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Francis Bacon

(1561-1626), englischer Philosoph und Staatsmann, trug mit seinen Schriften maßgeblich zur Begründung des Empirismus bei. Unter seinen zahlreichen juristischen, literarischen und philosophischen Abhandlungen kommt vor allem den in lateinischer Sprache abgefassten Novum organon scientiarum, die als eine Art ‚Gründungsdokument’ neuzeitlicher Methodenforschung gelten können, eine zentrale Bedeutung zu.

Nachdem Bacon als Staatsmann unter James I. eine glänzende Karriere gemacht hatte, wurde er der Bestechlichkeit bezichtigt und vom Parlament verbannt. Nach seiner Begnadigung widmete er sich bis zu seinem Tod ausschließlich der Schriftstellerei.

Zum Buch

Der Enthüller des ‚Menschlich-Allzumenschlichen’

Wer immer schon über die verschiedenen Gesichter der Wahrheit, die Natur des Todes, geschickte und weniger geschickte Verhandlungstechniken, über die Ehe, das Alleinleben, die Liebe, Neid, Rache und allerlei andere ‚menschlich-allzumenschliche’ Regungen Genaueres wissen wollte, dem ist Bacons Essaysammlung noch heute ein unverzichtbares Vademecum. In einer Sprache, deren Anschaulichkeit und Klarheit ihresgleichen sucht und ihren Verfasser als einen der vollkommensten englischen Schriftsteller ausweist, wird hier jegliches zwischenmenschliche Phänomen mit psychologischem Feingefühl und illusionslos-analytischem Scharfsinn unter die Lupe genommen.

Warum haben unverheiratete Männer einen größeren gesellschaftlichen Nutzen als verheiratete? Welche Vorteile bieten Verstellung und Heuchelei? Warum faszinieren uns Liebe und Neid mehr als alle anderen Empfindungen? Diese und viele weitere moralphilosophische Fragen sind auch knapp 400 Jahre nach Bacon’s Tod brandaktuell. Selten werden sie jedoch mit einer so entwaffnenden psychologischen Schärfe und einer ähnlich raffinierten Metaphorik diskutiert wie in dieser Essay-Sammlung.

Aus dem Englischen neu übersetzt von Michael Siefener

Francis Bacon

Essays

Francis Bacon

Essays

Neu übersetzt aus dem Englischen

von Michael Siefener


Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Alle Rechte vorbehalten

Copyright © by marixverlag GmbH, Wiesbaden 2013

Der Text basiert auf der Ausgabe marixverlag, Wiesbaden 2012

Die Übersetzung erfolgte nach der Ausgabe London 1910

Übersetzung: Dr. Michael Siefener, Hamburg

Lektorat: Stefanie Evita Schaefer, marixverlag GmbH

Covergestaltung: Nicole Ehlers, marixverlag GmbH

Bildnachweis: akg-images GmbH, Berlin

eBook-Bearbeitung: Bookwire GmbH, Frankfurt am Main

ISBN: 978-3-8438-0267-3

www.marixverlag.de

INHALT


1. Abhandlung: Über die Wahrheit
2. Abhandlung: Über den Tod
3. Abhandlung: Über die Einheit der Religion
4. Abhandlung: Über die Rache
5. Abhandlung: Über das Unglück
6. Abhandlung: Über Verstellung und Heuchelei
7. Abhandlung: Über Eltern und Kinder
8. Abhandlung: Über Ehe und Alleinleben
9. Abhandlung: Über den Neid
10. Abhandlung: Über die Liebe
11. Abhandlung: Über die hohe Stellung
12. Abhandlung: Über die Dreistigkeit
13. Abhandlung: Über die Güte und Gutmütigkeit
14. Abhandlung: Über den Adel
15. Abhandlung: Über Aufruhr und öffentliche Unruhen
16. Abhandlung: Über den Atheismus
17. Abhandlung: Über den Aberglauben
18. Abhandlung: Über das Reisen
19. Abhandlung: Über die Herrschaft
20. Abhandlung: Über das Ratgeben
21. Abhandlung: Über Verzögerungen
22. Abhandlung: Über die List
23. Abhandlung: Über die Eigensucht
24. Abhandlung: Über Neuerungen
25. Abhandlung: Über die rasche Erledigung von Geschäften
26. Abhandlung: Über den bloßen Anschein der Weisheit
27. Abhandlung: Über die Freundschaft
28. Abhandlung: Über Ausgaben
29. Abhandlung: Über die wahre Größe von Königreichen und Staaten
30. Abhandlung: Über die Pflege der Gesundheit
31. Abhandlung: Über das Misstrauen
32. Abhandlung: Über das Gespräch
33. Abhandlung: Über Kolonien
34. Abhandlung: Über den Reichtum
35. Abhandlung: Über Prophezeiungen
36. Abhandlung: Über den Ehrgeiz
37. Abhandlung: Über Maskenspiele und Triumphzüge
38. Abhandlung: Über die Charakterschwächen des Menschen
39. Abhandlung: Über Gewohnheit und Erziehung
40. Abhandlung: Über das Glück
41. Abhandlung: Über das Geldverleihen
42. Abhandlung: Über die Jugend und das Alter
43. Abhandlung: Über die Schönheit
44. Abhandlung: Über Missbildungen
45. Abhandlung: Über das Bauen
46. Abhandlung: Über Gärten
47. Abhandlung: Über das Verhandeln
48. Abhandlung: Über Gefolgsleute und Freunde
49. Abhandlung: Über Bittsteller
50. Abhandlung: Über das Studium
51. Abhandlung: Über Fraktionen
52. Abhandlung: Über Höflichkeit und Achtung
53. Abhandlung: Über das Lob
54. Abhandlung: Über die Prahlerei
55. Abhandlung: Über Ehre und Anerkennung
56. Abhandlung: Über Rechtsprechung
57. Abhandlung: Über den Zorn
58. Abhandlung: Über die Unbeständigkeit der Dinge
Fragment einer Abhandlung: Über die Gerüchte

An den sehr ehrenwerten, meinen sehr guten Lord, den Duke of Buckingham, seine Gnaden, Lord-Großadmiral von England.

Vortrefflicher Herr!

Salomo sagt: „Besser ein guter Name als gutes Öl“, und ich bin davon überzeugt, dass der Name Euer Gnaden bei der Nachwelt eine solche Aufnahme finden wird, denn sowohl Euer Geschick als auch Eure Verdienste sind herausragend. Und Ihr habt Dinge gepflanzt, die Bestand haben werden. Ich veröffentliche nun meine [Essays- oder Abhandlungen], die von all meinen die größte Verbreitung erfahren haben, weil sie, wie es mir scheint, die Handlungen und die Herzen der Menschen im Innersten berühren. Ich habe sowohl ihre Zahl als auch ihre Gewichtigkeit erhöht, sodass es sich in der Tat um ein neues Werk handelt. Daher hielt ich es als meiner Zuneigung und Dankbarkeit gegen Eure Gnaden angemessen, ihm sowohl in der englischen als auch in der lateinischen Ausgabe Euren Namen voranzustellen. Denn ich bin der Ansicht, dass der lateinische Band (da er in der Universalsprache verfasst ist) so lange Bestand haben wird, wie es Bücher gibt. Meine Wiederherstellung widmete ich dem König, meine Geschichte Heinrichs des Siebten (die ich nun ebenfalls ins Lateinische übertragen habe) sowie meine Beiträge zur Naturgeschichte hingegen dem Kronprinzen, doch Euer Gnaden widme ich dieses Werk, das zu den besten Früchten gehört, die Gott meiner Feder und meinen Mühen geschenkt hat. Gott führe Eure Gnaden bei der Hand.

Euer Gnaden ergebenster und getreuester Diener

Fr. St. Alban.

ERSTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE WAHRHEIT

„Was ist Wahrheit?“, fragte Pilatus im Scherz, ohne eine Antwort darauf zu erwarten. Gewiss gibt es viele, die Freude an Leichtfertigkeit haben und es als beengenden Zwang empfinden, sich an eine bestimmte Überzeugung zu binden, denn sie lieben den freien Willen im Denken genauso wie im Handeln. Und obwohl die Sekten der Philosophen, die dieser Richtung angehörten, inzwischen verschwunden sind, gibt es doch noch gewisse beredte Geister, die zur selben Art zu zählen sind, auch wenn in ihnen nicht so viel Glut und Blut steckt wie in den Alten. Aber die Lüge wird nicht nur durch die Schwierigkeiten und Anstrengungen begünstigt, die die Menschen zur Auffindung der Wahrheit auf sich nehmen müssen, und auch nicht nur durch die Bürden, die ihnen die Wahrheit auferlegt, wenn sie endlich gefunden wurde, sondern es existiert vielmehr eine natürliche, wenn auch verdorbene Liebe zur Lüge an und für sich. Eine der späteren griechischen Denkschulen hat diese Angelegenheit untersucht und verharrt in Ungewissheit, wie sie darüber urteilen soll, dass die Menschen die Lüge lieben – nicht um des Vergnügens willen, wie bei den Dichtern; nicht einmal um des Vorteils willen, wie bei den Kaufleuten, sondern einfach nur um der Lüge selbst willen. Auch ich kann als Grund dafür lediglich angeben, dass die Wahrheit dem nackten und kalten Tageslichte gleicht und die Maskeraden und Mummereien und Triumphe der Welt nicht annähernd so prächtig und anmutig zu zeigen vermag wie das Kerzenlicht. Die Wahrheit ist zum Preis einer Perle zu haben, die am besten bei Tage erglänzt, aber sie steigt niemals zum Preis eines Diamanten oder Karfunkels an, der sich am vorteilhaftesten bei ungewissen Lichtverhältnissen zeigt. Die Hinzufügung einer Lüge verleiht jeder Wahrheit einen zusätzlichen Reiz. Bezweifelt es etwa irgendjemand, dass, wenn aus der Seele des Menschen eitle Ansichten, schmeichelhafte Hoffnungen, falsche Wertschätzungen und Vorstellungen und dergleichen mehr entfernt würden, bei einer großen Anzahl von Menschen diese Seele als armes, eingeschrumpftes Ding voller Melancholie und Unmut übrig bliebe, das ihnen selbst zuwider wäre? Einer der Kirchenväter bezeichnete in großer Strenge die Dichtkunst als vinum daemonum [Wein der Dämonen], weil sie die Phantasie erfüllt, jedoch nur mit dem Schatten der Lüge. Aber großes Leid bereitet nicht jene Lüge, die flüchtig durch die Seele hindurchfährt, sondern die Lüge, die einsinkt und sich festsetzt, so wie wir es vorhin beschrieben haben. Doch wie es auch immer um die verkommenen Urteile und Neigungen des Menschen stehen mag, so lehrt uns doch die Wahrheit, die nur über sich selbst urteilt, dass die Suche nach der Wahrheit, die dem Freien und Liebeswerben um sie gleicht, und das Wissen um die Wahrheit, das uns ein Gefühl für ihre Gegenwart verschafft, sowie der Glaube an die Wahrheit, der uns den Genuss an ihr ermöglicht, die höchsten Güter der menschlichen Natur sind. Die erste Schöpfung Gottes bei der Erschaffung der Welt war das Licht der Sinne, und die letzte war das Licht des Verstandes, und sein Sabbatwerk ist seit jeher die Erleuchtung durch seinen Geist. Als Erstes hauchte er der Materie und dem Chaos das Licht ein, dann hauchte er dem Antlitz des Menschen Licht ein, und seitdem haucht er noch immer das Licht dem Antlitz seiner Auserwählten ein und erfüllt sie damit. Der Dichter, der eine Denkschule verherrlichte, die ansonsten den anderen unterlegen war, drückte es auf die folgende ausgezeichnete Weise aus: Es ist ein Vergnügen, am Ufer zu stehen und zuzusehen, wie die Schiffe auf dem Meer hin und her geworfen werden; es ist ein Vergnügen, am Fenster einer Burg zu stehen und tief unter sich eine Schlacht und deren Wagnisse zu beobachten; aber kein Vergnügen ist mit dem zu vergleichen, auf dem erhöhten Boden der Wahrheit zu stehen (einem uneinnehmbaren Hügel, auf dem die Luft stets klar und heiter ist) und die Irrtümer, Irrungen, Nebel und Stürme im Tale drunten zu gewahren. Doch sollte dieses Zuschauen nicht in Stolz und Überheblichkeit, sondern in Mitleid geschehen. Sicherlich bedeutet es den Himmel auf Erden, wenn die Seele des Menschen vom Mitleid bewegt wird, im Glanz der göttlichen Vorsehung ruht und sich um die Pole der Wahrheit dreht.

Wenn wir von der theologischen und philosophischen Wahrheit zu jener im bürgerlichen Leben hinüberwechseln, so werden selbst jene, die sich dieser Wahrheit nicht bedienen, zugeben müssen, dass eine klare und offene Handlungsweise die menschliche Natur ehrt, während die Beimischung von Falschheit wie die Zugabe niederer Metalle in Gold- und Silbermünzen ist: Sie erleichtert die Bearbeitung, mindert aber den Wert. Denn es ist die Schlange, die sich auf krummen und gewundenen Pfaden fortbewegt. Niedrig kriecht sie auf dem Bauch, statt auf Füßen zu gehen. Kein anderes Laster bedeckt den Menschen so mit Schande wie das der Falschheit und Hinterlist. Und deshalb sagt Montaigne bei der Erörterung der Frage, warum die Lüge eine solche Schande und abscheuliche Beschuldigung sei, sehr schön: „Wenn man es recht bedenkt, was es heißt, einen Menschen einen Lügner zu nennen, so bedeutet es so viel, wie zu sagen, er sei Gott gegenüber ein Tapferer und den Menschen gegenüber ein Feigling.“ Denn Gott erkennt jede Lüge, während sie den Menschen entgeht. Falschheit und Treubruch sind ein Frevel, dessen Schwere darin ihren Ausdruck findet, dass er der letzte Glockenton sein wird, mit dem das Jüngste Gericht über die Menschheit hereinbricht, denn es steht geschrieben, dass, wenn Christus erscheint, „er keine Rechtschaffenheit auf der Erde finden wird.“

ZWEITE ABHANDLUNG:
ÜBER DEN TOD

Die Menschen fürchten den Tod, so wie die Kinder den Gang durch die Finsternis fürchten, und wie diese zweite, natürliche Furcht bei den Kindern durch grausige Geschichten verstärkt wird, so ist es auch bei der ersten. Gewiss ist die Betrachtung des Todes als Urteil über die eigenen Sünden und Übergang in eine andere Welt etwas Heiliges und Frommes, aber die Furcht davor, bei der es sich um einen Tribut an die Natur handelt, zeugt von Schwäche. In frommen Betrachtungen findet sich bisweilen eine Mischung aus Einbildung und Aberglaube. In einigen mönchischen Büchern steht über die Kasteiung geschrieben, man solle sich einmal vorstellen, wie schmerzhaft es ist, wenn einem bloß die Fingerkuppe gequetscht oder torquiert wird, und danach solle man sich ausmalen, wie grässlich die Schmerzen des Todes sind, wenn der ganze Körper verwest und zerfällt. Dabei geht doch oftmals der Tod mit geringeren Qualen als bei der Folterung eines Gliedes einher, da die lebenswichtigsten Teile zumeist nicht die schmerzempfindlichsten sind. Deshalb sagte jener, der nur als Philosoph und einfacher Mensch sprach, zu Recht: „Pompa mortis magis terret quam mors ipsa [Der Totenzug erschreckt mehr als der Tod selbst].“ Ächzen und Zuckungen, ein entfärbtes Antlitz, weinende Freunde, schwarze Farben, Beisetzungsfeierlichkeiten und dergleichen zeigen den Tod auf schreckliche Weise. Es ist jedoch bemerkenswert, dass in der Seele des Menschen keine Leidenschaft so schwach ist, dass sie der Angst vor dem Tode nicht gleichkommt oder diese gar übertrifft. Daher ist der Tod kein so schrecklicher Feind, denn der Mensch besitzt so viele Helfer im Kampf gegen ihn. Die Rache triumphiert über den Tod, die Liebe behandelt ihn geringschätzig, der Ruhm strebt nach ihm, der Kummer flieht zu ihm hin, die Furcht vertieft sich ganz in ihn, und wir lesen sogar, dass nach dem Selbstmord des Kaisers Otho das Mitleid mit ihm (das die zarteste aller Neigungen ist) viele Menschen dazu veranlasste, sich aus reiner Zuneigung zu ihrem Herrscher ebenfalls selbst zu entleiben, wodurch sie sich als die treuesten seiner Gefolgsleute erwiesen. Seneca fügt alldem noch Feingefühl und Übersättigung hinzu: „Cogita quam diu eadem feceris; mori velle, non tantum fortis, aut miser, sed etiam fastidiosus potest [Bedenke, wie lange du schon dasselbe machst. Sterben will nicht nur der Tapfere oder der Unglückliche, sondern auch der des Lebens Überdrüssige].“ Es gibt Menschen, die weder aus Tapferkeit noch aus Unglück sterben wollen, sondern weil sie müde sind, wieder und wieder dasselbe tun zu müssen. Überdies ist es bemerkenswert, wie wenig das Heranahen des Todes den Charakter zu beeindrucken vermag, denn dieser scheint bis zum letzten Atemzug unverändert zu sein. Augustus Caesar starb mit einem Abschiedsgruß auf den Lippen: „Livia, conjugii nostri memor, vive et vale [Livia, erinnere dich stets unserer Ehre, lebe und lebe wohl].“ Tiberius starb in Heuchelei, denn Tacitus schreibt über ihn: „Iam Tiberium vires et corpus, non dissimulatio, deserebant [Schon verließen Tiberius die Kräfte des Körpers, nicht aber seine Unaufrichtigkeit].“ Vespasian verstarb auf einem Schemel mit einem Scherz: „Ut puto Deus fio [Ich glaube, ich werde gerade zum Gott].“ Galba verschied mit dem Spruch: „Feri, si ex re sit populi Romani [Schlag zu, wenn es der Sache des Römischen Volkes dient]“, und bot seinen Nacken dar. Septimius Severus sagte bei seinem Abgang: „Adeste si quid mihi restat agendum [Rasch zu mir, falls es noch etwas zu tun gibt].“ Und dergleichen mehr. Sicherlich maßen die Stoiker dem Tod ein zu großes Gewicht bei, und so wirkte er durch ihre ausufernden Vorbereitungen nur noch schrecklicher. Besser ergeht es jenem, „qui finem vitae extremum inter munera ponat naturae [der das Ende des Lebens zu den Geschenken der Natur zählt].“ Es ist so natürlich zu sterben, wie es natürlich ist, geboren zu werden, und für einen Säugling ist das eine vermutlich genauso schmerzlich wie das andere. Derjenige, der bei der Verrichtung einer ernsthaften Tätigkeit stirbt, ist wie jener, der im heftigen Gefecht verwundet wird. Zunächst spürt er die Verletzung kaum, und daher wehrt sein Geist, der noch auf etwas Gutes gerichtet ist, die Qualen des Todes ab. Aber glaubt mir, über alldem schwebt das süßeste Lied, das „Nunc dimittis [Nun lass mich scheiden]“, wenn sich die Erwartungen eines Menschen erfüllt haben und er ein würdiges Ende findet. Es ist auch eine Eigenschaft des Todes, dass er das Tor zum Ruhme öffnet und den Neid auslöscht: „Extinctus amabitur idem [Nach seinem Tod wird er geliebt].“

DRITTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE EINHEIT DER RELIGION

Da die Religion das wichtigste Band der menschlichen Gesellschaft darstellt, ist es eine gute Sache, wenn sie selbst vom wahren Band der Einigkeit zusammengehalten wird. Die Streitigkeiten und Abspaltungen in der Religion sind Heimsuchungen, die den Heiden unbekannt waren. Der Grund dafür liegt in dem Umstand, dass die heidnische Religion eher in Riten und Zeremonien als in festem und fortwährendem Glauben wurzelte. Man kann sich vorstellen, von welcher Art ihr Glaube war, wenn man weiß, dass die Väter und obersten Lehrer ihrer Kirche die Dichter waren. Aber der wahre Gott besitzt die Eigenschaft, ein eifersüchtiger Gott zu sein, und daher duldet seine Anbetung und Religion keinerlei Vermischung oder Konkurrenz. Deshalb werden wir nun ein paar Worte über die Einheit der Kirche sowie deren Früchte, Grenzen und Mittel sagen.

Die Früchte der Einheit (neben dem Wohlgefallen Gottes, das alles andere beinhaltet) sind zweigestaltig. Es gibt zum einen jene, die die Menschen außerhalb der Kirche genießen, und zum anderen jene, welche ihnen innerhalb derselben zugute kommen. Was die ersteren angeht, so ist es gewiss, dass Häresie und Glaubensspaltung die größten aller Ärgernisse sind, schlimmer noch als die Verderbnis der Sitten. So wie in einem natürlichen Körper andauernd schwärende Wunden schlimmer sind als verdorbene Körpersäfte, so ist es auch im spirituellen Körper. Nichts hält die Menschen so sehr von der Kirche fern und treibt sie von ihr weg wie der Verlust der Einheit. Wann immer es deshalb geschieht, wenn jemand sagt „Ecce in deserto [Seht, er ist in der Wüste]“, und ein anderer sagt „Ecce in penetralibus [Seht, er ist in den Kammern]“, das heißt, wenn einige Christus in den heimlichen Zusammenkünften der Häretiker und andere in den Äußerlichkeiten eines Kirchengebäudes suchen, dann sollte ihnen ohne Unterlass eine Stimme in den Ohren klingen, die sagt: „Nolite exire“ – gehet nicht hinaus. Der Apostel der Heiden, dessen Berufung es ihm auferlegte, sich besonders denjenigen zu widmen, die außerhalb der Kirche standen, sagte: „Wenn ein Heide hereinkommt und euch in verschiedenen Zungen reden hört, wird er dann nicht sagen, dass ihr verrückt seid?“ Und es ist kaum besser, wenn Atheisten und Gotteslästerer so viele einander widersprechende und entgegengesetzte Meinungen innerhalb des einen Glaubens hören. Es macht sie der Kirche abspenstig, sodass sie „auf dem Stuhl des Spötters Platz nehmen.“ Dies ist nur eine Kleinigkeit, die für eine so ernste Angelegenheit herangezogen wird, aber sie drückt sehr wohl die Fehlentwicklung aus. Es gibt einen Meister des Spottes, der in seinem Katalog einer erfundenen Bibliothek ein Buch mit dem Titel Der Moriskentanz der Ketzer aufführt. In der Tat hat jede Sekte ihre eigene Haltung und Pose, die bei den weltlich Gesonnenen und Verderbten, die alles Heilige zu verdammen geneigt sind, unweigerlich Spott hervorrufen.

Die Frucht für all jene, die sich innerhalb der Kirche befinden, ist der unendliche Segen des Friedens. Dieser begründet den Glauben und erzeugt Mildtätigkeit; der äußere Friede der Kirche führt zum Frieden des Gewissens und lenkt die Mühen, die sonst auf das Schreiben und Lesen von Streitschriften verwendet werden, auf die Abfassung von Traktaten der Kasteiung und Andacht.

Was die Grenzen der Einheit angeht, so ist deren richtige Ziehung von äußerster Wichtigkeit. In dieser Hinsicht scheint es zwei Extreme zu geben. Einigen Glaubenseiferern ist alles Reden von Versöhnung verhasst. „ ‚Der König lässt fragen, ob nun Frieden herrscht.‘ Jesus gab zur Antwort: ‚Was hast du dich um den Frieden zu kümmern? Reihe dich in meine Gefolgschaft ein!‘ “ Ihnen geht es nicht um Frieden, sondern um Gefolgschaft und Parteiergreifung. Im Gegensatz dazu glauben einige Laodiceer und halbherzige Personen, dass sie Fragen der Religion durch Mittelwege beantworten können, indem sie auf beiden Seiten gleichzeitig Partei ergreifen und für geistreiche Aussöhnung sorgen, als ob sie Schiedsrichter zwischen Gott und den Menschen wären. Diese beiden Extreme gilt es zu vermeiden, was dadurch geschehen kann, dass sich der Bund der Christenheit, so wie er von unserem Heiland persönlich eingesetzt wurde, fest und unbeirrbar an die beiden einander ergänzenden Sätze hält: „Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich“ und „Wer nicht gegen mich ist, der ist mit mir“ – das heißt, wenn die wesentlichen und grundlegenden Punkte in der Religion ernsthaft und wahrhaft von solchen Punkten getrennt werden, in denen es nicht ausschließlich um den Glauben, sondern lediglich um Meinungen, Systeme oder gute Absichten geht. Dies mag manchem als unwichtig und bereits erfolgt erscheinen, aber wenn es weniger um das Kleine ginge, könnte das Große stärker in den Vordergrund rücken.

Hierfür möchte ich innerhalb meiner kleinen Abhandlung nur den folgenden Rat geben. Die Menschen sollten sich davor hüten, Gottes Kirche insbesondere durch zwei Arten von Kontroversen auseinanderzureißen. Die eine Art besteht darin, dass der Gegenstand der Kontroverse allzu klein und unbedeutend und nicht der Hitze und des Streites würdig ist, der nur durch Widerspruchsgeist angefacht wurde. Denn, wie es einer der Kirchenväter ausdrückt, „Christi Gewand hatte zwar keine Naht, aber das Gewand der Kirche hat viele Farben“, worauf er sagt: „In veste varietas sit, scissura non sit [Das Gewand darf verschiedene Farben haben, aber keinen Riss].“ Einheit und Gleichheit sind zwei verschiedene Dinge. Die andere Art besteht darin, dass der Punkt, über den verschiedene Meinungen bestehen, durchaus wichtig ist, aber mit einer übergroßen Subtilität und Unklarheit behandelt wird, sodass der Streit eher scharfsinnig als bedeutsam ist. Ein Mensch mit gutem Urteilsvermögen und Verstand hört manchmal einem Streit von Unwissenden zu und weiß dabei genau, dass sie im Grunde eines und dasselbe meinen, auch wenn sie es niemals zugeben würden. Wenn schon ein Mensch diese nur scheinbare Kluft zwischen zwei Streitenden erkennen kann, um wie vieles mehr sollte es dann nicht auch Gott, der die Herzen kennt, möglich sein, den gemeinsamen Vorsatz in den widersprüchlichen Meinungen der schwachen Menschen zu sehen und sie deshalb gleichermaßen gelten zu lassen? Die Natur solcher Kontroversen hat der heilige Paulus sehr gut in der Warnung und dem Gebot ausgedrückt, die er diesbezüglich gibt: „Devita profanas vocum novitates, et oppositiones falsi nominis scientiae [Halte dich fern von unheiligen, leeren Redereien und den Widersprüchen der fälschlich so genannten Erkenntnis].“ Die Menschen erschaffen dort Widersprüche, wo keine sind, und kleiden sie in neue Redewendungen, sodass die Begriffe den Sinn bestimmen, wo doch eigentlich der Sinn die Begriffe bestimmen sollte. Überdies kann es zwei falsche Arten von Frieden und Einheit geben. Bei der einen gründet der Friede auf stillschweigender Unkenntnis, denn im Dunkeln sind alle Farben gleich, und die andere Art fußt auf dem unmittelbaren Zugeständnis von Uneinigkeit in wesentlichen Punkten. Wahrheit und Falschheit sind in solchen Dingen wie das Eisen und der Lehm in den Zehen von Nebukadnezars Abbild. Sie mögen aneinander haften, aber sie gehen keine dauerhafte Verbindung ein.

Was die Mittel zur Erlangung der Einheit angeht, so muss die Menschheit darauf achten, dass sie bei der Einrichtung und Festigung dieser Einheit nicht die Gesetze der Nächstenliebe und Menschlichkeit verwässert oder gar außer Kraft setzt. Es sollte in der Christenheit zwei Schwerter geben: das spirituelle und das weltliche. Beide haben ihren Platz und ihre Bedeutung in der Aufrechterhaltung der Religion. Aber wir dürfen keinesfalls das dritte Schwert einsetzen, welches das Schwert Mohammeds oder zumindest dem seinen ähnlich ist; das heißt, wir dürfen die Religion nicht durch Kriege verbreiten oder das Gewissen durch blutige Verfolgung schärfen, außer in Fällen von öffentlichem Ärgernis, Blasphemie oder Hochverrat. Noch weniger dürfen Aufstände angezettelt, Verschwörungen und Rebellionen durchgeführt oder das Schwert in die Hand des Volkes gegeben werden, damit es die Regierung stürzt, die von Gott eingesetzt ist. Denn dies würde bedeuten, die eine Gesetzestafel an der anderen zu zerschmettern und die Menschen als vollkommene Christen anzusehen, während wir vergessen, dass sie im Grunde nur Menschen sind. Als der Dichter Lukrez die Tat des Agamemmnon betrachtete, der die Opferung seiner eigenen Tochter ertrug, rief er aus:

„Tantum religio potuit suadere malorum [Zu solch schlimmen Taten vermochte die Religion zu reizen].“

Was hätte er wohl gesagt, wenn er das Massaker in Frankreich oder die Pulververschwörung in England gekannt hätte? Er wäre noch sieben Mal mehr zum Epikuräer und Atheisten geworden, als er es ohnehin schon war. Denn das weltliche Schwert darf in den Belangen der Religion nur mit großer Umsicht gezogen werden, und es ist eine Ungeheuerlichkeit, es in die Hände des einfachen Volkes zu legen. Das sollte den Wiedertäufern und anderen Furien überlassen werden. Es war eine große Blasphemie, als der Teufel sagte: „Ich will aufsteigen und wie der Höchste sein“, aber es ist eine noch größere Blasphemie, Gott zu personifizieren und ihn sagen zu lassen: „Ich will herabsteigen und wie der Fürst der Finsternis sein“. Was wäre es schließlich anderes, die Religion in die Niederungen des Fürstenmordes, des Gemetzels am Volke und des Umsturzes von Staaten und Regierungen hinabzuführen? Gewiss hieße dies, den Heiligen Geist nicht als Taube, sondern als Geier oder Rabe herabsteigen zu lassen und auf dem Schiff der christlichen Kirche die Flagge von Piraten und Mördern zu hissen. Daher ist es überaus wichtig, dass die Kirche durch Doktrinen und Dekrete, die Fürsten aber durch ihr Schwert und all ihre Gelehrsamkeit, sei sie christlich oder moralisch geprägt, alle Taten und Meinungen, die solches unterstützen, gleichsam mit ihrem Merkurstab verdammen und auf ewig zur Hölle schicken, wie dies bereits in nicht geringem Umfange geschehen ist. Gewiss sollte allen Ratschlüssen bezüglich der Religion der Rat des Apostels vorangesetzt werden: „Ira hominis non implet iustitiam Dei [Denn der Zorn eines Menschen erwirkt nicht Gerechtigkeit vor Gott].“ Es war eine bemerkenswerte und scharfsichtig ausgedrückte Beobachtung eines weisen Kirchenvaters, als er sagte: „Jene, die den Gewissenszwang verfechten und zu ihm überreden wollen, haben für gewöhnlich ein eigenes Interesse daran.“

VIERTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE RACHE

Die Rache ist eine Art ungezähmter Justiz, die umso gründlicher vom Gesetz ausgerottet werden sollte, je mehr die Natur des Menschen Zuflucht zu ihr nimmt. Was das vorangegangene Unrecht angeht, so verstößt es gegen das Gesetz, aber die Rache für dieses Unrecht setzt das Recht außer Kraft. Gewisslich steht derjenige, der Rache übt, auf einer Stufe mit seinem Feinde, aber wenn er verzeiht, ist er ihm überlegen, denn die Gnade ist das Vorrecht des Fürsten. Wenn ich mich recht erinnere, sagte Salomo: „Ruhm ist, über böses Tun hinwegzugehen.“ Das Vergangene ist unwiderruflich vorbei, und weise Menschen haben genug mit der Gegenwart und der Zukunft zu tun. Deshalb machen es sich diejenigen selbst schwer, die sich an den Geschehnissen der Vergangenheit abmühen. Niemand verübt ein Unrecht nur um des Unrechtes willen, sondern um sich dadurch Gewinn, Vergnügen, Ehre oder etwas Gleichartiges zu verschaffen. Warum also sollte ich auf einen Menschen wütend sein, weil er sich selbst mehr liebt als mich? Und wenn ein Mensch ein Unrecht tatsächlich nur aus bösem Willen verüben sollte, dann ist er so wie der Dorn oder der Stachel, der kratzt und sticht, weil er nicht anders kann. Die erträglichste Art der Rache ist die für ein erlittenes Unrecht, das kein Gesetz wiedergutmachen kann, doch dann soll derjenige, der Rache nimmt, darauf achten, dass sie von keinem Gesetz bestraft werden kann, denn sonst ist der Feind im Vorteil, und es steht zwei zu eins. Manche wünschen, wenn sie Rache nehmen, dass der andere weiß, aus welcher Richtung sie kommt: das sind die Wohlwollenderen. Ihr Genuss scheint nicht so sehr in der Zufügung von Schaden zu liegen, sondern darin, dass der andere seine Tat bereut. Doch gemeine und hinterlistige Feiglinge sind wie der Pfeil, der durch die Nacht fliegt. Cosimo, der Großherzog von Florenz, bediente sich eines verbitterten Sprichwortes gegen heimtückische und sorglose Freunde, deren Untaten unverzeihlich seien: „Ihr könnt lesen“, sagte er, „dass uns befohlen wird, unseren Feinden zu vergeben, aber nirgendwo könnt ihr lesen, dass uns befohlen wird, unseren Freunden zu vergeben.“ Der Geist des Hiob war hingegen milder gestimmt. „Sollen wir etwa“, sagte er, „das Gute aus den Händen Gottes entgegennehmen und nicht damit zufrieden sein, auch das Böse anzunehmen?“ Ebenso verhält es sich mit den Freunden. Es ist gewiss, dass ein Mensch, der auf Rache sinnt, seine eigenen Wunden frisch hält, die ansonsten verheilen würden, sodass es ihm wieder gut ginge. Öffentlich geübter Rache ist häufig Glück beschieden, wie zum Beispiel für den Tod Caesars, den des Pertinax, den Heinrichs des Dritten von Frankreich und anderer mehr. Doch bei persönlicher Rache verhält es sich nicht so. Vielmehr führen rachsüchtige Menschen das Leben von Hexen und Zauberern, die Schaden stiften und unselig enden.

FÜNFTE ABHANDLUNG:
ÜBER DAS UNGLÜCK

Seneca sprach große Worte, als er (in der Art der Stoiker) sagte, „dass die guten Dinge, die sich aus Reichtum und Erfolg ergeben, erstrebenswert sind, aber die guten Dinge, die aus dem Unglück folgen, bewundernswert sind“, „bona rerum secundarum optabilia, adversarum mirabilia.“ Gewiss, wenn Wunder der Natur zu gebieten vermögen, dann ereignen sie sich zumeist im Unglück. Noch größere Worte als die vorangegangenen sprach er aus (zu groß waren sie eigentlich für einen Heiden): „Es ist wahre Größe, die Gebrechlichkeit eines Menschen und die Sicherheit eines Gottes in sich zu vereinen.“ „Vere magnum, habere fragilitatem hominis, securitatem dei.“ Dies hätte er besser in einem Dichtwerk gesagt, wo solche Erhabenheit eher am Platze ist. Die Dichter haben sich in der Tat damit beschäftigt, denn dies ist es im Grunde, was in jener seltsamen Dichtung der alten Poeten dargestellt wird, die nicht ohne Geheimnis und sogar der Geisteshaltung eines Christen angenähert zu sein scheint. Als Herkules sich daran machte, den Prometheus zu entfesseln (durch den die menschliche Natur dargestellt wird), segelte er über den weiten Ozean in einem irdenen Topf oder Krug, wodurch auf lebendige Weise die christliche Entschlossenheit beschrieben wird, in der zerbrechlichen Barke des Fleisches durch die Wellen der Welt zu segeln. Doch drücken wir es auf schlichtere Weise aus: Die Tugend des Wohlstandes ist die Mäßigung; die Tugend des Unglücks ist die Tapferkeit, welche in der Sittenlehre als die heroischere Tugend gilt. Wohlstand und Erfolg sind der Segen des Alten Testaments; Unglück ist der des Neuen Testaments, welches die höhere Weihe und die deutlichere Offenbarung der göttlichen Gnade in sich trägt. Doch auch wenn man Davids Harfe im Alten Testament lauscht, wird man genauso viele Trauerklagen wie Jubellieder hören, und der vom Heiligen Geist geführte Griffel hat sich mehr in den Beschreibungen der Heimsuchungen Hiobs als in den Glückseligkeiten Salomos abgemüht. Wohlstand ist nie frei von Ängsten und Abneigungen, und Unglück ist nie ohne Trost und Hoffnung. Bei Nadelarbeiten und Stickereien ist es angenehmer, ein lebendiges Bild auf einem tristen und feierlichen Untergrund zu haben anstatt eines dunklen und melancholischen Werkes auf einem hellen Grund. Daher lässt sich aus dem Vergnügen des Auges auf das Vergnügen des Herzens schließen. Gewiss ist die Tugend wie köstliche Düfte, die am besten riechen, wenn sie verbrannt oder gepresst werden, denn im Wohlstand und Glück offenbart sich das Laster am besten, während sich im Unglück am besten die Tugend zeigt.

SECHSTE ABHANDLUNG:
ÜBER VERSTELLUNG UND HEUCHELEI

Die Heuchelei ist bloß eine schwache Abart von Klugheit und Weisheit, denn es erfordert einen scharfen Verstand und großen Mut zu wissen, wann die Wahrheit ausgesprochen werden muss, und sie dann auch tatsächlich auszusprechen. Daher sind die schwächeren Politiker die größten Heuchler.

Tacitus sagt: „Livia passte gut zu den Künsten ihres Gatten und zu den Heucheleien ihres Sohnes“, wobei er die Künste – und die Politik – dem Augustus und die Heuchelei dem Tiberius zuschrieb. Und als Mucianus den Vespasian ermuntert, die Waffen gegen Vitellius zu ergreifen, sagt er: „Wir erheben uns weder gegen das schneidende Urteilsvermögen des Augustus noch gegen die äußerste Vorsicht und Verschlagenheit des Tiberius.“ Diese Eigenschaften der Staatskunst und des politischen Geschicks einerseits und der Heuchelei und Verschlagenheit andererseits sind in der Tat höchst unterschiedliche Fähigkeiten und daher streng voneinander zu trennen. Denn wenn jemand ein so scharfes Urteilsvermögen besitzt, dass er erkennen kann, was dem Lichte der Öffentlichkeit zuträglich ist, was besser geheim gehalten wird und was eher im Halbdunkel belassen werden sollte, und überdies wem und wann er was sagen kann (was wahre Staatsund Lebenskunst ist, wie Tacitus es treffend genannt hat), dann wird ihm Heuchelei als nachteilig und armselig erscheinen. Aber wenn jemand dieses Urteilsvermögen nicht besitzt, dann neigt er eher zu Heimlichkeit und Heuchelei. Denn wenn jemand in bestimmten Dingen nicht zu einem Entschluss kommen kann, ist es gut für ihn, den sichersten und vorsichtigsten Weg zu wählen, so wie man behutsam vorwärts geht, wenn man nicht gut sehen kann. Die fähigsten Menschen, die je gelebt haben, besaßen allesamt eine große Offenheit und Geradlinigkeit und standen im Ruf der Bestimmtheit und Aufrichtigkeit, denn sie waren wie gut dressierte Pferde, die genau wissen, wann sie anhalten und wann sie abbiegen müssen. Und wenn es tatsächlich einmal für sie notwendig gewesen sein sollte, zu heucheln, wurde dies von ihrem guten Ruf der Aufrichtigkeit und Offenheit überdeckt.

Es gibt drei Grade bei der Verschleierung und dem Verbergen der eigenen Person. Der erste Grad besteht in Verschlossenheit, Zurückhaltung und Verschwiegenheit, sodass das wahre Ich unsichtbar bleibt. Der zweite Grad besteht in der negativen Form der Verstellung, die dann vorliegt, wenn jemand durch Zeichen oder Worte vorgibt, nicht der zu sein, der er in Wirklichkeit ist. Und der dritte Grad besteht in der positiven Form der Heuchelei, wenn jemand ausdrücklich und aktiv den Eindruck erweckt, er sei ein anderer als der, welcher er in Wirklichkeit ist.

Was den ersten dieser Grade, die Verschwiegenheit, angeht, so ist dies in der Tat die Tugend des Beichtigers. Gewisslich hört der Verschwiegene viele Geheimnisse, denn wer würde sich einem Schwätzer oder einem Ausplauderer anvertrauen? Aber wenn ein Mensch als verschwiegen angesehen wird, lädt er zur Offenheit ein, so wie die eingeschlossene Luft die Außenluft ansaugt. So wie bei der Beichte die Enthüllungen nicht zum weltlichen Gebrauche gedacht sind, sondern zur Gewissenserleichterung des Beichtenden, so gelangen die Verschwiegenen zur Kenntnis vieler Dinge, da die Menschen ihr Innerstes nicht den anderen mitteilen, sondern zu ihrem eigenen Nutzen entlasten wollen. In wenigen Worten ausgedrückt: Verschwiegenheit lockt Geheimnisse an. Außerdem ist, um die Wahrheit zu sagen, Nacktheit sowohl am Körper als auch am Geiste reizlos, und deshalb werden das Benehmen und die Handlungen eines Menschen umso mehr bewundert, wenn sie nicht ganz offenherzig geschehen. Redselige und Schwätzer sind überdies zumeist eitel und leichtgläubig, denn derjenige, der das ausplaudert, was er weiß, wird auch das ausplaudern, was er nicht weiß. Daher sei hier festgestellt, dass die Eigenschaft der Verschwiegenheit sowohl von Klugheit als auch von Sittlichkeit zeugt. In diesem Falle ist es gut, wenn Gesicht und Zunge im Einklang miteinander stehen, denn die Enthüllung des Wesens durch das Mienenspiel ist eine verräterische Angelegenheit, da ihm größeres Gewicht beigemessen und mehr geglaubt wird als den Worten.

Was den zweiten Grad, die Verstellung, angeht, so folgt sie der Verschwiegenheit geradezu zwangsläufig, denn der Verschwiegene muss bis zu einem gewissen Grade auch zur Verstellung fähig sein. Die Menschen sind zu schlau, um es dem Verschwiegenen zu erlauben, eine Haltung der Unentschiedenheit einzunehmen und nicht die Waagschale ein wenig nach der einen oder anderen Seite zu kippen. Sie werden ihn mit Fragen bestürmen, ihn auf ihre Seite zu ziehen versuchen und so sehr auf ihm herumhacken, dass er zur einen oder anderen Seite neigen muss, wenn er nicht in absurdem Schweigen verharren will. Wenn er hingegen stumm bleibt, werden sie aus seinem Schweigen genauso viel herauslesen, als wenn er etwas gesagt hätte. Und was Mehrdeutigkeiten oder orakelhafte Rede angeht, so werden sie nicht lange Bestand haben. Daher ist es niemandem möglich, verschwiegen zu sein, ohne sich ein wenig der Verstellung zu bedienen, die geradezu die Schleppe am Kleide der Verschwiegenheit darstellt.

Was den dritten Grad, die Heuchelei und Falschbekundung, angeht, so halte ich diesen für tadelnswerter und weniger klug, außer in überaus wichtigen und selten auftretenden Angelegenheiten. Deshalb ist die so oft anzutreffende Gewohnheit der Heuchelei (die diesen letzten Grad darstellt) ein Laster, das entweder aus angeborener Falschheit oder Ängstlichkeit oder aus einem Verstand erwächst, der größere Makel besitzt, die verborgen werden müssen, weswegen es dann auch in anderen Dingen zum Einsatz gelangt, damit der Heuchler nicht aus der Übung komme.

Es gibt drei große Vorteile der Verstellung und Heuchelei. Erstens vermögen sie Widerspruch zu besänftigen und zu überrumpeln, denn wenn jemand seine Absichten öffentlich macht, so ist das ein Weckruf für alle, die gegen ihn sind. Zweitens vermögen sie einen angenehmen Rückzug zu verschaffen, denn wenn sich jemand durch eine eindeutige Verlautbarung festlegt, muss er sie entweder durchfechten oder daran zugrunde gehen. Drittens können auf diese Art und Weise die Ansichten des anderen besser enthüllt werden, denn demjenigen gegenüber, der sich den anderen öffnet, werden sich die Menschen kaum feindlich erzeigen, sondern ihn weiterreden lassen und sich bei seinen offenen Worten das Ihre denken. Daher kennt der Spanier dieses gute und gewitzte Sprichwort: „Sprich eine Lüge aus, und du entdeckst eine Wahrheit.“ Doch zum Ausgleich gibt es auch drei Nachteile. Der erste besteht darin, dass Verstellung und Heuchelei oft mit einem Gebaren der Ängstlichkeit einhergehen, die bei jeder Gelegenheit verhindert, dass das anvisierte Ziel erreicht wird. Der zweite besteht darin, dass sie viele Menschen zurückstoßen und verwirren, die ansonsten möglicherweise mit dem Heuchler zusammengearbeitet hätten, sodass er nun fast allein auf sein Ziel zumarschieren muss. Der dritte und größte besteht darin, dass es den Menschen eines der wichtigsten Werkzeuge zum Handeln beraubt, nämlich des Vertrauens. Die beste Mischung und Methode ist, Offenheit des Geistes zu zeigen und dafür in hohem Ansehen zu stehen, Verschwiegenheit zu üben, sich angemessen der Verstellung zu bedienen und die Gabe der Heuchelei zu besitzen, falls nichts anderes mehr helfen sollte.

SIEBENTE ABHANDLUNG:
ÜBER ELTERN UND KINDER

Die Freuden der Eltern bleiben verborgen, ebenso wie ihr Kummer und ihre Ängste. Die einen können sie nicht äußern, und die anderen wollen sie nicht äußern. Kinder versüßen die Mühsal, aber sie machen das Unglück noch bitterer; sie vermehren die Sorgen des Lebens, aber sie mildern den Gedanken an den Tod. Die ewige Abfolge der Generationen haben wir mit den Tieren gemeinsam, aber Erinnerung, Verdienst und edle Werke sind nur dem Menschen eigen. Es ist gewisslich zu sehen, dass die edelsten und bedeutendsten Werke von kinderlosen Menschen stammen, die danach strebten, den Abbildern ihres Geistes Ausdruck zu verleihen, wo ihnen jene ihres Körpers versagt blieben. Daher kümmern sich diejenigen am meisten um die Nachwelt, die selbst keine Nachkommen haben. Diejenigen, die ein Haus begründen, sind am nachsichtigsten gegenüber ihren Kindern, denn sie sehen diese nicht nur als den Fortbestand ihrer Art, sondern auch als den ihrer Arbeit an, und somit sind sie sowohl ihre Kinder als auch ihre Geschöpfe.

Die Wertschätzung, welche die Eltern ihren Kindern entgegenbringen, ist oft höchst unterschiedlich und manchmal auch ungerecht, vor allem auf Seiten der Mutter. Wie Salomo sagt: „Ein weiser Sohn macht seinem Vater Freude, ein törichter ist seiner Mutter Kummer.“ Es ist oft zu beobachten, dass dort, wo ein Haus voller Kinder ist, das Älteste und auch das Zweitälteste geachtet und die jüngsten verzogen werden, während diejenigen dazwischen vergessen werden, obwohl sie sich doch oft als die besten erweisen. Die Engstirnigkeit der Eltern in Bezug auf das Taschengeld ihrer Kinder ist ein schädlicher Irrtum, denn dieses Verhalten macht sie niederträchtig, verleitet sie zur Lüge, treibt sie in schlechte Gesellschaft und führt dazu, dass sie noch mehr wollen, wenn sie bereits viel erlangt haben. Daher ist es das Beste, wenn Eltern ihre Autorität zwar gegenüber ihren Kindern, aber nicht gegenüber ihrer Geldbörse ausüben. Sowohl Eltern als auch Schulmeister und Diener haben die dumme Angewohnheit, Wetteifer zwischen Brüdern in deren Kindheit hervorzurufen und zu bestärken, was oftmals zu Zwietracht führt, wenn sie ins Mannesalter gekommen sind, und den Familienfrieden stört. Die Italiener machen kaum einen Unterschied zwischen den eigenen Kindern und den Neffen und Nichten oder anderen nahen Anverwandten; wenn sie zum selben Stamm gehören, dann ist es ihnen gleichgültig, ob sie aus dem eigenen Körper hervorgekrochen sind oder nicht. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, verhält es sich in Charakterdingen oft genauso, denn bisweilen gleicht der Neffe dem Onkel mehr als dem eigenen Vater, je nachdem, wie das Blut geflossen ist. Es sei den Eltern angeraten, rechtzeitig die Berufungen und Laufbahnen festzulegen, die ihre Kinder ihrer Meinung nach ergreifen sollten, denn in jungen Jahren sind sie noch am besten formbar. Überdies sollten sie sich den Neigungen ihrer Kinder nicht allzu sehr anpassen, indem sie glauben, dass diesen auch später das am besten gefallen wird, was sie gegenwärtig am meisten interessiert. Es stimmt, dass, wenn ein Kind eine außergewöhnliche Neigung oder Begabung zeigt, man sich ihm nicht in den Weg stellen sollte, aber im Allgemeinen ist dieses Prinzip das beste: „Optimum elige, suave et facile illud faciet consuetudo [Wähle des besten Beruf; die Gewohnheit wird ihn angenehm und leicht machen].“ Jüngere Brüder können sich zumeist glücklich preisen, was jedoch selten oder gar nie gilt, wenn die älteren enterbt wurden.

ACHTE ABHANDLUNG:
ÜBER EHE UND ALLEINLEBEN

Derjenige, der Frau und Kinder hat, hat damit dem Schicksal Geiseln verschafft, denn sie hindern an großen Taten, sowohl an solchen der Tugend wie an solchen des Unheils. Es ist gewiss, dass die besten Werke, die der Allgemeinheit zum größten Vorteil gereichen, von unverheirateten und kinderlosen Männern geübt wurden, die ihre Zuneigung und ihr Vermögen der Allgemeinheit schenken und diese damit gleichsam geheiratet und versorgt haben. Doch sollten sich eigentlich diejenigen, die Kinder haben, am meisten um die Zukunft sorgen, denn sie wissen, dass sie dieser ihr liebstes Unterpfand hinterlassen müssen. Doch es gibt auch solche, die allein leben und deren Gedanken nicht über ihr eigenes Ende hinausreichen und die die Zukunft als Zumutung ansehen. Und es gibt andere, welche Frau und Kinder nur als kostspielige Belastung betrachten. Mehr noch, manche närrische, reiche und gierige Männer sind stolz darauf, keine Kinder zu haben, weil sie glauben, deshalb als noch reicher zu gelten. Vielleicht haben sie gehört, wie jemand sagte: „Dieser dort ist ein großer, reicher Mann“, und ein anderer einwandte: „Ja, aber er trägt die Bürde vieler Kinder“, als ob dieses eine Minderung seines Reichtums bedeutete. Aber der hauptsächliche Grund für das Alleinleben liegt in der Freiheit, besonders bei jenen selbstgefälligen und launigen Geistern, die so empfindlich auf jegliche Beschränkung reagieren, dass sie bereits glauben, ihre Gürtel und Sockenhalter seien Stricke und Fesseln. Unverheiratete Männer sind die besten Freunde, die besten Herren, die besten Diener, aber nicht immer die besten Untertanen, denn sie suchen gern das Weite; fast alle Flüchtlinge gehören diesem Stande an. Ehelosigkeit eignet sich für Kirchenmänner, denn Mildtätigkeit vermag kaum noch den Boden zu wässern, nachdem sie zuvor einen Teich füllen musste. Bei Richtern und Magistraten ist sie von keiner großen Bedeutung, denn wenn sie oberflächlich und bestechlich sind, findet man unter ihnen Diener, die fünfmal schlimmer sind als eine Ehefrau. Was die Soldaten angeht, so stelle ich fest, dass die Generäle sie in ihren Ansprachen immer wieder an ihre Frauen und Kinder erinnern, und ich glaube, dass die Ablehnung der Ehe bei den Türken den gemeinen Soldaten noch gemeiner macht. Gewiss stellen Frau und Kinder eine Art Lehrstube der Menschlichkeit dar, und Unverheiratete mögen zwar einerseits mildtätiger sein, weil ihre Geldmittel nicht so stark erschöpft werden, aber auf der anderen Seite sind sie grausamer und hartherziger (eine gute Voraussetzung für das Amt eines strengen Inquisitors), denn ihre Zärtlichkeit wird nicht so oft in Anspruch genommen. Ernste Gemüter mit festen Gewohnheiten sind gemeinhin liebevolle Ehemänner, so wie es von Odysseus gesagt wurde: „Vetulam suam praetulit immortalitati [Er zog seine Alte der Unsterblichkeit vor].“ Keusche Frauen sind oft stolz und eigensinnig, weil sie sich auf ihre Keuschheit etwas einbilden. Es ist die beste Versicherung für Keuschheit und Gehorsam bei einer Frau, wenn sie ihren Mann für weise hält. Beides wird sie niemals sein, wenn er eifersüchtig auf sie ist. Eine Frau ist die Geliebte des jungen Mannes, die Gefährtin des mittleren Alters und die Krankenschwester des Greisen. So mag es dem Manne schwerfallen, den richtigen Zeitpunkt für eine Heirat zu finden. Als Weiser wurde derjenige bezeichnet, der auf die Frage, wann ein Mann heiraten sollte, antwortete: „Ein junger Mann noch nicht, ein alter überhaupt nicht.“ Es ist oft zu beobachten, dass schlechte Männer sehr gute Frauen haben. Entweder erfreuen diese sich an der Freundlichkeit ihres Gemahls, wenn sie denn einmal zum Vorschein kommt und durch ihr seltenes Auftreten doppelt kostbar ist, oder sie erfreuen sich an ihrer eigenen Geduld. So verhält es sich stets dann, wenn sich die Frauen ihren Gemahl gegen den Rat ihrer Freunde aus eigenem Antrieb gewählt haben, denn dann versuchen sie, ihre eigene Narrheit wiedergutzumachen.

NEUNTE ABHANDLUNG:
ÜBER DEN NEID

Keine anderen uns bekannten Empfindungen bezaubern und verzaubern so stark wie Liebe und Neid. Sie beide führen zu heftigem Verlangen, sie regen die Phantasie und Einbildung an, und sie fallen leicht ins Auge, besonders wenn der Gegenstand der Empfindung in der Nähe ist. Dies sind die Merkmale, die auf eine Bezauberung hindeuten, wenn es denn so etwas überhaupt gibt. Wir sehen zum Beispiel in der Heiligen Schrift, dass der Neid „der böse Blick“ genannt wird, und die Astrologen nennen die bösen Einflüsse der Sterne eine „böse Erscheinung“, was auf die allgemeine Annahme hindeutet, dass beim Neid etwas aus dem Auge austritt oder von ihm abstrahlt. Manche haben sogar sonderbarerweise bemerkt, dass der Stich oder Stoß eines neidischen Blicks dann am meisten schmerzt, wenn die beneidete Partei in Ruhm oder Triumph gewahrt wird, denn dies schärft den Neid noch mehr. Außerdem treten die Säfte des Beneideten zu solchen Zeiten stärker in die äußeren Körperteile, sodass der Neidstoß umso wirksamer ist.

Aber wir wollen nun diese Kuriositäten verlassen (auch wenn sie an angemessener Stelle durchaus eines Gedankens würdig sind) und untersuchen, welche Personen geneigt sind, andere zu beneiden, welche Personen vornehmlich der Gegenstand des Neides sind und was der Unterschied zwischen öffentlichem und privatem Neid ist.

Ein Mensch, der selbst keine Tugenden besitzt, beneidet die Tugenden der anderen, denn der Geist des Menschen nährt sich entweder an seinem eigenen Guten oder am fremden Bösen, und wer daher das eine nicht besitzt, jagt dem anderen nach, und wer keine Hoffnung hat, an die Tugend eines anderen heranzureichen, wird versuchen, sich ihm anzugleichen, indem er das Glück des anderen mindert.

Ein umtriebiger und neugieriger Mensch ist für gewöhnlich auch neidisch. Denn es kann nicht sein, dass er so viel über das Tun und Lassen von anderen weiß, nur weil es seine eigenen Angelegenheiten betreffen könnte. Daher muss angenommen werden, dass es ihm ein spielerisches Vergnügen bereitet, das Schicksal der anderen zu betrachten. Und jener, der sich nur um seine eigenen Angelegenheiten kümmert, wird nicht viel Stoff für Neid finden. Der Neid ist nämlich eine herumstreifende Leidenschaft; sie schlendert durch die Straßen und bleibt nicht zu Hause: „Non est curiosus, quin idem sit malevolus [Niemand ist neugierig, ohne gleichzeitig böswillig zu sein].“

Menschen von hoher Geburt sind bekanntermaßen neidisch auf solche, die in der Gesellschaft aufgestiegen sind, denn dadurch wird der Abstand zu ihnen verändert. Es ist wie eine Sinnestäuschung, dass sie, wenn die anderen ihnen näher kommen, selbst zurückzuweichen scheinen.

Missgestaltete Menschen, Eunuchen, alte Männer und Bastarde sind stets neidisch, denn derjenige, der seine eigene Lage nicht verbessern kann, wird alles in seiner Macht Stehende tun, um die der anderen zu verschlechtern. Anders ist es nur dann, wenn diese Gebrechen einer sehr tapferen und heldenhaften Natur auferlegt wurden, die es sich zur Aufgabe macht, ihre natürlichen Mängel zum Gegenstand ihrer Ehre zu machen, damit es zum Beispiel heißt, dass ein Eunuch oder ein Lahmer diese oder jene große Tat begangen habe, was an ein Wunder grenze, so wie es bei dem Eunuchen Narses der Fall war und auch bei Agesilaus und Tamerlane, die beide lahm waren.

Genauso ist es bei Menschen, die nach Schicksalsschlägen und anderem Ungemach gesellschaftlich aufgestiegen sind, denn sie sind wie Menschen, die im Streit mit der ganzen Welt liegen und das Unglück der anderen als Wiedergutmachung ihres eigenen Leidens ansehen.

Diejenigen, die entweder aus Leichtsinn oder aus Prahlerei auf zu vielen Gebieten glänzen wollen, sind ebenfalls stets neidisch, denn ihnen mangelt es nie an der Gelegenheit dazu, da es immer etliche geben wird, die sie auf manchen dieser Gebiete übertreffen. So war es beim Kaiser Hadrian, der tödlichen Neid auf Dichter, Maler und Bildhauer empfand, in deren Künsten er vergeblich zu glänzen versuchte.

Und schließlich neigen nahe Verwandte, Amtsbrüder und jene, die gemeinsam aufgezogen wurden, eher zum Neid auf ihresgleichen, wenn diese in höhere Stellungen erhoben werden, als sie selbst innehaben, denn dieser Umstand rügt sie wegen ihres eigenen Unvermögens, hält ihnen den Spiegel vor und erinnert sie öfter an ihr Versagen. Gleichzeitig wird dadurch die Aufmerksamkeit der anderen stärker auf sie gelenkt, und der Neid wird immer größer, je mehr vom Ruhm der anderen geredet wird. Kains Neid auf Abel war umso gemeiner und bösartiger, weil niemand zugegen war, als Abels Opfer der Vorzug gegeben wurde. Damit ist genug über jene gesagt, die zum Neide neigen.

Kommen wir nun zu denjenigen, die mehr oder weniger stark der Gegenstand des Neides sind. Erstens werden Personen von herausragender Tugend weniger beneidet, wenn sie in höhere gesellschaftliche Ränge aufsteigen, denn ihr Glück scheint ihnen zuzustehen. Schließlich erregt nicht die Begleichung einer Schuld, sondern eher Belohnung und Großzügigkeit den Neid der anderen. Wieder ergibt sich der Neid aus dem Vergleich mit der eigenen Person. Wenn es keine Vergleichsmöglichkeit gibt, gibt es auch keinen Neid. Deshalb werden Könige nur von Königen beneidet. Dennoch ist anzumerken, dass unwürdige Personen bei ihrem ersten öffentlichen Auftreten am stärksten beneidet werden, während es später stiller um sie wird, während im Gegensatz dazu Personen von Wert und Verdienst vor allem dann beneidet werden, wenn ihr Glück lange anhält. Denn dann besitzt ihre Tugend nicht mehr denselben Glanz, auch wenn sie noch von gleicher Stärke sein sollte, weil nämlich neue Männer aufgestiegen sind, die einen Schatten auf sie werfen.

Adlige werden bei ihrem Aufstieg weniger beneidet, denn sie scheinen ein Geburtsrecht darauf zu haben. Außerdem scheint ihnen der gesellschaftliche Aufstieg keinen großen Zugewinn an Glück zu bringen. Der Neid ist wie die Sonnenstrahlen, die heißer auf eine Uferböschung oder einen steilen Hang fallen als auf flaches Gebiet. Aus demselben Grunde werden diejenigen, deren Aufstieg allmählich und schrittweise vor sich ging, weniger beneidet als jene, die plötzlich und sprunghaft nach oben gekommen sind.

Diejenigen, die ihre Ehren unter großen Anstrengungen, Sorgen und Gefahren erworben haben, sind dem Neid weniger unterworfen, denn die Menschen glauben, dass sie sich ihre Ehren hart erarbeitet haben, und manchmal werden sie sogar bemitleidet. Mitleid heilt jeden Neid. Deswegen ist zu beobachten, dass die tiefsinnigsten und vernünftigsten Staatsmänner sich in ihrer Größe andauernd ob des Lebens, das sie führen müssen, selbst bemitleiden und stets das „quanta patimur [Wie sehr leiden wir]“ anstimmen. Dies entspricht keineswegs ihrer Überzeugung, aber sie wollen auf diese Weise dem Neid die Spitze nehmen. Dabei geht es nur um die Aufgaben, die den Menschen auferlegt werden, nicht aber um solche, die sie sich selbst auferlegen. Nichts ruft den Neid so sehr hervor wie eine unnötige und gierige Anhäufung von Aufgaben. Und nichts löscht den Neid besser aus, als wenn eine bedeutende Person ihre Untergebenen in all ihren Rechten und dem Ansehen ihrer Stellung belässt. Auf diese Weise stellt sie viele Schutzschilde zwischen sich und dem Neide auf.

Vor allem aber sind jene Personen dem Neide unterworfen, die ihr großes Glück anmaßend und stolz vor sich hertragen und sich nur dann wohl fühlen, wenn sie entweder durch äußeren Prunk oder durch den Triumph über Widerstände und Konkurrenten zeigen können, wie großartig sie sind. Weise Männer hingegen bringen dem Neid eher ein Opfer dar, indem sie es bisweilen ertragen, in Angelegenheiten, die ihnen nicht besonders wichtig sind, übervorteilt und besiegt zu werden. Doch es ist und bleibt wahr, dass das Zeigen der eigenen Großartigkeit in schlichter und offener Weise (nämlich ohne Anmaßung und Prahlsucht) weniger Neid auf sich zieht, als wenn es auf listige und durchtriebene Weise geschieht. Denn so verleugnet der Mensch sein Glück; er scheint sich seiner eigenen Unwürdigkeit bewusst zu sein und lädt die anderen dazu ein, ihn zu beneiden.

Wir wollen diesen Teil mit der Bemerkung abschließen, dass, wie wir bereits zu Beginn ausgedrückt haben, der Akt des Neides etwas von Zauberei an sich hat, und deshalb gibt es für den Neid kein anderes Heilmittel als für die Zauberei. Es ist nämlich nötig, den Bann (so wird er genannt) von sich zu nehmen und einem anderen aufzuerlegen. Zu diesem Zwecke bringen die klügeren unter den großen Männern jemanden auf die Bühne, der den Neid, der eigentlich ihnen gebührt, auf sich lenken soll. Manchmal handelt es sich dabei um Minister oder andere Untergebene, manchmal um Kollegen oder Genossen oder ähnliche Personen. Es mangelt nie an Menschen von heftiger und wagemutiger Natur, die alles tun, um zu Macht und Ansehen zu gelangen.

Nun wollen wir über den öffentlichen Neid reden. An ihm ist einiges Gute, während dies beim privaten Neid nicht der Fall ist, denn der öffentliche Neid ist wie eine Ächtung, die all jene Personen auf den Boden zurückholt, welche zu hoch aufgestiegen sind. Daher ist er auch für die Großen ein Zügel, der sie im Zaume hält.

Dieser Neid, der mit dem lateinischen Wort „invidia“ bezeichnet wird, heißt in den modernen Sprachen „Unzufriedenheit“, worüber wir noch weiter unten in der Abhandlung über den Aufruhr sprechen werden. Es ist dies eine Erkrankung des Staates, die einer Infektion gleicht. So wie sich eine Infektion auf alles ausbreitet, was gesund ist, und es dadurch verdirbt, so ist es auch, wenn der Neid in das Staatswesen eingedrungen ist. Er verleumdet die besten Handlungen und belegt sie mit einem üblen Ruch. Da helfen auch die rühmlichsten Taten nicht mehr, denn diese zeugen nur von Schwäche und Angst vor dem Neid und schmerzen daher umso mehr. Es ist genauso wie bei einer ansteckenden Krankheit: je mehr man sie fürchtet, desto mehr lockt man sie an.

Dieser öffentliche Neid scheint sich vor allem auf hohe Beamte und Minister zu richten und nicht auf die Könige oder die Staaten selbst. Aber es ist eine feste Regel, dass, wenn sich der Neid auf einen Minister (auch wenn er dazu nur geringen Anlass gegeben hat) oder auf alle Minister eines Staates im gesamten richtet, dieser Neid (wenn auch nur insgeheim) in Wahrheit dem Staate selbst gilt. So viel sei vom öffentlichen Neid oder der Unzufriedenheit und der Abgrenzung zum persönlichen Neid gesagt, den wir oben abgehandelt haben.

Im Hinblick auf das Gefühl des Neides möchten wir noch hinzufügen, dass es von allen Gefühlen das heftigste und beständigste ist, denn für die anderen Gefühle gibt es nur hin und wieder einen Grund. Daher heißt es zurecht: „Invidia festos dies non agit [Der Neid hält keine Feiertage].“ Er findet immer das eine oder andere, worauf er sich richten kann. Es heißt auch, dass Liebe und Hass einen Menschen verzehren, während andere Gefühlsregungen dies nicht tun, weil sie nicht so anhaltend sind. Überdies ist der Neid die niederträchtigste und verdorbenste Regung, weswegen er eine passende Eigenschaft des Teufels ist, der der Neider genannt wird, der des Nachts „säte Unkraut mitten unter den Weizen.“ Es ist in der Tat so, dass der Neid im Geheimen, im Dunklen und zum Schaden des Guten wirkt, worunter der Weizen zu verstehen ist.

ZEHNTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE LIEBE

Die Liebe ist auf der Bühne angenehmer zu gewahren als im Leben des Menschen, denn auf der Bühne ist sie stets Gegenstand von Komödien und nur hin und wieder von Tragödien, doch im Leben richtet sie viel Unheil an. Manchmal ist sie wie eine Sirene, manchmal wie eine Furie. Es ist beachtenswert, dass unter all den großen und ehrwürdigen Geistern (deren man sich noch erinnert, entweder aus alter oder aus neuerer Zeit) nicht ein einziger ist, der sich von der Liebe bis zum Wahnsinn hätte anstacheln lassen, was beweist, dass große Geister und große Taten sich von dieser schwächenden Leidenschaft fernhalten. Jedoch müssen wir dabei Marcus Antonius, den Mitregenten des Römischen Reiches, und Appius Claudius, den Decemvir und Gesetzgeber, ausnehmen. Der Erstere war wahrlich ein zügelloser Lüstling, aber der Letztere war ein asketischer und weiser Mann. So scheint es, dass (wenn auch selten) die Liebe nicht nur Eingang in ein offenes Herz, sondern auch in ein wohl verschlossenes zu finden vermag, wenn es nicht wachsam genug ist. Es ist ein armseliger Ausspruch Epikurs, wenn er sagt: „Satis magnum alter alteri theatrum sumus [Es reicht aus, wenn der eine dem anderen ein großes Schauspiel bietet].“ Als ob der Mensch, der zur Betrachtung des Himmels und aller erhabenen Objekte geschaffen ist, vor einem kleinen Idol niederknien und sich ihm unterwerfen würde, zwar nicht durch den Mund (wie es bei Tieren der Fall ist), wohl aber durch das Auge, das ihm zu höheren Zwecken verliehen wurde. Es ist seltsam, das Übermaß dieser Leidenschaft zu betrachten, welche die Natur und den wahren Wert der Dinge durch ein andauerndes Reden in Übertreibungen verzerrt, was ausschließlich in der Liebe anmutig wirkt. Dies betrifft nicht nur die gebrauchten Redewendungen; denn wenn, wie es heißt, der Mensch sich selbst gegenüber der Erzschmeichler ist, mit dem alle geringeren Schmeichler in Einklang stehen, dann gilt das noch mehr für den Liebenden. Denn nicht einmal der stolzeste Mensch hält von sich selbst so viel wie der Liebende von der Person, die er liebt. Daher rührt das weise Sprichwort: „Es ist unmöglich, zu lieben und gleichzeitig weise zu sein.“ Auch ist diese Schwäche nicht nur für die Anderen erkennbar, sondern auch für die geliebte Person, ja vor allem für sie, es sei denn, sie erwidert diese Liebe. Denn es ist eine eherne Regel, dass Liebe entweder mit ihrer Erwiderung oder mit geheimer und stiller Verachtung belohnt wird. Umso mehr sollte sich der Mensch vor dieser Leidenschaft in Acht nehmen, bei der er nicht nur Dinge verlieren kann, sondern auch sich selbst. Was diese Dinge angeht, die zu verlieren er befürchten muss, so drückt der Dichter sie sehr gut aus, wenn er beschreibt, wie jener, der Helena den Vorzug gab, die Geschenke der Juno und der Pallas zurückerstatten musste. Wer das Gefühl der Liebe zu hoch achtet, begibt sich sowohl des Reichtums als auch der Weisheit. Diese Leidenschaft ist am stürmischsten in Zeiten der Schwäche, nämlich in großem Glück oder in großem Unglück (auch wenn sie bei Letzterem seltener beobachtet wurde). In solchen Zeiten entzündet sich die Liebe, wird immer glühender und erzeigt sich auf diese Weise als ein Kind der Narrheit. Jene, die der Liebe nicht entsagen können, tun gut daran, sie im Zaume zu halten und völlig von den ernsten Geschäften und Handlungen ihres täglichen Lebens abzusondern, denn wenn sich die Liebe mit dem Geschäft verbindet, trübt sie den Wohlstand und lenkt den Menschen von seinem eingeschlagenen Weg ab. Ich weiß nicht warum, aber Soldaten sind besonders der Liebe ergeben. Ich vermute, sie sind es auf die gleiche Weise, wie sie dem Wein ergeben sind, denn Gefahr will mit Vergnügen aufgewogen werden. In der Natur des Menschen liegt eine heimliche Neigung zur Liebe des anderen, die sich, wenn sie nicht auf nur eine oder wenige Personen beschränkt wird, auf viele erstreckt und den Menschen barmherzig und mildtätig macht, wie man es bisweilen bei Mönchen beobachten kann. Eheliche Liebe sichert den Fortbestand der Menschheit; freundschaftliche Liebe vervollkommnet sie, aber wollüstige Liebe verdirbt und beschämt sie.

ELFTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE HOHE STELLUNG

Männer in hohen Stellungen sind dreifache Diener: Diener des Herrschers oder des Staates, Diener ihres Rufes und Diener ihres Amtes. Somit haben sie keine Freiheit – weder in ihrer Person, noch in ihren Handlungen, noch in der Einteilung ihrer Zeit. Es ist ein seltsames Verlangen, Macht zu begehren und dabei Freiheit zu verlieren oder Macht über andere zu gewinnen und dabei die Macht über sich selbst abzugeben. Der Aufstieg zur Macht ist mühsam, und diese Mühen ziehen bloß weitere Mühen nach sich; und manchmal geschieht er auf niederträchtige Art, doch durch Ehrlosigkeit kommt der Mensch zu Ehren. Am Ende hat er jedoch schwankenden Boden unter den Füßen und ihm steht entweder der Sturz oder zumindest der Niedergang bevor; beides ist eine traurige Angelegenheit. „Cum non sis qui fueris, non esse cur velis vivere [Da du nicht mehr der bist, der du warst, gibt es keinen Grund, weiterzuleben].“ Ferner können solche Männer nicht zurücktreten, wenn sie wollen, doch sie wollen es zumeist auch nicht – nicht einmal dann, wenn es vernünftig wäre, denn selbst in Alter und Krankheit, die eigentlich der Abgeschiedenheit bedürfen, wollen sie sich nicht ins Private zurückziehen. Sie sind wie alte Bürger, die noch immer vor ihrer Haustür sitzen und dadurch zum Spott herausfordern. Gewiss, hochgestellte Personen bedürfen der Meinung anderer, um sich selbst glücklich schätzen zu können, denn wenn sie nach ihrem eigenen Gefühl urteilen, sind sie es nicht. Aber wenn sie das von sich halten, was andere Menschen von ihnen halten, und wenn sie sich vergegenwärtigen, dass die anderen gern so wie sie wären, dann sind sie aufgrund dieses Zeugnisses glücklich, obwohl sie tief in ihrem Inneren vielleicht eine andere Meinung hegen. Denn sie sind die ersten, die ihr eigenes Leid sehen, auch wenn sie möglicherweise die letzten sind, die ihre eigenen Fehler erkennen. Gewiss sind Menschen, die in glücklichen Umständen leben, sich selbst fremd, und während sie ihre aufreibenden Geschäfte führen, haben sie keine Zeit, sich um ihre Gesundheit zu kümmern – weder um die körperliche noch um die seelische. „Illi mors gravis incubat qui notus nimis omnibus, ignotus moritur sibi [Jenen bedrängt der Tod schwer, der zwar allen Anderen bekannt, aber sich selbst unbekannt war].“ In hoher Stellung besteht die Möglichkeit, entweder Gutes oder Böses zu tun. Das Letztere ist ein Fluch. Das Beste ist es, das Böse nicht zu wollen; das Zweitbeste ist es, das Böse nicht tun zu können. Aber die Macht, Gutes zu wirken, ist das wahre und rechtmäßige Ziel allen Strebens. Denn gute Gedanken allein (auch wenn Gott sie gerne annimmt), sind für die Menschen kaum besser als gute Gedanken, wenn sie nicht in die Tat umgesetzt werden, und dies kann nicht ohne Macht und eine herausgehobene Stellung geschehen, welche die günstige Ausgangsposition dafür liefern. Gute Werke und deren Anerkennung sind das Ziel menschlichen Wirkens, und das Bewusstsein desselben verschafft dem Menschen Frieden. Denn wenn der Mensch schon auf Gottes Schaubühne stehen muss, dann soll er auch an Gottes Frieden teilhaben. „Et conversus Deus, ut aspiceret opera quae fecerunt manus suae, vidit quod omnia essent bona nimis [Und Gott wandte sich um, betrachtete die Werke, die er geschaffen hatte, und sah, dass sie gut waren].“ Und darauf folgte der Sabbat.

In der Erfüllung deines Amtes nimm dir die besten Vorbilder, denn Nachahmung ist die sicherste Richtlinie. Und nach einiger Zeit nimm dir dich selbst zum Vorbild und frage dich ernsthaft, ob du früher nicht besser gehandelt hast. Vernachlässige auch nicht das Beispiel jener, die sich auf dem gleichen Platz wie du schlecht benommen haben, nicht um dich selbst hervorzuheben, indem du ihre Erinnerung belastest, sondern damit du dir verdeutlichst, welche Fehler du vermeiden musst. Führe also Reformen durch, ohne dich hervorzutun oder vergangene Zeiten und Personen herabzuwürdigen, sondern mache es dir zur Aufgabe, ein gutes Beispiel abzugeben und ihm auch zu folgen. Führe alle Dinge zu ihrem Ursprung zurück und finde heraus, ob und wie sie entartet sind. Nimm vom Vergangenen, was gut daran war, und vom Gegenwärtigen, was am besten passt. Strebe danach, beständig in deinen Handlungen zu sein, damit die Menschen wissen, was sie erwarten können, aber sei nicht zu entschieden und gebieterisch und erkläre dich, wenn du von deiner eigenen Regel abweichst. Bewahre die Rechte deiner Stellung, aber rühre nicht an Fragen der Zuständigkeit und nimm deine Rechte stillschweigend und de facto wahr, anstatt mit lauter Stimme Ansprüche und Forderungen zu stellen. Bewahre ebenso die Rechte der untergeordneten Stellungen und erachte es als ehrenvoller, die Gesamtleitung innezuhaben, als dich in alle Einzelheiten einzumischen. Heiße im Hinblick auf die Ausübung deiner Stellung Hilfe und Rat willkommen und jage diejenigen, die dir Informationen bringen, nicht fort, als ob sie Wichtigtuer wären, sondern akzeptiere das, was sie sagen. Es gibt in der Hauptsache vier Untugenden der Autorität: Verzug, Bestechlichkeit, Grobheit und Gefälligkeit. Was den Verzug angeht, so solltest du leichten Zutritt zu deiner Person gewähren, vereinbarte Zeiten einhalten, das dir Vorliegende abarbeiten und nichts anderes dazwischenschieben, es sei denn, es ist höchst dringend. Was die Bestechlichkeit angeht, so halte nicht nur deine eigenen Hände und die deiner Diener davon ab, etwas anzunehmen, sondern auch die Hände der Bittsteller davon, etwas anzubieten. Wer rechtschaffen ist, erreicht das Erstere, aber wer Rechtschaffenheit bekundet und Bestechungsgelder öffentlich verabscheut, erreicht das Letztere. Vermeide nicht nur die Tat, sondern bereits den Verdacht der Tat. Wer wankelmütig ist und sein Verhalten grundlos ändert, nährt dadurch den Verdacht der Bestechlichkeit. Wenn du also deine Meinung oder dein Verhalten änderst, sollst du es in klaren Worten verkünden und gleichzeitig die Gründe für deine Änderung bekannt geben, anstatt sie zu verheimlichen. Einen Diener oder Günstling, der dir nahe steht und keinen anderen sichtbaren Grund für seine Verdienste aufweist, wird man als Anzeichen für Bestechlichkeit werten.

Was die Grobheit angeht, so ist sie ein überflüssiger Grund für Unzufriedenheit. Strenge erzeugt Angst, aber Grobheit erzeugt Hass. Selbst der Tadel der Obrigkeit sollte zwar ernst, aber nicht beleidigend sein. Und was Gefälligkeit angeht, so ist sie schlimmer als Bestechlichkeit. Denn Bestechlichkeit zeigt sich nur hin und wieder, aber wenn sich ein Mensch durch Aufdringlichkeiten oder unnötige Parteinahme leiten lässt, wird er sich ihrer nie mehr erwehren können. Wie Salomon sagte: „Parteiisch sein ist nicht in rechter Ordnung; um einen Bissen Brot verfehlt sich mancher.“ Von tiefster Wahrheit ist das, was die Alten sagten: „Das Amt zeigt den Mann“; einige zeigt es in gutem Lichte, andere in schlechtem. „Omnium consensu capax imperii, nisi imperasset [Nach der herrschenden Meinung wäre er ein fähiger Herrscher, wenn er nicht geherrscht hätte]“, sagte Tacitus über Galba, aber über Vespasian sagt er: „Solus imperantium Vespasianus mutatus in melius [Nur Vespasianus wurde durch seine Herrschaft zu einem besseren Menschen].“ Beim Ersteren meinte er dessen Fähigkeiten, beim Letzteren dessen Benehmen und Neigungen. Es ist ein sicheres Anzeichen für einen wertvollen und großzügigen Geist, wenn er durch die ihm erwiesene Ehre besser wird, denn die Ehre ist der Ort der Tugend, oder zumindest sollte sie es sein. So wie in der Natur die Dinge auf gewalttätige Weise ihren Platz finden und sich beruhigen, wenn sie ihn erreicht haben, so ist die Tugend in Strebsamkeit gewalttätig, an der Macht jedoch ist sie gelassen. In eine hohe Stellung gelangt man nur über eine gewundene Treppe. Wenn es unterschiedliche Parteien gibt, ist es gut, sich an eine von ihnen anzuschließen, solange man sich im Aufstieg befindet, und sich ins Gleichgewicht zu bringen, sobald man oben angekommen ist. Behandle das Andenken deines Vorgängers schonend und gerecht, denn wenn du das nicht tust, wird es dir heimgezahlt werden, wenn du deine Stellung dereinst verlässt. Wenn du Amtsbrüder hast, respektiere sie und ziehe sie vor allem dann zu Rate, wenn sie es nicht erwarten. Übergehe sie jedoch keineswegs, wenn sie es erwarten dürfen, zu Rate gezogen zu werden. Stelle in Gesprächen und persönlichen Antworten auf Anfragen dein Amt nicht allzu sehr heraus, sodass von dir gesagt werden kann: „Wenn er im Amte ist, ist er ein anderer Mensch.“

ZWÖLFTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE DREISTIGKEIT

Es ist ein unbedeutender Schulbuchtext, aber dennoch ist er der Betrachtung eines Weisen würdig. Demonsthenes wurde gefragt: „Was ist das wesentliche Element eines Redners?“, und er antwortete: „Die Gestik.“ Und was komme danach? „Die Gestik.“ Und was danach? „Die Gestik.“ Das sagte er, der es am besten wusste, obwohl er selbst von Natur aus keine Begabung dazu hatte. Es ist seltsam, dass diese Eigenschaft eines Redners, die doch nur oberflächlich ist und eher zu einem Schauspieler gehört, so hoch über die Phantasie, die Vortragskunst und alle anderen Eigenschaften eines Redners gesetzt wird, als ob sie allein nur wichtig wäre. Doch der Grund dafür ist klar. Die menschliche Natur besitzt mehr vom Narren als vom Weisen, und deshalb sind jene Eigenschaften, die eher den närrischen Teil des menschlichen Geistes ansprechen, mächtiger als alle anderen. Gleichermaßen wundersam verhält es sich mit der Dreistigkeit in öffentlichen Angelegenheiten. Was ist das Wichtigste? Die Dreistigkeit. Und was ist das Zweit- und Drittwichtigste? Die Dreistigkeit. Aber die Dreistigkeit ist das Kind der Unwissenheit und der Niedertracht und steht viel tiefer als andere Eigenschaften. Trotzdem fasziniert und fesselt sie all jene, deren Urteilsvermögen entweder schlecht ausgeprägt ist oder die nur wenig Mut haben, was auf die meisten Menschen zutrifft, ja, bisweilen, in Zeiten der Schwäche, sogar auf die Weisen unter ihnen. Wir können erkennen, dass sie in Demokratien Wunder gewirkt hat, weniger jedoch bei Senaten und Fürsten. Am meisten bewirkt sie beim ersten Auftreten des Dreisten, denn sie löst ihre Versprechen nur selten ein. So wie es Quacksalber für den menschlichen Körper gibt, so gibt es sie auch für den Staatskörper. Es sind Männer, die großartige Heilmittel anwenden und vielleicht bei zwei oder drei Experimenten Glück hatten, aber keine wissenschaftlichen Grundlagen besitzen und daher nicht dauerhaft wirken können. Ein Dreister vermag mehrfach das Wunder Mohammeds zu vollführen. Mohammed hat nämlich die Menschen glauben gemacht, er könne einen Berg zu sich rufen und vom Gipfel aus Gebete für jene sprechen, die seine Gesetze befolgten. Die Menschen versammelten sich; Mohamed rief den Berg zu sich herbei, wieder und wieder, aber als der Berg sich nicht bewegen wollte, war er keinen Augenblick lang verlegen, sondern sagte: „Wenn der Berg nicht zu Mohammed kommt, dann geht Mohammed zum Berge.“ Genauso machen es jene Menschen, die großartige Dinge versprochen haben und daran schmählich gescheitert sind: wenn sie die Gabe der Dreistigkeit in vollkommener Weise besitzen, überspielen sie ihr Versagen, drehen sich um und reden nicht mehr darüber. Für Menschen von beträchtlichem Urteilsvermögen sind die Dreisten ein netter Zeitvertreib, und selbst in den Augen der Gewöhnlichen haftet der Dreistigkeit etwas Lächerliches an. Denn wenn Absurdität der Gegenstand des Lachens ist, dann sei versichert, dass große Dreistigkeit nur selten ohne Absurdität daherkommt. Besonders drollig ist es anzusehen, wenn ein Dreister die Fassung verliert, denn dann wirkt sein Gesicht plötzlich eingefallen und hölzern, was zwangsläufig geschieht. Bei einem Verlegenen ist immer ein gewisses Mienenspiel zu beobachten, doch beim Dreisten ist es zur gleichen Gelegenheit erstarrt. Es ist wie das Patt beim Schach, wenn das Spiel zwar nicht verloren ist, aber auch nicht weitergeführt werden kann. Doch dieser Umstand passt eher zu einer Satire als zu einer ernsten Betrachtung. Es ist zu beachten, dass die Dreistigkeit stets blind ist, denn sie sieht keine Gefahren und Unannehmlichkeiten. Daher ist sie ein schlechter Ratgeber, aber gut in der Ausführung. Dreiste Personen sollten niemals Anführer, sondern immer nur Zweite in der Rangfolge sein und unter dem Befehl eines anderen stehen. Denn für einen Ratgeber ist es gut, wenn er Gefahren sieht, doch beim Ausführenden ist es gut, wenn er sie nicht sieht, es sei denn, sie sind sehr groß.

DREIZEHNTE ABHANDLUNG:
ÜBER DIE GÜTE UND GUTMÜTIGKEIT

Unter Güte verstehe ich diejenige Eigenschaft, die das Wohl der Menschheit erstrebt und die die Griechen „Philanthropia“ nennen. Unser Begriff „Menschlichkeit“ ist ein wenig zu schwach, um die Bedeutung recht zu erfassen. Güte ist für mich eine Charaktereigenschaft und Gutmütigkeit eine Neigung. Dies ist unter allen Geistestugenden die größte, denn sie frommt dem Charakter einer Gottheit, und ohne sie ist der Mensch ein hektisches, bösartiges, elendes Wesen und kaum besser als ein Wurm. Die Güte entspricht der theologischen Tugend der Mildtätigkeit und kennt kein Übermaß, sondern höchstens den Irrtum. Das übermäßige Verlangen einiger Engel nach Macht führte zu ihrem Fall; das übermäßige Verlangen des Menschen nach Erkenntnis führte zu seinem Fall, doch in der Mildtätigkeit gibt es kein Übermaß, und weder Engel noch Menschen können durch sie in Gefahr geraten. Die Neigung zur Güte ist tief in die Natur des Menschen eingeprägt, sodass sie sich, wenn sie sich nicht auf Menschen erstrecken kann, auf andere Lebewesen richtet. Dies ist bei den Türken zu beobachten, einem grausamen Volk, das trotzdem freundlich zu Tieren ist und Hunden und Vögeln Almosen spendet. Busbecq berichtet, dass in Konstantinopel ein Christenjunge beinahe gesteinigt worden wäre, weil er aus Schalk einen langschnäbeligen Vogel geknebelt hatte. Es können also auch Irrtümer bei dieser Tugend der Güte oder Mildtätigkeit begangen werden. Die Italiener kennen das unvorteilhafte Sprichwort: „Tanto boun che val niente“, was bedeutet: „Er ist so gut, dass er zu nichts zu gebrauchen ist.“ Der italienische Gelehrte Niccolò Machiavelli besaß sogar das Selbstvertrauen, in offenen Worten niederzuschreiben, „dass der christliche Glaube die guten Menschen den tyrannischen und ungerechten zur Beute gegeben hat.“ Dies sagt er, weil es nie ein Gesetz, eine Sekte oder Lehrmeinung gegeben hat, welche die Güte so hoch erachtet wie die christliche Religion. Um Skandale und Gefahren zu vermeiden, ist es gut, sich die Irrtümer einer so ausgezeichneten Charaktereigenschaft zu vergegenwärtigen. Bemühe dich um das Wohl der anderen, aber mache dich nicht zum Sklaven ihrer Launen und Meinungen, denn das wäre nur Gefälligkeit und Weichheit, die einen ehrlichen Geist in Fesseln zu legen vermögen. Auch sollst du Äsops Hahn keinen Edelstein geben, denn er wäre glücklicher und zufriedener, wenn er ein Gerstenkorn hätte. Gottes Beispiel lehrt uns zurecht: „Er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Aber er lässt nicht Reichtum oder Ehren und Tugenden über alle Menschen gleichermaßen regnen. Gewöhnliche Wohltaten werden allen zuteil, außergewöhnliche Wohltaten aber nur Auserwählten. Nimm dich davor in Acht, das Model zu zerstören, wenn du den Abguss nimmst, denn die Theologie bezeichnet die Liebe zu uns selbst als das Model und die Liebe zu unserem Nächsten nur als den Abguss. „Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen, dann komm und folge mir nach.“ Aber verkaufe nur dann alles, was du besitzt, wenn du mir wirklich nachfolgst, das heißt, wenn du eine Berufung hast, aufgrund der du mit geringen Mitteln genauso viel Gutes wirken kannst wie mit großen. Denn ansonsten trocknest du aus, während du die Ströme speist. Die Güte, geboren aus der Vernunft, ist nicht jedem gegeben; manchmal hat der Mensch, oder auch die Natur, nur eine Neigung dazu, so wie es auf der anderen Seite eine angeborene Bösartigkeit gibt. Manche Menschen haben es nicht in ihrer Natur, den anderen Gutes zu wirken. Die leichtere Form der Bösartigkeit zeigt sich in Verdrießlichkeit, Sturheit, Widerspruchssinn, einem schwierigen Wesen oder ähnlichem, die schwerere aber zeigt sich in Neid und reiner Unheilstiftung. Solche Menschen sind immer rechtzeitig beim Unglück anderer zur Stelle und machen es noch schwerer; sie sind nicht einmal so gut wie die Hunde, die Lazarus’ Wunden geleckt haben, sondern eher wie die Fliegen, die um alles Rohe herumsummen. Sie sind Misanthropen, die es sich zu eigen machen, andere in den Selbstmord durch den Strang zu treiben, doch nie haben sie einen Baum dafür in ihrem Garten, so wie es bei Timon der Fall war. Eine solche Gesinnung ist ein Irrweg der menschlichen Natur, und dennoch sind diese Menschen das Holz, aus dem große Politiker geschnitzt werden, so wie das Knieholz, das gut für Schiffe ist, die vom Wind hin und her geworfen werden, nicht aber für Häuser, die stille stehen sollen. Es gibt viele Arten und Anzeichen der Güte. Wenn ein Mensch sich als liebenswürdig und höflich gegenüber Fremden erzeigt, beweist er dadurch, dass er ein Weltenbürger ist. Sein Herz ist keine Insel, die von anderen Ländern abgetrennt wurde, sondern ein Kontinent, der zu ihnen gehört. Wenn er Mitleid für die Gebrechen der anderen empfindet, beweist dies, dass sein Herz wie ein edler Baum ist, der sich selbst verwundet, damit er Balsam spenden kann. Wenn er schnell vergibt und Beleidigungen nachsieht, zeigt er damit, dass sein Geist über alle Beeinträchtigungen erhaben ist und keine Verwundungen zu befürchten hat. Wenn er dankbar auch für kleine Wohltaten ist, zeigt das, dass er die Absicht eines Menschen höher schätzt als dessen Plunder. Doch wenn er sogar die Vollkommenheit des heiligen Paulus erreicht und Christi Bannfluch für die Errettung seiner Brüder auf sich zu nehmen gewillt ist, zeigt er damit eine geradezu göttliche Natur und gleichsam eine Ähnlichkeit mit Christus selbst.

VIERZEHNTE ABHANDLUNG:
ÜBER DEN ADEL

Wir wollen über den Adel zunächst als Teil des Staates und danach als Stand bestimmter Personen sprechen. Eine Monarchie, in der es keinen Adel gibt, ist immer eine reine und absolute Tyrannei, wie es zum Beispiel bei den Türken der Fall ist. Denn der Adel mildert die Oberherrschaft des Souveräns und lenkt den Blick des Volkes von der königlichen Linie ab. Demokratien brauchen hingegen keinen Adel; sie sind in der Regel ruhiger und weniger zum Aufruhr geneigt als jene Länder, in denen es Adelsgeschlechter gibt. Denn der Blick der Menschen ruht auf den Handlungen und nicht auf den Personen, oder wenn er doch einmal auf den Personen ruht, dann um deren Handlungen willen und nicht wegen ihrer Standarten oder ihres Stammbaums. Wir sehen, wie gut es den Schweizern geht, obwohl sie unterschiedliche Religionen und Kantone haben. Das Band, das sie zusammenhält, ist nicht das Ansehen, sondern die Nützlichkeit. Die vereinigten Provinzen der Niederlande besitzen eine ausgezeichnete Regierung, denn dort, wo es Gleichheit gibt, sind die Beratungen ruhiger, und die Steuerzahlungen und anderen Tribute werden bereitwilliger geleistet. Ein mächtiger und großartiger Adel verleiht einem Monarchen größere Majestät, vermindert aber seine Macht; er flößt dem Volke Geist und Leben ein, presst ihm aber das Geld aus. Es ist gut für den Herrscher und die Gesetzgebung, wenn der Adel nicht zu stark ist, doch er sollte in einer gewissen Höhe verharren, damit die Anmaßung der Untertanen sich zuerst auf ihn richtet und sich nicht zu schnell die Majestät der Könige zum Ziel nimmt. Ein zahlenmäßig starker Adel verursacht Armut und Unannehmlichkeiten im Lande, denn er bedeutet einen Zuschlag auf die Staatskosten, und da es unausweichlich ist, dass viele Adlige früher oder später verarmen, entsteht bei ihnen überdies noch ein Ungleichgewicht zwischen Ehre und Vermögen.

Was den Adel einzelner Personen angeht, so ist es erhebend, ein altes Schloss oder anderes Gebäude wohl erhalten zu sehen, so wie man gern einen schönen und gesunden Baum sieht. Doch um wie vieles erhebender ist es, ein altes Adelsgeschlecht zu erblicken, das den Stürmen und Wogen der Zeit getrotzt hat. Neuer Adel ist das Werk von Herrschermacht, alter Adel aber ist das Werk der Zeit. Jene, die sich schon sehr lange im Adelsstande befinden, sind gemeinhin tugendhafter, aber weniger unschuldig als ihre Nachfahren, denn es gibt nur selten ein Emporkommen ohne eine Mischung aus guten und bösen Künsten. Aber es ist angemessen, dass die Erinnerung an ihre Tugenden der Nachwelt erhalten bleibt, während ihre Fehler mit ihnen sterben. Ererbter Adel mindert für gewöhnlich den Fleiß, und der Faule beneidet den Fleißigen. Außerdem können adlige Personen nicht mehr viel höher steigen, und derjenige, der in seiner Position verharrt, während die anderen emporkommen, kann sich eines Neidgefühls kaum erwehren. Andererseits löscht der Adel den Neid der anderen auf ihn aus, da er sich im Stande der Ehre befindet. Gewiss empfinden Könige, die fähige Personen unter ihrem Adel haben, es als angenehm, sich ihrer zu bedienen, da sie ihnen die Arbeit erleichtern, denn das Volk beugt sich ihnen auf natürliche Weise, da sie gleichermaßen zum Befehlen geboren sind.

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9783843802673
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