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Fabio Stassi

ICH TÖTE WEN ICH WILL

Kriminalroman

Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki


Für Gianni Mura, weil dein Herz lauter war als eine Schreibmaschine

Inhaltsverzeichnis

Mittwoch, 16. Dezember 1959

Epilog

Mittwoch, 29. Juni 2016

Z

Y

X

W

V

Donnerstag, 30. Juni 2016

U

T

S

R

Freitag, 1. Juli 2016

Q

P

O

Samstag, 2. Juli 2016

N

M

L

Sonntag, 3. Juli 2016

K

J

I

Montag, 4. Juli 2016

H

G

F

Dienstag, 5. Juli 2016

E

D

C

Mittwoch, 6. Juli 2016 und die folgenden Tage

B

A

Zu Händen meines Vaters

Freitag, 15. Juli 2016

Nachtrag

Bücher, Lieder und andere literarische Heilmittel

Die Straßenkarten von Vince Corso

Anmerkungen

Sich in einer Stadt nicht zurechtzufinden heißt nicht viel. In einer Stadt sich aber zu verirren, wie man sich in einem Walde verirrt, braucht Schulung. Da müssen Straßennamen zu dem Irrenden so sprechen wie das Knacken trockner Reiser und kleine Straßen im Stadtinnern ihm die Tageszeiten so deutlich wie eine Bergmulde widerspiegeln. Diese Kunst habe ich spät erlernt; sie hat den Traum erfüllt, von dem die ersten Spuren Labyrinthe auf den Löschblättern meiner Hefte waren.

WALTER BENJAMIN

Berliner Kindheit um Neunzehnhundert 1

Er phantasierte, denn allzu verrückt war der Gedanke, sie hätten ihn mit einer Ermittlung beauftragt, die am Ende den Beweis lieferte, dass er selbst der Schuldige war. Erst musste er das Rätsel in Worte fassen und dann sehen, ob es zu lösen war.

RICARDO PIGLIA

I casi del commissario Croce 2

Mittwoch, 16. Dezember 1959

Epilog

Er sitzt in einem Sessel, mit Kissen an der Seite, wo man den Kopf aufstützen kann. Auf dem Nachttischchen stapeln sich viele Bücher. Überall liegen Bücher, auf den Regalen, auf dem Schreibtisch. Seine Mutter ist in der Küche oder an einer anderen Stelle in der Wohnung.

Manchmal meint er zu hören, wie sie durch den Flur geht, eine Tür schließt, doch weit weg, wie aus einer anderen Stadt. Er hat einen neuen Roman angefangen, es geht um den seltsamen Fall eines Arztes, und er unterstreicht die ersten Zeilen mit einem Bleistift, den er angespitzt hat:

Rechtsanwalt Utterson war ein Mann mit bärbeißigem Gesicht, das niemals von einem Lächeln erhellt wurde; kalt, wortkarg und verlegen im Gespräch; schwerfällig in seinen Gefühlen; hager, lang, ein verstaubter, trauriger Mensch, und dabei doch in gewisser Weise liebenswürdig.3

Die nächsten zwei, drei Stunden dieses Nachmittags wird er lesend verbringen, ohne sich zu rühren, wie immer. Wenn da nicht dieser Durst wäre. Wahrscheinlich ist der Ausflug ins Museum Schuld, all diese Gemälde und Statuen, dieses ständige Treppauf, Treppab in einem riesigen Gebäude. Noch immer tun ihm die Beine weh, und er fürchtet, der stechende Schmerz in der Wade werde zurückkommen, der ihn nachts im Bett derart quält, dass er sich zusammenkrümmt.

Der Arzt hat seiner Mutter gesagt, sie soll ihn viel trinken lassen, Kinder brauchen Flüssigkeit. Es wäre besser, er würde jetzt aufstehen, bevor einer dieser Krämpfe ihm wieder in die Muskeln beißt. Er braucht ja nur in die Küche zu gehen, sich ein Wasserglas zu füllen und es bis zum letzten Tropfen auszutrinken. Danach kann er wieder in Ruhe lesen.

Also überwindet der Junge die Trägheit, steckt sich den Bleistift in die Tasche, schlägt das Buch zu und legt es auf den Sessel. Er braucht kein Lesezeichen, denn er hat gerade erst mit dem Buch angefangen. Er öffnet die Tür des Zimmers und steht im Flur.

Den hat sein Vater erst vor kurzem neu streichen lassen, die Farbe haben sie zusammen ausgesucht, ein Hellblau wie das Blau des Zuckerpapiers. Er mag den Farbton, den der Flur annimmt, wenn man abends die Deckenlampen einschaltet. Doch jetzt ist Nachmittag, und aus dem Wohnzimmer kommt ein diffuser Lichtschimmer, der die Wände dunkler macht.

In der Küche ist niemand. Er öffnet den Kühlschrank. Gestern Abend hat er eine Flasche Cola offen gelassen, sicher ist die Kohlensäure entwichen. Er gießt den Inhalt in ein Glas, immer dasselbe.

In der Familie hat jeder sein eigenes Glas, das ist nicht schwierig, sie sind nur zu dritt. Das des Vaters ist das größte, auch die Form ist anders, darum hat er oft gedacht, dass sein Vater dem Glas ähnelt, aus dem er trinkt. Ein dummer Gedanke, das weiß er, aber wenn der Vater ein Glas wäre, würde der Junge ihn sich so vorstellen: breiter als die anderen, aus dickem, opaken Glas, so dass man nie sieht, was es enthält.

Auch seine Mutter gleicht ihrem Glas. Der Hals vor allem, so zart und lang, wie gläsern. Als er kleiner war, nannte er sie meine Giraffe.

Und er?

Ähnelt auch er seinem Glas?

Schwer zu sagen, es kommt ihm nämlich so vor, als hätte sein Körper sich in den letzten Monaten verändert. Er ist gewachsen, nicht viel, aber doch um so viele Zentimeter, dass er es selbst merkt. Seine glatten Haare kräuseln sich jetzt, wenn er sie kämmen will, genügt der Kamm nicht mehr. Am Handgelenk trägt er nun die Uhr, die seine Großeltern ihm zum Geburtstag geschenkt haben.

Vielleicht wird es jetzt Zeit, sich ein neues Glas auszusuchen, denkt er, aber noch gefällt ihm die Gravur. Immer muss er mit dem Finger darüber streichen. Sie stellt einen Vogel dar, eine große Eule mit angelegten Flügeln. In einem Handbuch hat er gelesen, dass Eulen im Dunkeln sehen können. Aus dem Glas zu trinken, wird auch ihm diese Kraft verleihen. Mit jedem Schluck wird seine Sehkraft besser, davon ist er überzeugt. Er trinkt das schale Getränk und stellt das Glas auf die Arbeitsfläche in der Küche. Im Wohnzimmer erwartet ihn ein Buch, und es verspricht, eine spannende Lektüre zu sein. Der Schmerz im Bein scheint verflogen. Vielleicht kann er ihm heute entgehen. Er ist schon im Flur, als er ein Geräusch hört, ein leises Geräusch, kaum vernehmlich. Wie eine Türangel, die knarrt. Es kommt aus einem der Zimmer. Das wird seine Mutter sein, die irgendwelche häuslichen Angelegenheiten erledigt. Da fällt ihm ein, er hat ihr gar nicht erzählt, dass da im Museum ein Gemälde war, das ihn zum Lachen brachte. Es ähnelte dem Gesicht, das der Vater manchmal beim Abendessen macht. In Wirklichkeit war es kein Portrait, es bildete keine menschliche Gestalt ab. Wenn jemand nachgefragt hätte, er hätte es nicht beschreiben können, es war nur eine chaotische Ansammlung von Linien und geometrischen Figuren, mehr nicht. Trotzdem war ihm das Gekritzel sofort vertraut vorgekommen. Er hatte eine Weile darüber nachdenken und das Bild von verschiedenen Punkten im Saal aus betrachten müssen. Dann hatte er verstanden: In einer Ecke tauchte dieser rundliche, fahle, ahnungslose Gesichtsausdruck auf, den auch seine Mutter so gut kannte.

Der Vater versteht nicht, was sie beide so amüsiert. Nie würde er vermuten, dass seine Frau und sein Sohn sich mit diesem Gekicher und den Blicken, die sie sich zuwerfen, ausgerechnet über ihn lustig machen. Aber schon seit einiger Zeit stört ihn das Einverständnis zwischen den beiden.

Anfangs machten ihn seine Wutanfälle noch komischer. Sein Blick verhärtete sich, die Kinnladen zitterten fast. Dann veränderte sich sein ganzes Verhalten. Er fing an, zu übertreiben. Sich mit beiden anzulegen. Der Mutter vorzuwerfen, dass er wie ein Ochse schuftete, während sie sich einen faulen Lenz machte, mit dieser Halbtagsarbeit bei der Stadtverwaltung, die sie ganz in der Nähe gefunden hatte, sie und all ihre Kolleginnen, die zu nichts anderem taugten, als auf dem Balkon zu rauchen und dummes Zeug zu quatschen. Von da an gab es nichts mehr zum Lachen.

Jetzt passiert es immer öfter. Wenn der Vater abends nach Hause kommt, hadert er mit der ganzen Welt. Die Abendessen enden in eisigem Schweigen, die Stille lastet so schwer, dass der Junge unwillkürlich langsamer isst, langsamer als eine Schnecke: er hat Angst, sogar eine Gabel, die gegen den Teller stößt, könnte den Vater aufregen.

Darum geht er hinterher immer in sein Zimmer, um zu lesen. Er liest alles, am liebsten aber Romane. Und das tut er mit der gleichen grimmigen Erbitterung, mit der sein Vater von der Arbeit heimkehrt. Die Lampe bleibt bis spät in der Nacht an, obwohl er am nächsten Morgen immer nur mit Mühe aus dem Bett kommt, um zur Schule zu gehen. Zum Glück hat er keine Probleme mit den Lehrerinnen, weil er sich gut ausdrücken kann und ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat und alle zufrieden mit ihm sind und er für sie einer der tüchtigsten Schüler an der Schule ist – sie verzeihen ihm sogar seine Zerstreutheit.

Nein, vielleicht war es besser, der Mutter nichts von dem Bild zu erzählen. Vor ein paar Wochen hat er sie mit den Händen vorm Gesicht auf dem Badewannenrand sitzend gefunden. Sie sagte, sie habe sich gerade gewaschen, aber es war klar, dass das nicht stimmte. Und am Tag darauf geisterte sie mit verstörten Augen und ihrem Glas mit dem langen Hals in der Hand unablässig durch die Wohnung.

Heute hingegen scheint sie wieder normal zu sein. Sie hat beim Mittagessen sogar Witze gemacht. Und sie hat ihm ein neues Buch geschenkt und gesagt, das habe sie in seinem Alter auch gelesen und in den Jahren danach noch viele Male. Der Junge kann es nicht erwarten, zu erfahren, was in diesem Roman passiert und warum er so berühmt ist. Ob es stimmt, was die Mutter behauptet, dass in allen Menschen etwas Gutes und etwas Böses steckt. Doch da ist wieder das Knarren. Es kommt nicht aus dem Wohnzimmer. Er trägt nur Strümpfe, und im Flur liegt Teppichboden. Er überlegt eine Weile, beschließt, zurückzugehen.

Er geht wieder an der Küche vorbei, lässt die Badezimmertür hinter sich. Die Tür zum Schlafzimmer der Eltern ist geschlossen. Er versucht, sie zu öffnen, doch sie ist von innen abgeschlossen. Er legt ein Ohr an das weiße Holz. Ja, das Knarren kommt von hier. Mama? ruft er, aber niemand antwortet. Das Schlüsselloch befindet sich genau auf seiner Höhe. Er könnte hindurchschauen. Er schließt ein Auge und nähert das andere dem Schlüsselloch: Im Zimmer ist kein Licht, das schwarze Dunkel ist undurchdringlich. Er will schon gehen, da fällt ihm ein, dass er keine Eile haben darf. So machen es die Eulen, sie hocken einfach da, auf einem Zweig, warten und starren im Dunkel der Nacht einen Wald an, bis ihre Augen leuchten und sich die Umrisse der Bäume vor ihnen abzeichnen, das Gewirr der Zweige, ein rasch vorüberlaufendes Tier.

Schon meint er Konturen zu erkennen. Er muss sich nur ein bisschen anstrengen, sich an die Dunkelheit gewöhnen, den Blick schärfen, all seine Sinne gebrauchen, wie vor diesem Gemälde. Und endlich erscheint das Zimmer, ein Möbel nach dem anderen.

Das Sesselchen beim Bett,

der Nachttisch,

das kleine Kruzifix aus Holz.

Es ist dasselbe Gefühl wie damals, als sie mit ihm im Zirkus waren und ein Zauberkünstler Gegenstände nach Belieben verschwinden und wieder auftauchen ließ. Er hat den Eindruck, dass das Licht sich im ganzen Zimmer verbreitet, wie Wasser aus einem Loch.

Da ist der Schrank,

der Spiegel neben dem Fenster,

und im Spiegel …

Jetzt spürt der Junge, wie ihm etwas Feuchtes über die Wangen rinnt. In dem Handbuch über Raubvögel hat er gelesen, dass Eulen drei Lider haben, die brauchen sie, um ihre beste Waffe zu schützen. Aber er hat nur zwei, und sie genügen nicht, um den Weinkrampf aufzuhalten, der ihn jetzt schüttelt.

Die erste Träne ist schon bis zum Mundwinkel geflossen. Er kann mit der Zunge das Salzige schmecken. Aber die zweite hat einen anderen Geschmack. Sie schmeckt nach Eisen, nach Graphit. Seine Arme zittern, den Bleistift hält er noch umklammert.

Er macht zwei Schritte zurück, bis er die Wand des Flurs im Rücken spürt.

Dann bricht er auf dem Boden zusammen.

Eine Stunde später fand der Vater ihn in dieser Position. Es war ein anstrengender Tag. Er hatte eine sehr komplizierte finanzielle Transaktion wagen müssen. Würde sie glücken, dann würden er und die anderen ein Vermögen machen. Aber er war nicht sicher, ob es gut ausginge. In den letzten Monaten war nichts mehr so gelaufen, wie es sollte, das Ansehen, das er sich in gewissen Kreisen erworben hatte, drohte zu verpuffen. Das Risiko war enorm, und er hatte den Einsatz erhöht. Er war erschöpft, fühlte sich bleischwer. Er hängte seine Jacke an den Haken im Eingang, dann ging er in Richtung Bad, um sich das Gesicht zu waschen.

Zuerst sah es nur aus wie ein Haufen Schmutzwäsche, den seine Frau dort in den Flur geworfen hatte. Er blieb in ein paar Metern Entfernung stehen und versuchte, klarer zu sehen. Es war, als würde sein Gehirn sich weigern, den Anblick zu benennen. Eine undefinierbare Masse aus Formen und Farben. Erst nach einem endlos langen Augenblick begriff er, dass diese reglose Marionette ohne Schuhe, die vergeblich auf die Wand starrte, die er vor kurzem hatte streichen lassen, sein Sohn war. Anstelle seiner Augen waren da zwei Löcher, und in den blutverschmierten Händen hielt er einen zerbrochenen Bleistift.

Mittwoch, 29. Juni 2016

Z
Je crois les étreindre encore

In jener Nacht Ende Juni, so sagte Vince Corso später aus, habe er geträumt, dass ein Schwarm Nachtfalter aus dem Portal der Basilika Santa Maria Maggiore strömte und die Straßen Roms heimsuchte. Ein unwichtiges Detail, aber es war das erste, was ihm einfiel, als er sämtliche Ereignisse jenes Tages nacheinander erzählen sollte. Er hätte damit beginnen müssen, dass die Diebe zwischen Mittag und zwei Uhr nachmittags in seine Wohnung eingedrungen waren, und dass die Tür auf den ersten Blick keine Spuren von Gewaltanwendung zeigte. Das Namensschild war an seinem Platz, die Tür nur angelehnt. Das Türschloss – eines von herkömmlicher Machart, das weder Signora Doliner noch die Vormieter je ersetzt hatten – war mit einem Multipick-Dietrich geöffnet worden, ein einfacher, lautloser Vorgang. In dem Mietshaus hielten sich um diese Zeit nur wenige Rentner und zwei Familien aus Bangladesch auf. Die Hausmeisterloge war geschlossen, das Treppenhaus menschenleer, alle Fenster lagen im Schatten der Mittagsruhe.

Das und nichts anderes hätte er sagen sollen: sich damit begnügen, das mutmaßliche Zeitfenster der strafbaren Handlung anzugeben, die Umstände darzulegen, unter denen er die Tat entdeckt hatte, den Zustand, in dem Unbekannte nach ihrem unerklärlichen Raubzug seine Wohnung hinterlassen hatten, präzise zu beschreiben. Doch statt sich strikt an die Tatsachen zu halten, sprach Corso von Träumen und Vorahnungen.

Für ihn hatte die Geschichte mit dem verstörenden Auftauchen dieser Myriade von Nachtfaltern eingesetzt, die seinen Schlaf empfindlich gestört hatte, bevor jemand ein paar Stunden später in seine Wohnung eingedrungen war, um sie zu verwüsten. Ihre Flügel waren aschgrau mit langen, messerförmigen Enden, und ihr Schlagen – das Schlagen Hunderter winziger, mit Zeichnungen geäderter, grauer Häute – hatte eine Welle aus Staub und Wind rings um den Schwarm aufgewirbelt. Sogar die Bäume am Ende der Via Merulana hatte sie erfasst, die Pflanzen auf den Fensterbrettern hatten sich gebogen, die Straßenlaternen entlang der Fußgängerwege waren erloschen.

Um der Genauigkeit willen hätte er hinzufügen müssen, dass die Stadt am Abend zuvor nach zwei Tagen drückender Hitze von einem tropischen Wolkenbruch verheert worden war: Die Fahrbahnen und Gehwege waren überschwemmt, Metrostationen, Unterführungen und Keller vollgelaufen, Bäume entwurzelt, Ampeln und die Straßenbeleuchtung lahmgelegt. Doch das hielt er für überflüssig, denn der Geruch des Regen hatte die Luft so intensiv erfüllt, dass er in die Träume vieler Menschen eingedrungen war. In seinem erschien der Asphalt noch nass und glänzend, das Licht schwach, wie auf manchen alten Schwarzweißfotos. In diesen verunstalteten Straßen hatte sich der Flug der Insekten ohne erkennbares Ziel fortgesetzt, hysterisch, aber als geschlossener Schwarm, und erst als auch der letzte Nachtfalter verschwunden war, hatte Corso endlich seine Schritte in den leeren Eingeweiden des Viertels widerhallen hören, aber es war ein hinkender Gang, der Gang eines Menschen, dem plötzlich etwas genommen war.

Beim Aufwachen hatte ihn die heftige Sehnsucht nach Feng wieder als physischer Schmerz erschüttert. Jede Einzelheit der letzten Nacht, in der sie bei ihm geschlafen hatte, bevor sie abreiste, hatte er tagelang immer wieder durchlebt: der Druck ihrer Hüften im rosigen Licht des Sonnenaufgangs, die Silhouette ihres Rückens, ihre Art zu küssen. Trotzdem hatte er sie dann gehen lassen.

Nichts von ihr war in dieser Wohnung geblieben. Kein Ring, kein Geschenk. Ihre Beziehung war von so kurzer Dauer, dass sie dafür keine Zeit gehabt hatten. Wenn er etwas, was ihnen gemeinsam gehörte, an dieses Museum in Zagreb hätte schicken wollen, wo unbedeutende Gegenstände und Spuren gesammelt werden, die ein Paar nach seiner Trennung zurückgelassen hat, hätte er nicht gewusst, was er schicken sollte. Wie viel Zeit war vergangen seit dem Sommer, als er dieses Museum besucht hatte? Er erinnerte sich nur, dass er bei der Gelegenheit ein neues Schreibheft eingeweiht hatte, das Notizbuch der abgebrochenen Beziehungen. Auf den ersten Seiten hatte er sorgfältig einige der Ausstellungsstücke in diesem seltsamen Ort vermerkt: die Beinprothese, die ein Kriegsveteran seiner Ex-Frau geschickt hatte; die Tischleraxt, mit der eine Frau aus Berlin die Möbel ihrer Wohnung in Stücke gehauen hatte; ein Brautkleid; ein Schiffsmodell; ein roter Slip; eine angeschlagene Tasse; ein Schlüssel. Dieses Museum war ein Tribut an die Ambivalenz jeder Erinnerung. Nein, es gab keine Spur von Feng in seiner Dachwohnung, kein vergessenes Kleid, kein Buch, kein Foto. Er hätte sie auch nie wiedersehen können, und nichts hätte ihren vorübergehenden Aufenthalt in seinem Leben bezeugt.

Er hatte sich mit fast tauben Gliedmaßen erhoben und überlegt, was er am Vorabend gegessen, wie sehr er sich den Mund und die Kehle mit Tabak vergiftet hatte. Doch sein Unwohlsein war anderer Art.

Einmal hatte seine Mutter ihn, er war noch klein, zu einer übergewichtigen, bizarren Dame gebracht, die die Zauberin genannt wurde und in der Nähe von Antibes wohnte. Sie hatten ein Zimmer betreten, in dem es nach Weihrauch roch. Mein Sohn erkrankt manchmal an Traurigkeit, hatte seine Mutter gesagt. Die Zauberin hatte seine Hände genommen, dann hatte sie ihn und seine Mutter angeschaut, den Mund zu einer mitleidigen Grimasse verzogen.

Er zündete das Gas unter der Espressokanne an. Doch weder ein doppelter Kaffee noch eine Schallplatte von Charles Trenet konnten seine Nervosität lindern. Er stellte sich unter die Dusche, dann lieferte er sich, zusammen mit Django, wieder dem Stadtviertel aus, in das es ihn verschlagen hatte und das er längst als eine Heimat und ein Versprechen empfand.

In der Hausmeisterloge ordnete Gabriel gerade die Post. Er öffnete die Fensterluke, um ihm einen Brief zu übergeben.

»Die Hausnummer ist falsch, aber jetzt wissen ja sogar die Boten wo du wohnst.«

Corso steckte ihn ungesehen ein und überflog die Schlagzeilen der Tageszeitung, die aufgeschlagen auf dem Tisch lag.

»Auch die Chinesen ziehen von hier weg«, sagte Gabriel mit seinem unverwechselbaren südamerikanischen Akzent.

Corso zog eins der letzten Päckchen Gitanes aus der Tasche, aber es war leer. Gabriel gab ihm ein bisschen Tabak und ein Zigarettenpapier. Bevor er ging, sagte er wie zur Warnung: »Der Brief da, der kommt aus einem Gefängnis.«

Die Eingangstür fiel mit einem Ruck zu, der ihn zusammenzucken ließ, Django schnüffelte an den Reifen eines Mofas, dann gingen sie langsam in Richtung Piazza Vittorio, mischten sich unter die vielen Passanten.

Das hier war ein Hafenviertel. Es hatte den typischen Geruch der Häfen, nach faulendem Obst, Bratküchen und orientalischen Gewürzen. Jeder Gehweg ein Marktstand: Hier verkaufte einer enorme Stoffbahnen, dort schnitt ein anderer Haare, wieder einer kämmte sie, manche spielten mit Würfeln auf der Straße, es war ein ständiges Kommen und Gehen samt Koffern und Stimmen. Ein Ort zum Ankern und zum Entladen, der sich am Morgen füllte und am frühen Nachmittag leerte. Viele standen untätig in merkwürdigen ethnischen Gewändern an der Straßenkreuzung, warteten, dass irgendein Kapitän ihnen eine Arbeit als Schiffsjunge oder Matrose auf dem nächsten Schiff anbot. Andere, in weißen Jacken mit orientalischem Schnitt, rauchten vor einem Kiosk, dann verschwanden sie in einer indischen oder chinesischen Spelunke oder tauchten in den Gängen der Metro unter. Den Neuankömmlingen wurden Legenden aufgetischt: Diese Stadt hätte sieben Könige gehabt, so viele wie ihre Hügel, und über dreihundert goldene Kuppeln, und abends würde sie mit bunten Lampen erleuchtet. Nur das Meer fehlte, sein salziger Vorbote hinter den Häusern, oder wenigstens das breite Delta eines Flusses, wenn nicht gar ein Ozean. Trotzdem ahnte man, dass ein ganz anderes Panorama in Reichweite war, man musste nur ein paar hundert Meter hinabgehen und die gewaltige weiße Zollstation des Bahnhofs durchqueren, um sich vor dem Horizont der Gleise und ihrem Netz aus Trossen, Stangen und Großmasten wiederzufinden. Dieses Viertel hätte Genua oder Lissabon oder Buenos Aires heißen können – mit seiner langen Reihe Landungsstege begrenzte Termini es wie eine Küste. Wie in den Häfen am Wasser war hier alles ein einziges Pulsieren zwischen dem, was abfährt, und dem, was zurückkehrt oder stillsteht; auch die Zeit staute sich, zusammen mit den Pfützen. Hierher kam man nicht, um zu entdecken, wer man geworden war, sondern wer man schon immer war.

Eine Frau mit einem Einkaufswagen ging um Geld bittend vor ihm vorbei, doch Corso hatte keine Münzen und entfernte sich, Entschuldigungen murmelnd. Er überquerte wieder die Straße und setzte sich auf eine Bank. Ohne Besatzung, allein war er hier angekommen, wie man an einer Anlegestelle oder an einer Bucht ankommt, und jetzt fühlte er sich müde, müde auch all dieser Einsamkeit. Doch dies war die Stadt des Vergessens, Leute frühstückten im Caffé del Portico, jemand holte Geld an einem Bankautomaten, das Neonschild der Apotheke blinkte.

Er bemerkte erst jetzt, dass er gegenüber dem Haus der alten Schwestern saß, die vor zwei Monaten niedergemetzelt worden waren. An die Hauswand hatte jemand mit weißer Farbe eine Ente gemalt, und auf der anderen Seite war das Graffiti eines Mädchens mit langen Wimpern. Alle Fenster des Hauses gingen auf den Park hinaus. Er betrachtete sie, während aus einem riesigen, quer geparkten Lastwagen eine automatische Leiter bis zum ersten Stock hinauffuhr. Es musste ein lang geplanter Umzug sein, doch das Auf und Ab der Möbel und Stühle auf einer mechanisch bewegten Plattform klang in seinen Ohren schaurig und endgültig wie die Räumung einer Wohnung, die ihre Besitzer verloren hat.

Wieder suchte er seine Taschen nach einer Zigarette ab, fand aber nur den Briefumschlag, den Gabriel ihm ausgehändigt hatte. Der Brief kam aus der Strafanstalt Regina Coeli, Via della Lungara 29. Er riss ihn mit den Zähnen an einer Ecke auf; der Umschlag enthielt einen handgeschriebenen Zettel.

Sehr geehrter Vince Corso, bitte entschuldigen Sie die Kürze dieser Nachricht, aber ich komme nicht gut zurecht mit dem Italienischen. Ich heiße Queequeg und habe meine Nachricht einer freiwilligen Sozialarbeiterin von L‘Aquilone überlassen, die mir geholfen hat, Ihnen zu schreiben, und die alle meine Fehler korrigiert hat. L‘Aquilone ist die Kooperative, die sich um unsere Freizeit kümmert, eines der wenigen Dinge, an denen es im Gefängnis ja nicht mangelt. Ich gestehe, dass ich mit Ihnen über viele und dringende Fragen sprechen muss. Fragen, die mit Büchern zu tun haben, aber nicht nur. Meine einzige Möglichkeit, dem Gefängnis zu entkommen, ist das Lesen, und vor kurzem habe ich von dem Beruf erfahren, dem sie nachgehen, und wie er in den Strafanstalten anderer Länder ausgeübt wird. Darum wollte ich Sie fragen, ob es möglich ist, dass wir uns in der kleinen Bibliothek meiner Abteilung treffen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie achtsam mit Ihrer Zeit umgehen. Kümmern Sie sich auch um sich, nicht nur um Ihre Patienten. Queequeg

Am unteren Rand des Zettels stand eine Telefonnummer. Corso faltete den Zettel zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Er wunderte sich. Wie hatte sein Name die Mauern eines Gefängnisses durchdringen können? Und dann diese Unterschrift … Was waren diese vielen und dringenden Fragen, über die der Unbekannte mit ihm sprechen wollte? Und was meinte er mit diesem Kümmern Sie sich auch um sich?

Ein Windstoß bewegte die Dattelpalmen und Granatapfelbäume im Park. Er hatte nicht die geringste Lust, einen Behandlungsraum in einem Gefängnis aufzumachen. Dieser Brief war eine Falle. Er steckte den Umschlag in die Hosentasche, löste die Hundeleine, und Django sprang auf, um sich an seinen Beinen zu reiben. Eine Gruppe indischer Frauen ging vorüber, musterte ihn neugierig. Hinter ihnen, unter den Arkaden, entfernte sich die magere, dunkle Gestalt eines Kommissars.

Y
Luttant quand même, suprême effort

Nachdem er lange am Zeitungsstand vor der Endstation der Züge nach Centocelle gestanden hatte, war er in seine Dachwohnung zurückgekehrt, dann hatte er ein paar Stunden damit verbracht, die letzten Kapitel eines japanischen Krimis zu lesen, in dem ein alter Detektiv, dessen Jacketts noch zerschlissener waren als die seinen, im Fahrplan der Züge den Beweis für ein Verbrechen erkannte. Als er den Roman beendet hatte, hatte ihn ein Hungergefühl überkommen. Also war er, und diesmal allein, zum Gourmet-Markt am Bahnhof Termini hinuntergegangen.

Er hätte nicht sagen können, wie lange er außer Haus gewesen war, er erinnerte sich nur, dass auf den Bildschirmen über ihm zwei Videos von Nirvana liefen, während er langsam an einem eiskalten Stout nippte. Eins war The man who sold the world. In dem anderen, das er noch nie gesehen hatte, starrte Kurt Cobain mit fahlem, geistesabwesendem Blick in die Kamera. Er hätte wohl besser eine letzte Platte als verstimmter Sänger aufnehmen sollen, anstatt sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen, hatte Corso gedacht und war mit diesem Solitär aus abstrusen Reuegefühlen nach Hause zurückgekehrt, doch seinem Abscheu hatte das nicht gutgetan. Bei den herrschenden Temperaturen schien der Asphalt sich aufzulösen und die Stadt, nach dem Regen am gestrigen Abend, zu verdunsten.

Vor seinem Haus angekommen, hatte er den Schlüssel umgedreht und die Eingangstür aufgedrückt.

Wie immer um diese Zeit war der Innenhof von Sonnenlicht überflutet, und er musste die Augen zukneifen. Er bemerkte kein besonderes Geräusch von den Fenstern der anderen Wohnungen, vielleicht nur Geschirrklappern, aber das konnte sowohl aus der Küche von Signora Manuela als auch von der Familie Malfenti kommen. Er öffnete die zweite Tür am Ende des Innenhofs und ging zum Aufzug, es war zu schwül, um zu Fuß hinaufzusteigen, und selbst die paar Stufen nach dem letzten Treppenabsatz kosteten ihn große Mühe.

Als er seine Wohnungstür angelehnt sah, dachte er an Gabriel, der eine Kopie des Schlüssels hatte. Schüchtern rief er ins Innere, dann stieß er die Tür auf. Der Fußboden war mit Büchern und zerbrochenen Schallplatten übersät, die Stühle umgeworfen, die Schubladen des Schreibtisches herausgezogen. Auch der Ventilator und die Sofakissen lagen auf dem Boden. Und ein Haufen ungeschriebener, zerrissener Postkarten.

Er ging einen Schritt vorwärts und hob das leere Cover eines alten Albums von Sylvie Vartan auf, dazu eine aus einem Buch herausgerissene Seite. Die Türen des Schranks auf dem Hängeboden standen offen, Häufchen von Unterwäsche lagen auf dem Bett.

Benommen blieb er stehen, betrachtete das unbegreifliche Chaos.

Kannten sie seine Uhrzeiten? Hatten sie ihn ausspioniert? Oder war das der Raubzug eines Diebs auf der Durchreise?

Er ging bis zur Mitte der Einzimmerwohnung. Der Ledersessel, auf dem seine Patienten Platz nahmen, stand mit dem Rücken zu ihm, und in dieser ungewöhnlichen Position inmitten des Raums kündete er weitere, noch furchterregendere Unsinnigkeiten an. Auch den Teppich hatten sie in die Mitte gezogen, doch an zwei Stellen bildete er eine Stolperfalle.

Django.

Wo war er?

Er rief ihn, ein, zwei, drei Mal, doch bevor er den Zipfel des Teppichs anhob, sah er eine graue Pfote hinter dem Sofa hervorschauen. Djangos Schnauze war voller Speichel, die Glieder steif, und der Bauch blähte sich immer wieder ruckartig auf. Als er ihm eine Hand unter den Hals schob, bewegte der Hund schwach den Schwanz. Einen Moment lang versuchte er, sich auf den Vorderbeinen aufzurichten, fiel aber sofort wieder um, und eine Art Niesen schüttelte seinen ganzen Leib. Corso hielt ihm den Kopf und stellte fest, dass er aus der Nase blutete. Er versuchte, das Blut mit einem Taschentuch zu stillen, doch große rote Flecken tränkten den Zellstoff, breiteten sich schnell aus. Corso zog sein Telefon aus der Hosentasche und rief Gabriel um Hilfe.

In den folgenden fünf Minuten drückte er unablässig Taschentücher auf Djangos Nase und streichelte ihm über die Brust. Außer dem Blut, das auf den Boden gespritzt war, gab es keine Flecken auf dem Parkett, und eine flüchtige Untersuchung ergab, dass der Hund keine Verletzungen an Bauch oder Kopf hatte. Wahrscheinlich hatte er etwas Giftiges verschluckt, denn in der Luft lag ein Geruch nach Gift, und in dem Fall blieb nur zu hoffen, dass es kein Strychnin war.

Gabriel bestätigte später, zu der Zeit, als Vince ihn anrief, sei im Fernsehen gemeldet worden, dass die Anzahl der Opfer des Attentats in dem türkischen Flughafen gestiegen war. Da habe er gerade sein Mittagessen beendet. Er habe seine Sandalen angezogen und sei sofort hinaufgegangen. Die Tür von Vinces Dachbodenwohnung sei offen gewesen. Er habe keine Erklärungen verlangt und auch keine Zeit damit verloren, sich umzublicken. Wenn der Hund vergiftet worden war, musste man ihm auf der Stelle Salzwasser zu trinken geben, damit er sich erbrach. Er ging zum Waschbecken, um ein Glas zu füllen, doch als er es ihm ins Maul gießen wollte, floss der größte Teil seitlich heraus auf den Fußboden. Sie hätten eine Spritze gebraucht, um ihm das Wasser in die Kehle zu spritzen, aber es gab keine Spritzen in der Wohnung, und Gabriel hatte den Eindruck, dass der Hund im nächsten Moment einen Krampfanfall bekommen würde. Also beschlossen sie, ihn zum nächsten Tierarzt zu bringen. Im Fahrstuhl lehnte Corso sich an eine Wand, Gabriel drückte den Knopf, die Stahlseile rollten von der Trommel, und der Spiegel hinter ihnen gab ein ungewöhnliche Bild wieder: ein Mann mit einem ohnmächtigen Hund auf dem Arm, der mühsam atmete, und ein anderer, der ihm Platz machte.

Im Hof trennten sie sich, Gabriel lief das Auto holen, Corso ging zum Ausgang. Kein Mieter zeigte sich am Fenster, niemand bemerkte sie. Vor der Eingangstür versperrten drei Scooter und ein schwergewichtiges Motorrad den Weg. Corso musste weiter vorne einen Durchschlupf suchen und besetzte die Fahrbahn mit ausgebreiteten Beinen, das Gewicht des Hundes auf den Armen. Kurz darauf kam Gabriel angefahren, er sprang aus dem Auto und riss die hintere Wagentür auf.

Viele Geschäfte hatten ihre Rollläden heruntergelassen. Die Wahrscheinlichkeit, mitten im Juni um zwei Uhr mittags eine geöffnete Tierarztpraxis zu finden, war gering, doch Gabriel fiel eine Spezialklinik in der Nähe der Basilika San Giovanni ein, in die er vor einem Monat seinen Dackel gebracht hatte. Auch während der Fahrt wechselten sie kein Wort, und schweigend stürzten sie wenige Minuten später in die Ambulanz.

Am Empfang telefonierte man sofort nach einem Arzt. Eine Ärztin mit roten Haaren erschien und half ihnen, Django im Raum gleich nebenan auf einen Untersuchungstisch zu legen. Sie holte ein Paar Einmalhandschuhe aus einem Metallschränkchen, kontrollierte rasch Djangos Pupillen und untersuchte Zunge und Zähne, indem sie sie mit einer weißlichen Substanz säuberte. Sodann versuchte sie beharrlich, ihn zum Erbrechen zu bringen, doch alles was er ausspuckte, war ein grünliches Gerinnsel aus Magensäften und Speichel zusammen mit ein paar Papierfetzen. Sie gab ihm eine Spritze in die Haut am Rücken, die sie mit zwei Fingern zusammenkniff. Mit einer anderen Spritze nahm sie ihm Blut ab und verließ kurz das Zimmer.

Die Wände waren vor nicht allzu langer Zeit weiß gestrichen worden, doch nicht nur das verlieh dem Raum ein aseptisches Aussehen. Neben dem Waschbecken standen aufgereiht auf einem langen Arbeitstisch chemische Produkte, Nahrungsmittel, physiologische Kochsalzlösungen, Sprühflaschen, Watte, Pflaster, Verbandmull. Während er mit der Hand über den Bauch des Hundes strich, seinen Kopf berührte und ihm die Ohren glättete, machte Corso eine alphabetisch geordnete Bestandsaufnahme sämtlicher Gegenstände in dem Raum: Fieberthermometer, Mikroskope, Mundsperreisen, Pinzetten, Scheren, Sonden, Sterilisatoren, Umschläge und Wundhaken. Auf einem Regal stand ein Ventilator, die Klimaanlage lief schon auf vollen Touren.

»Er wird jetzt eine Weile schlafen«, sagte die Ärztin, als sie wieder hereinkam.

Corso fragte, was sie sonst noch tun konnten.

Die Frau breitete die Arme aus.

»Wir müssen ihn hierbehalten und können nur hoffen, dass das Gift, das er geschluckt hat, nicht tödlich ist.«

Dann hatte ihn also jemand vergiftet?

»Kommen Sie mit mir und erklären Sie mir alles«.

Sie ließen Django allein, der auf dem Untersuchungstisch schlief, und gingen in ein kleineres Sprechzimmer.

»Hatte Ihr Hund bereits einmal eine Infektionskrankheit?«

»Soweit ich weiß, nein.«

»Ist er gegen etwas allergisch?«

»Das kann ich nicht mit Sicherheit sagen, ich glaube nicht, aber ich habe ihn erst seit wenigen Monaten.«

»Haben Sie ihn gekauft?«

»Er gehörte zwei älteren Leuten, meinen Nachbarn im Haus, sie sind umgezogen.«

»Dann wird er Papiere haben.«

»Da muss ich nachfragen.«

»Besteht bei ihm eine Lebensmittelunverträglichkeit?«

»Er hat immer mit gutem Appetit gefressen.«

»Wurde er schon einmal von einem anderen Hund gebissen?«

»Nein.«

»Irgendein anderes besonderes Kennzeichen?«

»Niemand hat ihn je bellen hören.«

»Auch kein Winseln oder Jaulen?«

»Niemals.«

»Ich kenne nur eine Hunderasse, die wirklich stumm ist, die Basenji, aber auch die stoßen von Zeit zu Zeit vereinzelte, leise Laute aus.«

»Meiner nicht, er ist tatsächlich stumm.«

Nachdem er diese ersten Fragen beantwortet hatte, ging Corso dazu über, ihr von der Rückkehr in seine Wohnung zu erzählen, dem verwüsteten Zimmer, Django hinter dem Sofa. Die Ärztin notierte sich jede Einzelheit und wollte wissen, ob er Essensreste in der Wohnung gefunden hätte. Corso hatte nur den Eindruck gehabt, dass ein merkwürdiger Geruch in der Luft lag.

»Ich nehme an, Sie werden Anzeige erstatten«, sagte die Ärztin und legte den Stift weg.

Corso nickte.

»Werde ich lange warten müssen?«

»Schwer zu sagen, einige Stunden, vielleicht sogar mehrere Tage.«

Er hätte gerne noch länger mit dieser Frau geredet, doch sie sagte, er und sein Freund möchten bitte im Wartezimmer Platz nehmen, dann übergab sie die Papiere, die sie ausgefüllt hatte, der Sekretärin und verschwand in dem Zimmer, wo sie Django zurückgelassen hatten. Gabriel bestand darauf, bei ihm zu bleiben, aber Corso wollte, dass er zurückfuhr, er erinnerte sich nicht einmal mehr, ob er seine Wohnungstür abgeschlossen hatte oder nicht.

X
Tous ces pantins que je vois, ce sont eux

Corso rührte sich den ganzen Nachmittag lang nicht aus dem Wartezimmer der Tierarztpraxis. Gerne hätte er Feng angerufen, um sie zu bitten, so schnell wie möglich zu ihm zu kommen. Aber Feng war seit fast einem Monat in China. Erst hatten sie geplant, gemeinsam zu fahren, doch Corso hatte im letzten Moment einen Rückzieher gemacht. Er wollte nicht wieder die gleichen Fehler begehen wie bei Serena und hatte sich in ein peinliches Knäul aus Entschuldigungen und Zaudern verwickelt, aus dem er sich nicht einmal dann befreien konnte, als Feng ihm vorgeschlagen hatte, woanders hinzufahren, er solle sagen, wohin. Seit drei Wochen hatten sie weder schriftlich noch telefonisch voneinander gehört.

Das Plakat an der Wand zeigte die häufigsten Hunderassen, vom deutschen Schäferhund über den Labrador bis zum Jack Russell, mit Ausnahme des Weimaraners, und auch das erschien ihm als ein böses Omen. In einer Ecke erkannte er nur die schwarze, etwas plumpe Silhouette des Cane Corso.

Wer mochte ein Interesse daran gehabt haben, in seine Wohnung einzudringen? Was wollten sie? Und – wäre er früher zurückgekommen, wäre er ihnen dann im Treppenhaus begegnet?

Instinktiv suchte er nach seinen Zigaretten, aber er hatte sie zuhause gelassen. Diese Entdeckung löste ein Gefühl der Panik aus, wie er es noch nie in seinem Leben verspürt hatte. Sogar als seine Mutter gestorben war, war er ungerührt sitzengeblieben, wie angesichts eines beliebigen Ereignisses. Erst beim Verlassen des Krankenhauses hatte ihn am Fuß der Treppe ein Weinkrampf überfallen, er hatte sich an eine Wand lehnen und sein Gesicht mit den Händen bedecken müssen, um vor den Leuten, die hinaufgingen, nicht wie ein Kind zu schluchzen. Es hatte jedoch nur wenige Sekunden gedauert, kaum war er draußen, hatte er seine gewohnte Selbstbeherrschung zurückgewonnen. Jetzt aber wurde er von Kälteschauern und Herzrasen geschüttelt und verspürte wahnsinnige Lust zu rauchen. Das Bild von Django auf dem Boden mit dem Blut, das ihm aus der Nase rann, ging ihm nicht aus dem Kopf.

Er griff nach einer Zeitschrift auf der Bank an der Wand. Es war eines dieser Magazine über Haustiere mit langen Fotoreportagen, in denen die Sommerferien gefeiert und die besten haustierfreundlichen Hotels Italiens vorgestellt werden. Hastig blätterte er es durch, ohne Interesse. Dann bemerkte er eine zwei Tage alte Ausgabe des Messaggero, die auf einem Stuhl liegengeblieben war. Es bereitete ihm immer großes Vergnügen, die Nachrichten zu überfliegen, wenn sie für andere schon alt oder überholt waren; ihm schien das eine Art Protest: Das Leben hat kein Ablaufdatum. Gabriel legte ihm oft die Morgenzeitungen oder die vom Vortag ans Fenster der Hausmeisterloge, und Corso nahm sie mit aufs Dach. Nach dem Abendessen suchte er sich eine alte Platte aus, legte sich aufs Sofa und schlug die bereits veralteten Zeitungen auf. Er las allerdings nur die Nachrufe, die Kino- und Theaterseiten und die Sportnachrichten. Bei den Horoskopen verdoppelte sich das Vergnügen, denn es war, als betrachtete man ein Kreuzworträtsel, dessen Lösungen man schon kannte. Doch jetzt war er nicht in seiner Wohnung, und Django lag nicht schwanzwedelnd zu seinen Füßen. Die Ausgabe, die er in Händen hielt, beschäftigte sich vor allem mit den riskanten Auswirkungen des Brexit in Spanien, die abgewendet werden konnten, und mit Fußball: Conte bereitete Italien auf die nächste Runde der Europameisterschaft vor. Für das Sternzeichen Stier würde es wegen der bevorstehenden Nähe des Mondes zur Erde eine Woche mit einem Knaller werden.

Er blätterte um. Nachrichten aus Rom.

Alle Teilnehmer der Beerdigung, die vor einigen Monaten in der Kirche Santa Bibiana stattgefunden hatte, waren von der Anklage der Verherrlichung des Faschismus freigesprochen worden. Eine Wache hatte dem Bankier Giovanni Antonio De Stefani, der tot am Rand der Via Appia aufgefunden worden war, mit Fahnen und römischem Gruß die letzte Ehre erwiesen, während sie den Sarg vom Wasserturm bis zur Eisenbahnunterführung eskortierte. Der Rest des Lokalteils war einem anderen kriminellen Vorfall gewidmet, der sich an der Küste abgespielt hatte.

»AUSLÄNDER AN DER STRANDPROMENADE VON TARQUINIA ERSCHOSSEN«

Das Verbrechen hatte sich am frühen Sonntagnachmittag ereignet, und die Schilderungen der Gluthitze an jenem Tag überschlugen sich förmlich vor Emphase. Das leuchtende Rot der Sonne bedeckte den Horizont, das Licht fiel auf den Sand wie ein Säbelhieb, und manchmal glitzerten ein Glassplitter oder eine Muschel am Meeressaum. In diesem blendenden Licht, schrieben die Zeitungen, war vor dem Strand von Tarquinia die Leiche eines dreißig bis vierzig Jahre alten Mannes nordafrikanischer Abstammung gefunden worden. Er hatte fünf Schusswunden und lag mit dem Gesicht nach unten im Sand. Unter seinem Oberkörper strömte Blut hervor wie aus einem Flaschenbauch mit Loch. Das Geräusch der Schüsse war über viele hundert Meter entlang der Küste zu hören gewesen, und alle Zeugenaussagen stimmten darin überein, dass man erst einen, dann nach wenigen Sekunden weitere vier Schüsse gehört hatte. Die Badegäste nah am Tatort hatten, im Wasser stehend, mit Blicken die Küste abgesucht, um zu verstehen, von wo die Schüsse abgefeuert wurden. Ein altes Ehepaar hatte schließlich die Leiche entdeckt und Alarm geschlagen. Auf ihrem Spaziergang am Ufer der kleinen Sandbucht war ihnen ein dunkler Umriss von etwas am Boden Liegendem aufgefallen. Niemand war in der Nähe. Der Killer konnte sich ins Landesinnere geflüchtet, das heißt sich im Gebüsch hinter dem Strand versteckt haben, vielleicht war er sogar ins Meer gesprungen und hatte sich mit wenigen Schwimmstößen vom Tatort entfernt. Die alte Dame war verängstigt und hatte ihren Mann zurückhalten wollen, doch der, ein pensionierter Hauptmann der Carabinieri, hatte Erfahrungen mit dergleichen Vorkommnissen. Es genügte ihm, den Puls des Unglücklichen zu fühlen. Die Untersuchungen sollten später bestätigen, dass der erste Schuss die rechte Herzkammer getroffen hatte, die anderen vier Kugeln, deren Eintrittslöcher der Hauptmann auf dem nackten Rücken des Mannes sah, waren nur ein sinnloses Wüten gegen einen hilflosen Körper gewesen. Unweit des Toten hatte die Polizei auf dem rotgetränkten Sand einen kleinen Rucksack auf einem bunten Badetuch mit dem Gesicht von Bob Marley und der Aufschrift Africa United gefunden. Den ersten, aus der polizeilichen Ermittlungsarbeit durchgesickerten Informationen zufolge, war die wahrscheinlichste Spur eine Abrechnung zwischen einzelnen Gruppen, die den Drogenhandel an der Küste von Ostia bis Tarquinia kontrollierten. Würde sich das bestätigen, dann wäre es der Beweis, dass zwischen den arabischen Handlangern des internationalen Drogenhandels, der nigerianischen Mafia und den lokalen Mafiaclans ein Krieg im Gange war. Einige Artikel betonten, wie gefährlich dieser Abschnitt der tyrrhenischen Küste war, da die Ausländer sich organisierten und die Einwanderung aus Marokko und Tunesien für zahlreiche Nachwuchskräfte sorgte. Nur wenige Kommentatoren vermuteten ein anderes Motiv und sahen einen Zusammenhang zwischen der Tat und den zunehmenden Vorfällen von Rassismus in Touristenorten, ein Phänomen, das in den vergangenen Wochen großes Thema in den nationalen Tageszeitungen gewesen war.

Corso faltete die Zeitung zusammen. Am vergangenen Sonntag hatte er sich Gabriels Auto geliehen, und nach dem Mittagessen war er genau an diesem Küstenabschnitt mit Django spazieren gegangen. Aber er hatte nichts bemerkt. Er musste aufstehen, konnte nicht länger stillsitzen. Er versuchte, zwischen dem Fenster und dem engen Flur zum Eingang hin und her zu gehen. Die Sekretärin hob die Augen von einem Papier und streifte ihn mit einem raschen, aber nicht zerstreuten Blick. Wusste sie etwas, was ihm verschwiegen wurde? Es war sicher nicht leicht für sie, jeden Tag mit kranken Tieren zu tun zu haben, Dutzende Anrufe entgegenzunehmen und im Computer all die Hilferufe festzuhalten, die von der Klinik abgewiesen werden mussten. Corso erschien das als eine Last, die sogar schwerer zu ertragen war als die der Tierärzte, und er verspürte eine überraschende Verbundenheit mit der jungen Frau. Er wusste, dass Register diejenigen, die sie erstellen müssen, nie unversehrt lassen. Wer weiß, was die Frau nachts träumte, von welchen Karteikarten sie verfolgt wurde. Auch schien ihm, dass sie einen versehrten Arm hatte, den linken.

Er kehrte zurück und setzte sich wieder, es gab nichts anderes zu tun. Wie viel Zeit würde vergehen, bevor er eine Antwort bekäme? Hätte er beten können, wäre jetzt der richtige Moment gewesen, doch er erinnerte sich nicht einmal an den Wortlaut des Ave Maria oder des Vaterunser. Wieder stand er auf und fragte die Sekretärin, ob er die Toilette benutzen dürfe. Seine Hemdsärmel waren noch blutbefleckt, etwas Blut war auf die Hose und die Arme gespritzt. Die Frau sah ihn schweigend an, bevor sie sagte: »Die Toilette ist rechts«.

Was er in den folgenden Stunden tat und worüber er nachdachte, wusste Corso nicht mehr. Er konnte nur bestätigen, dass er die ganze Zeit dort gewartet hatte. Gegen halb fünf nachmittags war ein Mann hereingekommen, dessen unförmiger Bauch aus dem Hemd quoll. Er hatte einen Beagle bei sich, der Corso unablässig anbellte, bis sein Herrchen ihn mit einem Tritt gegen die Hüfte zum Schweigen brachte und das Tier winselte wie ein verletztes Eichhörnchen. Später hatte sich eine Frau mit starkem toskanischem Akzent ihm gegenüber hingesetzt, die einen Chihuahua in der Tasche trug, und danach ein Mann, dessen Schnurrbart ebenso aschgrau war wie das Fell seines Siberian Husky.

Als das Wartezimmer sich wieder geleert hatte, hatte Corso als letzten Besucher einen Blinden ankommen sehen. Er bewegte einen Klappstock, eine Hälfte rot, die andere weiß; ein schwarzer Labrador führte ihn. Der Hund war auf Corso zugekommen und hatte seine Hosen beschnüffelt, während sein Herrchen einen Platz suchte. Als er saß, hatte der Blinde den Kopf an die Wand gelehnt und sich dann, fast zerstreut, die Brille abgenommen, um sich die Stirn abzuwischen. Corso hatte den Eindruck, dass in der grauen Iris seiner Augen auch die Pupillen fehlten, doch er konnte das nicht überprüfen, weil der Blinde sie sofort wieder hinter den Brillengläsern versteckte. Dann zog er ein Buch mit einem weißen, glänzenden Umschlag aus seiner Jackentasche und begann, mit den Fingern darin zu lesen.

Kurz darauf trat die Ärztin mit den roten Haaren auf den Flur hinaus, endlich. Corso ging auf sie zu, ohne seine Besorgnis zu zügeln, doch sie musste ihn bremsen. Auch wenn er die Nacht überstehen würde, könne man keine Prognose wagen: Ihr Hund kämpft jetzt zwischen Leben und Tod, sagte sie, genau so, zwischen Leben und Tod, der Ausgang hinge allein davon ab, wie er auf die Behandlung reagiere und wie tief das Gift in ihn eingedrungen sei. Vorerst habe sie ihn sediert und in ein künstliches Koma versetzt, doch sie wisse nicht, wie lange sich dieser Zustand aufrechterhalten ließe.

»Ich habe alles getan, was möglich ist, glauben Sie mir, gehen Sie und ruhen Sie sich aus.«

Corso bat darum, ihn einen Moment lang sehen zu dürfen. Wortlos führte die Ärztin ihn zum letzten Zimmer auf dem Flur.

Django lag auf dem Boden, abgeschirmt, zwischen Plastikwänden, ein Infusionsschlauch war mit einem blauen Pflaster an seinem Hinterlauf, ein anderer am Vorderlauf befestigt. Aus dem Infusionsbeutel floss eine durchsichtige Flüssigkeit im konstanten Rhythmus von einem Tropfen alle drei, vier Sekunden. Von Zeit zu Zeit durchzuckte ein Zittern Djangos Körper, was auch nachts häufig geschah, wenn er schlief, und die Maske des Beatmungsgeräts beschlug bei jedem Atemzug.

Als Corso ins Wartezimmer zurückkehrte, war niemand mehr da, nur ein weißes Buch lag auf dem Stuhl neben seinem. Der Titel war in Brailleschrift auf das Cover geprägt.

»Er ist soeben gegangen«, sagte die Sekretärin, während auch sie sich anschickte, die Klinik zu verlassen. »Wenn Sie sich beeilen, holen Sie ihn bestimmt noch ein.«

Corso nahm das Buch an sich und ging hinaus. Draußen hielt eine endlos lange sommerliche Abenddämmerung die Stadt noch immer umhüllt, doch die Hitze schien sich abgeschwächt zu haben, man spürte den Hauch eines leichten Seewinds von Westen.

W
Je vois qu’passer du brouillard sur mes yeux

Er hatte sie gerade noch um die Ecke biegen sehen, doch als er bei der Ampel ankam, waren sie verschwunden. Unter den Passanten, die auf der Allee Richtung Bahnhof unterwegs waren, keine Spur von einem Blinden und seinem Hund. Er schritt schneller aus und folgte wieder den Straßenbahngleisen in der Via Carlo Felice. Zweimal meinte er, sie hundert Meter vor sich zu erspähen, doch beide Male verlor er sie wieder. Unter einer Treppe kamen die Klänge eines Xylophons und eines Schlagzeugs hervor, zwei ungewöhnliche Instrumente für einen Sommerabend wie diesen.

Als er auf der Piazza Vittorio ankam, war es, als hätten die Straßen sich mit Blinden gefüllt: eine Frau mit grauen, im Nacken zusammengebundenen Haaren und einem Metallschild um den Hals verkaufte getrocknete Blumen; ein anderer klopfte in regelmäßigen Abständen mit dem beschlagenen Knauf seines Stocks gegen die Mauern der Arkaden; ein Dritter mit einer Ledertasche vor der Brust stand im Eingang der Apotheke. Der Mann, den er verfolgte, saß an einem Tischchen des Kiosks auf der anderen Straßenseite, der schwarze Hund kauerte zu seinen Füßen. Corso schien, als lächelte er.

Er wartete nicht, bis die Ampel auf Grün umsprang und stürzte sich zwischen die rasselnden Straßenbahnen und die wenigen Autos. Doch jeder Schritt ohne Django war ein hinkender Schritt, das erfasste er jetzt voll und ganz. In den letzten Monaten hatte dieses Tier ihm als Kompass und Anker gedient und ihn am Boden gehalten, nicht die Arbeit, die er sich ausgedacht hatte, und auch seine gelegentlichen Liebschaften nicht, die ein paar kurze, leuchtende Nachmittage lang seine Einsamkeit gelindert hatten. Wenn Django die Nacht nicht überlebte, würde er von nun an mit diesem Schritt durch die Welt gehen müssen.

In dem Moment hupte einen Meter neben ihm ein wütender Autofahrer, weil Corso mitten auf der Kreuzung stehengeblieben war, unschlüssig, ob er weitergehen und umkehren sollte. Hätte der Mann ihn höflich darum gebeten, Corso hätte ihm Platz gemacht und sich entschuldigt. Doch der Mann hatte wie ein Irrer auf seine Hupe eingeschlagen, und wer weiß, was noch passiert wäre, wenn seine Frau ihm nicht gesagt hätte, er solle nachgeben, sah er denn nicht, dass er den König der Idioten vor sich hatte? Das Auto schaltete in einen hektischen Rückwärtsgang, umfuhr das Hindernis mit ein paar Manövern und raste unter Beschimpfungen davon. Erst als der Wagen am Ende der Straße verschwand, kam Corso wieder zu sich und beschloss, endlich die Straße zu überqueren.

Er ging an der langen Gitterschranke an der Straßenbahnhaltestelle entlang, doch als er beim Kiosk ankam, waren alle Tischchen leer. Er drehte sich um. Auch die Bettlerin mit den Blumen war verschwunden, die anderen Blinden in den Arkaden waren ebenfalls nicht mehr zu sehen. Er legte das Buch auf einen Tisch in seiner Nähe und ließ sich auf einen Metallstuhl fallen, von einer Art Seekrankheit überwältigt.

Das Erste, was bei ihm ankam, war das Kreischen der Räder. Dann die Schreie zweier Frauen auf dem Gehweg und schließlich die Schreie der Menschen in der Straßenbahn 19: ein Mann war auf den Gleisen ausgerutscht und gestürzt. Vielleicht war es ein aufblitzender Strahl der untergehenden Sonne in einem Fenster, vielleicht ein Steinchen unter dem Schuh, vielleicht das Öl, das eine vom Markt kommende Frau vergossen hatte. Die Frau am Steuer der Straßenbahn hatte entsetzt die Bremse gezogen und der Wagen hatte etwas wie das Trompeten eines Elefanten von sich gegeben, doch die Tram war bereits in die Kurve gefahren und rollte nun dank des Trägheitsmoments weiter. Einige Passagiere waren hingefallen, andere hatten sich mit aller Kraft an die Eisenstangen geklammert, einer hatte sich die Tasche vors Gesicht gehalten, war aber hart gegen das Fenster geprallt. Ein Knall, wie etwas, was zerplatzt. Glassplitter, die der Fahrerin entgegen spritzen, andere, die nach draußen auf die Gleise fliegen, die Straßenbahn, die abrupt zum Stehen kommt. Als der Lärm des Unfalls einer eisigen Stille wich, rollte auf den dunklen Pflastersteinen Roms eine rote, unförmige Kugel über die leichte Neigung an dieser Stelle der Straße. Corso sprang auf, wollte instinktiv zum Unfallort eilen … Mit Grauen sah er, dass der abgetrennte Kopf eines Passanten langsam auf ihn zu rutschte. Ekel lähmte seine Glieder und verschleierte ihm den Blick.

Wenige Minuten später war der Platz voller Krankenwagen und Streifenwagen der Polizei. Viele Frauen hatten einen Schock erlitten und wurden weggebracht, die von den Glassplittern verletzte Straßenbahnfahrerin erhielt erste Hilfe. Es ist nicht meine Schuld, sagte sie unaufhörlich, es ist nicht meine Schuld. Der Leichnam des Opfers wurde mit einem glänzenden Tuch bedeckt, doch man konnte ihn erst fortschaffen, als alle Untersuchungen, die ein solcher Fall erforderte, abgeschlossen waren.

In der Via Carlo Felice und den anderen Verkehrsadern des Viertels bildete sich eine Schlange aus Autos, Touristenbussen und Straßenbahnen, die eine hinter der anderen stillstanden wie eine geordnete Reihe Ameisen, während unter den Arkaden die Schar der Neugierigen stetig wuchs. Es dauerte über eine Stunde, bis der Platz wieder geräumt war. Einige chinesische Barbetreiber, die an der Ecke arbeiteten, kümmerten sich darum, die Blutlache, die sich noch immer auf den Gleisen ausbreitete, mit Sägemehl zu bestreuen.

Corso beobachtete das traurige Durcheinander. Seine Augen konnten sich nicht von der runden Masse am Boden lösen, die mitleidige Hände mit einem Laken vor der morbiden Neugier der Menschen geschützt hatten. Das hätte ihm selbst passieren können. Wenn er noch später dran gewesen wäre, wenn er nicht diesem Blinden gefolgt wäre, wenn er es geschafft hätte, ihm das Buch wiederzugeben, das er noch immer bei sich trug … Ein Polizist, der die Aussagen der Augenzeugen aufnahm, kam, um ihm einige Fragen zu stellen. Der Tote war noch keine vierzig Jahre alt, und dem Anschein nach ein holländischer Tourist.

Er brauchte eine weitere halbe Stunde, bevor er Kraft genug hatte, um den Nachhauseweg anzutreten. Die Tür seiner Dachwohnung ließ sich mühelos öffnen, aber die Unordnung traf ihn wie ein Schlag ins Gesicht. Er wusste, in welchem Zustand er die Wohnung verlassen hatte, und war dennoch überrascht, als hätte sich das Chaos inzwischen noch vergrößert. Recht bedacht, schien es unmöglich, dass sie alles derart durcheinandergebracht hatten und das innerhalb so kurzer Zeit. Außer den Hängeschränken in der Küche und dem Waschbecken war nichts mehr an seinem Platz, selbst der Kühlschrank war von der Wand abgerückt worden.

Er schob die Bücher mit den Füßen beiseite und kniete nieder, um sie zu kleinen Stapeln aufzuhäufen. Die zerbrochenen Platten fegte er weg. Léo Ferré, Cheb Bami, Charles Aznavour, Juliette Gréco, Georges Moustaki … Er zerrte den Lederstuhl dorthin, wo er immer gestanden hatte, hob die Schreibtischschubladen vom Boden auf und sammelte die herausgerissenen Buchseiten und andere, auf dem Parkett verstreute Papiere ein. Zuletzt stieg er auf den Hängeboden und legte alle aufs Bett geworfenen Kleidungsstücke zusammen. Nachdem er sie wieder im Schrank verstaut hatte, öffnete er in der Küche die Kaffeedose auf dem Fensterbrett, füllte die Espressokanne und stellte sie auf den Herd.

In dieser Nacht zündete Corso sich eine der Gitanes aus seinem Vorrat an, nach der er sich den ganzen Tag lang gesehnt hatte und begann, einen Brief an seinen Vater zu schreiben. Auch dies war im Grunde eine abgebrochene Beziehung ja, die Mutter aller Beziehungen, die er in seinem Leben abgebrochen hatte. Er setzte sich in die Mitte des Zimmers, das monatelang sein Refugium gewesen war, wie in die Mitte eines geschändeten Hauptquartiers und schlug ein Notizbuch mit rotem Einband auf, das wer weiß woher aufgetaucht war. Solche Notizbücher besaß er zu Dutzenden, zwischen den Büchern verstreut, denn er war überzeugt, dass der Moment kommen würde, da er sie brauchte. Wenn er sich recht erinnerte, hatte er dieses auf einer Reise durch Nordspanien gekauft. Er glättete den Falz mit einem Finger, leckte an der gerundeten Ecke der Seiten und begann:

Lieber Vater,

bis jetzt habe ich dir nur Ansichtskarten geschrieben, jahrelang, jeden Tag, an die Adresse des Hotels, wo du mich gezeugt hast, die einzige Verbundenheit, die das Leben uns gewährt hat, unsere vereinbarte, schicksalhafte Adresse. Eine Unzahl fragmentarischer Sätze, nichts als das, denn du und ich, wir haben keine gemeinsamen Erinnerungen, also auch nicht Liebe noch Hass, keine Anhäufung von Vorwürfen und Ressentiments, keine Anschuldigung, kein Tadel, diese stillschweigende Verschwörung der Spiegel, wie sie immer zwischen einem Vater und einem Sohn herrscht und sich manchmal in einen tödlichen Kampf verwandelt, manchmal in die verheerendste Zuneigung zu dem, der uns vorausgeht oder uns folgt, das hängt von der Rolle ab, die uns bei dieser unvermeidlichen, und ja, geradezu klassischen Komödie zugewiesen wurde.

Die Worte ergaben sich von selbst, ohne dass er sie suchen musste, ja ein paar Sätze erwiesen sich als überflüssig, waren folglich zu streichen.

Heute Abend will ich dir aber einen abschließenden Brief schreiben. Einen unmöglichen Brief an einen inexistenten Adressaten. Du hast mich vom »Spiegeln« befreit und vom Wettkampf, mithin sowohl von der Rivalität als auch vom Nacheifern. Dennoch bist auch du, wie K. an einen sehr viel dominanteren Vater schrieb, für mich das Maß aller Dinge gewesen. Dein Sohn zu sein, bedeutet, ein Sohn der Abwesenheit zu sein, aufgrund von Genetik und Schicksal einer Familie von Gespenstern anzugehören, Blutsbande mit den Schatten geschlossen zu haben.

Er hob den Stift vom Blatt. Ging einen Lappen mit Wasser tränken und fuhr damit über die Stelle, wo er Django gefunden hatte. Das Blut aus seiner Nase war auf dem Parkett zu kleinen dunklen Flecken geronnen. Sie wirkten wie eine natürliche Verfärbung des Holzes, doch er brauchte nur kräftig zu reiben, um sie zu entfernen. Er wrang den Lappen mehrmals aus, und das Wasser im Eimer wurde erst trübe, dann dunkel. Als er ihn im Bad ausgoss, spürte er, wie ihn die ganze Müdigkeit der letzten Stunden überfiel. Die restlichen Dinge würde er morgen aufräumen.

Zurück am Schreibtisch, klappte er das Notizbuch zu und ließ es auf dem Tisch liegen, auch den Brief verschob er auf einen späteren Zeitpunkt. Er zog sein schmutziges Hemd aus und warf sich aufs Bett, breitete die Arme aus und öffnete die Handflächen zur Decke. Gijón, dieses Notizbuch hatte er in Gijón in Asturien gekauft. Er war dort hingefahren, weil er eine Skulptur an der Küste vor dem Ozean sehen wollte. Das waren seine Obsessionen aus früheren Zeiten: die Grenzen der Welt sehen, sie fotografieren, daraus eine Karte zusammenstellen. Bis jetzt hatte er nur die näheren Grenzen besucht und alle in einem Notizbuch verzeichnet, das er Stationen genannt hatte. Das Tor zu Europa in Lampedusa, die Klippen von Cabo da Roca, das »Lob des Horizonts« in Gijón. Dieser Name hatte ihn fasziniert, seit er ihn kannte. Es war eine der nördlichsten Grenzen der iberischen Halbinsel, also von Kontinentaleuropa, eine Grenze des Festlands, obwohl diese Bezeichnung eigentlich dumm ist, dachte er, denn auch Inseln sind Festland. Er war dort angekommen, nachdem er einen grünen Hügel hinaufgestiegen war, den Cerro de Santa Catalina, auf dessen Gipfel sich dieses Monument aus Stahlbeton abzeichnete, ein offener Ring wie ein Magnet oder ein Hufeisen, gestützt von zwei enormen Pfeilern am Rand eines Kaps.

Emiliano, sein Buchhändlerfreund, behauptete, der Horizont gehöre inzwischen einer vergangenen Menschheitsepoche an, als er noch eine magnetische Verlockung oder ein Glücksversprechen war. Als man auf Sicht und mit den Sternen segelte. Doch für den Brief, den zu schreiben er nie den Mut gehabt hatte, konnte es kein geeigneteres Heft geben. Er wollte einschlafen und träumen, dass er zu den Azoren oder zum Ural oder nach Island aufbrach, doch erst schob er das Mobiltelefon auf dem Nachttisch näher zu sich. Nachdem er den Versuch gemacht hatte, einige Wochen lang ohne auszukommen, hatte er vor kurzem wieder eines gekauft, ein einfaches Modell mit wenigen Funktionen. Er hoffte, es würde in dieser Nacht nicht läuten, denn danach hätte er das Geräusch für alle Zeiten gehasst und hätte das Telefon loswerden müssen, diesmal für immer, den Koffer packen, alles zurücklassen und wirklich zum Nordkap oder an irgendeinen anderen abgelegenen Ort auf dem Planeten Erde aufbrechen.

Wieder verfluchte er sich, weil er sich nicht an den Wortlaut des kleinsten Gebets erinnerte. Er stieß das Laken mit den Füßen von sich, die Hitze in dieser Dachwohnung war unerträglich. Das Dach schien Wärme auszustrahlen, und kein Lufthauch drang durch die Fenster. Er stand auf, von einer Unruhe gepackt, gegen die es kein Mittel gab, und beschloss, nach draußen zu gehen.

V
Dans le jour blême sont effacés

Die Bierbar Marconi war voller Touristen. In der einen Ecke eine Gruppe Spanier, die dröhnend lachten, während an den Tischen in der Mitte einige junge Leute, vielleicht Studenten einer amerikanischen Akademie, nicht weniger lautstark diskutierten. Corso setzte sich auf einen der wenigen freien Hocker und versuchte, den vertrauten Klang mancher Worte zu erraten.

An der Theke zwei Frauen, dem Anschein nach Französinnen, die miteinander flüsterten, ihre Lippen streiften abwechselnd das Ohr der anderen. Um sie herum reckten sich Dutzende geröteter Arme, die sich die Gläser von den zwei Barkeepern bis zum Rand füllen lassen wollten, auch sie Fremde.

In diesem Babel hatte Corso sich sofort wohlgefühlt. Es lag nur wenige Schritte von der Via Merulana entfernt, im seitlichen Schatten der Basilika, und hier kannte ihn niemand. Er hatte ein Pils vom Fass bestellt und trank es in kleinen Schlucken. Dann hatte er eine Unterhaltung mit einem Mädchen angefangen. Sie waren höchstwahrscheinlich die einzigen Italiener im Lokal. Corso hätte nicht sagen können, wer von ihnen zuerst gesprochen hatte, er erinnerte sich nur noch, dass sie ihn gefragt hatte, ob er der Mann war, der die Leute mit Büchern behandelte. Nicht im Traum hätte er sich vorgestellt, diese Frage hier drinnen zu hören.

»Woher weißt du das?«

»Du bist einer, den man bemerkt.«

Der besondere rosa Farbton ihrer Bluse mit weit geschnittenen Ärmeln färbte ihre Art zu lächeln mit Schüchternheit.

»Ich bin Elsa.«

Corso reichte ihr die Hand.

Bei der zweiten Runde Bier war sie schon in Stimmung für Geständnisse, was ihm sonst nur mit Marta, seiner besten Freundin, hätte passieren können, wenn er die Kraft gehabt hätte, sie anzurufen. Jedes Ereignis dieses Tages schien eingehüllt in eine irreale Aura. Doch Elsa überraschte ihn abermals.

»Ich habe ein Problem, obwohl du die am wenigsten geeignete Person bist, der ich es anvertrauen könnte.«

Wieder nahm sie einen tiefen Schluck Bier, in aller Ruhe. Jetzt gab es eine schwebende Intimität zwischen ihnen, die sie von ihrem Umfeld isolierte.

»Ich glaube nicht mehr an die Worte.«

Wieder lächelte sie und senkte den Blick auf die hölzerne Theke. Um das Gewicht dessen, was sie eben gesagt hatte, zu mildern, fügte sie hinzu: »Ist es sehr schlimm, Dottore?«

Corso sah sich gezwungen, sich abzuwenden; dieses plötzliche Bekenntnis ließ für nichts mehr Raum. Während er die Gläser und Flaschen vor sich beobachtete, die Arbeit der Barkeeper, die Warteschlange an der Kasse, die Tür, die ständig auf und zuging, dachte er an all die Wörter, die er in den letzten Jahren in seine Hefte geschrieben hatte, an die Wörter, mit denen Bücher anfingen, an die, mit denen sie endeten, und an all die anderen, die den Anfang der Geschichten der Menschen und die, die ihr Ende bildeten, die ihn aber enttäuscht hatten, Tag für Tag, wie sie vielleicht auch diese Frau enttäuscht hatten, die an einem Sommerabend an derselben Theke einer Bierbar gesessen hatte. Mit welchen übriggebliebenen Wörtern hätte er ihr den Kummer beschreiben können, den er wegen Django empfand? Und das Gefühl der Verstörung und Bedrohung, in das er abgestürzt war, und das ihn dazu gebracht hatte, sich vom Bett loszureißen und ins nächstgelegene Lokal zu laufen? Er dachte an die trockene Kehle, die die Welt jetzt ihretwegen hatte. Er fragte sie, was sie vor kurzem erlebt hatte, aber er fragte nur aus Gewohnheit.

»Ich habe mich verliebt«, sagte sie, »aber es hat nicht funktioniert. Es war alles ein riesengroßer Irrtum, von Anfang an.«

Corso überkam wieder die Lust zu rauchen. Vielleicht hätte er Feng einen Brief schreiben sollen, nicht dem Gespenst seines Vaters.

Elsa setzte ihr Glas ab.

»Ich möchte eine Pflanze werden, ein Baum, und mit anderen Lebewesen nur natürliche oder räumliche Beziehungen haben. Ich möchte vom Licht geleitet werden, von der Temperatur, nichts weiter brauchen als ein bisschen Wasser, verstehst du? Ich möchte auf den Regen warten, den Schnee fürchten, alle Nahrung aus dem Erdboden schöpfen. Zu einer bestimmten Jahreszeit würde ich gerne blühen und meine Wurzeln immer an derselben Stelle schlagen, um dann langsam zu welken, zu vertrocknen. Aber alles stumm. Wäre es so nicht viel einfacher?«

Corso nahm den nächsten Schluck. Gegen keine einzige dieser Feststellungen hätte er etwas einwenden können. Wir leben im Trugschluss, das stimmt, und im Trugschluss gedeihen wir. Nur manchmal, in Extremsituationen oder dank eines unvorhergesehenen Ereignisses können wir einen davon auflösen, doch nie vollständig. Das Leben ist ein einziges Missverständnis.

»Pardon, ich wollte meine unbedeutenden Gefühlsdesaster nicht auch noch zu all denen hinzufügen, die du dir ohnehin anhören musst. Ich weiß wirklich nicht, wie du so einen Beruf haben kannst.«

»Ich musste. Hätte man mich unterrichten lassen, säße ich jetzt in einer Pension irgendwo in der Provinz, tränke Grappa und würde den Dreißigjährigen Krieg noch einmal durchgehen.«

Beide lachten, dann sprach Corso weiter.

»Die Wahrheit ist, dass wir den Worten, die wir verwenden, niemals dieselbe Bedeutung geben, darum sollten wir auch nicht auf das hören, was die Menschen sagen, sondern auf die Musik, die sie machen, wenn sie sprechen.« Corso sah sie an.

»Kennst du dieses Video, in dem Marina Abramović nach langer Zeit ihre erste Liebe wiedersieht? Sie machte im MoMA in New York eine ihrer aufreibenden Performances, sie saß an einem Tisch, und jeder konnte sich eine Minute lang ihr gegenüber hinsetzen, vorausgesetzt, er schwieg. Kein Wort. Nur Blicke, sonst nichts. Das ging mehrere Tage lang so, bis sich ein Mann mit weißem Bart, länglichem Gesicht und in die Stirn geschobener Brille aus dem Publikum löste. Er trug Turnschuhe und eine dunkle Jacke. Marina trug ein rotes Kleid. Sie hielt die Augen noch geschlossen, um sich zu konzentrieren, das machte sie bei jedem Wechsel ihres Gegenübers. Als sie die Augen wieder öffnete, strahlte ihr Gesicht vor Staunen. Seit dreißig Jahren hatten sie sich nicht gesehen. Ulay bewegte den Kopf, als wollte er sagen: Siehst du, hier sind wir, es ist okay, hier sitzen wir jetzt. Er zuckte mit den Schultern, um seine Rührung zu beherrschen. Marina aber öffnete den Mund, Ulay tat einen langen Atemzug, schloss die Lider. Marina weinte, reglos. Sie hatten sich so viel zu sagen und hatten kein Wort dafür. Ulay drehte noch immer den Kopf hin und her, dann streckte Marina die Arme auf dem Tisch aus, Ulay lächelte, als wäre er endlich frei von jedem Schmerz, von Schuld und vom Vergeben, vom Unverständnis, von den Provokationen und sogar vom Spiel der Täuschung und der Wahrheit. Alles war aufrichtig und trügerisch zugleich. Er drückte ihre Hände, und die Menschen, die zuschauten, konnten nicht anders, als begeistert zu applaudieren und diesen unwiederholbaren Gleichklang zu zerstören, bis Ulay sich erhob und den Platz dem nächsten schweigenden Gesprächspartner überließ. Nicht immer haben wir Worte, um alles zu sagen, doch die Gefühle existieren auch ohne sie. Darum sollten wir unsere Worte sorgfältig wählen oder auf sie verzichten.«

Elsa nahm wieder einen Schluck.

»Wie die Pflanzen«, sagte sie.

»Ja, wie die Pflanzen. Weißt du, vorhin hast du mich auf ein Buch gebracht, das ich vor kurzem wiedergelesen habe. Es erzählt die Geschichte einer Frau, die ein Baum werden wollte.«

»Aha.«

»Eigentlich geht es nicht nur darum. Es ist auch die Geschichte von der Beziehung zweier Schwestern, von der Mittelmäßigkeit der Menschen, von einer Familie, die in die Brüche geht. Doch im Mittelpunkt steht dieser Skandal. Der Skandal einer Frau, die vegetabil werden will, auf den Zustand einer Pflanze regredieren will. Darum weigert sie sich, Fleisch zu essen.«

»Was für eine Frau ist sie?«

»Sie hat einen Mongolenfleck auf dem Rücken.«

»Was ist das?«

»Ein hellblaues Muttermal, das viele Kinder im Orient bei der Geburt etwas oberhalb oder neben dem Kreuzbein tragen. Gewöhnlich verschwindet es, wenn sie heranwachsen, nicht so bei ihr. Sie ist nicht die erste Romanfigur, die von einer Lilie auf der Schulter oder einem Buchstaben auf der Brust gezeichnet wird. Doch die wurden mit Feuer in die Haut der Frauen gebrannt. Der Fleck von Yeong-Hye ist ein naturgemachtes Siegel.«

»Yeong-Hye …«

»Ja, sie ist Koreanerin.«

»Und was ist ihre Sünde oder ihre Schande?«

»Die Verweigerung von Zugehörigkeit. Zum Vater, zum Ehemann, zur Familie und zum Menschengeschlecht. Es handelt sich um einen radikalen Verzicht, Yeong-Hye verweigert nicht nur die Nahrung, sondern auch die Sprache. Sie wird vergewaltigt, gedemütigt, wegen Schizophrenie und nervöser Magersucht in eine psychiatrische Klinik eingewiesen, doch sie hört nicht auf, ihren Plan zu verfolgen. Auf den letzten Seiten findet die Schwester sie im Kopfstand wie einen Baumstamm, und ihre Haare fallen auf den Boden wie Wurzeln … Ich weiß nicht, ob sie auch nicht mehr an die Worte glaubte, wie du. Auf jeden Fall spricht sie nie selbst. Ihre Stimme hören wir nur auf wenigen Zeilen, als sie uns von ihren schrecklichen Träumen erzählt: Wälder, Messer, die sie schlucken muss, Morde, ein Hund. Alles andere über sie wird von den anderen Figuren erzählt.«

»Was hat bei ihr nicht funktioniert?«

»Das wird uns nicht verraten. Im Mittelpunkt ihrer Geschichte steht ein Geheimnis. Es scheint fast, als wäre dieser Roman wie eine umgekehrte Ermittlung konstruiert. Was zählt, ist die Irreführung, nicht die Lösung, man will das Rätsel beschützen, als könnte es nur auf diese Weise respektiert werden, man will vermeiden, dass es missverstanden wird.«

»Das hört sich nach einem sehr harten Buch an.«

»Das ist es, hart und verstörend. Es erzählt von vielen Dingen. Da gibt es einen Teil, in dem der Schwager, ein bildender Künstler mit wenig Talent, den unerklärlichen Wunsch verspürt, ihren Körper zu bemalen. Er malt ihr rote Blumen auf die Haut, Knospen, Stängel, Blätter. Er bedeckt sie mit Farben, und das macht sie mit einem Mal glücklich, es geht ihr gut dabei.«

»Und du glaubst, auch mir täte es gut, dieses Buch zu lesen?«

»Das weiß ich nicht, aber in wahren, ehrlichen Büchern findet jeder das, was er braucht.«

»Was hast du darin gefunden?«

»Einen Satz. Den sagt ihre ältere Schwester, zum Ende hin. Diese Schwester ist voller Energie, fleißig, menschenfreundlich, sie führt einen Laden für Kosmetik, hat niemandem je etwas zuleide getan. Sie unterstützt Yeong-Hye, versucht ihr zu helfen, aber sie versteht sie nicht. Ihr Ehemann hält sie für eine Frau von erdrückender Herzensgüte. Doch als alles in die Brüche geht, begreift sie, dass ihre Ruhe, ihre Geduld nur Überlebenstechniken waren, dass ihr Leben bis zu diesem Moment nur eine gespenstische, zermürbende Zurschaustellung von Widerstandskraft war.«

»Versuchst du gerade, mir damit etwas zu sagen?«

»Ich kenne dich nicht, ich habe nur mit mir selbst gesprochen.«

»Naja, wenn das deine Methode ist, muss ich zugeben, sie ist ziemlich erstaunlich.«

Elsa berührte ihre Haare.

»Ich hatte auch einen autoritären Vater, ich musste viel Verantwortung übernehmen, denn ich war das Erste von drei Kindern, ich habe Probleme mit dem Essen, die Männer haben mich immer enttäuscht, und ich habe überlegt, ob ich mir ein Tattoo auf den Hintern machen lassen soll. Außerdem bin ich eine zwanghafte Leserin. Ich glaube, so wie die Dinge jetzt stehen, muss ich unbedingt nach diesem Roman suchen.«

»Ich hatte wirklich nicht die Absicht …«

»Du hast mir den Titel noch nicht genannt.«

»Die Vegetarierin.«

»Hat eine Frau das Buch geschrieben?«

»Ja, eine koreanische Schriftstellerin.«

»Das werde ich nicht vergessen.«

»Es wird keine schmerzlose Lektüre sein.«

»Das ist egal.«

Corso lächelte. Er war dieser jungen Frau dankbar, sie hatte ihn eine Weile daran gehindert, an Django, an die verwüstete Wohnung, an den von der Straßenbahn geköpften Mann zu denken.

Elsa legte eine Hand auf seinen Arm.

»Dann stimmt es also, was man sich erzählt.«

»Was erzählt man sich denn?«

»Dass es hilft, mit dir zu sprechen.«

»Um die Wahrheit zu sagen, meine Sitzungen haben immer zu vernichtenden Niederlagen geführt.«

»Deinem Ruf nach zu urteilen, würde man das nicht sagen.«

»Auch das ist ein gigantisches Missverständnis, Elsa. Ich habe für nichts ein Heilmittel … Es stimmt nämlich wirklich, alle Medikamente für die Seele sind Scheiße. Die Seele heilt man, indem man den Bauch heilt.«4

»Möglich. Aber du bist einer, der den Menschen wenigstens direkt in die Augen blickt.«

Corso trank sein Bier aus und stand vom Hocker auf.

Vielleicht war auch der Überfall dieser Eindringlinge auf seine Dachwohnung ein Missverständnis. Ein zufälliges Ereignis. Sie waren bis zum letzten Stockwerk hinaufgegangen, weil es isoliert war. Sie konnten nicht wissen, dass sie in seiner Wohnung einen stummen Hund finden würden.

»Es war ein Vergnügen, dich kennenzulernen«, sagte Elsa.

»Für mich auch. Gehst du?«

»Ich trinke noch aus.«

»Gut.«

Corso tippte ihr auf die Schulter, dann ging er zur Tür. Draußen empfing ihn das gelbliche Licht der Straßenlaternen.

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Возрастное ограничение:
0+
Дата выхода на Литрес:
08 января 2026
Объем:
231 стр. 3 иллюстрации
ISBN:
9783949558153
Издатель:
Переводчик:
Правообладатель:
Bookwire
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