Читать книгу: «Hume. Eine Einführung»
Frank Brosow
Hume
Eine Einführung
Reclam
2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Cornelia Feyll, Friedrich Forssman
Coverabbildung: Porträt von David Hume, Ausschnitt aus einem Ölgemälde von Allan Ramsay, 1754
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2021
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961830-2
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019698-4
www.reclam.de
Inhalt
Einleitung: Was macht einen philosophischen Klassiker aus?
Die Wissenschaft vom Menschen
Grundbegriffe und Methodik
Die Vernunft und ihre Grenzen
Was ist Kausalität?
Freiheit und Determinismus
Der Mechanismus der Affekte
Das Scheingefecht zwischen Vernunft und Gefühl
Lässt sich über Geschmack streiten?
Sein und Sollen
Das moralische Gefühl
Natürliche und künstliche Tugenden
Recht und Gesellschaft
Die Irrtümer der Religion
Wie man philosophieren soll
Hume heute: Was bleibt?
Kommentierte Auswahlbibliografie
Schlüsselbegriffe
Zeittafel
[7]Einleitung: Was macht einen philosophischen Klassiker aus?
David Hume (1711–1776) gilt vielen Philosophiehistorikern weltweit als der bedeutendste Denker1 des englischen Sprachraums. Immanuel Kant (1724–1804) gibt an, erst Hume habe ihn aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt. Arthur Schopenhauer (1788–1860) zufolge ist aus einer Seite der Hume’schen Werke mehr zu lernen als aus allen Schriften Hegels, Herbarts und Schleiermachers zusammen. Hegel (1770–1831) selbst schließt sich diesem Urteil zwar nicht an, sieht in Hume jedoch neben Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) einen der beiden Ausgangspunkte der deutschen Philosophie.
Über Humes herausragende philosophiehistorische Bedeutung besteht also breite Einigkeit. Ungeachtet dessen ist sein Bekanntheitsgrad in der Bevölkerung nicht sonderlich hoch. So stellt sich die Frage, was es eigentlich bedeutet, jemandem den Status eines philosophischen Klassikers zuzuerkennen.
Ein Außenstehender, der sich zum ersten Mal mit Philosophie beschäftigt, kann leicht den Eindruck gewinnen, dass Philosophen seit über zweitausend Jahren über dieselben Probleme diskutieren, ohne jemals zu einem Ergebnis im Sinne einer von allen anerkannten Lösung zu gelangen. Es wäre jedoch ein Fehler, aus der Vielzahl der noch heute diskutierten Lösungsansätze auf die generelle Fruchtlosigkeit philosophischer Überlegungen zu schließen. Einer derartigen Denkweise liegt ein grundsätzliches Missverständnis der Ziele und Zwecke philosophischen Denkens zugrunde. Dieses Missverständnis lässt sich vielleicht am besten an einem Beispiel aus dem Alltag veranschaulichen:
Stellen Sie sich vor, Sie fragen in einer fremden Stadt verschiedene Passanten nach dem Weg zum Bahnhof. [8]Wahrscheinlich werden Sie eine Vielzahl verschiedener Antworten erhalten. Aber würden Sie aus dieser Tatsache folgern, dass keiner der Gefragten den Weg zum Bahnhof kennt, dass sich die genaue Position des Bahnhofs nicht zuverlässig ermitteln lässt oder dass die Stadt am Ende vielleicht gar keinen Bahnhof hat? Sicher nicht.
Der offensichtlichste Grund für die Unterschiede zwischen den verschiedenen Wegbeschreibungen ist Ihr jeweiliger Standort. Wenn Sie auf dem Marktplatz nach dem Weg zum Bahnhof fragen, werden Sie andere Antworten erhalten, als wenn Sie dieselbe Frage am Stadtrand stellen. Bei genauerem Hinsehen werden Sie außerdem feststellen, dass viele der Wegbeschreibungen keine unterschiedlichen Wege beschreiben, sondern sich nur unterschiedlicher Begriffe oder Methoden bedienen, um denselben Weg zu beschreiben. Wenn Sie alle falschen oder ungenauen Wegbeschreibungen verworfen haben, die Sie nicht zu Ihrem Ziel, sondern stattdessen in eine Sackgasse oder vielleicht zum Busbahnhof führen, werden noch immer mehrere verschiedene taugliche Wegbeschreibungen übrig bleiben. Welche davon die beste ist, wird sich nicht eindeutig entscheiden lassen, denn der interessanteste Weg wird nur selten mit dem schnellsten, kürzesten oder einfachsten zusammenfallen, und die genauste Art der Wegbeschreibung ist meist nicht gleichzeitig auch die einprägsamste.
Die Pointe dieses Vergleichs ist die folgende: Natürlich müssen Sie nicht alle Wege und ihre unterschiedlichen Beschreibungsmöglichkeiten kennen, um zum Bahnhof zu gelangen. In der Praxis reicht es meist aus, sich einen einzigen möglichen Weg auf eine einzige Art beschreiben zu lassen. Aber solange Sie nur diesen einen Weg zum Bahnhof kennen und nur wenige Arten beherrschen, ihn zu beschreiben, können Sie nicht behaupten, sich in der Stadt tatsächlich auszukennen. Und wenn Sie schließlich nach aufwendigen Untersuchungen die [9]nötige Ortskenntnis erworben haben, so lässt sich dieses Expertenwissen nicht in Form einfacher Antworten an andere weitergeben.
Genau hier liegt die Parallele zum Projekt der Philosophie. Als »Liebe zur Weisheit« geht es ihr darum, die Grenzen sinnvollen Denkens abzustecken und das Gebiet innerhalb dieser Grenzen möglichst vollständig und detailliert zu kartografieren. Dieses abstrakte Ziel lässt sich nur durch das Nachdenken über konkrete philosophische Fragestellungen erreichen. Die Beschäftigung mit Einzelproblemen ist dabei jedoch niemals reiner Selbstzweck, sondern immer auch ein Mittel zum übergeordneten Zweck, das menschliche Denken im Ganzen zu verstehen.
Aus diesem Grunde macht es wenig Sinn, einen Philosophiehistoriker nach der einen (objektiv) richtigen oder zumindest besten Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Kausalität, der Freiheit des menschlichen Willens oder der Quelle der moralischen Verbindlichkeit zu fragen. Mit der Forderung nach einer einzigen, einfachen Antwort lässt der Fragende bereits erkennen, dass es ihm nicht um ein tieferes Verständnis des Problems, sondern um triviales Faktenwissen geht. Es verwundert daher nicht, dass viele Philosophen auf derartige Fragen zuweilen höchst unkooperativ reagieren.
Die Philosophie produziert nicht in der Weise Antworten, wie die Automobilbranche Autos produziert. Philosophen sind auch keine Dienstleister, die für andere abstrakte Probleme lösen, so wie ein Uhrmacher eine stehen gebliebene Uhr repariert. Die Philosophie ist ihrem Selbstverständnis nach nicht dazu da, den Menschen das Nachdenken abzunehmen; sie will sie vielmehr zum eigenen Nachdenken anregen und anleiten. Anders als viele andere Wissenschaften, die öffentlich für ihren gesellschaftlichen Nutzen gelobt werden, will sie das Leben der Menschen nicht einfacher, sondern komplexer [10]machen und gerade dadurch auf eine ihr eigentümliche Art bereichern. Ihr großer Feind ist damit nicht etwa die Unwissenheit, sondern die Einfältigkeit, die nach Bernard Williams darin besteht, »zu wenig Gedanken und Gefühle zu haben, um die Welt, wie sie ist, zu begreifen«2.
Wenn herausragenden Denkern wie David Hume der Status eines Klassikers der Philosophiegeschichte zugesprochen wird, so bedeutet das, dass diese Personen das Projekt der Philosophie um einen bedeutenden Schritt vorangebracht haben. Ihre besondere Leistung besteht in der Regel nicht darin, ein bestimmtes Problem ein für alle Mal gelöst und damit weitere Diskussionen darüber überflüssig gemacht zu haben. Sie besteht vielmehr darin, eine neue Art und Weise aufgezeigt zu haben, wie man über die grundlegenden Probleme der Menschheit nachdenken kann.
Warum also lohnt sich die Beschäftigung mit David Humes Philosophie? Weil sie Ihr Denken bereichern wird! Und das ist wahrscheinlich das schönste Kompliment, das man einem Philosophen machen kann.
Das übergeordnete Ziel dieser Einführung wird es daher sein, die systematischen Besonderheiten von Humes philosophischer Methode herauszuarbeiten und am Beispiel der wichtigsten Themengebiete aus dem breiten Spektrum der Hume’schen Philosophie zu veranschaulichen.
Zu nahezu jedem zentralen Begriff und zu jedem Argumentationsstrang der Hume’schen Schriften finden sich in der Sekundärliteratur weit verzweigte Diskussionen. Nicht immer herrscht Einigkeit über die systematische Relevanz und die angemessene Auslegung bestimmter Textstellen,3 und vielfach ergeben sich Spannungen zwischen einzelnen Werken,4 die manchmal auf Inkonsistenzen, in anderen Fällen auf eine inhaltliche Weiterentwicklung der Hume’schen Position hindeuten. Zudem hat es zu keinem Zeitpunkt der [11]Rezeptionsgeschichte an Beiträgen gemangelt, die in kritischer Absicht auf die systematischen Probleme des Hume’schen Ansatzes hingewiesen haben. In Deutschland erfolgt diese Kritik nicht selten aus kantischer Perspektive, während im englischen Sprachraum zumeist die isolierte Betrachtung systematisch interessanter Einzelprobleme im Vordergrund steht.
Wenn die vorliegende Einführung all diese Diskussionen allenfalls am Rande erwähnt, so geschieht dies nicht, um die in ihnen angesprochenen Probleme zu bagatellisieren, sondern in der Absicht, eine erste Grundlage für ihr Verständnis und ihre Diskussion zu schaffen. Wer Humes Argumente in ihrer Vielschichtigkeit würdigen und einer systematischen Kritik unterziehen will, sollte sich zunächst einen Überblick darüber verschaffen, was seinen Ansatz eigentlich ausmacht. Erst vor dem Hintergrund eines solchen Maßstabs, der bis zu einem gewissen Grad stets subjektiv bleiben wird, können die vielfältigen Deutungsansätze und Argumente der Sekundärliteratur ihrerseits auf ihre Angemessenheit hin untersucht werden. Die vorliegende Einführung möchte Ihnen helfen, einen solchen Maßstab zu entwickeln. Gleichzeitig empfiehlt es sich jedoch, sich gegenüber Humes Argumenten und ihrer Darstellung stets eine gewisse (für Hume so typische) Skepsis zu bewahren. Da dieser Text kein Kommentar zu Humes Schriften sein will, sondern sich als eine problemorientierte Einführung in die Hume’sche Art zu denken versteht, werden Humes Argumente nicht in derjenigen Reihenfolge dargestellt, in der er sie in seinen Texten behandelt, sondern in ihrem systematischen Zusammenhang erläutert und durch Beispiele veranschaulicht.
[13]Die Wissenschaft vom Menschen
Um Humes philosophisches Projekt zu verstehen, muss man zunächst nach dem geistigen Klima fragen, das zur Zeit seines Schaffens, also um die Mitte des 18. Jahrhunderts herum, in Europa im Allgemeinen und in seiner Heimat Schottland im Besonderen geherrscht hat. Aus heutiger Sicht sind mindestens drei Begriffe zur Charakterisierung dieses geistesgeschichtlichen Hintergrunds von besonderer Bedeutung: Neuzeit, Empirismus und Aufklärung.
Als Neuzeit bezeichnen wir heute sehr allgemein diejenige Epoche, die das Mittelalter abgelöst hat und je nach Sprachgebrauch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts oder bis in die Gegenwart hinein andauert. Ihr Beginn wird durch verschiedene historische Ereignisse, Entdeckungen und technische Errungenschaften markiert, unter anderem durch den Fall Konstantinopels, die Erfindung des Buchdrucks, die Entdeckung Amerikas, die Durchsetzung des heliozentrischen Weltbildes und die Reformation. Kulturgeschichtlich ist die frühe Neuzeit durch die Renaissance und den Humanismus charakterisiert. Neben die im Mittelalter noch alternativlose christliche Weltsicht tritt die Rückbesinnung auf antike Denkweisen und Wertvorstellungen. Von dieser Grundlage aus kommt es auf vielen Gebieten zur Entwicklung innovativer Theorien, insbesondere im Bereich der Naturwissenschaften. Als Grundlage genuin philosophischer Theoriebildung tritt die im Mittelalter noch maßgebliche scholastische Methode mit ihren starken Bezügen auf die Autorität der Bibel und der Texte des Aristoteles (384–322 v. Chr.) in den Hintergrund, während neue Prinzipien des Denkens zusehends an Bedeutung gewinnen.
Der Prozess der geistigen und politischen Emanzipation des denkenden Individuums von traditionellen Autoritäten gipfelt [14]im 17. und 18. Jahrhundert in der Bewegung der Aufklärung. Immer mehr Gelehrte beginnen, ihre Schriften nicht länger in der Wissenschaftssprache Latein, sondern in ihrer jeweiligen Volkssprache zu verfassen. Mithilfe des Buchdrucks können ihre Theorien vergleichsweise schnell und weit verbreitet werden.5 In Frankreich entsteht unter der Federführung von Denis Diderot (1713–1784) und Jean-Baptiste le Rond d’Alembert (1717–1783) die berühmte Enzyklopädie.6 Viele zeitgenössische Autoren nehmen ihre Zeit als »age of improvement« wahr und werden von einem mehr oder weniger stark ausgeprägten Fortschrittsoptimismus beflügelt. Den traditionellen, auf Offenbarung und kirchliche Autorität gegründeten Religionen wird die Idee einer natürlichen Vernunftreligion gegenübergestellt. Auf politischer Ebene kommt es zu bedeutenden Umbrüchen wie der Glorious Revolution von 1688/89, der Amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776, der Französischen Revolution von 1789 und letztlich zur weltweiten Etablierung der Idee allgemeiner Menschenrechte.
Humes Geburtsstadt Edinburgh entwickelt sich zum Zentrum der schottischen Aufklärung. Das ökonomisch und kulturell lange eher unbedeutende Land bringt innerhalb weniger Jahrzehnte einige der herausragendsten Persönlichkeiten der europäischen Aufklärung hervor.
Im Bereich der Philosophie trägt die Aufklärung inhaltlich unter anderem zur Zurückdrängung religiöser Dogmen und zu einer gewissen Aufwertung eines gemäßigten Skeptizismus bei. Methodisch ist sie gerade in ihrer frühen Phase von dem verstärkten Bemühen um die Klärung von Begriffen geprägt.
Von zentraler Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Unterscheidung zwischen Empirismus und Rationalismus.7 Da diese Begriffe von den damaligen Philosophen noch nicht verwendet werden und sich kaum eine Theorie eindeutig, restlos und zweifelsfrei einer dieser beiden Denkrichtungen [15]zuordnen lässt, sollte man dieses Begriffspaar jedoch nicht als Bezeichnung für zwei klar gegeneinander abgrenzbare Lager verstehen, sondern eher als Bezeichnung für zwei einander gegenüberliegende Pole, denen verschiedene philosophische Theorien dieser Zeit unterschiedlich nahe stehen.
Als empiristisch wird eine Theorie bezeichnet, insofern sie die Erfahrung als den grundlegenden Faktor menschlicher Erkenntnis betrachtet und der Vernunft lediglich die Rolle eines (durchaus wichtigen) Werkzeugs zumisst. Was nicht zunächst in irgendeiner Form erfahren wurde, kann dem Empirismus zufolge kein (sinnvoller) Gegenstand des Denkens sein. Empiristische Theorien setzen bei einzelnen Erfahrungen an, also bei konkreten Wahrnehmungen, Beobachtungen oder Experimenten, aus denen erst in einem zweiten Schritt allgemeine Erkenntnisse und Prinzipien abgeleitet werden. Das Denken der Empiristen schreitet grundsätzlich also vom Einfachen und Konkreten zum Allgemeinen und Abstrakten fort. Man bezeichnet das auch als die induktive Methode. Einige der wichtigsten in erster Linie dem Empirismus zuzurechnenden Denker sind Francis Bacon (1561–1626), Pierre Gassendi (1592–1655), John Locke (1632–1704), George Berkeley (1685–1753) und David Hume.
Als rationalistisch bezeichnet man hingegen Theorien, die die Vernunft als wichtigste Grundlage von Erkenntnis betrachten, indem sie von angeborenen Inhalten oder Prinzipien des Denkens ausgehen, während sie der Erfahrung nur eine der Vernunft untergeordnete Bedeutung zuweisen. Rationalistische Theorien setzen bei Begriffen an, die gerade nicht durch Erfahrung (a posteriori), sondern durch reines Denken (a priori) erkennbar sind. Von diesen allgemeinen Grundbegriffen aus (zum Beispiel »Notwendigkeit«, »Unendlichkeit«, »Substanz«) entwickeln Rationalisten ihre weiteren Gedanken. Ihr Denken bewegt sich vom Allgemeinen zum Besonderen, was auch als [16]deduktive Methode bezeichnet wird. Wichtige, traditionell dem Rationalismus zugerechnete Denker sind René Descartes (1596–1650), Nicolas Malebranche (1638–1715), Baruch de Spinoza (1632–1677), Gottfried Wilhelm Leibniz (1646–1716), Christian Wolff (1679–1754), Samuel Clarke (1675–1729) und Ralph Cudworth (1617–1688).
Wer diese Hintergründe kennt, hat es leichter, die zentralen Elemente der Hume’schen Philosophie zu verstehen. Hume ist vom Fortschritt der Naturwissenschaften seiner Zeit stark beeindruckt. Sein großes Vorbild ist Isaac Newton (1643–1727), der Entdecker der Gravitationsgesetze. In gewisser Weise will Hume ein Newton der Geisteswissenschaften werden. Wie ist das zu verstehen? Newton war es gelungen, die von Galileo Galilei (1564–1642) aufgestellten Fallgesetze und die von Johannes Kepler (1571–1630) entdeckten Prinzipien der Planetenbewegungen zu einer einheitlichen Theorie der Gravitation zu vereinigen. Irdische und astronomische Phänomene ließen sich nun durch dieselben Gesetzmäßigkeiten beschreiben und erklären – und zwar nicht nur annäherungsweise, sondern mit großer Präzision. Hume hofft, dass ihm ein ähnlicher Durchbruch auch in den Geisteswissenschaften gelingen wird. Er will eine Theorie der menschlichen Natur entwickeln, durch die all die verschiedenen Aspekte menschlichen Erkennens, Handelns, Urteilens und Zusammenlebens erklärbar werden. Dies glaubt er erreichen zu können, indem er alle Aspekte des menschlichen Lebens auf einige wenige, grundlegende Prinzipien der menschlichen Natur zurückführt.
Doch warum interessiert sich Hume nur für die menschliche Natur und nicht etwa für die Natur im Ganzen? Im Zentrum seiner Philosophie steht das menschliche Individuum, weil er verstanden hat, dass unsere Ansichten über die äußere Natur nicht unabhängig von der Beschaffenheit unseres eigenen Erkenntnisapparats sind. Wie wir über die Welt denken, [17]wird von den Prinzipien unserer Natur bestimmt. Bevor wir beanspruchen können, etwas über die Welt zu wissen, müssen wir zuerst verstehen, was es überhaupt bedeutet, etwas zu wissen oder von etwas überzeugt zu sein. Der Tradition von Locke folgend, ordnet Hume das Weltverständnis daher konsequent dem menschlichen Selbstverständnis unter. Seine Wissenschaft vom Menschen schließt die anderen Wissenschaften entweder ein oder bildet zumindest ihre unverzichtbare Voraussetzung. (Vgl. T Intro. 4; SBN xv) Um sinnvolle Fragen über die äußere Welt stellen zu können, müssen wir zunächst uns selbst verstehen und die Grenzen menschlicher Erkenntnis- und Urteilsfähigkeit ausloten.
Durch diesen Ansatz tritt Hume sowohl inhaltlich als auch methodisch in Opposition zur kirchlichen Dogmatik, die meint, objektive Aussagen über die Beschaffenheit der Welt allein auf die Autorität der Bibel stützen und ohne jeglichen Bezug auf den Menschen als erkennendes Subjekt formulieren zu können. Hier zeigt sich Hume als engagierter Aufklärer. Die Religion seiner Zeit betrachtet er vorwiegend als eine Quelle für Aberglauben und Unvernunft. Dieser für die menschliche Gesellschaft schädlichen Tendenz setzt er seine eigene Philosophie entgegen, die zu wesentlichen Anteilen in einer Anleitung zum korrekten Vernunftgebrauch und zum Fällen angemessener Werturteile besteht. Spätestens seit er – als Folge des publizistischen Misserfolgs seines Traktats über die menschliche Natur – die Stilform des Essays für sich entdeckt hat, wendet sich Hume in seinen Schriften vorwiegend an ein vergleichsweise breites Publikum, dem er seine Theorien in verständlicher und dennoch kunstvoller Sprache näherzubringen versucht. Auf diese Weise hofft er der Ausbreitung des Aberglaubens entgegenwirken zu können, soweit das im Rahmen philosophischer Theoriebildung eben möglich ist. Besonders wichtig ist Hume dieser Kampf gegen den Aberglauben im [18]Bereich der Moral, die seiner Ansicht nach gänzlich vom schädlichen Einfluss falsch verstandener Religion befreit werden muss.
In Humes Ablehnung dogmatischen und spekulativen Denkens liegt ein weiterer Grund für seine Hochschätzung der naturwissenschaftlichen Methodik Newtons. Auch Newtons Theorie beruht nicht auf bloßen Spekulationen, sondern ist durch Erfahrung überprüfbar. In den Naturwissenschaften kann man Experimente durchführen, durch die bestimmte Theorien gestützt, andere hingegen eindeutig widerlegt werden. Als Empirist ist Hume von diesem Verfahren fasziniert. Im Untertitel des Traktats charakterisiert er sein Hauptwerk als den Versuch, die experimentelle Methode in den Bereich der Geisteswissenschaften (moral subjects) einzuführen. Dies darf freilich nicht wörtlich verstanden werden, denn Experimente im engeren Sinne lassen sich in den verschiedenen Disziplinen der Geisteswissenschaften in der Regel nicht durchführen. Darüber ist sich auch Hume im Klaren. Sein Ziel ist die Entwicklung einer empirischen, das heißt sich eng am Maßstab der Erfahrung orientierenden Wissenschaft vom Menschen (verstanden als geistiges Wesen). Der in den Naturwissenschaften übliche Einsatz von Experimenten wird in Humes »science of man« durch die genaue Beobachtung der Menschen im Alltag und einen möglichst unparteiischen Blick in die menschliche Geschichte ersetzt.8
Hier wird deutlich, dass Hume als Theoretiker an mindestens zwei verschiedenen Fronten kämpfen muss. Auf der einen Seite steht er den Dogmatikern und Scholastikern gegenüber, die in den Augen der Aufklärer antiquierten Vorstellungen über die Quellen und Methoden menschlicher Erkenntnis anhängen. Auf der anderen Seite grenzt er sich von den Rationalisten ab, die seiner Ansicht nach der Erfahrung zu wenig Bedeutung beimessen und sich stattdessen durch ihre [19]Berufung auf einen unangemessen starken Vernunftbegriff in haltlosen Spekulationen verlieren. Hume wirft den Rationalisten (und teilweise auch den im Vergleich zu ihm selbst weniger konsequenten Empiristen) vor, ebenso wie ihre scholastischen Vorgänger Begriffe zu verwenden, deren Bedeutung unklar bleibt, da sie bei näherer Betrachtung keinen erkennbaren Bezug zur menschlichen Erfahrung aufweisen.9 Was immer den Anspruch erhebt, eine wissenschaftlich fundierte Tatsachenaussage zu sein, muss sich nach Hume an der Erfahrung messen lassen. Wo uns keine Erfahrungen zur Verfügung stehen, an denen wir eine bestimmte Theorie, ihre begrifflichen Bestandteile und inhaltlichen Ergebnisse überprüfen können, rät Hume dazu, eine skeptische Grundhaltung der Aufstellung spekulativer Hypothesen vorzuziehen. Wer philosophieren will, muss die Grenzen vernünftigen Denkens erkennen und sorgsam darauf achten, sie nicht zu überschreiten. Für Hume bedeutet dies, dass sich nur nach streng empiristischen Prinzipien, also auf der Grundlage der Erfahrung, sinnvoll philosophieren lässt – und dass man, so banal dies auch klingen mag, im Zweifel grundsätzlich Skeptiker10 bleiben sollte.
Zusammengefasst: Humes Projekt ist die Klärung der Frage nach der Beschaffenheit der menschlichen Natur. Sein Ziel ist die Bekämpfung von Vorurteilen, Dogmen und Spekulationen durch die sorgsame Erforschung der Grenzen menschlicher Erkenntnis vor dem Hintergrund eines gemäßigten Skeptizismus. Und seine Methode ist die eines konsequenten Empiristen. Im Zuge dieses Ansatzes fragt Hume immer wieder danach, was wir mit bestimmten, für unser Selbst- und Weltverständnis zentralen Begriffen eigentlich meinen, welche konkreten Vorstellungen wir mit ihnen verbinden und wie diese Vorstellungen entstehen. Dabei kommt er zu dem Ergebnis, dass viele der traditionell von philosophischen Autoren [20]verwendeten Begriffe keinen erkennbaren Bezug zur Erfahrung aufweisen und somit sinnlos, irreführend und verzichtbar sind. Insbesondere durch diese Kritik fundamentaler philosophischer Begriffe leistet Hume einen bedeutenden Beitrag zum Projekt der Aufklärung.
[21]Grundbegriffe und Methodik
Der Schlüssel zum Verständnis einer philosophischen Theorie liegt in der Klärung ihrer zentralen Begriffe.11 Nach der groben Einbettung der Hume’schen Philosophie in ihren geistesgeschichtlichen Kontext gilt es daher als Nächstes, sich Klarheit über die von Hume verwendete Sprache zu verschaffen. Im Gegensatz zu vielen anderen philosophischen Autoren bedient er sich keiner komplizierten Fachsprache, sondern greift überwiegend auf Begriffe der Alltagssprache zurück. Gerade das macht es jedoch oftmals schwer, zu erkennen, welche der von ihm verwendeten Ausdrücke austauschbar sind und welche er als Termini technici verwendet, also als Fachausdrücke, denen er innerhalb seiner Theorie eine ganz bestimmte, vom Alltagsgebrauch mehr oder weniger stark abweichende Bedeutung zuweist.
Den Ausgangspunkt für Humes gesamte Philosophie bilden die sogenannten Perzeptionen (perceptions).12 Darunter versteht er alle Gefühle, Gedanken, Wahrnehmungen, Wünsche und sonstigen Bewusstseinsinhalte. Der Begriff des Perzipierens umfasst damit all das, was bei Descartes unter den Begriff des Denkens (cogitare) gefasst wird. Wie Descartes geht auch Hume davon aus, dass wir an der Existenz dieser Bewusstseinsinhalte, mithin an der Tatsache, dass es so etwas wie Gedanken, Gefühle und Wahrnehmungen gibt, nicht sinnvoll zweifeln können. Der Rationalist Descartes meint jedoch, die Unbezweifelbarkeit der Existenz von Bewusstseinsinhalten, zum Beispiel des geistigen Aktes des Zweifelns selbst, versichere uns der Existenz eines Ichs, also einer denkenden Substanz als Träger dieser Bewusstseinsinhalte. Daher der berühmte Satz: Cogito, ergo sum. – Ich denke, also bin ich.13 Diesen Schritt geht Hume nicht mit. Unmittelbar einsehbar ist für ihn nur die Existenz konkreter Perzeptionen, [22]nicht jedoch die Existenz von etwas so Allgemeinem wie einer Substanz.
Die Perzeptionen unterteilt Hume in Eindrücke (impressions) und Vorstellungen bzw. Ideen (ideas). (Vgl. T 1.1.1.1; SBN 1; EHU 2.3; SBN 18.) Unter Eindrücken versteht er Perzeptionen, die unmittelbar und mit großer Lebhaftigkeit erfahren werden. Sie repräsentieren nichts, sondern sind ursprüngliche Entitäten.14 Zu ihnen gehören Gefühle, Wünsche und Sinneswahrnehmungen. Vorstellungen sind hingegen die schwächeren und weniger lebhaften Abbilder von Eindrücken. Von Vorstellungen spricht Hume, wenn wir uns etwa an ein Gefühl erinnern, das nicht mehr gegenwärtig ist, oder uns lediglich vorstellen, einen bestimmten Gegenstand zu sehen.
Eindrücke und Vorstellungen lassen sich jeweils weiter in einfache (simple) und zusammengesetzte (complex) unterteilen. Während Sie dieses Buch in Händen halten und diese Zeilen lesen, haben Sie nach Hume den komplexen Eindruck eines Buches, der sich aus verschiedenen haptischen und visuellen (einfachen) Eindrücken zusammensetzt. Wenn Sie das Buch weglegen, die Augen schließen und an das Buch denken, ist es Ihrem Geist als eine zusammengesetzte Vorstellung präsent. Aus dieser können Sie einfache Vorstellungen isolieren, indem Sie beispielsweise gezielt daran denken, wie sich das Buch angefühlt hat.
Humes weitere Unterteilung der Perzeptionen ist einigermaßen komplex, für ein angemessenes Verständnis seiner Philosophie jedoch unverzichtbar. Das folgende Schema mag dabei als grobe Orientierungshilfe dienen:

[23]Gemäß der von Hume gewählten Reihenfolge gehe ich zunächst auf den Bereich der Vorstellungen ein. Ein zentraler Streitpunkt zwischen Rationalisten und Empiristen ist die Frage, ob es angeborene Ideen gibt. Descartes hält das für erwiesen, der Empirist Locke hingegen bestreitet es.15 Hume gibt im Wesentlichen Locke recht, kritisiert jedoch, dass der Begriff der Idee (idea) bei Locke auch diejenigen Perzeptionen einschließt, die Hume selbst als Eindrücke bezeichnet. Bestimmte Eindrücke, zum Beispiel Emotionen oder das Hungergefühl eines Säuglings, können nach Hume durchaus als angeboren bezeichnet werden. Für Vorstellungen gilt genau das jedoch nicht. Nach Hume muss zumindest jeder einfachen Vorstellung ein ihr zeitlich vorangehender, einfacher Eindruck entsprechen.16 Man bezeichnet das auch als Copy-These.17 Ein von Geburt an Blinder kann keine Vorstellung von etwas Rotem haben, weil er noch nie eine Farbwahrnehmung hatte.
Mithilfe unserer Einbildungskraft (imagination) können wir allerdings verschiedene einfache Vorstellungen zu immer komplexeren Vorstellungen kombinieren. Um mir ein goldenes Einhorn vorstellen zu können, muss ich also nicht unbedingt schon einmal eines gesehen haben; es reicht aus, wenn ich schon einmal etwas Goldenes, ein Pferd und ein Horn gesehen habe. Ein mindestens ebenso wichtiges Vermögen ist [24]für Hume das Erinnerungsvermögen (memory), das im Vergleich zur Einbildungskraft deutlich lebhaftere Vorstellungen hervorbringt.18 Auf diese Weise ist es uns möglich, zwischen der Erinnerung an reale Erlebnisse und bloßen Fiktionen zu unterscheiden. So erkennen wir die Vorstellung eines Einhorns nach Hume als Fantasieprodukt, weil wir sie ganz anders (weniger lebhaft) perzipieren als etwa die Vorstellung eines Nashorns (sofern wir schon einmal eines gesehen haben).
Durch diesen Ansatz meint Hume die Entstehung all unserer Vorstellungen erklären zu können. Doch was ist mit allgemeinen Vorstellungen wie denen von Obst, Werkzeug oder Säugetieren? Liegen derartigen Vorstellungen ebenfalls Eindrücke zugrunde? In gewisser Weise ist das so. Hume folgt hier im Wesentlichen der Theorie von George Berkeley.19 Er vertritt die Auffassung, dass uns allgemeine oder abstrakte Vorstellungen (abstract or general ideas) stets in Form von konkreten Vorstellungen präsent sind. (Vgl. T 1.1.7.1–18; SBN 17–25.) Wenn ich Sie jetzt zum Beispiel auffordere, an ein Werkzeug zu denken, so wird der allgemeine Begriff »Werkzeug« bei Ihnen die Vorstellung an ein bestimmtes Werkzeug hervorrufen, möglicherweise an den Hammer, den Sie unlängst verwendet haben. Stelle ich den Begriff »Werkzeug« dann allerdings in einen bestimmten Kontext, etwa in den der Elektroinstallation, so wird jene konkrete Vorstellung in Ihrem Geist vielleicht durch eine andere, passendere Vorstellung ersetzt, zum Beispiel durch die eines kleinen, roten Schraubenziehers. Ihr Begriff und Ihre allgemeine Vorstellung von Werkzeug ändern sich nicht, doch die konkrete Vorstellung, durch die Ihnen die abstrakte Vorstellung mental präsent ist, passt sich dem jeweiligen Kontext an.
Nach Hume gibt es noch eine zweite Art, wie wir zu abstrakten Vorstellungen kommen können. Woher stammt beispielsweise Ihre Vorstellung von »rund«? Haben Sie jemals einen [25]einfachen Eindruck von Rundheit gehabt? Hume bestreitet das. Sie haben jedoch die Erinnerung an Einzeldinge, die rund sind. Die Vorstellung des Runden ist Ihnen stets durch eines dieser konkreten Einzeldinge präsent, durch die Vorstellung eines gezeichneten Kreises oder einer weißen Marmorkugel etc. Wir alle haben gelernt, dass Begriffe wie »rund« bestimmte Gemeinsamkeiten dieser Einzeldinge bezeichnen. Rund ist für uns nach Hume das, was der Fußball im Garten, der Teller auf dem Tisch und der Buchstabe O gemeinsam haben. Wann immer wir den Begriff hören, tritt die Vorstellung einzelner runder Dinge in unser Bewusstsein, und wir abstrahieren von allen Eigenschaften, die diese Dinge nicht miteinander gemeinsam haben.
Doch wie kommt es überhaupt, dass die Erwähnung eines bestimmten Wortes die Vorstellung eines bestimmten Einzeldings hervorruft? Und wie gelangen wir in unserem Denken von einer Vorstellung zu einer anderen? Nach Hume vollzieht sich der Übergang zwischen zwei Vorstellungen nach drei Assoziationsprinzipien (principles of association). (Vgl. T 1.1.4.1; SBN 10 f.; EHU 3.2; SBN 24.) Bei diesen handelt es sich um Ähnlichkeit (resemblance), raum-zeitliche Nähe (contiguity) und das Prinzip von Ursache und Wirkung (cause and effect). Wenn Sie an einen Ort zurückkehren, an dem Sie lange nicht waren, wird Ihr Denken in der Regel auf Dinge gelenkt, die Sie während Ihres letzten Aufenthalts dort oder in der unmittelbaren Umgebung gesehen oder getan haben. Als Kleinkinder lernen wir die Bedeutung vieler Wörter, indem Erwachsene das Wort aussprechen, während wir einen Eindruck des Gegenstandes haben, den es bezeichnet. Durch das zeitliche Nebeneinander von Wort und Gegenstand werden die Vorstellungen von beidem so eng miteinander verknüpft, dass die Vorstellung des Wortes unser Denken unwillkürlich auf die Vorstellung des Gegenstandes lenkt. (Die Stärke dieser Verknüpfung lässt sich [26]leicht an einem Beispiel demonstrieren: Versuchen Sie einmal, jetzt nicht an einen Fußball zu denken!) Ähnlich liegt der Fall, wenn man Kindern Wörter mithilfe eines Bilderbuchs beibringt. Hier kommt das Prinzip der Ähnlichkeit zwischen dem Bild und dem Abgebildeten hinzu. Die Ähnlichkeit ist es auch, die Kindern die Erkenntnis erlaubt, dass nicht jedem Einzelding ein eigener Begriff entspricht, sondern dass verschiedene Einzeldinge oft durch denselben Begriff bezeichnet werden oder dass zwei nahezu identische, zeitlich auseinanderliegende Eindrücke oft Perzeptionen desselben Gegenstandes sind. Das dritte Assoziationsprinzip schließlich sorgt beispielsweise dafür, dass uns die Erwähnung der Mona Lisa unwillkürlich an Leonardo da Vinci als ihren Erschaffer denken lässt.
Doch warum ist das so? Warum funktioniert das menschliche Denken gerade nach diesen Prinzipien? Nach Hume lässt sich diese Frage nicht mehr sinnvoll beantworten. Wenn wir die grundlegenden Prinzipien der menschlichen Natur erst einmal entdeckt, sie angemessen beschrieben und in ihrer genauen Funktionsweise erklärt haben, haben wir alles geleistet, was von einem Philosophen legitimerweise erwartet werden kann.
Das klingt einfach, erweist sich in der Praxis jedoch als durchaus kompliziert. Die drei Assoziationsprinzipien stellen zwar die unverzichtbare Grundlage des Denkens dar, stehen diesem zuweilen jedoch auch geradezu im Wege. Vor allem die Ähnlichkeit bringt uns immer wieder dazu, verschiedene Vorstellungen miteinander zu verwechseln. Besonders anschaulich lässt sich dies an folgendem antikem Paralogismus vorführen: »Keine Katze hat zwei Schwänze. Eine Katze hat einen Schwanz mehr als keine Katze. Also hat eine Katze drei Schwänze.«20 Die Erfahrung lehrt uns, dass das Ergebnis dieser Argumentation falsch sein muss. Doch wo genau liegt der Denkfehler? Frei nach Hume könnten wir sagen, er liegt in der [27]Verwechslung zweier einander ähnlicher Vorstellungen, die beide mit dem sprachlichen Ausdruck »keine Katze« assoziiert werden. Im ersten Satz meint der Begriff eine leere Menge ({ }), im zweiten eine bestimmte Anzahl (0) von Katzen.
Die Gefahr für den Philosophen liegt nun darin, dass die Verwechslung zweier Vorstellungen im Bereich philosophischer Theoriebildung oft nur schwer zu entdecken ist. Anders als in dem gerade behandelten Beispiel ist es im Fall von abstrakten Gedankengängen nur selten auf den ersten Blick offensichtlich, dass sie der Erfahrung widersprechen. Je allgemeiner und abstrakter die Vorstellungen sind, desto leichter werden sie miteinander verwechselt. Im schlimmsten Fall entstehen dabei Begriffe, die bei näherer Betrachtung vollkommen sinnlos sind, da sie keinerlei Bezug zur Erfahrung mehr aufweisen.
Hume schlägt daher ein Testverfahren für philosophische Begriffe vor: Wann immer wir den Verdacht hegen, dass ein bestimmter philosophischer Begriff bedeutungslos sein könnte, müssen wir uns fragen, auf welchem Eindruck die Vorstellung beruht, auf die er sich bezieht.21 Wenn sich kein solcher Eindruck finden lässt, haben wir es mit einem sinnlosen Begriff zu tun. Dies ist der Kern von Humes philosophischer Methode in nahezu allen Bereichen seiner Philosophie.
Begriffe wie »rot«, »Furcht«, »Pferd«, »rund« oder »Werkzeug« bestehen den von Hume vorgeschlagenen Test auf ihre je eigene Weise. Der im Zusammenhang mit Descartes bereits erwähnte Begriff der Substanz besteht ihn hingegen nicht. (Vgl. T 1.1.6.1–3; SBN 15–17.) Der Begriff »Materie« mag noch als allgemeine Vorstellung von körperlichen Dingen durchgehen. Doch da Descartes zwischen einer ausgedehnten und einer geistigen Substanz unterscheidet, müsste der Begriff der Substanz etwas bezeichnen, das sowohl körperlicher als auch geistiger Realität zugrunde liegt. Ein Eindruck, der als »Kopiervorlage« für eine solche Vorstellung dienen könnte, ist nicht zu finden. Wir [28]haben daher keinen Grund anzunehmen, dass es ein reales Etwas gibt, das die Bezeichnung als Substanz verdient.
Die Vorstellung des eigenen Ichs hat für Hume daher auch nichts mit einer immateriellen Seelensubstanz als Träger unserer Perzeptionen zu tun. Denn es lässt sich kein einzelner Eindruck entdecken, der der Vorstellung von einem Ich zugrunde liegen könnte. Der abstrakte Begriff »Ich« bezeichnet nach Hume vielmehr ein Bündel von Perzeptionen (bundle of perceptions), genauer gesagt diejenigen Eindrücke und Vorstellungen, die ein Mensch im Laufe seines Lebens perzipiert.22 Das Ich ist nicht das Theater, in dem die Perzeptionen als Schauspieler auf- und abtreten; es ist die Bezeichnung für die Gruppe der Darsteller, die Art und Weise und die Geschichte ihres Spiels. Denkt man sich die Schauspieler weg, so bleibt keine leere Bühne zurück, sondern gar nichts.23
Mit diesem Ansatz erteilt Hume der Substanz-Metaphysik seiner Zeit eine deutliche Absage. Die lange Zeit kontrovers diskutierte Frage, ob es nur eine einzige Substanz gibt, ob diese materiell oder immateriell ist oder ob es, wie die Dualisten meinen, eine materielle und eine zweite, von ihr verschiedene immaterielle Seelensubstanz gibt, kann und braucht nach Hume nicht beantwortet zu werden, weil es schlicht nicht sinnvoll ist, sie zu stellen.
In dieser Weise untersucht Hume mehrere zentrale Begriffe aus verschiedenen Bereichen der Philosophie wie »Kausalität«, »Freiheit«, »Schönheit«, »Tugend« oder »Gott«. Seine Ausführungen hierzu lassen sich stets als Antwort auf die Frage verstehen, welche konkreten Vorstellungen mit diesen allgemeinen Begriffen verbunden sind und auf welchen Eindrücken diese Vorstellungen letztlich beruhen.
So viel zunächst zum Bereich der Vorstellungen. Um Humes Testverfahren zur Rückführbarkeit von Begriffen auf die ihnen zugrunde liegenden Eindrücke richtig zu verstehen und sicher [29]anwenden zu können, ist es allerdings unabdingbar, sich vor der Auseinandersetzung mit konkreten Anwendungsbeispielen auch über die verschiedenen Arten von Eindrücken klar zu werden.
Eindrücke werden von Hume in primäre und sekundäre unterteilt. (Vgl. T 2.1.1.1; SBN 275.) Die primären Eindrücke (original impressions or impressions of sensation) entstehen, ohne dass ihnen andere Perzeptionen vorausgehen müssen. Zu den primären Eindrücken gehören Sinneswahrnehmungen (sensations), körperliche Lust- und Schmerzempfindungen, aber auch Gefühle wie Hunger oder Müdigkeit. All diese Eindrücke entstehen nicht aus Reflexion, sondern aus der Beschaffenheit unserer Natur. Die sekundären Eindrücke oder Eindrücke der Selbstwahrnehmung (secondary or reflective impressions) gehen hingegen entweder aus primären Eindrücken oder aus deren Vorstellung hervor. Zu ihnen gehören alle Affekte (passions).
Für die Affekte interessiert sich Hume in besonderem Maße. Er sieht in ihnen den Schlüssel zum Verständnis unseres Handelns und unserer Werturteile. Hume teilt sie hinsichtlich ihrer Intensität in ruhige (calm) und heftige (violent) ein. (Vgl. T 2.1.1.3; SBN 276.) Ruhige Affekte werden im Gegensatz zu heftigen eher an ihrer Wirkung als an ihrer Empfindungsqualität erkannt. Zu ihnen gehören zum Beispiel ästhetische und moralische Empfindungen, die Liebe zum Leben oder die allgemeine Bevorzugung des Guten gegenüber dem Schlechten. (Vgl. T 2.3.3.8; SBN 417.) Die Intensität eines Affekts darf nicht mit seiner Stärke verwechselt werden. (Vgl. T 2.3.4.1; SBN 419.) Wenn es zu einem Widerstreit zwischen ruhigen und heftigen Affekten kommt, können sich auch die ruhigen Affekte durchsetzen.
Das zweite Kriterium zur Unterscheidung der Affekte ist die Art und Weise ihrer Entstehung. Hier differenziert Hume [30]zwischen direkten (direct) und indirekten (indirect) Affekten. (Vgl. T 2.1.1.4; SBN 276 f.) Direkte Affekte wie Verlangen und Abneigung oder Hoffnung und Furcht entstehen unmittelbar aus Lust bzw. Unlust oder aus einem natürlichen, nicht näher erläuterbaren Instinkt. Nach Hume gibt es auch zwischen Eindrücken so etwas wie eine natürliche Assoziation, die anders als im Bereich der Vorstellungen allerdings nur auf dem Prinzip der Ähnlichkeit beruht.24 Diese Ähnlichkeit kann die Empfindungsqualität oder auch die Intensität betreffen. Der Geruch einer leckeren Speise weckt den Affekt des Verlangens, weil sich beide Eindrücke hinsichtlich ihrer positiven Empfindungsqualität ähneln. Andererseits wird heftige Liebe eher in heftigen Hass umschlagen als in Gleichgültigkeit.
Indirekte Affekte wie Stolz und Scham, Liebe und Hass oder Mitleid und Schadenfreude erfordern neben einem ihnen ähnlichen Affekt, der ihnen vorangeht, zusätzlich einen gedanklichen Gegenstand besonderer Art. (Vgl. T 2.1.2.4; SBN 278.) Die Entstehung dieser Affekte beruht nach Hume auf einem doppelten Impuls (double impulse; vgl. T 2.1.4.4; SBN 284.), nämlich einerseits auf einer Assoziation von Vorstellungen (association of ideas) und andererseits – wie die direkten Affekte – auf einer Assoziation der Gefühle (association of impressions or emotions). Wenn das Essen gut schmeckt, so reicht diese Tatsache allein noch nicht aus, um Stolz (in Humes Sinne) zu empfinden. Wenn Sie das Essen jedoch selbst gekocht haben, so werden Ihre Gedanken vom angenehmen Geschmack des Essens auf Sie selbst als dessen Ursache gelenkt. Erst aus diesem doppelten Impuls entsteht der Affekt des Stolzes. Überlegungen dieser Art werden insbesondere im Zusammenhang mit Humes Konzeption des moralischen Gefühls wichtig werden.
[31]Die Vernunft und ihre Grenzen
Ein wiederkehrendes Thema in Humes Philosophie ist die Frage nach der Art des Zusammenspiels zwischen Vernunft und Gefühl. Hume versucht zu zeigen, dass viele Prozesse, die wir traditionell auf das Wirken der Vernunft zurückführen, erst durch die Mitwirkung oder sogar unter Leitung des Gefühls zustande kommen. Sein schwacher Vernunftbegriff hat Hume vonseiten seiner Kritiker seit jeher den Ruf eines Skeptikers eingebracht. Diese Einschätzung entspricht durchaus seinem Selbstbild. Wer Hume allerdings auf diesen Aspekt seiner Philosophie reduziert, wie dies bei vielen Interpreten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein üblich war, tut ihm Unrecht. Die Vernunft ist für ihn zwar tatsächlich die »Sklavin der Affekte« (slave of the passions; vgl. T 2.3.3.4; SBN 415). Als Historiker wusste Hume jedoch nur zu gut, dass Sklaven in der antiken Gesellschaft durchaus wichtige Arbeiten zu verrichten hatten. Seine Sklaven-Metapher soll lediglich verdeutlichen, dass die zentralen Entscheidungen nicht von der Vernunft, sondern vom Gefühl getroffen werden.
Abgesehen davon betrachtet Hume die Vernunft durchaus als ein wichtiges und sowohl in der Philosophie als auch im Alltag hoch geschätztes Werkzeug. Die Vernunft arbeitet den Affekten zu, indem sie möglichst korrekte und vollständige Informationen über die Situation liefert, in der wir uns befinden. Diese Informationen rufen ihrerseits bestimmte Affekte hervor oder weisen ihnen die Richtung, zeigen also die Mittel zum Erreichen eines durch die Affekte vorgegebenen Zwecks auf. (Vgl. T 3.1.1.12; SBN 459.)
In erster Linie ist die Vernunft für Hume jedoch einfach das Vermögen, zwischen Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Dies gelingt ihr, indem sie Urteile daraufhin überprüft, ob sie mit den realen Vorstellungsbeziehungen (relations of ideas) [32]bzw. den realen Tatsachen (matters of fact) übereinstimmen.25 Die Unterscheidung zwischen Vorstellungsbeziehungen und Tatsachen (vgl. EHU 4.1; SBN 25.) wird oft als »Humes Gabelung« (Hume’s fork) bezeichnet. Was ist mit diesen Ausdrücken gemeint?
Mit Vorstellungsbeziehungen haben wir es vorwiegend im Bereich der Mathematik zu tun. Eine Aussage drückt eine Vorstellungsbeziehung aus, wenn ihre Wahrheit oder Falschheit intuitiv oder demonstrativ erkannt werden kann. Die Aussage »1 = 1« kann intuitiv als wahr erkannt werden. Der Satz des Pythagoras ist zwar nicht intuitiv als wahr erkennbar, seine Wahrheit kann jedoch demonstriert werden, indem man eine lückenlose Kette von Beweisschritten bildet, die jeder für sich genommen intuitiv als wahr erkannt werden. Sätze, die Vorstellungsbeziehungen ausdrücken, liefern uns keine neuen Erkenntnisse über ihr Subjekt, sondern stellen lediglich eine erläuternde Analyse der verwendeten Begriffe dar. In der Philosophie werden solche Sätze daher als analytisch26 bezeichnet. Die Wahrheit einer analytischen Aussage hängt nicht von der Erfahrung ab. Dass die Winkelsumme eines Dreiecks 180 Grad beträgt oder dass ein Junggeselle ein unverheirateter Mann ist, sind a priori wahre Aussagen, ganz unabhängig davon, ob Dreiecke oder Junggesellen tatsächlich existieren. Das Gegenteil dieser Aussagen lässt sich zwar in Worte fassen, kann jedoch nicht klar vorgestellt werden, da eine solche Vorstellung einen Widerspruch enthalten würde. Wer ernsthaft behauptet, die Vorstellung eines verheirateten Junggesellen bilden zu können, hat nicht verstanden, was ein Junggeselle ist.
Sobald wir behaupten, dass etwas existiert oder in der Welt der Fall ist, reden wir nach Hume jedoch nicht mehr über Vorstellungsbeziehungen, sondern über Tatsachen. Die Wahrheit einer Aussage, die eine Tatsache ausdrückt, kann nur durch Rückgriff auf die Erfahrung, also a posteriori überprüft werden. [33]Um zu entscheiden, ob ein Satz wie »Morgen wird es regnen« wahr ist, genügt es nicht, die Bedeutung der verwendeten Begriffe zu kennen. Die Vorstellung des morgigen Tages lässt sich ebenso widerspruchsfrei mit der Vorstellung von Regen wie ohne sie denken. Derartige Sätze werden daher auch als synthetisch bezeichnet, weil in ihnen zwei Vorstellungen miteinander verknüpft werden, die nicht notwendigerweise zusammengehören. Anders als im Fall von Vorstellungsbeziehungen ist das Gegenteil einer Tatsache stets vorstellbar und damit möglich. Eine Tatsache lässt sich daher niemals intuitiv oder durch Demonstration als wahr oder falsch erkennen. Ob es draußen gerade regnet oder nicht, kann nicht durch reines Nachdenken, sondern nur durch Nachschauen festgestellt werden.
Hume geht davon aus, dass alle Urteile entweder analytisch a priori oder synthetisch a posteriori sind. Ein synthetisches Urteil a priori im Sinne Kants27 hält Hume für unmöglich. Er kritisiert, dass einige seiner Zeitgenossen philosophische Fragen auch dann wie Fragen der Mathematik behandeln, wenn sie Tatsachen wie das Wesen der Moralität oder die Existenz Gottes betreffen. Diese Autoren reden in analytischen Sätzen über die Beziehung zwischen Begriffen, die keine Grundlage in der Erfahrung haben. Ihre so entwickelten Systeme mögen in sich konsistent sein, verhelfen uns aber zu keinerlei Erkenntnissen über uns selbst oder über die Welt. Wenn es um Tatsachenfragen geht, darf sich der Philosoph, so Hume, nicht an der Mathematik, sondern nur an der experimentellen Methode der Naturwissenschaften (im bereits erläuterten Sinne) orientieren.
Aus diesem Ansatz ergeben sich schwerwiegende Konsequenzen für die Grenzen sinnvollen Philosophierens: Wahre Wissenschaft ist nach Hume nur in zwei Bereichen möglich. Der erste ist der Bereich des logisch-mathematischen Denkens, in dem wir es mit rein analytischen Urteilen zu tun [34]haben. Der zweite ist der Bereich der Tatsachenwissenschaften, deren Grundlage allein die Erfahrung sein kann. Alle Fragen, die Tatsachen und Existenz betreffen, zu deren Beantwortung jedoch nicht auf Erfahrung zurückgegriffen werden kann, sind kein Gegenstand seriöser Wissenschaft. Wer sich dennoch mit ihnen beschäftigt und beispielsweise meint, als Philosoph Aussagen über das Wesen Gottes machen zu können, betreibt nutzlose, spekulative Metaphysik. Hume geht so weit, zu empfehlen, alle Bücher, die in dieser oder ähnlicher Weise die Grenzen des sinnvollen Denkens überschreiten, ins Feuer zu werfen. (Vgl. EHU 12.34; SBN 165.)
Die Unterscheidung zwischen Vorstellungsbeziehungen und Tatsachen ist insbesondere dort wichtig, wo es um die Frage nach der Gewissheit von Urteilen geht. Hume unterscheidet drei Arten einer solchen Gewissheit: Wissen (knowledge), Beweis (proof) und Wahrscheinlichkeit (probability). (Vgl. T 1.3.11.2; SBN 124.) Wirklich sicheres Wissen ist nur im Bereich von Vorstellungsbeziehungen möglich, da das Gegenteil einer Tatsache (theoretisch) stets möglich ist. In der Praxis gibt es jedoch auch Tatsachen, an denen wir faktisch niemals zweifeln würden, weil sie durch einen Beweis belegt sind. Unter einem Beweis versteht Hume die vielfach wiederholte Erfahrung einer ausnahmslosen Regelmäßigkeit. Als Beispiel nennt er das tägliche Aufgehen der Sonne. An der Tatsache, dass die Sonne morgen wieder aufgehen wird, würden wir nach Hume nur dann zweifeln, wenn auch ihr Gegenteil durch einen Beweis belegbar wäre. Ein solcher Fall, in dem Beweis gegen Beweis steht, hat sich faktisch aber noch nie ereignet. In den Bereich bloßer Wahrscheinlichkeit fallen schließlich alle Annahmen über Tatsachen, an denen zu zweifeln möglich und angebracht ist. Beim Wurf mit einem sechsseitigen Würfel ist es wahrscheinlicher, dass keine Sechs fällt, als dass sie fällt – aber sie könnte trotzdem fallen. Hume nennt diese [35]mathematische Art der Wahrscheinlichkeit die Wahrscheinlichkeit des Zufalls (probability of chances). Von ihr unterscheidet er die Wahrscheinlichkeit der Ursachen (probability of causes), die sich nicht aus bloßem Nachdenken ergibt, sondern Erfahrung voraussetzt. Der Verzehr von Rhabarber wirkt meistens abführend, aber keineswegs immer. Daher ist es nicht sicher, sondern nur wahrscheinlich, dass dieser Effekt bei einem erneuten Verzehr wieder eintritt. Es wäre auch möglich, dass andere, uns unbekannte Ursachen diese Wirkung im Einzelfall verhindern. (Vgl. T 1.3.11.3–13; SBN 124–130; EHU 6.1–4; SBN 56–59.)
Die Aufgabe der Vernunft ist es also, zu ermitteln, ob eine bestimmte Überzeugung wahr oder falsch ist und welche Art von Gewissheit ihr zugestanden werden kann. Wie genau macht sie das? Hume charakterisiert die Vernunft zum einen als die Ursache der Wahrheit,28 zum anderen als eine Teilmenge der Prinzipien der Einbildungskraft. Zur Vernunft zählen nach Hume diejenigen Prinzipien der Einbildungskraft, die dauerhaft (permanent), unwiderstehlich (irresistable) und allgemein (universal) sind. Dazu gehört beispielsweise der Schluss von einer Ursache auf ihre Wirkung, auf den später noch einzugehen sein wird. Stellt man eine vernünftige Gedankenkette einer unvernünftigen direkt gegenüber, so wird sich die vernünftige natürlicherweise durchsetzen und die weniger vernünftige aus dem Denken verdrängen. (Vgl. T 1.4.4.1; SBN 225.)
Nimmt man all diese Beschreibungen der Vernunft zusammen, so stellt sich Hume die Funktion der Vernunft offenbar so vor: »Vernunft« ist ein allgemeiner Begriff, unter dem wir die besonders zuverlässigen und intersubjektiv einheitlich funktionierenden Prinzipien des Denkens zusammenfassen. Diese erzeugen wahre Urteile, die uns wiederum als Maßstab für Urteile dienen können, die anderen Quellen entstammen. Wenn wir mit einer Aussage konfrontiert werden, deren [36]Wahrheitsgehalt fraglich ist, beurteilen wir sie durch den Vergleich mit denjenigen Urteilen, zu denen uns der (ungestörte) Gebrauch der Vernunft führt. Stimmt sie mit diesen Urteilen überein, halten wir sie für wahr, tut sie es nicht, halten wir sie für falsch.
Doch wie äußert sich dieses Fürwahrhalten? Nach Hume liegt der Unterschied zwischen einer rein fiktiven oder für falsch gehaltenen Vorstellung und einer für wahr gehaltenen Überzeugung in der Art und Weise, wie die fragliche Vorstellung perzipiert wird. Die Überzeugung, dass Hume ein Philosoph war, unterscheidet sich von der Vorstellung, dass er ein Außerirdischer war, nicht nur ihrem Inhalt nach, sondern auch hinsichtlich der Lebhaftigkeit, mit der sie perzipiert wird. Eine für wahr gehaltene Vorstellung wird nach Hume als lebhafter erfahren, weil sie von einem besonderen Gefühl begleitet wird. Hume nennt dieses Gefühl Glaube (belief).29
Die konkrete Arbeitsweise der Vernunft lässt sich damit in etwa so veranschaulichen: Wenn ich behaupte, dass Silvester im nächsten Jahr auf einen Montag fallen wird, dann können Sie diese Behauptung beurteilen, indem Sie den fraglichen Wochentag selbst errechnen und meine Behauptung mit dem Ergebnis Ihrer Berechnungen vergleichen. Wenn Ihr Ergebnis von meiner Behauptung abweicht, so werden Sie Ihr durch vernünftige Überlegungen gewonnenes Urteil nach Hume lebhafter perzipieren, sodass es die Vorstellung des von mir genannten Wochentages aus Ihrem Denken verdrängt.
Doch was ist, wenn Sie sich verrechnen, weil Ihr Denken von weniger zuverlässigen Prinzipien der Einbildungskraft gestört wird? Einen Irrtum kann in der Praxis niemand vollkommen ausschließen. Die Erfahrung lehrt uns schließlich, dass Menschen sich zuweilen in ihrem Urteil irren. Die empirischen Ergebnisse menschlicher Überlegungen sind daher streng genommen immer nur mit einer gewissen [37]Wahrscheinlichkeit korrekt, nie jedoch über jeden Zweifel erhaben. (Vgl. T 1.4.1.1–12; SBN 180–187.)
Diese Feststellung kann zu der Ansicht verleiten, dass in der Praxis letztlich nichts gewiss und alles anzweifelbar ist. In diesem Fall hätte uns Humes Ansatz in einen unauflöslichen Skeptizismus geführt. Doch ist es wirklich vernünftig, an allem zu zweifeln?
Ein entscheidendes Kriterium für die Vernünftigkeit eines Gedankengangs ist nach Hume, dass er sich bei der direkten Gegenüberstellung mit anderen, weniger vernünftigen Gedankengängen durchsetzen wird, da seine Ergebnisse mit größerer Lebhaftigkeit perzipiert werden. Besteht der allumfassende Zweifel diesen empirischen Test? Wohl kaum. In der Theorie kann ein radikaler Skeptiker zwar behaupten, dass es keine Gewissheit gibt. Es wird ihm jedoch nicht gelingen, wirklich daran zu glauben und sein Verhalten in der alltäglichen Praxis konsequent an dieser Erkenntnis auszurichten. (Vgl. EHU 12.17–23; SBN 155–160.) Die Prinzipien unserer Natur erlauben es uns nicht, an allem und jedem zu zweifeln und uns stets eines Urteils zu enthalten. Selbst ein Skeptiker kann nicht verhindern, dass einige seiner Vorstellungen vom Gefühl des Glaubens begleitet werden und andere nicht. Der radikale Skeptizismus gehört also nicht zu den dauerhaften, unwiderstehlichen und allgemeinen Prinzipien des Denkens und damit nicht zu den Prinzipien der Vernunft.
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