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Felix Salten

Der Hund von Florenz

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2021 OK Publishing

EAN 4066338113108

Inhaltsverzeichnis

Coverpage

Titelblatt

Text

Meiner Frau gewidmet

»So Du arm bist hier auf Erden, mußt Du die eine Hälfte Deines Lebens ein Hund sein, dann wirst Du etwa die andere Hälfte als Mensch unter Menschen weilen dürfen.«

Eremit von Amiata.

Ohne Abschied schlich Lukas Grassi aus dem finsteren alten Hause unter den Tuchlauben. Dort ließ er in der Enge einer beständig dunkelnden Wohnung seine Habseligkeiten zurück und seine letzten Knabenjahre. Da blieb auch, in Küche, Kammer und Stube, blieb in der Windung der steilen, wohlbekannten Treppe, die er nun herunterstieg, um nie wieder ihre Stufen emporzuklimmen, blieb im schmalen, düsteren Flur, den er zum letztenmal durchschritt, der einzige Ort zurück, der ihm vertraut war. Hier fanden sich auch noch vom Dasein des Vaters überall die Spuren und hielten das Erinnern wach. Der Verstorbene war hier noch irgendwie vorhanden, umgab den Sohn noch in einer nur langsam und ganz unmerklich schwindenden Lebendigkeit. Wenn Lukas sich besann, wie des Vaters Hände da auf dem Tisch geruht, dort den Fensterriegel gehoben, dann wieder sorgsam das Pergament auf das Zeichenbrett gespannt hatten, oder wie seine Gestalt des Morgens von jener Bettnische her sich aufgerichtet, wie sein blasses, stilles Antlitz im Dämmerlicht der Stube sichtbar geworden, seine sanfte Stimme im ersten Gruß und Fragen laut geworden war, um den Tageslauf neu zu beginnen, dann schien es jedesmal, als könne der Vater unvermutet wieder zur braunschwarzen, niederen Türe hereinkommen.

Lukas Grassi begriff, daß dies alles nun zu Ende sei. Er verstand, daß er keine Möglichkeit habe, länger in der alten Wohnung zu bleiben, da er doch nicht einmal genug besaß, seinen Hunger zu stillen, geschweige denn so viel, um die rückständige Miete zu bezahlen. Er hatte es auch als eine Art von Glück betrachtet, daß er an der Kärntnerbastei eine elende Dachkammer gefunden, die man ihm mit so merkwürdiger Bereitwilligkeit fast um nichts überließ. Aber jetzt, da er aus seinem alten Hause auf die Straße trat, spürte er ein kurzes schmerzhaftes Erstaunen, daß er hier hinausging wie so viele, viele andere Male in all den Jahren, gar nicht anders, und daß sich dies Fortgehen für immer so ganz ohne Abschied vollzog. Lukas Grassi war noch sehr jung und wußte nicht, wie oft und wie ahnungslos die Menschen an der Schwelle einer abgeschlossenen Vergangenheit und einer neuen Zukunft stehen, wußte nicht, wie wenig Zeit uns das beständig fortschreitende Schicksal gerade in den wichtigsten Augenblicken vergönnt, Abschied zu nehmen, er konnte auch nicht verstehen, daß darin vielleicht sogar eine Gnade sich birgt, und er war sich dessen nicht inne, daß sein kurzes, schmerzhaftes Erstaunen schon ein Abschiednehmen bedeutete.

Langsam schritt er die Tuchlauben dahin, zögernd, vom geschäftigen Treiben des Tages überholt und mitgeschwemmt, wie diejenigen gehen, die ohne Ziel und ohne Hoffen und beschwert von Sorgen sind. Ein bitteres Gefühl, das ihn seit des Vaters Tode bedrückte, nagte heute schärfer als sonst in seinem Herzen. Er hörte den Singsang der Straßenhändler nicht, hörte nicht das befehlende Rufen der Läufer, die aufsehenerregend in prächtiger Livree vor etlichen Karossen herstürmten und er achtete der Karossen nicht, die schaukelnd und knarrend an ihm vorüberrollten.

Sicherlich gab es an jenem Tage, an welchem Lukas Grassi seinem Schicksal entgegenging, in der Stadt Wien noch viele andere Menschen, die arm waren gleich ihm. Nur wenige aber empfanden die Armut so heftig als eine unerträgliche Grausamkeit wie er. In solchen Stunden, die von vergeblicher Auflehnung zerrissen waren, haßte er auch die Stadt, die ihn mit ihren Basteien und Gräben wie ein trübseliger Zwang umschlossen hielt, ihn mit ihrem Reichtum zu verhöhnen und zu peinigen schien. Er haßte den schmalen Pfad ihrer Straßen, der von altersgrauen Häusern bedrängt, lichtlos und verworren, immer wieder in sich selbst zurücklief, und er sehnte sich weit hinweg nach dem schönen hellen Lande, dessen er sich aus frühen Kindertagen noch zu erinnern glaubte. Seit er hier allein zurückgeblieben war, dachte er unablässig daran, es war als ein neues Heimweh in seiner Seele erwacht und begann sich zu regen, wie mit gebundenen Schwingen. Aber was er sah, hatte nie in seinem Gedächtnis so recht und wirklich gelebt, es haftete darin nur als ein gestaltendes Echo all der Erzählungen des Vaters. In seines Vaters Worten spiegelten sich diese frühen Kindertage, wie eine farbige Welt sich in gläsernen Kugeln spiegelt. Da waren Gärten voll Blumen, goldene Früchte im dunkeln Laub der Bäume, da waren Häuser, die vertrauend und gastlich offen standen, und deren weiße Mauern mitten im Grünen aufschimmerten wie ein Lächeln. Viele andere Kinder waren da, die ringsum auf den Wiesen spielten. Gesang scholl wehend im sanften Wind von nah und fern, und eine gütige, warme Sonne ermunterte die Menschen. Ohne daß er je ergrübeln konnte, wann und wie es geschehen war, erlosch das alles, die Gestalt der Mutter verschwand, die Gärten versanken und er sah sich mit dem Vater über Berg und Tal wandern, doch ihm schien, als sei dies erst viel später gewesen. Fremde Menschen waren mit ihnen unterwegs, fremde Frauen dabei, die sich des kleinen Jungen annahmen, aber sie hatten in der Erinnerung nur schattenhafte Umrisse und kein Gesicht. Städte, Äcker, Fluren, Hochlandswälder zogen an ihm vorüber, ohne daß er sie mit ihren Namen ansprechen konnte, das Gestade unbekannter Flüsse, eine lange, bunte Bilderreihe, bald gänzlich verblaßt, bald wieder in voller Deutlichkeit aufleuchtend. Bis sie hierherkamen in diese Landschaft, die so oft und so lange von grauen Wolken verhängt war. Blickte er zurück, dann mußte er denken, daß sein kurzes Leben von Anfang an nichts anderes gewesen sei als ein Weg aus heller Sonne in die Finsternis. Zuletzt war noch die Stadt hier vor ihm, rings um ihn her emporgestiegen, mehr und mehr lastend, mehr und mehr begriffen und geschaut, mehr und mehr beklemmend und sich zudrängend, wie die Wirklichkeit vor einem heranwachsenden Kind langsam emporsteigt.

Während er nun in der tief beschatteten Häuserschlucht des Kohlmarktes dahinging, fiel es ihm wieder einmal in den Sinn, einen der Genossen des Vaters zu suchen, um Brot und Arbeit zu erlangen. Aber er trotzte gegen diesen Gedanken und warf ihn weit fort, wie schon oft in diesen Tagen. Seines Vaters Gefährten kannte er nur wenig, sie waren dahier beschäftigt, den Palast eines großen Herrn zu bauen und zu schmücken, einige von diesen waren Bildhauer gleich dem Vater, andere Maler, und Lukas hatte von etlichen unter ihnen schon gehört, was sie ihm zu sagen wußten. Er habe nichts gelernt, meinten sie, freilich ohne sein Verschulden, denn die Dinge, auf die es ankäme, seien eben hierzulande nicht erlernbar. Er müsse fort, zurück in die Heimat, woher sie alle, woher auch der Vater sich Kunstfertigkeit mitgebracht habe. Das wäre am besten für ihn. Sonst tauge er bloß zu niedrigen Handlangerdiensten. Dazu wollten sie ihm verhelfen, damit er einstweilen sein Leben fristen könne. Lukas hungerte nach Brot, aber er verschmähte diese Art von Arbeit. Er lehnte sich auf dagegen, als gegen eine abscheuliche Bedingung, die ihm fürs Dasein gestellt wurde. Seine Gedanken liefen wieder denselben Kreis wie immer, wenn er die bittere Wahl, die ihm blieb, erwog. Es lohnte wahrhaftig nicht, Brot zu essen, um solch erbärmliche Arbeit zu verrichten. Und es war sinnlos, sich in solcher Taglöhnerfron zu erniedrigen, nur um Brot essen zu dürfen. Die ganze Kraft seiner Jugend und seines jugendlichen Anspruches an das Leben empörte sich dagegen, daß es kein anderes, keinen Ausweg geben sollte. Er blieb jedenfalls beharrlich in seinem Widerstand, er wollte sich zwingen lassen, wollte sehen, wie lange er aushalten werde, bis es der Not und dem Hunger gelang, ihn zu beugen.

An der Ecke, wo der Kohlmarkt in den kleinen Platz vor der Sankt Michaelskirche mündet, mußte Lukas plötzlich stehen bleiben. Kaiserliche Trabanten sperrten den Weg mit vorgehaltenen Hellebarden, und an der lebendigen Schranke, die sie derart bildeten, staute sich schon ein ziemliches Gewühl neugierigen Volkes. Rasch drängte Lukas sich durch bis in die erste Reihe. Er wußte sogleich, daß da irgendein höfisches Gepränge zu schauen sein werde und er liebte den malerischen Reiz dieser feierlich prachtvollen Aufzüge, liebte, ohne es zu wissen, die unbestimmte Sehnsucht, die solch ein Anblick heiß in ihm entzündete. Da wurden auch schon Fanfarenklänge hörbar; man vernahm das erregende Getrappel und Schlagen vieler Pferdehufe und aus dem Gewirre der Häuser, die der Kaiserburg den Ausgang verrammelten, quoll es nun hervor, farbig, schimmernd, von heller Musik überschmettert, eine Schar Kürassiere, ein paar schwere Wagen folgten dichtauf, hoch in ihren geschweiften Federn schaukelnd. Die Zugpferde tanzten im Geschirr, als seien sie ungeduldig und raschen Laufes begierig; die Kutscher hielten gelassen auf ihrem Sitz die Zügel, während aus den kleinen Fenstern der Wagen stolze, ernste Gesichter gleichgültig über die Menge hinwegsahen. Nun entstand eine Lücke im Zug und Lukas, der bemerkte, daß die Trabanten vor ihm sich strammer breitstellten, wußte, daß jetzt erst die Hauptperson herankomme. Eine doppelte Reihe von Läufern trat auf, leichtfüßig, mühelos, farbenbunt, mit schneeweiß wippenden Straußenfedern, wirkten sie wie Schauspieler, die ein Kunststück ausführen, erschienen wie die Ankündigung eines Festes. Jetzt stießen die Trabanten ihre Hellebarden präsentierend zu Boden und standen, Mann für Mann, zu Bildsäulen erstarrt. Und nun, von sechs hohen Schimmeln gezogen, rollte eine goldschimmernde Karosse einher. Ins Gebiß schäumend, warfen die edeln Tiere beständig ihre Köpfe hoch, nickten tief und es war in der verhaltenen Kraft ihres Ganges, in der wiegenden Anmut ihrer weißen, glänzenden Leiber eine Deklamation, die pathetisch hinreißend von Glück, von Macht und Reichtum sprach.

Lukas betrachtete dies Schauspiel mit einem widerstandslosen Entzücken und hörte dabei die Leute sagen: »Es ist der Erzherzog Ludwig, den sie nach Florenz schicken.« — »Ja, er hat’s auf der Brust und muß in die Sonne . . .« — Einer lachte: »Wegen der Sonne fährt er wohl nicht so weit fort . . . es ist eine Heirat im Gange . . .« — Andere mengten sich ein: »Warum nicht gar! Er hat eine geheime Sendung . . .« Und wieder andere flüsterten eifrig untereinander: »Aber, man kennt doch den Erzherzog Ludwig . . . man weiß doch, wie er’s treibt . . . verbannt ist er vom Hof!« — »Nach Florenz?« — »Das weiß ich nicht . . . vielleicht nach Florenz!«

Lukas vernahm alle diese Reden, und der Name Florenz fiel in sein Herz. Dies goldschimmernde Wort erregte ihn von jeher. Er mußte es leise vor sich hinsprechen, so oft es ihm in den Sinn kam. Es schwebte vor ihm wie ein Glücksstern, es rief mit einem Klang, darin wunderbare Ahnung war und schmerzhaft drängende Sehnsucht. Mit eiligen Blicken spähte Lukas zur Karosse hin. Nur flüchtig sah er den Kutscher, sah nur flüchtig die vier Lakaien, die in ihrer großartigen spanischen Livree hintenauf beisammen standen wie ein erstarrtes kleines Getümmel der Dienstbarkeit, wie menschenähnliches Gerät, das sich bloß rührt, wenn man es braucht. Dort in den Atlaskissen, saß aufrecht ein schmaler, junger Mann, in schwarzen Samt gehüllt. Ein schmales, bleiches Antlitz, von schwarzen Locken umschmiegt und vom zarten Flaum dunkeln Pelzwerks umhalst, war aufwärts gehoben, des Volkes nicht achtend, fremd und fern und durch die klaren Kristallscheiben abgeschlossen wie eine Kostbarkeit, die man wohl betrachten, aber nie erreichen noch berühren kann.

»Warum fährt er nicht stracks zum Tor hinaus, an der Burgbastei?« fragte einer aus der Menge. Ein anderer gab sogleich und mit wichtigem Ton Bescheid: »Er will noch bei den Kapuzinern ein Vaterunser beten.« Ein dritter erklärte: »Zum Burgtor hinaus wär’ gefehlt; erst vom Kärntnertor führt die Straße nach Süden.« Lukas sprach, ohne daß er’s wußte, leise vor sich hin: »Florenz . . .«

Dicht neben der Karosse des Erzherzogs trabte ein Hund. Lukas gewahrte ihn plötzlich und bewunderte auch ihn. Es war ein Hund, wie man in Wien noch wenige erblickt hatte. Hochbeinig, überschlank, mit langer, dünner Schnauze, erinnerte er an ein Windspiel, war aber um vieles größer, hatte außerdem ein langhaarig gelocktes Fell und eine buschige Rute, die einem kleinen Banner glich. Sein Rücken glänzte in einem fast blonden, tiefen Gelbbraun, seine Flanken, seine Brust und sein Hals waren wie von weißer Seide, und ein ganz schmaler weißer Strich lief ihm über die Stirn zwischen den gelben Scheiteln bis nach vorn zur Nase. Es hieß, diese neuartigen Hunde seien aus Rußland gekommen und als Hasenfänger unübertrefflich. Lukas betrachtete den Hund genau, sah, wie er in einem hochwiegenden, leichten Trab, zierlich und vornehm die dünnen, langen Beine setzte, wie er sich immer knapp beim Wagenschlag hielt und manchmal aufmerksam zu den Kristallscheiben emporschaute.

Langsam rollte die Karosse vorüber. Kürassiere folgten, nach ihnen eine Reihe hochbepackter Wagen, rasselnd, polternd, von Maultieren gezogen. Lukas wartete das Ende nicht ab, wandte sich mit einem Male wie unwillig weg, drängte fort aus dem Menschengewühl und suchte sich einen andern Weg, als habe er Eile. Werde ich immer hier gefangen sein? dachte er, immer hier allein bleiben, arm, hilflos, ohne Freude, Jahr um Jahr, bis ich zu Grunde gehe? Da zieht nun ein Haufen reicher Müßiggänger nach Florenz und ich muß dabei stehen, muß zuschauen und kann nicht von der Stelle! Sie werden frei dahinwandern über Berg und Tal, sie werden rasten, wenn sie müde sind, werden unter den Baumwipfeln der Hochwälder schlafen oder am Gestade silberner Flüsse, und eines Tages sind sie in Florenz, eines Tages gehen sie in Florenz umher, als war das selbstverständlich! Wird es ihnen etwas bedeuten, daß sie nun in Florenz sind? Oh, sie werden vielleicht finden, es sei recht hübsch, es sei recht ergötzlich und das Wetter sei recht angenehm, aber sonst wird es ihnen weiter nichts bedeuten. Gar nichts! Haben sie denn dort etwas zu tun, was sie hier nicht ebenso tun könnten, dort etwas zu suchen, was sie hier nicht gerade so finden? Aber ich muß hier bleiben. Ich habe meine Heimat dort, ich könnte meine Lehrer dort finden, die Lehrer, die es hier nicht gibt, ich könnte dort alles erfahren, was ich wissen muß, könnte malen, modellieren, zeichnen, ziselieren, könnte lernen, wie der Stein und das Metall bearbeitet wird, wie . . . ach alles könnte ich lernen und ich könnte alles mit Augen sehen, was die guten Arbeiter dort von altersher zustande gebracht haben.

Lukas war in seinem heftigen Zorn schnell gegangen, jetzt wurde er mutlos und traurig und seine Schritte waren gebunden. Ach was, seufzte er, man erfährt ja auch gar nichts, wenn man solch ein armer Teufel ist, der nie unter Leute kommt und sich mit niemandem zu reden getraut. Hätte ich gewußt, daß der Erzherzog nach Florenz reist, ich hätte mich als Diener angeboten, als Pferdejunge, als was immer, gleichviel, wenn sie mich nur mitgenommen hätten. Aber man erfährt nichts. Das ist das Unglück! Und jetzt beneide ich den Hund, der mitreisen darf, der sein Futter kriegt und sein Nachtlager und der in Florenz sein wird . . .

In leichten Flocken begann es zu schneien. Lukas sah zu dem grauen, engen Himmelstreifen zwischen den Häusern auf und fühlte an seinen Wangen die zarte Berührung des fallenden Schnees. Er raffte sich zusammen in der stärkenden Frische eines Entschlusses: wenn dieser Winter zu Ende ist, wird er nach Florenz wandern, sicherlich, das wird er tun. Wenn man nur erst wieder im Freien schlafen, wenn man wieder barfuß gehen kann, wird er zum Stadttor hinaus, immer die Straße, die nach Süden führt. Er wird betteln, was liegt daran? Er wird wandern bis ihm die Sohlen bluten und sich nachts im Walde verstecken, er wird, wenn ihn unterwegs eine Krankheit befällt, unter freiem Himmel liegen bleiben bis ihn die Sonne wieder gesund wärmt und er wird endlich sein Ziel erreichen.

Ohne es zu merken, war er mit solchen Gedanken schneller und immer schneller gegangen und stand nun auf der Bastei vor dem Haus, darin er jetzt wohnen sollte.

Unter dem engen Torbogen trat ihm eine Frau entgegen. Lukas kannte sie schon, wußte, daß sie das Weib des Pförtners sei, und war ihr dankbar, weil sie ihn freundlich aufgenommen und ihm lächelnd gesagt hatte, er brauche sich wegen der Miete für die Dachstube keine Sorge zu machen. Als sie ihn nun sah, lächelte sie wieder, geradeso wie beim ersten Mal. Sie war noch jung und von einer breiten, gleichsam aus den Kleidern drängenden Gesundheit und Frische.

»Da bin ich also . . .«, sagte Lukas.

Die Frau nickte, maß ihn mit raschem Auge und deutete leicht mit der Hand auf die Mappe, die Lukas unter dem Arm trug: »Ist das alles?«

Lukas schwieg. In der Mappe hatte er ein paar von den besten Zeichnungen seines Vaters, ein paar eigene Versuche, und das war wirklich alles, was er besaß.

Die Frau sah ihn freundlich an, als erwarte sie keine Antwort und als sei sie der Meinung, daß seine Armut nichts zu bedeuten habe. Es war ein milder, verstehender und tröstlicher Blick. Dann wies sie mit einer Kopfbewegung über ihre Schulter zurück ins Haus: »Geh’ nur. Weißt ja, wo es ist.«

Lukas schritt an ihr vorbei und wie er im Flur verschwand, sah sie ihm nach, wie jemandem, der in eine Falle geht.

Langsam stieg Lukas die gewundene, steile Treppe hinauf, von Dunkelheit so stark umfangen, daß er anfangs nur tastend einen Fuß vor den andern setzen konnte, bis er den Stein der Stufen als einen fahlen Schimmer wahrnahm. Er hatte den Blick nicht bemerkt, mit dem die Frau seinem Eintritt in das Haus gefolgt war, und er wußte auch nicht, warum man ihm die Dachkammer da oben so willig überließ, ohne nach Bezahlung zu fragen. Diese Dachkammer war freilich armselig genug, aber es stand doch ein Bett darin, ein Tisch war da und ein Stuhl, und so war sie ihm doch eine Wohnstätte, bot ihm Unterkunft und Zuflucht in einem Augenblick, in welchem er gefürchtet hatte, auf der Straße schlafen zu müssen. Das freundliche Lächeln der jungen Frau hatte ihm gleich das erstemal und eben jetzt wieder den Eindruck gegeben, man habe seine Not begriffen und wolle ihm eine Güte erweisen. Er nahm das beinahe als etwas Natürliches, dachte nicht weiter darüber nach und es fiel ihm also nicht im entferntesten ein, daß er eigentlich nur dazu benützt wurde, die Verrufenheit jener Dachkammer durch seine harmlose Gegenwart zu bannen. Lukas hatte keine Ahnung davon, daß in dem kahlen Raum, den er jetzt betrat, eine Woche vorher ein geheimnisvoller alter Mann auf eine geheimnisvolle Weise verstorben war. Viele Jahre hatte der alte Mann hier einsam gewohnt, von allen Nachbarn gefürchtet, mit stillem Grauen betrachtet und von keinem je enträtselt. Es war ein hochgewachsener blasser Mann, so mager, daß er in seinem langen, schlotternden Talar fast körperlos erschien, so bleich, als sei er längst schon tot, so schwach in jedem Schritt und jeglicher Bewegung, als könne ein Hauch ihn wegblasen, aber durch den schneeweißen Bart glühte die feine rote Schwunglinie seiner beständig geschlossenen Lippen wie unverwelkliche Jugend und der helle, gebieterische Blick aus seinen grauen Augen hatte die Kraft eines großen Lebens. Die Frau des Pförtners konnte sich seiner bis in die Tage erinnern, da sie noch ein Kind gewesen und hier auf der Bastei mit anderen Kindern gespielt hatte. Alle waren scheu vor ihm zurückgewichen, die Kleinen ebenso wie die Erwachsenen. Niemand hatte je ein Wort aus seinem Mund vernommen. Er war da, ging einsam, unnahbar und der anderen nicht achtend, an den Menschen vorbei; verschwand oft für lange Zeit und erschien plötzlich wieder, und alle hielten ihn für einen Magier. Einige Leute, welche glaubten, er sei in geheimen Künsten bewandert und könne vielleicht böse Krankheiten heilen oder beschwören, hatten seinen Beistand gesucht, aber er hatte kein Wort gesprochen, hatte ihre Fragen mit keiner Silbe erwidert, und sie waren, von der Macht seines Blickes eingeschüchtert und erschrocken, geflohen. Das war schon viele Jahre her, und von da an hatte sich niemand mehr ein Herz gefaßt, ihn anzureden. Nun war er etwa vor Wochenfrist in seiner Dachkammer als gräßlich entstellte Leiche aufgefunden worden, und die Dachkammer galt deshalb als ein Ort des Grauens, wo es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geheuer und auch nicht geraten sei, zu wohnen. Man wollte einstweilen durch den jungen Mieter erproben, ob etwa das Gespenst des alten Mannes da oben umgehe, und gedachte dann, je nach Umständen, das Weitere zu veranlassen.

Lukas ahnte nichts von all diesen Dingen, als er nun die schmale Kammer betrat. Er legte die Mappe mit den Zeichnungen auf den Tisch, schaute flüchtig und ohne wirkliches Sehen umher und gab sich völlig seinen Gedanken hin. Es waren die Gedanken eines Menschen, der auf der Welt alles zu wünschen und nichts zu tun hat, die Gedanken eines Menschen, der mit leeren Händen dasitzt, in völlig leere Stunden blickt und in seinem Innern nur die eine Frage hört, was fange ich an? Findet sich für diese Frage eine bestimmte Antwort, dann ist die Not im Augenblick zu Ende, die Stunden, die sich gleich einer Wüste noch eben hindehnten, sind nicht mehr leer, sondern füllen sich mit Aufgaben, Plänen, Hoffnungen, ja mit Gewißheit, und die Hände empfinden die Kraft künftiger, naher Arbeit so sehr, daß sie vergessen, wie müßig sie eigentlich bisher noch sind. Allein dem Entmutigten antwortet in seinem Denken nur ein Gewirr von Einfällen, das er nicht zu entrollen vermag, ihm antworten hundert Stimmen, von denen jede gleichsam nur stotternd ansetzt und dann abbricht, bis sie alle miteinander schweigen und wieder nur die Frage übrig bleibt: »Was fange ich an?« Lange saß Lukas so in der Kammer und vernahm immer aufs neue den quälenden Klang dieser Frage. Endlich schüttelte er sich, warf diesen Gedanken ungeduldig beiseite und ergriff das Mittel aller Menschen, die ihrer Not keinen Ausweg wissen. Er begann zu träumen. Eines Tages wird ein reicher Herr zu ihm kommen und zu ihm sprechen: Du willst nach Italien und etwas Tüchtiges lernen? Brav, mein Sohn. Hier sind zehn Dukaten. Damit kannst Du ohne Sorgen deines Weges ziehen, es langt bis Florenz und weiter noch. Nimm das Geld nur ruhig an, es ist ein Geringes für mich, denn zehn Dukaten setze ich oft auf eine Karte und achte es nicht einmal der Rede wert, wenn ich sie fünf- oder zehnmal des Abends verliere. Zehn Dukaten hab ich, wie oft schon, einem jungen Mädchen für ein Lächeln geschenkt. Da sieh die Schnalle an meinem Schuh, sie ist dreißig Dukaten wert, und dennoch hab ich mich keine Minute lang geärgert, als mir die eine davon gestohlen wurde.

Sicherlich, fuhr Lukas in seinen Gedanken fort, gibt es viele gute Menschen auf der Welt. Der Vater hat es oft gesagt, und ich glaube, er hatte recht. Aber wie merkwürdig, daß man die guten Menschen erst bitten muß. Wenn sie gut sind, dann wissen sie doch, daß andere verschmachten. Und sie wissen auch, daß man oft um ein Geringes, um den Preis einer Schuhschnalle, Menschen zu retten vermag. Ist es Güte, dem Bettler an der Kirchentüre und an den Straßenecken Almosen zu geben? Er bleibt, auch mit der Gabe in der Hand, immer noch ein Bettler. Viele, sehr viele gute Menschen müssen auf der Welt vorhanden sein und viele von ihnen müssen an dem Bettler vorübergehen, damit dieser sein tägliches Brot habe. Also reicht die Güte doch nicht weiter, als bis zu diesem Stück Brot. Und viele gute Menschen bringen es nicht zuwege, daß ein Bettler nicht mehr betteln muß. Aber er wäre ja gar kein Bettler geworden, wenn man ihm geholfen hätte. Vielleicht ist es das Schlimmste auf der Welt, daß die Menschen aneinander vorübergehen.

Lukas stand auf und ging ans Fenster, angelockt von dem weiten Himmel, der sich da draußen zu öffnen schien. Es war ein kleines Dachfenster, zu dem man auf zwei groben Holzstufen emporsteigen mußte. Erfreut lehnte sich Lukas über den breiten Bord und gewahrte die schöne Fernsicht, die sich hier bot. Tief unter ihm dunkelten die Baumwipfel auf der Bastei, vor den Mauern lag das große, grüne Brett des Glacis, auf dem sich Straßen und Wege gleich weißen Zeichenstrichen kreuzten, jenseits davon waren die Häuser, Dächer und Kirchtürme der Vorstadt und noch weiter, darüber hinaus verlief die hügelige Landschaft bis fern zu dem zarten Dunst der Berge.

Mit einem rasch umfangenden Blick hatte Lukas dies Bild in sich aufgenommen, und nun er in der Lust des Betrachtens das einzelne erfassen wollte, gewahrte er auf der breiten Straße, die das Glacis zur Vorstadt hin durchquerte, einen langen Zug, der in mäßiger Eile vorwärts strebte, und der einem einzigen lebendigen Wesen glich, das sich vielbeinig mit wellig bewegtem Rücken dahin schob. Lukas betrachtete das Schauspiel zuerst ganz harmlos, bis er plötzlich erkannte, daß es derselbe Zug sei, dem er vorhin auf dem Platz vor der Michaelskirche begegnet war. Eine heftige Erregung packte ihn an. Jetzt sah er genau, trotz der Entfernung: dort ritten die Kürassiere voraus. Wie das Licht über die trabende Schar hinspielte und in ihren Helmen manchmal mit kurzem Strahl erblitzte, waren sie deutlich kennbar. Dort fuhren die Reisewagen, die jetzt aussahen wie dunkle, krabbelnde Käfer. Und hinterdrein folgte wieder ein Troß von Reitern. Lukas blickte unverwandt hinüber. Das war nun eine Gemeinschaft vieler Menschen, die von dannen zog. Dicht beisammen, bildeten sie ein Ganzes, waren schon abgetrennt von der Stadt, schon losgelöst von allen anderen, die hier am Fleck klebten und zurückblieben. Unsichtbar, weit über fremde Länder hinweg, lag ein Ziel, das sie an sich riß, sie in eine Bewegung gesetzt hatte, die nicht aufhören wird, bis das Ziel erreicht ist, bis sie eins mit ihm geworden sind. Lukas starrte hinüber. Seine Augen mußten mitwandern. Er sah das Reisen selber, und sein Herz begann stürmisch zu klopfen. »Die Glücklichen«, seufzte er, »ach, die Glücklichen!«

Der schöne Hund fiel ihm ein, der neben der Karosse des Erzherzogs einhergelaufen war. Lukas schlug mit der Faust auf das Fensterbrett und rief dabei voll Ingrimm: »Oh Gott . . . selbst diesen Hund beneide ich!« Seine Sehnsucht brach aus und er schlug bei jedem Wort mit der Faust auf das Fensterbrett: »Mit . . .! Mit . . .!« Und in einem plötzlichen Einfall rief er: »Ja, wenn ich auch nur jeden anderen Tag ich selber sein dürfte, nur jeden anderen Tag, dann wär’ ich schon zufrieden . . . meinetwegen . . . was liegt daran?. . . dann möchte ich dieser Hund sein und mit auf die Reise gehen . . .«

Im selben Augenblick lief er als Hund neben dem Wagen des Erzherzogs einher.

* * * * *

Lukas hatte, als er auf das Fensterbrett schlug, nicht bemerkt, daß da in das glatte, altersgraue Holz ein metallisch rot schimmernder Ring eingelassen war. Er hatte in seiner Erregung des heftigen Spieles seiner Hand überhaupt nicht geachtet. Daß der dünne Reif, der einen Kreis im Holz zog, aus purem Gold sei, konnte Lukas nicht wissen, am allerwenigsten vermochte er zu ahnen, daß dieser Stelle die Kraft innewohne, jeden Wunsch eines Menschen zu erfüllen, dessen Hand während des Sprechens in den Kreis griff. Lukas hatte laut gesprochen, ohne es zu wissen, seine aufschlagende Faust hatte dabei jedesmal in den magischen Kreis getroffen und so war alles geschehen. Lukas fühlte nur, daß ihn nach dem letzten Wort ein Taumel ergriff, daß es ihm vor den Augen schwindelte, als ob er in eine tiefe Ohnmacht gerissen würde. Ein Schlag zuckte durch seinen Körper, so gewaltig, daß ihm der Atem wegblieb. Aber das Ganze hatte kaum eine Sekunde gedauert, und wie nun Lukas neben dem Wagen des Erzherzogs daherlief, meinte er zu träumen.

Er fühlte den Hundekörper als den seinigen, mit einem ungläubigen und ergötzten Staunen. Er wunderte sich, wie er vierbeinig laufen konnte und fügte sich dieser Gangart als einem Spaß, fand aber zugleich, daß sie ihm jetzt bequem und natürlich sei. Eine seltsame Fülle von allerlei Gerüchen, die er nie vorher wahrgenommen, drängte nun auf ihn ein, und es trieb ihn unwiderstehlich an, beständig forschend nach ihnen in der Luft zu schnuppern. Rings um sich vernahm er das Knarren der Räder, das Gewirr der Stimmen und das hundertfache Klopfen der Pferdehufe, das dem Trommeln eines Hagelwetters glich. Sein Denken war benommen und doch zugleich vollständig wach.

Ich träume, sagte er zu sich, ich träume einen wunderbaren Traum.

Einen Augenblick überwältigte ihn ein nie gefühltes Entsetzen. Er wollte laut aufschreien, da hörte er sich bellen. Und seine Angst schlug darüber in solche Heiterkeit um, daß er lachen mußte. Aber es klang wieder nur wie ein hohes, im Ton umkippendes Gebell, bei dem er dem Zwang, den Kopf emporzuwerfen, nicht widerstehen konnte. Da sah er über sich das blasse Antlitz des Erzherzogs, der sich vorgebeugt hatte und durch die Kristallscheiben des Wagens zu ihm niederblickte. Lukas erschrak ein wenig und duckte sich rasch.

Es ist toll, dachte er, was ich alles zusammenträume.

Er spürte in allen Gelenken das Verlangen, sich umherzutummeln, und begann in großen, leichten Sprüngen, die ihn entzückten, zu galoppieren. Im Nu war er an den Gespannpferden vorbei.

Welch ein Traum! dachte er und wollte sich feldeinwärts wenden.

Ob ich wohl fortlaufen kann?

Kambyses!

Das Wort riß ihn mitten im Sprung zusammen, unwiderstehlich. Irgendeine Stimme hatte gerufen und Lukas wußte sogleich, das gelte ihm, wußte, das sei sein Name und fühlte einen unüberwindlichen Drang, eine stürmische Bereitwilligkeit, zu gehorchen. Er rannte zurück bis an den Wagen.

»Kambyses!« Es war einer der Lakaien, die auf dem Rückbrett der Karosse standen. Lukas sah sich nach dem Manne um und hörte ihn noch sagen: »so . . . schön . . . hier bleiben . . .«

Dann ging es weiter.

Die Lust wandelte ihn an, den Erzherzog genauer zu betrachten. Deshalb hob er oftmals den Kopf und spähte zu dem Wagenfenster hinauf. Er mußte in diesen Bemühungen bemerkt worden sein, denn ein paar Worte drangen an seine aufzuckenden Ohren, und ihm blieb in seiner Neugierde, diese Worte zu verstehen, gar nicht einmal Zeit zu beobachten, daß ihm auch in der Anstrengung, genau zu hören, sein Körper völlig nach der Art des Hundekörpers zu Diensten war und daß er ganz unwillkürlich die Ohren hochstellen oder sie niederklappen mußte. Aus dem Wageninneren drang nun der Laut befehlender Worte, von den Lakaien, die hintenauf standen, hoben einige die Hand, um dem nachdrängenden Troß ein Zeichen zu geben, dann hielt die Karosse plötzlich still. Der Schlag wurde geöffnet und der Erzherzog beugte sich von seinem Sitz leicht zur Straße nieder.

»Nun, Kambyses . . . schon müd’ vom Laufen?«

Es war mit einer scharf klingenden Stimme gesprochen, die nur von einer mühsamen und ungeübten Freundlichkeit gleichsam künstlich erhellt war.

Lukas schaute erschreckt und erfreut zugleich in das stolze, schmale Antlitz, das auf ihn herabsah. Er wollte antworten, wollte grüßen und merkte, daß jeder Ausdruckswille ihm den Rücken hinablief Er wollte freundlich sein und wollte lächeln und er machte die Wahrnehmung, daß auch der Wille zur Freundlichkeit, ja das Lächeln selbst ihm den Rücken entlang fuhr und dort irgendwo ins Werk gesetzt wurde. Einen kleinen Sprung tat er zur Seite, wandte den Kopf, weil er spürte, daß da hinter ihm etwas Unbekanntes mit Antwort, Gruß und Lächeln in Bewegung war, und er entdeckte, daß er wedelte.

Dicht über sich hörte er den Erzherzog sagen: »Er mag hier am Boden liegen, wenn er müd’ ist; die ganze Reise wird er ja doch nicht laufen können.« Der Erzherzog sprach zu einem Herrn, der ihm gegenüber den Rücksitz einnahm. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, wandte er sich jetzt nochmals hinaus, stieß die Wagentüre vollends auf und rief: »Also, Kambyses . . . hopp!«

Es wird unmöglich sein, dachte Lukas, duckte sich in den Schultern, maß die Höhe der Karosse, während die Vorderpfoten den Sand scharrten, wollte besonders eindringlich danken, wollte bitten, ihm nur einen Augenblick Zeit zu gönnen und fühlte dabei, wie er sich mit immer heftigerem Wedeln rechts und links die Flanken schlug.

»Hopp!« rief der Erzherzog nun schärfer, und dieses Wort hob Lukas vom Boden, riß ihn empor. Er sprang, fühlte sich federleicht und stand auf dem Teppich der Karosse. Die Tür schlug zu.

Der Erzherzog befahl: »Leg’ dich!«

Und Lukas fiel wie vom Blitz getroffen zu den Füßen seines Herrn nieder. Er sah vor sich nur die feinen, schmalen Schuhe, sah die Diamantschnallen darauf funkeln, die roten Absätze, die wie Blut leuchteten und atmete den zarten Wohlgeruch, der den Seidenstrümpfen, dem Pelz und den Kleidern des Erzherzogs enströmte.

Sanft schaukelnd fuhr die Karosse weiter. Ihr dumpfes Rollen war hörbar, das Schnauben der Pferde und das leise Gewirr murmelnder Stimmen.

Nach einer Weile richtete er sich behutsam auf und saß. Mit forschender Neugierde betrachtete er den Erzherzog nun in der Nähe. Er sah das stolze, schmale Gesicht mit den blassen Wangen, sah die großen, hellen Augen, die gleichgültig und obenhin ins Weite blickten, den harten Mund, der unter der feinen, langen Nase immer ein wenig offen stand und die Unterlippe immer, wie verschmähend, vorschob, und dieses Gesicht mit seinem nach nichts begehrenden Ausdruck, dieses mit Selbstverständlichkeit zügellos gebieterische Antlitz überraschte und fesselte ihn, als etwas nie Geschautes.

Er blickte rasch und vergleichsweise zu dem andern hinüber, der auf dem Rücksitz saß. Das war ein rundes, zufriedenes Antlitz, wie es viele gab, ein wenig schläfrig und zugleich aufmerksam, beständig irgend eines plötzlichen Befehles gewärtig. Rasch wandte er sich wieder dem Erzherzog zu.

»Was willst noch mehr, Kambyses?«

Lukas fühlte seinen Leib unter dem Klang dieser Stimme zusammenzucken. Doch er fuhr fort, mit inbrünstig forschender Neugierde dieses stolze Angesicht zu betrachten.

Eine Weile verharrten die beiden so einander gegenüber Auge in Auge. Dann erlosch das Lächeln plötzlich, das die Lippen des Erzherzogs umschwebte, seine Mienen umschleierten sich und irgend eine Verwirrung huschte flüchtig über die blassen Wangen.

»Laß’ ab, Kambyses — mußt mich nicht so anstarren.«

Der Erzherzog lehnte sich aufatmend zurück. »Seltsam«, sagte er zu dem Kammerherrn hinüber, der mit rasch bereitwilliger Gebärde die Anrede empfing, »seltsam, was so ein Hund manchmal für einen menschlichen Blick hat . . ., als ob er sprechen wollte . . . nehmt mir’s nicht übel, Waltersburg, aber der Kambyses sah jetzt gescheiter drein als Ihr.«

* * * * *

Um Mitternacht erwachte Lukas mit einem Ruck aus dem Schlaf. Langsam merkte er, daß er, eingehüllt in Stroh, auf der Erde liege. Eine dunstige Wärme umhüllte ihn, weich wie eine Decke, sein Atem trank den scharfen Geruch dampfender Pferdeleiber, leises Kettenklirren, Schnauben und Blasen und vereinzeltes Aufstampfen klang traumhaft an sein Ohr. Furchtsam hob er den Kopf. Da stand neben ihm ein Tier, schien, von unten her gesehen, bei dem rötlichen Licht einer Laterne, das von irgend woher den Raum ganz schwach durchdämmerte, ins Riesenhafte zu wachsen und glich einem Ungeheuer. Entsetzt sprang Lukas auf. Er war in einem Stall. Dicht vor ihm rührte sich leise der stattliche Schimmel, zu dessen Füßen er hier im Stroh geschlafen hatte, und da standen sie, alle sechs, beisammen, durch niedrige Bretterwände voneinander getrennt, die mächtigen Schimmelpferde, die der Karosse des Erzherzogs vorgespannt gewesen waren. Lukas erkannte sie sogleich, ihre weißen Rücken schimmerten hell über dem dunklen Strich, den das Holz der Scheidewände an ihre Flanken zog. Da hing auch an hohen Pflöcken, geordnet, das Prunkgeschirr, mit dem sie aufgezäumt wurden. Lukas taumelte, von großer Verwirrung ergriffen, und hielt die Hand vor die Augen, um sich zu besinnen. Aber unfähig, auch nur den geringsten Gedanken zu erhaschen, von einer rasch und immer rascher ansteigenden Angst gejagt, ließ er die Hände sinken, starrte umher, ob es nicht möglich sei, diesem unbegreiflichen Ort zu entfliehen. Seine wirren Blicke erspähten die Stalltür. Zitternd, schrittweise und atemlos schlich er hin, leise und dabei am ganzen Körper bebend, hob er den Riegel, dachte einen Augenblick, ob nicht etwa einer von den Knechten hier im Stalle schliefe, bangte vor der Gefahr, ihn zu wecken, und öffnete desto behutsamer das schwere Tor, das mißtönend in den Angeln aufschrie. Blitzschnell schlüpfte Lukas durch den Spalt und war im Freien.

Die kalte Nachtluft, die ihn anblies, ließ ihn erst vollends erwachen. Aber nun brach auch das Grauen mit verdoppelter Kraft in ihm aus und schüttelte ihn, daß sein Atem zu stocken drohte. Er überwand sich und lief. Die Angst, die in ihm war, fesselte seine Schritte und hetzte sie doch zur Eile, hing ihm bleischwer in den Gliedern und stieß ihn doch immer wieder vorwärts. Beim matten Schein des abnehmenden Mondes gewahrte er rings um sich die verstreuten Häuser eines ländlichen Städtchens. Sein Laufen klang laut und klopfend auf dem harten Boden. Hinter Torgittern und Gartenmauern schlugen da und dort ein paar Hunde an, und Lukas sprang bei dem ersten Bellen in die Höhe, wie einer, den ein Schuß getroffen hat. Dieses Bellen schlug ihm mitten durchs Herz, es zerriß den Schleier, den der Schlaf über sein Erinnern gebreitet hatte, und enthüllte plötzlich gespenstische Bilder eines unfaßbaren Geschehens, die nun verworren und schreckhaft deutlich zugleich ineinander glitten.

Lukas gewann die offene Landstraße und lief, ohne der Richtung zu achten, lief immerzu, bis ihm die Kräfte versagten. Er rastete stehend, ging dann, so rasch er nur vermochte, weiter und immer weiter, begann wieder zu laufen und hielt inne, wenn ihm die Knie brechen wollten, ging und lief, erreichte im ersten Morgenschimmer eine geringe Anhöhe und erkannte dort an der steinernen Denksäule, die man das Spinnerkreuz nannte, daß er sich auf dem Wienerberg befinde, den Heimweg also nicht verfehlt habe. Für eine kurze Weile blieb er hier stehen, um zu veratmen. Die Mauern der Stadt sah er von ferne, die Kirchtürme da unten, dem Dunkel der Nacht entsteigen, sah jenseits davon die Berge aus dem Frühnebel hervortreten und sann nun erschüttert der Gewalt nach, die ihn so weit hinweggeführt hatte.

Langsam ging er dann die Straße abwärts, müde vom vielen Laufen, kraftlos durch den Schrecken, der immer wieder erneut in ihm aufzuckte, und betäubt von dem Geheimnis, das er sich nicht zu deuten vermochte. Als er endlich vor dem Haus auf der Bastei ankam, war es heller Tag und das Leben in den Straßen schon überall geschäftig erwacht. Er schlich die Treppe hinauf bis zum Dach, und warf sich in seiner Stube auf das Bett, um zu ruhen. Da er keinen Schlaf finden konnte, erhob er sich halb wieder, eilte hinunter und strich mit zögernden Schritten umher. Das singende Rufen der Verkäufer, das Drängen und Hasten der Menge, das Rollen der Wagen half ihm aus seinem Zustand qualvollen Wunderns über das Rätsel dieser Nacht wieder in den Alltag, in dem es weder Rätsel noch Wunder gab. Es beruhigte ihn, von Menschen umgeben zu sein, und er fühlte sich irgendwie geborgen, wenn er sie sprechen hörte oder sie lachen sah. Unwillkürlich nahm er den Weg zur kaiserlichen Burg, blieb auf dem Platz vor der Michaelskirche stehen und wartete, als solle sich das Schaugepränge von gestern noch einmal hier entfalten. Allein es begab sich nichts dergleichen. Der Platz sah aus wie sonst, die Leute gingen kreuz und quer drüber hin, ohne daß ein Spalier von Bewaffneten es ihnen wehrte und die Burg mit ihren alten, grauen Mauern ruhte still und gewaltig da, wie ein unbewohntes Gebirge. Lukas hatte unklar und verworren, wie ihm überhaupt zu Sinne war, die Erwartung gehegt, an diesem Platz hier, wo gestern alles begonnen hatte, eine Erklärung zu finden, eine Antwort oder doch eine Spur von Begreifen des Geschehenen. Jetzt war er plötzlich merkwürdig ernüchtert und ging betroffen weiter. Von ungefähr fiel es ihm ein, daß etliche Freunde seines Vaters ganz in der Nähe an dem Palast arbeiteten, den der päpstliche Nuntius für sich erbauen ließ, und er begab sich eilig zu ihnen, denn ihn verlangte heftig danach, heute nicht allein zu bleiben.

Auf dem Hof betrat er durch ein Brettertürchen den Neubau und sogleich umfing ihn das Dröhnen der Hammerschläge, die auf die Steine niedersausten, das Kreischen der Sägen, Knirschen der Feilen und der Gesang, mit dem sich die Gesellen ihrer Hände Mühsal erleichterten. Es waren durchwegs Italiener, Bildhauer, Steinmetze, Kunstschmiede und sie sangen italienische Lieder, die Lukas auch von seinem Vater oft genug gehört hatte. Der fröhliche Arbeitslärm, der auch noch den Gesang zu Hilfe nahm und mit aller Kraft gegen jeden überflüssigen Kummer wie gegen unnütze Gedanken anzukämpfen schien, schlug jede Bangigkeit und Grübelei in Lukas darnieder. Er fühlte sich in dieser Umgebung sogleich heimisch, sie war ihm von Kindheit an vertraut, er hatte als kleiner Knabe an solchen Werkstätten seinem Vater zur Seite gespielt, hatte sich unter den anderen umhergetrieben, und sie kannten ihn alle. Meister Andrea Chini, der in der Mitte seiner Gesellen sich bewegte, verstand, ohne daß auch nur ein Wort gesprochen wurde, daß die Not den jungen Lukas Grassi zwang, sich in niedrige Verrichtung zu schicken, er gab ihm etliche leichte Hantierungen auf und Lukas griff heute danach mit einem frischen Eifer, der gar nichts von seiner sonstigen Verdrossenheit hatte. Er stürzte sich begierig in die Arbeit und wies die Wünsche, wies die Hoffnungen, die er gestern noch sehnsüchtig gehegt, von sich weg, ohne ihnen nur einen einzigen Gedanken zu gönnen, er wandte sich von ihnen, als seien sie gar zu vermessen gewesen und als habe er es jetzt, nach all dem Unbegreiflichen, das ihm begegnet war, durchaus nötig, seine hoffärtige Begehrlichkeit abzubüßen. Wie die anderen ihn zutraulich begrüßten, wie er dann in ihre Gespräche harmlos mit versponnen wurde, ab und zu auch in ihren Gesang einstimmte, hörte er auf, innerlich über das Vorgefallene nachzusinnen, und schüttelte weitere Gedanken sogar lächelnd und zweifelnd von sich ab. Ermattet, aber völlig beschwichtigt kehrte er abends heim, hatte, als er sich zu Bett legte, das gute Gefühl, er sei nun einer Gefahr oder auch dem Blendwerk eines seltsamen Irrtums entronnen und schlief sogleich ein.

Er erwachte unter einem Tritt, der ihn bis in die Eingeweide schmerzte, fand sich im Stroh auf der Erde liegen und sah über sich das breite, rote Gesicht eines feisten Menschen in Livree, der eben nochmals den Stiefel hob und ausrief: »Holla, da ist ja der Kambyses wieder! Auf du Luder — wo hast denn gestern gesteckt den ganzen Tag?« Entsetzt fuhr Lukas in die Höhe. Da war er wieder in einem Stall, die Türe stand weit offen, es war lichter Morgen, und da führte man eben die prächtigen Schimmel einen nach dem andern fertig geschirrt ins Freie. Lukas wollte dem drohenden Stiefelabsatz entwischen, aber der dicke Mann erhaschte ihn dicht hinter den Ohren am Fell und schrie dabei: »He, ihr Lümmel, einen Strick, damit mir das Hundsvieh nicht davon läuft!« Die Pferdeknechte lachten und einer von ihnen äußerte: »Da braucht’s keinen Strick, Herr Pointner, der Kambyses lauft nicht weg. Wenn er weglaufen wollte, wär’ er ja nicht erst wieder zurückgekommen.« Der Dicke sagte zornig: »So? Und gestern den ganzen Tag! wo ist die Kanaille da gewesen?«

»Wahrscheinlich bei einer Herzallerliebsten . . .«, antwortete ein anderer und die Pferdeknechte brachen in ein Gelächter aus. Indessen kam der junge Knecht Kaspar, ein sanfter, hübscher Bursche mit fröhlichen Mienen. »Ihr müßt den Kambyses nicht so hart anfahren, Herr Pointner«, sprach er nun ernsthaft, »sonst geht er euch bei der ersten Gelegenheit auf Nimmerwiedersehen auf und davon. Wirklich, Herr, Ihr sollt ihn lieber streicheln und loben, glaubt mir nur, ich versteh mich auf Hunde, Ihr wißt ja. Denkt doch, wie klug das Vieh uns gefunden, wie es uns nachgerannt ist, und wie ordentlich es seinen Platz wieder eingenommen hat. Ich mein’ für gewiß, Herr Pointner, der Hund ist von weit her gelaufen, nur um wieder bei uns zu sein . . . Ja, brav, Kambyses, brav, so . . . Laßt ihn doch los . . .«

Herr Pointner zog die Hand zurück und der junge Knecht begann wieder zu lächeln: »Aber schaut doch, der Hund versteht ja jedes Wort, schaut doch, wie er von Euch zu mir her und von mir wieder zu Euch guckt . . . ja, brav, Kambyses, brav, komm nur . . .« Er bückte sich, kraulte den Hund über den Rücken, klopfte ihm zärtlich die Brust zwischen den Vorderbeinen, wie man Pferde liebkost.

»Na was sagt Ihr, wie er sich freut«, lachte er dann, richtete sich auf und meinte: »Da braucht’s keinen Strick . . . ruft ihm nur freundlich zu und er wird Euch folgen, und unser gnädiger Herr wird sich freuen, weil der Hund wieder da ist.«

»Komm«, rief der dicke Mann mürrisch und verließ den Stall. »Komm, falsches Luder . . .« Lukas folgte ihm auf den Fersen.

Der Erzherzog saß mit etlichen Kavalieren beim Morgenimbiß, als der Kammerdiener hereinkam und gleich hinter ihm der Hund in den Saal sprang. »Euer Gnaden, da ist der Hund zurück . . .«, sagte Pointner. »Hoho!« lachte der Prinz, »Kambyses, hierher.« Und er wandte sich zum Kammerdiener: »Wo hast du ihn gefunden, Dietrich?« Pointner antwortete mürrisch: »Im Stall ist er gelegen wie immer. Geschlafen hat das Luder, als ob nichts geschehen wäre.«

Der Erzherzog zuckte die Achseln: »Weil er nur wieder da ist.« Dann beugte er sich ein wenig nieder und sprach unter den Tisch hinunter: »Jetzt lauf mir nicht zum zweitenmal davon, du Landstreicher.« Die Kavaliere lachten.

Den andern Tag aber war der Hund wieder fort.

An diesem andern Tag irrte Lukas im beschneiten Hochwald umher, in einer Gegend, die ihm fremd war. Er versuchte es nicht, nach Wien zurückzulaufen, denn er sah wohl ein, daß die Stadt jetzt schon viel zu weit entfernt sei und sich von diesem Bergland aus nicht mehr in einer einzigen Flucht erreichen lasse. Auch fing er jetzt an, die Vergeblichkeit einer solchen Flucht zu ahnen und wollte alles, was mit ihm geschehen war, sorgfältig überdenken, wollte sich fassen, um den kommenden Dingen besser standhalten zu können; aber unter dem Grauen, das beständig über ihn herfiel, stürzte seine Seele immer wieder kraftlos zusammen. Zweimal war er als ein Hund umhergelaufen und wußte jetzt, mit wacher Besinnung, daß es kein Traum gewesen sei. Entführt war er, über Berg und Tal, fort aus der Stadt, in die er nicht zurückkehren konnte. Und es ging immer weiter. Einst war das sein glühendes Verlangen gewesen, in einer Zeit, die freilich nur drei Tage hinter ihm lag, die ihm aber jetzt wie in Nebelfernen zu versinken schien. Und nun kam eine Erfüllung, die dem bittersten Spott glich, ein unbarmherziges Gewähren, das ihn erniedrigte. Er war dem Dasein eines Hundes verstrickt, war an dessen Fährte gebunden, und mußte frierend, mußte zitternd vor Hunger neben dem Reiseweg einherschleichen, den jener Hund durch die Lande dahinzog.

Als es Abend wurde, blickte Lukas von der Höhe des Berges herab, und sah tief unter sich die Lichter des Städtchens aufglänzen, aus dem er in der vergangenen Nacht ebenso entsetzt geflohen war, wie von der Stelle seines ersten Erwachens. Völlig ermattet, blieb er, wo er stand, bis es dunkler und dunkler wurde, saß im Schnee nieder, zählte die Stunden, die von den Kirchtürmen im Tal heraufklangen und erwartete ergeben, aber mit atemloser Neugierde die Verwandlung. Sie kam um Mitternacht. Lukas hörte knapp noch den ersten Glockenschlag. Da durchfuhr ihn jener gewaltige Ruck, den er wachend einmal schon empfunden hatte, als er am Fenster der Dachstube gestanden. Rascher als ein Mensch nach Atem schnappen kann, geschah es, daß er glaubte, der Boden schwinde unter seinen Füßen, daß ihm die Sinne zu vergehen drohten und er sich furchtbar hinweggerissen fühlte. Sogleich aber lag er auch wieder im warmen Stroh, spürte mit plötzlich hochgeschärfter Nase frischen Heuduft um sich her und den Geruch eingeschlossen dampfender Pferde, und hörte eine Kirchenglocke Mitternacht schlagen. Elf Schläge. Aber es war eine andere Glocke, als diejenige, deren ersten Ton er vernommen. Er erkannte es an ihrem tieferen Klang.

Den nächsten Morgen weckte ihn Kaspar, der junge Stallknecht, mit freundlichem Rütteln aus dem Schlaf, fütterte ihn und führte ihn sodann zum Kammerdiener des Erzherzogs: »Haah? Kambyses, wo warst du denn schon wieder?« fragte Kaspar und lachte gutmütig dabei, und fuhr fort, immer dasselbe zu fragen: »Haah? Kambyses, wo warst du denn schon wieder — haah?« Sie kamen über einen Schloßhof, stiegen eine stattliche Marmortreppe hinan und gelangten in einen dunkel getäfelten Vorsaal. Da waren mehrere Lakaien mit allerlei Zurüstungen beschäftigt und der Kammerdiener gab ihnen Befehle, während er sich dabei die Zähne stocherte.

»Herr Pointner«, rief Kaspar von der Türe her, »der Kambyses ist richtig wieder da.«

Herr Pointner hielt im Befehlen und im Zähnestochern inne, blickte mürrisch auf den Hund, der hereinsprang, und auf den Knecht, der in der Türe stehen geblieben war. »Jetzt gekommen? — »Nein«, entgegnete Kaspar, »ist allbereits im Stall gelegen und hat geschlafen.«

In einem reichen Gemach saß der Erzherzog am Kamin, hatte eine bequeme Pelzschaube an und wärmte sich. Vor ihm stand der Graf Waltersburg und brach in ein helles Gelächter aus, als er den Kammerdiener erblickte, der mit dem Hund hereintrat. »Da ist die Kanaille doch wieder zurück, und Eure kaiserliche Hoheit haben gemeint, es sei unmöglich, daß der Hund den weiten Weg übers Gebirg laufen könne.«

Der Erzherzog blickte zu Kambyses nieder, der sich still am Feuer ausgestreckt hatte. »Richtig. Und er scheint ganz in Ordnung. Nun, mir ist es lieb. Ich bin besorgt gewesen, er sei erfroren.« Dabei stieß er mit der Fußspitze sanft den Hund in die Flanken. Graf Waltersburg schüttelte den Kopf und meinte bedenklich: »Eine Tracht Prügel wär’ schon gut. Sonst glaubt das Vieh, es darf fortlaufen und wiederkommen, wie’s ihm gefällt.«

Der Erzherzog hob den Kopf und sah fragend zu Pointner hinüber. Der zuckte mißgelaunt die Achsel: »Möcht’ am End nicht schaden.«

»Also dann vorwärts«, gebot der Erzherzog. Da sprang der Hund plötzlich auf und schaute angstvoll von einem zum andern. »Das ist doch kostbar«, lachte Waltersburg, »grad, als ob er jedes Wort verstanden hätte.« Der Hund sah ihm tief und flehend in die Augen, aber Waltersburg lachte noch mehr. »Ja, lieber Freund, da hilft kein Bitten, jetzt kommt eben die Strafe.«

Herr Pointner rief scharf: »Kambyses!« und wandte sich zur Türe. »Wohin denn?« fragte der Erzherzog und als Pointner zögernd entgegnete: »ich mein’, es ist besser, ich führ’ ihn hinaus und mach’ die Sache draußen ab«, befahl der Erzherzog kurz und eifrig: »Nein. Hier!«

Pointner zögerte noch immer, löste widerwillig und langsam den Riemengurt von seinem dicken Bauch und fuhr zusammen, weil der Erzherzog ihn anschrie: »Wird’s bald?«

Der erste Hieb klatschte nieder. Der Hund lag platt auf dem Boden und heulte auf. Der zweite Hieb ging daneben, aber der Hund heulte in seinem Schreck noch lauter. Der dritte Hieb folgte, der vierte; sie trafen nur halb, aber sie schmerzten sehr. Da sagte der Erzherzog: »Gib her, Dietrich, das kannst du nicht . . . Zu rasch, zu unregelmäßig . . . Gib her, Dietrich!« Seine Stimme keuchte ein wenig, seine schmalen Wangen hatten sich in einem leisen Erröten gefärbt. Mit ungeduldiger Hand ergriff er den Riemen, und im Armstuhl sitzend, vorgebeugt, mit hochgeschwungenem Arm führte er nun langsam Streich um Streich, zielsicher — wuchtig. Der Hund wand sich wie toll unter der Mißhandlung, in seinem Geheul brach eine wilde Verzweiflung und ein markerschütternder Jammer aus. Allein der Riemen sauste nun rascher und immer rascher auf ihn nieder, begann in der Luft zu pfeifen und der Hund, der ein einzigesmal versucht hatte, sich zu bäumen und zu entfliehen, stürzte mit knickenden Beinen unter dem Hagel von Schlägen zusammen. Seine Stimme löschte aus, wie in Tränen. Der Erzherzog war in Raserei geraten, er hörte den Pointner nicht, der angstvoll: »Aber gnädiger Herr« stammelte, schien wie berauscht, schlug zu und keuchte in einer mehr und mehr gesteigerten Wut, wie mit taumelnden Sinnen, heiser und klanglos: »Da! Da! Da!« Plötzlich ließ er den Arm sinken, fiel in den Lehnstuhl zurück, den Kopf im Nacken, leichenblaß mit erstickendem Atem, verdrehte die Augen und röchelte schwer.

So plump und dick Pointner war, so sprang er jetzt doch blitzschnell zum Wasserkrug, tauchte ein Tuch hinein und netzte dem Erzherzog die Stirne. »Lauft zum Arzt hinüber, Herr Graf«, knurrte er böse und heftig Waltersburg an, der ratlos und in großem Entsetzen dastand. »Ja schaut nur, schaut — habt Ihr nichts besseres gewußt, als ihm das Prügeln einzureden? Was? habt Ihr vergessen, wie gefährlich es ist, solch ein Spiel mit ihm anzufangen, oder seid Ihr wirklich so dumm? So lauft doch, Herr Graf, zum Arzt. Tut wenigstens das, was man Euch sagt.«

Waltersburg stob davon.

Der Hund lag regungslos am Boden.

* * * * *

Lukas stand auf der Landstraße. Dort, auf dem kleinen Hügel, den die zackigen Schneemauern der Berge überragten, schimmerte fahl im ersten Tagesgrauen das Schloß, darin er gestern gepeitscht worden war. Sein menschlicher Leib, den er nun wieder besaß, fühlte die Striemen, die man dem Hund geschlagen. Und in seinem Erinnern wühlten der Schreck, der Schmerz und die blutige Schande der Mißhandlung.

»Was ist mit mir?« stöhnte er laut und in leisen Seufzern wiederholte er immer wieder, ratlos und verstört: »Was ist mit mir?«

Er konnte nicht ahnen, daß die Verzauberung, der er anheimgefallen war, abwechselnd, Tag um Tag, bald die Gestalt des Lukas, bald die des Hundes löschte. Er begriff nicht, daß ihm nur sein menschliches Denken gelassen war, dies unfaßbare, letzte Besinnen, welches: »Ich« zu sagen vermag, daß er jedoch an jedem andern Tage alles Körperempfinden und jegliches Körperschicksal des Hundes auf sich zu nehmen hatte. Das mußte so bleiben, bis der Zauber erfüllt war. Bis der Erzherzog mit seinem ganzen Troß Florenz verlassen wird, waren diese beiden Wesen, Lukas, der Jüngling, und Kambyses, der Hund, nur ein einziges Wesen, und konnten nicht gleichzeitig miteinander auf Erden wandeln. Das Ich des Kambyses lag hinweggerafft, irgendwo im Bereich der Natur, unsichtbar aufgehoben, tief schlafend, träumend vielleicht, und erblickte im Traum etwa ferne, undeutliche Spiegelungen all der Ereignisse, die sein entliehener Körper erlebte. Lukas hatte in seinem Wunsche die Gestalt des Hundes begehrt, für jeden zweiten Tag, und sie ward ihm gegeben. In der Stunde aber, in welcher der Erzherzog aus Florenz aufbrechen wird, um sich heimwärts zu wenden, nach dem Norden, nach welchem Lukas kein Verlangen trug, in dieser Stunde würde Lukas frei sein und von da ab keinen Teil mehr haben an dem Hund, der dann, wie einst zu Wien, ein Wesen für sich, neben dem schimmelbespannten Reisewagen einhertraben könnte.

Von all dem begriff er jetzt nichts. Seine Seele wand sich in Qual, bäumte sich in beständig erneutem Entsetzen und er wiederholte immer wieder die hilflose Frage: »Was ist mit mir?«

Die Schneegipfel ringsumher färbten sich sachte rötlich, einer nach dem andern. Rotgoldnes Licht fuhr in breiten Strahlen ins Tal hernieder, sie spalteten gleich leuchtenden Riesenschwertern den Nebel, die Zinnen des Schlosses erblitzten wie in Flammen und mächtig ging die Sonne auf.

Als müsse er es nun, am hellen Tag, deutlicher noch und schmerzhafter einsehen, wie allein er sei und wie ausgeschlossen, war Lukas plötzlich von seinem Unglück ebenso wie von seiner Verwirrung gänzlich überwältigt. Heftig warf er sich zu Boden. Er schluchzte auf verschränkten Armen in die kalte Erde hinein.

»Wer weint denn da wie ein kleines Kind . . .?«

Dicht über Lukas fragte eine tiefe, rauhe Stimme, und eine Hand rüttelte kräftig an seiner Schulter. »Wer wird denn weinen . . .?« Die rauhe Stimme machte sich behutsam und klang eindringlich: »Na . . . na . . . ruhig . . . nur ruhig.«

Lukas richtete sich langsam auf, die Hand, die ihn an der Schulter gefaßt hielt, half ihm mit festen Griffen.

Ein alter Mann stand vor ihm, hatte einen wirren grauen Bart, schmale, von der Morgenkälte rot angeblasene Wangen und kleine, bewegliche, lachende Augen. Ein zierlicher alter Mann, nicht zu hoch gewachsen, aber kräftig und jung in seiner Haltung.

Das kleine Felleisen, das ihm über den Rücken hing, zog er nach vorne und während er daran herumfingerte durchsuchte er Lukas’ Antlitz mit raschen neugierigen Blicken.

Dann aber wandte er sich ab, sah sich ein wenig um und so einfach, als sei er nur eben in einem längeren Gespräch unterbrochen worden, sagte er: »Ich mein’, wir setzen uns . . . da ist’s am besten . . .«

Er ließ sich an der Straßenböschung nieder, hielt sein Felleisen jetzt auf den Knien und als Lukas noch zögernd vor ihm stand, zwang er ihn durch einen lächelnden, aber ungeduldigen Blick neben sich. So saßen sie eine Weile beieinander. Der Alte hatte ein Stück Brot, eine Speckschwarte und eine Flasche aus seinem Ränzel gewühlt. Er trank, schnitt das Brot und den Speck und reichte Lukas Bissen für Bissen, ohne dabei auch nur nach ihm hinzusehen.

Lukas nahm und aß. Der Alte reichte ihm über die Achsel die Flasche hin. Lukas nahm sie und der starke Branntwein wärmte ihm Magen und Sinne.

»Ja . . . aber ja . . .«, sprach der Alte, als redete er zu sich, »schöne Welt . . . weite Welt . . . Ganz schön ist es da . . . schöne Berge . . . schönes Tal . . . Aber kann man denn auf einem Flecken bleiben . . .? Nirgends kann man bleiben . . . von überall her ruft es . . . immer ruft es . . .«

Er schwieg. Eine Weile war es still.

Dann fing der Alte wieder an: »Ich bin lang genug auf einem Fleck geblieben . . . mein ganzes Leben. Ich hab’ es wohl manchmal rufen gehört, von weit her. Aber ich hab’ mir gedacht . . . ruf nur zu . . . ist noch Zeit genug . . . und bin geblieben . . . immer auf ein und demselben Fleck. Bis ich alt und grau geworden bin . . . das wird doch lang’ genug sein . . .«

Er sprach heftig und lebhaft. Nicht wie einer, der eben erst zu reden anfängt und ausholt, sondern genau so, als befinde er sich in einer langen, erregten Auseinandersetzung. Seine Gedanken arbeiteten schnell und munter und aus dem Ton seiner Worte ließ sich deutlich merken, wie sehr er davon durchdrungen sei, vollständig Recht zu haben.

»Die Leute sind aus- und eingegangen bei mir«, fuhr er fort, »fremde Menschen, bekannte Menschen . . . Sie sind über die Wenzelsbrücke herübergekommen aus der Altstadt auf die Kleinseite . . . und sie sind zu mir gekommen . . . Ach freilich, da war ihnen der Weg nicht zu weit . . . wenn sie Kleider gebraucht haben, schnell ein Wams oder bis morgen eine Hose . . . oder bis zum Ostersonntag einen neuen Rock . . . dann sind sie schon gekommen . . . no ja, und dann sind sie in den guten Kleidern, die ich ihnen genäht habe, in der Stadt herumgelaufen oder in ihren feinen Stuben herumgesprungen . . . oder sie haben sich irgendwo im Schlamm und in Schande herumgewälzt. Gott weiß, wo sie sich überall umhergetrieben haben in diesen Kleidern . . . Und viele sind in die weite Welt hinausgegangen . . .«

»Aber ich weiß es doch!« fuhr er auf. »Es sind ja manche in der Reisekutsche vor mein Haus gefahren, haben da gewartet und geflucht und gestrampelt bis der letzte Nadelstich getan war. Dann, mir den Rock aus der Hand gerissen, ihr Geld hingehaut, wie der Blitz hinein in die Kalesche . . . vorwärts! Und auf und davon . . . in die weite Welt . . .«

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05 февраля 2026
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180 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
4066338113108
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