Читать книгу: «Als der Bär am Zelt anklopfte»

Шрифт:


Florian Prüller und Klara Prinz-Prüller

ALS DER BÄR AM ZELT ANKLOPFTE

Mit dem Fahrrad auf Hochzeitsreise um die Welt

Island – USA – Mittelamerika –

Patagonien – Südostasien – Ostafrika

Tyrolia-Verlag · Innsbruck-Wien

INHALTSVERZEICHNIS

Wir zwei

Wie alles begann

Ein Traum wird wahr

Island: Der Beginn einer unvergesslichen Reise

USA: Mit schwerem Ballast durch die Vereinigten Staaten

Zentralamerika: Mexiko, Belize und Guatemala und wieder einmal Chaos

Patagonien: Das Wetter hat immer das letzte Wort

Südostasien: Mit gemischten Gefühlen durch Thailand, Laos, Vietnam und Kambodscha

Ostafrika: Ruanda, Uganda, Kenia und Tansania – und dem Leben ganz nah

Danke

„Together our love will grow old“

(Buddy Holy)

WIR ZWEI

Klara und Florian: Wir waren gerade den Kinderschuhen entwachsen, da verliebten wir uns Hals über Kopf ineinander. In all den Wirren einer pubertären Beziehung glaubte niemand ernsthaft daran, dass wir unser Leben für immer miteinander teilen würden. Neben unseren starken Gefühlen füreinander war die gemeinsame Sehnsucht, Neues zu entdecken, Natur hautnah zu erleben und das Reisen der Klebstoff für eine immer innigere Beziehung. Je länger wir uns kannten, je vertrauter wir wurden, umso sicherer waren wir des Glücks, einander zu haben. Wir sind uns nicht nur beste Freunde, sondern Heimat.

Irgendwann wollten wir unser Glück mit Freunden und Familie feiern und bekräftigen. Jeder sollte wissen, dass wir es ganz ernst miteinander meinen! Auf unserer Lieblingsalm in Florians Heimatdorf Großraming feierten wir im Mai 2012 unsere Hochzeit – umgeben von Rindern, einer tiefgrünen Frühlingswiese, schneebedeckten Bergen und Kindern, die im Baum hinter dem Altar herumkletterten.

Unsere Hochzeit war zugleich ein Abschiedsfest, denn ein paar Wochen später sollte unsere große Fahrt beginnen. Mit nur zwei Flugtickets in der Hand, aber einem Herzen voller Abenteuerlust begaben wir uns auf unsere Hochzeitsreise, um die Welt zu entdecken.

WIE ALLES BEGANN

Klara: Meine allererste Begegnung mit dem Thema Radreisen war sehr imposant: Während meiner ersten längeren Reise sitze ich, neunzehnjährig, an einem verregneten Tag in der Küche einer neuseeländischen Jugendherberge, da schwingt mit lautem Gepolter die Tür auf und eine hünenhafte Gestalt tritt in Erscheinung. Mit deutschem Akzent beginnt die vollkommen durchnässte, mindestens 180 Zentimeter große Radfahrerin auf Englisch von ihrer Odyssee im strömenden Regen zu erzählen, während sich am Boden eine immer größer werdende Wasserlache bildet. In meinem Kopf wiederum bilden sich viele Fragezeichen: Wie kann man bloß freiwillig mit dem Fahrrad unterwegs sein, noch dazu bei diesem Wetter? Wie läuft so eine Radreise überhaupt ab? Und wie, um Himmels willen, kann so was jemandem Spaß machen? Obwohl die mit großen Gesten untermalten Ausführungen wie: „Die letzten Kilometer schüttete das Wasser direkt in meinen Jackenkragen und lief mir dann bei den Hosenbeinen wieder heraus“ eigentlich sehr denkwürdig erscheinen, vergaß ich diese Begegnung letztendlich doch wieder schnell. Die Zeit war noch nicht reif. Auch Jahre später, auf einem Roadtrip in die Mongolei, konnte ich mir nicht vorstellen, jemals auf diese Art und Weise zu reisen, denn beim Anblick eines österreichischen Pärchens, das sich auf Rädern in Zeitlupe durch den kasachischen Wind und die eintönige Steppe kämpfte, schwor ich Florian hoch und heilig, so etwas niemals zu tun. Niemals!

Es war also nicht die Begegnung mit diesen Tourenradlern, die mich dazu brachte, 2009, nur ein Jahr später, mit einem provisorisch beladenen Mountainbike für ein paar Wochen durch das schwedische Gotland zu radeln. Es war – natürlich – meine große Liebe Florian. Nachdem er mich, ich weiß nicht wie, überredet hatte, eine Radreise mit ihm zu unternehmen, hatte er leichtes Spiel: Die Mischung aus Fährfahrten, Kaffeepausen, wunderschöner Landschaft und der Möglichkeit, in den Tag hinein zu leben, begeisterte mich. „Das macht Spaß, und zwar so richtig!“, stellte ich verblüfft fest.

EIN TRAUM WIRD WAHR

Klara: Wir beide hatten schon immer einen gemeinsamen Traum: für längere Zeit verreisen. Nun ist der ideale Zeitpunkt für eine große Reise aber gar nicht so leicht zu finden: Entweder mangelt es an Zeit oder an Geld oder an beidem, und ehe wir uns versahen, vergingen die Jahre, ohne unseren Traum verwirklichen zu können.

Flo: Und wie die Zeit verging! Der Radreisevirus hat auch mich – allerdings bereits etwas früher – erwischt. Die erste Ausfahrt mit meinen Brüdern durch das regnerische Irland war dabei das Schlüsselerlebnis. Auf behelfsmäßig ausgestatteten Rädern, mit Plastiksäcken als Packtaschen und Folien als Regenschutz (wenn ich jetzt die Fotos sehe, amüsiert mich unser Anblick köstlich), ein Land zu erkunden hat etwas Einfaches an sich. Etwas, nach dem ich mich im Alltag so oft sehnte. Jeden Tag intensiv zu erleben und sich dabei nur um Banales wie Essen, Routenverlauf und einen Schlafplatz zu kümmern, reduziert das Leben auf das Wesentliche. Viel braucht es nicht, um glücklich zu sein. Süchtig nach den Momenten des unbekümmerten Reisens, wurden die Ausfahrten in den folgenden Jahren ausgedehnt, und zum Glück bedurfte es nicht viel an Überzeugung, die Frau meines Lebens mit diesem Reisevirus anzustecken.

Als ich Klara nach elf gemeinsamen Jahren fragte, ob sie meine Frau werden möchte, und sie freudestrahlend bejahte, kamen wir zu dem Schluss: jetzt oder nie! Eine ausgedehnte Hochzeitsreise bot sich an. Gibt es überhaupt einen schöneren Grund, endlich gemeinsam aufzubrechen, als eine Heirat?

Klara: Noch bevor wir im Mai 2012 heirateten, buchten wir Flüge nach Island und von dort aus nach New York. Wie es dann weitergehen würde, wollten wir erst auf dem Weg entscheiden. Die Zeit verging wie im Flug und erst nach unserer Hochzeit stand uns der Sinn nach genaueren Vorbereitungen. Dafür hatten wir knapp zwei Monate, in denen ich mein berufsbegleitendes Studium abschloss, wir unsere Jobs kündigten, unsere Wohnung aufgaben und unser gesamtes Hab und Gut verstauten. Mir fiel es schwer, mich auf diese große Reise einzustellen – ich hatte einfach zu viel um die Ohren und mein damaliges Leben schien auch so sehr erfüllend zu sein. Fast ertappte ich mich, etwas zu zweifeln. Tränen der Rührung überkamen mich, als wir uns von unseren Lieben am Bahnhof verabschiedeten. Ich war hin und her gerissen zwischen Abschiedsschmerz und Vorfreude auf das Ungewisse. So lange hatten wir von dieser Reise geträumt. In ein paar Stunden sollte unser Abenteuer beginnen!

ISLAND
DER BEGINN EINER UNVERGESSLICHEN REISE



ZWEIFEL 15. Juli 2012, 22:00 Uhr

Klara: Großartig! Seit Monaten, nein, seit Jahren – mindestens einem gefühlten Jahrzehnt – ordneten Flo, mein Neo-Ehemann, und ich beinahe alles dem Wegfahren unter. Bei wichtigen Entscheidungen begannen die Begründungen für oder gegen etwas meist mit „Wenn wir dann wegfahren …“. Ob es sich dabei um das unverwüstliche, vererbte Achtzigerjahre-Retrogeschirr im schrägen Grau-Rosa-Muster meiner Eltern handelte, das wir nicht durch neues ersetzten, denn „wenn wir dann wegfahren, müssten wir das neue Geschirr sowieso einlagern, da entsorgen wir das alte lieber vor der Reise“, um die Wohnungswahl („lieber die kleine günstige, nur, bis wir dann wegfahren …“) oder gar um den Hochzeitstermin („im Mai, dann kommen wir zur warmen Saison nach Island und in die Staaten“), im hintersten Eckchen unserer Gehirnwindungen stand fest: Eines Tages kommt der Zeitpunkt der Abreise!

Nun ja, endlich ist es so weit. Und wir? Lungern übermüdet, strapaziert und mies gelaunt in der Abflughalle. So habe ich mir das aber nicht vorgestellt. Florian sichtlich auch nicht. Jetzt kommen sie, die Zweifel: Lohnt sich der Mega-Aufwand? Wozu tun wir uns das eigentlich an? Hätten wir nicht doch lieber eine Eigentumswohnung samt Golden Retriever kaufen sollen? Ist unsere Ära als hygieneresistente Lowbudget-Radreisende eventuell unbemerkt vorübergegangen? Aber nein, wir plagen uns nicht nur selbst mit diesen Fragen, sondern laden unseren Unmut als Draufgabe auch noch beim anderen ab und machen uns gegenseitig für etwaige Unbehaglichkeiten verantwortlich. Ich frage mich zum Beispiel, ob sich Florian nach unserer Hochzeit (von mir unbemerkt) zum fahrradfetischistischen Pedanten entwickelt hat. Natürlich, er hat die Räder wunderbar und bis ins kleinste Detail auf Vordermann gebracht, aber dass er jetzt so übergenau ist?! Pah … Flo wiederum scheint von mir momentan auch nicht gerade besonders angetan zu sein. Bloß weil ich es nicht einmal hinkriege, das Pedal für den Flug abzuschrauben. Und dann motz ich auch noch blöd?! Ach … Wohin geht die Reise!?

Klara: „Jetzt kann es losgehen“, denken wir uns. Los geht aber vor allem unsere totale Erschöpfung. Wie bei jedem unserer Urlaube – vom kurzen Wochenendausflug bis hin zu eben dieser Weltreise – gestaltet sich die Abreise superchaotisch. Das scheint bei uns zu einer perfekten Reise anscheinend dazuzugehören. Zigmal verabschieden wir uns von unseren Freunden und Familien, verstauen die letzten Habseligkeiten und machen die Räder bis in die frühen Morgenstunden reisefit. Nach einem wirklich allerletzten gemeinsamen Essen mit meinen Eltern (das wir mit einem 50-Euro-Hochzeitsgeschenkgutschein begleichen und das zufällig auf den Cent genau 50 Euro ausmacht) werden just in time auch noch unsere, bei Flos Elternhaus vergessenen Fahrradwimpel in einem ÖBB-Zug von einem verständnisvollen Schaffner nachgeliefert.


Jetzt ist es also so weit? Ganz können wir es noch nicht glauben.

Flo: Abgerackert sitzen wir im Zug zum Münchner Flughafen und kommen uns eher vor, als würden wir, wie unsere zwei bayerischen Sitznachbarinnen, nur auf der Heimreise von einem kurzen Wochenendausflug sein – die vollbepackten Räder einmal weggedacht. Wir kommen schnell mit den beiden ins Gespräch und merken, dass sie sich innerlich bereits auf eine neue Arbeitswoche einstellen. Für uns ist es ein eigenartiges Gefühl zu erzählen, dass wir für lange Zeit nicht jeden Wochentag aufstehen werden, um zur Arbeit zu gehen. Stattdessen würden wir drei Monate durch Island und die USA reisen und nicht genau wissen, wohin es anschließend gehen soll. Wir haben keine Vorstellung davon, was das Ganze tatsächlich mit sich bringen wird. Die Routenplanung ist, wegen aller anderen Vorbereitungen und, um es ehrlicherweise zuzugeben, vor lauter Selbstsicherheit (oder -überschätzung) in puncto Reiseerfahrung einfach unter den Tisch gefallen. Somit wissen unsere Sitznachbarinnen nach einem knapp halbstündigen Gespräch tatsächlich alles, was es über unsere Reisepläne zu berichten gibt. Ein nicht gerade beruhigendes Gefühl!


Etwas mehr als nur Handgepäck …

Klara: Wenigstens die Abflughalle für unseren Flug nach Reykjavik finden wir in Windeseile. Es scheint nämlich einen unausgesprochenen Dresscode für Islandtouristen zu geben, der sich aus der neuesten Ausrüstung, die der Outdoor-Markt zu bieten hat, zusammensetzt. Wir werden mit unseren Wanderhosen und multifunktionellen Windjacken also gleich wärmstens in der Community aufgenommen. Lediglich die Wanderschuhe fehlen uns, dafür tragen wir unsere Radhelme in der Hand (und setzen sie beim Einstieg ins Flugzeug sogar peinlicherweise auf, um eine Hand freizubekommen).

Kurz vor Mitternacht startet unser Flug und noch immer kommt uns vor, als wäre das Ganze nur eine Sache von ein paar Wochen.

AUF DER INSEL

Klara: Gegen drei Uhr morgens erhasche ich im Licht der Mitternachtssonne vom Flugzeugfenster aus einen ersten Blick auf die stürmische Vulkaninsel. Der aufgewühlte Atlantik umspült Island in wogenden Wellen, von hier oben erscheint das Land menschenleer und unbewohnbar. Ich sehe rauchende Vulkane, riesige Gletscher, weitläufige, wilde Flüsse, an der Küste grüne Wiesenflächen und dazwischen vereinzelte Straßen. Erst kurz vor der Landung entdecke ich ein paar bausteingroße Häuschen rund um hölzerne Kirchen. Mir ist unbegreiflich, wie man auf diesem kargen Stück Land überleben kann. Hier scheinen die Naturgewalten zu herrschen. Dieser Meinung bin ich auch ein paar Tage nach Beginn unserer Reise noch. Schließlich sind wir im Sommer angekommen, wie es hier im Winter aussieht, kann ich mir kaum vorstellen. Island ist spärlich besiedelt – nicht nur Menschen, auch Bäume sind dünn gesät, denn nach einer großflächigen Abholzung durch die ersten Siedler wachsen diese, aufgrund des polaren Klimas, nur äußerst langsam nach. So sollte es ein paar Tage dauern, bis wir überhaupt unser erstes kleines Bäumchen erspähen konnten.

Nachdem wir gleich nach Ankunft unsere Räder startklar zusammengebaut haben, suchen wir uns ein paar Kilometer außerhalb des Flughafens einen Zeltplatz. Das geht hier ganz leicht, denn es gibt viel freie Fläche und wildes Campieren wird größtenteils akzeptiert. Unser Zelt, ein Hochzeitsgeschenk, hat nun also Premiere und als wir es flugs aufgebaut haben, fallen wir bei gleißendem Morgenlicht in einen tiefen Schlaf. Am Vormittag kaufen wir in der Stadt Keflavík Proviant ein. Gleich fällt uns auf, dass im Supermarkt größtenteils importierte Ware angeboten wird. Obst und Gemüse ist nur spärlich vorhanden und sehr teuer. Florian und ich werfen einen Blick auf die Landkarte, planen die Route und fühlen uns fast noch ein bisschen wackelig, als wir auf unseren Fahrrädern, mit ungewohntem Gewicht vollbepackt, aus der Stadt hinaustorkeln. Ich hatte schon fast vergessen, was es heißt, ein fast 60 Kilo schweres Gefährt zu manövrieren. Nahe dem Meer geht es entlang schwarzer Lavafelder, die mit niedlichen violetten Heideblümchen verziert sind. Wir kommen vorbei an Dörfchen mit kleinen Holzkirchen und überqueren die Kontinentalspalte, an der sich die eurasische und die amerikanische Kontinentalplatte treffen – mit ein Grund für die vielen heißen Quellen Islands.


ISLAND 15.–28. Juli 2012



Wer kann bei diesem Zeltplatz widerstehen? Irgendwo an der einsamen Straße zwischen Grindavik und þorlákshöfn.

Eigentlich wollen wir am ersten Tag noch etwas länger fahren, doch nach 50 Kilometern kommt uns ein traumhafter See dazwischen. Sofort sind wir uns einig, hier unmöglich vorbeiziehen zu können. Im goldenen Licht des Spätnachmittags errichten wir unser Camp, kochen Kaffee und fühlen uns so richtig wohl. Florian begibt sich unfreiwillig in feindliches Terrain, als er die geschäftigen Seeschwalben auf Futtersuche fotografiert. Diese sonst harmlosen Tiere fliegen nämlich Scheinangriffe, um den Feind (in diesem Fall meinen Mann) zu verängstigen. Immer wieder zischen sie im Sturzflug bis knapp über Flos Kopf hinunter, sind dann aber klug genug, um im letzten Moment nervös abzubiegen. Während unserer zwei Wochen auf Island passiert uns dies auch während des Fahrens sehr häufig – zuerst werden wir zugegebenermaßen von diesen kleinen Kreaturen beinahe verängstigt, bis wir im Reiseführer lesen, dass die Schwalben tatsächliche Angriffe vermeiden. Plötzlich sind wir wieder die tapferen Helden, die sich ihrer Überlegenheit vollends bewusst sind!


Hochlandpiste Kjölur, zehn Uhr abends. Ein Blick auf die Karte bestätigt: Keine Ahnung, wo wir sind.


ALLES GUT! 16. Juli 2012, 21:55 Uhr

Klara: Es hat ein paar Anläufe gedauert, aber spätestens nach dem ersten selbstgebrühten Kaffee und den ersten Tritten in die – diesmal von mir angeschraubten Pedale – ist es so weit. Die schlechte Stimmung weicht der Gewissheit: Die Entscheidung war die richtige und auch die Wahl des Partners zum Glück doch nicht ganz so falsch. Island holt uns mit seiner vulkanischen Landschaft, den Geysiren und dem sommerlichen Willkommenswetter ab und bereitet uns verspätet einen großartigen Start. Zufrieden bauen wir unser Zelt am Ufer des kleinen Sees auf. Florian ergibt sich der Müdigkeit und starrt ins Narrenkastl, während ich ebenfalls in die Luft schaue und dazwischen die zur Hochzeit geschenkte Mundharmonika ausprobiere. So lässt sich’s leben!

ZWEI CHAOTEN AUF DIREKTEM WEG GEN HOHEN NORDEN

Klara: Jeder uns am Weg entgegenkommende Tourist erstrahlt in einer, für Island wohl eher untypischen, Sonnenbräune und erzählt in unterschiedlichen Varianten die gleiche Botschaft: „Die letzten zwei Wochen hatten wir Traumwetter. Kein Regen, keine Kälte, nur Sonnenschein und Sommerstimmung!“ Auch wir wähnen uns schon glücklich – aber halt: Ab dem dritten Tag ist die anfängliche Schönwetterphase eindeutig vorbei! Bei dunklen Gewitterwolken erwachen wir auf unserem Campingplatz, einem riesigen schwarzen Lavafeld direkt am jadefarbenen Atlantik. Mit Hilfe des Rückenwinds versuchen wir den Wolken ein Schnippchen zu schlagen und schaffen es tatsächlich auf die Minute genau – vor Einsetzen des Starkregens –, einen Unterschlupf in Form eines kleinen Cafés in þorlákshöfn zu erreichen. Hier wollen wir das Ende des Regens abwarten und erst dann wieder weiterfahren. Diesen Plan können wir uns leider bald abschminken, denn hier gibt es nichts abzuwarten, weil es schlichtweg in den nächsten zwei Wochen kaum ein Ende des strömenden Regens geben wird. Also fahren wir entlang unzähliger Pferdehöfe und Seen weiter Richtung Laugarvatn und verbringen am dortigen Campingplatz eine Nacht, bevor wir im strömenden Regen zu einer der Hauptattraktionen Islands, dem Geysir, fahren. Der heißt wirklich genau so und ist damit jenes dampfende Naturschauspiel, das allen anderen dieser Erde den Namen verlieh – sozusagen der Urgeysir. Aus der Ferne verraten übrigens nicht die dampfenden Eruptionen seinen Standort, sondern die unzähligen Reisebusse, die Scharen von Touristen zu dieser Sehenswürdigkeit karren.

Nachdem wir auch den Gullfoss, einen riesigen Wasserfall, umgeben von sattgrünen Wiesen, begutachtet haben, bekommen wir langsam etwas Lust auf Abenteuer. Die Landstraße zum Wasserfall wurde für die Touristen perfekt asphaltiert, nun mündet sie aber in eine ruppige Schotterpiste, von der wir wissen, dass sie übers Hochland gen Norden führt. Dort trifft sie wieder auf die berühmte Ringstraße, die die Insel entlang der Küste umrundet. Unter dem vor Dauerregen schützenden Vordach einer Info-Hütte kochen wir fröstelnd einen Kaffee nach dem anderen und beobachten dabei fasziniert die triefenden und schmutzig – aber zufrieden – aussehenden Tourenradler, die die Straße immer wieder auszuspucken scheint. Wir wollten eigentlich in Ruhe unsere Reise starten und eher eine gemütliche Strecke auf einfachen Straßen fahren, doch nun überkommt uns beide ein kribbeliges Gefühl, und ohne lange zu diskutieren, radeln wir am späten Nachmittag geradewegs in die Hochlandpiste Kjölur hinein. Falls man dies noch als Radeln bezeichnen kann, denn eine so schlechte Piste haben wir noch nie erlebt. Der ohnehin schon schwierig befahrbare, wellblechartige Untergrund, aus dem diese Straße besteht, verschlechtert sich von Zeit zu Zeit auch noch durch pflastersteingroße Felsbrocken und Schlaglöcher. Weil es auch noch meist bergauf geht, haben wir alle Hände voll zu tun, bei all den Ausweichmanövern nicht auch noch das Gleichgewicht zu verlieren. Für mich ist das koordinativ, aber auch konditionell eine ganz schöne Herausforderung. Landschaftlich entspricht die Hochlandroute auf jeden Fall meinen Träumen: Wir befinden uns im Nichts. Lavafelder und Gebirgszüge so weit das Auge reicht, ab und an ein wilder Fluss. Regen, Wind, Wolken und wir. Leben pur!

Wir sind größtenteils abgeschieden von Versorgungsmöglichkeiten und erleben genau das Abenteuer (oder vielleicht noch mehr), das wir uns so sehr gewünscht hatten.

ALS WIR UNSERE LEKTION LERNTEN

Flo: Okay. Wir haben es anscheinend etwas übertrieben – alle Anzeichen sprechen dafür, auch wenn wir diese im derzeitigen Zustand nicht mehr richtig deuten können: Klaras Sinne sind nicht mehr fähig einzuordnen, ob sie sich auf oder neben der Piste befindet, während mir nicht mehr auffällt, dass ich gleichzeitig bremse und in die Pedale trete. Im trüben Licht der Mitternachtssonne streunen wir über das isländische Hochland, um die rettenden heißen Quellen des einzigen Camps weit und breit, Hveravellir, und vor allem das dringend benötigte Trinkwasser zu erreichen. In die missliche Lage haben wir uns wieder mal höchstpersönlich manövriert, da wir als vermeintliche Radreiseprofis keine genaue Routenplanung vorgenommen hatten (sehr schlau, ich weiß). „Schließlich sind wir sowieso nur zwei Wochen hier, was soll da schon großartig passieren?“, dachten wir hochnäsig. So fahren wir also von Abenteuerlust getrieben ein Stückchen in die Kjölur hinein, um zu schauen, wie so eine isländische Hochlandpiste aussieht. Mit ein bisschen weniger Luft in den Reifen, um etwas mehr Dämpfung zu erzeugen, so reden wir uns ein, würde das schon gehen – ein Stückchen zumindest und dann könnten wir ja jederzeit auch wieder umdrehen. So ignorieren wir unsere mickrigen Essensvorräte und die Tatsache, keine Ahnung über die Trinkwasserversorgung entlang der Route zu haben.

„Schön ist es hier schon“, stellen wir nach den ersten Kilometern steil bergauf und bei Nieselregen fest und negieren unsere Zweifel. Als wir zwei anderen Radfahrern begegnen, fragen wir sie etwas blauäugig, ob es auf dem Weg etwas zu essen gäbe und sich die Strecke tatsächlich lohnen würde. Die beiden sehen uns kritisch-irritiert an, doch davon lassen wir uns nicht einschüchtern. Das angepriesene Café, einige Kilometer entfernt, verleiht uns zusätzlichen Elan, zumindest psychisch. Denn rein aus physikalischen Gründen entspricht ein Tempo von 7 km/h hier schon fast Lichtgeschwindigkeit – und zwar bergauf und bergab (!). Schließlich ist die rutschige Wellblechpiste teilweise mit kopfgroßen Steinen und unzähligen Schlaglöchern ausgestattet.

Das Café, ein besonders niedliches aus weißen Holzlatten, gibt es zum Glück tatsächlich. Eine Oase inmitten wilder Natur, umgeben von reißenden Bächen, weiten Ebenen und den mächtigen Felsen des Langjökulls und des Hofsjökulls, zwei Bergmassive, deren Gletscher milchig graue Seen speisen. Und das Beste am Café: Wir erleben unsere fünf Minuten Ruhm! Wir fühlen uns wie Helden – zumindest für einen kurzen Moment. Dann nämlich, als eine Gruppe österreichischer Bustouristen zu uns stößt und uns, ob unserer – zugegebenermaßen noch nicht ganz vollbrachten Leistung – in den Himmel lobt. Ein mitgereister Hobbyjournalist interviewt uns sogar für seine Zeitung und notiert eifrig unsere Antworten. Anfangs ist uns der Rummel etwas peinlich, aber nach kurzer Zeit fühlt es sich nach den Strapazen doch recht angenehm an, so im Mittelpunkt zu stehen. Wir werden ganz überdreht und flicken vor den Augen unserer Bewunderer auch noch bestens gelaunt einen platten Reifen. „Alles kein Problem für uns!“, denken wir motiviert. Als sich die Gruppe dann verabschiedet, wird es still und wir sind wieder allein. Der Gegenwind ist nebensächlich, da wir die magische Schallmauer von 10 km/h ja sowieso nicht durchbrechen können. Schnell werden wir auf den harten Boden der Tatsachen zurückgeholt und wissen wieder, dass wir diese Reise sicher nicht für die Anerkennung anderer machen wollen, sondern nur für uns. Schließlich haben wir uns zu dieser Auszeit entschlossen, um viel Zeit draußen in der Natur genießen zu können.

Und diese Zeit brauchen wir auch dringend, um heute noch vor Mitternacht die heißen Quellen und den angrenzenden Campingplatz zu erreichen. Wir holpern weiter entlang der Hochlandpiste, über große Steine und durch tiefe Furten, ohne zu wissen, wann das Martyrium endlich ein Ende haben wird. Mehrmals sind wir knapp davor, für diesen Tag aufzugeben und das Zelt einfach im Nirgendwo aufzubauen, weil wir keine Kraft mehr haben. Als wir am Straßenrand unsere letzten Reserven verkochen, setzt nach einer kurzen Trockenphase auch noch starker Regen ein. Es ist kalt, es ist nass und wir fragen uns ernsthaft, was wir uns hier eingebrockt haben. Eigentlich reicht es uns jetzt endgültig, denn wir sind körperlich und nervlich fertig und können kaum noch klar denken. Doch uns bleibt keine Wahl: Das Wissen um die Wasserknappheit treibt uns voran. Und auch die Aussicht auf ein wärmendes Bad kann uns noch ein letztes Mal motivieren. Wir legen den Schalter im Kopf um, stellen auf Automatikmodus und wissen nicht mehr, was unser Körper eigentlich genau macht. So nehme ich auch die Vollkörperdusche eines durch eine riesige Pfütze vorbeifahrenden Geländewagens gelassen hin. Nach elf Stunden Anstrengung kostet mich das nur noch einen kurzen Seufzer (na ja, genug Kraft, um ihm den Mittelfinger zu zeigen, ist dann doch noch vorhanden).

Mittlerweile tut mir Klara schon leid. Für sie ist dieser Beginn der Reise ja noch viel anstrengender als für mich, schließlich haben wir ja eine etwas unterschiedliche sportliche Vergangenheit. Lief ich zuvor als semiprofessioneller Läufer an die 200 Kilometer wöchentlich, begnügte sich Klaras Training mit dem geradelten Arbeitsweg und sporadischen Laufeinheiten entlang der Donau. Wie sie die konditionelle Herausforderung während der ganzen Reise meistert, ist mir sowieso ein Rätsel. Zu Beginn frage ich mich des Öfteren, ob ich etwas falsch gemacht habe, da sie so locker mithält – wenn auch meist im Windschatten (diesen auszunutzen hat sie perfektioniert). Jetzt leidet sie aber und erste Tränen fließen. Ich merke, wie sie sich anstrengt und sich zusammenreißt – wie gerne würde ich ihr jetzt helfen und kann doch nichts für sie tun.

Endlich mache ich im seichten Licht die Silhouetten der dampfenden Quellen aus und versuche, sie damit zu trösten. Und tatsächlich: Mit etwas Verspätung (es ist jetzt ein Uhr nachts) erreichen wir den Campingplatz von Hveravellir. Die längsten und härtesten 70 Kilometer, die wir jemals gefahren sind, liegen hinter uns! Nach einem ausgiebigen Bad in den heißen Quellen fallen wir in einen komaähnlichen Tiefschlaf und hoffen unsere Lektion gelernt zu haben.


Der mächtige Gullfoss, eine der Hauptsehenswürdigkeiten Islands

Am nächsten Morgen müssen wir hurtig weiter, uns würde sonst das Essen ausgehen, denn weit und breit ist keine Siedlung zu sehen. Zudem treibt uns die Sturmwarnung eines Jeeptouristen voran. Die Straße ist nun etwas leichter befahrbar und der Rückenwind enorm. Der wirkliche Sturm beginnt zum Glück erst, als wir uns mit Nudeln im Zelt verbarrikadiert haben. In der Nacht fragen wir uns mehrmals, ob wir samt Zelt schon abgehoben haben. Die Straße wird tags darauf zunehmend besser, und als wir dann Asphalt unter unseren Rädern haben, ist die Welt wieder in Ordnung. Bei der anschließenden heißen Tasse Kaffee in einer Tankstelle ist sie sogar wieder perfekt und wir denken uns: „Ach, so schlimm war das Ganze doch eigentlich gar nicht. Irgendwie hat es sich sogar gelohnt, etwas chaotisch zu sein, denn hätten wir gewusst, was da auf uns zukommt, hätten wir dieses Abenteuer sicher nicht gewagt.“

DU BIST EIN ISLÄNDER!

Klara: Nach drei Tagen treffen wir wieder auf Zivilisation. In Island ist nämlich eines klar: Hier ist die Einsamkeit zu Hause, verdammt viel Einsamkeit! Außerhalb der Ringstraße gibt es nur einige wenige, meist geschotterte Straßen, die im Winter häufig nicht passierbar sind. Für Menschen, die dort ihre Höfe betreiben, bedeutet dies oft monatelange Abgeschiedenheit von der Außenwelt.


In Island hat die Natur das Sagen: im Süden der Kjölur-Hochlandpiste

Nach ein paar Tagen wissen wir: Das gemeinschaftliche Leben am Land spielt sich in den Tankstellen ab! Nicht nur wir flüchten bei starkem Regen in Blönduós in eine Tankstelle, dem ersten und einzigen öffentlichen Treffpunkt weit und breit, sondern hier scheint das tatsächlich eine ganz normale Sonntagnachmittagsbeschäftigung zu sein: sich an der Tankstelle treffen, um dort Hotdogs zu essen. Der Aufenthaltsraum ist größer als bei einem McDonald’s, es geht geschäftig zu. Viele kommen mit bis zu den Knöcheln nassen Jogginghosen, triefenden Haaren, drei Kindern im Schlepptau und verbringen dort den halben Nachmittag. Da fallen Flo und ich gar nicht so auf, wie wir etwas unschlüssig einen Kaffee nach dem anderen schlürfen und nicht sicher sind, wie wir die kommenden, mit noch schlechterem Wetter prognostizierten Tage verbringen sollen. Letztendlich entscheiden wir uns, beim Campingplatz gegenüber, schön neben einem Fluss gelegen, unser Lager aufzubauen. Das erweist sich als wunderbare Entscheidung: Es gibt eine Waschmaschine, einen Wäschetrockner und einen herrlich warmen Duschbereich. Wir decken uns schnell mit Lebensmitteln ein, um die nächsten zwei Tage nur noch in Notfällen das Zelt verlassen zu müssen. Während wir dies alles erledigen, ermitteln wir nebenbei zwei ausschlaggebende Merkmale echter Isländer:


Langjökull: Gletscher zum Greifen nahe

Merkmal Nummer 1: Einem Isländer wird so schnell nicht kalt

Am Campingplatz kommen per Autostopp zwei Mädchen im Teenageralter an. Übermütig stellen sie ein klappriges Siebzigerjahre-Zelt (Stil Hundehütte) auf und spazieren dann – während wir in Fleecepullovern und mit Primaloft-Jacken frösteln – in Bikini und Handtuch zum Fluss, um dort ein bisschen zu baden. „Ihr seid von hier, oder?!“, fragen wir sie und bekommen ein erstauntes Ja als Antwort. „Wie habt ihr das bloß so schnell gesehen?“

Merkmal Nummer 2: Das bisschen Regen stört hier niemanden

Es regnet in Strömen und kann nicht mehr als ein paar Grad über null haben. Flo und ich stehen in voller Regenmontur unter dem Dach eines Supermarktes. In dem Moment rollt gemächlich ein radfahrender Vater mit Baby im Kindersitz an. Das Kind trägt ein Shirt und außer dem Helm keine Kopfbedeckung. Ungeachtet der riesigen Wassermassen, die die Wolken auslassen, herzt der Vater das Kind, fast so als wäre diese Regentaufe eine Art Aufnahmeritual in die Gemeinschaft der Inselbewohner. Dem Baby scheint’s zu gefallen. „Duuu bist ein echter Isländer!“, denken wir uns und müssen lachen. Wir aber sind eindeutig keine Isländer. Deshalb verziehen wir uns mit jeder Menge Fressalien in unser kuscheliges Zelt, um die nächsten 48 Stunden mit einem Hörspielkrimi und jeder Menge Schokomilch zu verbringen.

Irgendwann sind sogar wir ausgeschlafen und die Enge im Zelt wird uns dann doch zu bunt – mit eisernem Willen strampeln wir noch ein paar Tage im Gegenwind Richtung Reykjavik. In windgeschützten Straßengräben kochen wir unser Essen und Flo stellt dabei sinnig fest: „Sehr praktisch: Bei der Kälte kann man sich nie den Mund verbrennen, denn das Essen wird schon auf dem Weg dorthin kalt.“

Eine Tagesetappe von der Hauptstadt entfernt lesen wir durchnässt die Erklärung auf einem Fahrverbotsschild für Radfahrer, dass uns davon abhält, die Landstraße weiterzufahren: „Hvalfjord-Untertunnelung: Durchfahrt nur für Autos“. Wir haben genug. So durchnässt, wie wir sind, wollen wir keine 100 Kilometer Umweg fahren. Daher machen wir etwas, das wir sonst auf Radurlauben nie tun, ja, eine Ehrenkodex-Übertretung sozusagen: Wir strecken den Daumen raus, und ehe wir uns ganz sicher sind, ob wir wirklich schummeln möchten, sind wir schon in, beziehungsweise die Räder auf einem Pick-up. Die Wärme im Auto und das lustige Gespräch mit dem pensionierten isländischen Paar machen uns ganz selig und nachdem wir uns vor unserer USA-Reise noch ordentlich ausruhen wollen, können wir wohl unmöglich das Angebot abschlagen, direkt bis Reykjavik gefahren zu werden. Dort genießen wir die hübsche Stadt und unerwartete zwei Tage Schönwetter. Die Zeit auf Island ist vorbei, die Reise ist in vollem Gang, auf zu neuen Ländern!

USA
MIT SCHWEREM BALLAST DURCH DIE VEREINIGTEN STAATEN


Flo: Nach einer ruhigen Zeltnacht nahe dem Flughafen erscheinen wir überaus mustergültig sehr früh am Schalter der Icelandair, um für unseren Flug in die USA einzuchecken. Es sollte ein gemütlicher, stressfreier Abschied von der Insel werden. Dann kommt aber völlig unerwartet die alles entscheidende Frage einer Mitarbeiterin am Check-in: „Dürfte ich bitte Ihren Rückflugschein sehen, denn ohne ist es nicht erlaubt in die USA einzureisen.“ Überrascht entgegnen wir, wir hätten noch kein Ticket, schließlich wüssten wir noch nicht, wo es uns mit unseren Rädern nach der USA-Tour hin verschlagen wird. Die Mitarbeiterin kann leider nicht viel für uns tun, denn sie muss sich an die Vorschriften halten und die besagen nun mal, dass jeder Einreisende nachweisen muss, innerhalb von 90 Tagen das Land auch wieder zu verlassen. Fahrräder hin oder her. Auch ein Anruf des Supervisors bei der amerikanischen Einwanderungsbehörde hilft nichts. Zu diesem Zeitpunkt haben wir noch rund 30 Minuten Zeit, kreativ zu werden – die Uhr tickt. Zuerst muss nach diesem Schock ein starker Kaffee her. Dann wird der Laptop eingeschaltet und die billigste Busverbindung über die Grenze nach Mexiko gebucht – von San Diego nach Tijuana, obwohl wir dort eigentlich nie hinwollten. Für 24 Dollar zuzüglich zwei Dollar Stornoversicherung haben wir innerhalb von Minuten unser Ausreiseticket in der Hand bzw. am Bildschirm. Das genügt dann auch am Check-in. In letzter Minute erreichen wir das Flugzeug. In unserem Hostel in New York werden wir das Busticket wieder stornieren, so einfach funktioniert dieses ausgeklügelte System. Aber jetzt haben wir erst einmal ganz andere Sorgen und ich versuche, Klara halbwegs zu beruhigen.

Klara: Ich erleide durch die eilige Buchung des Bustickets einen wirklichen Schock, der mich schon daran denken lässt, unsere Reise abzubrechen. Während ich nämlich mein E-Mail-Postfach öffne, um nach der eingelangten Ticketbestätigung zu sehen, überfliege ich ein E-Mail meines Bruders. Der hat leider ganz schlechte Nachrichten. Mein Vater, zu dem ich, wie zu allen anderen meiner Familienmitglieder, eine sehr enge Verbindung habe, musste überraschenderweise ins Krankenhaus. Auf den ersten Blick sieht die Situation sehr ernst und beängstigend aus und sofort stehe ich total neben mir. Nachdem wir in letzter Minute noch einchecken – Flo übernimmt sofort das Kommando, worüber ich sehr froh bin –, versuche ich in der Abflughalle irgendwo ein Telefon aufzutreiben. Handy haben wir nämlich bewusst keines mit, schließlich wollten wir uns ein Jahr lang den Luxus gönnen, nicht ständig erreichbar sein zu müssen. Jetzt würde ich mir aber nichts mehr wünschen, als eben so ein Ding bei mir zu haben. Mir gelingt es in den Minuten vor dem Abflug nicht, ein Telefon aufzutreiben, und so sitze ich mit sorgenvollem Herzen in der Abflughalle, bis wir vom Flughafenpersonal namentlich aufgerufen werden – vor lauter Aufregung haben wir tatsächlich am falschen Gate gewartet! Nach dem sechsstündigen Flug, der mir wie eine Ewigkeit vorkommt und den ich nur verschwommen wahrnehme, dauert es noch einmal mehrere Stunden, bis wir bei unserem Hostel in New York ankommen und die Zeitverschiebung zumindest so weit abwarten, bis es zu Hause nicht mehr mitten in der Nacht ist. Dann erfahre ich von meiner Mama, dass so weit wieder alles in Ordnung ist und ich mir keine Sorgen machen soll. Trotzdem: Die ersten paar Tage bin ich gänzlich unentspannt und die Angst ist immer im Hinterkopf. Schließlich würden wir noch länger unterwegs sein und ich würde meinen Papa noch lange nicht sehen können. New York erlebe ich wie durch einen Schleier. Flo und ich skypen erst Tage später mit meinen Geschwistern, nun kann ich die Entwarnung ernst nehmen. Jetzt erst können wir uns beide so richtig auf die USA einlassen.

NEW YORK: DAS ABENTEUER BEGINNT

Klara: In New York waren wir beide schon einmal: Flo, als er sein Auslandssemester in Arkansas antrat, und ich, als ich ihn dort besuchte. Für mich war diese Stadt damals irgendwie unfassbar. Ich konnte im Nachhinein einfach nicht sagen, was ich von ihr halten sollte. Natürlich, die größte Stadt der USA ist laut, multikulturell, hässlich und schön zugleich. Unterwegs mit öffentlichen Verkehrsmitteln, kam sie mir damals uneinschätzbar riesig vor. Das ist diesmal ganz anders. Beim Einstieg in den Airportzug werden wir wieder daran erinnert, warum wir dieses riesige Land für unsere erste längere Radetappe gewählt haben: Es sind die fröhlichen und begeisterten Bemerkungen der Passanten, die uns auf unsere vollbepackten Räder ansprechen, uns viel Glück wünschen und uns erklären, wie toll sie unser Vorhaben fänden. Diese sympathischen Wesenszüge der Amerikaner finden wir einfach großartig. Klar könnte man jetzt einwenden, dass es sich hierbei nur um die typisch oberflächliche Mentalität der Amerikaner handelt, hinter der wenig steckt. Wir finden diese Offenheit und Begeisterungsfähigkeit aber klasse und würden uns wünschen, als Mitteleuropäer auch mehr davon zu haben.

In der feuchtschwülen U-Bahn Richtung unserem Hostel in Queens, in der wir kaum Platz finden – wir brauchen mit unseren Rädern sicher ein Viertel des Wagons –, erleben wir dann leider auch die Schattenseiten einer anonymen Großstadt: Eine sichtlich überforderte Mutter fasst ihren kleinen Jungen, der wie am Spieß schreiend in seinem Buggy sitzt, sehr grob an – so grob, dass er mit seinem Hals immer wieder am Gurt hängen bleibt und beinahe keine Luft bekommt. Teilnahmslos oder genervt schauen die anderen Passagiere zu Boden. Niemand couragiert sich einzugreifen – auch wir trauen uns nicht, was ich im Nachhinein bereue. Beim Ausstieg aus der U-Bahn merken wir schnell, dass die steilen Stufen hinauf zur Straße für uns mit den Rädern unüberwindbare Hürden sind, und wir stellen uns einzeln beim Fahrstuhl an. Einzeln deshalb, weil im Lift nur mit Mühe und Not ein vollbepacktes Fahrrad Platz hat. Schnell machen wir uns hiermit Feinde, denn vor dem Lift herrscht großer Andrang, obwohl es doch nur ein paar Stufen bis zur Straße wären. Viele beleibte Menschen wollen aber trotzdem lieber zehn Minuten auf den Fahrstuhl warten und wir sind dabei im Weg. Manch gehfauler New Yorker blickt uns mit genervtem Blick und rollenden Augen an. „Ach ja“, denken wir, „das Adipositasproblem vieler US-Bürger hätten wir schon fast vergessen!“ Mit diesem Gedanken schwingen wir uns auf unsere Räder und rollen auch schon vor die Tür eines Hamburger-Ladens. Keine Minute später steht unsere erste Hamburger-Cola-Combo vor uns am Tisch und jegliche Gedanken über Ernährungsbewusstsein sind Vergangenheit.


USA 28. Juli–24. Oktober 2012


Tags darauf trauen wir uns dann (nachdem uns der griechischstämmige Hostelbetreiber gut zugeredet hat) tatsächlich, durch New York zu radeln. Unser Plan ist zu diesem Zeitpunkt endlich fix: Von Washington D.C. aus wollen wir die USA durchqueren und, würde alles gut gehen, spätestens drei Monate später San Francisco am Pazifik erreichen. Das haben wir, durchorganisiert wie wir sind, erst vor ein paar Tagen beschlossen, als uns in Reykjavik ein Tourenpärchen vom sogenannten Trans-Am-Trail vorgeschwärmt hat, der südlich von Washington startet. Flo hatte zuvor schon mit diesem Trail geliebäugelt, doch erst jetzt steht unser Entschluss. In New York bestellen wir einen Kartensatz des Trails (sündhaft teuer, aber im Nachhinein gesehen ein Traum) und geben als Lieferadresse einen Campingplatz in Virginia an, von dem wir glauben, dass er am Weg liegt.

Für die Strecke nach Washington wollen wir aber noch den Bus nehmen, innerlich haben wir nämlich schon den leichten Verdacht, dass es mit unserem Dreimonatsvisum für die Durchquerung des Kontinents sonst eventuell etwas knapp werden könnte. Und so lerne ich New York auf dem Weg zum Busbahnhof nahe dem Times Square neu kennen und schätzen. Auf dem Rad macht das Ganze viel mehr Spaß und ich lerne etwas, das sich noch oft bewahrheiten wird: Das Gefühl für eine Stadt bekomme ich am besten, wenn ich mich selbstständig und aus eigener Kraft dort fortbewege.

Es ist Sonntag und somit wenig Verkehr, während wir durch die etwas schäbigen Durchfahrtsstraßen Queens’ radeln. Immer wieder werden wir von den typischen gelben Taxis überholt. Als wir Passanten nach dem Weg in Richtung Central Park fragen, macht der erste ein Foto von uns und sendet es per Smartphone gleich an unseren E-Mail-Account, der nächste, ein italienischer Rennradfahrer, übernimmt die Führung und geleitet uns beim Weg über die Queensborrow-Brücke. Es fühlt sich großartig an, in einer solchen Stadt Teil des Treibens zu sein. Flo genießt das anscheinend so sehr, dass er sich, im Central Park angekommen, gleich zu den Rikschafahrern gesellt, die dort Touristen ihre Dienste anbieten. Zwischen den Fiakern und Wochenendausflüglern fällt er fast nicht auf. Wir rollen am Zoo vorbei und landen beim großen Teich des Parks. Hier herrscht eine fast magische Stimmung: Wir stehen auf einer Fußgängerbrücke und unter uns ist ein weiterer Durchgang. Überall tummeln sich die Leute, ein Chor singt und gleichzeitig zaubert ein Straßenkünstler menschengroße Seifenblasen.


New York City: Wo bitte geht’s hier zum Radweg?

Nach dem Genuss eines obligatorischen Bagels fahren wir zum Times Square, wo es wie immer rundgeht. Nun müssen wir es zugeben: Wir haben tatsächlich ein Foto mit dem Naked Cowboy, einem legendären Straßenmusiker, gemacht und wissen bis heute nicht, was wir davon halten sollen.

Beim komplizierten System am Busbahnhof wird Florian dann schon fast zum Einheimischen. Zuerst stellen wir uns noch ahnungslos in einer der zwei parallelen, sicher 100 Meter langen Schlangen an, die in einer Art Abfahrtshalle für die Busse mündet. Dann erfragen wir uns schrittweise die Logik des Systems. Es läuft hier anscheinend so ab, dass neben den offiziellen blau gekleideten Auskunftskerlen sich hier jeder, der eine Ahnung hat, wohin welche Schlange führt, wann der nächste Bus fährt, beziehungsweise ob dieser noch freie Plätze hat, bemüßigt fühlt, diese Informationen weiterzugeben. Nach ungefähr einer Stunde des Wartens – wir werden dazwischen von einem Angestellten mehrmals an den anscheinend richtigen Platz bugsiert – ist Florian zum Profi mutiert und gibt jetzt, wenn er von Neulingen gefragt wird, mindestens so selbstbewusst Auskunft wie die Dame vor uns, die dieses Schauspiel jeden Sonntag erlebt. „This is the line to Philly, 4:30, reservations only“, erklärt er geschäftig und deutet auf die Nachbarlinie. Ich kann meinen Ohren kaum trauen!


Grand Central Station in New York

Ob wir samt unserem, zugegebenermaßen nicht unbedingt handlichem Gepäck befördert werden, hängt letztendlich von der Gunst des Busfahrers ab. Die erste Chance auf einen Platz im Bus wird vom chinesischstämmigen Fahrer mit einem knappen und scharfen „No, no, no! It’s not possible!“ aus dem Weg geräumt und so schauen wir, dass wir uns wenigstens mit dem bei dieser Aussage heimlich die Augen verdrehenden Ordnungspersonal gutstellen. Sie setzen sich dann auch wirklich für uns ein – und nach nur drei Stunden Wartezeit sitzen wir im Bus nach Washington. In mir steigt so etwas wie ein Glücksgefühl auf! Die Straßenschilder, die Autos, der Wald rings um die Interstate – alles ist mir vertraut und erfreut mich. Als nach zwei Stunden der Sitzplatz neben Florian frei wird, setze ich mich zu ihm und er legt den Arm um mich. „Alles wird gut“, denke ich und fühle mich zur richtigen Zeit am richtigen Ort.


„How romantic!“ – Honeymoonfeeling vor dem Lincoln Memorial in Washington

Flo: Mit den letzten Sonnenstrahlen erreichen wir die Hauptstadt. Washington ist ein guter Ort! Ruhig, sauber und genügend Raum, um sich frei bewegen zu können. Noch bevor wir uns eine Unterkunft suchen, schwingen wir uns auf unsere Fahrräder und begeben uns zur Mall, auf deren weitläufigem Gelände sich viele Sehenswürdigkeiten befinden.

Vor dem Kapitol machen wir ein paar Erinnerungsfotos und ich fühle mich wie Forrest Gump, der an eben diesem Platz seine Jenny wieder traf, nachdem er die USA durchlaufen hatte. Nur mit dem Unterschied, dass es bei uns in die andere Richtung geht, ich mein Herzblatt schon mithabe und wir mit dem Fahrrad unterwegs sind.

Am Vorabend der endgültigen Abreise gen Westen treffen wir auf eine deutsche Rucksackreisende, die durch die USA tourt und am nächsten Tag mit dem Bus von Washington D.C. nach San Francisco fahren will. „Wir Backpacker haben es nicht immer leicht, aber diesen beinharten 48-Stunden-Trip sollte man einmal im Leben machen“, erklärt sie vollmundig. Da müssen wir dann doch innerlich schmunzeln. „Und wir planen für beinharte 48 Stunden ganze drei Monate?“, sinnieren wir und scherzen: „Wir dürfen ja auch nicht auf die Autobahn!“

VIRGINIA: DURCH POCAHONTAS HEIMAT

Klara: Selbstverständlich ziehen wir am Starttag die Just-married-Radshirts an, die uns Freundinnen geschenkt haben. Sie sind knallgelb und auf Flos steht „just“, auf meinem „married“. Stehen wir nebeneinander und umarmen uns, ergibt das Ganze Sinn und es bildet sich sogar ein großes rotes Herz auf unseren Bäuchen.

Kaum rollen wir gut gelaunt und etwas nervös los, werden wir auch schon freundlich angehupt. Uns wird zugewunken und die Leute rufen uns begeistert Glückwünsche zu: „How romantic!“, „Congrats!“ So geht das den ganzen Tag! Es ist herrlich – wir haben fast das Gefühl, nochmals ein bisschen zu heiraten. Direkt von Washington aus gelangen wir auf den Mount Vernon Trail. Es geht entlang des Potomac-Flusses bis nach Alexandria, einer südlichen Vorstadt Washingtons mit Backsteinhäuschen, bunt bemalten Fensterläden und verlockenden Eisbuden. Dort essen wir gemütlich zu Mittag, bevor wir bis zum ehemaligen Wohnhaus George Washingtons fahren. Der schöne Radweg ist ab hier Geschichte. Jetzt geht es nur noch auf vier- bis sechsspurigen, stark befahrenen Straßen weiter, an den ersten Ausläufern der Appalachen rauf und runter, von einer Ampel zur nächsten. Alles sieht gleich aus, eine Einkaufsmeile nach der anderen, wie sie wohl in jeder größeren Stadt Nordamerikas zu finden sind: Walmart, Radioshack, McDonald’s und Starbucks … Zum Verrücktwerden. Es wird schon dunkel, als wir endlich den ersten und einzigen State Park weit und breit entdecken. Diese kleinen Naturschutzgebiete bieten häufig die Möglichkeit zu campen – ideal für Reisende wie wir. So können wir uns die sporadisch auftauchenden, heruntergekommenen Motels sparen. Im dunklen, tiefen Wald des Parks ergattern wir eine einfache Hütte und kochen noch schnell Pasta, bevor wir in die Schlafsäcke fallen und sofort einschlafen.

In den kommenden Tagen werden wir auf unmissverständliche Art und Weise mit dem Begriff der rolling hills und den Appalachen vertraut gemacht. Hatten wir in Island mit einer sogenannten Wellblechpiste zu tun, bei der uns kleine, wellenartig aneinandergereihte Erhebungen das Fahren schwer machten, so fordert uns nun ein steiler Hügel nach dem anderen. Hier, im Land von Pocahontas und den Blue Ridge Mountains, gibt es viel Wald und neben der üppigen Fauna und den „Meine-kleine-Farm-Höfen“ findet sich allerlei spannendes Getier. Allen, die gleichfalls Pocahontas kennen, braucht man ja nichts zu erzählen, allen anderen sei gesagt: Waschbären, putzige Kaninchen, Eichhörnchen, Schildkröten, Füchse, zutrauliche Rehe und Eulen versüßen unsere Radtage.

Die meisten US-Touristen sind aber aus einem ganz anderen Grund in Virginia: Sie klappern ein Bürgerkriegsmonument nach dem anderen ab, denn hier wurde das intensivste Kapitel dieses Konflikts geschrieben. Die Rednecks, wie die Südstaatler genannt werden, mussten 1865 nach rund vier Jahren Krieg vor den Yankees aus dem Norden kapitulieren und somit die Sklaverei aufgeben.

Wir schlafen weiterhin meist in State Parks, campen aber auch eine Nacht bei Katzenfrau Maria. Maria entspricht mit ihrer ausgewaschenen schwarzen Dauerwelle, der rauchigen Stimme und einem Kaffeebecher und einer Zigarette zwischen den Fingern äußerlich dem perfekten Katzenfreundinnen-Klischee. Es gibt zwanzig Katzen auf ihrem Campingplatz – und gegen Mitternacht auch in unserem Vorzelt. „Sie arbeiten für mich“, schwärmt Maria mit liebevollem Blick auf ihre felligen Freunde. Auf unser mimisch leider nicht zu vermeidendes Unverständnis hin (sagen wir so: wir sind keine Katzenfreunde) erklärt sie: „Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie viele Ratten ich ohne sie hier hätte!“

Zwischen den endlos anmutenden Hügeln Virginias habe auch ich meine Auf und Abs und manches Mal ein ziemliches Motivationsproblem, was für Florian, der inzwischen schon total im Radfahren aufgeht, auch nicht immer so unterhaltsam ist. Auf bisherigen Radurlauben hatte ich nach spätestens zwei Wochen stets ein Hochgefühl erlebt und war schnell auch körperlich fit gewesen, doch diesmal machen mir die steilen Anstiege einen Strich durch die Rechnung. Ich bin matt, müde und das mit der Kondition scheint einfach nicht wirklich zu werden. Innerlich verfluche ich bereits die verdammten Hügel der Appalachen und hoffe, bald ein besseres Gefühl zu bekommen.

Flo: „Unterstützt unsere Truppen!“, heißt es auf Werbebannern und Plakaten. „Alle gaben etwas, manche gaben alles!“, lesen wir auf Mahnmahlen in Privatgärten. Ja selbst der Kauf einer bestimmten Würstchenmarke unterstützt die Heimatfront. Viele Bürger leben hier in Angst und Schrecken, obwohl die von den USA geführten Kriege Tausende Kilometer weit entfernt sind. „In den letzten Jahren scheint auf unserem Land ein Fluch zu liegen. Wir müssen immerfort kämpfen“, lässt uns die Südstaatlerin Mary geknickt wissen. „Na ja, meistens seid es aber ihr, die irgendwo einen Krieg anzetteln“, denken wir uns und geben ein etwas bedrücktes Lächeln zurück. Die ihrerseits erwartete, verständnisvolle Bestätigung bleibt von unserer Seite aus.


Die ersten Tage in den USA sind ernüchternd: viel Verkehr und wir ohne Plan.

Kriegsverherrlichung an sich gehört in der Gegend rund um Virginia einfach dazu. In kleinen Dörfern zieren Gedenktafeln – meist direkt neben den Schulen – die Ortschaft. Sie heben die leider Gottes gefallenen, oft blutjungen, ortsansässigen Soldaten öffentlich in den Himmel. Diese sind echte Helden für potenzielle Nachwuchssoldaten, die oft aus dieser verarmten Gegend rekrutiert werden. Dies alles erinnert mich an ein Gespräch, das ich mit einem jungen Kerl aus Arkansas während meines Auslandssemesters führte. Er schwärmte mir von den enormen Vorteilen einer Karriere bei der Army vor: „Da kriegst du jede Menge Kohle. Alles was du dafür tun musst, ist die gesamte Scheiße in Afghanistan in die Luft zu jagen!“


„Privateigentum!“ Die vielen Verbotsschilder haben Frustpotenzial.

Ein weiterer Grund, warum wir mit der Mentalität Virginias nur langsam warm werden, sind die vielen Verbotsschilder. Jedes noch so kleine Fleckchen, jeder Baum, jede Wiese scheint mit einem Betreten-verboten-Schild versehen zu sein. Diese erfreuen unser Camperherz nicht unbedingt, da wir täglich bis zu 20 Kilometer Umweg in Kauf nehmen müssen, um einen Campingplatz zu erreichen. Wir fühlen uns schon fast unwillkommen. Die in Summe 1500 Kilometer extra würden wir in unserem Drei-Monats-Visum sicher nicht mehr unterbringen. Einmal überlegen wir sogar, die Schildchen vor einem Wald einfach zu übersehen, doch noch im selben Moment hören wir den schießwütigen Eigentümer im Wald herumballern. Der Höhepunkt ist aber ein Schildchen auf einem offiziellen Campingplatz. Wir sind auf dem Weg zur Rezeption und werden sogleich von einer unübersehbaren, wohl spaßig gemeinten Tafel „willkommen“ geheißen: „Stay out! Violaters will be shot! Those who get up will be shot again!“

Zum Glück haben Virginia und seine Bewohner auch noch ganz andere Seiten zu bieten. Wenn man sich auf die Menschen einlässt, erfährt man die berühmte southern hospitality, die Gastfreundschaft der Südstaatler. Da ist zum Beispiel George, ein Farmer, auf dessen Ranch wir unser Zelt aufstellen dürfen. Er mäht extra ein besonders schönes Fleckchen an seinem See für uns aus. Einen unerwarteten Wolkenguss dürfen wir sogar noch bei einer kühlen Limonade in seinem Haus abwarten. Seine interessante Lebensgeschichte inklusive seiner köstlichen Ausführungen über seine beruflichen Erlebnisse im Beerdigungs-Business gibt es obendrauf.

Oder Rhoda, eine Mennonitin, die wir im Bear Creek Lake State Park treffen. Mit ihrem weißen Häubchen als Kopfbedeckung fällt sie uns gleich auf. Vom Auto aus beginnt sie mit uns zu quatschen. Sie sei frisch von Idaho hierher gezogen und erkunde jetzt die Gegend. Auch ihr Traum sei es schon immer gewesen, einmal mit dem Fahrrad quer durch ihr Land zu fahren. Nach einem netten Gespräch verabschieden wir uns herzlich voneinander. Kaum haben wir eine Stunde später unser Zelt aufgestellt, steht Rhoda plötzlich mit frisch gebackenem, warmen Kuchen und Milch vor uns, um uns noch einmal offiziell in ihrem Land willkommen zu heißen. Als wir uns überschwänglich bedanken, meint sie nur, wir sollen diese Gastfreundschaft einmal an andere weitergeben. „That’s trail magic“, das sei der Zauber des Pilgerns, meint sie. Und wir nehmen uns ganz fest vor, auch zu Hause Fremden diese Herzlichkeit entgegenzubringen.


ZWEI IDIOTEN GEBEN VOLLGAS 5. August 2012

Flo: Vorgestern hätten die gesetzestreuen Amerikaner wirklich einen verständlichen Grund gehabt, sich über uns zu ärgern. Fuhren wir doch unerhörterweise ein paar Meilen auf der Interstate, was sich als waghalsig, dumm und andererseits als sehr schnell herausstellte – Letzteres meint zumindest Klara, die mich davon überzeugte, die Abkürzung über die Autobahn zu nehmen. Dabei schubste sie mich quasi in die Auffahrt und schon waren wir bei den Fahrradfahrverbotsschildern vorbei und direkt am Pannenstreifen unterwegs. Jetzt gab es bis zum nächsten Exit in rund sieben Meilen kein Zurück mehr. Ich starb tausend Tode! Gesteuert vom Überlebenstrieb versuchte ich Klara wild gestikulierend mitzuteilen, dass sie dichter an meinem Hinterrad fahren sollte, um den Windschatten besser ausnutzen und so mehr Tempo machen zu können. Ich wollte nämlich keine Minute zu viel auf diesem gefährlichen Pflaster verbringen. Sie verstand aufgrund des Lärms der vorbeirasenden Lastwagen natürlich kein Wort und durch mein sinnloses Gestikulieren stürzte ich auch noch fast. Klara blieb ganz cool (oder dachte vielleicht einfach gar nicht so weit?). In meinem Kopf sah ich mich jedenfalls schon von einem Truck überrollt oder von einem Sheriff geschnappt. Ich zumindest mache mich ab jetzt nicht mehr lustig, wenn es im Verkehrsfunk heißt: „Zwei Tschechen per Fahrrad am Pannenstreifen der A1 Richtung Attersee …“

Klara: Jetzt sitzen wir also seit Tagen hier und warten im Claytor Lake State Park, bis der Postmann dreimal klingelt, oder, in unserem Fall, der UPS-Mann mit unseren Radkarten angebraust kommt. Das sind nicht irgendwelche Straßenkarten, sondern die Karten der Adventure Cycling Association mit unserer Route gen Westen, ohne die wir ab hier nicht mehr weiterfahren können beziehungsweise wollen. Schließlich irren wir schon seit einer Woche in Virginia herum, den halben Tag damit beschäftigt, uns im wirren Straßensystem fahrradfreundliche Routen zu suchen und abends einen Campingplatz zu finden. Wir haben genug vom Verkehr und den täglichen Extrakilometern auf dem Weg zu einem Schlafplatz. Wir wissen, in den Radkarten sind all diese Dinge eingezeichnet und damit ist Schluss mit den Strapazen. Aber die Lieferung der in New York mit einem dollarfressenden Internetanschluss bestellten Karten ließ mächtig auf sich warten.

Während der nervenaufreibenden Warterei werden wir ganz schön paranoid: Jedes Mal, wenn ein Fahrzeug an der nahe unserem Zeltplatz gelegenen Einfahrtsstraße vorbeirollt, schrecken wir nervös auf und hoffen, es sei was für uns dabei! Erwartungsfroh gehen wir mehrmals täglich zum Empfangszentrum des Parks und werden mit unserem Anliegen bald platzweit bekannt. Jeder weiß: Die zwei warten auf ihre Karten. Oft bekommen wir schon, noch bevor wir wieder mal nachfragen können, ein verneinendes Kopfschütteln, dem hoffnungsspendende Worte über ein baldiges Eintreffen folgen. Wir kommen uns teilweise ganz schön vertrottelt vor und vertreiben uns die Tage mit Wäschewaschen – die hier, in diesem feuchtschwülen Wetter, aber einfach nicht trocknen möchte. Irgendwann helfen uns dann die beiden Parkhosts Marion und Don liebenswerterweise aus. Sie sind für unseren, insgesamt fünf Zeltplätze umfassenden Abschnitt des State Parks verantwortlich und dürfen dafür die ganze Saison lang mit ihrem monströsen Campingbus (in den Ausmaßen eines typischen europäischen Reisebusses für 50 Personen) gratis campen. Für ihr jahrelanges Engagement haben sie sogar schon die goldene Ehrenanstecknadel erhalten. Don war Flugzeugingenieur bei der Army und dementsprechend haben sie ihren kleinen Vorgarten vor dem Bus gestaltet. Neben Windspielen und Topfpflanzen hängen hier unzählige US-Flaggen. Getoppt wird das alles von einem überlebensgroßen Denkmal. Dabei handelt es sich um eine Art Scherenschnitt aus schwarz lackierten Pressspanplatten in Form eines Soldaten, der vor einem Grab kniet. Darunter steht so etwas wie: „Danke für euren Einsatz für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit!“ Anders als es ihre uns befremdende antipazifistische Einstellung zunächst vermuten lässt, sind die beiden sehr hilfsbereit und fahren uns extra in den 20 Kilometer entfernten Waschsalon, wo wir endlich unsere Wäsche trocknen können. Als wir im Schritttempo durch den Campingplatz rollen, bleibt Don plötzlich stehen und steigt aus. Wir fragen uns gerade, was er bloß vorhat, da hebt er ein winziges Ästchen vom Weg auf, schwingt es triumphierend in die Höhe und erklärt: „That’s part of our job!“

Wir vertreiben uns außerdem die Zeit mit Baden am kleinen See des State Parks, was uns nicht ganz so viel Spaß macht. Denn hier erscheint uns alles sehr restriktiv: Sogar die Kinder rufen uns von der Ferne ermahnend zu, wenn wir, ohne uns unseres Vergehens bewusst zu sein, nicht im Badebereich – einem 20 Meter langen Uferstreifen –, sondern fünf Meter weiter drüben ins Wasser steigen wollen. Am Ministrand gibt es sogar baywatchgleiche Rettungsschwimmerinnen – mit rotem Badeanzug und Boje, versteht sich!

Ansonsten beobachten wir unzählige zutrauliche Rehe, Schmetterlinge und Eichhörnchen und genießen die vielen Begegnungen mit lieben Campnachbarn, die gern Marshmallows grillend vor den Lagerfeuern sitzen. Alle scheinen mittlerweile mit uns mitzufiebern, wann denn nun endlich die Karten kommen und unsere große Reise gen Westen so richtig durchstarten kann.

Wir warten und warten und warten. Innerlich sind wir aber nicht mehr so ruhig, sondern haben das Gefühl, uns läuft die Zeit, beziehungsweise das Drei-Monats-Visum, davon. Wenigstens hat mein Körper Zeit, sich zu erholen und endlich fit zu werden.

Siehe da, nach fünf Tagen passiert das Wunder – und noch dazu ganz still und heimlich! Diesmal werde ich durch unser raffiniertes System von Schere, Stein, Papier auserkoren, mal wieder beim Parkeingang nach einem Päckchen zu fragen, und man glaubt es kaum: Ohne dass wir es bemerkt hätten, hat der Postmann tatsächlich das langersehnte Paket geliefert. Wir können ihm nun nicht einmal jauchzend um den Hals fallen. Das ist ja wie Ostern und Weihnachten zusammen! Don und Marion applaudieren fast, als ich, stolz wie ein Pfau mit den Karten winkend, bei ihrem Camper vorbeischreite. Dann folgt ein kurzes Rechenspiel meinerseits: die uns bevorstehenden Kilometer dividiert durch die noch vorhandenen Tage und ein großer Schock. Bei der uns bevorstehenden durchschnittlichen Tageskilometerzahl möchte ich am liebsten jetzt sofort losstarten – auch wenn es schon dunkel wird! Flo beruhigt mich: Wir könnten ja ein paar Pausentage hereinradeln, wenn wir an anderen Tagen nur umso mehr schaffen. „Das sind ja großartige Aussichten“, denke ich mir und freue mich gleichzeitig, dass die Reise endlich wieder weitergeht. Kentucky: Der olympische Traum lebt.

Flo: Kentucky, das ist ein einziger grüner Tunnel in den Hügeln der Appalachen. So steile Hügel, dass wir einmal nach einem besonders anstrengenden Anstieg simultan auf unsere zuvor ausgebreitete Plane fallen und kaum noch klar sehen können. Zum Glück haben wir noch den, ansonsten für uns eher ungenießbaren, Maisbrei mit, der uns in der Not die nötige Energie bringt, doch noch weiterfahren zu können.


Claytor Lake State Park: Warten auf den Postmann

In den kommenden Tagen und Wochen versuchen wir, mindestens 20 Kilometer über unserem errechneten Tagesschnitt zu fahren, denn wir möchten uns unbedingt in den aufregenderen Bundesstaaten wie Colorado, Utah und Kalifornien mehr Zeit lassen können. Zum Glück funktioniert das mit unseren Karten auch perfekt, denn die tägliche Organisation des Schlafplatzes ist somit geregelt. Auf dem TransAmerica-Trail gibt es für alle, die das Crossing-the-States-Thing machen, gratis Schlafmöglichkeiten in Kirchen, Turnsälen und Stadtparks – besonders in Gegenden ohne touristische Infrastruktur. Dies erleichtert uns das Reisen in diesem Land enorm. Wir treffen jetzt auch ab und zu andere Radfahrer – eine Seltenheit und eine Freude in Kentucky, wo es eher unüblich scheint, sich zu bewegen. Sie alle fahren den Trail, der in den 1970er-Jahren zu Ehren der Nation entstanden ist. Er wurde für mostly unexperienced cyclists, also hauptsächlich für unerfahrene Radfahrer entwickelt. Um diesen Anspruch zu untermalen, wurde auf dem Kartencover ein Gruppenfoto eben solcher Radfahrer – in ausgefransten Jeansshorts, engen Rudershirts, mit Hornbrillen und wirren Lockenköpfen – abgedruckt. Ein Blick darauf genügt, um jegliche miese Stimmung zu vertreiben, wir sind very amused.

Mit den Karten können wir sehr entspannt dahinfahren und den lieben langen Tag vor uns hin plappern. Als Gesprächsthemen dienen auch die fanatischen Sprüche und Texte, die hier religiöse Gruppen überallhin pflastern. Wir sind eindeutig im Biblebelt und die Zehn Gebote finden sich an jedem zweiten Supermarkteingang. Nicht mehr ganz so lustig finden wir aber Selbsthilfebücher mit Titeln wie: „Satan, you won’t get my children“.


PROFESSIONELLE BEINE 12. August 2012

Klara: Ich erlebe eine Premiere: Ich bin oft weit und breit, zum Beispiel im riesigen Walmart, die Dünnste von allen! Etwas, das mir zu Hause selten passiert. Und dann die legs-Geschichte: Ich bin ja nun wahrlich kein Hirtermadl (Sie wissen schon, die mit den dünnen Wadeln)! Aber gleich so ein Trara um meine muskulösen Beine zu machen … In Kentucky werde ich ständig auf meine legs angesprochen. „Look at her legs! They are amazing“, höre ich im amerikanischen Singsang mindestens zwei Mal die Woche, während rotlackierte Zeigefinger auf meine untere Körperhälfte deuten. Oder, aus aktuellem Anlass (die Olympiade wird gerade in London ausgetragen): „Are you training for the olympics? Your legs look professional!“ Mir ist das peinlich, Flo findet es lustig und bestätigt mit ernster Miene, dass wir 2016 in Rio live dabei sein werden. Kentucky, das ist der Bundesstaat der Bluegrass-Musik (gefällt uns), der Bundesstaat der Rennpferdezucht – bis zu elf Millionen US-Dollar für einen Hengst – (finden wir interessant) und der Bundesstaat mit der größten Anzahl an offensichtlich Fettleibigen (finden wir schockierend). Kentucky, quo vadis?

Flo: Hier werden Stereotypen bedient. Auf den ersten Blick leben in Kentucky vor allem dicke, burgermampfende Menschen mit großen Autos. Menschen mit wenig Umweltbewusstsein und schlechten Bildungschancen. Das stellt zumindest Ben fest, ein Amerikaner aus Boston, der ebenfalls mit dem Rad nach San Francisco unterwegs ist: „Ich bin schockiert über mein Land! Für mich ist es hier mindestens so überraschend wie für euch Europäer. Ich hätte niemals für möglich gehalten, wie anders die Südstaatler sind.“ Kentucky ist einer der ärmsten Bundesstaaten der USA. Aufgrund der Schließung vieler Kohleminen und des Zusammenbruchs der Holzindustrie leben in gewissen Regionen bis zu 40 Prozent der Bevölkerung unter der Armutsgrenze. Ein guter Nährboden für morbide Adipositas. Über 60 Prozent der Leute sind fettleibig oder übergewichtig. Wir zählen zum Glück noch nicht dazu, obwohl unsere Diät, die hier vorwiegend aus Fett und Zucker besteht, bereits Wirkung zu zeigen beginnt. In den kleinen Dörfern entlang unserer Route gibt es nämlich kaum frische und gesunde Nahrungsmittel und so schnabulieren wir Donuts, Burger und unsere tägliche Ration Pasta.


Von Kaff zu Kaff durch den Bible Belt. Selbst der Tabakladen hat eine Drive-through-Möglichkeit.

Auffällig ist hier auch, dass zahlreiche Autos einen Behindertenausweis am Nummernschild befestigt haben, um bei Supermärkten direkt vor dem Eingang parken zu dürfen (wenn es gemeinerweise keine Drive-through-Möglichkeit gibt). Erst einmal eingeparkt wird direkt vom Auto auf einen elektrischen Einkaufswagen – natürlich mit gemütlichem Sitz – gewechselt. Jetzt wird durch die riesigen Regalreihen geflitzt. Der mitgeführte Gehstock wird praktischerweise dafür verwendet, an die Leckereien im oberen Bereich der Regale zu kommen – nur um nicht unnötigerweise aufstehen zu müssen.

Kein Wunder, dass wir oft unverständliche Blicke ernten, wenn wir vollbepackt – zwar sitzend, aber ganz ohne Motor – durch die Gegend fahren. No sports ist angesagt. Bei längerer Unterhaltung folgt auf Unverständnis aber meist Begeisterung und wir werden mehrmals (ernsthaft!) mit guten Wünschen für die Olympischen Spiele verabschiedet.


Das Pferd braucht zwar keinen Treibstoff, sein Besitzer aber schon: Kaffee und Cola gibt’s an jeder Tankstelle.

Klara: Manchmal kommen wir uns wirklich wie beim beinharten Training vor. Das Höhenprofil der schwülheißen Appalachen zeigt uns des Öfteren unsere körperlichen Grenzen auf. Schweiß läuft uns in die Augen. Mit unseren Händen können wir ihn bloß verwischen und verstärken dabei blöderweise meist nur das salzige Brennen in den Augen. Bei extrem steilen Passagen, wo die dicke Luft zu stehen scheint, haben wir besonders Mühe, auf den Rädern zu bleiben: Uns rutschen die Lenker aus den Händen, da diese klitschnass geschwitzt sind! Noch dazu brechen uns beim andauernden Hügelhochsprinten im Wiegetritt unsere zu schwach ausgelegten Alu-Gepäckträger. Provisorisch richten wir diese mit Kabelbindern (das Universaltool schlechthin!) und Draht wieder her. Ich lege damit sogar noch eineinhalbtausend Kilometer zurück, ehe ich in Colorado einen neuen Gepäckträger bekomme.

Flo: Klara ist ein wirklich gutmütiger und liebenswürdiger Mensch, aber bei einem Ford F150 oder einem Dodge Silverado hören sich auch bei ihr jede Freundschaft und die guten Manieren auf. Die überdimensionierten Pickups mit viel zu viel Hubraum und Spritverbrauch werden zu ihrem erklärten Feindbild. Nicht nur wegen der sinnlosen Ressourcenvergeudung und des furchteinflößenden Motorengeheuls dieser Maschinen (mehrmals wähnen wir einen Monster-Lkw hinter uns und stellen dann verblüfft fest, dass es doch nur eines dieser Autos ist), sondern vor allem aufgrund der Personen, die solche Autos fahren. In den USA zählen wir in vielen Bundesstaaten (anscheinend vor allem in den republikanischen) als minderwertige Verkehrsteilnehmer und Störelemente auf der Straße. Und das lassen uns die Autofahrer auch spüren, indem sie uns durch empfindlich nahes Überholen oft fast von der Straße drängen. Manchmal ist es wirklich knapp und uns kommt es vor, als hätten sie ihren Spaß damit. Manche können wohl auch nichts dafür – reden wir uns ein –, da die Fahrausbildung mangelhaft zu sein scheint. Es gibt aber auch unsere persönlichen Helden, wie zum Beispiel einen Truckfahrer, der über internen Funk seine Kollegen bittet, auf uns Acht zu geben, oder solche, die beim Überholen ausreichend Abstand lassen. Mehr brauchen wir eigentlich nicht, um uns auf der Straße wohlzufühlen.

Und dann sind da noch die Hunde. Die Leute mit den ärmlichsten Behausungen haben die bissigsten und aggressivsten Hunde. Das Bisschen, das sie haben, versuchen sie wohl durch die Köter energisch abzusichern. Klara hat aus dem letzten Radurlaub in Südrumänien ein kleines Trauma davongetragen und zuckt jedes Mal zusammen, wenn sie Hundegebell hört. Und ich mache mir jedes Mal riesige Sorgen um sie – aber nicht, weil ich fürchte, dass sie gebissen wird, sondern aufgrund ihrer eigenartigen Reaktionsgewohnheit, die mich immer an ein Huhn erinnert, das wie völlig verrückt orientierungslos durch die Gegend stakst. Sobald Klara einen anscheinend angriffslustigen Köter ortet, schwenkt sie unverzüglich nach links und gibt Vollgas. Ohne Rücksicht auf eventuell von hinten heranbrausende Trucks, die sie leicht niederbügeln könnten. Nur mit Mühe hat sie sich auf der Reise auch andere, vernünftigere Taktiken angeeignet.

Klara: Der mittlerweile bewährte Ablauf bei unfreiwilligen Hundekontakten verläuft folgendermaßen: 1. Wer das Biest zuerst bemerkt, beginnt lautstark und im Maschinengewehrtempo: „He, he, he!!!“ zu rufen, der andere setzt, schockiert über den abrupten Abbruch des eben noch intensiv geführten Gesprächs, alsbald ein. 2. Ein schneller Blick nach hinten führt bei einem von uns als freundlich, aber interessiert eingeschätzten Hund zu einem gedehnten Ausruf: „Good dog!“ Ganz im Tonfall von Radkollegen und Nativespeaker Ben. Bei einem gemeinen Hund jedoch, einem mit kurzer Schnauze und lechzenden Zähnen, wird das „Good dog“ übersprungen, das Bein rausgestreckt und die „He, he, he“- Taktik durch ein lautes „Schleich di!“ (österreichisch für „Hau ab!“) verschärft. Das Tempo wird gesteigert und gemeine Schimpfwörter rutschen über die Lippen. Nützt gar nichts mehr, greift Flo zum ultimativen Mittel: Er nimmt eine Wasserflasche, hält sie bedrohlich gegen das Tier gerichtet und macht sprayähnliche Geräusche. Wenn es wirkt, dann wissen wir, dass dieser Hund bereits eine Begegnung mit dem Pfefferspray eines anderen Radfahrers hatte. Auf den von manchen Trans-Am-Fahrern mitgeführten Revolver (kein Scherz!) verzichten wir aus Selbstschutz freilich!

Und um meine, zugegebenermaßen zuweilen wirklich etwas irrationalen, Reaktionen zu rechtfertigen: Jeder, der hinten fährt, wird mir sofort zustimmen, dass an dem Sprichwort was dran ist: Den Letzten beißen die Hunde. Die letzten paar Tage in Kentucky werden wir immer wieder durch Verkehrsschilder darauf hingewiesen, auf die hier verkehrenden Amish in ihren Pferdekutschen Acht zu geben. Die „Amischen“, eine auf die Täufer zurückgehende protestantische Glaubensgemeinschaft, lehnen technischen Fortschritt weitgehend ab und wirken mit ihrer rückwärtsgewandten Lebensweise wie aus der Zeit gefallen. Uns gefällt der Kontrast und das friedliche Zusammenleben der Menschen und wir sind erstaunt, als wir in einem Amish-Lädchen einkaufen. Die Amish sind neben ihren Schreinerkünsten (für Gartenmöbel und Ähnliches) vor allem für ihre qualitativen Lebensmittel bekannt. Ein weiterer Grund für uns, hier Halt zu machen. Auf der Veranda des Häuschens laden massive Schaukelstühle zum Rasten ein, im Garten daneben springen drei Mädchen mit Häubchen und Leinenkleidern auf einem Trampolin und drinnen im Laden warten alle nötigen Utensilien, um endlich unseren heißersehnten Kaiserschmarren kochen zu können. Allerdings stellen wir schnell fest, dass auch die Amischen nicht auf chemische Düngemittel verzichten und hier nichts bio ist. Wirklich erstaunt sind wir aber über die, mehr oder weniger, gemeinsame Sprache. „Ihr kommt aus Österreich?“, fragt uns der bärtige Verkäufer, der etwa unser Alter hat und erklärt: „Na, dann können wir ja Deutsch reden.“ Das klingt allerdings leichter, als es ist. Während Flo anscheinend ein Amish-Gen in sich trägt und das über Jahrhunderte von unserem Deutsch getrennte und veränderte Deitsch der Amischen mehr oder weniger entschlüsseln kann, verstehe ich nur Bahnhof.

Nun sind wir nur noch eine Kutschenfahrt von Illinois entfernt und fahren mit einer Packtasche voll frischer Lebensmittel zufrieden gen Westen.

ILLINOIS UND MISSOURI: VON FLUSS ZU FLUSS

Flo: Illinois beginnt mit unserer Lieblingsbeschäftigung auf Radreisen (Essen und Schlafen einmal ausgeklammert): einer Fährfahrt! Sobald wir diese Möglichkeit, über den Ohio-River zu setzen, auf unserer Landkarte entdeckt haben, freuen wir uns wie kleine Kinder darauf. Seit unseren Reisen in Skandinavien, wo es häufig statt Brücken Fähren zwischen den unzähligen Inselchen gibt, sind wir wahre Fans dieses Transportmittels geworden. Illinois ist hier im Süden besonders schmal und wird vom Ohio östlich und dem Mississippi westlich begrenzt. Für uns bedeutet dies, dass wir keine drei Tage in diesem Bundesstaat verbringen werden.

An einem heißen Spätnachmittag gelangen wir tatsächlich an den riesigen Ohio, einen der größten Nebenflüsse des Mississippi. Trotz der landesweiten Dürre scheint der Fluss hier noch reichlich Wasser zu führen. Träge und blaugrün fließt er entlang grüner Wiesen und schattiger Bäume. Wir haben lange Zeit nur verdorrte Felder und vertrocknete Wiesen, vor allem aber kein so großes Gewässer mehr gesehen und merken erst jetzt, wie uns dieses kühle Nass auch innerlich gefehlt hat. Als dann auch noch die Fähre anlegt und wir an Bord gehen, ist unser Glück perfekt. Viel zu kurz ist das Vergnügen mit der kleinen Fähre, die nicht mehr als ein paar Autos und eben uns Radfahrer transportieren kann. Am gegenüberliegenden Ufer erwartet uns ein Dorf mit dem Namen Cave in Rock, geschuldet einer Höhle, die sich in einem Felsen am Ufer des Flusses befindet. Früher war dies ein wichtiges Versteck für Flusspiraten, jetzt ist es eine kleine Sehenswürdigkeit und ein beliebter Kletterfelsen.

Schnell bauen wir unser Zelt am nahen Campingplatz auf, außer drei anderen Radfahrern aus den Staaten sind wir die einzigen Gäste. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und teilen uns den Zeltplatz. Die Campingplätze in den USA bezahlt man nämlich pro Platz und nicht pro Person – für Familien oder Rentnerpaare mit Riesencamper ein fairer Preis, aber für Soloradfahrer mit kleinem Zelt verhältnismäßig teuer. John und Helen fahren in die unserer Route entgegengesetzte Richtung, Paul, laut eigenen Angaben Tontechniker für schlechte Horrorfilme, ist auf dem Weg von New Orleans nach St. Louis. Bei Sonnenuntergang sitzen wir auf dem großen Felsen und genießen den Blick von oben auf den glitzernden Fluss. Im Dunkeln gehen wir zurück zu den Zelten und verbringen einen gemütlichen Abend mit unseren neuen Freunden. Wir hören Bluegrass aus Helens iPod, tauschen Radfahrerlebnisse aus aller Herren Länder aus und verstehen uns prächtig.


Der Ohio-River trotzt der Dürre.

Klara: Am nächsten Morgen fahren wir alle zeitig los. Paul ist früher dran als wir, weil wir, dank unseres Espressofaibles, etwas länger brauchen. Dafür holen wir ihn nach ein paar Kilometern ein und fahren die 30 Kilometer, auf der sich unsere Routen überschneiden, gemeinsam weiter. Wir quatschen über die Tiere, die wir auf unserem bisherigen Weg gesehen haben – meist plattgefahrene Tiere, wie sich herausstellt. Während Paul es anscheinend meistens mit Gürteltieren zu tun hatte (das englische Wort dafür fällt mir nicht gleich ein und er hilft mir mit „die Ratte mit dem Schildkrötenpanzer auf dem Rücken“ auf die Sprünge), berichten wir von den fettschwänzigen Ratten, die wir an jeder zweiten Kurve erspähen oder ekelhafterweise in der brütenden Hitze schon von Weitem riechen können. Dann schwingen Flo und ich nach rechts und sind wieder allein. Und, big surprise: Hier geht’s mal wieder schön kupiert weiter. Vor uns liegt eine Aneinanderreihung sanft geschwungener bis steiler Hügel. Das Höhenprofil dieses Streckenabschnittes hatten wir bis dahin noch gar nicht beachtet, schließlich wähnten wir uns nach dem Ende der Appalachen in flacheren Gefilden. Doch dem ist nicht so. Wir fahren durch Felder und kleine Wälder eine schmale Landstraße entlang und sehen die ersten Pro-Obama-Schildchen. Es ist Wahlkampfzeit und in zwei Monaten wird der Präsident gewählt. In den bisherigen Bundesstaaten schienen die meisten aber eher für den republikanischen Romney zu sein. Hier ist alles schon etwas liberaler. Dafür haben es die paar Anstiege, die uns laut Landkarte in ein Kaff namens Eddyville bringen sollen, ganz schön in sich. Es geht steil hinauf, es ist schwül und es ist heiß. Mittlerweile haben wir beide Kondition aufgebaut, doch die Hitze und die Steilheit, die diese Kuppen haben, fordern uns voll und ganz. Verschwitzt treten wir stehend in die Pedale und brauchen alle Kraft, um uns hochzukämpfen.

Eddyville ist dann nicht mehr als eine Landstraßenkreuzung samt Tankstelle und ein paar kleinen Häuschen. Ein guter Ort für eine wohlverdiente Pause. Nachdem wir uns auf dem Tischchen vor der Tankstelle Nudeln gekocht haben, verebbt unser Gespräch während des Essens langsam. Und kaum ist der letzte Bissen gegessen, legen wir die Löffel beiseite und schlafen gleichzeitig ein. Ein herrliches Gefühl! Das könnte ewig so weitergehen, würde da nicht plötzlich ein störender Schatten auf mich fallen und mein Mittagsschläfchen unterbrechen. Es handelt sich dabei anscheinend um den (vielleicht nur selbsternannten) Bürgermeister von Eddyville, der uns mit den Worten weckt: „Was kann ich für euch tun, ich bin der Mann, auf den ihr gewartet habt.“ Das ist sehr nett von ihm, nur wissen wir, verschlafen wie wir sind, momentan einfach nicht, warum wir auf ihn warten hätten sollen, geschweige denn was er für uns tun könnte – außer vielleicht uns weiterschlafen zu lassen. Müde blinzeln wir gegen die Mittagssonne, während der Kerl ohne Gnade weiterredet. Wenigstens wissen wir jetzt, dass noch jede Menge steiler Hügel auf uns warten, denn dies macht uns der freundliche Besucher eindeutig klar: „Ein Zuckerschlecken wird das nicht, das sage ich euch!“ Nachdem wir endlich wieder allein sind, sehen Flo und ich uns in die Augen und denken beide das Gleiche: „Eine Runde geht noch!“ Also Kopf nach hinten und zurück ins Land der Träume.

NICHTS FÜR WASCHLAPPEN: DIE ROLLING HILLS

Klara: Nach weiteren 20 Minuten Schläfchen geben wir uns doch einen Ruck und machen uns auf, die prophezeiten Hügel abzuradeln. Der Bürgermeister hat dabei nicht untertrieben und so kommt es, dass Florian und ich den Spieß in puncto Ausdauer und Sportlichkeit – zwei Attribute, die normalerweise eindeutig auf den männlichen Part unserer Combo zugeschnitten sind – umdrehen. Tapfer fährt Flo im Wind und will und will nicht aufgeben. Schon bei einem kurzen Stopp, um Eier ab Hof zu kaufen, stolpert er fast über seine – wie er selbst sagt – zahnstocherdünnen Beinchen, die normalerweise sein Erfolgsgeheimnis zu sein scheinen, wenn er nähmaschinengleich dahinstrampelt. Aber diesmal helfen ihm selbst seine Turbobeine nicht mehr weiter. Er ist einfach fertig und unterzuckert. Kurz: kaputto chetto!, wie wir in solchen Fällen sagen. Endlich taucht eine Tankstelle auf! Mein sonst so starker Mann sinkt auf die schäbige Holzbank vor dem heruntergekommenen Lädchen und rührt keinen Finger mehr. Hier würde er sich gern der totalen Erschöpfung ergeben, wäre da nicht die Tankstellenbesitzerin, eine Furie, die ihresgleichen sucht. Noch bevor wir sie zu Gesicht bekommen (was gar nicht so leicht ist, denn sie ist klein gewachsen, trägt braune Tarnfarben und versteckt sich hinter ihrem verschluderten Tresen), wissen wir sofort, wer hier das strenge Regiment führt. Mithilfe von Videokameras und Lautsprechern herrscht sie über ihr Reich und kommandiert mit tiefer Stimme tankende Kunden herum, die wieder mal nicht wissen, wie die Zapfsäulen zu bedienen sind: „Nummer 3, Nummer 3: Den Hebel drücken! Ich wiederhole: Den Hebel drücken!“ Obwohl Florian hinterm Eck lümmelt, hat sie ihn schon mit ihrem dritten Auge ausfindig gemacht und hält seinen Schwächeeinbruch offenbar für sehr unmännlich. Als ich allein beginne, unsere Flasche für den Benzinkocher voll zu tanken, stelle ich mich etwas ungeschickt an – vielleicht aus Angst vor dem alles überwachenden Ungetüm auf der anderen Seite der Linse. Ihre Anweisungen aus dem Off helfen mir da nicht unbedingt weiter. Nach einer Minute ist ihre Geduld am Ende: Wütend stapft sie aus der Tür, sieht Flo verächtlich an, verdreht die Augen und wirft mir einen „Na-du-hast-dir-aber-einen-tollen-Mann-geangelt-Blick“ zu: „Du brauchst wohl einen Tritt in den Hintern, um deinen faulen Körper aufzuraffen und deiner Frau zu helfen!“, schnauzt sie ihn an. Flo ist zu schlapp, um zu reagieren. Jetzt hilft nur noch ein Cola, um so schnell als möglich von hier zu verschwinden!


Knock-out: Da hilft nicht mal mehr ein Tritt in den Hintern.

Flo: Zuerst verläuft der Nachmittag noch in gewohnter Weise: Ich vorne weg und Klara im Windschatten an meinem Hinterrad klebend (Anmerkung Klara: „Dafür gehört dir ein Orden verliehen“). So weit ist die Welt also in Ordnung. Irgendwo vor Goreville ist es dann aber um mich geschehen. Die ersten Anzeichen eines Schwächeanfalls bei einem kurzen Stopp ein paar Meilen zuvor ignoriere ich noch, als sich beim Absteigen vom Fahrrad die Beine aber bereits sehr schlecht koordinieren lassen, ist es vorbei mit mir – und ich habe kein rettendes Cola dabei! Jede/r Radreisende weiß, wie leicht es passieren kann, seine Grenzen zu übersehen, zu wenig gegessen oder getrunken zu haben und für einen kurzen Moment durch Unterzuckerung beinahe von Sinnen zu sein. Und jetzt ist es so weit!

Die verachtenden Blicke und Kommentare dieser alten Schaßtrommel treffen mich – total fertig, einem Käfer gleich am Rücken liegend – schon ein wenig. Ich entspreche wohl nicht ihrem Idealbild eines Mannes. Wenn die wüsste, wie viel ich heute schon im Wind gefahren bin! Und dann auch noch Klaras Elan: Sie will heute noch 30 Kilometer weiterfahren, allerdings nur: „Wenn du noch kannst.“ Das ist Neuland für mich! Sie hat den Spieß umgedreht und plötzlich bin ich es, der am Hinterrad klebt. Klaras Begeisterung hält aber leider nicht lange genug an und am Ende muss ich wieder vorne fahren. Ich habe mich nach Keksen und Cola wieder einigermaßen erholt, aber nun hat sie mit den letzten Kilometern zu kämpfen. Als uns ein Ranger kurz vor Sonnenuntergang nicht in seinem Camp zelten lässt (für Pfadfindermädchen only) und wir bis zum Einbruch der Dunkelheit weiterradeln müssen, kommen die Tränen der Erschöpfung. Gibt es hier denn keine Kameras? Jetzt könnte ich mit meinem Durchhaltevermögen bei der alten Schachtel wohl wieder punkten …

In sengender Hitze gelangen wir zwei Tage später an ein kleines, braunes Rinnsal. Dank unserer Karte wissen wir, dass dies der Mississippi sein muss, wir können es aber kaum glauben, als wir den Damm am vertrockneten Fluss entlangfahren. Hier sollen normalerweise Raddampfer verkehren? Unsere Gedanken werden von dröhnender Rockmusik und lauten Schüssen unterbrochen. Wir nähern uns der Lärmquelle und treffen auf einen schießwütigen Mitvierziger, der quer über den Fluss auf gegenüberliegende Ziele ballert. Die rudernden Bootsfahrer ignoriert er dabei. „Ist das wirklich der Mississippi?“, frage ich den Schützen, während Klara die Böschung zum Wasser hinuntergeht. Mit dem Gewehr im Anschlag nickt er und fragt dann beiläufig: „Wohin ist deine Frau verschwunden? Sag ihr, sie soll mir nicht in die Schusslinie kommen!“ Zeit, sich aus dem Staub zu machen, finden wir! Apropos Staub: Hier wird Kohle abgebaut, und zwar so richtig! Wir sehen kilometerlange Züge, vollbeladen mit Kohle und jede Menge Trucks, die das schwarze Gold befördern. Diese Trucks überholen uns auf den schmalen Straßen dermaßen knapp, dass wir nur noch nach Chester kommen möchten, denn Chester ist die Heimatstadt Popeyes, von der wir uns viel versprechen!


Ganze Landstriche sind ausgedörrt. Die Rinder leiden am meisten.

Außer ein paar überlebensgroßen Figuren aus der Comicserie gibt es aber nur heruntergekommene Backsteinhäuser und vor allem eine große Durchzugsstraße für Kohletrucks – Chester hat also eher den Charme einer kleinen Industriestadt als den des starken Popeye. Netterweise lädt der Eagles-Verein alle Trans-Am-Fahrer ein, in einer kleinen Baracke am hiesigen Sportplatz zu schlafen. Dort gibt es sogar ein kleines Radio. Dauerthema ist die Jahrhundertdürre dieses Sommers. Flüsse vertrocknen, die Ernte ganzer Bundesstaaten ist verdorrt, für Rinder gibt es nicht mehr ausreichend Futter und Wasser. Sogar die Fähre über den sonst so breiten Mississippi musste eingestellt werden. Uns hält nichts in Chester und so fahren wir tags darauf über die Brücke nach Missouri.


COLA MAKES THE WORLD GO ROUND 23. August 2012

Klara: Okay, jetzt beginnt mir die Sache schön langsam unheimlich zu werden. Dass man beim ausgiebigen Radfahren alle paar Kilometer einen Zuckerschock braucht, ist mir mittlerweile klar (spätestens, wenn ich keine drei Sätze Englisch mehr sprechen kann, ist es Zeit für einen Little-Debbie-Schokoriegel). Was Flo aber hier betreibt, ist jenseits von Gut und Böse. Unsere übliche Ration von einer Halbliterflasche Cola je vor- und nachmittags pro Person wurde vorgestern von meinem Windschattenmacher ohne großes Aufsehen einfach unbemerkt in eine Einliterflasche Pepsi pro Person umgewandelt. Tags darauf kam er freudestrahlend mit einer Zweiliterflasche aus dem Supermarkt zurück und kommentierte: „Da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis.“ Mir kamen erste Bedenken, doch das Schlüsselerlebnis, das mir endgültig die Augen öffnete, war, als im Nirgendwo, mitten in Missouri, zwischen ausgetrocknetem Farmland und bei brennender Hitze plötzlich ein Colaautomat auftauchte. Ich hatte mein Rad noch nicht abgestellt, drückte er mir schon eine Dose in die Hand. Damit aber nicht genug. Kaum leer, stand er mit zittrigen Händen vor dem Automaten und bekam fast einen Anfall, als sich herausstellte, dass die Maschine die Ein-Dollar-Note nicht und nicht nehmen wollte. „Das gibt’s doch nicht! Nicht jetzt!“ Ich wollte diese brenzlige Situation ja fotografieren, wäre da nicht Jack, ein Mittsiebziger und eben-falls auf dem Trans-Am, um die Ecke gebogen, der Florian im letzten Moment auf ein Cola einlud und somit Schlimmeres verhinderte.

So viel also zu unserer gesundheitlichen Versorgung. Ja, wir essen viel und ja, es ist viel Müll. Teilweise können wir gar nicht anders. Obwohl wir an Metropolen wie London, Madrid, ja sogar Vienna vorbeikommen (die Einwohnerzahlen pendeln irgendwo zwischen 45 und 243 Einwohnern), gibt es hier oft weit und breit nichts außer einer Tanke, um sich mit dem Nötigsten (sprich Burger, Kekse und dem Diesel der Beine: Cola) versorgen zu können. Einerseits manchmal eine sehr willkommene Ausrede, andererseits manchmal echt hart, wenn tagelang kein Gemüse, Obst oder Joghurt in Sicht ist.


Den „Diesel der Beine“ gibt’s an jeder Tanke.

Flo: Ja, mich erschreckt es ja selbst, wie viel Cola der menschliche Organismus verträgt. Wer jedoch auf seinen Körper hört und sensibel genug ist, der spürt einfach, was er braucht – so wie ich. Besonders bei den rekordverdächtigen Temperaturen von bis zu 42 Grad Celsius verlasse ich mich auf meine, bei diversen Radausfahrten langjährig ausgebildeten, Instinkte. Ein einziges Mal vergaß ich auf die benötigte Ration des süßen Getränkes und was dann an der schäbigen Tankstelle passiert ist, ist ja bekannt!

Klara: Wir befinden uns jetzt, nachdem wir das immer gleiche Auf und Ab der Appalachen und der Kuppen in Illinois hinter uns gebracht haben, direkt im nächsten Hügelgebirge. Diesmal sind es die Ozarks mit ihren alten, wieder mal einfach von A nach B gebauten Straßen, wie sie die ersten Siedler entlang der gesamten Ostküste angelegt haben. Beinahe kommt es uns vor, als hätten die Pioniere tatsächlich versucht, so viele Kuppen wie möglich in die Straße einzubauen. Unser Höhenprofil gleicht den seismographischen Aufzeichnungen eines Erdbebens der Stufe 6. Die rolling hills der Ozarks werden gern auch als Achterbahn bezeichnet. Mit dem nötigen Schwung schafft man solche Hügel locker, hat man den nicht, dann heißt es innerhalb von Sekunden von gefühlter Lichtgeschwindigkeit (=60 km/h) auf Schildkrötentempo (=4 km/h) heruntergebremst zu werden und zu fluchen zu beginnen. Apropos Schildkröten: Vier retteten wir mittlerweile schon ehrenhaft von der Straße. Bei unserem Tempo bergauf ist es ja auch nicht schwer, sie rechtzeitig zu entdecken.

Ich trage sogar schon eine Art Sehnenscheidenentzündung vom vielen Schalten zwischen dem kleinsten und dem größten Gang (und vice versa) davon. Mein Mann findet das aufregend und meint, er kenne zwar einen Tennisarm, ein Schaltarm sei ihm jedoch neu!

Hier in den Ozarks ist es stickig heiß und wir sind – genauso wie die Tourenradfahrer aus anderen Teilen der USA – schockiert über die Armut und schlechte Allgemeinbildung vieler Menschen hier. Genau wie in Virginia, Kentucky und Illinois bestehen nach wie vor die meisten Siedlungen aus mobile homes (einfache Holzbaracken), vor denen Autowracks herumstehen. Viele wissen nicht, wo Österreich liegt (das leuchtet uns in Anbetracht unserer geringen Landesgröße noch ein), denken aber auch bei genauerer Beschreibung – „ein kleines Land in Europa“ –, dass wir direkt von dort losgeradelt sind.

Was unsere Stimmung jedoch hebt, ist die Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen, auch wenn wir ihre Reiseinformationen über die kommenden topographischen Gegebenheiten nicht unbedingt gern hören. „There’s one big hill in front of you!“, hören wir vor, nach und zwischen jedem Bergchen und jeder scheint zu meinen, sein Hügel sei der schlimmste und unbezwingbarste von allen. Mittlerweile fragen wir uns, ob die Leute glauben, wir wären soeben per Hubschrauber vor ihrer Nase abgesetzt worden und hätten nicht bereits rund 2000 Kilometer reines Bergauf – Bergab hinter uns. Mit der Zeit nehmen wir das Ganze gelassen, denn mit Hurrikan Isaac im Nacken, der soeben in Florida wütet, geht bei uns die Post ab. Er bringt uns Rückenwind und schiebt uns förmlich gen Westen!

Trotzdem: Ich freue mich wie ein kleines Kind auf die flachen Ebenen von Kansas. Täglich schwärmen uns die gen Osten reisenden Radfahrer davon vor: „With the right wind you do 120 Miles a day.“ Ich stelle mir mittlerweile schon vor, Kansas bloß aussitzen zu müssen. Bildlich wird mein Fahrrad zum windbetriebenen Moped, auf dem ich mit 30 km/h ohne Treten dahinbrause. Wohlverdienter Rückenwind und totale Flachheit, das wird herrlich! Kansas, wir kommen!

KANSAS: EAST OR WEST?

Flo: Kansas, das sind menschenleere Ebenen, meilenlange Mais- und Getreidefelder, das sind Durststrecken, Hitze und Tornadogefahr. Das sind wunderschöne Sonnenuntergänge und lange Schatten. Kansas, das ist Prärie, bretteben, rasterartig angelegte Straßen entlang schnurgerader Eisenbahnschienen. Wir fahren mehr als 700 Kilometer ohne jegliche Kurven entlang der 96-West. Kansas gehört zum Mittleren Westen und bedeutet für uns somit die Halbzeit unserer USA-Durchquerung. Und endlich bekommen wir das Gefühl, ganz in dieser Reise angekommen zu sein.

Dieser Bundesstaat ist nicht unbedingt ein Touristenmagnet. Für uns aber, vermutlich weil wir in diesen zehn Tagen der Monotonie so richtig unser Hirn ausschalten können und leicht verrückt werden, ein absolutes Highlight unserer USA-Durchquerung. Wir verstehen uns prächtig und haben so richtigunseren Spaß. Irgendwie scheint es ein ungeschriebenes Gesetz zu geben: Wird es anstrengend, aber machbar, kommen Klara und ich partnerschaftlich auf Hochtouren. Im Nachhinein wird Kansas zu einer unserer Lieblingsetappen auf der ganzen Reise, weil wir uns so gut miteinander verstehen. Hier gibt es kaum Campingplätze oder Motels. Überhaupt gibt es hier meist nur alle 30 Kilometer ein kleines Örtchen. Hier fährt man durch und nicht hin! Schade eigentlich, denn die Leute aus Kansas gelten als die freundlichsten der gesamten USA. Hier schaut man sich in die Augen und grüßt freundlich. Hier wird gelacht und gescherzt und als Fremder ist man offensichtlich willkommen. Mangelnde touristische Infrastruktur wird durch Gastfreundschaft ausgeglichen. Radfahrer dürfen in jedem noch so kleinen Stadtpark schlafen. Das ist oft nicht mehr als ein knarrender Spielplatz aus den Siebzigern (dessen TÜV-Tauglichkeit wir zu bezweifeln wagen) und ein überdachter Picknickbereich zwischen drei heruntergekommenen Häusern. Fast immer gibt es einen Wasserzugang, und wenn nicht, kann man den Sheriff fragen, der uns einmal sogar noch den Schlüssel für ein kleines Freibad aushändigte.

Klara: Durch die Flachheit von Kansas übermotiviert, schaffen wir es, zweimal hintereinander die 160 Kilometer (also 100 Meilen) zu knacken. Obwohl wir sonst sehr gesprächig sind und gern mit den ebenfalls sehr gesprächigen Einheimischen quatschen, wollen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit nur noch essen und das Zelt aufbauen. Die Kollegen vom Campingplatz leider nicht. Die Beantwortung der Frage, die wohl jeder TransAm-Fahrer täglich zehn Mal hört, ist auch hier oberstes Gebot: „Are you going east or west?“ „West“, erklären wir erschöpft und versuchen unterzuckert irgendetwas Essbares herzustellen. Vier Mal besucht uns ein Spaziergänger mit Hund und erzählt uns im Schneckentempo dieses und jenes über Kansas. Ich kollabiere fast – Flo auch! Gerettet werden wir von einem Pärchen in den Achtzigern, das vom Wohnwagen gegenüber die Situation beobachtet, uns schnell ein paar rettende Melonenscheiben vorbeibringt und den Plauderer, leider ohne Erfolg, abzuwimmeln versucht.

Tags darauf, noch vor Sonnenaufgang: Wir sind noch ganz verschlafen und in Unterwäsche auf dem Weg zur Toilette, da wird Flo von einem älteren Trans-Am-Fahrer aufgehalten. Müde reibt er sich den Schlaf aus den Augen, während die drei Schlüsselworte „East or west?“ fallen. Doch halt, eine Antwort wird gar nicht erwartet, denn dieser eitle Radfahrer nutzt die Frage sowieso nur rhetorisch, um einen viertelstündigen Monolog über seine glorreichen Heldentaten zu beginnen. Jetzt träumen wir von einer kleinen Schachtel mit Aufnahmegerät, die wir vor unser Zelt stellen und die erklärt: „Please speak to the box. We will listen to it while cycling.“


Die lang ersehnten Ebenen Kansas’ im Mittleren Westen

QUINCY UND BOBBY AUF STREIFZUG

Klara: Bis auf den letzten Tag ist der Wind in Kansas leider nicht, wie erhofft, unser Freund, sondern wir kämpfen mit starkem Gegenwind, sodass wir – bei kaum 14 km/h – schon ganz dumm im Kopf werden.

Flo hat im Allgemeinen wirklich so seinen Ehrenkodex. Meist lässt er es sich einfach nicht nehmen, mir den Windschatten zu spenden. Bei Kilometer 130 bremst er aber abrupt und murmelt: „Ich brauche eine Banane! Mir ist schwarz vor Augen.“ Dann muss ich übernehmen, ebenfalls schon im Automatikmodus und mit Tunnelblick, und könnte mich schieflachen, als Flo nach dem Aufsteigen ruft: Upps, ich habe vergessen mich anzuschnallen!“ Wir sehen anscheinend so erbärmlich aus, dass uns sogar ein vorbeifahrender Motorradfahrer fragt, ob wir etwas bräuchten. Er trägt einen Eierschalenhelm mit Streifen, Jeans und ein kariertes Hemd und ist uns gleich sympathisch. Ein paar Kilometer später, in der Stadt Eureka, treffen wir wieder auf ihn. Nathan, der Postmann, wie er sich nennt, ist Engländer und schon seit ein paar Jahren auf einem alten, roten Postmotorrad unterwegs, dass er sich in Australien gekauft hatte. Zuerst fuhr er von dort bis nach Hause. Dann ließ er das Motorrad nach New York verschiffen, um die USA zu durchqueren. Wir verstehen uns auf Anhieb gut und wollen uns kaum verabschieden. Später sollte sich herausstellen, dass er in der Motorcycle-Community weltweit schon eine kleine Berühmtheit ist, jedenfalls bekommen wir mehrmals von einem britischen Motorradfahrer auf einer alten roten Schüssel zu hören.


Ein Pläuschchen unter Kollegen der Landstraße: Wo geht’s hier nach Newton?

Zwischenzeitlich sind wir von unserer Colafixierung kurz auf Arizona-Icetea umgestiegen – nur um festzustellen, dass der im Ernstfall nichts bringt. Flo entwickelt im Anbetracht unserer sonst so durchtrainierten Körper den Begriff Colabauch! Na toll! Mein Gegenargument: Wir brauchen eiskalte Getränke, denn das Wasser in unseren Trinkflaschen ist dank 35 bis 40 Grad Lufttemperatur kinderbeckenwarm.

Mittlerweile haben wir auch eine Hautfarbe angenommen, die der Nudisten auf der Donauinsel würdig wäre – wenn auch nicht am gesamten Körper. Besonders ledrig (man könnte es auch rot nennen) sind wir auf der linken Seite, wo uns, aufgrund der schnurgeraden Straße von Ost nach West, stets die Sonne von Süden aus bestrahlt.

In Toronto, einer ausgestorbenen Wildweststadt mit genau 129 Einwohnern, essen wir das denkbar unhygienisch hergerichtete Sandwich aller Zeiten. Der Typ ist nass vor Schweiß, wischt sich mit der Hand über die Stirn und durch die fettigen Haare und schneidet gleichzeitig unseren Käse auf. Zur Ablenkung und angeregt durch die immer westernmäßigere Umgebung beginnt Flo mit der rauen Bruststimme eines Cowboys zu sprechen: „Hygiene? Ich weiß doch nicht mal, wie man das Ding buchstabiert.“ Schnell entstehen die Charaktere Quincy (Flo mit tiefer Stimme und Banane als Revolver-Hilfs-sheriff und Bandit in einem) und Bobby, der etwas unterbelichtete (das bin ich – na großartig!) Handlanger Quincys. Wir filmen mit unserer Kamera mehrere Kurzwestern, die allerdings mit hoher Wahrscheinlichkeit auch nur für uns lustig sind. Das dafür aber umso mehr!

Ein paar Tage später – mit 42 Grad der heißeste Tag bisher – feiern wir den Labor Day mit einem Besuch in Gregs Sportsbar. Greg setzt dabei anscheinend eher auf Fritteuse statt auf Qualität. Mit dem Resultat, dass wir weder Fisch (meine Schrimps) noch Fleisch (Florians Steakfingers) noch Pommes auseinanderkennen.

Die Landschaft Kansas kennen wir dafür schon zur Genüge, sodass wir sogar froh sind über die Sicherheitsnoppen, die motorisierte Verkehrsteilnehmer vor einer nahenden Kreuzung warnen. Nach ein paar Stunden monotonem Dahinstrampeln ist diese Abwechslung ein echtes Highlight. In Newton allerdings haben wir ein echtes Problem.

Flo: „Jetzt beruhig dich!“, schnauze ich Klara an. „Nein du!“, kontert sie. Eine verzwickte Situation in der Kleinstadt Newton. Keiner will sich eingestehen, dass er nicht mehr richtig tickt und die anstehende Entscheidung zwischen hier nächtigen oder doch weiterfahren womöglich unter falschen Gesichtspunkten beurteilt. Diese sinnvolle Diskussion ohne jeglichen Konsens hat weniger rationale Gründe, sie ist vielmehr ein Produkt übereifrigen Radfahrens. Die letzten beiden Wochen fuhren wir ohne Pause durch und machten dabei viele Kilometer, zu viele – Ben, der TransAm-Fahrer aus Boston, der bisher immer gleichauf war, konnte unseren Eifer kaum glauben und fragte uns per E-Mail, ob wir plötzlich einen Motor eingebaut hätten. Die weiten Ebenen Kansas gefielen uns die letzten Tage wirklich sehr gut, auch wenn wir gegen Hitze und Durst anzukämpfen hatten. Vorbei an brennenden Ölförderanlagen, endlosen Weizenfeldern und riesigen Mühlen strampelten wir in meditativer Monotonie dahin. Selbst der stetige Gegenwind samt Mehlstaub machte uns nichts aus – bis er mich von der Straße wehte: Glücklich radelte ich singend dahin – passenderweise: „Aus der Bahn, aus der Bahn, weil ich nicht mehr bremsen kann … “ –, als mich eine starke Windböe erfasste. Out of control wurde ich in den Straßengraben katapultiert, wo ich auf einmal hilflos herumstand. Der anfängliche Spaß über diese lustige Reiseanekdote wich schnell dem Frust über zwei platte Reifen. Das dornige Buschgras war härter als meine sonst so robusten Tourenreifen. Ab diesem Zeitpunkt – wir haben wohl zu viel Sonne erwischt – wurden wir dann zunehmend schlapper und gereizter. Normalerweise umarmen wir uns inmitten der trostlosen Gegend, stecken unsere Köpfe in die Arme des anderen und versuchen uns so kurz in andere Sphären zu beamen. Einmal nickt Klara dabei sogar im Stehen ein!


Übernachten in der Firestation. Flo übt schon mal für den Ernstfall.

Doch diese vertrauten Rituale kann ich nun, an dieser Kreuzung in Newton, wohl nicht vorschlagen. „Aus! Stopp! Schnitt!“, rufe ich zerstreut und schnipse wie verrückt vor Klaras Gesicht herum, um mich und meine ebenbürtig durchgeknallte Reisepartnerin runterzubringen. Und tatsächlich: Es wirkt! Ich schlage vor, die Spannung durch einen Kaffee im gegenüberliegenden Bioladen rauszunehmen, und Klara lässt sich darauf ein. Die Stimmung steigt wieder und einstimmig beschließen wir, in der Stadt zu bleiben. Beide sehen wir ein, dass wir übertrieben haben und eine Pause brauchen. Aber nicht irgendwo, sondern in der firestation, wo alle TransAm-Fahrer schlafen dürfen. Der Feuerwehrhauptmann führt uns durch die Zentrale, zeigt, wie der Pizzaofen funktioniert, und erzählt uns ein paar Anekdoten aus seinem Leben als Feuerwehrmann, bevor er uns den Raum zeigt, in dem jährlich bis zu dreihundert TransAm-Fahrer beherbergt werden. Wieder mal sind wir fasziniert von der Unkompliziertheit der Amerikaner. Die nächtlichen Einsätze – die firefighters rutschen wirklich eine Stange hinunter – bekommen wir nur vage mit. Wir sind einfach zu müde und liegen uns vertraut in den Armen, auch wenn die Sirene angeht. Beide haben wir heute viel für kommende Situationen dieser Art gelernt und können mit solchen Momenten in Zukunft besser umgehen, ohne sie zu persönlich zu nehmen.

Klara: Ich muss es schon zugeben: Manchmal bin ich froh, dass mein Partner mit den schnellen Beinchen ab und an die Notbremse zieht. In Newton, total unterzuckert und wie von Sinnen, hätte ich nämlich wahrscheinlich noch ewig weiterdiskutiert – ohne selbst zu wissen, worum es eigentlich genau geht. Ich brauchte wohl einfach ein Ventil für meine Erschöpfung. Obwohl ich wusste, wie gern ich auf dieser Radreise war und mich aus freiem Willen dazu entschieden hatte, ertappte ich mich jetzt, Flo den Schwarzen Peter zuzuschieben. Schließlich sei er der Profisportler und für mich alles noch hundertmal anstrengender, redete ich mir ein. Nun war ich aber froh, dass ich auf Flos Schnipsen und seine Aufforderung zum Innehalten noch einsteigen konnte. Dieses Kühlen-Kopf-bewahren-Können, das er in diesem Moment zeigte, ist eine Eigenschaft, für die ich ihn unheimlich liebe. Schon eine halbe Stunde nach dem Theater mussten wir beide über unsere eigene Unfähigkeit und die irre Situation lachen. Für die weitere Reise war dies sicherlich ein wichtiger Moment: Ich weiß ab nun sofort, wann es sich eigentlich nur um eine Überforderungssituation meiner- oder seinerseits handelt, und kann alles gelassener sehen. Oft reicht schon eine Banane oder ein Tag Pause und die Welt ist wieder in Ordnung.

Flo: Am nächsten Morgen sind wir schon wieder motiviert: Weckerläuten, aufstehen, einpacken, frühstücken, weiterradeln. The same procedure as every day! In den Ebenen kommen wir gut voran, obwohl der Horizont nie näher zu kommen scheint. In diesem Abschnitt verzichtet unsere Karte sogar auf ein Höhenprofil. Es wäre identisch mit der Straßenführung – ein gerader Strich über Hunderte Kilometer. Uns gefällt diese Monotonie, auch wenn wir zeitweise verrückt im Kopf werden. Gelegentlich bekommen wir wie aus dem Nichts Lachanfälle. Einfach so. Wir nennen dieses Stadium den Schalter umlegen und bloß treten und treten und treten. Zeitweise reißt uns einer dieser riesigen Oversized Trucks aus unserem Tritt, wenn er mit gewaltigen Schaufeln, riesigen Silos oder gar ganzen Häusern an uns vorbeirast. Ja, die Amerikaner sind ein flexibles Volk und wechseln oft ihren Wohnort. Und wenn es sein muss samt Haus.

ENDLICH IN COLORADO

Klara: Colorado, da dachte ich an „Dr. Quinn – Ärztin aus Leidenschaft“ (im Nachhinein vielleicht eine nicht ganz so qualitätsvolle Serie, wie ich damals, als knapp Zehnjährige, angenommen hatte). Ich dachte an gen Westen ziehende Planwagen, an sanft geschwungene Bergrücken und Holzhäuschen. Ein bisschen dachte ich auch an Bären, aber nicht so sehr. Dies sollte sich aber bald ändern!

Wir freuten uns während der gesamten bisherigen USA-Durchquerung auf diesen Bundesstaat. Von entgegenkommenden Radfahrern wurde uns ständig davon vorgeschwärmt, dass für uns ab da die absoluten Highlights beginnen sollten. Dies sollte sich zum Glück auch bewahrheiten …

An unserem letzten Tag in Kansas wachen wir gegen vier Uhr morgens durch stürmisches Getöse auf und glauben fast, uns würde das Zelt davonfliegen. „Ein nahender Tornado?“, fragten wir uns aufgeregt, denn die sind hier nicht so unüblich. Die vielen Tornadoschutzkeller in dieser Gegend sind uns schließlich schon länger aufgefallen. Hätten wir da schon gewusst, was unser Zelt in Patagonien noch alles aushalten würde müssen, wären wir etwas beruhigter gewesen (dort wäre dieser Sturm nicht mehr als eine zarte Sommerbrise; dazu aber an anderer Stelle mehr). In diesem Moment aber finden wir das Ganze beängstigend. So beängstigend, dass wir trotz eingefangener Erkältung kaum noch weiterschlafen können. So früh als möglich kriechen wir aus dem Zelt, das wir netterweise in einem Stadtpark (die Stadt ist eine ausgestorbene Siedlung im Nirgendwo) aufstellen durften, und machen uns auf den Weg zum einzigen Zeichen von Leben: zur Tankstelle (wie könnte es auch anders sein). Dort fragen wir nervös den Besitzer, der gelangweilt den Betrag unserer Frühstücksmuffins zusammenrechnet, ob der Wind auch wirklich kein Anzeichen für einen gefährlichen Tornado sei. Der verneint, fragt uns die gute alte „East or west?“-Frage und bringt uns damit endlich zur Besinnung: „Ihr fährt nach Westen? Na, worauf wartet ihr dann noch? Mit dem Rückenwind seid ihr in ein paar Stunden in Colorado!“ Mit dieser Prophezeiung gibt es für uns jetzt kein Halten mehr. Trotz Schnupfen und Husten schwingen wir uns auf die Räder und fahren ohne jegliche Anstrengung endlich die zuvor so sehr gewünschten 30 km/h.

Es ist noch immer flach, doch die riesigen Felder weichen nun einer buschigen Graslandschaft, die dank einem wolkenverhangenen Himmel eher trist auf uns wirkt. Natürlich befinden wir uns noch immer auf der 96-West und die machte nun schon lange keine ordentliche Kurve mehr. Gegen Nachmittag wird der Wind etwas schwächer und die Sonne brennt wieder herunter. Alle 20 bis 30 Kilometer gelangen wir in eine kleine Ortschaft. Sugar City gefällt uns von allen Kaffs am besten – man kann sich denken, warum. Dazwischen kommen noch ein paar verschlafene Dörfer, die hauptsächlich aus fabriksartigen Rinderfarmen zu bestehen scheinen. Unzählige Tiere türmen sich beinahe übereinander, Lkws laden im staubigen Dunst fließbandartig Futter ab. Es stinkt erbärmlich und die Rinder leiden. Uns vergeht für eine Weile jegliche Lust auf Fleisch und Burger.

Bis Pueblo, unserem 135 Kilometer entfernten Tagesziel, machen wir dank des Rückenwindes nur drei kurze Stopps. Den ersten, um eine Tarantel zu fotografieren. Die Spinne ist genau so groß, wie der Mittelstreifen breit ist! Den zweiten, um mit drei entgegenkommenden Radlern zu quatschen. Die drei gleichen Tick, Trick und Track, stammen aber nicht aus Entenhausen, sondern ursprünglich aus New York. Sie sind in San Francisco gestartet und zu allerlei Scherzen aufgelegt. Allerdings beschweren sie sich (jetzt schon!) über zu viel scenery und wollen endlich wieder mehr Zivilisation. Die Landschaft gen Westen werde immer wunderbarer, schwärmen sie uns vor. Da wissen wir nicht so genau, was wir ihnen umgekehrt vorschwärmen sollen, denn eines ist klar: Bei uns gab es bis jetzt fast nur scenery und die war nicht immer so abwechslungsreich …

Kaum wieder auf den Rädern, kommt auch schon die erste Kurve seit über zehn Tagen daher und es fühlt sich für uns beinahe ungewohnt an, den Lenker wieder einmal schwenken zu müssen. Hinter der Kurve dann die ersten sanften Hügel und vor allem das ersehnte Willkommensschild für Colorado. Grund, den dritten Stopp einzulegen. Wir wähnen uns unbeobachtet, es scheint auch wirklich weit und breit niemand zu sein: kein Haus, kein Auto, nur der Wind, das (riesige) Schild und wir. Sehr verlockend, hier ein paar „Colorado: Wir sind da!“-Fotos zu machen. Nach ein paar langweiligen Einstiegsfotos – wir zwei händchenhaltend vor dem Schild – bricht Flos kabarettistisches Element durch und er beginnt zu blödeln. Von unten hängt er sich wie ein Affe kopfüber ans Schild, springt, von der Straße kommend, mit gewaltigem Anlauf quer durchs Bild (und sieht dabei aus wie die vom Wind verblasene Mary Poppins) und spornt auch mich an, jegliche Hemmung abzulegen. Unser Übermut siegt. Wir kommen dabei ganz schön ins Schwitzen und hätten wohl noch lange so weitergemacht, hätte uns nicht plötzlich eine blecherne Stimme mit den Worten: „Wenn ihr so weitermacht, seid ihr bald so fertig, dass ihr es nie nach Pueblo schafft!“ erschreckt. Wir fühlen uns erwischt und blicken uns peinlich berührt um. Da entdecken wir schräg hinter uns einen Sheriff in seinem Polizeiauto, das er hinter einen Busch geparkt hat. Aus dem heruntergelassenen Fenster schwenkt er sein Megafon und amüsiert sich sichtlich darüber, uns so ertappt zu haben. Da lachen auch wir mit. Mit „Have a good time in Colorado“ verabschiedet er uns. Das hätte er gar nicht extra betonen brauchen, die haben wir jetzt schon!


In der Monokultur der Weizenfelder kommt eine kleine Sonnenblume groß raus.

Flo: „Ab sofort seid ihr im Bärenland!“, teilt uns David nebenbei mit, als er uns für den kommenden Morgen zum Frühstück in sein kleines Blockhaus einlädt. „Wir haben jede Menge Schwarzbären hier in der Gegend. Ein Jungtier habe ich schon vor ein paar Tagen erschossen. Die Mutter werden wir auch noch erwischen, schließlich schleicht sie hier öfter durchs Dorf“, erklärt er, während wir ihn mit großen Augen anstarren. Wetmore, der Ort, von dem David, einer der wenigen Bewohner dieses Dorfes, redet, besteht aus nicht mehr als ein paar Holzhäuschen, einer Bibliothek, einer kleinen Kirche und dem liebsten Futtersuchplatz der trauernden Bärenmutter – unserem Zeltplatz!

Es ist der Vorabend meines Geburtstages. Heute schafften wir nur 50 Kilometer von Pueblo bis hierher. Wir brachen erst nachmittags auf und hatten ein paar Defekte am Rad zu reparieren. Klaras hinterer Gepäcksträger machte uns bereits seit der ruppigen Hochlandpiste Islands zu schaffen und so musste in Pueblo ein neuer her. Außerdem war es nach 5500 Kilometern höchste Zeit, die Ketten zu wechseln. Kaum hatten wir uns endlich in Bewegung gebracht, merkten wir die Erkältung der letzten Tage. Wir sind ziemlich schlapp. Endlich erreichen wir aber die ersten Ausläufer der Rocky Mountains und in Wetmore, am Fuße unseres ersten Passes, dürfen wir neben der Bibliothek unser Zelt aufschlagen. David hält es zwar für übertrieben, doch der Dorfreverend teilt unsere Meinung und lässt uns unsere Lebensmittel im Gemeinschaftssaal der Bücherei anstatt in unserem Zelt verstauen. „Sicher ist sicher“, denken wir.

Schwere, keuchende Atemzüge wecken mich an meinem großen Tag. „Wer rüttelt an unserem Zelt?“, denke ich mir noch im Halbschlaf. Plötzlich schießt es mir: Die Bärenmutter ist hier und hat verdammt schlechte Laune, weil ihr Baby getötet wurde! Wie gelähmt liege ich in meinem Schlafsack, denke mir: „Ich war es nicht“ und wecke Klara vorsichtig auf. Wir machen uns fast in die Hosen (wenn wir welche anhätten), weil wir uns in unserer Stoffhütte derart ausgesetzt fühlen. Neugierig umkreist die Bärin unser Zelt und tastet es mit der Nase ab. Sie ist so nah – wir können ihre Schnauze, nur durch den dünnen Zeltstoff von uns getrennt, ausmachen und ihren warmen Atem riechen. Nach einer Schocksekunde kommen wir zum Glück wieder zu Verstand. Wir sind bereit zur Verteidigung! Ich nehme den vorsorglich neben meinem Kopfkissen platzierten Kochtopf zur Hand und schlage zögerlich mit einer Gabel drauf. Klara klatscht in die Hände und zischt laut: „Hau ab!“ Ein nicht ganz so resolutes: „Husch! Husch!“ bringe ich noch zusätzlich heraus. Totstellen läge mir wohl eher. Trotz allem, die Bärin haben wir damit erfolgreich verjagt!

Am Frühstückstisch ist unsere Story für David nicht so aufregend (schließlich sitzen wir ja noch lebend vor ihm!). Er toppt unser Erlebnis mit dem Foto eines aufgebrochenen Bären, der die Überreste gleich zweier Menschen in seinem Magen vereint hat. Natürlich eine Ausnahmeerscheinung, denn die meisten Bären verhalten sich gegenüber Menschen äußerst passiv. Wir aber fühlen uns ab sofort wie Abenteurer im Wilden Westen.

Der restliche Geburtstag geht entspannter weiter. Uns gefällt es in den Bergen ausgesprochen gut, auch wenn wir uns körperlich noch ein wenig angeschlagen fühlen. Daher beschließen wir, auch an diesem Tag nicht allzu weit zu radeln. Außerdem wollen wir Geburtstag feiern. In Westcliff gönnen wir uns einen ordentlichen Caffè Latte, kaufen uns ein Sixpack Bier und probieren als Nichtraucher ganz im Stile von Cowboys mal ein Zigarettenpäckchen der Marke American Spirit aus – die müssen ja fast gesund sein, sind sie doch zu 100 % natural. Am Ortsrand finden wir noch einen phänomenalen Campingplatz mit imposantem Ausblick auf die umliegenden Viertausender. Klara zaubert sogar noch eine Fünftausend-Kalorien-Torte aus dem Campingtopf. Ein perfekter Geburtstag!

IN DEN ROCKY MOUNTAINS

Klara: Es ist Mitte September und wir sind bisher gut 6000 Kilometer gefahren. Unseren anfänglichen Düsenantrieb lassen wir jetzt aber ruhigen Gewissens hinter uns. Schließlich können wir jetzt einschätzen, dass sich die USA-Durchquerung locker ausgeht. Hier ist es außerdem so schön, dass wir oft nur halbe Fahrtage und umso mehr Stauntage einlegen. Wir verbringen Stunden damit, fasziniert auf schroffe Gebirgszüge zu blicken. Die Blätter der unzähligen Espen am Fuße der Berge sind golden verfärbt und zittern im Wind, tiefblaue Seen liegen in Talsenken.

Mittlerweile hat sich so etwas wie Reiseroutine eingestellt und wir lieben unsere täglichen Rituale. Morgens wachen wir auf, packen unsere Sachen und kochen Haferbrei und Espresso. Jeder Handgriff ist so eingespielt, dass wir ganz schön ins Strudeln kommen, wenn der eine dem anderen freundlicherweise eine Aufgabe abnimmt. Dann fahren wir ein paar Stunden, bevor es mittags meist eine größere Pause und einen gekauften Snack gibt. Abends kochen wir dann wieder. Es ist schon erstaunlich: Sobald wir einen langen Radtag hinter uns haben, freuen wir uns wieder auf unsere beinahe tägliche Ration Sugonudeln mit Streukäse. Kaum nehmen wir uns einen Tag frei, ätzen wir aber: „Was kochen wir heute? Auf keinen Fall Nudeln mit Tomatensoße! Ich habe mich abgegessen!“ – Nur um es tags darauf auf den letzten Kilometern schon gar nicht mehr richtig erwarten zu können, uns den Bauch damit vollzuschlagen.

Auch die gutgemeinten Warnungen unserer Bekannten daheim: „Wenn euch schon die Appalachen zu schaffen machen, dann wartet nur auf die Rockies“ sind zum Glück unbegründet. Denn: Passfahren ist, wie jeder Tourenradler sicher weiß, meist viel weniger anstrengend als das ewige Auf und Ab steiler Hügelgebirge. Eigentlich haben wir größtenteils sogar eher das Gefühl, mehr bergab als bergauf zu fahren. Die Steigungen der einzelnen Pässe sind angenehm und manchmal geht es bis zu 50 Kilometer am Stück bergab.


Über atemberaubende Pässe durch die Rocky Mountains

Hier geht endlich all das, was wir uns zu Hause immer ausgemalt hatten: Wir campieren in der freien Natur, baden in Wildbächen, sitzen am Lagerfeuer und sind den lieben langen Tag von offenherzigen Leuten umgeben.

In Salida sitzen wir vor einem Safeway-Supermarkt und essen ein Riesenbaguette, da beginnt es zu regnen. Salida, müssen wir dazusagen, ist derzeit der angesagte Wohnort in den Rocky Mountains, dessen Ruf uns im Verlauf der gesamten Reise verfolgt. Wir treffen in allen möglichen Ländern auf Amerikaner, und wenn wir sie fragen, woher sie sind, kommt von jedem Zweiten ein stolzes: „Ich bin aus Salida!“ oder „Wir haben einen Baugrund in Salida gekauft!“

Salida ist aber auch wirklich toll: Umgeben von Bergen, bietet es alle möglichen Outdoor-Erlebnisse direkt vor der Haustür und mit der Mischung aus weltoffenen Bewohnern und niedlichen Kaffeehäusern ist es sicher eine lebenswerte Kleinstadt. Jetzt aber regnet es, und zwar in Strömen. Bis auf einen kurzen Wolkenguss in Kentucky hatten wir seit Island keinen Niederschlag mehr und wir finden das kühle Nass richtig erfrischend. Also fahren wir ein paar Kilometer, suchen uns in einer Tankstelle kurz Unterschlupf und werden – mal wieder – prompt vom Besitzer auf einen Kaffee eingeladen. Dann ist der Regen auch schon vorbei. Eine Stunde später finden wir am Fuße des Monarch-Passes, den wir tags darauf überqueren wollen, einen gemütlichen Campingplatz am Fluss. Zeit für ein Lagerfeuer, finden wir!


Into the wild: Colorado zeigt sich von seiner besten Seite.

Am nächsten Morgen – es regnet wieder – fahren wir früh los und schlängeln uns die von bunten Laubbäumen gesäumten Serpentinen hinauf. Je höher wir kommen, umso kälter wird der Regen. Es ist anstrengend, aber auch unheimlich intensiv. Am 3500 Meter hohen Pass schneit es schon beinahe. Triefend stapfen wir in das Aussichtslokal und fühlen uns, aufgrund unserer Aufmachung, nicht sonderlich willkommen. Schnell ziehen wir uns im Foyer um und hängen die klatschnassen Sachen auf den Stühlen rund um unseren Tisch auf. Ein Anblick, den die Gastwirte an diesem Teil des beliebten TransAm-Trails sicher nicht zum ersten Mal sehen.

Dass es Herbst wird, bemerken wir nicht nur an den buntgefärbten Wäldern, sondern auch am Frost, der sich nachts über unser Zelt legt.

Über Gunnison mit seinen Seen gelangen wir in ein paar gemütlichen Tagen nach Telluride. Dort kommen wir genau rechtzeitig an, um dem beliebten Blues’n’Brews-Festival beizuwohnen. Zu früheren Zeiten zog Telluride mit seinen zahlreichen Bordellen und Saloons jede Menge Banditen an – der Banküberfall des berühmtberüchtigten Gauners Butch Cassidy verschaffte der Kleinstadt zweifelhaften Ruhm. Heute drängen sich jährlich Tausende Besucher durch die Gassen aus buntbemalten Häusern, um in den Bars die neuesten lokalen Bierkreationen zu testen und auf der Wiese des Stadtparks zu Bluesmusik zu tanzen. Verschwitzt finden wir ein freies Tischchen in einem der Biergärten an der Hauptstraße und bestaunen das bunte Treiben, während die Sonne langsam hinter dem mächtigen Bergmassiv verschwindet, das sich unmittelbar hinter der Stadt auftut.


Wir müssen uns sputen. Der Herbst steckt in den letzten Zügen.

Einziges Problem: Wir sind nicht die Einzigen, die heute Abend hier zelten möchten, und der Campingplatz in Telluride ist wegen Überfüllung geschlossen. Trotzdem genießen wir den Abend in der Zivilisation (ich habe schon fast vergessen, dass es so etwas wie Mode gibt!) und suchen uns dann, hinter einer Gasleitung außerhalb der Stadt versteckt, einen Zeltplatz.

Den Lizard-Head-Pass möchten wir eigentlich gar nicht fahren, nicht weil er uns zu anstrengend ist, sondern weil er für das Ende unserer Zeit in Colorado steht. Oben angekommen, schießen wir ein paar Erinnerungsfotos: Aber nicht von uns, sondern von zwei Harley-Davidson-Fahrern, die mit der Clubzeitschrift in der Hand und in verdammt knapper Ledermontur posieren. Das Outfit ist an manchen Körperstellen tatsächlich so eng, dass wir unsere Blicke lieber auf die obere Körperhälfte der Biker richten. „Wenn wir alle 10.000 Feet (also alle über 3000 Meter) hohen Pässe Colorados abgefahren sind, bekommen wir den Ehrentitel des Harley-Clubs“, erklären sie mit stolzgeschwellter Brust, lassen sich kurz feiern, werfen einen flüchtigen Blick auf die traumhafte Kulisse und brausen auch schon wieder nach unten. Wir rollen den Pass hinunter und suchen uns nach 40 Kilometern bergab (ein Hochgefühl!) einen wilden Zeltplatz am Dolores-River.

Unser letzter Morgen in Colorado beginnt mit einer starken Sehnsucht nach österreichischen Backwaren. Wir träumen von mit Marillen gefüllten Topfengolatschen, während wir noch immer bergab in Richtung Dolores radeln. Gebäck oder Brot, wie wir es in Österreich kennen, ist hier, zumindest am Land, so unwahrscheinlich wie ein vierblättriges Kleeblatt. Seit unserer Abreise träumen wir von Kaisersemmeln, Krapfen und Kipferln. Wir wissen, diese Sehnsucht wird sich frühestens in San Francisco, und dann auch nur in einer teuren Luxusbäckerei erfüllen lassen. Kaum rollen wir jedoch in Dolores ein, fällt unser Blick auf die Reklametafel einer German Bakery! Wir können es kaum glauben und sitzen keine zwei Minuten später im warmen Stübchen der Bäckerei vor einer – so amerikanisch muss es dann doch sein – tellergroßen, mit heißer Karamellsoße überzogenen XXL-Nussschnecke. Ein wahrer Traum!

Wehmütig verlassen wir die letzte Kleinstadt Colorados und wissen: Dieses schöne Stückchen Erde mit seinen freundlichen Bewohnern sieht uns bald wieder!

Бесплатный фрагмент закончился.

1 795,44 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
377 стр. 129 иллюстраций
ISBN:
9783702234140
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги