“, fragte Al. Aber es kommt mir vor, als würde deine Familie mich für Shing-hees Tod verantwortlich machen.“

Se Ung wandte den Kopf ab, sah wie teilnahmslos durch eines der kunstvoll gearbeiteten, gitterartigen Fenster des Teehauses. Er schien leise zu schluchzen.

„Se Ung, du hast doch gesehen, wo wir gelebt haben, wie wir gelebt haben – und dass wir glücklich waren. Das hast du doch gesehen, vor zwei Jahren, nicht wahr?“, fragte Al nach einer Weile und fasste seinen Schwager dabei am Arm.

„Ja, das habe ich gesehen“, räumte Se Ung gebrochen ein.

„Ich habe deine Schwester geliebt wie niemanden sonst“, schloss Al an.

„Und dann gehst du von dort weg? Wie ist das denn alles passiert, was euer Leben zerstört hat? Was willst du hier?“, fragte Se Ung erneut, bevor er nachsetzte: „Ich denke heute noch an die erbitterten Auseinandersetzungen in unserer Familie, als Shing-hee den amerikanischen Kapitänleutnant Albert Ventura mit nach Hause brachte, ihn heiraten und mit ihm nach Kalifornien gehen wollte. Eine schwere Prüfung für unsere Eltern.“

„Schon wieder so vorwurfsvoll … Weiß Gott, eure Eltern hatten sich die Zukunft ihrer Tochter anders vorgestellt. Aber Shing-hee und ich auch!“

„Al, Du kannst dir das nicht ausmalen. Ihr Tod bricht den alten Leuten das Herz“, setzte Se Ung nach.

„Das glaube ich dir. Sie haben nie akzeptiert, dass wir geheiratet haben. Noch nicht einmal nach unserer Hochzeit, an der sie nicht teilgenommen haben, konnten sie mich als rechtmäßigen Schwiegersohn anerkennen. Ihr Leben lang haben sie zu mir ‚Herr Ventura‘ gesagt …“

Al ließ den Arm seines Schwagers wieder los und richtete sich auf. Er hatte das Gefühl, mit ihm jetzt vernünftig reden zu können.

„Pass auf, Se Ung! Keiner weiß, wie Shing-hee ums Leben kam. Keiner weiß, warum sie sterben musste. Ich weiß es auch nicht. Ich glaube aber nicht, dass es bloß ein Unfall war. Aber mein Leben geht weiter, das ganze Leben geht weiter, verstehst du?“

Al schlug sich mit der rechten Faust ein paarmal vorwurfsvoll an die Brust. Seine Stimme schwoll an.

„Und es nützt niemandem etwas, wenn ich in Los Angeles im Selbstmitleid versinke, begreifst du, nie-man-dem!“

Er redete jetzt so laut, dass die Bedienung erschien. Al winkte sie weg. Er sprach in gemäßigtem Ton weiter: „Ich muss etwas tun. Dauernd fragst du, was ich hier will. Ich werde es dir sagen.“

„Sprich!“, forderte Se Ung.

„Ich werde hier ein neues Leben beginnen, hier, im Land deiner Schwester, das ich durch sie kennen- und lieben gelernt habe.“

Aus Se Ung brach ein abruptes, irres Lachen hervor, bevor er mit einer abfälligen Handbewegung ungläubig entgegnete: „Wie willst du das denn anstellen? Du bist Amerikaner. Du kommst doch aus einer völlig anderen Welt.“

„Sieh das nicht als Nachteil. Meine Vorfahren kamen als Einwanderer nach Amerika, aus Portugal. Sie haben es geschafft, in einem fremden Land zurechtzukommen. Und ich werde es auch schaffen.“

„Al“, rang Se Ung mit den Händen, „Korea ist nicht Amerika! Du sprichst wie ein Idealist.“

„Ja, ich bin Idealist – aber ich bin auch Realist. Mein Boss schätzt diese Eigenschaften. Deshalb hat er mich hergeschickt. Aber – ich bin kein Fantast und kein Politiker! Und schon gar nicht bin ich korrupt …“

Ihm, dem sonst eher zurückhaltenden Mann, lag es nicht zu prahlen. Aber vielleicht konnte er mit seinen Worten jetzt auf Se Ung Eindruck machen.

Das letzte Wort ließ Se Ung überrascht aufhorchen. Er hatte von Al nicht erwartet, dass er es in den Mund nehmen würde. Etwas verlegen spielte Se Ung mit seiner Tasse, auf die er seine Augen richtete.

„Ja, hör mir nur gut zu, Se Ung. In Korea gibt es genauso käufliche Politiker wie in Amerika – und wie auf der ganzen Welt. Die Welt ist ungerecht, weil sie verlogen ist. Aber ich will mithelfen, den Sumpf trockenzulegen – und noch einiges andere. Das will ich hier, deshalb bin ich hergekommen. Und das lässt sich hier aufklären, nicht drüben in Los Angeles, verstehst du?“

„Aha, Albert Ventura – der Retter der verloren gegangenen Tugenden. Der Weltverbesser, der zum Kreuzzug gegen das Böse aufgebrochen ist. Tätigkeitsfeld weltweit …“, spöttelte Se Ung.

„Blödsinn! Die Los Angeles News sind nicht irgendein drittklassiges Provinzblättchen.“

Se Ung saß jetzt mit aufgesperrtem Mund da. Al hatte sich in Rage geredet und fuhr lautstark fort:

„Schonungslos werde ich sein, scho-nungs-los. Denn ich glaube an die Wahrheit, weil sie das Einzige ist, was zu Gerechtigkeit führt. Das ist mein Beruf. Du müsstest das doch eigentlich verstehen. Ich meine, als Diplomat vertrittst doch gerade Du ein Land, das auf einem Pulverfass sitzt …“

„Ich verstehe das, Al. Du weißt aber genauso gut wie ich, dass die Presse nicht immer die Wahrheit schreibt“, entgegnete Se Ung. „Mal schönt sie, mal fletscht sie die Zähne, je nachdem, was gewünscht wird, je nach den Interessen, die auf dem Spiel stehen.“

„Ich habe mir geschworen, nie mehr die Unwahrheit zu schreiben, nichts mehr zu unterdrücken, glaube mir“, versicherte Al, indem er mit der flachen Hand andächtig auf die Tischplatte pochte. „Und ich werde Shing-hees Tod aufklären, glaube mir“, versicherte Al.

„Ein ehrenwertes Ziel. Vielleicht kann ich dir dabei helfen“, meinte Se Ung und beugte sich zu Al vor, wobei er einen Zeigefinger auf die Lippen legte.

„Du?“, zweifelte Al.

„Warum nicht? Al, ich habe nie darüber gesprochen, auch nicht mit Shing-hee“, flüsterte er, „ich arbeite für das ANSP.“ „Aha“, bemerkte Al erstaunt.

„Meine Legende lautet: Referent im Außenministerium. Ich bin aber in der Beschaffungsabteilung des ANSP tätig. Ich denke, ich kann dir bei deiner Arbeit behilflich sein. Unsere Regierung hat der Korruption den Kampf angesagt – und den Kommunisten aus dem Norden, die unser Land pausenlos piesacken.“

„Hm, hört sich gut an“, räsonierte Al.

„Dann sind wir uns also einig?“

„Ich denke schon.“

Wortlos legte Al eine Zehntausend-Won-Note auf den Tisch.

Die beiden Männer wandten sich zum Gehen.

„Noch etwas, Al“, sagte Se Ung.

„Ja?“

„Ich denke, du solltest keinen Kontakt zu unseren Eltern aufnehmen, wenigstens vorerst. Sie können überhaupt nicht begreifen, was passiert ist. Ich hoffe auf dein Verständnis“, sagte Se Ung mit mitleidsvoller Miene.

„Wissen sie von deiner Tätigkeit?“

„Sie sind stolz, einen Diplomaten hervorgebracht zu haben, dessen Karriere bis jetzt keinen Knick aufweist.“

„Ich halte es auch für besser, deine Eltern vorerst nicht aufzusuchen. Sie würden mir die Schuld an Shing-hees Tod geben.

Die Narbe auf ihrer Seele ist noch zu frisch. Sie könnte wieder aufbrechen …“

„Nein, Al. Sie wird nie mehr verheilen.“

5 Seoul, Botschaft der Vereinigten Staaten von Amerika

Robert O. Woods – Presseattaché

In großen Lettern prangte der Name auf dem messingfarbenen Türschild. Gerade als sie anklopfen wollten, öffnete der untersetzte Mann mittleren Alters mit dem schütteren, blond gekräuselten Haar schwungvoll von innen die Tür. Das kugelrunde, volle Gesicht durchstach ein eisiger Blick hinter einer dicken Hornbrille. Es war, wie Bill es vorhergesagt hatte – der Mann trug zu seinem zeitlosen hellgrauen Anzug eine auffällige Fliege: dunkelgrün mit weißen Tupfen.

Bei dem überraschenden Anblick von Al und Bill reagierte er sofort.

„Ah, schön, dass Sie da sind!“

„Bob, das ist Albert Ventura, mein Nachfolger …“

„Hallo, Al, ich freue mich.“

„Ganz meinerseits, Bob.“

„Habe schon einiges von Ihnen gehört – und gelesen. Los Angeles News …“

„Hoffentlich nur Gutes“, witzelte Al.

Der Attaché bat sie in sein Dienstzimmer. Sie nahmen in dem großzügig eingerichteten Büro auf einer wuchtigen Garnitur Platz. Bob Woods schlug die Beine übereinander.

„Nun, dann werden wir es künftig häufiger miteinander zu tun haben. Bill Cooper und ich kamen glänzend miteinander aus, nicht wahr, Bill?“, hob Woods an. „Schade, dass Ihre Zeit zu Ende ist.“

„Ja, ja. Wahnsinnig gut“, nickte Bill eifrig.

„Ich hoffe, mit uns wird das genauso gut gehen, Al.“

„Das hoffe ich auch“, entgegnete Al.

„Sie kommen also aus L. A. Kennen Sie Korea überhaupt, Al?“

Bob fragte schneidend. Seine Fähigkeit, Dinge direkt auf den Punkt zu bringen, galt als phänomenal. Andererseits schätzte ihn der Botschafter wegen seines Geschicks, gerade in heiklen politischen Angelegenheiten bedeutungsschwere Inhalte wortreich in nichtssagenden Sprachhülsen zu verbergen.

Er fuhr fort:

„Bevor Sie antworten – das mit Ihrer Akkreditierung wird in Ordnung gehen; wir kümmern uns darum.“

„Danke. Nun, ich war früher bei der US-Navy und zwei Jahre in Korea stationiert. Hier lernte ich meine Frau kennen, eine aus Seoul stammende Koreanerin. Sie hatte gerade begonnen, für die Korea Times zu arbeiten. Wir haben geheiratet und sind nach Los Angeles gegangen. Dort hat sie bei den LAN sofort einen Job bekommen.“

„Doch nicht etwa … Halt, lassen Sie mich raten … – Shinghee Ventura? Sie hat das Feuilleton gemacht, nicht wahr?“

„Nein, die Seite über die sogenannten interessanten Persönlichkeiten.“

„Ah, die Klatschspalte“, lächelte Bob spitzzüngig. „Nun, wie geht es Ihrer Frau?“

Bill musste fürchterlich laut husten, weil er sich plötzlich verschluckt hatte.

„Sie kam vor einigen Wochen bei einem mysteriösen Verkehrsunfall ums Leben …“, sagte Al einsilbig.

„Tut mir leid …“

Bob übersprang das unangenehme Thema.

„Habe ich richtig gehört? Sagten Sie US-Navy? Wie kommt man von der Navy zur Zeitung?“, bohrte er weiter. „Presseoffizier?“

„Sagt Ihnen das Stichwort Flottenskandal etwas?“, fragte Al zurück.

„Sie meinen die Geschichte mit dem Fregattenkapitän, der für die Russen spioniert hat? Oder waren es die Chinesen?“

„Es waren die Russen. Kapitän Blyer war im Flottenkommando stationiert. Er hatte zu geheimen Unterlagen Zugang, genauer gesagt zu den Einsatzplänen für die Marine im Mittelmeer und am Golf. Hochinteressantes Material, vor allem für die Russen. Schließlich ist der Bosporus einer der herausragendsten strategischen Punkte, vom Persischen Golf ganz zu schweigen“, führte Al aus.

„Was hattest du damit zu tun?“, fragte Bill dazwischen.

„Ich war damals Korvettenkapitän – und einer der verantwortlichen Sicherheitsoffiziere im Führungsstab der Marine. Auf Befehl des kommandierenden Admirals Schroeder musste ich mich der Sache annehmen – dienstinterne Untersuchung. Ich kam bei meinen Nachforschungen dahinter, dass im Flottenkommando einige hohe Offiziere geschlampt hatten, sonst wäre der Mann nie an die Unterlagen herangekommen. Admiral Schroeder befürchtete einen Rieseneklat. Die Angelegenheit war sowieso schon heikel genug. Um keinen Preis durfte die Öffentlichkeit Wind von dem Skandal bekommen.“

„Was natürlich nicht zu verhindern war. Und der Admiral fürchtete bestimmt um seinen Kopf“, kräuselte Bob.

„Ganz zu Anfang wäre es noch zu verhindern gewesen. Vor allem hätte die Sache lückenlos aufgeklärt werden müssen.

Aber ich war in meiner Untersuchungsarbeit nicht frei.“

„Was heißt das?“, fragte Bill zweifelnd.

Al fuhr fort: „Bestimmte Unterlagen wurden mir vorenthalten, wichtige Zeugen waren plötzlich irgendwohin versetzt worden und so weiter. Ich schlug dem Admiral vor, in die Offensive zu gehen. Doch er zögerte noch immer.“

„Ja, jetzt erinnere ich mich genau“, warf Bob ein. „Der Admiral wollte das nicht, weil er vor einer Beförderung stand.“

„Nein, er hatte politische Ambitionen“, korrigierte Al, „– für die Zeit seines Ruhestands. Eine vernünftige Pressearbeit hätte den Schaden wenigstens begrenzt. Irgendwann sickerte doch etwas durch. Associated Press tickerte eines Tages eine kleine Notiz über die Fernschreiber – und die Lawine war losgetreten. Eine Woche später erschien ein Artikel in den LAN, bei dem die Marineführung gar nicht gut aussah. Die Spekulationen blühten. Der Admiral tobte. Er ließ seine Beziehungen zum Pentagon spielen. Eine Woche später hatte er viel Zeit, spazieren zu gehen.“

„Und dann suchten sie einen Sündenbock?“, mutmaßte Bob.

„Genau. Obwohl sie mir nichts anhaben konnten, wurde ich versetzt. Der Anfang vom Ende – Karriere ade!“

„Und dann haben Sie die Uniform an den Nagel gehängt …“ Bob ließ nicht locker.

„Nicht sofort. Es hat noch fast zwei Jahre gedauert. Meinen Posten als Sicherheitsoffizier war ich allerdings los. Sie haben mich leerlaufen lassen und mir belanglose Verwendungen gegeben – Offiziersbewerber aussuchen, Lehrtätigkeit an der Marineschule, Dinge, die man kurz vor dem Ruhestand tut, aber nicht mit Anfang vierzig. Die Beförderung zum Fregattenkapitän konnte ich in den Kamin schreiben. Meine Bewerbungen um ein Kommando auf einem Schiff wurden abgelehnt. Am Ende half alles nichts. Wenn ich nicht versauern wollte, musste ich Shing-hees Vorschlag annehmen und umsatteln – zum Journalisten. David B. Goldmann wollte einen Insider wie mich unbedingt haben. Volontariat, Trainee-Programm und so weiter – Sie kennen das. Erstaunlicherweise macht die Schreiberei Spaß.“

Bob war allmählich in seinen Sessel zurückgesunken.

„Wenn ich heute noch einmal die Chance bekäme, einen Skandal aufzuklären …“

„Dann?“, wollte Bob wissen.

„Ich würde die Sache anders angehen. So, dass die Wahrheit an den Tag käme. Auf jeden Fall. Koste es, was es wolle.“

„Nun, dann sind Sie in Korea richtig“, beruhigte ihn Bob.

„Die Ruhe täuscht. Am achtunddreißigsten Breitengrad ist immer was los. Hier ist der kalte Krieg noch in vollem Gang. Sie sollten die Grenze in Panmunjom besuchen. Wir haben da ausgezeichnete Verbindungen zum UN-Kommando“, beteuerte Bob. „Sie werden bald merken, dass es brodelt. Bill kann das bezeugen. Habe ich recht?“

„Ja, Bob. Hier lebt es sich wahnsinnig gefährlich. Fast so wie … wie auf einem Pulverfass“, bestätigte Bill. „Aber, Bob – Al wollte von Ihnen eigentlich Hintergründe zur Korea-Politik der USA hören.“

Das Telefon läutete. Bob hob den Hörer ab.

„Ich sagte doch, dass ich nicht gestört …“, entrüstete sich Bob und nahm sich sofort zurück: „Oh ja, Sir, selbstverständlich, natürlich Sir. Ich komme sofort.“

Er legte den Hörer zurück.

„Tut mir leid, meine Herren, der Botschafter verlangt nach mir. Das kann dauern. Wir werden ein andermal weiterreden. Bis bald. Unsere Presse-Übersetzungen bekommen Sie ja täglich in die Redaktion. Da können Sie sich ausgiebig informieren.“

Bob stand auf, rückte sich die Fliege zurecht, schwang sein Jackett über die Schulter und griff nach einer Schreibmappe.

Bill und Al hatten verstanden. Sie erhoben sich und verließen mit Bob den Raum. Al bedauerte den abrupten Gesprächsabbruch.

„Ist der immer so kurz angebunden?“, fragte er Bill.

„Diplomat – wenn du verstehst, was ich meine. Kleinere Störungen sind manchmal recht willkommen.“

„Du meinst, der war ganz froh, dass er zum Botschafter musste?“

Bill nahm seinen gewohnten Redefluss wieder auf.

„Kann ich mir wahnsinnig gut vorstellen. Es würde mich nicht wundern, wenn der gerissene Kerl das Telefonat nur lanciert hätte. Hast du gemerkt, wie er dich ausgefragt hat? Als es ans Eingemachte ging, musste er plötzlich weg. Merkwürdig, was? Die Presseverlautbarungen der Botschaft kannst du vergessen. Das Zeug stapelt sich wie wahnsinnig in meinem Büro. Wahre Hintergründe erfährst du von Woods ohnehin nicht. Er gibt nur zu, was du ihm beweisen kannst. Du wirst selbst herausfinden müssen, wer hinter den Kulissen welche Rolle spielt. Und da ist einiges faul.“

„Das sagt Goldmann auch.“

„Sei sicher, Goldmann hat dafür eine Nase. Nicht umsonst ist er so wahnsinnig erfolgreich …“

„ …und einflussreich“, setzte Al hinzu und sah sich im Botschaftsgebäude eingehend um. „Ich möchte mich einmal in diesem Gebäude vierundzwanzig Stunden mit einer Tarnkappe bewegen können“, wünschte er. „Ich hätte bestimmt Stoff auf Jahre hinaus.“

„Bestimmt!“

Bill wechselte das Thema.

„Mist – ich habe vergessen, mich bei Bob für die Einladung zu bedanken und mich zu entschuldigen.“

„Welche Einladung?“

„Die Einladung zum Botschaftsempfang. Hier ist sie.“

Bill fuchtelte mit einem weißen Briefkuvert vor Al herum und zog eine bedruckte Karte heraus.

„Der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika in der Republik Korea beehrt sich, Herrn William Antony Cooper und Begleitung aus Anlass des Unabhängigkeitstages am vierten Juli neunzehnhundertsechsundneunzig zu einem Empfang in seine Residenz einzuladen …“, las er halblaut vor. „Mensch, Al, da bin ich doch längst nicht mehr in Korea! Deswegen wollte ich Bob ansprechen und ihm vorschlagen, dass du hingehst.“

„Ich? Zum Empfang? Weiß nicht, solche Dinge liegen mir nicht besonders. Ich bin kein Salontiger“, sträubte sich Al.

„Al, du musst hin! Du triffst alles, was Rang und Namen hat. Landsleute aus Politik, Wirtschaft, Sport, Medien. Es wird vor interessanten Figuren wimmeln. Die Koreaner werden da sein, die Briten, Franzosen, Japaner und die Deutschen – viele der befreundeten Geheimdienste. Nirgendwo anders kannst du bessere Kontakte anbahnen. Du wirst auf sie angewiesen sein“, dozierte Bill.

„Ich weiß nicht …“

„Stell dich nicht so an wie ein Debütant beim ersten Ball. Außerdem legt unser Botschafter größten Wert darauf, dass seine Gäste erscheinen. Also?“

„Überredet. Okay – meinetwegen.“

„Es wird dir guttun, wenn du unter Leute kommst. Und keinesfalls solltest du ohne Begleitung hingehen“, riet Bill.

„Begleitung? Wie stellst du dir das vor? Shing-hees Familie würde mir das bestimmt übel nehmen, so kurz nach ihrem Tod.“

„Schließlich machst du nur deinen Job!“

„Obwohl – das heißt … Da fällt mir jemand ein.“

Al fasste sich an das Kinn und senkte seinen Kopf. Sein Lächeln verriet die freudige Überraschung seines Einfalls.

6 Los Angeles, Chefredaktion der LAN

David B. Goldmann, der ebenso unangefochtene wie eigensinnige und langjährige Herrscher über ein einflussreiches Medienimperium, saß in dem pompösen Ledersessel hinter seinem wuchtigen Mahagonischreibtisch. Er dachte nun schon geraume Zeit darüber nach, ob er das Seouler Redaktionsbüro heute anrufen sollte oder ob er mit dem Anruf etwa voreilig war. Schließlich gelangte er zu dem Ergebnis, dass es besser war, den Anruf nicht aufzuschieben. Jeder weitere Tag konnte ein verlorener Tag sein.

„Hier David“, sagte er ruhig.

Die Verbindung war klar und deutlich.

„Ah, David – hallo“, gab Al zurück.

„Al, weshalb ich anrufe …“

„Ja?“

„Ich dachte, heute sind Ihre hundert Tage vorbei, ich meine, seitdem Sie das Seouler Büro übernommen haben. Sie wissen, was das bedeutet?“

„Hundert Tage? Ich bin zwar nicht der amerikanische Präsident, aber mir ist natürlich klar, dass die Schonzeit irgendwann zu Ende ist.“

„Scherz beiseite, Al!“, mahnte Goldmann, der nicht besonders gut aufgelegt zu sein schien.

„Machen wir’s kurz. Es gibt ein paar Dinge, über die wir noch nicht sprechen konnten, die Sie sich aber unbedingt hinter die Ohren schreiben sollten“, fuhr er fort.

Er redete in einer festen Bestimmtheit, die Al von ihm nicht gewohnt war. Seine Tonlage kam ihm fast befremdlich vor.

Al wusste, dass er jetzt genau zuhören musste. Trotzdem entgegnete er: „Habe ich etwas falsch gemacht?“

„Quatsch, das meine ich nicht. Also, passen Sie auf!“

Der alte Herr mit dem runden, weißhaarigen, lockenumkränzten Kopf, dem kurz geschnittenen, schneeweißen Schnauzer und der goldumrandeten Nickelbrille setzte sich zurecht. Jedes Mal, wenn er sich zurechtsetzte, erinnerte er Al an den griechischen Göttervater Zeus.

„Wie schätzen Sie die Lage in Korea ein?“

Die Frage überraschte Al. Goldmann kannte die Lage auf der ganzen Welt besser als jeder einzelne Mitarbeiter der LAN.

Was führte er im Schild? Al beschloss, vorsichtig und verhalten zu antworten.

„Scheint sich nicht viel verändert zu haben in den letzten zwölf Jahren“, wich Al aus, um sich sogleich zu korrigieren:

„Ach, was sage ich – seit dem Waffenstillstand vor dreiundvierzig Jahren. Wenn ich vergleiche, was der heutige Präsident Kim Young-sam damals im Wahlkampf alles versprochen hat – nicht viel davon übrig geblieben …“

David ging auf Al’s Antwort ein:

„Immerhin ist er der erste wirklich zivile Präsident nach all den Generälen – was dem Land international gut ansteht.

Er hat die Macht der Militärs zurückgedrängt …“, dozierte Goldmann.

„ …hat dafür jetzt innenpolitische Probleme und die Nordkoreaner haben Oberwasser“, unterbrach Al. „Klar, dass die Opposition ihn so schnell wie möglich wieder loshaben möchte.“

„Nicht nur die Oppositionellen fürchten um ihre Sicherheit.“

„Dass das ganze Land in ständiger Angst vor einem Überfall aus dem Norden lebt, ist deutlich zu spüren, überall …“

„Diese Angst ist nicht ganz unbegründet“, gab David zu bedenken. „Der Norden will die Wiedervereinigung. Vietnam ist wiedervereinigt, Deutschland auch, sogar bei den Jemeniten hat es geklappt.“

„Aber um welchen Preis? Solange die im Norden ihre Juche-Ideologie nicht aufgeben und den Süden mit ihrem verfluchten Kommunismus überziehen wollen … Ideologie statt Reis.

Von Phrasen wird keiner satt. Und der satte Süden, die volle Speisekammer vor der Haustür.“

„Keiner weiß, wie die Kommunisten reagieren, wenn sie ihr Volk nicht mehr satt bekommen. Bedenken Sie, dass der wahre Regent Nordkoreas Hunger heißt. Ein verdammt schlechter Küchenmeister und ein noch schlechterer Politiker! Ich sehe da mehrere Möglichkeiten – rein theoretisch, versteht sich: Entweder die proletarischen Massen des Nordens stürzen ihre Regierung – was bei dem Personenkult, den sie betreiben, eher unwahrscheinlich ist – oder …“

„ …oder sie treten die Tür zur Speisekammer ein“, ergänzte Al. „Beides hätte der Süden auszubaden, weil er die katastrophalen wirtschaftlichen Folgen auf Jahre hinaus tragen müsste. Das kann sich der Tiger Südkorea einfach nicht leisten, er wäre erledigt.“

„Und deswegen schickt der Süden Reis in den Norden?“

„Klar. Hungerhilfe kommt den Süden billiger zu stehen.

Lieber armen Kindern auf der Straße ein paar Schalen Reis auf die Hand als sie in das eigene Haus einziehen lassen.“

Al rätselte immer noch, worauf der Alte hinauswollte.

„Nun gut. Lassen wir das. Stellen Sie zunächst Kontakte zu wichtigen Leuten her, Leute, die Ihnen etwas nützen – das heißt uns …“

„David, ich habe …“, warf Al ein.

„Lassen Sie mich ausreden“, fuhr der Alte dazwischen. „Ihrem Vorgänger Bill ist es nicht gelungen, an wichtige Informationen heranzukommen, verstehen Sie? Ich will von Ihnen nicht auch so ein abgedroschenes Stroh bekommen.“

„Hm.“

Al musste an die chaotischen Zustände denken, die er im Redaktionsbüro vorgefunden hatte. Er wollte nicht unkollegial gegenüber Bill sein. Auch war es nicht seine Art, auf jemand anderes Kosten gut vor seinem Chef dazustehen.

„Was wir hier brauchen, sind nicht nur gute Informationen. Ihre Informationen müssen wertvoll sein. Wertvoll heißt: Exklusivität, nicht der zensierte Schwachsinn, den dieser Presseattaché Woods von sich gibt. Die offizielle Haltung der amerikanischen Regierung bekomme ich aus Washington – und zwar aus erster Hand.“

Der Alte räusperte sich. Al nutzte die Pause.

„Ich bin dran!“, versicherte er knapp.

Unbeirrt fuhr David fort: „Es nützt auch nichts, wenn Sie das Zeug zusammenschreiben, das Yonhap fabriziert. Die Haltung der südkoreanischen Regierung ist zwar wichtig, aber nicht maßgeblich.“

Was wollte er damit sagen? Was mochte entscheidend sein?

Al runzelte die Stirn. Er zog es vor, nichts zu entgegnen.

„Ich will Informationen, die nur wir bringen können, keine andere Zeitung!“

Al hörte, wie der Alte in seinem Büro auf die Tischplatte schlug. Dennoch rang Al sich durch, ihn zu fragen.

„Wie stellen Sie sich das vor?“

David lachte rau.

„Bauen Sie Informationsstränge auf. Machen Sie ein Informationsnetz aus ihnen. Klären Sie Informationen, die Sie aus einer Hand bekommen, mit Informationen aus anderen Quellen ab. Arbeiten Sie wie … ja, wie ein Geheimdienst. Geld spielt dabei die geringste Rolle!“

Das konnte nicht sein Ernst sein! Al war bei ihm in die Schule des Journalismus gegangen, hatte unter seiner Anleitung gelernt, mit dem Metier umzugehen. Auch ungewöhnliche Methoden hatte ihm David beigebracht. Und jetzt so ein Ansinnen? Wenn Al alles lag, aber das Zeug zum Agenten traute er sich nicht zu. Er konnte doch unmöglich seriöse Berichterstattung in Geheimdienstmanier betreiben!

Dem Alten war Al’s Seufzer nicht entgangen. Er drang weiter in Al:

„Bringen Sie Neuigkeiten. Am besten sind handfeste Skandale. Wen interessiert es, wenn Kim Young-sam einen Schnupfen hat? Aber wenn der Sohn des Präsidenten im Verdacht der Korruption steht, erwarte ich, dass Sie die Hintergründe aufklären, wie es sich für einen Investigativjournalisten gehört. Verstanden?“

Al’s Gedanken jagten sich. Geld spielt keine Rolle, hatte er gesagt.

„Korea ist ein Land der Korruption. Bedienen Sie sich der dort üblichen Methoden und Sie werden Erfolg haben“, riet David in etwas verbindlicherem Ton.

Al konnte nicht widersprechen. Mit Schmiergeldern ließ sich in der Tat in Asien einiges bewegen.

„Wissen Sie, was Sie da von mir erwarten?“, konterte Al.

„Es interessiert mich nicht, wie Sie darüber denken. Sie sind an exponierter Stellung im Ausland eingesetzt. Sie wissen so gut wie ich, dass sich die Amerikaner für das Ausland nur nebenbei interessieren. Das ändert sich in dem Augenblick, in dem es etwas wirklich Spektakuläres gibt – Meldungen, die den Amerikanern unter die Haut gehen.“

Aha, er machte schon wieder Politik. Al schätzte an David das Geschick zu scharfen Analysen und seine Begabung zu treffsicheren Prognosen, deren Kombination sich oftmals als exakt kalkulierte Prophezeiung entpuppte. Als politischen Taktiker hatte er ihn allerdings bisher nicht kennengelernt.

„Ich soll dafür sorgen, dass es etwas Spektakuläres gibt?“, fragte Al unsicher zurück.

„Es passiert genug. Sorgen Sie dafür, dass das Spektakuläre ans Licht kommt!“

Al kam sich überrumpelt vor. David, der mit ihm wie mit einem naiven, dilettantischen Anfänger umsprang, wollte genau das geliefert bekommen, was er brauchte. Um den Weltruhm zu erhalten, den seine Tageszeitung genoss, war er auf globale Betrachtungsweisen angewiesen. Andernfalls war der Medienkonzern nicht mehr wert als ein Auto mit Plattfuß.

„Nun, Al, ich denke, Sie wissen, was ich von Ihnen erwarte, spätestens jetzt.“

„Ja“, seufzte Al.

„Sie werden gewiss nicht lange warten müssen, bis etwas Aufsehenerregendes passiert. Halten Sie die Augen offen. Und schließlich bin ich ja auch noch da, um Ihnen beim Fährtensuchen zu helfen.“

7 Seoul, Residenz des Botschafters der Vereinigten Staaten von Amerika

Am Eingang der stattlichen Residenz, in der der Botschafter seine Empfänge abzuhalten pflegte, hatte sich eine lange Schlange festlich gekleideter Menschen gebildet. Der Botschafter ließ es sich nicht nehmen, jeden einzelnen Gast persönlich zu begrüßen. Mit einigen plauderte er auch ein paar Worte. Seine charmante Ehefrau und sein Stellvertreter eskortierten ihn.

Al stellte sich vor, als die Reihe an ihm war. „Al Ventura, Los Angeles News.“

„Guten Abend, Herr Botschafter – und vielen Dank für die Einladung. Darf ich Ihnen Frau Professor Kang vorstellen?“ Al hatte sich in seinen besten Anzug geworfen. Jung Sook trug ein reizendes kurzes, schwarzes Kleid, in dem ihre zierliche Figur mit bewundernswerter Ausstrahlung zur Geltung kam.

„Sehr erfreut, Frau Professor. Sehr erfreut, Herr Ventura“, dankte der Botschafter höflich.

Seine Frau und sein Stellvertreter nickten freundlich lächelnd.

„Viel Vergnügen heute Abend. Und lassen Sie ein gutes Haar an unserer Botschaft, wenn Sie über den Empfang berichten“, mahnte der Diplomat Al mit einem breiten Lächeln unter den dunklen, buschigen Augenbrauen.

„Ah, da sind Sie ja, Al.“

Bob Woods schien nur darauf gewartet zu haben, dass Al eintraf. Wie ein Pinguin watschelte er auf das Paar zu. Al übernahm die Vorstellung:

„Bob Woods, Presseattaché der Botschaft – Frau Professor Kang.“

„Ja. Freut mich sehr“, bluffte Bob. „Leider muss ich mich noch um andere Gäste kümmern. Wir sehen uns.“

Angesichts der weiter hereindrängenden Menschen mochte Al ihm die knappe Entschuldigung nicht als Ausrede auslegen. Jung Sook verglich indessen Bobs Charme mit dem einer ungetünchten Betonmauer. Al widersprach ihrer Feststellung nicht.

Die Empfangshalle der Residenz war mit adrett in blütenweiße Jacketts gekleideten jungen Frauen und Männern bestückt. Von ihren Tabletts reichten sie unaufdringlich Erfrischungsgetränke und pikant belegte Kanapees. Die Botschaft hatte sich wirklich allerhand einfallen lassen. Die meisten Gäste machten von dem Angebot regen Gebrauch. Wie in allen öffentlichen Gebäuden seiner Heimat durfte Al auch hier nicht rauchen, obwohl er gerade jetzt nach einer Zigarette gierte.

Die Geräuschkulisse des Small Talk war inzwischen auf eine beträchtliche Stärke angewachsen.

Es war, wie Bill prophezeit hatte: viele bunt Uniformierte, Diplomaten aus aller Welt, einige in farbenprächtigen Nationaltrachten, Wirtschaftskapitäne, Manager, Prominente, Langweilige und Interessante, Lässige und Distinguierte, Elegante und Sportliche. Eine vielfältige Mischung von drei- oder vierhundert Leuten aus allen Kontinenten hatte sich zusammengefunden. Jung Sook war beeindruckt. Sie konnte nicht anders als sich über einige der Gäste zu amüsieren.

Der kleine, füllige Botschaftsrat aus dem schwarzafrikanischen Land, der allein erschienen war, wirkte auf sie schon bei seiner Ankunft angetrunken. Er schüttete gläserweise gekühlten Weißwein in sich hinein. Er versuchte, mit Jung Sook ins Gespräch zu kommen. Jede ihrer höflichen, jedoch völlig belanglosen Bemerkungen kommentierte er stereotyp mit einem heiseren „Okay, okay“, wobei er jedes Mal fürchterlich seine Augen verdrehte. Unter einem Vorwand dirigierte Al Jung Sook von ihm weg.

Sie fielen unmittelbar einem italienischen Offizier in die Hände, der nach seiner goldbetressten Uniform wenigstens den Rang eines Generals innehatte. Er berichtete ebenso temperamentvoll wie gestenreich von seiner kinderreichen Familie, die zum großen Teil in den Staaten lebte. Al und Jung Sook beendeten das Gespräch mit einigen höflichen Floskeln.

Einige Journalisten, die er im Pressezentrum kennengelernt hatte, gesellten sich zu Al. Sie unterhielten sich eine Weile. Al sah noch immer vereinzelt neue Gäste ankommen. Die Schlange vor der Tür hatte sich auf wenige Personen reduziert. Andere Gäste schickten sich bereits wieder an, sich vom Botschafter, der immer noch am Eingang stand, zu verabschieden und das Residenzgebäude zu verlassen.

Verstohlen blickte Al auf seine Uhr.

„Ich schlage vor, nicht mehr allzu lange zu bleiben. Wollen wir nicht den angebrochenen Abend irgendwo in Ruhe ausklingen lassen?“

„Glänzende Idee“, meinte Jung Sook.

„Bist du’s nun oder bist du’s nicht?“

Der Mann, der in der maßgeschneiderten, eleganten Galauniform eines Fregattenkapitäns der US-Navy auf Al zugetreten war, baute sich vor ihm auf. In seinem abgewinkelten linken Arm hielt er einen halb gefüllten Sektkelch vor der Brust. Verdutzt blickte Al auf die Reihe militärischer Auszeichnungen und das Namensschild. „R. Meyers“ stand schlicht in weißen Buchstaben auf dem schwarzen Täfelchen.

„Ich weiß nicht, ob wir uns kennen“, zögerte Al, um Zeit zum Nachdenken zu gewinnen.

Der Mann kam ihm zwar bekannt vor, aber in der Überraschung des Moments wusste er nicht, wo er ihn unterzubringen hatte.

„Al – Albert Ventura, natürlich, du bist es! Wie kommst du denn hierher?“, setzte der Offizier nach.

„Raymond! Verdammt noch mal, das darf doch nicht wahr sein – Raymond, alter Haudegen … Unglaublich ist das“, freute sich Al. „Na, früher hattest du ein paar Haare mehr auf dem Kopf – Entschuldigung, Jung Sook, das ist Fregattenkapitän Raymond Meyers, US-Navy, und das ist Frau Professor Kang.“

Al hatte sich wieder gefangen. Dennoch war seine Freude, den alten Kameraden wiederzusehen, deutlich spürbar.

„Hallo, Madame, bin sehr erfreut, Sie kennenzulernen“, strich Raymond charmant heraus.

Jung Sook dankte mit einer leichten Verbeugung ihres Kopfes, während der sie ihre Augen für einen Moment sanft schloss.

„Weißt du, Jung Sook, Raymond und ich gingen damals gemeinsam zur Marine, mit all den Illusionen, die man nur haben kann, wenn man Berufsoffizier werden will. Wir waren während unserer gesamten Ausbildung zusammen. Fast alle Lehrgänge haben wir gemeinsam besucht“, erklärte Al.

„Und wir wurden am selben Tag zum Leutnant befördert“, fügte Raymond mit erhobenem Zeigefinger hinzu.

„Ja, dann kam Raymond auf einen Minensucher und ich übernahm ein Landungsboot. Wir sind uns ab und zu begegnet, das letzte Mal … ich glaube, das war bei dem Crewtreffen in Santa Monica.“

„Stimmt genau, ist aber mindestens zehn, zwölf Jährchen her.“

Eine der adretten Bedienungen zwängte sich zwischen ihnen durch.

„Sag mal, Al, bist du auf Besuch hier, oder was treibt dich in die US-Botschaft?“, fuhr Raymond fort.

„Ich arbeite für die Los Angeles News – in unserer Seouler Redaktion. Seit Neuestem.“

Er überreichte Raymond seine Visitenkarte.

„Natürlich, du hast ja damals die Uniform an den Nagel gehängt – bist Journalist geworden. Der Flottenskandal, ich erinnere mich …“, winkte Raymond ab.

„Und was machst du hier?“

„Ja, weißt du …“ Raymond zupfte Al am Ärmel und flüsterte ihm etwas ins Ohr.

„Eine glänzende Idee! Darauf trinken wir.“

Al prostete ihm zu. Die Runde erhob ihre Gläser. Raymond entschuldigte sich mit einer knappen Verbeugung.

„Ist ja ein netter Kerl, sehr sympathisch“, himmelte Jung Sook hinterher.

„Der alte Raymond, wer hätte das gedacht …“

„Was macht er eigentlich hier bei der Botschaft?“

„Ich erkläre es dir später. Er fragte mich soeben, ob wir uns nach dem Empfang irgendwo treffen wollen. Ich denke, du hast nichts dagegen. Wenn man nach so langer Zeit einen alten Freund wiedersieht … Wir sollten den Abend schön ausklingen lassen.“

„Nicht lieber zu zweit?“

Aus ihren bittenden Worten klang verhaltene Enttäuschung.

„Ja doch, gewiss. Es braucht ja nicht so spät zu werden. Raymond muss noch ein paar Minuten hierbleiben. Wir beide könnten ja schon vorausfahren.“

„Und wohin?“

„Wir haben uns im Pressezentrum verabredet. Im Club der Auslandskorrespondenten sind wir ungestört.“

„Muss das wirklich sein?“, fragte Jung Sook unwillig.

„Es wird dir gefallen.“

8 Seoul, Korea Press Center

Es war kühl geworden. Eine sternenklare Nacht kündigte den bevorstehenden Herbst an. Jung Sook hatte ihren Mantel für die wenigen Schritte zu Al’s Wagen nur über ihre Schultern gehängt.

„Was macht er nun, dein Freund?“, fragte sie Al ungeduldig, als sie losfuhren.

„Scheint dich ja sehr zu interessieren“, gab Al gereizt zurück.

„Zugegeben, so eine Navy-Uniform sieht schon toll aus. Hättest mich mal sehen sollen …“

Jung Sook warf ihrem Chauffeur einen missmutigen Blick zu.

„Lenk nicht ab, Al.“

„Das konnte ich dir vorhin nicht sagen, vor allen Leuten. Er ist nur dem Rang nach Fregattenkapitän. Mit Marine hat er nichts mehr zu tun. Mir hat er anvertraut, dass er hier für die CIA arbeitet.“

„Den amerikanischen Geheimdienst?“

„So ist es. Was meinst du, wie viele Mitarbeiter von Geheimdiensten heute Abend da drin sind?“

Al deutete mit einer Hand auf das Botschaftsgebäude zurück. „Keine Ahnung. Ich dachte, das seien alles wichtige Menschen, Diplomaten und so …“

„Sind es auch. Vordergründig geht es den meisten nur um das Sehen und um das Gesehenwerden. Anderen bietet so ein beeindruckender Empfang die Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, zu beobachten, wer mit wem spricht, das eine oder andere Wort aufzuschnappen …“

„Verstehe. Das ist also alles bloß eine gigantische Show, bei der jeder seine Rolle zu spielen hat. Die eleganten Gewänder, Roben und Uniformen bilden die Staffage und zeigen die Hackordnung an“, staunte Jung Sook.

„So ungefähr“, bestätigte Al.

„Glaubst du, dass auch nordkoreanische Agenten dabei waren?“

„Bestimmt. Du hast viele Landsleute gesehen. Weiß ich, ob der freundliche Herr aus dem Wirtschaftsministerium, der mich auf meinen Artikel aus der letzten Woche ansprach, für Pjöngjang spioniert?“

„Oder die Bedienungen … obwohl sie sehr aufmerksam waren“, schränkte sie ein.

„Ja, vielleicht gerade deshalb … Die bekommen allerlei mit … Jung Sook, wir sind da.“

Al stieg aus, ging um den Wagen herum und öffnete die Tür. Grazil entstieg Jung Sook dem Fahrzeug und hängte sich am Arm ihres Begleiters ein. Sie betraten das Gebäude des Pressezentrums. Der Lift brachte sie rasch in das oberste Stockwerk. Von einer der Nischen des Restaurants, die sich für vertrauliche Gespräche zu zweit oder zu dritt hervorragend eigneten, blickten sie auf den beleuchteten Springbrunnen vor dem Seoul Plaza Hotel. Tief unter ihnen breitete die unruhige Großstadt ihr nächtliches Gesicht aus.

„Du hattest recht, Al. Der Ausblick von hier ist zauberhaft. Sieh doch nur, die vielen bunten Lichter“, begeisterte sich Jung Sook.

Sie deutete auf den Namsan-Berg.

„Da, das ist der Fernsehturm – der Seoul Tower.“

„Und dahinter liegt Itaewon“, ergänzte Al.

„Ja. Und deine Wohnung …“

Al war nachdenklich geworden.

„Was ist los mit dir?“, fragte sie.

Al senkte seinen Kopf. Stumm sah er durch das volle Weinglas vor sich. Der Qualm, der von seiner Zigarette aus dem Aschenbecher aufstieg, kräuselte sich in blauen Wölkchen um seinen Kopf.

Jung Sook lehnte sich an ihn und fasste ihn am Arm.

„Du musst nicht traurig sein, Al. Bitte nicht“, flüsterte sie.

„Ach, ich denke …“, seufzte Al.

„ …an Shing-hee – ich weiß. Aber, du hast doch auch noch mich“, tröstete sie ihn und strich über sein Haar.

„Wenn ich doch nur genau wüsste, warum sie sterben musste.

Alles war so mysteriös …“

„He, alter Junge!“

Raymond schlug Al so kräftig auf die Schulter, dass er erschrocken zusammenfuhr.

„Das ist kein Tag zum Trübsalblasen“, schärfte er ihm ein.

Jung Sook war ein bisschen enttäuscht, weil Raymond nun einen grauen Anzug trug, wo ihm doch die Uniform so gut gestanden hatte. Jetzt sah er aus wie viele andere.

„Ach, das ist alles schon hundert Jahre her. Alles Vergangenheit. Sie holt mich immer wieder ein“, klagte Al. „Damals, als wir junge Offiziere waren, den Kopf voller Flausen hatten, da dachten wir, uns gehöre die ganze Welt. Wir wollten Abenteuer erleben, fremde Länder sehen, Erfahrungen machen …

Die Navy gab uns die Chance. Und wir haben sie genutzt. Aber die Wirklichkeit ist anders. Grausam ist sie, kalt und erbarmungslos. Vielleicht auch gerecht. Es ist unsere Aufgabe, uns ihr zu stellen“, philosophierte Al.

Raymond fuhr dazwischen:

„Mann! Unsere Crewkameradschaft zählt heute noch. Sollte sie nur das bisschen wert gewesen sein, was wir zusammen erlebt haben, dann hätten wir sie gleich damals vergessen können. Du bist nicht mehr dabei und ich auch nicht, okay?

Das war einmal. – Oh, ich glaube, jetzt habe ich etwas gesagt, was ich lieber für mich behalten hätte.“

Al hatte sich wieder gefasst und nahm einen kräftigen Schluck aus seinem Glas.

„Nein, nein. Du trägst zwar noch die Uniform. Aber jeder, der bis drei zählen kann, fragt sich doch, was ein Fregattenkapitän in einer Botschaft macht. Ich habe Frau Dr. Kang erzählt, was du machst.“

Raymond sah ihn fassungslos an.

„Du hast was?“

Eigentlich hätte er auf Al wütend sein müssen. Jung Sook war seine Zugehörigkeit zur CIA nun bekannt. Eines seiner bestgehüteten Geheimnisse, das er nicht einmal Leuten preisgab, die er gut kannte, wusste diese wildfremde Frau. Weil sein Freund es ihr erzählt hatte – einfach so.

„Raymond! Nun beruhige dich. Frau Dr. Kang hat gelegentlich auch mit deinem Dienst zu tun“, erklärte Al und lächelte versöhnlich.

„Ja, das stimmt“, bestätigte Jung Sook. „Wissen Sie, ich bin häufiger in den Staaten.“

„Sie? Was machen Sie eigentlich?“, fragte Raymond.

„Habe ich dir das nicht erzählt?“

Al sah Raymond erstaunt an.

„Nein, Al, hast du nicht. Wann auch?“

„Mister Meyers, ich arbeite an der Universität von Seoul, als Professorin für koreanische Kunst“, antwortete Jung Sook zutreffend.

„Aha, und der Job führt Sie häufiger in die Staaten?“

Raymond wollte es genau wissen.

„Genauer gesagt nach Kalifornien, jedenfalls überwiegend.

Ich betreue zum Beispiel das Asiatische Kunstmuseum in San Francisco oder private Kunden.“

„Private Kunden?“

„Nun, auf der Welt wird allerlei angeboten. Die koreanische Kunst ist recht begehrt. Mein Fachgebiet ist die Malerei. Und echte Bilder aus der Koryo-Zeit mit ihren vielfältigen Malstilen von Fälschungen zu unterscheiden ist nicht immer ganz einfach, selbst für Fachleute. Universitäten, Galerien oder private Händler und Sammler gehen lieber auf Nummer sicher und lassen sich Expertisen anfertigen.“

„Ach, und das machen Sie?“

„Unter anderem das. Nicht alle Kunstliebhaber sind auch Experten. Ich katalogisiere, nehme an Auktionen teil und erstelle Gutachten.“

„Bemerkenswert!“, fand Raymond. „Jetzt wird mir auch klar, was Sie mit meinem Brötchengeber zu tun haben“, lachte er.

„Die CIA und die Kunst – ein weites Feld … Warum sagen Sie nicht einfach Raymond zu mir? Alle meine Freunde nennen mich so.“

„Nichts dagegen. Ich bin Jung Sook“, kokettierte sie.

Raymond blickte auf seine Uhr.

„Ach, Kinder, es ist spät geworden. Wir sollten austrinken und gehen. Morgen ist ein anstrengender Tag. Der Empfang muss ausgewertet werden.“

„Und ich muss einen Artikel über den Empfang für meine Zeitung schreiben“, schloss Al an.

Sie warteten auf den Fahrstuhl.

„Was hast du?“, erkundigte sich Jung Sook, als Al sich die Wange hielt.

„Wahnsinnige Zahnschmerzen.“

9 Seoul, Itaewon

Al hatte die ganze Nacht kaum ein Auge zugemacht. Seine Zahnschmerzen waren heftiger geworden. Stundenweise hatte er versucht, sein Leiden mit Schmerztabletten zu unterdrücken. Die Medikamente dämpften zwar den Schmerz, besiegten ihn aber nicht.

Bis um vier Uhr morgens hatte er gehofft, die Angelegenheit sei harmlos und die Schmerzen würden von selbst verschwinden. Aber als die Qualen statt nachzulassen immer unerträglicher wurden und er sie nicht mehr aushalten konnte, stand er auf. Zwei lange Stunden wanderte er ziellos durch seine Wohnung. Spülungen mit Ginseng-Schnaps, Zigaretten – nichts half. Als er im Badezimmer beiläufig in den Spiegel blickte, erschrak er vor sich selbst. Seine linke Wange war dick angeschwollen. Seinen Mund konnte er kaum noch öffnen. Aus dem Spiegel blickte nicht Al’s Ebenbild. Ein aufgedunsenes Monster gaffte ihn an.

Verschlafen stand Jung Sook hinter ihm.

„Du musst sofort zu einem Zahnarzt“, gähnte sie.

„Oh, ich habe dich geweckt.“

„Nicht so schlimm.“

„Kennst du einen?“

Sie suchte in ihrer Handtasche nach dem Notizbuch. Als sie die Nummer gefunden hatte, rief sie in der Praxis an.

„Der Anrufbeantworter. Die Praxis ist bis zum nächsten Wochenende geschlossen. In dringenden Fällen wird eine Frau Choi in der Zahnklinik empfohlen. Am besten, wir fahren gleich hin. Ich mache mich schnell zurecht.“

„Und ich hinterlasse auf dem Band in meinem Büro eine Nachricht. Die werden denken, dass ich heute Nacht abgestürzt bin …“

Eine knappe Stunde später lag Al auf dem Behandlungsstuhl. Das grelle Neonlicht der Operationsleuchte blendete ihn. Die Spritze, die Frau Choi injiziert hatte, musste bald wirken. Die junge Ärztin beugte sich über sein Gesicht.

„Sie sind in dieser Woche schon der dritte Weisheitszahn“, stellte sie nüchtern fest. „Gestern waren schon zwei vor Ihnen da, Herr Ventura. Aber Ihr Zahn sitzt auf Eiter, was die Behandlung nicht gerade erleichtert.“

„Ich bin froh, dass Sie mich behandeln“, brachte er gequält vor.

„Ja, es ist gut, dass Sie kommen. Sie hätten schon früher kommen sollen“, belehrte sie ihn.

Als sie mit einer Sonde prüfte, ob die Injektion wirkte, zuckte Al vor Schmerzen zusammen.

„Warten wir noch ein paar Minuten“, beruhigte sie ihn. „Erzählen Sie von sich.“

Währenddessen hielt sie seine Behandlungskarte in der Hand und las aufmerksam, was die Helferin notiert hatte.

„Sie sind Journalist, nicht wahr? Amerikaner.“

Al nickte. Als er sich aufsetzen wollte, um noch etwas zu sagen, drückte ihn die Ärztin auf den Behandlungsstuhl zurück.

„Schön liegen bleiben. Übrigens – Sie sprechen ausgezeichnet Koreanisch. Hier steht, Sie arbeiten für die koreanische Redaktion der Los Angeles News.“

„Meine Frau war Koreanerin.“

„Lebt sie hier?“

„Nein. Nein – sie ist gestorben, im vergangenen Jahr.“

„Ich glaube, wir können jetzt …“

Frau Choi prüfte erneut die Wirkung der Injektion. Al kniff nur noch leicht die Augenlider zusammen, als der Stahl der Sonde in sein Zahnfleisch drang.

Wenige Minuten später hielt Frau Choi Al’s letzten Weisheitszahn an einer Zange hoch und betrachtete den blutigen Gegenstand von allen Seiten. Al lag benebelt und erleichtert auf dem Behandlungsstuhl.

„Ein recht schönes Exemplar. Na, der wird Ihnen keinen Kummer mehr bereiten. Sie können sich jetzt entspannen.“

Der Zahn fiel klingend in eine Metallschale.

„Aber Sie müssen einiges für die Nachbehandlung tun.“

„Nachbehandlung?“, presste Al hervor, während er das blutstillende Watteröllchen auf seine Wunde biss.

„Zwei Stunden nicht essen und trinken. Auch nicht rauchen.“

„Ist das alles?“, seufzte Al.

„Hier, nehmen Sie diese Schmerztabletten mit – wenn Sie es gar nicht aushalten.“

Sie drückte ihm ein Röhrchen mit weißen Pillen in die Hand. Al spuckte den blutgetränkten Tampon in einen Abfallbehälter und verzog ob des faden, blutigen Geschmacks in seinem Mund das Gesicht.

„Es wird schnell aufhören zu bluten. In ein paar Tagen kommen Sie wieder und lassen die Wunde nachsehen. Die Schwester wird Ihnen einen Termin geben“, ordnete Frau Choi mit der Ärzten eigenen Bestimmtheit an.

Sie schickte sich an, ihre Hände zu waschen. Anschließend rieb sie sie mit einem Desinfektionsmittel ein.

Al vereinbarte bei der Schwester an der Rezeption einen Termin, zog seinen Mantel über und wollte gehen. Erst jetzt bemerkte er, dass Frau Choi grell geschminkt war. In ihrem knappen Röckchen und den Stöckelschuhen unterschied sie sich mit ihren Mitte dreißig von den meisten anderen koreanischen Frauen nur durch den weißen Kittel. Irgendwie gefiel ihm ihre Erscheinung, nicht nur, weil sie ihn von der Wurzel seiner Qualen erlöst hatte.

Dabei ahnte er nicht im Geringsten, in wessen Fänge er geraten war. Die Zahnärztin Choi ging mit voller Hingabe einem perfekt getarnten Doppelleben nach. Den Großteil ihres Einkommens stellte sie einer Untergrundorganisation zur Verfügung, die sich mysteriös „Drachen des Morgens“ nannte. Für sich behielt sie nur, was sie unbedingt zum Leben benötigte. Stets war sie gewissenhaft darauf bedacht, unauffällig möglichst viele Einzelheiten und Informationen über ihre Kollegen, das Personal und über Patienten zu sammeln. Dabei kam es der alleinstehenden Medizinerin gelegen, dass sie manchmal noch am Abend schwierige zahntechnische Arbeiten zu erledigen hatte, zu denen sie Ruhe brauchte und bei denen sie von niemandem gestört wurde.

Wie an jedem Behandlungstag überprüfte Choi auch am Abend jenes Tages die Daten ihrer Patienten. Sie notierte alles, was sie von Al erfahren hatte, und kennzeichnete die Unterlagen als Neuzugang. Das Dossier verschwand in einem unverfänglichen Versteck. Einem Genossen ihrer „Drachen des Morgens“ könnte sie die Papiere am nächsten Tag während einer Zahnbehandlung heimlich zuspielen.

10 Seoul, Itaewon

Den Rest des Tages verbrachte Al in seiner Wohnung. Bis zum Spätnachmittag war die Schwellung seiner Wange dank mehrerer Eisbeutel erheblich zurückgegangen. Wo heute Morgen noch eine dicke Beule sein Gesicht verzerrt hatte, war nur noch eine mittelmäßige Erhebung zu sehen. Er konnte fast wieder normal sprechen. Nur den Wundschmerz empfand er noch als unangenehm, obwohl die Wunde aufgehört hatte zu bluten. Morgen wollte er seine Arbeit wieder aufnehmen.

Es läutete an der Wohnungstür. Al öffnete.

„Oh, Al, du siehst schon viel besser aus!“, freute sich Jung Sook. Sie zog ihren Mantel aus und setzte sich auf das Sofa, auf dem Al es sich bequem gemacht hatte. „Hast du ein wenig geschlafen? Wie fühlst du dich?“

„Danke, es geht schon viel besser.“

Jung Sook drückte ihm einen Strauß frischer Rosen in die Hand.

„Hier. Für meinen lieben Patienten.“

Während er vorsichtig das Papier entfernte, holte sie eine Vase.

„Jung Sook, du verwöhnst mich, danke. Bei dir ist man vor Überraschungen nie sicher, was?“

Al nahm sie in den Arm und drückte sie einen Augenblick fest an sich.

„Hast du noch Schmerzen?“, fragte sie besorgt, während er zwei Sektflöten aus dem Schrank holte.

„Jetzt nicht mehr. Aber als die Narkose nachließ, eine Stunde nach dem Eingriff – nun, die Wunde hat ziemlich gepocht“, schloss er an und begab sich in die Küche.

„Gut, dass du auf mich gehört hast und wir gleich zum Zahnarzt gefahren sind, nicht wahr, Al?“

Er entkorkte eine Flasche Champagner.

„Es war eine – Zahnärztin, das weißt du doch“, verbesserte Al.

Er kehrte mit der Flasche zurück und hielt sie wie eine Trophäe hoch.

„Hier, den hat mein eiliger Vorgänger übrig gelassen. Cooper konnte gar nicht schnell genug aus Seoul wegkommen. Endlich eine passende Gelegenheit, um die Flasche zu köpfen, findest du nicht auch?“

Der Champagner klatschte auf den Boden der Sektflöten und schäumte hoch. Al reichte Jung Sook eines der beiden Gläser.

„Übrigens – nächste Woche muss ich wieder hin, zur Kontrolle und Nachbehandlung“, wich er aus. „Auf dein Wohl.“

Er erhob sein Glas.

„Ja, auf dein Wohl“, erwiderte Jung Sook und nippte an ihrem Glas. „Das klingt, als würdest du gerne hingehen.“

„Na ja – du bist doch nicht etwa eifersüchtig?“, tippte Al behutsam an.

„Wenn es einen Grund gibt – ja. Sieht sie wenigstens gut aus, deine Zahnärztin?“

„Meine Zahnärztin? Wie kommst du denn darauf? Ja, sieht ganz nett aus“, untertrieb er, nicht ohne hinzuzusetzen „… und scheint couragiert zu sein. Der Zahn war im Nullkommanichts draußen. Die Frau versteht ihr Handwerk.“

Jung Sooks Gesichtsausdruck war einem forschenden, skeptischen Blick gewichen.

„Ach, komm her, du!“

Al zog sie an sich. Sie duldete es halb genüsslich, halb widerstrebend und setzte sich mit niedergeschlagenen Augen auf seinen Schoß. Er küsste ihren Schmollmund.

„Jung Sook, du hast mir geholfen, meine Trauer in Kraft umzuwandeln. Wie könnte ich dir das vergessen?“

Sie blickte ihn lange und tief an. Er streichelte und liebkoste sie, bis sie ihn küsste.

„Nur – dränge mich nicht, bitte. Lass mir etwas Zeit, mich in meinem neuen Leben zurechtzufinden.“

Sie kuschelte sich behaglich an ihn.

„Weißt du, dass du der erste Mann bist, der mir wirklich etwas bedeutet? Vor lauter Ausstellungen und Gemälden hatte ich nie Zeit für Männer. Ein Teil des Lebens ist praktisch an mir vorbeigegangen.“

„Ein Leben im Dienste der Wissenschaft verlangt seine Opfer, Frau Professor“, spöttelte Al und drückte sich den Eisbeutel auf seine Wange.

„Ach Al, ich habe das Gefühl, dass du aufpassen musst – und hellwach, hörst du, hellwach musst du sein.“

„Jung Sook, was ist los? So kenne ich dich gar nicht.“

„Ich weiß es nicht. Nur so ein Gefühl – vielleicht …“

„Gut. Bis jetzt hast du mich aufgebaut, wenn ich unten war.

Und ich war oft unten. Gestern Abend im Pressezentrum hast du mich wieder unten erlebt. Seit ich dich kenne, hat mein Leben wieder einen Sinn bekommen.“

„Es ist schön, wenn du das sagst.“

Jung Sook nahm ihm den Eisbeutel weg und legte ihn auf den Tisch zurück. Liebevoll streichelte sie sanft Al’s lädierte Backe. Sie zog ihre Schultern hoch.

„Ich habe manchmal Angst – um dich – und dass unsere Bekanntschaft einen Riss bekommt“, seufzte sie und ließ ihre Schultern wieder fallen.

„Warum denn, Kleines?“

Wieder zuckte sie die Schultern, einige Male, heftig. Al zog ihr Gesicht an seine glühende Wange.

11 Seoul, Redaktionsbüro der LAN

„Höchste Zeit für die Redaktionskonferenz“, bemerkte Al. „Kommt ihr bitte?“

Es hatte Tage gedauert, bis Bills ehemaliges Arbeitszimmer so eingerichtet war, wie Al es sich vorstellte. Sieben überdimensionale blaue Plastikmüllsäcke mit der unbrauchbaren Hinterlassenschaft seines Vorgängers hatte er ausgemistet. Nun stand im Wesentlichen alles dort, wo es hingehörte. Sandy hatte haufenweise loses Bildmaterial in das Archiv einsortiert. Der Arbeitsraum des Redaktionsleiters war nach seinen Wünschen funktionsgerecht gestaltet worden. In dem relativ kleinen Raum war sogar Platz für eine kleine Sitzecke. Tom und Sandy traten ein und setzten sich.

„Hier sind die Yonhap-Meldungen. Ich habe sie nach Dringlichkeit sortiert.“

Sandy überreichte Al drei Mappen mit Faxmeldungen. Er legte die Mappe zur Seite.

„Danke, Sandy. Wir sollten uns Gedanken über das Redaktionsprogramm machen. Was ich vorgefunden habe, gefällt mir nicht. Das meiste davon ist auch nicht entwicklungsfähig. Und mir ist bisher nichts Vernünftiges eingefallen“, seufzte Al.

Tom und Sandy sahen zu, wie er einen vor sich liegenden Bogen beschriebenes Papier zerknüllte und in den Papierkorb aus rotem Kunststoff warf. Er bewegte sich auf seinem Drehstuhl hin und her.

„Goldmann ist der Ansicht, es könnte bald etwas Spektakuläres passieren. Nun, was meint ihr? Ihr seid länger hier als ich.“

Tom warf Sandy einen hilfesuchenden Blick zu, der Al verriet, dass Bill die Dinge hatte schleifen lassen. Offensichtlich fehlte in dem Büro jegliches Konzept.

„Dann will ich euch einen Vorschlag machen“, bot Al an. „Ich werde nach Nordkorea fahren.“

„Unmöglich“, kommentierte Tom. „Die lassen kaum Ausländer in ihr Land – jetzt, wo die Nahrungsrationen auf wenige hundert Gramm pro Einwohner täglich reduziert sind, schon gar nicht.“

„Und einen amerikanischen Journalisten erst recht nicht“, pflichtete Sandy bei.

„Ihr redet, als wärt ihr schon dort gewesen“, gab Al zurück. „Oder fällt euch etwas Besseres ein?“

„Aber Woods hat Bill erklärt, dass es unmöglich sei …“, setzte Tom nach.

„Für Woods vielleicht. Bei Bill glaube ich das – sofort. Aber so schnell gebe ich, Albert Ventura, nicht auf. Was wissen wir denn wirklich von der Situation jenseits der entmilitarisierten Zone am achtunddreißigsten Breitengrad? Nur wenn ich in Pjöngjang war, kann ich dem Hauptquartier eine Artikelserie präsentieren. Mir schwebt da so etwas vor wie „Die beiden Kims – ungleiche Brüder.“

„Du spielst auf die Namengleichheit der beiden gegnerischen Präsidenten an“, gestand Sandy zu.

„Und wenn du einen nordkoreanischen Überläufer interviewst? Es soll da einen hochinteressanten Mann geben, der im vorigen Jahr von den nordkoreanischen Grenztruppen desertierte“, schlug Tom vor. „Der könnte bestimmt spannende Geschichten erzählen. Ich könnte ihn für dich auftreiben?“

„Kaufst du nur im Secondhandshop ein?“, entgegnete Al. „Was sollen Informationen aus zweiter Hand? Wie willst du überprüfen, ob die Geschichten des Mannes stimmen oder ob sie nicht bloß erfunden sind? Natürlich erzählt der uns seine Geschichten. Je mehr wir ihm zahlen, umso besser werden sie.“

„Gut. Wie wäre es dann mit den Beziehungen zwischen den USA und Südkorea? Wir haben Anfang August“, stellte Tom sachlich fest. „Die heiße Phase des Wahlkampfes um die amerikanische Präsidentschaft für den Herbst liegt noch vor uns.“ „Glaubst du?“, fragte Al skeptisch.

„Das vitale Interesse Südkoreas, US-Truppen bis zu einem dauerhaften Frieden auf der Halbinsel stationiert zu lassen, eignet sich doch gut als Schwerpunktthema. Präsident Clinton hat erst im April die Insel Chejudo besucht.“

„Eins ist doch klar. Der Präsident ist während des Wahlkampfes auf sein außenpolitisches Renommee besonders bedacht. Und was haben seine Bemühungen gebracht? Hat er einen Dialog zwischen Süd- und Nordkorea zustande gebracht? Gespräche mit den Chinesen über Korea?“

„Nein, hat er nicht“, gestand Tom ein.

„Also ist das eine festgefahrene Kiste. Pure Wahlkampfmanöver, weiter nichts. Wir brauchen schon etwas anderes. Einen Reißer! Die Beziehungen USA – Südkorea sind kein schlechtes Thema. Aber es müsste etwas Skandalöses sein, was nur wir enthüllen. Ein richtiger Knaller!“

„Mit etwas Glück und den richtigen Beziehungen könnte es dir gelingen, ein Exklusivinterview mit Kim Young-sam zu führen“, meinte Sandy.

„Wen interessiert das in Amerika? Nein, nein. Wir müssen das anders aufziehen. In zwei Wochen werde ich ins Hauptquartier reisen. Goldmann hat die Redaktionsleiter der Außenstellen zum Erfahrungsaustausch zusammengeholt. Die Kollegen kommen aus aller Welt. Ich will mir bei Goldmann nicht nur Vorstellungen und Leitlinien für unsere Arbeit abholen. Ich will mir von ihm ein Konzept absegnen lassen, das auf unserem Mist gewachsen ist – und das wir durchziehen. Also Kollegen – eure Kreativität ist gefragt, wenn ich bitten darf!“

12 Rom, Trattoria Giovagnoli

Unbemerkt hatten sich für die frühen Abendstunden vier Herren in das Hinterzimmer des kleinen schmuddeligen Wirtshauses, das sich einen Steinwurf von der Piazza Venezia entfernt beiläufig an den Fuß des Capitols schmiegt, verabredet. In der italienischen Hauptstadt pulsierte leidenschaftliches Leben, wie an jedem der heißen Sommerabende. Passanten huschten hastig an dem Lokal vorbei, ohne von ihm Notiz zu nehmen. Hie und da verweilte ein Tourist davor, um – vom Besuch der umliegenden historischen Stätten ermattet – aufmerksam das Speise- und Getränkeangebot zu studieren. Der eine oder andere trat ein, sei es auch nur, um dem Lärm des unaufhörlich brausenden Verkehrs für einige Zeit zu entgehen.

Im Hinterzimmer der Trattoria erwartete der schwerreiche italienische Reeder Aldo Renato di Volatese drei Herren, deren einzige Gemeinsamkeit darin bestand, dass jeder von ihnen beim Betreten des Lokals die heutige Ausgabe der italienischen Tageszeitung Corriere della sera in der linken Hand trug. An sich nichts Ungewöhnliches, jedoch für die Herren das verabredete Erkennungszeichen.

Der braungebrannte di Volatese verkörperte mit seinen Ende fünfzig, seinem schneeweißen Haar und seiner goldumrandeten Brille geradezu den typischen erfolgreichen italienischen Geschäftsmann. Ihm, der eine stattliche Flotte von Handelsschiffen sein Eigen nennen konnte, war an einem lukrativen Auftrag gelegen, von dem er sich einen ansehnlichen Gewinn versprach. Offiziell liefen nur wenige seiner Schiffe unter italienischer Flagge – der übliche Trick, um allen möglichen bürokratischen Hindernissen aus dem Weg zu gehen.

Für ihn war das konspirative Treffen eine einzigartige Herausforderung. Dass sie sich in der unscheinbaren, mit dunklem Holz getäfelten Trattoria treffen mussten, widerstrebte ihm zutiefst. Es entsprach ganz und gar nicht seinem Stil. Er hätte es vorgezogen, an einem Abend wie diesem seine Gäste auf seiner Luxusjacht, die bei Civitavecchia vor Anker lag, zu bewirten. Für ein ungewöhnliches Geschäft akzeptierte er aber notfalls auch einen ungewöhnlichen Treffpunkt. Ungeduldig erwartete er seine Gesprächspartner.

Als Erster traf ein Mann ein, der durch seine smarte, sportliche Erscheinung und sein kurzes, blondes, gescheiteltes Haar auffiel. Er stellte sich als John Berrich vor, Handelsattaché der US-amerikanischen Botschaft in Rom, in Wirklichkeit jedoch Mitarbeiter des teuersten Geheimdienstes der Welt. Die CIA hatte ihn vornehmlich nur als Beobachter zu dem Treffen geschickt, allerdings mit dem Auftrag, für eine sichere Durchführung des geplanten Geschäfts zu sorgen, dessen Fäden längst anderenorts gesponnen waren. Den Amerikanern ging es in erster Linie darum, rechtzeitig zu erfahren, ob sie die Hand über ihren Schützling Israel zu halten hatten.

Nur wenige Sekunden nach Berrich betrat ein Mann mit Dreitagebart und kräftigem, pechschwarz gekräuseltem Haar das Zimmer. Seine Nasenwurzel durchfurchte eine tiefe, quer verlaufende Falte, unter der ein Paar dunkler, unruhig funkelnder Augen hervorstach. Di Volatese und Berrich kannten den Mann als Mustafa Falatan, Botschaftsrat im nur wenige Meter neben der Trattoria gelegenen, von der Polizei scharf bewachten Palazzo Massimo alle Colonne, von dessen grauen Mauern die Fahne der Arabischen Republik Syrien wehte. Ansonsten wies nur ein unbedeutendes schwarzes Schild neben dem Eingang des Palazzo auf die Existenz einer Botschaft hin.

Sie brauchten nicht lange zu warten, bis ihr Kreis vollzählig war. Lim So Whan war als Angehöriger der Soziokulturellen Abteilung nordkoreanischer Agent mit Spezialauftrag. Auf Befehl seiner Regierung unterhielt er in Rom zum Schein ein koreanisches Spezialitätenlokal. Angesichts Tausender asiatischer Touristen konnte er sich in der Stadt unauffällig bewegen, zumal er nicht nur über brauchbare italienische Sprachkenntnisse und einen hervorragend gefälschten südkoreanischen Pass verfügte, sondern auch über eine völlig legale Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis. Die italienische Hauptstadt legte gegenüber ihren fernöstlichen Gästen ein großzügiges Maß an kosmopolitischer Aufgeschlossenheit an den Tag. Vor allem aber konnten es sich Senat und Volk von Rom nicht leisten, auf Steuereinnahmen zu verzichten. In Wirklichkeit war Lim eine Art vorgeschobener Posten seines isolierten Landes, das nach dem Zusammenbruch der meisten kommunistisch geprägten Staaten in der gesamten Welt kaum auf Freunde zurückgreifen konnte.

„Ich heiße Sie willkommen, meine Herren“, begrüßte di Volatese seine Gäste, „auch wenn es hier nicht besonders komfortabel ist – Sie wissen schon, was ich meine.“

Er musterte abschätzig das schäbige Ambiente des Zimmers, bevor er gespannt ausholte: „Verlieren wir keine Zeit. Lassen Sie uns gleich zum Geschäftlichen kommen.“

Sein Vorschlag kam angesichts der jungen Signorina, die das Zimmer betrat, um die Bestellung entgegenzunehmen, bei den Übrigen nur halb an. Die Erscheinung hatte ihre Aufmerksamkeit vom Gespräch abgelenkt. Das Mädchen reizte durch sein apartes Gesicht mit der klassisch römischen Nase, seine Bewegungen und die Anmut seines gesamten Anblicks. Am meisten schienen die Herren aber von seiner leicht rauchigen Stimme beeindruckt, die nicht zu seinem Alter passen wollte, sondern ihm einen Hauch kultivierten Verbrauchs verlieh.

„Womit kann ich dienen?“, fragte sie schüchtern-distanziert.

Sorgfältig registrierte di Volatese die gierigen Blicke seiner Gesprächspartner. Er, der eines seiner besten Geschäfte witterte und innerlich angespannt wie selten war, hätte wetten können, die Wünsche seiner Gesprächspartner zu erraten.

„Vier Prosecco – auf meine Rechnung“, kam er zuvor.

„Gewiss“, gelobte das Mädchen verlegen.

Die Übrigen starrten ihm nach, bis es den Raum verlassen hatte.

Di Volatese war bemüht, endlich das Gespräch aufzunehmen. Nervös zupfte er an seinem eleganten Nadelstreifenanzug herum, wischte sich hier ein Stäubchen ab, glättete dort ein Fältchen. Kurz darauf standen vier gefüllte Gläser vor den Männern. Essen wollten sie nichts. Keiner von ihnen beabsichtigte, sich unnötig lange aufzuhalten, geschweige denn weiter von Außenstehenden gestört zu werden.

„Meine Herren, kommen wir jetzt bitte zur Sache.“

Die anderen lauschten den ernsten Worten des Gastgebers.

„Wie Ihnen bekannt ist, dient unsere Zusammenkunft einem bestimmten Anlass. Diskretion dürfte selbstverständlich sein. Ihre Auftraggeber wollen ein Geschäft – für politische Zwecke. Mich interessieren Ihre Motive nicht. Gewöhnlich schließt man solche Geschäfte in Genf ab, in Wien oder in Berlin. Dort hätten wir aber möglicherweise den südkoreanischen Geheimdienst am Hals. Hier, in unserem schönen Rom, können wir uns sicher fühlen. Auf Ihr Wohl.“

Nachdem er umständlich einen Schluck genommen und sich ob der Qualität des Getränks geschüttelt hatte, wandte er sich an den Syrer: „Wie Sie mir mitteilen ließen, Herr Falatan, wünscht Ihre Regierung die Verschiffung von achtzehn Containern aus Nordkorea über Hongkong nach Syrien.“

„Das ist nicht nur unser Wunsch. Wir stimmen darin mit unseren Partnern aus Nordkorea überein“, antwortete der Diplomat.

„Umso besser“, strahlte di Volatese und rieb sich die Hände.

„Wenn die Herren gestatten, möchte ich dazu gerne eine Erklärung abgeben“, mischte sich Lim ein.

„Aber bitte.“

Di Volatese gab dem Mann großzügig das Wort. Die übrigen Gesprächsteilnehmer fragten sich, was es wohl an dieser Stelle zu erklären gab.

Lim zog einen Zettel aus seiner Tasche und verlas einen vorbereiteten Text:

„Die Regierung der KDVR legt Wert auf die Feststellung, dass die Zweite Sonne am Himmel des Vaterlandes, der Genosse Kim Jong-il, der Sohn des Großen Führers und Generalissimus, des Genossen Kim Il-sung …“

„Hören Sie mit diesem Zeug auf!“, fuhr Berrich dazwischen. „Das ist ja unerträglich“, fand er. „Sind wir zusammengekommen, um am Personenkult für stalinistische Diktatoren teilzunehmen?“

Entgeistert ließ Lim sein Blatt sinken. Bevor er seine Fassung wiederfinden konnte, setzte Berrich nach: „Sie brauchen keine Statements zu verlesen. Wir wissen zwar nicht viel aus Ihrem Land. Aber was wir wissen, genügt. Der Hunger beherrscht Nordkorea, nicht Kim Jong-il. Sie wissen das so gut wie jeder hier.“

Die anderen sahen sich ratlos an.

„Aber bitte, meine Herren“, beschwichtigte di Volatese.

Doch Berrich ließ sich nicht beirren.

„Im Juli gab es eine Flutkatastrophe, die schwere Schäden in Höhe von mehreren Milliarden Dollar verursacht und einen großen Teil der Ernte zugrunde gerichtet hat. Im letzten Jahr sind nach tage- und wochenlangen Regengüssen tausend Menschen verhungert, unzählige der überlebenden geschwächten Körper haben sich ansteckende Krankheiten geholt, die sich epidemisch ausbreiteten. An den Krankheiten sind nochmals viele Menschen zugrunde gegangen. Die Regierung hat die ohnehin rationierte Versorgung der nordkoreanischen Bevölkerung weiter gekürzt. Aber Parolen wie ,Korea ist eins!‘ an allen Wänden machen keinen satt.“

„Ich möchte Sie doch noch einmal bitten“, stammelte di Volatese.

„Lassen Sie mich ausreden“, forderte Berrich unwirsch und wandte sich mit einer drohenden Geste an Lim: „Der Hunger in Ihrem Land ist stärker. Er steigert sich von Tag zu Tag. Ihren Genossen, Herr Lim, hat der Süden einhundertfünfzigtausend Tonnen Reis im Wert von zweihundert Millionen US-Dollar geliefert – nein, geschenkt. Ihr Land braucht Devisen, um von ausländischen Hilfslieferungen unabhängig zu sein und das Gesicht wahren zu können. Deswegen verkaufen Sie Waffen.

So ist das!“

Betreten sah Lim zu Boden.

„Es ist nicht schön, dass sich mich so beleidigen“, gab er kleinlaut bei.

Berrich genoss es, dass sich der Mann nicht wehrte. Damit hatte er ihn in der Hand. Er konnte ihn erbarmungslos in die Enge treiben. Den angeblichen Gastronomen mussten angesichts des ausgelassenen, üppigen Lebens in der italienischen Metropole die schwersten Zweifel an den Zuständen in seiner Heimat plagen. Die CIA war bei den regelmäßigen Treffen Lims mit seinem Führungsoffizier ebenso unsichtbarer wie präzise informierter Gast. Berrich wusste aus den Überwachungsmaßnahmen, wie der Führungsoffizier Lim beargwöhnte. Die CIA besaß Berge von Tonbandkassetten, auf denen zu hören war, wie der Führungsoffizier mit Lim gnadenlos Parteischulung betrieb. Lim würde seine Existenz gefährden und sein Leben riskieren, wenn er sein Doppelleben nicht fehlerfrei spielte oder auch nur den leisesten Anschein der Abtrünnigkeit erweckte. Es hätte nur eines Winks seines Führungsoffiziers bedurft – Lim wäre für immer spurlos verschwunden. Deshalb, aber auch aus wachsender Überzeugung und aus Liebe zu seinem großen Führer, führte er seine Aufträge mit penibler Gewissenhaftigkeit aus. Andererseits war er sich darüber im Klaren, dass sich ein Agent des CIA nicht mit ihm an einen Tisch setzte, ohne vorher ihn und sein Umfeld restlos durchleuchtet zu haben.

„Mein Land ist auf Exporte angewiesen, um lebenswichtige Güter importieren zu können. Internationaler Handel ist kein Verbrechen“, rechtfertigte sich Lim unbeholfen. „Es stimmt, dass Öl und Nahrungsmittel zurzeit bei uns ein bisschen knapp sind …“

Berrich lachte auf.

„Meine Herren, wie ich bereits sagte – die Motive für Ihr Geschäft interessieren mich weniger“, flehte di Volatese händeringend.

„Es handelt sich um Teile für Baumaschinen, Rohstoffe und verschiedene Werkzeuge“, fügte Lim hinzu.

Wieder lachte Berrich, schüttelte den Kopf und vergrub ihn zwischen seinen Händen.

Di Volatese sprach nun mit erhobenem Zeigefinger: „Sie werden verstehen, dass ich keinerlei Schwierigkeiten haben möchte – egal wie die Ware deklariert ist.“

„Sie handeln schließlich im Auftrag meiner Regierung“, schaltete sich der Syrer ein, der bisher geschwiegen hatte. „Kein Geringerer als Präsident Hafiz al-Assad persönlich schickt mich zu Ihnen.“

Offensichtlich sollte die Beschwörung der obersten staatlichen Autorität seines Landes der Aussage besonderes Gewicht verleihen.

„Aha, dann handelt es sich also gar nicht um Baumaschinen und so weiter, sondern um … um Waffen?“, entgegnete di Volatese verdutzt. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Präsident Assad um Baumaschinen kümmert – und um Werkzeuge. Meinen Sie, ich hätte mich nicht erkundigt?“

„Niemand zwingt Sie, den Auftrag zu übernehmen“, deutete Falatan an. „Immerhin wurden Sie uns als zuverlässig empfohlen. Allerdings weiß ich nicht, ob meine Regierung …“

Die Anspielung saß. Di Volatese nahm die Brille ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn.

„Nein, nein“, winselte er. „Sie dürfen mich nicht falsch verstehen. So meine ich es nicht. Aber was ist, wenn die Angelegenheit auffliegt? Schließlich handelt es sich um eine illegale Lieferung. Stellen Sie sich doch nur vor, eines meiner Schiffe würde festliegen oder gar beschlagnahmt. Das verschlingt Unsummen …“

„Oder die Hongkong-Chinesen verhaften den Kapitän und die Besatzung“, stichelte Berrich.

„Ach, was“, winkte Lim ab. „Sie tun ein gutes Werk, Signor di Volatese. Sie leisten einen unschätzbar wichtigen Beitrag für den Weltfrieden. Und als Kapitalist machen Sie einen guten Profit. Muss ich Ihnen das als Kaufmann erklären?“

„Allerdings gibt es da ein Problem“, schränkte der Reeder, der sich nun unter Druck gesetzt fühlte, mit einer beschwichtigenden Geste ein.

„Welches Problem denn noch?“, fragte Falatan stumpf zurück. „Wie komme ich für achtzehn Container … Madonna, das sind mindestens siebenhundert Kisten … Ich meine, zumindest die Papiere müssen echt aussehen …“

„Lassen Sie das meine Sache sein“, mischte sich Berrich kühl ein. „Ich besorge Ihnen die Papiere.“

Di Volatese sah ihn zweifelnd an.

„Die Deklaration wird auf eine Lieferung von Ersatzteilen für Baumaschinen aus Russland nach Syrien lauten. Sagen wir, aus Wladiwostok.“

„Keine Waffen?“

„Keine Waffen, Signor di Volatese. Dass die Schiffsladung in Wirklichkeit aus Ersatzteilen für Artilleriegeschütze sowjetischer Bauart besteht, die in Nordkorea produziert und an Syrien verscherbelt werden, damit das existenzgeschüttelte Land vom Erlös auf dem Weltmarkt Nahrung für seine hungernde Bevölkerung kaufen kann, wird niemanden weiter interessieren.“ „Warum muss der Deal über Hongkong laufen, Herr Falatan?“, fragte der Reeder.

„Weil sich der Hafen von Hongkong wie kein anderer für das Projekt eignet.“

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Возрастное ограничение:
18+
Дата выхода на Литрес:
26 мая 2021
Объем:
342 стр. 4 иллюстрации
ISBN:
9783957163127
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