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FRANCES HARDINGE

SCHATTENGEISTER

Aus dem Englischen von Alexandra Ernst


Für meine Patentochter Harriet, die meinen Hunger nach Büchern und außergewöhnlichen Abenteuern teilt.

INHALT

TEIL 1: GEISTERKIND

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

TEIL 2: GOTELYS KATZE

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

TEIL 3: MAUD

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

TEIL 4: JUDITH

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

TEIL 5: NIEMANDSLAND

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

TEIL 6: WHITEHOLLOW

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

TEIL 7: DAS ENDE DER WELT

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

DANKSAGUNG

Leseprobe

PROLOG

GESICHTSLOS


KAPITEL 1

Als Makepeace zum dritten Mal schreiend aus einem Albtraum erwachte, wurde ihre Mutter wütend.

«Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht so träumen sollst!», zischte sie leise, um den Rest des Hauses nicht zu wecken. «Und wenn du es doch tust, darfst du nicht schreien!»

«Ich konnte mich nicht beherrschen», flüsterte Makepeace, eingeschüchtert durch den strengen Ton ihrer Mutter.

Mutter nahm Makepeaces Hände. Ihre Miene war angespannt und ernst im ersten Licht des Morgens.

«Dir gefällt dein Zuhause nicht. Du lebst nicht gern mit deiner Mutter zusammen.»

«Doch! Doch!», rief Makepeace. Sie hatte das Gefühl, ihr würde der Boden unter den Füßen weggezogen.

«Dann musst du lernen, dich zu beherrschen. Wenn du jede Nacht schreist, werden schreckliche Dinge geschehen. Vielleicht wirft man uns aus dem Haus!»

Auf der anderen Seite der Wand schliefen Makepeaces Tante und Onkel, denen die Pastetenbäckerei unten im Erdgeschoss gehörte. Die Tante war laut und ehrlich, aber der Onkel schaute immer griesgrämig drein und war niemals zufrieden. Seit sie sechs Jahre alt war, musste Makepeace auf ihre vier kleinen Kusinen und Vettern aufpassen, die ständig gefüttert, gesäubert, verarztet, umgezogen oder von den Bäumen der Nachbarn heruntergeholt werden mussten. In der wenigen freien Zeit, die ihr noch blieb, erledigte sie Botengänge und half in der Küche. Trotzdem schliefen Mutter und Makepeace auf einer Matratze in einer zugigen kleinen Kammer abseits der anderen Schlafzimmer. Ihr Platz in dieser Familie kam ihnen nur geliehen vor, als ob man ihnen jederzeit fristlos kündigen konnte.

«Und schlimmer noch – jemand könnte den Pastor rufen», fuhr Mutter fort. «Oder … andere könnten davon erfahren.»

Makepeace wusste nicht, wer diese anderen sein sollten, aber «andere» waren immer eine Bedrohung. Zehn Jahre mit ihrer Mutter hatten sie gelehrt, dass man niemandem vertrauen durfte.

«Ich versuch’s ja!» Nacht für Nacht betete Makepeace inbrünstig und legte sich dann in die Dunkelheit, in der festen Absicht, nicht zu träumen. Aber der Albtraum suchte sie trotzdem heim, voller Mondlicht, Geflüster und unfertiger Formen und Gestalten. «Was soll ich tun? Ich will ja aufhören!»

Mutter schwieg lange Zeit, dann drückte sie Makepeaces Hand.

«Ich erzähle dir eine Geschichte», sagte sie, was sie manchmal tat, wenn es eine ernste Angelegenheit zu besprechen gab. «Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte sich im Wald verlaufen, wo es von einem Wolf gejagt wurde. Das Mädchen rannte und rannte, bis seine Füße blutig waren, und immer noch rannte es weiter, denn es wusste, dass der Wolf Witterung aufgenommen hatte und der Spur immer noch folgte. Das Mädchen hatte zwei Möglichkeiten: Entweder es rannte und versteckte sich bis in alle Ewigkeit, oder aber es blieb stehen und schnitt sich einen spitzen Stock, um sich zu verteidigen. Was hättest du getan, Makepeace?»

Makepeace wusste, dass diese Geschichte nicht bloß eine Geschichte war und dass viel von ihrer Antwort abhing.

«Kann man einen Wolf mit einem Stock bekämpfen?», fragte sie zweifelnd.

«Mit einem Stock hat man eine Chance.» Ihre Mutter schenkte ihr ein kleines, trauriges Lächeln. «Eine geringe Chance. Aber es ist gefährlich, stehen zu bleiben.»

Makepeace dachte lange nach.

«Wölfe können schneller rennen als Menschen», sagte sie schließlich. «Selbst wenn sie immer weiterrennt, wird der Wolf sie eines Tages erwischen und auffressen. Sie braucht einen spitzen Stock.»

Mutter nickte langsam. Sie sagte nichts mehr und erzählte auch nicht, wie die Geschichte ausging. Makepeace gefror das Blut in den Adern. So war Mutter manchmal. Aus Gesprächen wurden Rätsel mit Fallstricken, und die Antworten blieben nie ohne Folgen.

Solange sich Makepeace erinnern konnte, hatten sie und ihre Mutter in der kleinen, geschäftigen Beinahe-Stadt Poplar gelebt. Eine Welt ohne den Gestank nach Kohlenfeuerrauch und Teer, der von den großen, ratternden Werften geweht kam, ohne die rasselnden Pappeln, die dem Ort seinen Namen gegeben hatten, und ohne die saftig grünen Marschen, wo das Vieh graste, war für sie nicht vorstellbar. London lag ein paar Meilen entfernt, eine dunstige Masse voller Bedrohung und Verlockung. Das alles war ihr so vertraut, gehörte zu ihr wie ihr Atem. Und doch hatte Makepeace nicht das Gefühl, hierher zu gehören.

Mutter sagte niemals: Dies ist nicht unser Zuhause. Aber ihre Augen sagten es unentwegt.

Als sie nach Poplar gekommen war, hatte Mutter ihrer kleinen Tochter einen neuen Namen gegeben und sie fortan Makepeace gerufen, damit man sie hier beide leichter annehmen würde. Makepeace kannte ihren ursprünglichen Namen nicht, und dieser weiße Fleck in ihrem Leben sorgte dafür, dass sie sich ein bisschen unwirklich fühlte. Makepeace kam ihr auch nicht wie ein richtiger Name vor. Es war ein Friedensangebot – denn genau das bedeutete ihr Name: Frieden stiften –, ein Angebot an Gott und alle gottesfürchtigen Leute von Poplar. Es war eine Entschuldigung für die Lücke, wo Makepeaces Vater hätte sein sollen.

Alle, die sie kannten, waren gottesfürchtig. Die Gemeinde hatte sich dieses Attribut selbst verliehen, nicht aus Stolz, sondern um sich von all jenen abzugrenzen, die auf der dunklen Straße zur Hölle unterwegs waren. Makepeace war nicht die Einzige mit einem merkwürdigen, fromm klingenden Namen. Da gab es noch Verity, What-God-Will, Forsaken, Deliverance, Kill-Sin und so weiter.

Jeden zweiten Abend fanden im Salon der Tante Gebetsstunden und Bibellesungen statt, und sonntags gingen alle in die hoch aufragende Kirche aus grauem Kalkstein.

Der Pastor war ein freundlicher Mann, wenn man ihm auf der Straße begegnete, aber oben auf der Kanzel war er furchterregend. Wenn Makepeace in die gebannten Gesichter der Gläubigen schaute, dann wusste sie, dass aus ihm eine große Wahrheit leuchten musste – und Liebe, wie aus einem kalten, weißen Kometen. Er predigte ihnen, sich gegen die teuflischen Versuchungen zur Wehr zu setzen, zu denen der Alkohol, das Glücksspiel, der Tanz, die Theater und alle unnützen Vergnügungen am Sabbath zählten, alles Fallstricke, die Satan ausgelegt hatte. Er erzählte ihnen, was in London und der großen weiten Welt vor sich ging, erzählte von den jüngsten Intrigen am Hof, den Machenschaften der tückischen Katholiken. Seine Predigten waren beängstigend und gleichzeitig erregend. Manchmal hatte Makepeace beim Verlassen der Kirche das prickelnde Gefühl, dass die Gemeindemitglieder Soldaten in glänzenden Rüstungen waren, die gegen die Mächte der Finsternis zu Felde zogen. Dann konnte sie eine kleine Weile glauben, dass Mutter und sie selbst Teil von etwas Größerem waren, von etwas Wunderbarem, das sie mit all ihren Nachbarn gemein hatten. Doch dieses Gefühl war nie von Dauer. Nach kurzer Zeit standen sie wieder zu zweit auf einsamem Posten.

Mutter sagte niemals: Das sind nicht unsere Freunde. Aber jedes Mal, wenn sie die Kirche betraten oder auf den Markt gingen oder stehen blieben, um jemanden zu begrüßen, packte sie Makepeace fester an der Hand. Es war, als ob eine unsichtbare Umzäunung Mutter und Makepeace von allem anderen trennte. Und so schenkte Makepeace den anderen Kindern das gleiche halbe Lächeln, das ihre Mutter für deren Mütter übrig hatte. Den anderen Kindern, die einen Vater hatten.

Kinder sind wie kleine Pastoren, die ihre Eltern genau beobachten und in jeder Geste und jedem Ausdruck nach Zeichen ihres göttlichen Willens suchen. Von ihrer frühesten Kindheit an war sich Makepeace darüber im Klaren, dass sie und Mutter niemals sicher waren und dass sich die anderen gegen sie wenden konnten.

Und so hatte Makepeace Trost und Gesellschaft bei sprachlosen Wesen gesucht. Sie kannte die geschäftige Hinterlist von Bremsen, die ängstliche Aggressivität von Hunden und den schweren Gleichmut der Kühe.

Manchmal geriet sie daher in Schwierigkeiten. Einmal kam sie mit einer gespaltenen Lippe und einer blutigen Nase nach Hause, nachdem sie ein paar Jungen angeschrien hatte, die Steine auf ein Vogelnest warfen. Vögel für den Suppentopf zu töten oder Eier für das Frühstück zu stehlen, ging völlig in Ordnung, aber sinnlose, dumme Grausamkeit erweckte in Makepeace einen Zorn, den sie nicht genau erklären konnte. Die Jungen hatten sie verblüfft angestarrt und dann mit Steinen nach ihr geworfen. Natürlich, warum auch nicht? Grausamkeit war normal, sie gehörte genauso zu ihrem Leben wie die Blumen und der Regen. Sie waren an den Rohrstock in der Schule gewöhnt, an die Schreie der Schweine beim Schlachter und das Blut in den Sägespänen der Hahnengrube. Kleine gefiederte Lebewesen totzuschlagen, war für sie genauso natürlich und befriedigend wie in Regenpfützen zu springen.

Wenn man auffiel, bekam man eine blutige Nase. Um zu überleben, mussten sich Mutter und Makepeace einfügen. Was ihnen aber nie richtig gelang.

In der Nacht nach der Wolfsgeschichte brachte Mutter Makepeace auf den alten Friedhof, ohne einen Grund dafür zu nennen.

Nachts wirkte die Kirche hundertmal größer, und ihr Turm sah aus wie ein unerbittlicher Klotz aus abgrundtiefem Schwarz. Das Gras unter ihren Füßen war holprig und grau im Sternenlicht. In einer Ecke des Friedhofs stand eine kleine Kapelle aus Backstein, die schon lange nicht mehr benutzt wurde. In diese Kapelle gingen sie, und Mutter warf ein paar Decken in eine Nische des düsteren Gebäudes.

«Können wir jetzt heimgehen?» Makepeace hatte eine Gänsehaut. Etwas war in der Nähe; Dinge lauerten überall ringsum, verursachten ein Kribbeln in ihrem Geist wie zarte Spinnenfüße.

«Nein», sagte Mutter.

«Hier ist etwas!» Makepeace kämpfte gegen ihre aufsteigende Panik an. «Ich fühle es!» Entsetzen überkam sie, als sie erkannte, was es war: Genauso fingen ihre Albträume immer an, mit dieser unguten Vorahnung, diesem Gefühl einer heranschleichenden Bedrohung. «Die Dämonen aus meinem Traum …»

«Ich weiß.»

«Was sind sie?», flüsterte Makepeace. «Sind sie … tot?» In ihrem Herzen kannte sie die Antwort bereits.

«Ja», sagte Mutter mit ihrer gelassenen, kühlen Stimme. «Hör mir zu. Die Toten sind wie Ertrinkende. Sie treiben in der Dunkelheit und greifen nach allem, was sie kriegen können. Sie wollen dir vielleicht nichts tun, aber sie tun es trotzdem, wenn du es zulässt.

Du wirst heute Nacht hier schlafen. Sie werden versuchen, sich in deinem Kopf festzusetzen. Was auch immer geschieht: Du darfst sie nicht hereinlassen.»

«Was?», schrie Makepeace auf, die in diesem Augenblick vergaß, dass sie leise sein musste. «Nein! Ich kann nicht hierbleiben.»

«Du musst», sagte Mutter. Ihr Gesicht war wie in Stein gemeißelt und silbern überzogen vom Licht der Sterne, und in ihrer Miene lag keine Freundlichkeit, keine Nachsicht. «Du musst hierbleiben und deinen Stock anspitzen.»

Mutter benahm sich immer dann seltsam und unergründlich, wenn es um etwas Wichtiges ging. Es war, als ob sie dieses andere Ich, diese eigenwillige, unbegreifliche, andersweltliche Version ihrer selbst in der Kleidertruhe unter ihrem Sonntagsstaat aufbewahrte und nur im Notfall hervorholte. Wenn das geschah, war sie nicht mehr Mutter, sie war Margaret. Ihre Augen waren tiefer, ihr Haar unter der Haube dicker und hexenhaft unbändig, und ihr Geist war auf etwas gerichtet, das Makepeace nicht sehen konnte.

Wenn Mutter sich so benahm, zog Makepeace normalerweise den Kopf ein und widersprach nicht. Aber diesmal schlug die Angst über ihr zusammen. Sie flehte, wie sie noch nie in ihrem Leben gefleht hatte. Sie protestierte, weinte, argumentierte und klammerte sich mit der Kraft der Verzweiflung an Mutters Arm. Mutter durfte sie nicht hierlassen, das durfte sie nicht, das durfte sie nicht …

Mutter befreite sich aus dem Griff und versetzte Makepeace einen heftigen Stoß, der sie nach hinten taumeln ließ. Mit ein paar schnellen Schritten war sie draußen und schlug die Tür zu, woraufhin es pechschwarz in der Kapelle wurde. Ein schwerer Riegel wurde vorgeschoben.

«Mutter!», schrie Makepeace, der es mittlerweile egal war, ob irgendjemand sie hörte. Sie rüttelte an der Tür, die aber nicht nachgab. «Ma!»

Sie erhielt keine Antwort. Zu hören war nur das leise Schaben von Mutters Schritten, die sich entfernten. Makepeace war allein mit den Toten, der Dunkelheit und den Winterschreien der Eulen.

Stundenlang kauerte sich Makepeace in das Nest aus Decken, zitterte vor Kälte und lauschte dem entfernten Bellen der Füchse. Sie fühlte die Wesen am Rand ihres Geistes lauern, sie warteten auf eine Gelegenheit, warteten darauf, dass sie einschlafen würde.

«Bitte», flüsterte sie und hielt sich die Ohren zu, um die Stimmen nicht mehr zu hören. «Bitte nicht. Bitte …»

Aber schließlich entzog sich ihr erschöpftes Gehirn ihrem Willen. Sie schlief ein, und prompt brach der Albtraum über sie herein.

Wie die Male zuvor träumte Makepeace von einem dunklen, engen Raum. Der Boden bestand aus festgetrampelter Erde, und die Wände waren aus rußig schwarzem Stein gebaut. Sie wollte die Läden schließen, damit kein Mondlicht hereinkam – sie musste es aussperren, es trug Flüstern in sich. Aber die Läden standen in der Mitte einen Spalt auseinander und der Riegel war kaputt. Hinter der Lücke gähnte die tückische Nacht, wo Sterne schwankten und funkelten wie lose Knöpfe.

Makepeace stemmte sich mit aller Kraft gegen die Fensterläden, aber die Nacht atmete die toten Wesen zu Dutzenden in den Raum. Sie griffen nach ihr und heulten mit diesen nebelhaften, geschmolzenen Gesichtern. Makepeace hielt sich die Ohren zu und kniff Augen und Mund zusammen; sie wusste, dass sie einen Weg in sie hinein suchten, in ihren Kopf.

Sie surrten und winselten, aber Makepeace wollte nicht zuhören, wollte nicht, dass aus den weichen, abscheulichen Klängen Worte wurden. Das bleiche Licht zupfte an ihren Lidern, und das Flüstern leckte und kitzelte ihre Ohren, und die Luft war zum Schneiden dick von all dem, aber sie konnte nicht anders, sie musste atmen …

Mit einem Ruck erwachte Makepeace. Ihr Herz hämmerte so laut, dass ihr davon übel wurde. Instinktiv streckte sie die Hand nach dem warmen und beruhigenden Körper ihrer Mutter aus.

Aber Mutter war nicht da. Makepeace brach der Angstschweiß aus, als ihr einfiel, wo sie sich befand. Sie war nicht zu Hause in Sicherheit. Sie war eingesperrt, lebendig begraben, umgeben von den Toten.

Ein plötzliches Geräusch ließ sie erstarren. Ein raues Rascheln auf dem Boden, erschreckend laut in der kalten, klaren Nacht.

Unvermittelt lief etwas Kleines, Leichtes über Makepeaces Fuß. Sie schrie auf, aber im nächsten Moment beruhigte sich ihr Herzschlag wieder. Sie hatte das weiche Fell gespürt, das Kitzeln von winzigen Krallen.

Eine Maus. Von irgendwo in diesem Raum beobachtete die Maus sie mit ihren hellen Augen. Sie war nicht allein mit den Toten. Die Maus war zwar nicht ihr Freund, es wäre ihr egal, ob die toten Wesen sie umbrachten oder in den Wahnsinn trieben. Aber es war ein tröstlicher Gedanke, dass die Maus hier vor den Eulen und den anderen Jägern der Nacht Schutz suchte. Sie schrie nicht und flehte auch nicht, man möge sie verschonen. Es kümmerte sie nicht, ob sie geliebt wurde oder nicht. Sie wusste, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen konnte. Irgendwo in dieser Kapelle schlug ein rosinengroßes Herz mit dem eisernen Willen zu leben.

Und es dauerte nicht lange, da tat Makepeaces Herz genau das Gleiche.

Sie konnte die Toten weder hören noch fühlen, aber sie konnte spüren, wie sie an ihrem Geist kratzten. Sie warteten darauf, dass sie müde werden oder in Panik geraten würde, dass ihre Wachsamkeit nachließ, damit sie zuschlagen konnten. Aber Makepeace hatte in sich einen kleinen Knoten aus Sturheit gefunden.

Es war nicht leicht, wach zu bleiben, aber Makepeace zwickte sich unentwegt und marschierte auf und ab, bis die langen, dunklen Stunden der Nacht dem grauen Morgenlicht wichen. Sie fühlte sich zittrig und schwach, und ihr Geist war wund und aufgeschrammt, aber sie hatte überlebt.

Mutter kam kurz vor dem Morgendämmern, um sie abzuholen. Schweigend und mit gesenktem Kopf folgte ihr Makepeace nach Hause. Sie wusste, dass Mutter für alles, was sie tat, ihre Gründe hatte. Aber zum ersten Mal in ihrem Leben fühlte Makepeace, dass sie ihr nicht vergeben konnte, und danach war nichts mehr wie früher.

Von da an brachte Mutter Makepeace ungefähr einmal im Monat auf den Friedhof. Manchmal vergingen fünf oder sechs Wochen, und Makepeace hegte die Hoffnung, dass Mutter die Sache aufgegeben hätte. Doch dann bemerkte Mutter, dass es wohl eine warme Nacht werden würde, und Makepeace wurde das Herz schwer, weil sie wusste, was auf sie zukam.

Makepeace wehrte sich nicht länger. Die Erinnerung daran, wie sie in jener ersten Nacht gejammert und gefleht hatte, bereitete ihr Übelkeit.

Wenn ein Mensch seinen Stolz über Bord wirft und aus ganzem Herzen um etwas bittet und diese Bitte abgeschlagen wird, ist er nie mehr derselbe. Etwas in ihm stirbt, und etwas anderes erwacht zum Leben. Es war, als ob Makepeace mit einem Mal die Welt begriffen hätte, als wäre etwas in ihre Seele gesickert wie Wintertau. Sie wusste, dass sie sich nie wieder so geborgen oder geliebt fühlen würde wie früher. Und sie wusste, dass sie nie, nie im Leben wieder so flehentlich betteln würde.

Und so folgte sie ihrer Mutter jedes Mal widerspruchslos und mit leerem Gesicht auf den Friedhof. Sie hatte etwas von der kleinen Maus in der Kapelle gelernt. Die Geister waren keine grausamen Halbwüchsigen, die es zu überzeugen galt. Es waren Raubtiere, und sie war die Beute, und sie musste stur, stark und hellwach bleiben, um zu überleben. Niemand würde ihr zu Hilfe kommen.

Millimeter für Millimeter errichtete sie einen Schutzwall um sich herum. Der Regen prasselte, und ihr Atem zischte in der kalten Luft; Makepeace sprach selbst ausgedachte Gebete und erfand Bannsprüche. Sie lernte, sich dem Kratzen und Knuffen der Geister entgegenzustemmen und zurückzuschlagen, obwohl der Kontakt mit den Toten ihr den Magen umdrehte. Sie sah sich als Judith aus der Bibel, die mit ihrem geborgten Schwert, an dem das Blut des Generals klebte, im feindlichen Lager stand. Wenn ihr mir zu nahe kommt, drohte sie den flüsternden Stimmen, dann haue ich euch in Stücke.

Die lebendigen Wesen, die in der Nacht auf dem Friedhof unterwegs waren, halfen ihr, Ruhe und ihren Verstand zu bewahren. Das Rascheln im Gebüsch, unheimliche, flötende Vogelschreie, die Schatten von Fledermäusen – all das war ihr ein Trost. Sogar ihre Klauen und Zähne waren offen und ehrlich. Lebende und tote Menschen mochten sich unversehens auf einen stürzen, aber diese Wesen lebten einfach ihr grausames, wildes Leben, ohne sich um einen zu scheren. Wenn sie starben, hinterließen sie keine Geister. Wenn eine Maus von einer Katze getötet wurde, wenn einem Huhn der Hals umgedreht oder ein Fisch aus dem Fluss gezogen wurde, dann sah Makepeace, wie die hauchzarten Fäden ihrer Lebensgeister davongeweht wurden wie Morgennebel.

Der Groll, der in Makepeace brodelte, brauchte ein Ventil. Statt sich über die nächtlichen Ausflüge zu beklagen, stritt Makepeace mit ihrer Mutter über andere Dinge, widersetzte sich ihr und stellte verbotene Fragen, wie sie es nie zuvor getan hatte.

Insbesondere fragte sie nach ihrem Vater. Bislang hatte Mutter ein solches Ansinnen stets mit einem Blick abgeschmettert und Makepeace hatte sich stets mit den kleinen Details zufriedengegeben, die ihre Mutter unabsichtlich preisgab. Er lebte weit weg in einem alten Haus. Er wollte Mutter und Makepeace nicht bei sich haben. Plötzlich reichte ihr das nicht mehr, und sie war wütend auf sich, dass sie früher zu viel Angst gehabt hatte, um auf Antworten zu bestehen.

«Warum willst du mir seinen Namen nicht sagen? Wo lebt er? Weiß er, wo wir sind? Woher weißt du, dass er uns nicht haben will? Kennt er mich überhaupt?»

Mutter beantwortete diese Fragen nicht, aber ihre wilden Blicke schüchterten Makepeace nicht länger ein. Keine von beiden wusste, was sie mit der anderen anfangen sollte. Seit Makepeaces Geburt hatte Mutter immer alle Entscheidungen getroffen und Makepeace war ihr in allem gefolgt. Makepeace wusste selbst nicht, warum sie nicht länger stillhalten konnte. Margaret dagegen hatte nie lernen müssen, Kompromisse zu schließen, und sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Wenn sie Makepeace mit der Wucht ihrer Persönlichkeit in die Knie zwang, würde doch gewiss wieder alles so werden wie früher, nicht wahr? Nein, würde es nicht. Alles hatte sich verändert.

Und dann, zwei Jahre nach ihrem ersten «Stockspitzen», kehrte Makepeace von einer besonders schlimmen, schlaflosen Nacht in der Kapelle heim. Sie zitterte am ganzen Leib. Ein paar Tage danach brannte sich das Fieber durch ihren Körper, und jeder Muskel in ihrem Leib tat ihr weh. Zwei Wochen später war ihre Zunge fleckig und Pockenpusteln blühten auf ihrem Gesicht.

Die Welt war heiß und schrecklich, und Makepeace ertrank in einer erstickenden, abgrundtiefen Angst. Sie wusste, dass sie wahrscheinlich sterben würde, und sie wusste, was aus toten Wesen wurde. Sie konnte keinen klaren Gedanken fassen, und manchmal fragte sie sich, ob sie vielleicht schon tot war. Aber die schwarze Flut der Krankheit zog sich allmählich zurück und ließ sie am Leben. Übrig blieben nur ein, zwei kleine Pockennarben auf einer Wange. Jedes Mal, wenn sie ihr Spiegelbild im Wassereimer sah, spürte sie einen kleinen, angstvollen Stich im Magen und stellte sich vor, wie der Tod mit zwei Knochenfingern nach ihrem Gesicht gegriffen und dann langsam die Hand wieder weggezogen hatte.

Nachdem sie sich erholt hatte, vergingen drei Monate, ohne dass Mutter den Friedhof erwähnte. Makepeace nahm an, dass die Pocken ihre Mutter schließlich zu der Einsicht gebracht hatten, dieses Projekt aufzugeben.

Unglücklicherweise irrte sie sich.

KAPITEL 2

An einem angenehmen, sonnigen Tag im Mai machten sich Makepeace und Mutter auf den Weg in die Stadt, um Mutters Klöppelarbeiten zu verkaufen. Der Frühling war mild, aber in London brodelte und knisterte es wie bei einem Gewitter. Makepeace wünschte sich weit weg.

Nicht nur Makepeace hatte sich verändert und war zorniger geworden, das Gleiche galt auch für Poplar und London. Und wenn man dem Geschwätz der jungen Lehrburschen glauben wollte, war es überall im ganzen Land so.

In den Gebetsstunden hatte Nanny Susan mit ihrer roten Nase schon immer Visionen vom Ende der Welt zum Besten gegeben – ein Meer, rot von Blut, und das mit der Sonne bekleidete Weib aus der Bibel, das durch die High Street von Poplar ging. Aber jetzt redeten auch andere auf die gleiche Art und Weise. Es wurde gesagt, dass vor ein paar Jahren während eines Sommersturms die Wolkenberge die Gestalt von zwei mächtigen Armeen angenommen hatten. Und jetzt herrschte die düstere Vorahnung, dass tatsächlich zwei feindliche Armeen aufgestellt wurden.

Die Leute von Poplar waren seit jeher inbrünstig dem Gebet zugetan gewesen, aber jetzt beteten sie wie ein belagertes Volk. Alle hatten das Gefühl von einer Bedrohung, die das ganze Land zu überrollen drohte.

Makepeace konnte sich nicht alle Einzelheiten merken, aber sie begriff das Wesentliche. Die intriganten, teuflischen Katholiken wollten König Charles verführen und ihn zur Abkehr von seinem Volk bewegen. Die braven Männer des Parlaments versuchten, ihn zur Vernunft zu bringen, aber er hörte nicht länger auf sie.

Niemand wollte dem König direkt die Schuld geben. Das war Hochverrat und man lief Gefahr, dass einem die Ohren abgeschnitten wurden oder man ein Brandeisen ins Gesicht gedrückt bekam. Nein, alle waren sich darüber einig, dass der Ratgeber des Königs, Erzbischof Laud, «Black Tom Tyrant» genannt (auch bekannt als der Earl of Stafford), der wahre Schuldige war – und natürlich die üble Königin Mary, die den Geist des Königs mit ihrer französischen Tücke vernebelte.

Wenn niemand sie aufhielt, dann würden sie aus dem König einen blutigen Tyrannen machen. Er würde sich dem falschen Glauben zuwenden und seine Soldaten ausschicken, um alle loyalen, gottesfürchtigen Protestanten im Land zu töten. Der Teufel selbst war aus der Hölle gekommen, flüsterte in Ohren, verwirrte Gemüter und leitete die Taten der Menschen mit Hinterlist und Tücke. Es war ein Wunder, dass man nirgends versengte Spuren seiner Bocksfüße auf der Straße sah.

Die Angst und der Zorn in Poplar waren unübersehbar, aber Makepeace spürte darunter auch eine heftige Erregung. Wenn die Welt auseinanderbrach, wenn den Menschen harte Prüfungen bevorstanden, wenn der Tag des Jüngsten Gerichts nahte, dann waren die Gläubigen von Poplar dafür gerüstet. Sie waren Soldaten des Herrn; sie würden widerstehen, predigen und marschieren.

Und als sie jetzt durch die Straßen von London ging, empfand Makepeace wieder dieses erregte Kribbeln in der Luft, die gleiche Bedrohung.

«Hier riecht es komisch», sagte sie. Mutter war wieder Mutter, also konnte sie es wagen, ihre unfertigen Gedanken zu äußern.

«Das ist nur der Rauch», sagte Mutter kurz angebunden.

«Nein, das stimmt nicht», sagte Makepeace. Es war nicht direkt ein Geruch, und sie wusste, dass Mutter genau verstand, was sie meinte. Es war eine Warnung, eine Vorahnung, wie die Ruhe vor dem Sturm. «Es riecht nach Metall. Können wir heimgehen?»

«Ja», sagte Mutter trocken. «Wir können heimgehen und Steine essen, weil du ja nicht willst, dass wir uns unser Brot verdienen.» Unbeirrt ging sie weiter.

Makepeace fand London bedrückend. Hier gab es zu viele Menschen, zu viele Gebäude, zu viele Gerüche. Aber heute lag ein neues Brausen und Brodeln in der Luft. Warum war sie noch nervöser als sonst? Was war anders? Sie schaute von einer Seite zur anderen und bemerkte die vielen neuen Plakate an den Türen und Pfosten.

«Was ist das?», fragte sie flüsternd, aber es war eine müßige Frage. Mutter konnte genauso wenig lesen wie Makepeace. Die breiten schwarzen Buchstaben sahen aus, als würden sie schreien.

«Brüllende Tintentiger», sagte Mutter. London wurde überschwemmt von aufrührerischen Pamphleten, gedruckten Predigten, Prophezeiungen und Beschuldigungen, von denen einige an den König und andere an das Parlament gerichtet waren. Mutter nannte sie immer scherzhaft «Tintentiger», die brüllten, aber nicht zubissen.

In den vergangenen zwei Tagen war mehr stumm gebrüllt worden als sonst. Vor zwei Wochen hatte der König zum ersten Mal seit Jahren das Parlament zusammengerufen, und alle, die Makepeace kannte, waren freudig erregt und erleichtert gewesen. Aber vor zwei Tagen hatte er das Parlament in einem Anfall königlicher Rage wieder entlassen. Jetzt lag ein drohendes Grollen in dem Murmeln der Leute, die bleiche Sonne im Himmel schien zu erzittern, und alle warteten darauf, dass etwas geschehen würde. Jedes Mal, wenn irgendwo ein lauter Schlag oder ein Schrei ertönte, sahen alle auf. Hat es angefangen?, fragten ihre Augen. Niemand wusste so recht, was es war, aber es stand unzweifelhaft kurz bevor.

«Ma … warum sind so viele Lehrburschen unterwegs?», fragte Makepeace leise.

Zu Dutzenden waren sie auf der Straße, standen zu zweit oder zu dritt in Türrahmen oder Gassen, mit kurz geschnittenen Haaren, ruhelos, die Hände schwielig von Webstuhl und Drechselbank. Die Jüngsten waren etwa vierzehn, die Ältesten Anfang zwanzig. Sie hätten eigentlich alle bei der Arbeit sein und die Anweisungen ihrer Meister befolgen sollen, und doch standen sie draußen im Freien.

Die Lehrburschen waren die Wetterhähne für die Stimmung in der Stadt. Wenn London mit sich selbst im Reinen war, waren sie nichts weiter als Jungen, die herumbummelten, flirteten und die Welt mit geschmacklosen und gewitzten Sprüchen spickten. Aber wenn es in London stürmisch zuging, wandelten sie sich. Ein dunkles und feuriges Wetter wütete in ihren Reihen, und manchmal wurden sie wild und schlossen sich zu zügellosen Mobs zusammen, die Türen und Schädel mit ihren Stiefeln und Knüppeln zerbrachen.

Mutter betrachtete die kleinen, müßigen Grüppchen und machte ein besorgtes Gesicht.

«Es sind ziemlich viele», stimmte sie Makepeace zu. «Wir gehen nach Hause. Die Sonne steht ohnehin schon tief. Und … du wirst deine Kraft brauchen. Es ist eine warme Nacht heute.»

Einen Augenblick lang empfand Makepeace Erleichterung, dann sank Mutters letzter Satz in ihren Geist. Makepeace blieb wie angewurzelt stehen, überwältigt von Fassungslosigkeit und Wut.

«Nein!», fuhr sie auf, überrascht von ihrer eigenen Entschlossenheit. «Ich werde nicht gehen! Ich gehe nie wieder auf diesen Friedhof.»

Mutter schaute sich scheu um, packte dann Makepeace am Arm und zerrte sie in die nächstbeste Gasse.

«Du musst!» Mutter nahm Makepeace bei den Schultern und schaute ihr fest in die Augen.

«Beim letzten Mal wäre ich beinahe gestorben!», protestierte Makepeace.

«Du hast dich bei der Archers-Tochter mit den Pocken angesteckt», versetzte Mutter. «Der Friedhof hatte nichts damit zu tun. Eines Tages wirst du mir danken. Ich habe es dir doch gesagt – ich sorge dafür, dass du deinen Stock spitzt.»

«Ja, ich weiß!», rief Makepeace, die ihre Verzweiflung nicht verbergen konnte. «Die ‹Wölfe› sind die Geister, und du willst, dass ich lerne, stark zu sein, damit ich sie abwehren kann. Aber warum kann ich mich nicht einfach von Friedhöfen fernhalten? Wenn ich nicht in der Nähe von Geistern bin, dann droht mir keine Gefahr! Du selbst wirfst mich doch den Wölfen vor, wieder und wieder!»

«Du irrst dich», sagte Mutter leise. «Diese Geister sind nicht die Wölfe. Diese Geister sind nichts weiter als hungrige Schemen – nichts im Vergleich zu den Wölfen. Und die Wölfe sind da draußen, Makepeace. Sie suchen nach dir, und eines Tages werden sie dich finden. Bete, dass du dann erwachsen und stark genug bist, um dich zu wehren.»

«Du versuchst doch nur, mir Angst einzujagen», sagte Makepeace. Ihre Stimme zitterte, aber nicht vor Angst, sondern vor Zorn.

«Richtig! Hältst du dich etwa für eine bedauernswerte Märtyrerin, die sich nachts zitternd zusammenkauert, während diese kleinen Irrlichter an ihren Wangen lecken? Das ist gar nichts. Da draußen gibt es viel Schlimmeres. Du solltest Angst haben!»

«Warum können wir nicht meinen Vater bitten, uns zu beschützen?» Makepeace wusste, dass sie sich auf ein gefährliches Terrain begab, aber sie war zu weit gegangen, um jetzt noch umzukehren. «Ich wette, er würde mich nicht auf irgendwelche Friedhöfe schicken!»

«Er ist der Letzte, den wir um Hilfe bitten können», sagte Mutter mit einer Bitterkeit, die Makepeace noch nie bei ihr gehört hatte. «Vergiss ihn.»

«Warum?» Plötzlich ertrug Makepeace das ganze Schweigen in ihrem Leben nicht mehr, all das, wonach sie nicht fragen und was sie nicht aussprechen durfte. «Warum erzählst du mir nie etwas? Ich glaube dir nicht mehr! Du willst nur, dass ich auf ewig bei dir bleibe! Du willst mich für dich allein haben! Du willst mich nicht zu meinem Vater lassen, weil du weißt, dass er mich haben will!»

«Du hast ja keine Ahnung, wovor ich dich bewahrt habe!», fuhr ihre Mutter auf. «Wenn wir in Grizehayes geblieben wären …»

«Grizehayes», wiederholte Makepeace und sah, wie ihre Mutter bleich wurde. «Lebt mein Vater da? Ist dies das alte Haus, das du erwähnt hast?» Jetzt hatte sie einen Namen. Endlich. Das bedeutete, dass sie danach suchen konnte. Irgendwo würde irgendjemand diesen Namen kennen.

Aber der Name klang merkwürdig. Sie konnte sich das Haus, zu dem er gehörte, nicht vorstellen. Es war, als ob ein schwerer, silbriger Nebel zwischen ihr und seinen uralten Zinnen lag.

«Ich werde nicht mehr auf den Friedhof gehen», sagte Makepeace. Ihre Willenskraft stemmte sich fest in die Erde und machte sich auf Widerstand gefasst. «Nie mehr. Wenn du mich zwingst, dann laufe ich weg. Ganz bestimmt. Ich werde nach Grizehayes gehen. Ich werde meinen Vater finden. Und ich werde nie zurückkommen.»

Mutters Augen wurden glasig vor Verblüffung und Wut. Mit dieser neuen, trotzigen Makepeace wusste sie nicht umzugehen. Dann sickerte alle Wärme aus ihrer Miene, und zurück blieb eine kalte, ausdruckslose Maske.

«Dann lauf doch», sagte sie eisig. «Wenn es das ist, was du willst, von mir aus. Ich werde dich nicht aufhalten. Aber wenn du dich in die Hände dieser Leute begibst, dann sag später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.»

Mutter gab niemals nach, wurde niemals weich. Wenn Makepeace sie herausforderte, verdoppelte Mutter einfach den Einsatz, deckte Makepeaces Bluff auf und ließ sie dann im Regen stehen. Und die Drohung, wegzulaufen, war tatsächlich nur ein Bluff gewesen. Aber als sie jetzt in Mutters kalte Augen starrte, kam ihr zum ersten Mal der Gedanke, dass sie es vielleicht tatsächlich tun würde. Die Vorstellung raubte ihr den Atem; sie hatte ein Gefühl von Schwerelosigkeit.

Und dann schaute Mutter über Makepeaces Schulter hinweg auf etwas hinter ihr auf der Straße, und mit einem ungläubigen Ausdruck erstarrte sie. Ihre Lippen formten Worte, die sie so leise aussprach, dass Makepeace sie kaum verstehen konnte.

… Wenn man vom Teufel spricht …

Makepeace schaute hinter sich und sah gerade noch einen groß gewachsenen Mann in einem Mantel aus kostbarer dunkelblauer Wolle vorbeigehen. Er war etwa vierzig Jahre alt, aber sein Haar war schneeweiß.

Sie kannte das Sprichwort: Wenn man vom Teufel spricht, kommt er herein. Mutter hatte von «diesen Leuten» gesprochen, von den Leuten aus Grizehayes, und dann hatte sie diesen Mann gesehen. War das jemand aus Grizehayes? Vielleicht sogar ihr Vater?

Makepeace fing den Blick ihrer Mutter auf. Ihre eigenen Augen waren wild vor Erregung und Triumph. Dann drehte sie sich um und wollte in Richtung der Straße laufen.

«Nein!», zischte Mutter und packte mit beiden Händen ihren Arm. «Makepeace!»

Aber ihr Name war nur ein leises Schaben an Makepeaces Ohr. Sie hatte es satt, Frieden zu machen mit all den Problemen, für die sie nie eine Erklärung bekam. Sie entwand sich dem Griff ihrer Mutter und rannte zu der Straße hin.

«Du bringst mich noch ins Grab!», rief ihre Mutter ihr nach. «Makepeace, bleib stehen!»

Makepeace blieb nicht stehen. Sie sah den blauen Mantel und das weiße Haar des Fremden weit voraus, als er um eine Ecke bog und verschwand. Ihre Vergangenheit drohte ihr zu entgleiten.

Als sie die Ecke erreichte, wurde er gerade von der Menschenmenge verschluckt, und sie rannte ihm hinterher. Makepeace hörte hinter sich, wie Mutter ihren Namen rief, doch sie schaute sich nicht um. Stattdessen folgte sie dem Unbekannten durch eine Straße, dann durch eine zweite und eine dritte. Oft dachte sie, sie hätte ihn verloren, doch dann erhaschte sie wieder einen Blick auf den schneeweißen Haarschopf.

Makepeace konnte nicht aufgeben, auch nicht, als sie über die große Brücke von London nach Southwark lief. Die Gebäude entlang der Straße wurden schäbiger und die Gerüche übler. Gelächter wehte aus den Hafenkneipen, und vom Fluss drangen Flüche und das Knarren der Riemen. Es war dunkler geworden. Die Sonne sank und verschwand aus dem Blickfeld, und der Himmel hatte sich zu einem schmutzigen Bleigrau eingetrübt. Dennoch ging es auf den Straßen ungewöhnlich lebhaft zu. Ständig traten ihr Leute in den Weg und versperrten den Blick auf den weißhaarigen Mann.

Erst als die Straße sie auf einen weitläufigen, offenen Platz ausspuckte, blieb sie plötzlich verzagt stehen. Das Pflaster unter ihren Füßen war Gras gewichen, und sie erkannte, dass sie am Rand von St. George’s Fields stand. Ringsum brodelte eine schattenhafte, ruhelose, aufgewühlte Menge, deren Köpfe wie Scherenschnitte vor dem dunkler werdenden Himmel standen. Sie sah nicht, wie weit sich diese Menge erstreckte, aber es schienen Hunderte Stimmen zu sein, allesamt Männerstimmen. Von dem Weißhaarigen war keine Spur mehr zu sehen.

Makepeace blickte sich keuchend um. Neugierige, harte Blicke zuckten zu ihr hin. Sie trug Kleidung aus Wolle und Leinen, einfache und billige Stoffe, aber ihr Schultertuch und ihre Haube waren sauber und adrett, und an diesem Ort genügte das, um die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Außerdem war sie das einzige weibliche Wesen weit und breit und noch dazu keine dreizehn Jahre alt.

«Hallo Herzchen!», rief eine der dunklen Gestalten. «Willst du unsere Courage anstacheln?»

«Nee», sagte eine andere, «du bist bestimmt hier, um mit uns zu marschieren. Nicht wahr, Missy, du kannst Schemel auf diese Mistkerle werfen, wie die schottischen Damen! Zeig uns mal deinen Wurfarm!» Ein halbes Dutzend Männer lachten brüllend auf, und Makepeace spürte eine Grausamkeit in der scheinbar harmlosen Neckerei.

«Bist du nicht Margaret Lightfoots Mädchen?», fragte da eine jüngere Stimme. Als Makepeace in die Dunkelheit spähte, erkannte sie ein vertrautes Gesicht. Es war der vierzehnjährige Junge, der bei dem Weber nebenan in die Lehre ging. «Was machst du denn hier?»

«Ich habe mich verlaufen», sagte Makepeace hastig. «Was ist hier los?»

«Wir sind auf der Jagd.» In den Augen des Lehrlings stand ein wildes, grausames Leuchten. «Wir jagen den alten Fuchs, den Erzbischof Laud.» Makepeace hatte den Namen des königlichen Ratgebers schon hundertmal gehört, meistens von einem Fluch begleitet. «Wir gehen einfach hin und klopfen an, wie gute Nachbarn es zu tun pflegen.» Er schlug den Knüppel, den er bei sich trug, klatschend auf seine Handfläche. Seine ganze Haltung zeigte, dass er vor Erregung förmlich überkochte.

Zu spät verstand Makepeace die Bedeutung der Plakate, die ihr aufgefallen waren. Sie riefen die Menschen zu einer großen, wütenden Versammlung auf dem St. George’s Field zusammen. Die Menge bestand hauptsächlich aus Lehrburschen, erkannte Makepeace, als sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Und alle von ihnen hatten behelfsmäßige Waffen dabei – Hämmer, Besenstiele, Schürhaken und einfache Vierkanthölzer –, die sie mit einer grimmigen Fröhlichkeit schwangen, in der wilde Entschlossenheit lag. Sie hatten sich vorgenommen, das Böse aus seinem Palast zu zerren und ihm die Krone vom Kopf zu schlagen. Aber in ihren strahlenden Augen sah Makepeace, dass es nicht nur bitterer Ernst war – es war auch ein Spiel, ein Blutsport, wie eine Bärenhatz.

«Ich muss jetzt nach Hause.» Die Worte schmeckten bitter, noch während Makepeace sie aussprach. Sie hatte die Chance vertan, mehr über ihre Vergangenheit herauszufinden, aber was, wenn sie dabei auch ihr Zuhause verloren hatte? Ihre Mutter hatte ihr nicht geglaubt, als Makepeace sagte, sie würde davonlaufen, und jetzt hatte sie ihre Drohung wahr gemacht.

Der Lehrling des Webers runzelte die Stirn und stellte sich auf die Zehenspitzen, um über die Köpfe der Versammelten hinwegsehen zu können. Makepeace tat es ihm nach, und sie erkannte, dass die Straße, durch die sie gekommen war, nun vor Menschen überquoll, die dicht gedrängt zu St. George’s Fields strömten.

«Bleib in meiner Nähe», sagte der Lehrling besorgt, als die Menge vorwärtsdrängte und die beiden mitzureißen begann. «Bei mir bist du sicher.»

Es war kaum möglich, an den zahlreichen größer gewachsenen Lehrburschen vorbei etwas zu sehen, aber Makepeace hörte, wie immer mehr Stimmen sich zu dem hitzigen Geschrei gesellten und über die groben Witze lachten, während sie mit der Flut weitergedrängt wurde. Die Armee der Lehrlinge schien jetzt ins Unermessliche gewachsen zu sein. Kein Wunder, dass sie so selbstbewusst und so entschlossen waren.

«Makepeace! Wo bist du?»

Der Ruf wurde fast völlig von dem Crescendo aus Schreien und Brüllen verschluckt, aber Makepeace hörte ihn trotzdem. Es war Mutters Stimme. Mutter war ihr gefolgt und steckte nun ein Stück weit hinter ihr in der Menge fest.

«Ma!», schrie Makepeace, während die Menge sie weiter ihrem Ziel entgegenschob.

«Da vorne ist Lambeth Palace!», schrie jemand vor ihr. «In den Fenstern ist Licht!» Makepeace konnte wieder den Fluss riechen und sah ein mächtiges Gebäude am Ufer, mit hohen, quadratischen Türmen, deren Zinnen wie eckige Zähne Stücke aus dem Abendhimmel bissen.

Von der Spitze des Mobs ertönten Geräusche eines heftigen Streits, und die Menge wurde von einer fiebrigen, wallenden Spannung ergriffen.

«Kehrt um!», brüllte jemand. «Geht nach Hause!»

«Wer ist da vorne?», verlangten Dutzende Stimmen aus der Menge zu wissen, und von vorne erklangen ein Dutzend unterschiedliche Antworten. Einige behaupteten, es sei die Armee, andere, dass sich die Leibgarde des Königs dort postiert hätte, und wieder andere, dass es der Erzbischof persönlich sei.

«Ach, haltet die Klappe!», schrie endlich einer der Lehrlinge. «Schafft uns William, den Fuchs, heraus, oder wir brechen die Tür auf und schlagen dem ganzen Haufen die Köpfe ein!»

Daraufhin stimmten die anderen Lehrlinge ein ohrenbetäubendes Gebrüll an und schoben und stießen mit aller Macht vorwärts. Der Flecken Himmel über Makepeace schrumpfte zusammen, als sie von den Leibern ringsum fast zerquetscht wurde. Vor ihr gab es eine Art Kriegsgeschrei und dann war das Grunzen und Schnauben kämpfender Männer zu hören.

«Brecht die Tür auf!», schrie jemand. «Nehmt die Stemmeisen!»

«Zerschlagt die Lampen!», kam ein anderer Ruf.

Als der erste Schuss fiel, dachte Makepeace, jemand hätte etwas Schweres auf das Pflaster geworfen. Dann kam ein zweiter Schuss und ein dritter. Die Menge wogte, einige wichen zurück, andere schoben vorwärts. Makepeace bekam ein Knie in den Magen und ein Knüppelende gegen das Auge.

«Makepeace!» Da war wieder Mutters Stimme, schrill und verzweifelt und näher als zuvor.

«Ma!» Die Menschen rings um Makepeace schlugen jetzt um sich, aber sie kämpfte sich durch in die Richtung, aus der Mutters Stimme gekommen war. «Ich bin hier!»

Irgendwo vor ihr ertönte ein Schrei.

Es war ein rauer, kurzer Ton, und am Anfang wusste Makepeace nicht, was es war. Sie hatte Mutter noch nie schreien gehört. Aber als sie sich mit den Ellbogen ihren Weg bahnte, sah sie eine Frau an einer Hauswand liegen. Die blinde, blindwütige Menge trampelte über sie hinweg.

«Ma!»

Mit Makepeaces Hilfe kam Mutter taumelnd auf die Füße. Ihr Gesicht war aschfahl, und trotz der Dunkelheit erkannte Makepeace tintige Spuren aus Blut, die ihr über die linke Gesichtshälfte liefen. Sie bewegte sich auch falsch, ein Augenlid hing herab, und ihr rechter Arm zuckte unkontrolliert.

«Ich bringe dich nach Hause», flüsterte Makepeace mit trockenem Mund. «Es tut mir leid, Ma. Es tut mir leid …»

Mit glasigem Blick starrte Mutter Makepeace an, als ob sie ihre Tochter nicht erkennen würde. Dann verkrampfte sich ihre Miene.

«Nein!», schrie sie rau und schlug zu. Sie traf Makepeace im Gesicht, dann schob sie sie von sich. «Bleib weg von mir! Geh weg! Geh weg!»

Makepeace verlor das Gleichgewicht und fiel hin. Sie erhaschte einen letzten Blick auf Mutters Antlitz, auf dem immer noch dieser wilde und verzweifelte Ausdruck lag. Ein Stiefelabsatz traf sie im Gesicht und ihr kamen die Tränen. Jemand anderes trat ihr auf die Wade.

«Macht euch bereit!», hörte sie jemanden schreien. «Da kommen sie!» Schüsse hallten durch die Nacht, als ob die Sterne explodieren würden.

Dann schoben sich starke Hände unter Makepeaces Achseln und sie wurde auf die Füße gestellt. Ein großer Lehrbursche warf sie wie einen Kartoffelsack über seine Schulter und trug sie aus der Schusslinie, während sie sich nach Kräften wehrte und nach Mutter rief. Am Eingang zu einer Gasse setzte er sie ab.

«Lauf nach Hause!», schrie er Makepeace mit hochrotem Gesicht an und stürzte sich dann wieder mit erhobenem Hammer in das Getümmel.

Sie fand nie heraus, wer er war und was mit ihm geschah.

Und sie sah Mutter nicht mehr lebend wieder.

Nachdem der Kampf vorbei war und alle verhaftet worden waren, derer man habhaft werden konnte, und nachdem die Aufrührer zum Rückzug gezwungen worden waren, fand man den Leichnam von Makepeaces Mutter. Niemand konnte sagen, was sie am Kopf getroffen und getötet hatte. Vielleicht ein wild geschwungener Schürhaken, vielleicht war es auch eine verirrte Kugel, die den Schädel zerschmettert hatte und weitergeflogen war.

Makepeace erfuhr es nie und es war ihr auch egal. Der Aufstand hatte den Tod ihrer Mutter verursacht, und sie war es gewesen, die sie dorthin geführt hatte. Es war alles Makepeaces Schuld.

Und die Leute in der Gemeinde, die Mutters Spitze und Klöppelarbeiten gekauft hatten, wenn sie welche brauchten, befanden, dass ihr kostbarer Friedhof nicht der Ort war, wo eine Frau, die ein uneheliches Kind geboren hatte, zur letzten Ruhe gebettet werden durfte. Der Pastor, der stets freundlich gewesen war, wenn sie ihm auf der Straße begegnet waren, stieg nun in die Kanzel und behauptete, Margaret Lightfood sei keine gerettete Seele gewesen.

Stattdessen wurde Mutter in ungeweihter Erde am Rand der Sümpfe begraben. Es war Land, das mit Brombeerranken überwuchert war und nur dem Wind und den Vögeln eine Heimstatt gab, so verschwiegen und geheimnisvoll wie Margaret Lightfood selbst.

KAPITEL 3

Du bringst mich noch ins Grab.

Mutters Worte gingen Makepeace nicht aus dem Kopf. Sie leisteten ihr in jedem wachen Moment Gesellschaft und zu jeder nächtlichen Stunde. Sie kamen aus dem Mund ihrer Mutter, doch jetzt mit einer ausdruckslosen und kalten Stimme.

Ich habe sie getötet, dachte Makepeace. Ich bin weggelaufen, und sie ist mir gefolgt, direkt in die Gefahr hinein. Es war meine Schuld, und sie hat mich zum Schluss deswegen gehasst.

Makepeace hatte geglaubt, dass man sie nun in demselben Bett wie ihre kleinen Kusinen schlafen lassen würde, aber sie musste immer noch mit der Matratze vorliebnehmen, die sie mit Mutter geteilt hatte. Vielleicht spürten die anderen, dass sie eine Mörderin war. Oder vielleicht wussten Tante und Onkel nicht, was sie nun mit ihr anfangen sollten, da die Klöppelarbeiten ihrer Mutter nicht mehr für ihren Unterhalt sorgten.

Sie war allein. Der kleine Zaun, der Makepeace und Mutter umgeben hatte, verlief nun nur noch um Makepeace und sperrte sie vom Rest der Welt aus.

Die Bewohner des Hauses beteten wie gewöhnlich, nur dass sie jetzt ein zusätzliches Gebet für Mutter sprachen. Makepeace erkannte, dass sie nicht länger so beten konnte, wie man es ihr beigebracht hatte. Sie konnte dem Herrn ihre Seele nicht mehr offenlegen. Sie versuchte es, aber ihr Inneres sah so wild und leer aus wie ein weißer Oktoberhimmel; nichts, was sie in Worte fassen konnte. Es war, als wäre ihre Seele verschwunden.

In der zweiten Nacht allein in ihrem Zimmer wollte Makepeace den Deckel von ihren Gefühlen anheben. Sie zwang sich, um Vergebung zu beten, für Mutters Seele und für ihre eigene. Der Versuch ließ sie erzittern, aber nicht vor Kälte. Sie hatte Angst, dass Gott ihr mit eisigem, unversöhnlichem Zorn lauschte und bis tief in den verfaulten Kern ihrer Seele blickte. Gleichzeitig überkam sie die Furcht, dass er überhaupt nicht zuhörte, dass er ihr nie zugehört hatte und nie zuhören würde.

Die Anstrengung laugte sie aus, und danach konnte sie einschlafen.

Tapp, tapp, tapp.

Makepeace schlug die Augen auf. Ihr war kalt, so ganz allein im Bett, ohne die Wölbung von Mutters Rücken neben sich. Der Verlust wog in der Schwärze der Nacht noch schwerer.

Tapp, tapp, tapp.

Das Geräusch kam vom Fenster; vielleicht hatten sich die Läden gelockert. Wenn das der Fall war, würden sie die ganze Nacht lang klappern und sie wach halten. Widerstrebend stand sie auf und tastete sich zum Fenster vor; sie fand sich auch ohne Licht in dem Zimmer zurecht. Sie strich über den Riegel und spürte, dass er fest verschlossen war. Und dann erzitterte etwas unter ihren Fingerspitzen, als von draußen wieder gegen den Fensterladen geklopft wurde.

Jenseits der hölzernen Latten hörte sie noch etwas anderes. Es war so leise und gedämpft, dass es kaum das Ohr kitzelte. Aber es klang wie eine menschliche Stimme. Und diese Stimme war entsetzlich vertraut. Makepeaces Nackenhaare stellten sich auf.

Da war es wieder, ein unterdrücktes Schluchzen, ganz dicht an den Fensterläden. Ein einzelnes Wort.

Makepeace.

In hundert Albträumen hatte Makepeace vergeblich darum gekämpft, die Läden in ihrem Geist geschlossen zu halten und die Schreckgespenster auszusperren. Ihre Hände zitterten bei dem Gedanken daran, doch noch immer lagen ihre Finger auf dem Riegel.

Die Toten sind wie Ertrinkende, hatte Mutter gesagt.

Makepeace stellte sich vor, wie ihre Mutter in der Nachtluft ertrank, wie sie langsam nach unten sank, mit weit ausgebreiteten Haaren. Sie stellte sich vor, wie hilflos, allein und verzweifelt sie nach Halt griff.

«Ich bin hier», flüsterte sie. «Ich bin es – Makepeace.» Sie drückte ihr Ohr an den Fensterladen, und sie glaubte, eine erstickte Antwort auf ihre Worte zu hören.

Lass mich ein.

Makepeace gefror das Blut in den Adern, aber sie ermahnte sich, keine Angst zu haben. Mutter würde nicht so sein wie die anderen toten Wesen. Das hier war anders. Was immer da draußen war, war immer noch Mutter. Makepeace konnte sie nicht im Stich lassen. Nicht noch einmal.

Sie löste den Riegel und öffnete den Fensterladen.

An einem kohlschwarzen Himmel glommen ein paar trübe Sterne. Eine klamme Brise sickerte ins Zimmer und verursachte ihr eine Gänsehaut. Makepeace wurde die Brust eng in der Gewissheit, dass noch etwas anderes außer dem Wind hereingekommen war. Die Dunkelheit war mit einem Mal anders beschaffen, und sie war nicht länger allein.

Makepeace überkam das schreckliche Gefühl, dass sie womöglich etwas Unwiderrufliches getan hatte. Ihre Haut kribbelte. Wieder fühlte sie es, dieses Kitzeln von Spinnenfüßen an ihrem Geist. Die verlangende, zögerliche Berührung des Todes.

Sie wich vom Fenster zurück und versuchte, ihre geistigen Abwehrkräfte zu mobilisieren. Aber wenn sie an Mutter dachte, wurden ihre selbst erfundenen Bannsprüche so nutzlos wie ein altes Kinderlied. Makepeace kniff die Augen zu, aber sie sah trotzdem Mutters Gesicht vor sich, wie es im Kerzenlicht an jenem ersten Abend in der Kapelle ausgesehen hatte. Ein fremdes Wesen mit einem unergründlichen Ausdruck, dem jede Wärme fehlte.

An ihrem Nacken spürte sie einen eisigen Hauch, den Atem von etwas Atemlosen. Ein Kitzeln an ihrem Gesicht und an ihrem Ohr – eine Haarsträhne, nichts weiter, das musste es sein. Sie erstarrte und atmete flach.

«Ma?», flüsterte sie so leise, dass ihre Stimme kaum die Luft aufwirbelte.

Eine Stimme antwortete ihr. Eine Beinah-Stimme. Ein geschmolzenes Etwas aus Klang, wie das Lallen eines Schwachkopfs, mit zerbrochenen und ausfasernden Konsonanten. Es war ihrem Ohr so nah, dass es in ihrem Kopf summte.

Makepeace riss die Augen auf. Da – da! – direkt vor ihr war ein wirbelndes, mottengraues, verzerrtes Gesicht. Die Augen waren nur Höhlen, der Mund ein klaffender, heulender Abgrund. Sie taumelte rückwärts, weg von diesem Gesicht, bis sie mit dem Rücken gegen die Wand prallte. Sie starrte und starrte und wollte nicht, dass es so war, auch als dieses Etwas schon mit Rauchfingern gierig nach ihren Augen krallte.

Gerade noch rechtzeitig kniff Makepeace die Augen zu und fühlte, wie sich eine Kälte auf ihren Lidern niederließ. Es war wie der Albtraum, es war wie alle Albträume, nur ohne die Hoffnung, aufwachen zu können. Sie hielt sich die Ohren zu, aber es war zu spät. Sie hatte sie gehört, diese weichen, schrecklichen Töne.

Lass mich ein … Lass mich ein … Makepeace, lass mich ein …

Das Etwas tastete sich an ihrem Geist entlang, fand die Ritzen von Kummer, Liebe und Erinnerung in ihrer Verteidigungsmauer und riss an ihnen mit brutalen, gierigen Fingern. Es riss Stücke aus ihrem Herzen und ihrem Geist, während es sich seinen Weg hineinkämpfte. Es wusste, wie es ihre Abwehr umgehen konnte, kannte den Pfad zu ihrem weichen Kern.

Und mit einer Wildheit, die schierer Todesangst entsprang, wehrte sich Makepeace.

Mit ihrem Geist hieb sie um sich, zielte auf die rauchige Weichheit des Dings, fühlte es schreien, als sie es zu packen bekam und zerriss. Die Fetzen zappelten hilf- und sinnlos herum wie zerschnittene Würmer und versuchten, sich in ihre Seele zu graben. Es grabschte und krallte und klammerte sich an sie. Es konnte keine Worte bilden, nur winseln und heulen.

Makepeace wollte die Augen nicht mehr öffnen. Aber sie tat es trotzdem, ganz zum Schluss. Um zu sehen, ob es weg war.

Und sie sah, was aus dem Gesicht geworden war, was sie mit ihm gemacht hatte. Sie sah Angst und einen Schlund von Hass in den verdrehten, verschwindenden Zügen.

Es war kaum noch als Gesicht zu erkennen. Aber trotzdem war es irgendwie immer noch Mutter.

Makepeace wusste nicht mehr, dass sie geschrien hatte. Geschrien und geschrien. Das Nächste, woran sie sich erinnerte, war, dass sie auf dem Boden saß und in das Licht der Kerze ihrer Tante blinzelte und von der ganzen Familie mit Fragen überschüttet wurde. Die Läden waren fest verschlossen und klapperten leicht im Nachtwind. Tapp, tapp, tapp.

Die Tante erklärte Makepeace, dass sie vermutlich während eines Albtraums von der Matratze gerollt war. Makepeace musste ihr glauben. Die Vorstellung beruhigte sie nicht ganz und gar, denn schließlich wusste sie, dass die Geister, gegen die sie in Träumen kämpfte, manchmal wirklich waren. Aber bitte, lieber Gott, nicht dieser Geist. Dieser Geist durfte sie nicht angegriffen haben, und Makepeace durfte ihn nicht in Fetzen gerissen haben. Allein der Gedanke war unerträglich.

Es musste ein Traum gewesen sein. Voller Verzweiflung klammerte sich Makepeace an diesen Glauben.

Nur eine Woche nach diesem Vorfall ging das Gerücht um, ein Geist treibe in den Sümpfen sein Unwesen. Man sagte, er suche einen einsamen Streifen Land heim, der zu feucht war, als dass Vieh darauf hätte weiden können, und nur von einzelnen Trampelpfaden durchgezogen wurde, die nicht zu jeder Zeit begehbar waren.

Ein unsichtbares Etwas erschreckte einen Hausierer, indem es durch das Schilf brach und eine Bresche hinterließ. Die Hähne kehrten den Rebhühnern den Rücken und die Wasservögel flohen in einen anderen Teil des Moors. Und dann beherbergte mit einem Mal das Angel Inn, das zwischen dem Stadtrand und den Schilfgebieten lag, nicht nur Matrosen.

«Ein rachsüchtiger Geist», befand die Tante. «Man sagt, er sei bei Sonnenuntergang gekommen. Er hat eine Tür aus den Angeln gerissen, einen Haufen Geschirr zerschlagen und ein paar kräftige Männer grün und blau geprügelt.»

Makepeace war die einzige Person, die bei diesen Gerüchten nicht nur einen Anflug von Angst empfand, sondern auch Hoffnung. Mutters Grab befand sich am Rand des Sumpfes, nicht weit vom Angel Inn entfernt. Es war eine schreckliche Vorstellung, dass Mutters Geist in einem Anfall von Wahnsinn ein Haus verwüstet hatte, aber wenn er in einem Stück war, dann bedeutete das, dass Makepeace ihn nicht in Fetzen gerissen hatte. Dass sie Mutter nicht ein zweites Mal getötet hatte.

Ich muss sie finden, sagte sich Makepeace, obwohl ihr bei dem Gedanken übel wurde. Ich muss mit ihr reden. Ich muss sie retten.

Niemand aus Makepeaces Kirchengemeinde ließ sich im Angel Inn blicken außer dem alten William in seinen schwachen Momenten. Jedes Mal, wenn er wieder besoffen nach Hause gewankt war, stellte ihn der Pfarrer in seiner Predigt als schlechtes Beispiel dar und verlangte von den anderen, ihm Kraft zu geben und für ihn zu beten. Als sie über den aufgeweichten Feldweg zu dem Gasthaus ging, machte sich Makepeace Sorgen, dass nun sie am kommenden Sonntag der Trunkenheit bezichtigt werden würde.

Das Angel Inn war über Eck gebaut und umfasste wie ein angewinkelter Arm einen kleinen Innenhof. Eine Frau mit kantigem Kiefer und einer fleckigen Baumwollhaube fegte die Stufen und blickte auf, als Makepeace herbeikam.

«Hallo Püppchen», sagte sie. «Kommst du deinen Vater holen? Welcher ist es denn?»

«Nein, ich … ich will etwas über den Geist erfahren.»

Die Frau schien nicht überrascht zu sein, sie nickte knapp und geschäftsmäßig.

«Du musst ein Getränk bestellen, wenn du einen Blick hineinwerfen willst.»

Makepeace folgte ihr in den dunklen Schankraum, legte mit einem leisen Schuldgefühl eine Münze vom Wirtschaftsgeld ihrer Tante auf den Tresen und bekam einen Becher mit Dünnbier dafür. Dann brachte die Frau sie zur Hintertür hinaus.

Hinter dem Gasthaus befand sich ein Areal, das mit Sägespänen ausgelegt war. Makepeace vermutete, dass hier die Vergnügungen stattfanden, wenn genug Gäste da waren, damit sich die Sache rentierte: kahlrasierte Pugilisten, die sich mit bloßen Fäusten gegenseitig zu Brei schlugen, Hahnenkämpfe und Dachshatzen oder weniger blutige Spiele wie Wurfringe, Kegeln oder Bowls. Hier und da waren die Sägespäne dunkel verfärbt, entweder von verschüttetem Schwarzbier oder von Blut. Hinter diesem Bereich lag eine niedrige Mauer mit einem Übertritt und dahinter wiederum das scheinbar endlose Marschland mit dem im Wind wogenden Wald aus Schilf, das im Licht des späten Nachmittags leicht glänzte.

«Komm her, schau dir das an.» Die Frau schien fast stolz auf die Sensation zu sein, die sie Makepeace vorweisen konnte. Der Riegel der Hintertür war zerbrochen und ein Paneel zersplittert. Ein Fenster war eingeschlagen, der Bleirahmen verbogen, und etliche der kleinen Scheiben waren blind von unzähligen feinen Rissen. Ein Stoffbanner hing in Fetzen und das Motiv war nur noch mit Mühe zu erkennen – ein Dudelsack, ein paar Trommeln, irgendein dunkles Tier. Ein Tisch lag umgeworfen auf dem Boden und zwei Stühle hatten zerbrochene Rückenlehnen.

Während Makepeace sich umschaute, wurde ihr das Herz schwer. Erst jetzt wurde ihr klar, dass keines der toten Wesen, denen sie bisher begegnet war, einen echten, greifbaren Schaden hinterlassen hatte. Die Toten hatten ihren Geist angegriffen, aber nie auch nur eine Tasse zerbrochen.

Vielleicht war das nur eine gewöhnliche Wirtshausschlägerei, dachte Makepeace. Scheu betrachtete sie das abgehärmte, verschlagene Gesicht der Wirtin. Vielleicht will sie Kapital aus dem Schaden schlagen und tut so, als ob ein Geist dafür verantwortlich ist, damit die Leute herkommen und etwas trinken.

Die Wirtin führte Makepeace zu zwei Männern, die mit grimmigen Gesichtern im Freien ihre Humpen stemmten. Beide waren hager und wettergegerbt. Es waren keine Dörfler, und Makepeace vermutete anhand der Bündel, die neben ihren Füßen lagen, dass sie zum fahrenden Volk gehörten.

«Die Kleine ist wegen dem Geist hier», sagte die Frau und wies mit einer Kopfbewegung auf Makepeace. «Ihr könnt doch ein Lied davon singen, nicht wahr?»

Die beiden Männer wechselten einen Blick und runzelten die Stirn. Offensichtlich war das eine Geschichte, die sie nicht gern erzählten.

«Spendiert sie uns ein Bier?», fragte der größere der beiden.

Die Wirtin blickte Makepeace mit hochgezogenen Augenbrauen an. Mit einem üblen Gefühl in der Magengrube und der fast sicheren Gewissheit, dass sie hereingelegt wurde, trennte sich Makepeace von einer weiteren Münze, und die Wirtin ging, um noch mehr Bier zu holen.

«Es kam aus der Dunkelheit. Siehst du das hier?» Der größere Mann hob die Hand, die mit einem schmutzigen Taschentuch verbunden war, das hier und da dunkle Flecken getrockneten Bluts aufwies. «Hat den Mantel meines Kameraden zerfetzt und mich dermaßen gegen die Wand geschleudert, dass mir beinahe das Hirn aus dem Schädel gefallen wäre. Unsere Fiedel ist auch nur noch ein Haufen Splitter.» Das Instrument sah in der Tat so aus, als ob jemand darauf herumgetrampelt wäre. «Mistress Bell nennt es einen Geist, aber ich sage, es war der Teufel. Ein unsichtbarer Teufel.»

Sein Zorn schien nicht gespielt zu sein, aber Makepeace wusste trotzdem nicht, ob sie ihm glauben sollte. Alles ist unsichtbar, wenn man im Suff nicht mehr klar sehen kann, dachte sie.

«Hat es etwas gesagt?» Makepeace erschauerte unwillkürlich, als sie an die geschmolzene Stimme aus ihrem Vielleicht-Traum dachte.

«Nicht zu uns», sagte der kleinere der beiden. Er streckte die Hand mit dem Becher aus, als die Wirtin mit dem Krug zurückkehrte, und ließ sich nachschenken. «Nachdem es uns wie zwei Sandsäcke gebeutelt hatte, ist es da lang.» Er deutete in Richtung der Sümpfe. «Hat unterwegs noch einen Pfosten umgehauen.»

Makepeace trank aus und fasste sich ein Herz.

«Pass auf, wo du hintrittst, Püppchen!», rief ihr die Wirtin nach, als sie sah, dass Makepeace über den Tritt stieg, der zu den Sümpfen führte. «Einige der Wege sehen trocken aus, rutschen dir aber unter den Füßen weg. Wir haben keine Lust, dass uns dein Geist auch noch heimsucht!»

Das Rascheln und Knirschen von Makepeaces Schritten klang überlaut, als sie hinaus auf das Marschland ging, und sie merkte, dass hier kein einziger Vogel sang. Nur die dürre Musik der Schilfstängel, die aneinanderrieben, und das papierartige Rauschen der vereinzelt stehenden jungen Pappeln, deren Blätter in der Brise graugrün und silbrig schimmerten, begleiteten ihren Weg. Die Stille sickerte bis in ihre Knochen und mit ihr die Angst, dass sie – wieder einmal – einen schrecklichen Fehler machte.

Sie schaute sich nervös um und erkannte mit einem leichten Schaudern, dass sie sich bereits ein gutes Stück vom Gasthaus entfernt hatte. Sie kam sich wie ein kleines Boot vor, das sich aus der Vertäuung gelöst hatte und hilflos von der Küste wegtrieb.

Und als sie so dastand, schlug mit einem Mal eine unsichtbare Welle über Makepeace zusammen.

Ein Gefühl. Nein, ein Geruch. Ein Gestank nach Blut, Herbstwald und alter, feuchter Wolle. Es war ein heißer Geruch. Er juckte und kratzte an ihrem Geist wie ein Atemhauch. Er erfüllte Makepeaces Sinne, vernebelte ihr den Blick und verursachte ihr Übelkeit.

Geist, das war alles, was sie in ihrer Hilflosigkeit denken konnte. Ein Geist.

Aber das war ganz anders als jener kalte, tückische Ansturm, den sie bisher von Geistern erlebt hatte. Dieses Wesen hier versuchte nicht, in sie hineinzugelangen – es wusste gar nicht, dass sie da war. Es prallte einfach nur gegen sie, heiß, schrecklich und blind.

Die Welt verschwamm, und sie wusste kaum noch, wo sie war, wer sie war. Sie wurde von einer Erinnerung verschluckt, die nicht ihr gehörte.

Die Sonne stach. Der Gestank der Sägespäne ließ sie würgen. Ihre Lippe tat entsetzlich weh, und sie konnte keine Worte formen. In ihren Ohren dröhnte es, und gleichzeitig hörte sie ein grausames, rhythmisches Hämmern. Mit jedem Hammer-schlag riss etwas schmerzhaft an ihrem Mund. Als sie versuchte zurückzuweichen, schoss ihr ein rot glühender Schmerz in die Schultern. Makepeace brannte vor Zorn, der aus Schmerzen und Pein entsprang.

Die Welle ebbte ab, und Makepeace krümmte sich. Ringsum glühte die Welt immer noch vor gleißendem Sonnenlicht, in ihrem Kopf hämmerte es und die Übelkeit stieg in ihr hoch. Halb blind machte sie einen taumelnden Schritt, um ihr Gleichgewicht wiederzufinden, und fühlte stattdessen, wie ihr Fuß auf dem feuchten, unebenen Boden unter ihr wegrutschte. Sie schlitterte vom Weg und landete mit ausgebreiteten Armen im Schilf, wobei sie kaum fühlte, wie die harten Stängel ihr Gesicht und Arme zerkratzten. Dann beugte sie sich vor und erbrach sich, wieder und wieder.

Schließlich klärte sich der Nebel in ihrem Kopf. Die fremde Qual verschwand. Aber über allem lag ein erstickender Fäulnisgestank. Und ein Summen hörte sie ebenfalls.

Aber es war anders als eben noch. Aus dem üblen rhythmischen Hämmern war ein insektenartiges Sirren geworden, wie von Dutzenden winziger schlagender Flügel.

Unsicher kam sie auf die Füße und schob die Schilfstängel beiseite. Dann stieg sie weiter den Abhang nach unten. Mit jedem Schritt wurde der Boden weicher und klebriger. Sie war nicht das einzige Lebewesen, dass hier entlang gegangen war, denn überall lagen zerbrochene Stängel, und in den Schlamm waren Rillen gegraben.

Und dahinter lag etwas in einer überwucherten Grube, halb verdeckt durch das Schilf. Etwas Dunkles. Etwas, das ungefähr die Größe eines Mannes hatte.

Makepeace fühlte, wie sich ihr der Magen umdrehte. Sie hatte sich geirrt, hatte sich mit allem geirrt. Wenn das da eine Leiche war, dann war der Geist überhaupt nicht Mutter. Vielleicht hatte sie gerade ein Mordopfer entdeckt. Und vielleicht war der Mörder noch in der Nähe und beobachtete sie.

Oder vielleicht war dies ein Reisender, der von dem wilden Geist niedergestreckt worden war und Hilfe brauchte. Nein, sie konnte nicht weglaufen, obwohl sie es sich mit jeder Faser ihres Körpers wünschte.

Sie trat näher. Der Schlamm quatschte bei jedem Schritt unter ihren Sohlen. Das Ding war dunkelbraun, groß und hatte die Form eines Hügels. Es war eingehüllt von einer Wolke aus flinken, grünschwarzen Fliegen.

Ein Mann in einem Wollmantel?

Nein.

Die Gestalt wurde deutlicher. Und endlich konnte Makepeace erkennen, was es war und was es nicht war. Einen Augenblick lang war sie erleichtert.

Dann überkam sie eine gewaltige Woge furchtbarer Traurigkeit, stärker als ihre Angst oder Abscheu, stärker noch als der Gestank. Sie rutschte nach unten und kauerte sich neben den Hügel, wobei sie ihr Taschentuch vor den Mund hielt. Dann strich sie ganz sanft mit der Hand über die klatschnasse dunkle Gestalt.

Es war kein Leben mehr darin. In dem Schlamm waren Rillen, wo das Wesen versucht hatte, sich aus der Grube zu befreien. Blutige, eitrige Wunden sprachen von brutalen Ketten und Eisen. Sie konnte den Anblick des zerrissenen Mauls kaum ertragen, die klaffende Höhle und das Rinnsal aus dunklem Blut.

Jetzt wusste sie, dass sie immer noch eine Seele hatte. Und die stand in Flammen.

Makepeace war über und über mit Schlamm bedeckt und mit Dornen gespickt, als sie wieder in den Hinterhof des Gasthauses trat, aber es war ihr egal. Ein kleiner Holzschemel war das Erste, was ihr in die Quere kam. Sie hob ihn auf und spürte sein Gewicht vor lauter Zorn überhaupt nicht.

Die beiden wandernden Schausteller hockten in der Ecke und unterhielten sich leise und angeregt. Keiner von beiden achtete auf Makepeace. Oder zumindest so lange nicht, bis sie den Schemel schwang und ihn dem größeren der beiden ins Gesicht schmetterte.

«Argh! Du verrücktes kleines Luder!» Er starrte sie ungläubig an und griff sich an den blutüberströmten Mund.

Makepeace gab keine Antwort, sondern schlug ein zweites Mal zu, diesmal in seinen Magen.

«Lass das! Hast du den Verstand verloren?» Der kleinere Mann packte Makepeaces Schemel. Sie trat ihm mit voller Wucht gegen die Kniescheibe.

«Ihr habt ihn zum Sterben zurückgelassen!», schrie sie. «Ihr habt ihn geschlagen und gequält und ihn an der Kette gezogen, bis ihr sein Maul ausgerissen habt. Und als er nicht mehr aufrecht stehen konnte, habt ihr ihn in diese Grube geworfen!»

«Was ist denn in dich gefahren?» Die Wirtin stand jetzt neben Makepeace und hatte in dem Versuch, sie zurückzuhalten, einen starken Arm um sie gelegt. «Wovon redest du denn?»

«VON DEM BÄREN!», brüllte Makepeace.

«Ein Bär?», wiederholte Mistress Bell verblüfft und warf den Schaustellern einen Blick zu. «Ach je, ist euer Tanzbär etwa gestorben?»

«Ja, und wie sollen wir jetzt unseren Lebensunterhalt verdienen? Das sag mir mal einer!», fuhr der kleinere Mann auf. «Dieser Ort hier ist verflucht – hier findet man nichts als Pech, unsichtbare Teufel und verrückte Gören …»

Der größere Mann spuckte Blut in seine Hand. «Diese kleine Schlampe hat mir einen Zahn ausgeschlagen!», rief er fassungslos und bedachte Makepeace mit einem Mörderblick.

«Ihr habt nicht mal gewartet, bis er tot war, ehe ihr ihm den Ring aus der Nase gerissen habt!», kreischte Makepeace. In ihrem Kopf sang es. Gleich würde einer der Männer ausholen und sie schlagen, aber das war ihr egal. «Kein Wunder, dass er zurückkam! Kein Wunder, dass er wütend ist! Ich hoffe, ihr entkommt ihm niemals! Ich hoffe, er bringt euch beide um!»

Beide Männer brüllten jetzt, und die Wirtin versuchte, alle Anwesenden zu beruhigen. Aber Makepeace hörte rein gar nichts außer diesem grünschwarzen zornigen Surren in ihrem Kopf.

Sie zerrte an dem Schemel, und der kleinere der Männer zerrte zurück. Sie gab der Bewegung nach und stieß den Schemel von unten nach oben, sodass er gegen seine Nase prallte. Er quiekte zornig auf, ließ den Schemel los und griff nach einem Eichenstock, der an seinem Bündel lehnte. Die Wirtin lief um Hilfe schreiend davon, und Makepeace stand nun zwei Männern mit blutigen Gesichtern und zornblitzenden Augen gegenüber.

Aber ihr Zorn war nichts gegen den Zorn des Bären, der aus den Sümpfen zum Angriff stürmte.

Makepeace, die in die richtige Richtung blickte, sah ihn – oder sah ihn fast. Der Bär war ein dunkler, rauchiger Schemen mit vier Beinen und einem gewölbten Rücken, größer als er im Leben gewesen war. In einem atemberaubenden Tempo kam er auf das Trio zugelaufen. Durchsichtige Löcher markierten die Augen und das aufgerissene Maul.

Die Wucht des Aufpralls riss Makepeace von den Füßen. Benommen lag sie auf dem Boden. Die Dunkelheit, die der Bär war, türmte sich über ihr auf. Es dauerte einen Moment, ehe sie begriff, dass sie zu seinem mächtigen, schattenhaften Rücken aufblickte. Er stand zwischen ihr und ihren Feinden, als ob sie sein Junges wäre.

Durch die verschwommene Kontur konnte sie immer noch die beiden Schausteller sehen, die sich ihr drohend näherten, einer mit dem hoch erhobenen Stock. Der Bär war für sie unsichtbar. Sie hatten keine Ahnung, warum der auf sie gerichtete Hieb sein Ziel nicht traf, sondern von einer riesigen dunklen Pranke beiseite gewischt wurde.

Nur Makepeace konnte es sehen. Nur sie sah, wie der Zorn des Bären ihn auflöste, wie der Geist mit jeder Bewegung weniger wurde. Er blutete Nebelfetzen, während er sein stummes Gebrüll ausstieß. Seine Flanken schienen zu dampfen.

Er verlor sich selbst, ohne es zu wissen.

Makepeace kämpfte sich auf die Knie. Ihr war übel von dem Bärengestank, schwindlig von dem Zorn, der in ihrem Blut brauste. Instinktiv streckte sie die Arme aus und umfasste den wütenden Schatten. In diesem Moment wollte sie nur den Bären zusammenhalten und verhindern, dass er schmolz.

Ihre Arme schlossen sich um die Dunkelheit, und sie fiel in sie hinein.

KAPITEL 4

«Sie ist nun schon seit Tagen so», sagte die Stimme der Tante.

Makepeace wusste nicht, wo sie war und aus welchem Grund. Ihr Kopf war erfüllt von einem Pochen und einer Schwere, die es ihr unmöglich machte, ihn zu heben. Etwas hielt ihre Glieder gefangen. Die Welt ringsum war unscharf wie ein Phantom, und Stimmen schienen nur aus weiter Ferne zu ihr vorzudringen.

«So kann das nicht weitergehen», sagte die Onkelstimme. «Den halben Tag liegt sie wie tot da, und dann wieder … Na, du hast sie ja gesehen. Der Schmerz hat ihr den Verstand geraubt. Wir müssen an unsere Kinder denken. Sie sind nicht mehr sicher, solange sie hier ist.»

Es war das erste Mal, dass Makepeace Furcht in seiner Stimme hörte.

«Was werden die Leute denken, wenn wir unser eigen Fleisch und Blut auf die Straße setzen?», gab die Tante zu bedenken. «Sie ist das Kreuz, das wir zu tragen haben.»

«Wir sind nicht ihre eigenen Verwandten», sagte der Onkel.

Eine Zeit lang herrschte Stille, dann seufzte die Tante tief auf. Makepeace fühlte ihre warme, abgearbeitete Hand an ihrem Gesicht.

«Makepeace, Kind, kannst du mich hören? Dein Vater – wie lautet sein Name? Margaret hat’s uns nie gesagt, aber du weißt es doch gewiss, nicht wahr?»

Makepeace schüttelte den Kopf.

«Grizehayes», flüsterte sie rau. «Er lebt in … Grizehayes.»

«Ich wusste es», flüsterte die Tantenstimme voller Ehrfurcht und Triumph. «Dieser Sir Peter! Ich wusste es!»

«Wird er etwas für sie tun?», fragte der Onkel.

«Er ganz sicher nicht, aber seine Familie, wenn sie nicht will, dass ihr Name in den Schmutz gezerrt wird», sagte die Tante entschlossen. «Es würde keinen guten Eindruck machen, wenn jemand aus ihrer vornehmen Blutlinie in Bedlam landet, nicht wahr? Ich werde ihnen sagen, dass wir sie dorthin schicken, wenn sie sich ihrer nicht annehmen.»

Aber aus den Worten waren längst schon wieder bloß Töne geworden, und Makepeace versank an einem dunklen Ort.

Die folgenden Tage glitten verschwommen vorüber wie Hechte in trübem Wasser. Die meiste Zeit blieb Makepeace eng in eine Decke gewickelt wie ein Baby. Wenn sich ihr Geist etwas klärte, wickelte man sie aus, aber sie konnte keinem Gespräch folgen und auch nicht im Haushalt helfen. Sie taumelte und torkelte und ließ alles fallen, was sie in die Hand nahm.

Der Duft der Pasteten aus der Küche, der ihr normalerweise das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ, machte sie krank. Der Geruch von Schmalz, Blut, Kräutern – all das war zu viel auf einmal. Aber die ganze Zeit war es in Wahrheit der Geruch von Bär, der sie verfolgte. Sie konnte sich jener feuchten Wärme seines Geistes nicht entledigen.

Sie versuchte, sich daran zu erinnern, was geschehen war, nachdem sie nach Bär gegriffen und die Schwärze sie verschluckt hatte, aber in ihrem Gedächtnis herrschte ein heilloses Durcheinander. Sie glaubte allerdings, sich an die beiden Schausteller zu erinnern. Sie hatte ein vages Bild von ihnen im Kopf, wie sie schrien und brüllten, die Gesichter blutüberströmt.

Tiere hatten keine Geister, das hatte sie jedenfalls immer gedacht. Aber offensichtlich hatten sie doch welche, zumindest hin und wieder. Inzwischen hatte Bär seinen Geist in seiner Wut vermutlich ganz und gar aufgezehrt. Sie hoffte, dass seine Rache den Preis wert gewesen war. Warum fühlte sie sich nach diesem Kontakt so schlecht? Vielleicht, dachte sie benommen, konnten einen wütige Tiergeister mit irgendeinem Fieber anstecken.

Als man sie eines Tages in die gute Stube führte, glaubte sie tatsächlich, sich in einem Fieberwahn zu befinden. Ein Mann stand neben dem Kamin. Er war groß und trug einen dunkelblauen Mantel. Sein Adlergesicht war von einem weißen Haarschopf gekrönt. Es war der Mann, den sie am Tag des Aufruhrs in London verfolgt hatte wie ein Irrlicht.

Makepeace starrte ihn an, und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

«Das ist Master Crowe», sagte die Tante langsam und behutsam. «Er wird dich nach Grizehayes bringen.»

«Mein …» Makepeaces Stimme war immer noch eingerostet. «Mein Vater …»

Unerwarteterweise schlang die Tante die Arme um Makepeace und drückte sie einmal kurz an sich.

«Er ist tot, Kind», flüsterte sie. «Aber seine Familie wird dich aufnehmen, und die Fellmottes können sich viel besser um dich kümmern als ich.» Dann ging sie eilig davon, um Makepeaces Sachen zusammenzusuchen, überwältigt von Zärtlichkeit, Sorge und Erleichterung.

«Wir haben sie eng in eine Decke gewickelt», erklärte der Onkel dem Fremden murmelnd. «Ihr solltet das Gleiche tun, wenn sie wild wird. Was immer diese Halunken im Gasthaus ihr angetan haben, ich glaube, sie haben ihr den Verstand aus dem Kopf geschlagen, bevor irgendjemand sie davongejagt hat.»

Makepeace würde nach Grizehayes gehen. Genau das hatte sie zu Mutter gesagt, an jenem letzten, tödlichen Tag. Vielleicht sollte sie glücklich sein oder zumindest irgendetwas fühlen.

Stattdessen kam sich Makepeace zerbrochen und leer vor wie eine ausgelöffelte Eierschale. Die Suche nach Mutters Geist hatte sie zu einem toten Bären geführt. Und jetzt brachte Mr. Crowe, durch den sie gehofft hatte, ihren Vater zu finden, sie zu einem weiteren Grab.

Seit Jahren predigte der Pastor vom Ende der Welt, und jetzt war es gekommen. Makepeace wusste es, sie fühlte es. Als die Kutsche sie aus Poplar herausbrachte, schoss ihr der Gedanke durch den Nebel in ihrem Kopf, dass doch eigentlich die Erde erbeben und die Sterne wie reife Feigen vom Himmel fallen müssten. Und sie sollte Engel sehen oder die glänzende Frau aus Nanny Susans Visionen. Stattdessen sah sie Wäsche auf der Leine, ratternde Karren und Treppen, die gefegt wurden, als ob nichts geschehen wäre. Aus irgendeinem Grund war das schlimmer als alles andere.

Während die Kutsche nach Nordwesten rumpelte, versuchte Makepeace zu begreifen, was man ihr gesagt hatte.

Ihr Vater war Sir Peter Fellmotte gewesen, und er war tot. Er stammte aus einer uralten Familie, die sich damit einverstanden erklärt hatte, sie aufzunehmen. Es klang wie das bittersüße Ende einer Ballade, aber Makepeace war wie betäubt. Warum hatte Mutter nie über ihn gesprochen?

Sie erinnerte sich an die Warnung ihrer Mutter. Du hast ja keine Ahnung, wovor ich dich bewahrt habe. Wenn ich in Grizehayes geblieben wäre …

Es war ein Fehler, an Mutter zu denken. In Makepeaces Kopf trat die Erinnerung an den Albtraum-Geist mit dem Gesicht ihrer Mutter. Die verzerrte Stimme und das graue, in Fetzen hängende Antlitz … Makepeaces Geist verschloss sich wieder an jenem dunklen Ort.

Als sie von dort zurückkehrte, war ihr übel und sie fühlte sich erschöpft. Sie saß immer noch in der Kutsche, aber eng in eine Decke aus Schaffell gewickelt, sodass sie die Arme nicht bewegen konnte. Um die Decke war ein Seil gebunden.

«Bist du jetzt wieder ruhiger?», fragte Mr. Crowe sachlich, als sie ihn verwirrt anblinzelte.

Zögernd nickte Makepeace. Ruhiger als wann? Auf ihrem Kinn prangte ein blauer Fleck. Und auch ihr Erinnerungsvermögen war irgendwie angeschlagen; da war ein undeutliches Gefühl, dass sie etwas getan hatte, was sie nicht hätte tun sollen. Irgendwie war sie in Schwierigkeiten geraten.

«Ich kann nicht zulassen, dass du aus der Kutsche springst», sagte Mr. Crowe.

Die Decke war dick und warm, roch aber intensiv nach Schaf. Sie klammerte sich an diesen Geruch. Es war etwas, das sie begriff. Mr. Crowe richtete kein weiteres Wort an sie, und dafür war sie ihm dankbar.

Während der langen, feuchten Kutschfahrt veränderte sich die Landschaft allmählich. Am ersten Tag war sie Makepeace noch vertraut, mit den nebelverhangenen Wiesen und den fruchtbaren, blassgrünen Maisfeldern. Am zweiten Tag wurden die sanften Hügel allmählich höher. Und am dritten waren die Felder in eine Moorlandschaft übergegangen, wo schlanke, schwarzgesichtige Schafe grasten.

Irgendwann wachte sie auf und merkte, dass die Kutsche in strömendem Regen eine ansteigende Straße entlangfuhr. Rechts und links der Straße lagen Felder und Weiden, und am Horizont stand eine düstere Hügelkette Wache. Die Straße endete hinter einem kleinen Wäldchen aus dunklen, knorrigen Eiben vor der grauen, klobigen Fassade eines riesigen Hauses. Zwei Türme erhoben sich über dem Gebäude wie missgestaltete Hörner.

Das war Grizehayes. Obwohl Makepeace das Anwesen noch nie gesehen hatte, war es ihr vertraut, als ob tief in ihrem Inneren eine Glocke anschlagen würde.

Als sie endlich ankamen, war Makepeace durchgefroren, erschöpft und hungrig. Sie wurde losgebunden und ausgewickelt und dann einer rothaarigen Magd mit müdem Gesicht übergeben.

«Seine Lordschaft wird sie sehen wollen», sagte Crowe und ließ Makepeace in der Obhut der Frau zurück.

Die Magd zog sie um, säuberte ihr Gesicht und bürstete ihre Haare. Sie war weder unfreundlich noch freundlich. Makepeace wusste, dass diese Aufmerksamkeit nicht aus Fürsorge geschah, sondern dass sie jemandem präsentiert werden sollte. Die Frau schüttelte den Kopf über Makepeaces gesplitterte und abgebrochene Fingernägel. Makepeace hatte keine Ahnung, warum sie so waren.

Als sie einigermaßen vorzeigbar war, brachte die Frau sie durch einen dunklen Korridor, winkte sie stumm durch eine Eichentür, die sie dann hinter ihr zuzog. Makepeace stand in einem weitläufigen, warmen Zimmer mit dem größten Kamin, den sie je gesehen hatte. In dem Kamin loderte ein gigantisches Feuer. An den Wänden hingen Gobelins mit Jagdszenen – Hirsche, die das Weiße in den Augen zeigten, während ihnen gesticktes Blut über die Flanken lief. Ein sehr alter Mann saß, von Kissen gestützt, in einem Himmelbett.

Sie starrte ihn furchtsam und ehrfürchtig an und versuchte, sich daran zu erinnern, was man ihr erzählt hatte. Das musste Obadiah Fellmotte sein, das Oberhaupt der Familie, Lord Fellmotte höchstpersönlich.

Er war in ein ernstes Gespräch mit dem weißhaarigen Mr. Crowe vertieft. Keiner der beiden schien ihr Eintreten bemerkt zu haben. Unsicher und schüchtern blieb Makepeace an der Tür stehen. Trotzdem verstand sie, was in leisem Ton gesprochen wurde.

«So so, jene, die uns beschuldigt haben, werden das nicht wieder tun?» Obadiahs Stimme war ein leise raspelndes Knarren.

«Einer hat sich umgebracht, nachdem seine Schiffe gesunken waren und er sein Vermögen verloren hatte», sagte Mr. Crowe ruhig. «Ein Zweiter wurde ins Exil geschickt, als man seine Briefe an den spanischen König abfing. Dem Dritten wurden seine Affären zum Verhängnis. Er wurde vom Ehemann seiner Geliebten beim Duell erschossen.»

«Gut», sagte Obadiah. «Sehr gut.» Er verengte die Augen. «Erzählt man sich immer noch Geschichten über uns?»

«Es ist schwer, Gerüchte zu töten, Mylord», sagte Crowe langsam. «Besonders solche, die mit Hexerei zu tun haben.»

Hexerei? Makepeace empfand einen Anflug von abergläubischem Schrecken. Hatte sie richtig verstanden? Der Pastor in Poplar hatte manchmal von Hexen und Hexern erzählt – missgestalteten, korrupten Männern und Frauen, die sich insgeheim mit dem Teufel verbündeten, um unheilige Macht zu erlangen. Sie konnten eine unbescholtene Seele mit dem bösen Blick belegen. Sie konnten dafür sorgen, dass einem die Hand verkümmerte, dass die Ernte misslang, dass das Baby krank wurde und starb. Schaden mit Hilfe von Hexerei anzustellen war natürlich verboten, und wenn man Hexen erwischte, wurden sie verhaftet und verurteilt, manchmal sogar gehängt.

«Wenn wir nicht verhindern können, dass dem König diese Gerüchte zu Ohren kommen», sagte der alte Edelmann nachdenklich, «dann müssen wir verhindern, dass er auf sie reagiert. Wir müssen uns nützlich machen, unentbehrlich für ihn. Und wir müssen etwas finden, womit wir ihn in der Hand haben, damit er nicht wagt, uns zu denunzieren. Er will sich doch unbedingt Geld von uns leihen, nicht wahr? Ich bin sicher, dass wir zu einer Übereinkunft kommen.»

Makepeace stand immer noch an der Tür. Ihre Zunge war wie festgefroren, während die Hitze des Feuers auf ihrem Gesicht prickelte. Sie verstand nicht alles, was sie gehört hatte, aber sie war sicher, dass diese Worte und Gedanken niemals für ihre Ohren bestimmt gewesen waren.

Dann schaute der alte Lord zur Tür und bemerkte sie. Er runzelte leicht die Stirn.

«Crowe, was macht dieses Kind in meinem Zimmer?»

«Das ist Margaret Lightfoots Tochter», sagte Crowe leise.

«Ach, der Bastard.» Obadiahs Stirn glättete sich wieder.

«Dann wollen wir mal sehen.» Er winkte Makepeace zu sich.

Makepeaces leise Hoffnung auf ein freundliches Willkommen sackte in sich zusammen. Langsam trat sie näher und blieb neben dem Bett stehen. Obadiahs Nachthemd und die Mütze, die ihm bis in die Stirn reichte, waren mit kostbarer Spitze besetzt, und Makepeace kalkulierte unwillkürlich, wie viele Wochen ihre Mutter dafür gebraucht hätte. Aber dann merkte sie, dass sie starrte, und senkte schnell den Blick. Die Reichen und Mächtigen anzusehen war genauso gefährlich, wie wenn man in die Sonne blickte.

Stattdessen beobachtete sie ihn zwischen ihren Wimpern hindurch. Sie fixierte seine Hände, die mit Ringen beladen waren. Er machte ihr Angst. Sie sah das blaue Blut in seinen knotigen Adern.

«Ja, eindeutig, das ist eine von Peter», murmelte Obadiah. «Schaut euch dieses gespaltene Kinn an. Und die blassen Augen! Aber Ihr sagt, sie sei verrückt?»

«Sanftmütig, aber langsam. Und wild, wenn sie ihre Anfälle hat», sagte Crowe. «Die Familie meint, es sei der Kummer. Das – und ein Schlag auf den Kopf.»

«Wenn man ihr den Verstand aus dem Gehirn geprügelt hat, dann prügelt ihn wieder hinein», knurrte Obadiah. «Es ist eine Sünde, Kindern oder Irrsinnigen die Knute zu ersparen. Sie sind sich ganz ähnlich; sie werden wild, wenn man sie sich selbst überlässt. Disziplin ist das einzige Heilmittel. Du da! Mädchen! Kannst du sprechen?»

Makepeace zuckte zusammen und nickte.

«Man hat uns gesagt, du hättest Albträume, Kind», sagte Obadiah. «Erzähl mir davon.»

Makepeace hatte Mutter versprochen, niemals über ihre Träume zu sprechen. Aber Mutter war nicht länger Mutter, und ein Versprechen schien nicht mehr viel zu bedeuten. Und so stammelte sie ein paar unzusammenhängende Sätze über den schwarzen Raum, das Flüstern und die huschenden Gesichter.

Obadiah ließ ein zufriedenes Grunzen vernehmen.

«Die Kreaturen in deinen Albträumen, weißt du, wer sie sind?», fragte er.

Makepeace schluckte und nickte.

«Tote Wesen», sagte sie.

«Zerbrochene tote Wesen», sagte der alte Lord, als ob das einen großen Unterschied machen würde. «Schwache Wesen – zu schwach, um sich ohne einen Leib zusammenzuhalten. Sie wollen deinen Körper … aber das weißt du, nicht wahr? Doch hier werden sie dich nicht kriegen. Diese toten Wesen sind nichts weiter als Ungeziefer, und wir werden sie ausrotten wie Ratten.»

Die Erinnerung an ein geschmolzenes, rachsüchtiges Gesicht zog durch Makepeaces Gedanken. Ein schwaches, totes, zerbrochenes Etwas. Ungeziefer, das man zertreten muss. Sie schlug die Tür vor diesem Gedanken zu, aber sie wollte nicht geschlossen bleiben. Makepeace fing an zu zittern. Sie konnte es nicht verhindern.

«Sind sie verdammt?», platzte es aus ihr heraus. Muss Mutter in die Hölle? Habe ich sie auf direktem Weg in die Hölle geschickt? «Der Pastor sagt …»

«Oh, die Pocken über den Pastor!», fuhr Obadiah auf. «Du bist in einem Nest von Puritanern aufgewachsen, du dummes Mädchen. Bei einem rundköpfigen, eifernden Haufen von Predigern und Propheten. Dieser Pastor wird eines Tages zur Hölle fahren, und sein zerfledderter Haufen Schäfchen mit ihm. Und wenn du nicht jede verrückte Idee vergisst, die sie dir eingebläut haben, wird es dir ebenso ergehen. Bist du überhaupt getauft?» Er grunzte zufrieden, als Makepeace nickte. «Na, wenigstens etwas. Hm … diese Kreaturen, die Einlass in deinen Kopf verlangen … Ist eine davon jemals hineingekommen?»

«Nein», sagte Makepeace und erschauerte unwillkürlich. «Sie haben es versucht, aber … ich habe gegen sie angekämpft.»

«Wir müssen ganz sicher sein. Komm her. Lass mich dich anschauen.» Als Makepeace nervös näher trat, packte der alte Mann mit unerwarteter Kraft ihr Kinn.

Erschrocken blickte ihm Makepeace in die Augen. Und sofort roch sie die Falschheit wie Rauch.

Sein zerklüftetes Gesicht war grau und trüb, nicht aber seine Augen. Sie waren von einem dunklen Goldton und eiskalt. Sie verstand nicht, was das bedeutete, aber sie wusste, dass mit Obadiah etwas ganz und gar nicht stimmte. Sie wollte nicht in seiner Nähe sein. Sie war in Gefahr.

Seine Miene zuckte und bewegte sich leicht, als ob sein Gesicht ein Selbstgespräch führen würde. Dann schloss er seine alten Augen halb und betrachtete Makepeace durch die glänzenden Spalte.

Etwas passierte. Etwas berührte die wunden Stellen ihrer Seele, forschend, tastend. Sie krächzte protestierend auf und versuchte, sich aus Obadiahs Griff zu winden, aber seine Hände hielten sie so fest, dass es wehtat. Einen Augenblick lang war es, als ob sie wieder in ihrem Albtraum gefangen wäre, in ihrem dunklen Zimmer, mit der geschmolzenen Stimme an ihrem Ohr, während dieses tote Ding unbarmherzig an ihrem Geist kratzte.

Sie stieß einen kurzen, scharfen Schrei aus und rief die Wachsoldaten ihres Geistes zu Hilfe. In Gedanken schlug sie zu und fühlte, wie sich das tastende Bewusstsein zurückzog. Obadiahs Hand ließ ihr Kinn los. Makepeace taumelte rückwärts und fiel zu Boden. Sie rollte sich zu einer Kugel zusammen, kniff die Augen zu und presste die Hände auf die Ohren.

«Ha!» Obadiahs Ausatmen klang wie ein kurzes Lachen. «Vielleicht konntest du sie tatsächlich alle abwehren. Oh, hör auf zu wimmern, Kind! Ich werde dir für den Moment glauben, aber hör gut zu: Wenn eins von diesem toten Ungeziefer sich in deinem Gehirn eingenistet hat, bist du in Gefahr. Ohne unsere Hilfe kannst du es nicht loswerden.»

Makepeaces Herz schlug rasend schnell, und sie hatte Mühe zu atmen. Einen Augenblick lang hatte sie etwas von Grund auf Bösem ins Angesicht geblickt. Sie hatte es gesehen und es hatte sie gesehen. Und etwas hatte ihren Geist berührt wie sonst nur die Toten.

Aber Obadiah war nicht tot, oder doch? Makepeace hatte gesehen, wie er atmete. Sie musste sich irren. Vielleicht waren alle Aristokraten so angsteinflößend wie er.

«Eins muss dir klar sein», sagte er ohne einen Anflug von Wärme in der Stimme. «Niemand will dich. Nicht einmal die Familie deiner Mutter. Ich frage mich, was da draußen in der Welt mit dir geschehen würde. Würde man dich nach Bedlam bringen? Wenn nicht, würdest du vermutlich verhungern oder erfrieren oder man würde dich wegen der Lumpen, die du am Leib trägst, ermorden … wenn der tote Abschaum dich nicht zuerst erwischt.»

Es gab eine kurze Pause, dann sprach der alte Mann weiter. In seiner Stimme lag jetzt Ungeduld.

«Schaut sie Euch an, das zitternde, heulende Ding! Bringt sie irgendwohin, wo sie nichts kaputtmachen kann. Mädchen, du musst Dankbarkeit und Gehorsam an den Tag legen, und diese Anfälle müssen aufhören, oder wir jagen dich hinaus aufs Moor. Und da wird dich niemand mehr beschützen, wenn das Ungeziefer dich holt. Sie werden dein Gehirn aufschlagen und es auslöffeln wie das Gelbe vom Ei.»

KAPITEL 5

Ein junger, schlanker Diener führte Makepeace eine Treppe nach der anderen nach oben zu einem kleinen, engen Zimmer mit einem Bett, auf dem eine Matratze mit Baumwollfüllung lag, und einem Nachttopf. Die Fenster waren vergittert, aber die Wände mit Vögeln bemalt, und Makepeace fragte sich, ob es wohl früher einmal ein Kinderzimmer gewesen war. Der Diener, der fast selbst noch ein Kind war, hatte ein adlerähnliches Gesicht, wie der weißhaarige Mr. Crowe. Vielleicht waren sie verwandt.

«Sei dankbar für das, was du hast, und lass den Unfug mit dem Brüllen und dem Herumgrabschen, hörst du?», sagte er, als er ihr einen Krug mit Dünnbier und eine Schale mit Gemüseeintopf auf den Boden stellte. «Ansonsten gibt’s den Stock.»

Er zog die Tür hinter sich zu und drehte den Schlüssel im Schloss. Makepeace blieb verwirrt zurück. Herumgrabschen? Wann hatte sie je so etwas getan? Sie verstand gar nichts mehr.

Während sie die Schüssel leerte, starrte Makepeace durch die Gitter nach draußen in den grauen Himmel, auf den Innenhof und die Felder und das Moor jenseits der Einfriedung. Würde das hier ab heute für alle Zeit ihr Zuhause sein, dieses Turmgefängnis? Würde sie hier alt werden, weggesperrt, wo niemand sie sehen konnte, nur damit sie keinen Schaden anrichtete? Als die Wahnsinnige der Fellmotte-Familie?

Makepeace fand keine Ruhe. Ihr Kopf war vollgestopft mit Gedanken, und so lief sie in dem kleinen Zimmer auf und ab. Manchmal merkte sie, dass sie leise mit sich selbst redete oder dass ihr Murmeln tief, kehlig und wortlos geworden war.

Die Wände drehten sich um sie, als sie gegen sie ansprang, und die Tapete hing in Fetzen wie Birkenrinde. Sie kämpfte mit der Hitze und dem Lärm in ihrem Gehirn. Da war noch jemand im Zimmer, und er benahm sich sehr unvernünftig. Aber jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, war niemand da.

Schließlich gaben ihre Knie nach und sie taumelte zu Boden, wo sie liegen blieb. Sie fühlte sich viel zu groß und zu schwer, um sich jemals wieder zu bewegen, wie eine Landschaft. Wunde und juckende Stellen zogen über Berge und Täler, als wären es Reisende. Sie registrierte sie ohne Interesse, kurz bevor sie vom Schlaf verschluckt wurde.

Und in ihren Träumen lief sie durch einen Wald, konnte aber kaum zehn Schritte in eine Richtung machen, ehe ein Baumstamm vor ihr auftauchte, gegen den sie auch prompt prallte. Alle möglichen Vögel hockten im Geäst und zwitscherten und verspotteten sie. Der Himmel schimmerte grauschwarz wie die Flügel einer Dohle, und ihre Kehle war rau vom Brüllen.

Im Morgengrauen erwachte Makepeace völlig zerschlagen. Benommen starrte sie durch die Gitter vor dem Fenster auf den violett angehauchten Himmel, vor dem fettige Wolkenfetzen dahinzogen. Eine Fledermaus flatterte in ihr Blickfeld und verschwand wieder, wie ein dunkler Gedanke.

Sie lag nicht im Bett, sondern auf dem Boden, und jeder Knochen in ihrem Leib tat ihr weh.

Vorsichtig setzte sich Makepeace auf, wobei sie sich mit einer Hand abstützte, und zuckte zusammen. Der Schmerz war überall. Selbst ihre Hände brannten. Sie schaute sie an und sah dunkle Schrammen auf den Knöcheln. Ein paar ihrer Nägel waren schon zersplittert gewesen, aber jetzt waren einige bis ins Nagelbett hinein abgebrochen. An ihrer linken Schläfe und auf ihrer rechten Wange hatten sich empfindliche Schwellungen gebildet, und als sie mit den Fingern ihren Körper abtastete, spürte sie Prellungen an ihren Armen und an der Hüfte.

«Was ist mit mir passiert?», fragte sie sich laut.

Vielleicht hatte sie einen Anfall gehabt. Eine andere Erklärung fiel ihr nicht ein. Der Diener hatte ihr zwar mit dem Stock gedroht, aber sie hätte es wohl gemerkt, wenn er hereingekommen wäre und sie damit traktiert hätte.

Ich muss mich selbst verletzt haben. Sonst ist ja niemand da.

Wie eine höhnische Antwort auf diesen Gedanken hörte sie plötzlich ein Geräusch hinter sich.

Makepeace wirbelte herum und suchte nach dem Ursprung des Geräuschs. Nichts. Nur der leere Raum und das breiter werdende Rechteck aus glänzendem Morgenlicht, das durch das Fenster fiel.

Ihr Herz hämmerte. Das Geräusch war so erschreckend deutlich gewesen wie ein Atemzug gegen ihren Nacken, der ihr jetzt noch im Ohr kitzelte. Und doch hätte sie es einen Augenblick später nicht mehr beschreiben können.

Grob. Animalisch. Mehr wusste sie nicht.

Und dann roch sie etwas. Es stank nach heißem Blut, Herbstwald, nach nassem Hund oder Pferd, moschusartig und intensiv. Sie erkannte den Geruch sofort.

Sie war nicht allein.

Das ist unmöglich! Er hat sich selbst verzehrt! Und wir sind drei Tagesritte von Poplar entfernt! Wie hat er mich gefunden? Und sie vernichten doch Geister hier – wie konnte er nach Grizehayes gelangen, ohne dass jemand ihn bemerkt hat?

Aber es war so. Dieser Geruch war unverkennbar. Irgendwie – obwohl es eigentlich unmöglich war – hatte Bär Zugang zu ihrem Zimmer gefunden.

Makepeace wich zur Tür zurück, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war. Ihr Blick zuckte durch das Zimmer. Zu viele Schatten überall. Wichen sie zurück oder rückten sie vor? Waren da irgendwo durchsichtige Augen, die sie beobachteten?

Warum? Warum nur war er ihr gefolgt? Makepeace hatte Todesangst und fühlte sich gleichzeitig betrogen. Er hatte sich an seinen beiden Quälgeistern gerächt, aber sie hatte ihm doch gar nichts getan! Im Gegenteil – im Angel Inn hatte sie sogar den Eindruck gehabt, dass sie einander nahe gewesen waren, dass sie seinen Schmerz und seine Wut geteilt hatte und dass er ihr zu Hilfe gekommen war …

Aber er ist ein Geist. Und Geister wollen nur in deinen Kopf eindringen. Und außerdem ist er ein tumbes Tier und weiß nichts von Schuld und Sühne. Du Närrin. Hast du wirklich geglaubt, er sei dein Freund?

Und jetzt war sie mit ihm eingeschlossen. Sie konnte nirgends hin. Es gab keinen Ausweg.

Direkt neben ihrem Ohr ertönte plötzlich ein raues Geräusch. Glühend heiß. Ohrenbetäubend. Näher als nah.

Viel zu nah.

Makepeace geriet in Panik. Sie kreischte auf und rannte zur Tür, hämmerte mit den Fäusten gegen das Holz.

«Lasst mich raus!», schrie sie. «Ihr müsst mich rauslassen! Hier drin ist etwas! Hier drin ist ein Geist!»

Oh bitte, bitte mach, dass man eine Wache vor meine Tür gestellt hat! Bitte, bitte lass jemanden im Hof mich hören!

Sie rannte zum Fenster und versuchte, ihr Gesicht zwischen die Gitterstäbe zu quetschen.

«Hilfe!», schrie sie aus Leibeskräften. «Helft mir!»

Die kalten Stäbe brannten an ihren Wangen. Sie drückten gegen ihre linke Schläfe und ihre rechte Wange, genau dort, wo die Schwellungen saßen. Die Berührung erweckte eine Erinnerung. Das verschwommene Bild eines ähnlichen Moments, als sie ihren Kopf zwischen Stäbe stecken wollte, in dem Bestreben, sich zu befreien.

Makepeace hörte, wie ihr Schrei kehlig wurde, bis ein lang gezogenes, offenes Brüllen aus ihrem Mund drang. Und jetzt stemmte sie ihr Gesicht mit brutaler Kraft gegen die Eisenstäbe und versuchte, sich hindurchzuzwängen. Vor ihren Augen tanzten schwarze Punkte. Sie fühlte, wie ihre Hände hilflos an den Steinen kratzten, wie ihr die Haut von den Fingerspitzen geschält wurde.

Aufhören!, rief sie sich selbst zu. Aufhören! Was mache ich denn da?

Und da traf sie die Wahrheit wie eine Sternschnuppe.

O Gott. O Gott im Himmel. Ich bin ja so dumm.

Natürlich konnte Bär nach Grizehayes gelangen. Natürlich ist er hier.

Er ist in mir.

Ein blinder, wütender, verzweifelter Geist war in ihrem Innern. Ihre schlimmste Angst war Realität geworden. Und jetzt würde Bär in ihr herumstolpern und ihren eigenen Geist in Stücke schlagen. Er würde sie verletzen und ihren Körper zerschmettern in seinem irrsinnigen Verlangen, aus dem Turmzimmer zu entkommen.

Hör auf!

Voller Furcht rief sie ihre Gedankensoldaten auf den Plan, die Engel ihres Geistes. Sie tobten und wüteten, und sie hörte den Bären knurren. Mit einer übermenschlichen Anstrengung schloss sie die Augen und umfing sich selbst und Bär mit Dunkelheit. Die Nacht war voll mit stummem Lärm, denn ihr eigener Geist schrie vor lauter Angst genauso laut wie Bär.

Da passierte etwas. Ein Schlag erschütterte ihren Geist bis ins Mark. Einen kurzen Augenblick lang fühlte sie, wie ihre Seele ins Wanken geriet und darum kämpfen musste, aufrecht zu bleiben. Erinnerungen bluteten aus, Gedanken zerrissen. Der Bär hatte sie angegriffen.

Und doch war es dieser Schlag, der Makepeace die Angst nahm.

Er fürchtet sich. Er ist in Panik.

Sie stellte ihn sich vor, einen großen Bären, allein, verloren und gefangen in der Dunkelheit. Er verstand nicht, wo er war und warum sich sein Körper so seltsam und schwach anfühlte. Alles, was er wusste, war, dass er bedroht wurde; sein ganzes Leben lang wurde er schon bedroht …

Behutsam, aber entschlossen übernahm Makepeace wieder die Kontrolle über ihre Atmung. Einen Atemzug nach dem anderen sog sie mit erzwungener Ruhe in ihre Lungen und versuchte gleichzeitig, ihren Herzschlag zu verlangsamen. Sie schob die Angst, dass Bär sie von innen heraus zerfetzen würde, beiseite.

Ganz ruhig, flüsterte sie ihm in Gedanken zu.

Wieder stellte sie sich den Bären vor, aber jetzt stand sie im Geiste neben ihm, die Arme ausgestreckt, genau wie in jenem Moment, als sie versucht hatten, sich gegenseitig zu beschützen.

Ganz ruhig. Ganz ruhig, Bär. Ich bin’s.

Das stumme Brüllen wurde leiser und ging in ein unruhiges Knurren über. Vielleicht erkannte er sie, nur ein bisschen. Vielleicht verstand er allmählich, dass er nicht angegriffen wurde.

Ich bin dein Freund, sagte sie zu ihm. Und dann: Ich bin deine Höhle.

Höhle. Er kannte keine Worte, aber Makepeace fühlte, wie er die Vorstellung zögernd annahm, wie einen Apfel, den sie ihm darbot. Vielleicht hatte er niemals in der Wildnis gelebt, sondern war bereits in Gefangenschaft geboren worden. Aber er war immer noch ein Bär, und tief in seiner Seele wusste er, was eine Höhle war. Eine Höhle war kein Gefängnis. Eine Höhle war Geborgenheit.

Während er sich allmählich beruhigte, fragte sich Makepeace, wie ihr seine Gegenwart in ihrem Kopf nur hatte entgehen können. Vielleicht waren ihre Übelkeit und ihr merkwürdiges Verhalten das Resultat ihres Bestrebens gewesen, in ihrem Geist Platz für ihn zu schaffen.

Und er war riesig, wenn ein solches Wort auf ein Geistwesen überhaupt zutreffen konnte. Makepeace spürte nun seine gedankenlose Stärke. Vermutlich könnte er ihren Geist genauso leicht zerschmettern wie seine Pranken ihre Kehle hätten herausreißen können, als er noch am Leben gewesen war. Aber er war jetzt ruhiger, und sie merkte, wie er die Kontrolle über ihren Körper ein Stück weit an sie zurückgab. Wenigstens konnte sie wieder schlucken, ihre Schultern entspannen und ihre Finger bewegen.

Makepeace raffte ihren ganzen Mut zusammen und öffnete langsam die Augen. Sie schaute bewusst nicht zum Fenster. Gitter bedeuteten Gefangenschaft für Bär, und sie wollte nicht, dass er wieder in Panik geriet. Stattdessen blickte sie auf ihre Hände.

Sie ließ Bär sie sehen und krümmte langsam die Finger, damit er begriff, dass dies die einzigen Tatzen waren, die er jetzt noch hatte. Sie zeigte ihm die zerbrochenen und gesplitterten Nägel und die blutigen Fingerspitzen. Keine Krallen, Bär. Tut mir leid.

Ein kleines, dunkles Beben durchzog Bär. Dann senkte er Makepeaces Kopf und leckte mit ihrer Zunge über die verwundeten Finger.

Er war ein Tier und kannte weder Schuld noch Sühne. Er war ein Geist, dem man nicht vertrauen konnte. Vielleicht versorgte der Bär einfach nur instinktiv seine Verletzungen. Aber das Lecken war sehr sanft, als ob sie ein verwundetes Bärenjunges wäre.

Als der junge Diener mit einer Gerte das Zimmer betrat, um Makepeace zu züchtigen, weil sie «wie eine Heidin geheult und alle Teufel aus der Hölle herbeigerufen» hatte, war Makepeaces Entschluss gefasst. Sie würde Bär nicht verraten.

Lord Fellmotte hatte behauptet, es sei gefährlich, einen wilden Geist im Kopf zu haben, und vielleicht sprach er die Wahrheit. Aber sie mochte Obadiah nicht. Unter seinem Blick hatte sie sich wie eine Maus im Eulenrevier gefühlt. Wenn sie ihm von Bär erzählte, würde er Bär aus ihr herauszerren und vernichten.

Es war riskant, einem solchen Mann etwas vorzuenthalten. Wenn er jemals herausfand, dass Makepeace ein solches Geheimnis hatte, dann würde er vermutlich sehr wütend werden. Vielleicht würde er sie auf dem Moor aussetzen, wie er gedroht hatte, oder sie nach Bedlam schicken, wo man sie ankettete und auspeitschte.

Aber sie war froh, dass niemand auf ihre Hilferufe reagiert hatte. Bär hatte im Leben nie eine Chance gehabt. Sie war alles, was Bär hatte. Und Bär war alles, was sie hatte.

Und so sagte sie nichts, als die Gerte ein halbes Dutzend Mal auf ihre Schultern und ihren Rücken niedersauste. Die Hiebe stachen, und Makepeace wusste, dass sie Striemen hinterlassen würden. Sie kniff die Augen zusammen und gab sich alle Mühe, Bär in ihrem Geist ruhig zu halten. Wenn sie wieder die Kontrolle verlor und zuschlug, dann würde früher oder später jemand auf die Idee kommen, dass sie womöglich einen geisterhaften Passagier in sich trug.

«Das bereitet mir kein Vergnügen, weißt du», sagte der junge Mann mit frömmelnder Stimme, und Makepeace dachte, dass er das vermutlich tatsächlich glaubte. «Es ist zu deinem eigenen Besten.» Er hatte wahrscheinlich noch niemals so viel Macht über einen anderen Menschen gehabt.

Als er ging, standen Tränen in Makepeaces Augen, und sie hatte den Eindruck, als würde jemand rot glühende Eisen in das Fleisch auf ihrem Rücken drücken. Das Gefühl löste Erinnerungen aus, die aber nicht ihre eigenen waren.

Gitarrenklänge und Tamburinrasseln vibrierten in ihren Knochen und erschufen ein Bild von glühenden Kohlen unter ihren weichen, kindlichen Tatzen, die sie zum Tanzen zwangen. Sie torkelte und wollte sich auf alle viere fallen lassen, was ihr einen Schlag auf ihre empfindliche Schnauze einbrachte.

Es waren die Erinnerungen von Bär an seine frühe Kindheit, als man ihn abgerichtet hatte. Sie fühlte, wie sie um seinetwillen wütend wurde, und umarmte sich selbst, weil dies die einzige Möglichkeit war, wie sie ihn umarmen konnte.

In diesem Moment teilten Makepeace und Bär eine Erkenntnis. Manchmal musste man geduldig sein, weil man ansonsten noch mehr Schmerzen erlitt. Manchmal musste man alles aushalten und einstecken. Wenn man Glück hatte und wenn alle Welt dachte, man sei gezähmt und gebändigt … dann mochte eine Zeit kommen, wo man zurückschlagen konnte.

KAPITEL 6

Makepeace erwachte von einem leisen Geräusch. Tink, tink, tink. Einen Augenblick lang war sie verwirrt, bis ihre schmerzenden und wunden Glieder sie wieder daran erinnerten, wo sie war. Man hatte ihr weder eine Kerze noch ein Binsenlicht anvertraut, und so kam die einzige Helligkeit von dem Fenster.

Verblüfft erkannte sie einen Kopf am Fenster, der dunkel vor dem violetten Abendhimmel stand. Während sie noch hinstarrte, kam eine Hand in Sicht, die an die Gitterstäbe klopfte. Tink, tink, tink.

«Hey!», tönte ein Flüstern.

Schwankend stand Makepeace auf und humpelte zum Fenster. Zu ihrer Überraschung sah sie, dass sich ein schlaksiger Junge von etwa vierzehn Jahren an die Außenwand klammerte. Er schien auf einer Art schmalem Vorsprung zu balancieren und hielt sich mit einer Hand an den Gitterstäben fest. Er hatte kastanienbraunes Haar und ein freundliches, hässliches, eigenwilliges Gesicht. Dass hinter ihm ein vier Stockwerke tiefer Abgrund gähnte, schien ihn nicht zu kümmern. Seine Kleidung war besser als ihre, fast zu gut für einen Dienstboten.

«Wer bist du?», fragte sie.

«James Winnersh», antwortete er, als ob das alles erklären würde.

«Was willst du?», zischte sie. Sie war sich ganz sicher, dass er eigentlich nicht hier sein durfte. Sie hatte auch gehört, dass manche Leute Bedlam nur deswegen besuchten, um sich über die Wahnsinnigen lustig zu machen, und sie war nicht in Stimmung für Hohn und Gekicher.

«Ich wollte dich sehen!», sagte er immer noch flüsternd. «Komm her. Ich will mit dir reden.»

Zögernd näherte sie sich dem Fenster. Sie spürte, dass Bär sich in der Nähe von Menschen unbehaglich fühlte, und sie wollte nicht, dass er die Beherrschung verlor. Als das Licht von draußen auf ihr Gesicht fiel, stieß der Junge am Fenster ein kleines Lachen aus, das sowohl jubilierend als auch ungläubig klang.

«Es stimmt also! Du hast das gleiche Kinn wie ich!» Er berührte die Spalte in seinem eigenen Kinn, die genauso aussah wie ihre. «Ja», erklärte er, als sie große Augen machte, «das ist unser Vermächtnis. Sir Peters Daumenabdruck.»

Das Blut stieg Makepeace in die Wangen, als ihr klar wurde, was er meinte. Sie war nicht das einzige uneheliche Kind von Sir Peter. Tief in ihrem Inneren hatte Makepeace glauben wollen, dass sich ihre Eltern geliebt hatten, damit ihre Existenz eine Bedeutung bekam. Aber nein, Mutter war nur eine kurze Affäre für ihn gewesen, nicht mehr.

«Ich glaube dir nicht!», zischte Makepeace, obwohl sie es tat. «Nimm das zurück!» Sie ertrug es einfach nicht. In der seltsamen Weißglut des Augenblicks hätte sie am liebsten die Gitterstäbe aus dem Mauerwerk gerissen und ihn damit verprügelt.

«Du hast ja ein ganz schönes Temperament», sagte er erstaunt. Und Makepeace teilte sein Erstaunen – noch nie hatte jemand so etwas über sie gesagt, und schon gar nicht mit einem Anflug von Anerkennung. «Du bist tatsächlich wie ich. Pst! Weck nicht gleich das ganze Haus auf!»

«Was machst du hier?», fragte Makepeace mit leiserer Stimme.

«All die anderen Dienstboten reden über dich», gab der Junge bereitwillig Auskunft. «Young Crowe sagt, du seist verrückt, aber ich habe ihm nicht geglaubt.» Aha, der adlergesichtige junge Diener, der sie geschlagen hatte, war also tatsächlich der junge Crowe. «Auf der anderen Seite des Turms gibt es noch ein Fenster, da bin ich rausgeklettert und dann auf dem Sims hier herüberbalanciert.» Er grinste über seine Erfindungsgabe.

«Was, wenn du dich irrst? Was, wenn ich doch verrückt bin und dich jetzt runterstoße, in den sicheren Tod?» Makepeace fühlte sich immer noch gekränkt und in die Enge getrieben, aus keinem bestimmten Grund. Warum wollte ständig irgendjemand etwas von ihr, sei er nun lebendig oder tot? Konnte man sie und Bär nicht einfach in Ruhe lassen?

«Mir kommst du aber gar nicht verrückt vor», sagte James mit aufreizender Selbstsicherheit, «und ich glaube nicht, dass du stark genug bist. Wie heißt du?»

«Makepeace.»

«Makepeace? Oh, ich vergaß, du bist ja Puritanerin.»

«Bin ich nicht!», gab Makepeace zurück und wurde rot. Die gottesfürchtigen Leute von Poplar hatten sich nie als Puritaner bezeichnet, und als Obadiah sie so genannt hatte, hatte sie gemerkt, dass das Wort abfällig gemeint war.

«Haben da, wo du herkommst, alle solche Namen?», fragte James unbeirrt weiter. «Ich habe gehört, dass sie Fight-the-Good-Fight heißen, Spit-in-the-Eye-of-the-Devil, Sorry-for-Sin, Miserable-Sinners-are-We-All und so weiter.»

Makepeace gab keine Antwort. Sie war sich nicht sicher, ob er sich über sie lustig machte, denn in der Gemeinde von Poplar hatte es tatsächlich einen Sorry-for-Sin gegeben, kurz Sorry genannt.

«Geh weg!», sagte sie stattdessen.

«Ich bin gar nicht überrascht, dass man dich eingesperrt hat.» James kicherte. «Temperament wird hier im Haus nicht sonderlich geschätzt. Hör zu, ich finde eine Möglichkeit, dich da rauszuholen. Sir Thomas wird bald wieder in Grizehayes sein. Er ist Obadiahs Enkel, Sir Peters älterer Bruder. Er mag mich. Ich werde sehen, ob ich ein gutes Wort für dich einlegen kann.»

«Warum?», fragte Makepeace perplex.

James starrte sie genauso verständnislos an.

«Weil du meine kleine Schwester bist», sagte er.

Als er weg war, gingen Makepeace seine Worte nicht aus dem Sinn. Es sah ganz so aus, als ob sie einen Bruder hatte. Aber was bedeutete das schon? Wenn das, was James gesagt hatte, stimmte, dann war Lord Obadiah ihr Großvater, und in den Augen des alten Mannes hatte sie keine verwandtschaftliche Wärme erkennen können. Nur weil man dasselbe Blut hatte, hieß das noch lange nicht, dass man jemandem seine Geheimnisse anvertrauen konnte.

Und doch schien es James für selbstverständlich zu halten, dass er und Makepeace auf derselben Seite standen.

Aber die Tage vergingen, und James kehrte nicht zurück. Makepeace begann zu fürchten, dass sie zu abweisend gewesen war. Es dauerte nicht lange, und sie hätte alles dafür gegeben, ein freundliches Gesicht zu sehen.

Young Crowe war nicht nur ihr Wächter, sondern auch ihr Richter. Wenn sie widersprach, aufschrie oder störrisch schwieg, interpretierte er das als Zeichen einer melancholischen Geisteskrankheit. Zur Strafe erhielt sie ein paar schmerzhafte Schläge auf die Schienbeine oder Arme.

Makepeace hatte alle Mühe, Bär davon abzuhalten, zurückzuschlagen. Ihr Blick verdunkelte sich und sein Zorn drohte sie beide zu verschlingen. Nach den Besuchen von Young Crowe marschierte Bär stundenlang in dem kleinen Zimmer auf und ab und bellte manchmal mit ihrer Stimme auf. Manchmal gab es Momente, in denen er sie anscheinend verstand und sie ihn beruhigen konnte. Manchmal war es aber auch so, als würde man mit einer Gewitterwolke reden. Er begriff weder die Gitterstäbe noch Makepeaces körperliche Grenzen, noch ihr Verlangen, hin und wieder den Nachttopf zu benutzen.

Nachdem Bär ihre Schale quer durch das Zimmer geschleudert und zerbrochen hatte, legte man Makepeace Fußeisen an. In den darauffolgenden Tagen hielt man sie jeden Morgen fest und goss ihr ein rötliches Gebräu in die Nase, das nach Roter Beete roch und ihr «Gehirn kühlen» sollte. Als man sie beim Weinen erwischte, flößte man ihr eine Suppe ein, auf die sie erbrechen musste, um die «schwarze Galle» loszuwerden, die der Grund für ihre «Melancholie» war.

Bär war fremd und gefährlich und machte alles nur noch schlimmer. Trotzdem hielt sie an ihm fest. Sie hatte einen unsichtbaren Freund, und nur deshalb konnte sie die Verzweiflung in die Schranken weisen. Sie hatte jemanden, den sie beschützen wollte und der stumm in ihr tobte, weil er für sie das Gleiche tun wollte. Wenn sie schlief, war ihr, als ob sie sich um etwas Kleines, Rundliches kuschelte, wie um ein Bärenbaby, das gleichzeitig groß und warm war und sie umfasste, um sie vor der Welt zu bewahren.

Eines Tages ließ Young Crowe sie auf eine Trage fesseln und bedeckte ihr Gesicht mit einem Tuch. Sie wurde über die vielen Stufen nach unten getragen – oder besser gesagt: gekippt – und in einen Raum gebracht, in dem es heiß war und nach Rauch, Fleisch, Gewürzen und Zwiebeln roch.

«Kehrt die glühenden Kohlen aus, die Steine halten die Hitze noch lange genug. Helft mir, wir müssen ihren Kopf in den Ofen halten, nicht zu weit hinein …»

Makepeace wehrte sich, aber die Fesseln hielten sie fest. Sie fühlte das Ruckeln der Trage, als man sie anhob, dann die sengende Hitze des Ofens auf ihrem Gesicht, trotz des Tuchs. Sie konnte kaum noch atmen, und die heiße, rauchige Luft brannte in ihren Lungen. Ihre Haut stach und kribbelte, und sie schrie vor Angst auf, weil sie dachte, dass ihre Augen gleich anfangen würden zu kochen …

«Was machst du da, Crowe?», fragte eine fremde Stimme.

«Sir Thomas!» Der junge Crowe klang mit einem Mal eingeschüchtert. «Wir wollen das Lightfoot-Mädchen von ihrer Melancholie heilen. Die Hitze des Ofens wird alle ungeordneten Einbildungen aus ihrem Kopf herausschwitzen. Es ist eine bewährte Methode … hier in diesem Buch gibt es ein Bild davon …»

«Und was hast du dann mit ihr vor? Willst du sie mit Radieschen und Senf zum Abendessen servieren? Hol das Mädchen aus dem Ofen, Crowe. Ich will mit ihr reden, und das kann ich nicht, während sie gebacken wird.»

Ein paar Minuten später saß Makepeace, die immer noch vor Rauch und Tränen nur verschwommen sehen konnte, allein in einem kleinen Zimmer mit Sir Thomas Fellmotte, Obadiahs Erben.

Er hatte hellbraune Augen, eine joviale Art und eine Stimme, die in den Wald oder auf die Wiese gehörte. Auf den zweiten Blick erst sah sie das Grau in seinem langen, vornehm in Locken gelegten Haar und die Kummerlinien auf seinen Wangen. Erst da erkannte sie, dass er nicht mehr jung war. Sein Kinn wies die vertraute vertikale Spalte auf. Makepeace erinnerte sich daran, dass Sir Thomas der Bruder ihres Vaters war.

Zu ihrer Erleichterung erfüllte er sie nicht mit jener kalten Angst wie Obadiah. Er betrachtete sie mit einem warmen, menschlichen Blick, in dem ein bisschen Übermut lag.

«Ah», sagte er leise. «Du hast wirklich die Augen meines Bruders. Aber da ist auch jede Menge von Margaret in dir, wie mir scheint.» Eine Weile starrte er sie an, als ob ihr Gesicht die Kristallkugel einer Wahrsagerin wäre, in der er das Antlitz der Toten sehen konnte.

«Makepeace, nicht wahr?», fragte er unvermittelt in einem brüsken Ton. «Der Name für einen wahren Moralapostel, aber trotzdem ganz hübsch. Sag, Makepeace, bist du ein braves, hart arbeitendes Mädchen? James behauptet, du seist so vernünftig wie ein sonniger Nachmittag und würdest dich nicht scheuen, dir deinen Lebensunterhalt zu verdienen. Stimmt das?»

Makepeace wagte kaum zu hoffen; eifrig nickte sie mit dem Kopf.

«Dann bin ich mir sicher, dass wir einen Platz für dich bei den Dienstboten finden.» Er schenkte ihr ein freundliches, nachdenkliches Lächeln. «Was kannst du denn?»

Alles, hätte Makepeace fast gesagt. Ich werde alles tun, wenn Ihr mich nur vor dem Vogelzimmer und vor Young Crowe rettet. Aber gerade noch rechtzeitig dachte sie an Obadiahs tote Augen. Alles, wenn ich dabei nur seiner Lordschaft nicht zu nahe kommen muss …

«Ich kann kochen!», sagte sie dann schnell, einer Eingebung folgend. «Ich kann Butter stampfen und Kuchen backen, Brot und Suppe machen und Tauben rupfen …» Sie hatte die Küche in Grizehayes unter ungünstigen Umständen kennengelernt, aber wenn sie dort arbeitete, musste sie Obadiah nicht unter die Augen treten.

«Ich werde mich darum kümmern», verkündete Sir Thomas. Er ging zur Tür, dann zögerte er. «Ich … ich habe oft an deine Mutter gedacht. Sie war so jung, als sie aus Grizehayes weglief, gerade mal fünfzehn, ganz allein in der Welt und mit einem unehelichen Kind.» Er runzelte die Stirn und zwirbelte an einem Jackenknopf. «War sie … war sie glücklich in dem Leben, das sie erwählt hatte?»

Makepeace wusste nicht, was sie darauf sagen sollte. Im Augenblick waren die Erinnerungen an ihre Mutter noch zu schmerzvoll, um sie hervorzuholen, wie scharfe Glassplitter.

«Manchmal», sagte sie schließlich.

«Nun», sagte Sir Thomas, «mehr kann man wohl nicht verlangen.»

KAPITEL 7

Noch am selben Nachmittag wurde Makepeace in frischer, sauberer Kleidung einer neugierigen Horde von anderen Dienstboten präsentiert. Nach der Dunkelheit und Isolation in dem kleinen Zimmer kam ihr alles sehr laut und sehr hell vor. Alle türmten sich über ihr auf, alles war ihr fremd, und Makepeace vergaß sofort alle Namen, die man ihr nannte.

Die Mägde waren anfangs scheu, doch dann bestürmten sie Makepeace mit Fragen über ihren Namen, über London und die gefährliche Welt außerhalb von Grizehayes. Niemand fragte nach ihrer Familie, und Makepeace nahm an, dass ihre Abstammung bereits allseits bekannt war.

Alle schienen der Überzeugung zu sein, dass Makepeace sehr froh und dankbar war, aus ihrem früheren Zuhause «gerettet» worden zu sein. Und alle stimmten darin überein, dass ein weiteres Paar Hände in der Küche sehr willkommen war.

«In der Küche ist sie am besten aufgehoben, meine ich», sagte eine Frau rundheraus. «Sie ist kaum ansehnlich genug, um der Familie aufzuwarten, nicht wahr? Seht sie euch an, die kleine fleckige Katze.»

«Wir haben einen französischen Koch», erklärte eine andere Frau Makepeace, «aber kümmere dich gar nicht um ihn, er ist nur zum Angeben da. Französische Köche kommen und gehen so regelmäßig wie die Apfelblüte. Es ist Mistress Gotely, der du gefallen musst.»

Makepeace wurde also zur Arbeit in die Küche geschickt, die so groß wie eine Höhle war, die Decke geschwärzt von Generationen von Rauch. Die Kochstelle war so riesig, dass Makepeace sechsmal darin Platz gehabt hätte. An den Dachbalken hingen Kräuterbündel, und an den Wänden glänzten die Zinnplatten. Seit Bär ihr heimlicher Passagier war, hatte Makepeace einen empfindlicheren Geruchssinn bekommen. Die Düfte in der Küche drangen mit einer irrsinnigen Wucht auf sie ein – herbe Kräuter und Gewürze, gesottenes Fleisch, Wein, Soße und Rauch. Sie fühlte, wie Bär unruhig wurde. Die Gerüche verwirrten ihn – und machten ihn hungrig.

Mistress Gotely war auf dem Papier lediglich die zweite Köchin, aber in Wirklichkeit die Königin der Küche. Sie war eine große Frau mit einem kräftigen Kiefer, einem gichtkranken Bein und wenig Verständnis für Narreteien. Und natürlich machte Makepeace ganz den Anschein einer Närrin, tollpatschig und unsicher, wie sie war. Sie wollte verzweifelt beweisen, wie nützlich sie sich machen konnte, damit niemand auf die Idee kam, sie wieder in das Vogelzimmer zu sperren. Das allein wäre schlimm genug gewesen, auch ohne einen Geisterbären in ihrem Kopf. Bär mochte weder die Hitze in der Küche noch die Dunkelheit und das Geklapper. Blutgeruch machte ihn fast verrückt, sodass die eine Hälfte ihres Geistes ständig damit beschäftigt war, ihn zu beruhigen.

Nach einer chaotischen und hastigen Einführung in die Abläufe der Hauswirtschaft mit der Spülküche, dem Weinkeller, der Speisekammer und den anderen Räumen ging Mistress Gotely mit Makepeace hinaus in den Hof, wo sich der Brunnen mit der Pumpe, die Kornkammer und das Feuerholz befanden.

In der Sonne sah Grizehayes anders aus. Das graue Mauerwerk hatte an den Stellen, wo es mit Flechten bewachsen war, einen goldenen Schimmer.

Es war ein bunt zusammengewürfeltes Haus: Alte, rissige Steine wechselten sich mit ordentlich geschnittenen grauen Quadern ab, und die Schieferdächer zierten Türmchen und kirchenähnliche Bögen. Makepeace sah Dinge, die bewiesen, dass das Anwesen nicht nur von Geistern bewohnt war: Teppiche hingen aus den Fenstern und wurden ausgeklopft und Rauch quoll aus den großen roten Schornsteinen.

Es ist ein echtes Haus, sagte sich Makepeace. Hier leben Menschen. Ich könnte hier leben.

Blinzelnd blickte sie zu den sonnenbeschienenen Mauern hoch, und dann erschauerte sie unwillkürlich. Es war, als ob man jemandem ins Antlitz blickte, der nur mit dem Mund lächelte, nicht mit den Augen. Irgendwie schaffte es dieses Haus, selbst das Tageslicht kalt wirken zu lassen.

Das Anwesen samt Ställen und dem mit Steinplatten ausgelegten Innenhof wurde von einer sieben Fuß hohen Mauer umgeben. Drei riesige Doggen waren an einer Mauerseite angekettet. Als Makepeace näher kam, sprangen sie auf und schossen auf sie zu, bis sie das Ende ihrer Ketten erreicht hatten. Dann stiegen sie auf die Hinterbeine und knurrten den fremden Geruch an. Makepeace machte einen Satz rückwärts; das Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie fühlte, dass auch Bär Angst hatte, spürte ihn wie ein scharlachrotes Nebelwesen, das nicht wusste, ob es die gefletschten Zähne angreifen oder vor ihnen fliehen sollte.

In der umlaufenden Mauer klaffte ein großes Tor, das breit genug für eine vierspännige Kutsche war. Durch die Öffnung sah Makepeace Felder und dahinter das trostlose Moor, in dem sich die Grasinseln wie Federbüsche hochwölbten. Sie dachte an Obadiahs Drohung, sie dort auszusetzen, wo sie erfrieren oder ein herumwandernder Geist ihr Gehirn verzehren würde.

Sei dankbar für das, was du hast, ermahnte sie sich und wiederholte damit die Worte von Young Crowe. Es ist besser, unten in der Küche zu arbeiten, als oben im Vogelzimmer eingesperrt zu sein. Und im Vogelzimmer war es immer noch besser als in der Irrenanstalt von Bedlam. Und selbst Bedlam wäre besser gewesen, als da draußen in der Kälte von verrückten Geistern aufgefressen zu werden.

Tief atmete sie die frische Luft ein und betrachtete wieder die hohen, dicken, sonnenbeschienenen Mauern. Ich kann mich glücklich schätzen, redete sie sich ein. Besser hier drin als da draußen. Grizehayes war fremd und furchteinflößend, aber es war eine Festung. Die Dunkelheit konnte nicht hineingelangen. Doch obwohl sie mit aller Macht daran glauben wollte, fragte sie sich ständig, warum ihre Mutter von hier geflohen war. Ihre Worte gingen ihr nicht aus dem Sinn.

Du hast ja keine Ahnung, wovor ich dich bewahrt habe! Wenn ich in Grizehayes geblieben wäre …

Den ganzen Tag lang unternahm Makepeace heroische Anstrengungen, um sich bei Mistress Gotely beliebt zu machen. Und dann, in der Hektik der Vorbereitungen für das Abendessen, ruinierte sie alles wieder.

Neben dem Herd rannte ein kleiner Küchenhund in einer Tretmühle, einem hölzernen Rad, das an der Wand befestigt war und mit dessen Hilfe der mächtige Bratspieß über dem Feuer gedreht wurde. Der Schwanz des kleinen, hässlichen Hundes war nur noch ein kurzer Stummel und sein Maul war von Hitze und Alter zerknittert. Er keuchte in der rauchigen Luft. Mistress Gotely hatte die Angewohnheit, ihm glühende Kohle vor die Pfoten zu werfen, damit er schneller rannte. Das war mehr, als Makepeace ertragen konnte.

Sie hatte noch lebhaft die Erinnerung an Bärs Kindheit und die glühenden Kohlen im Kopf, über die man ihn zu gehen zwang, damit er «tanzte». Jedes Mal, wenn ein Glutstückchen von dem Rad abprallte und die Funken aufstoben, erinnerte sie sich … fühlte es … fühlte den sengenden Schmerz unter ihren Tatzen …

«Aufhören!», schrie sie schließlich. «Lasst ihn in Ruhe!»

Mistress Gotely starrte sie verblüfft an, und Makepeace erschrak über ihren Ausbruch. Aber sie war so wütend, dass sie sich einfach nicht entschuldigen konnte. Sie stand bloß vor der Tretmühle und bebte vor Zorn.

«Was hast du gesagt?» Die zweite Köchin versetzte ihr einen deftigen Schlag auf den Kopf, der Makepeace zu Boden warf.

Bär tobte, und Makepeaces Wange brannte wie Feuer. Es wäre so einfach gewesen, nachzugeben und sich an diesen dunklen Ort zu begeben, Bär die Kontrolle zu überlassen und zuzusehen, wie er alles ringsum verwüstete … Sie schluckte und verscheuchte diese Gedanken aus ihrem Kopf.

«Er würde schneller laufen», sagte sie erstickt, «wenn seine Pfoten nicht ständig verbrannt wären! Ich könnte mich um ihn kümmern. Ich werde dafür sorgen, dass er schneller läuft, als sie es je erlebt haben.»

Mistress Gotely packte sie am Kragen und stellte sie auf die Füße.

«Es ist mir egal, wie dich deine sturköpfige Mutter erzogen hat», knurrte sie. «Das hier ist meine Küche. Außer mir schreit hier niemand herum!» Sie knuffte Makepeace ein paar Mal auf den Kopf und die Schultern und schnaubte dann genervt. «Von mir aus, ab jetzt ist der Hund dein Problem. Wenn er langsam läuft, nimmst du seinen Platz ein und drehst den Spieß. Und wehe, ich höre dich über die Hitze jammern!»

Zu Makepeaces Überraschung und Erleichterung meldete die alte Köchin den Vorfall nicht; man legte sie auch nicht wieder in Eisen. Im Gegenteil, von nun an herrschte zwischen ihnen beiden eine entspanntere Stimmung, auf eine wachsame, reservierte Art. Sie hatten einander getestet und gemerkt, wo die Grenzen der jeweils anderen lagen, wie spitze Felsen unter einer friedlich scheinenden Wasseroberfläche.

Als sie schließlich vor der großen Feuerstelle ihr eigenes Abendessen zu sich nahmen, war die griesgrämige Stille fast kameradschaftlich. Die Köchin kaute an einer Scheibe des harten dunklen Brots, das Makepeace ihr Leben lang gegessen hatte. Doch dann hielt ihr Mistress Gotely ein Stück Weißbrot mit einer goldenen Kruste hin, wie es die reichen Leute aßen. Makepeace starrte es nur an.

«Glotz nicht so», fuhr die Köchin sie an. «Iss. Lord Fellmottes Befehl.» Makepeace biss zögernd hinein und bestaunte die Süße und die Weichheit, die unter ihren Zähnen nachgab. «Sei dankbar und stell keine Fragen.»

Makepeace kaute und wunderte sich über diesen seltsamen Anflug von Freundlichkeit des frostigen Obadiah. Dann fragte sie trotzdem.

«Ihr sagtet, meine Mutter sei sturköpfig gewesen», sagte sie kauend. «Habt Ihr sie gekannt?»

«Ein bisschen», nickte Mistress Gotely, «obwohl sie hauptsächlich oben gearbeitet hat.» ‹Oben›, das klang wie ein weit entferntes Land, Frankreich etwa.

«Stimmt es, dass sie weggelaufen ist? Oder hat man sie aus dem Haus gejagt, weil sie ein Kind erwartete?» Makepeace wusste, dass so etwas nicht selten geschah.

«Nein», sagte Mistress Gotely. «Oh nein, sie hätten sie nie fortgeschickt. Sie ist aus freiem Willen gegangen, ohne ein einziges Wort zu irgendjemandem.»

«Warum?»

«Woher soll ich das wissen? Sie war ein verschwiegenes Ding. Hat sie es dir nicht gesagt?»

«Sie hat mir gar nichts gesagt», erwiderte Makepeace ausdruckslos. «Ich wusste nicht einmal, wer mein Vater ist. Das habe ich erst erfahren, nachdem sie gestorben war.»

«Aber … jetzt weißt du es?», fragte die alte Köchin und warf ihr einen scharfen Seitenblick zu.

Makepeace zögerte und nickte dann.

«Tja, früher oder später hättest du es sowieso herausgefunden.» Die Köchin nickte langsam. «Alle hier wissen es – es ist genauso wenig zu übersehen wie das Kinn da in deinem Gesicht. Aber … ich würde nicht herumlaufen und allzu offen darüber reden. Die Herrschaften könnten denken, du wärst vermessen und würdest Ansprüche stellen. Sei dankbar für das, was du hast, und mach keinen Ärger. Dann wirst du zurechtkommen.»

«Könnt Ihr mir denn sagen, wie er war?», fragte Makepeace.

Die Köchin seufzte und rieb sich mit einem wehmütigen und zärtlichen Blick das Bein.

«Ach, der arme Sir Peter! Hast du James Winnersh kennengelernt? Er ist Sir Peter in vielem sehr ähnlich. James ist ein rücksichtsloser Taugenichts, aber er hat ein gutes Herz. Er macht Fehler, aber er macht sie aus ehrlicher Überzeugung.»

Makepeace fing an zu verstehen, warum Sir Thomas James gernhatte, er erinnerte ihn an seinen toten Bruder.

«Was ist passiert? Wie ist Sir Peter gestorben?», fragte sie.

«Er hat versucht, auf einem Pferd, das zu erschöpft war, eine Hecke zu überspringen, die zu hoch war», antwortete die Köchin seufzend. «Das Pferd stürzte und fiel auf ihn drauf. Er war noch so jung, gerade einmal zwanzig.»

«Warum war denn das Pferd so erschöpft?», hörte Makepeace sich fragen.

«Tja, das werden wir wohl nie erfahren, was?», erwiderte Mistress Gotely scharf. «Aber … einige behaupten, er hatte es zuschanden geritten, als er nach deiner Mutter suchte. Es passierte zwei Monate, nachdem sie verschwunden war.» Sie betrachtete Makepeace mit einem Stirnrunzeln.

«Du warst ein Fehler, Mädchen», sagte sie sachlich. «Aber ein Fehler aus ehrlicher Überzeugung.»

An diesem Abend erfuhr Makepeace, dass sie als jüngstes und niedrigstes Mitglied des Küchenpersonals nicht mit den anderen Mägden zusammen in einem Bett schlafen durfte. Stattdessen musste sie mit einer Strohmatratze unter dem Tisch vorliebnehmen und dafür sorgen, dass das Feuer nicht ausging. Sie war nicht allein. Der Küchenhund und zwei der großen Doggen schliefen ebenfalls vor dem Feuer.

Bär war nicht glücklich über die Hunde, aber wenigstens war ihm ihr Geruch nicht fremd. Hunde hatten große, laute und grausame Mäuler, aber sie gehörten zum Leben dazu. Hundegeruch auf dem Markt, Hundegeruch nachts am Lagerfeuer.

Mitten in der Nacht wurde Makepeace von einem lang gezogenen, rumpelnden Knurren dicht an ihrem Ohr aus dem Schlaf geschreckt. Einer der großen Hunde war wach. Einen Moment lang hatte sie Angst, dass er sie gewittert hatte und für einen Eindringling hielt, doch dann hörte sie leise, schlurfende Schritte, zu leicht, als dass sie von der Köchin stammen konnten. Jemand war in der Küche.

«Komm raus!», hörte sie James’ leise Stimme. «Nero wird dich nicht beißen – es sei denn, ich befehle es ihm.» Er grinste, als Makepeace unter dem Tisch vorgekrochen kam. «Ich hab dir doch gesagt, dass ich dich aus dem Turm raushole!»

«Danke», sagte Makepeace zögernd. Sie hielt immer noch gebührenden Abstand. Mittlerweile hatte sie ein gutes Gespür dafür bekommen, wie nah Bär fremden Menschen kommen konnte, ohne unruhig zu werden. Auch jetzt spürte sie eine leise Nervosität, das Verlangen, sich zu seiner vollen Größe aufzurichten und den Fremden schnaubend zu verjagen. Aber sie stand schon so aufrecht, wie sie konnte; sie hatte keine Reserven mehr.

«Das hast du gut gemacht, dir eine Arbeit in der Küche zu ergattern», sagte James und setzte sich im Schneidersitz auf den großen Tisch. «Das ist perfekt. Jetzt können wir uns gegenseitig helfen. Ich werde ein Auge auf dich haben und dir erklären, wie hier alles läuft. Und du kannst mir sagen, was du so hörst. Kannst mir Sachen aus der Küche besorgen, wenn niemand hinguckt …»

«Du willst, dass ich für dich stehle?» Makepeace machte ein böses Gesicht und fragte sich, ob das der Grund war, warum er ihr geholfen hatte. «Wenn irgendwas wegkommt, wissen sie doch gleich, dass ich es war. Dann setzt man mich wieder vor die Tür!»

James schaute sie lange an, dann schüttelte er langsam den Kopf.

«Nein», sagte er. «Das machen sie nicht.»

«Aber …»

«Ich meine es ernst. Sie würden dich bestrafen. Sie würden dich schlagen. Vielleicht würden sie dich wieder in dem Vogelzimmer einsperren. Aber sie würden dich nicht wegjagen. Nicht einmal, wenn du sie darum bittest.»

«Wovon redest du denn?»

«Ich versuche seit fünf Jahren wegzulaufen», sagte James. «Immer und immer wieder habe ich es versucht. Und jedes Mal verfolgen sie mich, spüren mich auf und bringen mich wieder hierher zurück.»

Makepeace starrte ihn an. War es normal, dass reiche Leute Dienstboten verfolgten, die weggelaufen waren? Sie hatte gehört, dass man für flüchtige Lehrburschen ein Kopfgeld aussetzte, aber das war wohl etwas anderes.

«Du hattest Albträume, nicht wahr?», sagte James plötzlich. Seine Bemerkung traf Makepeace völlig unvorbereitet. «Träume, die so schlimm waren, dass du schreiend aufgewacht bist. Von Geistern, die versuchen, in dich einzudringen …»

Makepeace wich ein paar Zentimeter zurück und betrachtete ihn mit einem Anflug von Unsicherheit und Misstrauen.

«Solche Träume hatte ich auch», fuhr James fort. «Sie haben vor fünf Jahren angefangen, als ich neun war. Und nicht lange danach haben die Fellmottes mich holen lassen. Meine Mutter wollte mich erst nicht hergeben, dann hat man sie bezahlt, und sie hat nichts mehr gesagt.» Er lächelte bitter. «Die Fellmottes kümmern sich so lange nicht um Bastarde wie uns, bis wir diese Albträume kriegen. Dann sind wir für sie von Interesse. Dann holen sie uns und bringen uns hierher. Sie haben auch von deinen Träumen gehört und dich geholt, oder etwa nicht?»

«Aber warum?» Makepeace war fasziniert. Es stimmte, Obadiah war mehr an ihren Albträumen interessiert gewesen als an irgendetwas sonst. «Was kümmern sie unsere Träume?»

«Ich weiß nicht», gab James zu. «Aber wir sind nicht die Einzigen. Manchmal kommen Lord Fellmottes Kusinen zu Besuch, und jede bringt einen oder zwei Bedienstete mit, die Fellmotte-Blut in den Adern haben. Ich glaube, dass alle Fellmottes ihre Bastarde einsammeln, wenn sie sich als Träumer erweisen.

Sie holen uns, und dann lassen sie uns nicht mehr weg. Das habe ich gemerkt, als ich versuchte, nach Hause zu gehen. Heute würde ich es nicht wieder tun, diese Frau würde mich doch nur ein weiteres Mal an die Fellmottes verkaufen.» Er runzelte scheinbar peinlich berührt die Stirn.

«Nachts werden die Türen mit einem schweren Riegel und Eisenketten versperrt», fuhr James fort, «und die Laufburschen schlafen direkt an den Eingängen. Das Tor ist ebenfalls verschlossen, und im Innenhof streunen die Hunde frei herum. Ich bin am Tag abgehauen. Aber rings um die Mauern erstrecken sich offene Felder, mindestens drei Meilen weit. Da ist man so klar und deutlich zu sehen wie ein Blutstropfen im Schnee.

Bei meinem zweiten Versuch habe ich es weiter geschafft, bis hinaus ins Moor. Da war es bitter kalt und kahl, nichts als Sumpf und Wälder. Vom eisigen Wind waren meine Finger schon ganz grau. Ich bin halb erfroren in ein Dorf getaumelt, und das war’s. Die Bauern dort haben nur einen Blick hierauf geworfen» – er tippte sich gegen das Kinn –, «mich am Kragen gepackt und zurückgebracht. Sie wussten genau, wer ich war und wer mich haben wollte. Und sie hatten Angst.

Letztes Jahr dachte ich, ich hätte es geschafft. Fünfzig Meilen, über drei Flüsse, bis nach Braybridge im nächsten County.» Wieder schüttelte James den Kopf und verzog das Gesicht. «Sie haben mir White Crowe auf den Hals gehetzt. Du kennst ihn, er hat dich hierhergebracht. Die Herrschaften setzen ihn nur bei Angelegenheiten ein, die still und leise über die Bühne gehen müssen. Er ist ihre Schattenhand. Und alle haben sich förmlich überschlagen, ihm dabei zu helfen, mich zu finden, selbst reiche und mächtige Männer. Die Fellmottes sind nicht nur eine einflussreiche Familie. Alle haben Angst vor ihnen.»

Makepeace biss sich auf die Innenseite ihrer Wange und sagte nichts. Er war vermutlich bloß ein Aufschneider, wie die meisten Lehrlinge in Poplar, und bauschte seine Erfahrungen und Erlebnisse auf, aber seine Worte rissen kleine Kratzer von Unbehagen in ihrem Geist auf.

«Aber jetzt kannst du mir helfen!», fuhr James fort. «Mir trauen sie nicht mehr, aber dich werden sie nicht verdächtigen. Du kannst für mich die Augen offenhalten. Oder Sachen beiseiteschaffen, die wir für die Flucht brauchen – Vorräte, Bier, Kerzen …»

«Ich kann doch nicht weglaufen!», protestierte Makepeace. «Ich kann nirgends hin! Wenn ich meinen Platz hier aufgebe, werde ich noch vor Pfingsten verhungern oder erfrieren! Oder ermordet werden!»

«Ich werde dich beschützen», beharrte James.

«Wie denn? Das Land zerbricht, das sagen alle, und ich habe es gesehen! Du kannst mich nicht beschützen vor … vor dem wild gewordenen Mob oder vor Gewehrkugeln! Oder vor Geistern, die mein Gehirn fressen wollen! Hier habe ich ein Bett und genug zu essen, und das ist viel mehr, als mich draußen auf dem Moor erwartet! Ich habe heute sogar Weißbrot gegessen!»

«Das Blut unseres Vaters verschafft uns gewisse Vergünstigungen, das ist wahr», sagte James. «Mein Essen ist immer ein bisschen besser als das, was die anderen Dienstboten bekommen. Manchmal, wenn ich meine Pflichten erfüllt habe, bekomme ich sogar Unterricht. Ich lerne lesen, fremde Sprachen, reiten. Du vielleicht auch. Die anderen Dienstboten zucken nicht mit der Wimper; sie wissen, wessen Bastard ich bin, auch wenn sie es nicht aussprechen.»

«Und warum willst du dann weglaufen?»

«Hast du den alten Obadiah gesehen?», fragte James scharf.

«Ja», sagte Makepeace langsam; ihre Stimme bebte unwillkürlich. «Er ist …»

Sie verstummte.

«Du kannst es auch sehen, nicht wahr?», flüsterte James. Er wirkte verblüfft und erleichtert zugleich.

Makepeace zögerte und blickte ihm ins Gesicht. Sie fragte sich plötzlich, ob das eine Art Prüfung war, die sich Obadiah ausgedacht hatte. Wenn sie jetzt etwas Respektloses sagte, würde James sie vielleicht melden, und vielleicht würde man sie dann wegschicken oder wieder im Vogelzimmer anketten.

Menschen konnte man nicht vertrauen. Hunde knurrten, bevor sie zubissen, aber Menschen nicht. Menschen lächelten.

James hatte ein sonnenverbranntes Gesicht und weit auseinanderstehende Augen. Aber was ihr besonders auffiel, waren seine Hände mit den verschorften Knöcheln. Es waren die Hände einer sorglosen, rücksichtslosen Person, eines Raufbolds, aber es waren ehrliche Hände. Ihr Anblick entschied die Sache zu seinen Gunsten. Makepeace beschloss, ein Körnchen Vertrauen in die Waagschale zu werfen.

«Ich weiß auch nicht, was es bedeutet», flüsterte sie, «aber an ihm ist irgendetwas …»

«… falsch», beendete James ihren Satz.

«Es fühlt sich an wie … wenn ich ihm in die Augen schaue … wie die toten Wesen in meinen Albträumen.»

«Ich weiß.»

«Aber er ist lebendig!»

«Ja. Und trotzdem kriegst du eine Gänsehaut und dir kribbeln die Finger, nicht wahr? Niemand sonst sieht es, nur wir beide, oder wenn sie es sehen, dann reden sie nicht darüber. Und …», James beugte sich vor und wisperte ihr ins Ohr, «Obadiah ist nicht der Einzige. Alle älteren Fellmottes sind so wie er.»

«Sir Thomas nicht!», widersprach Makepeace, die sich an die hellen braunen Augen des Mannes erinnerte.

«Nein, noch nicht», sagte James ernst. «Sie sind nicht von Anfang an so. Erst wenn sie ihr Erbe antreten und Land und Titel übernehmen, dann passiert etwas. Sie verändern sich. Es ist, als ob ihr Blut über Nacht kalt wird. Auch andere Menschen merken, dass etwas anders ist. Die Diener nennen sie nur die ‹Elder›, die klugen Alten. Sie sind zu flink, sie sind zu clever. Sie wissen zu viel, was sie nicht wissen sollten. Und man kann sie nicht anlügen. Sie durchschauen dich sofort.

Deshalb müssen wir weg! Dieses Haus ist … eine Brutstätte für Teufel! Wir sind keine Diener, wir sind Gefangene! Und sie sagen uns nicht einmal, warum!»

Makepeace kaute auf ihrer Unterlippe, hin und her gerissen von ihrer Unsicherheit. Sie konnte ihrem Instinkt vertrauen, irgendetwas war mit Obadiah. Mutter war aus Grizehayes geflohen und hatte alle erdenklichen Mühen auf sich genommen, damit die Fellmottes sie nicht aufspürten. Und sie musste auch an Bär denken – Bär, der aus ihr herausgerissen und vernichtet werden würde, wenn Obadiah herausfand, dass er hier war.

Aber all das waren nur vage Schrecken. Die Angst, angekettet und geschlagen oder hinaus in die Wildnis gejagt zu werden, wo Hunger und wahnsinnige Geister auf sie warteten, war so greifbar, dass sie glaubte, sie anfassen zu können. Und tief in ihr lauerte auch noch jener quälende Gedanke, dass vielleicht Mutters zerfetzter Geist immer noch jenseits der schützenden Mauern von Grizehayes herumirrte und nach ihr suchte. Die Vorstellung war gleißend weiß von Hoffnung und Grausen, und ihr Geist zuckte vor ihr zurück.

«Es tut mir leid», sagte Makepeace, «aber ich kann nicht mit dir weglaufen. Ich brauche ein Zuhause, und sei es auch nur dieses hier.»

«Ich mache dir keinen Vorwurf, wenn du Angst hast», sagte James freundlich. «Aber ich verwette meinen Hals darauf, dass wir hier mehr zu fürchten haben als sonst irgendwo. Ich hoffe, du änderst noch deine Meinung. Ich hoffe, du tust es bald, damit du mit mir kommen kannst.»

Makepeace war Freundlichkeit nicht gewohnt, und es war beinahe mehr, als sie ertragen konnte. Seit Mutters Tod gähnte in der Welt ein weites, quälendes Loch, und sie wünschte sich verzweifelt einen Menschen, der dieses Loch füllen konnte. Einen Augenblick lang war Makepeace in Versuchung, James von Bär zu erzählen.

Aber sie biss sich auf die Zunge, und der Augenblick verging. Dieses Geheimnis war zu groß für jemanden, den sie erst so kurz kannte. Es konnte sein, dass James sie verriet. Es konnte sein, dass er sie nicht verstand. Es konnte auch sein, dass er sich vor ihr fürchtete oder zu der Einsicht kam, dass sie doch verrückt war. Ihre Freundschaft war noch zu neu und zu zerbrechlich, und sie brauchte sie.

KAPITEL 8

Die Wochen vergingen, und Makepeace verdiente sich mit harter Arbeit und schneller Auffassungsgabe die brummige Anerkennung der zweiten Köchin. Sie stand ganz unten in der Hackordnung und war jeden Tag die Erste, die aus dem Bett war, holte Wasser und Holz, fütterte die Hühner und entfachte das Feuer. Die Arbeit war ermüdend, und die Hitze und der Rauch erschreckten Bär nach wie vor, aber sie hatte bald herausgefunden, wie man den Bratenspieß am besten drehte, wie der Bienenstock geplündert wurde, wie mit den Fettpfannen und mit dem Kesselhaken umgegangen werden musste. Sie geriet schon längst nicht mehr in Panik, wenn man ihr sagte, sie solle zum Salzkasten laufen, zum Zuckerblock oder in den Fleischkeller.

Mistress Gotely sah hin und wieder, wie Makepeace Küchenreste zusammenschabte und den Hunden brachte, die in der Küche schliefen, oder sie Soße von ihren Händen lecken ließ.

«Weichherziges kleines Mondkalb», murmelte sie und schüttelte den Kopf. «Sie fressen dir noch die Haare vom Kopf, wenn du nicht aufpasst.» Aber die Soße tat bereits ihre wohlschmeckende Wirkung, was die Loyalität der Hunde betraf. Keiner von ihnen knurrte sie mehr an. Im Gegenteil, manchmal schlief sie nachts mit ihnen zusammengekuschelt, und ihr Atem und ihre Wärme wiegten sie in einen traumlosen Schlaf. Der kleine Küchenhund lag meistens in ihren Armen.

Wie Makepeace gehofft hatte, besänftigte die Zutraulichkeit der Hunde auch Bärs Nervosität. Für ihn schienen alle Lebewesen, Mensch oder Tier, in «harmlos» und «potenziell gefährlich» unterteilt zu sein. Vertraute, harmlose Tiere duldete er in seiner Nähe. Fremde und verdächtige Kreaturen mussten mit Schnauben und Drohgebärden vertrieben werden.

Was für ein ängstliches Bärchen du doch bist, dachte Makepeace.

Das Schreibenlernen machte ihr viel mehr Schwierigkeiten. Einmal in der Woche, spät am Abend, nachdem ihr Tagwerk erledigt war, wurde sie zusammen mit James von Young Crowe unterrichtet, der während ihrer Zeit im Turmzimmer ihr Gefängniswärter gewesen war. Seinem selbstverliebten Grinsen nach zu urteilen, war er der Meinung, dass seine «Heilmethoden» bei ihr angeschlagen und sie von ihrem «Wahnsinn» kuriert hatten.

Makepeace wusste mittlerweile, dass die ganze Familie Crowe in Diensten der Fellmottes stand. Die anderen Diener gaben ihnen der Einfachheit halber Spitznamen, um sie auseinanderzuhalten. Der Vater von Young Crowe, Old Crowe, war der Verwalter von Grizehayes. Und der weißhaarige Mann, der sie in ihr neues Zuhause gebracht hatte, war – wie James ihr bereits erklärt hatte – White Crowe.

Makepeace hatte bisher nur ein M als ihr «Zeichen» geschrieben. Sie hatte schon gesehen, wie Leute lasen: Ihr Blick glitt über die Zeilen wie ein Blatt in der Strömung eines Bachs. Aber wenn sie selbst die Buchstaben anstarrte, starrten sie bloß zurück. Sie sahen aus wie platt gedrückte Insekten: flache Leiber und ausgebreitete Beine. Ihre ungeübte Hand konnte sie nicht nachzeichnen. Sie fühlte sich dumm dabei. Und es war ihren Bemühungen auch nicht gerade zuträglich, dass sie am Ende des Tages in der Regel zu müde war, um klar zu denken.

Young Crowe hatte seine eigene, herablassend philosophische Meinung über Makepeaces Unwissenheit.

«Hast du schon einmal ein Bärenjunges gesehen, wenn es aus dem Mutterleib kommt?», fragte er. «Es ist nur eine formlose Masse. Die Bärin muss es stundenlang lecken, bis es aussieht wie ein Bärenjunges, mit einer Schnauze, Ohren, hübschen Tatzen und allem anderen, was es zum Leben braucht.

Du bist entsetzlich ungebildet für dein Alter. Wie ein Klumpen Fett. Aber wir werden dich schon in Form lecken.»

Makepeace musste unwillkürlich lächeln. Sie überlegte, ob Bär von seiner Mutter auch in Form geleckt worden war, in einer glücklichen Zeit vor der ganzen Grausamkeit. Die Vorstellung, dass ein kleines Bärchen seine Augen öffnete und zum ersten Mal die große mütterliche Bärenzunge sah, gefiel ihr sehr. Young Crowe bemerkte ihr Lächeln und zog Tierbücher heraus, damit sie die Worte darin lesen und abschreiben konnte. Makepeace freute sich, dass sie über Tiere schreiben durfte.

Kröte und Spinne sind giftige Gegner und bekämpfen sich bis auf den Tod, erfuhr sie. Der Pelikan säugt seine Jungen mit Herzblut. Die Beine eines Dachses sind auf einer Seite länger als auf der anderen, damit er auf einer abschüssigen Fläche besser laufen kann.

Makepeace kam immer besser mit Bär zurecht. Er war nicht ständig in ihrem Geist aktiv. Oft schlief er, und manchmal kam es ihr so vor, als ob er überhaupt nicht da wäre. Im Morgengrauen und in der Abenddämmerung wurde er hin und wieder ruhelos, aber auch das geschah nicht regelmäßig. Manchmal tauchte Bär ohne Vorwarnung auf. Seine Gefühle ergossen sich wie ein Sturzbach in ihre eigenen; ihre Sinne wurden von seinen überflutet. Bär schien grundsätzlich in der Gegenwart zu leben, aber er trug seine Erinnerungen bei sich wie verheilte Wunden. Hin und wieder kratzte er eine davon auf und taumelte verwirrt in einen Abgrund aus Schmerz.

Er war neugierig und geduldig, aber seine Angst konnte in Sekundenschnelle in rasende Wut umschlagen. Makepeace fürchtete sich vor dieser Wut. Im Augenblick waren sie beide in Sicherheit, aber es fehlte nicht viel, und die Fellmottes würden zu der Überzeugung kommen, dass Makepeace doch verrückt oder – noch viel schlimmer – besessen war.

Sie lebte sich in Grizehayes ein, und trotzdem blieb sie ruhelos. Selbst die kleinen Gunstbezeugungen – der Unterricht, der Extra-Löffel Eintopf beim Mittagessen – machten sie nervös. Sie musste unwillkürlich an Gänse oder Schwäne denken, die man mästete und dann schlachtete, und sie begann sich zu fragen, ob auch auf sie irgendwo ein Messer wartete.

Im Frühherbst geriet der Haushalt außer sich vor Begeisterung, weil zwei Mitglieder der Fellmotte-Familie, die lange abwesend gewesen waren, nach Grizehayes zurückkehrten. Einer war Sir Marmaduke, ein Vetter zweiten Grades von Lord Fellmotte, der ein Anwesen in den Welsh Marches bewohnte. Der andere war Symond, Sir Thomas’ ältester Sohn und sein Erbe.

Symonds verstorbene Mutter hatte ihre Pflicht erfüllt und gehorsam acht Kinder hervorgebracht, ehe sie an einem Fieber starb. Vier von ihnen erfreuten sich noch ihres Lebens. Die beiden erwachsenen Töchter waren vorteilhaft verheiratet worden, und ihre neunjährige Schwester befand sich in der Obhut eines Vetters und war dem Sohn eines Baronets versprochen. Symond war der einzige noch lebende Sohn.

Symond und Sir Marmaduke kamen direkt vom Hof in London, und alle waren ganz versessen darauf, Neuigkeiten aus der Hauptstadt zu erfahren. Für ein paar Humpen Bier unten im Hof war der Kutscher nur zu gerne bereit, sein wissbegieriges Publikum zufriedenzustellen.

«Der Earl of Stafford ist tot», sagte er. «Das Parlament hat ihn wegen Hochverrats abgeurteilt. Jetzt steckt sein Kopf über dem Verrätertor.»

Alle keuchten entsetzt auf.

«Der arme Earl!», murmelte Mistress Gotely. «Nach allem, was er für den König getan hat. Was hat das Parlament denn bloß vor?»

«Sie wollen mehr Macht für sich selbst, das ist es», sagte Young Crowe. «Sie berauben den König seiner Freunde und Verbündeten, einen nach dem anderen. Nicht das ganze Parlament ist verdorben, aber es gibt dort ein giftiges Vipernnest aus Rundköpfen, aus Puritanern, die die anderen Parlamentarier aufstacheln. Das sind die wahren Verräter – und sie sind vollkommen verrückt.»

«Alle Puritaner sind verrückt», murmelte Long Alys, die rothaarige Waschfrau. «Oh, ich wollte dich nicht kränken, Makepeace, aber es stimmt doch!»

Makepeace hatte es aufgegeben zu behaupten, sie sei keine Puritanerin. Ihr fremdartiger, bibeltreuer Name grenzte sie von den anderen ab. Im Grunde genommen war ihr dieser Abstand ganz lieb. Es war gefährlich, jemandem zu nahe zu kommen.

Außerdem wusste Makepeace nicht mehr, was richtig war und wer die Oberhand gewann. Wenn sie den Leuten in Grizehayes zuhörte, dann hatte sie das Gefühl, dass in ihrem Kopf das Innere nach außen gekehrt wurde. In Poplar war jedermann klar, dass der König von schlechten Ratgebern und katholischen Intriganten vom rechten Weg abgebracht wurde und dass im Parlament nur brave, ehrliche und weitsichtige Männer saßen, die das Beste für alle wollten. Das war glasklar gewesen. Aus dieser Überzeugung sprach die Vernunft. Im Augenblick feierten die Bewohner von Poplar vermutlich den Tod des bösen Earls. Gelobt sei der Herr, Black Tom Tyrant ist tot!

Aber hier in Grizehayes war es ebenso glasklar für alle Menschen, dass ein machtgieriges Parlament, angeführt von wahnsinnigen Puritanern, dem rechtmäßigen König die Krone zu stehlen versuchte. Keine Seite schien dumm zu sein, und beide waren sich ihrer Sache sicher.

Wurde ich von Puritanern aufgezogen? Damals habe ich geglaubt, was sie glaubten. Waren wir alle wahnsinnig? Oder war ich damals auf der richtigen Seite und bin jetzt verrückt?

«Aber das sind Nachrichten, die die Herrschaften in einem Brief hätten schicken können!», sagte Mistress Gotely. «Warum sind sie denn höchstpersönlich gekommen, und noch dazu so plötzlich?»

«Sie wollten etwas nach Hause bringen», sagte der Kutscher mit geheimnisvoller Miene. «Ich habe es nur eine Sekunde lang gesehen, aber es sah aus wie ein Schriftstück mit einem Siegel so groß wie meine Handfläche.» Er senkte seine Stimme zu einem Flüstern, obwohl ihm ein Dutzend Ohrenpaare aufmerksam lauschten. «Wenn ihr mich fragt, war es das Siegel des Königs.»

«Es ist eine Royal Charta», erklärte James Makepeace später an diesem Tag, als sie unter vier Augen miteinander sprechen konnten. «Ich habe es von Master Symond erfahren.»

«Bist du mit Master Symond befreundet?», fragte Makepeace überrascht.

Sie hatte nur einen kurzen Blick auf Symond geworfen, als er im Hof von seiner edlen grauen Stute stieg. Er war erst etwa neunzehn Jahre alt, aber prunkvoll gekleidet in Spitze und himmelblauen Samt. Mit seinem eisblonden Haar und der höfisch eleganten Haltung wirkte er wie eine seltene Kostbarkeit, wie die Schwäne aus Zuckerguss, die Mistress Gotely manchmal für wichtige Gäste herstellte. Er hatte weiche, angenehme Züge und sah ganz anders aus als Sir Thomas, abgesehen von dem kleinen Grübchen in seinem Kinn.

Um die Wahrheit zu sagen, war Makepeace ziemlich beeindruckt, dass James mit einem solch exotischen Geschöpf auf vertrautem Fuß stand. Sie merkte, wie James sich aufplusterte und ihre Vermutung bestätigen wollte, aber seine Ehrlichkeit gewann die Oberhand.

«Manchmal», sagte er stattdessen. «Ich war sein Gefährte, als er hier aufwuchs, und … manchmal waren wir Freunde. Er hat mir diese Kleider geschenkt und diese schönen Schuhe – das alles hat einmal ihm gehört. Und von ihm habe ich auch das hier.» James schob seine Haare hoch und Makepeace sah eine weiße Narbe entlang des Haaransatzes über seiner linken Schläfe.

«Wir waren einmal gemeinsam auf der Jagd und ritten zwei feine Stuten. Wir sprangen über eine Hecke, und mein Sprung war sauberer als seiner. Ich wusste es, und er wusste es. Ich sah, wie er mich mit einem Gewitterblick anschaute. Und als wir zur nächsten Hecke kamen und niemand uns mehr sehen konnte, beugte er sich zur Seite und schlug mir mit seiner Peitsche über das Gesicht. Ich geriet im Sattel ins Rutschen, meine Stute blieb verdattert stehen, und ich bin über ihren Kopf hinweg in die Hecke gesegelt!» James lachte und schien den Vorfall viel lustiger zu finden als Makepeace.

«Du hättest dir den Hals brechen können!», rief sie.

«Ich bin hart im Nehmen», sagte James. «Aber er hat mir eine wichtige Lektion erteilt. Er mag aussehen wie Milch und Honig, aber in ihm stecken der Stolz und das Temperament eines Lords. Er hat mir später erklärt, dass ich ihm keine andere Wahl gelassen hätte – er musste der Bessere sein. Vermutlich war das seine Art, sich zu entschuldigen.»

Makepeace fand das eine äußerst erbärmliche Art.

«Er ging weg, nach Oxford, an die Universität, und danach hat Sir Marmaduke ihn bei Hofe eingeführt. Jedes Mal, wenn er heimkommt, übersieht er mich anfangs und scheint mich kaum noch zu kennen. Aber sobald wir allein sind, reden wir wie in alten Zeiten … für eine Weile.»

Obwohl Makepeace wusste, dass sie kein Recht darauf hatte, stach sie die Eifersucht bei dem Gedanken, dass James mit einer anderen Person vertrauliche Gespräche führte.

James war mittlerweile ihr engster Freund und Kamerad. Sie vertraute ihm mehr als jedem anderen menschlichen Wesen, und doch hatte sie ihm immer noch nichts von Bär erzählt. Je länger sie es hinauszögerte, desto schwieriger wurde es, James zu gestehen, dass sie etwas so Wichtiges vor ihm geheim gehalten hatte. Nach drei Monaten wusste sie nicht mehr, wie sie es ihm sagen sollte. Sie fühlte sich schuldig deswegen, und manchmal auch ein bisschen traurig, als ob sie ein Boot verpasst hätte und nun für immer an einer einsamen Küste gestrandet wäre.

«Und was ist das für eine Charta?», wollte sie wissen. «Hat Master Symond dir das gesagt?»

«Er hat sie nicht gelesen», antwortete James, «und er weiß auch nicht, was drinsteht. Er meint, das sei streng geheim. Er sagte mir aber, dass es dem König gar nicht recht gewesen sei und dass Sir Marmaduke große Mühe gehabt habe, ihn zur Unterschrift zu bewegen. Seine Majestät habe letztendlich zugestimmt, aber nur, weil die Fellmottes ihm ein Vermögen leihen und Sir Marmaduke ihm hilft, ein paar Kronjuwelen zu verkaufen.»

Makepeace runzelte die Stirn. James’ Worte weckten in ihr eine verschwommene, bedrohliche Erinnerung an ihren ersten Tag in Grizehayes.

«Braucht der König Geld?» Ihr fiel ein, dass Lord Fellmotte das behauptet hatte.

«Sieht ganz so aus.» James zuckte mit den Schultern.

«Was ist eine Royal Charta überhaupt?», fragte Makepeace.

«Das ist eine … königliche Erklärung.» James klang ein bisschen unsicher. «Sie gibt dir die Erlaubnis, Dinge zu tun. Wie … dein Haus zu befestigen. Oder … Pfeffer zu verkaufen. Oder ausländische Schiffe anzugreifen.»

«Aber wo liegt dann der Sinn in einer geheimen Erklärung?», fragte Makepeace. «Wenn der König einem etwas erlaubt, warum darf dann keiner davon wissen?»

«Hmm. Stimmt, das ist merkwürdig.» James runzelte nachdenklich die Stirn. «Aber die Charta erteilt den Fellmottes auf jeden Fall die Erlaubnis, etwas Bestimmtes zu tun. Master Symond sagte, er habe gehört, wie Sir Marmaduke von ‹den uralten Bräuchen und Praktiken unseres Vermächtnisses› sprach.»

«James», sagte Makepeace langsam. «An meinem ersten Abend hier hörte ich, wie seine Lordschaft und White Crowe über etwas sprachen. White Crowe meinte, es gäbe Leute bei Hof, die die Fellmottes der Hexerei bezichtigten.»

«Der Hexerei!» James‘ Augenbrauen schnellten in die Höhe. «Warum hast du mir das nicht erzählt?»

«Ich war an jenem Tag nicht bei Sinnen vor Fieber! Es ist, als würde man sich an einen Albtraum erinnern. Ich habe seitdem nicht mehr daran gedacht.»

«Aber du bist sicher, dass er Hexerei sagte?»

«Ich denke schon. Lord Fellmotte meinte, sie könnten wohl nicht verhindern, dass dem König Gerüchte zu Ohren kämen, also müssten sie dafür sorgen, dass er sie nicht beachtet. Sie brauchten ein Druckmittel gegen ihn. Und dann redeten sie darüber, dass der König dringend Geld benötigt und dass sie vielleicht etwas arrangieren könnten.»

James blickte stirnrunzelnd ins Leere.

«Also», sagte er nach einer Weile langsam, «was wäre, wenn die ‹uralten Bräuche› der Fellmottes irgendetwas Böses sind? Etwas, das sie in den Verdacht bringen könnte, Hexerei zu betreiben? Wenn der König eine Charta unterschrieben hat, in der er ihnen die Erlaubnis für etwas Teuflisches erteilt, dann kann er sie nicht als Hexer verhaften lassen, nicht wahr? Denn wenn er es täte, dann würden sie aller Welt die Charta zeigen und man würde auch ihn anklagen.»

«Wenn die Fellmottes fallen, fällt auch er», führte Makepeace den Gedanken weiter. «Das ist Erpressung.»

«Ich habe dir doch gesagt, dass mit den Fellmottes etwas nicht stimmt!», rief James. «Ihre ‹uralten Bräuche› … Das muss irgendetwas sein, was passiert, wenn sie ihr Erbe antreten. Ich habe dir ja erzählt, dass sie sich verändern. Vielleicht verkaufen sie ihre Seelen dem Teufel!»

«Wir wissen doch gar nicht …», setzte Makepeace an.

«Wir wissen, dass sie Hexer sind oder zumindest so was in der Art!», fiel James ihr ins Wort. «Warum willst du nicht mit mir weglaufen? Was muss passieren, dass du zur Vernunft kommst?»

Die Antwort folgte am Tag darauf.

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