Читать книгу: «Denken und Lernen»

Die Autoren
Timo Storck ist Professor für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Psychologischen Hochschule Berlin, Psychoanalytiker und Psychologischer Psychotherapeut. Mitherausgeber der Zeitschriften Psychoanalyse – Texte zur Sozialforschung und Forum der Psychoanalyse sowie der Buchreihe Im Dialog: Psychoanalyse und Filmtheorie, Mitglied des Herausgeberbeirats der Buchreihe Internationale Psychoanalyse. Forschungsschwerpunkte u. a.: psychoanalytische Theorie und Methodologie, konzeptvergleichende Psychotherapieforschung.
Felix Billhardt ist M.Sc. Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut, Fachrichtung Verhaltenstherapie. Forschungsinteressen liegen u. a. in den Bereichen der Kognitionspsychologie und des interdisziplinären Vergleichs von kognitionspsychologischer Forschung und psychoanalytischer Theorie.
Timo Storck Felix Billhardt
Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwendung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechts ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen und für die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Pharmakologische Daten verändern sich ständig. Verlag und Autoren tragen dafür Sorge, dass alle gemachten Angaben dem derzeitigen Wissensstand entsprechen. Eine Haftung hierfür kann jedoch nicht übernommen werden. Es empfiehlt sich, die Angaben anhand des Beipackzettels und der entsprechenden Fachinformationen zu überprüfen. Aufgrund der Auswahl häufig angewendeter Arzneimittel besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit.
Die Wiedergabe von Warenbezeichnungen, Handelsnamen und sonstigen Kennzeichen berechtigt nicht zu der Annahme, dass diese frei benutzt werden dürfen. Vielmehr kann es sich auch dann um eingetragene Warenzeichen oder sonstige geschützte Kennzeichen handeln, wenn sie nicht eigens als solche gekennzeichnet sind.
Es konnten nicht alle Rechtsinhaber von Abbildungen ermittelt werden. Sollte dem Verlag gegenüber der Nachweis der Rechtsinhaberschaft geführt werden, wird das branchenübliche Honorar nachträglich gezahlt.
Dieses Werk enthält Hinweise/Links zu externen Websites Dritter, auf deren Inhalt der Verlag keinen Einfluss hat und die der Haftung der jeweiligen Seitenanbieter oder -betreiber unterliegen. Zum Zeitpunkt der Verlinkung wurden die externen Websites auf mögliche Rechtsverstöße überprüft und dabei keine Rechtsverletzung festgestellt. Ohne konkrete Hinweise auf eine solche Rechtsverletzung ist eine permanente inhaltliche Kontrolle der verlinkten Seiten nicht zumutbar. Sollten jedoch Rechtsverletzungen bekannt werden, werden die betroffenen externen Links soweit möglich unverzüglich entfernt.
1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-039492-6
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-039493-3
epub: ISBN 978-3-17-039494-0
mobi: ISBN 978-3-17-039495-7
Geleitwort zur Reihe
Die Psychoanalyse hat auch im 21. Jahrhundert nichts von ihrer Bedeutung und Faszination verloren. Sie hat sich im Laufe ihres nun mehr als einhundertjährigen Bestehens zu einer vielfältigen und durchaus auch heterogenen Wissenschaft entwickelt, mit einem reichhaltigen theoretischen Fundus sowie einer breiten Ausrichtung ihrer Anwendungen.
In dieser Buchreihe werden die grundlegenden Konzepte, Methoden und Anwendungen der modernen Psychoanalyse allgemeinverständlich dargestellt. Worin besteht die genuin psychoanalytische Sichtweise auf Forschungsgegenstände wie z. B. unbewusste Prozesse, Wahrnehmen, Denken, Affekt, Trieb/Motiv/Instinkt, Kindheit, Entwicklung, Persönlichkeit, Konflikt, Trauma, Behandlung, Interaktion, Gruppe, Kultur, Gesellschaft u. a. m.? Anders als bei psychologischen Theorien und deren Überprüfung mittels empirischer Methoden ist der Ausgangspunkt der psychoanalytischen Theoriebildung und Konzeptforschung in der Regel zunächst die analytische Situation, in der dichte Erkenntnisse gewonnen werden. In weiteren Schritten können diese methodisch trianguliert werden: durch Konzeptforschung, Grundlagenforschung, experimentelle Überprüfung, Heranziehung von Befunden aus den Nachbarwissenschaften sowie Psychotherapieforschung.
Seit ihren Anfängen hat sich die Psychoanalyse nicht nur als eine psychologische Betrachtungsweise verstanden, sondern auch kulturwissenschaftliche, sozialwissenschaftliche sowie geisteswissenschaftliche Perspektiven hinzugezogen. Bereits Freud machte ja nicht nur Anleihen bei den Metaphern der Naturwissenschaft des 19. Jahrhunderts, sondern entwickelte die Psychoanalyse im engen Austausch mit geistes- und kulturwissenschaftlichen Erkenntnissen. In den letzten Jahren sind vor allem neurowissenschaftliche und kognitionspsychologische Konzepte und Befunde hinzugekommen. Dennoch war und ist die klinische Situation mit ihren spezifischen Methoden der Ursprung psychoanalytischer Erkenntnisse. Der Blick auf die Nachbarwissenschaften kann je nach Fragestellung und Untersuchungsgegenstand bereichernd sein, ohne dabei allerdings das psychoanalytische Anliegen, mit spezifischer Methodik Aufschlüsse über unbewusste Prozesse zu gewinnen, aus den Augen zu verlieren.
Auch wenn psychoanalytische Erkenntnisse zunächst einmal in der genuin psychoanalytischen Diskursebene verbleiben, bilden implizite Konstrukte aus einschlägigen Nachbarwissenschaften einen stillschweigenden Hintergrund wie z. B. die derzeitige Unterscheidung von zwei grundlegenden Gedächtnissystemen. Eine Betrachtung über die unterschiedlichen Perspektiven kann den spezifisch psychoanalytischen Zugang jedoch noch einmal verdeutlichen.
Der interdisziplinäre Austausch wird auf verschiedene Weise erfolgen: Zum einen bei der Fragestellung, inwieweit z. B. Klinische Psychologie, Entwicklungspsychologie, Entwicklungs-psychopathologie, Neurobiologie, Medizinische Anthropologie zur teilweisen Klärung von psychoanalytischen Kontroversen beitragen können, zum anderen inwieweit die psychoanalytische Perspektive bei der Beschäftigung mit den obigen Fächern, aber auch z. B. bei politischen, sozial-, kultur-, sprach-, literatur- und kunstwissenschaftlichen Themen eine wesentliche Bereicherung bringen kann.
In der Psychoanalyse fehlen derzeit gut verständliche Einführungen in die verschiedenen Themenbereiche, die den gegenwärtigen Kenntnisstand nicht nur klassisch freudianisch oder auf eine bestimmte Richtung bezogen, sondern nach Möglichkeit auch richtungsübergreifend und Gemeinsamkeiten aufzeigend darstellen. Deshalb wird in dieser Reihe auch auf einen allgemein verständlichen Stil besonderer Wert gelegt.
Wir haben die Hoffnung, dass die einzelnen Bände für den psychotherapeutischen Praktiker in gleichem Maße gewinnbringend sein können wie auch für sozial- und kulturwissenschaftlich interessierte Leser, die sich einen Überblick über Konzepte, Methoden und Anwendungen der modernen Psychoanalyse verschaffen wollen.
Die Herausgeberinnen und Herausgeber Cord Benecke, Lilli Gast, Marianne Leuzinger-Bohleber und Wolfgang Mertens
Vorwort
Psychoanalyse im 21. Jahrhundert heißt für uns, die zeitgenössische Relevanz psychoanalytischen Denkens herauszustellen, und dies auf argumentierende, nicht apodiktische Weise. Das bedeutet, es auf eine Weise zu präsentieren, welche die Begriffsgeschichte nachzeichnet und dabei berücksichtigt, worauf eine bestimmte konzeptuelle Sicht eine Antwort geben sollte und konnte sowie heute kann. Dabei auf Freud zu rekurrieren, ist eine Eigenart, die die Psychoanalyse zwar mit einigen philosophischen, aber wenigen psychologischen Richtungen teilt. Unser Anliegen ist es dabei, mit Freud über Freud hinauszugehen und die Konzepte – dort, wo das gelingen kann – dazu zu verwenden, eine psychoanalytische Betrachtungsweise vorzuschlagen, die sowohl klinisch relevant ist als auch wissenschaftlich sowie bezogen auf andere therapeutische Richtungen anschlussfähig ist und dabei der Komplexität psychoanalytischer Theorie und Methodik gerecht wird.
Psychoanalyse im 21. Jahrhundert heißt für uns allerdings auch, psychoanalytisches Denken nicht isoliert dazustellen oder als »etwas ganz anderes« zu präsentieren, dessen falsch verstandene Eigenständigkeit dazu führen müsste, die Zusammenarbeit mit anderen methodischen Zugängen, anderen Grundannahmen über die menschliche Psyche oder anderen Konzeptionen von Veränderung durch psychotherapeutische Prozesse als nutz- oder aussichtslos zu diskreditieren. Die Darstellung von »Denken und Lernen« sowie von »Wahrnehmung und Gedächtnis« (im von uns verfassten Band derselben Reihe; Billhardt & Storck, 2021) aus allgemeinpsychologischer und psychoanalytischer Perspektive kann hier als paradigmatisch genommen werden: Die Unterschiede beider Zugänge werden immer wieder deutlich werden. Dass das Grundanliegen beider, bereits zu Freuds Zeiten, jedoch sehr ähnlich ist, wird sich ebenso zeigen.
Deshalb möchten wir mit dem vorliegenden Band einen Beitrag zur interdisziplinären Betrachtung der genannten Gegenstandsbereiche beitragen. Vor allem geht es uns darum, psychoanalytisches Denken auf eine Weise zugänglich zu machen, die Interesse weckt und zu kreativer Weiterentwicklung im klinischen und forscherischen Bereich anregt.
Bedanken möchten wir uns bei Cord Benecke, der den Anstoß für die Zusammenarbeit und die grobe inhaltliche Ausrichtung gegeben hat, sowie ihm und den weiteren Herausgebenden (Lilli Gast, Marianne Leuzinger-Bohleber und Wolfgang Mertens) für die Einladung zur Beteiligung an der Reihe »Psychoanalyse im 21. Jahrhundert«. Ferner gilt Guido Hesselmann unser Dank für eine kritische Durchsicht der Abschnitte zur Allgemeinen Psychologie. Außerdem danken wir Annika Grupp, Kathrin Kastl und Ruprecht Poensgen vom Kohlhammer Verlag für die gewohnt angenehme Zusammenarbeit.
Heidelberg und Kassel, im Frühjahr 2021
Inhalt
1 Geleitwort zur Reihe
2 Vorwort
3 1 Einleitung
4 2 Grundzüge einer Allgemeinen Psychoanalyse
5 2.1 Psychoanalytische Metapsychologie als Psychologie des Unbewussten
6 2.1.1 Das topische Modell des Psychischen
7 2.1.2 Das Instanzen-Modell
8 2.2 Psychoanalyse als Theorie psychischer Konflikte
9 2.3 Besonderheiten der psychoanalytischen Theorie des Denkens: Repräsentanz und Symbolisierung
10 3 Denken
11 3.1 Allgemeinpsychologische Theorien des Denkens
12 3.1.1 Schlussfolgerndes Denken
13 3.1.2 Metatheorien des Denkens
14 3.1.3 Entscheiden und Urteilen
15 3.1.4 Problemlösendes Denken
16 3.2 Psychoanalytische Theorien des Denkens
17 3.2.1 Denken bei Sigmund Freud
18 3.2.2 Denken bei Melanie Klein
19 3.2.3 Denken bei Wilfred R. Bion
20 3.2.4 Denken bei Ignacio Matte Blanco
21 3.2.5 Denken bei Piera Aulagnier
22 3.2.6 Denken bei Jean Laplanche
23 3.2.7 Denken bei André Green
24 3.2.8 Denken bei Alfred Lorenzer und Siegfried Zepf
25 3.2.9 Denken bei Peter Fonagy und Mary Target
26 3.3 Vergleich zwischen allgemeinpsychologischen und psychoanalytischen Theorien des Denkens
27 4 Lernen
28 4.1 Allgemeinpsychologische Theorien des Lernens
29 4.1.1 Die behaviorale Perspektive auf das Lernen
30 4.1.2 Die kognitive Perspektive auf das Lernen
31 4.2 Psychoanalytische Theorien des Lernens
32 4.2.1 »Lernen durch Erfahrung«: Psychoanalytische Entwicklungspsychologie der Repräsentanzbildung
33 4.2.2 Der Erwerb struktureller Fähigkeiten als Lernprozess
34 4.2.3 »Lernen« in psychoanalytischen Behandlungen
35 4.2.4 Psychoanalytische Pädagogik
36 4.3 Vergleich zwischen allgemeinpsychologischen und psychoanalytischen Theorien des Denkens
37 5 Fazit und Ausblick
38 Literatur
39 Stichwortverzeichnis
1 Einleitung
Einführung
Freuds Anliegen ist es gewesen, in der Auseinandersetzung mit klinischer Erfahrung und durch die Untersuchung von Traum, Witz, Fehlleistung oder Symptom etwas über psychische Prozesse im Allgemeinen zu erfahren. Betrachtet man dies als Teil einer Theorie von Denkprozessen, dann ergeben sich auch in zeitgenössischer Perspektive Verbindungen zwischen Psychoanalyse und Allgemeiner Psychologie.
Lernziele
• Die Psychoanalyse mit und nach Freud nicht nur als Theorie psychischer Störungen und Methode zu deren Behandlung verstehen, sondern auch als eine allgemeine Theorie der menschlichen Psyche.
• Ein Verständnis der Berührungspunkte und Abgrenzungen zwischen Psychoanalyse und Allgemeiner Psychologie entwickeln.
Wie wir die Welt um uns herum und in uns erleben und wie wir sie psychisch handhaben, berührt alle Bereiche der Psychologie und alle Bereiche unseres täglichen Lebens, es ist – zusammen mit dem Gefühlsleben – die Grundlage für Beziehung, Kommunikation, persönliches Identitätsgefühl u. v. a.. »Denken« findet dabei nicht in einem personal-monistisch-innerlichen Rahmen allein statt, sondern beruht auf einem zuallererst wahrnehmenden Zugang zur personalen und apersonalen Umwelt. Wahrnehmungsprozesse leiten unser Erleben, sowohl im Hinblick auf sinnliche »Außen«-Wahrnehmung visueller, auditiver, taktiler, olfaktorischer u. a. Art, als auch bezogen auf die Interozeption/Introspektion, also das Wahrnehmen dessen, was »in« uns vorgeht, sowohl leiblich als auch kognitiv und emotional. Wie wir uns in der Welt erleben und wie wir darüber denken, ist neben solcher inneren und äußeren Wahrnehmung noch weiter darüber bestimmt, dass wir uns in unserer gedanklichen und der perzeptuellen Welt in einer zeitlichen Perspektive bewegen. In aller Regel stehen unser Denken und unsere (aktuelle) Wahrnehmung in einer Linie von personaler Identität über die Zeit – jeder Gedanke, jede Wahrnehmung hat insofern eine Geschichte, als Prozesse des Erinnerns (und Nicht-Erinnerns) sie steuern, hemmen, informieren oder ihr anderweitig eine Färbung geben.
Dass es sich dabei insbesondere in einem psychoanalytischen Zugang um Bewusstes und Unbewusstes dreht, wird sich im Durchgang durch die Darstellung immer wieder zeigen. Ebenso wird deutlich werden, in welcher Weise die Konzeption dessen, was unbewusst ist, sich zwischen Psychoanalyse und Allgemeiner Psychologie unterscheiden. Allerdings müssen wir im Kontext des vorliegenden Rahmens darauf verzichten, die Theorien zu Bewusstsein und Unbewusstheit den Bereichen Denken und Lernen, sowie Wahrnehmung und Gedächtnis im selben Umfang zur Seite zu stellen, auch wenn es sich um einen weiteren wichtigen Bereich der Allgemeinen Psychologie handelt (vgl. Leuzinger-Bohleber & Weiß, 2014, in der vorliegenden Reihe).
Denken und Lernen, Wahrnehmung und Gedächtnis sind also große Bereiche der Psychologie, sie gehören neben Motivation, Emotion oder Bewusstsein zu den Hauptfeldern der Allgemeinen Psychologie, deren Forschungsbereich sich über diejenigen psychischen Prozesse erstreckt, die allen Menschen gemein sind. Auch die Psychoanalyse beschäftigt sich seit Freuds Zeiten mit ihnen. Zwar ging Freud in seiner nervenärztlichen Praxis bei der Entwicklung der psychoanalytischen Theorie und Behandlungsmethode von der klinischen Arbeit aus, aber neben der Entwicklung eines Verständnisses der psychodynamischen Grundlagen psychopathologischer Symptome ging es ihm von Beginn seiner psychoanalytischen Arbeiten an darum, etwas über das Funktionieren der menschlichen Psyche herauszufinden. Die Betrachtung von Träumen etwa dient daher nicht nur der Deutung von Träumen, die neurotische Patienten1 in Behandlungen einbringen, sondern immer auch der Erkundung der Mechanismen der Traumarbeit, von denen Freud – zurecht – annahm, dass es keine prinzipiell anderen seien als die des Wachbewusstseins und auch keine prinzipiell anderen als die psychisch gesunder Menschen. Freud studierte am Beispiel der Traum- oder der Symptombildung die allgemeinpsychologischen Grundlagen menschlichen Erlebens (noch deutlicher betont dies beispielsweise Hartmann, 1927).
Eine Theorie des psychischen Apparates und der Prozesse des Denkens, Lernens, Wahrnehmens und Erinnerns steht also am Ausgangspunkt und im Zentrum der psychoanalytischen Theorie. Alle vier für sich genommen große Bereiche, werden in der Psychoanalyse dadurch noch größer, dass meist ein recht weit gefasstes Verständnis vertreten wird. »Denken« ist nicht nur Kognition und umfasst nicht nur Prozesse, sondern auch Gegenstände des Denkens, also die psychische Repräsentation und die psychischen Repräsentanzen. »Wahrnehmen« bezieht sich nicht nur auf Perzeption, sondern auch auf die Introspektion. »Erinnern« (ebenso wie »Vergessen«) sind Bestandteile jedes psychischen Vorgangs, jedes psychische Erlebnis ist beeinflusst durch vorangegangene.
So sehr auch die Felder und Anliegen der Allgemeinen Psychologie des Denkens und Lernens, Wahrnehmens und Erinnerns und die Felder und Anliegen der Psychoanalyse sich also in wichtigen Bereichen ähneln und deshalb einen interdisziplinären Austausch sinnvoll erscheinen lassen, so sehr muss auch konstatiert werden, dass von diesem gemeinsamen Ausgangspunkt sehr unterschiedliche Wege genommen wurden. Von beiden Seiten sind teils scharfe Abgrenzungen erfolgt und nur in Einzelfällen und spät ist es zu wirklichen interdisziplinär-wissenschaftlichen Dialogen gekommen (zu nennen sind die Arbeitsgruppe um Leuzinger-Bohleber & Pfeifer, z. B. 1998; oder auch die Arbeiten Buccis, z. B. 1997).
Die Gründe für die Abgrenzung liegen vermutlich auf Seiten der Allgemeinen Psychologie und Kognitionswissenschaften im hohen Abstraktionsgrad der psychoanalytischen Konzepte, der es traditionellerweise aufwändig bis unmöglich macht, sie in testbare Untersuchungsdesigns zu überführen. Von Seiten der Psychoanalyse sind die Gründe der Abgrenzung in einem anderen Wissenschaftsverständnis zu sehen sowie vermutlich auch in einer Vorstellung, die Verbindung würde weniger dazu führen, eine psychodynamische Perspektive stärker in akademische Diskurse einzubringen und so letztlich zu profilieren, sondern zu einem Verlust der Eigenständigkeit führen.
Unsere Perspektive ist es, dass eine konstruktive Annäherung von Psychoanalyse und Allgemeiner Psychologie für beide Disziplinen nützlich ist. Einerseits für die Allgemeine Psychologie, etwa in Form einer Ausweitung ihres Forschungsbereiches auf dynamisch unbewusste Denkvorgänge, und andererseits für die Psychoanalyse durch eine kognitionspsychologische Anreicherung und möglicherweise Konkretisierung ihres theoretischen Gerüsts. Nach Granzow (1994) kann eine Integration der beiden Disziplinen auf vier Ebenen geschehen (a. a. O., S. 197):
• auf einer deskriptiven Ebene (bzgl. der Befunde)
• auf der Ebene der (gemeinsamen) Modellbildung
• auf der Ebene einer Reformulierung der psychoanalytischen Gedächtnistheorie angesichts kognitionspsychologischer Befunde
• auf der Ebene einer Reformulierung der psychoanalytischen Metapsychologie (mit dem Ziel des Schaffens einer gemeinsamen methodologischen Rahmung).
Im vorliegenden Band zeichnen wir vor dem Hintergrund der gemeinsamen Anliegen von Allgemeiner Psychologie und Psychoanalyse beide Wege der Auseinandersetzung mit Denken und (in geringerem Umfang) Lernen nach und skizzieren Felder einer möglichen Integration beider Disziplinen auf der von Granzow ausgewiesenen deskriptiven Ebene. Dabei werden zunächst die Differenzen und Divergenzen in den entwickelten Modellen und Konzepten deutlich werden, zwischendurch jedoch auch die Berührungspunkte aufblitzen. Am Ende beider Hauptteile werden wir den Versuch unternehmen, beide Perspektiven, die allgemeinpsychologische und die psychoanalytische, wieder miteinander in Kontakt zu bringen. Abschließend werden wir ein Fazit ziehen und Vorschläge für eine psychoanalytisch informierte Allgemeine Psychologie bzw. eine kognitionswissenschaftlich anschlussfähige(re) Psychoanalyse machen.
Einiges wird dabei notgedrungen am Rande oder außen vor bleiben müssen. Die Auseinandersetzung mit dem Denken ist kein Phänomen, das erst mit Aufkommen der akademischen Psychologie oder der Psychoanalyse in den Fokus menschlicher Geistestätigkeit kam. Die mannigfaltigen philosophischen Positionen (und darin Vorläufer einer psychologischen und psychoanalytischen Sicht) können wir im vorliegenden Rahmen nicht aufgreifen. Ebenso werden Aspekte von Motivation und Emotion als Teile der Allgemeinen Psychologie und als Kernstück psychoanalytischer Theorie unberücksichtigt bleiben, wir können dazu auf den entsprechenden Band der Reihe »Psychoanalyse im 21. Jahrhundert« hinweisen (Benecke & Brauner, 2017). Ebenso werden wir Fragen nach Repräsentation, Symbolisierung oder Mentalisierung nur kursorisch streifen (vgl. dazu Deserno, 2020, in der vorliegenden Reihe), und auch den Bereich der psychoanalytischen Behandlungstechnik (Mertens, 2015) sowie die spezielle Krankheitslehre (und deren Spezifika im Hinblick auf Denken, Wahrnehmung und Gedächtnis) weitgehend außen vor lassen müssen. Allgemeine Diskussionen psychoanalytischer Konzepte finden sich in der Buchreihe »Grundelemente psychodynamischen Denkens« (Storck, 2018a, b, 2019b, c, 2020a, b u. a.).
Zusammenfassung
Denken, Lernen, Wahrnehmung und Gedächtnis sind große Bereich des menschlichen Lebens und Erlebens. Der Ausgangspunkt, den die Allgemeine Psychologie und die Psychoanalyse dabei wählen, ist im Großen und Ganzen derselbe, allerdings sind die Grundannahmen und die Methoden der Untersuchung unterschiedlich, sodass sich Divergenzen, gerade in der Konzeptgeschichte ergeben. Die psychoanalytischen Auffassungen zu den vier Gegenstandsbereichen sind in der Regel weiter gefasst; auch dies lässt eine zeitgenössische Untersuchung der Berührungspunkte zu einer Herausforderung werden. Nichtsdestoweniger haben falsche Vorstellungen von Abgrenzungen, insbesondere seitens der Psychoanalyse, dazu geführt, dass viele interdisziplinäre Möglichkeiten ungenutzt bleiben – auch wenn es Ausnahmen gibt. Eine zunächst konzeptuelle Vermittlungsarbeit ist erforderlich und wird im vorliegenden Band versucht.
Weiterführende Literatur
Bucci, W. (1997). Psychoanalysis and cognitive science. A multiple code theory. New York, London: Guilford.
Mertens, W. (2014). Psychoanalyse im 21. Jahrhundert. Eine Standortbestimmung. Stuttgart: Kohlhammer.
Storck, T. (2019a). Freud heute. Zur Relevanz der Psychoanalyse. Berlin u. a.: Springer.
Fragen zum weiteren Nachdenken
• Wie unterscheidet sich das Menschenbild innerhalb der Kognitionswissenschaften und von dem der Psychoanalyse?
• Wie können psychoanalytische Konzepte in einer Weise operationalisiert werden, dass sie den methodischen Vorgehensweisen anderer Wissenschaften zugänglich werden?
1 Wir verwenden im Weiteren die grammatikalisch männliche Form; sofern nicht anders ausgewiesen, sind damit jeweils alle anderen Geschlechter mit einbezogen.
2 Grundzüge einer Allgemeinen Psychoanalyse
Einführung
Die Psychoanalyse legt eine Theorie des Psychischen vor und schließt dabei verschiedene Aspekte ein. Ihre Spezifität findet sie in der Konzeption dynamisch unbewusster Prozesse und Erlebnisaspekte, in der Annahme psychischer Konflikte als wichtiges Antriebsmoment für psychische Entwicklung und psychische Prozesse, sowie in einer weit gefassten Auffassung des Denkens, in dem die Bildung und das Wirken von Objektvorstellungen von zentraler Bedeutung sind. Freuds Modelle des psychischen Apparates wandeln sich im Verlauf der Entwicklung seines Werkes, nachfolgende Analytiker nehmen auf unterschiedliche konzeptuelle Bestandteile Bezug. In heutiger Perspektive ist leitend, das dynamisch Unbewusste nicht »lokalistisch« misszuverstehen, sondern als bestimmte Kennzeichen des Erlebens (Brüche, Verdichtungen, Auslassungen). Außerdem ist leitend, eine triebtheoretische mit einer objektbeziehungstheoretischen Sichtweise zu verbinden, ebenso wie konfliktbedingte mit strukturbedingten Aspekten.
Lernziele
• Die Konzeptionen eines dynamisch Unbewussten, der Konflikttheorie und der Objektvorstellungen als Spezifika der psychoanalytischen Theorie des Psychischen kennenlernen.
• Einen Überblick über Freuds topisches Modell und Instanzen-Modell erhalten.
• Die psychoanalytische Theorie des Denkens als gegenüber der allgemeinpsychologischen als weiter gefasst einordnen können.
Wenn es im vorliegenden Rahmen um die Verbindungen der Psychoanalyse zu Denken und Lernen als Bereichen der Allgemeinen Psychologie geht, dann ist zunächst zu klären, von welchen Grundgedanken eine psychoanalytische Perspektive im Hinblick auf Bewusstsein/Unbewusstes oder die Gegenstände des Denkens ausgeht.
Wir folgen dabei drei Annahmen zur Spezifität der psychoanalytischen Theorie des Psychischen:
1. Der Leitgedanke der Psychoanalyse ist es, eine Psychologie unter Einbezug dynamisch unbewusster Prozesse und Erlebnisaspekte zu formulieren.
2. Die Psychoanalyse legt eine Konflikttheorie des Psychischen vor, es geht um eine Psychodynamik aus widerstreitenden Motiven, Vorstellungen oder Affekten, die sich als unbewusste psychische Konflikte darstellen.
3. In der Psychoanalyse nehmen Konzeptualisierungen des Psychischen in Richtung der Repräsentation von Selbst und »Objekten« eine zentrale Rolle ein. Daher verwendet die Psychoanalyse eine weit gefasste Auffassung von »Denken« als psychisches Erleben einschließlich psychischer Repräsentanzen als Gegenstände des Denkens.
Zur Diskussion dieser Annahmen werden wir skizzenhaft ein Psychoanalyse-Verständnis vorschlagen (Storck, 2018c, Kurzform in Storck, 2019a).
2.1 Psychoanalytische Metapsychologie als Psychologie des Unbewussten
Freuds Ziel besteht erklärtermaßen darin, die Psychoanalyse als eine »Metapsychologie« zu formulieren, eine »hinter das Bewußtsein führende Psychologie« (Freud, 1985, S. 329). Das ist zu seiner Zeit ungleich origineller gewesen als es uns heute erscheinen mag. Denn das Vorhaben ist vor dem Hintergrund der sich gerade konstellierenden Psychologie seiner Zeit zu sehen und etwa im Kontext der Annahmen eines seiner akademischen Lehrer, Franz Brentano. Brentanos Intentionalitätslehre lässt sich als Teil einer naturwissenschaftlichen Psychologie begreifen, in ihr ist die Annahme entscheidend, dass Bewusstsein gerichtet ist, es ist Bewusstsein von etwas, statt ein reiner, objektloser Zustand. Eine Folgerung daraus ist, dass es widersinnig erscheinen muss, von der (gerichteten) Unbewusstheit von etwas auszugehen – mit der Konsequenz, dass das Unbewusste aus dem Gegenstandsbereich einer solchen Theorie des Psychischen ausgeklammert bleibt. Hier setzt Freud an und so erhält sein Anliegen einer Psychologie des Unbewussten seine besondere Bedeutung2.
Über den Verlauf seiner Arbeiten hinweg beschreibt Freud das Unbewusste in unterschiedlicher Weise, eingebettet in unterschiedliche Modelle des psychischen Apparates (vgl. Sandler et al., 1997). Freud geht dabei in seiner Arbeit Entwurf einer Psychologie (Freud, 1950a) (verfasst 1895, aber erst posthum veröffentlicht) auch von einem neuropsychologischen Modell aus, ferner steht zu Beginn der Entwicklung der Psychoanalyse das Affekt-Trauma-Modell im Zentrum, in dem (neurotische) Symptome derart verstanden werden, dass hier Vorstellung und Affekt nicht mehr als miteinander verbunden, sondern dissoziiert sind (aber die zugrundeliegende Verbindung psychisch wirksam ist). In veröffentlichter Form ist die Traumdeutung (Freud, 1900a) hier die Grundlage für das darauffolgende topische Modell eines Denkens in psychischen »Systemen«, dem topischen Modell, in dessen Rahmen Freud sich auch in den metapsychologischen Schriften (etwa 1911–1920) bewegt. Hier denkt er sich psychische Strukturen als »Systeme«: Bewusstsein (Bw), Vorbewusstes (Vbw) und Unbewusstes (Ubw).
2.1.1 Das topische Modell des Psychischen
Besonders relevant ist hier die Unterscheidung zwischen einem Unbewussten in deskriptiver und in dynamischer Hinsicht. Das topische Modell dreier Systeme des psychischen Apparates – »[W]ahrscheinlich geht das Denken in Systemen vor sich« (Freud, 1915e, S. 301) – folgt dieser Differenzierung. Was dem System Vbw zugehörig ist, ist in deskriptiver Hinsicht unbewusst, d. h. es ist aktuell nicht Gegenstand des bewussten Erlebens, aber es ist bewusstseinsfähig (nämlich sobald eine Aufmerksamkeitsbesetzung hinzu kommt). Das dem System Ubw Zugehörige ist noch in darüber hinausgehender Weise unbewusst, nämlich insofern es nicht bewusstseinsfähig ist; es ist dynamisch unbewusst, weil es in psychodynamischer Hinsicht vom bewussten Erleben ferngehalten wird. Dynamisch unbewusst ist oder wird etwas, wenn/weil dem Bewusstwerden etwas entgegensteht, da dies mit Unlust verbunden wäre, d. h. mit einem unangenehmen Affekt. Freud konzipiert ein Kräftespiel des Psychischen, zwischen drängenden und verdrängenden Kräften. Dies ruht auf dem psychoanalytischen Verständnis des Triebes (als einer allgemeinen Motivationsstruktur) und der Psychosexualität. Im Hinblick auf das Unbewusste ist entscheidend, dass bestimmte Vorstellungen sowohl lustvoll/befriedigend sind (Wunscherfüllungen) als auch Unlust mit sich bringen (Scham, Angst oder Schuld). Ist die »Bilanz« hier zu Seiten des Unlustvollen verschoben, wird etwas abgewehrt und so im dynamischen Sinn unbewusst. Freud bezeichnet es als »Bedingung der Verdrängung […], daß das Unlustmotiv eine stärkere Macht gewinnt als die Befriedigungslust.« (Freud, 1915d, S. 249)
Abwehr
Dabei geht es Freud um die Konzeption einer psychischen Abwehr (vgl. Storck, 2021). Zunächst einmal lassen die Verdrängung (
5.2.1) beschreiben, also ein psychischer Mechanismus, der einer Vorstellung den Zugang dem Bewusstsein verwehrt. Da diese allerdings aufgrund ihres lustvollen Charakters zugleich immer weiter ins Bewusstsein drängt, muss einerseits die Verdrängung mehr oder minder kontinuierlich aufrechterhalten werden, andererseits treten weitere Abwehrmechanismen hinzu, die für eine psychische »Umarbeitung« der als solcher verpönten Vorstellung sorgen, etwa eine Verschiebung von einer auf eine andere Person. Eine solche Kompromiss- oder Ersatzbildung ist dann bewusstseinsfähig. Eine Vorstellung kann also in entstellter Form bewusst werden, darin wird der zugrundeliegende Wunsch zugleich ausgedrückt und verborgen.
Freud (1915e, S. 279) beschäftigt sich mit der Frage, wie sich nun Übergänge zwischen den psychischen Systemen im Rahmen seines topischen Modells beschreiben lassen. Er wendet sich gegen die Annahme einer Verdopplung von Vorstellungen zwischen den Systemen (einmal die umgearbeitete im System Bw und einmal die »eigentliche« im System Ubw), sondern führt eine sprachbezogene Konzeption ein (a. a. O., S. 300). Für ihn setzt sich eine bewusste/bewusstseinsfähige (Objekt-)Vorstellung aus zwei Teilen zusammen, der Sach- und der Wortvorstellung. Abwehrprozesse, zumindest neurotische, setzen an diesem Zusammenhang an, sodass die Sachen ohne die Worte (in Inszenierungen ohne Reflexion) oder die Worte ohne die Sachen (in einer unlebendig und affektleer wirkende Sprache und Form des Erlebens) vorgestellt werden (vgl. a. Lorenzer, 1970a, S. 96 ff.). Freuds Frage nach den Übergängen zwischen den Systemen – die er u. a. über die Annahme zwischen den Systemen wirkenden Zensuren beantwortet, was ihn letztlich zur Formulierung des Über-Ichs führt – lässt sich also sprachbezogen darüber beantworten, dass es sich über solchen Übergängen um Vorgänge im Zusammenhang des Umgangs mit (sprachlichen) Symbolen handelt (vgl. a. Zepf, 2006a).
Eigenschaften des Systems Ubw und Logik des Primärprozesses
Im Zuge des topischen Modells formuliert Freud (1915e, S. 285 f.) ferner Eigenschaften des Systems Ubw, unter diesen ist besonders bedeutsam, dass »keine Negation, kein[..] Zweifel, keine Grade von Sicherheit«, sowie »überhaupt keine Beziehung zur Zeit« bestünden (wobei zu beachten ist, dass hier die lineare, chronologische Zeit gemeint ist). Das System Ubw folge dem Lust- statt dem Realitätsprinzip (es werden also nicht soziale Folgen oder andere Konsequenzen beachtet) und den »Regeln« des Primärprozesses (
Kap. 3.2.1). Hier ist Freuds Unterscheidung zwischen dem Primär- und dem Sekundärprozess berührt, der für den Bezug auf zeitgenössische Modelle des Denkens oder Wahrnehmens von hoher Bedeutung ist. Vereinfacht gesagt, meint Freud, dass die grundlegenden Prozesse des Psychischen primärprozesshaft sind, d. h. auf Lust und Befriedigung »ohne Aufschub« abzielen. Der Sekundärprozess, das Denken im engeren Sinn, auch als inneres Probehandeln (Freud, 1911b, S. 233), ist für Freud ein Umweg zur Befriedigung (vgl. Freud, 1900a, S. 607), unter Antizipation drohender Unlust, unangenehmer sozialer Folgen. Bereits die Freud‘schen Bemerkungen und umso mehr eine zeitgenössische Lesart weisen darauf hin, dass es die Verhältnisse innerhalb der Vorstellungswelt sind, die im Hinblick auf Unbewusstes entscheidend sind – und zwar sowohl hinsichtlich verschiedener Funktionsprinzipien des Denkens (Primär- und Sekundärprozess) (vgl. Feurer, 2011, S. 11 f.) als auch hinsichtlich der Denkinhalte, also der Vorstellungen. Wird etwas bewusst, dann in Relation zu anderen Vorstellungen und zu Affekten. Wenn solcherart »bewusst« und »unbewusst« keine getrennten Merkmale sind, sondern sich auf Verhältnisse zwischen Vorstellungen beziehen und Unbewusstes »nirgendwo anders« als das Bewusste ist, sondern sich an diesem, als eine Verzerrung, Auslassung oder Überdeterminierung zeigt, dann ist es ferner nützlich, auch vom Primär- und Sekundärprozess als konzeptueller Abstraktionen auszugehen, die mehr affekt- und mehr vernunftsgeleitete Mechanismen auf den Begriff bringen.
2.1.2 Das Instanzen-Modell
An die Formulierung des topischen Modells verschiedener psychischer Systeme schließt sich in der Freud‘schen Theorie-Entwicklung das Struktur- oder Instanzen-Modell an (etwa ab 1923). Hier geht es um die Instanzen Ich, Über-Ich und Es (vgl. Freud, 1923b, S. 251 ff.). Während das Über-Ich als Instanz verstanden wird, die aus der Verinnerlichung elterlicher Gebote und Verbote und dem Maß an Liebe und Hass diesen gegenüber gebildet wird, gilt die Es-Instanz als Bereich der Triebregungen und des Unbewussten. Das Ich ist bei Freud etwas uneindeutig definiert, mal bezieht er sich damit er auf die Vorstellungen der eigenen Person (in heutiger Perspektive eher: das Selbst), mal auf die Funktionen, die dem Ich zugeschrieben werden, in dessen Aufgabe, zwischen Gewissen, Triebhaftigkeit und sozialer Umwelt zu vermitteln.
Freud war zuvor an die Grenzen des topischen Modells gestoßen, in erster Linie durch die Frage, wie im Psychischen »entschieden« wird, welche Vorstellungen für das Bewusstsein unannehmbar ist (wo also eine psychische »Zensur«-Instanz zu verorten wäre) und wie die Abwehr einerseits unbewusst wirken kann, andererseits aber nicht dem Lustprinzip unterliegt oder primärprozesshaft von statten geht. Insofern steht im Instanzenmodell im Zentrum, dass es dem Über-Ich als Instanz von Gewissen oder Moral obliegt, das Ich zu bewerten und gegebenenfalls innerpsychisch anzuklagen (für Handlungen und Vorstellungen!) bzw. dafür, den Strebungen des Es nicht Einhalt geboten zu haben. Die Abwehr, die notwendigerweise unbewusst verlaufen muss, andernfalls würde ihr Gegenstand, das Abgewehrte, ja ebenfalls bewusst, schreibt Freud nun dem Ich zu, sodass sich nicht schlicht eine Umsetzung der Systeme des früheren Modells zu Instanzen im späteren ergibt.
2.2 Psychoanalyse als Theorie psychischer Konflikte
Die psychoanalytische Theorie des Psychischen gründet auf dem (unbewussten) Konflikt, es geht um die Konzeption eines innerpsychischen Kräftespiels aus Drängendem und Verdrängendem. Wir haben bereits angedeutet, dass sich dafür argumentieren lässt, dass im Triebkonzept der Psychoanalyse eine Theorie der allgemeinen Motivation beschrieben ist, es zeigt sich darin, wie sich physiologienahe Erregung in psychisches Erleben umsetzt (Storck, 2018a). Der Trieb steht am Anfang des Psychischen, liegt allem zugrunde, womit nun allerdings gerade nicht gemeint ist, dass jedes einzelne psychische Motiv triebhaft (sexuell, aggressiv) wäre, sondern vielmehr, dass unsere Leiblichkeit (in Interaktion mit anderen) es uns auferlegt, uns darauf psychisch einen Reim zu machen, also Repräsentanzen zu bilden. Für eine Theorie der speziellen Motivation muss hingegen auf den Konfliktbegriff zurückgegriffen werden.
Es lassen sich verschiedene Linien unterscheiden, mittels derer psychoanalytisch begründet werden kann, weshalb die menschliche Psyche grundlegend auf dem Konflikt aufbaut (Storck, 2018b). Eine erste dieser Linien hat damit zu tun, dass sich frühe Interaktionsprozesse zwischen Säugling/Kleinstkind und Erwachsenem auch derart vollziehen, dass es ein und dieselbe Interaktion sein kann, die beruhigend ist und zugleich stimulierend. Es zeigt sich potenziell Gegenläufiges, gerade in der Freud‘schen Terminologie, die zwischen Lust/Befriedigung (Absinken einer Reizintensität) und als unlustvoll erlebter Erregung (Steigerung der Reizintensität) unterscheidet und beide zu Gegenspielern macht. Hierauf gründet sich das Lustprinzip, das vollständig eigentlich Luststreben-Unlustvermeiden-Prinzip heißen müsste – was deutlich macht, dass beide Motive der Möglichkeit nach Gegenteiliges vorgeben können. Eine zweite Linie der Begründung allgemeiner menschlicher Konflikthaftigkeit liegt im Erfordernis verbindende und trennende Aspekte in Beziehungen in der Balance halten bzw. eine Ambivalenz aus »positiven« und »negativen« Affekten, Wünschen nach Nähe und solchen nach Abgrenzung psychisch tolerieren zu können. Die dritte Linie menschlicher Konflikthaftigkeit aus psychoanalytischer Perspektive, die damit in Verbindung steht, ist in der Theorie ödipaler Konflikte zu sehen. Kurz gesagt geht es darin bei Freud (z. B. 1916/17, S. 344 f.) darum, dass ein Kind sich (zärtliche) exklusive Nähe zu einem Elternteil wünscht und dabei darauf stößt, dass der Platz dort schon vom anderen Elternteil besetzt ist (bereits Freud beschreibt vier Varianten von Junge und Mädchen zu Vater und Mutter). Das mobilisiert Rivalitäts- und »Beseitigungs-«Wünsche. Konflikthaft ist dies nicht bloß deshalb, weil man hier »den Kürzeren« ziehen könnte, sondern schlicht deshalb, weil der »störende« Elternteil als Dritter nicht bloß aus dem Weg soll, sondern ebenso geliebt und als Figur in einem Geflecht von Beziehungen gebraucht wird, die Nähe und Abstand in Zweierbeziehungen zu moderieren hilft (vgl. a. Green, 2004; Barratt, 2019).
Seit Melanie Kleins Konzeption (z. B. Klein, 1928) kann gesagt werden, dass sich diese Entwicklungsaufgaben von Beginn des Lebens an stellen, bereits dort geht es um die Erfahrung, dass es in der Welt mehr als nur eine Beziehung gibt und sukzessive auch die Erfahrung, dass es passagere und relative Ausgeschlossenheit aus Beziehungen geben kann, der wir ausgesetzt sind. Anders ausgedrückt: Wir finden in der Welt auch andere Beziehungen als nur die, die andere zu uns haben, wir »merken«, dass diejenigen Personen, zu denen wir in Beziehung stehen, manchmal auch zueinander in Beziehung stehen. In seiner Grundstruktur bleibt der Ödipuskonflikt dann in zeitgenössischer Perspektive nicht begrenzt auf klassische Konzeptionen von Familie oder Geschlecht, sondern lässt sich auch auf die Elternschaft gleichgeschlechtlicher Partner oder alleinerziehende Elternteile beziehen. Zusammengefasst kann man sagen, dass sich ödipale Konflikte um Generationen- und Geschlechterunterschiede drehen und um die Auseinandersetzung damit, dass es Beziehungen zwischen mehr als zweien (bzw. andere als die zu einem selbst) gibt (Storck, 2018b).
2.3 Besonderheiten der psychoanalytischen Theorie des Denkens: Repräsentanz und Symbolisierung
Der Psychoanalyse geht es um die Darstellung des Psychischen als einer Welt der Repräsentanzen (von uns hier synonym mit Vorstellungen verwendet) (Storck, 2019c). Damit ist bereits terminologisch auf den Punkt gebracht, dass es um die Konzeptualisierung dessen geht, wie sich konkrete Interaktionserlebnisse in psychischen Beziehungsvorstellungen niederschlagen. Diese können als die »Bausteine« des Psychischen gelten, aus ihnen lassen sich Repräsentanzen von Selbst und Anderen herauslösen. Dass letztere psychoanalytisch meist unter dem missverständlichen Begriff »Objekte« auftauchen, hat mit der Begründung in Freuds Triebtheorie zu tun. »Objekt« meint zunächst Objekt triebhafter Besetzung, letztlich aber nichts anderes als das Vorstellungsobjekt, gebildet in Auseinandersetzung mit der konkreten Person der interpersonellen Welt (vgl. zur unbelebten Objektwelt z. B. Searles, 1960).
Zwei entwicklungspsychologische Figuren unterliegen der psychoanalytischen Theorie der Repräsentanzwelt, einmal Konzeptionen des Erlebens von Getrenntheit zwischen Selbst und Nicht-Selbst, einmal Überlegungen zur Symbolisierung.
In den meisten psychoanalytischen Theorien wird von einer primären Ungetrenntheit zwischen Selbst und Nicht-Selbst zu Beginn der psychischen Entwicklung ausgegangen. Winnicott (1960, S. 587) formuliert, es gebe »so etwas wie das Baby« nicht (d. h. im subjektiven Erleben nicht als unterschieden von der Umwelt), was bedeutet, dass es in der Erlebnisperspektive in einer Art Selbst-Universum lebt, in der alles zu ihm gehört. Es sind Erfahrungen von Berührtwerden als Erfahrungen von Kontakt an einer Grenze, die über eine Internalisierung von Körpergrenzen (und dem Spüren eines »anderen« Körpers) auch zu einer psychischen Konzeption des Selbst in Relation zum Anderen führen kann. Mit diesen Konzeptionen stehen Modelle der Symbolisierung und deren Entwicklung in enger Verbindung. Entwicklungspsychologisch ist hier besonders relevant, wie Abwesenheit in der Wahrnehmung in Anwesenheit in der Vorstellung umgesetzt werden kann. Gemeinhin wird davon ausgegangen, dass es eine »hinreichend gute« frühe Bezugsperson sein soll, die dem Kind Entwicklung ermöglicht, auch dahingehend, ihm entwicklungsangemessene Frustrationen zuzumuten bzw. kann gesagt werden, dass unmittelbare und immerfort währende Befriedigung von Bedürfnissen sich gar nicht realisieren lässt, sodass Mangel, Abwesenheit und auf diese Weise auch Getrenntheit und Differenz spürbar werden. Erste Vorstellungen davon, »wo Mama ist«, wenn sie nicht bei einem ist, helfen bei diesem Entwicklungsschritt3. Auf diese Weise nämlich kann der Gedanke »Mama ist nicht da«, eine Negation in der Wahrnehmung also, seinerseits negiert werden zu »Mama ist nicht nicht da«, denn sie ist in der Vorstellung anwesend, als inneres Objekt, das erinnert, vermisst und dessen Rückkehr ersehnt werden kann. Dabei nun hilft der »Vater« bzw. jemand, der eine zur primären Bezugsperson alternative Beziehung anbietet, auf zweierlei Weise: Einmal liefert er eine Erklärung für die Abwesenheit (gibt ihr einen Platz außerhalb von einem selbst), und einmal bietet er eine alternative Beziehung an, die Abwesenheit tolerabel werden lässt und Nähe und Abstand in der Dyade zu moderieren, zu begrenzen und zu öffnen hilft.
Zusammenfassung
Die Psychoanalyse lässt sich durch drei spezifische Aspekte ihrer psychologischen Theorie und damit auch ihres Blicks auf das Denken kennzeichnen: Erstens geht es um dynamisch unbewusste Prozesse, die sich mit Freud zum einen im topischen Modell (Systeme des psychischen Apparates: Bw, Ubw, Vbw), zum anderen im Instanzen-Modell (Ich, Es, Über-Ich) konzeptualisieren lassen. In einem zeitgenössischen Verständnis geht es dabei sowohl auf der Ebene der beteiligten Prozesse (Primär- und Sekundärprozess) als auch auf der Ebene der Vorstellungen als Gegenstände des Denkens um eine Konzeption des Unbewussten, das sich über Verhältnisse in der psychischen Welt bestimmt. Zweitens geht es in spezifisch psychoanalytischer Betrachtung um die konflikthaften Grundlagen der Entwicklung und des Vollzugs psychischer Tätigkeit. Hier lassen sich verschiedene entwicklungspsychologische Spannungsfelder beschreiben, die dazu führen, dass Konflikte mehr oder weniger gut bewältigt werden und zumindest einzelne Aspekte von ihnen abgewehrt und somit unbewusst werden oder bleiben. Drittens kann gesagt werden, dass sich »Denken« in psychoanalytischer Sicht meist auf allgemeinere, weiter gefasste psychische Prozesse bezieht und dass dabei Konzeptualisierungen von Symbolisierung und psychischer Repräsentanzen eine wichtige Rolle einnehmen.
Weiterführende Literatur
Sandler, J., Holder, A., Dare, C. & Dreher, A. U. (1997). Freuds Modelle der Seele. Eine Einführung. Gießen 2003: Psychosozial.
Storck, T. (2018c). Psychoanalyse nach Sigmund Freud. Stuttgart: Kohlhammer.
Fragen zum weiteren Nachdenken
• Welche unterschiedlichen Konzeptionen unbewusster Prozesse lassen sich in der Psychologie und Psychoanalyse finden?
• Kann es eine konfliktfreie psychische Entwicklung geben bzw. eine solche, in der Konflikte »gelöst« sind und damit verschwinden?
• Welche Bedeutungen bekommen nicht-sprachliche Symbolisierungsprozesse (bildliches Denken, Affektsymbole u. a.) für das Denken?
2 Dass Freud philosophische Anschlüsse bei von Hartmann, Schopenhauer oder Nietzsche teilweise benennt, aber nicht wirklich aufgreift, sondern stattdessen viel deutlicher den Anschluss an die Psychophysik Fechners betont, liegt nicht zuletzt in seinem Blick auf die »spekulative« Philosophie begründet, wohingegen er die Psychoanalyse »naturwissenschaftlich« oder medizinisch zu begründen trachtet. Deshalb ist für ihn das Manifest der Helmholtz-Schule, in dem formuliert ist, psychische Vorgänge nach dem Vorbild physikalisch-chemischer Vorgänge zu beschreiben, zentral (vgl. Storck, 2019b, S. 16 ff.).
3 Wenn an dieser Stelle von »Mutter« und »Vater« die Rede ist, dann ist dies im Sinne von Beziehungsangeboten zu verstehen, die das Kind in der Welt findet und die in dieser Form oft von den konkreten, gegengeschlechtlichen Elternteilen gemacht werden (vgl. Lang, 2011). »Mutter« meint dabei eine erste Beziehung und Bezugsperson (dyadisch) und »Vater« demgegenüber eine weitere, dazu alternative Beziehung und/oder etwas, auf das die »Mutter« im Erleben des Kindes noch bezogen ist. Die Grundstruktur ist nicht an dichotome Geschlechterrollen, heteronormative Partnerrollen oder klassische Familienstrukturen gebunden, sondern es geht darum, wie das Kind sich mit »Beziehungsflechten« auseinandersetzt.
3 Denken
Im Weiteren folgen wir der Struktur, zunächst die allgemeinpsychologischen, dann die psychoanalytischen Theorien des Denkens vorzustellen. Dabei werden wir an geeigneten Stellen auf Querverbindungen hinweisen, bevor wir in Kapitel 3.3 einen zusammenfassenden Vergleich beider Disziplinen vorlegen.
3.1 Allgemeinpsychologische Theorien des Denkens
Einführung
Es gibt im Bereich des Denkens auf den ersten Blick gute Gründe für einen interdisziplinären Austausch zwischen Psychoanalyse und Allgemeiner Psychologie. Beide befassen sich mit der Beschaffenheit des menschlichen Denkens und legen Theorien zu dessen Funktionsweise vor. Gleichwohl ist die Geschichte von Psychoanalyse und Allgemeiner Psychologie – mit einigen Ausnahmen – eher eine Geschichte von Skepsis und Abgrenzung, denn von Annäherung und gegenseitiger Befruchtung. In jüngerer Vergangenheit sind jedoch zwei Trends in der Allgemeinen Psychologie zu beobachten, die eine Annäherung beider Disziplinen greifbarer machen. Einerseits ist dies eine zunehmende denkpsychologische Erforschung von Konzepten, die auch für die Psychoanalyse zentral sind, insbesondere unbewusste Denkvorgänge. Andererseits ist eine vermehrte allgemeinpsychologische Beschäftigung mit Metatheorien bzw. Gesamtmodellen des Denkens auszumachen. Traditionell wirkt die Allgemeine Psychologie sehr kleinteilig, Forscher setzen sich in der Regel mit einem eng umrissenen Bereich der menschlichen Psyche auseinander. Demgegenüber erscheinen psychoanalytische Theorien als Gesamtmodelle des Psychischen (z. B. Instanzenmodell bei Freud) meist deutlich weitreichender. Die in der aktuellen Denkpsychologie diskutierten Zwei-Prozess-Modelle des Denkens stellen mit ihrem Anspruch, das Denken in all seinen Facetten zu beschreiben und der Berücksichtigung von unbewussten Denkvorgängen demgegenüber eine neue Entwicklungslinie in der Allgemeinen Psychologie dar, die einen interdisziplinären Dialog erleichtern könnte. Entsprechend werden wir die Zwei-Prozess-Modelle im nachfolgenden Kapitel ausführlich diskutiert werden, um sie dann in Kapitel 3.3 mit den psychoanalytischen Theorien des Denkens zu vergleichen. Neben den Zwei-Prozess-Theorien des Denkens werden zentrale denkpsychologische Konzepte und Forschungsbefunde vorgestellt.
Lernziele
• Zwei-Prozess-Theorien als Gesamtmodelle des Denkens kennenlernen.
• Ein Verständnis dafür entwickeln, wie Menschen aus denkpsychologischer Perspektive Entscheidungen treffen und Probleme lösen.
• Die allgemeinpsychologische Perspektive auf unbewussten Denkvorgängen in Abgrenzung vom psychoanalytischen Unbewussten verstehen.
Holyoak & Morrison definieren das Denken im Oxford Handbook of Thinking and Reasoning als »die systematische Transformation von mentalen Wissensrepräsentationen, um tatsächliche oder mögliche Zustände der Welt zu charakterisieren, oft um ein bestimmtes Ziel zu erreichen« (2013, S. 1, Übers. d. Verf.). Etwas prägnanter definiert Goel (2010) das Denken als ein zielgerichtetes Manipulieren von mentalen Repräsentationen.
Die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem menschlichen Denken ist nicht erst seit der kognitiven Wende zu Beginn der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die den Wechsel vom behavioristischen zum kognitivistischen Paradigma einläutete (Miller, 2003), in der Allgemeinen Psychologie verankert. Vielmehr führt die Geschichte der experimentalpsychologischen Erforschung des menschlichen Denkens bis in die frühen Tage der akademischen Psychologie am Ende des 19. Jahrhunderts zurück (Hammer, 1994).
Kasten 1: Forschungsbereiche der Denkpsychologie
Als Teilbereiche der allgemeinpsychologischen Erforschung des Denkens lassen sich das Problemlösen, das schlussfolgernde Denken (engl. reasoning), sowie das Entscheiden und Urteilen unterscheiden, wobei Entscheidungs- und Urteilsprozesse meist als Komponenten eines gemeinsamen Forschungsbereichs aufgefasst werden (Goel, 2010). Somit ergeben sich in der heutigen Denkpsychologie drei Forschungsfelder, die traditionell weitestgehend unabhängig voneinander sind.
Das Problemlösen definieren Eysenck & Keane (2015) als kognitive Aktivität, die über eine Anzahl von Zwischenschritten von dem Erkennen eines Problems zu dessen Lösung führt. Den zweiten Denkprozess, das Entscheiden, beschreiben die Autoren als die Auswahl einer Möglichkeit aus einer bestimmten Menge von Entscheidungsmöglichkeiten, wobei die getroffene Entscheidung Konsequenzen für die agierende Person hat. Das Urteilen definieren die Autoren als eine Komponente des Entscheidens, die primär damit beschäftigt ist, die Wahrscheinlichkeit zu berechnen, dass ein bestimmtes Ereignis eintreffen wird, wobei der Schwerpunkt der Urteilsprozesse auf der Genauigkeit ihres Resultats – also derjenigen des Urteils – liegt. Die Denkprozesse des deduktiven und induktiven Schließens sind im allgemeinpsychologischen Sprachgebrauch deckungsgleich mit den gleichlautenden aus der Logik bekannten Begriffen. Ein deduktiver Schluss ist eine von bestimmten Prämissen, also Vorannahmen, ausgehende Ableitung einer logisch zwingenden Konsequenz. Ein induktiver Schluss ist gegeben, wenn ein Individuum von einem oder mehreren empirischen Sachverhalten auf etwas Allgemeineres, wie etwa ein Naturgesetz, schließt. Diesen Definitionen folgend, könnte man das Vorgehen in der experimentellen Psychologie vereinfacht also wie folgt beschreiben: Ein Wissenschaftler stellt eine allgemeine Theorie auf, aus welcher er deduktiv konkrete Annahmen ableiten kann, die dann von ihm empirisch überprüft werden – die gewonnenen Beobachtungen können wiederum induktiv dazu verwendet werden, die Theorie zu modifizieren. Die letzte von Eysenck & Keane (2015) genannte Denkkategorie ist das informelle Schließen, das, anders als das deduktive Schließen, keinem strikten formalen Rahmen folgt und als eine Art alltägliches Schlussfolgern verstanden werden kann.
3.1.1 Schlussfolgerndes Denken
Eine für die denkpsychologische Forschung zentrale Frage ist, ob der Mensch vernünftig bzw. rational ist. Der Philosoph Alasdair MacIntyre (1988) kommt zu dem Schluss, dass »keine Rationalität existiert, die nicht die Rationalität einer bestimmten Tradition ist« (S. 7, Übers. d. Verf.). An dieser Aussage wird ersichtlich, dass normative Systeme des Denkens existieren, die Annahmen darüber enthalten, wie ein Mensch denken sollte, um als rational zu gelten. In der psychologischen Literatur wird der Rationalitätsbegriff üblicherweise mit der Fähigkeit zum logischen Denken gleichgesetzt. Genauer handelt es sich beim traditionellen normativen System der Denkpsychologie um die klassische bivalente oder binäre Logik. Diese zeichnet sich dadurch aus, dass in einem derartigen System Annahmen entweder wahr oder falsch sind, also nur zwei Ausprägungen annehmen können (Jøsang, 2001). Die übliche Methode der klassischen Logik ist die Deduktion.
In den folgenden Abschnitten soll zunächst anhand von Forschungsergebnissen untersucht werden, ob das normative System der klassischen Logik ein angemessenes deskriptives System darstellt, um das menschliche Denken zu beschreiben. Anschließend soll diskutiert werden, ob die klassische Logik tatsächlich ein adäquates normatives System ist, das abbildet, wie der Menschen denken sollte.
Deduktion
Die Darstellung wird sich im Folgenden an den zwei denkpsychologisch traditionell bedeutsamsten Bereichen des deduktiven und induktiven Schließens orientieren. Anschließend wird die jüngere Forschung zum informellen Schließen dargestellt werden, dem im Alltag eine bedeutendere Rolle zukommt als den klassischen Arten des schlussfolgernden Denkens.
Eine Deduktion ist eine Schlussfolgerung, welche aus Prämissen, also Vorannahmen, abgeleitet wird, die als wahr gelten. Da ein deduktiver Schluss keine Informationen hinzufügt, die über die Prämissen hinausgehen, besitzt er, sofern die Ableitung korrekt vollzogen wurde, eine ebenso hohe Gültigkeit, wie die zugrundeliegenden Vorannahmen. Johnson-Laird (1999) merkt an, dass die im Rahmen der denkpsychologischen Forschung am häufigsten anzutreffenden Aufgabentypen den Kategorien des konditionalen und des syllogistischen Schließens zuzuordnen sind. Konditionale Schlussfolgerungen basieren auf dem wenn-dann-Prinzip, wie aus dem folgenden Beispiel ersichtlich wird.
Wenn es regnet, ist die Straße nass.
Es regnet.
Also ist die Straße nass.
Eine syllogistische Schlussfolgerung basiert hingegen auf zwei Vorannahmen, wobei der Schluss zwingend aus den gesetzten Prämissen hervorgeht, also zum Beispiel:
Alle Säugetiere verfügen über Lungen.
Alle Lebewesen, die über Lungen verfügen, benötigen Sauerstoff, um zu überleben.
Alle Säugetiere benötigen Sauerstoff, um zu überleben.
Die Leistung beim Lösen von entsprechenden Aufgabenstellungen im Rahmen von Experimenten ist generell schlecht. Versuchsteilnehmer geben auch bei recht simplen Aufgaben oft Antworten, die logisch nicht korrekt sind und lassen sich in ihren Lösungsversuchen von verschiedenen irrelevanten Kontextbedingungen beeinflussen (Eysenck & Keane, 2015). So erbrachten im vergangenen Jahrhundert eine Vielzahl von Experimenten zum schlussfolgenden Denken recht »verstörende Befunde«, die auch den optimistischsten Verfechter der menschlichen Rationalität in Erklärungsnot bringen dürften (Samuels & Stich, 2004, S. 279, Übers. d. Verf.).
Ein klassisches Beispiel hierfür ist eine einfache Aufgabe zum deduktiven Schlussfolgern, die darin besteht, dass Versuchsteilnehmer einschätzen müssen, ob eine Schlussfolgerung valide ist, d. h. ob sie sich aus den Prämissen herleiten lässt.
Alle Blumen benötigen Wasser. Alle Gebäckwaren können gegessen werden.
Rosen benötigen Wasser. Alle Äpfel können gegessen werden.
Daher sind alle Rosen Blumen. Daher sind alle Äpfel Gebäckwaren.
(Beispiel adaptiert aus Ball & Thompson, 2017)
In beiden Beispielen lassen sich die Schlussfolgerungen nicht aus den Prämissen herleiten, sie sind also invalide. Sie unterscheiden sich jedoch darin, dass die Ableitung im ersten Beispiel glaubwürdig ist, also mit dem Vorwissen der Probanden übereinstimmt, während sie im zweiten Beispiel unglaubwürdig ist. Dem Großteil der Versuchsteilnehmer gelingt es dabei nicht, die glaubwürdige Schlussfolgerung korrekt als invalide zu identifizieren. So halten in entsprechenden Experimenten nur ca. 10 % der Teilnehmer die unglaubwürdige falsche Schlussfolgerung für valide, während ca. 71 % die glaubwürdige falsche Ableitung für valide halten (Ball & Thompson, 2017). Das Phänomen, das glaubwürdige Aussagen eher für korrekt gehalten werden, auch wenn sie logisch falsch sind, wird als Überzeugungsbias bezeichnet (Ball & Thompson, 2017).
Wenn beim Lösen von Aufgaben ein systematischer Fehler auftritt, wird er im Englischen als Bias (dt. Tendenz oder Verzerrung) bezeichnet. Ein weiteres klassisches psychologisches Phänomen, welches dieser Gruppe von Fehlern zuzuordnen ist, ist der Bestätigungsfehler, der zuerst von Wason (1960) beschrieben wurde. Nickerson (1998) zufolge handelt es sich beim Bestätigungsfehler um ein ubiquitäres psychologisches Phänomen, das sich in vielen Bereichen dadurch äußert, dass Menschen selektiv nach Informationen und Belegen suchen, die ihre bestehenden Überzeugungen und Erwartungen bestätigen. Ferner werden neue Informationen vorzugsweise so interpretiert, dass sie diesen Überzeugungen entsprechen (Nickerson, 1998).
Induktion
Ein induktiver Schluss geht vom Spezifischen zum Allgemeinen. Induktive Schlüsse werden etwa dann gezogen, wenn man anhand einer Stichprobe auf die Gesamtbevölkerung schließt. Formuliert ein Naturwissenschaftler aufgrund seiner Beobachtungen ein allgemeines Gesetz, dann liegt ein induktiver Schluss vor. Das zentrale Unterscheidungsmerkmal zum deduktiven Schlussfolgern ist, dass im Falle der Induktion probabilistische Schlussfolgerungen gezogen werden. Es handelt sich dabei um Vorhersagen, die keine unumschränkte Gültigkeit besitzen, da sie aufgrund ihres Vorhersagecharakters immer von einer gewissen Unsicherheit behaftet sind – der Naturwissenschaftler kann schließlich niemals abschließend herausfinden, ob sein Gesetz wahr ist, da er nicht alle Fälle überprüfen kann, für die das Gesetz Gültigkeit beansprucht. Wie Heit (2008) angibt, ist der Bereich des induktiven Schlussfolgerns deutlich umfassender, als jener der Deduktion. So kommt die Methode der Deduktion nur im begrenzten Rahmen der formalen Logik zum Einsatz, während die Induktion potentiell auf jeden Bereich des Problemlösens angewendet werden kann. Heit (2008) nennt als wichtigsten Bereich der Forschung zum induktiven Schlussfolgern das Kategorien-basierte Schließen. Die zentrale Funktion von Kategorien sei nicht etwa die Möglichkeit, Objekte diesen Kategorien zuzuordnen, sondern Schlussfolgerungen anhand der Kategorien zu ziehen. Nehmen wir etwa an, dass bekannt ist, dass die Vögel, welche der Kategorie Nachtigall angehören, singen können. Nun kann man von dieser Annahme ausgehend schlussfolgern, dass alle Mitglieder der übergeordneten Kategorie Vögel singen können oder aber man kann den Schluss ziehen, dass Mitglieder einer ähnlichen Kategorie dieselben Eigenschaften aufweisen, also zum Beispiel, dass Blaukehlchen ebenfalls singen können.
Osherson, Smith, Wilkie, Lopez & Shafir (1990) beschreiben einige typische Phänomene, die dem kategorienbasierten Schließen zugeordnet werden, etwa den Ähnlichkeitseffekt, den Typizitätseffekt und den Diversitätseffekt. Der Ähnlichkeitseffekt besagt, dass induktive Schlüsse als umso gültiger wahrgenommen werden, je stärker sich die Kategorien, die involviert sind, ähneln. Der Schluss, dass Blaukehlchen singen können, weil eine Nachtigall singen kann, erscheint also valider als die Schlussfolgerung, dass Pinguine ebenfalls singen können. So zeigte sich laut Osherson et al., dass ein Großteil der Menschen in den folgenden Beispielen die Schlussfolgerung, dass Spatzen Serotonin als Neurotransmitter verwenden für plausibler hält, als die Schlussfolgerung, dass Gänse dies täten.
Rotkehlchen verwenden Serotonin als Neurotransmitter.
Blauhäher verwenden Serotonin als Neurotransmitter.
Daraus folgt: Spatzen verwenden Serotonin als Neurotransmitter.
Rotkehlchen verwenden Serotonin als Neurotransmitter.
Blauhäher verwenden Serotonin als Neurotransmitter.
Daraus folgt: Gänse verwenden Serotonin als Neurotransmitter.
(S. 187, Übers. d. Verf.)
Der Diversitätseffekt beinhaltet, dass eine Schlussfolgerung auf eine dritte Kategorie für valider gehalten wird, wenn sich die der Schlussfolgerung zugrundeliegenden Kategorien unähnlich sind. Ein Beispiel, welches der Arbeit von Osherson et al. (1990) entnommen ist, wird nachfolgend dargestellt.
Löwen verwenden Norepinephrin als Neurotransmitter.
Giraffen verwenden Norepinephrin als Neurotransmitter.
Daraus folgt: Hasen verwenden Norepinephrin als Neurotransmitter.
Löwen verwenden Norepinephrin als Neurotransmitter.
Tiger verwenden Norepinephrin als Neurotransmitter.
Daraus folgt: Hasen verwenden Norepinephrin als Neurotransmitter.
(S. 187, Übers. d. Verf.)
Nach Osherson et al. halten es Studienteilnehmer im ersten Beispiel für wahrscheinlicher, dass Hasen Norepinephrin als Neurotransmitter verwenden, was darauf zurückzuführen sei, dass sich die Kategorien Löwe und Giraffe stärker unterscheiden als die Kategorien Löwe und Tiger.
Der Typizitätseffekt besagt, dass eine Schlussfolgerung für zutreffender gehalten wird, wenn die in den Schluss involvierten Kategorien besonders typisch für ihre Überkategorie sind – etwa Joggen als typischer Vertreter der Kategorie »Sport« verglichen mit Schach als untypisch. So wird im folgenden Beispiel die erste Schlussfolgerung in der Regel als valider eingeschätzt als die zweite (Osherson et al., 1990).
Rotkehlchen weisen eine höhere Kaliumkonzentration in ihrem Blut auf als Menschen.
Daraus folgt: Alle Vögel weisen eine höhere Kaliumkonzentration in ihrem Blut auf als Menschen.
Pinguine weisen eine höhere Kaliumkonzentration in ihrem Blut auf als Menschen.
Daraus folgt: Alle Vögel weisen eine höhere Kaliumkonzentration in ihrem Blut auf als Menschen.
(S. 168, Übers. d. Verf.)
Die genannten Effekte können empirisch als gut belegt gelten (Heit, 2000). Ein weiteres experimentell beobachtetes Phänomen ist der Effekt der Stichprobengröße. So erscheinen induktive Schlüsse eher valide, wenn ihnen eine größere Anzahl von Prämissen zugrunde liegt (Heit, 2000). Wäre im obigen Beispiel also bekannt, dass neben Rotkehlchen auch Blaumeisen eine höhere Kaliumkonzentration in ihrem Blut aufweisen als Menschen, würde der induktive Schluss, dass alle Vögel eine solche höhere Konzentration aufweisen eher plausibel erscheinen. Die Kriterien, die von Menschen intuitiv genutzt werden, um induktive Schlüsse zu ziehen scheinen durchaus gerechtfertigt zu sein. Sind die Merkmalsträger in einer Stichprobe typische Vertreter der Gesamtbevölkerung (Typizitätseffekt) und ist die Stichprobengröße zudem groß genug (Effekt der Stichprobengröße), dann erscheint ein Schluss von Merkmalen der Stichprobe auf Merkmale der Gesamtpopulation als gerechtfertigt. Dieses Prinzip der Verallgemeinerung von einer repräsentativen Stichprobe auf die Gesamtpopulation liegt auch der psychologischen Experimentalforschung zugrunde. Bei Aufgaben zum induktiven Schlussfolgern, für das keine formale Logik, sondern probabilistische Logik eingesetzt werden muss, scheinen Menschen also in der Regel eine deutlich bessere Leistung zu erzielen als bei Aufgabenstellungen, für deren Lösung deduktives Schlussfolgern notwendig ist.
Paradigmenwechsel
Wie Elqayam (2017) anmerkt, äußert sich in den allgemeinpsychologischen Untersuchungen des menschlichen Denkens die traditionelle philosophische Grundhaltung, dass das rationale menschliche Denken durch klassische Logik bestimmt sei oder zumindest bestimmt sein sollte. Betrachtet man jedoch, wie oft Menschen in Studien einfachste logische Gesetze missachten, dann scheint die klassische Logik offenbar kein angemessenes deskriptives System zu sein, um das menschliche Denken zu beschreiben. Wenn die klassische Logik nicht dafür geeignet ist, das menschliche Denken zu beschreiben, dann bleibt noch die Frage, ob sie als normatives System geeignet ist. Ein normatives System beschreibt, wie etwas sein sollte und impliziert, dass es eine richtige und falsche Art gibt zu denken. Nimmt man die Position ein, dass die klassische Logik das normative System darstellt, dem das menschliche Denken entsprechen sollte, dann sind die empirischen Funde so zu interpretieren, dass die menschliche Vernunft regelmäßig versagt.
Im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte hat die Psychologie des schlussfolgernden Denkens jedoch im Rahmen eines Paradigmenwechsels zunehmend Abstand von der klassischen Logik als normatives System genommen (Baratgin, Over & Politzer, 2014; Evans, 2012; Elqayam, 2017; Johnson-Laird, Khemlani & Goodwin, 2015). Der Mensch müsste als recht unangepasst gelten, wenn ihm nur der Prozess des deduktiven Schlussfolgerns zur Lösung von Problemen zur Verfügung stände. Die meisten Probleme, mit denen wir im Alltag konfrontiert werden – mit der Ausnahme von Sudoku-Rätseln – stellen keine in sich geschlossene binäre logische Systeme dar, deren sämtliche Axiome dem Menschen bekannt sind, sodass er nur Annahmen aus ihnen ableiten müsste, um im Leben erfolgreich zu agieren. Die alltäglichen Gegebenheiten, fernab des psychologischen Labors und der philosophischen Erörterung, zeichnen sich vielmehr dadurch aus, dass sie von Unsicherheiten und lückenhaftem Wissen behaftet sind. So merkt auch Elqayam (2017) an, dass die Deduktion nur sinnvoll zum Einsatz kommen kann, wenn die Prämissen als uneingeschränkt wahr gelten können, wie die Axiome einer mathematischen Theorie, nicht aber, wenn im alltäglichen Leben auf der Basis von Informationen, deren Wahrheitsstatus mehr oder minder unsicher ist, Entscheidungen getroffen und Schlüsse gezogen werden müssen.
Wenn die formale Logik mit ihrer deduktiven Methode kein angemessenes normatives System darstellt, an dem das menschliche Denken gemessen werden kann, stellt sich die Frage durch welches normative System sie ersetzt werden sollte. An dieser Stelle ist nun der Paradigmenwechsel zu verorten, der die Denkpsychologie nach Evans (2012) »von den Fesseln der binären Logik und dem Deduktions-Paradigma« befreit habe (S. 7, Übers. d. Verf.). Die Deduktion wird, wie Evans bemerkt, heute nicht mehr wie in der früheren Denkpsychologie als die Standardoperation des menschlichen Denkens gesehen, sondern eher als eine höhere kognitive Strategie, die nur unter bestimmten Voraussetzungen zum Einsatz kommt. So trete Deduktion im Kontext von Experimenten meist nicht spontan auf, sondern nur, wenn Probanden dazu instruiert würden und zudem eine ausreichende Motivation und kognitive Befähigung zum Einsatz der deduktiven Methode aufweisen würden. Entsprechend erscheint die Deduktion als eine von vielen Problemlösestrategien, die von Menschen, die intellektuell dazu in der Lage sind, eingesetzt werden kann, wenn bestimmte Aufgabentypen dies erforderlich machen, wie etwa die genannten Sudoku-Rätsel, aber auch manchmal im Alltag, etwa, wenn man anhand der vorliegenden Gesetzestexte und dem letztjährigen Einkommen berechnen muss, ob man einen Steuernachlass erhalten kann (Evans, 2012). Die meisten Annahmen anhand derer wir im Alltag schlussfolgern sind zudem nicht uneingeschränkt wahr oder falsch, wie die Prämissen einer deduktiven Aufgabenstellung, sondern sind mit Unsicherheit behaftet. Alltägliche Annahmen sind eher Überzeugungen, über deren Zutreffen wir uns mehr oder minder sicher sind – sie sind also nur mit einer bestimmten subjektiven Wahrscheinlichkeit zutreffend. Im alltäglichen Leben müssen Menschen aufgrund des Wahrscheinlichkeitscharakters der Annahmen, anhand derer sie schlussfolgern, in den meisten Fällen probabilistische Schlüsse ziehen – das deduktive Paradigma, vor dessen Hintergrund Annahmen nur wahr oder falsch, nicht aber wahrscheinlich wahr oder wahrscheinlich falsch sein können, scheint deshalb kein adäquates Modell des menschlichen Schlussfolgerns darzustellen (Elqayam, 2017).
Im Rahmen des Paradigmenwechsels in der Denkpsychologie sind viele Forscher entsprechend von der binären Logik als normatives System hin zur probabilistischen Logik abgerückt (Elqayam & Over, 2016). Probabilistische Logik macht es möglich, logische Operationen mit Annahmen durchzuführen, deren Wahrheitsstatus unsicher ist und stellt somit eine Erweiterung der klassischen Logik dar, welche nur mit wahren und falschen Aussagen umgehen kann (Nilsson, 1986). Im Rahmen der probabilistischen Logik wird der Wahrheitswert einer Aussage durch eine Wahrscheinlichkeit repräsentiert, die einen Wert zwischen 0 und 1 annehmen kann. Ist eine Aussage also zu 100 % wahrscheinlich nimmt sie den Wert 1 an, im Falle einer vollständigen Unwahrscheinlichkeit nimmt sie hingegen den Wert 0 an – in diesem Fall sind die probabilistische Logik und die klassische Logik äquivalent (Nilsson, 1986). Dem Wahrscheinlichkeitsbegriff entspricht im Rahmen der probabilistischen Logik also die subjektive Überzeugung, ob eine Annahme wahr ist, die sich zwischen 0 und 100 % bewegen kann. Zentral für die probabilistische Logik ist neben dem Konzept der Wahrscheinlichkeit auch der Einfluss der Nützlichkeit einer Annahme auf das schlussfolgernde Denken (Elqayam, 2017). Die Nützlichkeit bezieht sich dabei darauf, wie sehr eine Annahme oder eine Schlussfolgerung mit unseren Wünschen und Zielen übereinstimmt. Die Berücksichtigung von Vorwissen ist im Rahmen der probabilistischen Logik notwendig, um die Wahrscheinlichkeit einer Annahme zu ermitteln und wird somit anders – als im deduktiven Paradigma – nicht mehr als kognitive Verzerrung betrachtet.
Belege für diese Perspektive, die zeigen, dass Menschen beim Schlussfolgern auf ihr Vorwissen zurückgreifen können, um adäquate probabilistische Schlüsse zu ziehen, werden von Griffiths, Tenenbaum & Kemp (2013) diskutiert. So zeigte sich etwa in einer Studie von Griffiths & Tenenbaum (2006), dass die Werte, die Studienteilnehmer angaben, wenn sie aufgefordert wurden, induktiv zu schließen, wie lange ein Mensch noch leben würde, sehr genau den Werten entsprachen, die durch den Einsatz von probabilistischer Logik errechnet wurden. Die Probanden integrierten wohl das aktuelle Alter einer Person mit einer Wahrscheinlichkeitsverteilung bezüglich des menschlichen Alters, die sie ihrem Vorwissen entnahmen, um so die noch zu verbleibenden Lebensjahre der betroffenen Person vorherzusagen (Griffiths et al., 2013). Dass die Probanden bezüglich realistischer und alltäglicher Fragestellungen Urteile trafen, die größtenteils nahezu exakt den optimalen statistischen Vorhersagen entsprachen, sehen Griffiths & Tenenbaum (2006) als einen Beleg dafür, dass das menschliche Denken nicht so fehlerbehaftet ist, wie gemeinhin angenommen wird. In Fällen, in denen Probanden über ein geringeres Maß an Vorwissen verfügten, wie etwa bei der Frage, wie lange ein Pharao regieren würde, waren die Schlussfolgerungen deutlich weniger zutreffend. Dieser Befund kann so interpretiert werden, dass die Teilnehmer aufgrund ihres eingeschränkten Vorwissens keine adäquaten impliziten Wahrscheinlichkeitsverteilungen bilden konnten, um in solchen Fällen erfolgreiche Schlussfolgerungen anzustellen.
Im Rahmen des Paradigmenwechsels hat sich nach Evans (2012) eine »neue Psychologie des Schließens« formiert, die sich nicht auf eine spezifische Unterart des Denkens, wie das deduktive Schlussfolgern, beschränkt, sondern die Erforschung aller Auftretensformen des schlussfolgernden Denkens umfasst (S. 5, Übers. d. Verf.). Evans (2012) führt dies zu der Frage, ob es tatsächlich unterschiedliche Formen des Schlussfolgerns gibt oder ob nur unterschiedliche Traditionslinien in der psychologischen Literatur existieren, die durch den Paradigmenwechsel bzw. die »Identitätskrise« der Denkpsychologie nun langsam aufgelöst und ineinander übergeführt werden (Evans, 2012, S. 15, Übers. d. Verf.). In einem aktuellen Artikel vertreten Evans, Thompson & Over (2015) die Perspektive, dass das im Rahmen des neuen Paradigmas aufgekommene Verständnis von Deduktion immer noch klar von der Methode der Induktion abtrennbar ist und eher als unsichere Deduktion bezeichnet werden sollte, was ihren probabilistischen Charakter wiederspiegelt. Nichtdestotrotz führt der Paradigmenwechsel ebenso wie die Zwei-Prozess-Theorien des Denkens zu einer Integration von bisher relativ unabhängigen Traditionslinien in der Denkpsychologie.
Offenbar bietet das probabilistische Paradigma ein besseres Modell des Denkens als das vorherige deduktive, welches den alltäglichen Gegebenheiten nicht gerecht werden konnte. Der diskutierte Paradigmenwechsel hin zur probabilistischen Logik entbindet das Gehirn jedoch nicht davon, sich der wissenschaftlichen Überprüfung hinsichtlich seiner Treue in der Befolgung dieser Logik zu stellen – schließlich besteht, auch wenn der Mensch üblicherweise nicht formal logisch, sondern probabilistisch logisch denkt, immer noch die Frage, wie gut er dies tut. Nach Elqayam (2017) stellt die probabilistische Logik zwar ein besseres deskriptives System dar als die klassische Logik, es gibt jedoch auch viele Situationen, in denen Menschen nicht die Antwort geben, die nach der probabilistischen Norm als logisch korrekt gilt. Es gibt daher Ansätze, das menschliche Denken nicht mehr an einem normativen System, wie der probabilistischen oder klassischen Logik, zu messen, sondern es schlicht zu beschreiben (Elqayam & Evans, 2011). Es würde dann keine normative Psychologie des Schlussfolgerns und Entscheidens mehr geben, sondern nur noch eine rein deskriptive. Dieser Ansatz konnte jedoch in der Denkpsychologie bisher noch keine einhellige Akzeptanz finden (Elqayam, 2017). Hinsichtlich der Frage, ob der Mensch rational ist, existiert also auch innerhalb des neuen Paradigmas des Denkens kein Konsens.
Neurobiologie des schlussfolgernden Denkens
Eine zentrale Erkenntnis, die von der neurowissenschaftlichen Forschung zum schlussfolgernden Denken erbracht wurde, besteht darin, dass es kein einheitliches kognitives System für verschiedene Denkprozesse gibt, sondern dass dem Denken eine Vielzahl von kognitiven Systemen zugrunde liegen (Goel, Navarrete, Noveck & Prado, 2017). Einige entsprechende Befunde sollen nachfolgend diskutiert werden.
Goel & Dolan (2004) konnten Belege dafür erbringen, dass das induktive und das deduktive Schließen mit unterschiedlicher Gehirnaktivität einhergeht, wobei in ihrer Studie sowohl deduktive als auch induktive Aufgabenstellungen eher mit Aktivität in der linken Hemisphäre einhergingen. In Abhängigkeit davon, ob es sich um Induktion oder Deduktion handelte, wurden allerdings unterschiedlich Bereiche im linken präfrontalen Kortex besonders stark aktiviert.
In einer Meta-Analyse zeichnet Goel (2007) ein sehr komplexes Bild davon, wie das Schlussfolgern im Gehirn organisiert ist. Zwar zeigte sich in den meisten Studien bei Aufgaben, die das Schlussfolgern notwendig machen, eine Aktivierung des linken Frontallappen, der den präfrontalen Kortex umfasst und auch Goel selbst nennt als eines der konsistentesten Ergebnisse über die Studien hinweg die Aktivierung des linken präfrontalen Kortex. Goel bemerkt jedoch auch, dass die vorgefundenen Aktivierungsmuster in keiner der analysierten Studien übereinstimmen und »chaotisch und unbefriedigend erscheinen müssen, wenn jemand nach einem einzelnen »Logik-Modul« sucht« (S. 437, Übers. d. Verf.). Der Autor resümiert anhand dieser Befunde, dass das mit dem Schlussfolgern assoziierte Netzwerk eine Vielzahl von neuronalen Strukturen umfasst, die über einen Großteil des Gehirns verteilt sind und in Abhängigkeit von situativen Bedingungen, z. B. der Art der Aufgabenstellung, aktiviert werden. Er interpretiert die Ergebnisse der Studien entsprechend dahingehend, dass es vermutlich kein einheitliches System im Gehirn gibt, welches mit dem Schlussfolgern betraut ist – stattdessen konzeptualisiert er dieses als ein »fraktioniertes System, das dynamisch konfiguriert ist, um auf bestimmte Eigenschaften von Umwelt und Aufgaben zu reagieren« (Goel, 2007, S. 440, Übers. d. Verf.).
Prado, Chadha & Booth (2011) kommen in einer aktuellen Meta-Analyse, in welcher sie 28 neurowissenschaftliche Studien mit insgesamt 382 Probanden auswerten und der Frage nachgehen, an welchem Ort das deduktive Schlussfolgern im Gehirn verankert ist, zu dem Schluss, dass die dahingehenden Befunde nicht ganz so verworren sind, wie man früher annahm. Anhand der Datenlage kommen sie zu dem Schluss, dass die linken Basalganglien und spezifische Komponenten eines Systems, das sich über die frontalen und parietalen Bereiche der linken Hemisphäre erstrecht, bei der Lösung von Aufgaben, die das deduktive Schließen erfordern, konsistent Aktivität zeigen. Das genannte System lässt sich den Autoren zufolge in drei Subkomponenten aufteilen, die in Abhängigkeit des Aufgabentyps mit Aktivität reagieren. Als Aufgabentypen, die mit unterschiedlicher Aktivität einhergehen, nennen die Autoren die konditionale, syllogistische und relationale Deduktion.
Theorie der mentalen Modelle
Eine klassische denkpsychologische Theorie, die in ihrer ursprünglichen Form das deduktive Schließen erklären soll, jedoch auf andere Arten des schlussfolgernden Denkens verallgemeinert wurde, ist die Theorie der mentalen Modelle (Johnsohn-Laird, Goodwin & Khemlani, 2017). Die Theorie der mentalen Modelle wurde von Johnson-Laird & Byrne (1991) formuliert und besagt, dass Menschen ein mentales Modell konstruieren, um anhand dieses Modelles deduktive Schlüsse ziehen zu können. Dabei suchen sie jedoch auch nach anderen Modellen, die das gegebene Modell widerlegen können. Die konstruierten Modelle basieren auf den in einer Aufgabenstellung gegebenen Informationen und dem Hintergrundwissen des Betroffenen. Der Schluss, der aus dem Modell gezogen wird, macht dann eine Aussage explizit, die in den Informationen, die in das Modell eingeflossen sind, nur implizit enthalten war (Johnson-Laird, 1994). Johnson-Laird zufolge wird die Gültigkeit dieses Schlusses dann überprüft, indem alternative Modelle gesucht werden, in welchen der Schluss ungültig ist – ist diese Suche nach Gegenbeispielen erfolglos wird der ursprüngliche Schluss als wahr angenommen. Die Theorie der mentalen Modelle wurde auf verschiedene Formen des deduktiven Schlussfolgerns (Johnson-Laird, Legrenzi, Girotto, Legrenzi & Caverni, 1999; Goldvarg, & Johnson-Laird, 2001) sowie auf das induktive Schlussfolgern angewendet (Johnsohn-Laird et al., 2017).
Die einflussreiche und viel zitierte Theorie der mentalen Modelle wurde von Evans (1993) und später von Evans, Over & Handley (2005) unter anderem aufgrund unklarer Definitionen und ihrer Unvereinbarkeit mit verschiedenen empirischen Befunden kritisiert. Ferner sprechen die bereits diskutierten neurowissenschaftlichen Befunde gegen die Annahme der Theorie, dass ein unitäres System für das deduktive schlussfolgernde Denken existiert (Goel, 2007). Die Theorie der mentalen Modelle wird fortlaufend weiterentwickelt, um sie an den aktuellen Forschungsstand anzupassen. in der jüngsten Revision der Theorie wird die zweite Phase, also die Suche nach alternativen Modellen, als optional konzipiert (Johnsohn-Laird et al., 2017).
3.1.2 Metatheorien des Denkens
Wie eingangs diskutiert, existieren in der denkpsychologischen Forschung für unterschiedliche kognitive Prozesse, wie etwa das schlussfolgernde Denken und das Entscheiden, historische Traditionslinien deren Theoriebildung relativ isoliert voneinander ablief. In jüngerer Zeit wird jedoch vermehrt die Ansicht vertreten, dass diese kategorialen Unterscheidungen zwischen verschiedenen kognitiven Prozessen künstlicher Natur sind und Prozesse wie das schlussfolgernde Denken und das Entscheiden mehr gemeinsam haben, als sie trennt (Evans & Stanovich, 2013; Kahnemann, 2011). So ist auch die zunehmende Verbreitung von Meta-Theorien in der Psychologie des Denkens zu verstehen, die sich nicht nur mit einzelnen kognitiven Prozessen befassen, sondern ihren Geltungsbereich auf das Denken als Ganzes ausweiten. Dies zeigt sich insbesondere am Beispiel der Zwei-Prozess-Modelle des Denkens, die ein übergreifendes Rahmenmodell zur Beschreibung des menschlichen Denkens bieten (De Neys, 2006; Evans, 2009; Frankish, 2010; Stanovich, 2009). Die zunehmend vorherrschende Stellung von Zwei-Prozess-Theorien des Denkens wird neben dem Fokus auf probabilistische Logik als Teil des Paradigmenwechsels der Psychologie des schlussfolgernden Denkens beschrieben (Elqayam & Over, 2013).
Kasten 2: Zwei-Prozess-Theorien
Zwei-Prozess-Modelle sind in der akademischen Psychologie mittlerweile ein ubiquitäres Phänomen, insbesondere in den Feldern der Sozialpsychologie und der Allgemeinen Psychologie (Frankish, 2010). Diesen Modellen liegt die Annahme zugrunde, dass es zwei qualitativ unterscheidbare Arten von Prozessen gibt, die gemeinsam das menschliche Denken bilden. Prozess-1-Denken ist nach Evans (2009) assoziativ, automatisch, unbewusst, parallel und schnell, Prozess-2-Denken ist hingegen Regel-basiert, kontrolliert, bewusst, seriell und langsam. Das Prozess-1-Denken wird als intuitiv charakterisiert, Prozess-2-Denken als reflektiv (Kahnemann, 2011). Evans, Over und Handley (2003) bezeichnen Prozess-1-Denken als implizit und bemerken, dass es »dem menschlichen Denken automatisch Input liefert« und »über pragmatische Prozesse implementiert wird«, welche »die aktuelle Situation in den Kontext von Hintergrundwissen und Überzeugungen stellen« (S. 3, Übers. d. Verf.).
Weiterführende Literatur
Kahneman, D. (2012). Schnelles Denken, langsames Denken. München: Siedler.
Evans, J. S. B. T. & Frankish, K. (Eds.). (2009). In two minds: Dual processes and beyond. Oxford: Oxford University Press.
Ein Vorzug der Zwei-Prozess-Theorien besteht darin, dass sie einen Erklärungsrahmen für das Auftreten von kognitiven Verzerrungen, wie dem Bestätigungsfehler und dem Überzeugungsbias, bieten. Das Auftreten solcher Verzerrungen kann als eine Konsequenz der intuitiven Typ-1-Prozesse verstanden werden. Um einen Überblick über die Vielzahl an Zwei-Prozess-Theorien zu schaffen und einen kleinsten gemeinsamen Nenner dieser Konzeptionen zu identifizieren, beschreiben Evans & Stanovich (2013) die Eigenschaften, die den beiden Prozessen typischerweise zugeschrieben werden (
Tab. 3.1). Dabei nennen sie Definitionskriterien, die ein Denkprozess zwangsläufig erfüllen muss, um als Typ-1-Prozess oder Typ-2-Prozess klassifiziert zu werden. Die weiteren Eigenschaften stellen typische Korrelate dar, welche die Prozesse aufweisen können, aber nicht müssen.
Tab. 3.1: Eigenschaften, die den beiden Prozessen in verschiedenen Theorien zugeschrieben werden (gekürzt und Übers. d. Verf., aus Evans & Stanovich, 2013, S. 225, copyright © 2013 by SAGE Publications, Reprinted by Permission of SAGE Publications, Inc.)

Typ-1-ProzesseTyp-2-Prozesse
Als Definitionskriterium geben Evans & Stanovich (2013) an, dass das Prozess-2-Denken auf das Arbeitsgedächtnis zurückgreift (
Kap. 5.1.3). Folglich unterliegt es auch dessen Beschränkungen, die sich in einer stark beschränkten Kapazität und einer sequentiellen Informationsverarbeitung äußern. Ebenfalls zentral ist nach Evans & Stanovich das kognitive Entkoppeln, das eine Voraussetzung für hypothetisches Denken und mentale Simulationen darstellt. Kognitives Entkoppeln bezeichnet die Fähigkeit Wahrnehmungsinhalte von imaginären Vorstellungen zu unterscheiden (Evans & Stanovich, 2013). Dies ist notwendig, um mentale Simulationen bzw. Gedankenexperimente durchzuführen, da es uns befähigt solche Simulationen von tatsächlichen Erfahrungen zu unterscheiden.
Typ-1 und Typ-2-Prozesse werden üblicherweise als interagierend beschrieben (Frankish, 2010). Das genaue Verhältnis der Prozesse zueinander wird in den verschiedenen Zwei-Prozess-Theorien jedoch unterschiedlich konzipiert. In der Mehrheit der aktuellen Theorien wird das Prozess-2-Denken als interventionistisch beschrieben (Ackerman & Thompson, 2017). In diesem Sinne resultiert das Prozess-1-Denken in einer automatischen Standardreaktion, während das Prozess-2-Denken nur unter bestimmten Bedingungen interveniert und das Resultat des Prozess-1-Denken bestätigt oder durch eine alternative Schlussfolgerung bzw. Entscheidung ersetzt (Ackerman & Thompson, 2017).
Die Aufteilung des Denkens in zwei Kategorien von Prozessen ist nicht gleichbedeutend damit, dass es im Gehirn nur zwei kognitive Systeme gibt, die den verschiedenen mentalen Operationen, für welche die Prozesse verantwortlich zeichnen, zugrunde liegen. So bemerken etwa Evans, Over & Handley (2003), dass in den aktuellen Zwei-Prozess-Theorien die beiden Prozesse derartig konzeptualisiert werden, dass sie jeweils über mehrere kognitive Systeme verfügen, auf die sie zurückgreifen können. Die Autoren vermuten, dass Prozess-1-Denken auf verschiedene domänen-spezifische neuronale Netzwerke zurückgreift, die im Rahmen der Erfahrungen, die ein Mensch in seinem Leben macht, gebildet werden. Johnsohn-Laird et al. (2017) sowie Evans (2017) merken an, dass die Zwei-Prozess-Theorien des Denkens mit der aktuellen Revision der Theorie der mentalen Modelle vereinbar sind. So kann die implizite Konstruktion eines mentalen Modells, die mit einer ersten automatischen Schlussfolgerung einhergeht als Typ-1-Prozess betrachtet werden, während die anschließende optionale Evaluation des Modells mit der Suche nach Gegenbeispielen den Typ-2-Prozessen entspricht (Evans, 2017).
Бесплатный фрагмент закончился.
